<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Jordan</last-name></author><author><first-name>Brandon</first-name><last-name>Sanderson</last-name></author><book-title>Sturm der Finsternis</book-title><annotation><p>Das Rad der Zeit dreht sich, Zeitalter kommen und gehen und lassen Erinnerungen zur�ck, die zu Legenden werden ... Seit nunmehr fast zwanzig Jahren begeistert Robert Jordans episches Abenteuer �Das Rad der Zeit� Millionen Leser auf der ganzen Welt. Sie verfolgen Rand al'Thors Weg des Wiedergeborenen Drachen, des Retters oder Vernichters der Menschheit - und seinen Kampf gegen den Dunklen K�nig, der in die Letzte Schlacht um die Welt ziehen wird. Als Robert Jordan im Jahr 2007 starb, hinterlie� er ein unvollst�ndiges Manuskript zu �Der aufziehende Sturm�. Bestsellerautor Brandon Sanderson hat sich des Romans angenommen, um ihn mittels aufwendiger Recherchen und gro�er Werktreue fortzuschreiben. Robert Jordans Epos wird vollendet. Endlich bricht der Tag der Letzten Schlacht an, und das gro�e Finale beginnt ...</p></annotation><date>2010</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Andreas</first-name><last-name>Decker</last-name></translator><sequence name="Das Rad der Zeit" number="12"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Jordan</last-name></author><author><first-name>Brandon</first-name><last-name>Sanderson</last-name></author><book-title>A Gathering Storm</book-title><date>2009</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><program-used>None, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-07-02">2012</date><src-ocr>None</src-ocr><id>AF95A9AE-536F-4D18-B365-BA8834E8BDBA</id><version>1.0</version></document-info></description><body><title><p>Robert Jordan</p><p>Brandon Sanderson</p><p>Sturm der Finsternis</p></title><epigraph><p>F�r Maria Simons und Alan Romanczuk, die dieses Buch erst erm�glicht haben</p></epigraph><epigraph><p>Raben und Kr�hen. Ratten. Nebel und Wolken. Insekten und F�ulnis. Seltsame Geschehnisse und merkw�rdige Vorkommnisse. Das Gew�hnliche wird verzerrt und ist seltsam. Wunder!</p><p>Die Toten wandeln, und einige k�nnen sie sehen. Andere k�nnen es nicht, aber immer mehr von uns fangen an, die Nacht zu f�rchten.</p><p>Dies sind unsere Tage gewesen. Aus einem toten Himmel regnen sie auf uns herab, zerschmettern uns mit ihrer Wut, bis wir wie mit einer Stimme flehen: �Lasst uns beginnen!�</p><text-author>Journal des Unbekannten Gelehrten, Eintrag f�r das Freiafest, 1000 NE</text-author></epigraph><section><title><p>VORWORT</p></title><p>Im November 2007 erhielt ich einen Anruf, der mein Leben f�r immer ver�ndern sollte. Harriet McDougal, Ehefrau und Lektorin des verstorbenen Robert Jordan, rief an und fragte mich, ob ich den letzten Band von <emphasis>Das Rad der Zeit</emphasis> vollenden wollte.</p><p>Falls Sie noch nicht wussten, dass Mr. Jordan verstorben ist - es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen diese Mitteilung machen muss. Ich erinnere mich genau, wie ich mich f�hlte, als ich am 16. September 2007 nichts ahnend im Internet von seinem Tod erfahren musste. Ich war schockiert, wie bet�ubt und niedergeschlagen. Dieser gro�artige Mann weilte nicht l�nger unter uns, der, was meine Karriere als Schriftsteller anging, ein Held f�r mich gewesen war. Pl�tzlich hatte sich die Welt ver�ndert.</p><p><emphasis>Die Suche nach dem Auge der Welt</emphasis> lernte ich 1990 kennen, als ich als fantasys�chtiger Teenager meiner Buchhandlung einen Besuch abstattete. Sofort wurde ich zum Fan und wartete ungeduldig auf <emphasis>Die Jagd beginnt.</emphasis> Im Laufe der Jahre las ich die B�cher zahllose Male, las oft sogar noch einmal die ganze Serie von vorn, wenn der neue Band erschien. Die Zeit verging, und ich entschied, Fantasyautor werden zu wollen - und meine Liebe f�r <emphasis>Das Rad der Zeit</emphasis> hatte darauf einen gro�en Einfluss. Und doch w�re ich nie auf die Idee gekommen, eines Tages einen Anruf von Harriet zu erhalten. Ich war v�llig �berrascht. Weder hatte ich um diese Gelegenheit gebeten, noch mich daf�r beworben oder zu hoffen gewagt - aber als die Bitte kam, stand meine Antwort sofort fest. Ich liebe diese Serie wie keine andere, und die Charaktere erscheinen mir wie liebe alte Freunde aus meiner Kindheit.</p><p>Ich kann Robert Jordan nicht ersetzen. Niemand k�nnte dieses Buch so gut wie er schreiben. Das ist einfach eine Tatsache. Gl�cklicherweise hat er viele Notizen, Szenenbeschreibungen und vollendete Szenen hinterlassen, hat seiner Frau und seinen Assistenten die genauen Zusammenh�nge diktiert. Vor seinem Tod bat er Harriet, jemanden zu finden, der die Serie f�r seine Fans vollendet. Er hat sie sehr geliebt und die letzten Wochen seines Lebens damit verbracht, Geschehnisse f�r den Abschlussband zu diktieren.</p><p>Achtzehn Monate sp�ter lesen Sie nun diese Zeilen. Mr. Jordan versprach, dass das letzte Buch sehr umfangreich sein w�rde. Aber das Manuskript wuchs bald zu einer unhandlichen L�nge; Harriet und der Verlag Tor Books trafen darum die Entscheidung, es in mehreren Teilen zu ver�ffentlichen.</p><p>Wir arbeiten so schnell, wie es angebracht ist, und wir m�chten nicht, dass Sie zu lange auf das Ende warten m�ssen, das uns allen vor beinahe zwanzig Jahren versprochen wurde. (Mr. Jordan schrieb dieses Ende vor seinem Tod noch selbst, und ich habe es gelesen. Es ist fantastisch.) Ich habe nicht versucht, Mr. Jordans Stil zu imitieren. Stattdessen habe ich meinen Stil ge�ndert, damit er dem <emphasis>Rad der Zeit</emphasis> entspricht. Mein haupts�chliches Ziel bestand vor allem darin, der Seele der Charaktere treu zu bleiben. Die Geschichte selbst ist gr��tenteils die von Robert Jordan, aber viele der Worte sind von mir. Stellen Sie sich dieses Buch als das Produkt eines neuen Regisseurs vor, der an einigen Szenen eines Films arbeitet, aber mit denselben Schauspielern und demselben Drehbuch.</p><p>Aber das ist ein gro�es Projekt, und es wird Zeit brauchen, um es zu vollenden. Ich bitte Sie um Ihre Geduld, wenn wir die n�chsten Jahre damit verbringen, diese Geschichte zu vervollst�ndigen. Wir halten das Ende des gro�artigsten Fantasy-Epos unserer Zeit in H�nden, und ich habe die Absicht, daf�r zu sorgen, dass es richtig gemacht wird. Ich beabsichtige Mr. Jordans W�nschen und Notizen treu zu bleiben. Meine k�nstlerische Integrit�t und die Liebe f�r diese Romane lassen nichts anderes zu. Am Ende pr�sentiere ich die Worte dieser Geschichte als das beste Argument f�r das, was wir hier tun.</p><p>Das ist nicht mein Buch. Das ist Robert Jordans Buch, und in gewisser Weise ist es Ihr Buch.</p><p>Danke, dass Sie es lesen.</p><cite><text-author>Brandon Sanderson</text-author><text-author>Juni 2009</text-author></cite></section><section><title><p>EINF�HRUNG</p></title><p>Schwer lastet die Hand des Dunklen K�nigs auf der Welt. Die Geister der Toten wandeln umher, Nahrung verdirbt, Menschen sterben auf unerkl�rliche Weise. Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache, soll zur Letzten Schlacht gegen das B�se antreten. So steht es in den Prophezeiungen. Sein letzter Kampf wird ihn zum Shayol Ghul f�hren, zu jenem Berg in der Gro�en F�ule, wo einst der Zugang zum Kerker des Dunklen K�nigs versiegelt wurde. Aber noch ist er nicht bereit dazu, und um ihn herum w�chst unaufhaltsam das Chaos, gesch�rt von den Verlorenen, den Helfern des Dunklen K�nigs aus der Zeit vor der Zerst�rung der Welt.</p><p>Die Invasoren aus dem Kaiserreich von Seanchan greifen weiter an. Sie wollen das Land ihrer Vorv�ter wieder in Besitz nehmen. In dem von B�rgerkrieg und Hunger heimgesuchten Arad Doman sto�en sie aber auf unerwarteten Widerstand - General Rodel Ituralde f�hrt einen verzweifelten Abwehrkampf.</p><p>Als sich der Wiedergeborene Drache mit der seanchanischen Kaisertochter Tuon treffen will, um den Frieden zu erzwingen, ger�t er in eine t�ckische Falle. Getarnt durch die Eine Macht, gibt sich die Verlorene Semirhage f�r Tuon aus, um ihn zu versklaven. Rand al'Thor und seinen Getreuen gelingt es, sie zu entlarven und zu �berw�ltigen, aber der Kampf kostet den Drachen die linke Hand.</p><p>Mehr Gl�ck haben seine Freunde Mat Cauthon und Perrin Aybara. Mat ist nach seiner Flucht aus dem von den Seanchanern besetzten Altara pl�tzlich zum Ehemann geworden. Wie ihm prophezeit wurde, ist er mit der Tochter der Neun Monde verheiratet worden - dies ist ein anderer Name f�r Tuon, die Kaisertochter von Seanchan. Perrin Aybara kann seine Frau Faile aus der Gewalt abtr�nniger Aiel-Krieger befreien, und das ausgerechnet mithilfe der Seanchaner.</p><p>Aber das Rad der Zeit webt, wie es will. Das bekommt auch Gawyn Trakand zu sp�ren. Der Bruder von Elayne, der neuen K�nigin von Andor, die Rand al'Thors Kind unter dem Herzen tr�gt, wird in den B�rgerkrieg der Aes Sedai verstrickt, jener Frauen, die die Eine Macht zu lenken verm�gen. Nun k�mpft er mit einer kleinen Streitmacht gegen das Heer der Rebellen, das unter dem Befehl von General Gareth Bryne die Wei�e Burg in der Inselstadt Tar Valon belagert.</p><p>Seit der Zerst�rung der Welt halten sich die Aes Sedai f�r die eigentlichen Bewahrerinnen der Zivilisation. Aufgeteilt in sieben Interessengemeinschaften namens Ajah, w�hlen die Machtlenkerinnen ihre Anf�hrerin, die Amyrlin, aus den eigenen Reihen. Elaida a'Roihan, eine Schwester der Roten Ajah, hat Siuan Sanche vom Amyrlin-Sitz gest�rzt und beansprucht diesen f�r sich. Sie l�st die Blaue Ajah auf und herrscht mit blinder Willk�r. Was folgt, ist die Spaltung der Wei�en Burg.</p><p>Die Rebellen w�hlen ihre eigene Anf�hrerin. In dem Glauben, sie m�helos lenken zu k�nnen, machen sie die junge Egwene al'Vere zu ihrer Amyrlin. Aber die Jugendfreundin des Wiedergeborenen Drachen ist l�ngst zu einer starken Pers�nlichkeit herangereift, und sie sieht es als bittere Notwendigkeit an, die Aes Sedai wieder zu vereinen.</p><p>Dann jedoch ger�t sie in die Gefangenschaft der Wei�en Burg. Mit allen Mitteln will Elaida ihren Willen brechen und degradiert sie zur Novizin. Die kurze Herrschaft dieser verblendeten Frau verwandelt die Burg in einen Ort der D�sternis. Angst und Misstrauen herrschen in den G�ngen des riesigen Turmbaus. Schon in besseren Zeiten hatten die verbliebenen sechs Ajahs ein gespanntes Verh�ltnis zueinander. Doch Elaidas offenkundige Missachtung der Burggesetze sowie die Intrigen der verborgen unter ihnen lebenden Verlorenen f�hren zu immer gr��eren Feindseligkeiten unter den Aes Sedai.</p><p>Tag f�r Tag wird Egwene geschlagen und gedem�tigt, weil sie ihren Anspruch auf den Rang der Amyrlin nicht zur�cknimmt. Aber sie will nicht befreit werden. Sie hat sich vorgenommen, den Respekt der Schwestern zu erringen und Elaida aus dem inneren Kreis heraus zu st�rzen. Dann sollen die m�chtigen Aes Sedai wieder vereint und auf die Letzte Schlacht eingeschworen werden ...</p></section><section><image l:href="#1"/><empty-line/></section><section><title><p>PROLOG</p><p>Der Sturm und seine Bedeutung</p></title><p>Renald Fanwar sa� auf der Veranda und w�rmte den stabilen Stuhl aus Schwarzeiche, den sein Enkel f�r ihn vor zwei Jahren gezimmert hatte. Er starrte nach Norden.</p><p>Auf die schwarzen und silbernen Wolken.</p><p>So hatte er sie noch nie zuvor gesehen. Sie bedeckten den gesamten Horizont im Norden, hoch oben am Himmel. Sie waren nicht grau. Sie waren <emphasis>schwarz</emphasis> und <emphasis>silbern.</emphasis> Finstere, wogende Donnerwolken, so dunkel wie der Gem�sekeller um Mitternacht. Zwischen ihnen zuckte helles silbernes Licht, Blitze, die keinen Laut verursachten.</p><p>Die Luft war dick. Erf�llt von den Ger�chen nach Staub und Dreck, nach getrockneten Bl�ttern und Regen, der nicht fallen wollte. Der Fr�hling war gekommen. Trotzdem wuchs Renalds Getreide nicht. Nicht ein Keimling hatte es gewagt, aus dem Erdboden zu sprie�en.</p><p>Er stand langsam auf; lie� Holz �chzen und den Stuhl sanft hinter ihm schaukeln. Gem�chlichen Schrittes trat er an den Verandarand. Er kaute auf seiner Pfeife herum, obwohl ihre Glut erloschen war. Er hatte keine Lust, sie wieder zu entz�nden. Diese Wolken l�hmten ihn. Diese Wolken waren so schwarz. Wie der Rauch eines Waldbrandes, aber kein Waldbrandrauch stieg je so hoch in den Himmel. Und was sollte man von <emphasis>silbernen</emphasis> Wolken halten? Sie quollen zwischen den schwarzen hervor, erinnerten an Stellen aus poliertem Stahl auf ru�verschmiertem Metall.</p><p>Er rieb sich das Kinn, betrachtete seinen Vorgarten. Ein kleiner, wei�get�nchter Zaun umgab ein St�ck Land voller Gras und B�schen. Die B�sche waren abgestorben, jeder Einzelne von ihnen. Hatten den Winter nicht �berstanden. Er musste sie bald herausziehen. Und das Gras ... nun, das Gras war noch immer Wintergras. Nicht einmal Unkraut war gesprossen.</p><p>Ein Donnerschlag ersch�tterte ihn. Rein und durchdringend, wie ein gewaltiger Aufprall von Metall auf Metall. Er ersch�tterte die Fenster des Hauses, lie� die Verandabohlen erbeben, schien selbst Renalds Knochen vibrieren zu lassen.</p><p>Er machte einen Satz zur�ck. Dieser Einschlag war nahe gewesen - vielleicht sogar auf seinem Besitz. Es juckte ihn in den Fingern, hinauszugehen und den Schaden zu inspizieren. Blitzfeuer konnte einen Mann vernichten, ihn von seinem Land brennen. Hier oben in den Grenzlanden dienten so viele Dinge unbeabsichtigterweise als Z�ndstoff - trockenes Gras, trockene Dachschindeln, trockenes Saatgut.</p><p>Aber noch waren die Wolken in der Ferne. Dieser Einschlag konnte <emphasis>nicht</emphasis> auf seinem Grund und Boden stattgefunden haben. Die silbernen und schwarzen Gewitterwolken rollten und brodelten, verschlangen einander.</p><p>Renald schloss die Augen, beruhigte sich, holte tief Luft. Hatte er sich den Donner nur eingebildet? Hatte er nicht mehr alle Becher im Schrank, wie Gaffin immer scherzte? Er �ffnete die Augen.</p><p>Und die Wolken waren genau hier, direkt �ber seinem Haus.</p><p>Es war, als w�ren sie unversehens nach vorn gerollt, um zuzuschlagen, w�hrend sein Blick abgewandt gewesen war. Jetzt dominierten sie den Himmel, flogen in alle Richtungen, waren massiv und �berw�ltigend. Er vermochte f�rmlich zu sp�ren, wie ihr Gewicht die Luft in die Tiefe dr�ckte. Er nahm einen Atemzug, der sich mit einem Mal schw�l und feucht anf�hlte, Schwei� trat auf seine Stirn.</p><p>Die Wolken bewegten sich heftig, tiefschwarze und silberne Gewitterwolken sch�ttelten sich vor wei�en Eruptionen. Pl�tzlich brodelten sie wie der Wolkenschlauch eines Wirbelwindes in die Tiefe, auf Renald zu. Er schrie auf, hob eine Hand, wie ein Mann vor einem grellen Lichtstrahl. Diese Finsternis. Diese endlose, erstickende Finsternis. Sie w�rden ihn verschlingen. Das wusste er.</p><p>Und dann waren die Wolken verschwunden.</p><p>Seine Pfeife landete leise auf der Veranda, spr�hte in hohem Bogen brennenden Tabak auf die Stufen. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er sie hatte fallen lassen. Er z�gerte, schaute in den leeren blauen Himmel, erkannte, dass er wegen nichts zusammengezuckt war.</p><p>Die Wolken befanden sich wieder am Horizont, vierzig Meilen entfernt. Leises Grollen ert�nte.</p><p>Mit zitternder, altersfleckiger und von Jahren in der Sonne braun gebrannter Hand hob er seine Pfeife auf. <emphasis>Nur eine Sinnest�uschung, Renald,</emphasis> sagte er sich. <emphasis>Du hast nicht mehr alle Becher im Schrank, so wahr Eier Eier sind.</emphasis></p><p>Es war nur das Getreide. Darum war er nerv�s. Auch wenn er den Jungs mit seinen Worten Mut machte, es war einfach nicht nat�rlich. Mittlerweile h�tte es sprie�en m�ssen. Er bestellte dieses Land seit vierzig Jahren! Gerste brauchte nicht so lange, um zu sprie�en. Sollte man ihn doch zu Asche verbrennen, aber das tat sie nicht. Was ging in diesen Tagen nur auf der Welt vor? Man konnte sich nicht mehr darauf verlassen, dass Pflanzen wuchsen, und Wolken blieben nicht dort, wo sie hingeh�rten.</p><p>Er zwang sich, wieder auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Seine Beine zitterten. <emphasis>Ich werde alt,</emphasis> dachte er.</p><p>Sein ganzes Leben hatte er auf dem Hof gearbeitet. Es war nicht einfach, in den Grenzlanden einen Hof zu bewirtschaften, aber wenn man hart arbeitete, konnte man sich ein erfolgreiches Leben aufbauen, w�hrend man kr�ftiges Getreide wachsen lie�. �Ein Mann hat so viel Gl�ck, wie er Saatgut auf dem Feld hat�, pflegte sein Vater immer zu sagen.</p><p>Nun, Renald war einer der erfolgreichsten Bauern in der Gegend. Er hatte genug erwirtschaftet, um die beiden Nachbarh�fe zu kaufen, und er konnte jeden Herbst drei�ig Wagen zum Markt fahren. F�r ihn arbeiteten jetzt sechs gute M�nner, die die Felder pfl�gten und die Z�une abritten. Nat�rlich musste er jeden Tag selbst in den Mist steigen und ihnen zeigen, wie gute Bauernarbeit aussah. Man durfte nicht zulassen, dass einen ein kleiner Erfolg verdarb.</p><p>Ja, er hatte das Land bearbeitet, das Land gelebt, wie sein Vater immer zu sagen pflegte. Er verstand das Wetter so gut wie jeder andere Bauer. Diese Wolken waren nicht nat�rlich. Sie grollten leise, wie ein Tier in einer dunklen Nacht. Warteten. Lauerten im nahe gelegenen Wald.</p><p>Ein weiterer zu nah erscheinender Donnerschlag lie� ihn zusammenzucken. Waren diese Wolken vierzig Meilen weit weg? Hatte er das tats�chlich gedacht? Sah eher wie zehn Meilen aus, jetzt, wo er sie genauer betrachtete.</p><p>�Wird nicht so sein�, murmelte er. Seine eigene Stimme klang gut in seinen Ohren. Real. Es war sch�n, etwas anderes als das Grollen und das gelegentliche Quietschen von Fensterl�den im Wind zu h�ren. M�sste er eigentlich nicht Auaine drinnen h�ren, die das Mittagessen auf den Tisch stellte?</p><p>�Du bist m�de. Das ist es. M�de.� Er griff in die Westentasche und holte seinen Tabaksbeutel hervor.</p><p>Von rechts kam ein leises Rumpeln. Zuerst hielt er es f�r den Donner. Aber das Rumpeln war zu best�ndig, zu regelm��ig. Das war kein Donner. Das waren R�der, die sich drehten.</p><p>Und tats�chlich erklomm ein gro�er Ochsenwagen Mallards H�gel, direkt im Osten. Renald hatte den H�gel selbst benannt. Jeder gute H�gel brauchte einen Namen. Die Stra�e hie� Mallards Stra�e. Warum also den H�gel nicht auch so nennen?</p><p>Er beugte sich auf seinem Stuhl nach vorn, ignorierte die Wolken, als er mit zusammengekniffenen Augen zu dem Wagen hin�bersp�hte, versuchte das Gesicht des Kutschers zu erkennen. Thulin? Der Schmied? Wieso fuhr er einen Wagen, der bis zum Rand beladen war? Er sollte doch an seinem neuen Pflug arbeiten!</p><p>Obwohl Thulin schmal f�r einen Vertreter seines Handwerks war, war er dennoch doppelt so muskul�s wie die meisten Hofarbeiter. Er hatte das dunkle Haar und die braune Haut eines Schienarers und rasierte sich nach ihrer Tradition, aber er trug nicht den Haarknoten oben auf dem Kopf. Thulins Familie mochte ja ihre Wurzeln bis zu Kriegern aus den Grenzlanden zur�ckverfolgen, aber er selbst war ein einfacher Junge vom Land wie der Rest von ihnen. Er betrieb die Schmiede dr�ben in Eichenwasser, f�nf Meilen im Osten. W�hrend langer Wintern�chte hatte Renald viele Partien Steine mit dem Schmied gespielt.</p><p>Thulin kam in die Jahre - er war nicht so alt wie Renald, aber die letzten Winter hatten ihn veranlasst, vom Ruhestand zu sprechen. Das Schmiedehandwerk war kein Handwerk f�r einen alten Mann. Nat�rlich galt das Gleiche f�r die Landwirtschaft. Gab es wirklich ein Handwerk f�r alte M�nner?</p><p>Thulins Wagen n�herte sich auf der Stra�e, kam auf Renalds Garten mit dem wei�en Zaun zu. <emphasis>Na, das ist ja merkw�rdig,</emphasis> dachte Renald. Hinter dem Wagen kam eine ordentliche Reihe an Tieren: f�nf Ziegen und zwei Milchk�he. An den Wagen waren Lattenkisten mit schwarzen H�hnern festgebunden, und auf der Ladefl�che t�rmten sich M�bel, S�cke und F�sser. Thulins jugendliche Tochter Mirala sa� neben ihm auf dem Kutschbock, daneben seine Ehefrau, eine blonde Frau aus dem S�den. Sie war seit f�nfundzwanzig Jahren Thulins Frau, aber Renald bezeichnete Gallanha noch immer als �das M�dchen aus dem S�den�.</p><p>Die ganze Familie sa� auf dem Wagen, f�hrte ihr gesamtes Nutzvieh mit sich. Offensichtlich waren sie auf der Reise. Aber wohin? Vielleicht ein Besuch bei Verwandten? Er und Thulin hatten schon seit ... oh, drei Wochen keine Partie Steine gespielt. Nicht viel Zeit f�r Besuche, da der Fr�hling kam und die Saat bestellt werden musste. Jemand w�rde die Pfl�ge reparieren und die Sensen sch�rfen m�ssen. Wer w�rde das �bernehmen, wenn Thulins Schmiedeofen erlosch?</p><p>Renald stopfte eine Prise Tabak in die Pfeife, als Thulin den Wagen neben seinem Zaun anhielt. Er wollte ihn begr��en, aber Thulin sprach zuerst.</p><p>�Meinen besten Amboss habe ich in Gallanhas altem Erdbeerfeld vergraben, Renald�, sagte der gro�e Schmied. �Du wei�t doch noch, wo das ist, oder? Ich habe meine besten Werkzeuge dazugelegt. Sie sind gut eingefettet und liegen in meiner besten Truhe, aufgereiht, damit sie trocken bleiben. Das sollte den Rost fernhalten. Jedenfalls eine Weile.�</p><p>Renald hielt mit der Pfeife inne. Wenn Thulin seinen Amboss vergrub ... nun, dann bedeutete das, dass er f�r l�ngere Zeit nicht zur�ckkehren w�rde. �Thulin, was ...?�</p><p>�Wenn ich nicht zur�ckkehre�, sagte Thulin und schaute nach Norden, �w�rdest du meine Sachen ausgraben und dich darum k�mmern? Verkauf sie an jemanden, der sie zu sch�tzen wei�, Renald. Ich will nicht, dass jeder X-beliebige auf diesem Amboss herumh�mmert. Du wei�t, dass ich zwanzig Jahre gebraucht habe, bis ich dieses Werkzeug beisammen hatte.�</p><p>�Aber Thulin!�, stammelte Renald. �Wo willst du hin?�</p><p>Thulin wandte sich ihm wieder zu, legte einen Arm auf das Verandagel�nder. Der Ausdruck in seinen braunen Augen war ernst. �Da zieht ein Sturm herauf�, sagte er. �Also dachte ich mir, ich muss nach Norden ziehen.�</p><p>�Ein Sturm?�, fragte Renald. �Du meinst den am Horizont? Thulin, der sieht schlimm aus - verbrennt meine Knochen, aber das tut er, doch es ist sinnlos, davor weglaufen zu wollen. Wir haben schon fr�her schlimme St�rme �berstanden.�</p><p>�So einen nicht, alter Freund�, sagte Thulin. �Das ist nicht die Art von Sturm, die man ignoriert.�</p><p>�Thulin?�, fragte Renald. �Wovon sprichst du?�</p><p>Bevor er antworten konnte, rief Gallanha vom Kutschbock. �Hast du ihm das mit den T�pfen gesagt?�</p><p>�Ach ja�, bemerkte Thulin. �Gallanha hat diesen Satz T�pfe mit den Kupferb�den poliert, die deiner Frau immer so gefallen haben. Sie stehen auf dem K�chentisch und warten auf Auaine, falls sie sie haben m�chte.� Und nach diesen Worten nickte Thulin seinem Freund zu und ging zu seinem Wagen zur�ck.</p><p>Renald sa� wie erschlagen da. Thulin war immer unverbl�mt gewesen; er zog es vor, das zu sagen, was er zu sagen hatte, und dann zur Tagesordnung �berzugehen. Das geh�rte zu den Dingen, die Renald so an ihm gefielen. Aber der Schmied konnte auch wie ein Felsblock durch eine Horde Schafe durch eine Unterhaltung rollen und alle verbl�ffen.</p><p>Renald stemmte sich eilig in die H�he, legte die Pfeife auf den Stuhl und folgte Thulin zum Wagen. Soll man mich doch zu Asche verbrennen, dachte er, als er wieder das braune Gras und die toten B�sche sah. Er hatte so viel Arbeit in diesen Garten gesteckt.</p><p>Der Schmied �berpr�fte die H�hnerkisten, die an seinem Wagen festgebunden waren. Renald holte ihn ein und streckte die Hand aus, aber Gallanha lenkte ihn ab.</p><p>�Hier, Renald�, sagte sie vom Kutschbock. �Nimm die.� Sie hielt ihm einen Korb mit Eiern entgegen; eine Str�hne ihres blonden Haares hatte sich aus ihrem Haarknoten gel�st. Renald nahm den Korb entgegen. �Gib sie Auaine. Ich wei�, dass euch wegen der F�chse im Herbst ein paar H�hner fehlen.�</p><p>Renald nahm die Eier. Einige waren wei�, einige braun. �Ja, aber wo wollt ihr denn <emphasis>hin,</emphasis> Gallanha?�</p><p>�Nach Norden, mein Freund�, sagte Thulin. Er ging an Renald vorbei und legte ihm die Hand auf die Schulter. �Ich sch�tze, dort wird sich ein Heer sammeln. Man wird Schmiede brauchen.�</p><p>�Bitte�, sagte Renald und fuchtelte mit dem Eierkorb herum. �Nehmt euch doch wenigstens ein paar Minuten. Auaine hat gerade Brot in den Ofen geschoben, einen dieser dicken Honiglaibe, die ihr so m�gt. Wir k�nnen das bei einem Spiel Steine besprechen.�</p><p>Thulin z�gerte.</p><p>�Wir sollten besser aufbrechen�, sagte Gallanha leise. �Der Sturm kommt n�her.�</p><p>Thulin nickte. �Du solltest vielleicht auch nach Norden kommen, Renald. Falls du dich dazu entscheidest, bring alles mit, was du kannst.� Er hielt inne. �Du kannst gut genug mit deinen Werkzeugen umgehen, um kleinere Metallarbeiten auszuf�hren, also nimm deine besten Sensen und mach Stangenwaffen daraus. Deine besten beiden Sensen; nimm nicht die zweitbesten oder drittbesten. Nimm deine besten, denn das wird die Waffe sein, die du benutzen wirst.�</p><p>Renald runzelte die Stirn. �Woher willst du wissen, dass dort ein Heer ist? Thulin, soll man mich doch zu Asche verbrennen, ich bin kein Soldat!�</p><p>Thulin fuhr fort, als h�tte er nicht zugeh�rt. �Mit einer Stangenwaffe kannst du jemandem vom Pferd ziehen und erstechen. Und wenn ich so dar�ber nachdenke, vielleicht kannst du die drittbesten doch nehmen und dir ein paar Schwerter schmieden.�</p><p>�Was verstehe ich denn davon, Schwerter zu schmieden? Oder wie man mit ein Schwert handhabt, was das angeht?�</p><p>�Du kannst es lernen�, sagte Thulin und wandte sich dem Norden zu. �Jeder wird gebraucht, Renald. Jeder. Sie kommen, um uns zu holen.� Er schaute wieder Renald an. �Ein Schwert ist gar nicht so schwer herzustellen. Du nimmst die Sense und machst sie gerade, dann nimmst du ein St�ck Holz als Parierstange, damit die feindliche Klinge nicht nach oben rutscht und in deine Hand schneidet. Du brauchst daf�r gr��tenteils nur Dinge, die du bereits hast.�</p><p>Renald blinzelte. Er h�rte auf, Fragen zu stellen, konnte aber nicht aufh�ren, sie zu denken. Sie dr�ngten sich in seinen Verstand wie eine Viehherde, die versuchte, sich einen Weg durch ein einziges Gatter zu erzwingen.</p><p>�Bring dein Vieh mit, Renald�, sagte Thulin. �Du wirst es essen - oder deine M�nner werden es essen -, und du wirst die Milch brauchen. Und wenn nicht, wird es dort M�nner geben, denen du Rindfleisch oder Hammelfleisch verkaufen kannst. Lebensmittel werden knapp sein, wo doch so viel verdirbt und die Winterlager beinahe leer sind. Bring alles mit, was du hast. Bohnen, Trockenobst, alles.�</p><p>Renald st�tzte sich auf sein Gartentor. Er f�hlte sich schwach. Schlie�lich rang er sich nur eine Frage ab. �Warum?�</p><p>Thulin z�gerte, dann trat er vom Wagen weg und legte Renald wieder eine Hand auf die Schulter. �Es tut mir leid, dass ich so kurz angebunden bin. Ich ... nun, du wei�t, wie ich mit Worten bin. Ich wei� nicht, was das f�r ein Sturm ist. Aber ich wei�, was er bedeutet. Ich habe nie ein Schwert gehalten, aber mein Vater hat im Aiel-Krieg gek�mpft. Ich bin ein Grenzl�nder. Und dieser Sturm k�ndigt das Ende an, Renald. Wir m�ssen dort sein, wenn er losbricht.� Er verstummte, dann schaute er wieder nach Norden, betrachtete die sich ballenden Wolken wie ein Feldarbeiter eine Giftschlange, die er auf dem Feld entdeckte. �Das Licht helfe uns, mein Freund. Wir m�ssen dort sein.�</p><p>Und er nahm die Hand weg und stieg auf seinen Wagen. Renald schaute zu, wie sie die Ochsen antrieben und nach Norden fuhren. Er sah ihnen lange Zeit nach und f�hlte sich wie benommen.</p><p>In der Ferne grollte der Donner wie ein Peitschenschlag und krachte gegen die Berge.</p><p>Die T�r des Bauernhauses �ffnete und schloss sich. Auaine trat zu ihm, das graue Haar zum Knoten gebunden. Es wies nun schon seit Jahren diese Farbe auf; sie war fr�hzeitig ergraut, und Renald hatte diese Farbe immer gefallen. Es war eher silbern als grau. Wie die Wolken.</p><p>�War das Thulin?�, fragte Auaine und sah dem fernen Wagen nach, der Staub aufwirbelte. Eine einzelne schwarze H�hnerfeder schwebte �ber die Stra�e.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er ist nicht geblieben, nicht einmal zu einem Plausch?�</p><p>Renald sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Oh, aber Gallanha hat Eier gebracht!� Sie nahm den Korb und fing an, die Eier in ihre Sch�rze umzuladen, um sie ins Haus zu tragen. �Sie ist so ein Schatz. Lass den Korb auf dem Boden stehen. Sie schickt bestimmt jemanden, der ihn holt.�</p><p>Renald starrte blo� nach Norden.</p><p>�Renald?�, fragte Auaine. �Was ist los mit dir, du alter Baumstumpf?�</p><p>�Sie hat ihre T�pfe f�r dich aufpoliert�, sagte er. �Die mit dem Kupferboden. Sie stehen auf ihrem K�chentisch. Sie geh�ren dir, wenn du sie willst.�</p><p>Auaine verstummte. Dann h�rte er ein scharfes Knacken, und er schaute �ber die Schulter. Sie hatte die Sch�rze losgelassen, und Eier fielen zu Boden und zerbrachen.</p><p>In sehr ruhigem Tonfall fragte Auaine: �Hat sie sonst noch etwas gesagt?�</p><p>Er kratzte sich auf dem Kopf, wo nicht mehr viel Haare wuchsen. �Sie sagte, dass der Sturm kommt und sie nach Norden m�ssen. Thulin sagte, wir sollten auch gehen.�</p><p>Sie standen noch einen Moment so da. Auaine zog den Sch�rzenzipfel hoch und rettete die �berwiegende Mehrzahl der Eier. Sie hatte keinen Blick f�r die �brig, die zu Boden gefallen waren. Sie starrte einfach nach Norden.</p><p>Renald drehte sich um. Der Sturm war wieder nach vorn gesprungen. Und irgendwie schien er <emphasis>dunkler</emphasis> geworden zu sein.</p><p>�Ich glaube, wir sollten auf sie h�ren�, sagte Auaine. �Ich ... ich packe zusammen, was wir aus dem Haus brauchen. Du kannst nach hinten gehen und die M�nner einsammeln. Haben sie gesagt, wie lange wir weg sein werden?�</p><p>�Nein�, sagte er. �Sie haben nicht einmal einen vern�nftigen Grund genannt. Nur dass wir wegen des Sturms nach Norden m�ssen. Und ... dass es das Ende ist.�</p><p>Auaine atmete scharf aus. �Nun, du k�mmerst dich um die M�nner. Ich k�mmere mich um das Haus.�</p><p>Sie eilte hinein, und Renald wandte sich mit einer Willensanstrengung von dem Sturm ab. Er ging um das Haus herum und betrat den Scheunenhof, rief die Arbeiter zusammen. Es war ein kr�ftiger Haufen, alles gute M�nner. Seine eigenen S�hne hatten ihr Gl�ck anderswo gesucht, aber seine sechs Arbeiter standen ihm fast so nahe wie seine S�hne. Merk, Favidan, Rinnin, Veshir und Adamad versammelten sich um ihn. Renald sch�ttelte seine Benommenheit ab und schickte zwei los, das Vieh zusammenzutreiben, zwei weitere sollten das Getreide und die Lebensmittel zusammenpacken, die noch vom Winter �brig waren, und der letzte Mann sollte Geleni holen, der im Dorf neues Saatgut besorgen sollte, nur f�r den Fall, dass die Aussaat w�hrend ihrer Lagerung verdorben war.</p><p>Die M�nner zogen los. Renald blieb noch einen Moment auf dem Scheunenhof stehen, dann ging er in die Scheune zu seinem Schmiedezeug und zog es ins Sonnenlicht hinaus. Es war nicht nur ein Amboss, sondern eine komplette Schmiede, die man transportieren konnte. Sie stand auf R�dern, man konnte nicht in einer Scheune schmieden. Der ganze Staub konnte Feuer fangen. Er zog an den Griffen und rollte sie zu dem Alkoven an der Hofseite, der aus guten Ziegeln gemauert war, wo er bei Bedarf kleinere Reparaturen ausf�hren konnte.</p><p>Eine Stunde sp�ter hatte er das Feuer gesch�rt. Er war nicht so geschickt wie Thulin, aber er hatte von seinem Vater gelernt, dass es einen gro�en Unterschied machte, wenn man selbst etwas schmieden konnte. Manchmal konnte man einfach nicht die Stunden verschwenden, die es dauerte, um ins Dorf zu gehen und zur�ckzukehren, blo� um ein gebrochenes Scharnier zu richten.</p><p>Die Wolken waren immer noch da. Er versuchte sie zu ignorieren, als er den Schmiedeofen verlie� und zur Scheune ging. Diese Wolken waren wie Augen, die ihm �ber die Schulter blickten.</p><p>In der Scheune drang Licht durch die Spalten in den W�nden, fiel auf Staub und Heu. Er hatte sie vor ungef�hr f�nfundzwanzig Jahren selbst gebaut. Eigentlich hatte er schon l�nger die verzogenen Dachbohlen ersetzen wollen, aber jetzt w�rde daf�r keine Zeit mehr sein.</p><p>An der Werkzeugwand griff er nach seiner drittbesten Sense, hielt dann aber inne. Er holte tief Luft und nahm stattdessen die beste Sense von der Wand. Er ging zur�ck zum Schmiedeofen und schlug den Stiel von der Sense.</p><p>Als er das Holz zur Seite warf, kam Veshir - der �lteste der Hofarbeiter - mit zwei Ziegen heran. Als Veshir das Sensenblatt auf dem Amboss sah, verfinsterte sich seine Miene. Er band die Ziegen an einem Pfosten an, dann ging er zu Renald, sagte aber kein Wort.</p><p>Wie stellte man eine Stangenwaffe her? Thulin hatte gesagt, dass man damit einen Mann gut vom Pferd rei�en konnte. Nun, er w�rde den Sensenstiel durch einen l�ngeren und geraden Eschenholzschaft ersetzen m�ssen. Das Schaftende w�rde �ber die Klinge hinausragen und zu einer primitiven Speerspitze geformt, die man mit einem St�ck Zinnblech verst�rkte. Und dann w�rde er das Sensenblatt erhitzen und ungef�hr bis zur halben H�he ein St�ck aus der Oberseite herausschlagen, um einen Haken zu machen, mit dem man einen Mann vom Pferd ziehen und ihn vielleicht gleichzeitig schneiden konnte. Er schob das Sensenblatt in die gl�henden Kohlen, um es zu erhitzen, dann band er sich die Sch�rze um.</p><p>Veshir sah ihm kurz zu. Dann trat er heran und nahm ihn beim Arm. �Renald, was machen wir hier �berhaupt?�</p><p>Renald sch�ttelte den Arm frei. �Wir gehen nach Norden. Der Sturm kommt, und wir gehen nach Norden.�</p><p>�Wir gehen blo� wegen eines Sturms nach Norden? Das ist Wahnsinn!�</p><p>Fast das Gleiche hatte Renald zu Thulin gesagt. In der Ferne donnerte es.</p><p>Thulin hatte recht. Das Getreide ... der Himmel ... die Nahrung, die ohne Vorwarnung verdarb. Renald hatte es gewusst, schon vor dem Gespr�ch mit Thulin. Tief in seinem Inneren hatte er es gewusst. Dieser Sturm w�rde nicht �ber ihren K�pfen vorbeiziehen und dann wieder verschwinden. Man musste ihm ins Auge sehen.</p><p>�Veshir�, sagte er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. �Du arbeitest hier jetzt schon seit ... wie lange? F�nfzehn Jahre? Du bist der erste Mann, den ich eingestellt habe. Wie gut habe ich dich und deinesgleichen behandelt?�</p><p>�Du warst gut zu mir�, erwiderte Veshir. �Aber Renald, du hast noch nie zuvor entschieden, den Hof zu verlassen! Diese Feldfr�chte, sie werden zu Staub, wenn wir sie zur�cklassen. Das ist kein s�dlicher Feuchthof. Wie k�nnen wir da einfach gehen?�</p><p>�Weil�, sagte Renald, �wenn wir bleiben, wird es keine Rolle spielen, ob wir ausges�t haben oder nicht.�</p><p>Veshir runzelte die Stirn.</p><p>�Sohn�, sagte Renald, �du wirst tun, was ich sage, und damit ist diese Diskussion beendet. Hol das Vieh.�</p><p>Veshir ging langsam los, aber er tat, was man ihm befohlen hatte. Er war ein guter Mann, vielleicht etwas hei�bl�tig.</p><p>Renald zog das Sensenblatt aus der Hitze; das Eisen gl�hte wei�. Er legte es auf den kleinen Amboss und fing an, auf den knubbeligen Teil einzuh�mmern, wo sich R�cken und Hamme trafen. Der Klang seines Hammers auf dem Eisen erschien lauter, als er h�tte sein sollen. Als w�re jeder Schlag selbst ein Teil des Sturms.</p><p>W�hrend er arbeitete, schienen die Donnerschl�ge W�rter zu formen. Als w�rde jemand in seinem Hinterkopf murmeln. Den gleichen Satz, immer wieder.</p><p><emphasis>Der Sturm kommt. Der Sturm kommt ...</emphasis></p><p>Er h�mmerte weiter, bewahrte die Schneide, aber begradigte das Blatt und machte einen Haken am Ende. Er wusste noch immer nicht, warum er das eigentlich tat. Aber das spielte keine Rolle.</p><p>Der Sturm kam, und er musste bereit sein.</p><p>Falendre sah zu, wie die Soldaten mit den krummen Beinen Taneras in eine Decke geh�llte Leiche auf einem Sattel festbanden, und sie k�mpfte das Verlangen nach neuen Tr�nen nieder. Sie war die Dienst�lteste, und sie musste die Fassung bewahren, wenn sie von den vier anderen �berlebenden <emphasis>Sul'dam</emphasis> das Gleiche erwarten wollte. Sie versuchte sich einzureden, dass sie Schlimmeres gesehen hatte, Schlachten, in denen mehr als eine <emphasis>Sul'dam</emphasis> gestorben war, mehr als eine <emphasis>Damane.</emphasis> Dieser Gedanke brachte sie zu nahe an die Erinnerung, wie Tanera und ihre Miri zu Tode gekommen waren, und ihr Verstand schreckte davor zur�ck.</p><p>Nenci kauerte an ihrer Seite und wimmerte, als Falendre den Kopf der <emphasis>Damane</emphasis> streichelte und sich bem�hte, beruhigende Gef�hle durch das <emphasis>A'dam</emphasis> zu schicken. Das schien oft zu funktionieren, heute aber nicht so gut. Ihre eigenen Gef�hle waren viel zu sehr in Aufruhr. K�nnte sie doch nur vergessen, dass die <emphasis>Damane</emphasis> abgeschirmt war und von wem. Von <emphasis>was.</emphasis> Nenci wimmerte wieder.</p><p>�Du wirst die Botschaft ausrichten, wie ich sie dir aufgetragen habe?�, sagte ein Mann hinter ihr.</p><p>Nein, mehr als ein Mann. Der Klang seiner Stimme w�hlte die S�ure in ihrem Bauch auf. Sie zwang sich dazu, sich ihm zuzuwenden, zwang sich dazu, den Blick aus diesen kalten, harten Augen zu erwidern. Sie ver�nderten sich, so wie er den Kopf hielt, waren blau, dann grau, aber immer wie polierte Edelsteine. Sie hatte viele harte M�nner kennengelernt, aber niemals hatte sie einen gekannt, der hart genug war, um eine Hand zu verlieren und sich im n�chsten Augenblick so zu verhalten, als h�tte er nur einen Handschuh verloren. Sie verneigte sich f�rmlich, riss an dem <emphasis>A'dam,</emphasis> damit Nenci ihrem Beispiel folgte. Unter diesen Umst�nden hatte man sie als Gefangene bislang gut behandelt, hatte ihnen sogar Wasser zum Waschen gegeben, und angeblich w�rden sie nicht mehr lange Gefangene bleiben. Aber wer vermochte bei diesem Mann schon zu sagen, was es brauchte, damit er sich anders entschied? Die verhei�ene Freiheit war m�glicherweise nur Teil eines perfiden Plans.</p><p>�Eure Botschaft werde ich mit der Sorgfalt �berbringen, die sie verlangt�, begann sie, dann geriet sie ins Schwimmen. Mit welchem Ehrentitel sprach sie ihn an? �Mein Lord Drache�, endete sie hastig. Die Worte lie�en ihre Zunge austrocknen, aber er nickte, also musste es ausgereicht haben.</p><p>Eine der <emphasis>Marath'damane</emphasis> erschien durch dieses unm�gliche Loch in der Luft, eine junge Frau mit einem langen Zopf. Sie trug genug Schmuck, um zum Blut zu geh�ren, und ausgerechnet einen roten Punkt in der Mitte ihrer Stirn. �Wie lange willst du hier bleiben, Rand�, verlangte sie zu wissen, als w�re der junge Mann mit den harten Augen nur ein Diener, statt der zu sein, der er war. �Wie weit sind wir hier von Ebou Dar entfernt? Dieser Ort wimmelt vor Seanchanern, das wei�t du, und vermutlich fliegen �berall <emphasis>Raken</emphasis> herum.�</p><p>�Hat Cadsuane dich geschickt, um das zu fragen?�, erwiderte er, und ihre Wangen r�teten sich leicht. �Nicht mehr lange, Nynaeve. Ein paar Minuten.�</p><p>Die junge Frau richtete den Blick auf die anderen <emphasis>Sul'dam</emphasis> und <emphasis>Damane,</emphasis> die sich alle an Falendre orientierten und so taten, als w�rden sie nicht von <emphasis>Marath'damane</emphasis> bewacht und erst recht nicht von M�nnern in schwarzen M�nteln. Die anderen hatten sich so gut zurechtgemacht, wie sie konnten. Surya hatte sich das Blut vom Gesicht gewaschen, hatte auch das Gesicht ihrer Tabi ges�ubert, und Malian hatte sie mit gro�en Kompressen versorgt, sodass sie nun aussahen, als w�rden sie seltsame H�te tragen. Ciar hatte sich vom gr��ten Teil des Erbrochenen s�ubern k�nnen, das sie �ber das Vorderteil ihres Kleides gespuckt hatte.</p><p>�Nach wie vor bin ich der Meinung, dass ich sie Heilen sollte�, sagte Nynaeve abrupt. �Schl�ge auf den Kopf k�nnen seltsame Dinge verursachen, die nicht sofort ersichtlich sind.�</p><p>Suryas Miene verh�rtete sich, und sie schob Tabi hinter sich, als wollte sie die <emphasis>Damane</emphasis> besch�tzen. Als w�re sie dazu imstande gewesen. Tabis helle Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen.</p><p>Falendre hob flehend die Hand zu dem hochgewachsenen jungen Mann. Zu dem Wiedergeborenen Drachen, wie es den Anschein hatte. �Bitte. Sie erhalten medizinische Hilfe, sobald wir Ebou Dar erreichen.�</p><p>�Lass es gut sein, Nynaeve�, sagte der junge Mann. �Wenn sie nicht Geheilt werden wollen, dann wollen sie es nicht.� Die <emphasis>Marath'damane</emphasis> warf ihm einen finsteren Blick zu. Er wandte die Aufmerksamkeit wieder Falendre zu. �Die Stra�e nach Ebou Dar liegt eine Stunde �stlich von hier. Wenn ihr euch beeilt, k�nnt ihr die Stadt bei Einbruch der Nacht erreichen. Die Abschirmungen der <emphasis>Damane</emphasis> l�sen sich in etwa einer halben Stunde auf. Stimmt das f�r die mit <emphasis>Saidar</emphasis> gewobenen Schilde, Nynaeve?� Die Frau sah ihn immer noch finster und stumm an. �Ist das richtig, Nynaeve?�</p><p>�Eine halbe Stunde�, erwiderte sie schlie�lich. �Aber nichts davon ist richtig, Rand al'Thor. Diese <emphasis>Damane</emphasis> zur�ckzuschicken - das ist nicht richtig, und das wei�t du.�</p><p>F�r einen kurzen Moment blickten seine Augen noch k�lter. Nicht h�rter. Das w�re unm�glich gewesen. Aber f�r diesen langen Augenblick hatte es den Anschein, als w�ren sie Eish�hlen. �Das Richtige zu tun war einfach, als ich mich nur um ein paar Schafe k�mmern musste�, sagte er leise. �Heute ist es manchmal etwas schwieriger.� Er wandte sich von ihr ab und hob die Stimme. �Logain, schafft alle zur�ck durch das Wegetor. Ja, ja, Merise. Ich versuche nicht, Euch Befehle zu geben. Aber h�ttet Ihr die G�te, Euch zu uns zu gesellen? Es wird sich gleich schlie�en.�</p><p><emphasis>Marath'damane,</emphasis> die, die sich Aes Sedai nannten, gingen nacheinander durch das verr�ckte Loch in der Luft, genau wie die M�nner in den schwarzen M�nteln, die Asha'man; sie alle vermengten sich mit den Soldaten mit den Hakennasen. Ein paar von denen waren endlich damit fertig, Tanera auf dem Sattel des Pferdes festzubinden. Die Tiere waren von dem Wiedergeborenen Drachen bereitgestellt worden. Wie seltsam, dass er ihnen nach dem, was sich zugetragen hatte, Geschenke machte.</p><p>Der junge Mann mit den harten Augen wandte sich wieder Falendre zu. �Wiederhol deine Befehle!�</p><p>�Ich werde nach Ebou Dar zur�ckkehren mit einer Botschaft f�r unsere Anf�hrer.�</p><p>�Der Tochter der Neun Monde�, sagte der Wiedergeborene Drache streng. �Du wirst ihr meine Botschaft �berbringen.�</p><p>Falendre geriet ins Stocken. Sie war nicht einmal ann�hernd wert, zu einem Mitglied des Blutes zu sprechen, geschweige denn zur Hochlady, der Tochter der Kaiserin, mochte sie ewig leben! Aber der Ausdruck dieses Mannes erlaubte keinen Widerspruch. Falendre w�rde eine M�glichkeit finden. �Ich werde ihr Eure Botschaft �bermitteln�, fuhr sie fort. �Ich werde ihr sagen, dass Ihr ... dass Ihr ihr diesen Angriff nicht nachtragt, und dass Ihr ein Treffen w�nscht.�</p><p>�Dass ich noch <emphasis>immer</emphasis> ein Treffen w�nsche�, sagte der Wiedergeborene Drache.</p><p>Falendres Kenntnis zufolge hatte die Tochter der Neun Monde nichts von dem urspr�nglichen Treffen gewusst. Es war im Geheimen von Anath arrangiert worden. Und genau aus diesem Grund wusste Falendre mit Sicherheit, dass dieser Mann der Wiedergeborene Drache sein musste. Denn nur der Wiedergeborene Drache konnte einer der Verlorenen gegen�bertreten und nicht nur �berleben, sondern auch noch als Sieger aus dem Kampf hervorgehen.</p><p>War sie das tats�chlich gewesen? Eine der Verlorenen? Die Vorstellung drohte Falendres Verstand zu �berw�ltigen. Unm�glich. Und doch, da stand der Wiedergeborene Drache. Wenn es ihn tats�chlich gab, wenn er auf der Welt wandelte, dann w�rden das auch die Verlorenen tun. Sie war wie benommen, ihre Gedanken drehten sich im Kreis, das war ihr bewusst. Sie unterdr�ckte ihr Entsetzen - damit w�rde sie sich sp�ter auseinandersetzen. Sie musste sich zusammenrei�en.</p><p>Sie zwang sich, den Blick aus den eiskalten Edelsteinen, die dieser Mann anstelle von Augen hatte, zu erwidern. Sie musste sich einen kleinen Teil an W�rde bewahren, und wenn auch nur, um die anderen vier �berlebenden <emphasis>Sul'dam</emphasis> zu beruhigen. Und nat�rlich die <emphasis>Damane.</emphasis> Wenn die <emphasis>Sul'dam</emphasis> wieder die Fassung verloren, gab es f�r die <emphasis>Damane</emphasis> keine Hoffnung mehr.</p><p>�Ich werde ihr ausrichten�, sagte Falendre und schaffte es, die Stimme ruhig zu halten, �dass Ihr noch <emphasis>immer</emphasis> ein Treffen mit ihr w�nscht. Dass Ihr der Meinung seid, dass Frieden zwischen unseren V�lkern herrschen muss. Und ich soll ihr berichten, dass Lady Anath eine ... eine der Verlorenen war.�</p><p>Sie verfolgte, wie ein paar <emphasis>Marath'damane</emphasis> Anath in das Loch in der Luft stie�en; trotz ihrer Gefangenschaft behielt sie ihr hochm�tiges Gebaren bei. Sie hatte immer versucht, �ber ihre Stellung hinaus zu dominieren. Konnte sie wirklich das sein, was dieser Mann von ihr behauptete?</p><p>Wie sollte Falendre nur der <emphasis>Der'sul'dam</emphasis> gegen�bertreten und diese Trag�die erkl�ren, diese schreckliche Katastrophe? Sie versp�rte den �berm�chtigen Drang, einen Ort zu finden, an dem sie sich verkriechen konnte.</p><p>�Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> Frieden haben�, sagte der Wiedergeborene Drache. �Daf�r werde ich sorgen. Richte deiner Herrin aus, dass sie mich in Arad Doman finden wird; ich werde dort dem Kampf gegen eure Streitkr�fte ein Ende bereiten. Lass sie wissen, dass das ein Zeichen meines guten Willens ist, so wie ich euch aus gutem Willen freilasse. Es liegt keine Schande darin, von einer der Verlorenen hintergangen zu werden, vor allem nicht von dieser ... Kreatur. In gewisser Weise kann ich jetzt beruhigt sein. Stets hatte ich die Sorge, dass einer von ihnen den seanchanischen Adel unterwandert hat. Ich h�tte mir denken k�nnen, dass es Semirhage ist. Eine Herausforderung hat sie immer zu sch�tzen gewusst.�</p><p>Er sprach mit einer unglaublichen Vertrautheit von den Verlorenen, und das bereitete Falendre eine G�nsehaut.</p><p>Er sah sie an. �Du darfst gehen�, sagte er, wandte sich ab und passierte den Riss in der Luft. Was h�tte sie darum gegeben, diese Fortbewegungsmethode f�r Nenci zu haben. Die letzten <emphasis>Marath'damane</emphasis> betraten das Loch, und es schloss sich, lie� Falendre und die anderen allein zur�ck. Es war eine traurige Gruppe. Talha weinte noch immer, und Malian schien kurz davor zu stehen, sich zu �bergeben. Einige der anderen hatten blutige Gesichter gehabt, bevor sie sich hatten waschen k�nnen, und noch immer befleckte verkrustetes Blut an einigen Stellen ihre Haut. Falendre war froh, dass sie es geschafft hatte, das Heilen f�r sie abzuwenden. Sie hatte gesehen, wie einer dieser <emphasis>M�nner</emphasis> Mitglieder der Mannschaft des Drachen geheilt hatte. Wer vermochte schon zu sagen, welchen Makel man davontrug, wenn man sich von diesen verdorbenen H�nden ber�hren lie�?</p><p>�Seid stark�, befahl sie den anderen, f�hlte sich aber viel unsicherer, als sie klang. Er hatte sie tats�chlich freigelassen! Sie hatte kaum darauf zu hoffen gewagt. Es war das Beste, hier schnell zu verschwinden. Sehr schnell. Sie hetzte die anderen auf die Pferde, die er ihnen �berlassen hatte, und schon wenige Minuten sp�ter ritten sie nach S�den, in Richtung Ebou Dar; jede <emphasis>Sul'dam</emphasis> ritt mit ihrer <emphasis>Damane</emphasis> an der Seite.</p><p>Die Geschehnisse dieses Tages bedeuteten m�glicherweise, dass man ihr ihre <emphasis>Damane</emphasis> wegnahm, ihr verbot, jemals wieder das <emphasis>A'dam</emphasis> zu halten. Da Anath fort war, w�rde jemand eine Bestrafung fordern. Was w�rde Hochlady Suroth sagen? <emphasis>Damane</emphasis> tot, der Wiedergeborene Drache beleidigt.</p><p>Sicherlich w�rde der Verlust des Zugangs zum <emphasis>A'dam</emphasis> das Schlimmste sein, das ihr passieren konnte. Jemanden wie sie w�rde man doch bestimmt nicht zur <emphasis>Da'covale</emphasis> machen, oder etwa doch? Der Gedanke drehte ihr wieder den Magen um. Die Ereignisse dieses Tages w�rde sie sehr sorgf�ltig erkl�ren m�ssen. Es <emphasis>musste</emphasis> eine M�glichkeit geben, wie sie diese Dinge auf eine Weise darstellte, die ihr Leben rettete.</p><p>Dem Drachen hatte sie ihr Wort gegeben, von Angesicht zu Angesicht mit der Tochter der Neun Monde zu sprechen. Und das w�rde sie. Aber sie w�rde es m�glicherweise nicht sofort tun. Vorher war sorgf�ltiges Nachdenken erforderlich. Ausgesprochen sorgf�ltiges Nachdenken.</p><p>Falendre beugte sich nach vorn �ber den Pferdehals und trieb ihr Tier an, den anderen voraus. So w�rde keiner ihre Tr�nen der Verzweiflung, des Schmerzes und des Entsetzens sehen.</p><p>Tylee Khirgan, Generalleutnant des Immer Siegreichen Heeres, hatte ihr Pferd auf einem bewaldeten H�gel gez�gelt und schaute nach Norden. Dieses Land war so anders. Ihre Heimat Maram Kashor war eine trockene Insel an der s�d�stlichsten Spitze von Seanchan. Die Lummab�ume dort waren gerade, hoch aufragende Ungeheuer, aus deren Spitzen Wedel wie die Haarkrone eines Angeh�rigen des Hohen Blutes sprossen.</p><p>Verglichen damit waren die Dinger, die in diesem Land als B�ume durchgingen, knorrige verdrehte B�sche. Ihre �ste waren wie die Finger alter Soldaten, die von den vielen Jahren des Schwerttragens arthritisch geworden waren. Wie nannten die Einheimischen noch einmal diese Pflanzen? Buschwald? Wie seltsam. Wenn man bedachte, dass einige ihrer Vorfahren m�glicherweise von diesem Ort stammten, Luthair Paendrag nach Seanchan begleitet hatten.</p><p>Unten auf der Stra�e marschierte ihr Heer und erf�llte die Luft mit Staub. Tausende und Abertausende von M�nnern. Weniger, als sie zuvor gehabt hatte, aber nicht bedeutend weniger. Ihr Kampf mit den Aiel war nun zwei Wochen her, als Perrin Aybaras Plan auf beeindruckende Weise funktioniert hatte. An der Seite eines solchen Mannes zu k�mpfen war stets eine bitters��e Erfahrung. S�� wegen seiner Genialit�t. Bitter wegen der Sorge, dass sie sich eines Tages auf dem Schlachtfeld gegen�berstehen w�rden. Tylee geh�rte nicht zu jenen, die im Kampf eine Herausforderung zu sch�tzen wussten. Sie hatte es stets vorgezogen, sofort zu siegen.</p><p>Manche Gener�le behaupteten, dass man nie dazu gezwungen wurde, sich zu verbessern, wenn man niemals um etwas k�mpfen musste. Tylee war der Ansicht, dass sie und ihre M�nner sich auf dem �bungsfeld verbessern konnten und m�hsame Anstrengungen lieber ihren Feinden �berlie�en.</p><p>Sie w�rde Perrin nicht gern gegen�bertreten. Nein, das w�rde sie nicht. Und das nicht nur, weil sie ihn mochte.</p><p>Langsames Hufgetrappel ert�nte. Mishima lenkte sein Pferd, einen hellen Wallach, an ihre Seite. Den Helm hatte er an den Sattel gebunden, und sein Narbengesicht wirkte nachdenklich. Sie passten gut zusammen, sie beide. Auch ihr Gesicht wies seinen Anteil an alten Narben auf.</p><p>Mishima salutierte ihr, nun bedeutend respektvoller, seit man Tylee zum Blut erhoben hatte. Diese besondere Botschaft, die ein <emphasis>Raken</emphasis> �berbracht hatte, war unerwartet gekommen. Es war eine Ehre, und sie hatte sich noch immer nicht daran gew�hnt.</p><p>�Denkt Ihr noch immer �ber die Schlacht nach?�, fragte Mishima.</p><p>�Das tue ich�, sagte Tylee. Zwei Wochen, und noch immer beherrschte sie ihre Gedanken. �Wie ist Eure Meinung?�</p><p>��ber Aybara?� Mishima sprach noch immer wie ein Freund zu ihr, selbst wenn er es bewusst vermied, ihren Blick zu erwidern. �Er ist ein guter Soldat. Vielleicht zu konzentriert, zu verbissen. Aber solide.�</p><p>�Ja�, sagte Tylee, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Die Welt ver�ndert sich, Mishima. Auf eine Weise, die wir nicht vorausahnen k�nnen. Zuerst Aybara, dann die Seltsamkeiten.�</p><p>Mishima nickte nachdenklich. �Die M�nner wollen nicht dar�ber sprechen.�</p><p>�Es ist zu oft geschehen, um es als T�uschung abzutun. Die Kundschafter sehen <emphasis>etwas</emphasis>.�</p><p>�M�nner verschwinden nicht einfach�, sagte Mishima. �Haltet Ihr das f�r die Eine Macht?�</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist.� Ihr Blick glitt �ber die B�ume. Ein paar davon, an denen sie vorhin vorbeigekommen war, hatten bereits mit ihrem Fr�hlingswachstum begonnen, aber von denen hier war keiner dabei. Sie sahen wie Gerippe aus, dabei war die Luft warm genug, dass man bald mit der Aussaat beginnen konnte. �Gibt es in Halamak solche B�ume?�</p><p>�Nicht genau�, erwiderte Mishima. �Aber ich habe schon so �hnliche gesehen.�</p><p>�H�tten sie nicht schon l�ngst knospen m�ssen?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern. �Ich bin Soldat, General Tylee.�</p><p>�Das ist mir noch gar nicht aufgefallen�, erwiderte sie trocken.</p><p>Er grunzte. �Ich meine, dass ich B�umen keine Aufmerksamkeit schenke. B�ume bluten nicht. Vielleicht h�tten sie knospen m�ssen, vermutlich aber nicht. Auf dieser Seite des Ozeans machen nur wenige Dinge Sinn. B�ume, die im Fr�hling nicht knospen, das ist nur eine weitere Seltsamkeit. Besser das als noch mehr <emphasis>Marath'damane,</emphasis> die sich benehmen, als geh�rten sie zum Blut, und vor denen jeder buckeln soll.� Er schauderte sichtlich.</p><p>Tylee nickte, aber sie teilte seinen Abscheu nicht. Jedenfalls nicht v�llig. Sie war sich nicht sicher, was sie von Perrin Aybara und seinen Aes Sedai halten sollte, ganz zu schweigen von seinen Asha'man. Und sie wusste kaum mehr �ber B�ume als Mishima. Aber sie hatte das Gef�hl, dass sie schon l�ngst h�tten knospen m�ssen. Und diese M�nner, die die Kundschafter immer wieder auf den Feldern sahen, wie konnten sie so schnell verschwinden, selbst mit der Einen Macht?</p><p>Der Quartiermeister hatte heute eines der Proviantpakete ge�ffnet und nur Staub gefunden. Tylee h�tte die Suche nach einem Dieb oder Spa�vogel befohlen, h�tte der Mann nicht darauf bestanden, dieses Paket kurz zuvor �berpr�ft zu haben. Karm war ein solider Mann; er war schon seit Jahren ihr Quartiermeister. Er machte keine Fehler.</p><p>Hier war es fast schon eine Selbstverst�ndlichkeit, dass Nahrung verdarb. Karm machte daf�r die Hitze dieses seltsamen Landes verantwortlich. Aber Reiseproviant konnte nicht verderben, jedenfalls nicht auf diese unvorhergesehene Weise. Im Augenblick waren alle Omen schlecht. Fr�her am Tag hatte Tylee zwei tote Ratten auf dem R�cken liegen sehen, und eine hatte den Schwanz der anderen im Maul. Es war das schlimmste Omen, das sie je im Leben gesehen hatte, und nur daran zu denken lie� sie erschaudern.</p><p>Hier ging etwas vor. Perrin war nicht bereit gewesen, viel dar�ber zu sprechen, aber sie hatte die Last erkannt, die er mit sich trug. Er wusste viel mehr, als er verraten hatte.</p><p><emphasis>Wir k�nnen es uns nicht leisten, diese Leute zu bek�mpfen,</emphasis> dachte sie. Das war ein rebellischer Gedanke, den sie vor Mishima nicht aussprechen w�rde. Die Kaiserin, sie sollte ewig leben, hatte befohlen, dieses Land wieder in Besitz zu nehmen. Suroth und Galgan waren die vom Reich auserw�hlten Anf�hrer f�r dieses Unternehmen gewesen, bis sich die Tochter der Neun Monde zu erkennen gegeben hatte. Tylee konnte die Absichten der Hochlady Tuon nicht kennen, aber Suroth und Galgan teilten das Verlangen, dieses Land unterworfen zu sehen. Es war praktisch das Einzige, bei dem sie sich einig waren.</p><p>Keiner von ihnen h�rte auf den Rat, bei den Einwohnern dieses Landes nach Verb�ndeten zu suchen statt nach Feinden. Der Gedanke daran grenzte schon an Verrat. Zumindest war es Insubordination. Tylee seufzte und wandte sich Mishima zu, um den Befehl zu geben, nach einem geeigneten Nachtlager zu suchen.</p><p>Sie erstarrte. Mishima hatte einen Pfeil im Hals stecken, ein b�sartiges, mit Widerhaken versehenes Ding. Sie hatte ihn nicht einschlagen geh�rt. Verbl�fft erwiderte er ihren Blick, versuchte zu sprechen, aber aus seinem Mund kam nur Blut. Er rutschte aus dem Sattel und sackte in sich zusammen, als neben Tylee etwas Gewaltiges aus dem Unterholz brach, knorrige �ste zersplitterte und sich ihr entgegenwarf. Ihr blieb kaum genug Zeit, das Schwert zu ziehen und einen Schrei auszusto�en, bevor Staubfresser - ein gutes solides Schlachtross, das sie in noch keiner Schlacht im Stich gelassen hatte - voller Panik auf die Hinterbeine stieg und sie zu Boden warf.</p><p>Vermutlich rettete ihr das das Leben, denn ihr Angreifer schwang ein Schwert mit dicker Klinge und schnitt in den Sattel, wo sie eben noch gesessen hatte. Sie k�mpfte sich mit klirrender R�stung auf die Beine und schrie den Alarmruf. �Zu den Waffen! Ein �berfall!�</p><p>Ihre Stimme gesellte sich buchst�blich gleichzeitig zu hunderten gleicher Rufe. M�nner schrien. Pferde wieherten.</p><p><emphasis>Ein Hinterhalt,</emphasis> dachte sie und hob die Klinge. <emphasis>Und wir sind geradewegs hineingelaufen! Wo sind die Kundschafter? Was ist passiert?</emphasis> Sie warf sich auf den Mann, der versucht hatte, sie umzubringen. Schnaubend fuhr er herum.</p><p>Und zum ersten Mal sah Tylee genau, was er tats�chlich war. Kein richtiger Mann, sondern eine Kreatur mit verzerrten Z�gen, deren Kopf mit rauem braunem Haar bedeckt war. Auf der zu breiten Stirn schlug dicke Haut tiefe Falten. Die Augen waren auf gr�ssliche Weise menschen�hnlich, aber die Nase war so flach wie die eines Ebers, und aus dem Mund ragten zwei gro�e Sto�z�hne. Die Kreatur br�llte sie an, Speichel spr�hte von beinahe menschlichen Lippen.</p><p><emphasis>Beim Blut meiner vergessenen V�ter,</emphasis> dachte Tylee. <emphasis>Wo sind wir da hineingeraten?</emphasis> Das Ungeheuer war ein Albtraum, dem man einen K�rper verliehen und dann ausgeschickt hatte, um zu t�ten. Es war ein Ding, das sie stets als Aberglauben abgetan hatte.</p><p>Sie griff die Kreatur an, schlug deren breites Schwert zur Seite. Dann warf sie sich herum, nahm die Stellung <emphasis>Schlag die B�sche</emphasis> ein und trennte der Bestie den Arm von der Schulter. Sie schlug erneut zu, und der Kopf folgte dem Arm zu Boden. Das Ungeheuer taumelte und brachte irgendwie noch drei Schritte zustande, bevor es zusammenbrach.</p><p>In den B�umen raschelte es, noch mehr �ste brachen. Von ihrem H�gel aus sah Tylee, dass Hunderte dieser Kreaturen aus dem Unterholz hervorgebrochen waren und die Linie ihrer M�nner in der Mitte angriffen und Chaos verursachten. Immer mehr Ungeheuer kamen zwischen den B�umen hervor.</p><p>Wie hatte das passieren k�nnen? Wie hatten diese Dinger nur so nah an Ebou Dar herankommen k�nnen? Sie waren tief im Verteidigungsring der Seanchaner, nur einen Tagesmarsch von der Hauptstadt entfernt.</p><p>Tylee raste den H�gel hinunter und br�llte nach ihrer Ehrenwache, w�hrend noch mehr von den tobenden Bestien hinter ihr zwischen den B�umen hervorkamen.</p><p>Graendal lungerte in einem steinernen Raum voller sie bewundernder M�nner und Frauen herum, von denen jeder ein perfekter Vertreter seiner Rasse war und kaum mehr als eine Robe aus durchsichtigem wei�en Stoff trug. Im Kamin prasselte ein warmes Feuer und beleuchtete einen pr�chtigen blutroten Teppich. In den Teppich waren die Abbildungen ineinander verschlungener junger Frauen und M�nner gewebt, deren Stellungen selbst erfahrene Kurtisanen h�tte err�ten lassen. Die offenen Fenster lie�en die Nachmittagssonne herein; die luftige Position ihres Palastes gab einen Ausblick auf die Kiefern und den schimmernden See in der Tiefe.</p><p>Graendal nippte an dem S��dornsaft. Sie trug ein hellblaues Kleid im Domanischnitt - diese Mode gefiel ihr immer mehr, obwohl ihr Gewand bedeutend d�nner als die der Allgemeinheit war. Diese Domani waren viel zu sehr von einem Fl�stern angetan, wo sie einen h�bschen scharfen Schrei bevorzugte. Sie nahm noch einen Schluck Saft. Welch einen interessanten sauren Geschmack er doch hatte. In diesem Zeitalter war er exotisch, wuchsen die B�ume doch nur noch auf fernen Inseln.</p><p>Ohne Vorwarnung �ffnete sich in der Mitte des Raumes ein Wegetor. Sie fluchte lautlos, als eines ihrer kostbarsten Besitzt�mer - eine �ppige junge Frau namens Thurasa, eine Angeh�rige des Kaufmannsrates der Domani - durch das Ding beinahe einen Arm verlor. Das Wegetor lie� eine schw�le Hitze herein, die die perfekte Mischung aus k�hler Bergluft und Kaminw�rme, die sie kultiviert hatte, st�rte.</p><p>Graendal bewahrte die Fassung und zwang sich, sich auf dem pl�schigen Samtstuhl zur�ckzulehnen. Ein Bote in Schwarz schritt durch das Portal, und sie wusste, was er wollte, bevor er einen Ton von sich gegeben hatte. Allein Moridin wusste, wo sie zu finden war, jetzt, da Sammael tot war.</p><p>�Meine Lady, Eure Anwesenheit wird erw�nscht ...�</p><p>�Ja, ja�, sagte sie. �Steh gerade und lass dich ansehen.�</p><p>Der Junge stand still, keine zwei Schritte vor dem Tor. Was war er doch f�r ein attraktiver Bursche! So helles Blondhaar, das so selten in vielen Teilen der Welt war, gr�ne Augen wie moosbewucherte Teiche, eine geschmeidige Gestalt, die gerade genug Muskeln hatte. Graendal schnalzte mit der Zunge. Wollte Moridin sie in Versuchung f�hren, indem er seinen h�bschesten Burschen schickte, oder war das ein Zufall?</p><p>Nein. Bei den Auserw�hlten gab es keine Zuf�lle. Beinahe h�tte Graendal mit der Einen Macht einen Zwang gewebt, um den Jungen f�r sich zu beanspruchen. Aber sie hielt sich zur�ck. Hatte ein Mann erst einmal mit einem Zwang von dieser St�rke Bekanntschaft gemacht, konnte man ihn unm�glich zur�ckgewinnen, und das w�rde Moridin wom�glich ver�rgern. Sie musste auf seine Launen aufpassen. Der Mann war noch nie stabil gewesen, nicht einmal in den fr�hen Jahren. Wenn sie es eines Tages zur Nae'blis bringen wollte, war es wichtig, ihn nicht zu reizen, bis der Zeitpunkt zum Zuschlagen gekommen war.</p><p>Sie verbannte den Boten aus ihren Gedanken - wenn sie ihn nicht haben konnte, dann war sie auch nicht an ihm interessiert - und schaute durch das offene Tor. Sie hasste es, wenn sie gezwungen wurde, sich mit einem der anderen Auserw�hlten zu dessen Bedingungen treffen zu m�ssen. Sie hasste es, ihre Festung und ihr Spielzeug zu verlassen. Aber vor allem hasste sie es, vor jemandem kriechen zu m�ssen, der ihr Untergebener h�tte sein m�ssen.</p><p>Daran war nichts zu �ndern. Moridin war der Nae'blis. F�r den Augenblick. Und das bedeutete, dass Graendal keine andere M�glichkeit blieb, als seinem Ruf zu folgen, ob sie es nun hasste oder nicht. Also stellte sie ihr Glas ab, erhob sich und trat in ihrem durchscheinenden hellblauen Gewand, dessen goldener Besatz funkelte, durch das Wegetor.</p><p>Auf der anderen Seite war es schrecklich hei�. Sofort webte sie Luft und Wasser und k�hlte um sich herum die Luft. Sie befand sich in einem Geb�ude aus schwarzem Stein; durch die Fenster str�mte r�tliches Licht. Sie waren nicht verglast. Der r�tliche Schimmer lie� an den Sonnenuntergang denken, aber in Arad Doman war kaum der Nachmittag angebrochen. Sicherlich war sie nicht so <emphasis>weit</emphasis> gereist, oder doch?</p><p>Der Raum war nur mit harten St�hlen aus tiefschwarzem Holz m�bliert. Zweifellos mangelte es Moridin in letzter Zeit an Vorstellungskraft. Alles war nur rot oder schwarz, alles drehte sich blo� darum, diese dummen Jungen aus Rand al'Thors Dorf zu t�ten. War sie die Einzige, der klar war, dass al'Thor die wahre Bedrohung darstellte? Warum ihn nicht endlich t�ten und die Sache hinter sich bringen?</p><p>Die offensichtlichste Antwort auf diese Frage - dass sich bis jetzt keiner als stark genug erwiesen hatte, um ihn zu besiegen - gefiel ihr gar nicht.</p><p>Sie trat ans Fenster und entdeckte den Grund f�r das rostfarbene Licht. Das Eisen in der Erde lie� den lehmartigen Boden rot schimmern. Sie befand sich im ersten Stock eines schwarzen Turms, dessen Steine die brennende Hitze des Himmels in sich aufsogen. Es gab nur wenig Vegetation zu sehen, und die war voller schwarzer Flecken. Also befand sie sich irgendwo tief im Nordosten der Gro�en F�ule. Es war schon einige Zeit her, dass sie hier gewesen war. Moridin schien eine Festung entdeckt zu haben, ausgerechnet.</p><p>Im Schatten der Burg erhob sich eine Reihe primitiv gezimmerter H�tten, in der Ferne ein paar schmale, von der F�ulnis befleckte Getreidefelder. Vielleicht experimentierte man mit einer neuen Z�chtung, versuchte sie in dieser Gegend zum Wachsen zu ermuntern. Vielleicht sogar verschiedene Getreidearten, das w�rde die kleinen Felder erkl�ren. W�chter patrouillierten die Gegend; trotz der Hitze trugen sie schwarze Uniformen. Soldaten waren erforderlich, um Angriffe des Schattengez�chts abzuwehren, das so tief in der F�ule durch das Land zog. Diese Kreaturen gehorchten allein dem Gro�en Herrn. Was hatte Moridin so weit drau�en zu suchen?</p><p>Ihre �berlegungen wurden unterbrochen, als Schritte die Ankunft von anderen ank�ndigten. Demandred trat durch die T�r im S�den, und er wurde von Mesaana begleitet. Waren die beiden zusammen eingetroffen? Sie glaubten, dass Graendal nichts von ihrer kleinen Allianz wusste, ein Pakt, der Semirhage einschloss. Aber mal ehrlich, wenn sie das geheim halten wollten, war ihnen dann nicht klar, dass sie nicht zusammen kommen durften?</p><p>Graendal unterdr�ckte ein L�cheln, als sie den beiden zunickte, dann w�hlte sie den gr��ten und am bequemsten aussehenden Stuhl im Raum und setzte sich. Sie fuhr mit dem Finger �ber das glatte, dunkle Holz, betastete die Maserung unter dem Lack. Demandred und Mesaana musterten sie k�hl, und sie kannte sie gut genug, um zu sehen, wie �berrascht sie waren, sie hier anzutreffen. Also ... Sie hatten mit diesem Treffen gerechnet, nicht wahr? Aber nicht mit Graendals Anwesenheit? Am besten, sie tat so, als w�re sie nicht verwirrt. Sie l�chelte die beiden wissend an und sah die Wut, die kurz in Demandreds Augen aufflackerte.</p><p>Der Mann frustrierte sie, auch wenn sie das nie offen zugegeben h�tte. Mesaana hielt sich in der Wei�en Burg auf und spielte, was in diesem Zeitalter als Aes Sedai durchging. Sie war leicht zu durchschauen; Graendals Agenten in der Wei�en Burg hielten sie �ber Mesaanas Aktivit�ten auf dem Laufenden. Und nat�rlich war Graendals neue Verbindung mit Aran'gar ebenfalls hilfreich. Aran'gar spielte mit den Aes Sedai-Rebellen, die die Wei�e Burg belagerten.</p><p>Ja, Mesaana konnte sie nicht verwirren, und die anderen waren genauso leicht im Auge zu behalten. Moridin sammelte die Streitkr�fte des Gro�en Herrn f�r die Letzte Schlacht, und seine Kriegsvorbereitungen lie�en ihm nur wenig Zeit f�r den S�den - auch wenn seine beiden Handlanger Cyndane und Moghedien dort gelegentlich ihre Gesichter zeigten. Sie verbrachten ihre Zeit damit, die Schattenfreunde zu versammeln, und unternahmen gelegentliche Anstrengungen, Moridins Befehl, die beiden <emphasis>Ta'veren</emphasis> - Perrin Aybara und Matrim Cauthon - umzubringen, in die Tat umzusetzen.</p><p>Sie war davon �berzeugt, dass Sammael w�hrend des Kampfes um Illian Rand al'Thor zum Opfer gefallen war. Tats�chlich war sie sich sicher - jetzt, da sie die Hinweise hatte, dass Semirhage bei den Seanchanern die Strippen zog -, dass sie die Pl�ne von jedem einzelnen der �brig gebliebenen sieben Auserw�hlten kannte.</p><p>Au�er bei Demandred.</p><p>Was hatte der verfluchte Mann nur vor? Sie h�tte ihr ganzes Wissen �ber Mesaanas und Aran'gars Aktivit�ten gegen einen kleinen Hinweis auf Demandreds Pl�ne eingetauscht. Dort stand er, attraktiv und hakennasig, die Lippen in ewiger Wut verzogen. Demandred l�chelte nie, schien nie etwas genie�en zu k�nnen. Obwohl er einer der ersten Gener�le der Auserw�hlten war, hatte ihm das Kriegshandwerk anscheinend nie Freude gebracht. Sie hatte ihn einmal sagen h�ren, dass er an dem Tag, an dem er endlich Lews Therin das Genick brach, lachen w�rde. Aber erst dann.</p><p>Er war ein Narr, diesen Groll zu hegen. Wenn man sich vorstellte, dass er beinahe auf der anderen Seite gek�mpft h�tte - dass er selbst der Drache h�tte werden k�nnen, h�tten sich die Dinge anders entwickelt. Aber ob nun ein Narr oder nicht, er war au�erordentlich gef�hrlich, und Graendal gefiel es nicht, seine Pl�ne nicht zu kennen. Wo hatte er seine Machtbasis aufgebaut? Demandred mochte es, Armeen zu befehligen, aber da waren keine mehr �brig auf der Welt.</p><p>Abgesehen vielleicht von den Grenzl�ndern. Konnte es ihm gelungen sein, <emphasis>sie</emphasis> zu infiltrieren? Das w�re allerdings ein bewundernswerter Coup gewesen. Aber sicherlich h�tte sie davon geh�rt; sie hatte Spione in diesem Lager.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und w�nschte sich, etwas zu trinken zu haben, um sich die Lippen zu benetzen. Diese n�rdliche Luft war zu trocken; sie zog die feuchte W�rme der Domani vor. Demandred verschr�nkte die Arme vor der Brust und blieb stehen, w�hrend sich Mesaana setzte. Sie trug das dunkle Haar kinnlang und hatte w�ssrige blaue Augen. Ihr bodenlanges wei�es Kleid wies keine Verzierungen auf, und sie trug keinen Schmuck. Eine Gelehrte bis ins Mark. Manchmal war Graendal fest davon �berzeugt, dass Mesaana nur zum Schatten �bergelaufen war, weil die M�glichkeiten zur Forschung dort interessanter waren.</p><p>Mesaana war dem Gro�en Herrn mittlerweile v�llig ergeben, genau wie der Rest von ihnen, aber sie schien nur ein zweitrangiges Mitglied der Auserw�hlten zu sein. Prahlte mit Versprechen, die sie nicht einhalten konnte, verb�ndete sich mit st�rkeren Parteien, die sie aber nicht manipulieren konnte, weil ihr dazu das n�tige Geschick fehlte. Im Namen des Gro�en Herrn hatte sie b�se Taten vollbracht, konnte aber nicht einmal ann�hernd so gro�e Erfolge wie beispielsweise Semirhage und Demandred vorweisen. Oder etwa Moridin.</p><p>Und als Graendal an Moridin dachte, trat der Mann ein. Nun, das war nun wirklich ein attraktives Gesch�pf. Verglichen mit ihm sah Demandred wie ein Bauer mit Knubbelgesicht aus. Ja, dieser K�rper war <emphasis>viel</emphasis> besser als der vorherige. Er war fast h�bsch genug, um als eines ihrer Spielzeuge zu dienen, allerdings verdarb dieses Kinn das Gesicht. Zu ausgepr�gt, zu stark. Dennoch, das schwarze Haar auf diesem hochgewachsenen, breitschultrigen K�rper ... Sie l�chelte und stellte sich vor, wie er in hauchd�nner wei�er Kleidung vor ihr kniete und sie bewundernd ansah, den Verstand so sehr in Zwang geh�llt, dass er nichts und niemanden mehr au�er Graendal wahrnahm.</p><p>Mesaana stand bei seinem Eintreten auf, und Graendal folgte z�gernd ihrem Beispiel. Noch war er nicht ihr Spielzeug, noch nicht. Er war der Nae'blis, und in der letzten Zeit hatte er angefangen, st�ndig mehr Gesten des Gehorsams von ihnen zu verlangen. Der Gro�e Herr verlieh ihm die Autorit�t dazu. Alle drei Auserw�hlten verneigten sich z�gernd vor ihm; allein ihm unter allen Menschen w�rden sie ihre Ehrerbietung erweisen. Er registrierte ihren Gehorsam mit strengem Blick, w�hrend er zu der Stelle der schwarzen Wand ging, wo sich ein Kamin befand. Wie hatte jemand nur auf die Idee kommen k�nnen, in der Hitze der F�ule eine Festung aus schwarzem Stein zu erbauen?</p><p>Graendal setzte sich wieder. Kamen die anderen Auserw�hlten auch? Wenn nicht, was hatte das zu bedeuten?</p><p>Bevor Moridin etwas sagen konnte, ergriff Mesaana das Wort. �Moridin�, sagte sie und trat einen Schritt vor, �wir m�ssen sie retten.�</p><p>�Ihr werdet erst sprechen, wenn ich Euch dazu die Erlaubnis gebe, Mesaana�, erwiderte er kalt. �Noch ist Euch nicht verziehen worden.�</p><p>Sie zuckte zusammen, wor�ber sie sich aber dann offensichtlich �rgerte. Moridin ignorierte sie und schaute Graendal mit zusammengekniffenen Augen an. Was hatte denn dieser Blick zu bedeuten?</p><p>�Ihr d�rft fortfahren�, sagte er schlie�lich zu Mesaana, �aber vergesst Euren Platz nicht.�</p><p>Mesaanas Lippen bildeten einen d�nnen Strich, aber sie wehrte sich nicht. �Moridin�, begann sie in einem weniger fordernden Tonfall, �Ihr habt die Weisheit gehabt, darin einzuwilligen, Euch mit uns zu treffen. Sicherlich aus dem Grund, dass Ihr so entsetzt wie wir seid. Wir haben nicht die M�glichkeiten, um ihr zu helfen; Aes Sedai und diese Asha'man werden sie aufmerksam bewachen. Ihr m�sst uns bei ihrer Befreiung helfen.�</p><p>�Semirhage verdient ihre Gefangenschaft�, sagte Moridin und st�tzte den Arm auf den Kaminsims, den Blick noch immer von Mesaana abgewandt.</p><p>Semirhage war gefangen genommen worden? Graendal hatte gerade erst in Erfahrung gebracht, dass die Frau eine wichtige Seanchanerin verk�rperte! Was hatte sie getan, um sich gefangen nehmen zu lassen? Wenn Asha'man im Spiel waren, dann hatte sie es wohl geschafft, sich von al'Thor selbst erwischen zu lassen!</p><p>Trotz ihrer �berraschung behielt Graendal ihr wissendes L�cheln bei. Demandred warf ihr einen Blick zu. Wenn er und Mesaana um dieses Treffen gebeten hatten, warum hatte Moridin dann nach ihr geschickt?</p><p>�Aber bedenkt doch nur, was Semirhage alles enth�llen k�nnte!�, fuhr Mesaana fort und ignorierte Graendal. �Davon abgesehen ist sie eine Auserw�hlte. Es ist unsere Pflicht, ihr zu helfen.�</p><p><emphasis>Und abgesehen davon ist sie ein Mitglied der kleinen Allianz, die ihr beide gegr�ndet habt,</emphasis> dachte Graendal. <emphasis>Vielleicht sogar das st�rkste Mitglied. Sie zu verlieren d�rfte ein herber R�ckschlag f�r eure Anstrengungen sein, die Auserw�hlten zu kontrollieren.</emphasis></p><p>�Sie hat nicht gehorcht�, sagte Moridin. �Sie sollte nicht versuchen, al'Thor zu t�ten.�</p><p>�Das war auch gar nicht ihre Absicht�, beeilte sich Mesaana zu sagen. �Unsere Frau bei ihnen glaubt, dass der Blitz aus Feuer nur eine �berraschte Reaktion war, dass er nicht t�ten sollte.�</p><p>�Und was sagt Ihr dazu, Demandred?�, wollte Moridin wissen.</p><p>�Ich will Lews Therin�, sagte Demandred; wie immer waren seine Stimme tief und seine Miene finster. �Semirhage wei� das. Sie wei� auch, dass ich ihr Leben als Entsch�digung gefordert h�tte, h�tte sie ihn get�tet. Niemand t�tet al'Thor. Niemand au�er mir.�</p><p>�Ihr oder der Gro�e Herr, Demandred�, sagte Moridin gef�hrlich leise. �Sein Wille beherrscht uns alle.�</p><p>�Ja, ja, nat�rlich tut er das�, mischte sich Mesaana ein und trat vor; der Saum des einfachen Kleides strich �ber den spiegelhellen schwarzen Marmorboden. �Moridin, Tatsache ist, dass sie ihn nicht t�ten wollte, sondern blo� gefangen nehmen. Ich ...�</p><p>�Nat�rlich wollte sie ihn gefangen nehmen!�, br�llte Moridin. �So lautete ihr Befehl. Und sie hat versagt, Mesaana. Auf spektakul�re Weise versagt, hat ihn trotz meines ausdr�cklichen Befehls, ihm kein Haar zu kr�mmen, verletzt! Und f�r diese Inkompetenz wird sie leiden. Ich werde euch nicht helfen, sie zu retten. Tats�chlich <emphasis>verbiete</emphasis> ich euch sogar, ihr Hilfe zu schicken. Habt ihr verstanden?�</p><p>Mesaana zuckte zusammen. Demandred tat das nicht; er erwiderte Moridins Blick und nickte dann. Ja, er war eiskalt. Vielleicht untersch�tzte Graendal ihn ja. M�glicherweise war er der st�rkste von den dreien, gef�hrlicher als Semirhage. Sie war gef�hllos und kontrolliert, das schon, aber manchmal brauchte man Gef�hle. Sie konnten einen Mann wie Demandred zu Taten treiben, die sich jemand mit k�hlerem Kopf nicht einmal vorstellen konnte.</p><p>Moridin schaute zu Boden, kr�mmte die Finger der linken Hand, als w�ren sie steif. Graendal las einen Hauch von Schmerz aus seiner Miene.</p><p>�Soll Semirhage verrotten�, knurrte Moridin. �Soll sie erleben, wie es ist, wenn man der Befragung unterworfen wird. Vielleicht wird der Gro�e Herr in den kommenden Wochen eine Verwendung f�r sie finden, aber das ist <emphasis>seine</emphasis> Entscheidung. Und jetzt berichtet mir von euren Vorbereitungen.�</p><p>Mesaana war etwas blass geworden und schaute Graendal an. Demandreds Wangen r�teten sich, als k�nnte er nicht glauben, dass sie vor einer anderen Auserw�hlten auf diese Weise ausgefragt wurden. Graendal l�chelte sie an.</p><p>�Ich bin in der perfekten Position�, sagte Mesaana und wandte sich mit einem hochm�tigen Ruck wieder Moridin zu. �Die Wei�e Burg und diese N�rrinnen, die sie beherrschen, werden bald mir geh�ren. Unserem Gro�en Herrn werde ich nicht nur eine vernichtete Wei�e Burg �bergeben, sondern eine ganze Brut von Machtlenkerinnen, die - so oder so - in der Letzten Schlacht unserer Sache dienen werden. Dieses Mal werden die Aes Sedai f�r uns k�mpfen!�</p><p>�Eine k�hne Behauptung�, meinte Moridin.</p><p>�Ich werde sie wahr machen�, erwiderte Mesaana leichthin. �Meine Anh�ngerinnen infizieren die Burg wie eine unsichtbare Seuche, die in einem v�llig gesund aussehenden Mann auf dem Markt schw�rt. Immer mehr schlie�en sich unserer Sache an. Manche mit Absicht, andere, ohne dass sie es wissen. Das Ergebnis ist das Gleiche.�</p><p>Graendal lauschte nachdenklich. Aran'gar behauptete, dass die Rebellen die Burg schlie�lich erobern w�rden, obwohl sich Graendal da gar nicht so sicher war. Wer w�rde den Sieg davontragen, das Kind oder die N�rrin? Aber spielte das �berhaupt eine Rolle?</p><p>�Und Ihr?�, fragte Moridin Demandred.</p><p>�Meine Herrschaft ist sicher�, sagte Demandred. �Ich bereite mich auf den Krieg vor. Wir werden bereit sein.�</p><p>Graendal wartete ungeduldig darauf, dass er mehr sagte, aber Moridin dr�ngte ihn nicht. Trotzdem war das immer noch mehr, als sie selbst hatte in Erfahrung bringen k�nnen. Anscheinend hatte Demandred einen Thron und die dazugeh�rigen Heere. Die sich versammelten. Es erschien immer wahrscheinlicher, dass es die Grenzl�nder waren, die durch den Osten marschierten.</p><p>�Ihr d�rft euch beide zur�ckziehen�, sagte Moridin.</p><p>Mesaana regte sich sichtlich �ber diese Entlassung auf, aber Demandred drehte sich einfach um und ging. In Gedanken nickte Graendal; sie w�rde ihn im Auge behalten m�ssen. Der Gro�e Herr favorisierte das Handeln, und oft erhielten diejenigen die beste Belohnung, die ihm ganze Heere bringen konnten. Demandred konnte sehr gut ihr wichtigster Rivale sein - nat�rlich nach Moridin.</p><p>Sie hatte er nicht entlassen, also blieb sie sitzen, w�hrend sich die anderen beiden zur�ckzogen. Moridin blieb stehen, wo er war, den einen Arm auf den Kaminsims gelegt. Eine Weile herrschte Schweigen in dem viel zu schwarzen Raum, dann trat ein Diener in einer schneidigen roten Uniform ein und brachte zwei Pokale. Er war ein h�sslicher Kerl mit einem flachen Gesicht und buschigen Augenbrauen, der keinen zweiten Blick wert war.</p><p>Sie nahm einen Schluck und schmeckte neuen Wein, etwas herb, aber nicht schlecht. Es wurde immer schwerer, guten Wein zu finden; die Ber�hrung des Gro�en Herrn verdarb alles auf der Welt, zerst�rte die Nahrung und ruinierte selbst die Dinge, die eigentlich keiner h�tte ruinieren d�rfen.</p><p>Moridin schickte den Diener mit einer Geste fort; seinen Pokal r�hrte er nicht an. Nat�rlich f�rchtete Graendal Gift. Das tat sie immer, wenn sie aus dem Glas eines anderen trank. Aber es gab keinen Grund, dass Moridin sie vergiftete. Er war der Nae'blis. W�hrend sich die meisten von ihnen weigerten, ihm ihre Unterw�rfigkeit zu zeigen, zwang er ihnen immer mehr seinen Willen auf und dr�ngte sie in Positionen als seine Untergebenen. H�tte er es gewollt, so h�tte er Graendal auf alle m�glichen Arten exekutieren lassen k�nnen, und der Gro�e Herr w�rde ihn gew�hren lassen. Also trank sie und wartete ab.</p><p>�Habt ihr Euch viel aus dem Geh�rten zusammengereimt, Graendal?�, fragte er dann.</p><p>�So viel, wie m�glich war�, antwortete sie wohl�berlegt.</p><p>�Ich wei�, wie sehr Ihr Euch nach Informationen verzehrt. Moghedien ist als die Spinne bekannt, die aus der Ferne an ihren F�den zupft, aber Ihr seid in vielerlei Hinsicht besser als sie. Sie webt so viele Netze, dass sie sich in ihnen verf�ngt. Ihr seid vorsichtiger. Ihr schlagt nur dann zu, wenn es klug ist, scheut Euch aber nicht vor dem Konflikt. Der Gro�e Herr erkennt Eure Initiative an.�</p><p>�Mein lieber Moridin�, sagte sie l�chelnd. �Ihr schmeichelt mir.�</p><p>�Spielt nicht mit mir, Graendal�, sagte er mit harter Stimme. �H�rt Euch Eure Komplimente an und schweigt.�</p><p>Sie zuckte zur�ck, als h�tte man sie geschlagen, sagte aber kein Wort mehr.</p><p>�Es war eine Belohnung, dass Ihr den beiden zuh�ren durftet�, fuhr Moridin fort. �Der Nae'blis ist auserw�hlt worden, aber unter der Herrschaft des Gro�en Herrn wird es andere hohe ruhmreiche Positionen geben. Manche werden h�her als andere sein. Der heutige Tag war ein Vorgeschmack auf die Privilegien, die Ihr genie�en k�nntet.�</p><p>�Ich lebe nur, um dem Gro�en Herrn zu dienen.�</p><p>�Dann dient ihm hiermit.� Moridin blickte sie an. �Al'Thor geht nach Arad Doman. Er soll unbeschadet leben, bis er mir an jenem letzten Tag gegen�bersteht. Aber man darf ihm <emphasis>nicht</emphasis> erlauben, in Eurem Land Frieden zu stiften. Er wird versuchen, die Ordnung wiederherzustellen. Ihr m�sst einen Weg finden, das zu verhindern.�</p><p>�Es wird geschehen.�</p><p>�Dann geht�, sagte Moridin und schwenkte ruckartig die Hand.</p><p>Sie stand nachdenklich auf und ging in Richtung T�r.</p><p>�Und Graendal�, sagte er.</p><p>Sie z�gerte, sah ihn an. Er stand gegen den Kaminsims gelehnt, wandte ihr gr��tenteils den R�cken zu. Er schien ins Leere zu starren, einfach auf die schwarzen Steine der gegen�berliegenden Wand. Auf eine seltsame Weise hatte er eine gro�e �hnlichkeit mit al'Thor - von dem sie dank ihrer Spione zahllose Zeichnungen hatte -, wenn er so stand.</p><p>�Das Ende ist nah�, sagte er. �Das Rad hat �chzend seine letzte Umdrehung hinter sich gebracht, die Uhr ist abgelaufen, die Schlange hat ihren letzten Hauch getan. Er muss den Herzschmerz erleben. Er muss die Entt�uschungen erleben, und er muss das Leid erleben. Macht ihn damit bekannt. Und Ihr werdet belohnt.�</p><p>Sie nickte, dann trat sie durch das bereitgestellte Wegetor zur�ck in ihre Festung in den Bergen von Arad Doman.</p><p>Um zu planen.</p><p>Rodel Ituraldes Mutter, die nun schon seit drei�ig Jahren in den Lehmh�geln seiner Domani-Heimat begraben lag, hatte ein Sprichwort ganz besonders zu sch�tzen gewusst: �Es wird immer schlimmer, bevor es besser wird.� Sie hatte es gesagt, als sie ihm als Jungen seinen kranken Zahn gezogen hatte, ein Leiden, das er sich geholt hatte, als er mit den anderen Dorfjungen mit dem Schwert gespielt hatte. Sie hatte es gesagt, als er seine erste Liebe an einen jungen Lord verloren hatte, der einen mit Federn verzierten Hut trug und dessen weiche H�nde genau wie das mit Juwelen verzierte Schwert bewiesen, dass er nie einen richtigen Kampf erlebt hatte. Und sie h�tte es jetzt gesagt, h�tte sie neben ihm auf dem Kamm gestanden und zugesehen, wie die Seanchaner auf die Stadt in dem flachen Tal unten zumarschierten.</p><p>Er studierte Darluna durch sein Fernglas, beschattete das Ende mit der linken Hand; der Wallach, auf dem er sa�, stand still im Abendlicht da. Er und mehrere seiner Domani hielten sich in der N�he einer kleinen Baumgruppe auf. Es h�tte schon des Gl�cks des Dunklen K�nigs bedurft, damit die Seanchaner ihn entdeckten. Selbst mit Ferngl�sern.</p><p>Es wird immer schlimmer, bevor es besser wird. Unter dem Hintern der Seanchaner hatte er ein Feuer entz�ndet, als er auf der Ebene von Almoth und bis nach Tarabon hinein ihre Nachschubposten zerst�rte. Und darum h�tte es ihn nicht �berraschen d�rfen, ein so gro�es Heer zu sehen - mindestens hundertf�nfzigtausend Mann -, das gekommen war, um den Brand zu l�schen. Es verriet einen gewissen Respekt. Sie untersch�tzten ihn nicht, diese seanchanischen Invasoren. Er w�nschte, sie h�tten es getan.</p><p>Ituralde schwenkte das Fernglas und musterte eine Gruppe Reiter. Sie ritten paarweise, die eine Frau des P�rchens trug Grau, die andere Rot und Blau. Sie waren viel zu weit entfernt, um selbst mit dem Fernglas die aufgestickten Blitze auf den Kleidern in Rot und Blau erkennen zu k�nnen, genauso wenig konnte er die Ketten sehen, die jedes Paar miteinander verbanden. <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Sul'dam.</emphasis></p><p>Dieses Heer f�hrte mindestens hundert Paare mit sich, vielleicht auch mehr. Und h�tte das nicht schon ausgereicht, konnte er am Himmel eine der fliegenden Bestien sehen, die n�her kam, damit ihr Reiter dem General eine Botschaft zuwerfen konnte. Mit solchen Kreaturen f�r ihre Sp�her hatte die seanchanische Armee einen unerh�rten Vorteil. Ituralde h�tte zehntausend Soldaten f�r eine der fliegenden Bestien eingetauscht. Andere Kommandanten h�tten lieber eine <emphasis>Damane</emphasis> gehabt, die Blitze schleudern und die Erde ersch�ttern konnte, aber genau wie Kriege wurden auch Schlachten genauso oft durch Informationen gewonnen wie durch Waffen.</p><p>Nat�rlich hatten die Seanchaner nicht nur bessere Sp�her, sondern auch bessere Waffen. Ganz zu schweigen von besseren Truppen. Auch wenn Ituralde stolz auf seine Domani war, waren doch viele seiner M�nner schlecht ausgebildet oder zu alt f�r den Kampf. Im Grunde geh�rte er selbst zur zweiten Gruppe, da sich die Jahre mittlerweile auf ihm auft�rmten wie Ziegel auf einer Palette. Dabei verschwendete er keinen Gedanken daran, sich zur Ruhe zu setzen. Als Junge hatte er oft das Gef�hl gehabt, von etwas getrieben zu werden - die Sorge, dass bei Erreichen seiner Vollj�hrigkeit alle gro�en Schlachten bereits geschlagen sein w�rden, dass der ganze Ruhm bereits geerntet war.</p><p>Manchmal beneidete er die Jungen um ihre Dummheit.</p><p>�Sie marschieren schnell, Rodel�, sagte Lidrin. Er war ein junger Mann mit einer Narbe auf der linken Wange, und er trug einen modischen schmalen schwarzen Schnurrbart. �Sie k�nnen es nicht erwarten, diese Stadt zu erobern.� Vor Beginn dieses Feldzugs war Lidrin ein noch unerprobter Offizier gewesen. Jetzt war er Veteran. Obwohl Ituralde und seine Streitkr�fte beinahe jedes Gefecht mit den Seanchanern gewonnen hatten, hatte Lidrin miterleben m�ssen, wie drei seiner Offizierskameraden gefallen waren, darunter der arme Jaalam Nishur. Aus ihrem Tod hatte Lidrin eine der bittersten Lektionen des Kriegshandwerks gelernt: ein Sieg bedeutete nicht notwendigerweise das �berleben. Und Befehlen zu folgen bedeutete oft auch nicht, zu siegen oder zu �berleben.</p><p>Lidrin trug nicht seine gew�hnliche Uniform. Das taten weder Ituralde noch einer der anderen M�nner. Ihre Uniformen waren anderswo gebraucht worden, und das lie� ihnen nur schlichte, abgetragene M�ntel und braune Hosen, die h�ufig von Ortsans�ssigen geliehen oder gekauft worden waren.</p><p>Ituralde hob wieder das Fernglas und dachte �ber Lidrins Bemerkung nach. In der Tat marschierten die Seanchaner sehr schnell; sie planten, Darluna im Handstreich zu besetzen. Sie erkannten den Vorteil, der das brachte, denn sie waren kluge Gegner, und sie hatten in Ituralde wieder eine Begeisterung entfacht, die er schon vor Jahren hinter sich gelassen geglaubt hatte.</p><p>�Ja, sie dr�cken aufs Tempo�, sagte er. �Aber was w�rdet Ihr tun, Lidrin? Ein feindliches Heer aus zweihunderttausend Mann hinter Euch, ein weiteres aus hundertf�nfzigtausend Mann vor Euch. Von allen Seiten von Feinden umgeben, w�rdet Ihr Eure M�nner nicht vielleicht auch etwas zu sehr antreiben, wenn Ihr w�sstet, dass am Ende eine Zuflucht auf Euch wartet?�</p><p>Lidrin schwieg. Ituralde schwenkte das Fernglas und studierte die Fr�hlingsfelder, auf denen viele Arbeiter dicht gedr�ngt mit der Aussaat besch�ftigt waren. F�r diesen Teil des Landes war Darluna eine gro�e Stadt. Nat�rlich konnte hier im Westen nichts mit den gro�en St�dten des Ostens und S�dens mithalten, ganz egal, was die Bewohner von Tanchico oder Falme auch behaupten mochten. Und dennoch, Darluna hatte eine ordentliche Granitmauer von zwanzig Fu� H�he. In den Befestigungen lag keine Sch�nheit, aber es war eine stabile Mauer, und sie umgab eine Stadt, die gro� genug war, um jeden Landjungen staunen zu lassen. In seiner Jugend h�tte Ituralde sie als pr�chtig bezeichnet. Das war, bevor er vor Tar Valon gegen die Aiel gek�mpft hatte.</p><p>Auf jeden Fall war es die beste Befestigung, die es in der Gegend zu finden gab, und das war den seanchanischen Kommandanten zweifellos bekannt. Sie h�tten auf einem H�gel Stellung beziehen k�nnen; bei einem Angriff von allen Seiten h�tte man die F�higkeiten der <emphasis>Damane</emphasis> voll aussch�pfen k�nnen. Allerdings h�tte ihnen das nicht nur keine M�glichkeit zum R�ckzug gelassen, es h�tte ihnen auch nur wenige M�glichkeiten zur Versorgung geboten. Hinter Stadtmauern w�rde es Brunnen und vielleicht sogar Reste der Wintervorr�te geben. Und Darluna, dessen Garnison anderswo zum Dienst gezwungen worden war, war viel zu klein, um ernsthaft Widerstand leisten zu k�nnen ...</p><p>Ituralde senkte das Fernglas. Er musste nicht wissen, was geschah, als die seanchanischen Sp�her die Stadt erreichten und verlangten, dass man dem Invasionsheer die Tore �ffnete. Er schloss die Augen und wartete.</p><p>Lidrin neben ihm atmete leise aus. �Sie haben es nicht bemerkt�, fl�sterte er. �Sie bringen den Gro�teil ihrer Truppen zur Stadtmauer und warten darauf, eingelassen zu werden!�</p><p>�Gebt den Befehl�, sagte Ituralde und schlug die Augen wieder auf. Mit �berlegenen Sp�hern wie den <emphasis>Raken</emphasis> gab es ein Problem. Verf�gte man �ber ein so n�tzliches Werkzeug, dann neigte man dazu, sich auch darauf zu verlassen. Und derartiges Vertrauen konnte ausgenutzt werden.</p><p>In der Ferne warfen die vermeintlichen Feldarbeiter ihre Werkzeuge zur Seite und zogen Bogen und Pfeile aus verdeckten Gr�ben. Die Stadttore �ffneten sich und enth�llten sich dahinter verbergende Soldaten - Soldaten, von denen die seanchanischen <emphasis>Raken</emphasis>-Sp�her behauptet hatten, sie seien vier Tagesritte weit entfernt.</p><p>Ituralde hob das Fernglas. Die Schlacht begann.</p><p>Die Finger des Propheten gruben Furchen in den Boden, als er sich auf den Kamm des bewaldeten H�gels hinaufzog. Seine Anh�nger k�mpften sich hinter ihm in die H�he. So wenige. So wenige! Aber er w�rde seine Armee wieder aufbauen. Die Herrlichkeit des Wiedergeborenen Drachen folgte ihm, und ganz egal, wo er hinkam, er fand immer willige Seelen. Jene, deren Herzen rein waren, jene, deren H�nde es nicht erwarten konnten, den Schatten zu vernichten.</p><p>Ja! Er musste nicht an die Vergangenheit denken, sondern an die Zukunft, wenn der Lord Drache die ganze Welt beherrschte! Wenn die Menschen allein seine Untertanen sein w�rden, und die des Propheten unter ihm. Glorreiche Tage w�rden das werden, Tage, an denen es niemand mehr wagte, den Propheten zu verschm�hen oder sich seinem Willen zu verweigern. Tage, an denen der Prophet nicht solche Dem�tigungen hinzunehmen hatte, wie in der N�he des Lagers von Schattengez�cht wie dieser Kreatur Aybara leben zu m�ssen. Glorreiche Tage. Glorreiche Tage kamen.</p><p>Es fiel schwer, die Gedanken auf diese zuk�nftigen Erfolge zu richten. Die Welt um ihn herum war dreckig. M�nner verleugneten den Drachen und suchten den Schatten. Selbst seine eigenen Anh�nger. Ja! Das musste der Grund daf�r sein, warum sie gestorben waren. Das musste der Grund daf�r sein, warum so viele bei dem Angriff auf Malden mit seinen Schattenfreunden, den Aiel, get�tet worden waren.</p><p>Der Prophet war sich so sicher gewesen. Er war davon ausgegangen, dass der Drache sein Volk besch�tzen und zu einem gro�en Sieg f�hren w�rde. Dann w�re der Wunsch des Propheten endlich in Erf�llung gegangen. Er h�tte Perrin Aybara mit eigenen H�nden t�ten k�nnen! Die Finger um diesen viel zu dicken Hals legen und ihn w�rgen k�nnen, zuzudr�cken und zu sp�ren, wie die Knochen brachen, wie das Fleisch gequetscht wurde, wie der Atem versiegte.</p><p>Der Prophet erreichte den H�gelkamm und strich den Dreck von seinen Fingern. Er atmete ein und aus, sah sich um, w�hrend seine wenigen �brig gebliebenen Anh�nger raschelnd aus dem Unterholz kletterten. Die Baumwipfel �ber ihren K�pfen waren sehr dicht, und nur wenig Sonnenlicht drang in die Tiefe. Licht. Das strahlende Licht.</p><p>In der Nacht vor dem Angriff war ihm der Drache erschienen. Erschienen in glorreicher Pracht! Eine Lichtgestalt, deren schimmernde Gew�nder in der Luft leuchteten. T�te Perrin Aybara!, hatte der Drache befohlen. T�te ihn! Also hatte der Prophet sein bestes Werkzeug ausgeschickt, Aybaras lieben Freund.</p><p>Dieser Junge, dieses Werkzeug, hatte versagt. Aram war tot. Die M�nner des Propheten hatten das best�tigt. Eine Trag�die! Waren sie darum nicht gediehen? War das der Grund, warum ihm von seinen Tausenden von Anh�ngern nur noch eine blo�e Handvoll geblieben waren? Nein. Nein! Sie mussten sich gegen ihn gestellt, mussten im Geheimen den Schatten angebetet haben. Aram! Ein Schattenfreund! Darum hatte er versagt.</p><p>Die ersten seiner Anh�nger - schmutzig, blutig, ersch�pft - erreichten den H�gelkamm. Ihre Kleidung war nicht besser als Lumpen. Kleidung, die sie nicht von anderen hervorhob. Die Kleidung von schlichten und guten Menschen.</p><p>Der Prophet z�hlte sie. Weniger als hundert. So wenige. Trotz des Tageslichts war dieser verfluchte Wald so finster. Dicke Baumst�mme standen dicht beieinander, und Wolken hatten den Himmel verdunkelt. Das Unterholz aus Knochenb�schen mit ihren d�nnen �sten war verfilzt und bildete eine beinahe unnat�rliche Barriere, au�erdem kratzten die B�sche wie Krallen �ber seine Haut.</p><p>Das Unterholz und die steilen Erdk�mme verhinderten, dass ihm das Heer folgen konnte. Obwohl der Prophet vor nicht einmal einer Stunde aus Aybaras Lager entkommen war, f�hlte er sich bereits sicher. Sie w�rden nach Norden gehen, wo sie Aybara und seine Schattenfreunde nicht finden w�rden. Dort konnte der Prophet einen Neuanfang machen. Er war nur bei Aybara geblieben, weil seine Anh�nger stark genug gewesen waren, Aybaras Schattenfreunde fernzuhalten.</p><p>Seine geliebten Anh�nger. Tapfere M�nner, und treu, jeder Einzelne von ihnen. Von Schattenfreunden ermordet. Er trauerte um sie, beugte den Kopf und murmelte ein Gebet. Seine Leute folgten seinem Beispiel. Sie waren m�de, aber in ihren Augen brannte das Licht der Leidenschaft. Die Schwachen unter ihnen oder die, denen die n�tige Hingabe fehlte, waren geflohen und vor langer Zeit get�tet worden. Das hier waren die Besten, die St�rksten, die Treuesten. Jeder von ihnen hatte im Namen des Wiedergeborenen Drachen viele Schattenfreunde get�tet.</p><p>Mit ihnen konnte er neu beginnen. Aber zuerst musste er Aybara entkommen. Im Augenblick war der Prophet zu schwach, um sich ihm entgegenzustellen. Aber er w�rde ihn sp�ter t�ten. Ja ... Finger um diesen Hals ... ja ...</p><p>Der Prophet konnte sich noch an eine Zeit erinnern, in der man ihn anders genannt hatte. Masema. Mittlerweile waren diese Tage sehr verschwommen, wie die Erinnerungen an ein fr�heres Leben. Tats�chlich war Masema wiedergeboren worden, so wie alle Menschen in das Muster wiedergeboren wurden - er hatte sein altes, profanes Leben abgestreift und war der Prophet geworden.</p><p>Die letzten M�nner gesellten sich auf dem Kamm zu ihm. Er spuckte ihnen vor die F��e. Sie hatten ihn im Stich gelassen. Feiglinge. Sie h�tten besser k�mpfen m�ssen! Er h�tte diese Stadt erobern m�ssen!</p><p>Er wandte sich nach Norden und marschierte weiter. Diese Landschaft wurde ihm vertraut, obwohl es oben in den Grenzlanden nichts Vergleichbares gab. Sie w�rden ins Hochland hinaufsteigen und dann die Ebene von Almoth betreten. Dort gab es Drachenverschworene, Anh�nger des Propheten, auch wenn viele noch nie von ihm geh�rt hatten. Dort w�rde er schnell neue Kr�fte gewinnen.</p><p>Er schob sich durch ein dunkles Geb�sch und betrat eine kleine Lichtung. Seine M�nner folgten ihm schnell. Sie w�rden bald etwas zu essen brauchen, und er w�rde sie auf die Jagd schicken m�ssen. Keine Feuer. Sie konnten es sich nicht leisten, den Feind zu alarmieren ...</p><p>�Hallo, Masema�, sagte eine leise Stimme.</p><p>Er fauchte, fuhr herum, seine Anh�nger dr�ngten sich um ihn und zogen die Waffen. Wenige Schwerter, Messer, Kampfst�be, ein paar Stangenwaffen. Der Prophet lie� die Blicke �ber die im tr�ben Nachmittagslicht liegende Lichtung schweifen, suchte nach der Sprecherin. Sie stand ein kurzes St�ck entfernt auf ein paar Felsen, die aus dem Erdreich ragten. Eine Frau mit einer typisch saldaeanischen Nase, leicht schr�g stehenden Augen und schulterlangem schwarzen Haar. Sie trug Gr�n, einen Reitrock, und hatte die Arme vor der Brust verschr�nkt.</p><p>Faile Aybara, die Frau des Schattengez�chts Perrin Aybara. �Ergreift sie!�, schrie der Prophet und zeigte mit dem Finger auf sie. Ein paar seiner Anh�nger stolperten los, aber die meisten z�gerten. Sie hatten gesehen, was ihm verborgen geblieben war. Schatten im Wald hinter Aybaras Frau, die einen Halbkreis bildeten. Die Umrisse von M�nnern, deren Bogen auf die Lichtung zielten.</p><p>Faile winkte energisch, und die Pfeile flogen. Diejenigen von seinen Anh�ngern, die seinem Befehl zuerst gefolgt waren, fielen auch als Erste, schrien in dem stummen Wald auf, bevor sie auf den lehmigen Boden st�rzten. Der Prophet br�llte, jeder Pfeil schien sein eigenes Herz zu durchbohren. Seine geliebten Anh�nger! Seine Freunde! Seine lieben Br�der!</p><p>Ein Pfeil traf ihn und warf ihn auf den R�cken. Um ihn herum starben M�nner, so wie sie zuvor gestorben waren. Warum hatte ihn der Drache nicht besch�tzt, warum nicht? Warum nicht? Pl�tzlich �berw�ltigte ihn wieder der Schrecken des Ganzen, das schleichende Entsetzen, seine M�nner in Wellen fallen sehen zu m�ssen, zusehen zu m�ssen, wie sie durch die Hand der Aiel-Schattenfreunde starben.</p><p>Es war Perrin Aybaras Fehler. H�tte der Prophet das doch nur fr�her begriffen, damals am Anfang, noch bevor er den Lord Drachen als das erkannt hatte, was er war!</p><p>�Es ist mein Fehler�, fl�sterte der Prophet, als die letzten seiner Anh�nger starben. Bei einigen von ihnen hatte man mehrere Pfeile gebraucht, um sie aufzuhalten. Das hatte ihn mit Stolz erf�llt.</p><p>Langsam zwang er sich wieder auf die F��e, hielt sich die Schulter, aus der der Schaft herausragte. Er hatte zu viel Blut verloren. Schwindelig sackte er wieder auf die Knie.</p><p>Faile stieg von ihrem Stein und betrat die Lichtung. Zwei Frauen in Hosen folgten ihr. Sie erschienen besorgt, aber Faile ignorierte ihre Proteste, dass sie zur�ckbleiben sollte. Sie trat zu dem Propheten, dann zog sie das Messer aus dem G�rtel. Es war eine sch�ne Klinge, mit einem gegossenen Griff, den ein Wolfskopf zierte. Das war gut so. Der Anblick erinnerte den Propheten an den Tag, an dem er sich seine eigene Klinge verdient hatte. Der Tag, an dem sein Vater sie ihm gegeben hatte.</p><p>�Danke, dass du bei dem Angriff auf Malden geholfen hast, Masema�, sagte Faile und blieb direkt vor ihm stehen. Dann holte sie aus und rammte ihm diese Klinge direkt ins Herz. Er fiel nach hinten, das Blut str�mte hei� �ber seine Brust.</p><p>�Manchmal muss eine Ehefrau das tun, was ihr Mann nicht tun kann�, h�rte er Faile zu ihren Frauen sagen, w�hrend ihm die Augen zufallen wollten. �Was wir heute getan haben, war eine finstere Tat, aber sie war n�tig. Keiner soll es meinem Mann sagen. Er darf es nie erfahren.�</p><p>Ihre Stimme wurde leiser. Der Prophet fiel.</p><p>Masema. Das war sein Name gewesen. An seinem f�nfzehnten Geburtstag hatte er sich sein Schwert verdient. Sein Vater war so stolz gewesen.</p><p><emphasis>Also ist es vorbei,</emphasis> dachte er und konnte die Augen nicht l�nger ge�ffnet halten. <emphasis>Habe ich es gut gemacht, Vater, oder habe ich versagt?</emphasis></p><p>Es gab keine Antwort. Und dann vereinigte er sich mit der Leere und fiel in ein endloses Meer aus Dunkelheit.</p></section><section><title><p>1</p><p>Stahl hat keine Tr�nen</p></title><p>Das Rad der Zeit dreht sich, Zeitalter kommen und vergehen und lassen Erinnerungen zur�ck, die zu Legenden werden. Legenden verblassen zu Mythen, und sogar der Mythos ist lange vergessen, wenn das Zeitalter wiederkehrt, aus dem er geboren wurde. In einem Zeitalter, das von einigen das Dritte Zeitalter genannt wurde, einem Zeitalter, das noch kommen sollte, einem lange vergangenen Zeitalter, strich ein Wind um die alabasterne Turmspitze dessen, was als die Wei�e Burg bekannt war. Der Wind war nicht der Anfang. Es gibt bei der Drehung des Rades der Zeit keinen Anfang und kein Ende. Aber es war <emphasis>ein</emphasis> Anfang.</p><p>Der Wind wand sich um den pr�chtigen Turm, strich �ber perfekt zusammengef�gte Steinquader und majest�tisch flatternde Banner. Der Bau war irgendwie anmutig und m�chtig zugleich; eine passende Metapher f�r all jene, die ihn seit dreitausend Jahren bewohnten. Nur wenige, die zum Turm hochblickten, w�rden ahnen, dass er in der Tiefe seines Herzens zerbrochen und verdorben worden war. Unabh�ngig voneinander.</p><p>Der Wind wehte weiter und passierte eine Stadt, die mehr Kunstwerk als n�chterne Hauptstadt war. Jedes Geb�ude war ein Wunder; selbst die schlichtesten Gesch�ftsfassaden waren von pedantischen Ogierh�nden erschaffen worden, um Staunen und Wunder heraufzubeschw�ren. Hier deutete eine Kuppel die Gestalt der aufgehenden Sonne an. Dort schoss ein Springbrunnen von einem Geb�udedach und erhob sich zu einem Gebilde, das zwei miteinander kollidierende Wellen darzustellen schien. An einer kopfsteingepflasterten Stra�e standen sich zwei dreist�ckige Geb�ude gegen�ber, die beide in der Form einer Jungfrau gestaltet waren. Die Marmorsch�pfungen - je zur H�lfte Statue und zur H�lfte Haus - streckten einander Steinh�nde wie zum Gru� entgegen; ihr Haar wehte nach hinten, unbeweglich und doch mit solcher Genauigkeit gemei�elt, dass jede Str�hne im vorbeistreichenden Wind zu wogen schien.</p><p>Die Stra�en selbst waren bedeutend weniger pr�chtig. Oh, man hatte sie mit Sorgfalt geplant, und sie gingen wie Sonnenstrahlen von der Wei�en Burg aus. Aber Abfall d�mpfte das Sonnenlicht, ein Hinweis auf die durch die Belagerung verursachte Enge. Und vielleicht war das Gedr�nge nicht der einzige Grund f�r den Verfall. Die Ladenschilder und Markisen waren schon viel zu lange nicht mehr geputzt oder poliert worden. Verrottender M�ll stapelte sich dort, wo man ihn in den Gassen hingeworfen hatte, zog Fliegen und Ratten an, vertrieb aber alle anderen. An den Stra�enecken lungerten gef�hrliche Gauner herum. Einst h�tten sie das nie gewagt, und vor allem nicht mit solcher Arroganz.</p><p>Wo war die Wei�e Burg, das Gesetz? Junge Narren lachten, behaupteten, die Probleme der Stadt w�rden durch die Belagerung verursacht und die Dinge sich wieder beruhigen, sobald man die Rebellen niedergerungen hatte. �ltere M�nner sch�ttelten die ergrauten K�pfe und murmelten, dass die Dinge noch nie so schlimm gewesen waren, nicht einmal, als die wilden Aiel Tar Valon zwanzig Jahre zuvor belagert hatten.</p><p>Kaufleute ignorierten die Jungen wie die Alten. Sie hatten ihre eigenen Probleme, vor allem im S�dhafen, wo der Flusshandel in die Stadt beinahe zum Erliegen gekommen war. St�mmige Arbeiter schufteten unter der Kontrolle einer Aes Sedai, die eine Stola mit roten Fransen trug; sie entfernte mit der Einen Macht Schutzgewebe und schw�chte den Stein, w�hrend die Arbeiter den Felsen zerschlugen und wegschafften.</p><p>Die Arbeiter hatten die �rmel aufgerollt und entbl��ten dunkles Haar auf strammen Armen, als sie Hammer oder Spitzhacke schwangen und auf die uralten Steine einschlugen. Ihr Schwei� tropfte auf den Felsen oder ins Wasser unter ihnen, als sie die Fundamente der Kette freigruben, die den Wasserweg in die Stadt behinderte. Die H�lfte dieser Kette bestand nun aus unzerst�rbarem <emphasis>Cuendillar,</emphasis> das manche auch als Herzstein bezeichneten. Es war eine ersch�pfende Plackerei, sie herauszurei�en und den Zugang zur Stadt wieder zu erm�glichen; die pr�chtigen und widerstandsf�higen Hafenanlagen waren mit der Einen Macht geformt worden und nur eines der auff�lligeren Opfer des stummen Krieges zwischen den Rebellen und den Aes Sedai, die die Burg hielten.</p><p>Der Wind blies durch den Hafen, in dem Tr�ger m��ig zusahen, wie Arbeiter einen Stein nach dem anderen zu Splittern zerlegten und grauwei�en Staub produzierten, der auf der Wasseroberfl�che trieb. Die mit zu viel Verstand - oder vielleicht auch zu wenig - fl�sterten, dass solche Vorzeichen nur eines bedeuten konnten. Tarmon Gai'don, die Letzte Schlacht, musste bald kommen.</p><p>Der Wind tanzte von den Docks fort und passierte die hohen wei�en Molen, die auch als die Leuchtenden Mauern bekannt waren. Hier konnte man endlich Sauberkeit und Aufmerksamkeit bei der Burgwache finden, die mit ihren Bogen Wache hielt. Glatt rasiert und mit ihren wei�en fleckenlosen Wappenr�cken bekleidet, sp�hten die Bogensch�tzen mit der gef�hrlichen Anspannung von gleich zubei�enden Schlangen �ber ihre Stellungen. Diese Soldaten hatten nicht die Absicht, Tar Valon w�hrend ihrer Schicht erobern zu lassen. Tar Valon hatte jeden Feind abgewehrt. Trollocs hatten die Stadtmauer durchbrochen, waren aber in den Stra�en der Stadt besiegt worden. Artur Falkenfl�gel hatte Tar Valon nicht einnehmen k�nnen. Nicht einmal die schwarz verschleierten Aiel, die w�hrend des Aiel-Krieges das Umland verw�stet hatten, hatten die Stadt erobern k�nnen. Viele hatten das als gro�en Sieg betrachtet. Andere hatten sich gefragt, was wohl geschehen w�re, h�tten die Aiel tats�chlich in die Stadt gewollt.</p><p>Der Wind passierte die westliche Gabelung des Erinin und lie� die Insel Tar Valon hinter sich zur�ck, passierte rechts die hohe Alindaer-Br�cke, als wollte er die Feinde h�hnisch herausfordern, sie zu �berqueren und zu sterben. Hinter der Br�cke fuhr der Wind nach Alindaer hinein, eines der vielen D�rfer im Umkreis von Tar Valon. Es war ein gr��tenteils entv�lkertes Dorf, da die meisten Familien �ber die Br�cke geflohen waren, um Zuflucht in der Stadt zu finden. Das feindliche Heer war ohne jede Vorwarnung erschienen, wie vom Sturm gebracht. Das wunderte nur wenige. Das Rebellenheer wurde von Aes Sedai angef�hrt, und jene, die im Schatten der Wei�en Burg lebten, wetteten nur selten auf das, was Aes Sedai erreichen konnten und was nicht.</p><p>Das Rebellenheer stand bereit, war sich aber unsicher. �ber f�nfzigtausend Mann stark lagerte es in einem dichten Zeltring um das kleinere Lager der Aes Sedai. Zwischen dem inneren und �u�eren Lager gab es eine deutliche Grenze, die erst k�rzlich verst�rkt worden war, um M�nner fernzuhalten, vor allem jene, die <emphasis>Saidin</emphasis> lenken konnten.</p><p>Man h�tte beinahe glauben k�nnen, dass dieses Rebellenlager f�r die Ewigkeit errichtet worden war. Seinen Abl�ufen haftete eine gewisse Allt�glichkeit an. Gestalten in Wei� eilten umher, manche in formeller Novizinnentracht, viele andere in �hnlicher Kleidung. Wenn man genau hinsah, konnte man sehen, dass viele von ihnen alles andere als jung waren. Manche von ihnen hatten schon graue Haare. Aber man sprach sie als �Kinder� an, und gehorsam waren sie, w�hrend sie unter den unbewegten Blicken von Aes Sedai Kleider wuschen, Teppiche ausklopften und Zeltplanen schrubbten. Und falls diese Aes Sedai ungew�hnlich oft zu dem nagel�hnlichen Profil der Wei�en Burg schauten, h�tte man daraus den falschen Eindruck gewinnen k�nnen, n�mlich dass sie nerv�s oder voller Unbehagen waren. Aes Sedai hatten alles unter Kontrolle. Immer. Selbst jetzt, wo sie eine unbestreitbare Niederlage erlitten hatten: Egwene al'Vere, Amyrlin-Sitz der Rebellen, war Gefangene der Wei�en Burg.</p><p>Der Wind zupfte an ein paar Kleidern, riss W�sche von ihren Leinen und eilte dann weiter nach Westen. Nach Westen, vorbei am gewaltigen Drachenberg mit seinem zerschmetterten und rauchenden Gipfel. �ber die Schwarzen H�gel und die Caralain-Steppe. Hier klebten noch vereinzelte Schneewehen in den Schatten unter zerkl�fteten Bergh�ngen oder vereinzelten Gruppen von Schwarzholzb�umen. Man wartete auf den Anbruch des Fr�hlings, dass frische Sprossen durch das Wintergras sp�hten und Knospen auf den Weidenb�umen erbl�hten. Davon gab es nur wenig. Das Land lag noch immer im Schlummer, als w�rde es warten, den Atem anhalten. Die unnat�rliche Hitze des vorangegangenen Herbstes hatte sich bis tief in den Winter erstreckt und dem Land eine D�rre aufgezwungen, die abgesehen von den widerstandsf�higsten Pflanzen aus allem das Leben herausgekocht hatte. Als der Winter endlich eingetroffen war, war er mit St�rmen aus Eis und Schnee gekommen und einem lange anhaltenden, alles abt�tenden Frost. Jetzt, da sich die K�lte endlich zur�ckgezogen hatte, hofften die Bauern auf ihren verstreut liegenden H�fen vergeblich.</p><p>Der Wind strich �ber braunes Wintergras, sch�ttelte die noch immer kahlen Baum�ste. Tief im Westen, als er sich dem Land namens Arad Doman n�herte - hohe Berge und niedrige Gipfel -, krachte pl�tzlich etwas in ihn hinein. Etwas Unsichtbares, ausgebr�tet von der fernen Finsternis im Norden. Etwas, das gegen die nat�rlichen Luftstr�mungen floss. Der Wind wurde davon verschlungen und durch eine B�e nach S�den geweht, �ber niedrige Gipfel und braune H�gel zu einem h�lzernen Herrenhaus, das sich einsam auf den mit Kiefern bewachsenen H�geln des �stlichen Arad Doman erhob. Der Wind blies �ber das Herrenhaus und die auf einem sehr weitl�ufigen Rasen davor errichteten Zelte hinweg, lie� Kiefernnadeln fliegen und die Zelte erbeben.</p><p>Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache, stand mit auf dem R�cken gefalteten H�nden vor dem offenen Fenster und sah hinaus. In Gedanken bezeichnete er sie noch immer so, seine �H�nde�, obwohl er jetzt nur noch eine hatte. Sein linker Arm endete in einem Stumpf. Mit den Fingern der guten Hand tastete er �ber die glatte, mit <emphasis>Saidar</emphasis> Geheilte Haut. Und doch kam es ihm so vor, als <emphasis>m�sste</emphasis> die andere Hand noch immer da sein.</p><p><emphasis>Stahl,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich bin Stahl. Das kann nicht repariert werden, also mache ich weiter.</emphasis></p><p>Das Haus - ein Geb�ude aus dickem Kiefern- und Zedernholz in einem Baustil, den reiche Domani bevorzugten - �chzte und setzte sich im Wind. Irgendwie roch er nach verfaultem Fleisch. Kein ungew�hnlicher Geruch in diesen Tagen. Fleisch verdarb ohne jede Vorwarnung, manchmal nur ein paar Minuten nach dem Schlachten. Es zu trocknen oder einzusalzen half nicht. Das war die Hand des Dunklen K�nigs, und sie lastete mit jedem vergehenden Tag schwerer auf allem. Wie lange noch, bevor seine Ber�hrung �berw�ltigend war, so �lig und �belkeiterregend wie der Makel, der einst <emphasis>Saidin</emphasis> �berzog, die m�nnliche H�lfte der Einen Macht?</p><p>Der Raum war breit und lang, die Au�enwand war aus breiten St�mmen gezimmert. Die Innenw�nde bestanden aus Kiefernplanken, die noch immer einen Duft nach Harz und Beize verstr�mten. Der Raum war sp�rlich m�bliert; auf dem Boden lag ein Fellteppich, �ber dem Kamin kreuzten sich zwei alte Schwerter, den Holzm�beln haftete stellenweise noch Rinde an. Das ganze Anwesen war auf eine Weise eingerichtet, die verk�ndete, dass das ein idyllisches Heim in den W�ldern war, weit weg vom Gewimmel der gro�en St�dte. Nat�rlich war es keine H�tte - daf�r war es zu gro� und verschwenderisch ausgestattet. Ein Zufluchtsort.</p><p>�Rand?�, fragte eine Stimme leise. Er wandte sich nicht um, f�hlte aber Mins Finger auf dem Arm. Einen Augenblick sp�ter bewegten sich die H�nde zu seiner Taille, und er f�hlte ihren Kopf an seinem Arm ruhen. Er konnte ihre Sorge durch den mit der Einen Macht erzeugten Bund f�hlen, den sie teilten.</p><p><emphasis>Stahl,</emphasis> dachte er.</p><p>�Ich wei�, dir gef�llt nicht, dass ...�, begann Min.</p><p>�Das Ge�st�, sagte er und wies mit dem Kopf zum Fenster. �Siehst du die Kiefern da, direkt an der Seite von Basheres Lager?�</p><p>�Ja, Rand. Aber ...�</p><p>�Sie neigen sich in die falsche Richtung�, sagte Rand.</p><p>Min z�gerte, und obwohl sie sich nach au�en hin nichts anmerken lie�, verriet ihm der Bund einen Stich der Furcht. Ihr Fenster befand sich in der oberen Etage des Hauses, und drau�en flatterten Banner tr�ge hoch �ber dem Lager; das Banner des Lichts und das Drachenbanner f�r Rand, eine viel kleinere blaue Flagge mit drei roten K�nigspfennigbl�ten, die die Anwesenheit von Haus Bashere verk�ndete. Alle drei flatterten stolz ... doch genau neben ihnen wehten die Kiefern�ste in die genau <emphasis>andere</emphasis> Richtung.</p><p>�Der Dunkle K�nig r�hrt sich, Min�, sagte Rand. Eigentlich h�tte er auch annehmen k�nnen, dass diese Winde das Ergebnis seiner Natur als <emphasis>Ta'veren</emphasis> waren, aber die Ereignisse, die er in Gang setzte, waren immer vorstellbar. Wind, der zugleich in zwei verschiedene Richtungen wehte ... nun, er konnte sp�ren, wie falsch die Bewegungen dieser Kiefern waren, selbst wenn es ihm schwerfiel, die einzelnen B�ume voneinander zu unterscheiden. Sein Augenlicht war seit dem Tag, an dem er seine Hand verloren hatte, nicht mehr dasselbe. Es war, als ... w�rde er durch Wasser auf etwas Verzerrtes blicken. Es wurde besser. Langsam.</p><p>Das Geb�ude geh�rte zu einer Reihe von Herrenh�usern, Anwesen und anderen abgelegenen Verstecken, die Rand w�hrend der letzten Wochen benutzt hatte. Nach dem gescheiterten Treffen mit Semirhage hatte er in Bewegung bleiben wollen, war von einem Ort zum anderen gesprungen. Er hatte Zeit zum Nachdenken haben wollen und hoffentlich die Feinde verwirrt, die vermutlich nach ihm suchten. Lord Algarins Herrenhaus in Tear war kompromittiert worden; zu schade. Das war ein guter Ort gewesen. Aber er musste in Bewegung bleiben.</p><p>Basheres Saldaeaner hatten auf dem Rasen vor dem Haus ein Lager aufgebaut - auf einer weiten Grasfl�che, die von Tannen und Kiefern umgeben war. Sie als �Rasen� zu bezeichnen, schien bestenfalls noch eine Ironie zu sein. Selbst vor der Ankunft der Truppen war er nicht gr�n gewesen - eine fleckige braune Fl�che aus abgestorbenem Gras, die nur an wenigen Stellen z�gerlich von neuen Trieben durchbrochen wurde. Und selbst die waren kr�nklich und gelb gewesen und von Hufen und Stiefeln zertrampelt worden.</p><p>Zelte bedeckten den Rasen. Von Rands Aussichtspunkt im ersten Stock erinnerten ihn die ordentlichen Reihen aus kleinen Spitzzelten an die Rechtecke eines Steinebretts. Die Soldaten hatten den Wind bemerkt. Einige zeigten darauf, andere hielten die K�pfe gesenkt, polierten R�stungen, trugen Wassereimer zu den Pferdeleinen, sch�rften Schwerter und Lanzenspitzen. Wenigstens waren es nicht wieder die wandelnden Toten. Die entschlossensten M�nner konnten ihren Willen verlieren, wenn sich Geister aus ihren Gr�bern erhoben, und Rand brauchte eine starke Armee.</p><p><emphasis>Brauchte.</emphasis> Es ging nicht l�nger darum, was er wollte oder w�nschte. Seine s�mtlichen Handlungen konzentrierten sich allein auf Notwendigkeiten, und am meisten brauchte er die Leben jener, die ihm folgten. Soldaten, die k�mpften und starben, die die Welt auf die Letzte Schlacht vorbereiteten. Tarmon Gai'don kam. Dass sie stark genug waren, um zu siegen, das <emphasis>brauchte</emphasis> er.</p><p>An der linken Rasenseite schl�ngelte sich ein Bach durch das Gel�nde, ein St�ck unterhalb des kleinen H�gels, auf dem sich das Anwesen erhob. Sicherlich nichts weiter als ein bescheidener Wasserweg, aber eine pr�chtige Wasserquelle f�r das Heer.</p><p>Pl�tzlich ver�nderte sich der Wind, und die Flaggen fuhren herum und flatterten in die andere Richtung. Also waren es gar nicht die �ste gewesen, die Banner hatten in die falsche Richtung gezeigt. Min stie� ein leises Seufzen aus, und er nahm ihre Erleichterung wahr, obwohl sie sich noch immer wegen ihm Sorgen machte. Dieses Gef�hl war best�ndig in letzter Zeit. Er nahm es bei ihnen allen wahr, jeder der vier Gef�hlsstr�me war in seinen Hinterkopf verbannt. Drei von den Frauen, denen er erlaubt hatte, sich dort zu platzieren, einer von der Frau, die sich dort gegen seinen Willen hineingedr�ngt hatte. Einer von ihnen kam n�her. Aviendha, die von Rhuarc begleitet kam, um sich mit ihm hier zu treffen.</p><p>jede der vier Frauen w�rde die Entscheidung bereuen, mit ihm den Bund eingegangen zu sein. Er w�nschte, er k�nnte es bereuen, das zugelassen zu haben - oder zumindest die Entscheidung, es den dreien zu erlauben, die er liebte. Aber in Wahrheit brauchte er Min, brauchte ihre St�rke und ihre Liebe. Er w�rde sie benutzen, wie er so viele andere benutzt hatte. Nein, in ihm war kein Platz f�r Reue. Er w�nschte sich nur, er k�nnte seine Schuldgef�hle genauso leicht verdr�ngen.</p><p><emphasis>Ilyena!,</emphasis> sagte eine leise Stimme in seinem Kopf. <emphasis>Meine Liebe</emphasis> ... An diesem Tag verhielt sich Lews Therin Telamon, Bruderm�rder, relativ ruhig. Rand versuchte, nicht so gr�ndlich �ber die Dinge nachzudenken, die Semirhage an dem Tag gesagt hatte, an dem er seine Hand verloren hatte. Sie war eine der Verlorenen; sie w�rde alles sagen, wenn sie der Meinung war, ihrem Opfer damit Qualen bereiten zu k�nnen.</p><p><emphasis>Sie hat eine ganze Stadt gefoltert, um sich zu beweisen,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Sie hat tausend M�nner auf tausend verschiedene Weisen get�tet, um zu sehen, wie sich ihre Schreie voneinander unterscheiden w�rden. Aber sie l�gt nur selten. Selten.</emphasis></p><p>Rand schob die Stimme von sich.</p><p>�Rand�, sagte Min. Ihre Stimme klang jetzt noch leiser.</p><p>Er drehte sich um und sah sie an. Sie war geschmeidig und klein von Statur, und er hatte oft das Gef�hl, sie hoch zu �berragen. Ihr Haar trug sie in kurzen Locken und dunkel - aber es war nicht so dunkel wie ihre besorgt dreinblickenden Augen. Wie immer hatte sie Mantel und Hosen als Kleidung gew�hlt. Heute waren sie dunkelgr�n, wie die Kiefernnadeln dort drau�en. Doch als st�nden sie im Widerspruch zu ihrer Wahl, hatte sie die Kombination ver�ndert, damit sie ihre Figur betonte. Die Manschetten waren mit silbernen Bl�ten bestickt, die darunter zum Vorschein kommenden �rmel mit Spitze verziert. Sie duftete leicht nach Lavendel, vielleicht von der Seife, die sie in letzter Zeit bevorzugte.</p><p>Warum Hosen w�hlen, nur um sich dann mit Spitze zu schm�cken? Rand hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, die Frauen verstehen zu wollen. Sie zu verstehen w�rde ihm nicht helfen, zum Shayol Ghul zu kommen. Au�erdem musste er Frauen auch nicht verstehen, um sie benutzen zu k�nnen. Vor allem, wenn sie �ber Informationen verf�gten, die er brauchte.</p><p>Er knirschte mit den Z�hnen. <emphasis>Nein,</emphasis> dachte er. <emphasis>Nein, es gibt Grenzen, die ich nicht �berschreiten werde. Es gibt Dinge, die nicht einmal ich tun werde.</emphasis></p><p>�Du denkst wieder an sie!� Es klang beinahe vorwurfsvoll.</p><p>Er fragte sich oft, ob es einen Bund gab, der nur in eine Richtung funktionierte. Er h�tte viel daf�r gegeben.</p><p>�Rand, sie ist eine Verlorene�, fuhr Min fort. �Sie h�tte uns alle ohne zu z�gern get�tet.�</p><p>�Sie wollte mich nicht t�ten�, sagte Rand leise, wandte sich wieder von Min ab und schaute aus dem Fenster. �Ich sollte ihr Gefangener werden.�</p><p>Min zuckte zusammen. Schmerz, Sorge. Sie dachte an das gr�ssliche <emphasis>A'dam</emphasis> f�r M�nner, das Semirhage verborgen mitgebracht hatte, als sie die Identit�t der Tochter der Neun Monde angenommen hatte. Cadsuanes <emphasis>Ter'angreal</emphasis> hatte die Tarnung der Verlorenen zunichtegemacht, darum hatte Rand Semirhage erkennen k�nnen. Beziehungsweise hatte es Lews Therin erm�glicht, sie zu erkennen.</p><p>Der Zwischenfall hatte damit geendet, dass Rand eine Hand verlor und daf�r eine der Verlorenen als Gefangene gewann. Als er das letzte Mal in einer vergleichbaren Situation gewesen war, hatte es nicht gut geendet. Er wusste noch immer nicht, wohin Asmodean verschwunden war oder warum dieses Wiesel von einem Mann �berhaupt geflohen war, aber er vermutete, dass er viel von seinen Pl�nen und Aktivit�ten verraten hatte.</p><p><emphasis>H�ttest ihn t�ten sollen. H�ttest sie alle t�ten sollen.</emphasis></p><p>Rand nickte, dann erstarrte er. War das Lews Therins Gedanke gewesen oder sein eigener? <emphasis>Lews Therin,</emphasis> dachte er. <emphasis>Bist du da?</emphasis></p><p>Er glaubte Gel�chter geh�rt zu haben. Oder war es Schluchzen?</p><p><emphasis>Sei verflucht!,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Rede mit mir! Der Zeitpunkt n�hert sich. Ich muss wissen, was du wei�t! Wie hast du das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs versiegelt? Was ist schiefgegangen, warum war das Gef�ngnis danach nicht sicher? Rede mit mir!</emphasis></p><p>Ja, das war definitiv Geschluchze und kein Lachen. Manchmal war das bei Lews Therin schwer auseinanderzuhalten. Rand betrachtete den Toten auch weiterhin als eigenst�ndiges Individuum, ganz egal, was Semirhage gesagt hatte. Er hatte <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt! Der Makel war verschwunden und konnte seinen Verstand nicht l�nger ber�hren. Er w�rde <emphasis>nicht</emphasis> verr�ckt werden.</p><p><emphasis>Der Sturz in den echten Wahnsinn kann ... ganz pl�tzlich erfolgen.</emphasis> Wieder h�rte er ihre Worte, die sie laut verk�ndet hatte, damit auch alle sie h�rten. Sein Geheimnis war endlich enth�llt. Aber Min hatte in einer Sicht gesehen, wie er mit einem anderen Mann verschmolz. Musste das nicht bedeuten, dass er und Lews Therin zwei eigenst�ndige Pers�nlichkeiten waren, zwei Individuen, die in einen K�rper gezwungen worden waren?</p><p><emphasis>Es macht aber keinen Unterschied, dass seine Stimme real ist,</emphasis> hatte Semirhage gesagt. <emphasis>Tats�chlich verschlimmert das seine Situation noch ...</emphasis></p><p>Rand sah zu, wie eine Gruppe von sechs Soldaten die Pferdeseile inspizierte, die an der rechten Seite des Rasens gespannt waren, zwischen der letzten Zeltreihe und den B�umen. Sie �berpr�ften einen Huf nach dem anderen.</p><p>Er durfte nicht �ber seinen Wahnsinn nachdenken. Er durfte auch nicht dar�ber nachdenken, was Cadsuane mit Semirhage machte. Damit blieben nur noch seine Pl�ne �brig. <emphasis>Der Norden und der Osten m�ssen eins sein. Der Westen und der S�den m�ssen eins sein. Die zwei m�ssen eins sein.</emphasis> Das war die Antwort gewesen, die er von den seltsamen Gesch�pfen hinter der roten T�r erhalten hatte. Das war sein einziger Anhaltspunkt.</p><p>Norden und Osten. Er musste diese L�nder zum Frieden zwingen, ob sie es wollten oder nicht. Im Osten hatte er ein zerbrechliches Gleichgewicht errichtet, mit Illian, Mayene, Cairhien und Tear, die alle irgendwie unter seiner Kontrolle standen. Die Seanchaner beherrschten den S�den, hatten Altara, Amadicia und Tarabon unter Kontrolle. M�glicherweise auch bald Murandy, falls sie in diese Richtung vorstie�en. Damit blieben nur Andor und Elayne.</p><p>Elayne. Sie war in der Ferne, weit im Osten, trotzdem konnte er ein B�ndel ihrer Gef�hle in seinem Kopf wahrnehmen. Bei dieser Entfernung war es schwierig, Genaueres zu erkennen, aber er glaubte, sie war ... erleichtert. Bedeutete das, dass ihr Kampf um die Macht von Andor gut verlief? Was war mit den Heeren, die sie belagert hatten? Und was hatten diese Grenzl�nder nur vor? Sie hatten ihre Posten verlassen, sich vereinigt und marschierten nach S�den, um Rand zu finden, hatten aber keine Erkl�rung gegeben, was sie eigentlich von ihm wollten. Sie geh�rten zu den besten Soldaten westlich vom R�ckgrat der Welt. Sie w�rden eine unsch�tzbare Hilfe bei der Letzten Schlacht sein. Aber sie hatten die Nordl�nder verlassen. Warum?</p><p>Er str�ubte sich dagegen, Rechenschaft von ihnen zu verlangen, aus Angst, ihn k�nnte ein weiterer Kampf erwarten. Einer, den er sich im Moment nicht leisten konnte. Beim Licht! Er h�tte gedacht, sich zumindest bei den Grenzl�ndern darauf verlassen zu k�nnen, dass sie ihn gegen den Schatten unterst�tzten.</p><p>Aber das spielte im Moment keine Rolle. Im gr��ten Teil des Landes hatte er Frieden, oder zumindest etwas Vergleichbares. Er bem�hte sich, nicht an die k�rzlich niedergeschlagene Rebellion gegen ihn in Tear zu denken oder die Unberechenbarkeit der Grenzen mit den Seanchanern oder die Intrigenspiele des Adels in Cairhien. Jedes Mal, wenn er eine Nation gesichert zu haben glaubte, schienen ein Dutzend andere auseinanderzufallen. Wie sollte er Leuten den Frieden bringen, die sich weigerten, ihn zu akzeptieren?</p><p>Mins Finger auf seinem Arm dr�ckten fester zu, und er holte tief Luft. Er tat, was er konnte, und im Augenblick verfolgte er zwei Ziele. Frieden in Arad Doman und einen Waffenstillstand mit den Seanchanern. Die Worte, die man ihm jenseits der T�r gesagt hatte, waren jetzt klar: Er konnte nicht gleichzeitig gegen die Seanchaner und den Dunklen K�nig k�mpfen. Er musste die Seanchaner an ihrem Vorsto� hindern, bis die Letzte Schlacht vorbei war. Danach konnte das Licht sie alle verbrennen.</p><p>Warum hatten die Seanchaner seine Bitten um ein Treffen ignoriert? Waren sie ver�rgert, dass er Semirhage gefangen genommen hatte? Er hatte die <emphasis>Sul'dam</emphasis> ziehen lassen. Zeigte das nicht seinen guten Willen? Arad Doman w�rde seine Absichten beweisen. Wenn er den Kampf auf der Ebene von Almoth beenden konnte, konnte er den Seanchanern demonstrieren, dass sein Bem�hen um Frieden ernst gemeint war. Er w�rde sie dazu <emphasis>zwingen,</emphasis> dass sie es einsahen!</p><p>Er holte tief Luft und schaute aus dem Fenster. Basheres achttausend Soldaten schlugen Spitzzelte auf und hoben einen Graben aus und errichteten eine Mauer um die Rasenfl�che. Der wachsende Wall aus dunkelbrauner Erde bildete einen Kontrast zu den wei�en Zelten. Rand hatte den Asha'man befohlen, beim Graben zu helfen, und auch wenn er bezweifelte, dass ihnen die einfache Arbeit gefiel, beschleunigte das den Prozess doch gewaltig. Davon abgesehen vermutete er, dass sie - genau wie er - insgeheim jeden Vorwand genossen, <emphasis>Saidin</emphasis> zu halten. Sein Blick fiel auf eine kleine Gruppe von ihnen in ihren steifen schwarzen M�nteln und die von ihnen erzeugten Gewebe, w�hrend sie ein weiteres St�ck Boden umgruben. Es gab zehn von ihnen im Lager, auch wenn nur Flinn, Naeff und Narishma den Rang von vollen Asha'man einnahmen.</p><p>Die Saldaeaner arbeiteten schnell; sie trugen ihre kurzen M�ntel, w�hrend sie sich um ihre Pferde k�mmerten und Posten aufstellten. Andere holten Schaufel voll Erde von dem H�gel der Asha'man und benutzten sie f�r den Wall. Rand entging nicht der Unmut auf vielen saldaeanischen Gesichtern. Sie schlugen nicht gern Lager in bewaldeten Gegenden auf, nicht einmal so sp�rlich mit Kiefern bewachsenen wie dieser H�gel. B�ume erschwerten Kavallerieangriffe und konnten den Vorsto� von Feinden unterst�tzen.</p><p>Davram Bashere ritt langsam durch das Lager und bellte Befehle durch seinen dichten Schnurrbart. Neben ihm ging Lord Tellaen, ein korpulenter Mann in einem langen Mantel mit einem schmalen Domani-Schnurrbart. Er war ein Bekannter von Bashere.</p><p>Lord Tellaen ging ein gro�es Risiko ein, indem er Rand Unterschlupf gew�hrte; die Truppen des Wiedergeborenen Drachen aufzunehmen konnte man ihm als Verrat auslegen. Aber wer sollte ihn bestrafen? In Arad Doman herrschte das Chaos, der Thron wurde von mehreren Rebellenfraktionen bedroht. Und dann war da der gro�e Domani-General Rodel Ituralde und sein erstaunlich effektiver Krieg gegen die Seanchaner im S�den.</p><p>Wie seine M�nner trug Bashere nur einen kurzen blauen Mantel ohne Harnisch. Au�erdem trug er die volumin�sen Hosen, die er bevorzugte; die Beine waren in die kniehohen Stiefel gestopft. Was hielt Bashere wohl davon, sich in Rands <emphasis>ta'veren</emphasis>-Netz verfangen zu haben? Auch wenn er nicht im direkten Widerspruch zum Willen seiner K�nigin handelte, erf�llte er ihn auch nicht gerade. Wie lange war es her, dass er seiner rechtm��igen Herrscherin Bericht erstattet hatte? Hatte er Rand nicht versprochen, dass die Unterst�tzung seiner K�nigin rasch erfolgen w�rde? Wie viele Monate war das jetzt her?</p><p><emphasis>Ich bin der Wiedergeborene Drache,</emphasis> dachte Rand, <emphasis>ich breche alle Schw�re und Vereinbarungen. Alte Lehnspflichten sind nicht wichtig. Nur Tarmon Gai'don z�hlt.</emphasis> Tarmon Gai'don und die Diener des Schatten.</p><p>�Ich frage mich, ob wir Graendal hier finden werden�, sagte er nachdenklich.</p><p>�Graendal?�, fragte Min. �Wie kommst du darauf, dass sie hier sein k�nnte?�</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. Asmodean hatte behauptet, Graendal sei in Arad Doman, aber das war vor Monaten gewesen. War sie noch immer hier? Es erschien plausibel; es war eine der wenigen gro�en Nationen, in denen sie sein konnte. Graendal hatte gern eine verborgene Machtbasis weitab von den anderen Verlorenen. Sie w�rde sich nicht in Andor, Tear oder Illian niedergelassen haben. Und sie w�rde sich auch nicht in den L�ndern des S�dwestens erwischt haben lassen, nicht bei der Invasion der Seanchaner.</p><p>Irgendwo w�rde sie einen verborgenen R�ckzugsort haben. So operierte sie. Vermutlich in den Bergen, irgendwo hier an einem abgeschiedenen Ort im Norden. Er konnte sich nicht sicher sein, dass sie in Arad Doman war, aber nach dem zu urteilen, was er von ihr wusste, f�hlte es sich <emphasis>richtig</emphasis> an. Was Lews Therin von ihr wusste.</p><p>Aber es war nur eine M�glichkeit. Er w�rde vorsichtig sein m�ssen, nach ihr Ausschau halten. Jeder Verlorene, den er entfernen konnte, w�rde die Letzte Schlacht viel einfacher machen. Es w�rde ...</p><p>Leise Schritte n�herten sich der geschlossenen T�r.</p><p>Rand l�ste sich von Min, und beide fuhren herum. Er griff mit beiden H�nden nach dem Schwert - eine sinnlose Geste. Der Verlust seiner Hand, auch wenn es nicht seine f�hrende Schwerthand gewesen war, w�rde ihn bei jedem geschickten Gegner verwundbar machen. Obwohl <emphasis>Saidin</emphasis> eine viel m�chtigere Waffe darstellte, war sein erster Instinkt immer das Schwert. Das w�rde er �ndern m�ssen. Oder es w�rde ihm eines Tages den Tod bringen.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und Cadsuane trat ein, so selbstsicher wie eine K�nigin an ihrem Hof. Sie war eine stattliche Frau, mit dunklen Augen und ebenm��igem Gesicht. Das dunkelgraue Haar war oben zu einem Knoten gebunden, daran baumelten ein Dutzend winziger goldener Schmuckst�cke - jedes davon ein <emphasis>Ter'angreal</emphasis> oder <emphasis>Angreal.</emphasis> Ihr Kleid bestand aus schlichter dicker Wolle und war an der Taille mit einem gelben G�rtel gebunden; gelbe Stickereien schm�ckten den Kragen. Das Kleid selbst war gr�n, was nicht ungew�hnlich war, da das ihre Ajah war. Manchmal fand Rand, dass ihr strenges Gesicht - das v�llig alterslos war wie das einer jeden Aes Sedai, die lange genug mit der Macht gearbeitet hatte - viel besser zu einer Roten Ajah gepasst h�tte.</p><p>Er entspannte die Hand auf dem Schwert, auch wenn er es nicht loslie�. Er strich �ber den mit Stoff umwickelten Griff. Die Waffe war lang und leicht gekr�mmt, und die lackierte Scheide war mit einem langen gewundenen Drachen in Rot und Gold bemalt. Sie sah aus, als w�re sie speziell f�r ihn angefertigt worden - und doch war sie Jahrhunderte alt und erst k�rzlich entdeckt worden. <emphasis>Wie seltsam, dass man es erst jetzt gefunden hat,</emphasis> dachte er, <emphasis>und mir zum Geschenk machte, ohne dass sie auch nur eine Ahnung davon hatten, was sie da hielten ...</emphasis></p><p>Das Schwert hatte er sofort angenommen. Es f�hlte sich <emphasis>richtig</emphasis> in seiner Hand an. Er hatte niemandem, nicht einmal Min, erz�hlt, dass er die Waffe erkannt hatte. Und das seltsamerweise nicht einmal aus Lews Therins Erinnerungen - sondern seinen eigenen.</p><p>Cadsuane wurde von mehreren anderen Personen begleitet. Nynaeve war keine �berraschung; sie folgte Cadsuane nun oft, wie einer rivalisierenden Katze, die in ihr Territorium eindrang. Vermutlich tat sie es f�r ihn. Die dunkelhaarige Aes Sedai hatte nie ganz aufgeh�rt, die Seherin von Emondsfelde zu sein, ganz egal, was sie auch behauptete, und sie �berlie� niemandem auch nur eine Handbreit Boden, von dem sie glaubte, er w�rde jemanden herumschubsen, der unter ihrem Schutz stand. Nat�rlich hatte Nynaeve andererseits kein Problem damit, das Herumschubsen selbst zu �bernehmen.</p><p>Heute trug sie ein graues Kleid mit einer gelben Sch�rpe �ber dem G�rtel - eine neue Domani-Mode, wie er geh�rt hatte - und den traditionellen roten Punkt auf der Stirn. Sie trug eine lange Halskette aus Gold und einen schmalen goldenen G�rtel mit passenden Armreifen und Ringen, die mit gro�en roten, gr�nen und blauen Edelsteinen besetzt waren. Der Schmuck war ein <emphasis>Ter'angreal</emphasis> - eigentlich handelte es sich um mehrere und ein <emphasis>Angreal</emphasis> dazu -, das mit dem vergleichbar war, das Cadsuane trug. Rand hatte Nynaeve sich gelegentlich beklagen h�ren, dass ihr <emphasis>Ter'angreal</emphasis> mit den protzigen Edelsteinen nie zur Kleidung passte, ganz egal, was sie auch versuchte.</p><p>Auch wenn Nynaeve keine �berraschung war, so galt das doch f�r Alivia. Rand hatte gar nicht mitbekommen, dass die ehemalige <emphasis>Damane</emphasis> bei der ... Informationsbeschaffung beteiligt gewesen war. Gut, angeblich war sie in der Einen Macht noch st�rker als Nynaeve, also hatte man sie vielleicht zur Unterst�tzung geholt. Wenn es um die Verlorenen ging, konnte man nie vorsichtig genug sein.</p><p>Alivias Haar wies wei�e Str�hnen auf, und sie war ein wenig gr��er als Nynaeve. Das Wei� in ihrem Haar war verr�terisch - bei jeder Frau, die �ber die Eine Macht gebot, bedeutete Wei� oder Grau im Haar Alter. Und zwar viele Jahre. Alivia behauptete von sich, vierhundert Jahre alt zu sein. Die ehemalige <emphasis>Damane</emphasis> trug heute ein auff�lliges rotes Kleid, als wollte sie provozieren. Die meisten <emphasis>Damane</emphasis> blieben ausgesprochen zur�ckhaltend, wenn man sie von der Leine befreit hatte. Nicht Alivia - bei ihr war eine Intensit�t zu bemerken, die beinahe an einen Wei�mantel erinnerte.</p><p>Ihm entging nicht, wie sich Min versteifte, und er f�hlte ihren Unmut. Alivia w�rde ihm beim Sterben helfen, irgendwann. Das hatte Min eine ihrer Sichten verraten - und Mins Sichten irrten sich nie. Wenn man einmal davon absah, dass sie behauptete, sich bei Moiraine geirrt zu haben. Vielleicht bedeutete das ja, dass er doch nicht ...</p><p>Nein. Alles, was ihn auf die Idee brachte, die Letzte Schlacht �berleben zu k�nnen, alles, was ihm Hoffnung machte, war gef�hrlich. Er musste hart genug sein, um das zu akzeptieren, was auf ihn zukam. Hart genug, um sterben zu k�nnen, wenn die Zeit gekommen war.</p><p><emphasis>Du hast gesagt, wir k�nnten sterben,</emphasis> sagte Lews Therin in seinem Kopf. <emphasis>Du hast es versprochen!</emphasis></p><p>Cadsuane durchquerte schweigend den Raum und nahm sich einen Becher von dem Gew�rzwein, der neben dem Bett auf einem kleinen Serviertischchen stand. Dann setzte sie sich auf einen der roten Zedernst�hle. Wenigstens hatte sie nicht verlangt, dass er ihr Wein eingoss. Das w�re ihr durchaus zuzutrauen gewesen.</p><p>�Nun, was habt Ihr erfahren?�, wollte er wissen, verlie� das Fenster und holte sich selbst einen Becher Wein. Min ging zum Bett - dessen Rahmen aus Zedernholz bestand und ein Kopfteil aus fleckigem r�tlich-braunen Holz aufwies -, setzte sich und legte die H�nde in den Scho�. Sie lie� Alivia keinen Augenblick lang aus den Augen.</p><p>Die Sch�rfe in Rands Stimme lie� Cadsuane eine Braue heben. Er seufzte und bezwang seinen �rger. Er hatte sie gebeten, als seine Ratgeberin zu fungieren, und er hatte sich ihren Bedingungen gef�gt. Min hatte behauptet, dass er von Cadsuane etwas Wichtiges lernen musste - das war eine weitere ihrer Sichten gewesen -, und um die Wahrheit zu sagen, hatte er ihren Rat bei mehr als einer Gelegenheit als n�tzlich empfunden. Sie war ihr st�ndiges Pochen auf Anstandsregeln wert.</p><p>�Wie ist die Befragung verlaufen, Cadsuane Sedai?�, fragte er in einem freundlicheren Ton.</p><p>Sie l�chelte schmal. �Eigentlich ganz gut.�</p><p>�Ganz gut?�, fauchte Nynaeve. <emphasis>Sie</emphasis> hatte Cadsuane nicht versprochen, h�flich zu sein. �Diese Frau macht einen rasend!�</p><p>Cadsuane trank einen kleinen Schluck Wein. �Ich frage mich, was man sonst von einem der Verlorenen erwarten sollte, mein Kind. Sie hatte viel Zeit zum �ben, um ... einen rasend zu machen.�</p><p>�Rand, diese ... Kreatur ist ein Stein�, sagte Nynaeve und wandte sich ihm zu. �Trotz tagelanger Verh�re hat sie kaum einen einzigen n�tzlichen Satz von sich preisgegeben! Sie tut nichts anderes, als uns zu erkl�ren, wie minderwertig und r�ckst�ndig wir sind, gelegentlich von den Versprechen untermalt, dass sie uns irgendwann alle t�ten wird.� Nynaeve griff nach ihrem langen Zopf - hielt sich aber zur�ck, daran zu ziehen. Sie wurde besser darin. Rand fragte sich, warum sie sich �berhaupt die M�he machte - bei ihrem Temperament.</p><p>�Trotz ihrer dramatischen Versprechungen�, sagte Cadsuane und nickte Nynaeve zu, �hat das M�dchen hier ihre Situation doch relativ gut begriffen. Pah! Als ich sagte, �ganz gut�, solltet Ihr das als ein �so gut, wie man das unter unseren unerfreulichen Einschr�nkungen erwarten kann� interpretieren. Man kann einem K�nstler nicht die Augen verbinden und dann �berrascht sein, wenn er nichts zu malen hat.�</p><p>�Das ist keine Kunst, Cadsuane�, meinte Rand trocken. �Das ist Folter.� Min tauschte einen Blick mit ihm aus, und er sp�rte ihre Besorgnis. Sorge um ihn? Er war nicht derjenige, der gefoltert wurde.</p><p><emphasis>Die Kiste,</emphasis> wisperte Lews Therin. <emphasis>Wir h�tten in der Kiste sterben sollen. Dann ... dann w�re es vorbei.</emphasis></p><p>Cadsuane trank ihren Wein. Rand hatte seinen noch nicht probiert - er wusste bereits, dass die Gew�rze so stark waren, dass sie ihn ungenie�bar machten. Und trotzdem besser als die Alternative.</p><p>�Ihr dr�ngt uns zu Resultaten, mein Junge�, sagte Cadsuane. �Und doch verweigert Ihr uns die Werkzeuge, die wir brauchen, um sie zu erhalten. Ob Ihr es nun als Folter, Befragung oder <emphasis>Backen</emphasis> bezeichnet, ich nenne es Dummheit. Wenn wir also freie Hand h�tten ...�</p><p>�Nein!�, knurrte Rand und fuchtelte mit der Hand ... Stumpf ... in ihrer Richtung herum. �Ihr werdet sie <emphasis>nicht</emphasis> bedrohen oder verletzen.�</p><p><emphasis>Zeit in einer dunklen Kiste, nur herausgeholt, um geschlagen zu werden.</emphasis> Er w�rde nicht zulassen, dass eine in seiner Gewalt befindliche Frau auf die gleiche Weise behandelt wurde. Nicht einmal eine der Verlorenen. �Ihr d�rft ihr Fragen stellen, aber ich werde einige Dinge nicht erlauben.�</p><p>Nynaeve schnaubte. �Rand, sie ist eine der Verlorenen, sie ist brandgef�hrlich!�</p><p>�Ich bin mir der Bedrohung durchaus bewusst�, erwiderte er tonlos und hielt den Stumpf hoch, wo fr�her seine linke Hand gewesen war. Die metallische goldene und rote T�towierung eines Drachenk�rpers funkelte im Lampenlicht. Der Kopf war von dem Feuer verschlungen worden, das Rand beinahe get�tet h�tte.</p><p>Nynaeve holte tief Luft. �Ja, nun, dann musst du doch verstehen, dass bei ihr normale Regeln nicht gelten sollten!�</p><p>�Ich habe Nein gesagt!�, beharrte er. �Ihr werdet sie verh�ren, aber ihr werdet sie nicht verletzen!� <emphasis>Nicht eine Frau. Ich werde diesen einen Funken Licht in mir bewahren. Ich habe bereits den Tod und das Leid so vieler Frauen verursacht.</emphasis></p><p>�Wenn es das ist, was Ihr w�nscht, mein Junge�, sagte Cadsuane kurz angebunden, �dann wird es auch so geschehen. Aber dann jammert auch nicht, wenn wir ihr nicht einmal entlocken k�nnen, was sie gestern zum Fr�hst�ck hatte, ganz zu schweigen den Aufenthaltsort der anderen Verlorenen. Langsam stellt sich die Frage, warum Ihr �berhaupt darauf besteht, dass wir mit dieser Farce fortfahren. Vielleicht sollten wir sie einfach der Wei�en Burg �bergeben und es abhaken.�</p><p>Rand wandte sich ab. Drau�en waren die Soldaten mit den Pferdeleinen fertig. Sie sahen gut aus. Gerade gespannt, lie�en sie den Tieren genau das richtige Ausma� an Bewegungsfreiheit.</p><p>Sie der Wei�en Burg �bergeben? Das w�rde nie passieren. Cadsuane w�rde sich Semirhage nicht wegnehmen lassen, bis sie die erw�nschten Antworten hatte. Drau�en wehte der Wind noch immer; seine Banner flatterten vor seinen Augen.</p><p>�Sie an die Wei�e Burg �bergeben, sagt Ihr?�, meinte er und wandte sich wieder dem Raum zu. �Welcher Wei�en Burg denn? W�rdet Ihr sie Elaida anvertrauen? Oder meint Ihr die anderen? Ich bezweifle, dass Egwene begeistert w�re, wenn ich ihr eine der Verlorenen in den Scho� fallen lasse. M�glicherweise w�rde sie Semirhage einfach gehen lassen und <emphasis>mich</emphasis> an ihrer Stelle zum Gefangenen machen. Mich dazu zwingen, vor der Gerechtigkeit der Wei�en Burg das Knie zu beugen und mich von der Einen Macht abschneiden, nur damit sie sich eine weitere Kerbe in den G�rtel machen kann.�</p><p>Nynaeve runzelte die Stirn. �Rand! Egwene w�rde niemals ...�</p><p>�Sie ist die Amyrlin�, sagte er und leerte seinen Becher mit einem Schluck. Der Wein war genauso widerlich, wie er in Erinnerung hatte. �Aes Sedai bis ins Mark. Ich bin f�r sie nur eine weitere Spielfigur.�</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Wir m�ssen uns von all dem fernhalten. Sie haben sich geweigert, uns zu helfen. Sich geweigert! Meinten, mein Plan sei zu gewagt. Somit blieben mir nur die Hundert Gef�hrten und keine Frau, um einen Zirkel zu bilden. Verr�terinnen! Das ist ihre Schuld. Aber ... aber ich bin derjenige, der Ilyena get�tet hat. Warum?</emphasis></p><p>Nynaeve sagte etwas, aber Rand ignorierte sie. <emphasis>Lews Therin,</emphasis> sagte er zu der Stimme. <emphasis>Was hast du gemacht? Die Frauen wollten nicht helfen? Warum?</emphasis></p><p>Aber Lews Therin hatte wieder angefangen zu schluchzen, und seine Stimme wurde leiser.</p><p>�Sag es mir!�, br�llte Rand und schleuderte den Becher zu Boden. �Soll man dich doch zu Asche verbrennen, Bruderm�rder! Rede mit mir!�</p><p>Schweigen kehrte in den Raum ein.</p><p>Rand blinzelte. Noch nie zuvor hatte er versucht, in der Anwesenheit von anderen laut mit Lews Therin zu sprechen. Und sie wussten Bescheid. Semirhage hatte von der Stimme gesprochen, die er h�rte, hatte ihn ver�chtlich abgetan, als w�re er nur ein Verr�ckter.</p><p>Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Das hei�t, er versuchte es ... aber er nahm den Arm, der nur noch ein Stumpf war, und erreichte nichts.</p><p><emphasis>Beim Licht! Ich verliere die Kontrolle. Die halbe Zeit wei� ich nicht, welche Stimme mir geh�rt und welche ihm. Das sollte doch besser werden, nachdem ich</emphasis> Saidin <emphasis>gereinigt hatte. Ich sollte sicher sein ...</emphasis></p><p><emphasis>Nicht sicher,</emphasis> murmelte Lews Therin. <emphasis>Wir waren bereits verr�ckt. Da k�nnen wir nicht mehr zur�ck.</emphasis> Er fing an zu kichern, aber das Gel�chter verwandelte sich in Schluchzen.</p><p>Rand sah sich um. In Mins dunklen Augen lag eine solche Sorge, dass er sich abwenden musste. Alivia - die die Auseinandersetzung wegen Semirhage mit ihrem durchdringenden Blick stumm verfolgt hatte - schien viel zu sehr Bescheid zu wissen. Nynaeve gab es schlie�lich auf und riss an ihrem Zopf. Und dieses eine Mal schien Cadsuane ihn nicht wegen seines Ausbruchs zurechtzuweisen. Stattdessen trank sie ruhig ihren Wein. Wie konnte sie dieses Zeug nur runterbekommen?</p><p>Der Gedanke war trivial. L�cherlich. Rand wollte lachen. Aber es wollte einfach nicht rauskommen. Er brachte nicht einmal mehr trockenen Humor zustande, nicht mehr. <emphasis>Beim Licht! Ich schaffe das nicht mehr. Meine Augen tun so, als w�ren sie in Nebel getaucht, meine Hand ist weggebrannt, und die alten Wunden in meiner Seite rei�en auf, wenn ich etwas Anstrengenderes mache, als zu atmen. Ich bin ausgetrocknet, wie ein zu oft benutzter Brunnen. Ich muss meine Arbeit hier zu Ende bringen und zum Shayol Ghul gehen.</emphasis></p><p><emphasis>Sonst wird von mir nichts mehr �brig sein, das der Dunkle K�nig t�ten kann.</emphasis></p><p>Das war kein Gedanke, der zum Lachen reizte; er rief blo� Verzweiflung hervor. Aber Rand weinte nicht, denn Stahl konnte keine Tr�nen hervorbringen.</p><p>F�r den Augenblick schien Lews Therins Schluchzen f�r sie beide zu reichen.</p></section><section><title><p>2</p><p>Das Wesen des Schmerzes</p></title><p>Egwene richtete sich auf. Der mittlerweile vertraute Schmerz durch die kr�ftigen Pr�gel, die die Oberin der Novizinnen verabreichte, lie� ihr Hinterteil brennen. Sie f�hlte sich wie ein Teppich, aus dem man gerade den Staub geklopft hatte. Trotzdem ordnete sie beherrscht ihre wei�en R�cke, dann wandte sie sich dem Spiegel im Raum zu und tupfte sich ruhig die Tr�nen aus den Augenwinkeln. Dieses Mal war es nur eine Tr�ne in jedem Auge. Sie l�chelte ihr Spiegelbild an, dann nickten sie sich zufrieden zu.</p><p>Die silbrige Oberfl�che des Spiegels zeigte hinter ihr einen kleinen, mit dunklem Holz get�felten Raum. Es war ein so n�chterner, strenger Ort; ein solider Stuhl in der Ecke, dessen Sitzfl�che von jahrelangem Gebrauch gedunkelt und gegl�ttet worden war. Ein klobiger Schreibtisch, auf dem das dicke Buch der Oberin der Novizinnen lag. Der schmale Tisch direkt hinter Egwene wies ein paar Schnitzereien auf, aber die darauf liegende Lederplatte war viel markanter. Viele Novizinnen - und nicht wenige Aufgenommene - hatten sich �ber diesen Tisch gebeugt und die Strafe f�r Ungehorsam ertragen. Die Vorstellung, dass die dunkle F�rbung des Tisches von den vielen Tr�nenflecken herr�hrte, fiel nicht schwer. Egwene hatte selbst dort viele vergossen.</p><p>Aber heute nicht. Nur zwei Tr�nen, und keine davon war von ihren Wangen gefallen. Nicht, dass sie keine Schmerzen hatte; ihr ganzer K�rper schien in Flammen zu stehen. Tats�chlich hatte sich die Intensit�t dieser Pr�gelstrafen erh�ht, je l�nger sie sich den Herrschenden in der Wei�en Burg widersetzte. Aber als die Strafen h�ufiger und schmerzhafter geworden waren, war auch ihre Entschlossenheit gestiegen, sie zu ertragen. Noch war es ihr nicht gelungen, den Schmerz zu umarmen und zu akzeptieren, wie es die Aiel taten, aber sie hatte das Gef�hl, nahe dran zu sein. Die Aiel konnten noch w�hrend der schlimmsten Folter lachen. Nun, sie konnte in dem Augenblick l�cheln, in dem sie sich aufrichtete.</p><p>Jeden Schlag, den sie ertrug, jeder Schmerz, den sie erlitt, war ein Sieg. Und Siege waren immer ein Grund zur Freude, ganz egal, wie sehr der Stolz oder die Haut auch brannten.</p><p>Neben dem Tisch und hinter ihr war auch die Oberin der Novizinnen im Spiegel zu sehen. Silviana starrte stirnrunzelnd auf den Lederriemen in ihren H�nden. Ihr altersloses kantiges Gesicht trug einen leicht verwirrten Ausdruck; sie betrachtete den Riemen, wie man vielleicht ein Messer betrachtete, das nicht schneiden wollte, oder eine Lampe, die nicht brennen wollte.</p><p>Die Frau war eine Rote Ajah, wie dem Saum ihres schlichten grauen Kleides und der fransenbesetzten Stola auf ihren Schultern abzulesen war. Sie war hochgewachsen und st�mmig, und sie trug ihr schwarzes Haar zu einem Knoten zur�ckgebunden. Egwene hielt sie gr��tenteils f�r eine �berragende Oberin der Novizinnen. <emphasis>Obwohl</emphasis> sie sie geradezu l�cherlich oft bestraft hatte. Vielleicht auch gerade deswegen. Silviana tat ihre Pflicht. Das Licht wusste, dass es in der letzten Zeit nur wenige in der Burg gab, von denen man das behaupten konnte!</p><p>Silviana schaute auf und begegnete Egwenes Blick im Spiegel. Sie legte den Riemen schnell zur Seite und tilgte s�mtliche Gef�hle aus dem Gesicht. Egwene drehte sich ganz ruhig um.</p><p>Silviana seufzte untypischerweise. �Wann wollt Ihr damit aufh�ren, Kind?�, fragte sie. �Ich muss zugeben, dass Ihr Euren Standpunkt recht bewundernswert bewiesen habt, aber Ihr m�sst wissen, dass ich Euch so lange bestrafen werde, bis Ihr nachgebt. Die angemessene Ordnung muss aufrechterhalten werden.�</p><p>Egwene lie� sich ihre Verbl�ffung nicht anmerken. Abgesehen von Befehlen oder Missbilligung sprach die Oberin der Novizinnen sie nur selten an. Aber ihre Fassade hatte auch schon zuvor Spr�nge gezeigt ...</p><p>�Die angemessene Ordnung, Silviana?�, fragte sie. �Wie die, die in der ganzen Burg praktiziert wird?�</p><p>Silvianas Lippen wurden zu einem d�nnen Strich. Sie drehte sich um und notierte etwas in ihrem Buch. �Ich sehe Euch morgen fr�h. Jetzt geht zum Abendessen.�</p><p>Die morgendliche Bestrafung w�rde erfolgen, weil sie die Oberin der Novizinnen mit ihrem Namen angesprochen hatte, ohne am Ende den Ehrentitel �Sedai� hinzuzuf�gen. Und vermutlich weil sie beide wussten, dass sie keinen Knicks machen w�rde, bevor sie ging.</p><p>�Ich kehre morgen fr�h zur�ck�, sagte Egwene, �aber das Abendessen muss warten. Man hat mir befohlen, heute Abend Elaida beim Essen zu bedienen.� Die Sitzung bei Silviana hatte lange gedauert - sie hatte eine ordentliche Liste an Verfehlungen mitgebracht -, und jetzt w�rde sie keine Zeit zum Essen mehr haben. Ihr Magen protestierte schon.</p><p>Einen kurzen Augenblick lang zeigte Silviana so etwas wie ein Gef�hl. War es �berraschung? �Warum habt Ihr vorhin nichts davon gesagt?�</p><p>�H�tte das etwas ge�ndert?�</p><p>Silviana reagierte nicht auf die Frage. �Dann esst Ihr eben, nachdem Ihr der Amyrlin gedient habt. Ich werde der Herrin der K�chen die Anweisung zukommen lassen, Euch etwas zu verwahren. Wenn man bedenkt, wie oft Ihr in diesen Tagen Geheilt werdet, Kind, werdet Ihr Eure Mahlzeiten brauchen. Ich lasse nicht zu, dass Ihr wegen mangelnder Nahrung zusammenbrecht.�</p><p>Streng, aber gerecht. Eine Schande, dass diese Frau ihren Weg zu den Roten gefunden hatte. �In Ordnung�, sagte Egwene.</p><p>�Und nach dem Essen�, sagte Silviana und hob einen Finger, �werdet Ihr mir einen erneuten Besuch abstatten, weil Ihr Euch respektlos gegen�ber dem Amyrlin-Sitz gezeigt habt. Ihr habt nicht das Recht, sie einfach nur �Elaida� zu nennen, Kind.� Sie wandte sich wieder ihrem Buch zu und f�gte hinzu: �Au�erdem wei� allein das Licht, welchen �rger ihr heute Abend bekommen werdet.�</p><p>Als Egwene den kleinen Raum hinter sich lie� und den breiten Korridor mit den gr�nen und roten Bodenfliesen betrat, dachte sie �ber diese letzte Bemerkung nach. Vielleicht war es doch keine �berraschung gewesen, die Silviana gezeigt hatte, als sie von ihrem Besuch bei Elaida geh�rt hatte. Vielleicht war es einfach nur Mitgef�hl gewesen. Elaida w�rde nicht erfreut reagieren, wenn sie sich ihr auf die gleiche Weise widersetzte wie allen anderen in der Burg.</p><p>Hatte Silviana darum entschieden, sie nach dem Essen noch einmal f�r eine letzte Bestrafung antreten zu lassen? Aufgrund ihrer Befehle w�rde sie essen <emphasis>m�ssen,</emphasis> bevor sie sich ihre Strafe abholte, selbst wenn Elaida sie mit neuen Strafen f�rmlich eindeckte.</p><p>Es war eine kleine Freundlichkeit, aber Egwene war dankbar daf�r. Die t�glichen Pr�gel zu ertragen war schwer genug, auch ohne Mahlzeiten auslassen zu m�ssen.</p><p>W�hrend sie dar�ber nachdachte, traten zwei Rote Schwestern - Katerine und Barasine - auf sie zu. Katerine hielt einen Messingbecher. Eine weitere Dosis Spaltwurzeltee. Anscheinend wollte Elaida sichergehen, dass sie w�hrend der Mahlzeit nicht einmal ein paar Tropfen der Macht lenken konnte. Sie nahm den Becher ohne jeden Protest entgegen und leerte ihn mit einem einzigen Schluck, schmeckte den leichten, aber charakteristischen Geschmack von Minze. Sie gab den Becher Katerine zur�ck, und der Frau blieb keine andere Wahl, als ihn zu nehmen. Fast so, als w�re sie die k�nigliche Bechertr�gerin.</p><p>Egwene begab sich nicht sofort zu Elaidas Gem�chern. Die �berlange Strafsitzung, die in die Essenszeit gereicht hatte, hatte ihr ironischerweise ein paar Augenblicke der Freizeit beschert - und sie wollte nicht zu fr�h eintreffen, denn damit w�rde sie Elaida nur Ehrerbietung zeigen. Stattdessen lungerte sie zusammen mit Katerine und Barasine vor der T�r der Oberin der Novizinnen herum. W�rde eine bestimmte Person zu einem Besuch des Arbeitszimmers erscheinen?</p><p>In der Ferne schritten kleinen Gruppen von Schwestern �ber die roten und gr�nen Fliesen. Ihren Augen haftete ein lauernder Ausdruck an, wie Hasen, die sich auf eine Lichtung wagten, um an Bl�ttern zu nagen, und doch das Raubtier f�rchteten, das sich in den Schatten verbarg. Die Schwestern trugen im Moment st�ndig ihre Stolen, und sie gingen niemals allein. Manche hielten sogar die Macht, als h�tten sie Angst, hier in der Wei�en Burg von Schurken angegriffen zu werden.</p><p>�Gef�llt euch das?�, fragte Egwene unwillk�rlich. Sie sah Katerine und Barasine an; beide hatten zuf�llig zu der Gruppe geh�rt, die sie gefangen genommen hatte.</p><p>�Was war das, Kind?�, fragte Katerine k�hl. �Ihr sprecht eine Schwester an, ohne dass man Euch zuvor eine Frage gestellt hat? Seid Ihr so wild auf die n�chste Bestrafung?� Sie trug verd�chtig viel Rot, ihr Kleid wies ein grelles Scharlachrot mit schwarzen Schlitzen auf. Ihr dunkles Haar str�mte leicht gelockt auf ihren R�cken hinunter.</p><p>Egwene ignorierte die Drohung. Was konnten sie ihr schon noch antun? �Vergesst einmal f�r einen Moment dieses Gez�nk, Katerine�, sagte sie und beobachtete eine passierende Gruppe von Gelben, deren Schritte sich beim Anblick der Roten beschleunigten. �Vergesst das Getue um Autorit�t und die Drohungen. Vergesst diese Dinge und seht Euch um. Seid Ihr stolz darauf? Die Burg hat Jahrhunderte verbracht, ohne dass eine Amyrlin aus den Roten erhoben wurde. Und jetzt, da ihr endlich die Gelegenheit dazu hattet, hat eure erw�hlte Anf�hrerin <emphasis>das hier</emphasis> der Burg angetan. Frauen, die die Blicke jener meiden, die sie nicht n�her kennen, Schwestern, die sich nur noch in Gruppen bewegen. Die Ajahs verhalten sich, als w�rden sie gegeneinander Krieg f�hren!�</p><p>Die Bemerkung lie� Katerine schnauben, aber die schm�chtige Barasine z�gerte und schaute der Gruppe aus Gelben, die den Korridor entlang eilten, �ber der Schulter nach, was mehrere von ihnen veranlasste, den beiden Roten ihrerseits giftige Blicke zuzuwerfen.</p><p>�Das ist nicht die Schuld der Amyrlin�, sagte Katerine. �Daf�r haben Eure albernen Rebellen und ihr Verrat gesorgt!�</p><p><emphasis>Meine Rebellen?,</emphasis> dachte Egwene und l�chelte innerlich. <emphasis>Also betrachtest du sie jetzt als �meine� Leute, statt mich nur als bedauernswerte Aufgenommene zu sehen, die man hinters Licht gef�hrt hat? Das ist ein Fortschritt.</emphasis></p><p>�Haben wir etwa eine sitzende Amyrlin gest�rzt?�, fragte sie. �Haben wir Beh�ter gegen Beh�ter gehetzt oder sind darin gescheitert, den Wiedergeborenen Drachen in Schach zu halten? Haben wir eine Amyrlin erw�hlt, die so machthungrig ist, dass sie den Bau ihres eigenen Palastes befohlen hat? Eine Frau, die in jeder anderen Schwester die Bef�rchtung geweckt hat, sie k�nnte die n�chste sein, der man die Stola aberkennt?�</p><p>Katerine gab darauf keine Antwort, als w�re ihr klar geworden, dass es unter ihrer W�rde war, sich auf eine Debatte mit einer blo�en Novizin einzulassen. Barasine betrachtete noch immer mit weit aufgerissenen Augen die sich entfernenden Gelben. Besorgt.</p><p>�Eigentlich h�tte ich gedacht, dass die Roten nicht diejenigen sind, die Elaida in Schutz nehmen, sondern ihre sch�rfsten Kritiker. Denn Elaidas Erbe wird Euer Erbe sein. Vergesst das nicht.�</p><p>Katerine sah sie w�tend an, und Egwene unterdr�ckte ein Zusammenzucken. Vielleicht war das Letzte etwas zu direkt gewesen.</p><p>�Ihr werdet Euch heute Abend bei der Oberin der Novizinnen melden, <emphasis>Kind</emphasis>�, informierte Katerine sie. �Und erkl�ren, wie Ihr den Schwestern und der Amyrlin Euren Respekt versagt habt.�</p><p>Egwene schwieg. Warum verschwendete sie ihre Zeit mit dem Versuch, Rote zu �berzeugen?</p><p>Die alte Holzt�r hinter ihr schnappte zu, lie� sie zusammenzucken und �ber die Schulter blicken. Die Wandteppiche zu beiden Seiten bewegten sich leicht und erstarrten wieder. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie beim Verlassen des Raumes die T�r einen Spalt weit aufgelassen hatte. Hatte Silviana die Unterhaltung belauscht?</p><p>Es war keine Zeit zu weiterem Tr�deln �brig. Anscheinend w�rde Alviarin an diesem Abend nicht kommen. Wo war sie? Sie trat um diese Zeit immer zu ihrer Strafe an, wenn Egwene gerade damit fertig war. Egwene sch�ttelte den Kopf, dann ging sie los. Die beiden Roten folgten ihr - sie blieben mittlerweile immer �fter an ihrer Seite, folgten ihr und beobachteten sie, ausgenommen der Zeit, in der sie die Quartiere der anderen Ajah f�r ihren Unterricht besuchte. Egwene versuchte sich so zu verhalten, als w�ren die beiden Schwestern eine Ehrengarde und nicht ihre Kerkerw�chter. Sie versuchte auch ihren schmerzenden Hintern zu ignorieren.</p><p>Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass sie ihren Krieg gegen Elaida gewann. Beim Mittagessen hatte sie geh�rt, wie die Novizinnen dar�ber klatschten, dass Elaida so grandios darin gescheitert war, f�r Rands Gefangenschaft zu sorgen. Der Vorfall lag nun mehrere Monate in der Vergangenheit und hatte geheim bleiben sollen. Dann war da das Ger�cht, dass Asha'man Schwestern den Bund aufzwangen, die ausgeschickt worden waren, um sie zu vernichten. Eine weitere von Elaidas Missionen, die nicht publik hatte werden sollen. Egwene hatte daf�r gesorgt, dass diese fehlgeschlagenen Unternehmungen frisch im Ged�chtnis der Bewohnerinnen der Burg blieben, genau wie Elaidas unerh�rte Behandlung von Shemerin.</p><p>Wor�ber Novizinnen klatschten, h�rten auch Aes Sedai. Ja, sie gewann. Aber langsam verlor sie die Zufriedenheit, die sie einst �ber diesen Sieg versp�rt hatte. Wer h�tte sich dar�ber freuen k�nnen, mit ansehen zu m�ssen, dass sich die Aes Sedai wie ein uralter Wandteppich aufl�sten? Wer h�tte sich dar�ber freuen k�nnen, dass Tar Valon, die gr��te aller gro�en St�dte, im M�ll erstickte? So sehr sie Elaida auch verabscheuen mochte, sie konnte nicht dar�ber jubeln, eine Amyrlin erleben zu m�ssen, die mit einer derartigen Inkompetenz f�hrte.</p><p>Und heute Abend w�rde sie Elaida pers�nlich gegen�bertreten. Sie ging langsam durch die G�nge, um nicht zu fr�h einzutreffen. Wie sollte sie bei dem Essen vorgehen? W�hrend ihrer neun Tage in der Burg hatte sie Elaida nicht einmal aus der Ferne zu sehen bekommen. Die Frau zu bedienen w�rde gef�hrlich sein. Wenn sie sie nur einmal zu oft beleidigte, schickte man sie vielleicht zu ihrer Hinrichtung. Aber sie konnte einfach nicht nachgeben und kriechen. Sie w�rde sich vor dieser Frau nicht verbeugen, und sollte es sie das Leben kosten.</p><p>Egwene bog um eine Ecke und blieb wie angewurzelt stehen, geriet beinahe ins Stolpern. Der Gang endete abrupt vor einer Mauer mit einem hellen Wandbild aus Fliesen. Die Darstellung zeigte eine Amyrlin auf einem verzierten goldenen Stuhl, die den K�nigen und K�niginnen des Landes warnend die Hand entgegenstreckte. Die Plakette am unteren Rand verk�ndete, dass es sich hier um ein Bild von Caraighan Maconar handelte, die die Rebellion in Mosadorin beendete. Egwene erinnerte sich dunkel an das Wandbild; als sie es das letzte Mal gesehen hatte, hatte es an der Wand der Burgbibliothek gehangen. Aber damals war das Gesicht der Amyrlin nicht eine Maske aus Blut gewesen. Die Toten, die von den Dachvorspr�ngen baumelten, waren ebenfalls nicht da gewesen.</p><p>Katerine trat mit blassem Gesicht neben sie. Keiner sprach gern von der unnat�rlichen Weise, auf die R�ume und Korridore in der Burg ihren Standort �nderten. Diese Ver�nderungen waren eine ernste Mahnung, dass die Rangeleien um Autorit�t hinter gr��eren, schrecklichen N�ten in der Welt zur�cktraten. Das war das erste Mal, dass Egwene nicht nur erlebte, wie sich ein Korridor verschob, sondern auch ein Bild ver�nderte. Der Dunkle K�nig r�hrte sich, und das Muster selbst erbebte.</p><p>Sie drehte sich um und lie� das versetzte Wandbild hinter sich zur�ck. Sie konnte sich jetzt nicht auf diese Probleme konzentrieren. Man schrubbte einen Boden, indem man sich eine Stelle aussuchte und an die Arbeit machte. Sie hatte sich ihre Stelle ausgesucht. Die Wei�e Burg <emphasis>musste</emphasis> wieder vers�hnt werden.</p><p>Ungl�cklicherweise w�rde dieser Umweg mehr Zeit erfordern. Z�gernd beschleunigte Egwene ihre Schritte; es w�re nicht richtig, fr�her einzutreffen, aber sie wollte sich auch nicht versp�ten. Ihre beiden Aufpasserinnen beeilten sich ebenfalls, R�cke rauschten, als sie durch mehrere Korridore hasteten. Dabei sah Egwene zuf�llig, wie Alviarin mit gesenktem Kopf um eine Ecke huschte und in Richtung des Arbeitszimmers der Oberin der Novizinnen eilte. Also begab sie sich doch zu ihrer Bestrafung. Was hatte sie aufgehalten?</p><p>Zwei weitere Abzweigungen und eine Treppe mit kalten Steinstufen sp�ter eilte Egwene durch das Gebiet der Roten Ajah in der Burg, da das jetzt die schnellste Route nach oben zu den Gem�chern der Amyrlin war. An den W�nden hingen rote Wandteppiche, die von den blutroten Bodenfliesen noch betont wurden. Die hier befindlichen Frauen trugen s�mtlich einen Ausdruck einer beinahe einheitlichen Strenge im Gesicht, ihre Stolen waren sorgf�ltig �ber Schultern und Armen drapiert. Sie erschienen unsicher, und das hier, im Quartier ihrer eigenen Ajah, wo sie selbstbewusst h�tten sein m�ssen; sie schienen selbst den emsigen Dienern zu misstrauen, die die Flamme von Tar Valon auf der Brust trugen. Egwene ging durch die G�nge und w�nschte sich, sich nicht so beeilen zu m�ssen, da es sie eingesch�chtert aussehen lie�. Aber das lie� sich nicht �ndern. In der Mitte der Burg erklomm sie mehrere Treppen und erreichte schlie�lich den Korridor, der zu den Gem�chern der Amyrlin f�hrte.</p><p>Die ihr als Novizin aufgetragenen Arbeiten und Unterrichtsstunden hatten ihr nur wenig Zeit gelassen, sich �ber ihre Konfrontation mit der falschen Amyrlin Gedanken zu machen. Das war die Frau, die Siuan gest�rzt hatte, die Frau, die Rand hatte verpr�geln lassen, die Frau, die die Aes Sedai selbst an den Abgrund des Zusammenbruchs gedr�ngt hatte. Elaida musste ihren Zorn kennenlernen, sie musste gedem�tigt und besch�mt werden! Sie ...</p><p>Egwene blieb vor Elaidas vergoldeter T�r stehen. <emphasis>Nein.</emphasis></p><p>Sie konnte sich diese Szene m�helos vorstellen. Eine w�tende Elaida, eine in die dunklen Kerkerzellen unter der Burg verbannte Egwene. Was sollte das nutzen? Sie konnte die Frau <emphasis>nicht</emphasis> herausfordern, noch nicht. Das w�rde nur zu dem Gef�hl fl�chtiger Zufriedenheit f�hren, dem ein verheerendes Scheitern folgte.</p><p>Aber beim Licht, sie konnte sich auch unm�glich vor Elaida verneigen! Die Amyrlin tat so etwas nicht!</p><p>Oder ... Nein. Die Amyrlin tat, was von ihr verlangt wurde. Was war wichtiger? Die Wei�e Burg oder ihr Stolz? Die einzige M�glichkeit, diese Schlacht zu gewinnen, bestand darin, Elaida glauben zu machen, <emphasis>sie</emphasis> w�rde gewinnen. Nein ... Nein, die einzige M�glichkeit zu gewinnen bestand darin, Elaida glauben zu machen, dass es <emphasis>gar keine Schlacht gab.</emphasis></p><p>Konnte sie lange genug h�flich sein, um diesen Abend zu �berleben? Sie war sich da nicht sicher. Aber wenn sie dieses Essen verlie�, musste Elaida das Gef�hl haben, dass sie die Kontrolle hatte, dass Egwene richtig eingesch�chtert war. Der beste Weg, das zu erreichen und sich einen gewissen Stolz zu erhalten, w�rde darin bestehen, �berhaupt nichts zu sagen.</p><p>Schweigen. Das w�rde an diesem Abend ihre Waffe sein. Egwene st�hlte sich und klopfte.</p><p>Die erste �berraschung kam, als eine Aes Sedai die T�r �ffnete. Hatte Elaida keine Diener f�r diese Aufgabe? Egwene kannte die Schwester nicht, aber das alterslose Gesicht war offensichtlich. Die Frau geh�rte zu den Grauen, wie ihre Stola zeigte, und sie war schlank mit vollen Br�sten. Das hellbraune Haar fiel ihr bis zur R�ckenmitte, und da lag ein bedr�ckter Ausdruck in ihren Augen, als h�tte sie in letzter Zeit unter einer gro�en Belastung gestanden.</p><p>Elaida war auch da. Egwene z�gerte auf der Schwelle und sah ihre Rivalin das erste Mal seit ihrem Aufbruch aus der Wei�en Burg, als sie sich zusammen mit Nynaeve und Elayne auf die Jagd nach den Schwarzen Ajah begeben hatte, ein Wendepunkt, der eine Ewigkeit her zu sein schien. Elaida, eine ausgesprochen ansehnliche Frau, schien ein kleines bisschen von ihrer Strenge verloren zu haben. Sie sa� entspannt da und l�chelte still, als w�rde sie an einen Witz denken, den nur sie verstand. Ihr Stuhl war beinahe ein Thron, mit Schnitzereien versehen, vergoldet, rot und wei� lackiert. Ein zweiter Stuhl stand am Tisch, vermutlich f�r die namenlose Graue Schwester.</p><p>Egwene war noch nie zuvor in den Gem�chern der Amyrlin gewesen, aber sie konnte sich vorstellen, wie Siuans vermutlich ausgesehen hatten. Schlicht und doch nicht v�llig n�chtern. Gerade genug Pracht, um zu verdeutlichen, dass das der Raum einer wichtigen Person war, aber nicht genug, um eine Ablenkung darzustellen. Bei Siuan w�rde alles einem Zweck gedient haben - vielleicht sogar mehreren Zwecken gleichzeitig. Tische mit Geheimf�chern. Wandteppiche, die als Landkarten fungierten. Gekreuzte Schwerter �ber dem Kamin, die ge�lt waren, f�r den Fall, dass die Beh�ter sie brauchten.</p><p>Aber vielleicht war das ja auch nur alles eine nette Spinnerei. Dennoch hatte Elaida nicht nur verschiedene R�ume als ihre Gem�cher bezogen; ihre Ausstattung war unverkennbar kostbar. Die Einrichtung ihrer Zimmerflucht war noch nicht abgeschlossen - man sprach dar�ber, dass sie jeden Tag etwas anderes hinzuf�gte -, aber was zu sehen war, war ausgesprochen �ppig. Von W�nden und Decken hing neuer Seidenbrokat, alles in Rot. Der tairenische Teppich auf dem Boden stellte fliegende V�gel dar und war so fein gekn�pft, dass man ihn beinahe mit einem Gem�lde h�tte verwechseln k�nnen. Verteilt im Raum standen M�belst�cke in einem Dutzend verschiedener Stile, jedes davon verschwenderisch mit Schnitzereien und Elfenbeinintarsien versehen. Hier eine Reihe Schlingpflanzen, dort ein Muster mit knorrigen Vorspr�ngen, da ineinander verschlungene Schlangen.</p><p>Viel emp�render als die ganze Extravaganz war die Stola auf Elaidas Schultern. Sie hatte sechs verschiedenfarbige Streifen. Nicht sieben, sondern sechs! Auch wenn Egwene keiner Ajah beigetreten war, h�tte sie doch Gr�n gew�hlt. Aber das verhinderte nicht, dass sie pl�tzlich eine tiefe Wut versp�rte, als sie sah, dass man von der Stola das Blau entfernt hatte. Man l�ste nicht einfach eine der Ajahs auf, nicht einmal, wenn man der Amyrlin-Sitz war.</p><p>Aber Egwene hielt den Mund. Bei dieser Begegnung ging es ums �berleben. Zum Nutzen der Burg konnte sie die Schmerzen des Riemens ertragen. Konnte sie auch Elaidas Arroganz ertragen?</p><p>�Keinen Knicks?�, fragte Elaida, als sie den Raum betrat. �Man sagte ja schon, Ihr w�rt <emphasis>stur.</emphasis> Nun, dann werdet Ihr am Ende dieser Mahlzeit die Oberin der Novizinnen besuchen und sie �ber dieses Vers�umnis informieren. Was haltet Ihr davon?�</p><p><emphasis>Dass du eine Seuche bist, die dieses Geb�ude befallen hat, so widerw�rtig und zerst�rerisch wie alle Krankheiten, die diese Stadt und ihre Bewohner in der Vergangenheit heimgesucht haben. Dass du ...</emphasis></p><p>Egwene senkte den Blick. Und neigte den Kopf, obwohl sie die Scham bis in die Knochen sp�rte.</p><p>Elaida lachte und verstand die Geste genauso, wie sie sie verstehen sollte. �Ehrlich, ich h�tte gedacht, dass Ihr mehr �rger macht. Anscheinend versteht Silviana ihr Handwerk. Das ist gut; ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass sie sich wie viel zu viele in der Burg in letzter Zeit vor ihren Pflichten dr�ckt. Nun, beeilt Euch. Ich werde nicht den ganzen Abend aufs Essen warten.�</p><p>Egwene ballte die F�uste, sagte aber kein Wort. An der hinteren Wand stand ein langer Serviertisch mit mehreren Silberplatten; die hei�en Speisen versahen die auf Hochglanz polierten W�rmeglocken mit Kondenswasser. Dort stand auch eine Suppenterrine aus Silber. Die Graue Schwester dr�ckte sich an der T�r herum. Beim Licht! Die Frau hatte Angst. Nur selten hatte sie bei einer Schwester so einen Ausdruck gesehen. Was war der Grund daf�r?</p><p>�Kommt, Meidani�, sagte Elaida zu der Grauen. �Wollt Ihr da den ganzen Abend herumstehen? Setzt Euch!�</p><p>Egwene verbarg ihren schockierten Gesichtsausdruck. Meidani? Sie geh�rte zu den Frauen, die Sheriam und die anderen als Spione in die Wei�e Burg geschickt hatten! W�hrend sie sich mit dem Inhalt der Platten vertraut machte, warf sie einen schnellen Blick �ber die Schulter. Meidani hatte ihren Weg zu dem schmalen, weniger verzierten Stuhl an Elaidas Seite gefunden. Putzten sich die Grauen immer so zum Essen heraus? An ihrem Hals funkelten Smaragde, und das Kleid in dem ged�mpften Gr�nton war aus kostbarer Seide geschneidert und betonte einen Busen, der bei einer anderen Frau durchschnittlich gewesen w�re, an Meidanis schlankem K�rper aber �ppig erschien.</p><p>Beonin hatte die Grauen Schwestern gewarnt, dass Elaida wusste, dass sie Spione waren. Also warum war Meidani nicht aus der Burg geflohen? Was hielt sie hier?</p><p>Nun, wenigstens ergab der entsetzte Gesichtsausdruck der Frau nun einen Sinn. �Meidani�, sagte Elaida und trank aus einem Weinpokal, �Ihr seht heute ausgesprochen blass aus. Habt Ihr nicht genug Sonne abbekommen?�</p><p>�Ich habe viel Zeit mit den historischen Aufzeichnungen verbracht, Elaida�, sagte Meidani mit schwankender Stimme. �Habt Ihr das vergessen?�</p><p>�Ach ja, stimmt�, sagte Elaida nachdenklich. �Es ist sch�n, dass wir bald wissen, wie man in der Vergangenheit mit Verr�tern umgegangen ist. Das Enthaupten erscheint mir als Bestrafung viel zu einfach. Die, die unsere Burg entzweien, die ihren Treuebruch mit Stolz verk�nden, f�r sie wird man eine ganz besondere Belohnung brauchen. Nun, dann macht mit Eurer Suche weiter.�</p><p>Meidani setzte sich und legte die H�nde in den Scho�. Jede andere als eine Aes Sedai h�tte sich den Schwei� von der Stirn tupfen m�ssen. Egwene r�hrte die Terrine um und hielt die Sch�pfkelle so fest, dass ihre Kn�chel wei� hervortraten. Elaida wusste <emphasis>Bescheid.</emphasis> Sie wusste, dass Meidani eine Spionin war, und trotzdem hatte sie die Frau zum Essen eingeladen. Um mit ihr zu spielen.</p><p>�Beeilt Euch, M�dchen�, fauchte Elaida sie an.</p><p>Egwene nahm die Terrine, deren Griffe sich warm anf�hlten, und trat an den kleinen Tisch. Sie f�llte die Suppenteller mit einer braunen Br�he, in der K�niginnenkronenpilze schwammen. Sie roch so stark nach Pfeffer, dass jeder andere Geschmack nicht herauszuschmecken sein w�rde. So viele Nahrungsmittel verdarben, dass die Suppe ohne Gew�rze ungenie�bar sein w�rde.</p><p>Mechanisch arbeitete sie, wie ein vor einen Karren gespannter Ochse. Sie musste keine Entscheidung treffen, sie musste nicht reagieren. Sie arbeitete einfach. Sie f�llte pr�zise die Suppenteller, dann holte sie den Brotkorb und legte je ein St�ck - nicht zu knusprig - auf kleine Porzellanbrotteller. Sie kehrte mit zwei runden St�cken Butter zur�ck, die mit ein paar Messerschnitten schnell, aber pr�zise von einem gr��eren St�ck abgeschnitten worden waren. Als Tochter eines Schankwirts hatte man schnell gelernt, Essen auf die angemessene Weise zu servieren.</p><p>Die ganze Zeit �ber kochte sie innerlich. Jeder Schritt war eine Qual, und das nicht nur wegen des noch immer brennenden Hinterns. Dieser k�rperliche Schmerz erschien nun seltsamerweise v�llig unbedeutend. Er war zweitrangig neben der Qual, den Mund zu halten, der Qual, sich davon abzuhalten, diese schreckliche Frau, die so majest�tisch und so arrogant dort sa�, in die Schranken zu weisen.</p><p>Als die beiden Frauen mit der Suppe anfingen - die Getreidek�fer im Brot ignorierten sie demonstrativ -, zog sie sich an die Seite zur�ck und stand stocksteif da, die H�nde vor dem K�rper verschr�nkt. Elaida sah sie an, dann l�chelte sie, sah anscheinend ein weiteres Zeichen der Unterw�rfigkeit. In Wirklichkeit traute sich Egwene zu keiner Bewegung, denn sie hatte die Bef�rchtung, dass jede Aktivit�t damit enden w�rde, Elaida eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Licht, war das schwer!</p><p>�Was erz�hlt man sich so in der Burg, Meidani?�, fragte Elaida und tauchte ihr Brot in die Suppe.</p><p>�Ich ... ich habe nicht viel Zeit, mich zu unterhalten ...�</p><p>Elaida beugte sich vor. �Ach, Ihr m�sst doch sicherlich etwas wissen. Ihr habt Ohren, und selbst Graue klatschen. Was sagt man �ber diese Rebellen?�</p><p>Meidani wurde noch blasser. �Ich ... ich ...�</p><p>�Hm�, sagte Elaida. �Als wir noch Novizinnen waren, da wart Ihr viel schlagfertiger, Meidani. Ihr habt mich in diesen letzten paar Wochen nicht unbedingt beeindruckt. Langsam frage ich mich, warum Euch je die Stola verliehen wurde. Vielleicht hat sie ja nie auf Eure Schultern geh�rt.�</p><p>Meidani riss die Augen weit auf.</p><p>Elaida l�chelte sie an. �Ach, ich mache nur Spa�, Kind. Esst.�</p><p>Sie machte nur Spa�! Scherzte dar�ber, wie sie einer Frau die Stola gestohlen und sie so sehr gedem�tigt hatte, dass sie aus der Wei�en Burg floh. Beim Licht! Was war nur mit ihr geschehen? Egwene war der Roten schon zuvor begegnet, und sie war zwar streng erschienen, aber nicht tyrannisch. Macht ver�nderte die Menschen. In Elaidas Fall hatte es den Anschein, dass die Position des Amyrlin-Sitzes ihr Strenge und Ernst genommen und sie durch unbesonnenes Machtgehabe und Grausamkeit ersetzt hatte.</p><p>Meidani schaute auf. �Ich ... ich habe geh�rt, dass Schwestern ihre Sorge wegen der Seanchaner zum Ausdruck brachten.�</p><p>Elaida winkte gleichg�ltig ab, nahm einen L�ffel Suppe. �Pah. Sie sind zu weit weg, um eine Gefahr f�r uns darzustellen. Ich frage mich, ob sie nicht im Geheimen f�r den Wiedergeborenen Drachen arbeiten. Wie dem auch sei, ich vermute, dass die Ger�chte �ber sie gr��tenteils �bertrieben sind.� Elaida sah Egwene an. �Es ist eine Quelle st�ndiger Erheiterung f�r mich, dass <emphasis>manche</emphasis> alles glauben, was sie h�ren.�</p><p>Egwene konnte nicht sprechen. Sie h�tte nicht einmal stammeln k�nnen. Was w�rde Elaida wohl von diesen ��bertriebenen� Ger�chten halten, wenn ihr die Seanchaner ein kaltes <emphasis>A'dam</emphasis> um den dummen Hals legten? Manchmal konnte Egwene den Ring auf der Haut f�hlen, wo er juckte und unbeweglich war. Manchmal bereitete es ihr leichte �belkeit, dass sie sich frei bewegen konnte, als w�re sie tief im Inneren der Ansicht, eingesperrt zu geh�ren, mit einem einfachen Metallreifen an einen Pfosten gekettet.</p><p>Sie <emphasis>wusste,</emphasis> was sie getr�umt hatte, dass diese Tr�ume prophetischer Natur waren. Die Seanchaner w�rden die Wei�e Burg angreifen. Elaida hatte ihre Warnungen offensichtlich als Unsinn abgetan.</p><p>�Nein�, sagte die falsche Amyrlin und bedeutete Egwene, noch etwas Suppe zu bringen. �Diese Seanchaner sind nicht das Problem. Die wahre Gefahr liegt in dem v�llig fehlenden Gehorsam, den die Aes Sedai zeigen. Was muss ich tun, um diese idiotischen Verhandlungen an den Br�cken zu beenden? Wie viele Schwestern werden noch Bu�e tun m�ssen, bevor sie meine Autorit�t akzeptieren?� Sie klopfte mit dem L�ffel gegen ihren Suppenteller. Am Serviertisch nahm Egwene die Terrine und l�ste die Kelle von ihrer Silberklammer.</p><p>�Ja�, sagte Elaida nachdenklich, �h�tten die Schwestern Gehorsam gezeigt, w�re die Burg nicht gespalten. Diese Rebellen h�tten gehorcht, statt wie eine Schar aufgescheuchter H�hner die Flucht zu ergreifen. H�tten die Schwestern Gehorsam gezeigt, h�tten wir den Wiedergeborenen Drachen in unserer Gewalt, und diese abscheulichen M�nner in ihrer Schwarzen Burg w�ren schon vor langer Zeit erledigt worden. Was meint Ihr, Meidani?�</p><p>�Ich ... Gehorsam ist sicherlich wichtig, Elaida.�</p><p>Elaida sch�ttelte den Kopf, w�hrend Egwene Suppe auf ihren Teller l�ffelte. �Das w�rde doch jeder sagen, Meidani. Ich habe gefragt, was man tun sollte. Gl�cklicherweise habe ich selbst eine Idee. Findet Ihr es nicht seltsam, dass die Drei Eide in keiner Weise den Gehorsam gegen�ber der Wei�en Burg erw�hnen? Schwestern k�nnen nicht l�gen, k�nnen f�r M�nner keine Waffen herstellen, mit denen sie andere M�nner t�ten, und k�nnen die Macht nur in Selbstverteidigung gegen andere anwenden. Diese Eide erschienen mir immer schon zu lasch. Warum keinen Eid, der Amyrlin zu gehorchen? W�re dieses einfache Versprechen ein Teil von uns allen, wie viel Schmerz und Probleme h�tten wir vermeiden k�nnen? Vielleicht ist eine Berichtigung n�tig.�</p><p>Egwene stand still da. Einst hatte sie selbst die Bedeutung der Eide nicht begriffen. Vermutlich hatten viele Novizinnen und Aufgenommene ihren Nutzen infrage gestellt. Aber wie jede Aes Sedai hatte auch sie erlebt, wie wichtig sie waren. Es waren die Drei Eide, die die Aes Sedai erst <emphasis>ausmachten.</emphasis> Sie trieben die Aes Sedai an, das zu tun, was f�r die Welt am besten war, aber dar�ber hinaus waren sie ein Schutz vor Anschuldigungen.</p><p>Sie zu ver�ndern ... nun, das w�re ein beispielloses Desaster. Elaida h�tte das wissen m�ssen. Die falsche Amyrlin wandte sich wieder ihrer Suppe zu und l�chelte schmal, dachte zweifellos �ber einen vierten Eid nach, der Gehorsam verlangte. Erkannte sie nicht, dass das die Burg selbst unterminieren w�rde? Es w�rde die Amyrlin von einer Anf�hrerin in eine Despotin verwandeln!</p><p>Die Wut brodelte in Egwene, dampfte wie die Suppe in ihren H�nden. Diese Frau, diese ... Kreatur! <emphasis>Sie</emphasis> war der Grund f�r den Zwist in der Wei�en Burg, <emphasis>sie</emphasis> war diejenige, die die Teilung in Rebellen und Loyalisten erst verursacht hatte. Sie hatte Rand gefangen genommen und gepr�gelt. Sie war eine Katastrophe!</p><p>Egwene f�hlte, wie sie zitterte. Noch einen Moment, und sie w�rde platzen und Elaida die Wahrheit entgegenschleudern. Es brodelte in ihr, und sie konnte es kaum unterdr�cken.</p><p><emphasis>Nein!,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Wenn ich das tue, endet mein Kampf. Ich verliere meinen Krieg.</emphasis></p><p>Also tat sie das Einzige, was ihr einfiel, um sich aufzuhalten. Sie warf die Suppe zu Boden.</p><p>Braune Fl�ssigkeit spritzte �ber den feinen Teppich aus roten, gelben und gr�nen V�geln im Flug. Elaida fluchte, sprang von ihrem Stuhl auf und wich vor der Pf�tze zur�ck. Von der Fl�ssigkeit war nichts an ihr Kleid gekommen, was schade war. Egwene nahm ganz ruhig ein Tuch vom Tisch und fing an, die Suppe aufzuwischen.</p><p>�Ungeschickte N�rrin�, fauchte Elaida.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Egwene. �Ich w�nschte, das w�re nicht passiert.� Und das stimmte. Sie w�nschte, nichts von diesem Abend w�re passiert. Sie w�nschte, Elaida h�tte nicht die Kontrolle; sie w�nschte, die Burg h�tte sich nie entzweit. Sie w�nschte, sie w�re nicht gezwungen gewesen, die Suppe auf den Boden zu versch�tten. Aber das war nun einmal geschehen. Also k�mmerte sie sich darum, kniete nieder und schrubbte.</p><p>�Dieser Teppich ist mehr wert als dein ganzes Dorf, du Wilde!�, stammelte Elaida. �Meidani, helft ihr!�</p><p>Die Graue wehrte sich mit keiner Silbe. Sie eilte los und ergriff einen K�bel Eiswasser, der zum Weink�hlen da gewesen war, dann eilte sie zur�ck, um Egwene zu helfen. Elaida ging zu einer T�r auf der anderen Zimmerseite, um Diener zu rufen.</p><p>�Schickt nach mir�, fl�sterte Egwene, als sich Meidani neben sie kniete, um zu helfen.</p><p>�Was?�</p><p>�Schickt nach mir, um mir Unterricht zu geben�, sagte Egwene leise und schaute zu Elaida hin�ber, die ihnen den R�cken zuwandte. �Wir m�ssen reden.�</p><p>Eigentlich hatte sie die Spione von Salidar meiden und Beonin als Botin agieren lassen wollen. Aber sie hatte zu viele Fragen. Warum war Meidani nicht aus der Burg geflohen? Was hatten die Spione vor? Waren noch andere von ihnen von Elaida herbeizitiert und so gr�ndlich demoralisiert worden wie Meidani?</p><p>Meidani sah in Elaidas Richtung, dann wieder zu Egwene. �Es mag ja manchmal nicht so aussehen, aber ich bin noch immer Aes Sedai, <emphasis>M�dchen.</emphasis> Ihr k�nnt mir keine Befehle geben.�</p><p>�Ich bin Eure Amyrlin, Meidani�, sagte Egwene ruhig und wrang das nasse Tuch �ber dem Krug aus. �Und Ihr t�tet gut daran, das nicht zu vergessen. Es sei denn, Ihr wollt, dass die Drei Eide durch Schw�re ersetzt werden, Elaida f�r alle Ewigkeit zu dienen.�</p><p>Meidani sah sie nur an und zuckte dann bei Elaidas schrillen Rufen nach der Dienerschaft zusammen. Die arme Frau hatte es offensichtlich in letzter Zeit sehr schwer gehabt.</p><p>Egwene legte ihr die Hand auf die Schulter. �Elaida <emphasis>kann</emphasis> abgesetzt werden, Meidani. Die Burg <emphasis>wird</emphasis> wieder vereint. Ich werde daf�r sorgen, dass es geschieht, aber wir d�rfen den Mut nicht verlieren. Schickt nach mir.�</p><p>Meidani musterte sie. �Wie ... wie schafft Ihr das? Es hei�t, Ihr werdet drei- oder viermal am Tag bestraft, dass Ihr zwischendurch Geheilt werden m�sst, damit man Euch weiter schlagen kann. Wie k�nnt Ihr das ertragen?�</p><p>�Ich ertrage es, weil ich es muss�, sagte Egwene und senkte die Hand. �So wie wir alle das tun, was wir tun m�ssen. Eure Aufgabe, Elaida zu beobachten, ist sehr schwer, wie ich sehe, aber Ihr solltet wissen, dass Eure Arbeit gesch�tzt wird.�</p><p>Sie wusste nicht, ob man Meidani wirklich geschickt hatte, um Elaida auszuspionieren, aber es war immer besser, wenn eine Frau glauben konnte, dass ihr Leiden f�r eine gute Sache war. Es schienen die richtigen Worte gewesen zu sein, denn Meidani hob den Kopf, fasste Mut und nickte. �Danke.�</p><p>Elaida kehrte zur�ck, drei Diener im Schlepptau.</p><p>�Schickt nach mir�, befahl Egwene noch einmal, dieses Mal fl�sternd. �Ich bin eine der wenigen in der Burg, die einen guten Vorwand hat, sich zwischen den verschiedenen Ajah-Quartieren zu bewegen. Ich kann helfen, das zu heilen, was zerbrochen wurde, aber ich werde Eure Hilfe brauchen.�</p><p>Meidani z�gerte, dann nickte sie. �Also gut.�</p><p>�Ihr da!�, keifte Elaida und baute sich vor Egwene auf. �Raus! Ich will, dass Ihr Silviana sagt, dass sie Euch pr�gelt, wie sie noch nie zuvor eine Frau gepr�gelt hat! Ich will, dass sie Euch bestraft, Euch dann auf der Stelle Heilt und Euch wieder schl�gt! Geht!�</p><p>Egwene stand auf und gab ihr Tuch einem der Diener. Dann ging sie zur T�r.</p><p>�Und glaubt ja nicht, dass Euch Eure Ungeschicklichkeit von Euren Pflichten entbindet�, fuhr Elaida hinter ihr fort. �Ihr werdet zur�ckkehren und mich an einem anderen Tag bedienen. Und solltet Ihr dann auch nur <emphasis>einen</emphasis> Tropfen versch�tten, lasse ich Euch eine Woche lang in eine Zelle ohne Fenster oder Licht sperren. Habt Ihr das verstanden?�</p><p>Egwene verlie� den Raum. War diese Frau je eine wahre Aes Sedai gewesen, die ihre Gef�hle unter Kontrolle hatte?</p><p>Allerdings hatte auch sie die Kontrolle �ber ihre Gef�hle verloren. Sie h�tte nie zulassen d�rfen, an einen Punkt zu kommen, wo sie gezwungen war, die Suppe fallen zu lassen. Sie hatte untersch�tzt, wie w�tend einen Elaida machen konnte, aber das w�rde nicht noch einmal geschehen. Sie beruhigte sich, atmete ein und aus. Zorn half ihr nicht. Man wurde nicht w�tend auf das Wiesel, das sich auf den Hof schlich und die Hennen fra�. Man legte einfach eine Falle aus und entledigte sich des Tiers. Wut war sinnlos.</p><p>Mit noch immer nach Pfeffer und anderen Gew�rzen riechenden H�nden begab sie sich auf die unterste Ebene der Burg, zum Speisesaal der Novizinnen neben der Hauptk�che. W�hrend der vergangenen neun Tage hatte sie hier oft gearbeitet; von jeder Novizin wurde verlangt, schmutzige Arbeit zu tun. Die Ger�che dieses Ortes - Holzkohle und Rauch, brodelnde Suppen und scharfe, unparf�mierte Seife - waren ihr sehr vertraut. Eigentlich unterschieden sie sich gar nicht so sehr von der K�che im Gasthaus ihres Vaters daheim in den Zwei Fl�ssen.</p><p>Der wei� gestrichene Raum war leer, niemand sa� an den Tischen, aber auf einem stand ein kleines Tablett, das mit einem Topfdeckel abgedeckt war, um es warm zu halten. Ihr Kissen war auch da, von den Novizinnen zur�ckgelassen, um die harte Bank weicher zu machen. Egwene ignorierte das Kissen, wie sie es immer tat, obwohl sie dankbar f�r die Geste war. Sie setzte sich und hob den Deckel von der Mahlzeit. Leider stand da nur eine Sch�ssel mit der gleichen braunen Suppe. Da war keine Spur von dem Braten, der Sauce oder den langen d�nnen gebutterten Bohnen, die den Rest von Elaidas Mahlzeit gebildet hatten.</p><p>Aber es war etwas zu essen, und Egwenes Magen war dankbar daf�r. Elaida hatte ihr nicht befohlen, <emphasis>augenblicklich</emphasis> zu ihrer Bestrafung zu gehen, also hatte Silvianas Befehl, zuerst zu essen, Vorrang. Oder zumindest konnte man es so darstellen, um sich zu sch�tzen.</p><p>Sie a� leise und allein. Die Suppe war in der Tat sehr gew�rzt und schmeckte genauso nach Pfeffer, wie sie gerochen hatte, aber das war egal. Davon abgesehen war sie eigentlich ganz gut. Man hatte ihr auch ein paar St�cke Brot gelassen, wenn auch vom Laibende. Alles in allem keine schlechte Mahlzeit f�r jemanden, der geglaubt hatte, gar nichts zu bekommen.</p><p>Nachdenklich a� sie, h�rte zu, wie Laras und das K�chenpersonal im Nebenraum die T�pfe schrubbte, und war �berrascht, wie ruhig sie war. Sie hatte sich ver�ndert; etwas war anders an ihr. Elaida zu beobachten und endlich die Frau zu konfrontieren, die die ganzen Monate ihre Rivalin gewesen war, hatte sie gezwungen, ihre Handlungen in einem neuen Licht zu betrachten.</p><p>Sie hatte geglaubt, Elaida unterminieren und von innen heraus die Kontrolle �ber die Wei�e Burg �bernehmen zu k�nnen. Jetzt erkannte sie, dass sie Elaidas Autorit�t gar nicht untergraben musste. Die Frau erledigte das m�helos selbst. Egwene konnte sich gut die Reaktion der Sitzenden und der Anf�hrerinnen der Ajahs vorstellen, wenn Elaida ihre Absicht verk�ndete, die Drei Eide zu ver�ndern!</p><p>Elaida w�rde irgendwann st�rzen, mit oder ohne ihre Hilfe. Als Amyrlin bestand Egwenes Pflicht nicht darin, diesen Sturz zu beschleunigen - sondern alles in ihrer Macht Stehende zu tun, die Burg und ihre Bewohner zusammenzuhalten. Sie konnten es sich nicht leisten, sich noch weiter zu entzweien. Es war Egwenes Pflicht, das Chaos und die Zerst�rung aufzuhalten, das sie alle bedrohte, die Burg neu zu schmieden. Als sie mit ihrer Suppe fertig war und das letzte St�ck Brot dazu benutzte, den Rest aus der Sch�ssel zu wischen, begriff sie, dass sie tun musste, was auch immer sie tun konnte, um f�r die Schwestern in der Burg ein starker Halt zu sein. Die Zeit wurde sehr knapp. Was tat Rand der Welt ohne F�hrung an? Wann w�rden die Seanchaner im Norden angreifen? Sie w�rden sich einen Weg durch Andor bahnen m�ssen, um nach Tar Valon zu gelangen, und welche Zerst�rung w�rde das anrichten? Sicherlich blieb ihr etwas Zeit, um die Burg wieder zu einer Einheit zu schmieden, aber es galt keinen Augenblick zu verschwenden.</p><p>Sie brachte ihr Geschirr in die K�che und wusch es selbst ab, was ihr ein zufriedenes Nicken von der st�mmigen Herrin der K�chen einbrachte. Danach ging sie hinauf zu Silvianas Arbeitszimmer. Sie musste ihre Bestrafung schnell hinter sich bringen; sie hatte noch immer vor, Leane wie jeden Abend einen Besuch abzustatten. Sie klopfte und trat ein. Silviana sa� an ihrem Schreibtisch, bl�tterte im Licht zweiter Silberlampen in einem dicken Buch. Als Egwene eintrat, markierte sie die Seite mit einem roten St�ck Stoff, dann klappte sie das Buch zu. Auf dem abgenutzten Einband stand <emphasis>Meditationen �ber die flackernde Flamme,</emphasis> eine Geschichte �ber den Aufstieg verschiedener Amyrlin. Seltsam.</p><p>Egwene setzte sich auf den Stuhl vor dem Tisch - ohne durch den pl�tzlichen scharfen Schmerz von ihrem Hintern zusammenzuzucken - und berichtete ruhig von dem Abend, unterschlug die Tatsache, dass sie die Suppe absichtlich hatte fallen lassen. Allerdings erz�hlte sie, dass sie sie hatte fallen lassen, nachdem Elaida davon gesprochen hatte, die Drei Eide zu ver�ndern.</p><p>Silviana sah sehr nachdenklich aus, als sie das h�rte.</p><p>�Nun�, sagte sie dann, stand auf und holte ihren Riemen, �die Amyrlin hat gesprochen.�</p><p>�Ja, das habe ich�, erwiderte Egwene, stand auf und nahm die Position �ber dem Tisch ein, hob R�cke und Unterrock f�r die Pr�gelstrafe hoch.</p><p>Silviana z�gerte, dann begann die Bestrafung. Seltsamerweise versp�rte Egwene keinerlei Bed�rfnis zu schreien. Nat�rlich schmerzte es, aber sie konnte einfach nicht schreien. Wie l�cherlich diese Bestrafung doch war!</p><p>Sie erinnerte sich, wie es sie geschmerzt hatte, die Schwestern im Korridor aneinander vorbeigehen zu sehen, wie sie sich mit Furcht und Misstrauen ansahen. Sie erinnerte sich an die Qual, Elaida bedienen zu m�ssen und nichts sagen zu d�rfen. Und sie erinnerte sich an das Entsetzen bei der Vorstellung, dass jeder in der Burg durch einen Eid daran gebunden war, einer solchen Tyrannin zu gehorchen.</p><p>Sie erinnerte sich an ihr Mitleid f�r die arme Meidani. Keine Schwester sollte auf diese Weise behandelt werden. Gefangenschaft war eine Sache. Aber eine Frau zu demoralisieren, mit ihr zu spielen, die kommende Folter anzudeuten? Das war unertr�glich.</p><p>Jedes dieser Dinge schmerzte Egwene, wie ein Messer in ihrer Brust, das das Herz durchbohrte. Als die Pr�gel weitergingen, begriff sie, dass man ihrem K�rper nichts antun konnte, das sich je mit der Pein ihrer Seele vergleichen lie�, die sie erlitten hatte, als sie sah, wie die Wei�e Burg unter Elaidas Herrschaft litt. Verglichen mit diesen inneren Qualen waren die Pr�gel l�cherlich.</p><p>Also fing sie an zu lachen.</p><p>Es war kein gezwungenes Lachen. Es war kein trotziges Lachen. Es war ein ungl�ubiges Lachen. Wie konnte man auf die Idee kommen, dass sie zu schlagen etwas �ndern w�rde? Es war l�cherlich.</p><p>Die Schl�ge h�rten auf. Egwene drehte sich um. Sicherlich konnte das noch nicht alles sein.</p><p>Silviana sah sie besorgt an. �Kind? Was ist mit Euch?�</p><p>�Mir geht es gut.�</p><p>�Seid ... Ihr sicher? Wie sind Eure Gedanken?�</p><p><emphasis>Sie glaubt, ich bin unter dem Druck zusammengebrochen,</emphasis> begriff Egwene. <emphasis>Sie schl�gt mich, und ich lache.</emphasis></p><p>�Meinen Gedanken geht es gut�, sagte sie. �Ich lache nicht, weil man mich gebrochen hat, Silviana. Ich lache, weil es absurd ist, mich zu schlagen.�</p><p>Die Miene der Frau verfinsterte sich.</p><p>�Seht Ihr das denn nicht?�, fragte Egwene. �F�hlt Ihr den Schmerz nicht? Die Qual, zusehen zu m�ssen, wie die Burg um Euch herum zerbricht? K�nnte eine Pr�gelstrafe denn damit mithalten?�</p><p>Silviana erwiderte nichts.</p><p><emphasis>Ich verstehe. Ich hatte nicht begriffen, was die Aiel begriffen haben. Ich bin immer von der Annahme ausgegangen, dass ich h�rter sein muss, und dass mich das lehren w�rde, �ber die Schmerzen zu lachen. Aber es geht gar nicht um H�rte. Es ist nicht die Kraft, die mich lachen l�sst. Es ist die Erkenntnis.</emphasis></p><p>Zuzulassen, dass die Burg vernichtet wurde, dass die Aes Sedai versagten - dieser Schmerz w�rde sie vernichten. Das musste sie verhindern, denn sie war der Amyrlin-Sitz.</p><p>�Ich kann mich nicht weigern, Euch zu bestrafen�, sagte Silviana. �Das versteht Ihr doch.�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Egwene. �Aber bitte helft mir auf die Spr�nge. Was habt Ihr noch einmal �ber Shemerin gesagt? Warum konnte ihr Elaida ohne Widerstand die Stola nehmen?�</p><p>�Weil Shemerin es akzeptierte�, erwiderte Silviana. �Sie hat sich so verhalten, als h�tte sie <emphasis>wirklich</emphasis> die Stola verloren. Sie hat sich nicht gewehrt.�</p><p>�Ich werde nicht den gleichen Fehler machen, Silviana. Elaida kann sagen, was sie will. Aber das �ndert nicht das, was ich bin, oder was jede von uns ist. Selbst wenn sie versucht, die Drei Eide zu ver�ndern, wird es welche geben, die Widerstand leisten, die an dem festhalten, was richtig ist. Und darum schlagt Ihr, wenn Ihr mich schlagt, den Amyrlin-Sitz. Und das sollte am�sant genug sein, um uns beide lachen zu lassen.�</p><p>Die Bestrafung ging weiter, und Egwene umarmte den Schmerz, nahm ihn in sich auf und sch�tzte ihn als unbedeutend ein, wartete schon ungeduldig darauf, dass die Strafe ihr Ende fand.</p><p>Auf sie wartete viel Arbeit.</p></section><section><title><p>3</p><p>Pfade der Ehre</p></title><p>Aviendha hockte mit ihren Speerschwestern und ein paar Sp�hern der Blutabk�mmlinge auf dem niedrigen grasigen H�gel und betrachtete die Fl�chtlinge weiter unten. Ein trauriger Haufen, diese Domani-Feuchtl�nder, mit schmutzigen Gesichtern, die seit Monaten kein Schwei�zelt mehr gesehen hatten und deren abgemagerte Kinder zu hungrig waren, um weinen zu k�nnen. Bei den hundert sich abm�henden Menschen zog ein erb�rmliches Maultier einen Karren; was sie nicht auf das Gef�hrt geh�uft hatten, trugen sie. Es gab von beidem nicht viel. Sie schleppten sich nach Nordosten auf einem Weg, den man nun wirklich nicht als Stra�e bezeichnen mochte. Vielleicht gab es ein Dorf in dieser Richtung. Vielleicht flohen sie auch einfach nur vor der Unsicherheit der K�stenregion.</p><p>Abgesehen von ein paar vereinzelten B�umen war die h�gelige Landschaft weit offen. Die Fl�chtlinge hatten Aviendha und ihre Gef�hrten nicht gesehen, und das trotz der Tatsache, dass sie keine hundert Schritte weit entfernt waren. Sie hatte nie begriffen, wie diese Feuchtl�nder so blind sein konnten. Sahen sie nicht hin und bemerkten die Unregelm��igkeiten am Horizont? War ihnen denn nicht klar, dass der Weg so nah an einem H�gelkamm vorbei Sp�her praktisch dazu einlud, sie zu beobachten? Sie h�tten den H�gel mit ihren eigenen Kundschaftern sichern sollen, bevor sie sich in seine N�he wagten.</p><p>War ihnen das alles egal? Aviendha fr�stelte. Wie konnte es einem egal sein, ob Augen einen beobachteten, Augen, die m�glicherweise einem Mann oder einer Tochter mit einem Speer geh�rten? Konnten sie es nicht erwarten, aus dem Traum zu erwachen? Aviendha f�rchtete den Tod nicht, aber es bestand ein gro�er Unterschied darin, ob man den Tod umarmte oder ihn sich ersehnte.</p><p><emphasis>St�dte,</emphasis> dachte sie, <emphasis>das ist das Problem.</emphasis> St�dte waren stinkende, schw�rende Orte, wie Geschw�re, die nie heilten. Manche waren besser als andere - Elayne leistete bemerkenswerte Arbeit in Caemlyn -, aber die Besten von ihnen versammelten zu viele Menschen und brachten ihnen bei, wie bequem es doch war, an einem Ort zu bleiben. W�ren diese Fl�chtlinge ans Reisen gew�hnt und h�tten gelernt, die eigenen F��e zu benutzen, statt sich auf Pferde zu verlassen, wie es die Feuchtl�nder so oft taten, dann w�re es ihnen nicht so schwergefallen, ihre St�dte zu verlassen. Bei den Aiel brachte man den Handwerkern bei, sich zu verteidigen, die Kinder konnten tagelang vom Land leben, und selbst Schmiede konnten gro�e Entfernungen schnell zur�cklegen. Eine ganze Septime konnte innerhalb einer Stunde auf dem Weg sein und alles N�tige auf dem R�cken tragen.</p><p>Feuchtl�nder waren seltsam, da bestand kein Zweifel. Trotzdem versp�rte sie Mitleid f�r die Fl�chtlinge. Das Gef�hl �berraschte sie. Sie war zwar nicht herzlos, aber ihre Pflicht lag anderswo, bei Rand al'Thor. Es gab f�r sie keinen Grund, sich wegen einer Gruppe unbekannter Feuchtl�nder schlecht zu f�hlen. Doch die Zeit, die sie mit ihrer Erstschwester Elayne Trakand verbracht hatte, hatte sie gelehrt, dass nicht alle Feuchtl�nder weich und schwach waren. Nur die meisten. Es lag <emphasis>Ji</emphasis> darin, sich um die zu k�mmern, die sich nicht um sich selbst k�mmern konnten.</p><p>Aviendha betrachtete die Fl�chtlinge und versuchte sie mit Elaynes Augen zu sehen, aber sie tat sich noch immer schwer damit, Elaynes F�hrungsstil zu begreifen. Es war nicht die simple F�hrung wie bei einer Gruppe von T�chtern auf einem Raubzug - die geschah instinktiv und effizient. Elayne w�rde bei diesen Fl�chtlingen nicht nach Anzeichen von Gefahr oder verborgenen Soldaten Ausschau halten. Sie w�rde sich f�r sie verantwortlich f�hlen, selbst wenn es nicht ihre eigenen Leute waren. Sie w�rde eine M�glichkeit finden, ihnen Lebensmittel zu schicken, w�rde vielleicht von ihren Truppen ein Gebiet sichern lassen, auf dem sie sich niederlassen konnten - und auf diese Weise w�rde sie ein St�ck dieses Landes f�r sich selbst erwerben.</p><p>Fr�her h�tte Aviendha diese Gedanken den Clanh�uptlingen und Dachherrinnen �berlassen. Aber sie war keine Tochter mehr, und das hatte sie akzeptiert. Sie lebte jetzt unter einem anderen Dach. Sie sch�mte sich daf�r, dass sie sich dieser Ver�nderung so lange widersetzt hatte.</p><p>Aber das brachte sie in ein Dilemma. Welche Ehre gab es jetzt noch f�r sie? Keine Tochter mehr, aber auch noch keine Weise Frau. Ihre ganze Identit�t hatte in diesen Speeren gelegen, ihr <emphasis>Ich</emphasis> war so sicher in ihren Stahl geschmiedet worden wie der Kohlenstoff, der ihm St�rke verlieh. Seit fr�hester Kindheit war klar gewesen, dass sie <emphasis>Far Dareis Mai</emphasis> sein w�rde. Tats�chlich hatte sie sich so fr�h wie m�glich den T�chtern angeschlossen. Sie war stolz auf ihr Leben und ihre Speerschwestern gewesen. Sie h�tte ihrem Clan und ihrer Septime bis zu dem Tag gedient, an dem sie schlie�lich dem Speer zum Opfer fiel und ihr letztes Wasser auf den trockenen Boden des Dreifachen Landes blutete.</p><p>Das hier war nicht das Dreifache Land, und sie hatte geh�rt, wie ein paar <emphasis>Algai'd'siswai</emphasis> dar�ber spekuliert hatten, ob die Aiel jemals dorthin zur�ckkehren w�rden. Ihr Leben hatte sich ver�ndert. Aviendha traute Ver�nderungen nicht. Man konnte sie weder fr�hzeitig entdecken noch erstechen; sie waren lautloser als ein Sp�her und t�dlicher als ein Attent�ter. Nein, sie w�rde ihnen niemals trauen, aber sie w�rde sie akzeptieren. Sie w�rde lernen, wie Elayne zu handeln und wie ein H�uptling zu denken.</p><p>Sie <emphasis>w�rde</emphasis> Ehre in ihrem neuen Leben finden. Irgendwie.</p><p>�Sie sind keine Bedrohung�, wisperte Heirn, der mit den Blutabk�mmlingen auf der anderen Seite der T�chter kauerte.</p><p>Rhuarc beobachtete die Fl�chtlinge aufmerksam. �Die Toten wandeln�, sagte der Clanh�uptling der Taardad, �und M�nner fallen zuf�llig Sichtblenders B�sem zum Opfer, ihr Blut wird verdorben wie das Wasser einer schlechten Quelle. Das k�nnten arme Menschen sein, die vor dem Krieg fliehen. Oder es k�nnte etwas anderes sein. Wir halten Distanz.�</p><p>Aviendha schaute auf die immer kleiner werdende Reihe der Fl�chtlinge. Sie glaubte nicht, dass Rhuarc recht hatte; das waren keine Geister oder Ungeheuer. An denen war immer etwas ... falsch. Sie verursachten bei ihr ein Jucken, als w�rde man sie angreifen.</p><p>Trotzdem war Rhuarc weise. Im Dreifachen Land lernte man, vorsichtig zu sein, wo ein winziger Zweig t�ten konnte. Die Aiel huschten von dem H�gel nach unten zu der Ebene mit dem braunen Gras. Selbst nach vielen Monaten im Feuchtland fand Aviendha die Landschaft seltsam. Hier waren die B�ume hoch und mit langen �sten versehen. Stie�en die Aiel auf Gebiete mit gelbem Fr�hlingsgras zwischen den abgefallenen Winterbl�ttern, schien es immer so voller Wasser zu sein, dass sie fast damit rechnete, dass die Halme und Bl�tter unter ihren F��en platzten. Die Feuchtl�nder behaupteten, dass dieser Fr�hling unnat�rlich langsam kam, aber er war bereits fruchtbarer als die Heimat der Aiel.</p><p>Im Dreifachen Land w�re diese Wiese - und die H�gel, die f�r Wachtposten und Schutz sorgten - sofort von einer Septime in Beschlag genommen und als Ackerland benutzt worden. Hier war es blo� ein weiteres von tausend unber�hrten St�cken Land. Wieder lag der Fehler bei den St�dten. Die n�chsten von ihnen waren zu weit entfernt von diesem Ort, als dass es eine gute Stelle f�r einen Feuchtl�nderhof gewesen w�re.</p><p>Die acht Aiel liefen �ber das Gras, bewegten sich mit Schnelligkeit und Verstohlenheit zwischen den H�geln hindurch. Pferde konnten nicht mit den F��en eines Menschen mithalten, wenn man nur an ihren donnernden Galopp dachte. Schreckliche Kreaturen - warum beharrten die Feuchtl�nder nur darauf, auf ihnen zu reiten? Verbl�ffend. Aviendha konnte lernen, wie ein H�uptling oder eine K�nigin denken musste, aber Feuchtl�nder w�rde sie niemals richtig verstehen, das war ihr klar. Sie waren einfach zu seltsam. Selbst Rand al'Thor.</p><p>Vor allem Rand al'Thor. Sie l�chelte und dachte an seine ernsten Augen. Sie erinnerte sich an seinen Geruch - Feuchtl�nderseife, die nach �l duftete, vermischt mit diesem besonderen erdigen Moschus. Sie <emphasis>w�rde</emphasis> ihn heiraten. In dieser Hinsicht war sie so entschlossen wie Elayne. Jetzt, da sie Erstschwestern waren, konnten sie ihn gemeinsam heiraten, wie es sich geh�rte. Andererseits, wie sollte sie jetzt noch jemanden heiraten k�nnen? Ihre Ehre hatte in ihren Speeren gelegen, aber Rand al'Thor trug sie an seiner Taille; man hatte aus ihnen eine G�rtelschnalle geschmiedet, die sie ihm mit eigener Hand �berreicht hatte.</p><p>Er hatte ihr einmal die Ehe angeboten. Ein Mann! Der ihr die Ehe anbot! Noch eine dieser seltsamen Feuchtl�ndersitten. Selbst wenn man einmal verga�, wie verr�ckt das Ganze doch war - und die Beleidigung au�er Acht lie�, die sein Antrag f�r Elayne bedeutete -, h�tte Aviendha Rand al'Thor niemals als Ehemann akzeptieren k�nnen. Konnte er nicht verstehen, dass eine Frau Ehre in eine Ehe mitbringen musste? Was hatte ein Lehrling schon zu bieten? Wollte er, dass sie als Untergebene zu ihm kam? Das zu tun h�tte sie auf schreckliche Weise entehrt!</p><p>Es gab nur eine Erkl�rung - er hatte es einfach nicht verstanden. Sie hielt ihn nicht f�r grausam, lediglich f�r begriffsstutzig. Sie w�rde zu ihm kommen, wenn <emphasis>sie</emphasis> bereit war, und ihm dann das Brautgebinde zu F��en legen. Und das konnte sie nicht tun, bevor sie wusste, <emphasis>wer</emphasis> sie war.</p><p>Die Wege des <emphasis>Ji'e'toh</emphasis> waren kompliziert. Aviendha wusste, wie man als Tochter die Ehre ma�, aber Weise Frauen waren da eine ganz andere Kategorie. Sie hatte geglaubt, bei ihnen eine gewisse Anerkennung und Ehre zu finden. Zum Beispiel hatten sie ihr erlaubt, viel Zeit mit ihrer Erstschwester in Caemlyn zu verbringen. Aber dann waren Dorindha und Nadere dahergekommen und hatten ihr mitgeteilt, dass sie ihre Ausbildung vernachl�ssigte. Sie hatten sie wie ein Kind gepackt, das heimlich vor einem Schwei�zelt lauschte, und sie zu ihrem Clan geschleppt, der gerade nach Arad Doman aufbrach.</p><p>Und jetzt ... und jetzt behandelten die Weisen Frauen sie mit weniger Respekt als je zuvor! Sie boten ihr nicht an, sie zu unterrichten. Irgendwie hatte sie in ihren Augen einen Fehler begangen. Bei dem Gedanken verkrampfte sich ihr Magen. Sich vor den anderen Weisen Frauen zu blamieren war beinahe genauso schlimm, wie vor jemandem, der so mutig wie Elayne war, Furcht zu zeigen!</p><p>Bis jetzt hatten die Weisen Frauen ihr eine gewisse Ehre zugestanden, indem sie ihr Strafen auferlegten, aber sie wusste nicht, was sie getan hatte, um sich selbst Schande zu bereiten. Danach zu fragen w�rde nat�rlich nur noch mehr Schande bringen. Erst wenn sie dieses Durcheinander entwirrt hatte, konnte sie ihr <emphasis>Toh</emphasis> wieder erf�llen. Schlimmer noch, es bestand die Gefahr, dass sie denselben Fehler noch einmal beging. Bis sie dieses Problem gel�st hatte, w�rde sie ein Lehrling bleiben, und sie w�rde Rand al'Thor <emphasis>nie</emphasis> ein ehrenhaftes Brautgebinde �bergeben k�nnen.</p><p>Aviendha knirschte mit den Z�hnen. Eine andere Frau h�tte vielleicht geweint, aber was h�tte das gebracht? Welche Fehler sie auch immer begangen hatte, das hatte sie sich selbst eingebrockt, und es war ihre Pflicht, es wieder zu richten. Sie <emphasis>w�rde</emphasis> ihre Ehre zur�ckerlangen, und sie <emphasis>w�rde</emphasis> Rand al'Thor heiraten, bevor er in der Letzten Schlacht starb.</p><p>Also musste sie das, was sie unbedingt wissen musste, schnell in Erfahrung bringen. Sehr schnell.</p><p>Auf einer kleinen, von Kiefern umgebenen Lichtung trafen sie sich mit einer anderen Gruppe Aiel. Ein dicker brauner Nadelteppich bedeckte den Boden, die gewaltigen Baumst�mme versperrten den Blick zum Himmel. Nach den Ma�st�ben von Clans und Septimen war es eine kleine Gruppe, kaum zweihundert Personen. In der Mitte der Lichtung standen vier Weise Frauen. Jede von ihnen trug den charakteristischen braunen Rock und die wei�e Bluse. Aviendha trug �hnliche Kleidung, die ihr mittlerweile so nat�rlich vorkam wie einst der <emphasis>Cadin'sor.</emphasis> Die Sp�hergruppe l�ste sich auf, M�nner und T�chter gesellten sich zu den Mitgliedern ihrer eigenen Clans oder Gemeinschaften. Rhuarc ging zu den Weisen Frauen, und Aviendha folgte ihm.</p><p>Jede der Weisen Frauen - Amys, Bair, Melaine und Nadere - warf ihr einen Blick zu. Bair, die einzige Aiel in der Gruppe, die keine Taardad oder Goshien war, war erst vor kurzem eingetroffen, vielleicht um sich mit den anderen abzusprechen. Was aber auch der Grund war, keine von ihnen schien erfreut. Aviendha z�gerte. Wenn sie jetzt ging, w�rde es dann so aussehen, als wollte sie sich ihrer Aufmerksamkeit entziehen? Sollte sie es wagen, stattdessen zu bleiben und das Risiko eingehen, weiteren Unmut hervorzurufen?</p><p>�Nun?�, sagte Amys zu Rhuarc. Auch wenn Amys wei�e Haare hatte, sah sie doch ziemlich jung aus. In ihrem Fall lag das nicht an der Macht - ihre Haare waren schon als Kind ergraut.</p><p>�Es war, wie die Sp�her beschrieben haben, Schatten meines Herzens�, sagte Rhuarc. �Noch eine traurige Gruppe Feuchtl�nderfl�chtlinge. Ich habe in ihnen keine verborgene Gefahr erkannt.�</p><p>Die Weise Frau nickte, als h�tte sie damit gerechnet. �Das ist die zehnte Fl�chtlingsgruppe in weniger als einer Woche�, sagte die �ltere Bair; in ihren w�ssrigen blauen Augen lag ein nachdenklicher Ausdruck.</p><p>Rhuarc nickte. �Es gibt Ger�chte, dass die Seanchaner im Westen H�fen angreifen. Vielleicht ziehen die Menschen ins Landesinnere, um den Angriffen zu entgehen.� Er sah Amys an. �Dieses Land brodelt wie auf dem Herd versch�ttetes Wasser. Die Clans sind sich unsicher, was sich Rand al'Thor von ihnen erw�nscht.�</p><p>�Er hat sich sehr klar ausgedr�ckt�, meinte Bair. �Er wird sehr erfreut sein, dass Ihr und Dobraine Taborwin Bandar Eban gesichert habt, worum er gebeten hatte.�</p><p>Rhuarc nickte. �Trotzdem sind seine Absichten nicht klar. Er hat uns gebeten, die Ordnung wiederherzustellen. Sollen wir denn wie Stadtw�chter der Feuchtl�nder sein? Das ist kein Ort f�r einen Aiel. Wir sollen nicht erobern, also erhalten wir auch kein F�nftel. Und doch erscheint das, was wir tun, sehr wie eine Eroberung. Die Befehle des <emphasis>Car'a'carns</emphasis> k�nnen zugleich klar und verwirrend sein. Ich glaube, was das angeht, hat er ein echtes Talent.�</p><p>Bair l�chelte und nickte. �Vielleicht will er, dass wir etwas mit diesen Fl�chtlingen machen.�</p><p>�Und was sollten wir tun?�, fragte Amys und sch�ttelte den Kopf. �Sind wir Shaido, erwartet man von uns, aus Feuchtl�ndern <emphasis>Gai'schain</emphasis> zu machen?� Ihr Ton lie� keinen Zweifel, was sie sowohl von den Shaido wie auch von der Idee hielt, Feuchtl�nder zu <emphasis>Gai'schain</emphasis> zu machen.</p><p>Aviendha nickte zustimmend. Wie Rhuarc schon gesagt hatte, der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> hatte sie nach Arad Doman geschickt, um �die Ordnung wiederherzustellen�. Aber das war ein typisches Feuchtl�nder-Konzept; Aiel brachten ihre eigene Ordnung mit sich. Krieg und Schlachten waren voller Chaos, sicher, aber jeder Aiel kannte seinen Platz und w�rde auch dementsprechend handeln. Kleine Kinder verstanden Ehre und <emphasis>Toh,</emphasis> und ein Haushalt funktionierte auch dann noch, sollten alle Anf�hrer und Weise Frauen get�tet worden sein.</p><p>Bei den Feuchtl�ndern war das v�llig anders. Sie rannten herum wie ein Korb wilder Echsen, den man auf hei�e Steine hatte fallen lassen, k�mmerten sich nicht um Vorr�te, wenn sie flohen. Sobald ihre Anf�hrer besch�ftigt und abgelenkt waren, herrschte Banditentum und Chaos. Die Starken beraubten die Schwachen, und nicht einmal Schmiede waren sicher.</p><p>Was erwartete Rand al'Thor von den Aiel? Sie konnten doch keiner ganzen Nation das <emphasis>Ji'e'toh</emphasis> beibringen. Rand al'Thor hatte ihnen befohlen, nach M�glichkeit keine Soldaten der Domani zu t�ten. Aber diese Truppen - die oft korrupt und selbst zu Banditen geworden waren - waren Teil des Problems.</p><p>�Vielleicht wird er es genauer erkl�ren, wenn wir bei seinem Herrenhaus eintreffen�, sagte Melaine und sch�ttelte den Kopf. Ihr rotblondes Haar fing das Licht ein. Unter ihrer Bluse waren die ersten Anzeichen ihrer Schwangerschaft zu sehen. �Und wenn nicht, dann ist es sicherlich besser f�r uns, hier in Arad Doman zu sein, als noch mehr Zeit im Land der Baumm�rder verbringen zu m�ssen.�</p><p>�Da habt Ihr recht�, meinte Rhuarc. �Dann lasst uns aufbrechen.� Er ging los, um mit Bael zu sprechen. Aviendha trat einen Schritt zur Seite, aber Amys warf ihr einen b�sen Blick zu, und sie erstarrte.</p><p>�Aviendha�, sagte die harte, wei�haarige Frau. �Wie viele Weise Frauen sind mit Rhuarc aufgebrochen, um sich diesen Fl�chtlingstreck anzusehen?�</p><p>�Nur ich�, gab Aviendha zu.</p><p>�Ach, und du bist jetzt eine Weise Frau?�, fragte Bair.</p><p>�Nein�, erwiderte Aviendha schnell und h�ufte noch mehr Schande auf sich, weil sie err�tete. �Das war eine dumme Bemerkung.�</p><p>�Dann sollst du bestraft werden�, sagte Bair. �Aviendha, du bist keine Tochter mehr. Es steht dir nicht zu, mit den Sp�hern zu ziehen. Diese Aufgabe haben andere zu erledigen.�</p><p>�Ja, Weise Frau�, sagte Aviendha und schaute zu Boden. Ihr war nicht in den Sinn gekommen, dass es ihr Schande einbringen w�rde, wenn sie Rhuarc begleitete - andere Weise Frauen hatten �hnliche Aufgaben verrichtet.</p><p><emphasis>Aber ich bin keine Weise Frau,</emphasis> rief sie sich ins Ged�chtnis zur�ck. <emphasis>Ich bin nur ein Lehrling.</emphasis> Bair hatte nicht gesagt, dass eine Weise Frau keinen Sp�htrupp begleiten durfte; nur dass ihr nicht zustand, das zu tun. Hier ging es allein um sie. Und um das, was auch immer sie getan hatte, um die Weisen Frauen zu provozieren. Oder m�glicherweise noch immer tat.</p><p>Glaubten sie vielleicht, die Zeit bei Elayne h�tte sie verweichlicht? Aviendha sorgte sich selbst, dass das m�glicherweise der Fall war. W�hrend ihres Aufenthalts in Caemlyn hatte sie gelernt, Seide und B�der zu sch�tzen. Am Ende hatte sie nur kraftlos protestiert, wenn Elayne einen neuen Vorwand gefunden hatte, um sie in ein unpraktisches und frivoles Gewand mit Stickereien und Spitze zu kleiden. Es war gut, dass man sie abgeholt hatte.</p><p>Die anderen standen einfach da und sahen sie erwartungsvoll an, ihre Gesichter waren wie rote W�stensteine, reglos und streng. Aviendha biss wieder die Z�hne zusammen. Sie w�rde ihre Lehrlingszeit beenden und Ehre erringen. Das <emphasis>w�rde</emphasis> sie.</p><p>Der Ruf, sich in Bewegung zu setzen, erscholl, und M�nner und Frauen im <emphasis>Cadin'sor</emphasis> liefen in kleinen Gruppen zusammen los. Die Weisen Frauen bewegten sich trotz ihrer ausladenden R�cke genauso m�helos wie die Soldaten. Amys ber�hrte Aviendhas Arm. �Du wirst mit mir laufen, damit wir deine Strafe besprechen k�nnen.�</p><p>Aviendha verfiel neben der Weisen Frau in einen schnellen Trab. Diese Geschwindigkeit konnte jeder Aiel eine fast uneingeschr�nkte Zeit durchhalten. Ihre Gruppe aus Caemlyn war zu Rhuarc gesto�en, als er aus Bandar Eban kam, um sich im westlichen Teil des Landes mit Rand al'Thor zu treffen. Dobraine Taborwin, ein Cairhiener, sorgte in der Hauptstadt noch immer f�r Ordnung, wo er angeblich ein Mitglied der Domani-Regierung aufgesp�rt hatte.</p><p>Nat�rlich h�tten die Aiel den Rest des Weges durch ein Wegetor zur�cklegen k�nnen. Aber es war nicht weit - nur ein paar Tage zu Fu� -, und sie waren fr�h genug aufgebrochen, um zur vereinbarten Zeit einzutreffen, ohne die Eine Macht benutzen zu m�ssen. Rhuarc wollte selbst einen Teil der Gegend um das Herrenhaus erforschen, das Rand al'Thor als Basis benutzte. Falls n�tig, w�rden weitere Goshien oder Taardad Aiel mithilfe von Wegetoren sich dort zu ihnen gesellen.</p><p>�Wie denkst du �ber das, was der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> von uns hier in Arad Doman verlangt, Aviendha?�, fragte Amys, w�hrend sie liefen.</p><p>Aviendha unterdr�ckte ein Stirnrunzeln. Was war denn aus ihrer Strafe geworden? �Diese Bitte verst��t gegen die Regeln�, sagte sie, �aber Rand al'Thor hat viele seltsame Ideen, selbst f�r einen Feuchtl�nder. Das wird nicht die ungew�hnlichste Pflicht sein, die er sich f�r uns einfallen lassen wird.�</p><p>�Und die Tatsache, dass Rhuarc diese Pflicht Unbehagen bereitet?�</p><p>�Ich bezweifle, dass dem Clanh�uptling unbehaglich zumute ist. Ich denke, dass Rhuarc das ausspricht, was andere gesagt haben, und er diese Information auf diese Weise an die Weisen Frauen weitergibt. Er will andere nicht entehren, indem er enth�llt, wer seine Bef�rchtungen ausgesprochen hat.�</p><p>Amys nickte. Was sollten diese Fragen? Sicherlich war die Frau zu dem gleichen Schluss gelangt. Sie w�rde bestimmt nicht zu ihr kommen, um sich Rat zu holen.</p><p>Eine Weile liefen sie schweigend, ohne dass Strafen erw�hnt wurden. Hatten die Weisen Frauen ihr ihre unbeabsichtigte Beleidigung verziehen? Sicherlich w�rden sie sie nicht auf diese Weise entehren. Man musste ihr Zeit geben, damit sie selbst darauf kam, was sie getan hatte, andernfalls w�rde ihre Schande unertr�glich sein. M�glicherweise w�rde sie wieder das Falsche tun, dieses Mal nur noch viel schlimmer.</p><p>Amys verriet durch nichts, was sie dachte. Die Weise Frau war genau wie Aviendha einst eine Tochter gewesen. Sie war hart, selbst f�r eine Aiel. �Und al'Thor?�, fragte sie. �Was h�ltst du von ihm?�</p><p>�Ich liebe ihn�, sagte Aviendha.</p><p>�Ich habe nicht Aviendha das dumme M�dchen gefragt�, sagte Amys barsch. �Ich habe Aviendha die Weise Frau gefragt.�</p><p>�Er ist ein Mann, der viele B�rden tr�gt.� Aviendha w�hlte ihre Worte sorgf�ltig. �Ich f�rchte, dass er viele dieser B�rden schwerer macht, als sie sein m�ssten. Einst war ich der Meinung, dass man nur auf eine Weise stark sein kann, aber von meiner Erstschwester habe ich gelernt, dass ich da im Irrtum war. Rand al'Thor ... ich glaube nicht, dass er das schon gelernt hat. Ich sorge mich, dass er H�rte mit St�rke verwechselt.�</p><p>Amys nickte wieder, als w�rde sie ihr zustimmen. Sollten diese Fragen eine Art Pr�fung sein?</p><p>�Du w�rdest ihn heiraten?�, fragte Amys.</p><p><emphasis>Wir wollten doch nicht �ber Aviendha �das dumme M�dchen� reden,</emphasis> dachte Aviendha, aber nat�rlich sprach sie das nicht aus. So etwas sagte man nicht zu Amys.</p><p>�Ich <emphasis>werde</emphasis> ihn heiraten�, sagte sie stattdessen. �Das ist keine M�glichkeit, sondern eine Tatsache.� Der Tonfall brachte ihr einen Seitenblick von Amys ein, aber sie knickte nicht ein. Jede Weise Frau, die sich versprach, hatte es verdient, dass man sie korrigierte.</p><p>�Und die Feuchtl�nderin Min Farshaw? Offensichtlich liebt sie ihn. Was wirst du wegen ihr unternehmen?�</p><p>�Das ist meine Angelegenheit. Wir werden eine �bereinkunft finden. Ich habe mit Min Farshaw gesprochen, und ich glaube, sie wird sich nicht widersetzen.�</p><p>�Du w�rdest auch sie zur Erstschwester nehmen?� Irgendwie klang Amys am�siert.</p><p>�Wir werden eine �bereinkunft finden, Weise Frau.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Das werden wir�, sagte Aviendha energisch.</p><p>�Und wieso bist du dir da so sicher?�</p><p>Aviendha z�gerte. Ein Teil von ihr wollte auf diese Frage nur mit Schweigen reagieren, wollte die blattlosen Dickichte passieren und Amys keine Antwort geben. Aber sie war nur ein Lehrling, und auch wenn man sie nicht zu einer Antwort zwingen konnte, wusste sie doch genau, dass Amys so lange nachhaken w�rde, bis die Antwort kam. Sie hoffte blo�, dass sie durch ihre Erwiderung nicht zu viel <emphasis>Toh</emphasis> auf sich laden w�rde.</p><p>�Ihr habt von Mins Sichten geh�rt?�, fragte sie.</p><p>Amys nickte.</p><p>�Eine dieser Vorhersagen hatte mit Rand al'Thor und den drei Frauen zu tun, die er lieben wird. Eine weitere drehte sich um die Kinder, die ich vom <emphasis>Car'a'carn</emphasis> bekommen werde.�</p><p>Sie f�hrte das nicht weiter aus, und Amys setzte sie auch nicht weiter unter Druck. Sie wussten beide, dass man eher einen Steinhund finden w�rde, der bei einem Kampf den R�ckzug antrat, als eine von Mins Vorhersagen, die nicht in Erf�llung gegangen war.</p><p>Einerseits war es gut zu wissen, dass Rand al'Thor ihr geh�ren w�rde, auch wenn sie ihn teilen musste. Nat�rlich versp�rte sie keinen Neid auf Elayne, aber Min ... nun, eigentlich kannte sie sie ja gar nicht. Trotzdem war die Vorhersage ein Trost. Aber sie war auch �rgerlich. Sie liebte Rand al'Thor, weil <emphasis>sie</emphasis> sich dazu entschieden hatte, und nicht weil es das Schicksal so wollte. Nat�rlich bot Mins Sicht keine Gew�hr, dass sie Rand auch tats�chlich heiratete, also hatte sie sich m�glicherweise falsch ausgedr�ckt. Ja, er w�rde drei Frauen lieben, und drei Frauen w�rden ihn lieben, aber w�rde sie eine M�glichkeit finden, ihn zu heiraten?</p><p>Nein, die Zukunft stand nicht fest, und aus irgendeinem Grund fand sie das tr�stlich. Vielleicht h�tte sie sich Sorgen machen sollen, aber das tat sie nicht. Sie w�rde ihre Ehre zur�ckgewinnen, und dann w�rde sie Rand al'Thor heiraten. Vielleicht w�rde er kurz darauf sterben, aber genauso gut konnte sie heute in einen Hinterhalt geraten und durch einen Pfeilschuss sterben. Sich zu sorgen brachte gar nichts.</p><p><emphasis>Toh</emphasis> war jedoch eine ganz andere Sache.</p><p>�Ich habe mich falsch ausgedr�ckt, Weise Frau�, sagte sie. �Ich habe gesagt, dass ich Rand al'Thor laut dieser Vorhersage heiraten werde. Das stimmt nicht. Wir drei werden ihn lieben, und auch wenn man da selbstredend an Ehe denkt, wei� ich es dennoch nicht mit Sicherheit.�</p><p>Amys nickte. Es gab kein <emphasis>Toh;</emphasis> sie hatte sich schnell genug korrigiert. Das war gut. Sie w�rde nicht noch mehr zus�tzliche Schande zu der anh�ufen, die sie bereits auf sich geladen hatte.</p><p>�Also gut�, sagte Amys und betrachtete den Pfad vor ihr. �Lass uns �ber die heutige Strafe sprechen.�</p><p>Aviendha entspannte sich etwas. Also blieb ihr noch genug Zeit, um herauszufinden, was sie falsch gemacht hatte. Feuchtl�nder schienen die Strafmethoden der Aiel oft zu verwirren, aber Feuchtl�nder verstanden ja auch wenig von Ehre. Ehre erwarb man nicht, <emphasis>weil</emphasis> man bestraft wurde, sondern die Strafe akzeptierte, und sie zu erdulden stellte die Ehre wieder her. Das war die Seele des <emphasis>Toh</emphasis> - sich freiwillig zu beugen, um das zur�ckzugewinnen, was verloren gegangen war. Sie konnte nicht verstehen, warum die Feuchtl�nder das nicht begriffen; in der Tat war es seltsam, dass sie <emphasis>Ji'e'toh</emphasis> nicht instinktiv folgten. Was war ein Leben ohne Ehre?</p><p>Amys w�rde ihr zu Recht nicht sagen, was sie falsch gemacht hatte. Aber sie kam einfach nicht auf die richtige Antwort, und sie w�rde weniger Schande auf sich laden, wenn sie sie bei einer Unterhaltung herausfand. �Ja�, sagte sie vorsichtig. �Ich sollte bestraft werden. Mein Aufenthalt in Caemlyn drohte mich schwach zu machen.�</p><p>Amys schnaubte. �Du bist genauso wenig schwach wie zu der Zeit, als du die Speere getragen hast, M�dchen. Sogar etwas st�rker, wie ich finde. Deine Zeit mit deiner Erstschwester war wichtig f�r dich.�</p><p>Also war es das nicht. Als Dorindha und Nadere sie geholt hatten, hatten sie gesagt, sie m�sste ihre Ausbildung als Lehrling fortf�hren. Aber seit die Aiel nach Arad Doman aufgebrochen waren, hatte sie keinen Unterricht bekommen. Sie hatte Wasser tragen, Schultert�cher flicken und Tee servieren m�ssen. Alle m�glichen Strafen hatte man ihr auferlegt, ohne ihr dabei zu erkl�ren, was sie falsch gemacht hatte. Und wenn sie etwas Offensichtliches tat - so wie auf einen Sp�htrupp gehen, was sie nicht h�tte tun sollen -, war die Strenge der Strafe stets gr��er, als das Vergehen eigentlich gerechtfertigt h�tte.</p><p>Es war beinahe so, als wollten die Weisen Frauen, dass sie lernte, was eine Strafe zu bedeuten hatte, aber das konnte nicht sein. Sie war keine Feuchtl�nderin, der man beibringen musste, wie Ehre funktionierte. Was sollten st�ndige und unerkl�rte Strafen anderes erreichen, als sie auf einen ernsten Fehler hinzuweisen, den sie begangen hatte?</p><p>Amys griff sich an die Seite und band dort etwas los. Der Wollbeutel, den sie hochhielt, war etwa von Faustgr��e. �Wir haben entschieden, dass wir in deinem Unterricht zu nachl�ssig waren. Zeit ist kostbar, und Feinheiten sind nicht m�glich.�</p><p>Aviendha verbarg ihre �berraschung. Ihre vorherigen Strafen waren <emphasis>subtil</emphasis> gewesen?</p><p>�Und darum�, fuhr Amys fort und �bergab ihr den kleinen Beutel, �wirst du das hier nehmen. Darin sind Samen. Manche sind schwarz, andere braun, andere wei�. Heute Abend, bevor wir schlafen, wirst du die Farben voneinander trennen und dann z�hlen, wie viele es von jeder Farbe gibt. Wenn du dich irrst, werden wir sie wieder vermischen, und du f�ngst von vorn an.�</p><p>Aviendha ertappte sich dabei, dass sie starrte, und beinahe w�re sie gestolpert. Wasser zu tragen war eine n�tige Arbeit. Kleider zu flicken war eine n�tige Arbeit. Mahlzeiten zu kochen war eine wichtige Arbeit, vor allem wenn die kleine Vorhut keine <emphasis>Gai'schain</emphasis> mitgebracht hatte.</p><p>Aber das ... das war sinnlose Arbeit! Nicht nur hatte sie keine Bedeutung, sie war frivol. Es war die Art von Strafe, die nur f�r die stursten oder sch�ndlichsten Leute reserviert war. Es machte beinahe den Eindruck, als w�rden die Weisen Frauen sie <emphasis>Da'tsang</emphasis> schimpfen!</p><p>�Bei den Augen des Sichtblenders�, fl�sterte sie, als sie sich zwang, das Tempo aufrechtzuerhalten. �Was habe ich denn <emphasis>getan?</emphasis>�</p><p>Amys warf ihr einen Blick zu, und sie wich ihm aus. Sie wussten beide, dass sie keine Antwort auf diese Frage wollte. Stumm nahm sie den Beutel entgegen. Es war die dem�tigendste Strafe, die sie je erhalten hatte.</p><p>Amys lief zu den anderen Weisen Frauen. Aviendha sch�ttelte ihre L�hmung ab, ihre Entschlossenheit kehrte zur�ck. Ihr Fehler musste gravierender gewesen sein als gedacht. Amys' Strafe deutete es zumindest an.</p><p>Sie �ffnete den Beutel und schaute hinein. Drei kleine leere <emphasis>Algode</emphasis>-Beutel lagen darin, die beim Sortieren helfen sollten, fast vollst�ndig von Tausenden von Samen begraben. Diese Strafe sollte gesehen werden, sollte ihr Schande bringen. Was auch immer sie getan hatte, es hatte nicht nur die Weisen Frauen beleidigt, sondern alle in ihrer Umgebung, selbst wenn sie - wie Aviendha - gar nicht wussten, dass es geschehen war.</p><p>Das bedeutete blo�, dass sie nur noch entschlossener sein musste.</p></section><section><title><p>4</p><p>Bei Einbruch der Nacht</p></title><p>Gawyn verfolgte, wie die Sonne im Westen die Wolken zu Tode verbrannte und das letzte Licht verblich. Der Schimmer andauernden Zwielichts verh�llte selbst die Sonne. So wie er nachts die Sterne vor Gawyn verbarg. Heute schwebten die Wolken unnat�rlich hoch am Himmel. An wolkigen Tagen lag der Gipfel des Drachenbergs oft verborgen, aber dieser dichte, graue Dunst schwebte hoch genug, dass er nur selten die zerkl�ftete Spitze des Berges ber�hrte.</p><p>�Lasst sie uns angreifen�, fl�sterte Jisao, der neben ihm auf dem H�gel kauerte.</p><p>Gawyn nahm den Blick vom Sonnenuntergang und konzentrierte sich wieder auf das kleine Dorf unter ihm. Dort h�tte Stille herrschen m�ssen, abgesehen vielleicht von einem Bauern, der ein letztes Mal nach seinem Vieh sah, bevor er Feierabend machte. Dort h�tte es dunkel sein m�ssen, abgesehen von den paar Talgkerzen, die in Fenstern brannten, w�hrend die Bewohner ihre Abendmahlzeit beendeten.</p><p>Aber es war nicht dunkel. Es war nicht still. Ein Dutzend st�mmiger Gestalten trug flackernde Fackeln, die das Dorf erhellten. Im Fackellicht und dem Licht der sterbenden Sonne konnte Gawyn erkennen, dass jeder eine unscheinbare Uniform in braunen und schwarzen T�nen trug. Die Insignien aus drei Sternen konnte er nicht sehen, aber er wusste, dass sie da waren.</p><p>Von seinem fernen Aussichtspunkt sah er zu, wie ein paar besorgt und �ngstlich wirkende Sp�tank�mmlinge aus ihren H�usern stolperten und sich zu den anderen auf dem dicht bev�lkerten Dorfplatz gesellten. Die Dorfbewohner schienen �ber die bewaffnete Streitmacht nicht besonders begeistert zu sein. Frauen dr�ckten Kinder an sich, M�nner achteten darauf, den Blick gesenkt zu halten. <emphasis>Wir wollen keinen �rger,</emphasis> besagte ihre Haltung. Zweifellos hatten sie von anderen D�rfern geh�rt, dass diese Invasoren gesittet vorgingen. Die Soldaten zahlten f�r die Waren, die sie sich nahmen, und es wurden keine jungen M�nner zwangsweise rekrutiert - allerdings wies man sie auch nicht zur�ck. In der Tat eine sehr seltsame Invasionsstreitmacht. Aber Gawyn wusste, was die Leute denken w�rden. Dieses Heer wurde von Aes Sedai angef�hrt, und wer konnte schon sagen, was seltsam oder normal war, wenn Aes Sedai im Spiel waren?</p><p>Diese Patrouille nun wurde nicht von Schwestern begleitet, dem Licht sei Dank. Die Soldaten waren h�flich, aber energisch, lie�en die Dorfbewohner Aufstellung nehmen und sahen sie sich genau an. Dann betraten zwei Soldaten jedes Haus und jede Scheune und inspizierten sie. Nichts wurde mitgenommen, nichts wurde zerst�rt. Alles sehr ordentlich und h�flich. Gawyn vermeinte f�rmlich zu h�ren, wie sich der Offizier bei dem Dorfb�rgermeister entschuldigte.</p><p>�Gawyn?�, fragte Jisao. �Ich z�hle kaum ein Dutzend M�nner. Wenn wir Rodics Abteilung vom Norden kommen lassen, schneiden wir sie auf beiden Seiten ab und zerschmettern sie in der Mitte. Es ist schon dunkel genug, dass sie uns bestimmt nicht kommen sehen. Wir k�nnten sie �berw�ltigen, ohne ins Schwitzen zu geraten.�</p><p>�Und die Dorfbewohner? Dort unten sind Kinder.�</p><p>�Das hat uns sonst auch nicht gest�rt.�</p><p>�Das waren andere Zeiten.� Gawyn sch�ttelte den Kopf. �Die letzten drei D�rfer, die sie durchsucht haben, bilden eine gerade Linie nach Dorlan. Wenn diese Gruppe verschwindet, wird sich die n�chste fragen, was sie wohl beinahe entdeckt h�tten. Wir werden den Blick des ganzen Heeres in diese Richtung lenken.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Nein�, sagte er leise. �Wir m�ssen wissen, wann der R�ckzug angebracht ist, Jisao.�</p><p>�Also sind wir den ganzen Weg umsonst gekommen.�</p><p>�Wir sind den ganzen Weg f�r eine Gelegenheit gekommen�, sagte Gawyn und zog sich vom H�gelkamm zur�ck, achtete darauf, dass sich seine Gestalt nicht vom Horizont abhob. �Und nachdem ich mir diese Gelegenheit jetzt angesehen habe, werden wir sie nicht ergreifen. Nur ein Narr schie�t seinen Pfeil ab, weil er einen Vogel sieht.�</p><p>�Warum sollte man nicht schie�en, wenn er direkt vor einem ist?�, fragte Jisao, als er sich zu Gawyn gesellte.</p><p>�Weil die Beute manchmal den Pfeil nicht wert ist�, sagte Gawyn. �Kommt schon.�</p><p>Unten warteten ein paar der M�nner mit verh�llten Laternen in der Dunkelheit, nach denen die Soldaten das Dorf durchsuchten. Gareth Bryne musste die Neuigkeit, dass sich in der N�he eine feindliche Streitmacht befand, sehr missfallen haben. Er hatte sich eifrig bem�ht, sie zu stellen, aber die Gegend um Tar Valon war buchst�blich mit D�rfern, W�ldern und abgeschiedenen T�lern �bers�t, die eine kleine bewegliche Truppe verstecken konnten. Bis jetzt hatte Gawyn es geschafft, seine J�nglinge au�er Sicht zu halten, w�hrend sie Brynes Streitkr�fte gelegentlich �berfielen. Aber es gab Grenzen, was man mit dreihundert M�nnern machen konnte. Vor allem, wenn man einem der f�nf Gro�en Hauptm�nner gegen�berstand.</p><p><emphasis>Ist es mein Schicksal, aber auch gegen jeden Mann zu k�mpfen, der mir ein Mentor war?</emphasis> Gawyn nahm die Z�gel seines Pferdes entgegen und gab mit erhobener rechter Hand den stummen Befehl zum R�ckzug, dann gestikulierte er scharf in die dem Dorf entgegengesetzte Richtung. Die M�nner bewegten sich ohne Widerworte, sa�en ab und f�hrten ihre Tiere, weil es so leiser und sicherer war.</p><p>Gawyn war der Ansicht gewesen, Hammars und Coulins Tod �berwunden zu haben; Bryne selbst hatte ihm beigebracht, dass das Schlachtfeld Verb�ndete manchmal zu pl�tzlichen Gegnern machte. Er hatte gegen seine ehemaligen Lehrer gek�mpft, und er hatte gewonnen. Ende der Geschichte.</p><p>Aber in letzter Zeit schien sein Verstand entschlossen zu sein, diese Leichen wieder hervorzuzerren und sie herumzutragen. Warum jetzt, warum nach so langer Zeit?</p><p>Vermutlich kamen die Schuldgef�hle, weil er Bryne gegen�berstand, seinem ersten und einflussreichsten Lehrer in der Kunst des Krieges. Er sch�ttelte den Kopf, als er Herausforderer am Z�gel durch die dunkler werdende Landschaft f�hrte; er hielt seine M�nner von der Stra�e fern, f�r den Fall, dass Brynes Kundschafter Posten abkommandiert hatten. Die f�nfzig M�nner in seiner Begleitung gingen so leise, wie das m�glich war, die fr�hlingshafte Erde d�mpfte den Hufschlag der Pferde.</p><p>Falls Bryne die Entdeckung, dass eine Guerillatruppe seine Vorreiter angriff, schockiert hatte, so hatte die Entdeckung jener drei Sterne auf den Uniformen der von ihm get�teten M�nner Gawyn genauso schockiert. Wie hatten die Feinde der Wei�en Burg nur das gr��te milit�rische Genie von ganz Andor rekrutieren k�nnen? Und was hatte der Generalhauptmann der K�niglichen Garde �berhaupt bei einer Gruppe von Aes Sedai-Rebellen zu suchen? Er h�tte in Caemlyn sein und Elayne besch�tzen sollen!</p><p>Mochte das Licht daf�r gesorgt haben, dass Elayne auch tats�chlich in Andor <emphasis>eingetroffen</emphasis> war. Sie konnte unm�glich noch bei den Rebellen sein. Nicht, wo ihre Heimat keine K�nigin mehr hatte. Ihre Pflicht Andor gegen�ber �berwog ihre Loyalit�t zur Wei�en Burg.</p><p><emphasis>Und was ist mit deiner Pflicht, Gawyn Trakand?</emphasis></p><p>Er war sich nicht sicher, ob er noch so etwas wie Pflichtgef�hl oder Ehre in sich hatte. Vielleicht kamen seine Schuldgef�hle wegen Hammar und seine Albtr�ume �ber den Krieg und Tod vor Dumai ja durch die langsame Erkenntnis, dass er seine Treue der falschen Seite geschenkt hatte. Seine Loyalit�t geh�rte Elayne und Egwene. Aber warum k�mpfte er dann noch immer eine Schlacht, die ihm nichts mehr bedeutete, und half einer Seite, die allen Berichten zufolge gegen die antrat, die Elayne und Egwene gew�hlt hatten?</p><p><emphasis>Sie sind blo� Aufgenommene,</emphasis> sagte er sich. <emphasis>Elayne und Egwene haben diese Seite nicht gew�hlt</emphasis> - <emphasis>sie f�hren nur Befehle aus!</emphasis> Aber das, was Egwene ihm vor diesen vielen Monaten in Cairhien gesagt hatte, lie� durchblicken, dass sie ihre Entscheidung willentlich getroffen hatte.</p><p>Sie hatte sich f�r eine Seite entschieden. Hammar hatte sich f�r eine Seite entschieden. Gareth Bryne hatte sich allem Anschein nach f�r eine Seite entschieden. Aber er wollte noch immer auf beiden Seiten stehen. Und das zerriss ihn.</p><p>Eine Stunde sp�ter befahl er den M�nnern aufzusitzen und zur Stra�e zu reiten. Hoffentlich w�rden Brynes Sp�her nicht daran denken, die Gegend um das Dorf abzusuchen. Denn die Spuren von f�nfzig Reitern w�rden nur schwer zu �bersehen sein. Das lie� sich nicht verhindern. Das Beste w�rde es jetzt sein, festen Boden zu erreichen, wo tausend Jahre Verkehr ihre Spuren verbargen. Vier Soldaten ritten paarweise voraus, und zwei Paare blieben zur�ck, um die Nachhut zu sichern. Der Rest hielt das Schweigen bei, auch wenn sich ihre Pferde jetzt in donnerndem Galopp bewegten. Keiner fragte, warum sie sich zur�ckzogen, aber er wusste, dass sie sich diese Frage stellten, genau wie Jisao es getan hatte.</p><p>Es waren gute M�nner. Vielleicht zu gut. Rajar lenkte sein Pferd neben Gawyns. Noch vor wenigen Monaten war Rajar ein junger Bursche gewesen. Aber jetzt konnte Gawyn ihn unm�glich anders als Soldaten betrachten. Ein Veteran. Manche M�nner sammelten Erfahrungen durch die Jahre ihres Lebens. Andere M�nner sammelten Erfahrungen durch die Monate, die sie ihren Freunden beim Sterben zusahen.</p><p>Gawyn schaute nach oben, konnte die Sterne nicht sehen. Sie verbargen ihr Antlitz vor ihm hinter diesen Wolken. Wie Aiel hinter schwarzen Schleiern. �Wo haben wir nur den falschen Weg eingeschlagen, Rajar?�, fragte er, w�hrend sie ritten.</p><p>�Den falschen Weg, Lord Gawyn?�, fragte Rajar. �Ich w�sste nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Wir konnten nicht wissen, welche D�rfer diese Patrouille inspiziert, oder dass sie nicht an der alten Wagenstra�e abbiegen w�rden, wie Ihr hofftet. Ein paar der M�nner m�gen ja verwirrt sein, aber es war richtig, sich zur�ckzuziehen.�</p><p>�Ich meinte nicht den Sto�trupp�, sagte er und sch�ttelte den Kopf. �Ich meine diese ganze verdammte Situation. Ihr solltet nicht bei Sto�trupps mitmachen, um Lebensmittel zu rauben, oder Eure Zeit damit verbringen, Sp�her zu t�ten; Ihr solltet schon l�ngst der Beh�ter einer neu erhobenen Aes Sedai sein.� <emphasis>Und ich sollte wieder in Caemlyn sein, bei Elayne.</emphasis></p><p>�Das Rad webt, wie es das Rad will�, erwiderte der kleinere Mann.</p><p>�Nun, uns hat es in ein Loch gewoben�, murmelte Gawyn und warf wieder einen Blick in den verhangenen Himmel. �Und Elaida scheint es nicht besonders eilig zu haben, uns dort wieder herauszuziehen.�</p><p>Rajar sah ihn vorwurfsvoll an. �Die Vorgehensweise der Wei�en Burg geht allein sie etwas an, Lord Gawyn, und das gilt auch f�r ihre Motive. Es steht uns nicht zu, das infrage zu stellen. Was nutzt denn ein Beh�ter, der die Befehle seiner Aes Sedai infrage stellt? Das bringt nur beiden den Tod.�</p><p><emphasis>Du bist aber kein Beh�ter, Rajar. Das ist das Problem!</emphasis> Gawyn sagte nichts. Keinen der anderen J�nglinge schienen diese Fragen zu qu�len. F�r sie war die Welt viel einfacher. Man tat das, was die Wei�e Burg und der Amyrlin-Sitz befahlen. Und es spielte keine Rolle, dass diese Befehle einen anscheinend nur in den Tod schicken sollten.</p><p>Dreihundert junge M�nner gegen eine Streitmacht von �ber f�nfzigtausend erfahrenen Soldaten, die von Gareth Bryne selbst kommandiert wurden? Ob es nun der Wille der Amyrlin war oder nicht, das war eine Todesfalle. Die J�nglinge hatten nur aus einem einzigen Grund so lange �berlebt: Gawyns Wissen �ber die Methoden seines Lehrers. Er wusste, wo Bryne Patrouillen und Sp�her hinschickte, und er wusste, wie man diesen Suchmustern entging.</p><p>Es war trotzdem ein sinnloses Unterfangen. Er hatte nicht einmal ann�hernd die n�tigen Truppen f�r eine echte Guerillastreitmacht, vor allem, da Bryne seine Stellungen befestigt hatte. Davon abgesehen war da die bemerkenswerte Tatsache, dass dieses Heer �berhaupt keine Nachschublinien hatte. Wie kamen sie an ihre Verpflegung? Sie kauften Vorr�te in den umliegenden D�rfern, aber das reichte bei weitem nicht, um sie zu ern�hren. Und es war v�llig unm�glich, dass sie alles Erforderliche mitgef�hrt hatten, w�hrend sie schnell genug vorstie�en, um ohne Vorwarnung mitten im Winter aufzutauchen.</p><p>Gawyns Angriffe waren so gut wie bedeutungslos. Es konnte einen durchaus auf den Gedanken bringen, dass die Amyrlin ihn und die anderen J�nglinge einfach nur aus dem Weg haben wollte. Schon damals vor Dumai hatte er den Verdacht gehabt, dass das der Fall war. Jetzt war er davon so gut wie �berzeugt. <emphasis>Und doch befolgst du noch immer ihre Befehle.</emphasis></p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Brynes Sp�her kamen seiner Operationsbasis gef�hrlich nahe, und er konnte es nicht mehr riskieren, noch mehr von ihnen zu t�ten, ohne sich selbst zu verraten. Es war Zeit, nach Dorlan zur�ckzukehren. Vielleicht w�rden die dortigen Aes Sedai einen Vorschlag haben, wie es weitergehen sollte.</p><p>Er beugte sich �ber sein Pferd und ritt weiter in die Nacht hinein. <emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte er, <emphasis>ich w�nschte, ich k�nnte die Sterne sehen.</emphasis></p></section><section><title><p>5</p><p>Eine Geschichte �ber Blut</p></title><p>Rand �berquerte den zertrampelten Rasen; Banner flatterten vor ihm, Zelte umgaben ihn, Pferde wieherten am entgegengesetzten westlichen Lagerrand. In der Luft hingen die Ger�che eines effizienten Kriegslagers: Rauch und der Duft von kochendem Eintopf waren viel st�rker als der gelegentliche Gestank von Pferdemist oder ungewaschenen Leibern.</p><p>Basheres M�nner betrieben ein ordentliches Lager, besch�ftigten sich mit den Hunderten kleinen Aufgaben, die ein Heer erst funktionieren lie�en: Schwerter wurden gesch�rft, Leder ge�lt, S�ttel geflickt, Wasser vom Bach geholt. Links auf der anderen Seite �bte man Angriffe, dr�ben auf dem freien Platz zwischen Zeltreihen und den k�mmerlichen B�umen, die an dem Bach wuchsen. Die M�nner hielten funkelnde Lanzen waagerecht, w�hrend ihre Pferde den schlammigen Boden in einer breiten Schneise zertrampelten. Die Man�ver trainierten nicht nur ihre F�higkeiten, sie sorgten auch daf�r, dass die Pferde bewegt wurden.</p><p>Wie immer umgab Rand eine Schar Leute. T�chter waren seine Leibw�chter, und die Aiel beobachteten die Soldaten aus Saldaea mit Argwohn. Neben ihm gingen Aes Sedai. Sie waren nun immer um ihn herum. Das Muster hatte keinen Platz f�r seine einstige sture Entscheidung, alle Aes Sedai auf eine Arml�nge Abstand zu halten. Es webte, wie es wollte, und die Erfahrung hatte gezeigt, dass er diese Aes Sedai brauchte. Was <emphasis>er</emphasis> wollte, spielte keine Rolle mehr. Das begriff er mittlerweile.</p><p>Viele der Aes Sedai in seinem Lager hatten ihm die Treue geschworen, aber das war nur ein kleiner Trost. Jeder wusste, dass Aes Sedai Eide auf ihre eigene Weise befolgten, und sie w�rden entscheiden, was darunter zu verstehen war.</p><p>Elza Penfell - die ihn heute begleitete - geh�rte zu jenen, die den Treueid geleistet hatten. Sie war eine Gr�ne Ajah und hatte ein Gesicht, das man durchaus als ansehnlich bezeichnen konnte, w�re da nicht diese Alterslosigkeit gewesen, die sie als Aes Sedai auswies. F�r eine Schwester war sie angenehm, wenn man einmal die Tatsache au�er Acht lie�, dass sie bei seiner Entf�hrung geholfen und ihn mehrere Tage lang in eine Kiste gesperrt hatte, aus der man ihn nur gelegentlich herausholte, um ihn zu schlagen.</p><p>In seinem Hinterkopf knurrte Lews Therin.</p><p>Das lag in der Vergangenheit. Elza hatte den Treueid geleistet. Das reichte aus, um sie hinzuzuziehen. Die andere Frau, die ihm heute zur Hand ging, war weniger berechenbar; sie geh�rte zu Cadsuanes Gefolge. Corele Hovian - eine schlanke Gelbe mit blauen Augen, ungeb�ndigtem Haar und einem allgegenw�rtigen L�cheln - hatte nicht geschworen, ihm zu gehorchen. Trotzdem neigte er dazu, ihr zu vertrauen, da sie einmal versucht hatte, ihm das Leben zu retten. Sein �berleben hatte er allein ihr, Samitsu und Damer Flinn zu verdanken. Eine der beiden Wunden in seiner Seite, die nicht heilen wollten - ein Geschenk von Padan Fains verfluchtem Dolch - war noch immer eine Erinnerung an diesen Tag. Der st�ndige Schmerz von schw�rendem B�sen �berlagerte den gleichwertigen Schmerz der darunter liegenden Verletzung, die er vor so langer Zeit beim Kampf gegen Ishamael davongetragen hatte.</p><p>Bald w�rde eine dieser beiden Wunden - oder vielleicht auch beide - sein Blut auf die Steine des Shayol Ghul vergie�en. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn t�ten w�rden oder doch etwas anderes. Zog man die vielen verschiedenen Faktoren in Betracht, die darum wetteiferten, sein Leben zu beenden, h�tte nicht einmal Mat gewusst, worauf er sein Geld h�tte setzen sollen.</p><p>Sobald er an Mat dachte, wirbelten Farben durch Rands Sichtfeld und verfestigten sich zu dem Bild eines drahtigen Mannes mit braunen Augen, der einen breitkrempigen Hut trug und vor einer kleinen Gruppe Soldaten w�rfelte. Mat grinste und schien sich vor ihnen zu produzieren, was nicht ungew�hnlich war, auch wenn nach seinem Wurf keine M�nzen die Besitzer wechselten.</p><p>Die Visionen kamen immer dann, wenn Rand an Mat oder Perrin dachte, und er hatte aufgegeben, sie zu verdr�ngen. Er wusste nicht, warum die Bilder erschienen; vermutlich reagierte seine Eigenschaft als <emphasis>Ta'veren</emphasis> mit den anderen beiden <emphasis>Ta'veren</emphasis> aus seinem Heimatdorf. Was auch immer der Grund daf�r war, er benutzte es. Nur ein weiteres Werkzeug. Anscheinend war Mat noch immer mit der Bande zusammen, lagerte aber nicht l�nger in den W�ldern. Aus diesem Sichtwinkel war es schwer zu sagen, aber er schien irgendwo in der N�he einer Stadt zu sein. Zumindest war da eine gro�e Stra�e zu sehen. Die kleine dunkelh�utige Frau, die bei Mat gewesen war, hatte er nun schon eine Weile nicht mehr gesehen. Wer war sie? Wo war sie hin?</p><p>Die Vision verblasste. Hoffentlich w�rde Mat bald wieder zu ihm sto�en. Er w�rde ihn und sein taktisches Geschick am Shayol Ghul brauchen.</p><p>Einer von Basheres Quartiermeistern, ein st�mmiger Kerl mit krummen Beinen und buschigem Schnurrbart, sah ihn kommen und n�herte sich ihm mit schnellen Schritten. Er winkte abweisend; im Moment hatte er kein Interesse an Proviantberichten. Der Quartiermeister salutierte sofort und zog sich zur�ck. Einst h�tte es ihn �berrascht, wie schnell man ihm gehorchte, aber das war vorbei. Schlie�lich war es richtig, dass Soldaten gehorchten. Denn er war ein K�nig, auch wenn er die Krone der Schwerter im Augenblick nicht trug.</p><p>Er passierte den Rasen, der mit Zelten und Pferden gef�llt war, dann verlie� er das Lager, ging an dem nicht fertig gestellten Erdwall vorbei. Hier s�umten Kiefern den leicht absch�ssigen Hang. Zwischen eine Baumgruppe direkt rechts von ihnen gezw�ngt befand sich das Reisegel�nde, ein rechteckiges St�ck Boden, das man mit Seilen markiert hatte, um �ber eine sichere Stelle f�r Wegetore zu verf�gen.</p><p>In diesem Augenblick hing eines von ihnen in der Luft, ein Durchgang zu einem anderen Ort. Eine kleine Gruppe traf gerade ein und trat auf den mit Kiefernzapfen �bers�ten Boden. Rand konnte die Gewebe erkennen, die das Tor erschufen. Es war mit <emphasis>Saidin</emphasis> errichtet worden.</p><p>Viele der Neuank�mmlinge trugen die farbenpr�chtige Tracht des Meervolks - trotz der k�hlen Fr�hlingsluft hatten die M�nner alle nackte Oberk�rper, und die Frauen trugen locker fallende helle Blusen. Alle trugen volumin�se Hosen, alle hatten Nasen und Ohren durchstochen, und die Komplexit�t des Schmucks verk�ndete den jeweiligen Status.</p><p>W�hrend Rand auf das Meervolk wartete, trat einer der Soldaten, die das Reisegel�nde bewachten, auf ihn zu und �bergab ihm ein versiegeltes Schreiben. Der Brief w�rde durch einen Asha'man-Kurier von einem seiner Leute im Osten gebracht worden sein. In der Tat stammte er von Darlin, dem K�nig von Tear. Rand hatte ihm den Befehl gegeben, ein Heer aufzustellen und es f�r den Einmarsch in Arad Doman vorzubereiten. Das war nun schon seit einiger Zeit erledigt, und Darlin fragte wieder einmal nach seinen n�chsten Befehlen. Konnte denn keiner einfach mal das tun, was man ihm auftrug?</p><p>�Schickt einen Boten�, sagte er zu dem Soldaten und steckte den Brief ungeduldig weg. �Sagt Darlin, er soll weiter rekrutieren. Ich will, dass er jeden Tairener einzieht, der ein Schwert halten kann, und er soll sie entweder zum Kampf ausbilden oder sie in den Schmieden an die Arbeit stellen. Die Letzte Schlacht ist nah. Sehr nah.�</p><p>�Ja, mein Lord Drache�, sagte der Soldat und salutierte.</p><p>�Richtet ihm aus, dass ich einen Asha'man schicke, wenn ich will, dass er aufbricht�, fuhr Rand fort. �Ich will ihn noch immer in Arad Doman einsetzen, aber zuerst muss ich wissen, was die Aiel entdeckt haben.�</p><p>Der Soldat verneigte sich und ging. Rand widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Meervolk. Eine Frau kam auf ihn zu.</p><p>�Coramoor�, sagte sie und nickte ihm zu. Harine war eine h�bsche Frau in den mittleren Jahren, deren Haar von wei�en Str�hnen durchzogen wurde. Ihre Bluse war hellblau, bunt genug, um einen Kesselflicker zu beeindrucken, und sie trug an jedem Ohr f�nf gro�e Goldringe sowie eine Nasenkette mit goldenen Medaillons.</p><p>�Ich habe nicht erwartet, dass Ihr uns pers�nlich willkommen hei�t�, fuhr Harine fort.</p><p>�Ich habe Fragen, die nicht warten k�nnen.�</p><p>Harine sah best�rzt aus. Sie war die Botschafterin des Atha'an Miere beim Coramoor, was ihr Name f�r Rand war. Sie waren w�tend auf ihn, weil er wochenlang auf eine Begleiterin vom Meervolk verzichtet hatte - er hatte versprochen, st�ndig jemanden von ihnen in seinem Gefolge mitzuf�hren -, aber Logain hatte von ihrem Z�gern berichtet, Harine zur�ckzuschicken. Warum? War sie in einen h�heren Rang aufgestiegen, der sie zu wichtig machte, um ihm zu dienen? <emphasis>Konnte</emphasis> jemand �berhaupt zu wichtig sein, um dem Coramoor <emphasis>nicht</emphasis> zu dienen? Vieles vom Meervolk blieb ihm verschlossen.</p><p>�Deine Fragen werde ich beantworten, wenn ich es kann�, sagte Harine vorsichtig. Hinter ihr brachten Tr�ger den Rest ihrer Besitzt�mer durch das Wegetor. Flinn stand an der Seite und hielt das Tor aufrecht.</p><p>�Gut�, sagte Rand und ging vor ihr auf und ab. Manchmal war er so m�de, so abgrundtief m�de, dass er wusste, dass er niemals stehen bleiben durfte. Niemals. Tat er es, w�rden seine Feinde ihn finden. Entweder das, oder seine geistige und k�rperliche Ersch�pfung w�rden ihn einholen.</p><p>�Verratet mir eines�, verlangte er zu wissen, w�hrend er ging. �Wo sind die versprochenen Schiffe? Die Domani verhungern, w�hrend im Osten das Getreide verfault. Logain sagte, ihr h�ttet euch mit meinen Forderungen einverstanden erkl�rt, aber ich habe kein Schiff gesehen. Das ist schon Wochen her!�</p><p>�Unsere Schiffe sind schnell�, sagte Harine gereizt, �aber es ist ein weiter Weg - und wir m�ssen durch Gew�sser, die von den Seanchanern kontrolliert werden. Die Invasoren waren sehr eifrig mit ihren Patrouillen, und unsere Schiffe mussten bei mehreren Gelegenheiten umkehren und die Flucht ergreifen. Habt Ihr erwartet, wir k�nnten Eure Nahrungsmittel augenblicklich herbeischaffen? Vielleicht hat Euch die Bequemlichkeit dieser Wegetore ungeduldig gemacht, Coramoor. Wir m�ssen uns mit den Realit�ten der Schifffahrt und des Krieges abm�hen, selbst wenn das f�r Euch nicht gilt.�</p><p>Ihr Tonfall deutete an, dass er sich in diesem Fall mit den Realit�ten abfinden <emphasis>musste.</emphasis> Er sch�ttelte den Kopf. �Ich erwarte Ergebnisse, keine Verz�gerungen. Es mag euch widerstreben, unsere Vereinbarung erf�llen zu m�ssen, aber ich akzeptiere keine Verz�gerungen, nur um etwas zu beweisen. Weil ihr so langsam seid, sterben Menschen.�</p><p>Harine sah aus, als h�tte man sie geohrfeigt. �Sicherlich will der Coramoor nicht andeuten, wir w�rden uns nicht an unsere Abmachung halten.�</p><p>Das Meervolk war stur und stolz, vor allem die Herrinnen der Wogen, und erinnerte ihn an die Aes Sedai. Er z�gerte. <emphasis>Ich sollte sie nicht so beleidigen, nur weil ich wegen anderer Dinge frustriert bin.</emphasis> �Nein�, sagte er schlie�lich. �Nein, das wollte ich nicht andeuten. Sagt mir, Harine, hat man Euch wegen unseres Handels schlimm bestraft?�</p><p>�Man hat mich nackt an den Kn�cheln aufgeh�ngt und geschlagen, bis ich nicht mehr schreien konnte.� Sobald die Worte ihren Mund verlassen hatten, riss sie entsetzt die Augen auf. Beeinflusst von Rands <emphasis>ta'veren</emphasis> sagten Leute oft Dinge, die sie gar nicht zugeben wollten.</p><p>�So schlimm?� Er war ehrlich �berrascht.</p><p>�Nicht so schlimm, wie es h�tte sein k�nnen. Ich behalte meine Position als Herrin der Wogen f�r meinen Clan.�</p><p>Aber es war offensichtlich, dass sie einen gro�en Gesichtsverlust erlitten oder sich gro�es <emphasis>Toh</emphasis> aufgeladen hatte oder wie auch immer das verdammte Meervolk seine Ehre nannte. Selbst wenn er nicht anwesend war, verursachte er Schmerzen und Leid!</p><p>�Ich freue mich, dass Ihr zur�ckgekehrt seid�, zwang er sich zu sagen. Kein L�cheln, aber einen freundlicheren Tonfall. Das war das Beste, zu dem er imstande war. �Ihr habt mich mit Eurer Unersch�tterlichkeit beeindruckt, Harine.�</p><p>Sie nickte dankbar. �Wir werden unsere Abmachung einhalten, Coramoor. Seid unbesorgt deswegen.�</p><p>Etwas anderes fiel ihm ein, eine der urspr�nglichen Fragen, wegen der er gekommen war. �Harine. Ich m�chte Euch eine m�glicherweise heikle Frage �ber Euer Volk stellen.�</p><p>�Ihr d�rft fragen�, sagte sie vorsichtig.</p><p>�Wie geht das Meervolk mit M�nnern um, die die Macht lenken k�nnen?�</p><p>Sie z�gerte. �Das ist eine Angelegenheit, die K�stenbewohner nichts angeht.�</p><p>Er erwiderte ihren Blick. �Wenn Ihr mir die Frage beantwortet, werde ich Euch im Gegenzug auch eine Frage beantworten.� Mit den Atha'an Miere kam man am besten zurecht, wenn man sie nicht dr�ngte und einzusch�chtern versuchte, sondern ihnen ein Gesch�ft anbot.</p><p>Harine z�gerte noch immer. �Wenn Ihr mir zwei Fragen beantwortet�, sagte sie dann, �werde ich antworten.�</p><p>�Ich gestatte Euch eine Frage, Harine�, sagte er und hob einen Finger. �Aber ich verspreche Euch, so wahrheitsgetreu zu antworten, wie ich kann. Das ist ein fairer Handel, und das wisst Ihr. Im Augenblick habe ich nur wenig Geduld.�</p><p>Harine ber�hrte die Lippen mit dem Finger. �Einverstanden, gesehen vom Licht.�</p><p>�Einverstanden�, sagte Rand. �Gesehen vom Licht. Beantwortest du jetzt meine Frage?�</p><p>�M�nner, die die Macht lenken k�nnen, k�nnen sich entscheiden�, sagte Harine. �Entweder treten sie mit einem Stein in der Hand, der auch an ihre Beine gebunden ist, vom Bug ihres Schiffes, oder sie lassen sich ohne Essen und Wasser auf einer unfruchtbaren Insel aussetzen. Das Letztere wird als die weniger ehrenvolle M�glichkeit betrachtet, aber ein paar w�hlen sie, um noch eine Weile l�nger zu leben.�</p><p>Im Grunde unterschied sich das kaum von dem, was sein Volk M�nnern durch das D�mpfen antat. �<emphasis>Saidin</emphasis> ist gereinigt worden�, sagte er zu ihr. �Diese Praxis muss aufh�ren.�</p><p>Sie sch�rzte die Lippen, betrachtete ihn nachdenklich. �Euer ... Mann hat davon erz�hlt, Coramoor. Es f�llt manchen schwer, das zu glauben.�</p><p>�Es ist die Wahrheit�, sagte er nachdr�cklich.</p><p>�Ich bezweifle nicht, dass Ihr das glaubt.�</p><p>Rand knirschte mit den Z�hnen und bezwang einen weiteren Wutausbruch, seine Hand ballte sich zur Faust. Er hatte den Makel <emphasis>gereinigt!</emphasis> Er, Rand al'Thor, hatte eine Tat vollbracht, wie man sie seit dem Zeitalter der Legenden nicht mehr gesehen hatte. Und wie ging man damit um? Mit Misstrauen und Zweifel. Die meisten nahmen an, dass er verr�ckt geworden war und darum eine �Reinigung� sah, die nie stattgefunden hatte.</p><p>M�nnern, die die Macht lenken konnten, wurde immer misstraut. Und doch waren sie die Einzigen, die seine Behauptung best�tigen konnten! Er hatte angenommen, dass dieser Sieg Freude und Erstaunen ausl�ste, aber er h�tte es besser wissen m�ssen. Einst hatte man m�nnliche Aes Sedai genauso respektiert wie ihre weiblichen Gegenst�cke, aber das war vor langer Zeit gewesen. Die Tage eines Jorlen Corbesan waren im Dunkel der Zeitalter verschollen. Jetzt konnten sich die Menschen nur noch an die Zerst�rung der Welt und den Wahnsinn erinnern.</p><p>Sie hassten Machtlenker. Und doch dienten sie einem, indem sie Rand folgten. Begriffen sie denn den Widerspruch nicht? Wie konnte er sie nur davon �berzeugen, dass es keinen Grund mehr gab, M�nner zu ermorden, die die Eine Macht ber�hren konnten? Er <emphasis>brauchte</emphasis> sie! Es war durchaus vorstellbar, dass sich unter den M�nnern, die das Meervolk in den Ozean st�rzte, der n�chste Jorlen Corbesan befand!</p><p>Rand erstarrte. Jorlen Corbesan war einer der talentiertesten Aes Sedai vor der Zerst�rung der Welt gewesen, der Sch�pfer einiger der erstaunlichsten <emphasis>Ter'angreale,</emphasis> die er je gesehen hatte. Nur dass in Wahrheit nicht <emphasis>er</emphasis> sie gesehen hatte. Das waren Lews Therins Erinnerungen, nicht die seinen. Der R�ckschlag der Macht aus dem Stollen hatte Jorlens Forschungsstation in Sharom vernichtet und ihn selbst get�tet.</p><p><emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte Rand verzweifelt. <emphasis>Ich verliere mich. Ich verliere mich in ihm.</emphasis></p><p>Das Erschreckende daran war, dass er sich nicht einmal mehr zu dem Wunsch zwingen konnte, Lews Therin zu verbannen. Therin hatte eine Methode gekannt, den Stollen zu versiegeln, auch wenn sie nicht perfekt gewesen war, aber Rand hatte nicht die geringste Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte. Das �berleben der Welt hing m�glicherweise von den Erinnerungen eines toten Verr�ckten ab.</p><p>Viele der Leute um ihn herum wirkten verst�rt, und Harine sah zugleich unbehaglich und etwas ver�ngstigt aus. Rand wurde sich bewusst, dass er wieder vor sich hinmurmelte, und er h�rte sofort damit auf.</p><p>�Ich akzeptiere Eure Antwort�, sagte er steif. �Wie lautet Eure Frage?�</p><p>�Ich werde sie sp�ter stellen�, erwiderte Harine. �Sobald ich Gelegenheit hatte, dar�ber nachzudenken.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht.� Er wandte sich ab, und sein Gefolge aus Aes Sedai, T�chtern und Dienern folgte ihm. �Die W�chter des Reisegel�ndes werden Euch Euer Zimmer zeigen und Euer Gep�ck tragen.� <emphasis>Davon</emphasis> gab es nun buchst�blich einen Berg. �Flinn, zu mir!�</p><p>Der �ltere Asha'man sprang durch das Tor und bedeutete den letzten Tr�gern, sich wieder auf das Dock auf der anderen Seite zu begeben. Er lie� das Portal zu einem sich verdrehenden Strich aus Licht zusammenschrumpfen und verschwinden, dann eilte er hinter Rand her. Aber nicht ohne Corele, die mit ihm den Beh�terbund eingegangen war, vorher ein L�cheln zuzuwerfen.</p><p>�Ich entschuldige mich daf�r, dass die R�ckreise so lange gedauert hat, Lord Drache.� Flinn hatte ledrige Haut und nur noch ein paar vereinzelte Haarb�schel auf dem Kopf. Er �hnelte verbl�ffend einigen der Bauern, die Rand aus Emondsfelde kannte, dabei war er den gr��ten Teil seines Lebens Soldat gewesen. Flinn war zu ihm gekommen, weil er das Heilen hatte lernen wollen. Stattdessen hatte Rand ihn zu einer Waffe gemacht.</p><p>�Ihr habt getan, was Euch aufgetragen wurde�, sagte er und ging wieder in Richtung Rasen. Er wollte Harine f�r die Vorurteile einer ganzen Welt verantwortlich machen, aber das war nicht gerecht. Er musste eine bessere M�glichkeit finden, damit sie es <emphasis>alle</emphasis> begriffen.</p><p>�Ich war nie besonders gut darin, Wegetore zu erschaffen�, fuhr Flinn fort. �Nicht wie Androl. Ich musste ...�</p><p>�Flinn�, unterbrach ihn Rand. �Es reicht.�</p><p>Der Asha'man err�tete. �Bitte vergebt mir, mein Lord Drache.�</p><p>Corele lachte leise und klopfte Flinn auf die Schulter. �Beachte ihn nicht weiter, Damer�, sagte sie mit ihrem melodischen murandianischen Akzent. �Er ist schon den ganzen Morgen so m�rrisch wie eine Gewitterwolke.�</p><p>Rand warf ihr einen Blick zu, aber sie l�chelte blo� gutm�tig. Ganz egal, was Aes Sedai grunds�tzlich von M�nnern hielten, die die Macht lenken konnten, diejenigen unter ihnen, die Asha'man als Beh�ter genommen hatten, schienen ihnen gegen�ber so f�rsorglich zu sein wie M�tter bei ihren Kindern. Sie war mit einem seiner M�nner den Bund eingegangen, aber das �nderte nichts an der Tatsache, dass Flinn einer <emphasis>seiner</emphasis> M�nner war. Zuerst ein Asha'man, und erst dann ein Beh�ter.</p><p>�Was denkt Ihr, Elza?�, fragte er die andere Aes Sedai. ��ber den Makel und Harines Worte?�</p><p>Die rundgesichtige Frau z�gerte. Sie ging mit hinter dem R�cken verschr�nkten H�nden; das dunkelgr�ne Kleid fiel nur durch subtile Stickereien auf. F�r eine Aes Sedai war das bestenfalls zweckm��ig zu nennen. �Wenn mein Lord Drache sagt, dass der Makel entfernt wurde�, erwiderte die Frau mit sorgf�ltig gew�hlten Worten, �dann ist es sicherlich ungeh�rig, ihn in Gegenwart anderer anzuzweifeln.�</p><p>Rand schnitt eine Grimasse. Eine typische Aes Sedai-Antwort. Eid oder nicht, Elza machte, was sie wollte.</p><p>�Oh, wir waren beide bei Shadar Logoth dabei�, sagte Corele und rollte mit den Augen. �Wir haben gesehen, was Ihr getan habt, Rand. Au�erdem kann ich den m�nnlichen Teil der Macht durch den lieben Damer hier sp�ren, wenn wir uns verbinden. Sie <emphasis>hat</emphasis> sich ver�ndert. Der Makel ist verschwunden. Sie ist so rein wie das Sonnenlicht, auch wenn sich das Lenken der m�nnlichen H�lfte noch immer wie ein Ringkampf mit einem Sommerwirbelwind anf�hlt.�</p><p>�Ja�, sagte Elza, �das mag ja so sein, aber Lord Drache, Ihr m�sst verstehen, wie schwer es anderen fallen wird, das zu glauben. Im Zeitalter des Wahnsinns hat es Jahrzehnte gedauert, bis so mancher akzeptieren konnte, dass m�nnliche Aes Sedai zum Wahnsinn verurteilt waren. Vermutlich wird es noch viel l�nger dauern, bis sie ihr Misstrauen �berwunden haben, jetzt, da es so tief in ihnen verwurzelt ist.�</p><p>Rand atmete tief durch. Er hatte einen kleinen H�gel beim Lager erreicht, direkt neben dem Erdwall. Er stieg weiter hinauf, und die Aes Sedai folgten ihm. Hier hatte man eine kleine h�lzerne Plattform errichtet - eine Sch�tzenstellung, um Pfeile �ber den Wall schie�en zu k�nnen.</p><p>Er blieb auf der H�gelmitte stehen, umgeben von T�chtern. Die ihm salutierenden Soldaten nahm er kaum wahr, als er sich das saldaeanische Lager mit seinen ordentlichen Zeltreihen ansah.</p><p>War das alles, was er der Welt hinterlassen w�rde? Ein entfernter Makel, und trotzdem wurden M�nner wegen etwas, f�r das sie nichts konnten, auch weiterhin get�tet oder ins Exil geschickt? Die meisten Nationen hatte er an sich gebunden. Trotzdem wusste er genau, je fester man einen Ballen schn�rte, umso lauter peitschten die Schn�re, wenn man sie durchschnitt. Was w�rde geschehen, wenn er starb? Kriege und Verw�stungen, die der Zerst�rung der Welt entsprachen? Das letzte Mal hatte er nicht helfen k�nnen, denn sein Wahnsinn und die Trauer um Ilyenas Tod hatten ihn aufgefressen. Konnte er dieses Mal etwas �hnliches verhindern? Hatte er �berhaupt eine Wahl?</p><p>Er war <emphasis>ta'veren.</emphasis> Das Muster beugte und formte sich um ihn herum. Und doch hatte er als K�nig sehr schnell eines gelernt: �ber je mehr Autorit�t man verf�gte, desto weniger Kontrolle hatte man �ber das eigene Leben. Die Pflicht war wahrlich schwerer als ein Berg; sie erzwang seine Handlungen genauso oft, wie es die Prophezeiungen taten. Oder waren beide ein und dasselbe? Pflicht und Prophezeiung? Seine Natur als <emphasis>Ta'veren</emphasis> und sein Platz in der Geschichte? <emphasis>Konnte</emphasis> er sein Leben �ndern? Konnte er nach seinem Dahinscheiden eine bessere Welt hinterlassen, statt die Nationen in sich zerrissen und blutend zur�ckzulassen?</p><p>Er beobachtete das Lager, wo M�nner ihrer Arbeit nachgingen und Pferde mit der Nase auf dem Boden umherstrichen, auf der Suche nach Flecken mit Wintergras, das noch nicht bis zu den Wurzeln abgenagt war. Obwohl er seinem Heer befohlen hatte, mit wenig Gep�ck zu reisen, gab es trotzdem einen Tross. Frauen, die Essen kochten und W�sche wuschen, Schmiede und Hufschmiede, die sich um Ausr�stung und Pferde k�mmerten, junge Burschen, die als Botenjungen umherliefen und mit Waffen trainierten. Saldaea geh�rte zu den Grenzl�ndern, und der Kampf war f�r seine Bewohner eine Lebensart.</p><p>�Manchmal beneide ich sie�, fl�sterte er.</p><p>�Mein Lord?�, fragte Flinn und trat n�her heran.</p><p>�Die Menschen im Lager. Sie tun, was man ihnen sagt, erf�llen jeden Tag ihre Befehle. Manchmal sogar strenge Befehle. Aber Befehle oder nicht, diese Menschen sind freier, als ich es bin.�</p><p>�Ihr, mein Lord?�, sagte Flinn und rieb sich das ledrige Gesicht. �Ihr seid der m�chtigste Mann auf der Welt! Ihr seid <emphasis>ta'veren.</emphasis> Selbst das Muster gehorcht Eurem Willen, denke ich!�</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. �So einfach ist das nicht, Flinn. Diese Menschen dort unten, jeder von ihnen k�nnte einfach wegreiten. Dem entfliehen, wenn sie dazu die Lust h�tten. Den Kampf anderen �berlassen.�</p><p>�In meinem Leben habe ich so einige Saldaeaner kennengelernt, mein Lord�, sagte Flinn. �Verzeiht mir, aber ich bezweifle, dass auch nur einer von ihnen so handeln w�rde.�</p><p>�Aber sie k�nnten es�, erwiderte Rand. �Es ist m�glich. Trotz ihrer Gesetze und Eide sind sie frei. Ich hingegen, <emphasis>es hat den Anschein,</emphasis> als k�nnte ich tun, was ich will, aber ich bin so eng gebunden, dass die Fesseln in mein Fleisch einschneiden. Im Angesicht des Schicksals sind meine Macht und mein Einfluss bedeutungslos. Meine Freiheit ist nur eine Illusion, Flinn. Und darum beneide ich sie. Manchmal.�</p><p>Flinn faltete die H�nde auf dem R�cken, sich offensichtlich unsicher, was er darauf antworten sollte.</p><p><emphasis>Wir tun alle das, was wir tun m�ssen,</emphasis> erklang Moiraines Stimme aus der Vergangenheit in Rands Erinnerung. <emphasis>Wie es das Muster bestimmt. F�r manche gibt es weniger Freiheit als f�r andere. Es spielt keine Rolle, ob wir w�hlen oder auserw�hlt werden. Was geschehen muss, wird geschehen.</emphasis></p><p>Sie hatte es begriffen. <emphasis>Ich versuche es, Moiraine,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich werde tun, was getan werden muss.</emphasis></p><p>�Mein Lord Drache�, rief eine Stimme. Rand drehte sich um und sah einen von Basheres Sp�hern den H�gel herauflaufen. Die T�chter erlaubten dem jugendlichen dunkelhaarigen Mann n�her zu kommen.</p><p>�Mein Lord�, sagte der Sp�her und salutierte. �Da sind Aiel am Rand des Lagers. Zwei von ihnen schleichen am Hang zwischen den B�umen umher.�</p><p>Die T�chter fingen augenblicklich an, die H�nde zu bewegen und in ihrer geheimen Geb�rdensprache zu sprechen.</p><p>�Soldat, hat einer dieser Aiel Euch zugewinkt?�, fragte Rand trocken.</p><p>�Mein Lord?�, fragte der Mann. �Warum sollten sie das tun?�</p><p>�Es sind Aiel. Wenn ihr sie gesehen habt, dann bedeutet das, dass sie das wollten - und es bedeutet, dass sie Verb�ndete und keine Feinde sind. Informiert Bashere, dass wir uns bald mit Rhuarc und Bael treffen. Die Zeit ist gekommen, Arad Doman zu sichern.�</p><p>Vielleicht war es auch der Zeitpunkt, es zu zerst�ren. Manchmal fiel es schwer, den Unterschied festzustellen.</p><p>Merise ergriff das Wort. �Graendals Pl�ne - sagt mir, was Ihr von ihnen wisst.� Die hochgewachsene Aes Sedai - wie Cadsuane ein Mitglied der Gr�nen Ajah - behielt ihren strengen Gesichtsausdruck bei, die Arme unter den Br�sten verschr�nkt.</p><p>Die Frau aus Tarabon war eine gute Wahl, um das Verh�r zu leiten. Oder zumindest war sie die Beste, die Cadsuane zur Verf�gung stand. Merise verriet keinerlei Unbehagen dar�ber, so nahe neben einem der gef�rchtetsten Wesen in der Sch�pfung zu stehen, und sie lie� mit ihren Fragen nicht locker. Sie bem�hte sich etwas zu sehr zu beweisen, wie streng sie war. So wie sie etwa das Haar so straff zur�ckgek�mmt hatte, oder wie sie mit ihrem Asha'man-Beh�ter angab.</p><p>Das Zimmer befand sich auf der ersten Etage des Herrenhauses, das die Domani Rand al'Thor zur Verf�gung gestellt hatten; die Au�enwand bestand aus dicken runden Kieferst�mmen, die Zimmerw�nde aus Holzplanken, die alle die gleiche dunkle Farbe aufwiesen. Man hatte fast s�mtliche M�bel aus dem Raum entfernt, der zuvor als Schlafzimmer gedient hatte, es befand sich nicht einmal mehr ein Teppich auf dem Holzfu�boden. Tats�chlich bestand das einzige M�belst�ck aus dem stabilen Stuhl, auf dem Cadsuane sa�.</p><p>Sie nippte an ihrem Tee und pr�sentierte sich als die personifizierte Gelassenheit. Das war wichtig, vor allem dann, wenn man innerlich alles andere als gelassen war. Im Moment h�tte sie zum Beispiel nichts lieber getan, als die Teetasse mit beiden H�nden zu zerbrechen und dann eine Stunde oder so auf den Scherben herumzutrampeln.</p><p>Sie nahm den n�chsten kleinen Schluck.</p><p>Die Quelle ihrer Frustration - und Objekt von Merises Fragen - hing mit auf den R�cken gefesselten Armen kopf�ber in der Luft, gehalten von Geweben aus Luft. Die Gefangene hatte kurzes lockiges Haar und dunkle Haut. Ihr Gesichtsausdruck entsprach trotz der Umst�nde Cadsuanes, was die Gelassenheit anging. Die Gefangene trug ein schlichtes braunes Kleid - ein Gewebe Luft hielt den Saum um ihre Beine, damit er ihr nicht ins Gesicht fiel und es verh�llte - und schien irgendwie diejenige zu sein, die hier die Kontrolle hatte, obwohl sie gefesselt und abgeschirmt war.</p><p>Merise stand vor der Gefangenen. Narishma lehnte an der Wand, die einzige andere Person im Raum.</p><p>Cadsuane f�hrte das Verh�r nicht selbst, noch nicht. Die anderen die Fragen stellen zu lassen arbeitete zu ihrem Vorteil; es lie� sie nachdenken und planen. Vor der T�r standen Erian, Sarene und Nesune und hielten die Abschirmung der Gefangenen aufrecht, zwei mehr, als man normalerweise f�r n�tig hielt.</p><p>Bei einer Verlorenen ging man kein Risiko ein.</p><p>Ihre Gefangene war Semirhage. Ein Ungeheuer, das viele nur f�r eine Legende hielten. Cadsuane wusste nicht, wie viele der Geschichten �ber diese Frau der Wahrheit entsprachen. Aber sie wusste, dass sich Semirhage nicht leicht einsch�chtern, aus der Ruhe bringen oder manipulieren lie�. Und das war das Problem.</p><p>�Nun?�, fragte Merise. �Eine Frage: habt Ihr eine Antwort?�</p><p>Semirhage betrachtete Merise, in ihrer Stimme lag eiskalte Verachtung, als sie sprach. �Wei�t du, was mit einem Mann geschieht, dessen Blut man durch etwas anderes ersetzt?�</p><p>�Ich habe nicht ...�</p><p>�Nat�rlich stirbt er�, sagte Semirhage und schnitt Merise das Wort wie mit Messern ab. �Der Tod tritt oft sofort ein, und ein schneller Tod ist nicht von gro�em Interesse. Durch Experimente habe ich eine L�sung entdeckt, die Blut effektiver ersetzen kann, die dem Subjekt erlaubt, nach der Transfusion noch f�r kurze Zeit zu �berleben.�</p><p>Sie verstummte.</p><p>�Beantwortet die Frage�, sagte Merise. �Oder Ihr h�ngt wieder aus dem Fenster und ...�</p><p>�Die Transfusion selbst ben�tigt nat�rlich den Einsatz der Macht�, unterbrach Semirhage sie erneut. �Andere Methoden sind nicht schnell genug. Ich habe das Gewebe selbst erfunden. Es kann das Blut sofort aus einem K�rper ziehen und es in einem Glas sammeln, w�hrend es zugleich die L�sung nimmt und in die Adern dr�ckt.�</p><p>Merise knirschte mit den Z�hnen und wechselte einen Blick mit Narishma. Der Asha'man trug wie gew�hnlich Hosen und Mantel in Schwarz, sein langes schwarzes Haar war zu Z�pfen geflochten, an deren Enden Gl�ckchen baumelten. Er l�mmelte sich an der Wand herum. Er hatte ein jungenhaftes Gesicht, aber da war zusehends ein gef�hrlicher Zug. Vielleicht kam der vom Training mit Merises anderen Beh�tern. Vielleicht kam es auch durch den Umgang mit Leuten, die eine Verlorene verh�rten.</p><p>�Meine Warnung ...�, fing Merise wieder an.</p><p>�Eines meiner Versuchskaninchen hat die Transfusion eine ganze Stunde lang �berlebt�, sagte Semirhage im Plauderton. �Ich z�hle das als einen meiner gr��ten Erfolge. Nat�rlich litt er die ganze Zeit Schmerzen. Wahre Schmerzen, die er in jeder Ader seines K�rpers sp�rte, bis hinunter in die fast unsichtbaren in seinen Fingern. Mir ist keine andere Methode bekannt, die zur gleichen Zeit in allen K�rperteilen solche Qualen verursacht.�</p><p>Sie erwiderte Merises Blick. �Eines Tages werde ich dir das Gewebe zeigen.�</p><p>Merise wurde blass.</p><p>Mit einer peitschenhaften Handbewegung webte Cadsuane ein Schild aus Luft um Semirhages Kopf, damit sie nichts h�rte, dann webte sie Feuer und Luft zu zwei kleinen Leuchtkugeln, die sie direkt vor die Augen der Verlorenen platzierte. Das Licht war nicht hell genug, um sie zu blenden und ihre Augen zu sch�digen, aber es verhinderte, dass sie etwas sah. Das war ein besonderer von Cadsuanes Tricks; viele Schwestern w�rden zwar daran denken, einen Gefangenen nichts h�ren zu lassen, ihn aber zusehen lassen. Man konnte nie wissen, wer Lippenlesen gelernt hatte, und sie hatte nicht vor, ihre derzeitige Gefangene zu untersch�tzen.</p><p>Merise sah sie unwirsch an.</p><p>�Ihr habt die Kontrolle �ber sie verloren�, sagte Cadsuane energisch und stellte die Teetasse neben ihrem Stuhl auf den Boden.</p><p>Merise z�gerte, dann nickte sie und sah jetzt wirklich w�tend aus. Vermutlich auf sich selbst. �Diese Frau, bei ihr wirkt nichts�, sagte sie. �Sie ver�ndert nie den Tonfall ihrer Stimme, ganz egal, was wir mit ihr machen. Jede Strafe, die mir einf�llt, ruft nur weitere Drohungen hervor. Jede noch schrecklicher als die vorherige! Beim Licht!� Sie knirschte wieder mit den Z�hnen, verschr�nkte erneut die Arme und schnaubte. Narishma spannte sich an, als wollte er zu ihr kommen, aber sie winkte ab. Merise behandelte ihre Beh�ter so streng, wie es sich geh�rte, obwohl sie jeden anfauchte, der versuchte, sie auf ihren Platz zu verweisen.</p><p>�Wir k�nnen ihren Widerstand brechen�, sagte Cadsuane.</p><p>�K�nnen wir das, Cadsuane?�</p><p>�Pah! Nat�rlich k�nnen wir das. Sie ist ein Mensch, genau wie jeder andere auch.�</p><p>�Das stimmt�, meinte Merise. �Auch wenn sie seit dreitausend Jahren lebt. <emphasis>Dreitausend,</emphasis> Cadsuane.�</p><p>�Den gr��ten Teil dieser Zeit war sie eingesperrt�, sagte Cadsuane und schnaubte abf�llig. �Jahrhunderte im Gef�ngnis des Dunklen K�nigs eingekerkert, vermutlich in Trance oder tiefem Schlaf. Zieht man diese Jahre ab, ist sie nicht �lter als eine von uns. Vermutlich sogar wesentlich j�nger als die eine oder andere, vermute ich.�</p><p>Es war eine subtile Erinnerung an ihr eigenes Alter, �ber das man bei Aes Sedai nur selten sprach. Die ganze Unterhaltung �ber das Alter war in der Tat ein Zeichen, wie sehr die Verlorene Merise doch Unbehagen einfl��te. Aes Sedai waren darin ge�bt, gelassen zu erscheinen, aber es gab einen Grund daf�r, dass Cadsuane die Erzeuger der Abschirmung au�erhalb des Raumes platziert hatte. Sie gaben zu viel preis. Selbst die normalerweise unersch�tterliche Merise verlor bei diesen Verh�ren viel zu oft die Beherrschung.</p><p>Nat�rlich kamen Merise und die anderen im Grunde nicht an das heran, was eine Aes Sedai wirklich darstellen sollte - so wie zurzeit alle Frauen in der Burg. Man hatte zugelassen, dass die j�ngeren Aes Sedai allesamt sanft und verweichlicht und anf�llig f�r Zank geworden waren. Ein paar von ihnen hatten sich sogar so sehr unter Druck setzen lassen, dass sie Rand al'Thor die Treue geschworen hatten. Manchmal w�nschte sich Cadsuane, sie k�nnte sie alle ein paar Jahrzehnte lang zur Bu�e schicken.</p><p>Aber vielleicht sprach da auch nur ihr Alter. Sie war alt, und das machte sie zusehends unduldsam gegen�ber jeglicher Dummheit. Vor �ber zwei Jahrhunderten hatte sie sich geschworen, lange genug zu leben, um an der Letzten Schlacht teilzunehmen, ganz egal, wie lange das dauern sollte. Die Benutzung der Einen Macht verl�ngerte die einem gegebenen Jahre, und sie hatte die n�tige Entschlossenheit und Charakterst�rke gefunden, um diese Jahre noch weiter zu strecken. Sie war eine der �ltesten Personen auf der Welt.</p><p>Ungl�cklicherweise hatten sie die Jahre gelehrt, dass, ganz egal, wie sehr man auch vorausplante oder entschlossen war, man das Leben letztlich nicht in die gew�nschten Bahnen lenken konnte. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, sich dar�ber aufzuregen, wenn es geschah. Man h�tte annehmen sollen, dass die Jahre sie auch Geduld gelehrt hatten, aber das genaue Gegenteil traf zu. Je �lter sie wurde, umso weniger war sie bereit zu warten, denn sie wusste, dass ihr nicht mehr viele Jahre blieben.</p><p>Jeder, der behauptete, das Alter h�tte ihn geduldiger gemacht, war entweder ein L�gner oder senil.</p><p>�Ihr Widerstand <emphasis>kann</emphasis> und <emphasis>wird</emphasis> gebrochen werden�, wiederholte sie. �Ich lasse nicht zu, dass eine Person, die Gewebe aus dem Zeitalter der Legenden kennt, so unbeschwert zur Hinrichtung tanzt. Wir werden jeden Funken Wissen aus dem Kopf dieser Frau kratzen, selbst wenn wir ein paar ihrer �kreativen� Gewebe bei ihr selbst anwenden m�ssen.�</p><p>�Das <emphasis>A'dam.</emphasis> Wenn uns der Lord Drache es doch nur bei ihr benutzen lassen w�rde ...�, sagte Merise und schaute Semirhage an.</p><p>Falls Cadsuane je versucht gewesen war, ihr Wort zu brechen, dann hier. Dieser Frau das <emphasis>A'dam</emphasis> anzulegen ... aber nein, um die Tr�gerin eines <emphasis>A'dam</emphasis> zum Reden zu zwingen, musste man ihr Schmerzen zuf�gen. Es war das Gleiche wie Folter, und al'Thor hatte es verboten.</p><p>Wegen Cadsuanes Lichtern hatte Semirhage die Augen geschlossen, aber sie war noch immer die Ruhe selbst. Was ging nur im Kopf dieser Frau vor? Wartete sie auf ihre Rettung? Glaubte sie, sie k�nnte ihre Hinrichtung erzwingen, um so einer echten Folterung zu entgehen? Glaubte sie wirklich, entfliehen und sich dann an den Aes Sedai r�chen zu k�nnen, die sie verh�rt hatten?</p><p>Vermutlich traf das Letztere zu - und es fiel schwer, nicht zumindest einen Hauch von Unbehagen zu versp�ren. Die Frau wusste Dinge �ber die Eine Macht, die nicht einmal in Legenden �berlebt hatten. Dreitausend Jahre waren eine lange Zeit. Konnte Semirhage eine Abschirmung auf unbekannte Weise durchbrechen? Und wenn sie es konnte, warum hatte sie es nicht schon getan? Cadsuane w�rde erst dann v�llig beruhigt sein, wenn sie endlich etwas Spaltwurzeltee in die H�nde bekam.</p><p>�Ihr k�nnt Eure Gewebe entfernen, Cadsuane�, sagte Merise. �Ich habe mich wieder unter Kontrolle. Ich f�rchte, wir werden sie eine Weile aus dem Fenster h�ngen lassen m�ssen, wie ich versprach. Vielleicht k�nnen wir ja mit Schmerzen drohen. Sie kann ja nicht wissen, dass al'Thor diese albernen Bedingungen gestellt hat.�</p><p>Cadsuane beugte sich vor und l�ste die Gewebe auf, die die Lichter vor die Augen der Verlorenen platzierten, so wie den Schild aus Luft, der sie am H�ren hinderte. Semirhage schlug die Augen auf, dann fand ihr Blick schnell Cadsuane. Ja, sie wusste, wer hier den Befehl hatte. Sie ma�en sich mit Blicken.</p><p>Merise setzte die Befragung fort, fragte nach Graendal. Al'Thor glaubte, die andere Verlorene k�nnte sich m�glicherweise irgendwo in Arad Doman aufhalten. Cadsuane war viel mehr an anderen Fragen interessiert, aber Graendal war ein akzeptabler Anfang.</p><p>Dieses Mal reagierte Semirhage mit Schweigen auf die Fragen, und Cadsuanes Gedanken wanderten zu al'Thor. Der Junge hatte sich ihrem Unterricht genauso stur verweigert wie Semirhage dem Verh�r. Sicher, er hatte ein paar Kleinigkeiten gelernt, zweifellos ... wie man ihr mit einem Hauch Respekt gegen�bertrat, wie man H�flichkeit zumindest vort�uschte. Aber mehr auch nicht.</p><p>Cadsuane hasste es, sich ein Scheitern einzugestehen. Und das war nicht einmal ein Scheitern, noch nicht, aber es fehlte nicht mehr viel. Das Schicksal hatte den Jungen ausersehen, die Welt zu vernichten. Und sie vielleicht auch zu retten. Das Erste war nicht zu verhindern, das Zweite hing von vielen Dingen ab. Sie h�tte sich gew�nscht, es w�re genau umgekehrt gewesen, aber W�nsche waren etwa so n�tzlich wie aus Holz geschnitzte M�nzen. Man konnte sie lackieren, wie man wollte, aber es w�rde Holz bleiben.</p><p>Sie verdr�ngte die Gedanken an den Jungen. Sie musste Semirhage beobachten. Jedes Wort der Frau konnte ein Hinweis sein. Semirhage erwiderte ihren bohrenden Blick und ignorierte Merise.</p><p>Wie brach man den Willen einer der m�chtigsten Frauen, die je gelebt hatten? Eine Frau, die im Zeitalter der Wunder zahllose Gr�ueltaten begangen hatte, und das selbst vor der Befreiung des Dunklen K�nigs? Cadsuane erwiderte den Blick aus diesen onyxfarbenen Augen, und pl�tzlich kam ihr eine Erkenntnis. Al'Thors Verbot, Semirhage zu qu�len, war bedeutungslos. Diese Frau konnte man nicht mit Schmerzen brechen. Semirhage war die gr��te Foltermeisterin der Verlorenen, eine Frau, die Tod und Agonie faszinierten.</p><p>Nein, ihr Widerstand w�rde sich nicht auf diese Weise brechen lassen, selbst wenn ihnen diese Mittel zur Verf�gung gestanden h�tten. Als Cadsuane in diese Augen blickte, glaubte sie mit einem Fr�steln etwas von sich selbst in dieser Kreatur wiederzuerkennen. Alter, Einfallsreichtum und den eisernen Willen, keinen Schritt zur�ckzuweichen.</p><p>Damit stellte sich ihr eine Frage. Einmal angenommen, man h�tte ihr die Aufgabe �bertragen, ihren eigenen Willen zu brechen, wie w�re sie vorgegangen?</p><p>Die Vorstellung war so unerfreulich, dass sie erleichtert war, als Corele das Verh�r wenige Augenblicke sp�ter unterbrach. Die schlanke fr�hliche Murandianerin war ihr treu ergeben und hatte an diesem Nachmittag den Dienst �bernommen, al'Thor im Auge zu behalten. Ihre Nachricht, dass sich al'Thor bald mit den Aielh�uptlingen treffen w�rde, beendete das Verh�r, und die drei Schwestern, die die Abschirmung aufrechterhielten, traten ein und zogen Semirhage in das Zimmer, wo sie sie gefesselt und geknebelt mit Str�ngen aus Luft hinsetzen w�rden.</p><p>Cadsuane sah zu, wie man die Verlorene auf Geweben aus Luft wegtrug, dann sch�ttelte sie den Kopf. Semirhage war nur der Beginn des Tages gewesen. Jetzt war die Zeit gekommen, sich um den Jungen zu k�mmern.</p></section><section><title><p>6</p><p>Wenn Eisen schmilzt</p></title><p>Rodel Ituralde hatte in seinem Leben schon viele Schlachtfelder gesehen. Viele Dinge waren fast immer gleich. Tote M�nner, die wie weggeworfene Lumpen auf einem Haufen lagen. Raben, die es nicht erwarten konnten, �ber sie herzufallen. St�hnen, Schreie, Wimmern und Murmeln von denjenigen, die das Pech hatten, lange Zeit zum Sterben zu brauchen.</p><p>Aber jedes Schlachtfeld hinterlie� auch seinen eigenen Eindruck. Man konnte eine Schlacht wie die Spuren von vorbeigekommenem Wild lesen. Leichen, die in best�rzend geraden Reihen lagen, wiesen auf einen Angriff von Fu�soldaten hin, die gegen Pfeilsalven angetreten waren. Zertrampelte und verstreute K�rper waren das Resultat eines schweren Kavallerieangriffs. Diese Schlacht hatte zahllose Seanchaner erlebt, die gegen die Mauern von Darluna gedr�ngt worden waren, wo sie sich verzweifelt zur Wehr gesetzt hatten. Wo sie gegen den Stein geh�mmert worden waren. Ein St�ck der Stadtmauer war eingest�rzt; dort hatten <emphasis>Damane</emphasis> versucht, sich in die Stadt zu retten. Ein Stra�enkampf w�re f�r die Seanchaner ein Vorteil gewesen. Sie hatten es nicht mehr rechtzeitig geschafft.</p><p>Ituralde ritt auf seinem Rotschimmel durch das Chaos. Eine Schlacht war immer ein Chaos. Ordentliche Schlachten gab es nur in Erz�hlungen oder Geschichtsb�chern. Ges�ubert und gereinigt von emsigen Gelehrten, die es kurz und knapp haben wollten. �Der Angreifer hat gewonnen, es gab dreiundf�nfzigtausend Gefallene� oder �Die Verteidiger hielten stand, zwanzigtausend Gefallene�.</p><p>Was w�rde man einst �ber diese Schlacht schreiben? Das kam wohl auf die Verfasser an. Sie w�rden sicherlich das Blut ignorieren, das man in die Erde getreten hatte, um Schlamm zu machen. Die zerbrochenen, durchbohrten und verst�mmelten K�rper. Der Boden, in den zornige <emphasis>Damane</emphasis> Schneisen gerissen hatten. Vielleicht w�rde man sich an die Zahlen erinnern; die schienen f�r die Gelehrten oft so wichtig zu sein. Die H�lfte von Ituraldes Hunderttausend tot. Auf jedem anderen Schlachtfeld h�tten ihn f�nfzigtausend Gefallene besch�mt und zornig gemacht. Aber er war gegen eine Streitmacht angetreten, die dreimal so gro� gewesen war und die dar�ber hinaus noch �ber <emphasis>Damane</emphasis> verf�gt hatte.</p><p>Er folgte dem Boten, der ihn geholt hatte, ein Junge von vielleicht zw�lf Jahren in der roten und gr�nen Uniform der Seanchaner. Sie kamen an einer im Dreck liegenden Standarte vorbei, die an einem zerbrochenen Stab hing, dessen Spitze in den Schlamm gerammt war. Sie trug das Zeichen einer von sechs M�wen durchflogenen Sonne. Ituralde hasste es, die H�user und Namen der Gegner nicht zu kennen, aber bei den fremden Seanchanern konnte man sie unm�glich in Erfahrung bringen.</p><p>Die Schatten der sterbenden Abendsonne bedeckten das Feld mit Streifen. Bald w�rde ein Tuch aus Dunkelheit die Toten einh�llen, und die �berlebenden konnten eine Weile so tun, als w�re das Grasland ein Grab f�r ihre Freunde. Und f�r die Menschen, die ihre Freunde get�tet hatten. Er umrundete einen kleinen H�gel und kam zu verstreut daliegenden seanchanischen Elitekriegern. Die meisten dieser Toten trugen diese insektenhaften Helme. Verbogen, zersplittert oder verbeult. Tote Augen starrten leer aus den �ffnungen hinter verbogenen Mandibeln. Der seanchanische General lebte, wenn auch nur so gerade eben. Er hatte den Helm abgenommen, an seinen Lippen klebte Blut. Er sa� an einen gro�en, bemoosten Stein gelehnt, gest�tzt von einem zusammengekn�llten Umhang, als w�rde er auf eine Mahlzeit warten. Nat�rlich ruinierten sein verdrehtes Bein und die abgebrochene Speerh�lfte in seinem Bauch das Bild.</p><p>Ituralde stieg vom Pferd. Wie die meisten seiner M�nner trug auch er die Kleidung eines Feldarbeiters - schlichte braune Hosen und Mantel, ausgeliehen von dem Mann, der Ituraldes Uniform als Teil der Falle getragen hatte.</p><p>Keine Uniform zu tragen f�hlte sich seltsam an. Ein Mann wie dieser General Turan verdiente keinen Soldaten in Zivil. Ituralde verscheuchte den Botenjungen, damit er au�er H�rweite ging, dann begab er sich allein zu dem Seanchaner.</p><p>�Ihr seid das also�, sagte Turan und schaute zu Ituralde hoch, sprach mit diesem gedehnten seanchanischen Akzent. Er war ein st�mmiger Mann, alles andere als gro�, mit spitzer Nase. Das kurz geschnittene schwarze Haar war an jeder Kopfseite zwei Fingerbreit geschoren, und der Helm lag neben ihm am Boden. Er wies drei wei�e Federn auf. Mit unsicherer schwarzbehandschuhter Hand griff er nach oben, um sich das Blut vom Mundwinkel zu wischen.</p><p>�Ich bin es�, best�tigte Ituralde.</p><p>�In Tarabon bezeichnet man Euch als �Gro�en Hauptmann�.�</p><p>�Das ist richtig.�</p><p>�Es ist verdient�, sagte Turan und hustete. �Wie habt Ihr das gemacht? Unsere Sp�her ...� Das Husten verschluckte seine Worte.</p><p><emphasis>�Raken�,</emphasis> sagte Ituralde, sobald er zu husten aufh�rte. Neben seinem Feind ging er in die Hocke. Die Sonne war noch immer ein Splitter im Westen und tauchte das Schlachtfeld in rotgoldenes Licht. �Eure Sp�her sehen aus der Luft, und aus der Ferne l�sst sich die Wahrheit leicht verbergen.�</p><p>�Das Heer hinter uns?�</p><p>�Gr��tenteils Frauen und Jugendliche�, sagte Ituralde. �Und eine gro�e Zahl Bauern. Sie trugen die Uniformen meiner Truppen.�</p><p>�Und wenn wir umgekehrt w�ren und angegriffen h�tten?�</p><p>�Das h�ttet ihr nicht getan. Eure <emphasis>Raken</emphasis> verrieten euch, dass ihr zahlenm��ig unterlegen wart. Besser die kleine Streitmacht vor euch zu verfolgen. Besser, zu der Stadt zu eilen, die euren Sp�hern zufolge kaum verteidigt wird, selbst wenn es bedeutet, die M�nner fast bis zur Ersch�pfung marschieren zu lassen.�</p><p>Turan hustete wieder und nickte. �Ja. Ja, aber die Stadt war verlassen. Wie habt Ihr die Truppen hineingeschafft?�</p><p>�Sp�her in der Luft k�nnen nicht in H�user hineinsehen.�</p><p>�Ihr habt Euren Truppen befohlen, sich so lange drinnen zu verstecken?�</p><p>�Ja�, sagte Ituralde. �Im Wechsel durfte jeden Tag eine kleine Anzahl zur Arbeit auf die Felder.�</p><p>Turan sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Euch ist klar, was Ihr getan habt�, sagte er. In seiner Stimme lag keine Drohung. Tats�chlich lag da eine ordentliche Portion Bewunderung. �Die Hochlady Suroth wird dieses Versagen niemals akzeptieren. Sie wird Euch jetzt brechen m�ssen, und wenn auch nur, um Ihr Gesicht zu wahren.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Ituralde. �Aber ich kann euch nicht vertreiben, indem ich euch in euren Festungen angreife. Ihr m�sst zu mir kommen.�</p><p>�Ihr begreift nicht, wie viele wir sind ...�, sagte Turan. �Was Ihr heute vernichtet habt, ist nur eine Brise verglichen mit dem Sturm, den Ihr ausgel�st habt. Heute sind genug von meinen Leuten entkommen, um Eure Tricks zu verraten. Sie werden nicht noch einmal funktionieren.�</p><p>Er hatte recht. Seanchaner lernten schnell. Ituralde hatte seine �berf�lle in Tarabon wegen der schnellen seanchanischen Reaktion abbrechen m�ssen.</p><p>�Ihr wisst, dass Ihr uns nicht schlagen k�nnt�, sagte Turan leise. �Ich lese es in Euren Augen, Gro�er Hauptmann.�</p><p>Ituralde nickte.</p><p>�Warum dann also?�</p><p>�Warum fliegt eine Kr�he?�</p><p>Turan hustete schwach.</p><p>Ituralde wusste, dass er seinen Krieg gegen die Seanchaner nicht gewinnen konnte. Seltsamerweise f�hrte ihm jeder seiner Siege deutlich vor Augen, dass er am Ende verlieren w�rde. Die Seanchaner waren schlau, gut ausger�stet und diszipliniert. Und vor allem waren sie hartn�ckig.</p><p>In dem Moment, in dem sich diese Stadttore ge�ffnet hatten, hatte Turan wissen m�ssen, dass er zum Untergang verurteilt war. Aber er hatte sich nicht ergeben. Er hatte gek�mpft, bis sein Heer zerbrach und sich in zu viele Richtungen zerstreute, als dass Ituraldes ersch�pfte Truppen sie h�tte einfangen k�nnen. Turan hatte es begriffen. Manchmal lohnte es sich einfach nicht, sich zu ergeben. Kein Mann hie� den Tod willkommen, aber ein Soldat konnte ein viel schlimmeres Ende erleiden. Die Heimat den Invasoren zu �berlassen ... nun, Ituralde konnte das nicht tun. Nicht einmal, wenn der Kampf unm�glich zu gewinnen war.</p><p>Er tat, was er tun musste, wenn es getan werden musste. Und im Augenblick musste Arad Doman k�mpfen. Sie w�rden verlieren, aber ihre Kinder w�rden f�r alle Ewigkeit wissen, dass sich ihre V�ter <emphasis>gewehrt</emphasis> hatten. In hundert Jahren, wenn es zur Rebellion kam, w�rde dieser Widerstand wichtig sein. Falls sie kam.</p><p>Ituralde erhob sich und wollte zu seinen wartenden Soldaten zur�ckkehren.</p><p>Turan m�hte sich ab und griff nach seinem Schwert. Ituralde z�gerte, drehte sich wieder um.</p><p>�Werdet Ihr es tun?�, fragte Turan.</p><p>Ituralde nickte, zog das Schwert.</p><p>�Es war eine Ehre�, sagte Turan und schloss die Augen. Ituraldes mit dem Reiher gezeichnetes Schwert trennte einen Augenblick sp�ter den Kopf des Mannes von den Schultern. Turans Klinge wies ebenfalls einen Reiher auf, der gerade eben auf dem St�ck Stahl zu sehen war, das der Seanchaner hatte herausziehen k�nnen. Es war schade, dass sie keine Gelegenheit gehabt hatten, die Schwerter zu kreuzen - obwohl die vergangenen Wochen in einem anderen Ma�stab eigentlich nichts anderes gewesen waren.</p><p>Ituralde s�uberte das Schwert, dann schob er es zur�ck in seine Scheide. Als letzte Geste zog er Turans Schwert und stie� es neben dem gefallenen General in den Boden. Dann stieg er wieder in den Sattel, nickte dem Boten zum Abschied zu und suchte sich seinen Weg zur�ck �ber das im Schatten liegende Leichenfeld.</p><p>Die Raben hatten angefangen.</p><p>�Ich habe versucht, einige der Diener und Palastwachen zu ermutigen�, sagte Leane leise. Sie sa� vor den Gitterst�ben ihrer Zelle. �Aber es ist schwer.� Sie l�chelte und sah Egwene an, die neben der Zelle auf einem Hocker sa�. �Im Moment f�hle ich mich nicht besonders anziehend.�</p><p>Egwenes L�cheln war trocken, und sie schien zu verstehen. Leane trug noch immer das Kleid, in dem man sie gefangen genommen hatte, und es war noch nicht gereinigt worden. An jedem dritten Morgen zog sie es aus und benutzte den morgendlichen Eimer mit Wasser - nachdem sie sich mit einem feuchten Lappen ordentlich gewaschen hatte -, um das Kleid zu reinigen. Aber ohne Seife waren einem Grenzen gesetzt. Sie hatte ihr Haar geflochten, damit es wenigstens den Anschein von Ordentlichkeit erweckte, konnte aber nichts wegen ihrer zersplitterten N�gel unternehmen.</p><p>Leane seufzte und dachte an die Vormittage, die sie damit verbracht hatte, verborgen vor allen Blicken nackt in der Zellenecke zu stehen und darauf zu warten, dass Kleid und Unterhemd trockneten. Nur weil sie eine Domani war, bedeutete das noch lange nicht, dass sie gern ohne einen Fetzen Stoff am Leib herumstolzierte. Eine anst�ndige Verf�hrung verlangte Geschick und Subtilit�t; Nacktheit benutzte keines davon.</p><p>Ihre Zelle war gar nicht so schlimm, was Zellen anging - sie hatte ein kleines Bett, Mahlzeiten, genug Wasser und einen Nachttopf, der jeden Tag ausgewechselt wurde. Aber sie durfte nie hinaus und wurde st�ndig von zwei Schwestern bewacht, die sie abgeschirmt hielten. Ihre einzige Besucherin war Egwene, wenn man einmal von jenen absah, die zu ihr kamen, um ihr Informationen �ber das Schnelle Reisen zu entlocken.</p><p>Die Amyrlin sa� mit nachdenklichem Gesichtsausdruck auf ihrem Hocker. Und sie <emphasis>war</emphasis> die Amyrlin. Es war unm�glich, sie als etwas anderes zu betrachten. Wie konnte eine so junge Frau das so schnell gelernt haben? Die aufrechte Haltung, die selbstsichere Miene. Bei Kontrolle ging es weniger um die Macht, die man hatte, sondern eher um die Macht, die man zu haben vorgab. Tats�chlich �hnelte es sehr dem Umgang mit M�nnern.</p><p>�Habt Ihr ... etwas geh�rt?�, fragte Leane. �Was sie mit mir machen wollen?�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. Die beiden Gelben Schwestern sa�en in der N�he auf einer Bank und plauderten miteinander, angeleuchtet von einer Lampe auf dem Tisch neben ihnen. Leane hatte keine der Fragen ihrer Kerkerw�chter beantwortet, und das Burggesetz regelte die Befragung von Schwestern ausgesprochen streng. Man konnte ihr nicht schaden, vor allem nicht mit der Macht. Aber man konnte sie einfach hier allein verfaulen lassen.</p><p>�Danke, dass Ihr mich immer am Abend besuchen kommt�, sagte sie und griff zwischen den Gitterst�ben hindurch, um Egwenes Hand zu nehmen. �Ich glaube, ich schulde Euch meine geistige Gesundheit.�</p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen�, erwiderte Egwene, aber ihre Augen zeigten einen Hauch der Ersch�pfung, die sie zweifellos versp�rte. Einige der Schwestern, die Leane besucht hatten, hatten die Pr�gel erw�hnt, die Egwene als �Bu�e� f�r ihre Insubordination auferlegt bekam. Und trotz der Schmerzen besuchte sie Leane beinahe an jedem Abend in ihrer Zelle.</p><p>�Ich werde Euch freibekommen, Leane�, versprach Egwene und hielt ihre Hand. �Elaidas Tyrannei kann nicht ewig andauern. Ich bin zuversichtlich, dass es bald damit ein Ende hat.�</p><p>Leane nickte, lie� los und stand auf. Egwene griff nach den Gitterst�ben und zog sich auf die F��e; die Bewegung lie� sie leicht zusammenzucken. Sie nickte Leane zum Abschied zu, dann z�gerte sie und runzelte die Stirn.</p><p>�Was ist?�, fragte Leane.</p><p>Egwene lie� das Gitter los und betrachtete ihre Handfl�chen. Sie schienen mit einer reflektierenden w�chsernen Substanz beschmiert zu sein. Stirnrunzelnd sah Leane die Gitterst�be an und entdeckte entsetzt Egwenes Handabdr�cke auf dem Eisen.</p><p>�Was beim Licht ...�, sagte sie und stie� mit dem Finger gegen einen Eisenstab. Er verbog sich wie warmes Wachs am Rand eines Kerzenhalters.</p><p>Pl�tzlich bewegten sich die Steine unter ihren F��en, und sie f�hlte, wie sie versank. Sie schrie auf. Von der Decke regneten auf einmal dicke, geschmolzenem Wachs �hnliche Tropfen und klatschten ihr ins Gesicht. Sie waren nicht warm, aber irgendwie fl�ssig. Sie hatten die Farbe von Stein!</p><p>Von Panik ergriffen keuchte sie auf und stolperte, als ihre F��e immer tiefer in den viel zu glatten Boden einsanken. Eine Hand ergriff sie; sie schaute auf und sah, dass Egwene nach ihr gegriffen hatte. Die Gitterst�be zerschmolzen einfach, das Eisen erschlaffte und verfl�ssigte sich dann.</p><p>�Hilfe!�, schrie Egwene den Gelben zu. �Verflucht! H�rt auf zu starren!�</p><p>Entsetzt versuchte Leane Halt zu finden, versuchte sich an den Gitterst�ben auf Egwene zuzuziehen. Sie bekam nur Wachs zu fassen. Ein St�ck Gitter l�ste sich und wurde zwischen ihren Fingern zerdr�ckt, der Boden verformte sich unter ihr und saugte sie in die Tiefe.</p><p>Und dann ergriffen sie Str�nge aus Luft und rissen sie frei. Der Raum schwankte, als sie nach vorn gegen Egwene geschleudert wurde und die junge Frau zur�ckstie�. Die beiden Gelben - die wei�haarige Musarin und die kleine Gelarna - waren auf die F��e gesprungen, und der Schein <emphasis>Saidars</emphasis> h�llte sie ein. Musarin rief nach Hilfe und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die schmelzende Zelle.</p><p>Leane kroch von Egwene fort und kam wieder auf die F��e, ihr Kleid und ihre Beine waren mit dem seltsamen Wachs �berzogen, und sie stolperte von der Kerkerzelle weg. Hier im Korridor f�hlte sich der Boden stabil an. Beim Licht, wie gern h�tte sie die Quelle umarmt! Aber man hatte ihr zu viel Spaltwurzel verabreicht, ganz zu schweigen von der Abschirmung.</p><p>Egwene stand mit ihrer Hilfe wieder auf. Stille kehrte in den Raum ein, die Lampe flackerte. Sie alle starrten die Zelle an. Sie hatte aufgeh�rt zu schmelzen, die Gitterst�be waren zerbrochen, an den oberen H�lften war tropfender Stahl erstarrt, die unteren H�lften waren nach innen gebogen. Viele waren durch Leanes Flucht auf den Stein gedr�ckt. Der Boden in dem abgesperrten Raum hatte sich wie ein Trichter nach innen gebogen. Dort, wo Leane voller Panik darauf getreten war, wies der Stein tiefe Furchen auf.</p><p>Mit pochendem Herzen stand Leane da und begriff, dass nur Sekunden vergangen waren. Was sollte sie tun? Voller Angst weglaufen? W�rde auch der Rest des Korridors schmelzen?</p><p>Egwene trat einen Schritt vor und pochte mit dem Zeh gegen einen Gitterstab. Er gab nicht nach. Leane trat ebenfalls einen Schritt vor, und ihr Kleid raschelte; Stein br�ckelte wie M�rtel ab. Sie beugte sich vor und strich �ber ihren Rock. Es f�hlte sich an, als w�re er mit Stein �berzogen und nicht mit Wachs.</p><p>�Diese Vorkommnisse h�ufen sich�, sagte Egwene ganz ruhig und sah die beiden Gelben an. �Der Dunkle K�nig wird st�rker. Die Letzte Schlacht naht. Was unternimmt Eure Amyrlin dagegen?�</p><p>Musarin sah sie an; die hochgewachsene, alternde Aes Sedai sah sichtlich verst�rt aus. Leane folgte Egwenes Beispiel und zwang sich zur Ruhe, als sie mit von ihrem Kleid herabregnenden Steinbr�ckchen neben die Amyrlin trat.</p><p>�Ja, nun�, sagte Musarin. �Novizin, Ihr geht jetzt auf Euer Zimmer. Und Ihr ...� Sie schaute Leane an, dann die �berreste der Zelle. �Euch werden wir ... umquartieren m�ssen.�</p><p>�Und wohl ein neues Kleid geben�, sagte Leane und verschr�nkte die Arme.</p><p>Musarins Blick flackerte zu Egwene. �Geht. Das ist nicht l�nger Eure Sache, Kind. Wir k�mmern uns um die Gefangene.�</p><p>Egwene kniff die Lippen zusammen, aber dann wandte sie sich Leane zu. �Bleibt standhaft�, sagte sie und eilte fort.</p><p>Ersch�pft und verst�rt durch die steinverformende Blase des B�sen ging Egwene mit rauschenden R�cken auf den Fl�gel der Burg zu, in dem sich das Novizinnenquartier befand. Was war n�tig, damit diese dummen Frauen begriffen, dass man keine Zeit mehr f�r irgendwelchen Zank hatte?</p><p>Es war schon sp�t, und in den G�ngen waren nur noch wenige Frauen unterwegs, und keine davon eine Novizin. Egwene passierte mehrere Diener, die sp�tabendlichen Pflichten nachgingen und leise �ber die Bodenfliesen huschten. Diese Teile der Burg waren belebt genug, dass an den W�nden ausreichend Lampen brannten; sie verbreiteten ein diffuses orangefarbenes Licht. Hundert verschiedene, auf Hochglanz polierte Fliesen reflektierten die flackernden Flammen, die wie Augen aussahen, die Egwene beobachteten.</p><p>Es fiel schwer zu verstehen, dass sich dieser ruhige Abend in eine Falle verwandelt hatte, die um ein Haar Leane get�tet h�tte. Wenn man sich nicht einmal mehr auf den Boden verlassen konnte, auf was denn dann? Egwene sch�ttelte den Kopf. Sie war zu m�de und zu wund, um in diesem Moment �ber L�sungen nachzudenken. Ihr wurde nicht bewusst, dass aus den grauen Bodenfliesen dunkelbraune wurden. Sie ging einfach weiter und z�hlte die T�ren, die sie passierte. Ihre war die siebte ...</p><p>Sie erstarrte und sah zwei Braune Schwestern stirnrunzelnd an: Maenadrin - eine Saldaeanerin - und Negaine. Die beiden hatten sich fl�sternd unterhalten und sahen Egwene jetzt finster an, als sie an ihnen vorbeiging. Was hatten die beiden im Novizinnenquartier zu suchen?</p><p>Aber Moment mal. Das Quartier der Novizinnen hatte keine braunen Bodenfliesen. Hier h�tten unscheinbare graue Fliesen liegen m�ssen. Und die T�ren im Korridor standen viel zu weit auseinander. Das sah �berhaupt nicht nach den Novizinnenzimmern aus! War sie so m�de gewesen, dass sie in die genau entgegengesetzte Richtung gegangen war?</p><p>Sie kehrte um, passierte die beiden Braunen erneut. Sie kam zu einem Fenster und schaute hinaus. Um sie herum erstreckte sich die rechteckige wei�e Fl�che des Turmfl�gels, genau wie er sollte. Sie hatte sich nicht verlaufen.</p><p>Verbl�fft sah sie nach hinten. Maenadrin hatte die Arme verschr�nkt und betrachtete sie mit ihren dunklen Augen. Die hochgewachsene und d�rre Negaine kam auf sie zu. �Was habt Ihr hier um diese Nachtzeit zu suchen, Kind?�, wollte sie wissen. �Hat Euch eine Schwester kommen lassen? Ihr solltet in Eurem Zimmer sein und schlafen.�</p><p>Wortlos zeigte Egwene aus dem Fenster. Negaine blickte stirnrunzelnd hinaus. Sie erstarrte und keuchte. Schaute zur�ck in den Korridor, dann wieder hinaus, als k�nnte sie nicht glauben, wo sie war.</p><p>Wenige Minuten sp�ter war die ganze Burg in Aufruhr. Egwene stand vergessen mit einer Gruppe verschlafener Novizinnen an einer Korridorwand, w�hrend Schwestern mit angespannten Stimmen debattierten und zu entscheiden versuchten, was zu tun war. Anscheinend waren zwei Sektionen der Wei�en Burg ausgetauscht worden, und die schlafenden Braunen Schwestern waren aus ihrer Sektion oben im Turm nach unten in den Fl�gel versetzt worden. Die v�llig intakten Novizinnenzimmer befanden sich nun dort, wo die Sektion der Braunen gewesen war. Niemand erinnerte sich an eine Bewegung oder Vibrationen, als der Tausch vorgenommen worden war, und der Transfer erschien nahtlos. Eine Reihe Bodenfliesen war genau in der Mitte geteilt und dann mit den Fliesen der Sektion verschmolzen, die versetzt worden war.</p><p><emphasis>Es wird immer schlimmer,</emphasis> dachte Egwene, als die Braunen Schwestern entschieden, dass sie den Austausch f�r den Augenblick akzeptieren mussten. Man konnte schlecht Schwestern in Zimmern unterbringen, deren Gr��e f�r Novizinnen gedacht war.</p><p>Das w�rde die Braunen teilen, die H�lfte von ihnen befand sich nun in diesem Fl�gel, die andere H�lfte an ihrem alten Platz - und ein Haufen Novizinnen mitten unter ihnen. Eine Spaltung, die bemerkenswert repr�sentativ f�r die weniger sichtbaren Spaltungen war, unter denen die Ajahs litten.</p><p>Schlie�lich gingen Egwene und die anderen ersch�pft zu Bett - auch wenn sie jetzt viele Treppen hinaufsteigen musste, um ihre Kammer zu finden.</p></section><section><title><p>7</p><p>Der Plan f�r Arad Doman</p></title><p>�Ein Sturm zieht auf�, sagte Nynaeve und schaute aus dem Fenster des Herrenhauses.</p><p>�Ja�, erwiderte Daigian von ihrem Stuhl am Kamin, ohne auch nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen. �Da k�nntet Ihr recht haben, meine Liebe. Ich schw�re, es hat den Anschein, als w�re es schon seit Wochen bew�lkt!�</p><p>�Es ist nur eine Woche�, sagte Nynaeve und hielt ihren langen dunklen Zopf mit einer Hand. Sie starrte die Frau an. �Seit �ber zehn Tagen habe ich keinen Flecken klaren Himmel mehr gesehen.�</p><p>Daigian runzelte die Stirn. Die Wei�e Ajah war rundlich und �ppig gebaut. Wie Moiraine vor langer Zeit trug sie einen kleinen Edelstein auf der Stirn, obwohl es bei ihr passenderweise ein wei�er Mondstein war. Anscheinend hatte diese Tradition etwas damit zu tun, eine Adelige aus Cairhien zu sein, genau wie die vier farbigen Schlitze, die die Frau an ihrem Kleid trug.</p><p>�Zehn Tage, sagt Ihr?�, meinte Daigian. �Seid Ihr sicher?�</p><p>Nynaeve war sich sicher. Sie achtete auf das Wetter, das war eine der Pflichten der Dorfseherin. Jetzt war sie Aes Sedai, aber das bedeutete nicht, dass sie aufh�rte, das zu sein, was sie war. In ihrem Hinterkopf war das Wetter stets pr�sent. Das Fl�stern des Windes verriet ihr Regen, Sonne oder Schnee.</p><p>Aber in letzter Zeit hatte dieses Gef�hl keine �hnlichkeit mehr mit einem Fl�stern. Es glich eher fernen Rufen, die lauter wurden. Oder wie Wellen, die noch immer weit im Norden gegeneinander schlugen, aber immer schwerer zu ignorieren waren.</p><p>�Nun�, sagte Daigian, �das ist doch bestimmt nicht das erste Mal in der Geschichte, an der es zehn Tage lang bew�lkt war!�</p><p>Nynaeve sch�ttelte den Kopf und zog an ihrem Zopf. �Es ist nicht normal�, sagte sie. �Und der bew�lkte Himmel ist nicht der Sturm, von dem ich spreche. Er liegt noch in der Ferne, aber er kommt n�her. Und er wird schrecklich sein. Schrecklicher als alle, die ich je erlebt habe. Viel schrecklicher.�</p><p>�Nun, dann werden wir uns mit ihm befassen, wenn er da ist�, erwiderte Daigian, klang aber etwas unbehaglich. �Setzt Ihr Euch wieder, damit wir fortfahren k�nnen?�</p><p>Nynaeve sah die mollige Aes Sedai an. Daigian war ausgesprochen schwach in der Macht. M�glicherweise sogar die schw�chste Aes Sedai, der sie je begegnet war. Und damit h�tte Nynaeve die F�hrung �bernehmen k�nnen, wenn man den traditionellen - wenn auch unausgesprochenen - Regeln folgte.</p><p>Ungl�cklicherweise war ihre Position noch immer fragw�rdig. Egwene hatte sie per Dekret zur Stola erhoben, genau wie sie es bei Elayne gemacht hatte. Es hatte keine Pr�fung gegeben, und sie hatte auch nicht auf den Eidstab geschworen. F�r die Allgemeinheit machte sie das zu keiner richtigen Aes Sedai - das galt sogar f�r diejenigen, die Egwene als die wahre Amyrlin akzeptierten. Sie war keine Aufgenommene mehr, aber auch keine gleichwertige Schwester.</p><p>Die Schwestern in Cadsuanes Gefolge waren darin besonders schlimm, da sie sich �ffentlich weder f�r die Wei�e Burg noch f�r die Rebellen ausgesprochen hatten. Und die Rand verschworenen Schwestern waren noch schlimmer; die meisten standen noch immer treu zur Wei�en Burg und fanden nichts dabei, sowohl Elaida wie auch Rand zu unterst�tzen. Nynaeve fragte sich immer noch, was sich Rand wohl dabei gedacht hatte, Schwestern einen Treueid ablegen zu lassen. Diesen Fehler hatte sie ihm bereits bei mehreren Gelegenheiten genau erkl�rt, sogar ziemlich rational, aber sich mit Rand zu unterhalten war im Moment so, als w�rde man mit einem Stein sprechen. Nur weniger effektiv und wesentlich nervenaufreibender.</p><p>Daigian wartete noch immer darauf, dass sie sich setzte. Sie tat es, statt einen Kampf der Willenskr�fte zu provozieren. Daigian litt noch immer unter dem Verlust ihres Beh�ters Eben, einem Asha'man, der beim Kampf mit den Verlorenen gefallen war. Nynaeve hatte diesen Kampf in v�lliger Konzentration versunken damit verbracht, Rand mit gewaltigen Mengen an <emphasis>Saidar</emphasis> zu versorgen, das er dann verweben konnte.</p><p>Noch immer konnte sie die Eindr�cke nicht vergessen, die das Sammeln von so viel Macht hinterlassen hatte: die �berbew�ltigende Freude, die Ehrfurcht gebietende Euphorie, die Kraft und das Gef�hl von schierem <emphasis>Leben.</emphasis> Es hatte ihr Angst eingejagt. Sie war froh, dass das <emphasis>Ter'angreal,</emphasis> mit dessen Hilfe sie diese Macht ber�hrt hatte, zerst�rt worden war.</p><p>Aber das m�nnliche <emphasis>Ter'angreal</emphasis> war noch immer intakt: der Zugangsschl�ssel zu einem m�chtigen <emphasis>Sa'angreal.</emphasis> Soweit sie wusste, hatte Rand Cadsuane nicht dazu �berreden k�nnen, es ihm zur�ckzugeben. Und das war auch genau richtig so. Kein Mensch, nicht einmal der Wiedergeborene Drache, sollte so viel von der Einen Macht lenken k�nnen. Die Dinge, die man versucht sein k�nnte zu tun ...</p><p>Sie hatte Rand <emphasis>gesagt,</emphasis> er m�sse den Zugangsschl�ssel einfach vergessen. Als w�rde man mit einem Stein reden. Einem gro�en, rothaarigen, eisengesichtigen Wollkopf von einem Stein. Sie r�usperte sich. Das veranlasste Daigian, eine Braue zu heben. Die Frau war recht gut darin, ihre Trauer zu kontrollieren, obwohl Nynaeve - deren Zimmer genau neben Daigians lag - sie jede Nacht leise weinen h�rte. Es war nicht leicht, seinen Beh�ter zu verlieren.</p><p><emphasis>Lan ...</emphasis></p><p>Nein, es war besser, im Moment nicht an <emphasis>ihn</emphasis> zu denken. Lan w�rde es gut gehen. Nur am Ende seiner Reise der Tausenden von Meilen w�rde er in Gefahr sein. Erst dann w�rde er sich auf den Schatten werfen wie ein einsamer Pfeil, den man gegen eine Mauer schoss ...</p><p><emphasis>Nein!,</emphasis> rief sie sich zur Ordnung. <emphasis>Er wird nicht allein sein. Daf�r habe ich gesorgt.</emphasis></p><p>�Also gut�, sagte sie und zwang sich zur Konzentration. �Lasst uns fortfahren.� Hier ging es nicht darum, sich Daigian unterzuordnen. Sie tat der Frau nur einen Gefallen, lenkte sie von ihrer Trauer ab. So hatte es zumindest Corele erkl�rt. Auf keinen Fall hatte <emphasis>sie</emphasis> etwas von diesem Treffen. Sie musste nichts beweisen. Sie war eine Aes Sedai, ganz egal, was die anderen dachten oder andeuteten.</p><p>Das war alles nur ein Vorwand, um Daigian zu helfen. Das war es. Nichts weiter.</p><p>�Hier ist das einundachtzigste Gewebe�, sagte die Wei�e. Der Schein <emphasis>Saidars</emphasis> h�llte sie ein, und sie lenkte die Macht, erschuf ein sehr kompliziertes Gewebe aus Feuer, Luft und Geist. Kompliziert, aber nutzlos. Das Gewebe erschuf drei brennende Feuerkreise in der Luft, die mit einem unnat�rlichen Licht gl�hten, aber welchen Sinn hatte das? Nynaeve wusste bereits, wie man Feuerb�lle und Leuchtkugeln herstellte; warum Zeit mit dem Erlernen von Geweben verschwenden, die lediglich wiederholten, was sie bereits wusste, nur auf viel kompliziertere Art und Weise? Und warum hatte jeder Ring eine etwas andere F�rbung?</p><p>Nynaeve schwenkte gleichg�ltig die Hand und wiederholte das Gewebe exakt. �Ehrlich�, meinte sie dann, �das scheint das Sinnloseste von dem ganzen Haufen zu sein! Was f�r einen Zweck sollen es denn erf�llen?�</p><p>Daigian sch�rzte die Lippen. Sie sagte nichts, aber Nynaeve wusste ganz genau, dass sie der Ansicht war, dass das ihrer Sch�lerin alles viel schwerer h�tte fallen m�ssen. Schlie�lich sagte sie: �Man darf Euch nicht viel �ber die Pr�fung verraten. Ich kann nur sagen, dass Ihr diese Gewebe exakt wiederholen m�sst, und zwar unter extremen Ablenkungen. Ihr werdet es verstehen, wenn der Augenblick gekommen ist.�</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte Nynaeve tonlos und kopierte das Gewebe weitere drei Male, w�hrend sie sprach. �Weil, wie ich Euch bereits schon ein Dutzend Mal gesagt habe, ich die Pr�fung wohl nicht machen werde. Ich bin bereits eine Aes Sedai.�</p><p>�Aber nat�rlich seid Ihr das, meine Liebe.�</p><p>Nynaeve dr�ckte die Lippen zusammen. Das war keine gute Idee gewesen. Als sie Corele darauf angesprochen hatte - angeblich war sie Mitglied derselben Ajah wie Nynaeve -, hatte sich die Frau schlichtweg geweigert, sie als Gleichgestellte anzuerkennen. Sie war sehr h�flich gewesen, wie es meistens Coreles Art war, aber die Bedeutung war klar gewesen. Sie war mitf�hlend erschienen. Mitf�hlend! Als w�rde Nynaeve ihr Mitgef�hl brauchen. Corele war der Ansicht gewesen, dass es Nynaeves Glaubw�rdigkeit st�rken w�rde, wenn sie die einhundert Gewebe kannte, die jede Aufgenommene f�r die Pr�fung zur Aes Sedai lernen musste.</p><p>Dummerweise brachte das Nynaeve in eine Situation, in der sie im Grunde wieder wie eine Sch�lerin behandelt wurde. Sie sah ja ein, warum es von Nutzen war, die einhundert Gewebe zu kennen - sie hatte viel zu wenig Zeit gehabt, sie zu studieren, und buchst�blich jede Schwester kannte sie. Aber indem sie sich mit dem Unterricht einverstanden erkl�rte, hatte sie <emphasis>nicht</emphasis> andeuten wollen, dass sie sich selbst als Sch�lerin sah!</p><p>Sie griff nach ihrem Zopf und bremste sich. Die Art und Weise, wie sie ihre Gef�hle sichtlich zum Ausdruck brachte, trug ebenfalls dazu bei, wie sie von den anderen Aes Sedai behandelt wurde. H�tte sie doch nur dieses alterslose Gesicht! Pah!</p><p>Daigians n�chstes Gewebe verursachte ein lautes Ploppen in der Luft, und wieder war es unn�tig kompliziert. Nynaeve kopierte es, ohne gro� dar�ber nachzudenken, und vertraute es zugleich ihrer Erinnerung an.</p><p>Daigian starrte das Gewebe einen Augenblick lang an, einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht.</p><p>�Was?�, fragte Nynaeve gereizt.</p><p>�Hm? Oh, nichts. Ich ... es ist nur ... als ich dieses Gewebe das letzte Mal erschuf, benutzte ich es, um ... ich ... egal.�</p><p>Eben. Ihr Beh�ter war jung gewesen, f�nfzehn oder sechzehn, und sie hatte ihn sehr gemocht. Eben und Daigian hatten Spiele gespielt, wie ein Junge und seine �ltere Schwester und weniger wie Aes Sedai und Beh�ter.</p><p><emphasis>Ein Junge, der gerade mal sechzehn war,</emphasis> dachte Nynaeve, <emphasis>tot. Muss Rand sie denn so jung rekrutieren?</emphasis></p><p>Daigians Miene erstarrte, sie konnte ihre Gef�hle viel besser verbergen, als Nynaeve das je geschafft h�tte.</p><p><emphasis>M�ge das Licht daf�r sorgen, dass ich nie in die gleiche Situation gerate,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Jedenfalls nicht f�r viele, viele Jahre.</emphasis> Noch war Lan nicht ihr Beh�ter, aber sie wollte ihn so schnell wie m�glich dazu machen. Schlie�lich war er schon ihr Ehemann. Es �rgerte sie noch immer, dass Myrelle den Bund �bernommen hatte.</p><p>�Ich k�nnte vielleicht helfen, Daigian�, sagte sie, beugte sich vor und legte der Frau die Hand aufs Knie. �Wenn ich vielleicht eine Heilung versuche ...�</p><p>�Nein�, sagte Daigian kurz angebunden.</p><p>�Aber ...�</p><p>�Ich bezweifle, dass Ihr helfen k�nnt.�</p><p>�Alles kann Geheilt werden�, beharrte Nynaeve stur, �selbst wenn wir noch nicht wissen, wie es geht. Alles bis auf den Tod.�</p><p>�Und was w�rdet Ihr tun, meine Liebe?�</p><p>Nynaeve fragte sich, ob sie sie absichtlich nicht mit dem Namen anredete, oder ob das ein unbewusster Nebeneffekt ihrer Beziehung war. �Kind� konnte sie nicht sagen, wie sie es bei einer richtigen Aufgenommenen getan h�tte, sie aber Nynaeve zu nennen h�tte m�glicherweise Gleichheit impliziert.</p><p>�Ich k�nnte etwas tun�, sagte sie. �Was Euch dort qu�lt, das muss eine Wirkung des Bundes sein, also hat es etwas mit der Einen Macht zu tun. Wenn die Macht Euch Schmerzen bereitet, kann die Macht den Schmerz auch wieder nehmen.�</p><p>�Und warum sollte ich das wollen?�, fragte Daigian, nun wieder v�llig beherrscht.</p><p>�Nun ... nun, weil es Schmerzen sind. Es tut weh.�</p><p>�Das sollte es auch�, sagte Daigian. �Eben ist tot. W�rdet Ihr Euren Schmerz vergessen wollen, wenn Ihr Euren H�nen verlieren solltet? Eure Gef�hle f�r ihn wegschneiden lassen wie ein verdorbenes St�ck Fleisch in einem ansonsten einwandfreien Braten?�</p><p>Nynaeve �ffnete den Mund, hielt dann aber inne. W�rde sie? Das war nicht so einfach - ihre Gef�hle f�r Lan waren echt und wurden nicht durch einen Beh�terbund verursacht. Er war ihr Ehemann, und sie liebte ihn. Daigian war sehr besitzergreifend gewesen, was ihren Beh�ter anging, aber es war die Zuneigung einer Tante f�r ihren Lieblingsneffen gewesen. Es war nicht das Gleiche.</p><p>Aber w�rde sie <emphasis>wollen,</emphasis> dass man ihr diesen Schmerz nahm? Sie machte den Mund wieder zu, als sie die Ehre in Daigians Worten erkannte. �Ich verstehe. Es tut mir leid.�</p><p>�Das ist nicht n�tig, meine Liebe�, fuhr Daigian fort. �Die Logik, die dahintersteckt, erscheint mir oft ganz einfach, aber ich f�rchte, die anderen akzeptieren das nicht. Tats�chlich k�nnte man argumentieren, dass die Logik des Problems vom Augenblick und vom Individuum abh�ngt. Soll ich Euch das n�chste Gewebe zeigen?�</p><p>�Ja, bitte�, sagte Nynaeve und runzelte die Stirn. Sie selbst war so stark in der Macht - eine der st�rksten auf der ganzen Welt -, dass sie meistens nur wenig �ber ihre F�higkeiten nachdachte. So wie ein sehr gro�er Mann kaum auf die Gr��e seiner Mitmenschen achtete; alle anderen waren kleiner als er, also spielte der Gr��enunterschied keine gro�e Rolle.</p><p>Wie w�rde es wohl sein, ihr Gegen�ber zu sein, diese Frau, die l�nger als sonst jemand in der j�ngeren Vergangenheit Aufgenommene gewesen war? Eine Frau, die die Stola nur mit M�he und Not errungen hatte, und das auch nur, weil man ein Auge zugedr�ckt hatte, wie manche munkelten? Daigian musste allen anderen Aes Sedai ihre Ehrerbietung zeigen. Begegneten sich zwei Schwestern, war Daigian immer die Unbedeutendere. Trafen sich mehr als zwei Schwestern, servierte Daigian den Tee. Immer erwartete man vor ihr, vor den m�chtigeren Schwestern zu kriechen. Nun gut, so weit ging es vielleicht nicht, sie <emphasis>war</emphasis> Aes Sedai, trotzdem ...</p><p>�An diesem System stimmt etwas nicht, Daigian�, sagte Nynaeve gedankenverloren.</p><p>�Mit der Pr�fung? Es erscheint angemessen, dass es irgendeine Art Pr�fung gibt, um das K�nnen festzustellen, und schwierige Gewebe unter gro�em Druck auszuf�hren erscheint mir als vern�nftige Vorgehensweise, um das zu erreichen.�</p><p>�Das meinte ich nicht�, sagte Nynaeve. �Ich spreche von dem System, das festlegt, wie wir behandelt werden. Von einander.�</p><p>Daigian err�tete. Es galt als unschicklich, die St�rke einer anderen anzusprechen, ganz egal auf welche Weise. Aber Nynaeve war noch nie besonders gut darin gewesen, die Erwartungen anderer Leute zu erf�llen. Vor allem, wenn sie alberne Dinge erwarteten. �Da sitzt Ihr nun, wisst genauso viel wie jede andere Aes Sedai, sogar mehr als die meisten, w�rde ich wetten, und in dem Moment, in dem eine Aufgenommene die Sch�rze gegen die Stola eintauscht, habt Ihr nach ihrer Pfeife zu tanzen.�</p><p>Daigian err�tete noch st�rker. �Wir sollten fortfahren.�</p><p>Es war einfach nicht richtig. Aber Nynaeve lie� das Thema fallen. Sie war bereits schon einmal in diese besondere Schlangengrube getappt, als sie den Kusinen beigebracht hatte, sich gegen�ber den Aes Sedai zu behaupten. Und es hatte nicht lange gedauert, da hatten sie sich dann auch ihr widersetzt, was nun wirklich <emphasis>nicht</emphasis> ihre Absicht gewesen war. Sie war sich nicht sicher, ob sie bei den Aes Sedai eine �hnliche Rebellion in Gang setzen wollte.</p><p>Sie versuchte sich wieder auf den Nachhilfeunterricht zu konzentrieren, aber die Vorahnung des unmittelbar bevorstehenden Sturms lie� sie st�ndig zum Fenster sehen. Das Zimmer befand sich im ersten Stock und bot einen guten Ausblick auf das Lager. Es war reiner Zufall, dass sie Cadsuane sah; dieser graue Haarknoten mit den so unschuldig aussehenden <emphasis>Ter'angrealen</emphasis> war selbst aus der Ferne unverkennbar. Die Frau �berquerte den Hof, Corele an ihrer Seite, in einem ordentlichen Tempo.</p><p><emphasis>Was hat sie vor?,</emphasis> fragte sich Nynaeve. Cadsuanes Tempo machte sie verd�chtig. Was war geschehen? Hatte es mit Rand zu tun? Wenn es dieser Mann schon wieder geschafft hatte, sich zu verletzen ...</p><p>�Entschuldigt mich, Daigian�, sagte sie und stand auf. �Mir ist gerade eingefallen, dass ich mich um etwas k�mmern muss.�</p><p>�Oh. Nun, nat�rlich, Nynaeve. Wir k�nnen ja zu einem anderen Zeitpunkt weitermachen.�</p><p>Erst als Nynaeve aus der T�r und die Treppe hinuntergeeilt war, wurde ihr bewusst, dass Daigian tats�chlich ihren Namen benutzt hatte. Sie l�chelte, als sie den Rasen betrat.</p><p>Aiel waren im Lager. F�r sich genommen war das nicht ungew�hnlich; Rand benutzte oft eine Abteilung T�chter als Leibwache. Aber diese Aiel waren M�nner im hellbraunen <emphasis>Cadin'sor</emphasis> und mit Speeren an der Seite. Eine nicht unbedeutende Anzahl trug Stirnbinden mit Rands Symbol.</p><p>Darum hatte es Cadsuane so eilig gehabt; wenn die Clanh�uptlinge der Aiel eingetroffen waren, w�rde Rand sie sehen wollen. Nynaeve schritt �ber den Rasen - der keine gro�e �hnlichkeit mehr mit einem Rasen hatte - und war emp�rt. Rand hatte nicht nach ihr geschickt. Vermutlich nicht, weil er sie nicht dabeihaben wollte, sondern weil er einfach zu stur war, daran zu denken. Wiedergeborener Drache oder nicht, dem Mann kam es nur selten in den Sinn, seine Pl�ne mit anderen zu teilen. Man h�tte annehmen sollen, dass er mittlerweile erkannt h�tte, wie wichtig es war, einen Rat von jemandem zu bekommen, der etwas mehr Erfahrung als er hatte. Wie oft war er wegen seiner Unbesonnenheit entf�hrt, verletzt oder eingesperrt worden?</p><p>In diesem Lager mochte sich ja jedermann vor ihm verbeugen oder einen Narren an ihm gefressen haben, aber sie wusste, dass er im Grunde nichts anderes als ein Schafhirte aus Emondsfelde war. Er brockte sich noch immer auf die gleiche Weise �rger ein wie als Junge, wenn er und Mat Streiche ausgeheckt hatten. Nur dass er jetzt nicht mehr die Dorfm�dchen in Aufregung versetzte, sondern ganze Nationen ins Chaos st�rzen konnte.</p><p>An der n�rdlichen Seite des Rasens - direkt gegen�ber vom Haus, in der N�he des Erdwalls - bauten die Aiel ihr Lager auf, komplett mit braunen Zelten. Sie stellten sie anders als die Saldaeaner auf; statt gerader Reihen zogen die Aiel kleine Gruppen vor, organisiert nach den Gemeinschaften. Einige von Basheres M�nnern riefen vorbeigehenden Aiel Gr��e zu, aber keiner machte Anstalten, ihnen zu helfen. Aiel konnten ein kratzb�rstiger Haufen sein, und auch wenn Nynaeve die Saldaeaner bei weitem weniger irrational als manch andere fand, blieben es doch Grenzl�nder. Scharm�tzel mit den Aiel waren fr�her Alltag f�r sie gewesen, und der Aiel-Krieg selbst war noch lange nicht vergessen. Im Augenblick k�mpften sie alle auf derselben Seite, aber das hielt die Saldaeaner nicht davon ab, etwas aufmerksamer zu sein, jetzt, da die Aiel in gro�er Anzahl eingetroffen waren.</p><p>Sie hielt nach Rand oder ihr bekannten Aiel Ausschau. Sie bezweifelte, dass Aviendha dabei sein w�rde; sie w�rde in Cairhien Elayne helfen, sich den Thron von Andor zu sichern. Tats�chlich f�hlte sie sich noch immer etwas schuldig, dass sie sie verlassen hatte, aber jemand hatte Rand dabei helfen m�ssen, <emphasis>Saidin</emphasis> zu reinigen. Das geh�rte nun wirklich nicht zu den Dingen, die man ihn allein machen lie�. Wo <emphasis>steckte</emphasis> er blo�?</p><p>Nynaeve blieb an der Grenze zwischen den Saldaeanern und dem neuen Aiel-Lager stehen. Soldaten mit Lanzen nickten ihr respektvoll zu. Aiel in Braun und Gr�n glitten mit Bewegungen so geschmeidig wie Wasser �ber das Gras. Frauen in Blau und Gr�n trugen W�sche von dem Bach neben dem Herrenhaus. Kiefern bebten im Wind. Im Lager herrschte ein Betrieb wie auf dem Dorfplatz zu Bel Tine. In welche Richtung war Cadsuane nur gegangen?</p><p>Sie sp�rte, wie im Nordosten die Macht gelenkt wurde. L�chelnd setzte sie sich energisch und mit rauschendem gelben Rock in Bewegung. Die Machtlenkerinnen w�rden entweder Aes Sedai oder Weise Frauen sein. Bald sah sie ein gr��eres Aielzelt an der Ecke des Rasens. Sie ging direkt darauf zu, und ihr Blick - oder vielleicht ihr Ruf - sorgte daf�r, dass ihr die saldaeanischen Soldaten den Weg frei machten. Die T�chter, die den Eingang bewachten, versuchten nicht, sie aufzuhalten.</p><p>Rand trug Schwarz und Rot. Er bl�tterte auf einem stabilen Holztisch Karten durch, den linken Arm auf dem R�cken gehalten. Bashere stand neben ihm, nickte und studierte eine kleine Karte, die er vor sich hielt.</p><p>Als sie eintrat, schaute Rand auf. Wann hatte er angefangen, so sehr einem Beh�ter zu �hneln, dieser schnelle absch�tzende Blick? Diese Augen, die jede Drohung erkannten, diese Anspannung, als w�rde er jeden Moment einen Angriff erwarten? <emphasis>Ich h�tte niemals zulassen d�rfen, dass ihn diese Frau aus den Zwei Fl�ssen holt,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Was hat das nur aus ihm gemacht!</emphasis></p><p>Ihre t�richten Gedanken lie�en sie sofort die Stirn runzeln. W�re Rand in den Zwei Fl�ssen geblieben, h�tte er den Verstand verloren und sie vielleicht alle vernichtet - immer nat�rlich unter der Voraussetzung, dass das nicht die Trollocs, die Blassen oder die Verlorenen selbst vorher erledigt h�tten. W�re Moiraine nicht zu Rand gekommen, w�re er jetzt tot. Und mit ihm w�re das Licht und die Hoffnung der Welt erloschen. Es fiel ihr einfach nur schwer, die alten Vorurteile abzustreifen.</p><p>�Ah, Nynaeve�, sagte Rand, entspannte sich und wandte sich wieder den Karten zu. Er bedeutete Bashere, sich eine genauer anzusehen, dann drehte er sich wieder zu ihr um. �Ich wollte gerade nach dir schicken. Rhuarc und Bael sind hier.�</p><p>Nynaeve hob eine Braue und verschr�nkte die Arme. �Ach?�, fragte sie tonlos. �Und ich hatte schon angenommen, dass die ganzen Aiel im Lager bedeuten, dass wir von den Shaido angegriffen werden.�</p><p>Seine Miene verh�rtete sich bei ihrem Tonfall, und seine Augen funkelten ... gef�hrlich. Aber dann hellten sich seine Z�ge wieder auf, und er sch�ttelte den Kopf, als wollte er ihn klarbekommen. Etwas von dem alten Rand - der Rand, der ein unschuldiger Schafhirte gewesen war - schien zur�ckzukehren. �Ja, das w�re dir nat�rlich aufgefallen�, sagte er. �Ich bin froh, dass du da bist. Wir fangen an, sobald die Clanh�uptlinge zur�ckkehren. Ich habe darauf bestanden, dass sie erst ihre Leute unterbringen, bevor wir reden.�</p><p>Er bedeutete ihr Platz zu nehmen; Kissen lagen auf dem Boden, St�hle gab es keine. Aiel hielten nichts davon, und Rand w�rde wollen, dass sie sich wohlf�hlten. Sie betrachtete ihn, �berrascht, wie angespannt ihre eigenen Nerven waren. Er war nur ein wollk�pfiger Dorfbewohner, ganz egal, wie viel Einfluss er nun auch hatte. Das war er.</p><p>Aber sie konnte diesen Ausdruck in seinen Augen nicht vergessen, diesen aufblitzenden Zorn. Es hie�, dass die Krone viele M�nner zum Schlechteren ver�nderte. Sie wollte daf�r sorgen, dass das nicht mit Rand al'Thor geschah, aber welche M�glichkeiten blieben ihr, sollte er pl�tzlich entscheiden, sie in den Kerker zu werfen? Aber das w�rde er nicht tun, oder? Nicht Rand.</p><p>Semirhage hat gesagt, er ist verr�ckt, dachte sie. Sagte, er h�rt ... Stimmen aus seinem vergangenen Leben. Geschieht das, wenn er den Kopf schief h�lt, als w�rde er Dingen lauschen, die allein er h�ren kann?</p><p>Sie fr�stelte. Nat�rlich sa� Min in einer Ecke und las in einem Buch. <emphasis>Nach der Zerst�rung der Welt.</emphasis> Min starrte viel zu konzentriert auf die Seiten; sie h�rte ihrem Gespr�ch zu. Was hielt sie von den Ver�nderungen in ihm? Sie stand ihm n�her als alle anderen - so nahe, dass Nynaeve ihnen, w�ren sie alle in Emondsfelde, so geh�rig die Meinung gesagt h�tte, dass beide nicht mehr gewusst h�tten, wo ihnen der Kopf stand. Und auch wenn sie sich nicht l�nger in Emondsfelde aufhielten und sie nicht l�nger die Dorfseherin war, hatte sie Rand zu verstehen gegeben, dass sie aber auch gar nichts davon hielt. Seine Antwort war simpel gewesen. �Wenn ich sie heirate, wird mein Tod ihr nur noch mehr Schmerzen bereiten.�</p><p>Nat�rlich war das nur noch mehr Bl�dsinn. Wenn man sich in Gefahr begeben wollte, dann war das nur ein Grund <emphasis>mehr,</emphasis> um zu heiraten. Offensichtlich. Sie setzte sich auf den Boden, arrangierte ihre R�cke und dachte bewusst nicht an Lan. Er musste einen so langen Weg zur�cklegen und ...</p><p>Und sie musste um jeden Preis daf�r sorgen, dass sie seinen Bund erhielt, bevor er die F�ule erreichte. Nur f�r alle F�lle.</p><p>Abrupt setzte sie sich aufrecht hin. Cadsuane. Die Frau war nicht anwesend; au�er Wachen beherbergte das Zelt nur Rand, Min, Bashere und sie selbst. Plante sie irgendwo etwas, das ...</p><p>Cadsuane trat ein. Die grauhaarige Aes Sedai trug ein schlichtes lohfarbenes Kleid. Sie verlie� sich auf Ausstrahlung und nicht auf Kleidung, um Aufmerksamkeit zu erregen, und nat�rlich funkelte der goldene Schmuck in ihrem Haar. Corele folgte ihr.</p><p>Cadsuane webte einen Schutz gegen Lauscher, und Rand hatte keine Einw�nde. Er sollte mehr f�r sich eintreten - diese Frau hatte ihn praktisch gez�hmt, und es war beunruhigend, was er ihr alles durchgehen lie�. Wie das Verh�r von Semirhage. Die Verlorene war viel zu m�chtig und gef�hrlich, um hier so feinf�hlig vorzugehen. Semirhage h�tte in dem Moment ged�mpft werden sollen, in dem man sie gefangen genommen hatte ... auch wenn Nynaeves Meinung in dieser Angelegenheit direkt mit ihren eigenen Erfahrungen bei Moghediens Gefangenschaft zu tun hatte.</p><p>Corele l�chelte ihr zu; meistens hatte sie f�r jeden ein L�cheln �brig. Cadsuane ignorierte sie wie gew�hnlich. Das ging schon in Ordnung. Sie brauchte ihre Anerkennung nicht. Cadsuane glaubte jeden herumkommandieren zu k�nnen, nur weil sie jede andere Aes Sedai �berlebt hatte. Nun, Nynaeve wusste genau, dass Alter nur wenig mit Weisheit zu tun hatte. Cenn Buie war so alt wie Regen gewesen und hatte so viel Verstand wie ein Haufen Steine gehabt.</p><p>Im Verlauf der n�chsten Minuten kamen die anderen Aes Sedai des Lagers und die Anf�hrer ins Zelt; vielleicht hatte Rand ja tats�chlich Boten geschickt und h�tte sie holen lassen. Zu den Neuank�mmlingen geh�rten Merise und ihre Beh�ter, darunter der Asha'man Jahar Narishma mit seinen Gl�ckchen an den Z�pfen. Damer Flinn, Elza Penfell und ein paar von Basheres Offizieren kamen ebenfalls. Rand blickte bei jedem Eintretenden aufmerksam und misstrauisch auf, wandte sich jedes Mal aber schnell wieder den Karten zu. Wurde er langsam paranoid? Manche Verr�ckte misstrauten am Ende jedermann.</p><p>Schlie�lich traten Rhuarc und Bael zusammen mit anderen Aiel ein. Wie Katzen auf der Jagd kamen sie durch den gro�en Zelteingang. Durch eine seltsame F�gung begleiteten einige Weise Frauen - die Nynaeve vorhin hatte sp�ren k�nnen - die Gruppe. Bei den Aiel geschah es oft, dass eine Angelegenheit entweder als Sache der Clanh�uptlinge oder als Sache der Weisen Frauen betrachtet wurde. Ganz so �hnlich wie in den Zwei Fl�ssen mit dem Dorfrat und dem Frauenkreis. Hatte Rand sie alle um ihr Erscheinen gebeten, oder waren sie aus eigenen Gr�nden hier?</p><p>Nynaeve hatte sich bei Aviendhas Aufenthaltsort geirrt; ungl�ubig entdeckte sie die hochgewachsene rothaarige Frau in der hinteren Reihe der Weisen Frauen. Warum hatte sie Caemlyn verlassen? Und warum trug sie dieses alte Tuch mit dem ausgefransten Saum?</p><p>Sie erhielt keine Gelegenheit, ihr irgendwelche Fragen zu stellen, da Rand Rhuarc und den anderen zunickte und ihnen bedeutete, Platz zu nehmen, was sie auch taten. Rand selbst blieb neben dem Kartentisch stehen. Mit nachdenklicher Miene nahm er die Arme hinter den R�cken, die Hand umschloss den Stumpf. Er hielt sich nicht mit Vorreden auf. �Berichtet mir von eurer Arbeit in Arad Doman�, sagte er zu Rhuarc. �Meine Sp�her melden mir, dass in diesem Land kein Frieden herrscht.�</p><p>Rhuarc nahm von Aviendha eine Tasse Tee entgegen - also betrachtete man sie noch immer als Lehrling -, und wandte sich Rand zu. Der Clanh�uptling trank nicht. �Wir hatten sehr wenig Zeit, Rand al'Thor.�</p><p>�Ich interessiere mich nicht f�r Entschuldigungen, Rhuarc�, sagte Rand. �Nur f�r Ergebnisse.�</p><p>Das trieb mehreren der Aiel die Zornesr�te ins Gesicht, und die T�chter am Eingang tauschten hektisch Handsignale aus.</p><p>Rhuarc selbst zeigte keine Wut, obwohl Nynaeve sah, dass er den Becher fest umklammerte. �Rand al'Thor, ich habe Wasser mit Euch geteilt�, sagte er. �Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr mich herbringt, um mich zu beleidigen.�</p><p>�Keine Beleidigungen, Rhuarc�, sagte Rand. �Nur die Wahrheit. Wir haben keine Zeit zu verschwenden.�</p><p>�Keine Zeit, Rand al'Thor?�, sagte Bael. Der Clanh�uptling der Goshien Aiel war ein sehr gro�er Mann, und er schien alle zu �berragen, selbst wenn er sa�. �Ihr habt viele von uns monatelang in Andor gelassen, wo wir nichts zu tun hatten, als die Speere zu polieren und Feuchtl�nder zu erschrecken! Jetzt schickt Ihr uns mit unm�glichen Befehlen in dieses Land, dann folgt Ihr ein paar Wochen sp�ter und verlangt Resultate?�</p><p>�In Andor solltet ihr Elayne helfen�, sagte Rand.</p><p>�Sie hat unsere Hilfe weder gebraucht noch gew�nscht�, sagte Bael schnaubend. �Und sie hatte recht, unsere Hilfe abzulehnen. Ich w�rde eher mit einem einzigen Wasserschlauch die ganze W�ste durchqueren, als mir von anderen die Herrschaft �ber meinen Clan �berreichen zu lassen.�</p><p>Rands Miene verfinsterte sich wieder, sein Blick wurde d�ster, und wieder einmal wurde Nynaeve an den Sturm erinnert, der sich im Norden zusammenbraute.</p><p>�Dieses Land ist zerbrochen, Rand al'Thor�, sagte Rhuarc mit ruhigerer Stimme als Bael. �Es ist keine Entschuldigung, diese Tatsache zu erkl�ren, und es ist keine Feigheit, eine schwierige Aufgabe mit Vorsicht anzugehen.�</p><p>�Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> hier Frieden haben�, knurrte Rand. �Wenn ihr das nicht schafft ...�</p><p>�Mein Junge�, sagte Cadsuane, �vielleicht solltet Ihr erst einmal innehalten und nachdenken. Wie oft haben Euch die Aiel im Stich gelassen? Und wie oft habt Ihr sie im Stich gelassen, sie verletzt oder beleidigt?�</p><p>Rand machte den Mund zu, und Nynaeve knirschte mit den Z�hnen, weil sie nicht selbst gesprochen hatte. Sie sah Cadsuane an, der man einen Stuhl zum Sitzen gegeben hatte - sie konnte sich nicht erinnern, die Gr�ne jemals auf dem Boden sitzen gesehen zu haben. Der Stuhl war offensichtlich aus dem Haus geholt worden, er bestand aus hellem Elgilrimhorn und hatte ein rotes Kissen. Aviendha hatte Cadsuane eine Tasse Tee gebracht, an der sie vorsichtig nippte.</p><p>Mit einer offensichtlichen Anstrengung z�gelte Rand sein Temperament wieder. �Ich entschuldige mich, Rhuarc, Bael. Es waren ein paar ... erm�dende Monate.�</p><p>�Ihr habt kein <emphasis>Toh</emphasis>�, sagte Rhuarc. �Aber bitte, setzt Euch. Lasst uns den Schatten teilen und uns h�flich unterhalten.�</p><p>Rand seufzte deutlich h�rbar, dann nickte er und setzte sich vor die beiden hin. Die Weisen Frauen - Amys, Melaine, Bair - schienen nicht geneigt zu sein, an der Diskussion teilzunehmen. Sie waren Beobachter, genau wie Nynaeve selbst, wie ihr bewusst wurde.</p><p>�Meine Freunde, wir m�ssen in Arad Doman Frieden schaffen�, sagte Rand und entrollte eine Karte auf dem Zeltteppich.</p><p>Bael sch�ttelte den Kopf. �Dobraine Taborwin hat in Bandar Eban gute Arbeit geleistet�, sagte er, �aber Rhuarc hatte recht, wenn er dieses Land als zerbrochen bezeichnet. Es ist wie ein St�ck Meervolk-Porzellan, das man von der Spitze eines hohen Berges warf. Ihr habt uns befohlen herauszufinden, wer den Befehl hat, und dann zu sehen, ob wir die Ordnung wiederherstellen k�nnen. Nun, soweit wir das sagen k�nnen, hat hier <emphasis>keiner</emphasis> den Befehl. Jede Stadt muss sich um sich selbst k�mmern.�</p><p>�Was ist mit dem Kaufmannsrat?�, meinte Bashere, setzte sich zu ihnen und strich sich den Schnurrbart, als er die Karte studierte. �Meine Sp�her berichten, dass seine Mitglieder noch immer �ber eine gewisse Macht verf�gen.�</p><p>�Das ist richtig, in den St�dten, in denen sie herrschen�, erwiderte Rhuarc. �Aber ihr Einfluss ist schwach. In der Hauptstadt h�lt sich nur noch ein Mitglied auf, und die Lage ist prek�r. Wir haben den Stra�enk�mpfen Einhalt geboten, aber das auch nur mit viel M�he.� Er sch�ttelte den Kopf. �Das kommt davon, wenn man versucht, mehr Land zu kontrollieren, als der Clan braucht. Ohne ihren K�nig wissen diese Domani nicht, wer den Befehl hat.�</p><p>�Wo ist er?�, fragte Rand.</p><p>�Das wei� keiner, Rand al'Thor. Er ist verschwunden. Manche sagen, vor Monaten, andere sagen, schon vor Jahren.�</p><p>�Graendal k�nnte ihn haben�, fl�sterte Rand und studierte intensiv die Karte. �Wenn sie hier ist. Ja, ich glaube, vermutlich ist sie das. Aber wo? Sie wird nicht im K�nigspalast sein, das ist nicht ihre Art. Sie wird einen Ort haben wollen, der ihr geh�rt, einen Ort, wo sie ihre Troph�en ausstellen kann. Ein Ort, der selbst eine Troph�e ist, aber kein Ort, an den man sofort denkt. Ja, ich wei�. Du hast recht. So hat sie es schon einmal gemacht ...�</p><p>Diese Vertrautheit! Nynaeve fr�stelte. Aviendha kniete neben ihr nieder und reichte ihr eine Tasse Tee. Nynaeve nahm sie entgegen und erwiderte den Blick der Frau. Sie fl�sterte eine Frage. Aviendha sch�ttelte energisch den Kopf. Sp�ter, schien ihr Ausdruck zu besagen. Sie stand wieder auf, zog sich in den Hintergrund des Raumes zur�ck, schnitt eine Grimasse, zog das ausgefranste Tuch hervor und fing an, einen Faden nach dem anderen herauszuziehen. Was sollte das?</p><p>Rand h�rte mit seinem Fl�stern auf. �Cadsuane, was wisst Ihr �ber den Kaufmannsrat?�</p><p>�Er besteht haupts�chlich aus Frauen�, sagte Cadsuane, �und zwar aus Frauen mit gro�er Klugheit. Allerdings sind sie auch ein sehr selbsts�chtiger Haufen. Es ist ihre Pflicht, den K�nig zu w�hlen, und nach Alsalams Verschwinden h�tten sie einen Ersatz finden sollen. Zu viele von ihnen betrachten das als Gelegenheit, und darum k�nnen sie sich nicht einigen. Ich vermute mal, dass sie angesichts des Chaos auseinandergegangen sind, um die Macht in ihren Heimatst�dten zu sichern und um Positionen und B�ndnisse zu k�mpfen, w�hrend sie einander ihren Favoriten f�r den K�nigsthron schmackhaft machen.�</p><p>�Und dieses Heer, das die Seanchaner bek�mpft?�, fragte Rand. �Sind sie daf�r verantwortlich?�</p><p>�Dar�ber wei� ich nichts.�</p><p>�Ihr sprecht von dem Mann Rodel Ituralde�, sagte Rhuarc.</p><p>�Ja.�</p><p>�Vor zwanzig Jahren hat er gut gek�mpft�, sagte Rhuarc und rieb sich das kantige Kinn. �Er geh�rt zu jenen, die ihr als Gro�e Hauptm�nner bezeichnet. Ich w�rde gern den Tanz der Speere mit ihm tanzen.�</p><p>�Das werdet Ihr nicht�, sagte Rand scharf. �Jedenfalls nicht, solange ich lebe. Wir werden dieses Land sicher machen.�</p><p>�Und Ihr erwartet von uns, das zu tun, ohne zu k�mpfen?�, fragte Bael. �Angeblich k�mpft dieser Rodel Ituralde wie ein Sandsturm gegen die Seanchaner und lenkt ihren Zorn auf sich, und zwar noch viel besser, als Ihr das geschafft habt. Er wird nicht schlafen, w�hrend Ihr seine Heimat erobert.�</p><p>�Noch einmal�, sagte Rand. �Wir sind nicht als Eroberer hier.�</p><p>Rhuarc seufzte. �Aber warum schickt Ihr dann uns, Rand al'Thor? Warum nehmt Ihr nicht Eure Aes Sedai? Sie verstehen die Feuchtl�nder. Dieses Land ist wie ein K�nigreich aus <emphasis>Kindern,</emphasis> und wir sind zu wenige Erwachsene, um ihnen Gehorsam beizubringen. Vor allem wenn ihr uns daran hindert, ihnen den Hintern zu versohlen.�</p><p>�Ihr k�nnt k�mpfen, aber nur, wenn es sein muss�, sagte Rand. �Rhuarc, das k�nnen auch Aes Sedai nicht mehr in Ordnung bringen. Ihr k�nnt das. Die Menschen hier f�hlen sich von den Aiel eingesch�chtert; sie werden tun, was ihr sagt. Wenn wir den Krieg der Domani mit den Seanchanern beenden k�nnen, dann wird diese Tochter der Neun Monde vielleicht einsehen, dass es mir mit meinem Friedenswunsch ernst ist. Dann willigt sie vielleicht ein, sich mit mir zu treffen.�</p><p>�Warum macht Ihr es nicht wie zuvor?�, wollte Bael wissen. ��bernehmt das Land?�</p><p>Bashere nickte und sah Rand an.</p><p>�Das wird nicht funktionieren, dieses Mal nicht�, sagte Rand. �Ein Krieg w�rde zu viele Ressourcen verschlingen. Ihr habt von diesem Ituralde gesprochen - er wehrt die Seanchaner mit unzul�nglichen Waffen und wenigen M�nnern ab. Sollen wir gegen einen so einfallsreichen Mann antreten?�</p><p>Wie nachdenklich Bashere doch erschien, als w�rde er wirklich in Betracht ziehen, gegen Ituralde zu marschieren. M�nner! Sie waren doch alle gleich, dachte Nynaeve. Gebt ihnen eine Herausforderung, und sie werden neugierig sein, ganz egal, ob die Herausforderung sie am Ende auf eine Lanzenspitze bef�rdert!</p><p>�Es gibt nur wenige M�nner wie Rodel Ituralde�, bemerkte Bashere. �Er w�re sicherlich eine gro�e Hilfe f�r unsere Sache. Ich habe mich immer gefragt, ob ich ihn schlagen k�nnte.�</p><p>�Nein�, sagte Rand wieder und schaute auf die Karte. Soweit Nynaeve sehen konnte, zeigte sie mit Anmerkungen versehene Truppenaufstellungen. Die Aiel waren eine organisierte Masse von Holzkohlestrichen quer �ber dem oberen Rand von Arad Doman; Ituraldes Streitkr�fte standen tief auf der Ebene von Almoth und k�mpften gegen die Seanchaner. Die Mitte von Arad Doman war ein Meer aus chaotischen schwarzen Anmerkungen, vermutlich die pers�nlichen Streitkr�fte verschiedener Adliger.</p><p>�Rhuarc, Bael�, sagte Rand. �Ich m�chte, dass ihr die Mitglieder des Kaufmannsrats ergreift.�</p><p>Schweigen kehrte im Zelt ein.</p><p>�Seid Ihr sicher, dass das klug ist, mein Junge?�, fragte Cadsuane schlie�lich.</p><p>�Sie sind in Gefahr, durch die Verlorenen�, sagte Rand und pochte mit dem Finger auf die Karte. �Falls Graendal Alsalam tats�chlich hat, dann haben wir nichts davon, ihn zur�ckzubekommen. Er wird so sehr unter ihrem Zwang stehen, dass er nur noch den Verstand eines Kindes hat. Sie ist nicht subtil, das war sie noch nie. Wir brauchen den Kaufmannsrat, um einen neuen K�nig zu w�hlen. Das ist die einzige M�glichkeit, diesem K�nigreich wieder Frieden und Ordnung zu bringen.�</p><p>Bashere nickte. �Das ist k�hn.�</p><p>�Wir sind keine Entf�hrer�, sagte Bael stirnrunzelnd.</p><p>�Ihr seid das, was ich sage�, sagte Rand leise.</p><p>�Wir sind noch immer ein freies Volk, Rand al'Thor�, erwiderte Rhuarc.</p><p>�Mit meinem Tod werde ich die Aiel ver�ndern�, sagte Rand kopfsch�ttelnd. �Ich wei� nicht, was ihr sein werdet, wenn das alles vorbei ist, aber ihr k�nnt nicht das bleiben, was ihr wart. Ich werde euch diese Aufgabe �bergeben. Von allen meinen Anh�ngern setze ich in euch das meiste Vertrauen. Wenn wir die Ratsmitglieder holen wollen, ohne dieses Land noch tiefer in den Krieg zu st�rzen, brauche ich eure Klugheit und Verstohlenheit. Ihr k�nnt euch in ihre Pal�ste und H�user schleichen, wie ihr den Stein von Tear infiltriert habt.�</p><p>Rhuarc und Bael sahen sich stirnrunzelnd an.</p><p>�Sobald ihr den Kaufmannsrat habt�, fuhr Rand fort, ohne sich anscheinend f�r ihre Sorgen zu interessieren, �f�hrt ihr die Aiel in die St�dte, in denen diese Kaufleute herrschten. Sorgt daf�r, dass diese St�dte nicht verfallen. Stellt die Ordnung wieder her, wie ihr es in Bandar Eban getan habt. Er�ffnet von dort die Jagd auf Banditen und verschafft dem Gesetz Geltung. Das Meervolk wird bald Vorr�te bringen. Nehmt zuerst die St�dte an der K�ste, begebt euch dann landeinw�rts. Innerhalb eines Monats sollten die Domani zu euch str�men, statt vor euch fortzulaufen. Bietet ihnen Sicherheit und Nahrung, und die Ordnung wird sich von selbst einstellen.�</p><p>Ein �berraschend rationaler Plan. F�r einen Mann hatte Rand wirklich einen klugen Verstand. Es war viel Gutes in ihm, die Seele eines Anf�hrers, wenn er nur sein Temperament unter Kontrolle halten konnte.</p><p>Rhuarc rieb sich noch immer das Kinn. �Es w�re hilfreich, wenn wir ein paar Eurer Saldaeaner h�tten, Davram Bashere. Es gef�llt Feuchtl�ndern nicht, Aiel zu folgen. Wenn sie sich einreden k�nnen, dass Feuchtl�nder das Kommando haben, dann ist es eher wahrscheinlich, dass sie zu uns kommen.�</p><p>Bashere lachte. �Wir geben auch h�bsche Ziele ab. Sobald wir ein paar Angeh�rige des Kaufmannsrats holen, wird der Rest mit Sicherheit Meuchelm�rder auf uns hetzen!�</p><p>Rhuarc lachte, als w�rde er das f�r einen tollen Witz halten. Die Aiel hatten einen seltsamen Sinn f�r Humor. �Wir werden Euch schon am Leben erhalten, Davram Bashere. Und wenn nicht, stopfen wir Euch aus und setzen Euch auf Euer Pferd, und Ihr werdet einen gro�artigen K�cher f�r ihre Pfeile abgeben!�</p><p>Das lie� Bael laut lachen, und die T�chter am Eingang fingen mit einer weiteren Runde Handsprache an.</p><p>Bashere kicherte, obwohl er diese Art Humor auch nicht zu verstehen schien. �Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr das tun wollt?�, fragte er Rand.</p><p>Rand nickte. �Kommandiert einen Teil Eurer Streitmacht ab und schickt sie mit Aiel-Gruppen, wie Rhuarc es f�r richtig h�lt.�</p><p>�Und was ist mit Ituralde?�, fragte Bashere und schaute wieder auf die Karte. �Der Frieden wird nicht von Dauer sein, sobald er begreift, dass wir in seine Heimat eingedrungen sind.�</p><p>Einen Augenblick lang pochte Rand sanft auf die Karte. �Um ihn k�mmere ich mich pers�nlich�, sagte er schlie�lich.</p></section><section><title><p>8</p><p>Saubere Hemden</p></title><p>Hafenmeisterhimmel, so nannte man das. Diese grauen Wolken, die die Sonne launisch und m�rrisch verdeckten. Vielleicht hatten die anderen im Lager vor Tar Valon diese hartn�ckigen Wolken noch nicht bemerkt, aber Siuan waren sie keinesfalls entgangen. Das w�ren sie keinem Seemann. Nicht dunkel genug, um einen Sturm zu versprechen, aber auch nicht hell genug f�r glatte Wogen.</p><p>Ein solcher Himmel war mehrdeutig. Man konnte in See stechen und bekam weder einen Tropfen Regen noch den Hauch eines Sturmwinds zu Gesicht. Oder man fand sich ohne gro�e Vorwarnung mitten in einer Sturmb�e wieder. Sie war hinterh�ltig, diese Wolkendecke.</p><p>Die meisten H�fen berechneten jedem dort vert�uten Schiff ein Tagesgeld, aber an Sturmtagen, an denen kein Fischer etwas fangen w�rde, wurde die Geb�hr entweder halbiert oder ganz ausgesetzt. Doch an solchen Tagen, an denen es unheilverk�ndende Wolken, aber keinen Beweis f�r einen Sturm gab, nahmen die Hafenmeister einen vollen Tagessatz. Und ein Fischer musste sich entscheiden. Blieb er im Hafen und wartete, oder lief er aus, um die Hafengeb�hr zu verdienen. An den meisten dieser Tage kam kein Sturm. Die meisten dieser Tage waren sicher.</p><p>Aber kam es an einem solchen Tag doch zu einem Sturm, dann waren sie oft sehr schlimm. Viele der schrecklichsten St�rme in der Geschichte waren einem Hafenmeisterhimmel entsprungen. Darum hatten manche Fischer auch noch einen anderen Namen f�r solche Wolken. Sie nannten sie L�wenfischschleier. Und es war schon Tage her, dass der Himmel einen anderen Anblick geboten hatte. Siuan fr�stelte und zog ihre Stola enger. Es war ein b�ses Zeichen.</p><p>Sie bezweifelte, dass heute viele Fischer ausgefahren waren.</p><p>�Siuan?�, fragte Lelaine �rgerlich. �Beeilt Euch. Und ich will nichts mehr von diesem abergl�ubischen Unsinn �ber den Himmel h�ren. Wirklich nicht.� Die hochgewachsene Aes Sedai ging weiter.</p><p><emphasis>Abergl�ubisch?,</emphasis> dachte Siuan indigniert. <emphasis>Eintausend Generationen Wissen ist kein Aberglaube. Es ist gesunder Menschenverstand!</emphasis> Aber sie sagte nichts und eilte hinter Lelaine her. Um sie herum machte das Lager mit den Egwene loyalen Aes Sedai mit seinen t�glichen Aktivit�ten weiter, so verl�sslich wie ein Uhrwerk. Wenn es eine Sache gab, in der Aes Sedai gut waren, dann darin, Ordnung zu schaffen. Zelte waren in Gruppen aufgestellt, nach Ajah, als wollte man den Grundriss der Wei�en Burg imitieren. Es gab nur wenige M�nner, und die meisten von ihnen - Soldaten, die etwas f�r Gareth Brynes Heer zu erledigen hatten oder Pferdeknechte - beeilten sich mit ihren Pflichten. Sie wurden bei weitem von der Zahl arbeitender Frauen �bertroffen, von denen einige so weit gegangen waren, die Flamme von Tar Valon auf R�cke oder Oberteil zu sticken.</p><p>Eine der wenigen Absonderlichkeiten an diesem Dorf - wenn man einmal die Tatsache ignorierte, dass es statt Zimmer Zelte und statt gefliester G�nge B�rgersteige aus Holz gab - war die Anzahl an Novizinnen. Es gab Hunderte von ihnen. Tats�chlich musste ihre Zahl mittlerweile die Tausend �berschritten haben, viel mehr, als die Burg seit langem aufgenommen hatte. Sobald die Aes Sedai wieder vereint waren, w�rde man Novizinnenquartiere �ffnen m�ssen, die seit Jahrzehnten versiegelt waren. Vielleicht w�rde man sogar die zweite K�che brauchen.</p><p>Diese Novizinnen eilten in Gruppen sogenannter Familien umher, und die meisten Aes Sedai versuchten sie zu ignorieren. Viele taten es aus Gewohnheit; wer schenkte schon Novizinnen Beachtung? Aber andere taten es aus Unmut. Ihrer Meinung nach sollten Frauen, die alt genug waren, um M�tter und Gro�m�tter zu sein - und tats�chlich <emphasis>waren</emphasis> viele auch schon M�tter und Gro�m�tter - nicht mehr ins Novizinnenbuch eingetragen werden. Aber was sollte man machen? Egwene al'Vere, der Amyrlin-Sitz, hatte es beschlossen.</p><p>Siuan konnte bei einigen der vorbeigehenden Aes Sedai noch immer so etwas wie ungl�ubige �berraschung sp�ren. Eigentlich hatte man Egwene sorgf�ltig kontrollieren wollen. Was war nur schiefgegangen? Wann war ihnen die Amyrlin entglitten? Siuan h�tte diese Mienen selbstzufriedener genie�en k�nnen, h�tte sie sich nicht solche Sorgen wegen Egwenes Gefangenschaft in der Wei�en Burg gemacht. Es war in der Tat ein L�wenfischschleier. Das Potenzial f�r einen gro�en Erfolg, aber auch f�r eine verheerende Katastrophe. Sie eilte hinter Lelaine her.</p><p>�Wie ist der Status der Verhandlungen?�, fragte Lelaine, ohne Siuan anzusehen.</p><p><emphasis>Du k�nntest ja mal selbst zu einer Sitzung gehen und es herausfinden,</emphasis> dachte Siuan. Aber Lelaine wollte als Macherin gesehen werden und nicht als Fu�volk. Und Siuan in aller �ffentlichkeit danach zu fragen war ebenfalls ein kalkulierter Zug. Siuan war als eine von Egwenes Vertrauten bekannt, und in gewisser Weise haftete ihr noch immer ein Hauch von Skandal an, da sie einst selbst die Amyrlin gewesen war. Nicht die Dinge waren wichtig, die sie zu Lelaine sagte, sondern gesehen zu werden, wie sie sie sagte - das verst�rkte den Einfluss der Frau im Lager.</p><p>�Sie verlaufen nicht gut, Lelaine�, sagte sie. �Elaidas Botschafter versprechen nicht das Mindeste und scheinen jedes Mal beleidigt, wenn wir wichtige Themen anschneiden, so wie die Wiedereinsetzung der Blauen Ajah. Ich bezweifle, dass sie wirklich von Elaida autorisiert wurden, bindende Vereinbarungen zu treffen.�</p><p>�Hm�, sagte Lelaine nachdenklich und nickte einer Gruppe Novizinnen zu. Sie machten alle einen Knicks. Gerissenerweise hatte Lelaine angefangen, sich ausgesprochen enthusiastisch �ber die neuen Novizinnen zu �u�ern.</p><p>Romandas Ablehnung war allgemein bekannt; jetzt, da Egwene weg war, lie� sie immer wieder durchblicken, dass man sich nach der Vers�hnung ganz schnell um diesen �Unsinn� mit den alten Novizinnen k�mmern w�rde. Allerdings erkannten immer mehr Schwestern Egwenes Weisheit. Die neuen Novizinnen brachten gro�e Kr�fte mit, und man w�rde nicht wenige von ihnen in dem Moment, in dem die Wei�e Burg wieder vereint war, zu Aufgenommenen erheben. Und so hatte Lelaine k�rzlich eine weitere �bereinstimmung mit Egwene erzielt, indem sie anbot, diese Frauen stillschweigend zu akzeptieren.</p><p>Siuan musterte die weitergehende Familie. Sie hatten vor Lelaine beinahe genauso schnell und ehrerbietig einen Knicks gemacht, wie sie es vor der Amyrlin getan h�tten. Langsam offenbarte sich, dass Lelaine nach Monaten des Patts den Kampf mit Romanda um die Vorherrschaft gewann.</p><p>Und das stellte ein gravierendes Problem dar.</p><p>Es war nicht so, dass Siuan Lelaine nicht mochte. Die Frau war f�hig, hatte einen starken Willen und konnte Entscheidungen treffen. Einst waren sie sogar befreundet gewesen, obwohl sich ihre Beziehung mit Siuans neuer Position drastisch ver�ndert hatte.</p><p>Ja, man konnte sagen, dass sie Lelaine mochte. Aber sie <emphasis>vertraute</emphasis> ihr nicht, und vor allen Dingen wollte sie sie nicht als Amyrlin haben. In einer anderen �ra h�tte Lelaine dieser Position durchaus Ehre gemacht. Aber diese Welt <emphasis>brauchte</emphasis> Egwene, und Siuan konnte sich nicht leisten, dass diese Frau den Platz der rechtm��igen Amyrlin �bernahm. Egal, ob sie befreundet waren oder nicht. Und sie musste sichergehen, dass Lelaine nichts tat, um Egwenes R�ckkehr zu verhindern.</p><p>�Nun, wir werden im Saal �ber diese Verhandlungen diskutieren m�ssen�, sagte Lelaine. �Die Amyrlin will, dass sie fortgesetzt werden, also k�nnen wir sie nicht abbrechen. Aber es muss eine M�glichkeit geben, sie effektiver zu gestalten. Die W�nsche der Amyrlin m�ssen erf�llt werden, findet Ihr nicht auch?�</p><p>�Zweifellos�, sagte Siuan tonlos.</p><p>Lelaine musterte sie misstrauisch, und Siuan �rgerte sich, dass sie sich ihre Gef�hle hatte anmerken lassen. Lelaine <emphasis>musste</emphasis> glauben, dass sie auf ihrer Seite stand. �Es tut mir leid, Lelaine. Diese Frau macht mich so w�tend. Warum l�sst Elaida diese Gespr�che zu, wenn sie keinen Schritt zur�ckweicht?�</p><p>Lelaine nickte. �Ja. Aber wer wei� schon, warum Elaida etwas tut? Die Berichte der Amyrlin weisen darauf hin, dass Elaidas F�hrung in der Burg bestenfalls ... unberechenbar ist.�</p><p>Siuan nickte stumm. Gl�cklicherweise schien Lelaine keinen Verdacht zu hegen, dass sie nicht loyal war. Oder es war ihr egal. Es war erstaunlich, f�r wie harmlos die Frau sie hielt, seit ihre Kr�fte so reduziert waren.</p><p>Schwach zu sein war eine neue Erfahrung. Von ihren Anfangstagen in der Wei�en Burg war Schwestern Siuans St�rke und ihr scharfer Verstand aufgefallen. Bald hatte man getuschelt, dass sie irgendwann die Amyrlin werden w�rde - manchmal hatte es den Anschein gehabt, dass sie das Muster selbst auf den Stuhl gedr�ngt hatte. Auch wenn ihr schneller Aufstieg zur Amyrlin trotz ihrer Jugend viele �berrascht hatte, konnte sie das von sich selbst nicht behaupten. Nahm man Tintenfisch als K�der, durfte es einen nicht �berraschen, wenn man Vipernfische fing. Zum Aalfang benutzte man etwas ganz anderes.</p><p>Als sie Geheilt worden war, war die reduzierte Macht eine Entt�uschung gewesen. Aber das �nderte sich. Ja, es machte einen w�tend, so vielen unterlegen zu sein und von niemandem respektiert zu werden. Aber weil sie schw�cher in der Macht war, schienen viele anzunehmen, dass auch ihre politischen Fertigkeiten gelitten hatten! Hatten die Menschen wirklich ein so schlechtes Ged�chtnis? Sie fand ihren neuen Status unter den Aes Sedai befreiend.</p><p>�Ja�, sagte Lelaine, als sie einer weiteren Gruppe Novizinnen zunickte. �Ich halte die Zeit f�r gekommen, Botschafter in die K�nigreiche zu schicken, die al'Thor nicht erobert hat. Wir sitzen zwar nicht in der Wei�en Burg, aber das ist kein Grund, unsere politische F�hrungsrolle in der Welt aufzugeben.�</p><p>�Ja, Lelaine�, pflichtete Siuan bei. �Aber glaubt Ihr nicht, dass sich Romanda dagegen aussprechen wird?�</p><p>�Warum sollte sie?�, meinte Lelaine absch�tzig. �Das erg�be doch keinen Sinn.�</p><p>�Wenig von dem, was Romanda tut, ergibt Sinn�, sagte Siuan. �Ich glaube, sie ist nur anderer Meinung, um Euch zu widersprechen. Aber ich habe gesehen, wie sie Anfang der Woche mit Maralenda plauderte.�</p><p>Lelaine runzelte die Stirn. Maralenda war eine entfernte Kusine der Trakands.</p><p>Siuan unterdr�ckte ein L�cheln. Es war schon erstaunlich, wie viel man erreichen konnte, wenn einen die Leute f�r unbedeutend hielten. Wie viele Frauen hatte sie f�r unbedeutend gehalten, nur weil sie scheinbar �ber keine Macht verf�gten? Wie oft war <emphasis>sie</emphasis> manipuliert worden, so wie sie jetzt Lelaine manipulierte?</p><p>�Ich k�mmere mich darum�, sagte Lelaine. Es spielte keine Rolle, was sie entdeckte; solange sie damit besch�ftigt war, sich um Romanda zu sorgen, w�rde sie nicht so viel Zeit damit verbringen k�nnen, Egwene die Macht zu stehlen.</p><p>Egwene. Die Amyrlin musste sich beeilen und mit ihren Pl�nen in der Wei�en Burg zu einem Ende kommen. Was sollte es bringen, Elaida zu unterminieren, wenn die Aes Sedai drau�en zerfielen, weil Egwene sie nicht im Auge behielt? Siuan konnte Romanda und Lelaine nicht mehr lange besch�ftigt halten, vor allem jetzt, da Lelaine definitiv im Vorteil war. Beim Licht! An manchen Tagen hatte sie das Gef�hl, sie w�rde versuchen, mit lebenden Hechten zu jonglieren.</p><p>Sie sah hinter dem Hafenmeisterhimmel nach dem Sonnenstand. Es war sp�ter Nachmittag. �Fischschei�e�, murmelte sie. �Lelaine, ich muss los.�</p><p>�Ihr habt wohl W�sche? Von Eurem rohen General?�</p><p>�Er ist <emphasis>kein</emphasis> Rohling�, fauchte Siuan und verfluchte sich dann. Sie w�rde ihren Vorteil verschenken, wenn sie weiterhin die anfauchte, die sich ihr �berlegen f�hlten.</p><p>Lelaine l�chelte; ein Funkeln lag in ihren Augen, als w�sste sie etwas Besonderes. Eine unertr�gliche Frau. Freundin oder nicht, Siuan hatte nicht �bel Lust, dieses L�cheln ...</p><p>Nein. �Ich muss mich entschuldigen, Lelaine�, zwang sie sich zu sagen. �Es macht mich w�tend, wenn ich daran denke, was dieser Mann von mir verlangt.�</p><p>�Ja�, sagte Lelaine und verzog die Lippen. �Ich habe dar�ber nachgedacht, Siuan. Die Amyrlin mag ja zugelassen haben, dass Bryne eine Schwester schikaniert, aber ich nicht. Ihr geh�rt jetzt zu meinem Gefolge.�</p><p><emphasis>Zu deinem Gefolge?,</emphasis> dachte Siuan. <emphasis>Eigentlich sollte ich dich doch blo� bis Egwenes R�ckkehr unterst�tzen.</emphasis></p><p>�Ja�, sagte Lelaine nachdenklich. �Es ist wohl an der Zeit, Eure Knechtschaft bei Bryne zu beenden. Ich werde Eure Schuld ausl�sen, Siuan.�</p><p>�Meine Schuld ausl�sen?� Siuan versp�rte einen Moment der Panik. �Ist das klug? Nicht dass ich etwas dagegen h�tte, von diesem Mann befreit zu sein, nat�rlich nicht, aber meine Position verschafft mir viele n�tzliche Gelegenheiten, seine Pl�ne zu belauschen.�</p><p>�Er hat Pl�ne?�, fragte Lelaine stirnrunzelnd.</p><p>Siuan zuckte innerlich zusammen. Das Letzte, was sie wollte, war irgendwelche Verfehlungen von Brynes Seite anzudeuten. Beim Licht, der Mann war gewissenhaft genug, um Beh�ter nachl�ssig in der Erf�llung ihrer Eide aussehen zu lassen.</p><p>Eigentlich h�tte sie Lelaine dieser albernen Knechtschaft einfach ein Ende bereiten lassen sollen, aber der Gedanke drehte ihr den Magen um. Bryne war bereits entt�uscht, weil sie vor Monaten ihren Schwur ihm gegen�ber gebrochen hatte. Nun ja, wirklich gebrochen hatte sie diesen Schwur ja eigentlich nicht - sie hatte nur den Beginn ihrer Dienstzeit verschoben. Aber sollte mal jemand versuchen, den sturen Narren von dieser Tatsache zu �berzeugen!</p><p>Wenn sie jetzt den einfachen Ausweg nahm, was w�rde er dann von ihr denken? Er w�rde glauben, gewonnen zu haben, dass sie einfach ihr Wort nicht halten konnte. Auf keinen Fall w�rde sie das zulassen.</p><p>Davon abgesehen w�rde sie sich nicht ausgerechnet von Lelaine befreien lassen. Das w�rde ihre Schuld einfach nur von Bryne auf Lelaine verlagern. Die Aes Sedai w�rde sich auf viel subtilere Weise bezahlen lassen, aber jede M�nze w�rde auf die eine oder andere Weise bezahlt werden, und wenn die W�hrung stillschweigend vorausgesetzte Loyalit�t war.</p><p>�Lelaine�, sagte sie leise, �ich verd�chtige den guten General keineswegs. Aber er kontrolliert unsere Armeen. Kann man wirklich darauf vertrauen, dass er unbeaufsichtigt das N�tige tut?�</p><p>Lelaine schnaubte. �Ich bin mir nicht sicher, ob man �berhaupt einem Mann ohne Anweisungen vertrauen kann.�</p><p>�Gewiss, ich hasse es, ihm die W�sche zu machen�, sagte Siuan. Nun, das stimmte. Selbst wenn das ganze Gold von Tar Valon sie nicht davon abhalten w�rde, es zu tun. �Aber wenn mich die Pflicht in seiner N�he h�lt, mit einem aufmerksamen Ohr ...�</p><p>�Ja�, sagte Lelaine und nickte langsam. �Ja, ich sehe ein, dass Ihr recht habt. Euer Opfer werde ich nicht vergessen, Siuan. Also gut, Ihr d�rft gehen.�</p><p>Lelaine wandte sich ab und schaute auf ihre Hand, als w�rde sie sich nach etwas sehnen. Vielleicht nach dem Tag, an dem sie - als Amyrlin - ihren Gro�en Schlangenring zum Kuss hinhalten konnte, wenn sie von einer anderen Schwester Abschied nahm. Beim Licht, Egwene musste bald zur�ckkehren. Lebende Hechte! Verfluchte lebende Hechte!</p><p>Siuan begab sich zum Rand des Aes Sedai-Lagers. Brynes Armee umgab die Aes Sedai in einem gro�en Kreis, aber sie befand sich auf der anderen Seite des Kreises. Bis zu seinem Kommandoposten war es eine gute halbe Stunde Fu�marsch. Gl�cklicherweise fand sie einen Kutscher, der durch ein Wegetor gelieferte Vorr�te zur Armee transportierte. Der kleine ergraute Mann erkl�rte sich sofort einverstanden, sie auf den Steckr�ben mitfahren zu lassen, obwohl er verwirrt schien, warum sie kein Pferd nahm, wie es ihr als Aes Sedai zustand. Nun, es war nicht so weit, und eine Fahrt auf Gem�se war bedeutend weniger w�rdelos, als gezwungen zu sein, auf einem Pferder�cken durchgesch�ttelt zu werden. Falls sich Gareth Bryne �ber ihre Versp�tung beschweren wollte, dann w�rde er etwas zu h�ren bekommen, und wie!</p><p>Sie lehnte sich gegen einen Sack Steckr�ben und lie� die vom braunen Rock verh�llten Beine �ber den Karrenrand baumeln. Als der Karren eine leichte Anh�he hinaufrollte, konnte sie das ganze Lager sehen - mit seinen wei�en Zelten und der stadt�hnlichen Organisation. Vom Heer wurde es mit seinen kleineren Zelten in geraden Reihen umringt, das wiederum von dem wachsenden Ring des Trosses umgeben wurde.</p><p>Die Landschaft dahinter war braun; der Schnee schmolz, aber der Fr�hling wollte kein richtiges Wachstum bringen. �berall war das Land mit dichten B�schen versehen; Schatten in T�lern und sich windende Rauchschwaden aus Kaminen deuteten auf ferne D�rfer hin. Es war �berraschend, wie vertraut und willkommen sich dieses grasige Land anf�hlte. Als sie die Wei�e Burg das erste Mal betreten hatte, war sie fest davon �berzeugt gewesen, dieses Binnenland niemals lieben zu k�nnen.</p><p>Jetzt hatte sie einen gr��eren Teil ihres Lebens in Tar Valon verbracht als in Tear. Manchmal fiel es schwer, sich noch an das M�dchen zu erinnern, das Netze geflickt hatte und mit seinem Vater fr�h am Morgen zum Fischfang aufgebrochen war. Sie war etwas anderes geworden, eine Frau, die mit Geheimnissen statt mit Fischen handelte.</p><p>Geheimnisse, diese m�chtigen dominierenden Geheimnisse. Sie waren ihr Leben geworden. Es hatte keine Liebe gegeben, abgesehen von ein paar jugendlichen T�ndeleien. Keine Zeit f�r Verwirrungen der Gef�hle, kaum Raum f�r Freundschaften. Sie hatte sich allein auf eine Sache konzentriert: finde den Wiedergeborenen Drachen. Hilf ihm, f�hre ihn und hoffe, dass du ihn kontrollieren kannst.</p><p>Moiraine hatte bei diesem Unternehmen den Tod gefunden, aber wenigstens hatte sie zuvor die Welt sehen k�nnen. Siuan hingegen war alt geworden - im Geist, vielleicht auch im K�rper -, eingesperrt in der Burg, wo sie ihre Strippen zog und die Welt in die richtige Richtung dr�ngte. Sie hatte einige gute Dinge erreicht. Die Zeit w�rde erweisen, ob diese Bem�hungen ausgereicht hatten.</p><p>Sie bereute ihr Leben nicht. Aber in diesem Augenblick, in dem sie die Heereszelte passierte und Spurrillen den Karren durchsch�ttelten und klappern lie�en wie trockene Fischgr�ten in einem Topf, beneidete sie Moiraine. Wie oft hatte sie sich die M�he gemacht, aus dem Fenster zu sehen und die wundersch�ne gr�ne Landschaft zu betrachten, bevor alles krank geworden war? Sie und Moiraine hatten so verzweifelt darum gek�mpft, diese Welt zu retten, aber sie selbst hatten sich nichts mehr bewahrt, das ihnen Freude bereitete.</p><p>Vielleicht war es ja ein Fehler gewesen, bei den Blauen zu bleiben, im Gegensatz zu Leane, die ihre D�mpfung und die Heilung zum Anlass genommen hatte, zu der Gr�nen Ajah zu wechseln. <emphasis>Nein,</emphasis> dachte sie, w�hrend der Karren ratterte und nach bitteren R�ben roch. <emphasis>Nein, ich konzentriere mich noch immer darauf, diese verfluchte Welt zu retten.</emphasis> F�r sie w�rde es keinen Wechsel zu den Gr�nen geben. Obwohl ... wenn sie an Bryne dachte, w�nschte sie sich, die Blauen w�rden in gewissen Dingen mehr den Gr�nen �hneln.</p><p>Siuan die Amyrlin hatte keine Zeit f�r Beziehungen gehabt, aber was war mit Siuan der Gefolgsfrau? Leute mit unauff�lligen Manipulationen zu f�hren bedurfte wesentlich mehr Kunstfertigkeit, als sie mit der Macht des Amyrlin-Sitzes herumzusto�en, und es war viel erf�llender. Dar�ber hinaus fehlte dabei die erdr�ckende Verantwortung, die sie w�hrend ihrer Jahre als Anf�hrerin der Wei�en Burg versp�rt hatte. Gab es in ihrem Leben vielleicht auch noch Platz f�r ein paar weitere Ver�nderungen?</p><p>Der Karren erreichte das andere Ende des Heerlagers, und sie sch�ttelte den Kopf �ber die eigene Dummheit, als sie heruntersprang und dann dem Kutscher dankend zunickte. War sie etwa ein M�dchen, kaum alt genug f�r die erste ganzt�gige Fangfahrt? Es war v�llig sinnlos, auf diese Weise an Bryne zu denken. Zumindest im Augenblick. Es gab zu viel zu tun.</p><p>Siuan ging an der Lagergrenze vorbei, die Zelte zu ihrer Linken. Langsam wurde es dunkel, und Laternen, die kostbarstes �l verbrannten, beleuchteten k�mmerliche Bretterh�tten und Zelte zu ihrer Rechten. Voraus auf der Heerseite erhob sich eine kleine, runde Palisade. Sie schloss nicht das ganze Heer ein - tats�chlich war sie nur gro� genug f�r mehrere Dutzend Offizierszelte und einige gr��ere Kommandozelte. Im Notfall sollte sie als Befestigung dienen, sollte aber immer ein Operationszentrum sein - Bryne hielt viel davon, das gr��ere Lager durch eine physische Barriere von dem Ort zu trennen, an dem er sich mit seinen Offizieren besprach. Bei der Unruhe in dem zivilen Lager und einem zu sichernden Umkreis von dieser L�nge w�rde es Spionen sonst zu leicht gemacht, sich seinen Zelten zu n�hern.</p><p>Die Palisade war erst zu drei Vierteln fertiggestellt, aber die Arbeit ging rasch voran. Vielleicht w�rde er sich entscheiden, das ganze Heer einzuz�unen, sollte die Belagerung lange genug andauern. Im Augenblick war Bryne der Meinung, dass der kleine befestigte Kommandoposten den Soldaten nicht nur Sicherheit einfl��en, sondern ihnen auch Autorit�t vermittelten w�rde.</p><p>Die acht Fu� hohen Pf�hle erhoben sich spitz in den Himmel, eine Reihe von W�chtern, die Seite an Seite standen. W�hrend einer Belagerung hatte man meistens viele Leute f�r derartige Arbeiten �brig. Die W�chter am Palisadentor wussten, dass sie Siuan passieren lassen sollten, und sie eilte zu Brynes Zelt. Sie <emphasis>hatte</emphasis> W�sche zu erledigen, aber das meiste davon w�rde vermutlich bis zum n�chsten Morgen warten m�ssen. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte sie Egwene im <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> treffen, und der Sonnenuntergang verblasste bereits.</p><p>Wie gew�hnlich brannte in Brynes Zelt nur ein kleines Licht. Wo andere Leute ihr �l verschwendeten, geizte er. Die meisten seiner M�nner lebten besser als er. Dieser Narr. Sie betrat das Zelt, ohne sich vorher anzuk�ndigen. Wenn er dumm genug war, sich umzuziehen, ohne vorher hinter die Trennwand zu gehen, dann hatte er Pech gehabt, wenn man ihm dabei zusah.</p><p>Er sa� an seinem Schreibtisch und arbeitete beim Licht einer einsamen Kerze. Anscheinend las er Sp�herberichte.</p><p>Siuan schnaubte und lie� die Zeltplane hinter sich zufallen. Keine einzige Laterne! Dieser Mann! �Ihr werdet Euch noch die Augen verderben, wenn Ihr bei diesem Licht lest, Gareth Bryne!�</p><p>�Den gr��ten Teil meines Lebens habe ich beim Licht einer Kerze gelesen, Siuan�, erwiderte er und drehte ein Blatt um, ohne aufzuschauen. �Und ich muss Euch sagen, dass meine Augen noch genauso gut sind wie als Junge.�</p><p>�Ach?�, sagte Siuan. �Dann konntet Ihr also schon damals schlecht sehen?�</p><p>Bryne grinste, las aber weiter. Siuan schnaubte vernehmlich, damit er es auch h�rte. Dann webte sie eine Lichtkugel und lie� sie �ber seinem Tisch schweben. Dieser dumme Mann. Sie w�rde nicht zulassen, dass er so blind wurde, dass er in der Schlacht bei einem Angriff fiel, den er nicht sehen konnte. Nachdem sie das Licht neben seinem Kopf platziert hatte, begab sie sich zu der W�scheleine, die sie quer durch die Mitte des Zeltes gespannt hatte, und nahm die W�sche ab. Er hatte sich nicht dar�ber beschwert, dass sie die W�sche in seinem Zelt trocknete, und hatte sie auch nicht abgenommen. Das war entt�uschend. Sie hatte damit gerechnet, deswegen von ihm ger�gt zu werden.</p><p>�Heute ist eine Frau aus dem Lager da drau�en auf mich zugekommen�, sagte Bryne, schob den Stuhl ein St�ck zur Seite und nahm einen weiteren Bl�tterstapel. �Sie hat mir einen Waschdienst angeboten. Die Frau organisiert eine Gruppe W�scherinnen im Lager, und sie hat behauptet, sie k�nnte meine W�sche schneller und effizienter als eine einzelne, abgelenkte Dienerin erledigen.�</p><p>Siuan erstarrte, dann warf sie einen Seitenblick auf Bryne, der seine Papiere durchsah. Sein energisches Kinn wurde auf der linken Seite von dem gleichm��igen wei�en Licht ihrer Kugel beleuchtet und rechts von dem flackernden orangen Kerzenlicht. Manche M�nner schw�chte das Alter, andere sahen m�de oder ungepflegt aus. Bryne hingegen war distinguiert, wie eine von einem Meisterbildhauer gefertigte S�ule, die dann den Elementen �berlassen worden war. Das Alter hatte weder seine Leistung noch seine St�rke mindern k�nnen. Es hatte ihm einfach Charakter verliehen, seine Schl�fen mit Silber best�ubt und F�ltchen der Erfahrung in sein Gesicht eingepr�gt.</p><p>�Und was habt Ihr dieser Frau gesagt?�, wollte sie wissen.</p><p>Bryne legte ein Blatt zur Seite. �Ich habe ihr gesagt, dass ich mit meiner W�sche zufrieden bin.� Er schaute zu ihr hoch. �Ich muss sagen, Siuan, dass ich �berrascht bin. Ich hatte immer angenommen, dass eine Aes Sedai nur wenig von dieser Arbeit verstehen w�rde, aber meine Uniformen wiesen nur selten eine solch perfekte Kombination aus Steifheit und Bequemlichkeit auf. Man muss Euch loben.�</p><p>Sie wandte sich von ihm ab und verbarg ihr Err�ten. Dieser dumme Mann! Sie hatte K�nige dazu gebracht, vor ihr zu knien! Sie hatte die Aes Sedai manipuliert und auf die Erl�sung der Menschheit hingearbeitet! Und er machte ihr Komplimente wegen ihrer Arbeit als W�scherin?</p><p>Das Problem war nur, dass es ein ehrliches und bedeutsames Kompliment war, wenn es von ihm kam. Er schaute nicht auf W�scherinnen herab oder auf Botenjungen. Er behandelte alle gleich. In Gareth Brynes Augen gewann eine Person nicht an Bedeutung, weil sie ein K�nig oder eine K�nigin war; man gewann an Bedeutung, weil man Versprechen einhielt und seine Pflicht tat. F�r ihn war ein Kompliment wegen gut gemachter W�sche genauso bedeutungsvoll wie ein Orden, den man einem Soldaten verlieh, weil er vor dem Feind nicht zur�ckgewichen war.</p><p>Sie schaute wieder zu ihm hin. Er betrachtete sie noch immer. Dieser Dummkopf! Eilig nahm sie das n�chste Hemd ab und machte sich daran, es zusammenzufalten.</p><p>�Ihr habt mir nie plausibel erkl�rt, warum Ihr Euren Eid gebrochen habt�, sagte er dann.</p><p>Siuan stockte der Atem; sie schaute auf die Zeltwand, auf die Schatten der noch immer h�ngenden W�sche. �Ich war der Meinung, Ihr h�ttet es verstanden�, sagte sie dann und faltete weiter. �Ich hatte wichtige Informationen f�r die Aes Sedai in Salidar. Au�erdem konnte ich Logain ja wohl schlecht frei herumlaufen lassen, oder? Ich musste ihn finden und nach Salidar schaffen.�</p><p>�Das sind Ausreden�, sagte Bryne. �Oh, ich wei�, dass sie alle der Wahrheit entsprechen. Aber Ihr seid eine Aes Sedai. Ihr k�nnt vier Tatsachen in den Raum stellen und damit die echte Wahrheit so verbergen, wie es ein anderer nur mit L�gen k�nnte.�</p><p>�Wollt Ihr etwa behaupten, ich w�re eine L�gnerin?�, verlangte sie zu wissen.</p><p>�Nein�, sagte er. �Nur eine Eidbrecherin.�</p><p>Sie riss die Augen auf. Jetzt w�rde sie ihm aber derart die Meinung sagen, dass ...</p><p>Sie z�gerte. Er beobachtete sie, in den Schein der beiden Lichtquellen getaucht, mit einem nachdenklichen Ausdruck in den Augen. Reserviert, aber nicht vorwurfsvoll. �Wisst Ihr, diese Frage hat mich hergetrieben�, sagte er. �Darum habe ich Euch so weit gejagt. Darum habe ich mich schlie�lich den rebellischen Aes Sedai verschworen, obwohl ich keine Lust hatte, mich in einen weiteren Krieg vor Tar Valon verstricken zu lassen. Das tat ich alles nur, weil ich es verstehen musste. Ich musste es wissen. Warum? Warum hat die Frau mit diesen Augen, diesen leidenschaftlichen, unvergesslichen Augen, ihren Eid gebrochen?�</p><p>�Ich habe Euch gesagt, dass ich zur�ckkehren und diesen Eid erf�llen w�rde�, beharrte Siuan, wandte sich von ihm ab und schlug ein Hemd aus, um es von seinen Falten zu befreien.</p><p>�Wieder eine Ausrede�, sagte er leise. �Eine weitere Antwort einer Aes Sedai. Werde ich je die Wahrheit von Euch erfahren, Siuan Sanche? Hat das jemals jemand getan?� Er seufzte, und sie h�rte Papier rascheln; der feine Luftzug seiner Bewegungen lie� die Kerze flackern, als er sich wieder seinen Berichten zuwandte.</p><p>�Als ich in der Wei�en Burg noch Aufgenommene war�, sagte Siuan leise, �war ich eine von vier Personen, die anwesend waren, als eine Vorhersage die unmittelbar bevorstehende Geburt des Wiedergeborenen Drachen an den H�ngen des Drachenberges verk�ndete.�</p><p>Das Rascheln verstummte schlagartig.</p><p>�Eine dieser Personen�, fuhr Siuan fort, �starb auf der Stelle. Eine andere starb kurz darauf. Ich bin fest davon �berzeugt, dass sie - es war die Amyrlin h�chstpers�nlich - von der Schwarzen Ajah ermordet wurde. Ja, sie existiert. Solltet Ihr jemanden verraten, dass ich diese Tatsache zugab, werde ich Euch die Zunge herausrei�en.</p><p>Wie dem auch sei, vor ihrem Tod schickte die Amyrlin Aes Sedai auf die Jagd nach dem Drachen. Diese Frauen verschwanden, eine nach der anderen. Die Schwarzen m�ssen Tamra gefoltert haben, um ihre Namen zu erfahren, bevor sie sie t�teten. Sie w�rde diese Namen nicht so ohne Weiteres verraten haben. Manchmal fr�stelt es mich noch immer, wenn ich daran denke, was sie durchgemacht haben muss.</p><p>Bald gab es nur noch uns beide, die Bescheid wussten. Moiraine und mich. Es war nicht vorgesehen, dass wir die Vorhersage h�rten. Wir waren blo� Aufgenommene, die sich zuf�llig in dem Zimmer aufhielten. Ich glaube, Tamra muss es irgendwie geschafft haben, den Schwarzen unsere Namen vorzuenthalten, denn h�tte sie das nicht, w�ren wir zweifellos wie die anderen ermordet worden.</p><p>Damit waren wir nur noch zu zweit. Die einzigen Personen auf der ganzen Welt, die wussten, was kommen w�rde. Wenigstens dienten diese einzigen Personen dem Licht. Und so tat ich, was ich tun musste, Gareth Bryne. Ich widmete mein Leben der Vorbereitung f�r das Kommen des Drachen. Ich schwor, uns durch die Letzte Schlacht zu bringen. Alles N�tige zu tun, ganz egal, was es auch war, um die Last zu schultern, die man mir auferlegt hatte. Es gab nur eine einzige Person, von der ich wusste, dass ich ihr vertrauen kann, und jetzt ist sie tot.�</p><p>Siuan wandte sich um und erwiderte seinen Blick. Ein Windsto� lie� die W�nde erbeben und die Kerze flackern, aber Bryne sa� still da und betrachtete sie.</p><p>�Ihr versteht also, Gareth Bryne�, sagte sie, �dass ich die Erf�llung meines Eides Euch gegen�ber verschieben musste, weil es bereits andere Eide gab. Ich habe geschworen, diese Sache bis zum Ende durchzustehen, und der Drache hat noch nicht sein Schicksal am Shayol Ghul erf�llt. Eide m�ssen ihrer Bedeutung nach erf�llt werden. Als ich den Schwur vor Euch ablegte, da habe ich <emphasis>nicht</emphasis> versprochen, Euch sofort zu dienen. Was diesen Punkt angeht, war ich absichtlich sehr sorgf�ltig. Ihr werdet es das Wortspiel einer Aes Sedai nennen. Ich w�rde es anders bezeichnen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Alles zu tun, was n�tig ist, um Euch, Euer Land und Euer Volk zu besch�tzen, Gareth Bryne. Ihr macht mich f�r den Verlust einer Scheune und von ein paar K�hen verantwortlich. Nun, dann schlage ich vor, dass Ihr an den Preis denkt, den Euer Volk bezahlen wird, sollte der Wiedergeborene Drache scheitern. Manchmal muss man einen Preis zahlen, damit eine wichtigere Pflicht erf�llt werden kann. Ein Soldat sollte das verstehen.�</p><p>�Ihr h�ttet mir das sagen sollen�, sagte er und erwiderte noch immer ihren Blick. �Ihr h�ttet mir erkl�ren sollen, wer Ihr seid.�</p><p>�Was denn?�, fragte Siuan. �H�ttet Ihr mir geglaubt?�</p><p>Er z�gerte.</p><p>�Davon abgesehen habe ich Euch nicht vertraut�, sagte sie offen. �Unser vorheriges Treffen war nicht besonders ... einvernehmlich, wenn ich mich richtig erinnere. H�tte ich dieses Risiko eingehen sollen, Gareth Bryne, bei einem Mann, den ich nicht kannte? H�tte ich ihm Geheimnisse anvertrauen sollen, die allein mir bekannt sind, Geheimnisse, die man an die neue Amyrlin weitergeben musste? H�tte ich selbst einen Augenblick er�brigen sollen, als man der ganzen Welt die Henkersschlinge umlegte?�</p><p>Sie hielt seinem Blick stand, verlangte eine Antwort.</p><p>�Nein�, gestand er schlie�lich ein. �Soll man mich zu Asche verbrennen, Siuan, aber nein. Ihr h�ttet nicht warten sollen. Ihr h�ttet diesen Eid �berhaupt nicht ablegen sollen!�</p><p>�Und <emphasis>Ihr</emphasis> h�ttet etwas besser zuh�ren sollen�, sagte sie und brach den Blickkontakt mit einem Schnauben. �Solltet Ihr in der Zukunft jemanden durch einen Eid in Euren Dienst nehmen, dann schlage ich vor, dass <emphasis>Ihr</emphasis> den Zeitrahmen f�r diesen Dienst sorgf�ltiger formuliert.�</p><p>Bryne grunzte, und Siuan riss das letzte Hemd von der W�scheleine, sch�ttelte es und warf einen verschwommenen Schatten auf die Zeltwand.</p><p>�Nun�, sagte Bryne, �ich hatte mir ohnehin vorgenommen, Euch nur so lange zur Arbeit zu verpflichten, wie ich brauche, um diese Antwort zu erhalten. Jetzt wei� ich Bescheid. Ich w�rde sagen, dass ...�</p><p>�Halt!�, fauchte Siuan, fuhr auf dem Absatz herum und zeigte mit dem Finger auf ihn.</p><p>�Aber ...�</p><p>�Sprecht es nicht aus!�, drohte sie. �Ich kneble Euch und lasse Euch bis morgen bei Sonnenuntergang in der Luft h�ngen. Glaubt nicht, ich w�rde es nicht tun.�</p><p>Bryne sa� stumm da.</p><p>�Ich bin noch nicht mit Euch fertig, Gareth Bryne.� Sie schlug das Hemd in ihrer Hand aus, faltete es. �Ich werde Euch sagen, wenn ich es bin.�</p><p>�Beim Licht, Frau�, murmelte er beinahe unh�rbar. �H�tte ich gewusst, dass Ihr eine Aes Sedai seid, bevor ich Euch nach Salidar verfolgte ... h�tte ich gewusst, was ich da tue ...�</p><p>�Was dann?�, wollte sie wissen. �H�ttet Ihr mich nicht gejagt?�</p><p>�Nat�rlich h�tte ich das�, sagte er entr�stet. �Nur w�re ich dann vorsichtiger gewesen und vielleicht besser vorbereitet. Ich ging mit einem Hasenmesser auf Wildschweinjagd statt mit einem Speer!�</p><p>Siuan legte das zusammengefaltete Hemd auf die anderen, dann hob sie den Stapel auf. Sie sah ihn leidend an. �Ich werde mich bem�hen, so zu tun, als h�ttet Ihr mich <emphasis>nicht</emphasis> gerade mit einem Wildschwein verglichen, Bryne. Seid doch bitte etwas vorsichtiger mit Euren Worten. Andernfalls habt Ihr pl�tzlich keine Dienerin mehr und <emphasis>m�sst</emphasis> diese Frauen aus dem Lager Eure W�sche machen lassen.�</p><p>Er sah sie verwirrt an. Dann lachte er. Sie scheiterte darin, ihr eigenes Grinsen zu unterdr�cken. Nun, nach diesem Gespr�ch w�rde er wissen, wer in dieser Beziehung die Hosen anhatte.</p><p>Aber ... beim Licht! Warum hatte sie ihm das mit der Vorhersage erz�hlt? Das hatte sie so gut wie niemandem erz�hlt! Als sie die Hemden in seine Truhe packte, warf sie ihm einen Blick zu. Er sch�ttelte noch immer kichernd den Kopf.</p><p><emphasis>Wenn andere Eide mich nicht l�nger binden,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Wenn ich sicher bin, dass der Wiedergeborene Drache das tut, was er tun soll, vielleicht wird dann Zeit �brig sein. Ausnahmsweise fange ich tats�chlich an, mich darauf zu freuen, diese Sache hinter mir zu lassen.</emphasis> Wie bemerkenswert.</p><p>�Ihr solltet zu Bett gehen, Siuan�, sagte er.</p><p>�Es ist noch fr�h.�</p><p>�Ja, aber die Sonne geht unter. An jedem dritten Tag begebt Ihr Euch ungew�hnlich fr�h zu Bett und tragt dabei diesen seltsamen Ring, den Ihr zwischen den Kissen Eurer Pritsche versteckt habt.� Er wandte sich wieder seinen Papieren zu. �Bitte gr��t die Amyrlin h�flich von mir.�</p><p>Mit offen stehenden Mund drehte sie sich zu ihm um. Er konnte <emphasis>nicht</emphasis> �ber <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> Bescheid wissen, oder doch? Sie erwischte ihn dabei, wie er zufrieden l�chelte. Nun, vielleicht wusste er nichts von <emphasis>Tel'aran'rhiod,</emphasis> aber er war offensichtlich darauf gekommen, dass der Ring und ihr Zeitplan etwas mit der Verst�ndigung mit Egwene zu tun hatte. Schlau. Er betrachtete sie �ber den Blattrand, als sie vorbeiging, und in seinen Augen lag ein Funkeln.</p><p>�Unertr�glicher Mann�, murmelte sie, setzte sich auf die Pritsche und lie� ihre Lichtkugel erl�schen. Dann fischte sie verlegen das Ring-<emphasis>Ter'angreal</emphasis> heraus, h�ngte es sich um den Hals, wandte ihm den R�cken zu und legte sich hin, versuchte gezielt einzuschlafen. Sie sorgte daf�r, jeden dritten Tag in aller Fr�he aufzustehen, damit sie abends auch m�de war. Sie w�nschte sich, genauso m�helos einschlafen zu k�nnen wie Egwene.</p><p>Unertr�glicher ... <emphasis>unertr�glicher</emphasis> Mann! Sie w�rde sich etwas einfallen lassen m�ssen, um es ihm heimzuzahlen. M�use zwischen den Laken. Das w�re nicht schlecht.</p><p>So lag sie viel zu lange da, aber schlie�lich �berredete sie sich zum Schlaf, und die Aussicht auf eine angemessene Rache lie� sie leise l�cheln. Beim Erwachen im <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> trug sie nichts au�er einem skandal�s kurzen Unterhemd. Mit einem leisen Aufschrei ersetzte sie es sofort mit einem gezielten Gedanken durch ein gr�nes Kleid. Gr�n? Warum Gr�n? Sie machte es blau. Beim Licht! Wieso konnte Egwene die Dinge im <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> stets so gut kontrollieren, w�hrend sie kaum verhindern konnte, dass sich ihre Kleidung bei jedem m��igen Gedanken ver�nderte? Es musste etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass sie diese minderwertige <emphasis>Ter'angreal</emphasis>-Kopie trug, die nicht so gut wie das Original funktionierte und sie in den Augen anderer substanzlos erscheinen lie�.</p><p>Siuan stand in der Mitte des Aes Sedai-Lagers, umgeben von Zelten. Die Eingangsbahnen flatterten ununterbrochen auf und zu. Ein w�tender und doch seltsam stummer Sturm ersch�tterte den Himmel. Seltsam, aber Dinge waren oft seltsam im <emphasis>Tel'aran'rhiod.</emphasis> Sie schloss die Augen und versetzte sich mit reiner Willenskraft in das Arbeitszimmer der Oberin der Novizinnen in der Wei�en Burg. Als sie die Augen wieder �ffnete, war sie da. Ein kleiner, holzget�felter Raum mit einem stabilen Schreibtisch und einem Tisch f�r die Pr�gelstrafe.</p><p>Zu gern h�tte sie den Originalring gehabt, aber der wurde von den Sitzenden sorgf�ltig beh�tet. F�r diesen kleinen Fang h�tte sie dankbar sein sollen, wie ihr Vater zu sagen pflegte. Genauso gut h�tte sie auch <emphasis>keinen</emphasis> der Ringe haben k�nnen. Die Sitzenden glaubten, dass Leane diesen Ring bei ihrer Gefangennahme dabeigehabt hatte.</p><p>Ging es Leane gut? Jeden Augenblick konnte die falsche Amyrlin ihre Hinrichtung anordnen. Siuan wusste genau, wie boshaft Elaida sein konnte; noch immer durchfuhr sie ein Stich der Trauer, wenn sie an den armen Alric dachte. Hatte Elaida auch nur einen Funken Schuld versp�rt, weil sie einen Beh�ter kaltbl�tig ermordet hatte, bevor die Frau, die sie gest�rzt hatte, vollst�ndig ihres Amtes enthoben worden war?</p><p>�Ein Schwert, Siuan?�, fragte Egwene pl�tzlich. �Das ist originell.�</p><p>Siuan entdeckte schockiert, dass sie ein blutiges Schwert hielt, vermutlich f�r Elaidas Herz beabsichtigt. Sie lie� es verschwinden, dann musterte sie Egwene. Das M�dchen sah wie eine Amyrlin aus, trug ein pr�chtiges goldenes Gewand, das braune Haar mit einem aufwendigen Perlengeschmeide geschm�ckt. Noch war ihr Gesicht nicht alterslos, aber Egwene wurde bereits <emphasis>sehr</emphasis> gut in der ruhigen Gelassenheit einer Aes Sedai. Tats�chlich schien sie darin seit ihrer Gefangennahme sogar betr�chtlich besser geworden zu sein.</p><p>�Ihr seht gut aus, Mutter�, sagte Siuan.</p><p>�Danke�, erwiderte Egwene mit einem schmalen L�cheln. In Siuans N�he verriet sie mehr �ber sich als bei anderen. Sie wussten beide, wie sehr sie auf ihren Unterricht angewiesen gewesen war, um so weit zu kommen.</p><p><emphasis>Obwohl sie es vermutlich auch so geschafft h�tte,</emphasis> musste Siuan zugeben. <emphasis>Nur nicht so schnell.</emphasis></p><p>Egwene blickte sich in dem Raum um, dann verzog sie leicht das Gesicht. �Ich wei�, ich habe diesen Ort vorgeschlagen, aber in letzter Zeit habe ich genug von diesem Zimmer gesehen. Ich treffe Euch im Speisesaal der Novizinnen.� Sie verschwand.</p><p>Eine seltsame Wahl, aber dort w�rden sich kaum unerw�nschte Ohren verbergen. Siuan und Egwene waren nicht die Einzigen, die <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> f�r verstohlene Begegnungen benutzten. Siuan schloss die Augen - eigentlich war das unn�tig, aber es schien ihr zu helfen - und stellte sich den Speisesaal der Novizinnen vor, mit seinen Bankreihen und den schmucklosen W�nden. Als sie die Augen wieder �ffnete, war sie da, genau wie Egwene. Die Amyrlin setzte sich, und ein majest�tisch gepolsterter Stuhl erschien hinter ihr und fing sie anmutig auf. Siuan fehlte das n�tige Selbstvertrauen, etwas so Kompliziertes zu versuchen; sie nahm einfach auf einer der B�nke Platz.</p><p>�Ich finde, wir sollten uns �fter treffen, Mutter�, sagte sie und trommelte mit den Fingern auf den Tisch, w�hrend sie ihre Gedanken ordnete.</p><p>�Ach?�, meinte Egwene und setzte sich etwas aufrechter hin. �Ist etwas geschehen?�</p><p>�Sogar vieles, und ich f�rchte, einiges davon riecht so streng wie der Fang der letzten Woche.�</p><p>�Erz�hlt.�</p><p>�Eine der Verlorenen war in unserem Lager�, sagte Siuan. Dar�ber hatte sie nicht so oft nachdenken wollen. Das Wissen lie� sie fr�steln.</p><p>�Gab es Tote?�, erkundigte sich Egwene mit ruhiger Stimme, obwohl ihre Augen aus Stahl zu bestehen schienen.</p><p>�Nein, das Licht sei gesegnet! Nur die, von denen Ihr bereits wisst. Romanda hat die Verbindung herausgefunden. Egwene, diese Kreatur lebte einige Zeit verborgen unter uns.�</p><p>�Wer war es?�</p><p>�Delana Mosalaine�, sagte Siuan. �Oder ihre Dienerin, Halima. Eher Halima, denn ich kenne Delana seit langer Zeit.� Egwenes Augen weiteten sich kaum merklich. Halima hatte Egwene bedient. Egwene war von einer der Verlorenen ber�hrt worden. Sie nahm die Neuigkeit gut auf. Wie eine Amyrlin.</p><p>�Aber Anaiya wurde von einem Mann get�tet�, sagte Egwene. �Waren diese Morde anders?�</p><p>�Nein. Anaiya wurde nicht von einem Mann ermordet, sondern von einer Frau, die <emphasis>Saidin</emphasis> lenkte. Es muss so gewesen sein - nur so ergibt es einen Sinn.�</p><p>Egwene nickte langsam. Alles war m�glich, wenn der Dunkle K�nig seine Hand im Spiel hatte. Siuan l�chelte zufrieden und stolz. Dieses M�dchen lernte, eine Amyrlin zu sein. Beim Licht, sie <emphasis>war</emphasis> die Amyrlin!</p><p>�Es gibt noch mehr?�</p><p>�Nicht, was dieses Thema angeht. Leider sind sie uns entkommen. An dem Tag verschwunden, an dem wir sie entdeckten.�</p><p>�Ich frage mich, was sie wohl gewarnt hat.�</p><p>�Nun, das hat mit einem der anderen Dinge zu tun, die ich Euch erz�hlen muss.� Siuan holte tief Luft. Das Schlimmste war ausgesprochen, aber das N�chste w�rde nicht einfacher zu verdauen sein. �An diesem Tag gab es eine Zusammenkunft im Saal, an der Delana teilnahm. Bei diesem Treffen verk�ndete ein Asha'man, er k�nnte einen Mann im Lager die Macht lenken sp�ren. Wir glauben, das hat sie alarmiert. Erst nach Delanas Flucht haben wir die Verbindung erkannt. Dieser Asha'man hat uns auch gesagt, dass sein Kamerad einer Frau begegnete, die <emphasis>Saidin</emphasis> lenken konnte.�</p><p>�Und warum war ein Asha'man im Lager?�, fragte Egwene k�hl.</p><p>�Er war ein Gesandter�, erkl�rte Siuan. �Vom Wiedergeborenen Drachen. Mutter, es hat den Anschein, dass einige der M�nner, die al'Thor folgen, Aes Sedai den Beh�terbund aufgezwungen haben.�</p><p>Egwene blinzelte einmal. �Ja, ger�chtweise habe ich davon geh�rt. Ich hatte gehofft, dass diese Ger�chte �bertrieben w�ren. Hat dieser Asha'man verraten, wer Rand die Erlaubnis gegeben hat, eine solche Abscheulichkeit zu begehen?�</p><p>Siuan verzog das Gesicht. �Er ist der Wiedergeborene Drache. Ich glaube nicht, dass er der Meinung ist, eine Erlaubnis zu brauchen. Aber zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er anscheinend davon keine Ahnung hatte. Die Frauen, mit denen sich seine M�nner verbunden haben, wurden von Elaida ausgesandt, die Schwarze Burg zu vernichten.�</p><p>�Ja.� Endlich zeigte Egwene den Hauch eines Gef�hls. �Also stimmen die Ger�chte. Stimmen tats�chlich.� Ihr sch�nes Gewand behielt seine Form, aber die Farbe wandelte sich in ein dunkles Braun, das an die Kleidung der Aiel erinnerte. Egwene schien es nicht zu bemerken. �H�ren Elaidas Katastrophen denn niemals auf?�</p><p>Siuan sch�ttelte nur den Kopf. �Man hat uns f�r die Frauen, mit denen sich al'Thors M�nner verbunden haben, siebenundvierzig Asha'man zum Bund angeboten, sozusagen als Entsch�digung. Kaum ein gerechter Handel, aber der Saal hat das Angebot trotzdem angenommen.�</p><p>�Was auch richtig war. Wir werden uns sp�ter mit dem Unsinn des Wiedergeborenen Drachen auseinandersetzen m�ssen. Vielleicht haben seine M�nner ohne seinen direkten Befehl gehandelt, aber Rand muss daf�r die Verantwortung �bernehmen. M�nner - die Frauen den Bund aufzwingen!�</p><p>�Sie behaupten, <emphasis>Saidin</emphasis> sei gereinigt�, fuhr Siuan fort.</p><p>Egwene hob eine Braue, widersprach aber nicht. �Ja, ich glaube, das k�nnte eine durchaus vorstellbare M�glichkeit sein. Nat�rlich werden wir da noch eine zus�tzliche Best�tigung brauchen. Aber der Makel kam, als alles gewonnen erschien; warum sollte er nicht verschwinden, wenn anscheinend alles dem reinen Wahnsinn zum Opfer f�llt?�</p><p>�Auf diese Weise habe ich es noch gar nicht gesehen�, sagte Siuan. �Nun, was sollen wir tun, Mutter?�</p><p>�Soll sich der Saal darum k�mmern. Anscheinend hat er die Sache im Griff.�</p><p>�Er h�tte sie <emphasis>besser</emphasis> im Griff, w�rt Ihr wieder da, Mutter.�</p><p>�Das wird irgendwann geschehen�, sagte Egwene. Sie lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die Finger auf ihrem Scho�, sah irgendwie viel �lter aus, als ihr Gesicht h�tte vermuten lassen. �F�r den Moment liegt meine Arbeit hier. Ihr werdet daf�r sorgen m�ssen, dass der Saal das tut, was er soll. Ich setze gro�es Vertrauen in Euch.�</p><p>�Und ich wei� es zu sch�tzen, Mutter�, sagte Siuan und lie� sich ihre Frustrationen nicht anmerken. �Aber ich verliere die Kontrolle �ber sie. Lelaine hat angefangen, sich als zweite Amyrlin in Position zu bringen - und sie tut es, indem sie vorgibt, Euch zu unterst�tzen. Ihr ist bewusst geworden, dass es ihr n�tzt, in Eurem Namen zu handeln.�</p><p>Egwene sch�rzte die Lippen. �Ich h�tte gedacht, dass Romanda sich den Vorteil zunutze macht, wenn man bedenkt, dass sie die Verlorene entdeckt hat.�</p><p>�Sie ist wohl davon �berzeugt, im Vorteil zu sein�, sagte Siuan, �aber sie hat sich zu lange in ihrem Sieg gesonnt. Lelaine ist mit gro�en Anstrengungen zur hingebungsvollsten Dienerin der Amyrlin geworden, die es je gegeben hat. Wenn man sie sprechen h�rt, k�nnte man glauben, ihr beide w�rt die engsten Vertrauten gewesen! Sie hat mich zu ihrer Gefolgsfrau gemacht, und bei jeder Zusammenkunft des Saals hei�t es nur �Egwene wollte dies!� und �Erinnert euch an das, was Egwene sagte, als wir das taten�.�</p><p>�Schlau.�</p><p>�Sogar brillant.� Siuan seufzte. �Aber wir wussten ja, dass eine von ihnen irgendwann die andere aus dem Weg r�umen wird. Ich hetzte sie immer auf Romanda, aber ich wei� nicht, wie lange ich sie noch ablenken kann.�</p><p>�Tut Euer Bestes. Aber macht Euch keine Sorgen, wenn sich Lelaine nicht mehr ablenken l�sst.�</p><p>Siuan runzelte die Stirn. �Aber sie verdr�ngt Euch von Eurem Platz!�</p><p>�Indem sie darauf aufbaut.� Egwene l�chelte. Sie bemerkte, dass sich ihr Kleid braun verf�rbt hatte und wechselte einen Herzschlag sp�ter zum Original zur�ck, ohne die Unterhaltung zu unterbrechen. �Lelaines Spiel wird nur dann Erfolg haben, wenn ich nicht zur�ckkehre. Sie benutzt <emphasis>mich</emphasis> als Quelle der Autorit�t. Bei meiner R�ckkehr bleibt ihr gar keine andere Wahl, als meine F�hrung zu akzeptieren. Ihre ganzen Bem�hungen laufen darauf hinaus, mich aufzubauen.�</p><p>�Und falls Ihr nicht zur�ckkehrt, Mutter?�, fragte Siuan leise.</p><p>�Dann wird es f�r die Aes Sedai besser sein, eine starke Anf�hrerin zu haben�, sagte Egwene. �Falls sich Lelaine diese St�rke gesichert hat, dann soll es eben so sein.�</p><p>�Wisst Ihr, sie hat gute Gr�nde, daf�r zu sorgen, dass Ihr nicht zur�ckkehrt�, meinte Siuan. �Bestenfalls wettet sie gegen Euch.�</p><p>�Nun, das kann man ihr kaum zum Vorwurf machen.� Egwene erlaubte sich f�r einen kurzen Moment, eine Grimasse zu schneiden. �W�re ich drau�en, w�re ich auch versucht, gegen mich zu wetten. Ihr m�sst einfach mit ihr fertig werden, Siuan. Ich darf mich jetzt nicht ablenken lassen. Nicht, wo ich hier ein so gro�es Potenzial f�r den Erfolg sehe, nicht, wo ein Versagen einen so gro�en Preis kosten w�rde.�</p><p>Siuan kannte diesen sturen Ausdruck. Heute Nacht w�rde man Egwene nicht �berreden k�nnen. Sie w�rde es einfach bei ihrer n�chsten Begegnung erneut versuchen m�ssen.</p><p>Das alles - die S�uberung, die Asha'man, der Zerfall der Burg - lie� sie unbehaglich fr�steln. Obwohl sie sich den gr��ten Teil ihres Lebens auf diese Tage vorbereitet hatte, ersch�tterte es sie trotzdem, dass sie schlie�lich da waren. �Die Letzte Schlacht kommt tats�chlich�, sagte sie, haupts�chlich zu sich selbst.</p><p>�Das tut sie�, erwiderte Egwene ernst.</p><p>�Und ich muss ihr mit einem Bruchteil meiner fr�heren Macht entgegentreten.� Siuan verzog das Gesicht.</p><p>�Nun, vielleicht k�nnen wir Euch ja ein <emphasis>Angreal</emphasis> besorgen, sobald die Burg wieder vereint ist�, meinte Egwene. �Wir werden alles nehmen, was uns zur Verf�gung steht, wenn wir gegen den Schatten reiten.�</p><p>Siuan l�chelte. �Das w�re nett, ist aber nicht n�tig. Vermutlich lamentiere ich nur aus Gewohnheit. Tats�chlich lerne ich gerade, mit meiner ... neuen Situation zurechtzukommen. Sie ist gar nicht so schwer zu ertragen, jetzt, da ich einige Vorteile darin entdeckt habe.�</p><p>Egwene runzelte die Stirn, als versuchte sie sich vorzustellen, welche Vorteile verringerte Macht haben k�nnte. Schlie�lich sch�ttelte sie den Kopf. �Elayne hat mir gegen�ber einmal einen Raum in der Burg erw�hnt, der mit Artefakten der Macht gef�llt ist. Ich nehme an, es gibt ihn wirklich?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Siuan. �Der Kellerlagerraum. Auf der zweiten Kelleretage, auf der nord�stlichen Seite. Ein kleiner Raum mit einer einfachen Holzt�r, aber Ihr k�nnt ihn nicht verfehlen. Er ist auf dem Gang der einzige, der verschlossen ist.�</p><p>Egwene nickte nachdenklich. �Nun, ich kann Elaida nicht mit roher Gewalt besiegen. Aber das ist gut zu wissen. Gibt es noch weitere bemerkenswerte Dinge zu berichten?�</p><p>�Im Augenblick nicht, Mutter�, sagte Siuan.</p><p>�Dann kehrt zur�ck und schlaft etwas.� Egwene z�gerte. �Und das n�chste Mal treffen wir uns in zwei Tagen. Hier im Speisesaal, obwohl wir uns vielleicht besser in der Stadt treffen sollten. Diesem Ort vertraue ich nicht. Wenn es eine Verlorene in unserem Lager gab, verwette ich die halbe Schenke meines Vaters, dass auch eine in der Wei�en Burg spioniert.�</p><p>Siuan nickte. �Gut.� Sie schloss die Augen und erwachte gleich darauf blinzelnd in Brynes Zelt. Die Kerze war erloschen, und sie konnte Bryne auf seiner Pritsche auf der anderen Zeltseite leise atmen h�ren. Sie setzte sich auf und sah zu ihm hin�ber, obwohl es viel zu dunkel war, um mehr als Schatten zu erkennen. Nach dem Gespr�ch �ber Verlorene und Asha'man beruhigte sie die Anwesenheit des standhaften Generals seltsamerweise.</p><p><emphasis>Gibt es noch weitere bemerkenswerte Dinge zu berichten, Egwene?,</emphasis> dachte sie tr�ge und stand auf, um ihr Kleid hinter dem Wandschirm gegen ihr Nachthemd auszutauschen. <emphasis>Ich glaube, ich k�nnte mich verliebt haben. Ist das bemerkenswert genug?</emphasis> Ihr erschien das seltsamer, als dass man den Makel entfernt hatte oder dass eine Frau <emphasis>Saidin</emphasis> lenkte.</p><p>Kopfsch�ttelnd schob sie das Traum-<emphasis>Ter'angreal</emphasis> zur�ck in sein Versteck, dann schl�pfte sie wieder unter die Decke.</p><p>Auf die M�use w�rde sie verzichten. Zumindest dieses eine Mal.</p></section><section><title><p>9</p><p>Aufbruch aus Malden</p></title><p>Eine k�hle Fr�hlingsbrise kitzelte Perrins Gesicht. So eine Brise h�tte den Geruch von Pollen und frischem Morgentau mit sich f�hren sollen, von Spr�sslingen, die die Krume wendeten, wenn sie ins Licht dr�ngten, von neuem Leben und wiedergeborener Erde.</p><p>Diese Brise brachte nur den Geruch von Blut und Tod.</p><p>Perrin wandte ihr den R�cken zu, kniete nieder und inspizierte die Wagenr�der. Das Gef�hrt war eine stabile Konstruktion aus vom Alter gedunkeltem Hartholz. Es schien in gutem Zustand zu sein, aber er hatte gelernt, vorsichtig zu sein, wenn es um Ausr�stung aus Malden ging. Die Shaido lehnten Wagen und Ochsen nicht so rigoros ab wie Pferde, aber wie alle Aiel hielten sie viel davon, mit leichtem Gep�ck zu reisen. Weder Karren noch Wagen hatten sie gewartet, und er hatte w�hrend seiner Inspektion mehr als nur einen Schaden entdeckt.</p><p>�Der N�chste!�, br�llte er, als er die Nabe des ersten Rades �berpr�fte. Die Bemerkung war an die Menschenmenge gerichtet, die darauf wartete, mit ihm sprechen zu k�nnen.</p><p>�Mein Lord.� Das war eine tiefe, raue Stimme, wie Holz, das gegen Holz schabte. Gerard Arganda, der Erste Hauptmann von Ghealdan. Er roch nach gut ge�lter R�stung. �Ich muss auf das Thema unserer Abreise dringen. Erlaubt mir, mit Ihrer Majest�t vorauszureiten.�</p><p>Die �Majest�t�, auf die er sich bezog, war Alliandre, die K�nigin von Ghealdan. Perrin arbeitete weiter an dem Rad; im Zimmermannshandwerk kannte er sich nicht so gut aus wie im Schmiedehandwerk, aber sein Vater hatte jedem seiner S�hne beigebracht, bei Wagen die Anzeichen f�r Probleme zu erkennen. Besser, die M�ngel vor dem Aufbruch zu richten, als auf halbem Weg liegen zu bleiben. Er fuhr mit den Fingern �ber das glatte braune Holz. Die Maserung war deutlich sichtbar, und er suchte mit tastenden Fingern nach Rissen. Alle vier R�der sahen gut aus.</p><p>�Mein Lord?�, fragte Arganda.</p><p>�Wir marschieren alle zusammen�, sagte Perrin. �So lautet mein Befehl, Arganda. Den Fl�chtlingen werde ich nicht den Eindruck vermitteln, dass wir sie im Stich lassen.�</p><p>Fl�chtlinge. Davon gab es mehr als einhunderttausend, um die man sich k�mmern musste. Einhunderttausend! Beim Licht, das waren mehr Menschen, als im Umkreis der Zwei Fl�sse lebten. Und er hatte die Aufgabe, jeden Einzelnen davon zu ern�hren. Viele M�nner verstanden einfach nicht, wie wichtig ein guter Wagen war. Er legte sich auf den R�cken und bereitete sich auf die Inspektion der Achsen vor, und das gab ihm einen Blick auf den bew�lkten Himmel, der teilweise von Maldens in unmittelbarer N�he befindlicher Stadtmauer versperrt wurde.</p><p>Die Stadt war gro� f�r eine Stadt so weit im Norden von Altara. Beinahe mehr Festung als Stadt, mit beeindruckenden Mauern und T�rmen. Bis zum Vortag war das Land um diese Stadt die Heimat der Shaido Aiel gewesen, aber die waren nicht mehr da; viele waren get�tet worden, andere geflohen, ihre Gefangenen befreit von einer Allianz aus Perrins Streitkr�ften und den Seanchanern.</p><p>Die Shaido hatten ihm zwei Dinge hinterlassen: den Geruch von Blut in der Luft und einhunderttausend Fl�chtlinge, um die man sich k�mmern musste. Auch wenn er froh war, ihnen die Freiheit gebracht zu haben, hatte er Malden doch aus einem ganz anderen Grund befreit: um Faile zu retten.</p><p>Eine andere Gruppe Aiel war auf seine Position zugekommen, aber sie waren langsamer geworden, hatten ein Lager aufgeschlagen und eilten nicht l�nger auf Malden zu. Vielleicht hatten vor der Schlacht fliehende Shaido sie vor dem gro�en Heer gewarnt, das Heer, das die Shaido trotz ihrer Machtlenker besiegt hatte. Anscheinend hatte diese neue Gruppe hinter Perrin genauso wenig Interesse daran, ihn anzugreifen, wie er sie.</p><p>Das verschaffte ihm Zeit. Zumindest etwas.</p><p>Arganda betrachtete ihn noch immer. Der Hauptmann trug seinen polierten Harnisch und hatte den Helm unter den Arm geklemmt. Der st�mmige Mann war kein aufgeplusterter Offizier, sondern war aus den R�ngen aufgestiegen. Er k�mpfte gut und tat, was man ihm befahl. Meistens jedenfalls.</p><p>�In diesem Punkt werde ich nicht nachgeben, Arganda�, sagte Perrin und zog sich unter dem Wagen �ber den feuchten Boden.</p><p>�K�nnten wir denn wenigstens Wegetore benutzen?�, fragte Arganda und ging auf die Knie. Sein graues, kurz geschorenes Haar ber�hrte beinahe den Boden, als er unter den Wagen sp�hte.</p><p>�Die Asha'man sind fast zu Tode ersch�pft�, fauchte Perrin. �Und das wisst Ihr.�</p><p>�Sie sind zu m�de f�r ein gro�es Wegetor�, fuhr Arganda fort, �aber vielleicht k�nnten sie eine kleine Gruppe durchschicken. Meine Herrin ist von ihrer Gefangenschaft ersch�pft! Ihr k�nnt doch nicht ernsthaft wollen, dass sie marschiert!�</p><p>�Die Fl�chtlinge sind auch ersch�pft. Alliandre kann ja reiten, aber sie wird erst dann aufbrechen, wenn wir alle aufbrechen. M�ge das Licht daf�r sorgen, dass das bald geschieht.�</p><p>Arganda seufzte, gab dann aber nach. Er erhob sich, w�hrend Perrin �ber die Achse strich. Spannungen im Holz erkannte er mit einem Blick, aber er zog die Ber�hrung vor. Tasten war verl�sslicher. Es gab immer einen Spalt oder einen Splitter, wo das Holz geschw�cht war, und man konnte f�hlen, wenn es kurz vor dem Zerbrechen stand. In dieser Hinsicht war Holz verl�sslich.</p><p>Im Gegensatz zu Menschen. Im Gegensatz zu ihm.</p><p>Er spannte die Lippen an. Er wollte nicht dar�ber nachdenken. Er musste weiterarbeiten, musste <emphasis>irgendetwas</emphasis> tun, um sich abzulenken. Er arbeitete gern. In letzter Zeit hatte es daf�r viel zu wenig Gelegenheiten gegeben. �Der N�chste!�, rief er, und seine Stimme hallte gegen die Unterseite des Wagens.</p><p>�Mein Lord, wir sollten angreifen!�, verk�ndete eine ungest�me Stimme neben dem Wagen.</p><p>Perrin lie� den Kopf auf das zertrampelte Gras sinken und schloss die Augen. Bertain Gallenne, Lordhauptmann der Gefl�gelten Wachen, war f�r Mayene das, was Arganda f�r Ghealdan war. Von dieser einzigen �bereinstimmung abgesehen, waren die beiden Hauptm�nner ungef�hr so verschieden, wie zwei M�nner nur sein konnten. Von seiner Position aus konnte Perrin Bertains gro�e, wundersch�n gearbeitete Stiefel mit den wie Falken geformten Schnallen sehen.</p><p>�Mein Lord�, fuhr Bertain fort. �Ein pr�chtiger Sturmangriff der Gefl�gelten Wachen w�rde diesen Aiel-Abschaum in alle Winde zerstreuen, da bin ich mir sicher. Schlie�lich haben wir die Aiel hier in der Stadt auch ohne gro�e Anstrengungen besiegen k�nnen.�</p><p>�Da hatten wir auch die Seanchaner�, erwiderte Perrin, beendete die Kontrolle der Hinterachse und schob sich nach vorn, um die andere zu begutachten. Er trug seinen alten, fleckigen Mantel. Faile w�rde ihn deshalb schelten. Er sollte sich immer als Lord pr�sentieren. Aber w�rde sie wirklich von ihm erwarten, einen guten Mantel zu tragen, wenn er hier eine Stunde lang im schlammigen Gras lag und sich Wagen von unten anschaute?</p><p>Faile w�rde schon Einw�nde dagegen haben, dass er sich �berhaupt auf den Boden legte. Er z�gerte, die Hand auf der Vorderachse, dachte an ihr rabenschwarzes Haar und die unverkennbare saldaeanische Nase. Sie war die Summe seiner Liebe. Sie war alles f�r ihn.</p><p>Er hatte es geschafft - er hatte sie gerettet. Aber warum f�hlte er sich dann noch immer so, als w�ren die Dinge genauso schlimm wie zuvor? Er h�tte jubeln oder ekstatisch sein sollen, er h�tte erleichtert sein sollen. W�hrend ihrer Gefangenschaft hatte er sich solche Sorgen gemacht. Aber jetzt, da sie in Sicherheit war, f�hlte sich noch immer alles falsch an. Irgendwie. Auf eine Weise, die er nicht erkl�ren konnte.</p><p>Beim Licht! Konnte denn <emphasis>nichts</emphasis> so funktionieren, wie es sollte? Mechanisch griff er nach seiner Tasche und wollte die Schnur mit den Knoten anfassen, die er dort immer mit sich getragen hatte. Aber er hatte sie weggeworfen. <emphasis>H�r auf damit!,</emphasis> dachte er. <emphasis>Sie ist wieder da. Wir k�nnen da weitermachen, wo wir aufgeh�rt haben. Oder nicht?</emphasis></p><p>�Ja, nun�, fuhr Bertain fort, �die Abreise der Seanchaner k�nnte unseren Angriff beeintr�chtigen. Aber die Aiel, die dort lagern, sind bei weitem nicht so viele wie die, die wir bereits besiegt haben. Und wenn Ihr Euch Sorgen macht, k�nntet Ihr ja der seanchanischen Generalin eine Botschaft schicken und sie zur�ckholen. Sicherlich w�rde sie wieder gern an unserer Seite k�mpfen!�</p><p>Perrin zwang sich zur�ck in den Augenblick. Seine albernen pers�nlichen Probleme waren unwichtig; im Moment musste er diese Wagen auf den Weg bringen. Die Vorderachse sah gut aus. Er drehte sich um und schob sich unter dem Wagen hervor.</p><p>Bertain war von mittlerer Gr��e, aber die drei Federn auf seinem Helm lie�en ihn gr��er aussehen. Er trug seine rote Augenklappe - Perrin wusste nicht, wo er das Auge eigentlich verloren hatte -, und seine R�stung funkelte. Er erschien aufgeregt, als w�rde Perrins Schweigen seiner Ansicht nach den Angriff andeuten.</p><p>Perrin stand auf und klopfte sich seine schlichte braune Hose ab. �Wir gehen�, sagte er und hob die Hand, um jede weitere Debatte zu unterbinden. �Wir haben die Septimen hier besiegt, aber wir hatten sie mit Spaltwurzel bet�ubt, und es k�mpften <emphasis>Damane</emphasis> auf unserer Seite. Wir sind ersch�pft, verwundet, und wir haben Faile zur�ck. Wir haben keinen Grund zum K�mpfen mehr. Wir fl�chten.�</p><p>Bertain sah nicht zufrieden aus, aber er nickte und wandte sich ab, stampfte �ber den schlammigen Boden zu seinen M�nnern, die auf ihren Pferden sa�en. Perrin betrachtete die kleine Gruppe, die sich um den Wagen dr�ngte, um mit ihm zu sprechen. Einst hatte ihn solche Arbeit nur ge�rgert. Sie war ihm immer als so sinnlos erschienen, da die meisten der Bittsteller seine Antwort bereits kannten.</p><p>Aber sie hatten das Bed�rfnis, diese Antworten von ihm zu h�ren, und mittlerweile hatte er begriffen, wie wichtig das war. Dar�ber hinaus halfen ihre Fragen, ihn von der seltsamen Anspannung abzulenken, die er nach Failes Rettung versp�rte.</p><p>Er begab sich zum n�chsten Wagen in der Reihe, sein kleines Gefolge dicht auf den Fersen. Gut f�nfzig solcher Wagen waren zu einem langen Karawanenzug aufgestellt. Die ersten waren mit aus Malden geborgenen G�tern beladen; mit denen in der Mitte wurde ebenfalls gerade so verfahren, und es waren nur noch zwei �brig, die er inspizieren musste. Bei Sonnenuntergang wollte er Malden ein gutes St�ck hinter sich wissen. Das w�rde ihn vermutlich weit genug bringen, um in Sicherheit zu sein.</p><p>Es sei denn, diese neuen Shaido w�rden sie aus Rache verfolgen. Bei der Anzahl der Menschen, die Perrin zu transportieren hatte, h�tte sie auch ein Blinder verfolgen k�nnen.</p><p>Die Sonne senkte sich bereits dem Horizont entgegen, eine leuchtende Kugel hinter der Wolkendecke. Beim Licht, wie schwierig und chaotisch war es doch, die Fl�chtlinge zu organisieren und die Heerlager zu trennen. Fortzukommen sollte doch eigentlich der leichte Teil sein!</p><p>Das Shaido-Lager war eine Katastrophe. Seine Leute hatten sich viele der verlassenen Zelte geholt und verstaut. Die ger�umte Ebene um die Stadt herum bestand nun nur noch aus zertrampelten Gr�n und Morast, �bers�t mit Abfall. Als echte Aiel hatten die Shaido es vorgezogen, au�erhalb der Stadtmauern zu kampieren statt dahinter. Ein seltsames Volk, das konnte man nicht anders sagen. Wer w�rde schon ein sch�nes Bett ablehnen - ganz zu schweigen von der besseren milit�rischen Position -, um drau�en in einem Zelt zu liegen?</p><p>Aber Aiel verabscheuten St�dte. Die meisten der Geb�ude waren beim ersten Angriff der Shaido entweder niedergebrannt oder gepl�ndert worden. Man hatte T�ren eingetreten, Fenster zerschlagen und Besitzt�mer auf die Stra�en geworfen, die <emphasis>Gai'schain</emphasis> dann beim ununterbrochenen Wasserholen zertrampelt hatten.</p><p>Noch immer huschten Leute wie Insekten umher, eilten durch die Stadttore und das ehemalige Shaido-Lager und nahmen sich, was sie konnten, um es f�r den Transport zu verstauen. Sobald sie sich f�r das Schnelle Reisen entschieden, w�rden sie die Wagen zur�cklassen m�ssen - Grady konnte keine Wegetore erschaffen, die gro� genug f�r Wagen waren -, aber im Moment w�rden die Vehikel eine gro�e Hilfe sein. Es gab auch eine ordentliche Zahl Ochsen; die inspizierte jemand anders, der sich davon �berzeugte, dass sie auch stark genug waren. Viele der in der Stadt vorhandenen Pferde hatten die Shaido einfach weglaufen lassen. Eine echte Schande. Aber man benutzte das, was einem zur Verf�gung stand.</p><p>Perrin erreichte den n�chsten Wagen und begann seine Inspektion mit der langen Deichsel, an die man die Ochsen anschirrte. �Der N�chste!�</p><p>�Mein Lord�, sagte eine heisere Stimme. �Ich glaube, das bin ich.�</p><p>Perrin warf einen Blick auf den Sprecher: Sebban Balwer, sein Sekret�r. Der Mann hatte ein staubtrockenes, verkniffenes Gesicht und beugte sich st�ndig vor, was ihn beinahe wie einen schlafenden Geier aussehen lie�. Obwohl sein Mantel und seine Hosen sauber waren, konnte sich Perrin nie des Eindrucks erwehren, dass aus ihnen bei jedem von Balwers Schritten eigentlich Staubwolken h�tten aufwallen m�ssen. Er roch moderig, wie ein altes Buch.</p><p>�Balwer�, sagte Perrin und strich mit den Fingern �ber die Riemen des Geschirrs. �Ich dachte, Ihr sprecht mit den Gefangenen.�</p><p>�In der Tat war ich dort sehr besch�ftigt�, sagte Balwer. �Aber ich wurde neugierig. Habt Ihr den Seanchanern <emphasis>s�mtliche</emphasis> Machtlenker der Shaido �berlassen?�</p><p>Perrin sah seinen verstaubten Sekret�r an. Die Spaltwurzel hatte die Weisen Frauen, die die Macht lenken konnten, in Ohnmacht versetzt; man hatte sie bewusstlos an die Seanchaner �bergeben, die mit ihnen verfahren sollten, wie sie wollten. Diese Entscheidung hatte Perrin bei den Aes Sedai unter seinen Verb�ndeten nicht gerade popul�r gemacht, aber er w�rde diese Machtlenker nicht frei herumlaufen lassen, damit sie sich an ihm r�chen konnten.</p><p>�Was h�tte ich mit ihnen anfangen sollen?�, sagte er zu Balwer.</p><p>�Nun, mein Lord, es gibt viele interessante Dinge zu erfahren. Zum Beispiel hat es den Anschein, dass viele der Shaido sich f�r das Benehmen ihres Clans sch�men. Die Weisen Frauen selbst waren sich uneins. Au�erdem hatten sie mit sehr seltsamen Individuen zu tun, die ihnen Objekte der Macht aus dem Zeitalter der Legenden anboten. Wer auch immer sie waren, sie konnten Wegetore erschaffen.�</p><p>�Verlorene�, sagte Perrin schulterzuckend und lie� sich auf ein Knie nieder, um das rechte Vorderrad zu betrachten. �Ich bezweifle, dass wir herausbekommen, wer von ihnen das war. Vermutlich hatten sie sich sogar verkleidet.�</p><p>Aus den Augenwinkeln bekam er mit, wie Balwer bei dieser Bemerkung die Lippen sch�rzte.</p><p>�Ihr seid anderer Meinung?�, fragte er.</p><p>�Nein, mein Lord�, lautete die Antwort. �Die Objekte, die man den Shaido �berlie�, sind meiner Ansicht nach sehr verd�chtig. Man hat die Aiel hereingelegt, auch wenn ich noch nicht ergr�nden kann, welcher Grund dahintersteckte. Aber wenn wir mehr Zeit h�tten, um die Stadt zu durchsuchen ...�</p><p>Beim Licht! Wollte denn <emphasis>jeder</emphasis> im Lager ihn um Dinge bitten, von denen sie wussten, dass sie sie nicht bekommen w�rden? Er legte sich auf den Boden, um die Hinterseite der Radnabe zu begutachten. Etwas daran st�rte ihn. �Wir wissen bereits, dass uns die Verlorenen bek�mpfen, Balwer. Sie werden Rand nicht mit offenen Armen willkommen hei�en, um sich von ihm wieder mit einem Siegel wegsperren zu lassen oder was auch immer er vorhat.�</p><p>Diese verdammten Farben, die ihm Rand vor seinem inneren Auge zeigten! Er schob sie zur Seite. Jedes Mal erschienen sie, wenn er an Rand oder Mat dachte, brachten ihm Visionen von ihnen.</p><p>�Wie dem auch sei�, fuhr er fort, �ich verstehe nicht, was ich Eurer Meinung nach tun soll. Wir nehmen die <emphasis>Gai'schain</emphasis> der Shaido mit. Die T�chter haben viele von ihnen gefangen genommen. Ihr k�nnt sie verh�ren. Aber wir werden diesen Ort verlassen.�</p><p>�Ja, mein Lord�, sagte Balwer. �Es ist nur schade, dass wir diese Weisen Frauen verloren haben. Meiner Erfahrung nach sind das unter den Aiel diejenigen, die den gr��ten ... Durchblick haben.�</p><p>�Die Seanchaner wollten sie�, sagte Perrin. �Also bekamen sie sie auch. In diesem Punkt habe ich mich nicht von Edarra herumschubsen lassen, und was getan ist, ist getan. Balwer, was wollt Ihr eigentlich von mir?�</p><p>�Vielleicht k�nnte man ja eine Nachricht schicken�, meinte Balwer, �um den Weisen Frauen ein paar Fragen zu stellen, wenn sie erwachen. Ich ...� Er hielt inne, dann beugte er sich zu Perrin herunter. �Mein Lord, das st�rt doch wirklich sehr. K�nnten wir niemand anderen finden, der die Wagen inspiziert?�</p><p>�Alle anderen sind entweder zu ersch�pft oder zu besch�ftigt. Ich will, dass die Fl�chtlinge in den Lagern warten, damit sie sich in Bewegung setzen k�nnen, wenn wir den Marschbefehl geben. Und die meisten unserer Soldaten durchsuchen die Stadt nach Vorr�ten - jede auffindbare Handvoll Getreide wird dringend ben�tigt. Die H�lfte ist sowieso verdorben. Dabei kann ich nicht helfen, da ich an einem Ort sein muss, an dem mich die Leute finden k�nnen.� Das hatte er akzeptiert, auch wenn er es l�stig fand.</p><p>�Ja, mein Lord�, sagte Balwer. �Aber sicherlich k�nntet Ihr doch anderswo zu erreichen sein, <emphasis>ohne</emphasis> unter einen Wagen kriechen zu m�ssen.�</p><p>�Diese Arbeit kann ich erledigen, w�hrend Leute mit mir sprechen�, sagte Perrin. �Ihr braucht meine H�nde nicht, sondern nur meine Zunge. Und diese Zunge sagt Euch, dass Ihr diese Aiel vergessen sollt.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Da kann ich nichts mehr machen, Balwer�, sagte Perrin fest und schaute ihn durch die Radspeichen an. �Wir ziehen nach Norden. Mit den Shaido bin ich fertig; meinetwegen k�nnen sie alle zu Asche verbrennen.�</p><p>Balwer sch�rzte wieder die schmalen Lippen und roch leicht nach Wut. �Nat�rlich, mein Lord�, sagte er und machte eine schnelle Verbeugung. Dann ging er.</p><p>Perrin schob sich wieder nach vorn und stand auf, nickte einer jungen Frau zu, die in einem schmutzigen Kleid und abgetragenen Schuhen neben der Wagenreihe stand. �Geht und holt Lyncon�, sagte er. �Sagt ihm, er soll sich diese Radnabe ansehen. Ich glaube, das Lager ist kaputt, das verdammte Ding sieht aus, als w�rde es gleich allein losrollen.�</p><p>Die junge Frau nickte und rannte los. Lyncon war ein Zimmermannmeister, der das Pech gehabt hatte, Verwandte in Cairhien zu besuchen, als die Shaido angriffen. Es hatte nicht viel gefehlt, und sie h�tten ihm seinen Willen vollst�ndig herausgepr�gelt. Vielleicht h�tte er die Wagen inspizieren sollen, aber bei dem heimgesuchten Ausdruck in seinen Augen war sich Perrin nicht sicher, wie weit er sich darauf verlassen konnte, dass der Mann die Arbeit vern�nftig erledigte. Aber er schien gut genug darin zu sein, Dinge zu reparieren, wenn man ihm genaue Anweisungen gab.</p><p>Davon abgesehen war es nun einmal eine Tatsache, dass Perrin das Gef�hl hatte, etwas zu erreichen, solange er nur in Bewegung blieb. Nicht �ber andere Dinge nachdachte. Wagen waren einfach zu reparieren. Sie waren nicht wie Menschen, nicht einmal ann�hernd.</p><p>Er drehte sich um und lie� die Blicke �ber das leere Lager schweifen, in dem �berall Feuergruben und weggeworfene Lumpen ins Auge fielen. Faile kehrte gerade in die Stadt zur�ck; sie hatte mit einigen ihrer Anh�nger die Gegend erkundet. Sie war atemberaubend. Wundersch�n. Die Sch�nheit lag nicht nur in ihrem Gesicht oder ihrer schlanken Gestalt, sie lag auch darin begr�ndet, wie m�helos sie Leute f�hrte und wie schnell sie stets wusste, was zu tun war. Sie war auf eine Weise klug, die nie seine Art gewesen war.</p><p>Er war nicht dumm; er dachte einfach nur gern l�nger �ber die Dinge nach. Aber er hatte nie gut mit Leuten umgehen k�nnen, nicht so wie Mat oder Rand. Faile hatte ihm gezeigt, dass er gar nicht mit Leuten umgehen k�nnen musste, auch nicht mit Frauen, solange er nur <emphasis>eine</emphasis> Person dazu bringen konnte, ihn zu verstehen. Er musste nicht gut darin sein, mit anderen sprechen zu k�nnen, solange er nur mit ihr sprechen konnte.</p><p>Aber jetzt fand er einfach nicht mehr die richtigen Worte. Nat�rlich sorgte er sich wegen dem, was ihr in ihrer Gefangenschaft m�glicherweise zugesto�en war, aber es st�rte ihn nicht. Sicher, es machte ihn w�tend, aber davon war ja nichts ihre Schuld. Um zu �berleben, tat man eben das, was man tun musste. Er respektierte sie f�r ihre St�rke.</p><p><emphasis>Beim Licht!,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich denke ja schon wieder nach. Ich muss weiterarbeiten.</emphasis> �Der N�chste!�, br�llte er und b�ckte sich, um mit der Wageninspektion weiterzumachen.</p><p>�H�tte ich nur Euer Gesicht gesehen, mein Junge�, sagte eine fr�hliche Stimme, �h�tte ich angenommen, dass wir diese Schlacht verloren haben!�</p><p>Perrin drehte sich �berrascht um. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass sich Tam al'Thor zu jenen gesellt hatte, die mit ihm sprechen wollten. Die Menge war kleiner geworden, aber es waren immer noch ein paar Boten und Gefolgsleute da. Der st�mmige Schafhirte stand ganz hinten und st�tzte sich auf seinen langen Stab, w�hrend er wartete. Sein Haar war v�llig grau geworden. Perrin konnte sich an eine Zeit erinnern, da war es noch schwarz gewesen. Damals, als er noch ein Junge gewesen war, bevor er Hammer oder Schmiedeofen kennengelernt hatte.</p><p>Unwillk�rlich griff er nach dem Hammer an seiner Seite. Er hatte ihn einer Axt vorgezogen. Es war die richtige Entscheidung gewesen, trotzdem hatte er bei der Schlacht um Malden die Kontrolle �ber sich verloren. War es das, was ihm so zu schaffen machte?</p><p>Oder wie sehr er doch das T�ten genossen hatte?</p><p>�Was braucht Ihr, Tam?�</p><p>�Ich will nur Bericht erstatten, mein Lord�, sagte Tam. �Die M�nner von den Zwei Fl�ssen sind marschbereit, jeder Mann tr�gt zwei Zelte, nur f�r den Fall. Wegen der Spaltwurzel konnten wir kein Wasser aus der Stadt nehmen, also schickte ich einige Jungs zum Aqu�dukt, um dort ein paar F�sser zu f�llen. Wir k�nnten einen Wagen brauchen, um sie zu holen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Perrin l�chelte. Endlich tat einmal jemand das, was getan werden musste, ohne vorher fragen zu m�ssen! �Richtet den M�nnern von den Zwei Fl�ssen aus, dass ich sie so schnell wie m�glich wieder nach Hause schicken m�chte. In dem Augenblick, in dem Grady und Neald wieder stark genug sind, um ein Wegetor zu erschaffen. Das k�nnte allerdings noch eine Weile dauern.�</p><p>�Das wissen sie zu sch�tzen, mein Lord�, sagte Tam. Es kam einem so merkw�rdig vor, wenn er einen Titel benutzte. �Aber k�nnte ich Euch kurz unter vier Augen sprechen?�</p><p>Perrin nickte. Lyncon kam - sein Humpeln war unverkennbar -, um sich um den Wagen zu k�mmern. Perrin entfernte sich zusammen mit Tam von der wartenden Gruppe, begab sich in den Schatten von Maldens Stadtmauer. Auf dem Fundament der massiven Steinbl�cke wucherte gr�nes Moos; es war irgendwie seltsam, dass das Moos viel heller als das zertrampelte, schlammige Unkraut unter ihren F��en war. In diesem Fr�hling schien nur Moos gr�n zu sein.</p><p>�Was ist denn, Tam?�, wollte Perrin wissen, sobald sie weit genug weg waren.</p><p>Tam rieb sich �bers Gesicht; dort wuchsen graue Stoppeln. Die letzten paar Tage hatte Perrin seine M�nner hart angetrieben, und es war keine Zeit zum Rasieren gewesen. Tam trug einen schlichten blauen Wollmantel, und der dicke Stoff war vermutlich ein willkommener Schutz gegen die Bergluft.</p><p>�Perrin, die Jungs sind nachdenklich geworden�, sagte Tam nun etwas weniger f�rmlich, wo sie allein waren. �Hast du das ernst gemeint, dass du Manetheren aufgeben willst?�</p><p>�Aye�, antwortete Perrin. �Dieses Banner hat nichts als �rger gebracht. Die Seanchaner und alle anderen k�nnen das gern wissen. Ich bin kein K�nig.�</p><p>�Du hast eine K�nigin, die dir als Lehnsherr die Treue geschworen hat.�</p><p>Er dachte �ber Tams Worte nach, suchte nach der besten Erwiderung. Fr�her hatte diese Art von Benehmen die Leute glauben lassen, dass er geistig nicht besonders rege war. Jetzt glaubten sie, dass ihn seine Nachdenklichkeit scharfsinnig und einfallsreich machte. Was f�r ein Unterschied doch ein paar h�bsche Worte vor dem Namen machten!</p><p>�Ich finde, du hast das richtig gemacht�, sagte Tam �berraschenderweise. �Die Zwei Fl�sse Manetheren zu nennen h�tte nicht nur die Seanchaner zum Feind gemacht, sondern auch die K�nigin von Andor aufgebracht. Es w�rde unterstellen, dass du mehr als nur die Zwei Fl�sse halten willst, dass du vielleicht das ganze Land erobern willst, das einst Manetheren umfasste.�</p><p>Perrin sch�ttelte den Kopf. �Ich will gar nichts erobern, Tam. Beim Licht! Nicht einmal das will ich behalten, was ich angeblich beherrsche. Je eher Elayne ihren Thron besteigt und den Zwei Fl�ssen einen vern�nftigen Herrn schickt, umso besser. Wir k�nnen mit diesem ganzen Lord Perrin-Gerede aufh�ren und zur Normalit�t zur�ckkehren.�</p><p>�Und K�nigin Alliandre?�</p><p>�Sie kann den Schwur dann Elayne leisten�, sagte er stur. �Oder direkt Rand. Ihm scheint es zu gefallen, K�nigreiche einzusammeln. Wie ein Kind, das eine Partie H�user spielt.�</p><p>Tam roch besorgt. Perrin schaute zur Seite. Alles h�tte einfacher sein sollen. Warum nur war es das nicht? �Was?�</p><p>�Ich h�tte gedacht, du hast es �berwunden.�</p><p>�Nichts hat sich ver�ndert seit den Tagen, in denen Faile entf�hrt wurde�, sagte Perrin. �Und das Wolfskopfbanner gef�llt mir immer noch nicht. Vielleicht ist es Zeit, auch das einzuholen.�</p><p>�Perrin, mein Junge, die M�nner glauben an dieses Banner�, sagte Tam leise. Er hatte diese zur�ckhaltende Art an sich, aber sie lie� einen zuh�ren, wenn er sprach. Nat�rlich sagte er f�r gew�hnlich vern�nftige Dinge. �Ich habe dich zur Seite genommen, weil ich dich warnen m�chte. Wenn du den Jungs die R�ckkehr zu den Zwei Fl�ssen erm�glichst, dann werden einige die Gelegenheit auch nutzen. Aber nicht viele. Man erz�hlt sich, die meisten h�tten geschworen, dir zum Shayol Ghul zu folgen. Sie wissen, dass die Letzte Schlacht naht - wer k�nnte das nicht wissen, bei all den Vorzeichen in letzter Zeit? Sie werden nicht zulassen, dass man sie zur�ckl�sst.� Er z�gerte. �Und ich auch nicht.� Er roch nach Entschlossenheit.</p><p>�Wir werden sehen�, murmelte Perrin stirnrunzelnd. �Wir werden sehen.�</p><p>Er schickte Tam mit dem Befehl los, einen Wagen f�r die Wasserf�sser zu requirieren. Die Soldaten w�rden auf ihn h�ren; Tam war Perrins Erster Hauptmann, auch wenn Perrin das verdreht erschien. Er wusste nicht viel �ber die Vergangenheit des Mannes, aber Tam hatte vor langer Zeit im Aiel-Krieg gek�mpft, er hatte schon ein Schwert gehalten, bevor Perrin geboren worden war. Und jetzt befolgte der Mann seine Befehle.</p><p>Das taten sie alle. Und sie wollten es auch weiterhin tun! Hatten sie denn nichts gelernt? Perrin lehnte sich gegen die Mauer, ging nicht zu den anderen zur�ck, blieb im Schatten.</p><p>Jetzt, da er so dar�ber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass das eines der Dinge war, die ihn st�rten. Nicht alles davon, aber ein Teil dessen, was ihm Sorgen bereitete. Selbst jetzt noch, nachdem Faile wieder da war.</p><p>In letzter Zeit war er kein guter Anf�hrer gewesen. Nat�rlich war er noch nie ein Bilderbuchanf�hrer gewesen, nicht einmal, als Faile ihn geleitet hatte. Aber w�hrend ihrer Abwesenheit war er schlechter geworden. Viel schlechter. Er hatte Rands Befehle ignoriert, hatte alles ignoriert, nur um sie zur�ckzubekommen.</p><p>Aber was konnte man von einem Mann denn anderes erwarten? Seine Ehefrau war entf�hrt worden!</p><p>Er hatte sie gerettet. Aber dabei hatte er alles andere im Stich gelassen. Und seinetwegen waren M�nner gestorben. Gute M�nner. M�nner, die ihm vertraut hatten.</p><p>Dort im Schatten erinnerte er sich an einen Augenblick - der erst einen Tag in der Vergangenheit lag -, an dem ein Verb�ndeter den Pfeilen der Aiel zum Opfer gefallen war, dessen Herz Masema vergiftet hatte. Aram war ein Freund gewesen, ein Freund, den er in seinem Bem�hen, Faile zu retten, ignoriert hatte. Aram hatte Besseres verdient.</p><p><emphasis>Niemals h�tte ich zulassen d�rfen, dass ein Kesselflicker ein Schwert in die Hand nimmt,</emphasis> dachte er, aber eigentlich wollte er sich im Moment nicht mit diesem Problem auseinandersetzen. Er <emphasis>konnte</emphasis> es nicht. Es gab zu viel zu tun. Er stie� sich von der Mauer ab und wollte den letzten Wagen der Reihe inspizieren.</p><p>�Der N�chste!�, bellte er, als er damit begann.</p><p>Aravine Carnel trat vor. Die Amadicianerin trug nicht l�nger die Kluft eines <emphasis>Gai'schain;</emphasis> stattdessen hatte sie sich ein einfaches hellgr�nes Kleid besorgt, das alles andere als sauber war. Beutegut. Sie war recht mollig, aber die Tage ihrer Gefangenschaft lie�en ihre Z�ge hager erscheinen. Entschlossenheit ging von ihr aus. Sie war �berraschend gut darin, Dinge zu organisieren, und er vermutete, dass sie von adliger Herkunft war. Da war dieser Geruch an ihr: Selbstbewusstsein, die Eigenschaft, m�helos Befehle geben zu k�nnen. Es war ein Wunder, dass diese Dinge die Gefangenschaft �berlebt hatten.</p><p>Als er auf die Knie ging, um das erste Rad zu betrachten, kam ihm ein Gedanke. Eigentlich war es seltsam, dass Faile gerade Aravine ausgesucht hatte, um die Fl�chtlinge zu beaufsichtigen. Warum nicht einen der jungen Leute der <emphasis>Cha Faile?</emphasis> Diese Dandys konnten nervt�tend sein, aber sie bewiesen stets eine �berraschende Kompetenz.</p><p>�Mein Lord�, sagte Aravine und machte geschickt einen Knicks, der ebenfalls auf ihren Hintergrund verwies. �Ich habe die Leute zur Abreise eingeteilt.�</p><p>�So schnell?�, fragte er und schaute von dem Rad auf.</p><p>�Es war nicht so schwierig wie erwartet, mein Lord. Ich habe ihnen befohlen, sich nach der Nationalit�t zu versammeln, dann nach dem Geburtsort. Die Cairhiener bilden die gr��te Gruppe, was nicht sehr �berraschend ist, dann kommen die Altaraner, gefolgt von Amadicianern und ein paar anderen. Ein paar Domani, ein paar Taraboner, eine Handvoll Grenzl�nder und Tairener.�</p><p>�Wie viele k�nnen zwei Tage Marsch �berstehen, ohne auf den Wagen fahren zu m�ssen?�</p><p>�Die meisten, mein Lord. Die Kranken und Alten wurden von den Shaido aus der Stadt vertrieben, als sie sie eroberten. Die Leute hier sind an harte Arbeit gew�hnt. Sie sind ersch�pft, Lord, haben aber keine gro�e Lust, hier herumzusitzen, wo diese anderen Shaido keinen halben Tagesmarsch entfernt lagern.�</p><p>�Gut�, sagte Perrin. �Sie sollen sofort aufbrechen.�</p><p>�Sofort?�, fragte Aravine �berrascht.</p><p>Er nickte. �Ich will sie so schnell auf der Stra�e nach Norden marschieren sehen, wie Ihr sie antreiben k�nnt. Alliandre und ihre Wache schicke ich los, um den Zug anzuf�hren.� Das d�rfte Argandas Beschwerden verstummen lassen, und es w�rde die Fl�chtlinge aus dem Weg schaffen. Ohne sie w�rden die T�chter viel effizienter Vorr�te zusammentragen. Die Suche nach Lebensmitteln war sowieso so gut wie abgeschlossen. Seine Leute w�rden nur ein paar Wochen auf der Stra�e �berleben m�ssen. Danach konnten sie durch ein Wegetor an einen sichereren Ort gelangen. Vielleicht Andor oder Cairhien.</p><p>Diese Shaido hinter ihnen machten ihn nerv�s. Sie konnten sich jederzeit zu einem Angriff entscheiden. Es war besser, hier zu verschwinden und der Verlockung ein Ende zu bereiten.</p><p>Aravine machte ihren Knicks und eilte los, und er dankte dem Licht f�r eine weitere Person, die seine Anweisungen weder erraten noch infrage stellen wollte. Er schickte einen Botenjungen los, um Arganda von dem gleich beginnenden Marsch zu unterrichten, und beendete die Wageninspektion. Danach stand er auf und wischte sich die H�nde an den Hosen ab. �Der N�chste!�</p><p>Keiner trat vor. Die einzigen noch verbliebenen Leute um ihn herum waren W�chter, Botenjungen und ein paar Kutscher, die darauf warteten, ihre Ochsen anschirren und die Wagen zum Beladen fahren zu k�nnen. In der Mitte des ehemaligen Lagers hatten die T�chter Vorr�te und Ausr�stungsgegenst�nde zu einem gro�en Berg angeh�uft, und er konnte Faile entdecken, die dort arbeitete, um f�r einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.</p><p>Er schickte ihr die Umstehenden zu Hilfe, dann stand er pl�tzlich allein da. Ohne etwas zu tun.</p><p>Genau das, was er hatte vermeiden wollen.</p><p>Der Wind wehte wieder und brachte diesen gr�sslichen Gestank nach Tod mit. Und auch Erinnerungen. Der Zorn der Schlacht, die Leidenschaft und Aufregung eines jeden Schlages. Aiel waren ausgezeichnete Krieger - die besten im ganzen Land. Jedes Duell war eine ungewisse Angelegenheit gewesen, und er hatte seinen Teil an Schnitten und Prellungen abbekommen, auch wenn sie mittlerweile Geheilt worden waren.</p><p>Der Kampf gegen die Aiel hatte ihn sich lebendig f�hlen lassen. Jeder von ihm Get�tete war ein Experte mit dem Speer gewesen; jeder von ihnen h�tte ihn t�ten k�nnen. Aber er hatte gewonnen. W�hrend der Momente des Kampfes hatte er eine treibende Leidenschaft versp�rt. Die Leidenschaft, endlich etwas zu tun. Nach zwei Monaten des Wartens hatte jeder Schlag einen Schritt n�her zu Faile bedeutet.</p><p>Kein Reden mehr. Kein Planen mehr. Er hatte ein Ziel gefunden. Und jetzt war es nicht mehr da.</p><p>Er f�hlte sich leer. Es war wie ... wie der Augenblick damals, als ihm sein Vater ein ganz besonderes Geschenk zur Winternacht versprochen hatte. Monatelang hatte er begierig darauf gewartet, hatte die ihm auferlegten Arbeiten brav erledigt, um sich das geheimnisvolle Geschenk zu verdienen. Als er das kleine Holzpferd schlie�lich bekommen hatte, war er einen Augenblick lang aufgeregt gewesen. Aber am n�chsten Tag hatte er sich schrecklich niedergeschlagen gef�hlt. Nicht des Geschenks wegen, sondern weil es nichts mehr gab, f�r das man sich bem�hen konnte. Die Aufregung war verschwunden, und erst da war ihm bewusst geworden, dass er die Vorfreude viel spannender gefunden hatte als das Geschenk selbst.</p><p>Kurz darauf hatte er angefangen, Meister Luhhans Schmiede zu besuchen, und war schlie�lich sein Geselle geworden.</p><p>Er war froh, dass er Faile zur�ckhatte. Innerlich jubelte er. Und dennoch, was wartete auf ihn? Diese verdammten M�nner betrachteten ihn als ihren Anf�hrer. Einige hielten ihn sogar f�r ihren K�nig! Darum hatte er nie gebeten. Jedes Mal, wenn sie die Banner hervorgeholt hatten, hatte er sie wieder einpacken lassen, bis Faile ihn dazu �berredet hatte, dass sie einen Vorteil f�r ihn darstellten. Er glaubte noch immer nicht, dass das Wolfskopfbanner, das da so anma�end �ber seinem Lager flatterte, hierher geh�rte.</p><p>Aber konnte er es einholen? Die M�nner <emphasis>sahen</emphasis> zu ihm auf. Jedes Mal, wenn sie daran vorbeigingen, konnte er ihren Stolz riechen. Er konnte sie nicht abweisen. In der Letzten Schlacht w�rde Rand ihre Hilfe brauchen - er w�rde jedermanns Hilfe brauchen.</p><p>Die Letzte Schlacht. Konnte ein Mann wie er, ein Mann, der gar kein Anf�hrer sein wollte, diese Streitkr�fte zu dem wichtigsten Augenblick im Leben dieser M�nner f�hren?</p><p>Die Farben wirbelten umher und zeigten ihm Rand, der anscheinend in einem tairenischen Steinhaus sa�. Sein alter Freund trug eine finstere Miene zur Schau, wie ein Mann, dem gewichtige Gedanken zu schaffen machten. Selbst wenn er so dasa�, erschien Rand majest�tisch. Er war das, was ein K�nig darstellen sollte, mit diesem kostbaren roten Mantel und dieser noblen Haltung. Perrin war blo� ein einfacher Schmied.</p><p>Er seufzte, sch�ttelte den Kopf und vertrieb das Bild. Er musste Rand suchen. Da war etwas, das an ihm zupfte, das ihn <emphasis>anzog.</emphasis></p><p>Rand brauchte ihn. Darauf musste er sich nun konzentrieren. Das war sein Ziel.</p></section><section><title><p>10</p><p>Der letzte Tabak</p></title><p>Rodel Ituralde paffte leise seine Pfeife; Rauchfahnen schl�ngelten sich in die H�he, umkreisten einander, sammelten sich an der Decke und drangen dann durch die Dachspalten der primitiven H�tte. Alter hatte die Wandbalken sich verziehen lassen und Schlitze gebildet, durch die man nach drau�en sehen konnte. Das graue Holz war voller Spr�nge und splitterte. In der Ecke brannte ein Kohlenbecken, Wind fuhr durch die Ritzen in der Wand. Manchmal sann Ituralde dar�ber nach, ob dieser Wind wohl das ganze Geb�ude umpusten konnte.</p><p>Er sa� auf einem Hocker, auf dem Tisch vor ihm lagen mehrere Karten ausgebreitet. An der Ecke beschwerte sein Tabaksbeutel ein zerknittertes Papier. Das kleine Rechteck war verwittert und wies zahllose Falten auf, weil er es in der Innentasche seines Mantels getragen hatte.</p><p>�Und?�, fragte Rajabi. Er trug Entschlossenheit zur Schau und hatte einen dicken Hals, braune Augen, eine breite Nase und ein feistes Kinn. Mittlerweile war er v�llig kahl und hatte eine entfernte �hnlichkeit mit einem gro�en Felsbrocken. In gewisser Weise verhielt er sich auch oft so. Ihn in Schwung zu bringen konnte viel Arbeit erfordern, aber sobald er einmal in Bewegung war, lie� er sich so gut wie nicht mehr aufhalten. Er hatte zu den Ersten geh�rt, die sich Ituralde angeschlossen hatten, obwohl er nur kurz zuvor im Begriff gestanden hatte, gegen den K�nig zu rebellieren.</p><p>Seit Ituraldes Sieg vor Darluna waren fast zwei Wochen vergangen. F�r diesen Sieg hat er sich weit aus dem Fenster gelehnt. Vielleicht sogar zu weit. <emphasis>Ah, Alsalam,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich hoffe, das alles war es wert, alter Freund. Ich hoffe, du bist nicht einfach nur verr�ckt geworden. Rajabi mag ja ein Felsen sein, aber die Seanchaner sind eine Lawine, und sie st�rzen donnernd auf uns herab.</emphasis></p><p>�Was jetzt?�, fragte Rajabi.</p><p>�Wir warten�, erwiderte Ituralde. Beim Licht, wie er das Warten hasste. �Dann k�mpfen wir. Oder wir ergreifen erneut die Flucht. Ich habe mich da noch nicht entschieden.�</p><p>�Die Taraboner ...�</p><p>�Werden nicht kommen.�</p><p>�Sie haben es versprochen!�</p><p>�Das haben sie.� Ituralde war selbst zu ihnen gegangen, hatte sie aufger�ttelt, hatte sie gebeten, ein letztes Mal gegen die Seanchaner zu k�mpfen. Ihr Jubel war laut gewesen, aber sie hatten sich nicht gerade beeilt, ihm Taten folgen zu lassen. Und sie w�rden sich auch jetzt nicht beeilen. Mittlerweile hatte er sie ein halbes Dutzend Mal dazu gebracht, �ein letztes Mal� zu k�mpfen. Sie konnten erkennen, wo dieser Krieg hinf�hrte, und er konnte sich nicht l�nger auf sie verlassen. Falls das �berhaupt jemals der Fall gewesen war.</p><p>�Verdammte Feiglinge�, grummelte Rajabi. �Dann soll sie das Licht verbrennen! Machen wir es eben allein. Es w�re nicht das erste Mal.�</p><p>Ituralde nahm einen langen, nachdenklichen Zug aus der Pfeife. Er hatte sich endlich dazu entschlossen, den Tabak von den Zwei Fl�ssen zu nehmen. Diese Pfeife war sein letzter Vorrat; er hatte diese letzte Portion seit Monaten verwahrt. Guter Geschmack. Der beste, den es gab.</p><p>Er studierte wieder die Karten, hielt eine kleinere hoch. Er h�tte bessere gebrauchen k�nnen, das stand fest. �Dieser neue seanchanische General befiehlt �ber dreihunderttausend Mann, mit gut zweihundert <emphasis>Damane</emphasis>.�</p><p>�Wir haben schon zuvor gr��ere Heere geschlagen. Denkt doch nur an Darluna! Ihr habt sie zerschmettert, Rodel!�</p><p>Und dazu hatte er s�mtliches Geschick und Gl�ck gebraucht, das ihm zur Verf�gung stand. Und dennoch hatte er �ber die H�lfte seiner M�nner verloren. Jetzt humpelte er vor dieser zweiten gr��eren seanchanischen Streitmacht davon.</p><p>Dieses Mal begingen sie keine Fehler mehr. Die Seanchaner verlie�en sich nicht allein auf ihre <emphasis>Raken.</emphasis> Seine M�nner hatten mehrere Sp�her erwischt, die zu Fu� unterwegs waren, und das bedeutete, dass ihnen Dutzende <emphasis>entgangen</emphasis> waren. Dieses Mal kannten die Seanchaner Ituraldes tats�chliche Mannzahl und seinen tats�chlichen Standort.</p><p>Seine Feinde lie�en sich nicht l�nger lenken und locken; stattdessen jagten sie nun ihn gnadenlos und wichen seinen Fallen aus. Urspr�nglich hatte er sich immer tiefer nach Arad Doman zur�ckziehen wollen. Das w�re f�r seine Streitkr�fte ein Vorteil gewesen und h�tte die Nachschublinien der Seanchaner �berm��ig gedehnt. Das h�tte er sch�tzungsweise noch weitere vier oder f�nf Monate aufrechterhalten k�nnen. Aber diese Pl�ne waren jetzt hinf�llig; sie waren gemacht worden, bevor er entdeckt hatte, dass eine verfluchte Aielhorde in Arad Doman herumlief. Wollte man den Berichten glauben - und Berichte �ber Aiel waren oft �bertrieben, also war er sich nicht sicher, wie viel er davon tats�chlich glauben sollte -, dann hielten bis zu einhunderttausend von ihnen gro�e Teile des Nordens, Bandar Eban eingeschlossen.</p><p>Einhunderttausend Aiel. Das entsprach in etwa zweihunderttausend Domani-Soldaten. Vielleicht mehr. Er konnte sich noch gut an den Blutigen Schnee vor zwanzig Jahren erinnern, als es den Anschein gehabt hatte, dass er f�r jeden niedergemachten Aiel zehn M�nner verloren hatte.</p><p>Er kam sich wie in einer Falle vor, wie eine zwischen zwei Steine geklemmte Walnuss. Er hatte es gerade eben so geschafft, sich an diesen Ort zur�ckzuziehen, dieses verlassene <emphasis>Stedding.</emphasis> Das w�rde ihm einen Vorteil gegen die Seanchaner verschaffen. Aber nur einen kleinen. Die Seanchaner hatten eine sechsmal gr��ere Streitmacht als er, und der unerfahrenste seiner Kommandanten wusste, dass ein Kampf bei diesem Kr�fteverh�ltnis Selbstmord bedeutete.</p><p>�Habt Ihr jemals einem Meisterjongleur zugesehen, Rajabi?�, fragte er und studierte die Karte.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah er, wie der bullige Mann die Stirn runzelte. �Ich habe Gaukler gesehen, die ...�</p><p>�Nein, kein Gaukler, ein Meister.�</p><p>Rajabi sch�ttelte den Kopf.</p><p>Ituralde paffte nachdenklich, bevor er weitersprach. �Ich schon, ist lange her. Er war der Hofbarde von Caemlyn. Ein agiler Bursche, mit einem Humor, der besser in einen Gemeinschaftsraum gepasst h�tte, wenn man seine Auszeichnungen bedachte. Barden jonglieren nicht oft; aber dieser Bursche hatte nichts gegen diese Bitte. Wie ich mitbekommen habe, hat er gern jongliert, um die junge Tochter-Erbin zu erfreuen.�</p><p>Er nahm die Pfeife aus dem Mund, stopfte den Tabak fester.</p><p>�Rodel�, sagte Rajabi. �Die Seanchaner ...�</p><p>Ituralde hielt einen Finger in die H�he und handwerkte an seiner Pfeife herum, bevor er weitersprach. �Der Barde fing mit drei Kugeln an. Dann fragte er uns, ob wir glaubten, dass er noch eine schaffte. Wir feuerten ihn nat�rlich an. Er nahm vier, dann f�nf, dann sechs. Mit jeder hinzugef�gten Kugel wurde unser Beifall lauter, und immer wieder fragte er uns, ob wir glaubten, dass er noch eine weitere hinzuf�gen k�nne. Nat�rlich sagten wir Ja.</p><p>Sieben, acht, neun. Bald hatte er zehn Kugeln in der Luft, die ein so kompliziertes Muster beschrieben, dass ich ihnen nicht mehr folgen konnte. Er musste sich anstrengen, um das durchzuhalten; er griff immer schneller zu, um Kugeln zu erwischen, die er beinahe verfehlte. Er hatte sich viel zu sehr in seiner Konzentration verloren, um uns zu fragen, ob er noch eine hinzuf�gen sollte, aber das Publikum verlangte es. Elf! Nimm elf! Und sein Assistent warf eine weitere Kugel in diesen Schlamassel.�</p><p>Ituralde paffte.</p><p>�Er hat sie fallen gelassen?�</p><p>Ituralde sch�ttelte den Kopf. �Die letzte Kugel war eigentlich keine richtige Kugel. Es war eine Art Illuminatortrick; auf der halben Strecke zum Barden blitzte sie auf und verwandelte sich in Rauch. Als sich unsere Sicht kl�rte, war der Barde verschwunden, und zehn Kugeln lagen sauber aufgereiht am Boden. Als ich mich umsah, sa� er mit dem Rest der G�ste an einem Tisch, trank einen Becher Wein und flirtete mit Lord Finndals Frau.�</p><p>Der arme Rajabi sah nun v�llig verwirrt aus. Er liebte seine Antworten einfach und geradeheraus. F�r gew�hnlich tat Ituralde das auch, aber die letzten Tage - mit ihrem unnat�rlich bew�lkten Himmel und der Atmosph�re st�ndigen Zwielichts - hatten ihn philosophisch gemacht.</p><p>Er griff nach vorn und zog das alte, zusammengefaltete St�ck Papier unter seinem Tabaksbeutel hervor. Er gab es Rajabi.</p><p>��F�hrt einen harten Schlag gegen die Seanchaner��, las Rajabi. ��Dr�ngt sie zur�ck, zwingt sie auf ihre Schiffe und zur�ck �ber ihren verdammten Ozean. Ich verlasse mich auf Euch, alter Freund. K�nig Alsalam.�� Rajabi senkte den Brief. �Ich wei� von seinen Befehlen, Rodel. Nicht seinetwegen habe ich mitgemacht. Ich bin wegen Euch gekommen.�</p><p>�Ja, aber <emphasis>ich</emphasis> k�mpfe wegen ihm�, sagte Ituralde. Er war ein Mann des K�nigs; das w�rde er immer sein. Er stand auf, klopfte die Pfeife aus und zermahlte die gl�hende Asche mit dem Stiefelabsatz. Dann legte er die Pfeife weg, nahm Rajabi den Brief ab und ging zur T�r.</p><p>Er musste eine Entscheidung treffen. Bleiben und k�mpfen oder an einen schlechteren Ort fl�chten, aber dadurch etwas Zeit gewinnen?</p><p>Die H�tte �chzte, und der Wind sch�ttelte die B�ume, als Ituralde in den bew�lkten Morgen hinaustrat. Die H�tte war nat�rlich nicht von Ogiern erbaut. Daf�r war sie zu hinf�llig. Dieses <emphasis>Stedding</emphasis> war schon vor langer Zeit aufgegeben worden. Seine M�nner lagerten zwischen den B�umen. Kaum der beste Ort f�r ein Kriegslager, aber Suppe machte man mit den Gew�rzen, die einem zur Verf�gung standen. Das <emphasis>Stedding</emphasis> war viel zu n�tzlich, um daran vorbeizuziehen. Ein anderer Mann w�re vielleicht in eine Stadt geflohen und h�tte sich hinter ihren Mauern versteckt, aber zwischen <emphasis>diesen</emphasis> B�umen war die Eine Macht nutzlos. Die seanchanischen <emphasis>Damane</emphasis> ihrer Kr�fte zu berauben war besser als jede Mauer, ganz egal, wie hoch sie auch sein mochte.</p><p><emphasis>Wir m�ssen bleiben,</emphasis> dachte Ituralde und sah seinen M�nnern bei der Arbeit zu, wie sie Gr�ben schaufelten und eine Palisade errichteten. Der Gedanke, in einem <emphasis>Stedding</emphasis> B�ume zu f�llen, war ihm verhasst. In seinem Leben hatte er einige Ogier kennengelernt, und er respektierte sie. Diese gewaltigen Eichen bewahrten vielleicht noch etwas von der Kraft der Ogier, die hier gelebt hatten. Sie zu f�llen war ein Verbrechen. Aber man tat, was man tun musste. Die Flucht w�rde ihm vielleicht noch mehr Zeit erkaufen, aber genauso gut konnte sie ihn auch Zeit <emphasis>kosten.</emphasis> Er hatte noch ein paar Tage, bevor die Seanchaner zuschlagen w�rden. Falls es ihm gelang, sich hier gut einzugraben, konnte er sie vielleicht zu einer Belagerung zwingen. Das <emphasis>Stedding</emphasis> w�rde sie z�gern lassen, und der Wald w�re ein Vorteil f�r seine kleinere Streitmacht.</p><p>Er hasste es, sich einsperren zu lassen. Das war vermutlich der Grund, warum er so lange dar�ber nachgedacht hatte, obwohl er tief im Inneren doch genau wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, mit dem Weglaufen aufzuh�ren. Die Seanchaner hatten ihn endlich gestellt.</p><p>Er ging weiter die R�nge entlang, nickte den arbeitenden M�nnern zu, lie� sich sehen. Er verf�gte noch �ber vierzigtausend Soldaten, was ein Wunder war, wenn man bedachte, wogegen sie angetreten waren. Eigentlich h�tten diese M�nner mit gutem Grund desertieren sollen. Aber sie hatten erlebt, wie er eine unm�gliche Schlacht nach der anderen gewonnen hatte, wie er unter immer lauterem Applaus eine Kugel nach der anderen in die Luft geworfen hatte. Sie hielten ihn f�r unaufhaltsam. Sie hatten nicht begriffen, dass, wenn man immer mehr Kugeln in die Luft warf, nicht nur die <emphasis>Vorstellung</emphasis> immer spektakul�rer wurde.</p><p>Das Scheitern am Ende wurde ebenfalls spektakul�rer.</p><p>Ituralde behielt seine finsteren Gedanken f�r sich, als er und Rajabi durch das Waldlager gingen und die Palisade begutachteten. Sie machte gute Fortschritte, die M�nner stemmten dicke Baumst�mme in frisch gegrabene L�cher. Nach seiner Inspektion nickte er. �Rajabi, wir bleiben. Sagt es weiter.�</p><p>�Einige der anderen sind der Meinung, dass hier zu bleiben den sicheren Tod bedeutet�, erwiderte Rajabi.</p><p>�Sie irren sich.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Nichts ist sicher, Rajabi�, sagte Ituralde. �F�llt die B�ume innerhalb der Palisade mit Bogensch�tzen; die werden fast genauso effektiv wie T�rme sein. Wir m�ssen da drau�en ein Schlachtfeld bauen. F�llt so viele B�ume um die Palisade herum wie m�glich, dann macht innerhalb der Mauer aus den Baumst�mmen Barrikaden, eine zweite R�ckzugsm�glichkeit. Die halten wir. Vielleicht irre ich mich ja mit diesen Tarabonern, vielleicht reiten sie uns ja zu Hilfe. Vielleicht hat der K�nig auch irgendwo ein Heer verborgen, das uns verteidigt. Blut und Asche, vielleicht wehren wir sie hier auch allein ab. Wir werden ja sehen, wie es ihnen gef�llt, ohne ihre <emphasis>Damane</emphasis> k�mpfen zu m�ssen. Wir werden �berleben.�</p><p>Rajabi straffte sich sichtlich, wurde selbstsicherer. Das waren die Worte, die er erwartet hatte, wie Ituralde nur zu genau wusste. Genau wie die anderen vertraute auch Rajabi dem kleinen Wolf. Sie glaubten einfach nicht, dass er <emphasis>scheitern</emphasis> konnte.</p><p>Ituralde wusste es besser. Aber wenn man schon sterben musste, dann tat man es mit W�rde. Der junge Ituralde hatte oft von Kriegen getr�umt, vom Ruhm der Schlacht. Der alte Ituralde wusste, dass es so etwas wie Ruhm in einer Schlacht nicht gab. Aber es gab Ehre.</p><p>�Mein Lord Ituralde�, rief ein L�ufer und eilte an der unvollendeten Palisadenwand vorbei. Er war noch ein Knabe, jung genug, dass ihn die Seanchaner m�glicherweise am Leben lie�en. Im anderen Fall h�tte Ituralde ihn und andere in seinem Alter fortgeschickt.</p><p>�Ja?�, fragte er. Rajabi stand wie ein kleiner Berg an seiner Seite.</p><p>�Ein Mann�, sagte der Junge keuchend. �Er sagt, er sei gekommen, um Euch zu sehen.�</p><p>�Ein Seanchaner?�, bellte Rajabi.</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf. �Nein. Aber er ist gut angezogen.�</p><p>Also der Bote eines Lords. Domani, vielleicht auch ein tarabonischer Renegat. Wer auch immer er war, er konnte die Situation wohl kaum schlimmer machen. �Und er kam allein?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>Tapferer Mann. �Dann bring ihn her.�</p><p>�Wo wollt Ihr ihn empfangen, mein Lord?�</p><p>�Was denn?�, fauchte Ituralde. �H�ltst du mich f�r einen noblen Kaufmann mit einem Palast? Das Feld hier wird ausreichen. Hol ihn, aber lass dir dabei Zeit. Und sorge daf�r, dass er vern�nftig bewacht wird.�</p><p>Der Junge nickte und rannte los. Ituralde winkte ein paar Soldaten herbei und schickte sie im Eiltempo los, um Wakeda und die anderen Offiziere zu holen. Shimron war tot, vom Feuerball einer <emphasis>Damane</emphasis> zu Asche verbrannt. Das war wirklich bedauerlich. Ituralde h�tte ihn vielen anderen Offizieren vorgezogen.</p><p>Die meisten Offiziere trafen vor dem Fremden ein. Der schlaksige Ankaer. Der ein�ugige Wakeda, der abgesehen davon ein ansehnlicher Mann h�tte sein k�nnen. Der st�mmige Melarned. Der junge Lidrin, der nach dem Tod seines Vaters Ituralde auch weiterhin folgte.</p><p>�Was h�re ich da?�, fragte Wakeda und verschr�nkte die Arme. �Wir bleiben in dieser Todesfalle? Rodel, wir haben nicht die n�tigen Truppen, um Widerstand zu leisten. Wenn sie kommen, sitzen wir hier fest.�</p><p>�Da habt Ihr recht�, sagte Ituralde schlicht.</p><p>Wakeda sah die anderen an, dann wieder Ituralde. Die ehrliche Antwort hatte ihm etwas Wind aus den Segeln genommen. �Nun ... warum fliehen wir dann nicht?� Er plusterte sich viel seltener auf als noch vor Monaten, als Ituralde mit seinem Feldzug angefangen hatte.</p><p>�Von mir bekommt Ihr weder Zucker noch L�gen�, sagte Ituralde und fixierte sie einen nach dem anderen. �Wir sind in einer schlimmen Lage. Aber w�rden wir fl�chten, w�ren wir in einer <emphasis>noch</emphasis> schlechteren Lage. Es gibt keine L�cher mehr, in denen wir uns verkriechen k�nnten. Diese B�ume werden ein Vorteil f�r uns sein, und wir k�nnen uns eingraben. Das <emphasis>Stedding</emphasis> wird die <emphasis>Damane</emphasis> ihrer Kr�fte berauben, und das allein ist es schon wert hierzubleiben. Wir k�mpfen hier.�</p><p>Ankaer nickte; er schien den Ernst der Situation zu verstehen. �Wir m�ssen ihm vertrauen, Wakeda. Bis jetzt hat er uns gut gef�hrt.�</p><p>Wakeda nickte. �Das schon, glaube ich.�</p><p>Verdammte Narren. Vor vier Monaten h�tte ihn die H�lfte auf der Stelle umgebracht, weil er dem K�nig treu geblieben war. Jetzt glaubten sie, er k�nne das Unm�gliche vollbringen. Eigentlich schade; er hatte schon angefangen zu glauben, er k�nnte sie wieder auf Alsalams Seite bringen. �Also gut�, sagte er und zeigte auf verschiedene Stellen ihrer Befestigung. �Wir werden Folgendes tun, um die schw�cheren Punkte zu st�rken. Ich will ...�</p><p>Er verstummte, als er eine Gruppe �ber die Lichtung auf sich zukommen sah. Von einer Abteilung Soldaten begleitet, eskortierte der Botenjunge einen Mann in Rot und Gold.</p><p>Etwas an dem Neuank�mmling zog Ituraldes Blick an. Vielleicht war es die Gr��e; der junge Mann war so gro� wie ein Aiel, und das helle Haar �hnelte ihnen auch. Aber kein Aiel h�tte einen so kostbaren roten Mantel mit goldenen Stickereien getragen. Ein Schwert hing an seiner Seite, und etwas an der Art, wie der Fremde ging, verriet Ituralde, dass er auch damit umzugehen verstand. Er bewegte sich mit energischen, entschlossenen Schritten, als betrachtete er die Soldaten um ihn herum als Ehrenwache. Also ein Lord, und zwar einer, der zu befehlen gewohnt war. Warum war er pers�nlich gekommen, statt einen Boten zu schicken?</p><p>Der junge Lord blieb ein kurzes St�ck vor Ituralde und seinen Gener�len stehen, musterte sie nacheinander, und konzentrierte sich dann auf Ituralde. �Rodel Ituralde?�, fragte er. Was f�r ein Akzent war das? Andoranisch?</p><p>�Ja�, sagte Ituralde vorsichtig.</p><p>Der junge Mann nickte. �Basheres Beschreibung war akkurat. Anscheinend lasst Ihr Euch hier einsperren. Erwartet Ihr allen Ernstes, gegen die seanchanische Armee bestehen zu k�nnen? Sie ist Euch zahlenm��ig mehrfach �berlegen, und Eure tarabonischen Verb�ndeten scheinen es nicht ... eilig zu haben, Euch bei Eurer Verteidigung zu helfen.�</p><p>Wer auch immer er war, er verf�gte �ber Intelligenz. �Ich bin es nicht gewohnt, meine Verteidigung mit Fremden zu diskutieren.� Ituralde musterte den jungen Lord. Er war durchtrainiert - schlank und hart, auch wenn das mit dem Mantel nur schwer zu sehen war. Er favorisierte seine rechte Hand, und bei n�herem Hinsehen bemerkte Ituralde, dass die linke Hand fehlte. Beide Unterarme wiesen eine seltsame rote und goldene T�towierung auf.</p><p>Diese Augen. Das waren die Augen von jemandem, der schon zahllose Male den Tod gesehen hatte. Nicht nur ein junger <emphasis>Lord.</emphasis> Ein junger <emphasis>General.</emphasis> Ituralde kniff die Augen zusammen. �Wer seid Ihr?�</p><p>Der Fremde erwiderte seinen Blick. �Ich bin Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache. Und ich brauche Euch. Euch und Eure Armee.�</p><p>Mehrere der M�nner um Ituralde fluchten, und Ituralde sah sie an. Wakeda staunte fassungslos, Rajabi war �berrascht, der junge Lidrin offen ungl�ubig.</p><p>Ituralde richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Neuank�mmling. Der Wiedergeborene Drache? Dieser junge Bursche? Vermutlich war das durchaus m�glich. Die meisten Ger�chte stimmten darin �berein, dass der Wiedergeborene Drache ein junger Mann mit rotem Haar war. Andererseits behaupteten die Ger�chte auch, dass er zehn Fu� gro� war und seine Augen im Zwielicht leuchteten. Und dann waren da diese Geschichten �ber ihn, wie er am Himmel �ber Falme erschienen war. Blut und Asche, Ituralde vermochte nicht einmal zu sagen, ob er �berhaupt daran glaubte, dass der Drache wiedergeboren worden war!</p><p>�Ich habe keine Zeit, hier herumzudebattieren�, sagte der Fremde mit regloser Miene. Er erschien ... �lter, als er aussah. Es schien ihn nicht zu st�ren, dass er von bewaffneten Soldaten umgeben war. Tats�chlich h�tte dieser einsame Auftritt wie ... eine n�rrische Tat erscheinen m�ssen. Stattdessen machte er Ituralde nachdenklich. Nur jemand wie der Wiedergeborene Drache konnte auf diese Weise in ein Kriegslager gehen, v�llig allein und auf sich gestellt, und <emphasis>erwarten,</emphasis> dass man ihm gehorchte.</p><p>Und sollte man ihn doch zu Asche verbrennen, wenn diese Tatsache allein Ituralde nicht schon veranlassen wollte, ihm zu glauben. Entweder war dieser Mann derjenige, f�r den er sich ausgab, oder er war v�llig irrsinnig.</p><p>�Wenn wir das <emphasis>Stedding</emphasis> verlassen, beweise ich, dass ich die Macht lenken kann�, sagte der junge Fremde. �Das sollte f�r etwas z�hlen. Lasst mir etwas Zeit, und ich bringe zehntausend Aiel und mehrere Aes Sedai her, die alle beschw�ren werden, dass ich derjenige bin, der ich zu sein behaupte.�</p><p>Die Ger�chte behaupteten auch, dass die Aiel dem Wiedergeborenen Drachen folgten. Die M�nner um Ituralde husteten und sahen sich unbehaglich um. Viele von ihnen waren Drachenverschworene gewesen, bevor sie zu Ituralde gekommen waren. Mit den richtigen Worten konnte dieser Rand al'Thor - oder wer auch immer er wirklich war - m�glicherweise Ituraldes Gefolgsleute gegeneinander aufhetzen.</p><p>�Selbst wenn wir einmal annehmen, dass ich Euch glaube�, w�hlte Ituralde vorsichtig seine Worte, �w�sste ich nicht, dass das eine Rolle spielt. Ich habe einen Krieg zu f�hren, und ich nehme an, dass Euch andere Angelegenheiten besch�ftigen.�</p><p>�Ihr <emphasis>seid</emphasis> meine Angelegenheit�, sagte al'Thor mit einem so harten Blick, dass sich seine Augen in Ituraldes Sch�del zu bohren und darin nach Dingen zu suchen schienen, die ihm n�tzlich waren. �Ihr m�sst mit den Seanchanern Frieden schlie�en. Dieser Krieg bringt uns nichts. Ich will Euch oben in den Grenzl�ndern; ich kann keine M�nner er�brigen, um die Gro�e F�ule zu bewachen, und die Grenzl�nder haben ihre Pflichten im Stich gelassen.�</p><p>�Ich habe meine Befehle�, sagte Ituralde und sch�ttelte den Kopf. Moment mal. Er w�rde nicht tun, was dieser J�ngling da befahl, so als h�tte er <emphasis>keine</emphasis> Befehle. Andererseits ... diese Augen. Alsalam hatte solche Augen gehabt, als sie beide noch j�nger gewesen waren. Augen, die Gehorsam verlangten.</p><p>�Eure Befehle�, sagte al'Thor. �Kommen sie vom K�nig? Werft Ihr Euch darum den Seanchanern auf diese Weise entgegen?�</p><p>Ituralde nickte.</p><p>�Ich habe von Euch geh�rt, Rodel Ituralde�, sagte al'Thor. �M�nner, denen ich vertraue, M�nner, die ich respektiere, vertrauen und respektieren Euch. Statt zu fl�chten und Euch zu verstecken, grabt Ihr Euch hier ein, um eine Schlacht zu k�mpfen, von der Ihr wisst, dass sie Euch umbringen wird. Alles nur aus Loyalit�t zu Eurem K�nig. Das ist sehr lobenswert. Aber der Zeitpunkt ist gekommen, sich abzuwenden und eine Schlacht zu schlagen, die etwas bedeutet. Die <emphasis>alles</emphasis> bedeutet. Kommt mit mir, und ich gebe Euch den Thron von Arad Doman.�</p><p>Ituralde sah scharf auf. �Ihr lobt meine Loyalit�t und erwartet von mir im n�chsten Atemzug, meinen eigenen K�nig zu st�rzen?�</p><p>�Euer K�nig ist tot�, sagte al'Thor. �Entweder das, oder sein Verstand ist wie Wachs zerschmolzen. Ich gelange immer st�rker zu der �berzeugung, dass Graendal ihn in ihrer Gewalt hat. In dem Chaos in diesem Land erkenne ich ihre Handschrift. Welche Befehle Ihr auch immer erhalten habt, vermutlich kommen sie von ihr. Ich konnte nur noch nicht ergr�nden, warum sie will, dass Ihr die Seanchaner bek�mpft.�</p><p>Ituralde schnaubte. �Ihr sprecht von einer der Verlorenen, als w�re sie Euer Gast zum Essen gewesen.�</p><p>Al'Thor erwiderte unger�hrt seinen Blick. �Ich erinnere mich an jeden von ihnen - ihre Gesichter, ihre Manierismen, wie sie sprechen und handeln -, als w�rde ich sie seit tausend Jahren kennen. Manchmal erinnere ich mich besser an sie als an meine eigene Kindheit. Ich bin der Wiedergeborene Drache.�</p><p>Ituralde blinzelte. <emphasis>Soll man mich zu Asche verbrennen,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich glaube ihm. Verdammte Asche!</emphasis> �Lasst uns ... lasst uns Euren Beweis sehen.�</p><p>Nat�rlich gab es Proteste, haupts�chlich von Lidrin, der es f�r zu gef�hrlich hielt. Die anderen waren ersch�ttert. Hier stand der Mann, dem sie sich verschworen hatten, ohne ihn jemals kennenzulernen. Da schien eine ... <emphasis>Macht</emphasis> von al'Thor auszugehen, die Ituralde zwang, das Verlangte zu tun. Nun, zuerst w�rde er Beweise sehen wollen.</p><p>Sie schickten Boten los, die Pferde f�r den Ritt aus dem <emphasis>Stedding</emphasis> holten, aber al'Thor sprach, als w�re Ituralde bereits sein Mann. �Vielleicht lebt Alsalam�, sagte al'Thor, w�hrend sie warteten. �Wenn dem so ist, kann ich verstehen, dass Ihr seinen Thron nicht wollt. W�rde Euch Amadicia gefallen? Ich werde dort einen Herrscher brauchen, der die Seanchaner im Auge beh�lt. Dort k�mpfen jetzt die Wei�m�ntel; ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Streit vor der Letzten Schlacht noch beenden kann.�</p><p>Die Letzte Schlacht! Beim Licht! �Ich werde ihn nicht nehmen, wenn Ihr den K�nig dort ermordet�, sagte Ituralde. �Falls die Wei�m�ntel ihn bereits get�tet haben oder die Seanchaner, nun, dann vielleicht.�</p><p>Ein K�nig! Was redete er denn da? <emphasis>Verflucht. Warte wenigstens, bis du den Beweis gesehen hast, bevor du dich bereit erkl�rst, Throne anzunehmen!</emphasis> Da war etwas an diesem Mann, so wie er �ber Ereignisse wie die Letzte Schlacht sprach - Ereignisse, die die Menschheit seit Tausenden von Jahren f�rchtete -, als w�ren sie Posten auf dem t�glichen Lagerbericht.</p><p>Soldaten kamen mit den Pferden, und Ituralde sa� auf, genau wie al'Thor, Wakeda, Rajabi, Ankaer, Melarned, Lidrin und ein halbes Dutzend niedrigerer Offiziere.</p><p>�Ich habe eine gro�e Zahl Aiel in Euer Land gebracht�, sagte al'Thor, als sie losritten. �Urspr�nglich hatte ich gehofft, mit ihnen die Ordnung wiederherstellen zu k�nnen, aber sie brauchen l�nger als gedacht. Ich will die Mitglieder des Kaufmannsrats in Sicherheit bringen; vielleicht kann ich die Stabilit�t der Gegend verbessern, sobald ich sie in der Hand habe. Wie denkt Ihr dar�ber?�</p><p>Ituralde wusste nicht, was er denken sollte. Den Kaufmannsrat in Sicherheit bringen? Das klang, als wollte man sie entf�hren. Auf was hatte er sich da eingelassen? Dann ertappte er sich bei den Worten: �Das k�nnte funktionieren. Beim Licht, wenn man alles bedenkt, ist das vermutlich der beste Plan.�</p><p>Al'Thor nickte und sah nach vorn, als sie die Palisade passierten und auf den Pfad zum Rand des <emphasis>Stedding</emphasis> kamen. �Die Grenzlande muss ich sowieso sichern. Ich k�mmere mich um Eure Heimat. Soll man diese Grenzl�nder doch verbrennen! Was haben sie vor? Nein. Nein, noch nicht. Sie k�nnen warten. Nein, er schafft das. Er kann sie halten. Ich schicke ihn zusammen mit den Asha'man.� Pl�tzlich wandte sich al'Thor wieder Ituralde zu. �Was k�nntet Ihr ausrichten, g�be ich Euch hundert M�nner, die die Macht lenken k�nnen?�</p><p>�Verr�ckte?�</p><p>�Nein, die meisten von ihnen sind stabil�, sagte al'Thor, der anscheinend nicht beleidigt war. �Welcher Wahnsinn sich auch immer manifestierte, bevor ich den Makel beseitigte, er ist noch immer da - die Entfernung des Makels konnte sie nicht heilen. Aber nur wenige waren so schlecht dran. Und sie werden nicht kr�nker, jetzt, da <emphasis>Saidin</emphasis> sauber ist.�</p><p>Saidin? Sauber? H�tte er seine eigenen M�nner, die die Macht lenken konnten ... In gewisser Weise seine eigenen <emphasis>Damane.</emphasis> Ituralde kratzte sich am Kinn. Die Einf�lle kamen schnell - aber ein General musste schnell reagieren k�nnen. �Ich k�nnte sie gut gebrauchen�, sagte er. �Sogar sehr gut.�</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte al'Thor. Sie hatten das <emphasis>Stedding</emphasis> verlassen, die Luft f�hlte sich anders an. �Ihr m�sst ein gro�es Land �berwachen, aber viele der Machtlenker, die ich Euch geben werde, k�nnen Wegetore weben.�</p><p>�Wegetore?�, fragte Ituralde.</p><p>Al'Thor sah ihn an, dann schien er die Z�hne zusammenzubei�en, schloss die Augen, zitterte am ganzen Leib, als w�re ihm �bel. Ituralde war pl�tzlich alarmiert, legte die Hand auf sein Schwert. Gift? War der Mann verwundet?</p><p>Aber nein, al'Thor �ffnete die Augen, und in ihren Tiefen schien Ekstase zu lodern. Er drehte sich um, schwenkte die Hand, und ein greller Lichtstreifen zerschnitt vor ihm die Luft. Die M�nner um Ituralde fluchten, wichen zur�ck. Es war eine Sache, wenn ein Mann behauptete, die Macht lenken zu k�nnen; aber es dann mit den eigenen Augen direkt vor sich zu sehen!</p><p>�Das ist ein Wegetor�, sagte al'Thor, als sich der Lichtbalken drehte und ein gro�es schwarzes Loch in der Luft �ffnete. �Ein Asha'man, der stark genug ist, kann ein Wegetor erschaffen, das gro� genug ist, um Wagen durchzufahren. Man kann fast �berall schnell hinreisen, manchmal augenblicklich, es h�ngt von den Umst�nden ab. Mit ein paar ausgebildeten Asha'man k�nnte Eure Armee morgens in Caemlyn fr�hst�cken und ein paar Stunden sp�ter in Tanchico zu Mittag essen.�</p><p>Ituralde rieb sich das Kinn. �Nun ja, das w�re ein Anblick. Wirklich ein Anblick.� Wenn dieser Mann die Wahrheit sagte und diese Wegetore wirklich funktionierten ... �<emphasis>Damit</emphasis> k�nnte ich Tarabon von den Seanchanern s�ubern, vielleicht sogar das ganze Land!�</p><p>�Nein�, fauchte al'Thor. �Wir werden mit ihnen Frieden schlie�en. Nach dem zu urteilen, was meine Sp�her mir berichten, wird es schwer genug, sie zu einer Vereinbarung zu bringen, ohne ihnen Euren Kopf zu versprechen. Ich werde sie nicht noch weiter reizen. Wir haben keine Zeit mehr f�r Streit. Wir m�ssen uns um wichtigere Dinge k�mmern.�</p><p>�Nichts ist wichtiger als meine Heimat�, erwiderte Ituralde. �Selbst wenn diese Befehle gef�lscht sein sollten, ich kenne Alsalam. Er w�rde mir zustimmen. Wir werden keine fremden Truppen in Arad Doman dulden.�</p><p>�Dann ein Versprechen�, sagte al'Thor. �Ich werde daf�r sorgen, dass die Seanchaner Arad Doman verlassen. Das verspreche ich Euch. Aber wir dr�ngen sie nicht noch weiter zur�ck. Daf�r geht Ihr in die Grenzlande und besch�tzt sie gegen eine Invasion. Haltet die Trollocs auf, wenn sie kommen, und leiht mir ein paar Eurer Offiziere, die uns dabei helfen, Arad Doman zu sichern. Man wird leichter Ordnung schaffen k�nnen, wenn das Volk sieht, dass seine eigenen Lords mit mir zusammenarbeiten.�</p><p>Ituralde dachte nach, obwohl er seine Antwort bereits kannte. Dieses Wegetor konnte seine M�nner aus dieser Todesfalle wegzaubern. Mit Aiel auf seiner Seite und dem Wiedergeborenen Drachen als Verb�ndetem hatte er wirklich eine Chance, Arad Doman zu sichern. Ein ehrenhafter Tod war eine gute Sache. Aber die M�glichkeit, ehrenvoll weiterzuk�mpfen ... das war ein viel kostbarerer Preis.</p><p>�Einverstanden�, sagte Ituralde und streckte die Hand aus.</p><p>Al'Thor ergriff sie. �Geht und brecht das Lager ab. Bei Einbruch der Nacht seid Ihr in Saldaea.�</p></section><section><title><p>11</p><p>Adrins Tod</p></title><p><emphasis>Ich finde, er hat noch eine Tracht Pr�gel verdient,</emphasis> sagte Lerian. Ihre Finger bewegten sich im komplizierten Muster der Handsprache der T�chter. <emphasis>Er ist wie ein Kind, und wenn ein Kind etwas Gef�hrliches anfasst, dann bekommt es eben Pr�gel. Wenn sich ein Kind verletzt, weil man ihm nicht ordentlich beigebracht hat, die Finger von den Messern zu lassen, dann haben die Eltern Schande auf sich geladen.</emphasis></p><p><emphasis>Die letzte Tracht Pr�gel scheint ja nichts gebracht zu haben,</emphasis> erwiderte Surial. <emphasis>Er hat sie wie ein Mann und nicht wie ein Kind ertragen, aber er verh�lt sich nicht anders.</emphasis></p><p><emphasis>Dann m�ssen wir es eben noch einmal versuchen,</emphasis> sagte Lerian.</p><p>Aviendha lie� ihren Stein auf den Haufen neben dem Wachtposten fallen und drehte sich um. Sie beachtete die T�chter nicht, die den Lagereingang beobachteten, und sie beachteten sie ebenfalls nicht. Sich mit ihr w�hrend ihrer Strafe zu unterhalten, w�rde nur ihre Schande erh�hen, und ihre Speerschwestern w�rden das nicht tun.</p><p>Sie lie� sich auch nicht anmerken, dass sie die Unterhaltung verstand. Nat�rlich erwartete keiner, dass eine ehemalige Tochter die Handsprache verga�, aber besser, man hielt sich zur�ck. Die Handsprache geh�rte den T�chtern.</p><p>An einem zweiten Haufen w�hlte Aviendha einen gro�en Stein aus und ging zur�ck ins Lager. Sie wusste nicht, ob die T�chter ihre Unterhaltung fortsetzten, da sie ihre H�nde nicht mehr sehen konnte. Aber ihre Diskussion lie� sie nicht los. Es �rgerte die T�chter, dass Rand al'Thor ohne Leibw�chter zu seinem Treffen mit General Rodel Ituralde gegangen war. Es war nicht das erste Mal, dass er so unvern�nftig handelte, und doch schien er nicht lernen zu wollen, wie man es richtig machte. Oder er konnte es einfach nicht. Jedes Mal, wenn er sich ohne Schutz in Gefahr begab, beleidigte er die T�chter genauso schlimm, als h�tte er jeder von ihnen ins Gesicht geschlagen.</p><p>M�glicherweise schuldete Aviendha ihren Speerschwestern ja ein kleines <emphasis>Toh.</emphasis> Es war ihre Aufgabe gewesen, Rand al'Thor die Br�uche der Aiel beizubringen, und sie hatte offensichtlich versagt. Leider schuldete sie den Weisen Frauen ein viel gr��eres <emphasis>Toh,</emphasis> obwohl sie den Grund daf�r noch immer nicht kannte. Die geringere Pflicht ihren Speerschwestern gegen�ber w�rde warten m�ssen.</p><p>Ihre Arme schmerzten vom Schleppen. Die Steine waren glatt und schwer; man hatte von ihr verlangt, sie aus dem Fluss neben dem Herrenhaus auszugraben. Allein die mit Elayne verbrachte Zeit - als sie gezwungen gewesen war, in Wasser zu <emphasis>baden</emphasis> - hatte ihr die Kraft gegeben, in diesen Fluss zu schreiten. Damit hatte sie keine Schande auf sich geladen. Und wenigstens war es ein kleiner Fluss gewesen - Feuchtl�nder h�tten ihn f�lschlicherweise als Bach bezeichnet. Eine winzige Bergquelle, in der man sich die H�nde waschen oder einen Wasserschlauch f�llen konnte. Alles, das zu gro� war, um es mit einem Schritt zu �berqueren, war definitiv ein Fluss.</p><p>Wie gew�hnlich war der Tag bew�lkt, und im Lager herrschte gedr�ckte Stimmung. M�nner, die noch Tage zuvor bei der Ankunft der Aiel umhergeeilt waren, erschienen nun viel lethargischer. Das bedeutete nicht, dass das Lager unordentlich gewesen w�re; Davram Bashere war zwar ein Feuchtl�nder, aber er war auch ein viel zu erfahrener Kommandant, um so etwas zuzulassen. Doch die M�nner bewegten sich langsamer. Aviendha hatte mitbekommen, wie sich einige dar�ber beschwerten, dass der dunkle Himmel ihrem Gem�t zu schaffen machte. Wie seltsam die Feuchtl�nder doch waren! Was hatte das Wetter denn mit dem Gem�t zu tun? Sie konnte verstehen, dass man unzufrieden war, weil keine Raubz�ge anstanden oder weil eine Jagd ein schlechtes Ergebnis gebracht hatte. Aber weil Wolken den Himmel verdeckten? Wurde der Schatten hier so wenig gesch�tzt?</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und ging weiter. Sie hatte Steine gew�hlt, die ihre Muskeln anstrengten. Sonst h�tte sie ihre Strafe nicht ernst genommen, und das kam nicht infrage - auch wenn jeder Schritt ihre Ehre schmerzen lie�. Sie musste das ganze Lager durchqueren, wo sie jeder sehen konnte, und eine v�llig sinnlose T�tigkeit verrichten! Lieber h�tte sie sich allen nackt vor einem Schwei�zelt zur Schau gestellt. Lieber w�re sie tausend Spr�nge gelaufen oder so hart geschlagen worden, dass sie nicht mehr laufen konnte.</p><p>Sie erreichte das Herrenhaus und legte ihren Stein mit einem unterdr�ckten Seufzen ab. Zwei Soldaten aus Basheres Armee bewachten den Eingang, das �quivalent zu den beiden T�chtern am anderen Ende von Aviendhas Weg. Als sie sich b�ckte und einen gro�en Stein von einem zweiten Haufen an der Wand ausw�hlte, lauschte sie ihrer Unterhaltung.</p><p>�Verflucht, es ist hei߫, beschwerte sich einer der M�nner.</p><p>�Hei�?�, erwiderte der andere und schaute in den bew�lkten Himmel. �Du scherzt.�</p><p>Der erste W�chter wedelte sich mit der Hand Luft zu, pustete und schwitzte. �Wie kannst du das nicht f�hlen?�</p><p>�Du musst Fieber haben oder so.�</p><p>Der erste W�chter sch�ttelte den Kopf. �Ich mag nur die Hitze nicht, das ist alles.�</p><p>Aviendha nahm ihren Stein und trat den R�ckweg quer �ber den Rasen an. Nach einigem �berlegen war sie zu dem Schluss gekommen, dass man nur ein richtiger Feuchtl�nder sein konnte, wenn man eine Eigenschaft hatte, die sie alle verband: man musste sich gern beklagen. W�hrend der ersten Monate ihres Aufenthalts bei den Feuchtl�ndern hatte sie das als entehrend empfunden. War es diesem W�chter denn v�llig egal, dass er vor seinem Kameraden das Gesicht verlor, indem er allen seine Schw�che zeigte?</p><p>Sie waren alle so, selbst Elayne. Wenn man ihr zuh�rte, wie sie sich �ber die Schmerzen, �belkeit und Einschr�nkungen ihrer Schwangerschaft beklagte, h�tte man glauben k�nnen, dass sie dem Tod immer n�her kam! Aber wenn sich ausgerechnet <emphasis>Elayne</emphasis> beklagte, dann weigerte sich Aviendha, es als Zeichen der Schw�che zu akzeptieren. Ihre Erstschwester w�rde sich nicht so ehrlos benehmen.</p><p>Also musste darin irgendwo eine verborgene Ehre liegen. Vielleicht enth�llten die Feuchtl�nder ihren Kameraden ihre Schw�chen ja, um Freundschaft und Vertrauen anzubieten. Wenn deine Freunde deine Schw�chen kannten, w�rde ihnen das helfen, sollte man zusammen den Tanz der Speere tanzen. Aber vielleicht war dieses st�ndige Klagen auch nur die Art der Feuchtl�nder, Demut zu zeigen, so wie die <emphasis>Gai'schain</emphasis> durch ihre Unterw�rfigkeit Ehre bewiesen.</p><p>Elayne hatte sie ihre Theorien vorgetragen und nur ein Lachen voller Zuneigung geerntet. War das ein Aspekt der Feuchtl�ndergesellschaft, den ihre Erstschwester nicht mit Au�enseitern besprechen durfte? Oder hatte Elayne gelacht, weil sie etwas herausgefunden hatte, das sie nicht h�tte herausfinden d�rfen?</p><p>Was nun auch zutraf, es war offensichtlich eine Methode, Ehre zu zeigen, und das hatte Aviendha zufriedengestellt. W�re ihr Problem mit den Weisen Frauen doch nur so simpel gewesen! Von Feuchtl�ndern erwartete man, dass sie auf unvorhersehbare, unnat�rliche Weise handelten. Aber was sollte sie machen, wenn sich die Weisen Frauen so seltsam verhielten?</p><p>Langsam versp�rte sie Unmut - nicht wegen der Weisen Frauen, sondern mit sich selbst. Sie war stark und mutig. Nat�rlich nicht so mutig wie andere; sie konnte nur davon tr�umen, so mutig wie Elayne zu sein. Trotzdem fielen ihr nur wenige Probleme ein, die sie nicht mit dem Einsatz ihrer Speere, der Einen Macht oder ihrem Verstand h�tte l�sen k�nnen. Und doch hatte sie v�llig darin versagt, ihre derzeitige Misere zu entschl�sseln.</p><p>Sie erreichte die andere Seite des Lagers und legte ihren Stein ab, rieb sich die H�nde sauber. Die T�chter standen reglos und nachdenklich da. Aviendha ging zu dem anderen Haufen und nahm einen l�nglichen Stein mit kantigem Rand. Er war drei Handspannen breit, und die glatte Oberfl�che drohte ihr aus den Fingern zu rutschen. Sie musste mehrmals umgreifen, bevor sie einen guten Halt gefunden hatte. Sie ging zur�ck �ber das zertrampelte Wintergras, vorbei an den saldaeanischen Zelten in Richtung Herrenhaus.</p><p>Elayne w�re bestimmt der Ansicht gewesen, dass sie das Problem nicht richtig durchdacht hatte. Wo andere Leute nerv�s waren, war Elayne ruhig und nachdenklich. Manchmal ging es Aviendha auf die Nerven, wie gern ihre Erstschwester �ber die Dinge redete, bevor sie sich zu einer Handlung entschloss. <emphasis>Ich muss mehr wie sie sein. Ich darf nicht vergessen, dass ich keine Tochter des Speers mehr bin. Ich kann nicht mit erhobener Waffe irgendwo reinst�rmen.</emphasis></p><p>Sie musste Probleme auf Elaynes Weise angehen. Nur so w�rde sie ihre Ehre zur�ckgewinnen, und erst dann konnte sie Rand al'Thor f�r sich beanspruchen und ihn genauso zu einem Teil von sich machen, wie Elayne oder Min es getan hatten. Sie konnte ihn durch den Bund f�hlen; er war in seinem Zimmer, aber er schlief nicht. Er trieb sich hart an und schlief zu wenig.</p><p>Der Stein rutschte in ihren Fingern, und beinahe w�re sie gestolpert, als sie ihn neu fasste und mit ihren m�den Armen fester hielt. Ein paar von Basheres Soldaten passierten sie und musterten sie verst�ndnislos, und sie err�tete. Obwohl die M�nner vermutlich gar nicht wussten, dass sie bestraft wurde, war sie vor ihnen entehrt worden.</p><p>Wie w�rde Elayne diese Situation l�sen? Die Weisen Frauen waren w�tend auf sie, weil sie nicht �schnell genug lernte�. Gleichzeitig gaben sie ihr aber keinen Unterricht. Sie stellten blo� diese Fragen. Fragen �ber ihre Einsch�tzung der Situation, Fragen �ber Rand al'Thor oder �ber die Weise, wie Rhuarc die Besprechung mit dem <emphasis>Car'a'carn</emphasis> gemeistert hatte.</p><p>Aviendha konnte das Gef�hl nicht absch�tteln, dass die Fragen eine Pr�fung darstellten. Gab sie die falschen Antworten? Und wenn es so war, warum zeigte ihr keiner die richtigen Antworten?</p><p>Die Weisen Frauen hielten sie nicht f�r weich. Was blieb da noch �brig? Was w�rde Elayne sagen? Aviendha w�nschte sich ihre Speere zur�ck, dann h�tte sie auf etwas einstechen k�nnen. Angreifen, sich mit einem anderen messen, ihre Wut loswerden.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte sie energisch. <emphasis>Ich werde lernen, das wie eine Weise Frau zu erledigen. Ich</emphasis> werde <emphasis>meine Ehre zur�ckgewinnen!</emphasis></p><p>Sie erreichte das Haus und warf den Stein auf den Haufen, wischte sich die Stirn ab; Hitze und K�lte zu ignorieren, wie Elayne sie gelehrt hatte, verhinderte nicht, dass sie bei einer solch harten Arbeit schwitzte.</p><p>�Adrin?�, fragte der eine T�rw�chter seinen Kameraden. �Beim Licht, du siehst nicht gut aus. Wirklich nicht.�</p><p>Aviendha sah zur T�r. Der W�chter, der sich �ber die Hitze beschwert hatte, lehnte am T�rpfosten und hielt sich die Stirn. Er sah <emphasis>wirklich</emphasis> nicht gut aus. Aviendha umarmte <emphasis>Saidar.</emphasis> Sie war nicht besonders gut im Heilen, aber vielleicht konnte sie ja ...</p><p>Pl�tzlich griff der Mann nach oben und kratzte sich die Schl�fen. Er verdrehte die Augen, seine Finger rissen Furchen in die Haut. Aber statt Blut spuckten die Wunden eine schwarze, holzkohle�hnliche Substanz aus. Selbst aus dieser Entfernung konnte Aviendha die intensive Hitze sp�ren.</p><p>Der andere Mann keuchte entsetzt auf, als sein Freund Bahnen aus schwarzem Feuer in sein Gesicht grub. Brodelnder Teer sickerte zischend hervor. Seine Kleidung fing Feuer, und die Hitze lie� sein Fleisch schrumpfen.</p><p>Er gab nicht einen Laut von sich.</p><p>Aviendha sch�ttelte ihr Entsetzen ab und webte sofort ein einfaches Muster Luft, mit dem sie den anderen W�chter in Sicherheit zog. Sein Freund war mittlerweile ein pulsierender H�gel aus schwarzem Teer, aus dem an einigen Stellen geschw�rzte Knochen ragten. Es gab keinen Kopf mehr. Die Hitze war so stark, dass Aviendha zur�ckweichen musste und den W�chter mit sich zog.</p><p>�Wir ... wir werden angegriffen!�, fl�sterte der Mann. �Machtlenker!�</p><p>�Nein�, sagte Aviendha, �das ist etwas viel Schlimmeres. Holt Hilfe!�</p><p>Er schien viel zu entsetzt zu sein, um sich bewegen zu k�nnen, aber sie versetzte ihm einen heftigen Sto�, und er lief los. Der Teer schien sich nicht weiter auszubreiten, was ein Segen war, aber er hatte bereits den T�rrahmen entz�ndet. Er h�tte das ganze Geb�ude in Brand stecken k�nnen, bevor sich dort drinnen �berhaupt jemand der Gefahr bewusst geworden w�re.</p><p>Aviendha webte Luft und Wasser und wollte die Flammen l�schen. Aber sobald sich ihre Gewebe dem Feuer n�herten, erbebten sie und fingen an, ihre Konsistenz zu verlieren. Sie l�sten sich nicht auf, aber irgendwie widerstand ihnen dieses Feuer.</p><p>Sie wich einen weiteren Schritt vor diesem z�gellosen, flammenden Inferno zur�ck. Schwei� brannte auf ihrer Stirn, und sie musste den Arm heben, um das Gesicht vor der Hitze zu sch�tzen. Der mannshohe Teerklumpen begann im dunklen Rot und grellen Wei� extrem hei�er Kohlen zu gl�hen, bis seine Konturen fast nicht mehr zu erkennen waren. Bald waren nur noch Andeutungen von Schwarz zu sehen. Das Feuer breitete sich �ber die Vorderseite des Geb�udes aus. Drinnen ert�nten Schreie.</p><p>Aviendha sch�ttelte sich, dann knurrte sie und webte Erde und Luft, riss St�cke aus dem Boden, schleuderte sie ins Feuer, versuchte es zu ersticken. Ihr Gewebe konnte die Hitze nicht herausziehen, aber das hielt sie nicht davon ab, mit Geweben Dinge <emphasis>ins</emphasis> Feuer zu werfen. Grasbewachsene Erdklumpen zischten, fahle Grashalme verkohlten aufblitzend zu Asche. Aviendha arbeitete weiter, schwitzte durch die Anstrengung und die Temperatur. In der Ferne h�rte sie Leute - vermutlich die W�chter - nach Eimern rufen.</p><p>Eimer? Nat�rlich! Im Dreifachen Land war Wasser viel zu kostbar, um bei der Brandbek�mpfung benutzt zu werden. Man nahm Dreck oder Sand. Aber hier w�rde man Wasser nehmen. Aviendha machte mehrere Schritte zur�ck, suchte den Fluss, der am Haus vorbeifloss. Nur m�hsam konnte sie seine Oberfl�che ausmachen, auf der sich die roten und gelben Flammen spiegelten. Die gesamte Vorderfront des Hauses brannte bereits! Drinnen lenkte jemand die Macht - Aes Sedai oder Weise Frauen. Hoffentlich w�rden sie hinten aus dem Geb�ude entkommen. Das Feuer hatte den Eingangskorridor erreicht, und die abzweigenden Zimmer verf�gten �ber keine anderen Ausg�nge.</p><p>Aviendha webte eine massive S�ule aus Luft und Wasser, zapfte eine Font�ne aus kristallklarer Fl�ssigkeit aus dem Fluss und holte sie zu sich. Die Wassers�ule wogte in der Luft hin und her wie die Kreatur auf Rands Banner, ein glasiger, sich schl�ngelnder Drachen, der sich auf die Flammen st�rzte. Dampf explodierte in einer Wolke, die Aviendha einh�llte.</p><p>Die Hitze war gewaltig, der Dampf verbr�hte ihre Haut, aber sie wich nicht zur�ck. Sie holte noch mehr Wasser, schleuderte die dicke S�ule auf den dunklen H�gel, den sie durch den Dampf kaum sehen konnte.</p><p>Die Hitze war so schlimm! Aviendha taumelte zur�ck, biss die Z�hne zusammen, arbeitete weiter. Pl�tzlich gab es eine Explosion, als eine weitere Wassers�ule aus dem Fluss schoss und in das Feuer krachte. Zusammen mit ihrer S�ule wurde nun beinahe der ganze Fluss umgeleitet. Aviendha blinzelte. Die andere S�ule wurde von Geweben gesteuert, die sie nicht sehen konnte, aber sie bemerkte eine Gestalt an einem Fenster oben im ersten Stock, die die Hand ausstreckte und sich sichtlich konzentrierte. Naeff, einer von Rands Asha'man. Es hie�, er sei besonders stark mit Luft.</p><p>Das Feuer hatte sich zur�ckgezogen; nur der Teerh�gel stand noch da und strahlte intensive Hitze aus, die Wand daneben und der Eingang hatten sich in ein klaffendes, schwarzes Loch verwandelt. Aviendha schleuderte weiter Wasser gegen die verkohlte schwarze Masse, obwohl langsam eine extreme M�digkeit in ihr aufstieg. So viel Wasser zu bewegen erforderte von ihr, die Macht bis zur Grenze ihrer Kapazit�t zu lenken.</p><p>Bald h�rte das Wasser auf zu zischen. Aviendha schr�nkte den Strom ein, lie� ihn schlie�lich nur noch tr�pfeln. Der Boden um sie herum war eine nasse, geschw�rzte Masse, die durchdringend nach feuchter Asche roch. Holzst�cke und Holzkohle trieben in schlammigen Pf�tzen, und die L�cher, die sie in die Erde gegraben hatte, bildeten kleine Teiche. Z�gernd ging sie los und betrachtete den Klumpen, der die �berreste des ungl�cklichen Soldaten darstellte. Er war glasig und schwarz wie Obsidian und funkelte feucht. Aviendha hob eine angesengte Latte auf - von der Macht ihrer Wassers�ule von der Wand gerissen - und stie� dagegen. Die Masse war hart und fest.</p><p>�Verflucht!�, br�llte jemand. Aviendha sah auf. Rand al'Thor schritt durch das zerbrochene Loch, das jetzt die Vorderseite des Herrenhauses bildete. Er starrte in den Himmel und drohte mit der Faust. �Ich bin es, den ihr wollt! Ihr bekommt euren Krieg noch fr�h genug!�</p><p>�Rand�, sagte Aviendha z�gernd. Soldaten liefen auf dem Rasen herum und sahen besorgt aus, als rechneten sie mit einer Schlacht. Verwirrte Diener sp�hten aus den Fenstern. Der ganze Zwischenfall mit dem Feuer hatte keine f�nf Minuten gedauert.</p><p>�Ich halte euch auf!�, donnerte Rand, was Soldaten wie Diener Angstrufe aussto�en lie�. �H�rt ihr mich? Ich komme euch holen! Verschwendet eure Macht nicht! Ihr werdet sie gegen mich brauchen!�</p><p>�Rand!�, rief Aviendha.</p><p>Er erstarrte, dann sah er wie benommen auf sie herunter. Sie erwiderte seinen Blick und konnte seinen Zorn f�hlen, so wie sie noch eben die Flammen gesp�rt hatte. Ruckartig drehte er sich um, ging zur�ck ins Haus und stieg die geschw�rzten Stufen hinauf.</p><p>�Beim Licht!�, sagte eine nerv�se Stimme. �Geschieht so etwas oft, wenn <emphasis>er</emphasis> in der N�he ist?�</p><p>Aviendha drehte sich um. Ein junger Mann in einer unbekannten Uniform stand da und sah zu. Er war schlank, hatte hellbraunes Haar und kupferfarbene Haut - sie erinnerte sich nicht an seinen Namen, war sich aber ziemlich sicher, dass er einer der Offiziere war, die Rand nach seiner Begegnung mit Rodel Ituralde mitgebracht hatte.</p><p>Sie wandte sich wieder den Tr�mmern zu, h�rte, wie in der Ferne Soldaten Befehle riefen. Bashere war eingetroffen und �bernahm das Kommando, br�llte M�nnern zu, das Lager zu sichern, obwohl er sie vermutlich nur besch�ftigen wollte. Das war nicht der Beginn eines Angriffs. Da hatte der Dunkle K�nig nur wieder einmal die Welt ber�hrt, so wie Fleisch, das verdarb, K�fer und Ratten, die aus dem Nichts kamen, und M�nner, die seltsame Krankheiten dahinrafften.</p><p>�Ja�, sagte Aviendha, um die Frage des Mannes zu beantworten, �so etwas geschieht oft. �fter in der N�he des <emphasis>Car'a'carn</emphasis> als an anderen Orten. Gab es bei Euren M�nnern �hnliche Geschehnisse?�</p><p>�Ich habe Geschichten geh�rt�, sagte er. �Aber ich wollte sie nicht glauben.�</p><p>�Nicht alle Geschichten sind �bertreibungen.� Sie betrachtete die geschw�rzten �berreste des T�rw�chters. �Das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs ist schwach.�</p><p>�Verfluchte Asche�, sagte der junge Mann und wandte sich ab. �Wo habt Ihr uns nur da reingezogen, Rodel?� Er sch�ttelte den Kopf und ging.</p><p>Basheres Offiziere fingen an, Befehle zu geben, teilten M�nner ein, um aufzur�umen. W�rde Rand jetzt aus dem Haus ausziehen? Nach dem Erscheinen von Blasen des B�sen wollten die Menschen oft weg. Aber Aviendhas Bund mit Rand verriet ihr keine Dringlichkeit. Tats�chlich ... hatte es den Anschein, als h�tte er sich wieder zur Ruhe begeben. Die Stimmungen des Mannes wurden genauso sprunghaft wie Elaynes w�hrend ihrer Schwangerschaft.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und fing an, verbranntes Holz einzusammeln, um bei den Aufr�umarbeiten zu helfen. Mehrere Aes Sedai kamen aus dem Geb�ude und inspizierten den Schaden. Die ganze Vorderseite war mit schwarzen Streifen �bers�t, und das schwarze Loch, das sich nun dort befand, wo zuvor der Eingang gewesen war, ma� mindestens f�nfzehn Schritte. Eine der Frauen musterte Aviendha anerkennend. Es war Merise. �Eine Schande�, sagte sie.</p><p>Aviendha richtete sich auf, ein St�ck verkohltes Holz in der Hand. Ihre Kleidung war noch immer klatschnass. Bei diesen Wolken, die die Sonne verdeckten, w�rde es lange dauern, bis sie wieder trocken war. �Eine Schande?�, wiederholte sie. �Wegen dem Haus?� Lord Tellaen, der Besitzer, hockte auf einem Schemel im Eingang, jammerte leise vor sich hin, fuhr sich �ber die Stirn und sch�ttelte unabl�ssig den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte Merise. �Es ist eine Schande mit Euch, Kind. Euer Geschick mit Geweben ist beeindruckend. H�tten wir Euch in der Wei�en Burg gehabt, w�rt Ihr mittlerweile eine Aes Sedai. Euer Weben ist zwar teilweise etwas grob, aber Ihr w�rdet schnell lernen, das zu bereinigen, wenn Euch Schwestern unterrichteten.�</p><p>Ein deutlich h�rbares Schnauben lie� Aviendha herumfahren. Melaine stand hinter ihr. Die blonde Weise Frau hatte die Arme unter der Brust verschr�nkt, und ihrem leicht vorgew�lbten Bauch war deutlich das in ihr wachsende Kind anzusehen. Melaine war offensichtlich nicht am�siert. Wie hatte diese Frau nur in ihre N�he gelangen k�nnen, ohne dass sie es bemerkte? Ihre Ersch�pfung machte sie sorglos.</p><p>Melaine und Merise starrten einander einen langen Moment an, dann fuhr die hochgewachsene Aes Sedai mit rauschenden gr�nen R�cken herum und begab sich zu einer Gruppe Diener, denen die Flammen den Fluchtweg versperrt hatten, erkundigte sich, ob jemand Geheilt werden musste. Melaine sah ihr nach, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Eine unertr�gliche Frau!�, murmelte sie. �Wenn man bedenkt, was wir einst von ihnen hielten!�</p><p>�Weise Frau?�, fragte Aviendha.</p><p>�Ich bin st�rker als die meisten Aes Sedai, Aviendha, und du bist viel st�rker, als ich es bin. Du verstehst und kontrollierst Gewebe auf eine Weise, die die meisten von uns besch�mt. Andere lernen nur m�hsam das, was dir nur so zufliegt. �Euer Weben ist etwas grob�, sagte sie! Ich bezweifle, dass auch nur eine der Aes Sedai, ausgenommen vielleicht Cadsuane Sedai, das zustande gebracht h�tte, was du mit dieser Wassers�ule gemacht hast. Um Wasser so weit zu bewegen, musstest du den Druck des Flusses selbst benutzen.�</p><p>�Das habe ich getan?�, fragte Aviendha und blinzelte.</p><p>Melaine musterte sie, dann schnaubte sie wieder, dieses Mal aber leise und auf sich selbst gem�nzt. �Ja, das hast du getan. Du hast ein <emphasis>so</emphasis> gro�es Talent, Kind.�</p><p>Das Lob lie� Aviendha beinahe vor Stolz platzen; Weise Frauen lobten nur selten, daf�r meinten sie es dann aber immer ehrlich.</p><p>�Aber du willst einfach <emphasis>nicht</emphasis> lernen�, fuhr Melaine fort. �Es ist nicht mehr viel Zeit! Ich will dir eine Frage stellen. Was h�ltst du von Rand al'Thors Plan, diese Kaufmannsh�uptlinge der Domani zu entf�hren?�</p><p>Aviendha blinzelte wieder; sie war so m�de, dass es ihr schwerfiel, vern�nftig nachzudenken. Zuerst einmal widersprach es �berhaupt dem gesunden Menschenverstand, dass die Domani Kaufleute als Anf�hrer benutzten. Wie sollte ein Kaufmann Leute anf�hren k�nnen? Mussten sich Kaufleute nicht auf ihre Waren konzentrieren? Es war albern. W�rden die Feuchtl�nder denn niemals aufh�ren, sie mit ihren seltsamen Sitten zu verwirren?</p><p>Und warum fragte Melaine sie das ausgerechnet <emphasis>jetzt?</emphasis></p><p>�Sein Plan scheint gut zu sein, Weise Frau�, sagte Aviendha. �Aber es gef�llt den Speeren nicht, als Entf�hrer benutzt zu werden. Ich finde, der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> h�tte es besser so ausgedr�ckt, dass man den Kaufleuten Schutz anbietet, erzwungenen Schutz. Es h�tte den H�uptlingen besser gefallen, wenn man ihnen gesagt h�tte, dass sie besch�tzen sollen und nicht entf�hren.�</p><p>�Sie w�rden das Gleiche tun, ganz egal wie man es nennt.�</p><p>�Aber es ist wichtig, wie man Dinge nennt�, meinte Aviendha. �Es ist nicht unehrlich, wenn beide Definitionen zutreffen.�</p><p>Melaines Augen funkelten, und Aviendha entdeckte den Hauch eines L�chelns in ihren Mundwinkeln. �Wie fandest du die Besprechung sonst?�</p><p>�Rand al'Thor scheint noch immer der Ansicht zu sein, dass der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> wie ein K�nig der Feuchtl�nder Entscheidungen treffen kann. Das ist meine Schuld. Ich habe es nicht auf die richtige Weise erkl�rt.�</p><p>Melaine winkte ab. �Da hast du keine Schande auf dich geladen. Wir wissen doch alle, wie stur der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> ist. Die Weisen Frauen haben es auch versucht, und keine konnte ihn vern�nftig ausbilden.�</p><p>Also. Auch das war nicht der Grund f�r die Schande, die sie den Weisen Frauen gemacht hatte. Was war es <emphasis>dann?</emphasis> Aviendha unterdr�ckte ein entnervtes St�hnen und zwang sich dazu fortzufahren. �Trotzdem muss er daran erinnert werden. Immer wieder. Rhuarc ist ein weiser und geduldiger Mann, aber das trifft nicht auf alle Clanh�uptlinge zu. Ich wei�, dass sich einige fragen, ob es die richtige Entscheidung war, Rand al'Thor zu folgen.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Melaine. �Aber sieh dir an, was aus den Shaido wurde.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass sie recht haben, Weise Frau.� Ein paar Soldaten versuchten z�gernd, den glasigen schwarzen H�gel vom Boden zu l�sen. Anscheinend war er mit der Erde verschmolzen. Aviendha senkte die Stimme. �Es ist falsch von ihnen, den <emphasis>Car'a'carn</emphasis> anzuzweifeln, aber sie reden miteinander. Rand al'Thor muss erkennen, dass sie nicht eine Beleidigung nach der anderen endlos schlucken werden. Vielleicht wenden sie sich nicht gegen ihn wie die Shaido, aber es w�rde mich nicht �berraschen, sollte etwa Timolan einfach ins Dreifache Land zur�ckkehren und den <emphasis>Car'a'carn</emphasis> seiner Arroganz �berlassen.�</p><p>Melaine nickte. �Mach dir da mal keine Sorgen. Wir sind uns dieser ... M�glichkeit bewusst.�</p><p>Das bedeutete, dass man Weise Frauen losgeschickt hatte, um Timolan, den H�uptling der Miagoma Aiel, zu beschwichtigen. Es w�rde nicht das erste Mal sein. Wusste Rand al'Thor eigentlich, wie sehr sich die Weisen Frauen hinter seinem R�cken bem�hten, die Loyalit�t der Aiel aufrechtzuerhalten? Vermutlich nicht. Er sah sie alle als homogene Gruppe, die ihm verschworen war und benutzt werden konnte. Das war eine von Rands gr��ten Schw�chen. Er konnte nicht begreifen, dass Aiel genauso wenig wie andere Menschen auch gern als Werkzeuge benutzt wurden. Die Clans waren viel weniger miteinander verbunden, als er glaubte. Seinetwegen hatte man Blutfehden hintangestellt. Konnte er denn nicht begreifen, wie unglaublich das war? Sah er denn nicht, wie zerbrechlich diese Allianz auch weiterhin war?</p><p>Aber er war nicht nur von Geburt Feuchtl�nder, er war auch keine Weise Frau. Wenige Aiel sahen die Arbeit, die die Weisen Frauen auf Dutzenden verschiedenen Gebieten verrichteten. Wie einfach war Aviendha doch das Leben erschienen, als sie noch eine Tochter gewesen war! Damals h�tte sie es ma�los verbl�fft, h�tte sie erfahren, was da alles hinter ihrem R�cken vorging.</p><p>Melaine starrte das besch�digte Geb�ude an. �Das Relikt eines Relikts�, sagte sie, als w�rde sie mit sich selbst sprechen. �Und wenn er uns verbrannt und zerst�rt zur�ckl�sst, so wie diese Bretter? Was wird dann aus den Aiel? Schleppen wir uns zur�ck ins Dreifache Land und machen so weiter wie zuvor? Viele werden nicht gehen wollen. Diese L�nder k�nnen so viel bieten.�</p><p>Das Gewicht dieser Worte lie� Aviendha blinzeln. Sie hatte kaum dar�ber nachgedacht, was wohl geschehen w�rde, <emphasis>nachdem</emphasis> der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> mit ihnen fertig war. Sie konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt, darauf, ihre Ehre zur�ckzugewinnen und da zu sein, um Rand al'Thor in der Letzten Schlacht zu besch�tzen. Aber eine Weise Frau konnte nicht nur an das Jetzt oder das Morgen denken. Sie musste an die vor ihnen liegenden Jahre und die Zeiten denken, die ihnen der Wind bringen w�rde.</p><p>Das Relikt eines Relikts. Er hatte die Aiel als ein Volk zerbrochen. Was <emphasis>w�rde</emphasis> aus ihnen werden?</p><p>Melaine musterte sie wieder; ihre Miene wurde weicher. �Geh zu den Zelten und ruh dich aus, Kind. Du siehst aus wie ein Sharadan, der drei Tage auf dem Bauch �ber den Sand gekrochen ist.�</p><p>Aviendha sah auf ihre Arme herab, entdeckte die Ascheflocken von dem Brand. Ihre Kleidung war nass und schmutzig, und sie vermutete, dass ihr Gesicht genauso dreckig war. Ihre Arme schmerzten vom Steineschleppen. Sobald sie sich ihrer Ersch�pfung bewusst wurde, schien sie wie ein Windsturm �ber sie hereinzubrechen. Sie biss die Z�hne zusammen und zwang sich, aufrecht stehen zu bleiben. Sie w�rde sich nicht dadurch entehren, dass sie zusammenbrach! Aber sie wandte sich wie befohlen ab, um zu gehen.</p><p>�Oh, eines noch, Aviendha�, rief Melaine. �Wir reden morgen �ber deine Strafe.�</p><p>Entsetzt drehte sie sich um.</p><p>�Weil du mit den Steinen nicht fertig geworden bist�, sagte Melaine und betrachtete wieder die Zerst�rungen. �Und weil du nicht schnell genug lernst. Geh.�</p><p>Aviendha seufzte. Eine weitere Runde Fragen, eine weitere unverdiente Strafe. Es <emphasis>gab</emphasis> also einen Zusammenhang. Aber wie sah er aus?</p><p>Im Moment war sie zu ersch�pft, um dar�ber nachzudenken. Sie wollte blo� noch in ihr Bett und ertappte sich dabei, wie sie verr�terischerweise an die weiche, luxuri�se Matratze im Palast von Caemlyn dachte. Sie verbannte diese Gedanken. Wenn man so tief schlief, an Kissen und weiche Decken geschmiegt, dann war man viel zu entspannt, um aufzuwachen, wenn jemand einen in der Nacht ermorden wollte! Wie hatte sie sich nur von Elayne dazu �berreden lassen k�nnen, in diesen weichgefederten Todesfallen zu schlafen?</p><p>Als sie diesen Gedanken verdr�ngte, kam ihr noch ein anderer - ein verr�terischer. Der Gedanke an Rand al'Thor, der sich in seinem Zimmer ausruhte. Sie konnte zu ihm gehen ...</p><p>Nein! Nicht, bevor sie ihre Ehre zur�ckgewonnen hatte. Sie w�rde nicht als Bittstellerin zu ihm gehen. Sie w�rde als eine Frau mit Ehre zu ihm gehen. Vorausgesetzt, sie w�rde je entdecken, was sie falsch machte.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und marschierte zu dem Aiellager auf der anderen Seite des Rasens.</p></section><section><title><p>12</p><p>Unerwartete Begegnungen</p></title><p>Gedankenverloren schritt Egwene durch die h�hlenartigen Korridore der Wei�en Burg. Ihre beiden Roten Kerkerw�rterinnen folgten ihr. Sie erschienen dieser Tage etwas m�rrisch. Elaida befahl ihnen immer h�ufiger, bei Egwene zu bleiben; auch wenn die Personen wechselten, waren stets zwei bei ihr. Und doch hatte es beinahe den Anschein, als k�nnten sie sp�ren, dass Egwene sie als Diener und nicht als W�chter betrachtete.</p><p>Es war mehr als einen Monat her, seit Siuan ihr in <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> die verst�renden Neuigkeiten mitgeteilt hatte, aber noch immer dachte sie dar�ber nach. Die Geschehnisse waren eine Mahnung, dass die Welt zerbrach. In dieser Zeit h�tte die Wei�e Burg eine Quelle der Stabilit�t sein sollen. Stattdessen hatte sie sich entzweit, w�hrend Rand al'Thors M�nner Schwestern den Bund aufzwangen. Wie hatte Rand nur so etwas zulassen k�nnen? Offensichtlich war nur noch wenig von dem Jungen �brig, mit dem sie zusammen aufgewachsen war. Nat�rlich war auch nur noch wenig von der jugendlichen Egwene �brig. Lange vorbei die Tage, in denen sie scheinbar dazu bestimmt gewesen waren, zu heiraten und auf einem kleinen Bauernhof in den Zwei Fl�ssen zu leben.</p><p>Seltsamerweise brachte sie dieser Gedanke auf Gawyn. Wie lange war es her, dass sie ihn zuletzt gesehen und in Cairhien K�sse gestohlen hatte? Wo war er jetzt? War er in Sicherheit?</p><p>Konzentriere dich, befahl sie sich. Wische zuerst den Boden fertig, an dem du gerade arbeitest, bevor du mit dem Rest des Hauses anf�ngst. Gawyn konnte auf sich selbst aufpassen; darin war er schon in der Vergangenheit kompetent gewesen. In manchen F�llen zu kompetent.</p><p>Siuan und die anderen w�rden sich um die Sache mit den Asha'man k�mmern. Die anderen Neuigkeiten waren viel beunruhigender. Eine der Verlorenen im Lager? Eine Frau, die <emphasis>Saidin</emphasis> statt <emphasis>Saidar</emphasis> lenkte? Einst h�tte sie das f�r unm�glich gehalten. Aber in den S�len der Wei�en Burg waren ihr Geister begegnet, und die Korridore schienen sich t�glich zu ver�ndern. Das war nur ein weiteres Zeichen.</p><p>Sie fr�stelte. Halima hatte sie angefasst, hatte angeblich ihre Kopfschmerzen wegmassiert. Diese Kopfschmerzen waren nach ihrer Gefangennahme verschwunden; warum war ihr nie die Idee gekommen, dass Halima �berhaupt erst f�r sie verantwortlich war? Was hatte die Frau sonst noch geplant? �ber welche verborgenen Knoten w�rden die Aes Sedai stolpern, welche Fallen hatte sie gestellt?</p><p>Ein St�ck des Bodens nach dem anderen. Mach sauber, wo du rankommst, dann geh weiter. Siuan und die anderen w�rden sich auch um Halimas Pl�ne k�mmern m�ssen.</p><p>Egwenes Hintern schmerzte, aber die Schmerzen hatten eine immer geringere Bedeutung f�r sie. Manchmal lachte sie, wenn man sie schlug, manchmal auch nicht. Der Riemen war unwichtig. Der gr��ere Schmerz - was man Tar Valon angetan hatte - setzte ihr viel mehr zu. Sie nickte einer Gruppe wei�gekleideter Novizinnen zu, die ihr entgegenkamen, und sie machten einen Knicks. Egwene runzelte die Stirn, rief sie aber nicht zur Ordnung - sie hoffte nur, dass die Roten in ihrem Schlepptau ihnen keine Bu�e auferlegten, weil sie Egwene ihre Ehrerbietung erwiesen.</p><p>Ihr Ziel war das Quartier der Braunen Ajah, die Sektion, die sich nun unten im Fl�gel befand. Meidani hatte sich Zeit gelassen, sich freiwillig zu melden, um Egwene Unterricht zu geben. Heute war endlich die Anweisung gekommen, Wochen nach dem ersten Abendessen bei Elaida. Seltsamerweise hatte Bennae Nalsad <emphasis>ebenfalls</emphasis> angeboten, sie an diesem Tag zu unterrichten. Egwene hatte seit der vor Wochen erfolgten Unterhaltung nicht mehr mit der schienarischen Braunen gesprochen. Sie hatte keine Lektion bei derselben Schwester wiederholt. Und doch hatte man ihr am Morgen gesagt, dass das der erste Besuch des Tages f�r sie zu sein hatte.</p><p>Als sie den Ostfl�gel erreichte, in dem sich nun der Sektor der Braunen in der Burg befand, nahmen ihre Roten Aufpasser z�gernd im Korridor davor Aufstellung, um auf ihre R�ckkehr zu warten. Vermutlich w�re es Elaida lieber gewesen, wenn sie bei Egwene geblieben w�ren, aber nachdem die Roten ihr Gebiet so �bertrieben besch�tzten, konnte man nicht davon ausgehen, dass eine andere Ajah zwei Rote Schwestern in ihr Quartier lie�en - nicht einmal die sanften Braunen. Egwene beschleunigte ihre Schritte, als sie den Teil mit den braunen Bodenfliesen erreichte, passierte hin- und hereilende Frauen in unauff�lligen Kleidern. Es w�rde ein langer Tag werden, mit den Terminen bei den Schwestern, den bereits anberaumten Strafsitzungen und der �blichen Novizinnenarbeit wie B�den schrubben und anderen Pflichten.</p><p>Sie kam zu Bennaes T�r, z�gerte dann aber. Die meisten Schwestern erkl�rten sich nur gezwungenerma�en bereit, sie zu unterrichten, und es war oft eine unerfreuliche Erfahrung. Manche ihrer Lehrerinnen verabscheuten sie wegen ihrer Verbindung zu den Rebellen, andere �rgerte es, wie m�helos sie Gewebe webte, und wiederum andere waren au�er sich, wenn ihnen klar wurde, dass sie ihnen nicht den Respekt einer Novizin erweisen w�rde.</p><p>Allerdings waren diese �Lektionen� oftmals die beste M�glichkeit, die Saat gegen Elaida zu s�en. Bei dem ersten Besuch bei Bennae hatte sie etwas davon eingepflanzt. War sie nun erbl�ht?</p><p>Egwene klopfte und trat ein, nachdem man sie dazu aufforderte. Das Wohnzimmer war vollgestopft mit dem angesammelten Ramsch eines gelehrten Lebens. B�cherstapel lehnten wie miniaturisierte Stadtt�rme aneinander. Skelette diverser Kreaturen waren in verschiedenen Stadien der Konstruktion montiert; die Frau besa� genug Knochen, um eine Menagerie zu bev�lkern. Ein in der Ecke stehendes menschliches Skelett lie� Egwene fr�steln; es stand aufrecht und war mit Garn zusammengebunden, mit schwarzer Tinte waren Anmerkungen direkt auf die Knochen geschrieben.</p><p>Hier war kaum genug Raum, um sich zu bewegen, und nur ein Sitzplatz - Bennaes gepolsterter Stuhl, dessen Armlehnen zwei identische abgeschabte Einbuchtungen aufwiesen. Zweifellos ruhten dort die Arme der Braunen w�hrend zahlloser sp�tn�chtlicher Lesestunden. Die niedrige Decke f�hlte sich noch niedriger an, weil von ihr mehrere mumifizierte V�gel und astronomische Apparate hingen. Egwene musste wegen eines Modells der Sonne den Kopf senken, um den Platz zu erreichen, an dem Bennae gerade einen Stapel in Leder eingebundener B�cher durchbl�tterte.</p><p>�Ah�, sagte sie, als sie Egwene bemerkte. �Gut.� Auf eine knochige Weise schlank, hatte das Alter ihr dunkles Haar mit grauen Str�hnen durchzogen. Das Haar hatte sie zu einem festen Knoten zur�ckgebunden, und wie viele Braune trug sie ein einfaches Kleid, das schon seit zwei Jahrhunderten nicht mehr modern war.</p><p>Bennae ging zu ihrem Lehnstuhl und ignorierte die h�rteren St�hle vor dem Kamin - seit Egwenes letztem Besuch hatten sich dort Papierstapel angesammelt. Egwene r�umte einen Stuhl leer und stellte ein staubiges Rattenskelett zwischen zwei B�cherstapel �ber die Herrschaft Artur Falkenfl�gels auf den Boden.</p><p>�Nun, dann sollten wir mit Eurem Unterricht weitermachen�, sagte Bennae und lie� sich in ihren Stuhl zur�cksinken.</p><p>Egwene lie� sich nichts anmerken. Hatte Bennae um die Gelegenheit gebeten, sie weiter zu unterrichten? Oder hatte man sie dazu gen�tigt? Es w�re nicht das erste Mal, dass eine unkomplizierte Braune Schwester mehrfach zu einer Arbeit zwangsverpflichtet wurde, die sonst keiner wollte.</p><p>Nach Bennaes Bitten erschuf Egwene eine Reihe von Geweben, die weit �ber die F�higkeiten der meisten Novizinnen hinausgegangen w�ren, die ihr aber trotz der Beschneidung ihrer Macht durch die Spaltwurzel leichtfielen. Sie versuchte Bennae die Ansicht der Braunen �ber den Standortwechsel ihres Quartiers zu entlocken, aber wie die meisten Braunen, mit denen sie gesprochen hatte, zog sie es vor, dieses Thema zu meiden.</p><p>Egwene erschuf weitere Gewebe. Nach einer Weile fragte sie sich, was sie eigentlich hier sollte. Hatte Bennae sie nicht bei ihrem letzten Besuch gebeten, genau dieselben Gewebe zu demonstrieren?</p><p>�Sehr gut�, sagte Bennae und holte sich eine Tasse Tee aus dem Kessel, der auf einem kleinen Kohlebecken stand und warmgehalten wurde. Egwene bot sie keine Tasse an. �Darin seid Ihr ja recht geschickt. Aber ich wei� nicht. Habt Ihr denn auch den n�tigen scharfen Verstand und die F�higkeit, mit schwierigen Situationen umgehen zu k�nnen, die eine Aes Sedai haben muss?�</p><p>Egwene erwiderte nichts darauf, schenkte sich allerdings ohne zu fragen eine Tasse Tee ein. Bennae hatte keine Einw�nde.</p><p>�Mal sehen ...�, dachte Bennae laut nach. �Einmal angenommen, Ihr w�rt in einer Situation, in der Ihr Probleme mit ein paar Angeh�rigen Eurer eigenen Ajah habt. Ihr seid zuf�llig auf Informationen gesto�en, die Ihr eigentlich nicht wissen d�rft, und die Anf�hrer Eurer Ajah sind sehr aufgebracht dar�ber. Pl�tzlich bekommt Ihr einige sehr unerfreuliche Pflichten aufgetragen, als wollte man, dass Ihr von der Bildfl�che verschwindet. Sagt mir doch, was w�rdet Ihr in so einer Situation tun?�</p><p>Beinahe h�tte sich Egwene an ihrem Tee verschluckt. Die Braune war nicht besonders subtil. Also hatte sie angefangen, Fragen �ber das Dreizehnte Depositorium zu stellen, oder? Und das hatte sie in Schwierigkeiten gebracht? Eigentlich duften nur wenige �ber die Geheimgeschichte Bescheid wissen, die Egwene bei ihrem letzten Besuch so nebens�chlich erw�hnt hatte.</p><p>�Nun�, sagte sie und trank einen Schluck. �Lasst mich das mit einer vorurteilsfreien Sicht angehen. Ich glaube, das sollte man am besten vom Standpunkt der Anf�hrerinnen der Ajahs betrachten.�</p><p>Bennae runzelte leicht die Stirn. �Ich denke schon.�</p><p>�Nun, in der von Euch beschriebenen Situation k�nnen wir von der Annahme ausgehen, dass man diese Geheimnisse der Ajah zur Bewahrung anvertraut hat? Ah, gut. Nun, aus ihrer Sicht brachte man wichtige und sorgf�ltig geschmiedete Pl�ne in Unordnung. �berlegt, wie das aussehen muss. Jemand hat Geheimnisse erfahren, die ihn nichts angehen. Das weist auf ein Leck irgendwo unter den vertrauensw�rdigsten Anh�ngern hin.�</p><p>Bennae wurde blass. �Ich glaube, das k�nnte man so sehen.�</p><p>�Dann l�sst sich diese Situation am besten mit zwei Aktionen meistern.� Egwene trank noch einen Schluck Tee. Er schmeckte f�rchterlich. �Erstens sollte man die Anf�hrer der Ajah beruhigen. Sie m�ssen wissen, dass das Durchsickern der Information nicht <emphasis>ihr</emphasis> Fehler war. W�re ich die hypothetische Schwester, die �rger hat - und h�tte ich nichts Falsches getan -, w�rde ich zu ihnen gehen und es erkl�ren. Auf diese Weise k�nnten sie mit der Suche nach derjenigen aufh�ren, die die Information weitergegeben hat.�</p><p>�Aber das wird der Schwester - der hypothetischen Schwester, die �rger hat - vermutlich nicht dabei helfen�, sagte Bennae, �ihre Strafen aufzuheben.�</p><p>�Es k�nnte nicht schaden�, sagte Egwene. �Vermutlich wird sie ja nur �bestraft�, damit sie nicht im Weg ist, w�hrend die Anf�hrer der Ajah nach einem Verr�ter suchen. Wenn sie wissen, dass es den gar nicht gibt, werden sie eher geneigt sein, die Situation der gestrauchelten Schwester mit Mitgef�hl zu betrachten. Vor allem, nachdem sie ihnen eine L�sung angeboten hat.�</p><p>�Eine L�sung?�, fragte Bennae. Sie hielt die Teetasse, als h�tte sie sie ganz vergessen. �Und an welche L�sung h�ttet Ihr da gedacht?�</p><p>�Die beste, die es gibt: Kompetenz. Offensichtlich sind diese Geheimnisse einigen Mitgliedern der Ajah bekannt. Nun, sollte diese Schwester ihre Vertrauensw�rdigkeit und ihre F�higkeiten beweisen, w�rden die Anf�hrer ihrer Ajah vielleicht erkennen, dass sie am besten in der Position einer der H�terinnen der Geheimnisse aufgehoben w�re. Eine einfache L�sung, wenn man dar�ber nachdenkt.�</p><p>Bennae sa� nachdenklich da; direkt �ber ihr drehte sich ein kleiner mumifizierter Fink langsam an seiner Schnur. �Ja, aber wird das auch funktionieren?�</p><p>�Es ist auf jeden Fall besser, als in einem vergessenen Lagerraum Schriftrollen zu katalogisieren�, meinte Egwene. �Manchmal lassen sich ungerechte Bestrafungen nicht vermeiden, aber man sollte die anderen niemals vergessen lassen, <emphasis>dass</emphasis> es ungerecht ist. Wenn sie einfach hinnimmt, wie die Leute sie behandeln, dann wird es nicht lange dauern, bis sie der Meinung sind, dass sie die Position verdient, die man ihr zugewiesen hat.� <emphasis>Und danke, Silviana, f�r diesen kleinen Rat.</emphasis></p><p>�Ja.� Bennae nickte. �Ja, ich glaube, Ihr habt recht.�</p><p>�Ich helfe immer gern, Bennae�, sagte Egwene in leiserem Tonfall und widmete sich wieder ihrem Tee. �Nat�rlich in hypothetischen Situationen.�</p><p>Einen Augenblick bef�rchtete sie, zu weit gegangen zu sein, weil sie die Braune mit ihrem Namen angesprochen hatte. Aber Bennae erwiderte ihren Blick und lie� sich dann sogar so weit herab, ansatzweise dankend zu nicken.</p><p>W�re die mit Bennae verbrachte Stunde ein Einzelfall gewesen, h�tte Egwene sie trotzdem bemerkenswert gefunden. Allerdings �berraschte es sie, als beim Verlassen von Bennaes Rumpelkammer schon eine Novizin mit der Botschaft auf sie wartete, sich zu Nagora zu begeben, einer Wei�en Schwester. Bis zu ihrem Treffen mit Meidani war noch Zeit, also ging sie. Sie konnte den Befehl einer Schwester nicht ignorieren, auch wenn man ihr zweifellos sp�ter zus�tzliche Arbeiten auferlegen w�rde, weil sie es vers�umt hatte, den Boden zu putzen.</p><p>Bei Nagora musste sie sich in Logik �ben - und das pr�sentierte �logische R�tsel� hatte eine gro�e �hnlichkeit mit der Bitte um Hilfe, wie man mit einem Beh�ter umgehen sollte, dessen zunehmendes Alter und die Unf�higkeit zu k�mpfen ihm immer mehr zu schaffen machte. Egwene half so gut sie konnte, was Nagora als �makellose Logik� bezeichnete, bevor sie sie entlie�. Es wartete schon die n�chste Botschaft; dieses Mal kam sie von Suana, eine der Sitzenden der Gelben Ajah.</p><p>Eine Sitzende! Es war das erste Mal, dass man Egwene befahl, bei einer von ihnen anzutreten. Sie eilte los und wurde von einer Dienerin eingelassen. Suanas Gemach sah eher wie ein Garten als wie richtige Zimmer aus. Als Sitzende hatte Suana Anspruch auf ein Quartier mit Fenstern, und sie machte regen Gebrauch von dem eingesetzten Balkon als Kr�utergarten. Aber dar�ber hinaus hatte sie Spiegel so positioniert, um Licht in den Raum zu lenken, in dem es zahllose kleine eingetopfte B�ume, in gro�en Erdwannen wachsende B�sche und sogar ein kleines G�rtchen f�r Karotten und Radieschen gab. In einem Eimer entdeckte Egwene voller Unmut einen kleinen Haufen verfaultes Knollengem�se, das vermutlich gerade eben erst geerntet und bereits verdorben war.</p><p>In dem Raum roch es durchdringend nach Basilikum, Thymian und einem Dutzend anderer Kr�uter. Trotz der Probleme der Burg und trotz der faulenden Pflanzen munterte sie der hier herrschende Geruch nach Leben auf - die frisch umgegrabene Erde und die wachsenden Pflanzen. Und Nynaeve beschwerte sich immer, dass die Schwestern in der Wei�en Burg den Nutzen von Kr�utern ignorierten! H�tte sie doch nur Zeit mit der molligen, rundgesichtigen Suana verbringen k�nnen.</p><p>Egwene fand die Frau erstaunlich angenehm. Suana f�hrte sie durch eine Reihe von Geweben, von denen viele mit Heilen zu tun hatten; ein Gebiet, auf dem Egwene nie besonders gegl�nzt hatte. Dennoch musste ihr Geschick die Sitzende beeindruckt haben, denn mitten im Unterricht - Egwene sa� auf einem gepolsterten Hocker zwischen zwei eingetopften B�umen und Suana auf einem mit Leder �berzogenen Stuhl mit hoher Lehne - ver�nderte sich der Ton der Unterhaltung.</p><p>�Ich glaube, wir w�rden Euch gern bei den Gelben haben�, sagte die Frau.</p><p>Egwene war �berrascht. �Ich habe noch nie besonderes Geschick f�r das Heilen gezeigt.�</p><p>�Ein Gelbe zu sein hat nichts mit Geschick zu tun, Kind�, sagte Suana. �Es geht um Leidenschaft. Wenn Ihr es liebt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, das zu flicken, was zerrissen ist, dann w�rde auf Euch hier eine Bestimmung warten.�</p><p>�Vielen Dank�, sagte Egwene. �Aber die Amyrlin hat keine Ajah.�</p><p>�Ja, aber sie wird aus einer erhoben. Denkt dar�ber nach, Egwene. Ihr w�rdet hier eine gute Heimat finden.�</p><p>Das war eine best�rzende Unterhaltung. Offensichtlich betrachtete Suana sie nicht als Amyrlin, aber allein schon die Tatsache, dass sie sie f�r ihre Ajah rekrutieren wollte, sagte etwas aus. Es bedeutete, dass sie sie bis zu einem gewissen Grad als Schwester anerkannte.</p><p>�Suana�, sagte Egwene und testete, wie weit sie dieses Gef�hl von Anerkennung strapazieren durfte, �haben die Sitzenden dar�ber gesprochen, was wegen der Spannungen unter den Ajahs getan werden kann?�</p><p>�Ich w�sste nicht, was man da tun k�nnte�, erwiderte Suana und schaute auf ihren �berwucherten Balkon. �Wenn sich die anderen Ajahs entschieden haben, die Gelben als ihren Feind zu betrachten, kann ich sie nicht zwingen, sich nicht so albern zu verhalten.�</p><p><emphasis>Vermutlich sagen sie das Gleiche �ber euch,</emphasis> dachte Egwene. Laut sagte sie aber: �Jemand muss den ersten Schritt tun. Der Panzer des Misstrauens ist so dick geworden, dass er bald nur schwer zu zerbrechen sein wird. Wenn die Sitzenden verschiedener Ajahs vielleicht anfangen w�rden, die Mahlzeiten zusammen einzunehmen, oder man sie sehen w�rde, wie sie in Gesellschaft der anderen durch die G�nge gehen, w�rde das f�r den Rest der Burg vielleicht lehrreich sein.�</p><p>�Vielleicht ...�, sagte Suana.</p><p>�Sie sind nicht eure Feinde, Suana�, sagte Egwene etwas energischer.</p><p>Die Frau sah sie stirnrunzelnd an, als w�rde ihr pl�tzlich klar, von wem sie da einen Rat annahm. �Nun, ich denke, Ihr solltet Euch beeilen. Ich bin sicher, Ihr habt heute noch viel zu tun.�</p><p>Egwene lie� sich selbst heraus, ging sorgf�ltig tief h�ngenden �sten und Blument�pfen aus dem Weg. Erst als sie den Bereich der Gelben in der Burg verlassen und ihre beiden Roten Dienerinnen eingesammelt hatte, wurde ihr etwas bewusst. Sie hatte alle drei Begegnungen hinter sich gebracht, ohne eine einzige Bestrafung aufgeb�rdet zu bekommen. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Sie hatte sogar zwei von ihnen offen mit ihren Namen angesprochen!</p><p>Langsam akzeptierte man sie. Leider war das nur ein kleiner Teil der Schlacht. Der gr��ere bestand darin, daf�r zu sorgen, dass die Wei�e Burg die Belastungen �berlebte, die Elaida ihr aufb�rdete.</p><p>Meidanis Gem�cher waren �berraschend bequem und gem�tlich. Egwene hatte die Grauen eigentlich immer so �hnlich wie die Wei�en gesehen, perfekte Diplomaten, denen die Leidenschaft fehlte und die keine Zeit f�r pers�nliche Gef�hle oder Extravaganzen hatten.</p><p>Diese Zimmer wiesen jedoch auf eine Frau hin, die das Reisen liebte. In kunstvollen Rahmen hingen Landkarten, mitten an der Wand wie gesch�tzte Kunstwerke. Eine Karte wurde von zwei Aielspeeren eingerahmt; dann gab es eine Karte von den Inseln des Meervolks. Wo viele sich f�r Erinnerungsst�cke aus Porzellan entschieden h�tten, das man so oft mit dem Meervolk assoziierte, besa� Meidani eine kleine Sammlung aus Ohrringen und bemalten Muscheln, die sorgf�ltig auf einem Rahmen angebracht waren, unter dem eine kleine Plakette die Daten der Sammlung auflistete.</p><p>Das Wohnzimmer war wie ein Museum, das den Reisen einer Person gewidmet war. Ein mit vier funkelnden Rubinen geschm�ckter Hochzeitsdolch aus Altara hing neben einem kleinen Banner aus Cairhien und einem Schwert aus Schienar. Jedes Objekt mit einer Plakette versehen, die seine Bedeutung erkl�rte. Den Hochzeitsdolch zum Beispiel hatte man Meidani f�r ihre Hilfe bei der Beilegung eines Disputs zweier H�user geschenkt, der nach dem Tod eines besonders wichtigen Grundbesitzers entbrannt war. Seine Witwe hatte ihr das Messer als Zeichen ihrer Dankbarkeit gegeben.</p><p>Wer h�tte je gedacht, dass die eingesch�chterte Frau bei dem Abendessen vor ein paar Wochen eine solch stolze Sammlung besitzen w�rde? Selbst der Teppich trug eine Plakette, das Geschenk eines Kaufmanns, der ihn auf den abgesperrten Docks von Shara gekauft und dann Meidani gegeben hatte, um sich f�r die Heilung seiner Tochter zu bedanken. Er trug ein seltsames Muster und war anscheinend aus winzigen gef�rbten Schilfpflanzen gewebt, und die R�nder waren mit einem exotischen grauen Fell abgesetzt. Das Muster stellte exotische Gesch�pfe mit langen H�lsen dar.</p><p>Meidani selbst sa� auf einem seltsamen Korbstuhl, der so gestaltet worden war, dass er wie ein wucherndes Astgestr�pp aussah, das zuf�llig die Form eines Stuhls angenommen hatte. In jedem anderen Raum in der Burg w�re er schrecklich fehl am Platz gewesen, aber in dieses Gemach passte er, wo jeder Gegenstand anders war, wo nichts miteinander zu tun hatte und doch alles im selben Thema vereint war: auf Reisen erhaltene Geschenke.</p><p>Das Erscheinungsbild der Grauen unterschied sich �berraschend von dem beim Mahl mit Elaida. Das tief ausgeschnittene bunte Gewand war einem hoch geschlossenen Kleid in schlichter wei�er Farbe gewichen, das so geschnitten war, als sollte es ihren Busen kaschieren. Das dunkelblonde Haar war zu einem Knoten gebunden, und sie trug nicht ein einziges St�ck Schmuck. War dieser Kontrast beabsichtigt?</p><p>�Ihr habt Euch Zeit gelassen, mich zu Euch zu befehlen�, sagte Egwene.</p><p>�Ich wollte bei der Amyrlin keinen Verdacht erregen�, sagte Meidani, als Egwene �ber den exotischen Teppich aus Shara ging. �Au�erdem bin ich mir noch immer nicht sicher, was ich von Euch halten soll.�</p><p>�Mir ist egal, was Ihr von mir haltet�, erwiderte Egwene und setzte sich auf einen �bergro�en Stuhl aus Eiche, dessen Plakette ihn als das Geschenk eines Geldverleihers aus Tear identifizierte. �Eine Amyrlin muss nicht wissen, was jene von ihr halten, die ihr folgen, so lange man ihr gehorcht.�</p><p>�Man hat Euch gefangen genommen und gest�rzt.�</p><p>Egwene hob eine Braue und erwiderte Meidanis Blick. �Gefangen genommen, das ist richtig.�</p><p>�Der Saal der Rebellen wird mittlerweile eine neue Amyrlin gew�hlt haben.�</p><p>�Ich wei� zuf�llig, dass das nicht der Fall ist�, sagte Egwene.</p><p>Dann z�gerte sie. Den Kontakt mit den Rebellen zu enth�llen war gewagt, aber wenn sie sich nicht die Loyalit�t von Meidani und den Spionen sichern konnte, dann befand sie sich auf sehr wackligem Boden. Sie war von der Annahme ausgegangen, dass es nicht schwerfallen w�rde, die Unterst�tzung dieser Frau zu gewinnen, nicht, wenn man bedachte, welche Angst Meidani bei diesem Essen gezeigt hatte. Aber anscheinend war sie doch nicht so leicht einzusch�chtern, wie es den Anschein gehabt hatte.</p><p>�Nun�, sagte Meidani. �Selbst wenn das die Wahrheit sein sollte, m�sst Ihr wissen, dass sie Euch nur als Galionsfigur ausgesucht haben. Eine Marionette, die man lenken kann.�</p><p>Egwene erwiderte den Blick der Frau.</p><p>�Ihr verf�gt �ber keine richtige Autorit�t�, sagte Meidani mit leicht schwankender Stimme.</p><p>Egwene senkte den Blick nicht. Meidani studierte sie; ganz langsam runzelte sie die Stirn, erschienen Falten auf dem glatten alterslosen Aes Sedai-Gesicht. Sie suchte in Egwenes Augen, wie ein Steinmetz einen Stein nach Fehlern untersuchte, bevor er ihn an Ort und Stelle bef�rderte. Was sie dort fand, schien sie nur noch mehr zu verwirren.</p><p>�Ihr werdet mir jetzt ganz genau erkl�ren, warum Ihr nicht aus der Burg geflohen seid�, sagte Egwene, als h�tte man sie gerade nicht infrage gestellt. �Zwar bin ich der Meinung, dass es durchaus n�tzlich ist, wenn Ihr Elaida ausspioniert, aber Ihr m�sst doch wissen, in welcher Gefahr Ihr nun schwebt, da sie wei�, wo Eure wahre Loyalit�t liegt. Warum geht Ihr nicht?�</p><p>�Das ... kann ich nicht sagen�, antwortete Meidani und schaute zur Seite.</p><p>�Ich befehle es Euch als Eure Amyrlin.�</p><p>�Ich kann es trotzdem nicht sagen.� Meidani schaute zu Boden, als w�rde sie sich sch�men.</p><p><emphasis>Seltsam,</emphasis> dachte Egwene und verbarg ihren Unmut. �Es ist offensichtlich, dass Ihr den Ernst Eurer Situation nicht begreift. Entweder Ihr akzeptiert meine Autorit�t, oder Ihr akzeptiert Elaidas. Da gibt es keine Position in der Mitte, Meidani. Und eines kann ich Euch versprechen: sollte Elaida den Sitz der Amyrlin behalten, werdet Ihr <emphasis>nicht</emphasis> erfreulich finden, wie sie mit denjenigen umgehen wird, die sie als Verr�ter betrachtet.�</p><p>Meidani starrte noch immer zu Boden. Trotz ihres anf�nglichen Widerstands hatte es den Anschein, als verf�gte sie nun �ber keine gro�e Willenskraft mehr.</p><p>�Ich verstehe.� Egwene erhob sich. �Ihr habt uns verraten, nicht wahr? Seid Ihr zu Elaidas Seite �bergelaufen, bevor man Euch entlarvt hat, oder erst nach Beonins Gest�ndnis?�</p><p>Meidani sah sofort auf. �Was? Nein! Ich habe unsere Sache nicht verraten!� Ihr schien schlecht zu sein, sie war ganz blass, und ihr Mund war nur ein schmaler Strich. �Wie k�nnt Ihr nur glauben, dass ich diese <emphasis>schreckliche</emphasis> Frau unterst�tzen w�rde? Ich hasse, was sie der Burg angetan hat.�</p><p>Nun, das war eindeutig genug; diese Behauptungen lie�en nur wenig Raum, um sich an den Drei Eiden herumzumogeln. Entweder sagte Meidani die Wahrheit, oder sie geh�rte zu den Schwarzen. Allerdings konnte sich Egwene nur schwer vorstellen, dass sich eine Schwarze Schwester durch eine L�ge in Gefahr bringen w�rde, die sich mit relativ wenig M�he aufdecken lie�.</p><p>�Warum also nicht fliehen?�, fragte sie. �Warum bleiben?�</p><p>Meidani sch�ttelte den Kopf. �Ich kann es nicht sagen.�</p><p>Egwene holte tief Luft. Etwas an der ganzen Unterhaltung irritierte sie. �Verratet Ihr mir denn wenigstens, warum Ihr so oft mit Elaida speist? Doch bestimmt nicht, weil Ihr diese Behandlung genie�t.�</p><p>Meidani err�tete. �W�hrend unserer Novizinnenzeit waren Elaida und ich Kopfkissenfreundinnen. Die anderen waren der Ansicht, ich k�me vielleicht an wertvolle Information, wenn ich diese Beziehung auffrische.�</p><p>Egwene verschr�nkte die Arme unter der Brust. �Die Annahme, dass sie Euch vertraut, erscheint doch sehr weit hergeholt. Aber ihr Machthunger verleitet sie dazu, leichtsinnige Entscheidungen zu treffen, also war der Plan vielleicht nicht v�llig verr�ckt. Aber jetzt, da sie Eure wahre Loyalit�t kennt, wird sie Euch niemals ins Vertrauen ziehen.�</p><p>�Ich wei�. Aber es wurde entschieden, dass ich mir nicht anmerken lassen soll, dar�ber Bescheid zu wissen, dass sie es erfahren hat. Sollte ich jetzt zur�ckweichen, w�rde nur rauskommen, dass wir gewarnt wurden - und das ist einer der wenigen kostbaren Vorteile, die wir haben.�</p><p>Kostbar genug, dass sie einfach aus der Burg h�tte fliehen sollen. Es gab doch nichts zu gewinnen, wenn sie blieb. Also warum? Es hatte den Anschein, dass etwas diese Frau zur�ckhielt. Etwas Bedeutsames. Ein Versprechen?</p><p>�Meidani�, sagte Egwene, �ich muss wissen, was Ihr mir da verschweigt.�</p><p>Meidani sch�ttelte den Kopf; sie sah beinah schon ver�ngstigt aus. <emphasis>Beim Licht!,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Ich werde nicht so mit ihr umspringen, wie es Elaida beim Abendessen tut.</emphasis></p><p>Sie setzte sich wieder. �Setzt Euch gerade hin, Meidani. Ihr seid keine einf�ltige Novizin. Ihr seid eine Aes Sedai. Also fangt an, Euch auch so zu benehmen.�</p><p>Die Graue schaute auf. Die R�ge lie� Wut in ihren Augen aufblitzen. Egwene nickte zufrieden. �Wir <emphasis>werden</emphasis> den Schaden beheben, den Elaida angerichtet hat, und ich werde meine rechtm��ige Stellung als Amyrlin einnehmen. Aber auf uns wartet Arbeit.�</p><p>�Ich kann nicht ...�</p><p>�Doch. Ihr k�nnt mir nicht sagen, was nicht stimmt. Ich vermute, das hat mit den Drei Eiden zu tun, auch wenn allein das Licht wei�, warum das so ist. Wir k�nnen das Problem umgehen. Ihr k�nnt mir nicht sagen, warum Ihr in der Burg geblieben seid. Aber k�nnt Ihr es mir zeigen?�</p><p>Meidani legte den Kopf schief. �Ich bin mir nicht sicher. Ich k�nnte euch zu ...� Abrupt unterbrach sie sich. Ja, einer der Eide hinderte sie mit Gewalt am Weitersprechen. �Vielleicht k�nnte ich es Euch zeigen�, beendete sie lahm ihren Satz. �Ich bin mir nicht sicher.�</p><p>�Dann lasst es uns herausfinden. Wie gef�hrlich w�re es, wenn meine Roten Aufpasserinnen uns folgen?�</p><p>Meidani wurde totenbleich. �Sehr gef�hrlich.�</p><p>�Dann werden wir sie zur�cklassen m�ssen�, sagte Egwene und tippte gedankenverloren auf der Lehne des �bergro�en Eichenstuhls herum, w�hrend sie nachdachte. �Wir k�nnten den Bereich der Grauen auf einem anderen Weg verlassen, aber sollte man uns sehen, w�rde das schwierige Fragen aufwerfen.�</p><p>�Es lauern viele Rote an den Eing�ngen und Ausg�ngen unserer Gem�cher�, sagte Meidani. �Ich habe den Verdacht, dass alle Ajah einander so bewachen. Es wird sehr schwierig sein, unbemerkt verschwinden zu k�nnen. Sie w�rden mir nicht folgen, wenn ich allein bin, aber wenn sie Euch sehen ...�</p><p>Spione, die die Quartiere der anderen Ajah beobachteten? Beim Licht! War es wirklich so schlimm geworden? Das war genauso, als w�rde man Sp�her zu feindlichen Lagern schicken. Sie konnte das Risiko nicht eingehen, dass man sie zusammen mit Meidani sah, aber allein zu gehen w�rde ebenfalls Aufmerksamkeit auf sich lenken - die Roten wussten, dass sie bewacht werden sollte.</p><p>Ihr fiel nur eine M�glichkeit ein, wie man dieses Problem l�sen konnte. Sie musterte Meidani. Wie weit konnte man ihr vertrauen? �Ihr versprecht, dass Ihr Elaida nicht unterst�tzt und dass Ihr meine F�hrung akzeptiert?�</p><p>Die Graue z�gerte, dann nickte sie. �Das tue ich.�</p><p>�Wenn ich Euch etwas zeige, schw�rt ihr, es niemand anderem zu enth�llen, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen?�</p><p>Sie runzelte die Stirn. �Ja.�</p><p>Egwene traf ihre Entscheidung. Sie holte tief Luft und umarmte die Quelle. �Passt genau auf�, sagte sie und webte Str�me aus Geist. Von der Spaltwurzel ged�mpft war sie nicht stark genug, um ein Wegetor zu �ffnen, aber sie konnte der Grauen das Gewebe zeigen.</p><p>�Was ist denn <emphasis>das?</emphasis>�, fragte Meidani.</p><p>�Man nennt es Wegetor�, erkl�rte Egwene. �Zum Schnellen Reisen.�</p><p>�Schnelles Reisen ist unm�glich�, sagte Meidani sofort. �Diese F�higkeit ist schon verloren seit ...� Sie verstummte und riss die Augen nur noch weiter auf.</p><p>Egwene lie� das Gewebe sich aufl�sen. Augenblicklich umarmte Meidani mit entschlossener Miene die Quelle.</p><p>�Denkt an den Ort, an den Ihr gehen wollt�, sagte Egwene. �Damit das funktioniert, m�sst Ihr den Ort, den Ihr zur�cklasst, sehr gut kennen. Ich nehme an, Ihr seid ausreichend mit Euren Gem�chern vertraut. W�hlt ein Ziel, an dem sich aller Voraussicht niemand aufh�lt; Wegetore k�nnen gef�hrlich sein, wenn sie sich an der falschen Stelle �ffnen.�</p><p>Meidani nickte, der blonde Haarknoten wackelte, als sie sich konzentrierte. Sie imitierte Egwenes Gewebe auf durchaus bewundernsw�rdige Weise, und ein Wegetor �ffnete sich genau zwischen ihnen. Der wei�e Strich zerteilte die Luft und verdrehte sich. Das Loch befand sich auf Meidanis Seite; Egwene sah nur eine schimmernde Stelle, wie eine die Luft verzerrende Hitzewoge. Sie umrundete das Wegetor und blickte durch das Loch in einen dunklen steinernen Korridor. Die Bodenfliesen waren in einem ged�mpften Wei� und Braun gehalten, und es waren keine Fenster in Sicht. Das mussten die Tiefen der Burg sein, nahm Egwene an.</p><p>�Schnell�, sagte sie. �Wenn ich Eure Gem�cher nicht nach einer Stunde wieder verlasse, k�nnten sich meine Roten Aufpasserinnen fragen, was denn so lange dauert. Es ist schon verd�chtig, dass ausgerechnet Ihr nach mir schickt. Wir k�nnen nur hoffen, dass sich Elaida nicht �ber diesen Zufall wundert.�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Meidani, eilte zum Tisch und ergriff eine Bronzelampe, deren Docht brannte. Dann z�gerte sie.</p><p>�Was?�, fragte Egwene.</p><p>�Ich bin nur �berrascht.�</p><p>Um ein Haar h�tte Egwene gefragt, was denn so �berraschend war, aber dann sah sie es in Meidanis Augen. Meidani war �berrascht, wie schnell sie doch gehorchte. Sie war �berrascht, wie nat�rlich es war, Egwene als Amyrlin zu betrachten. Noch war diese Frau nicht v�llig gewonnen, aber sie war nahe dran.</p><p>�Schnell�, sagte Egwene.</p><p>Meidani nickte, trat durch das Wegetor, und Egwene folgte ihr. Obwohl auf dem dahinter liegenden Boden kein Staub lag, erf�llte modrige Luft den Korridor. Die W�nde wiesen keine der Verzierungen auf, wie man sie gelegentlich in den oberen G�ngen sah, und die einzigen Laute wurden in der Ferne von ein paar Ratten verursacht. Ratten! In der Wei�en Burg! Einst w�re das unm�glich gewesen. Das Versagen der Schutzgewebe war nur eine weitere Unm�glichkeit auf einer stetig wachsenden Liste.</p><p>Dieser Teil der Burg wurde nicht oft von den Dienern besucht. Vermutlich hatte ihn die Graue deshalb zum �ffnen des Tores ausgesucht. Das war alles sch�n und gut, aber vermutlich �bertrieb sie es mit ihrer Vorsicht. So tief unten in der Burg w�rde man kostbare Minuten verschwenden, um zu den Hauptkorridoren zur�ckzukehren und zu finden, was Meidani ihr zeigen wollte. Und das w�rde seine eigenen Probleme mit sich bringen. Was w�rde passieren, wenn andere Schwestern bemerkten, dass sie ohne ihre �bliche Eskorte aus Roten Ajah unterwegs war?</p><p>Doch bevor sie ihrer Sorge Ausdruck geben konnte, setzte sich Meidani in Bewegung. Aber nicht auf die Treppen zu, sondern nach unten, in die Tiefe. Egwene runzelte die Stirn, folgte ihr aber.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob mir erlaubt ist, Euch das zu zeigen�, sagte Meidani leise. Ihre R�cke rauschten; der Laut �hnelte dem Trippeln der fernen Ratten. �Aber ich muss Euch warnen, dass Ihr �berrascht sein k�nntet, wo Ihr Euch hineinbegebt. Es k�nnte gef�hrlich sein.�</p><p>Sprach Meidani von k�rperlicher oder politischer Gefahr? Vermutlich war Egwene schon so tief in Letztere verwickelt, wie das �berhaupt m�glich war. Trotzdem nickte sie und akzeptierte die Warnung. �Ich verstehe. Aber wenn in der Burg etwas Gef�hrliches vor sich geht, dann muss ich das wissen. Das ist nicht nur mein Recht, sondern meine Pflicht.�</p><p>Meidani sagte nichts mehr. Sie f�hrte Egwene durch die gewundenen G�nge und murmelte etwas davon, dass sie gern ihren Beh�ter mitgenommen h�tte. Anscheinend hatte er einen Botengang in der Stadt zu erledigen. Der Gang beschrieb Biegungen, die dem Leib der Gro�en Schlange selbst nicht un�hnlich waren. Gerade als Egwene ungeduldig wurde, blieb Meidani neben einer geschlossenen T�r stehen. Sie unterschied sich nicht von den Dutzenden anderen fast vergessenen Lagerr�umen, die den Hauptkorridor s�umten. Z�gernd hob Meidani die Hand, dann klopfte sie fest.</p><p>Augenblicklich �ffnete sich die T�r und enth�llte einen aufmerksam blickenden Beh�ter mit r�tlichem Haar und kantigem Kinn. Er musterte Meidani, dann wandte er sich Egwene zu, und seine Miene wurde finster. Sein Arm zuckte, als k�nnte er sich kaum davon abhalten, nach dem Schwert an seiner Seite zu greifen.</p><p>�Das wird Meidani sein�, sagte eine Frauenstimme in dem Raum, �die �ber ihr Treffen mit dem M�dchen berichten will. Adsalan?�</p><p>Der Beh�ter trat zur Seite und gab den Blick auf einen kleinen Raum frei, in dem Kisten als Sitzgelegenheiten dienten. Dort hielten sich vier Frauen auf, alle Aes Sedai. Und unglaublicherweise geh�rte jede einer anderen Ajah an! Egwene hatte Frauen vier verschiedener Ajahs nicht einmal gemeinsam durch einen Korridor gehen sehen, geschweige denn Konferenzen abhalten. Nicht eine einzige von ihnen geh�rte zu den Roten, und jede war eine Sitzende.</p><p>Seaine war eine stattliche Frau in einem wei�en, mit Silber abgesetzten Kleid. Die Sitzende der Wei�en Ajah hatte dichtes schwarzes Haar und w�ssrig blickende blaue Augen, die Egwene ruhig musterten. Doesine war eine Sitzende der Gelben Ajah. F�r eine Cairhienerin war sie schlank und hochgewachsen, ihr teures rosafarbenes Kleid war mit goldenen Stickereien verziert. Ihr Haar war mit Saphiren geschm�ckt, die zu dem Stein auf ihrer Stirn passten.</p><p>Yukiri war die Graue Schwester, die neben Doesine sa�. Yukiri war eine der kleinsten Frauen, die Egwene je kennengelernt hatte, aber sie hatte eine Art, andere anzusehen, die sie immer dominant erscheinen lie�, selbst wenn sie in Begleitung einer viel gr��eren Aes Sedai war. Die letzte Frau war Saerin, eine Sitzende der Braunen aus Altara. Wie viele Braune trug sie schmucklose Kleider, dieses hier in einem unauff�lligen Braun. Ihre olivfarbene Haut wurde von einer Narbe auf der linken Wange verunstaltet. Egwene wusste nur wenig �ber sie. Von allen Schwestern im Raum schien sie am wenigsten �berrascht, Egwene zu sehen.</p><p>�Was habt Ihr getan?�, sagte Seaine fassungslos zu Meidani.</p><p>�Adsalan, bring sie rein�, befahl Doesine, stand auf und gestikulierte hektisch. �Falls jemand vorbeikommt und die kleine al'Vere hier sieht ...�</p><p>Die strengen Worte lie�en Meidani zusammenzucken - ja, sie w�rde hart an sich arbeiten m�ssen, bevor sie wieder die Haltung einer Aes Sedai haben w�rde. Egwene trat ein, bevor der bullige Beh�ter sie hereinziehen konnte. Meidani folgte ihr, und Adsalan schloss energisch die T�r. Der Raum wurde von zwei Lampen erhellt, die nicht genug Licht verbreiteten, als wollten sie die verschw�rerische Natur der Frauenkonferenz noch unterstreichen.</p><p>So wie die vier Sitzenden die Kisten in Beschlag nahmen, h�tten es genauso gut Thronsessel sein k�nnen, also setzte sich Egwene ebenfalls. �Man hat Euch nicht erlaubt, sich zu setzen, M�dchen�, sagte Saerin kalt. �Meidani, was hat das zu bedeuten? Euer Eid sollte solche Fehler verhindern!�</p><p>�Eid?�, fragte Egwene. �Was f�r ein Eid sollte das wohl sein?�</p><p>�Seid still, M�dchen�, fauchte Yukiri und schlug Egwene mit einem Strang Luft quer �ber den R�cken. Es war ein so sanfter Hieb, dass Egwene beinahe gelacht hatte.</p><p>�Ich habe meinen Eid nicht gebrochen!�, sagte Meidani schnell und trat an Egwenes Seite. �Ihr habt mir befohlen, niemandem von diesen Treffen zu erz�hlen. Nun, ich habe gehorcht - ich habe es ihr nicht gesagt. Ich habe es ihr gezeigt.� Da war ja doch noch ein Funken Widerstand in der Frau. Das war gut.</p><p>Egwene war sich nicht sicher, was in diesem Raum vor sich ging, aber vier Sitzende, die hier zusammensa�en, boten ihr eine beispiellose Gelegenheit. Sie h�tte nie geglaubt, die Chance zu bekommen, mit so vielen von ihnen gleichzeitig zu sprechen, und wenn die Frauen hier bereit waren, sich zu treffen, dann waren sie vielleicht unber�hrt von den Rissen, die den Rest der Burg unterminierten.</p><p>Oder deutete dieses Treffen etwas Finsteres an? Eide, die Egwene unbekannt waren, Treffen weitab der oberen Korridore, ein Beh�ter, der eine T�r bewachte ... kamen diese Frauen von vier Ajahs oder nur von einer? War sie unabsichtlich mitten in ein Nest von Schwarzen hineingetappt?</p><p>Mit pochendem Herzen zwang sich Egwene, keine voreiligen Schl�sse zu ziehen. Falls sie Schwarze waren, dann sa� sie in der Falle. Falls nicht, wartete Arbeit auf sie.</p><p>�Das kommt ausgesprochen unerwartet�, sagte die beherrschte Seaine zu Meidani. �In Zukunft werden wir Eide bedeutend sorgf�ltiger formulieren.�</p><p>Yukiri nickte. �Ich h�tte nicht geglaubt, dass Ihr so kindisch w�rt, uns aus reinem Trotz auffliegen zu lassen. Wir h�tten sehen m�ssen, dass Ihr wie wir alle genug Erfahrung darin habt, Eide zu beugen, um sie Euren Bed�rfnissen anzupassen.�</p><p><emphasis>Moment mal,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Das klingt wie ...</emphasis></p><p>�Ich glaube, f�r diesen Versto� ist eine Bu�e angebracht�, fuhr Yukiri fort. �Aber was sollen wir mit diesem M�dchen machen, das sie angeschleppt hat? Sie hat nicht auf den Eidstab geschworen, also w�rde es ...�</p><p>�Ihr habt ihr einen <emphasis>vierten Eid</emphasis> abverlangt, nicht wahr?�, unterbrach Egwene sie. �Was beim Licht habt Ihr Euch nur dabei gedacht?�</p><p>Yukiri starrte sie an, und Egwene sp�rte den n�chsten Schlag Luft. �Man hat Euch nicht zu sprechen erlaubt!�</p><p>�Die Amyrlin braucht keine Erlaubnis zum Sprechen�, sagte Egwene und starrte die Frauen nieder. �Was habt Ihr hier nur <emphasis>getan,</emphasis> Yukiri? Ihr verratet alles, das wir sind! Die Eide sollen nicht als Werkzeug der Spaltung dienen. Ist denn die ganze Burg so verr�ckt wie Elaida geworden?�</p><p>�Das ist kein Wahnsinn�, sagte Saerin pl�tzlich. Die Braune sch�ttelte den Kopf, energischer, als Egwene von jemandem von ihrer Ajah erwartet h�tte. �Das geschah aus reiner Notwendigkeit. Man konnte ihr nicht trauen, nicht nachdem sie sich auf die Seite der Rebellen geschlagen hatte.�</p><p>�Glaubt nur nicht, wir w�ssten nicht �ber Eure Verstrickung mit dieser Gruppe Bescheid, Egwene al'Vere�, sagte Yukiri. Die hochm�tige Graue konnte kaum ihre Wut z�geln. �Wenn wir daf�r sorgen k�nnten, w�rde man Euch nicht so verh�tscheln, wie das Elaida tut.�</p><p>Egwene machte eine gleichg�ltige Geste. �D�mpft mich, richtet mich hin oder schlagt mich, Yukiri, und die Burg wird trotzdem in Tr�mmern liegen. Daf�r sind aber nicht die verantwortlich, die Ihr so leichthin als Rebellen bezeichnet. Geheime Zusammenk�nfte im Keller, ungerechtfertigt erzwungene Eide - das sind Verbrechen, die Elaidas Spaltung <emphasis>mindestens</emphasis> gleichkommen.�</p><p>�Ihr solltet nicht vorschnell �ber uns urteilen�, sagte Seaine mit ruhigerer Stimme. Sie erschien zaghafter als die anderen. �Manchmal muss man schwere Entscheidungen treffen. Wir k�nnen unter den Aes Sedai keine Schattenfreunde dulden, und man hat Ma�nahmen ergriffen, um sie aufzusp�ren. Jede von uns hier hat Meidani bewiesen, dass wir keine Freunde des Schattens sind, also kann kein Schaden darin liegen, sie zu zwingen, sich durch einen Eid an uns zu binden. Es war eine vern�nftige Ma�nahme, um sicherzugehen, dass wir alle dieselben Ziele verfolgen.�</p><p>Egwene hielt ihre Miene reglos. Seaine hatte die Existenz der Schwarzen Ajah so gut wie zugegeben! Egwene h�tte nie gedacht, das aus dem Mund einer Sitzenden zu h�ren, vor allem nicht vor so vielen Zeugen. Also benutzten diese Frauen den Eidstab, um Schwarze Schwestern aufzusp�ren. Wenn man eine Schwester nahm, sie von ihren Eiden entband und sie sie erneut schw�ren lie�, konnte man sie fragen, ob sie eine Schwarze war. Eine verzweifelte Methode, aber - wie Egwene fand - durchaus legitim, wenn man die Zeiten bedachte.</p><p>�Ich will zugestehen, dass es ein vern�nftiger Plan ist�, sagte sie. �Aber diese Frau einen neuen Eid schw�ren zu lassen ist unn�tig!�</p><p>�Und wenn die Frau daf�r bekannt ist, noch andere Loyalit�ten zu haben?�, verlangte Saerin zu wissen. �Nur weil eine Frau keine Schattenfreundin ist, hei�t das noch lange nicht, dass sie uns nicht auf andere Weise verr�t.�</p><p>Und dieser Gehorsamseid war vermutlich der Grund, warum Meidani nicht aus der Burg fliehen konnte. Egwene versp�rte einen Stich des Mitleids f�r die arme Frau. Von den Aes Sedai in Salidar als Spionin zur Burg zur�ckgeschickt zu werden, von diesen Frauen vermutlich w�hrend deren Suche nach den Schwarzen entdeckt, dann hatte man Elaida ihre wahren Absichten verraten. Drei verschiedene Fraktionen, die sie alle herumstie�en.</p><p>�Es ist trotzdem unangebracht�, beharrte Egwene. �Aber das k�nnen wir jetzt zur�ckstellen. Was ist mit Elaida? Habt Ihr herausbekommen, ob sie zu den Schwarzen geh�rt? Wer hat Euch diesen Auftrag gegeben, und wie hat sich Eure geheime Verbindung gegr�ndet?�</p><p>�Pah! Warum <emphasis>sprechen</emphasis> wir �berhaupt mit ihr?�, wollte Yukuri wissen, stand auf und stemmte die H�nde in die H�ften. �Wir sollten entscheiden, was wir mit ihr machen, und nicht ihre Fragen beantworten!�</p><p>�Wenn ich Euch bei Eurem Werk helfen soll�, sagte Egwene, �dann muss ich die Fakten kennen.�</p><p>�Ihr seid nicht hier, um zu helfen, Kind�, sagte Doesine. Die Stimme der schlanken Cairhienerin klang entschieden. �Offensichtlich hat Euch Meidani hergebracht, um zu beweisen, dass wir sie nicht v�llig unter unserem Daumen haben. Wie ein Kind, das einen Wutanfall hat.�</p><p>�Was ist mit den anderen?�, fragte Seaine. �Wir m�ssen sie zusammenholen und uns davon �berzeugen, dass ihre Befehle besser formuliert sind. Wir k�nnen nicht wollen, dass eine von ihnen zur Amyrlin geht, bevor wir wissen, wem ihre Loyalit�t geh�rt.�</p><p><emphasis>Andere?,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Haben sie s�mtliche Spione auf sich verschworen?</emphasis> Es machte Sinn. Hatte man eine entdeckt, w�rde es einfach sein, die Namen der anderen herauszufinden. �Habt Ihr Angeh�rige der Schwarzen entdecken k�nnen?�, fragte Egwene. �Wer sind sie?�</p><p>�Ihr sollt schweigen, Kind�, sagte Yukiri und richtete die gr�nen Augen auf Egwene. �Noch ein Wort, und ich sorge daf�r, dass Ihr Bu�e leistet, bis Euch die Tr�nen zum Weinen ausgehen.�</p><p>�Ich bezweifle, dass Ihr mehr f�r mich anordnen k�nnt, als ich bereits habe, Yukiri�, erwiderte Egwene ruhig. �Es sei denn, ich soll den ganzen Tag im Arbeitszimmer der Oberin der Novizinnen verbringen. Davon abgesehen, solltet Ihr mich zu ihr schicken, was soll ich ihr sagen? Dass Ihr mir pers�nlich eine Bu�e auferlegt habt? Sie wei�, dass man mich heute nicht angewiesen hat, Euch zu sehen. Man k�nnte anfangen, Fragen zu stellen.�</p><p>�Wir k�nnten Euch von Meidani befehlen lassen, Bu�e zu leisten�, sagte Seaine, die Wei�e.</p><p>�Das wird sie aber nicht tun. Sie hat meine Autorit�t als Amyrlin akzeptiert.�</p><p>Die Schwestern sahen Meidani an. Egwene hielt den Atem an. Meidani schaffte es, ein Nicken zustande zu bringen, obwohl es sie zu entsetzen schien, den anderen nicht zu gehorchen. Egwene stie� die Luft wieder aus und dankte ihr im Stillen.</p><p>Saerin sah �berrascht, aber neugierig aus. Yukiri, die noch immer dastand und die Arme verschr�nkt hatte, war nicht so leicht zu beeinflussen. �Das ist ohne Bedeutung. Wir <emphasis>befehlen</emphasis> ihr einfach, Euch zur Bu�e zu schicken.�</p><p>�Ach ja?�, sagte Egwene. �Hattet Ihr mir nicht gesagt, dass der vierte Eid dazu gedacht war, die Einheit wiederherzustellen, damit sie sich nicht mit Euren Geheimnissen sofort zu Elaida fl�chtet? Jetzt wollt Ihr diesen Eid wie eine Keule benutzen, sie dazu zwingen, Euer Werkzeug zu werden?�</p><p>Das rief Stille hervor.</p><p>�Das ist der Grund, warum ein Gehorsamseid eine schreckliche Idee ist�, sagte Egwene. �Keine Frau sollte so viel Macht �ber eine andere haben. Was Ihr diesen anderen angetan habt, ist nur einen Schritt vom mit der Macht auferlegten Zwang entfernt. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob diese Abscheulichkeit auf irgendeine Weise gerechtfertigt ist; wie ihr Meidani und die anderen behandelt, wird diese Entscheidung sicherlich beeinflussen.�</p><p>�Muss ich mich wiederholen?�, fauchte Yukiri und wandte sich den anderen zu. �Warum verschwenden wir hier unsere Zeit und glucken wie freigelassene H�hner mit diesem M�dchen? Wir m�ssen eine Entscheidung treffen!�</p><p>�Wir m�ssen mit ihr sprechen, weil sie entschlossen scheint, sich zu einem �rgernis zu machen�, sagte Saerin kurz angebunden und musterte Egwene. �Yukiri, setzt Euch. Ich werde mich um das Kind k�mmern.�</p><p>Egwene erwiderte Saerins Blick mit klopfendem Herzen. Yukiri schnaubte, setzte sich dann aber, schien sich endlich daran zu erinnern, dass sie eine Aes Sedai war. Diese Gruppe stand unter gro�em Druck. Falls bekannt wurde, was sie da taten ...</p><p>Egwene hielt den Blick auf Saerin gerichtet. Sie hatte angenommen, dass Yukiri in der Gruppe das Sagen hatte - sie und Saerin verf�gten ungef�hr �ber die gleiche Macht, und viele Braune waren f�gsam. Aber das war ein Fehler gewesen; man neigte dazu, jemanden viel zu schnell nur wegen seiner Ajah einzusch�tzen.</p><p>Saerin beugte sich vor und sprach energisch. �Kind, Ihr <emphasis>m�sst</emphasis> uns gehorchen. Wir k�nnen Euch nicht auf den Eidstab schw�ren lassen, und ich bezweifle sowieso, dass Ihr einen Gehorsamseid ablegen w�rdet. Aber Ihr k�nnt einfach nicht mit dieser Scharade weitermachen, die Amyrlin zu sein. Wir wissen alle, wie oft Ihr Bu�e tut, und wir wissen alle, wie wenig das ausrichtet. Also lasst mich etwas versuchen, das vermutlich noch keiner bei Euch versucht hat: Vernunft.�</p><p>�Sprecht ruhig aus, was Ihr denkt�, sagte Egwene.</p><p>Die Braune schnaubte zur Erwiderung. �Also gut. Zum einen k�nnt Ihr gar nicht die Amyrlin sein. Mit Spaltwurzel k�nnt Ihr kaum die Macht lenken.�</p><p>�Liegt die Autorit�t der Amyrlin also in ihrer St�rke in der Einen Macht begr�ndet?�, fragte Egwene. �Ist sie nicht mehr als ein Raufbold, gehorcht man ihr, weil sie andere dazu zwingen kann, ihre Befehle zu befolgen?�</p><p>�Nun, nein�, sagte Saerin.</p><p>�Dann verstehe ich nicht, was die Verabreichung von Spaltwurzel mit meiner Autorit�t zu tun haben soll.�</p><p>�Ihr seid zur Novizin degradiert worden.�</p><p>�Nur Elaida ist dumm genug anzunehmen, dass man Aes Sedai degradieren kann. Man h�tte nie zulassen d�rfen, dass sie auf die Idee kommt, dazu �berhaupt die Befugnis zu haben.�</p><p>�W�re sie nicht auf diese Idee gekommen, dann w�rt Ihr jetzt tot, M�dchen.�</p><p>Egwene erwiderte Saerins Blick. �Manchmal habe ich das Gef�hl, es w�re besser, tot zu sein, als mit ansehen zu m�ssen, was Elaida aus den Frauen dieser Burg gemacht hat.�</p><p>Das rief Schweigen hervor.</p><p>�Ich muss sagen, dass Eure Anspr�che v�llig irrational sind�, sagte Seaine leise. �Elaida ist die Amyrlin, weil der Saal sie rechtm��ig erhoben hat. Also <emphasis>k�nnt</emphasis> Ihr gar nicht die Amyrlin sein.�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. �Sie wurde �erhoben�, nachdem man Siuan Sanche auf besch�mende und unorthodoxe Weise von ihrem Stuhl entfernt hat. Wie k�nnt Ihr angesichts dessen Elaidas Position als �rechtm��ig� bezeichnen?� Ihr kam ein Gedanke, ein Wagnis, aber es f�hlte sich richtig an. �Verratet mir eines. Habt ihr eine der Frauen verh�rt, die zurzeit Sitzende sind? Habt Ihr Schwarze unter ihnen entdeckt?�</p><p>Saerins Blick verriet nichts, aber Seaine schaute besorgt zur Seite. <emphasis>Aha!,</emphasis> dachte Egwene.</p><p>�Das habt Ihr also�, fuhr sie fort. �Es macht Sinn. W�re ich eine Angeh�rige der Schwarzen, w�rde ich mich sehr darum bem�hen, eine andere Schattenfreundin zur Sitzenden ernennen zu lassen. Aus der Position k�nnen sie die Burg am besten manipulieren. Verratet es mir. Haben diese Schwarzen zu den Sitzenden geh�rt, die Elaida erhoben haben? Hat sich eine von ihnen daf�r starkgemacht, Siuan zu st�rzen?�</p><p>Keiner sprach ein Wort.</p><p><emphasis>�Antwortet mir�,</emphasis> sagte Egwene.</p><p>�Unter den Sitzenden haben wir eine Schwarze gefunden�, sagte Doesine schlie�lich. �Und ... ja, sie geh�rte zu jenen, die aufgestanden sind, um Siuan Sanche zu st�rzen.� Ihre Stimme war d�ster. Sie hatte begriffen, worauf Egwene hinauswollte.</p><p>�Siuan wurde durch das absolute <emphasis>Minimum</emphasis> an erforderlichen Sitzenden gest�rzt�, sagte Egwene. �Eine von ihnen war eine Schwarze, was ihre Stimme ung�ltig macht. Ihr habt Eure Amyrlin ged�mpft und abgesetzt, habt ihren Beh�ter ermordet, und Ihr habt es nicht im Einklang mit dem <emphasis>Gesetz</emphasis> getan!�</p><p>�Beim Licht�, fl�sterte Seaine. �Sie hat recht.�</p><p>�Das ist doch sinnlos�, sagte Yukiri und stand wieder auf. �Wenn wir anfangen, alles infrage zu stellen, wenn wir versuchen, herauszufinden, welche Amyrlin <emphasis>vielleicht</emphasis> von Angeh�rigen der Schwarzen erhoben wurde, dann m�ssen wir jede Amyrlin verd�chtigen, die je den Sitz eingenommen hat!�</p><p>�Ach ja?�, fragte Egwene. �Und wie viele von ihnen wurden von einem Saal erhoben, der nur von dem exakten Minimum der �ber einen Sitz verf�genden Mitglieder gef�llt war? Als ich erhoben wurde, haben wir daf�r gesorgt, dass jede Sitzende in der Stadt dar�ber informiert war, was dort geschah.�</p><p>�Falsche Sitzende�, wies Yukiri sie zurecht. �Die ihre Stellung auf gesetzwidrige Weise erhielten!�</p><p>Egwene wandte sich ihr zu, froh, dass sie nicht ihr nerv�s pochendes Herz h�ren konnten. Sie musste die Kontrolle behalten. Sie <emphasis>musste</emphasis> es. �Ihr nennt uns falsch, Yukiri? Welcher Amyrlin w�rdet Ihr lieber folgen? Einer, die aus Aes Sedai Novizinnen und Aufgenommene gemacht hat, die eine ganze Ajah verboten hat und in der Burg f�r eine Spaltung gesorgt hat, die gef�hrlicher ist als jedes Heer, das sie je belagerte? Eine Frau, die mithilfe der Schwarzen Ajah erhoben wurde? Oder w�rdet Ihr lieber der Amyrlin dienen, die versucht, das alles wieder ungeschehen zu machen?�</p><p>�Ihr wollt doch sicherlich nicht behaupten, dass Ihr der Ansicht seid, wir h�tten den Schwarzen gedient, indem wir Elaida erheben�, sagte Doesine.</p><p>�Ich glaube, wir <emphasis>alle</emphasis> dienen den Interessen des Schatten�, erwiderte Egwene scharf, �solange wir zulassen, dass wir entzweit bleiben. Was glaubt ihr, wie die Schwarzen auf den beinahe geheimen Sturz einer Amyrlin reagiert haben, dem eine Spaltung der Aes Sedai folgte? Es w�rde mich nicht �berraschen, wenn nach einigen Erkundigungen herausk�me, dass diese namenlose Schwarze Schwester, die Ihr entdeckt habt, nicht die einzige Schattenfreundin in der Gruppe war, die darauf hingearbeitet hat, die rechtm��ige Amyrlin zu st�rzen.�</p><p>Erneut senkte sich Schweigen �ber den Raum.</p><p>Saerin seufzte. �Wir k�nnen die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. So erhellend Eure Argumente auch sind, Egwene al'Vere, letztlich sind sie fruchtlos.�</p><p>�Ich stimme zu, dass wir nicht �ndern k�nnen, was passiert ist�, sagte Egwene und nickte ihr zu. �Aber wir k�nnen nach vorn sehen. So bewundernswert ich Eure Bem�hungen, die Schwarzen Ajah zu entlarven, auch finde, macht mir Eure Bereitschaft, f�r dieses Ziel zusammenzuarbeiten, doch viel mehr Mut. Im Augenblick ist Kooperation zwischen den Ajahs in der Burg selten. Ich fordere Euch auf, das zu Eurem Hauptziel zu machen, der Wei�en Burg Einheit zu bringen. Egal, was es kostet.�</p><p>Sie stand auf, und es h�tte sie nicht besonders �berrascht, daf�r von den Schwestern ger�gt zu werden, aber sie schienen beinahe vergessen zu haben, dass sie mit einer �Novizin� und Rebellin sprachen. �Meidani�, sagte Egwene. �Ihr akzeptiert mich als Amyrlin.�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte die Frau und senkte den Kopf.</p><p>�Dann beauftrage ich Euch, mit diesen Frauen hier weiter zusammenzuarbeiten. Sie sind nicht unsere Feinde und waren es auch nie. Euch als Spionin zur�ckzuschicken war ein Fehler, und ich w�nschte, ich h�tte das verhindern k�nnen. Aber jetzt seid Ihr hier, und Ihr k�nnt Euch n�tzlich machen. Ich bedaure zutiefst, dass Ihr Elaida weiterhin etwas vorspielen m�sst, aber ich lobe Euren Mut, was das angeht.�</p><p>�Ich werde dienen, wie es erforderlich ist, Mutter�, sagte Meidani, obwohl sie dabei aussah, als sei ihr �bel.</p><p>Egwene richtete den Blick auf die anderen. �Loyalit�t wird besser verdient als erzwungen. Habt Ihr den Eidstab hier?�</p><p>�Nein�, sagte Yukiri. �Es ist schwer, ihn wegzuschmuggeln. Wir k�nnen ihn nur gelegentlich nehmen.�</p><p>�Das ist schade�, meinte Egwene. �Ich h�tte gern die Eide abgelegt. Trotzdem werdet Ihr ihn sofort nehmen und Meidani von dem vierten Eid entbinden.�</p><p>�Wir denken dar�ber nach�, sagte Saerin.</p><p>Egwene hob eine Braue. �Wie Ihr w�nscht. Aber wisst, dass der Saal von dieser Tat erfahren wird, sobald die Wei�e Burg wieder vereint ist. Ich w�rde ihm gern mitteilen, dass Ihr nur vorsichtig sein und nicht unangebrachte Macht wolltet. Solltet Ihr mich in den n�chsten Tagen brauchen, d�rft Ihr nach mir schicken - aber findet freundlicherweise eine M�glichkeit, die beiden Roten Schwestern abzulenken, die mich beobachten. Ich w�rde es lieber vermeiden, in der Burg noch einmal auf das Schnelle Reisen zur�ckzugreifen, damit ich jenen, die besser nicht dar�ber Bescheid wissen sollten, nicht auf unbeabsichtigte Weise zu viel verrate.�</p><p>Die letzte Aussage lie� sie in der Luft h�ngen, bevor sie zur T�r ging. Der Beh�ter hielt sie nicht auf, obwohl sein Blick sie misstrauisch verfolgte. Sie fragte sich, wessen Beh�ter er wohl wahr - sie glaubte nicht, dass eine der hier versammelten Schwestern Beh�ter hatte, war sich da aber nicht sicher. Vielleicht geh�rte er einer der anderen Spioninnen aus Salidar und war von Saerin und den anderen zwangsverpflichtet worden. Das w�rde sein Benehmen erkl�ren.</p><p>Meidani folgte ihr schnell und schaute dabei �ber die Schulter, als erwartete sie einen Ruf oder Tadel. Der Beh�ter schloss einfach die T�r.</p><p>�Ich kann nicht glauben, dass Ihr das geschafft habt�, sagte die Graue. �Eigentlich h�tten sie Euch an den F��en aufh�ngen und schreien lassen m�ssen!�</p><p>�Dazu sind sie zu klug�, meinte Egwene. �Sie sind die Einzigen in dieser verdammten Burg - vielleicht mit Ausnahme von Silviana -, die so etwas wie einen funktionierenden Kopf auf den Schultern tragen.�</p><p>�Silviana?�, fragte Meidani �berrascht. �Pr�gelt sie Euch nicht jeden Tag?�</p><p>�Sogar mehrmals�, sagte Egwene gedankenverloren. �Sie ist sehr pflichtbewusst, und nachdenklich. H�tten wir mehr wie sie, w�re die Burg �berhaupt erst gar nicht in diese Situation gekommen.�</p><p>Meidani sah Egwene mit merkw�rdigem Gesichtsausdruck an. �Ihr seid <emphasis>wirklich</emphasis> die Amyrlin�, sagte sie dann. Eine seltsame Bemerkung. Hatte sie nicht gerade geschworen, Egwenes Autorit�t zu akzeptieren?</p><p>�Kommt schon�, sagte Egwene und beschleunigte ihre Schritte. �Ich muss zur�ck sein, bevor diese Roten misstrauisch werden.�</p></section><section><title><p>13</p><p>Ein Angebot und ein Aufbruch</p></title><p>Mit erhobenem Schwert stand Gawyn vor zwei Beh�tern. Die Spalten in den Scheunenw�nden lie�en schr�ge Lichtbahnen einfallen; in der Luft funkelten Staub und Stroh, das der Kampf aufgewirbelt hatte. Gawyn wich auf dem harten Erdboden langsam zur�ck, passierte die Lichtstrahlen. Die Luft f�hlte sich warm auf seiner Haut an. Schwei� rann seine Schl�fen hinunter, aber sein Griff war fest, als die beiden Beh�ter sich ihm n�herten.</p><p>Der vordere war Sleete, ein gelenkiger Mann mit langen Armen und groben Z�gen. Im unregelm��igen Licht der Scheune sah sein Gesicht wie ein unvollendetes Werk in einem Bildhaueratelier aus, mit tiefen Schatten um die Augen, das Kinn von einem Gr�bchen geteilt, die Nase schief, weil sie gebrochen und nicht Geheilt worden war. Er trug das Haar lang und hatte schwarze Koteletten.</p><p>Hattori war sehr erfreut gewesen, als ihr Beh�ter endlich in Dorlan eintraf; in der Schlacht von Dumai hatte sie ihn aus den Augen verloren, und seine Geschichte war von der Art, �ber die Barden Lieder verfassten. Stundenlang hatte Sleete verletzt am Boden gelegen, bevor es ihm im Delirium gelungen war, das Zaumzeug seines Pferdes zu ergreifen und sich in den Sattel zu ziehen. Das Pferd hatte ihn loyal viele Stunden getragen, bevor er so gut wie bewusstlos in einem Dorf eintraf. Die Dorfbewohner waren versucht gewesen, Sleete an eine Bande in der Gegend zu verkaufen - der Anf�hrer hatte sie kurz zuvor besucht und ihnen Sicherheit als Belohnung daf�r versprochen, Fl�chtlinge der in der N�he stattgefundenen Schlacht auszuliefern. Aber die Tochter des B�rgermeisters hatte sich f�r Sleetes Leben eingesetzt und alle davon �berzeugt, dass es sich bei den Banditen um Schattenfreunde handeln musste, wenn sie nach verwundeten Beh�tern suchten. Die Dorfbewohner hatten sich entschieden, Sleete zu verstecken, und das M�dchen hatte ihn gesund gepflegt.</p><p>Er war gezwungen gewesen, sich davonzustehlen, nachdem er sich genug erholt hatte, um wieder reisen zu k�nnen, da das M�dchen sich anscheinend in ihn verguckt hatte. Unter den J�nglingen kursierten Ger�chte, dass Sleete auch deshalb gefl�chtet war, weil er ebenfalls angefangen hatte, etwas f�r das M�dchen zu empfinden. Die meisten Beh�ter wussten es besser, als Beziehungen zu kn�pfen. Mitten in der Nacht war Sleete verschwunden, nachdem das M�dchen und seine Familie zu Bett gegangen waren - aber im Gegenzug f�r die Hilfe des Dorfes hatte er die Banditen gejagt und daf�r gesorgt, dass sie dem Dorf nie wieder Schaden zuf�gen konnten.</p><p>Das war der Stoff, aus dem Geschichten und Legenden entstanden - zumindest bei normalen, geringeren M�nnern. F�r einen Beh�ter war Sleetes Geschichte beinahe schon Alltag. M�nner wie er zogen Legenden an wie gew�hnliche M�nner Fliegen. Tats�chlich hatte Sleete seine Geschichte auch gar nicht erz�hlen wollen; es war nur den hartn�ckigen Fragen der J�nglinge zu verdanken, dass sie �berhaupt ans Licht des Tages gekommen war. Er benahm sich trotzdem, als g�be es �ber sein �berleben nichts zu prahlen. Er war Beh�ter. Im Angesicht un�berwindlicher Hindernisse zu �berleben, im Delirium meilenweit durch unwirtliches Gel�nde zu reiten, mit noch nicht v�llig verheilten Wunden eine ganze Bande niederzumachen - solche Dinge tat man eben als Beh�ter.</p><p>Gawyn respektierte sie. Selbst die, die er get�tet hatte. Vor allem die, die er get�tet hatte. Nur ein au�ergew�hnlicher Mann zeigte diesen Einsatz, diese Umsicht. Diese Bescheidenheit. W�hrend Aes Sedai die Welt manipulierten und Ungeheuer wie Rand al'Thor den Ruhm ernteten, verrichteten M�nner wie Sleete das Werk von Helden, und zwar jeden Tag. Ohne daf�r Ruhm oder Anerkennung zu bekommen. Wenn man sich an sie erinnerte, dann f�r gew�hnlich nur in Zusammenhang mit ihrer Aes Sedai. Oder andere Beh�ter taten es. Seinesgleichen verga� man nicht.</p><p>Sleete griff an, das Schwert stach in einem geraden, mit maximaler Geschwindigkeit ausgef�hrten Sto� nach vorn. <emphasis>Die Natter z�ngelt,</emphasis> ein mutiger Sto�, dessen Effektivit�t noch durch die Tatsache erh�ht wurde, dass Sleete mit dem schmalen kleinen Mann zusammen k�mpfte, der Gawyn auf der linken Seite umging. Marlesh war der einzige andere Beh�ter in Dorlan - und seine Ankunft war viel undramatischer als Sleetes gewesen. Marlesh hatte die urspr�ngliche Gruppe der elf Aes Sedai begleitet, die bei Dumai entkommen waren, und er war die ganze Zeit bei ihnen geblieben. Seine Aes Sedai, eine h�bsche junge Gr�ne namens Vasha, eine Domani, sah tr�ge von der Scheunenwand zu.</p><p>Gawyn begegnete <emphasis>Die Natter z�ngelt</emphasis> mit <emphasis>Katze tanzt an der Wand,</emphasis> schlug die Klinge zur Seite und hieb aus der gleichen Bewegung nach den Beinen. Allerdings sollte damit kein Treffer erzielt werden; es war ein defensives Man�ver, das ihn in die Lage versetzen sollte, beide Gegner im Auge zu behalten. Marlesh versuchte es mit <emphasis>Den Leoparden liebkosen,</emphasis> aber Gawyn nahm <emphasis>Die Luft falten</emphasis> ein, wehrte den Schlag ab und wartete auf Sleetes n�chsten Angriff, denn er war der gef�hrlichere der beiden. Sleete nahm mit geschmeidigen Schritten eine neue Haltung ein, die Klinge nach unten an der Seite gehalten, w�hrend er die gro�en Heuballen im hinteren Teil der stickigen Scheune hinter sich brachte.</p><p>Gawyn schritt in <emphasis>Katze auf hei�em Sand,</emphasis> w�hrend Marlesh es mit <emphasis>Kolibri k�sst die Honigrose</emphasis> versuchte. Kolibri war nicht die richtige Figur f�r so einen Angriff, sie nutzte nur selten etwas gegen einen defensiv k�mpfenden Mann, aber Marlesh hatte es offensichtlich satt, immer nur abgewehrt zu werden. Er wurde ungeduldig. Gawyn konnte das benutzen. Und das w�rde er auch tun.</p><p>Sleete r�ckte wieder vor. Gawyn brachte das Schwert wieder in Abwehrstellung, als die beiden Beh�ter gemeinsam vorr�ckten. Er ging sofort zu <emphasis>Apfelbl�ten im Wind</emphasis> �ber. Seine Klinge blitzte dreimal auf, dr�ngte den ungl�ubig schauenden Marlesh zur�ck. Marlesh fluchte, warf sich nach vorn, aber Gawyn f�hrte das Schwert aus der vergangenen Figur und glitt anmutig in <emphasis>Tau vom Ast sch�tteln</emphasis> hinein. Er trat vor und f�hrte eine Reihe von sechs kurzen Hieben aus, warf Marlesh zur�ck und zu Boden - der Mann war viel zu schnell wieder in den Kampf getreten -, und zwang Sleetes Schwert zwei Mal zur Seite und endete damit, dem Mann die Klinge an den Hals zu halten.</p><p>Die beiden Beh�ter blickten Gawyn fassungslos an. Als er sie das letzte Mal besiegt hatte, hatten sie �hnlich geblickt, und bei dem Mal davor auch. Sleete trug eine Klinge mit dem Reiherzeichen und war in der Wei�en Burg beinahe eine Legende f�r sein K�nnen. Es hie�, er h�tte sogar Lan Mandragoran zweimal bei sieben Durchg�ngen besiegt, damals, als dieser noch mit den anderen Beh�tern �bungsk�mpfe absolviert hatte. Marlesh war nicht so angesehen wie sein Gef�hrte, aber er war trotzdem ein f�higer und gut ausgebildeter Beh�ter, kein leichter Gegner.</p><p>Aber Gawyn hatte gewonnen. Schon wieder. Wenn er �bte, erschienen die Dinge so einfach. Die Welt zog sich zu etwas Kleinerem zusammen, das man leichter aus der N�he betrachten konnte. Er hatte nie etwas anderes gewollt, als Elayne zu besch�tzen. Er wollte Andor verteidigen. Vielleicht lernen, etwas mehr wie Galad zu sein.</p><p>Warum konnte das Leben nicht so einfach wie ein Schwertkampf sein? Klare Gegner, die ordentlich aufgereiht vor einem standen. Der Gewinn offensichtlich: �berleben. Wenn M�nner miteinander k�mpften, erschufen sie auch eine Verbindung. Man wurde zu Br�dern, w�hrend man Hiebe austauschte.</p><p>Gawyn hob die Klinge und trat zur�ck, schob das Schwert in die Scheide. Er hielt Marlesh die Hand hin, der sie ergriff und kopfsch�ttelnd aufstand. �Ihr seid bemerkenswert, Gawyn Trakand. Wenn Ihr Euch bewegt, seid Ihr wie ein Gesch�pf aus Licht, Farbe und Schatten. Wenn ich Euch gegen�bertrete, komme ich mir vor wie ein Knabe mit einem Stock der Hand.�</p><p>Sleete steckte sein Schwert schweigend weg, aber er nickte Gawyn respektvoll zu - genau wie die letzten beiden Male, als sie miteinander gek�mpft hatten. Er war ein Mann weniger Worte. Gawyn wusste das zu sch�tzen.</p><p>In der Scheunenecke stand ein zur H�lfte gef�lltes Wasserfass, und die M�nner gingen dorthin. Corbet, einer der J�nglinge, tauchte eilig eine Sch�pfkelle hinein und reichte sie Gawyn. Gawyn gab sie an Sleete weiter. Der �ltere Mann nickte wieder und trank, w�hrend Marlesh einen Becher von der staubigen Fensterbank nahm und sich selbst etwas zu trinken holte. �Trakand�, fuhr er fort, �wir m�ssen f�r Euch eine Reiherklinge finden. Niemand sollte Euch gegen�bertreten m�ssen, ohne vorher zu wissen, worauf er sich einl�sst!�</p><p>�Ich bin kein Schwertmeister�, entgegnete Gawyn leise, nahm von Sleete die Kelle entgegen und trank. Das Wasser war warm, was sich gut anf�hlte. Nat�rlicher.</p><p>�Ihr habt Hammar get�tet, richtig?�, fragte Marlesh.</p><p>Gawyn z�gerte. Das Gef�hl von Klarheit, das er w�hrend des Kampfes versp�rt hatte, br�ckelte bereits. �Ja.�</p><p>�Nun, dann seid Ihr ein Schwertmeister�, sagte Marlesh. �Ihr h�ttet sein Schwert nehmen sollen.�</p><p>�Das w�re nicht respektvoll gewesen�, erwiderte Gawyn. �Davon abgesehen hatte ich keine Zeit, Beute zu machen.�</p><p>Marlesh lachte, als w�re das ein Witz gewesen, aber Gawyn hatte es ernst gemeint. Er warf einen Blick zu Sleete hin�ber, der ihn neugierig musterte.</p><p>Stoffgeraschel k�ndigte Vashas N�herkommen an. Die Gr�ne hatte langes schwarzes Haar und bemerkenswerte gr�ne Augen, die manchmal beinahe katzengleich zu funkeln schienen. �Hast du genug gespielt, Marlesh?�, fragte sie. Ihr Domani-Akzent war kaum h�rbar.</p><p>Marlesh kicherte. �Du solltet gl�cklich sein, mir beim Spielen zusehen zu k�nnen, Vasha. Wenn ich mich richtig erinnere, hat dir mein Spiel auf dem Schlachtfeld einige Male den Hals gerettet.�</p><p>Sie schnaubte und hob eine Braue. Gawyn war nur wenigen Aes Sedai und Beh�tern begegnet, die eine so l�ssige Beziehung hatten wie diese beiden. �Komm�, sagte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ging auf das offen stehende Scheunentor zu. �Ich will sehen, was Narenwin und die anderen so lange im Haus gehalten hat. Es riecht nach getroffenen Entscheidungen.�</p><p>Marlesh zuckte mit den Schultern und warf Corbet den Becher zu. �Was auch immer sie entscheiden, ich hoffe, es hat mit der Weiterreise zu tun. Es gef�llt mir nicht, in dieser Stadt herumzusitzen, w�hrend sich diese Soldaten anschleichen. Wenn die Anspannung in diesem Lager noch gr��er wird, dann laufe ich vermutlich weg und schlie�e mich den Kesselflickern an.�</p><p>Die Bemerkung lie� Gawyn nicken. Es war Wochen her, dass er das letzte Mal gewagt hatte, die J�nglinge auf einen Sto�trupp loszuschicken. Brynes Suchkommandos kamen der Stadt immer n�her, und das gestattete immer weniger Ritte �ber das Land.</p><p>Vasha passierte das Tor, aber Gawyn konnte sie trotzdem sagen h�ren: �Manchmal klingst du wie ein Kind.� Marlesh zuckte blo� mit den Schultern, winkte Gawyn und Sleete zum Abschied zu und verlie� ebenfalls die Scheune.</p><p>Gawyn sch�ttelte den Kopf, f�llte die Kelle erneut und trank. �Manchmal erinnern mich die beiden an ein Geschwisterpaar.�</p><p>Sleete l�chelte.</p><p>Gawyn h�ngte die Kelle an ihren Platz, nickte Corbet zu und setzte sich in Bewegung. Er wollte das Abendessen der J�nglinge �berpr�fen und sich vergewissern, dass es richtig ausgeteilt wurde. Ein paar der J�nglinge hatten sich angew�hnt, sich im Kampf zu �ben, wenn sie h�tten essen sollen.</p><p>Aber Sleete nahm ihn am Arm. Gawyn sah ihn �berrascht an.</p><p>�Hattori hat nur einen Beh�ter�, sagte der Mann in seiner leisen, knurrigen Stimme.</p><p>Gawyn nickte. �F�r eine Gr�ne ist das nicht ungew�hnlich.�</p><p>�Das liegt nicht daran, dass sie nicht mehr haben will�, erkl�rte Sleete. �Als sie vor Jahren mit mir den Bund einging, hat sie gesagt, dass sie nur dann einen weiteren nimmt, wenn ich ihn f�r Wert befinde. Sie hat mich gebeten, nach ihm zu suchen. Sie denkt nicht viel �ber solche Dinge nach. Zu besch�ftigt mit anderen Sachen.�</p><p><emphasis>Und weiter?,</emphasis> dachte Gawyn und fragte sich, warum er ihm das erz�hlte.</p><p>Sleete erwiderte seinen Blick. �Zehn Jahre hat es gedauert, aber ich habe jemanden gefunden, der w�rdig ist. Wenn Ihr wollt, wird sie noch in dieser Stunde mit Euch den Bund eingehen.�</p><p>Gawyn blinzelte �berrascht. Der Beh�ter hatte wieder seinen farbenver�ndernden Umhang angelegt, unter dem er unauff�llige braune und gr�ne Kleidung trug. Andere bem�ngelten, dass er wegen seiner langen Haare und den Koteletten schmuddeliger aussah, als es f�r einen Beh�ter angebracht war. Aber �schmuddelig� war die falsche Bezeichnung f�r diesen Mann. Rau vielleicht, aber nat�rlich. Wie ein unbearbeiteter Stein oder eine knorrige, aber robuste Eiche.</p><p>�Ich f�hle mich geehrt, Sleete�, erwiderte Gawyn. �Aber ich bin aus andoranischer Tradition zur Wei�en Burg gekommen, um dort zu lernen, und nicht, weil ich Beh�ter werden wollte. Mein Platz ist an der Seite meiner Schwester.� <emphasis>Und sollte jemals jemand den Bund mit mir eingehen, dann wird das Egwene sein.</emphasis></p><p>�Ihr seid aus diesen Gr�nden gekommen�, sagt Sleete, �aber diese Gr�nde gibt es nicht mehr. Ihr habt in unserem Krieg gek�mpft, Ihr habt Beh�ter get�tet und die Burg verteidigt. Ihr seid einer von uns. Ihr geh�rt zu uns.�</p><p>Gawyn z�gerte.</p><p>�Ihr seid auf der Suche�, sagte Sleete. �Wie ein Falke blickt Ihr in diese und jene Richtung, versucht Euch zu entscheiden, ob Ihr landen oder jagen wollt. Irgendwann werdet Ihr des Fliegens m�de sein. Kommt zu uns und werdet einer von uns. Ihr werdet sehen, Hattori ist eine gute Aes Sedai. Weiser als die meisten, viel weniger anf�llig f�r irgendwelche Torheiten als die meisten in der Burg.�</p><p>�Sleete, ich kann nicht�, sagte Gawyn und sch�ttelte den Kopf. �Andor ...�</p><p>�Hattori gilt in der Wei�en Burg nicht als einflussreich. Die anderen interessiert kaum, was sie tut. Wenn sie Euch hat, wird sie sich als Andor zugeteilt betrachten. Ihr k�nnt beides haben, Gawyn Trakand. Denkt dar�ber nach.�</p><p>Gawyn z�gerte wieder, dann nickte er. �Also gut. Ich denke dar�ber nach.�</p><p>Sleete lie� seinen Arm los. �Mehr kann ein Mann nicht verlangen.�</p><p>Gawyn ging los, blieb aber stehen und sah zu Sleete zur�ck. Dann gab er Corbet ein Zeichen und gestikulierte kurz. <emphasis>Geht und passt auf,</emphasis> bedeutete das. Der J�ngling nickte eifrig - er war einer der J�ngsten und hielt immer nach etwas Ausschau, mit dem er sich beweisen konnte. Er w�rde das Tor bewachen und warnen, sollte jemand kommen.</p><p>Sleete sah neugierig zu, wie Corbet mit der Hand am Schwert Aufstellung nahm. Gawyn trat zu ihm und sprach leise, so leise, dass Corbet es nicht mitbekommen konnte. �Was haltet <emphasis>Ihr</emphasis> davon, was in der Burg geschehen ist, Sleete?�</p><p>Der raue Mann runzelte die Stirn, dann lehnte er sich gegen die Scheunenwand. W�hrend dieser unverf�nglichen Bewegung �berpr�fte er das Fenster, um sicherzugehen, dass dort keiner lauschte.</p><p>�Es ist schlimm�, sagte er schlie�lich in ged�mpftem Tonfall. �Beh�ter sollten nicht gegen Beh�ter k�mpfen. Aes Sedai sollten nicht gegen Aes Sedai k�mpfen. So etwas sollte nicht passieren. Nicht jetzt, und auch nicht in Zukunft.�</p><p>�Aber es ist passiert�, sagte Gawyn.</p><p>Sleete nickte.</p><p>�Und jetzt haben wir es mit zwei verschiedenen Gruppen von Aes Sedai zu tun�, fuhr Gawyn fort. �Mit zwei verschiedenen Armeen, die einander belagern.�</p><p>�Einfach den Kopf unten halten�, sagte Sleete. �In der Burg gibt es hitzige Temperamente, aber es gibt auch kluge K�pfe. Sie werden das Richtige tun.�</p><p>�Und das ist?�</p><p>�Es zu beenden�, sagte Sleete. �Falls n�tig, durch T�ten, falls m�glich, auf andere Weise. Nichts ist diese Spaltung wert. Gar nichts.�</p><p>Gawyn nickte.</p><p>�Meine Aes Sedai�, fuhr Sleete kopfsch�ttelnd fort, �gef�llt die Atmosph�re in der Burg nicht, wollte dort weg. Sie ist weise ... weise und gewitzt. Aber sie hat keinen Einfluss, also h�ren die anderen nicht auf sie. Aes Sedai. Manchmal scheinen sie sich allein daf�r zu interessieren, wer den gr��ten Stock tr�gt.�</p><p>Gawyn lehnte sich n�her heran. Man h�rte nur selten, dass �ber die Stellung und den Einfluss von Aes Sedai gesprochen wurde. Sie kannten keine R�nge wie das Milit�r, wussten aber alle instinktiv, wer von ihnen das Sagen hatte. Wie funktionierte das? Sleete schien eine Ahnung zu haben, aber er sagte nichts mehr dazu, also w�rde das f�r den Augenblick ein Geheimnis bleiben.</p><p>�Hattori ist rausgekommen�, fuhr Sleete leise fort. �Nahm an dieser Mission wegen al'Thor teil, wusste gar nicht genau, worum es dabei eigentlich ging. Sie wollte nur einfach nicht mehr in der Burg sein. Schlaue Frau.� Er seufzte und legte Gawyn die Hand auf die Schulter. �Hammar war ein guter Mann.�</p><p>�Das war er�, best�tigte Gawyn. Etwas verknotete sich in seinem Magen.</p><p>�Aber er h�tte Euch get�tet - sauber und schnell. Er war derjenige in der Offensive, nicht Ihr. Er begriff, warum Ihr das getan habt. An diesem Tag hat keiner eine gute Entscheidung getroffen. Es gab keine guten Entscheidungen.�</p><p>�Ich ...� Gawyn brachte blo� ein Nicken zustande. �Danke.�</p><p>Sleete nahm die Hand fort und ging auf den Ausgang zu. Aber er schaute noch einmal zur�ck. �Manche sagen, dass Hattori meinetwegen h�tte umkehren sollen. Eure J�nglinge glauben, dass sie mich bei Dumai im Stich gelassen hat. Das hat sie nicht getan. Sie wusste, dass ich noch am Leben bin. Sie wusste, dass ich verletzt bin. Aber sie hat sich auch darauf verlassen, dass ich meine Pflicht tue, w�hrend sie die ihre tut. <emphasis>Sie</emphasis> musste die Gr�nen dar�ber informieren, was dort geschah, wie die wahren Befehle der Amyrlin wegen al'Thor lauteten. <emphasis>Ich</emphasis> musste �berleben. Wir haben unsere Pflicht getan. Aber sobald diese Botschaft �berbracht worden war, w�re sie zu mir gekommen, wenn sie mich dann nicht aus eigener Kraft h�tte n�her kommen gesp�rt. Ganz egal, was auch passiert w�re. Und das wissen wir beide.�</p><p>Dann ging er. Gawyn gr�belte �ber seine Abschiedsworte nach. Sleete war oft ein seltsamer Gespr�chspartner. So anmutig er auch als Schwertk�mpfer war, eine Unterhaltung fiel ihm nie leicht.</p><p>Gawyn sch�ttelte den Kopf, verlie� die Scheune und entlie� Corbet von seinem W�chterposten. F�r ihn war es undenkbar, Hattoris Beh�ter zu werden. Einen Herzschlag lang war es ein verlockendes Angebot gewesen, aber nur als Flucht vor seinen Problemen. Er wusste genau, dass er als ihr Beh�ter nicht gl�cklich werden w�rde, als niemandes Beh�ter au�er Egwenes.</p><p>Er hatte Egwene alles versprochen. Alles, solange es weder Andor noch Elayne schadete. Beim Licht, er hatte ihr sogar versprochen, al'Thor nicht zu t�ten. Zumindest nicht, bis er mit Sicherheit beweisen konnte, dass der Drache seine Mutter get�tet hatte. Warum konnte Egwene nicht erkennen, dass der Mann, mit dem sie aufgewachsen war, sich durch die Eine Macht in ein Ungeheuer verwandelt hatte? Al'Thor musste zur Strecke gebracht werden. F�r das Allgemeinwohl.</p><p>Er ballte die F�uste und entspannte sie wieder, durchquerte das Dorfzentrum und w�nschte sich, er k�nnte den Frieden und die Stille des Wettkampfes auf den Rest seines Lebens ausdehnen. In der Luft lag der durchdringende Geruch von K�hen und Dung aus den Scheunen; er sehnte sich danach, wieder in einer richtigen Stadt zu sein. Dorlans Gr��e und Abgeschiedenheit machten es zu einem guten Versteck, aber er h�tte sich sehr gew�nscht, dass Elaida f�r die J�nglinge einen weniger stinkenden Ort ausgesucht h�tte. Seine Kleidung w�rde vermutlich f�r den Rest seiner Tage nach Vieh riechen - vorausgesetzt, die Rebellenarmee sp�rte sie in den n�chsten Wochen nicht auf und metzelte sie alle nieder.</p><p>Kopfsch�ttelnd n�herte er sich dem Haus des B�rgermeisters. Das zweist�ckige Geb�ude hatte ein Spitzdach und befand sich in der Dorfmitte. Der gr��te Teil der J�nglinge kampierte auf dem kleinen Feld hinter dem Haus. Einst wucherten dort Brombeeren, aber der viel zu hei�e Sommer und der darauf folgende Winter mit seinen Frostst�rmen hatte die B�sche vernichtet. Eines der vielen Opfer, das dieses Jahr zu einem noch viel strengeren Winter f�hren w�rde.</p><p>Das Feld war nicht der beste Lagerplatz - die M�nner beschwerten sich st�ndig dar�ber, Dornen aus der Haut ziehen zu m�ssen -, aber es lag nahe an der Dorfmitte und zugleich etwas abgeschieden. Dieser Vorteil war ein paar Dornen wert.</p><p>Um zu dem Feld zu kommen, musste er quer �ber den ungepflasterten Dorfplatz und an dem Kanal vorbei, der vor dem B�rgermeisterhaus verlief. Er nickte einer Gruppe von Frauen zu, die dort W�sche wuschen. Die Aes Sedai hatten sie rekrutiert, damit sie f�r die Schwestern und seine Offiziere wuschen. Die Bezahlung war schlecht, und er gab so viel dazu, wie er sich aus eigener Tasche leisten konnte, eine Geste, derentwegen ihn Narenwin Sedai ausgelacht hatte, die ihm aber den Dank der Frauen einbrachte. Seine Mutter hatte gelehrt, dass die Arbeiter das R�ckgrat des K�nigreichs waren; brach man es, konnte man sich nicht mehr bewegen. Die Menschen dieser Stadt mochten ja nicht die Untertanen seiner Schwester sein, aber er w�rde nicht zulassen, dass seine M�nner sie ausnutzten.</p><p>Er ging am Haus des B�rgermeisters vorbei und bemerkte die geschlossenen Fensterl�den. Marlesh lungerte davor herum, seine zierliche Aes Sedai hatte die H�nde in die H�ften gestemmt und starrte die T�r finster an. Anscheinend hatte man ihr den Zutritt verwehrt. Warum? Vasha nahm unter den Aes Sedai keinen hohen Rang ein, aber sie war auch nicht so unbedeutend wie Hattori. Wenn man ihr den Zugang verweigerte ... nun, vielleicht besprach man hier tats�chlich wichtige Dinge. Das machte Gawyn neugierig.</p><p>Seine M�nner h�tten es ignoriert - Rajar h�tte ihm gesagt, dass man Aes Sedai am besten ihren Gesch�ften �berlie�, ohne dass sich unerw�nschte Ohren einmischten. Das war einer der Gr�nde, warum er keinen guten Beh�ter abgeben w�rde. Er vertraute den Aes Sedai nicht. Seine Mutter hatte das getan, und man konnte ja genau sehen, was ihr das eingebracht hatte. Und wie die Wei�e Burg Elayne und Egwene behandelt hatte ... nun, er mochte ja die Aes Sedai unterst�tzen, aber vertrauen tat er ihnen bestimmt nicht.</p><p>Er ging zur R�ckseite des Geb�udes und kontrollierte die Wachen, was v�llig legitim war. Die meisten Aes Sedai hatten keine Beh�ter - entweder sie waren Rote oder hatten ihre Beh�ter zur�ckgelassen.</p><p>Nur wenige waren alt genug, um Beh�ter an das Alter zu verlieren und nie neue zu erw�hlen. Zwei ungl�ckselige Frauen hatten ihre Beh�ter bei Dumai verloren. Gawyn und die anderen taten ihr Bestes, so zu tun, als w�rden sie die rotgeweinten Augen oder das gelegentliche Schluchzen aus ihren Zimmern nicht bemerken.</p><p>Nat�rlich behaupteten die Aes Sedai, die J�nglinge nicht als W�chter zu brauchen. Vermutlich hatten sie sogar recht. Aber Gawyn hatte bei Dumai tote Aes Sedai gesehen; sie waren nicht unbesiegbar.</p><p>Hal Moir salutierte am Hintereingang und lie� ihn eintreten, um seine Inspektion fortzuf�hren. Er stieg eine kurze Treppe hinauf und betrat den oberen Korridor. Dort l�ste er Berden ab, den dunkelh�utigen Tairener, der zur Wache eingeteilt war. Berden war Offizier, und er befahl ihm, die Essensausgabe im Lager zu beaufsichtigen. Der Mann nickte und ging.</p><p>Vor Narenwin Sedais Zimmer z�gerte Gawyn. Wenn er h�ren wollte, was bei den Aes Sedai vor sich ging, musste er lauschen, so einfach war das. Berden war im ersten Stock der einzige W�chter gewesen, und es gab keine Beh�ter, die gegen unerw�nschte Ohren sch�tzen konnten. Aber die Vorstellung, ein Lauscher zu sein, hinterlie� einen sauren Geschmack in seinem Mund. Er sollte nicht lauschen <emphasis>m�ssen.</emphasis> Er war der Kommandant der J�nglinge, und die Aes Sedai nutzten seine Truppen weidlich aus. Sie schuldeten ihm Informationen. Also klopfte er energisch an der T�r, statt das Ohr dagegen zu legen.</p><p>Niemand rief herein. Dann �ffnete sich die T�r einen Spaltbreit und enth�llte Covarlas Gesicht. Die hellhaarige Rote hatte die Schwestern in der Stadt angef�hrt, bevor man sie ersetzte, aber sie war noch immer eine der wichtigsten Frauen in Dorlan.</p><p>�Wir sollten nicht gest�rt werden�, fauchte sie durch den Spalt. �Eure Soldaten hatten den Befehl, alle drau�en zu halten, selbst andere Schwestern.�</p><p>�Diese Regeln gelten nicht f�r mich�, sagte Gawyn und erwiderte ihren Blick. �Meine M�nner schweben in dieser Stadt in ernster Gefahr. Wenn Ihr mich schon nicht an der Planung beteiligt, verlange ich zumindest, zuh�ren zu d�rfen.�</p><p>Covarlas regloses Gesicht schien Ver�rgerung auszudr�cken. �Eure Respektlosigkeit scheint jeden Tag schlimmer zu werden, Kind�, sagte sie. �Vielleicht sollte man Euch entfernen und einen brauchbaren Ersatz finden, der diese Gruppe anf�hrt.�</p><p>Gawyn atmete tief durch.</p><p>�Glaubt Ihr, sie w�rden Euch nicht abl�sen, wenn sie eine Schwester darum bittet?�, fragte Covarla und l�chelte schmal. �Sie m�gen ja nur ein trauriger Haufen sein, aber sie kennen ihren Platz. Schade, dass man das Gleiche nicht von ihrem Kommandanten sagen kann. Geht zu Euren M�nnern zur�ck, Gawyn Trakand.�</p><p>Und sie schloss die T�r vor seiner Nase.</p><p>Es juckte ihn in den Fingern, sich den Weg ins Zimmer zu erzwingen. Aber diese Befriedigung w�rde bestenfalls zwei Atemz�ge lang dauern, denn genau so lange w�rden die Aes Sedai brauchen, um ihn mit der Macht zu verschn�ren. Was w�rde das f�r die Moral der J�nglinge bedeuten? Zu sehen, wie ihr Kommandant, der tapfere Gawyn Trakand, mit einem Knebel aus Luft im Mund aus dem Haus geworfen wurde? Er schluckte seinen �rger hinunter und begab sich wieder nach unten. Er ging in die K�che und lehnte sich gegen die Wand, starrte auf die Treppe zum ersten Stock. Jetzt, da er Berden abgel�st hatte, f�hlte er sich verpflichtet, die Wache selbst zu �bernehmen oder einen L�ufer zu schicken, um einen anderen Mann zu holen. Aber zuerst wollte er ein paar Minuten nachdenken; falls die Konferenz oben noch lange dauerte, w�rde er einen Ersatzmann kommen lassen.</p><p>Aes Sedai. Vern�nftige M�nner gingen ihnen nach M�glichkeit aus dem Weg und gehorchten ihnen eifrig, wenn das nicht m�glich war. Er hatte mit beidem Probleme; seine Blutlinie hinderte ihn daran, sich von ihnen fernzuhalten, sein Stolz kam ihm immer dazwischen, wenn er ihnen gehorchen sollte. Er hatte Elaida nicht bei der Rebellion unterst�tzt, weil er sie mochte - w�hrend ihrer Jahre als Beraterin seiner Mutter war sie ihm stets als eiskalt erschienen. Nein, er hatte sie unterst�tzt, weil ihm nicht gefallen hatte, wie Siuan seine Schwester und Egwene behandelte.</p><p>Aber h�tte Elaida die M�dchen irgendwie besser behandelt? H�tte auch nur eine von ihnen das getan? Er hatte seine Entscheidung im Augenblick einer Gef�hlsaufwallung getroffen; es war nicht der k�hle Akt der Loyalit�t gewesen, an den seine M�nner glaubten.</p><p>Und wo lag seine Loyalit�t nun?</p><p>Ein paar Augenblicke sp�ter verk�ndeten Schritte auf den Stufen und leise Stimmen aus dem Korridor, dass die Aes Sedai mit ihrer Geheimkonferenz fertig waren. Covarla kam in Rot und Gelb die Treppe herunter und sagte etwas zu der Schwester hinter ihr. �... kann nicht glauben, dass die Rebellen ihre eigene Amyrlin erhoben haben.�</p><p>Narenwin - d�rr und mit kantigem Gesicht - kam direkt hinter ihr und nickte. Im Anschluss kam dann �berraschenderweise Katerine Alruddin die Treppe herunter. Gawyn stie� sich verbl�fft von der Wand ab. Katerine hatte das Lager vor <emphasis>Wochen</emphasis> verlassen, am Tag nach Narenwins Ankunft. Die schwarzhaarige Rote hatte nicht zu der urspr�nglichen Gruppe geh�rt, die nach Dorlan abkommandiert worden war, und hatte das als Entschuldigung benutzt, um zur Wei�en Burg zur�ckzukehren.</p><p>Wann war sie nach Dorlan zur�ckgekehrt? <emphasis>Wie</emphasis> war sie zur�ckgekehrt? Seine M�nner h�tten ihm berichtet, h�tten sie sie gesehen. Er bezweifelte, dass die Wachtposten ihre Ankunft �bersehen h�tten.</p><p>Katerine betrachtete ihn, als sie mit den anderen beiden Aes Sedai die K�che durchquerte, und l�chelte hinterh�ltig. Sie hatte seine �berraschung bemerkt.</p><p>�Ja�, sagte sie und wandte sich Covarla zu. �Stellt Euch nur vor - eine Amyrlin ohne einen Sitz, auf den sie sich setzen kann! Sie sind ein Haufen dummer M�dchen, die sich ein Puppentheater basteln mit Puppen, die wie ihre H�hergestellten angezogen sind. Nat�rlich mussten sie daf�r eine Wilde aussuchen, und dann auch noch blo� eine Aufgenommene. Sie wussten, wie armselig ihre Entscheidung war.�</p><p>�Immerhin wurde sie gefangen genommen�, meinte Narenwin und blieb an der T�r stehen, w�hrend Covarla hinausging.</p><p>Katerine lachte schrill. �Gefangen genommen, um sie den halben Tag lang br�llen zu lassen. Im Augenblick m�chte ich nicht diese al'Vere sein. Nat�rlich hat sie es auch nicht anders verdient, weil sie sich von ihnen die Stola der Amyrlin auf die Schultern legen lie�.�</p><p><emphasis>Was?</emphasis> Gawyn glaubte, sich verh�rt zu haben.</p><p>Die drei verlie�en die K�che, und ihre Stimmen verblassten. Er nahm es kaum wahr. Er taumelte zur�ck, suchte an der Wand nach Halt. Das konnte nicht sein! Es klang, als h�tte ... Egwene ... Er <emphasis>musste</emphasis> sich verh�rt haben!</p><p>Aber Aes Sedai konnten nicht l�gen. Er hatte Ger�chte geh�rt, dass die Rebellen einen eigenen Saal und eine Amyrlin hatten ... aber Egwene? Das war v�llig l�cherlich! Sie war nur eine Aufgenommene!</p><p>Aber gab es jemanden, der besser geeignet war, um schlie�lich zu scheitern? Vielleicht hatte keine der Schwestern den Hals hinhalten wollen, indem sie den Titel annahmen. Eine junge Frau wie Egwene h�tte das perfekte Bauernopfer abgegeben.</p><p>Gawyn riss sich zusammen und eilte hinter den Aes Sedai her. Vasha stand im sp�ten Nachmittagslicht und starrte Katerine mit offen stehendem Mund an. Anscheinend war er hier nicht der Einzige, den die pl�tzliche R�ckkehr der Roten �berraschte.</p><p>Er ergriff Tando, einen der J�nglinge, die das Haus an der Vorderseite bewachten, am Arm. �Habt Ihr gesehen, wie sie das Haus betreten hat?�</p><p>Der junge Andoraner sch�ttelte den Kopf. �Nein, mein Lord. Einer der M�nner drinnen berichtete, dass sie sich mit den anderen Aes Sedai trifft - anscheinend kam sie pl�tzlich vom Dachboden. Aber kein W�chter wei�, <emphasis>wie</emphasis> sie hereingekommen ist.�</p><p>Gawyn lie� den Soldaten los und rannte hinter Katerine her. In der Mitte des staubigen Dorfplatzes holte er die drei Frauen ein. Drei alterslose Gesichter wandten sich ihm zu, mit drei identischen strengen Mienen. Vor allem Covarla blickte richtig w�tend, aber ihm war es egal, ob sie ihm die J�nglinge wegnahmen oder ihn in der Luft aufh�ngten. Dem�tigungen spielten keine Rolle. Nur eine Sache war wichtig.</p><p>�Ist das wahr?�, verlangte er zu wissen. Dann zwang er m�hsam Respekt in seine Stimme. �Bitte, Katerine Sedai. Stimmt das, was ich da mith�ren konnte? Das mit den Rebellen und ihrer Amyrlin?�</p><p>Sie musterte ihn. �Ich sch�tze, es w�re gut, diese Neuigkeit unter Euren Soldaten zu verbreiten. Ja, die Rebellen-Amyrlin wurde gefangen genommen.�</p><p>�Und ihr Name?�</p><p>�Egwene al'Vere�, sagte Katerine. �Sollen die Ger�chte ausnahmsweise einmal die Wahrheit verbreiten.� Sie nickte ihm mit geringsch�tziger Knappheit zu, dann setzte sie sich wieder mit den anderen beiden in Bewegung. �Nutzt gut, was ich euch beigebracht habe. Die Amyrlin besteht darauf, dass die �berf�lle ausgeweitet werden, und diese Gewebe sollten Euch eine ungeahnte Mobilit�t verleihen. Aber seid nicht �berrascht, falls die Rebellen Eure Z�ge vorausahnen. Sie wissen, dass wir ihre sogenannte Amyrlin haben und ahnen vermutlich, dass wir die neuen Gewebe ebenfalls kennen. Es wird nicht lange dauern, bis alle das Schnelle Reisen beherrschen. Nutzt den Vorteil, den man euch gegeben hat, bevor er keiner mehr ist.�</p><p>Gawyn h�rte kaum zu. Ein Teil seines Verstandes war wie bet�ubt. Schnelles Reisen? Versorgte Gareth Bryne seine Leute auf diese Weise?</p><p>Aber der gr��ere Teil seines Verstandes war noch immer bet�ubt. Siuan Sanche war ged�mpft worden und sollte hingerichtet werden, und sie war blo� eine abgesetzte Amyrlin gewesen. Was w�rde man mit einer <emphasis>falschen</emphasis> Amyrlin machen, der Anf�hrerin einer Rebellenfraktion?</p><p><emphasis>Den halben Tag lang br�llen zu lassen ...</emphasis></p><p>Egwene wurde gefoltert. Man w�rde sie d�mpfen! Vermutlich war das bereits geschehen. Danach w�rde man sie hinrichten. Gawyn sah den drei Aes Sedai nach. Dann drehte er sich von seltsamer Ruhe erf�llt um und legte die Hand auf den Schwertgriff.</p><p>Egwene war in Schwierigkeiten. Er blinzelte und stand weiter auf dem Platz, in der Ferne br�llte das Vieh, Wasser sprudelte durch den Kanal neben ihm.</p><p>Egwene w�rde hingerichtet werden.</p><p><emphasis>Wo liegt deine Loyalit�t, Gawyn Trakand?</emphasis></p><p>Er durchquerte das Dorf, ging mit seltsam sicherem Schritt. Die J�nglinge w�rden f�r einen Einsatz gegen die Wei�e Burg nicht zu gebrauchen sein. Er konnte sie nicht benutzen, um eine Rettungsaktion durchzuf�hren. Aber allein w�rde er das mit ziemlicher Sicherheit auch nicht schaffen. Damit blieb ihm nur noch eine M�glichkeit.</p><p>Zehn Minuten sp�ter befand er sich in seinem Zelt und packte sorgf�ltig seine Satteltaschen. Die meisten seiner Besitzt�mer w�rden hier bleiben m�ssen. Es gab weit entfernte Sp�herau�enposten, und er hatte sie schon zuvor in �berraschungsinspektionen besucht. Eine gute Entschuldigung, um das Lager zu verlassen.</p><p>Er durfte keinen Verdacht erregen. Covarla hatte recht. Die J�nglinge folgten ihm. Aber sie geh�rten ihm nicht - sie geh�rten der Wei�en Burg. Und wenn es der Wille der Amyrlin war, w�rden sie sich so schnell gegen ihn wenden, wie er sich gegen Hammar gewendet hatte. Wenn einer von ihnen auch nur <emphasis>ahnte,</emphasis> was er plante, w�rde er keine hundert Meter weit kommen.</p><p>Er schnallte die Satteltaschen zu. Das w�rde reichen m�ssen. Er stie� den Zelteingang zur Seite, warf sich die Satteltasche �ber die Schulter, dann ging er in Richtung Pferdeseile. Unterwegs gab er Rajar, der einer Abteilung Soldaten gerade Unterricht im fortgeschrittenen Schwertkampf gab, ein Zeichen. Rajar �bergab die Leitung an einen anderen Mann, dann eilte er zu Gawyn. Stirnrunzelnd musterte er die Satteltaschen.</p><p>�Ich werde den vierten Au�enposten inspizieren�, sagte Gawyn.</p><p>Rajar blickte zum Himmel; es wurde bereits dunkel. �So sp�t?�</p><p>�Das letzte Mal habe ich sie am Morgen kontrolliert�, sagte Gawyn. Seltsam, dass sein Herz nicht raste. Es schlug gleichm��ig und ruhig. �Davor war es am Nachmittag. Aber am gef�hrlichsten ist es, wenn man am Abend �berrascht wird, wenn es noch hell genug f�r einen Angriff ist, aber sp�t genug, dass die M�nner m�de sind und den Bauch voll haben.�</p><p>Rajar nickte, schloss sich ihm an. �Das Licht wei�, dass wir jetzt aufmerksame Sp�her brauchen�, stimmte er zu. Brynes Kundschafter hatten keinen halben Tagesritt von Dorlan entfernt D�rfer durchsucht. �Ich besorge Euch einen Begleiter.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte Gawyn. �Das letzte Mal sah mich Au�enposten Vier aus einer Entfernung von einer guten halben Meile. Eine Abteilung verursacht zu viel Staub. Ich will sehen, wie scharf ihre Augen sind, wenn es nur ein Reiter ist.�</p><p>Wieder runzelte Rajar die Stirn.</p><p>�Mir passiert schon nichts�, sagte Gawyn und zwang sich zu einem trockenen L�cheln. �Rajar, das wisst Ihr doch. Was? Habt Ihr Angst, dass ich von Banditen �berfallen werde?�</p><p>Rajar entspannte sich und kicherte. �Ihr? Da erwischen sie eher Sleete. Also gut. Aber vergesst nicht, mir nach Eurer R�ckkehr einen Boten zu schicken. Wenn Ihr nicht zur�ckkehrt, bleibe ich die halbe Nacht lang wach und mache mir Sorgen.�</p><p><emphasis>Es tut mir leid, dass ich dich Schlaf kosten werde, mein Freund,</emphasis> dachte Gawyn und nickte. Rajar lief zur�ck, um die Schwert�bungen zu �berwachen, und Gawyn war kurz darauf ein St�ck au�erhalb des Lagers und l�ste die Fu�fesseln von Herausforderer, w�hrend ein Dorfjunge, der als Stallbursche eingesprungen war, seinen Sattel holte.</p><p>�Ihr seht aus wie ein Mann, der sich entschieden hat�, sagte eine leise Stimme pl�tzlich.</p><p>Gawyn fuhr herum, griff nach dem Schwert. Einer der Schatten in der N�he bewegte sich. Bei genauerem Hinsehen erkannte er die Umrisse eines schattenhaften Mannes mit schiefer Nase. Diese verfluchten Beh�ter-Umh�nge!</p><p>Er bem�hte sich, die gleiche Unbek�mmertheit wie bei Rajar vorzut�uschen. �Ich bin wohl froh, etwas zu tun zu haben�, sagte er und wandte sich von Sleete ab, als der Stalljunge n�her kam. Er warf ihm eine Kupferm�nze zu und nahm ihm den Sattel ab, dann schickte er den Jungen weg.</p><p>Sleete sah aus dem Schatten einer gewaltigen Kiefer zu, wie er den Sattel auf Herausforderers R�cken richtete. Der Beh�ter wusste Bescheid. Gawyn hatte jeden t�uschen k�nnen, aber er sp�rte, dass das bei diesem Mann nicht funktionieren w�rde. Beim Licht! W�rde er noch einen Mann t�ten m�ssen, den er respektierte? <emphasis>Sei verflucht, Elaida! Sei verflucht, Siuan Sanche und deine ganze Wei�e Burg. H�rt auf, Menschen zu benutzen. H�rt auf, mich zu benutzen!</emphasis></p><p>�Wann soll ich Euren M�nnern sagen, dass Ihr nicht zur�ckkehrt?�</p><p>Gawyn zog den Sattelgurt fest und wartete, dass sein Pferd ausatmete. Er blickte stirnrunzelnd �ber Herausforderer hinweg. �Ihr wollt mich nicht daran hindern?�</p><p>Sleete kicherte. �Heute habe ich dreimal gegen Euch gek�mpft und nicht einmal gewonnen, obwohl ich einen guten Mann an meiner Seite hatte. Ihr seht wie ein Mann aus, der falls n�tig t�tet, und ich d�rste nicht so sehr nach dem Tod, wie manche annehmen.�</p><p>�Ihr w�rdet gegen mich k�mpfen�, sagte Gawyn und war endlich mit dem Sattel zufrieden, legte die Satteltaschen auf und band sie fest. Herausforderer schnaubte. Zus�tzliches Gep�ck hatte diesem Pferd noch nie gefallen. �Ihr w�rdet sterben, hieltet Ihr es f�r n�tig. W�rdet Ihr angreifen, w�rde das L�rm machen, selbst wenn ich Euch t�te. Ich k�nnte nie erkl�ren, warum ich einen Beh�ter get�tet habe. Ihr k�nntet mich aufhalten.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Warum lasst Ihr mich dann gehen?�, fragte Gawyn, zog den Wallach herum und nahm die Z�gel. Er erwiderte den Blick aus diesen im Schatten liegenden Augen und glaubte den leisesten Hauch eines L�chelns darin entdeckt zu haben.</p><p>�Vielleicht sehe ich einfach nur gern einen Mann, der sich k�mmert�, sagte Sleete. �Vielleicht hoffe ich ja, dass Ihr eine M�glichkeit findet, um zu helfen, das hier zu beenden. Vielleicht bin ich auch einfach nur faul heute, und die vielen Niederlagen haben meinen Geist so zerm�rbt, dass er ganz wund ist. M�get Ihr finden, was Ihr sucht, junger Trakand.� Und Sleete zog sich mit raschelndem Umhang zur�ck und verschmolz mit der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht.</p><p>Gawyn schwang sich in den Sattel. Ihm fiel nur ein Ort ein, wo er Hilfe finden konnte, um Egwene zu retten.</p><p>Mit einem Tritt seiner Fersen lie� er Dorlan hinter sich zur�ck.</p></section><section><title><p>14</p><p>Ein Kasten wird ge�ffnet</p></title><p>�Das ist also eine der Schattenbeseelten�, sagte Sorilea. Die wei�haarige Weise Frau umkreiste die Gefangene, musterte Semirhage nachdenklich. Nat�rlich hatte Cadsuane von jemandem wie Sorilea keine Furcht erwartet. Die Aielfrau war eine robuste Kreatur, wie eine Statue, die einen Sturm nach dem anderen geduldig �berstanden hatte. Selbst f�r eine Aiel war diese Weise Frau eine besonders starke Pers�nlichkeit. Sie war erst k�rzlich in dem Herrenhaus eingetroffen, zusammen mit den anderen aus Bandar Eban, die Rand al'Thor Bericht erstattet hatten.</p><p>Bei den Aiel, die Rand al'Thor folgten, hatte Cadsuane vieles erwartet: wilde Krieger, seltsame Sitten, Ehre und Loyalit�t, Unerfahrenheit in spitzfindigem Benehmen und in der Politik. Und sie hatte recht gehabt. Aber was sie mit Sicherheit <emphasis>nicht</emphasis> zu finden erwartet hatte, war eine ihr ebenb�rtige Frau. Ganz bestimmt nicht bei einer Weisen Frau, die kaum die Macht lenken konnte. Aber seltsamerweise betrachtete sie die Aiel mit dem Gesicht wie aus Leder genau auf diese Weise.</p><p>Nicht, dass sie Sorilea vertraute. Die Weise Frau verfolgte ihre eigenen Ziele, und vermutlich stimmten sie nicht v�llig mit den ihren �berein. Aber sie hielt Sorilea f�r eine <emphasis>f�hige</emphasis> Person, und heutzutage war die Welt mit nur wenig Menschen gesegnet, die diese Bezeichnung verdienten.</p><p>Pl�tzlich zuckte Semirhage zusammen, und Sorilea legte den Kopf schief. Dieses Mal schwebte die Verlorene nicht in der Luft; sie stand aufrecht da in dem steifen braunen Kleid, das kurze dunkle Haar vom mangelnden B�rsten durcheinander. Trotzdem strahlte sie �berlegenheit und Kontrolle aus. Genau wie es Cadsuane in einer vergleichbaren Situation getan h�tte.</p><p>�Was sind das f�r Gewebe?�, fragte Sorilea und gestikulierte. Die fraglichen Gewebe waren f�r Semirhages gelegentliches Zucken verantwortlich.</p><p>�Ein Trick von mir�, antwortete Cadsuane und l�ste die Gewebe auf, um sie dann erneut zu erschaffen und damit zu zeigen, wie sie gemacht wurden. �Sie produzieren im Ohr des Subjektes alle paar Minuten einen Laut und blitzen ein Licht in seine Augen, halten sie vom Schlafen ab.�</p><p>�Ihr hofft, sie so m�de zu machen, dass sie spricht�, sagte Sorilea und musterte die Verlorene wieder.</p><p>Nat�rlich war Semirhage abgeschirmt, damit sie nicht h�ren konnte, was gesprochen wurde. Trotz zweier Tage ohne vern�nftigen Schlaf erschien die Frau ausgeglichen. Ihre Augen waren ge�ffnet, wurden aber von gl�henden Lichtern blockiert. Vermutlich hatte sie irgendeinen geistigen Trick gemeistert, der ihr dabei half, die Ersch�pfung abzuwehren.</p><p>�Ich bezweifle, dass das ihren Widerstand brechen wird�, gab Cadsuane zu. �Pff! Es l�sst sie ja kaum zusammenzucken.� In dem Raum hielten sich nur sie, Sorilea und Bair auf, eine alte Weise Frau, die �berhaupt keine Macht lenken konnte. Die Aes Sedai, die Semirhages Abschirmung aufrechterhielten, sa�en auf ihren St�hlen im Korridor.</p><p>Sorilea nickte. �Eine der Schattenbeseelten wird sich nicht so leicht brechen lassen. Trotzdem ist es vern�nftig, dass Ihr es wenigstens versucht, wenn man an Eure ... Einschr�nkungen denkt.�</p><p>�Wir k�nnten mit dem <emphasis>Car'a'carn</emphasis> sprechen�, sagte Bair. �Ihn davon �berzeugen, sie uns eine Weile zu �berlassen. Ein paar Tage ... heikler Aiel-Befragung, und sie w�rde �ber alles sprechen, was Ihr nur w�nscht.�</p><p>Cadsuane l�chelte nichtssagend. Als w�rde sie die Befragung jemand anderem anvertrauen! Die Geheimnisse dieser Frau waren viel zu wertvoll, um ein Risiko einzugehen, selbst wenn es sich um Verb�ndete handelte. �Nun, Ihr k�nnt ihn gern fragen, aber ich bezweifle, dass al'Thor zuh�rt. Ihr wisst ja, was f�r ein Narr der Junge sein kann, wenn es darum geht, Frauen zu verletzen.�</p><p>Bair seufzte. Die Vorstellung, dass diese gro�m�tterlich wirkende Frau eine �heikle Aiel-Befragung� durchf�hrte, war irgendwie seltsam.</p><p>�Ja�, sagte sie. �Da habt Ihr sicher recht. Rand al'Thor ist doppelt so stur wie jeder mir bekannte Clanh�uptling. Und doppelt so arrogant. Allein die Annahme, dass Frauen Schmerzen nicht so gut ertragen k�nnen wie M�nner!�</p><p>Cadsuane schnaubte, als sie das h�rte. �Um ehrlich zu sein, habe ich daran gedacht, sie aufzuh�ngen und auspeitschen zu lassen, ganz egal, welche Einschr�nkungen al'Thor befohlen hat! Aber ich glaube nicht, dass es funktionieren w�rde. Pah! Wenn wir die hier brechen wollen, m�ssen wir etwas anderes als Schmerz finden.�</p><p>Sorilea musterte Semirhage noch immer. �Ich m�chte mit ihr sprechen.�</p><p>Cadsuane l�ste die Gewebe, die Semirhage am H�ren, Sehen oder Sprechen hinderten. Die Frau blinzelte, um ihre Sicht zu kl�ren - aber nur einmal -, dann schaute sie Sorilea und Bair an. �Ah�, sagte sie. �Aiel. Ihr seid einst so gute Diener gewesen. Sagt mir, wie sehr nagt es an euch, dass ihr eure Eide verraten habt? Eure Vorfahren w�rden nach Bestrafung schreien, wenn sie w�ssten, f�r wie viele Tode ihre Nachfahren verantwortlich sind.�</p><p>Sorilea reagierte nicht. Cadsuane hatte ein paar Einzelheiten von dem aufgeschnappt, was al'Thor �ber die Aiel enth�llt hatte, Dinge aus zweiter oder dritter Hand. Al'Thor behauptete, dass die Aiel einst dem Weg des Blattes gefolgt waren und geschworen hatten, niemandem einen Schaden zuzuf�gen, bevor sie dann ihre Eide verraten hatten. Cadsuane hatte diese Ger�chte begierig aufgenommen, und sie fand es sehr interessant, dass Semirhage sie best�tigte.</p><p>�Sie erscheint so viel menschlicher, als ich erwartet h�tte�, sagte Sorilea zu Bair. �Ihr Ausdruck, ihr Tonfall, ihr Akzent, sie sind zwar seltsam, aber doch leicht zu verstehen. Das h�tte ich nicht erwartet.�</p><p>Die Bemerkung lie� Semirhage einen kurzen Moment lang die Stirn runzeln. Seltsam. Das war eine st�rkere Reaktion, als s�mtliche ihrer Bestrafungen hervorgerufen hatten. Die Lichtblitze und der L�rm provozierten nur leichte unwillk�rliche Zuckungen. Aber Sorileas Bemerkung schien Semirhage auf einer gef�hlsm��igen Ebene getroffen zu haben. Konnte die Weise Frau tats�chlich so leicht einen Erfolg erringen, wo Cadsuane so lange gescheitert war?</p><p>�Ich glaube, das ist es, woran wir uns erinnern sollten�, sagte Bair. �Eine Frau ist einfach eine Frau, ganz egal, wie alt sie ist oder an welche Geheimnisse sie sich erinnert. Fleisch kann man schneiden, Blut kann man vergie�en, Knochen kann man brechen.�</p><p>�Ehrlich gesagt bin ich beinahe entt�uscht, Cadsuane Melaidhrin�, sagte Sorilea und sch�ttelte den Kopf. �Dieses Ungeheuer hat nur kleine Rei�z�hne.�</p><p>Semirhage reagierte nicht. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle, ihre Miene war unbewegt, ihr Blick herrisch. �Ich habe ein paar Dinge �ber euch neue, eidlose Aiel und eure Interpretationen von Ehre geh�rt. Die Untersuchung werde ich sehr genie�en, wie viel Schmerz und Leid nun wirklich erforderlich sind, bevor die Angeh�rigen eures Clans Schande auf sich laden. Verratet mir doch, was glaubt ihr, wie weit muss ich gehen, bevor einer von euch einen Schmied t�ten und sein Fleisch essen w�rde?�</p><p>Sie wusste mehr als nur �ein paar Dinge�, wenn sie die beinahe heilige Stellung der Schmiede bei den Aiel verstand. Sorilea versteifte sich, als sie das h�rte, erwiderte aber nichts darauf. Sie webte das Gewebe neu, das H�ren verhinderte, dann hielt sie inne und erschuf die Lichtkugeln vor Semirhages Augen ebenfalls neu. Ja, sie war schwach in der Macht, aber sie lernte schnell.</p><p>�Ist es klug, sie so gefangen zu halten?�, fragte sie Cadsuane. Ihr Tonfall deutete an, dass sie bei jedem anderen eine Forderung gestellt h�tte. Aber f�r sie schw�chte sie die Worte ab, und das h�tte beinahe ein L�cheln auf Cadsuanes Lippen gebracht. Sie waren wie zwei alt gewordene Falken, Sorilea und sie, gewohnt, das Nest zu beherrschen, aber nun gezwungen, in einem Nachbarbaum zu nisten. Keiner von ihnen fiel R�cksichtnahme leicht.</p><p>�W�re es meine Entscheidung�, fuhr Sorilea fort, �ich glaube, ich w�rde ihr die Kehle durchschneiden und die Leiche in den Staub legen, damit sie austrocknen kann. Sie am Leben zu halten ist so, als w�rde man sich eine Schwarzschlange als Haustier halten.�</p><p>�Pff!�, machte Cadsuane und schnitt eine Grimasse. �Ihr habt recht, was die Gefahr betrifft, aber sie jetzt zu t�ten w�re noch schlimmer. Al'Thor kann - oder will - mir nicht genau sagen, wie viele der Verlorenen er get�tet hat, aber er deutet an, dass mindestens die H�lfte von ihnen noch lebt. Sie werden in der Letzten Schlacht k�mpfen, und jedes Gewebe, das wir von Semirhage lernen, ist ein Gewebe weniger, mit dem sie uns �berraschen k�nnen.�</p><p>Sorilea schien nicht �berzeugt zu sein, aber sie lie� das Thema fallen. �Und der Gegenstand?�, fragte sie. �Darf ich ihn sehen?�</p><p>Um ein Haar h�tte Cadsuane Nein gefaucht. Aber ... Sorilea hatte ihr das Schnelle Reisen beigebracht, ein unglaublich m�chtiges Werkzeug. Das war ein Angebot gewesen, eine ausgestreckte Hand. Sie musste mit diesen Frauen zusammenarbeiten. Vor allem mit Sorilea. Al'Thor war ein gr��eres Projekt, als eine Frau allein bew�ltigen konnte.</p><p>�Kommt mit�, sagte sie und verlie� das Zimmer. Die Weisen Frauen folgten ihr. Drau�en instruierte sie die Schwestern - Daigian und Sarene -, daf�r zu sorgen, dass Semirhage wach gehalten wurde und die Augen nicht schlie�en konnte. Es w�rde vermutlich nichts ausrichten, aber es war die beste Strategie, die ihr im Moment zur Verf�gung stand.</p><p>Obwohl ... da <emphasis>war</emphasis> dieser kurze Ausdruck auf Semirhages Gesicht gewesen, dieses kurze Aufflackern von Wut bei Sorileas Bemerkung. Konnte man die Wut einer Person kontrollieren, dann kontrollierte man auch ihre restlichen Emotionen. Aus diesem Grund hatte sie sich so sehr darauf konzentriert, al'Thor beizubringen, sein Temperament zu z�geln.</p><p>Kontrolle und Wut. Was hatte Sorilea blo� gesagt, um diese Reaktion zu provozieren? Dass Semirhage entt�uschend menschlich erschien. Als h�tte Sorilea erwartet, dass eine der Verlorenen so verwachsen wie ein Myrddraal oder Draghkar aussah. Und warum auch nicht? Die Verlorenen waren dreitausend Jahre lang Gestalten der Legende gewesen, die in Schatten aus Dunkelheit und Geheimnis lauerten. Es konnte schon entt�uschend sein, wenn man entdecken musste, dass sie in vielerlei Hinsicht die menschlichsten der Anh�nger des Dunklen K�nigs waren: kleinlich, destruktiv und streits�chtig. Zumindest behauptete das al'Thor. Er war auf eine so seltsame Weise mit ihnen vertraut.</p><p>Semirhage sah sich selbst allerdings als den Menschen �berlegen. Diese Pose, diese Kontrolle, die sie �ber ihre Umgebung hatte, war f�r sie eine Quelle der Kraft.</p><p>Cadsuane sch�ttelte den Kopf. Zu viele Probleme und viel zu wenig Zeit.</p><p>Der Korridor war eine weitere Erinnerung an al'Thors Dummheit; sie konnte noch immer den Rauch riechen. Der Geruch war stark genug, um unangenehm zu sein. Das klaffende Loch an der Vorderseite des Geb�udes, das nur mit einer Plane abgedeckt war, lie� in den Fr�hlingsn�chten kalte Luft herein. Sie h�tten weiterziehen sollen, aber er behauptete, dass er sich nicht vertreiben lassen w�rde.</p><p>Al'Thor schien die Letzte Schlacht kaum abwarten zu k�nnen. Vielleicht hatte er sich damit auch einfach nur abgefunden. Er hatte das Gef�hl, sich seinen Weg durch die nebens�chlichen Streitigkeiten vieler Leute erzwingen zu m�ssen, um an diesen Punkt zu gelangen - wie ein Reisender in der Nacht, der sich durch Schneeb�nke k�mpfen musste, um das Wirtshaus zu erreichen. Das Problem war nur, dass al'Thor noch nicht f�r die Letzte Schlacht bereit war. Das verriet Cadsuane die Art, wie er sprach und wie er handelte. Wie er die Welt mit diesem finsteren, beinahe benommenen Ausdruck betrachtete. Sollte sich der Mann, der er jetzt war, dem Dunklen K�nig stellen, um das Schicksal der Welt zu entscheiden, dann f�rchtete sie um alle Menschen.</p><p>Cadsuane und die beiden Weisen Frauen erreichten ihr Zimmer, einen robusten unbesch�digten Raum mit einem guten Blick auf den zertrampelten Rasen und das dort errichtete Lager. Sie stellte nur wenig Anspr�che, was die Ausstattung betraf: ein vern�nftiges Bett, eine abschlie�bare Truhe, einen Spiegel und einen Waschst�nder. Sie war zu alt und ungeduldig, um sich mit anderen Dingen aufzuhalten.</p><p>Die Truhe war eine T�uschung; dort bewahrte sie etwas Gold und andere relativ wertlose Gegenst�nde auf. Ihre kostbarsten Besitzt�mer trug sie entweder am Leib - der Schmuck aus <emphasis>Ter'angrealen</emphasis> - oder schloss sie in einem sch�big aussehenden Dokumentenkasten ein, der auf dem Spiegel stand. Der Kasten aus abgenutzter Eiche wies genug Schrammen und Beulen auf, um benutzt auszusehen, aber er war nicht sch�big genug, um aus ihren anderen Besitzt�mern hervorzustechen. Sobald Sorilea hinter ihnen die T�r geschlossen hatte, entsch�rfte sie die Fallen des Beh�lters.</p><p>Es erstaunte sie immer wieder, wie wenige Aes Sedai sich doch bem�hten, mit der Einen Macht innovative Dinge zu tun. Sie lernten bew�hrte und traditionelle Gewebe, verschwendeten aber kaum einen weiteren Gedanken daran, was sie sonst noch erreichen konnten. Sicher, mit der Einen Macht herumzuexperimentieren konnte verh�ngnisvoll sein, aber man konnte auch viele Dinge gefahrlos auf einfache Weise weiterentwickeln. So wie ihr Gewebe f�r diesen Beh�lter. Bis vor kurzem hatte sie ein herk�mmliches Gewebe aus Feuer, Geist und Luft benutzt, das sofort s�mtliche Dokumente vernichtete, wenn ein Eindringling ihn �ffnete. Effektiv, aber ziemlich einfallslos.</p><p>Ihr neues Gewebe war da bedeutend vielseitiger. Es zerst�rte die Gegenst�nde in dem Kasten nicht - tats�chlich war sie sich nicht sicher, ob sie �berhaupt zerst�rt werden konnten. Stattdessen schossen die umgedrehten und daher unsichtbar gemachten Gewebe in Str�men aus Luft heraus und fesselten jeden Anwesenden, sollte der Beh�lter ge�ffnet werden. Um Alarm auszul�sen, erzeugte ein weiteres Gewebe gleichzeitig ein lautes Ger�usch, das einhundert spielende Trompeten imitierte, w�hrend Lichtblitze durch die Luft zuckten. Sollte jemand den Beh�lter auch nur mit der zartesten Ber�hrung der Einen Macht �ffnen, bewegen oder �berhaupt anfassen, gingen die Gewebe ebenfalls los.</p><p>Cadsuane klappte den Deckel hoch. Diese extremen Vorsichtsma�nahmen waren n�tig. Denn in dem Beh�lter befanden sich zwei Gegenst�nde, die ausgesprochen gef�hrlich waren.</p><p>Sorilea betrachtete den Inhalt. Der eine Gegenstand war die etwa einen Fu� gro�e Figur eines weisen, b�rtigen Mannes, der eine Kugel hochhielt. Der andere war ein schwarzer metallischer Kragen, zu dem zwei Armreifen geh�rten: ein <emphasis>A'dam</emphasis> f�r einen Mann. Mit diesen <emphasis>Ter'angrealen</emphasis> konnte eine Frau einen Machtlenker zu ihrem Sklaven machen und seine F�higkeit kontrollieren, die Eine Macht zu ber�hren. Ihn m�glicherweise sogar v�llig kontrollieren. Sie hatten den Kragen nicht getestet. Al'Thor hatte es verboten.</p><p>Sorilea stie� leise die Luft aus, ignorierte die Statuette und konzentrierte sich auf den Kragen und die Armreifen. �Dieses Ding ist b�se.�</p><p>�Ja�, sagte Cadsuane. Eigentlich h�tte sie keinen Gegenstand je als �b�se� bezeichnet, aber der hier war es tats�chlich. �Nynaeve al'Meara behauptet, mit diesem Ding etwas vertraut zu sein. Auch wenn ich aus dem M�dchen nicht herauspressen konnte, <emphasis>woher</emphasis> sie �ber diese Dinge Bescheid wei�, behauptet sie zu wissen, dass nur ein m�nnliches <emphasis>A'dam</emphasis> existierte, und dass sie daf�r gesorgt hatte, dass man es im Ozean versenkt. Allerdings gibt sie zu, dass sie es nicht pers�nlich vernichtet hat. M�glicherweise haben die Seanchaner es als Muster benutzt.�</p><p>�Das ist sehr beunruhigend�, sagte Sorilea. �Sollte einer der Schattenbeseelten oder selbst einer der Seanchaner ihn damit fangen ...�</p><p>�M�ge das Licht uns alle besch�tzen�, fl�sterte Bair.</p><p>�Und die Leute, die diese Dinger besitzen, sind die gleichen Leute, mit denen Rand al'Thor Frieden schlie�en will?� Sorilea sch�ttelte den Kopf. �Allein die Herstellung dieser Scheu�lichkeiten sollte schon eine Blutfehde rechtfertigen. Ich habe geh�rt, dass es noch andere wie das da geben soll. Was ist mit denen?�</p><p>�Die werden woanders aufbewahrt�, sagte Cadsuane und klappte den Deckel wieder zu. �Zusammen mit den weiblichen <emphasis>A'dam,</emphasis> die wir konfisziert haben. Ein paar Bekannte von mir - Aes Sedai, die sich aus der Welt zur�ckgezogen haben - testen sie, um ihre Schw�chen in Erfahrung zu bringen.� Sie hatten auch <emphasis>Callandor.</emphasis> Cadsuane verabscheute es, das Schwert aus den Augen zu lassen, aber sie war der Ansicht, dass es noch immer Geheimnisse in sich verbarg, die man ihm entlocken konnte.</p><p>�Das hier habe ich behalten, weil ich eine M�glichkeit finden will, es an einem Mann auszuprobieren�, sagte sie. �Das w�re die beste Methode, seine Schw�chen zu ergr�nden. Aber al'Thor erlaubt nicht, dass man einen seiner Asha'man an die Leine legt. Nicht einmal f�r einen kurzen Moment.�</p><p>Das bereitete Bair Unbehagen. �Das ist irgendwie so, als w�rde man die St�rke eines Speers testen, indem man jemanden damit sticht�, murmelte sie.</p><p>Aber Sorilea nickte. Sie verstand es.</p><p>Nachdem sie eines dieser weiblichen <emphasis>A'dam</emphasis> erbeutet hatten, hatte Cadsuane es sofort angelegt und nach M�glichkeiten gesucht, sich wieder davon zu befreien. Das hatte sie nat�rlich unter sorgf�ltig kontrollierten Umst�nden getan, mit Frauen, denen sie vertraute und die ihr helfen konnten, es wieder loszuwerden. Und schlie�lich hatten sie genau das tun m�ssen. Allein auf sich gestellt hatte Cadsuane keine M�glichkeit gefunden, sich aus eigener Kraft zu befreien.</p><p>Aber wenn dein Feind plante, dir etwas anzutun, dann musste man entdecken, wie man sich dagegen wehren konnte. Selbst wenn es bedeutete, sich selbst anzuleinen. Al'Thor konnte das nicht begreifen. Als sie ihn gefragt hatte, hatte er nur etwas �ber �diese verdammte Kiste� gemurmelt und dass man ihn geschlagen hatte.</p><p>�Wir m�ssen etwas wegen dieses Mannes unternehmen�, sagte Sorilea und erwiderte Cadsuanes Blick. �Seit unserer letzten Begegnung ist er schlimmer geworden.�</p><p>�Das stimmt�, entgegnete Cadsuane. �Er hat es �berraschenderweise geschafft, meine Ausbildung v�llig zu ignorieren.�</p><p>�Dann lasst es uns besprechen�, sagte Sorilea und zog sich einen Hocker heran. �Ein Plan muss her. F�r unser aller Wohl.�</p><p>�F�r unser aller Wohl�, stimmte Cadsuane ihr zu. �Und vor allem f�r al'Thors Wohl.�</p></section><section><title><p>15</p><p>Ein Anfang</p></title><p>Rand erwachte auf dem Korridorboden. Er setzte sich auf. In der Ferne rauschte Wasser. Der Bach vor dem Herrenhaus? Nein ... nein, das stimmte nicht. W�nde und Boden waren aus Stein, nicht aus Holz. Weder Kerzen noch Lampen hingen von dem Mauerwerk, und doch schimmerte die Luft hell.</p><p>Er stand auf, zog seinen roten Mantel zurecht; seltsamerweise versp�rte er keine Furcht. Von irgendwoher kannte er diesen Ort, eine vage Erinnerung. Wie war er hergekommen? Die nahe Vergangenheit war verschwommen und schien ihm wie zerfasernde Nebelschwaden zu entgleiten ...</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte er energisch. Und seine Erinnerungen gehorchten, dr�ngten durch die Kraft seiner Entschlossenheit zur�ck an Ort und Stelle. Er hatte sich in dem Domani-Haus aufgehalten, auf einen Bericht von Rhuarc �ber die Gefangennahme der ersten Kaufmannsratmitglieder gewartet. Min hatte in ihrem Zimmer auf dem gr�nen Sessel gesessen und <emphasis>Jedes Schloss</emphasis> gelesen, eine Biografie.</p><p>Er war ersch�pft gewesen, wie so oft in letzter Zeit. Er hatte sich hingelegt. Also schlief er. War das hier die Welt der Tr�ume? Zwar hatte er ihr gelegentlich einen Besuch abgestattet, wusste aber kaum etwas �ber die Einzelheiten. Egwene und die Traumg�ngerinnen der Aiel �u�erten sich nur zur�ckhaltend dar�ber.</p><p>Dieser Ort f�hlte sich anders als die Traumwelt an und seltsam vertraut. Er musterte den Korridor; er war so lang, dass er irgendwo in den Schatten verschwand, in regelm��igen Abst�nden s�umten T�ren mit trockenem und gesprungenem Holz die W�nde. <emphasis>Ja</emphasis> ..., dachte er und ergriff die Erinnerung. <emphasis>Ich war schon einmal hier, aber das ist lange her.</emphasis></p><p>Er w�hlte irgendeine T�r - er wusste, dass es keine Rolle spielte, welche er nahm - und stie� sie auf. Dahinter lag ein Raum von bescheidener Gr��e. Auf der gegen�berliegenden Seite f�hrte eine Reihe grauer Torb�gen auf einen kleinen Hof und zu einem Himmel brennender roter Wolken. Die Wolken schwollen an wie Blasen in kochendem Wasser. Es waren die Wolken eines bevorstehenden Sturms, so unnat�rlich sie auch waren.</p><p>Er schaute genauer hin und sah, dass jede neue Wolke den Umriss eines vor Pein verzerrten Gesichts bildete, den Mund zu einem stummen Schrei ge�ffnet. Die Wolke schwoll an und wurde immer gr��er, das Gesicht verzerrte sich, der Kiefer mahlte, die Augen quollen hervor. Dann zerplatzte es, und andere Gesichter sch�lten sich br�llend und klagend aus der Oberfl�che. Es war zugleich fesselnd und schrecklich.</p><p>Hinter dem Hof gab es keinen Boden. Nur diesen schrecklichen Himmel.</p><p>Rand wollte nicht zur linken Seite des Raumes blicken. Dort stand der Kamin. Die Steine, die Boden, Feuerstelle und S�ulen bildeten, waren verzogen, wie von gro�er Hitze geschmolzen. Am Rand seines Blickfelds schienen sie sich zu ver�ndern. Winkel und Proportionen des Raumes waren falsch. Genau wie bei seinem letzten Besuch vor langer Zeit.</p><p>Aber etwas war dieses Mal anders. Etwas mit den Farben. Viele der Steine waren schwarz, als w�ren sie verbrannt. Spr�nge durchzogen sie. In ihrem Inneren gl�hte es rot, als best�nde ihr Kern aus geschmolzener Lava. Hatte hier nicht einst ein Tisch gestanden? Poliert und aus feinem Holz, dessen ganz gew�hnliche Formen einen beunruhigenden Kontrast zu den verzerrten Winkeln der Steine bildeten?</p><p>Der Tisch war verschwunden, aber genau vor dem Kamin standen zwei St�hle, deren hohe Lehnen verbargen, wer m�glicherweise dort sa�. Rand zwang sich dazu, sich wieder in Bewegung zu setzen, seine Stiefel traten auf brennende Steine. Er f�hlte keine Hitze, weder von ihnen noch vom Kaminfeuer. Ihm stockte der Atem, und sein Herz pochte wild, als er sich den St�hlen n�herte. Er f�rchtete sich vor dem, was er finden w�rde.</p><p>Er umrundete sie. Auf dem linken Stuhl sa� ein Mann. Hochgewachsen und jugendlich, mit ebenm��igem Gesicht und uralten blauen Augen, in denen sich das Kaminfeuer widerspiegelte und seine Iris beinahe purpurfarbenen erscheinen lie�. Der andere Stuhl war leer. Rand setzte sich, beruhigte seinen Herzschlag und sah den prasselnden Flammen zu. Diesen Mann hatte er schon zuvor in Visionen gesehen, die denen �hnelten, die erschienen, wenn er an Mat oder Perrin dachte.</p><p>Bei dem Gedanken an seine Freunde kamen dieses Mal keine Farben. Das war seltsam, aber irgendwie nicht unerwartet. Die Visionen, die er von dem Mann auf dem anderen Stuhl gehabt hatte, unterschieden sich von denen mit Mat und Perrin. Irgendwie waren sie instinktiver, realer. Manchmal hatte er w�hrend dieser Visionen das Gef�hl, zugreifen und diesen Mann ber�hren zu k�nnen. Er hatte Angst gehabt, was geschehen w�rde, falls er es versuchte.</p><p>Er war diesem Mann nur einmal begegnet. In Shadar Logoth. Der Fremde hatte ihm das Leben gerettet, und er hatte sich oft gefragt, wer er gewesen war. Jetzt, an diesem Ort, wusste er es endlich.</p><p>�Du bist tot�, fl�sterte er. �Ich habe dich get�tet.�</p><p>Der Mann wandte den Blick nicht vom Feuer ab, als er lachte. Ein raues, tiefkehliges Lachen, das nur wenig Humor enthielt. Einst hatte Rand diesen Mann nur als Ba'alzamon gekannt - ein Name f�r den Dunklen K�nig - und wie ein Narr geglaubt, dass er, indem er ihn t�tete, den Schatten f�r alle Zeiten besiegte.</p><p>�Ich habe zugesehen, wie du stirbst�, sagte er. �Mit <emphasis>Callandor</emphasis> habe ich deine Brust durchbohrt. Isham ...�</p><p>�Das ist nicht mein Name�, unterbrach ihn der Mann und starrte weiter in die Flammen. �Man kennt mich jetzt als Moridin.�</p><p>�Der Name ist irrelevant�, sagte Rand w�tend. �Du bist tot, und das ist blo� ein Traum.�</p><p>�Nur ein Traum�, sagte Moridin kichernd. �Ja.� Der Mann trug Schwarz, Mantel und Hosen; die d�stere Kleidung wurde nur von roten Stickereien auf den �rmelaufschl�gen aufgehellt.</p><p>Moridin sah Rand endlich an. Flammen des Feuers warfen hellrote und orangefarbene Lichter auf sein ebenm��iges Gesicht und die reglosen Augen. �Warum musst du immer auf die gleiche Weise jammern? Nur ein Traum! Ist dir nicht klar, dass viele Tr�ume wahrhaftiger als die wachende Welt sind?�</p><p>�Du bist tot�, wiederholte Rand stur.</p><p>�Du auch. Ich habe <emphasis>dich</emphasis> sterben sehen, wei�t du? Hast wie ein Wilder um dich geschlagen, einen ganzen Berg als Grabh�gel erschaffen. Welche Arroganz.�</p><p>Nach der Erkenntnis, jeden geliebten Menschen get�tet zu haben, hatte Lews Therin die Eine Macht in sich str�men lassen und sich selbst vernichtet. Dabei hatte er den Drachenberg erschaffen. Die Erw�hnung dieses Vorfalls rief in Rands Verstand immer ohrenbet�ubende Schreie voller Trauer und Wut hervor.</p><p>Aber dieses Mal herrschte nur Stille.</p><p>Moridin wandte sich wieder der Beobachtung der kalten Flammen zu. An der Seite, am Kaminsims, sah Rand eine Bewegung. Flackernde Schattenfetzen, kaum sichtbar in den Spalten der Steine. Hinter den Spalten loderte rotgl�hende Hitze wie schmelzender Stein, und diese Schatten zuckten wild. Da war ein kaum h�rbares Kratzen. Ratten, erkannte Rand. Da waren Ratten hinter den Steinen, die die schreckliche, auf der anderen Seite gefangene Hitze verschlang. Ihre Krallen dr�ngten sich kratzend in die Spalten, als sie versuchten, ihrem Feuertod zu entkommen.</p><p>Einige dieser winzigen Pfoten erschienen beinahe wie menschliche H�nde.</p><p>Nur ein Traum, sagte sich Rand energisch. Nur ein Traum. Aber er wusste, dass Moridin die Wahrheit sagte. Sein Feind lebte noch. Beim Licht! Wie viele von den anderen waren ebenfalls zur�ckgekehrt? Zorn lie� ihn die Armlehnen umklammern. Vielleicht h�tte er besser Furcht versp�ren sollen, aber er hatte schon vor langer Zeit aufgeh�rt, vor dieser Kreatur und ihrem Herrn fortzulaufen. In ihm war kein Platz f�r Furcht mehr. Tats�chlich sollte Moridin hier derjenige sein, der sich f�rchtete, denn bei ihrer letzten Begegnung hatte er ihn get�tet.</p><p>�Wie?�, wollte er wissen.</p><p>�Vor langer Zeit habe ich dir versprochen, dass dir der Gro�e Herr deine verlorene Liebe zur�ckgeben k�nnte. Glaubst du, es kostet ihn viel M�he, jemanden zur�ckzuholen, der ihm dient?�</p><p>Ein anderer Name f�r den Dunklen K�nig war <emphasis>Herr der Gr�ber.</emphasis> Ja, es stimmte, selbst wenn sich Rand w�nschte, er k�nnte es abstreiten. Warum sollte es ihn �berraschen, dass seine Feinde zur�ckkehrten, wenn der Dunkle K�nig die Toten wieder ins Leben zur�ckholen konnte?</p><p>�Wir werden alle wiedergeboren�, fuhr Moridin fort, �immer wieder zur�ck in das Muster gewebt. Der Tod ist f�r meinen Herrn kein Hindernis, bis auf jene, die mit Baalsfeuer in Ber�hrung gekommen sind. Sie sind jenseits seines Zugriffs. Es ist ein Wunder, dass wir uns �berhaupt an sie erinnern k�nnen.�</p><p>Also waren einige der anderen <emphasis>wirklich</emphasis> tot. Baalsfeuer war der Schl�ssel. Aber wie war Moridin in seine Tr�ume gekommen? Jede Nacht errichtete er Schutzgewebe. Er warf Moridin einen Blick zu, bemerkte etwas Seltsames an den Augen des Mannes. Kleine schwarze Flecken schwammen in dem Wei� herum, trieben hin und her wie Ascheflocken auf einem lauen Wind.</p><p>�Der Gro�e Herr kann dir geistige Gesundheit garantieren, wei�t du�, sagte Moridin.</p><p>�Dein letztes Geschenk an geistiger Gesundheit hat mir keinen Trost gebracht�, erwiderte Rand und �berraschte sich selbst mit den Worten. Das war Lews Therins Erinnerung gewesen, nicht seine. Aber Lews Therin war aus seinem Verstand verschwunden. Seltsamerweise f�hlte er sich an diesem Ort, wo alles im Fluss erschien, viel stabiler. Die Einzelteile, aus denen sich sein Ich zusammensetzte, passten besser zusammen. Nat�rlich nicht perfekt, aber besser als in letzter Zeit.</p><p>Moridin schnaubte leise, sagte aber nichts. Rand wandte sich wieder den Flammen zu, sah ihrem Tanz zu. Sie bildeten Umrisse, genau wie die Wolken, aber die hier waren kopflose K�rper, skeletthaft, die sich vor Qualen aufb�umten, sich einen Moment im Feuer wanden, bevor sie zu nichts zerstoben.</p><p>Rand sah dem Feuer eine Weile zu und dachte nach. Man h�tte meinen k�nnen, sie w�ren zwei alte Freunde, die die W�rme eines Winterkamins genossen. Nur dass diese Flammen keine W�rme verbreiteten und er diesen Mann eines Tages erneut t�ten w�rde. Oder durch seine Hand starb.</p><p>Moridin trommelte mit seinen Fingern auf den Stuhl. �Warum bist du hergekommen?�</p><p><emphasis>Hergekommen!,</emphasis> dachte Rand entsetzt. Hatte Moridin ihn nicht geholt?</p><p>�Ich bin so m�de�, fuhr Moridin fort und schloss die Augen. �Bist du das, oder bin ich das? Ich k�nnte Semirhage erw�rgen f�r das, was sie getan hat.�</p><p>Rand runzelte die Stirn. War Moridin verr�ckt? Ishamael schien am Ende tats�chlich verr�ckt gewesen zu sein.</p><p>�Das ist nicht der richtige Zeitpunkt f�r unseren Kampf�, sagte Moridin und winkte ab. �Geh. Lass mich in Ruhe. Ich wei� nicht, was mit uns geschehen w�rde, wenn wir einander t�ten. Der Gro�e Herr wird dich fr�h genug bekommen. Sein Sieg steht fest.�</p><p>�Er ist schon fr�her gescheitert und wird wieder scheitern�, sagte Rand. �Ich werde ihn besiegen.�</p><p>Moridin lachte wieder, das gleiche herzlose Lachen wie zuvor. �Vielleicht tust du das ja wirklich�, meinte er. �Aber glaubst du, das spielt eine Rolle? Denk dar�ber nach. Das Rad dreht sich, ununterbrochen. Ununterbrochen kommen und gehen die Zeitalter, und M�nner k�mpfen gegen den Gro�en Herrn. Aber eines Tages wird er gewinnen, und wenn er das tut, wird das Rad stehen bleiben.</p><p>Darum steht sein Sieg auch fest. Ich glaube, es wird in diesem Zeitalter geschehen, aber wenn nicht, dann eben in einem anderen. Solltest du siegen, f�hrt das nur zur n�chsten Schlacht. Sollte er siegen, wird alles enden. Begreifst du nicht, dass es f�r dich keine Hoffnung gibt?�</p><p>�Hast du dich darum auf seine Seite geschlagen?�, fragte Rand. �Du warst immer so nachdenklich, Elan. Deine Logik hat dich vernichtet, oder?�</p><p>�Es f�hrt kein Weg zum Sieg�, sagte Moridin. �Es gibt nur den Weg, dem Gro�en Herrn zu folgen und eine Weile zu herrschen, bevor alle Dinge enden. Die anderen sind Narren. Sie warten auf die gro�e Belohnung in der Ewigkeit, aber es wird keine Ewigkeit geben. Nur das Jetzt, die letzten Tage.�</p><p>Er lachte wieder, und dieses Mal lag Freude darin. Echtes Vergn�gen.</p><p>Rand stand auf. Moridin betrachtete ihn misstrauisch, blieb aber sitzen.</p><p>�Es gibt eine M�glichkeit, wie man siegen kann, Moridin�, sagte Rand. �Ich will ihn t�ten. Den Dunklen K�nig vernichten. Soll sich das Rad ohne seinen alles beschmutzenden Makel drehen.�</p><p>Moridin reagierte nicht. Er starrte noch immer ins Feuer. �Wir sind miteinander verbunden�, sagte er dann. �Darum bist du auch hergekommen, vermute ich, auch wenn ich unseren Bund nicht begreife. Ich bezweifle, dass du wirklich ermessen kannst, wie unendlich dumm deine Aussage gerade war.�</p><p>Rand f�hlte Zorn in sich aufsteigen, aber er zwang ihn nieder. Er w�rde sich nicht herausfordern lassen. �Wir werden ja sehen.�</p><p>Er griff nach der Einen Macht. Sie war weit weg. Rand fasste zu und f�hlte, wie er fortgerissen wurde, wie mit einem Seil aus <emphasis>Saidin.</emphasis> Der Raum verschwand, und mit ihm die Eine Macht, w�hrend Rand eine tiefe Dunkelheit betrat.</p><p>Rand h�rte endlich auf, sich im Schlaf umherzuwerfen, und Min hielt die Luft an, hoffte, dass er nicht wieder von vorn anfing. Sie sa� mit untergeschlagenen Beinen und in eine Decke geh�llt auf dem Sessel in der Zimmerecke und las. Auf dem kleinen Tisch neben ihr flackerte eine kleine Lampe und beleuchtete den Stapel aus moderigen B�chern. <emphasis>Fallender Schiefer, Zeichen und Anmerkungen, Monumente der Vergangenheit.</emphasis> Haupts�chlich historische Abhandlungen.</p><p>Rand seufzte leise, bewegte sich aber nicht. Min stie� die Luft aus und machte es sich wieder auf dem Sessel bequem; ihr Finger markierte den letzten Satz, den sie in der Ausgabe von <emphasis>Pelateos' Gr�beleien</emphasis> gelesen hatte. Obwohl die Schlagl�den zur Nacht geschlossen waren, konnte sie den Wind h�ren, der durch die Kiefern strich. Der Raum roch schwach nach dem seltsamen Feuer. Aviendhas schnelle Reaktion hatte eine m�gliche Katastrophe zu einer blo�en Unbequemlichkeit gemacht. Nicht, dass man sie daf�r belohnen w�rde. Die Weisen Frauen lie�en sie noch immer so hart arbeiten wie das letzte Maultier eines Kaufmanns.</p><p>Min hatte nicht nahe genug an sie herankommen k�nnen, um mit ihr zu sprechen, und das trotz der Tatsache, dass sie nun schon eine Weile im selben Lager lebten. Sie wusste nicht, was sie von ihr halten sollte. An diesem Abend, an dem sie <emphasis>Oosquai</emphasis> geteilt hatten, waren sie sich etwas n�hergekommen. Aber ein Tag begr�ndete noch keine Freundschaft, und das Teilen bereitete ihr definitiv Unbehagen.</p><p>Min schaute wieder zu Rand, der mit geschlossenen Augen auf dem R�cken lag und nun ruhig atmete. Sein linker Arm lag auf der Decke, und der Stumpf war entbl��t. Sie wusste nicht, wie er es mit den Wunden in seiner Seite �berhaupt schaffte, Schlaf zu finden. In dem Moment, in dem sie an sie dachte, sp�rte sie auch schon die Schmerzen - auch die geh�rten zu Rands Gef�hlen, die wie ein zerkn�lltes B�ndel in ihrem Hinterkopf pr�sent waren. Sie hatte gelernt, den Schmerz zu ignorieren. Sie hatte keine Alternative gehabt. F�r ihn musste das viel schlimmer sein. Sie hatte keine Ahnung, wie er das nur ertrug.</p><p>Sie war keine Aes Sedai - dem Licht sei Dank! -, aber irgendwie war sie mit ihm den Bund eingegangen. Es war erstaunlich; sie wusste immer, wo er war, wusste, wenn er verzweifelt war. Meistens konnte sie verhindern, dass sie seine Gef�hle �berw�ltigten, au�er in den Momenten ihrer Leidenschaft. Aber welche Frau wollte in solchen Augenblicken nicht �berw�ltigt sein? Mit dem Bund war das eine besonders ... beschwingende Erfahrung, die sie sowohl ihr eigenes Verlangen wie auch den lodernden Feuersturm sp�ren lie�, der Rands Verlangen nach ihr war.</p><p>Der Gedanke lie� sie err�ten, und sie schlug wieder <emphasis>Gr�beleien</emphasis> auf, um sich abzulenken. Rand brauchte seinen Schlaf, und sie w�rde daf�r sorgen, dass er ihn auch bekam. Au�erdem musste sie die B�cher durcharbeiten, auch wenn sie mit Schl�ssen konfrontiert wurde, die ihr nicht gefielen.</p><p>Diese B�cher hatten Herid Fel geh�rt, dem freundlichen alten Gelehrten, der sich Rands Schule in Cairhien angeschlossen hatte. Min l�chelte, als sie sich an Fels gedankenverlorene Weise zu sprechen erinnerte, und seine verwirrenden - und dennoch manchmal brillanten - Entdeckungen.</p><p>Herid Fel war tot, ermordet, von Schattengez�cht in St�cke gerissen. Er hatte etwas in diesen B�chern entdeckt, etwas, das er Rand unbedingt hatte mitteilen wollen. Etwas �ber die Letzte Schlacht und die Siegel am Gef�ngnis des Dunklen K�nigs. Fel war get�tet worden, bevor er die Informationen hatte weitergeben k�nnen. Vielleicht war das nur ein Zufall gewesen, vielleicht hatten die B�cher nichts mit seinem Tod zu tun. Vielleicht aber doch. Min war entschlossen, die Antwort zu finden. F�r Rand und f�r Herid.</p><p>Sie legte <emphasis>Gr�beleien</emphasis> zur Seite und nahm <emphasis>�berlegungen in den Ruinen,</emphasis> ein �ber tausend Jahre altes Werk. Eine Stelle hatte sie mit einem kleinen Zettel markiert, der mittlerweile abgenutzten Notiz, die Herid Rand kurz vor seiner Ermordung geschickt hatte. Sie drehte sie um, las sie erneut.</p><p><emphasis>Glaube und Ordnung verleihen Kraft. M�sst den Schutt beseitigen, bevor Ihr bauen k�nnt. Werde es bei unserer n�chsten Begegnung erkl�ren. Bringt M�dchen nicht mit. Zu h�bsch!</emphasis></p><p>Nach der Lekt�re seiner B�cher glaubte sie, seine Gedanken nachvollziehen zu k�nnen. Rand hatte nach Hinweisen gesucht, wie man das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs versiegeln konnte. Konnte Fel das entdeckt haben, was sie glaubte gefunden zu haben?</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Wieso versuchte ausgerechnet <emphasis>sie,</emphasis> ein Gelehrtenr�tsel zu l�sen? Aber wer sonst? Eine der Braunen Ajah w�re vermutlich besser geeignet gewesen, aber konnte man ihnen vertrauen? Selbst jene, die sich ihm verschworen hatten, kamen vielleicht zu dem Schluss, dass es in Rands bestem Interesse lag, ihm Geheimnisse vorzuenthalten. Rand selbst war viel zu besch�ftigt, au�erdem war er in der letzten Zeit viel zu ungeduldig f�r B�cher. Damit blieb nur sie �brig. Sie fing an, einiges von dem zusammenzusetzen, was er tun musste, aber vieles war noch immer unbekannt. Sie hatte das Gef�hl, sich dem Ergebnis zu n�hern, aber der Gedanke, ihre Entdeckungen Rand zu enth�llen, bereitete ihr Sorgen. Wie w�rde er reagieren?</p><p>Sie seufzte, bl�tterte in dem Buch herum. Nie h�tte sie gedacht, sich jemals f�r einen Mann zum Narren zu machen, ausgerechnet sie. Und doch war sie hier, folgte ihm, wo auch immer er hinging, stellte seine Bed�rfnisse �ber die ihren. Das bedeutete nicht, dass sie seine Gespielin war, ganz egal, was manche der Leute im Lager auch sagen mochten. Sie folgte Rand, weil sie ihn liebte, und sie f�hlte - und das wortw�rtlich -, dass er diese Liebe erwiderte. Trotz der H�rte, die ihn St�ck f�r St�ck verschlang, trotz des Zorns und der Aussichtslosigkeit seines Lebens liebte er sie. Also tat sie, was in ihrer Macht stand, um ihm zu helfen.</p><p>Wenn sie dabei helfen konnte, dieses eine R�tsel zu l�sen, das R�tsel, wie man den Kerker des Dunklen K�nigs versiegelte, konnte sie nicht nur etwas f�r Rand gewinnen, sondern f�r die ganze Welt. Was spielte es da schon f�r eine Rolle, wenn die Soldaten im Lager ihren Wert nicht erkannten? Vermutlich war es sogar besser, wenn sie jeder f�r austauschbar hielt. Jeder Attent�ter, der Rand t�ten wollte, sollte denken, dass er sie ignorieren konnte. Der M�chtegern-M�rder w�rde schnell die in ihren �rmeln verborgenen Messer entdecken. Sie war nicht so gut damit wie Thom Merrilin, aber sie verstand genug davon, um zu t�ten.</p><p>Rand drehte sich im Schlaf um, kam aber wieder zur Ruhe. Sie liebte ihn. Das war nicht ihre Entscheidung gewesen, aber ihr Herz - oder das Muster oder der Sch�pfer oder wer auch immer f�r solche Dinge zust�ndig war - hatte die Entscheidung f�r sie getroffen. Und sie h�tte ihre Gef�hle auch nicht ge�ndert, selbst wenn sie es gekonnt h�tte. Auch wenn sie m�glicherweise Gefahr bedeuteten, wenn sie bedeuteten, die Blicke der M�nner im Lager zu ertragen, wenn sie bedeuteten ... ihn mit anderen teilen zu m�ssen.</p><p>Rand r�hrte sich wieder. Dieses Mal st�hnte er und �ffnete die Augen, setzte sich auf. Er hielt sich den Kopf, schaffte es irgendwie, jetzt noch m�der auszusehen als zuvor. Er trug nur sein Lendentuch, seine Brust war nackt. Einen langen Augenblick blieb er so sitzen, dann stand er auf und ging zu dem verschlossenen Fenster.</p><p>Min schlug das Buch zu. �Und was glaubst du, was du da tust, Schafhirte? Du hast nicht mal ein paar Stunden geschlafen!�</p><p>Er �ffnete Fenster und Schlagladen, enth�llte die dahinterliegende Nacht. Ein Windzug lie� ihre Lampe flackern.</p><p>�Rand?�</p><p>Sie konnte ihn kaum h�ren, als er antwortete. �Er ist in meinem Kopf. W�hrend des Traums war er verschwunden. Aber jetzt ist er wieder da.�</p><p>Sie wehrte sich dagegen, sich tiefer in den Sessel verkriechen zu wollen. Beim Licht, wie sie es hasste, von Rands Wahnsinn zu h�ren. Sie hatte so sehr gehofft, dass die Heilung von <emphasis>Saidin</emphasis> ihn auch vom Irrsinn des Makels befreien w�rde. �Er?�, fragte sie und zwang sich zu einem ruhigen Tonfall. �Die Stimme von ... Lews Therin?�</p><p>Er drehte sich um, der bew�lkte Nachthimmel au�erhalb des Fensters rahmte sein Gesicht ein, das ungleichm��ige Licht der Lampe tauchte seine Z�ge gr��tenteils in Schatten.</p><p>�Rand�, sagte sie, legte das Buch zur Seite und ging zu ihm. �Du musst mit jemandem sprechen. Du kannst diese Last nicht allein tragen.�</p><p>�Ich muss stark sein.�</p><p>Sie zog an seinem Arm, drehte ihn sich ihr zu. �Mich fernzuhalten hei�t, dass du stark bist?�</p><p>�Ich halte dich nicht ...�</p><p>�Doch, das tust du. Dort drinnen gehen Dinge vor, hinter deinen Aielaugen. Rand, glaubst du, ich h�re auf, dich zu lieben - nur wegen dem, was du h�rst?�</p><p>�Du wirst Angst bekommen.�</p><p>�Oh�, meinte sie und verschr�nkte die Arme. �Also bin ich eine zerbrechliche Bl�te?�</p><p>Er �ffnete den Mund, suchte nach Worten, so wie einst. So wie damals, als er nichts weiter als ein Schafhirte auf einem Abenteuer gewesen war. �Min, ich wei�, dass du stark bist. Das wei�t du.�</p><p>�Dann vertraue mir auch, dass ich stark genug bin, um zu ertragen, was in dir ist�, sagte sie. �Wir k�nnen nicht so tun, als w�re nichts geschehen.� Sie zwang sich dazu weiterzumachen. �Der Makel hat sein Zeichen bei dir hinterlassen. Ich wei� das. Aber wenn du das nicht mit mir teilen kannst, mit wem denn dann?�</p><p>Er strich sich durch das Haar, dann wandte er sich ab und fing an, auf und ab zu gehen. �Verflucht, Min! Wenn meine Feinde meine Schw�chen entdecken, werden sie sie ausnutzen. Ich f�hle mich wie ein Blinder. Ich laufe in der Dunkelheit �ber einen unbekannten Weg. Ich wei� nicht, ob es auf der Stra�e Gr�ben gibt, oder ob das ganze verdammte Ding an einer Klippe endet!�</p><p>Min legte ihm die Hand auf den Arm, als er vorbeiging, hielt ihn auf. �Erz�hl es mir.�</p><p>�Du wirst mich f�r verr�ckt halten.�</p><p>Sie schnaubte. �Ich halte dich doch bereits f�r einen wollk�pfigen Narren. Kann es so viel schlimmer sein?�</p><p>Er musterte sie, und etwas von der Anspannung wich aus seinen Z�gen. Er setzte sich auf die Bettkante, seufzte leise. Aber es <emphasis>war</emphasis> ein Fortschritt.</p><p>�Semirhage hatte recht�, fing er an. �Ich h�re ... Dinge. Eine Stimme. Die Stimme von Lews Therin, dem Drachen. Er spricht zu mir und reagiert auf die Welt um mich herum. Manchmal versucht er, mir <emphasis>Saidin</emphasis> zu entringen. Und ... und manchmal gelingt ihm das auch. Er ist wild, Min. Wahnsinnig. Aber die Dinge, die er mit der Einen Macht anstellen kann, sind erstaunlich.�</p><p>Er starrte in die Ferne. Min fr�stelte. Beim Licht! Er lie� die Stimme in seinem Kopf die Eine Macht lenken? Was bedeutete das? Dass er den verr�ckten Teil seines Verstandes die Kontrolle �bernehmen lie�?</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. �Semirhage behauptet, dass das blo� der Wahnsinn ist, Streiche, die mir mein Verstand spielt, aber Lews Therin wei� Dinge - Dinge, die ich nicht wissen <emphasis>kann.</emphasis> Dinge �ber die Geschichte, �ber die Eine Macht. Eine deiner Sichten �ber mich hat dir gezeigt, wie zwei Menschen zu einem verschmelzen. Das bedeutet, dass sich Lews Therin und ich voneinander unterscheiden! Zwei Menschen, Min. Er ist <emphasis>real</emphasis>.�</p><p>Sie setzte sich neben ihn. �Rand, er ist du. Oder du bist er. Erneut in das Muster gewebt. Diese Erinnerungen und die Dinge, die du tun kannst, das sind �berreste von dem, der du zuvor warst.�</p><p>�Nein�, sagte Rand. �Min, er ist wahnsinnig, und ich bin es nicht. Au�erdem ist er gescheitert. Das werde ich nicht. Ich werde es nicht tun, Min. Ich werde nicht denen schaden, die ich liebe, nicht so wie er. Und wenn ich den Dunklen K�nig besiege, werde ich es ihm nicht erm�glichen, kurze Zeit sp�ter zur�ckzukommen und erneut Furcht und Schrecken zu verbreiten.�</p><p>Dreitausend Jahre sp�ter waren �eine kurze Zeit�? Min legte die Arme um ihn. �Spielt es eine Rolle?�, wollte sie wissen. �Ob es nun eine andere Person gibt oder ob das nur Erinnerungen an die Vorzeit sind, die Informationen sind n�tzlich.�</p><p>�Ja�, sagte Rand und erschien wieder gedankenverloren. �Aber ich habe Angst, die Eine Macht zu benutzen. Wenn ich es tue, riskiere ich, dass <emphasis>er</emphasis> die Kontrolle �bernimmt. Man kann ihm nicht vertrauen. Er wollte sie nicht t�ten, aber das �ndert nichts an der Tatsache, dass er es getan hat. Beim Licht ... Ilyena ...�</p><p>Geschah das mit ihnen allen auf diese Weise? Dass jeder von ihnen glaubte, geistig gesund zu sein, und dass es diese andere Person in ihnen war, die diese schrecklichen Dinge tat?</p><p>�Es ist vorbei, Rand�, sagte sie und hielt ihn. �Was auch immer diese Stimme in Wirklichkeit ist, sie wird nicht schlimmer werden. <emphasis>Saidin</emphasis> ist gereinigt.�</p><p>Rand erwiderte nichts, aber er entspannte sich. Sie schloss die Augen und genoss das Gef�hl seiner W�rme neben sich, vor allem, da er das Fenster offengelassen hatte.</p><p>�Ishamael lebt�, sagte Rand.</p><p>Sie riss die Augen auf. �Was?� Gerade als sie anfing, sich wohlzuf�hlen!</p><p>�Ich habe ihn in der Welt der Tr�ume besucht�, sagte Rand. �Und bevor du fragst, nein. Es war nicht nur ein Albtraum, und es war auch kein Wahnsinn. Es war real, und ich kann nicht erkl�ren, warum ich das wei�. Du wirst mir einfach vertrauen m�ssen.�</p><p>�Ishamael�, fl�sterte sie. �Du hast ihn get�tet!�</p><p>�Ja. Im Stein von Tear. Er ist zur�ckgekehrt, hat ein neues Gesicht und einen neuen Namen, aber er ist es. Wir h�tten wissen m�ssen, dass das passiert; der Dunkle K�nig w�rde so ein n�tzliches Werkzeug nicht kampflos aufgeben. Seine Macht reicht jenseits des Grabes.�</p><p>�Wie k�nnen wir dann gewinnen? Wenn jeder, den wir t�ten, einfach zur�ckkehren kann ...�</p><p>�Baalsfeuer�, sagte Rand. �Das t�tet sie endg�ltig.�</p><p>�Aber Cadsuane sagt ...�</p><p>�Mir ist egal, was Cadsuane sagt�, knurrte er. �Sie ist meine Beraterin, und sie gibt mir Ratschl�ge. Nur Ratschl�ge. Ich bin der Wiedergeborene Drache, und ich entscheide, wie wir k�mpfen.� Er hielt inne, holte tief Luft. �Wie dem auch sei, es spielt keine Rolle, ob die Verlorenen zur�ckkehren, es spielt keine Rolle, wer oder was uns der Dunkle K�nig auf den Hals hetzt. Am Ende werde ich ihn vernichten, falls das m�glich ist. Und wenn nicht, dann werde ich ihn zumindest so sicher wegsperren, dass die Welt ihn vergessen kann.�</p><p>Er sah zu ihr herunter. �Daf�r ... brauche ich die Stimme, Min. Lews Therin wei� viele Dinge. Oder ... oder ich wei� viele Dinge. Was auch immer es ist, das Wissen ist da. In gewisser Weise wird den Dunklen K�nig sein eigener Makel vernichten, denn er hat mir erst den Zugang zu Lews Therin erm�glicht.�</p><p>Min schaute zu ihren B�chern hin�ber. Herids kleiner Zettel ragte noch immer aus den Tiefen von <emphasis>�berlegungen in den Ruinen</emphasis> hervor. �Rand�, sagte sie. �Du musst die Siegel am Gef�ngnis des Dunklen K�nigs vernichten.�</p><p>Er sah sie stirnrunzelnd an.</p><p>�Ich bin mir sicher�, fuhr sie fort. �Die ganze Zeit habe ich in Herids B�chern gelesen, und ich glaube, das hat er mit �den Schutt beseitigen� gemeint. Um das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs neu zu errichten, wirst du es erst �ffnen m�ssen. Den Flicken auf der Bohrung entfernen.�</p><p>Eigentlich hatte sie mit v�lligem Unglauben gerechnet. Schockierenderweise nickte er blo�. �Ja�, sagte er. �Ja, das klingt richtig. Ich bezweifle, dass viele das h�ren wollen. Wenn diese Siegel zerbrochen werden, kann man unm�glich vorhersagen, was geschehen wird. Wenn ich darin versage, ihn in Schach zu halten ...�</p><p>Die Prophezeiungen besagten nicht, dass Rand siegen w�rde. Nur dass er k�mpfen w�rde. Min fr�stelte wieder - das verdammte Fenster! -, erwiderte aber Rands Blick. �Du wirst gewinnen. Du wirst ihn besiegen.�</p><p>Er seufzte. �Glaube an einen Verr�ckten?�</p><p>�Glaube an dich, Schafhirte.� Pl�tzlich wirbelten Sichten um seinen Kopf. Meistens ignorierte Min sie, es sei denn, sie waren neu, aber jetzt konzentrierte sie sich darauf. Von Dunkelheit verschlungene Gl�hw�rmchen. Drei Frauen vor einem Scheiterhaufen. Lichtblitze, Dunkelheit, Schatten, Anzeichen des Todes, Kronen, Verletzungen, Schmerzen und Hoffnung. Ein Sturm um Rand al'Thor, st�rker als jeder weltliche Sturm.</p><p>�Wir wissen noch immer nicht, was wir tun m�ssen�, sagte er. �Die Siegel sind so br�chig geworden, dass ich sie mit meinen H�nden zerbrechen k�nnte, aber was dann? Wie halte ich <emphasis>ihn</emphasis> auf? Steht dar�ber etwas in deinen B�chern?�</p><p>�Das ist schwer zu sagen�, gab sie zu. �Die Hinweise - wenn es denn welche sind - sind nur vage. Ich werde weitersuchen, versprochen. Ich werde f�r dich die Antworten finden.�</p><p>Er nickte, und sie war �berrascht, sein Vertrauen durch den Bund zu sp�ren. In letzter Zeit war das ein schrecklich seltenes Gef�hl bei ihm, aber er erschien nachgiebiger als w�hrend der vergangenen Tage. Noch immer ein Stein, aber vielleicht mit ein paar Spr�ngen, dazu bereit, sie einzulassen. Es war ein Anfang.</p><p>Sie legte die Arme fester um ihn und schloss wieder die Augen. Ein Anfang, aber ihnen blieb nur noch so wenig Zeit. Sie w�rde reichen m�ssen.</p><p>Aviendha hielt sorgf�ltig ihre brennende Kerze und entz�ndete die auf einem Pfahl angebrachte Laterne. Ihr flackerndes Licht erhellte den Rasen in ihrer Umgebung. Schlummernde Soldaten schnarchten in Zeltreihen. Der Abend war k�hl, die Luft schneidend, in der Ferne rauschten �ste. Eine einsame Eule klagte. Und Aviendha war ersch�pft.</p><p>Sie hatte das Gel�nde f�nfzig Mal �berquert, die Laterne entz�ndet und sie dann wieder ausgeblasen, danach war sie im Laufschritt zur�ck, um die Kerze beim Herrenhaus wieder zu entz�nden, bevor sie vorsichtig - die Flamme sch�tzend - zur�ckgegangen war, um die Laterne erneut zu entz�nden.</p><p>Noch einen Monat solcher Strafen, und sie w�rde vermutlich genauso verr�ckt wie ein Feuchtl�nder. Eines Morgens w�rden die Weisen Frauen aufwachen und sie dabei erwischen, wie sie schwimmen ging oder einen nur zur H�lfte gef�llten Wasserschlauch trug oder - welch eine Vorstellung - zum Vergn�gen ausritt! Sie seufzte, zu ersch�pft, um sich weiter Gedanken zu machen, und wandte sich dem Teil des Lagers zu, den die Aiel in Beschlag genommen hatten, um endlich schlafen gehen zu k�nnen.</p><p>Jemand stand hinter ihr.</p><p>Zusammenzuckend griff sie nach dem Dolch, entspannte sich aber, als sie Amys erkannte. Von allen Weisen Frauen h�tte nur sie allein - als ehemalige Tochter - sich an Aviendha anschleichen k�nnen.</p><p>Die Weise Frau stand mit verschr�nkten H�nden da; das braune Schultertuch und der Rock bewegten sich leicht im Wind. Eine besonders k�hle Brise lie� Aviendhas Haut kribbeln. Im Abendlicht erschien Amys' silbergraues Haar beinahe geisterhaft; eine vom Wind bef�rderte Kiefernnadel hatte sich darin verfangen. �Du machst dich mit einer solchen ... Entschlossenheit an deine Strafen, Kind�, sagte Amys.</p><p>Aviendha schaute zu Boden. Ihre Aktivit�ten anzusprechen sollte sie entehren. Hatte sie keine Zeit mehr? Hatten sich die Weisen Frauen endlich dazu entschieden, sie aufzugeben? �Bitte, Weise Frau. Ich tue nur das, was die Pflicht von mir verlangt.�</p><p>�Ja, das tust du�, sagte Amys. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, entdeckte die Kiefernnadel und lie� sie auf das tote Gras fallen. �Und manchmal auch nicht. Aviendha, bisweilen sind wir so mit den Dingen besch�ftigt, die wir getan haben, dass wir gar nicht an die Dinge denken, die wir nicht getan haben.�</p><p>Aviendha war froh �ber die Dunkelheit, die ihr schamhaftes Err�ten verbarg. In der Ferne l�utete ein Soldat die Abendglocke, um die Stunde anzuzeigen, das weiche Metall verk�ndete elf melancholische Schl�ge. Was sollte sie nur auf Amys' Bemerkung erwidern? Es schien keine vern�nftige Antwort zu geben.</p><p>Ein Lichtblitz direkt hinter dem Lager rettete sie. Er war nur schwach, aber in der Dunkelheit doch sehr auff�llig.</p><p>�Was?�, fragte die Weise Frau, bemerkte Aviendhas Blick und drehte sich um, um ihm zu folgen.</p><p>�Licht�, sagte Aviendha. �Vom Reisegel�nde.�</p><p>Amys runzelte die Stirn, dann gingen sie beide in Richtung Gel�nde. Bald stie�en sie auf Damer Flinn, Davram Bashere sowie eine kleine Gruppe Saldaeaner und Aiel, die das Lager betraten. Was sollte man nur von einer Kreatur wie Flinn halten? Der Makel war entfernt worden, aber dieser Mann - und viele der anderen - war lange davor mit der Bitte um eine Ausbildung gekommen. Aviendha h�tte eher den Sichtblender umarmt, als das zu tun, aber die M�nner <emphasis>hatten</emphasis> sich als m�chtige Waffen erwiesen.</p><p>Amys und Aviendha traten zur Seite, als die kleine Gruppe zum Herrenhaus eilte, nur von den in der Ferne flackernden Fackeln und dem bew�lkten Himmel �ber ihnen erhellt. Obwohl sich der gr��te Teil der Streitmacht, die man zu dem Treffen mit den Seanchanern geschickt hatte, aus Basheres Soldaten zusammensetzte, waren auch einige T�chter dabei gewesen. Amys sah eine von ihnen an, eine �ltere Frau namens Corana. Sie blieb ein St�ck zur�ck, und obwohl das in der Dunkelheit schwer zu sagen war, erschien sie besorgt. Vielleicht w�tend.</p><p>�Welche Neuigkeiten bringt ihr?�, fragte Amys.</p><p>�Die Invasoren, diese Seanchaner� - Corana spuckte das Wort beinahe aus -, �sie haben in ein weiteres Treffen mit dem <emphasis>Car'a'carn</emphasis> eingewilligt.�</p><p>Amys nickte. Corana hingegen schnaubte deutlich h�rbar. Die k�hle Brise bewegte ihr kurzes Haar.</p><p>�Sprich�, sagte Amys.</p><p>�Der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> sucht den Frieden zu sehr�, erwiderte Corana. �Diese Seanchaner haben ihm Grund f�r eine Blutfehde gegeben, aber er kriecht vor ihnen. Ich kam mir wie ein abgerichteter Hund vor, den man ausschickt, um einem Fremden die F��e zu lecken.�</p><p>Amys warf Aviendha einen Blick zu. �Was sagst du dazu?�</p><p>�Mein Herz stimmt ihren Worten zu, Weise Frau. Aber auch wenn der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> in vielen Dingen ein Narr ist, so gilt das nicht hierf�r. Mein Verstand stimmt ihm zu, und in diesem Fall w�rde ich dem Verstand folgen.�</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen?�, fauchte Corana. Sie betonte das <emphasis>Du,</emphasis> als wollte sie andeuten, dass gerade Aviendha, die k�rzlich noch eine Tochter gewesen war, sie verstehen m�sste.</p><p>Aviendha hob das Kinn. �Was ist wichtiger, Corana? Die Meinungsverschiedenheit, die du mit einer anderen Tochter hast, oder die Fehde, die dein Clan mit seinem Feind hat?�</p><p>�Nat�rlich kommt der Clan zuerst. Aber was spielt das denn f�r eine Rolle?�</p><p>�Die Seanchaner haben verdient, dass man sie bek�mpft�, sagte Aviendha, �und du hast recht, dass es einen schmerzt, sie um Frieden zu bitten. Aber du vergisst, dass wir einen gr��eren Feind haben. Sichtblender hat eine Fehde mit allen Menschen, und unsere Pflicht ist gr��er als die Fehden zwischen Nationen.�</p><p>Amys nickte. �Es wird zu einem anderen Zeitpunkt noch genug Zeit sein, den Seanchanern das Gewicht unserer Speere zu zeigen.�</p><p>Corana sch�ttelte den Kopf. �Weise Frau, Ihr klingt wie ein Feuchtl�nder. Was k�mmern uns denn ihre Prophezeiungen und Geschichten? Rand al'Thors Pflicht als <emphasis>Car'a'carn</emphasis> ist viel gr��er als die Pflicht, die er den Feuchtl�ndern gegen�ber hat. Er muss uns zum <emphasis>Ruhm</emphasis> f�hren.�</p><p>Amys starrte die blonde Tochter ungehalten an. �Du klingst wie eine Shaido.�</p><p>Einen Moment lang erwiderte Corana ihren Blick unger�hrt, dann gab sie nach und wandte sich ab. �Verzeiht, Weise Frau�, sagte sie schlie�lich. �Ich habe <emphasis>Toh.</emphasis> Aber Ihr solltet wissen, dass die Seanchaner Aiel in ihrem Lager hatten.�</p><p>�Was?�, fragte Aviendha.</p><p>�Sie waren angeleint wie ihre zahmen Aes Sedai�, berichtete Corana. �Ich vermute, man hat sie uns bei unserer Ankunft absichtlich wie Troph�en gezeigt. Unter ihnen habe ich viele Shaido erkannt.�</p><p>Amys zischte leise. Shaido oder nicht, Aiel, die man als <emphasis>Damane</emphasis> hielt, stellten eine t�dliche Beleidigung dar. Und die Seanchaner prahlten auch noch mit ihren Gefangenen. Aviendha griff nach ihrem Dolch.</p><p>Amys sah sie an. �Und was sagst du jetzt?�</p><p>Aviendha biss die Z�hne zusammen. �Das Gleiche, Weise Frau, obwohl ich mir lieber die Zunge abschneiden w�rde, als das zuzugeben.�</p><p>Amys nickte und wandte sich wieder Corana zu. �Glaube nicht, dass wir diese Beleidigung ignorieren werden, Corana. Es wird <emphasis>Vergeltung</emphasis> erfolgen. Sobald dieser Krieg vorbei ist, werden die Seanchaner den Hagel unserer Pfeile und die Spitzen unserer Speere zu sp�ren bekommen. Aber erst dann. Geh und berichte den beiden Clanh�uptlingen, was du mir erz�hlt hast.�</p><p>Corana nickte - sie w�rde ihr <emphasis>Toh</emphasis> sp�ter unter vier Augen mit Amys regeln - und ging. Damer Flinn und die anderen hatten das Herrenhaus bereits erreicht; w�rden sie Rand wecken? Er schlief jetzt, allerdings war Aviendha in der Mitte ihrer abendlichen Strafe gezwungen gewesen, ihren Bund zu d�mpfen, sonst h�tte sie Gef�hle ertragen m�ssen, die sie lieber vermied. Genauer gesagt wollte sie sie lieber nicht aus zweiter Hand erleben.</p><p>�Das wird bei den Speeren gef�hrliche Worte hervorrufen�, sagte Amys nachdenklich. �Man wird nach einem Angriff verlangen, Forderungen stellen, dass der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> seine Friedensbem�hungen einstellt.�</p><p>�Werden sie bei ihm bleiben, wenn er sich weigert?�, fragte Aviendha.</p><p>�Nat�rlich werden sie das�, erwiderte Amys. �Sie sind Aiel.� Sie musterte Aviendha. �Wir haben nicht viel Zeit, Kind. Vielleicht sollten wir damit aufh�ren, dich zu h�tscheln. Ich werde mir ab morgen bessere Strafen f�r dich einfallen lassen.�</p><p><emphasis>Mich zu h�tscheln?</emphasis> Aviendha sah Amys nach. <emphasis>Ihnen d�rfte wohl kaum etwas noch Sinnloseres oder Dem�tigenderes einfallen!</emphasis></p><p>Aber sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, Amys nicht zu untersch�tzen. Seufzend verfiel sie in einen Laufschritt und trabte zur�ck zu ihrem Zelt.</p></section><section><title><p>16</p><p>In der Wei�en Burg</p></title><p>�Ich bin neugierig, was die Novizin zu sagen hat. Verratet mir, Egwene al'Vere, wie w�rt Ihr mit der Situation umgegangen?�</p><p>Egwene schaute von der Schale mit den N�ssen auf, in der einen Hand den eisernen Nussknacker, in der anderen eine dicke Walnuss. Es war das erste Mal, dass eine der anwesenden Aes Sedai sie angesprochen hatte. Und sie hatte schon geglaubt, dass der Dienst als Dienerin bei den drei Wei�en sich nur als weitere Zeitverschwendung erweisen w�rde.</p><p>An diesem Nachmittag befand sie sich auf einem kleinen Balkon auf der dritten Ebene der Wei�en Burg. Sitzende konnten nicht nur R�ume mit gro�en Fenstern verlangen, sondern auch mit Balkonen, etwas, das f�r gew�hnliche Schwestern nicht �blich war - auch wenn es nicht g�nzlich unbekannt war. Der hier war wie ein kleines T�rmchen geformt, eine stabile Steinmauer diente als Br�stung, von der Decke senkte sich eine �hnliche Mauer. Zwischen den beiden befand sich eine gro�z�gige L�cke, und der Ausblick war sehr sch�n, nach Osten �ber die sich sanft erhebenden H�gel, die schlie�lich zu Bruderm�rders Dolch emporstiegen. An einem klaren Tag h�tte man den Dolch in der Ferne durchaus sehen k�nnen.</p><p>Eine k�hle Brise strich �ber den Balkon, und so hoch oben war sie frisch und unber�hrt vom Gestank der darunter liegenden Stadt. Zu beiden Seiten des Mauerwerks wuchsen Zankranken mit ihren dreizackigen Bl�ttern und anschmiegsamen Reben, die sich ausbreitenden Ranken bedeckten die Innenseite des Mauerwerks und lie�en es beinahe wie eine Ruine in der Tiefe eines Waldes aussehen. Die Pflanzen waren ein gr��erer Schmuck, als Egwene in den Gem�chern einer Wei�en erwartet h�tte, aber Ferane sagte man einen Hauch Eitelkeit nach. Vermutlich gefiel es ihr, dass ihr Balkon so unverkennbar war, selbst wenn das Protokoll von ihr verlangte, die Reben zurechtzustutzen, um das funkelnde Profil des Turms nicht zu beeintr�chtigen.</p><p>Die drei Wei�en sa�en auf Korbst�hlen an einem niedrigen Tisch. Egwene sa� vor ihnen auf einem Korbhocker, den R�cken der �ffnung zugewandt, sodass sie die Aussicht nicht genie�en konnte, w�hrend sie f�r die anderen N�sse knackte. Diese Arbeit h�tte auch jeder Diener oder K�chenhelfer erledigen k�nnen. Aber es war auch genau die Art von Besch�ftigung, mit der Schwestern die Zeit von Novizinnen f�llten, die ihrer Meinung nach zu viel herumlungerten.</p><p>Egwene hatte das N�sseknacken nur f�r einen Vorwand gehalten. Nachdem man sie den gr��ten Teil einer Stunde ignoriert hatte, waren ihr da Zweifel gekommen, aber jetzt sahen alle drei Frauen sie an. Sie h�tte ihrem Instinkt vertrauen sollen.</p><p>Ferane hatte die kupferfarbene Haut einer Domani und das dazu passende Temperament, was f�r eine Wei�e seltsam war. Sie war klein, hatte ein apfelf�rmiges Gesicht und gl�nzendes schwarzes Haar. Ihr rotbraunes Kleid war hauchd�nn, aber schicklich, mit einer breiten wei�en Sch�rpe um die Taille, die zu ihrer Stola passte, die sie im Augenblick trug. Dem Kleid mangelte es nicht an Stickereien, und der Stoff schien vielleicht absichtlich eine Anspielung auf ihre Herkunft als Domani zu sein.</p><p>Die anderen beiden, Miyasi und Tesan, trugen beide Wei�, als bef�rchteten sie, dass sie mit Kleidern anderer Farbe ihre Ajah verraten w�rden. Diese Idee schien sich in letzter Zeit bei allen Aes Sedai immer mehr durchzusetzen. Tesan mit ihrem dunklen, zu Z�pfen geflochtenen und perlengeschm�ckten Haar kam aus Tarabon. Die Perlen waren wei� und golden und rahmten ein schmales Gesicht ein, das aussah, als h�tte man oben und unten zugegriffen und fest gezogen. Sie erweckte immer den Eindruck, als w�rde sie sich �ber etwas Sorgen machen. Aber vielleicht waren das ja auch nur die Zeiten, in denen sie lebten. Das Licht allein wusste, dass sie genug hatten, wor�ber sie sich Sorgen machen konnten.</p><p>Miyasi war da ruhiger; ihr Kopf wurde von einem eisengrauen Haarknoten geschm�ckt. Ihr Aes Sedai-Gesicht verriet nichts von den vielen Jahren, die sie erlebt haben musste, damit ihr Haar so grau werden konnte. Sie war hochgewachsen und mollig, und sie wollte ihre Waln�sse auf eine ganz bestimmte Weise gesch�lt haben. Keine zerbrochenen St�cke, sondern nur unversehrte H�lften. Egwene zog vorsichtig eine aus der Schale, die sie gerade geknackt hatte, und reichte sie her�ber; der kleine braune Klumpen war voller Windungen, wie das Gehirn eines kleinen Tieres.</p><p>�Was hattet Ihr noch einmal gefragt, Ferane?�, entgegnete Egwene, knackte die n�chste Nuss und warf die Schalen in den Eimer zu ihren F��en.</p><p>Die Wei�e bedachte ihre unschickliche Erwiderung kaum mit einem Stirnrunzeln. Langsam gew�hnten sich alle an die Tatsache, dass sich diese �Novizin� nur selten so verhielt, wie es ihrem angeblichen Status zukam. �Ich fragte�, sagte Ferane k�hl, �was <emphasis>Ihr</emphasis> anstelle der Amyrlin getan h�ttet. Betrachtet das als Teil Eures Unterrichts. Ihr wisst, dass der Drache wiedergeboren wurde, und wir wissen auch, dass die Burg ihn kontrollieren <emphasis>muss,</emphasis> damit die Letzte Schlacht wie gew�nscht verl�uft. Wie w�rdet Ihr mit ihm umgehen?�</p><p>Eine seltsame Frage. Sie klang so gar nicht nach �Unterricht�. Aber Feranes Tonfall lie� es auch nicht wie eine Einladung klingen, sich �ber Elaida zu beschweren. Daf�r lag in dieser Stimme viel zu viel Verachtung f�r Egwene.</p><p>Die anderen beiden Wei�en blieben stumm. Ferane war eine Sitzende, und sie ordneten sich ihr unter.</p><p><emphasis>Sie hat geh�rt, wie oft ich Elaidas Versagen bei Rand erw�hne,</emphasis> dachte Egwene und sah Ferane in die schwarzen Augen. <emphasis>Also. Das ist eine Pr�fung, nicht wahr?</emphasis> Hier war sorgf�ltig �berlegtes Vorgehen gefragt.</p><p>Sie griff nach der n�chsten Nuss. �Zuerst w�rde ich eine Gruppe Schwestern in sein Heimatdorf schicken.�</p><p>Ferane hob eine Braue. �Um seine Familie einzusch�chtern?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte Egwene. �Um sie auszufragen. Wer ist dieser Wiedergeborene Drache? Ist er ein temperamentvoller Mann, ein Mann voller Leidenschaften? Oder ist er ein bed�chtiger Mann, sorgf�ltig und vorsichtig? Geh�rte er zu der Sorte, die ihre Zeit gern allein auf dem Feld verbringt, oder schloss er schnell Freundschaften mit anderen Jungen? W�rde man ihn eher in einer Schenke oder einer Werkstatt antreffen?�</p><p>�Aber <emphasis>Ihr</emphasis> kennt ihn doch�, mischte sich Tesan ein.</p><p>�Das tue ich�, sagte Egwene und knackte eine Nuss. �Aber wir sprechen von einer hypothetischen Situation.� <emphasis>Doch vergesst nie, dass ich den Wiedergeborenen Drachen in der realen Welt pers�nlich kenne. So wie niemand sonst in der Burg.</emphasis></p><p>�Lasst uns annehmen, dass Ihr Ihr seid�, sagte Ferane. �Und dass er Rand al'Thor ist, Euer Kindheitsfreund.�</p><p>�Gut.�</p><p>Ferane beugte sich vor. �Dann verratet mir, von den Sorten von M�nnern, die Ihr eben aufgelistet habt, was passt am besten zu diesem Rand al'Thor?�</p><p>Egwene z�gerte. �Sie alle�, sagte sie und warf eine zerbrochene Walnuss in eine kleine Schale auf dem Tisch. Miyasi w�rde sie nicht anr�hren, aber die anderen beiden waren da nicht so pingelig. �W�re ich ich und der Drache Rand, dann w�rde ich ihn als rationalen Menschen kennen - f�r einen Mann. Wenn er auch manchmal etwas stur ist. Oder meistens. Was aber viel wichtiger ist, ich w�sste, dass er im Grunde seines Herzens ein guter Mann ist. Also w�rde ich ihm dann Schwestern schicken, die ihm F�hrung anbieten.�</p><p>�Und wenn er das ablehnt?�, wollte Ferane wissen.</p><p>�Dann w�rde ich Spione schicken und ihn beobachten, um in Erfahrung zu bringen, ob er noch der Mann ist, den ich einst kannte.�</p><p>�Und w�hrend Ihr wartet und ihn ausspioniert, w�rde er das Land terrorisieren, �berall Schaden anrichten und Armeen unter sein Banner zwingen.�</p><p>�Und ist es nicht genau das, was wir von ihm wollen? Ich glaube nicht, dass man ihn h�tte daran hindern k�nnen, <emphasis>Callandor</emphasis> zu nehmen, selbst wenn wir das gewollt h�tten. In Cairhien hat er die Ordnung wiederhergestellt, hat Tear und Illian unter einem Herrscher vereint und vermutlich auch Andors Gunst erworben.�</p><p>�Ganz zu schweigen von diesen Aiel, die er bezwungen hat�, sagte Miyasi und griff nach einer Handvoll N�sse.</p><p>Egwene warf ihr einen scharfen Blick zu. �Niemand <emphasis>bezwingt</emphasis> die Aiel. Rand hat sich ihren Respekt erworben. Ich war dabei.�</p><p>Miyasi erstarrte, die Hand auf dem halben Weg zur Nusssch�ssel. Sie sch�ttelte sich, brach den Blickkontakt, schnappte sich die Sch�ssel und setzte sich wieder. Eine k�hle Brise blies �ber den Balkon und lie� die Pflanzen rascheln, die diesen Fr�hling nicht so ergr�nten, wie sie sollten, wor�ber sich Ferane bitter beschwert hatte. Egwene fuhr darin fort, N�sse zu knacken.</p><p>�Es hat den Anschein�, sagte Ferane, �als w�rdet Ihr ihn einfach Chaos verbreiten lassen, wie er gerade Lust hat.�</p><p>�Rand al'Thor ist wie ein Fluss�, erwiderte Egwene. �Ruhig und friedlich, wenn er ungest�rt ist, aber ein t�dlicher, rei�ender Strom, wenn man ihn in ein zu enges Bett zw�ngt. Was Elaida mit ihm gemacht hat, entspricht ungef�hr dem Versuch, den Manetherendrelle durch eine zwei Fu� breite Schlucht zu zwingen. Das Temperament eines Mannes in aller Ruhe zu ergr�nden ist nicht dumm, und es ist auch kein Zeichen von Schw�che. Ohne Informationen zu handeln ist Wahnsinn, und die Wei�e Burg verdient den Sturm, den sie geweckt hat.�</p><p>�Vielleicht�, meinte Ferane. �Aber Ihr habt mir immer noch nicht verraten, wie Ihr mit der Situation umgehen w�rdet, sobald Ihr Eure Informationen gesammelt habt und die Zeit des Wartens vorbei ist.� Ferane war f�r ihr Temperament bekannt, aber im Augenblick zeigte ihre Stimme die K�lte, f�r die die Wei�en ber�chtigt waren. Es war die K�lte von jemandem, der ohne jedes Gef�hl sprach, der an die Logik dachte, ohne �u�ere Einfl�sse zu tolerieren.</p><p>Es war nicht die beste Methode, um Probleme zu l�sen. Menschen waren viel komplizierter als jedes Regelwerk oder Zahlen. Es gab Zeiten, in denen Logik angebracht war, das stimmte, aber es gab auch Zeiten, in denen Gef�hle im Vordergrund standen.</p><p>Rand stellte ein Problem dar, �ber das Egwene sich verboten hatte nachzudenken - sie musste ein Problem nach dem anderen l�sen. Aber es sprach auch viel daf�r, weit vorauszuplanen. Wenn sie sich <emphasis>keine</emphasis> Gedanken dar�ber machte, wie sie mit dem Wiedergeborenen Drachen verfahren sollte, w�rde sie sich schlie�lich in einer genauso aussichtslosen Situation wie Elaida wiederfinden.</p><p>Er war <emphasis>nicht</emphasis> mehr der Mann, den sie kannte. Aber die Wurzeln seiner Pers�nlichkeit mussten noch dieselben wie fr�her sein. W�hrend der Monate, die sie zusammen durch die Aiel-W�ste gereist waren, hatte sie oft seinen Zorn erleben k�nnen. W�hrend seiner Kindheit war er nicht oft zum Vorschein gekommen, aber jetzt begriff sie, dass er immer unter der Oberfl�che gelauert haben musste. Er hatte nicht pl�tzlich Temperament entwickelt; in den Zwei Fl�ssen hatte ihn nur nie etwas in Erregung versetzt.</p><p>W�hrend der monatelangen Reise schien er mit jedem Schritt h�rter zu werden. Er stand unter au�ergew�hnlichem Druck. Wie ging man mit so einem Mann um? Ehrlich gesagt fiel ihr dazu nichts ein.</p><p>Aber diese Unterhaltung drehte sich gar nicht darum, wie man mit Rand zu verfahren hatte. Es ging darum, dass Ferane ergr�nden wollte, welche Art Frau sie war.</p><p>�Rand al'Thor sieht sich als Herrscher�, sagte Egwene. �Und ich sch�tze, das ist er mittlerweile auch. Sollte er den Eindruck haben, dass man ihn in eine bestimmte Richtung dr�ngen will, wird er ungehalten reagieren. M�sste ich mich mit ihm auseinandersetzen, w�rde ich eine Delegation schicken, die ihn ehrt.�</p><p>�Eine aufwendige Prozession?�, fragte Ferane.</p><p>�Nein. Aber auch keine d�rftige. Eine Gruppe aus drei Aes Sedai, angef�hrt von einer Grauen, die von einer Gr�nen und einer Blauen begleitet wird. Dank fr�herer Bekanntschaften sch�tzt er die Blauen, und Gr�ne werden oft als das Gegenteil der Roten betrachtet, ein subtiler Hinweis, dass wir zur Zusammenarbeit bereit sind und ihn nicht d�mpfen wollen. Eine Graue, weil man das erwartet, aber auch, weil es bedeutet, dass es um Verhandlungen geht und keine Heere folgen.�</p><p>�Eine gute Logik�, sagte Tesan und nickte.</p><p>Ferane war nicht so leicht zu �berzeugen. �Solche Delegationen sind in der Vergangenheit gescheitert. Ich glaube, dass auch Elaidas Delegation von einer Grauen angef�hrt wurde.�</p><p>�Ja, aber Elaidas Delegation wies einen fundamentalen Fehler auf�, sagte Egwene.</p><p>�Und welcher w�re das gewesen?�</p><p>�Nun, sie wurde von einer <emphasis>Roten</emphasis> gesandt.� Egwene knackte eine Nuss. �Es f�llt mir schwer, in der Erhebung einer Roten zur Amyrlin w�hrend der Tage des Wiedergeborenen Drachen eine Logik zu erkennen. Musste das nicht damit enden, dass zwischen ihm und der Burg Feindschaft entsteht?�</p><p>�Man k�nnte auch sagen�, hielt Ferane dagegen, �dass man in diesen von Unheil geplagten Zeiten eine Rote braucht, denn die Roten haben die meiste Erfahrung im Umgang mit M�nnern, die die Macht lenken k�nnen.�</p><p>�Mit ihnen �umgehen� zu k�nnen ist etwas anderes, als mit ihnen zu �arbeiten��, sagte Egwene. �Man h�tte den Wiedergeborenen Drachen nicht frei herumlaufen lassen d�rfen, aber seit wann ist die Wei�e Burg dazu da, Leute zu <emphasis>entf�hren</emphasis> und ihnen unseren Willen aufzuzwingen? Stehen wir nicht in dem Ruf, von allen Menschen diejenigen zu sein, die am subtilsten und vorsichtigsten sind? R�hmen wir uns nicht, andere dazu bringen zu k�nnen, sich so zu verhalten, wie sie <emphasis>sollten,</emphasis> und sie die ganze Zeit in dem Glauben zu lassen, es w�re ihre <emphasis>eigene</emphasis> Idee gewesen? Wann haben wir in der Vergangenheit K�nige in Kisten gesperrt und sie wegen Ungehorsam geschlagen? Warum haben wir von allen Zeiten unter dem Licht ausgerechnet jetzt auf unsere behutsame Vorgehensweise verzichtet und sind stattdessen zu einfachen Schl�gern geworden?�</p><p>Ferane suchte sich eine Walnuss aus. Die anderen beiden Wei�en teilten einen unbehaglichen Blick. �In Euren Worten liegt ein gewisser Sinn�, gestand die Sitzende schlie�lich ein.</p><p>Egwene legte den Nussknacker zur Seite. �Rand al'Thor ist ein guter Mann, jedenfalls in seinem Herzen, aber er braucht F�hrung. In diesen Tagen h�tten wir so geschickt wie noch nie zuvor vorgehen m�ssen. Man h�tte ihn dazu bringen m�ssen, Aes Sedai vor allen anderen zu vertrauen, sich auf unseren Rat zu verlassen. Man h�tte ihm zeigen m�ssen, welche Weisheit im Zuh�ren liegt. Stattdessen hat man ihm gezeigt, dass wir ihn wie ein ungehorsames Kind behandeln werden. Selbst wenn er das sein <emphasis>sollte,</emphasis> darf er nicht glauben, dass wir ihn so sehen. Unser Versagen ist daf�r verantwortlich, dass er Aes Sedai zu Gefangenen machte, und er hat zugelassen, dass Schwestern mit seinen Asha'man den <emphasis>Bund</emphasis> eingehen mussten.�</p><p>Ferane setzte sich steif auf. �Diese Abscheulichkeit sollte besser nicht erw�hnt werden.�</p><p>�Er hat <emphasis>was?</emphasis>�, sagte Tesan und legte entsetzt eine Hand auf die Brust. Manche Wei�e schienen der Welt um sie herum nie irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. �Ferane? Habt Ihr davon gewusst?�</p><p>Ferane schwieg.</p><p>�Ich ... ich habe dieses Ger�cht geh�rt�, sagte die korpulente Miyasi. �Sollte es der Wahrheit entsprechen, dann muss etwas unternommen werden.�</p><p>�Ja�, sagte Egwene. �Leider k�nnen wir uns im Augenblick nicht auf al'Thor konzentrieren.�</p><p>�Er ist das gr��te Problem auf der Welt�, sagte Tesan und beugte sich vor. �Wir m�ssen uns zuerst um ihn k�mmern.�</p><p>�Nein�, erwiderte Egwene. �Es gibt andere Probleme.�</p><p>Miyasi runzelte die Stirn. �Da sich die Letzte Schlacht n�hert, sehe ich keine anderen wichtigen Dinge.�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. �Wenn wir uns jetzt um Rand k�mmern, w�ren wir wie ein Bauer, der seinen Wagen betrachtet und sich dar�ber sorgt, dass keine G�ter aufgeladen sind, die er verkaufen kann - dabei aber die Tatsache ignoriert, dass die Achse gebrochen ist. Bel�dt man ihn vor der Zeit, wird man nur den Wagen kaputtmachen und dann schlimmer dastehen als zuvor.�</p><p>�Und was genau wollt Ihr damit andeuten?�, fragte Tesan.</p><p>Egwene richtete den Blick wieder auf Ferane.</p><p>�Ich verstehe�, sagte die Sitzende. �Ihr bezieht Euch auf die Spaltung der Wei�en Burg.�</p><p>�Kann ein gespaltener Stein ein gutes Fundament f�r ein Haus sein?�, fragte Egwene. �Kann ein ausgefranstes Seil ein in Panik geratenes Pferd halten? Wie k�nnen wir in unserem gegenw�rtigen Zustand hoffen, den Wiedergeborenen Drachen lenken zu k�nnen?�</p><p>�Und warum verst�rkt Ihr die Spaltung dann, indem Ihr darauf beharrt, der Amyrlin-Sitz zu sein?�, sagte Ferane. �Ihr widerspricht Eurer eigenen Logik.�</p><p>�Und auf meinen Anspruch auf den Amyrlin-Sitz zu verzichten w�rde die Burg heilen?�</p><p>�Es w�rde helfen.�</p><p>Egwene hob eine Braue. �Lasst uns f�r einen Moment annehmen, dass ich durch den Verzicht auf meinen Anspruch die Rebellen dazu �berreden k�nnte, sich wieder der Wei�en Burg anzuschlie�en und Elaidas F�hrung zu akzeptieren.� Sie hob die Braue noch ein St�ck h�her, um anzudeuten, f�r wie wahrscheinlich sie <emphasis>das</emphasis> hielt. �W�rde das die Differenzen beseitigen?�</p><p>�Ihr habt gerade gesagt, dass es das w�rde�, sagte Tesan stirnrunzelnd.</p><p>�Ach ja?�, erwiderte Egwene. �W�rden dann die Schwestern nicht mehr durch die G�nge eilen, weil sie Angst haben, allein zu sein? W�rden sich Gruppen von Frauen verschiedener Ajahs keine feindselige Blicke mehr zuwerfen, wenn sie einander in den Korridoren begegnen? Bei allem n�tigen Respekt, w�rden wir nicht l�nger das Bed�rfnis versp�ren, st�ndig unsere Stolen zu tragen, um zu zeigen, wer wir sind und wo unsere Loyalit�t liegt?�</p><p>Ferane schaute kurz nach unten auf ihre wei�befranste Stola.</p><p>Egwene beugte sich vor und fuhr fort. �Von allen Frauen in der Wei�en Burg wisst Ihr doch sicherlich am besten, wie wichtig es ist, dass die Ajahs zusammenarbeiten. Wir k�nnen nicht darauf verzichten, dass sich Frauen mit verschiedenen F�higkeiten und Interessen in Ajahs organisieren. Aber ergibt es irgendeinen Sinn, wenn wir darauf verzichten, miteinander zusammenzuarbeiten?�</p><p>�Diese ... bedauerlichen Spannungen haben nicht die Wei�en zu verantworten�, sagte Miyasi mit leisem Schnauben. �Das waren jene, die ihren au�er Kontrolle geratenen Gef�hlen folgten.�</p><p>�Daf�r ist die derzeitige F�hrung verantwortlich�, sagte Egwene. �Eine F�hrung, die uns lehrt, dass es v�llig in Ordnung ist, Schwestern unter Ausschluss der �ffentlichkeit zu d�mpfen und Beh�ter hinzurichten, bevor ihre Aes Sedai �berhaupt vor Gericht gestellt wurden. Dass nichts daran falsch ist, einer Schwester die Stola abzunehmen und sie zu einer Aufgenommenen zu degradieren, dass nichts daran falsch ist, eine ganze Ajah <emphasis>aufzul�sen.</emphasis> Und was ist damit, ohne den Rat des Saals ein so gef�hrliches Unternehmen wie die Entf�hrung und Gefangennahme des Wiedergeborenen Drachen zu befehlen? Kommt es so unerwartet, dass Schwestern so ver�ngstigt und besorgt sind? Ist nicht alles, was mit uns passiert ist, v�llig <emphasis>logisch?</emphasis>�</p><p>Die drei Wei�en schwiegen.</p><p>�Ich werde mich nicht unterwerfen�, sagte Egwene. �Nicht, solange das an der Spaltung nichts �ndert. Ich werde auch weiterhin behaupten, dass Elaida nicht die Amyrlin ist. Ihre Handlungen haben es bewiesen. Ihr wollt beim Kampf gegen den Dunklen K�nig helfen? Nun, Euer erster Schritt liegt darin, sich nicht um den Wiedergeborenen Drachen zu k�mmern. Euer erster Schritt sollte sein, den Schwestern der anderen Ajahs die Hand zu reichen.�</p><p>�Warum wir?�, wollte Tesan wissen. �Wir sind nicht f�r die Taten der anderen verantwortlich.�</p><p>�Und Euch kann man keinen Vorwurf machen?�, fragte Egwene und lie� etwas von ihrer Wut durchschimmern. Wollte denn keine ihrer Schwestern wenigstens ein Mindestma� an Verantwortung akzeptieren? �Die Wei�en h�tten sehen m�ssen, wo dieser Weg hinf�hrt. Ja, Siuan und die Blauen waren nicht fehlerlos - aber Ihr h�ttet erkennen m�ssen, welchen Fehler man mit ihrem Sturz begeht, um dann Elaida zu erlauben, die Blauen aufzul�sen. Au�erdem glaube ich, dass mehrere Mitglieder Eurer Ajah einen wesentlichen Anteil daran hatten, Elaida zur Amyrlin zu machen.�</p><p>Miyasi zuckte leicht zusammen. Die Wei�en wurden nicht gern an Alviarin und ihr Scheitern als Elaidas Beh�terin der Chronik erinnert. Anstatt sich gegen Elaida zu wenden, weil sie eine Wei�e versto�en hatte, hatten sie sich scheinbar wegen der von ihr verursachten Schande gegen die eigene Schwester gewandt.</p><p>�Ich finde noch immer, dass das eine Aufgabe f�r die Grauen ist�, meinte Tesan, aber sie h�rte sich deutlich weniger �berzeugend an als noch Augenblicke zuvor. �Ihr solltet mit ihnen sprechen.�</p><p>�Das habe ich�, erwiderte Egwene. Langsam verlor sie die Geduld. �Manche sprechen nicht mit mir und schicken mich zur Bu�e. Andere sagen, dass diese Zerw�rfnisse nicht ihre Schuld sind, aber nach einiger �berredung haben sie sich bereiterkl�rt, zu tun, was sie k�nnen. Die Gelben sind sehr verst�ndnisvoll gewesen, und ich glaube, sie fangen an, die Probleme der Burg als Wunde zu betrachten, die geheilt werden muss. Ich arbeite noch immer an einigen Braunen Schwestern - sie scheinen von den Problemen eher fasziniert als beunruhigt zu sein. Ich habe mehreren von ihnen befohlen, in den historischen Aufzeichnungen nach Beispielen von Zerw�rfnissen zu suchen, in der Hoffnung, dass sie auf die Geschichte von Renala Merlon sto�en. Der Zusammenhang sollte offensichtlich sein, und vielleicht sehen sie dann ja ein, dass unsere Probleme gel�st werden k�nnen.</p><p>Ironischerweise haben sich die Gr�nen als die stursten erwiesen. In vielerlei Hinsicht k�nnen sie sich wie die Roten benehmen, was einen wirklich aufbringen kann, denn sie sollten nun wirklich dazu bereit sein, mich als jemanden zu akzeptieren, der sich ihnen angeschlossen h�tte. Damit bleiben nur die Blauen �brig, die man verbannt hat, und die Roten. Ich bezweifle, dass Schwestern dieser Ajah meinen Vorschl�gen zug�nglich sein werden.�</p><p>Ferane lehnte sich nachdenklich zur�ck, und Tesan sa� mit drei vergessenen Waln�ssen in der Hand da und starrte Egwene an. Miyasi kratzte ihr eisengraues Haar, die Augen vor �berraschung weit aufgerissen.</p><p>Hatte sie zu viel preisgegeben? Aes Sedai �hnelten auf erstaunliche Weise Rand al'Thor; sie erfuhren nicht gern, dass sie manipuliert worden waren.</p><p>�Ihr seid schockiert�, sagte sie. �Was denn, seid ihr der Ansicht, ich sollte wie die meisten einfach still dasitzen und die H�nde in den Scho� legen, w�hrend die Burg wankt? Dieses wei�e Kleid wurde mir aufgezwungen, und ich werde nicht akzeptieren, was es repr�sentiert, aber ich <emphasis>werde</emphasis> es benutzen. Eine Frau im Wei� der Novizinnen ist eine der wenigen, die im Moment von einem Ajah-Quartier ins andere kann. Jemand muss die Arbeit �bernehmen, die Burg zu heilen, und ich bin die beste Wahl. Davon abgesehen ist es meine Pflicht.�</p><p>�Wie ... vern�nftig von Euch�, sagte Ferane. Ihre alterslose Stirn war in Falten gelegt.</p><p>�Danke�, erwiderte Egwene. Machten sie sich Sorgen, dass sie ihre Grenzen �berschritten hatte? Waren sie zornig, dass sie Aes Sedai manipuliert hatte? Waren sie entschlossen, daf�r zu sorgen, dass sie erneut bestraft wurde?</p><p>Ferane beugte sich vor. �Sagen wir, wir w�rden den Wunsch versp�ren, an der Einheit der Burg zu arbeiten. Welchen Weg w�rdet Ihr vorschlagen?�</p><p>Egwene versp�rte eine Woge der Aufregung. In den vergangenen Tagen hatte sie nur R�ckschl�ge davongetragen. Diese d�mlichen Gr�nen! Sie w�rden sich in der Tat sehr dumm vorkommen, sobald man sie als Amyrlin akzeptiert hatte.</p><p>�Suana von der Gelben Ajah wird Euch drei bald dazu einladen, mit ihr zu essen�, sagte Egwene. Zumindest w�rde Suana diese Einladung aussprechen, sobald sie sie dazu gedr�ngt hatte. �Willigt ein und nehmt Eure Mahlzeit an einem �ffentlichen Ort ein, vielleicht in einem der Burgg�rten. Lasst Euch dabei sehen, wie Ihr die Gesellschaft der anderen genie�t. Ich werde versuchen, als N�chstes eine Braune Schwester dazu zu bringen, Euch einzuladen. Lasst die anderen Schwestern dabei zusehen, wie Ihr Euch mit anderen Ajahs trefft.�</p><p>�Das ist einfach�, sagte Miyasi. �Das kostet nur wenig M�he, weist aber ausgezeichnetes Potenzial f�r einen zuk�nftigen Gewinn auf.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte Ferane. �Ihr d�rft Euch zur�ckziehen, Egwene.�</p><p>Es gefiel ihr nicht, auf diese Weise entlassen zu werden, aber dagegen lie� sich nichts machen. Immerhin hatte die Frau ihr den Respekt erwiesen, sie mit Namen anzusprechen. Egwene stand auf und nickte Ferane dann sehr vorsichtig zu. Tesan und Miyasi zeigten keine offensichtliche Reaktion, aber ihre Augen weiteten sich doch. Mittlerweile war es in der Burg allgemein bekannt, dass Egwene niemals einen Knicks machte. Und ungeheuerlicherweise neigte Ferane den Kopf, nur einen Hauch, und erwiderte damit die Geste.</p><p>�Egwene al'Vere, solltet Ihr Euch entscheiden, die Wei�en zu w�hlen�, sagte die Sitzende, �dann sollt Ihr wissen, dass Ihr hier willkommen seid. F�r eine so junge Person war Eure Logik heute erstaunlich.�</p><p>Egwene unterdr�ckte ein L�cheln. Vor vier Tagen hatte Bennae Nalsad ihr beinahe einen Platz bei den Braunen angeboten, und sie war noch immer �berrascht, mit welchem Nachdruck Suana ihr die Gelben hatte schmackhaft machen wollen. Beinahe h�tten sie es geschafft, dass sie es sich noch einmal anders �berlegte - aber das lag haupts�chlich an den Schwierigkeiten, die sie im Augenblick mit den Gr�nen hatte. �Danke�, sagte sie. �Aber Ihr d�rft nicht vergessen, dass die Amyrlin alle Ajahs repr�sentieren muss. Unsere Diskussion war allerdings vergn�glich. Ich hoffe, dass Ihr mir in der Zukunft erneut gestatten werdet, mich zu Euch zugesellen.�</p><p>Damit zog sich Egwene zur�ck und lie� zu, dass sie breit grinste, als sie Feranes st�mmigen Beh�ter zunickte, der auf dem Balkon Wache stand. Ihr L�cheln dauerte so lange an, bis sie den Sektor der Wei�en verlie� und Katerine sah, die im Korridor auf sie wartete. Die Rote geh�rte nicht zu den beiden, die man Egwene fr�her am Tag zugeteilt hatte, und in der Burg sprach man davon, dass sich Elaida immer st�rker auf Katerine verlie�, jetzt, da ihre Beh�terin der Chroniken in einer geheimnisvollen Mission unterwegs war.</p><p>Katerines scharf geschnittenes Gesicht trug ebenfalls ein L�cheln. Das war kein gutes Zeichen. �Hier�, sagte sie und hielt einen Holzbecher mit einer klaren Fl�ssigkeit. Es war Zeit f�r Egwenes Nachmittagsdosis Spaltwurzel.</p><p>Egwene schnitt eine Grimasse, nahm aber den Becher und trank ihn leer. Sie wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab und ging dann langsam weiter.</p><p>�Und wo genau wollt Ihr hin?�, wollte Katerine wissen.</p><p>Die Selbstzufriedenheit in ihrem Tonfall lie� Egwene z�gern. Stirnrunzelnd drehte sie sich um. �Mein n�chster Unterricht ...�</p><p>�F�r Euch wird es keinen weiteren Unterricht mehr geben�, sagte Katerine. �Jedenfalls nicht von der Art, wie Ihr ihn erhalten habt. Alle sind sich einig, dass Eure F�higkeiten mit Geweben f�r eine Novizin beeindruckend sind.�</p><p>Egwene begriff es nicht. Wollte man sie wieder zur Aufgenommenen erheben? Sie bezweifelte, dass Elaida ihr mehr Freiheiten zugestehen w�rde, und sie verbrachte nur selten Zeit in ihrem Zimmer, also w�rde der zus�tzliche Platz nicht wichtig sein.</p><p>�Nein�, sagte Katerine und spielte mit den Fransen ihrer Stola. �Man hat entschieden, dass Ihr mehr Demut lernen m�sst. Die Amyrlin hat von Eurer albernen Weigerung geh�rt, vor den Schwestern einen Knicks zu machen. Ihrer Meinung nach ist das das letzte Symbol Eurer trotzigen Natur, also sollt Ihr eine neue Art von Unterricht erhalten.�</p><p>Egwene versp�rte einen Anflug von Furcht. �Was f�r ein Unterricht?�, fragte sie mit beherrschter Stimme.</p><p>�Arbeit�, erwiderte Katerine.</p><p>�Ich erledige bereits meine Arbeit, genau wie die Novizinnen.�</p><p>�Ihr versteht nicht�, sagte Katerine. �Von jetzt an werdet Ihr <emphasis>nur noch</emphasis> Hausarbeit erledigen. Ihr habt Euch sofort in der K�che zu melden - Ihr werdet dort jeden Nachmittag arbeiten. Am Abend werdet Ihr die B�den schrubben. Am Morgen meldet Ihr Euch beim Burgmeister zur Arbeit in den G�rten. Das wird Euer Leben sein, jeden Tag die gleichen drei Aktivit�ten - jede von ihnen f�nf Stunden lang -, bis Ihr Euren dummen Stolz aufgebt und lernt, den Euch H�hergestellten den n�tigen Respekt zu erweisen.�</p><p>Das war das Ende von Egwenes Freiheit, so gering sie auch sein mochte. In Katerines Augen funkelte Schadenfreude.</p><p>�Ah, Ihr habt es begriffen. Schluss mit den Besuchen in Schwesterngem�chern, um ihre Zeit mit dem �ben von Geweben zu verschwenden, die Ihr bereits gemeistert habt. Schluss mit der Faulheit; jetzt werdet Ihr stattdessen arbeiten. Wie findet Ihr das?�</p><p>Es war nicht der Gedanke an schwere Arbeit, der Egwene Sorgen bereitete - sie hatte nichts gegen die Hausarbeiten, die sie jeden Tag verrichtete. Es war der mangelnde Kontakt mit den anderen Schwestern, der sie vernichten w�rde. Wie sollte sie die Wei�e Burg wieder vereinen? Beim Licht! Das war eine Katastrophe.</p><p>Sie biss die Z�hne zusammen und bezwang ihre Gef�hle. Dann erwiderte sie Katerines Blick und sagte: �Gut. Lasst uns gehen.�</p><p>Katerine blinzelte. Offensichtlich hatte sie einen Wutanfall erwartet oder zumindest eine Auseinandersetzung. Aber das war nicht der richtige Zeitpunkt daf�r. Egwene wandte ihre Schritte der K�che zu und lie� das Quartier der Wei�en hinter sich zur�ck. Sie durfte sie nicht wissen lassen, wie effektiv diese Bestrafung war.</p><p>Unterwegs k�mpfte sie ihre Panik nieder; die h�hlenartigen G�nge in den Tiefen der Burg waren mit in Haltern steckenden, langen und geschmeidigen Lampen versehen, die an Schlangenk�pfe erinnerten, die winzige Flammen zur Decke spuckten. Sie konnte damit fertig werden. Sie <emphasis>w�rde</emphasis> damit fertig werden. Sie w�rden sie <emphasis>nicht</emphasis> brechen.</p><p>Vielleicht sollte sie ein paar Tage lang arbeiten und dann so tun, als h�tte man ihr Demut eingebl�ut. Sollte sie den Knicks machen, den Elaida forderte? Eigentlich war das nur eine Kleinigkeit. Ein Knicks, und sie k�nnte sich wieder um ihre wichtigeren Pflichten k�mmern.</p><p><emphasis>Nein. Nein, damit w�rde es nicht aufh�ren. Ich w�rde in dem Augenblick verlieren, in dem ich das erste Mal einen Knicks mache.</emphasis></p><p>Nachzugeben w�rde Elaida beweisen, dass man ihren Willen brechen konnte. Den Knicks zu machen w�re der Anfang in den Abstieg in die Vernichtung. Danach w�rde Elaida verlangen, dass sie die Aes Sedai mit ihrem Ehrentitel ansprach. Die falsche Amyrlin w�rde sie zur�ck an die Arbeit schicken, in dem Wissen, dass es schon einmal funktioniert hatte. W�rde sie sich dann auch beugen? Wie lange w�rde es wohl dauern, bevor sie jegliche Glaubw�rdigkeit verspielt hatte und in die Fliesen der Burgkorridore getrampelt worden war?</p><p>Sie konnte sich nicht beugen. Die Pr�gelstrafen hatten ihr Verhalten nicht beeinflussen k�nnen; der Arbeitseinsatz durfte sie ebenfalls nicht ver�ndern.</p><p>Drei Stunden Arbeit in der K�che konnten ihre Stimmung kaum aufhellen. Laras, die derbe Herrin der K�chen, hatte ihr befohlen, einen der kamin�hnlichen �fen zu schrubben. Es war eine schmutzige Arbeit, die Nachdenken nicht f�rderte. Nicht, dass es viele Auswege aus ihrer Situation gegeben h�tte.</p><p>Egwene hockte sich auf die Fersen, hob den Arm und fuhr sich �ber die Stirn. Nun war auch der �rmel voller Ru�. Sie seufzte leise; Mund und Nase wurden von einem feuchten Tuch gesch�tzt, um nicht zu viel Asche einzuatmen. Ihr Atem f�hlte sich hei� und stickig an, auf ihrer Haut klebte der Schwei�. Die Tropfen, die sich von ihrem Gesicht l�sten, waren ebenfalls mit Ru� geschw�rzt. Durch das Tuch konnte sie den dumpfen Geruch der Asche riechen, die zahllose Male verbrannt worden war.</p><p>Der Kaminofen war eine rechteckige Konstruktion aus gebrannten roten Ziegeln. An beiden Seiten offen war er gro� genug, dass man hineinkriechen konnte - was Egwene auch tun musste. Auf der Innenseite des Abzugs hatten sich dunkle Krusten gebildet, die man abschrubben musste, damit sie den Kamin nicht irgendwann verstopften oder sich l�sten und ins Essen fielen. Drau�en im Speisesaal konnte sie Katerine und Lirene plaudern und lachen h�ren. Gelegentlich steckten die Roten den Kopf durch die T�r, um sie zu �berpr�fen, aber ihre eigentliche Aufpasserin war Laras, die auf der anderen Seite des Raumes T�pfe sp�lte.</p><p>F�r diese Arbeit war Egwene in ein Arbeitskleid geschl�pft. Einst war es wei� gewesen, aber Novizinnen hatten es speziell zum Ofenreinigen benutzt, und der Ru� hatte sich im Stoff festgesetzt. �berall wies er graue Flecken auf, wie Schatten.</p><p>Sie rieb sich das Kreuz, lie� sich wieder auf H�nde und Knie nieder und kroch tiefer in den Kamin. Mit einem kleinen Holzkratzer stocherte sie Ascheklumpen aus den Spalten zwischen den Ziegeln, dann sammelte sie sie auf und warf sie in Messingeimer, deren R�nder wei� und grau mit Asche gepudert waren. Ihre erste Aufgabe hatte darin bestanden, s�mtlichen losen Ru� herauszugraben und in die Eimer zu f�llen. Ihre H�nde waren von der Arbeit so schwarz geworden, dass sie Angst hatte, sie selbst durch gr�ndliches Schrubben nicht mehr sauber zu bekommen. Ihre Knie schmerzten, und sie bildeten ein seltsames Gegengewicht zu ihrem Hintern, der noch immer von den Morgenpr�geln schmerzte.</p><p>Sie arbeitete weiter, kratzte an den geschw�rzten Ziegeln herum. Eine Laterne, die sie an der Ecke des Kamins platziert hatte, sorgte f�r schwaches Licht. Es hatte sie in den Fingern gejuckt, die Eine Macht zu benutzen, aber die Roten drau�en w�rden mitbekommen, dass sie die Macht lenkte. Au�erdem hatte sie entdeckt, dass die Nachmittagsdosis Spaltwurzel uncharakteristisch stark gewesen war, sodass sie kaum mehr als ein Tr�pfeln h�tte lenken k�nnen. Tats�chlich war sie stark genug gewesen, um sie schl�frig zu machen, was die Arbeit noch viel schwerer machte.</p><p>Sollte ihr Leben von jetzt an so aussehen? Gefangen in einem Kamin, um Ziegel abzukratzen, die nie jemand zu Gesicht bekam, abgeschnitten von der Welt? Sie konnte Elaida nicht entgegentreten, wenn sie jeder vergessen hatte. Sie hustete leise, und der Laut hallte durch das Kamininnere.</p><p>Sie brauchte einen Plan. Ihre einzige M�glichkeit schienen die Schwestern zu sein, die versuchten, die Schwarzen Ajah zu entlarven. Aber wie sollte sie sie besuchen? Ohne den Unterricht durch die Schwestern konnte sie ihren Roten Aufpassern nicht entkommen, indem sie die Dom�nen anderer Ajahs betrat. Konnte sie sich irgendwie w�hrend der Arbeit wegschleichen? Sollte man ihre Abwesenheit entdecken, w�rde sie m�glicherweise in einer noch schlimmeren Situation enden.</p><p>Aber sie konnte nicht zulassen, dass ihr Leben von dieser unw�rdigen Arbeit bestimmt wurde! Die Letzte Schlacht nahte, der Wiedergeborene Drache streifte frei umher, und die Amyrlin s�uberte auf H�nden und Knien irgendwelche Kamine! W�tend kratzte sie weiter. Der Ru� war so lange festgebacken, dass er den Stein wie eine funkelnde schwarze Patina bedeckte. Sie w�rde niemals alles abbekommen. Sie musste nur daf�r sorgen, dass alles sauber genug war, dass sich nichts davon l�sen w�rde.</p><p>Ein Schatten bewegte sich an der anderen Kamin�ffnung vorbei. Augenblicklich griff Egwene nach der Quelle - aber nat�rlich war nichts zu finden. Nicht, solange die Spaltwurzel ihren Verstand vernebelte. Aber da war definitiv jemand vor dem Kamin, der sich b�ckte und mit leisen Bewegungen ...</p><p>Egwene packte den Kratzer fester und griff mit der anderen Hand langsam nach der B�rste, mit der sie die Asche aufgewischt hatte. Dann fuhr sie herum.</p><p>Laras erstarrte, sp�hte in den Kamin. Die Herrin der K�chen trug eine gro�e wei�e Sch�rze, die ebenfalls mit ein paar Ru�flecken beschmutzt war. Ihr dickes rundes Gesicht hatte seinen Anteil an Wintern gesehen; ihr Haar fing an grau zu werden, tiefe Falten gingen von ihren Augen aus. Wie sie sich so vorbeugte, bildeten ihre Wangen ein zweites, drittes und viertes Kinn, und sie hielt sich mit den dicken Fingern an der Kamin�ffnung fest.</p><p>Egwene entspannte sich. Warum war sie sich so sicher gewesen, dass sich jemand anschlich? Es war nur Laras, die sie kontrollieren kam.</p><p>Aber warum war die Frau so leise? Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte Laras zur Seite. Dann hob sie einen Finger an die Lippen. Egwene f�hlte, wie die Anspannung wieder von ihr Besitz ergriff. Was ging hier vor?</p><p>Laras bewegte sich r�ckw�rts aus dem Kamin und bedeutete Egwene, ihr zu folgen. Die Herrin der K�chen bewegte sich anmutig und viel leiser, als sie f�r m�glich gehalten h�tte. In anderen Teilen der K�che arbeiteten Hilfsk�che und K�chenjungen, aber niemand war direkt zu sehen. Egwene kroch aus dem Kamin, schob den Kratzer in den G�rtel und wischte sich die H�nde am Kleid ab. Dann zog sie das Tuch vom Gesicht und atmete die s��e ru�freie Luft. Sie tat einen tiefen Atemzug und kassierte einen b�sen Blick von Laras, dem ein weiterer Finger an die Lippen folgte.</p><p>Egwene nickte und folgte Laras durch die K�che. Wenige Augenblicke sp�ter standen sie in einer Speisekammer, in der der Duft von getrocknetem Getreide und alterndem K�se in der Luft hing. Hier wichen die Fliesen best�ndigeren Ziegeln. Laras schob ein paar S�cke zur Seite und hob ein St�ck des Bodens an. Es handelte sich um eine h�lzerne Fallt�r, deren Oberseite mit schmalen Ziegeln besetzt war, um sie wie einen Teil des Bodens aussehen zu lassen. Sie enth�llte einen kleinen Raum mit Felsw�nden, gro� genug f�r eine Person, auch wenn es f�r einen hochgewachsenen Mann etwas eng gewesen w�re.</p><p>�Ihr wartet dort bis zum Einbruch der Nacht�, sagte Laras leise. �Ich kann Euch jetzt nicht rausschaffen, nicht, wenn es in der Burg so hektisch zugeht wie auf einem H�hnerhof, auf dem der Fuchs umgeht. Aber sp�t in der Nacht wird der Abfall herausgeschafft, und ich verstecke Euch unter den M�dchen, die ihn abladen. Ein Hafenarbeiter bringt Euch dann zu einem kleinen Boot und rudert Euch �ber den Fluss. Ich habe Freunde bei der Wache; sie werden wegschauen. Sobald Ihr die andere Seite erreicht habt, seid Ihr auf Euch gestellt. Ich rate Euch ab, zur�ck zu diesen Narren zu gehen, die Euch zu ihrer Marionette gemacht haben. Findet einen Ort, an dem Ihr Euch verstecken k�nnt, bis das alles vorbei ist, dann kommt zur�ck und seht, ob Euch diejenige wieder aufnimmt, die dann das Sagen hat. Unwahrscheinlich, dass das Elaida sein wird, so wie die Dinge laufen ...�</p><p>Egwene blinzelte �berrascht.</p><p>�Nun�, sagte die dicke Frau. �Hinein mit Euch.�</p><p>�Ich ...�</p><p>�Keine Zeit f�r Geplauder!�, sagte Laras, als w�re sie nicht die Einzige, die hier redete. Offensichtlich war sie nerv�s, so wie sie sich st�ndig umsah und mit dem Fu� auftippte. Aber offensichtlich hatte sie so etwas schon zuvor getan. Warum war eine einfache K�chin der Wei�en Burg so geschickt in verstohlenen Unternehmungen, hatte m�helos einen Plan, Egwene aus der befestigten und belagerten Stadt zu schaffen? Und warum hatte sie �berhaupt ein Versteck in der K�che? Beim Licht! Wie hatte sie das �berhaupt erschaffen?</p><p>�Sorgt Euch nicht um mich�, sagte Laras und musterte Egwene. �Ich komme schon zurecht. Ich halte das K�chenpersonal von Eurer Arbeitsstelle fern. Diese Aes Sedai sehen nur ungef�hr jede halbe Stunde nach Euch - und da sie vor einer Minute da waren, wird es eine Weile dauern, bis sie wieder da sind. Wenn sie es dann tun, kann ich Unwissenheit vorsch�tzen, und alle werden glauben, dass Ihr Euch aus der K�che geschlichen habt. Wir haben Euch bald aus der Stadt, und keiner wird etwas merken.�</p><p>�Ja�, sagte Egwene, die endlich ihre Stimme wiederfand, �aber warum?� Sie h�tte angenommen, dass Laras nicht darauf versessen war, noch einem Fl�chtling zu helfen, nicht, nachdem sie schon Min und Siuan bei der Flucht geholfen hatte.</p><p>Laras erwiderte ihren Blick; die Entschlossenheit in ihren Augen war so unumst��lich wie die einer jeden Aes Sedai. Egwene hatte diese Frau offenbar �bersehen! Wer war sie wirklich?</p><p>�Ich werde nicht dabei helfen, den Willen eines M�dchens zu brechen�, sagte Laras ernst. �Diese Pr�gelstrafen sind besch�mend! Diese dummen Aes Sedai. All die Jahre habe ich loyal gedient, das habe ich wirklich, aber jetzt hat man mir befohlen, Euch so hart zu schinden, wie ich kann, und das auf unbestimmte Zeit. Nun, ich erkenne, wenn ein M�dchen nicht l�nger unterrichtet und stattdessen niedergekn�ppelt werden soll. Das lasse ich nicht zu, nicht in meiner K�che. Das Licht soll Elaida verbrennen, wenn sie tats�chlich glaubt, sie k�nnte so etwas tun! Mir ist egal, ob sie Euch hinrichtet oder zur Novizin macht. Aber dieser Versuch, Euren Geist zu brechen, ist nicht akzeptabel!�</p><p>Die Frau stemmte beide H�nde in die H�ften, eine Mehlwolke flog aus ihrer Sch�rze. Seltsamerweise ertappte sich Egwene dabei, ernsthaft �ber das Angebot nachzudenken. Sie hatte Siuans Rettungsangebot abgelehnt, aber wenn sie jetzt floh, w�rde sie ins Rebellenlager zur�ckkehren, nachdem sie aus eigener Kraft entkommen war. Das w�re viel besser, als gerettet zu werden. Sie konnte all dem hier entkommen, den ewigen Schl�gen, der sinnlosen Schinderei.</p><p>Um was zu tun? Drau�en zu sitzen und zuzusehen, wie die Burg in sich zusammenbrach?</p><p>�Nein�, sagte sie. �Euer Angebot ist sehr gro�z�gig, aber ich kann das nicht annehmen. Es tut mir leid.�</p><p>Laras runzelte die Stirn. �Also jetzt h�rt genau zu ...�</p><p>�Laras�, unterbrach Egwene sie, �diesen Ton schl�gt man nicht gegen�ber einer Aes Sedai an, auch die Herrin der K�chen nicht.�</p><p>Laras z�gerte. �Dummes M�dchen. Ihr seid keine Aes Sedai.�</p><p>�Akzeptiert es oder lasst es, ich kann trotzdem nicht gehen. Wenn Ihr also nicht vorhabt, mich selbst in dieses Loch zu stecken - und mich fesselt und knebelt, damit ich nicht schreie, und mich pers�nlich �ber den Fluss schafft -, schlage ich vor, dass Ihr mich zur�ck an die Arbeit lasst.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>Egwene schaute zur�ck in Richtung Kamin. �Weil jemand sie bek�mpfen muss.�</p><p>�So k�nnt Ihr aber nicht k�mpfen.�</p><p>�Jeder Tag ist eine Schlacht. Jeder Tag, an dem ich mich nicht beuge, bedeutet etwas. Selbst wenn es allein Elaida und ihre Roten erfahren, bedeutet es etwas. Nur eine Kleinigkeit, aber immer noch mehr, als ich von drau�en erreichen k�nnte. Kommt. Ich muss noch zwei Stunden arbeiten.�</p><p>Sie drehte sich um und verlie� die Speisekammer. Eine z�gernde Laras schloss die Fallt�r zu ihrem Versteck und folgte ihr dann. Jetzt machte sie beim Gehen viel mehr L�rm, strich an Theken vorbei, trat lautstark auf. Seltsam, dass sie so leise sein konnte, wenn sie nur wollte.</p><p>Rotes Tuch blitzte auf, wie das Blut eines toten Hasen im Schnee, eilte durch die K�che. Egwene erstarrte, als Katerine sie ersp�hte. Die Aes Sedai trug ein Kleid mit einem blutroten Rock und gelbem Besatz. Ihre Lippen waren verkniffen, die Augen ganz schmal. Hatte sie gesehen, wie sich Laras und Egwene verdr�ckten?</p><p>Laras erstarrte.</p><p>�Ich verstehe jetzt, was ich falsch gemacht habe�, sagte Egwene gedankenschnell zu der Herrin der K�chen und blickte zu einem zweiten Herd, der in der N�he der Speisekammer stand. �Danke, dass Ihr es mir gezeigt habt. Ich werde besser aufpassen.�</p><p>�Macht das�, erwiderte Laras und streifte ihre Best�rzung ab. �Sonst erlebt Ihr, wie eine richtige Bestrafung aussieht, nicht wie diese halbherzigen Streicheleinheiten, die die Oberin der Novizinnen verteilt. Jetzt schert Euch wieder zur�ck an die Arbeit.�</p><p>Egwene nickte und eilte zu der Feuerstelle zur�ck. Katerine hob die Hand, um sie aufzuhalten. Egwenes Herz trommelte verr�terisch.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte Katerine. �Die Amyrlin will, dass die Novizin sie heute Abend bedient. Ich habe der Amyrlin gesagt, dass ein Tag Arbeit wohl niemandem den Kopf zurechtr�ckt, der so verstockt wie dieses M�dchen ist, aber sie besteht darauf. Vermutlich bekommt Ihr Eure erste Chance, Eure Demut zu beweisen, Kind. Ich schlage vor, Ihr ergreift sie.�</p><p>Egwene schaute auf ihr schmutziges Kleid und die geschw�rzten H�nde.</p><p>�Geht schon, lauft. Wascht Euch. Die Amyrlin l�sst man nicht warten.�</p><p>Sich zu waschen erwies sich als beinahe genauso schwierig, wie die Feuerstelle zu reinigen. Der Ru� hatte sich so tief in ihre H�nde eingegraben wie in das Kleid. Egwene verbrachte den gr��ten Teil einer Stunde in einer Wanne voll lauwarmem Wasser und versuchte sich herzurichten. Die Fingern�gel waren vom Abkratzen der Ziegel zerbrochen, und anscheinend wusch sie jedes Mal, wenn sie ihr Haar aussp�lte, einen ganzen Eimer voll Ru�flocken aus.</p><p>Dennoch war sie froh f�r die Gelegenheit. Sie hatte nur selten Zeit zum Baden; f�r gew�hnlich kam sie gerade zu einer hektischen Katzenw�sche. W�hrend sie sich in dem kleinen, graugefliesten Raum schrubbte, dachte sie �ber ihren n�chsten Schritt nach.</p><p>Sie hatte eine Gelegenheit zur Flucht ausgeschlagen. Das bedeutete, dass sie mit Elaida und ihren Roten arbeiten musste, die einzigen Schwestern, die sie zu Gesicht bekam. Aber konnte man sie dazu bringen, ihre Fehler einzusehen? Sie w�nschte, sie k�nnte die ganze Bande zur Bu�e schicken und sie endlich los sein.</p><p>Aber nein. Sie war die Amyrlin; sie repr�sentierte alle Ajahs, die Roten eingeschlossen. Sie konnte sie nicht behandeln, wie Elaida die Blauen behandelt hatte. Sie standen ihr am feindseligsten gegen�ber, aber das machte sie nur zu einer gr��eren Herausforderung. Mit Silviana schien sie ein paar kleine Fortschritte zu machen, und hatte Lirene Doirellin nicht sogar zugegeben, dass Elaida ein paar ernste Fehler gemacht hatte?</p><p>Vielleicht waren die Roten nicht die Einzigen, die sie beeinflussen konnte. Man begegnete st�ndig anderen Schwestern im Korridor. Wenn eine davon auf sie zukam, um mit ihr zu sprechen, konnten die Roten sie wohl kaum fortschleppen. Sie w�rden einen gewissen Anstand zeigen, und das w�rde Egwene Gelegenheit geben, einen gewissen Kontakt zu anderen Schwestern zu pflegen.</p><p>Aber wie sollte sie mit Elaida umgehen? War es klug, die falsche Amyrlin weiterhin in dem Glauben zu lassen, dass sie so gut wie gebrochen war? Oder war der Augenblick gekommen, Stellung zu beziehen?</p><p>Am Ende des Bades f�hlte sich Egwene wesentlich sauberer und vor allem selbstbewusster. Ihr Krieg hatte eine ernsthafte Wendung zum Schlimmeren genommen, aber noch konnte sie k�mpfen. Eilig b�rstete sie sich das feuchte Haar, schl�pfte in ein frisches Novizinnenkleid - wie gut sich der weiche, saubere Stoff doch auf ihrer Haut anf�hlte! - und begab sich zu ihren Aufpasserinnen.</p><p>Sie eskortierten sie hinauf zu den Gem�chern der Amyrlin. Egwene passierte mehrere Gruppen von Schwestern, und sie hielt sich ihretwegen bewusst aufrecht. Die Aufpasserinnen f�hrten sie durch den Roten Sektor des Turms, die Bodenfliesen nahmen das schwarzrote Muster an. Hier waren mehr Menschen unterwegs, Frauen mit ihren Stolen, Dienerschaft mit der Flamme von Tar Valon auf der Brust. Aber keine Beh�ter; das erschien Egwene stets seltsam, da sie in anderen Teilen der Burg allgegenw�rtig waren.</p><p>Ein langer Aufstieg und ein paar Biegungen sp�ter erreichten sie Elaidas Gem�cher. Unbewusst kontrollierte Egwene ihre R�cke. W�hrend des Weges war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie Elaida stumm gegen�bertreten musste, genau wie beim letzten Mal. Ihren Zorn noch weiter zu sch�ren w�rde nur zu weiteren Einschr�nkungen f�hren. Sie w�rde sich nicht vor ihr erniedrigen, aber sie w�rde Elaida auch nicht absichtlich beleidigen. Sollte die Frau glauben, was sie wollte.</p><p>Eine Dienerin �ffnete die T�r und f�hrte Egwene ins Speisezimmer. Sie rang um Fassung, als sie sah, was sie erwartete. Sie war davon ausgegangen, nur Elaida zu bedienen, oder vielleicht auch Meidani. Nicht einen Augenblick lang h�tte sie gedacht, dass der Raum voller Frauen sein w�rde. Es waren f�nf, eine von jeder Ajah, ausgenommen die Roten und die Blauen. Und jede der Frauen war eine Sitzende. Yukiri war da, genau wie Doesine, beide heimliche J�gerinnen der Schwarzen Ajah. Ferane war da, allerdings erschien sie �berrascht, Egwene zu sehen; hatte die Wei�e zuvor nichts von der Abendgesellschaft gewusst, oder hatte sie es einfach nur nicht erw�hnt?</p><p>Rubinde von der Gr�nen Ajah sa� neben Shevan von der Braunen, eine Schwester, die sie schon lange hatte treffen wollen. Shevan geh�rte zu jenen, die f�r die Verhandlungen mit den Rebellen waren, und Egwene hoffte, sie veranlassen zu k�nnen, etwas mehr dabei zu helfen, die Burg von innen heraus zu einen.</p><p>Elaida war die einzige Rote Schwester am Tisch. Lag das daran, dass s�mtliche Rote Sitzende die Burg verlassen hatten? Vielleicht war sie auch einfach nur der Ansicht, dass das Gleichgewicht auch so hergestellt war, da sie sich noch immer als Rote betrachtete, auch wenn es nicht richtig war.</p><p>Der Tisch war lang; Kristallpokale reflektierten das Licht von den Bronzekandelabern an der Wand. Jede Frau trug ein kostbares Gewand in der Farbe ihrer Ajah. Es roch nach saftigem Braten und dampfenden Karotten. Es wurde geplaudert. Freundschaftlich, wenn auch gezwungen. Angespannt. Keiner wollte hier sein.</p><p>Doesine nickte Egwene quer durch das Zimmer zu, beinahe respektvoll. Das war ein deutlicher Hinweis. �Ich bin hier, weil Ihr sagtet, dass diese Art Dinge wichtig sind�, schien es zu besagen. Elaida sa� am Kopf der Tafel. Ihr rotes Gewand wies lange �rmel auf, die genau wie das Oberteil mit granatapfelrotem Besatz geschm�ckt waren. Sie l�chelte zufrieden. Diener eilten hin und her, gossen Wein ein und brachten Speisen. Warum hatte Elaida die Sitzenden zum Essen eingeladen? War das ein Versuch, die Zerw�rfnisse in der Burg �berwinden zu wollen? Hatte Egwene sie falsch eingesch�tzt?</p><p>�Ah, gut�, sagte Elaida, als sie Egwene bemerkte. �Ihr seid endlich da. Kommt her, Kind.�</p><p>Egwene gehorchte, und als sie den Raum durchquerte, wurden auch die letzten Sitzenden auf sie aufmerksam. Einige schien ihre Anwesenheit zu verwirren, andere waren neugierig. Schlagartig wurde ihr etwas klar.</p><p>Dieser eine Abend konnte m�helos alles zerst�ren, wof�r sie gearbeitet hatte.</p><p>Wenn die Aes Sedai hier miterlebten, wie sie Elaida unterw�rfig bediente, w�rde sie in ihren Augen an Integrit�t verlieren. Die Amyrlin hatte verk�ndet, dass sie gez�hmt worden war - aber sie hatte allen das Gegenteil bewiesen. Wenn sie sich hier ihrem Willen beugte, auch nur ein kleines bisschen, w�rde man das als Beweis ansehen.</p><p>Sollte das Licht diese Frau verbrennen! Warum hatte sie so viele der Schwestern eingeladen, die Egwene zu beeinflussen versucht hatte? War das blo� ein Zufall?</p><p>Egwene gesellte sich zu der falschen Amyrlin am Kopf der Tafel, und ein Diener reichte ihr eine Kristallkaraffe mit funkelndem roten Wein. �Ihr werdet meinen Pokal gef�llt halten�, sagte Elaida. �Wartet dort, aber kommt nicht zu nah. Ich habe keine Lust, den Ru� von Eurer nachmitt�glichen Bestrafung riechen zu m�ssen.�</p><p>Egwene biss sich auf die Zunge. Den Ru� riechen? Nach einer Stunde schrubben? Wohl kaum. Von der Seite konnte sie die Zufriedenheit in Elaidas Blick erkennen, als sie von ihrem Wein trank. Dann wandte sich die Amyrlin Shevan zu, die rechts von ihr sa�. Die Braune war eine schm�chtige Frau mit knorrigen Armen und einem kantigen Gesicht, wie eine aus St�cken zusammengebundene Frau. In ihren Augen lag ein nachdenklicher Ausdruck, als sie ihre Gastgeberin musterte.</p><p>�Sagt mir, Shevan�, meinte Elaida. �Beharrt Ihr noch immer auf diesen albernen Gespr�chen mit den Rebellen?�</p><p>�Man muss diesen Schwestern Gelegenheit zur Schlichtung geben.�</p><p>�Sie hatten ihre Gelegenheit�, erwiderte Elaida. �Ehrlich, ich h�tte mehr von einer Braunen erwartet. Ihr benehmt euch verbissen, ohne auch nur mit einem Hauch von Verst�ndnis, wie die wirkliche Welt funktioniert. Selbst Meidani ist da meiner Meinung, und sie ist eine Graue! Ihr wisst, wie <emphasis>sie</emphasis> sind.�</p><p>Shevan wandte den Kopf, anscheinend beunruhigter als zuvor. Warum hatte Elaida sie eingeladen, wenn sie sie und ihre Ajahs doch nur beleidigen wollte? Als N�chstes wandte die Rote ihre Aufmerksamkeit Ferane zu und beschwerte sich bei ihr �ber eine Sitzende der Wei�en, die sich ebenfalls ihren Bem�hungen widersetzte, die Gespr�che zu beenden. Dabei hob sie den Pokal in Egwenes Richtung und klopfte mit dem Finger dagegen. Sie hatte kaum einen Schluck genommen.</p><p>Egwene holte tief Luft und schenkte nach. Die anderen hatten sie auch schon zuvor bei der Arbeit gesehen - f�r Ferane hatte sie sogar Waln�sse geknackt. Das w�rde ihren Ruf schon nicht ruinieren, nicht, solange Elaida sie irgendwie zwang, sich zu erniedrigen.</p><p>Aber was sollte diese Abendgesellschaft? Elaida schien nicht den geringsten Versuch zu unternehmen, die Ajahs einander n�herzubringen. Wenn �berhaupt, vergr��erte sie die Kluft noch, so wie sie jene heruntermachte, die nicht ihrer Meinung waren. Gelegentlich lie� sie sich von Egwene nachschenken, aber es war nie mehr Platz als f�r einen oder zwei Schlucke.</p><p>Langsam d�mmerte es Egwene. Bei diesem Essen ging es gar nicht darum, mit den Ajahs zusammenzuarbeiten. Elaida wollte die Sitzenden so lange unter Druck setzen, bis sie sich so verhielten, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Und Egwene war lediglich da, um als Troph�e vorgezeigt zu werden! Hier ging es nur darum, den anderen zu beweisen, welche Macht Elaida doch hatte - sie konnte jemanden nehmen, den andere zur Amyrlin gemacht hatten, sie in ein Novizinnengewand stecken und jeden Tag zur Bu�e schicken.</p><p>Wieder f�hlte Egwene Zorn in sich aufsteigen. Warum schaffte es Elaida nur immer wieder, ihre Gef�hle in Aufruhr zu bringen? Suppenteller wurden entfernt und Platten voll dampfender, gebutterter Karotten gebracht; ein Hauch von Zimt lag in der Luft. Sie hatte nicht zu Abend essen k�nnen, aber ihr war sowieso viel zu �bel, um Hunger zu versp�ren.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte sie und st�hlte sich. <emphasis>Ich werde das nicht vorzeitig beenden, nicht wie beim letzten Mal. Ich werde es aushalten. Ich bin st�rker als sie. Ich bin st�rker als ihr Wahnsinn.</emphasis></p><p>Die Unterhaltung wurde fortgesetzt. Elaida traktierte die anderen mit beleidigenden Bemerkungen, manchmal mit Absicht, manchmal einfach auch nur so. Die anderen lenkten das Gespr�ch von den Rebellen auf den so seltsam bew�lkten Himmel. Schlie�lich erw�hnte Shevan das Ger�cht, dass die Seanchaner tief im S�den mit Aiel zusammenarbeiten sollten.</p><p>�Schon wieder die Seanchaner?� Elaida seufzte. �Ihr m�sst Euch um sie keine Sorgen machen.�</p><p>�Meine Quellen besagen da anderes, Mutter�, erwiderte Shevan steif. �Ich glaube, wir m�ssen genau aufpassen, was sie im Schilde f�hren. Ich habe das Kind hier von ein paar Schwestern �ber ihre Erfahrungen mit ihnen ausfragen lassen, die sehr umfassend waren. Ihr solltet die Dinge h�ren, die sie mit Aes Sedai anstellen.�</p><p>Elaida lachte hell und am�siert. �Sicherlich wisst Ihr doch, wie gern das Kind �bertreibt!� Sie warf Egwene einen Blick zu. �Habt Ihr f�r Euren Freund wieder L�gen verbreitet, diesen n�rrischen al'Thor? Was hat er Euch befohlen, �ber die Invasoren zu sagen? Sie arbeiten f�r ihn, oder etwa nicht?�</p><p>Egwene gab keine Antwort.</p><p>�Sprecht�, sagte Elaida und gestikulierte mit ihrem Pokal. �Sagt diesen Frauen, dass Ihr L�gen verbreitet habt. Gesteht, oder ich erlege Euch schon wieder eine Bu�e auf, M�dchen.�</p><p>Die Bu�e, die sie f�rs Schweigen erhalten w�rde, w�rde Elaidas Zorn �ber ihren Widerspruch vorzuziehen sein. Schweigen war der Pfad zum Sieg.</p><p>Aber als Egwene den langen Mahagonitisch betrachtete, der mit wei�em Meervolk-Porzellan und flackernden roten Kerzen gedeckt war, entdeckte sie f�nf Augenpaare, die sie musterten. Sie konnte ihre Fragen deutlich sehen. Allein und unter vier Augen hatte sie mutig zu ihnen gesprochen, aber w�rde sie ihre Behauptungen in Gegenwart der m�chtigsten Frau auf der Welt aufrechterhalten? Eine Frau, die ihr Leben in der Hand hielt?</p><p>War sie die Amyrlin? Oder war sie blo� ein M�dchen, das sich f�r sie ausgab?</p><p><emphasis>Das Licht soll dich verbrennen, Elaida,</emphasis> dachte sie und erkannte z�hneknirschend, dass sie sich geirrt hatte. Schweigen w�rde nicht zum Sieg f�hren, nicht in Gegenwart dieser Frauen. <emphasis>Dir wird</emphasis> nicht <emphasis>gefallen, wie das hier weitergeht.</emphasis></p><p>�Die Seanchaner arbeiten nicht f�r Rand�, sagte sie dann. �Und sie bedeuten eine ernste Gefahr f�r die Wei�e Burg. Ich habe keine L�gen verbreitet. Etwas anderes zu behaupten w�rde die Drei Eide verletzen.�</p><p>�Ihr habt die Drei Eide nicht abgelegt�, sagte Elaida streng und wandte sich ihr zu.</p><p>�Das habe ich sehr wohl�, erwiderte Egwene. �Ich habe keinen Eidstab gehalten, aber es ist nicht der Stab, der meine Worte wahr macht. Die Worte des Eides habe ich in meinem Herzen gesprochen, und f�r mich sind sie darum viel teurer, denn ich habe nichts, das mich dazu zwingt, mich daran zu halten. Und bei diesem Eid, der mich leitet, sage ich Euch erneut, dass ich eine Tr�umerin bin, und ich habe Getr�umt, dass die Seanchaner die Wei�e Burg angreifen werden.�</p><p>In Elaidas Augen blitzte es kurz auf, und sie umklammerte ihre Gabel so fest, dass die Kn�chel wei� hervortraten. Egwene erwiderte ihren Blick, und schlie�lich lachte Elaida. �Ah, ich sehe schon, so stur wie eh und je. Ich werde Katerine sagen m�ssen, dass sie recht hatte. Ihr werdet f�r Eure �bertreibungen Bu�e tun, Kind.�</p><p>�Diese Frauen wissen, dass ich nicht l�ge�, sagte Egwene beherrscht. �Und jedes Mal, wenn Ihr darauf beharrt, dass ich es doch tue, erniedrigt Ihr Euch in ihren Augen. Selbst wenn Ihr meinem Traum keinen Glauben schenkt, m�sst Ihr doch zugeben, dass die Seanchaner eine Bedrohung sind. Sie leinen Frauen an, die die Macht lenken k�nnen, benutzen sie mit einem verdrehten <emphasis>Ter'angreal</emphasis> als Waffen. Ich habe den Kragen an meinem Hals gesp�rt. Manchmal f�hle ich ihn noch immer. In meinen Tr�umen. Meinen Albtr�umen.�</p><p>Stille kehrte in den Raum ein.</p><p>�Ihr <emphasis>seid</emphasis> ein albernes Kind�, sagte Elaida in dem offensichtlichen Versuch vorzugeben, dass Egwene keine Bedrohung darstellte. Sie h�tte lieber die Blicke der anderen studieren sollen. Dann h�tte sie die Wahrheit erkannt. �Nun, Ihr zwingt mich dazu. Ihr werdet vor mir niederknien, Kind, und um Vergebung bitten. Sofort. Sonst lasse ich Euch einsperren. Allein. Ist es das, was Ihr wollt? Glaubt aber ja nicht, dass die Pr�gelstrafen dann aufh�ren. Ihr werdet Eure t�gliche Bu�e ableisten, nur dass man Euch danach wieder in Eure Zelle wirft. Und jetzt kniet nieder und bittet um Vergebung.�</p><p>Die Sitzenden sahen einander an. Jetzt gab es kein Zur�ckweichen mehr. Egwene <emphasis>w�nschte</emphasis> sich, es w�re nie so weit gekommen. Aber das war es nun einmal, und Elaida hatte den Kampf gewollt.</p><p>Es war Zeit, ihn ihr zu geben. �Und wenn ich mich Euch nicht beuge?�, fragte sie und erwiderte ihren Blick. �Was dann?�</p><p>�Ihr <emphasis>werdet</emphasis> knien, auf die eine oder andere Weise�, knurrte Elaida und umarmte die Quelle.</p><p>�Ihr wollt die Macht gegen mich einsetzen?�, fragte Egwene beherrscht. �M�sst Ihr darin Zuflucht suchen? Habt Ihr keine Autorit�t, ohne die Macht zu lenken?�</p><p>Elaida hielt inne. �Ich habe durchaus das Recht, jemanden zu disziplinieren, der nicht den n�tigen Respekt zeigt.�</p><p>�Und so werdet Ihr mich zum Gehorsam <emphasis>zwingen.</emphasis> Wollt Ihr das mit jedem in der Burg machen, Elaida? Eine Ajah stellt sich Euch entgegen und wird aufgel�st. Eine Schwester erregt Euer Missfallen, und Ihr wollt ihr das Recht nehmen, Aes Sedai zu sein. Bevor das sein Ende findet, werdet Ihr jede Schwester dazu zwingen, sich Euch zu beugen.�</p><p>�Unsinn!�</p><p>�Ach ja? Habt Ihr ihnen denn schon von Eurer Idee mit dem neuen Eid erz�hlt? Von jeder Schwester auf den Eidstab geschworen, ein Eid, der Amyrlin zu gehorchen und sie zu unterst�tzen?�</p><p>�Ich ...!�</p><p>�Bestreitet das. Bestreitet, dass Ihr das gesagt habt. Lassen die Eide zu, dass Ihr das tut?�</p><p>Elaida erstarrte. Geh�rte sie zu den Schwarzen, dann konnte sie es abstreiten, ob sie nun auf den Eidstab geschworen hatte oder nicht. In jedem Fall konnte Meidani best�tigen, was Egwene gerade gesagt hatte.</p><p>�Das war nur so dahergesagt�, entgegnete Elaida. �Reine Spekulation, laut ausgesprochene Gedanken.�</p><p>�In Spekulation liegt oft Wahrheit. Ihr habt den Wiedergeborenen Drachen in eine Kiste gesperrt; soeben habt Ihr mir das Gleiche angedroht, vor all diesen Zeuginnen. Das Volk nennt ihn einen Tyrannen, aber Ihr seid diejenige, die unsere Gesetze missachtet und durch Angst herrscht.�</p><p>Elaida riss die Augen weit auf, lie� ihren Zorn erkennen. Sie erschien ... ungl�ubig. So als k�nnte sie einfach nicht begreifen, wieso aus der Disziplinierung einer st�rrischen Novizin die Debatte mit einer Gleichgestellten geworden war. Egwene sah, wie sie anfing, einen Strom Luft zu weben. Das musste verhindert werden. Ein Knebel aus Luft w�rde dieser Debatte ein Ende bereiten.</p><p>�Macht schon�, sagte sie ruhig. �Bringt mich mit der Macht zum Schweigen. Solltet Ihr als Amyrlin nicht dazu f�hig sein, einen Kontrahenten mit Worten zum Gehorsam zu bewegen, statt auf Gewalt zur�ckzugreifen?�</p><p>Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die zierliche Yukiri von den Grauen bei dieser Bemerkung nickte.</p><p>W�tend lie� Elaida den Strom Luft fallen. �Ich muss keine Novizin widerlegen�, fauchte sie. �Die Amyrlin erkl�rt sich nicht vor einer wie Euch.�</p><p>��Die Amyrlin versteht die kompliziertesten Bekenntnisse und Debatten��, zitierte Egwene aus der Erinnerung. ��Und doch ist sie am Ende die Dienerin von allen, selbst des niedrigsten aller Arbeiter.�� Das hatte Balladare Arandaille gesagt, die erste Amyrlin, die man aus der Braunen Ajah erhoben hatte. Sie hatte das in ihren letzten Aufzeichnungen vor ihrem Tod niedergeschrieben; diese Aufzeichnungen waren eine Erkl�rung f�r ihre Herrschaft und ihre Taten w�hrend der Kavarthenkriege gewesen. Arandaille war der Ansicht gewesen, dass eine Amyrlin nach dem Ende einer Krise die moralische Verpflichtung hatte, sich dem einfachen Volk zu erkl�ren.</p><p>Shevan nickte beif�llig. Das Zitat war eher obskur; Egwene segnete Siuans beharrliche Ausbildung in der Weisheit der fr�heren Amyrlins. Vieles davon stammte aus den geheimen historischen Aufzeichnungen, aber darunter waren auch ein paar vielsagende Erkl�rungen von Frauen wie Balladere gewesen.</p><p>�Was faselt Ihr da f�r einen Unsinn?�, kreischte Elaida.</p><p>�Was wolltet Ihr eigentlich mit Rand al'Thor machen, nachdem Ihr ihn gefangen genommen hattet?�, fragte Egwene und ignorierte die Bemerkung.</p><p>�Ich verstehe nicht ...�</p><p>�Ihr antwortet nicht mir, sondern <emphasis>ihnen</emphasis>.� Egwene deutete mit dem Kopf auf die anderen Frauen am Tisch. �Habt Ihr Euch erkl�rt, Elaida? Wie sahen Eure Pl�ne aus? Oder wollt Ihr dieser Frage genauso wie meinen anderen Fragen ausweichen?�</p><p>Elaidas Wangen r�teten sich, aber mit einiger M�he brachte sie sich wieder unter Kontrolle. �Ich h�tte ihn hier in der Burg gut abgeschirmt sicher untergebracht, bis es Zeit f�r die Letzte Schlacht gewesen w�re. Das h�tte ihn daran gehindert, in so vielen Nationen all dieses Leid und Chaos anzurichten. Das war das Risiko wert, ihn zu erz�rnen.�</p><p>��Er soll die Leben der Menschen aufbrechen, wie der Pflug die Erde aufbricht, und alles, was gewesen ist, soll von der Glut seiner Augen vereinnahmt werden��, zitierte Egwene. ��Die Kriegsposaunen sollen ihm nachklingen, die Raben sollen sich an seiner Stimme n�hren, und er soll eine Krone aus Schwertern tragen�.�</p><p>Die Amyrlin runzelte verwirrt die Stirn.</p><p>�<emphasis>Der Karaethon</emphasis>-<emphasis>Zyklus,</emphasis> Elaida. Als Ihr Rand wegsperren wolltet, um ihn �sicher� unterzubringen, hatte er sich da schon Illian genommen? Trug er da schon das, was er als Krone der Schwerter bezeichnen sollte?�</p><p>�Nun, nein.�</p><p>�Und wie sollte er Eurer Meinung nach die Prophezeiungen erf�llen, wenn er in der Wei�en Burg versteckt werden sollte? Wie sollte er Kriege ausl�sen, was er den Prophezeiungen zufolge tun muss? Wie sollte er die Nationen zerbrechen und sie an sich binden? �Er wird sein Volk mit dem Schwert des Friedens t�ten� und �Er wird die Neun Monde fesseln, sodass sie ihm dienen�, wie sollte er das alles vollbringen, wenn er weggesperrt ist? Steht nicht in den Prophezeiungen, dass er frei sein wird? Sprechen sie nicht vom �Chaos, das ihm nachfolgt�? Wie soll das alles passieren, wenn er in Ketten gehalten wird?�</p><p>�Ich ...�</p><p>�Eure Logik ist erstaunlich�, sagte Egwene kalt. Das lie� Ferane schmal l�cheln; vermutlich war sie gerade in ihrer Meinung best�rkt worden, dass Egwene gut in die Wei�e Ajah passen w�rde.</p><p>�Pah, Eure Fragen sind bedeutungslos. Die Prophezeiungen h�tten sich erf�llt. Etwas anderes ist unm�glich.�</p><p>�Also sagt Ihr, dass Euer Versuch, ihm Fesseln anzulegen, scheitern musste.�</p><p>�Nein, nicht im Mindesten�, erwiderte Elaida schon wieder knallrot. �Wir sollten uns nicht l�nger mit diesem ... Das habt nicht Ihr zu entscheiden. Nein, wir sollten �ber Eure Rebellen sprechen, und was sie der Wei�en Burg angetan haben!�</p><p>Ein guter Themenwechsel, ein Versuch, sie in die Defensive zu treiben. Elaida war nicht v�llig inkompetent. Blo� arrogant.</p><p>�Ich sehe, dass <emphasis>sie</emphasis> sich bem�hen, die Kluft zwischen uns zu heilen�, sagte Egwene. �Wir k�nnen das Geschehene nicht ungeschehen machen. Wir k�nnen nicht �ndern, was Ihr mit Siuan gemacht habt, selbst wenn die, die auf meiner Seite sind, eine Methode entdeckt haben, sie von ihrer D�mpfung zu Heilen. Wir k�nnen nur nach vorn blicken und unser Bestes versuchen, die Narben zu gl�tten. Was tut Ihr, Elaida? Gespr�che verweigern, die Sitzenden unter Druck setzen, damit sie sich zur�ckziehen? Ajahs beleidigen, die nicht die Euren sind?�</p><p>Doesine von den Gelben stimmte leise murmelnd zu. Das lie� Elaidas Kopf herumfahren, und einen Augenblick lang war sie still, als w�rde sie erkennen, dass sie die Kontrolle �ber die Debatte verloren hatte. �Es reicht.�</p><p>�Feigling�, sagte Egwene.</p><p>Elaida riss die Augen weit auf. �Wie k�nnt Ihr es <emphasis>wagen!</emphasis>�</p><p>�Ich sage die Wahrheit, Elaida�, erwiderte Egwene leise. �Ihr seid ein Feigling und ein Tyrann. Ich w�rde Euch auch als Schattenfreundin bezeichnen, aber vermutlich w�re es dem Dunklen K�nig peinlich, mit jemandem wie Euch in Verbindung gebracht zu werden.�</p><p>Elaida stie� einen schrillen Schrei aus, webte blitzartig die Macht und rammte Egwene gegen die Wand, schlug ihr die Karaffe aus der Hand. Sie zerbrach direkt neben dem Teppich auf dem Holzboden und spritzte einen Schwall blut�hnlicher Fl�ssigkeit quer �ber den Tisch und die H�lfte der dort Sitzenden, beschmutzte das wei�e Tischtuch mit einem roten Flecken.</p><p>�Du nennst <emphasis>mich</emphasis> Schattenfreundin?�, br�llte Elaida. �Du bist hier die Schattenfreundin. Du und die Rebellen da drau�en, die mich von dem abhalten wollen, was getan werden muss.�</p><p>Gewebte Luft stie� Egwene erneut gegen die Wand, und sie fiel zu Boden, landete in Scherben der zerbrochenen Karaffe und schnitt sich die Arme auf. Ein Dutzend peitschender Schl�ge trafen sie und zerschnitten ihre Kleidung. Blut rann ihre Arme hinunter und spritzte dann durch die Luft, um an der Wand zu landen, w�hrend Elaida weiter auf sie einpr�gelte.</p><p>�Elaida, h�rt auf!�, sagte Rubinde und stand mit raschelndem gr�nen Kleid auf. �Habt Ihr den Verstand verloren?�</p><p>Keuchend fuhr Elaida herum. �F�hrt mich nicht in Versuchung, Gr�ne!�</p><p>Die Peitschenschl�ge regneten weiter auf Egwene herab. Stumm ertrug sie sie. M�hsam stand sie auf. Sie konnte f�hlen, wie ihre Arme und ihr Gesicht bereits anschwollen. Aber sie sah Elaida ganz ruhig an.</p><p>�Elaida!�, br�llte Ferane und stand auf. �Ihr verletzt das Burggesetz! Ihr k�nnt die Macht <emphasis>nicht</emphasis> benutzen, um eine Novizin zu bestrafen!�</p><p>�<emphasis>Ich</emphasis> bin das Burggesetz!�, w�tete Elaida. Sie zeigte auf die Schwestern. �Ihr macht Euch �ber mich lustig. Ich wei�, dass Ihr das tut. Hinter meinem R�cken. Wenn Ihr mich seht, erweist Ihr mir Respekt, aber ich wei� genau, was Ihr sagt, was Ihr fl�stert. Ihr undankbaren N�rrinnen! Nach allem, was ich f�r Euch getan habe! Glaubt Ihr, ich w�rde Euch ewig ertragen? Nehmt Euch die hier zum Beispiel!�</p><p>Sie drehte sich wieder um und zeigte auf Egwene, stolperte dann aber fassungslos zur�ck. Egwene stand da und sah sie weiterhin nur ganz ruhig an. Elaida keuchte leise auf und hob eine Hand zur Brust, w�hrend die Peitschenschl�ge weitergingen. Alle konnten die Gewebe sehen, und alle konnten sehen, dass Egwene nicht schrie, obwohl sie nicht mit Luft geknebelt war. Blut tropfte von ihren Armen, die Schl�ge lie�en ihren K�rper zucken, und doch fand sie keinen Grund zum Schreien. Stattdessen segnete sie leise die Weisen Frauen der Aiel f�r ihre Weisheit.</p><p>�Und wof�r werde ich als Beispiel dienen, Elaida?�, fragte sie mit ruhiger Stimme.</p><p>Die Schl�ge trafen sie weiter. Oh, wie es schmerzte! In ihren Augenwinkeln formten sich Tr�nen, aber sie hatte sich schon schlechter gef�hlt. Viel schlechter. Sie f�hlte es jedes Mal, wenn sie daran dachte, was diese Frau der Institution antat, die sie liebte. Der wahre Schmerz kam nicht von den Wunden, sondern durch die Weise, wie sich Elaida vor den Sitzenden benahm.</p><p>�Beim Licht!�, fl�sterte Rubinde.</p><p>�Ich w�nschte, ich w�rde hier nicht gebraucht, Elaida�, sagte Egwene leise. �Ich w�nschte, die Burg h�tte in Euch eine gro�artige Amyrlin. Ich w�nschte, ich k�nnte zur�cktreten und Eure Herrschaft akzeptieren. Ich w�nschte, Ihr w�rdet sie verdienen. Bereitwillig w�rde ich der Hinrichtung entgegensehen, wenn das bedeuten w�rde, eine kompetente Amyrlin zu hinterlassen. Die Wei�e Burg ist wichtiger als ich. K�nnt Ihr das Gleiche sagen?�</p><p>�Du willst hingerichtet werden!�, bellte Elaida, die ihre Sprache wiederfand. �Nun, das wird aber nicht passieren! Der Tod ist zu gut f�r dich, Schattenfreundin! Ich werde daf�r sorgen, dass man dich pr�gelt, dass alle sehen k�nnen, wie du ausgepeitscht wirst, bis ich mit dir fertig bin! Und erst dann wirst du sterben!� Sie wandte sich den Dienern zu, die an der Seite des Raumes standen und ungl�ubig starrten. �Holt Soldaten! Ich will, dass die da in die tiefste Zelle geworfen wird, die es in der Burg gibt! Lasst in der ganzen Stadt verk�nden, dass Egwene al'Vere eine Schattenfreundin ist, die die Gnade der Amyrlin zur�ckgewiesen hat!�</p><p>Die Diener liefen los. Und noch immer trafen die Peitschenschl�ge, aber Egwene wurde taub. Sie schloss die Augen und f�hlte sich leicht schwindlig - am linken Arm, wo die tiefsten Schnitte waren, hatte sie viel Blut verloren.</p><p>Die Situation war eskaliert, genau wie sie bef�rchtet hatte. Sie hatte sich f�r ihr Schicksal entschieden.</p><p>Aber sie f�rchtete nicht um ihr Leben. Stattdessen f�rchtete sie um die Wei�e Burg. Als sie sich gegen die Wand lehnte und ihre Gedanken verschwammen, �berfiel sie Trauer.</p><p>Ihre Schlacht aus dem Inneren der Burg heraus hatte endg�ltig ein Ende gefunden.</p></section><section><title><p>17</p><p>Fragen der Kontrolle</p></title><p>�Ihr solltet vorsichtiger sein�, sagte Sarene. �Wir haben gro�en Einfluss auf den Amyrlin-Sitz. Vielleicht k�nnten wir sie dazu �berreden, Eure Strafe nicht so schlimm ausfallen zu lassen. Falls Ihr mitarbeitet.�</p><p>Semirhages ver�chtliches Schnauben war noch auf dem Korridor zu h�ren, wo Cadsuane vor dem Verh�rzimmer auf einem bequemen Holzstuhl sa� und an einer Tasse lauwarmen S��blatttee nippte. Der Korridor bestand aus schlichtem Holz und war mit langen wei�en und weinroten Teppichen ausgelegt; in prismen�hnlichen Lampen an den W�nden flackerte helles Licht.</p><p>Sie hatte Gesellschaft - Daigian, Erian und Elza, die daf�r zust�ndig waren, Semirhages Abschirmung aufrechtzuerhalten. Mit Ausnahme von Cadsuane wechselten sich alle Aes Sedai im Lager damit ab. Es war einfach zu gef�hrlich, diese Pflicht allein den Aes Sedai mit geringerem Status aufzuzwingen, denn man bef�rchtete, sie k�nnten erm�den. Die Abschirmung musste stark bleiben. Allein das Licht wusste, was passieren w�rde, sollte sich Semirhage befreien k�nnen.</p><p>Cadsuane trank ihren Tee, den R�cken zur Wand gerichtet. Al'Thor hatte darauf bestanden, dass auch �seine� Aes Sedai die Gelegenheit erhielten, Semirhage zu verh�ren, und nicht nur ihre Leute. Sie war sich nicht sicher, ob das ein Versuch sein sollte, seine Autorit�t zu beweisen, oder ob er wirklich glaubte, diese Frauen k�nnten da Erfolg haben, wo sie - bis jetzt - versagt hatte.</p><p>Was nun auch zutraf, darum stellte Sarene heute die Fragen. Die Wei�e aus Tarabon war eine bed�chtige Person und hatte nicht die geringste Ahnung, dass sie eine der sch�nsten Frauen war, die in den letzten Jahren die Stola errungen hatten. Ihre Unbek�mmertheit kam nicht unerwartet, schlie�lich geh�rte sie zu den Wei�en Ajahs, die genauso weltfremd wie die Braunen sein konnten. Sarene wusste auch nicht, dass Cadsuane drau�en lauschte, und zwar mit einem kleinen Gewebe aus Geist. Ein einfacher Trick, den Novizinnen oft lernten. Kombiniert mit diesem neuen Trick, die Gewebe umzudrehen, bedeutete das, dass sie lauschen konnte, ohne dass jemand drinnen auch nur etwas von ihrer Anwesenheit ahnte.</p><p>Die Aes Sedai auf dem Korridor sahen nat�rlich, was sie da tat, aber keiner sagte etwas. Obwohl zwei von ihnen - Elza und Erian - zu der Gruppe von N�rrinnen geh�rten, die dem jungen al'Thor die Treue geschworen hatten, verhielten sie sich in ihrer Gegenwart vorsichtig; sie wussten, was sie von ihnen hielt. Dumme Frauen. Manchmal hatte es den Anschein, als w�re die H�lfte ihrer Verb�ndeten entschlossen, ihr die Arbeit absichtlich zu erschweren.</p><p>Sarene fuhr mit ihrem Verh�r fort. Mittlerweile hatten die meisten der Aes Sedai im Herrenhaus es versucht. Braune, Gr�ne, Wei�e und Gelbe - alle hatten versagt. Sie selbst hatte der Verlorenen noch keine Fragen gestellt. Die anderen Aes Sedai betrachteten Cadsuane als eine beinahe mythische Gestalt, eine Reputation, die sie gef�rdert hatte. Manchmal hatte sie sich Jahrzehnte von der Wei�en Burg ferngehalten und daf�r gesorgt, dass viele sie f�r tot hielten. Wenn sie dann wieder auftauchte, sorgte das f�r Aufsehen. Sie hatte falsche Drachen gejagt, weil es n�tig war und weil jeder Mann, den sie gefangen nahm, ihrem Ruf bei den anderen Aes Sedai nutzte.</p><p>Ihre ganze Arbeit war auf diese letzten Tage der Welt ausgerichtet. Und das Licht sollte sie blenden, wenn sie sich das jetzt von dem jungen al'Thor ruinieren lie�!</p><p>Sie �berspielte ihr Stirnrunzeln, indem sie einen Schluck Tee nahm. Langsam verlor sie die Kontrolle, einen Faden nach dem anderen. Einst h�tte etwas so Dramatisches wie das Gez�nk in der Wei�en Burg ihre sofortige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber sie konnte nicht anfangen, an diesem Problem zu arbeiten. Die Sch�pfung selbst war in Aufl�sung begriffen, und ihre einzige M�glichkeit, dagegen etwas zu unternehmen, bestand darin, ihre ganze M�he auf al'Thor zu konzentrieren.</p><p>Und er widersetzte sich jedem ihrer Versuche, ihm zu helfen. Schritt f�r Schritt verwandelte er sich in einen Mann, dessen Inneres aus Stein war, unbeweglich und v�llig unflexibel. Eine gef�hllose Statue konnte <emphasis>nicht</emphasis> gegen den Dunklen K�nig antreten.</p><p>Verdammter Junge! Und jetzt war da Semirhage, die ihr ebenfalls weiterhin trotzte. Es juckte ihr in den Fingern, jetzt da reinzugehen und die Frau anzugehen, aber schon Merise hatte die Fragen gestellt, die sie auch gestellt h�tte, und war gescheitert. Wie lange w�rde ihre Reputation intakt bleiben, wenn sie sich als genauso unn�tz erwies wie die anderen? Sarene sprach weiter.</p><p>�Ihr solltet die Aes Sedai nicht so behandeln�, sagte Sarene ganz ruhig.</p><p>�Aes Sedai?� Semirhage kicherte. �Sch�mt ihr euch eigentlich nicht, euch so zu bezeichnen? Als w�rde sich ein Welpe als Wolf ausgeben!�</p><p>�Wir m�gen nicht alles wissen, das gebe ich gern zu, aber ...�</p><p>�Ihr wisst <emphasis>gar</emphasis> nichts!�, erwiderte Semirhage. �Ihr seid Kinder, die mit dem Spielzeug ihrer Eltern spielen.�</p><p>Cadsuane tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Teetasse. Wieder �berraschte sie die �hnlichkeiten, die sie und Semirhage teilten - und erneut bereiteten ihr diese �bereinstimmungen tiefes Unbehagen.</p><p>Eine schlanke Dienerin kam die Treppe mit einem Teller Bohnen und ged�nsteten Radieschen hinauf; Semirhages Mittagessen. War es schon so weit? Sarene verh�rte die Verlorene jetzt seit drei Stunden, und sie hatte sich die ganze Zeit im Kreis gedreht. Die Dienerin kam n�her, und Cadsuane bedeutete ihr, eintreten zu d�rfen.</p><p>Einen Augenblick sp�ter krachte das Tablett zu Boden. Bei dem Laut sprang Cadsuane auf die F��e und umarmte <emphasis>Saidar,</emphasis> w�re um ein Haar ins Zimmer gest�rzt. Semirhages Stimme lie� sie z�gern.</p><p>�Das esse ich nicht�, sagte die Verlorene, die wie immer die Kontrolle hatte. �Ich habe diesen Fra� satt. Du wirst mir etwas Vern�nftiges bringen.�</p><p>�Wenn wir das tun, werdet Ihr dann unsere Fragen beantworten?�, ert�nte Sarenes Stimme - die offensichtlich jeden Vorteil zu nutzen bereit war.</p><p>�Vielleicht�, erwiderte Semirhage. �Wir werden sehen, ob ich dann in Stimmung bin.�</p><p>Schweigen trat ein. Cadsuane sah die anderen Frauen im Korridor an, die alle bei dem L�rm aufgesprungen waren, obwohl sie die Stimmen nicht h�ren konnten. Sie bedeutete ihnen, sich wieder hinzusetzen.</p><p>�Geht und holt etwas anderes�, sagte Sarene im Zimmer zu der Dienerin. �Und schickt jemanden, der das sauber macht.� Die T�r �ffnete und schloss sich schnell, als die Dienerin davonhuschte.</p><p>Sarene sprach weiter. �Die n�chste Frage wird entscheiden, ob Ihr diese Mahlzeit esst oder nicht.� Trotz der energischen Stimme konnte Cadsuane eine gewisse Hast in Sarenes Tonfall h�ren. Das pl�tzlich zu Boden fallende Tablett hatte sie �berrascht. Sie waren alle so nerv�s in der N�he der Verlorenen. Sie waren nicht ehrerbietig, aber sie behandelten Semirhage mit einem gewissen Respekt. Wie konnten sie auch nicht? Sie war eine Legende. Man trat nicht vor eine derartige Kreatur - eines der b�sartigsten Wesen, das je gelebt hatte -, ohne nicht zumindest eine gewisse Ehrfurcht zu versp�ren.</p><p>Eine gewisse Ehrfurcht ...</p><p>�Das ist unser Fehler�, fl�sterte Cadsuane. Sie blinzelte, dann drehte sie sich um und �ffnete die T�r.</p><p>Semirhage stand in der Mitte des kleinen Raumes. Man hatte ihr wieder die Fesseln aus Luft angelegt, die Gewebe waren vermutlich in dem Moment gewebt worden, in dem sie das Tablett hingeworfen hatte. Der Messingteller lag auf dem Boden, die Bohnenso�e drang in die alten Holzbohlen. Das Zimmer hatte kein Fenster; fr�her war es ein Vorratsraum gewesen, den man in eine Zelle f�r die Verlorene verwandelt hatte. Sarene - das dunkle Haar zu perlengeschm�ckten Z�pfen geflochten, das wundersch�ne Gesicht �berrascht durch die St�rung - sa� vor Semirhage auf einem Stuhl. Ihr breitschultriger Beh�ter Vitalien stand blass in der Ecke.</p><p>Semirhages Kopf war nicht gefesselt, und ihr Blick glitt �ber Cadsuane.</p><p>Cadsuane hatte sich festgelegt; jetzt musste sie der Frau gegen�bertreten. Gl�cklicherweise brauchte das, was sie vorhatte, nicht viel Raffinesse. Alles fiel zur�ck auf eine Frage. Vorausgesetzt, Cadsuane h�tte sich selbst gegen�bergestanden, wie h�tte sie ihren Widerstand gebrochen? Die L�sung war einfach, jetzt, da sie ihr eingefallen war.</p><p>�Ah�, sagte sie sachlich. �Ich sehe, das Kind will sein Essen nicht. Sarene, l�st Eure Gewebe.�</p><p>Semirhage hob die Brauen und wollte etwas H�hnisches bemerken, aber als Sarene ihre Luft-Gewebe aufl�ste, packte Cadsuane sie bei den Haaren und trat ihr mit einer l�ssigen Bewegung die Beine unter dem K�rper weg.</p><p>Vielleicht h�tte sie auch die Macht benutzen k�nnen, aber es f�hlte sich richtig an, es mit den H�nden zu machen. Sie bereitete ein paar Gewebe vor, auch wenn sie sie vermutlich nicht brauchte. Semirhage war zwar gro�, aber von schlankem Wuchs, und sie war schon immer eher kr�ftig als d�nn. Au�erdem schien die Verlorene v�llig verbl�fft dar�ber, wie man sie behandelte.</p><p>Cadsuane stemmte ein Knie in den R�cken der Frau, dann stie� sie ihr Gesicht in das weggeworfene Essen. �Iss�, sagte sie. �Ich halte nichts von vergeudetem Essen, Kind, vor allem nicht in solchen Zeiten.�</p><p>Semirhage sprudelte ein paar Worte hervor, von denen Cadsuane annahm, dass es sich um Fl�che handelte, auch wenn sie sie nicht verstehen konnte. Die Bedeutung war vermutlich im Dunkel der Zeit verschollen gegangen. Bald verstummten die Fl�che, und Semirhage schwieg. Sie wehrte sich nicht. Das h�tte Cadsuane an ihrer Stelle auch nicht getan; damit h�tte sie nur das Bild besch�digt, das andere von ihr hatten. Semirhages Macht als Gefangene r�hrte von der Furcht und dem Respekt her, den die Aes Sedai ihr entgegenbrachten. Das musste man �ndern.</p><p>�Euren Stuhl, bitte�, sagte sie zu Sarene.</p><p>Die schockiert aussehende Wei�e stand auf. Sie hatten alle versucht, so weit zu gehen, wie es unter al'Thors Vorgaben m�glich war, aber jeder dieser Versuche hatte Achtung verraten. Sie behandelten Semirhage als gef�hrliche Macht und w�rdigen Gegner. Damit st�rkten sie aber nur ihr Ego.</p><p>�Wirst du essen?�, fragte Cadsuane.</p><p>�Ich werde dich umbringen�, sagte Semirhage ganz ruhig. �Als Erste, vor allen anderen. Sie werden sich deine Schreie anh�ren m�ssen.�</p><p>�Ich verstehe�, erwiderte Cadsuane. �Sarene, bittet die drei Schwestern drau�en herein.� Nachdenklich hielt sie inne. �Mir sind da eben ein paar Dienerinnen aufgefallen, die Zimmer putzen. Bringt sie mir auch.�</p><p>Sarene nickte und eilte aus dem Raum. Cadsuane setzte sich auf den Stuhl, dann webte sie Str�me aus Luft und hob damit Semirhage auf. Elza und Erian sp�hten ins Zimmer; sie sahen sehr neugierig aus. Dann traten sie ein. Sarene folgte ihnen. Ein paar Augenblicke sp�ter kam Daigian mit f�nf Dienern: drei Domani mit Sch�rzen, einem d�rren Mann, dessen Finger ganz braun vom Anstreichen der Holzw�nde waren, und einem jungen Pagen. Ausgezeichnet.</p><p>Als sie eintraten, legte sich Cadsuane die Verlorene mit ihren Str�men aus Luft �bers Knie. Und dann fing sie an, ihr mit der Hand den Hintern zu versohlen.</p><p>Zuerst hielt Semirhage durch. Dann fing sie an zu fluchen. Dann fing sie an, Drohungen auszusto�en. Cadsuane machte weiter, langsam, aber sicher tat ihr die Hand weh. Semirhages Drohungen verwandelten sich in Wut- und Schmerzgeheul. W�hrenddessen kam die Dienerin mit dem Essen zur�ck, was Semirhages Schande noch verst�rkte. Die Aes Sedai sahen fassungslos zu.</p><p>�Nun�, sagte Cadsuane ein paar Augenblicke sp�ter und unterbrach Semirhages schmerzliches Gejammer. �Willst du essen?�</p><p>�Ich finde jeden, den du je geliebt hast�, stie� die Verlorene mit Tr�nen in den Augen hervor. �Ich werde sie sich einander gegenseitig f�ttern lassen, w�hrend du zusiehst. Ich ...�</p><p>Cadsuane schnalzte nur mit der Zunge und machte weiter. Die kleine Menschenmenge in dem Zimmer sah in erstauntem Schweigen zu. Semirhage fing an zu weinen - nicht vor Schmerzen, sondern wegen der Dem�tigung. Das war der Schl�ssel. Man konnte Semirhage nicht durch Schmerzen oder Versprechungen besiegen - aber ihren Ruf zu zerst�ren, das w�rde in ihrer Vorstellung viel schlimmer sein als jede andere Strafe. Cadsuane h�tte genauso empfunden.</p><p>Nach ein paar weiteren Minuten senkte sie die Hand und l�ste die Gewebe, die Semirhage reglos hielten. �Willst du essen?�</p><p>�Ich ...�</p><p>Sie hob die Hand, und Semirhage sprang ihr f�rmlich vom Scho� und warf sich zu Boden, a� die Bohnen.</p><p>�Sie ist ein Mensch�, sagte Cadsuane und sah die anderen an. �Nur ein Mensch, so wie jeder von uns. Sie hat Geheimnisse, aber jeder Junge kann ein Geheimnis haben, das er nicht verraten will. Vergesst das nicht.�</p><p>Sie stand auf und ging zur T�r. Neben Sarene, die fasziniert zusah, wie die Verlorene die Bohnen vom Boden a�, blieb sie kurz stehen. �Vielleicht solltet Ihr eine Haarb�rste mit Euch tragen�, f�gte sie hinzu. �Das kann ganz sch�n anstrengend f�r die H�nde sein.�</p><p>Sarene l�chelte. �Ja, Cadsuane Sedai.�</p><p><emphasis>Und was,</emphasis> dachte Cadsuane und verlie� das Zimmer, <emphasis>machen wir jetzt mit al'Thor?</emphasis></p><p>�Mein Lord�, sagte Grady und rieb sich das verwitterte Gesicht. �Ich glaube, Ihr versteht das nicht richtig.�</p><p>�Dann erkl�rt es mir�, sagte Perrin. Er stand auf einem H�gel und betrachtete die gewaltige Ansammlung an Fl�chtlingen und Soldaten. Nicht zueinander passende Zelte verschiedenster Machart - braune Aielzelte mit einer Spitze, gro�e bunte aus Cairhien, ganz normale mit zwei Spitzen - wuchsen in die H�he, als sich die Leute auf die Nacht vorbereiteten.</p><p>Wie gehofft hatten die Shaido Aiel nicht die Verfolgung aufgenommen. Sie hatten Perrins Armee sich zur�ckziehen lassen, allerdings berichteten seine Sp�her, dass sie nun auf die Stadt zur�ckten, um sie zu untersuchen. Das bedeutete, dass er etwas Zeit gewonnen hatte. Zeit, um sich auszuruhen, Zeit, um wegzuhumpeln, Zeit, um den gr��ten Teil der Fl�chtlinge mit Wegetoren fortzuschaffen, wie er hoffte.</p><p>Beim Licht, das war wirklich eine gro�e Gruppe. Tausende und Abertausende von Menschen, ein Albtraum an Koordination und Versorgung. Die letzten paar Tage waren von einem endlosen Strom an Beschwerden, Einw�nden, Urteilen und Papieren erf�llt gewesen. Wo fand Balwer nur dieses ganze Papier? Es schien viele der Leute, die zu Perrin kamen, zufriedenzustellen. Dekrete und die Beilegung von Disputen schienen f�r sie unendlich offizieller zu sein, wenn sie auf einem St�ck Papier standen. Balwer meinte, Perrin w�rde ein eigenes Siegel brauchen.</p><p>Die Arbeit war eine Ablenkung gewesen, was gut war. Aber Perrin wusste, dass er seine Probleme nicht lange zur Seite schieben konnte. Rand lockte ihn nach Norden. Er <emphasis>musste</emphasis> zur Letzten Schlacht marschieren. Alles andere war unwichtig.</p><p>Andererseits war es genau diese Zielstrebigkeit, die alles au�er seinem Ziel ignorierte, die w�hrend seiner Jagd nach Faile zu einer Quelle st�ndigen �rgers geworden war. Irgendwie musste er ein Gleichgewicht finden. Er musste sich entscheiden, ob er diese Menschen f�hren wollte, musste mit dem Wolf in sich Frieden schlie�en, der Bestie, die w�tete, wenn er in die Schlacht zog.</p><p>Aber bevor er auch nur irgendetwas davon in Angriff nehmen konnte, musste er diese Fl�chtlinge nach Hause schaffen. Und das erwies sich als Problem. �Ihr konntet Euch doch jetzt ausruhen, Grady�, sagte er.</p><p>�Die Ersch�pfung ist nur ein Teil davon, mein Lord�, erwiderte Grady. �Obwohl ich mich ehrlich gesagt immer noch so f�hle, als k�nnte ich eine Woche lang schlafen.�</p><p>Er <emphasis>sah</emphasis> m�de aus. Grady war ein robuster Mann mit dem Gesicht eines Bauern und dem dazu passenden Temperament. Dieser Mann w�rde seine Pflicht erf�llen, da hatte Perrin nicht die geringsten Zweifel; tats�chlich vertraute er ihm da mehr als den meisten Adeligen, die er kennengelernt hatte. Aber auch Grady konnte nur bis zu einem gewissen Punkt angetrieben werden. Was stellte das mit einem Mann an, so oft die Macht lenken zu m�ssen? Grady hatte tiefe Tr�nens�cke unter den Augen, und trotz seiner Br�une war er blass. Obwohl er doch ein junger Mann war, zeigte sich bereits das erste Grau in seinem Haar.</p><p><emphasis>Beim Licht, ich habe diesen Mann zu sehr beansprucht,</emphasis> dachte Perrin. <emphasis>Ihn und Neald.</emphasis> Eine weitere Auswirkung seiner Verbissenheit, wie ihm nun klar wurde. Was er Aram angetan hatte, wie er allen in seiner Umgebung erlaubt hatte, ohne F�hrung zu handeln ... <emphasis>Ich muss das in Ordnung bringen. Ich muss eine M�glichkeit finden, das alles zu regeln.</emphasis></p><p>Gelang ihm das nicht, w�rde er es m�glicherweise gar nicht bis zur Letzten Schlacht <emphasis>schaffen.</emphasis></p><p>�Es ist Folgendes, mein Lord.� Grady rieb sich wieder das Kinn und betrachtete das Lager. Die verschiedenen Kontingente - Mayener, Alliandres Wache, die M�nner von den Zwei Fl�ssen, die Aiel, die Fl�chtlinge aus den verschiedenen St�dten - kampierten alle separat, in ihren eigenen Kreisen. �Das sind einige tausend Menschen, die in ihre Heimat gebracht werden m�ssen. Jedenfalls die, die gehen wollen. Viele sagen, dass sie sich hier bei Euch sicherer f�hlen.�</p><p>�Den Wunsch k�nnen sie sich sparen. Sie geh�ren zu ihren Familien.�</p><p>�Und was ist mit denen, deren Familien in den von den Seanchanern besetzten L�ndern leben?� Grady zuckte mit den Schultern. �Vor dem Einzug der Invasoren w�ren viele dieser Leute gern zur�ckgekehrt. Aber jetzt ... nun, man redet dar�ber, dort zu bleiben, wo es Essen und Schutz gibt.�</p><p>�Wir k�nnen noch immer die wegschicken, die gehen wollen. Wir kommen schneller ohne sie voran.�</p><p>Grady sch�ttelte den Kopf. �Darum geht es ja, mein Lord. Euer Mann Balwer hat uns die Zahlen gegeben. Ich kann ein Wegetor erschaffen, das breit genug f�r zwei M�nner ist, die gleichzeitig hindurchschreiten. Wenn man davon ausgeht, dass sie daf�r eine Sekunde brauchen ... Nun, es w�rde Stunden dauern, sie alle hindurchzuschicken. Ich kenne die Zahl nicht, aber er hat behauptet, dass es die Arbeit von Tagen w�re. Und er meinte, seine Sch�tzungen w�ren vermutlich zu optimistisch. Mein Lord, ich k�nnte ein Wegetor kaum eine Stunde ge�ffnet halten, so ersch�pft bin ich.�</p><p>Perrin unterdr�ckte ein Knurren. Er w�rde sich Balwers Zahlen selbst ansehen m�ssen, aber er hatte das beunruhigende Gef�hl, dass der Mann recht haben w�rde.</p><p>�Dann marschieren wir weiter�, sagte er. �Nach Norden. Und jeden Tag lassen wir Euch und Neald Wegetore machen und ein paar der Leute nach Hause schaffen. Aber ersch�pft euch nicht dabei.�</p><p>Grady nickte; seine Augen lagen vor M�digkeit tief in ihren H�hlen. Vielleicht w�rde es besser sein, noch ein paar Tage zu warten, bevor man damit anfing. Perrin nickte dem Mann zu, und er begab sich im Laufschritt zur�ck ins Lager. Perrin blieb oben auf dem H�gel stehen und inspizierte die verschiedenen Teile des Lagers, in denen sich die Leute auf das Abendessen vorbereiteten. Die Wagen standen in der Lagermitte, beladen mit Lebensmitteln, die, wie er f�rchtete, aufgebraucht sein w�rden, bevor sie Andor erreichten. Oder sollte er einen Bogen nach Cairhien machen? Dort hatte er Rand das letzte Mal gesehen, obwohl seine Visionen von dem Mann den Eindruck erweckten, dass er sich in keinem der beiden L�nder aufhielt. Er bezweifelte, dass ihn die K�nigin von Andor mit offenen Armen willkommen hei�en w�rde, nicht nach den Ger�chten �ber ihn und dieses verdammte Banner mit dem Roten Adler.</p><p>F�r den Augenblick stellte er dieses Problem erst einmal zur�ck. Das Lager schien zur Ruhe zu kommen. Jeder Zeltkreis schickte Abgesandte zur zentralen Essensausgabe, um die Abendrationen abzuholen. Jede Gruppe war selbst f�r ihre Mahlzeiten verantwortlich; Perrin kontrollierte lediglich die Ausgabe. Er konnte den Quartiermeister ausmachen - einen Cairhiener namens Bavin Rockshaw -, der auf der Ladefl�che eines Wagens stand und sich nacheinander um jeden Abgesandten k�mmerte.</p><p>Zufrieden mit seiner Inspektion ging Perrin hinunter und passierte auf seinem Weg zu seinem eigenen Zelt, das bei den M�nnern von den Zwei Fl�ssen errichtet war, die Zelte der Cairhiener.</p><p>Mittlerweile hatte er seine erweiterten Sinne akzeptiert. Sie waren zusammen mit der Gelbf�rbung seiner Augen gekommen. Die meisten Menschen in seiner Umgebung schienen sie nicht mehr zu bemerken, aber jede Begegnung mit Fremden erinnerte ihn nachdr�cklich an den Unterschied. Viele der cairhienischen Fl�chtlinge hielten zum Beispiel in ihrer Arbeit inne. Sie beobachteten sein Vorbeigehen und fl�sterten: �Goldauge.�</p><p>Er hielt nicht viel von diesem Namen. Aybara war der Name seiner Familie, und er trug ihn mit Stolz. Er geh�rte zu den wenigen, die ihn weitergeben konnten. Daf�r hatten die Trollocs gesorgt.</p><p>Einer Gruppe von Fl�chtlingen in der N�he warf er einen Blick zu, und sie machten hastig damit weiter, Zeltpfl�cke in den Boden zu h�mmern. Dann passierte er zwei M�nner von den Zwei Fl�ssen. Tod al'Caar und Jori Congar. Sie erblickten ihn und salutierten, h�mmerten die F�uste in Herzh�he gegen die Brust. F�r sie war Perrin Goldauge keine Person, die sie f�rchten mussten, sondern eine, die es zu respektieren galt. Auch wenn sie noch immer �ber die Nacht tuschelten, die er in Berelains Zelt verbracht hatte. Er w�nschte sich, dem Schatten <emphasis>dieses</emphasis> Vorfalls endlich entkommen zu k�nnen. Die M�nner waren noch immer beschwingt von ihrem Sieg �ber die Shaido, aber es war noch nicht lange her, dass er das Gef�hl gehabt hatte, nicht bei ihnen willkommen zu sein.</p><p>Aber f�r den Augenblick schienen zumindest diese beiden diese unerfreuliche Zeit hinter sich gelassen zu haben. Stattdessen salutierten sie. Hatten sie denn vergessen, dass sie zusammen mit ihm aufgewachsen waren? Wie war das damals noch gewesen, als sich Jori �ber seine langsame Sprechweise lustig gemacht hatte, oder die vielen Male, wo er bei der Schmiede stehen geblieben war, um mit den M�dchen anzugeben, denen er einen Kuss hatte stehlen k�nnen?</p><p>Perrin erwiderte das Nicken schlicht. Sinnlos, die Vergangenheit hervorzuzerren, nicht, wenn ihre Treue zu �Perrin Goldauge� geholfen hatte, Faile zu retten. Als er sie allerdings hinter sich zur�cklie�, h�rten seine viel zu scharfen Ohren, wie sie �ber die nur wenige Tage zur�ckliegende Schlacht plauderten und was sie darin getan hatten. Einer von ihnen roch noch immer nach Blut; er hatte seine Stiefel nicht gereinigt. Vermutlich hatte er den blutigen Schlamm nicht einmal bemerkt.</p><p>Manchmal fragte sich Perrin, ob seine Sinne tats�chlich besser waren. Er nahm sich eben die Zeit, Dinge zu bemerken, die andere ignorierten. Wie konnten sie das Blut nicht riechen? Und die k�hle Luft aus den Bergen im Norden? Sie roch nach der Heimat, auch wenn sie viele Meilen von den Zwei Fl�ssen entfernt waren. H�tten sie ihre Augen aufgemacht und sich die Welt um sich herum genau angesehen, h�tte man dann ihre Augen ebenfalls als �scharf� bezeichnet, so wie bei ihm?</p><p>Nein. Das war nur eine Wunschvorstellung. Seine Sinne <emphasis>waren</emphasis> besser; seine Verwandtschaft mit den W�lfen hatte ihn ver�ndert. Schon eine Weile hatte er nicht mehr an diese Verwandtschaft gedacht - er war zu sehr auf Faile konzentriert gewesen. Aber er versp�rte nicht l�nger dieses Unbehagen wegen seiner Augen. Sie waren ein Teil von ihm. Sinnlos, deswegen zu lamentieren.</p><p>Aber diese Wut, die er im Kampf versp�rte ... dieser Kontrollverlust. Das bereitete ihm zusehends Sorgen. Das erste Mal war ihm das in jener Nacht aufgefallen, vor so langer Zeit, bei dem Kampf gegen die Wei�m�ntel. Eine Weile hatte er nicht gewusst, ob er ein Wolf oder ein Mensch war.</p><p>Und jetzt hatte er bei einem seiner k�rzlichen Besuche im Wolfstraum versucht, Springer zu t�ten. Im Wolfstraum war der Tod endg�ltig. An diesem Tag hatte er sich beinah verloren. Der Gedanke daran weckte alte �ngste, �ngste, die er zur Seite geschoben hatte. �ngste, bei denen es um einen Mann ging, der sich wie ein Wolf verhielt und in einen K�fig gesperrt war.</p><p>Auf dem Weg zu seinem Zelt traf er einige Entscheidungen. Faile hatte er voller Entschlossenheit verfolgt und den Wolfstraum gemieden, wie er alle anderen Verantwortungen gemieden hatte. Hatte behauptet, dass nichts anderes eine Rolle spielen w�rde. Aber er wusste, dass die Wahrheit viel komplizierter war. Er hatte sich so auf Faile konzentriert, weil er sie so liebte, aber er hatte es auch getan, weil es gerade praktisch gewesen war. Ihre Rettung war die Entschuldigung gewesen, Dingen wie seinem Unbehagen �ber die Rolle des Anf�hrers und den vagen Waffenstillstand zwischen ihm und dem Wolf in seinem Inneren aus dem Weg zu gehen.</p><p>Faile hatte er gerettet, aber so viele Dinge lagen noch immer im Argen. M�glicherweise lagen die Antworten ja in seinen Tr�umen.</p><p>Es war Zeit, dorthin zur�ckzukehren.</p></section><section><title><p>18</p><p>Eine eilige Botschaft</p></title><p>Siuan erstarrte in dem Augenblick, in dem sie das Lager der Aes Sedai mit einem Korb Schmutzw�sche in die H�fte gestemmt betrat. Dieses Mal waren es ihre eigenen Sachen. Sie hatte endlich begriffen, dass sie sich nicht um Brynes W�sche <emphasis>und</emphasis> ihre eigene k�mmern musste. Warum ihre W�sche nicht von den Novizinnen erledigen lassen? Heutzutage gab es nun wirklich genug von ihnen.</p><p>Und jede Einzelne von ihnen dr�ngte sich auf dem Bretterweg um den Pavillon in der Lagermitte. Sie standen Arm an Arm, eine wei�e Mauer mit K�pfen von jeder vorstellbaren Haarfarbe. Keine gew�hnliche Sitzung des Saals h�tte solche Aufmerksamkeit erregt. Es musste etwas geschehen sein.</p><p>Siuan stellte den Weidenkorb auf einem Baumstumpf ab, dann deckte sie ihn mit einem Handtuch ab. Diesem Himmel vertraute sie einfach nicht, auch wenn es in der vergangenen Woche nur gelegentlich genieselt hatte. Vertraue keinem Hafenmeisterhimmel. Worte, an denen man sein Leben ausrichten konnte. Selbst wenn die Konsequenz nur aus einem Korb voller feuchter W�sche bestand, die so noch schmutziger geworden war.</p><p>Sie eilte �ber die schlammige Stra�e und erklomm einen der Bretterwege. Die groben Bohlen gaben unter ihren Schritten quietschend nach, als sie auf den Pavillon zueilte. Es war im Gespr�ch, die Bretterwege durch etwas Dauerhafteres zu ersetzen, vielleicht sogar durch etwas so teures wie Pflastersteine.</p><p>Sie erreichte die hinterste Reihe der versammelten Frauen. Die letzte Zusammenkunft des Saals, die derartiges Interesse erweckt hatte, hatte enth�llt, dass Asha'man mit Schwestern den Bund eingegangen waren und die Quelle selbst vom Makel gereinigt worden war. Walte das Licht, dass keine �berraschungen <emphasis>dieses</emphasis> Ausma�es warteten! Ihre Nerven waren strapaziert genug, durfte sie sich doch mit dem verdammten Gareth Bryne abplagen. Allein der Vorschlag, sich von ihm beibringen zu lassen, wie man mit einem Schwert umging, nur f�r alle F�lle. Noch nie war sie der Ansicht gewesen, dass Schwerter viel taugten. Davon abgesehen, wer h�tte je von einer Aes Sedai mit einer Waffe geh�rt, die wie eine verr�ckte Aiel k�mpfte? Also ehrlich, dieser Mann!</p><p>Sie bahnte sich einen Weg durch die Novizinnen, ver�rgert, dass sie ihre Aufmerksamkeit erregen musste, damit sie ihr den Weg frei machten. Nat�rlich machten sie Platz, sobald sie eine Schwester kommen sahen, aber sie waren so abgelenkt, dass es M�he kostete, sie dazu zu bewegen. Ein paar von ihnen r�gte sie, weil sie ihre Pflichten vernachl�ssigten. Wo steckte Tiana? Sie h�tte daf�r sorgen m�ssen, dass sich die M�dchen wieder an die Arbeit begaben. Und wenn Rand al'Thor h�chstpers�nlich im Lager erschienen w�re, die Novizinnen hatten mit ihrem Unterricht fortzufahren!</p><p>In der N�he des Pavilloneingangs stie� sie endlich auf die Frau, die sie gesucht hatte. Als Egwenes Beh�terin der Chroniken durfte Sheriam den Saal ohne die Amyrlin nicht betreten. Also blieb ihr nichts anderes �brig, als drau�en zu warten. Aber vermutlich war das besser, als allein in ihrem Zelt zu schmoren.</p><p>In den vergangenen Wochen hatte die Frau mit dem Feuerhaar eine ordentliche Portion ihres Specks verloren. Sie musste sich wirklich ein paar neue Kleider besorgen; die alten fingen an, an ihrem K�rper herunterzuh�ngen. Wenigstens schien sie etwas von ihrer Ruhe wiedergefunden zu haben, erschien weniger fahrig. Vielleicht hatte sich das erledigt, was ihr zu schaffen gemacht hatte. Sie hatte ja immer darauf beharrt, dass ihr nichts fehlte.</p><p>�Fischschei�e�, knurrte Siuan, als eine Novizin ihr zuf�llig den Ellbogen in den Leib rammte. Sie starrte das M�dchen b�se an, das in sich zusammensackte und forteilte, z�gernd begleitet von ihrer Novizinnenfamilie. Siuan wandte sich Sheriam zu. �Also, was ist es? Hat sich einer der Pferdeburschen als der K�nig von Tear entpuppt?�</p><p>Sheriam hob eine Braue. �Elaida kann Reisen.�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis> Siuan warf einen Blick ins Zelt. Die Sitze waren mit Aes Sedai gef�llt, und die schlanke Ashmanaille von den Grauen sprach gerade. Warum war diese Zusammenkunft nicht Versiegelt worden?</p><p>Sheriam nickte. �Wir haben es herausgefunden, als Ashmanaille ausgesandt wurde, um in Kandor den Tribut zu holen.� Tribute waren eine der Haupteinnahmequellen von Egwenes Aes Sedai. Viele Jahrhunderte lang hatte jedes K�nigreich derartige Zuwendungen nach Tar Valon geschickt. Die Wei�e Burg war nicht l�nger auf dieses Einkommen angewiesen - ihr standen viel bessere M�glichkeiten zur Verf�gung, sich zu finanzieren, M�glichkeiten, die nicht von der Gro�z�gigkeit anderer abh�ngig waren. Dennoch lehnte man solche Zuwendungen nicht ab, und viele K�nigreiche in den Grenzlanden folgten noch immer den alten Br�uchen.</p><p>Vor der Spaltung der Wei�en Burg hatte eine von Ashmanailles Pflichten darin bestanden, diese Spenden zu verwalten und im Namen der Amyrlin monatliche Dankschreiben zu versenden. Die Spaltung und die Entdeckung des Reisens hatten es f�r Egwenes Aes Sedai sehr einfach gemacht, Delegationen zu schicken und die Tribute pers�nlich abzuholen. Dem Schatzmeister der Kandori war es egal, welche der beiden Parteien er unterst�tzte, solange der Tribut nur geschickt wurde, und er hatte das Geld auch gern Ashmanaille pers�nlich ausgeh�ndigt.</p><p>Die Belagerung von Tar Valon hatte es vereinfacht, dieses Geld von den Tributen abzuzweigen, die sonst an Elaida gegangen w�ren, und man hatte damit Brynes Soldaten bezahlt. Eine h�bsche Wendung des Schicksals. Aber kein Meer blieb ewig ruhig.</p><p>�Der Schatzmeister war sehr aufgebracht�, berichtete Ashmanaille in ihrem sachlichen Tonfall. ��Ich habe diesen Monat bereits gezahlt�, sagte er zu mir. �Das Geld habe ich dieser Frau gegeben, die erst gestern kam. Die Frau hatte einen Brief von der Amyrlin, der das rechtm��ige Siegel trug und mich anwies, das Geld nur einer Angeh�rigen der Roten Ajah auszuh�ndigen�.�</p><p>�Das besagt nicht mit Sicherheit, dass Elaida Reisen kann�, meinte Romanda im Inneren des Zeltes. �Die Rote Schwester k�nnte auch auf andere Weise nach Kandor gekommen sein.�</p><p>Ashmanaille sch�ttelte den Kopf. �Sie haben das Wegetor gesehen. Der Schatzmeister entdeckte einen Rechenfehler und schickte Elaidas Delegation einen Schreiber hinterher, um ihnen ein paar zus�tzliche M�nzen zu geben. Der Mann beschrieb <emphasis>perfekt,</emphasis> was er dort sah. Die Pferde ritten durch ein schwarzes Loch in der Luft. Es hat ihn so sehr verwirrt, dass er die Wache rief - aber da waren Elaidas Leute schon fort. Ich habe ihn selbst befragt.�</p><p>�Ich halte nichts davon, sich auf das Wort eines einzigen Mannes zu verlassen�, meinte Moria, die ziemlich weit vorn sa�.</p><p>�Der Schatzmeister hat die Frau genau beschrieben, der er das Geld gab. Ich bin sicher, dass es Nesita war. Vielleicht k�nnten wir herausfinden, ob sie in der Burg ist? Dann h�tten wir einen weiteren Beweis.�</p><p>Die anderen erhoben weitere Bedenken, aber Siuan h�rte nur noch mit halbem Ohr zu. Vielleicht war das eine sehr kluge List, um sie abzulenken, aber dieses Risiko konnten sie nicht eingehen. Beim Licht! War sie denn die Einzige, die einen Kopf auf den Schultern sitzen hatte?</p><p>Sie schnappte sich die n�chste Novizin, ein maushaftes M�dchen, das vermutlich �lter war, als es aussah - das musste sie auch sein, denn sie sah nicht �lter als neun aus. �Ich brauche einen Kurier�, sagte sie. �Holt einen der Kuriere, die Lord Bryne im Lager stationiert hat, um ihm etwas mitzuteilen. <emphasis>Schnell</emphasis>.�</p><p>Das M�dchen quiekte leise und rannte los.</p><p>�Worum ging es?�, fragte Sheriam.</p><p>�Darum, unser Leben zu retten�, erwiderte Siuan und starrte die dicht zusammengedr�ngt stehenden Novizinnen finster an. �Also gut!�, knurrte sie. �Genug geglotzt! Sollte euer Unterricht wegen dieses Fiaskos ausgefallen sein, dann sucht euch etwas zu tun. Jede Novizin, die noch in zehn Sekunden auf diesem Weg steht, wird Bu�e tun, bis sie nicht mehr geradeaus gucken kann!�</p><p>Das l�ste einen wei�en Massenexodus aus, als die Familien aus Frauen loseilten. Augenblicke sp�ter standen dort nur noch die kleine Gruppe Aufgenommene sowie Sheriam und Siuan. Die Aufgenommenen zuckten zusammen, als Siuan sie ansah, aber sie sagte nichts. Aufgenommene genossen unter anderem das Privileg gr��erer Freiheiten. Davon abgesehen war Siuan zufrieden, wenn sie sich bewegen konnte, ohne st�ndig mit jemanden zusammenzusto�en.</p><p>�Warum wurde die Zusammenkunft nicht Versiegelt?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, gab Sheriam zu und warf einen Blick in das gro�e Zelt. �Das sind be�ngstigende Neuigkeiten, wenn es denn stimmt.�</p><p>�Das musste irgendwann geschehen�, meinte Siuan, auch wenn sie innerlich nicht ann�hernd so ruhig war, wie ihre Worte h�tten vermuten lassen. �Die Nachricht �ber das Reisen musste sich verbreiten.�</p><p><emphasis>Was ist geschehen?,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Sie haben Egwene doch nicht gebrochen, oder? Helfe das Licht, dass weder sie noch Leane gezwungen waren, dieses Geheimnis zu verraten. Beonin. Sie muss es gewesen sein. Soll sie zu Asche verbrennen!</emphasis></p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �M�ge das Licht daf�r sorgen, dass wir das Reisen vor den Seanchanern geheim halten k�nnen. Wenn <emphasis>sie</emphasis> die Wei�e Burg angreifen, dann werden wir zumindest diesen Vorteil brauchen.�</p><p>Sheriam musterte sie skeptisch. Die meisten Schwestern glaubten nicht an Egwenes Traum von dem Angriff. N�rrinnen - sie wollten den Fisch fangen, aber ihn ausnehmen wollten sie nicht. Man erhob eine Frau nicht zur Amyrlin, um dann ihre Warnungen zu ignorieren.</p><p>Siuan wartete ungeduldig und tippte mit dem Fu� auf, lauschte der Unterhaltung im Zelt. Gerade als sie anfing, sich zu fragen, ob sie noch eine Novizin schicken sollte, ritt einer von Brynes Kurieren auf das Zelt zu. Die schlecht gelaunte Bestie, auf der er sa�, war mitternachtsschwarz mit wei�en Flecken direkt �ber den Hufen, und sie schnaubte Siuan an, als der Reiter anhielt. Er trug eine ordentliche Uniform und hatte kurz geschnittenes braunes Haar. Musste er diese Kreatur unbedingt mitbringen?</p><p>�Aes Sedai?�, fragte der Mann und verneigte sich auf dem Pferder�cken vor ihr. �Ihr habt eine Botschaft f�r Lord Bryne?�</p><p>�Ja�, sagte Siuan. �Und sorgt daf�r, dass sie so schnell wie m�glich �berbracht wird. Habt Ihr verstanden? Unser aller Leben h�ngt davon ab.�</p><p>Der Soldat nickte knapp.</p><p>�Sagt Lord Bryne ...�, fing Siuan an. �Sagt ihm, er soll auf seine Flanken achten. Unser Feind hat die Methode gelernt, die wir benutzt haben, um herzukommen.�</p><p>�Das wird erledigt.�</p><p>�Wiederholt sie mir�, verlangte Siuan.</p><p>�Nat�rlich, Aes Sedai.� Der schlanke Mann verneigte sich erneut. �Nur damit Ihr es wisst, ich bin schon �ber ein Jahrzehnt Kurier beim Kommando des Generals. Mein Ged�chtnis ...�</p><p>�Halt�, unterbrach ihn Siuan. �Mir ist egal, wie lange Ihr das schon macht. Mir ist egal, wie gut Euer Ged�chtnis ist. Mir ist egal, ob Ihr durch eine Laune des Schicksals <emphasis>dieselbe</emphasis> Botschaft schon tausendmal zuvor �berbracht habt. Ihr <emphasis>werdet</emphasis> sie mir jetzt wiederholen.�</p><p>��h, ja, Aes Sedai. Ich soll dem Lord General sagen, dass er auf seine Flanken achten soll. Unser Feind hat die Methode gelernt, die wir benutzt haben, um herzukommen.�</p><p>�Gut. Geht.�</p><p>Der Mann nickte.</p><p>�Jetzt!�</p><p>Er lie� das schreckliche Pferd auf die Hinterbeine steigen und galoppierte mit wehendem Umhang aus dem Lager.</p><p>�Was sollte das denn?�, fragte Sheriam und wandte den Blick von den Aktivit�ten im Saal.</p><p>�Ich habe daf�r gesorgt, dass wir nicht von Elaidas Armee umzingelt aufwachen�, sagte Siuan. �Ich wette, ich bin die Einzige, die daran gedacht hat, unseren General davor zu warnen, dass der Feind wom�glich gerade unseren gr��ten taktischen Vorteil zunichtegemacht hat. So viel also zur Belagerung.�</p><p>Sheriam runzelte die Stirn, als h�tte sie daran noch gar nicht gedacht. Da w�rde sie nicht die Einzige sein. Oh, irgendwann w�rde jemand an Bryne denken und sich vornehmen, den General zu informieren. Aber f�r viele bestand die Katastrophe <emphasis>nicht</emphasis> in der Tatsache, dass Elaida sie jetzt mit ihren Armeen von der Flanke aus angreifen konnte oder dass Brynes Belagerung nun sinnlos geworden war. F�r sie w�rde die Katastrophe viel pers�nlicher sein: das Wissen, das sie sich so bem�ht hatten, geheim zu halten, war in andere H�nde gefallen. Das Reisen geh�rte <emphasis>ihnen,</emphasis> und jetzt hatte Elaida es! Das war typisch Aes Sedai. Die Entr�stung kam an erster Stelle, dann erst die Bedeutung.</p><p>Aber vielleicht war es auch nur Verbitterung, die sie da versp�rte. Dann dachte jemand im Zelt daran, die Zusammenkunft zu Versiegeln, also zog sich Siuan zur�ck, verlie� den Bretterweg und trat auf den festgestampften Boden. �berall huschten Novizinnen umher, die K�pfe gesenkt, um ihren Blick zu meiden, obwohl sie schnell einen Knicks machten. <emphasis>Heute war ich wirklich nicht gut darin, schwach zu erscheinen,</emphasis> dachte Siuan und verzog das Gesicht.</p><p>Die Wei�e Burg zerfiel. Die Ajahs schw�chten einander mit kleinlichen Machtk�mpfen. Selbst hier, in Egwenes Lager, verbrachte man mehr Zeit mit Politik als mit der Vorbereitung auf den kommenden Sturm.</p><p>Und Siuan war teilweise f�r diese Fehler verantwortlich.</p><p>Nat�rlich trugen Elaida und ihre Ajah den L�wenfischanteil an Schuld. Aber h�tte sich die Burg �berhaupt entzweit, wenn Siuan die Zusammenarbeit zwischen den Ajahs gef�rdert h�tte? Elaida hatte nicht so viel Zeit f�r ihr Werk gehabt. Jeder Abgrund in der Burg konnte vermutlich zu winzigen Rissen w�hrend Siuans Herrschaft als Amyrlin zur�ckverfolgt werden. H�tte sie diesen Frauen mehr St�rke in die Knochen h�mmern k�nnen, wenn sie sich mehr f�r die Rolle als Vermittlerin interessiert h�tte? H�tte sie sie davon abhalten k�nnen, sich aufeinanderzust�rzen wie Rasierklingenfische im Blutrausch?</p><p>Der Wiedergeborene Drache war wichtig. Aber er war nur eine Figur im Gewebe dieser letzten Tage. Das verga�en alle nur viel zu leicht, denn es war viel einfacher, die dramatische Gestalt aus den Legenden zu beobachten und alle anderen zu vergessen.</p><p>Sie seufzte, hob ihren W�schekorb auf und �berpr�fte ihn aus reiner Gewohnheit, um sicherzugehen, dass noch alles vorhanden war. Dabei kam eine Gestalt in Wei� aus einem der abzweigenden Wege und trat auf sie zu. �Siuan Sedai?�</p><p>Siuan schaute stirnrunzelnd auf. Die vor ihr stehende Novizin geh�rte zu den seltsamsten im Lager. Mit fast siebzig Jahren hatte Sharina das faltige Gesicht einer Gro�mutter. Sie trug das graue Haar zu einem Knoten gebunden, und auch wenn sie keineswegs gebeugt ging, vermittelte sie dennoch eine gewisse <emphasis>Erfahrung.</emphasis> Sie hatte so viel gesehen, hatte so viel getan, hatte so viele Jahre erlebt. Und im Gegensatz zu einer Aes Sedai hatte Sharina in diesen vielen Jahren ein ganz normales Leben gelebt. Hatte gearbeitet, eine Familie gegr�ndet, sogar Kinder begraben.</p><p>Sie war stark in der Macht. Sogar bemerkenswert stark; mit Sicherheit w�rde sie die Stola erringen, und sobald sie das getan hatte, w�rde sie hoch �ber Siuan stehen. Aber jetzt machte sie einen tiefen Knicks, gab ein fast perfektes Beispiel an Ehrerbietung. Von allen Novizinnen was sie daf�r bekannt, sich am seltensten zu beklagen, den geringsten �rger zu machen und am gewissenhaftesten zu lernen. Als Novizin begriff sie Dinge, die die meisten Aes Sedai niemals gelernt hatten - oder in dem Augenblick verga�en, in dem sie die Stola erhielten. Wie man dem�tig war, wenn es darauf ankam, wie man eine Strafe annahm und wann man wusste, dass man etwas lernen musste, statt so zu tun, als w�sste man bereits alles. <emphasis>H�tten wir doch nur ein Dutzend mehr wie sie,</emphasis> dachte Siuan, <emphasis>und ein paar Dutzend weniger Elaidas und Romandas.</emphasis></p><p>�Ja, Kind?�, fragte sie. �Was ist?�</p><p>�Ich sah, wie Ihr die W�sche nehmt, Siuan Sedai�, sagte Sharina. �Und ich dachte, dass vielleicht ich sie f�r Euch tragen sollte.�</p><p>Siuan z�gerte. �Ich m�chte nicht, dass Ihr Euch verausgabt.�</p><p>Sharina hob in einem sehr unnovizinnenhaften Ausdruck eine Braue. �Diese alten Arme haben noch letztes Jahr doppelt so schwere Ladungen W�sche zum Fluss und wieder zur�ck getragen, Siuan Sedai, und dabei drei Enkel jongliert. Ich glaube, das schaffe ich schon.� Da lag etwas in ihrem Blick, eine Andeutung, dass noch mehr hinter ihrem Angebot steckte. Anscheinend war diese Frau nicht nur in der Erschaffung von Heilgeweben geschickt.</p><p>Neugierig geworden, �berlie� Siuan der alten Frau den Korb. Dann gingen sie den Pfad in Richtung der Novizinnenzelte.</p><p>�Es erscheint seltsam�, sagte Sharina, �dass eine scheinbar so simple Enth�llung einen so gro�en Aufruhr verursachen kann, findet Ihr nicht, Siuan Sedai?�</p><p>�Elaidas Entdeckung des Reisens ist eine wichtige Enth�llung.�</p><p>�Und doch nicht einmal ann�hernd so wichtig wie jene, die Ger�chten zufolge w�hrend der Zusammenkunft vor ein paar Monaten erfolgten, bei dem Besuch des Mannes, der die Macht lenken kann. Seltsam, dass das hier eine solche Szene zur Folge hat.�</p><p>Siuan sch�ttelte den Kopf. �Die Motivation von Menschenmengen erscheint auf den ersten Blick oft seltsam, Sharina. Alle sprechen noch immer von dem Besuch des Asha'man, und sie k�nnen es kaum erwarten, dass noch mehr solcher Dinge geschehen. Also reagieren sie aufgeregt bei der Gelegenheit, etwas Neues zu h�ren. Und so erfolgen die gro�en Enth�llungen dann im Verborgenen, und die weniger wichtigen verursachen riesige Aufregung.�</p><p>�Ich glaube, diese Beobachtung k�nnte einem sehr n�tzlich sein.� Sharina nickte einer vorbeigehenden Gruppe Novizinnen zu. �Falls man Unruhe verbreiten wollte.�</p><p>�Was meint Ihr?� Siuan kniff die Augen zusammen.</p><p>�Ashmanaille hat zuerst Lelaine Sedai Bericht erstattet�, sagte Sharina leise. �Ich habe geh�rt, dass Lelaine diejenige war, die die Neuigkeit durchsickern lie�. Sie sprach sie laut in Anwesenheit einer Novizinnenfamilie aus, w�hrend sie den Saal zur Zusammenkunft rief. Au�erdem wimmelte sie mehrere Forderungen nach der Versiegelung der Zusammenkunft ab.�</p><p>�Ah�, sagte Siuan. �Darum also!�</p><p>�Nat�rlich ist das alles nur H�rensagen�, erkl�rte Sharina und blieb im Schatten eines knorrigen Schwarzholzbaumes stehen. �Vermutlich ist es blo� Unsinn. Selbstverst�ndlich w�rde eine Aes Sedai von Lelaines Format <emphasis>wissen,</emphasis> dass, sollte sie Informationen vor den Ohren von Novizinnen preisgeben, sie bald alle willigen Ohren erreicht h�tten.�</p><p>�Und in der Burg ist jedes Ohr willig.�</p><p>�Ganz genau, Siuan Sedai.� Sharina l�chelte.</p><p>Lelaine hatte die Zusammenkunft zu einem Zirkus machen wollen - sie hatte gewollt, dass die Novizinnen zuh�rten und sich jede Schwester im Lager an der Diskussion beteiligte. Warum? Und warum vertraute ihr Sharina ihre ausgesprochen unnovizinnenhafte Meinung an?</p><p>Die Antwort war offensichtlich. Je bedrohter sich die Frauen im Lager f�hlten - je gr��er sie die Gefahr erachteten, die von Elaida ausging -, umso einfacher w�rde es f�r eine energische Hand sein, die Kontrolle zu ergreifen. Auch wenn die Schwestern im Augenblick lediglich �ber den blo�en Verlust eines wohlbeh�teten Geheimnisses emp�rt waren, w�rden sie bald die Gefahr erkennen, die Siuan bereits gesehen hatte. Bald w�rde die Angst da sein. Sorge. Nervosit�t. Die Belagerung w�rde niemals funktionieren, jetzt nicht mehr, wo die Aes Sedai in der Stadt Reisen konnten, wann immer und wohin sie wollten. Brynes Heer an den Br�cken war nutzlos geworden.</p><p>Und wenn sich Siuan nicht sehr irrte, w�rde Lelaine schon daf�r sorgen, dass sich auch alle anderen der Probleme bewusst wurden, die das mit sich brachte.</p><p>�Sie will, dass wir Angst haben�, sagte Siuan. �Sie will eine Krise.� Das war schlau. Eigentlich h�tte sie das kommen sehen m�ssen. Dass sie es nicht getan hatte - und auch nichts von Lelaines Pl�nen mitbekommen hatte -, verriet eine wichtige Tatsache. Die Frau vertraute ihr doch nicht so sehr, wie es den Anschein gehabt hatte. Verflucht!</p><p>Sie schaute Sharina an. Die grauhaarige Frau stand geduldig da und wartete darauf, dass Siuan begriff, was ihre Enth�llungen bedeuteten.</p><p>�Warum habt Ihr mir das alles erz�hlt? Soweit Ihr wisst, bin ich doch Lelaines Lakai.�</p><p>Sharina hob die Brauen. �Bitte, Siuan Sedai. Diese Augen sind nicht blind, und sie sehen eine Frau, die sehr hart daran arbeitet, die Feinde der Amyrlin zu besch�ftigen.�</p><p>�Gut�, erwiderte Siuan. �Aber Ihr gebt Euch f�r einen geringen Lohn zu erkennen.�</p><p>�Einen geringen Lohn?�, fragte Sharina. �Entschuldigt bitte, Siuan Sedai, aber wie wird wohl mein Schicksal aussehen, sollte die Amyrlin nicht zur�ckkehren? Was glaubt Ihr? Ganz egal, was sie im Augenblick sagt, wir k�nnen Lelaine Sedais tats�chliche Ansichten genau erkennen.�</p><p>Siuan z�gerte. Auch wenn Lelaine im Moment die Rolle von Egwenes and�chtiger Bef�rworterin spielte, war es nicht lange her, dass sie �ber die zu alten Novizinnen erbost gewesen war. Nur wenigen gefiel es, wenn sich Traditionen ver�nderten.</p><p>Jetzt, da man die neuen Novizinnen in das Novizinnenbuch eingetragen hatte, w�rde es sehr schwer werden, sie wieder aus der Burg zu entfernen. Aber das bedeutete nicht, dass die Aes Sedai auch weiterhin �ltere Frauen zulassen w�rden. Dar�ber hinaus bestand die reelle M�glichkeit, dass Lelaine - oder wer auch immer auf dem Amyrlin-Sitz endete - einen Weg finden w�rde, das Weiterkommen der Frauen, die entgegen der Tradition aufgenommen worden waren, zu verz�gern oder ganz zu verhindern. Und das w�rde mit Sicherheit Sharina mit einschlie�en.</p><p>�Ich werde die Amyrlin von Euren Bem�hungen hier unterrichten�, sagte Siuan. �Ihr werdet belohnt werden.�</p><p>�Meine Belohnung wird Egwene Sedais R�ckkehr sein, Siuan Sedai. Beten wir, dass sie bald erfolgt. In dem Augenblick, in dem sie uns aufnahm, hat sie unser Schicksal mit dem ihren verbunden. Nach allem, was ich gesehen und gef�hlt habe, habe ich nicht die Absicht, meine Ausbildung abzubrechen.� Sie wog den Korb. �Ich nehme an, Ihr wollt das hier gewaschen und zur�ckgebracht haben?�</p><p>�Ja. Vielen Dank.�</p><p>�Ich bin eine Novizin, Siuan Sedai. Es ist meine Pflicht und mein Vergn�gen.� Die alte Frau verneigte sich respektvoll und ging weiter, ging mit einem Schritt, der viel j�nger war, als es ihrem Alter entsprach.</p><p>Siuan schaute ihr nach, dann hielt sie eine andere Novizin an. Noch ein Kurier an Bryne. <emphasis>Beeil dich, M�dchen,</emphasis> richtete sie ihre Gedanken an Egwene und schaute zu dem hohen Turm der Wei�en Burg in der Ferne. <emphasis>Sharina ist nicht die Einzige, deren Schicksal mit dem deinen verbunden ist. Du hast uns alle in dein Netz gezogen.</emphasis></p></section><section><title><p>19</p><p>Er�ffnungsz�ge</p></title><p>Chaos. Die ganze Welt war ein Chaos.</p><p>Tuon stand auf dem Balkon ihres Audienzsaals im Palast von Ebou Dar, die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt. Auf dem Palastgel�nde mit seinen wei�en Gehwegplatten - wei� wie so viele Oberfl�chen in dieser Stadt - �bte eine Gruppe altaranischer Waffenm�nner in Gold und Schwarz unter den aufmerksamen Blicken eines ihrer eigenen Offiziere Formationen. Jenseits von ihnen erhob sich die Stadt, wei�e, mit bunten Streifen versehene Kuppeln breiteten sich neben hohen wei�en T�rmen aus.</p><p>Ordnung. Hier in Ebou Dar herrschte Ordnung, selbst in den Feldern aus Zelten und Wagen vor der Stadt. Seanchanische Soldaten patrouillierten und hielten den Frieden aufrecht; es gab Pl�ne, den Rahad zu s�ubern. Nur weil jemand arm war, war das noch lange kein Grund - oder eine Entschuldigung -, ohne Gesetz zu leben.</p><p>Aber diese Stadt war nur eine winzige Nische der Ordnung in einer Welt des Sturms. Seanchan selbst wurde vom B�rgerkrieg ersch�ttert, jetzt, da die Kaiserin gestorben war. Die Corenne war eingetroffen, aber die Zur�ckeroberung der L�nder Artur Falkenfl�gels schritt nur langsam voran, im Osten vom Wiedergeborenen Drachen aufgehalten, im Norden von den Heeren der Domani. Noch immer wartete sie auf Neuigkeiten von Generalleutnant Turan, aber die Zeichen standen nicht gut. Galgan beharrte auf der Ansicht, dass das Ergebnis sie m�glicherweise �berraschen w�rde, doch Tuon hatte in der Stunde, in der man sie �ber Turans gef�hrliche Lage unterrichtete, eine schwarze Taube gesehen. Das Omen war klar. Er w�rde nicht lebend zur�ckkehren.</p><p>Chaos. Sie schaute zur Seite, wo der treue Karede in seiner R�stung stand, die blutrot und in einem fast schon schwarzen Dunkelgr�n lackiert war. Er war ein gro�er Mann, das kantige Gesicht beinahe so massiv wie die R�stung, die er trug. An diesem Tag - dem Tag nach Tuons R�ckkehr nach Ebou Dar - hatte er zwei Dutzend Totenw�chter dabei, zusammen mit sechs Ogier-G�rtnern, und sie alle hatten sich an den W�nden aufgereiht. Sie s�umten die Seiten des Raumes mit den wei�en S�ulen und der hohen Decke. Karede sp�rte das Chaos, und er hatte nicht vor, sie noch einmal entf�hren zu lassen. Chaos war immer dann am t�dlichsten, wenn man dar�ber Vermutungen anstellte, was es infizieren konnte und was nicht. Hier in Ebou Dar hatte es sich in Gestalt einer Fraktion manifestiert, die Tuon das Leben nehmen wollte.</p><p>Attentatsversuche hatte sie abgewehrt, seit sie laufen konnte, und sie hatte sie alle �berlebt. Sie rechnete mit ihnen. In gewisser Weise bl�hte sie wegen ihnen sogar auf. Wie sollte man denn sonst wissen, dass man m�chtig war, wenn keine Attent�ter ausgeschickt wurden, um einen umzubringen?</p><p>Aber Suroths Verrat ... In der Tat herrschte das Chaos, wenn sich die Anf�hrerin der Vorl�ufer selbst als Verr�terin erwies. Es w�rde sehr schwierig werden, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Vielleicht sogar unm�glich.</p><p>Tuon dr�ckte den R�cken durch. Sie hatte nicht erwartet, ausgerechnet jetzt schon zur Kaiserin zu werden. Aber sie w�rde ihre Pflicht tun.</p><p>Sie wandte sich von dem Balkon ab und ging zur�ck in das Audienzgemach, um sich der Menge zu stellen, die sie erwartete. Genau wie die anderen Angeh�rigen des Blutes trug auch sie Asche auf den Wangen, um den Verlust der Kaiserin zu betrauern. Sie hatte wenig Zuneigung f�r ihre Mutter versp�rt, aber eine Kaiserin brauchte auch keine Zuneigung. Sie sorgte f�r Ordnung und Stabilit�t. Tuon hatte gerade erst damit begonnen, die Bedeutung dieser Dinge zu verstehen, als sich diese Last auf ihre Schultern senkte.</p><p>Das Gemach war breit und rechteckig; Kandelaber zwischen den S�ulen und das durch den breiten Balkon hinter ihr einfallende, strahlende Sonnenlicht sorgten f�r Helligkeit. Tuon hatte befohlen, dass man die Teppiche entfernte, denn sie zog die hellen wei�en Fliesen vor. Die Decke zeigte ein gro�es Wandgem�lde mit Fischern auf dem Meer, mit in der klaren Luft fliegenden M�wen, und die W�nde waren hellblau gestrichen. Vor den Kandelabern zu Tuons Rechten kniete eine Gruppe aus zehn <emphasis>Da'covale.</emphasis> Sie trugen durchsichtige Gew�nder und warteten auf einen Befehl. Suroth war nicht unter ihnen. Um sie k�mmerte sich die Totenwache, zumindest bis ihr Haar nachgewachsen war.</p><p>Sobald Tuon den Raum betrat, gingen alle B�rgerlichen auf die Knie und ber�hrten mit der Stirn den Boden. Die Angeh�rigen des Blutes knieten und neigten den Kopf.</p><p>Auf der anderen Seite des Raumes, gegen�ber den <emphasis>Da'covale,</emphasis> knieten Lanelle und Melitene in Kleidern, auf deren R�cken rote Rechtecke mit silbernen Blitzen prangten. Ihre angeleinten <emphasis>Damane</emphasis> knieten mit zu Boden gerichtetem Gesicht. Mehreren der <emphasis>Damane</emphasis> war Tuons Entf�hrung unertr�glich gewesen; w�hrend ihrer Abwesenheit hatten sie unstillbare Weinkr�mpfe gehabt.</p><p>Der Audienzstuhl war relativ schlicht. Ein Holzstuhl, dessen Armlehnen und R�ckenlehne mit schwarzem Samt �berzogen waren. Tuon setzte sich. Bekleidet war sie mit einem plissierten Gewand im tiefsten Meerblau, ein wei�er Umhang fiel von ihren Schultern. Sobald sie sa�, erhoben sich die Menschen in dem Raum aus ihren Positionen der Verg�tterung - alle bis auf die <emphasis>Da'covale,</emphasis> die auf den Knien blieben. Selucia stand auf und trat neben den Stuhl, das goldblonde Haar zu einem Zopf geflochten, der an ihrer rechten Seite hing, die linke Kopfseite rasiert. Sie trug keine Asche, da sie nicht zum Blut geh�rte, aber das wei�e Band an ihrem Arm verk�ndete, dass sie - wie das ganze Kaiserreich - den Verlust der Kaiserin betrauerte.</p><p>Yuril, Tuons Sekret�rin und im Geheimen ihre Hand, stellte sich an die andere Seite des Stuhls. Die Totenw�chter bauten sich lautlos um sie herum auf; ihre dunkle R�stung schimmerte leicht im Sonnenlicht. In letzter Zeit waren sie ganz besonders beflissen mit ihrem Schutz. Tuon konnte es ihnen nicht verdenken, wenn man die k�rzlichen Ereignisse betrachtete.</p><p><emphasis>Hier bin ich,</emphasis> dachte sie, <emphasis>umgeben von meiner Macht,</emphasis> Damane <emphasis>auf der einen und Totenw�chter auf der anderen Seite. Und doch f�hle ich mich nicht sicherer als in Matrims Gesellschaft.</emphasis> Wie seltsam, dass sie sich bei ihm sicher gef�hlt hatte.</p><p>Unmittelbar vor ihr, indirekt beleuchtet vom Sonnenlicht des Balkons, befand sich eine Abordnung des Blutes, von denen Generalhauptmann Galgan die h�chste Stellung einnahm. Er trug heute eine R�stung, der Brustpanzer war dunkelblau lackiert, die Farbe war dunkel genug, um beinahe schon schwarz zu wirken. Sein Kopf war an den Seiten glatt rasiert, und das gepuderte wei�e Haar des Scheitels war bis zu seinen Schultern geflochten, denn er geh�rte dem Hohen Blut an. Begleitet wurde er von zwei Angeh�rigen des Niederen Blutes - Bannergeneral Najirah und Bannergeneral Yamada - sowie mehreren nichtadligen Offizieren. Sie warteten geduldig und achteten peinlich genau darauf, Tuons Blick nicht zu erwidern.</p><p>Mehrere Schritte hinter ihnen stand eine Versammlung anderer Angeh�riger des Blutes, um ihre Entscheidungen zu bezeugen. Der drahtige Faverde Nothish und der langgesichtige Amenar Shumada f�hrten sie an. Beide waren wichtige M�nner - wichtig genug, um gef�hrlich zu sein. Suroth w�rde nicht die Einzige gewesen sein, die diese Zeiten als Gelegenheit betrachtet hatte. Sollte Tuon sterben, k�nnte praktisch jede Kaiserin werden. Oder jeder Kaiser.</p><p>Der Krieg in Seanchan w�rde nicht schnell enden; aber wenn es so weit war, w�rde sich der Sieger zweifellos auf den Kristallthron setzen. Und dann w�rde das seanchanische Kaiserreich zwei F�hrer haben, getrennt durch einen Ozean, vereint vom Verlangen, den anderen zu besiegen. Keiner von ihnen konnte es sich erlauben, den anderen am Leben zu lassen.</p><p><emphasis>Ordnung,</emphasis> dachte Tuon und tippte mit einem blau lackierten Fingernagel auf das schwarze Holz ihrer Stuhllehne. <emphasis>Ordnung muss aus mir heraus entstehen. Ich werde den vom Sturm Heimgesuchten eine ruhige Brise bringen.</emphasis></p><p>�Selucia ist meine Wahrheitssprecherin�, verk�ndete sie dem Raum. �Lasst es unter dem Blut verbreiten.�</p><p>Die Ank�ndigung kam erwartet. Selucia neigte zustimmend den Kopf, obwohl sie keine andere Aufgabe w�nschte, als Tuon zu dienen und zu besch�tzen. Sie w�rde diese Position nicht willkommen hei�en. Aber sie war auch ehrlich und geradlinig; sie w�rde eine ausgezeichnete Wahrheitssprecherin abgeben.</p><p>Und wenigstens dieses Mal konnte Tuon sicher sein, dass ihre Wahrheitssprecherin keine der Verlorenen war.</p><p>Dann glaubte sie also Falendres Geschichte? Ihre Aussage war nicht besonders glaubhaft; sie klang wie eine von Matrims fantasievollen Geschichten von Fabelwesen, die im Dunkeln lauerten. Und doch hatten die anderen <emphasis>Sul'dam</emphasis> und <emphasis>Damane</emphasis> Falendres Geschichte best�tigt.</p><p>Immerhin erschienen einige der Fakten eindeutig. Anath hatte mit Suroth zusammengearbeitet. Suroth hatte - mit etwas Nachhilfe - zugegeben, dass sie sich mit einer der Verlorenen getroffen hatte. Oder zumindest glaubte sie das. Sie hatte nicht gewusst, dass es sich bei der Verlorenen um Anath handelte, aber sie schien die Enth�llung f�r glaubw�rdig zu halten.</p><p>Ob Anath nun wirklich eine der Verlorenen war oder nicht, sie hatte Tuon verk�rpert und sich mit dem Wiedergeborenen Drachen getroffen. Und dann hatte sie versucht, ihn zu t�ten. <emphasis>Ordnung,</emphasis> dachte Tuon und hielt ihre Miene reglos. <emphasis>Ich repr�sentiere die Ordnung.</emphasis></p><p>Sie sandte Selucia, die trotz der zus�tzlichen Verantwortung als Wahrheitssprecherin noch immer ihre Stimme war - und ihr Schatten - ein paar Handzeichen. Wenn sie mit jenen sprach, die so tief unter ihr standen, musste sie die Worte zuerst Selucia �bermitteln, die sie dann laut aussprach.</p><p>�Dir wird befohlen, ihn hereinzuschicken�, sagte Selucia zu einem <emphasis>Da'covale</emphasis> neben dem Thron. Er verbeugte sich tief, ber�hrte mit dem Kopf den Boden, dann eilte er ans andere Ende des gro�en Raumes und �ffnete die T�r.</p><p>Beslan, K�nig von Altara und Hoher Herr von Haus Mitsobar, war ein schlanker J�ngling mit schwarzen Augen und Haar. Er hatte die olivfarbene Hautfarbe der Altaraner, aber er hatte angefangen, die vom Blut bevorzugte Kleidung zu tragen. Locker fallende gelbe Hosen und einen Mantel mit hohem Kragen, der vorn nur bis zur Mitte der Brust reichte, darunter ein gelbes Hemd. Das Blut hatte einen deutlichen Durchgang in der Mitte des Raumes gelassen, und Beslan ging mit nach unten gerichtetem Blick hindurch. Als er den Platz f�r das Bittgesuch vor dem Thron erreichte, ging er auf die Knie und verbeugte sich tief. Das perfekte Bild eines loyalen Untertans. Abgesehen von der d�nnen Goldkrone auf seinem Haupt.</p><p>Tuon gestikulierte Selucia.</p><p>�Ihr werdet gebeten aufzustehen�, sagte Selucia.</p><p>Beslan erhob sich, hielt den Blick aber weiter abgewandt. Er war ein guter Schauspieler.</p><p>�Die Tochter der Neun Monde bringt ihr Beileid f�r Euren Verlust zum Ausdruck�, fuhr Selucia fort.</p><p>�Ich w�nsche Ihr das Gleiche wegen Ihres Verlusts. Meine Trauer ist nur eine Kerze verglichen mit dem gro�en Feuer, das das seanchanische Volk versp�rt.�</p><p>Er war <emphasis>zu</emphasis> unterw�rfig. Er war K�nig; keiner verlangte von ihm, sich so tief zu verbeugen. Er war vielen vom Blut gleichgestellt.</p><p>Beinahe h�tte Tuon glauben k�nnen, dass er sich einfach nur dem�tig gegen�ber der Frau verhielt, die bald Kaiserin sein w�rde. Aber sie wusste zu gut �ber sein Temperament Bescheid, sowohl durch ihre Spione wie auch vom H�rensagen.</p><p>�Die Tochter der Neun Monde w�nscht den Grund zu erfahren, warum Ihr nicht l�nger Hof haltet�, sagte Selucia und beobachtete Tuons H�nde. �Sie findet es bedauerlich, dass Euer Volk keine Audienz bei seinem K�nig erhalten kann. Der Tod Eurer Mutter war so tragisch wie schockierend, aber Euer K�nigreich braucht Euch.�</p><p>Beslan verneigte sich. �Bitte lasst sie wissen, dass ich es f�r unangebracht hielt, mich �ber sie zu erheben. Ich bin mir im Zweifel, wie ich mich verhalten soll. Ich wollte niemanden beleidigen.�</p><p>�Seid Ihr sicher, dass das der wahre Grund ist?�, fuhr Selucia in ihrer Funktion als Stimme fort. �Und nicht, weil Ihr vielleicht eine Rebellion gegen uns plant und keine Zeit f�r Eure anderen Pflichten habt?�</p><p>Beslan schaute ruckartig mit weit aufgerissenen Augen auf. �Euer Majest�t, ich ...�</p><p>�Ihr braucht keine weiteren L�gen zu erz�hlen, Kind von Tylin�, wandte sich Tuon direkt an ihn, was dem versammelten Blut �berraschtes Keuchen entlockte. �Ich wei� von den Dingen, die Ihr General Habiger und Eurem Freund Lord Malaiin gesagt habt. Ich wei� von Euren unauff�lligen Treffen im Keller der Schenke <emphasis>Die drei Sterne.</emphasis> Ich wei� alles, K�nig Beslan.�</p><p>Stille legte sich schwer auf den Raum. Beslan neigte kurz den Kopf. Dann stand er �berraschend auf und starrte ihr direkt in die Augen. Sie h�tte nicht gedacht, dass dieser J�ngling mit der leisen Stimme das in sich h�tte. �Ich lasse nicht zu, dass mein Volk ...�</p><p>�Ich an Eurer Stelle w�rde schweigen�, unterbrach Tuon ihn. �Ihr steht schon auf Sand.�</p><p>Beslan z�gerte. Sie konnte die Frage in seinen Augen lesen. W�rde sie ihn hinrichten lassen? <emphasis>H�tte ich die Absicht, dich zu t�ten,</emphasis> dachte sie, <emphasis>dann w�rst du schon tot, und du h�ttest das Messer nie kommen gesehen.</emphasis></p><p>�Seanchan ist in Aufruhr�, sagte sie und beobachtete ihn. Die Worte schienen ihn zu ersch�ttern. �Ach, glaubtet Ihr, ich w�rde das ignorieren, Beslan? Ich schaue mir doch nicht in aller Ruhe die Sterne an, w�hrend mein Reich um mich herum zusammenbricht. Die Wahrheit muss zur Kenntnis genommen werden. Meine Mutter ist tot. Es gibt keine Kaiserin.</p><p>Allerdings sind die Streitkr�fte der Corenne <emphasis>mehr</emphasis> als ausreichend, unsere Positionen hier auf dieser Seite des Ozeans zu behaupten, Altara eingeschlossen.� Sie beugte sich vor und bem�hte sich, <emphasis>Kontrolle</emphasis> und <emphasis>Entschlossenheit</emphasis> auszustrahlen. Ihre Mutter hatte das zu jedem Zeitpunkt geschafft. Tuon hatte nicht die Gr��e ihrer Mutter, aber sie w�rde diese Aura brauchen. Andere mussten sich sicherer f�hlen, nur weil sie in ihre Gegenwart traten.</p><p>�In solchen Zeiten�, fuhr sie fort, �k�nnen Drohungen von Rebellion nicht toleriert werden. Viele werden die Schw�che des Kaiserreiches als Gelegenheit betrachten, und ihr Unfrieden stiftender Zank w�rde das Ende von uns allen bedeuten, wenn man ihn einfach zul�sst. Also muss ich streng sein. Sehr streng. Mit allen, die mich herausfordern.�</p><p>�Und warum lebe ich dann noch?�, wollte Beslan wissen.</p><p>�Ihr habt angefangen, Eure Rebellion zu planen, <emphasis>bevor</emphasis> die Geschehnisse im Kaiserreich bekannt gemacht wurden.�</p><p>Er runzelte verst�ndnislos die Stirn.</p><p>�Ihr habt Eure Rebellion begonnen, als Suroth hier die F�hrung hatte�, sagte Tuon, �und als Eure Mutter noch K�nigin war. Seitdem hat sich viel ver�ndert, Beslan. Sehr viel. Solche Zeiten bieten das Potenzial f�r gro�e Erfolge.�</p><p>�Ihr m�sst wissen, dass ich nicht nach Macht strebe�, sagte Beslan. �Die Freiheit meines Volkes ist alles, was ich w�nsche.�</p><p>�Das wei� ich�, sagte Tuon und faltete die H�nde, die Ellbogen auf die Stuhllehnen gelehnt, die lackierten N�gel gekr�mmt. �Und das ist der andere Grund, aus dem Ihr noch lebt. Ihr rebelliert nicht aus Verlangen nach h�heren Positionen, sondern aus reinem Unwissen. Ihr seid fehlgeleitet, und das bedeutet, dass Ihr Euch �ndern k�nnt, solltet Ihr das n�tige Wissen erhalten.�</p><p>Er starrte sie verwirrt an. <emphasis>Senk den Blick, du Narr. Bring mich nicht dazu, dich wegen Anma�ung auspeitschen lassen zu m�ssen!</emphasis> Und als h�tte er ihre Gedanken vernommen, schaute er zur Seite, dann zu Boden. Ja, ihr Urteil war richtig, was diesen hier anging.</p><p>Wie prek�r ihre Position doch war! Es stimmte, sie verf�gte �ber gro�e Heere - aber Suroths aggressive Vorgehensweise hatte viele von ihnen verschwendet.</p><p>Am Ende w�rden sich alle K�nigreiche auf dieser Seite des Ozeans vor dem Kristallthron verbeugen m�ssen. Jede <emphasis>Marath'damane</emphasis> w�rde an die Leine gelegt werden, jeder K�nig und jede K�nigin w�rde die n�tigen Eide leisten. Aber Suroth hatte zu gro�en Druck ausge�bt, vor allem bei dem Fiasko mit Turan. Einhunderttausend M�nner, verloren in einer Schlacht. Das war Wahnsinn.</p><p>Tuon brauchte Altara. Sie brauchte Ebou Dar. Beslan war bei seinem Volk sehr beliebt. Nach dem mysteri�sen Tod seiner Mutter seinen Kopf auf eine Lanze zu spie�en ... Nun, sie <emphasis>w�rde</emphasis> in Ebou Dar f�r Stabilit�t sorgen, aber es w�re ihr lieber gewesen, daf�r keine M�nner von der Front abziehen zu m�ssen.</p><p>�Der Tod Eurer Mutter ist ein Verlust�, sagte sie. �Sie war eine gute Frau. Eine gute K�nigin.�</p><p>Beslans Mund spannte sich an.</p><p>�Ihr d�rft sprechen.�</p><p>�Ihr Tod ... ist unerkl�rt�, sagte er. Die Andeutung war offensichtlich.</p><p>�Ich wei� nicht, ob Suroth ihren Tod verursacht hat�, sagte Tuon und m��igte ihre Stimme. �Sie behauptet, es nicht getan zu haben. Aber die Angelegenheit wird untersucht. Sollte sich herausstellen, dass Suroth hinter ihrem Tod steckt, werdet Ihr und Altara eine Entschuldigung vom Thron selbst erhalten.�</p><p>Wieder keuchte das Blut auf. Tuons Blick lie� sie verstummen, dann wandte sie sich wieder Beslan zu. �Der Verlust Eurer Mutter <emphasis>ist</emphasis> ein gro�er Verlust. Ihr m�sst wissen, dass sie loyal zu ihren Eiden stand.�</p><p>�Ja�, sagte er bitter. �Und sie gab den Thron auf.�</p><p>�Nein�, erwiderte Tuon barsch. �Der Thron geh�rt Euch. Das ist das Nichtwissen, von dem ich sprach. Ihr <emphasis>m�sst</emphasis> Euer Volk f�hren. Es <emphasis>muss</emphasis> einen K�nig haben. Ich habe weder die Zeit noch das Verlangen, Euch diese Pflicht abzunehmen.</p><p>Ihr geht von der Annahme aus, dass die seanchanische Dominanz �ber Eure Heimat bedeutet, dass Euer Volk nicht frei sein kann. Das stimmt nicht. Es wird freier, besch�tzter und m�chtiger sein, wenn es unsere Herrschaft akzeptiert.</p><p>Ich sitze �ber Euch. Aber ist das so wenig w�nschenswert? Durch die Macht des Kaiserreiches k�nnt Ihr Eure Grenzen sichern und das Land au�erhalb von Ebou Dar patrouillieren. Ihr sprecht von Eurem Volk? Nun, ich habe befohlen, dass man etwas f�r Euch vorbereitet.� Sie gab ein Zeichen, und eine <emphasis>Da'covale</emphasis> mit schlanken Gliedern trat mit einer Ledertasche vor.</p><p>�Dort drinnen findet Ihr Zahlen, die meine Sp�her und W�chter gesammelt haben�, sagte Tuon. �Ihr k�nnt die Berichte �ber Verbrechen lesen, die w�hrend unserer Besetzung geschahen. Das sind Berichte und Listen, die vergleichen, wie es den Leuten <emphasis>vor</emphasis> und <emphasis>nach</emphasis> der Wiederkehr ergangen ist.</p><p>Ich glaube, Ihr wisst, was Ihr finden werdet. Das Kaiserreich ist eine Fundgrube f�r Euch, Beslan. Ein m�chtiger, einflussreicher Verb�ndeter. Ich werde Euch nicht beleidigen, indem ich Euch Throne anbiete, die Ihr nicht wollt. Ich locke Euch damit, dass ich Euch Stabilit�t, Nahrung und Schutz f�r Euer Volk anbiete. Und das kostet Euch nur Eure Loyalit�t, mehr nicht.�</p><p>Z�gernd nahm er die Tasche entgegen.</p><p>�Ich biete Euch eine Wahl, Beslan. Wenn Ihr wollt, k�nnt Ihr die Hinrichtung w�hlen. Ich werde Euch nicht <emphasis>da'covale</emphasis> machen. Ich lasse Euch ehrenvoll sterben, und man wird �ffentlich verk�nden, dass Ihr gestorben seid, weil Ihr die Treueide abgelehnt habt und die Seanchaner nicht akzeptieren wollt. W�nscht Ihr das, erlaube ich es. Euer Volk wird wissen, dass Ihr im Trotz gestorben seid.</p><p>Oder Ihr entscheidet Euch, ihm besser zu dienen. Ihr d�rft das Leben w�hlen. Solltet Ihr das tun, wird man Euch ins Hohe Blut erheben. Ihr tretet vor und herrscht, genau wie es Euer Volk n�tig hat. Ich verspreche Euch, dass ich die Angelegenheiten Eures Volkes <emphasis>nicht</emphasis> lenke. Ich verlange Ressourcen und M�nner f�r meine Armee, wie sich das geh�rt, und Euer Wort kann das meine nicht r�ckg�ngig machen. Davon abgesehen habt Ihr in Altara die uneingeschr�nkte Macht. Niemand vom Blut hat das Recht, Euren Leuten ohne Eure Erlaubnis zu befehlen, ihnen zu schaden oder sie in den Kerker zu werfen.</p><p>Ich werde eine Liste von Adelsfamilien akzeptieren und pr�fen, die Eurer Meinung nach zum Niederen Blut erhoben werden sollten, und ich werde nicht weniger als zwanzig davon erheben. Altara wird auf dieser Seite des Ozeans der permanente Sitz der Kaiserin sein. Damit wird es hier das m�chtigste K�nigreich sein. Ihr habt die Wahl.�</p><p>Sie entfaltete die Finger. �Aber eines m�sst Ihr wissen. Solltet Ihr Euch entscheiden, Euch uns anzuschlie�en, dann werdet Ihr mir Euer Herz geben und nicht nur Euer Wort. Ich erlaube nicht, dass Ihr Eure Eide ignoriert. Diese Gelegenheit biete ich Euch, weil ich glaube, dass Ihr ein starker Verb�ndeter sein k�nntet, und weil ich glaube, dass Ihr fehlgeleitet wurdet, vielleicht durch Suroths finstere Intrigen.</p><p>Ihr habt einen Tag, um Euch zu entscheiden. Denkt gut dar�ber nach. Eure Mutter hielt das f�r den besten Weg, und sie war eine kluge Frau. Das Kaiserreich bedeutet Stabilit�t. Eine Rebellion bedeutet nur unendliches Leid, Hunger und am Ende in Vergessenheit zu geraten. Das ist nicht das Zeitalter, um allein zu sein, Beslan.�</p><p>Sie lehnte sich zur�ck, w�hrend Beslan die Tasche in seinen H�nden betrachtete. Er verneigte sich, um darum zu bitten, gehen zu k�nnen, auch wenn es nur eine unbeholfene Bewegung war, als w�re er abgelenkt.</p><p>�Ihr d�rft gehen�, informierte sie ihn.</p><p>Er machte aber keine Anstalten zu gehen. Angespannte Stille herrschte, w�hrend er die Tasche anstarrte. Sie konnte ihm seinen inneren Kampf vom Gesicht ablesen. Ein <emphasis>Da'covale</emphasis> kam n�her, um ihn zum Gehen zu dr�ngen, da er entlassen worden war, aber Tuon hob die Hand und gebot dem Diener Einhalt.</p><p>Sie beugte sich wieder vor, mehrere Angeh�rige des Blutes schabten ungeduldig mit den F��en. Beslan starrte blo� die Tasche an. Schlie�lich schaute er auf, einen entschlossenen Ausdruck in den Augen. Dann kniete er �berraschenderweise erneut nieder.</p><p>�Ich, Beslan von Haus Mitsobar, schw�re der Tochter der Neun Monde und durch sie dem seanchanischen Kaiserreich meine Treue und meinen Dienst, jetzt und f�r alle Zeit, es sei denn, sie entl�sst mich daraus aus eigenem, freien Willen. Meine L�ndereien und mein Thron geh�ren ihr, ich trete sie an ihre Hand ab. Das schw�re ich beim Licht!�</p><p>Tuon gestattete sich ein L�cheln. Generalhauptmann Galgan trat hinter Beslan hervor und sprach den K�nig an. �Das ist nicht die richtige Weise, wie man ...�</p><p>Tuon brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. �Wir verlangen, dass sein Volk sich unseren Br�uchen anpasst, General�, sagte sie. �Da ist es durchaus angebracht, wenn wir einige der ihren akzeptieren.� Nat�rlich nicht zu viele. Diese Erkenntnis verdankte sie ihren langen Unterhaltungen mit Frau Anan. M�glicherweise war es ein Fehler gewesen, diese Menschen dazu zu bringen, seanchanische Gehorsamseide zu schw�ren. Matrim hatte diese Eide geleistet, sie dann aber bequemerweise ignoriert, als der Augenblick gekommen war - und doch hatte er das Wort gehalten, das er ihr pers�nlich gegeben hatte, und seine M�nner hatten ihr versichert, dass er ein Mann von Ehre war.</p><p>Wie seltsam, dass sie bereit waren, einen Eid �ber den anderen zu stellen. Diese Menschen waren merkw�rdig. Aber sie w�rde lernen m�ssen, sie zu verstehen, wenn sie sie beherrschen wollte - und sie w�rde sie beherrschen m�ssen, um Kr�fte f�r ihre R�ckkehr nach Seanchan zu sammeln.</p><p>�Euer Eid erfreut mich, K�nig Beslan. Ich erhebe Euch ins Hohe Blut und verleihe Euch und Eurem Haus die Vorherrschaft �ber das K�nigreich Altara, jetzt und f�r alle Zeiten, Euer Wille f�r seine Verwaltung und Regierung unterliegt nur dem Kaiserthron selbst. Erhebt Euch.�</p><p>Er stand auf, und seine Knie schienen zu zittern. �Seid Ihr sicher, dass ihr keine <emphasis>Ta'veren</emphasis> seid, meine Lady?�, fragte er. �Denn ich habe mit Sicherheit nicht erwartet, <emphasis>das</emphasis> zu tun, als ich eintrat.�</p><p><emphasis>Ta'veren.</emphasis> Diese Leute und ihr alberner Aberglauben! �Ich bin zufrieden mit Euch�, sagte sie zu ihm. �Eure Mutter habe ich nur kurz gekannt, aber ich fand sie ausgesprochen f�hig. Ich h�tte keine Freude daran gehabt, gezwungen zu sein, ihren einzigen Sohn hinzurichten.�</p><p>Er nickte anerkennend. An der Seite signalisierte Selucia verstohlen: <emphasis>Das war gut geregelt. Vielleicht etwas unkonventionell, aber geschickt gemacht.</emphasis></p><p>Tuon versp�rte ein warmes Gef�hl von Stolz. Sie wandte sich dem wei�haarigen General Galgan zu. �General. Ich wei�, dass Ihr darauf gewartet habt, mit mir sprechen zu k�nnen, und Eure Geduld ist lobenswert. Ihr d�rft jetzt sagen, was Euch besch�ftigt. K�nig Beslan, Ihr d�rft Euch zur�ckziehen oder bleiben. Es ist Euer Recht, an jeder �ffentlichen Audienz teilzunehmen, die ich in Eurem K�nigreich abhalte, und Ihr braucht dazu weder eine Erlaubnis noch eine Einladung.�</p><p>Beslan nickte, verneigte sich, begab sich dann aber an die Seite des Raumes, um zuzusehen.</p><p>�Vielen Dank, H�chste Tochter�, sagte Galgan ehrfurchtsvoll und trat vor. Er gab seinen <emphasis>So'jhin</emphasis> ein Zeichen, die drau�en im Korridor warteten. Sie traten ein - warfen sich zuerst vor Tuon zu Boden -, dann stellten sie schnell einen Tisch auf und rollten Karten aus. Ein Diener brachte Galgan ein B�ndel, das dieser dann entgegennahm, um damit auf Tuon zuzugehen. Karede stand im n�chsten Augenblick an ihrer rechten Schulter, Selucia an ihrer linken, aber Galgan hielt eine respektvolle Distanz ein. Er verneigte sich und rollte den Gegenstand auf dem Boden aus. Es war ein rotes Banner mit einem Kreis in der Mitte, der von einer Schlangenlinie geteilt wurde. Die eine H�lfte des Kreises war schwarz, die andere wei�.</p><p>�Was ist das?�, fragte Tuon und beugte sich vor.</p><p>�Das Banner des Wiedergeborenen Drachen�, sagte Galgan. �Er schickte es mit einem Boten, mit der erneuten Bitte um ein Treffen.� Er schaute auf - erwiderte dabei aber nicht ihren Blick, zeigte jedoch eine nachdenkliche, besorgte Miene.</p><p>�Als ich heute Morgen aufstand�, sagte Tuon, �da sah ich am Himmel ein Muster, das drei T�rmen �hnelte, und einen Falken hoch in der Luft, der zwischen ihnen durchflog.�</p><p>Die verschiedenen Angeh�rigen des Blutes im Raum nickten anerkennend. Allein Beslan erschien verwirrt. Wie schafften es diese Leute nur zu leben, wenn sie keine Omen erkannten? Versp�rten sie denn nicht den Wunsch, die Schicksalsvisionen zu verstehen, die ihnen das Muster schenkte? Der Falke und die drei T�rme waren ein Omen, das schwierige Entscheidungen anstanden. Ein Hinweis, dass K�hnheit gefragt war.</p><p>�Was haltet Ihr von der Bitte des Wiedergeborenen Drachen, ein Treffen durchzuf�hren?�, fragte sie den General.</p><p>�M�glicherweise w�re es unklug, diesem Mann gegen�berzutreten, H�chste Tochter. Ich bin mir nicht sicher, ob sein Anspruch auf diesen Titel gerechtfertigt ist. Davon abgesehen, hat das Kaiserreich im Augenblick nicht genug andere Sorgen?�</p><p>�Ihr fragt Euch, warum unsere Streitkr�fte nicht den R�ckzug angetreten haben�, sagte Tuon. �Warum wir nicht nach Seanchan aufgebrochen sind, um den Thron zu sichern.�</p><p>Er neigte den Kopf. �Ich vertraue Eurer Weisheit, H�chste Tochter.�</p><p>�Das <emphasis>ist</emphasis> der Wiedergeborene Drache. Und kein Hochstapler. Davon bin ich �berzeugt. Er muss sich vor dem Kristallthron verbeugen, bevor die Letzte Schlacht ihren Anfang nehmen kann. Darum m�ssen wir bleiben. Es ist kein Zufall, dass die Wiederkehr jetzt geschieht. Wir werden hier gebraucht. Leider mehr, als wir in unserer Heimat gebraucht werden.�</p><p>Galgan nickte langsam. Er war mit ihr einer Meinung, dass der R�ckzug nach Seanchan nicht infrage kam; er war einfach davon ausgegangen, dass das ihr Wunsch war. Indem sie verk�ndete, dass sie blieben, hatte sie sich seinen Respekt verdient. Nat�rlich w�rde er weiter dar�ber nachdenken, den Thron f�r sich selbst zu erobern. Ein Mann konnte nicht seine Position erreichen, ohne eine geh�rige Portion Ehrgeiz zu haben.</p><p>Aber er war nicht nur als ambitionierter Mann bekannt, sondern auch als ein besonnener. Er w�rde nicht zuschlagen, solange er nicht davon �berzeugt war, dass es n�tig war. Er w�rde der festen �berzeugung sein m�ssen, dass er gro�e Aussicht auf Erfolg hatte und dass das Kaiserreich durch Tuons Entfernung profitierte. Das war der Unterschied zwischen einem ehrgeizigen Narren und einem ehrgeizigen weisen Mann. Der Letztere verstand, dass jemanden zu t�ten erst der Anfang war. Tuon ihr Leben zu nehmen und den Thron f�r sich selbst zu beanspruchen w�rde ihm nichts bringen, wenn er den Rest des Blutes damit vor den Kopf stie�.</p><p>Er begab sich zu dem Tisch mit seinen Karten. �Wenn Ihr den Krieg fortzuf�hren w�nscht, H�chste Tochter, erlaubt mir den Zustand Eurer Armee zu erkl�ren. Einer unserer ambitioniertesten Pl�ne wird von Generalleutnant Yulan vorbereitet.�</p><p>Galgan gestikulierte den versammelten Offizieren, und ein kleiner dunkelh�utiger Mann vom Niederen Blut trat vor. Er trug eine schwarze Per�cke, um seine Kahlheit zu verbergen, und er kniete vor Tuon und verneigte sich.</p><p>�Man befiehlt Euch, sich zu erheben und zu sprechen, General�, sagte Selucia als Stimme.</p><p>�Die H�chste Tochter soll meinen Dank erfahren�, sagte Yulan und stand auf. Am Kartentisch bedeutete er mehreren Helfern, eine Karte hochzuhalten, damit Tuon sie sehen konnte. �Abgesehen von den R�ckschl�gen in Arad Doman ist der Prozess, dieses Land zur�ckzufordern, wie erwartet fortgeschritten. Langsamer, als wir gew�nscht h�tten, aber nicht ohne gro�e Siege. Die Menschen dieser K�nigreiche eilen nicht zur Verteidigung ihrer Nachbarn. Wir sind sehr erfolgreich darin, sie einen nach dem anderen zu besetzen. Allein zwei Dinge bereiten uns Sorge. Das Erste ist Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache, der im Norden und Osten einen aggressiven Vereinigungskrieg f�hrt. Die Weisheit der H�chsten Tochter ist erforderlich, um uns zu lehren, wie er �berw�ltigt werden kann.</p><p>Die andere Sorge gilt der gro�en Anzahl von <emphasis>Marath'damane,</emphasis> die in dem als Tar Valon bekannten Ort konzentriert ist. Ich glaube, die H�chste Tochter hat von der gro�en Waffe geh�rt, die sie benutzten, um ein gro�es St�ck Land n�rdlich von Ebou Dar zu zerst�ren.�</p><p>Tuon nickte.</p><p>�Die <emphasis>Sul'dam</emphasis> haben so etwas noch nie gesehen�, fuhr Yulan fort. �Wir nehmen an, das ist eine Sache f�r <emphasis>Damane,</emphasis> die man ihnen beibringen kann, wenn man die richtige <emphasis>Marath'damane</emphasis> gefangen nimmt. Diese wunderbare F�higkeit des sofortigen Transportes von einem Ort zum anderen ist - falls es sie tats�chlich gibt - eine zweite Technik von gro�em praktischen Vorteil, die wir in unsere H�nde bekommen <emphasis>m�ssen</emphasis>.�</p><p>Tuon nickte wieder und studierte die Karte, die den Ort namens Tar Valon zeigte. Selucia �bermittelte: �Die H�chste Tochter ist auf Eure Pl�ne neugierig. Ihr werdet fortfahren.�</p><p>�Mein tiefster Dank soll zum Ausdruck gebracht werden�, sagte Yulan und verneigte sich. �Als Hauptmann zur Luft habe ich die Ehre, die <emphasis>Raken</emphasis> und <emphasis>To'raken</emphasis> zu befehligen, die der Wiederkehr dienen. Ich bin der �berzeugung, dass ein Schlag in das Herz der L�nder unseres Feindes nicht nur m�glich ist, sondern auch gro�e Vorteile bringt. Bis jetzt mussten wir noch nicht gegen viele dieser <emphasis>Marath'damane</emphasis> k�mpfen, aber bei unserem Vorsto� in die vom Wiedergeborenen Drachen kontrollierten L�nder werden wir ihnen zweifellos in gro�er Zahl gegen�bertreten.</p><p>Im Augenblick glauben sie, sie w�ren vor uns sicher. Jetzt zuzuschlagen k�nnte einen gro�en Einfluss auf die Zukunft haben. Jede <emphasis>Marath'damane,</emphasis> die wir an die Leine legen, ist nicht nur ein zus�tzliches m�chtiges Werkzeug f�r unsere Streitkr�fte, sondern auch eines, das dem Feind fehlt. Erste Berichte behaupten, dass sich an diesem Ort namens Wei�e Burg viele hunderte <emphasis>Marath'damane</emphasis> versammeln.�</p><p><emphasis>So viele?,</emphasis> dachte Tuon. Eine solche Streitmacht konnte den Kriegsverlauf v�llig umkehren. Sicher, die <emphasis>Marath'damane</emphasis> in Matrims Begleitung hatten behauptet, an keinen Kriegen teilzunehmen. Tats�chlich hatten sich <emphasis>Marath'damane,</emphasis> die einst Aes Sedai gewesen waren, bis jetzt als Waffen nutzlos erwiesen. Aber konnte es nicht vielleicht irgendeine M�glichkeit geben, ihre angeblichen Eide zu verdrehen? Eine zuf�llige Bemerkung Matrims hatte sie auf die Idee gebracht, dass es m�glich war. Ihre Finger bewegten sich schnell.</p><p>�Die Tochter der Neun Monde fragt sich, wie ein Schlag gegen sie m�glich sein sollte�, sagte Selucia als Stimme. �Die Entfernung ist gro�. Hunderte von Meilen.�</p><p>�Wir w�rden eine Streitmacht nehmen, die sich gr��tenteils aus <emphasis>To'raken</emphasis> zusammensetzt�, erkl�rte General Yulan. �Mit ein paar <emphasis>Raken</emphasis> als Sp�her. Die von uns erbeuteten Karten zeigen gro�e Grasebenen, die nur d�nn besiedelt sind, die man unterwegs als Rastpunkte benutzen k�nnte. Wir k�nnten Murandy hier durchqueren ...� - er zeigte auf eine zweite Karte, die seine Helfer hochhielten - �... und Tar Valon vom S�den aus angreifen. Falls es der H�chsten Tochter gef�llt, k�nnten wir in der Nacht angreifen, wenn die <emphasis>Marath'damane</emphasis> schlafen. Unser Ziel w�re es dann, so viele von ihnen wie m�glich gefangen zu nehmen.�</p><p>�Es stellt sich die Frage, ob man es wirklich schaffen k�nnte�, �bermittelte Selucia. Tuon war fasziniert. �Von welcher Gr��enordnung sprechen wir, um diesen Vorsto� durchf�hren zu k�nnen?�</p><p>�Wenn wir es richtig machen wollen? Ich glaube, ich k�nnte zwischen achtzig und hundert <emphasis>To'raken</emphasis> f�r den Angriff zusammenziehen.�</p><p>Achtzig bis hundert <emphasis>To'raken.</emphasis> Also ungef�hr dreihundert Soldaten und ihre Ausr�stung, was den n�tigen Platz lie�, gefangene <emphasis>Marath'damane</emphasis> zur�ckzubringen. Dreihundert w�rden eine betr�chtliche Streitmacht f�r einen solchen Vorsto� sein, aber sie w�rden sich schnell und ohne gro�e Lasten bewegen m�ssen, um nicht gefangen genommen zu werden.</p><p>�Falls es die H�chste Tochter erlaubt�, sagte General Galgan und trat wieder vor. �Ich glaube, General Yulans Plan ist von gro�em Nutzen. Sicherlich birgt er das Risiko f�r gro�e Verluste, aber eine solche Gelegenheit bietet sich uns nie wieder. Sollten diese <emphasis>Marath'damane</emphasis> in den Konflikt eingreifen, k�nnten sie uns ausschalten. Und k�nnten wir den Zugang zu ihrer Waffe erlangen, oder sogar ihrer F�higkeit, gro�e Distanzen zur�ckzulegen ... Nun, ich glaube, der m�gliche Erfolg rechtfertigt das Risiko, jeden <emphasis>To'raken</emphasis> in unserer Armee einzusetzen.�</p><p>�Falls es die H�chste Tochter erlaubt�, fuhr General Yulan fort, �unser Plan verlangt nach zwanzig Abteilungen der Faust des Himmels - insgesamt zweihundert Soldaten -, und f�nfzig gekoppelte <emphasis>Sul'dam.</emphasis> Wir glauben, dass vielleicht auch eine kleine Gruppe Blutmesser angebracht w�re.�</p><p>Blutmesser, die Elite der Faust des Himmels, selbst eine exklusive Gruppe. Yulan und Galgan <emphasis>hatten</emphasis> sich diesem Einsatz verschrieben! Man verpflichtete keine Blutmesser, wenn man es nicht sehr ernst meinte, niemals, denn sie kehrten nicht von ihrer Mission zur�ck. Ihre Pflicht bestand darin zur�ckzubleiben, nachdem sich die F�uste zur�ckzogen, und dem Feind so viel Schaden wie nur vorstellbar zuzuf�gen. Wenn sie einige von ihnen nach Tar Valon bringen konnten, mit dem Befehl, so viele <emphasis>Marath'damane</emphasis> wie m�glich zu t�ten ...</p><p>�Der Wiedergeborene Drache wird �ber diesen Sto�trupp nicht erfreut sein. Ist er nicht mit diesen <emphasis>Marath'damane</emphasis> verbunden?�</p><p>�Einige Berichte besagen das�, entgegnete Galgan. �Andere behaupten, er ist gegen sie. Wiederum andere sagen, sie sind seine Marionetten. Unsere mangelhaften nachrichtendienstlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet senken meinen Blick, H�chste Tochter. Es war mir nicht m�glich, die Wahrheit von den L�gen zu trennen. Bis wir bessere Informationen haben, m�ssen wir das Schlimmste annehmen, dass dieses Unternehmen ihn sehr erz�rnen wird.�</p><p>�Und Ihr haltet es trotzdem f�r lohnenswert?�</p><p>�Ja�, sagte Galgan, ohne zu z�gern. �Sollten diese <emphasis>Marath'damane</emphasis> mit dem Wiedergeborenen Drachen verbunden sein, dann haben wir einen noch wichtigeren Grund, um jetzt zuzuschlagen, bevor er sie gegen uns einsetzen kann. Vielleicht wird ihn dieses Unternehmen erz�rnen - aber es wird ihn auch schw�chen, was Eure Verhandlungsposition st�rkt.�</p><p>Tuon nickte nachdenklich. Zweifellos war das die schwierige Entscheidung, die das Omen gemeint hatte. Aber ihre Wahl schien sehr offensichtlich. Eigentlich war es gar keine schwierige Entscheidung. Alle <emphasis>Marath'damane</emphasis> in Tar Valon <emphasis>mussten</emphasis> an die Leine gelegt werden, und es war eine ausgezeichnete M�glichkeit, mit einem m�chtigen Schlag den Widerstand gegen das Immer Siegreiche Heer zu schw�chen.</p><p>Aber das Omen hatte von einer schwierigen Entscheidung gesprochen. Sie gestikulierte Selucia. �Gibt es in diesem Raum jemanden, der gegen diesen Plan ist?�, fragte die Stimme. �Hat jemand einen Einwand gegen das, was General Yulan und seine M�nner vorschlagen?�</p><p>Das anwesende Blut sah einander an. Beslan h�tte vielleicht etwas zu sagen gehabt, aber er schwieg. Die Altaraner hatten keine gro�en Einw�nde gehabt, dass man ihre <emphasis>Marath'damane</emphasis> an die Leine legte; anscheinend hatten sie kein gro�es Vertrauen zu jenen, die die Macht lenken konnten. Sie waren nicht so vern�nftig wie in Amadicia gewesen, wo man diese Aes Sedai zu Gesetzlosen erkl�rt hatte, aber sie hie�en sie auch nicht willkommen. Beslan w�rde keine Einw�nde gegen einen Schlag gegen die Wei�e Burg haben.</p><p>Tuon lehnte sich zur�ck und wartete ... Worauf eigentlich? Vielleicht war das ja doch nicht die Entscheidung, die das Omen gemeint hatte. Sie wollte gerade das Unternehmen genehmigen, als das pl�tzliche �ffnen der T�ren sie innehalten lie�.</p><p>Die Totenw�chter an der T�r traten einen Moment sp�ter zur Seite und lie�en einen <emphasis>So'jhin</emphasis> ein, der im Korridor diente. Der muskul�se Mann hie� Ma'combe und warf sich zu Boden, der schwarze Zopf �ber seiner rechten Schulter fiel auf den Fliesenboden. �Wenn es der Tochter der Neun Monde gef�llt, Generalleutnant Tylee Khirgan erbittet eine Audienz.�</p><p>Galgan sah �berrascht aus.</p><p>�Was ist?�, fragte Tuon.</p><p>�Ich habe nicht gewusst, dass sie zur�ckgekehrt ist, H�chste Tochter. Ich schlage dem�tig vor, dass sie sprechen darf. Sie geh�rt zu meinen besten Offizieren.�</p><p>�Sie darf eintreten�, �bermittelte Selucia als Stimme.</p><p>Ein m�nnlicher <emphasis>Da'covale</emphasis> in einem wei�en Gewand trat ein und f�hrte eine Frau in R�stung herein, die den Helm unter den Arm geklemmt hielt. Sie war gro� und schlank, hatte dunkle Haut und kurzes schwarzes Haar, das sie als Locken trug. An den Schl�fen war es wei� durchsetzt. Die sich �berlappenden Platten der R�stung waren mit roten, gelben und blauen Streifen versehen; sie quietschte bei jedem Schritt. Die Frau geh�rte nur dem Niederen Blut an - und das auch erst seit kurzem, aufgrund von General Galgans Befehl -, aber man hatte sie dar�ber mit einem <emphasis>Raken</emphasis> in Kenntnis gesetzt. Sie hatte das Haar an den Kopfseiten kaum einen Fingerbreit rasiert.</p><p>Tylees Augen waren vor M�digkeit ger�tet. Dem Geruch nach Schwei� und dem Gestank nach Pferd zu urteilen, war sie sofort nach ihrer Ankunft in der Stadt zu Tuon gekommen. Ihr folgten mehrere ebenfalls ersch�pfte j�ngere Soldaten, von denen einer einen gro�en braunen Sack trug. Als sie den Bittgesuchsplatz erreichten - ein rotes Stoffrechteck -, warfen sich alle auf die Knie. Die einfachen Soldaten legten dann die Stirn auf den Boden, und Tylee wollte es ihnen gleichtun, hielt sich dann aber davon ab. Sie war noch nicht daran gew�hnt, zum Blut zu geh�ren.</p><p>�Es ist offensichtlich, dass Ihr m�de seid, Kriegerin�, �bermittelte Selucia. �Wir gehen davon aus, dass Ihr wichtige Neuigkeiten bringt?�</p><p>Tylee erhob sich auf ein Knie, gab ein Zeichen. Einer ihrer Soldaten richtete sich auf und hob den braunen Sack. An der Unterseite war er mit einer dunklen, verkrusteten Fl�ssigkeit beschmutzt. Blut.</p><p>�Wenn es der H�chsten Tochter gef�llt�, sagte Tylee, und ihre Stimme verriet ihre Ersch�pfung. Sie nickte ihrem Mann zu, und er sch�ttelte den Inhalt des Sacks auf den Boden. Die K�pfe mehrerer Tiere. Ein Keiler, ein Wolf und ... ein Falke? Tuon �berfiel ein Fr�steln. Der Falkenkopf hatte die Gr��e eines Menschenkopfes, war vielleicht sogar gr��er. Aber sie waren nicht ... richtig. Die K�pfe waren schrecklich deformiert.</p><p>Sie h�tte schw�ren k�nnen, dass der Falkenkopf, der so herumrollte, dass sie das Gesicht deutlich sehen konnte, <emphasis>Menschenaugen</emphasis> hatte. Und ... die anderen K�pfe ... wiesen ebenfalls menschliche Z�ge auf. Tuon unterdr�ckte ein Zusammenzucken. Was f�r ein fauliges Omen war das?</p><p>�Was hat das zu bedeuten?�, wollte Galgan wissen.</p><p>�Ich nehme an, die H�chste Tochter wei� von meinem Milit�reinsatz gegen die Aiel�, sagte Tylee noch immer auf einem Knie. W�hrend dieses Kampfes hatte Tylee <emphasis>Damane</emphasis> gefangen genommen, aber viel mehr wusste Tuon dar�ber nicht. General Galgan hatte ihre R�ckkehr mit einigem Interesse erwartet, um die ganze Geschichte h�ren zu k�nnen.</p><p>�Bei meinem Unternehmen�, fuhr Tylee fort, �gesellten sich M�nner verschiedener Nationalit�ten zu mir, von denen keiner die Treueide abgelegt hatte. Ich werde vollen Bericht �ber sie erstatten, wenn Zeit ist.� Sie z�gerte, dann schaute sie auf die K�pfe. �Diese ... Kreaturen ... haben meine Kompanie auf dem R�ckritt angegriffen, zehn Meilen vor Ebou Dar. Wir hatten schwere Verluste. Au�er diesen K�pfen haben wir mehrere ganze K�rper mitgebracht. Sie gingen auf zwei F��en, wie Menschen, sahen aber eher aus wie Tiere.� Sie z�gerte erneut. �Ich glaube, sie sind das, was man auf dieser Seite des Ozeans als Trollocs bezeichnet. Ich f�rchte, sie kommen hierher.�</p><p>Chaos. Das Blut fing an, �ber die Unwahrscheinlichkeit des Ganzen zu diskutieren. General Galgan befahl seinen Offizieren sofort, Patrouillen zu organisieren und L�ufer loszuschicken, um vor einem m�glichen Angriff auf die Stadt zu warnen. Die <emphasis>Sul'dam</emphasis> auf der Seite des Raumes eilten nach vorn, um die K�pfe zu inspizieren, w�hrend sich die Totenw�chter leise um Tuon scharten, um f�r einen zus�tzlichen Schutzring zu sorgen. Dabei beobachteten sie alle - das Blut, Diener und Soldaten - mit gleicher Sorgfalt.</p><p>Eigentlich h�tte Tuon ersch�ttert sein m�ssen. Seltsamerweise war sie es aber nicht. <emphasis>Also hatte Matrim doch recht damit,</emphasis> signalisierte sie verstohlen an Selucia. Und sie war davon ausgegangen, dass Trollocs nichts weiter als ein Aberglaube waren. Sie schaute wieder auf die K�pfe. Absto�end.</p><p>Selucia erschien beunruhigt. <emphasis>Ich frage mich, ob es noch andere Dinge gibt, die er sagte und die wir verworfen haben?</emphasis></p><p>Tuon z�gerte. <emphasis>Wir werden ihn fragen m�ssen. Ich h�tte ihn sehr gern zur�ck.</emphasis> Sie erstarrte. Das hatte sie nicht zugeben wollen. Allerdings fand sie ihre eigenen Gef�hle doch sehr seltsam. Sie <emphasis>hatte</emphasis> sich sicher bei ihm gef�hlt, so l�cherlich das auch erschien. Und sie w�nschte, er w�re <emphasis>jetzt</emphasis> an ihrer Seite.</p><p>Diese K�pfe waren nur ein weiterer Beweis, dass sie sehr wenig �ber ihn wusste. Sie �bernahm wieder die Kontrolle �ber die plappernde Menge. Selucia verk�ndete: �Ihr werdet schweigen.�</p><p>Stille kehrte in den Raum ein, obwohl das Blut und die <emphasis>Sul'dam</emphasis> noch immer zutiefst verst�rt aussahen. Tylee kniete nach wie vor mit gesenktem Kopf, der Soldat, der die K�pfe getragen hatte, lag auf beiden Knien neben ihr. Ja, sie w�rde <emphasis>gr�ndlich</emphasis> befragt werden m�ssen.</p><p>�Diese Neuigkeiten �ndern wenig�, �bersetzte Selucia. �Wir wussten bereits, dass die Letzte Schlacht n�her r�ckt. Wir w�rdigen Generalleutnant Tylees Enth�llungen. Sie soll belobigt werden. Aber das macht die Unterwerfung des Wiedergeborenen Drachen nur noch <emphasis>viel</emphasis> dringender.�</p><p>Mehrere Anwesende nickten, General Galgan eingeschlossen. Beslan schien nicht so schnell �berzeugt. Er sah einfach nur besorgt aus.</p><p>�Wenn es der H�chsten Tochter gef�llt�, sagte Tylee und verneigte sich.</p><p>�Ihr d�rft sprechen.�</p><p>�In den vergangenen paar Wochen habe ich viele Dinge gesehen, die mich nachdenklich machten�, sagte Tylee. �Schon vor dem Angriff auf meine Truppen war ich besorgt. Die Weisheit und Anmut der H�chsten Tochter l�sst sie zweifellos weiter sehen, als das eine Person wie ich vermag, aber ich glaube, dass unsere bis jetzt erfolgten Eroberungen in diesem Land vermutlich leicht waren verglichen mit dem, was kommen k�nnte. Falls ich so k�hn sein darf ... ich glaube, dass der Wiedergeborene Drache und die an seiner Seite besser Verb�ndete w�ren als Feinde.�</p><p>Es <emphasis>war</emphasis> eine k�hne Behauptung. Tuon beugte sich vor, die lackierten N�gel klirrten auf die Stuhllehnen. Viele Angeh�rige des Niederen Blutes w�ren von der Begegnung mit einem Mitglied des Kaiserhofes - geschweige denn der H�chsten Tochter selbst - bereits so �berw�ltigt, dass sie es nicht wagen w�rden, etwas zu sagen. Doch diese Frau machte <emphasis>Vorschl�ge?</emphasis> In direktem Widerspruch zu Tuons �ffentlich gemachten Willen?</p><p>�Eine schwierige Entscheidung ist nicht immer eine Entscheidung, wo beide Seiten gleicherma�en stark sind, Tuon�, sagte Selucia pl�tzlich unaufgefordert. �Vielleicht ist in diesem Fall eine schwierige Entscheidung ja die, die richtig ist, aber zugleich indirekt das Eingestehen eines Fehlers verlangt.�</p><p>Tuon blinzelte �berrascht. <emphasis>Ja,</emphasis> erkannte sie. <emphasis>Selucia ist jetzt meine Wahrheitssprecherin.</emphasis> Es w�rde Zeit brauchen, um sich daran zu gew�hnen, dass diese Frau nun auch diese Rolle spielte. Es war Jahre her, seit Selucia sie in der �ffentlichkeit korrigiert oder getadelt hatte.</p><p>Und doch, ein pers�nliches Treffen mit dem Wiedergeborenen Drachen? Sie <emphasis>musste</emphasis> mit ihm Kontakt aufnehmen, und hatte das auch tun wollen. Aber w�rde es nicht besser sein, aus einer Position der St�rke heraus zu ihm zu gehen, wenn seine Heere besiegt und die Wei�e Burg zerst�rt worden war? Sie musste ihn unter sehr kontrollierten Umst�nden zum Kristallthron bringen, in dem Einvernehmen, dass er sich ihrer Autorit�t unterwarf.</p><p>Und dennoch ... wo in Seanchan Rebellion herrschte ... wo ihre Position hier in Altara kaum stabilisiert war ... Nun, vielleicht w�rde etwas Zeit zum Nachdenken - Zeit, um ein paar tiefe Atemz�ge zu nehmen und das zu sichern, was sie bereits hatte - es wert sein, ihren Schlag gegen die Wei�e Burg zu verschieben.</p><p>�General Galgan, entsendet <emphasis>Raken</emphasis> zu unseren Streitkr�ften auf der Ebene von Almoth und im �stlichen Altara�, sagte sie energisch. �Sagt Ihnen, sie sollen unsere Interessen sichern, aber Konfrontationen mit dem Wiedergeborenen Drachen vermeiden. Und antwortet auf seine Bitte um ein Treffen. Die Tochter der Neun Monde wird sich mit ihm treffen.�</p><p>General Galgan nickte und verbeugte sich.</p><p>Man musste der Welt Ordnung bringen. Und wenn es dazu n�tig war, den Blick einen Hauch zu senken und sich mit dem Wiedergeborenen Drachen zu treffen, dann sollte es eben so sein.</p><p>Seltsamerweise ertappte sie sich erneut bei dem Wunsch, dass Matrim noch an ihrer Seite w�re. F�r die Vorbereitung dieser Begegnung h�tte sie sein Wissen �ber diesen Rand al'Thor gut gebrauchen k�nnen. <emphasis>Pass auf dich auf, du seltsamer Mann,</emphasis> dachte sie und schaute zum Balkon und nach Norden. <emphasis>Bring dich nicht in Schwierigkeiten, aus denen du dich nicht mehr befreien kannst. Du bist jetzt der Prinz der Raben. Vergiss nicht, dich auch entsprechend zu benehmen.</emphasis></p><p><emphasis>Wo auch immer du bist.</emphasis></p></section><section><title><p>20</p><p>Auf einer Stra�e voller Schlagl�cher</p></title><p>�Frauen�, verk�ndete Mat, als er auf Pips �ber die staubige, selten benutzte Stra�e ritt, �sind wie Maultiere.� Er runzelte die Stirn. �Wartet. Nein. Ziegen. Frauen sind wie <emphasis>Ziegen.</emphasis> Au�er dass jede Einzelne von ihnen verdammt noch mal der Meinung ist, sie sei ein Pferd, und dann auch noch ein Rennpferd. Versteht Ihr, was ich meine, Talmanes?�</p><p>�Es ist reine Poesie, Mat�, sagte Talmanes und stopfte Tabak in seine Pfeife.</p><p>Mat schnalzte mit den Z�geln, und Pips trabte weiter. Hohe Kiefern s�umten die Pflasterstra�e. Es war ein Gl�cksfall gewesen, diese uralte Stra�e zu finden, die noch aus der Zeit vor der Zerst�rung der Welt stammen musste. Gr��tenteils war sie mit Vegetation �berwuchert, und die Pflastersteine waren an vielen Stellen zerbrochen, und gro�e Teile der Stra�e waren einfach ... nun, einfach weg.</p><p>Kiefernsch�sslinge hatten angefangen, am Stra�enrand sowie zwischen Felsen in die H�he zu wuchern; Miniaturausgaben ihrer hohen V�ter �ber ihnen. Der Weg war breit, was gut war. Mat hatte siebentausend Mann dabei, alle zu Pferde, und sie legten seit fast einer Woche ein hohes Tempo vor, seit sie Tuon nach Ebou Dar zur�ckgeschickt hatten.</p><p>�Vern�nftig mit einer Frau zu sprechen ist unm�glich�, fuhr Mat fort, den Blick nach vorn gerichtet. �Es ist, als w�rde man ... nun, vern�nftig mit einer Frau sprechen zu wollen ist, als w�rde man sich zu einem freundschaftlichen W�rfelspiel hinsetzen. Nur dass Frauen sich weigern, die verdammten Grundregeln des Spiels anzuerkennen. Ein Mann, der betr�gt dich - aber er wird es auf ehrliche Weise tun. Er benutzt manipulierte W�rfel, sodass du glaubst, du w�rdest zuf�llig verlieren. Und wenn du nicht schlau genug bist, ihn dabei zu erwischen, dann hat er vielleicht auch verdient, dir dein Geld abnehmen zu k�nnen. Und damit ist die Sache erledigt.</p><p>Aber eine Frau, die setzt sich zum selben Spiel, und sie wird l�cheln und so tun, als w�rde sie spielen. Aber wenn sie dann mit W�rfeln dran ist, bringt sie ein paar <emphasis>eigene</emphasis> W�rfel ins Spiel, die auf allen sechs Seiten <emphasis>glatt</emphasis> sind. Ohne einen einzigen Z�hler. Sie sieht sich also ihren Wurf an, dann sieht sie dich an und sagt: �Offensichtlich habe ich gewonnen�.</p><p>Und du kratzt dich am Kopf und betrachtest die W�rfel. Dann siehst du sie an, und dann wieder die W�rfel. �Aber da sind doch gar keine Z�hler auf den W�rfeln�, sagst du.</p><p>�Aber sicher doch�, sagt sie. �Und beide W�rfe haben eine Eins gew�rfelt�.</p><p>�Das ist genau die Zahl, die man braucht, um zu gewinnen�, erwiderst du dann.</p><p>�Welch ein Zufall�, sagt sie und streicht die M�nzen ein. Und du sitzt da und versuchst zu verstehen, was da gerade passiert ist. Und etwas wird dir klar. Zwei Einser ist gar nicht der Gewinnwurf! Nicht wenn du selbst eine Sechs geworfen hast. Das bedeutet, sie h�tte stattdessen zwei Zweier gebraucht! Und aufgeregt erkl�rst du ihr, was du gerade entdeckt hast. Aber was tut sie wohl dann?�</p><p>�Keine Ahnung, Mat�, erwiderte Talmanes und kaute auf seiner Pfeife herum, aus der eine d�nne Rauchwolke in die H�he stieg.</p><p>�Sie greift zu und reibt �ber die glatten Fl�chen ihrer W�rfel. Und dann sagt sie allen Ernstes: �Es tut mir leid. Da war etwas Schmutz auf meinen W�rfeln. Du siehst ja, dass eigentlich zwei Zweier kamen!� Und sie glaubt es. Sie glaubt das verdammt noch mal!�</p><p>�Unglaublich�, sagte Talmanes.</p><p>�Aber das ist ja noch nicht das Ende!�</p><p>�Hatte ich auch nicht angenommen, Mat.�</p><p>�Sie nimmt sich dein ganzes Geld�, sagte Mat und gestikulierte mit einer Hand, w�hrend er mit der anderen den <emphasis>Ashandarei</emphasis> quer �ber seinem Sattel zurechtr�ckte. �Und s�mtliche Frauen im Raum kommen und gratulieren ihr zu ihrem Wurf mit den zwei Zweiern! Und je lauter du dich beschwerst, umso mehr dieser verdammten Frauen mischen sich ein. Im Handumdrehen bist du in der Minderzahl, und jede dieser Frauen wird dir erkl�ren, dass auf diesen W�rfeln tats�chlich Zweier waren und dass du endlich aufh�ren sollst, dich wie ein Kind zu benehmen. Jede verdammte Einzelne von ihnen wird die Zweier sehen! Selbst die Pr�de, die deine Frau von Geburt an gehasst hat - seit die Gro�mutter deiner Frau ihrer Gro�mutter ihr Honigkuchenrezept gestohlen hat, als sie noch beide junge M�dchen waren -, auch diese Frau wird gegen dich Stellung beziehen.�</p><p>�Es sind d�monische Kreaturen�, sagte Talmanes mit ausdrucksloser Stimme. Talmanes l�chelte nur selten.</p><p>�Wenn sie dann endlich fertig sind�, fuhr Mat beinahe versonnen fort, �hast du kein Geld mehr, mehrere Listen mit Boteng�ngen, die du zu erledigen und wie du dich nun zu kleiden hast, und bohrende Kopfschmerzen. Du sitzt also da und f�ngst an dich zu fragen, ob diese W�rfel vielleicht, nur vielleicht, doch keine Zweier zeigten. Nur um den Rest deines Verstandes zu bewahren. So ist das, wenn man vern�nftig mit einer Frau reden will, das sage ich Euch.�</p><p>�Und das habt Ihr. Ausf�hrlich.�</p><p>�Ihr macht Euch doch wohl nicht �ber mich lustig, oder?�</p><p>�Was denn, Mat!�, erwiderte der Cairhiener. �Das w�rde ich doch niemals tun.�</p><p>�Schade�, murmelte Mat und warf ihm einen misstrauischen Blick zu. �Einen guten Lacher k�nnte ich brauchen.� Er schaute �ber die Schulter. �Vanin! Wo auf dem pickeligen Hintern des Schwarzen K�nigs sind wir?�</p><p>Der fette ehemalige Pferdedieb schaute auf. Er ritt kurz hinter Mat und trug eine Karte der Gegend, die man auf einen Rahmen gespannt hatte, damit er sie im Sattel lesen konnte. Fast den ganzen Morgen hatte er �ber dem verdammten Ding gebr�tet. Mat hatte ihn gebeten, einen unauff�lligen Weg durch Murandy f�r sie zu finden und nicht, dass sie monatelang durch die Berge irrten!</p><p>�Das da ist Blendersgipfel�, sagte Vanin und zeigte mit einem dicken Finger auf einen Berg mit flachem Gipfel, der gerade noch so eben �ber den Baumwipfeln zu sehen war. �Glaube ich zumindest. Es k�nnte auch der Serdlen sein.�</p><p>Die gedrungene Erhebung sah nicht gerade wie ein Berg aus; dort oben war kaum Schnee zu sehen. Andererseits gab es hier nur wenig beeindruckende �Berge�, es war kein Vergleich mit den Verschleierten Bergen in der N�he der Zwei Fl�sse. Hier, nord�stlich des Damona-Bergmassivs, senkte sich die Landschaft zu einer Reihe niedriger H�gel. Ein schwieriges Terrain, aber man�vrierbar, wenn man entschlossen genug war. Und Mat <emphasis>war</emphasis> entschlossen. Entschlossen, sich nicht noch einmal von den Seanchanern umzingeln zu lassen, entschlossen, sich von niemandem sehen zu lassen, der nicht wissen musste, wer er war. Bis jetzt hatte er dem Schl�chter zu viel gezahlt. Er wollte aus der Henkersschlinge heraus, die dieses Land darstellte.</p><p>�Nun�, sagte er und lenkte Pips an Vanins Seite, �welcher Berg ist es denn nun? Vielleicht sollten wir noch einmal Meister Roidelle fragen.�</p><p>Die Karte geh�rte dem Kartenmachermeister; nur dank seiner Anwesenheit hatten sie �berhaupt diese Stra�e gefunden. Aber Vanin beharrte darauf, die Truppen zu f�hren - ein Kartenmacher war nicht dasselbe wie ein Kundschafter. Man lie� sich nicht von einem verstaubten Kartenmacher f�hren, hatte er behauptet.</p><p>Tats�chlich hatte Meister Roidelle keine gro�e Erfahrung als F�hrer. Er war Gelehrter, Akademiker. Er konnte jede Karte gro�artig erkl�ren, aber er hatte genauso gro�e Probleme wie Vanin, zu bestimmen, wo sie waren, da diese Stra�e so kaputt und die B�ume hoch genug waren, um Landmarken zu verdecken, und die H�gel fast alle gleich aussahen.</p><p>Nat�rlich durfte man auch die Tatsache nicht au�er Acht lassen, dass sich Vanin von dem Kartenmacher bedroht zu f�hlen schien, als w�rde er sich sorgen, aus seiner Position verdr�ngt zu werden, Mat und die Bande zu f�hren. Niemals h�tte Mat von dem �bergewichtigen Pferdedieb eine derartige Gef�hlsregung erwartet. Das Ganze h�tte ihn ja durchaus am�siert, w�rden sie nicht so viel verfluchte Zeit verlieren.</p><p>Vanin runzelte die Stirn. �Ich glaube, das muss der Sardlenberg sein. Ja. Er muss es sein.�</p><p>�Und das hei�t ...?�</p><p>�Das hei�t, wir bleiben auf der Stra�e�, sagte Vanin. �Das habe ich Euch schon vor einer Stunde gesagt. Wir k�nnen ja wohl kaum mit einer Armee durch einen so dichten Wald marschieren, oder? Also bleiben wir auf dem Pflaster.�</p><p>�Ich frage ja blo߫, sagte Mat und zog die Hutkrempe tiefer. �Ein Befehlshaber muss solche Dinge fragen.�</p><p>�Ich sollte vorausreiten�, sagte Vanin schon wieder stirnrunzelnd. Er runzelte gern die Stirn. �Wenn das der Sardlenberg ist, dann m�sste in einer oder zwei Stunden ein Dorf von betr�chtlicher Gr��e kommen. Ich m�sste es vom n�chsten H�gel aus sehen.�</p><p>�Dann macht�, sagte Mat. Nat�rlich hatten sie Vorauskundschafter, aber keiner von ihnen war so gut wie Vanin. Trotz seiner Gr��e konnte sich der Mann nahe genug an ein feindliches Lager schleichen, um die Barthaare in den Gesichtern der Wachtposten zu z�hlen, und sich niemals dabei sehen zu lassen. Vermutlich w�rde er sich auch noch mit ihrem Eintopf davonmachen.</p><p>Vanin sch�ttelte den Kopf, w�hrend er wieder die Karte betrachtete. �Jetzt, wo ich so dar�ber nachdenke�, murmelte er, �k�nnte es auch der Favlendberg sein ...� Er trabte los, bevor Mat etwas sagen konnte.</p><p>Mat seufzte und trieb Pips mit den Fersen an, um zu Talmanes aufzuholen. Der Cairhiener sch�ttelte den Kopf. Er konnte angespannt sein, dieser Talmanes. Am Anfang ihrer Bekanntschaft hatte Mat ihn f�r ernst gehalten, nicht dazu f�hig, Spa� zu haben. Langsam wusste er es besser. Talmanes war nicht ernst, er war blo� reserviert. Aber manchmal schien ein Funkeln in den Augen des Adligen zu liegen, als w�rde er trotz des vorgeschobenen Kiefers und der niemals l�chelnden Lippen die Welt auslachen.</p><p>Heute trug er einen roten Mantel mit goldenem Besatz, und sein Kopf war vorn nach cairhienischer Sitte kahl geschoren und gepudert. Es sah schrecklich l�cherlich aus, aber wer war Mat denn, um da ein Urteil zu f�llen? Talmanes mochte ja einen schrecklichen Geschmack haben, aber er war ein loyaler Offizier und ein guter Mann. Dar�ber hinaus hatte er einen ausgezeichneten Geschmack, was Wein anging.</p><p>�Schaut nicht so d�ster drein, Mat�, sagte Talmanes und paffte seine Pfeife. Wo hatte er die �berhaupt her? Mat konnte sich nicht daran erinnern, sie je zuvor bei ihm gesehen zu haben. �Eure M�nner haben einen vollen Bauch, volle Taschen, und sie haben gerade einen gro�en Sieg erk�mpft. Viel mehr kann ein Soldat doch nicht haben wollen.�</p><p>�Wir haben tausend Mann begraben�, sagte Mat. �Das ist kein Sieg.� Die Erinnerungen in seinem Kopf - die, die nicht ihm geh�rten - sagten, er solle stolz sein. Die Schlacht <emphasis>war</emphasis> gut gelaufen. Aber da waren noch immer diese Toten, die sich auf ihn verlassen hatten.</p><p>�Verluste gibt es immer�, bemerkte Talmanes. �Ihr k�nnt Euch nicht davon auffressen lassen, Mat. Das passiert eben.�</p><p>�Wenn man aber nicht k�mpft, gibt es gar keine Verluste.�</p><p>�Warum dann so oft in die Schlacht reiten?�</p><p>�Ich k�mpfe nur, wenn ich es nicht vermeiden kann!�, fauchte Mat. Verfluchte Asche, er k�mpfte <emphasis>nur,</emphasis> wenn er es musste. Wenn man ihn umzingelt hatte! Warum schien es jedes Mal zu geschehen, wenn er sich nur umdrehte?</p><p>�Was immer ihr sagt, Mat�, sagte Talmanes, nahm die Pfeife aus dem Mund und zeigte damit wissend auf ihn. �Aber etwas macht Euch nerv�s. Und es sind nicht die M�nner, die wir verloren haben.�</p><p>Verdammte Adelige. Selbst die, die er leiden konnte, so wie Talmanes, glaubten immer so viel zu wissen.</p><p>Nat�rlich war er jetzt selbst Adeliger. Nur nicht dar�ber nachdenken, befahl er sich. Talmanes hatte ein paar Tage damit verbracht, ihn als �Euer Hoheit� anzusprechen, bis er die Geduld verloren und den Mann angebr�llt hatte - Cairhiener konnten so pingelig sein, wenn es um den Rang ging.</p><p>Als Mat das erste Mal so richtig begriffen hatte, was seine Heirat mit Tuon bedeutete, hatte er gelacht, aber es war ein unglaublich gequ�ltes Lachen gewesen. Und M�nner nannten ihn einen Gl�ckspilz. Nun, warum hatte ihm sein Gl�ck nicht dabei geholfen, <emphasis>dieses</emphasis> Schicksal zu vermeiden! Der verdammte Prinz der Raben? Was hatte <emphasis>das</emphasis> zu bedeuten?</p><p>Aber im Moment musste er sich erst einmal um seine M�nner k�mmern. Er warf einen Blick �ber die Schulter und betrachtete die Reihen aus Kavalleristen, hinter denen die Armbrustm�nner ritten. Es waren Tausende von beiden, allerdings hatte Mat ihnen befohlen, ihre Banner zu verstauen. Vermutlich w�rden sie auf diesem abgeschiedenen Weg nur wenigen Leuten begegnen, aber falls jemand sie sah, wollte er nicht, dass sie viel zu erz�hlen hatten.</p><p>W�rden die Seanchaner ihn verfolgen? Er und Tuon wussten beide, dass sie jetzt auf zwei verschiedenen Seiten standen, und sie hatte erlebt, wozu seine Armee f�hig war.</p><p>Liebte sie ihn? Er war mit ihr verheiratet, aber Seanchaner dachten nicht wie normale Menschen. Sie war bei ihm geblieben, hatte die Gefangenschaft erduldet und nie einen Fluchtversuch unternommen. Aber er hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie sich gegen ihn wenden w�rde, wenn sie es im Interesse ihres Kaiserreiches fand.</p><p>Ja, sie w�rde ihm M�nner hinterherschicken, allerdings besch�ftigte ihn eine potenzielle Verfolgung nur halb so sehr wie die Sorge, dass sie es nicht sicher nach Ebou Dar zur�ckgeschafft hatte. Jemand hatte eine ordentliche Summe f�r ihren Kopf geboten. Dieser seanchanische Verr�ter, der Anf�hrer des Heeres, das er vernichtet hatte. Hatte der Mann allein gearbeitet? Gab es andere? In was hatte er Tuon nur entlassen?</p><p>Diese Fragen verfolgten ihn. �Was meint Ihr, war es richtig, sie gehen zu lassen?�</p><p>Talmanes zuckte mit den Schultern. �Ihr habt Euer Wort gegeben, Mat, und ich glaube, dieser doch sehr gro�e seanchanische Bursche mit dem entschlossenen Blick und der schwarzen R�stung h�tte nicht gut darauf reagiert, wenn Ihr versucht h�ttet, sie zur�ckzuhalten.�</p><p>�Sie k�nnte trotzdem in Gefahr schweben�, sagte Mat versonnen und schaute noch immer zur�ck. �Ich h�tte sie nicht aus meinen Augen lassen sollen. Dumme Frau.�</p><p>�Mat�, sagte Talmanes und zeigte wieder mit der Pfeife auf ihn. �Ihr �berrascht mich. Ihr klingt ja schon tats�chlich wie ein Ehemann.�</p><p>Das lie� Mat zusammenzucken. Er drehte sich auf Pips' Sattel um. �Was war das? Was habt Ihr da gesagt?�</p><p>�Nichts, Mat�, beeilte sich Talmanes zu sagen. �Nur, so wie Ihr Euch nach ihr sehnt ...�</p><p>�Ich sehne mich nach <emphasis>niemandem</emphasis>�, fauchte Mat und zog den Hut zurecht, dann richtete er das Halstuch. Sein Medaillon hing tr�stlich schwer um seinen Hals. �Ich bin nur besorgt. Das ist alles. Sie wei� eine Menge �ber die Bande, und sie k�nnte unsere St�rken verraten.�</p><p>Talmanes zuckte mit den Schultern und paffte seine Pfeife. Eine Weile ritten sie schweigend weiter. Die Kiefern rauschten im Wind, und gelegentlich drang von hinten Frauengel�chter an Mats Ohren, von der kleinen Gruppe Aes Sedai, die zusammen ritten. Auch wenn sie einander nicht ausstehen konnten, kamen sie f�r gew�hnlich doch pr�chtig miteinander zurecht, wenn andere sie sehen konnten. Aber wie er schon zu Talmanes gesagt hatte, Frauen waren nur miteinander verfeindet, solange kein Mann in der N�he war, gegen den sie sich verb�nden konnten.</p><p>Die Sonne war von dicken Wolken verh�llt; schon seit Tagen hatte er kein reines Sonnenlicht mehr gesehen. Tuon hatte er auch schon so lange nicht mehr gesehen. Die beiden Dinge schienen in seinem Kopf zusammenzugeh�ren. Ob da eine Verbindung bestand?</p><p><emphasis>Dummer Narr,</emphasis> dachte er. <emphasis>Als N�chstes f�ngst du noch an, so wie sie zu denken, liest in jede Kleinigkeit Vorzeichen hinein, suchst jedes Mal, wenn dir ein Hase �ber den Weg hoppelt oder dein Pferd einen fahren l�sst, nach Symbolen und Deutungen.</emphasis></p><p>Diese Art von Zukunftsdeutung war blanker Unsinn. Obwohl er zugeben musste, dass er jetzt jedes Mal zusammenzuckte, wenn eine Eule zweimal heulte.</p><p>�Habt Ihr je eine Frau geliebt, Talmanes?�, ertappte er sich zu fragen.</p><p>�Sogar mehrere�, erwiderte der kleine Mann und zog eine Rauchfahne hinter sich her.</p><p>�Je daran gedacht, eine von ihnen zu heiraten?�</p><p>�Nein, dem Licht sei Dank�, sagte Talmanes. Dann schien er noch einmal dar�ber nachzudenken, was er gerade gesagt hatte. �Ich will damit sagen, es war nie der richtige Zeitpunkt f�r mich. Aber ich bin sicher, f�r Euch wird sich alles auf gro�artige Weise f�gen.�</p><p>Mat runzelte die Stirn. Wenn Tuon das mit der Heirat schon unbedingt hatte durchziehen m�ssen, h�tte sie sich dann nicht wenigstens einen Augenblick aussuchen k�nnen, an dem es die anderen nicht mitbekamen?</p><p>Aber nein. Sie hatte es vor allen ausgesprochen, einschlie�lich der Aes Sedai. Das bedeutete, dass er verloren war. Aes Sedai waren gut darin, Geheimnisse zu beh�ten, es sei denn nat�rlich, diese Geheimnisse konnten Matrim Cauthon irgendwie in Verlegenheit bringen oder ihm Unannehmlichkeiten verschaffen. Dann konnte man sich darauf verlassen, dass sich die Neuigkeit in weniger als einem Tag im ganzen Lager verbreitete und vermutlich auch in drei D�rfern am Wegesrand. Vermutlich wusste es jetzt schon seine verfluchte <emphasis>Mutter</emphasis> - die meilenweit entfernt war.</p><p>�Ich h�re nicht mit dem Spielen auf�, murmelte er. �Oder mit dem Trinken.�</p><p>�Ich glaube, das sagtet Ihr schon�, meinte Talmanes. �So drei- oder viermal. Ich glaube fast, sollte ich nachts in Euer Zelt hineinschauen, w�rde ich Euch es im Schlaf murmeln h�ren. �Ich werde verdammt noch mal weiter spielen! Spielen und trinken, verdammt noch mal! Wo ist mein verfluchter Becher? Will jemand darum spielen?�� Er sagte es mit v�llig unbewegter Miene, aber wieder einmal lag die Andeutung eines L�chelns in seinen Augen, wenn man nur wusste, wo man hinsehen musste.</p><p>�Ich wollte nur, dass es auch jeder wei߫, sagte Mat. �Ich will nicht, dass mich pl�tzlich jemand f�r weich h�lt, nur weil ich ... Ihr wisst schon.�</p><p>Talmanes warf ihm einen aufmunternden Blick zu. �Ihr werdet schon nicht weich, nur weil Ihr geheiratet habt, Mat. Ich glaube sogar, dass einige der Gro�en Hauptm�nner verheiratet sind. Davram Bashere ist es auf jeden Fall, und Rodel Ituralde auch. Nein, Ihr werdet nicht weich, weil Ihr jetzt verheiratet seid.�</p><p>Mat nickte scharf. Gut, dass das gekl�rt war.</p><p>�Allerdings k�nntet Ihr <emphasis>langweilig</emphasis> werden�, meinte Talmanes.</p><p>�Also gut, das reicht�, verk�ndete Mat. �Im n�chsten Dorf gehen wir ins Gasthaus und w�rfeln. Ihr und ich.�</p><p>Talmanes verzog das Gesicht. �Bei dem drittklassigen Wein, den es in diesen Bergd�rfern gibt? Bitte, Mat. Demn�chst verlangt Ihr noch von mir, Ale zu trinken.�</p><p>�Keine Diskussion.� Mat schaute nach hinten, als er vertraute Stimmen h�rte. Olver sa� auf Wind und plauderte mit Noal, der auf einem knochigen Wallach neben ihm ritt. Der knorrige alte Mann lauschte aufmerksam Olvers Worten und nickte zustimmend. Der kleine Junge mit den abstehenden Ohren und dem h�sslichen kleinen Gesicht sah erstaunlich ernst aus und erkl�rte zweifellos eine weitere seiner Theorien, wie man sich am besten in den Turm von Ghenjei einschleichen konnte.</p><p>�Dort ist Vanin�, sagte Talmanes.</p><p>Mat blickte wieder nach vorn und entdeckte einen Reiter, der auf dem steinigen Weg auf sie zukam. Vanin wirkte immer so l�cherlich, wie er da wie eine Melone auf dem R�cken seines Pferdes hockte und seine Beine nach beiden Seiten abstanden. Aber der Mann konnte reiten, da gab es nicht den geringsten Zweifel.</p><p>�Es <emphasis>ist</emphasis> der Sardlenberg�, verk�ndete Vanin, als er sie erreicht hatte und sich die verschwitzte Stirn abwischte. �Das Dorf liegt gleich voraus; auf der Karte tr�gt es den Namen Hinderstap. Das <emphasis>sind</emphasis> verdammt gute Karten�, f�gte er widerstrebend hinzu.</p><p>Mat atmete erleichtert auf. Er hatte schon angefangen zu glauben, sie w�rden bis zur Letzten Schlacht und dar�ber hinaus in diesen Bergen umherirren. �Gro�artig�, sagte er, �wir k�nnen ...�</p><p>�Ein Dorf?�, fragte eine barsche Frauenstimme.</p><p>Mat drehte sich seufzend um, als sich drei Reiter den Weg zur Spitze der Marschreihe erzwangen. Z�gernd hob Talmanes die Hand, um die Soldaten anhalten zu lassen, w�hrend sich die Aes Sedai auf den armen Vanin st�rzten. Der dicke Mann sah aus, als w�re er lieber beim Pferdediebstahl erwischt worden - und darum auf dem Weg zur Hinrichtung -, als dort sitzen und von Aes Sedai verh�rt werden zu m�ssen.</p><p>Joline f�hrte das Rudel an. Einst h�tte Mat sie mit ihrer schlanken Figur und den gro�en einladenden braunen Augen als h�bsches M�dchen beschrieben. Aber nun war dieses alterslose Aes Sedai-Gesicht nur noch ein Warnzeichen f�r ihn. Nein, er w�rde es nun nicht einmal mehr in <emphasis>Gedanken</emphasis> wagen, die Gr�ne als h�bsch zu bezeichnen. Lie� man zu, eine Aes Sedai h�bsch zu finden, fand man sich zwei Zungenschl�ge sp�ter um ihren Finger gewickelt und sprang, wenn sie es befahl. Joline hatte doch tats�chlich schon angedeutet, dass sie ihn als ihren Beh�ter haben wollte!</p><p>Ob sie wohl noch immer w�tend auf ihn war, weil er ihr den Hintern versohlt hatte? Nat�rlich konnte sie ihm mit der Einen Macht nichts antun - nicht nur wegen seines Medaillons, sondern weil Aes Sedai geschworen hatten, die Macht nie zum T�ten einzusetzen, falls nicht ganz bestimmte Umst�nde eintraten. Aber er war kein Narr. Ihm war nicht entgangen, dass ihre Eide nichts �ber den Gebrauch von Messern sagten.</p><p>Jolines Begleiterinnen waren Edesina von der Gelben Ajah und Teslyn von den Roten. Edesina war nett anzuschauen, wenn man einmal das alterslose Gesicht ignorierte, aber Teslyn war etwa so appetitlich wie ein Stock. Die Illianerin hatte scharf geschnittene Gesichtsz�ge und war knochig, wie eine alte Katze, die zu lange allein f�r sich hatte sorgen m�ssen. Aber sie schien einen vern�nftigen Kopf auf den Schultern zu tragen, soweit er es mitbekommen hatte, und manchmal hatte er den Eindruck, dass sie ihm mit einem gewissen Respekt entgegentrat. Respekt von einer Roten. Das musste man sich einmal vorstellen.</p><p>Aber wenn man sich einmal vergegenw�rtigte, wie jede der Aes Sedai ihn nacheinander ansah, als sie ihn passierten, w�re einem nie in den Sinn gekommen, dass sie ihm ihr Leben schuldeten. So war das eben mit Frauen. Rettete man ihnen das Leben, und sie w�rden unweigerlich behaupten, dass sie kurz davor gestanden hatten, sich aus eigener Kraft zu befreien und einem deshalb gar nichts schuldeten. Vermutlich schimpften sie einen noch aus, weil man ihre angeblichen Pl�ne durcheinandergebracht hatte.</p><p>Warum machte er sich �berhaupt die M�he? Eines sch�nen Tages w�rde er endlich zur Vernunft kommen und den n�chsten Haufen weinend in ihren Ketten zur�cklassen.</p><p>�Was war das?�, wollte Joline von Vanin wissen. �Ihr habt endlich herausgefunden, wo wir sind?�</p><p>�Verflucht noch mal, ja�, erwiderte Vanin und kratzte sich unverfroren. Ein guter Mann, dieser Vanin. Mat l�chelte. Behandelte alle Menschen gleich. Ganz egal, ob es nun Aes Sedai waren oder nicht.</p><p>Joline starrte ihn durchdringend an und beugte sich vor wie ein Wasserspeier auf dem Dach eines Lords. Und Vanin zuckte doch tats�chlich zusammen, sackte in sich zusammen und schaute dann verlegen zu Boden. �Ich meine, das habe ich in der Tat, Joline Sedai.�</p><p>Mats Grinsen verblasste. <emphasis>Verdammt, Vanin!</emphasis></p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Joline. �Und es gibt ein Dorf? Vielleicht finden wir ja endlich ein anst�ndiges Gasthaus. Ich k�nnte etwas anderes als dieses �Futter� gebrauchen, das Cauthons Schurken Essen nennen.�</p><p>�Moment mal�, mischte sich Mat ein, �das ist kein ...�</p><p>�Wie weit sind wir noch von Caemlyn entfernt, Meister Cauthon?�, unterbrach ihn Teslyn. Sie gab sich alle M�he, Joline zu ignorieren. In letzter Zeit schienen sich die beiden ununterbrochen an die Kehle zu fahren - nat�rlich auf die k�hlste und nach au�en hin freundschaftlichste vorstellbare Weise. Aes Sedai zankten nicht. Mat hatte sich einmal einen langen Vortrag anh�ren d�rfen, nur weil er ihre �Diskussionen� als �Zankerei� bezeichnet hatte. Ganz egal, dass er Schwestern hatte und genau wusste, wie sich eine ordentliche Zankerei anh�rte.</p><p>�Was sagtet Ihr, Vanin?�, fragte er und sah seinen Kundschafter an. �Dass wir ungef�hr zweihundert Meilen von Caemlyn entfernt sind?�</p><p>Vanin nickte. Der Plan sah vor, dass sie zuerst nach Caemlyn ritten, weil sich Mat mit Estean und Daerid treffen musste, um Informationen und Vorr�te zu bekommen. Danach konnte er sein Versprechen an Thom erf�llen. Der Turm von Ghenjei w�rde noch ein paar Wochen warten m�ssen.</p><p>�Zweihundert Meilen�, wiederholte Teslyn. �Wie lange dann noch bis zu unserer Ankunft?�</p><p>�Nun, ich sch�tze, das h�ngt davon ab�, antwortete Vanin. �Die Strecke k�nnte ich in weniger als einer Woche schaffen, w�re ich allein unterwegs, mit ein paar guten Pferden, die man abwechselnd reiten kann und wenn das Gel�nde vertraut ist. Aber die ganze Armee, durch diese H�gel auf einer kaputten Stra�e? Zwanzig Tage, w�rde ich sagen. Vielleicht auch l�nger.�</p><p>Joline sah Mat an.</p><p>�Wir werden die Bande <emphasis>nicht</emphasis> zur�cklassen�, erwiderte er. �Das steht nicht zur Debatte, Joline.�</p><p>Unzufrieden wandte sie den Kopf ab.</p><p>�Ihr k�nnt herzlich gern allein Weiterreisen�, fuhr er fort. �Das gilt f�r jede Einzelne von euch. Ihr Aes Sedai seid nicht meine Gefangenen; Ihr k�nnt aufbrechen, wann immer Ihr wollt, solange Ihr nach Norden reist. Ich werde nicht riskieren, dass Ihr zur�ckreitet und den Seanchanern in die H�nde fallt.�</p><p>Wie das wohl sein w�rde, wieder ganz allein mit der Bande reiten zu k�nnen, ohne eine Aes Sedai in Sicht? Ach, w�re das doch nur m�glich gewesen.</p><p>Teslyn sah nachdenklich aus. Joline sah sie an, aber die Rote gab keinen Hinweis, ob sie nun zum Aufbruch bereit war oder nicht. Edesina jedoch z�gerte und nickte Joline dann zu. Sie war dazu bereit.</p><p>�Also gut�, sagte Joline hochm�tig zu Mat. �Es w�re erfreulich, Eure Rohheiten nicht mehr ertragen zu m�ssen, Cauthon. Bereitet, sagen wir, zwanzig Pferde f�r uns vor, und wir sind fort.�</p><p><emphasis>�Zwanzig?�</emphasis></p><p>�Ja�, sagte Joline. �Euer Mann hier sagte, er w�rde zwei Pferde brauchen, um die Strecke in einer vern�nftigen Zeit zur�ckzulegen. Vermutlich, damit er umsteigen kann, wenn eines der Tiere m�de wird.�</p><p>�Ich z�hle zwei von Euch�, sagte Mat mit steigender Wut. �Also sprechen wir von vier Pferden. Ich h�tte Euch f�r schlau genug gehalten, Joline, um <emphasis>das</emphasis> ausrechnen zu k�nnen.� Um leiser hinzuzuf�gen: �Wenn auch nur so gerade eben.�</p><p>Joline riss die Augen weit auf, und Edesina erschien entsetzt. Teslyn warf Mat einen fassungslosen Blick zu und erschien irgendwie entt�uscht. Talmanes nahm die Pfeife herunter und pfiff lautlos vor sich hin.</p><p>�Euer Medaillon macht Euch unversch�mt, Matrim Cauthon�, sagte Joline kalt.</p><p>�Mein Mund macht mich unversch�mt, Joline�, erwiderte er mit einem Seufzen und ber�hrte das Medaillon unter seinem nur locker verschn�rten Hemd. �Das Medaillon macht mich nur ehrlich. Ich glaube, Ihr wolltet mir gerade erkl�ren, warum Ihr zwanzig von meinen Pferden haben wolltet, wo ich kaum genug f�r meine M�nner habe?�</p><p>�Zwei f�r Edesina und mich�, sagte Joline steif. �Je zwei f�r die ehemaligen <emphasis>Sul'dam.</emphasis> Ihr glaubt doch nicht, dass ich sie zur�cklasse, damit Eure kleine Bande hier sie verderben kann?�</p><p>�Zwei <emphasis>Sul'dam</emphasis>�, sagte Mat und ignorierte die Spitze. �Das macht acht Pferde.�</p><p>�Zwei f�r Setalle. Ich nehme an, sie will genau wie wir weit weg von all dem hier.�</p><p>�Zehn.�</p><p>�Zwei weitere f�r Teslyn�, fuhr Joline fort. �Zweifellos wird sie uns begleiten, auch wenn sie im Moment nichts zu diesem Thema beizutragen hat. Dann brauchen wir vier Lastpferde f�r unser Gep�ck. Sie werden sich die Lasten teilen m�ssen, also vier weitere. Macht also zwanzig.�</p><p>�Die ihr wie ern�hren wollt?�, fragte Mat. �Reitet ihr schnell, werdet ihr keine Zeit haben, die Pferde grasen zu lassen. Es gibt sowieso kaum etwas f�r sie zu fressen.� Das hatte sich als gro�es Problem erwiesen; das Fr�hlingsgras wollte einfach nicht wachsen. Die Wiesen, an denen sie vorbeigekommen waren, waren mit einer braunen Schicht abgefallener Bl�tter bedeckt, der Schnee hatte das tote Wintergras flach gedr�ckt, und es spross kaum neues Gr�n. Nat�rlich konnten Pferde alte Bl�tter und Wintergras fressen, aber das Wild und andere Tiere hatten fast alles abgenagt, was sie finden konnten.</p><p>Wenn sich das Land nicht bald entschied, bl�hen zu wollen ... nun, dann stand ihnen ein schwieriger Sommer bevor. Aber das war ein ganz anderes Problem.</p><p>�Ihr werdet uns nat�rlich Futter mitgeben�, sagte Joline. �Und Geld f�r die Gasth�user ...�</p><p>�Und wer wird sich um die vielen Pferde k�mmern? Werdet ihr sie jeden Abend striegeln, ihre Hufe �berpr�fen, daf�r sorgen, dass sie genau richtig zu fressen bekommen?�</p><p>�Wir sollten am besten eine Handvoll Eurer Soldaten mitnehmen�, sagte Joline. Sie klang nicht unbedingt erfreut. �Eine n�tige Unannehmlichkeit.�</p><p>�Die einzige Sache, die <emphasis>n�tig</emphasis> ist�, erwiderte Mat tonlos, �ist, dass meine M�nner da bleiben, wo sie erw�nscht sind, und nicht, wo sie eine <emphasis>Unannehmlichkeit</emphasis> darstellen. Nein, sie bleiben - und von mir bekommt Ihr kein Geld. Wenn Ihr gehen wollt, kann sich jede von Euch ein Pferd und ein Lastpferd f�r Eure Sachen nehmen. Ich gebe Euch etwas Futter f�r die armen Tiere, und Euch so viel zu geben, ist wirklich gro�z�gig.�</p><p>�Aber mit nur einem Pferd werden wir ja kaum schneller als die Armee sein!�, sagte Joline.</p><p>�Stellt Euch nur vor�, erwiderte er und wandte sich von ihr ab. �Vanin, geht und richtet Mandevwin aus, er soll es weitersagen. Wir lagern bald. Ich wei�, wir haben kaum Nachmittag, aber ich will die Bande weit genug von diesem Dorf wissen, dass wir nicht bedrohlich erscheinen, aber nahe genug, dass ein paar von uns hinreiten k�nnen, um die Lage zu erkunden.�</p><p>�Geht in Ordnung�, sagte Vanin, ohne etwas von dem Respekt zu zeigen, den er den verdammten Aes Sedai entgegengebracht hatte. Er wendete das Pferd und ritt los.</p><p>�Und Vanin�, rief ihm Mat nach. �Sorgt daf�r, dass Mandevwin eines klar ist. Wenn ich sage �ein paar von uns� erkunden die Lage, meine ich eine sehr kleine Gruppe, die ich und Talmanes anf�hren. Ich lasse nicht zu, dass dieses Dorf von siebentausend Soldaten auf der Suche nach Vergn�gungen �berfallen wird! Dort werde ich einen Karren und so viel Ale kaufen, wie ich kann, den ich dann f�r die M�nner zur�ckschicke. Im Lager ist strenge Ordnung einzuhalten, und keiner stattet aus Versehen einen Besuch ab. Verstanden?�</p><p>Vanin nickte und schaute grimmig drein. Es machte niemals Spa�, derjenige zu sein, der die M�nner dar�ber informieren musste, dass sie keinen Urlaub erhalten w�rden. Mat wandte sich wieder den Aes Sedai zu. �Nun? Nehmt Ihr mein freundliches Angebot an oder nicht?�</p><p>Joline schnaubte blo�, dann ritt sie zur�ck vorbei an den Reihen, verzichtete offensichtlich auf die Gelegenheit, allein weiterzureisen. Bedauerlich. Allein der Gedanke h�tte Mat bei jedem Schritt l�cheln lassen. Dabei h�tte Joline vermutlich blo� drei Tage gebraucht, um in irgendeinem Dorf einen Trottel zu finden, der ihr die n�tigen Pferde gab, damit ihre Gruppe schneller vorankam.</p><p>Edesina ritt ebenfalls los, und Teslyn folgte ihr, nachdem sie Mat einen seltsamen Blick zugeworfen hatte. Sie erschien ebenfalls noch immer von ihm entt�uscht zu sein. Er sah weg, dann �rgerte er sich �ber sich selbst. Was k�mmerte <emphasis>ihn</emphasis> denn, was sie dachte?</p><p>�Das war merkw�rdig von Euch, Mat�, meinte Talmanes.</p><p>�Was? Dass ich so streng zu meinen M�nnern bin? Die Bande ist ein guter Haufen, aber mir ist noch nie eine Gruppe Soldaten begegnet, die nicht dann und wann einmal �ber die Str�nge schl�gt, vor allem, wenn es um Ale geht.�</p><p>�Ich meinte nicht die M�nner�, sagte Talmanes und beugte sich vor, um die Pfeife am Steigb�gel auszuklopfen. Asche regnete auf die Pflastersteine unter seinem Pferd. �Ich spreche davon, wie Ihr die Aes Sedai behandelt habt. Beim Licht, Mat, wir h�tten sie los sein k�nnen! Ich finde, zwanzig Pferde und ein paar M�nzen w�ren ein Schn�ppchen, um zwei Aes Sedai loszuwerden.�</p><p>�Ich lasse mich nicht herumschubsen�, erwiderte Mat stur und signalisierte der Bande, sich wieder in Bewegung zu setzen. �Nicht einmal, um Joline loszuwerden. Wenn sie etwas von mir will, soll sie wenigstens mit einem Funken H�flichkeit fragen, anstatt zu versuchen, mich dazu zu zwingen, ihr das zu geben, was sie will. Ich bin doch nicht ihr Scho�hund.� Verflucht, das war er nicht! Und er benahm sich auch nicht wie ein Ehemann, was auch immer das zu bedeuten hatte!</p><p>�Ihr vermisst sie wirklich�, sagte Talmanes und klang irgendwie �berrascht, als sich ihre Pferde wieder nebeneinander in Bewegung setzten.</p><p>�Was redet Ihr denn da?�</p><p>�Mat, ich muss zugeben, dass Ihr Euch nicht immer wie ein feiner Herr benehmt. Manchmal ist Euer Humor in der Tat etwas zu reif, und Euer Ton eher auf der barschen Seite. Aber Ihr seid nur selten richtig unh�flich, und auch nicht absichtlich beleidigend. Ihr seid wirklich angespannt, oder?�</p><p>Mat erwiderte nichts, sondern zog nur die Hutkrempe nach unten.</p><p>�Ihr wird es gut gehen, da bin ich sicher�, fuhr Talmanes in sanfterem Tonfall fort. �Sie geh�rt dem Hochadel an. Die wissen, wie sie auf sich aufpassen m�ssen. Und sie hat diese Soldaten, die auf sie aufpassen. Ganz zu schweigen von diesen Ogiern. Ogierkrieger! Wer h�tte gedacht, dass es so etwas gibt? Ihr wird es gut gehen.�</p><p>�Diese Unterhaltung ist vorbei�, sagte Mat und griff nach dem Speer, drehte ihn um, dass die gebogene Klinge auf die unsichtbare Sonne �ber ihnen zeigte und das Ende in die Lanzenhalterung an der Sattelseite glitt.</p><p>�Ich habe nur ...�</p><p>�Vorbei�, sagte Mat. �Ihr habt nicht zuf�llig noch etwas von dem Tabak �brig?�</p><p>Talmanes seufzte. �Das war der Rest. Guter Tabak - von den Zwei Fl�ssen. Der einzige Beutel, den ich seit langem gesehen habe. Es war ein Geschenk von K�nig Roedran, zusammen mit der Pfeife.�</p><p>�Er muss Euch sehr gesch�tzt haben.�</p><p>�Es war eine gute, ehrliche Arbeit�, sagte Talmanes. �Und schrecklich langweilig. Gar nicht so, wie mit Euch zu reiten, Mat. Es ist gut, Euch zur�ckzuhaben, auch wenn Ihr ruppig seid. Aber was Ihr zu den Aes Sedai �ber das Futter gesagt habt, macht mir Sorgen.�</p><p>Mat nickte. �Wie sehen unsere Vorr�te aus?�</p><p>�Gering.�</p><p>�Wir kaufen so viel wir k�nnen in diesem Dorf. Das Geld kommt uns schlie�lich aus den Ohren, nach dem, was Euch Roedran gegeben hat.�</p><p>Ein kleines Dorf w�rde vermutlich nicht genug haben, um die ganze Armee zu versorgen. Aber wenn die Karten stimmten, w�rden sie bald in dicht besiedelte Gegenden kommen. In diesen Gegenden kam man jeden Tag an einem oder zwei D�rfern vorbei, wenn man mit einer schnellen Streitmacht wie der Bande unterwegs war. Um sich zu versorgen, kaufte man alles, was man in jedem Dorf bekommen konnte. Hier eine Wagenladung, dort einen Karren, einen Eimer �pfel oder zwei auf einem Hof. Siebentausend Mann war eine Menge, die es zu versorgen galt, aber ein guter Befehlshaber lehnte nicht einmal eine Handvoll Getreide ab. Es l�pperte sich zusammen.</p><p>�Ja, aber werden die Dorfbewohner auch verkaufen?�, meinte Talmanes. �Auf dem Weg zu Euch hatten wir gro�e Probleme, jemanden dazu zu bringen, uns Lebensmittel zu verkaufen. Anscheinend gibt es davon im Moment nicht allzu viel. Das Essen wird knapp, ganz egal, wo man hinkommt und wie viel Geld man hat.�</p><p>Na gro�artig. Mat knirschte mit den Z�hnen und �rgerte sich sofort dar�ber. Nun ja, vielleicht war er ja wirklich etwas angespannt. Aber nicht wegen Tuon.</p><p>Er musste sich entspannen. Und dieses vor ihnen liegende Dorf - wie hatte Vanin es genannt? Hinderstap? �Wie viele M�nzen habt Ihr dabei?�</p><p>Talmanes runzelte die Stirn. �Ein paar Goldmark, einen Beutel mit Silberkronen. Warum?�</p><p>�Nicht genug�, sagte Mat und rieb sich das Kinn. �Wir werden uns noch etwas aus der pers�nlichen Schatulle holen m�ssen. Vielleicht sollten wir sie auch einfach mitnehmen.� Er wendete Pips. �Kommt schon.�</p><p>�Wartet, Mat�, sagte Talmanes, z�gelte sein Pferd und folgte ihm. �Was sollen wir tun?�</p><p>�Ihr werdet freundlicherweise mein Angebot annehmen, uns in einem Gasthaus zu am�sieren�, sagte Mat. �Und w�hrend wir dabei sind, werden wir uns mit neuen Vorr�ten eindecken. Wenn mir mein Gl�ck treu bleibt, wird uns das sogar nichts kosten.�</p><p>W�ren Egwene oder Nynaeve da gewesen, h�tten sie ihm die Ohren geknufft und ihm gesagt, dass er sich das aus dem Kopf schlagen konnte. Tuon h�tte ihn vermutlich neugierig angesehen und dann etwas gesagt, durch das er sich bis in die Stiefelspitzen gesch�mt h�tte.</p><p>Das Gute an Talmanes war jedoch, dass er einfach mit stoischer Miene sein Pferd antrieb und seine Augen einen Funken Vergn�gen verrieten. �Nun, das will ich sehen!�</p></section><section><title><p>21</p><p>Glut und Asche</p></title><p>Perrin schlug die Augen auf und entdeckte, dass er in der Luft hing.</p><p>Ein Stich des Entsetzens durchfuhr ihn, dort am Himmel zu schweben. �ber ihm brodelten schwarze Wolken unheilvoll. In der Tiefe wogte auf einer Ebene braunes Gras im Wind, ohne jedes Anzeichen von Menschen. Es gab keine Zelte, keine Stra�en, nicht einmal Fu�abdr�cke.</p><p>Perrin fiel nicht. Er hing einfach da. Reflexartig wedelte er mit den Armen, als wollte er schwimmen, geriet in Panik, als sein Verstand versuchte, der Desorientierung einen Sinn zu verleihen.</p><p><emphasis>Der Wolfstraum,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich bin im Wolfstraum. Ich bin in der Hoffnung eingeschlafen herzufinden.</emphasis></p><p>Er zwang sich dazu, ganz ruhig zu atmen und mit dem Armgefuchtel aufzuh�ren, auch wenn Hunderte von Fu� am Himmel h�ngend jede Beherrschung schwerfiel. Pl�tzlich schoss eine graupelzige Gestalt an ihm vorbei und sprang durch die Luft. Der Wolf glitt zu dem Feld in der Tiefe und landete m�helos.</p><p>�Springer!�</p><p><emphasis>Spring runter, junger Bulle. Spring. Es ist sicher.</emphasis> Wie immer kam die Botschaft des Wolfes als Mischung aus Ger�chen und Bildern. Perrin wurde immer besser in der Interpretation - weiche Erde repr�sentierte den Boden, rauschender Wind das Bild f�rs Springen, der Geruch von Ruhe und Entspannung als Hinweis, dass es nichts zu f�rchten gab.</p><p>�Aber wie?�</p><p><emphasis>Fr�her bist du immer wie ein Welpe losgest�rmt. Spring. Spring runter!</emphasis> Tief unten sa� Springer auf den Hinterbeinen und grinste zu ihm hoch.</p><p>Perrin murmelte einen oder zwei Fl�che, die auf W�lfe gem�nzt waren. Es hatte den Anschein, dass die Toten besonders stur waren. Obwohl Springer nicht unrecht hatte. Er war schon zuvor an diesem Ort gesprungen, wenn auch nicht vom Himmel.</p><p>Er holte tief Luft, schloss die Augen und stellte sich vor, wie er sprang. Pl�tzlich raste ein Luftstrom an ihm vorbei, aber dann ber�hrten seine F��e weichen Boden. Er �ffnete die Augen. Neben ihm sa� ein gro�er grauer Wolf, der Narben von vielen K�mpfen aufwies. Auf der gro�en Ebene breitete sich wild wuchernde Hirse aus, zwischen der sich Inseln aus langen d�nnen Grashalmen hoch in den Himmel erstreckten. Kratzige Halme fuhren vom Wind bewegt �ber Perrins Arme, was juckte. Das Gras roch zu trocken, wie Heu, das den Winter �ber in der Scheune gelagert hatte.</p><p>Manche Dinge waren hier im Wolfstraum verg�nglich; im einen Augenblick lag ein Haufen Bl�tter zu seinen F��en, nur um im n�chsten wieder verschwunden zu sein. Alles roch leicht abgestanden, als w�re es gar nicht richtig da.</p><p>Er schaute auf. Der Himmel war st�rmisch. Normalerweise waren die Wolken an diesem Ort genau so unstet wie andere Dinge. Eben noch herrschte Bew�lkung, ein Blinzeln sp�ter war der Himmel klar. Aber dieses Mal hielten sich die dunklen Sturmwolken. Sie brodelten und spannten Blitze zwischeneinander. Aber diese Blitze schlugen nie im Boden ein und machten auch keinen L�rm.</p><p>Auf der Ebene herrschte eine seltsame Stille. Die Wolken verh�llten unheilvoll den ganzen Himmel. Und sie verschwanden auch nicht.</p><p><emphasis>Die Letzte Jagd kommt.</emphasis> Springer blickte in den Himmel. <emphasis>Dann laufen wir zusammen. Solange wir nicht stattdessen schlafen.</emphasis></p><p>�Schlafen? Und was ist mit der Letzten Jagd?�</p><p><emphasis>Sie kommt. Wenn der Schattent�ter dem Sturm zum Opfer f�llt, werden wir alle f�r alle Ewigkeit schlafen. �berlebt er, dann werden wir zusammen jagen. Du und wir.</emphasis></p><p>Perrin rieb sich das Kinn und versuchte die Bilder, Ger�che, Laute und Gef�hle zu verstehen. Sie ergaben nur wenig Sinn f�r ihn.</p><p>Aber gut, er war jetzt hier. Er hatte herkommen wollen, und er hatte sich entschieden, falls m�glich ein paar Antworten von Springer zu erhalten. Es war sch�n, den Wolf wiederzusehen.</p><p><emphasis>Laufen,</emphasis> schickte Springer. Das Bild war nicht alarmiert. Es war ein Angebot. <emphasis>Lass uns zusammen laufen.</emphasis></p><p>Perrin nickte und fing an, durch das Gras zu laufen. Springer lief neben ihm und �bersandte Belustigung. <emphasis>Auf zwei Beinen, junger Bulle? Zwei Beine sind langsam!</emphasis> Die �bermittelte Botschaft bestand aus einem Bild von M�nnern, die wegen ihrer viel zu langen Beine st�ndig �bereinander stolperten.</p><p>Perrin z�gerte. �Ich muss die Kontrolle behalten, Springer�, sagte er. �Wenn ich den Wolf die Kontrolle �bernehmen lasse ... nun, dann tue ich gef�hrliche Dinge.�</p><p>Der Wolf legte den Kopf schief und trabte weiter neben ihm durch das Gras. Die Halme raschelten, als sich die beiden einen Weg bahnten, bis sie einen kleinen Wildpfad fanden und ihm folgten.</p><p><emphasis>Lauf,</emphasis> dr�ngte Springer ihn, offensichtlich verwirrt von seinem Z�gern.</p><p>�Ich kann nicht�, sagte Perrin und blieb stehen. Springer drehte sich um und kam mit ein paar S�tzen zur�ck zu ihm. Er roch verwirrt.</p><p>�Springer, wenn ich die Kontrolle verliere, dann habe ich Angst vor mir selbst�, sagte Perrin. �Das erste Mal passierte es mir, kurz nachdem ich die W�lfe kennenlernte. Du musst mir helfen, es zu verstehen.�</p><p>Springer starrte ihn blo� weiterhin an, die Zunge hing ihm ein St�ck aus dem Maul, die Pfoten waren leicht auseinander gestellt.</p><p><emphasis>Warum mache ich das?,</emphasis> dachte Perrin und sch�ttelte den Kopf W�lfe dachten nicht wie Menschen. Was spielte es f�r eine Rolle, was Springer davon hielt?</p><p><emphasis>Wir jagen zusammen,</emphasis> �bermittelte Springer.</p><p>�Und wenn ich nicht mit dir zusammen jagen will?�, sagte Perrin. Allein schon die Worte lie�en sein Herz verkrampfen. Ihm gefiel dieser Ort, der Wolfstraum, so gef�hrlich er auch sein mochte. Seit seinem Aufbruch aus den Zwei Fl�ssen hatte er viel erlebt, und manches war auch wunderbar gewesen.</p><p>Aber er durfte nicht mehr die Kontrolle verlieren. Er musste ein Gleichgewicht finden. Die Axt wegzuwerfen hatte einen Unterschied gemacht. Axt und Hammer waren sehr unterschiedliche Waffen - die eine konnte man nur f�rs T�ten benutzen, w�hrend ihm die andere eine Wahl lie�.</p><p><emphasis>Lauf mit mir, Junger Bulle. Vergiss diese Gedanken. Lauf wie ein Wolf.</emphasis></p><p>�Das kann ich nicht�, erwiderte Perrin. Er drehte sich um, lie� die Blicke �ber die Ebene schweifen. �Aber ich muss �ber diesen Ort Bescheid wissen, Springer. Ich muss lernen, wie man ihn benutzt, wie man ihn kontrolliert.�</p><p><emphasis>Menschen,</emphasis> dachte Springer, �bersandte Ger�che von Geringsch�tzung und Wut. <emphasis>Kontrolle. Immer nur Kontrolle.</emphasis></p><p>�Ich will, dass du es mir beibringst�, sagte Perrin zu dem Wolf. �Ich will diesen Ort meistern. Zeigst du mir, wie das geht?�</p><p>Springer setzte sich auf die Hinterbeine.</p><p>�Sch�n. Dann suche ich mir andere W�lfe, die das tun werden.�</p><p>Er drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Er erkannte diesen Ort nicht, aber er hatte gelernt, dass der Wolfstraum unberechenbar war. Dieses Feld mit seinem h�fthohen Gras und der Hirse konnte �berall sein. Wo w�rde er W�lfe finden? Er hielt mit seinem Verstand Ausschau und entdeckte, dass das hier viel schwieriger war.</p><p><emphasis>Du willst nicht laufen. Aber du suchst nach W�lfen. Warum bist du so schwierig, Welpe?</emphasis> Springer setzte sich vor ihm ins Gras.</p><p>Perrin knurrte, dann tat er einen Sprung, der ihn hundert Fu� in die H�he bef�rderte. Er kam wieder auf, als w�re es ein ganz normaler Schritt gewesen.</p><p>Und Springer sa� vor ihm. Er hatte den Wolf nicht springen gesehen. Eben war er noch an dem einen Ort gewesen, jetzt war er an einem anderen. Perrin suchte wieder mit seinen Gedanken. Nach anderen W�lfen. Da war etwas, in der Ferne. Er musste sich mehr anstrengen. Er konzentrierte sich, zog irgendwie mehr St�rke in sich und schaffte es, mit seinem Verstand weiter hinauszugreifen.</p><p><emphasis>Das ist gef�hrlich, Junger Bulle. Du setzt hier zu viel Kraft ein. Du wirst sterben.</emphasis></p><p>�Das sagst du immer�, erwiderte Perrin. �Sag mir, was ich wissen will. Zeig mir, wie ich es lernen kann.�</p><p><emphasis>Sturer Welpe,</emphasis> sendete Springer. <emphasis>Komm zur�ck, wenn du entschlossen bist, deine Schnauze nicht ins Nest der Feuernatter zu stecken.</emphasis></p><p>Und etwas krachte gegen Perrin, ein schweres Gewicht traf seinen Verstand. Alles verschwand um ihn herum, und er wurde wie ein Blatt im Sturm aus dem Wolfstraum geworfen.</p><p>Faile lag neben ihrem Mann, der sich im Schlaf herumw�lzte. Sie betrachtete ihn in dem dunklen Raum; obwohl sie neben ihm auf der Pritsche lag, hatte sie nicht geschlafen. Sie hatte gewartet und seinen Atemz�gen gelauscht. Er drehte sich auf den R�cken und murmelte etwas.</p><p><emphasis>Ausgerechnet in dieser Nacht muss er unruhig schlafen!,</emphasis> dachte sie ver�rgert.</p><p>Seit ihrem Aufbruch aus Malden war eine Woche vergangen. Die Fl�chtlinge hatten ein Lager - nun, mehrere Lager - in der N�he eines Wasserweges aufgeschlagen, der direkt zur nur ein kurzes St�ck entfernten Jehannahstra�e f�hrte.</p><p>In den vergangenen paar Tagen war alles glatt gelaufen, auch wenn Perrin zu dem Schluss gekommen war, dass die Asha'man noch immer zu ersch�pft waren, um Wegetore zu erschaffen. Faile hatte den Abend mit ihrem Ehemann verbracht und ihn an mehrere wichtige Gr�nde erinnert, warum er sie �berhaupt geheiratet hatte. Er war ziemlich enthusiastisch gewesen, aber da hatte ein merkw�rdiger Ausdruck in seinem Blick gelegen. Kein gef�hrlicher Ausdruck, eher ein trauriger. W�hrend ihrer Trennung war er ein von Geistern getriebener Mann geworden. Das konnte sie verstehen. Sie hatte selbst ein paar Geister, die sie heimsuchten. Man konnte nicht erwarten, dass alles so blieb, wie es gewesen war, und ihr war nicht entgangen, dass er sie noch immer liebte - leidenschaftlich liebte. Das reichte ihr, also machte sie sich deswegen keine Sorgen.</p><p>Aber sie plante eine Auseinandersetzung, die ihm seine Geheimnisse entlocken w�rde. Noch ein paar Tage w�rde sie damit warten. Es war nur vern�nftig, einen Ehemann daran zu erinnern, dass man nicht alles friedlich hinnahm, was er so machte, aber es war auch keine gute Idee, ihn auf den Gedanken zu bringen, dass sie es nicht zu sch�tzen wusste, ihn zur�ckzuhaben.</p><p>Ganz im Gegenteil. Faile l�chelte, drehte sich um und legte ihm die Hand auf die behaarte Brust, schmiegte den Kopf an seine nackte Schulter. Sie liebte diese stattliche Lawine von einem Mann. Wieder mit ihm vereint zu sein war noch s��er als der Sieg ihrer Flucht von den Shaido.</p><p>Seine Augen �ffneten sich, und sie seufzte. Liebe hin oder her, in dieser Nacht wollte sie, dass er schlief! Hatte sie ihn denn nicht m�de genug gemacht?</p><p>Er sah sie an. Seine goldenen Augen schienen in der Dunkelheit leicht zu gl�hen, obwohl sie wusste, dass das nur ein Trick des Lichts war. Dann zog er sie ein St�ck n�her an sich heran. �Ich habe nicht mit Berelain geschlafen�, sagte er schroff. �Ganz egal, was die Ger�chte behaupten.�</p><p>Lieber, s��er, <emphasis>unverbl�mter</emphasis> Perrin. �Ich wei�, dass du das nicht getan hast�, sagte sie tr�stend. Sie hatte die Ger�chte geh�rt. Buchst�blich jede Frau, mit der sie im Lager gesprochen hatte, von den Aes Sedai bis zur letzten Dienerin, hatte so getan, als w�rde sie krampfhaft versuchen, den Mund zu halten, w�hrend sie mit dem n�chsten Atemzug diese Neuigkeit verriet. Perrin hatte eine Nacht im Zelt der Ersten von Mayene verbracht.</p><p>�Nein, wirklich�, beharrte Perrin, und ein flehender Unterton schlich sich in seine Stimme. �Ich habe es nicht getan. Faile. Bitte.�</p><p>�Ich sagte, ich glaube dir.�</p><p>�Du klangst so ... ich wei� nicht. Verdammt, Frau, du klangst eifers�chtig.�</p><p>W�rde er denn niemals lernen? �Perrin�, sagte sie tonlos. �Es hat mich den gr��ten Teil eines ganzen Jahres gekostet - ganz zu schweigen von betr�chtlicher M�he -, um dich zu verf�hren, und auch dann hat es nur funktioniert, weil es sich um eine Ehe drehte! Berelain hat nicht die n�tige Finesse, um mit dir klarzukommen.�</p><p>Er hob die rechte Hand und kratzte sich scheinbar verwirrt am Bart. Dann l�chelte er.</p><p>�Au�erdem�, sagte sie und schmiegte sich enger an ihn, �hast du mir ein Versprechen gegeben. Und ich vertraue dir.�</p><p>�Also bist du nicht eifers�chtig?�</p><p>�Nat�rlich bin ich das�, sagte sie und schlug sich gegen die Brust. �Perrin, habe ich das nicht erkl�rt? Ein Ehemann muss <emphasis>wissen,</emphasis> dass seine Frau eifers�chtig ist, sonst begreift er nicht, wie viel sie f�r ihn �brig hat. Du bewachst das, was dir am Kostbarsten ist. Also ehrlich, wenn du mich weiter dazu bringst, diese Dinge zu erkl�ren, dann bleiben mir �berhaupt keine Geheimnisse mehr!�</p><p>Die letzte Bemerkung lie� ihn leise schnauben. �Ich bezweifle, dass so etwas �berhaupt m�glich ist.�</p><p>Er verstummte, und Faile schloss die Augen in der Hoffnung, dass er wieder einschlief. Drau�en vor dem Zelt ert�nten die ged�mpften Stimmen der patrouillierenden Wachen und der L�rm eines der Hufschmiede - Jerasid, Aemin oder Falton -, der bis sp�t in die Nacht arbeitete und ein Hufeisen oder einen Nagel zurechth�mmerte, um eines der Pferde f�r den morgigen Marsch bereitzumachen. Es tat gut, diesen Laut wieder zu h�ren. Die Aiel waren nutzlos, wenn es um Pferde ging, und die Shaido hatten die erbeuteten Tiere entweder freigelassen oder sie zu Ackerg�ulen gemacht. W�hrend ihres Aufenthalts in Malden hatte Faile viele pr�chtige Reitpferde gesehen, die Karren zogen.</p><p>Sollte es sich seltsam anf�hlen, wieder zur�ck zu sein? Weniger als zwei Monate war sie Gefangene gewesen, aber es war ihr wie Jahre vorgekommen. Jahre, die sie damit verbracht hatte, Boteng�nge f�r Sevanna zu erledigen und willk�rlich bestraft zu werden. Aber die Zeit hatte sie nicht gebrochen. Seltsamerweise hatte sie sich dabei mehr als Adlige gef�hlt als je zuvor.</p><p>Als h�tte sie vor Malden nie so richtig begriffen, was es bedeutete, eine Lady zu sein. Oh, sie hatte ihren Anteil an Siegen gehabt. <emphasis>Cha Faile,</emphasis> die Menschen von den Zwei Fl�ssen, Alliandres und Perrins Lagergenossen. Sie hatte ihre Ausbildung genutzt und Perrin dabei geholfen, ein Anf�hrer zu werden. Das war alles wichtig gewesen; sie hatte auf das zur�ckgegriffen, zu dem ihre Mutter und ihr Vater sie gemacht hatten.</p><p>Aber Malden hatte ihr die Augen ge�ffnet. Dort war sie Menschen begegnet, die <emphasis>sie</emphasis> mehr gebraucht hatten, als das jemals zuvor der Fall gewesen w�re. Unter Sevannas grausamer Schreckensherrschaft hatte es keine Zeit f�r Spielchen gegeben, keine Zeit f�r Fehler. Man hatte sie gedem�tigt, geschlagen und beinahe get�tet. Und das hatte daf�r gesorgt, dass sie zum ersten Mal begriff, was es wirklich bedeutete, eine Lehnsherrin zu sein. Tats�chlich hatte sie sich sogar im Nachhinein wegen der Momente schuldig gef�hlt, in denen sie Perrin - oder andere - gezwungen hatte, sich ihrem Willen zu beugen. Eine Adlige zu sein bedeutete vorauszugehen. Es bedeutete, geschlagen zu werden, damit andere verschont blieben. Es bedeutete, sich zu opfern und den Tod zu riskieren, um die zu sch�tzen, die von einem abh�ngig waren.</p><p>Nein, es f�hlte sich nicht merkw�rdig an, wieder zur�ck zu sein, denn sie hatte Malden mitgenommen. Jedenfalls die Teile, die wichtig waren. Hunderte <emphasis>Gai'schain</emphasis> hatten ihr die Treue geschworen, und sie hatte sie gerettet. Sie hatte es durch Perrin getan, aber sie hatte Pl�ne geschmiedet, und auf die eine oder andere Weise w�re sie entkommen und mit einer Armee zur�ckgekehrt, um jene zu befreien, die ihr den Treueid geleistet hatten.</p><p>Es <emphasis>hatte</emphasis> einen Preis gekostet. Aber darum w�rde sie sich sp�ter k�mmern, wenn es das Licht wollte. Sie �ffnete ein Auge und sp�hte zu Perrin hin�ber. Er schien zu schlafen, aber atmete er gleichm��ig? Vorsichtig befreite sie ihren Arm.</p><p>�Was dir dort passiert ist, hat keine Bedeutung f�r mich�, sagte er.</p><p>Sie seufzte. Nein, er schlief noch nicht. �Was mir dort passiert ist?�, fragte sie verwirrt.</p><p>Er �ffnete die Augen, starrte zur Zeltdecke. �Die Shaido, der Mann, der bei dir war, als ich dich rettete. Was auch immer er tat ... was auch immer du tun musstest, um zu �berleben. Es ist in Ordnung.�</p><p>War es das, was ihm zu schaffen machte? Beim Licht! �Du gro�er Ochse�, sagte sie und hieb ihm die Faust auf die Brust, was ihn grunzen lie�. �Was sagst du da? Dass es in Ordnung w�re, w�re ich untreu gewesen? Nachdem du mir mit solchem Nachdruck versichern musstest, dass du es <emphasis>nicht</emphasis> warst?�</p><p>�Was? Nein, das ist etwas anderes, Faile. Du warst Gefangene ...�</p><p>�Und ich kann nicht f�r mich selbst sorgen? Du bist ein Ochse. Niemand hat mich angefasst. Es sind Aiel. Du wei�t, dass sie es nicht wagen w�rden, einem <emphasis>Gai'schain</emphasis> etwas anzutun.� Das war nicht die ganze Wahrheit; Frauen waren im Lager der Shaido oft missbraucht worden, denn die Shaido hatten sich nicht l�nger wie Aiel verhalten.</p><p>Aber im Lager hatte es auch noch andere gegeben. Aiel, die keine Shaido gewesen waren. M�nner, die sich geweigert hatten, Rand als ihren <emphasis>Car'a'carn</emphasis> anzuerkennen, denen es aber auch schwerfiel, die Autorit�t der Shaido zu akzeptieren. Die Bruderlosen waren M�nner von Ehre gewesen; auch wenn sie sich selbst als Ausgesto�ene bezeichnet hatten, waren sie die Einzigen in Malden gewesen, die die alten Br�uche befolgt hatten. Als die <emphasis>Gai'schain</emphasis>-Frauen in Gefahr geraten waren, hatten die Bruderlosen eine Entscheidung getroffen und jene besch�tzt, die sie besch�tzen konnten. Sie hatten daf�r nichts als Gegenleistung verlangt.</p><p>Obwohl ... das stimmte so nicht ganz. <emphasis>Gebeten</emphasis> hatten sie um viel, aber <emphasis>verlangt</emphasis> hatten sie nichts. Rolan war ihr immer wie ein echter Aiel gegen�bergetreten. Aber wie Masemas Tod war ihre Beziehung zu Rolan etwas, das Perrin nicht wissen musste. Sie hatte Rolan nicht einmal gek�sst, aber sie hatte sein Verlangen nach ihr ausgenutzt. Und vermutlich hatte er das ganz genau gewusst.</p><p>Perrin hatte Rolan get�tet. Noch ein Grund, warum ihr Ehemann nichts �ber die Anst�ndigkeit des Bruderlosen wissen musste. Es w�rde ihn innerlich zerrei�en, w�re ihm klar gewesen, was er da getan hatte.</p><p>Perrin entspannte sich, schloss die Augen. W�hrend dieser Monate hatte er sich ver�ndert, vielleicht genauso sehr wie sie auch. Das war gut. In den Grenzlanden hatte ihr Volk ein Sprichwort: �Nur der Dunkle K�nig bleibt immer gleich.� M�nner wuchsen und entwickelten sich; der Schatten blieb so, wie er war. B�se.</p><p>�Morgen werden wir ein paar Pl�ne ausarbeiten m�ssen�, sagte Perrin g�hnend. �Sobald die Wegetore zur Verf�gung stehen, m�ssen wir uns entscheiden, ob wir die Leute zum Gehen zwingen, und wir entscheiden, wer zuerst geht. Hat irgendjemand entdeckt, was aus Masema geworden ist?�</p><p>�Nicht dass ich w�sste�, sagte Faile vorsichtig. �Aber da so viele seiner Besitzt�mer aus seinem Zelt verschwunden sind ...�</p><p>�Masema interessiert sich nicht f�r Besitz�, murmelte Perrin leise, die Augen noch immer geschlossen. �Obwohl er ihn vielleicht mitgenommen h�tte, um einen Neuanfang zu versuchen. Er k�nnte vielleicht geflohen sein, das gebe ich zu, auch wenn es seltsam ist, dass keiner wei�, wohin oder wie.�</p><p>�Vermutlich hat er sich im Chaos nach der Schlacht davongestohlen.�</p><p>�Vermutlich�, stimmte Perrin ihr zu. �Ich frage mich ...� Er g�hnte. �Ich frage mich, was Rand dazu sagen wird. Masema war doch �berhaupt erst der Grund f�r diese Reise. Ich sollte ihn finden und zur�ckbringen, und da habe ich wohl versagt.�</p><p>�Du hast die M�nner vernichtet, die im Namen des Drachen mordeten und raubten�, sagte Faile, �und du hast der Shaidof�hrung das Herz herausgeschnitten, ganz zu schweigen von all dem, was du �ber die Seanchaner erfahren hast. Ich glaube, der Drache wird der Ansicht sein, dass das, was du hier vollbracht hast, viel bedeutsamer ist, als Masema zur�ckzubringen.�</p><p>�Vielleicht hast du recht�, murmelte Perrin schl�frig. �Verdammte Farben ... ich will dich nicht schlafend sehen, Rand. Was ist mit deiner Hand passiert? Vom Licht geblendeter Narr, pass besser auf dich auf ... du bist alles, was wir haben ... die Letzte Jagd kommt ...�</p><p>Sie konnte das Letzte kaum verstehen. Warum sprach er davon, dass Rands Hand auf die Jagd gehen sollte? Schlief er endlich ein?</p><p>Zweifellos, denn er fing bald an, leise zu schnarchen. Sie l�chelte, sch�ttelte z�rtlich den Kopf. Er war ein Ochse. Jedenfalls manchmal. Aber er war <emphasis>ihr</emphasis> Ochse. Sie stieg von der Pritsche und eilte durch das Zelt, schl�pfte in einen Morgenrock und verschn�rte den G�rtel. Ein Paar Sandalen folgten, dann huschte sie aus dem Zelt. Arrela und Lacile bewachten sie, zusammen mit zwei T�chtern. Die T�chter nickten ihr zu; sie w�rden ihr Geheimnis bewahren.</p><p>Faile lie� die T�chter zur�ck, nahm aber Arrela und Lacile mit, als sie in die Dunkelheit ging. Arrela war eine schwarzhaarige Tairenerin, die die meisten T�chter �berragte; sie hatte eine sehr br�ske Art an sich. Lacile war klein, blass und sehr schlank, und sie bewegte sich ausgesprochen anmutig. Sie waren so unterschiedlich, wie zwei Frauen nur sein konnten, aber die Gefangenschaft hatte sie vereint. Beide Angeh�rige der <emphasis>Cha Faile</emphasis> waren zusammen mit ihr gefangen genommen worden und als <emphasis>Gai'schain</emphasis> nach Malden gegangen.</p><p>Ein kurzes St�ck weiter schlossen sich ihnen zwei andere T�chter an - vermutlich hatten Bain und Chiad mit ihnen gesprochen. Sie verlie�en das Lager und begaben sich zu einer Stelle, wo zwei Weidenb�ume nebeneinander standen. Ein St�ck davor warteten zwei Frauen, die noch immer das Wei� der <emphasis>Gai'schain</emphasis> trugen. Bain und Chiad waren beide T�chter, Erstschwestern, und bedeuteten Faile sehr viel. Sie waren noch loyaler als jene, die ihr den Treueid geleistet hatten. Ihr gegen�ber loyal, ohne ihr aber einen Eid geleistet zu haben. Ein Widerspruch, wie ihn nur Aiel zustande bringen konnten.</p><p>Im Gegensatz zu Faile und den anderen wollten Bain und Chiad ihr Wei� nicht ablegen, nur weil ihre H�scher besiegt worden waren. Sie w�rden diese Tracht ein Jahr und einen Tag lang tragen. Tats�chlich strapazierte ihre Anwesenheit hier die Grenzen dessen, was ihre Ehre erlaubte - damit gestanden sie das Leben ein, das sie vor ihrer Gefangennahme gef�hrt hatten. Allerdings hatten sie zugegeben, dass die Existenz als <emphasis>Gai'schain</emphasis> im Shaido-Lager alles andere als normal gewesen war.</p><p>Faile begr��te sie mit einem L�cheln, entehrte sie aber nicht, indem sie sie mit dem Namen ansprach oder die Handsprache der T�chter benutzte. Allerdings konnte sie sich nicht davon abhalten, sie zu fragen: �Geht es euch gut?�, w�hrend sie von Chiad ein kleines B�ndel entgegennahm.</p><p>Chiad war eine wundersch�ne Frau mit grauen Augen und kurz geschnittenem rotblonden Haar, das unter der Kapuze ihres <emphasis>Gai'schain</emphasis>-Gewandes verborgen lag. Die Frage lie� sie das Gesicht verziehen. �Gaul hat das ganze Shaido-Lager nach mir durchsucht, und Berichte besagen, er h�tte zw�lf <emphasis>Algai'd'siswai</emphasis> mit dem Speer besiegt. Vielleicht werde ich doch noch einen Brautkranz f�r ihn anfertigen m�ssen, sobald das alles hier vorbei ist.�</p><p>Faile l�chelte.</p><p>Chiad erwiderte das L�cheln. �Er hat nicht damit gerechnet, dass einer der von ihm get�teten M�nner ausgerechnet derjenige war, der Bain als <emphasis>Gai'schain</emphasis> hatte. Ich glaube nicht, dass es Gaul gef�llt, dass wir ihm beide dienen.�</p><p>�Dummer Mann�, sagte Bain, die gr��ere der beiden. �Sieht ihm �hnlich, nicht aufzupassen, wo er mit dem Speer hinsticht. Er konnte einfach nicht den richtigen Mann t�ten, ohne auch noch aus Versehen ein paar andere t�ten zu m�ssen.� Beide Frauen kicherten.</p><p>Faile l�chelte und nickte; Aiel-Humor ging �ber ihren Horizont. �Vielen Dank, dass ihr das hier besorgt habt�, sagte sie und hielt das kleine Tuchb�ndel hoch.</p><p>�Nicht der Rede wert�, sagte Chiad. �An diesem Tag arbeiteten zu viele H�nde, also war es leicht. Alliandre Maritha Kigarin wartet bereits bei den B�umen auf Euch. Wir sollten ins Lager zur�ckkehren.�</p><p>�Ja�, f�gte Bain hinzu. �Vielleicht will Gaul ja wieder den R�cken massiert haben oder Wasser gebracht bekommen. Er wird so w�tend, wenn wir fragen, aber <emphasis>Gai'schain</emphasis> erringen Ehre nur durch den Dienst. Was sollen wir sonst tun?�</p><p>Die Frauen lachten wieder, und beide sch�ttelten den Kopf, als sie mit raschelnden Gew�ndern zur�ck in Richtung Lager liefen. Der Gedanke, so eine Tracht noch einmal tragen zu m�ssen, lie� Faile zusammenzucken, auch wenn es sie nur an die Tage erinnerte, die sie Sevanna hatte bedienen m�ssen.</p><p>Die hochgewachsene Arrela und die anmutige Lacile gesellten sich bei den Weiden wieder zu ihr. Die T�chter, die als ihre Leibwache fungierten, blieben zur�ck und passten aus der Ferne auf. Eine dritte Tochter trat aus den Schatten und gesellte sich zu ihnen, vermutlich von Bain und Chiad geschickt, um Alliandre zu besch�tzen. Die dunkelhaarige K�nigin stand vor den B�umen und sah in ihrem kostbaren roten Gewand und den Goldkettchen im Haar wieder wie eine richtige Lady aus. Es war eine auff�llige Aufmachung, als w�re sie entschlossen, die Tage als unfreiwillige Dienerin ungeschehen zu machen. Alliandres Gewand machte Faile unwillk�rlich ihren Morgenrock bewusst. Aber sie h�tte sich nichts anderes anziehen k�nnen, ohne Perrin zu wecken. Arrela und Lacile trugen nur die bestickten Hosen und Hemden, die bei den <emphasis>Cha Faile</emphasis> �blich waren.</p><p>Alliandre hielt eine kleine Laterne mit vorgeschobener Blende, die nur wenig Licht spendete; es beleuchtete ihr jugendliches Gesicht und das dunkle Haar. �Haben sie etwas gefunden?�, fragte sie sofort. �Bitte, sagt mir, dass sie Erfolg hatten.� F�r eine K�nigin war sie immer erstaunlich bodenst�ndig gewesen, wenn auch etwas herrisch. Ihre Zeit in Malden schien Letzteres etwas ged�mpft zu haben.</p><p>�Ja.� Faile hob das B�ndel. Die Frauen dr�ngten sich um sie, als sie niederkniete. Das kurze Gras wurde von der Laterne angestrahlt und funkelte wie Flammenzungen. Faile �ffnete das B�ndel. Es enthielt nichts Au�ergew�hnliches. Ein kleines Taschentuch aus gelber Seide. Ein Lederg�rtel mit einem eingestanzten Muster aus Vogelfedern. Ein schwarzer Schleier. Und ein schmaler Lederriemen, in dessen Mitte ein Stein eingeschn�rt war.</p><p>�Dieser G�rtel geh�rte Kinhuin�, sagte Alliandre und zeigte darauf. �Ich habe gesehen, wie er ihn trug, bevor ...� Sie verstummte, kniete nieder und nahm ihn.</p><p>�Der Schleier geh�rt einer Tochter�, sagte Arrela.</p><p>�Unterscheiden sie sich?�, fragte Alliandre �berrascht.</p><p>�Nat�rlich tun sie das�, sagte Arrela und hob den Schleier hoch. Faile hatte die Tochter, die Arrelas Besch�tzerin geworden war, nie kennengelernt, aber die Frau war in der Schlacht gestorben, wenn auch nicht auf so dramatische Weise wie Rolan und die anderen.</p><p>Das Seidentuch geh�rte Jhoradin; Lacile z�gerte, dann nahm sie es in die Hand, drehte es um und enth�llte einen Blutfleck auf der anderen Seite. Damit war nur noch der Lederriemen �brig. Rolan hatte ihn gelegentlich unter seinem <emphasis>Cadin'sor</emphasis> um den Hals getragen. Faile h�tte gern gewusst, was er ihm bedeutet hatte, und ob der Stein, ein grob bearbeiteter T�rkis, eine besondere Bedeutung f�r ihn gehabt hatte. Sie nahm ihn, dabei fiel ihr Blick auf Lacile. �berraschenderweise schien die schlanke Frau zu weinen. Weil Lacile so schnell in das Bett des st�mmigen Bruderlosen gestiegen war, war Faile immer davon ausgegangen, dass ihre Beziehung zu ihm aus der Notwendigkeit heraus entstanden war und nicht aus Zuneigung.</p><p>�Vier Menschen sind tot�, sagte Faile. Pl�tzlich war ihr Mund ganz trocken. Sie bem�hte sich um einen f�rmlichen Tonfall, denn das war die beste Weise, Gef�hle aus ihrer Stimme herauszuhalten. �Sie haben uns besch�tzt, hatten sogar etwas f�r uns �brig. Obwohl sie der Feind waren, betrauern wir sie. Aber vergesst nie, dass sie Aiel waren. F�r einen Aiel gibt es viel schlimmere Schicksale als der Tod im Kampf.�</p><p>Die anderen beiden nickten, aber Lacile erwiderte ihren Blick. F�r sie beide war es anders. Als Perrin aus dieser Gasse gest�rmt gekommen war - vor Wut br�llend, weil Faile und Lacile allem Anschein nach von einem Shaido misshandelt wurden -, waren viele Dinge sehr schnell geschehen. In dem folgenden Kampf hatte sie Rolan in genau dem richtigen Augenblick abgelenkt und ihn z�gern lassen. Er hatte das aus Sorge um sie getan, aber dieses Z�gern hatte Perrin erlaubt, ihn zu t�ten.</p><p>Hatte sie es absichtlich getan? Sie vermochte es noch immer nicht zu sagen. Ihr war so viel durch den Kopf geschossen, der Anblick Perrins hatte so viele Gef�hle ausgel�st. Sie hatte aufgeschrien und ... sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie versucht hatte, Rolan abzulenken, damit er durch Perrins Hand sterben konnte.</p><p>F�r Lacile hatte es kein derartiges Z�gern gegeben. Jhoradin war vor sie gesprungen, hatte sie hinter sich geschoben und die Waffe gegen den Eindringling erhoben. Sie hatte ihm ein Messer in den R�cken gesto�en und zum ersten Mal in ihrem Leben einen Menschen get�tet. Und das war ein Mann gewesen, dessen Bett sie geteilt hatte.</p><p>Faile hatte Kinhuin get�tet, den anderen Bruderlosen, der sie alle besch�tzt hatte. Er war nicht der erste Mann, dem sie das Leben genommen hatte - auch nicht der erste, den sie hinterr�cks get�tet hatte. Aber er <emphasis>war</emphasis> der erste Mann, den sie get�tet hatte, obwohl er sie als Freundin betrachtet hatte.</p><p>Es hatte keine andere M�glichkeit gegeben. Perrin hatte nur Shaido gesehen, und die Bruderlosen nur den angreifenden Feind. Dieser Konflikt h�tte nicht beendet werden k�nnen, ohne dass entweder Perrin oder die Bruderlosen tot am Boden lagen. Kein noch so lautes Br�llen h�tte auch nur einen der M�nner aufgehalten.</p><p>Aber das machte es nur noch tragischer. Faile k�mpfte dagegen an, dass sich ihre Augen genau wie Laciles mit Tr�nen f�llten. Sie hatte Rolan nicht geliebt, und sie war froh, dass Perrin derjenige gewesen war, der den Kampf �berlebt hatte. Aber Rolan war ein ehrenhafter Mann gewesen, und irgendwie f�hlte sie sich ... beschmutzt, dass sein Tod ihr Verschulden war.</p><p>Das h�tte nicht so kommen m�ssen. Aber das war es nun einmal. Ihr Vater hatte oft von solchen Situation gesprochen, wenn man Leute t�ten musste, die man eigentlich mochte, nur weil man ihnen auf der falschen Seite des Schlachtfelds begegnete. Sie hatte ihn da nie verstanden. M�sste sie das noch einmal tun, w�rde sie wieder genauso handeln. Sie w�rde Perrin keinem Risiko aussetzen. Rolan hatte sterben m�ssen.</p><p>Aber die Welt erschien ihr als ein traurigerer Ort, weil es n�tig gewesen war.</p><p>Lacile wandte sich ab und schniefte leise. Faile nahm ein kleines Fl�schchen �l aus dem B�ndel. Sie zog den Stein aus dem Lederriemen, dann legte sie den Riemen in die Mitte des Tuches. Sie goss �l dar�ber, entz�ndete einen Zunderstab an der Laterne und setzte den Riemen in Brand.</p><p>Sie sah zu, wie er mit winzigen blauen und gr�nen, an der Oberseite orange gekr�nten Flammen verbrannte. Der Geruch von brennendem Leder hatte eine schreckliche �hnlichkeit mit dem von brennendem menschlichen Fleisch. Die Nacht war windstill, und so konnten die Flammen ungehindert tanzen.</p><p>Alliandre tr�nkte den G�rtel und legte ihn in das kleine Feuer. Arrela tat das Gleiche mit dem Schleier. Schlie�lich f�gte Lacile das Taschentuch hinzu. Sie weinte noch immer.</p><p>Das war alles, was sie tun konnten. Im Chaos des Aufbruchs aus Malden war es unm�glich gewesen, sich um die Leichen zu k�mmern. Chiad hatte gesagt, es w�rde niemanden entehren, sie zur�ckzulassen, aber Faile hatte etwas tun m�ssen. Eine kleine Zeremonie, um Rolan und die anderen zu ehren.</p><p>�Gestorben durch unsere Hand�, sagte sie, �oder einfach nur in der Schlacht gefallen. Diese vier haben uns Ehre erwiesen. Wir schulden ihnen gro�es <emphasis>Toh,</emphasis> wie die Aiel sagen w�rden. Ich glaube nicht, dass man es vergelten kann. Aber wir k�nnen uns an sie erinnern. Die Bruderlosen und eine Tochter haben uns Freundlichkeit erwiesen, obwohl sie es nicht mussten. Sie hielten ihre Ehre aufrecht, wo andere sie verga�en. Wenn wir uns daf�r erkenntlich zeigen k�nnen, dann auf diese Weise.�</p><p>�In Perrins Lager gibt es einen Bruderlosen�, sagte Lacile. Die Flammen des Scheiterhaufens spiegelten sich in ihren Augen. �Er hei�t Niagen; er ist <emphasis>Gai'schain</emphasis> von Sulin, der Tochter. Ich habe ihn besucht und ihm erz�hlt, was die anderen f�r uns taten. Er ist ein freundlicher Mann.�</p><p>Faile schloss die Augen. Vermutlich meinte Lacile, dass sie mit diesem Niagen ins Bett gegangen war. Das war <emphasis>Gai'schain</emphasis> nicht verboten. �Ihr k�nnt Jhoradin nicht auf diese Weise ersetzen�, sagte sie und �ffnete die Augen wieder. �Oder das ungeschehen machen, was Ihr tatet.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Lacile besch�mt. �Aber sie waren trotz der schrecklichen Situation so humorvoll. Sie hatten etwas Besonderes an sich. Jhoradin wollte mich mit ins Dreifache Land nehmen, mich zu seiner Frau machen.�</p><p><emphasis>Und du h�ttest das nie getan,</emphasis> dachte Faile. <emphasis>Ich wei�, dass du das nicht getan h�ttest. Aber jetzt, wo er tot ist, wird dir klar, welche Gelegenheit du vers�umt hast.</emphasis></p><p>Nun, mit welchem Recht wollte sie anderen einen Vorwurf machen? Sollte Lacile doch tun, was sie wollte. Wenn dieser Niagen auch nur ein halb so guter Mann wie Rolan und die anderen war, dann w�rde Lacile es ja vielleicht gut bei ihm haben.</p><p>�Kinhuin hatte gerade erst angefangen, auf mich aufzupassen�, sagte Alliandre. �Ich wei�, was er sich w�nschte, aber er hat es nie verlangt. Bestimmt wollte er die Shaido verlassen und h�tte uns bei der Flucht geholfen. Er h�tte uns geholfen, selbst wenn ich ihn abgewiesen h�tte.�</p><p>�Marthea hasste, was die anderen Shaido taten�, sagte Arrela. �Aber sie blieb bei ihnen, weil es ihr Clan war. F�r diese Loyalit�t ist sie gestorben. Es gibt schlimmere Dinge, f�r die man sterben kann.�</p><p>Faile sah zu, wie die letzte Glut des Miniaturscheiterhaufens flackernd verlosch. �Ich glaube, Rolan hat mich wirklich geliebt�, sagte sie. Und das war alles.</p><p>Sie standen auf und kehrten ins Lager zur�ck. Die Vergangenheit war ein Feld aus Glut und Asche, wie ein altes saldaeanisches Sprichwort sagte, die Reste des Feuers, das die Gegenwart war. Diese Glut wurde hinter ihr fortgeweht. Aber sie behielt Rolans T�rkis. Nicht aus Bedauern, sondern zur Erinnerung.</p><p>Perrin lag wach in der stillen Nacht und roch das Segeltuch seines Zeltes und den einzigartigen Duft Failes. Sie war nicht da, obwohl sie eben noch hier gewesen war. Er war eingeschlafen, und jetzt war sie fort. Vermutlich zu den Latrinen.</p><p>Er starrte in die Finsternis hinauf und versuchte Springer und den Wolfstraum zu verstehen. Je l�nger er dar�ber nachdachte, desto entschlossener wurde er. Er w�rde zur Letzten Schlacht marschieren - und wenn er das tat, wollte er den Wolf in seinem Inneren kontrollieren k�nnen. Entweder wollte er von den vielen Menschen befreit sein, die ihm folgten, oder lernen, ihre Loyalit�t zu akzeptieren.</p><p>Er musste einige Entscheidungen treffen. Es w�rde ihm nicht leichtfallen, aber er w�rde sie treffen. Ein Mann musste schwere Dinge tun. So war das Leben nun einmal. Da hatte er bei Failes Gefangennahme einfach falsch reagiert. Statt Entscheidungen zu treffen, war er ihnen aus dem Weg gegangen. Meister Luhhan w�re von ihm entt�uscht gewesen.</p><p>Was ihn zu einer weiteren Entscheidung brachte, der schwersten von allen. Er w�rde Faile in die Gefahr reiten lassen m�ssen, sie vielleicht sogar erneut einem Risiko aussetzen. Z�hlte das �berhaupt als Entscheidung? <emphasis>Konnte</emphasis> er so eine Entscheidung �berhaupt treffen? Allein der Gedanke, sie wieder in Gefahr zu sehen, bereitete ihm �belkeit. Aber er w�rde deswegen etwas tun m�ssen.</p><p>Drei Probleme. Er w�rde sich ihnen stellen, und er w�rde Entscheidungen treffen. Aber er w�rde vorher dar�ber nachdenken, denn so ging er die Dinge an. Ein Mann war ein Narr, wenn er Entscheidungen traf, ohne vorher zu �berlegen.</p><p>Aber die Entscheidung, sich seinen Problemen zu stellen, brachte ihm einen gewissen Frieden, und er drehte sich auf die Seite und schlief wieder ein.</p></section><section><title><p>22</p><p>Was man ihm noch antun konnte</p></title><p>Semirhage sa� allein in dem kleinen Zimmer. Sie hatten ihr den Stuhl weggenommen und ihr weder eine Kerze noch eine Laterne gegeben.</p><p>Dieses verfluchte Zeitalter und seine verfluchten Menschen! Was h�tte sie f�r Gl�hkugeln in den W�nden gegeben. W�hrend ihrer Zeit hatte man Gefangenen kein Licht verweigert. Nat�rlich hatte sie mehrere ihrer Experimente in totale Finsternis gesperrt, aber das war etwas anderes gewesen. Es war einfach wichtig gewesen, zu sehen, welchen Einfluss das mangelnde Licht auf sie haben w�rde. Diese sogenannten Aes Sedai, die sie gefangen hielten, hatten keinen vern�nftigen Grund, sie im Dunkeln einzusperren. Damit wollten sie sie nur dem�tigen.</p><p>Sie zog die Arme fester um den K�rper und dr�ckte sich gegen die Holzwand. Sie w�rde <emphasis>nicht</emphasis> weinen. Sie geh�rte zu den Auserw�hlten! Dann hatte man sie eben gezwungen, sich zu dem�tigen! Aber man hatte keineswegs ihren Willen gebrochen.</p><p>Dennoch ... diese albernen Aes Sedai betrachteten sie nun anders als zuvor. Semirhage hatte sich nicht ver�ndert, aber die anderen schon. Irgendwie hatte diese verfluchte Frau mit dem Paralisnetz in ihrem Haar auf einen Schlag die ganze Autorit�t zunichtegemacht, die sie �ber den ganzen Haufen gehabt hatte.</p><p>Nur wie? Wie hatte sie so schnell die Kontrolle verlieren k�nnen? Die Erinnerung, von dieser Frau �bers Knie gelegt und verdroschen zu werden, lie� sie erschaudern. Und mit welcher L�ssigkeit das geschehen war. In der Stimme dieser Frau hatte lediglich leichter Unmut gelegen. Sie hatte sie - eine der Auserw�hlten! - behandelt, als w�re sie kaum gr��erer Beachtung wert. Das hatte noch mehr geschmerzt als die Schl�ge.</p><p>Und es w�rde nicht noch einmal passieren. Das n�chste Mal war sie auf die Schl�ge gefasst, und sie w�rde ihnen keinen Wert beimessen. Ja, das w�rde funktionieren. Oder nicht?</p><p>Wieder erschauderte Semirhage. Im Namen der Vernunft und der Erkenntnis hatte sie Hunderte, wenn nicht sogar Tausende gefoltert. Folter war entlarvend. Man sah wirklich, aus was eine Person gemacht war - auf mehr als nur eine Weise -, wenn man anfing, sie aufzuschneiden. Diesen Satz hatte sie bei zahllosen Gelegenheiten benutzt. F�r gew�hnlich lie� er sie l�cheln.</p><p>Dieses Mal aber nicht.</p><p>Warum hatten sie ihr blo� keinen Schmerz zugef�gt? Gebrochene Finger, Schnitte ins Fleisch, gl�hende Kohlen in die Ellenbeugen. Sie hatte sich gegen jede einzelne dieser Ma�nahmen gest�hlt, sich darauf vorbereitet. Ein kleiner, begieriger Teil von ihr hatte sich sogar darauf gefreut.</p><p>Aber das? Gezwungen zu werden, vom Boden zu essen? Vor all jenen, die sie mit solcher Ehrfurcht betrachtet hatten, wie ein Kind behandelt zu werden?</p><p><emphasis>Ich werde sie t�ten,</emphasis> dachte sie nicht zum ersten Mal. <emphasis>Ich werde ihre Sehnen entfernen, eine nach der anderen, und sie mit der Macht Heilen, damit sie �berlebt, um die Schmerzen auch zu erleben. Nein. Nein, ich mache etwas anderes mit ihr. Ich werde ihr Qualen zeigen, wie sie in diesem Zeitalter noch niemand erlitten hat!</emphasis></p><p>�Semirhage.� Ein Fl�stern.</p><p>Sie erstarrte, sp�hte in die Finsternis. Die Stimme war leise gewesen, wie ein k�hler Windhauch, zugleich aber scharf und schneidend. Hatte sie sie sich eingebildet? <emphasis>Er</emphasis> konnte doch wohl nicht da sein, oder doch?</p><p>�Du hast einen gro�en Fehler gemacht, Semirhage�, fuhr die Stimme fort. So leise. Ein schwacher Lichtschimmer drang unter der T�r hindurch, aber die Stimme kam von irgendwo <emphasis>innerhalb</emphasis> ihrer Zelle. Das Licht schien heller zu werden, und dann gl�hte es blutrot und beleuchtete den Saum einer Gestalt im schwarzen Umhang, die vor ihr stand. Semirhage schaute auf. Das r�tliche Licht enth�llte ein wei�es Gesicht von der Farbe toter Haut. Das Gesicht hatte keine Augen.</p><p>Sofort warf sich Semirhage auf die Knie und dr�ckte das Gesicht zu Boden. Auch wenn die Gestalt vor ihr wie ein Myrddraal aussah, war sie doch viel gr��er und viel, <emphasis>viel</emphasis> wichtiger. Zitternd fiel ihr die Stimme des Gro�en Herrn ein, als er zu ihr gesprochen hatte.</p><p><emphasis>Wenn du Schaidar Haran gehorchst, gehorchst du mir. Bist du ungehorsam ...</emphasis></p><p>�Du solltest den Jungen gefangen nehmen und ihn nicht t�ten�, wisperte die Gestalt zischend; es klang wie Dampf, der zwischen Topf und Deckel entwich. �Du nahmst seine Hand und beinahe sein Leben. Du hast dich enth�llt und wertvolle Marionetten verloren. Du bist von unseren Feinden gefangen genommen worden, und jetzt haben sie dich gebrochen.� Sie konnte das L�cheln auf seinen Lippen h�ren. Schaidar Haran war der einzige Myrddraal, den sie je l�cheln gesehen hatte. Allerdings glaubte sie nicht, dass dieses Ding wirklich ein Myrddraal war.</p><p>Sie erwiderte nichts auf seine Anklagen. Vor dieser Gestalt suchte man nicht nach Ausfl�chten oder log gar.</p><p>Pl�tzlich verschwand die Abschirmung, die sie blockierte. Ihr stockte der Atem. <emphasis>Saidar</emphasis> war wieder da! Die s��e Macht. Aber dann z�gerte sie, als sie danach griff. Diese M�chtegern-Aes Sedai drau�en auf dem Korridor w�rden mitbekommen, wenn sie die Macht lenkte.</p><p>Kalte Finger mit langen Krallen ber�hrten ihr Kinn. Die Haut f�hlte sich wie totes Leder an. Sie dr�ckten ihren Kopf nach oben, damit sie den augenlosen Blick erwidern konnte. �Dir ist eine letzte Chance gew�hrt worden�, wisperten die madenhaften Lippen. �Versage nicht.�</p><p>Das Licht verblasste. Die Hand an ihrem Kinn zog sich zur�ck. Sie blieb knien und k�mpfte das Entsetzen nieder. Eine letzte Chance. Der Gro�e Herr belohnte Versagen stets auf ... einfallsreiche Weise. Solche Belohnungen hatte sie schon zuvor ausgeteilt und versp�rte nicht den geringsten Wunsch, sie zu empfangen. Sie w�rden jede Strafe und Folter, die diese Aes Sedai sich einfallen lassen konnten, vergleichsweise kindisch erscheinen lassen.</p><p>Semirhage zwang sich auf die F��e und tastete sich an der Wand entlang. Sie kam zur T�r, hielt die Luft an und versuchte es.</p><p>Die T�r �ffnete sich. Sie schl�pfte aus dem Zimmer, ohne die Angeln quietschen zu lassen. Vor ihr auf dem Boden lagen drei Leichen, die von ihren St�hlen gerutscht waren. Die Frauen, die ihre Abschirmung aufrechterhalten hatten. Da war noch jemand, der vor ihnen auf dem Boden kniete. Eine Aes Sedai. Eine Frau in einem gr�nen Kleid, deren braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zur�ckgebunden war. Sie hielt den Kopf gesenkt.</p><p>�Ich lebe, um zu dienen, Gro�e Herrin�, fl�sterte die Frau. �Man hat mir befohlen, Euch zu sagen, dass ein Zwang auf meinem Bewusstsein liegt, den Ihr entfernen sollt.�</p><p>Semirhage hob eine Braue; sie war gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich unter den hier versammelten Aes Sedai Schwarze befanden. Einen mit der Macht verursachten Zwang zu entfernen konnte sehr ... h�ssliche Auswirkungen auf die betroffene Person haben. Selbst wenn der Zwang nur schwach war, konnte man das Gehirn durch seine Entfernung ernsthaft sch�digen. War der Zwang stark ... nun, das zu sehen w�rde interessant sein.</p><p>�Au�erdem soll ich Euch das geben�, sagte die Frau und hob ein B�ndel in die H�he. Sie schlug das Tuch zur Seite und enth�llte einen matt schimmernden metallischen Kragen sowie zwei Armb�nder. Der Dominanzkragen. Erschaffen w�hrend der Zerst�rung der Welt und dem <emphasis>A'dam</emphasis> t�uschend �hnlich, mit dem Semirhage so lange gearbeitet hatte.</p><p>Mit diesem <emphasis>Ter'angreal</emphasis> konnte man einen Machtlenker kontrollieren. Endlich durchbrach ein L�cheln Semirhages Furcht.</p><p>Rand hatte die Gro�e F�ule nur ein einziges Mal besucht, obwohl er sich dunkel daran erinnern konnte, mehrmals in dieser Gegend gewesen zu sein, bevor die F�ulnis das Land krank gemacht hatte. Lews Therins Erinnerungen. Nicht seine.</p><p>Der Verr�ckte murmelte aufgebracht vor sich hin, als sie durch das saldaeanische Buschland ritten. Selbst Tai'daishar wurde unruhig, als sie sich weiter nach Norden wandten.</p><p>Saldaea war eine braune Landschaft voller B�sche und dunkler Erde, nicht ann�hernd so unfruchtbar wie die Aielw�ste, aber kaum ein �ppiges oder weiches Land. Geh�fte waren weit verbreitet, aber sie hatten fast das Aussehen von Festungen, und kleine Kinder gingen daher wie ausgebildete Krieger. Lan hatte ihm einmal erz�hlt, dass ein Junge bei den Grenzl�ndern zum Mann wurde, wenn er sich das Recht verdient hatte, ein Schwert zu tragen.</p><p>�Ist Euch der Gedanke kommen�, sagte Ituralde, der links von ihm ritt, �dass man das, was wir hier tun, durchaus als Invasion bezeichnen k�nnte?�</p><p>Rand deutete auf Bashere, der rechts von ihm durch das Gestr�pp ritt. �Ich bringe Truppen von ihrem eigenen Blut mit�, sagte er. �Die Saldaeaner sind meine Verb�ndeten.�</p><p>Bashere lachte. �Ich habe da meine Zweifel, dass es die K�nigin auf diese Weise sehen wird, mein Freund! Es ist viele Monate her, seit ich das letzte Mal nach Befehlen gefragt habe. Ehrlich gesagt w�rde es mich nicht einmal �berraschen, sollte sie mittlerweile nach meinem Kopf verlangen.�</p><p>Rand richtete den Blick nach vorn. �Ich bin der Wiedergeborene Drache. Es ist keine Invasion, wenn man gegen die Streitkr�fte des Dunklen K�nigs reitet.� Voraus erhoben sich die Ausl�ufer der Berge des Verderbens. Sie schimmerten dunkel, als w�ren ihre H�gel mit einer Ru�schicht �berzogen.</p><p>Was w�rde er tun, wenn ein anderer Monarch mit einem Wegetor fast f�nfzigtausend Soldaten hinter seine Grenzen brachte? Es war eine Kriegshandlung, aber die Streitkr�fte der Grenzl�nder waren unterwegs, um wer wei� was zu tun, und er w�rde diese L�ndereien nicht unverteidigt lassen. Keinen Stundenritt weiter s�dlich hatten Ituraldes Domani neben einem Fluss, der weit oben im Hochland vom Ende der Welt entsprang, ein befestigtes Lager aufgeschlagen. Rand hatte Lager und Truppen inspiziert. Danach hatte Bashere vorgeschlagen, dass er sich die F�ule ansah. Die Kundschafter waren �berrascht gewesen, wie schnell die F�ulnis voranschritt, und Bashere hatte es f�r wichtig gehalten, dass sich Rand und Ituralde selbst davon �berzeugten. Rand war einverstanden gewesen. Manchmal konnten Karten nicht die Wahrheit vermitteln, die Augen sehen konnten.</p><p>Die Sonne neigte sich dem Horizont zu wie ein m�des Auge, das sich nach Schlaf sehnte. Tai'daishar stampfte mit dem Huf auf und warf den Kopf zur�ck. Rand hob eine Hand und lie� die Gruppe anhalten - zwei Gener�le, f�nfzig Soldaten und die gleiche Anzahl T�chter, und Narishma hinter ihnen, um Wegetore zu weben.</p><p>N�rdlich von ihnen bewegten sich auf einer niedrigen Anh�he Flecken aus breiten Grashalmen und niedrigen B�schen wie Wellen im Wind. Es gab keine scharf umrissene Grenzlinie, an der die F�ule begann. Hier ein Flecken auf einem Grashalm, dort ein kr�nklicher Schimmer an einem St�ngel. Jede einzelne Stelle war unverf�nglich, aber es gab zu viele von ihnen, viel zu viele. Oben auf dem H�gel gab es nicht eine unversehrte Pflanze. Der Befall schien zu wuchern, noch w�hrend er zusah.</p><p>Die F�ule umgab ein schmieriges Gef�hl von Tod, von Pflanzen, die so gerade eben �berlebten, am Leben gehalten wie Gefangene, die man bis an die Grenze des Todes aushungerte. H�tte Rand etwas Vergleichbares in einem Feld in den Zwei Fl�ssen entdeckt, h�tte er die ganze Ernte verbrannt und w�re �berrascht gewesen, dass man es nicht schon l�ngst getan hatte.</p><p>Bashere fuhr sich mit dem Finger �ber den langen schwarzen Schnurrbart. �Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, wo es erst ein paar Meilen weiter n�rdlich losging. Und das ist gar nicht so lange her.�</p><p>�Ich habe bereits Patrouillen eingerichtet, die die ganze L�nge abreiten�, sagte Ituralde. Er starrte die kr�nkelnde Landschaft an. �Alle Berichte gleichen sich. Dort drau�en ist es ruhig.�</p><p>�Das sollte als Warnung reichen, dass etwas nicht stimmt�, meinte Bashere. �Es gibt immer umherstreifende Trollocs, die man bek�mpfen muss. Wenn es sie nicht gibt, dann verscheucht sie gerade etwas Schlimmeres. Wie die W�rmer.�</p><p>Ituralde st�tzte sich mit dem Arm auf dem Sattel ab und sch�ttelte den Kopf, w�hrend er weiter auf die F�ule hinausstarrte. �Ich habe keine Erfahrung darin, gegen solche Dinge zu k�mpfen. Ich wei�, wie M�nner denken, aber Trollocs bauen keine Nachschublinien auf, und die W�rmer und was sie anrichten k�nnen kenne ich blo� aus <emphasis>Geschichten</emphasis>.�</p><p>�Einige von Basheres Offizieren werde ich als Berater zur�cklassen�, sagte Rand.</p><p>�Das w�re hilfreich�, pflichtete Ituralde ihm bei. �Aber ich frage mich, ob es nicht einfach besser w�re, <emphasis>ihn</emphasis> hier zu lassen. Seine Soldaten k�nnten diese Gegend patrouillieren, und Ihr k�nntet meine Truppen in Arad Doman einsetzen. Nichts f�r ungut, mein Lord, aber findet Ihr es nicht seltsam, uns jeweils in den K�nigreichen des anderen arbeiten zu lassen?�</p><p>�Nein.� Es war nicht seltsam, es machte auf bittere Weise Sinn. Er vertraute Bashere, und die Saldaeaner hatten ihm treu gedient, aber es w�rde gef�hrlich sein, sie in ihren Heimatl�ndern zu lassen. Bashere war ein Cousin der K�nigin, und was war mit seinen M�nnern? Wie w�rden sie reagieren, wenn ihre eigenen Landsleute sie fragten, warum sie Drachenverschworene geworden waren? So seltsam es auch war, Rand wusste, dass er viel weniger �rger heraufbeschw�ren w�rde, wenn er Fremde auf saldaeanischem Boden zur�cklie�.</p><p>Seine Begr�ndung f�r Ituralde war gleicherma�en brutal. Der Mann hatte ihm einen Eid geleistet, aber B�ndnisse konnten sich �ndern. Hier drau�en direkt an der F�ule w�rden Ituralde und seine M�nner nur wenig Gelegenheit haben, sich gegen ihn zu wenden. Sie befanden sich auf feindlichem Gebiet, und Rands Asha'man w�rden ihre einzige schnelle M�glichkeit darstellen, nach Arad Doman zur�ckzukehren. In seiner Heimat h�tte Ituralde Truppen aufstellen und vielleicht zu dem Schluss kommen k�nnen, dass er den Schutz des Wiedergeborenen Drachen doch nicht brauchte.</p><p>Es war viel sicherer, die Heere auf feindlichem Territorium zu halten. Rand hasste es, so denken zu m�ssen, aber das war einer der gro�en Unterschiede zwischen dem Mann, der er gewesen war, und dem Mann, zu dem er geworden war. Nur einer dieser M�nner vermochte das zu tun, was getan werden musste, ganz egal, wie sehr er es auch hasste.</p><p>�Narishma�, rief er. �Wegetor.�</p><p>Er musste sich nicht umdrehen, um zu f�hlen, wie Narishma die Eine Macht ergriff und zu weben anfing. Das Gef�hl kribbelte in ihm und lockte ihn, aber er wehrte es ab. Es fiel ihm immer schwerer, die Macht zu ergreifen, ohne sich �bergeben zu m�ssen, und er hatte nicht die Absicht, <emphasis>vor</emphasis> Ituralde seinen Mageninhalt auszuw�rgen.</p><p>�Am Ende der Woche sollt Ihr hundert Asha'man haben�, sagte er zu Ituralde. �Ich nehme an, Ihr wisst sie gut zu gebrauchen.�</p><p>�Ja, das glaube ich auch.�</p><p>�Verfasst t�gliche Berichte, selbst wenn nichts geschieht. Schickt die Boten durch ein Wegetor. In vier Tagen breche ich das Lager ab und gehe nach Bandar Eban.�</p><p>Bashere grunzte; das war ihm neu. Rand lenkte sein Pferd zu dem gro�en offenen Wegetor hinter ihnen. Einige der T�chter waren bereits hindurchgesprungen, gingen wie immer als Erste. Narishma stand an der Seite, das Haar zu zwei dunklen Z�pfen mit Gl�ckchen geflochten. Auch er war Grenzl�nder gewesen, bevor er zum Asha'man geworden war. Zu viele belastete Loyalit�ten. Was w�rde f�r Narishma an erster Stelle stehen? Seine Heimat? Rand? Die Aes Sedai, deren Beh�ter er war? Rand war sich ziemlich sicher, dass der Mann loyal war; er hatte zu jenen geh�rt, die ihm bei den Quellen von Dumai zu Hilfe gekommen waren. Aber die gef�hrlichsten Feinde waren immer die, von denen man annahm, dass man ihnen vertrauen konnte.</p><p><emphasis>Man kann keinem von ihnen vertrauen!,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Wir h�tten sie nie so nahe an uns heranlassen d�rfen. Sie werden sich gegen uns wenden!</emphasis></p><p>Der Wahnsinnige haderte stets mit anderen M�nnern, die die Macht lenken konnten. Rand dr�ngte Tai'daishar vorw�rts und ignorierte Lews Therins Gestammel, obwohl ihn die Stimme wieder an jene Nacht denken lie�. Die Nacht, in der er von Moridin getr�umt hatte und kein Lews Therin in seinem Verstand gewesen war. Das Wissen, dass seine Tr�ume nicht l�nger sicher waren, drehte ihm den Magen um. Sie waren sein Zufluchtsort geworden, auf den er sich verlassen hatte. Albtr�ume konnten ihn heimsuchen, das schon, aber es waren wenigstens seine eigenen Albtr�ume.</p><p>Warum war ihm Moridin in Shadar Logoth zu Hilfe gekommen, damals bei dem Kampf mit Sammael? Was f�r ein undurchsichtiges Netz webte er? Er hatte behauptet, dass Rand in <emphasis>seinen</emphasis> Traum eingedrungen war, aber war das nicht nur eine weitere L�ge gewesen?</p><p><emphasis>Ich muss sie vernichten,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Alle Verlorenen, und dieses Mal muss ich es richtig machen. Ich muss hart sein.</emphasis></p><p>Nur dass Min nicht wollte, dass er hart war. Gerade ihr wollte er keine Angst machen. Min konnte man nichts vormachen; sie mochte ihn ja einen Narren nennen, aber sie log nicht, und das entfachte in ihm den Wunsch, der Mann zu sein, den <emphasis>sie</emphasis> sich w�nschte. Aber konnte er dieses Wagnis eingehen? Konnte ein Mann, der zu lachen verstand, auch der Mann sein, der sich dem stellen konnte, was am Shayol Ghul getan werden musste?</p><p>Um zu leben, musst du sterben, so lautete die Antwort auf eine seiner drei Fragen. Wenn er Erfolg hatte, w�rde die Erinnerung an ihn - sein Verm�chtnis - nach seinem Tod weiterleben. Keine besonders tr�stliche Vorstellung. Er wollte nicht sterben. Wer wollte das schon? Die Aiel behaupteten, den Tod nicht zu suchen, auch wenn sie ihn umarmten, wenn er kam.</p><p>Er betrat das Wegetor. Reiste zur�ck zu dem Herrenhaus in Arad Doman mit dem Ring aus Kiefern, die den zertrampelten braunen Boden und die langen Zeltreihen umgaben. Nur ein harter Mann konnte sich seinem eigenen Tod stellen, gegen den Dunklen K�nig k�mpfen, w�hrend sein Blut auf den Felsen vergossen wurde. Wer h�tte angesichts dessen schon lachen k�nnen?</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Lews Therin in seinem Kopf zu haben war nicht hilfreich.</p><p><emphasis>Sie hat recht,</emphasis> sagte Lews Therin unvermittelt.</p><p><emphasis>Sie?,</emphasis> fragte Rand.</p><p><emphasis>Die H�bsche. Die mit den kurzen Haaren. Sie sagt, wir m�ssen die Siegel zerbrechen. Sie hat recht.</emphasis></p><p>Rand erstarrte, hielt Tai'daishar an, ignorierte den Stallburschen, der gelaufen kam, um das Pferd zu holen. Lews Therin ihm zustimmen zu h�ren ...</p><p><emphasis>Was tun wir danach?,</emphasis> fragte Rand.</p><p><emphasis>Wir sterben. Du hast versprochen, dass wir sterben!</emphasis></p><p><emphasis>Nur, wenn wir den Dunklen K�nig besiegen,</emphasis> erwiderte Rand. <emphasis>Du wei�t genau, wenn er gewinnt, dann wird nichts mehr f�r uns da sein. Nicht einmal mehr der Tod.</emphasis></p><p><emphasis>Ja ... nichts,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Das w�re nett. Keine Schmerzen, kein Bedauern. Nichts.</emphasis></p><p>Rand versp�rte ein Fr�steln. Wenn Lews Therin anfing, so zu denken ... <emphasis>Nein,</emphasis> erwiderte er, <emphasis>das w�re nicht das Nichts. Er h�tte unsere Seele. Die Qual w�rde schlimmer sein, viel schlimmer.</emphasis></p><p>Lews Therin fing an zu weinen.</p><p><emphasis>Lews Therin!</emphasis>, fuhr Rand ihn an. <emphasis>Was tun wir? Wie hast du den Stollen das letzte Mal versiegelt?</emphasis></p><p><emphasis>Es hat nicht funktioniert,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Wir benutzten</emphasis> Saidin, <emphasis>aber wir haben den Dunklen K�nig damit ber�hrt. Es war die einzige M�glichkeit! Etwas muss ihn ber�hren, etwas muss die L�cke schlie�en, aber er konnte es verderben. Das Siegel war schwach!</emphasis></p><p><emphasis>Ja, aber was machen wir anders?,</emphasis> dachte Rand.</p><p>Schweigen. Einen Moment lang sa� er da, dann rutschte er von Tai'daishar und lie� ihn von dem nerv�sen Stallburschen fortf�hren. Die restlichen T�chter kamen durch das Tor, und Bashere und Narishma bildeten den Abschluss. Rand wartete nicht auf sie, obwohl er Deira Bashere, Davram Basheres Frau, vor dem Reisegel�nde stehen sah. Die gro�e, statueske Frau hatte dunkles Haar mit grauen Str�hnen an den Schl�fen. Sie warf ihm einen absch�tzenden Blick zu. Was w�rde sie tun, wenn Bashere in seinen Diensten starb? W�rde sie ihm weiterhin folgen, oder w�rde sie die Truppen zur�ck nach Saldaea f�hren? Sie war so willensstark wie ihr Ehemann. Vielleicht sogar willensst�rker.</p><p>Rand passierte sie mit einem Nicken und einem L�cheln und ging durch das abendliche Lager auf das Haus zu. Also wusste Lews Therin nicht, wie man das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs versiegelte. Was nutzte ihm die Stimme dann? Sollte er doch zu Asche verbrennen, aber er war eine von Rands wenigen Hoffnungen gewesen!</p><p>Die meisten Leute waren klug genug, um ihm aus dem Weg zu gehen, als sie ihn �ber den Rasen stapfen sahen. Er konnte sich noch an die Zeit erinnern, als ihn solche Stimmungen nicht �berfallen hatten, als er noch ein einfacher Schafhirte gewesen war. Rand der Wiedergeborene Drache war ein v�llig anderer Mann. Ein Mann mit einer gro�en Verantwortung und Pflichten. Das musste er sein.</p><p>Pflicht. Pflicht war wie ein Berg. Nun, er f�hlte sich, als s��e er zwischen einem guten Dutzend verschiedener Berge, die alle auf ihn zur�ckten, um ihn zu zermalmen. Bei all diesen Kr�ften schienen seine Gef�hle durch den ganzen Druck zu brodeln. War es da ein Wunder, wenn sie hervorbrachen?</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Im Osten lagen die Verschleierten Berge. Die Sonne stand im Begriff unterzugehen, und die Berge lagen in rotes Licht getaucht. Jenseits davon im S�den lagen Emondsfelde und die Zwei Fl�sse, seltsam nah. Eine Heimat, die er nie wiedersehen w�rde, denn ein Besuch w�rde nur seine Feinde darauf aufmerksam machen, wie viel ihm daran lag. Er hatte schwer daran gearbeitet, sie glauben zu lassen, dass er ein Mann ohne jede Bindungen war. Manchmal f�rchtete er, dass seine List zur Realit�t geworden war.</p><p>Berge. Berge wie Pflicht. In diesem Fall die Pflicht der Einsamkeit, denn irgendwo s�dlich von diesen viel zu nahen Bergen war sein Vater Tam. Er hatte ihn schon solange nicht mehr gesehen. Tam war sein Vater. Das hatte er entschieden. Seinen Geburtsvater hatte er nie kennengelernt, den Aiel Clanh�uptling Janduin, und auch wenn er offensichtlich ein Mann von Ehre gewesen war, versp�rte er keinen Wunsch, ihn Vater zu nennen.</p><p>Manchmal sehnte er sich nach Tams Stimme, seiner Weisheit. Das waren die Augenblicke, in denen er wusste, dass er am h�rtesten sein musste, denn nur <emphasis>ein</emphasis> Augenblick der Schw�che, ein Augenblick, in dem er hilfesuchend zu seinem Vater rannte, w�rde fast alles vernichten, wof�r er gearbeitet hatte. Und es w�rde vermutlich auch das Ende von Tams Leben bedeuten.</p><p>Rand betrat das Herrenhaus durch das verbrannte Loch an der Vorderseite, schob die dicke Plane zur Seite, die als neuer Eingang diente, wandte den Verschleierten Bergen den R�cken zu. Er war allein. Er <emphasis>musste</emphasis> allein sein. Sich auf jemanden zu verlassen w�rde das Risiko bergen, am Shayol Ghul schwach zu sein. In der Letzten Schlacht w�rde er sich auf niemanden st�tzen k�nnen als auf sich selbst.</p><p>Pflicht. Wie viele Berge musste ein Mann tragen?</p><p>Im Inneren des Hauses roch es noch immer nach Rauch. Lord Tellaen hatte sich z�gernd, wenn auch beharrlich �ber das Feuer beschwert, bis er eine Entsch�digung f�r den Mann angeordnet hatte, auch wenn er nicht f�r die Blase des B�sen verantwortlich gewesen war. Oder doch? Ein <emphasis>Ta'veren</emphasis> zu sein hatte viele seltsame Auswirkungen, ob man Leute dazu brachte, Dinge zu sagen, die sie normalerweise nicht gesagt h�tten, oder jene die Treue schw�ren lie�, die eben noch geschwankt hatten. Er war ein Brennpunkt f�r �rger, Blasen des B�sen eingeschlossen. Er hatte sich nicht ausgesucht, dieser Brennpunkt zu sein, aber er hatte sich entschieden, in dem Herrenhaus zu bleiben.</p><p>So oder so, Tellaen war entsch�digt worden. Ein Trinkgeld verglichen mit den Summen, die Rand ausgab, um seine Armeen zu finanzieren, und selbst das war wenig verglichen mit den Geldmitteln, die er daf�r eingesetzt hatte, um Nahrungsmittel nach Arad Doman und andere Krisengebiete zu bringen. Seine Verwalter sorgten sich, dass er seine G�ter in Illian, Tear und Cairhien bald in den Bankrott treiben w�rde, wenn er sein Geld weiter in diesem Tempo ausgab. Er hatte ihnen nicht gesagt, dass ihm das v�llig egal war.</p><p>Er w�rde die Welt zur Letzten Schlacht f�hren.</p><p><emphasis>Und das wird dein einziges Verm�chtnis sein?,</emphasis> fl�sterte eine Stimme in seinem Hinterkopf. Das war nicht Lews Therin, sondern sein eigener Gedanke, eine leise Stimme, der Teil von ihm, der ihn veranlasst hatte, in Andor und Cairhien Schulen zu gr�nden. <emphasis>Du willst leben, nachdem du gestorben bist? Wirst du all jene, die dir gefolgt sind, Krieg, Hunger und Chaos �berlassen? Wirst du in der Zerst�rung weiterleben?</emphasis></p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. Er konnte nicht alles richten! Er war nur ein Mann. �ber die Letzte Schlacht hinauszudenken war albern. Er konnte sich keine Sorgen �ber die nachfolgende Welt machen. Das w�rde ihn nur ablenken.</p><p><emphasis>Und was ist das Ziel?,</emphasis> schien die Stimme zu sagen. <emphasis>Zu �berleben oder Erfolg haben? Schaffst du die Voraussetzungen f�r die n�chste Zerst�rung der Welt oder f�r das n�chste Zeitalter der Legenden?</emphasis></p><p>Darauf hatte er keine Antwort. Lews Therin r�hrte sich und plapperte unverst�ndlich vor sich hin. Rand stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Beim Licht, er war m�de.</p><p>Was hatte der Verr�ckte noch einmal gesagt? Bei der Versiegelung des Stollens in das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs hatte er <emphasis>Saidin</emphasis> benutzt. Denn so viele der Aes Sedai jener Zeit hatten sich gegen ihn gewendet, und ihm waren nur die Hundert Gef�hrten geblieben - die m�chtigsten m�nnlichen Aes Sedai seiner Tage. Keine Frauen. Die weiblichen Aes Sedai hatten seinen Plan f�r zu riskant gehalten.</p><p>Unbehaglicherweise hatte Rand das Gef�hl, sich beinahe an diese Geschehnisse erinnern zu k�nnen - nicht an die tats�chlichen Vorkommnisse, sondern an die Wut, die Verzweiflung und die Entscheidung. Hatte der Fehler also darin bestanden, nicht auch die weibliche H�lfte der Macht zus�tzlich zur m�nnlichen zu benutzen? Hatte das den Gegenschlag des Dunklen K�nigs erm�glicht, <emphasis>Saidin</emphasis> zu verderben und Lews Therin und die �brig gebliebenen M�nner der Hundert Gef�hrten in den Wahnsinn zu treiben?</p><p>Konnte es so einfach sein? Wie viele Aes Sedai w�rde er brauchen? W�rde er <emphasis>�berhaupt</emphasis> welche von ihnen brauchen? Genug Weise Frauen konnten die Macht lenken. Sicherlich musste mehr dahinterstecken.</p><p>Da gab es dieses Kinderspiel, Schlangen und F�chse. Es hie�, dass man es nur gewinnen konnte, wenn man die Regeln brach. Also was war mit seinem anderen Plan? Konnte er die Regeln brechen, indem er den Dunklen K�nig t�tete? Konnte selbst er, der Wiedergeborene Drache, es �berhaupt wagen, so etwas in Betracht zu ziehen?</p><p>Er �berquerte den �chzenden Holzfu�boden des Korridors und stie� die T�r zu seinem Zimmer auf. Min lag auf dem Bett, einige Kissen im R�cken, und trug ihre bestickten gr�nen Hosen und ein Leinenhemd. Im Licht der Lampe bl�tterte sie in einem Buch. Eine �ltere Dienerin huschte gesch�ftig umher und sammelte das Geschirr von Mins Abendmahlzeit ein. Rand sch�lte sich aus dem Mantel und seufzte.</p><p>Er setzte sich auf die Bettkante, und Min legte das Buch weg, ein Band mit dem Titel <emphasis>Eine ausf�hrliche Diskussion von Relikten aus der Zeit vor der Zerst�rung der Welt.</emphasis> Sie setzte sich auf und rieb mit einer Hand seinen Nacken. Sch�sseln klirrten, als die Dienerin sie zusammenstellte, und sie verneigte sich entschuldigend und lud sie nur noch schneller in ihren Tragekorb.</p><p>�Du treibst dich wieder zu hart an, Schafhirte�, sagte Min.</p><p>�Das muss ich.�</p><p>Sie kniff ihn hart in den Nacken, und er zuckte grunzend zusammen. �Nein, das musst du nicht�, sagte sie ihm leise ins Ohr. �Hast du mir nicht zugeh�rt? Wozu wirst du noch zu gebrauchen sein, wenn du dich vor der Letzten Schlacht ersch�pfst? Beim Licht, Rand, ich habe dich seit Monaten nicht mehr lachen geh�rt.�</p><p>�Ist das wirklich eine Zeit zum Lachen?�, wollte er wissen. �Willst du wirklich, dass ich gl�cklich bin, w�hrend Kinder verhungern und M�nner einander umbringen? Soll ich <emphasis>lachen,</emphasis> wenn ich h�re, dass Trollocs noch immer durch die kurzen Wege kommen? Soll ich dar�ber gl�cklich sein, dass der gr��te Teil der Verlorenen noch immer irgendwo dort drau�en lauert und dar�ber nachdenkt, wie sie mich am besten t�ten k�nnen?�</p><p>�Nun, nein�, sagte Min. �Nat�rlich nicht. Aber wir d�rfen nicht zulassen, dass die Probleme der Welt uns vernichten. Cadsuane sagt ...�</p><p>�Warte�, fauchte er und drehte den Oberk�rper, damit er sie ansehen konnte. Sie kniete auf dem Bett, das kurz geschnittene dunkle Haar kr�uselte sich unter ihrem Kinn. Sein Tonfall schien sie zu entsetzen.</p><p>�Was hat Cadsuane damit zu tun?�, fragte er.</p><p>Min runzelte die Stirn. �Nichts.�</p><p>�Sie hat dir gesagt, was du sagen sollst. Sie benutzt dich, um an mich heranzukommen!�</p><p>�Sei kein Narr.�</p><p>�Was hat sie �ber mich gesagt?�</p><p>Min zuckte mit den Schultern. �Sie sorgt sich dar�ber, wie abweisend du geworden bist. Rand, worum geht es hier?�</p><p>�Sie will mich manipulieren. Sie benutzt dich. Was hast du ihr erz�hlt?�</p><p>Min kniff ihn erneut fest. �Mir gef�llt dein Ton nicht, Dummkopf. Ich dachte, Cadsuane w�re deine Beraterin. Warum sollte ich in ihrer Gegenwart aufpassen, was ich sage?�</p><p>Die Dienerin klirrte noch immer mit dem Geschirr. Warum konnte sie nicht einfach verschwinden! Diese Art Diskussion wollte er nun wirklich nicht vor Fremden f�hren.</p><p>Min konnte nicht mit Cadsuane zusammenarbeiten, oder doch? Er vertraute Cadsuane keinen Fingerbreit. Wenn sie zu Min durchgedrungen war ...</p><p>Etwas verkrampfte sich in seinem Herzen. Misstraute er jetzt tats�chlich schon <emphasis>Min,</emphasis> war das m�glich? Sie war immer diejenige gewesen, die ihm ehrlich gegen�bergetreten war, die mit ihm keine Spielchen getrieben hatte. Was w�rde er machen, wenn er sie verlor? <emphasis>Soll man mich doch zu Asche verbrennen!,</emphasis> dachte er. <emphasis>Sie hat recht. Ich bin zu abweisend geworden. Was wird aus mir, wenn ich jetzt anfange, denen zu misstrauen, von denen ich</emphasis> wei�, <emphasis>dass sie mich lieben? Dann bin ich nicht besser als der verr�ckte Lews Therin.</emphasis></p><p>�Min�, sagte er und m��igte seinen Tonfall. �Vielleicht hast du recht. Vielleicht bin ich zu weit gegangen.�</p><p>Sie schaute ihn an, entspannte sich. Dann versteifte sie sich, riss entsetzt die Augen auf.</p><p>Etwas Kaltes schloss sich klickend um Rands Hals.</p><p>Er griff danach, fuhr herum. Die Dienerin stand vor ihm, aber ihre Gestalt verschwamm. Sie verschwand und wurde von einer Frau mit schwarzer Haut und schwarzen Augen ersetzt, deren scharf geschnittenes Gesicht triumphierte. Semirhage.</p><p>Rand ber�hrte Metall. Zu kaltes Metall, das sich wie Eis anf�hlte und gegen seine Haut dr�ckte. Au�er sich vor Zorn versuchte er, das Schwert aus seiner schwarzen, mit dem Drachen bemalten Scheide zu ziehen, musste aber entdecken, dass er das nicht konnte. Seine Beine spannten sich an, als m�ssten sie gegen ein unvorstellbares Gewicht ank�mpfen. Er riss an dem Kragen herum - die Finger konnte er noch bewegen -, aber das Metall schien aus einem einzigen, glatten, fugenlosen Reif zu bestehen.</p><p>In diesem Augenblick versp�rte er Entsetzen. Trotzdem erwiderte er Semirhages Blick, und sie l�chelte gen�sslich. �Schon eine lange Zeit habe ich darauf gewartet, dir einen Dominanzkragen anlegen zu k�nnen, Lews Therin. Seltsam, wie sich die Umst�nde ergeben, nicht ...�</p><p>Etwas blitzte durch die Luft, und Semirhage blieb kaum genug Zeit f�r einen Aufschrei, bevor etwas nur um Haaresbreite die Klinge abwehrte - ein Gewebe aus Luft, wie Rand nur vermuten konnte, denn er konnte die aus <emphasis>Saidar</emphasis> gemachten Gewebe nicht sehen. Immerhin hatte Mins Messer einen Schnitt auf Semirhages Wange hinterlassen, bevor es weitergeflogen war und sich in die T�r gebohrt hatte.</p><p>�Wachen!�, schrie Min. �T�chter, zu den Waffen! Der <emphasis>Car'a'carn</emphasis> ist in Gefahr!�</p><p>Semirhage fluchte, schwenkte die Hand, und Min verstummte. Rand b�umte sich auf, versuchte <emphasis>Saidin</emphasis> zu ergreifen und scheiterte. Etwas blockierte ihn. Str�me aus Luft stie�en Min vom Bett, verschlossen ihren Mund. Rand wollte zu ihr laufen und musste erneut feststellen, dass er das nicht konnte. Seine Beine gehorchten einfach nicht.</p><p>In diesem Augenblick �ffnete sich die T�r. Eine andere Frau schob sich eilig hinein. Sie schaute nach hinten, als hielte sie nach etwas Ausschau, dann schloss sie sie. Elza. Rand versp�rte eine Woge der Hoffnung, aber dann gesellte sich die kleine Frau zu Semirhage und nahm das andere Armband, das das <emphasis>A'dam</emphasis> um seinen Hals kontrollierte. Sie schaute zu ihm hoch. Ihre Augen waren ger�tet und wirkten benommen - als h�tte sie einen ordentlichen Schlag auf den Kopf davongetragen. Aber als sie ihn dort sitzen sah, l�chelte sie. �Und so erf�llst du endlich dein Schicksal, Rand al'Thor. Du wirst dem Gro�en Herrn gegen�bertreten. Und du wirst verlieren.�</p><p>Elza. Elza war eine Schwarze Schwester, sollte sie zu Asche verbrennen! Rands Haut kribbelte, als er f�hlte, wie sie neben ihrer Herrin stehend <emphasis>Saidar</emphasis> umarmte. Beide traten ihm entgegen, jede von ihnen trug einen Armreif, und Semirhage sah �berragend souver�n aus.</p><p>Rand knurrte, wandte den Kopf Semirhage zu. Er w�rde sich <emphasis>nicht</emphasis> auf diese Weise unterjochen lassen!</p><p>Die Verlorene ber�hrte den blutenden Schnitt auf ihrer Wange, dann schnalzte sie �rgerlich mit der Zunge. Sie trug ein einfaches braunes Kleid. Wie war sie ihrer Gefangenschaft entkommen? Und wo hatte sie diesen verfluchten Kragen her? Rand hatte ihn Cadsuane zur Aufbewahrung gegeben. Sie hatte <emphasis>geschworen,</emphasis> er w�rde sicher sein!</p><p>�Es werden keine W�chter kommen, Lews Therin�, sagte Semirhage gedankenverloren und hielt die Hand mit dem Armreif hoch; der Armreif passte zu dem Kragen um Rands Hals. �Diesen Raum habe ich gegen Lauscher abgeschirmt. Du wirst bemerken, dass du dich nicht bewegen kannst, ohne dass ich es erlaube. Du hast es bereits versucht, und du musst erkennen, wie sinnlos das ist.�</p><p>Verzweifelt griff Rand erneut nach <emphasis>Saidin,</emphasis> fand aber nichts. In seinem Kopf fing Lews Therin an zu knurren und zu schluchzen, und um ein Haar h�tte sich Rand dem Mann angeschlossen. Min! Er musste sie erreichen. Er musste stark genug sein!</p><p>Er zwang sich Semirhage und Elza entgegen, aber es war, als w�rde er versuchen, die Beine eines anderen zu bewegen. Er war in seinem eigenen Kopf gefangen, wie Lews Therin. Er �ffnete den Mund, um einen Fluch auszusto�en, aber es kam nur ein Kr�chzen heraus.</p><p>�Ja�, sagte Semirhage, �du kannst auch nicht ohne Erlaubnis sprechen. Und ich w�rde dir vorschlagen, nicht noch einmal nach <emphasis>Saidin</emphasis> zu greifen. Du wirst die Erfahrung unerfreulich finden. Bei fr�heren Tests mit dem Dominanzkragen habe ich herausgefunden, dass er ein viel eleganteres Werkzeug als diese seanchanischen <emphasis>A'dam</emphasis> ist. Ihr <emphasis>A'dam,</emphasis> erlaubt einen gewissen Spielraum an Freiheit, verl�sst sich auf �belkeit, um f�r Gef�gigkeit zu sorgen. Der Dominanzkragen verlangt viel mehr Gehorsam. Du wirst genau das tun, was ich will. Zum Beispiel ...�</p><p>Rand stand vom Bett auf, seine Beine bewegten sich gegen seinen Willen. Dann schoss seine Hand in die H�he und fing an, seinen Hals ein St�ck �ber dem Kragen zu w�rgen. Taumelnd keuchte er. Fieberhaft griff er nach <emphasis>Saidin.</emphasis></p><p>Und fand nur Schmerzen. Es war, als h�tte er in ein brennendes �lfass gegriffen und die flammende Fl�ssigkeit dann in seine Adern gesogen. Gequ�lt schrie er auf und brach zusammen. Die Pein lie� ihn sich winden, um ihn herum wurde alles dunkel.</p><p>�Siehst du.� Semirhages Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. �Ah, ich hatte ganz vergessen, wie befriedigend das doch ist.�</p><p>Der Schmerz war wie eine Million Ameisen, die sich durch seine Haut bis auf seinen Knochen fra�en. Seine Muskeln verkrampften sich, er b�umte sich auf.</p><p><emphasis>Wir sind wieder in der Kiste!,</emphasis> schrie Lews Therin.</p><p>Und pl�tzlich war Rand das tats�chlich. Er konnte sie sehen, den schwarzen engen Raum, der ihn zermalmte. Sein K�rper war wund von den wiederholten Schl�gen, sein Verstand bem�hte sich verzweifelt, nicht im Wahnsinn zu versinken. Lews Therin war sein einziger Gef�hrte gewesen. Es war eines der ersten Male gewesen, dass sich Rand daran erinnern konnte, mit dem Wahnsinnigen zu kommunizieren; erst kurz vor diesem Tag hatte Lews Therin angefangen, auf ihn zu reagieren.</p><p>Er hatte sich gestr�ubt, Lews Therin als Teil von sich zu akzeptieren. Als den verr�ckten Teil, der Teil, der die Folter ertrug, und das auch nur, weil er bereits so gequ�lt war. Weiteres Leid und Schmerz waren bedeutungslos. Man konnte keinen Becher mehr f�llen, der bereits �berlief.</p><p>Rand h�rte auf zu schreien. Der Schmerz war noch immer da, er lie� seine Augen tr�nen, aber die Schreie wollten nicht kommen. Stille trat ein.</p><p>Semirhage schaute stirnrunzelnd auf ihn herunter, von ihrem Kinn tropfte Blut. Eine weitere Schmerzwelle �berflutete ihn. Wer auch immer er war.</p><p>�Was tust du?�, fragte sie und zwang ihn zur Antwort. �Sprich.�</p><p>�Mir kann man nichts mehr antun�, fl�sterte er.</p><p>Die n�chste Schmerzwelle. Sie sch�ttelte ihn, und tief in seinem Inneren wimmerte etwas, aber nach au�en hin zeigte er keine Reaktion. Nicht, weil er die Schreie zur�ckhielt, sondern weil er <emphasis>nichts</emphasis> f�hlte. Die Kiste, die beiden Wunden in seiner Seite, die sein Blut vergifteten, Pr�gel, Dem�tigungen, Leid und sein Selbstmord. Wie er sich selbst t�tete. Pl�tzlich erinnerte er sich wieder genau. Nach all diesen Dingen, was konnte ihm Semirhage da noch antun?</p><p>�Gro�e Herrin�, sagte Elza, deren Augen noch immer etwas benommen blickten. �Vielleicht sollten wir ...�</p><p>�Still, Wurm�, fauchte Semirhage sie an und wischte sich Blut vom Kinn. Sie betrachtete es. �Das war jetzt schon das zweite Mal, dass diese Messer mein Blut geschmeckt haben.� Sie sch�ttelte den Kopf und l�chelte Rand an. �Du behauptest, man k�nnte dir nichts mehr antun? Du vergisst, mit wem du sprichst. Schmerzen sind meine Spezialit�t, und du bist noch immer kaum mehr als ein Junge. Ich habe M�nner gebrochen, die zehnmal so stark wie du waren. Steh auf.�</p><p>Er gehorchte. Die Schmerzen waren nicht verschwunden. Offensichtlich wollte sie ihn weiter damit traktieren, bis sie eine Reaktion bekam.</p><p>Er drehte sich um, gehorchte ihren wortlosen Befehlen, und sah Min in der Luft h�ngen, mit unsichtbaren Stricken aus Luft gefesselt. In ihren Augen stand blanke Furcht, ein Knebel aus Luft verschloss ihren Mund, und ihre Arme waren auf den R�cken gebunden.</p><p>Semirhage kicherte. �Du sagst also, ich k�nnte dir nichts mehr antun?�</p><p>Rand ergriff <emphasis>Saidin</emphasis> - nicht weil er es wollte, sondern weil sie es befahl. Brausend str�mte die Macht in ihn hinein und brachte die seltsame �belkeit mit sich, die sich bis jetzt seinen Erkl�rungen entzog. Er fiel auf H�nde und Knie und �bergab sich heftig und st�hnend, w�hrend sich der Raum um ihn drehte.</p><p>�Wie seltsam�, h�rte er Semirhage wie aus weiter Ferne sagen. Er sch�ttelte den Kopf und hielt die Eine Macht fest - rang mit ihr, wie er schon immer mit <emphasis>Saidin</emphasis> hatte ringen m�ssen, unterwarf den m�chtigen, sich windenden Energiefluss seinem Willen. Als w�rde er einen Sturmwind in Ketten legen, und es war ihm schon schwergefallen, als er stark und gesund gewesen war. Jetzt war es beinahe unm�glich.</p><p><emphasis>Benutze sie,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>T�te sie, solange wir es k�nnen!</emphasis></p><p><emphasis>Ich t�te keine Frauen,</emphasis> dachte Rand stur, das Hirngespinst einer Erinnerung aus den Tiefen seines Bewusstseins. <emphasis>Das ist die Grenze, die ich nicht �berschreiten werde ...</emphasis></p><p>Lews Therin br�llte auf und versuchte, ihm <emphasis>Saidin</emphasis> abzunehmen, blieb aber erfolglos. Tats�chlich musste Rand feststellen, dass er die Macht genauso wenig zielgerichtet lenken konnte, wie ohne Semirhages Erlaubnis einen Schritt zu tun.</p><p>Von ihr geleitet erhob er sich, das Zimmer wurde stabiler, die �belkeit zog sich zur�ck. Und dann begann er Gewebe zu formen, komplizierte Gewebe aus Feuer und Geist.</p><p>�Ja ...�, sagte Semirhage beinahe im Selbstgespr�ch. �Wenn ich mich nur daran erinnern kann ... Manchmal ist die m�nnliche Weise, das zu tun, so seltsam.�</p><p>Rand vollendete die Gewebe und schob sie dann Min entgegen. �Nein!�, br�llte er, w�hrend er es tat. �Nicht das!�</p><p>�Ah, siehst du�, sagte Semirhage. �Also warst du doch nicht so schwer zu brechen.�</p><p>Die Gewebe ber�hrten Min, und sie wand sich vor Schmerzen. Rand lenkte weiter die Macht, und Tr�nen schossen aus seinen Augen, als er gezwungen wurde, die komplizierten Gewebe durch ihren K�rper zu schicken. Sie riefen nur Qualen hervor, aber das machten sie sehr effektiv. Semirhage musste Mins Knebel aufgel�st haben, denn sie fing an zu schreien und zu weinen.</p><p>�Bitte, Rand!�, bettelte sie. �Bitte!�</p><p>Rand br�llte vor Wut auf, versuchte aufzuh�ren und konnte es nicht. Durch den Bund f�hlte er Mins Qualen, f�hlte, wie er sie verursachte.</p><p>�H�r damit auf!�, br�llte er.</p><p>�Bettle darum�, sagte Semirhage.</p><p>�Bitte�, sagte er weinend. �Bitte, ich flehe Euch an.�</p><p>Pl�tzlich h�rte er auf; die Foltergewebe l�sten sich auf. Min hing wimmernd in der Luft, die Augen ganz glasig von den erlittenen Schmerzen. Rand drehte sich um und wandte sich Semirhage und Elza neben ihr zu. Die Schwarze erschien entsetzt, als h�tte sie sich in etwas verstrickt, auf das sie nicht vorbereitet gewesen war.</p><p>�Nun siehst du ein, dass du schon immer daf�r bestimmt warst, dem Gro�en Herrn zu dienen�, sagte die Verlorene. �Wir werden dieses Zimmer verlassen und uns um die sogenannten Aes Sedai k�mmern, die mich eingesperrt hatten. Wir werden zum Shayol Ghul Reisen und dich dem Gro�en Herrn �bergeben, und dann kann das alles hier endlich sein Ende finden.�</p><p>Rand senkte den Kopf. Es musste einen Ausweg geben! Er stellte sich vor, wie sie ihn dazu benutzte, sich den Weg durch die R�nge seiner eigenen M�nner zu bahnen. Er stellte sich vor, wie sie nicht angreifen wollten, weil sie f�rchteten, ihn zu verletzen. Er sah das Blut, den Tod und die Zerst�rung, die er anrichten w�rde. Und das alles verwandelte sein Inneres zu Eis.</p><p><emphasis>Sie haben gewonnen.</emphasis></p><p>Semirhage schaute zur T�r, dann wandte sie sich ihm wieder zu und l�chelte. �Aber ich f�rchte, zuerst m�ssen wir uns um sie k�mmern. Bringen wir es also hinter uns.�</p><p>Rand drehte sich um und fing an, auf Min zuzugehen. �Nein!�, sagte er. �Ihr habt versprochen, wenn ich bitte ...�</p><p>Semirhage lachte. �Ich habe gar nichts versprochen. Du hast ja lieb und nett gebettelt, Lews Therin, aber ich habe mich entschieden, deine Bitten zu ignorieren. Allerdings kannst du <emphasis>Saidin</emphasis> jetzt loslassen. Das erfordert doch irgendwie eine pers�nliche Note.�</p><p><emphasis>Saidin</emphasis> verlosch, und Rand f�hlte bedauernd den Entzug der Macht. Die Welt um ihn herum erschien stumpfer. Er trat vor Min, ihr flehender Blick und der seine trafen sich. Dann legte er ihr die Hand um den Hals und dr�ckte zu.</p><p>�Nein ...�, fl�sterte er entsetzt, als ihr seine Hand gegen seinen Willen die Luft abschn�rte. Min stolperte, und er zwang sie zu Boden, ignorierte m�helos ihre Gegenwehr. Er �berragte sie und hielt ihre Kehle, umklammerte sie und w�rgte sie. Sie starrte ihn an, und ihre Augen fingen an hervorzuquellen.</p><p><emphasis>Das kann unm�glich geschehen.</emphasis></p><p>Semirhage lachte.</p><p><emphasis>Ilyena!,</emphasis> heulte Lews Therin. <emphasis>Oh, beim Licht! Ich habe sie get�tet!</emphasis></p><p>Rand dr�ckte st�rker zu, beugte sich vor, um noch besser Druck aus�ben zu k�nnen; seine Finger umfassten Mins Haut und schn�rten ihre Kehle zu. Es war, als umklammerte er sein eigenes Herz, und die Welt um ihn herum wurde dunkel, alles wurde dunkel au�er Min. Er konnte ihren Puls unter seinen Fingern h�mmern f�hlen.</p><p>Ihre wundersch�nen dunklen Augen lie�en ihn nicht los, liebten ihn, selbst als er sie umbrachte.</p><p><emphasis>Das kann unm�glich geschehen!</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe sie get�tet!</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin wahnsinnig!</emphasis></p><p><emphasis>Ilyena!</emphasis></p><p>Es musste einen Ausweg geben! Das musste es! Rand wollte die Augen schlie�en, aber er konnte es nicht. Sie lie� es nicht zu - nicht Semirhage, sondern Min. Sie hielt seinen Blick fest, Tr�nen liefen ihr die Wangen hinunter, die dunklen Locken waren zerzaust. So wundersch�n.</p><p>Verzweifelt griff Rand nach <emphasis>Saidin,</emphasis> konnte es aber nicht erreichen. Mit jeder ihm zur Verf�gung stehenden Unze Willenskraft versuchte er, seine Finger zu entspannen, aber sie dr�ckten blo� weiter zu. Er f�hlte Entsetzen, er f�hlte <emphasis>ihren</emphasis> Schmerz. Mins Gesicht lief rot an, ihre Lider flatterten.</p><p>Rand wimmerte. DAS KANN UNM�GLICH GESCHEHEN! ICH WERDE DAS NICHT NOCH EINMAL TUN!</p><p>Etwas zerbrach in ihm. Ihm wurde kalt; dann verschwand diese K�lte, und er f�hlte nichts mehr. Keine Gef�hle. Keine Wut.</p><p>Und in diesem Augenblick wurde er sich einer seltsamen Macht bewusst. Sie war wie ein Wasserreservoir, das direkt au�erhalb seines Sichtfeldes brodelte und sch�umte. Mit seinen Gedanken griff er danach.</p><p>Ein nebelverh�lltes Gesicht blitzte vor ihm auf, mit Z�gen, die er nicht genau erkennen konnte. Es war sofort wieder verschwunden.</p><p>Aber Rand f�hlte sich mit einer fremden Macht gef�llt. Es war nicht <emphasis>Saidin,</emphasis> auch nicht <emphasis>Saidar,</emphasis> sondern etwas anderes. Etwas, das er noch nie zuvor gef�hlt hatte.</p><p><emphasis>Oh, beim Licht!,</emphasis> br�llte da pl�tzlich Lews Therin. <emphasis>Das ist unm�glich! Das k�nnen wir nicht benutzen! Wirf es von dir! Das ist der Tod, den wir da halten, Tod und Verrat!</emphasis></p><p><emphasis>Das ist Er!</emphasis></p><p>Rand schloss die Augen, w�hrend er �ber Min kniete, dann lenkte er die seltsame unbekannte Macht. Energie und Leben durchfuhren ihn, ein rei�ender Strom aus Macht wie <emphasis>Saidin,</emphasis> nur zehnmal so s�� und hundertmal so wild. Sie machte ihn lebendig, brachte ihm die Erkenntnis, dass er noch nie zuvor <emphasis>wirklich</emphasis> lebendig gewesen war. Sie verlieh ihm eine Kraft, wie er sie sich niemals h�tte vorstellen k�nnen. Sie wetteiferte sogar mit der Macht, die er aus dem Chodean Kal gezogen und gehalten hatte.</p><p>Rand schrie auf, vor Entz�cken und vor Wut, und webte gewaltige Speere aus Feuer und Luft. Rammte die Gewebe gegen den Kragen um seinen Hals. Und im Zimmer explodierten Flammen und geschmolzenes Metall, von dem er jedes einzelne St�ck wahrnahm. Er sp�rte jeden einzelnen Splitter, der von seinem Hals fortschoss, die Luft mit seiner Hitze verformte und Rauch hinter sich her zog, bis er eine Wand oder den Boden traf. Er �ffnete die Augen und lie� Min los. Sie keuchte und schluchzte.</p><p>Rand richtete sich auf und drehte sich um. Gl�hend hei�es Magma floss durch seine Adern - genauso hatte es sich angef�hlt, als Semirhage ihn gefoltert hatte, und doch war es das genaue Gegenteil davon. So schmerzvoll dies auch war, so war es auch die pure Ekstase.</p><p>Semirhage sah v�llig fassungslos aus. �Aber ... das ist unm�glich�, stammelte sie. �Ich habe nichts gef�hlt. Du kannst unm�glich ...� Sie schaute auf, starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. �Die Wahre Macht. Gro�er Herr, warum hast du mich verraten? Warum?�</p><p>Rand hob die Hand und webte von einer Macht erf�llt, die er nicht verstand, ein einziges Gewebe. Ein Streifen aus reinem wei�en Licht, ein reinigendes Feuer, brach aus seiner Hand hervor und traf Semirhage an der Brust. Sie blitzte auf und verschwand, hinterlie� einen blassen Abdruck in Rands Sicht. Ihr Armreif landete polternd auf dem Boden.</p><p>Elza rannte zur T�r. Sie verschwand durch einen weiteren Lichtstreifen, einen Augenblick lang verwandelte sich ihre ganze Gestalt in Licht. Auch ihr Armreif fiel zu Boden, und die Frau, die ihn gehalten hatte, war v�llig aus dem Muster gebrannt worden.</p><p><emphasis>Was hast du nur getan?,</emphasis> fragte Lews Therin. <emphasis>Oh, beim Licht. Es w�re besser gewesen, wir h�tten wieder gemordet ... Oh, beim Licht. Wir sind zum Untergang verurteilt.</emphasis></p><p>Rand genoss die Macht noch einen Augenblick l�nger, dann lie� er sie bedauernd los. Er h�tte sie gern noch weiter gehalten, aber er war einfach zu ersch�pft dazu. Ihr Verschwinden hinterlie� Taubheit in ihm.</p><p>Oder ... Nein. Diese Taubheit hatte nichts mit der Macht zu tun, die er gehalten hatte. Er drehte sich um und sah auf Min hinunter, die leise hustete und sich den Hals rieb. Sie schaute zu ihm auf und schien Angst zu haben. Er bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder so wie zuvor sehen w�rde.</p><p>Er hatte sich geirrt; tats�chlich hatte es doch noch etwas gegeben, das Semirhage ihm antun konnte. Er hatte gef�hlt, wie er jemanden t�tete, den er von ganzem Herzen liebte. Als er es einst als Lews Therin getan hatte, war er wahnsinnig und nicht dazu f�hig gewesen, sich zu beherrschen. Er konnte sich kaum daran erinnern, wie er Ilyena ermordet hatte, das war wie in einem nebelhaften Traum gewesen. Erst nachdem Ishamael ihn erweckt hatte, hatte er �berhaupt begriffen, was er da eigentlich getan hatte.</p><p>Endlich wusste er genau, wie es war, dabei zuzusehen, wie er die t�tete, die er liebte.</p><p>�Es ist vollbracht�, fl�sterte er.</p><p>�Was?�, fragte Min und hustete wieder.</p><p>�Das Letzte, was man mir antun konnte�, erwiderte er, �berrascht, wie ruhig er doch war. �Jetzt haben sie mir alles genommen.�</p><p>�Rand, wovon sprichst du?�, fragte Min. Sie rieb sich wieder den Hals. Die ersten Schwellungen traten zum Vorschein.</p><p>Rand sch�ttelte nur den Kopf, als drau�en im Korridor endlich Stimmen ert�nten. Vielleicht hatten die Asha'man sein Machtlenken gesp�rt, als er Min gefoltert hatte.</p><p>�Ich habe meine Wahl getroffen, Min�, sagte er. �Du hast mich gebeten, zu lachen und nachgiebiger zu sein, aber damit ist es nun vorbei. Es tut mir leid.�</p><p>Vor Wochen hatte er entschieden, st�rker werden zu m�ssen - wo er zuvor Eisen gewesen war, hatte er entschieden, zu Stahl zu werden. Anscheinend war Stahl aber zu schwach.</p><p>Er w�rde jetzt h�rter sein. Jetzt hatte er es begriffen. Wo er zuvor Stahl gewesen war, wurde er etwas anderes. Von jetzt an war er <emphasis>Cuendillar.</emphasis> Er hatte einen Ort betreten, der dem Nichts �hnelte, in das zu versinken ihm Tam vor so langer Zeit beigebracht hatte. Aber in diesem Nichts hatte er keine Gef�hle. �berhaupt keine.</p><p>Sie konnten ihn nicht brechen oder verbiegen.</p><p>Es war vollbracht.</p></section><section><title><p>23</p><p>Ein Schimmern in der Luft</p></title><p>�Was ist mit den Schwestern, die ihre Zelle bewacht haben?�, fragte Cadsuane und st�rmte neben Merise die Stufen empor.</p><p>�Corele und Nesune leben gl�cklicherweise noch, auch wenn sie au�erordentlich schwach sind�, berichtete Merise und raffte die R�cke, w�hrend sie neben Cadsuane entlangeilte. Narishma folgte ihnen, und die Gl�ckchen am Ende seiner Z�pfe klirrten leise. �Daigian ist tot. Wir sind uns nicht sicher, warum man die anderen beiden am Leben gelassen hat.�</p><p>�Beh�ter�, sagte Cadsuane. �T�te die Aes Sedai, und ihre Beh�ter wissen es sofort - und wir h�tten erfahren, dass etwas nicht stimmt.� Allerdings h�tten die Beh�ter sowieso sp�ren m�ssen, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie w�rden die M�nner verh�ren m�ssen, um zu erfahren, was sie gef�hlt hatten. Da gab es bestimmt einen Zusammenhang.</p><p>Daigian hatte keinen lebenden Beh�ter. Cadsuane versp�rte einen Stich des Bedauerns wegen der angenehmen Schwester, unterdr�ckte ihn aber. Daf�r war jetzt keine Zeit.</p><p>�Die anderen beiden hat man in eine Art Trance versetzt�, fuhr Merise fort. �Spuren von Geweben konnte ich keine ausmachen, Narishma auch nicht. Wir hatten die Schwestern gerade entdeckt, als Alarm geschlagen wurde, dann sind wir sofort zu Euch gekommen, nachdem wir uns versichert hatten, dass al'Thor am Leben ist und unsere Feinde ausgeschaltet wurden.�</p><p>Cadsuane nickte ver�rgert. Von allen Abenden hatte sie ausgerechnet heute den Zelten der Weisen Frauen einen Besuch abstatten m�ssen! Sorilea und eine kleine Gruppe von ihnen folgten hinter Narishma, und Cadsuane wagte es nicht, das Tempo zu verringern, damit die Aielfrauen sie in ihrer Hast, al'Thor zu sehen, nicht niedertrampelten.</p><p>Sie erreichten den Treppenabsatz und eilten den Korridor auf al'Thors Zimmer zu. Wie hatte er es nur <emphasis>wieder</emphasis> einmal geschafft, sich solchen �rger einzubrocken? Und wie hatte sich die verdammte Verlorene aus ihrer Zelle befreien k�nnen? Jemand musste ihr geholfen haben, aber das bedeutete, dass sich ein Schattenfreund in ihrem Lager aufhielt. Das war nicht unwahrscheinlich - wenn es in der Wei�en Burg Schattenfreunde gab, dann w�rde man sie zweifellos auch hier finden. Aber welcher Schattenfreund konnte drei Aes Sedai ausschalten? Sicherlich w�re Machtlenken dieses Ausma�es doch von jeder Schwester und jedem Asha'man im Lager wahrgenommen worden.</p><p>�Lag es am Tee?�, fragte Cadsuane leise.</p><p>�Nicht, soweit wir wissen�, erwiderte die Gr�ne. �Wir wissen mehr, wenn die anderen beiden aufwachen. Sie verloren sofort das Bewusstsein, als wir sie aus ihrer Trance holten.�</p><p>Cadsuane nickte. Al'Thors T�r stand offen, und T�chter schw�rmten davor herum wie Wespen, die gerade entdeckt hatten, dass ihr Nest verschwunden war. Cadsuane konnte es ihnen nicht verdenken. Anscheinend hatte al'Thor nur wenig von dem erz�hlt, was passiert war. Der dumme Junge hatte Gl�ck, noch unter den Lebenden zu sein! <emphasis>Was f�r ein lichtverfluchter Mist,</emphasis> dachte Cadsuane, ging an den T�chtern vorbei und betrat den Raum.</p><p>Auf der anderen Seite des Zimmers stand eine kleine Gruppe Aes Sedai versammelt und sprach leise miteinander. Sarene, Erian, Beldeine - alle aus dem Lager, die weder tot noch ausgeschaltet worden waren. Au�er Elza. Wo war Elza?</p><p>Die drei nickten Cadsuane zu, als sie eintrat, aber sie hatte kaum einen Blick f�r sie �brig. Min sa� auf dem Bett und rieb sich den Hals; ihre Augen waren rotgeweint, das kurz geschnittene Haar war zerzaust, das Gesicht totenbleich. Al'Thor stand neben dem offenen Fenster und schaute in die Nacht hinaus, seine gesunde Hand hielt den Stumpf hinter seinem R�cken. Sein Mantel lag zerknittert auf dem Boden, und er stand nur in Hemds�rmeln da. Ein k�hler Wind blies herein und bewegte sein Haar.</p><p>Cadsuane lie� den Blick durch das Zimmer schweifen, hinter ihr im Korridor fingen die Weisen Frauen an, die T�chter zur verh�ren. �Nun?�, sagte sie. �Was ist passiert?�</p><p>Min schaute auf. An ihrem Hals zeigten sich rote Abdr�cke, der Anfang von Schwellungen. Rand wandte sich nicht vom Fenster ab. <emphasis>Unversch�mter Junge,</emphasis> dachte Cadsuane. �Sagt schon, mein Junge! Wir m�ssen wissen, ob das Lager in Gefahr ist.�</p><p>�Die Gefahr ist beseitigt�, erwiderte er leise. Etwas an seiner Stimme lie� sie z�gern. Sie hatte mit Zorn gerechnet, vielleicht auch Zufriedenheit. Auf jeden Fall Ersch�pfung. Stattdessen klang seine Stimme k�hl.</p><p>�Wollt Ihr mir erkl�ren, was das zu bedeuten hat?�, verlangte Cadsuane zu wissen.</p><p>Endlich drehte er sich um und sah sie an. Unwillk�rlich machte sie einen Schritt zur�ck, auch wenn sie nicht zu sagen vermochte, warum sie das tat. Er war doch noch immer der gleiche dumme Junge. Zu gro�, zu selbstsicher und zu stur. Aber jetzt zeigte er eine seltsame Ruhe, die einen finsteren Unterton hatte. Wie die Ruhe, die man in dem Moment in den Augen eines Verurteilten sehen konnte, in dem er vor die Schlinge des Henkers trat.</p><p>�Narishma�, sagte Rand und sah an ihr vorbei. �Ich habe ein Gewebe f�r Euch. Pr�gt es Euch ein. Ich werde es Euch nur einmal zeigen.� Und er brachte die Hand nach vorn, und ein Streifen aus grellem wei�en Feuer schoss zwischen seinen Fingern hervor und traf den Mantel auf dem Boden. Er verschwand in einer Lichtexplosion.</p><p>Cadsuane zischte. �Ich habe Euch doch gesagt, dass Ihr dieses Gewebe niemals benutzen sollt, mein Junge! Ihr werdet das <emphasis>nie</emphasis> wieder tun! Habt Ihr mich verstanden! Das ist kein ...�</p><p>�Das ist das Gewebe, das wir beim Kampf gegen die Verlorenen benutzen m�ssen, Narishma�, sagte al'Thor und �bert�nte schneidend Cadsuanes Stimme. �T�ten wir sie irgendwie anders, k�nnen sie wiedergeboren werden. Es ist ein gef�hrliches Werkzeug, aber es ist blo� ein Werkzeug. Wie andere auch.�</p><p>�Es ist verboten�, sagte Cadsuane.</p><p>�Ich habe entschieden, dass es das nicht ist�, erwiderte al'Thor ruhig.</p><p>�Ihr habt ja keine Ahnung, was dieses Gewebe anrichten kann! Ihr seid ein Kind, das mit ...�</p><p>�Ich habe Baalsfeuer St�dte vernichten gesehen�, sagte al'Thor mit gehetztem Blick. �Ich habe gesehen, wie seine reinigenden Flammen Tausende aus dem Muster brannten. Wenn Ihr mich als Kind bezeichnet, Cadsuane, was sind dann diejenigen von Euch, die tausende Jahre j�nger als ich sind?�</p><p>Er erwiderte ihren Blick. Beim Licht! Was <emphasis>war</emphasis> mit ihm passiert? Sie k�mpfte darum, ihre Gedanken zu sammeln. �Also ist Semirhage tot?�</p><p>�Schlimmer als tot�, erwiderte al'Thor. �Und in vielerlei Hinsicht viel besser dran, sch�tze ich.�</p><p>�Nun denn. Dann k�nnen wir ja wohl weiter ...�</p><p>�Erkennt Ihr das, Cadsuane?�, fragte al'Thor und wies mit dem Kopf auf etwas Metallisches, das zur H�lfte von den Laken verborgen auf dem Bett lag.</p><p>Z�gernd setzte sie sich in Bewegung. Sorilea schaute mit einem unleserlichen Ausdruck zu ihr her�ber. Offensichtlich wollte sie nicht in diese Unterhaltung verwickelt werden, wenn al'Thor in dieser Stimmung war. Cadsuane konnte es ihr nicht verdenken.</p><p>Sie schlug das Laken zur�ck und enth�llte ein bekanntes Paar Armreife. Einen Kragen gab es nicht.</p><p>�Unm�glich!�, fl�sterte sie.</p><p>�Das habe ich mir auch gedacht�, sagte al'Thor mit dieser schrecklich ruhigen Stimme. �Ich habe mir gesagt, dass es <emphasis>unm�glich</emphasis> dasselbe <emphasis>Ter'angreal</emphasis> sein kann, das ich Euch �bergab. Ihr habt versprochen, dass man es besch�tzen und verbergen w�rde.�</p><p>�Nun ja�, sagte Cadsuane verunsichert. Sie verh�llte die Dinger wieder. �Dann ist das ja gekl�rt.�</p><p>�Das ist es. Ich habe jemanden in Euer Zimmer geschickt. Verratet mir doch, habt Ihr die Armb�nder in diesem Kasten aufbewahrt? Wir fanden ihn ge�ffnet auf dem Boden Eures Quartiers liegen.�</p><p>Eine Tochter brachte einen vertrauten Eichenkasten. Es war offensichtlich derselbe. W�tend fuhr Cadsuane zu ihm herum. �Ihr habt mein Zimmer durchsucht!�</p><p>�Ich wusste nicht, dass Ihr die Weisen Frauen besucht�, sagte al'Thor. Er schenkte Sorilea und Amys ein knappes respektvolles Nicken, das sie z�gernd erwiderten. �Ich schickte Diener, um nach Euch zu sehen, da ich die Bef�rchtung hatte, Semirhage h�tte sich an Euch r�chen k�nnen.�</p><p>�Sie h�tten ihn nicht anfassen k�nnen�, sagte Cadsuane und nahm der Tochter den Kasten ab. �Er war mit sehr komplizierten Schutzgeweben versehen.�</p><p>�Nicht kompliziert genug�, meinte al'Thor und wandte sich von ihr ab. Er stand noch immer neben dem dunklen Fenster und schaute jetzt wieder auf das Lager.</p><p>Stille trat ein. Narishma hatte sich leise nach Mins Befinden erkundigt, aber er verstummte, als al'Thor zu reden aufh�rte. Offensichtlich war Rand der Meinung, dass Cadsuane f�r den Diebstahl des <emphasis>A'dam</emphasis> verantwortlich war, aber das war l�cherlich. Sie hatte die besten Gewebe benutzt, die sie kannte, aber wer vermochte schon zu sagen, welches Wissen die Verlorene gehabt hatte, um die Gewebe zu umgehen?</p><p><emphasis>Wie</emphasis> hatte al'Thor �berlebt? Und was war mit dem Rest des Kasteninhalts? Hatte er jetzt den Zugangsschl�ssel, oder hatte Semirhage die Statuette genommen? Konnte sie es wagen, sich danach zu erkundigen? Die Stille dauerte an. �Worauf wartet Ihr?�, fragte sie schlie�lich mit allem Mut, den sie aufbringen konnte. �Erwartet Ihr eine Entschuldigung von mir?�</p><p>�Von Euch?�, fragte al'Thor. Da lag kein Humor in seiner Stimme, nur die gleiche kalte Beherrschung. �Nein. Ich vermute, ich k�nnte eher einen Stein zu einer Entschuldigung veranlassen als Euch.�</p><p>�Dann ...�</p><p>�Ihr seid aus meiner Gegenwart verbannt, Cadsuane�, sagte er leise. �Sollte ich nach heute Abend jemals Euer Gesicht wiedersehen, werde ich Euch t�ten.�</p><p>�Rand, nein!�, sagte Min und stand auf. Er sah sie nicht an.</p><p>Cadsuane versp�rte einen Stich der Panik, schob ihn aber zusammen mit ihrem Zorn beiseite. �Was? Das ist doch albern, mein Junge. Ich ...�</p><p>Er drehte sich um, und wieder lie� sie sein Blick verstummen. Es lag eine Gefahr darin, ein Schatten um seine Augen, der ihr mehr Angst einjagte, als sie ihr altes Herz je f�r f�hig gehalten h�tte aufzubringen. W�hrend sie ihn ansah, schien die Luft um ihn herum zu schimmern und sich zu <emphasis>verzerren,</emphasis> und es fehlte nicht viel an dem Eindruck, dass es in dem Zimmer dunkel geworden war.</p><p>�Aber ...� Sie ertappte sich dabei zu stottern. �Aber Ihr t�tet keine Frauen. Das wei� jeder. Ihr schickt ja kaum die T�chter in Gefahr, weil Ihr Angst habt, sie k�nnten verletzt werden!�</p><p>�Ich wurde gezwungen, diese besondere Neigung zu revidieren�, sagte al'Thor. �Mit Beginn des heutigen Abends.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Cadsuane�, sagte er leise. �Haltet Ihr es f�r m�glich, dass ich Euch t�ten k�nnte? Hier, auf der Stelle, ohne ein Schwert oder die Macht zu benutzen? Haltet Ihr es f�r m�glich, dass sich das Muster nur aufgrund meines Willens um mich herum kr�mmt und Euer Herz anh�lt? Als w�re es ein ... Zufall?�</p><p><emphasis>Ta'veren</emphasis> zu sein funktionierte nicht auf diese Weise. Beim Licht! Das tat es doch nicht, oder? Er konnte doch nicht das <emphasis>Muster</emphasis> seinem Willen unterwerfen?</p><p>Aber als sie jetzt seinen Blick erwiderte, <emphasis>glaubte</emphasis> sie es. Im Widerspruch zu aller Logik schaute sie in diese Augen und wusste, dass sie sterben w�rde, wenn sie jetzt nicht ging.</p><p>Sie nickte langsam und hasste sich daf�r, f�hlte sich auf eine seltsame Weise schwach.</p><p>Er wandte sich von ihr ab und schaute wieder aus dem Fenster. �Sorgt daf�r, dass ich Euer Gesicht nie wieder sehe. Nie wieder, Cadsuane. Ihr d�rft jetzt gehen.�</p><p>Benommen drehte sie sich um - und aus dem Augenwinkel sah sie eine undurchdringliche Dunkelheit aus al'Thor sickern, die die Luft noch mehr verzerrte. Als sie noch einmal hinsah, war sie verschwunden. Mit zusammengebissenen Z�hnen ging sie.</p><p>�Bereitet Euch und Eure Armeen vor�, sagte al'Thor zu jenen, die geblieben waren, und seine Stimme hallte aus dem Raum hinter ihr. �Ich habe vor, am Ende der Woche aufzubrechen.�</p><p>Drau�en auf dem Korridor hielt sich Cadsuane den Kopf und lehnte sich mit pochendem Herzen an die Wand. Ihre Hand schwitzte. Bis jetzt hatte sie gegen einen sturen, aber gutherzigen Jungen gearbeitet. Jemand hatte dieses Kind genommen und es durch diesen Mann ersetzt, ein Mann, der gef�hrlicher war als alle, die ihr je begegnet waren. Jeden Tag entglitt er ihnen mehr.</p><p>Und im Augenblick hatte sie verdammt noch mal nicht die geringste Idee, was man dagegen tun sollte.</p></section><section><title><p>24</p><p>Eine neue Verpflichtung</p></title><p>Ersch�pft von einem zwei Tage langen Ritt sa� Gawyn auf Herausforderer, auf einem niedrigen H�gel s�dwestlich von Tar Valon.</p><p>Der Fr�hlingsbeginn h�tte das Land gr�nen lassen m�ssen, aber der Hang vor ihm trug lediglich dem Winter zum Opfer gefallenes Unkraut. Hier und da lugten Eibe und Schwarzholz hervor und durchbrachen die braune Landschaft. Er z�hlte mehr als nur ein paar Baumgruppen, wo nur noch St�mpfe standen. Ein Kriegslager verschlang B�ume wie hungrige Holzgnarle, brauchte sie f�r Pfeile, Lagerfeuer, Baracken und Belagerungsger�t.</p><p>Gawyn g�hnte - er hatte die ganze Nacht ein schnelles Tempo vorgelegt. Brynes Kriegslager hatte sich hier gut eingegraben, und es herrschte emsiger Betrieb. Eine so gro�e Armee brachte bestenfalls organisiertes Chaos hervor. Eine kleine Gruppe Kavallerie konnte ohne gro�es Gep�ck reisen, so wie es Gawyns J�nglinge getan hatten; eine derartige Streitmacht konnte zu mehreren tausend Mann anwachsen und trotzdem schlank bleiben. Erfahrene Reiter wie die Saldaeaner konnten angeblich gr��ere Kontingente von sieben- oder achttausend Reitern bilden und ihre Beweglichkeit behalten.</p><p>Aber eine Streitmacht wie die da unten war eine ganz andere Sache. Sie war ein riesiges, sich ausbreitendes Etwas in der Form einer gewaltigen Blase mit einem kleineren Lager in der Mitte, in dem vermutlich die Aes Sedai untergebracht waren. Bryne hatte ebenfalls s�mtliche Br�ckenst�dte auf beiden Seiten des Erinin besetzt und damit die Insel effektiv von jeder Versorgung abgeschnitten.</p><p>Das Heer hockte vor Tar Valon, wie eine Spinne, die einen direkt vor ihrem Netz herumflatternden Schmetterling betrachtete. Berittene Abteilungen trafen ein oder brachen auf, gingen auf Patrouille, kauften Lebensmittel und �berbrachten Nachrichten. Aberdutzende Schwadronen, manche zu Pferd, manche zu Fu�. Wie Bienen, die den Stock verlie�en, w�hrend andere wieder hineinschw�rmten. An der Ostseite des Lagers dr�ngte sich ein Mischmasch aus H�tten und Zelten, der �bliche Abschaum aus Lagergefolge, den jedes Heer anzog. In seiner N�he, direkt hinter der Grenze des Hauptlagers, erhob sich eine kreisf�rmige hohe Palisade, die vielleicht einen Durchmesser von f�nfzig Spannen aufwies. Vermutlich ein Kommandoposten.</p><p>Gawyn wusste, dass Brynes Sp�her ihn gesehen hatten, als er n�her kam, aber niemand hielt ihn auf. Vermutlich w�rde das auch nicht geschehen, solange er nicht versuchte, wieder wegzureiten. Ein einzelner Mann mit einem ordentlichen grauen Umhang, Hosen und einem wei�en Hemd erregte kein gro�es Interesse. Er konnte ein S�ldner sein, der sich nach einem Platz in den R�ngen erkundigen wollte. Er konnte der Bote eines �rtlichen Lords sein, der sich wegen eines Sp�htrupps beschweren wollte. Er konnte sogar ein dem Heer zugeh�riger Soldat sein. Viele von Brynes M�nnern trugen Uniform, aber genauso viele trugen blo� ein schlichtes gelbes Band am Mantel�rmel, weil sie noch nicht das n�tige Geld hatten, sich die richtigen Insignien ann�hen zu lassen.</p><p>Nein, ein einzelner Mann, der sich dem Heer n�herte, stellte keine Gefahr dar. Aber ein einzelner Mann, der vom Heer fortritt, war Grund genug, um Alarm zu schlagen. Ein Mann, der ins Lager kam, konnte Freund, Feind oder nichts von beidem sein. Ein Mann, der das Lager inspizierte und dann fortritt, war mit ziemlicher Sicherheit ein Spion. Solange Gawyn nicht wieder ging, bevor er seine Absichten kundtat, w�rden Brynes Patrouillenreiter ihn kaum bel�stigen.</p><p>Beim Licht, er h�tte ein Bett gebrauchen k�nnen. Er hatte zwei ruhelose N�chte verbracht, jedes Mal nur in seinen Umhang geh�llt ein paar Stunden geschlafen. Er war gereizt, nicht zuletzt wegen seiner eigenen Entscheidung, jedes Gasthaus zu meiden f�r den Fall, dass ihn die J�nglinge verfolgten. Er blinzelte mehrmals mit seinen m�den Augen und lenkte Herausforderer den Hang hinunter. Er hatte sich entschieden.</p><p>Nein. Er hatte sich schon in dem Moment entschieden, in dem er Sleete in Dorlan zur�ckgelassen hatte. Mittlerweile wussten die J�nglinge vom Verrat ihres Anf�hrers. Sleete w�rde ihnen nicht gestatten, Zeit f�r eine Suche zu verschwenden. Er w�rde ihnen sagen, was er wusste. Gawyn w�nschte sich, er h�tte sich selbst davon �berzeugen k�nnen, dass die M�nner �berrascht gewesen waren, aber die Art und Weise, wie er �ber Elaida und die Aes Sedai gesprochen hatte, hatte ihm bereits mehr als nur einen verwirrten oder finsteren Blick eingebracht.</p><p>Die Wei�e Burg verdiente seine Loyalit�t nicht, aber die J�nglinge schon. Doch jetzt konnte er nie wieder zu ihnen zur�ck. Es nagte an ihm; es war das erste Mal, dass seine Wankelm�tigkeit einer gro�en Gruppe enth�llt worden war. Niemand wusste, dass er Siuan Sanche bei der Flucht geholfen hatte, so wie es auch nicht allgemein bekannt war, dass er Egwene den Hof gemacht hatte.</p><p>Aber die M�nner zu verlassen war die richtige Entscheidung gewesen. Zum ersten Mal seit Monaten stimmten seine Taten mit seinem Herzen �berein. Egwene retten. Das war etwas, an das er glauben konnte.</p><p>Er n�herte sich dem Lagerrand und hielt seine Miene ausdruckslos. Die Vorstellung, sich den Aes Sedai-Rebellen anzuschlie�en, verabscheute er beinahe genauso sehr, wie er es verabscheut hatte, seine M�nner im Stich zu lassen. Diese Rebellen waren nicht besser als Elaida. Sie hatten Egwene zur Amyrlin und damit zur Zielscheibe gemacht. Egwene! Eine Aufgenommene! Eine Spielfigur. Wenn sie mit ihrem Griff nach der Burg scheiterten, w�rden sie es vielleicht schaffen, sich einer Bestrafung zu entziehen. Egwene w�rde man hinrichten.</p><p><emphasis>Ich komme da rein,</emphasis> dachte Gawyn. <emphasis>Irgendwie rette ich sie. Dann bringe ich sie zur Vernunft und schaffe sie von diesen ganzen Aes Sedai weg. Vielleicht kann ich sogar Bryne zur Vernunft bringen. Dann k�nnen wir alle nach Andor zur�ckkehren und Elayne helfen.</emphasis></p><p>Mit gest�rkter Entschlossenheit ritt er weiter und verscheuchte einen Teil seiner Ersch�pfung. Um den Kommandoposten zu erreichen, musste er durch den Tross reiten, der die eigentlichen Truppen zahlenm��ig �berstieg. K�che, die Essen zubereiteten. Frauen, die das Essen servierten und sich um den Abwasch k�mmerten. Kutscher, die die Wagen mit den Lebensmitteln fuhren. Stellmacher, die die Wagen reparierten, die die Lebensmittel transportierten. Hufschmiede, die Hufeisen f�r die Pferde machten, die die Wagen zogen, die die Lebensmittel transportierten. Kaufleute, die die Lebensmittel kauften, und Quartiermeister, die ihre Verteilung organisierten. Weniger seri�se Kaufleute, die von den Soldaten und ihrem Sold profitieren wollten, und Frauen, die das ebenfalls versuchten. Jungen, die Botschaften �berbrachten und hofften, eines Tages selbst ein Schwert tragen zu k�nnen.</p><p>Es war ein v�lliges Durcheinander. Eine Ansammlung von Zelten und Bretterbuden, jedes in einer anderen Farbe, Form und Bauf�lligkeit. Selbst ein f�higer General wie Bryne konnte im Tross nur eine gewisse Ordnung durchsetzen. Seine M�nner w�rden mehr oder weniger f�r Frieden sorgen, aber sie konnten die Zivilisten nicht zwingen, milit�rische Disziplin einzuhalten.</p><p>Gawyn bahnte sich einen Weg und ignorierte alle, die ihm anboten, sein Schwert zu putzen oder ihm S��igkeiten zu verkaufen. Die Preise w�rden niedrig sein, das hier war immerhin ein Ort, der von den Soldaten lebte, aber mit seinem Schlachtross und der besseren Kleidung w�rde man ihn f�r einen Offizier halten. Kaufte er von einem, w�rden die anderen Geld riechen, und am Ende umlagerte ihn eine Horde, die ihm etwas zu verkaufen hoffte.</p><p>Er ignorierte die Rufe und hielt den Blick nach vorn gerichtet, auf das eigentliche Heer. Seine Zelte waren in ordentlichen Reihen organisiert, gruppiert nach Schwadron und Banner, allerdings manchmal auch in kleineren Gruppen. Gawyn h�tte den Grundriss aufzeichnen k�nnen, ohne ihn zu sehen. Bryne mochte Organisation, aber er hielt auch viel vom Delegieren. Offizieren w�rde er gestatten, ihre Lager so zu f�hren, wie sie es wollten, was zu einem Aufbau f�hrte, der nicht einheitlich war. Aber das war immer noch besser, als alles selbst leiten zu m�ssen.</p><p>Er ritt direkt zur Palisade. Aber das Lagervolk um ihn herum war nicht leicht zu ignorieren. Ihre Rufe schienen in der Luft zu verweilen, zusammen mit den Ger�chen von Latrinen, Pferden und billigem Parf�m. Das Lager war nicht so bev�lkert wie eine Stadt, aber es war auch nicht so ordentlich instand gehalten. Schwei�, brennende Kochfeuer, abgestandenes Wasser und ungewaschene K�rper, das alles vermengte sich miteinander. Am liebsten h�tte er sich ein Taschentuch vors Gesicht gehalten, aber er sah davon ab. Es h�tte ihn wie einen verw�hnten Adligen aussehen lassen, der seine Nase vom gew�hnlichen Volk abwandte.</p><p>Gestank, Verwirrung und L�rm waren seiner Stimmung jedoch nicht f�rderlich. Er musste sich zusammenrei�en, um nicht jeden H�ndler mit einem Fluch zu belegen. Eine Gestalt stolperte genau in seinen Weg - er z�gelte das Pferd. Die Frau trug einen braunen Rock und eine wei�e Bluse; ihre H�nde waren schmutzig. �Aus dem Weg�, fauchte er. Seine Mutter w�re au�er sich gewesen, h�tte sie ihn mit einer solchen Wut sprechen h�ren. Nun, seine Mutter war tot, ermordet von al'Thor.</p><p>Die Frau vor ihm schaute auf und machte schnell den Weg frei. Ihr helles Haar war mit einem gelben Tuch bedeckt; sie war etwas mollig. Gawyn erhaschte nur einen schnellen Blick auf ihr Gesicht, als sie sich umdrehte.</p><p>Er erstarrte. Das war das Gesicht einer Aes Sedai! Unverkennbar. Er sa� fassungslos da, w�hrend die Frau das Kopftuch richtete und forteilte.</p><p>�Wartet!�, rief er und wendete das Pferd. Aber die Frau blieb nicht stehen. Er z�gerte und senkte den Arm, als er sah, wie sie sich zu einer Reihe von W�scherinnen gesellte, die ein gutes St�ck entfernt zwischen mehreren Holztr�gen arbeiteten. Wenn sie so tat, als w�re sie eine normale Frau, dann hatte sie vermutlich ihre verfluchten Aes Sedai-Gr�nde, und sie w�rde nicht erfreut dar�ber sein, wenn er sie entlarvte. Nun gut. Er bezwang seinen �rger. Egwene. Er musste sich auf Egwene konzentrieren.</p><p>Als er die Palisade erreichte, verbesserte sich die Luft auf betr�chtliche Weise. Vier Soldaten hielten mit ihren Hellebarden Wache; ihre Stahlhelme funkelten und passten zu den Brustpanzern, auf denen Brynes drei Sterne flammten. Neben dem Tor flatterte ein Banner mit der Flamme von Tar Valon.</p><p>�Rekrut?�, fragte einer der Soldaten, als Gawyn heranritt. Der schwergewichtige Mann trug einen roten Streifen an der linken Schulter, was ihn als Wachsergeant auswies. Statt einer Hellebarde trug er ein Schwert. Sein Harnisch konnte nur mit M�he seinen Bauchumfang bew�ltigen, unter seinem Kinn sprossen rote Haare. �Da m�sst Ihr mit Hauptmann Aldan sprechen�, sagte der Mann mit einem Grunzen. �Das gro�e blaue Zelt an der Au�enseite des Lagers. Ihr habt Euer eigenes Pferd und Schwert, das wird Euch guten Sold einbringen.� Der Soldat zeigte auf eine ferne Stelle im Hauptlager, au�erhalb der Palisade. Das kam f�r Gawyn nicht infrage. Er konnte Brynes Banner sehen, das hinter der Holzbarriere flatterte.</p><p>�Ich bin kein Rekrut�, sagte Gawyn und zog Herausforderer ein St�ck herum, damit er einen besseren Blick auf die M�nner hatte. �Mein Name ist Gawyn Trakand. Ich muss sofort Gareth Bryne in einer dringenden Angelegenheit sprechen.�</p><p>Der Soldat hob eine Braue. Dann kicherte er.</p><p>�Ihr glaubt mir nicht�, sagte Gawyn tonlos.</p><p>�Ihr solltet mit Hauptmann Aldan sprechen�, sagte der Mann faul und zeigte wieder auf das Zelt in der Ferne.</p><p>Gawyn nahm einen tiefen, beruhigenden Atemzug und versuchte seine Gereiztheit zu bezwingen. �Wenn Ihr einfach nach Bryne schicken w�rdet, dann ...�</p><p>�Wollt Ihr mir �rger machen?�, fragte der Soldat und plusterte sich auf. Die anderen M�nner machten ihre Hellebarden bereit.</p><p>�Keinen �rger�, sagte Gawyn ganz ruhig. �Ich muss blo� ...�</p><p>�Wenn Ihr bei uns mitmachen wollt�, unterbrach ihn der Soldat und trat einen Schritt vor, �dann werdet Ihr lernen m�ssen, das zu tun, was man Euch sagt.�</p><p>Gawyn erwiderte seinen Blick. �Also gut. Wir k�nnen das auch auf diese Weise tun. Vermutlich geht es dann eh schneller.�</p><p>Der Sergeant legte eine Hand auf den Schwertgriff.</p><p>Gawyn trat die F��e aus den Steigb�geln und stie� sich aus dem Sattel. Auf dem Pferder�cken w�rde es zu anstrengend sein, sich davon abzuhalten, den Mann zu t�ten. Er zog die Klinge, als seine Stiefel auf den schlammigen Boden auftrafen; die Scheide zischte wie scharf eingesogener Atem. Gawyn nahm <emphasis>Eiche sch�ttelt ihre �ste</emphasis> ein, eine Figur, die nicht-t�dliche Schl�ge austeilte und oft von Meistern zu Ausbildungszwecken benutzt wurde. Sie lie� sich auch �u�erst effektiv gegen gro�e Gruppen mit verschiedenen Waffen einsetzen.</p><p>Bevor der Sergeant das Schwert gezogen hatte, krachte Gawyn schon gegen ihn und rammte ihm den Ellbogen direkt unter dem schlecht sitzenden Harnisch in den Bauch. Grunzend kr�mmte sich der Mann, dann schlug ihm Gawyn den Schwertgriff gegen die Kopfseite - der Mann h�tte es besser wissen m�ssen, seinen Helm so schr�g zu tragen. Sofort verfiel er in <emphasis>Die Seide zur Seite schieben,</emphasis> um sich um den ersten Hellebardenmann zu k�mmern. W�hrend ein anderer der M�nner Hilfe herbeirief, fuhr Gawyns Klinge klirrend �ber den Harnisch des Soldaten und zwang ihn zur�ck. Er vollendete die Bewegungsfolge, indem er dem Mann die Beine unter dem Leib wegtrat, dann glitt er in <emphasis>Blatt im Wind,</emphasis> um die Schl�ge der letzten beiden M�nner abzuwehren.</p><p>Es war etwas ungl�cklich, aber er kam nicht darum herum, die Oberschenkel der beiden noch stehenden Hellebardenm�nner zu treffen. Er h�tte es vorgezogen, sie nicht verwunden zu m�ssen, aber K�mpfe wurden immer unberechenbarer, je l�nger sie dauerten - selbst K�mpfe wie dieser gegen bedeutend ungeschicktere Gegner. Man musste das Schlachtfeld schnell und entschlossen kontrollieren, und das bedeutete, die beiden Soldaten zu Boden zu schicken. Mit blutenden Oberschenkeln. Der Sergeant hatte durch den Schlag auf den Kopf das Bewusstsein verloren, aber der erste Hellebardenmann erhob sich auf unsicheren Beinen. Gawyn trat seine Hellebarde zur Seite, dann stie� er ihm den Stiefel ins Gesicht und verpasste ihm eine blutige Nase.</p><p>Herausforderer wieherte hinter ihm, schnaubte und trat auf den Boden. Das Schlachtross sp�rte einen Kampf, aber es war gut ausgebildet. Es wusste, dass es still dastehen sollte, wenn die Z�gel fallen gelassen wurden. Gawyn wischte die Klinge am Hosenbein ab, dann schob er sie zur�ck in die Scheide. Die verwundeten Soldaten lagen st�hnend auf dem Boden. Er t�tschelte Herausforderers Nase und nahm die Z�gel. Hinter ihm wich das Lagervolk erst zur�ck, dann ergriff es die Flucht. Aus dem Inneren der Palisade kam eine Gruppe Soldaten mit gespannten B�gen. Das war nicht gut. Gawyn wandte sich ihnen zu, l�ste das Schwert mitsamt seiner Scheide vom G�rtel und warf es den M�nnern vor die F��e.</p><p>�Ich bin unbewaffnet�, sagte er �ber das St�hnen der Verletzten. �Und keiner dieser vier hier wird heute sterben. Geht und berichtet eurem General, dass ein Schwertmeister eine Abteilung seiner Wachen in weniger als zehn Herzschl�gen zu Boden geschickt hat. Ich bin ein alter Sch�ler von ihm. Er wird mich sehen wollen.�</p><p>Einer der M�nner eilte nach vorn, um Gawyns Schwert aufzuheben, w�hrend ein anderer einen L�ufer herbeiwinkte. Die anderen hielten ihre B�gen weiter erhoben. Einer der gest�rzten Hellebardenm�nner fing an davonzukriechen. Gawyn drehte Herausforderer ein St�ck, um sich hinter das Pferd ducken zu k�nnen, falls die Soldaten zu schie�en anfingen. Er h�tte wirklich vorgezogen, wenn es nicht dazu kam, aber von ihnen beiden konnte Herausforderer eher ein paar Pfeile �berleben als er.</p><p>Ein paar der Soldaten riskierten es, nach vorn zu kommen, um ihren gefallenen Kameraden aufzuhelfen. Der dicke Wachsergeant setzte sich auf und fluchte leise. Gawyn machte keine bedrohlichen Bewegungen.</p><p>Vielleicht war es ein Fehler gewesen, gegen diese M�nner zu k�mpfen, aber er hatte bereits genug Zeit verschwendet. Egwene konnte schon tot sein! Wenn ein Mann wie dieser Sergeant versuchte, seine Autorit�t durchzusetzen, blieben einem eigentlich nur zwei M�glichkeiten. Man konnte sich durch die R�nge der B�rokratie nach oben reden und jeden Soldaten auf dem Weg davon �berzeugen, dass man tats�chlich wichtig war. Oder man provozierte einen Zwischenfall. Das Letztere war schneller, und im Lager gab es offensichtlich gen�gend Aes Sedai, um ein paar verletzte M�nner zu Heilen.</p><p>Schlie�lich kam eine kleine Gruppe M�nner durch das Tor. Ihre Uniformen sa�en einwandfrei, ihre Haltung verriet Gefahr, ihre Mienen waren angespannt. Angef�hrt wurde sie von einem Mann mit ergrauenden Schl�fen und von kr�ftigem, st�mmigem Wuchs. Gawyn l�chelte. Das Spiel hatte sich ausgezahlt.</p><p>Der Generalhauptmann musterte Gawyn, dann inspizierte er schnell seine gefallenen Soldaten. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf. �Entspannt euch�, sagte er zu seinen M�nnern. �Sergeant Cords.�</p><p>Der fette Sergeant stand auf. �Herr!�</p><p>Bryne sah wieder zu Gawyn her�ber. �Wenn das n�chste Mal ein Mann zum Tor kommt, Adliger zu sein vorgibt und nach mir fragt, dann schickt nach einem Offizier. Sofort. Es ist mir egal, ob der Mann einen zwei Monate alten Bart hat und nach billigem Ale stinkt. Verstanden?�</p><p>�Ja, Herr�, sagte der Sergeant err�tend. �Verstanden, Herr!�</p><p>�Schafft Eure M�nner ins Krankenlager, Sergeant�, sagte Bryne und sah die ganze Zeit Gawyn an. �Und Ihr, Ihr kommt mit mir.�</p><p>Gawyn biss die Z�hne zusammen. Als ihn Gareth Bryne das letzte Mal auf diese Weise angeknurrt hatte, hatte er sich noch nicht rasieren m�ssen. Andererseits konnte er wirklich nicht erwarten, dass der Mann erfreut sein w�rde. Direkt hinter der Palisade entdeckte er einen Jungen, der vermutlich Stallbursche oder Bote war. Er dr�ckte dem ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrenden Jungen Herausforderers Z�gel in die Hand und trug ihm auf, sich um das Pferd zu k�mmern. Dann holte er sich sein Schwert von dem Soldaten zur�ck, der es hielt, und eilte hinter Bryne her.</p><p>�Gareth�, sagte Gawyn, als er ihn einholte. �Ich ...�</p><p>�Haltet den Mund, junger Mann�, sagte Bryne, ohne ihn eines Blickes zu w�rdigen. �Noch habe ich nicht entschieden, was ich mit Euch machen werde.�</p><p>Gawyn klappte den Mund zu. Das war ungeh�rig! Er war nach wie vor der Bruder der rechtm��igen K�nigin von Andor und w�rde der Erste Prinz des Schwertes sein, sollte Elayne den Thron erobern und behalten! Bryne h�tte ihm den n�tigen Respekt erweisen m�ssen.</p><p>Aber Bryne konnte so stur wie ein Eber sein. Gawyn hielt den Mund. Sie kamen zu einem gro�en Spitzzelt, vor dessen Eingang zwei W�chter standen. Bryne duckte sich hinein, und Gawyn folgte ihm. Das Innere war sauber und aufger�umt, mehr, als Gawyn erwartet h�tte. Der Schreibtisch war �bers�t mit zusammengerollten Karten und ordentlichen Papierstapeln, und die Decken auf den Pritschen in der Ecke waren sorgf�ltig zusammengefaltet. Offensichtlich hatte Bryne jemanden, der hier gewissenhaft aufr�umte.</p><p>Bryne verschr�nkte die H�nde hinter dem R�cken; Gawyns Gesicht spiegelte sich in seinem Harnisch, als er sich umdrehte. �Also gut. Erkl�rt, was Ihr hier tut.�</p><p>Gawyn nahm den Kopf etwas h�her. �General�, sagte er. �Ich glaube, Ihr unterliegt da einem Irrtum. Ich bin nicht l�nger Euer Sch�ler.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Bryne barsch. �Der Junge, den <emphasis>ich</emphasis> ausbildete, h�tte niemals versucht, auf so kindische Weise meine Aufmerksamkeit zu erregen.�</p><p>�Der Wachsergeant war streitlustig, und ich hatte keine Geduld f�r diesen aufgeblasenen Narren. Das schien die beste M�glichkeit zu sein.�</p><p>�Die beste M�glichkeit, um <emphasis>was</emphasis> zu tun?�, wollte Bryne wissen. �Mich zu erz�rnen?�</p><p>�Seht, vielleicht war ich ja voreilig�, sagte Gawyn. �Aber ich habe eine wichtige Aufgabe. Ihr m�sst mir zuh�ren.�</p><p>�Und wenn ich mich weigere? Wenn ich Euch stattdessen aus meinem Lager werfe, weil Ihr ein verw�hnter Prinz mit zu viel Stolz und zu wenig Verstand seid?�</p><p>Gawyn runzelte die Stirn. �Vorsichtig, Gareth. Seit unserer letzten Begegnung habe ich viel gelernt. Ich glaube, Ihr w�rdet erleben, dass Euer Schwert das meine nicht mehr so leicht bezwingen kann wie fr�her.�</p><p>�Das bezweifle ich auch nicht�, sagte Bryne. �Beim Licht, Junge! Ihr hattet schon immer Talent. Aber glaubt Ihr ernsthaft, dass Euer Geschick mit dem Schwert Eurem Wort mehr Gewicht verleiht? Ich soll Euch zuh�ren, weil Ihr mich sonst t�tet? Ich dachte, ich h�tte Euch mehr beigebracht.�</p><p>Bryne war gealtert, seit Gawyn ihn das letzte Mal gesehen hatte. Aber das Alter beugte ihn nicht - es ruhte bequem auf seinen Schultern. Ein Paar wei�e Str�hnen mehr an den Schl�fen, ein paar Falten mehr um die Augen, aber stark und schlank genug, dass er Jahre j�nger aussah, als er war. Man konnte Gareth Bryne nicht anschauen und etwas anderes als einen Mann im besten Alter sehen, der mit Sicherheit noch nicht dar�ber hinaus war.</p><p>Gawyn sah dem General in die Augen und bem�hte sich, seinen �rger nicht emporbrodeln zu lassen. Bryne hielt seinem Blick seelenruhig stand. Unersch�tterlich. So, wie es sich f�r einen General geh�rte. So, wie Gawyn h�tte sein m�ssen.</p><p>Er senkte den Blick und sch�mte sich pl�tzlich. �Beim Licht�, fl�sterte er, lie� das Schwert los und rieb sich die Stirn. Pl�tzlich f�hlte er sich sehr, sehr m�de. �Gareth, es tut mir leid. Ihr habt recht. Ich war ein Narr.�</p><p>Bryne grunzte. �Gut, das zu h�ren. Ich fing schon an, mich zu fragen, was mit Euch passiert ist.�</p><p>Gawyn seufzte und sehnte sich nach etwas Kaltem zu trinken. Seine Wut schmolz dahin, und er f�hlte sich ersch�pft. �Es war ein schwieriges Jahr�, sagte er, �und ich habe mich zu hart angetrieben, um hierher zu gelangen. Dabei bin ich an den Grenzen meines Verstandes angelangt.�</p><p>�Da seid Ihr nicht der Einzige, mein Junge�, sagte Bryne. Er holte tief Luft und trat zu einem kleinen Serviertisch, wo er einen Becher f�llte. Es war nur warmer Tee, aber Gawyn nahm ihn dankbar und trank.</p><p>�Diese Zeiten stellen einen Mann auf die Probe�, meinte Bryne und nahm sich selbst einen Becher. Er trank einen Schluck und verzog das Gesicht.</p><p>�Was?�, fragte Gawyn und schaute auf seinen Becher.</p><p>�Nichts. Ich verabscheue dieses Zeug nur.�</p><p>�Und warum trinkt Ihr es dann?�</p><p>�Es soll meine Gesundheit verbessern�, grollte Bryne. Bevor Gawyn nachfragen konnte, fuhr der General fort. �Wollt Ihr mich also dazu bringen, Euch ins Loch zu werfen, bevor Ihr mir verratet, warum Ihr Euch den Weg in meinen Kommandoposten freik�mpfen musstet?�</p><p>Gawyn trat einen Schritt vor. �Gareth. Es geht um Egwene. Sie haben sie.�</p><p>�Die Aes Sedai der Wei�en Burg?�</p><p>Gawyn nickte eifrig.</p><p>�Ich wei�.� Bryne nahm noch einen Schluck und verzog wieder das Gesicht.</p><p>�Wir m�ssen sie da rausholen!�, sagte Gawyn. �Ich bin gekommen, um Euch um Hilfe zu bitten. Ich will Egwene befreien.�</p><p>Bryne schnaubte leise. �Und wie wollt Ihr in die Wei�e Burg kommen? Nicht einmal die Aiel konnten in diese Stadt eindringen.�</p><p>�Sie wollten es ja auch gar nicht�, sagte Gawyn. �Aber ich muss auch nicht die Stadt erobern, ich brauche blo� einen kleinen Trupp hineinschmuggeln und dann eine Person herausholen. Jeder Stein hat seine Spr�nge. Ich werde einen Weg finden.�</p><p>Bryne stellte den Becher ab. Er sah seinen Besucher an, das von den Elementen gezeichnete Gesicht eine Ikone der Ehrenhaftigkeit. �Verratet mir eines, mein Junge. Wie werdet Ihr sie dazu bringen, Euch auch zu begleiten?�</p><p>Gawyn sah ihn verst�ndnislos an. �Nun, sie wird erleichtert sein, dort wegzukommen. Warum sollte sie nicht?�</p><p>�Weil sie uns verboten hat, sie zu retten�, sagte Bryne und verschr�nkte wieder die H�nde auf dem R�cken. �Zumindest habe ich mir das so zusammengereimt. Die Aes Sedai verraten mir nur wenig. Man sollte annehmen, dass sie einem Mann, den sie dazu brauchen, um eine Belagerung f�r sie durchzuf�hren, etwas vertrauensvoller gegen�bertreten. Aber wie dem auch sei, die Amyrlin kann irgendwie mit ihnen kommunizieren, und sie hat ihnen befohlen, sie in Ruhe zu lassen.�</p><p>Was? Das war l�cherlich! Offensichtlich verschleierten die Aes Sedai im Lager die Fakten. �Bryne, sie ist eingekerkert! Die Aes Sedai, die ich reden h�rte, sagten, dass man sie t�glich pr�gelt. Sie werden sie hinrichten!�</p><p>�Ich wei� nicht. Sie ist jetzt schon seit Wochen bei ihnen, und sie haben sie noch nicht hingerichtet.�</p><p>�Sie werden sie umbringen�, sagte Gawyn eindringlich. �Ihr wisst genau, dass sie das tun werden. Man mag ja einen besiegten Feind eine Weile vor seinen Soldaten zur Schau stellen, aber irgendwann wird man seinen Kopf auf einem Speer aufspie�en m�ssen, um alle wissen zu lassen, dass er tot und erledigt ist. Ihr wisst, dass ich recht habe.�</p><p>Bryne betrachtete ihn, dann nickte er. �Vielleicht tue ich das. Aber ich kann trotzdem nichts tun. Ich bin durch Eide gebunden, Gawyn. Ich kann nichts tun, es sei denn, das M�dchen befiehlt es mir.�</p><p>�Ihr w�rdet sie sterben lassen?�</p><p>�Wenn das n�tig ist, um meinen Schwur zu halten, dann ja.�</p><p>Wenn Bryne durch einen Eid gebunden war ... nun, er w�rde eher eine Aes Sedai l�gen h�ren, als zu erleben, wie Gareth Bryne sein Wort brach. Aber Egwene! Es musste etwas geben, das er tun konnte!</p><p>�Ich versuche, Euch eine Audienz bei einigen der Aes Sedai zu verschaffen, denen ich diene�, sagte Bryne. �Vielleicht k�nnen sie etwas tun. Wenn Ihr sie davon �berzeugen k�nnt, dass eine Rettung n�tig ist und dass die Amyrlin es doch will, dann sehen wir weiter.�</p><p>Gawyn nickte. Das war immerhin ein Anfang. �Danke.�</p><p>Bryne winkte ab. �Vielleicht sollte ich Euch doch ins Loch werfen. Allein, weil Ihr drei von meinen M�nnern verletzt habt.�</p><p>�Lasst sie von einer Aes Sedai Heilen�, meinte Gawyn. �Soweit ich geh�rt habe, mangelt es Euch nicht an Schwestern, die Euch herumschubsen.�</p><p>�Pah. Ich kann sie kaum dazu bringen, �berhaupt jemanden zu Heilen, solange sein Leben nicht in Gefahr ist. Letztens hatte ein Mann einen b�sen Reitunfall, und ich musste mir sagen lassen, dass das Heilen ihn blo� leichtsinnig machen w�rde. �Schmerz ist seine eigene Lektion�, sagte die verdammte Frau. �Vielleicht verzichtet er das n�chste Mal ja darauf, beim Reiten vor seinen Freunden anzugeben.��</p><p>Gawyn verzog das Gesicht. �Aber sicherlich werden sie doch wohl f�r diese M�nner eine Ausnahme machen. Schlie�lich hat ein Feind sie verwundet.�</p><p>�Wir werden sehen. Die Schwestern besuchen die Soldaten nur selten. Sie m�ssen sich um ihre eigenen Dinge k�mmern.�</p><p>�Aber jetzt ist doch eine im Lager�, sagte Gawyn gedankenverloren und schaute �ber die Schulter.</p><p>�Ein j�ngeres M�dchen? Dunkles Haar, ohne das alterslose Gesicht?�</p><p>�Nein, es war eine Aes Sedai. Ich wei� es <emphasis>wegen</emphasis> ihres Gesichts. Sie war etwas mollig, mit hellen Haaren.�</p><p>�Vermutlich ist sie auf der Suche nach Beh�tern�, sagte Bryne und seufzte. �Das machen sie dauernd.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, meinte Gawyn. �Sie versteckte sich unter den W�scherinnen.� Als er jetzt dar�ber nachdachte, wurde ihm klar, dass sie durchaus eine Spionin der Loyalisten sein konnte.</p><p>Brynes Stirnrunzeln vertiefte sich. Vielleicht hatte er den gleichen Gedanken. �Zeigt sie mir�, sagte er und ging zum Eingang. Er stie� die Plane zur Seite und trat hinaus in das Morgenlicht. Gawyn folgte ihm.</p><p>�Ihr habt nicht erkl�rt, was Ihr hier eigentlich macht, Gawyn�, sagte Bryne, als sie durch das ordentliche Lager gingen und die Soldaten ihrem General salutierten.</p><p>�Das habe ich Euch gesagt�, erwiderte Gawyn, dessen Hand ruhig auf dem Schwertknauf ruhte. �Ich <emphasis>werde</emphasis> eine M�glichkeit finden, Egwene aus dieser Todesfalle herauszuschaffen.�</p><p>�Ich meinte nicht, was Ihr in meinem Lager macht. Ich meinte, warum Ihr �berhaupt in der Gegend seid. Warum seid Ihr nicht in Caemlyn und helft Eurer Schwester?�</p><p>�Ihr habt von Elayne geh�rt?�, sagte Gawyn und blieb stehen. Beim Licht! Er h�tte fr�her fragen sollen. Er war <emphasis>wirklich</emphasis> m�de. �Ich h�rte, sie sei in Eurem Lager gewesen. Sie ist zur�ck nach Caemlyn gereist? Ist sie in Sicherheit?�</p><p>�Sie ist schon lange nicht mehr bei uns. Aber es scheint ihr gut zu gehen.� Er blieb ebenfalls stehen und sah Gawyn an. �Ihr meint, Ihr wisst es nicht?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Nun, Ger�chte sind unzuverl�ssig�, sagte der General. �Aber ich habe sie mir von den Aes Sedai best�tigen lassen, die nach Caemlyn Gereist sind, um dort Neuigkeiten zu erfahren. Eure Schwester h�lt den L�wenthron. Anscheinend hat sie den gr��ten Teil des Schlamassels wieder gerichtet, den Eure Mutter ihr hinterlie�.�</p><p>Gawyn holte tief Luft. Dem Licht sei Dank, dachte er und schloss die Augen. Elayne lebte. Elayne sa� auf dem Thron. Er �ffnete die Augen, und der bew�lkte Himmel erschien irgendwie etwas heller. Er setzte sich wieder in Bewegung, und Bryne ging neben ihm her.</p><p>�Ihr habt es wirklich nicht gewusst. Wo seid Ihr denn gewesen, mein Junge? Ihr seid jetzt der Erste Prinz des Schwertes, oder werdet es zumindest nach Eurer R�ckkehr nach Caemlyn sein. Euer Platz ist an der Seite Eurer Schwester.�</p><p>�Egwene kommt zuerst.�</p><p>�Ihr habt einen Eid geleistet�, sagte Bryne streng. �Vor mir. Habt Ihr das vergessen?�</p><p>�Nein. Aber wenn Elayne auf dem Thron sitzt, dann ist sie im Moment sicher. Ich werde Egwene finden und sie nach Caemlyn zur�ckschleifen, wo ich sie im Auge behalten kann. Wo ich sie beide im Auge behalten kann.�</p><p>Bryne schnaubte. �Dabei w�rde ich zu gern zuschauen�, meinte er. �Aber egal, warum wart ihr nicht da, als Elayne versuchte, den Thron zu erringen? Was habt Ihr denn getan, das so viel wichtiger war?�</p><p>�Ich ... wurde da in etwas verwickelt�, sagte Gawyn und schaute starr nach vorn.</p><p>�In etwas verwickelt?�, fragte Bryne. �Ihr wart in der Wei�en Burg, als das alles ...� Er verstummte. Einen Moment gingen sie schweigend nebeneinander her.</p><p>�Wo habt Ihr die Schwestern �ber Egwenes Gefangennahme sprechen h�ren?�, fragte Bryne. �Woher k�nnt Ihr wissen, dass man sie bestraft?�</p><p>Gawyn schwieg.</p><p>�Blut und verdammte Asche!�, rief Bryne aus. Der General fluchte nur selten. �Ich wusste doch, dass derjenige, der diese Sto�trupps gegen mich anf�hrte, viel zu gut informiert war. Und ich suche bei meinen Offizieren nach einem Leck!�</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle mehr.�</p><p>�Das entscheide ich�, sagte Bryne. �Ihr habt meine M�nner get�tet. Angriffe gegen mich gef�hrt!�</p><p>�Angriffe gegen die Rebellen gef�hrt�, erwiderte Gawyn und schenkte Bryne einen harten Blick. �Ihr d�rft mich daf�r verantwortlich machen, dass ich mir den Weg in Euer Lager ertrotzt habe, aber erwartet Ihr ernsthaft, dass ich mich schuldig f�hle, weil ich der Wei�en Burg gegen die Streitmacht geholfen habe, die sie belagert?�</p><p>Bryne verstummte. Dann nickte er knapp. �Also gut. Aber das macht Euch zu einem feindlichen Befehlshaber.�</p><p>�Das ist vorbei. Ich habe den Befehl abgegeben.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Ich habe ihnen geholfen. Jetzt nicht mehr. Nichts von dem, was ich hier sehe, wird den Weg zu Euren Feinden finden, Bryne. Das schw�re ich beim Licht.�</p><p>Darauf gab Bryne nicht sofort eine Antwort. Sie kamen an Zelten vorbei, die vermutlich den h�heren Offizieren geh�rten, n�herten sich der Palisade. �Also gut�, sagte der General dann. �Ich vertraue darauf, dass Ihr Euch nicht genug ge�ndert habt, um Euer Wort zu brechen.�</p><p>�Ich w�rde mich nicht gegen diesen Eid wenden�, sagte Gawyn grob. �Wie k�nnt Ihr das nur von mir denken?�</p><p>�In der letzten Zeit habe ich oft Erfahrungen mit der Lossagung von Eiden gemacht�, erkl�rte Bryne. �Ich sagte, ich glaube Euch, mein Junge. Und das tue ich. Aber Ihr habt noch immer nicht erkl�rt, warum Ihr nicht nach Caemlyn zur�ckgekehrt seid.�</p><p>�Egwene war bei den Aes Sedai. Soweit ich wusste, ging es Elayne gut. Es schien ein guter Ort zu sein, um dort zu bleiben, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob mir Elaidas Autorit�t gefallen sollte.�</p><p>�Und was bedeutet Euch Egwene?�, fragte Bryne leise.</p><p>Gawyn erwiderte seinen Blick. �Ich wei� es nicht�, gab er zu. �Ich w�nschte, ich w�sste es.�</p><p>Seltsamerweise kicherte der General. �Ich verstehe. Wirklich, das tue ich. Kommt, lasst uns diese Aes Sedai finden, die Ihr zu sehen geglaubt habt.�</p><p>�Ich habe sie gesehen, Gareth�, sagte Gawyn und nickte den Posten zu, als sie durch das Tor gingen. Die M�nner salutierten ihrem General, musterten Gawyn aber, als w�re er eine Schwarznatter. Wie es sich auch geh�rte.</p><p>�Wir werden sehen, was wir finden�, sagte Bryne. �Aber egal, sobald ich Euch ein Treffen mit den Anf�hrerinnen der Aes Sedai vermittelt habe, will ich Euer Wort, dass Ihr zur�ck nach Caemlyn geht. �berlasst Egwene uns. Ihr m�sst Elayne helfen. Euer Platz ist in Andor.�</p><p>�Von Euch k�nnte ich das Gleiche sagen.� Gawyn betrachtete das vor Leben �bersch�umende Lager des Trosses. Wo war die Frau nur gewesen?</p><p>�Das k�nntet Ihr�, sagte Bryne schroff. �Aber es w�re nicht die Wahrheit. Daf�r hat Eure Mutter gesorgt.�</p><p>Gawyn sah ihn fragend an.</p><p>�Sie hat mich auf die Weide geschickt, Gawyn. Hat mich verbannt und mir mit dem Tod gedroht.�</p><p>�Unm�glich!�</p><p>Bryne schaute grimmig drein. �Das dachte ich auch. Aber es stimmt trotzdem. Die Dinge, die sie sagte ... sie taten weh, Gawyn. Das taten sie wirklich.�</p><p>Mehr sagte Bryne nicht, aber da das von ihm kam, sprach es B�nde. Gawyn hatte den Mann niemals ein Wort der Unzufriedenheit �ber seine Stellung oder seine Befehle �u�ern geh�rt. Er war Morgase treu ergeben gewesen - loyal mit der Art von Standhaftigkeit, die sich jeder Herrscher nur w�nschen konnte. Gawyn hatte nie einen Mann kennengelernt, der sich seiner Sache sicherer gewesen war, oder einen Mann, der weniger geneigt war, sich zu beklagen.</p><p>�Das muss der Teil eines Plans gewesen sein�, sagte er dann. �Ihr kennt Mutter doch. Sollte sie Euch verletzt haben, dann gab es einen Grund daf�r.�</p><p>Bryne sch�ttelte den Kopf. �Keinen Grund au�er n�rrischer Liebe f�r diesen Gecken Gaebril. Um ein Haar h�tte sie zugelassen, dass sie in ihrer geistigen Umnachtung Andor ruiniert.�</p><p>�Niemals!�, fauchte Gawyn. �Gareth, Ihr von allen Leuten solltet das wissen!�</p><p>�Das sollte ich�, sagte Bryne und senkte die Stimme. �Und ich w�nschte, ich t�te es.�</p><p>�Sie hatte andere Motive�, sagte Gawyn stur. Wieder f�hlte er in sich den Zorn emporsteigen. Um sie herum schauten H�ndler sie an, sagten aber nichts. Vermutlich wussten sie, dass sie sich Bryne nicht n�hern durften. �Aber das werden wir jetzt nie mehr erfahren. Jetzt, da sie tot ist. Al'Thor soll verflucht sein! Der Tag, an dem ich ihn durchbohre, kann nicht fr�h genug kommen.�</p><p>Bryne warf ihm einen scharfen Blick zu. �Al'Thor hat Andor gerettet, mein Sohn. Jedenfalls, soweit das einem Mann m�glich war.�</p><p>�Wie k�nnt Ihr das sagen? Wie k�nnt Ihr nur gut �ber dieses Ungeheuer sprechen? Er hat meine Mutter umgebracht!�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich diesen Ger�chten Glauben schenken soll oder nicht�, entgegnete Bryne und rieb sich das Kinn. �Aber wenn ich es tue, mein Junge, dann hat er Andor vielleicht einen Gefallen getan. Ihr habt keine Ahnung, wie schlimm es am Ende dort wurde.�</p><p>�Ich kann nicht glauben, was ich da h�re!� Gawyn griff nach dem Schwert. �Ich lasse nicht zu, dass man ihren Namen auf diese Weise beschmutzt, Bryne. Das ist mein Ernst.�</p><p>Bryne schaute ihm in die Augen. Sein Blick war so <emphasis>fest</emphasis>. Wie aus Granit gemei�elt. �Ich sage immer die Wahrheit, Gawyn. Ganz egal, wer mich damit herausfordert. Das f�llt schwer, es sich anzuh�ren? Nun, es war noch schwerer, es zu erleben. Es kommt nie etwas Gutes heraus, wenn man sich beschwert. Aber ihr Sohn muss es wissen. Am Ende, Gawyn, hat sich Eure Mutter gegen Andor gewandt, indem sie Gaebril umarmte. Sie <emphasis>musste</emphasis> entfernt werden. Und sollte al'Thor das f�r uns getan haben, dann m�ssen wir ihm danken.�</p><p>Gawyn sch�ttelte den Kopf, Zorn und Fassungslosigkeit rangen miteinander. Das sollte Gareth Bryne sein?</p><p>�Das sind nicht die Worte eines verschm�hten Liebhabers�, sagte Bryne mit steinerner Miene, als h�tte er s�mtliche Gef�hle zur Seite geschoben. Er sprach leise, w�hrend sie weitergingen, und das Lagervolk machte einen weiten Bogen um sie. �Ich kann akzeptieren, dass eine Frau die Zuneigung zu einem Mann verliert und sich einem anderen zuwendet. Ja, Morgase der Frau kann ich vergeben. Aber Morgase der K�nigin? Sie hat dieser Schlange das K�nigreich gegeben. Sie hat ihre Verb�ndeten zur Pr�gelstrafe geschickt und sie dann in den Kerker geworfen. Sie war nicht mehr richtig im Kopf. Manchmal muss man den faulenden Arm eines Soldaten abschneiden, um dem Mann sein Leben zu retten. Ich freue mich �ber Elaynes Erfolg, und es ist wie eine Wunde, diese Worte zu sprechen. Aber Ihr m�sst diesen Hass auf al'Thor begraben. Er war nicht das Problem. Das war Eure Mutter.�</p><p>Gawyn biss die Z�hne zusammen. Niemals, dachte er. Ich werde al'Thor niemals vergeben. Das nicht.</p><p>�Ich kann die Absicht hinter diesem Blick erkennen�, sagte Bryne. �Nur noch ein Grund mehr, Euch zur�ck nach Andor zu schaffen. Ihr werdet sehen. Und wenn Ihr mir nicht glaubt, fragt Eure Schwester. Seht, was sie dazu zu sagen hat.�</p><p>Gawyn nickte knapp. Voraus erkannte er die Stelle wieder, wo er die Frau gesehen hatte. Er suchte nach den W�scherinnen, dann ging er auf sie zu, schob sich zwischen zwei Kaufleuten mit stinkenden H�hnerk�figen vorbei, die Eier verkauften. �Hier entlang�, sagte er, vielleicht etwas zu scharf.</p><p>Er vergewisserte sich nicht, ob Bryne ihm folgte. Der General hatte ihn bald eingeholt; er sah nicht erfreut aus, aber er sagte nichts.</p><p>Sie gingen einen gewundenen, bev�lkerten Weg, vorbei an Leuten in brauner und dunkelgrauer Kleidung, und bald erreichten sie die Reihe aus Frauen, die vor zwei langen Holztr�gen mit langsam flie�endem Wasser stand. M�nner am anderen Ende gossen Wasser in die Tr�ge, und die Frauen wuschen Kleidung in dem seifigen Wasser, dann sp�lten sie sie in dem sauberen aus. Kein Wunder, dass der Boden so nass war. Wenigstens roch es hier nach Seife und Sauberkeit.</p><p>Die Frauen hatten die �rmel bis zu den Oberarmen aufgerollt, und die meisten von ihnen plauderten bei der Arbeit, die daraus bestand, Kleidung auf den Waschbrettern in den Tr�gen zu scheuern. Sie trugen alle die gleichen braunen R�cke, die Gawyn bei der Aes Sedai gesehen hatte. Er legte die Hand tr�ge auf den Schwertgriff und musterte die Frauen von hinten.</p><p>�Welche ist es?�, fragte Bryne.</p><p>�Einen Moment�, erwiderte er. Da waren Dutzende von Frauen. Hatte er wirklich gesehen, was er zu sehen geglaubt hatte? Warum sollte sich eine Aes Sedai ausgerechnet an diesem Ort hier aufhalten? Sicherlich w�rde Elaida keine Aes Sedai als Spionin losschicken; ihre Gesichter waren viel zu auff�llig.</p><p>Andererseits, wenn sie so leicht zu erkennen waren, warum konnte er sie dann nicht finden?</p><p>Und dann sah er sie. Sie war die einzige der Frauen, die sich nicht unterhielt. Sie kniete mit gesenktem Kopf da, das Haar unter dem gelben Tuch verborgen, das auch ihr Gesicht in Schatten tauchte. Ein Paar Locken ragten unter dem Stoff hervor. Ihre Haltung war so unterw�rfig, dass er sie beinah �bersehen h�tte, aber die Formen ihres K�rpers unterschieden sich von den anderen. Sie war sehr mollig, und das Kopftuch war das einzige gelbe in Sicht.</p><p>Gawyn schritt die Reihe der arbeitenden Frauen entlang, von denen einige aufstanden und mit in die H�ften gestemmten H�nden in nicht zu missverstehenden Worten erkl�rten, das �Soldaten mit ihren gro�en F��en und unbeholfenen Ellbogen� bei Frauenarbeit nichts zu suchen hatten. Er ignorierte sie und ging weiter, bis er neben dem gelben Kopftuch stand.</p><p><emphasis>Das ist doch verr�ckt,</emphasis> dachte er. <emphasis>In der ganzen Geschichte der Aes Sedai hat es noch nie eine gegeben, die freiwillig diese Haltung eingenommen h�tte.</emphasis></p><p>Bryne trat neben ihn. Er beugte sich vor und versuchte einen besseren Blick auf das Gesicht der Frau zu erhaschen. Sie kauerte sich nur noch mehr zusammen und rubbelte hektisch noch schneller an dem Hemd vor ihr in dem Trog herum.</p><p>�Frau�, sagte Gawyn. �Darf ich Euer Gesicht sehen?�</p><p>Sie reagierte nicht. Gawyn sah Bryne an. Z�gernd streckte der General die Hand aus und schob das Kopftuch der dicklichen Frau zur�ck. Das zum Vorschein tretende Gesicht war deutlich erkennbar das einer Aes Sedai, es hatte diese unverwechselbare alterslose Qualit�t. Sie schaute nicht auf. Sie arbeitete weiter.</p><p>�Ich habe doch gesagt, dass es nicht funktionieren wird�, sagte eine st�mmige Frau in der N�he. Sie stand auf und watschelte die Reihe entlang. Sie trug ein zelt�hnliches Kleid in Gr�n und Braun. ��Meine Lady�, habe ich gesagt, �Ihr k�nnt tun, was Ihr wollt, ich werde so einer wie Euch nichts abschlagen, aber irgendjemand wird Euch bemerken.��</p><p>�Ihr habt das Kommando �ber die Waschfrauen?�, fragte Bryne.</p><p>Die gro�e Frau nickte energisch, ihre roten Locken schaukelten. �Das habe ich in der Tat, General.� Sie wandte sich der Aes Sedai zu und machte einen Knicks. �Lady Tagren, ich habe Euch gewarnt. Soll das Licht mich verbrennen, aber das habe ich. Es tut mir aufrichtig leid.�</p><p>Die Frau namens Tagren senkte den Kopf. Waren das Tr�nen auf ihren Wangen? War so etwas �berhaupt <emphasis>m�glich?</emphasis> Was ging hier vor?</p><p>�Meine Lady�, sagte Bryne und ging neben ihr in die Hocke. �Seid Ihr eine Aes Sedai? Wenn Ihr es seid und mir zu gehen befehlt, dann tue ich das, ohne eine Frage zu stellen.�</p><p>Eine gute Weise, das anzugehen. Wenn sie wirklich eine Aes Sedai war, konnte sie nicht l�gen.</p><p>�Ich bin keine Aes Sedai�, fl�sterte die Frau.</p><p>Bryne sah Gawyn stirnrunzelnd an. Was hatte das zu bedeuten, wenn sie das sagte? Eine Aes Sedai konnte nicht l�gen. Also ...</p><p>Leise fuhr die Frau fort: �Mein Name ist Shemerin. Einst war ich eine Aes Sedai. Aber jetzt nicht mehr. Nicht seit ...� Sie schaute wieder zu Boden. �Bitte. Lasst mich in meiner Schande weiterarbeiten.�</p><p>�Das werde ich�, sagte Bryne. Dann z�gerte er. �Aber zuerst muss ich daf�r sorgen, dass Ihr mit ein paar Schwestern aus dem Lager sprecht. Wenn ich Euch nicht zu ihnen bringe, um mit ihnen zu sprechen, schneiden sie mir die Ohren ab.�</p><p>Die Frau, Shemerin, seufzte, stand dann aber auf.</p><p>�Kommt mit�, sagte Bryne zu Gawyn. �Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie auch mit Euch sprechen wollen. Am besten bringen wir es schnell hinter uns.�</p></section><section><title><p>25</p><p>In Dunkelheit</p></title><p>Sheriam sp�hte in ihr dunkles Zelt und z�gerte, entdeckte aber niemanden darin. Sich ein zufriedenes L�cheln gestattend, trat sie ein und zog die Eingangsplanen zu. Ausnahmsweise entwickelten sich die Dinge einmal so, wie sie sollten.</p><p>Nat�rlich �berpr�fte sie ihr Zelt auch weiterhin, bevor sie eintrat, hielt nach dem Ausschau, der manchmal dort gelauert hatte. Der, den sie nie hatte sp�ren k�nnen, aber immer den Eindruck gehabt hatte, es doch k�nnen zu m�ssen. Ja, sie vergewisserte sich noch immer und w�rde das vermutlich auch noch monatelang tun - aber nun war es unn�tig. Kein Phantom wartete darauf, sie zu bestrafen.</p><p>Das rechteckige kleine Zelt war gro� genug, um aufrecht darin stehen zu k�nnen; auf der einen Seite stand eine Pritsche, auf der anderen eine Truhe. Es war gerade noch genug Platz f�r einen Schreibtisch �brig, aber das w�rde den Raum so ausf�llen, dass sie sich kaum noch h�tte r�hren k�nnen. Au�erdem gab es einen v�llig akzeptablen Schreibtisch ganz in der N�he, in Egwenes unbenutztem Zelt.</p><p>Es hatte Diskussionen dar�ber gegeben, das Zelt jemand anderem zu geben - die meisten Schwestern mussten sich eins teilen, obwohl jede Woche neue geliefert wurden. Allerdings war das Zelt der Amyrlin ein Symbol. Solange die Hoffnung bestand, dass Egwene zur�ckkehrte, sollte ihr Zelt auf sie warten. Die untr�stliche Chesa hielt es in Ordnung, die anscheinend - zumindest hatte Sheriam den Eindruck - noch immer �ber die Gefangenschaft ihrer Herrin weinte. Nun, solange Egwene fort war, stand das Zelt Sheriam zur Verf�gung, um dort zu arbeiten; sie konnte dort nur nicht schlafen. Schlie�lich erwartete man von der Beh�terin der Amyrlin, dass sie sich um deren Dinge k�mmerte.</p><p>Sheriam l�chelte wieder und setzte sich auf ihre Pritsche. Vor gar nicht so langer Zeit war ihr Leben ein unendlicher Kreislauf aus Entt�uschungen und Schmerzen gewesen. Doch das war jetzt vorbei. Man h�tte Romanda segnen sollen. Was Sheriam auch immer von der dummen Frau sonst hielt, Romanda war diejenige gewesen, die Halima - und damit Sheriams Folterknecht - aus dem Lager gejagt hatte.</p><p>Die Schmerzen w�rden zur�ckkehren. Die Dienste, die sie leistete, hatten grunds�tzlich immer mit Qualen und Bestrafungen zu tun. Aber sie hatte gelernt, die Zeiten der Ruhe zu genie�en.</p><p>Manchmal w�nschte sie sich, sie h�tte den Mund gehalten und keine Fragen gestellt. Aber sie hatte es nun einmal getan, und da war sie nun. Wie versprochen hatten ihre Treuepflichten ihr Macht eingebracht. Aber niemand hatte sie vor den Schmerzen gewarnt. Gar nicht so selten w�nschte sie, sie h�tte die Braunen gew�hlt und sich irgendwo in einer Bibliothek versteckt, wo sie anderen aus dem Weg gehen konnte. Aber jetzt war sie da, wo sie war. Es war sinnlos, dar�ber nachzusinnen, was h�tte sein k�nnen.</p><p>Sie seufzte, dann zog sie ihr Kleid aus und nahm sich ein frisches Unterkleid. Das tat sie im Dunkeln; Kerzen und �l waren rationiert, und da den Rebellen langsam das Geld ausging, musste sie das, was sie besa�, f�r sp�tere Zeiten verbergen.</p><p>Sie legte sich auf die Pritsche und zog die Decke hoch. Sie war nicht so naiv, sich wegen der Dinge <emphasis>schuldig</emphasis> zu f�hlen, die sie getan hatte. Jede Schwester in der Wei�en Burg versuchte weiterzukommen, darum ging es doch im Leben! Es gab nicht eine Aes Sedai, die ihren Schwestern keinen Dolch in den R�cken gesto�en h�tte, wenn sie der Ansicht gewesen w�re, damit einen Vorteil zu gewinnen. Ihre Freunde waren darin nur etwas mehr ... ge�bt.</p><p>Aber warum musste das Ende aller Tage ausgerechnet <emphasis>jetzt</emphasis> kommen? Andere ihrer Verbindung sprachen davon, wie ruhmreich und ehrenvoll es doch war, in dieser Zeit zu leben, aber sie war da anderer Meinung. Sie war zu ihnen gesto�en, um in der Wei�en Burg aufzusteigen, um die Macht zu haben, jene zu bestrafen, die ihr Unrecht taten. Niemals hatte sie an der letzten Abrechnung mit dem Wiedergeborenen Drachen teilnehmen wollen, und mit Sicherheit hatte sie sich <emphasis>nie</emphasis> gew�nscht, mit den Auserw�hlten zu tun haben zu m�ssen!</p><p>Aber daran lie� sich jetzt nichts mehr �ndern. Am besten genoss sie es, sowohl von den Pr�geln wie auch von Egwenes selbstgerechtem Geschw�tz befreit zu sein. In der Tat ...</p><p>Vor dem Zelt stand eine Frau mit gro�en F�higkeiten in der Macht.</p><p>Sheriam riss die Augen auf. Sie konnte andere Frauen sp�ren, die die Macht lenken konnten, so wie das jede Schwester konnte. <emphasis>Verdammte Asche!,</emphasis> dachte sie nerv�s und kniff die Augen zusammen. <emphasis>Nicht schon wieder!</emphasis></p><p>Der Zelteingang bewegte sich. Sheriam �ffnete die Augen. Eine pechschwarze Gestalt stand �ber ihre Pritsche gebeugt; das wenige Mondlicht, das durch die flatternden Zeltplanen drang, reichte gerade aus, um die Umrisse der Gestalt zu beleuchten. Sie war in unnat�rliche Dunkelheit gekleidet, schwarze Stoffstreifen flatterten hinter ihr, eine tiefe Finsternis verbarg das Gesicht. Sheriam keuchte auf und sprang von der Pritsche, nahm auf dem Zeltboden eine ehrerbietige Stellung ein. Es war kaum genug Platz, um sich hinzuknien. Sie zuckte zusammen und erwartete, dass der Schmerz wieder �ber sie kam.</p><p>�Ah ...�, sagte eine schnarrende Stimme. �Sehr gut. Du bist gehorsam. Ich bin erfreut.�</p><p>Es war nicht Halima. Halima, die anscheinend die ganze Zeit <emphasis>Saidin</emphasis> gelenkt hatte, hatte sie nie sp�ren k�nnen. Davon abgesehen war Halima nie ... auf so dramatische Weise aufgetreten.</p><p>Eine solche St�rke! Wahrscheinlich handelte es sich hier um eine der Auserw�hlten. Entweder das oder ein sehr m�chtiger Diener des Gro�en Herrn, der hoch �ber ihr stand. Das sorgte sie bis ins Mark, und sie zitterte, als sie sich verneigte. �Ich lebe, um zu dienen, Gro�e Herrin�, sagte sie schnell. �Ich, die ich gesegnet bin, mich vor Euch verneigen zu d�rfen, in diesen Zeiten zu leben, in ...�</p><p>�Schluss mit dem Geplapper�, knurrte die Stimme. �Soweit ich wei�, hast du eine ordentliche Stellung in diesem Lager?�</p><p>�Ja, Gro�e Herrin�, sagte Sheriam. �Ich bin die Beh�terin der Chroniken.�</p><p>Die Gestalt schnaubte. �Beh�terin eines zerlumpten Haufens M�chtegern-Rebellen. Aber das spielt keine Rolle. Ich brauche dich.�</p><p>�Ich lebe, um zu dienen, Gro�e Herrin�, wiederholte Sheriam, und ihre Sorge wuchs. Was wollte diese Kreatur von ihr?</p><p>�Egwene al'Vere. Sie muss abgesetzt werden.�</p><p>�Was?�, fragte Sheriam �berrascht. Ein Schlag Luft peitschte �ber ihren R�cken, und es brannte. N�rrin! Wollte sie sich umbringen lassen? �Ich bitte um Vergebung, Gro�e Herrin�, stie� sie hervor. �Verzeiht meinen Ausbruch. Aber eine der Auserw�hlten gab mir �berhaupt erst den Befehl, dabei zu helfen, sie zur Amyrlin zu machen!�</p><p>�Ja, aber sie hat sich als ... schlechte Wahl erwiesen. Wir brauchten ein Kind und keine Frau, die nur das Gesicht eines Kindes hat. Sie muss entfernt werden. Du sorgst daf�r, dass diese Gruppe alberner Rebellen aufh�rt, sie zu unterst�tzen. Und bereite diesen verfluchten Treffen in <emphasis>Tel'aran'rhiod</emphasis> ein Ende. Wieso k�nnen so viele von euch �berhaupt dort hineinkommen?�</p><p>�Wir haben <emphasis>Ter'angreale</emphasis>�, sagte Sheriam z�gernd. �Einige in der Form von bernsteingelben Tafeln sowie ein paar Eisenscheiben. Dann eine Handvoll Ringe.�</p><p>�Ah, Schlafweber�, sagte die Gestalt. �Ja, die k�nnten n�tzlich sein. Wie viele?�</p><p>Sheriam z�gerte. Ihr Instinkt riet ihr zuerst, zu l�gen oder auszuweichen - das erschien als eine Information, die sie der Gestalt vorenthalten konnte. Aber eine der Auserw�hlten anzul�gen? Eine schlechte Entscheidung. �Wir hatten zwanzig�, sagte sie wahrheitsgem��. �Aber eine hatte Leane bei sich, die Frau, die gefangen genommen wurde. Damit bleiben uns neunzehn.� Gerade genug f�r Egwenes Zusammenk�nfte in der Welt der Tr�ume - eine f�r jede Sitzende und eine f�r Sheriam selbst.</p><p>�Ja�, zischte die in Dunkelheit geh�llte Gestalt. �In der Tat n�tzlich. Stehle die Schlafweber, dann gib sie mir. Dieser Abschaum hat nichts dort verloren, wo die Auserw�hlten wandeln.�</p><p>�Ich ...� Sie sollte die <emphasis>Ter'angreale</emphasis> stehlen? Wie sollte sie das denn nur schaffen? �Ich lebe, um zu dienen, Gro�e Herrin.�</p><p>�Ja, das tust du. Erledige diese Dinge f�r mich, und du wirst f�rstlich belohnt werden. Versage ...� Die Gestalt dachte kurz nach. �Du hast drei Tage. Jeder Schlafweber, den du in dieser Zeit nicht herbeischaffen kannst, kostet dich einen Finger oder einen Zeh.� Und die Auserw�hlte �ffnete mitten im Zelt ein Wegetor und verschwand. Auf der anderen Seite erhaschte Sheriam einen Blick auf die vertrauten, mit Fliesen ausgelegten Korridore der Wei�en Burg.</p><p>Die Schlafweber stehlen! Alle neunzehn? In drei Tagen? <emphasis>Bei der gro�en Dunkelheit,</emphasis> dachte Sheriam. Ich h�tte l�gen sollen, wie viele wir davon haben! Warum habe ich nicht gelogen?</p><p>Sie blieb noch lange dort knien, holte tief Luft und sann �ber die Klemme nach, in der sie nun steckte. Ihre Zeit des Friedens war anscheinend vorbei.</p><p>Sie war kurz gewesen.</p><p>�Nat�rlich wird man sie vor das Burggericht zitieren�, sagte Seaine. Die zur�ckhaltende Wei�e sa� auf einem Stuhl, den ihr die beiden Roten geholt hatten, die Egwenes Zelle bewachten.</p><p>Die Zellent�r stand offen, und Egwene sa� auf der Schwelle auf einem Hocker - den die Roten ebenfalls besorgt hatten. Die beiden W�chterinnen, die dicke Cariandre und die strenge Patrinda, beobachteten sie sorgf�ltig vom Korridor aus. Beide hatten die Quelle umarmt und hielten Egwenes Abschirmung aufrecht. Sie sahen aus, als rechneten sie jeden Moment damit, dass sie gleich losrannte und einen Fluchtversuch unternahm.</p><p>Egwene ignorierte sie. Ihre beiden Tage der Gefangenschaft waren nicht angenehm gewesen, aber sie w�rde sie mit W�rde ertragen. Selbst wenn man sie in einen winzigen Raum mit einer T�r gesperrt hatte, die keinen Lichtschimmer durchlie�. Selbst wenn man ihr verweigert hatte, das blutige Novizinnenkleid auszuziehen. Selbst wenn man sie jeden Tag f�r die Weise schlug, in der sie Elaida behandelt hatte. Sie w�rde sich nicht beugen.</p><p>Die Roten gestatteten ihr z�gernd Besucher, wie es das Burggesetz vorschrieb. Es �berraschte Egwene, dass tats�chlich Besucher kamen, aber Seaine war nicht die Einzige gewesen. Es waren sogar einige Sitzende gekommen. Seltsam. Trotzdem verzehrte sie sich nach Neuigkeiten. Wie reagierte die Burg auf ihre Kerkerhaft? Waren die Abgr�nde zwischen den Ajahs noch immer tief und breit, oder hatte ihre Arbeit den Ansto� gegeben, dass man anfing, sie zu �berbr�cken?</p><p>�Elaida hat das Burggesetz recht deutlich gebrochen�, fuhr Seaine fort. �Und f�nf Sitzende f�nf verschiedener Ajahs haben es miterlebt. Nat�rlich hat sie versucht, ein Verfahren zu verhindern, aber damit ist sie gescheitert. Allerdings haben sich ein paar ihre Argumente angeh�rt.�</p><p>�Als da w�ren?�, fragte Egwene.</p><p>�Dass Ihr eine Schattenfreundin seid. Und dass sie Euch deshalb aus der Burg ausgesto�en und erst <emphasis>dann</emphasis> geschlagen hat.�</p><p>Egwene versp�rte ein Fr�steln. Sollte es Elaida gelingen, f�r diese Argumentation gen�gend Unterst�tzung zu finden ...</p><p>�Das wird nicht standhalten�, sagte Seaine beruhigend. �Das hier ist nicht irgendein Hinterw�ldlerdorf, wo ein auf eine T�r gekritzelter Drachenzahn ausreicht, um einen zu verurteilen.�</p><p>Egwene hob eine Braue. Sie war in einem �Hinterw�ldlerdorf� aufgewachsen, und sie hatten genug Verstand gehabt, um mehr als Ger�chte zu brauchen, um jemanden zu verurteilen, ganz egal, um welches Verbrechen es sich handelte. Aber sie sagte nichts.</p><p>�Diese Anschuldigung zu beweisen ist nach den Normen des Turms schwer. Also vermute ich, dass sie nicht versuchen wird, das in einem Prozess zu beweisen - vor allem, weil dann unumg�nglich w�re, dass Ihr f�r Euch selbst sprecht, und ich vermute, dass sie Euch verborgen halten will.�</p><p>�Ja�, erwiderte Egwene und warf den in der N�he herumlungernden Roten einen Blick zu. �Vermutlich habt Ihr recht. Aber wenn sie nicht beweisen kann, dass ich eine Schattenfreundin bin, und wenn sie nicht verhindern kann, dass das vor das Burggericht kommt ...�</p><p>�Es ist kein Versto�, der ihre Absetzung rechtfertigen w�rde�, sagte Seaine. �Die maximale Strafe w�re ein formaler Tadel durch den Saal und vier Wochen Bu�e. Die Stola w�rde sie behalten.�</p><p><emphasis>Aber ordentlich an Glaubw�rdigkeit verlieren,</emphasis> dachte Egwene. Das war ermutigend. Aber wie sollte man nur verhindern, dass Elaida sie einfach irgendwo versteckte? Sie musste den Druck auf die falsche Amyrlin aufrechterhalten - so schwer das auch war, wenn man den ganzen Tag in eine winzige Zelle gesperrt war! Bis jetzt war es nur eine kurze Zeit gewesen, aber die bereits verlorenen Gelegenheiten machten ihr schwer zu schaffen.</p><p>�Ihr werdet an dem Prozess teilnehmen?�, fragte sie.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Seaine gelassen, so wie es Egwene von einer Wei�en erwartete. Manche Wei�en bestanden nur aus k�hler Beherrschung und Logik. Seaine war viel warmherziger als sie, und trotzdem war sie �u�erst reserviert. �Ich <emphasis>bin</emphasis> eine Sitzende, Egwene.�</p><p>�Ich nehme an, dass Ihr noch immer die Auswirkungen der Bewegungen des Dunklen K�nigs erlebt?� Egwene fr�stelte und warf einen Blick auf den Zellenboden, erinnerte sich an das, was Leane passiert war. Ihre Zelle war viel n�chterner als Leanes, vielleicht wegen der Beschuldigung, eine Schattenfreundin zu sein.</p><p>�Ja.� Seaines Stimme wurde weicher. �Sie scheinen schlimmer zu werden. Diener sterben. Essen verdirbt. Ganze Teile der Burg ver�ndern sich auf zuf�llige Weise. Vergangene Nacht ist die zweite K�che auf die sechste Ebene versetzt worden und hat eine ganze Sektion der Gem�cher der Gelben Ajah in den Keller verschoben. Es ist das Gleiche, was zuvor den Braunen passierte, und <emphasis>das</emphasis> hat noch immer keiner erkl�ren k�nnen.�</p><p>Egwene nickte. Da sich die Zimmer verschoben hatten, hatte man den wenigen Novizinnen, deren Unterk�nfte nicht pl�tzlich versetzt worden waren, R�ume auf der einundzwanzigsten und zweiundzwanzigsten Etage zugewiesen, wo einst die Gem�cher der Braunen Ajah gewesen waren. Die Braunen zogen z�gernd nach unten in den Fl�gel. W�rde es eine permanente Ver�nderung bleiben? Seit ewigen Zeiten hatten die Schwestern im Turmgeb�ude gewohnt, und die Novizinnen und die Aufgenommenen lebten im Fl�gel.</p><p>�Ihr m�sst diese Dinge zur Sprache bringen, Seaine�, sagte Egwene leise. �Erinnert die Schwestern unaufh�rlich daran, dass sich der Dunkle K�nig regt und dass die Letzte Schlacht n�her r�ckt. Sorgt daf�r, dass sie sich darauf konzentrieren zusammenzuarbeiten und sich nicht weiter entzweien.�</p><p>Hinter Seaine �berpr�fte eine der Roten Schwestern die Kerze auf dem Tisch. Die Zeit, die Egwene f�r Besucher zustand, n�herte sich ihrem Ende. Bald w�rde man sie wieder wegsperren; sie konnte das staubige, seit langem nicht ausgewechselte Stroh hinter ihr riechen.</p><p>�Ihr m�sst unerm�dlich daran arbeiten, Seaine�, sagte sie, als die Roten n�her kamen. �Tut, was ich nicht tun kann. Bittet die anderen, es ebenfalls zu tun.�</p><p>�Ich versuche es�, sagte Seaine. Sie stand auf und sah zu, wie die Roten Egwene den Hocker wegnahmen und ihr dann bedeuteten, zur�ck in die Zelle zu gehen. Die Decke war zu niedrig, als dass sie aufrecht h�tte stehen k�nnen.</p><p>Egwene ging nur z�gernd, duckte sich. �Die Letzte Schlacht kommt, Seaine. Vergesst das nicht.�</p><p>Die Wei�e nickte, dann fiel die T�r zu und sperrte Egwene in die Dunkelheit. Sie setzte sich auf den Boden. Sie f�hlte sich so blind! Was w�rde bei dem Gerichtsverfahren passieren? Selbst wenn man Elaida bestrafte, was w�rde man mit ihr machen?</p><p>Elaida w�rde alles daransetzen, sie hinrichten zu lassen. Und sie hatte gute Gr�nde daf�r, denn Egwene hatte sich - jedenfalls nach der Definition der Wei�en Burg - als die Amyrlin ausgegeben.</p><p><emphasis>Ich muss stark bleiben,</emphasis> beschwor sich Egwene in der Dunkelheit. <emphasis>Diesen Topf habe ich selbst angew�rmt, und jetzt muss ich ihn zum Kochen bringen, wenn die Burg dadurch besch�tzt werden kann.</emphasis> Alle Schwestern wussten, dass sie auch weiterhin Widerstand leisten w�rde. Und das war alles, was sie ihnen jetzt geben konnte.</p></section><section><title><p>26</p><p>Ein Riss im Stein</p></title><p>Aviendha betrachtete das Gel�nde des Anwesens, auf dem Leute umhereilten und sich auf die Abreise vorbereiteten. F�r Feuchtl�nder waren Basheres M�nner und Frauen gut ausgebildet, und sie verstauten ihre Habe umsichtig und k�mmerten sich um ihre Ausr�stung. Verglichen mit den Aiel waren die anderen Feuchtl�nder, jene, die nicht zu den Soldaten geh�rten, jedoch eine Katastrophe. Lagerfrauen eilten hin und her, als w�ren sie davon �berzeugt, etwas zu vergessen. Die Botenjungen rannten mit ihren Freunden und bem�hten sich, besch�ftigt <emphasis>auszusehen,</emphasis> damit sie nichts tun mussten. Zelte und Ausr�stung der Zivilisten wurden nur langsam eingepackt und verstaut, und sie w�rden Pferde, Wagen und Kutscher brauchen, um alles dorthin zu schaffen, wo sie hingehen mussten.</p><p>Aviendha sch�ttelte den Kopf. Aiel nahmen nur das mit, was sie tragen konnten, und ihre Kriegergruppe schloss nur Soldaten und Weise Frauen ein. Und wenn f�r einen l�ngeren Feldzug mehr als nur die Speere gebraucht wurden, wussten die Arbeiter und Handwerker, wie sie sich schnell und effizient auf den Aufbruch vorzubereiten hatten. Darin lag Ehre. Ehre, die verlangte, dass ein jeder f�hig war, f�r sich selbst und seine Familie zu sorgen und den Clan nicht aufzuhalten.</p><p>Sie sch�ttelte erneut den Kopf und wandte sich wieder ihrer Aufgabe zu. Die Einzigen, denen es an einem solchen Tag an Ehre mangelte, waren die, die nicht arbeiteten. Sie tauchte einen Finger in den kleinen Eimer vor ihr, dann hob sie die Hand und hielt sie �ber einen zweiten Eimer. Ein Wassertropfen l�ste sich. Sie wiederholte das Ganze.</p><p>Es handelte sich um die Art von Bestrafung, die kein Feuchtl�nder verstanden h�tte. Sie h�tten es f�r eine l�cherliche Aufgabe gehalten, dort auf dem Boden zu sitzen und mit dem R�cken an der Holzwand des Herrenhauses zu lehnen. Die Hand hin und her zu bewegen, den einen Eimer zu leeren und den anderen zu f�llen. Und zwar einen Tropfen nach dem anderen. F�r sie h�tte das kaum eine Bestrafung dargestellt.</p><p>Aber das lag nur daran, dass Feuchtl�nder oft faul waren. Sie w�rden lieber Wasser in Eimer tr�pfeln statt Steine zu schleppen. Steine zu schleppen erforderte Aktivit�t - und Aktivit�t war gut f�r K�rper und Seele. Wasser zu bewegen war bedeutungslos. Sinnlos. Es erlaubte ihr weder, die Beine zu strecken, noch ihre Muskeln zu bewegen. Und sie tat es, w�hrend der Rest des Lagers die Zelte f�r den Marsch verpackte. Das machte die Bestrafung zehnmal so besch�mend! Sie verdiente <emphasis>Toh</emphasis> f�r jeden Augenblick, den sie nicht mithalf, und es gab nicht das Geringste, was sie daran �ndern konnte.</p><p>Au�er Wasser zu bewegen. Tropfen um Tropfen um Tropfen.</p><p>Es machte sie w�tend. Dann sch�mte sie sich wegen der Wut. Weise Frauen lie�en sich niemals auf diese Weise von ihren Gef�hlen beherrschen. Sie musste geduldig bleiben und den Grund f�r ihre Bestrafung herausfinden.</p><p>Allein schon der Versuch, sich dem Problem zu n�hern, h�tte sie am liebsten schreien lassen. Wie oft konnte sie dieselbe L�sung in Gedanken durchgehen? Vielleicht war sie ja einfach zu beschr�nkt, um es zu verstehen. Vielleicht verdiente sie es auch nicht, eine Weise Frau zu sein.</p><p>Sie steckte die Hand in den Eimer, dann bewegte sie den n�chsten Tropfen Wasser. Ihr gefiel nicht, was diese Strafen mit ihr machten. Sie war eine Kriegerin, auch wenn sie keinen Speer mehr trug. Sie f�rchtete weder Strafen noch Schmerz. Aber in ihr wuchs die Furcht, dass sie ihren Mut verlieren und v�llig nutzlos sein w�rde.</p><p>Sie <emphasis>wollte</emphasis> eine Weise Frau werden, wollte es sogar unbedingt. Diese Erkenntnis hatte sie �berrascht, denn sie h�tte niemals gedacht, jemals etwas mit der Leidenschaft anzustreben, mit der sie vor langer Zeit die Speere gewollt hatte. Aber w�hrend der vergangenen Monate hatte sie die Weisen Frauen studiert, und ihr Respekt f�r sie war gewachsen; sie hatte sich selbst als eine Gleichgestellte akzeptiert, die dabei helfen w�rde, die Aiel durch diese gef�hrlichste aller Zeiten zu f�hren.</p><p>Die Letzte Schlacht w�rde eine Pr�fung sein, wie sie ihr Volk noch nie zuvor erlebt hatte. Amys und die anderen versuchten mit aller Macht, die Aiel zu besch�tzen, und sie sa� da und bewegte Wassertropfen!</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte eine Stimme.</p><p>Aviendha zuckte zusammen, schaute auf und griff so abrupt nach dem Messer, dass sie beinahe die Eimer umstie�. Ein kurzes St�ck entfernt stand eine Frau mit kurzem dunklen Haar im Schatten des Hauses. Min Farshaw hatte die Arme verschr�nkt und trug einen kobaltblauen Mantel mit silbernen Stickereien. Und ein Halstuch.</p><p>Aviendha entspannte sich, lie� das Messer los. Jetzt konnten sich schon Feuchtl�nder an sie anschleichen? �Mir geht es gut�, sagte sie und k�mpfte dagegen an, nicht zu err�ten.</p><p>Ihr Ton und ihr Verhalten h�tte ein deutlicher Hinweis sein m�ssen, dass sie nicht durch eine Unterhaltung besch�mt werden wollte, aber Min schien das nicht zu bemerken. Die Frau drehte sich um und betrachtete das Lager. �Hast du � hast du nichts zu tun?�</p><p>Dieses Mal vermochte Aviendha ein Err�ten nicht zu unterdr�cken. �Ich mache das, was man mir auftr�gt.�</p><p>Min nickte, und Aviendha zwang sich, ihre Atmung zu kontrollieren. Sie konnte es sich nicht leisten, auf diese Frau w�tend zu werden. Ihre Erstschwester hatte sie gebeten, nett zu Min zu sein. Sie entschied sich, sich nicht beleidigt zu f�hlen. Min hatte ja keine Ahnung, was sie da sagte.</p><p>�Ich dachte, ich k�nnte vielleicht mit dir reden�, sagte Min und betrachtete noch immer das Lager. �Ich wei� nicht, an wen ich mich sonst wenden k�nnte. Ich vertraue den Aes Sedai nicht, und er auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er jetzt �berhaupt noch jemandem vertraut. Vielleicht nicht einmal mehr mir.�</p><p>Aviendha wandte den Kopf und sah, dass Min Rand al�Thor beobachtete, der durchs Lager ging. Er trug einen schwarzen Mantel, sein rotes Haar leuchtete im Nachmittagslicht. Er schien die Saldaeaner, die ihm dienten, hoch zu �berragen.</p><p>Aviendha hatte von den Geschehnissen in der vergangenen Nacht geh�rt, als er von Semirhage angegriffen worden war. Von einer der Schattenbeseelten selbst; sie w�nschte sich, sie h�tte die Kreatur mit eigenen Augen sehen k�nnen, bevor sie get�tet wurde. Sie erschauderte.</p><p>Rand al�Thor hatte gek�mpft und gewonnen. Auch wenn er sich meistens wie ein Narr verhielt, war er ein geschickter Krieger, dem das Gl�ck zur Seite stand. Welcher lebende Mensch konnte sonst von sich behaupten, eigenh�ndig so viele von den Schattenbeseelten besiegt zu haben wie er? Er hatte viel Ehre errungen.</p><p>Sein Kampf hatte ihm auf eine Weise Narben zugef�gt, die Aviendha noch nicht richtig verstand. Sie konnte seine Schmerzen f�hlen. Sie hatte sie auch w�hrend Semirhages Angriff gef�hlt, auch wenn sie es zuerst f�lschlicherweise f�r einen Albtraum gehalten hatte. Aber sie hatte schnell erkannt, dass das ein Irrtum war. Kein Albtraum konnte so schrecklich sein. Noch immer konnte sie den Widerhall dieses unglaublichen Schmerzes f�hlen, diese Wogen der Qual, diese Raserei in ihm.</p><p>Sie hatte Alarm geschlagen, aber nicht schnell genug. F�r ihren Fehler schuldete sie ihm <emphasis>Toh;</emphasis> darum w�rde sie sich k�mmern, sobald sie das mit ihren Strafen erledigt hatte. Falls sie <emphasis>jemals</emphasis> damit fertig wurde.</p><p>�Rand al�Thor wird seine Probleme l�sen�, sagte sie und tropfte mehr Wasser.</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen?�, fragte Min und sah zu ihr her�ber. �F�hlst du seinen Schmerz denn nicht?�</p><p>�Ich f�hlte ihn jeden Augenblick�, erwiderte sie durch zusammengebissene Z�hne. �Aber er muss sich seinen eigenen Pr�fungen stellen, so wie ich mich den meinen. Vielleicht kommt der Tag, an dem er und ich uns ihnen gemeinsam stellen k�nnen, aber dieser Zeitpunkt ist nicht jetzt.�</p><p><emphasis>Zuerst muss ich ihm ebenb�rtig sein,</emphasis> f�gte sie in Gedanken hinzu. <emphasis>Ich werde nicht als Unterlegene an seine Seite treten.</emphasis></p><p>Min musterte sie, und Aviendha versp�rte einen Schauder und fragte sich, welche Visionen die Frau sah. Angeblich trafen ihre Vorhersagen �ber die Zukunft immer ein.</p><p>�Du bist nicht das, was ich erwartet habe�, sagte Min schlie�lich.</p><p>�Ich habe dich get�uscht?�, fragte Aviendha stirnrunzelnd.</p><p>�Nein, das nicht�, erwiderte Min mit einem leisen Lachen. �Ich meinte, dass ich dich wohl falsch eingesch�tzt habe. Ich war mir nicht sicher, was ich nach dieser Nacht in Caemlyn denken sollte, als wir � nun, die Nacht, in der wir zusammen mit Rand den Bund eingingen. Ich f�hle mich dir nahe und zugleich schrecklich fern.� Sie zuckte mit den Schultern. �Vermutlich habe ich erwartet, dass du sofort nach deiner Ankunft zu mir kommst. Wir hatten Dinge zu besprechen. Als du nicht kamst, machte ich mir Sorgen. Vielleicht habe ich dich ja beleidigt.�</p><p>�Du schuldest mir kein <emphasis>Toh�,</emphasis> versicherte Aviendha. �Gut�, sagte Min. �Manchmal bef�rchte ich, dass wir � dass es zu einer Konfrontation zwischen uns kommen k�nnte.�</p><p>�Und was w�rde das n�tzen?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Min schulterzuckend. �Ich dachte, das w�re die Art der Aiel. Mich zu einem Ehrenkampf herauszufordern. Um ihn.�</p><p>Aviendha schnaubte. �Um einen Mann k�mpfen? Wer tut denn so etwas? W�rdest du mir <emphasis>Toh</emphasis> schulden, vielleicht k�nnte ich dann verlangen, dass wir den Tanz der Speere tanzen - aber nur, wenn du eine Tochter w�rst. Und nur, wenn ich auch eine w�re. Vermutlich k�nnten wir mit Messern k�mpfen, aber das w�re kaum ein fairer Kampf. Welche Ehre l�ge darin, gegen jemanden zu k�mpfen, der es nicht kann?�</p><p>Min err�tete, als w�re sie gerade beleidigt worden. Welch seltsame Reaktion. �Ach, ich wei� nicht�, sagte sie, lie� ein Messer aus dem �rmel gleiten und dann �ber ihre Kn�chel tanzen. �Ich w�rde mich kaum als schutzlos bezeichnen.� Sie lie� das Messer in ihrem anderen �rmel verschwinden. Warum mussten Feuchtl�nder immer so mit ihren Messerk�nsten angeben? Thom Merrilin war daf�r genauso anf�llig gewesen. War Min denn nicht klar, dass Aviendha in der Zeit, die sie brauchte, um wie ein Stra�enk�nstler mit dem Messer herumzufummeln, ihr dreimal die Kehle h�tte durchschneiden k�nnen? Aber sie sagte nichts. Offensichtlich war Min auf dieses Geschick sehr stolz, und es bestand kein Grund, sie zu besch�men.</p><p>�Das ist unwichtig�, sagte Aviendha und fuhr mit der Arbeit fort. �Ich w�rde nicht mit dir k�mpfen, solange du mich nicht schwer beleidigst. Meine Erstschwester betrachtet dich als Freundin, und ich w�rde das auch gern tun.�</p><p>�Also gut�, sagte Min, verschr�nkte die Arme und schaute wieder zu Rand hin�ber. �Nun, ich sch�tze, das ist gut so. Ich muss zugeben, dass mir die Vorstellung nicht gef�llt, teilen zu sollen.�</p><p>Aviendha z�gerte, dann tauchte sie den Finger wieder in den Eimer. �Mir auch nicht.� Zumindest gefiel ihr die Vorstellung nicht, mit einer Frau teilen zu m�ssen, die sie nicht gut kannte.</p><p>�Also was tun wir?�</p><p>�Weitermachen wie bisher�, meinte Aviendha. �Du hast, was du willst, und ich bin mit anderen Dingen besch�ftigt. Wenn sich etwas �ndert, sage ich dir Bescheid.�</p><p>�Das ist � aufrichtig von dir.� Min sah verwirrt aus. �Du bist mit anderen Dingen besch�ftigt? So wie Finger in Wassereimer zu tauchen?�</p><p>Wieder err�tete Aviendha. �Ja�, fauchte sie. �Genau das. Du entschuldigst mich.� Sie stand auf und ging los, lie� die Eimer stehen. Ihr war klar, dass sie die Beherrschung nicht h�tte verlieren d�rfen, aber sie konnte es nicht �ndern. Min, die immer wieder ihre Strafe zur Sprache brachte. Ihre Unf�higkeit zu begreifen, was die Weisen Frauen eigentlich von ihr wollten. Rand al�Thor, der sich st�ndig in Gefahr brachte, und sie konnte nicht einmal einen Finger r�hren, um ihm zu helfen.</p><p>Sie ertrug es einfach nicht l�nger. Sie �berquerte den Rasen und ballte dabei st�ndig die F�uste, hielt Abstand zu Rand. So wie dieser Tag verlief, w�rde er ihre verschrumpelten Finger bemerken und sie fragen, warum sie sie eingeweicht hatte! Wenn er dann entdeckte, dass die Weisen Frauen sie bestraften, tat er vermutlich etwas �bereiltes und machte sich zum Narren. M�nner waren so, und Rand al�Thor erst recht.</p><p>Aviendha stolzierte �ber den fr�hlingshaften Boden. Der braune Untergrund wies rechteckige Abdr�cke auf, wo Zelte gestanden hatten. Sie bahnte sich einen Weg vorbei an den Feuchtl�ndern, die in alle Richtungen eilten, und passierte eine Reihe Soldaten, die sich Korns�cke zuwarfen und damit einen Wagen beluden, an den zwei Zugpferde mit dicken Hufen angeschirrt waren.</p><p>Sie blieb in Bewegung und gab sich alle M�he, nicht zu platzen. Tats�chlich konnte sie das Gef�hl nicht loswerden, gleich etwas ��bereiltes� zu tun, sich wie Rand al�Thor zu benehmen. Warum? Warum konnte sie nicht ergr�nden, was sie falsch machte? Die anderen Aiel im Lager schienen genauso unwissend zu sein wie sie, obwohl sie nat�rlich keiner darauf angesprochen hatte. Sie erinnerte sich daran, als Tochter �hnliche Bestrafungen gesehen zu haben, und sie hatte sich nie in die Angelegenheiten der Weisen Frauen eingemischt.</p><p>Sie ging um den Wagen herum und entdeckte, dass sie wieder auf Rand al�Thor zuhielt. Er sprach mit drei von Davram Basheres Quartiermeistern, die er um Hauptesl�nge �berragte. Einer davon, ein Mann mit langem, schwarzen Schnurrbart, zeigte auf die Pferdeseile und sagte etwas. Rand sah Aviendha und hob die Hand, aber sie drehte sich auf dem Absatz um und ging auf das Aiellager an der Nordseite des Rasens zu.</p><p>Vergeblich versuchte sie ihren Zorn zu z�geln. Hatte sie denn kein Recht auf ihre Wut, auch wenn sie sie nur gegen sich selbst richtete? Die Welt stand kurz vor dem Untergang, und sie verbrachte ihre Tage damit, bestraft zu werden! Voraus entdeckte sie eine kleine Gruppe von Weisen Frauen - Amys, Bair und Melaine -, die neben einem Stapel aus zusammengelegten braunen Zelten standen. Die eng zusammengebundenen B�ndel waren mit Riemen versehen, damit man sie sich auf den R�cken schnallen konnte.</p><p>Eigentlich h�tte Aviendha zu ihren Eimern zur�ckkehren und ihre Bem�hungen verdoppeln sollen. Aber das tat sie nicht. Vor Wut sch�umend hielt sie auf die Weisen Frauen zu, wie ein Kind, das eine Narshkatze mit einem Stock angreift.</p><p>�Aviendha?�, fragte Bair. �Hast du deine Strafe bereits erledigt?�</p><p>�Nein, das habe ich nicht�, erwiderte Aviendha, blieb vor den Frauen stehen und stemmte die F�uste in die H�ften. Der Wind zerrte an ihrer Bluse, aber sie lie� sie flattern. Umhereilende Arbeiter - Aiel und Saldaeaner - machten einen gro�en Bogen um die Gruppe.</p><p>�Nun?�, sagte Bair.</p><p>�Du lernst nicht schnell genug�, f�gte Amys hinzu und sch�ttelte den wei�haarigen Kopf.</p><p>�Ich lerne nicht schnell genug?�, wiederholte Aviendha. �Ich habe alles gelernt, was ihr mir aufgetragen habt! Ich habe jede Lektion gelernt, jede Tatsache wiederholt, jede Pflicht erf�llt! Ich habe alle eure Fragen beantwortet, und ich habe gesehen, dass ihr bei jeder Antwort zustimmend genickt habt!�</p><p>Sie starrte jede von ihnen an, bevor sie fortfuhr. �Ich lenke die Macht besser als jede Aielfrau. Ich habe die Speere aufgegeben, und ich hei�e den Platz unter euch willkommen. Ich habe meine Pflicht getan und bei jeder Gelegenheit Ehre gesucht. Und doch bestraft ihr mich immer noch! Damit ist jetzt Schluss. Entweder ihr sagt mir jetzt, was ihr von mir wollt, oder ihr schickt mich weg.�</p><p>Sie rechnete mit Wut. Sie erwartete Entt�uschung. Sie rechnete damit, erkl�rt zu bekommen, dass ein unwissender Lehrling die Entscheidungen Weiser Frauen nicht infrage stellte. Zumindest rechnete sie mit einer gr��eren Strafe f�r ihre Anma�ung.</p><p>Amys sah Melaine und Bair an. �Kind, nicht wir sind es, die dich bestrafen�, sagte sie und schien ihre Worte sehr sorgf�ltig zu w�hlen. �F�r diese Strafen bist du selbst verantwortlich.�</p><p>�Was auch immer ich getan habe, ich glaube einfach nicht, dass ich daf�r verdiene, zum <emphasis>Da�tsang</emphasis> gemacht zu werden. Wenn ihr mich so behandelt, dann entehrt ihr euch nur selbst.�</p><p>�Kind�, sagte Amys und erwiderte ihren Blick. �Weist du unsere Strafen zur�ck?�</p><p>�Ja�, erwiderte Aviendha mit pochendem Herzen. �Das tue ich allerdings.�</p><p>�Du h�ltst deinen Anspruch f�r genauso wichtig wie wir den unseren?�, fragte Bair und beschattete das Gesicht mit der Hand. �Du h�ltst dich f�r ebenb�rtig?�</p><p><emphasis>Ebenb�rtig?,</emphasis> dachte Aviendha und versp�rte die erste Panik. <emphasis>Ich bin ihnen nicht ebenb�rtig! Ich muss noch Jahre lernen. Was mache ich hier?</emphasis></p><p>Konnte sie jetzt noch den R�ckzug antreten? Um Verzeihung bitten, ihr <emphasis>Toh</emphasis> irgendwie erf�llen? Am besten eilte sie zur�ck zu ihrer Strafe und f�llte das Wasser um. Ja! Genau das musste sie tun. Sie musste gehen und �</p><p>�Ich sehe keinen Sinn mehr darin, noch weiter zu lernen�, sagte sie stattdessen. �Wenn diese Strafen alles sind, was ihr mir noch beibringen k�nnt, dann muss ich davon ausgehen, dass ich alles gelernt habe, was ich lernen muss. Ich bin bereit, mich euch anzuschlie�en.�</p><p>Sie wartete auf den unweigerlichen Ausbruch w�tender Fassungslosigkeit. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie h�tte sich nicht von Mins dummen Gerede so sehr aufstacheln lassen d�rfen.</p><p>Und dann fing Bair an zu lachen.</p><p>Es war ein herzliches Lachen, das gar nicht zu einer so kleinen Frau zu passen schien. Melaine stimmte ein und hielt sich den von der Schwangerschaft leicht gew�lbten Bauch. �Sie hat noch l�nger als du gebraucht, Amys!�, rief Melaine aus. �So ein stures M�dchen habe ich noch nie gesehen.�</p><p>Amys� Miene war ungew�hnlich weich. �Willkommen, Schwester�, sagte sie zu Aviendha.</p><p>Aviendha blinzelte. � Was?�</p><p>�Du bist jetzt eine von uns, M�dchen!�, erkl�rte Bair. �Oder zumindest bald.�</p><p>�Aber ich habe euch widersprochen!�</p><p>�Eine Weise Frau kann nicht zulassen, dass andere auf ihr herumtrampeln�, sagte Amys. �Wenn sie den Schatten unserer Schwesternschaft noch immer mit der Einstellung eines Lehrlings betritt, dann wird sie sich nie als eine von uns betrachten.�</p><p>Bair schaute zu Rand al�Thor hin�ber, der einige Schritte entfernt stand und sich mit Sarene unterhielt. �Mir ist nie bewusst geworden, wie wichtig unsere Br�uche sind, bevor ich diese Aes Sedai studierte. Die ganz unten betteln wie H�ndchen und werden von denen ignoriert, die sich als ihre H�hergestellten betrachten. Ist es da ein Wunder, dass sie nichts erreichen?�</p><p>�Aber die Weisen Frauen haben doch auch ihre R�nge�, sagte Aviendha. �Oder etwa nicht?�</p><p>�R�nge?� Amys sah verwirrt aus. �Manche von uns haben mehr Ehre errungen als andere, die sie durch Weisheit, Taten und Erfahrung verdient haben.�</p><p>Melaine hob einen Finger. �Aber es ist wichtig, nein, es ist sogar von entscheidender Bedeutung, dass jede Weise Frau bereit ist, ihren Standpunkt gut zu verteidigen. Wenn sie davon �berzeugt ist, im Recht zu sein, kann sie sich nicht zur Seite schieben lassen, nicht einmal von einer anderen Weisen Frau. Ganz egal, wie alt oder weise die auch sein mag.�</p><p>�Keine Frau ist bereit, sich uns anzuschlie�en, es sei denn, sie erkl�rt sich bereit dazu�, fuhr Amys fort. �Sie muss als Gleichgestellte auftreten.�</p><p>�Eine Strafe ist keine richtige Strafe, solange man sie nicht akzeptiert, Aviendha�, sagte Bair, die noch immer l�chelte. �Wir hielten dich schon vor Wochen bereit, aber du musstest uns ja weiterhin stur gehorchen.�</p><p>�Ich h�tte dich beinahe schon f�r zu stolz gehalten, M�dchen�, f�gte Melaine mit einem L�cheln voller Zuneigung hinzu.</p><p>�Sie ist kein M�dchen mehr�, sagte Amys.</p><p>�Oh, das ist sie sehr wohl noch�, sagte Bair. �Bis noch eine Sache erledigt ist.�</p><p>Aviendha war wie benommen. Sie hatten behauptet, sie w�rde nicht schnell genug lernen. Lernen, f�r sich selbst einzustehen! Dabei hatte sie noch nie zugelassen, sich von anderen herumsto�en zu lassen, aber das hier waren keine �anderen� - es waren Weise Frauen, und sie war der Lehrling. Was w�re geschehen, h�tte Min sie nicht so w�tend gemacht? Sie w�rde sich bei der Frau bedanken m�ssen, obwohl Min gar nicht klar sein w�rde, was sie da getan hatte.</p><p><emphasis>Bis noch eine Sache erledigt ist�</emphasis> �Was muss ich noch tun?�</p><p>�Rhuidean�, sagte Bair.</p><p>Nat�rlich. Eine Weise Frau besuchte die heiligste aller St�dte zweimal in ihrem Leben. Einmal, wenn sie Lehrling wurde, und dann noch einmal, wenn man sie zur Weisen Frau erhob.</p><p>�Die Dinge werden jetzt anders sein�, versicherte Melaine. �Rhuidean ist nicht l�nger das, was es einst war.�</p><p>�Das ist kein Grund, die alten Br�uche zu vergessen�, erwiderte Bair. �Die Stadt mag nun f�r alle zug�nglich sein, aber keiner wird so dumm sein, zwischen den S�ulen hindurchzugehen. Aviendha, du musst��</p><p>�Bair�, unterbrach Amys sie. �Wenn es dir recht ist, w�rde ich es ihr gern sagen.�</p><p>Bair z�gerte, dann nickte sie. �Ja, nat�rlich. Das ist nur gerecht. Aviendha, wir wenden dir nun den R�cken zu. Wir werden dich nicht wiedersehen, bis du zu uns als Schwester zur�ckkommst, die von einer langen Reise heimkehrt.�</p><p>�Eine Schwester, die wir vergessen hatten, dass wir sie kannten�, sagte Melaine l�chelnd. Die beiden Frauen wandten sich von ihr ab, dann ging Amys los in Richtung Reisegel�nde. Aviendha beeilte sich, sich ihr anzuschlie�en.</p><p>�Dieses Mal darfst du deine Kleidung tragen�, erkl�rte Amys, �als Zeichen deiner Stellung. Normalerweise w�rde ich vorschlagen, dass du dich zu Fu� zu der Stadt begibst, auch wenn wir nun Reisen k�nnen, aber ich glaube, dass wir in diesem Fall den Brauch am besten etwas beugen. Trotzdem solltest du nicht direkt in die Stadt Reisen. Ich schlage vor, du Reist zur Kaltfelsenfestung und gehst von dort aus weiter. Du musst Zeit im Dreifachen Land verbringen, um �ber deine Reise zu meditieren.�</p><p>Aviendha nickte. �Ich werde dort einen Wasserschlauch und Ausr�stung brauchen.�</p><p>�In der Festung liegt alles f�r dich bereit. Wir haben damit gerechnet, dass du diesen Abgrund bald �berspringst. Das h�ttest du schon vor Tagen tun sollen, wenn man einmal �berlegt, wie viele Hinweise wir dir gaben.� Sie warf Aviendha einen Blick zu, die zu Boden schaute.</p><p>�Du hast keinen Grund, dich zu sch�men�, sagte Amys. �Diese Last liegt auf uns. Trotz Bairs Neckerei hast du es gut gemacht. Manche Frauen lassen sich monatelang bestrafen, bevor sie entscheiden, dass sie genug davon haben. Wir mussten hart zu dir sein, Kind - h�rter, als je ein Lehrling behandelt wurde, jedenfalls soweit ich es erlebt habe. Aber die Zeit ist so knapp!�</p><p>�Ich verstehe�, erwiderte Aviendha. �Und � danke.�</p><p>Amys schnaubte. �Du hast uns gezwungen, sehr kreativ zu sein. Vergiss nie die Zeit, die du damit verbracht hast, und die Schande, die du versp�rt hast, denn es ist die Schande, die jeder <emphasis>Da�tsang</emphasis> f�hlen wird, solltest du sie zu diesem Schicksal verurteilen. Und sie k�nnen dem nicht einfach entfliehen, indem sie verlangen, dass es aufh�ren soll.�</p><p>�Was macht ihr, wenn sich ein Lehrling w�hrend seiner ersten Ausbildungsmonate zur Weisen Frau erkl�rt?�</p><p>�Ich vermute, ihr ein paar Mal den Riemen zu schmecken geben und sie dann losschicken, L�cher zu graben�, meinte Amys. �Ich w�sste nicht, dass das schon einmal vorgekommen ist. Die Einzige, die kurz davor stand, war Sevanna.�</p><p>Aviendha hatte sich gewundert, warum die Weisen Frauen die Shaido ohne Widerspruch akzeptiert hatten. Sevannas Erkl�rung hatte ausgereicht: also waren Amys und die anderen gezwungen gewesen, sie zu akzeptieren.</p><p>Amys zog das Schultertuch enger um den Leib. �Die T�chter, die das Reisegel�nde bewachen, haben ein B�ndel f�r dich. Sobald du Rhuidean erreichst, gehst du zur Stadtmitte. Dort findest du die Glass�ulen. Geh in der Mitte zwischen ihnen hindurch, dann komm zur�ck. Genie� die Tage, die du zur Stadt l�ufst. Wir haben dich so hart angetrieben, damit du diese Zeit zum Nachdenken hast. Vermutlich ist es f�r eine Weile die letzte Gelegenheit, die du haben wirst.�</p><p>Aviendha nickte. �Die Schlacht kommt.�</p><p>�Ja. Kehre schnell zur�ck, nachdem du die S�ulen passiert hast. Wir werden besprechen m�ssen, wie wir am besten mit dem <emphasis>Car�a�carn</emphasis> umgehen. Er hat sich seit letzter Nacht � ver�ndert.�</p><p>�Ich verstehe.� Aviendha holte tief Luft.</p><p>�Geh�, sagte Amys, �und kehre zur�ck.� Sie betonte die letzten Worte. Einige Frauen �berlebten Rhuidean nicht.</p><p>Aviendha erwiderte ihren Blick und nickte. In vielerlei Hinsicht war Amys ihr eine zweite Mutter gewesen. Sie wurde mit einem seltenen L�cheln belohnt. Dann wandte Amys ihr den R�cken zu, genau wie es die beiden anderen getan hatten.</p><p>Aviendha holte noch einmal tief Luft und warf noch einen Blick auf das zertrampelte Gras vor dem Herrenhaus, wo Rand mit strenger Miene mit den Quartiermeistern sprach, den Arm mit der fehlenden Hand auf dem R�cken haltend, w�hrend er mit der anderen Hand lebhaft gestikulierte. Sie l�chelte ihn an, auch wenn er nicht in ihre Richtung schaute.</p><p><emphasis>Ich kehre zu dir zur�ck,</emphasis> dachte sie.</p><p>Dann lief sie zum Reisegel�nde, sammelte das B�ndel ein und webte ein Wegetor, das sie ein gutes St�ck vor der Kaltfelsenfestung absetzen w�rde, neben einer Felsformation namens T�chterspeer, von wo aus sie zur Festung laufen konnte, um sich vorzubereiten. Das Tor �ffnete sich in die vertraute trockene Luft der W�ste hinein.</p><p>Sie duckte sich in das Tor und jubelte endlich �ber das, was gerade geschehen war.</p><p>Sie hatte ihre Ehre zur�ckgewonnen.</p><empty-line/><p>�Ich kam durch ein kleines Wassertor, Aes Sedai�, sagte Shemerin und senkte vor den anderen Anwesenden im Zelt den Kopf. �Ehrlich gesagt war das nicht besonders schwer, nachdem ich die Burg verlassen hatte und in der Stadt war. Ich wagte es nicht, �ber eine der Br�cken zu gehen. Ich durfte die Amyrlin nicht wissen lassen, was ich da tat.�</p><p>Romanda sah mit verschr�nkten Armen zu. Ihr Zelt wurde von zwei gro�en Messinglampen erhellt, aus deren Spitzen Flammen tanzten. Sechs Frauen lauschten der Geschichte der Ausrei�erin. Lelaine war da, obwohl sich Romanda doch so bem�ht hatte, dass sie nichts von dieser Zusammenkunft erfuhr. Romanda hatte gehofft, dass die schlanke Blaue zu sehr damit besch�ftigt sein w�rde, sich in ihrem Status zu sonnen, um sich f�r ein scheinbar so triviales Ereignis zu interessieren.</p><p>Neben ihr stand Siuan. Die ehemalige Amyrlin hatte sich mit der Verbissenheit eines Flusskrebses an sie geklammert. Romanda war durchaus �ber die neu gefundene F�higkeit erfreut, das D�mpfen wieder Heilen zu k�nnen - immerhin war sie eine Gelbe -, aber ein Teil von ihr w�nschte sich, Siuan h�tte nicht davon profitiert. Als w�re Lelaine nicht allein schon schlimm genug gewesen. Romanda hatte Siuans durchtriebene Natur keinesfalls vergessen, obwohl viele andere im Lager da anscheinend wesentlich nachsichtiger waren. Eine reduzierte St�rke in der Macht bedeutete nicht, dass man pl�tzlich keine vern�nftigen Intrigen mehr schmieden konnte.</p><p>Nat�rlich war Sheriam auch da. Die rothaarige Beh�terin der Chroniken sa� neben Lelaine. In letzter Zeit war Sheriam sehr still gewesen und hatte kaum die W�rde einer Aes Sedai zur Schau gestellt. Dumme Frau. Sie musste aus ihrer Stellung entfernt werden; das konnte jeder sehen. Sollte Egwene jemals zur�ckkehren - und Romanda betete darum, dass sie es tat, und sei es auch nur, weil es Lelaines Pl�ne vereiteln w�rde -, dann w�rde dazu Gelegenheit sein. Eine neue Beh�terin.</p><p>Die letzte Person im Zelt war Magla. Romanda und Lelaine hatten - gesittet - dar�ber diskutiert, wer Shemerin zuerst verh�ren sollte. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass das nur auf eine faire Weise geschehen konnte, und zwar, wenn sie es gemeinsam taten. Weil Shemerin eine Gelbe war, hatte Romanda die Zusammenkunft in ihrem eigenen Zelt veranstalten k�nnen. Es war eine b�se �berraschung gewesen, als Lelaine nicht nur mit Siuan, sondern auch noch mit Sheriam im Schlepptau aufgetaucht war. Aber keiner hatte festgelegt, wie viele Begleiter mitgebracht werden konnten. Und so blieb Romanda nur Magla. Die Frau mit den breiten Schultern sa� neben ihr und lauschte still dem Gest�ndnis. Sollte sie noch jemanden holen lassen? Aber die Zusammenkunft auf diese Weise zu verz�gern w�re zu offensichtlich gewesen.</p><p>Doch eigentlich war es auch gar kein Verh�r. Shemerin sprach frei heraus, widersetzte sich keinen Fragen. Sie sa� vor ihnen auf einem Hocker. Ein Kissen hatte sie abgelehnt. Nur selten hatte Romanda eine Frau gesehen, die so entschlossen war, sich selbst zu bestrafen, wie dieses arme Kind.</p><p><emphasis>Sie ist kein Kind,</emphasis> dachte sie dann. <emphasis>Sie ist eine vollwertige Aes Sedai, ganz egal, was sie auch sagt. Sei verflucht, Elaida, eine von uns in das da zu verwandeln!</emphasis></p><p>Shemerin war eine Gelbe gewesen. Verflixt, sie war noch immer eine Gelbe. Sie sprach nun fast schon eine Stunde, beantwortete Fragen �ber die Lage in der Wei�en Burg. Siuan war die Erste gewesen, die gefragt hatte, wie die Frau �berhaupt von dort entkommen war.</p><p>�Bitte vergebt mir, dass ich im Lager Arbeit suchte, ohne zu euch zu kommen, Aes Sedai�, sagte Shemerin mit gesenktem Kopf. �Aber meine Flucht verstie� gegen das Gesetz. Als Aufgenommene, die ohne Erlaubnis geht, gelte ich als Ausrei�erin. Ich wusste, dass man mich bestraft, sollte man mich entdecken.</p><p>Ich bin in der Gegend geblieben, weil sie so vertraut ist, und ich kann sie nicht loslassen. Als euer Heer kam, sah ich die Gelegenheit, eine Arbeit zu finden, und ich ergriff sie. Aber bitte, zwingt mich nicht, zur�ckzugehen. Ich werde keine Gefahr sein. Ich will das Leben einer normalen Frau f�hren und darauf achten, meine F�higkeiten nie zu benutzen.�</p><p>�Ihr seid eine Aes Sedai�, sagte Romanda und bem�hte sich um einen gem��igten Tonfall. Das Verhalten dieser Frau verlieh vielem zus�tzliche Glaubw�rdigkeit, was Egwene �ber Elaidas machthungrige Herrschaft in der Burg gesagt hatte. �Ganz egal, was Elaida gesagt hat.�</p><p>�Ich �� Shemerin sch�ttelte blo� den Kopf. Beim Licht! Sie war nie die selbstbewussteste aller Aes Sedai gewesen, aber sie so tief gesunken zu sehen war erschreckend.</p><p>�Erz�hlt mir von diesem Wassertor�, sagte Siuan und lehnte sich auf ihrem Stuhl vor. �Wo k�nnen wir es finden?�</p><p>�An der s�dwestlichen Seite der Stadt, Aes Sedai�, erwiderte Shemerin. �F�nf Minuten Fu�weg �stlich von der Stelle, an der die alten Statuen von Eleyan al�Landerin und ihren Beh�tern stehen.� Sie z�gerte, erschien pl�tzlich noch nerv�ser. �Aber es ist ein kleines Tor. Da kann man kein Heer hindurchf�hren. Ich kenne es nur, weil ich die Pflicht hatte, mich um die Bettler zu k�mmern, die dort leben.�</p><p>�Ich will trotzdem eine Karte�, beharrte Siuan, dann warf sie Lelaine einen Seitenblick zu. �Zumindest bin ich der Ansicht, wir sollten eine haben.�</p><p>�Das ist ein weiser Vorschlag�, sagte Lelaine in einem widerw�rtig gro�herzigen Tonfall.</p><p>�Ich will mehr �ber Eure � Situation wissen�, sagte Magla. �Wie kommt Elaida nur auf die Idee, dass es klug sein k�nnte, eine Schwester zu degradieren? Egwene sprach von diesem Vorfall, und ich fand es schon damals unglaublich. Was hat sie sich nur dabei gedacht?�</p><p>�Ich � kann nicht f�r die Amyrlin sprechen�, sagte Shemerin. Und zuckte zusammen, als die Frauen im Raum sie ziemlich unverhohlen finster anstarrten, weil sie Elaida als Amyrlin bezeichnete. Romanda verzichtete darauf. Da kroch etwas unter dem Segeltuchboden des Zeltes, bewegte sich von der einen Ecke auf die Mitte des Raumes zu. Beim Licht! War das eine Maus? Nein, dazu war es zu klein. Vielleicht eine Grille. Romanda rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum.</p><p>�Aber Ihr habt doch sicherlich etwas getan, um ihren Zorn zu verdienen�, fuhr Magla fort. �Etwas, das eine solche Behandlung rechtfertigt?�</p><p>�Ich ��, sagte Shemerin. Aus irgendeinem Grund schaute sie immer wieder zu Siuan hin�ber.</p><p><emphasis>Dumme Frau.</emphasis> Fast war Romanda geneigt, Elaida zuzugestehen, genau richtig gehandelt zu haben. Man h�tte Shemerin niemals zur Stola erheben d�rfen. Sie zur Aufgenommenen zu degradieren war nat�rlich auch keine Art und Weise, die Situation zu l�sen. So viel Macht durfte man der Amyrlin nicht zugestehen.</p><p>Ja, da war definitiv etwas unter dem Segeltuch, das sich wild entschlossen einen Weg zur Zeltmitte bahnte, eine winzige Erhebung, die sich ruckartig bewegte.</p><p>�Ich war in ihrer Gegenwart schwach�, sagte Shemerin schlie�lich. �Wir sprachen von den � Geschehnissen in der Welt. Ich konnte sie nicht ertragen. Ich zeigte nicht die Selbstsicherheit, die einer Aes Sedai geziemt.�</p><p>�Das ist alles?�, fragte Lelaine. �Ihr habt keine Intrigen gegen sie geschmiedet? Ihr habt ihr nicht widersprochen?�</p><p>Shemerin sch�ttelte den Kopf. �Ich war loyal.�</p><p>�Es f�llt mir schwer, das zu glauben�, sagte Lelaine.</p><p>�Ich glaube ihr�, sagte Siuan trocken. �Shemerin hat oft genug gezeigt, dass sie in Elaidas Tasche war.�</p><p>�Das ist ein gef�hrlicher Pr�zedenzfall�, bemerkte Magla. �Soll man meine Seele verbrennen, aber das ist es.�</p><p>�Ja�, stimmte Romanda ihr zu und beobachtete, wie das, was es auch immer war, unter dem Segeltuch langsam auf sie zukroch. �Ich vermute, sie hat die arme Shemerin benutzt, um die Wei�e Burg mit dem Konzept der Degradierung vertraut zu machen. So kann sie es gegen jene einsetzen, die wirklich ihre Feinde sind.�</p><p>Die Unterhaltung kam zum Erliegen. Die Sitzenden, die Egwene unterst�tzten, standen vermutlich ganz oben auf der Liste derjenigen, die degradiert werden sollten - falls sich die Aes Sedai wieder vers�hnten und Elaida ihre Macht behielt.</p><p>�Ist das eine Maus?�, fragte Siuan und schaute zu Boden.</p><p>�Zu klein�, antwortete Romanda. �Und das ist nicht wichtig.�</p><p>�Klein?�, meinte Lelaine und beugte sich vor.</p><p>Romanda runzelte die Stirn und schaute wieder auf die Stelle. Sie schien gr��er geworden zu sein. Tats�chlich �</p><p>Pl�tzlich zuckte die Beule. Der Zeltboden riss, und eine dicke K�chenschabe von der Gr��e einer Feige k�mpfte sich aus dem Spalt. Angeekelt wich Romanda zur�ck.</p><p>Mit zuckenden F�hlern krabbelte die K�chenschabe �ber den Boden. Siuan zog den Schuh aus, um sie totzuschlagen. Aber der Zeltboden in der N�he des Risses w�lbte sich erneut empor, und eine zweite K�chenschabe schob sich in die Freiheit. Dann eine dritte. Und dann kam ein ganzer Schwarm, der aus der L�cke spr�hte wie zu hei�er, ausgespuckter Tee. Ein schwarzer Teppich aus krabbelnden, wimmelnden Kreaturen, die sich in ihrer Eile voranzukommen �bereinander schoben.</p><p>Die Frauen kreischten vor Ekel, warfen beim Aufspringen St�hle und Hocker um. Im n�chsten Augenblick waren die Beh�ter da, der breitschultrige Rorik, der mit Magla verbunden war, und der kupferh�utige H�ne namens Burin Shaeren, der zu Lelaine geh�rte. Die Schreie hatten sie die Schwerter ziehen lassen, aber die K�chenschaben schienen sie einfach nur zu verwirren. So standen sie da und starrten den dreckigen Insektenstrom einfach nur an.</p><p>Sheriam sprang auf ihren Stuhl. Siuan lenkte die Macht und fing an, die Schaben in ihrer N�he zu zerquetschen. Romanda hasste es, die Eine Macht zum T�ten zu benutzen, selbst bei so widerw�rtigen Kreaturen, aber auch sie lenkte Luft und schlug breite Schneisen in die Sch�dlingsflut, doch die Insekten kamen viel zu schnell. Bald lebte der ganze Boden, und die Aes Sedai mussten das Zelt verlassen. Rorik verschn�rte den Eingang, auch wenn das die Insekten nicht aufhalten w�rde.</p><p>Drau�en konnte Romanda einfach nicht damit aufh�ren, sich mit den Fingern das Haar zu k�men, nur um sicherzugehen, dass sich dort keine Schabe verfangen hatte. Der Gedanke, dass die Kreaturen �ber ihren K�rper krabbelten, lie� sie erschaudern.</p><p>�Gibt es in dem Zelt irgendetwas, das Euch am Herzen liegt?�, fragte Lelaine und betrachtete das Zelt. Das Lampenlicht zeigte schattenhafte Insekten die W�nde hochschw�rmen.</p><p>Romanda dachte kurz an ihr Tagebuch, aber sie wusste genau, dass sie es nie wieder anfassen konnte, nachdem ihr Zelt auf diese Weise verseucht worden war. �Nichts, das ich jetzt noch haben will�, erwiderte sie und webte Feuer. �Und nichts, das sich nicht ersetzen lie�e.�</p><p>Die anderen schlossen sich ihr an, und das Zelt fing an zu brennen. Rorik sprang zur�ck, als die Frauen die Macht lenkten. Romanda glaubte die Insekten drinnen zerplatzen zu h�ren. Die pl�tzliche Hitze trieb die Aes Sedai zur�ck. In wenigen Augenblicken war das Zelt ein flammendes Inferno. Frauen eilten aus den umstehenden Zelten.</p><p>�Ich glaube nicht, dass das etwas Nat�rliches war�, sagte Magla leise. �Das waren K�chenschaben mit vierfach geteiltem R�ckenschild. Es gibt sie auf Schiffen, die Shara besuchen. �</p><p>�Nun, das war nicht das Schlimmste, das wir vom Dunklen K�nig gesehen haben�, sagte Siuan und verschr�nkte die Arme. �Wir werden bald viel Schlimmeres sehen, merkt euch meine Worte.� Sie warf Shemerin einen Blick zu. �Kommt. Ich will diese Karte von Euch.�</p><p>Sie gingen los, begleitet von Rorik und den anderen, die im Lager Bescheid geben w�rden, dass es der Dunkle K�nig in dieser Nacht ber�hrt hatte. Romanda blieb und sah zu, wie das Zelt verbrannte. Bald bestand es nur noch aus gl�henden Resten.</p><p><emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Egwene hat recht. Es kommt. Und zwar schnell.</emphasis> Und jetzt sa� das M�dchen im Kerker; vergangene Nacht hatte sie sich mit dem Saal in der Welt der Tr�ume getroffen und sie �ber den katastrophalen Abend mit Elaida und die Auswirkungen ihrer Beleidigung der falschen Amyrlin informiert. Und noch immer verweigerte sie jede Rettung.</p><p>Fackeln wurden entz�ndet und Beh�ter geweckt, die nach weiterem B�sen Ausschau halten sollten. Romanda roch Rauch. Das waren die �berreste von allem, was sie auf der Welt besessen hatte.</p><p>Die Burg musste wieder vereint sein. Ganz egal, was es kostete. W�rde sie bereit sein, sich Elaida zu beugen, damit das geschah? W�rde sie bereit sein, das Kleid der Aufgenommenen anzuziehen, wenn das f�r die n�tige Einheit f�r die Letzte Schlacht sorgte?</p><p>Sie konnte sich nicht entscheiden. Und das bereitete ihr beinahe genauso viel Sorgen wie zuvor diese wimmelnden K�chenschaben.</p></section><section><title><p>27</p><p>Im Beschwipsten Wallach</p></title><p>Nat�rlich entkam Mat dem Lager nicht ohne die Aes Sedai. Verdammte Frauen. Er ritt die uralte Stra�e entlang, dieses Mal nur ohne die Bande. Allerdings wurde er begleitet von den drei Aes Sedai, zwei Beh�tern, zwei Soldaten, Talmanes, einem Lastpferd und Thom. Wenigstens hatten Aludra, Amathera und Egeanin darauf verzichtet, sich ihnen anzuschlie�en. Die Gruppe war auch so schon zu gro�.</p><p>Die Kiefern, die die Stra�e bewachten, dufteten stark, und in der Luft lag das Gezwitscher von Bergfinken. Bis zum Sonnenuntergang waren es noch ein paar Stunden, Mat hatte die Bande gegen Mittag anhalten lassen. Er ritt ein St�ck vor den Aes Sedai und ihren Beh�tern, die eine dichte Gruppe bildeten. Nachdem er Joline Pferde und Geld verweigert hatte, war es f�r sie nat�rlich nicht infrage gekommen, ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Nicht, wenn sie ihn zwingen konnten, sie in das Dorf mitzunehmen, wo sie zumindest eine Nacht in einem Gasthaus mit weichen Betten und warmen B�dern verbringen konnten.</p><p>Er wehrte sich nicht zu heftig. Zwar passte ihm nicht, dass die Bande zum Thema werden w�rde, und Frauen waren nun einmal Klatschweiber, selbst die Aes Sedai. Aber es war sowieso so gut wie unm�glich, dass der Vorbeimarsch der Bande in dem Dorf keinen Aufruhr ausl�ste. Sollte es auf diesen gewundenen Bergwegen seanchanische Patrouillen geben � nun, er w�rde die Bande eben z�gig nach Norden f�hren m�ssen. Sinnlos, deswegen Tr�nen zu vergie�en.</p><p>Au�erdem fand er langsam das alte Gleichgewicht wieder, wie er auf Pips �ber die Stra�e galoppierte und die Fr�hlingsbrise im Haar sp�rte. Er hatte einen seiner �lteren M�ntel angezogen, rot mit braunem Besatz und aufgekn�pft, um das alte braune Hemd darunter zu zeigen.</p><p>Allein darum ging es doch. Unterwegs neue D�rfer kennenzulernen, in den Gasth�usern zu w�rfeln, ein paar h�bschen Schankm�gden in den Hintern zu kneifen. Er w�rde nicht an Tuon denken. Verfluchte Seanchaner. Bestimmt ging es ihr gut, oder nicht?</p><p>Nein. Der Gedanke an den W�rfelbecher lie� beinahe seine Finger jucken. Es war viel zu lange her, dass er sich in einer Ecke niedergelassen und mit ganz normalen Burschen gespielt hatte. Ihre Gesichter w�rden etwas schmutziger sein und ihre Ausdrucksweise etwas grober, aber ihr Herz w�rde so gut wie das eines jeden Mannes sein. Besser als das der meisten Adligen.</p><p>Talmanes ritt direkt vor ihm. Er w�rde sich vermutlich eine etwas bessere Schenke als Mat w�nschen, wo man bei einem Kartenspiel einsteigen konnte, statt zu w�rfeln. Aber vermutlich w�rden sie nicht viel Auswahl haben. Das Dorf war recht ansehnlich, m�glicherweise h�tte es sogar schon die Bezeichnung Stadt verdient, aber es w�rde wohl kaum mehr als drei oder vier Gasth�user geben. Ihre Auswahl <emphasis>w�rde</emphasis> beschr�nkt sein.</p><p><emphasis>Recht ansehnlich,</emphasis> dachte Mat und nahm grinsend den Hut ab, um sich am Hinterkopf zu kratzen. Hinderstap w�rde <emphasis>nur</emphasis> drei oder vier Gasth�user haben, und das machte es zu einer Kleinstadt. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er Baerlon als gro�e Stadt betrachtet hatte, dabei war es vermutlich nicht viel gr��er als dieses Hinderstap!</p><p>Ein Pferd schob sich an seine Seite. Thom hatte schon wieder die Nase in diesen verdammten Brief gesteckt. Die Miene des schlanken Gauklers war nachdenklich, als er die Worte anstarrte. Sein wei�es Haar flatterte im Wind. Als h�tte er sie nicht bereits schon tausend Mal gelesen.</p><p>�Warum steckst du das nicht weg?�, meinte Mat. Thom schaute auf. Es hatte einiges an �berredung gekostet, den Gaukler dazu zu bringen, sich ihnen anzuschlie�en, aber er brauchte das, brauchte eine Ablenkung.</p><p>�Thom, das ist mein Ernst�, fuhr Mat fort. �Ich wei�, dass du es eilig hast, nach Moiraine zu suchen. Aber es wird noch Wochen dauern, bevor wir aufbrechen k�nnen, und immer wieder diese Worte zu lesen wird nur deine Unruhe steigern.�</p><p>Thom nickte und faltete das Papier and�chtig zusammen. �Du hast recht, Mat. Aber ich habe diesen Brief monatelang mit mir herumgetragen. Jetzt, da ich seinen Inhalt geteilt habe, f�hle ich mich � nun, ich will es einfach hinter mich bringen.�</p><p>�Ich wei� �, sagte Mat und schaute zum Horizont. Moiraine. Der Turm von Ghenjei. Beinahe hatte er das Gef�hl, das Geb�ude dort hinten in die H�he ragen zu sehen. Dort f�hrte sein Weg hin, und Caemlyn war nur ein Schritt dorthin. Wenn Moiraine noch am Leben war � beim Licht, was w�rde das bedeuten? Wie w�rde Rand reagieren?</p><p>Die Rettung war ein weiterer Grund, warum Mat das Gef�hl hatte, einen sch�nen Abend beim W�rfeln zu brauchen. Warum hatte er nur eingewilligt, Thom in den Turm zu begleiten? Diese brennenden Schlangen und F�chse - er versp�rte nicht das geringste Verlangen, sie wiederzusehen.</p><p>Aber � er konnte Thom unm�glich allein gehen lassen. Es hatte eine gewisse Unausweichlichkeit. Als h�tte ein Teil von ihm die ganze Zeit �ber gewusst, dass er zur�ckkehren und sich diesen Kreaturen noch einmal stellen musste. Zwei Mal hatten sie ihn bis jetzt hereingelegt, und die Eelfinn hatten mit diesen Erinnerungen seinen Verstand durcheinandergebracht. Er hatte mit ihnen noch eine Rechnung zu begleichen, so viel stand fest.</p><p>Nicht, dass er viel f�r Moiraine �brig gehabt h�tte, aber er w�rde sie ihnen auch nicht �berlassen, auch wenn sie eine Aes Sedai war. Verdammte Asche. Vermutlich h�tte er sogar versucht, einen der Verlorenen zu retten, sollten sie dort gefangen sein.</p><p>Was m�glicherweise sogar der Fall war. Lanfear war durch dasselbe Tor gest�rzt. Was sollte er nur tun, wenn er sie dort fand? W�rde er wirklich auch sie retten?</p><p><emphasis>Du bist ein Narr, Matrim Cauthon. Kein Held. Blo� ein Narr.</emphasis></p><p>�Wir finden Moiraine, Thom�, sagte er. �Ich gebe dir mein Wort, verdammt noch mal. Wir finden sie. Aber vorher m�ssen wir die Bande an einem sicheren Ort untergebracht haben, und wir <emphasis>brauchen</emphasis> Informationen. Bayle Domon behauptet zu wissen, wo der Turm steht, aber ich bin erst dann zufrieden, wenn wir eine gro�e Stadt finden und Ger�chte und Geschichten �ber diesen Turm aufschnappen k�nnen. Irgendjemand muss etwas wissen. Davon abgesehen brauchen wir Vorr�te, und die werden wir wohl kaum in diesen Bergd�rfern finden. Wir m�ssen es nach Caemlyn schaffen, vielleicht halten wir auf dem Weg in Vier K�nige an.�</p><p>Thom nickte, aber Mat entging keineswegs, dass ihm der Gedanke, Moiraine dort gefangen zu lassen, wo man sie m�glicherweise folterte oder was auch immer mit ihr anstellte, zu schaffen machte. Thoms funkelnde blaue Augen wiesen diesen entr�ckten Ausdruck auf. Warum setzte ihm das nur so zu? Was bedeutete Moiraine ihm nur, war sie nicht blo� eine beliebige Aes Sedai, eine von jenen, die seinem Neffen das Leben gekostet hatten?</p><p>�Verdammt. Wir sollten nicht �ber solche Dinge nachgr�beln, Thom! Wir werden uns einen sch�nen Abend machen, werden w�rfeln und viel lachen. Vermutlich wird auch genug Zeit f�r ein paar Lieder sein.�</p><p>Thom nickte, und seine Miene hellte sich etwas auf. Sein Lautenkasten war hinten auf seinem Pferd festgeschnallt; es w�rde gut sein, ihn diesen wieder �ffnen zu sehen. �Willst du also wieder f�r dein Essen jonglieren, Lehrling?�, fragte Thom mit einem Funkeln in den Augen.</p><p>�Besser, als zu versuchen, auf dieser verflixten Fl�te zu spielen�, grollte Mat. �Darin war ich nie gut. Aber Rand war wirklich nicht �bel, oder?�</p><p>Farben wirbelten in Mats Kopf und verfestigten sich zu einem Bild von Rand, der allein in einem Zimmer sa�. Er hatte die Beine gespreizt und trug ein kostbar besticktes Hemd; ein Mantel in Rot und Schwarz lag zusammengekn�llt an einer Holzwand neben ihm. Er dr�ckte eine Hand gegen die Stirn, als w�rde er versuchen, Kopfschmerzen zu vertreiben. Die andere Hand �</p><p>Ihr Arm endete in einem Stumpf. Als Mat dies das erste Mal gesehen hatte - vor ein paar Wochen -, hatte es ihn entsetzt. Wie hatte Rand die Hand verlieren k�nnen? Der Mann schien kaum noch lebendig zu sein, so wie er dort reglos sa�. Allerdings schienen sich seine Lippen zu bewegen, er schien vor sich hinzumurmeln. <emphasis>Beim Licht!,</emphasis> dachte Mat. <emphasis>Soll man dich doch zu Asche verbrennen, was tust du dir nur an?</emphasis></p><p>Nun, wenigstens war er nicht in seiner N�he. <emphasis>Sei froh.</emphasis> Sein Leben war in letzter Zeit nicht unbedingt einfach gewesen, aber er h�tte auch in Rands unmittelbarer N�he festsitzen k�nnen. Sicher, Rand war ein Freund. Aber Mat wollte nicht dabei sein, wenn er den Verstand verlor und jeden umbrachte, den er kannte. Es gab Freundschaft, und es gab Dummheit. Nat�rlich w�rden sie in der Letzten Schlacht Seite an Seite k�mpfen, das lie� sich nicht �ndern. Mat hoffte nur, auf diesem Schlachtfeld weit weg von <emphasis>Saidin</emphasis> lenkenden Verr�ckten zu sein.</p><p>�Ah, Rand�, meinte Thom. �Dieser Junge h�tte sich seinen Lebensunterhalt als Gaukler verdienen k�nnen, das garantiere ich dir. Vielleicht sogar als richtiger Barde, wenn er fr�h genug damit angefangen h�tte.�</p><p>Mat sch�ttelte den Kopf und verscheuchte die Vision. <emphasis>Verflucht, Rand. Lass mich zufrieden.</emphasis></p><p>�Das waren noch bessere Tage, nicht wahr, Mat?� Thom l�chelte. �Nur wir drei, die den Arinelle hinunterfuhren.�</p><p>�Und Myrddraal, die uns anscheinend v�llig grundlos verfolgten�, f�gte Mat grimmig hinzu. Jene Tage waren auch nicht so einfach gewesen. �Schattenfreunde, die uns bei jeder Gelegenheit ein Messer in den R�cken rammen wollten.�</p><p>�Immer noch besser als <emphasis>Gholam</emphasis> und Verlorene, die uns t�ten wollen.�</p><p>�Das ist ungef�hr so, als w�rdest du sagen, du h�ttest lieber eine Schlinge um den Hals als ein Schwert im Bauch.�</p><p>�Einer Schlinge kann man entkommen.� Thom rieb sich den langen wei�en Schnurrbart. �Steckt das Schwert erst einmal in dir, kannst du nicht mehr viel dagegen machen.�</p><p>Mat z�gerte, dann musste er lachen. Er rieb �ber das Tuch um seinen Hals. �Ich sch�tze, da hast du recht. Ich sch�tze, da hast du verdammt recht. Warum vergessen wir das nicht alles f�r heute einmal? Tun so, als w�ren die Dinge so wie fr�her!�</p><p>�Ich wei� nicht, ob das m�glich ist, mein Junge.�</p><p>�Aber sicher ist es das�, erwiderte Mat stur.</p><p>�Ach ja?� Thom klang am�siert. �Du h�ltst den alten Thom Merrilin wieder f�r den kl�gsten, am weitesten gereisten Mann, der dir je begegnet ist? Du spielst wieder den staunenden Bauernburschen, der sich jedes Mal an meinem Mantel festklammert, wenn wir an einem Dorf mit mehr als einem Gasthaus vorbeikommen?�</p><p>�Jetzt h�r aber auf. So schlimm war ich nun auch wieder nicht.�</p><p>Thom kicherte. �Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung. �</p><p>�Ich wei� nicht mehr viel davon.� Mat kratzte sich wieder am Kopf. �Aber ich erinnere mich, dass Rand und ich ganz gut zurechtgekommen sind, nachdem wir uns von dir getrennt hatten. Immerhin haben wir es nach Caemlyn geschafft. Haben dir deine verflixte Laute in einem St�ck zur�ckgebracht, nicht wahr?�</p><p>�Da waren ein paar Kratzer auf dem Rahmen ��</p><p>�Das stimmt doch gar nicht!� Mat deutete mit dem Finger auf ihn. �Rand hat sie geh�tet wie seinen Augapfel. Ihm w�re nicht im Traum eingefallen, sie zu verkaufen, selbst als wir hungrig genug waren, unsere Stiefel zu essen, wenn wir sie nicht gebraucht h�tten, um es ins n�chste Dorf zu schaffen.�</p><p>Diese Tage waren f�r Mat verschwommen, eine Erinnerung voller L�cher, wie ein Eiseneimer, der zu lange vor sich hingerostet hatte. Aber ein paar Dinge hatte er wieder zusammensetzen k�nnen.</p><p>Thom kicherte. �Mat, wir k�nnen nicht zur�ck. Das Rad hat sich weiterbewegt, ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Und es wird sich weiterdrehen, und das Licht wird sterben und W�lder werden dunkler, St�rme kommen und der Himmel bricht. Es wird sich weiterdrehen. Das Rad ist nicht die Hoffnung, und dem Rad ist alles egal, denn das Rad <emphasis>ist</emphasis> einfach. Aber solange es sich dreht, k�nnen Menschen hoffen und sich f�r ein Ziel begeistern. Denn mit jedem schwindenden Licht wird irgendwann ein anderes kommen, und jeder w�tende Sturm findet irgendwann einmal sein Ende. Solange sich das Rad dreht. Solange es sich dreht��</p><p>Mat lenkte Pips um ein besonders tiefes Schlagloch im Stra�enbelag. Voraus plauderte Talmanes mit ihren Soldaten. �Das klingt nach einem Lied, Thom.�</p><p>�Aye�, erwiderte der Gaukler beinahe mit einem Seufzen. �Ein sehr altes Lied, das die meisten vergessen haben. Ich habe davon drei Versionen entdeckt, jede mit denselben Worten, nur immer mit einer anderen Melodie. Vermutlich hat mich die Gegend daran erinnert; es hei�t, Doreille selbst h�tte das urspr�ngliche Gedicht verfasst.�</p><p>�Diese Gegend?�, fragte Mat �berrascht und warf einen Blick auf die Kiefern.</p><p>Thom nickte nachdenklich. �Diese Stra�e ist alt, Mat. Sogar uralt. Vermutlich stammt sie aus der Zeit vor der Zerst�rung der Welt. Solche Wahrzeichen finden oft ihren Weg in Lieder und Geschichten. Ich glaube, einst nannte man diese Gegend die Zerbrochenen H�gel. Wenn das stimmt, dann war das hier fr�her Coremanda, direkt neben der Adlerh�he. Ich wette, w�rden wir einen der h�heren H�gel erklimmen, f�nden wir alte Befestigungen.�</p><p>�Und was hat das mit Doreille zu tun?�, fragte Mat unbehaglich. Sie war die K�nigin von Aridhol gewesen.</p><p>�Sie war hier zu Besuch�, antwortete Thom. �Hat einige ihrer besten Gedichte auf der Adlerh�he geschrieben.�</p><p><emphasis>Verflixt,</emphasis> dachte Mat. <emphasis>Ich erinnere mich.</emphasis> Er erinnerte sich, auf der Mauer einer Festung oben auf dem kalten Gipfel zu stehen und auf eine lange, gewundene und zerborstene Stra�e hinabzuschauen, w�hrend ein Heer aus M�nnern mit violetten Wimpeln inmitten eines Pfeilregens einen H�gel st�rmte. Die Zerbrochenen H�gel. Eine Frau auf dem Balkon. Die K�nigin selbst.</p><p>Er fr�stelte und verscheuchte die Erinnerung. Aridhol war eine der uralten Nationen gewesen, vor langer Zeit, als Manetheren eine Gro�macht gewesen war. Aridhol, die Hauptstadt der Nation, hatte noch einen anderen Namen gehabt. Shadar Logoth.</p><p>Mat hatte schon lange nicht mehr den Sog des rubinverzierten Dolches versp�rt. Beinahe hatte er angefangen zu vergessen, wie es gewesen war, an ihn gekettet zu sein, falls es �berhaupt m�glich war, so etwas jemals zu vergessen. Aber manchmal erinnerte er sich daran, dass das Rubinrot wie sein eigenes Blut gewesen war. Und dann sickerten die alte Lust und das alte Verlangen wieder in sein Inneres �</p><p>Kopfsch�ttelnd verscheuchte er auch diese Erinnerungen. Verflucht, er wollte sich doch am�sieren!</p><p>�Was war das doch nur f�r eine sch�ne Zeit�, sagte Thom tr�ge. �Ich f�hle mich alt, Mat, wie ein verblichener Teppich, den man zum Trocknen in den Wind geh�ngt hat und dessen einst so leuchtende Farben kaum noch erkennbar sind. Manchmal frage ich mich, ob ich dir �berhaupt noch n�tzlich bin. Du scheinst mich kaum noch zu brauchen.�</p><p>�Was? Nat�rlich brauche ich dich, Thom!�</p><p>Der alternde Gaukler musterte ihn von der Seite. �Mat, das Schlimme an dir ist, dass du wirklich gut im L�gen bist. Im Gegensatz zu diesen anderen beiden Jungen.�</p><p>�Das ist mein Ernst! Wirklich! Sicher k�nntest du aufbrechen und umherziehen und Geschichten erz�hlen, so wie fr�her. Aber die Dinge hier w�rden etwas weniger glatt laufen, und ich w�rde mit Sicherheit deine Weisheit vermissen. Verdammt, das w�rde ich. Ein Mann braucht Freunde, denen er vertrauen kann, und dir w�rde ich jeden Tag mein Leben anvertrauen.�</p><p>�Was denn, Matrim?� Thom schaute auf, und Heiterkeit funkelte in seinen Augen. �Willst du einen Mann aufmuntern, dessen Stimmung im Keller ist? Willst du ihn zum Bleiben �berreden, um das zu tun, was richtig ist, statt loszurennen und nach Abenteuern zu suchen? Das klingt ja richtig <emphasis>verantwortlich.</emphasis> Was ist blo� in dich gefahren?�</p><p>Mat schnitt eine Grimasse. �Vermutlich die Ehe. Aber soll man mich doch zu Asche verbrennen, ich h�re weder mit Spielen noch mit Trinken auf!� Vor ihm drehte sich Talmanes um und warf ihm einen Blick zu, dann rollte er mit den Augen.</p><p>Thom lachte, als er es sah. �Ach was, mein Junge, ich wollte dich nicht deprimieren. Das ist blo� dummes Gerede. Ich habe immer noch ein paar Dinge, die ich der Welt zeigen kann. Wenn ich Moiraine wirklich befreien kann � nun, da wird sich zeigen. Davon abgesehen muss ja einer der Beobachter sein, der das alles eines Tages zu einem Lied macht. Aus all dem hier wird mehr als nur eine Ballade entstehen.�</p><p>Er drehte sich um und fummelte in einer Satteltasche herum. �Ah!�, sagte er dann und zog seinen geflickten Gauklerumhang hervor. Mit Schwung warf er ihn sich �ber.</p><p>�Wenn du dann �ber uns schreibst�, meinte Mat, �sind f�r dich vielleicht ein paar Goldmark drin, wenn du einen h�bschen Vers �ber Talmanes einf�gst. Du wei�t schon, dass er ein Auge hatte, das immer in seltsame Richtungen starrt, oder dass er oft einen Duft verbreitete, der einen an einen Ziegenstall erinnert.�</p><p>�Das habe ich geh�rt!�, rief Talmanes von vorn.</p><p>�Das solltet Ihr auch!�, rief Mat zur�ck.</p><p>Thom lachte blo� und zupfte seinen Umhang zurecht, damit er auch richtig zur Geltung kam. �Ich kann nichts versprechen.� Er kicherte weiter. �Wenn du nichts dagegen hast, Mat, trenne ich mich von euch, sobald wir im Dorf sind. Die Ohren eines Gauklers schnappen m�glicherweise Informationen auf, die man in Anwesenheit von Soldaten nicht zu h�ren bekommt.�</p><p>�Informationen w�ren nicht �bel�, meinte Mat und rieb sich das Kinn. Voraus beschrieb die Stra�e eine Kurve; Vanin zufolge w�rden sie das Dorf direkt dahinter finden. �Ich komme mir vor, als w�re ich seit Monaten durch einen Tunnel gereist, ohne etwas von der Welt dort drau�en zu sehen. Es w�re wirklich gut zu wissen, wo Rand steckt, selbst um nur zu wissen, welchen Weg man meiden muss.� Die Farben wirbelten und zeigten ihm Rand - aber der Mann stand in einem Raum ohne Ausblick und gab Mat nicht den geringsten Hinweis, wo er sich aufhielt.</p><p>�Ich f�rchte, das Leben ist meistens wie dieser Tunnel�, sagte Thom. �Die Leute erwarten von einem Gaukler, dass er ihnen Neuigkeiten bringt, also holen wir sie heraus und stauben sie ab, um sie zu pr�sentieren - aber viele unserer �Neuigkeiten� sind nur ein paar Geschichten, die oft weniger Wahrheit enthalten als tausend Jahre alte Balladen.�</p><p>Mat nickte.</p><p>�Und ich schaue mal, ob ich ein paar Ger�chte f�r unser Unternehmen aufschnappen kann.�</p><p>Der Turm von Ghenjei. Mat zuckte mit den Schultern. �Da d�rften wir eher etwas in Vier K�nige oder Caemlyn finden.�</p><p>�Ja, ich wei�. Aber Olver hat mir das Versprechen abgerungen, mich umzuh�ren. H�ttest du Noal nicht aufgetragen, den Jungen zu besch�ftigen, h�tte es mich nicht gewundert, ihn in meiner Satteltasche zu finden. Er wollte wirklich unbedingt mitkommen.�</p><p>�Wo getanzt und gew�rfelt wird, das ist kein Ort f�r einen Jungen�, murmelte Mat. �Ich w�nschte nur, ich k�nnte mich darauf verlassen, dass die M�nner im Lager ihn nicht schlimmer verderben, als es eine Schenke tun w�rde.�</p><p>�Nun ja, er ist ja brav zur�ckgeblieben, sobald Noal das Spielbrett herausholte.� Olver war fest davon �berzeugt, dass er Schlangen und F�chse nur oft genug spielen musste, um eine geheime Strategie zu entdecken, mit der man die Aelfinn und Eelfinn besiegen konnte. �Der Junge glaubt noch immer, er w�rde uns zum Turm begleiten�, sagte Thom etwas leiser. �Er wei�, dass er keiner der Drei sein kann, aber er will drau�en auf uns warten. Uns vielleicht retten, wenn wir nicht schnell genug wieder herauskommen. Ich will nicht dabei sein, wenn er die Wahrheit entdeckt.�</p><p>�Ich auch nicht�, meinte Mat. Die B�ume gaben den Blick auf ein kleines Tal mit gr�nen Wiesen frei, die die H�gel zu beiden Seiten weit emporklommen. Zwischen die H�nge schmiegte sich eine Stadt aus mehreren Hundert Geb�uden, durch deren Mitte ein Bergstrom floss. Die H�user waren aus dunkelgrauem Stein erbaut und wiesen hohe Schornsteine auf, aus denen gr��tenteils Rauch in den Himmel stieg. Es gab Schr�gd�cher wegen der vermutlich sehr schneereichen Winter, obwohl jetzt nur noch auf fernen Gipfeln wei�e Flecken zu sehen waren. Auf mehreren D�chern waren bereits Arbeiter flei�ig damit besch�ftigt, vom Winter besch�digte Schindeln zu ersetzen, und auf den H�geln grasten Ziegen und Schafe, die von Hirtenjungen geh�tet wurden.</p><p>Es waren noch ein paar Stunden Tageslicht �brig, also arbeiteten M�nner an Gesch�ftsfassaden und Z�unen. Andere spazierten ohne jede Eile durch die Stra�en. Die kleine Stadt vermittelte den entspannten Eindruck von einem Gemisch aus Flei� und Faulheit.</p><p>Mat z�gelte neben Talmanes und den Soldaten das Pferd. �Ein h�bscher Anblick�, bemerkte Talmanes. �Ich glaubte schon, dass jede Stadt auf der Welt entweder zerf�llt, mit Fl�chtlingen �berf�llt ist oder unter dem Daumen von Eroberern �chzt. Wenigstens scheint die hier nicht vor uns verschwinden zu wollen ��</p><p>�Das walte das Licht�, erwiderte Mat und dachte schaudernd an die Stadt in Altara, die vor ihren Augen verschwunden war. �Hoffen wir, dass sie nichts dagegen haben, sich mit ein paar Fremden abzugeben.� Er musterte die mitgekommenen Soldaten; es waren Rotwaffen, mit die besten, die er hatte.</p><p>Joline schnaubte, als sie auf ihrem Pferd vorbeiritt und Mat ganz bewusst keines Blickes w�rdigte. Sie und die anderen bewegten sich in einer engen Gruppe den H�gel hinunter.</p><p>�Das sieht nach einem Gasthaus aus�, meinte Thom und zeigte auf ein gr��eres Geb�ude auf der �stlichen Dorfseite. �Dort findet ihr mich.� Er winkte und trieb sein Pferd an, ritt mit wehendem Gauklerumhang los. Als Erster einzutreffen w�rde ihm die beste M�glichkeit f�r einen dramatischen Auftritt geben.</p><p>Mat warf Talmanes einen Blick zu, der nur mit den Schultern zuckte. Dann ritten sie den H�gel hinunter, eskortiert von den beiden Soldaten. Dank der Wegbiegung kamen sie von S�dwesten. Die uralte Stra�e f�hrte nord�stlich vom Dorf weiter. Es war schon seltsam, dass eine so gro�e Stra�e an so einem Dorf vorbeif�hrte, selbst wenn die Stra�e alt und verfallen war. Meister Roidelle behauptete, sie w�rde direkt nach Andor f�hren. Sie war zu uneben, um als Hauptstra�e benutzt zu werden, und sie kam nicht l�nger in die N�he der wichtigen Metropolen, also war sie in Vergessenheit geraten. Mat segnete jedoch ihr Gl�ck, dass sie sie gefunden hatten. Die Hauptwege aus Murandy hinaus wimmelten von Seanchanern.</p><p>Laut Roidelles Karten hatte sich Hinderstap auf die Produktion von Ziegenk�se und Hammelfleisch f�r die verschiedenen St�dte der Region spezialisiert. Die Bewohner sollten an Fremde gew�hnt sein. Tats�chlich kamen mehrere Jungen von den Feldern gerannt, als sie Thom in seinem Gauklerumhang entdeckten. Er w�rde Aufsehen erregen, aber nicht mehr als gew�hnlich. An die Aes Sedai hingegen w�rde man sich lange erinnern.</p><p><emphasis>Ach, was soll�s,</emphasis> dachte Mat, als er und Talmanes die von Wiesen ges�umte Stra�e hinunterritten. Er w�rde sich die Stimmung nicht vermiesen lassen; dieses Mal w�rde er sie sich nicht von den Aes Sedai vermiesen lassen!</p><p>Als sie das Dorf erreichten, hatte Thom bereits eine kleine Menge um sich geschart. Er stand auf seinem Sattel und jonglierte drei bunte Kugeln mit der rechten Hand, w�hrend er von seinen Reisen im S�den erz�hlte. Die Dorfbewohner trugen Westen und gr�ne Umh�nge aus einem samt�hnlichen Stoff. Die Kleidung sah sehr warm aus, auch wenn Mat bei n�herem Hinsehen auffiel, dass vieles - Umh�nge, Westen und Hosen - zerrissen und sorgf�ltig geflickt worden war.</p><p>Eine andere Gruppe, die haupts�chlich aus Frauen bestand, hatte sich um die Aes Sedai versammelt. Gut; Mat hatte schon bef�rchtet, dass die Dorfbewohner vor ihnen Angst haben w�rden. Einer von ihnen, der am Rand von Thoms Gruppe stand, musterte Mat und Talmanes absch�tzend. Er war ein st�mmiger Bursche mit dicken Armen und einem Leinenhemd, dessen �rmel trotz der k�hlen Fr�hlingsluft bis zu den Ellbogen aufgerollt waren. Das sich auf ihnen kr�uselnde Haar passte zu seinem Bart und den Locken auf seinem Kopf.</p><p>�Ihr habt das Aussehen eines Lords�, sagte der Mann und trat an Mat heran.</p><p>�Er ist ein Pri��, erwiderte Talmanes, bevor Mat ihm hastig das Wort abschnitt.</p><p>�Das mag schon sein�, sagte er und warf Talmanes einen Blick zu.</p><p>�Ich bin Barlden, der B�rgermeister�, sagte der Mann und verschr�nkte die Arme. �Ihr seid willkommen, um zu bleiben und Handel zu treiben. Aber Ihr solltet wissen, dass wir nicht viel er�brigen k�nnen.�</p><p>�Aber Ihr habt doch bestimmt etwas K�se�, meinte Talmanes. �Das ist es doch, was hier produziert wird, oder?�</p><p>�Alles, was nicht verdorben ist, brauchen wir f�r den Handel�, sagte B�rgermeister Barlden. �So ist das heute eben.� Er z�gerte. �Aber solltet Ihr Stoff oder Kleidung haben, die Ihr eintauschen k�nntet, dann werden wir wohl genug zusammenkratzen k�nnen, um Euch heute eine Mahlzeit zu bereiten.�</p><p><emphasis>Eine Mahlzeit?,</emphasis> dachte Mat. <emphasis>F�r uns zehn?</emphasis> Er w�rde zumindest eine Wagenladung mitbringen m�ssen, ganz zu schweigen von dem Ale, das er seinen M�nnern versprochen hatte.</p><p>�Ihr m�sst noch von dem Zapfenstreich wissen. T�tigt eure Gesch�fte, w�rmt euch eine Weile an den Kaminen auf, aber alle Fremden m�ssen das Dorf bei Einbruch der Nacht verlassen haben.�</p><p>Mat warf einen Blick auf den wolkenverhangenen Himmel. �Aber bis dahin sind es keine drei Stunden mehr!�</p><p>�Das sind unsere Regeln�, sagte Barlden barsch.</p><p>�Das ist l�cherlich�, sagte Joline und wandte sich von den Dorffrauen ab. Sie trieb ihr Pferd etwas n�her an Mat und Talmanes heran, und wie immer hielten sich ihre Beh�ter ganz in ihrer N�he auf. �Meister Barlden, wir k�nnen uns nicht auf diese alberne Einschr�nkung einlassen. Ich verstehe Euer Z�gern w�hrend dieser gef�hrlichen Zeiten, aber Ihr werdet doch sicherlich einsehen, dass Eure Regeln f�r uns nicht zutreffen.�</p><p>Der Mann hielt die Arme verschr�nkt und schwieg.</p><p>loline sch�rzte die Lippen und fasste die Z�gel anders, damit ihr Gro�er Schlangenring besser zu sehen war. �Bedeutet das Symbol der Wei�en Burg heutzutage so wenig?�</p><p>�Wir respektieren die Wei�e Burg.� Barlden sah Mat an. Er war schlau. Den Blick einer Aes Sedai zu erwidern schw�chte meistens jede Art von Entschlossenheit. �Aber unsere Regeln sind streng, meine Lady. Es tut mir leid.�</p><p>joline schnaubte. �Ich nehme an, Eure Schankwirte werden von dieser Regelung nicht begeistert sein. Wie wollen sie ihr Geld verdienen, wenn sie Reisenden keine Zimmer vermieten d�rfen?�</p><p>�Die Gasth�user werden entsch�digt�, sagte der B�rgermeister kurz angebunden. �Drei Stunden. Erledigt eure Gesch�fte und reitet weiter. Wir wollen allen Durchreisenden freundlich begegnen, aber unsere Regeln d�rfen nicht gebrochen werden.� Und damit drehte er sich um und ging. Eine kleine Gruppe st�mmiger M�nner schloss sich ihm an; einige von ihnen trugen �xte. Nicht auf bedrohliche Weise. Sie hielten sie ganz unauff�llig, als h�tten sie gerade Holz gehackt und w�rden zuf�llig durchs Dorf gehen. Gemeinsam. In dieselbe Richtung wie der B�rgermeister.</p><p>�Eine interessante Begr��ung�, murmelte Talmanes.</p><p>Mat nickte. In diesem Augenblick fingen die W�rfel in seinem Kopf an zu klappern. Ach, verdammt! Er entschied sich, sie zu ignorieren. Sie halfen sowieso nie. �Lasst uns ein Gasthaus finden�, sagte er und trieb Pips an.</p><p>�Noch immer entschlossen, sich einen sch�nen Abend zu machen, was?�, sagte Talmanes l�chelnd, als er sich Mat anschloss.</p><p>�Wir werden sehen�, meinte Mat und lauschte diesen W�rfeln, obwohl er es eigentlich gar nicht wollte. �Wir werden sehen.�</p><p>Auf dem Ritt durch das Dorf entdeckte Mat drei Gasth�user. Eines stand am Ende der Hauptstra�e, an der Vorderseite brannten zwei helle Laternen, obwohl es noch nicht dunkel war. Die wei�get�nchten W�nde und die sauberen Glasfenster w�rden die Aes Sedai anziehen wie eine Flamme die Motten. Das w�rde das Gasthaus f�r reisende H�ndler und W�rdentr�ger sein, die das Pech hatten, in diesen H�geln unterwegs zu sein.</p><p>Aber nun konnten Fremde dort nicht mehr �bernachten. Wie lange gab es diese Einschr�nkung schon? Wie �berlebten die Wirte? Noch immer konnten sie eine Mahlzeit und ein Bad anbieten, aber ohne Zimmervermietung �</p><p>Mat glaubte nicht, was der B�rgermeister �ber die angebliche �Entsch�digung� erz�hlt hatte. Wenn das Gewerbe f�r das Dorf nicht von Nutzen war, warum sie dann bezahlen? Es war einfach nur seltsam.</p><p>Auf jeden Fall hielt Mat nicht auf das nette Gasthaus zu, auch nicht auf das, das Thom gew�hlt hatte. Das befand sich nicht an der Hauptstra�e, sondern an einer breiten Stra�e im Nordosten. Dort w�rde man den normalen Kunden bedienen, respektable M�nner und Frauen, die ungern mehr bezahlten, als unbedingt n�tig war. Das Geb�ude sah gepflegt aus; die Betten w�rden sauber sein und die Mahlzeiten akzeptabel. Dorfbewohner w�rden gelegentlich auf ein Glas hereinschauen, haupts�chlich dann, wenn sie der Meinung waren, dass ihre Ehefrauen sie genau im Auge behielten.</p><p>Das letzte Gasthaus w�re schwer zu finden gewesen sein, h�tte Mat nicht gewusst, wonach er Ausschau halten musste. Es stand drei Stra�en vom Zentrum entfernt, in der westlichen Dorfecke. �ber dem Eingang hing kein Schild, es gab nur ein Holzbrett in einem der Fenster, in das man etwas geschnitzt hatte, das wie ein betrunkenes Pferd aussah. Keines der Fenster war verglast.</p><p>Aus dem Inneren kamen Licht und Gel�chter. Das fehlende einladende Schild und die nicht vorhandenen Stra�enlaternen h�tten den meisten Durchreisenden nur wenig Vertrauen eingefl��t. Eigentlich war es mehr eine Schenke als ein Gasthaus; Mat bezweifelte, dass es hier jemals mehr als ein paar Pritschen im Hinterzimmer gegeben hatte, die man f�r ein Kupferst�ck mieten konnte. Das war der Ort, an dem sich die arbeitende Bev�lkerung entspannte. Da sich der Abend n�herte, w�rden viele bereits den Weg dorthin gefunden haben. Es war ein Ort f�r Gesellschaft und Entspannung, ein Ort, an dem man mit seinen Freunden eine Pfeife rauchte. Und die W�rfel rollen lie�.</p><p>Mat l�chelte und stieg aus dem Sattel, dann band er Pips an einem Pfahl an.</p><p>Talmanes seufzte. �Euch ist schon klar, dass man hier die Getr�nke vermutlich mit Wasser streckt?�</p><p>�Dann m�ssen wir eben doppelt so viel bestellen�, erwiderte Mat, band ein paar Beutel mit M�nzen vom Sattel und stopfte sie sich in die Manteltaschen. Er bedeutete seinen Soldaten, drau�en zu bleiben und die Pferde zu bewachen. Das Lasttier trug eine Geldtruhe. Es war Mats pers�nliches Geld; er w�rde den Sold der Bande nicht beim Spielen riskieren.</p><p>�Also gut�, sagte Talmanes. �Aber Euch ist bewusst, dass Ihr und ich in Vier K�nige eine vern�nftige Taverne besuchen. Ich sorge schon noch f�r Eure Erziehung, Mat. Ihr seid jetzt ein Prinz. Ihr braucht��</p><p>Mat hob die Hand und unterbrach Talmanes. Dann zeigte er auf den Pfahl. Talmanes seufzte wieder, rutschte aus dem Sattel und band sein Pferd fest. Mat ging zur Schenkent�r, holte tief Luft und trat ein.</p><p>M�nner dr�ngten sich um die Tische, ihre Umh�nge lagen �ber Stuhllehnen oder hingen an Haken, ihre zerrissenen und geflickten Westen waren aufgekn�pft, die �rmel aufgerollt. Warum trugen hier alle Kleidung, die einst so kostbar und jetzt geflickt war? Sie hatten gen�gend Schafe und h�tten darum �ber Wolle im �berfluss verf�gen m�ssen.</p><p>Mat ignorierte diese seltsame Tatsache f�r den Augenblick. Die G�ste w�rfelten, tranken Ale aus Bechern, die auf klebrigen Tischen standen, und gaben den vorbeieilenden M�gden einen Klaps auf den Hintern. Sie erschienen ersch�pft, vielen konnte man ihre M�digkeit von den Augen ablesen. Aber das war nach dem Tagwerk nur zu erwarten. Trotz der m�den Augen wurde munter drauflosgeplaudert, Stimmen �berlappten einander zu einem leisen grollenden Murmeln. Ein paar Leute schauten bei Mats Eintreten auf, einige davon bedachten seine teure Kleidung mit einem Stirnrunzeln, aber die meisten beachteten ihn nicht.</p><p>Talmanes folgte ihm z�gernd, aber er geh�rte nicht zu jenen Adligen, die etwas dagegen hatten, sich mit den unteren Gesellschaftsschichten einzulassen. In seinem Leben hatte er schon etliche schmierige Schenken besucht, auch wenn er sich �ber Mats Wahl beklagt hatte. Und so zog er genauso schnell wie Mat einen Stuhl an einen Tisch, an dem bereits ein paar M�nner sa�en. Mat l�chelte breit und lie� Gold aufblitzen, warf es einer vorbeigehenden Magd zu und bestellte Getr�nke. <emphasis>Das</emphasis> rief Aufmerksamkeit hervor, sowohl am Tisch wie auch bei Talmanes.</p><p>�Was tut Ihr da?�, zischte Talmanes leise. �Soll man uns die Kehle durchschneiden, wenn wir hier herausstolpern?�</p><p>Mat l�chelte blo�. An einem der Nachbartische war ein W�rfelspiel im Gang. Es schien sich um Katzenpfote zu handeln - zumindest hatte man es in der Nacht so genannt, in der man es Mat beigebracht hatte. In Ebou Dar hie� es Dritter Edelstein, und in Cairhien hatte er es unter dem Namen Schwebende Federn kennengelernt. F�r seine Absichten war es das perfekte Spiel. Nur ein Spieler warf die W�rfel, und die Zuschauer wetteten gegen oder auf ihn.</p><p>Mat holte tief Luft, dann schob er seinen Stuhl an diesen Tisch und warf eine Goldkrone direkt in den von einem Alebecher hinterlassenen feuchten Ring. Der Becher wurde von einem kleinen Burschen gehalten, der den gr��ten Teil seines mausgrauen Haars verloren hatte; der Rest davon hing ihm bis auf den Kragen. Um ein Haar h�tte er sich an seinem Ale verschluckt.</p><p>�Habt ihr etwas dagegen, wenn ich mein Gl�ck mit einem Wurf versuche?�, fragte Mat die versammelten M�nner.</p><p>�Ich � ich wei� nicht, ob wir da dagegenhalten k�nnen�, sagte ein Mann mit einem kurzen schwarzen Bart. �Mein Lord�, f�gte er etwas versp�tet hinzu.</p><p>�Mein Gold gegen euer Silber�, sagte Mat leichthin. �Seit Ewigkeiten habe ich keine vern�nftige W�rfelpartie mehr gespielt. �</p><p>Interessiert schob nun auch Talmanes seinen Stuhl an den Tisch. Er hatte schon zuvor gesehen, dass Mat so etwas tat, Goldm�nzen einsetzte und Silber gewann. Mats Gl�ck machte den Unterschied, und am Ende lag er immer vorn. Manchmal lag er auch vorn, wenn er Gold gegen Kupfer einsetzte. Das brachte ihm nicht viel Geld ein. Es dauerte immer nur eine Weile, bis die anderen M�nner entweder keine M�nzen mehr hatten oder sich aus dem Spiel verabschiedeten. Und Mat hatte dann eine Handvoll Silber und keinen, mit dem er weiterspielen konnte.</p><p>Das w�rde niemandem nutzen. Geld hatte das Heer genug. Es brauchte Verpflegung, also war es Zeit, etwas anderes zu versuchen. Mehrere der M�nner setzten Silberm�nzen. Mat sch�ttelte die W�rfel in der hohlen Hand und warf. Gl�cklicherweise zeigte der eine W�rfel eine Eins und der andere eine Zwei, als sie ausrollten. Ein sofortiger Verlust.</p><p>Talmanes blinzelte, und die M�nner am Tisch schauten Mat zerknirscht an - als w�re es ihnen peinlich, gegen einen Lord gesetzt zu haben, der offensichtlich nicht damit rechnete, auch verlieren zu k�nnen. So brachte man sich nur schnell in Schwierigkeiten.</p><p>�Seht euch das an�, sagte Mat. �Ich sch�tze, ihr habt gewonnen. Es geh�rt euch.� Er lie� die Goldkrone in die Tischmitte rollen, damit sie sich die M�nner teilen konnten, die den Regeln zufolge gegen ihn gesetzt hatten.</p><p>�Wie w�re es mit noch einer Runde?� Mat knallte zwei weitere Goldm�nzen auf den Tisch. Dieses Mal wagten mehr Leute einen Einsatz. Wieder verlor er, was bei Talmanes beinahe einen Hustenanfall ausl�ste. Mat hatte auch schon zuvor beim W�rfeln verloren - das passierte selbst ihm. Aber zwei W�rfe hintereinander?</p><p>Mat lie� die Kronen rollen, dann holte er vier neue hervor. Talmanes legte ihm die Hand auf den Unterarm. �Nichts f�r ungut, Mat�, raunte er. �Aber vielleicht solltet Ihr aufh�ren. Jeder hat mal einen schlechten Abend. Lasst uns austrinken und einkaufen, was wir vor Einbruch der Nacht finden k�nnen.�</p><p>Mat l�chelte nur und sah zu, wie sich der Wetteinsatz gegen seine vier M�nzen stapelte. Er legte noch eine f�nfte dazu, da so viele Leute mitmachen wollten. Er ignorierte Talmanes, warf und verlor erneut. Talmanes st�hnte, dann nahm er von der endlich mit Mats Bestellung eintreffenden Magd den Becher entgegen.</p><p>�Schaut nicht so grimmig drein�, sagte Mat leise und wog den Geldbeutel in der Hand, w�hrend er nach seinem Becher griff. �Das ist genau das, was ich wollte.�</p><p>Talmanes hob die Brauen und senkte den Becher.</p><p>�Ich kann auch verlieren, wenn ich will, wenn es zu unserem Besten ist.�</p><p>�Was kann man davon haben, wenn man verliert?�, wollte Talmanes wissen, w�hrend er zusah, wie die M�nner dar�ber debattierten, wie sie Mats Gold aufteilen sollten.</p><p>�Wartet ab.� Mat nahm einen Schluck Ale. Es war genauso verw�ssert, wie Talmanes bef�rchtet hatte. Mat wandte sich wieder dem Tisch zu und holte noch ein paar Goldm�nzen hervor.</p><p>Im Laufe der Zeit versammelten sich immer mehr Leute um den Tisch. Mat sorgte daf�r, dass er ein paar W�rfe gewann - so, wie er auch mal verlor, wenn er sonst die ganze Nacht �ber gewann, wollte er auch hier kein Misstrauen erwecken. Doch eine M�nze nach der anderen endete in den H�nden der M�nner, die gegen ihn spielten. Es dauerte nicht lange, und in der Schenke herrschte Stille, w�hrend sich die M�nner um Mat dr�ngten und darauf warteten, dass sie an der Reihe waren, um gegen ihn zu setzen. S�hne und Freunde waren losgelaufen, um V�ter und Cousins in den <emphasis>Beschwipsten Wallach -</emphasis> so hie� der Laden - zu zerren.</p><p>W�hrend einer Pause, in der Mat auf einen weiteren Becher mit verw�ssertem Ale wartete, zog Talmanes ihn zur Seite. �Mat, das gef�llt mir nicht�, fl�sterte der drahtige Mann. Seine gepuderte Stirn war schon lange mit Schwei�bahnen durchsetzt, und er hatte es abgewischt.</p><p>�Ich habe es Euch doch gesagt.� Mat trank einen Schluck von dem d�nnen Ale. �Ich wei�, was ich tue.� Nicht weit entfernt jubelten drei M�nner, als einer von ihnen nacheinander drei Becher auf einen Zug leerte. Es roch nach Schwei� und abgestandenem Ale, das auf den Holzboden getropft und dann von den Stiefeln derjenigen, die von den Wiesen hereinkamen, verteilt worden war.</p><p>�Das ist es nicht�, sagte Talmanes mit einem Seitenblick auf die jubelnden M�nner. �Ihr k�nnt Euer Geld verschwenden, wie es Euch beliebt, solange Ihr ein paar M�nzen behaltet, um mir gelegentlich ein Glas zu spendieren. Das st�rt mich nicht, nicht mehr.�</p><p>Mat runzelte die Stirn. �Was denn?�</p><p>�Mit diesen Leuten stimmt etwas nicht, das sp�re ich deutlich.� Talmanes sprach sehr leise, blickte �ber die Schulter. �W�hrend Ihr gespielt habt, habe ich mich mit ihnen unterhalten. Sie interessieren sich nicht f�r die Welt. Der Wiedergeborene Drache, die Seanchaner, nichts. V�llig egal.�</p><p>�Und? Es sind eben einfache Menschen.�</p><p>�Einfache Menschen w�rden sich noch <emphasis>mehr</emphasis> Sorgen machen. Sie sitzen hier zwischen aufmarschierenden Heeren fest.</p><p>Aber f�r meine Worte hatten sie nur ein Schulterzucken �brig, dann tranken sie noch einen Schluck. Es ist, als w�ren sie � einfach zu sehr auf ihr Vergn�gen konzentriert. Als w�re das alles, was sie interessiert.�</p><p>�Dann sind sie perfekt.�</p><p>Talmanes schaute zum Fenster. �Es wird bald dunkel. Wir sind seit einer Stunde hier, vielleicht auch l�nger. Vielleicht sollten wir ��</p><p>Genau in diesem Augenblick wurde die T�r aufgesto�en, und der st�mmige B�rgermeister trat ein, begleitet von den M�nnern, die sich zuvor um ihn versammelt hatten. Allerdings hatten sie ihre �xte zu Hause gelassen. Es schien sie nicht zu erfreuen, dass hier das halbe Dorf mit Mat w�rfelte.</p><p>�Mat�, fing Talmanes wieder an.</p><p>Mat hob die Hand und unterbrach ihn. �Genau darauf haben wir gewartet.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Mat wandte sich l�chelnd wieder dem Tisch zu. Seine Geldbeutel hatte er gr��tenteils geleert, aber es reichte noch f�r ein paar W�rfe - das Geld, das er drau�en liegen hatte, nicht mitgez�hlt. Er nahm die W�rfel und z�hlte ein paar Goldkronen ab, und die Menge fing an, M�nzen zu setzen - einige davon die Goldm�nzen, die sie Mat abgenommen hatten.</p><p>Er verlor, was den Zuschauern ein gewaltiges Gebr�ll entlockte. Barlden sah aus, als wollte er Mat rausschmei�en - es wurde sp�t, die Sonne ging bald unter -, aber er z�gerte, als er Mat eine weitere Handvoll Goldm�nzen hervorholen sah. Gier nagte an jedem Mann, und strenge Regeln konnte man dehnen, wenn die Gelegenheit vorbeispazierte und einem nur verf�hrerisch genug zublinzelte.</p><p>Mat warf und verlor. Weiterer Jubel. Der B�rgermeister verschr�nkte die Arme.</p><p>Mat griff in seinen Beutel, aber der war leer. Die M�nner um ihn herum sahen entt�uscht aus, und einer von ihnen bestellte eine Runde, um �dem armen jungen Lord dabei zu helfen, sein Pech zu vergessen�.</p><p><emphasis>Von wegen,</emphasis> dachte Mat und unterdr�ckte ein L�cheln. Er hob die H�nde. �Wie ich sehe, wird es sp�t�, sagte er in die Runde.</p><p>�Zu sp�t�, warf Barlden ein und dr�ngte sich an ein paar �belriechenden Ziegenhirten in Umh�ngen mit Pelzkragen vorbei. �Ihr solltet gehen, Fremde. Und glaubt ja nicht, dass ich diese M�nner hier dazu bringe, Euch das zur�ckzugeben, was Ihr fair an sie verloren habt.�</p><p>�Das w�rde mir doch nicht im Traum einfallen�, erwiderte Mat und lallte etwas. �Harnan und Delarn!�, br�llte er dann. �Bringt die Truhe rein!�</p><p>Einen Augenblick sp�ter eilten die beiden Soldaten in die Schenke und brachten die kleine Holztruhe von dem Lastpferd. Im Raum wurde es still, als sie sie auf einem Tisch abstellten. Leicht schwankend fummelte Mat einen Schl�ssel aus der Tasche, schloss auf und enth�llte den Inhalt.</p><p>Gold. Viel Gold. Praktisch der Rest seines pers�nlichen Verm�gens. �F�r einen Wurf ist noch Zeit�, sagte Mat zu den and�chtig schweigenden Zuschauern. �Macht jemand mit?�</p><p>M�nzen wurden geworfen, bis der Stapel den gr��ten Teil von dem enthielt, was Mat verloren hatte. Es reichte nicht einmal ann�hernd, um dem zu entsprechen, was sich in seiner Truhe befand. Er betrachtete das Geld, klopfte mit dem Finger gegen das Kinn. �Freunde, das reicht nicht. Ich nehme hier eine schlechte Wette an, aber wenn ich heute nur noch einen Wurf habe, dann will ich auch die Chance, hier mit etwas Vern�nftigem herauszuspazieren.�</p><p>�Mehr haben wir aber nicht�, sagte einer der M�nner, w�hrend andere Mat dr�ngten, die W�rfel zu werfen.</p><p>Mat seufzte, dann schloss er den Deckel der Truhe wieder. �Nein�, sagte er. Selbst Barlden schaute jetzt mit einem gierigen Funkeln im Auge zu. �Es sei denn �� Mat hielt inne. �Ich bin gekommen, um Vorr�te einzukaufen. Wie w�re es denn mit einem Tauschhandel? Ihr k�nnt die M�nzen behalten, die ihr gewonnen habt, und ich setze diese Truhe gegen Lebensmittel ein. Essen f�r meine M�nner, ein paar F�sser Ale. Ein Karren, um alles zu bef�rdern.�</p><p>�Dazu reicht die Zeit nicht.� Barlden schaute zu dem dunkler werdenden Fenster.</p><p>�Aber sicher tut es das �, erwiderte Mat und beugte sich vor. �Ich gehe nach diesem Wurf. Mein Wort darauf.�</p><p>�Unsere Regeln sehen keine Ausnahmen vor�, sagte der B�rgermeister. �Der Preis ist zu hoch.�</p><p>Mat erwartete, dass die M�nner protestieren w�rden, dass sie den B�rgermeister darum baten, eine Ausnahme zu machen. Aber das geschah nicht. Mat versp�rte einen Stich der Furcht. Nach den ganzen Verlusten � wenn sie ihn jetzt hinauswarfen �</p><p>Er klappte die Truhe wieder auf, zeigte die Goldm�nzen.</p><p>�Ich gebe Euch das Ale�, sagte da pl�tzlich der Wirt. �Und Mardy, Ihr habt einen Wagen und ein Geschirr. Nur eine Stra�e weiter.�</p><p>�Ja�, sagte Mardy, ein Mann mit dunklem kurzem Haar. �Das ist mein Wetteinsatz.�</p><p>M�nner fingen an, ihre Eins�tze zu br�llen - Korn aus ihren Speisekammern, Kartoffeln aus ihren Kellern. Mat sah den B�rgermeister an. �Es ist noch � was � eine halbe Stunde bis zum Einbruch der Nacht? Warum sehen wir nicht, was wir bis dahin zusammenbekommen? Wenn ich verliere, kann der Dorfladen auch seinen Anteil haben. Ich wette, Ihr k�nntet das Geld gebrauchen, nach dem Winter, den wir hatten. �</p><p>Barlden z�gerte, dann nickte er nach einem Blick auf das Geld. M�nner jubelten und rannten los, holten den Wagen, rollten die F�sser herbei. Mehr als nur ein paar rannten nach Hause oder zum Dorfladen. Mat sah ihnen in der sich schnell leerenden Gaststube hinterher.</p><p>�Ich wei�, was Ihr da tut�, sagte der B�rgermeister. Er schien es nicht eilig zu haben, etwas zu holen.</p><p>Mat sah ihn fragend an.</p><p>�Ich werde nicht zulassen, dass Ihr uns am Ende des Abends mit einem Wunderwurf betr�gt.� Barlden verschr�nkte die Arme. �Ihr werdet meine W�rfel nehmen. Und Ihr werdet sch�n langsam werfen. Ich wei�, dass Ihr viele Spiele verloren habt, aber w�rden wir Euch durchsuchen, w�rden wir W�rfel finden, die Ihr versteckt am Leib tragt.�</p><p>�Ihr k�nnt mich gern durchsuchen�, sagte Mat und hob die Arme.</p><p>Barlden z�gerte. �Ihr werdet sie nat�rlich weggeworfen haben�, sagte er dann. �Ein feiner Betrug, sich wie ein Lord zu kleiden und die W�rfel dann so zu manipulieren, dass sie Euch verlieren statt gewinnen lassen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie von einem Mann geh�rt, der so mutig ist, f�r manipulierte W�rfel so viel Gold wegzuwerfen.�</p><p>�Wenn Ihr Euch so sicher seid, dass ich betr�ge�, sagte Mat, �warum macht Ihr dann mit?�</p><p>�Weil ich wei�, wie ich Euch daran hindern kann�, erwiderte der B�rgermeister. �Wie bereits gesagt, Ihr werdet meine W�rfel benutzen.� Er z�gerte, dann l�chelte er und hob die beiden W�rfel vom Tisch, mit denen Mat gespielt hatte. Er warf sie. Sie zeigten eine Eins und eine Zwei. Er warf sie erneut und erhielt dasselbe Resultat.</p><p>�Oder noch besser.� Das L�cheln des B�rgermeisters vertiefte sich. �Ihr nehmt die hier. Und ich � werfe f�r Euch.� Im schwindenden Licht nahm Barldens Gesicht einen entschieden unheimlichen Ausdruck an.</p><p>Mat versp�rte einen Stich der Panik.</p><p>Talmanes ergriff seinen Arm. �Es ist gut, Mat�, sagte er. �Ich finde, wir sollten gehen.�</p><p>Mat hob die Hand. Funktionierte sein Gl�ck auch dann, wenn ein anderer die W�rfel warf? Manchmal verhinderte es, dass er im Kampf verletzt wurde. Davon war er �berzeugt. Oder?</p><p>�Dann macht�, sagte er zu Barlden. Der Mann sah ihn ungl�ubig an.</p><p>�Ihr k�nnt den Wurf machen�, fuhr Mat fort. �Aber er z�hlt, als h�tte ich selbst geworfen. Ein Gewinnwurf, und ich gehe mit allem. Verliere ich, und ich gehe mit meinem Hut und meinem Pferd, und Ihr k�nnt die verdammte Truhe behalten. Einverstanden?�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>Mat streckte die Hand aus, aber der B�rgermeister wandte sich ab und lie� die W�rfel in seiner Hand klappern. �Nein�, sagte er. �Ihr bekommt keine Gelegenheit, diese W�rfel auszutauschen, Reisender. Geht raus und wartet. Und haltet Abstand. �</p><p>Sie folgten seinem Wunsch und tauschten die alegeschw�ngerte Luft der Schenke gegen die saubere Luft der Stra�e. Mats Soldaten brachten die Truhe. Barlden verlangte, dass der Deckel offen blieb, damit man den Inhalt nicht austauschen konnte. Einer seiner Schl�ger kramte darin herum und biss in ein paar M�nzen, vergewisserte sich, dass sie tats�chlich gef�llt und das Geld echt war. Mat wartete und lehnte sich gegen die T�r, w�hrend man einen Wagen brachte und M�nner aus der Schenke F�sser mit Ale aufluden.</p><p>Die Sonne am Horizont war kaum noch ein Lichtschimmer hinter diesen verdammten Wolken. Mat entging nicht, dass der B�rgermeister immer nerv�ser wurde. Verdammte Asche, der Mann hing sehr an seinen Regeln! Nun, Mat w�rde es ihm zeigen, ihnen allen. Er w�rde ihnen zeigen, dass man �</p><p>Was w�rde er ihnen zeigen? Dass er nicht zu schlagen war? Was bewies das schon? Immer mehr Lebensmittel wurden auf den Wagen geladen, und ein seltsames Schuldgef�hl suchte ihn heim.</p><p><emphasis>Ich mache hier nichts Falsches,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich muss meine M�nner ern�hren, oder etwa nicht? Diese M�nner gehen eine faire Wette ein, und ich gehe eine faire Wette ein. Keine manipulierten W�rfel. Kein Betrug.</emphasis></p><p>Abgesehen von seinem Gl�ck. Nun, sein Gl�ck geh�rte ihm allein - so wie jeder Mann sein eigenes Gl�ck erschuf. Manche M�nner wurden mit einem Talent f�r die Musik geboren, und aus ihnen wurden Barden und Gaukler. Wer machte ihnen zum Vorwurf, dass sie ihr Geld mit dem verdienten, was ihnen der Sch�pfer mit auf den Weg gegeben hatte? Mat hatte Gl�ck, also benutzte er es. Daran war nichts falsch.</p><p>Aber als die M�nner zur�ck zur Schenke kamen, erkannte er, was Talmanes gemeint hatte. Diesen M�nnern haftete ein Hauch von Verzweiflung an. Hatten sie sich zu eifrig auf das Spiel gest�rzt? Waren sie zu leichtsinnig mit ihrem Wetteinsatz gewesen? Was bedeutete dieser Ausdruck in ihren Augen, ein Ausdruck, den er mit M�digkeit verwechselt hatte? Hatten sie getrunken, um das Ende ihres Tagwerks zu feiern, oder hatten sie blo� diese Heimsuchung in ihrem Blick verbannen wollen?</p><p>� Vielleicht hattet Ihr recht�, sagte Mat zu Talmanes, der die Sonne mit beinahe genauso viel Unruhe wie der B�rgermeister beobachtete. Ihr letztes Licht best�ubte die Spitzd�cher und f�rbte die Schindeln in ein dunkleres Orange. Der Sonnenuntergang war ein feuriges Schauspiel hinter den Wolken.</p><p>�Wir k�nnen also gehen?�, fragte Talmanes.</p><p>�Nein�, erwiderte Mat. �Wir bleiben.�</p><p>Und die W�rfel in seinem Kopf h�rten auf zu klappern. Es kam so pl�tzlich und die Stille war so unerwartet, dass er erstarrte. Unwillk�rlich fragte er sich, ob er nicht die falsche Entscheidung getroffen hatte.</p><p>�Verdammt, wir bleiben�, wiederholte er. �Ich bin noch vor keiner Wette davongelaufen, und ich habe auch nicht die Absicht, jetzt damit anzufangen.�</p><p>Eine Gruppe Reiter kehrte mit S�cken voller Korn auf ihren Pferden zur�ck. Es war erstaunlich, wie ein paar M�nzen die Motivation f�rdern konnten. Als weitere Reiter eintrafen, kam ein Junge die Stra�e entlanggelaufen. �B�rgermeister�, sagte er und zupfte an Barldens purpurner Weste, die vorn geflickte Risse zeigte. �Mutter sagt, dass die fremden Frauen noch nicht mit dem Bad fertig sind. Sie hat versucht, sie anzutreiben, aber ��</p><p>Der B�rgermeister versteifte sich. Er warf Mat einen b�sen Blick zu.</p><p>Mat schnaubte. �Glaubt blo� nicht, dass ich diesen Haufen antreiben k�nnte�, meinte er. �W�rde ich zu ihnen gehen, um sie zur Eile zu mahnen, w�rden sie sich einfach nur wie Maulesel str�uben und alles doppelt so lange in die L�nge ziehen. Soll sich zur Abwechslung verdammt noch mal jemand anders um sie k�mmern.�</p><p>Talmanes schaute immer wieder auf die l�nger werdenden Schatten auf der Stra�e. �Soll man mich doch zu Asche verbrennen�, murmelte er. �Sollten wieder diese Geister auftauchen, Mat��</p><p>�Das ist etwas anderes�, sagte Mat, als die Neuank�mmlinge ihr Getreide auf den Wagen warfen. �Es f�hlt sich anders an.�</p><p>Auf der Ladefl�che t�rmten sich die Nahrungsmittel; eine gute Ausbeute f�r ein Dorf dieser Gr��e. Das war genau das, was die Bande brauchte, genug, um sie weiterzubringen und bis zur n�chsten Stadt zu ern�hren. Nat�rlich waren diese Lebensmittel nicht das Gold in der Truhe wert, aber es entsprach ungef�hr dem, was Mat beim W�rfelspiel verloren hatte, vor allem, wenn man die Pferde und den Wagen dazurechnete. Es waren gute Zugtiere, ihrem Fell und den Hufen nach zu urteilen hatte man sie gut gepflegt.</p><p>Mat wollte schon sagen, dass es reichte, dann z�gerte er, als er bemerkte, dass sich der B�rgermeister mit einer Gruppe von M�nnern unterhielt. Sie waren zu sechst; ihre Westen waren zerschlissen, ihr Haar ungek�mmt. Einer von ihnen gestikulierte in Mats Richtung und hielt allem Anschein nach ein Blatt Papier in der Hand. Barlden sch�ttelte den Kopf, aber der Mann mit dem Papier gestikulierte nur noch mehr.</p><p>�Was ist da los?�, sagte Mat leise.</p><p>�Mat, die Sonne ��, sagte Talmanes.</p><p>Der B�rgermeister streckte energisch die Hand aus, und die zerlumpten M�nner verdr�ckten sich. Die M�nner, die die Lebensmittel gebracht hatten, dr�ngten sich in der dunkler werdenden Stra�enmitte zusammen. Die meisten schauten zum Horizont.</p><p>�B�rgermeister�, rief Mat. �Das reicht. Macht Euren Wurf!�</p><p>Barlden z�gerte, sah ihn an, dann sah er auf die W�rfel in seiner Hand, als h�tte er sie vergessen. Die M�nner um ihn herum nickten eifrig, und so machte er eine hohle Faust, hob sie in die H�he und sch�ttelte die W�rfel. Er suchte quer �ber die Stra�e Mats Blick, dann warf er sie auf den Boden. Sie erschienen zu laut, ein winziger klappernder Sturm, wie Knochen, die gegeneinander stie�en.</p><p>Mat hielt den Atem an. Es war eine Weile her, seit er Grund gehabt hatte, sich wegen eines Wurfs zu sorgen. Er beugte sich vor und sah zu, wie die wei�en W�rfel durch den Staub rollten. Wie w�rde sein Gl�ck reagieren, wenn jemand anders warf?</p><p>Die W�rfel kamen zur Ruhe. Zwei Vieren. Ein Siegeswurf. Mat stie� einen langen, erleichterten Seufzer aus, obwohl er den Schwei� f�hlte, der ihm die Schl�fe hinunterrann.</p><p>�Mat ��, sagte Talmanes leise und lie� ihn aufsehen. Die M�nner auf der Stra�e sahen nicht so erfreut aus. Zwar jubelten ein paar von ihnen, aber nur so lange, bis ihnen ihre Freunde erkl�rten, dass ein Siegeswurf des B�rgermeisters bedeutete, dass Mat gewonnen hatte. Anspannung erfasste die Menge. Mat erwiderte Barldens Blick.</p><p>�Geht�, sagte der korpulente Mann und winkte angewidert ab. �Nehmt Eure Beute, und verlasst diesen Ort. Und kehrt nie wieder zur�ck.�</p><p>�Nun�, sagte Mat und entspannte sich. �Dann vielen Dank f�r das Spiel. Wir ��</p><p>�GEHT!�, bellte der B�rgermeister. Er sah zu den letzten Sonnenstrahlen am Horizont, dann fluchte er und winkte die M�nner in den <emphasis>Beschwipsten Wallach.</emphasis> Ein paar tr�delten, betrachteten Mat fassungslos oder feindselig, aber das energische Dr�ngen des B�rgermeisters trieb sie in die Schenke. Er knallte die T�r zu und lie� Mat, Talmanes und die beiden Soldaten allein auf der Stra�e stehen.</p><p>Pl�tzlich schien es auf unheimliche Weise still zu sein. Nicht ein Dorfbewohner befand sich mehr auf der Stra�e. H�tte nicht zumindest aus der Schenke L�rm dringen m�ssen? Klirrende Becher, Murren wegen der verlorenen Wette?</p><p>�Nun�, sagte Mat. Es hallte gegen die stummen H�userfronten. �Das war es dann wohl.� Er ging zu Pips, beruhigte das Pferd, das angefangen hatte, nerv�s mit den Hufen zu scharren. �Ich habe es Euch doch gesagt, Talmanes. Nichts, weswegen man sich Sorgen machen m�sste.�</p><p>Das war der Augenblick, in dem die ersten Schreie ert�nten.</p></section><section><title><p>28</p><p>Die Nacht in Hinderstap</p></title><p>Verflucht, Mat!�, sagte Talmanes und riss das Schwert aus dem Bauch eines zuckenden Dorfbewohners. Talmanes fluchte so gut wie <emphasis>nie</emphasis>! �Seid verflucht!�</p><p><emphasis>�Ich!�,</emphasis> fauchte Mat und wirbelte herum. Sein <emphasis>Ashandarei</emphasis> blitzte auf, als er zwei M�nner in hellgr�nen Westen sauber mit dem Speerende zu Boden schickte. Knurrend und spuckend st�rzten sie mit vor Zorn weit aufgerissenen Augen auf die ungepflasterte Stra�e. �Ich? Ich bin hier nicht derjenige, der Euch umbringen will, Talmanes. Macht <emphasis>sie</emphasis> daf�r verantwortlich!�</p><p>Talmanes schaffte es, sich in den Sattel zu schwingen. � Sie haben uns gesagt, wir sollen gehen!�</p><p>�Ja�, erwiderte Mat, schnappte sich Pips� Z�gel und zog das Pferd vom <emphasis>Beschwipsten Wallach</emphasis> fort. �Und jetzt versuchen sie, uns zu t�ten. Ich bin nun wirklich nicht an ihrem ungeselligen Benehmen schuld!� Im ganzen Dorf ert�nten wildes Geheul, Schreie und Gebr�ll. Manches davon war w�tend, anderes angsterf�llt oder von Schmerzen gepeinigt.</p><p>Immer mehr M�nner str�mten aus der Schenke; jeder von ihnen grunzte und br�llte, jeder von ihnen versuchte sein Bestes, jeden anderen in seiner N�he zu t�ten. Ein paar st�rzten sich auf Mat, Talmanes oder Mats Rotwaffen. Aber viele andere griffen einfach ihre Nachbarn an, kratzten oder bohrten Fingern�gel in Gesichter. Sie k�mpften auf primitive Weise, ohne jede Finesse, und nur wenige kamen auf die Idee, Steine, Becher oder Holzscheite als Waffen zu benutzen.</p><p>Das war viel mehr als eine einfache Wirtshausschl�gerei.</p><p>Diese M�nner versuchten einander zu t�ten. Ein halbes Dutzend Leichen oder Schwerstverwundete lagen bereits auf der Stra�e, und soweit Mat es sehen konnte, war der Kampf in der Schenke genauso brutal.</p><p>Mat versuchte, n�her an den Wagen mit den Lebensmitteln zu gelangen, Pips t�nzelte an seiner Seite. Die Truhe mit dem Gold lag noch immer auf der Stra�e. Die K�mpfenden ignorierten sowohl die Vorr�te wie auch die M�nzen und konzentrierten sich nur aufeinander.</p><p>Talmanes und die beiden Soldaten Harnan und Delarn wichen zusammen mit ihm zur�ck und zogen dabei nerv�s ihre Reittiere mit. Einen Moment sp�ter st�rzte sich eine Gruppe der Verr�ckten auf die beiden Dorfbewohner, die Mat zu Boden geschickt hatte, und schlug ihre K�pfe so lange zu Boden, bis sie sich nicht mehr r�hrten. Dann fasste die Horde blutdurstig Mat und seine M�nner ins Auge. Auf den sauberen Gesichtern der M�nner in ordentlichen Westen und mit gek�mmtem Haar wirkte der Ausdruck v�llig fehl am Platz.</p><p>�Verdammte Asche�, sagte Mat und schwang sich in den Sattel. �Alle aufsitzen!�</p><p>Harnan und Delarn brauchten keine weitere Aufforderung. Fluchend schoben sie die Schwerter in die Scheiden und schwangen sich auf ihre Pferde. Das Rudel Dorfbewohner st�rmte los, aber Mat und Talmanes stellten sich den Angreifern in den Weg. Mat versuchte es sogar mit Hieben, die nur verletzten, aber die M�nner waren stark und schnell, und er musste sich sehr anstrengen, um nicht aus dem Sattel gerissen zu werden. Er fluchte und ging z�gernd zu t�dlichen Schl�gen �ber, schaltete zwei der M�nner mit gegen den Hals gerichteten Hieben aus. Pips trat mit den Hufen zu und schickte einen weiteren mit einem Treffer am Kopf zu Boden. Wenige Augenblicke sp�ter beteiligten sich Harnan und Delarn an dem Kampf.</p><p>Die Dorfbewohner wichen nicht zur�ck. Sie k�mpften wie die Wilden, bis acht von ihnen am Boden lagen. Mats Soldaten wehrten sich voller Entsetzen, und er konnte es ihnen nicht verdenken. Es war unheimlich, ganz normale Dorfbewohner auf diese Weise reagieren zu sehen! Kein Funken Menschlichkeit schien mehr in ihnen zu sein. Sie grunzten, zischten und schrien nur noch unartikuliert, ihre Mienen zeigten blanke Wut und Blutdurst. Jetzt fing der Rest von ihnen - jene, die Mats M�nner nicht angegriffen hatten - an, sich zu Rudeln zu formieren und Gruppen anzugreifen, die zahlenm��ig kleiner als sie selbst waren. Sie schlugen auf sie ein, kratzten sie, bissen sie. Es war furchteinfl��end.</p><p>Ein K�rper flog durch eines der Schenkenfenster. Die Leiche rollte mit gebrochenem Genick �ber die Stra�e. Auf der anderen Seite des Fensters stand Barlden mit einem wilden, beinahe unmenschlichen Ausdruck in den Augen. Er br�llte in die Nacht hinein, dann sah er Mat und schien einen Funken Erkennen zu zeigen. Aber dann war der wieder verschwunden, und der B�rgermeister br�llte wieder auf, rannte los und sprang durch das kaputte Fenster, um zwei M�nner anzugreifen, die ihm den R�cken zuwandten.</p><p>�Los!�, rief Mat und lie� Pips auf die Hinterbeine steigen, als ihn ein weiteres Rudel aus Dorfbewohnern entdeckte.</p><p>�Das Gold!�, sagte Talmanes.</p><p>�Vergesst das Gold!�, erwiderte Mat. �Wir k�nnen neues gewinnen, und die Lebensmittel sind nicht unser Leben wert. Los!�</p><p>Talmanes und die Soldaten wendeten die Pferde und galoppierten �ber die Stra�e, Mat trieb Pips an, um sich ihnen anzuschlie�en, und er lie� das Gold und den Wagen hinter sich zur�ck. Es war nicht ihr Leben wert - falls m�glich, w�rde er am n�chsten Tag mit seinem Heer zur�ckkehren, um es sich wiederzuholen. Aber zuerst mussten sie �berleben.</p><p>Sie galoppierten los, doch an der n�chsten Stra�enecke hob Mat die Hand und verlangsamte das Tempo. Er warf einen Blick �ber die Schulter. Die Dorfbewohner kamen immer noch hinter ihnen her, aber f�r den Moment hatten sie sie abgeh�ngt.</p><p>�Ich gebe noch immer Euch die Schuld�, sagte Talmanes.</p><p>�Ich dachte, Ihr k�mpft gern�, meinte Mat.</p><p>� Manchmal schon. Auf dem Schlachtfeld oder in einer sch�nen Taverne. Das hier � das hier ist einfach nur verr�ckt.� Das Rudel M�nner hinter ihnen hatte sich auf alle viere niedergelassen und bewegte sich nun in einem seltsamen Trab. Talmanes schauderte sichtlich.</p><p>Es gab kaum genug Licht, um sehen zu k�nnen. Jetzt, da die Sonne untergegangen war, blockierten die Berge und die graue Wolkendecke den letzten Rest Helligkeit. Die Stra�en wurden von vielen Laternen ges�umt, aber es hatte nicht den Anschein, als w�rde jemand sie entz�nden.</p><p>�Mat, sie kommen n�her�, sagte Talmanes und hielt das Schwert bereit.</p><p>�Hier geht es nicht um unsere Wette�, sagte Mat und lauschte den Schreien. Sie kamen aus dem ganzen Dorf. In einer Seitenstra�e krachten k�mpfende Gestalten aus einem Fenster im oberen Stock eines Hauses. Es waren Frauen, die noch im Sturz aufeinander einschlugen, bevor sie mit einem widerlichen Laut auf dem Boden aufprallten. Ihre Bewegungen h�rten auf.</p><p>�Kommt�, sagte Mat und wendete Pips. �Wir m�ssen Thom und die Frauen finden.� Sie galoppierten in eine Seitengasse, die zur Hauptstra�e f�hrte, vorbei an Rudeln aus M�nnern und Frauen, die in der Gosse k�mpften. Ein fetter Kerl mit blutigen Wangen stolperte auf die Stra�e, und Mat ritt ihn z�gernd nieder. An den Seiten k�mpften zu viele Leute, als dass er es h�tte riskieren k�nnen, seine M�nner um den armen Narren herumzuf�hren. Er entdeckte sogar <emphasis>Kinder,</emphasis> die k�mpften, ihre Z�hne in die Beine der Erwachsenen schlugen oder ihre Altersgenossen erw�rgten.</p><p>�Das ganze verdammte Dorf ist wahnsinnig geworden�, murmelte er grimmig, als sie auf der Hauptstra�e herauskamen und in Richtung des feinen Gasthauses weiterpreschten. Sie w�rden die Aes Sedai einsammeln und dann nach Osten zu Thom weiterreiten, da seine Schenke am weitesten von ihnen entfernt stand.</p><p>Ungl�cklicherweise war die Hauptstra�e betr�chtlich schlimmer als die Gasse, die sie gerade hinter sich gelassen hatten. Mittlerweile war es fast v�llig finster. In der Tat hatte Mat sogar den Eindruck, als w�re die Dunkelheit viel zu schnell hereingebrochen. Unnat�rlich schnell. Auf der Stra�e wimmelte es vor Schatten; miteinander k�mpfende, kreischende Gestalten. Manchmal sahen die Auseinandersetzungen in der Dunkelheit wie eine einzelne Kreatur aus - eine schreckliche Monstrosit�t mit Dutzenden um sich schlagenden Gliedma�en und hundert M�ndern, die aus der Finsternis br�llten.</p><p>Mat trieb Pips an. Ihnen blieb nichts anderes �brig, als mitten hindurch zu reiten.</p><p>�Beim Licht!�, rief Talmanes, als sie sich dem Gasthaus n�herten. �Beim Licht!�</p><p>Mat biss die Z�hne zusammen und beugte sich auf Pips nach vorn, den Speer eng an die Seite gehalten, w�hrend er durch den Albtraum galoppierte. Ohrenbet�ubendes Gebr�ll ersch�tterte die Dunkelheit, K�rper w�lzten sich �ber die Erde. Mat erschauderte und fluchte leise. Die Nacht selbst schien sie ersticken zu wollen, Bestien aus Finsternis und Mord zu geb�ren.</p><p>Pips und die anderen Pferde waren gut ausgebildet, und zu viert galoppierten sie die Stra�e entlang. Beinahe w�re Mat aus dem Sattel gezogen worden, als sich dunkle Umrisse auf seine Beine st�rzten und versuchten, ihn vom Pferd zu rei�en. Sie schrien und zischten wie die Legionen der Ertrunkenen, die versuchten, ihn in ein tiefes unheimliches Meer zu ziehen.</p><p>Neben ihm hielt Delarns Pferd ruckartig an, als ein Pulk finsterer Gestalten vor ihm auftauchte; voller Panik stieg der Wallach auf die Hinterbeine und warf den Soldaten ab.</p><p>Mat z�gelte Pips und wandte sich Delarns Schrei zu, der irgendwie deutlicher und <emphasis>menschlicher</emphasis> als das Gebr�ll um sie herum war.</p><p>�Mat!�, rief Talmanes, der vorbeigaloppierte. �Weiterreiten! Wir k�nnen nicht anhalten!�</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte Mat und verdr�ngte seine Panik. <emphasis>Nein, ich lasse hier keinen zur�ck.</emphasis> Er holte tief Luft und ignorierte Talmanes, trieb Pips zu der dunklen Masse aus K�rpern zur�ck, wo Delarn gest�rzt war. Schwei�tropfen flogen von seiner Stirn, gek�hlt vom Wind des Galopps. Von �berall um ihn herum schienen ihn Schreie, St�hnen und Zischen einzuh�llen.</p><p>Mat br�llte auf und warf sich von Pips� R�cken - er konnte nicht mit seinem Pferd angreifen, wenn er es nicht riskieren wollte, den Mann zu zertrampeln, den er retten wollte. Er hasste es, in der Dunkelheit zu k�mpfen, er <emphasis>hasste</emphasis> es mit jeder Faser seines Seins. Er griff die dunklen Gestalten an, deren Gesichter er abgesehen von den gelegentlich im sterbenden Licht aufblitzenden Z�hnen oder irren Augen nicht sehen konnte. Es erinnerte ihn kurz an eine andere Nacht, in der er in der Dunkelheit Schattengez�cht get�tet hatte. Nur dass diese Gestalten hier nicht �ber die Anmut eines Myrddraals verf�gten. Sie hatten nicht einmal die Koordination von Trollocs.</p><p>Einen Moment lang hatte es den Anschein, als w�rde er gegen Schatten k�mpfen, unberechenbare Schatten, die umso t�dlicher waren, weil er ihre Bewegungen nicht absch�tzen konnte. Nur knapp entging er einem zerschmetterten Sch�del durch Angriffe, die v�llig unkoordiniert erfolgten. Am Tag w�ren diese Attacken l�cherlich gewesen, aber diese dunkle Horde aus M�nnern und Frauen, denen v�llig egal war, was sie trafen oder wen sie verletzten, war unberechenbar. Er musste um sein nacktes Leben k�mpfen, wirbelte den <emphasis>Ashandarei</emphasis> im weiten Bogen herum, benutzte ihn genauso oft, um jemanden stolpern zu lassen, wie um zu t�ten. Wenn sich etwas in der Dunkelheit bewegte, schlug er zu. Wie beim Licht sollte er dabei nur Delarn finden!</p><p>Ein kurzes St�ck entfernt bewegte sich ein Schatten, und Mat erkannte sofort eine Schwertfigur. <emphasis>Ratte knabbert am Getreide?</emphasis> Kein Dorfbewohner w�rde das kennen. Guter Mann!</p><p>Mat warf sich ins Get�mmel, schlitzte zwei anderen Schatten die Brust auf, erntete Grunzen und Schmerzgeheul. Delarn wurde zu Boden gerissen, und Mat schrie grimmig auf, sprang �ber einen gest�rzten K�rper und lie� den Speer in einem weiten Bogen kreiseln. Schatten bluteten, wo er traf, und das Blut war nur ein weiterer dunkler Fleck. Mit dem Ende seiner Waffe wehrte er einen Angreifer ab, langte nach unten, zog einen der Schatten auf die F��e und h�rte einen gemurmelten Fluch. Es war Delarn.</p><p>�Kommt schon�, stie� Mat hervor und zog den Mann zu Pips, der schnaubend in der Dunkelheit stand. Die Verr�ckten schienen Tiere zu ignorieren, ein gl�cklicher Umstand. Mat stie� den stolpernden Delarn auf das Pferd zu, dann drehte er sich um und griff das Rudel an, von dem er wusste, dass es ihn verfolgen w�rde. Wieder tanzte er mit der Dunkelheit, schlug immer wieder zu, versuchte sich vom Gegner zu l�sen, damit er aufsitzen konnte. Er riskierte einen Blick �ber die Schulter und entdeckte, dass Delarn es auf Pips� R�cken geschafft hatte - aber der Soldat hockte zusammengekr�mmt da. Wie schlimm war er verletzt? Er schien sich kaum aufrecht halten zu k�nnen. Blut und verdammte Asche!</p><p>Mat wandte sich wieder seinen Angreifern zu, versuchte sie mit dem wirbelnden Speer zur�ckzudr�ngen. Aber es k�mmerte sie nicht, wenn sie Verletzungen davontrugen, ihnen war egal, wie gef�hrlich Mat war. Sie griffen einfach nur weiter an! Umzingelten ihn. Kamen von allen Seiten. Verdammte Asche! Er konnte sich noch gerade rechtzeitig drehen, um einen dunklen Umriss von hinten herankommen zu sehen.</p><p>In der Nacht blitzte etwas auf, reflektierte ein fernes Licht. Die dunkle Gestalt hinter Mat sackte zu Boden. Ein weiterer Blitz, und jemand vor ihm st�rzte. Pl�tzlich galoppierte eine Gestalt auf einem wei�en Pferd vorbei, und noch ein Messer blitzte durch die Luft und riss einen dritten Mann von den F��en.</p><p>�Thom!�, rief Mat, der den Umhang erkannte. �Steig auf dein Pferd!�, rief Thom zur�ck. �Mir gehen die Messer aus!�</p><p>Mat stie� mit dem Speer zu, t�tete zwei weitere Dorfbewohner, dann rannte er los und sprang auf den Sattel zu, vertraute darauf, dass Thom seinen R�ckzug deckte. In der Tat ert�nten hinter ihm Schmerzensschreie. Einen Augenblick sp�ter k�ndigte ein Donnern auf der Stra�e die unmittelbar bevorstehende Ankunft von Pferden an. Mat zog sich gerade in den Sattel, als die Tiere aus der Dunkelheit hervorbrachen und die Dorfbewohner zur Seite schleuderten.</p><p>�Mat, Ihr seid ein Narr!�, br�llte Talmanes von einem der Pferde, eine kaum erkennbare Silhouette in der Nacht.</p><p>Mat l�chelte Talmanes dankbar an, drehte Pips und fing Delarn auf, als der Mann um ein Haar vom Pferd gesackt w�re. Der Soldat war noch am Leben, denn er k�mpfte schwach um Halt, aber an der Seite hatte er einen gro�en feuchten Fleck. Mat hielt ihn fest, ignorierte die Z�gel und kontrollierte Pips durch einen schnellen Druck mit den Knien. Die Kampfbefehle f�r ein Schlachtross waren ihm selbst unbekannt, aber diese verdammten fremden Erinnerungen kannten sie umso besser, also hatte er Pips Gehorsam antrainiert.</p><p>Thom galoppierte vorbei, und Mat folgte ihm auf Pips, st�tzte mit der einen Hand Delarn und hielt mit der anderen den Speer bereit. Talmanes und Harnan ritten an seinen Seiten, st�rmten den Korridor des Wahnsinns auf das Gasthaus an seinem Ende zu entlang.</p><p>�Kommt schon, Mann�, fl�sterte Mat Delarn ins Ohr. �Haltet durch. Die Aes Sedai sind nicht weit entfernt. Die bekommen Euch wieder hin.�</p><p>Delarn fl�sterte etwas zur�ck.</p><p>Mat beugte sich vor. � Was?�</p><p>�� und werfen die W�rfel, bis wir fliegen�, wisperte Delarn. �Und tanzen mit Jak aus den Schatten ��</p><p>�Na toll�, murmelte Mat. Voraus brannten Lichter, und er konnte erkennen, dass sie aus dem Gasthaus kamen. Vielleicht w�rden sie den einen Ort in diesem verfluchten Dorf finden, wo die Menschen nicht ihren Verstand verloren hatten.</p><p>Aber nein. Dieses aufwallende Licht kannte er. Feuerb�lle, die hinter den Fenstern im ersten Stock des Geb�udes aufblitzten.</p><p>�Nun�, sagte Talmanes links von ihm, �anscheinend leben die Aes Sedai noch. Das ist doch schon einmal etwas.�</p><p>Vor dem Gasthaus dr�ngten sich Gestalten und k�mpften in der Dunkelheit, gelegentlich von den Blitzen in den Fenstern angestrahlt.</p><p>�Zur R�ckseite�, schlug Thom vor.</p><p>�Geht�, sagte Mat und raste an den K�mpfenden vorbei. Talmanes, Thom und Harnan folgten Pips� Hufen dichtauf. Mat segnete sein Gl�ck, dass sie in kein Bodenloch traten, als sie auf den weicheren Erdboden an der Gasthausseite kamen. Die Pferde h�tten leicht stolpern und sich die Beine brechen k�nnen, was eine Katastrophe f�r sie alle gewesen w�re.</p><p>An der R�ckseite herrschte Stille, und Mat z�gelte sein Pferd. Thom sprang aus dem Sattel, und seine Beweglichkeit strafte seine vorherigen Beschwerden �ber das �lterwerden L�gen. Er nahm an der Hausecke Aufstellung, um zu sehen, ob man ihnen folgte.</p><p>�Harnan!�, sagte Mat und stie� den Speer in Richtung St�lle. �Holt die Pferde der Frauen und macht sie bereit. Sattelt sie, falls das m�glich ist, aber falls n�tig muss es auch ohne gehen. Wenn es das Licht will, m�ssen wir nicht weit reiten, nur etwa eine Meile, um diesem Wahnsinn zu entkommen.�</p><p>Harnan salutierte in der Dunkelheit, dann stieg er ab und eilte zu den St�llen. Mat wartete lange genug, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand aus der Finsternis ansprang, dann wandte er sich Delarn zu, den er noch immer festhielt. �Seid Ihr noch bei Bewusstsein?�</p><p>Delarn nickte schwach. �Ja, Mat. Aber ich habe eine Bauchwunde. Ich ��</p><p>�Wir holen die Aes Sedai�, sagte Mat. �Ihr braucht blo� hier sitzen zu bleiben. Bleibt im Sattel, in Ordnung?�</p><p>Delarn nickte erneut. Die schwachen Bewegungen des Mannes lie�en Mat z�gern, aber Delarn nahm Pips� Z�gel und schien entschlossen. Also rutschte Mat aus dem Sattel und hielt den <emphasis>Ashandarei</emphasis> bereit.</p><p>�Mat�, sagte Delarn von oben.</p><p>Mat drehte sich wieder um.</p><p>�Danke. Dass Ihr meinetwegen umgekehrt seid.�</p><p>�Keinen Mann w�rde ich dem ausliefern.� Mat erschauderte. �Auf dem Schlachtfeld zu sterben ist eine Sache, aber hier zu sterben, in dieser Dunkelheit � Nun, das lasse ich nicht zu. Talmanes! Seht, ob Ihr Licht findet.�</p><p>�Bin schon dabei�, sagte der Cairhiener von der Hintert�r des Gasthauses. Dort hatte er eine h�ngende Laterne gefunden. Ein paar Schl�ge von Feuerstein und Stahl sp�ter, und ein weicher Glanz erhellte die R�ckseite des Hauses. Talmanes schob schnell die Blende vor, was das Licht gr��tenteils wieder einschr�nkte.</p><p>Thom kam angelaufen. �Es folgt uns keiner, Mat.�</p><p>Mat nickte. In dem Laternenlicht konnte er sehen, dass Delarn in einem schlechten Zustand war. Da war nicht nur die Bauchwunde, sondern auch Kratzer in seinem Gesicht und Risse in seiner Uniform; ein Auge war zugeschwollen.</p><p>Mat zog ein Taschentuch hervor und dr�ckte es neben Pips stehend gegen die Bauch wunde. �Dr�ckt das fest drauf. Woher kommt die Wunde? Sie benutzen keine Waffen.�</p><p>�Einer konnte mir das Schwert abnehmen�, erwiderte Delarn mit einem Grunzen. �Er konnte gut damit umgehen, sobald er es in der Hand hielt.�</p><p>Talmanes hatte die T�r ge�ffnet. Er schaute zu Mat her�ber und nickte. Der Weg hinein war frei.</p><p>�Wir sind gleich zur�ck�, versprach Mat. Mit bereitgehaltenem <emphasis>Ashandarei</emphasis> �berquerte er die kurze Distanz zur T�r und nickte dann Talmanes und Thom zu. Geduckt traten sie ein.</p><p>Die T�r f�hrte in die K�che. Mat lie� den Blick durch den dunklen Raum schweifen, und Talmanes stie� ihn leicht an, deutete auf mehrere Umrisse auf dem Boden. Ein Strahl Laternenlicht enth�llte zwei K�chenjungen, die kaum zehn Jahre alt sein konnten und mit gebrochenem Genick am Boden lagen. Mat schaute weg, st�hlte sich und schob sich verstohlen weiter in den Raum hinein. Beim Licht! So junge Burschen, und jetzt tot durch diesen Wahnsinn.</p><p>Thom sch�ttelte grimmig den Kopf, und sie schlichen weiter. Im n�chsten Korridor fanden sie den Koch, der grunzend auf den Kopf eines Mannes einschlug, bei dem es sich allem Anschein nach um den Wirt handelte. Zumindest trug er eine wei�e Sch�rze. Er war bereits tot. Der fette Koch wandte sich in dem Augenblick Mat und Talmanes zu, in dem sie den Korridor betraten, einen wilden Ausdruck in den Augen. Z�gernd schlug Mat zu und brachte ihn zum Schweigen, bevor er aufheulen und andere Leute anlocken konnte.</p><p>�Auf der Treppe wird gek�mpft�, raunte Talmanes.</p><p>�Ich wette, es gibt eine Dienstbotentreppe�, meinte Thom. �Das Haus scheint edel genug daf�r zu sein.�</p><p>Nach zwei weiteren Korridoren im hinteren Teil des Hauses fanden sie tats�chlich eine schmale Treppe, die nach oben in die Dunkelheit f�hrte. Mat holte tief Luft, dann stieg er mit bereitgehaltenem <emphasis>Ashandarei</emphasis> in die H�he. Das Gasthaus hatte nur ein oberes Stockwerk, und die Blitze waren aus dem ersten Stock kommen, an der Vorderseite.</p><p>Sie erreichten das Obergeschoss, stie�en eine T�r auf und wurden vom bei�enden Gestank brennenden Fleisches begr��t. Hier waren die Korridore aus Holz, dessen Maserung wei�e Farbe �berdeckte. Auf dem Boden lag ein dunkelbrauner Teppich. Mat nickte Talmanes und Thom zu, dann sprangen sie mit erhobenen Waffen von der Treppe in den Korridor.</p><p>Sofort schoss ein Feuerball in ihre Richtung. Fluchend warf sich Mat zur�ck, prallte gegen Talmanes und entging dem Feuer nur knapp. Thom dr�ckte sich mit der Gewandtheit eines Gauklers an die Wand und lie� das Feuer an sich vorbeirauschen. Mat und Talmanes st�rzten um ein Haar die Treppe hinunter.</p><p>�Blut und verdammte Asche!�, br�llte Mat in den Korridor. �Was glaubt Ihr, was Ihr da tut?�</p><p>Stille trat ein, schlie�lich gefolgt von Jolines Stimme.� Cauthon?�, rief sie.</p><p>�Was glaubt Ihr denn verdammt noch mal?�, rief er zur�ck.</p><p>�Das wei� ich doch nicht! Ihr wart so schnell da, mit gez�ckten Waffen. Wollt Ihr unbedingt sterben?�</p><p>�Wir wollten Euch retten!�, br�llte Mat.</p><p>�Sehen wir so aus, als m�sste man uns retten?�, lautete die Erwiderung.</p><p>�Nun, Ihr seid immer noch hier, oder nicht?�</p><p>Darauf wurde mit Schweigen geantwortet.</p><p>�Oh, um des Lichts willen�, rief Joline schlie�lich. �Kommt Ihr jetzt endlich da raus?�</p><p>�Ihr werdet nicht noch einen Feuerball auf mich schleudern, oder?�, murmelte Mat und betrat den Korridor, w�hrend Thom wieder auf die F��e kam. Talmanes folgte ihm. Die drei Aes Sedai standen am Fu� einer breiten eleganten Treppe am anderen Ende des Korridors. Teslyn und Edesina schleuderten noch immer Feuerb�lle auf Dorfbewohner in der Tiefe; ihr Haar war nass und ihre Kleider sa�en nicht richtig, als h�tten sie sie hastig �bergestreift. Joline trug nur einen volumin�sen wei�en Morgenmantel. Ihr h�bsches Gesicht war die Ruhe selbst, ihr dunkles Haar fiel ihr glatt und feucht �ber die rechte Schulter. Der Morgenmantel klaffte oben ein St�ck auf und zeigte eine Andeutung dessen, was sich darunter verbarg. Talmanes stie� einen leisen Pfiff aus.</p><p>�Sie ist keine Frau, Talmanes�, fl�sterte Mat warnend. �Sie ist eine Aes Sedai. Haltet sie blo� nicht f�r eine Frau.�</p><p>�Ich gebe mir alle M�he, Mat�, entgegnete Talmanes. �Aber es f�llt schwer.� Er z�gerte, dann f�gte er hinzu: �Soll man mich doch zu Asche verbrennen.�</p><p>�Nehmt Euch in Acht, oder sie wird genau das tun�, sagte Mat und zog die Hutkrempe ein St�ck tiefer. �Tats�chlich hat sie es eben versucht.�</p><p>Talmanes seufzte, und sie begaben sich zu den Frauen. Jolines beiden Beh�ter standen mit gezogenen Waffen im Badezimmer. Etwa ein Dutzend Diener sa�en gefesselt in der Ecke: zwei junge M�dchen - vermutlich Badem�gde - und mehrere M�nner in Westen und Hosen. Anscheinend hatte Jolines Kleid f�r die Fessel herhalten m�ssen. Die Seide w�rde viel besser funktionieren als Handt�cher aus Wolle. Kurz vor dem Treppenabsatz direkt unter den Aes Sedai konnte Mat ein paar Tote ausmachen, die durch Stahl und nicht durch Feuer gestorben waren.</p><p>Joline musterte Mat beim N�herkommen, und der Blick deutete unmissverst�ndlich an, dass sie irgendwie <emphasis>ihn</emphasis> f�r das alles hier verantwortlich machte. Sie verschr�nkte die Arme und zog den Morgenmantel am Hals zusammen, allerdings vermochte Mat nicht zu sagen, ob sie das wegen Talmanes� bewunderndem Blick oder nur zuf�llig tat.</p><p>�Wir m�ssen weg hier�, sagte Mat. �Die ganze Stadt ist verr�ckt geworden.�</p><p>�Wir k�nnen nicht gehen�, erwiderte Joline. �Wir k�nnen diese Diener nicht dem Mob �berlassen. Au�erdem m�ssen wir Meister Tobrad finden und daf�r sorgen, dass er in Sicherheit ist.�</p><p>�Meister Tobrad ist der Wirt?�, fragte Mat. Ein Feuerball sauste die Treppe hinunter. �Ja.�</p><p>�Zu sp�t. Sein Gehirn schm�ckt bereits unten die Wand. H�rt zu, wie ich gerade sagte, ist das <emphasis>ganze Dorf</emphasis> verr�ckt geworden. Diese Diener haben versucht, Euch zu t�ten, richtig?�</p><p>Joline z�gerte. �Ja.�</p><p>�Lasst sie zur�ck. Wir k�nnen nichts f�r sie tun.�</p><p>�Aber wenn wir bis zur Morgend�mmerung warten ��, sagte Joline z�gernd.</p><p>�Und was? Jede Person zu Asche verbrennen, die die Treppe raufkommt? Ihr veranstaltet hier eine ganz sch�ne Aufregung, und sie zieht immer mehr Menschen an. Wenn Ihr sie aufhalten wollt, werdet Ihr sie alle t�ten m�ssen.�</p><p>Joline sah die anderen beiden Frauen an.</p><p>�H�rt mir zu�, sagte Mat. �Dort unten habe ich eine verwundete Rotwaffe, und ich habe vor, den Mann lebend herauszuschaffen. Ihr k�nnt f�r diese Leute nichts tun. Ich vermute, Eure Beh�ter mussten die Gruppe oben auf der Treppe t�ten, bevor Ihr Euch alle bedroht genug gef�hlt habt, um die Macht zu benutzen. Ihr wisst, wie entschlossen sie sind.�</p><p>�Also gut�, sagte lohne. �Ich komme mit. Aber wir nehmen die beiden M�gde mit. Blaeric und Pen k�nnen sie tragen.�</p><p>Mat seufzte - es w�re ihm lieber gewesen, ihm h�tten die Klingen der Beh�ter zur Verf�gung gestanden, falls es �rger geben sollte -, aber er sparte sich jedes weitere Wort. Er nickte Thom und Talmanes zu und wartete ungeduldig, w�hrend sich die Beh�ter die gefesselten M�dchen auf die Schulter luden. Dann eilte die ganze Gruppe die Dienstbotentreppe hinunter. Talmanes �bernahm die F�hrung, und Mat machte den Abschluss. Er konnte die Schreie h�ren, die sowohl w�tend als auch freudig klangen, als den Dorfbewohnern am Fu� der Treppe klar wurde, dass kein Feuer mehr in die Tiefe regnete. Dann kamen Gepolter und Schreie, gefolgt von aufgerissenen T�ren, und er zuckte zusammen, als er sich vorstellte, wie die im Badezimmer gefesselten Diener der Menge zum Opfer fielen.</p><p>Mat und die anderen eilten aus der Hintert�r, nur um Delarn neben Pips am Boden liegend zu finden. Harnan kniete neben ihm, und er schaute besorgt auf. �Mat! Er ist aus dem Sattel gekippt. Ich ��</p><p>Edesina eilte herbei und ging neben Delarn auf die Knie. Sie schloss die Augen, und Mat f�hlte einen k�hlen Schauder von seinem Medaillon. Es lie� ihn fr�steln, w�hrend die Eine Macht aus der Frau in den Soldaten str�mte. Das war beinahe genauso schlimm wie sterben, verdammt noch mal, das war es! Er umklammerte das Medaillon unter seinem Hemd.</p><p>Delarn erstarrte, dann keuchte er laut auf und riss die Augen auf.</p><p>�Es ist vollbracht�, sagte Edesina und stand auf. �Er wird schwach vom Heilen sein, aber ich war rechtzeitig bei ihm.�</p><p>Harnan hatte alle ihre Pferde geholt und gesattelt. Guter Mann, das Licht sollte ihn segnen! Die Frauen sa�en auf und warfen dem Gasthaus skeptische Blicke zu.</p><p>�Es ist beinahe so, als w�rde die Dunkelheit selbst sie berauschen�, sagte Thom, w�hrend Mat Delarn in den Sattel half. �Als h�tte das Licht selbst sie verlassen und dem Schatten ausgeliefert��</p><p>�Wir k�nnen nichts tun�, sagte Mat, als er sich hinter Delarn in den Sattel zog. Nach dem Heilen war der Soldat zu schwach, um allein reiten zu k�nnen. Mat musterte die M�gde, die die Beh�ter vor sich �ber ihre Pferde gelegt hatten. Mit hasserf�lltem Blick k�mpften sie gegen ihre Fesseln. Er wandte sich Talmanes zu, der die Laterne an einer Sattelstange befestigt hatte. Der Cairhiener �ffnete die Blende und tauchte die R�ckseite des Gasthauses in helles Licht. Ein Weg f�hrte vom Hof nach Norden in die Dunkelheit. Fort vom Heer, aber auf direktem Weg aus dem Dorf in die Berge. Das war gut genug f�r Mat.</p><p>�Reitet�, sagte er und trieb Pips an. Die Gruppe schloss sich ihm an.</p><p>�Ich habe Euch ja gesagt, wir sollten gehen�, sagte Talmanes und warf einen Blick �ber die Schulter. �Aber Ihr musstet ja f�r einen letzten Wurf bleiben.�</p><p>Mat schaute nicht zur�ck. �Das ist nicht mein Fehler, Talmanes. Woher sollte ich denn wissen, dass sie einander an die Kehle gehen, nur weil wir geblieben sind?�</p><p>�Was denn?�, fragte Talmanes. �Reagieren die Leute nicht immer so, wenn Ihr ihnen sagt, dass Ihr �ber Nacht bleibt?�</p><p>Mat verdrehte die Augen, versp�rte aber nicht die geringste Lust zu lachen, als er die Gruppe aus dem Dorf f�hrte.</p><empty-line/><p>Stunden sp�ter sa� Mat auf einem dunklen H�gel auf einem Stein und schaute auf Hinderstap. Das Dorf war dunkel. Nicht ein Licht brannte. Man konnte unm�glich sagen, was dort vor sich ging, aber er schaute trotzdem hin. Nach dem, was sie durchgemacht hatten, wie sollte ein Mann da schlafen k�nnen?</p><p>Nun, die Soldaten schliefen. Er machte Delarn keinen Vorwurf. Das Heilen einer Aes Sedai konnte einem starken Mann jede Kraft rauben. Mat hatte die eiskalte Ber�hrung selbst gelegentlich kennengelernt, und er beabsichtigte nicht, die Erfahrung zu wiederholen. Talmanes und Harnan konnten keine Heilung als Entschuldigung vorweisen, aber sie waren Soldaten. Soldaten lernten zu schlafen, wann immer sie konnten, und die Erlebnisse der Nacht schienen sie bei weitem nicht so verst�rt zu haben wie Mat. Oh, im dichtesten Get�mmel waren sie besorgt gewesen, aber jetzt war es nur eine weitere Schlacht, die vorbei war. Eine weitere Schlacht, die sie �berlebt hatten. Da hatte sogar der tapfere Harnan l�cheln und scherzen m�ssen, als sie sich niedergelegt hatten.</p><p>Aber Mat nicht. An der ganzen Erfahrung war etwas auf seltsame Weise falsch. Sollte der Zapfenstreich irgendwie verhindern, dass es geschah? War er f�r die ganzen Todesf�lle verantwortlich, weil er geblieben war? Blut und verdammte Asche. Gab es denn �berhaupt keinen Ort auf der Welt mehr, wo noch etwas einen Sinn ergab?</p><p>�Mat, mein junge�, sagte Thom und kam mit seinem �blichen leichten Hinken auf ihn zu. Er hatte einen gebrochenen Arm gehabt, obwohl er nichts davon gesagt hatte, bis Edesina sein Zusammenzucken bemerkt und darauf bestanden hatte, ihn zu Heilen. �Du solltest schlafen.� Jetzt, da der Mond hinter den Wolken verborgen aufgegangen war, gab es genug Licht, dass Mat Thoms Besorgnis sehen konnte.</p><p>Die Gruppe hatte in einer kleinen Senke neben dem Pfad angehalten. Hier hatte man einen guten Blick auf das Dorf und - was noch viel wichtiger war - man konnte den Weg �berwachen, auf dem Mat und die anderen entkommen waren. Die Senke befand sich auf einem steilen H�gel, die einzige Zugangsm�glichkeit war das Tal. Ein Wachtposten konnte gut erkennen, ob sich jemand ins Lager schleichen wollte.</p><p>Die Aes Sedai hatten sich im hinteren Teil der Senke hingelegt, allerdings glaubte Mat nicht, dass sie schliefen. Jolines Beh�ter hatten daran gedacht, Decken mitzubringen, nur f�r alle F�lle. So waren Beh�ter eben. Mats M�nner hatten nur ihre Umh�nge, aber das hielt sie nicht vom Schlaf ab. Talmanes schnarchte sogar, und das trotz der k�hlen Fr�hlingsluft. Mat hatte jedes Feuer verboten. Es war nicht so kalt, dass sie eins brauchten, und es w�rde jedem, der sie suchte, nur ein Zeichen geben.</p><p>�Mir geht es gut, Thom�, sagte Mat und machte auf dem Stein Platz, damit sich der Gaukler setzen konnte. �Du bist derjenige, der schlafen sollte.�</p><p>Thom sch�ttelte den Kopf. �Eine gute Sache habe ich am �lterwerden entdeckt; der K�rper scheint nicht mehr so viel Schlaf wie fr�her zu brauchen. Vermutlich braucht man zum Sterben nicht so viel Energie wie zum Wachsen.�</p><p>�Fang nicht wieder damit an�, erwiderte Mat. �Muss ich dich daran erinnern, wie du mir dort unten den Hintern gerettet hast? Wor�ber hattest du dir heute Nachmittag noch Sorgen gemacht? Dass ich dich nicht mehr brauche? W�rst du heute nicht in meiner N�he gewesen, h�ttest du nicht nach mir gesucht, w�re ich in diesem Dorf gestorben. Delarn auch.�</p><p>Thom grinste; seine Augen funkelten hell im Mondlicht. �Na gut, Mat�, sagte er. �Schluss damit. Versprochen.�</p><p>Mat nickte. Eine Weile sa�en sie auf dem Stein und schauten zu den H�usern hinunter. �Es wird mich nicht in Ruhe lassen, Thom�, sagte Mat schlie�lich.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das alles hier�, antwortete Mat m�de. �Der verfluchte Dunkle K�nig und seine Brut. Seit jener Nacht in den Zwei Fl�ssen jagen sie mich, und nichts konnte sie aufhalten.�</p><p>�Glaubst du, er war das?�</p><p>�Was sollte es sonst gewesen sein? Harmlose Dorfbewohner, die sich in gewaltt�tige Irre verwandeln? Das ist das Werk des Dunklen K�nigs, und das wei�t du.�</p><p>Thom schwieg. �Ja�, sagte er dann. �Vermutlich schon.�</p><p>�Sie jagen mich noch immer�, fuhr Mat w�tend fort. �Dieser verdammte <emphasis>Gholam</emphasis> ist irgendwo dort drau�en, ich wei�, dass er das ist, aber das ist nur ein Teil davon. Myrddraals und Schattenfreunde, Ungeheuer und Geister. Sie verfolgen und jagen mich. Ich bin von einer Katastrophe in die n�chste gestolpert, habe kaum den Kopf �ber Wasser halten k�nnen, und zwar seit das alles anfing. Ich sage immer, dass ich einfach nur ein Versteck finden muss, in dem ich w�rfeln und trinken kann, aber das wird die Sache nicht beenden. Nichts wird das.�</p><p>�Du bist ein <emphasis>Ta�veren,</emphasis> mein junge�, sagte Thom.</p><p>�Ich habe nicht darum gebeten. Verdammt, ich w�nschte, sie w�rden einfach alle gehen und nur Rand bel�stigen. Ihm macht das Spa�.� Er sch�ttelte den Kopf, verscheuchte das sich formende Bild von dem schlafenden Rand in seinem Bett; Min lag zusammengerollt neben ihm.</p><p>�Glaubst du das wirklich?�, wollte Thom wissen.</p><p>Mat z�gerte. �Ich w�nschte, ich t�te es�, gab er zu. �Es w�rde die Dinge einfacher machen.�</p><p>�L�gen haben die Dinge am Ende noch nie leichter gemacht. Es sei denn, sie sind f�r genau die richtige Person bestimmt - gew�hnlich eine Frau -, zu genau dem richtigen Zeitpunkt. Wenn du sie dir selbst sagst, schaffst du nur noch mehr �rger.�</p><p>�Diesen Menschen im Dorf habe ich nur �rger gebracht.� Er warf einen Blick nach hinten in das Lager, wo die beiden Beh�ter sa�en und die gefesselten Dienerinnen bewachten. Die M�dchen k�mpften noch immer gegen die Fesseln. Beim Licht! Wo hatten sie nur diese Kr�fte her? Das war nicht menschlich.</p><p>�Ich glaube nicht, dass du das warst, Mat�, meinte Thom nachdenklich. �Oh, ich bestreite nicht, dass der �rger dich verfolgt - der Dunkle K�nig scheint es h�chstpers�nlich zu tun. Aber Hinderstap � nun, als ich in diesem Gemeinschaftsraum sang, da schnappte ich ein paar Dinge auf. Sie erschienen unwichtig. Aber im Nachhinein kommt es mir so vor, als h�tten die Leute das erwartet. Oder zumindest etwas �hnliches.�</p><p>�Wie sollte das m�glich sein? W�re es bereits schon einmal geschehen, dann w�ren sie alle tot.�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Thom nachdenklich. Dann schien ihm etwas einzufallen. Er fing an, in seinem Umhang herumzusuchen. �Oh, das habe ich ja ganz vergessen. Vielleicht gibt es tats�chlich eine Verbindung zwischen dir und den Geschehnissen. Ich konnte das hier einem Mann abnehmen, der zu viel getrunken hatte, als dass es ihm guttat.� Der Gaukler zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor und gab es Mat.</p><p>Stirnrunzelnd nahm dieser es entgegen und entfaltete es. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er im diffusen Mondlicht darauf und grunzte, als er erkannte, was auf dem Papier stand - keine Worte, aber eine sehr genaue Zeichnung von Mats Gesicht, zusammen mit einem Hut. Sogar das Fuchskopf-Medaillon um seinen Hals war da. Verdammte Asche.</p><p>Er unterdr�ckte seinen �rger. �H�bscher Bursche. Gute Nase, gerade Z�hne, schicker Hut.�</p><p>Thom schnaubte.</p><p>�Ich habe beobachtet, wie jemand dem B�rgermeister ein Papier zeigte.� Mat faltete die Zeichnung wieder zusammen. �Ich konnte nicht sehen, was da stand, aber ich wette, es war das Gleiche wie hier. Was hatte der Mann, dem du es abgenommen hast, dazu zu sagen?�</p><p>�Eine Fremde in einem Dorf n�rdlich von hier verteilt sie und bietet eine Belohnung f�r jeden, der dich gesehen hat. Der Mann hatte das Blatt von einem Freund, also konnte er sie weder beschreiben, noch wusste er den Namen des Dorfes. Entweder hat sein Freund ihm das nicht gesagt, weil er die Belohnung f�r sich selbst haben wollte, oder er war einfach zu betrunken, um sich daran zu erinnern.�</p><p>Mat steckte die Zeichnung in die Manteltasche. Im Osten gl�hte der erste Schimmer der Morgend�mmerung. Er war die ganze Nacht auf gewesen, aber er war nicht m�de. Nur � ausgelaugt. �Ich kehre zur�ck�, sagte er dann.</p><p>�Was?�, fragte Thom �berrascht. �Nach Hinderstap?�</p><p>Mat nickte und stand auf. �Sobald es hell ist. Ich muss ��</p><p>Ein ged�mpfter Fluch unterbrach ihn. Er wirbelte herum und griff nach dem <emphasis>Ashandarei.</emphasis> Thom hielt ein Augenblinzeln sp�ter ein paar Messer in den H�nden. Fen hatte geflucht, Jolines saldaeanischer Beh�ter. Er suchte mit der Hand am Schwertgriff den Boden um ihn herum ab. Blaeric stand mit gezogenem Schwert vor den Aes Sedai, aufmerksam und auf der Hut.</p><p>�Was ist?�, fragte Mat angespannt. �Die Gefangenen�, sagte Fen.</p><p>Mat zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass die M�dchen, die in der N�he der Beh�ter gelegen hatten, verschwunden waren. Fluchend rannte er zu der Stelle. Talmanes� Schnarchen h�rte auf, als der L�rm ihn weckte. Er setzte sich auf. Die Stoffstreifen von Jolines Kleid, die als Fesseln gedient hatten, lagen auf dem Boden, aber die M�gde waren weg.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Mat.</p><p>�Ich �� Der dunkelhaarige Beh�ter schaute entgeistert drein. �Ich habe keine Ahnung. Vor einem Augenblick waren sie doch noch da!�</p><p>�Seid Ihr eingeschlafen?�</p><p>�Fen w�rde so etwas nicht tun�, sagte Joline mit ruhiger Stimme und setzte sich auf ihrer Decke auf. Noch immer trug sie nur den Morgenmantel.</p><p>�Mein Junge�, sagte Thom, �wir haben die M�dchen doch selbst noch vor kaum einer Minute gesehen.�</p><p>Talmanes fluchte und weckte die beiden Rotwaffen. Delarn sah schon wieder viel besser aus; die Ersch�pfung durch die Heilung schien ihm kaum noch zu schaffen zu machen, als er aufstand. Die Beh�ter wollten eine Suche starten, aber Mat wandte sich einfach wieder dem Dorf in der Tiefe zu. �Die Antworten liegen dort�, sagte er. �Thom, du begleitest mich. Talmanes, passt auf die Frauen auf.�</p><p>�Auf uns muss keiner aufpassen, Matrim�, sagte Joline griesgr�mig.</p><p>�Auch gut�, fauchte Mat. �Thom, du begleitest mich. Joline, Ihr passt auf die Soldaten auf. Auf jeden Fall bleibt ihr alle hier. Im Moment kann ich mir keine Sorgen um die ganze Gruppe machen.�</p><p>Er gab ihnen keine Gelegenheit, dar�ber zu diskutieren. Wenige Minuten sp�ter sa�en er und Thom auf ihren Pferden und ritten den Pfad nach Hinderstap hinunter.</p><p>�Was erwartest du eigentlich zu finden?�, wollte Thom wissen.</p><p>�Keine Ahnung�, erwiderte Mat. �Wenn ich das w�sste, w�re ich nicht so scharf darauf, mir das Dorf anzusehen.�</p><p>�Auch wieder wahr�, sagte Thom leise.</p><p>Mat entdeckte die Ungereimtheiten beinahe sofort. Die Ziegen weideten auf der westlichen Wiese. Im Licht der Morgend�mmerung vermochte er es nicht genau zu sagen, aber es hatte den Anschein, als w�rde jemand auf sie aufpassen. Und was war mit diesen Lichtern im Dorf? W�hrend der ganzen Nacht hatte nicht eine einzige Lampe gebrannt! Er trieb Pips zu einer schnelleren Gangart an, und Thom folgte ihm schweigend.</p><p>Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie da waren - Mat hatte nicht riskieren wollen, so nahe an dem Dorf zu kampieren, hatte aber in der Dunkelheit auch nicht den R�ckweg zum Heer suchen wollen. Als sie den Hof des Gasthauses erreichten, war es noch ziemlich fr�h, aber es war hell. Ein paar M�nner in braunen M�nteln arbeiteten an der Hintert�r, die anscheinend nach dem Aufbruch von Mat und den anderen aus den Angeln gerissen worden war. Die M�nner schauten auf, als Mat und Thom auf den Hof ritten, und einer nahm mit einem nerv�sen Ausdruck die M�tze ab. Keiner machte eine bedrohliche Bewegung.</p><p>Mat lie� Pips anhalten. Einer der M�nner fl�sterte einem anderen etwas zu, der sofort ins Haus lief. Einen Moment sp�ter trat ein langsam kahlk�pfig werdender Mann mit einer wei�en Sch�rze hinaus. Mat wurde blass.</p><p>�Der Wirt�, sagte er. �Verdammt, Ihr wart doch tot!�</p><p>�Hol am besten den B�rgermeister, mein Sohn�, sagte der Wirt zu einem der Arbeiter. Er schaute wieder zu Mat hin�ber. �Schnell.�</p><p>�Was bei Falkenfl�gels verfluchter linker Hand geht hier vor?�, verlangte Mat zu wissen. �War das alles nur ein krankes Schauspiel? Ihr ��</p><p>Ein Kopf lugte aus der T�r und schaute am Wirt vorbei zu Mat. Ein feistes Gesicht gekr�nt von blonden Locken. Als Mat diesen Mann, den Koch, das letzte Mal gesehen hatte, war er gezwungen gewesen, ihm Bauch und Kehle aufzuschlitzen.</p><p>�Ihr da!�, sagte er und zeigte auf ihn. �Ich habe Euch <emphasis>get�tet!�</emphasis></p><p>�Beruhigt Euch, mein Sohn�, sagte der Wirt. �Kommt rein, wir besorgen Euch erst einmal eine sch�ne Tasse Tee und dann��</p><p>�Ich gehe nirgendwo mit einem Geist hin�, sagte Mat. �Thom, siehst du das auch?�</p><p>Der Gaukler rieb sich das Kinn. �Vielleicht solltest du den Mann anh�ren.�</p><p>�Geister und Gespenster�, murmelte Mat und drehte Pips. �Komm.� Er trieb Pips an und trabte los, zur Vorderseite des Gasthauses. Thom folgte ihm. Hier waren viele Arbeiter zu sehen, die Eimer mit Farbe hineintrugen. Vermutlich um die Stellen zu richten, wo das Feuer der Aes Sedai das Geb�ude angesengt hatte.</p><p>Thom schloss zu Mat auf. �So etwas habe ich noch nie gesehen�, sagte er. �Warum sollten Geister W�nde streichen und T�ren reparieren m�ssen?�</p><p>Mat sch�ttelte den Kopf. Er hatte die Stelle entdeckt, wo er gegen die Dorfbewohner gek�mpft hatte, um Delarn zu retten. Pl�tzlich z�gelte er Pips, woraufhin Thom fluchte und sein Pferd wendete, um zur�ckzukehren.</p><p>�Was ist?�</p><p>Mat zeigte es ihm. Auf dem Boden und auf mehreren Steinen am Stra�enrand waren Blutflecken. �Dort hat man auf Delarn eingestochen.�</p><p>�Also gut�, sagte Thom. Um sie herum gingen M�nner mit abgewendetem Blick vorbei. Sie machten einen weiten Bogen um die Besucher.</p><p><emphasis>Blut und verdammte Asche,</emphasis> dachte Mat. <emphasis>Und wieder habe ich zugelassen, dass sie uns umzingeln. Was, wenn sie angreifen? Du verdammter Narr!</emphasis></p><p>�Also ist da Blut�, meinte Thom. �Was hast du erwartet?�</p><p>�Und wo ist der Rest von dem Blut?�, knurrte Mat. �Ich habe hier ein gutes Dutzend M�nner get�tet, und ich habe gesehen, wie sie geblutet haben. Du hast drei von ihnen mit deinen Messern niedergestreckt. Wo ist das <emphasis>Blut?�</emphasis></p><p>�Es verschwindet�, sagte eine Stimme.</p><p>Mat zog Pips herum und sah den st�mmigen B�rgermeister mit den haarigen Armen ein kurzes St�ck entfernt auf der Stra�e stehen. Er musste bereits in der N�he gewesen sein; die Arbeiter h�tten ihn unm�glich so schnell herbeiholen k�nnen. Andererseits, bei dem, was in diesem Dorf vor sich ging, wer vermochte das schon genau zu sagen? Barlden trug einen Umhang und ein Hemd, das mehrere neue Risse aufwies.</p><p>�Das Blut verschwindet�, sagte er. Er klang ersch�pft. �Keiner von uns hat es gesehen. Wir wachen einfach auf, und es ist verschwunden.�</p><p>Mat z�gerte, sah sich im Dorf um. Frauen sp�hten aus den H�usern, hielten Kinder. M�nner brachen zu den Feldern auf, trugen Hacken und Rechen. Abgesehen von dem Gef�hl der Beklommenheit, das Mats und Thoms Anwesenheit verbreitete, w�re keiner auf die Idee gekommen, dass in diesem Dorf etwas nicht stimmte.</p><p>�Wir werden Euch nichts tun�, sagte der B�rgermeister und wandte sich von Mat ab. �Also braucht Ihr auch nicht so besorgt auszusehen. Zumindest nicht bis Sonnenuntergang. Wenn Ihr wollt, erkl�re ich es Euch. Also kommt und h�rt zu, oder verschwindet. Es ist mir wirklich egal, wenn Ihr nur aufh�rt, Unruhe in meine Stadt zu bringen. Wir haben zu arbeiten. Und zwar mehr als sonst, dank Euch.�</p><p>Mat sah Thom an, der nur mit den Schultern zuckte. �Zuh�ren ist nie verkehrt�, sagte der Gaukler.</p><p>�Ich wei� nicht�, erwiderte Mat und musterte den B�rgermeister. �Es sei denn, es k�nnte einem schaden, wenn man von <emphasis>verr�ckten m�rderischen Hinterw�ldlern</emphasis> umzingelt ist.�</p><p>�Also verschwinden wir?�</p><p>Mat sch�ttelte langsam den Kopf. �Nein. Soll man mich zu Asche verbrennen, aber sie haben noch immer mein Gold. Komm, lass uns h�ren, was er zu sagen hat.�</p><empty-line/><p>�Alles fing vor mehreren Monaten an �, sagte der B�rgermeister. Er stand am Fenster. Sie befanden sich in einem ordentlichen, wenn auch schlichten Wohnzimmer in seinem Haus. Vorh�nge und Teppiche waren von hellgr�ner Farbe, die holzget�felten W�nde hellbraun. Die Frau des B�rgermeisters hatte Tee aus getrockneten S��beeren gebracht. Mat hatte sich entschieden, nichts davon zu trinken, so wie er darauf geachtet hatte, an der Wand neben der T�r zur Stra�e zu lehnen. Sein Speer stand neben ihm.</p><p>Barldens Frau war klein und hatte braune Haare; sie war etwas mollig geraten und hatte etwas M�tterliches an sich. Sie kehrte mit einer Sch�ssel Honig aus der K�che zur�ck und z�gerte, als sie Mat an der Wand lehnen sah. Sie warf einen Blick auf den Speer, dann stellte sie die Sch�ssel auf den Tisch und zog sich zur�ck.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Mat und warf Thom einen Blick zu, der ebenfalls einen Sitzplatz abgelehnt hatte. Der alte Gaukler stand mit verschr�nkten Armen neben der T�r zur K�che. Er nickte Mat zu; die Frau lauschte nicht an der T�r. Er w�rde ein Zeichen geben, wenn er sich jemand n�hern h�rte.</p><p>�Wir sind uns nicht sicher, ob es etwas war, das <emphasis>wir</emphasis> getan haben, oder ob es einfach ein grausamer Fluch des Dunklen K�nigs war�, sagte der B�rgermeister. �Es war ein ganz gew�hnlicher Tag, Anfang des Jahres, kurz vor dem Abramfest. Soweit ich mich erinnern kann, gab es nichts Besonderes. Das Wetter war umgeschlagen, auch wenn der Schnee noch nicht gekommen war. Viele von uns gingen am n�chsten Morgen ihren normalen Gesch�ften nach, keiner dachte sich etwas dabei.</p><p>Ihr m�sst wissen, es handelte sich nur um seltsame Kleinigkeiten. Hier eine zerbrochene T�r, da ein Riss in der Kleidung, an den sich niemand erinnerte. Und die Albtr�ume. Die teilten wir alle, Albtr�ume �ber den Tod und das T�ten. Ein paar Frauen unterhielten sich, und ihnen wurde klar, dass sie sich nicht daran erinnern konnten, am vergangenen Abend zu Bett gegangen zu sein. Sie konnten sich zwar daran erinnern, sicher und behaglich in ihren Betten aufgewacht zu sein, aber nur wenige wussten noch, dass sie tats�chlich schlafen gegangen waren. Jene, die sich daran erinnern konnten, waren fr�h zu Bett gegangen, noch vor Sonnenuntergang. F�r den Rest von uns war der sp�te Abend nur noch eine verschwommene Erinnerung.�</p><p>Er verstummte. Mat warf Thom einen Blick zu, der keine Reaktion zeigte. Mat sah ihm an, dass er die Geschichte seiner Erinnerung anvertraute. <emphasis>Wenn er mich in einer Ballade auftreten l�sst, dann sollte er lieber darauf achten, dass er das auch richtig hinbekommt,</emphasis> dachte Mat und verschr�nkte die Arme. <emphasis>Und er sollte lieber meinen Hut nicht vergessen. Das ist ein verdammt guter Hut.</emphasis></p><p>�An diesem Abend war ich auf der Weide�, fuhr Barlden fort. �Ich half dem alten Garken mit einem zerbrochenen Zaun. Und dann � nichts. Alles nur verschwommen. Am n�chsten Morgen erwachte ich neben meiner Frau im Bett. Wir waren m�de, als h�tten wir nicht gut geschlafen.� Er hielt inne, dann f�gte er leiser hinzu: �Und ich hatte die Albtr�ume. Sie sind vage, und sie verblassen. Aber an ein deutliches Bild kann ich mich erinnern. Der alte Garken, der tot vor mir liegt. Zerrissen wie von einer wilden Bestie.�</p><p>Der B�rgermeister starrte genau gegen�ber von Mat aus dem Fenster. �Aber ich ging an diesem Tag zu Garken, und ihm ging es gut. Wir reparierten den Zaun. Erst als ich ins Dorf zur�ckkehrte, h�rte ich das Gerede. Die geteilten Albtr�ume, die fehlenden Stunden direkt nach Sonnenuntergang. Wir versammelten uns und sprachen es durch, und da geschah es wieder. Die Sonne ging unter, und als sie wieder aufging, wachte ich m�de in meinem Bett auf und musste an die Albtr�ume denken.� Er erschauderte, dann ging er zum Tisch und goss sich eine Tasse Tee ein.</p><p>�Wir wissen nicht, was nachts geschieht�, sagte er und r�hrte einen Teel�ffel Honig hinein.</p><p>�Ihr wisst es nicht?�, hakte Mat nach. �Ich kann Euch verdammt noch mal genau beschreiben, was nachts passiert. Ihr ��</p><p>�Wir wissen <emphasis>nicht,</emphasis> was passiert�, unterbrach ihn der B�rgermeister. �Und wir wollen es auch nicht wissen.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> es nicht wissen, Fremder�, sagte der B�rgermeister grob. �Wir wollen unser Leben leben, so gut es geht. Viele von uns gehen fr�h zu Bett, lange vor Sonnenuntergang. Auf diese Weise hat keiner Erinnerungsl�cken. Wir gehen zu Bett, wir wachen im selben Bett auf. Es gibt Albtr�ume, vielleicht ein paar Besch�digungen im Haus, aber nichts, das sich nicht richten lie�e. Andere ziehen es vor, in die Schenke zu gehen und bis zum Sonnenuntergang zu trinken. Vermutlich ist das sogar ein Segen. Man kann so viel trinken, wie man will, und man muss sich keine Sorgen machen, wie man nach Hause kommt. Man wacht immer gem�tlich in seinem Bett auf.�</p><p>�Ihr k�nnt das nicht v�llig verdr�ngen�, meinte Thom leise. �Ihr k�nnt nicht so tun, als w�re da nichts geschehen.�</p><p>�Das tun wir auch nicht.� Barlden trank einen Schluck. �Wir haben die Regeln. Regeln, die ihr ignoriert habt. Nach Sonnenuntergang wird kein Feuer angez�ndet - wir k�nnen nicht zulassen, dass es in der Nacht zu einem Brand kommen k�nnte, nicht, wenn es keiner bek�mpfen kann. Und wir lassen keine Fremden nach Sonnenuntergang ins Dorf. Diese Lektion haben wir schnell gelernt. Die ersten Leute, die nach Einbruch der Nacht hier geblieben sind, waren Angeh�rige von Sammrie dem K�fer. Am n�chsten Morgen fanden wir Blut an den W�nden seines Hauses. Aber seine Schwester und ihre Familie schliefen unbeschadet in den Betten, die er ihnen zur Verf�gung gestellt hatte.� Der B�rgermeister hielt inne. �letzt haben sie die gleichen Albtr�ume wie wir.�</p><p>�Dann geht doch einfach�, schlug Mat vor. �Verlasst diesen verdammten Ort und zieht anderswo hin!�</p><p>�Das haben wir versucht. Wir wachen immer wieder hier auf, ganz egal, wie weit wir gegangen sind. Ein paar haben versucht, sich das Leben zu nehmen. Wir haben sie begraben. Am n�chsten Morgen wachen sie wieder in ihren Betten auf.�</p><p>Schweigen kehrte ein.</p><p>�Blut und verdammte Asche�, fl�sterte Mat. Ihm war kalt.</p><p>�Ihr habt die Nacht �berlebt�, sagte der B�rgermeister und r�hrte wieder seinen Tee um. �Nachdem ich die Blutflecken sah, dachte ich schon, dass es nicht der Fall w�re. Wir waren neugierig, wo ihr aufwachen w�rdet. Die meisten Zimmer in den Gasth�usern sind jetzt an Reisende dauervermietet, die nun notgedrungen ein Teil unserer Dorfgemeinschaft geworden sind. Wir k�nnen uns nicht aussuchen, wo jemand aufwacht. Es passiert einfach. Ein leeres Bett bekommt einen neuen Besitzer, und von da an wachen sie jeden Morgen dort auf.</p><p>Aber wie dem auch sei, als ich h�rte, wie Ihr dar�ber gesprochen habt, was Ihr saht, begriff ich, dass Euch die Flucht gelungen sein musste. Ihr habt Euch zu genau an die Nacht erinnert. Alle anderen, die sich uns � anschlie�en, kennen blo� die Albtr�ume. Ihr k�nnt Euch gl�cklich sch�tzen. Ich schlage vor, Ihr reist weiter und vergesst Hinderstap.�</p><p>�Bei uns sind Aes Sedai�, sagte Thom. �Sie k�nnten Euch vielleicht helfen. Wir k�nnten es der Wei�en Burg mitteilen, sie schicken ��</p><p>�Nein!�, sagte Barlden scharf. �Unser Leben ist gar nicht so schlecht, jetzt, wo wir wissen, wie wir mit der Situation umgehen m�ssen. Wir wollen keine Aes Sedai, die sich einmischen.� Er wandte sich ab. �Eigentlich hatten wir Eurer Gruppe den Zutritt verweigern wollen. Manchmal machen wir das, wenn wir den Eindruck haben, dass sich die Reisenden nicht an unsere Regeln halten werden. Aber Ihr hattet ja die Aes Sedai dabei. Sie stellen Fragen, sie werden neugierig. Wir hatten Angst, dass sie misstrauisch werden und sich den Zutritt erzwingen w�rden, sollten wir Euch den Zutritt verweigern.�</p><p>�Sie zur Abreise bei Sonnenuntergang zu zwingen hat sie nur noch neugieriger gemacht�, meinte Mat. �Und dass ihre Badm�gde verdammt noch mal versucht haben, sie <emphasis>umzubringen,</emphasis> ist auch keine gute Methode, das Geheimnis zu bewahren.�</p><p>Der B�rgermeister sah blass aus. �Ein paar von uns hatten den Wunsch � dass Ihr hier gefangen bleibt. Sie dachten, wenn die Aes Sedai hier festsitzen, werden sie f�r uns alle einen Ausweg finden. Aber damit waren nicht alle von uns einverstanden. Wie dem auch sei, das ist <emphasis>unser</emphasis> Problem. Bitte, geht einfach � geht.�</p><p>� Sch�n.� Mat stie� sich von der Wand ab und nahm seinen Speer. �Aber zuerst verratet Ihr mir, wo die herkommen.� Er zog das Blatt aus der Tasche, das mit seinem Konterfei.</p><p>Barlden warf einen Blick darauf. �Die k�nnt Ihr in den umliegenden D�rfern finden�, sagte er dann. �Jemand sucht nach Euch. Wie ich gestern Abend schon Ledron sagte, verkaufe ich unsere G�ste nicht. Ich wollte Euch nicht blo� wegen einer Belohnung festsetzen und das Risiko eingehen, Euch �ber Nacht hier zu halten.�</p><p>�Wer sucht nach mir?�, wiederholte Mat die Frage.</p><p>�Etwa zwanzig Meilen nord�stlich gibt es eine kleine Stadt namens Trustair. Ger�chten zufolge kann man sich etwas Geld verdienen, wenn man etwas �ber einen Mann wei�, der so aussieht wie auf diesem Bild � oder �ber den anderen. Besucht in Trustair eine Schenke namens <emphasis>Zur drohenden Faust,</emphasis> dort findet Ihr den, der nach Euch sucht.�</p><p>�Das andere Bild?�, fragte Mat stirnrunzelnd.</p><p>�Ja. Ein kr�ftiger Bursche mit einem Bart. Unten auf dem Blatt steht, dass er goldene Augen hat.�</p><p>Mat warf Thom einen Blick zu, der eine buschige Braue hob.</p><p>�Blut und verdammte Asche�, murmelte Mat und zog den Hut tiefer. Wer suchte nach ihm und Perrin, und was wollten sie? �Wir sollten besser gehen�, sagte er. Er musterte Barlden. Armer Kerl. Das galt f�r das ganze Dorf. Aber was sollte er daran �ndern? Es gab K�mpfe, die man gewinnen konnte, und dann gab es welche, die man anderen �berlassen musste.</p><p>�Euer Gold ist auf dem Wagen drau�en�, sagte der B�rgermeister. �Wir haben nichts von Eurem Gewinn genommen. Die Lebensmittel sind da.� Er erwiderte Mats Blick. �Wir halten hier unser Wort. Andere Dinge unterliegen nicht unserer Kontrolle, vor allem nicht bei jenen, die sich nicht an die Regeln halten. Aber wir rauben keinen Mann aus, nur weil er ein Fremder ist.�</p><p>�Das ist ja sehr gro�z�gig von euch�, erwiderte Mat tonlos und �ffnete die T�r. �Dann einen sch�nen Tag, und wenn die Nacht hereinbricht, versucht nicht jemanden umzubringen, den ich nicht auch umbringen w�rde. Thom, kommst du?�</p><p>Der Gaukler gesellte sich zu ihm, leicht hinkend durch seine alte Verletzung. Mat warf noch einen Blick auf Barlden, der mit aufgerollten �rmeln in der Mitte des Raumes stand und in seine Teetasse blickte. Er sah aus, als w�nschte er sich, sie enthielte etwas St�rkeres.</p><p>�Armer Kerl�, sagte Mat, trat hinter Thom hinaus ins Morgenlicht und zog die T�r zu.</p><p>�Ich nehme an, wir suchen die Person, die Bilder von dir verteilt?�, fragte Thom.</p><p>�Und ob wir das tun�, sagte Mat und band den <emphasis>Ashandarei</emphasis> an Pips Sattel fest. �Das liegt sowieso auf dem Weg nach Vier K�nige. Ich nehme dein Pferd, wenn du den Wagen f�hrst.�</p><p>Thom nickte. Er musterte das Haus des B�rgermeisters.</p><p>�Was?�, fragte Mat.</p><p>�Nichts, mein Junge�, erwiderte der Gaukler. �Es ist blo� � nun, es ist eine traurige Geschichte. Etwas stimmt nicht mit der Welt. Hier ist ein Knoten im Muster. Das Dorf ger�t jede Nacht aus den Fugen, und die Welt versucht dann jeden Morgen, es wieder auf Anfang zu setzen, um die Dinge richtigzustellen.�</p><p>�Nun, sie sollten mitteilsamer sein�, sagte Mat. W�hrend sie mit dem B�rgermeister gesprochen hatten, hatten die Dorfbewohner den mit Vorr�ten gef�llten Wagen gebracht. Zwei kr�ftige Zugpferde waren angeschirrt.</p><p>�Mitteilsamer? Wie soll das gehen? Der B�rgermeister hat recht, sie haben versucht, uns zu warnen.�</p><p>Mat grunzte, ging zu seiner Truhe und �berpr�fte das Gold. Es war alles noch da, genau wie der B�rgermeister gesagt hatte. �Ich wei� es nicht. Sie k�nnten ein Warnschild aufstellen oder so. Hallo. Willkommen in Hinderstap. Wir werden Euch in der Nacht ermorden und Euch die verdammte Haut vom Gesicht ziehen, wenn Ihr bis nach Sonnenuntergang bleibt. Probiert den Kuchen. Martna Baily backt sie jeden Tag frisch.�</p><p>Thom kicherte nicht. �Das war geschmacklos, mein junge. In diesem Dorf gibt es viel zu viele Trag�dien, um dar�ber Witze zu machen.�</p><p>�Komisch�, sagte Mat. Er z�hlte genug Gold ab, dass es ein seiner Meinung nach gerechter Preis f�r den Wagen und die Vorr�te darstellte. Dann f�gt er einen Moment sp�ter zehn weitere Silberkronen hinzu. Er legte das Geld vor die T�r des B�rgermeisters, dann schloss er die Truhe. �Je tragischer die Dinge werden, desto mehr versp�re ich das Bed�rfnis zu lachen. �</p><p>�Wollen wir diesen Wagen wirklich nehmen?�</p><p>�Wir brauchen die Vorr�te�, sagte Mat und schnallte die Truhe hinten auf dem Wagen fest. Neben den F�ssern mit Ale stapelten sich mehrere K�ser�der und ein halbes Dutzend Lamrnkeulen. Es roch gut, und ihm knurrte der Magen. �Das habe ich fair gewonnen.� Er betrachtete die Dorfbewohner, die auf der Stra�e vorbeigingen. Als er sie am Vortag zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er geglaubt, dass die typische faule Natur eines Bergd�rflers f�r ihren langsamen Gang verantwortlich war. Jetzt begriff er, dass es daf�r einen ganz anderen Grund gab.</p><p>Er machte sich wieder an die Arbeit und �berpr�fte das Pferdegeschirr. �Und ich habe nicht das geringste schlechte Gewissen, den Wagen und die Pferde zu nehmen. Ich bezweifle, dass diese Leute in Zukunft viel reisen werden ��</p></section><section><title><p>29</p><p>In Bandar Eban</p></title><p><emphasis>Moiraine Damodred, die starb, weil ich schwach war.</emphasis> Rand z�gelte Tai�daishar zum Schritttempo, als er das riesige Stadttor von Bandar Eban passierte; hinter ihm kam sein Gefolge, vor ihm warteten Reihen aus Aiel. Angeblich war das Tor mit dem Stadtsiegel geschm�ckt, aber da die beiden Fl�gel offen standen, konnte er es nicht sehen.</p><p><emphasis>Die namenlose Schattenfreundin, die ich in diesen H�geln in Murandy enthauptete. Ich wei� nicht mehr, wie ihre Begleiter aussahen, aber ihr Gesicht werde ich nie vergessen.</emphasis></p><p>Die Liste spulte sich in seinem Kopf ab. Mittlerweile war das beinahe ein t�gliches Ritual, die Namen aller Frauen, die durch seine Hand oder seine Taten gestorben waren. Die Stra�e zur Stadt bestand aus festgestampfter Erde und war voller Furchen, die sich an den Kreuzungen �berlappten. Der Boden war heller, als Rand gewohnt war.</p><p><emphasis>Colavaere Saighan, die starb, weil ich sie in die Armut schickte.</emphasis></p><p>Er ritt an den Reihen aus Domani vorbei, Frauen in durchsichtigen Gew�ndern, M�nner mit d�nnen Schnurrb�rten und bunten M�nteln. An den Stra�enseiten gab es B�rgersteige aus Holzbohlen, auf denen sich die Zuschauer dr�ngten. Banner und Flaggen flatterten im Wind. Davon schien es in der Stadt eine ganze Menge zu geben.</p><p>Die Liste begann immer mit Moiraine. Von allen Namen schmerzte dieser am schlimmsten, denn sie h�tte er retten k�nnen. H�tte sie retten <emphasis>m�ssen.</emphasis> Er hasste sich daf�r, dass er zugelassen hatte, dass sie sich f�r ihn opferte.</p><p>Ein Kind verlie� den Gehsteig und rannte auf die Stra�e, aber sein Vater erwischte noch rechtzeitig seine Hand und riss es zur�ck in die Menge. Ein paar Leute husteten und murmelten etwas, aber die meisten schwiegen. Verglichen damit klang der Marschtritt von Rands Leuten wie Donnerhall.</p><p>War Lanfear wieder am Leben? Wenn Ishamael zur�ckgeholt werden konnte, was war dann mit ihr? In diesem Fall w�re Moiraines Tod v�llig sinnlos gewesen und seine Feigheit noch widerw�rtiger. Nie wieder. Die Liste w�rde bestehen bleiben, aber er w�rde nie wieder zu schwach sein, um das zu tun, was getan werden musste.</p><p>Von den versammelten Menschen kam kein Jubel. Nun, er war auch nicht gekommen, um sie zu befreien. Er war gekommen, um das zu tun, was getan werden musste. Vielleicht w�rde er hier Graendal finden; Asmodean hatte behauptet, sie w�rde sich hier aufhalten, aber das war vor langer Zeit gewesen. Vielleicht beruhigte es ja sein schlechtes Gewissen wegen der Invasion, wenn es ihm gelang, sie aufzusp�ren.</p><p>Hatte er �berhaupt noch so etwas wie ein Gewissen? Er vermochte es nicht zu sagen.</p><p><emphasis>Liah von den Cosaida Chareen, die ich t�tete und mir einredete, es sei zu ihrem Besten.</emphasis> Seltsamerweise beteiligte sich Lews Therin an der Aufz�hlung und las die Namen vor, verursachte einen seltsam hallenden Singsang in seinem Kopf.</p><p>Auf einem Platz mit einem Springbrunnen in der Form von Kupferpferden, die aus einer sch�umenden Welle sprangen, wartete eine Gruppe Aiel auf ihn. Vor dem Brunnen sa� ein Mann auf einem Pferd, umgeben von einer Ehrenwache. Er war ein st�mmiger Mann mit kantigen Z�gen, faltiger Haut und grauen Haaren. Seine Stirn war nach der Mode cairhienischer Soldaten rasiert und gepudert. Dobraine war vertrauensw�rdig, zumindest soweit ein Cairhiener als vertrauensw�rdig bezeichnet werden konnte.</p><p><emphasis>Sendara von den Eisenberg Tardaad, Lamelle von den Rauchwasser Miagoma, Andhilin von den Roten Salz Goshien.</emphasis></p><p><emphasis>Ilyena Therin Moerelle,</emphasis> sagte Lews Therin und schob den Namen zwischen zwei andere. Rand lie� ihn gew�hren. Wenigstens br�llte der Verr�ckte nicht wieder herum.</p><p>�Mein Lord Drache�, sagte Dobraine glattz�ngig und verneigte sich vor Rand. �Ich �bergebe Euch die Stadt Bandar Eban. Die Ordnung wurde wieder hergestellt, wie Ihr befohlen habt.�</p><p>�Ich bat Euch, im ganzen Land die Ordnung wiederherzustellen, Dobraine �, sagte Rand leise.� Nicht nur in einer Stadt.�</p><p>Der Adelige sackte sichtlich in sich zusammen.</p><p>�Ihr habt ein Mitglied des Kaufmannsrats f�r mich?�</p><p>�Ja�, sagte Dobraine. �Milisair Chadmar, die als Letzte vor dem Chaos in der Stadt floh.� Eifer lag in seinem Blick. Er war immer standhaft gewesen, aber vielleicht war das ja nur eine List. In der letzten Zeit hatte Rand ein Problem damit, Leuten zu vertrauen. Die, die am vertrauensw�rdigsten erschienen, waren immer die, denen man am aufmerksamsten auf die Finger schauen musste. Und Dobraine war Cairhiener. Konnte er �berhaupt jemandem aus Cairhien vertrauen? Sie mussten doch immer ihre Spielchen spielen.</p><p><emphasis>Moiraine kam aus Cairhien. Ihr vertraute ich. jedenfalls meistens.</emphasis></p><p>Vielleicht machte sich Dobraine ja Hoffnungen, von ihm als K�nig von Arad Doman eingesetzt zu werden. Er war der Verwalter von Cairhien gewesen, aber ihm war nat�rlich durchaus bekannt, dass Rand Elayne auf dem Sonnenthron sehen wollte.</p><p>Nun, m�glicherweise w�rde er Dobraine dieses K�nigreich geben. Er war ein besserer Mann als die meisten. Rand bedeutete ihm voranzugehen, und er gehorchte, bog mit den Aiel in eine breite Seitenstra�e ein. Rand ging im Kopf die Liste weiter durch.</p><p>Die Geb�ude waren hoch und rechteckig, wie Kisten, die man aufeinandergestapelt hatte. Viele von ihnen wiesen Balkone auf, auf denen sich wie auf den B�rgersteigen Menschen dr�ngten.</p><p>Jeder Name auf der Liste schmerzte Rand, aber jetzt war dieser Schmerz eine seltsam entr�ckte Sache. Seit dem Tag, an dem er Semirhage get�tet hatte, waren seine Gef�hle � anders. Sie hatte ihn gelehrt, wie er seine Schuld und seine Qualen vergraben musste. Sie hatte geglaubt, ihn an die Kette legen zu k�nnen, stattdessen hatte sie ihm Kraft gegeben.</p><p>Er setzte ihren und Elzas Namen auf die Liste. Dabei hatten sie �berhaupt kein Recht, dort zu stehen. Semirhage war weniger eine Frau als vielmehr ein Ungeheuer gewesen. Elza hatte ihn verraten und die ganze Zeit dem Schatten gedient. Aber er f�gte ihre Namen hinzu. Immerhin konnten sie ihn f�r ihren Tod verantwortlich machen, wie alle anderen auch. Sogar noch mehr. Er hatte sich gestr�ubt, Lanfear zu t�ten, um Moiraine zu retten, aber er hatte Semirhage lieber mit Baalsfeuer aus der Existenz gebrannt, als zuzulassen, noch einmal in Gefangenschaft zu geraten.</p><p>Er ber�hrte den Gegenstand, den er in einem Beutel am Sattel trug. Es war eine glatte Statuette. Er hatte Cadsuane nicht verraten, dass seine Diener sie aus ihrem Zimmer genommen hatten. Jetzt, da sie aus seiner Gegenwart verbannt worden war, w�rde er es nie tun. Er wusste, dass sie sich noch immer in seinem Gefolge aufhielt und die Interpretation seines Befehls strapazierte, ihn niemals mehr ihr Gesicht sehen zu lassen. Aber prinzipiell gehorchte sie ihm, also lie� er es auf sich beruhen. Er w�rde nicht mit ihr sprechen, und sie w�rde nicht mit ihm sprechen.</p><p>Cadsuane war ein Werkzeug gewesen, und dieses Werkzeug hatte sich als wenig effektiv erwiesen. Er bedauerte es nicht, es weggeworfen zu haben.</p><p><emphasis>Jendhilin, Tochter der Miagoma,</emphasis> dachte er, und Lews Therin murmelte es mit. Die Liste war so lang. Bis zu seinem Tod w�rde sie noch viel l�nger werden.</p><p>Der Tod bereitete ihm keine Sorgen mehr. Endlich hatte er Lews Therins verzweifeltes Flehen begriffen, allem ein Ende zu machen. Er verdiente es zu sterben. Gab es einen Tod, der endg�ltig genug war, dass man niemals mehr wiedergeboren werden musste? Er erreichte das Ende der Liste. Fr�her hatte er sie wiederholt, damit er die Namen nur nicht verga�. Das war nicht mehr m�glich; er h�tte sie selbst dann nicht vergessen k�nnen, wenn er es gewollt h�tte. Er wiederholte sie als Erinnerung dessen, was er war.</p><p>Aber Lews Therin musste noch einen Namen hinzuf�gen. <emphasis>Elmindreda Farshaw,</emphasis> fl�sterte er.</p><p>Abrupt z�gelte Rand Tai�daishar und lie� damit seine Aiel, die saldaeanische Kavallerie und das Lagergefolge mitten auf der Stra�e anhalten. Dobraine auf seinem wei�en Hengst sah fragend zur�ck.</p><p><emphasis>Ich habe sie nicht get�tet!,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Lews Therin, sie lebt. Wir haben sie nicht get�tet! Daf�r war allein Semirhage verantwortlich.</emphasis></p><p>Schweigen. Noch immer konnte er seine Finger auf ihrer Haut sp�ren, wie sie zudr�ckten, hilflos und zugleich unglaublich stark. Selbst wenn Semirhage die treibende Kraft hinter seiner Tat gewesen war, er war derjenige, der zu schwach gewesen war, um Min rechtzeitig fortzuschicken und zu besch�tzen.</p><p>Fortgeschickt hatte er sie noch immer nicht. Nicht, weil ihm dazu die n�tige Entschlossenheit gefehlt h�tte, sondern weil etwas in ihm aufgeh�rt hatte, sich daf�r zu interessieren. Das galt nicht f�r Min - er liebte sie leidenschaftlich, und das w�rde sich auch nicht �ndern. Aber er wusste, dass ihm Tod, Schmerzen und Zerst�rung folgten; er zog sie hinter sich her wie den Saum seines Umhangs. Es bestand die M�glichkeit, dass Min hier starb, aber sollte er sie fortschicken, w�rde sie in der gleichen Gefahr schweben. Seine Feinde vermuteten bestimmt schon, dass er sie liebte.</p><p>Es gab keine Sicherheit. Sollte sie sterben, w�rde er sie auf die Liste setzen und darunter leiden.</p><p>Er setzte sich wieder in Bewegung, bevor Fragen gestellt wurden. Tai�daishars Hufe senkten sich auf den erdigen Untergrund, der durch die feuchte Luft nachgiebig war. Hier regnete es oft; Bandar Eban war die wichtigste Hafenstadt im Nordwesten. Auch wenn sie von der Gr��e her nicht mit den St�dten im S�den mithalten konnte, war sie trotzdem beeindruckend. Reihen aus rechteckigen H�usern, die alle aus Holz erbaut waren und mehrere r�ckw�rts versetzte Stockwerke aufwiesen. Sie sahen aus wie Baukl�tze, die man perfekt aufeinandergestapelt hatte. Sie f�llten die Stadt und senkten sich sanft dem riesigen Hafen entgegen.</p><p>Am Hafen war die Stadt am breitesten, was den Eindruck eines M�nnerkopfes erweckte, der den Mund weit �ffnete, als wollte er den Ozean selbst austrinken. Die Docks lagen so gut wie verlassen da; die einzigen Schiffe, die dort angelegt hatten, waren Dreimaster des Meervolks und ein paar Fischerk�hne. Die fehlenden Schiffe lie�en den riesigen Hafen nur noch verlassener aussehen.</p><p>Das war das erste Zeichen, dass in Bandar Eban nicht alle Dinge zum Besten standen.</p><p>Abgesehen von dem so gut wie unbenutzten Hafen war das andere hervorstechende Merkmal der Stadt die Banner. Sie flatterten auf jedem Dach oder hingen von den H�usern, ganz egal, wie bescheiden sie auch sein mochten. Viele von ihnen zeigten das Handwerk an, das in dem Haus ausge�bt wurde - was in Caemlyn einfache Holzschilder getan h�tten. Die Banner waren ausgesprochen extravagant, ihre hellen Farben flatterten im Wind. An den Fassaden der meisten H�user hingen zueinander passende Banner, die an Wandteppiche erinnerten und in hellen Aufschriften Besitzer, Meisterhandwerker und Kaufmann eines jeden Ladens verk�ndeten. Selbst die Wohnh�user trugen Banner mit den Namen der dort lebenden Familien.</p><p>Von kupferh�utiger und dunkelhaariger Natur, bevorzugten die Domani helle Kleidung. Domanifrauen waren f�r ihre Kleider ber�chtigt, die durchsichtig genug waren, um emp�rend zu sein. Es hie�, dass sich die ganz jungen Domanim�dchen in der Kunst �bten, wie man M�nner manipulierte, und sich so auf den Tag ihrer Vollj�hrigkeit vorbereiteten.</p><p>Ihr Anblick auf der Stra�e war beinahe Spektakel genug, um Rand aus seinem Br�ten zu holen. Vielleicht noch vor einem Jahr h�tte auch er sie angeglotzt, aber jetzt hatte er kaum einen Blick f�r sie �brig. Tats�chlich kam ihm der Gedanke, dass die Domani in der Masse alles andere als eindrucksvoll waren. Eine Blume auf einem Feld voller Unkraut war immer ein beeindruckender Anblick, aber wenn man jeden Tag an gepflegten Blumenbeeten vorbeikam, nahm man sie nicht mehr richtig wahr.</p><p>So in seine Gedanken versunken er auch war, entgingen ihm trotzdem nicht die Zeichen des Hungers. Die hageren Gesichter der Erwachsenen waren genauso unmissverst�ndlich wie der furchtsame Ausdruck in den Augen der Kinder. Noch vor wenigen Wochen hatte in dieser Stadt das Chaos geherrscht, auch wenn Dobraine und die Aiel dem Gesetz wieder Geltung verschafft hatten. Einige der H�user wiesen hastig geflickte Fenster oder zerbrochene Bretter auf, und einige der Banner waren offensichtlich vor kurzer Zeit heruntergerissen und schlampig geflickt worden. Das Gesetz war wieder da, aber sein Fehlen war noch immer frisch in aller Erinnerung.</p><p>Rands Gruppe erreichte eine zentrale Kreuzung, bei der es sich den gro�en flatternden Bannern zufolge um den Arandiplatz handelte, und Dobraine f�hrte die Prozession nach Osten. Viele der Aiel, die den Cairhiener begleiteten, trugen die roten Stirnb�nder, die sie als <emphasis>Siswai�aman</emphasis> auszeichneten. Die Speere des Drachen. Rhuarc hatte ungef�hr zwanzigtausend Aiel um die Stadt herum und in den umliegenden D�rfern lagern; mittlerweile w�rden die meisten Domani wissen, dass diese M�nner dem Wiedergeborenen Drachen folgten.</p><p>Rand registrierte mit Erleichterung, dass die Klipper des Meervolks endlich mit Korn aus dem S�den eingetroffen waren. Hoffentlich w�rde das f�r genauso viel Ordnung sorgen wie Dobraine und die Aiel.</p><p>Die Prozession f�hrte in die wohlhabenderen Stadtteile. Rand wusste, wo er sie finden w�rde, lange bevor die H�user kostbarer aussahen: so weit von den Docks entfernt wie m�glich, aber noch immer in einer bequemen Distanz zu den Stadtmauern. Er h�tte die Reichen selbst ohne Stadtplan finden k�nnen. Die Stadtlandschaft selbst bestimmte fast schon ihre Position.</p><p>Ein Pferd schob sich an seine Seite. Zuerst hielt er es f�r Mins - aber nein, sie ritt weiter hinten bei den Weisen Frauen. Betrachtete sie ihn nun mit anderen Augen, oder bildete er sich das blo� ein? Musste sie jedes Mal, wenn sie sein Gesicht sah, an seine Finger um ihren Hals denken?</p><p>Es war Merise, die da auf einer gutm�tigen braunen Stute ritt. Die Aes Sedai waren au�er sich vor Wut, weil Rand Cadsuane ins Exil geschickt hatte. Das war keine �berraschung. Aes Sedai zeigten gern eine beherrschte und ruhige Fassade, aber Merise und die anderen waren vor Cadsuane gekrochen wie ein Dorfwirt, der einen eingekehrten K�nig zu bewirtschaften hatte.</p><p>Die Tarabonerin trug heute demonstrativ ihre Stola und zeigte ihre Zugeh�rigkeit zu der Gr�nen Ajah. Vermutlich trug sie sie in dem Bem�hen, ihre Autorit�t zur Schau zu stellen. Rand seufzte innerlich. Er hatte mit einer Konfrontation gerechnet, aber gehofft, dass der Umzug sie herausz�gern w�rde, bis sich die Gem�ter wieder beruhigt hatten. Er respektierte Cadsuane, zumindest auf eine gewisse Weise, aber er hatte ihr nie vertraut. F�r Versagen musste es Konsequenzen geben, und er versp�rte eine gro�e Erleichterung, dass er das mit ihr geregelt hatte. Sie w�rde ihn nicht mehr mit ihren Strippen einwickeln.</p><p>Oder zumindest nicht mehr mit so vielen.</p><p>�Dieses Exil ist albern, Rand al�Thor�, sagte Merise respektlos. Wollte sie ihn absichtlich w�tend machen, vielleicht um ihn m�heloser herumschubsen zu k�nnen? Nachdem er es monatelang mit Cadsuane zu tun gehabt hatte, war die schwache Imitation dieser Frau beinahe schon am�sant.</p><p>�Ihr solltet sie um Verzeihung bitten�, fuhr Merise fort. �Sie geruht, uns weiter zu begleiten, obwohl Eure hirnverbrannten Einschr�nkungen sie zwingen, einen Umhang mit hochgeschlagener Kapuze zu tragen, und das trotz dieser Hitze. Ihr solltet Euch sch�men.�</p><p>Typisch Cadsuane. Er h�tte ihr keinen Spielraum lassen d�rfen, sich um seinen Befehl herumzumogeln. �Nun?�, fragte Merise.</p><p>Rand wandte den Kopf und sah ihr in die Augen. In den vergangenen paar Stunden hatte er eine unfassbare Entdeckung gemacht. Indem er den in ihm brodelnden Zorn einsperrte - indem er zu <emphasis>Cuendillar</emphasis> wurde -, hatte er etwas begriffen, das ihm lange Zeit entgangen war.</p><p>Leute reagierten nicht auf Zorn. Sie reagierten nicht auf Forderungen. Schweigen und Fragen zu stellen war viel effektiver. Tats�chlich zuckte Merise, immerhin eine gestandene Aes Sedai, unter diesem Blick zusammen.</p><p>Er legte kein Gef�hl hinein. Zorn, Wut, Leidenschaft - das war alles noch da, tief in seinem Inneren begraben. Aber er hatte es in kaltes Eis eingeh�llt und bewegungsunf�hig gemacht. Es war das Eis von dem Ort, zu dem ihm Semirhage den Weg gewiesen hatte, der Ort, der wie das Nichts war, nur viel gef�hrlicher.</p><p>Vielleicht sp�rte Merise den erstarrten Zorn in ihm. Vielleicht konnte sie auch die andere Sache sp�ren, die Tatsache, dass er diese � Macht � benutzt hatte. Ganz weit weg fing Lews Therin an zu weinen. Das tat der Verr�ckte immer, wenn Rand an das dachte, was er getan hatte, um Semirhages Kragen zu entkommen.</p><p>�Was Ihr da getan habt, das war dumm�, fuhr Merise fort. �Ihr solltet��</p><p>�Also haltet Ihr mich f�r einen Narren?�, fragte Rand leise.</p><p>Auf Forderungen mit Schweigen reagieren, auf Herausforderungen mit Fragen. Es war erstaunlich, wie gut das funktionierte. Merise verstummte, dann schauderte sie sichtlich. Sie warf einen Blick auf den Beutel an seinem Sattel, in dem er die kleine Statuette des Mannes, der die Kugel hochhielt, aufbewahrte. Rand hielt die Z�gel locker und strich sanft mit den Fingern dar�ber.</p><p>Er stellte die Statuette nicht zur Schau. Er trug sie einfach nur bei sich, aber Merise und die meisten anderen kannten die beinahe grenzenlose Macht, die er auf Wunsch anzapfen konnte. Man kannte keine vergleichbare Waffe. M�glicherweise h�tte er damit sogar die Welt zerst�ren k�nnen. Und sie hing unschuldig an seinem Sattel befestigt. Das machte Eindruck auf die Leute.</p><p>�Ich � nein, das tue ich nicht�, gab sie zu. �Nicht immer.�</p><p>�Seid Ihr der Ansicht, dass man Fehler nicht bestrafen sollte?�, fragte Rand noch immer mit leiser Stimme. Warum hatte er je die Beherrschung verloren? Diese �rgerlichen Kleinigkeiten waren weder seine Leidenschaft noch seine Wut wert. Bel�stigte man ihn zu sehr, brauchte er sie doch einfach nur auszul�schen, wie eine Kerze.</p><p>Ein gef�hrlicher Gedanke. War es seiner gewesen? Oder der von Lews Therin? Oder � kam er von einem ganz anderen Ort?</p><p>�Sicherlich seid Ihr zu streng gewesen�, sagte Merise.</p><p>�Zu streng? Ist Euch klar, welchen Fehler sie gemacht hat, Merise? Habt Ihr in Betracht gezogen, was h�tte passieren k�nnen? Was eigentlich h�tte passieren <emphasis>m�ssen?�</emphasis></p><p>�Ich ��</p><p>�Das Ende aller Dinge, Merise�, fl�sterte er. �Der Dunkle K�nig hat den Wiedergeborenen Drachen unter Kontrolle. Wir beide, die wir auf derselben Seite k�mpfen.�</p><p>Sie schwieg. Dann sagte sie: �Ja. Aber was Fehler angeht, so habt Ihr selbst welche begangen. Sie h�tten in �hnlichen Katastrophen enden k�nnen.�</p><p>�Ich bezahle f�r meine Fehler�, sagte er und wandte sich ab. �Ich bezahle jeden Tag f�r sie. Jede Stunde. Mit jedem Atemzug.�</p><p>�Ich ��</p><p>�Genug.� Er br�llte das Wort nicht. Er sprach energisch, aber leise. Er lie� sie die volle Macht seines Unmuts sp�ren, fing ihren Blick ein. Und sie sackte pl�tzlich auf ihrem Sattel in sich zusammen, schaute mit weit aufgerissenen Augen zu ihm hoch.</p><p>An der Seite ert�nte ein lautes Bersten, gefolgt von einem pl�tzlichen Krachen. Schreie hallten auf. Alarmiert fuhr Rand herum. Die St�tzen eines mit Zuschauern gef�llten Balkons hatten nachgegeben, er war auf die Stra�e gest�rzt und hatte sich wie ein von einem Felsblock getroffenes Fass in seine Bestandteile aufgel�st. Menschen st�hnten vor Schmerzen, andere riefen um Hilfe. Aber die Ger�usche waren von beiden Stra�enseiten gekommen. Rand runzelte die Stirn und drehte sich um; direkt auf der gegen�berliegenden Seite war ein zweiter Balkon in die Tiefe gest�rzt.</p><p>Merise erbleichte, dann wendete sie eilig ihr Pferd, um zu den Verletzten zu gelangen und ihnen zu helfen. Andere Aes Sedai waren bereits unterwegs, um die Opfer zu Heilen.</p><p>Rand trieb Tai�daishar an. Das war nicht durch die Macht verursacht worden, aber seine Natur als <emphasis>Ta�veren</emphasis> hatte die Wahrscheinlichkeit ver�ndert. Wo auch immer er einen Besuch abstattete, kam es zu erstaunlichen und seltsamen Begebenheiten. Au�ergew�hnlich viele Geburten, Todesf�lle, Heiraten und Unf�lle. Er hatte gelernt, sie zu ignorieren.</p><p>Allerdings war er nur selten Zeuge eines so � gewaltt�tigen Zwischenfalls gewesen. Konnte er sich sicher sein, dass das nicht an irgendeiner Wechselwirkung mit der neuen Macht lag? Dieser ungesehenen und doch so verf�hrerischen Quelle der Kraft, die er angezapft, benutzt und genossen hatte? Lews Therin war der Meinung, dass das Geschehen gerade eigentlich unm�glich h�tte sein m�ssen.</p><p>Macht war der eigentliche Grund gewesen, warum die Menschheit das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs angebohrt hatte. Eine neue Energiequelle, die man lenken konnte, wie die Eine Macht, nur anders. Unbekannt und seltsam, aber potenziell gewaltig. Diese Energiequelle hatte sich als der Dunkle K�nig herausgestellt.</p><p>Lews Therin wimmerte.</p><p>Rand trug den Zugangsschl�ssel aus einem ganz bestimmten Grund mit sich. Er verband ihn mit einem der gr��ten <emphasis>Sa�angreale,</emphasis> die je erschaffen worden waren. Mit dieser Macht und Nynaeves Hilfe hatte Rand <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt. Der Zugangsschl�ssel hatte ihm erlaubt, einen unvorstellbaren Strom anzuzapfen, einen Sturm von der Gr��e eines Ozeans. Es war das Gro�artigste, was er je erlebt hatte.</p><p>Bis zu dem Augenblick, an dem er die namenlose Macht benutzt hatte.</p><p>Diese andere Kraft sang zu ihm, rief ihn, lockte ihn. So viel Macht, solch ein g�ttliches Wunder. Aber sie machte ihm Angst. Er wagte es nicht, sie zu ber�hren, nicht noch einmal.</p><p>Also trug er den Schl�ssel bei sich. Er war sich nicht sicher, welche dieser beiden Energiequellen die gef�hrlichere war, aber so lange beide ihn zu sich riefen, konnte er beiden widerstehen. Sie �bert�nten sich gegenseitig, wie zwei Leute, die br�llend seine Aufmerksamkeit forderten. Im Augenblick zumindest.</p><p>Davon abgesehen w�rde man ihm nie wieder einen Kragen umlegen k�nnen. Der Zugangsschl�ssel h�tte ihm nicht gegen Semirhage geholfen - keine wie auch immer geartete Menge der Einen Macht w�rde einem Mann helfen, der �berrumpelt wurde -, aber vielleicht w�rde er ihm ja in der Zukunft n�tzlich sein. Fr�her h�tte Rand nicht gewagt, ihn bei sich zu tragen, aus Angst vor dem, was er erm�glichte. Aber solche Schw�chen konnte er sich einfach nicht mehr leisten.</p><p>Ihr Ziel war leicht zu erkennen; etwa f�nfhundert cairhienische Waffenm�nner lagerten auf dem Gel�nde eines ger�umigen Anwesens. Aiel hatten ebenfalls dort Zelte errichtet - aber sie hatten auch ein paar der umliegenden Geb�ude f�r sich in Anspruch genommen und mehrere D�cher. An einem Ort ein Lager aufzuschlagen war f�r die Aiel das Gleiche, wie ihn zu besch�tzen, denn ein ruhender Aiel war etwa doppelt so aufmerksam wie ein normaler Soldat auf seinem Wachtposten. Den gr��ten Teil seiner Streitmacht hatte Rand vor der Stadt gelassen; er w�rde es Dobraine und seinen Bediensteten �berlassen, f�r seine Leute im Haus Quartiere zu finden.</p><p>Rand z�gelte Tai�daishar, dann betrachtete er sein neues Zuhause.</p><p><emphasis>Wir haben kein Zuhause,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Wir haben es zerst�rt. Haben es niedergebrannt, zu Schlacke geschmolzen, wie Sand in einem Feuer.</emphasis></p><p>Das Anwesen war definitiv eine Klasse besser als das vorherige Herrenhaus aus Baumst�mmen. Das weitl�ufige Grundst�ck war mit einem Eisenzaun umgeben. Die Blumenbeete waren leer - Blumen wollten in diesem Fr�hling einfach noch nicht wachsen -, aber der Rasen war gr�ner als die meisten, die Rand bislang gesehen hatte. Sicher, er war gr��tenteils gelb und braun, aber es gab auch gr�ne Flecken. Das Personal bem�hte sich sehr, seine Anstrengungen zeigten sich auch in den Reihen von Aryth-Eiben, die man auf den Seiten des Rasens zu den Umrissen pr�chtiger Tiere geschnitten hatte.</p><p>Das Haus selbst war fast schon ein Palast; nat�rlich gab es in der Stadt bereits einen, der dem K�nig geh�rte. Angeblich war er bedeutend weniger prachtvoll als die H�user des Kaufmannsrats. Das Banner, das oben auf dem Herrenhaus flatterte, war in hellem Gold und Schwarz gehalten und bezeichnete dies als den Sitz von Haus Chadmar. Vielleicht hatte diese Milisair die Abreise der anderen als Gelegenheit betrachtet. Falls dem so war, hatte sie damit letztlich nur eine einzige Gelegenheit bekommen: von Rand gefangen genommen zu werden.</p><p>Die Tore zum Anwesen standen offen, und die Aiel in Rands Gefolge eilten bereits hindurch und gesellten sich zu den Gruppen aus ihren Gesellschaften oder Clanmitgliedern. Es war erm�dend, dass sie nur selten auf Rands Befehle warteten, aber Aiel waren nun einmal Aiel. Die Andeutung, dass sie warten sollten, rief lediglich Gel�chter hervor, als h�tte er einen tollen Witz gemacht. Da konnte man einfacher den Wind z�hmen, als sie dazu zu bringen, sich wie Feuchtl�nder zu benehmen.</p><p>Das lie� ihn an Aviendha denken. Wohin war sie so pl�tzlich verschwunden? Er konnte sie durch den Bund sp�ren, aber das Gef�hl war schwach - sie war sehr weit weg. Im Osten. Was hatte sie in der W�ste zu erledigen?</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Alle Frauen waren schwer zu verstehen, und eine Aiel war zehnmal so unverst�ndlich. Er hatte gehofft, mit ihr etwas Zeit verbringen zu k�nnen, aber sie war ihm aus dem Weg gegangen. Nun, vielleicht hatte sie ja Mins Anwesenheit ferngehalten. Vielleicht w�rde er sich davon abhalten k�nnen, ihr wehzutun, bevor der Tod kam. Es war gut, dass Aviendha floh. Noch kannten seine Feinde sie nicht.</p><p>Er trieb Tai�daishar durch das Tor und ritt die Auffahrt zum Haus hinauf. Dort stieg er ab, band die Statuette los und schob sie in die �bergro�e Tasche seines Mantels, die man f�r diesen Zweck vergr��ert hatte. Die Z�gel �berreichte er einem Stallburschen - es handelte sich um einen der Hausdiener. Er trug einen gr�nen Mantel mit einem wei�en Hemd darunter, Kragen und Manschetten waren aus Spitze. Die Dienerschaft war bereits dar�ber informiert worden, dass Rand hier logieren w�rde, jetzt, wo die vorherige Bewohnerin seinem � Schutz unterstellt worden war.</p><p>Dobraine gesellte sich zu Rand, als er die Treppe hinaufschritt. Die wei�en Stufen wurden von Holzs�ulen ges�umt. Rand betrat die Eingangshalle. Obwohl er bereits in mehreren Pal�sten gewohnt hatte, war er dennoch beeindruckt. Und angewidert. Die opulente Pracht hinter der Haust�r h�tte niemals erahnen lassen, dass die Menschen in dieser Stadt hungerten. Im hinteren Teil der Eingangshalle hatten sich sehr nerv�se Diener zu einer Reihe aufgestellt. Er konnte ihre Furcht sp�ren. Es geschah nicht jeden Tag, dass das Heim vom Wiedergeborenen Drachen annektiert wurde.</p><p>Rand zog den Reithandschuh aus, indem er die Hand zwischen Arm und Brustkorb steckte, dann schob er den Handschuh unter den G�rtel. �Wo ist sie?�, fragte er und schaute die beiden T�chter Beralna und Riallin an, die die Diener im Auge behielten.</p><p>�Erste Etage�, sagte eine der T�chter. �Trinkt Tee, w�hrend ihre Hand so zittert, dass sie gleich das Porzellan zerbricht.�</p><p>�Wir sagen ihr st�ndig, dass sie keine Gefangene ist�, meinte die andere Tochter. �Sie kann blo� nicht gehen.�</p><p>Das fanden sie beide am�sant. Rand drehte sich um, als sich Rhuarc zu ihm gesellte. Der hochgewachsene Clanh�uptling mit dem roten Haar musterte den Raum mit seinem funkelnden Kronleuchter und den verzierten Vasen. Rand wusste, was er dachte. �Ihr d�rft euch das F�nftel nehmen�, sagte er. �Aber nur von den Reichen, die in diesem Bezirk leben.�</p><p>So funktionierte das nicht; die Aiel h�tten sich das F�nftel von jedem nehmen d�rfen. Aber Rhuarc widersprach nicht. Die Einnahme von Bandar Eban durch die Aiel war sowieso keine richtige Eroberung gewesen, auch wenn sie gegen Banden und Schl�ger gek�mpft hatten. Vielleicht h�tte Rand ihnen gar nichts geben sollen. Aber bei H�usern wie diesem hier gab es genug �bersch�ssigen Reichtum f�r die Aiel, zumindest bei den Reichen.</p><p>Die T�chter nickten, als h�tten sie damit gerechnet, dann trabten sie los, vermutlich um sich ihren Anteil auszusuchen. Dobraine sah konsterniert zu. Cairhien hatte bei mehreren Gelegenheiten das F�nftel der Aiel erdulden m�ssen.</p><p>�Ich werde nie begreifen, warum Ihr sie wie Stra�enr�uber pl�ndern lasst, die die Karawanenw�chter im Schlaf �berraschen�, sagte Corele und rauschte mit einem L�cheln in den Raum. Das imposante Mobiliar lie� sie die Brauen heben. �Und an einem so h�bschen Ort. Als w�rde man die Fr�hlingsknospen von Soldaten zertrampen lassen, nicht wahr?�</p><p>Hatte man sie nun geschickt, nachdem er Merise so ersch�ttert hatte? Sie erwiderte seinen Blick auf ihre freundliche Art, aber er senkte ihn nicht, bis sie wegschaute. Er konnte sich noch gut an die Zeit erinnern, wo das bei einer Aes Sedai nie geklappt hatte.</p><p>Er wandte sich Dobraine zu. �Ihr habt hier gute Arbeit geleistet�, sagte er zu dem Lord. �Selbst wenn Ihr nicht so weitl�ufig f�r Ordnung schaffen konntet, wie ich wollte. Ruft Eure Waffenm�nner zusammen. Narishma hat Anweisung, f�r Euch ein Wegetor nach Tear zu erschaffen.�</p><p>�Tear, mein Lord?�, fragte Dobraine �berrascht.</p><p>�Ja. Sagt Darlin, er soll aufh�ren, mich mit Boten zu bel�stigen. Er soll weiter seine Streitkr�fte sammeln; ich hole ihn nach Arad Doman, wenn ich den richtigen Zeitpunkt f�r gekommen halte.� Das w�rde nach seiner Begegnung mit der Tochter der Neun Monde sein, denn dieses Treffen w�rde vieles entscheiden.</p><p>Dobraine sah etwas best�rzt aus. Oder bildete er sich das nur ein? Dobraines Ausdruck ver�nderte sich selten. Glaubte der Lord, dass seine Aussichten auf ein K�nigreich dahinschwanden? Plante er Intrigen gegen Rand? �Ja, mein Lord. Ich nehme an, ich soll sofort gehen?�</p><p><emphasis>Dobraine hat uns nie einen Grund gegeben, ihm zu misstrauen. Er hat sogar f�r Unterst�tzung f�r Elayne gesorgt, damit sie den Sonnenthron bekommt!</emphasis></p><p>Rand hatte ihn zu lange nicht mehr gesehen. Zu lange, um ihm noch vertrauen zu k�nnen. Aber es war besser, ihn jetzt von hier fortzuschaffen; er hatte zu viel Zeit gehabt, um hier einen Fu� in die T�r zu bekommen, und Rand kannte keinen Cairhiener, der sich nicht in die Politik einmischte.</p><p>�Ja, Ihr brecht noch in dieser Stunde auf�, erwiderte Rand und schritt die anmutigen wei�en Stufen hinauf.</p><p>Dobraine salutierte so stoisch wie immer und ging durch die T�r nach drau�en. Er gehorchte sofort. Ohne jede Beschwerde. Er <emphasis>war</emphasis> ein guter Mann. Rand wusste das genau.</p><p><emphasis>Beim Licht, was geschieht mit mir?,</emphasis> dachte er. <emphasis>Einigen Leuten muss ich vertrauen. Oder?</emphasis></p><p><emphasis>Vertrauen �?,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Ja, vielleicht k�nnen wir ihm vertrauen. Er kann die Macht nicht lenken. Beim Licht, vor allem k�nnen wir aber einem nicht vertrauen, uns selbst�</emphasis></p><p>Rand biss die Z�hne zusammen. Er w�rde Dobraine mit dem K�nigreich belohnen, falls man Alsalam nicht fand. Ituralde wollte es ja nicht haben.</p><p>Die breite Treppe f�hrte zu einem Absatz, an dem sie sich teilte und auf zwei Seiten zum ersten Stock hinauff�hrte. �Ich brauche ein Audienzgemach �, sagte Rand zu den Dienern in der Halle. �Und einen Thron. Schnell.�</p><empty-line/><p>Keine zehn Minuten sp�ter sa� Rand in einem vornehm dekorierten Salon in der ersten Etage und wartete darauf, dass man die Kauffrau Milisair Chadmar zu ihm brachte. Der mit Schnitzereien �berm��ig verzierte Stuhl aus wei�em Holz kam nicht ganz an einen Thron heran, aber er w�rde reichen. Vielleicht hatte Milisair ihn selbst f�r Audienzen benutzt. Der Raum schien auf jeden Fall wie ein Thronsaal ausgestattet zu sein; es gab ein niedriges Podest, auf dem man erh�ht sitzen konnte. Podest und Boden waren mit gr�nen und roten L�ufern mit phantasievollen Mustern bedeckt, was zu dem Meervolk-Porzellan auf Sockeln in der Ecke passte. Vier breite Fenster hinter ihm - jedes hoch genug, um durchgehen zu k�nnen - lie� bew�lktes Sonnenlicht in den Raum str�men und traf seinen R�cken, als er sich auf den Stuhl setzte, sich nach vorn beugte und einen Arm auf das Knie st�tzte. Die Statuette stand direkt vor ihm auf dem Boden.</p><p>Kurz darauf trat Milisair Chadmar an den Aielwachen vorbei �ber die Schwelle. Sie trug eines jener ber�hmten Domanikleider. Es bedeckte ihren K�rper vom Hals bis zu den Zehenspitzen, war aber beinahe transparent und schmiegte sich an jede Kurve - mit denen sie nun wirklich ausreichend ausgestattet war. Das Gewand war dunkelgr�n, an ihrem Hals hingen Perlen. Dunkle Locken reichten bis zu ihren Schultern, einige davon rahmten ihr Gesicht ein. Rand hatte nicht damit gerechnet, dass sie noch so jung war, sie konnte kaum �lter als drei�ig sein.</p><p>Sie hinzurichten w�rde eine Schande sein.</p><p><emphasis>Nur ein Tag,</emphasis> dachte er, <emphasis>und schon denke ich daran, eine Frau hinzurichten, nur weil sie sich mir nicht anschlie�en will. Es gab einmal eine Zeit, da konnte ich es kaum ertragen, Verbrecher hinzurichten, die es verdient hatten.</emphasis></p><p>Milisairs tiefer Knicks schien anzudeuten, dass sie seine Autorit�t akzeptierte. Aber vielleicht sollte es ihm auch nur einen besseren Einblick in das gestatten, was das Kleid so hervorhob. Typisch f�r eine Domani. Es war nur ihr Pech, dass er bereits mehr als genug Probleme mit Frauen hatte, als er bew�ltigen konnte.</p><p>�Mein Lord Drache�, sagte Milisair und erhob sich wieder. �Wie darf ich Euch dienen?�</p><p>�Wann habt Ihr das letzte Mal von K�nig Alsalam geh�rt?�, wollte Rand wissen. Er verzichtete absichtlich darauf, ihr einen Platz auf den bereitgestellten St�hlen anzubieten.</p><p>�Der K�nig?�, fragte sie �berrascht. �Das ist jetzt schon Wochen her.�</p><p>�Ich muss mit dem Boten sprechen, der den letzten Brief �berbracht hat.�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob man den ausfindig machen kann.� Die Frau klang verwirrt. �Ich f�hre nicht Buch �ber das Kommen und Gehen eines jeden Boten in der Stadt, mein Lord.�</p><p>Rand beugte sich weiter vor. �L�gt Ihr mich an?�, fragte er leise.</p><p>Ihr Mund �ffnete sich, vielleicht schockiert von seiner Direktheit. Domani waren keine Cairhiener, die anscheinend schon mit politischem Geschick zur Welt kamen, aber es war ein geschicktes Volk. Vor allem die Frauen.</p><p>Rand war weder subtil noch feinsinnig. Er war Schafhirte, der zum Eroberer geworden war, und sein Herz war das eines Mannes von den Zwei Fl�ssen, selbst wenn sein Blut Aiel war. An welche politischen R�nke die Frau vor ihm auch immer gew�hnt war, bei ihm w�rden sie nicht funktionieren. Er hatte keine Geduld f�r Spielchen.</p><p>�Ich �� Milisair starrte ihn an. �Mein Lord Drache ��</p><p>Was verbarg sie? �Was habt Ihr mit ihm gemacht?�, folgte Rand einer Eingebung. �Mit dem Boten.�</p><p>�Er wusste nichts �ber den Aufenthaltsort des K�nigs�, sagte Milisair schnell; die Worte schienen nur so aus ihr herauszusprudeln. �Meine Verh�rer waren sehr gr�ndlich.�</p><p>�Ist er tot?�</p><p>�Ich � nein, mein Lord Drache.�</p><p>�Dann werdet Ihr ihn mir bringen lassen.� Ihr Gesicht verlor nun auch noch den Rest Farbe, und sie blickte verstohlen zur Seite, suchte vielleicht reflexartig nach einem Fluchtweg. �Mein Lord Drache�, fing sie z�gernd an und schaute wieder zu ihm hin. �Jetzt, wo Ihr da seid � wird der K�nig vielleicht in seinem Versteck bleiben. Vielleicht besteht gar keine Notwendigkeit, weiter nach ihm zu suchen.�</p><p><emphasis>Sie h�lt ihn ebenfalls f�r tot. Darum ist sie Risiken eingegangen.</emphasis></p><p>�Es besteht <emphasis>sehr wohl</emphasis> die Notwendigkeit, Alsalam zu finden�, sagte Rand, �oder zumindest festzustellen, was mit ihm passiert ist. Wir m�ssen sein Schicksal kennen, damit ihr einen neuen K�nig w�hlen k�nnt. So funktioniert das doch, richtig?�</p><p>�Ich bin davon �berzeugt, dass man Eure Kr�nung schnell arrangieren kann, mein Lord Drache�, erwiderte sie glatt.</p><p>�Ich werde hier nicht den K�nig spielen�, sagte Rand. �Bringt mir den Boten, Milisair, und vielleicht werdet Ihr noch erleben, wie man den neuen K�nig kr�nt. Ihr seid entlassen.�</p><p>Sie z�gerte, dann machte sie einen Knicks und ging. Rand erhaschte einen Blick auf Min, die drau�en bei den Aiel stand und der Kauffrau nachsah. Er fing ihren Blick ein, und sie sah beunruhigt aus. Hatte sie bei Milisair irgendwelche Sichten erlebt? Er wollte sie zu sich rufen, aber sie verschwand mit schnellen Schritten. Die neben ihr stehende Alivia sah ihr neugierig nach. Die ehemalige <emphasis>Damane</emphasis> hatte in letzter Zeit zu allen Distanz gehalten, als wollte sie abwarten, bis der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie ihr Schicksal erf�llen und Rand beim Sterben helfen konnte.</p><p>Rand war sich gar nicht bewusst gewesen, dass er aufgestanden war. Dieser Blick in Mins Augen. War sie b�se auf ihn? Erinnerte sie sich an seine Hand um ihren Hals, wie er sie zu Boden dr�ckte?</p><p>Er setzte sich wieder. Min konnte warten. �Also gut�, wandte er sich an die Aiel. �Bringt mir meine Schreiber und Quartiermeister, zusammen mit Rhuarc, Bael und allen Honoratioren, die nicht aus der Stadt geflohen sind oder bei den Unruhen ums Leben kamen. Wir m�ssen die Pl�ne f�r die Verteilung des Korns durchsprechen.�</p><p>Die Aiel schickten L�ufer los, und Rand lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck. Er w�rde daf�r sorgen, dass die Leute zu essen bekamen und die Ordnung wiederhergestellt wurde, dann w�rde er den Kaufmannsrat zusammenholen. Er w�rde sich sogar darum k�mmern, dass sie einen neuen K�nig w�hlten.</p><p>Aber er w�rde auch herausfinden, wohin Alsalam verschwunden war. Denn dort w�rde er auch bestimmt Graendal finden, das verriet ihm sein Instinkt. Das war seine beste Spur.</p><p>Und wenn er sie fand, w�rde er daf�r sorgen, dass sie genau wie Semirhage durch Baalsfeuer starb. Er w�rde tun, was getan werden musste.</p></section><section><title><p>30</p><p>Ein alter Ratschlag</p></title><p>Gawyn hatte nur noch wenig Erinnerungen an seinen Vater - der Mann war nie ein guter Vater gewesen, jedenfalls nicht f�r ihn -, aber ein Tag im Palastgarten von Caemlyn war in seinem Ged�chtnis haften geblieben. Er hatte an einem kleinen Teich gestanden und Kiesel hineingeworfen. Taringail war den Rosenweg entlanggekommen, den jungen Galad an seiner Seite.</p><p>Die Erinnerung stand Gawyn noch immer lebhaft vor Augen. Der schwere Duft der voll erbl�hten Rosen. Die silbrigen Kreise, die sich auf dem Teich ausbreiteten, die kleinen Fische, die vor dem gerade von ihm geworfenen Stein auseinanderspritzten. Er konnte sich seinen Vater noch gut vorstellen. Hochgewachsen, ansehnlich, mit leicht gewelltem Haar. Galad war selbst damals schon steif und ernst gewesen. Wenige Monate sp�ter w�rde er Gawyn in genau diesem Teich vor dem Ertrinken retten.</p><p>Gawyn konnte seinen Vater Worte aussprechen h�ren, die er niemals vergessen sollte. Was man auch sonst von Taringail Damodred halten wollte, dieser Rat hatte vern�nftig geklungen. �Es gibt zwei Arten von Menschen, denen du <emphasis>niemals</emphasis> vertrauen solltest�, hatte der Mann beim Vorbeigehen zu Galad gesagt. �Die ersten sind h�bsche Frauen. Die zweiten sind Aes Sedai. Das Licht stehe dir bei, mein Sohn, solltest du es jemals mit einer zu tun haben, die beides ist.� <emphasis>Das Licht stehe dir bei, mein Sohn.</emphasis></p><p>�Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man in dieser Angelegenheit den ausdr�cklichen Wunsch der Amyrlin missachtet�, sagte Lelaine geziert und r�hrte die Tinte in dem kleinen F�sschen auf ihrem Schreibtisch um. Kein Mann vertraute wundersch�nen Frauen, ganz egal, wie sehr er auch von ihnen fasziniert sein mochte. Aber nur wenige begriffen, was Taringail gemeint hatte - dass ein h�bsches M�dchen weitaus gef�hrlicher sein konnte, so wie ein brennendes St�ck Holz, das gerade genug abgek�hlt war, um nicht l�nger hei� auszusehen.</p><p>Lelaine war keine Sch�nheit, aber sie war h�bsch, vor allem, wenn sie l�chelte. Schlank und anmutig, ohne ein graues Haar auf dem Kopf, ein mandelf�rmiges Gesicht mit vollen Lippen. Sie schaute ihn mit Augen an, die viel zu sanft waren, um einer Frau mit ihrer Gerissenheit zu geh�ren. Und das schien ihr auch bewusst zu sein. Sie wusste, dass sie gerade attraktiv genug war, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber nicht atemberaubend genug, um in M�nnern Misstrauen zu entfachen.</p><p>Sie war eine Frau der gef�hrlichsten Sorte. Eine, die authentisch wirkte, die M�nner glauben machte, dass sie m�glicherweise ihre Aufmerksamkeit erregen konnten. Sie war nicht h�bsch wie Egwene, die in einem den Wunsch entfachte, mit ihr Zeit zu verbringen. Das L�cheln dieser Frau wollte einen die Messer am G�rtel und im Stiefel z�hlen lassen, nur um sicherzugehen, dass keines von ihnen den Weg in den eigenen R�cken gefunden hatte, solange man abgelenkt gewesen war.</p><p>Gawyn stand neben ihrem Schreibtisch, im Schatten des hohen blauen Zeltes. Man hatte ihn nicht aufgefordert, Platz zu nehmen, und er hatte auch nicht um das Privileg gebeten. Die Unterhaltung mit einer Aes Sedai, vor allem mit einer wichtigen, erforderte Geschick und N�chternheit. Er stand lieber. Vielleicht w�rde er so aufmerksamer sein.</p><p>�Egwene versucht Euch zu besch�tzen�, sagte er und z�gelte seine Ungeduld. �Darum hat sie Euch befohlen, auf eine Rettungsmission zu verzichten. Offensichtlich will sie nicht, dass Ihr Euch in Gefahr begebt. Sie ist aufopferungsvoll bis zuletzt.� <emphasis>W�re sie das nicht,</emphasis> f�gte er in Gedanken hinzu, <emphasis>h�tte sie sich nicht von euch allen dazu dr�ngen lassen, sich als Amyrlin-Sitz auszugeben.</emphasis></p><p>�Sie scheint von ihrer Sicherheit sehr �berzeugt zu sein�, erwiderte Lelaine und tippte ihre Feder in die Tinte. Sie fing an, etwas auf ein Blatt Pergament zu schreiben; eine Nachricht f�r jemanden. Gawyn las h�flicherweise nicht �ber ihre Schulter mit, obwohl ihm ihre kalkulierte Berechnung keineswegs entging. Er war nicht wichtig genug, um ihre volle Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Er entschied sich, die Beleidigung zu ignorieren. Der Versuch, Bryne einzusch�chtern, war misslungen; bei dieser Frau w�rde so etwas noch weniger funktionieren.</p><p>�Sie versucht, Eure Sorgen zu zerstreuen, Lelaine Sedai�, sagte er stattdessen.</p><p>�Ich kann Menschen recht gut einsch�tzen, junger Trakand. Ich glaube nicht, dass sie das Gef�hl hatte, in Gefahr zu schweben.� Sie sch�ttelte den Kopf. Ihr Parf�m roch nach Apfelbl�ten.</p><p>�Ich zweifle Eure Worte nicht an�, entgegnete er- �Wenn ich vielleicht w�sste, wie Ihr Euch mit ihr verst�ndigt, k�nnte ich es besser einsch�tzen. Wenn ich ��</p><p>�Man hat Euch gewarnt, nicht danach zu fragen, Kind�, sagte Lelaine mit ihrer weichen, melodischen Stimme. ��berlasst den Aes Sedai die Dinge, die Aes Sedai sind.�</p><p>Beinahe genau die gleiche Antwort, die ihm jede Schwester gab, wenn er sich danach erkundigte, wie sie mit Egwene kommunizierten. Er biss sich auf die Zunge. Was hatte er erwartet? Es hatte mit der Einen Macht zu tun. Nach der ganzen Zeit in der Wei�en Burg verstand er noch immer nicht genau, was man mit der Macht ausrichten konnte und was nicht.</p><p>�Wie dem auch sei�, fuhr Lelaine fort, �die Amyrlin ist der Ansicht, in relativer Sicherheit zu sein. Shemerins Geschichte best�tigt nur das, was Egwene uns gesagt hat. Elaida ist so von ihrer Macht berauscht, dass sie die rechtm��ige Amyrlin f�r keine Bedrohung h�lt.�</p><p>Da war noch mehr, das sie nicht sagte. Gawyn wusste es genau. Er bekam einfach keine vern�nftige Antwort von ihnen, wenn es um Egwenes derzeitigen Status ging. Ger�chten zufolge war sie eingekerkert und durfte sich nicht mehr frei als Novizin bewegen. Aber von einer Aes Sedai Information zu bekommen war ungef�hr so leicht, als wollte man Felsen zu Butter zerstampfen!</p><p>Gawyn holte tief Luft. Er durfte die Beherrschung nicht verlieren. Sollte das geschehen, w�rde er Lelaine niemals dazu bringen, ihm zuzuh�ren. Und er brauchte sie. Bryne w�rde ohne Erlaubnis der Aes Sedai nichts unternehmen, und soweit Gawyn es herausbekommen hatte, hatte er die gr��ten Chancen, sie entweder von Lelaine oder Romanda zu erhalten. Alle schienen auf eine der beiden zu h�ren.</p><p>Gl�cklicherweise hatte er schnell herausgefunden, dass er sie gegeneinander ausspielen konnte. Ein Besuch bei Romanda zog fast immer eine Einladung von Lelaine nach sich. Nat�rlich waren beide haupts�chlich aus anderen Gr�nden an ihm interessiert; das hatte nur sehr wenig mit Egwene zu tun. Zweifellos w�rde die Unterhaltung gleich in diese Richtung f�hren.</p><p>�Vielleicht habt Ihr recht, Lelaine Sedai�, sagte er und schlug eine andere Richtung ein. �Vielleicht ist Egwene ja davon �berzeugt, dass sie sicher ist. Aber besteht nicht die M�glichkeit, dass sie sich irrt? Ihr k�nnt doch nicht allen Ernstes glauben, dass Elaida eine Frau ungehindert in der Wei�en Burg umherstreifen l�sst, die f�r sich beansprucht, die <emphasis>Amyrlin</emphasis> zu sein? Das soll doch offensichtlich nur dazu dienen, eine gefangene Rivalin vorzuf�hren, bevor man sie hinrichtet.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Lelaine und schrieb weiter. Sie hatte eine schwungvolle Handschrift. �Aber muss ich nicht der Amyrlin gehorchen, selbst wenn sie fehlgeleitet ist?�</p><p>Gawyn sparte sich eine Erwiderung. Nat�rlich konnte sie den Willen der Amyrlin missachten. Er wusste genug von der Politik der Aes Sedai, um zu wissen, dass das st�ndig geschah. Aber das laut auszusprechen w�rde gar nichts erreichen.</p><p>�Dennoch�, sagte Lelaine gedankenverloren. �Vielleicht kann ich ja im Saal einen Antrag stellen. M�glicherweise k�nnten wir die Amyrlin �berreden, auf eine neue Bitte zu h�ren. Wir werden sehen, ob ich eine neue Argumentation ausarbeiten kann.�</p><p>�Wir werden sehen� oder �Vielleicht k�nnen wir ja� oder �Ich denke dar�ber nach�. Niemals eine feste Zusage, jedes halbherzige Angebot war buchst�blich dick mit G�nseschmalz eingeschmiert, damit die Flucht leichtfiel. Beim Licht, er war die Antworten der Aes Sedai langsam leid!</p><p>Lelaine schaute zu ihm hoch und schenkte ihm ein L�cheln. �Und da ich mich jetzt bereiterkl�rt habe, etwas f�r Euch zu tun, seid Ihr ja vielleicht bereit, mir etwas anzubieten. Wie Ihr vielleicht wisst, werden gro�e Taten nur selten ohne die Hilfe vieler Beteiligter vollbracht.�</p><p>Gawyn seufzte. � Sagt mir, was Ihr braucht, Aes Sedai.�</p><p>�Allen Berichten zufolge hat sich Eure Schwester in Andor bewundernswert geschlagen�, sagte Lelaine, als h�tte sie nicht genau das Gleiche bei den vorangegangenen drei Begegnungen mit Gawyn gesagt. �Aber sie musste auf ein paar Zehen treten, um sich den Thron zu sichern. Was glaubt Ihr, welche Politik wird sie mit den Obstplantagen von Haus Trakand verfolgen? Bei Eurer Mutter war die Besteuerung des Landes sehr gro�z�gig, was die Traemane anging. Wird Elayne dieses besondere Privileg widerrufen, oder wird sie es als Honig benutzen, um diejenigen zu beschwichtigen, die sich gegen sie gestellt hatten?�</p><p>Gawyn unterdr�ckte einen weiteren Seufzer. Es lief immer nur auf Elayne hinaus. Er war davon �berzeugt, dass weder Lelaine noch Romanda wirklich daran interessiert waren, Egwene zu retten - sie erg�tzten sich in ihrer Abwesenheit viel zu sehr an ihren erh�hten Machtbefugnissen. Nein, sie empfingen ihn nur wegen der neuen K�nigin auf dem L�wenthron.</p><p>Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum sich eine Aes Sedai der Blauen Ajah f�r die Steuers�tze von Apfelplantagen interessieren sollte. Lelaine w�rde sich nicht f�r Profite interessieren, das war nicht die Art der Aes Sedai. Aber sie w�rde sich f�r Einfluss interessieren, eine M�glichkeit, eine vorteilhafte Verbindung zu den andoranischen Adelsh�usern zu kn�pfen. Gawyn widerstand einer Antwort. Warum sollte er dieser Frau helfen? Was nutzte das?</p><p>Und dennoch � konnte er sich sicher sein, dass sie sich nicht um Egwenes Freilassung bem�hte? Wenn diese Treffen f�r Lelaine nicht l�nger n�tzlich waren, w�rde sie ihn weiter empfangen? W�rde er seine einzige M�glichkeit einb��en, im Lager Einfluss zu nehmen, ganz gleich, wie gering sie auch wahr?</p><p>�Nun, ich glaube, dass meine Schwester da strenger als meine Mutter sein wird�, sagte er. �Sie war stets der Ansicht, dass die bevorzugte Position der Obstbauern nicht l�nger gerechtfertigt ist.�</p><p>Ihm entging nicht, dass Lelaine anfing, am unteren Rand des Pergaments Notizen zu machen. War das der wahre Grund f�r Tinte und Feder?</p><p>Ihm blieb keine Wahl, als so ehrlich wie m�glich zu antworten, auch wenn er aufpassen musste, sich nicht zu viele Informationen entlocken zu lassen. Seine Verbindung zu Elayne war das einzige Pfund, mit dem er wuchern konnte, und er musste seinen Nutzen auf eine lange Zeit strecken. Das �rgerte ihn. Elayne war kein Handelsobjekt, sie war seine Schwester!</p><p>Aber das war alles, was er hatte.</p><p>�Ich verstehe�, sagte Lelaine. �Und was ist mit den Kirschplantagen im Norden? Sie waren in letzter Zeit nicht besonders ergiebig und ��</p><empty-line/><p>Kopfsch�ttelnd verlie� Gawyn das Zelt. Fast eine ganze Stunde lang hatte Lelaine ihn �ber andoranische Steuers�tze ausgehorcht. Und wieder vermochte er nicht zu sagen, ob er mit seinem Besuch auch nur das Geringste erreicht hatte. Bei diesem Tempo w�rde er Egwene niemals freibekommen! Wie immer wartete vor dem Zelt eine Novizin in Wei� darauf, ihn aus dem Innenlager zu eskortieren. Dieses Mal war die Novizin eine kleine dicke Frau, die ein paar Jahre zu alt daf�r aussah, um das Wei� zu tragen.</p><p>Gawyn lie� sich von der Frau durch das Lager der Aes Sedai f�hren und versuchte so zu tun, als w�re sie blo� eine F�hrerin und nicht eine W�chterin, die daf�r sorgen sollte, dass er auch wie gew�nscht ging. Bryne hatte recht; diese Frauen wollten nicht, dass unn�tige Leute - vor allem Soldaten - in ihrer kleinen Imitation der Wei�en Burg umherwanderten. Er passierte eilige Gruppen wei� gekleideter Frauen auf den Gehsteigen, die ihn mit dem kaum merklichen Misstrauen ansahen, das selbst die freundlichsten Menschen oft Fremden entgegenbrachten. Er kam an Aes Sedai vorbei, die alle vor Selbstbewusstsein strotzten, ob sie nun teure Seide oder Wolle trugen. Da waren auch einige Gruppen Arbeiterinnen, die wesentlich ordentlicher als die im Soldatenlager erschienen. Sie bewegten sich beinahe mit der Ausstrahlung von Aes Sedai, als h�tten sie schon deshalb eine gewisse Autorit�t erlangt, weil sie das <emphasis>echte</emphasis> Lager betreten durften.</p><p>All diese Gruppen kreuzten eine offene Fl�che aus zertrampeltem Unkraut, die den Gemeinschaftsplatz bildete. Gawyns verbl�ffendste Entdeckung in diesem Lager hatte mit Egwene zu tun. In ihm wuchs zusehends die Erkenntnis, dass die vielen Menschen hier sie <emphasis>tats�chlich</emphasis> als ihre Amyrlin betrachteten. Sie war nicht einfach nur ein Aush�ngeschild, das den Zorn auf sich ziehen sollte, auch keine bewusste Beleidigung, um Elaida aufzubringen. F�r sie <emphasis>war</emphasis> Egwene die Amyrlin.</p><p>Offensichtlich hatten die Rebellen sie gew�hlt, weil sie jemand haben wollten, den sie leicht kontrollieren konnten. Aber sie behandelten sie nicht wie eine Marionette - sowohl Lelaine wie auch Romanda sprachen voller Respekt von ihr. Egwenes Abwesenheit hatte ihnen einen Vorteil gebracht, da sie ein Machtvakuum erschuf. Darum akzeptierten sie Egwene als Quelle der Autorit�t. War er eigentlich der Einzige, der sich daran erinnerte, dass sie noch vor wenigen Monaten lediglich eine Aufgenommene gewesen war?</p><p>Sie <emphasis>war</emphasis> �berfordert. Aber sie hatte die Menschen in diesem Lager beeindruckt. Es war genau das Gleiche wie damals, als seine Mutter vor so vielen Jahren in Andor an die Macht gekommen war.</p><p>Aber warum weigerte sie sich nur, gerettet zu werden? Man hatte das Schnelle Reise wiederentdeckt - soweit er geh�rt hatte, war es sogar Egwene selbst gewesen, die es entdeckt hatte! Er musste mit ihr sprechen. Dann konnte er selbst beurteilen, ob sie nur nicht fliehen wollte, weil sie Angst hatte, dadurch andere in Gefahr zu bringen, oder ob etwas anderes dahintersteckte.</p><p>Er l�ste Herausforderers Z�gel von dem Pfosten an der Grenze zwischen dem Lager der Aes Sedai und dem der Soldaten, nickte der Novizin zu und schwang sich in den Sattel, wobei er nach dem Sonnenstand schaute. Er lenkte sein Pferd auf einen Pfad zwischen Armeezelten nach Osten und brach im schnellen Trab auf. Es war keine L�ge gewesen, als er Lelaine von einer weiteren Verabredung erz�hlt hatte; er hatte versprochen, sich mit Bryne zu treffen. Nat�rlich hatte er den Termin arrangiert, weil er gewusst hatte, dass er vermutlich eine M�glichkeit brauchte, um Lelaine zu entfliehen. Das hatte ihm Bryne beigebracht: Fr�hzeitig den R�ckzug zu planen war kein Zeichen von Furcht. Es war einfach nur eine gute Strategie.</p><p>Eine Stunde sp�ter fand Gawyn seinen alten Lehrer an der verabredeten Stelle, einem der vorgeschobenen Wachtposten. Bryne f�hrte eine Inspektion durch, wie sie Gawyn vorgeschoben hatte, um den J�nglingen zu entfliehen. Der General stieg gerade auf seinen Braunen, als Gawyn angeritten kam. Der Wachtposten befand sich in der Senke eines sanft ansteigenden Hangs, von wo aus man einen guten Blick auf das Gel�nde im Norden hatte. Die Soldaten standen in Gegenwart ihres Generals respektvoll da, und sie verbargen ihre Abneigung gegen�ber Gawyn. Es hatte sich herumgesprochen, dass er der Anf�hrer der Streitmacht gewesen war, die sie so erfolgreich �berfallen hatte. Ein Stratege wie Bryne konnte Gawyn f�r sein Geschick respektieren, und dabei spielte es keine Rolle, dass sie auf gegen�berliegenden Seiten gestanden hatten, aber diese M�nner hatten miterleben m�ssen, wie ihre Kameraden von Gawyns Truppen get�tet worden waren.</p><p>Bryne drehte sein Pferd und nickte Gawyn zu. �Ihr kommt sp�ter als vereinbart, mein Sohn.�</p><p>�Aber nicht sp�ter als erwartet, oder?�, erwiderte Gawyn und z�gelte Herausforderer.</p><p>�Nicht im Mindesten�, sagte der st�mmige General l�chelnd. �Ihr habt schlie�lich Aes Sedai besucht.�</p><p>Das lie� Gawyn grinsen, und gemeinsam zogen sie ihre Pferde herum und begaben sich nach Norden in Richtung der offenen H�gel. Bryne wollte alle Wachtposten an der westlichen Seite von Tar Valon inspizieren, eine Pflicht, bei der viel geritten werden musste, also hatte Gawyn ihm angeboten, ihn zu begleiten. Sonst hatte er ja nicht viel zu tun; nur wenige Soldaten versp�rten Lust auf einen �bungskampf mit ihm, und die, die es taten, bem�hten sich etwas zu auff�llig, dabei einen �Unfall� herbeizuf�hren. Die Aes Sedai w�rden sein beharrliches Insistieren nur bis zu einem gewissen Punkt tolerieren, und nach einer Partie Steine stand ihm in letzter Zeit einfach nicht der Sinn. Dazu war er viel zu nerv�s, machte sich Sorgen wegen Egwene und war frustriert, weil er keine Fortschritte machte. Tats�chlich war er in dem Spiel noch nie besonders gut gewesen - ganz im Gegensatz zu seiner Mutter. Bryne hatte darauf bestanden, dass er sich trotzdem darin �bte; es war eine Methode, Schlachtfeldstrategien zu lernen.</p><p>Die H�gel wiesen gelbes Unkraut und gelegentlich Lerchenb�sche mit ihren winzigen hellblauen Bl�ttern und knorrigen �sten auf. Es h�tte Felder mit Wildblumen geben m�ssen, aber davon bl�hte nicht eine einzige. Die Landschaft vermittelte den Eindruck, krank zu sein - an einigen Stellen war sie mit gelblichen Flecken �bers�t, an anderen mit hellblauen, dazwischen viel totes braunes Gestr�pp, das nach dem harten Winter nicht neu erbl�ht war.</p><p>�Und verratet Ihr mir, was sich bei der Besprechung ergeben hat?�, fragte Bryne, als sie unterwegs waren; eine Abteilung Soldaten folgte ihnen als Ehrenwache.</p><p>�Ich wette, das k�nnt Ihr Euch denken.�</p><p>�Ach, ich wei� nicht�, erwiderte Bryne. �Es sind ungew�hnliche Zeiten, seltsame Geschehnisse sind allt�glich. Vielleicht hat sich Lelaine dieses Mal ja dazu entschieden, keine Intrigen zu schmieden und Euren Bitten zuzuh�ren.�</p><p>Gawyn verzog das Gesicht. �Ich glaube, da findet Ihr eher einen Trolloc, der mit dem Stricken angefangen hat, als eine Aes Sedai, die keine Intrigen mehr schmiedet.�</p><p>�Wenn ich mich recht entsinne, hat man Euch gewarnt�, meinte Bryne.</p><p>Dazu fiel Gawyn kein Gegenargument ein, also ritten sie eine Weile schweigend, vorbei an dem in der Ferne rechts von ihnen verlaufenden Fluss. Dahinter standen die T�rme und D�cher von Tar Valon. Einem Gef�ngnis.</p><p>�Irgendwann m�ssen wir �ber die Soldaten sprechen, die Ihr zur�ckgelassen habt�, sagte Bryne unvermittelt mit nach vorn gerichtetem Blick.</p><p>�Ich w�sste nicht, dass es da etwas zu besprechen gibt�, erwiderte Gawyn, was nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Er konnte sich denken, was der General ihn fragen wollte, und er freute sich nicht gerade auf diese Unterhaltung.</p><p>Bryne sch�ttelte den Kopf. �Mein junge, ich brauche Informationen. Orte, Truppenst�rke, Ausr�stungslisten. Ich wei�, dass Ihr aus einem der D�rfer im Osten angreift, aber aus welchem? Wie viele M�nner hat Eure Streitmacht, und welche Art der Unterst�tzung leisten Elaidas Aes Sedai?�</p><p>Gawyn schaute stur geradeaus. �Ich bin gekommen, um Egwene zu helfen. Nicht um die zu verraten, die mir vertraut haben.�</p><p>�Ihr habt sie bereits verraten.�</p><p>�Nein�, sagte Gawyn fest. �Ich habe sie im Stich gelassen, aber ich habe sie nicht verraten. Und das habe ich auch nicht vor.�</p><p>�Und Ihr erwartet von mir, einen potenziellen Vorteil nicht zu ergreifen?� Bryne sah zu ihm her�ber. �Was da in Eurem Kopf ist, k�nnte Leben retten.�</p><p>�Oder Leben kosten, wenn man es von der anderen Seite betrachtet.�</p><p>�Macht das nicht so schwierig, Gawyn.�</p><p>�Oder was? Ihr unterzieht mich der Befragung?�</p><p>�Ihr w�rdet f�r sie leiden?�</p><p>�Es sind meine M�nner�, sagte Gawyn schlicht. <emphasis>Oder zumindest waren sie das einmal.</emphasis> Egal, wie man das betrachtete, er hatte es satt, von Umst�nden und Kriegen herumgeschubst zu werden. Er w�rde der Wei�en Burg keine Loyalit�t mehr entgegenbringen, aber er w�rde sie auch nicht den Rebellen anbieten. Egwene und Elayne hielten sein Herz und seine Ehre. Und wenn er sie nicht ihnen geben konnte, dann w�rde er sie eben Andor geben - und der ganzen Welt -, indem er Rand al�Thor jagte und t�tete.</p><p>Rand al�Thor. Er glaubte kein Wort von dem, was Bryne zur Verteidigung des Mannes vorgebracht hatte. Oh, er glaubte, dass Bryne ernst meinte, was er gesagt hatte - aber der General irrte sich. Das konnte den anst�ndigsten Menschen passieren, die sich vom Charisma einer Kreatur wie al�Thor einwickeln lie�en. Schlie�lich hatte er sogar Elayne get�uscht. Ihnen allen konnte man nur auf eine Weise helfen, indem man den Drachen entlarvte und die Welt von ihm befreite.</p><p>Er warf einen Blick zu Bryne hin�ber, der sich wieder abgewandt hatte. Vermutlich dachte er noch immer �ber die J�nglinge nach. Es war unwahrscheinlich, dass ihn der General der Befragung unterziehen w�rde. Er kannte den Mann und sein Ehrgef�hl zu gut. Es w�rde nicht passieren. Aber m�glicherweise kam er auf die Idee, ihn in den Kerker zu sperren. Vielleicht w�rde es kl�ger sein, ihm etwas anzubieten.</p><p>�Es sind fast noch Halbw�chsige, Bryne�, sagte er.</p><p>Der General runzelte die Stirn.</p><p>�Halbw�chsige�, wiederholte Gawyn. �Die ihre Ausbildung gerade hinter sich haben. Sie geh�ren auf ein �bungsgel�nde und nicht auf ein Schlachtfeld. Ihr Herz sitzt am rechten Fleck, und ihre Fertigkeiten sind solide, aber ohne mich sind sie keine gro�e Bedrohung mehr f�r Euch. Ich war derjenige, der Eure Strategie kannte. Ohne mich werden sie es bei ihren �berf�llen viel schwerer haben. Sollten sie �berhaupt damit fortfahren, werden sie vermutlich bald auf den Schl�chter treffen. Man braucht mich nicht dazu, um das auch noch zu beschleunigen.�</p><p>�Also gut�, erwiderte Bryne. �Ich werde abwarten. Aber sollten ihre Streifz�ge weiterhin effektiv sein, werde ich Euch diese Fragen erneut stellen m�ssen.�</p><p>Gawyn nickte. Am besten konnte er den J�nglingen helfen, indem er dabei half, die Auseinandersetzung zwischen Rebellen und Loyalisten zu beenden. Aber das schien weit au�erhalb seiner M�glichkeiten zu liegen. Vielleicht w�rde ihm ja etwas einfallen, nachdem er Egwene befreit hatte. Beim Licht! Sie konnten doch nicht wirklich vorhaben, �bereinander herzufallen, oder doch? Das Scharm�tzel nach Siuan Sanches Sturz war schon schlimm genug gewesen. Was w�rde geschehen, wenn sich die Heere hier au�erhalb von Tar Valon auf dem Schlachtfeld trafen? Aes Sedai gegen Aes Sedai, Beh�ter gegen Beh�ter? Eine Katastrophe.</p><p>�Dazu darf es nicht kommen�, sagte er leise.</p><p>Bryne sah ihn neugierig an, w�hrend ihre Pferde weiter �ber das Feld trabten.</p><p>�Ihr k�nnt nicht angreifen, Bryne�, sagte Gawyn. �Eine Belagerung ist eine Sache. Aber was werdet Ihr tun, wenn sie Euch den Angriff befehlen?�</p><p>�Das, was ich immer tue�, erwiderte Bryne. �Gehorchen.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Gawyn, ich gab mein Wort.�</p><p>�Und wie viele Leben ist dieses Wort wert? Ein Angriff auf die Wei�e Burg w�re eine Katastrophe. Ganz egal, wie verletzt sich diese rebellischen Aes Sedai auch f�hlen, es wird keine Vers�hnung geben, wenn sie durch das Schwert herbeigef�hrt werden soll.�</p><p>�Das ist nicht Eure Entscheidung�, sagte der General. Er sah ihn nachdenklich an.</p><p>�Was?�, fragte Gawyn.</p><p>�Ich frage mich, warum das f�r Euch eine Rolle spielt. Ich dachte, Ihr w�rt nur wegen Egwene gekommen.�</p><p>�Ich �� Gawyn geriet ins Schwimmen.</p><p>�Wer seid Ihr, Gawyn Trakand?�, hakte Bryne nach. �Wo liegt Eure Loyalit�t wirklich?�</p><p>�Ihr kennt mich besser als die meisten, Gareth.�</p><p>�Ich wei�, wer Ihr sein <emphasis>solltet�,</emphasis> meinte Bryne. �Der Erste Prinz des Schwertes, von Beh�tern ausgebildet, aber keiner Frau zum Bund gegeben.�</p><p>�Und das bin ich nicht?� Das klang gereizt.</p><p>�Friede, mein Sohn. Es sollte keine Beleidigung sein. Nur eine Beobachtung. Ich wei�, dass Ihr nie so unbeirrbar wie Euer Bruder gewesen seid. Ich sch�tze, ich h�tte das in Euch erkennen m�ssen.�</p><p>Gawyn wandte sich wieder dem alternden General zu. Wovon sprach der Mann?</p><p>Bryne seufzte. �Es ist eine Sache, mit der die meisten Soldaten nie konfrontiert werden. Sicher, sie m�gen daran denken, aber sie lassen sich nicht davon qu�len. Das ist eine Frage f�r andere, H�hergestellte.�</p><p>�Welche Frage?�, wollte Gawyn verbl�fft wissen.</p><p>�F�r welche Seite man sich entscheidet. Und dass man, sobald man sie gew�hlt hat, zu dem Schluss kommt, sich richtig entschieden zu haben. Der Fu�soldat muss diese Wahl nicht treffen, aber die von uns, die wir f�hren � ja, ich erkenne das in Euch. Euer Geschick mit dem Schwert ist kein kleines Geschenk. Wof�r benutzt Ihr es?�</p><p>�F�r Elayne.�</p><p>�Tut Ihr das jetzt?�, fragte Bryne am�siert.</p><p>�Nun, nachdem ich Egwene gerettet habe.�</p><p>�Und falls Egwene nicht gehen wird? Ich kenne diesen Ausdruck in Euren Augen, mein Junge. Ich wei� auch ein bisschen �ber Egwene al�Vere Bescheid. Sie wird dieses Schlachtfeld nicht verlassen, bevor ein Sieger feststeht.�</p><p>�Ich bringe sie fort�, sagte Gawyn. �Zur�ck nach Andor.�</p><p>�Ihr wollt sie also dazu zwingen? So wie Ihr Euch den Weg in mein Lager erzwungen habt? Ihr wollt also zu einem Schurken und Raulbold werden, der sich nur durch seine F�higkeit auszeichnet, die t�ten oder bestrafen zu k�nnen, die anderer Meinung als er sind?�</p><p>Gawyn antwortete nicht.</p><p>�Wem soll man dienen?�, fragte Bryne nachdenklich. �Manchmal machen uns unsere eigenen F�higkeiten Angst. Was nutzt die F�higkeit, t�ten zu k�nnen, wenn man sie nicht anwenden kann? Ist sie ein verschwendetes Talent? Der Pfad zum M�rder? Die Macht zu besch�tzen ist be�ngstigend. Also h�lt man nach jemandem Ausschau, dem man diese F�higkeit anbietet, jemand, der sie weise benutzt. Das Bed�rfnis, eine Entscheidung zu treffen, nagt an einem, selbst lange nachdem man sie getroffen hat. Ich sehe diese Frage mehr bei j�ngeren M�nnern. Wir alten Jagdhunde, wir sind damit zufrieden, einen Platz am Kamin zu haben. Wenn uns jemand befiehlt zu k�mpfen, wollen wir die Dinge nicht zu sehr aufw�hlen. Aber die jungen M�nner � sie gr�beln dar�ber nach.�</p><p>� Habt Ihr Euch diese Frage einmal gestellt?�, fragte Gawyn.</p><p>�Ja. Mehr als einmal. Im Aiel-Krieg war ich kein Generalhauptmann, aber ich war Ranghauptmann. Damals habe ich mich das oft gefragt.�</p><p>�Wieso konntet Ihr Euch ausgerechnet im Aiel-Krieg fragen, ob Ihr auf der richtigen Seite steht?� Gawyn runzelte die Stirn. �Sie kamen, um zu t�ten.�</p><p>�Sie kamen nicht wegen uns�, sagte Bryne. �Sie wollten blo� die Cairhiener. Nat�rlich war das anfangs nicht klar zu erkennen, aber um die Wahrheit zu sagen, einige von uns haben dar�ber nachgedacht. Laman hat seinen Tod verdient. Warum sollten wir sterben, um uns dem in den Weg zu stellen? Vielleicht h�tten sich mehr von uns diese Frage stellen sollen.�</p><p>�Aber wie lautet die Antwort dann?�, wollte Gawyn wissen. �Wem gibt man sein Vertrauen? Wem diene ich?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Bryne frei heraus.</p><p>�Warum dann �berhaupt diese Frage stellen?�, fauchte Gawyn und hielt sein Pferd an.</p><p>Bryne z�gelte sein Tier ebenfalls, f�hrte es zur�ck. �Ich kenne die Antwort nicht, weil es darauf keine Antwort gibt. Das hei�t, jeder hat darauf eine eigene Antwort. Als ich jung war, k�mpfte ich um der Ehre willen. Irgendwann erkannte ich, dass im T�ten nur wenig Ehre liegt, und ich entdeckte, dass ich mich ver�ndert hatte. Dann k�mpfte ich, weil ich Eurer Mutter diente. Ich vertraute ihr. Als sie mich im Stich lie�, stellte sich mir diese Frage erneut. Diese vielen Jahre des Dienstes, welchen Wert hatten sie? Was war mit den M�nnern, die ich in ihrem Namen get�tet hatte? Welchen Sinn hatte das alles?�</p><p>Er lie� die Z�gel schnalzen und setzte sich wieder in Bewegung. Gawyn trieb Herausforderer an, um ihn einzuholen.</p><p>�Ihr fragt Euch, warum ich ausgerechnet hier bin, statt in Andor zu sein?�, fragte Bryne. � Das liegt daran, dass ich nicht loslassen kann. Weil sich die Welt ver�ndert und ich daran Anteil haben muss. Weil man mir in Andor alles genommen hat, brauchte ich einen neuen Ort f�r meine Loyalit�t. Das Muster gab mir diese Gelegenheit.�</p><p>�Und Ihr habt sie nur gew�hlt, weil sie da war?�</p><p>�Nein. Ich w�hlte sie, weil ich ein Narr bin.� Er erwiderte Gawyns Blick. �Aber ich blieb, weil es richtig war. Das, was entzweit wurde, muss wieder vereint werden, und ich habe erlebt, was ein schrecklicher F�hrer einem K�nigreich antun kann. Man darf Elaida nicht erlauben, die Welt mit ihr in den Abgrund zu rei�en.�</p><p>Gawyn schaute ungl�ubig drein.</p><p>�Ja�, sagte Bryne. �Am Ende glaubte ich ihnen. Diese dummen Frauen. Aber beim Licht, Gawyn, sie haben recht. Es ist richtig, was ich tue. <emphasis>Sie</emphasis> hat recht.�</p><p>�Wer?�</p><p>Bryne sch�ttelte nur den Kopf und murmelte: �Diese alberne Frau.�</p><p>Meinte er Egwene?</p><p>�Meine Motive haben f�r Euch keine Bedeutung, mein Sohn�, fuhr der General fort. �Ihr seid keiner meiner Soldaten. Aber Ihr m�sst ein paar Entscheidungen treffen. In den kommenden Tagen m�sst Ihr eine Seite gew�hlt haben, und Ihr m�sst wissen, warum Ihr Euch f�r sie entschieden habt. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.�</p><p>Er trieb den Braunen zu einer schnelleren Gangart an. In der Ferne konnte Gawyn einen weiteren Wachtposten ausmachen. Er blieb zur�ck, als Bryne und seine Soldaten sich ihm n�herten.</p><p>Eine Seite w�hlen. Was war, wenn Egwene ihn <emphasis>nicht</emphasis> begleiten wollte?</p><p>Bryne hatte recht. Etwas zog herauf. Man konnte es in der Luft riechen, in dem schwachen Sonnenlicht sp�ren, das seinen Weg m�hsam durch die Wolken fand. Man konnte es schwach im Norden sp�ren, wo es wie eine unsichtbare Energie am dunklen Horizont knisterte.</p><p>Krieg, Schlachten, Konflikte, Ver�nderungen. Gawyn hatte das Gef�hl, nicht einmal eine Ahnung zu haben, wie die verschiedenen Seiten aussahen. Ganz zu schweigen davon, f�r welche er sich entscheiden sollte.</p></section><section><title><p>31</p><p>Ein Versprechen an Lews Therin</p></title><p>Cadsuane behielt den Umhang mitsamt seiner hochgeschlagenen Kapuze an, und das trotz der Schw�le, die ihre F�higkeit, die Hitze zu �ignorieren�, ausgesprochen strapazierte. Weder wagte sie es, den Umhang abzunehmen, noch die Kapuze zur�ckzuschlagen. Al�Thors Worte waren eindeutig gewesen; sollte er ihr Gesicht sehen, w�rde man sie hinrichten. Wegen ein paar Stunden Unbehagen w�rde sie nicht ihr Leben riskieren, selbst wenn sie glaubte, dass sich al�Thor in sein gerade erst beschlagnahmtes Herrenhaus zur�ckgezogen hatte. Der Junge erschien oft, wenn er unerw�nscht war oder man nicht mit ihm rechnete.</p><p>Nat�rlich w�rde sie sich von ihm nicht ins Exil schicken lassen. �ber je mehr Macht ein Mann verf�gte, umso gr��er die Wahrscheinlichkeit, dass er sich damit zum Narren machte. Gab man einem Mann eine Kuh, dann w�rde er sich sorgf�ltig um sie k�mmern und mit ihrer Milch seine Familie ern�hren. Gab man einem Mann zehn K�he, betrachtete er sich vermutlich als reich - und lie� sie alle verhungern, weil er sich nicht mehr richtig um sie k�mmerte.</p><p>Sie verlie� den B�rgersteig, passierte mit Bannern versehene Geb�ude, die wie aufeinandergestapelte Kisten aussahen. Sie war nicht gerade begeistert, wieder in Bandar Eban zu sein. Sie hatte nichts gegen die Domani; sie bevorzugte nur St�dte, die nicht so �berf�llt waren. Und mit den Problemen im Umland war der Ort noch voller als �blich. Trotz der Ger�chte um al�Thors Ankunft in der Stadt kamen noch immer Fl�chtlinge. Cadsuane passierte eine Gruppe in einer Gasse auf der linken Seite; eine Familie mit schmutzigen Gesichtern.</p><p>Al�Thor versprach Nahrung. Das brachte hungrige M�nder herbei, die es nicht eilig hatten, wieder auf ihre H�fe zur�ckzukehren, selbst nachdem man ihnen Lebensmittel gegeben hatte. Im Land herrschte noch zu gro�es Chaos, und die Nahrungsmittel hier waren zu frisch. Die Fl�chtlinge konnten nicht sicher sein, dass das Getreide nicht einfach verdarb wie so vieles in letzter Zeit. Nein, sie blieben und f�llten die Stadt bis in den letzten Winkel.</p><p>Cadsuane sch�ttelte den Kopf und ging weiter, die verflixten Holzschuhe klapperten auf dem h�lzernen B�rgersteig. Die Stadt war ber�hmt f�r diese langen, stabilen Wege, die den Passanten erlaubten, den Schlamm der Stra�en zu meiden. Pflastersteine h�tten das Problem aus der Welt geschafft, aber die Domani waren oft ausgesprochen stolz darauf, sich vom Rest der Welt zu unterscheiden. Ungenie�bares gew�rztes Essen mit furchtbarem Geschirr. Eine Hauptstadt voller alberner Banner, die sich an einen Hafen anschloss. Schamlose Kleider f�r die Frauen, lange schmale Schnurrbarte f�r die M�nner und eine beinahe schon meervolkhafte Vorliebe f�r Ohrringe.</p><p>Hunderte dieser Banner flatterten �ber Cadsuane im Wind, und sie biss die Z�hne zusammen, um nicht der Versuchung zu erliegen, die Kapuze zur�ckzuschlagen und den Wind im Gesicht zu sp�ren. Vom Licht verfluchte Meerluft. Normalerweise war Bandar Eban k�hl und regnerisch. Nur selten hatte sie es so warm erlebt. Und die Schw�le war schrecklich. Vern�nftige Leute blieben im Inland!</p><p>Sie passierte mehrere Stra�en, stapfte an den Kreuzungen durch den Schlamm. Das war ihrer Meinung nach ein alberner Fehler an den B�rgersteigen. Die Ortsans�ssigen wussten, an welchen Stra�en sie queren konnten und wo der Schlamm zu tief war, aber Cadsuane konnte sich das nicht aussuchen. Darum hatte sie sich diese Holzschuhe im tairenischen Stil besorgt, die sie �ber ihren Schuhen trug. Es war �berraschend schwer gewesen, einen Kaufmann zu finden, der sie verkaufte; offensichtlich hatten die Domani nur wenig Interesse daran, die meisten der Leute, denen sie begegnete, traten entweder barfu� in den Schlamm oder wussten, wo sie die Stra�e �berqueren konnten, ohne sich die Schuhe dreckig zu machen.</p><p>Auf halbem Wege zu den Docks erreichte sie endlich ihr Ziel. Das sch�ne Banner an der Fassade flatterte gegen die verzierte Holzfassade und verk�ndete, dass das Gasthaus den Namen <emphasis>Vom Wind beg�nstigt</emphasis> trug. Cadsuane trat ein und zog die Holzschuhe in dem schlammigen Vorraum aus, bevor sie die Gaststube betrat. Dort erlaubte sie sich endlich, die Kapuze zur�ckzuschlagen. Sollte al�Thor zuf�llig diesem Gasthaus einen Besuch abstatten, dann w�rde er sie eben h�ngen m�ssen.</p><p>Der Gemeinschaftsraum war eher passend f�r den Speisesaal eines K�nigs ausgestattet als f�r eine Schenke. Auf den Tischen lagen wei�e Tischdecken, und der lackierte Holzfu�boden war auf Hochglanz poliert. An den W�nden hingen geschmackvolle Stillleben - das Gem�lde hinter der Theke zeigte eine Obstschale, das auf der gegen�berliegenden Wand eine Blumenvase. Die Flaschen auf dem Brett hinter der Theke enthielten fast alle Wein, es gab nur wenig Branntwein oder andere Spirituosen.</p><p>Quillin Tasil, der schlanke Wirt, war ein hochgewachsener Andoraner. Das kurze dunkle Haar wurde oben bereits lichter, und der kurz geschnittene Vollbart war beinahe v�llig ergraut. Aus den �rmeln seines teuren lavendelfarbenen Mantels ragte wei�e Spitze, aber er trug eine Sch�rze dar�ber. F�r gew�hnlich hatte er gute Informationen, aber er war auch bereit, sich bei seinen Kollegen f�r sie umzuh�ren. In der Tat ein sehr n�tzlicher Mann.</p><p>Er l�chelte Cadsuane an, als sie eintrat, und wischte sich die H�nde an einem Handtuch ab. Mit einer Geste lud er sie ein, sich an einen Tisch zu setzen, dann ging er zur Theke, um Wein zu holen. Cadsuane nahm Platz, als zwei M�nner auf der anderen Seite des Raumes gerade anfingen, sich laut miteinander zu streiten. Die anderen G�ste - das waren nur vier, zwei Frauen an einem Tisch und zwei weitere M�nner an der Theke - ignorierten sie. Man konnte unm�glich Zeit in Arad Doman verbringen, ohne zu lernen, die h�ufigen Temperamentsausbr�che zu ignorieren. Die M�nner hier waren so hitzk�pfig wie Vulkane, und die meisten Leute waren sich darin einig, dass ihre Frauen daf�r verantwortlich waren. Diese beiden M�nner hier fingen nicht an, sich zu duellieren, wie es in Ebou Dar �blich gewesen w�re. Stattdessen br�llten sie sich ein paar Momente lang an, dann fingen sie an, miteinander �bereinzustimmen, dann bestanden sie darauf, dem jeweils anderen ein Glas auszugeben. Streit war allt�glich; Blutvergie�en eher die Ausnahme. Verletzungen waren schlecht f�rs Gesch�ft.</p><p>Quillin brachte den Becher Wein - er w�rde von seinem besten Jahrgang sein. Cadsuane hatte noch nie darum gebeten, aber sie hatte ihn auch noch nie abgelehnt.</p><p>�Frau K�ste�, sagte er in seinem leutseligen Tonfall, �ich w�nschte, ich h�tte fr�her gewusst, dass Ihr wieder in der Stadt seid! Ich habe nur durch Euren Brief davon erfahren!�</p><p>Cadsuane nahm den Becher entgegen. �Ich bin es nicht gewohnt, jeden meiner Bekannten �ber meinen Aufenthaltsort auf dem Laufenden zu halten, Meister Tasil.�</p><p>�Nat�rlich nicht, nat�rlich nicht�, erwiderte er und schien ihre scharfe Erwiderung �berhaupt nicht pers�nlich genommen zu haben. Sie hatte es noch nie geschafft, ihn zu provozieren. Das hatte sie immer neugierig gemacht.</p><p>�Das Gesch�ft scheint gut zu laufen�, sagte sie h�flich, was ihn dazu veranlasste, sich umzudrehen und seine G�ste zu betrachten. Es schien ihnen Unbehagen zu bereiten, auf einem gl�nzenden Boden an makellosen Tischen zu sitzen. Cadsuane war sich nicht sicher, ob es die einsch�chternde Sauberkeit war, die die Leute dem <emphasis>Vom Wind beg�nstigt</emphasis> fernhielten, oder ob es an Quillins nachdr�cklicher Weigerung lag, niemals Gaukler und Musikanten einzustellen. Er behauptete immer, sie w�rden die Atmosph�re verderben. In diesem Moment trat ein neuer Gast ein, der Schlamm hereintrug. Cadsuane konnte sehen, wie es Quillin in den Fingern juckte, sofort den Boden zu schrubben.</p><p>�Ihr da�, rief Quillin dem Mann zu. �Putzt Euch doch bitte vor dem Eintreten die Schuhe ab!�</p><p>Der Mann erstarrte, runzelte die Stirn und ging dann zur�ck, um der Bitte nachzukommen. Quillin seufzte und setzte sich an ihren Tisch. �Ehrlich, Frau K�ste, f�r meinen Geschmack ist hier in letzter Zeit viel zu viel los. Manchmal verliere ich den �berblick �ber meine G�ste! Leute gehen wieder, ohne etwas zu trinken bekommen zu haben, weil sie vergebens daraufwarten, dass ich mich um sie k�mmern kann.�</p><p>�Ihr k�nntet jemanden einstellen�, meinte sie. �Eine Serviermagd oder zwei.�</p><p>�Was? Und ihnen den ganzen Spa� �berlassen?� Er sagte das voller Ernst.</p><p>Cadsuane probierte den Wein. In der Tat ein ausgezeichneter Jahrgang, m�glicherweise sogar teuer genug, dass kein Gasthaus - ganz egal von welcher Klasse - ihn so ohne Weiteres ausschenken sollte. Sie seufzte. Quillins Ehefrau war eine der erfolgreichsten Seidenh�ndlerinnen der Stadt; viele Schiffe vom Meervolk kamen zu ihr, um mit ihr Handel zu treiben. Quillin hatte seiner Frau zwanzig Jahre lang die B�cher gef�hrt, bevor er in den Ruhestand gegangen war; sie waren beide wohlhabend.</p><p>Und was tat er mit seinem Verm�gen? Er�ffnete ein Gasthaus. Anscheinend war das immer ein Traum von ihm gewesen. Cadsuane hatte schon vor langer Zeit aufgeh�rt, die seltsamen Neigungen von Leuten infrage zu stellen, die zu viel freie Zeit hatten.</p><p>�Was gibt es denn Neues in der Stadt?�, fragte sie und schob einen kleinen Beutel voller M�nzen �ber den Tisch.</p><p>� Gute Frau, Ihr beleidigt mich �, sagte er und hob die H�nde. �Ich k�nnte Euer Geld niemals annehmen!�</p><p>Sie hob eine Braue. �Ich habe heute nur wenig Geduld f�r Spielchen, Meister Tasil. Wenn Ihr es nicht behalten wollt, dann gebt es den Armen. Das Licht wei�, dass es davon genug in der Stadt gibt.�</p><p>Er seufzte, dann steckte er den Geldbeutel widerstrebend ein. Vielleicht war das der Grund, warum sein Gemeinschaftsraum oft leer war; ein Wirt, dem Geld egal war, war in der Tat ein seltsames Gesch�pf. Viele gew�hnliche M�nner w�rden Quillin genauso unbehaglich finden wie den makellos sauberen Boden und die geschmackvolle Dekoration.</p><p>Allerdings war Quillin eine sehr gute Informationsquelle. Seine Frau teilte den Klatsch, den sie h�rte, mit ihm. Offensichtlich wusste er, dass Cadsuane eine Aes Sedai war; das verriet schon ihr Gesicht. Seine �lteste Tochter Namine war zur Wei�en Burg gegangen, hatte sich f�r die Braunen entschieden und in die Bibliothek zur�ckgezogen. Eine Domani-Bibliothekarin war nichts Ungew�hnliches - die Terhana-Bibliothek in Bandar Eban war eine der gr��ten auf der ganzen Welt. Aber Namines m�helose, aber scharfsichtige Einsicht in das Tagesgeschehen war so au�ergew�hnlich gewesen, dass Cadsuane der Verbindung in der Hoffnung gefolgt war, Eltern in Schl�sselpositionen zu finden. Eine Tochter in der Wei�en Burg zu haben machte Leute Aes Sedai gegen�ber oft zug�nglich. Das hatte sie zu Quillin gef�hrt. Zwar traute sie ihm nicht ganz �ber den Weg, aber irgendwie mochte sie ihn.</p><p>�Was es in der Stadt Neues gibt?�, fragte Quillin. Also ehrlich, welcher Wirt trug unter der Sch�rze eine seidenbestickte Weste? Kein Wunder, dass die Leute das Gasthaus seltsam fanden. � Wo soll ich anfangen? In letzter Zeit kann man kaum auf dem Laufenden bleiben!�</p><p>�Fangt mit Alsalam an�, sagte Cadsuane und trank einen Schluck Wein. �Wann hat man ihn zuletzt gesehen?�</p><p>�Verl�ssliche Zeugen oder H�rensagen?�</p><p>�Beides.�</p><p>�Seit einer Woche gibt es weniger Windgeborene und Kaufleute, die behaupten, pers�nliche Botschaften von dem K�nig erhalten zu haben, meine Lady, aber ich betrachte solche Behauptungen mit Skepsis. Nach der � Abwesenheit des K�nigs tauchten sehr schnell gef�lschte Briefe auf, die vorgaben, seine W�nsche zu diktieren. Ich selbst habe mit eigenen Augen ein paar Befehle gesehen, denen ich vertrauen w�rde, oder zumindest vertraue ich ihrem Siegel, aber den K�nig selbst? Ich w�rde sagen, es ist beinahe ein halbes Jahr her, dass ich mich daf�r verb�rgen w�rde, dass ihn jemand gesehen hat.�</p><p>�Was ist mit seinem Aufenthaltsort?�</p><p>Der Wirt zuckte mit den Schultern und sah bedauernd aus. �Eine Weile waren wir uns sicher, dass der Kaufmannsrat hinter seinem Verschwinden steckte. Die Ratsherren lie�en den K�nig selten aus den Augen, und bei den Problemen im S�den hatten wir alle angenommen, dass sie Seine Majest�t in Sicherheit gebracht hatten.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Aber meine Quellen �� - damit war seine Frau gemeint -�� sind davon nicht l�nger �berzeugt. Der Kaufmannsrat war in letzter Zeit zu desorganisiert, jedes Mitglied versucht zu verhindern, dass sein Teil von Arad Doman auseinanderf�llt. H�tten sie den K�nig, h�tten sie ihn mittlerweile der �ffentlichkeit pr�sentiert.�</p><p>Cadsuane tippte �rgerlich mit dem Fingernagel gegen den Becher. Hatte der junge al�Thor wom�glich recht und eine der Verlorenen hatte Alsalam entf�hrt? �Was noch?�</p><p>�Aiel sind in der Stadt, Lady�, sagte Quillin und rieb �ber einen unsichtbaren Fleck auf dem Tisch.</p><p>Sie schenkte ihm einen d�steren Blick. �Das ist mir gar nicht aufgefallen.�</p><p>Er kicherte. �Ja, ja, offensichtlich, nehme ich an. Aber ihre genaue Zahl in der Gegend betr�gt vierundzwanzigtausend. Manche sagen, der Wiedergeborene Drache hat sie nur geholt, um seine Macht zu demonstrieren. Wer h�tte schlie�lich je geh�rt, dass Aiel Essen verteilen? Die H�lfte der Armen in der Stadt haben zu viel Angst, um zu den Verteilungsst�tten zu gehen: sie glauben, die Aiel h�tten das Getreide mit ihrem Gift behandelt.�</p><p>�Aielgift?� Das Ger�cht hatte sie allerdings auch noch nie geh�rt.</p><p>Quillin nickte. �Manche behaupten, das sei der Grund f�r die verdorbenen Lebensmittel, meine Lady.�</p><p>�Aber die Nahrung im Land verdarb doch schon lange vor der Ankunft der Aiel, oder nicht?�</p><p>�Ja, ja nat�rlich�, sagte Quillin. �Aber angesichts von so viel verdorbenem Korn f�llt es unter Umst�nden schwer, sich daran zu erinnern. Davon abgesehen ist es seit der Ankunft des Lord Drachen viel schlimmer geworden.�</p><p>Cadsuane �berspielte ihr Stirnrunzeln mit einem Schluck Wein. Mit al�Thors Ankunft war es schlimmer geworden? War das blo� ein weiteres Ger�cht oder die Wahrheit? Sie senkte den Becher. �Und die anderen seltsamen Geschehnisse in der Stadt?�, fragte sie vorsichtig, um zu sehen, was sie noch in Erfahrung bringen konnte.</p><p>�Ihr habt davon geh�rt?� Quillin beugte sich n�her zu ihr heran. �Nat�rlich sprechen die Leute nicht gern dar�ber, aber meine Quellen h�ren trotzdem so einiges. Totgeborene Kinder, M�nner, die bei St�rzen sterben, bei denen man kaum einen blauen Flecken davontragen sollte, Steine, die von Geb�uden fallen und Frauen beim Einkauf t�ten. Gef�hrliche Zeiten, meine Lady. Ich hasse es, nur H�rensagen weiterzugeben, aber ich habe die Zahlen selbst gesehen!�</p><p>Diese Ereignisse kamen im Grunde nicht unerwartet. �Nat�rlich darf man den Ausgleich nicht au�er Acht lassen.�</p><p>� Den Ausgleich?�</p><p>�Mehr Heiraten�, sagte sie mit einer Handbewegung. �Kinder, die wilden Tieren begegnen, aber unverletzt entkommen, unerwartete Sch�tze, die ein Armer unter seinem Fu�boden entdeckt. Diese Art Dinge eben.�</p><p>�Das w�re auf jeden Fall sch�n�, sagte Quillin kichernd. �Wir k�nnen ja hoffen, meine Lady.�</p><p>�Ihr habt keine solchen Geschichten geh�rt?�, fragte Cadsuane �berrascht.</p><p>�Nein, meine Lady, aber ich kann mich umh�ren.�</p><p>�Tut das.� Al�Thor war <emphasis>ta�veren,</emphasis> aber beim Muster ging es um das Gleichgewicht. F�r jeden durch Rands Anwesenheit in der Stadt verursachten zuf�lligen Tod gab es immer eine wunderbare Rettung.</p><p>Was hatte es zu bedeuten, wenn das nicht mehr funktionierte?</p><p>Sie stellte Quillin genaue Fragen, und oben auf der Liste stand der Aufenthaltsort der Angeh�rigen des Kaufmannsrats. Sie wusste, dass der junge al�Thor sie alle einfangen wollte; wenn sie Informationen �ber ihren Aufenthaltsort bekommen konnte, die er nicht hatte, so konnte das sehr n�tzlich sein. Sie bat Quillin auch, etwas �ber die wirtschaftliche Situation in den anderen domanischen St�dten herauszufinden und alle Neuigkeiten �ber Rebellenfraktionen von Tarabonern zu sammeln, die von jenseits der Grenze zuschlugen.</p><p>Als sie das Gasthaus verlie� und z�gernd die Kapuze wieder hochschlug, um in den schw�len Nachmittag hinauszutreten, wurde ihr bewusst, dass Quillins Worte ihr mehr Fragen als Antworten aufgezeigt hatten.</p><p>Es sah nach Regen aus. Aber so sah es in letzter Zeit immer aus. Bew�lkt und ungem�tlich, grauer Himmel und graue Wolken, die zu einem gleichf�rmigen Dunst verschmolzen. Wenigstens hatte es vergangene Nacht geregnet; aus irgendeinem Grund machte das den bew�lkten Himmel ertr�glicher. Als w�re es nat�rlicher und w�rde ihr erlauben, so zu tun, als w�re das ununterbrochene Zwielicht kein weiteres Zeichen der Aktivit�ten des Dunklen K�nigs. Er hatte die Menschen mit einer D�rre ausgehungert, hatte sie durch einen pl�tzlichen Winterbruch erfrieren lassen, und jetzt schien er entschlossen, sie durch pure Melancholie zu vernichten.</p><p>Cadsuane sch�ttelte den Kopf, stie� ihre Holzschuhe gegen den Boden, um sich zu vergewissern, dass sie auch fest sa�en, dann betrat sie den verschlammten B�rgersteig und schlug die Richtung zum Hafen ein. Sie w�rde sich selbst vergewissern, was an den Ger�chten �ber verdorbene Lebensmittel dran war. Waren die seltsamen Ereignisse in al�Thors Umgebung tats�chlich zerst�rerischer geworden, oder wollte sie einfach nur ihre Bef�rchtungen best�tigt sehen?</p><p>Al�Thor. Sie musste sich der Wahrheit stellen: Sie hatte ihn einfach falsch angefasst und war darin gescheitert, ihn zu lenken. Nat�rlich hatte sie keine Fehler mit dem m�nnlichen <emphasis>Adam</emphasis> gemacht, ganz egal, was al�Thor auch behauptete. Wer auch immer den Kragen gestohlen hatte, war ausgesprochen m�chtig und geschickt gewesen. Und jeder, der zu so einer Tat f�hig gewesen war, h�tte sich genauso gut ein anderes <emphasis>Adam</emphasis> von den Seanchanern holen k�nnen. Vermutlich hatten die eine ganze Menge davon.</p><p>Nein, das <emphasis>Adam</emphasis> war aus ihrem Zimmer geholt worden, um Misstrauen zu s�en, davon war sie �berzeugt. Vielleicht hatte der Diebstahl sogar etwas anderes vertuschen sollen: die R�ckgabe der Statuette an al�Thor. Seine Stimmung war so finster geworden, da konnte man unm�glich vorhersehen, welche Zerst�rungen er damit anrichten w�rde.</p><p>Der arme dumme Junge. Er h�tte niemals erleiden d�rfen, von einer Verlorenen an den Kragen gelegt zu werden; das w�rde ihn nur an die Zeit erinnert haben, als ihn Aes Sedai eingesperrt und gepr�gelt hatten. Der Zwischenfall w�rde ihre Aufgabe viel schwieriger machen. Wenn nicht sogar unm�glich.</p><p>Das war die Frage, mit der sie sich jetzt besch�ftigen musste. War er �berhaupt noch zu retten? War es zu sp�t, ihn zu �ndern? Und wenn es das war, was konnte sie dann �berhaupt noch tun? Der Wiedergeborene Drache <emphasis>musste</emphasis> dem Dunklen K�nig am Shayol Ghul gegen�bertreten. Tat er es nicht, war alles verloren. Aber was war, wenn das Zusammentreffen mit dem Dunklen K�nig genauso katastrophal endete?</p><p>Nein. Sie weigerte sich einfach zu glauben, dass die Schlacht bereits verloren war. Es musste etwas geben, das man tun konnte, um al�Thor in eine andere Richtung zu lenken. Aber was?</p><p>Al�Thor hatte anders als die meisten Bauern reagiert, denen pl�tzlich Macht verliehen worden war; er war weder selbsts�chtig noch engherzig geworden. Er hatte keine Reicht�mer angeh�uft und sich auch nicht mit kindischer Rachsucht gegen jeden gewandt, der ihm in seiner Jugend mal etwas getan hatte. Tats�chlich hatten viele seiner Entscheidungen sogar Weisheit gezeigt - zumindest diejenigen, bei denen er sich nicht in Gefahr hatte begeben m�ssen.</p><p>Cadsuane passierte domanische Fl�chtlinge in ihrer �bertrieben bunten Kleidung. Gelegentlich musste sie um Gruppen herumgehen, die auf den feuchten Bohlen sa�en, provisorische Lager, die an Gassenm�ndungen oder vor ungenutzten Seiteneing�ngen wuchsen. Niemand machte ihr Platz. Was nutzte einem das Gesicht einer Aes Sedai, wenn man es verh�llte? In dieser Stadt gab es einfach zu viele Menschen.</p><p>In der N�he einer Reihe von Wimpeln, die den Namen der Hafenregistratur buchstabierten, verlangsamte Cadsuane den Schritt. Die Docks selbst lagen direkt voraus und wurden nun von doppelt so vielen Schiffen des Meervolks belegt als zuvor; darunter waren viele Klipper, die gr��te Klasse der Meervolkschiffe. Etliche davon waren umgebaute seanchanische Schiffe, die vermutlich bei dem Massenausbruch aus Ebou Dar vor kurzem erobert worden waren.</p><p>Auf dem Kai wimmelte es von Leuten, die ungeduldig auf Getreide warteten. Die Menge dr�ngte sich und br�llte und wirkte nicht im Mindesten, als sorgte sie sich wegen des �Gifts�, das Quillin erw�hnt hatte. Nat�rlich verdr�ngte Hunger viele Bef�rchtungen. Hafenarbeiter kontrollierten die Menge; unter ihnen befanden sich auch Aiel im braunen <emphasis>Cadin�sor,</emphasis> die ihre Speere hielten und so finster dreinschauten, wie es nur Aiel konnten. Anscheinend war auch eine ordentliche Zahl an Kaufleuten vertreten, die vermutlich hofften, sich einige der Zuteilungen zu sichern, um sie dann sp�ter verkaufen zu k�nnen.</p><p>Eigentlich sah es auf den Docks wie an jedem Tag seit al�Thors Ankunft aus. Was hatte sie innehalten lassen? Da war ein Kribbeln in ihrem R�cken, als w�rde �</p><p>Sie drehte sich um und entdeckte eine Prozession, die die schlammige Stra�e entlanggeritten kam. Al�Thor sa� stolz auf seinem schwarzen Pferd; seine Kleidung passte im Farbton und wies nur dezente rote Stickereien auf. Wie gew�hnlich war er von einem Haufen Soldaten, Berater und einer wachsenden Zahl domanischer Speichellecker umgeben.</p><p>Cadsuane hatte den Eindruck, dass sie ihm immer h�ufiger auf den Stra�en begegnete. M�hsam zwang sie sich, dort stehen zu bleiben und nicht in eine Gasse zu huschen, aber sie zog die Kapuze ein St�ck tiefer, damit ihr Gesicht im Schatten lag. Al�Thor lie� sich nicht anmerken, ob er sie erkannt hatte, als er direkt an ihr vorbeiritt. Wie so oft schien er v�llig in seine Gedanken versunken zu sein. Cadsuane wollte ihm zurufen, er solle schneller handeln, sich die Krone von Arad Doman sichern und Weiterreisen, aber sie hielt den Mund. Sie w�rde ihr beinahe dreihundert fahre w�hrendes Leben <emphasis>nicht</emphasis> durch die Hinrichtung durch den Wiedergeborenen Drachen beenden lassen!</p><p>Sein Gefolge zog vorbei. Als sie sich abwandte, glaubte sie wie zuvor im Augenwinkel eine <emphasis>Dunkelheit</emphasis> um ihn herum zu sehen, als w�rden die Wolken am Himmel zu viel Schatten spenden. Sah sie ihn direkt an, verschwand sie - tats�chlich konnte sie sie nicht erkennen, wenn sie bewusst danach Ausschau hielt. Sie erschien immer nur dann, wenn sie ihn indirekt wahrnahm, und dann auch nur zuf�llig.</p><p>In ihren vielen fahren hatte Cadsuane noch nie zuvor so etwas geh�rt oder davon gelesen. Es bei dem Wiedergeborenen Drachen zu sehen machte ihr Angst. Diese Angelegenheit war gr��er als ihr Stolz geworden, auch viel gr��er als ihr Scheitern. Nein. Diese Angelegenheit war <emphasis>immer</emphasis> gr��er als sie selbst gewesen. Al�Thor zu f�hren hatte nie �hnlichkeit damit gehabt, ein galoppierendes Pferd zu lenken, es war wie der Versuch, einen Sturm auf dem Ozean zu lenken!</p><p>Cadsuane w�rde es <emphasis>nie</emphasis> schaffen, seinen Kurs zu �ndern. Er vertraute den Aes Sedai nicht, und das aus gutem Grund. Er schien niemandem zu vertrauen, ausgenommen vielleicht Min - aber Min hatte jedem ihrer Versuche widerstanden, sie mit einzubeziehen. Das M�dchen war beinahe genauso schlimm wie al�Thor.</p><p>Ein Besuch der Docks war sinnlos. Die Unterhaltung mit ihren Informanten war sinnlos. Wenn sie nicht <emphasis>bald</emphasis> etwas unternahm, waren sie alle zum Untergang verurteilt. Aber was? Sie lehnte sich gegen das Geb�ude; �ber ihr flatterten dreieckige Banner und zeigten nach Norden. Zur F�ule und al�Thors Schicksal.</p><p>Da kam ihr eine Idee. Sie ergriff sie wie eine Ertrinkende in st�rmischer See. Sie konnte nicht sagen, was damit alles verbunden sein mochte, aber es war ihre einzige Hoffnung.</p><p>Cadsuane fuhr auf dem Absatz herum und eilte in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen war. Den Kopf hielt sie gesenkt und wagte es kaum, an ihren Plan zu denken. Er konnte so leicht scheitern. Falls al�Thor tats�chlich so sehr von seiner Wut dominiert wurde, wie sie bef�rchtete, dann w�rde ihm auch das nicht helfen.</p><p>Aber wenn er wirklich schon so weit war, dann w�rde ihm gar nichts mehr helfen. Das bedeutete, dass sie nichts zu verlieren hatte. Nichts als die Welt selbst.</p><p>Sie bahnte sich einen Weg durch die Massen und lief gelegentlich �ber die schlammige Stra�e, um sie zu umgehen, und schlie�lich erreichte sie das Herrenhaus. Aiel hatten das Lager von Dobraines Waffenm�nnern �bernommen. Allerdings kampierten sie �berall, auf dem Gel�nde oder in einem Fl�gel des Geb�udes, andere auch in benachbarten H�usern.</p><p>Cadsuane begab sich in den Fl�gel, der den Aiel geh�rte, und keiner hielt sie auf. Sie genoss bei den Aiel Privilegien, die keine der anderen Schwestern hatte. Sorilea und die anderen Weisen Frauen hielten gerade in einer der Bibliotheken eine Besprechung ab. Nat�rlich sa�en sie auf dem Boden. Sorilea nickte Cadsuane bei ihrem Eintreten zu. Sie bestand nur aus ledriger Haut und Knochen, aber keiner h�tte sie als hinf�llig bezeichnet. Nicht mit diesen Augen, die aus einem Gesicht blickten, das zu jung f�r ihr Alter war, obwohl Wind und Sonne ihm ihren Tribut abgefordert hatten. Wieso nur konnten die Weisen Frauen so lange leben, ohne die Alterslosigkeit der Aes Sedai zu erringen? Noch eine Frage, auf die Cadsuane noch keine Antwort gefunden hatte.</p><p>Sie schlug die Kapuze zur�ck und gesellte sich auf den Boden zu den Weisen Frauen und verzichtete sogar auf ein Kissen. Sie sah Sorilea in die Augen. �Ich habe versagt�, erkl�rte sie.</p><p>Die Weise Frau nickte, als h�tte sie das Gleiche gedacht. Cadsuane zwang sich, sich ihren �rger nicht anmerken zu lassen.</p><p>�Im Scheitern liegt keine Schande begr�ndet�, sagte Bair, �wenn dieses Scheitern die Schuld von jemand anderem war.�</p><p>Amys nickte. �Der <emphasis>Car�a�carn</emphasis> ist sturer als alle anderen M�nner zusammen, Cadsuane Sedai. Ihr schuldet uns kein <emphasis>Toh.�</emphasis></p><p>�Schande oder <emphasis>Toh�,</emphasis> sagte Cadsuane, �das alles ist bald irrelevant. Aber ich habe einen Plan. Werdet ihr mir helfen?� Die Weisen Frauen tauschten einen Blick aus. �Was f�r einen Plan?�, fragte Sorilea. Cadsuane l�chelte, dann fing sie an zu erkl�ren.</p><empty-line/><p>Rand warf einen Blick �ber die Schulter und sah zu, wie Cadsuane davonhuschte. Vermutlich glaubte sie, er h�tte sie da an der Stra�enseite nicht bemerkt. Der Kapuzenumhang verbarg ihr Gesicht, aber nichts konnte diese selbstbewusste Pose verstecken, nicht einmal diese albernen Schuhe. Selbst als sie sich beeilte, erschien sie beherrscht, und andere gingen ihr automatisch aus dem Weg.</p><p>Sie kokettierte mit seinem Verbot, folgte ihm auf diese Weise durch die Stadt. Allerdings hatte sie ihm nicht ihr Gesicht gezeigt, also lie� er sie gehen. Vermutlich war es ein schlechter Zug gewesen, sie �berhaupt ins Exil zu schicken, aber das lie� sich jetzt nicht mehr r�ckg�ngig machen. In Zukunft w�rde er einfach sein Temperament z�geln m�ssen. Es in Eis h�llen und tief in seiner Brust vor sich hin dampfen lassen, wo es wie ein zweites Herz pulsierte.</p><p>Er wandte sich wieder den Docks zu. Eigentlich gab es f�r ihn keinen guten Grund, die Nahrungsmittelverteilung pers�nlich zu kontrollieren. Aber ihm war nicht entgangen, dass die Chancen, dass das Korn auch die erreichte, die es brauchten, sich bedeutend erh�hten, wenn alle wussten, dass sie unter Beobachtung standen. Das hier waren Menschen, die zu lange ohne K�nig gelebt hatten; sie verdienten zu erleben, dass jemand Autorit�t aus�bte.</p><p>Am Kai lenkte er Tai�daishar an den Docks vorbei und schlug ein gem�chliches Tempo ein. Er warf dem Asha�man an seiner Seite einen Blick zu. Naeff hatte ein starkes, ebenm��iges Gesicht und den schmalen Wuchs eines Kriegers; er war bei der K�niglichen Garde von Andor gewesen, bevor er w�hrend der Herrschaft von � Lord Gaebril� angewidert den Dienst quittiert hatte. Naeff hatte seinen Weg zur Schwarzen Burg gefunden, und jetzt trug er sowohl Schwert als auch Drachen.</p><p>Irgendwann w�rde Rand ihn entweder zu seiner Aes Sedai zur�ckkehren lassen m�ssen - Naeff geh�rte zu den Ersten, die einen Bund eingegangen waren - oder sie holen lassen. Allerdings verabscheute er den Gedanken, eine weitere Aes Sedai in der N�he zu haben, auch wenn Nelavaire Demasiellin, eine Gr�ne, f�r eine Aes Sedai relativ angenehm war.</p><p>�Fahrt fort�, sagte er zu Naeff. Der Asha�man hatte Botschaften �berbracht und sich zusammen mit Bashere mit den Seanchanern getroffen.</p><p>�Nun, mein Lord�, sagte Naeff, �das ist nur so ein Gef�hl, aber ich glaube nicht, dass sie Katar als Treffpunkt akzeptieren. Sie werden immer schwierig, wenn Lord Bashere oder ich es erw�hnen, behaupten, sie m�ssten erst weitere Instruktionen von der Tochter der Neun Monde einholen. Ihrem Tonfall ist anzumerken, dass die �Instruktionen� besagen werden, dass der Ort nicht akzeptabel ist.�</p><p>�Katar ist neutraler Boden�, sagte Rand leise, �weder in Arad Doman noch tief in den von den Seanchanern gehaltenen Gebieten.�</p><p>�Ich wei�, mein Lord. Wir haben es versucht. Das haben wir wirklich, mein Ehrenwort.�</p><p>�Also gut. Wenn sie da weiter so stur sind, suche ich einen anderen Ort aus. Kehrt zu ihnen zur�ck und sagt ihnen, dass wir uns in Falme treffen.�</p><p>Hinter ihnen stie� Flinn einen leisen Pfiff aus.</p><p>�Mein Lord�, sagte Naeff, �das liegt weit <emphasis>hinter</emphasis> der seanchanischen Grenze.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Rand und warf Flinn einen Blick zu. �Aber es hat eine gewisse � historische Signifikanz. Wir werden sicher sein; diese Seanchaner sind von ihrer Ehre gefangen. Sie werden nicht angreifen, wenn wir unter dem Banner des Waffenstillstands kommen.�</p><p>�Seid Ihr Euch da sicher?�, fragte Naeff leise. �Mir gef�llt es gar nicht, wie sie mich ansehen, mein Lord. Da liegt Verachtung in ihrem Blick, bei jedem Einzelnen von ihnen. Verachtung und Mitleid, als w�re ich ein ausgesetzter Hund, der hinter der Schenke im Abfall nach Essen sucht. Soll man mich doch zu Asche verbrennen, aber es macht mich krank.�</p><p>�Sie halten ihre Kragen bereit, mein Lord�, meinte Flinn. �Waffenstillstand oder nicht, es wird ihnen in den Fingern jucken, uns alle an die Leine zu legen.�</p><p>Rand schloss die Augen und behielt die Wut in sich, f�hlte die salzige Meeresbrise. Er �ffnete sie wieder und schaute in den von dunkeln Wolken erf�llten Himmel. Er w�rde nicht an den Kragen um seinen Hals denken, wie seine Hand Min erw�rgte. Das lag in der Vergangenheit.</p><p>Er war h�rter als Stahl. Man konnte ihn nicht brechen.</p><p>�Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> mit den Seanchanern Frieden schlie�en�, sagte er. �Allen unterschiedlichen Ansichten zum Trotz.�</p><p>�Unterschiedliche Ansichten?�, fragte Flinn. �Nun, ich w�rde das wirklich nicht als unterschiedliche Ansichten bezeichnen, mein Lord. Sie wollen jeden Einzelnen von uns versklaven, vielleicht sogar hinrichten. Und sie glauben auch noch, uns damit einen <emphasis>Gefallen</emphasis> zu tun!�</p><p>Rand erwiderte seinen Blick. Flinn war kein Rebell; er war so loyal, wie das nur m�glich war. Trotzdem lie� Rand ihn in sich zusammenfallen und den Kopf senken. Mangelnde Einigkeit konnte nicht toleriert werden. Mangelnde Einigkeit und L�gen hatten ihm den Kragen umgelegt. Das w�rde nie wieder passieren.</p><p>�Es tut mir leid, mein Lord�, sagte Flinn schlie�lich. �Ich will verflucht sein, wenn Falme keine gro�artige Wahl ist! Ihr werdet sie furchtsam in den Himmel schauen lassen, das werdet Ihr.�</p><p>��berbringt die Botschaft, Naeff�, sagte Rand. �Ich will, dass das erledigt ist.�</p><p>Naeff nickte, zog das Pferd herum und trabte von der Kolonne fort, gefolgt von einer kleinen Gruppe Aielw�chter. Reisen mit der Macht konnte man nur von einem Ort aus, den man gut kannte, also konnte er nicht einfach vom Dock aus aufbrechen. Rand ritt weiter, schwer besorgt �ber Lews Thenns Schweigen. In letzter Zeit war der Verr�ckte ungew�hnlich zur�ckhaltend gewesen. Eigentlich h�tte Rand dar�ber froh sein m�ssen, aber es bereitete ihm Sorgen. Es hatte etwas mit dieser namenlosen Macht zu tun, die er ber�hrt hatte. Noch immer h�rte er den Irren oft voller Angst weinen und gefl�sterte Selbstgespr�che halten.</p><p>�Rand?�</p><p>Er drehte sich um. Er hatte Nynaeves Pferd gar nicht kommen h�ren. Sie trug ein gewagtes gr�nes Kleid, das nach dem Standard der Domani zwar pr�de war, aber trotzdem weitaus mehr enth�llte, als sie in den Zwei Fl�ssen je gezeigt h�tte. <emphasis>Sie hat das Recht, sich zu ver�ndern,</emphasis> dachte er. <emphasis>Was ist schon ein freiz�gigeres Kleid verglichen mit der Tatsache, dass ich Exile und Hinrichtungen befohlen habe?</emphasis></p><p>�Wie sieht deine Entscheidung aus?�, fragte sie.</p><p>�Wir treffen sie in Falme.�</p><p>Sie murmelte etwas Unh�rbares.</p><p>�Was?�, fragte er.</p><p>�Oh, nur etwas dar�ber, dass du ein wollk�pfiger Narr bist�, sagte sie mit trotzigem Blick.</p><p>�Sie werden sich mit Falme einverstanden erkl�ren.�</p><p>�Ja. Es spielt dich ihnen genau in ihre H�nde.�</p><p>�Nynaeve, ich kann es mir nicht leisten, darauf zu warten�, entgegnete er. �Das ist ein Risiko, das wir eingehen m�ssen. Aber ich bezweifle, dass sie angreifen.�</p><p>�So wie beim letzten Mal? Als sie dir deine Hand genommen haben?�</p><p>Er schaute auf seinen Stumpf. �Es ist unwahrscheinlich, dass sie dieses Mal einen der Verlorenen dabeihaben.�</p><p>�Kannst du dir da sicher sein?�</p><p>Er sah sie an, und sie hielt seinem Blick stand, etwas, zu dem im Moment nur wenige Leute f�hig zu sein schienen. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf. �Sicher kann ich mir da nicht sein.�</p><p>Sie schnaubte zur Erwiderung und brachte so zum Ausdruck, dass sie diesen Punkt gewonnen hatte. �Nun, wir werden einfach nur besonders vorsichtig sein m�ssen. Vielleicht wird die Erinnerung an deinen letzten Besuch in Falme ihnen ja Unbehagen bereiten.�</p><p>�Das hoffe ich.�</p><p>Wieder murmelte sie etwas vor sich hin, aber er konnte es nicht verstehen. Aus Nynaeve w�rde nie eine ideale Aes Sedai; dazu ging sie viel zu offen mit ihren Gef�hlen um, vor allem mit ihrem Temperament. Rand sah das nicht als Fehler, wenigstens wusste er immer, wo er mit Nynaeve stand. Wenn es um Intrigen ging, hatte sie zwei linke H�nde, und das machte sie wertvoll. Er vertraute ihr. Als einer von wenigen.</p><p><emphasis>Wir vertrauen ihr, nicht wahr?,</emphasis> fragte Lews Therin. <emphasis>K�nnen wir das?</emphasis></p><p>Rand antwortete nicht. Er vollendete seinen Rundgang an den Docks. Nynaeve blieb an seiner Seite. Sie schien schlechter Stimmung zu sein, auch wenn sich Rand keinen Grund daf�r denken konnte. Dank Cadsuanes Verbannung konnte Nynaeve nun die Rolle als seine wichtigste Beraterin einnehmen. Erfreute sie das denn nicht?</p><p>Vielleicht sorgte sie sich ja um Lan. Als Rand die Prozession wieder zur Stadtmitte f�hrte, fragte er: �Hast du etwas von ihm geh�rt?�</p><p>Nynaeve kniff die Augen zusammen. �Wen meinst du?�</p><p>�Du wei�t genau, wen ich meine�, sagte Rand und ritt an einer Reihe roter Banner vorbei, von denen jedes dieselbe Familie verk�ndete.</p><p>�Was er tut, geht dich nichts an�, sagte Nynaeve.</p><p>�Die ganze Welt geht mich etwas an, Nynaeve.� Er sah sie an. �W�rdest du mir da nicht zustimmen?�</p><p>Sie �ffnete den Mund, zweifellos um ihn anzufauchen, knickte aber ein, als sie seinen Blick erwiderte. <emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte er, als er das Unbehagen in ihrer Miene erkannte. <emphasis>Jetzt kann ich das auch mit Nynaeve machen. Was sehen sie nur, wenn sie mich anschauen?</emphasis> Der Ausdruck in ihren Augen fl��te ihm beinahe Furcht vor sich selbst ein.</p><p>�Lan wird es gut gehen�, murmelte sie und schaute zur Seite.</p><p>�Er ist nach Malkier geritten, oder?� Sie err�tete.</p><p>�Wie lange ist das her?�, wollte Rand wissen. �Er hat die Gro�e F�ule noch nicht erreicht, nicht wahr?� Lan hatte die Freiheit erhalten, dem zu folgen, was er sowohl als seine Pflicht wie auch sein Schicksal ansah, und er w�rde allein auf sich gestellt direkt nach Malkier reiten. Das K�nigreich - sein K�nigreich - war schon vor Jahrzehnten von der F�ule verschlungen worden. Damals war er noch ein S�ugling gewesen.</p><p>�Vielleicht zwei oder drei Monate�, erwiderte sie. �Vielleicht auch etwas l�nger. Er reitet nach Schienar, zum Tarwin-Pass, und wenn er es allein tun muss.�</p><p>�Er sucht nach Vergeltung�, sagte Rand leise. �Um das zu r�chen, was nicht verteidigt werden kann.�</p><p>�Er tut seine Pflicht!�, sagte Nynaeve. �Aber � ich mache mir Sorgen wegen seines Leichtsinns. Er hat darauf bestanden, dass ich ihn in die Grenzlande bringe, also habe ich es getan, aber ich habe ihn in Saldaea zur�ckgelassen. Ich wollte, dass er so weit wie m�glich vom Tarwin-Pass entfernt ist. Er wird schwieriges Gebiet durchqueren m�ssen, um an sein Ziel zu gelangen.�</p><p>Eisesk�lte ergriff Rand, als er sich vorstellte, wie Lan zum Pass ritt. Im Grunde in den Tod ritt. Aber daran lie� sich nichts �ndern. �Es tut mir leid, Nynaeve�, sagte er, obwohl er es nicht f�hlte. In letzter Zeit hatte er Probleme, etwas zu f�hlen, egal was.</p><p>�Glaubst du, ich habe ihn allein losgeschickt?�, fauchte sie. �Ihr seid beide Wollk�pfe! Ich habe daf�r gesorgt, dass er sein eigenes Heer bekommt, auch wenn er es nicht wollte.�</p><p>Dazu war sie m�helos f�hig. Vermutlich hatte sie dem Rest der Malkieri in Lans Namen eine Warnung geschickt. Lan stellte eine seltsame Mischung dar; er weigerte sich, das Banner von Malkier zu erheben oder seinen Platz als sein K�nig einzunehmen, denn er bef�rchtete, die letzten seiner Landsleute in den Tod zu f�hren. Und doch war er bereit, im Namen der Ehre ganz allein in den gleichen Tod zu reiten.</p><p><emphasis>Ist es das, was ich auch tun sollte?,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Im Namen der Ehre in den Tod zu reiten? Aber nein, das ist anders. Lan hat eine Wahl.</emphasis> Es gab keine Prophezeiungen, die voraussagten, dass Lan sterben w�rde, was auch immer der Mann �ber sein Schicksal denken mochte.</p><p>�Er k�nnte trotzdem Hilfe gebrauchen�, fuhr Nynaeve unbehaglich fort. Um Hilfe zu bitten bereitete ihr immer Unbehagen. �Sein Heer wird nur klein sein. Ich bezweifle, dass sie den Trollocs lange standhalten k�nnen.�</p><p>�Wird er angreifen?�</p><p>Nynaeve z�gerte. �Das hat er nicht gesagt. Aber ja, ich glaube, das wird er. Er ist der Meinung, dass du hier deine Zeit verschwendest, Rand. Wenn er eintrifft, ein Heer um sich schart und im Tarwin-Pass Trollocs findet � ja, ich glaube, er wird angreifen.�</p><p>�Dann verdient er, was er bekommt, wenn er ohne den Rest von uns losreitet�, meinte Rand.</p><p>Nynaeve sah ihn finster an. �Wie kannst du so etwas sagen!�</p><p>�Ich habe keine andere Wahl�, erwiderte Rand leise. �Die Letzte Schlacht steht unmittelbar bevor. Vielleicht geschieht mein eigener Angriff auf die Gro�e F�ule zur gleichen Zeit wie Lans. Vielleicht auch nicht.� Nachdenklich hielt er inne. Wenn Lan und sein Heer den Pass angriffen � vielleicht w�rde das ja Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Falls er dort <emphasis>nicht</emphasis> angriff, w�rde das den Schatten irritieren. Er konnte sie dort treffen, wo sie es nicht erwarteten, w�hrend ihre Blicke auf Lan gerichtet waren.</p><p>�Ja�, sagte er nachdenklich. �Sein Tod k�nnte mir in der Tat gute Dienste leisten.�</p><p>Nynaeve riss w�tend die Augen auf, aber Rand ignorierte das. An einem sehr stillen Ort tief in seinem Inneren regte sich Sorge um seinen Freund. Diese Sorge musste er ignorieren, musste sie zum Schweigen bringen. Aber diese Stimme fl�sterte ihm zu.</p><p><emphasis>Er hat dich einen Freund genannt. Lass ihn nicht im Stich �</emphasis></p><p>Nynaeve kontrollierte ihre Wut, was ihn beeindruckte. �Dar�ber reden wir noch�, sagte sie kurz angebunden. �Vielleicht nachdem du Gelegenheit hattest, dar�ber nachzudenken, was es genau bedeuten w�rde, Lan im Stich zu lassen.�</p><p>Er betrachtete Nynaeve gern als dieselbe streitlustige Dorfseherin, die ihn damals in den Zwei Fl�ssen herumgeschubst hatte. Sie hatte immer den Eindruck erweckt, sich zu sehr zu bem�hen, angetrieben von der Sorge, dass die anderen ihren Titel wegen ihrer Jugend ignorieren w�rden. Aber seitdem war sie sehr gewachsen.</p><p>Sie erreichten das Anwesen, wo f�nfzig von Basheres Soldaten das Tor bewachten. Sie salutierten, als Rand sie passierte. Er ritt an den Aiel vorbei, die drau�en kampierten, stieg vor den St�llen vom Pferd und bef�rderte den Zugangschl�ssel von seiner Schlaufe am Sattel in die �bergro�e Manteltasche - die schon mehr ein in den Mantel hineingekn�pfter Beutel war -, die f�r die Statuette da war. Aus ihren Tiefen hoben die H�nde die Kugel in die H�he.</p><p>Er begab sich in seinen Thronraum. Jetzt konnte er ihn nicht mehr anders nennen, da man ihm den K�nigsthron gebracht hatte. Er war �bergro�, vergoldet und an Armlehnen, der Lehne und �ber dem Kopf mit Edelsteinen verziert. Sie quollen wie Augen hervor und verliehen dem Thron einen �berladenen Prunk, der Rand missfiel. Er hatte nicht im Palast gestanden. Einer der �rtlichen Kaufleute hatte ihn vor den Unruhen �besch�tzt�. Vielleicht hatte er auch beabsichtigt gehabt, sich den Sitz auf eine �bertragene Weise zu sichern.</p><p>Rand setzte sich trotz der geschmacklosen Pracht und drehte sich, damit ihn der Zugangschl�ssel in der Tasche nicht in die Seite stach. Die M�chtigen der Stadt waren sich nicht sicher, was sie von ihm halten sollten, und das fand er auch gut so. Er ernannte sich nicht zum K�nig, aber sein Heer sicherte die Hauptstadt. Er sprach davon, Alsalam seine Stellung zur�ckzugeben, sa� aber auf seinem Thron, als h�tte er das Recht dazu. Er war nicht in den Palast gezogen. Er wollte, dass sie unsicher waren.</p><p>In Wahrheit hatte er noch keine Entscheidung getroffen. Viel w�rde von den Berichten dieses Tages abh�ngen. Er nickte Rhuarc zu, als dieser eintrat. Der muskul�se Aielmann erwiderte die Geste. Dann stand Rand vom Thron auf, und er und Rhuarc setzten sich auf den runden bunten Teppich, der vor dem mit gr�nem Filz bespannten Podest auf dem Boden lag. Als sie das das erste Mal getan hatten, hatte es unter den domanischen Dienern und W�rdentr�gern von Rands stetig wachsendem Hofstaat einen ganz sch�nen Aufruhr ausgel�st.</p><p>�Wir haben einen weiteren von ihnen entdeckt und geholt, Rand al�Thor�, sagte Rhuarc. �Alamindra Cutren versteckte sich auf dem Besitz ihres Cousins in der N�he der Nordgrenze; was wir auf ihrem Anwesen erfuhren, f�hrte uns direkt zu ihr.�</p><p>Damit hatte er vier Mitglieder des Kaufmannsrats in seinem Gewahrsam. �Was ist mit Meashan Dubrais? Ihr sagtet, Ihr h�ttet sie vielleicht auch?�</p><p>�Tot�, sagte Rhuarc. �Vor einer Woche vom Mob erschlagen.�</p><p>�Seid Ihr Euch da sicher? Es k�nnte eine L�ge sein, um Euch von der Spur abzulenken.�</p><p>�Ich habe die Leiche nicht selbst gesehen, aber M�nner, denen ich vertraue, und sie sagen, sie entspricht ihrer Beschreibung. Man hat mir glaubhaft versichert, dass die Spur echt war.�</p><p>Also vier gefangen und zwei tot. Damit mussten sie noch vier weitere finden, bevor er genug Mitglieder hatte, um eine neue K�nigswahl anzuordnen. Es w�rde nicht unbedingt die ethischste Ratswahl in der Geschichte der Domani sein; warum machte er sich �berhaupt diese M�he? Er konnte einen K�nig einsetzen und oder sich selbst auf den Thron setzen. Warum machte er sich �berhaupt Gedanken, was die Domani f�r angebracht hielten?</p><p>Rhuarc musterte ihn; der Aielh�uptling sah nachdenklich aus. Vermutlich stellte er sich die gleichen Fragen.</p><p>�Sucht weiter�, sagte Rand. �Ich habe nicht vor, Arad Doman f�r mich zu beanspruchen; wir finden den rechtm��igen K�nig, oder wir sorgen daf�r, dass der Kaufmannsrat zusammentritt, damit er einen neuen w�hlen kann. Es ist mir egal, wer er ist, solange es kein Schattenfreund ist.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht, <emphasis>Car�a�carn�,</emphasis> sagte Rhuarc und wollte aufstehen.</p><p>�Ordnung ist wichtig, Rhuarc�, sagte Rand. �Ich habe keine Zeit, dieses K�nigreich selbst zu befrieden. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Letzten Schlacht.� Er warf Nynaeve einen Blick zu, die sich in dem kleinen Raum zu ein paar T�chtern gesellt hatte. �Ende des Monats will ich vier weitere Mitglieder des Rates in unserer Gewalt haben.�</p><p>�Ihr gebt ein hartes Tempo vor, Rand al�Thor.�</p><p>Rand stand auf. �Findet nur diese Kauffrauen f�r mich. Diese Menschen verdienen Anf�hrer.�</p><p>�Und der K�nig?�</p><p>Rand schaute zur Seite, wo Milisair Chadmar sorgf�ltig bewacht von Aielw�chtern stand. Sie erschien � abgezehrt. Ihr einst so pr�chtiges rabenschwarzes Haar war zu einem Knoten gebunden, weil das vermutlich pflegeleichter war. Ihr Gewand war noch immer kostbar, nun aber zerknittert, als h�tte sie es zu lange getragen. Ihre Augen waren rot. Sie war noch immer wundersch�n, aber so, wie ein Bild noch immer dann sch�n sein w�rde, wenn man es zerkn�llte und dann wieder auf dem Tisch glatt strich.</p><p>�M�get Ihr immer Wasser und Schatten finden, Rhuarc�, sagte Rand zum Abschied.</p><p>�M�get Ihr immer Wasser und Schatten finden, Rand al�Thor.� Der hochgewachsene Aiel zog sich zur�ck, gefolgt von seinen Speeren. Rand holte tief Luft, dann stieg er zu dem vulg�ren Thron hinauf und setzte sich. Rhuarc behandelte er mit dem Respekt, den er verdiente. Die anderen � nun, auch <emphasis>sie</emphasis> w�rden den Respekt erhalten, den sie verdienten.</p><p>Er beugte sich vor, bedeutete Milisair n�her zu kommen. Eine der T�chter versetzte ihr einen Sto� in den R�cken, zwang sie vorw�rts. Die Frau sah viel nerv�ser aus als beim letzten Mal, als sie Rand gegen�bergetreten war.</p><p>�Nun?�, fragte er sie.</p><p>�Mein Lord Drache ��, setzte sie an und schaute sich um, als w�rde sie bei den domanischen Edelleuten und Dienern nach Hilfe suchen. Sie ignorierten sie, sogar der geckenhafte Lord Ramshalan schaute zur Seite.</p><p>�Sprecht, Frau�, verlangte Rand.</p><p>�Der Bote, nach dem Ihr gefragt habt�, sagte sie. �Er ist tot.�</p><p>Rand holte tief Luft. �Und wie ist das passiert?�</p><p>�Die M�nner, denen ich den Auftrag gab, auf ihn aufzupassen�, sagte sie schnell. �Mir war nicht klar, wie schlecht sie den Boten behandelten! Sie hatten ihm tagelang kein Wasser gegeben, dann kam das Fieber ��</p><p>�Mit anderen Worten�, sagte Rand, �Ihr habt es nicht geschafft, ihm Informationen zu entringen, also habt Ihr ihn im Kerker verfaulen lassen und Euch erst wieder an ihn erinnert, als ich verlangte, dass man ihn mir bringt.�</p><p><emphasis>�Car�a�carn.�</emphasis> Eine der T�chter trat vor, eine sehr junge Frau namens Jalani. �Wir erwischten die hier dabei, wie sie ihre Sachen packte, als wollte sie aus der Stadt fliehen.�</p><p>Milisair wurde sichtlich blass. �Lord Drache�, sagte sie. �Ein Augenblick der Schw�che! Ich ��</p><p>Rand brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. �Was soll ich jetzt mit Euch machen?�</p><p>�Mein Lord, sie sollte hingerichtet werden!�, sagte Ramshalan und trat eifrig vor.</p><p>Rand schaute stirnrunzelnd auf. Er hatte nicht um eine Antwort gebeten. Schm�chtig und mit einem dieser d�nnen schwarzen domanischen Schnurrbarte ausstaffiert, hatte Ramshalan eine ausgepr�gte Nase, die m�glicherweise auf saldaeanische Vorfahren schlie�en lies. Er trug einen l�cherlichen Mantel in Blau, Orange und Gelb mit wei�er Spitze, die hervorlugte. Anscheinend ging das bei einigen Teilen der hiesigen Oberschicht als der letzte Schrei durch. Seine Ohrringe trugen das Zeichen seines Hauses, auf der Wange trug er einen schwarzen Sch�nheitsfleck in Form eines fliegenden Vogels.</p><p>Rand hatte viele wie ihn kennengelernt, H�flinge mit zu wenig Hirn und zu vielen Familienverbindungen. Adliges Leben schien sie zu z�chten, so wie man in den Zwei Fl�ssen Schafe z�chtete. Ramshalan war wegen seiner nasalen Stimme und seinem bereitwilligen Eifer, andere zu verraten, um Rands Gunst zu erlangen, ein ganz besonderes �rgernis.</p><p>Dennoch hatten M�nner wie er seinen Nutzen. Gelegentlich. �Was meint Ihr, Milisair?�, sagte Rand nachdenklich. �Sollte ich Euch wegen Verrats hinrichten lassen, so wie es dieser Mann hier vorschl�gt?�</p><p>Sie weinte nicht, war aber offensichtlich v�llig ver�ngstigt; ihre H�nde zitterten, als sie sie ausstreckte, ihre Augen waren weit aufgerissen.</p><p>�Nein�, sagte Rand schlie�lich. �Ich brauche Euch, damit Ihr dabei helft, einen neuen K�nig zu w�hlen. Was w�rde es nutzen, Eure Kollegen im Land zu suchen, wenn ich damit anfange, die Ratsmitglieder hinzurichten, die ich bereits habe?�</p><p>Sie stie� die angehaltene Luft aus, die Anspannung verlie� ihre Schultern.</p><p>� Sperrt sie in denselben Kerker, wo sie den Boten des K�nigs hingebracht hat�, sagte Rand zu den T�chtern. �Sorgt daf�r, dass sie nicht sein Schicksal teilt - zumindest nicht, bis ich mit ihr fertig bin.�</p><p>Milisair schrie verzweifelt auf. Die T�chter zerrten sie schreiend aus dem Raum, aber Rand hatte sie bereits aus seinen Gedanken gestrichen. Ramshalan sah ihr zufrieden nach; angeblich hatte sie ihn mehrmals in der �ffentlichkeit beleidigt. Ein Punkt f�r sie.</p><p>�Die anderen Angeh�rigen des Kaufmannsrats�, sagte Rand zu den W�rdentr�gern. �Hatte jemand von ihnen Kontakt mit dem K�nig?�</p><p>�Bestenfalls vor vier oder f�nf Monaten, mein Lord�, sagte einer von ihnen, ein dicker Domani namens Noreladim. �Obwohl wir �ber Alamindra nichts wissen, da sie erst k�rzlich � entdeckt wurde.�</p><p>Vielleicht w�rde sie Neuigkeiten haben, aber er glaubte nicht, dass sie eine bessere Spur war als ein Bote, der behauptete, von Alsalam selbst zu kommen. Verflucht, warum hatte diese Frau ihn sterben lassen!</p><p><emphasis>Wenn Graendal den Boten geschickt hat,</emphasis> sagte da Lews Therin, <emphasis>h�tte ich ihn niemals brechen k�nnen. Sie ist einfach zu gut im Zwang. Geschickt, so geschickt.</emphasis></p><p>Rand z�gerte. Ein guter Einwand. Falls der Bote <emphasis>tats�chlich</emphasis> Graendals Zwang unterworfen gewesen war, w�rde er kaum dazu in der Lage gewesen sein, ihren Aufenthaltsort zu verraten. Nicht, solange man den Zwang nicht h�tte l�sen k�nnen, was aber eine Heilung erfordert h�tte, wie sie jenseits von Rands Geschick lag. Graendal hatte ihre Spuren immer schon gut verborgen.</p><p>Aber er war sich nicht sicher, ob sie im Land war. Fand er einen Boten, der unter Zwang stand, w�rde ihm das als Beweis reichen. �Ich muss mit allen sprechen, die behauptet haben, eine Botschaft vom K�nig bekommen zu haben�, sagte er. �Andere in der Stadt, die m�glicherweise Kontakt hatten.�</p><p>�Man wird sie ausfindig machen, Lord Drache�, sagte Ramshalan steif.</p><p>Rand nickte gedankenverloren. Falls Naeff wie gehofft das Treffen mit den Seanchanern vereinbarte, konnte er Arad Doman bald danach verlassen. Er hoffte, sie mit einem K�nig zu verlassen, und er hoffte, Graendal finden und t�ten zu k�nnen. Aber Frieden mit den Seanchanern und Nahrung f�r diese Menschen w�rden ihm schon reichen. Er konnte nicht jedermanns Probleme l�sen. Er konnte sie nur lange genug zum Abwarten zwingen, damit er am Shayol Ghul sterben konnte.</p><p>Und so die Welt erneut ihrem Untergang �berlassen, sobald es ihn nicht mehr gab. Er biss die Z�hne zusammen. Er hatte bereits viel zu viel Zeit damit verschwendet, sich �ber Dinge Gedanken zu machen, die er nicht richten konnte.</p><p><emphasis>Z�gere ich deshalb, einen K�nig f�r die Domani zu bestimmen?,</emphasis> dachte er. <emphasis>Nach meinem Tod w�rde der Mann seine Autorit�t verlieren, und Arad Doman w�re wieder da, wo es anfing. Hinterlasse ich keinen K�nig, der die Unterst�tzung des Kaufmannsrats hat, dann biete ich im Grunde den Seanchanern an, sich dieses K�nigreich in dem Moment zu nehmen, in dem ich sterbe.</emphasis></p><p>So viele Dinge, die es auszugleichen galt. So viele Probleme. Er konnte sie nicht alle l�sen. Er konnte es einfach nicht.</p><p>�Ich halte nichts davon, Rand�, sagte Nynaeve, die mit verschr�nkten Armen neben der T�r stand. �Und das Thema Lan ist auch noch nicht erledigt.�</p><p>Rand winkte einfach nur geringsch�tzig ab.</p><p>�Er ist dein <emphasis>Freund�,</emphasis> sagte sie. �Beim Licht! Und was ist mit Perrin und Mat? Wei�t du, wo sie sind? Was ist mit ihnen passiert?�</p><p>Vor seinen Augen wirbelten die Farben und enth�llten ein Bild von Perrin, der mit Galad vor einem Zelt stand. Was hatte Perrin denn ausgerechnet mit <emphasis>Galad</emphasis> zu tun? Und wann hatte sich Elaynes Halbbruder den Wei�m�nteln angeschlossen? Die Farben verschwammen und wurden zu Mat, der durch die Stra�en einer vertrauten Stadt ritt. Caemlyn? Thom war bei ihm.</p><p>Rand runzelte die Stirn. Da war eine Anziehungskraft, die von Perrin und Mat ausging, die beide weit entfernt waren. Das lag in ihrer Natur als <emphasis>Ta�veren,</emphasis> der Versuch, sich einander anzuziehen. Beide mussten f�r die Letzte Schlacht an seiner Seite stehen.</p><p>�Rand?�, fragte Nynaeve. �Willst du nicht antworten?�</p><p>�Wegen Perrin und Mat?�, fragte er. �Sie leben.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Ich wei� es eben.� Er seufzte und sch�ttelte dann den Kopf.� Und sie sollten auch besser am Leben bleiben. Ich brauche sie beide, bevor das hier vorbei ist.�</p><p>�Rand!�, sagte sie. �Das sind deine Freunde!�</p><p>�Sie sind F�den im Muster, Nynaeve�, erwiderte er und stand auf. �Mich interessiert nur die Letzte Schlacht. Mich interessiert nur, mit den vom Licht verfluchten Seanchanern Frieden zu schlie�en, damit ich endlich aufh�ren kann, mich um den Zank mit ihnen k�mmern zu m�ssen, und mich der wahren Schlacht zuwenden kann. Neben diesen Dingen sind zwei Jungen aus meinem kleinen Dorf bedeutungslos.�</p><p>Herausfordernd sah er sie an. Ramshalan und die anderen wichen stumm zur�ck, weil sie nicht zwischen seinen Blick und Nynaeve geraten wollten.</p><p>Sie erwiderte nichts, aber ihre Miene zeigte eine abgrundtiefe Traurigkeit. �Ach, Rand�, sagte sie schlie�lich. �So kannst du nicht weitermachen. Diese H�rte in dir, sie wird dich zerbrechen. �</p><p>�Ich tue, was ich tun muss�, entgegnete er und versp�rte die Wut, die sich schleichend in ihm ausbreitete. W�rden sie denn niemals aufh�ren, sich �ber seine Entscheidungen zu beschweren?</p><p>�Das musst du nicht tun�, sagte sie. �Du wirst dich selbst zerst�ren. Du ��</p><p>Die Wut kochte hoch. Er fuhr herum und zeigte mit dem Finger auf sie. �Willst du wie Cadsuane verbannt werden, Nynaeve?�, br�llte er. �Ich lasse nicht mit mir spielen! Damit ist Schluss. Gib mir einen Rat, wenn man dich danach fragt, und h�r auf, mich den Rest der Zeit zu <emphasis>bevormunden!�</emphasis></p><p>Sie zuckte sichtlich zur�ck, und Rand bekam seine Wut wieder unter Kontrolle. Er senkte die Hand, aber dann wurde ihm bewusst, dass er reflexartig angefangen hatte, nach dem Zugangschl�ssel in seiner Tasche zu greifen. Nynaeves Blick richtete sich starr, mit weit aufgerissenen Augen darauf, und er zwang die Hand langsam in eine andere Richtung.</p><p>Der Ausbruch �berraschte ihn. Er hatte angenommen, sein Temperament im Griff zu haben. Er bezwang es, was ihm aber �berraschend schwerfiel. Mit gro�en Schritten durchquerte er den Raum und stie� die T�r auf; die T�chter folgten ihm. �Heute gibt es keine Audienz mehr�, sagte er zu dem Gefolge, das sich ihm anschlie�en wollte. �Geht und tut, was ich euch befohlen habe! Ich brauche die anderen Angeh�rigen des Kaufmannsrats! Geht!�</p><p>Sie stoben auseinander. Allein die Aiel blieben und besch�tzten ihn auf dem Weg zu den Gem�chern, die er in diesem Haus f�r sich beansprucht hatte.</p><p>Nur noch kurze Zeit. Er musste die Dinge nur noch kurze Zeit ausbalancieren. Dann konnte es enden. Und ihm wurde bewusst, dass er anfing, diesem Ende genauso begierig entgegenzusehen wie Lews Therin.</p><p><emphasis>Du hast mir versprochen, dass wir sterben k�nnen,</emphasis> sagte Lews Therin zwischen fernen Schluchzern.</p><p>Das <emphasis>habe ich,</emphasis> erwiderte Rand. <emphasis>Und das werden wir auch.</emphasis></p></section><section><title><p>32</p><p>Schattenfl�sse</p></title><p>Nynaeve stand auf der imposanten Stadtmauer von Bandar Eban und betrachtete die dunkle Stadt. Die Mauer befand sich auf der landeinw�rts gerichteten Seite, aber Bandar Eban war auf einem Hang errichtet, also konnte sie �ber die Stadt hinweg zum Ozean sehen. Nebel quoll �ber das n�chtliche Wasser und hing �ber der Oberfl�che, die an einen schwarzen Spiegel erinnerte; er erschien wie ein Abbild der Wolken am Himmel. Diese Wolken schimmerten mit einem geisterhaften Licht, das von einem Mond kam, den Nynaeve nicht sehen konnte.</p><p>Der Nebel erreichte die Stadt nicht; das tat er nur selten. Brodelnd hing er �ber dem Ozean. Wie der Geist eines Waldbrandes, den eine unsichtbare Barriere aufgehalten hatte.</p><p>Noch immer konnte sie den Sturm im Norden f�hlen. Er forderte sie auf, durch die Stra�en zu reiten und Warnungen zu rufen. Flieht in die Keller! Lagert Nahrungsmittel, denn eine Katastrophe wird kommen! Ungl�cklicherweise w�rde es bei diesem Sturm nicht damit getan sein, die Mauern zu verst�rken. Er war von einer ganz anderen Sorte.</p><p>Meeresnebel war oft der Vorbote von Winden, und in dieser Nacht war es nicht anders. Nynaeve zog die Stola enger um die Schultern und roch Salzwasser in der Luft. Es vermischte sich mit den Ger�chen einer �berbev�lkerten Stadt. Abwasser, dicht zusammengedr�ngte K�rper, Ru� und Rauch von Feuern und Kaminen. Sie vermisste die Zwei Fl�sse. Der Wind im Winter war immer kalt gewesen, aber auch stets frisch. Bandar Ebans Wind f�hlte sich immer leicht <emphasis>abgenutzt</emphasis> an.</p><p>In den Zwei Fl�ssen w�rde nie wieder Platz f�r sie sein. Das wusste sie, auch wenn es sie schmerzte. Sie war jetzt eine Aes Sedai; das war es, zu dem sie geworden war, das ihr wichtiger war als einst die Stellung als Dorfseherin. Mit der Einen Macht konnte sie Menschen auf eine Weise Heilen, die noch immer wie ein Wunder erschien. Und mit der Autorit�t der Wei�en Burg im R�cken war sie eines der m�chtigsten Individuen auf der Welt, dem lediglich andere Schwestern und ein paar Monarchen gleichkamen.</p><p>Und was die Monarchen anging, so war sie selbst mit einem K�nig verheiratet. Lan mochte ja kein K�nigreich haben, aber er <emphasis>war</emphasis> ein K�nig. Zumindest f�r sie. Das Leben in den Zwei Fl�ssen w�rde ihm nicht gefallen. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, w�rde es ihr auch nicht gefallen. Das einfache Leben, das einst alles gewesen war, das sie sich hatte vorstellen k�nnen, w�rde jetzt langweilig und unbefriedigend erscheinen.</p><p>Trotzdem fiel es schwer, nicht wehm�tig zu sein, vor allem, wenn man den n�chtlichen Nebel betrachtete.</p><p>�Da�, sagte Merise mit einem Hauch Anspannung in der Stimme. Zusammen mit Cadsuane und Corele schaute sie in die andere Richtung - nicht nach S�dwesten �ber die Stadt zum Ozean, sondern nach Osten. Nynaeve h�tte sich beinahe geweigert, die Gruppe zu begleiten, denn sie war eigentlich ziemlich davon �berzeugt, dass Cadsuane nicht zuletzt sie f�r ihr Exil verantwortlich machte. Aber die Aussicht, die Geister zu sehen, war zu verf�hrerisch gewesen.</p><p>Nynaeve wandte sich von der Stadt ab und gesellte sich zu den anderen. Corele sah sie an, aber Merise und Cadsuane ignorierten sie. Das kam ihr durchaus entgegen. Auch wenn es sie noch immer �rgerte, dass Corele von der Gelben Ajah sie einfach nicht akzeptieren wollte. Corele war freundlich und mitf�hlend, aber auch nicht bereit einzugestehen, dass Nynaeve ebenfalls zu den Gelben geh�rte. Nun, die Frau w�rde ihre Meinung �ndern m�ssen, sobald Egwene die Wei�e Burg f�r sich gesichert hatte.</p><p>Nynaeve sp�hte durch die Zinnen auf der Mauer und musterte die dunkle Landschaft au�erhalb der Stadt. Nur m�hsam konnte sie die Reste der Baracken ausmachen, die sich noch bis vor kurzem gegen die Stadtmauern gedr�ngt hatten. Die Gefahren auf dem Land - manche davon durchaus real, andere auch einfach nur �bertreibungen - hatten daf�r gesorgt, dass die Fl�chtlinge in die Stadt dr�ngten. Sich mit ihnen und den von ihnen mitgebrachten Krankheiten und Hunger auseinanderzusetzen, beanspruchte noch immer viel von Rands Zeit.</p><p>Jenseits der niedergetrampelten Fl�chtlingsstadt gab es nur B�sche, verk�mmerte B�ume und schattenhafte Reste von zerbrochenem Holz, m�glicherweise Wagenr�der. Die Felder in der N�he lagen karg da. Man hatte sie gepfl�gt und die Saat ausgebracht, trotzdem r�hrte sich dort nichts. Beim Licht! Warum wuchs Getreide nicht mehr? Wo w�rden sie diesen Winter nur Nahrung finden?</p><p>Aber im Augenblick hielt sie nicht danach Ausschau. Was war es, das Merise gesehen hatte? Wo �</p><p>Dann sah sie es. Wie ein paar Schwaden aus Ozeannebel fuhr eine winzige Stelle aus gl�hendem Licht �ber den Boden. Sie wuchs und wallte wie eine winzige Sturmwolke, schimmerte mit einem perligen Licht, das den Wolken am Himmel nicht un�hnlich war. Sie zog sich zu den Umrissen eines gehenden Mannes zusammen. Dann l�sten sich aus dem luminiszenten Nebel weitere Gestalten. Wenige Augenblicke sp�ter bewegte sich eine ganze gl�hende Prozession wie in einem Trauermarsch �ber den dunklen Boden.</p><p>Nynaeve versp�rte ein Fr�steln, dann rief sie sich zur Ordnung. M�glicherweise waren es ja tats�chlich die Geister der Toten, aber auf diese Distanz bildeten sie keine Gefahr. Trotzdem konnte sie ihre G�nsehaut nicht ungeschehen machen.</p><p>Die Prozession war zu weit weg, um viele Einzelheiten erkennen zu k�nnen. Sie setzte sich aus M�nnern und Frauen zusammen, die gl�hende Kleider trugen, die so flossen und wallten wie die Banner in der Stadt. Die Erscheinungen wiesen keine Farbe auf und waren einfach nur bleich, ganz im Gegensatz zu den meisten der Geister, die in letzter Zeit erschienen waren.</p><p>Die hier bestanden nur aus dem seltsamen, jenseitigen Licht. Mehrere Gestalten in der Gruppe - die mittlerweile aus ungef�hr zweihundert Personen bestand - trugen ein gro�es Objekt. Eine Art S�nfte? Oder � nein. Es war ein Sarg. Handelte es sich also um eine Begr�bnisprozession aus der Vergangenheit? Was war mit diesen Menschen geschehen, und was hatte sie in die Welt der Lebenden zur�ckgeholt?</p><p>Ger�chte in der Stadt besagten, dass die Prozession das erste Mal in der Nacht nach Rands Ankunft in Bandar Eban erschienen war. Das hatten die Mauerw�chter, die es am besten wissen mussten, Nynaeve unbehaglich best�tigt.</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, warum man darum so viel Aufhebens macht�, sagte Merise mit ihrem tarabonischen Akzent und verschr�nkte die Arme. �Geister - daran sind wir doch alle mittlerweile gew�hnt, oder nicht? Wenigstens lassen die hier keine Menschen schmelzen oder in Flammen ausbrechen.�</p><p>Berichte hatten darauf hingewiesen, dass die �Zwischenf�lle� immer h�ufiger vorkamen. Allein in den letzten paar Tagen war Nynaeve drei glaubw�rdigen Berichten �ber Leute nachgegangen, aus deren Haut sich Insekten den Weg frei gegraben hatten, um sie auf diese Weise zu t�ten. Dann war da noch der Mann gewesen, den man morgens in ein St�ck Holzkohle verwandelt in seinem Bett gefunden hatte. Die Laken waren nicht einmal angesengt gewesen. Sie hatte die Leiche selbst gesehen.</p><p>Diese Zwischenf�lle wurden nicht von den Geistern verursacht, aber man hatte angefangen, die Erscheinungen daf�r verantwortlich zu machen. Was vermutlich immer noch besser war, als es Rand anzulasten.</p><p>�Dieses Warten in der Stadt ist nervenaufreibend�, fuhr Merise fort.</p><p>�Unser Aufenthalt in dieser Stadt scheint keine Ergebnisse zu bringen�, stimmte Corele ihr zu. �Wir sollten weiterreisen. Ihr habt geh�rt, dass er verk�ndet, dass die Letzte Schlacht bald beginnt.�</p><p>Nynaeve versp�rte einen Stich der Sorge f�r Lan, dann Zorn auf Rand. Er glaubte noch immer, seine Feinde verwirren zu k�nnen, wenn er zu der gleichen Zeit angriff, in der Lan seinen Angriff auf den Tarwin-Pass durchf�hrte. Lans Angriff konnte sehr wohl der Beginn der Letzten Schlacht sein. Warum wollte Rand dann keine Truppen abkommandieren, um ihm zu helfen?</p><p>�Ja�, sagte Cadsuane nachdenklich, �m�glicherweise hat er da recht.� Warum hatte sie immer die Kapuze hochgeschlagen? Rand war offensichtlich nicht in der N�he.</p><p>�Dann haben wir alle einen noch wichtigeren Grund, um weiterzureisen�, sagte Merise streng. �Rand al�Thor ist ein Narr! Und Arad Doman ist irrelevant. Ob K�nig oder nicht, was spielt das f�r eine Rolle?�</p><p>Nynaeve schnaubte. �Die Seanchaner sind nicht irrelevant. Sollen wir zur Gro�en F�ule marschieren und unsere K�nigreiche allen Eroberern �ffnen?�</p><p>Merise reagierte nicht. Corele l�chelte und zuckte mit den Schultern, dann warf sie einen Blick zu Damer Flinn, der mit verschr�nkten Armen an der Mauer lehnte. Die l�ssige Haltung des �lteren Mannes verriet, dass f�r ihn eine Geisterprozession nichts Ungew�hnliches darstellte. Und in diesen Zeiten mochte er da durchaus recht haben.</p><p>Nynaeve schaute wieder zu der Prozession, die die Stadtmauer umrundete. Die anderen Aes Sedai f�hrten ihre Unterhaltung fort, Merise und Corele nutzten die Gelegenheit, ihr Missfallen �ber Rand auf unterschiedliche Weise kundzutun - die eine m�rrisch, die andere freundlich.</p><p>Das entfachte in Nynaeve den Wunsch, ihn zu verteidigen. Auch wenn er in letzter Zeit schwierig und unberechenbar gewesen war, hatte er in Arad Doman wichtige Arbeit zu erledigen. Das Treffen mit den Seanchanern in Falme stand unmittelbar bevor. Davon abgesehen hatte er allen Grund, sich Sorgen um die Besetzung des domanischen Throns zu machen. Und was war, wenn sich Graendal tats�chlich hier aufhielt, wie er anzunehmen schien? Die anderen glaubten, er w�rde sich da irren, aber er hatte in beinahe jedem anderen K�nigreich Verlorene aufgesp�rt. Warum nicht auch in Arad Doman? Ein verschwundener K�nig, ein Land, in dem es vor Chaos, D�rre und Krieg brodelte? Diese Dinge klangen genau nach dem �rger, den man in der N�he eines der Verlorenen entdecken w�rde.</p><p>Die anderen unterhielten sich weiter. Nynaeve wollte gehen, aber dann bemerkte sie, dass Cadsuane sie beobachtete. Sie z�gerte und wandte sich der vermummten Frau zu. Cadsuanes Gesicht war im Fackelschein kaum zu erkennen, aber Nynaeve sah in den Schatten eine Grimasse, als w�re sie �ber Merises und Coreles Klagen wenig erfreut. Einen Augenblick lang starrten sie sich an, dann schenkte ihr Cadsuane ein knappes Nicken. Die alte Aes Sedai drehte sich um und setzte sich in Bewegung, mitten in einer von Merises Tiraden �ber Rand.</p><p>Die anderen Aes Sedai beeilten sich, sie einzuholen. Was hatte denn dieser Blick zu bedeuten? Cadsuane hatte die Angewohnheit, andere Aes Sedai so zu behandeln, als w�ren sie weniger Respekt als ein beliebiges Maultier wert. Als w�ren sie in ihren Augen nur Kinder.</p><p>Andererseits, zog man in Betracht, wie sich viele Aes Sedai in letzter Zeit verhalten hatten �</p><p>Stirnrunzelnd ging Nynaeve in die andere Richtung und nickte den Mauerw�chtern zu. Cadsuanes Nicken w�rde kaum ein Zeichen des Respekts gewesen sein. Daf�r war die Frau <emphasis>viel</emphasis> zu selbstgerecht und arrogant.</p><p>Was sollte sie blo� mit Rand machen? Er lehnte ihre Hilfe ab - und die eines jeden anderen -, aber das war nichts Neues. Er war genauso stur wie ein Schafhirte in den Zwei Fl�ssen, und sein Vater war beinahe genauso schlimm gewesen. Aber das hatte Nynaeve die Dorfseherin nie aufgehalten, also w�rde es Nynaeve die Aes Sedai erst recht nicht aufhalten. Sie hatte Coplins und Congars niedergerungen; sie konnte das Gleiche bei Rand al�Thor schaffen. Sie versp�rte nicht �bel Lust, zu seinem neuen �Palast� zu gehen und ihm geh�rig die Meinung zu sagen.</p><p>Nur � Rand al�Thor war kein Coplin oder Congar. Sture Leute in den Zwei Fl�ssen hatten nicht Rands seltsam bedrohliche Aura gehabt.</p><p>Gef�hrliche M�nner waren nichts Neues f�r sie. Ihr geliebter Lan war so gef�hrlich wie ein Wolf auf der Jagd und konnte ebenso kratzb�rstig sein, selbst wenn er gut darin war, es vor den meisten Leuten zu verbergen. Aber so bedrohlich und einsch�chternd Lan auch sein konnte, er w�rde sich eher die Hand abhacken, als sie gegen sie zu erheben.</p><p>Rand war da anders. Nynaeve erreichte die Treppe, die von der Mauer in die Stadt f�hrte, und stieg sie hinunter, winkte ab, als einer der W�chter vorschlug, sie zu eskortieren. Es war Nacht, und es trieben sich viele Fl�chtlinge herum, aber sie war alles andere als hilflos. Allerdings akzeptierte sie von einem anderen W�chter eine Laterne. Mit der Einen Macht Licht zu machen w�rde den Passanten Unbehagen bereiten.</p><p>Rand. Einst h�tte sie ihn genauso sanft wie Lan gehalten. Seine Hingabe, Frauen zu besch�tzen, war in ihrer Unschuld schon beinahe l�cherlich gewesen. Diesen Rand gab es nicht mehr. Nynaeve sah wieder den Augenblick vor sich, in dem er Cadsuane verbannt hatte. Sie war fest davon �berzeugt gewesen, dass er sie tats�chlich umbringen w�rde, sollte er jemals wieder ihr Gesicht sehen, und an diesen Augenblick zu denken bereitete ihr noch immer eine G�nsehaut. Sicherlich hatte sie sich das nur eingebildet, aber in diesem Moment schien es in dem Raum <emphasis>dunkler</emphasis> geworden zu sein, als h�tte eine Wolke die Sonne verh�llt.</p><p>Rand al�Thor war unberechenbar geworden. Sein w�tender Gef�hlsausbruch ein paar Tage zuvor ihr gegen�ber war nur ein weiteres Beispiel gewesen. Nat�rlich w�rde er sie nie ins Exil schicken oder bedrohen, ganz egal, was er auch gesagt hatte. So versteinert war er nicht. Oder doch?</p><p>Sie schritt von der letzten Steinstufe auf den h�lzernen B�rgersteig, der vom Schlamm des Abendverkehrs beschmutzt war. Zu beiden Seiten der Stra�e dr�ngten sich Menschen. Ladeneing�nge und Gassen boten Schutz vor dem Wind.</p><p>In der Ferne irgendwo zwischen Fl�chtlingen hustete ein Kind. Nynaeve erstarrte, dann h�rte sie das Husten erneut. Es klang sehr tief. Vor sich hinmurmelnd �berquerte sie die Stra�e, dann bahnte sie sich einen Weg durch die Fl�chtlinge und hob die Laterne, um eine Gruppe m�der Leute nach der anderen anzuleuchten. Viele wiesen die kupferfarbene Haut der Domani auf, aber es waren auch viele Taraboner dabei. Und waren das � Saldaeaner? Das kam unerwartet.</p><p>Die meisten Fl�chtlinge lagen auf zerlumpten Decken, neben sich ihre d�rftigen Habseligkeiten. Hier ein Topf, dort eine Decke. Ein kleines M�dchen hielt eine Stoffpuppe, die einst bestimmt h�bsch gewesen war, der nun aber ein Arm fehlte. Zweifellos war Rand effektiv darin, L�nder zu unterwerfen, aber seine K�nigreiche brauchten mehr als Lebensmittelzuteilungen. Sie brauchten Stabilit�t, und sie brauchten etwas - jemand -, an den sie glauben konnten. Rand wurde zusehends schlechter darin, beides anzubieten.</p><p>Wo war das Husten hergekommen? Nur wenige der Fl�chtlinge sprachen mit ihr, und sie antworteten nur z�gernd auf ihre Fragen. Als sie den Jungen endlich fand, war sie mehr als nur etwas ver�rgert. Seine Eltern hatten ihre Betten zwischen zwei Holzgesch�ften aufgeschlagen, und als Nynaeve n�her kam, stand der Vater auf, um sich ihr entgegenzustellen. Er war ein verwahrloster Domani mit einem schwarzen struppigen Vollbart, der einst m�glicherweise nach der herrschenden Mode gestutzt gewesen war. Er trug keinen Mantel, und das Hemd bestand fast nur noch aus Lumpen.</p><p>Nynaeve starrte ihn mit einem Blick nieder, den sie lange vor ihren Tagen als Aes Sedai gelernt hatte. Ehrlich, M�nner konnten so dumm sein! Sein Sohn lag vermutlich im Sterben, und doch stellte er sich einer der wenigen Personen in dieser Stadt entgegen, die helfen konnte. Seine Ehefrau hatte mehr Verstand, wie es gew�hnlich der Fall war. Sie legte ihm eine Hand auf das Bein, was ihn zu Boden schauen lie�. Schlie�lich wandte er sich leise vor sich hinmurmelnd ab.</p><p>Die Z�ge der Frau waren unter all dem Schmutz in ihrem Gesicht nur schlecht zu sehen. Tr�nen hatten Rinnsale hineingegraben; offensichtlich hatte sie ein paar schlimme N�chte hinter sich.</p><p>Nynaeve kniete nieder, den hinter ihr aufragenden Vater ignorierend, und schlug die Decke vom Gesicht des Kindes in den Armen der Frau. Es war bleich und ausgezehrt, und seine Augen schienen durch sie hindurchzusehen.</p><p>�Wie lange hustet der Junge schon?�, fragte Nynaeve und zog ein paar P�ckchen mit Kr�utern aus dem Beutel an ihrer Seite. Sie hatte nicht viel dabei, aber es w�rde reichen m�ssen.</p><p>�Eine Woche jetzt, Lady�, erwiderte die Frau.</p><p>Nynaeve schnalzte �rgerlich mit der Zunge und zeigte auf einen Kupferbecher. �Macht den voll�, fauchte sie den Vater an. �Ihr habt Gl�ck, dass der Junge bis jetzt �berlebt hat; ohne Hilfe w�rde er die Nacht vermutlich nicht �berstehen.�</p><p>Trotz seines urspr�nglichen Z�gerns beeilte sich der Vater, ihr zu gehorchen. Er f�llte den Becher aus einem Fass in der N�he. Sooft wie es hier regnete, litten sie wenigstens nicht unter Wassermangel.</p><p>Nynaeve nahm den Becher entgegen und mischte Acem und Fieberwurz hinein, dann webte sie Feuer und erhitzte das Wasser. Es fing an zu dampfen, und der Vater murmelte wieder etwas. Nynaeve sch�ttelte den Kopf; angeblich sollten die Domani recht pragmatisch sein, wenn es um den Gebrauch der Einen Macht ging. Die Unruhe in der Stadt musste ihnen wirklich zu schaffen machen.</p><p>�Trink das �, sagte sie zu dem Jungen und benutzte alle F�nf M�chte f�r ein kompliziertes Heilgewebe, das sie ganz instinktiv benutzte. Ihre F�higkeiten hatten einige der anderen Aes Sedai staunen lassen, hatten ihr aber von anderen nur Verachtung eingebracht. Aber ihre Methoden funktionierten, selbst wenn sie nicht erkl�ren konnte, wie sie tat, was sie da tat. Das war einer der Segen und der Fl�che, wenn man eine Wilde war; sie konnte instinktiv Dinge tun, die andere Aes Sedai kaum erlernen konnten. Aber es fiel ihr ungeheuer schwer, manche der schlechten Eigenschaften abzulegen, die sie sich angew�hnt hatte.</p><p>Auch wenn der funge benommen war, reagierte er doch auf den Becher, der an seine Lippen gedr�ckt wurde. Ihr Heilgewebe lag auf ihm, w�hrend er trank, und er versteifte sich und atmete scharf ein. Die Kr�uter waren eigentlich unn�tig, aber sie w�rden ihm helfen, nach dem rigorosen Heilen die n�tigen Kr�fte zu finden. Nynaeve hatte die Gewohnheit abgelegt, das Heilen immer mit Kr�utern zu unterst�tzen, aber sie war nach wie vor der Meinung, dass es seinen Platz hatte.</p><p>Der Vater kniete sich bedrohlich nieder, aber Nynaeve dr�ckte ihm die Fingerspitzen gegen die Brust und zwang ihn zur�ck. �Lasst dem Kind Luft.�</p><p>Der Junge blinzelte, und sie konnte sehen, wie sich sein Blick kl�rte. Er zitterte schwach. Nynaeve unterzog ihn einer Tiefenschau, um feststellen zu k�nnen, wie gut das Heilen gewirkt hatte. �Das Fieber ist gebrochen�, sagte sie mit einem Nicken, stand auf und lie� die Eine Macht los. �Er wird in den n�chsten paar Tagen gut essen m�ssen; ich werde den Hafenmeistern eure Beschreibung geben, und ihr werdet zus�tzliche Rationen bekommen. Verkauft das Essen <emphasis>nicht,</emphasis> sonst werde ich es herausfinden, und das wird mich sehr b�se machen. Habt ihr verstanden?�</p><p>Die Frau schaute besch�mt zu Boden. �Wir w�rden niemals ��</p><p>�Ich halte nichts mehr f�r unm�glich�, sagte Nynaeve. �Auf jeden Fall sollte er leben, wenn ihr das tut, was ich euch gesagt habe. Gebt ihm heute Nacht den Rest dieser L�sung, schl�ckchenweise, wenn es sein muss. Sollte das Fieber zur�ckkehren, bringt ihn zu mir in den Palast des Drachen.�</p><p>�Ja, meine Lady�, sagte die Frau, w�hrend sich ihr Mann hinkniete, ihr den Jungen abnahm und l�chelte.</p><p>Nynaeve ergriff ihre Laterne und erhob sich.</p><p>�Lady�, sagte die Frau. �Danke.�</p><p>Nynaeve wandte sich ihr wieder zu. �Ihr h�ttet ihn schon vor Tagen zu mir bringen m�ssen. Mir ist egal, welchen abergl�ubischen Unsinn die Leute verbreiten, die Aes Sedai sind nicht euer Feind. Wenn ihr Kranke kennt, dann ermuntert sie, uns zu besuchen.�</p><p>Die Frau nickte, und der Ehemann erschien eingesch�chtert. Nynaeve verlie� die Gasse, passierte Menschen, die sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen ansahen. Narren! Sie w�rden ihre eigenen Kinder eher sterben lassen, als sie zum Heilen zu bringen?</p><p>Wieder auf der Hauptstra�e beruhigte sie sich. Die Ablenkung hatte wirklich nicht viel von ihrer Zeit beansprucht, und zumindest heute Nacht war Zeit etwas, das sie zur Gen�ge hatte. Sie hatte nicht viel Gl�ck mit Rand. Ihr einziger Trost war, dass Cadsuane als seine Ratgeberin grandios gescheitert war.</p><p>Wie ging man mit einer Kreatur wie dem Wiedergeborenen Drachen um? Nynaeve wusste, dass der alte Rand dort irgendwo drinnen war, ganz tief verborgen. Er war nur einfach so oft geschlagen und getreten worden, dass er sich verbarg und diese unbarmherzige Version herrschen lie�. So sehr sie es auch hasste, das zugeben zu m�ssen, aber ihn herumzusto�en w�rde nicht funktionieren. Doch wie sollte sie ihn dazu bringen, das zu tun, was er sollte, wo er doch viel zu starrk�pfig war, um auf normale Andeutungen zu reagieren?</p><p>Nynaeve blieb stehen. Das Laternenlicht erhellte die leere Stra�e vor ihr. Es gab eine Person, die es geschafft hatte, mit Rand zu arbeiten und ihn gleichzeitig vieles zu lehren. Es war nicht Cadsuane gewesen und auch keine der Aes Sedai, die versucht hatten, ihn gefangen zu nehmen, hereinzulegen oder herumzusto�en.</p><p>Es war Moiraine gewesen.</p><p>Nynaeve ging weiter. W�hrend der letzten Monate ihres Lebens hatte die Blaue Rand fast schon umgarnt. Damit er sie als Beraterin akzeptierte, hatte sie eingewilligt, seinen Befehlen zu gehorchen und ihn nur dann zu beraten, wenn man sie darum bat. Aber was hatte man davon, einen Rat nur dann zu bekommen, wenn er gerade erw�nscht war? Man musste vor allem mit dem Rat konfrontiert werden, den man nicht h�ren wollte!</p><p>Aber Moiraine hatte Erfolg gehabt. Dank ihres Einflusses hatte Rand angefangen, seine Aversion gegen�ber den Aes Sedai zu �berwinden. Es war zweifelhaft, ob es Cadsuane je geschafft h�tte, seine Beraterin zu werden, h�tte er Moiraine nicht irgendwann akzeptiert.</p><p>Nun, sie w�rde ihm jedenfalls nicht auf die gleiche Weise gegen�bertreten, ganz egal, wie viele gro�spurige Titel er auch hatte. Aber sie konnte aus Moiraines Erfolg lernen. Vielleicht hatte Rand ihr ja zugeh�rt, weil ihm ihre Unterw�rfigkeit geschmeichelt hatte, vielleicht war er einfach auch nur Leute leid gewesen, die ihn herumstie�en. Es gab so viele, die ihn zu kontrollieren versuchten. Sie mussten ihn �rgern, und sie erschwerten Nynaeves Arbeit betr�chtlich, da sie die Einzige war, auf die er <emphasis>tats�chlich</emphasis> h�ren musste.</p><p>Betrachtete er sie vielleicht einfach nur als eine weitere dieser bedeutungslosen Strippenzieher? Das traute sie ihm durchaus zu.</p><p>Sie w�rde ihm zeigen m�ssen, dass sie dasselbe Ziel verfolgten. Sie wollte ihm nicht sagen, was er zu tun hatte; sie wollte einfach nur, dass er aufh�rte, sich wie ein Narr zu benehmen. Und dar�ber hinaus wollte sie, dass ihm nichts geschah. Und es h�tte ihr gefallen, wenn er ein F�hrer gewesen w�re, den die Leute respektierten und nicht f�rchteten. Er schien einfach nicht einsehen zu wollen, dass er auf dem besten Weg war, ein Tyrann zu werden.</p><p>Im Grunde unterschied sich die Aufgabe eines K�nigs gar nicht so sehr vom Posten des B�rgermeisters in den Zwei Fl�ssen. Der B�rgermeister musste respektiert und gemocht werden. Die Seherin und der Frauenkreis konnten die schwierigen Dinge erledigen, so wie jene zu bestrafen, die ihre Grenzen �berschritten. Aber der B�rgermeister musste geliebt werden. Das f�hrte zu einer sicheren und h�flichen Stadt.</p><p>Aber wie sollte man Rand das begreiflich machen? Zwingen konnte sie ihn nicht; sie musste ihn auf eine andere Weise dazu bringen, ihr zuzuh�ren. Langsam nahm ein Plan in ihrem Kopf Gestalt an. Als sie das Herrenhaus erreichte, wusste sie ungef�hr, was sie zu tun hatte.</p><p>Das Tor zu dem Anwesen wurde von Saldaeanern bewacht, die Aiel zogen es vor, in Rands unmittelbarer N�he zu bleiben und die Zimmer und G�nge des Hauses zu bewachen. Haster Nalmat, der Wachoffizier, verneigte sich vor Nynaeve, als sie herankam; manche Leute wussten eben noch, wie man eine Aes Sedai zu behandeln hatte. Das Gel�nde jenseits des Tores war gepflegt. Nynaeves Laterne warf seltsame Schatten auf das Gras, als das Licht durch die Gew�chse schimmerte, die man in die Form exotischer Tiere geschnitten hatte. Die Schatten bewegten sich in �bereinstimmung mit der Laterne, und die Phantomgestalten zogen sich in die L�nge und verschmolzen mit der Dunkelheit der Nacht um sie herum. Wie Schattenfl�sse.</p><p>Vor dem Haus stand eine gr��ere Gruppe saldaeanischer Soldaten, weitaus mehr als n�tig. Wann immer M�nner Wache hielten, gesellten sich meistens ihre Freunde zu ihnen, zweifellos um zu klatschen. Nynaeve ging auf die Gruppe zu, was etliche der M�nner dazu brachte, sich nicht l�nger faul gegen die S�ulen des Aufgangs zu lehnen.</p><p>�Wer von euch hat im Moment dienstfrei?�</p><p>Und tats�chlich hoben drei der neun Soldaten die H�nde und sahen irgendwie peinlich ber�hrt aus.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Nynaeve und dr�ckte einem von ihnen die Laterne in die Hand. �Ihr drei, ihr kommt mit mir.� Sie betrat das Haus, und die Soldaten eilten hinter ihr her.</p><p>Es war schon sp�t - die Geisterprozession erschien erst um Mitternacht - und im Haus schlief alles. Der kostbare Kronleuchter in der Eingangshalle war gel�scht worden, und es war dunkel. Nynaeve vertraute ihrer Erinnerung, w�hlte eine Richtung und ging los. Die wei� gestrichenen W�nde waren hier genauso makellos wie in den anderen Teilen des Hauses, allerdings wiesen sie keine Verzierungen auf. Ihr Instinkt erwies sich als korrekt, da sie bald zu einem kleinen Anrichtezimmer kam, in dem die Dienerschaft die Speisen vorbereitete, bevor man sie im Esszimmer auftischte. Der Korridor f�hrte zu einem der Wohnzimmer des Herrenhauses, ein weiterer Korridor f�hrte zur�ck zur K�che. Der Raum war mit einem gro�en stabilen Holztisch und ein paar St�hlen m�bliert. Eine Gruppe von M�nnern in gr�nen M�nteln und wei�en Leinenhemden und dicken Arbeitshosen - die Dienstbotenkleidung von Haus Milisair - hatte sie in Beschlag genommen und w�rfelte.</p><p>Sie schauten entsetzt auf, als Nynaeve den Raum betrat; einer der M�nner sprang tats�chlich auf die F��e und kippte seinen Stuhl um. Er riss den Hut vom Kopf - ein schiefes braunes Teil, das sich nicht einmal Mat zu tragen getraut h�tte - und sah aus wie ein Kind, das man dabei erwischt hatte, wie es vor dem Essen den Finger in den Kuchen bohrte.</p><p>Nynaeve war egal, was sie machten. Sie hatte ein paar Diener gefunden, und daraufkam es an. �Ich muss mit der Dosun sprechen�, sagte sie und benutzte die �rtliche Bezeichnung f�r die Haushofmeisterin. �Holt sie.�</p><p>Hinter ihr betraten die Soldaten den Raum. Es waren alles Saldaeaner, und auch wenn sie etwas einf�ltig wirkten, gingen sie doch mit dem selbstbewussten Gang von M�nnern, die sich vorz�glich im Kampf auskannten. Nynaeve bezweifelte, dass diese einfachen Diener noch weiterer Einsch�chterung als durch eine Aes Sedai bedurften, aber vermutlich w�rden sich die Soldaten sp�ter als n�tzlich erweisen.</p><p>�Die Dosun?�, fragte der Mann mit dem Hut schlie�lich. �Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht lieber den Quartiermeister sehen wollt oder ��</p><p>�Die Dosun�, sagte Nynaeve. �Holt sie mir jetzt. Lasst ihr Zeit, sich etwas �berzuwerfen, aber mehr auch nicht.� Sie zeigte auf einen der Soldaten. �Ihr begleitet ihn. Sorgt daf�r, dass er mit niemandem spricht oder der Frau Gelegenheit gibt zu fl�chten.�</p><p>�Fl�chten?�, kreischte der Diener f�rmlich auf. �Warum sollte Loral das tun? Was hat sie denn getan, meine Lady?�</p><p>�Nichts. Hoffe ich. Geht!�</p><p>Die beiden M�nner - der eine ein Diener, der andere ein Soldat - eilten los, und die restlichen drei Bediensteten blieben unbehaglich am Tisch sitzen. Nynaeve verschr�nkte die Arme unter den Br�sten und �berdachte ihren Plan. Rand war zu dem Schluss gekommen, dass seine Jagd nach dem K�nig der Domani mit dem Tod des Boten in eine Sackgasse geraten war. Nynaeve war sich da nicht so sicher. Daran hatten noch andere mitgewirkt, und ein paar an den richtigen Stellen gestellte Fragen w�rden m�glicherweise sehr aufschlussreich sein.</p><p>Es war unwahrscheinlich, dass die Dosun etwas falsch gemacht hatte. Aber Nynaeve wollte nicht, dass der losgeschickte Diener unterwegs m�glicherweise jemanden traf und alles br�hwarm erz�hlte; es war besser, ihn etwas zu erschrecken und den Soldaten daf�r sorgen zu lassen, dass er den Mund hielt. Und vor allem sich beeilte.</p><p>Ihre Voraussicht zahlte sich aus. Nur wenige Minuten sp�ter eilte der Diener in den Raum und zerrte eine zerzauste �ltere Frau im blauen Morgenmantel hinter sich her. Graues Haar lugte unter einem hastig umgebundenen roten Kopftuch hervor, und ihr alterndes Domani-Gesicht war schneewei� vor Nervosit�t. Nynaeve f�hlte sich schuldig. Wie sich diese Frau jetzt f�hlen musste, wo sie ein entsetzter Diener mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und behauptet hatte, dass eine Aes Sedai sie auf der Stelle sehen wollte.</p><p>Der Soldat folgte ihnen und bezog Posten neben der T�r. Er war untersetzt, hatte krumme Beine und trug einen dieser langen saldaeanischen Schnurrbarte. Die anderen beiden lungerten neben der T�r herum, durch die Nynaeve eingetreten war, und ihre l�ssige Haltung diente nur dazu, die in dem Raum herrschende Anspannung noch zu steigern. Anscheinend hatten sie eine leise Ahnung, was Nynaeve vorhatte.</p><p>�Frieden, gute Frau�, sagte Nynaeve und deutete mit dem Kopf auf den Tisch. �Ihr d�rft Euch setzen. Ihr anderen begebt euch zur Haust�r und bleibt dort. Sprecht mit niemandem. �</p><p>Die vier Bediensteten brauchten keine weitere Ermunterung. Nynaeve befahl einem der Soldaten, ihnen zu folgen und daf�r zu sorgen, dass sie auch das taten, was man ihnen befohlen hatte. Die sp�te Stunde war ein Vorteil f�r sie; da so viele Diener und Rands Gefolge schliefen, konnte sie ihre Untersuchung durchf�hren, ohne die zu alarmieren, die m�glicherweise schuldig waren.</p><p>Der Abzug der Bediensteten machte die Dosun nur noch nerv�ser. Nynaeve setzte sich auf einen der verwaisten St�hle. In ihrer Hast hatten die M�nner ihre W�rfel zur�ckgelassen, aber ihre M�nzen hatten sie nat�rlich mitgenommen. Der Raum wurde von einer kleinen Lampe erhellt, die mit offener Flamme auf dem Fenstersims brannte. Der Saldaeaner hatte die Laterne mitgenommen, als er den Bediensteten folgte.</p><p>�Euer Name ist Loral, ist das richtig?�, fragte Nynaeve.</p><p>Die Dosun nickte misstrauisch.</p><p>�Ihr wisst, dass Aes Sedai nicht l�gen?�</p><p>Die Haushofmeisterin nickte wieder. Die meisten Aes Sedai konnten nicht l�gen, allerdings war Nynaeve durchaus dazu in der Lage, da sie nicht auf den Eidstab geschworen hatte. Nicht zuletzt deshalb hatte sie in den Augen der anderen einen geringeren Status. Was einfach nicht richtig war. Der Eidstab war nur eine Formalit�t. Leute aus den Zwei Fl�ssen brauchten kein <emphasis>Ter�angreal,</emphasis> damit sie ehrlich waren. �Dann werdet Ihr mir glauben, wenn ich Euch versichere, dass ich nicht glaube, dass Ihr etwas Falsches gemacht habt. Ich brauche nur Eure Hilfe.�</p><p>Die Frau schien sich etwas zu entspannen. �Worum geht es, Nynaeve Sedai?�</p><p>�Erfahrungsgem�� wei� die Haushofmeisterin mehr �ber das, was im Haus vor sich geht, als das Gesinde oder gar die Besitzer. Arbeitet Ihr hier schon lange?�</p><p>�Ich diene der Familie Chadmar seit drei Generationen�, verk�ndete die alte Frau nicht mit geringem Stolz. �Und ich hatte gehofft, noch einer weiteren zu dienen, w�re die Herrin nicht �� Die Frau verstummte. Rand hatte �die Herrin� in ihren eigenen Kerker gesperrt. Das beeintr�chtigte die Wahrscheinlichkeit, dass es je noch eine weitere Generation zum Dienen geben w�rde.</p><p>�Ja, nun�, sagte Nynaeve und �berbr�ckte das unbehagliche Schweigen. �Die ungl�cklichen Umst�nde mit Eurer Herrin sind ein Teil meiner Aufgabe an diesem Abend.�</p><p>�Nynaeve Sedai�, sagte die Frau mit wachsendem Eifer, �glaubt Ihr, Ihr k�nntet f�r ihre Freiheit sorgen? Dass sie wieder in die Gunst des Lord Drachen aufgenommen wird?�</p><p>�Vielleicht.� Zweifelhaft, f�gte Nynaeve in Gedanken hinzu, aber alles ist m�glich. �Meine Aktivit�ten heute Nacht k�nnten helfen. Habt Ihr diesen Boten gesehen, den, den Eure Herrin eingesperrt hat?�</p><p>�Den vom K�nig?�, fragte Loral. �Ich habe nie mit ihm gesprochen, Aes Sedai, aber ich habe ihn gesehen. Ein gro�er, h�bscher Bursche, f�r einen Domani seltsamerweise v�llig glatt rasiert. Ich bin ihm im Korridor begegnet. Hatte eines der h�bschesten Gesichter, das ich je bei einem Mann sah.�</p><p>�Und dann?�, fragte Nynaeve.</p><p>�Nun, er ging direkt zu Lady Chadmar, und dann �� Loral verstummte. �Nynaeve Sedai, ich will meine Herrin nicht noch in gr��ere Schwierigkeiten bringen ��</p><p>�Er wurde zur Befragung geschickt�, sagte Nynaeve knapp. �F�r solchen Unsinn habe ich keine Zeit, Loral. Ich bin nicht hier, um Beweise gegen Eure Herrin zu suchen, und es ist mir auch ziemlich egal, wem Eure Loyalit�t geh�rt. Hier stehen viel gr��ere Dinge auf dem Spiel. Beantwortet meine Frage.�</p><p>�Ja, Lady�, sagte Loral und wurde wieder blass. �Nat�rlich wissen wir alle, was passiert ist. Es erschien nicht richtig, einen Mann des K�nigs auf diese Weise zum Befrager zu schicken. Vor allem nicht diesen Mann. Eine echte Schande, ein so sch�nes Gesicht zu verunstalten.�</p><p>�Wisst Ihr, wo der Kerker und der Befrager sind?� Loral z�gerte, dann nickte sie widerstrebend. Gut. Dann hatte sie nicht vor, Informationen zur�ckzuhalten.</p><p>�Dann lasst uns gehen�, sagte Nynaeve und stand auf. �Meine Lady?�</p><p>�Zum Kerker. Ich nehme nicht an, dass er irgendwo auf dem Gel�nde ist, nicht, wenn Milisair Chadmar so vorsichtig war, wie ich glaube.�</p><p>�Er ist ein St�ck entfernt, in M�wenfest�, sagte Loral. �Ihr wollt heute Nacht dahin?�</p><p>�Ja�, sagte Nynaeve, dann z�gerte sie. �Es sei denn, ich entscheide mich, den Befrager bei sich zu Hause zu besuchen.�</p><p>�Es ist derselbe Ort, meine Lady.�</p><p>�Ausgezeichnet. Kommt.�</p><p>Loral blieb keine Wahl. Nynaeve erlaubte ihr, in ihr Zimmer zur�ckzukehren und sich anzuziehen - bewacht von einem Soldaten.</p><p>Kurze Zeit sp�ter f�hrten Nynaeve und ihre Soldaten die Dosun und die vier Bediensteten - sie sollten niemand warnen k�nnen - aus dem Haus. Alle f�nf sahen nicht sehr erfreut aus. Vermutlich glaubten sie die abergl�ubischen Ger�chte, dass die Nacht nicht sicher war. Nynaeve wusste es besser. M�glicherweise war die Nacht tats�chlich nicht sicher, aber das war nicht schlimmer als sonst auch. Vielleicht war es sogar sicherer. Waren weniger Leute unterwegs, dann verringerte sich auch die M�glichkeit, dass jemandem Dornen aus der Haut wuchsen oder er anfing zu brennen oder sonst ganz zuf�llig auf schreckliche Weise starb.</p><p>Sie verlie�en das Anwesen. Nynaeve schritt energisch aus und hoffte, den anderen durch ihre Gegenwart ihre Nervosit�t nehmen zu k�nnen. Sie nickte den Soldaten am Tor zu und schlug dann die Richtung ein, in die Loral zeigte. Ihre Schritte hallten von dem B�rgersteig, und die n�chtliche Wolkendecke gl�hte leicht im Mondschein.</p><p>Nynaeve gestattete sich nicht den Luxus, ihren Plan zu hinterfragen. Sie hatte sich f�r einen Kurs entschieden, und bis jetzt lief alles ausgezeichnet. Sicher, m�glicherweise w�rde es Rands Zorn erregen, dass sie Soldaten abkommandierte und �rger machte. Aber manchmal <emphasis>musste</emphasis> man das Wasser in einem tr�ben Regenfass aufw�hlen, wenn man sehen wollte, was sich auf seinem Grund befand. Alles war viel zu zuf�llig. Milisair Chadmar hatte den Boten vor Monaten gefangen genommen, aber er war erst gestorben, kurz bevor Rand ihn sehen wollte. Er war die einzige Person in der Stadt, die eine Ahnung hatte, wo sich der K�nig aufhielt.</p><p>Es gab Zuf�lle. Wenn zwei Bauern sich stritten und eine ihrer K�he in der Nacht starb, dann konnte das durchaus ein Zufall sein. Und manchmal enth�llten ein paar Nachforschungen das genaue Gegenteil.</p><p>Loral f�hrte die Gruppe direkt ins M�wenfest, was man auch als M�wenbezirk bezeichnete; ein Stadtteil, in dessen N�he die Fischer den Abfall ihres Fangs wegwarfen. Wie die meisten vern�nftigen Leute hatte Nynaeve diesen Teil der Stadt gemieden, und ihre Nase erinnerte sie j etzt an den Grund. Fischinnereien stellten ja vielleicht ausgezeichneten D�nger dar, aber Nynaeve konnte die Komposthaufen schon mehrere Stra�en zuvor riechen. Selbst die Fl�chtlinge mieden diese dunkle Gegend.</p><p>Es war ein relativ langer Weg - verst�ndlicherweise befand sich das Reichenviertel weit von M�wenfest entfernt. Nynaeve ignorierte die im Schatten liegenden Gassen und Geb�ude, auch wenn ihr Gefolge sich unbehaglich um sie scharte; nat�rlich abgesehen von den Soldaten. Die Saldaeaner legten stattdessen die Hand auf die Krummschwerter und bem�hten sich, in alle Richtungen gleichzeitig zu sehen.</p><p>Nynaeve w�nschte sich, sie h�tte Neuigkeiten aus der Wei�en Burg erhalten. Wie lange war es her, dass sie etwas von Egwene und den anderen geh�rt hatte? Sie kam sich blind vor. Nat�rlich war es ihr eigener Fehler, weil sie darauf bestanden hatte, Rand zu begleiten, jemand hatte ihn im Auge behalten m�ssen, aber das bedeutete, alle anderen aus der Sicht zu verlieren. War die Burg noch immer entzweit? War Egwene noch immer die Amyrlin? Was man sich so auf der Stra�e erz�hlte, war wenig hilfreich. F�r jedes Ger�cht, das an ihre Ohren gedrungen war, gab es zwei weitere, die das genaue Gegenteil berichteten. Die Wei�e Burg k�mpfte gegeneinander. Nein, sie k�mpfte gegen die Asha�man. Nein, die Seanchaner hatten die Aes Sedai vernichtet. Oder der Wiedergeborene Drache. Nein, diese Ger�chte waren alles L�gen, die die Burg verbreitete, um ihre Feinde aus der Deckung zu locken.</p><p>Man erfuhr nur sehr wenig �ber Elaida oder Egwene, obwohl Andeutungen �ber zwei Amyrlin die Runde machten. Das war problematisch. Keine Gruppe Aes Sedai w�rde gern die Neuigkeit �ber eine zweite Amyrlin verbreiten. Geschichten �ber Streit unter den Aes Sedai w�rde am Ende nur ihnen allen schaden.</p><p>Schlie�lich blieb Loral stehen. Die vier Bediensteten dr�ngten sich mit besorgten Mienen hinter sie. Nynaeve sah die Haushofmeisterin an. �Nun?�</p><p>�Dort, Lady.� Die Frau zeigte mit einem knochigen Finger auf das Geb�ude auf der gegen�berliegenden Stra�enseite.</p><p>�Der Kerzenmacher?�, fragte Nynaeve. Loral nickte.</p><p>Nynaeve winkte einen der krummbeinigen Saldaeaner heran. �Ihr bewacht die Leute hier und sorgt daf�r, dass sie keinen �rger bekommen. Die anderen kommen mit mir.�</p><p>Sie betrat die Stra�e, aber als sie keine Schritte h�rte, drehte sie sich stirnrunzelnd um. Die drei W�chter standen in einer Gruppe und sahen die eine Laterne an, verfluchten sich vermutlich, weil keiner daran gedacht hatte, noch eine mitzunehmen.</p><p>�Ach, um des Lichts willen�, fauchte Nynaeve, hob die Hand und umarmte die Quelle. Sie webte eine Lichtkugel �ber den Fingern, die den Boden um sie herum in eine k�hle, gleichm��ige Helligkeit tauchte. �Lasst die Laterne da.�</p><p>Die beiden Saldaeaner eilten hinter ihr her. Vor der T�r des Kerzenmachers blieb sie stehen und webte ein Schutzgewebe gegen Lauscher, das sie um sich selbst, die T�r und die beiden Soldaten legte.</p><p>�Wie hei�t Ihr?�, fragte sie den einen Mann.</p><p>�Triben, meine Lady.� Er hatte ein Raubvogelgesicht mit einem kurz getrimmtem Schnurrbart und einer Narbe auf der Stirn. �Das ist Lurts�, sagte er dann und zeigte auf seinen Kameraden, ein wahrer H�ne von einem Kerl, von dem Nynaeve �berrascht gewesen war, dass er die Uniform eines Kavalleristen trug.</p><p>�Also gut, Triben. Tretet die T�r ein.�</p><p>Triben stellte keine Fragen; er hob einfach den Stiefel und trat zu. Der Rahmen gab m�helos nach, die T�r krachte nach innen, aber wenn Nynaeve ihr Schutzgewebe richtig platziert hatte, w�rde das keiner im Haus h�ren. Sie warf einen schnellen Blick hinein. Es roch nach Wachs und Parf�m, der Holzboden war mit Flecken �bers�t. Abgel�stes Wachs hinterlie� oft Flecken.</p><p>�Schnell�, sagte sie zu den Soldaten und l�ste das Schutzgewebe auf, behielt aber die Lichtkugel. �Lurts, geht zur R�ckseite des Ladens und behaltet die Gasse im Auge; seht zu, dass niemand entkommt. Triben, Ihr begleitet mich.�</p><p>F�r einen Mann von seiner Gr��e bewegte sich Lurts �berraschend flink und nahm seine Position im hinteren Teil des Ladens ein. Nynaeves Licht enth�llte F�sser mit Wachs zum Kerzenziehen und einen Stapel verbrannter Stumpen in der Ecke, die man f�r Pfennige ankaufte, um sie einzuschmelzen. Rechts gab es eine Treppe. Ein kleiner Alkoven an der Vorderseite enthielt Kerzen in verschiedener Form und Gr��e, von den handels�blichen wei�en Langkerzen bis zu parf�mierten und verzierten rechteckigen Kerzen. Falls sich Loral mit diesem Ort geirrt hatte �</p><p>Aber jede gute Geheimoperation w�rde eine gute Tarnung haben. Nynaeve eilte die Treppe hinauf, das Holz knarrte unter ihrem Gewicht. Das Geb�ude war schmal. In der ersten Etage fanden sie und Triben zwei R�ume. Eine T�r stand einen Spaltbreit ge�ffnet, also d�mpfte Nynaeve ihre Lichtkugel und webte ein Schutzgewebe gegen Lauscher. Dann drang sie ein, gefolgt von dem falkengesichtigen Soldaten, der das Schwert aus der Scheide zog.</p><p>In dem Raum befand sich nur eine Person, ein �bergewichtiger Mann schlief auf einer Matratze auf dem Boden. Nynaeve webte ein paar Str�nge Luft und fesselte ihn geschickt. Er riss die Augen auf und �ffnete den Mund, um zu schreien, aber sie stopfte ihm Luft zwischen die Lippen und knebelte ihn.</p><p>Dann drehte sie sich zu Triben um und verkn�pfte ihre Gewebe. Sie lie�en den gefesselten Mann zur�ck, der gegen die unsichtbaren B�nder ank�mpfte, und begaben sich zu der anderen T�r. Nynaeve webte ein weiteres Gewebe gegen Lauscher in den Raum hinein, bevor sie eintrat, und das war auch gut so - die beiden j�ngeren M�nner, die sich hier aufhielten, reagierten viel schneller. Einer schoss in die H�he und stie� einen Schrei aus, gerade als Triben herbeieilte. Triben versetzte ihm einen Schlag in den Magen und nahm ihm die Luft.</p><p>Nynaeve fesselte ihn mit Luft, dann machte sie das Gleiche bei dem anderen jungen Mann, der sich verschlafen von seinem Bett erhob. Sie zog die beiden zu sich heran, lie� ihr Licht heller brennen und h�ngte die Gefangenen dann ein St�ck in die Luft. Beide waren Domani, mit dunklen Haaren und groben Gesichtern, mit schmalen Schnurrb�rten �ber den Lippen. Sie trugen nur Lendent�cher. Eigentlich sahen sie zu alt aus, um Lehrlinge zu sein.</p><p>�Ich glaube, wir sind hier richtig, Nynaeve Sedai�, sagte Triben, ging um die M�nner herum und stellte sich wieder an ihre Seite.</p><p>Sie hob eine Braue.</p><p>�Das sind keine Kerzenmacherlehrlinge�, fuhr der Soldat fort. Er schob den S�bel zur�ck in die Scheide. �Schwielen an den Handfl�chen, aber keine Verbrennungen? Muskul�se Arme? Und sie sind viel zu alt. Der Linke hat die Nase mindestens einmal gebrochen bekommen.�</p><p>Sie sah genauer hin. Triben hatte recht. <emphasis>Das h�tte ich sehen m�ssen.</emphasis> Immerhin war ihr das Alter aufgefallen. �Bei welchem sollte ich den Knebel l�sen, was meint Ihr?�, sagte sie beil�ufig, �und welchen sollte ich t�ten?�</p><p>Beide M�nner fingen mit weit aufgerissenen Augen an, sich zu winden. Sie h�tten wissen m�ssen, dass keine Aes Sedai jemals so etwas tat. Tats�chlich h�tte sie so etwas eigentlich nicht einmal andeuten d�rfen, aber private Kerkerw�rter wie diese hier fachten stets ihre Wut an.</p><p>�Der Linke scheint unbedingt reden zu wollen, Lady�, sagte Triben. �Vielleicht wird er Euch ja sagen, was Ihr wissen wollt.�</p><p>Sie nickte und l�ste den Knebel des Mannes. Er fing sofort an zu reden. �Ich tue, was auch immer Ihr sagt! Bitte f�llt meinen Bauch nicht mit Insekten! Ich habe nichts Falsches getan, das versichere ich Euch, ich ��</p><p>Sie stopfte den Luftknebel wieder hinein.</p><p>�Zu viel Gejammer�, meinte sie. �Vielleicht wei� der andere ja, wann man zuh�ren und wann man sprechen muss.� Sie l�ste den Knebel.</p><p>Der Mann blieb in der Luft h�ngen, offensichtlich vor Angst erstarrt, aber er sagte nichts. Die Eine Macht konnte selbst den gewissenlosesten M�rder einsch�chtern.</p><p>�Wo geht es zum Kerker?�</p><p>Der Mann sah aus, als w�re ihm �bel, dabei hatte er sich vermutlich bereits gedacht, dass sie in den Kerker wollte. Es war nur wenig wahrscheinlich, dass eine Aes Sedai nach Mitternacht in das Gesch�ft einbrach, weil man ihr eine schlechte Kerze verkauft hatte.</p><p>�Eine Fallt�r�, sagte der Mann, �unter dem Teppich vorn im Laden.�</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Nynaeve. Sie verschn�rte die Gewebe, die die H�nde der M�nner fesselten, dann erneuerte sie bei dem, der gesprochen hatte, den Knebel. Aber sie lie� sie nicht in der Luft h�ngen - sie hatte keine Lust, sie hinter sich herzuziehen -, sondern lie� sie auf ihren eigenen F��en gehen.</p><p>Triben holte den �bergewichtigen Mann aus dem Nebenzimmer, dann trieb Nynaeve die drei Kerle vor sich her die Treppe hinunter. Unten behielt der muskul�se Lurts aufmerksam die Hintergasse im Auge. Vor ihm sa� ein Junge auf dem Boden, und Nynaeves Lichtkugel beleuchtete einen furchterf�llten Domani mit ungew�hnlich hellem Haar und von Verbrennungen �bers�ten H�nden.</p><p>�Das ist nun wirklich ein Kerzenmacherlehrling�, meinte Triben und kratzte sich an der Stirnnarbe. �Vermutlich lassen sie ihn hier im Laden die Arbeit erledigen.�</p><p>�Er schlief unter den Decken dort.� Lurts deutete auf ein schattenhaftes B�ndel in der Ecke, als er sich zu Nynaeve gesellte. �Wollte zur Vordert�r hinaus, nachdem Ihr die Treppe hinauf wart.�</p><p>�Bringt ihn her�, sagte Nynaeve. Ein paar Schritte entfernt zog Triben den Teppich zur Seite und stocherte mit dem Schwert in den Bohlenspalten herum, bis er auf etwas stie� - vermutlich Angeln. Nach ein paar vorsichtigen Versuchen bekam er die Fallt�r auf. Eine Leiter f�hrte nach unten in die Finsternis.</p><p>Nynaeve trat vor, aber Triben hob die Hand. �Lord Bashere w�rde mich an meinen eigenen Steigb�geln aufh�ngen lassen, lie�e ich Euch zuerst gehen, Lady�, sagte er. �Wer wei� schon, was dort unten ist.� Er sprang in das Loch, rutschte die Leiter mit einer Hand hinunter, das Schwert in der anderen. Dumpf landete er auf dem Boden. Nynaeve verdrehte die Augen. M�nner! Sie bedeutete Lurts, auf die Kerkerw�rter aufzupassen, dann l�ste sie die Fesseln der M�nner, damit sie nach unten steigen konnten. Sie schenkte jedem von ihnen einen strengen Blick, dann stieg sie ohne Tribens l�cherliches Gehabe die Leiter hinunter und �berlie� es Lurts, die Kerkerw�rter nach unten zu treiben.</p><p>Sie hob die Lichtkugel und musterte den Keller. Die W�nde waren aus Stein, was ihr ein gewisses Unbehagen wegen des Gewichts des �ber ihnen befindlichen Hauses nahm. Der Boden war aus festgestampfter Erde, und in der gegen�berliegenden Wand befand sich eine Holzt�r. Triben lauschte daran.</p><p>Sie nickte, und er zog sie auf und warf sich eifrig hindurch. Die Saldaeaner schienen von den Aiel schlechte Angewohnheiten zu �bernehmen. Nynaeve folgte ihm und bereitete ein paar Luftgewebe vor, nur f�r alle F�lle. Hinter ihr fingen die m�rrischen Kerkerw�rter an, die Leiter hinunterzuklettern, gefolgt von Lurts.</p><p>In dem anderen Raum gab es nicht viel zu sehen. Zwei Zellen mit dicken Holzt�ren, einen Tisch mit ein paar Hockern und eine gro�e Holztruhe. Nynaeve schickte ihre Lichtkugel in die Ecke, als Triben die Truhe untersuchte. Er hob den Deckel, legte die Stirn in Falten und holte mehrere funkelnde Messer hervor. Hilfswerkzeuge zur Befragung. Nynaeve fr�stelte. Sie schaute die Kerkerw�rter hinter ihr finster an.</p><p>Sie l�ste den Knebel bei dem, der gesprochen hatte. �Die Schl�ssel?�</p><p>�Unten in der Truhe�, sagte der Schl�ger. Der �bergewichtige Kerkerw�rter - zweifellos der Anf�hrer, da er ein eigenes Zimmer gehabt hatte - warf ihm einen w�tenden Blick zu. Nynaeve stemmte ihn ruckartig in die Luft. �Provoziert mich nicht�, knurrte sie. �Die Nacht ist viel zu weit fortgeschritten, als dass vern�nftige Leute noch wach w�ren.�</p><p>Sie nickte Triben zu, und er holte die Schl�ssel hervor und �ffnete die Zellent�ren. Die erste Zelle war leer; in der zweiten befand sich eine mitgenommene Frau, die noch immer ein kostbares Domani-Kleid trug, auch wenn es beschmutzt war. Lady Chadmar war verdreckt und abgerissen, und sie kauerte an der Wand. Sie schien nicht einmal richtig mitzubekommen, dass die T�r offen stand. Nynaeve roch den ersten Hauch eines Gestanks, der bis zu diesem Augenblick von dem Geruch verfaulenden Fisches �berdeckt gewesen war. Menschliche Exkremente und ein ungewaschener K�rper. Vermutlich war das einer der Gr�nde daf�r gewesen, den Kerker hier in M�wenfest unterzubringen.</p><p>Als Nynaeve sah, wie man die Frau behandelte, atmete sie scharf ein. Wie konnte Rand das erlauben? Sicher, die Frau hatte das Gleiche anderen angetan, aber das berechtigte ihn nicht, auf ihr Niveau zu sinken.</p><p>Sie gab Triben das Zeichen, die T�r zu schlie�en, dann setzte sie sich auf einen der Hocker und betrachtete die drei Kerkerw�rter. Lurts bewachte den Ausgang und behielt den armen Lehrling im Auge. Der �bergewichtige Kerkermeister hing noch immer in der Luft.</p><p>Sie brauchte Informationen. Nat�rlich h�tte sie Rand auch um die Erlaubnis bitten k�nnen, das Gef�ngnis am Morgen zu besuchen, aber dann h�tte sie riskiert, dass diese M�nner vorher von dem Besuch erfahren h�tten. Sie verlie� sich auf �berraschung und Einsch�chterung, um das zu enth�llen, was verborgen geblieben war.</p><p>�Also�, sagte sie. �Ich werde jetzt ein paar Fragen stellen. Ihr werdet mir sie beantworten. Ich wei� noch nicht genau, was ich mit euch machen werde, also ist es besser, wenn ihr mir gegen�ber ehrlich seid.�</p><p>Die beiden W�rter schauten zu dem anderen Mann hoch, der an unsichtbaren Geweben aus Luft unter der Decke schwebte. Sie nickten.</p><p>�Der Mann, den man euch brachte. Der Bote des K�nigs. Wann kam er?�</p><p>�Vor zwei Monaten�, sagte einer der M�nner - der mit dem gro�en Kinn und der gebrochenen Nase. �Kam in einem Sack mit Kerzenstummeln aus Lady Chadmars Haus, genau wie alle Gefangenen.�</p><p>�Eure Befehle?�</p><p>�Ihn festzuhalten�, sagte der andere W�rter. �Ihn am Leben zu halten. Wir wussten nicht viel, �h, Lady Aes Sedai. jorgin ist derjenige, der sich um die Befragungen k�mmert.�</p><p>Sie schaute zu dem Fetten hoch. �Du bist jorgin?�</p><p>Er nickte z�gernd.</p><p>�Und wie lauteten deine Befehle?�</p><p>Jorgin schwieg.</p><p>Nynaeve seufzte. �H�r zu. Ich bin Aes Sedai und an mein Wort gebunden. Wenn du mir sagst, was ich wissen will, sorge ich daf�r, dass man dich nicht verd�chtigt, mit seinem Tod zu tun zu haben. Ihr drei seid dem Drachen v�llig egal, sonst w�rdet ihr l�ngst nicht mehr diesen � Ort betreiben.�</p><p>�Wenn wir reden, sind wir frei?�, fragte der Dicke. �Euer Wort?�</p><p>Nynaeve schaute sich gereizt in dem kleinen Raum um. Sie hatten Lady Chadmar in die Dunkelheit gesperrt, und die T�r war mit Stoff bedeckt, um Schreie zu d�mpfen. Die Zelle w�rde finster, stickig und eng sein: M�nner, die an einem solchen Ort arbeiteten, verdienten kaum zu leben, geschweige denn ihre Freiheit.</p><p>Aber hier ging es um ein viel gr��eres Leiden. �Ja�, sagte Nynaeve voller Bitterkeit. �Und ihr wisst genau, dass das etwas Besseres ist, als ihr verdient.�</p><p>Jorgin z�gerte, dann nickte er. �Lasst mich herunter, Aes Sedai, und ich beantworte Eure Fragen.�</p><p>Sie tat es. Dem Mann war das sicherlich nicht bewusst, aber sie hatte keine gro�e Autorit�t, auf die sie sich berufen konnte; sie w�rde sich nicht zu seinen Methoden erniedrigen, um Antworten zu bekommen, und sie handelte ohne Rands Wissen. M�glicherweise w�rde der Drache gar nicht freundlich reagieren, wenn er ihre Herumschn�ffelei entdeckte - es sei denn, sie hatte Neuigkeiten f�r ihn.</p><p>Jorgin sagte zu dem Schl�ger mit der gebrochenen Nase: �Mort, hol mir einen Hocker.�</p><p>Mort sah Nynaeve um Erlaubnis bittend an, die sie mit einem knappen Nicken gew�hrte. Nachdem Jorgin seine Masse auf dem Hocker platziert hatte, beugte er sich mit verschr�nkten H�nden vor. Er �hnelte einem K�fer, den man auf die Seite gedreht hatte.</p><p>�Ich wei� nicht, was Ihr eigentlich von mir wollt�, sagte er dann. �Ihr scheint doch bereits alles zu wissen. Ihr wisst �ber meine Einrichtung Bescheid und �ber die Leute, die hier eingesperrt waren. Was gibt es da sonst noch?�</p><p>Einrichtung? So konnte man das auch nennen. �Das ist meine Sache�, erwiderte Nynaeve und schenkte ihm einen Blick, der, wie sie hoffte, deutlich machte, dass man die Interessen der Aes Sedai nie infrage stellte. �Verrate mir, wie ist der Bote gestorben?�</p><p>�W�rdelos�, erwiderte forgin. �Wie alle M�nner, meiner Erfahrung nach.�</p><p>�Werde genauer, oder du h�ngst wieder in der Luft.�</p><p>�Vor ein paar Tagen �ffnete ich die Zellent�r, um ihm was zu Essen zu bringen. Er war tot.�</p><p>�Und wie lange war es her, dass du ihm das letzte Mal etwas gebracht hattest?�</p><p>Jorgin schnaubte. �Ich lasse meine G�ste nicht verhungern, Lady Aes Sedai. Ich � ermuntere sie blo�, mit ihrem Wissen freigebig zu sein.�</p><p>�Und wie sehr hast du den Boten <emphasis>ermuntert?�</emphasis></p><p>�Nicht genug, um ihn umzubringen�, wehrte der Kerkermeister ab.</p><p>�Oh, bitte�, sagte Nynaeve. �Der Mann ist Monate in deinem Kerker, angeblich die ganze Zeit gesund. Dann stirbt er pl�tzlich einen Tag, bevor er dem Wiedergeborenen Drachen vorgef�hrt werden soll? Ich habe dir bereits Straffreiheit versprochen. Sag mir, wer dich bestochen hat, damit du ihn umbringst, und ich sorge f�r deinen Schutz.�</p><p>Der Kerkermeister sch�ttelte den Kopf. �Ich sage Euch, er ist einfach gestorben. So was kommt eben vor.�</p><p>�Ich bin deine Spielchen leid.�</p><p>�Das ist kein Spiel, verdammt�, knurrte Jorgin. �Glaubt Ihr, ein Mann k�me weit in meinem Handwerk, wenn bekannt w�re, dass man ihn bestechen kann, damit er einen seiner G�ste umbringt? Ihr k�nntet ihm nicht weiter trauen als einem verlogenen Aiel!�</p><p>Sie lie� die letzte Bemerkung durchgehen, auch wenn man einem solchen Mann niemals �trauen� konnte.</p><p>�Das war sowieso nicht die Art von Gefangenen, die man umbringt�, fuhr Jorgin fort. �Jeder will wissen, wo der K�nig ist. Warum also den Einzigen t�ten, der es vielleicht wei�? Der Mann war gutes Geld wert.�</p><p>�Also ist er nicht tot�, vermutete Nynaeve. �An wen hast du ihn verkauft?�</p><p>�Oh, er ist schon tot�, sagte der Kerkermeister mit einem Kichern. �H�tte <emphasis>ich</emphasis> ihn verkauft, h�tte ich das nicht lange �berlebt. In meinem Handwerk lernt man solche Dinge schnell.�</p><p>Nynaeve wandte sich den anderen M�nnern zu. �L�gt er? Hundert Goldmark f�r den von euch, der mir den Beweis bringt, dass er das tut.�</p><p>Mort sah seinen Anf�hrer an, dann verzog er das Gesicht. �F�r hundert Goldmark w�rde ich Euch meine Mutter verkaufen, Lady. Verflucht, das w�rde ich. Aber Jorgin sagt die Wahrheit. Er war mausetot. Die M�nner des Drachen haben es nachgepr�ft, als sie uns die Lady brachten.�</p><p>Also hatte Rand diese M�glichkeit in Betracht gezogen. Aber sie hatte noch immer keinen Beweis, dass diese M�nner die Wahrheit sagten. Falls es etwas zu verbergen gab, hatten sie sich gro�e M�he gegeben, es tief zu vergraben. Sie entschied sich, einen anderen Weg einzuschlagen.</p><p>�Was habt ihr also �ber den Aufenthaltsort des K�nigs entdeckt?�</p><p>Jorgin seufzte blo�. �Wie ich bereits den M�nnern des Lord Drachen gesagt habe und davor Lady Chadmar, bevor sie selbst im Kerker landete: der Mann wusste etwas, wollte es aber nicht sagen.�</p><p>�Kommt schon�, sagte Nynaeve und warf einen Blick auf die Truhe mit den scharfen Gegenst�nden. Sie musste schnell wieder wegsehen, bevor sie deswegen in Wut geriet.� Ein Mann mit deinem � Geschick? Und du konntest nicht eine einzige Information aus ihm herausholen?�</p><p>�Soll mich der Dunkle K�nig holen, wenn ich l�ge!� Der Kerkermeister err�tete, als w�re das f�r ihn eine Sache des Stolzes. �Noch nie habe ich erlebt, dass sich ein Mann derart widersetzt! Eine h�bsche halbe Portion wie der h�tte eigentlich von selbst zusammenbrechen m�ssen. Aber das tat er nicht. Er sprach �ber alles, nur nicht �ber die Dinge, die wir wollten!�Jorgin beugte sich vor. �Ich wei� nicht, wie er es geschafft hat, Lady. Soll man mich zu Asche verbrennen, aber ich habe keine Ahnung. Es war, als h�tte irgendeine � Macht Gewalt �ber seine Zunge. Es war, als <emphasis>k�nnte</emphasis> er nicht sprechen. Selbst wenn er es gewollt h�tte!�</p><p>Die beiden Schl�ger murmelten etwas und sahen dabei irgendwie unbehaglich aus. Anscheinend hatten ihre Fragen einen Nerv getroffen.</p><p>�Also habt ihr ihm zu sehr zugesetzt�, vermutete sie. �Daran ist er gestorben.�</p><p>�Nein, Frau!�, knurrte der Kerkermeister. �Blut und verdammte Asche! Ich habe ihn <emphasis>nicht</emphasis> get�tet! Manchmal sterben Leute einfach.�</p><p>Leider fing sie an, ihm zu glauben. Jorgin war ein widerw�rtiger Mann, der es verdient h�tte, ein Jahrzehnt unter Aufsicht einer Dorfseherin hart zu schuften. Aber er log nicht.</p><p>So viel also zu ihren hochfliegenden Pl�nen. Seufzend stand sie auf und wurde sich dabei bewusst, wie m�de sie doch war. Beim Licht! Aller Wahrscheinlichkeit nach w�rde dieses Unternehmen Rand eher explodieren lassen als ihn dazu zu bringen, sich ihrem Rat anzuvertrauen. Sie musste ins Herrenhaus zur�ckkehren und etwas schlafen. Vielleicht w�rde ihr am Morgen ein besserer Weg einfallen, Rand zu zeigen, dass sie auf seiner Seite war.</p><p>Sie bedeutete den Soldaten, den Kerkermeister und seine Helfer wieder nach oben zu bringen. Danach webte sie Luft und schloss damit Milisair Chadmars Zellent�r. Sie <emphasis>w�rde</emphasis> sich darum k�mmern, dass man die Haftbedingungen der Frau verbesserte. Ob sie nun ein verabscheuungsw�rdiger Mensch war oder nicht, diese Behandlung hatte sie nicht verdient. Rand w�rde das verstehen m�ssen, wenn sie es ihm erkl�rte. Tats�chlich sah Milisair aus, als w�rde sie krank! Gedankenverloren ging sie zu dem Sehschlitz in der Zellent�r, dann webte sie aus Geist eine Tiefenschau, um sich zu vergewissern, dass die Frau nicht krank war.</p><p>Nynaeve hatte noch nicht richtig mit der Tiefenschau beg�nnen, als sie auch schon erstarrte. Sie hatte damit gerechnet, dass Milisairs K�rper durch Ersch�pfung geschw�cht war. Sie hatte damit gerechnet, Krankheiten zu finden, vielleicht Hunger.</p><p>Aber sie hatte nicht damit gerechnet, Gift zu finden.</p><p>Fluchend riss sie die Zellent�r auf und eilte hinein. Ja, die Tiefenschau zeigte es ihr ganz genau. Tarchrottbl�tter. Nynaeve hatte sie selbst schon einmal einem Hund gegeben, den man einschl�fern musste. Es war eine gew�hnliche Pflanze, die sehr bitter schmeckte. Wegen dieses unangenehmen Geschmacks nicht das beste aller Gifte, und man musste es zu sich nehmen.</p><p>Ja, das war ein schlechtes Gift - es sei denn, die Person, die man vergiftete, war bereits eine Gefangene und hatte keine Wahl, als das zu essen, was man ihr vorsetzte. Nynaeve fing an zu Heilen, verwebte alle f�nf M�chte und erstickte das Gift und st�rkte den K�rper. Es handelte sich um eine relativ einfache Heilung, da Tarchrottbl�tter nicht besonders stark waren. Man musste entweder eine Menge davon nehmen - so wie sie damals bei dem Hund -, oder man musste es mehrmals verabreichen, damit es Wirkung zeigte. Aber wenn man es langsam verabreichte, w�rde es so aussehen, als w�rde die Person auf ganz nat�rliche Weise sterben.</p><p>Sobald Milisair in Sicherheit war, st�rmte Nynaeve aus der Zelle. �Halt�, br�llte sie den M�nnern nach. �Jorgin!�</p><p>Lurts drehte sich �berrascht um. Er packte den Kerkermeister am Arm und riss ihn herum.</p><p>�Wer k�mmert sich um das Essen der Gefangenen?�, verlangte Nynaeve zu wissen und ging auf ihn zu.</p><p>�Das Essen?� Jorgin sah sie verwirrt an. �Das ist Kerbs Aufgabe. Warum?�</p><p>�Kerb?�</p><p>�Der Junge�, sagte Jorgin. �Niemand Wichtiges. Ein Lehrling, den wir vor ein paar Monaten unter den Fl�chtlingen fanden. Eigentlich hatten wir da Gl�ck - unser letzter Lehrling ist weggelaufen, und er kannte sich im Handwerk schon ��</p><p>Nynaeve brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen, von pl�tzlicher Aufregung erf�llt. � Der Junge! Wo ist er?�</p><p>�Der war gerade noch hier ��, sagte Lurts und schaute nach oben. �Ging mit��</p><p>Oben ert�nten auf einmal hastige Bewegungen. Nynaeve fluchte, rief Triben zu, sich den Jungen zu schnappen. Sie bahnte sich den Weg an den M�nnern vorbei und stieg die Leiter hinauf, sprang in den Laden, gefolgt von ihrer Lichtkugel. Die beiden Schl�ger standen geduckt in der Mitte des Raumes und sahen verwirrt aus, bewacht von Triben mit seinem gez�ckten Schwert. Der Soldat sah Nynaeve fragend an.</p><p>�Der Junge!�, stie� sie hervor.</p><p>Triben schaute zur Ladent�r. Sie stand offen. Nynaeve webte Str�nge aus Luft und st�rmte auf die Stra�e hinaus.</p><p>Kerb wurde mitten auf der Stra�e von den vier Bediensteten festgehalten, die sie aus dem Haus mitgenommen hatte. Als sie den B�rgersteig verlie�, zerrten die M�nner den sich wild wehrenden Jungen auf die F��e. Der letzte Saldaeaner stand mit gezogenem Schwert neben der T�r, als w�re er herbeigeeilt, um zu sehen, ob sie in Gefahr schwebte.</p><p>�Er kam aus der T�r geschossen, Aes Sedai�, sagte einer der Diener, �als w�re der Dunkle K�nig selbst hinter ihm her. Euer Soldat lief her�ber, um zu sehen, ob Ihr in Gefahr seid, aber wir hielten es f�r besser, den Jungen festzuhalten, bevor er weglaufen konnte. Nur f�r alle F�lle.�</p><p>Nynaeve stie� die angehaltene Luft aus, um sich zu beruhigen. �Das habt ihr gut gemacht�, sagte sie. Der Junge wehrte sich noch immer schwach. �Das habt ihr in der Tat sehr gut gemacht.�</p></section><section><title><p>33</p><p>Eine Unterhaltung mit dem Drachen</p></title><p>Ich hoffe, es ist wichtig�, verk�ndete Rand. Nynaeve drehte sich um. Der Wiedergeborene Drache stand auf der Schwelle des Wohnzimmers. Er trug einen dunkelroten Morgenmantel mit aufgestickten schwarzen Drachen auf den �rmeln. Sein Armstumpf lag in den Falten des Stoffes verborgen. Auch wenn sein Haar vom Schlaf zerzaust war, blitzten seine Augen scharf und aufmerksam.</p><p>Er betrat das Wohnzimmer, jeder Zoll ein K�nig - selbst jetzt, lange nach Mitternacht und gerade erst erwacht verk�ndete jeder Schritt sein absolutes Selbstvertrauen. Diener hatten eine Kanne mit hei�em Tee gebracht, und er schenkte sich eine Tasse ein, w�hrend Min ihm in den Raum folgte. Sie trug ebenfalls einen Morgenmantel; beide waren im Domani-Stil, und ihrer war aus gelber Seide und wesentlich d�nner gewebt als Rands. T�chter der Aiel nahmen zu beiden Seiten der T�r ihre Positionen ein, v�llig l�ssig auf ihre seltsam gef�hrliche Weise.</p><p>Rand trank einen Schluck. Es fiel immer schwerer, ihn als den Jungen zu sehen, den Nynaeve in den Zwei Fl�ssen gekannt hatte. Hatte er den Kiefer immer schon so entschlossen vorgeschoben? Wann war sein Schritt so sicher geworden, die Haltung so fordernd? Dieser Mann erschien beinahe wie eine Interpretation des Rands, den sie einst gekannt hatte. Eine aus Stein gemei�elte Statue, deren Heldenhaftigkeit �bertrieben gezeichnet worden war.</p><p>�Nun?�, verlangte Rand zu wissen. �Wer ist das?�</p><p>Kerb, der junge Lehrling, sa� mit Luft gefesselt auf einer der Polsterb�nke im Raum. Nynaeve betrachtete ihn, dann umarmte sie die Quelle und webte ein Gewebe gegen Lauscher. Rand sah sie scharf an. �Du hast die Macht gelenkt?� Er konnte sp�ren, wenn sie es ohne besondere Vorkehrungen tat; laut Egwenes und Elaynes Untersuchungen bekam er eine G�nsehaut.</p><p>�Ein Schutzgewebe�, erwiderte sie und weigerte sich, sich einsch�chtern zu lassen. �Soweit ich wei�, brauche ich nicht deine <emphasis>Erlaubnis,</emphasis> um die Macht zu lenken. Du bist hoch aufgestiegen, Rand al�Thor, aber vergiss nicht, dass ich dir den Hintern versohlt habe, als du noch keinem Mann bis zum Knie gereicht hast.�</p><p>Fr�her h�tte ihm das eine Reaktion entlockt, selbst wenn es nur ein �rgerliches Schnauben gewesen w�re, fetzt sah er sie einfach nur an. Manchmal schienen diese Augen der Teil von ihm zu sein, der sich am meisten ver�ndert hatte.</p><p>Er seufzte. �Warum hast du mich geweckt, Nynaeve? Wer ist dieser d�rre, ver�ngstigte Junge? H�tte ein anderer zu dieser Nachtzeit diese Botschaft geschickt, h�tte ich ihn zu Bashere geschickt, um ihn auspeitschen zu lassen.�</p><p>Nynaeve deutete auf Kerb. �Ich glaube, dieser �d�rre ver�ngstigte Junge� wei�, wo der K�nig ist.�</p><p>Das erregte Rands Aufmerksamkeit und auch Mins. Sie hatte sich ebenfalls eine Tasse Tee genommen und lehnte an der Wand. Warum waren die beiden nur nicht <emphasis>verheiratet?</emphasis></p><p>�Der K�nig?�, fragte Rand. �Also dann auch Graendal. Woher wei�t du das, Nynaeve? Wo hast du ihn gefunden?�</p><p>�In dem Kerker, in den du Milisair Chadmar geworfen hast�, erkl�rte Nynaeve und betrachtete ihn. �Er ist schrecklich, Rand al�Thor. Du hast kein Recht, jemand auf diese Weise zu behandeln.�</p><p>Auf diese Bemerkung reagierte er auch nicht. Stattdessen trat er einfach auf Kerb zu. �Hat er etwas von dem Verh�r mitbekommen?�</p><p>�Nein. Aber ich glaube, dass er den Boten ermordet hat. Ich wei� mit Sicherheit, dass er versucht hat, Milisair zu vergiften. Am Ende der Woche w�re sie tot gewesen, h�tte ich sie nicht Geheilt.�</p><p>Rand warf ihr einen Blick zu, und sie vermochte f�rmlich zu f�hlen, wie er ihre Bemerkungen zusammensetzte, um herauszufinden, was sie getan hatte. �Mir ist klar geworden�, sagte er dann, �dass ihr Aes Sedai vieles gemeinsam habt. Ihr seid immer dort, wo ihr unerw�nscht seid.�</p><p>Nynaeve schnaubte. �W�re ich fortgeblieben, dann w�rde Milisair sterben, und Kerb w�re frei.�</p><p>�Ich nehme an, du hast ihn gefragt, wer ihm den Befehl gab, den Boten zu t�ten.�</p><p>�Noch nicht. Allerdings habe ich bei seinen Sachen das Gift gefunden und herausgefunden, dass er das Essen sowohl f�r Milisair wie auch f�r den Boten zubereitet hat.� Sie z�gerte, bevor sie fortfuhr. �Rand, ich bin mir nicht sicher, dass er in der Lage sein wird, unsere Fragen zu beantworten. Ich habe bei ihm eine Tiefenschau durchgef�hrt, und auch wenn er k�rperlich nicht krank ist, ist da � etwas. In seinem Verstand.�</p><p>�Was meinst du?�, fragte Rand leise.</p><p>�Eine Art Blockade�, sagte Nynaeve. �Der Kerkermeister erschien ungehalten, nein, sogar �berrascht, dass der Bote seiner �Befragung� hatte widerstehen k�nnen. Ich glaube, dieser Mann hatte ebenfalls eine Blockade, die ihn daran hinderte, zu viel zu enth�llen.�</p><p>�Zwang�, meinte Rand. Er sagte es v�llig n�chtern und hob die Tasse an die Lippen.</p><p>Zwang war finster und b�se. Nynaeve hatte dieses Gewebe am eigenen Leib erleben m�ssen; der Gedanke an das, was Moghedien mit ihr gemacht hatte, lie� sie noch immer fr�steln. Dabei war das nur eine kleine Sache gewesen, die Entfernung von ein paar Erinnerungen.</p><p>� Nur wenige sind so geschickt mit dem Zwang wie Graendal�, sagte Rand nachdenklich. �Vielleicht ist das ja die Best�tigung, nach der ich gesucht habe. Ja � das k�nnte in der Tat eine gro�e Entdeckung sein, Nynaeve. Wichtig genug, um mich vergessen zu lassen, wie du sie gemacht hast.�</p><p>Rand ging um die Bank herum und beugte sich vor, um dem jungen Mann in die Augen zu blicken. �Befreie ihn�, befahl er. Nynaeve gehorchte.</p><p>�Verrate es mir�, sagte Rand zu Kerb. �Wer hat dir befohlen, diese Menschen zu vergiften?�</p><p>�Ich wei� nichts!�, quiekte der Junge. �Ich habe blo� ��</p><p>�Sei still�, sagte Rand leise. �Glaubst du, dass ich dich t�ten kann?�</p><p>Der Junge verstummte, und obwohl Nynaeve das f�r unm�glich gehalten h�tte, riss er die blauen Augen noch weiter auf.</p><p>�Glaubst du, dass ich nur ein Wort sagen m�sste�, fuhr Rand in diesem leisen, unheimlichen Tonfall fort, �damit dein Herz zu schlagen aufh�rt? Ich bin der Wiedergeborene Drache. Glaubst du, dass ich dir dein Leben und sogar deine Seele selbst nehmen kann, wenn ich will, dass das geschieht?�</p><p>Und wieder sah Nynaeve sie, diese Dunkelheit um Rand, diese Aura, von der sie nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, dass sie auch tats�chlich existierte. Sie hob ihren Tee an den Mund und musste entdecken, dass er pl�tzlich bitter geworden war, als h�tte er dort zu lange gestanden.</p><p>Kerb kr�mmte sich zusammen und fing an zu schluchzen.</p><p>�Sprich!�, befahl Rand.</p><p>Der Junge �ffnete den Mund, aber es kam nur ein St�hnen heraus. Er war so von Rand gebannt, dass er den Schwei� nicht von den Wimpern blinzeln konnte oder wollte.</p><p>�Ja�, sagte Rand nachdenklich. �Das ist Zwang. Sie ist hier! Ich hatte <emphasis>recht.�</emphasis> Er sah Nynaeve an. �Du wirst das Netz aus Zwang aufl�sen m�ssen, es aus seinem Bewusstsein entfernen, bevor er uns sagen kann, was er wei�.�</p><p>�Ich muss was?�, fragte sie ungl�ubig.</p><p>�Mit solchen Geweben kenne ich mich nicht gut aus�, sagte Rand mit einer geringsch�tzigen Handbewegung. �Ich vermute, du kannst Zwang entfernen, wenn du es versuchst. In gewisser Weise �hnelt das dem Heilen. Nimm die gleichen Gewebe, die den Zwang erschaffen, aber dreh sie um.�</p><p>Nynaeve runzelte die Stirn. Den armen Jungen zu Heilen h�rte sich gut an - schlie�lich sollte jede Verletzung behandelt werden. Aber etwas zu versuchen, das sie noch nie zuvor getan hatte, und das auch noch vor Rand zu tun, war nicht besonders verlockend. Was, wenn sie es falsch anstellte und den Jungen dabei irgendwie verletzte?</p><p>Rand setzte sich auf die Polsterbank, die gegen�ber von dem Jungen stand, und Min kam herbei und setzte sich neben ihn. Sie betrachtete ihren Tee mit einer Grimasse; offensichtlich war er genauso schlecht geworden wie Nynaeves.</p><p>Rand sah Nynaeve abwartend an.</p><p>�Ich ��</p><p>�Versuch es einfach�, sagte er. �Ich kann dir nicht sagen, wie man das genau macht, nicht einer Frau, aber du bist schlau. Ich bin sicher, du schaffst das.�</p><p>Sein unbeabsichtigt g�nnerhafter Ton fachte ihren Zorn erneut an. Ihre M�digkeit war auch nicht gerade hilfreich. Mit zusammengebissenen Z�hnen wandte sie sich Kerb zu und webte alle F�nf M�chte. Seine Blicke schossen �berall hin, auch wenn er die Gewebe nicht sehen konnte.</p><p>Nynaeve legte ein ausgesprochen leichtes Heilgewebe �ber ihn, was ihn sich versteifen lie�. Dann webte sie einen separaten Strang Geist und begab sich so vorsichtig wie m�glich mit der Tiefenschau in seinen Kopf und stie� gegen die Gewebe, die seinen Verstand einh�llten. Ja, jetzt konnte sie es sehen, ein kompliziertes Netz aus Geist, Luft und Wasser. Ihrem geistigen Auge bot sich ein schrecklicher Anblick, wie es kreuz und quer �ber das Gehirn des Jungen lief. St�cke des Gewebes gruben sich winzigen Haken gleich tief in das Gehirn hinein.</p><p>Dreh das Gewebe um, hatte Rand gesagt. Das war einfacher gesagt als getan. Sie w�rde das Netz aus Zwang Schicht f�r Schicht abtragen m�ssen, und wenn sie dabei einen Fehler machte, konnte sie ihn sehr leicht umbringen. Um ein Haar w�re sie zur�ckgewichen.</p><p>Aber wer h�tte es sonst machen sollen? Zwang war ein verbotenes Gewebe, und sie bezweifelte, dass Corele oder eine der anderen damit Erfahrung hatten. H�rte sie jetzt auf, w�rde Rand einfach nach den anderen schicken und sie darum bitten. Und sie w�rden ihm gehorchen und insgeheim �ber Nynaeve lachen, die Aufgenommene, die sich f�r eine richtige Aes Sedai hielt.</p><p>Nun, sie hatte neue Methoden des Heilens entdeckt! Sie hatte dabei geholfen, die Eine Macht vom Makel selbst zu reinigen! Sie hatte Ged�mpfte Geheilt!</p><p>Sie konnte das.</p><p>Sie arbeitete schnell, webte ein Spiegelbild der ersten Schicht Zwang. Jede Anwendung der Macht entsprach exakt den bereits im Verstand des Jungen gewebten Mustern, nur eben umgedreht. Nynaeve legte ihr Gewebe vorsichtig und z�gernd auf, und wie Rand gesagt hatte, verschwanden sie beide.</p><p>Wie hatte er das wissen k�nnen? Sie musste daran denken, was Semirhage �ber ihn gesagt hatte, und schauderte. Erinnerungen aus einem anderen Leben; Erinnerungen, zu denen er kein Recht hatte. Es gab einen Grund, warum der Sch�pfer ihnen erlaubte, ihre fr�heren Leben zu vergessen. Kein Mensch sollte sich an das Scheitern von Lews Therin Telamon erinnern m�ssen.</p><p>Sie k�mmerte sich um eine Schicht nach der anderen und entfernte die Zwanggewebe wie ein Feldscher einen Verband von einem verwundeten Bein. Es war eine anstrengende Arbeit, aber erf�llend. Jedes Gewebe richtete ein Unrecht, heilte den Jungen ein St�ck mehr, machte die Welt ein kleines bisschen zu einem besseren Ort.</p><p>Es nahm den gr��ten Teil einer Stunde in Anspruch, und es war eine zerm�rbende Erfahrung. Aber sie tat es. Als die letzte Schicht Zwang verschwand, stie� sie ein ersch�pftes Seufzen aus und lie� die Eine Macht los, �berzeugt, keinen weiteren Strang mehr lenken zu k�nnen, und wenn es ihr Leben gerettet h�tte. Sie schwankte zu einem Stuhl und lie� sich darauf sacken. Min hatte sich neben Rand auf der Bank zusammengerollt und war eingeschlafen.</p><p>Er schlief nicht. Der Wiedergeborene Drache beobachtete sie, als k�nnte er Dinge sehen, die ihr verborgen blieben. Er stand auf und ging zu Kerb hin�ber. In ihrem benommenen Zustand war Nynaeve gar nicht das Gesicht des jungen Kerzenmachers aufgefallen. Es war seltsam ausdruckslos, wie das einer Person, die von einem heftigen Schlag auf den Kopf benommen war.</p><p>Rand lie� sich auf ein Knie nieder, nahm das Kinn des jungen in die Hand und starrte ihm in die Augen. �Wo?�, fragte er leise. �Wo ist sie?�</p><p>Der Junge �ffnete den Mund, ein Speichelfaden rann heraus.</p><p><emphasis>� Wo ist sie?</emphasis>�, wiederholte er.</p><p>Kerb st�hnte. Seine Augen blickten noch immer ins Leere, seine Zunge teilte seine Lippen einen Spalt.</p><p>�Rand!�, sagte Nynaeve. �H�r auf! Was tust du ihm an?�</p><p>�Ich habe nichts getan�, sagte Rand leise, ohne sie anzusehen. �Das hast du getan, Nynaeve, indem du diese Gewebe aufgel�st hast. Graendals Zwang ist m�chtig - aber in mancherlei Hinsicht auch primitiv. Sie f�llt einen Verstand in einem solchen Ausma� mit Zwang, dass Pers�nlichkeit und Intellekt vollkommen ausgel�scht werden. Es bleibt nur eine Marionette �brig, die nur durch ihre direkten Befehle funktioniert.�</p><p>�Aber er hat doch noch vor wenigen Augenblicken auf uns reagiert!�</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. �Wenn du die M�nner im Kerker fragst, werden sie dir sagen, dass er nur selten mit ihnen sprach und irgendwie zur�ckgeblieben erschien. Da war keine echte Person in seinem Kopf, nur Schichten aus Zwanggewebe. Befehle, die geschickt so gestaltet waren, dass sie jede Pers�nlichkeit ausradierten, die der arme Kerl hatte, und sie durch eine Kreatur ersetzten, die nur nach Graendals W�nschen handelte. Ich habe das Dutzende Male erlebt.�</p><p><emphasis>Dutzende Male?,</emphasis> dachte Nynaeve beklommen. <emphasis>Hast du es erlebt oder Lews Therin? Welche Erinnerungen beherrschen dich jetzt, in diesem Augenblick?</emphasis></p><p>Von �belkeit erf�llt sah sie Kerb an. Seine Augen waren nicht ausdruckslos, weil er benommen war; sie waren noch viel leerer. Als Nynaeve noch j�nger gewesen war und die Stellung der Dorfseherin noch nicht lange innegehabt hatte, da hatte man ihr eine Frau gebracht, die von einem Wagen gefallen war. Die Frau hatte tagelang geschlafen, und als sie endlich erwacht war, da hatte sie den gleichen glasigen Blick gehabt. Kein Anzeichen, dass sie jemanden erkannte, kein Hinweis, dass in der H�lle ihres K�rpers noch der Rest einer Seele war.</p><p>Eine Woche sp�ter war sie gestorben.</p><p>Rand redete wieder auf Kerb ein. �Ich brauche einen Ort�, sagte er. �Irgendetwas. Wenn da drinnen noch ein Rest von dir ist, der Widerstand geleistet hat, der sich gegen sie gewehrt hat, dann verspreche ich dir Vergeltung. Einen Ort. Wo ist sie?�</p><p>Speichel tropfte von den Lippen des Jungen. Sie schienen zu beben. Rand stand auf, bis er ihn �berragte, ohne den Blickkontakt zu brechen. Kerb zitterte, dann fl�sterte er zwei Worte.</p><p>� Natrins H�gel.�</p><p>Rand atmete leise aus, dann lie� er Kerb mit einer beinahe and�chtigen Bewegung los. Der Junge rutschte von der Bank zu Boden, sabberte auf den Teppich. Nynaeve fluchte, sprang auf und schwankte etwas, als sich der Raum pl�tzlich drehte. Beim Licht, war sie ersch�pft! Sie blieb stehen, schloss die Augen und holte ein paar Mal tief Luft. Dann kniete sie neben dem Jungen nieder.</p><p>�Das kannst du dir sparen�, sagte Rand. �Er ist tot.�</p><p>Nynaeve vergewisserte sich. Dann fuhr ihr Kopf herum. Welches Recht hatte Rand, so ersch�pft auszusehen, wie sie sich f�hlte? Er hatte doch so gut wie nichts getan. �Was hast du ��</p><p>�Ich habe nichts getan, Nynaeve. Nachdem du den Zwang entfernt hast, hat ihn vermutlich nur sein tief verwurzelter Zorn auf Graendal am Leben erhalten. Was auch immer noch von seiner Pers�nlichkeit �brig war, es wusste, dass es nur noch zu diesen beiden Worten f�hig war, um helfen zu k�nnen. Danach lie� er einfach los. Wir konnten nichts mehr f�r ihn tun.�</p><p>�Das akzeptiere ich nicht�, sagte Nynaeve verbissen. �Man h�tte ihn Heilen k�nnen!� Sie h�tte ihm helfen m�ssen! Graendals Zwang ungeschehen zu machen hatte sich so gut, so richtig angef�hlt! Es h�tte nicht so enden d�rfen!</p><p>Sie f�hlte sich beschmutzt. Benutzt. In welcher Hinsicht war sie besser als der Kerkermeister, der so schreckliche Dinge getan hatte, um an Informationen zu kommen? Sie starrte Rand b�se an. Er h�tte ihr sagen k�nnen, was die Entfernung des Zwangs anrichtete!</p><p>�Sieh mich nicht so an, Nynaeve.� Er ging zur T�r und bedeutete den T�chtern, Kerbs Leiche wegzubringen. Sie trugen ihn fort, w�hrend Rand nach einer frischen Kanne Tee rief.</p><p>Er kehrte zur�ck, setzte sich neben die schlafende Min auf die Bank; sie hatte sich eines der hier liegenden Kissen unter den Kopf gestopft. Eine der beiden Lampen im Zimmer brannte niedrig, was die H�lfte seines Gesichts in Schatten tauchte. �Es konnte sich nur so abspielen�, fuhr er fort. �Das Rad webt, wie es das Rad will. Du bist eine Aes Sedai. Ist das nicht eines deiner Bekenntnisse?�</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist�, fauchte Nynaeve, �aber das ist keine Entschuldigung f�r dein Verhalten.�</p><p>�Welches Verhalten?�, fragte er. �Du hast diesen hingen zu mir gebracht. Graendal hat bei ihm Zwang benutzt. Jetzt werde ich sie daf�r t�ten - diese Tat wird meine einzige Verantwortung sein. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich will noch etwas schlafen.�</p><p>�F�hlst du dich kein bisschen schuldig?�</p><p>Ihre Blicke trafen sich; Nynaeve war aufgebracht und hilflos, Rand war � Wer vermochte schon zu sagen, was Rand in diesen Tagen f�hlte?</p><p>�Soll ich f�r sie alle leiden?�, fragte er leise und stand auf, das Gesicht noch immer zur H�lfte vom Schatten verh�llt. �Leg diesen Tod zu meinen F��en, wenn du willst. Es wird nur einer von vielen sein. Wie viele Steine kann man auf den Leib eines Mannes aufschichten, bevor das Gewicht keine Rolle mehr spielt? Wie weit kannst du einen Fleischklumpen abbrennen, bis die Hitze keine Rolle mehr spielt? Lasse ich zu, f�r diesen Jungen Schuld zu f�hlen, dann m�sste ich mich auch wegen der anderen schuldig f�hlen. Und die Schuld w�rde mich zermalmen.�</p><p>Nynaeve betrachtete ihn in dem Halblicht. Ein K�nig, das sicherlich. Ein Soldat, auch wenn er nur gelegentlich am Kampf teilgenommen hatte. Sie schluckte ihre Wut herunter. War es bei alledem nicht darum gegangen, ihm zu beweisen, dass er ihr vertrauen konnte?</p><p>�Oh, Rand�, sagte sie und wandte sich ab. �Dieses Ding, zu dem du geworden bist, dieses Herz, das au�er Zorn keine Gef�hle mehr kennt. Es wird dich vernichten.�</p><p>�Ja�, erwiderte er leise.</p><p>Entsetzt sah sie ihn wieder an.</p><p>�Ich frage mich oft�, sagte er und schaute zu Min herab, �warum ihr mich alle f�r zu beschr�nkt haltet, um das zu erkennen, was euch so offensichtlich erscheint. Ja, Nynaeve. Ja, diese H�rte wird mich vernichten. Ich wei�.�</p><p>�Aber warum?�, fragte sie. �Warum l�sst du uns dir nicht helfen?�</p><p>Er schaute auf - aber sah nicht sie an, sondern starrte ins Leere. Eine Dienerin klopfte leise an. Sie trat ein und stellte den frischen Tee ab, nahm den alten mit und verschwand wieder.</p><p>�Als ich noch viel j�nger war�, sagte er leise, �erz�hlte Tarn mir eine Geschichte, die er bei seinen Reisen in der Welt h�rte. Er sprach vom Drachenberg. Damals wusste ich nicht, dass er ihn tats�chlich gesehen hatte, oder dass er mich dort gefunden hatte. Ich war nur ein Schafhirte, und der Drachenberg, Tar Valon und Caemlyn waren f�r mich fast mythische Orte.</p><p>Aber er erz�hlte mir von einem Berg, der so hoch war, dass er selbst den Zweihorngipfel zu Hause wie einen Zwerg aussehen lie�. Tams Geschichten zufolge hatte kein Mann je den Gipfel des Drachenberges erklommen. Nicht, weil das unm�glich ist - sondern weil ein Mann dazu auch noch den letzten Funken Kraft braucht. Der Berg ist so hoch, dass seine Besteigung ein Kampf sein w�rde, der einen Mann vollkommen ersch�pft.�</p><p>Er verstummte.</p><p>�Und?�, fragte Nynaeve schlie�lich.</p><p>�Verstehst du nicht? Die Geschichten behaupten, dass kein Mann auf den Berg gestiegen ist, weil ihm danach die Kraft zur R�ckkehr fehlt. Ein Bergsteiger k�nnte ihn bezwingen, den Gipfel erreichen, das sehen, was noch kein Mann je gesehen hat. Aber dann w�rde er sterben. Das wissen die kr�ftigsten und kl�gsten Erforscher. Also kletterten sie nie hinauf. Sie wollten es schon immer, aber sie warteten, verschoben die Reise auf einen anderen Tag. Denn sie wussten, es w�rde ihr letzter sein.�</p><p>�Aber das ist doch blo� eine Geschichte�, sagte Nynaeve. �Eine Legende.�</p><p>�Das ist es, was ich bin�, sagte Rand. �Eine Geschichte. Eine Legende. Die man in einigen Jahren fl�sternd den Kindern erz�hlen wird.� Er sch�ttelte den Kopf. �Manchmal kann man nicht mehr zur�ck. Man muss weiter. Und manchmal wei� man, dass dieser Aufstieg der letzte sein wird.</p><p>Ihr behauptet doch alle, ich sei zu hart geworden, ich w�rde unweigerlich zerbrechen, wenn ich weitermache. Aber ihr geht von der Annahme aus, dass etwas von mir �brig bleiben muss, um weiterzumachen. Dass ich den Berg wieder heruntersteigen muss, nachdem ich den Gipfel erreicht habe.</p><p>Das ist der Schl�ssel, Nynaeve. Das wei� ich jetzt. Ich werde das nicht �berleben, also muss ich mir auch keine Sorgen dar�ber machen, was mit mir nach der Letzten Schlacht geschieht. Ich muss mich nicht zur�ckhalten, muss nichts von meiner abgenutzten Seele retten. Ich wei�, dass ich sterben muss. Die, die w�nschen, dass ich sanfter bin, bereit bin, mich zu beugen, das sind die, die nicht akzeptieren k�nnen, was mit mir geschehen wird.� Er schaute wieder auf Min. Nynaeve hatte oft beobachten k�nnen, mit welcher Zuneigung er sie betrachtete, aber dieses Mal blieb sein Blick ausdruckslos. Genau wie seine gef�hllose Miene.</p><p>�Wir werden eine M�glichkeit finden�, sagte sie. �Sicherlich gibt es eine M�glichkeit zu siegen und dich �berleben zu lassen.�</p><p>�Nein�, knurrte er leise. �Verf�hr mich nicht wieder auf diesen Pfad. Er f�hrt nur in den Schmerz, Nynaeve. Ich � ich hatte oft daran gedacht, etwas zur�ckzulassen, um der Welt nach meinem Tod beim �berleben zu helfen, aber das war nur sinnlose M�he. Ich kann mir so etwas nicht leisten. Ich werde diesen verdammten Berg ersteigen und mich der Sonne stellen. Ihr alle werdet euch um das k�mmern, was danach kommt. So muss es sein.�</p><p>Sie wollte erneut widersprechen, aber er warf ihr nur einen scharfen Blick zu. �So <emphasis>muss</emphasis> es sein, Nynaeve.�</p><p>Sie machte den Mund wieder zu.</p><p>�Das war gute Arbeit von dir heute Nacht�, sagte er. �Du hast uns allen viel �rger erspart.�</p><p>�Ich habe es getan, weil ich will, dass du mir vertraust�, sagte Nynaeve und bereute es sofort. Warum hatte sie das nur gesagt? War sie wirklich so m�de, dass sie das Erstbeste heraussprudelte, das ihr in den Sinn kam?</p><p>Rand nickte blo�. �Ich vertraue dir. So weit ich jedem vertraue, mehr als den meisten. Du glaubst zu wissen, was f�r mich das Beste ist, selbst gegen meinen Willen, aber damit kann ich leben. Der Unterschied zwischen dir und Cadsuane besteht darin, dass du dich wirklich um mich sorgst. Sie interessiert sich allein f�r meine Rolle in ihren Pl�nen. Sie will, dass ich Teil der Letzten Schlacht bin. Du willst, dass ich weiterlebe. Daf�r bin ich dir dankbar. Tr�ume f�r mich, Nynaeve. Tr�ume von Dingen, die es f�r mich nicht mehr geben kann.�</p><p>Er beugte sich vor, um Min hochzuheben; er schaffte es trotz der fehlenden Hand, schob einen Arm unter sie und griff mit der anderen Hand zu. Sie regte sich, dann schmiegte sie sich an ihn, erwachte und murmelte, dass sie selbst gehen konnte. Er setzte sie nicht ab; vielleicht wegen der Ersch�pfung in ihrer Stimme. Nynaeve wusste, dass sie die meisten N�chte �ber ihren B�chern verbrachte und sich beinahe genauso antrieb wie Rand.</p><p>Mit Min auf den Armen ging er zur T�r. �Wir k�mmern uns zuerst um die Seanchaner�, sagte er. �Bereite dich gut auf diese Begegnung vor. Danach k�mmere ich mich um Graendal.�</p><p>Er lie� sie zur�ck. Die flackernde Lampe erlosch endlich. Nun gab es nur noch die auf dem Tisch.</p><p>Rand hatte sie wieder �berrascht. Er war noch immer ein wollk�pfiger Narr, aber einer, der �berraschend genau wusste, wie es um ihn stand. Wie konnte ein Mann nur so vieles verstehen und gleichzeitig ein solcher Ignorant sein?</p><p>Und warum fiel ihr kein Gegenargument zu seinen Worten ein? Warum konnte sie sich nicht dazu �berwinden, ihn anzuschreien, dass er sich irrte? Es gab immer Hoffnung. M�glicherweise gab es ihm ja Kraft, das wichtigste aller Gef�hle zu verneinen - aber dabei riskierte er, jeden Grund zu verlieren, sich um den Ausgang seiner Schlachten zu sorgen.</p><p>Aber aus irgendeinem Grund blieben ihr die n�tigen Worte f�r dieses Argument versagt.</p></section><section><title><p>34</p><p>Legenden</p></title><p>Also gut�, sagte Mat und entrollte eine von Roidelles besten Karten auf dem Tisch. Talmanes, Thom, Noal, Juilin und Mandevwin hatten ihre St�hle darum geschart. Neben der Karte von der Gegend entrollte Mat den groben Plan einer mittelgro�en Stadt. Es hatte einige M�he gekostet, einen Kaufmann zu finden, der bereit gewesen war, ihnen einen Stadtplan von Trustair zu skizzieren, aber nach Hinderstap versp�rte Mat nicht das geringste Verlangen, eine Stadt zu betreten, ohne vorher zu wissen, was sie erwartete.</p><p>Mats Pavillon lag im Schatten des Kiefernwaldes, und der Tag war k�hl. Gelegentlich wehte der Wind, und abgestorbene Kiefernadeln l�sten sich von den Baumkronen und regneten zu Boden; einige prasselten dabei auch auf das Zeltdach. Drau�en unterhielten sich Soldaten, und Geschirr schepperte, als das Mittagessen ausgeteilt wurde.</p><p>Mat studierte den Stadtplan. Es war Zeit aufzuh�ren, sich wie ein Narr zu verhalten. Die ganze Welt hatte sich entschieden, sich gegen ihn zu wenden - selbst Bergd�rfer waren heutzutage Todesfallen. Soweit es ihn betraf, w�rden sich als N�chstes die G�nsebl�mchen am Stra�enrand zusammenrotten und versuchen ihn zu fressen.</p><p>Der Gedanke lie� ihn innehalten, weil er an den armen Kesselflicker denken musste, der in der Phantomstadt in Shiota versunken war. Als der Geisterort verschwunden war, hatte er eine Wiese mit Schmetterlingen und Blumen hinterlassen. Einschlie�lich G�nsebl�mchen. <emphasis>Verflucht,</emphasis> dachte er.</p><p>Nun, Matrim Cauthon w�rde jedenfalls nicht sein Ende auf einer vergessenen Stra�e irgendwo im Nirgendwo finden. Dieses Mal w�rde er planen, und er w�rde bereit sein. Zufrieden mit sich nickte er.</p><p>�Dieses Gasthaus hier�, sagte er und zeigte auf den Plan, �das <emphasis>Zur drohenden Faust.</emphasis> Zwei verschiedene Reisende stimmten darin �berein, dass es ein sch�nes Gasthaus ist, das sch�nste von den dreien in der Stadt. Die Frau, die nach mir sucht, hat sich keine M�he gemacht, ihren Aufenthaltsort zu verbergen. Also bedeutet das, dass sie sich gut besch�tzt f�hlt. Wir k�nnen mit W�chtern rechnen.�</p><p>Mat zog eine andere von Roidelles Karten hervor, auf der die Gegend um Trustair besser zu sehen war. Die von sanft ansteigenden H�geln umgebene Stadt befand sich in einer Senke neben einem kleinen See, der von einer Quelle im Hochland gespeist wurde. Berichten zufolge wurde der See zur Aufzucht ausgezeichneter Forellen genutzt, die die Haupteinnahmequelle der Stadt darstellten.</p><p>�Ich will drei Kompanien leichter Kavallerie hier�, sagte Mat und zeigte auf einen Hang. �Die B�ume werden sie verbergen, aber sie werden einen guten Blick auf den Himmel haben. Wenn die rote Nachtblume hochgeht, werden sie direkt auf der Hauptstra�e hier zur Rettung kommen. Als Verst�rkung f�r die Kavallerie werden wir hundert Armbrustm�nner zu beiden Seiten der Stadt stationieren. Ist die Nachtblume gr�n, soll die Kavallerie einmarschieren und die zur Stadt f�hrenden Hauptstra�en sichern, hier, hier und hier.�</p><p>Mat schaute auf und zeigte auf Thom. �Thom, du nimmst Harnan, Fergin und Mandevwin als �Lehrlinge� mit, und Noal kann dein Lakai sein.�</p><p>�Lakai?�, fragte Noal. Er war ein knorriger Mann mit fehlenden Z�hnen und einer Hakennase. Aber er war so z�h wie ein altes, von Schlachten zerschrammtes Schwert, das vom Vater an den Sohn vererbt worden war. �Wozu braucht ein Gaukler einen Lakaien?�</p><p>�Also gut�, entgegnete Mat. �Dann seid Ihr eben sein Bruder, der als Diener arbeitet. Juilin, Ihr ��</p><p>�Wartet, Mat�, meldete sich Mandevwin zu Wort und kratzte sich neben der Augenklappe. �Ich soll Gauklerlehrling sein? Ich glaube kaum, dass ich mit meiner Stimme gut singen kann. Ich sch�tze, Ihr habt mich schon einmal geh�rt. Und mit nur einem Auge bezweifle ich, dass ich vern�nftig jonglieren k�nnte.�</p><p>�Ihr seid ein neuer Lehrling�, sagte Mat. �Thom wei�, dass Ihr kein Talent habt, aber er hatte eben Mitleid mit Euch, weil Eure Gro�tante - bei der Ihr gelebt habt, seit Eure Eltern bei dieser tragischen Ochsenstampede gestorben sind - an den Kleepocken erkrankte und verr�ckt wurde. Sie fing an, Euch Essensreste aufzutischen und wie den Familienhund Marks zu behandeln, der weglief, als Ihr sieben Jahre alt wart.�</p><p>Mandevwin kratzte sich am Kopf. Sein Haar war mit grauen Str�hnen durchzogen. �Aber bin ich nicht etwas zu alt f�r einen Lehrling?�</p><p>�Unsinn. Im Herzen seid Ihr jung geblieben, und da Ihr nie geheiratet habt - die einzige Frau, die Ihr je geliebt habt, brannte mit dem Sohn des K�rschners durch -, bot Euch Thoms Ankunft die M�glichkeit f�r einen neuen Anfang.�</p><p>�Aber ich will meine Gro�tante nicht verlassen!�, protestierte Mandevwin. � Sie hat sich um mich gek�mmert, seit ich ein Kind war! Es geh�rt sich nicht f�r einen Mann, eine �ltere Frau im Stich zu lassen, nur weil sie ein bisschen wirr im Kopf ist.�</p><p>�Es gibt doch gar keine Gro�tante�, sagte Mat verzweifelt. �Das ist doch nur eine Geschichte f�r Euren falschen Namen.�</p><p>�Kann ich denn nicht eine Geschichte haben, die mich etwas ehrenhafter aussehen l�sst?�</p><p>�Zu sp�t�, sagte Mat und bl�tterte einen Papierstapel auf dem Tisch durch, suchte nach f�nf dicht vollgekritzelten Seiten. �Ihr k�nnt das jetzt nicht mehr �ndern. Ich habe die halbe Nacht damit verbracht, Eure Geschichte auszuarbeiten. Das ist die beste von dem ganzen Haufen. Hier, pr�gt Euch das ein.� Er gab Mandevwin die Seiten, dann nahm er einen anderen Stapel und fing an, ihn durchzusehen.</p><p>�Bist du dir sicher, dass wir das nicht �bertreiben, mein Junge?�, fragte Thom.</p><p>�Ich lasse mich nicht noch einmal �berraschen, Thom�, erwiderte Mat. �Ich lasse es nicht zu, verdammt. Ich bin es leid, unvorbereitet in irgendwelche Fallen zu laufen. Ich nehme jetzt mein Schicksal in die eigenen H�nde und h�re auf, von einem Problem zum n�chsten zu laufen. Der Augenblick ist gekommen, das Kommando zu �bernehmen.�</p><p>�Und das macht Ihr mit��, sagte Juilin.</p><p>�Decknamen mit ausf�hrlichen Hintergrundgeschichten�, sagte Mat und gab Thom und Noal ihre Seiten. �O ja!�</p><p>�Was ist mit mir?�, fragte Talmanes. In seinem Blick lag wieder dieses Funkeln, auch wenn seine Stimme v�llig ernst klang. �Lasst mich raten. Ich bin ein reisender Kaufmann, der sich einst mit den Aiel im Kampf ge�bt hat und nun zu diesem Dorf gereist ist, weil er geh�rt hatte, dass in dem See eine Forelle lebt, die seinen Vater beleidigt hat.�</p><p>�Unsinn.� Matt gab ihm seine Seiten. �Ihr seid Beh�ter. �</p><p>�Das ist ziemlich suspekt.�</p><p>�Ihr <emphasis>sollt ja</emphasis> auch suspekt sein. Es ist immer leichter, einen Mann in Kartenspiel zu schlagen, wenn er an etwas anderes denkt. Nun, Ihr werdet �etwas anderes� sein. Ein Beh�ter, der auf einer mysteri�sen Mission auf der Durchreise ist, wird kein so tolles Ereignis sein, dass er zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber f�r diejenigen, die wissen, worauf sie achten m�ssen, wird er eine gute Ablenkung darstellen. Ihr k�nnt Fens Umhang nehmen. Er hat versprochen, ihn mir zu leihen; er f�hlt sich noch immer schuldig, weil er diese Dienerinnen entkommen lie�.�</p><p>�Nat�rlich hast du ihm nicht verraten, dass sie einfach verschwunden sind�, f�gte Thom hinzu. �Und dass er es unm�glich h�tte verhindern k�nnen.�</p><p>�Warum h�tte ich ihm das sagen sollen?�, wollte Mat wissen. �Sinnlos, sich auf die Vergangenheit zu versteifen, sage ich immer.�</p><p>�Also ein Beh�ter?�, sagte Talmanes und bl�tterte seine Seiten durch. �Ich werde das Stirnrunzeln �ben m�ssen.�</p><p>Mat sah ihn ausdruckslos an. �Ihr nehmt das nicht ernst.�</p><p>�Was? Gibt es hier jemanden, der es ernst nimmt?�</p><p>Dieses Funkeln sollte verflucht sein. Hatte Mat wirklich je geglaubt, dass dieser Mann nicht leicht zum Lachen zu bringen war? Er tat es blo� innerlich. Was einen wirklich zur Wei�glut bringen konnte.</p><p>�Beim Licht, Talmanes�, sagte er. �In dieser Stadt sucht eine Frau nach mir und Perrin. Sie wei�, wie wir aussehen, und das so genau, dass sie eine Zeichnung anfertigen kann, die genauer ist, als meine Mutter sie zustande bringen k�nnte. Das verschafft mir eine G�nsehaut, als w�rde der Dunkle K�nig hinter mir stehen. Und ich kann diesen verfluchten Ort nicht selbst betreten, weil jeder Mann, jede Frau und jedes Kind ein Bild mit meinem Gesicht besitzt und f�r diese Information viel Gold versprochen bekommen hat!</p><p>M�glicherweise habe ich es ja mit den Vorbereitungen �bertrieben, aber ich will diese Person aufsp�ren, bevor sie eine Horde Schattenfreunde herbeiholen kann oder mir in der Nacht die Kehle durchschneidet. Verstanden?�</p><p>Mat schaute jedem der f�nf M�nner in die Augen, nickte und ging in Richtung Ausgang, verharrte dann aber neben Talmanes� Stuhl. Er r�usperte sich, dann murmelte er: �Insgeheim liebt Ihr die Malerei und w�nschtet, Ihr k�nntet diesem Leben des Todes entrinnen, dem Ihr Euch verpflichtet habt. Ihr kamt auf dem Weg nach S�den durch Trustair, statt eine direktere Route zu nehmen, weil Ihr die Berge liebt. Ihr hofft, von Eurem j�ngeren Bruder zu h�ren, den Ihr seit fahren nicht mehr gesehen habt und der auf einem jagdausflug im s�dlichen Andor verschwunden ist. Ihr habt eine sehr gequ�lte Vergangenheit. Lest Seite vier.�</p><p>Mat eilte hinaus in den schattigen Mittag, dabei entging ihm allerdings nicht, wie Talmanes mit den Augen rollte. Sollte man diesen Mann doch zu Asche verbrennen! Diese Seiten enthielten nun wirklich dramatische Geschehnisse!</p><p>Der Himmel war bew�lkt. Wieder einmal. Wann w�rde das aufh�ren? Kopfsch�ttelnd ging Mat durch das Lager und nickte den Gruppen von Soldaten zu, die ihm salutierten oder mit �Lord Mat!� gr��ten. Die Bande w�rde den Rest des Tages hier verbringen - auf einem bewaldeten abgeschiedenen H�gel kampieren, der einen halben Tagesmarsch von der Stadt entfernt lag -, w�hrend sie die letzten Vorbereitungen f�r den Angriff trafen. Die Kiefern hier waren sehr hoch und die �ste ausladend, und der Schatten hielt das Unterholz auf ein Minimum begrenzt. Zelte dr�ngten sich gruppenweise um die B�ume, und die Luft war k�hl und schattig und roch nach Harz und Humus.</p><p>Er �berpr�fte die Arbeit seiner M�nner und sah, dass alles effizient gemacht wurde. Diese alten Erinnerungen, die ihm die Eelfinn gegeben hatten, hatten angefangen, sich so nahtlos mit den seinen zu vermischen, dass er nur m�hsam sagen konnte, welche Instinkte von ihnen kamen und welche von ihm selbst.</p><p>Es tat gut, wieder bei der Bande zu sein. Er war sich gar nicht bewusst gewesen, wie sehr er sie vermisst hatte. Es w�rde herrlich sein, wenn der Rest der M�nner dazukam, die von Estean und Daerid angef�hrten Truppen. Hoffentlich hatten sie weniger Probleme als seine Streitmacht.</p><p>Die Kavallerie kam auf seinen Runden immer zuerst dran. Sie war vom Rest des Lagers getrennt. Reiter hielten sich immer f�r etwas Besseres als die Fu�soldaten. Wie viel zu oft sorgten sich die M�nner heute um das Futter f�r die Pferde. F�r einen guten Kavalleristen kam sein Pferd immer an erster Stelle. Der Ritt von Hinderstap war f�r die Tiere beschwerlich gewesen, vor allem, da es kaum etwas zu grasen gab. In diesem Fr�hling wuchs nur wenig, und die Winterreste waren seltsam knapp. Die Pferde verweigerten Heu, beinahe so, als w�re es genauso schlecht geworden wie andere Lebensmittel. Sie hatten nicht viel Getreide; sie hatten gehofft, sich vom Land ern�hren zu k�nnen, da sie zu schnell f�r Futtermittelwagen reisten.</p><p>Nun, er w�rde sich eben etwas einfallen lassen m�ssen. Er versicherte den Kavalleristen, dass er sich darum k�mmerte, und sie nahmen ihn beim Wort. Bis jetzt hatte Lord Mat sie noch nie im Stich gelassen. Nat�rlich verfaulten jene, die er im Stich gelassen hatte, in ihren Gr�bern. Er lehnte die Bitte ab, die Banner flattern zu lassen. Vielleicht nach dem Angriff auf Trustair.</p><p>Im Augenblick hatte er eigentlich keine richtigen Infanteristen dabei; die waren alle bei Estean und Daerid. Talmanes hatte gl�cklicherweise begriffen, dass sie mobil sein mussten, und hatte drei Banner Pferde und beinahe viertausend berittene Armbrustm�nner mitgebracht. Zu ihnen begab sich Mat als N�chstes, blieb stehen und sah zu, wie einige Abteilungen sich darin �bten, in Formation zu schie�en.</p><p>Er blieb neben einer hohen Kiefer stehen, deren niedrigste �ste gute zwei Fu� �ber seinem Kopf wuchsen, und lehnte sich gegen den Stamm. Die Reihe der Armbrustsch�tzen �bte weniger ihre Treffsicherheit als vielmehr ihre Koordination. Bei den meisten Schlachten kam es weniger auf das Zielen an, darum waren die Armbr�ste ja auch so effektiv. Sie erforderten nur ein Zehntel der Ausbildung eines Langbogensch�tzen. Sicher, der Letztere konnte schneller und weiter schie�en, aber wenn man keine Ewigkeiten zum �ben �brig hatte, dann waren diese Armbr�ste ein guter Ersatz.</p><p>Dar�ber hinaus erleichterte es die Nachladeprozedur, die R�nge im Salvenschie�en auszubilden. Der Hauptmann der Abteilung stand an der Seite und schlug alle zwei Sekunden mit einer Gerte gegen einen Baum, um einen Rhythmus vorzugeben, jeder Schlag war ein Befehl. Beim ersten hob man die Armbrust an die Schulter. Beim zweiten schoss man. Beim dritten senkte man die Armbrust. Beim vierten spannte man sie. Beim n�chsten hob man sie wieder an die Schulter. Diese M�nner wurden gut darin - in koordinierten Wellen zu feuern sorgte f�r best�ndigeres T�ten, jeder zweite Schlag entlie� einen Bolzenregen in den Wald.</p><p><emphasis>Davon brauchen wir noch mehr,</emphasis> dachte Mat, dem auffiel, wie viele Bolzen bei den �bungssch�ssen zerbrachen. Man verschwendete mehr Munition bei der Ausbildung als im Kampf, aber jeder jetzt benutzte Bolzen w�rde in der Schlacht zwei oder drei wert sein. Diese M�nner beherrschten ihr Handwerk in der Tat immer besser. H�tte er bei dem Kampf bei den Blutf�llen ein paar Banner dieser M�nner gehabt, h�tte Nashif seine Lektion vielleicht etwas fr�her gelernt.</p><p>Nat�rlich w�rden sie noch n�tzlicher sein, wenn sie schneller schie�en konnten. Der Schwachpunkt lag beim Spannen. Nicht das Drehen der Winde selbst, sondern die Notwendigkeit, die Armbrust jedes Mal zu senken. Es kostete vier Sekunden, die Waffe zu bewegen. Diese neuen Winden, deren Konstruktion Talmanes von diesem Mechaniker aus Murandy kannte, beschleunigten den Ablauf sehr. Aber der Mann war auf dem Weg nach Caemlyn gewesen, um sie dort zu verkaufen, und wer vermochte schon zu sagen, wer sie ihm unterwegs alles abgekauft hatte? Es w�rde nicht mehr lange dauern, bis sie jeder hatte, jeder Vorteil war vorbei, wenn sowohl der Feind wie man selbst die Waffe hatte.</p><p>Diese Kastenwinden hatten viel zu Mats Erfolg in Altara gegen die Seanchaner beigetragen. Er verabscheute den Gedanken, diesen Vorteil abgeben zu m�ssen. Gab es denn keine M�glichkeit, noch schneller mit den B�gen zu schie�en?</p><p>Nachdenklich �berpr�fte er weitere Dinge im Lager - die Altaraner, die sie in die Bande aufgenommen hatten, lebten sich gut ein, und abgesehen vom Pferdefutter und vielleicht den Armbrustbolzen sahen die Vorr�te gut aus. Zufrieden machte er sich auf den Weg zu Aludra.</p><p>Sie hatte sich im r�ckw�rtigen Teil des Lagers niedergelassen, neben einer kleinen Spalte in dem felsigen Hang. Obwohl diese Stelle weit weniger Platz bot als die Lichtung der Aes Sedai und ihrer Diener, war sie auch bedeutend abgeschirmter. Mat musste um drei verschiedene, an Leinen h�ngenden Laken vorbei - die sorgf�ltig aufgeh�ngt worden waren, um den Blick in Aludras Werkstatt zu versperren -, bevor er sie erreichte. Und er musste stehen bleiben, als Bayle Domon die Hand ausstreckte und ihn aufhielt, bis Aludra ihm den Zutritt gestattete.</p><p>Die schlanke und dunkelhaarige Iluminatorin sa� auf einem Baumstumpf in der Mitte ihres Lagers und hatte auf dem Boden um sich herum Pulver, Papierrollen und Werkzeuge auf T�chern arrangiert. Sie trug nicht l�nger ihre Z�pfe, und das lange Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Soweit es Mat betraf, lie� sie das merkw�rdig aussehen. Aber noch immer h�bsch.</p><p><emphasis>Verdammt, Mat. Du bist jetzt verheiratet,</emphasis> sagte er sich. Aber Aludra <emphasis>war</emphasis> h�bsch.</p><p>Egeanin war auch da und hielt die H�lle einer Nachtblume aufrecht, damit Aludra daran arbeiten konnte. Aludras Gesicht war starr vor Konzentration, als sie leicht gegen die H�lle klopfte. Egeanins dunkles Haar wuchs wieder, was sie immer weniger wie eine seanchanische Adlige aussehen lie�. Mat wusste noch immer nicht genau, wie er die Frau ansprechen sollte. Sie wollte Leilwin genannt werden, und manchmal dachte er auch so an sie. Es war einfach idiotisch, den Namen zu �ndern, nur weil einem jemand das befahl, aber er konnte es ihr nicht verdenken, dass sie Tuon nicht aufbringen wollte. Tuon war schon verdammt stur. Und wieder wollte er nach S�den schauen, unterdr�ckte es aber fr�h genug. Blut und Asche! Ihr w�rde es schon gut gehen.</p><p>Aber Tuon war weg. Also warum beharrte Egeanin auf der Scharade, sich Leilwin zu nennen? Nach Tuons Abreise hatte Mat sie ein paar Mal mit ihrem alten Namen angesprochen, was ihm aber nur eine w�tende Zurechtweisung eingebracht hatte. Frauen! Ihr Verhalten ergab einfach keinen Sinn. Und was die aus Seanchan betraf, schon gar nicht.</p><p>Mat warf Bayle Domon einen Blick zu. Der muskul�se, b�rtige Illianer lehnte in der N�he von Aludras Lager an einem Baum in Reichweite von zwei flatternden wei�en Laken. Er hob noch immer warnend die Hand. Als w�rde das ganze Lager nicht Mat geh�ren!</p><p>Aber Mat bahnte sich nicht den Weg. Er konnte es sich nicht erlauben, Aludra zu ver�rgern. Sie stand kurz davor, die Konstruktionspl�ne ihrer sogenannten Drachen zu vollenden, und er wollte sie haben. Aber beim Licht, es war schon �rgerlich, im eigenen Lager einen Kontrollpunkt passieren zu m�ssen!</p><p>Aludra schaute von der Arbeit auf und strich sich eine verirrte Haarstr�hne hinters Ohr. Sie bemerkte Mat, dann wandte sie sich wieder ihrer Nachtblume zu und fing wieder an zu h�mmern. Verdammte Asche! Dieser Anblick erinnerte ihn daran, warum er Aludra so selten besuchte. Der Kontrollpunkt war schlimm genug, aber warum musste die Frau mit einem Hammer auf etwas Explosivem herumschlagen? Hatte sie �berhaupt keinen Verstand? Aber alle Iluminatoren waren so. Ihnen fehlten ein paar Fohlen zur vollen Herde, wie es Mats Vater ausgedr�ckt h�tte.</p><p>�Er darf eintreten�, sagte Aludra. �Danke, Meister Domon.�</p><p>�Ein Vergn�gen, Frau Aludra�, sagte Bayle, senkte die Hand und nickte Mat freundlich zu. Mat strich den Mantel zurecht und wollte das Thema Armbrust anschneiden. Aber ihm stach sofort etwas ins Auge. Hinter Aludra lagen Seiten mit detaillierten Zeichnungen sauber aufgereiht auf dem Boden, zusammen mit einer Liste voller Anmerkungen und Zahlen.</p><p>�Sind das die Pl�ne f�r die Drachen?�, fragte Mat eifrig. Er lie� sich auf ein Knie nieder, um sich die Bl�tter genau anzusehen, aber ohne sie anzufassen. Aludra konnte sehr eigen sein, was das anging.</p><p>�Ja.� Sie h�mmerte noch immer. Sie musterte ihn und erschien dabei irgendwie unbehaglich. Vermutlich war Tuon daf�r der Grund.</p><p>�Und diese Zahlen?� Mat versuchte das Unbehagen zu ignorieren.</p><p>�Nachschubbedarf�, sagte sie. Dann legte sie den Hammer weg und inspizierte die zylindrische Nachtblume von allen Seiten. Sie nickte Leilwin zu.</p><p>Verdammte Asche, das waren aber gro�e Zahlen! Ein Berg Holzkohle, Schwefel und � Fledermausguano? Den Anmerkungen zufolge gab es eine Stadt an den n�rdlichen Ausl�ufern der Verschleierten Berge, die sich auf die Beschaffung spezialisiert hatte. Welche Stadt spezialisierte sich denn ausgerechnet darauf, Fledermausguano zu sammeln? Kupfer und Zinn waren ebenfalls erforderlich, obwohl da aus irgendeinem Grund die Zahlen fehlten. Dort waren nur ein paar Sternchen aufgemalt.</p><p>Mat sch�ttelte den Kopf. Wie w�rde die normale Bev�lkerung wohl reagieren, wenn sie w�sste, dass die majest�tischen Nachtblumen blo� aus Papier, Pulver und ausgerecht Fledermausschei�e bestanden? Kein Wunder, dass die Illuminatoren so geheimnisvoll mit ihrem Handwerk umgingen. Es ging nicht nur darum, keine Konkurrenz zuzulassen. Je mehr man �ber die Machart des Feuerwerks wusste, desto gew�hnlicher wurde es.</p><p>�Das ist aber viel Material�, sagte Mat.</p><p>�Ein Wunder, das ist es, worum Ihr mich gebeten habt, Matrim Cauthon�, erwiderte Aludra, reichte die Nachtblume an Leilwin weiter und hob die Schreibtafel. Sie machte ein paar Eintragungen auf dem eingespannten Blatt. �Dieses Wunder habe ich in eine Liste der Zutaten dividiert. Ein Kunstst�ck, das selbst ein Wunder ist. Beschwert Euch nicht �ber die Hitze, wenn Euch jemand die Sonne auf der Hand anbietet.�</p><p>�Mir erscheint das so nicht machbar�, murmelte Mat leise. �Sind das die Kosten?�</p><p>�Ich bin kein Buchhalter�, sagte Aludra. �Das sind lediglich Sch�tzungen. Die Berechnungen habe ich so weit gemacht, wie ich konnte, aber der Rest wird von denen erledigt werden m�ssen, die da sachkundiger sind. Der Wiedergeborene Drache kann sich das leisten.� Leilwin sah Mat mit einem seltsamen Ausdruck an. Auch mit ihr hatte sich der Umgang ge�ndert, wegen Tuon. Aber nicht auf die Weise, mit der er gerechnet h�tte.</p><p>Die Erw�hnung von Rands Namen lie� die Farben durch Mats Sichtfeld wirbeln, und er unterdr�ckte ein Seufzen, als er sie verscheuchte. Vielleicht konnte sich Rand solche Kosten erlauben, aber er mit Sicherheit nicht. F�r solche Summen w�rde er mit der K�nigin von Andor w�rfeln m�ssen!</p><p>Aber das war Rands Problem. Und er sollte besser zu w�rdigen wissen, was Mat f�r ihn alles durchmachte. �Da sind aber nicht die Sch�tzungen f�r das ben�tigte Personal dabei�, bemerkte Mat bei einem weiteren Blick auf die Seiten. �Wie viele Glockengie�er braucht Ihr f�r dieses Projekt?�</p><p>�jeden, den Ihr bekommen k�nnt�, sagte Aludra kurz angebunden. �Habt Ihr mir das nicht versprochen? Jeder Glockengie�er von Andor bis Tear?�</p><p>�Ich sch�tze schon�, erwiderte Mat. Eigentlich war er nicht davon ausgegangen, dass sie ihn w�rtlich nahm. �Was ist mit Kupfer und Zinn? Da fehlen die Sch�tzungen.�</p><p>�Davon brauche ich alles.�</p><p>�Alles �? Wie meint Ihr das?�</p><p>�Alles�, wiederholte sie so ruhig, als w�rde sie noch um etwas Marmelade f�r ihren Haferbrei bitten. �Jedes St�ck Kupfer und Zinn, das Ihr auf dieser Seite vom R�ckgrat der Welt zusammenkratzen k�nnt.� Sie hielt inne. �Vielleicht erscheint das ja zu ambitioniert.�</p><p>�Und ob das verdammt ambitioniert ist�, murmelte Mat.</p><p>�Ja�, sagte Aludra. �Gehen wir einmal von der Annahme aus, dass der Drache Caemlyn, Cairhien, Illian und Tear kontrolliert. W�rde er mir den Zugang zu jeder Mine und jedem Lager mit Kupfer und Zinn in diesen vier St�dten gew�hren, w�rde das vermutlich reichen.�</p><p>�Jedes Metalllager�, sagte Mat tonlos.</p><p>�Ja.�</p><p>�In den vier gr��ten St�dten der Welt.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Ihr glaubt, dass das �vermutlich� reichen wird.�</p><p>�Ich glaube, genau das habe ich gesagt, Matrim Cauthon.�</p><p>�Toll. Ich sehe zu, was ich erreiche. M�chtet Ihr, dass der verdammte Dunkle K�nig kommt und Eure Schuhe putzt, wenn wir schon einmal dabei sind? Vielleicht k�nnten wir auch Artur Falkenfl�gel ausgraben und ihn dazu bringen, f�r Euch zu tanzen.�</p><p>Artur Falkenfl�gels Erw�hnung brachte Mat einen finsteren Blick von Leilwin ein. Aludra beendete ihre Aufzeichnungen, dann wandte sie sich Mat zu. Ihr Tonfall war ganz ruhig, nur ganz vage feindselig. �Meine Drachen werden f�r einen Mann des Krieges ein gro�es Machtinstrument sein. Ihr behauptet, ich habe Euch etwas Extravagantes vorgelegt. Es handelt sich um das Notwendige.� Sie musterte ihn. �Ich werde nicht l�gen und behaupten, dass ich diese Respektlosigkeit nicht von Euch erwartet habe, Meister Cauthon. Pessimismus, das ist eine gute Freundin von Euch, nicht wahr?�</p><p>�Das ist �bertrieben�, knurrte Mat und betrachtete wieder die Zeichnungen. �Ich kenne sie kaum. Bestenfalls ist sie blo� eine Bekannte. Das kann ich Euch schw�ren.�</p><p>Das brachte ihm ein Schnauben von Bayle ein. Ob es sich um Belustigung oder Spott handelte, war unm�glich zu sagen, ohne einen Blick auf sein Gesicht werfen zu k�nnen. Mat schaute nicht zu ihm hin. Aludra starrte ihn an. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke, und Mat erkannte, dass er m�glicherweise zu grob zu ihr gewesen war. Vielleicht f�hlte er sich in ihrer N�he unwohl. Ein bisschen jedenfalls. Vor Tuon waren sie sich n�her gekommen. Und lag da ein gewisser Schmerz in Aludras Augen verborgen?</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er. �Ich h�tte das nicht sagen sollen.�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern.</p><p>Er holte tief Luft. �Seht mal, ich wei�, dass � nun, es ist schon seltsam, wie Tuon ��</p><p>Mit einer Handbewegung unterbrach sie ihn. �Es ist nichts. Ich habe meine Drachen. Ihr habt mir Gelegenheit gegeben, sie zu erschaffen. Andere Dinge spielen keine Rolle mehr. Ich w�nsche Euch Gl�ck.�</p><p>�Nun�, sagte er, rieb sich das Kinn und seufzte. Es war besser, das einfach zu vergessen. �Wie dem auch sei, ich hoffe, ich bekomme das hin. Ihr wollt da eine Menge an Ressourcen.�</p><p>�Diese Glockengie�er und dieses Material�, sagte sie, �das ist es, was ich brauche. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe getan, was ich hier ohne das n�tige Material tun konnte. F�r die n�tigen Tests werde ich noch viele Wochen brauchen - wir m�ssen zuerst einen einzigen Drachen herstellen, um alles zu �berpr�fen. Also habt Ihr Zeit, alles herbeizuschaffen. Aber das erfordert viel Zeit, und Ihr wollt mir nicht sagen, wann man die Drachen braucht.�</p><p>�Ich kann Euch nichts sagen, das ich selbst nicht wei�, Aludra�, sagte Mat und schaute nach Norden. Er f�hlte ein seltsames Ziehen, als h�tte jemand eine Angelschnur um seine Eingeweide gebunden und w�rde vorsichtig, aber beharrlich daran ziehen. <emphasis>Rand, verdammt, bist du das?</emphasis> Farben wirbelten. �Bald, Aludra�, h�rte er sich sagen. �Die Zeit ist knapp. So knapp.�</p><p>Sie z�gerte, als w�rde sie etwas in seiner Stimme sp�ren. �Nun, wenn das der Fall ist, dann sind meine Anforderungen doch nicht so extravagant, oder? Zieht die Welt in den Krieg, wird man die Schmiede�fen bald f�r Pfeilspitzen und Hufeisen brauchen. Also sollte man sie besser jetzt f�r meine Drachen in Beschlag nehmen. Ich kann Euch versichern, dass jeder fertige Drache in der Schlacht tausend Schwerter wert sein wird.�</p><p>Mat seufzte, stand auf und tippte sich an den Hut. �Also gut�, sagte er dann. �Vorausgesetzt, Rand verbrennt mich nicht in dem Moment, in dem ich das vorschlage, zu einem H�ufchen Asche, sehe ich zu, was ich tun kann.�</p><p>�Ihr t�tet gut daran, Frau Aludra Respekt zu erweisen�, sagte Leilwin mit ihrem ausgepr�gten seanchanischen Akzent. �Statt so leichtfertig zu sein.�</p><p>�Das war ehrlich gemeint!�, protestierte Mat. �Jedenfalls das Letztere. Verdammt, Frau. Merkt Ihr nicht, wann ein Mann ehrlich ist?�</p><p>Sie betrachtete ihn, als wollte sie entscheiden, ob diese Frage sp�ttisch gemeint war oder nicht. Mat verdrehte die Augen. Frauen!</p><p>�Frau Aludra ist genial�, sagte Leilwin streng. �Ihr versteht nicht, welches Geschenk sie Euch mit diesen Pl�nen macht. H�tte das Kaiserreich diese Waffen ��</p><p>�Nun, dann passt auf, dass Ihr sie ihnen nicht ausliefert, Leilwin�, sagte Mat. �Ich will nicht eines Morgens aufwachen und feststellen m�ssen, dass Ihr mit diesen Pl�nen geflohen seid, um zu versuchen, Euren Titel zur�ckzugewinnen!�</p><p>Sie schien beleidigt zu sein, dass er so etwas �berhaupt sagte, obwohl es doch ganz logisch erschien. Seanchaner hatten einen seltsamen Sinn f�r Ehre - Tuon hatte nicht einmal versucht zu fliehen, obwohl sie daf�r ausreichend Gelegenheit gehabt hatte.</p><p>Nat�rlich hatte Tuon so gut wie von Anfang an vermutet, dass sie heiraten w�rden. Eine <emphasis>Damane</emphasis> hatte ihr eine Vorhersage gemacht. Verflucht, er w�rde nicht wieder nach S�den blicken. Er w�rde es nicht tun!</p><p>�Meister Cauthon, mein Schiff wird jetzt von anderen Winden getrieben�, sagte Leilwin blo�, wandte sich von ihm ab und schaute Bayle an.</p><p>�Aber ihr wolltet uns nicht helfen, gegen die Seanchaner zu k�mpfen�, protestierte Mat. �Es hat den Anschein, als w�rdet Ihr ��</p><p>�Ihr jetzt schwimmen in tiefen Wasser, junge�, warf Bayle leise ein. �Aye, tiefes Wasser voller L�wenfische. Vielleicht besser aufh�ren, so laut zu planschen.�</p><p>Mat machte den Mund zu. �Also gut�, sagte er. Sollten ihn die beiden nicht mit etwas mehr Respekt behandeln? War er jetzt nicht irgendeine Art bedeutender seanchanischer Prinz oder so? Er h�tte wissen m�ssen, dass ihm das bei Leilwin oder dem b�rtigen Seemann nicht helfen w�rde.</p><p>Davon abgesehen war er ehrlich gewesen. Aludras Worte machten Sinn, so verr�ckt sich das zun�chst auch anh�rte. Sie w�rden f�r die Arbeit viele Gie�ereien ben�tigen. Die Wochen, die sie f�r die Reise nach Caemlyn brauchten, erschienen jetzt noch bitterer. Diese Wochen auf der Stra�e h�tte man f�r die Konstruktion von Drachen nutzen k�nnen! Ein weiser Mann lernte, dass es sinnlos war, sich wegen langer M�rsche zu �rgern - aber in letzter Zeit f�hlte sich Mat alles andere als weise.</p><p>�Also gut�, sagte er erneut. Er sah Aludra an. �Aber ich w�rde diese Pl�ne gern mit mir nehmen und sicher aufbewahren; aber aus v�llig anderen Gr�nden.�</p><p>�V�llig anderen Gr�nden?�, fragte Leilwin so ausdruckslos, als w�rde sie nach einer anderen Beleidigung suchen.</p><p>�Ja. Ich will n�mlich nicht, dass sie hier liegen, wenn Aludra auf die falsche Weise gegen eine dieser Nachtblumen h�mmert und sich bis zum Tarwin-Pass katapultiert.�</p><p>Das lie� Aludra kichern, obwohl Leilwin schon wieder beleidigt aussah. Es war schwer, einen Seanchaner <emphasis>nicht</emphasis> zu beleidigen. Sie und die verdammten Aiel. Schon merkw�rdig, wie gegens�tzlich sie in vielerlei Hinsicht waren, und sich doch in manch anderem so sehr glichen.</p><p>�Ihr d�rft die Pl�ne mitnehmen, Mat�, sagte Aludra. �Solange Ihr sie in der Truhe mit Eurem Gold aufbewahrt. Das ist der Gegenstand in diesem Lager, dem Ihr die gr��te Aufmerksamkeit widmet.�</p><p>�Vielen Dank�, erwiderte er und b�ckte sich, um die Seiten aufzusammeln. Die verschleierte Beleidigung ignorierte er. Hatten sie sich nicht gerade vers�hnt? Verdammte Frauen. ��brigens, das h�tte ich beinahe vergessen. Wisst Ihr etwas �ber Armbr�ste, Aludra?�</p><p>�Armbr�ste?�</p><p>�Ja.� Mat schob die Seiten zusammen. �Ich bin der Ansicht, dass es eine M�glichkeit geben m�sste, sie schneller zu laden. Ihr wisst schon, wie diese neuen Winden, nur mit irgendeiner Feder oder so. Vielleicht eine Winde, die man benutzen kann, ohne vorher die Waffe senken zu m�ssen.�</p><p>�Das liegt kaum auf meinem Gebiet, Mat.�</p><p>�Ich wei�. Aber Ihr seid schlau, was solche Dinge angeht, und vielleicht��</p><p>�Da werdet Ihr jemand anderen finden m�ssen�, sagte Aludra und wandte sich einer weiteren, zur H�lfte fertig gestellten Nachtblume zu. �Ich bin viel zu besch�ftigt.�</p><p>Mat schob den Finger unter den Hut und kratzte sich. �Das ��</p><p>�Mat!�, rief da eine Stimme. �Mat, du musst mich begleiten!� Mat drehte sich um, als Olver in Aludras Lager gerannt kann. Bayle hob warnend die Hand, aber nat�rlich lief der funge darunter hindurch.</p><p>�Was ist los?�, wollte Mat wissen.</p><p>�Jemand kommt ins Lager�, sagte Olver. Vor Aufregung war sein Gesicht ger�tet. Und was f�r ein Gesicht das war. Ohren, die zu gro� f�r den Kopf waren, eine flache Nase, ein zu breiter Mund. Bei einem Kind seines Alters war H�sslichkeit etwas S��es. Aber wenn er �lter wurde, w�rde er das Gl�ck nicht mehr haben. Vielleicht hatten die M�nner im Lager ja damit recht, ihn an den Waffen auszubilden. Mit einem solchen Gesicht sollte er sich besser verteidigen k�nnen.</p><p>�Warte, beruhige dich�, sagte Mat und schob Aludras Pl�ne unter den G�rtel. �Jemand ist eingetroffen? Wer? Warum braucht ihr mich?�</p><p>�Talmanes hat mich losgeschickt, damit ich dich hole�, sagte Olver. � Er glaubt, es ist jemand Wichtiges. Ich soll dir sagen, dass sie Bl�tter mit deinem Bild darauf hat und dass sie ein �charakteristisches Gesicht� hat, was auch immer das hei�en soll. Dass ��</p><p>Olver redete weiter, aber Mat h�rte nicht l�nger zu. Er nickte Aludra und den anderen zu, dann schob er sich an den Laken vorbei in den Wald hinein. Olver lief neben ihm her, als Mat zum vorderen Teil des Lagers eilte.</p><p>Dort sa� eine pummelige Frau mit einer gro�m�tterlichen Ausstrahlung auf einer wei�en Stute mit kurzen Beinen. Sie trug ein braunes Kleid, und das zu einem Knoten zusammengefasste Haar wies graue Str�hnen auf. Eine Gruppe Soldaten umgab sie, und Talmanes und Mandevwin standen wie zwei einen Hafeneingang blockierende Steins�ulen direkt vor ihr.</p><p>Die Frau hatte das Gesicht einer Aes Sedai, und neben ihrem Pferd stand ein �lterer Beh�ter. Trotz seines ergrauenden Haares strahlte der st�mmige Mann den Ausdruck von Gefahr aus, den alle Beh�ter hatten. Er musterte die Soldaten der Bande mit st�hlernem Blick und verschr�nkten Armen.</p><p>Die Aes Sedai l�chelte, als Mat herankam. �Ah, sehr sch�n�, sagte sie affektiert. �Ihr seid gewachsen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Matrim Cauthon.�</p><p>�Verin�, sagte Mat etwas au�er Atem geraten. Er warf Talmanes einen Blick zu, der eines jener Bl�tter mit Mats Gesicht in der Hand hielt. �Ihr habt also entdeckt, dass in Trustair jemand Bilder von mir verteilt.�</p><p>Sie lachte. �So k�nnte man es sagen.�</p><p>Er erwiderte den Blick aus diesen dunkelbraunen Aes Sedai-Augen. �Blut und verdammte Asche�, murmelte er. �Ihr wart das, oder? Ihr seid diejenige, die nach mir sucht!�</p><p>�Und das seit einiger Zeit, m�chte ich hinzuf�gen�, sagte Verin leichthin. �Und eigentlich gegen meinen Willen.�</p><p>Mat schloss die Augen. So viel zu seinem sch�nen Plan mit dem Sto�trupp. Verflucht! Und es war ein so guter Plan gewesen. �Wie habt Ihr herausgefunden, dass ich hier bin?�, fragte er und �ffnete die Augen wieder.</p><p>�Vor einer Stunde besuchte mich ein freundlicher Kaufmann in Trustair und erkl�rte, er h�tte Euch eben getroffen und dass Ihr ihn gro�z�gig f�r einen Plan von Trustair bezahlt habt. Ich dachte mir, ich erspare der armen Stadt einen Angriff von Euren � Begleitern und komme selbst zu Euch.�</p><p>�Vor einer Stunde?� Mat runzelte die Stirn. �Aber Trustair ist einen halben Tagesmarsch entfernt!�</p><p>�Das ist es.� Verin l�chelte.</p><p>�Ich will verbrannt sein�, sagte er. �Ihr beherrscht das Reisen, richtig?�</p><p>Ihr L�cheln verbreiterte sich. �Ich vermute einmal, Ihr wollt mit diesem Heer nach Andor, Meister Cauthon.�</p><p>�Das kommt darauf an�, erwiderte Mat. �K�nnt Ihr uns dorthin bringen?�</p><p>�In einer sehr kurzen Zeit�, sagte Verin. �Ich k�nnte Eure M�nner am Abend in Caemlyn haben.�</p><p>Beim Licht! Zwanzig Tagesm�rsche weniger? Vielleicht k�nnte er Aludras Drachen ja doch bald anfertigen lassen! Dann z�gerte er, musterte Verin und zwang sich, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Wenn Aes Sedai im Spiel waren, gab es immer einen Preis.</p><p>�Was wollt Ihr daf�r haben?�, fragte er.</p><p>�Immer geradeheraus�, erwiderte sie und seufzte leicht. �Was ich <emphasis>will,</emphasis> Matrim Cauthon, ist, von Eurem <emphasis>Ta�veren-</emphasis>Netz losgeschnitten zu werden! Habt Ihr auch nur eine Ahnung, wie lange Ihr mich gezwungen habt, in diesen Bergen zu warten?�</p><p>�Gezwungen?�</p><p>�Ja. Kommt, wir haben viel zu besprechen.� Sie schnalzte mit den Z�geln und trieb ihr Pferd ins Lager, und Talmanes und Mandevwin traten z�gernd zur Seite und gaben den Weg frei. Mat gesellte sich zu ihnen und sah zu, wie die Aes Sedai direkt auf die Kochfeuer zuhielt.</p><p>�Ich sch�tze, es wird keinen Sto�trupp geben�, sagte Talmanes. Er klang nicht betr�bt.</p><p>Mandevwin fummelte an seiner Augenklappe herum. �Hei�t das, ich kann zu meiner armen alten Tante zur�ck?�</p><p>�Ihr habt <emphasis>keine</emphasis> arme alte Tante�, knurrte Mat. �Kommt, wollen wir h�ren, was die Frau zu sagen hat.�</p><p>�Sch�n�, sagte Mandevwin. �Aber das n�chste Mal darf ich der Beh�ter sein, einverstanden, Mat?�</p><p>Mat seufzte blo� und eilte hinter Verin her.</p></section><section><title><p>35</p><p>Schwarze Aura</p></title><p>Eine k�hle Meeresbrise strich in dem Moment �ber Rand hinweg, in dem er durch das Wegetor ritt. Der federschwere Wind trug den Geruch von tausend Kochfeuern aus der Stadt Falme herbei, wo man den Morgenbrei zubereitete.</p><p>Rand z�gelte Tai�daishar, vollkommen �berrumpelt von den Erinnerungen, die diese Ger�che mit sich brachten. Erinnerungen an eine Zeit, in der er sich �ber seine Rolle in der Welt noch unsicher gewesen war. Erinnerungen an eine Zeit, in der ihn Mat unaufh�rlich damit aufgezogen hatte, dass er feine M�ntel trug, obwohl er es nach M�glichkeit vermieden hatte. Erinnerungen an eine Zeit, in der er sich der Banner gesch�mt hatte, die nun hinter ihm wehten. Einst hatte er darauf bestanden, sie zu verbergen, als k�nnte er sich damit vor seinem eigenen Schicksal verstecken.</p><p>Die Prozession hinter ihm wartete ab, Schnallen �chzten, Pferde schnaubten. Rand hatte Falme schon einmal einen kurzen Besuch abgestattet. Damals hatte er nirgendwo lange bleiben k�nnen, hatte diese Monate damit verbracht, entweder jemanden zu jagen oder gejagt zu werden. Fain hatte das Horn von Valere und den Rubindolch, an den Mat gebunden gewesen war, in seinen Besitz gebracht und ihn nach Falme gelockt. Als er an Mat dachte, blitzten die Farben wieder auf, aber er ignorierte sie. Diese wenigen Augenblicke war er nicht in der Gegenwart.</p><p>Falme hatte einen so bedeutsamen Wendepunkt in seinem Leben dargestellt, wie er sich sp�ter im kargen Land der Aiel zugetragen hatte, als er sich als der <emphasis>Car�a�carn</emphasis> erwies. Nach Falme hatte es kein Versteckspiel mehr gegeben, hatte er nicht l�nger gegen das angek�mpft, was er war. Das hier war der Ort, an dem er sich das erste Mal eingestanden hatte, dass er ein M�rder war, der Ort, an dem er zum ersten Mal begriffen hatte, welche Gefahr er f�r alle in seiner Umgebung darstellte. Er hatte versucht, sie alle zur�ckzulassen. Sie waren ihm gefolgt.</p><p>In Falme war der Hirtenjunge verbrannt, und die Meereswinde hatten seine Asche fortgetragen. Aus dieser Asche hatte sich der Wiedergeborene Drache erhoben.</p><p>Rand trieb Tai�daishar an, und die Prozession ging weiter. Er hatte befohlen, das Wegetor einen kurzen Ritt von der Stadt entfernt zu �ffnen, hoffentlich aus der Sichtweite einer jeden <emphasis>Damane.</emphasis> Nat�rlich hatte er es von Asha�man erschaffen lassen - was die Gewebe vor den Frauen verbarg -, aber er wollte ihnen nicht den geringsten Hinweis auf das Schnelle Reisen in die H�nde spielen. Das Unverm�gen der Seanchaner, Reisen zu k�nnen, war einer seiner gr��ten Vorteile.</p><p>Falme selbst erhob sich auf der kleinen Halbinsel von Toman, die in das Aryth-Meer hineinragte. Hohe Klippen auf beiden Seiten brachen die Wellen und erzeugten ein leises, fernes Brausen. Die dunklen Steingeb�ude der Stadt bedeckten die Halbinsel wie Kiesel ein Flussbett. Gr��tenteils waren es niedrige, einst�ckige H�user von erheblicher Breite, als h�tten ihre Bewohner erwartet, dass die Wellen �ber die Klippen schlagen und gegen ihre Heime krachen w�rden. Das Grasland hier war nicht so verk�mmert wie im Norden, aber das frische Fr�hlingsgras sah bereits gelb und glanzlos aus, als w�rden es die Halme bereuen, die K�pfe aus dem Boden gestreckt zu haben.</p><p>Die Halbinsel senkte sich zu einem nat�rlichen Hafen, in dem viele seanchanische Schiffe vor Anker lagen. �berall flatterten seanchanische Flaggen und beanspruchten diese Stadt als einen Teil ihres Kaiserreichs; das h�chste Banner in der Stadt zeigte einen fliegenden goldenen Falken, der drei Blitze gepackt hielt. Das Banner war mit blauen Fransen umgeben.</p><p>Durch die in der Ferne liegenden Stra�en bewegten sich die seltsamen Kreaturen, die die Seanchaner von ihrer Seite des Ozeans mitgebracht hatten, zu weit entfernt, als dass Rand Einzelheiten h�tte erkennen k�nnen. Am Himmel flogen <emphasis>Raken;</emphasis> offensichtlich hatten die Seanchaner einen gro�en Stall davon. Die Halbinsel von Toman befand sich direkt s�dlich von Arad Doman, und diese Stadt war zweifellos ein wichtiges Aufmarschgebiet f�r den seanchanischen Feldzug im Norden.</p><p>Diese Eroberung w�rde heute enden. Rand musste Frieden schlie�en, musste die Tochter der Neun Monde davon �berzeugen, ihre Heere zur�ckzuziehen. Dieser Friede w�rde die Ruhe vor einem Sturm sein. Er w�rde Rands Volk nicht vor einem Krieg besch�tzen, er w�rde es nur davor bewahren, damit es dann f�r ihn an einem anderen Ort sterben konnte. Aber er w�rde tun, was getan werden musste.</p><p>Nynaeve ritt neben ihm heran, als sie weiter auf Falme zur�ckten. Ihr h�bsches wei�blaues Kleid war nach der Domanimode geschnitten, bestand allerdings aus wesentlich dickerem - und schicklicherem - Stoff. Sie schien Mode aus der ganzen Welt zu adoptieren, trug Kleider aus den St�dten, die sie besuchte, dr�ngte ihnen aber ihre ureigenen Ansichten auf, was sich geh�rte und was nicht. Einst h�tte Rand das vielleicht am�sant gefunden. Dieses Gef�hl schien er nicht l�nger empfinden zu k�nnen. Er f�hlte blo� die kalte Stille in seinem Inneren, die Stille, die bei der Font�ne aus gefrorenem Zorn als Deckel diente.</p><p>Er w�rde Zorn und Stille lange genug im Gleichgewicht halten. Das <emphasis>musste</emphasis> er.</p><p>�Und so kehren wir zur�ck�, sagte Nynaeve. Der bunte Schmuck aus <emphasis>Ter�angrealen</emphasis> verdarb irgendwie den Eindruck ihres so liebevoll ma�geschneiderten Kleides.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, als wir hier waren�, sagte sie nachdenklich. �So gro�es Chaos, so viel Wahnsinn. Und am Ende fanden wir dich mit dieser Wunde in deiner Seite.�</p><p>�Ja�, fl�sterte Rand. Hier hatte er die erste seiner unheilbaren Wunden davongetragen, beim Kampf gegen Ishamael am Himmel �ber der Stadt. Die Wunde erw�rmte sich, als er daran dachte. Erw�rmte sich und schmerzte. Er hatte angefangen, diesen Schmerz als alten Freund zu betrachten, als eine Erinnerung, dass er noch lebte.</p><p>�Ich sah dich oben in der Luft�, sagte Nynaeve. �Ich habe es nicht geglaubt. Ich � versuchte, diese Wunde zu Heilen, aber da war ich noch immer blockiert und konnte die n�tige Wut nicht heraufbeschw�ren. Min wollte nicht von deiner Seite weichen.�</p><p>Min hatte ihn heute nicht begleitet. Sie standen sich immer noch nahe, aber es hatte sich etwas zwischen ihnen ver�ndert. Genau wie er immer bef�rchtet hatte. Wenn sie ihn ansah, dann sah sie, wie er sie umbrachte. Das wusste er.</p><p>Noch vor wenigen Wochen h�tte er sie nicht davon abhalten k�nnen, ihn zu begleiten, unter welchen Umst�nden auch immer. Nun blieb sie ohne jeden Widerspruch zur�ck.</p><p>K�lte. Es w�rde bald vorbei sein. Kein Platz f�r Bedauern oder Trauer.</p><p>Die Aiel liefen voraus, um nach einem Hinterhalt Ausschau zu halten. Viele von ihnen trugen die roten Stirnb�nder. Rand sorgte sich nicht um einen Hinterhalt. Die Seanchaner w�rden ihn nicht verraten, es sei denn, es befand sich ein weiterer Verlorener unter ihnen.</p><p>Rand ber�hrte das Schwert an seiner Taille. Es war das mit der Kr�mmung, mit der schwarzen Scheide und dem dort aufgemalten Drachen in Rot und Gold. Aus mehreren Gr�nden lie� es ihn an seinen letzten Aufenthalt in Falme denken.</p><p>�In dieser Stadt habe ich das erste Mal einen Mann mit einem Schwert get�tet�, sagte er leise. �Ich habe nie davon erz�hlt. Er war ein seanchanischer Lord, ein Schwertmeister. Verin hatte mir gesagt, ich sollte darauf verzichten, in der Stadt die Macht zu lenken, also trat ich ihm nur mit dem Schwert entgegen. Ich besiegte ihn. T�tete ihn.�</p><p>Nynaeve runzelte die Stirn. �Also hast du das Recht, eine Klinge mit Reiherzeichen zu tragen.�</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. �Es gab keine Zeugen. Mat und Hurin k�mpften anderswo. Sie sahen mich direkt nach dem Kampf, waren aber keine Zeugen des Todessto�es.�</p><p>�Wozu braucht man da Zeugen?�, h�hnte sie. �Du hast einen Schwertmeister besiegt, also bist du einer. Ob das nun andere beobachtet haben oder nicht, ist doch unwichtig.�</p><p>Er sah sie an. �Warum das Reiherzeichen tragen, wenn andere es nicht sehen k�nnen, Nynaeve?�</p><p>Darauf gab sie keine Antwort. Voraus hatten die Seanchaner einen schwarzwei� gestreiften Pavillon vor der Stadt errichtet. Offensichtlich umgaben Hunderte von <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Sul�dam</emphasis> das an der Vorderseite offene Zelt; die <emphasis>Damane</emphasis> trugen das charakteristische graue Gewand, die <emphasis>Sul�dam</emphasis> ihre rotblauen Kleider mit den Blitzen auf der Brust. Rand hatte nur ein paar Machtlenker mitgebracht: Nynaeve, drei Weise Frauen, Corele, Narishma, Flinn. Ein Bruchteil von dem, zu denen er Zugang hatte, selbst ohne sich an seine im Osten stationierten Streitkr�fte wenden zu m�ssen.</p><p>Aber nein, es war besser, nur eine Ehrenwache mitzubringen, damit es auch so aussah, als w�rde er in Frieden kommen. Falls dieses Treffen zu einer Schlacht ausarten sollte, lag Rands einzige Hoffnung in einer schnellen Flucht durch ein Wegetor. Entweder das � oder er musste selbst etwas unternehmen, um den Kampf zu beenden.</p><p>Die Statuette von dem Mann mit der Kugel hing vor ihm am Sattel. Damit w�rde er sicher gegen hundert <emphasis>Damane</emphasis> standhalten k�nnen. Zweihundert. Er konnte sich an die Macht erinnern, die er bei der Reinigung von <emphasis>Saidin</emphasis> gehalten hatte. Mit dieser Macht konnte man St�dte einebnen, jeden vernichten, der sich gegen ihn stellte.</p><p>Nein. Dazu w�rde es nicht kommen. Er konnte es sich nicht leisten, dass es dazu kam. Sicherlich wussten die Seanchaner, dass ein Angriff auf ihn nur in einer Katastrophe enden konnte. Rand war gekommen, um sich erneut mit ihnen zu treffen, gleichzeitig war er sich bewusst, dass ein Verr�ter in ihren Reihen versucht hatte, ihn gefangen zu nehmen oder zu t�ten. Sie w�rden seine Ehrlichkeit erkennen m�ssen.</p><p>Aber falls nicht� Er griff nach dem Zugangsschl�ssel, nur f�r alle F�lle, und schob ihn in seine �bergro�e Au�entasche. Dann holte er tief Luft, st�hlte sich und suchte das Nichts. Dort ergriff er die Eine Macht.</p><p>�belkeit und Schwindel drohten ihn zu Boden zu werfen. Er schwankte, umklammerte Tai�daishar mit den Knien, packte den Zugangschl�ssel in der Tasche mit seiner Hand. Er biss die Z�hne zusammen. In seinem Hinterkopf regte sich Lews Therin. Der Verr�ckte wollte die Eine Macht. Ein verzweifelter Kampf folgte, und als Rand endlich gewann, entdeckte er, dass er im Sattel zusammengesunken war.</p><p>Und wieder vor sich hinmurmelte.</p><p>�Rand?�, fragte Nynaeve.</p><p>Rand richtete sich auf. Er war Rand, nicht wahr? Manchmal konnte er sich nach so einer Schlacht nur m�hsam erinnern, wer er war. Hatte er endlich Rand, den Eindringling, tief nach unten verdr�ngt und war zu Lews Therin geworden? Am Vortag war er mittags in einer Zimmerecke kauernd weinend und etwas �ber Ilyena fl�sternd erwacht. Er konnte die Beschaffenheit ihres langen blonden Haares zwischen den Fingern sp�ren und sich daran erinnern, wie er sie im Arm gehalten hatte. Er erinnerte sich, wie sie tot zu seinen F��en lag, get�tet von der Einen Macht.</p><p>Wer war er?</p><p>Aber war das wirklich wichtig?</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Nynaeve.</p><p>�Uns geht es gut.� Rand war sich gar nicht bewusst, dass er den Plural benutzte, bevor er die Worte ausgesprochen hatte. Seine Sehkraft erholte sich langsam, auch wenn sie noch nicht ganz wieder in Ordnung war. Alles war ein wenig verzerrt, wie es die ganze Zeit seit dem Kampf mit Semirhage gewesen war, bei dem sie ihm die Hand genommen hatte. Mittlerweile fiel ihm das kaum noch auf.</p><p>Er richtete sich auf, dann zog er noch etwas Macht durch den Zugangsschl�ssel und f�llte sich mit <emphasis>Saidin.</emphasis> Eigentlich sehnte er sich danach, noch mehr zu nehmen, aber er hielt sich zur�ck. Er hielt bereits mehr von der Macht, als jeder andere Mann ohne Hilfsmittel geschafft h�tte. Es w�rde reichen.</p><p>Nynaeve warf einen Blick auf die Statuette an seiner Seite. Die erhobene Kugel gl�hte leicht. �Rand ��</p><p>�Ich halte nur ein kleines bisschen mehr, als Vorsichtsma�nahme. � Je mehr eine Person von der Einen Macht hielt, desto schwieriger wurde es, sie davon abzuschneiden. Sollten die <emphasis>Damane</emphasis> versuchen, ihn gefangen zu nehmen, w�rde sein Widerstand sie entsetzen. M�glicherweise konnte er sogar einem vollst�ndigen Zirkel widerstehen.</p><p><emphasis>�Niemand</emphasis> wird mich je wieder gefangen nehmen�, fl�sterte er. �Nie mehr. Sie werden mich nicht �berraschen.�</p><p>�Vielleicht sollten wir umkehren �, meinte Nynaeve.� Rand, wir m�ssen uns nicht mit ihnen zu ihren Bedingungen treffen. Es ��</p><p>�Wir bleiben�, sagte Rand leise. �Wir erledigen das mit ihnen hier und jetzt.� Voraus konnte er eine Gestalt erkennen, die in dem Pavillon auf einem Podest an einem Tisch sa�. Gegen�ber der Person stand ein Stuhl. Auf gleicher H�he. Das �berraschte ihn; nach dem zu urteilen, was er von den Seanchanern geh�rt hatte, war er davon ausgegangen, sich die Stellung eines Angeh�rigen ihres Blutes erstreiten zu m�ssen.</p><p>War das die Tochter der Neun Monde? Dieses Kind? Rand runzelte die Stirn, als sie n�her kamen, aber dann erkannte er, dass sie gar kein Kind war, sondern nur eine ausgesprochen kleine Frau. In Schwarz gekleidet war sie von dunkler Hautfarbe, als w�rde sie zum Meervolk geh�ren. An den Wangen ihres runden, ruhigen Gesichts klebte graue Asche. Bei n�herem Hinsehen schien sie in seinem Alter zu sein.</p><p>Rand holte tief Luft und stieg vom Pferd. Es war Zeit, diesen Krieg zu beenden.</p><empty-line/><p>Der Wiedergeborene Drache war ein junger Mann. Das hatte man Tuon gesagt, dennoch �berraschte es sie.</p><p>Aber warum sollte sie seine Jugend �berraschen? Eroberer waren oft jung. Artur Falkenfl�gel, der gro�e Stammvater des Kaiserreichs, war ein junger Mann gewesen, als er mit seinen Eroberungsz�gen angefangen hatte.</p><p>Die, die eroberten, die die Welt dominierten, brannten schnell aus, wie Lampen mit ungeschnittenen Dochten. Er trug Gold und Rot auf Schwarz, und die Kn�pfe seines Mantels funkelten, als er von seinem gro�en schwarzen Hengst abstieg und sich dem Pavillon n�herte. Der schwarze Mantel wies an den Manschetten rote und goldene Stickereien auf - die fehlende Hand war ziemlich auff�llig, wenn der Blick auf die Manschetten fiel -, aber davon abgesehen war seine Kleidung schmucklos. Als h�tte er kein Bed�rfnis, mit einer pr�chtigen Tracht von seinem Antlitz abzulenken.</p><p>Sein Haar hatte die Farbe eines dunklen Sonnenuntergangs, war von einem dunklen Rot. Seine Haltung hatte etwas Majest�tisches - ein fester Gang, jeder Schritt voller Zuversicht, die Augen nach vorn gerichtet. Man hatte Tuon ausgebildet, auf diese Weise zu gehen, bei keinem Schritt zu z�gern. Sie fragte sich, wer ihn ausgebildet hatte. Vermutlich hatte er die besten Lehrer gehabt, die ihn in den Verhaltensweisen von K�nigen und Anf�hrern unterwiesen hatten. Doch Berichten zufolge war er als Bauer in einem Dorf auf dem Land aufgewachsen. Vielleicht eine Geschichte, die man sorgf�ltig verbreitet hatte, damit er in den Augen des Volkes an Glaubw�rdigkeit gewann?</p><p>Er ging auf den Pavillon zu, eine <emphasis>Marath�damane</emphasis> an seiner linken Seite. Die Frau trug ein Kleid in der Farbe eines wolkenlosen Himmels, dessen Besatz an wei�e Wolken erinnerte. Das dunkle Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten und sich mit knallbuntem Schmuck ausstaffiert. Etwas schien sie zu st�ren, denn ihre Stirn lag in Falten gelegt, und ihre Lippen bildeten einen schmalen Strich. Ihre Gegenwart lie� Tuon erschaudern. Nach ihrer Reise mit Matrim h�tte man denken sollen, dass sie sich in der Zwischenzeit an <emphasis>Marath�damane</emphasis> gew�hnt hatte. Aber das war nicht der Fall. Sie waren unnat�rlich. Gef�hrlich. Tuon konnte sich genauso wenig in Gegenwart einer nicht angeleinten <emphasis>Damane</emphasis> entspannen, wie sie eine Graszahnschlange um ihren Kn�chel h�tte tolerieren k�nnen, die �ber ihre Haut z�ngelte.</p><p>Aber wenn die <emphasis>Marath�damane</emphasis> schon f�r Unbehagen sorgte, dann galt das erst recht f�r die beiden M�nner, die zur Rechten des Drachen gingen. Der eine war kaum �lter als ein J�ngling und trug die Haare zu vielen Z�pfen gebunden, an deren Enden Gl�ckchen bimmelten. Der andere war ein �lterer Mann mit wei�em Haar und gebr�untem Antlitz. Trotz ihres unterschiedlichen Alters bewegten sich beide mit dem l�ssigen Gang von M�nnern, die schon viele Schlachten erlebt hatten. Und beide trugen schwarze M�ntel, an deren hohen Kragen Anstecknadeln funkelten. Asha�man, so nannte man sie. M�nner, die die Macht lenken konnten. Ungeheuer, die man am besten schnell t�tete. In Seanchan hatte es vereinzelt Leute gegeben, die in ihrem Verlangen nach einem unerwarteten Vorteil versucht hatten, diese <emphasis>Tsorov�ande Doon</emphasis> auszubilden, diese Wirbelst�rme mit schwarzen Seelen. Diese Narren waren schnell gestorben, oftmals von den Werkzeugen vernichtet worden, die sie hatten kontrollieren wollen.</p><p>Tuon st�hlte sich. Die Anspannung von Karede und den Totenwachen um sie herum stieg. Es war kaum zu bemerken - F�uste ballten sich, Atemz�ge verlangsamten sich. Tuon wandte sich ihnen nicht zu, aber sie gab Selucia ein verstohlenes Zeichen.</p><p>�Ihr werdet eure Ruhe behalten�, sagte <emphasis>die Stimme</emphasis> leise zu den M�nnern.</p><p>Und das w�rden sie - sie waren die Totenwache. Tuon machte die Bemerkung nur ungern, da es ihren Blick senken w�rde. Aber sie duldete keinen ungl�cklichen Zwischenfall. Die Begegnung mit dem Wiedergeborenen Drachen w�rde gef�hrlich sein. Daran lie� sich nichts �ndern. Selbst mit zwanzig <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Sul�dam</emphasis> an jeder Seite des Pavillons. Selbst mit Karede hinter sich und Hauptmann Musenge und der Streitmacht aus Bogensch�tzen, die im Versteck eines Daches gerade noch in Schussreichweite alles beobachteten.</p><p>Selbst mit Selucia zu ihrer Rechten, die angespannt und bereit war, sich wie ein Jagwin von einem hohen Felsen auf alles zu st�rzen. Tuon war trotz allem ohne Deckung. Der Wiedergeborene Drache war eine Feuersbrunst, die sich aus unerkl�rlicher Weise in einem Haus entz�ndet hatte. Man konnte nicht verhindern, dass sie das Zimmer verw�stete. Man konnte nur hoffen, das Haus zu retten.</p><p>Er ging auf direktem Weg zu dem ihr gegen�berstehenden Stuhl und setzte sich, stellte dabei nicht einmal infrage, dass sie ihn f�r einen Gleichgestellten hielt. Sie wusste, dass sich die anderen dar�ber wunderten, dass sie noch immer die Asche der Trauer trug, warum sie sich noch immer nicht zur Kaiserin ausgerufen hatte. Die Trauerzeit war vorbei, aber Tuon hatte ihren Thron noch nicht beansprucht.</p><p>Der Grund daf�r war dieser Mann. Die Kaiserin konnte niemanden als Gleichgestellten empfangen, nicht einmal den Wiedergeborenen Drachen. Die Tochter der Neun Monde hingegen � dieser eine Mann konnte <emphasis>ihr</emphasis> gleichberechtigt sein. Darum hatte sie gez�gert. Der Wiedergeborene Drache w�re vermutlich nicht besonders erfreut dar�ber gewesen, h�tte sich ein anderer �ber ihn gestellt, selbst wenn derjenige einen v�llig legitimen Grund dazu hatte.</p><p>Als er sich setzte, blitzte es in der Ferne zwischen zwei Wolken auf, obwohl Malai - eine der <emphasis>Damane,</emphasis> die aus dem Wetter die Zukunft vorhersagen konnte - darauf bestanden hatte, dass kein Regen drohte. Blitze an einem Tag ohne Regen. <emphasis>Sei vorsichtig,</emphasis> dachte Tuon und las das Omen, <emphasis>und sei vorsichtig, was du sagst.</emphasis> Nicht gerade das aussagekr�ftigste aller Omen. Um noch vorsichtiger aufzutreten, h�tte sie fliegen m�ssen!</p><p>�Ihr seid die Tochter der Neun Monde�, sagte der Wiedergeborene Drache. Es war eine Feststellung, keine Frage.</p><p>�Ihr seid der Wiedergeborene Drache�, erwiderte sie. Bei dem Blick in diese schiefer�hnlichen Augen erkannte sie, dass ihr erster Eindruck falsch gewesen war. Er war <emphasis>kein</emphasis> junger Mann. Ja, sein K�rper mochte der eines jungen Mannes sein. Aber diese Augen � das waren alte Augen.</p><p>Er beugte sich ein kleines St�ck vor. Die Totenw�chter spannten sich an, Leder �chzte. �Wir werden Frieden schlie�en�, sagte al�Thor. �Heute. Hier und jetzt.�</p><p>Selucia zischte leise. Seine Worte h�rten sich verd�chtig nach einer Forderung an. Tuon hatte ihm gro�en Respekt erwiesen, indem sie ihn auf ihre Ebene holte, aber <emphasis>niemand</emphasis> gab der kaiserlichen Familie einen Befehl.</p><p>Al�Thor warf Selucia einen Blick zu. �Ihr k�nnt Eurer Leibw�chterin sagen, dass sie sich entspannen soll�, meinte er trocken. �Diese Begegnung wird sich nicht in einen Konflikt verwandeln. Das erlaube ich nicht.�</p><p>�Sie ist meine Stimme�, erwiderte Tuon bed�chtig, �und meine Wahrheitssprecherin. Mein Leibw�chter ist der Mann hinter meinem Stuhl.�</p><p>Al�Thor schnaubte leise. Also war er ein aufmerksamer Mann. Oder er hatte Gl�ck. Nur wenige erkannten Selucias wahre Natur.</p><p>�Ihr w�nscht den Frieden�, fuhr Tuon fort. �Habt Ihr Bedingungen f�r Euer � Angebot?�</p><p>�Es ist kein Angebot, sondern eine Notwendigkeit�, sagte al�Thor. Er sprach mit einer gewissen Weichheit. Die Menschen hier sprachen alle so schnell, aber bei al�Thor hatten die Worte Gewicht. Er erinnerte sie an ihre Mutter. �Die Letzte Schlacht naht. Sicherlich erinnert sich Euer Volk an die Prophezeiungen. Euer Krieg bringt uns alle in Gefahr. Meine Streitkr�fte - <emphasis>alle</emphasis> Streitkr�fte - werden f�r den Kampf gegen den Schatten ben�tigt.�</p><p>Die Letzte Schlacht w�rde zwischen dem Kaiserreich und den Heeren des Dunklen K�nigs ausgetragen werden. Das wusste jeder. Die Prophezeiungen legten deutlich dar, dass die Kaiserin jene besiegen w�rde, die dem Schatten dienten, und dann w�rde sie den Wiedergeborenen Drachen zu einem Duell mit dem Lichtfresser ausschicken.</p><p>Wie viel davon hatte er erf�llt? Er schien noch nicht erblindet zu sein, also musste das noch passieren. Im <emphasis>Essanik-Zyklus</emphasis> hie� es, er w�rde auf seinem eigenen Grab stehen und weinen. Oder bezog sich diese Prophezeiung auf das Wandeln der Toten, was ja bereits geschah? Sicherlich waren einige dieser Geister �ber ihre eigenen Gr�ber gegangen. Manchmal waren die Schriften ungenau.</p><p>Die Menschen hier schienen viele der Prophezeiungen vergessen zu haben, so wie sie ihre Eide vergessen hatten, nach der Wiederkehr Ausschau zu halten. Aber das sagte Tuon nicht. <emphasis>Pass auf deine Worte auf�</emphasis></p><p>�Ihr glaubt also, dass die Letzte Schlacht nahe ist?�, fragte sie.</p><p>�Ob sie nahe ist? Sie ist so nahe wie ein Attent�ter, der einem seinen stinkenden Atem in den Nacken pustet, w�hrend er einem mit seinem Messer schon die Haut aufschlitzt. Sie ist so nahe wie der letzte Schlag der Mitternacht, nachdem die anderen elf bereits verklungen sind. Nahe? Ja, sie ist nahe. Schrecklich nahe.�</p><p>Hatte ihn der Wahnsinn bereits gepackt? Falls dem so war, w�rde das die Dinge schrecklich verkomplizieren. Sie musterte ihn und suchte nach Anzeichen geistiger Umnachtung. Er schien sich unter Kontrolle zu haben.</p><p>Eine Brise r�ttelte an dem Segeltuch und trug den Gestank von verfaulendem Fisch heran. Zurzeit schienen viele Dinge zu verfaulen.</p><p><emphasis>Diese Kreaturen,</emphasis> dachte Tuon. <emphasis>Die Trollocs.</emphasis> Was sagte ihr Auftauchen voraus? Tylee hatte sie vernichtet, und die Sp�her hatten keine weiteren gefunden. Die Intensit�t dieses Mannes lie� Tuon z�gern. Ja, die Letzte Schlacht war nahe, vielleicht so nahe, wie er behauptete. Das machte es noch viel wichtiger, dass sie diese L�nder unter ihrem Banner vereinigte.</p><p>�Ihr <emphasis>m�sst</emphasis> einsehen, warum das so wichtig ist�, sagte der Wiedergeborene Drache. �Warum k�mpft Ihr gegen mich?�</p><p>�Wir sind die Wiederkehr�, erwiderte Tuon. �Die Omen besagten, dass f�r uns die Zeit zum Aufbruch gekommen war, und wir rechneten damit, ein vereintes K�nigreich zu finden, das bereit war, uns zu ehren und Armeen f�r die Letzte Schlacht zur Verf�gung zu stellen. Stattdessen fanden wir ein zerbrochenes Land, das seine Eide vergessen und sich auf nichts vorbereitet hatte. Wieso k�nnt Ihr nicht verstehen, dass wir k�mpfen m�ssen? Es macht uns keine Freude, Euch zu t�ten, so wie es geduldigen Eltern keine Freude macht, ein Kind zu bestrafen, das den rechten Pfad verlassen hat.�</p><p>Al�Thor h�rte ungl�ubig zu. �Wir sind <emphasis>Kinder</emphasis> f�r Euch?�</p><p>�Das ist nur eine Metapher�, sagte Tuon.</p><p>Einen Moment lang sa� er da und rieb sich das Kinn. Machte er sie f�r den Verlust seiner Hand verantwortlich? Falendre hatte davon gesprochen.</p><p>�Eine Metapher�, sagte er dann. �Vielleicht trifft sie sogar zu. Ja, dem Land fehlte die Einheit. Aber ich habe es zusammengeschmiedet. Der L�tzinn mag schwach sein, aber er wird lange genug halten. Euer Krieg f�r die Einheit w�re durchaus lobenswert, g�be es mich nicht. So seid Ihr eine St�rung. Wir m�ssen Frieden haben. Unser B�ndnis muss nur so lange Bestand haben, bis mein Leben endet.� Ihre Blicke trafen sich. �Ich versichere Euch, das wird nicht mehr lange dauern.�</p><p>Sie sa� an dem breiten Tisch, die Arme gefaltet. H�tte al�Thor den Arm ausgestreckt, h�tte er sie nicht ber�hren k�nnen. Darin lag eine Absicht, auch wenn diese Vorsichtsma�nahme im Nachhinein l�cherlich war. Sollte er sie t�ten wollen, w�rde er nicht seine Hand brauchen. Es war besser, nicht dar�ber nachzudenken.</p><p>�Wenn Ihr den Wert der Wiedervereinigung erkennt�, sagte sie, �dann solltet Ihr Eure L�nder vielleicht unter dem Banner von Seanchan vereinen, Eure V�lker die Treueide leisten lassen und�� Die Frau hinter al�Thor, die <emphasis>Marath �damane,</emphasis> riss die Augen weit auf, als sie das h�rte.</p><p>�Nein�, unterbrach al�Thor Tuon.</p><p>�Aber sicherlich k�nnt Ihr doch einsehen, dass ein alleiniger Herrscher ��</p><p>�Nein�, wiederholte er leiser und doch energischer. Gef�hrlicher. �Ich werde nicht zulassen, dass auch nur noch eine Person an Eure abscheulichen Leinen gelegt wird.�</p><p>�Abscheulich? Sie sind die einzige M�glichkeit, um die Machtlenker zu kontrollieren!�</p><p>�Wir haben Jahrhunderte ohne sie �berlebt.�</p><p>�Und ihr habt��</p><p>�Bei diesem Punkt mache ich keine Zugest�ndnisse�, sagte al�Thor.</p><p>Tuons W�chter - Selucia eingeschlossen - knirschten mit den Z�hnen, und die M�nner lie�en die H�nde auf die Schwertgriffe fallen. Er hatte sie jetzt zweimal hintereinander unterbrochen. Die Tochter der Neun Monde. Wie konnte er nur so unversch�mt sein?</p><p>Er war der Wiedergeborene Drache. Darum. Aber seine Worte waren blanker Unsinn. Er <emphasis>w�rde</emphasis> sich vor ihr verneigen, sobald sie die Kaiserin war. Die Prophezeiungen verlangten es. Sicherlich bedeutete das, dass sich seine K�nigreiche dem Kaiserreich anschlossen.</p><p>Sie hatte zugelassen, dass die Unterhaltung ihrer Kontrolle entglitt. <emphasis>Marath�damane</emphasis> waren auf dieser Seite des Ozeans f�r viele ein heikles Thema. Sicherlich verstand man die Logik, warum man diese Frauen an die Leine legte, aber es fiel ihnen schwer, ihre Traditionen aufzugeben. Zweifellos bereitete es ihnen deshalb so gro�es Unbehagen, �ber diese Dinge zu sprechen.</p><p>Sie musste das Gespr�ch in eine andere Richtung lenken. Auf ein Gebiet, das den Wiedergeborenen Drachen aus dem Gleichgewicht brachte. Sie musterte ihn. �Ist das alles, worum es bei unserem Gespr�ch gehen wird?�, fragte sie. � Wir sitzen uns gegen�ber und sprechen nur von unseren Unterschieden?�</p><p>�Wor�ber sollten wir sonst sprechen?�</p><p>�Vielleicht �ber etwas, das wir gemeinsam haben?�</p><p>�Ich bezweifle, dass es da etwas Relevantes gibt.�</p><p>�Ach?�, fragteTuon. �Und was ist mit Matrim Cauthon?�</p><p>Ja, das ersch�tterte ihn. Der Wiedergeborene Drache blinzelte, sein Mund �ffnete sich leicht. �Ihr kennt Mat? Aber wie ��</p><p>�Er hat mich entf�hrt�, erkl�rte Tuon. �Und mich fast durch ganz Altara gezerrt.�</p><p>Der Wiedergeborene Drache starrte sie an, dann schloss er den Mund wieder. �Ich erinnere mich�, sagte er leise. �Ich habe Euch gesehen. Zusammen mit ihm. Ich habe Euch einfach nicht mit diesem Gesicht in Zusammenhang gebracht. Mat� was habt Ihr getan?�</p><p><emphasis>Du hast uns gesehen?,</emphasis> dachte Tuon skeptisch. Also hatte sich der Wahnsinn manifestiert. W�rde er dadurch leichter zu manipulieren sein oder eher schwerer? Ungl�cklicherweise vermutlich das Letztere.</p><p>�Nun�, sagte al�Thor schlie�lich. �Mat hatte bestimmt seine Gr�nde, davon bin ich �berzeugt. Die hat er immer. Und er h�lt sie dann immer f�r so logisch ��</p><p>Also kannte Matrim den Wiedergeborenen Drachen tats�chlich; er w�rde eine ausgezeichnete Informationsquelle f�r sie darstellen. Vielleicht war er aus diesem Grund in ihre Richtung gelenkt worden, damit sie eine M�glichkeit hatte, Dinge �ber den Wiedergeborenen Drachen zu erfahren. Sie w�rde ihn zur�ckholen m�ssen, bevor er ihr dabei helfen konnte.</p><p>Matrim w�rde das nicht gefallen, aber er w�rde vern�nftig sein m�ssen. Er war der Erste Prinz der Raben. Er musste zum Hohen Blut erhoben werden, sich den Kopf kahl scheren und lernen, wie man sich <emphasis>richtig</emphasis> benahm. Das alles kam ihr wie ein Verlust vor - aus Gr�nden, die sie sich nicht erkl�ren konnte.</p><p>Sie konnte sich nicht davon abhalten, noch ein paar Fragen �ber Matrim zu stellen. Weil das Thema al�Thor aus dem Gleichgewicht zu bringen schien und weil sie einfach neugierig war. �Was f�r ein Mann ist er, dieser Matrim Cauthon? Ich muss zugeben, ich hielt ihn eigentlich f�r einen arbeitsscheuen Schurken, der viel zu schnell eine Entschuldigung bei der Hand hatte, warum er sich Eiden entzog, die er geschworen hatte.�</p><p>� Sprecht nicht so von ihm!� �berraschenderweise kamen diese Worte von der <emphasis>Marath�damane,</emphasis> die neben al�Thors Stuhl stand.</p><p>�Nynaeve ��, setzte al�Thor an.</p><p>�Verbiete mir nicht das Wort, Rand al�Thor�, sagte die Frau und verschr�nkte die Arme. �Er ist auch dein Freund.� Die Frau wandte den Kopf, sah Tuon wieder an und erwiderte ihren Blick. Sie <emphasis>erwiderte</emphasis> ihn! Eine <emphasis>Marath�damane!</emphasis></p><p>Sie fuhr fort: �Matrim Cauthon ist einer der anst�ndigsten M�nner, denen Ihr je begegnen werdet, Euer Hoheit, und ich werde mir nicht anh�ren, wie Ihr schlecht von ihm sprecht. Was Recht ist, muss auch Recht bleiben.�</p><p>�Nynaeve hat recht�, sagte al�Thor widerstrebend. �Er ist ein guter Mann. Mat mag ja manchmal etwas ungeschliffen erscheinen, aber er ist ein so treuer Freund, wie man ihn sich nur w�nschen kann. Auch wenn er dar�ber meckert, was ihn sein Gewissen tun l�sst.�</p><p>�Er rettete mir das Leben�, sagte die <emphasis>Marath�damane.</emphasis> �Rettete mich, als niemand daran dachte, sich um mich zu k�mmern, obwohl er daf�r einen hohen Preis zahlen musste und ihn das in schreckliche Gefahr brachte.� Ihre Augen blitzten vor Wut. �fa, er trinkt und spielt zu viel. Aber sprecht nicht von ihm, als w�rdet Ihr ihn kennen, denn das tut Ihr nicht. Unter all dem hat er ein goldenes Herz. Wenn Ihr ihm etwas angetan habt��</p><p>�Ihm etwas angetan?�, sagte Tuon. �Er hat mich entf�hrt!�</p><p>�Dann wird er einen Grund daf�r gehabt haben�, sagte Rand al�Thor.</p><p>Eine solche Loyalit�t! Wieder war sie gezwungen, ihre Einsch�tzung �ber Matrim Cauthon zu �berdenken.</p><p>�Aber das ist irrelevant�, sagte al�Thor und stand pl�tzlich auf. Einer der Totenw�chter zog das Schwert. Al�Thor sah den W�chter nur an, und Karede gab dem Mann ein Zeichen, der das Schwert besch�mt und mit gesenktem Blick wieder in die Scheide schob.</p><p>Al�Thor legte die Hand flach auf den Tisch. Er beugte sich vor und fing Tuons Blick ein. Wer konnte sich diesen intensiven grauen Augen entziehen, die wie Stahl waren? �Nichts davon ist von Belang. Mat ist nicht von Belang. Unsere �hnlichkeiten und unsere Unterschiede sind nicht von Belang. Allein eines z�hlt: was wir brauchen. Und ich <emphasis>brauche</emphasis> Euch.�</p><p>Er beugte sich weiter vor, �berragte sie. Seine Gestalt ver�nderte sich nicht, aber pl�tzlich erschien er hundert Fu� gro�. Er sprach mit demselben ruhigen, alles durchdringenden Tonfall, aber jetzt lag eine Drohung darin. Eine Sch�rfe.</p><p>�Ihr m�sst mit Euren Angriffen aufh�ren�, sagte er beinahe fl�sternd. �Ihr m�sst ein Abkommen mit mir unterzeichnen. Das sind keine Bitten. Das ist mein Wille.�</p><p>Pl�tzlich sehnte sich Tuon danach, ihm zu gehorchen. Ihn zu erfreuen. Ein Vertrag. Ein Vertrag w�re ausgezeichnet, er w�rde ihr Gelegenheit geben, ihre Position in diesen L�ndern hier zu festigen. Sie k�nnte planen, wie sie in Seanchan wieder f�r Ordnung sorgen wollte. Sie konnte rekrutieren und ausbilden. So viele M�glichkeiten er�ffneten sich ihr, als w�re ihr Verstand pl�tzlich entschlossen, jeden Vorteil der Allianz zu sehen, aber keinen der Nachteile.</p><p>Sie griff nach diesen Nachteilen, st�rzte sich darauf, die Probleme zu sehen, die die Verbindung mit diesem Mann bringen w�rden. Aber sie verfl�ssigten sich und entglitten ihr. Sie konnte sie nicht ergreifen und Einw�nde formulieren. Im Pavillon wurde es still, die Brise schlief ein.</p><p>Was geschah nur mit ihr? Ihr stockte der Atem, als w�rde ein Gewicht auf ihrer Brust liegen. Sie hatte das Gef�hl, sich dem Willen dieses Mannes beugen zu m�ssen, ob sie wollte oder nicht.</p><p>Sein Ausdruck war grimmig. Trotz des nachmitt�glichen Lichts lag sein Gesicht im Schatten, bedeutend ausgepr�gter als bei allen anderen unter dem Zeltdach. Er hielt ihren Blick gefangen, und ihr Atem ging sto�weise. Am Rand ihres Blickfeldes glaubte sie etwas um ihn herum zu sehen. Ein dunkler Schimmer, eine schwarze Aura, die er zu verstr�men schien. Sie verzerrte die Luft wie ein Hitzeschleier. Tuons Hals verkrampfte sich, Worte bildeten sich. Ja. Ich tue, worum Ihr mich bittet. Ja. Ich muss es tun. Ich <emphasis>muss.</emphasis></p><p>�Nein�, sagte sie, und es war kaum ein Fl�stern.</p><p>Seine Miene verfinsterte sich, und sie erkannte Zorn in der Weise, wie er die Hand so fest auf die Tischplatte dr�ckte, dass die Finger zitterten. Wie er die Z�hne zusammenbiss. Wie sich seine Augen weiteten. Solche Intensit�t.</p><p>�Ich brauche ��, setzte er an.</p><p>�Nein�, wiederholte sie mit wachsendem Selbstvertrauen. �Ihr werdet Euch vor <emphasis>mir</emphasis> verbeugen, Rand al�Thor. Es wird nicht andersherum geschehen.� Eine solche Dunkelheit! Wie konnte ein Mann sie nur in sich behalten? Er schien einen Schatten von der Gr��e eines Berges zu werfen.</p><p>Sie konnte sich nicht mit dieser Kreatur verb�nden. Dieser siedende Hass, er versetzte sie in Angst und Schrecken, und Entsetzen war ein Gef�hl, mit dem sie nicht vertraut war. Man durfte diesem Mann nicht erlauben, sich frei zu bewegen und das zu tun, was er wollte. Er musste unter Kontrolle gehalten werden.</p><p>Er sah sie noch einen Moment l�nger an. �Gut�, sagte er. Seine Stimme war eisig.</p><p>Er fuhr auf dem Absatz herum, entfernte sich von dem Pavillon, sah nicht zur�ck. Sein Gefolge schloss sich ihm an; sie alle sahen verst�rt aus, sogar die <emphasis>Marath�damane</emphasis> mit dem Zopf. Als w�ren sie sich selbst nicht sicher, was - oder wem - sie in diesem Mann folgten.</p><p>Tuon sah ihm keuchend nach. Sie konnte die anderen nicht sehen lassen, wie verst�rt sie war. Sie durften nicht wissen, dass sie ihn in diesem letzten Augenblick gef�rchtet hatte. Sie beobachtete ihn, bis er auf seinem Pferd hinter dem H�gel verschwunden war. Und noch immer zitterten ihre H�nde. Sie traute sich nicht zu sprechen.</p><p>Niemand sprach in der Zeit, die sie brauchte, um sich zu beruhigen. Vielleicht waren sie genauso ersch�ttert wie sie. Vielleicht sp�rten sie ihre Sorge. Schlie�lich stand Tuon auf, lange nachdem al�Thor weg war. Sie drehte sich um und sah das Blut, die Gener�le, die Soldaten und die W�chter an, die sich dort versammelt hatten. �Ich bin die Kaiserin�, sagte sie leise.</p><p>Alle fielen auf die Knie, selbst das Hohe Blut.</p><p>Das war die einzig erforderliche Zeremonie. Oh, in Ebou Dar w�rde es noch eine formelle Kr�nung geben, mit Prozessionen und Paraden und Audienzen. Sie w�rde die pers�nlichen Treueide von jedem Angeh�rigen des Blutes entgegennehmen und der Tradition zufolge die Gelegenheit haben, jeden von ihnen ohne einen Grund mit der eigenen Hand hinrichten zu k�nnen, jene, von denen sie der Ansicht war, dass sie gegen ihren Aufstieg auf den Thron opponiert hatten.</p><p>Alles das und noch viel mehr w�rde es geben. Aber ihre Ank�ndigung war die wahre Kr�nung. Gesprochen von der Tochter der Neun Monde nach der Trauerzeit.</p><p>Die Festivit�ten begannen in dem Augenblick, in dem sie alle bat, sich zu erheben. Man w�rde eine Woche lang feiern. Eine notwendige Ablenkung. Die Welt brauchte Tuon. Sie brauchte eine Kaiserin. Von diesem Augenblick an w�rde sich alles ver�ndern.</p><p>Als sich die <emphasis>Da�covale</emphasis> erhoben und anfingen, ihre Kr�nung zu preisen und zu besingen, trat Tuon zu General Galgan. �Gebt General Yulan Bescheid�, sagte sie leise. �Sagt ihm, er soll den Angriff gegen die <emphasis>Marath �damane</emphasis> von Tar Valon vorbereiten. Wir m�ssen einen Schlag gegen den Wiedergeborenen Drachen ausf�hren, und zwar schnell. Man darf diesem Mann nicht erlauben, noch mehr Kr�fte zu sammeln, als er ohnehin schon hat.�</p></section><section><title><p>36</p><p>Tuons Tod</p></title><p>Meine Reise nahm ihren Anfang in Tear�, sagte Verin und setzte sich auf Mats besten Stuhl aus dunklem Walnussholz, auf dem ein h�bsches hellbraunes Kissen lag. Tomas nahm hinter ihr Aufstellung, die Hand am Schwertgriff. �Ich wollte nach Tar Valon.�</p><p>�Und wieso seid Ihr dann hier gelandet?�, fragte Mat noch immer misstrauisch, w�hrend er sich gegen�ber auf die Bank mit den Kissen setzte. Er hasste das Ding; es war unm�glich, darauf eine bequeme Position zu finden. Kissen halfen da gar nichts. Irgendwie <emphasis>erschwerten</emphasis> sie das Sitzen sogar. Das verdammte Ding musste ein verr�ckter schielender Trolloc entworfen und aus den Knochen der Verdammten zusammengebaut haben. Das war die einzige vern�nftige Erkl�rung.</p><p>Er rutschte auf der Bank herum und h�tte beinahe nach einem anderen Stuhl verlangt, aber Verin sprach weiter. Mandevwin stand mit verschr�nkten Armen da, Talmanes hatte sich auf den Boden gesetzt. Thom sa� auf der anderen Seite des Raumes ebenfalls auf dem Boden und musterte Verin nachdenklich. Sie alle befanden sich in Mats kleinerem Audienzzelt, das nur f�r kurze Stabsbesprechungen gedacht war. Mat hatte Verin nicht in sein Zelt f�hren wollen, da dort noch immer die Pl�ne f�r den Angriff auf Trustair ausgebreitet lagen.</p><p>�Diese Frage stelle ich mir auch, Meister Cauthon�, sagte Verin l�chelnd. �Wieso bin ich hier gelandet? Das war sicherlich nicht meine Absicht. Und doch bin ich hier.�</p><p>�Ihr sagt das beinahe so, als w�re das ein Zufall, Verin Sedai�, meinte Mandevwin. �Aber wir sprechen von einer Distanz von mehreren Hundert Meilen.�</p><p>�Davon abgesehen k�nnt Ihr Reisen�, f�gte Mat hinzu. �Wenn Ihr also zur Wei�en Burg wolltet, warum Reist Ihr verdammt noch mal nicht einfach dorthin?�</p><p>�Gute Fragen�, erwiderte Verin. �In der Tat. D�rfte ich um eine Tasse Tee bitten?�</p><p>Mat seufzte, rutschte auf der Teufelsbank herum und gab Talmanes ein Zeichen. Dieser erhob sich und ging kurz hinaus, um Anweisungen zu geben, dann kehrte er zur�ck und setzte sich wieder.</p><p>�Danke�, sagte Verin. �Ich f�hle mich doch ziemlich ausgetrocknet. � Sie erweckte den f�r Schwestern der Braunen Ajah typischen Eindruck, mit den Gedanken woanders zu sein. Dank seiner Erinnerungsl�cken konnte sich Mat nur noch undeutlich an seine erste Begegnung mit Verin erinnern. Tats�chlich war die ganze Frau nur noch eine verschwommene Erinnerung. Aber er glaubte zu wissen, dass sie das Temperament einer Gelehrten hatte.</p><p>Doch als er sie jetzt genauer musterte, erschien ihm ihr Benehmen viel zu �bertrieben. Als w�rde sie sich auf die Vorurteile st�tzen, die �ber die Braunen im Umlauf waren. Als w�rde sie alle t�uschen wie ein Stra�enk�nstler, der Landjungen mit einem geschickten H�tchenspiel ausnahm.</p><p>Sie betrachtete ihn. Dieses feine L�cheln, das ihre Mundwinkel umspielte? Das war das L�cheln eines Trickbetr�gers, dem egal war, dass man ihn durchschaut hatte. Da man jetzt begriffen hatte, konnte man das Spiel auch zusammen genie�en und gemeinsam vielleicht jemand anderen reinlegen.</p><p>�Ist Euch eigentlich klar, wie stark ihr als <emphasis>Ta�veren</emphasis> seid, junger Mann?�, fragte Verin.</p><p>Mat zuckte mit den Schultern. �Wenn es um diese Dinge geht, m�sst ihr Rand fragen. Ehrlich, verglichen mit ihm ist das bei mir nur eine alberne Spielerei.� Verdammte Farben!</p><p>�Oh, mir w�rde im Traum nicht einfallen, die Bedeutung des Drachen herunterzuspielen�, sagte Verin und kicherte.</p><p>�Aber Ihr k�nnt Euer Licht nicht in seinem Schatten verbergen, Matrim Cauthon. Das funktioniert bestenfalls nur bei Blinden. In jedem anderen Zeitalter w�rt ihr zweifellos der m�chtigste <emphasis>Ta�veren</emphasis> gewesen. M�glicherweise sogar der m�chtigste in Jahrhunderten.�</p><p>Mat rutschte auf der Bank herum. Verdammte Asche, es lie� ihn aussehen, als w�rde er sich unbehaglich winden, und er hasste diese Vorstellung. Vielleicht sollte er einfach aufstehen. �Wovon sprecht Ihr, Verin?�, fragte er stattdessen. Er verschr�nkte die Arme und versuchte wenigstens so zu tun, als w�re er entspannt.</p><p>�Ich spreche davon, dass Ihr mich durch das halbe Land gezerrt habt.� Ihr L�cheln wurde breiter, als ein Soldat mit einer dampfenden Tasse Pfefferminztee eintrat. Dankbar nahm sie sie entgegen, und der Mann ging wieder.</p><p>�Ich habe Euch hergezerrt?�, sagte Mat. <emphasis>�Ihr</emphasis> habt nach <emphasis>mir</emphasis> gesucht.�</p><p>�Erst, nachdem mir klar wurde, dass mich das Muster irgendwohin lockte.� Verin blies auf ihren Tee. �Das bedeutete, es geht um Euch oder um Perrin. Rands Fehler konnte es nicht sein, da ich ihn m�helos zur�cklassen konnte.�</p><p>�Rand?�, sagte Mat und verdr�ngte den n�chsten Farbenwirbel. �Ihr wart bei ihm?�</p><p>Verin nickte.</p><p>�Wie � welchen Eindruck machte er?�, wollte Mat wissen. �Ist er � Ihr wisst schon ��</p><p>�Verr�ckt?�, fragte Verin. Mat nickte.</p><p>�Ich f�rchte schon�, sagte die Aes Sedai, und ihre Lippen verzogen sich leicht. �Aber ich glaube, er hat sich noch immer unter Kontrolle.�</p><p>�Verfluchte Eine Macht�, sagte Mat und griff unter das Hemd, um das beruhigende Fuchskopf-Medaillon zu ber�hren.</p><p>Verin schaute auf. �Oh, ich bin nicht davon �berzeugt, dass die Probleme des jungen al�Thor einzig und allein der Macht zuzuschreiben sind, Matrim. Viele w�rden gern <emphasis>Saidin</emphasis> f�r sein ungest�mes Temperament verantwortlich machen, aber damit ignoriert man die unvorstellbaren Belastungen, die wir dem armen Jungen aufgeb�rdet haben.�</p><p>Mat hob eine Braue und warf Thom einen Blick zu.</p><p>�Wie dem auch sei�, fuhr Verin fort und nippte an dem Tee, �man kann dem Makel nicht f�r alles die Schuld geben, denn er wird ihn nicht l�nger beeinflussen.�</p><p>�Wird er nicht? Hat sich Rand entschieden, mit dem Machtlenken aufzuh�ren?�</p><p>Sie lachte. �Da h�rt eher ein Fisch auf zu schwimmen. Nein, der Makel wird ihn nicht l�nger beeinflussen, da es den Makel nicht mehr gibt. Al�Thor hat <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt.�</p><p>�Er hat <emphasis>was?�,</emphasis> fragte Mat scharf und setzte sich gerade auf.</p><p>Verin trank ihren Tee.</p><p>�Ist das Euer Ernst?�</p><p>�Aber ja.�</p><p>Wieder warf Mat Thom einen Blick zu. Dann zog er an seinem Mantel und strich sich durchs Haar.</p><p>�Was macht Ihr da?�, wollte Verin am�siert wissen.</p><p>�Keine Ahnung�, erwiderte Mat und kam sich albern vor. �Ich glaube, mir kam gerade in den Sinn, dass ich mich anders f�hlen sollte oder so. Unsere ganze Welt hat sich ver�ndert, nicht wahr?�</p><p>�So k�nnte man sagen�, meinte Verin, �obwohl ich dagegenhalten w�rde, dass die S�uberung selbst eher wie ein in einen Teich geworfener Stein ist. Die Wellen werden einige Zeit brauchen, bis sie das Ufer erreicht haben.�</p><p>�Ein Stein?�, fragte Mat. �Ein <emphasis>Stein?�</emphasis></p><p>�Nun, vielleicht eher ein Felsbrocken.�</p><p>�Ein verdammter Berg, wenn Ihr mich fragt�, murmelte Mat und lehnte sich wieder auf der schrecklichen Bank zur�ck.</p><p>Verin kicherte. Verfluchte Aes Sedai. Mussten sie so sein? Vermutlich war das nur ein weiterer Eid, den sie leisteten und verschwiegen, bei dem es irgendwie darum ging, immer geheimnisvoll zu sein. Er starrte sie an. �Was sollte das Kichern bedeuten?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Nichts�, erwiderte sie. �Ich vermute blo�, dass Ihr bald etwas von dem empfinden werdet, wie es mir die letzten paar Tage ergeht.�</p><p>�Und was sollte das sein?�</p><p>�Nun, ich glaube, davon haben wir bereits gesprochen, bevor wir uns von irrelevanten Themen ablenken lie�en.�</p><p>�Die <emphasis>Reinigung der Wahren Quelle</emphasis> ist irrelevant�, murmelte Mat. �Also ehrlich.�</p><p><emphasis>�Ich</emphasis> habe die seltsamsten Dinge erlebt�, fuhr Verin fort. Und ignorierte Mat nat�rlich. �M�glicherweise wisst Ihr das ja nicht, aber um einen Ort mit dem Schnellen Reisen verlassen zu k�nnen, muss man dort einige Zeit verbringen. Normalerweise reicht ein Abend. Nach meiner Abreise vom Drachen begab ich mich in ein Dorf in der N�he und nahm im Gasthaus ein Zimmer. Ich richtete mich ein, pr�gte mir das Zimmer ein und bereitete mich darauf vor, am n�chsten Morgen ein Wegetor zu �ffnen.</p><p>Mitten in der Nacht kam jedoch der Wirt. Zerknirscht erkl�rte er mir, ich m�sse in ein anderes Zimmer umziehen. Anscheinend hatte man im Dach �ber meinem Raum eine undichte Stelle entdeckt, und es w�rde bald durch die Decke tropfen. Ich protestierte, aber er bestand darauf.</p><p>Also zog ich auf die andere Seite des Korridors und fing an, mir dieses Zimmer einzupr�gen. Ich hatte gerade das Gef�hl, es gut genug zu kennen, um ein Wegetor �ffnen zu k�nnen, da wurde ich erneut unterbrochen. Dieses Mal erkl�rte mir der Wirt noch verlegener als zuvor, dass seine Frau hier beim morgendlichen Putzen ihren Ring verloren h�tte. Die Frau wachte mitten in der Nacht auf und war sehr aufgebracht. Der Wirt, der sehr m�de aussah, wollte mich erneut umquartieren.�</p><p>�Und?�, fragte Mat. �Zuf�lle, Verin.�</p><p>Sie hob eine Braue, dann l�chelte sie, als er schon wieder auf der Bank herumrutschte. Verflucht, das war kein unbehagliches Winden!</p><p>�Ich weigerte mich umzuziehen, Matrim�, fuhr Verin fort. �Ich sagte dem Wirt, er k�nnte das Zimmer gern durchsuchen, <emphasis>nachdem</emphasis> ich weg bin, und versprach, dass, sollte ich Ringe entdecken, ich sie nicht mitnehmen w�rde. Dann schloss ich energisch die T�r.� Sie trank einen Schluck. �Ein paar Minuten sp�ter brannte das Gasthaus - ein Scheit rollte aus dem Kamin zu Boden und brannte das ganze Geb�ude bis auf die Grundmauern nieder. Gl�cklicherweise konnten alle entkommen, aber das Haus war zerst�rt. M�de und ersch�pft mussten Tomas und ich ins n�chste Dorf und dort ein Zimmer nehmen. �</p><p>�Klingt immer noch wie ein Zufall.�</p><p>�Das ging dann drei Tage lang so weiter�, sagte Verin. �Ich wurde selbst dann unterbrochen, wenn ich versuchte, mir einen Platz au�erhalb eines Geb�udes zu merken. Zuf�llige Passanten baten um Feuer, ein umst�rzender Baum krachte ins Lager, eine Herde Schafe lief vorbei, ein Sturm brach aus. Verschiedene zuf�llige Geschehnisse verhinderten immer, dass ich mich mit der Gegend vertraut machen konnte.�</p><p>Talmanes pfiff leise. Verin nickte. �Immer ging etwas schief, wenn ich versuchte, mir die Umgebung meinem Ged�chtnis anzuvertrauen. Unweigerlich musste ich aus irgendeinem Grund weiterziehen. Entschied ich mich allerdings, mir den Ort nicht einzupr�gen und kein Wegetor zu erschaffen, passierte nichts. Eine andere Person w�re vermutlich einfach weitergereist und h�tte das mit den Wegetoren einfach sein lassen, aber da setzte sich meine Natur durch, und ich fing an, das Ph�nomen zu studieren. Es trat ziemlich regelm��ig ein.�</p><p><emphasis>Verdammte Asche.</emphasis> Das war genau die Art von Sache, die Rand anderen Leuten antat. Und nicht Mat. �Eurem Bericht zufolge solltet Ihr eigentlich noch in Tear sein.�</p><p>�Ja�, erwiderte sie, �aber bald versp�rte ich dieses Ziehen. Jemand lockte mich. Als h�tte ��</p><p>Wieder rutschte Mat herum. �Als h�tte jemand einen verdammten Angelhaken an Euch befestigt? Und er steht weit entfernt und zieht vorsichtig, aber beharrlich daran?�</p><p>�Ja�, sagte Verin. Sie l�chelte. �Welch kluge Beschreibung.� Mat reagierte nicht.</p><p>�Also entschied ich mich, meine Reise mit herk�mmlicheren Methoden fortzusetzen. Vielleicht hatte meine Unf�higkeit, Reisen zu k�nnen, ja etwas mit der N�he zu al�Thor zu tun, vielleicht auch die langsame Aufl�sung des Musters durch den Einfluss des Dunklen K�nigs. Ich sicherte mir einen Platz in einer Handelskarawane, die nach Norden in Richtung Cairhien reiste. Sie hatten einen leeren Wagen, den sie f�r einen vern�nftigen Preis vermieteten. Ich war ziemlich ersch�pft von den Tagen, an denen ich rund um die Uhr wegen Br�nden, schreienden Kleinkindern und st�ndigen Umz�gen von einem Zimmer ins n�chste wach geblieben war. Darum schlief ich l�nger, als ich es h�tte tun sollen. Auch Tomas nickte ein.</p><p>Als wir erwachten, mussten wir zu unserer �berraschung entdecken, dass die Karawane nach Nordwesten abgebogen war, statt nach Cairhien zu fahren. Ich sprach mit dem Karawanenmeister, und er erkl�rte mir, dass er in letzter Minute einen Tipp bekommen h�tte, dass seine Waren in Murandy einen viel besseren Preis erzielen w�rden als in Cairhien. Als er dar�ber nachdachte, erw�hnte er, dass er mir die �nderung wirklich h�tte mitteilen sollen, er es aber einfach vergessen h�tte.�</p><p>Sie trank noch einen Schluck. �Da wusste ich dann mit Sicherheit, dass man mich lenkte. Vermutlich w�re das den meisten nicht aufgefallen, aber ich habe die Natur des <emphasis>ta�veren</emphasis> studiert. Die Karawane war nicht weit nach Murandy gekommen, nur einen Tag, aber zusammen mit dem Zupfen reichte das aus. Ich sprach mit Tomas, und wir entschieden uns, nicht in die Richtung zu gehen, in die es uns hinzog. Das Gleiten ist ein minderwertiger Ersatz f�r das Reisen, aber es gibt nicht die Einschr�nkung, die Umgebung genau kennen zu m�ssen. Ich �ffnete ein Tor, aber als wir das Ende unserer Reise erreichten, standen wir nicht in Tar Valon, sondern in einem kleinen Dorf im Norden von Murandy!</p><p>Das h�tte nicht m�glich sein d�rfen. Aber als wir dar�ber nachdachten, wurde Tomas und mir klar, dass er von einem sch�nen fagdausflug erz�hlt hatte, den er in einem Dorf namens Trustair gemacht hatte, und ich hatte das Tor in genau diesem Augenblick ge�ffnet. Ich musste mich auf den falschen Ort konzentriert haben.�</p><p>�Und hier sind wir nun�, sagte Tomas und sah sehr unzufrieden aus, wie er da mit verschr�nkten Armen hinter dem Stuhl seiner Aes Sedai stand.</p><p>�In der Tat�, sagte Verin. �Seltsam, findet Ihr nicht, junger Matrim? Zuf�llig lande ich hier direkt auf Eurem Weg, genau in dem Augenblick, in dem Ihr jemanden braucht, der f�r Euer Heer ein Wegetor erschafft?�</p><p>�K�nnte trotzdem ein Zufall sein.�</p><p>�Und die Anziehung?�</p><p>Darauf hatte er keine Antwort.</p><p>�So funktioniert <emphasis>ta�veren,</emphasis> es erschafft Zuf�lle�, sagte Verin. �Man findet einen weggeworfenen Gegenstand, der einem von gro�em Nutzen ist, oder begegnet im genau richtigen Augenblick der richtigen Person. Seltene Zuf�lle, die einem einen Vorteil bringen. Oder ist Euch das noch nicht aufgefallen?� Sie l�chelte. �Wollt Ihr nicht darauf wetten und die W�rfel werfen?�</p><p>�Nein�, erwiderte er z�gernd.</p><p>�Eines allerdings st�rt mich�, meinte Verin. �Gab es denn keinen anderen, der Euch zuf�llig h�tte begegnen k�nnen? Al�Thor hat doch diese Asha�man, die das Land nach M�nnern durchsuchen, die die Macht lenken k�nnen, und ich vermute, abgelegene Gegenden wie hier stehen ganz oben auf ihrer Liste, da es eher wahrscheinlich ist, dass Machtlenker hier unbemerkt bleiben. Einer von ihnen h�tte Euch unterwegs begegnen und f�r Euch ein Wegetor erschaffen k�nnen.�</p><p>�Wohl kaum�, erwiderte Mat schaudernd. �Denen vertraue ich doch nicht die Bande an.�</p><p>�Nicht einmal, um einen Herzschlag sp�ter in Andor zu sein?�</p><p>Mat z�gerte. Nun ja, vielleicht.</p><p><emphasis>�Ich</emphasis> musste aus einem ganz bestimmten Grund hier sein�, sagte die Aes Sedai nachdenklich.</p><p>�Und ich finde noch immer, Ihr deutet dort zu viel hinein�, meinte er und rutschte schon wieder auf der verdammten Bank herum.</p><p>� Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber zuerst sollten wir uns auf den Preis einigen, den es Euch kosten wird, wenn ich Euch nach Andor bringe. Ich nehme an, Ihr wollt nach Caemlyn?�</p><p>�Preis?�, wiederholte Mat. �Aber Ihr glaubt doch, dass das Muster Euch hergezwungen hat! Warum verlangt Ihr dann einen Preis von mir?�</p><p>�Weil mir�, sagte sie und hob einen Finger, �w�hrend ich auf Euch wartete, klar wurde - und ich wusste ehrlich nicht, ob es nun Ihr w�rt oder der junge Perrin -, dass ich Euch mehrere Dinge geben kann, zu denen kein anderer in der Lage ist.� Sie griff in die Tasche und zog mehrere Bl�tter hervor. Bei einem davon handelte es sich um das Bild von Mat. �Ihr habt mich gar nicht gefragt, wo ich das herhabe.�</p><p>Mat zuckte mit den Schultern. �Ihr seid eine Aes Sedai. Ich nehme an, Ihr habt es � Ihr wisst schon, <emphasis>gesaidart.�</emphasis></p><p><emphasis>�Gesaidart</emphasis>?�, fragte sie tonlos.</p><p>Erneut zuckte er mit den Schultern.</p><p>�Matrim, ich erhielt dieses Blatt��</p><p>�Nennt mich Mat�, sagte er.</p><p>�Ich erhielt dieses Blatt von einem Schattenfreund, <emphasis>Matrim�,</emphasis> sagte sie, �der mich f�r eine Dienerin des Schattens hielt und mir berichtete, dass die Verlorenen den Befehl gaben, die abgebildeten M�nner zu t�ten. Ihr und Perrin schwebt in t�dlicher Gefahr.�</p><p>�Das �berrascht mich nicht�, erwiderte er und verbarg das Fr�steln, das ihre Erkl�rung bei ihm ausl�ste. �Verin, seit dem Tag, an dem ich die Zwei Fl�sse verlie�, wollen mich Schattenfreunde umbringen.� Er hielt inne. �Soll man mich doch zu Asche verbrennen, seit dem Tag, bevor ich die Zwei Fl�sse verlie�. Was sollte das daran �ndern?�</p><p>�Das ist anders�, erwiderte Verin mit strengem Tonfall. �Die Gefahr, in der Ihr nun schwebt� ich � nun, einigen wir uns doch einfach darauf, dass Ihr in gro�er, wirklich gro�er Gefahr schwebt. Ich schlage vor, dass Ihr in den n�chsten Wochen ausgesprochen vorsichtig seid.�</p><p>�Ich bin immer vorsichtig�, sagte Mat.</p><p>�Nun, dann seid noch vorsichtiger�, meinte sie. �Versteckt Euch. Geht keine Risiken ein. Ihr seid unentbehrlich, bevor das hier vorbei ist.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern. Sich verbergen? Das war machbar. Mit Thoms Hilfe w�rde er sich so verkleiden k�nnen, dass ihn nicht einmal seine Schwestern wiedererkannt h�tten. �Das kann ich machen�, sagte er. �Nicht gerade ein hoher Preis. Wie lange braucht Ihr, um uns nach Caemlyn zu schaffen?�</p><p>�Das war nicht mein Preis, Matrim�, sagte sie am�siert. �Das war ein Vorschlag. Auf den Ihr meiner Meinung nach unbedingt h�ren solltet.� Sie schob ein kleines, zusammengefaltetes Blatt Pergament unter dem Bild hervor. Es war mit blutrotem Wachs versiegelt.</p><p>Mat nahm es z�gernd. �Ist er das?�</p><p>�Anweisungen�, sagte Verin. �Die Ihr am zehnten Tag, nachdem ich Euch in Caemlyn zur�cklasse, ausf�hren werdet. �</p><p>Er kratzte sich am Hals, runzelte die Stirn; dann wollte er das Siegel brechen.</p><p>�Ihr werdet sie nicht vor diesem Tag �ffnen�, sagte Verin.</p><p>�Was?�, protestierte Mat. �Aber ��</p><p>�Das ist mein Preis�, sagte Verin schlicht.</p><p>�Verdammte Frau�, erwiderte er und betrachtete den Brief. �Ich werde doch keinen Schwur leisten, ohne vorher zu wissen, worum es geht.�</p><p>�Matrim, ich bezweifle, dass Euch meine Anweisungen schwerfallen werden.�</p><p>Einen Augenblick lang betrachtete Mat das Siegel stirnrunzelnd, dann stand er auf. �Ich passe.�</p><p>Sie sch�rzte die Lippen. �Matrim, Ihr ��</p><p>�Nennt mich Mat�, sagte er und nahm seinen Hut von einem Kissen. �Und ich sagte, es gibt keinen Handel. In zwanzig Tagen bin ich sowieso in Caemlyn.� Er schob den Zelteingang zur Seite und zeigte nach drau�en. �Ihr werdet mich nicht einwickeln, Frau.�</p><p>Sie bewegte sich nicht, runzelte aber die Stirn. �Ich hatte ganz vergessen, wie schwierig Ihr sein k�nnt.�</p><p>�Und stolz darauf�, sagte Mat.</p><p>�Und wenn wir einen Kompromiss schlie�en?�</p><p>�Ihr verratet mir, was in dem verdammten Brief steht?�</p><p>�Nein�, sagte Verin. �Denn es k�nnte sein, dass Ihr Euch gar nicht um den Inhalt k�mmern m�sst. Ich hoffe, ich kann zur�ckkehren, Euch den Brief wieder abnehmen und Euch Eurer Wege schicken. Aber falls nicht��</p><p>�Wie soll der Kompromiss aussehen?�</p><p>�Ihr braucht den Brief nicht zu �ffnen, wenn Ihr nicht wollt�, sagte Verin. �Verbrennt ihn. Aber solltet Ihr das tun, wartet Ihr f�nfzig Tage in Caemlyn, nur f�r den Fall, dass ich l�nger f�r meine R�ckkehr brauche als gedacht.�</p><p>Das lie� ihn innehalten. F�nfzig Tage waren eine lange Zeit, um auf jemanden zu warten. Aber wenn er es in Caemlyn tun konnte, statt allein unterwegs sein zu m�ssen �</p><p>Ob Elayne in der Stadt war? Seit ihrer Flucht aus Ebou Dar sorgte er sich um sie. War sie dort, w�rde er zumindest mit der Produktion von Aludras Drachen anfangen k�nnen.</p><p>Aber f�nfzig Tage? Einfach nur warten? Entweder das oder den verdammten Brief aufmachen und das tun, was dort stand? Ihm gefiel beides nicht. �Zwanzig Tage�, sagte er.</p><p>�Drei�ig Tage�, erwiderte sie, stand auf und hob den Finger, um jeden Einspruch zu unterbinden. �Ein <emphasis>Kompromiss,</emphasis> Mat. Was Aes Sedai angeht, so werdet Ihr entdecken, dass ich wesentlich zug�nglicher als andere bin.� Sie streckte die Hand aus.</p><p>Drei�ig Tage. Drei�ig Tage konnte er warten. Er betrachtete den Brief. Er konnte der Versuchung widerstehen, ihn zu �ffnen, und drei�ig Tage zu warten kostete ihn wirklich nicht viel Zeit. Es war nur etwas l�nger, als er ohnehin f�r den Weg nach Caemlyn gebraucht h�tte. Tats�chlich war das ein verdammtes Schn�ppchen! Er brauchte ein paar Wochen, um das Projekt mit den Drachen auf die Beine zu stellen, und er brauchte Zeit, um mehr �ber den Turm von Ghenjei und die Schlangen und F�chse herauszufinden. Thom konnte sich nicht beschweren - nicht, wenn es sie sowieso zwei Wochen kostete, um Caemlyn zu erreichen.</p><p>Verin musterte ihn, einen Anflug von Sorge auf dem Gesicht. Er durfte sie nicht wissen lassen, wie erfreut er war. Sollte sie das erfahren, w�rde sie eine M�glichkeit finden, ihn daf�r bezahlen zu lassen.</p><p>�Drei�ig Tage�, sagte Mat z�gernd und ergriff ihre Hand. �Aber danach kann ich gehen.�</p><p>�Oder Ihr �ffnet den Brief nach zehn Tagen und tut, was dort steht. Eines von beiden, Matrim. Habe ich Euer Wort?�</p><p>�Das habt Ihr. Aber ich werde den verdammten Brief nicht �ffnen. Ich warte drei�ig Tage und k�mmere mich dann um meine Angelegenheiten.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte sie mit einem feinen L�cheln und lie� seine Hand los. Sie faltete sein Bild zusammen, dann zog sie eine kleine, in Leder gebundene Mappe aus der Tasche. Sie �ffnete sie und schob das Bild hinein, und als sie das tat, bemerkte er, dass sie dort einen kleinen Stapel versiegelter Briefe aufbewahrte, die genau wie der aussahen, den er in der Hand hielt. Welchem Zweck dienten sie?</p><p>Sobald die Briefe wieder sicher in ihrer Tasche ruhten, zog sie einen kleinen, durchsichtigen, geschnittenen Stein hervor - eine wie eine Lilie geformte Brosche. � Fangt damit an, Euer Lager abzubrechen, Matrim. Ich muss das Wegetor so schnell wie m�glich erschaffen. Ich muss selbst bald Reisen.�</p><p>�Gut.� Matt schaute auf den versiegelten Brief in seiner Hand. Warum war Verin nur so geheimnisvoll?</p><p><emphasis>Verdammt!,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich werde ihn nicht �ffnen. Niemals.</emphasis> �Mandevwin�, sagte er. �Beschafft Verin Sedai ein eigenes Zelt, in dem sie warten kann, w�hrend wir das Lager abbrechen. Teilt ihr ein paar Soldaten zu, die sie mit dem versorgen sollen, was sie braucht. Und informiert die anderen Aes Sedai dar�ber, dass sie hier ist. Vermutlich interessiert es sie, von ihrer Ankunft zu h�ren. Aes Sedai sind schlie�lich Aes Sedai.�</p><p>Er schob den Brief unter den G�rtel, dann setzte er sich in Bewegung. �Und lasst jemanden diese verdammte Bank <emphasis>verbrennen.</emphasis> Einfach unfassbar, dass wir dieses Ding so weit mitgeschleppt haben.�</p><empty-line/><p>Tuon war tot. Fort, weggeworfen, vergessen. Tuon war die Tochter der Neun Monde gewesen. Jetzt war sie nur noch eine Randnotiz in den Geschichtsb�chern. Fortuona war die Kaiserin.</p><p>Fortuona Athaem Devi Paendrag k�sste den Soldaten sanft auf die Stirn, der mit gesenktem Haupt im kurzen Gras kniete. Die schw�le altaranische Hitze erweckte den Eindruck, als w�re der Sommer bereits eingetroffen, aber das Gras, das noch vor wenigen Wochen so voller Leben erschienen war, fing bereits an zu verdorren. Wo waren das Unkraut und die Disteln? In der letzten Zeit wuchs nichts mehr so, wie es sollte. Genau wie das Getreide verdarb alles und starb, bevor es richtig lebte.</p><p>Der Soldat vor Fortuona war einer von f�nfen. Hinter diesen f�nf standen zweihundert Angeh�rige der Faust des Himmels - die Elite ihrer Angriffstruppen. Sie trugen Brustpanzer aus dunklem Leder und Helme aus leichtem Holz und Leder, die wie Insekten geformt waren. Helme und Brustpanzer waren mit dem Symbol einer geballten Faust versehen. F�nzig Paare aus <emphasis>Sul�dam</emphasis> und <emphasis>Damane,</emphasis> darunter Dali und ihre <emphasis>Sul�dam</emphasis> Malahavana, die Fortuona f�r die Sache gestiftet hatte. Sie hatte das Bed�rfnis versp�rt, dieser ungemein wichtigen Mission ein pers�nliches Opfer zu bringen.</p><p>Dahinter dr�ngten sich Hunderte <emphasis>To�raken</emphasis> in den St�llen, die von ihren F�hrern auf den kommenden Flug vorbereitet wurden. Ein Schwarm <emphasis>Raken</emphasis> kreiste bereits anmutig am Himmel.</p><p>Fortuona schaute auf den Soldaten vor ihr hinab und legte ihm die Finger auf die Stirn, dort, wo sie ihn gek�sst hatte. �M�ge Euer Tod den Sieg bringen�, zitierte sie leise die rituellen Worte. �M�ge Euer Messer Blut flie�en lassen. M�gen Eure Kinder bis zum letzten Sonnenaufgang Euer Loblied singen.�</p><p>Er senkte den Kopf noch tiefer. Er trug schwarzes Leder, genau wie die vier anderen in der Reihe. Drei Messer hingen an seinem G�rtel, und er hatte weder Umhang noch Helm. Er war ein kleiner Mann - alle Angeh�rigen der Faust des Himmels waren klein und gedrungen, und �ber die H�lfte dieser Gruppe bestand aus Frauen. Das Gewicht war immer ein wichtiger Punkt, wenn es um Missionen mit <emphasis>To�raken</emphasis> ging. Bei einem Angriff waren zwei kleine, gut ausgebildete Soldaten einem schwerf�lligen H�nen in schwerer R�stung vorzuziehen.</p><p>Es war fr�her Abend, die Sonne ging gerade unter. Generalleutnant Yulan, der die Angriffsgruppe pers�nlich anf�hren w�rde, hielt es f�r besser, so sp�t am Tag aufzubrechen. Ihr Angriff w�rde in der Dunkelheit beginnen, die ihn vor allen verbergen w�rde, die m�glicherweise den Horizont von Ebou Dar beobachteten. Einst w�re diese Vorsichtsma�nahme unn�tig gewesen. Was spielte es schon f�r eine Rolle, wenn Menschen in Ebou Dar sahen, wie Hunderte <emphasis>To�raken</emphasis> gen Himmel stiegen? Neuigkeiten verbreiteten sich nie schneller, als ein <emphasis>Raken</emphasis> fliegen konnte.</p><p>Aber ihre Feinde konnten viel schneller reisen, als ihnen h�tte m�glich sein d�rfen. Ob ihnen nun ein <emphasis>Ter�angreal,</emphasis> ein Gewebe oder was auch immer diese Macht verlieh, sie stellte eine reelle Gefahr dar. Es war besser, heimlich vorzugehen. Der Flug nach Tar Valon w�rde mehrere Tage in Anspruch nehmen.</p><p>Fortuona ging zum N�chsten in der Reihe der f�nf. Das schwarze Haar der Frau war geflochten. Fortuona k�sste sie auf die Stirn und sprach die rituellen Worte. Diese f�nf waren Blutmesser. Der schwarze Steinring, den jeder von ihnen trug, war ein besonderes <emphasis>Ter�angreal,</emphasis> das ihnen St�rke und Schnelligkeit verleihen w�rde, au�erdem h�llte er sie in Dunkelheit, was ihnen erlaubte, mit den Schatten zu verschmelzen.</p><p>Diese unglaublichen F�higkeiten forderten jedoch ihren Tribut, denn die Ringe saugten das Leben aus ihren Tr�gern und t�teten sie im Verlauf weniger Tage. Den Ring abzunehmen w�rde den Prozess etwas verlangsamen, aber sobald er aktiviert war - dazu musste man den Steinring tragen und mit einem Tropfen des eigenen Blutes benetzen -, war er nicht mehr umkehrbar.</p><p>Diese f�nf w�rden nicht mehr zur�ckkehren. Sie w�rden zur�ckbleiben, ganz egal, wie der Angriff auch ausging, und so viele <emphasis>Marath�damane</emphasis> t�ten, wie sie konnten. Das war eine schreckliche Verschwendung - diese <emphasis>Damane</emphasis> h�tten an die Leine gelegt werden m�ssen -, aber es war besser, sie zu t�ten, als sie dem Wiedergeborenen Drachen zu �berlassen.</p><p>Fortuona ging zum n�chsten Soldaten in der kurzen Reihe und gab ihm den Kuss und den Segen.</p><p>Seit ihrer Begegnung mit dem Wiedergeborenen Drachen vor einigen Tagen hatte sich so viel ver�ndert. Ihr neuer Name war nur eines davon. Jetzt ging sogar das Hohe Blut oft vor ihr auf die Knie. Ihre <emphasis>So�jhin</emphasis> hatten sich die K�pfe rasiert - Selucia eingeschlossen. Von jetzt an w�rden sie die rechte Kopfseite rasiert und das Haar auf der linken Seite wachsen lassen und es dabei flechten. F�r den Augenblick trugen sie M�tzen auf der linken Seite.</p><p>Das normale Volk ging mit mehr Selbstvertrauen, zeigte mehr Stolz. Sie hatten wieder eine Kaiserin. Bei allem, was mit der Welt nicht stimmte, war wenigstens das wieder in Ordnung.</p><p>Fortuona k�sste den letzten der f�nf Blutmesser und sprach die Worte, die sie sowohl zum Tode wie auch zum Heldentum verurteilte. Sie trat zur�ck, Selucia an ihrer Seite. General Yulan trat vor und verneigte sich tief. �Man soll verk�nden, dass wir die Kaiserin, soll sie ewig leben, nicht entt�uschen werden.�</p><p>�Es ist vernommen worden�, sagte Selucia. �Das Licht folge euch. Wisset, dass Ihre Majest�t, soll sie ewig leben, heute im Garten sah, wie eine neue Fr�hlingsrose drei Bl�tter fallen lie�. Das Omen f�r euren Sieg wurde gegeben. Erf�llt es, General, und Eure Belohnung wird gro� sein.�</p><p>Yulan richtete sich auf und salutierte, indem er mit der Faust gegen die Brust hieb. Eisen traf auf Eisen. Er f�hrte die Soldaten zu den St�llen der <emphasis>To�raken,</emphasis> die f�nf Blutmesser vorneweg. Schon wenige Augenblicke sp�ter lief die erste Kreatur �ber die lange Wiese hinter den St�llen, die mit Pfosten und Wimpeln markiert war, und katapultierte sich in die Luft. Andere folgten, eine ganze Flotte, mehr, als Fortuona je am Himmel gesehen hatte. Als der letzte Sonnenstrahl erstarb, flogen sie nach Norden.</p><p>Normalerweise benutzte man <emphasis>Raken</emphasis> und <emphasis>To�raken</emphasis> nicht auf diese Weise. Bei den meisten Unternehmen setzte man die Soldaten an einem Punkt ab, an dem die <emphasis>To�raken</emphasis> warteten, w�hrend die Soldaten angegriffen und zur�ckkehrten. Aber dieses Unternehmen war zu wichtig. Yulans Plan verlangte nach einem waghalsigeren Angriff, wie man ihn nur selten in Betracht gezogen hatte. <emphasis>To�raken</emphasis> mit <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Sul�dam</emphasis> auf dem R�cken, die aus der Luft angriffen. Das konnte der Anfang einer k�hnen neuen Taktik sein. Oder es konnte in einer Katastrophe enden.</p><p>�Wir haben alles ver�ndert�, sagte Fortuona leise. �General Galgan irrt; das wird den Wiedergeborenen Drachen keineswegs in eine schlechtere Verhandlungsposition bringen. Er wird sich gegen uns wenden.�</p><p>�War er nicht schon zuvor gegen uns?�, fragte Selucia.</p><p>�Nein�, antwortete Fortuona. �Wir waren gegen ihn.�</p><p>�Besteht da ein Unterschied?�</p><p>�ja�, sagte Fortuona und beobachtete die Wolke aus <emphasis>To�raken,</emphasis> die am Himmel kaum noch sichtbar war. �Den gibt es. Ich f�rchte, wir werden bald erleben, wie gro� dieser Unterschied tats�chlich ist.�</p></section><section><title><p>37</p><p>Die Macht des Lichts</p></title><p>Min sa� stumm da und sah zu, wie sich Rand ankleidete. Er tat es mit angespannten und bedachten Bewegungen, die an die Schritte eines Hochseilartisten oben in der Manege erinnerten. Langsam und methodisch klappten seine Finger die linke Manschette des gest�rkten wei�en Hemdes hoch. Die rechte Manschette war bereits umgeschlagen; daf�r sorgten schon die Diener.</p><p>Drau�en n�herte sich der Abend. Es war noch nicht richtig dunkel, auch wenn die Fensterl�den bereits geschlossen waren. Rand griff nach dem Mantel in Schwarz und Gold, schl�pfte zuerst in den einen �rmel, dann in den anderen. Er kn�pfte ihn zu, einen Knopf nach dem anderen. Damit hatte er keine Probleme; er gew�hnte sich daran, alles nur mit einer Hand zu machen. Einen Knopf nach dem anderen. Zuerst den ersten, dann den zweiten, den dritten, den vierten � Min hatte das Gef�hl, gleich schreien zu m�ssen. �Willst du dar�ber reden?�, fragte sie. Rand wandte sich nicht vom Spiegel ab. �Wor�ber?�</p><p>�Die Seanchaner.�</p><p>�Es wird keinen Frieden geben�, sagte er und richtete den Mantelkragen. �Ich habe versagt.� Sein Tonfall war gef�hllos und doch irgendwie angespannt.</p><p>�Rand, es ist in Ordnung, entt�uscht zu sein.�</p><p>�Entt�uschung ist sinnlos�, sagte er. �Zorn ist sinnlos. Keines dieser Gef�hle wird etwas an den Tatsachen �ndern, und Tatsache ist, dass ich f�r die Seanchaner keine Zeit mehr verschwenden kann. Wir werden einen Angriff in unserem R�cken riskieren m�ssen, wenn wir ohne stabile Verh�ltnisse in Arad Doman zur Letzten Schlacht reiten. Das ist nicht ideal, aber so muss es geschehen.�</p><p>�ber Rand schimmerte die Luft, das Bild eines Berges erschien. Sichten waren in Rands N�he so gew�hnlich, dass sich Min normalerweise dazu zwang, sie zu ignorieren, solange sie nicht neu waren - auch wenn sie manchmal Zeit damit verbrachte, sie durchzusehen. Die hier war neu, und sie erregte ihre Aufmerksamkeit. Der riesige Berg wies an der Seite ein zerkl�ftetes Loch auf. Der Drachenberg? Er war in dunkle Schatten geh�llt, als w�rden die Wolken hoch am Himmel jedes Licht verschlucken. Das war seltsam; wenn Min den Berg betrachtet hatte, hatte er die Wolken stets hoch �berragt.</p><p>Der Drachenberg in Schatten. Irgendwann in der Zukunft w�rde er f�r Rand wichtig sein. War da ein winziges Licht, das vom Himmel auf die Bergspitze leuchtete?</p><p>Die Vision verschwand. Obwohl Min wusste, was einige von ihnen zu bedeuten hatten, verbl�ffte diese Sicht sie. Sie seufzte, lehnte sich auf dem rot gepolsterten Stuhl zur�ck. Ihre B�cher lagen vor ihr auf dem Boden verteilt; sie widmete ihren Studien immer mehr Zeit, einerseits, weil sie Rands Ungeduld sp�rte, andererseits, weil sie nicht wusste, womit sie sich sonst besch�ftigen sollte. Die Vorstellung hatte ihr gefallen, auf sich selbst aufpassen zu k�nnen. Und sie hatte angefangen, sich als Rands letzte Verteidigungslinie zu betrachten.</p><p>Min hatte entdeckt, wie n�tzlich sie tats�chlich als �Verteidigungslinie� war. Ungef�hr so n�tzlich wie ein Kind! Tats�chlich war sie ein Hindernis gewesen, ein Werkzeug, das Semirhage gegen ihn benutzt hatte. Als Rand einmal vorgeschlagen hatte, sie wegzuschicken, hatte sie ihn deshalb emp�rt ausgeschimpft. Sie wegschicken! Damit sie in Sicherheit war? Das war l�cherlich! Sie konnte auf sich selbst aufpassen.</p><p>Das hatte sie zumindest geglaubt, jetzt sah sie ein, dass er recht gehabt hatte.</p><p>Der Gedanke machte sie krank. Also betrieb sie ihre Nachforschungen und versuchte ihm nicht im Weg zu stehen. Er hatte sich an diesem Tag ver�ndert, als h�tte man etwas Strahlendes in ihm einfach abgestellt. Eine Lampe, die erlosch, weil ihr das �l ausgegangen und nur noch das Geh�use zur�ckgeblieben war. Er sah sie nun mit anderen Augen. Aber was sah er? Nur eine Belastung?</p><p>Sie erschauderte und versuchte, diesen Gedanken aus dem Kopf zu verbannen.</p><p>Rand zog die Stiefel an, schnallte sie zu.</p><p>Er stand auf, griff nach dem Schwert, das an seiner Kleidertruhe lehnte. Die schwarze Scheide mit dem aufgemalten roten und goldenen Drachen funkelte im Licht. Welch seltsame Waffe diese Gelehrten doch unter der versunkenen Statue gefunden hatten. Das Schwert f�hlte sich so <emphasis>alt</emphasis> an. Trug Rand es heute als eine Art Symbol? Vielleicht als ein Zeichen, dass er in die Schlacht ritt?</p><p>�Du gehst auf die Jagd nach <emphasis>ihr,</emphasis> nicht wahr?�, sagte Min pl�tzlich. �Graendal.�</p><p>�Ich muss die Probleme l�sen, die ich l�sen kann�, sagte Rand, zog das Schwert aus der Scheide und �berpr�fte die Klinge. Es gab kein Reiherzeichen, aber die pr�chtige Stahlklinge funkelte im Lampenlicht und zeigte die wellenf�rmigen Linien des gefalteten Metalls. Rand hatte behauptet, man h�tte sie mit der Einen Macht geschmiedet. Er schien Dinge dar�ber zu wissen, die er f�r sich behielt.</p><p>Rand schob die Klinge zur�ck in die schwarze Scheide und sah Min an. �Erledige die Probleme, die du erledigen kannst, qu�le dich nicht derentwegen, die nicht zu l�sen sind. Das hat mir Tarn einmal gesagt. Arad Doman wird allein gegen die Seanchaner bestehen m�ssen. Das Letzte, was ich f�r die Menschen hier tun kann, ist, eine der Verlorenen von ihrem Boden zu entfernen.�</p><p>�Sie k�nnte dich erwarten�, sagte Min. �Ist dir der Gedanke gekommen, dass der Junge, den Nynaeve gefunden hat, absichtlich dort wartete? Dass er entdeckt werden sollte, um dich in eine Falle zu locken?�</p><p>Er z�gerte, dann sch�ttelte er den Kopf. �Er war echt. Moghedien w�re vielleicht auf so einen Einfall gekommen, aber nicht Graendal. Sie h�tte zu viel Angst, dass man ihre Spur aufnimmt. Wir m�ssen schnell handeln, bevor sie erf�hrt, dass sie kompromittiert wurde. Ich muss jetzt zuschlagen.� Min stand auf.</p><p>�Kommst du mit?�, fragte Rand �berrascht.</p><p>Sie err�tete. <emphasis>Und wenn es bei Graendal genauso schiefgeht wie bei Semirhage? Was, wenn man mich wieder zum Werkzeug gegen ihn macht?</emphasis></p><p>�ja�, sagte sie, nur um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht aufgab. �Nat�rlich komme ich mit. Glaube ja nicht, du kannst mich zur�cklassen!�</p><p>�Das w�rde mir nicht im Traum einfallen�, sagte er tonlos. �Komm.�</p><p>Sie hatte mit gr��erem Widerstand gerechnet.</p><p>Vom Nachttisch nahm er die Statuette des Mannes mit der Kugel. Er drehte das <emphasis>Ter�angreal</emphasis> in der Hand, inspizierte es, dann sah er Min an, als w�rde er Widerspruch erwarten. Sie sagte kein Wort.</p><p>Er schob die Statuette in die �bergro�e Manteltasche, das uralte, mit der Macht geschmiedete Schwert an die Taille geg�rtet.</p><p>Min eilte hinter ihm her. Er sah die beiden T�chter an, die die T�r bewachten. �Ich ziehe in die Schlacht�, sagte er zu ihnen. �Bringt nicht mehr als zwanzig mit.�</p><p>Die T�chter tauschten kurz Handsignale aus, dann lief eine voraus und die andere folgte Rand, als er durch den Korridor ging. Min eilte mit klopfendem Herzen an seine Seite, ihre Stiefel polterten laut �ber die Bodenfliesen. Er war schon zuvor auf diese ungest�me Weise losgeeilt, um gegen die Verlorenen zu k�mpfen, aber f�r gew�hnlich nahm er sich mehr Zeit, um einen Plan zu schmieden. Sammael hatte er monatelang in die richtige Position gebracht, bevor er in Illian zuschlug. F�r Graendal hatte er kaum einen Tag gehabt, um Entscheidungen zu treffen!</p><p>Min �berpr�fte ihre Messer und vergewisserte sich, dass sie sicher in ihren �rmeln steckten, aber das war blo� eine nerv�se Angewohnheit. Rand erreichte das Ende des Korridors und schritt die Stufen hinunter, schnell, aber nicht eilig, mit unbewegter Miene. Und doch erschien er wie ein Gewittersturm, irgendwie von einem inneren Druck erf�llt und auf ein einzelnes Ziel konzentriert. Wie sehr sie sich doch w�nschte, er w�rde einfach die Geduld verlieren und explodieren, so wie fr�her! Damals hatte er sie zur Verzweiflung gebracht, aber er hatte ihr nie Angst gemacht. Nicht so, wie er es jetzt tat, mit diesem eiskalten Blick, der ihr verschlossen blieb, dieser Gefahr, die er ausstrahlte. Seit dem Zwischenfall mit Semirhage sprach er davon, das zu tun, was �auch immer n�tig war�, ganz egal, was es kostete, und Min wusste genau, dass er rasend vor Wut sein musste, weil es ihm nicht gelungen war, die Seanchaner zu einem B�ndnis zu bewegen. Wozu w�rde ihn die Kombination aus Scheitern und Entschlossenheit nur verleiten?</p><p>Unten an der breiten Treppe wandte sich Rand an einen Diener. �Holt Nynaeve Sedai und Lord Ramshalan. Bringt sie ins Wohnzimmer.�</p><p>Lord Ramshalan? Der Mann aus Lady Chadmars ehemaligem Kreis? �Rand�, sagte Min ganz ruhig, als sie die letzte Stufe verlie�, �was hast du vor?�</p><p>Rand schwieg. Er durchquerte die wei�e Marmorhalle und betrat das Wohnzimmer, das in dunklen Rott�nen ausgestattet war, um einen Kontrast zu dem wei�en Fu�boden zu bieten. Er setzte sich nicht, sondern blieb mit hinter dem R�cken gehaltener Hand dort stehen und studierte die Karte von Arad Doman an der Wand, die auf seine Anweisung dort aufgeh�ngt worden war. Die alte Karte hatte ein kostbares �lgem�lde ersetzt und schien �berhaupt nicht in den Raum zu passen.</p><p>Neben einem kleinen See im S�dosten war mit Tinte ein schwarzer Punkt markiert. Rand hatte ihn selbst an dem Morgen nach Kerbs Tod angebracht. Er markierte Natrins H�gel.</p><p>�Das war fr�her eine Festung�, sagte Rand gedankenverloren.</p><p>�Die Stadt, in der sich Graendal verbirgt?�, fragte Min und trat an seine Seite.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es handelt sich nicht um eine Stadt. Ich habe Sp�her ausgeschickt. Es ist ein einzelner Bau, den man vor langer Zeit errichtete, um die Verschleierten Berge zu beobachten und sich gegen �berf�lle der Manetheren durch die P�sse zu sch�tzen. Seit den Trolloc-Kriegen hat man ihn nicht mehr f�r milit�rische Zwecke benutzt; man musste ja keine Angst haben, dass die Einwohner von den Zwei Fl�ssen, die sich nicht einmal mehr an den Namen Manetheren erinnern, zu einer Invasion aufbrechen.�</p><p>Min nickte. �Andererseits ist Arad Doman von einem Schafhirten aus den Zwei Fl�ssen erobert worden.�</p><p>Einst h�tte ihn das l�cheln lassen. Sie verga� immer, dass er so etwas nicht mehr tat.</p><p>�Vor ein paar Jahrhunderten holte sich der K�nig von Arad Doman Natrins H�gel im Namen des Throns zur�ck�, fuhr Rand fort. Er hatte die Augen vor Konzentration zusammengekniffen. �Seit einiger Zeit war er von einer unbedeutenden Adelsfamilie von der Halbinsel von Toman besetzt gewesen, die versucht hatte, ihr eigenes K�nigreich zu gr�nden. So etwas geschieht gelegentlich auf der Ebene von Almoth. Dem K�nig gefiel der Ort, und ihm diente die Festung als Palast.</p><p>Er verbrachte dort viel Zeit, tats�chlich sogar so viel Zeit, dass mehrere seiner Kaufmannsfeinde in Bandar Eban zu viel Macht erlangten. Der K�nig st�rzte, aber seine Nachfolger benutzten die Festung ebenfalls, und sie wurde ein beliebter R�ckzugsort f�r die Krone, wenn sich der K�nig entspannen wollte. W�hrend der letzten hundert Jahre kam diese Praxis langsam zum Erliegen, bis der Ort vor etwa f�nfzig Jahren an einen entfernten Cousin des K�nigs �bergeben wurde. Seitdem wird er von dieser Familie benutzt. Bei der Bev�lkerung ist Natrins H�gel gr��tenteils in Vergessenheit geraten.�</p><p>�Nur bei Alsalam nicht?�, fragte Min.</p><p>Rand sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich bezweifle, dass er �berhaupt davon wusste. Die ganze Geschichte hat mir der k�nigliche Archivar erz�hlt, und der musste stundenlang suchen, um den Namen der Familie herauszufinden, die an dem Ort lebt. Schon seit Monaten gibt es keinen Kontakt mehr zu den Familienmitgliedern, allerdings besuchen sie gelegentlich die St�dte. Die wenigen Bauern in der Gegend erz�hlen, dass anscheinend jemand Neues in dem Palast lebt, auch wenn keiner wei�, was aus den vorherigen Besitzern geworden ist. Es scheint sie zu �berraschen, dass sie zuvor nie dar�ber nachgedacht haben, wie seltsam das eigentlich doch ist.�</p><p>Er nickte. �Das ist genau die Art von Ort, den sich Graendal als Ausgangsbasis aussuchen w�rde. Es ist ein Schmuckst�ck - eine vergessene Festung voller Sch�nheit und Macht, uralt und majest�tisch. Nahe genug bei Bandar Eban, damit sie sich darin einmischen kann, Arad Doman zu beherrschen, aber abgelegen genug, um es gut verteidigen zu k�nnen. Ich habe in meiner Suche nach ihr einen Fehler gemacht - ich bin davon ausgegangen, dass sie ein wundersch�nes Herrenhaus mit einem gro�en Garten w�hlt. Ich h�tte es erkennen m�ssen; sie will sich nicht nur mit Sch�nheit umgeben, sondern auch mit Prestige. Eine pr�chtige Festung f�r K�nige passt genauso gut zu ihr wie ein elegantes Herrenhaus. Vor allem, da diese hier mittlerweile mehr Palast als eine Trutzburg ist.�</p><p>Schritte, die sich der T�r n�herten, erregten Mins Aufmerksamkeit, und ein paar Sekunden sp�ter f�hrte ein Diener Nynaeve und den geckenhaften Ramshalan mit seinem Spitzbart und schmalen Schnurrbart ins Zimmer. Heute trug er winzige Gl�ckchen an den Bartspitzen und einen schwarzen Sch�nheitsflecken aus Samt auf der Wange, der ebenfalls die Form eines Gl�ckchens hatte. Das locker sitzende Gewand aus gr�ner und blauer Seide wies weite �rmel auf und gab den Blick auf das darunter befindliche wei�e R�schenhemd frei. Min interessierte sich nicht daf�r, was die Mode diktierte; der Mann sah einfach l�cherlich aus. Wie ein zerzauster Pfau.</p><p>�Mein Lord hat nach mir gerufen?�, sagte Ramshalan und verneigte sich extravagant vor Rand.</p><p>Rand wandte sich nicht von der Karte ab. � Ramshalan, ich habe ein R�tsel f�r Euch�, sagte er. �Ich will wissen, was Ihr davon haltet.�</p><p>�Bitte, mein Lord, z�gert nicht!�</p><p>�Dann verratet mir eines: wie kann ich einen Gegner �berrumpeln, von dem ich wei�, dass er kl�ger als ich ist?�</p><p>�Mein Lord.� Ramshalan verneigte sich ein zweites Mal, als sorgte er sich, dass es Rand beim ersten Mal nicht bemerkt hatte. �Sicherlich wollt Ihr mich foppen! Es gibt niemanden, der intelligenter ist als Ihr!�</p><p>�Ich w�nschte, das w�re so�, sagte Rand leise. �Ich stehe einigen der geschicktesten Kontrahenten gegen�ber, die je gelebt haben. Meine derzeitige Gegnerin kennt sich auf eine Weise mit dem Verstand anderer Menschen aus, mit der ich nicht einmal ansatzweise mithalten kann. Wie soll ich sie also besiegen? Sie wird in dem Augenblick verschwinden, indem ich sie bedrohe, wird sich zu einem der Dutzend anderen Zufluchtsorte begeben, die sie mit Sicherheit erschaffen hat. Sie wird sich mir nicht stellen und k�mpfen, aber sollte ich ihre Festung mit einem �berraschungsangriff vernichten, gehe ich das Risiko ein, dass sie vorher verschwinden kann, und ich werde nie erfahren, ob ich sie erledigt habe.�</p><p>�In der Tat ein Problem, mein Lord�, sagte Ramshalan. Er erschien verwirrt.</p><p>Rand nickte wie in Gedanken versunken. �Ich muss ihr in die Augen sehen, muss ihr in die Seele sehen und wissen, dass sie es ist, der ich gegen�berstehe, und nicht irgendeine T�uschung. Das muss mir gelingen, ohne dass ich sie vertreibe. Aber wie? Wie kann ich einen Feind t�ten, der so viel kl�ger ist, als ich es bin, einen Feind, den man unm�glich �berraschen kann, der mir aber auch nicht entgegentreten will?�</p><p>Ramshalan erschien �berfordert. �Ich � mein Lord, wenn Euer Gegner so schlau ist, w�re es dann vielleicht nicht angebracht, Ihr bittet jemanden um Hilfe, der <emphasis>noch</emphasis> schlauer ist?�</p><p>Rand drehte sich zu ihm um. �Ein ausgezeichneter Vorschlag, Ramshalan. Vielleicht habe ich das ja gerade getan.�</p><p>Der Mann plusterte sich auf. <emphasis>Er glaubt, dass Rand ihn genau daf�r h�lt und ihn deshalb zu sich befohlen hat!,</emphasis> wurde Min klar. Sie musste ihr L�cheln durch eine erhobene Hand und die Neigung ihres Kopfes verbergen.</p><p>�Wenn Ihr so einen Feind h�ttet, Ramshalan, was w�rdet Ihr tun?�, wollte Rand wissen. �Ich werde ungeduldig. Gebt mir eine Antwort.�</p><p>�Ich w�rde ein B�ndnis mit ihm eingehen, mein Lord�, sagte Ramshalan, ohne auch nur eine weitere Sekunde zu z�gern. �Eine so m�chtige Person w�re besser ein Freund statt ein Feind, w�rde ich sagen.�</p><p><emphasis>Narr,</emphasis> dachte Min. <emphasis>Wenn dein Feind so geschickt und skrupellos ist, dann wird dieses B�ndnis mit dem Dolch eines Meuchelm�rders in deinem R�cken enden.</emphasis></p><p>�Noch so ein ausgezeichneter Vorschlag�, sagte Rand leise. �Aber ich denke noch immer �ber Eure erste Bemerkung nach. Ihr sagtet, dass ich Verb�ndete brauche, die kl�ger sind als ich, und das ist wahr. Also ist die Zeit f�r Euren Aufbruch gekommen.�</p><p>�Mein Lord?�</p><p>�Ihr werdet mein Botschafter sein�, sagte Rand und schwenkte die Hand. Pl�tzlich durchschnitt ein Wegetor auf der anderen Seite des Raumes die Luft und schnitt den kostbaren Teppich am Boden entzwei. �Zu viele der Blutgeborenen der Domani verbergen sich, sind �ber das ganze Land verteilt. Ich w�rde sie ja als meine Verb�ndeten nehmen, aber es w�rde so viel von meiner Zeit kosten, jeden pers�nlich aufzusuchen. Gl�cklicherweise habe ich ja Euch, der in meinem Namen gehen kann.�</p><p>Die Vorstellung schien Ramshalan zu erregen. Das Tor gab den Blick auf riesige Kiefern frei, und die Luft auf der anderen Seite war k�hl und frisch. Min drehte sich um und sah Nynaeve an, die wieder Blau und Wei� trug. Die Aes Sedai verfolgte das Gespr�ch nachdenklich, und Min konnte ihrer Miene die gleichen Gef�hle ablesen, die auch sie bewegten. Was hatte Rand nur vor?</p><p>�Hinter diesem Wegetor findet Ihr einen H�gel�, sagte Rand, �der zu einem uralten Palast f�hrt, den eine unbedeutende Kaufmannsfamilie bewohnt. Das ist der erste von vielen Orten, an die ich Euch schicken werde. Geht in meinem Namen und besucht jene, die die Festung beherrschen. Findet heraus, ob sie bereit sind, mich zu unterst�tzen, oder ob sie �berhaupt von mir geh�rt haben. Bietet ihnen eine Belohnung f�r ihre Loyalit�t; da Ihr Euch als so klug erwiesen habt, �berlasse ich es Euch, die Bedingungen festzusetzen. Ich habe keine Lust, mich mit solchen Verhandlungen aufzuhalten.�</p><p>�Ja, mein Lord!�, sagte der Mann, und seine Brust schien noch weiter anzuschwellen, auch wenn er das Wegetor besorgt betrachtete; wie die meisten Leute misstraute er der Einen Macht, vor allem, wenn sie von einem Mann gelenkt wurde. Wenn es ihm gelegen kam, w�rde dieser Mann seine Loyalit�t so schnell wechseln, wie er es bei Lady Chadmars Sturz getan hatte. Was dachte sich Rand nur dabei, einen solchen Gecken zu Graendal zu schicken?</p><p>�Geht�, meinte Rand.</p><p>Ramshalan machte ein paar z�gernde Schritte auf das Wegetor zu. ��h, mein Lord Drache, k�nnte ich vielleicht eine Eskorte haben?�</p><p>�Es ist nicht n�tig, die Leute dort zu alarmieren oder in Angst zu versetzen�, sagte Rand und schaute wieder auf die Karte. Das Tor entlie� weiter kalte Luft. �Geht schnell und kehrt zur�ck, Ramshalan. Ich werde das Wegetor ge�ffnet halten, bis Ihr wieder da seid. Meine Geduld ist nicht grenzenlos, und es gibt viele, an die ich mich f�r diese Mission wenden k�nnte.�</p><p>�Ich �� Der Mann schien die Risiken zu kalkulieren. �Nat�rlich, Lord Drache.� Er nahm einen tiefen Atemzug und passierte das Portal mit unbehaglichen Schritten, wie eine Hauskatze, die in eine Pf�tze trat. Pl�tzlich versp�rte Min Mitleid mit dem Mann.</p><p>Auf dem Boden liegende Kiefernadeln knirschten, als Ramshalan den Wald betrat. Eine Brise fuhr durch die B�ume; wenn man in der Bequemlichkeit des Herrenhauses stand, war es ein seltsamer Laut. Rand, der noch immer auf die Karte starrte, lie� das Wegetor ge�ffnet.</p><p>�Also gut�, sagte Nynaeve nach ein paar Minuten mit verschr�nkten Armen. �Was soll das werden?�</p><p>�Wie w�rdest <emphasis>du</emphasis> sie schlagen, Nynaeve?�, fragte Rand. �Sie wird sich nicht zu einem Kampf mit mir verlocken lassen, so wie Rahvin oder Sammael. Sie wird sich auch nicht leicht in eine Falle locken lassen. Graendal versteht die Menschen besser als sonst jemand. Sie mag ja verdorben sein, aber sie <emphasis>ist</emphasis> schlau, und man sollte sie nicht untersch�tzen. Torhs Margin hat diesen Fehler gemacht, wie ich mich erinnere, und ihr kennt ja sein Schicksal.�</p><p>Min runzelte die Stirn. �Wer?�, fragte sie und sah Nynaeve an. Die Aes Sedai zuckte blo� mit den Schultern.</p><p>�Ich glaube, er ist unter dem Namen Torhs der Gebrochene in die Geschichte eingegangen�, sagte Rand.</p><p>Erneut sch�ttelte Min den Kopf. Nynaeve schloss sich ihr an. Keine von ihnen kannte sich besonders gut in Geschichte aus, das stimmte schon, aber Rand tat so, als m�ssten sie den Namen kennen. Seine Miene verh�rtete sich, dann err�tete er leicht und wandte sich von ihnen ab. �Die Frage bleibt bestehen�, sagte er mit leiser, aber angespannter Stimme. �Wie w�rdest du sie bek�mpfen, Nynaeve?�</p><p>�Ich habe keine Lust, deine Spielchen mitzumachen, Rand al�Thor�, erwiderte Nynaeve emp�rt. �Du hast dich ja offensichtlich bereits zu einer Vorgehensweise entschieden. Was fragst du also mich?�</p><p>�Weil das, was ich zu tun beabsichtige, mir Angst machen sollte�, sagte er. �Aber das tut es nicht.�</p><p>Min erschauderte. Rand nickte den T�chtern zu, die an der T�r standen. Mit geschmeidigen Bewegungen durchquerten sie den Raum, sprangen durch das Tor und breiteten sich im Wald aus, wo sie schnell aus der Sicht verschwanden. Alle zwanzig machten zusammen weniger L�rm als Ramshalan allein.</p><p>Min wartete. Die Sonne war auf der anderen Torseite nicht zu sehen, aber sie warf ihr sp�tnachmitt�gliches Licht auf den im Schatten liegenden Waldboden. Wenige Augenblicke sp�ter kam Nandera in Sicht und nickte Rand zu. Alles sauber.</p><p>�Kommt�, sagte Rand und ging zum Tor. Min schloss sich ihm an, allerdings erreichte Nynaeve es vor ihr.</p><p>Sie traten auf einen Teppich aus braunen Kiefernadeln, denen man den langen Schlummer unter dem verschwundenen Winterschnee ansehen konnte. Die Brise lie� �ste aneinanderreihen, und die Bergluft war viel k�hler, als der Wind hatte erahnen lassen. Min w�nschte sich, einen Umhang zu haben, aber jetzt war keine Zeit, um zur�ckzugehen und einen zu holen. Rand ging zielstrebig durch den Wald, und Nynaeve eilte an seine Seite und redete leise auf ihn ein.</p><p>Aber sie w�rde nichts Vern�nftiges aus ihm herausbekommen, nicht, wenn er in dieser Stimmung war. Sie w�rden einfach abwarten m�ssen, was er ihnen enth�llte. Gelegentlich entdeckte Min einige der Aiel zwischen den B�umen, aber immer nur kurz, wenn sie sich offensichtlich nicht die M�he machten, sich zu verbergen. Sie hatten sich zweifellos gut an das Leben in den Feuchtlanden gew�hnt. Wie konnten in der W�ste aufgewachsene Menschen nur so instinktiv wissen, wie man sich in einem Wald verbarg?</p><p>Ein kleines St�ck weiter endeten die B�ume. Min beeilte sich, zu Rand und Nynaeve aufzuschlie�en, die beide am Grat eines sanft in die Tiefe f�hrenden Hangs stehen geblieben waren. Von hier aus konnte man �ber den Wald hinweg sehen, und in der Tiefe standen die B�ume wie ein gr�nes und braunes Meer. Die Kiefern strebten am Ufer eines kleinen Bergsees auseinander, der sich in einer dreieckigen Senke befand.</p><p>Auf einem H�gel erhob sich ein eindrucksvolles Bauwerk aus wei�em Stein �ber dem Wasser. Rechteckig und gro� war es in der Form mehrerer aufeinandergestapelter T�rme erbaut, von denen jeder etwas kleiner als der darunter befindliche war. Das verlieh dem Palast eine elegante Form - wehrhaft und zugleich schlossartig. �Das ist ja wundersch�n�, sagte Min atemlos.</p><p>�Er wurde in einem anderen Zeitalter erbaut�, sagte Rand. �In einer Zeit, als Menschen noch immer glaubten, dass die Majest�t einer Struktur ihr St�rke verleiht.�</p><p>Der Palast war ein gutes St�ck entfernt, aber nicht so weit weg, dass Min die M�nner entgangen w�ren, die auf den Zinnen mit ihren Hellebarden patrouillierten und deren Harnische das sp�te Sonnenlicht reflektierten. Eine sp�te Jagdgruppe ritt soeben durch eines der Tore, einen pr�chtigen Hirschbock auf dem Packpferd festgeschnallt, w�hrend in der N�he eine Gruppe Arbeiter auf einen umgest�rzten Baum einhieb; vermutlich, um Feuerholz zu machen. Zwei Dienerinnen in Wei� trugen an �ber die Schultern gelegten Stangen Eimer vom See heran, und in vielen Fenstern an der Geb�udeseite flackerten Lichter. Es war ein von Leben erf�llter Besitz, der in einem einzigen massiven Geb�ude untergebracht war.</p><p>�Glaubst du, Ramshalan hat hergefunden?�, sagte Nynaeve mit verschr�nkten Armen und bem�hte sich offensichtlich, nicht beeindruckt auszusehen.</p><p>�Das kann sogar ein Narr wie er nicht �bersehen�, sagte Rand und kniff die Augen zusammen. Er trug noch immer die Statuette in der Tasche. Min w�nschte sich, er h�tte das Ding zur�ckgelassen. Wie er st�ndig daran herumfummelte, bereitete ihr Unbehagen. Wie er sie liebkoste.</p><p>�Also hast du Ramshalan in den Tod geschickt�, sagte Nynaeve. �Was soll das bringen?�</p><p>�Sie wird ihn nicht t�ten�, erwiderte Rand.</p><p>�Wie kannst du dir da so sicher sein?�</p><p>�Das ist einfach nicht ihre Art. Nicht, wenn sie ihn gegen mich benutzen kann.�</p><p>�Du erwartest doch wohl nicht, dass sie ihm die Geschichte abnimmt, die du ihm erz�hlt hast�, meinte Min. �Dass du ihn blo� geschickt hast, um die Loyalit�t der Domani-Adligen auf die Probe zu stellen?�</p><p>Rand sch�ttelte langsam den Kopf. �Nein. Ich hoffe, dass sie einen Teil dieser Geschichte glaubt, aber ich rechne nicht damit. Es war mein Ernst, was ich �ber sie sagte, Min - sie ist schlauer als ich. Und ich f�rchte, dass sie mich viel besser kennt als ich sie. Sie wird Ramshalan unter Zwang setzen und aus ihm unsere ganze Unterhaltung herausholen. Und dann findet sie eine M�glichkeit, diese Unterhaltung gegen mich zu verwenden.�</p><p>�Wie?�, fragte Min.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich w�nschte, ich t�te es. Sie wird sich schon etwas Schlaues einfallen lassen, dann wird sie Ramshalan mit einem sehr subtilen Zwang infizieren, den ich unm�glich voraussehen kann. Mir wird nur die Wahl bleiben, ihn in meiner N�he zu behalten und zu beobachten, was er tut, oder ihn fortzuschicken. Aber nat�rlich wird sie auch daran denken, und was auch immer ich mache, wird ihre anderen Pl�ne in Bewegung setzen.�</p><p>�Bei dir h�rt sich das so an, als k�nntest du nicht gewinnen�, sagte Nynaeve stirnrunzelnd. Ihr schien die k�hle Luft �berhaupt nicht aufzufallen. Rand auch nicht. Wie auch immer dieser �Trick� funktionierte, K�lte und Hitze zu ignorieren, Min war nie dahintergekommen. Sie behaupteten, es h�tte nichts mit der Einen Macht zu tun, aber wenn dem so war, warum waren dann Rand und die Aes Sedai die Einzigen, die ihn zustande brachten? Die Aiel schienen sich ebenfalls nicht an der K�lte zu st�ren, aber die z�hlten nicht. Sie schienen sich nie f�r die Anliegen normaler Menschen zu interessieren, auch wenn sie bei den unbedeutendsten Dingen sehr empfindlich reagieren konnten.</p><p>�Du sagst, wir k�nnen nicht gewinnen?�, fragte Rand. �Ist es das, was wir versuchen? Zu gewinnen?�</p><p>Nynaeve hob eine Braue. �Beantwortest du keine Fragen mehr?�</p><p>Rand sah sie an. Min stand auf der anderen Seite von ihm, also konnte sie seine Miene nicht sehen, daf�r sah sie aber, dass Nynaeve alle Farbe aus dem Gesicht verlor. Es war ihre eigene Schuld. Sp�rte sie denn nicht, wie angespannt Rand war? Vielleicht kam Mins Fr�steln ja gar nicht von der K�lte. Sie trat n�her an ihn heran, aber er legte nicht den Arm um sie, wie er es fr�her getan h�tte. Als er sich endlich von Nynaeve abwandte, sackte die Aes Sedai ein St�ck in sich zusammen, als h�tte sein Blick sie angehoben.</p><p>Eine Weile schwieg Rand, also warteten sie stumm auf dem H�gelkamm, w�hrend die ferne Sonne dem Horizont entgegenwanderte. Die Schatten wurden l�nger, Finger, die sich von der Sonne fortstreckten. Unten an der Festungsmauer fingen ein paar Stallburschen damit an, Pferde spazieren zu f�hren, damit sie etwas Auslauf bekamen. Weitere Lichter flammten in den Fenstern der Festung auf. Wie viele Menschen hatte Graendal wohl dort? Es musste Dutzende sein, wenn nicht sogar Hunderte.</p><p>Ein Krachen im Unterholz lie� Min zusammenzucken; es wurde von Fl�chen begleitet. Dann brach der L�rm abrupt ab.</p><p>Ein paar Augenblicke sp�ter erschien eine kleine Gruppe Aiel und f�hrte einen zerzausten Ramshalan herbei, dessen kostbare Kleidung voller Kiefernadeln und von �sten zerrissen war. Er klopfte sich ab, dann machte er einen Schritt auf Rand zu.</p><p>Die T�chter hielten ihn fest. Er sah sie verst�ndnislos an, legte den Kopf schief. �Mein Lord Drache?�</p><p>�Ist er infiziert?�, wollte Rand von Nynaeve wissen. �Mit was?�</p><p>�Graendals Ber�hrung.�</p><p>Nynaeve stellte sich vor den Adligen und sah ihn einen Moment lang an. Dann zischte sie und sagte: �Ja. Er unterliegt einem schweren Zwang. Da sind viele Gewebe. Nicht so schlimm wie bei dem Kerzenmacherlehrling, vielleicht aber auch nur viel geschickter.�</p><p>�Mein Lord Drache, ich muss schon sagen�, ereiferte sich Ramshalan, �was geht hier vor? Die Lady des Schlosses dort unten war sehr freundlich - sie ist eine Verb�ndete, mein Lord. Ihr habt nichts von ihr zu bef�rchten! Ich muss schon sagen, sie ist ausgesprochen edel.�</p><p>�Ist sie das?�, fragte Rand leise. Die Sonne ging hinter den fernen Bergen unter, und es wurde dunkel. Abgesehen vom Abendlicht kam die einzige Beleuchtung aus dem noch immer ge�ffnet stehenden Wegetor hinter ihnen. In ihm leuchtete Lampenschein, ein einladendes Portal zur�ck in die W�rme, fort von diesem Ort aus Schatten und K�lte.</p><p>Rands Stimme klang so hart. Schlimmer, als Min sie je zuvor geh�rt hatte.</p><p>�Rand�, sagte sie und ber�hrte seinen Arm. �Lass uns zur�ckgehen.�</p><p>�Ich habe noch etwas zu erledigen�, sagte er, ohne sie anzusehen.</p><p>�Denk noch l�nger dar�ber nach�, erwiderte Min. �Hol dir zumindest einen Rat ein. Wir k�nnen Cadsuane fragen oder��</p><p>�Cadsuane hat mich in eine Kiste gesperrt, Min�, sagte er sehr leise. Sein Gesicht lag im Schatten, aber als er sich ihr zuwandte, spiegelte sich das Licht aus dem offenen Wegetor in seinen Augen. Orangefarben und rot. Ein w�tender Unterton lag in seiner Stimme. <emphasis>Ich h�tte Cadsuane nicht erw�hnen d�rfen,</emphasis> wurde ihr klar. Der Name dieser Frau geh�rte zu den wenigen Dingen, die ihm noch immer ein Gef�hl entlocken konnten.</p><p>�Eine Kiste, Min�, fl�sterte er. �Auch wenn Cadsuanes Kiste unsichtbare W�nde hatte, hat sie mich genauso eingesperrt wie die andere Kiste, die mich gefangen hielt. Ihre Zunge war eine viel schmerzvollere Rute als alle anderen, die je meine Haut trafen. Das erkenne ich jetzt.�</p><p>Er wich vor ihrer Ber�hrung zur�ck.</p><p>�Was soll das alles?�, verlangte Nynaeve zu wissen. �Du hast diesen Mann ausgeschickt, damit er einen Zwang auferlegt bekommt, obwohl du <emphasis>wusstest,</emphasis> was das aus ihm macht? Ich werde nicht zusehen, wie sich noch ein Mann deswegen qu�lt und stirbt! Zu was auch immer sie ihn gezwungen hat, ich werde es nicht entfernen! Wenn du deswegen stirbst, dann ist das deine eigene Schuld.�</p><p>�Mein Lord?�, fragte Ramshalan. Das wachsende Entsetzen in seiner Stimme erf�llte Min mit Unbehagen.</p><p>Die Sonne ging endg�ltig unter; Rand war nur noch eine Silhouette. Die Festung war ein schwarzer Umriss mit Laternen in den L�chern ihrer Mauern. Rand trat an das Ende des H�gelkamms und nahm den Zugangsschl�ssel aus der Tasche. Er fing an, ein leichtes Gl�hen von sich zu geben, ein rotes Schimmern, das aus seinem Herzen kam. Nynaeve sog scharf die Luft ein.</p><p>�Keine von euch war dabei, als <emphasis>Callandor</emphasis> mich im Stich lie߫, sagte er in die Nacht hinein. �Das ist zweimal passiert. Einmal, als ich damit die Toten zum Leben erwecken wollte, aber ich erhielt blo� eine leblose Marionette. Einmal, als ich mit ihm die Seanchaner vernichten wollte, aber damit richtete ich bei meinen eigenen Heeren genauso viel Tod und Vernichtung an wie bei ihren.</p><p>Cadsuane hat mir gesagt, dass das zweite Scheitern an einem Fehler in <emphasis>Callandor</emphasis> selbst lag. Ihr m�sst wissen, es kann nicht von einem einzelnen Mann kontrolliert werden. Es funktioniert nur, wenn er in einer Kiste ist. <emphasis>Callandor</emphasis> ist eine sorgf�ltig konstruierte verf�hrerische Leine, die mich dazu verleiten soll, mich freiwillig zu ergeben.�</p><p>Die Kugel des Zugangsschl�ssels erstrahlte pl�tzlich in einer hellen, augenscheinlich kristallinen Farbe. In Scharlachrot, und das Zentrum leuchtete grell. Als h�tte jemand einen gl�henden Stein in einen Teich voller Blut geworfen.</p><p>�Ich sehe eine andere Antwort f�r meine Probleme�, fuhr Rand fort, und seine Stimme war noch immer beinahe ein Fl�stern. �Bei <emphasis>Callandors</emphasis> Versagen ging ich beide Male leichtsinnig mit meinen Gef�hlen um. Ich lie� zu, dass mich mein Temperament antrieb. Ich kann nicht von Wut getrieben t�ten, Min. Ich muss diese Wut in meinem Inneren festhalten; ich muss sie lenken, so wie ich die Eine Macht lenke, jeder Tod muss beabsichtigt sein. Mit Vorsatz geschehen.�</p><p>Min konnte nicht sprechen. Konnte ihre �ngste nicht in Worte fassen, konnte nicht die richtigen Worte finden, um ihn aufzuhalten. Trotz des fl�ssigen Lichts in seiner Hand blieben seine Augen in der Dunkelheit verborgen. Das Licht schleuderte Schatten von seiner Gestalt fort, als w�re er das Zentrum einer lautlosen Explosion. Min wandte sich Nynaeve zu; die Aes Sedai sah mit weit aufgerissenen Augen und halb ge�ffnetem Mund zu. Auch sie fand keine Worte.</p><p>Min wandte sich wieder Rand zu. Als er so kurz davor gestanden hatte, sie mit seiner eigenen Hand zu t�ten, hatte sie ihn nicht gef�rchtet. Aber da hatte sie auch gewusst, dass nicht Rand derjenige war, der ihr wehtat, sondern Semirhage.</p><p>Aber dieser Rand, dessen Hand in Flammen stand und dessen Augen so konzentriert und zugleich so leidenschaftslos blickten, jagte ihr eine entsetzliche Angst ein.</p><p>�Ich habe es schon zuvor getan�, fl�sterte er. �Ich sagte, ich t�te keine Frauen, aber das war eine L�ge. Ich ermordete eine Frau, lange bevor ich Semirhage gegen�bertrat. Ihr Name war Liah. Ich t�tete sie in Shadar Logoth. Ich t�tete sie und nannte es Gnade.�</p><p>Er wandte sich der Palastfestung unter ihnen zu.</p><p>�Vergebt mir, dass ich auch das hier eine Gnade nenne�, sagte er, aber er schien damit nicht Min zu meinen.</p><p>Vor ihm in der Luft formte sich ein unbeschreiblich grelles Licht, und Min schrie auf und wich zur�ck. Die Luft selbst schien sich zu verzerren, als w�rde sie sich angsterf�llt vor Rand zur�ckziehen. Um ihn herum flog kreisf�rmig Staub in die H�he, und die von dem strahlenden Licht erhellten B�ume �chzten; die Kiefernadeln rasselten wie hunderttausend Insekten, die �bereinander krochen. Min konnte Rand nicht l�nger sehen, da war nur noch eine lodernde, blendende <emphasis>Macht</emphasis> aus reinem Licht. Angeh�ufte pure Macht, die mit ihrer nicht fassbaren Energie die H�rchen auf ihren Armen aufrichtete. In diesem Augenblick glaubte sie begreifen zu k�nnen, was die Eine Macht tats�chlich war. Sie war hier, genau vor ihr, verk�rpert in dem Mann Rand al�Thor.</p><p>Und dann entlie� er sie mit einem Laut wie einem Seufzen. Eine S�ule unbefleckter Helligkeit schoss aus ihm hervor und brannte sich ihren Weg durch den stummen Nachthimmel, erhellte die B�ume unter ihr. Sie bewegte sich so schnell wie ein Fingerschnippen und traf die Mauer der fernen Festung. Die Steine leuchteten auf, als atmeten sie die Kraft der Energie ein. Die ganze Festung gl�hte auf, verwandelt in lebendiges Licht, in einen erstaunlichen, spektakul�ren Palast aus unverf�lschter Energie. Es war wundersch�n.</p><p>Und dann war er einfach verschwunden. Aus der Landschaft - und dem Muster - gebrannt, als h�tte er niemals dort gestanden. Die ganze Festung, Hunderte Quadratfu� aus Stein, und jeder, der darin gelebt hatte.</p><p>Etwas traf Min, etwas wie eine Schockwelle. Es war kein greifbarer Windsto� und es lie� sie nicht stolpern, aber es verdrehte ihr Inneres. Der noch immer von dem Zugangsschl�ssel in Rands Hand beleuchtete Wald schien sich auszudehnen und zu erbeben. Als st�hnte die Welt selbst voller Agonie.</p><p>Sie schnellte zur�ck, trotzdem konnte Min noch immer diese Anspannung f�hlen. In diesem Augenblick hatte es den Anschein, als h�tte die Substanz der Welt selbst kurz vor der Zerst�rung gestanden.</p><p>�Was hast du getan?�, fl�sterte Nynaeve.</p><p>Rand gab keine Antwort. Min konnte sein Gesicht wieder erkennen, jetzt, da die gewaltige S�ule aus Baalsfeuer verschwunden war und nur den gl�henden Zugangsschl�ssel zur�ckgelassen hatte. Er war in Ekstase, sein Mund klaffte weit auf, und er hielt den Zugangsschl�ssel vor sich in die H�he wie eine Siegestroph�e. Oder als w�rde er ihn anbeten.</p><p>Dann biss er die Z�hne zusammen, und er riss die Augen weit auf und zog die Lippen zur�ck, als st�nde er unter gro�em Druck. Das Licht blitzte einmal auf und verschwand sofort. Alles wurde dunkel. Die pl�tzliche Dunkelheit lie� Min blinzeln. Das m�chtige Bild von Rand schien sich in ihr Sichtfeld gebrannt zu haben. Hatte er wirklich getan, was sie glaubte, dass er getan hatte? Hatte er eine ganze Festung mit Baalsfeuer weggebrannt?</p><p>Die vielen Menschen. M�nner, die von der Jagd zur�ckkehrten � Frauen, die Wasser trugen � Soldaten auf den Mauern � die Stallburschen davor �</p><p>Sie waren <emphasis>weg.</emphasis> Aus dem Muster gebrannt. Get�tet. Tot f�r alle Ewigkeit. Der Schrecken des Ganzen lie� Min zur�cktaumeln, und sie stemmte sich mit dem R�cken gegen einen Baum, um sich aufrecht zu halten.</p><p>So viele Leben, beendet in einem Augenblick. Tot. Vernichtet. Von Rand.</p><p>Von Nynaeve ging ein Licht aus, und Min sah, wie die Aes Sedai vom sanften Schein einer Lichtkugel �ber ihrer Hand beleuchtet wurde. In ihren Augen schien ein eigenes Feuer zu lodern. �Rand al�Thor, du bist v�llig au�er Kontrolle!�, verk�ndete sie.</p><p>�Ich tue, was getan werden muss�, sagte er und sprach nun aus den Schatten. Er klang ersch�pft. ��berpr�fe ihn, Nynaeve. �</p><p>�Was?�</p><p>�Den Narren�, sagte Rand. �Ist ihr Zwang noch da? Ist Graendals Ber�hrung fort?�</p><p>�Ich hasse, was du gerade getan hast, Rand�, knurrte Nynaeve. �Nein. �Hass� trifft es nicht ann�hernd. Ich verabscheue, was du getan hast. Was ist nur mir dir geschehen?�</p><p>��berpr�fe ihn!�, fl�sterte Rand in gef�hrlichem Tonfall. �Lass uns erst feststellen, ob meine S�nden etwas anderes erreicht haben als meine eigene Verdammnis, bevor du mich verurteilst.�</p><p>Nynaeve atmete tief durch, dann musterte sie Ramshalan, der noch immer von mehreren T�chtern gehalten wurde. Sie ber�hrte seine Stirn und konzentrierte sich. �Er ist weg�, sagte sie. �Ausgel�scht.�</p><p>�Dann ist sie tot�, sagte Rand aus der Dunkelheit.</p><p>Beim Licht!, dachte Min und begriff, was er getan hatte. <emphasis>Er hat Ramshalan nicht als Kurier oder als Lockvogel benutzt. Er hat den Mann dazu benutzt, um den Nachweis zu erbringen, dass Graendal tot ist.</emphasis> Baalsfeuer brannte einen vollst�ndig aus dem Muster, sorgte daf�r, dass die letzten Handlungen der betreffenden Person niemals erfolgt waren. Ramshalan w�rde sich daran erinnern, Graendal besucht zu haben, aber ihr Zwang existierte nicht mehr. In gewisser Weise war sie get�tet worden, bevor Ramshalan sie besucht hatte.</p><p>Min ber�hrte ihren Hals, wo die Schwellungen von Rands Hand noch nicht wieder verblasst waren.</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte Ramshalan. Seine Stimme war beinahe ein Quieken.</p><p>�Wie bek�mpft man eine Widersacherin, die schlauer als man selbst ist?�, fl�sterte Rand. �Die Antwort ist einfach. Man l�sst sie glauben, dass man sich ihr gegen�ber an den Tisch setzt und ihr Spiel spielen will. Dann schl�gt man sie so hart ins Gesicht, wie man kann. Ihr habt mir gut gedient, Ramshalan. Ich vergebe Euch, dass Ihr vor Lord Vivian und Lord Callswell damit geprahlt habt, Ihr k�nntet mich nach Belieben manipulieren.�</p><p>Ramshalan zuckte entsetzt zusammen, und die T�chter lie�en ihn auf die Knie fallen. �Mein Lord!�, stammelte er. �Ich hatte an dem Abend zu viel getrunken und ��</p><p>�Pst�, sagte Rand. �Wie schon gesagt habt Ihr mir heute gut gedient. Ich lasse Euch nicht hinrichten. Zwei Tagesm�rsche weiter s�dlich werdet Ihr ein Dorf finden.�</p><p>Und damit drehte sich Rand um; Min kam es so vor, als w�re er nur ein Schatten, der durch den Wald huschte. Er ging zum Wegetor und trat hindurch. Min eilt ihm nach, und Nynaeve schloss sich ihr an. Die T�chter kamen zuletzt und lie�en Ramshalan wie bet�ubt im Wald kniend zur�ck. Als die letzte Tochter das Tor hinter sich gelassen hatte, schloss sich das Portal und schnitt Ramshalans Wimmern in der Finsternis ab.</p><p>�Was du da getan hast, ist eine Abscheulichkeit, Rand al�Thor�, sagte Nynaeve, sobald das Tor geschlossen war. �In diesem Palast haben allem Anschein nach Dutzende, vielleicht Hunderte von Menschen gelebt!�</p><p>�Von denen jeder Einzelne von Graendals Zwang in einen Schwachsinnigen verwandelt worden war�, erwiderte Rand. �Sie lie� niemals jemanden in ihre N�he, ohne vorher dessen Verstand zu zerst�ren. Der Junge, den sie als Arbeiter in diesen Kerker schickte, hat nur den Bruchteil der Qualen erlitten, den die meisten ihrer Scho�tiere erfahren. Sie raubt ihnen die F�higkeit zu denken oder zu handeln - sie k�nnen nur noch auf die Knie fallen und sie anhimmeln, vielleicht auf ihren Befehl hin Besorgungen erledigen. Ich habe ihnen einen Gefallen getan.�</p><p>�Einen Gefallen?�, fragte Nynaeve. �Rand, du hast Baalsfeuer benutzt! Sie wurden aus der Existenz gebrannt!�</p><p>�Wie ich bereits sagte�, erwiderte Rand leise. �Ein Gefallen. Manchmal w�nsche ich mir, denselben Segen erleben zu d�rfen. Gute Nacht, Nynaeve. Schlaf so gut du kannst, denn unsere Zeit in Arad Doman hat ihr Ende gefunden.�</p><p>Min sah ihm hinterher, wollte ihm nachlaufen, hielt sich aber zur�ck. Sobald er den Raum verlassen hatte, lie� sich Nynaeve auf einen der weinroten St�hle sinken, seufzte und st�tzte den Kopf in die H�nde.</p><p>Min w�re ihrem Beispiel am liebsten gefolgt. Bis zu diesem Augenblick war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie ausgelaugt sie sich f�hlte. So erging es ihr in letzter Zeit oft in Rands Gegenwart, selbst wenn er nicht in so schreckliche Aktivit�ten wie an diesem Abend verwickelt war.</p><p>�Ich w�nschte, Moiraine w�re hier�, murmelte Nynaeve leise und erstarrte dann, als w�re sie �berrascht, diese Worte gesagt zu haben.</p><p>�Wir m�ssen etwas tun, Nynaeve�, sagte Min.</p><p>Nynaeve nickte gedankenverloren. �Vielleicht.�</p><p>�Was soll das denn hei�en?�</p><p>�Nun, und wenn er recht hat?�, fragte die Aes Sedai. �Auch wenn er ein wollk�pfiger Narr ist, was ist, wenn er wirklich so sein muss, um zu siegen? Der alte Rand h�tte niemals eine Festung voller Menschen vernichten k�nnen, um eine der Verlorenen zu t�ten.�</p><p>�Nat�rlich h�tte er das nicht�, erwiderte Min. �Da hat er es sich mit dem T�ten nicht so leicht gemacht! Nynaeve, diese vielen Leben ��</p><p>�Und wie viele Menschen w�rden heute noch leben, w�re er von Anfang an so skrupellos vorgegangen?� Nynaeve wandte den Blick ab. �Wenn er dazu f�hig gewesen w�re, seine Anh�nger wie Ramshalan heute in die Gefahr zu schicken? Wenn er dazu f�hig gewesen w�re, einfach zuzuschlagen, ohne sich darum zu sorgen, wer dabei den Tod findet? H�tte er seine Truppen in Graendals Festung geschickt, h�tten sich ihre Anh�nger fanatisch gewehrt, und sie w�ren trotzdem gestorben. Und sie w�re entkommen.</p><p>M�glicherweise ist es das, was er sein muss. Min, die Letzte Schlacht steht so gut wie unmittelbar bevor. <emphasis>Die Letzte Schlacht!</emphasis> K�nnen wir es wagen, einen Mann in den Kampf gegen den Dunklen K�nig zu schicken, der nicht bereit ist, alles N�tige f�r das zu opfern, was getan werden muss?�</p><p>Min sch�ttelte den Kopf. �K�nnen wir es wagen, ihn so zu schicken, wie er jetzt ist, mit diesem Ausdruck in seinen Augen? Nynaeve, er hat kein Mitgef�hl mehr. Das Einzige, was ihn noch interessiert, ist der Sieg �ber den Dunklen K�nig.�</p><p>�Aber ist es nicht genau das, was wir von ihm erwarten?�</p><p>�Ich �� Min hielt inne. �Der Sieg wird kein Sieg sein, wenn Rand genauso schlimm wie die Verlorenen wird � Wir ��</p><p>�Ich verstehe�, sagte Nynaeve pl�tzlich. �Soll mich das Licht verbrennen, aber das tue ich, und du hast recht. Mir gefallen nur die Antworten nicht, die mir diese Schlussfolgerungen geben.�</p><p>�Welche Schlussfolgerungen?�</p><p>Nynaeve seufzte. �Dass Cadsuane recht hatte.� Und beinahe unh�rbar f�gte sie hinzu: �Was f�r eine unertr�gliche Frau.� Sie stand auf. �Komm mit. Wir m�ssen sie finden und herausbekommen, welche Pl�ne sie verfolgt.�</p><p>Min stand auf. �Bist du sicher, dass sie �berhaupt Pl�ne hat? Vielleicht ist sie ja nur noch deshalb bei uns, um dabei zuzusehen, wie er ohne sie scheitert.�</p><p>�Sie hat Pl�ne. Wenn es eines gibt, worauf wir uns bei dieser Frau verlassen k�nnen, dann, dass sie Pl�ne schmiedet.</p><p>Wir m�ssen sie nur davon �berzeugen, uns daran teilhaben zu lassen.�</p><p>�Und wenn sie das nicht tut?�</p><p>�Das wird sie�, sagte Nynaeve und schaute zu der Stelle, an der Rands Wegetor den Teppich zerschnitten hatte. �Das wird sie, sobald wir ihr von heute Abend erz�hlen. Diese Frau kann ich nicht ausstehen, und ich vermute, dass sie dieses Gef�hl erwidert, aber keine von uns kann Rand allein bew�ltigen.� Sie sch�rzte die Lippen. �Ich mache mir Sorgen, dass wir ihn nicht einmal zusammen bew�ltigen. Komm schon.�</p><p>Min schloss sich ihr an. Rand �bew�ltigen�? Das war noch so ein Problem. Nynaeve und Cadsuane waren so damit besch�ftigt, ihn zu <emphasis>bew�ltigen,</emphasis> dass sie einfach nicht begriffen, dass es m�glicherweise viel besser sein w�rde, ihm zu <emphasis>helfen.</emphasis> Rand lag Nynaeve am Herzen, aber sie betrachtete ihn als ein Problem, das gel�st werden musste, und nicht als einen Mann in Not.</p><p>Und so begleitete Min die Aes Sedai aus dem Haus. Sie betraten den dunklen Hof - Nynaeve erschuf eine Lichtkugel - und eilten zur R�ckseite, am Stall vorbei zum Haus des Torh�ters. Unterwegs begegneten sie Alivia; die ehemalige <emphasis>Damane</emphasis> sah entt�uscht aus. Vermutlich hatten Cadsuane und die anderen sie wieder abgewiesen - Alivia verbrachte viel Zeit mit dem Versuch, die Aes Sedai dazu zu bewegen, ihr neue Gewebe beizubringen.</p><p>Schlie�lich erreichten sie das Haus des Torh�ters. Das hei�t, es war einmal das Haus des Torh�ters gewesen, bis Cadsuane ihn dazu gebracht hatte auszuziehen. Es war ein einst�ckiges, gelb angemaltes Holzgeb�ude mit Strohdach. Zwischen den Fensterl�den drang Licht nach drau�en.</p><p>Nynaeve klopfte an die stabile Eichent�r; kurz darauf �ffnete Merise. �Ja, Kind?�, fragte die Gr�ne, als wollte sie Nynaeve absichtlich provozieren.</p><p>�Ich muss mit Cadsuane sprechen�, knurrte Nynaeve.</p><p>�Cadsuane <emphasis>Sedai</emphasis> hat im Moment nichts mit Euch zu schaffen�, sagte Merise und machte Anstalten, die T�r wieder zu schlie�en. �Kommt morgen zur�ck, vielleicht hat sie ja dann Zeit f�r Euch.�</p><p>�Rand al�Thor hat soeben einen Palast voller Menschen mit Baalsfeuer aus der Existenz gebrannt�, sagte Nynaeve laut genug, damit es auch jeder im Haus h�ren konnte. �Ich war dabei.�</p><p>Merise erstarrte.</p><p>�Lasst sie rein�, ert�nte Cadsuanes Stimme von drinnen. Z�gernd �ffnete Merise die T�r. Cadsuane sa� auf ein paar Kissen auf dem Boden; Amys, Bair, Melaine und Sorilea waren ebenfalls anwesend. Das vordere Zimmer, das zugleich das Hauptzimmer war, war mit einem einfachen braunen Teppich ausgelegt, der gr��tenteils von den sitzenden Frauen verdeckt wurde. Hinten brannte ein Feuer in dem grauen Kamin, dessen Holz beinahe verbraucht war. In der Ecke stand ein Hocker, auf dem eine Kanne Tee abgestellt war.</p><p>Nynaeve schenkte den Weisen Frauen kaum einen Blick. Sie dr�ngte sich ins Haus, und Min folgte ihr z�gernd.</p><p>�Erz�hlt uns alles, Kind�, sagte Sorilea. �Wir konnten von hier aus sp�ren, wie sich die Welt verbog, aber wir wussten nicht, was da passiert war. Wir hielten es f�r das Werk des Dunklen K�nigs.�</p><p>�Ich erz�hle es Euch�, sagte Nynaeve, holte dann aber tief Luft. �Aber ich will an Euren Pl�nen teilhaben.�</p><p>�Wir werden sehen�, meinte Cadsuane. �Schildert es uns.�</p><p>Min setzte sich auf einen Hocker auf der anderen Seite des Raumes, w�hrend Nynaeve in allen Einzelheiten von Natrins H�gel berichtete. Die Weisen Frauen h�rten mit schmalen Lippen zu. Cadsuane nickte nur gelegentlich. Merise schenkte mit entsetztem Gesichtsausdruck Tee aus der Kanne auf dem Hocker nach - dem Duft nach zu urteilen war es schwarzer Tremaiking -, dann h�ngte sie sie wieder �ber das Feuer. Nynaeve kam zum Ende, noch immer stehend.</p><p><emphasis>Oh, Rand,</emphasis> dachte Min. <emphasis>Das muss dich innerlich doch zerrei�en. Aber</emphasis> sie konnte ihn durch den Bund f�hlen; seine Gef�hle erschienen sehr kalt.</p><p>�Es war sehr klug von Euch, damit zu uns zu kommen, Kind�, sagte Sorilea. �Ihr d�rft Euch zur�ckziehen.�</p><p>Nynaeves Augen weiteten sich vor Wut. �Aber ��</p><p>�Sorilea�, sagte Cadsuane mit ruhiger Stimme und unterbrach Nynaeve. �Dieses Kind k�nnte uns n�tzlich sein. Sie steht dem Jungen noch immer nahe; er vertraute ihr genug, um sie heute Abend mitzunehmen.�</p><p>Sorilea sah die anderen Weisen Frauen an. Bair und Melaine nickten beide. Amys erschien nachdenklich, erhob aber keine Einw�nde.</p><p>�Vielleicht�, sagte Sorilea. �Aber kann sie gehorsam sein?�</p><p>�Nun?�, wandte sich Cadsuane an Nynaeve. Alle schienen Min zu ignorieren. �K�nnt Ihr?�</p><p>Nynaeves Augen waren noch immer vor Wut weit aufgerissen. <emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte Min. <emphasis>Nynaeve? Sie soll Cadsuane und den anderen</emphasis> gehorchen? <emphasis>Gleich wird sie explodieren!</emphasis></p><p>Nynaeve zog an ihrem Zopf; sie griff so fest zu, dass sich ihre Kn�chel wei� verf�rbten. �Ja, Cadsuane Sedai�, sagte sie durch die zusammengebissenen Z�hne. �Das kann ich.�</p><p>Die Weisen Frauen schienen �berrascht, sie diese Worte sagen zu h�ren, aber Cadsuane nickte blo�, als h�tte sie diese Erwiderung erwartet. Wer h�tte damit gerechnet, dass Nynaeve so � nun, vern�nftig sein konnte?</p><p>�Setzt Euch, Kind�, sagte Cadsuane und machte eine einladende Geste. �Wollen wir doch einmal sehen, ob Ihr tats�chlich Befehle befolgen <emphasis>k�nnt.</emphasis> Ihr k�nntet die Einzige aus der derzeitigen Ernte sein, aus der sich vielleicht noch etwas machen l�sst.� Das lie� Merise err�ten.</p><p>�Nein, Cadsuane�, meinte Amys. �Nicht die Einzige. Egwene hat viel Ehre.�</p><p>Die anderen Weisen Frauen nickten.</p><p>�Wie sieht der Plan aus?�, fragte Nynaeve.</p><p>�Eure Aufgabe sieht Folgendes vor ��, fing Cadsuane an.</p><p>�Wartet�, sagte Nynaeve. <emphasis>�Meine</emphasis> Aufgabe? Ich will alles h�ren.�</p><p>�Ihr werdet alles h�ren, wenn wir bereit sind, es Euch zu sagen�, sagte Cadsuane knapp. �Und lasst mich meine Entscheidung nicht bereuen, mich f�r Euch einzusetzen.�</p><p>Nynaeve presste m�hsam und mit loderndem Blick die Lippen aufeinander. Aber sie fauchte sie nicht an.</p><p>�Eure Aufgabe besteht darin�, fuhr Cadsuane fort, �Perrin Aybara zu finden.�</p><p>�Was soll das bringen?�, fragte Nynaeve und f�gte dann hinzu: �Cadsuane Sedai.�</p><p>�Das ist unsere Sache�, erwiderte Cadsuane. �Er war noch vor kurzem im S�den unterwegs, aber wir k�nnen nicht genau entdecken, wo. Der junge al�Thor wei� vielleicht, wo er steckt. Findet es f�r uns heraus, und vielleicht erkl�re ich Euch den Grund.�</p><p>Nynaeve nickte z�gernd, und die anderen wandten sich der Diskussion zu, wie viel Baalsfeuer das Muster vertragen konnte, bevor es sich v�llig aufl�ste. Nynaeve h�rte schweigend zu und versuchte offensichtlich, mehr �ber Cadsuanes Plan herauszufinden, obwohl es nicht viele Anhaltspunkte gab.</p><p>Min h�rte nur mit halbem Ohr zu. Wie auch immer dieser Plan aussah, jemand w�rde auf Rand aufpassen m�ssen. Seine heutige Tat w�rde ihn innerlich zerst�ren, auch wenn er das Gegenteil behauptete. Es gab gen�gend andere, die sich dar�ber sorgten, was er in der Letzten Schlacht tun w�rde. Es war ihre Aufgabe, ihn lebendig und bei geistiger Gesundheit, mit intakter Seele, zu dieser Letzten Schlacht zu bringen.</p><p>Irgendwie.</p></section><section><title><p>38</p><p>Neuigkeiten in Tel�aran�rhiod</p></title><p>Egwene, nun nehmt doch Vernunft an�, sagte Siuan. Der <emphasis>Ter�angreal-Ring,</emphasis> mit dem sie das <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> betreten hatte, lie� sie gelegentlich etwas durchsichtig erscheinen. �Wem nutzt es denn, wenn Ihr in dieser Zelle verrottet? Elaida wird daf�r sorgen, dass Ihr dort niemals herauskommt, nicht nach dem, was Ihr bei diesem Abendessen �ber sie gesagt habt.� Siuan sch�ttelte den Kopf. �Mutter, manchmal muss man sich einfach der Wahrheit stellen. Irgendwann l�sst sich ein Netz nicht mehr flicken, dann muss man es wegwerfen und ein neues weben.�</p><p>Egwene sa� auf einem dreibeinigen Hocker in der Ecke des Zimmers, dem Verkaufsraum eines Schuhmachers. Sie hatte den Ort zuf�llig ausgew�hlt, nur f�r alle F�lle, und auf eine Zusammenkunft in der Wei�en Burg verzichtet. Die Verlorenen wussten, dass Egwene und die anderen sich in der Welt der Tr�ume bewegten.</p><p>Bei Siuan konnte Egwene entspannter sein und mehr von ihrem eigentlichen Ich enth�llen. Beiden war klar, dass Egwene jetzt die Amyrlin war und Siuan den geringeren Status hatte, aber sie teilten auch einen Bund. Eine Kameradschaft, die der Stellung zu verdanken war, die sie beide innegehabt hatten. Seltsamerweise hatte sich dieser Bund in etwas �hnliches wie eine Freundschaft verwandelt.</p><p>Aber in diesem Augenblick stand Egwene kurz davor, ihre Freundin zu erw�rgen. �Wir haben das doch besprochen�, sagte sie energisch. �Ich kann <emphasis>nicht</emphasis> fl�chten. Jeder Tag, den ich eingesperrt verbringe und nicht geflohen bin, ist ein weiterer Schlag gegen Elaidas Herrschaft. Wenn ich vor ihrem Prozess verschwinde, untergr�bt das alles, wof�r wir gearbeitet haben!�</p><p>�Der Prozess wird eine Farce sein, Mutter�, sagte Siuan. �Und selbst wenn nicht, wird man nur eine leichte Strafe verh�ngen. So wie Ihr es mir berichtet habt, hat sie Euch bei ihren Schl�gen keine Knochen gebrochen - sie hat Euch nicht einmal eine Platzwunde zugef�gt.�</p><p>Das stimmte allerdings. Egwene hatte durch zerbrochenes Glas geblutet, nicht durch Elaidas Pr�gel.</p><p>�Selbst ein formeller Tadel vom Saal wird ihre Autorit�t untergraben�, beharrte Egwene. �Mein Widerstand, meine Weigerung, mich durch meine Inhaftierung brechen zu lassen, bedeutet etwas. Die Sitzenden selbst besuchen mich! Sollte ich fl�chten, w�rde es so aussehen, als h�tte ich Elaida nachgegeben.�</p><p>�Hat sie Euch nicht zur Schattenfreundin erkl�rt?�, fragte Siuan spitz.</p><p>Egwene z�gerte. Ja, das hatte sie getan. Aber sie hatte keinen Beweis daf�r.</p><p>Das Burggesetz war verzwickt, und die angemessenen Bestrafungen und Interpretationen zu finden konnte kompliziert sein. Die Drei Eide h�tten Elaida davon abgehalten, die Eine Macht als Waffe zu benutzen, also musste sie geglaubt haben, das Gesetz nicht zu missachten. Entweder war sie weitergegangen als beabsichtigt, oder sie betrachtete Egwene als Schattenfreundin. Sie konnte beide Positionen zu ihrer Verteidigung anf�hren; die Letztere w�rde sie vom gr��ten Teil der Schuld freisprechen, aber die Erstere w�rde viel einfacher zu beweisen sein.</p><p>�Sie k�nnte es schaffen, Euch verurteilen zu lassen�, meinte Siuan, die anscheinend in die gleiche Richtung dachte. �Man w�rde Euch hinrichten lassen. Was dann?�</p><p>�Das wird ihr nicht gelingen. Sie hat keinen Beweis, dass ich eine Schattenfreundin bin, also wird das der Saal niemals zulassen.�</p><p>�Und wenn Ihr Euch irrt?�</p><p>Egwene z�gerte. �Also gut. Sollte der Saal entscheiden, mich hinzurichten, lasse ich mich von Euch hier herausholen. Aber vorher nicht, Siuan. Erst dann.�</p><p>Siuan schnaubte. �M�glicherweise bleibt Euch dann dazu keine Gelegenheit, Mutter. Falls Elaida die anderen einsch�chtert, wird sie schnell handeln. Die Strafaktionen dieser Frau k�nnen so schnell wie ein Sturmwind sein und einen v�llig unerwartet treffen. Das wei� <emphasis>ich</emphasis> zur Gen�ge.�</p><p>�Sollte das geschehen�, sagte Egwene spitz, �w�re mein Tod ein Sieg. Dann w�re Elaida diejenige, die aufgegeben hat, und nicht ich.�</p><p>Siuan sch�ttelte den Kopf und murmelte: �So unnachgiebig wie ein Ankerplatz.�</p><p>�Diese Diskussion ist beendet, Siuan�, sagte Egwene streng.</p><p>Siuan seufzte, sagte aber nichts mehr dazu. Sie schien zu viel nerv�se Energie zu haben, um sich hinsetzen zu k�nnen, und hatte den Hocker auf der anderen Seite des Raumes ignoriert; sie stand rechts neben Egwene am Ladenfenster.</p><p>Das Ladenlokal des Schuhmachers wies Anzeichen von viel Betrieb auf. Eine Theke teilte den Raum in zwei H�lften, die Wand dahinter war mit Dutzenden Nischen von Schuhen in verschiedenen Gr��en versehen. Manchmal waren sie mit robusten Arbeitsschuhen aus Leder oder Segeltuch vollgestopft, deren Schn�rriemen herunterhingen oder deren Schnallen im Phantomlicht des <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> funkelten, jedes Mal, wenn Egwene wieder zur Wand sah, hatten sich die Schuhe ver�ndert. Einige waren verschwunden, andere waren aufgetaucht. Sie w�rden in der realen Welt nicht lange in ihren Nischen ruhen, denn sie lie�en in der Welt der Tr�ume nur vage Abdr�cke zur�ck.</p><p>Die Vorderseite des Ladens war voller Hocker f�r die Kunden. Die Schuhe in den F�chern waren alle unterschiedlich, dann gab es Testschuhe, mit denen man die Gr��e feststellen konnte, jemand kam in den Laden, probierte den Testschuh an und suchte sich ein Modell aus. Dann w�rde der Schuhmaeher - oder vermutlich seine Angestellten - ein Paar in der gew�nschten Mode herstellen, das man sp�ter abholen konnte. Die gro�e Glasscheibe an der Vorderseite verk�ndete mit gro�en wei�en aufgemalten Buchstaben, dass der Schuhmacher Naorman Mashinta hie�, und neben dem Namen war eine kleine �Drei� gemalt. Das war die dritte Generation von Mashintas, die den Laden betrieb. Keinesfalls ungew�hnlich f�r Stadtleute. Tats�chlich fand der Teil von Egwene, der noch immer von den Zwei Fl�ssen dominiert wurde, es seltsam, dass jemand in Betracht ziehen konnte, das Handwerk der Eltern nicht auszu�ben, solange es sich nicht um das dritte oder vierte Kind handelte.</p><p>�Nachdem wir jetzt das Offensichtliche abgehandelt haben�, sagte Egwene, �was gibt es denn Neues?�</p><p>�Nun�, sagte Siuan, lehnte sich gegen das Fenster und schaute auf die auf unheimliche Weise leere Stra�e in Tar Valon hinaus, �k�rzlich ist ein alter Bekannter von Euch im Lager aufgetaucht.�</p><p>�Wirklich?�, fragte Egwene gedankenverloren. �Wer denn?�</p><p>� Gawyn Trakand.�</p><p>Egwene zuckte zusammen. Das war unm�glich! Gawyn hatte sich w�hrend der Rebellion auf Elaidas Seite geschlagen. Er w�rde nicht die Fronten gewechselt haben. War er gefangen genommen worden? Aber so hatte Siuan es nicht ausgedr�ckt.</p><p>Einen kurzen Augenblick lang verwandelte sich Egwene in ein bebendes M�dchen im Bann seiner gefl�sterten Versprechungen. Aber sie schaffte es, diesen Teil von ihr in der Gestalt der Amyrlin einzusperren, und zwang ihre Gedanken zur�ck in die Gegenwart. Mit betont n�chternem Tonfall fragte sie: �Gawyn? Wie seltsam. Ich h�tte nicht erwartet, ihn dort zu finden.�</p><p>Siuan l�chelte. �Gut reagiert�, meinte sie. �Aber Ihr habt zu lange geschwiegen, und als Ihr nach ihm gefragt habt, seid Ihr zu desinteressiert gewesen. Das machte Euch leicht zu durchschauen.�</p><p>�Das Licht soll Euch blenden�, sagte Egwene. �Ist das noch eine Pr�fung? Ist er wirklich da?�</p><p>�Ich halte mich an die Eide, vielen Dank�, sagte Siuan beleidigt. Egwene geh�rte zu den wenigen, die wussten, dass Siuan als Resultat ihrer D�mpfung und der darauf folgenden Heilung von den Drei Eiden entbunden worden war. Aber genau wie Egwene hatte sie sich entschlossen, nie zu l�gen.</p><p>�Wie dem auch sei�, sagte Egwene. �Ich bin der Ansicht, dass die Zeit, mich auf die Probe zu stellen, vorbei ist.�</p><p>�feder, der Euch begegnet, Mutter, wird Euch auf die Probe stellen�, sagte Siuan. �Ihr m�sst auf �berraschungen vorbereitet sein; in jedem Augenblick k�nnte Euch jemand eine entgegenschleudern, nur um zu sehen, wie Ihr reagiert.�</p><p>�Danke�, sagte Egwene kalt. �Aber diese Ermahnung ist wirklich unn�tig.�</p><p>�Tats�chlich? Klingt irgendwie wie etwas, das Elaida sagen w�rde.�</p><p>�Das ist ungerecht!�</p><p>�Beweist es�, sagte Siuan s�ffisant.</p><p>Egwene zwang sich zur Ruhe. Siuan hatte recht. Es war besser, einen Rat anzunehmen - vor allem, wenn es ein guter Rat war -, als sich zu beschweren. �Nat�rlich habt Ihr recht�, sagte Egwene und strich das Kleid �ber den Knien glatt, w�hrend sie gleichzeitig den Unmut aus ihrer Miene strich. �Erz�hlt mir mehr �ber Gawyns Ankunft.�</p><p>�Viel mehr wei� ich auch nicht�, gestand Siuan ein. �Ich h�tte es wirklich schon gestern erw�hnen sollen, aber unser Treffen wurde ja abgek�rzt.� Sie trafen sich nun viel �fter - in jeder Nacht von Egwenes Kerkerhaft -, aber am Vortag hatte jemand Siuan geweckt, bevor sie mit ihrem Gespr�ch fertig gewesen war. Eine Blase des B�sen im Rebellenlager, bei der Zelte zum Leben erwacht waren und versucht hatten, Menschen zu erdrosseln. Es hatte drei Todesf�lle gegeben, darunter eine Aes Sedai.</p><p>�Aber Gawyn hat auch nicht viel gesagt, das ich mitbekommen h�tte�, fuhr Siuan fort. �Ich glaube, er ist da, weil er von Eurer Gefangennahme geh�rt hat. Er hatte einen spektakul�ren Auftritt, aber jetzt bleibt er in Brynes Kommandoposten und besucht regelm��ig die Aes Sedai. Irgendetwas besch�ftigt ihn; er spricht st�ndig mit Romanda und Lelaine.�</p><p>�Das ist beunruhigend.�</p><p>�Nun, sie <emphasis>sind</emphasis> es, die im Lager offensichtlich etwas zu sagen haben. Solange Sheriam und die anderen es nicht schaffen, ihnen einen Teil der Autorit�t zu entringen. Ohne Euch l�uft es nicht gut; das Lager braucht F�hrung. Tats�chlich verzehren wir uns danach, so wie ein verhungernder Fischer sich nach einem Fang verzehrt. Ich sch�tze, Aes Sedai sind Menschen, die Ordnung brauchen. Ich ��</p><p>Sie verstummte. Vermutlich hatte sie Egwene schon wieder dr�ngen wollen, eine Rettung zu akzeptieren. Sie sah Egwene an, dann sprach sie weiter. �Nun, es wird uns guttun, wenn Ihr zur�ckkehrt, Mutter, fe l�nger Ihr fortbleibt, desto unvers�hnlicher werden die Fraktionen. Man kann die Linien, die durch die Mitte des Lagers gehen, fast schon sehen. Romanda auf der einen Seite, Lelaine auf der anderen, und ein stetig schrumpfender Teil, der sich nicht f�r eine Seite entscheiden will.�</p><p>�Wir k�nnen uns keine weitere Spaltung <emphasis>leisten�,</emphasis> sagte Egwene. �Gerade wir nicht; wir m�ssen uns st�rker als Elaida erweisen.�</p><p>�Wenigstens verlaufen unsere Gr�ben nicht an den Grenzen der Ajahs�, meinte Siuan defensiv.</p><p>�Fraktion und Spaltungen�, sagte Egwene und stand auf. �Zank und Rangeleien. Wir sind besser als das, Siuan. Sag dem Saal, dass ich mich mit ihm treffen will. Vielleicht in zwei Tagen. Wir beide sollten uns morgen wieder treffen.�</p><p>Siuan nickte z�gernd. �Also gut.�</p><p>Egwene sah sie an. �Haltet Ihr das f�r unklug?�</p><p>�Nein�, erwiderte Siuan. �Ich mache mir Sorgen dar�ber, wie sehr Ihr Euch antreibt. Die Amyrlin muss lernen, ihre Kr�fte einzuteilen; einige in Eurer Stellung sind nicht deshalb gescheitert, weil ihnen die F�higkeit zur Gr��e fehlte, sondern weil sie sich verzettelt haben, weil sie gerannt sind, als sie h�tten gehen sollen.�</p><p>Egwene verzichtete auf den Hinweis, dass Siuan selbst einen gro�en Teil ihrer Herrschaft als Amyrlin in halsbrecherischem Tempo verbracht hatte. In der Tat h�tte man durchaus argumentieren k�nnen, dass sich Siuan verzettelt hatte und darum gest�rzt war. Wer k�nnte besser �ber die Gefahren solcher Aktivit�ten sprechen als jemand, der von ihnen so sehr verbrannt worden war?</p><p>�Ich wei� diesen Rat zu sch�tzen, Tochter�, sagte Egwene. �Aber es gibt hier wirklich wenig, wor�ber man sich Sorgen machen sollte. Meine Tage verbringe ich in Einsamkeit, und die gelegentlichen Pr�gel sorgen f�r W�rze. Diese n�chtlichen Treffen helfen mir, zu �berleben.� Sie erschauderte und lenkte den Blick von Siuan durch das Fenster auf die schmutzige, verlassene Stra�e.</p><p>�Ist es sehr schwer zu ertragen?�, fragte Siuan leise.</p><p>�Die Zelle ist schmal genug, dass ich beide Seiten gleichzeitig ber�hren kann�, sagte Egwene. �Sie ist auch nicht besonders lang. Wenn ich mich hinlege, muss ich die Beine anziehen, damit das geht. Ich kann nicht stehen, da die Decke so niedrig ist, dass ich mich nicht aufrichten kann, und ich kann nicht ohne Schmerzen sitzen, da man mich nicht l�nger zwischen den Pr�gelstrafen Heilt. Das Stroh ist alt und juckt. Die T�r ist dick, und zwischen den Spalten kann nicht viel Licht durchsickern. Ich wusste gar nicht, dass die Burg �berhaupt solche Zellen hat.� Sie sah Siuan wieder an. �Sobald ich vollst�ndig als Amyrlin anerkannt bin, wird man diesen Raum und alle wie ihn entfernen, man wird die T�ren herausrei�en und die Zellen selbst mit Ziegeln und M�rtel ausf�llen.�</p><p>Siuan nickte. �Wir werden daf�r sorgen.�</p><p>Egwene wandte sich wieder von ihr ab und bemerkte besch�mt, dass sie zugelassen hatte, dass sich ihr Gewand in einen <emphasis>Cadin�sor</emphasis> einer Aiel-Tochter verwandelt hatte, komplett mit Speeren und Bogen auf dem R�cken. Sie machte die Verwandlung r�ckg�ngig und holte tief Luft. �Kein Mensch sollte auf diese Weise festgehalten werden�, sagte sie, �nicht einmal��</p><p>Siuan runzelte die Stirn, als Egwene nicht weitersprach. �Was ist?�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. �Mir ist gerade etwas klar geworden. So muss es f�r Rand gewesen sein. Nein, sogar noch schlimmer. Es hei�t, man h�tte ihn in eine Kiste gesperrt, die noch kleiner als meine Zelle war. Zumindest einen Teil meiner Abende kann ich damit verbringen, mich mit Euch zu unterhalten. Er hatte niemanden. Er konnte nicht daran glauben, dass seine Pr�gel einen Sinn hatten.� Sollte das Licht daf�r sorgen, dass sie das nicht so lange ertragen musste wie er. Sie war erst ein paar Tage eingesperrt.</p><p>Siuan schwieg.</p><p>�Aber egal�, sagte Egwene. �Ich habe <emphasis>Tel�aran�rhiod.</emphasis> Am Tag ist mein K�rper gefangen, aber in der Nacht ist meine Seele frei. Und jeder Tag, den ich durchhalte, ist ein weiterer Beweis, dass Elaidas Wille <emphasis>nicht</emphasis> das Gesetz ist. Sie kann meinen Willen nicht brechen. Ihre Unterst�tzung schwindet. Vertraut mir.�</p><p>Siuan nickte. �Nat�rlich. Ihr <emphasis>seid</emphasis> die Amyrlin.�</p><p>�Sicher bin ich das�, sagte Egwene in Gedanken.</p><p>�Nein�, erwiderte Siuan. �Ich meinte das von Herzen.�</p><p>�berrascht drehte Egwene sich um. �Aber Ihr habt doch immer an mich geglaubt!�</p><p>Siuan hob eine Braue.</p><p>�Zumindest so gut wie von Anfang an.�</p><p>�Ich war immer der �berzeugung, dass Ihr Potenzial habt�, korrigierte Siuan sie. �Nun, Ihr habt es erf�llt. Zumindest einen Teil. Genug davon. Wie auch immer dieser Sturm endet, eines habt Ihr bewiesen. Ihr <emphasis>verdient</emphasis> die Stellung, die Ihr innehabt. Beim Licht, M�dchen, Ihr k�nntet am Ende die beste Amyrlin sein, die die Welt seit Artur Falkenfl�gels Herrschaft hatte!� Sie z�gerte. �Und es f�llt mir nicht leicht, das zuzugeben, das k�nnt Ihr mir glauben.�</p><p>L�chelnd ergriff Egwene Siuans Arme. Was denn, Siuan schien vor Stolz beinahe feuchte Augen zu haben! �Aber ich habe mich doch blo� in eine Zelle sperren lassen.�</p><p>�Und das habt Ihr wie eine Amyrlin getan�, sagte Siuan. �Aber ich sollte zur�ckkehren. Einige von uns k�nnen sich nicht den ganzen Tag ausruhen so wie Ihr. Wir brauchen richtigen Schlaf, sonst fallen wir noch bewusstlos in unsere Waschlauge.� Sie verzog das Gesicht und l�ste sich von Egwene.</p><p>�Ihr k�nntet ihm doch sagen, dass Ihr ��</p><p>�Nein, das kommt nicht infrage�, sagte Siuan und drohte Egwene mit dem Finger. Hatte sie vergessen, dass sie gerade eben noch Egwenes Statur als Amyrlin gelobt hatte? �Ich habe mein Wort gegeben, und ich lasse mich eher zu Fischd�rmen verarbeiten, bevor ich es breche.�</p><p>Egwene blinzelte. �Das w�rde mir im Traum nicht einfallen�, sagte sie und verbarg ein L�cheln, als ihr auffiel, dass Siuans schattenhafte Gestalt nun eine hellrote Schleife im Haar trug. �Dann ab mit Euch.�</p><p>Siuan nickte knapp, dann setzte sie sich auf einen Hocker und schloss die Augen. Langsam verblich sie aus dem <emphasis>Tel�aran�rhiod.</emphasis></p><p>Egwene z�gerte und betrachtete die Stelle, an der Siuan eben noch gestanden hatte. Eigentlich war es Zeit, in das normale Tr�umen zur�ckzukehren, damit ihr Verstand sich erholen konnte. Aber die R�ckkehr in ihre gew�hnlichen Tr�ume w�rde ein Schritt in Richtung Erwachen sein, und wenn sie aufwachte, fand sie sich nur in diesem engen Kerker in bedr�ckender Finsternis wieder. Sie sehnte sich danach, nur noch einen kleinen Augenblick lang in der Welt der Tr�ume zu verweilen. Kurz dachte sie daran, Elaynes Tr�ume zu besuchen und um ein Treffen zu bitten � aber nein, das erforderte zu viel Zeit, immer unter der Voraussetzung nat�rlich, dass Elayne ihr Traum-Ter�<emphasis>angreal</emphasis> zum Funktionieren bringen w�rde. In letzter Zeit schaffte sie das nur selten.</p><p>Egwene machte einen Schritt von Tar Valon fort, und der Schuhmacher verschwand.</p><p>Sie erschien im Lager der Rebellen. Vielleicht kein guter Ort f�r einen Besuch. Falls sich in der Welt der Tr�ume Schattenfreunde oder Verlorene aufhielten, war es durchaus vorstellbar, dass sie dieses Lager auf der Suche nach Informationen beobachteten, genau wie Egwene manchmal im <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> das Arbeitszimmer der Amyrlin besuchte, um zu sehen, ob sie Elaidas Pl�nen auf die Schliche kamen. Aber sie hatte herkommen m�ssen. Sie stellte den Grund daf�r nicht infrage; sie hatte einfach das Gef�hl, dass es richtig war.</p><p>Die Lagerstra�en waren schlammig, zerfurcht von Wagenr�dern. Einst war das ein Feld gewesen, das die Aes Sedai in Beschlag genommen und verwandelt hatten. Zum Teil in einen Ort des Krieges, da Brynes Soldaten in einem Kreis um sie herum lagerten. Zum Teil in eine Stadt, auch wenn es noch nie eine Stadt mit so vielen Aes Sedai, Novizinnen und Aufgenommenen gegeben hatte. Und zum Teil war es ein Monument der Schw�che der Wei�en Burg.</p><p>Egwene ging �ber die Hauptstra�e des Lagers, wo Unkraut zu Schlamm zertreten und der Schlamm schlie�lich zu einer Stra�e geworden war. H�lzerne Gehwege s�umten sie, und das sich daran anschlie�ende flache Land war mit Zelten �bers�t. Hier gab es keine Menschen, nur gelegentliche fl�chtige Blicke auf Schl�fer, die sich ins <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> verirrt hatten. Hier war kurz eine Frau in einem sch�nen gr�nen Kleid zu sehen. Vielleicht eine tr�umende Aes Sedai, obwohl es vermutlich nur eine Dienerin war, die tr�umte, eine K�nigin zu sein. Da war eine Frau in Wei� - eine Matrone mit str�hnigen blonden Haaren, die viel zu alt war, um Novizin sein zu k�nnen. Aber das spielte keine Rolle mehr. Man h�tte das Novizinnenbuch schon vor langer Zeit allen �ffnen sollen. Die Wei�e Burg war zu schwach, um neue Quellen der Kraft abweisen zu k�nnen.</p><p>Beide Frauen waren beinahe so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Nur wenige Tr�umer blieben lange im <emphasis>Tel�aran�rhiod;</emphasis> um l�nger zu bleiben, brauchte man entweder eine besondere F�higkeit, wie Egwene sie hatte, oder ein <emphasis>Ter�angreal</emphasis> wie den Ring, den Siuan benutzte. Es gab noch eine dritte M�glichkeit. In einem lebenden Albtraum gefangen zu sein. Von denen waren aber keine zu sehen, wof�r man dem Licht danken musste.</p><p>Es erschien seltsam, das Lager so verlassen zu sehen. Schon vor langer Zeit hatte Egwene aufgeh�rt, sich von dem unheimlichen Fehlen von Menschen im <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> nerv�s machen zu lassen. Aber dieses Lager war irgendwie anders. Es sah aus, wie ein Kriegslager vermutlich aussah, nachdem alle Soldaten auf dem Schlachtfeld abgemetzelt worden waren. Verlassen und trotzdem noch immer ein Banner, das Kunde vom Leben jener gab, die es bewohnt hatten. Egwene hatte das Gef�hl, die Spaltung sehen zu k�nnen, von der Siuan gesprochen hatte; Zelte standen zusammen wie ein Haufen Blumenbeete.</p><p>Da die Individuen entfernt worden waren, konnte sie die Muster erkennen und die Schwierigkeiten, von denen sie k�ndeten. Egwene konnte Elaida beschuldigen, f�r die Zerw�rfnisse zwischen den Ajahs der Wei�en Burg verantwortlich zu sein, aber ihre eigenen Aes Sedai fingen ebenfalls an, sich zu entzweien. Zugegeben, es war so gut wie unm�glich, dass drei Aes Sedai zusammentrafen, ohne dass zwei ein B�ndnis schlossen. Es war ja gesund und erstrebenswert, dass die Frauen im Lager Pl�ne schmiedeten und Vorbereitungen trafen; die Schwierigkeiten fingen erst dann an, wenn sie anfingen, andere ihrer Art als Feinde statt als Rivalen zu betrachten.</p><p>Ungl�cklicherweise hatte Siuan recht. Egwene blieb nicht mehr viel Zeit, um ihre Hoffnungen auf eine Auss�hnung zu setzen. Was, wenn die Wei�e Burg Elaida nicht absetzte? Was, wenn die Differenzen zwischen den Ajahs niemals mehr beigelegt wurden? Was dann? In den Krieg ziehen?</p><p>Es gab noch eine andere M�glichkeit, eine, die keine von ihnen erw�hnt hatte: permanent auf die Auss�hnung zu verzichten. Eine zweite Wei�e Burg aufzubauen. Es w�rde bedeuten, die Aes Sedai im Streit zu lassen, vielleicht f�r immer. Die Vorstellung lie� Egwene erschaudern, ihre Haut juckte und rebellierte gegen den Gedanken.</p><p>Aber wenn ihr keine andere Wahl blieb? Sie musste die Auswirkungen bedenken, und sie fand sie be�ngstigend. Wie sollte sie die Kusinen oder die Weisen Frauen dazu ermutigen, sich den Aes Sedai anzuschlie�en, wenn die Aes Sedai selbst keine Einheit bildeten? Die beiden Wei�en Burgen w�rden gegens�tzliche Kr�fte werden und alle politischen Anf�hrer verwirren, w�hrend die rivalisierenden Amyrlin versuchten, Nationen f�r ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Verb�ndete wie Feinde w�rden die Ehrfurcht vor den Aes Sedai verlieren, und es war nicht auszuschlie�en, dass K�nige anfingen, ihre eigenen Zentren f�r in der Macht begabte Frauen zu gr�nden.</p><p>Egwene st�hlte sich und ging die schlammige Stra�e entlang; die Zelte auf dem Weg ver�nderten sich, ihre Eing�nge flatterten auf die seltsam verg�ngliche Weise der Welt der Tr�ume. Sie f�hlte, wie die Stola der Amyrlin um ihren Hals erschien, aber sie war viel zu schwer, als h�tte man Blei in den Stoff gewebt.</p><p>Sie <emphasis>w�rde</emphasis> die Aes Sedai der Wei�en Burg auf ihre Seite bringen. Elaida w�rde st�rzen. Aber wenn nicht � dann w�rde Egwene tun, was n�tig war, um die Welt und ihre Menschen im Angesicht von Tarmon Gai�don zu besch�tzen.</p><empty-line/><p>Sie wandte sich vom Lager ab, und Zelte, Furchen und leere Stra�en verschwanden. Wieder war sie sich nicht sicher, wo sie ihr Verstand hinf�hrte. Auf diese Weise in der Welt der Tr�ume auf die Reise zu gehen - sich von <emphasis>Bed�rfnissen</emphasis> f�hren zu lassen - konnte gef�hrlich sein, aber auch sehr erhellend. In diesem Fall suchte sie nicht nach einem Gegenstand, sondern nach Wissen. Was musste sie wissen, was musste sie sehen?</p><p>Ihre Umgebung wurde undeutlich und gewann sofort wieder an Konturen. Nun stand sie in der Mitte eines kleinen Lagers; in einer Feuergrube gl�hten Holzscheite, eine winzige Rauchwolke schl�ngelte sich gen Himmel. Das war seltsam. Feuer war f�r gew�hnlich zu fl�chtig, um in <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> widergespiegelt zu werden. Trotz des Rauchs und des roten Gl�hens, das die plangeschliffenen Flusskiesel um die Grube erw�rmte, fehlten die richtigen Flammen. Sie schaute in den zu dunklen st�rmischen Himmel. Dieser stumme Sturm war eine weitere Unregelm��igkeit f�r die Welt der Tr�ume, auch wenn er in der letzten Zeit so allt�glich geworden war, dass sie ihn kaum noch wahrnahm. Konnte man an diesem Ort �berhaupt etwas f�r normal halten?</p><p>�berrascht sah Egwene bunte Wagen um sich herum aufgereiht, gr�n, rot, orange und gelb. Waren sie eben schon dort gewesen? Sie stand auf einer gro�en Lichtung in einem Wald aus wei�en Phantomespen. Das Unterholz war dicht, d�rres Wildgras stach an unregelm��igen Stellen fingergleich in die H�he. Zu ihrer Rechten schl�ngelte sich eine �berwucherte Stra�e zwischen den B�umen hindurch; die bunten Wagen bildeten einen Kreis um das Feuer. Die Seiten der kastenf�rmigen Gef�hrte, die D�cher und W�nde wie kleine Geb�ude hatten, waren mit grellen Farben gestrichen. Ochsen spiegelten sich nicht in der Welt der Tr�ume, daf�r erschienen Teller, Becher und L�ffel, nur um gleich darauf wieder neben der Feuergrube oder auf den Kutschb�cken zu verschwinden.</p><p>Es war ein Lager der Kesselflicker, der Tuatha�an. Warum dieser Ort? Egwene ging langsam um die Feuergrube herum und betrachtete die Wagen, deren Lackierung keinerlei Risse oder Abnutzung aufwies. Diese Karawane war bedeutend kleiner als die, die sie und Perrin vor so langer Zeit besucht hatten, aber sie machte fast den gleichen Eindruck. Fast glaubte Egwene die Fl�ten und Trommeln h�ren zu k�nnen, konnte sich beinahe vorstellen, dass das Flackern der Feuergrube die Schatten tanzender M�nner und Frauen darstellte. Ob die Tuatha�an wohl noch immer tanzten, wo der Himmel so dunkel und der Wind voller schlimmer Neuigkeiten war? Welchen Platz gab es noch f�r sie in einer Welt, die sich auf den Krieg vorbereitete? Trollocs war der Weg des Blattes egal. Wollte sich diese Gruppe Tuatha�an vor der Letzten Schlacht verstecken?</p><p>Egwene setzte sich auf die unterste Treppenstufe eines Wagens, dessen Vorderseite der Feuergrube zugewandt war. Einen Augenblick lang lie� sie ihr Gewand sich in ein einfaches gr�nes Wollkleid aus den Zwei Fl�ssen verwandeln, das dem �hnelte, das sie w�hrend ihres Besuches bei den Kesselflickern getragen hatte. Sie starrte in die nicht existierenden Flammen und hing nachdenklich ihren Erinnerungen nach. Was war wohl aus Aram, Raen und IIa geworden? Aller Wahrscheinlichkeit nach befanden sie sich in einem Lager genau wie diesem hier in Sicherheit und warteten darauf, was Tarmon Gai�don mit der Welt anstellen w�rde. Egwene l�chelte, als sie an jene Tage dachte, in denen sie mit Aram getanzt und geflirtet hatte, w�hrend Perrin stirnrunzelnd sein Missfallen dar�ber zum Ausdruck gebracht hatte. Das war eine einfachere Zeit gewesen; allerdings hatten die Kesselflicker es immer geschafft, die Zeit f�r sich einfacher zu machen.</p><p>Ja, diese Gruppe w�rde noch immer tanzen. Und zwar bis zu dem Tag, an dem das Muster verbrannte, ob sie nun ihr Lied gefunden hatten oder nicht, ob die Trollocs die Welt nun verw�steten oder nicht oder der Wiedergeborene Drache sie zerst�rte.</p><p>Hatte sie die Dinge aus den Augen verloren, die von allen am Kostbarsten waren? Warum k�mpfte sie so energisch daf�r, sich die Wei�e Burg zu sichern? Um der Macht willen? Aus Stolz? Oder weil sie der Meinung war, dass das wirklich das Beste f�r die Welt war?</p><p>W�rde sie sich verausgaben, w�hrend sie diese Schlacht ausfocht? Sie hatte die Gr�nen und nicht die Blauen gew�hlt - oder h�tte sie gew�hlt. Der Unterschied bestand nicht nur darin, dass ihr gefiel, wie die Gr�nen aufstanden und k�mpften; ihrer Meinung nach waren die Blauen einfach zu verbissen. Das Leben war komplizierter, und es ging um mehr als nur eine Sache. Das Leben wollte gelebt werden. Es ging dabei ums Tr�umen, Lachen und Tanzen.</p><p>Gawyn war im Lager der Aes Sedai. Sie hatte immer behauptet, die Gr�nen wegen ihrer aggressiven Entschlossenheit w�hlen zu wollen - es war die Kampf-Ajah. Aber ein ehrlicherer Teil von ihr musste zugeben, dass Gawyn ebenfalls an dieser Entscheidung schuld gewesen war. Bei den Gr�nen Ajah war nichts Besonderes daran, seinen Beh�ter zu heiraten. Egwene w�rde Gawyn zu ihrem Beh�ter erw�hlen. Und zu ihrem Ehemann.</p><p>Sie liebte ihn. Sie w�rde mit ihm den Bund eingehen. Diese Herzensw�nsche waren sicher nicht so wichtig wie das Schicksal der Welt, aber sie <emphasis>waren</emphasis> wichtig.</p><p>Egwene erhob sich von der Stufe, und ihr Kleid verwandelte sich wieder in das wei�e und silberne Gewand der Amyrlin. Sie tat einen Schritt und lie� die Welt sich ver�ndern.</p><p>Sie stand vor der Wei�en Burg. Sie legte den Kopf in den Nacken und lie� den Blick �ber den zierlichen und doch so m�chtigen wei�en Turm schweifen. Obwohl der Himmel in schwarzer Unruhe brodelte, lie� etwas den Turm einen Schatten werfen, der direkt auf Egwene fiel. Handelte es sich um eine Art Vision? Die Wei�e Burg �berragte sie weit, und sie sp�rte ihr Gewicht, als w�rde sie sie st�tzen. Als stemmte sie sich gegen diese Mauern, um zu verhindern, dass sie zerbarsten und einst�rzten.</p><p>Egwene stand lange da, w�hrend der Himmel kochte und der perfekte Turm der Burg seinen Schatten auf sie warf. Sie starrte zur Spitze empor und versuchte sich dar�ber klar zu werden, ob wohl der Zeitpunkt gekommen war, sie einfach in sich zusammenbrechen zu lassen.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte sie erneut. <emphasis>Nein, noch nicht. Noch ein paar Tage.</emphasis></p><p>Egwene schloss die Augen, und als sie sie wieder �ffnete, umgab sie eine tiefe Finsternis. Pl�tzlich schien ihr ganzer K�rper vor Schmerzen zu explodieren, ihr vom Riemen wund geschlagener Hintern, ihre von der Enge des kleinen Raumes verkrampften Arme und Beine. Es roch nach altem Stroh und Moder, und h�tte sich ihre Nase nicht schon lange daran gew�hnt, h�tte sie auch den Gestank ihres ungewaschenen K�rpers gerochen. Sie unterdr�ckte ein St�hnen - vor der T�r standen Frauen, die sie bewachten und die Abschirmung aufrechterhielten. Sie w�rde sie keine Beschwerde h�ren lassen, nicht einmal in der Form eines St�hnens.</p><p>Sie setzte sich auf. Noch immer trug sie das Novizinnengewand, das sie bei Elaidas Abendessen getragen hatte. Die �rmel waren steif von getrocknetem Blut, und sie knisterten und kratzten auf ihrer Haut, als sie sich bewegte. Sie war v�llig ausged�rrt; man gab ihr nie genug zu trinken. Aber sie beschwerte sich nicht. Kein Br�llen, kein Weinen, kein Betteln. Trotz der Schmerzen zwang sie sich, sich aufrecht hinzusetzen, und l�chelte dar�ber, wie sich das anf�hlte. Sie schlug die Beine untereinander, lehnte sich zur�ck und streckte die Muskeln in ihren Armen, einen nach dem anderen. Dann stand sie auf, blieb geduckt stehen und streckte R�cken und Schultern. Schlie�lich legte sie sich auf den R�cken und streckte die Beine in die Luft, verzog das Gesicht, als sie sich beschwerten. Sie musste beweglich bleiben. Der Schmerz war nichts. Nichts auf der Welt kam der Gefahr gleich, in der sich die Wei�e Burg befand.</p><p>Nun setzte sie sich wieder mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden und holte tief Luft, wiederholte in Gedanken, dass sie in diesen Raum eingesperrt sein <emphasis>wollte.</emphasis> Sie h�tte entkommen k�nnen, wenn sie es so gewollt h�tte, aber sie blieb. Und indem sie blieb, untergrub sie Elaidas Autorit�t. Indem sie blieb, bewies sie, dass sich manche nicht beugten und den Untergang der Wei�en Burg tatenlos akzeptierten. Diese Kerkerhaft bedeutete etwas.</p><p>Diese in Gedanken wiederholten Worte halfen ihr, die Panik abzuwehren, die bei der Vorstellung aufkam, einen weiteren Tag in dieser Zelle zu verbringen. Was h�tte sie nur ohne diese n�chtlichen Tr�ume getan, um den Verstand nicht zu verlieren? Wieder musste sie an den armen Rand denken, den man in eine Kiste gesperrt hatte. Nun teilten sie etwas, er und sie. Eine Verwandtschaft, die weit �ber die gemeinsame Kindheit in den Zwei Fl�ssen hinausging. Beide hatten sie Elaidas Bestrafungen erlitten. Und sie hatten keinen von ihnen gebrochen.</p><p>Es gab nichts anderes zu tun, als zu warten. Gegen Mittag w�rde man die T�r �ffnen und sie herauszerren, um sie zu schlagen. Die Pr�gel w�rde nicht Silviana verabreichen. Die Schl�ge auszuteilen betrachteten alle als Belohnung, eine Entsch�digung daf�r, dass die Roten Schwestern den ganzen Tag im Kerker sitzen und sie bewachen mussten.</p><p>Nach den Pr�geln w�rde man Egwene zur�ck in die Zelle sto�en und ihr eine Schale mit einem geschmacklosen Brei geben. Jeder Tag verlief gleich. Aber sie w�rde nicht nachgeben, vor allem nicht, solange sie die N�chte im <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> verbringen konnte. In gewisser Hinsicht waren sie jetzt ihre Tage, die sie frei und aktiv verbringen konnte, w�hrend das hier die N�chte in tatenloser Dunkelheit waren. Das redete sie sich zumindest ein.</p><p>Der Morgen verging langsam. Schlie�lich klirrten eiserne Schl�ssel, als einer von ihnen in das uralte Schloss gesteckt wurde. Die T�r �ffnete sich, und vor ihr standen zwei Rote Schwestern, nur als Silhouetten auszumachen, denn das Licht war Egwene so fremd, dass sie kaum ihre Gesichtsz�ge erkennen konnte. Die Roten ergriffen sie grob an den Armen, obwohl sie sich nie wehrte. Sie zerrten sie aus der Zelle und stie�en sie zu Boden. Egwene h�rte den Riemen, als eine der Frauen ihn voller Vorfreude in die Hand klatschen lie�, und st�hlte sich gegen die Schl�ge. Die Schwestern w�rden sie lachen h�ren, genau wie an den Vortagen.</p><p>�Wartet�, sagte eine Stimme.</p><p>Die Arme, die Egwene hielten, wurden steif. Egwene runzelte die Stirn, die Wange gegen den kalten Boden gedr�ckt. Diese Stimme � das war Katerine.</p><p>Langsam lockerten die Schwestern ihren Griff, dann zogen sie Egwene auf die F��e. Sie blinzelte gegen das grelle Licht der Lampen an und entdeckte Katerine ein St�ck weit entfernt mit verschr�nkten Armen im Korridor stehen. �Sie soll freigelassen werden�, sagte die Rote und klang seltsam zufrieden.</p><p>� Was?�, stie� eine von Egwenes Kerkerw�rterinnen hervor. Als sich ihre Augen endlich an die Helligkeit gew�hnten, erkannte sie sie als die schlanke Barasine.</p><p>�Die Amyrlin hat erkannt, dass sie die falsche Person bestraft�, sagte Katerine. �Es ist nicht allein die Schuld dieses � dieses Insekts von einer Novizin, sondern vor allem die Schuld der Frau, die sie manipuliert hat.�</p><p>Egwene musterte Katerine. Und dann ergab alles einen Sinn. �Silviana�, sagte sie.</p><p>�In der Tat�, erwiderte Katerine. �Wenn die Novizinnen au�er Kontrolle sind, sollte man dann nicht die zur Verantwortung ziehen, die sie ausbilden soll?�</p><p>Also hatte Elaida eingesehen, dass sie unm�glich beweisen konnte, dass Egwene eine Schattenfreundin war. Die Aufmerksamkeit auf Silviana zu lenken war ein schlauer Zug; bestrafte man Elaida, weil sie Egwene mit der Macht geschlagen hatte, und bestrafte man Silviana dann aber noch h�rter, weil sie zugelassen hatte, dass Egwene �berhaupt au�er Kontrolle geriet, w�rde das das Gesicht der Amyrlin wahren.</p><p>�Ich bin der Meinung, dass die Amyrlin eine weise Entscheidung getroffen hat�, fuhr Katerine fort. �Egwene, Ihr werdet von jetzt an nur noch von der Oberin der Novizinnen � unterrichtet.�</p><p>�Aber Silviana ist doch Euch zufolge diejenige, die versagt hat�, sagte Egwene verwirrt.</p><p>�Nicht Silviana�, sagte Katerine, und ihre Selbstzufriedenheit trat noch st�rker hervor. �Die neue Oberin der Novizinnen. �</p><p>Egwene erwiderte ihren Blick. �Ah�, sagte sie. �Und Ihr glaubt, dass Ihr da Erfolg habt, wo Silviana gescheitert ist?�</p><p>�Ihr werdet schon sehen.� Katerine wandte sich ab und setzte sich in Bewegung. �Bringt sie in ihr Quartier.�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. Elaida war kompetenter, als sie gedacht h�tte. Sie hatte eingesehen, dass die Kerkerhaft nicht funktionierte, und hatte stattdessen einen S�ndenbock gefunden, den sie nun bestrafen konnte. Aber Silviana von ihrem Posten entbinden? Das w�rde ein Schlag gegen die Moral der Burg selbst sein, denn viele Schwestern betrachteten sie als hervorragende Oberin der Novizinnen.</p><p>Z�gernd brachten die Roten Egwene zum Quartier der Novizinnen, das sich nun an seinem neuen Platz auf der zweiundzwanzigsten Ebene befand. Es schien sie zu �rgern, dass ihnen die Gelegenheit entgangen war, sie zu pr�geln.</p><p>Egwene ignorierte sie. Nach der langen Haft f�hlte es sich einfach wunderbar an, wieder gehen zu k�nnen. Es war keine Freiheit, nicht mit zwei W�rterinnen, aber so f�hlte es sich an! Beim Licht! Sie war sich nicht sicher, wie viele Tage sie noch in dem feuchten Loch von Zelle ertragen h�tte!</p><p>Aber sie hatte gewonnen. Das d�mmerte ihr so langsam. Sie hatte <emphasis>gewonnen</emphasis>! Sie hatte der schlimmsten Strafe widerstanden, die sich Elaida hatte einfallen lassen, und sie hatte den Sieg davongetragen! Der Saal w�rde die Amyrlin bestrafen, und Egwene w�rde frei sein.</p><p>Jeder bekannte Korridor schien in einem huldigenden Licht zu erstrahlen, und jeder Schritt schien wie der Siegesmarsch von tausend M�nnern auf einem Schlachtfeld zu sein. Sie hatte gewonnen! Der Krieg war noch nicht vorbei, aber diese Schlacht ging an Egwene. Sie stiegen ein paar Treppen hinauf, dann betraten sie die bev�lkerten Teile der Burg. Bald kamen Gruppen von Novizinnen in Sicht; Egwenes Anblick lie� sie tuscheln, dann eilten sie weiter.</p><p>Innerhalb weniger Minuten begegnete die kleine Prozession aus Egwene und ihren beiden Aufpasserinnen immer mehr Menschen in den Korridoren. Schwestern aller Ajahs, die besch�ftigt aussahen - und doch verlangsamten sich ihre Schritte, als sie Egwene erblickten. Aufgenommene reagierten weniger verstohlen; sie standen an den Kreuzungen und starrten Egwene einfach nur an. In allen Augen stand �berraschung zu lesen. Warum hatte man Egwene freigelassen? Alle erschienen angespannt. War etwas geschehen, von dem sie nichts wussten?</p><p>�Ah, Egwene�, sagte eine Stimme, als sie einen anderen Korridor passierten. �Ausgezeichnet, Ihr seid bereits frei. Ich m�chte mit Euch sprechen.�</p><p>Egwene wandte den Kopf und entdeckte �berrascht Saerin, die zielstrebige Sitzende der Braunen. Die Narbe auf ihrer Wange lie� die Frau stets furchteinfl��ender als andere Aes Sedai erscheinen, ein Eindruck, der noch von ihren wei�en Locken unterstrichen wurde, die von hohem Alter k�ndeten. Nur wenige Angeh�rige der Braunen konnte man als einsch�chternd beschreiben, aber Saerin geh�rte zweifellos zu dieser kleinen Gruppe.</p><p>�Wir bringen sie auf ihr Zimmer�, sagte Barasine. �Nun, dann spreche ich eben auf dem Weg mit ihr�, erwiderte Saerin ruhig. �Sie darf nicht��</p><p>�Ihr verweigert mir das, Rote? Einer Sitzenden?� Barasine err�tete. �Die Amyrlin wird nicht erfreut sein, das zu h�ren.�</p><p>�Dann lauft und berichtet es ihr�, sagte Saerin. �W�hrend ich mit der jungen al�Vere ein paar wichtige Dinge bespreche.� Sie musterte die Roten. �Gebt uns etwas Privatsph�re, wenn ich bitten darf.�</p><p>Es misslang den beiden Roten Schwestern, sie niederzustarren, und sie wichen zur�ck. Egwene verfolgte alles neugierig. Es hatte den Anschein, als w�re die Autorit�t der Amyrlin etwas gesunken - tats�chlich sogar die ihrer ganzen Ajah. Saerin wandte sich Egwene zu und hob die Hand, und sie setzten sich gemeinsam in Bewegung, gefolgt von den Roten Schwestern.</p><p>�Ihr geht ein Risiko ein, wenn man Euch dabei sieht, wie Ihr auf diese Weise mit mir sprecht�, sagte Egwene.</p><p>Saerin schnaubte. �Heutzutage ist es immer ein Risiko, sein Quartier zu verlassen. Die Geschehnisse bereiten mir zu viel Kummer, um mich noch auf H�flichkeiten achten zu lassen.� Sie hielt kurz inne. �Davon abgesehen, mit Euch gesehen zu werden, kann heutzutage das Risiko wert sein. Ich wollte etwas herausfinden.�</p><p>�Was denn?�, fragte Egwene neugierig.</p><p>�Nun, ich wollte tats�chlich wissen, ob man <emphasis>sie</emphasis> herumschubsen kann. Die meisten Angeh�rigen der Roten sind �ber Eure Entlassung nicht erfreut. Sie betrachten sie als gro�e Niederlage f�r Elaida.�</p><p>�Sie h�tte mich t�ten sollen�, sagte Egwene und nickte. � Schon vor Tagen.�</p><p>�Das h�tte man als Niederlage betrachtet.�</p><p>�Eine genauso gro�e Niederlage, wie gezwungen zu werden, Silviana zu entfernen? Pl�tzlich zu entscheiden, dass ihre Oberin der Novizinnen an allem schuld ist, eine Woche nach dem Vorfall?�</p><p>�Hat man Euch das erz�hlt?� Saerin l�chelte. �Dass Elaida �pl�tzlich� ganz allein diese Entscheidung traf?� Egwene hob eine Braue.</p><p>�Silviana verlangte, vor dem Saal geh�rt zu werden�, erkl�rte Saerin. �Sie trat vor uns, vor Elaida selbst, und beharrte darauf, Eure Behandlung w�rde gegen das Gesetz versto�en. Was vermutlich auch stimmt. Selbst wenn Ihr keine Aes Sedai seid, h�tte man Euch nicht unter so schrecklichen Bedingungen unterbringen d�rfen.� Saerin warf Egwene einen Seitenblick zu. �Silviana <emphasis>verlangte</emphasis> Eure Freilassung. Ich muss sagen, sie schien Euch sehr zu respektieren. Sie sprach mit Stolz in ihrer Stimme davon, wie Ihr Eure Bestrafungen akzeptiert habt; als w�rt Ihr eine Sch�lerin, die ihre Lektion gut gelernt hat. Dann stellte sie Elaida blo� und verlangte ihre Absetzung als Amyrlin. Es war ziemlich � au�ergew�hnlich.�</p><p>�Beim Licht��, hauchte Egwene. �Was hat Elaida mit ihr gemacht?�</p><p>�Ihr befohlen, das Kleid einer Novizin anzuziehen�, erwiderte Saerin. �Was im Saal f�r erheblichen Aufruhr sorgte.� Saerin hielt inne. �Nat�rlich weigerte sich Silviana. Elaida hat verlangt, dass man sie d�mpfen und hinrichten soll. Der Saal wei� nicht, was er machen soll.�</p><p>Egwene versp�rte einen Stich der Panik. �Beim Licht! Sie darf nicht bestraft werden! Das m�ssen wir verhindern.�</p><p>�Es verhindern?�, sagte Saerin. �Kind, die Rote Ajah bricht auseinander! Ihre Angeh�rigen wenden sich gegeneinander, W�lfe greifen ihr eigenes Rudel an. Falls man zul�sst, dass Elaida eine Angeh�rige ihrer eigenen Ahja <emphasis>t�tet,</emphasis> wird sich ihre Unterst�tzung aus den R�ngen in Luft aufl�sen. Tats�chlich w�rde es mich nicht �berraschen, dass sich, wenn sich der Staub erst einmal legt, diese Ajah so sehr selbst geschadet hat, dass man sie einfach aufl�sen kann und f�r alle Zeiten los ist.�</p><p>�Ich will sie nicht aufl�sen�, sagte Egwene. �Saerin, das ist doch eines der Probleme, die Elaidas Einstellung von Anfang an verursacht hat! Die Wei�e Burg braucht alle Ajahs, um sich dem zu stellen, was auf uns zukommt, selbst die Roten. Wir k�nnen es uns einfach nicht leisten, eine Frau wie Silviana zu verlieren, nur um einen Standpunkt zu beweisen. Holt an Unterst�tzung zusammen, was Ihr k�nnt. Wir m�ssen schnell handeln, um diese Posse zu verhindern.�</p><p>Saerin blinzelte. �Kind, glaubt Ihr allen Ernstes, dass Ihr hier die Kontrolle habt?�</p><p>Egwene erwiderte ihren Blick. �Wollt <emphasis>Ihr</emphasis> sie haben?�</p><p>�Beim Licht, nein!�</p><p>�Nun, dann steht mir nicht l�nger im Weg, und macht Euch an die Arbeit! Elaida muss entfernt werden, aber wir d�rfen nicht zulassen, dass dabei die ganze Burg um uns herum in sich zusammenf�llt. Geht zum Saal und seht, was Ihr tun k�nnt, um das zu verhindern!�</p><p>Saerin nickte tats�chlich respektvoll, bevor sie sich in einen Seitenkorridor zur�ckzog. Egwene drehte sich zu ihren Roten Aufpasserinnen um. �Habt Ihr genug mitbekommen?�</p><p>Sie schauten einander an. Nat�rlich hatten sie gelauscht. �Ihr werdet sicher gehen und selbst in Erfahrung bringen wollen, was geschehen ist�, meinte Egwene. �Warum habt Ihr es nicht getan?�</p><p>Die beiden Frauen sahen sie �rgerlich an. �Die Abschirmung�, sagte Barasine. �Wir haben den Befehl, dass zu jeder Zeit mindestens zwei sie aufrechterhalten.�</p><p>�Ach, soll man Euch doch zu �� Egwene holte tief Luft. �Wenn ich schw�re, nicht die Macht zu umarmen, bis ich wieder unter der Aufsicht einer anderen Roten Schwester stehe, wird Euch das reichen?�</p><p>Die beiden sahen sie nur misstrauisch an.</p><p>�Das dachte ich mir�, sagte Egwene. Sie wandte sich einer Gruppe Novizinnen zu, die in einem abzweigenden Korridor standen und so taten, als w�rden sie die Fliesen an der Wand scheuern, w�hrend sie Egwene anstarrten.</p><p>�Ihr da.� Egwene zeigte auf eine von ihnen. �Marsial, richtig?�</p><p>�Ja, Mutter�, quiekte das M�dchen.</p><p>�Geht und holt uns etwas Spaltwurzeltee. Katerine sollte etwas davon im Arbeitszimmer der Oberin der Novizinnen haben. Das ist nicht weit. Sagt ihr, dass Barasine ihn f�r mich verlangt; bringt ihn in mein Zimmer.�</p><p>Die Novizin eilte los.</p><p>�Ich trinke ihn, und dann kann zumindest eine von Euch gehen�, sagte Egwene. �Eure Ajah bricht zusammen. Sie wird alle klaren K�pfe brauchen, die sie bekommen kann; vielleicht k�nnt Ihr ja Eure Schwestern davon �berzeugen, dass es nicht klug ist, Silviana von Elaida hinrichten zu lassen.�</p><p>Die beiden Schwestern sahen sich unsicher an. Dann fluchte die D�rre, deren Name Egwene unbekannt war, leise und eilte mit rauschenden R�cken los. Barasine rief ihr nach, aber die Frau blieb nicht stehen.</p><p>Barasine sah Egwene an und murmelte etwas Unverst�ndliches, wich aber nicht von der Stelle. �Wir warten auf die Spaltwurzel�, sagte sie und starrte Egwene in die Augen. �Geht weiter.�</p><p>�Sch�n�, erwiderte Egwene. �Aber jede Minute, die Ihr z�gert, k�nnte Euch teuer zu stehen kommen.�</p><p>Sie stiegen die Treppe zu dem neuen Novizinnenquartier hinauf, das nun neben die �berreste der Sektion der Braunen gequetscht war. Vor Egwenes T�r blieben sie stehen, um auf die Spaltwurzel zu warten. W�hrend sie dort standen, scharten sich Novizinnen um sie. In den fernen Korridoren rannten Schwestern und ihre Beh�ter eilig umher. Hoffentlich w�rde der Saal etwas tun k�nnen, um Elaida aufzuhalten. Wenn sie wirklich so weit ging und Schwestern hinrichtete, nur weil sie ihr widersprachen �</p><p>Schlie�lich kehrte die Novizin mit noch immer weit aufgerissenen Augen zur�ck und brachte einen Becher und eine kleine Packung Kr�uter. Barasine inspizierte das P�ckchen und war anscheinend zufrieden, denn sie sch�ttete seinen Inhalt in den Becher und hielt ihn Egwene hin. Seufzend nahm Egwene ihn und leerte ihn bis zur Neige. Die Dosis war gro� genug, dass sie nicht einmal ein paar Tropfen der Macht lenken konnte, aber hoffentlich nicht so gro�, um ihr das Bewusstsein zu rauben.</p><p>Barasine drehte sich auf dem Absatz um und eilte los. Egwene blieb allein im Korridor zur�ck. Nicht nur allein, sondern allein und in der Lage, das zu tun, was auch immer sie wollte. Solche Gelegenheiten erhielt sie nicht oft.</p><p>Nun, sie w�rde sehen, was sie damit erreichen konnte. Aber zuerst musste sie aus diesem dreckigen, blutverschmierten Kleid heraus und sich waschen. Sie stie� die T�r zu ihrem Zimmer auf.</p><p>Und entdeckte, dass dort jemand sa�.</p><p>�Hallo, Egwene�, sagte Verin und trank einen Schluck aus einer Tasse mit dampfendem Tee. �Ich dachte schon, ich m�sste in Eure Zelle einbrechen, um mit Euch sprechen zu k�nnen.�</p><p>Egwene sch�ttelte ihre �berraschung ab. Verin? Wann war die Frau in die Wei�e Burg zur�ckgekehrt? Wie lange war es her, seit sie sie zuletzt gesehen hatte? �Jetzt ist keine Zeit, Verin�, sagte sie und �ffnete schnell die kleine Truhe, die ihr Ersatzkleid enthielt. �Auf mich warten wichtige Arbeiten.�</p><p>�Hmm, ja�, sagte Verin und nahm in aller Ruhe den n�chsten Schluck. �Das glaube ich gern. �brigens, das Kleid, das Ihr tragt, ist gr�n.�</p><p>Die unsinnige Bemerkung lie� Egwene die Stirn runzeln, und sie schaute unwillk�rlich nach unten auf ihr Kleid. Nat�rlich war es nicht gr�n. Wie konnte Verin nur so etwas sagen? Hatte die Frau den Verstand �</p><p>Egwene erstarrte, sah Verin an.</p><p>Das war eine L�ge gewesen. <emphasis>Verin konnte l�gen.</emphasis></p><p>�Ja, ich dachte mir schon, dass das Eure Aufmerksamkeit erregt�, sagte Verin und l�chelte. �Ihr solltet Euch setzen. Wir haben viel zu besprechen, und uns bleibt daf�r nur wenig Zeit.�</p></section><section><title><p>39</p><p>Ein Besuch von Verin Sedai</p></title><p>Ihr habt nie auf den Eidstab geschworen�, klagte Egwene sie an. Sie stand noch immer vor der Kleidertruhe. Verin blieb auf dem Bett sitzen und trank ihren Tee. Die korpulente Frau trug ein einfaches braunes Kleid mit einem dicken Lederg�rtel um die Taille. Bei dem Rock handelte es sich um einen Reitrock, und nach den schmutzigen Stiefeln zu urteilen, die unter dem Saum hervorlugten, war sie eben erst in der Wei�en Burg eingetroffen.</p><p>�Seid nicht albern.� Verin strich eine Haarlocke zur�ck, die aus ihrem Knoten entkommen war; das braune Haar war mit grauen Str�hnen durchsetzt. �Kind, ich habe den Eidstab gehalten und darauf geschworen, bevor Eure <emphasis>Gro�mutter</emphasis> geboren wurde.�</p><p>�Dann habt Ihr die Eide entfernen lassen�, sagte Egwene. Das war mit dem Eidstab m�glich - schlie�lich hatten Yukiri, Saerin und die anderen ihre Eide entfernt und durch neue ersetzt.</p><p>�Nun ja�, sagte Verin auf m�tterliche Weise.</p><p>�Ich vertraue Euch nicht�, platzte Egwene hervor. �Ich glaube, das habe ich nie.�</p><p>�Sehr klug�, sagte Verin und trank von ihrem Tee. Das Aroma dieser Sorte kam Egwene unbekannt vor. � Schlie�lich geh�re ich der Schwarzen Ajah an.�</p><p>Ein Fr�steln �berkam Egwene, wie ein eiskalter Pfahl, den man ihr in den R�cken und weiter tief in die Brust hineinrammte. Die Schwarze Ajah. Verin geh�rte zu den Schwarzen. Beim Licht!</p><p>Unwillk�rlich griff Egwene nach der Einen Macht. Aber nat�rlich vereitelte die Spaltwurzel das. Und sie hatte noch selbst vorgeschlagen, dass man sie ihr verabreichte! Beim Licht, hatte sie denn den Verstand verloren? Nach ihrem Sieg war sie so selbstbewusst gewesen, dass ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, was passieren konnte, falls sie auf eine Schwarze Schwester stie�. Aber wer konnte sich schon darauf vorbereiten, einer Schwarzen zu begegnen? Eine, die ruhig auf ihrem Bett sa�, Tee trank und sie mit diesen Augen betrachtete, die immer schon den Anschein erweckt hatten, viel zu wissend zu sein. Was gab es f�r eine bessere Tarnung als eine bescheidene Braune, die wegen ihres gedankenverlorenen, gelehrtenhaften Tuns von anderen Schwestern st�ndig mit Geringsch�tzung behandelt wurde?</p><p>�Ach, dieser Tee schmeckt ja so gut�, sagte Verin. �Wenn Ihr Laras das n�chste Mal seht, dankt Ihr doch bitte in meinem Namen daf�r. Sie hatte versprochen, noch unverdorbenen zu haben, aber ich habe ihr nicht vertraut. Heutzutage kann man sich nicht mehr auf viel verlassen, nicht wahr?�</p><p>�Was, Laras ist eine Schattenfreundin?�, wollte Egwene wissen.</p><p>�Beim Licht, nein!�, sagte Verin. �Sie ist vieles, aber keine Schattenfreundin. Da findet Ihr eher einen Wei�mantel, der eine Aes Sedai heiratet, als dass sich Laras dem Gro�en Herrn verschw�rt. Eine au�ergew�hnliche Frau. Und wirklich gut darin, den Geschmack von Tee zu beurteilen.�</p><p>�Was habt Ihr mit mir vor?�, fragte Egwene und zwang sich zur Ruhe. H�tte Verin sie t�ten wollen, w�re das schon l�ngst geschehen. Offensichtlich wollte sie sie f�r etwas benutzen, und das w�rde Egwene irgendwann eine Gelegenheit geben. Eine Gelegenheit zur Flucht, eine Gelegenheit, das Blatt zu wenden. Beim Licht, das kam zur schlimmstm�glichen Zeit!</p><p>�Nun�, sagte Verin, �zuerst werde ich Euch bitten, Euch zu setzen. Ich w�rde Euch ja Tee anbieten, aber ich bezweifle ehrlich, dass Ihr etwas von dem abhaben wollt, das ich trinke.�</p><p><emphasis>Denk nach, Egwene!,</emphasis> rief sie sich zur Ordnung. Nach Hilfe zu rufen w�rde sinnlos sein; die Rufe w�rden sowieso nur Novizinnen h�ren, da ihre Roten Aufpasserinnen losgelaufen waren. Ausgerechnet jetzt allein zu sein! Sie h�tte nie geglaubt, sich einmal nach ihren Kerkerw�rterinnen zu sehnen.</p><p>Davon abgesehen w�rde Verin sie zweifellos mit Geweben aus Luft fesseln und knebeln, sollte sie nach Hilfe rufen. Und selbst wenn die Novizinnen sie h�rten, w�rden sie angelaufen kommen, um zu sehen, was denn los war - und das w�rde sie blo� ebenfalls in Verins F�nge treiben. Also zog Egwene den einzigen Hocker im Zimmer heran und setzte sich. Ihr Hintern protestierte, als er mit dem ungepolsterten Holz in Ber�hrung kam.</p><p>Stille kehrte in das kleine Zimmer ein; es war kalt und leblos, weil es vier Tage lang unbewohnt gewesen war. Fieberhaft suchte Egwene nach einem Ausweg.</p><p>�Ich begl�ckw�nsche Euch zu dem, was Ihr hier erreicht habt, Egwene�, sagte Verin. �Ich habe ein paar der Dummheiten verfolgt, die zwischen den Ajah-Fraktionen vorgehen, auch wenn ich mich entschied, mich nicht pers�nlich darin einzumischen. Meine Forschungen fortzuf�hren und den jungen al�Thor im Auge zu behalten war wichtiger. Er ist ein echter Wilder, das muss ich schon sagen. Ich mache mir Sorgen um den jungen. Ich bin mir nicht sicher, dass er tats�chlich begreift, wie der Gro�e Herr arbeitet. Nicht alles B�se ist so offensichtlich wie � die Auserw�hlten. Die Verlorenen, wie Ihr sie nennt.�</p><p>�Offensichtlich?�, fragte Egwene. �Die Verlorenen?�</p><p>�Nun, vergleichsweise.� Verin l�chelte und w�rmte die H�nde an der Tasse. �Die Auserw�hlten sind wie ein Haufen sich streitender Kinder, jeder versucht am lautesten zu schreien und die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erringen. Es ist leicht zu erkennen, was <emphasis>sie</emphasis> wollen: Macht �ber die anderen Kinder, einen Beweis, dass sie am wichtigsten sind. Ich bin davon �berzeugt, dass es weder Intelligenz, Durchtriebenheit oder F�higkeiten sind, die einen Auserw�hlten ausmachen auch wenn solche Dinge nat�rlich wichtig sind. Nein, ich glaube, der Gro�e Herr sucht in seinen gr��ten Anf�hrern vor allem nach Egoismus.�</p><p>Egwene runzelte die Stirn. Plauderten sie hier wirklich gem�tlich �ber die Verlorenen? �Warum sollte er gerade nach dieser Eigenschaft suchen?�</p><p>�Es macht sie berechenbar. Ein Werkzeug, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass es genau wie erwartet handelt, ist viel wertvoller als eines, das man nicht versteht. Vielleicht liegt es auch daran, dass nur die Starken �berleben, wenn sie st�ndig gegeneinander k�mpfen. Ich wei� es ehrlich nicht. Die Auserw�hlten sind vorhersehbar, aber der Gro�e Herr ist das nicht. Selbst nach Jahrzehnten des Studiums kann ich mir nicht sicher sein, was er will oder warum er es will. Ich wei� nur, dass diese Schlacht nicht auf die Weise ausgetragen wird, mit der al�Thor rechnet.�</p><p>�Und was hat das mit mir zu tun?�</p><p>�Nicht viel�, erwiderte Verin und schnalzte �rgerlich auf sich selbst mit der Zunge. �Ich f�rchte, ich lasse mich ablenken. Wo wir doch so wenig Zeit haben. Ich muss mich wirklich mehr konzentrieren.� Noch immer erschien sie wie die angenehme gelehrte Braune. Egwene war immer davon ausgegangen, dass Schwarze Schwestern � anders sein w�rden.</p><p>�Wie dem auch sei�, fuhr Verin fort. �Wir sprachen davon, was Ihr hier in der Burg getan habt. Ich hatte bef�rchtet, dass ich Euch bei meinem Eintreffen noch immer mit Euren Freunden drau�en rumspielen finde. Stellt Euch mein Erstaunen vor, dass Ihr nicht nur Elaidas Regime infiltriert, sondern auch noch den halben Saal gegen sie gewendet habt. Ihr habt einige meiner Bundesgenossinnen sehr ver�rgert, das kann ich Euch versichern. Sie sind nicht sehr erfreut.� Verin sch�ttelte den Kopf, trank einen Schluck Tee.</p><p>�Verin, ich �� Egwene hielt inne. �Was ist mit��</p><p>�Ich f�rchte, dazu ist keine Zeit.� Verin beugte sich vor. Pl�tzlich schien sich etwas an ihr zu ver�ndern. Obwohl sie noch immer die gealterte - und zeitweise m�tterliche - Frau war, wurde ihre Miene entschlossener. Sie sah Egwene an, und die Intensit�t in ihrem Blick war erschreckend. War das tats�chlich dieselbe Frau?</p><p>�Danke, dass Ihr das weitschweifige Geschnatter einer Frau ertragt�, sagte Verin mit weicherem Tonfall. �Es war so nett, beim Tee miteinander zu plaudern, wenigstens noch dieses eine Mal. Nun, es gibt da einige Dinge, die Ihr wissen m�sst. Vor einigen Jahren stand ich vor einer Entscheidung. Ich befand mich in einer Lage, in der ich entweder dem Dunklen K�nig die Treue schw�ren oder enth�llen musste, dass ich das weder je wollte noch in Zukunft beabsichtigte. Woraufhin man mich hingerichtet h�tte.</p><p>Vielleicht h�tte eine andere einen Ausweg aus dieser Situation gefunden. Viele h�tten sich einfach f�r den Tod entschieden. Ich allerdings betrachtete es als Gelegenheit. Wisst Ihr, man bekommt so selten die M�glichkeit, die Bestie aus dem Inneren ihres Herzens zu studieren, dass man wirklich entdecken kann, was ihr Blut flie�en l�sst. Dass man entdeckt, wo all die kleinen Adern und Gef��e hinf�hren. In der Tat eine au�erordentliche Erfahrung.�</p><p>�Wartet�, sagte Egwene. �Ihr habt Euch der Schwarzen Ajah angeschlossen, um sie zu <emphasis>studieren?�</emphasis></p><p>�Ich habe mich ihr <emphasis>angeschlossen,</emphasis> um meine Haut zu retten�, berichtigte Verin l�chelnd. �Ich h�nge sehr daran, auch wenn Tomas st�ndig auf diesen grauen Haaren herumreitet. Wie dem auch sei, nachdem ich mich den Schwarzen angeschlossen hatte, konnte ich das Beste aus der Situation machen, indem ich sie studiere.�</p><p>�Tomas. Wei� er, was Ihr getan habt?�</p><p>�Er war selbst ein Schattenfreund, Kind�, sagte Verin. �Der nach einem Ausweg suchte. Nun, es gibt aber keinen Ausweg, nachdem der Gro�e Herr erst einmal die Krallen in einen geschlagen hat. Aber es gibt eine M�glichkeit, sich zu wehren, f�r seine Taten Wiedergutmachung zu �ben. Ich bot Tomas diese M�glichkeit an, und ich glaube, er war mir daf�r ziemlich dankbar.�</p><p>Egwene z�gerte, versuchte das alles zu begreifen. Verin war eine Schattenfreundin � und doch wiederum nicht. �Ihr sagt, er �war� Euch ziemlich dankbar?�</p><p>Verin antwortete nicht sofort. Sie trank nur den n�chsten Schluck Tee. �Die Eide, die man dem Gro�en Herrn leistet, sind recht spezifisch�, fuhr sie schlie�lich fort. �Und wenn sie jemandem abgenommen werden, der die Macht lenken kann, sind sie auch sehr bindend. Unm�glich zu brechen. Man kann andere Schattenfreunde verraten, man kann sich gegen die Auserw�hlten wenden, wenn man das rechtfertigen kann. Der Egoismus muss bewahrt werden. Aber <emphasis>ihn</emphasis> kann man nie verraten. Man kann den Orden nicht an Au�enstehende verraten. Aber wie gesagt sind die Eide spezifisch. Sehr spezifisch.� Sie schaute auf und erwiderte Egwenes Blick. ��Ich schw�re, den Gro�en Herrn nicht zu verraten, meine Geheimnisse zu bewahren bis zur Stunde meines Todes.� Das habe ich versprochen. Versteht Ihr?�</p><p>Egwene sah auf die dampfende Tasse in Verins H�nden. �Gift?�</p><p>�Man braucht schon einen ganz besonderen Tee, damit Aspenf�ule s�� runtergeht�, sagte Verin und nahm den n�chsten Schluck. �Vergesst bitte nicht, Laras in meinem Namen zu danken.�</p><p>Egwene schloss die Augen. Nynaeve hatte ihr gegen�ber einmal Aspenf�ule erw�hnt; ein Tropfen konnte t�ten. Es war ein schneller, friedlicher Tod, und oft kam er � innerhalb einer Stunde nach der Einnahme.</p><p>�Eine seltsame L�cke in den Eiden�, sagte Verin leise. � Einem zu erlauben, in der letzten Stunde seines Lebens Verrat zu �ben. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob dem Gro�en Herrn das klar ist? Warum schlie�t er diese L�cke nicht?�</p><p>�Vielleicht betrachtet er sie nicht als bedrohlich�, sagte Egwene und �ffnete die Augen wieder. �Welcher Schattenfreund w�rde sich schon umbringen, um dem Allgemeinwohl zu dienen? So etwas w�rden seine Anh�nger wohl kaum in Betracht ziehen.�</p><p>�Da k�nntet Ihr recht haben.� Verin stellte die Tasse zur Seite. �Es d�rfte klug sein, daf�r zu sorgen, dass das hier sorgf�ltig entfernt wird, Kind.�</p><p>�Also war es das?� Egwene fr�stelte. �Was ist mit Tomas?�</p><p>�Wir haben uns voneinander verabschiedet. Er verbringt seine letzte Stunde mit seiner Familie.�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf. Es erschien ihr so eine Trag�die zu sein. �Ihr seid zu mir gekommen, um zu gestehen und dann als letzten Versuch zur Erl�sung Selbstmord zu begehen?�</p><p>Verin lachte herzlich. �Erl�sung? Ich glaube kaum, dass die so einfach zu verdienen ist. Das Licht allein wei�, dass ich genug getan habe, um eine ganz besondere Art der Erl�sung zu brauchen. Aber es war den Preis wert. Das war es. Vielleicht muss ich mir das auch nur einreden.� Sie beugte sich vor und zog unter der zusammengefalteten Decke am Fu� von Egwenes Bett eine kleine Ledertasche hervor. Sie l�ste bed�chtig die Schnallen, dann holte sie zwei Gegenst�nde hervor: Zwei B�cher, die beide in Leder eingebunden waren. Das eine hatte ein etwas gr��eres Format, wie ein Nachschlagewerk, aber der rote Einband wies keinen Titel auf. Das andere war ein schmaler blauer Band. Beide Buchdeckel waren vom h�ufigen Gebrauch abgenutzt.</p><p>Verin �berreichte sie Egwene. Z�gernd nahm sie sie entgegen; der gr��ere Band lag schwer in ihrer rechten Hand, das blaue Buch lag leicht in ihrer linken. Sie runzelte die Stirn und sah Verin an.</p><p>�Jede Frau bei den Braunen versucht, etwas Bleibendes zu schaffen�, sagte Verin. �Eine Forschungsarbeit oder eine Studie, die bedeutungsvoll ist. Man macht uns oft den Vorwurf, die Welt um uns herum zu vergessen. Man glaubt, wir w�rden nur r�ckw�rts schauen. Nun, das stimmt nicht. Sind wir abgelenkt, dann nur, weil wir nach vorn blicken, zu dem, was da kommt. Und die Informationen, das Wissen, das wir sammeln � hinterlassen wir denen. Die anderen Ajahs k�mmern sich darum, das Heute zu verbessern; wir sehnen uns danach, das Morgen besser zu machen.�</p><p>Egwene legte das blaue Buch zur Seite und schlug zuerst das rote auf. Die Worte waren in der kleinen, effizienten, aber gedr�ngten Handschrift geschrieben, die sie als Verins erkannte. Keiner der S�tze ergab einen Sinn. Es war reines Kauderwelsch.</p><p>�Das kleine Buch ist der Schl�ssel�, erkl�rte Verin. �Es enth�lt die Verschl�sselung, die ich benutzt habe, um diesen Band zu verfassen. Das rote Buch ist die eigentliche Arbeit. Meine Arbeit. Mein Lebenswerk.�</p><p>�Worum geht es?�, fragte Egwene leise, obwohl sie die Antwort zu kennen glaubte.</p><p>�Namen, Orte, Erkl�rungen�, sagte Verin. �Alles, was ich �ber <emphasis>sie</emphasis> in Erfahrung bringen konnte. �ber die Anf�hrer der Schattenfreunde, �ber die Schwarze Ajah. Die Prophezeiungen, an die sie glauben, die Ziele und Beweggr�nde der verschiedenen Fraktionen. Ganz hinten steht eine Liste mit jeder Schwarzen Ajah-Schwester, die ich identifizieren konnte.�</p><p>Egwene hielt die Luft an. �jede Einzelne von ihnen?�</p><p>�Ich bezweifle, dass ich sie alle erwischt habe�, sagte Verin l�chelnd. �Aber ich glaube, die Mehrheit habe ich gefunden. Eines kann ich Euch versprechen, Egwene. Ich kann <emphasis>sehr</emphasis> gr�ndlich sein.�</p><p>Ehrfurchtsvoll richtete Egwene den Blick auf die B�cher. Unglaublich! Beim Licht, dieser Schatz war gr��er als der eines jeden K�nigs. Ein Schatz so kostbar wie das Horn von Valere. Mit Tr�nen in den Augen schaute sie auf, stellte sich ein unter den Schwarzen verbrachtes Leben vor, bei dem man alles beobachtete, registrierte und f�r das Allgemeinwohl arbeitete.</p><p>�Oh, tut das nicht�, sagte Verin. Sie fing an, blass auszusehen. �Sie haben viele Agenten unter uns, wie die W�rmer, die die Frucht aus dem Kern herausfressen. Nun, ich fand, dass es Zeit war, mindestens einen von uns unter ihnen zu haben. Das ist das Leben einer einzigen Frau wert. Nur wenige Menschen hatten je die Gelegenheit, etwas so N�tzliches und Wunderbares wie dieses Buch zu erschaffen, das Ihr gerade in H�nden haltet. Wir alle wollen die Zukunft ver�ndern, Egwene. Ich glaube, vielleicht k�nnte ich es schaffen, genau das zu tun.�</p><p>Sie holte tief Luft, dann hielt sie sich den Kopf. �O je. Das wirkt aber schnell. Eines muss ich Euch noch sagen. Schlagt bitte das rote Buch auf.�</p><p>Egwene gehorchte und fand einen Lederstreifen mit st�hlernen Gewichten an den Enden. Er war wie ein Lesezeichen, allerdings viel l�nger, als sie ihr je begegnet waren.</p><p>�Wickelt ihn um das Buch�, sagte Verin. �Steckt ihn zwischen zwei beliebige Seiten, dann f�hrt die losen Enden um das Buch.�</p><p>Neugierig gehorchte Egwene, legte den Streifen auf eine willk�rlich gew�hlte Seite und schloss das Buch. Dann legte sie das kleinere Buch auf das gr��ere, nahm die beiden Enden des Lesezeichens, die hervorbaumelten, und f�hrte sie zusammen. Die Gewichte passten zusammen. Sie hakte sie ineinander ein.</p><p>Und die B�cher verschwanden.</p><p>Egwene starrte sie an. Sie konnte sie noch immer in ihren H�nden f�hlen, aber die B�cher selbst waren unsichtbar.</p><p>�Ich f�rchte, das funktioniert nur bei B�chern�, sagte Verin und g�hnte. �Jemand aus dem Zeitalter der Legenden war anscheinend sehr darum besorgt, sein oder ihr Tagebuch vor anderen zu verbergen.� Sie l�chelte schmal, wurde aber immer blasser.</p><p>�Ich danke Euch, Verin�, sagte Egwene und l�ste die Verriegelung wieder. Die B�cher wurden wieder sichtbar. �Ich w�nschte, es g�be eine andere M�glichkeit��</p><p>�Ich muss zugeben, dass das Gift ein Ersatzplan war�, sagte Verin. �Ich sehne mich nicht nach dem Tod; da gibt es noch immer Dinge, die ich erledigen muss. Gl�cklicherweise konnte ich daf�r sorgen, dass mehrere von ihnen � in Gang gebracht werden, falls ich nicht zur�ckkehre. Eigentlich wollte ich den Eidstab nehmen und sehen, ob ich damit die Eide an den Gro�en Herrn entfernen kann. Ungl�cklicherweise scheint man den Eidstab verlegt zu haben.�</p><p><emphasis>Saerin und die anderen,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Sie m�ssen ihn sich wieder genommen haben.</emphasis> �Es tut mir so leid, Verin.�</p><p>�Vermutlich h�tte es sowieso nicht funktioniert.� Verin legte sich auf das Bett und richtete das Kissen hinter ihrem mit Grau durchzogenen Haar. �Es war ein ganz � besonderer Prozess, dem Gro�en Herrn diese Eide zu leisten. Ich w�nschte, ich h�tte noch eine Kleinigkeit f�r Euch in Erfahrung bringen k�nnen. Kind, eine der Auserw�hlten h�lt sich in der Burg auf. Es ist Mesaana, da bin ich mir sicher. Ich hatte gehofft, Euch den Namen nennen zu k�nnen, hinter dem sie sich versteckt, aber bei beiden Gelegenheiten, bei denen ich mit ihr zusammentraf, war sie so vermummt, dass ich es nicht feststellen konnte. Was ich sah, ist im roten Buch notiert.</p><p>Setzt Eure Schritte mit Bedacht. Schlagt vorsichtig zu. Ich �berlasse Euch die Entscheidung, ob Ihr sie alle auf einmal entlarvt oder die wichtigsten unter ihnen nacheinander im Geheimen ausschaltet. Vielleicht wollt Ihr ja erst ihre Pl�ne in Erfahrung bringen, um Gegenma�nahmen einzuleiten. Ein gutes Verh�r k�nnte vielleicht Licht auf ein paar der Fragen werfen, die ich nicht beantworten konnte. Ach, Ihr seid noch so jung und m�sst so viele Entscheidungen treffen.� Sie g�hnte und verzog das Gesicht, als sie ein pl�tzlicher Schmerz durchzuckte.</p><p>Egwene stand auf und trat an ihre Seite. �Ich danke Euch, Verin. Ich danke Euch, dass Ihr mich auserw�hlt habt, diese Last zu tragen.�</p><p>Verin l�chelte leise. �Ihr habt eine Menge mit den Bruchst�cken erreicht, die ich Euch zuvor gab. Das war eine wirklich interessante Situation. Die Amyrlin befahl mir, Euch Informationen zu geben, um die Schwarzen Schwestern zu jagen, die aus der Burg geflohen waren, also musste ich gehorchen, auch wenn die F�hrung der Schwarzen �ber den Befehl sehr �rgerlich war. Wisst Ihr, eigentlich sollte ich Euch das Traum-<emphasis>Ter�angreal</emphasis> gar nicht geben. Aber ich hatte immer schon dieses Gef�hl, was Euch betraf.�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein solches Vertrauen verdiene.� Egwene schaute auf die B�cher nieder. �Ein Vertrauen, wie Ihr es gezeigt habt.�</p><p>�Unsinn, Kind�, erwiderte Verin, g�hnte erneut und schloss die Augen. �Ihr werdet die Amyrlin sein. Da bin ich mir sicher. Und eine Amyrlin sollte gut mit Wissen gewappnet sein. Vor allem das ist die heiligste Pflicht der Braunen - die Welt mit Wissen zu wappnen. Ich bin noch immer eine von ihnen. Das Wort Schwarze Schwester wird meinen Namen f�r immer brandmarken, aber bitte sorgt daf�r, dass sie erfahren, dass meine Seele die einer echten Braunen ist. Sagt ihnen ��</p><p>�Das werde ich, Verin�, versprach Egwene. �Aber Eure Seele ist nicht braun. Das sehe ich.�</p><p>Verins Lider hoben sich m�hsam, und sie erwiderte Egwenes Blick, w�hrend sich ihre Stirn in Falten legte.</p><p>�Eure Seele ist reines Wei�, Verin�, sagte Egwene leise. �Wie von reinem Licht.�</p><p>Verin l�chelte, und ihre Augen schlossen sich. Der eigentliche Tod war noch einige Minuten entfernt, aber zuerst trat die Bewusstlosigkeit ein, und sie kam schnell. Egwene sa� da und hielt die Hand der Frau. Elaida und der Saal konnten sich um sich selbst k�mmern; Egwene hatte ihre Saat gut ges�t. Jetzt dort aufzutauchen und Forderungen zu stellen w�rde nur ihre Autorit�t �berstrapazieren.</p><p>Nachdem Verins Puls verklungen war, stellte Egwene die Tasse mit dem vergifteten Tee zur Seite und hielt die Untertasse vor Verins Nase. Auf der funkelnden Oberfl�che erschien kein Atemhauch. Es kam ihr herzlos vor, das doppelt zu �berpr�fen, aber es gab Gifte, die einen tot erscheinen und den Atem verlangsamen lassen konnten, und falls Verin Egwene auf die falschen Schwestern h�tte hetzen wollen, w�re das eine wunderbare Methode dazu gewesen. Herzlos in der Tat, und Egwene f�hlte sich schrecklich dabei, aber sie war die Amyrlin. Sie tat das, was schwierig war, und zog alle M�glichkeiten in Betracht.</p><p>Sicherlich w�rde keine echte Schwarze Schwester bereit sein zu sterben, nur um so eine falsche F�hrte zu legen. In ihrem Herzen vertraute sie Verin, aber ihr Verstand wollte Sicherheit. Sie warf einen Blick auf den einfachen Schreibtisch, wo sie die B�cher abgelegt hatte. In diesem Augenblick �ffnete sich die T�r ohne Vorwarnung, und eine junge Aes Sedai - die erst vor so kurzer Zeit zur Stola erhoben worden war, dass ihr Gesicht noch nicht das alterslose Aussehen angenommen hatte - sp�hte herein. Turese, eine der Roten Schwestern. Also hatte man endlich jemanden dazu abgestellt, Egwene zu bewachen. Ihre Freiheit war wieder vorbei. Nun, es war sinnlos, sich �ber das zu �rgern, was h�tte sein k�nnen. Die Zeit war gut verbracht worden. Sie w�nschte sich, Verin w�re eine Woche fr�her zu ihr gekommen, aber was geschehen war, war geschehen.</p><p>Die Rote Schwester betrachtete Verin stirnrunzelnd, und Egwene hob schnell einen Finger an die Lippen und warf der jungen Frau einen finsteren Blick zu. Dann eilte sie zur T�r.</p><p>�Sie ist gerade angekommen und wollte mich wegen einer Aufgabe sprechen, die sie mir vor langer Zeit aufgetragen hatte, noch vor der Spaltung der Burg. Manchmal k�nnen sie so seltsam beharrlich sein, diese Braunen Schwestern.� Wahre Worte, jedes Einzelne davon.</p><p>Turese kommentierte die Bemerkung �ber die Braunen mit einem Nicken.</p><p>�Ich w�nschte, sie h�tte sich auf ihr eigenes Bett gelegt�, fuhr Egwene fort. �Ich bin mir nicht sicher, was ich jetzt mit ihr machen soll.� Wieder war das die Wahrheit. Egwene musste unbedingt den Eidstab in die H�nde bekommen. Bei Gelegenheiten wie diesen erschien l�gen viel zu bequem.</p><p>�Ihre Reise muss sie erm�det haben�, sagte Turese leise, aber energisch. �Ihr f�gt Euch ihren W�nschen; sie ist eine Aes Sedai, und Ihr seid blo� eine Novizin. St�rt sie nicht.�</p><p>Und die Rote schloss die T�r. Egwene l�chelte zufrieden. Dann fiel ihr Blick auf Verins Leiche, und das L�cheln verblasste. Irgendwann w�rde sie enth�llen m�ssen, dass Verin gestorben war. Wie sollte sie das blo� erkl�ren? Nun, ihr w�rde etwas einfallen. Falls sie in Bedr�ngnis geriet, w�rde sie einfach die Wahrheit sagen.</p><p>Aber zuerst musste sie einige Zeit mit dem Buch verbringen. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, dass man es ihr abnehmen w�rde, selbst mit dem Lesezeichen-Ter�angreal. Am besten verstaute sie den Schl�ssel getrennt von dem verborgenen Buch. Oder sie vertraute den Schl�ssel ihrem Ged�chtnis an und vernichtete ihn. Alles w�re leichter zu planen gewesen, h�tte sie gewusst, was im Saal geschah! Hatte man Elaida abgesetzt? Lebte Silviana noch, oder hatte man sie hingerichtet?</p><p>Im Augenblick konnte sie nur wenig in Erfahrung bringen, da man sie bewachte. Sie w�rde einfach abwarten m�ssen. Und lesen.</p><p>Die Verschl�sselung erwies sich als ziemlich kompliziert, und die daf�r n�tigen Anweisungen beanspruchten einen guten Teil des kleineren Buches. Das war sowohl vorteilhaft wie auch frustrierend. Es w�rde sehr schwer sein, den Schl�ssel ohne das Buch zu brechen, andererseits w�rde es so gut wie unm�glich sein, ihn nur der Erinnerung anzuvertrauen. Das w�rde Egwene unm�glich bis zum n�chsten Morgen schaffen, und dann musste sie Verins wahren Zustand allen enth�llen.</p><p>Sie warf einen Blick auf die Frau. Verin sah wirklich so aus, als schliefe sie. Egwene hatte sie bis zum Hals zugedeckt und ihr dann die Schuhe ausgezogen und neben das Bett gestellt, um die Illusion noch zu verst�rken. Sie entschloss sich, Verin auf die Seite zu drehen, auch wenn sie sich dabei respektlos vorkam. Die Rote Schwester hatte bereits ein paar Mal ins Zimmer geschaut, und Verin in einer anderen Position zu sehen w�rde weniger verd�chtig erscheinen.</p><p>Als sie damit fertig war, betrachtete Egwene ihre Kerze, um die verstrichene Zeit abzusch�tzen. Das Zimmer hatte keine Fenster, die gab es in den Novizinnenquartieren nicht. Sie verdr�ngte die Sehnsucht, die Macht umarmen und eine Lichtkugel erschaffen zu k�nnen, bei der sie lesen konnte. Sie w�rde sich mit der Kerzenflamme begn�gen m�ssen.</p><p>Sie vergrub sich in ihre erste Aufgabe: die Entschl�sselung der Namen der Schwarzen Schwestern im hinteren Teil des Buches. Das war sogar noch wichtiger, als sich die Verschl�sselung zu merken. Sie <emphasis>musste</emphasis> wissen, wem sie vertrauen konnte.</p><empty-line/><p>Die folgenden Stunden geh�rten zu den unbehaglichsten und unangenehmsten ihres Lebens. Einige der Namen waren ihr unbekannt, viele kaum vertraut. Andere geh�rten aber Frauen, mit denen sie zusammengearbeitet hatte, die sie respektiert und denen sie sogar vertraut hatte. Sie fluchte, als sie Katerines Namen beinahe ganz oben auf der Liste fand, und zischte �berrascht, als Alviarins Namen auftauchte. Von Elza Penfell und Galina Casban hatte sie schon geh�rt, aber einige der n�chsten Namen waren ihr unbekannt.</p><p>Bodenlose �belkeit breitete sich in ihr aus, als sie Sheriams Namen las. Sie hatte die Frau einmal verd�chtigt, das stimmte, aber das war w�hrend ihrer Zeit als Novizin und dann als Aufgenommene gewesen. W�hrend jener Tage - die Tage, in denen sie mit der Jagd auf die Schwarzen Ajah begonnen hatte - war Liandrins Verrat noch frisch gewesen. Damals hatte sie jeden verd�chtigt.</p><p>W�hrend des Exils in Salidar hatte Egwene eng mit Sheriam zusammenarbeitet und angefangen, die Frau zu m�gen. Aber sie geh�rte zu den Schwarzen. Ihre eigene Beh�terin der Chroniken war eine Schwarze. <emphasis>St�hle dich,</emphasis> rief sie sich zur Ordnung und las weiter. Sie verarbeitete das Gef�hl von Verrat, die Verbitterung und das Bedauern. Sie durfte nicht zulassen, dass sich ihrer Pflicht Gef�hle in den Weg stellten.</p><p>Die Schwarzen Schwestern waren in jeder Ajah vertreten. Einige waren Sitzende, andere geh�rten zu den g�nzlich unbedeutenden Aes Sedai, die nur schwach in der Macht waren. Und es gab Hunderte von ihnen, Verins Z�hlung nach etwas mehr als zweihundert. Einundzwanzig bei den Blauen, achtundzwanzig bei den Braunen, drei�ig bei den Grauen, achtunddrei�ig bei den Gr�nen, siebzehn bei den Wei�en, einundzwanzig bei den Gelben, und unglaubliche achtundvierzig bei den Roten. Aufgef�hrt waren auch Namen von Aufgenommenen und Novizinnen. Das Buch beschrieb, dass sie vermutlich bereits Schattenfreunde gewesen waren, bevor sie zur Wei�en Burg gekommen waren, denn die Schwarze Ajah rekrutierte ausschlie�lich bei Aes Sedai. Ein Vermerk verwies auf eine vorherige Seite mit einer l�ngeren Erkl�rung, aber Egwene ging weiter die Liste durch. Sie musste den Namen einer jeden Frau kennen. Sie <emphasis>musste</emphasis> sie wissen.</p><p>Es gab Schwarze Schwestern unter den Rebellen und in der Wei�en Burg, es gab sie selbst unter jenen, die w�hrend der Spaltung nicht in der Burg gewesen waren und sich auf keine Seite geschlagen hatten. Abgesehen von Sheriam bestand die schlimmste Entdeckung auf der Liste in den Namen der Sitzenden sowohl in der Burg wie auch bei den Rebellen. Duhara Basaheen. Velina Behar. Sedore Dajenna. Delana Mosalaine nat�rlich und auch Talene Minly. Meidani hatte Egwene im Vertrauen erz�hlt, dass Talene die Angeh�rige der Schwarzen Ajah war, die Saerin und die anderen entdeckt hatten, aber sie war aus der Burg geflohen.</p><p>Moria Karentanis. Sie war Angeh�rige der Blauen Ajah, eine Frau, die seit �ber hundert Jahren die Stola trug und f�r ihre Weisheit und ihre Vernunft bekannt war. Egwene hatte zahllose Male mit ihr gesprochen und von ihrer Erfahrung profitiert; sie war davon ausgegangen, dass sie als Blaue zu ihren verl�sslichsten Anh�ngerinnen geh�ren w�rde. Moria war eine von denen gewesen, die Egwene unbedingt zur Amyrlin hatten erheben wollen, und sie hatte sie bei mehreren entscheidenden Gelegenheiten nachdr�cklich unterst�tzt.</p><p>Jeder Name war wie ein Dorn, der sich in Egwenes Haut bohrte. Dagdara Finchey, die Egwene einmal Geheilt hatte, als sie sich den Kn�chel verstaucht hatte. Zanica, die ihr Unterricht gegeben hatte und so nett erschienen war. Larissa Lyndel. Miyasi, f�r die sie N�sse geknackt hatte. Nesita. Nacelle Kayama. Nalaene Forreil, die sich wie Elza Rand verschworen hatte. Birlen Pena. Melvara. Chai Rugan �</p><p>Die Liste ging weiter. Weder Romanda noch Lelaine waren Schwarze, was Egwene irgendwie �rgerte. Eine von ihnen oder auch beide in Ketten zu legen w�re so praktisch gewesen. Warum blo� Sheriam und keine der beiden?</p><p><emphasis>H�r auf damit,</emphasis> rief sie sich zur Ordnung. <emphasis>Du benimmst dich nicht rational.</emphasis> Sich zu w�nschen, dass gewisse Schwestern Schwarze waren, brachte sie nicht weiter.</p><p>Cadsuane stand nicht auf der Liste. Genauso wenig wie Egwenes engste Freundinnen. Damit hatte sie auch nicht gerechnet, aber es f�hlte sich trotzdem gut an, die Liste zu beenden, ohne auf einen ihrer Namen zu sto�en. Die Gruppe, die in der Burg die Schwarze Ajah jagte, war auch nicht infiltriert. Au�erdem war keiner der Spione dabei, die man in Salidar ausgesandt hatte.</p><p>Und Elaidas Name stand auch nicht auf der Liste. An ihrem Ende stand eine Anmerkung, dass Verin Elaida genau unter die Lupe genommen und nach einem Beweis gesucht hatte, dass sie zu den Schwarzen geh�rte. Aber Bemerkungen der Schwarzen Schwestern hatten sie zu der Annahme gef�hrt, dass Elaida <emphasis>nicht</emphasis> zu ihnen geh�rte. Sie war blo� eine labile Frau, die den Schwarzen manchmal genauso unertr�glich war wie dem Rest der Burg.</p><p>Leider machte das Sinn. Die Erkenntnis, dass Galina und Alviarin Schwarze waren, hatte Egwene schon vermuten lassen, dass sie Elaidas Name nicht hier finden w�rde. Das passte eher zu den Schwarzen, jemanden zu w�hlen, den sie als Amyrlin manipulieren konnten, und dann eine Schwarze Beh�terin einzusetzen, die sie unter Kontrolle hielt.</p><p>Vermutlich hatten sie Elaida durch Alviarin oder Galina irgendwie unter Druck gesetzt - Galina, die sich laut Verins Anmerkungen zur Anf�hrerin der Roten Ajah gemacht hatte. Sie hatten Elaida bedr�ngt oder bestochen, ihren W�nschen zu entsprechen, ohne dass die Amyrlin �berhaupt mitbekommen hatte, dass sie den Schwarzen diente. Und das half auch Alviarins seltsamen Sturz zu erkl�ren. War sie vielleicht zu weit gegangen? Hatte sie es �bertrieben und Elaidas Zorn erregt? Das erschien plausibel, aber genau w�rde man es erst dann wissen, wenn Elaida aussagte oder Egwene Alviarin verh�ren lassen konnte. Was sie so schnell wie m�glich in die Wege leiten wollte.</p><p>Nachdenklich schloss Egwene das rote Buch; die Kerze war beinahe niedergebrannt. Es wurde sp�t. Vielleicht war es Zeit, darauf zu bestehen, Informationen �ber die Lage in der Burg zu erhalten.</p><p>Aber bevor sie sich entscheiden konnte, wie sie vorgehen sollte, klopfte es an der T�r. Egwene schaute auf, verknotete schnell das Lesezeichen und lie� beide B�cher verschwinden. Anklopfen bedeutete, dass dort keine Rote stand.</p><p>�Herein�, rief sie.</p><p>Die T�r �ffnete sich und enth�llte Nicola mit ihren gro�en dunkeln Augen und der schlanken Statur, die keine Sekunde lang von Turese aus den Augen gelassen wurde. Die Rote erschien nicht erfreut, dass Egwene eine Besucherin hatte, aber die dampfende Sch�ssel auf dem Tablett in Nicolas H�nden erkl�rte, warum sie hatte klopfen d�rfen.</p><p>Nicola machte vor Egwene einen Knicks, und ihr wei�es Novizinnengewand bauschte sich. Tureses Miene wurde noch finsterer. Aber Nicola fiel das nicht auf. �F�r Verin Sedai�, sagte sie leise und deutete mit dem Kopf zum Bett. �Auf Anordnung der Herrin der K�chen, nachdem sie h�rte, wie ersch�pft Verin Sedai von ihren Reisen ist.�</p><p>Egwene nickte, deutete auf den Tisch und verbarg ihre Aufregung. Nicola kam schnell heran, stellte das Tablett ab und fl�sterte leise: �Ich soll fragen, ob Ihr ihr vertraut.� Wieder schaute sie zum Bett.</p><p>�Ja�, sagte Egwene und �bert�nte das Wort, indem sie den Hocker zur�ckschob. Also wussten ihre Verb�ndeten noch nichts von Verins Tod. Das war gut; f�r den Augenblick war das Geheimnis noch gewahrt.</p><p>Nicola nickte, dann sagte sie lauter: �Es w�re gut f�r sie, wenn sie sie isst, solange sie noch warm ist, aber ich �berlasse es Euch, ob Ihr sie wecken wollt oder nicht. Man hat mir befohlen, Euch zu warnen, das Essen nicht anzur�hren.�</p><p>�Das werde ich auch nicht tun, es sei denn, es stellt sich heraus, dass sie es nicht braucht�, erwiderte Egwene und wandte sich ab. Ein paar Augenblicke sp�ter schloss sich die T�r wieder hinter Nicola. Egwene wartete ein paar angespannte Minuten, ob Turese wieder hereinschaute und sie kontrollierte, und sie nutzte die Zeit, um sich Gesicht und H�nde zu waschen und ein sauberes Kleid anzuziehen. Als sie �berzeugt war, nicht gest�rt zu werden, nahm sie den L�ffel und fischte in der Suppe herum. Und tats�chlich fand sie eine kleine Glasr�hre mit einem zusammengerollten St�ck Papier.</p><p>Schlau. Anscheinend hatten ihre Verb�ndeten von Verins Anwesenheit in Egwenes Zimmer geh�rt und beschlossen, das als Vorwand zu nehmen, jemanden zu ihr zu schicken. Sie entrollte das Papier, auf dem nur ein Wort stand. �Wartet.�</p><p>Sie seufzte, aber es gab nichts, was sie tun konnte. Allerdings wagte sie es nicht, das Buch wieder hervorzuholen und weiterzulesen. Bald vernahm sie Stimmen vor der T�r, die nach einer Auseinandersetzung klangen. Wieder klopfte es.</p><p>�Herein�, sagte Egwene neugierig.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und Meidani trat ins Zimmer. Demonstrativ schloss sie die T�r vor Tureses Nase. �Mutter�, sagte sie und machte einen Knicks. Die schlanke Frau trug ein enges graues Kleid, das etwas zu offensichtlich ihre �ppigen Br�ste betonte. Musste sie am Abend bei Elaida zum Essen erscheinen? �Es tut mir leid, dass ich Euch warten lie�.�</p><p>Egwene winkte ab. �Wie seid Ihr an Turese vorbeigekommen?�</p><p>�Es ist allgemein bekannt, dass Elaida mich mit � Besuchen favorisiert. Und das Burggesetz besagt, dass man keinem Gefangenen Besucher verbieten darf. Sie konnte eine Schwester nicht daran hindern, eine einfache Novizin zu besuchen, auch wenn sie es versucht hat.�</p><p>Egwene nickte, und Meidani sah zu Verin. Sie runzelte die Stirn. Und verlor alle Farbe aus dem Gesicht. Verins Z�ge waren w�chsern und matt geworden, und es war offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Gut, das Turese sich die �schlafende� Aes Sedai nie genau angesehen hatte.</p><p>�Verin Sedai ist tot�, sagte Egwene und behielt die T�r im Auge.</p><p>�Mutter?�, fragte Meidani. �Was ist geschehen? Wurdet Ihr angegriffen?�</p><p>�Verin Sedai wurde kurz vor unserer Unterhaltung von einem Schattenfreund vergiftet. Sie wusste es und kam, um mir w�hrend ihrer letzten Augenblicke wichtige Informationen mitzuteilen.� Es war schier unglaublich, was ein paar wahrheitsgem��e Behauptungen alles verbergen konnten.</p><p>�Beim Licht!�, sagte Meidani. �Ein Mord in der Wei�en Burg? Wir m�ssen es jemandem sagen! Holt die Wache und ��</p><p>�Man wird sich darum k�mmern�, sagte Egwene energisch. �Senkt Eure Stimme, und rei�t Euch zusammen. Ich will nicht, dass die W�rterin drau�en h�rt, was wir sagen.�</p><p>Meidani wurde blass, dann sah sie Egwene an und fragte sich vermutlich, wie sie so herzlos sein konnte. Gut. Sollte sie die beherrschte, entschlossene Amyrlin sehen. Solange sie nur keine Spur von der Trauer, der Verwirrung und der Unruhe im Inneren mitbekam.</p><p>�ja, Mutter.� Meidani machte einen Knicks. �Nat�rlich. Ich entschuldige mich.�</p><p>�Ich vermute, Ihr bringt Neuigkeiten?�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Meidani und sammelte ihre Gedanken. �Saerin trug mir auf, Euch zu besuchen. Sie sagte, Ihr wollt sicher �ber die Geschehnisse des Tages Bescheid wissen.�</p><p>�In der Tat�, sagte Egwene und bem�hte sich, ihre Ungeduld nicht zu zeigen. Beim Licht, aber darauf war sie schon selbst gekommen. Konnte die Frau nicht auf den Punkt kommen? Es gab Schwarze Ajah, um die man sich k�mmern musste!</p><p>�Elaida ist noch immer Amyrlin�, berichtete Meidani, �aber nur so gerade eben. Der Saal der Burg trat zusammen und erteilte ihr formell einen Tadel. Sie hielten Elaida vor, dass die Amyrlin kein absoluter Herrscher ist und dass sie nicht damit weitermachen kann, Dekrete auszusprechen und Forderungen zu stellen, ohne die Sitzenden vorher zu konsultieren.�</p><p>Egwene nickte. �Keine unerwartete Wendung.� Mehr als nur eine Amyrlin war zur Galionsfigur geworden, weil sie es auf �hnliche Weise �bertrieben hatte. Darauf hatte auch Elaida zugesteuert, und es w�re auch zufriedenstellend gewesen, h�tten sie es nicht mit dem Ende aller Tage zu tun gehabt. �Welche Bu�e?�</p><p>�Drei Monate�, sagte Meidani. �Einen f�r das, was sie mit Euch gemacht hat. Zwei f�r ein Verhalten, das mit ihrer Stellung unvereinbar ist.�</p><p>�Interessant�, sagte Egwene nachdenklich.</p><p>�Einige verlangten nach mehr, Mutter. Es hatte einen Augenblick lang den Anschein, als w�rde man sie auf der Stelle st�rzen.�</p><p>�Ihr habt zugesehen?�, fragte Egwene �berrascht.</p><p>Meidani nickte. �Elaida bat darum, die Sitzung zu Versiegeln, erhielt aber keine Unterst�tzung daf�r. Ich glaube, dahinter steckte ihre eigene Ajah, Mutter. Alle drei Sitzenden der Roten sind nicht in der Burg. Ich frage mich noch immer, wo Duhara und die anderen hin sind.�</p><p><emphasis>Duhara. Eine Schwarze. Was hat sie vor? Und was ist mit den anderen beiden? Waren sie zusammen, und wenn ja, k�nnen auch die anderen beiden Schwarze sein?</emphasis></p><p>Darum w�rde sie sich sp�ter k�mmern m�ssen. �Wie hat Elaida das alles aufgenommen?�</p><p>�Sie hat nicht viel dazu gesagt, Mutter. Haupts�chlich hat sie da gesessen und zugesehen. Sie sah nicht sehr erfreut aus; eigentlich hat es mich �berrascht, dass sie nicht zu einer Tirade ansetzte.�</p><p>�Die Roten�, sagte Egwene. �Wenn sie wirklich die Unterst�tzung ihrer eigenen Ajah verliert, dann werden sie sie vorher gewarnt haben, nicht noch mehr Unruhe zu stiften.�</p><p>�Das war auch Saerins Einsch�tzung�, erwiderte Meidani. �Sie meinte auch, dass es zum Teil Eurem Dr�ngen, den Sturz der Roten Ajah nicht zuzulassen - was �brigens Novizinnen verbreitet haben, die zuf�llig zuh�rten - zuzuschreiben ist, dass man Elaida nicht sofort abgesetzt hat.�</p><p>� Nun, ich h�tte nichts dagegen, wenn man sie absetzt. Ich wollte nur nicht, dass man die ganze Ajah aufl�st. Dennoch k�nnte das gut so sein. Elaidas Sturz ist nicht auf eine Weise eingetreten, die die Burg mit in den Abgrund rei�t.� Allerdings h�tte Egwene diese zuvor ge�u�erten Worte m�glicherweise zur�ckgenommen, w�re das m�glich gewesen. Keinesfalls wollte sie den Eindruck erwecken, dass ausgerechnet <emphasis>sie</emphasis> Elaida unterst�tzte. �Ich nehme an, Silvianas Urteil wurde aufgehoben?�</p><p>�Nicht ganz, Mutter. Sie steht unter Arrest, bis der Saal entschieden hat, was man mit ihr machen soll. Sie trotzt der Amyrlin noch immer auf eine sehr �ffentliche Weise, und es ist die Rede von einer Bu�e.�</p><p>Egwene runzelte die Stirn. Das roch nach einem Kompromiss; vermutlich hatte sich Elaida zuvor mit dem Oberhaupt der Roten Ajah getroffen - wer auch immer das nach Galinas Verschwinden war - und die Einzelheiten ausgeheckt. Silviana w�rde immer noch bestraft werden, wenn auch nicht so hart, aber Elaida w�rde sich dem Willen des Saals beugen. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass Elaida auf wackligem Boden stand, aber noch immer Forderungen stellen konnte. Ihre Unterst�tzung in ihrer eigenen Ajah war nicht so v�llig geschwunden, wie Egwene gehofft hatte.</p><p>Trotzdem war das eine gl�ckliche Wendung. Silviana w�rde leben, und man w�rde Egwene anscheinend erlauben, wieder zu ihrem Leben als �Novizin� zur�ckzukehren. Die Sitzenden waren mit Elaida unzufrieden genug, um sie zu r�gen. Blieb Egwene noch etwas Zeit, w�rde sie es schaffen, die Frau absetzen zu lassen und die Burg wieder zu vereinen, da war sie sich sicher. Aber konnte sie es auch wagen, sich diese Zeit zu nehmen?</p><p>Sie schaute zu dem Tisch hin�ber, wo die kostbaren B�cher vor allen Blicken verborgen lagen. Wenn sie mit aller H�rte gegen die Schwarze Ajah vorging, w�rde das eine Schlacht herbeif�hren? W�rde sie die Burg noch mehr destabilisieren? Und war es �berhaupt realistisch, darauf hoffen zu k�nnen, auf diese Weise gegen sie alle vorgehen zu k�nnen? Sie brauchte Zeit, um �ber alles nachzudenken. Und im Augenblick bedeutete das, in der Burg zu bleiben und gegen Elaida zu arbeiten. Und ungl�cklicherweise bedeutete das auch, die meisten der Schwarzen Schwestern nicht zu behelligen.</p><p>Aber nicht alle. �Meidani�, sagte Egwene. �Ich will, dass Ihr den anderen Bericht erstattet. Sie <emphasis>m�ssen</emphasis> Alviarin unter Arrest stellen und sie der Pr�fung mit dem Eidstab unterwerfen. Sagt ihnen, sie sollen jedes vertretbare Risiko eingehen, um das zu bewerkstelligen.�</p><p>�Alviarin, Mutter? Warum sie?�</p><p>�Sie ist eine Schwarze�, erwiderte Egwene, und ihr drehte sich der Magen um. �Und geh�rt zum oberen F�hrungsstab ihrer Organisation in der Burg. Um mir diese Information zu bringen, ist Verin gestorben.�</p><p>Meidani wurde blass. �Mutter, seid Ihr sicher?�</p><p>�Ich bin zuversichtlich, was Verins Vertrauensw�rdigkeit angeht�, sagte Egwene. �Aber es w�re ratsam, die anderen Alviarins Eide entfernen und dann ersetzen zu lassen, um sie dann zu fragen, ob sie eine Schwarze ist. jede Frau sollte diese Chance erhalten, um sich zu beweisen, ganz egal, wie die Beweise gegen sie aussehen. Ich nehme an, Ihr habt den Eidstab?�</p><p>�Ja�, sagte Meidani. �Wir brauchten ihn, um Nicolas Vertrauensw�rdigkeit zu ergr�nden; die anderen wollten einige Aufgenommene und Novizinnen einspannen, da sie Botschaften �berbringen k�nnen, wo es den Schwestern versagt ist.�</p><p>Bedachte man die Zwistigkeiten der Ajahs, war das vern�nftig. �Warum gerade sie?�</p><p>�Weil sie sooft vor den anderen �ber Euch spricht, Mutter�, sagte Meidani. �Es ist allgemein bekannt, dass sie eine Eurer gr��ten F�rsprecherinnen unter den Novizinnen ist.�</p><p>Es war seltsam, das �ber eine Frau zu h�ren, die sie im Grunde genommen verraten hatte, aber bei Licht betrachtet konnte man das M�dchen daf�r eigentlich nicht verantwortlich machen.</p><p>�Nat�rlich haben sie sie nicht alle Drei Eide schw�ren lassen�, fuhr Meidani fort. �Sie ist keine Aes Sedai. Aber sie hat den Eid gegen das L�gen abgelegt und bewiesen, dass sie keine Schattenfreundin ist. Danach haben sie sie wieder von dem Eid entbunden.�</p><p>�Und was ist mit Euch, Meidani?�, wollte Egwene wissen. �Hat man Euch von dem vierten Eid entbunden?�</p><p>Die Frau l�chelte, �fa, Mutter. Danke.�</p><p>Egwene nickte. �Dann geht. Richtet meine Botschaft aus. Alviarin muss gefangen genommen werden.� Ihr Blick fiel auf Verins Leichnam. �Ich f�rchte, ich muss Euch bitten, sie auch mitzunehmen. Es wird besser sein, wenn sie verschwindet, als dass ich ihren Tod in meinem Zimmer erkl�ren muss.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Benutzt ein Wegetor�, sagte Egwene. �Gleitet, wenn Ihr diesen Ort hier nicht gut genug kennt.�</p><p>Meidani nickte und umarmte die Quelle.</p><p>�Webt zuerst etwas anderes�, sagte Egwene nachdenklich. �Ganz egal, was; etwas, wof�r man viel Macht braucht. Vielleicht eines der hundert Gewebe, die man f�r die Pr�fung zur Aes Sedai braucht.�</p><p>Meidani runzelte die Stirn, tat aber wie gehei�en und webte etwa sehr Kompliziertes, f�r das viel Macht erforderlich war. Kurz, nachdem sie begonnen hatte, schob Turese misstrauisch den Kopf ins Zimmer. Das Gewebe blockierte gl�cklicherweise ihre Sicht auf Verins Gesicht, aber sie konzentrierte sich ohnehin nicht auf die �schlafende� Braune. Sie konzentrierte sich auf das Gewebe und wollte etwas sagen.</p><p>�Sie demonstriert mir einige Gewebe, die ich wissen muss, wenn ich die Pr�fung zur Aes Sedai mache�, schnitt ihr Egwene das Wort ab. �Ist das verboten?�</p><p>Turese sah sie an, aber dann zog sie sich wieder zur�ck und schloss die T�r.</p><p>�Das sollte sie daran hindern, die Nase reinzustecken und die Gewebe f�r die Wegetore zu sehen�, erkl�rte Egwene. �Schnell jetzt. Nehmt den Leichnam. Wenn Turese wieder reinschaut, werde ich ihr die Wahrheit sagen - dass Ihr und Verin durch ein Tor gegangen seid.�</p><p>Meidani betrachtete die Tote. �Aber was sollen wir mit ihr machen?�</p><p>�Was auch immer angemessen erscheint�, erwiderte Egwene leicht ungehalten. �Das �berlasse ich Euch. Ich habe nicht die Zeit, mich jetzt darum zu k�mmern. Und nehmt diese Tasse da mit; der Tee ist vergiftet. Entsorgt ihn vorsichtig.�</p><p>Egwene �berpr�fte die flackernde Kerze; sie war beinahe bis auf den Tisch niedergebrannt. Meidani seufzte leise, dann erschuf sie ein Wegetor. Gewebe aus Luft bef�rderten Verins Leiche durch die �ffnung, und Egwene sah ihr mit einem Stich des Bedauerns nach. Die Frau hatte Besseres verdient. Eines Tages w�rde man bekannt machen, was sie durchlitten und alles erreicht hatte. Aber bis dahin w�rde noch einige Zeit vergehen.</p><p>Sobald Meidani mit der Leiche und dem Tee verschwunden war, entz�ndete Egwene eine neue Kerze und legte sich aufs Bett, wobei sie sich bem�hte, nicht an das zu denken, was hier eben noch gelegen hatte. Sie entspannte sich und dachte an Siuan. Die Frau w�rde bald schlafen gehen. Man musste sie vor Sheriam und den anderen warnen.</p><p>Egwene �ffnete die Augen im <emphasis>Tel�aran�rhiod.</emphasis> Sie befand sich in ihrem Zimmer, oder zumindest in dessen Traumversion. Das Bett war gemacht, die T�r geschlossen. Sie verwandelte ihr Kleid in ein kostbares gr�nes Gewand, wie es einer Amyrlin geziemte, dann bewegte sie sich in den Fr�hlingsgarten der Burg. Siuan war noch nicht da, aber vermutlich war es noch etwas zu fr�h f�r ihr Treffen.</p><p>Hier konnte zumindest keiner den Unrat sehen, der sich in der Stadt auft�rmte, oder das Verderben, das an den Wurzeln der Ajah-Einheit nagte. Die G�rtner der Burg waren wie eine Naturgewalt, pflanzten, kultivierten und ernteten, w�hrend Amyrlin kamen und gingen. Der Fr�hlingsgarten war kleiner als die meisten anderen G�rten der Burg, er war ein dreieckiges St�ck Land zwischen zwei Mauern. In einer anderen Stadt h�tte man es vielleicht als Absteilfl�che benutzt oder einfach mit Steinen gef�llt. Aber in der Wei�en Burg w�ren beide M�glichkeiten unangebracht gewesen.</p><p>Die L�sung war ein kleiner Garten voller Gew�chse, die im Schatten gediehen. Hortensien wuchsen die Mauern hinauf. Herzblumen waren in Reihen gepflanzt, und ihre winzigen rosafarbenen Bl�ten hingen von den Bl�ttern. Linden und andere kleine B�ume s�umten die ein Dreieck bildenden Mauern und stie�en an einer Stelle aneinander.</p><p>Egwene ging die Baumreihen ab, w�hrend sie wartete, und dachte dar�ber nach, dass Sheriam eine Schwarze war. Bei wie vielen Dingen hatte diese Frau ihre Hand im Spiel gehabt? W�hrend Siuans Herrschaft als Amyrlin war sie jahrelang die Oberin der Novizinnen gewesen. Hatte sie ihre Position dazu ausgenutzt, andere Schwestern zu bedr�ngen oder vielleicht sogar die Seiten wechseln zu lassen? War m�glicherweise sie f�r den Angriff des Grauen Mannes vor so langer Zeit verantwortlich gewesen?</p><p>Sheriam hatte zu der Gruppe geh�rt, die Mat Geheilt hatte. Sicherlich hatte sie bei einem Zirkel mit so vielen anderen Frauen nichts B�sartiges anrichten k�nnen - aber nun war alles verd�chtig, woran diese Frau beteiligt gewesen war. Und das war so vieles! Sheriam hatte vor Egwenes Aufstieg zur Macht zu denen geh�rt, die in Salidar das Sagen gehabt hatten. Was hatte sie da alles angerichtet, was hatte sie alles an den Schatten verraten?</p><p>Hatte sie �ber Elaidas Plan, Siuan abzusetzen, Bescheid gewusst? Galina und Alviarin waren Schwarze, und sie waren zwei der haupts�chlichen Anstifter gewesen, also erschien es wahrscheinlich, dass man andere Schwarze gewarnt hatte. Hatten der Auszug der H�lfte der Burg, die Versammlung in Salidar und die dann folgende Zeit voller langwieriger Debatten zu einem Plan des Dunklen K�nigs geh�rt? Und was war mit Egwenes Aufstieg zur Macht? An wie vielen F�den des Schattens hatte sie gezupft, ohne sich dessen bewusst zu sein?</p><p><emphasis>Das ist v�llig sinnlos,</emphasis> sagte sie sich energisch. <emphasis>Schlag nicht diesen Weg ein.</emphasis> Auch ohne Verins B�cher hatte Egwene den Verdacht gehabt, dass die Spaltung der Wei�en Burg das Werk des Dunklen K�nigs gewesen war. Nat�rlich w�rde es ihn erfreut haben, dass sich die Aes Sedai in zwei Lager teilten, statt sich hinter einem Anf�hrer zu vereinen.</p><p>Aber irgendwie war es jetzt � pers�nlicher. Egwene kam sich beschmutzt vor, als h�tte man sie hereingelegt. Einen Augenblick lang kam sie sich wie der Bauerntrampel vor, f�r den sie so viele hielten. Wenn Elaida eine Marionette der Schwarzen gewesen war, dann sie erst recht. Beim Licht! Was musste der Dunkle K�nig doch gelacht haben, als er die beiden rivalisierenden Amyrlin sah, von denen jede eine seiner loyalen Handlanger an der Seite hatte, die sie dann gegeneinander aufhetzten.</p><p><emphasis>Selbst nach Jahrzehnten des Studiums kann ich mir nicht sicher sein, was er will oder warum er es will,</emphasis> hatte Verin gesagt. Wer vermochte schon zu sagen, ob der Dunkle K�nig �berhaupt lachen konnte.</p><p>Egwene fr�stelte. Wie auch immer sein Plan aussah, sie w�rde ihn bek�mpfen. Ihm widerstehen. Ihm ins Auge spucken, selbst wenn er gewann, genau wie es die Aiel sagten.</p><p>�Nun, das ist ein toller Anblick�, sagte Siuan.</p><p>Egwene fuhr herum und erkannte zerknirscht, dass sie nicht l�nger das Gewand einer Amyrlin trug, sondern die vollst�ndige R�stung eines Soldaten, der in die Schlacht ritt. In der Hand hielt sie zwei Aielspeere.</p><p>Sie verbannte R�stung und Schwert mit einem Gedanken und holte das Kleid zur�ck. �Siuan�, sagte sie kurz angebunden. �Ihr werdet einen Stuhl brauchen. Es ist etwas geschehen. �</p><p>Siuan runzelte die Stirn. �Was denn?�</p><p>�Zuerst einmal, Sheriam und Moria sind Schwarze Ajah.�</p><p>�Was?�, rief Siuan. �Was soll denn dieser Unsinn?� Sie erstarrte. �Mutter�, f�gte sie versp�tet hinzu.</p><p>�Das ist kein Unsinn�, sagte Egwene. �Ich f�rchte, es ist die Wahrheit. Es gibt noch andere, aber ihre Namen werde ich Euch sp�ter geben. Wir k�nnen sie noch nicht in Gewahrsam nehmen. Ich brauche Zeit, um zu planen und nachzudenken, vielleicht einen Abend. Wir werden bald zuschlagen. Aber bis dahin will ich, dass Sheriam und Moria beobachtet werden. Haltet Euch nicht allein in ihrer N�he auf.�</p><p>Siuan sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Wie sicher seid Ihr Euch, Egwene?�</p><p>�Sicher genug�, erwiderte Egwene. �Behaltet sie im Auge, Siuan, und denkt dar�ber nach, was man unternehmen kann. Ich werde Eure Vorschl�ge h�ren wollen. Wir m�ssen eine M�glichkeit finden, sie unauff�llig festzusetzen, und dann dem Saal beweisen, dass unser Tun gerechtfertigt war.�</p><p>�Das k�nnte gef�hrlich werden.� Siuan rieb sich das Kinn. �Ich hoffe, Ihr wisst, was Ihr da tut, Mutter.� Sie betonte das letzte Wort.</p><p>�Wenn ich mich irre, dann ist das meine Verantwortung�, sagte Egwene. �Aber das glaube ich nicht. Wie ich bereits sagte, es hat sich vieles getan.�</p><p>Siuan neigte den Kopf. �Seid Ihr noch immer eine Gefangene?�</p><p>�Nicht genau. Elaida hat �� Egwene hielt inne und runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht. �Egwene?�, fragte Siuan besorgt.</p><p>�Ich ��, setzte Egwene an und erschauderte dann. Etwas zog an ihrem Verstand und vernebelte ihn. Etwas � zog sie zur�ck. <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> verschwand, und Egwene schlug die Augen in ihrem Zimmer auf, wo Nicola hektisch an ihrem Arm r�ttelte. �Mutter�, rief sie. �Mutter!�</p><p>Das M�dchen hatte eine blutige Schramme auf der Wange. Egwene setzte sich ruckartig auf, und in diesem Augenblick erbebte die ganze Wei�e Burg wie durch eine Explosion. Nicola griff fester zu und schrie vor Angst auf.</p><p>�Was ist hier los?�, verlangte Egwene zu wissen.</p><p>�Es ist die Schattenbrut!�, rief Nicola. �Am Himmel, Schlangen, die Feuer und Gewebe der Einen Macht schleudern! Sie vernichten uns! Oh, Mutter. Tarmon Gai�don ist da!�</p><p>Einen Augenblick lang versp�rte Egwene eine tiefe, beinahe unkontrollierbare Panik. Tarmon Gai�don! Die Letzte Schlacht!</p><p>In der Ferne h�rte sie Schreie, gefolgt von den Rufen von Soldaten oder Beh�tern. Nein � nein, sie musste sich konzentrieren! Schlangen am Himmel. Schlangen, die die Eine Macht lenkten � oder mit Reitern, die die Eine Macht lenkten. Egwene warf die Decke zur Seite und sprang auf die F��e.</p><p>Das war nicht Tarmon Gai�don, aber es war beinahe genauso schlimm. Die Seanchaner griffen die Wei�e Burg an, genau wie sie es Getr�umt hatte.</p><p>Und sie konnte nicht einmal genug Macht lenken, um eine Kerze zu entz�nden, geschweige denn, um sich zu wehren.</p></section><section><title><p>40</p><p>Die Burg wankt</p></title><p>Ruckartig erwachte Siuan. Etwas stimmte nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Sie sprang f�rmlich von ihrer Pritsche. Unversehens kam eine dunkle Gestalt von der anderen Zeltseite heran, Stahl schabte gegen Stahl. Siuan erstarrte, umarmte reflexartig die Quelle und formte eine Lichtkugel.</p><p>Gareth Bryne stand aufmerksam da, die Klinge mit dem Reiher gezogen und bereit. Er trug nur seinen Lendenschurz, und sie musste sich davon abhalten, seinen muskul�sen K�rper anzustarren, der in viel besserer Form als bei den meisten nur halb so alten M�nnern war. �Was ist los?�, fragte er angespannt.</p><p>�Beim Licht!�, sagte Siuan. �Ihr schlaft mit Eurem Schwert?�</p><p>�Immer.�</p><p>� Egwene ist in Gefahr.�</p><p>�Was f�r eine Gefahr?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, musste sie zugeben. �Wir trafen uns, und pl�tzlich verschwand sie. Ich glaube � ich glaube, Elaida hat sich entschieden, sie hinzurichten. Oder hat sie zumindest aus ihrer Zelle geholt und � ihr etwas angetan.�</p><p>Bryne fragte nicht nach Einzelheiten. Er schob das Schwert einfach wieder in die Scheide zur�ck, dann schl�pfte er in Hosen und Hemd. Siuan trug noch immer ihren nun zerknitterten blauen Rock mit der Bluse - es war zur Gewohnheit geworden, sich nach den Begegnungen mit Egwene auszuziehen, sobald Bryne schlief.</p><p>Eine Unruhe suchte sie heim, die sie nicht genau erkl�ren konnte. Warum war sie nur so nerv�s? Es war nicht ungew�hnlich, dass Menschen geweckt wurden, w�hrend sie schliefen.</p><p>Aber die meisten Menschen waren auch nicht Egwene. Sie war eine Meisterin der Welt der Tr�ume. Wenn sie etwas unerwartet geweckt hatte, h�tte sie sich darum gek�mmert und w�re danach zur�ckgekehrt, um Siuan zu beruhigen. Aber das war nicht geschehen, obwohl Siuan scheinbar eine Ewigkeit gewartet hatte.</p><p>Bryne trat vor sie; nun trug er seine grauen Hosen und den Uniformmantel. Er kn�pfte den hohen Kragen zu; auf der linken Brustseite steckten drei Sterne, auf den Schultern goldene Epauletten.</p><p>Von drau�en rief eine hektische Stimme. �General Bryne! Mein Lord General!�</p><p>Bryne schenkte ihr noch einen Blick, dann wandte er sich dem Zelteingang zu. �Kommt rein!�</p><p>Ein jugendlicher Soldat mit ordentlich geschnittenem schwarzen Haar dr�ngte sich in das Zelt und salutierte fl�chtig. Er entschuldigte sich nicht f�r die sp�te St�rung - Brynes M�nner wussten, dass sich ihr General darauf verlie�, dass sie ihn falls n�tig weckten. �Mein Lord�, sagte der Mann. �Berichte von den Sp�hern. In der Stadt tut sich etwas.�</p><p>��Etwas�, Rijids?�, fragte Bryne.</p><p>�Die Sp�her sind sich nicht sicher, mein Lord�, sagte der Mann und verzog das Gesicht. �Der Himmel ist bew�lkt, die Nacht dunkel, und Ferngl�ser nutzen nicht viel. In der N�he der Burg wurden Lichtblitze gesehen, wie das Schauspiel von Illuminatoren. Dunkle Schatten in der Luft.�</p><p>�Schattengez�cht?�, fragte Bryne und verlie� eilig das Zelt. Der Soldat und Siuan mit ihrer Leuchtkugel folgten ihm. Vom Mond w�rde ohnehin kaum ein Splitter zu sehen sein, und mit den allgegenw�rtigen Wolken war es schwierig, �berhaupt etwas zu erkennen. Die Offizierszelte um sie herum waren schlummernde dunkle Erhebungen, und das einzig wirklich erkennbare Licht waren die Wachfeuer der W�chter am Palisadeneingang.</p><p>�Es k�nnte Schattengez�cht sein, mein Lord�, sagte der Soldat und trabte hinter Bryne her. �Geschichten berichten von Schattenkreaturen, die auf solche Weise fliegen. Die Sp�her sind sich jedoch nicht sicher, was sie da sehen. Aber die Lichtblitze gibt es auf jeden Fall.�</p><p>Bryne nickte und ging in Richtung der Wachfeuer. �Alarmiert die Nachtwache; ich will sie in R�stung und aufgesessen, nur f�r alle F�lle. Schickt L�ufer zu den Stadtbefestigungen. Und bringt mir mehr Informationen!�</p><p>�Ja, mein Lord.� Der Soldat salutierte und lief los.</p><p>Brynes Gesicht wurde von der �ber Siuans Hand schwebenden Leuchtkugel angestrahlt. �Schattengez�cht w�rde es nicht wagen, die Wei�e Burg anzugreifen�, sagte er. �Nicht ohne ausreichende Bodentruppen, und ich bezweifle doch sehr, dass sich hunderttausend Trollocs in der geringen Deckung dieses ebenen Gel�ndes verbergen. Also was geht hier verflucht noch mal vor?�</p><p>�Seanchaner�, sagte Siuan und sp�rte, wie sich ihr Magen zusammenzog. �Fischschei�e, Gareth! Das <emphasis>muss</emphasis> es sein. Egwene hat es prophezeit.�</p><p>Er nickte. �Ja. Einigen Ger�chten zufolge reiten sie auf Schattengez�cht.�</p><p>�Fliegende Bestien�, sagte Siuan, �kein Schattengez�cht. Egwene hat erz�hlt, dass man sie <emphasis>Raken</emphasis> nennt.�</p><p>Er warf ihr einen zweifelnden Blick zu, sagte aber blo�: �Warum sollten die Seanchaner so dumm sein, ohne zus�tzliche Bodentruppen anzugreifen?�</p><p>Siuan sch�ttelte den Kopf. Sie war immer von der Annahme ausgegangen, dass ein Angriff der Seanchaner auf die Wei�e Burg eine riesige Invasionsstreitmacht bedeutete, und Egwene hatte geglaubt, dass der Angriff noch Monate in der Zukunft lag. Beim Licht! Offensichtlich konnte auch Egwene sich irren.</p><p>Bryne wandte sich den Wachfeuern zu, die sich nun h�her in die Nacht erhoben und ihr Licht auf die Palisade warfen. Im Inneren der Pfahlmauer erhoben sich Offiziere und weckten die Nachbarszelte. Lampen und Laternen erwachten flackernd zum Leben.</p><p>�Nun, solange sie Tar Valon angreifen, sind sie nicht unser Problem. Wir m�ssen nur ��</p><p>�Ich hole sie raus�, sagte da Siuan und �berraschte sich selbst mit diesen Worten.</p><p>Bryne fuhr auf dem Absatz zu ihr herum und tauchte wieder in den Lichtschein ihrer Leuchtkugel. Auf seinem Kinn zeigten sich Bartstoppeln. �Was?�</p><p>�Egwene�, sagte Siuan. �Wir m�ssen sie dort herausholen. Das ist die perfekte Ablenkung, Gareth! Wir k�nnen dort reingehen und sie schnappen, ohne dass es jemand merkt.�</p><p>Er sah sie nur an.</p><p>�Was?�</p><p>�Ihr habt Euer Wort gegeben, sie nicht zu retten, Siuan.� Beim Licht, es f�hlte sich wirklich gut an, wenn er ihren Namen benutzte!</p><p><emphasis>Konzentration!,</emphasis> schalt sie sich. �Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie ist in Gefahr und braucht Hilfe.�</p><p>� Sie <emphasis>will</emphasis> unsere Hilfe aber nicht�, sagte Bryne streng. �Wir m�ssen uns darum k�mmern, dass unserer Streitmacht nichts geschieht. Die Amyrlin ist davon �berzeugt, dass sie allein zurechtkommt.�</p><p>�Das glaubte ich auch�, erwiderte Siuan. �Und seht, wohin mich das gebracht hat.� Sie sch�ttelte den Kopf und schaute zum fernen Turm von Tar Valon. Undeutlich konnte sie einen kurz aufflackernden Lichtblitz dort ausmachen. �Wenn Egwene von den Seanchanern spricht, dann erschaudert sie immer. Nur wenig kann sie ersch�ttern - nicht die Verlorenen und auch nicht der Wiedergeborene Drache. Gareth, Ihr habt ja keine Vorstellung, was die Seanchaner mit Frauen machen, die die Macht lenken k�nnen.� Sie erwiderte seinen Blick. �Wir m�ssen sie holen.�</p><p>�Damit will ich nichts zu tun haben�, sagte er stur.</p><p>�Auch gut�, fauchte Siuan. Dieser Narr! �Dann k�mmert Euch um Eure M�nner. Ich glaube, ich wei�, wer mir helfen wird.� Und sie ging los, zu einem Zelt innerhalb der Palisade.</p><empty-line/><p>Egwene st�tzte sich an der Korridorwand ab, als der Turm erneut erbebte. Die Steine selbst erzitterten. M�rtel regnete von der Decke, eine Fliese fiel von der Wand und zersplitterte zu tausend Scherben. Nicola schrie auf und klammerte sich an Egwene fest.</p><p>�Der Dunkle K�nig!�, kreischte sie. �Die Letzte Schlacht! Sie ist da! �</p><p>�Nicola!�, fauchte Egwene und richtete sich wieder auf. �Beherrscht Euch. Das ist nicht die Letzte Schlacht. Das sind die Seanchaner.�</p><p>�Die Seanchaner?�, stammelte Nicola. �Aber ich habe immer geglaubt, sie w�ren blo� ein Ger�cht!�</p><p><emphasis>Alberne G�re,</emphasis> dachte Egwene und eilte in einen Seitengang hinein. Nicola rannte mit ihrer Lampe hinter ihr her. Egwene hatte sich richtig erinnert, und der n�chste Korridor befand sich an der Ecke des Turms und wies ein Fenster auf. Sie bedeutete Nicola, sich an die Wand zu dr�cken, dann riskierte sie einen Blick in die Dunkelheit hinaus;</p><p>Wie erwartet schwebten dunkle gefl�gelte Schatten am Himmel. Sie waren zu gro� f�r <emphasis>Raken.</emphasis> Also <emphasis>To�raken.</emphasis> Sie schossen in die Tiefe; um sie herum wirbelten Gewebe, die f�r Egwenes Augen pulsierend leuchteten. Feuerblitze bildeten sich und erhellten weibliche Paare, die auf den R�cken der <emphasis>To�raken</emphasis> ritten. <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Sul�dam.</emphasis></p><p>Die beiden Fl�gel des Turms brannten teilweise lichterloh, und zu ihrem Entsetzen entdeckte Egwene im Turm selbst mehrere klaffende L�cher. <emphasis>To�raken</emphasis> klammerten sich wie Flederm�use am Mauerwerk fest und entluden Soldaten und <emphasis>Damane</emphasis> in das Geb�ude. Egwene sah zu, wie sich ein <emphasis>To�raken</emphasis> vom Turm l�ste; die H�he erlaubte ihm, auf den normalen Startanlauf verzichten zu k�nnen. Die Kreatur war nicht so anmutig wie die kleineren <emphasis>Raken,</emphasis> aber ihr Reiter lenkte sie meisterhaft zur�ck in den Himmel. Sie flog direkt an Egwenes Fenster vorbei und lie� ihr Haar flattern. Leise Schreie waren zu vernehmen, als sie vorbeisauste. Entsetzte Schreie.</p><p>Es handelte sich gar nicht um einen Vernichtungsangriff - es war ein Raubzug! Ein Raubzug, um <emphasis>Marath�damane</emphasis> gefangen zu nehmen! Egwene zuckte zur Seite, als ein Feuersto� am Fenster vorbeischoss und ein kurzes St�ck weiter die Mauer traf. Stein br�ckelte, der Turm der Wei�en Burg bebte. Staub und Rauch wallten in einen Nebenkorridor.</p><p>Gleich w�rden Soldaten folgen. Soldaten und <emphasis>Sul�dam.</emphasis> Mit diesen Leinen. Egwene erschauderte und schlang die Arme um den K�rper. Das k�hle, fugenlose Metall. Die �belkeit, die Erniedrigung, die Panik, die Verzweiflung und - sch�ndliche - Schuld, ihrer Herrin nicht nach besten Kr�ften geholfen zu haben. Sie erinnerte sich an die heimgesuchte Miene einer Aes Sedai, deren Willen gebrochen wurde. Aber vor allem erinnerte sie sich an ihr eigenes Entsetzen.</p><p>Das Entsetzen der Erkenntnis, dass sie irgendwann genau wie die anderen sein w�rde. Nur eine weitere Sklavin, deren Gl�ck darin bestand, dienen zu d�rfen.</p><p>Die Burg wankte. In fernen Korridoren blitzte Feuer auf, begleitet von Rufen und Verzweiflungsschreien. Sie konnte Rauch riechen. Oh, beim Licht! Geschah das hier wirklich? Sie w�rde nicht zu ihnen zur�ckkehren. Sie w�rde sich nicht wieder von ihnen an die Leine legen lassen. Sie musste fliehen! Sie musste sich verstecken, fliehen, entkommen �</p><p>Nein!</p><p>Sie richtete sich auf.</p><p>Nein, sie w�rde nicht fliehen. Sie war die Amyrlin.</p><p>Nicola dr�ckte sich wimmernd an die Wand. �Sie kommen, um uns zu holen�, fl�sterte sie. �O beim Licht, sie kommen!�</p><p>�Sollen sie doch kommen!�, br�llte Egwene und �ffnete sich der Quelle. Gl�cklicherweise war genug Zeit vergangen, um die Wirkung der Spaltwurzel zu verringern, und sie konnte ein Rinnsal der Macht ergreifen. Es war winzig, vielleicht die geringste Menge an Macht, die sie je gelenkt hatte.</p><p>Damit w�rde sie nicht einmal einen Strang Luft weben k�nnen, um ein Blatt Papier zu verschieben. Aber es w�rde reichen. Es w�rde reichen m�ssen. �Wir werden k�mpfen!�</p><p>Nicola schaute zu ihr auf und schniefte. �Ihr k�nnt kaum die Macht lenken, Mutter!�, schluchzte sie. �Das sehe ich doch. Wie k�nnen nicht gegen sie k�mpfen!�</p><p>�Wir k�nnen und wir werden�, erwiderte Egwene energisch. �Nicola, steht auf! Ihr seid eine Novizin der Wei�en Burg und keine ver�ngstigte Milchmagd.�</p><p>Das M�dchen schaute auf.</p><p>�Ich werde Euch besch�tzen�, sagte Egwene. �Das verspreche ich Euch.�</p><p>Das M�dchen schien Mut zu fassen und erhob sich. Egwene schaute zu der Stelle in dem Korridor, wo der Blitz eingeschlagen war. Dort war alles dunkel und die Wandlampen erloschen, aber sie glaubte sich bewegende Schatten zu sehen. Sie w�rden kommen, und sie w�rden jede Frau anleinen, die sie fanden.</p><p>Egwene wandte sich in die andere Richtung. Dort ert�nten noch immer leise Schreie. Die gleichen, die sie beim Aufwachen geh�rt hatte. Sie hatte keine Ahnung, wohin ihre W�chterin verschwunden war, und es war ihr auch egal.</p><p>�Kommt�, sagte sie und setzte sich in Bewegung, hielt sich an der winzigen Menge Macht fest, wie sich eine Ertrinkende an einem Rettungsseil festklammert. Nicola folgte ihr; zwar schluchzte sie noch immer, aber sie kam. Augenblicke sp�ter entdeckte Egwene das, was sie zu finden gehofft hatte. Der Korridor war voller M�dchen, einige in ihren wei�en Kleidern, andere in Nachthemden. Die Novizinnen dr�ngten sich eng aneinander, und viele schrien bei jedem Treffer auf, der den Turm der Wei�en Burg erzittern lie�. Vermutlich w�nschten sie sich verzweifelt, unten zu sein, wo sich die Novizinnenquartiere fr�her befunden hatten.</p><p>�Die Amyrlin!�, riefen einige aus, als Egwene den Korridor betrat. Sie waren ein trauriger Haufen, angeleuchtet von Kerzen in ver�ngstigten H�nden. Ihre Fragen �berschlugen sich, erbl�hten wie Holzschimmelpilze im Fr�hling.</p><p>� Was geschieht hier?�</p><p>�Werden wir angegriffen?�</p><p>�Ist es der Dunkle K�nig?�</p><p>Egwene hob die H�nde, und gl�cklicherweise verstummten die M�dchen. �Die Wei�e Burg wird von den Seanchanern angegriffen�, sagte sie mit ruhiger Stimme. �Sie sind gekommen, um die Frauen gefangen zu nehmen, die die Macht lenken k�nnen; ihnen stehen M�glichkeiten offen, diese Frau dazu zu zwingen, ihnen zu dienen. Es ist nicht die Letzte Schlacht, aber wir schweben in h�chster Gefahr. Ich habe nicht vor, sie auch nur eine einzige von euch mitnehmen zu lassen. Ihr geh�rt mir.�</p><p>Die M�dchen schauten sie an, voller Hoffnung und Nervosit�t. Es waren ungef�hr f�nfzig, vielleicht auch mehr. Es w�rde reichen m�ssen.</p><p>�Nicola, fasmen, Yeteri, Inala�, sagte Egwene und wandte sich an einige der St�rkeren unter den Novizinnen. �Tretet vor. Der Rest von euch passt jetzt genau auf. Ich werde euch jetzt etwas beibringen.�</p><p>�Was denn, Mutter?�, fragte eines der M�dchen.</p><p><emphasis>Hoffentlich funktioniert das,</emphasis> dachte Egwene. �Ich werde euch beibringen, wie man sich miteinander verkn�pft.�</p><p>Einige keuchten auf. Das war nichts, was man Novizinnen lehrte, aber Egwene wollte daf�r sorgen, dass die <emphasis>Sul�dam</emphasis> in den Novizinnenquartieren keine leichte Beute fanden!</p><p>Die Methode zu lehren nahm eine Besorgnis erregende Zeitspanne in Anspruch, und jeder Augenblick wurde von weiteren Ersch�tterungen und neuen Schreien zerrissen. Die Novizinnen hatten Angst, und das erschwerte es einigen von ihnen, die Quelle zu umarmen, geschweige denn eine neue Technik zu lernen. Was Egwene nach nur wenigen Versuchen gemeistert hatte, dazu brauchten die Novizinnen f�nf angsterf�llte Minuten.</p><p>Nicola war eine Hilfe - ihr hatte man schon in Salidar beigebracht, wie man eine Verkn�pfung herstellte -, und sie konnte bei der Demonstration helfen. Egwene erschuf mit ihr einen Zirkel. Die junge Novizin �ffnete sich der Quelle, ergab sich ihr aber nicht ganz, sondern lie� Egwene �ber sie die Macht in sich aufnehmen. Es funktionierte! Egwene versp�rte ein wildes Hochgef�hl, als die Eine Macht, die man ihr viel zu lange in vern�nftiger Menge vorenthalten hatte, in sie hineinstr�mte! Wie s�� sie doch war! Die Welt um sie herum war viel lebendiger, Ger�usche viel pr�gnanter, Farben viel leuchtender.</p><p>Der Kitzel lie� sie l�cheln. Sie konnte Nicola sp�ren, ihre Angst und ihre �bersch�umenden Gef�hle. Egwene hatte an genug Zirkeln teilgenommen, um zu wissen, wie sie sich von Nicola abgrenzen musste, aber sie erinnerte sich, wie sie sich beim ersten Mal in etwas viel Gr��eres als sie selbst hineingerissen gef�hlt hatte.</p><p>Es bedurfte einer bestimmten Fertigkeit, sich f�r einen Zirkel zu �ffnen. Es war nicht immens schwierig, aber sie hatten nicht viel Zeit. Gl�cklicherweise begriffen es die ersten M�dchen bald. Yeteri, eine zierliche Blondine, die noch immer ihr Nachthemd trug, war die Erste. Kurz darauf konnte es auch Inala, eine schlanke Domani. Begierig bildete Egwene zusammen mit Nicola und den anderen beiden Novizinnen einen Zirkel. Macht str�mte in sie hinein.</p><p>Als N�chstes lie� sie die anderen �ben. Aus Unterhaltungen mit den Novizinnen w�hrend ihres Aufenthalts in der Burg hatte sie eine gewisse Vorstellung, wer von ihnen am geschicktesten mit Geweben und wer am vern�nftigsten war. Das waren nicht immer die St�rksten, aber das w�rde auch keine Rolle spielen, solange ein Zirkel sie unterst�tzte. Eilig teilte Egwene sie zu Gruppen ein und erkl�rte, wie man durch eine Verkn�pfung auf die Quelle zugriff. Mit etwas Gl�ck w�rden zumindest einige von ihnen es kapieren.</p><p>Am wichtigsten war f�r Egwene, dass sie jetzt Zugriff auf die Macht hatte. Eine ordentliche Menge, beinahe genauso viel, wie sie normalerweise gew�hnt war - ohne Spaltwurzel. Sie l�chelte voller Vorfreude und fing an zu weben, und die Komplexit�t ihrer Gewebe lie� einige der M�dchen vor Ehrfurcht staunen. �Was ihr hier seht, ist etwas, das ihr <emphasis>nicht</emphasis> ausprobieren werdet�, warnte Egwene, �nicht einmal jene von euch, die die Zirkel anf�hren. Das ist viel zu schwierig und gef�hrlich.�</p><p>Ein Strich Licht spaltete die Luft am Ende des Korridors und rotierte. Egwene hoffte, dass sich das Wegetor am richtigen Ort �ffnete; sie richtete sich nach Siuans Schilderung, die etwas oberfl�chlich gewesen war; allerdings hatte sie ja auch noch Elaynes urspr�ngliche Ortsbeschreibung.</p><p>�Au�erdem�, fuhr sie streng fort, �werdet ihr dieses Gewebe vor <emphasis>niemandem</emphasis> ohne meine ausdr�ckliche Erlaubnis wiederholen, nicht einmal vor anderen Aes Sedai.� Allerdings bezweifelte sie, dass es �berhaupt ein Problem sein w�rde, denn das Gewebe war sehr kompliziert, und nur wenige Novizinnen w�rden bereits die F�higkeiten haben, es zu wiederholen.</p><p>� Mutter?�, quiekte ein M�dchen namens Tamala. � Ergreift Ihr die Flucht?� In ihrer Stimme lag Angst, aber vor allem die Hoffnung, dass Egwene sie in diesem Fall mitnahm.</p><p>�Nein�, erwiderte Egwene energisch. �Ich komme sofort wieder zur�ck. Und wenn ich zur�ckkomme, will ich mindestens f�nf gute fertige Zirkel sehen!�</p><p>Und mit Nicola und den anderen beiden M�dchen im Schlepptau trat Egwene durch das Wegetor in einen dunklen Raum. Sie webte eine Lichtkugel, und die Helligkeit enth�llte ein Lager mit Regalen an den W�nden. Erleichtert seufzte sie. Sie hatte den richtigen Ort gefunden.</p><p>Die Regale waren mit seltsam geformten Gegenst�nden gef�llt. Kristallkugeln, kleine exotische Statuetten, hier ein gl�serner Anh�nger, der das Licht blau widerspiegelte, dort ein umfangreicher Satz metallene Handschuhe, deren Manschetten mit Feuertropfen geschm�ckt waren. Egwene ging los und lie� die drei Novizinnen mit staunenden Blicken zur�ck. Vermutlich konnten sie sp�ren, was Egwene bereits wusste - das waren Gegenst�nde der Einen Macht. <emphasis>Ter �angreale, Angreale, Sa�angreale.</emphasis> Relikte aus dem Zeitalter der Legenden.</p><p>Egwene lie� den Blick �ber die Regalreihen schweifen. Gegenst�nde der Macht waren ber�chtigt daf�r, sich nur unter gro�en Gefahren benutzen zu lassen, wenn man nicht genau wusste, was sie vollbringen konnten, feder Einzelne dieser Gegenst�nde konnte sie umbringen. Wenn sie doch nur �</p><p>Mit einem breiten L�cheln trat sie an ein Regal und nahm ein wei�es, gerilltes Zepter von der L�nge ihres Unterarms vom obersten Brett. Sie hatte es gefunden! And�chtig hielt sie es einen Augenblick lang, dann griff sie durch es hindurch nach der Einen Macht. Eine unfassbare, beinahe �berw�ltigende Flut str�mte in sie hinein.</p><p>Yeteri keuchte deutlich h�rbar, als sie es sp�rte. Nur wenige Frauen hatten jemals so viel Macht gehalten. Wie ein tiefer Atemzug fuhr sie in Egwene hinein. Entfachte in ihr das Verlangen, wie ein L�we zu br�llen. Mit einem breiten Grinsen schaute sie die drei Novizinnen an. <emphasis>�Jetzt</emphasis> sind wir bereit!�, verk�ndete sie.</p><p>Sollten die <emphasis>Sul�dam</emphasis> nur versuchen, sie abzuschirmen, solange sie eines der m�chtigsten <emphasis>Sa�angreale</emphasis> hielt, die die Aes Sedai besa�en. Solange sie die Amyrlin war, w�rde die Wei�e Burg nicht fallen! Nicht ohne einen Kampf wie die Letzte Schlacht selbst.</p><empty-line/><p>Siuan fand Gawyns Zelt hell erleuchtet vor; Schatten zuckten bei jeder Bewegung des Mannes �ber die W�nde. Sein Zelt stand verd�chtig nah an dem Wachtposten; er durfte innerhalb der Palisaden wohnen, vermutlich, damit Bryne - und die W�chter - ihn im Auge behalten konnten.</p><p>Bryne, der nun einmal der sture Teufelsfisch war, der er war, war nat�rlich nicht zu seinen M�nnern gegangen, wie sie ihm befohlen hatte. Stattdessen war er ihr fluchend gefolgt und hatte dabei nach seinen Offizieren gerufen, statt sie am Posten zu treffen. Als sie vor dem Zelt des jungen Gawyn stehen blieb, trat er an ihre Seite, die Hand auf dem Schwertgriff. Ungehalten sah er sie an. Nun ja. Sie w�rde sich bestimmt nicht von ihm vorschreiben lassen, wie sie sich ehrenvoll zu verhalten hatte! Sie w�rde tun, was ihr gefiel.</p><p>Auch wenn Egwene sp�ter sehr, sehr w�tend auf sie sein w�rde. <emphasis>Am Ende wird sie mir daf�r danken,</emphasis> dachte Siuan. �Gawyn!�, br�llte sie.</p><p>Der ansehnliche junge Mann kam h�pfend aus dem Zelt geschossen, weil er seinen linken Stiefel noch nicht richtig anhatte. In der Hand hielt er das in der Scheide steckende Schwert, der Schwertg�rtel an der Taille sa� noch nicht richtig. �Was ist los?�, fragte er und sah sich im Lager um. �Ich habe Rufe geh�rt. Werden wir angegriffen?�</p><p>�Nein�, erwiderte Siuan. �Aber vermutlich Tar Valon.�</p><p>�Egwene!�, rief Gawyn und f�delte eilig den G�rtel durch die letzten Schlaufen. Beim Licht, der junge kannte wirklich nur ein Thema.</p><p>Siuan verschr�nkte die Arme, �junge, ich stehe in Eurer Schuld, weil Ihr mich aus Tar Valon herausgeholt habt. Wenn ich Euch dabei helfe, nach Tar Valon hineinzukommen, sind wir dann quitt?�</p><p>�Auf jeden Fall�, erwiderte Gawyn begierig und hakte das Schwert fest. �Da bekommt Ihr sogar noch etwas heraus!�</p><p>Sie nickte. �Dann besorgt uns Pferde. Nur f�r uns beide.�</p><p>�Ich riskiere es�, sagte Gawyn. �Endlich!�</p><p>�Das ist hirnverbrannt, daf�r kriegt Ihr meine Pferde nicht!�, sagte Bryne streng.</p><p>Siuan ignorierte ihn. �In den St�llen sind Pferde, die den Aes Sedai geh�ren, Gawyn�, sagte sie. �Holt mir eines von ihnen. Aber ein sanftes Tier. Ein sehr, sehr sanftes Tier.�</p><p>Gawyn nickte und rannte in die Nacht. Siuan folgte ihm viel langsamer und schmiedete Pl�ne. Das w�re alles so viel einfacher gewesen, h�tte sie ein Wegetor erschaffen k�nnen, aber daf�r war sie nicht stark genug in der Macht. Vor ihrer D�mpfung war sie das durchaus gewesen, aber sich zu w�nschen, dass die Dinge anders waren, war ungef�hr so n�tzlich wie der Wunsch, dass der gefangene Silberhecht stattdessen eine Forelle war. Man verkaufte, was man hatte, und war zufrieden und gl�cklich, �berhaupt etwas gefangen zu haben.</p><p>Bryne ging neben ihr her. Konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? �Siuan�, sagte er leise. �H�rt doch zu. Das ist Wahnsinn! Wie wollt Ihr �berhaupt dort hineingelangen?�</p><p>�Shemerin ist ja auch hinausgekommen.�</p><p>�Das war aber vor der Belagerung.� Bryne klang richtig verzweifelt, �jetzt ist der Ort viel besser bewacht.�</p><p>Siuan sch�ttelte den Kopf. � Shemerin wurde st�ndig �berwacht. Sie ist durch ein Wassertor hinaus; ich wette, es ist immer noch unbewacht. Ich habe nie davon geh�rt, und ich war die Aymrlin. Ich besitze einen Plan, auf dem das Tor markiert ist.�</p><p>Bryne z�gerte. Dann verh�rtete sich seine Miene. �Das spielt keine Rolle. Allein habt ihr beiden trotzdem keine Chance.�</p><p>�Dann begleitet uns�, sagte Siuan.</p><p>�Ich werde keinen Anteil daran haben, dass Ihr schon wieder Eure Eide brecht.�</p><p>� Egwene sagte, dass wir etwas unternehmen k�nnten, wenn es den Anschein hat, dass sie in Gefahr schwebt, hingerichtet zu werden�, sagte Siuan. �Sie hat mir gesagt, dass sie sich dann von uns retten lassen wird! Nun, so wie sie heute Abend bei unserem Treffen verschwunden ist, neige ich zu der Annahme, dass sie in Gefahr schwebt.�</p><p>�Aber daran ist nicht Elaida schuld, sondern die Seanchaner!�</p><p>�Das wissen wir doch gar nicht genau.�</p><p>�Unwissenheit ist keine Entschuldigung�, sagte Bryne streng und trat n�her an sie heran. �Ihr seid viel zu schnell mit dem Eidbruch bei der Hand, Siuan, und ich will nicht, dass Euch das zur Gewohnheit wird. Ob Aes Sedai oder nicht, ob ehemalige Amyrlin oder nicht, Menschen m�ssen <emphasis>Regeln</emphasis> und <emphasis>Grenzen</emphasis> haben. Ganz davon zu schweigen, dass Euch dieser Versuch vermutlich umbringen wird!�</p><p>�Und werdet Ihr mich aufhalten?� Sie hielt noch immer die Quelle umarmt. �Glaubt Ihr, Ihr schafft das?�</p><p>Er knirschte mit den Z�hnen, aber er erwiderte nichts darauf. Siuan drehte sich um und lie� ihn stehen, ging direkt auf die Feuer am Palisadentor zu.</p><p>�Verdammte Frau�, sagte Bryne hinter ihr. �Ihr werdet noch mein Tod sein.�</p><p>Sie drehte sich um und hob eine Braue.</p><p>�Ich komme ja schon�, rief er und umklammerte den Griff seines Schwertes. Er bot einen imposanten Anblick; die scharfen Falten seines Mantels passten zu seiner erstarrten Miene. �Aber es gibt zwei Bedingungen.�</p><p>�Nennt sie mir�, sagte sie.</p><p>�Zuerst geht Ihr mit mir den Beh�terbund ein.�</p><p>Siuan starrte ihn an. Er wollte � beim Licht! Bryne wollte ihr Beh�ter sein? Aufregung durchflutete sie wie eine Woge.</p><p>Aber sie hatte nie daran gedacht, sich einen neuen Beh�ter zu nehmen, nicht seit Alrics Tod. Sein Verlust war eine schreckliche Erfahrung gewesen. Wollte sie das Risiko eingehen, das noch einmal zu erleben?</p><p>Andererseits, konnte sie die Gelegenheit verstreichen lassen, dass sich dieser Mann mit ihr verband, dass sie seine Gef�hle wahrnahm und ihn an ihrer Seite wusste? Nach allem, wovon sie getr�umt und was sie sich gew�nscht hatte?</p><p>Von einem ehrfurchtsvollen Gef�hl ergriffen, ging sie zu Bryne zur�ck, dann legte sie ihm die Hand auf die Brust, webte die erforderlichen Gewebe aus Geist und h�llte ihn damit ein. Er keuchte auf, als ein neues Bewusstsein in ihnen beiden erbl�hte, eine neue Verbindung. Sie konnte seine Gef�hle wahrnehmen, seine ungeahnt tiefe Sorge um sie sp�ren. Sie stand weit �ber seiner Sorge um Egwene, oder die Sorge um seine Soldaten! <emphasis>Oh, Gareth,</emphasis> dachte sie und wurde sich bewusst, wie die S��e seiner Liebe sie l�cheln lie�.</p><p>�Ich habe mich immer gefragt, wie sich das anf�hlen w�rde�, sagte Bryne und ballte im Fackelschein mehrmals die Faust. Er klang erstaunt. �K�nnte ich das doch an jeden Mann in meinem Heer weitergeben!�</p><p>Siuan schnaubte. �Ich bezweifle doch sehr, dass das ihren Frauen und Familien gefallen w�rde.�</p><p>�Das w�rde es, wenn es die Soldaten am Leben erh�lt�, erwiderte Bryne. �Ich k�nnte tausend Meilen laufen, ohne einmal nach Luft zu schnappen. Ich k�nnte gegen hundert Gegner auf einmal antreten und sie alle auslachen.�</p><p>Sie verdrehte die Augen. M�nner! Da hatte sie ihm eine zutiefst pers�nliche und gef�hlsm��ige Verbindung mit einem anderen Menschen gegeben - eine Verbindung, wie sie nicht einmal Eheleute erfuhren -, und er konnte blo� daran denken, wie sehr sich doch sein Geschick im Schwertkampf verbessert haben w�rde!</p><p>� Siuan!�, rief da eine Stimme. � Siuan Sanche!�</p><p>Gawyn ritt auf einem schwarzen Wallach heran. Neben ihm trottete ein weiteres Pferd - eine zottelige braune Stute. �Bela!�, rief Siuan aus.</p><p>�Ist sie geeignet?�, erkundigte sich Gawyn und klang leicht au�er Atem. �Bela war einst Egwenes Pferd, das wei� ich noch, und der Stallmeister meinte, sie sei das sanfteste Tier, das er hat.�</p><p>�Sie wird reichen�, meinte Siuan und wandte sich wieder Bryne zu. �Ihr sagtet etwas von zwei Bedingungen?�</p><p>�Die zweite erkl�re ich Euch sp�ter.� Bryne klang noch immer etwas atemlos.</p><p>Siuan verschr�nkte die Arme. �Das klingt ziemlich mehrdeutig. Ich gebe nicht gern Versprechen, von denen ich nicht wei�, worum es dabei geht.�</p><p>�Nun, Ihr m�sst Euch trotzdem darauf einlassen.� Bryne erwiderte ihren Blick.</p><p>�Sch�n, aber es sollte sich besser um nichts Unanst�ndiges handeln, Gareth Bryne.�</p><p>Er runzelte die Stirn.</p><p>�Was?�</p><p>�Es ist seltsam�, meinte er und musste l�cheln. �Ich habe nun Anteil an Euren Gef�hlen. Zum Beispiel kann ich mit Sicherheit sagen, dass �� Er unterbrach sich, und sie konnte seine Verlegenheit f�hlen.</p><p><emphasis>Er wei�, dass ein Teil von mir</emphasis> will, <emphasis>dass er etwas Unanst�ndiges verlangt!,</emphasis> erkannte Siuan entsetzt. <emphasis>Verdammte Asche!</emphasis></p><p>Sie f�hlte, wie sie err�tete. Das w�rde doch reichlich unbequem werden. �Ach, beim gesegneten Licht � ich stimme Euren Bedingungen zu, Ihr Schurke. Und jetzt bewegt Euch! Wir m�ssen los.�</p><p>Er nickte. �Ich muss nur noch meinen Hauptleuten befehlen, die Sache in die H�nde zu nehmen, falls sich der Kampf aus der Stadt heraus verlagert. Eine Abteilung meiner besten hundert M�nner bringe ich mit. Die sollten wir reinbekommen, vorausgesetzt, dieses Tor ist passierbar.�</p><p>�Das wird es�, sagte sie. �Geht!�</p><p>Da salutierte er doch tats�chlich mit unbewegter Miene vor ihr, aber ihr entging nicht sein innerliches Grinsen - und vermutlich wusste er das genau. Dieser Schuft! Sie wandte sich Gawyn zu, der auf seinem Wallach sa� und anscheinend nichts begriff.</p><p>�Worum geht es hier eigentlich?�, wollte er wissen.</p><p>�Wir m�ssen nicht allein gehen.� Siuan holte tief Luft, st�hlte sich und kletterte in Belas Sattel. Pferden konnte man nicht vertrauen, nicht einmal Bela, auch wenn sie besser als die meisten war. �Das bedeutet, dass unsere Chancen, lange genug am Leben zu bleiben, um Egwene zu holen, gerade betr�chtlich gestiegen sind. Was gut ist, denn nach unserer tollk�hnen Aktion wird sie zweifellos das Privileg haben wollen, uns pers�nlich umzubringen.�</p><empty-line/><p>Adelorna Bastine rannte durch die G�nge der Wei�en Burg. Dieses eine Mal bereute sie die erh�hte Wahrnehmung, die die Macht mit sich brachte. Ger�che erschienen ihr viel ausgepr�gter, aber alles, was sie roch, war brennendes Holz und sterbendes Fleisch. Die Farben waren lebhafter, doch alles, was sie sah, war geborstener Stein, wo Feuerb�lle getroffen hatten. Laute waren sch�rfer, aber alles, was sie h�rte, waren Schreie, Fl�che und das heisere Bellen dieser schrecklichen Kreaturen in der Luft.</p><p>Ihr Atem ging sto�weise, als sie einen dunklen Korridor entlang eilte. An einer Kreuzung blieb sie stehen, legte eine Hand auf die Brust. Sie musste den Widerstand finden. Beim Licht, sie konnten doch nicht alle gefallen sein, oder doch? Eine Abteilung Gr�ne hatte an ihrer Seite gek�mpft. Sie hatte fosaine sterben sehen, als ein Gewebe aus Erde die Wand neben ihr vernichtet hatte, und sie hatte gesehen, wie man Marthera mit einer Art metallenen Leine um den Hals gefangen hatte. Adelorna wusste nicht, <emphasis>wo</emphasis> ihre Beh�ter waren. Einer war verletzt. Einer lebte. Der Letzte � sie wollte nicht daran denken. Mochte das Licht daf�r sorgen, dass sie zumindest bald den verletzten Talric erreichte.</p><p>Sie wischte sich Blut von der Stirn, wo sie ein Steinsplitter getroffen hatte. Da waren so viele Eindringlinge mit ihren seltsamen Helmen und den Frauen, die man als Waffe benutzte. Und sie waren so geschickt mit diesen t�dlichen Geweben! Adelorna versp�rte eine tiefe Scham. Die Kampf-Ajah, von wegen! Die Gr�nen an ihrer Seite hatten nur wenige Minuten durchgehalten, bevor sie besiegt wurden.</p><p>Schwer atmend setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie blieb dem �u�eren Rand des Turms fern, wo sich die Invasoren am ehesten aufhielten. Hatte sie ihre Verfolger absch�tteln k�nnen? Wo war sie �berhaupt? Auf der zweiundzwanzigsten Ebene? Sie wusste nicht mehr, wie viele Treppen sie auf ihrer Flucht passiert hatte.</p><p>Da erstarrte sie; rechts von ihr lenkte jemand die Macht. Das konnte Angreifer bedeuten, aber auch Schwestern. Sie z�gerte, knirschte mit den Z�hnen. Sie war Generalhauptmann der Gr�nen Ajah! Sie konnte nicht einfach weglaufen und sich verstecken.</p><p>Fackelschein flackerte aus dem fraglichen Durchgang, begleitet von den unheilverk�ndenden Schatten von M�nnern in seltsamen R�stungen. Eine Abteilung Eindringlinge eilte um die Ecke, begleitet von zwei Frauen, die Sorte, die eine Leine miteinander verband. Ohne es zu wollen, stie� Adelorna einen leisen Schrei aus und rannte los, so schnell ihre F��e sie trugen. Eine Abschirmung bedr�ngte sie, aber sie hielt <emphasis>Saidar</emphasis> zu fest umklammert, und sie konnten sie nicht richtig erfassen, bevor sie um eine Ecke bog. Keuchend und wie benommen floh sie weiter.</p><p>Die n�chste Ecke, und beinahe rannte sie aus einem Loch in der Au�enwand. Am Abgrund schwankend, schaute sie auf einen Himmel voller schrecklicher Ungeheuer und Feuerblitze. Mit einem Aufschrei warf sie sich von der �ffnung zur�ck. Rechts von ihr �bers�ten Steintr�mmer den Boden. Sie stolperte �ber das Ger�ll. Der Korridor f�hrte in diese Richtung weiter! Sie musste�</p><p>Eine Abschirmung schob sich wuchtig zwischen sie und die Quelle, und dieses Mal rastete sie ein. Adelorna keuchte auf und ging taumelnd zu Boden. Man konnte sie nicht gefangen nehmen! Man w�rde sie nicht gefangen nehmen! Alles, nur das nicht!</p><p>Sie schleppte sich weiter, aber ein Strom Luft schlang sich um ihren Kn�chel und schleifte sie zur�ck �ber die zerbrochenen Fliesen. Nein! Man zerrte sie direkt zu den Soldaten, die jetzt von zwei mit Leinen verbundenen Frauenpaaren begleitet wurden, jedes Paar bestand aus einer Frau in einem grauen und einer in einem roten und blauen Kleid, das ein Blitzmuster aufwies.</p><p>Eine weitere Frau in Rot und Blau kam auf sie zu. In den H�nden hielt sie etwas Silbriges. Adelorna schrie fassungslos auf, stemmte sich gegen die Abschirmung. Die Frau ging in aller Ruhe auf die Knie und lie� einen Silberkragen um Adelornas Hals zuschnappen.</p><p>Das konnte nicht geschehen! Das <emphasis>durfte</emphasis> nicht geschehen!</p><p>�Ah, sehr sch�n�, sagte die Frau in einem schleppenden Akzent. �Ich hei�e Gregana, und du wirst Sivi sein. Sivi wird eine gute <emphasis>Damane</emphasis> sein. Das erkenne ich sofort. Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet, Sivi.�</p><p>�Nein�, wisperte Adelorna.</p><p>�Ja.� Gregana l�chelte zufrieden.</p><p>Und dann l�ste sich der Kragen v�llig unerwartet von Adelornas Hals und fiel zu Boden. Einen Augenblick lang sah Gregana v�llig verbl�fft aus, bevor sie ein Feuerball verschlang.</p><p>Adelorna riss die Augen weit auf und wich vor der pl�tzlichen Hitze zur�ck. Vor ihr sackte eine Leiche in einem roten und blauen Kleid qualmend und nach verbranntem Fleisch stinkend zu Boden. Erst da wurde sich Adelorna einer au�erordentlich m�chtigen Quelle der Macht hinter ihr bewusst.</p><p>Die Eindringlinge schrien auf, die Frauen in Grau webten Abschirmungen. Das erwies sich als Fehler, denn ihre Leinen l�sten sich, als peitschende Str�me aus Luft ihre Verschl�sse mit gauklerhafter Geschicklichkeit �ffneten. Einen Herzschlag sp�ter verschwand eine der Frauen in Rot und Blau in einem Lichtblitz, w�hrend die andere von Flammenzungen eingeh�llt wurde, und zwar mit einer Schnelligkeit, die an zubei�ende Schlangen erinnerte. Sie starb schreiend, und ein Soldat rief etwas. Offensichtlich handelte es sich um einen R�ckzugsbefehl, denn die Soldaten ergriffen die Flucht und lie�en die beiden Frauen zur�ck, die von den Str�men aus Luft von ihren Leinen befreit worden und jetzt v�llig ver�ngstigt waren.</p><p>Z�gernd drehte sich Adelorna um. Ein paar Schritte entfernt stand eine Frau in Wei� auf dem Schutthaufen, umgeben von einer gewaltigen Aura der Macht, den Arm in Richtung der fl�chtenden Soldaten ausgestreckt. Ihr Blick war wild. Die Frau stand da wie die personifizierte Vergeltung, eingeh�llt in einen Sturm aus <emphasis>Saidars</emphasis> Macht. Die Luft selbst schien zu leuchten, und ihr braunes Haar flatterte im Wind, der durch die Mauerl�cke strich. Egwene al�Vere.</p><p>�Schnell�, sagte Egwene. Eine Gruppe Novizinnen kletterte �ber das Ger�ll und half Adelorna wieder auf die F��e. Erstaunt stand sie da. Sie war frei! Andere Novizinnen eilten los und ergriffen die beiden von der Leine befreiten Frauen in Grau - die seltsamerweise einfach dort knien blieben. Sie konnten die Macht lenken; Adelorna konnte das unmissverst�ndlich wahrnehmen. Warum wehrten sie sich nicht? Stattdessen schienen sie zu weinen.</p><p>�Bringt sie zu den anderen�, befahl Egwene, stieg �ber die Tr�mmer und schaute durch die L�cke in der Wand. �Ich will�� Sie erstarrte und hob die H�nde.</p><p>Pl�tzlich traten weitere Gewebe um Egwene zum Vorschein. Beim Licht! War das etwa Vorsas <emphasis>Sa�angreal</emphasis> in ihrer Hand, das wei�e Zepter? Wo hatte Egwene denn <emphasis>das</emphasis> her? Lichtblitze zuckten aus ihrer ge�ffneten Hand und schossen durch die �ffnung, dann kreischte drau�en etwas auf. Adelorna trat an ihre Seite und umarmte die Quelle; sie kam sich wie eine N�rrin vor, weil sie sich hatte gefangen nehmen lassen. Egwene schlug erneut zu, und ein weiteres dieser fliegenden Ungeheuer st�rzte in die Tiefe.</p><p>�Und wenn sie Gefangene tragen?�, fragte Adelorna und sah zu, wie eine der Bestien in Egwenes Flammen eingeh�llt abst�rzte.</p><p>�Dann sind diese Gefangenen tot besser dran�, sagte Egwene und sah sie an. �Glaubt mir. Ich wei� das.� Sie wandte sich den Novizinnen zu. �Alle weg von dem Loch. Diese Blitze k�nnten Aufmerksamkeit erregt haben. Shanal und Clara, ihr beobachtet diese L�cke aus der Ferne. Rennt zu uns, falls hier <emphasis>To�raken</emphasis> landen. Greift sie auf keinen Fall an.�</p><p>Zwei M�dchen nickten und nahmen ihre Positionen in den Tr�mmern ein. Die anderen eilten los und zogen die beiden seltsamen Frauen der Invasoren mit sich. Egwene schloss sich ihnen an, wie ein General hinter den Schlachtreihen. Und vielleicht war sie das sogar. Adelorna beeilte sich, den Anschluss nicht zu verlieren. �Nun�, sagte sie, �das habt Ihr h�bsch organisiert, Egwene, obwohl es gut ist, dass jetzt eine Aes Sedai��</p><p>Egwene erstarrte. Diese Augen, sie blickten so ruhig, so kontrolliert. �Bis diese Bedrohung vorbei ist, habe ich das Kommando. Ihr werdet mich als Mutter ansprechen. Ihr k�nnt mir sp�ter eine Bu�e auferlegen, wenn Ihr das m�sst, aber im Augenblick darf meine Autorit�t nicht infrage gestellt werden. Ist das klar?�</p><p>Und zu ihrer eigenen �berraschung sagte Adelorna, ohne zu z�gern: �ja, Mutter!�</p><p>�Gut. Wo sind Eure Beh�ter?�</p><p>�Einer ist verwundet�, antwortete Adelorna. �Einer ist bei den anderen in Sicherheit. Einer ist tot.�</p><p>�Beim Licht, Frau, und da seid Ihr noch auf den Beinen?� Adelorna dr�ckte den R�cken durch. �Habe ich eine Wahl?�</p><p>Egwene nickte. Warum erweckte ihr respektvoller Blick in Adelorna das Gef�hl, gleich vor Stolz bersten zu m�ssen?</p><p>�Nun, ich bin froh, dass ich Euch habe�, sagte Egwene und setzte sich wieder in Bewegung. �Wir haben nur sechs Aes Sedai gerettet, und davon geh�rt keine zu den Gr�nen, und wir haben Probleme, die Seanchaner im �stlichen Treppenhaus festzuhalten. Eine der Novizinnen wird Euch zeigen, wie man die Leinen aufschlie�t; geht aber kein Risiko ein. Grunds�tzlich ist es einfacher - und viel sicherer -, die <emphasis>Damane</emphasis> zu t�ten. Wie vertraut seid Ihr mit den Lagerr�umen f�r die <emphasis>Angreale?�</emphasis></p><p><emphasis>�S</emphasis>ogar sehr vertraut�, erwiderte Adelorna.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Egwene und webte beil�ufig ein Gewebe von einer Komplexit�t, wie sie Adelorna nur selten gesehen hatte. Ein Lichtbalken durchschnitt die Luft, verdrehte sich und schuf ein Loch, das in Finsternis hineinf�hrte. �Lucain, lauft und sagt den anderen, dass sie warten sollen. Ich bringe gleich neue <emphasis>Angreale.�</emphasis></p><p>Eine br�nette Novizin nickte und eilte los. Adelorna starrte noch immer das Loch an. �Schnelles Reisen�, sagte sie ausdruckslos. �Ihr habt es tats�chlich entdeckt. Ich habe die Berichte f�r Tagtr�ume gehalten.�</p><p>Egwene sah sie an. �Ich h�tte Euch das nie gezeigt, aber ich habe soeben den Bericht erhalten, dass Elaida das Wissen �ber dieses Gewebe verbreitet hat. Damit ist das Schnelle Reisen kein Geheimnis mehr. Das bedeutet, dass die Seanchaner es vermutlich jetzt auch haben, vorausgesetzt, sie haben welche der Frauen erwischt, denen es Elaida beigebracht hat.�</p><p>�Muttermilch in einer Tasse!�</p><p>�In der Tat�, sagte Egwene. Ihr Blick war eisig. �Wir m�ssen sie aufhalten und jeden <emphasis>To�raken</emphasis> vernichten, den wir sehen, ob sie Gefangene tragen oder nicht. Wenn es auch nur eine M�glichkeit gibt, sie daran zu hindern, mit jemandem nach Ebou Dar zur�ckzukehren, der das Reisen beherrscht, dann m�ssen wir sie ergreifen.� Adelorna nickte.</p><p>�Kommt�, sagte Egwene. �Ich muss wissen, welche Gegenst�nde in diesem Lager <emphasis>Angreale</emphasis> sind.� Sie trat in das Loch hinein.</p><p>Adelorna stand noch immer wie bet�ubt an Ort und Stelle und dachte �ber das nach, was sie gerade erfahren hatte. �Ihr h�ttet fliehen k�nnen�, sagte sie dann. �Ihr h�ttet zu jeder Zeit fliehen k�nnen.�</p><p>Egwene drehte sich zu ihr um und schaute durch das Portal. � Fliehen?�, fragte sie. �W�re ich gegangen, w�re ich nicht vor Euch <emphasis>geflohen,</emphasis> Adelorna, ich h�tte Euch alle <emphasis>im Stich</emphasis> gelassen. Ich bin der Amyrlin-Sitz. Mein Platz ist hier. Ich bin mir sicher, dass Ihr geh�rt habt, dass ich diesen Angriff Getr�umt habe.�</p><p>Adelorna erschauderte. Das hatte sie in der Tat.</p><p>�Kommt�, wiederholte Egwene. �Wir m�ssen uns beeilen. Das ist nur ein Raubzug; sie wollen sich so viele Machtlenkerinnen wie m�glich schnappen und dann mit ihnen verschwinden. Ich will daf�r sorgen, dass sie mehr <emphasis>Damane</emphasis> verlieren, als sie Aes Sedai bekommen.�</p></section><section><title><p>41</p><p>Eine Quelle der Macht</p></title><p>Da soll mir doch einer ein Taschentuch ums Gesicht wickeln und mich Aiel schimpfen�, sagte einer von Brynes Soldaten und kniete sich im Bug des schmalen Bootes neben den General. �Es gibt es tats�chlich.�</p><p>Gawyn hockte im Bug seines eigenen Bootes; das dunkle Wasser klatschte leise gegen die Bootsw�nde. Sie hatten dreizehn Boote gebraucht, um alle unterzubringen, und waren leise und m�helos aufgebrochen - oder hatten es endlich tun k�nnen, nachdem Siuan Sanche mit ihrer Inspektion der Boote fertig war und entschieden hatte, dass sie flusstauglich waren. Zumindest so gerade eben.</p><p>Jedes Gef�hrt trug eine einzelne, abgeschirmte Laterne. Gawyn konnte die anderen Boote, die �ber das schwarze Wasser glitten, kaum ausmachen; die Soldaten ruderten sie in beinahe v�lliger Stille, w�hrend sie sie an die steinerne Uferbefestigung an Tar Valons s�dwestlicher Seite lenkten. Die Lichtblitze am Himmel lenkten ihn ab, und Gawyn ertappte sich dauernd dabei, nach oben zu schauen, wo kalte wei�e Lichtblitze oder blutrotes Feuer kurz schlangen�hnliche Bestien beleuchteten.</p><p>Die Wei�e Burg selbst schien zu brennen. Flammen zeichneten ihre wei�en und roten Umrisse als be�ngstigende Silhouette an den Himmel. Dichter Rauch quoll den n�chtlichen Wolken entgegen; in vielen Fenstern des Turms loderte Feuer, und ein greller Schein in H�he des Erdgeschosses lie� erahnen, dass die Anbauten und B�ume ebenfalls brannten. Die Soldaten holten die Ruder ein, als sich Gawyns Boot neben das von Bryne schob. Sie glitten unter den Rand uralten Mauerwerks, das �ber den Fluss ragte. Es blockierte Gawyns Blick auf die wilde Schlacht - obwohl er noch immer das st�ndige Grollen h�ren konnte oder wie gelegentlich Gesteinssplitter fernem Regen gleich in die Tiefe auf das Stra�enpflaster prasselte.</p><p>Gawyn hob die Laterne, schob die Blende einen Spalt zur Seite und riskierte einen schmalen Lichtstreifen. Mit dieser Beleuchtung konnte er sehen, was Brynes Soldat eben bemerkt hatte. Die Insel von Tar Valon wurde von Molen umgeben, die die Ogier errichtet hatten und Teil des urspr�nglichen Bauplans der Stadt gewesen waren; sie verhinderten die Erosion der Insel. Wie die meisten Ogierbauten waren auch diese Molen wundersch�n. An dieser Stelle w�lbte sich zerbrechlich wirkender Stein vier oder sechs Fu� �ber dem Wasser nach vorn und bildete einen Rand, der wie die wei�e Spitze einer zerbrechenden Welle aussah. Im sanften Schein der Laterne war die Unterseite dieser Steine so realistisch, dass nur schwer zu sagen war, wo der Stein endete und der Fluss begann.</p><p>Eine dieser k�nstlichen Wogen verbarg eine Spalte, die selbst aus dieser N�he beinahe nicht zu sehen war. Brynes Soldaten steuerten das Boot in die schmale L�cke, die zu beiden Seiten und oben von Steinen umgeben war. Siuans Boot war das n�chste, und Gawyn bedeutete seinen Ruderern, sich ihr anzuschlie�en. Die L�cke verwandelte sich in einen ausgesprochen schmalen Tunnel, und Gawyn sorgte f�r mehr Licht, genau wie es Bryne und Siuan vor ihm getan hatten. Die bewachsenen Steine waren an den Seiten mit dunklen Wassermalen versehen. Dieser Durchgang musste in vielen Jahren v�llig unter Wasser liegen.</p><p>�Vermutlich hat man das f�r die Arbeiter gebaut�, sagte Bryne, seine leise Stimme hallte in dem feuchten Tunnel. Selbst die Bewegungen der Ruder im Wasser wurden verst�rkt, genau wie das ferne Schwappen des Flusses. �Um das Mauerwerk zu warten.�</p><p>�Mir ist v�llig egal, warum sie es gebaut haben�, sagte Siuan. �Ich bin blo� froh, dass es ihn gibt. Und v�llig entsetzt, dass ich dar�ber nicht Bescheid wusste. Eine der St�rken von Tar Valon war stets, dass seine Br�cken es sicher machten. Man kann dar�ber Buch f�hren, wer kommt und wer geht.�</p><p>Bryne schnaubte leise, was den Tunnel entlang hallte. �In einer Stadt dieser Gr��e kann man niemals alles kontrollieren, Siuan. In gewisser Weise geben einem diese Br�cken ein falsches Gef�hl von Sicherheit. Gewiss, f�r ein angreifendes Heer ist diese Stadt uneinnehmbar - aber solch ein Ort kann trotzdem �ber ein Dutzend L�cher verf�gen, die gro� genug sind, um Fliegen einzulassen.�</p><p>Siuan verstummte. Gawyn beruhigte sich und atmete gleichm��ig. Wenigstens tat er jetzt endlich etwas, um Egwene zu helfen. Das hatte viel l�nger gedauert, als ihm recht war. Beim Licht, hoffentlich kam er noch rechtzeitig genug!</p><p>Eine ferne Explosion lie� den Tunnel erbeben. Gawyn blickte �ber die Schulter zu den anderen zehn Booten, in denen sich nerv�se Soldaten dr�ngten. Sie glitten direkt in eine Kampfzone, in der beide Seiten st�rker als sie waren, beide Seiten keinen Grund hatten, sie zu m�gen, und beide Seiten die Eine Macht lenken konnten. Man brauchte schon ganz besondere M�nner, um dieser Kr�fteverteilung in die Augen zu starren.</p><p>�Hier.� Bryne hob sich als Umriss von dem Lichtschein ab. Mit einem Handsignal lie� er die Reihe der Boote anhalten. Rechts hatte sich der Tunnel ge�ffnet, dort wartete ein steinerner Sims, von dem ein paar Stufen nach oben f�hrten. Der Tunnel selbst ging noch weiter.</p><p>Bryne stand auf und trat auf den Sims, machte das Boot an einem Haken fest. Die Soldaten folgten ihm. Jeder von ihnen trug ein kleines braunes P�ckchen. Worum handelte es sich dabei? Gawyn hatte gar nicht bemerkt, dass sie diese P�ckchen in die Boote luden. Als der letzte Soldat ausgestiegen war, stie� er das Gef�hrt nach vorn und gab sein Tau an einen Soldaten in Siuans Boot weiter. W�hrend die Reihe weiterging, band jeder sein Boot an das vorherige. Der letzte Mann w�rde sein Boot an der Anlegestelle vert�uen, und es w�rde sie alle verankern.</p><p>Gawyn trat auf den Sims, als er an der Reihe war, und eilte die Stufen hinauf, die zu einer kleinen Gasse f�hrten. Dieser Eingang war vermutlich schon seit langer Zeit in Vergessenheit geraten, ausgenommen bei einigen wenigen Bettlern, denen er als Unterschlupf diente. Mehrere Soldaten fesselten bereits am Gassenende eine kleine Gruppe solcher M�nner. Gawyn verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Bettler waren dazu pr�destiniert, Geheimnisse jedem zu verkaufen, der bereit war, zuzuh�ren, und die Nachricht von hundert Soldaten, die sich in die Stadt schlichen, w�rde der Burgwache Gold wert sein.</p><p>Bryne stand zusammen mit Siuan an der Gassenm�ndung und �berpr�fte die Stra�e. Gawyn gesellte sich mit der Hand am Schwertgriff zu ihnen. Die Stra�en waren leer. Zweifellos verbargen sich die B�rger in ihren H�usern und beteten vermutlich darum, dass der Angriff bald vorbei sein w�rde.</p><p>Die Soldaten sammelten sich in der Gasse. Leise befahl Bryne einer Abteilung von zehn Mann, die Boote zu bewachen. Dann �ffnete der Rest von ihnen die weich aussehenden P�ckchen, die Gawyn vorhin aufgefallen waren, und holten zusammengefaltete wei�e Wappenr�cke hervor. Sie zogen sie �ber die K�pfe und banden sie an der Taille fest, jeder zeigte die Flamme von Tar Valon.</p><p>Gawyn stie� einen leisen Pfiff aus, w�hrend Siuan die H�nde in die H�ften stemmte und ver�rgert aussah. �Wo habt Ihr denn die her?�</p><p>�Ich habe sie von den Frauen im Tross machen lassen�, erkl�rte Bryne. �Es ist immer ratsam, ein paar feindliche Uniformen zu haben.�</p><p>Siuan verschr�nkte die Arme. �Das ist einfach nicht richtig. Der Dienst in der Burgwache ist eine heilige Pflicht. Sie ��</p><p>�Sie sind der <emphasis>Feind,</emphasis> Siuan�, sagte Bryne streng. �Zumindest f�r den Augenblick. Ihr seid nicht mehr die Amyrlin.�</p><p>Sie warf ihm einen b�sen Blick zu, hielt aber den Mund.</p><p>Bryne musterte die Soldaten, dann nickte er zufrieden. �Aus der N�he wird das keinen t�uschen, aber aus der Ferne reicht das. Raus auf die Stra�e und zu Reihen aufgestellt. Eilt auf die Burg zu, als wolltet ihr schnell in die Schlacht eingreifen. Siuan, eine Lichtkugel oder zwei w�rden bei der Tarnung helfen - wenn die, die uns sehen, eine Aes Sedai an der Spitze entdecken, werden sie eher glauben, was wir ihnen vorgaukeln wollen.�</p><p>Sie schnaubte, erf�llte die Bitte aber und erschuf zwei Lichtkugeln, die sie zu beiden Seiten ihres Kopfes schweben lie�. Bryne gab den Befehl, und die ganze Gruppe str�mte aus der Gasse und formierte sich zu den verlangten Reihen. Gawyn, Bryne und Siuan nahmen Positionen an der Spitze ein - Gawyn und der General ein paar Schritte vor Siuan, als w�ren sie ihre Beh�ter -, und im Laufschritt eilten sie los.</p><p>Alles zusammengenommen war es eine gute Illusion. Auf den ersten Blick h�tte Gawyn die Verkleidung akzeptiert. Was konnte es Nat�rlicheres geben als eine Abteilung der Burgwache, die zum Ort des Angriffs marschiert, angef�hrt von einer Aes Sedai und ihren Beh�tern? Auf jeden Fall war es besser als der Versuch, einhundert M�nner ungesehen durch irgendwelche Gassen durch die Stadt schleichen zu lassen.</p><p>Als sie sich dem Burggel�nde n�herten, betraten sie einen Albtraum. Die dichten Rauchschwaden reflektierten roten Feuerschein und h�llten die ganze Burg in einen blutroten Dunst. L�cher und Furchen verunstalteten die Mauern des einst so majest�tischen Geb�udes; aus mehreren �ffnungen loderten Flammen. <emphasis>Raken</emphasis> beherrschten den Himmel und umrundeten den Turm wie M�wen, die auf dem Meer einen toten Wal umkreisen. Schreie und Rufe durchdrangen die Luft, und der dichte bei�ende Rauch kratzte in Gawyns Hals.</p><p>Brynes M�nner wurden langsamer, je n�her sie kamen. Bei dem Kampf schien es zwei Schlachtfelder zu geben. Am Fu� des Turms mit den beiden angebauten Fl�geln flammten st�ndig Lichtblitze auf. Das Gel�nde war �bers�t mit Toten und Verletzten. Und weit oben ungef�hr in der Turmmitte spuckten mehrere Risse im Mauerwerk Feuerb�lle und Lichtblitze gegen die Angreifer. Der Rest des Turms erschien stumm und tot, obwohl in den Korridoren sicherlich gek�mpft wurde.</p><p>Vor einem der Eisentore der Wei�en Burg kam die Gruppe zum Stehen. Die Tore standen weit offen und waren unbewacht. Das erschien unheilvoll. �Und jetzt?�, fragte Gawyn fl�sternd.</p><p>�Wir finden Egwene�, antwortete Siuan. �Wir fangen im Erdgeschoss an, dann begeben wir uns in die Kelleretagen. Sie war heute irgendwo dort unten eingesperrt, und das sollte der erste Ort sein, an dem wir nachsehen.�</p><empty-line/><p>Steinsplitter l�sten sich von der Decke und regneten auf den Tisch, als der n�chste Treffer die Wei�e Burg ersch�tterte. Saerin fluchte und wischte das Ger�ll weg, dann entrollte sie ein Pergament und beschwerte seine Ecken mit ein paar Fliesentr�mmern.</p><p>In dem Raum um sie herum herrschte blankes Chaos. Sie befanden sich im Erdgeschoss, im vorderen Versammlungsraum, einem gro�en rechteckigen Gemach am �bergang zwischen Ostfl�gel und Turm. Angeh�rige der Burgwache schoben Tische aus dem Weg, um Platz f�r die Gruppen zu machen, die den Raum passierten. Aes Sedai schauten misstrauisch aus den Fenstern und beobachteten den Himmel. Beh�ter wanderten wie eingesperrte Tiere umher. Was sollten sie gegen fliegende Bestien tun? Hier waren sie am besten aufgehoben, als Besch�tzer des Kommandopostens. Sofern man den Raum so bezeichnen wollte. Saerin war gerade erst eingetroffen.</p><p>Eine Gr�ne Schwester rauschte auf sie zu. Moradri war eine Mayenerin mit langen Gliedma�en und dunkler Haut, und sie wurde von zwei ansehnlichen Beh�tern begleitet, bei denen es sich ebenfalls um Mayener handelte. Ger�chten zufolge waren die beiden ihre Br�der, die zur Wei�en Burg gekommen waren, um ihre Schwester zu besch�tzen; allerdings �u�erte sich Moradri nie zu diesem Thema.</p><p>�Wie viele?�, verlangte Saerin zu wissen.</p><p>�Im Erdgeschoss mindestens siebenundvierzig Schwestern�, berichtete Moradri. �Von allen Ajahs. Genauer konnte ich sie nicht z�hlen, denn sie k�mpfen in kleinen Gruppen. Ich habe ihnen gesagt, dass wir hier einen zentralen Kommandoposten einrichten. Die meisten schienen es f�r eine gute Idee zu halten, obwohl viele zu m�de, zu entsetzt oder einfach zu fassungslos waren, um mit mehr als einem Nicken reagieren zu k�nnen.�</p><p>�Tragt ihre Positionen auf diesem Plan hier ein�, sagte Saerin. �Habt Ihr Elaida gefunden?� Moradri sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Verdammt�, murmelte Saerin, als das Bauwerk erneut erbebte. �Was ist mit den Sitzenden der Gr�nen?�</p><p>�Ich konnte keine von ihnen finden�, sagte Moradri und warf einen Blick �ber die Schulter, offensichtlich begierig, sich wieder den K�mpfenden anzuschlie�en.</p><p>�Schade. Schlie�lich bezeichnen sie sich gern als die Kampf-Ajah. Nun, also bleibt es mir �berlassen, diesen Kampf zu organisieren.�</p><p>Moradri zuckte mit den Schultern. �Sieht so aus.� Wieder schaute sie zur�ck.</p><p>Saerin musterte die Gr�ne Schwester, dann tippte sie auf den Plan. �Zeichnet die Positionen ein, Moradri. Ihr k�nnt gleich wieder k�mpfen, aber im Moment ist Euer Wissen wichtiger. �</p><p>Die Gr�ne seufzte, dann fing sie aber an, schnell Markierungen zu zeichnen. W�hrend sie damit besch�ftigt war, sah Saerin erfreut, dass Hauptmann Chubain eintrat. F�r seine mehr als vierzig Winter sah der Mann noch jugendlich aus; in seinem schwarzen Haar war keine graue Str�hne zu finden. Manche M�nner neigten dazu, sich wegen seines zu guten Aussehens absch�tzig �ber seine F�higkeiten zu �u�ern; Saerin hatte von den Dem�tigungen geh�rt, die sein Schwert diesen M�nnern f�r ihre Beleidigungen erteilt hatte.</p><p>�Ah, gut�, sagte sie. �Endlich klappt einmal etwas. Hauptmann, kommt doch bitte zu mir.�</p><p>Er hinkte heran, schonte sein linkes Bein. Der wei�e Wappenrock �ber dem Kettenhemd war angesengt; sein Gesicht war ru�verschmiert. �Saerin Sedai�, sagte er und verneigte sich.</p><p>�Ihr seid verwundet.�</p><p>�Angesichts der Ehre eines solches Kampfes eine bedeutungslose Wunde, Aes Sedai.�</p><p>�Lasst Euch trotzdem Heilen�, befahl sie. �Es w�re l�cherlich, wenn unser Hauptmann der Wache wegen einer bedeutungslosem Wunde den Tod riskiert. Wenn sie Euch kurz stolpern l�sst, k�nnten wir Euch verlieren.�</p><p>Der Mann trat n�her an sie heran und senkte die Stimme. �Saerin Sedai, in diesem Kampf ist die Burgwache so gut wie nutzlos. Da die Seanchaner diese � grauenhaften Frauen benutzen, kommen wir nur selten an sie heran, bevor wir in St�cke gerissen oder zu Asche verbrannt werden.�</p><p>�Dann m�sst Ihr eben Eure Taktik �ndern, Hauptmann�, sagte Saerin entschlossen. Beim Licht, was f�r eine Katastrophe! �Befehlt den M�nnern, sie sollen Bogen nehmen. Geht nicht das Risiko ein, den Machtlenkern des Feindes zu nahe zu kommen. Schie�t aus der Ferne. Ein einziger Pfeil k�nnte diese Schlacht zu unseren Gunsten wenden; zahlenm��ig sind wir ihren Soldaten auf groteske Weise �berlegen.�</p><p>�Ja, Aes Sedai.�</p><p>�Es ist einfache Logik, wie eine Wei�e vermutlich sagen w�rde. Hauptmann, unsere wichtigste Aufgabe liegt darin, einen zentralen Befehlsposten einzurichten. Aes Sedai und Soldaten huschen unabh�ngig voneinander umher, verhalten sich wie von W�lfen gejagte Ratten. Wir m�ssen gemeinsam handeln.�</p><p>Die Verlegenheit, die an ihr nagte, brachte sie nicht zur Sprache. Seit Jahrhunderten beeinflussten Aes Sedai K�nige und Kriege, aber jetzt, da ihre Zuflucht angegriffen wurde, hatten sie sich in ihrer Verteidigung als v�llig �berfordert erwiesen. <emphasis>Egwene hatte recht,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Nicht nur, was die Vorhersage dieses Angriffs angeht, sondern mit ihren Vorw�rfen hinsichtlich der tiefen Gr�ben zwischen uns.</emphasis> Saerin brauchte keine Berichte von Moradri oder Sp�hern, um zu wissen, dass jede Ajah in dieser Schlacht f�r sich allein k�mpfte.</p><p>�Hauptmann�, sagte sie. �Moradri Sedai markiert K�mpfe auf einem Lageplan. Fragt sie, welche Ajah in jeder Gruppe vertreten ist; sie hat ein ausgezeichnetes Ged�chtnis und wird Euch die Einzelheiten nennen. Schickt in meinem Namen L�ufer zu jeder Gruppe von Gelben oder Braunen Schwestern. Sagt ihnen, sie sollen sich hier zum Rapport melden.</p><p>Dann schickt Ihr L�ufer zu den anderen Gruppen und unterrichtet sie dar�ber, dass wir ihnen jeweils eine Braune oder Gelbe Schwester zum Heilen schicken. Hier wird es ebenfalls eine Gruppe Schwestern zum Heilen geben, jeder Verwundete hat sich sofort hier einzufinden.�</p><p>Er salutierte.</p><p>�Ach ja�, f�gte sie noch hinzu. �Und schickt jemanden nach drau�en, der die wichtigsten Durchbr�che oben im Turm meldet. Wir m�ssen wissen, an welchen Stellen der Angriff am heftigsten tobt.�</p><p>�Aes Sedai��, sagte er. �Das Au�engel�nde ist gef�hrlich. Diese Flieger am Himmel schie�en auf alles, was sich bewegt. �</p><p>�Dann schickt eben M�nner, die gut daran sind, sich zu tarnen�, knurrte sie.</p><p>�Ja, Aes Sedai. Wir ��</p><p>�Das ist eine Katastrophe!�, br�llte da eine w�tende Stimme.</p><p>Vier Rote Schwestern st�rmten in den Raum. Notasha trug ein wei�es Kleid mit Blutflecken an der linken Seite; aber wenn es ihr Blut war, war sie bereits Geheilt worden. Katerines langes schwarzes Haar war zerzaust und voller Steinsplitter. Die Kleider der anderen beiden Frauen wiesen Risse auf; ihre Gesichter waren mit Asche verschmutzt.</p><p>�Wie k�nnen sie es <emphasis>wagen,</emphasis> diesen Ort anzugreifen!�, fuhr Katerine fort. Soldaten machten ihr schnell den Weg frei, und mehrere weniger einflussreiche Schwestern, die sich aufgrund Saerins Befehl hier eingefunden hatten, fanden pl�tzlich in den Zimmerecken wichtige Dinge zu tun. In der Ferne dr�hnten Explosionen wie bei einem Feuerwerk der Illuminatoren.</p><p>�Sie wagen es, weil sie offensichtlich die Mittel und das Verlangen danach haben�, erwiderte Saerin, schluckte ihre Ver�rgerung herunter und behielt ihre ruhige Fassade bei. Auch wenn es ihr schwerfiel. �Bis jetzt hat sich der Angriff als erstaunlich effektiv erwiesen.�</p><p>�Nun, ich �bernehme hier jetzt den Befehl�, knurrte Katerine. �Wir m�ssen die Burg durchsuchen und jeden Einzelnen von ihnen ausschalten!�</p><p>�Ihr werdet den Befehl <emphasis>nicht</emphasis> �bernehmen�, erwiderte Saerin energisch. Diese unertr�gliche Frau! Ganz ruhig, sie musste ruhig bleiben. �Und wir werden auch nicht in die Offensive gehen.�</p><p>�Und Ihr wollt mich davon abhalten?�, fauchte Katerine, und der Schein <emphasis>Saidars</emphasis> h�llte ihre Gestalt wie ein brennendes Licht ein. �Eine <emphasis>Braune?�</emphasis></p><p>Saerin hob eine Braue. �Seit wann hat die Oberin der Novizinnen einen h�heren Rang als eine Sitzende des Saals, Katerine?�</p><p>�Ich ��</p><p>�Egwene al�Vere hat das hier Vorhergesagt�, sagte Saerin und verzog das Gesicht. �Wir k�nnen also davon ausgehen, dass die anderen Dinge, die sie uns �ber die Seanchaner erz�hlt hat, ebenfalls der Wahrheit entsprechen. Die Seanchaner ergreifen Frauen, die die Macht lenken k�nnen, und benutzen sie als Waffe. Sie haben keine Bodentruppen mitgebracht; es w�re sowieso so gut wie unm�glich gewesen, so weit durch feindliches Gebiet zu marschieren. Das bedeutet, dass das hier ein Raubzug ist, bei dem so viele Schwestern wie m�glich entf�hrt werden sollen.</p><p>F�r einen Raubzug zieht sich der Kampf bereits in die L�nge, vielleicht glauben sie, sich Zeit lassen zu k�nnen, weil wir uns so erb�rmlich schlecht verteidigt haben. Wie dem auch sei, wir m�ssen eine vereinte Front bilden und uns behaupten. Sobald sie auf gr��eren Widerstand sto�en, werden sie sich zur�ckziehen. Davon abgesehen sind wir nicht in der Position, die �Burg zu durchsuchen� und sie zu vertreiben.�</p><p>Katerine z�gerte, dachte nach. Drau�en ert�nte wieder eine Explosion.</p><p>�Wo kommen die blo� immer noch her?�, rief Saerin w�tend. �Haben sie nicht bereits genug L�cher geschlagen?�</p><p>�Das war nicht auf den Turm gezielt, Saerin Sedai!�, meldete einer der Soldaten an den T�ren zum Garten.</p><p><emphasis>Er hat recht,</emphasis> erkannte Saerin. <emphasis>Der Turm hat nicht gebebt. Davor das Mal auch nicht.</emphasis> �Worauf schie�en sie? Auf die Menschen hier unten?�</p><p>�Nein, Aes Sedai�, sagte der Mann. �Ich glaube, das war ein Blitz aus dem Inneren des Turms, von einer der oberen Etagen, auf eine der fliegenden Kreaturen gezielt.�</p><p>�Nun, dann wehrt sich wenigstens irgendjemand�, sagte Saerin. �Wo kam das her?�</p><p>�Ich habe es nicht sehen k�nnen�, sagte der Soldat, der noch immer den Himmel beobachtete. �Beim Licht, da ist es wieder! Und schon wieder!� Der Rauch am Himmel reflektierte roten und gelben Lichtschein, der den Garten durch die T�ren und Fenster kaum wahrnehmbar kurz erhellte. <emphasis>Raken</emphasis> schrien ihren Schmerz hinaus.</p><p>�Saerin Sedai!�, sagte Hauptmann Chubain und wandte sich von einer Gruppe verwundeter Soldaten ab. Saerin hatte sie gar nicht eintreten sehen; Katerine hatte sie zu sehr abgelenkt. �Diese M�nner hier kommen von den oberen Ebenen. Anscheinend gibt es dort einen zweiten Sammelpunkt zur Verteidigung, der sehr erfolgreich ist. Die Seanchaner brechen ihren Angriff unten ab, um sich darauf zu konzentrieren.�</p><p>�Wo?�, fragte Saerin begierig. �Wo genau?�</p><p>�Im Zweiundzwanzigsten, Aes Sedai. Das nord�stliche Viertel.�</p><p>�Was?�, rief Katerine aus. �Das Quartier der Braunen Ajah?�</p><p>Nein. Dort hatte es sich <emphasis>fr�her</emphasis> befunden. Durch die Verschiebung der Burgkorridore handelte es sich bei diesem Teil des Turms nun um � �Das <emphasis>Novizinnenquartier 1</emphasis>�, sagte Saerin. Das erschien noch l�cherlicher zu sein. �Wie in aller Welt �� Sie verstummte, und ihre Augen weiteten sich leicht. <emphasis>�Egwene.�</emphasis></p><empty-line/><p>Vor ihrem inneren Auge schien jeder Seanchaner, den sie t�tete, Renna zu sein. Egwene stand an einem gro�en Loch im Turm der Wei�en Burg, und als wollte er ihren Zorn unterstreichen, riss der Wind mit lautem Heulen an ihrem wei�en Kleid und zerrte an ihrem Haar.</p><p>Ihre Wut war nicht au�er Kontrolle geraten. Sie war kalt und konzentriert. Die Wei�e Burg brannte. Das hatte sie Vorhergesehen, das hatte sie Getr�umt, aber die Realit�t war viel schlimmer, als sie je bef�rchtet hatte. H�tte sich Elaida auf diesen Angriff vorbereitet, w�re der Schaden bedeutend geringer ausgefallen. Aber es war sinnlos, sich nach dem zu sehnen, was man vers�umt hatte.</p><p>Stattdessen konzentrierte sie ihren Zorn - den Zorn der Gerechtigkeit, die Wut der Amyrlin. Schoss einen <emphasis>To�raken</emphasis> nach dem anderen aus der Luft. Sie waren bedeutend weniger beweglich als ihre kleinen Cousins. Mittlerweile musste sie ein Dutzend von ihnen get�tet haben, und ihre Taten zogen die Aufmerksamkeit der Angreifer auf sich. Unten wurde der Angriff abgebrochen, der �berfall konzentrierte sich auf Egwene. Die Novizinnen k�mpften auf den Treppen gegen seanchanische Abteilungen und zwangen sie zur�ck. <emphasis>To�raken</emphasis> rasten mit schlagenden Fl�geln um den Turm herum und versuchten Egwene mit Abschirmungen oder Feuerb�llen auszuschalten. Kleinere <emphasis>Raken</emphasis> schossen durch die Luft, Armbrustm�nner auf ihren R�cken feuerten ihre Bolzen auf sie ab.</p><p>Aber sie war eine Quelle der Macht, gezogen aus den Tiefen des geriffelten Zepters in ihren H�nden, gelenkt durch eine Gruppe aus Novizinnen und Aufgenommenen, die sich hinter ihr in einem Zimmer versteckten und mit ihr zu einem Zirkel verbunden waren. Egwene war Teil des Feuers, das die Wei�e Burg verbrannte und den Himmel mit seinen Flammen bluten lie�, die Luft mit seinem Qualm beschmutzte. Beinahe schien sie nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen, sondern aus reiner Macht, und sie richtete �ber jene, die es gewagt hatten, den Krieg zur Wei�en Burg zu tragen. Blitze zuckten vom Himmel, die Wolken waren in Aufruhr. Feuer schoss aus ihren H�nden.</p><p>Vielleicht h�tte sie f�rchten sollen, die Drei Eide zu brechen. Aber das tat sie nicht. Das war ein Kampf, der ausgetragen werden musste, und es verlangte sie auch nicht nach Tod - auch wenn ihr Zorn auf die <emphasis>Sul�dam</emphasis> dem vielleicht sehr nahe kam. Die Soldaten und <emphasis>Damane</emphasis> waren ungl�ckliche Opfer.</p><p>Die Wei�e Burg, das geheiligte Refugium der Aes Sedai, wurde angegriffen. Sie alle waren in Gefahr, eine Gefahr schlimmer als der Tod. Diese silbernen Kragen waren viel schlimmer. Egwene verteidigte sich und jede Frau in der Burg.</p><p>Sie w�rde den R�ckzug der Seanchaner <emphasis>erzwingen.</emphasis></p><p>Eine Abschirmung nach der anderen versuchte Egwene von der Quelle zu trennen, aber sie waren wie Kinderh�nde, die den tobenden Strom eines Wasserfalls aufhalten wollten. Bei so viel Macht h�tte sie nur ein vollst�ndiger Zirkel aufhalten k�nnen, und die Seanchaner benutzten keine Zirkel; das verhinderten die <emphasis>Adam.</emphasis></p><p>Die Angreifer bereiteten Gewebe vor, um sie zu t�ten, aber jedes Mal schlug Egwene zuerst zu, wehrte die Feuerkugeln entweder durch einen Luftsto� ab oder t�tete einfach den <emphasis>To�raken,</emphasis> der die Frauen trug, die sie t�ten wollten.</p><p>Ein paar der Bestien waren bereits mit Gefangenen in der Nacht verschwunden. Egwene hatte jede vom Himmel geholt, die sie hatte erwischen k�nnen, aber an diesem �berfall hatten so viele <emphasis>To�raken</emphasis> teilgenommen. Einige w�rden entkommen. Schwestern w�rden in Gefangenschaft geraten.</p><p>In ihren beiden H�nden formten sich Feuerb�lle, die eine weitere angreifende Bestie vom Himmel fegte. Ja, einige w�rden entkommen. Aber sie w�rden teuer daf�r bezahlen. Das war ein weiteres Ziel. Sie musste daf�r sorgen, dass sie die Burg nie wieder angreifen w�rden.</p><p>Dieser �berfall musste sie <emphasis>teuer</emphasis> zu stehen kommen.</p><empty-line/><p>�Bryne! �ber Euch!�</p><p>Gareth warf sich zur Seite, rollte sich grunzend ab, weil sich ihm der Harnisch in Seiten und Bauch bohrte, als er auf das Pflaster aufschlug. Etwas Gewaltiges raste genau �ber ihn durch die Luft, gefolgt von einem donnernden Aufschlag. Er kam auf einem Knie hoch und entdeckte einen brennenden <emphasis>Raken,</emphasis> der sich dort, wo er eben noch gestanden hatte, �ber den Boden w�lzte. Sein Reiter - der bereits durch den Feuerball gestorben war, den seine Kreatur get�tet hatte - flog wie eine Stoffpuppe zu Boden. Der qualmende Rafcen-Kadaver prallte gegen die Burgmauer und blieb dort liegen. Der Reiter blieb liegen, wo er gelandet war, und sein Helm schepperte irgendwo in die Dunkelheit hinein. Der Leiche fehlte ein Stiefel.</p><p>Bryne kam auf die Beine und zog das G�rtelmesser - sein Schwert hatte er bei seinem Sprung fallen gelassen. Er fuhr herum, suchte nach Gefahren. Davon gab es genug. Gro�e und kleine <emphasis>Raken</emphasis> schossen aus dem Himmel herab, obwohl die meisten von ihnen auf den oberen Teil des Turms konzentriert waren. Die Gr�nfl�chen vor der Wei�en Burg waren mit Tr�mmern und Leichen �bers�t, die alle schrecklich verkr�mmt aussahen. Brynes M�nner k�mpften gegen eine Abteilung seanchanischer Soldaten; die Invasoren mit den Insekten nachgeahmten R�stungen waren vor wenigen Augenblicken aus der Burg gest�rmt. Liefen die Seanchaner vor etwas weg, oder suchten sie blo� nach einem Kampf? Es waren mindestens drei�ig Mann.</p><p>Oder waren die Soldaten auf diesen Hof gekommen, um wieder eingesammelt zu werden? Nun, auf jeden Fall waren sie auf die unerwartete Streitmacht aus Brynes M�nner gesto�en. Unter ihnen befanden sich keine Machtlenker, wof�r man dem Licht danken musste.</p><p>Brynes M�nner h�tten bei ihrer �bermacht von zwei zu eins leichtes Spiel haben m�ssen. Ungl�cklicherweise schleuderten einige der gr��eren <emphasis>Raken</emphasis> am Himmel Steine und Feuerb�lle auf die M�nner im Hof. Und die Seanchaner k�mpften gut. Sogar sehr gut.</p><p>Bryne rief seinen M�nnern zu, die Stellung zu halten, und sah sich nach seinem Schwert um. Gawyn - der eben die Warnung gerufen hatte - stand in der N�he und duellierte sich mit zwei Seanchanern gleichzeitig. Hatte der Junge keinen Verstand? Gawyns Streitmacht hatte die �berhand. Er h�tte einen Schwertgef�hrten an der Seite haben m�ssen. Er �</p><p>Mit einer anmutigen Bewegung t�tete Gawyn beide Seanchaner. War das <emphasis>Lotus schlie�t seine Bl�te</emphasis> gewesen? Noch nie zuvor hatte Bryne diese Figur so effektiv gegen zwei M�nner gleichzeitig ausgef�hrt gesehen. Gawyn wischte seine Waffe als Teil der traditionellen letzten Bewegung ab, dann schob er sie in die Scheide, trat Brynes Schwert vom Boden in die Luft und fing es auf. Auf alles gefasst hielt er es. Brynes Reihe hielt trotz der Angriffe von oben stand. Gawyn nickte Bryne zu und winkte ihn mit dem Schwert heran.</p><p>Stahl traf auf Stahl und hallte laut �ber den Hof, Schatten wurden �ber das versengte Gras geworfen, angestrahlt von den Flammen in der H�he. Bryne nahm sein Schwert entgegen, und Gawyn zog wieder die eigene Klinge. �Seht�, sagte er und zeigte mit dem Schwert nach oben.</p><p>Bryne kniff die Augen zusammen. In der N�he eines Lochs in einer der oberen Etagen ballten sich die Aktivit�ten. Er holte sein Fernglas hervor und verlie� sich darauf, dass Gawyn ihn warnen w�rde, sollte sich eine Gefahr n�hern.</p><p>�Beim Licht ��, fl�sterte er dann und konzentrierte sich auf die Mauerl�cke. Eine einsame Gestalt in Wei� stand in der geschlagenen Bresche. Sie war zu weit weg, um ihr Gesicht erkennen zu k�nnen, selbst mit dem Fernglas, aber wer auch immer sie war, sie richtete betr�chtlichen Schaden unter den Seanchanern an. Feuer gl�hte zwischen den H�nden ihrer erhobenen Arme, das brennende Licht warf Schatten auf die Turmmauer um sie herum. Im stetigen Rhythmus l�sten sich Blitze von ihr und pfl�ckten <emphasis>Raken</emphasis> vom Himmel.</p><p>Bryne hob das Fernglas h�her und fuhr die ganze L�nge des Turms ab, suchte nach anderen Zeichen des Widerstands. Auf dem flachen runden Dach gab es Aktivit�ten. Das war so weit entfernt, dass er es kaum ausmachen konnte. Es hatte den Anschein, als w�rden Pf�hle in die Luft gestemmt, auf die dann <emphasis>Raken</emphasis> hinunterst�rzten und � Was? Jedes Mal, wenn einer der <emphasis>Raken</emphasis> im Sturzflug vorbeiraste, zerrte er etwas hinter sich her.</p><p><emphasis>Gefangene,</emphasis> erkannte Bryne mit einem Schaudern. <emphasis>Sie bringen die gefangenen Aes Sedai aufs Dach, fesseln sie mit Seilen, dann schnappen sich die</emphasis> Raken <emphasis>diese Seile und ziehen die Frauen in die Luft.</emphasis> Beim Licht! Er konnte einen Blick auf eine der verschleppten Frauen erhaschen. Es hatte den Anschein, als h�tte man ihr einen Sack �ber den Kopf gezogen.</p><p>�Wir m�ssen in die Burg hinein�, sagte Gawyn. �Dieser Kampf ist nur ein Ablenkungsman�ver.�</p><p>�Dem stimme ich zu�, erwiderte Bryne und senkte das Fernglas. Er warf einen Blick zur Hofseite, wo Siuan w�hrend des Kampfes hatte warten wollen. Zeit, sie einzusammeln und �</p><p>Sie war verschwunden. Bryne versp�rte einen Stich des Entsetzens, gefolgt von blanker Panik. Wo war sie? Wenn sich diese Frau hatte umbringen lassen �</p><p>Aber nein. Er konnte sie in der Burg sp�ren. Sie war unverletzt. Dieser Bund war eine so wunderbare Sache, aber er hatte sich noch nicht im Mindesten daran gew�hnt. Ihm h�tte auffallen m�ssen, dass sie gegangen war! Er musterte seine Soldaten. Die Seanchaner hatten sich gut geschlagen, aber nun wurden sie sichtbar dezimiert. Ihre Reihe gab nach, und sie verteilten sich in alle Richtungen, und Bryne bellte seinen M�nnern den Befehl zu, sie nicht zu verfolgen.</p><p>�Erste und zweite Abteilung, schnell die Verwundeten einsammeln�, rief er. �Tragt sie zur Hofseite. Die, die gehen k�nnen, sollen sich auf direktem Weg zu den Booten begeben.� Er zog eine Grimasse. �Die, die nicht mehr gehen k�nnen, werden auf die Aes Sedai warten m�ssen, die sie Heilen werden.� Die Soldaten nickten. Die Schwerverletzten w�rde man dem Feind �berlassen m�ssen, aber man hatte alle vor der Mission auf diese M�glichkeit hingewiesen. Die Amyrlin zur�ckzuholen war wichtiger als alles andere.</p><p>Einige M�nner w�rden w�hrend der Wartezeit an ihren Wunden sterben. Daran konnte er nichts �ndern. Die meisten von ihnen w�rden hoffentlich von den Aes Sedai der Wei�en Burg Geheilt werden. Nat�rlich w�rde man sie danach in den Kerker sperren, aber es gab keine andere M�glichkeit. Diese Truppe musste in Bewegung bleiben, und es war keine Zeit, die Verwundeten auf Bahren zu tragen.</p><p>�Dritte und vierte Abteilung�, fing er an und verstummte dann. Eine vertraute Gestalt im blauen Rock rauschte aus der Burg und zerrte ein M�dchen in Wei� hinter sich her. Nat�rlich sah Siuan mittlerweile kaum �lter als das M�dchen aus. Manchmal hatte Bryne Probleme damit, sie mit der strengen Frau in Einklang zu bringen, die er vor Jahren kennengelernt hatte.</p><p>Von einer Woge der Erleichterung erfasst, ging er ihr entgegen. �Wer ist das?�, wollte er wissen. �Wo seid ihr gewesen?�</p><p>Siuan schnalzte nur mit der Zunge, befahl der Novizin, dort stehen zu bleiben, und nahm Bryne zur Seite, um leise mit ihm zu sprechen. �Eure Soldaten waren besch�ftigt, und ich hielt es f�r eine gute Gelegenheit, um Informationen zu beschaffen. Und ich muss sagen, dass wir noch an Eurer Einstellung arbeiten m�ssen, Gareth Bryne. Es geh�rt sich nicht f�r einen Beh�ter, so mit seiner Aes Sedai zu sprechen.�</p><p>�Dar�ber mache ich mir dann Sorgen, wenn Ihr anfangt, Euch zu benehmen, als h�ttet Ihr einen Funken Verstand in Eurem Kopf, Frau. Und wenn Ihr den Seanchanern in die Arme gelaufen w�ret?�</p><p>�Dann w�re ich in Gefahr gewesen�, erwiderte sie mit in die H�ften gestemmten H�nden. �Das w�re nicht das erste Mal. Ich konnte nicht riskieren, dass mich andere Aes Sedai zusammen mit Euch oder Euren Soldaten sahen. So einfache Verkleidungen werden keine Schwester t�uschen.�</p><p>�Und wenn man Euch erkannt h�tte? Siuan, diese Leute wollten Euch <emphasis>hinrichten!�</emphasis></p><p>Sie schnaubte. �Mit diesem Gesicht w�rde mich nicht einmal mehr Moiraine erkennen. Die Frauen in der Burg werden nur eine junge Aes Sedai sehen, die irgendwie vertraut erscheint. Au�erdem bin ich niemandem begegnet. Nur diesem Kind hier.� Sie warf der Novizin einen Blick zu. Das M�dchen hatte kurzes schwarzes Haar und starrte entsetzt zu der Schlacht am Himmel hoch. �Hashala, kommt her�, rief Siuan.</p><p>Die Novizin eilte herbei.</p><p>�Erz�hlt diesem Mann, was Ihr mir verraten habt�, befahl Siuan.</p><p>�Ja, Aes Sedai�, sagte die Novizin mit einem nerv�sen Knicks. Brynes Soldaten bildeten eine Ehrenwache um Siuan, und Gawyn stellte sich neben den General. Die junge Frau schaute immer wieder in den todbringenden Himmel.</p><p>�Die Amyrlin, Egwene al�Vere�, sagte sie mit bebender Stimme. �Sie wurde fr�her am Tag aus ihrer Zelle entlassen und durfte in das Novizinnenquartier zur�ckkehren. Ich war unten in der K�che, als der Angriff begann, also wei� ich nicht, was mit ihr passiert ist. Aber vermutlich ist sie oben irgendwo auf der einundzwanzigsten oder zweiundzwanzigsten Ebene. Dort befinden sich jetzt die Novizinnenzimmer.� Sie verzog das Gesicht. �Das Innere der Burg ist heutzutage ein schreckliches Durcheinander. Nichts ist da, wo es sein sollte.�</p><p>Siuan erwiderte Brynes Blick. �Man hat Egwene hohe Dosen Spaltwurzel verabreicht. Sie wird kaum in der Lage sein, die Macht zu lenken.�</p><p>�Wir m�ssen sie finden!�, stie� Gawyn hervor.</p><p>�Offensichtlich�, sagte Bryne und rieb sich das Kinn. �Darum sind wir ja hier. Also gehen wir wohl nach oben statt nach unten.�</p><p>�Ihr seid gekommen, um sie zu retten, nicht wahr?� Die Novizin klang eifrig.</p><p>Bryne musterte sie. <emphasis>Kind, ich w�nschte, du h�ttest das nicht erkannt.</emphasis> Er hasste die Vorstellung, eine einfache Novizin in diesem Chaos gefesselt zur�cklassen zu m�ssen. Aber sie durften nicht riskieren, dass sie losrannte und die Aes Sedai der Wei�en Burg warnte.</p><p>�Ich will mit Euch gehen�, sagte das M�dchen flehend. �Ich stehe loyal zu der Amyrlin. Der echten Amyrlin. Das gilt f�r die meisten von uns.�</p><p>Bryne hob eine Braue und sah Siuan an.</p><p>�Soll sie mitkommen�, sagte die Aes Sedai. �Das ist ohnehin die einfachere L�sung.� Sie fing an, dem M�dchen weitere Fragen zu stellen.</p><p>Bryne schaute zur Seite, als einer seiner Hauptm�nner, ein Mann namens Vestas, auf ihn zutrat. �Mein Lord�, raunte Vestas dr�ngend. �Wir haben zw�lf M�nner verloren. Weitere f�nfzehn sind verwundet, k�nnen aber noch gehen und sind zu den Booten unterwegs. Sechs sind zu schlimm verletzt, um sie begleiten zu k�nnen.� Vestas z�gerte. �Drei M�nner werden die n�chste Stunde nicht �berleben, mein Lord.�</p><p>Bryne biss die Z�hne zusammen. �Wir brechen auf.�</p><p>�Ich f�hle diesen Schmerz, Bryne�, sagte Siuan und wandte sich ihm wieder zu. �Was ist los?�</p><p>�Wir haben keine Zeit. Die Amyrlin ��</p><p>�Kann noch einen Augenblick warten. Worum geht es?�</p><p>�Drei M�nner�, sagte er. �Ich muss drei meiner M�nner sterbend zur�cklassen.�</p><p>�Nicht, wenn ich sie Heile�, erwiderte Siuan. �Bringt mich zu ihnen.�</p><p>Bryne gab seinen Widerstand auf, auch wenn er einen Blick gen Himmel warf. Mehrere <emphasis>Raken</emphasis> waren auf dem Burggel�nde gelandet und stellten undeutliche, von den Flammen beleuchtete Schemen dar. Die fl�chtenden Seanchaner sammelten sich um sie.</p><p><emphasis>Das waren die Truppen f�r den Bodenangriff,</emphasis> dachte er. Sie <emphasis>ziehen sich wahrhaftig zur�ck. Der �berfall endet.</emphasis></p><p>Was bedeutete, dass sie keine Zeit mehr hatten. Nach dem Abzug der Seanchaner w�rde sofort wieder Ordnung in die Wei�e Burg einkehren. Sie mussten Egwene finden! Und sollte das Licht daf�r sorgen, dass sie nicht in Gefangenschaft geraten war.</p><p>Aber wenn Siuan die Soldaten Heilen wollte, dann war das ihre Entscheidung. Er hoffte blo�, dass diese drei Leben der Amyrlin am Ende nicht das Leben kostete.</p><p>Vestas hatte die drei Soldaten ein wenig abseits unter einem gro�en Baum zur�ckgelassen. Bryne nahm eine Abteilung Soldaten mit und �berlie� es Gawyn, den Rest der M�nner zu organisieren. Er folgte Siuan. Sie kniete bereits neben dem ersten Verletzten. Ihr Geschick im Heilen war nicht gro�; da hatte sie Bryne bereits vorgewarnt. Aber vielleicht konnte sie ja den Zustand der drei M�nner so stabilisieren, dass sie lange genug bis zu ihrer Entdeckung und Gefangennahme durch die Wei�e Burg �berleben w�rden.</p><p>Sie arbeitete schnell, und Bryne entdeckte, dass sie wirklich �bertrieben hatte. Sie schien beim Heilen durchaus anst�ndige Arbeit zu leisten. Dennoch ben�tigte das Zeit. Bryne lie� die Blicke �ber den Hof schweifen und sp�rte, wie seine Nervosit�t wuchs. Aus den oberen Etagen wurden noch immer Feuerb�lle geschleudert, aber in den unteren Etagen und auf dem Gel�nde herrschte Ruhe. Die einzigen Laute kamen von den st�hnenden Verwundeten und dem Prasseln der Flammen.</p><p><emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte er und betrachtete die Tr�mmer, lie� den Blick �ber das Erdgeschoss der Burg gleiten. Das Dach des Ostfl�gels und die Seitenmauer waren eingest�rzt, �berall in dem Geb�ude flackerten Flammen. Der Hof war voller Steintr�mmer und tiefer Narben. Dichter, stinkender Rauch hing in der Luft. W�rden die Ogier bereit sein, zur�ckzukehren und dieses pr�chtige Bauwerk zu reparieren? W�rde es jemals wieder wie fr�her sein, oder war dieses scheinbar f�r alle Ewigkeit errichtete Monument in dieser Nacht gefallen? Versp�rte er Stolz, weil er Zeuge des Untergangs geworden war, oder doch Trauer?</p><p>In der Dunkelheit neben dem Baum bewegte sich ein Schatten.</p><p>Bryne handelte, ohne nachzudenken. Drei Dinge kamen in ihm zusammen: Jahre der �bung im Schwertkampf, ein Leben erworbener Schlachtfeldreflexe und eine neue, vom Bund verst�rkte Aufmerksamkeit. Alles kam in einer Bewegung zusammen. Einen Herzschlag sp�ter hatte sein Schwert die Scheide verlassen, und er vollzog <emphasis>Der letzte Biss der Schwarzlanze,</emphasis> rammte die Klinge direkt in den Hals einer dunklen Gestalt.</p><p>Alle standen wie erstarrt. Siuan sah entsetzt von dem Mann auf, den sie gerade Heilte. Brynes Schwert befand sich direkt �ber ihrer Schulter und endete im Hals eines seanchanischen Soldaten in schwarzer R�stung. Lautlos lie� der Mann ein mit h�sslichen S�gez�hnen versehenes Kurzschwert fallen, dessen Klinge mit einer �ligen Fl�ssigkeit �berzogen war. Mit zuckenden Fingern griff er nach Brynes Schwert, als wollte er es herausziehen. Einen Augenblick lang packte er Brynes Arm.</p><p>Dann rutschte der Mann r�ckw�rts von Brynes Klinge und sackte zu Boden. Er b�umte sich einmal auf und fl�sterte etwas, das trotz des Blubberns in seinem blutenden Hals deutlich zu verstehen war. <emphasis>�Marath � damane ��</emphasis></p><p>�Soll das Licht mich doch verbrennen!�, keuchte Siuan und hob eine Hand an die Brust. �Was war <emphasis>das?�</emphasis></p><p>�Er ist nicht wie die anderen gekleidet�, sagte Bryne und sch�ttelte den Kopf. �Seine R�stung ist anders. Irgendeine Art von Meuchelm�rder.�</p><p>�Beim Licht�, sagte Siuan. �Ich habe ihn nicht einmal gesehen! Er schien beinahe ein Teil der Dunkelheit selbst zu sein!�</p><p>Meuchelm�rder. Sie schienen immer gleich auszusehen, ganz egal, welcher Kultur sie angeh�rten. Bryne schob das Schwert zur�ck in die Scheide. Das war das erste Mal, dass er <emphasis>Der Letzte Biss der Schwarzlanze</emphasis> im Kampf benutzt hatte. Es war eine einfache Figur, die nur f�r eines gedacht war: Schnelligkeit. Die Klinge ziehen und in den Hals stechen, und das alles in einer fl�ssigen Bewegung. Verfehlte man, starb man f�r gew�hnlich.</p><p>�Ihr habt mir das Leben gerettet�, sagte Siuan und schaute zu Bryne hoch. Ihr Gesicht lag gr��tenteils im Schatten verborgen. �Beim Meer der Mitternacht�, sagte sie, �das verfluchte M�dchen hat recht behalten.�</p><p>�Wer?�, fragte Bryne und suchte die Dunkelheit misstrauisch nach weiteren Attent�tern ab. Er winkte, und seine M�nner �ffneten ihre Laternen verlegen ein St�ck weiter. Der Angriff war so schnell erfolgt, dass sie sich kaum ger�hrt hatten. H�tte Bryne nicht �ber die Schnelligkeit des Beh�terbundes verf�gt�</p><p>�Min�, sagte Siuan m�de. Das Heilen schien sie eine Menge Kraft gekostet zu haben. �Sie sagte, ich m�sste in Eurer N�he bleiben.� Sie hielt inne. �W�rt Ihr nicht heute Nacht mitgekommen, w�re ich gestorben.�</p><p>�Nun�, sagte Bryne. �Ich bin Euer Beh�ter. Ich vermute einmal, das wird nicht das einzige Mal bleiben, dass ich Euch rette.� Warum war es pl�tzlich so warm geworden?</p><p>�Ja�, sagte Siuan und stand auf. �Aber dieses Mal ist es anders. Min sagte, dass ich sterbe und � Nein, wartet. So hat Min das nicht ausgedr�ckt. Sie sagte, dass, sollte ich nicht in Eurer N�he bleiben, wir beide sterben werden.�</p><p>�Was meint Ihr ��, sagte Bryne und wandte sich ihr zu.</p><p>� Pst!�, machte Siuan und legte die H�nde um seinen Kopf. Er versp�rte ein seltsames Kribbeln. Wandte sie die Macht bei ihm an? Was geschah denn hier? Dann erkannte er das Gef�hl - wie Eis in seinen Adern! Sie Heilte ihn. Aber warum? Er war nicht verwundet.</p><p>Siuan lie� ihn los, dann schwankte sie pl�tzlich und sah tief ersch�pft aus. Er packte sie und hielt sie fest, aber sie sch�ttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. �Hier�, sagte sie, ergriff seinen Schwertarm und drehte ihn um, bis sein Handgelenk zu sehen war. Dort steckte eine winzige schwarze Nadel in der Haut. Sie riss sie heraus. Bryne versp�rte ein Fr�steln, das nichts mit dem Heilen zu tun hatte.</p><p>�Gift?�, fragte er mit einem Blick auf den Toten. �Als er nach meinem Arm griff, war das kein normaler Todeskrampf.�</p><p>�Vermutlich war da ein Bet�ubungsmittel dabei�, murmelte Siuan und lie� sich von ihm dabei helfen, sich auf den Boden zu setzen. Sie warf die Nadel weg, und pl�tzlich explodierte sie in einer Flamme. Das Gift l�ste sich in der Hitze ihrer gelenkten Macht auf.</p><p>Bryne fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Seine Stirn war schwei�bedeckt. � Habt Ihr es � Geheilt?�</p><p>Siuan nickte. �Es war �berraschend einfach; es war nur wenig in Eurem K�rper. Aber es h�tte Euch trotzdem get�tet. Wenn Ihr Min das n�chste Mal seht, solltet Ihr ihr danken. Sie hat gerade uns beiden das Leben gerettet.�</p><p>�Aber w�re ich nicht mitgekommen, w�re ich nicht vergiftet worden!�</p><p>�Versucht nicht, einer Vorhersage oder Sicht mit Logik zu begegnen�, sagte Siuan mit einer Grimasse. �Ihr lebt, ich lebe. Ich schlage vor, wir belassen es dabei. Geht es Euch gut genug, um weitermachen zu k�nnen?�</p><p>�Spielt das eine Rolle?�, fragte Bryne. �Ich lasse Euch bestimmt nicht allein weitergehen.�</p><p>�Dann los.� Siuan holte tief Luft und k�mpfte sich auf die F��e. Diese Pause war bei weitem nicht lange genug gewesen, aber er sprach sie nicht darauf an. �Eure drei Soldaten �berleben die Nacht. Ich habe f�r sie getan, was ich konnte.�</p><p>Egwene sa� ersch�pft auf einem Schutthaufen und starrte aus dem Loch in der Wei�en Burg, betrachtete die in der Tiefe brennenden Feuer. Dort bewegten sich Gestalten, und ein Feuer nach dem anderen erlosch. Wer auch immer die Gegenwehr organisiert hatte, war geistesgegenw�rtig genug, um zu erkennen, dass die Br�nde sich als genauso gef�hrlich wie die Seanchaner erweisen konnten. Aber ein paar Schwestern, die Luft oder Wasser webten, konnten die Flammen schnell ersticken und die Wei�e Burg erhalten. Zumindest das, was noch davon �brig war.</p><p>Egwene schloss die Augen und lehnte sich zur�ck, st�tzte sich gegen die �berreste einer Wand, sp�rte eine frische Brise auf der Haut. Die Seanchaner waren weg, die letzten <emphasis>To�raken</emphasis> verschwanden in der Nacht. In diesem Augenblick, als Egwene sie fl�chten sah, erkannte sie, wie sehr sie und die armen Novizinnen, durch die sie die Macht gezogen hatte, sich verausgabt hatten. Sie lie� sie gehen mit dem Befehl, sich sofort schlafen zu legen. Die anderen Frauen, die sie um sich geschart hatte, k�mmerten sich um die Verwundeten oder die Br�nde auf den oberen Ebenen.</p><p>Egwene wollte helfen. Zumindest ein Teil von ihr. Ein Funken. Aber beim Licht, wie m�de sie war! Sie konnte nicht einmal mehr ein Rinnsaal der Macht lenken, nicht einmal mithilfe des <emphasis>Sa�angreals.</emphasis> Sie war an die Grenzen dessen gegangen, was ihr m�glich war. Aber jetzt war sie so ausgelaugt, dass sie nicht mehr dazu f�hig sein w�rde, die Quelle zu umarmen.</p><p>Sie hatte gek�mpft. Sie war wunderbar und zerst�rerisch gewesen, die Amyrlin der Vergeltung und des Zorns, eine Gr�ne Ajah bis ins Mark. Und trotzdem stand die Burg in Flammen. Und trotzdem waren mehr <emphasis>To�raken</emphasis> entkommen als vernichtet worden. Wenigstens war unter denen, die sie um sich geschart hatte, die Zahl der Verwundeten ermutigend gering. Nur drei Novizinnen und eine Aes Sedai get�tet, w�hrend sie zehn <emphasis>Damane</emphasis> eingesammelt und Dutzende Soldaten get�tet hatten. Aber was war mit den anderen Etagen? In dieser Schlacht w�rde die Wei�e Burg nicht vorn liegen.</p><p>Die Wei�e Burg war gebrochen, jetzt auch in der Substanz wie an Geist. F�r den Wiederaufbau w�rde sie eine starke Anf�hrerin brauchen. Die n�chsten Tage w�rden von entscheidender Bedeutung sein. Der Gedanke an die Arbeit, die sie leisten musste, war mehr als ersch�pfend.</p><p>Sie hatte viele besch�tzt. Sie hatte Widerstand geleistet und gek�mpft. Aber dieser Tag w�rde trotzdem als eine der gr��ten Katastrophen in der Geschichte der Aes Sedai eingehen.</p><p><emphasis>Daran darf ich jetzt nicht denken,</emphasis> sagte sie sich. <emphasis>Ich muss mich auf das konzentrieren, was zu tun ist, um die Dinge zu reparieren �</emphasis></p><p>Gleich w�rde sie aufstehen. Sie w�rde die Novizinnen und Aes Sedai anf�hren, w�hrend sie aufr�umten und die Sch�den einsch�tzten. Sie w�rde stark und f�hig sein. Die anderen w�rden in Versuchung sein, sich der Verzweiflung hinzugeben, und sie musste ein leuchtendes Vorbild sein. F�r sie.</p><p>Aber ein paar Minuten konnte sie sich g�nnen. Sie brauchte nur noch eine kurze Ruhepause �</p><p>Kaum bekam sie mit, dass sie jemand aufhob. M�hsam schlug sie die Augen auf und war trotz ihres bet�ubten Verstandes erstaunt, von Gawyn Trakand getragen zu werden. Seine Stirn war mit getrocknetem Blut verschmiert, aber seine Miene war entschlossen. �Ich habe dich, Egwene�, sagte er und schaute auf sie herunter. �Ich besch�tze dich.�</p><p><emphasis>Oh,</emphasis> dachte sie und schloss wieder die Augen. <emphasis>Sch�n. So ein angenehmer Traum.</emphasis> Sie l�chelte.</p><p>Moment. Nein. Das war nicht richtig. Sie sollte die Burg doch nicht verlassen. Sie wollte protestieren, konnte aber nicht einmal mehr richtig murmeln.</p><p>�Fischschei�e�, h�rte sie Siuan Sanche sagen. �Was haben sie ihr angetan?�</p><p>�Ist sie verletzt?� Eine andere Stimme. Gareth Bryne.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte Egwene benommen. <emphasis>Nein, ihr m�sst mich loslassen. Ich kann nicht gehen. Nicht jetzt�</emphasis></p><p>�Sie haben sie einfach hier zur�ckgelassen, Siuan�, sagte Gawyn. Es war so sch�n, seine Stimme zu h�ren. �Schutzlos in einem Korridor! Jeder h�tte sich an sie heranmachen k�nnen. Was, wenn die Seanchaner sie entdeckt h�tten?�</p><p><emphasis>Ich habe sie vernichtet,</emphasis> dachte sie mit einem L�cheln, und die Gedanken entglitten ihr. <emphasis>Ich war eine flammenerf�llte Kriegerin, eine vom Horn gerufene Heldin. Sie werden nicht wagen, mir noch einmal gegen�berzutreten.</emphasis> Um ein Haar w�re sie eingeschlafen, aber Gawyns Schritte hielten sie wach. So gerade eben.</p><p>�Ha!� Undeutlich vernahm sie Siuans Stimme. �Was ist das? Beim Licht, Egwene! Wo habt Ihr das denn her? Das ist das M�chtigste in der ganzen Burg!�</p><p>�Was ist es, Siuan?�, fragte Brynes Stimme.</p><p>�Unser Weg nach drau�en�, sagte Siuan undeutlich. Egwene sp�rte etwas. Macht wurde gelenkt. Viel Macht. �Ihr habt mich gebeten, Euch und Eure M�nner auf dem Hof hinten rauszuschmuggeln? Nun, hiermit bin ich stark genug zum Reisen. Sammeln wir die Soldaten an den Booten ein und kehren zur�ck ins Lager.�</p><p>Nein!, dachte Egwene und krallte sich einen Weg durch ihre M�digkeit, zwang die Augen auf. <emphasis>Ich gewinne, begreift ihr das denn nicht? Wenn ich mich jetzt als Anf�hrerin zur Verf�gung stelle, wo man die Tr�mmer wegr�umt, werden sie mich bestimmt als Amyrlin akzeptieren! Ich muss hier bleiben! Ich muss �</emphasis></p><p>Gawyn trug sie durch das Wegetor und lie� die G�nge der Wei�en Burg hinter sich zur�ck.</p><empty-line/><p>Schlie�lich gestattete sich Saerin, sich hinzusetzen. Der Versammlungssaal, der ihr Kommandoposten geworden war, war ebenfalls ein Raum f�r das Heilen der Verwundeten geworden. Gelbe und Braune Schwestern schritten die Reihen der Soldaten, Diener und anderen Schwestern ab und konzentrierten sich auf die schlimmsten F�lle zuerst. Es gab eine erschreckende Zahl an Toten, einschlie�lich bislang zwanzig Aes Sedai. Aber die Seanchaner waren abgezogen, genau wie Saerin es vorhergesagt hatte. Daf�r musste man dem Licht danken.</p><p>Saerin selbst sa� auf einem Hocker in der nordwestlichsten Ecke des Raumes unter einem sch�nen Gem�lde von Tear im Fr�hling und nahm Berichte entgegen. Die Verwundeten st�hnten, und der ganze Raum roch nach Blut und Heiltalles, das man bei den Wunden benutzte, die kein sofortiges Heilen erforderten. Au�erdem roch es nach Rauch. Der war in dieser Nacht allgegenw�rtig. Immer mehr Soldaten kamen und �berreichten Berichte �ber Sch�den und Opfer. Saerin wollte sie nicht mehr lesen, aber es war besser, als dem St�hnen zuh�ren zu m�ssen. Wo beim Licht steckte nur Elaida?</p><p>Niemand hatte die Amyrlin w�hrend der Schlacht gesehen, aber der gr��te Teil der oberen Turmebenen war von den unteren Ebenen abgeschnitten gewesen. Hoffentlich konnten Amyrlin und Saal bald zusammentreten, um eine starke F�hrung w�hrend der Krise zu demonstrieren.</p><p>Saerin nahm den n�chsten Bericht entgegen, dann runzelte sie die Stirn, nachdem sie ihn gelesen hatte. Von den �ber sechzig Novizinnen in Egwenes Gruppe waren nur drei gestorben? Und nur eine Schwester von den mehr als vierzig Aes Sedai, die sie um sich geschart hatte? <emphasis>Zehn</emphasis> seanchanische Machtlenkerinnen gefangen, �ber drei�ig <emphasis>Raken</emphasis> vom Himmel geschossen? Beim Licht! Damit verglichen erschienen ihre Bem�hungen regelrecht st�mperhaft. Und das war die Frau, von der Elaida auch weiterhin darauf beharrte, dass sie nichts weiter als eine <emphasis>Novizin</emphasis> war?</p><p>�Saerin Sedai?�, sagte eine M�nnerstimme.</p><p>�Hm?�, fragte sie gedankenverloren.</p><p>�Ihr solltet h�ren, was diese Aufgenommene zu sagen hat.�</p><p>Saerin schaute auf und wurde sich bewusst, dass die Stimme Hauptmann Chubain geh�rte. Er hatte die Hand auf die Schulter einer jungen Aufgenommenen aus Arafell mit blauen Augen und rundem Gesicht gelegt. Wie war noch einmal ihr Name? Genau, Mair. Das arme Kind sah mitgenommen aus. Ihr Gesicht wies etliche Schnitte auf sowie Absch�rfungen, die sicherlich zu blauen Flecken werden w�rden. Ihr Aufgenommenengewand war am �rmel und an der Schulter eingerissen.</p><p>�Kind?� Saerin entging nicht Chubains besorgte Miene. Was war los?</p><p>�Saerin Sedai�, fl�sterte das M�dchen, machte einen Knicks und verzog sofort schmerzlich das Gesicht. �Ich ��</p><p>�Heraus damit, Kind�, verlangte Saerin. �Das ist nicht die richtige Nacht, um Dinge in die L�nge zu ziehen.�</p><p>Mair schaute zu Boden. �Es ist die Amyrlin, Saerin Sedai. Elaida Sedai. Ich diente ihr heute Abend, nahm Diktate f�r sie auf. Und ��</p><p>�Und was?� Saerin versp�rte ein stetig wachsendes Fr�steln.</p><p>Das M�dchen fing an zu weinen. �Die ganze Wand st�rzte ein, Saerin Sedai. Die Tr�mmer begruben mich; ich glaube, man hielt mich f�r tot. Ich konnte nichts tun! Es tut mir leid!�</p><p><emphasis>Das Licht gebe, dass das nicht wahr ist!,</emphasis> dachte Saerin. <emphasis>Sie kann unm�glich sagen, was ich glaube, dass sie sagt. Oder doch?</emphasis></p><empty-line/><p>Elaida erwachte mit einem sehr seltsamen Gef�hl. Warum bewegte sich ihr Bett? Es schl�ngelte sich, wogte. So rhythmisch. Und dieser Wind! Hatte Carlya das Fenster offen gelassen? Wenn j a, w�rde die Magd Schl�ge bekommen. Sie war gewarnt worden. Sie war �</p><p>Das war nicht ihr Bett. Elaida �ffnete die Augen und schaute auf eine Hunderte von Fu� unter ihr liegende dunkle Landschaft. Sie war auf den R�cken einer seltsamen Bestie gefesselt. Sie konnte sich nicht bewegen. Warum konnte sie sich nicht bewegen? Sie griff nach der Quelle, versp�rte aber einen pl�tzlichen scharfen Schmerz, als peitschten unvermittelt tausend Ruten jeden Zoll ihres K�rpers.</p><p>Benommen griff sie nach oben und ber�hrte den Kragen um ihren Hals. Neben ihr ritt eine dunkle Gestalt auf dem Sattel; das Gesicht der Frau wurde von keiner Laterne erhellt, aber aus einem unerfindlichen Grund konnte Elaida sie <emphasis>f�hlen.</emphasis> Eine undeutliche Erinnerung stieg in ihr auf, wie sie an ein Seil gebunden in der Luft gebaumelt und dabei immer wieder das Bewusstsein verloren hatte. Wann hatte man sie nach oben gezogen? Was geschah hier blo�?</p><p>Ein Fl�stern kam aus der Nacht. �Ich werde diesen kleinen Fehler verzeihen. Du bist solange eine <emphasis>Marath�damane</emphasis> gewesen, da muss man mit schlechten Angewohnheiten rechnen. Aber ohne Erlaubnis wirst du niemals mehr nach der Quelle greifen. Hast du verstanden?�</p><p>�Macht mich sofort los!�, br�llte Elaida.</p><p>Der Schmerz kehrte zehnfach zur�ck, seine Intensit�t lie� Elaida w�rgen und sich �bergeben. Ihr Mageninhalt spr�hte �ber die Seite der Kreatur und regnete auf den tief unter ihr befindlichen Boden.</p><p>�Aber, aber�, sagte die Stimme so geduldig wie eine Frau, die mit einem Kleinkind sprach. �Du musst lernen. Dein Name ist Suffa. Und Suffa wird eine gute <emphasis>Damane</emphasis> sein. Ja, das wird sie. Eine sehr, sehr gute <emphasis>Damane.�</emphasis></p><p>Wieder schrie Elaida auf, und dieses Mal h�rte sie nicht auf, als der Schmerz kam. Sie schrie in eine gleichg�ltige Nacht hinein.</p></section><section><title><p>42</p><p>Vor dem Stein von Tear</p></title><p><emphasis>Wir kennen die Namen der Frauen nicht, die sich in</emphasis><emphasis>Graendals Palast befanden,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Wir k�nnen sie nicht zu der Liste hinzuf�gen.</emphasis></p><p>Rand versuchte den Verr�ckten zu ignorieren. Was sich als unm�glich erwies. Lews Therin fuhr fort.</p><p><emphasis>Wie sollen wir die Liste fortf�hren, wenn wir die Namen nicht kennen! Im Krieg haben wir die F�chter ermittelt, die gefallen sind. Wir haben jede Einzelne von ihnen gefunden! Die Liste ist ungenau! Ich kann nicht damit fortfahren!</emphasis></p><p><emphasis>Das ist nicht deine Liste!,</emphasis> knurrte Rand. <emphasis>Sie geh�rt mir, Lews Therin. MIR!</emphasis></p><p><emphasis>Nein!,</emphasis> regte sich der Verr�ckte auf. <emphasis>Wer bist du? Sie geh�rt mir! Ich habe sie gemacht. Ich kann damit nicht mehr weitermachen, weilsie tot sind. Oh, beim Licht! Baalsfeuer? Warum haben wir nur Baalsfeuer benutzt! Ich habe versprochen, dass ich das nie wieder tun w�rde �</emphasis></p><p>Rand kniff die Augen zusammen und hielt Tai�daishars Z�gel fest. Das Schlachtross suchte sich auf der Stra�e seinen Weg, die Hufe trafen das festgetrampelte Erdreich.</p><p><emphasis>Was ist aus uns geworden?,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Wir werden es wieder tun, nicht wahr? Sie alle t�ten. Jeden, den wir geliebt haben. Wieder und wieder und �</emphasis></p><p>�Wieder und wieder�, fl�sterte Rand. �Es spielt keine Rolle, solange nur die Welt �berlebt. Sie haben mich schon fr�her verflucht, haben mich beim Drachenberg und bei meinem Namen verflucht, aber sie haben �berlebt. Wir sind hier, zum Kampf bereit. Wieder und wieder.�</p><p>�Rand?�, fragte Min.</p><p>Er �ffnete die Augen. Sie ritt auf ihrer braunen Stute neben Tai�daishar. Er durfte nicht zulassen, dass sie oder einer der anderen bemerkte, wie er die Kontrolle verlor. Sie durften nicht wissen, wie kurz er vor dem Zusammenbruch stand.</p><p><emphasis>Wir kennen so viele Namen nicht,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>So viele, die durch unsere Hand gestorben sind.</emphasis></p><p>Und dabei war das erst der Anfang.</p><p>�Mir geht es gut, Min�, sagte er. �Ich habe nur nachgedacht. �</p><p>��ber diese Menschen?�, fragte Min. Die h�lzernen Gehwege von Bandar Eban waren mit Menschen gef�llt. Die Farbe ihrer Kleidung konnte Rand nicht l�nger erkennen, so abgetragen war sie. Die pr�chtigen Stoffe wiesen Risse auf, es gab d�nne Flicken, Schmutz und Flecken. Buchst�blich jedermann in Bandar Eban war auf der Flucht. Sie beobachteten ihn mit gehetzten Blicken.</p><p>Wenn er zuvor ein K�nigreich erobert hatte, hatte er es in einem besseren Zustand als vor seiner Ankunft zur�ckgelassen. Er hatte Verlorene beseitigt, die als Tyrannen herrschten, hatte Kriegen und Belagerungen ein Ende bereitet. Er hatte marodierende Shaido zur�ckgedr�ngt, hatte Lebensmittel gebracht und f�r Stabilit�t gesorgt. Jede Nation, die er vernichtet hatte, hatte er im Grunde genommen gleichzeitig gerettet.</p><p>Arad Doman war anders. Er hatte Lebensmittel gebracht - aber diese Lebensmittel hatten nur noch mehr Fl�chtlinge angelockt und damit seine Vorr�te belastet. Er war nicht nur darin gescheitert, ihnen Frieden mit den Seanchanern zu verschaffen, er hatte ihr einziges Heer in Beschlag genommen und es zur Bewachung der Grenzlande abgestellt. Das Meer war noch immer nicht sicher. Die kleine Kaiserin von Seanchan hatte ihm nicht vertraut. Sie w�rde mit ihren Angriffen fortfahren, sie vielleicht sogar verdoppeln.</p><p>Die Domani w�rden von den Hufen des Krieges niedergetrampelt werden, zermalmt zwischen heranst�rmenden Trollocs im Norden und Seanchanern im S�den. Und er verlie� sie einfach.</p><p>Irgendwie war das den Einwohnern klar geworden, und es fiel Rand ausgesprochen schwer, sie anzusehen. Ihre hungrigen Blicke klagten ihn an: warum Hoffnung bringen und sie dann vertrocknen lassen wie ein frisch gegrabener Brunnen w�hrend einer D�rre? Warum uns zwingen, dich als Herrscher zu akzeptieren, nur um uns dann im Stich zu lassen?</p><p>Flinn und Naeff waren vorausgeritten; er konnte ihre schwarzen M�ntel sehen, wie sie auf ihren Pferden sa�en und zusahen, wie Rands Prozession sich dem Stadtplatz n�herte. An ihren hohen Kragen funkelten die Anstecknadeln. Der Springbrunnen auf dem Platz ergoss sich noch immer �ber funkelnde Kupferpferde, die aus kupfernen Wellen sprangen. Welche von diesen stummen Domani polierten noch immer den Brunnen, obwohl kein K�nig herrschte und die H�lfte des Kaufmannsrats verschollen war?</p><p>Rands Aiel hatten nicht genug von den Mitgliedern aufsp�ren k�nnen, um eine Mehrheit bilden zu k�nnen. Er vermutete, dass Graendal genug von ihnen get�tet oder gefangen genommen hatte, um zu verhindern, dass jemals ein neuer K�nig gew�hlt werden konnte. Waren die Mitglieder des Kaufmannsrats h�bsch genug gewesen, hatten sie zweifellos die R�nge ihrer Scho�tiere verst�rkt - was bedeutete, dass Rand sie get�tet hatte.</p><p><emphasis>Ah,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Namen, die ich der Liste hinzuf�gen kann. Ja �</emphasis></p><p>Bashere ritt heran; er sah nachdenklich aus. �Euer Wille ist geschehen�, sagte er.</p><p>�Lady Chadmar?�, fragte Rand.</p><p>�Wurde in ihr Haus zur�ckgebracht�, sagte Bashere. �Das Gleiche haben wir mit den anderen vier Mitgliedern des Kaufmannsrats gemacht, die die Aiel in der N�he der Stadt untergebracht hatten.�</p><p>�Sie wissen, was sie zu tun haben?�</p><p>�Ja.� Bashere seufzte. �Aber ich glaube nicht, dass sie es tun werden. Wenn Ihr mich fragt, werden sie sofort nach unserer Abreise aus der Stadt fl�chten wie Diebe aus dem Gef�ngnis, sobald die W�rter verschwunden sind.�</p><p>Rand antwortete nicht darauf. Er hatte befohlen, dass der Kaufmannsrat neue Mitglieder erw�hlte und dann einen K�nig suchte. Aber vermutlich hatte Bashere recht. Es gab bereits die ersten Berichte aus anderen St�dten entlang der K�ste, wo Rand seinen Aiel den R�ckzug befohlen hatte. Die Verantwortlichen verschwanden und flohen, bevor die Seanchaner ihre bef�rchteten Angriffe durchf�hrten.</p><p>Als K�nigreich war Arad Doman erledigt. Es w�rde bald zusammenbrechen wie ein Tisch, auf dem man zu viel abgeladen hatte. <emphasis>Das ist nicht mein Problem,</emphasis> dachte Rand und vermied es, die Leute anzusehen. <emphasis>Ich habe getan, was ich konnte.</emphasis></p><p>Das entsprach nicht der Wahrheit. Zwar hatte er den Domani helfen wollen, aber die wahren Gr�nde f�r sein Kommen war der Wunsch gewesen, sich mit den Seanchanern zu einigen, herauszufinden, was mit dem K�nig geschehen war, und Graendal aufzusp�ren. Ganz zu schweigen davon, so viel von den Grenzlanden zu sichern, wie er nur konnte.</p><p>�Was gibt es Neues von Ituralde?�, fragte er.</p><p>�Ich f�rchte, nichts Gutes�, sagte Bashere grimmig. �Er hatte ein paar Scharm�tzel mit den Trollocs, aber das wusstet Ihr ja bereits. Das Schattengez�cht zieht sich immer schnell zur�ck, aber er warnte, dass sich dort etwas versammelt. Seine Sp�her haben Anzeichen einer Streitmacht entdeckt, die gro� genug ist, um ihn zu �berrennen. Falls sich die Trollocs dort zusammenrotten, dann versammeln sie sich garantiert auch an anderen Orten. Vor allem am Tarwin-Pass.�</p><p><emphasis>Verflucht sollen diese Grenzl�nder seinl,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Ich werde etwas wegen ihnen unternehmen m�ssen. Bald.</emphasis> Er erreichte den Platz, z�gelte Tai�daishar und nickte Flinn und Naeff zu.</p><p>Auf sein Signal hin �ffnete jeder von ihnen auf dem Stadtplatz ein gro�es Wegetor. Rand hatte direkt von Lady Chadmars Anwesen aufbrechen wollen, aber so h�tte sich nur ein Dieb davongestohlen, heute hier und morgen fort. Er w�rde diese Menschen zumindest sehen lassen, dass er ging und man sie sich selbst �berlie�.</p><p>Sie dr�ngten sich auf den B�rgersteigen, es waren beinahe genauso viel wie bei seiner Ankunft in der Stadt. Falls m�glich waren sie noch stummer, als sie seinerzeit gewesen waren. Frauen in eng anliegenden Gew�ndern, M�nner in bunten M�nteln und Spitzenmanschetten. Viele hatten nicht die kupferne Hautfarbe der Domani. Mit dem Versprechen auf Nahrung hatte Rand so viele in die Stadt gelockt.</p><p>Zeit zu gehen. Er ritt auf eines der Wegetore zu, aber da rief eine Stimme: �Lord Drache!�</p><p>Die Stimme war leicht zu h�ren, da die Menge so still war. Rand drehte sich auf seinen Sattel um und hielt nach dem Rufer Ausschau. Das war ein drahtiger Mann in einem roten Mantel, der an der Taille zugekn�pft war und sich zur Brust hin zu einem V �ffnete, um das darunter getragene R�schenhemd zu zeigen. Seine goldenen Ohrringe funkelten, als er sich mit den Ellbogen einen Weg durch die Menge bahnte. Die Aiel fingen ihn ab, aber Rand erkannte ihn als einen der Hafenmeister. Er gab den Aiel ein Zeichen, den Mann - er hie� Iralin - durchzulassen.</p><p>Iralin eilte auf Tai�daishar zu. F�r einen Domani war er uncharakteristisch glatt rasiert, und seine Augen waren vom Schlafmangel ger�tet.</p><p>�Mein Lord Drache�, sagte der Mann mit ged�mpfter Stimme, als er neben Rands Pferd stand. �Die Nahrung! Sie ist verdorben!�</p><p>�Welche Nahrung?�, fragte Rand.</p><p>�Alles�, erwiderte der Mann mit angespannter Stimme. �Jedes Fass, jeder Sack, alles in unseren Lagerh�usern und auf den Schiffen des Meervolks. Mein Lord! Es ist nicht nur voller Getreidek�fer. Es ist schwarz und bitter geworden, und man wird krank davon, wenn man es isst!�</p><p>�Alles?�, wiederholte Rand fassungslos.</p><p>�Alles�, sagte Iralin leise. �Aberhunderte von F�ssern. Das geschah pl�tzlich, in einem Augenblick. In dem einen Moment war alles in Ordnung, im n�chsten � Mein Lord, so viele Leute sind in die Stadt gekommen, weil sie h�rten, dass wir Nahrung haben! letzt haben wir nichts. Was sollen wir tun?�</p><p>Rand schloss die Augen. �Mein Lord?�, fragte Iralin.</p><p>Rand �ffnete die Augen und trieb Tai�daishar an. Er lie� den Hafenmeister mit offen stehendem Mund hinter sich stehen und passierte das Wegetor. Er konnte nichts tun. Er w�rde nichts mehr tun.</p><p>Die kommende Hungersnot verdr�ngte er aus seinen Gedanken. Es war schlimm, wie leicht ihm das fiel.</p><p>Bandar Eban verschwand, die viel zu stummen Menschen verschwanden. In dem Augenblick, in dem er durch das Wegetor ritt, brach die dort wartende Menge in lauten Jubel aus. Der Kontrast war so unerwartet, dass Rand Tai�daishar wie benommen z�gelte.</p><p>Vor ihm breitete sich Tear aus. Das war eine der gro�en St�dte, die sich �ber ein breites Gebiet ausbreitete, und das Wegetor �ffnete sich direkt auf Feasters Lauf, einen der Hauptpl�tze der Stadt. Eine kurze Reihe Asha�man salutierten, indem sie die Faust zur Brust f�hrten. Rand hatte sie fr�her am Morgen losgeschickt, um die Stadt auf seine Ankunft vorzubereiten und den Platz f�r Wegetore zu r�umen.</p><p>Die Menschen jubelten weiter. Tausende hatten sich versammelt, und auf Dutzenden Stangen wehte das Banner des Lichts. Die Bewunderung traf Rand wie eine Welle des Tadels. Eine solche Verehrung verdiente er nicht. Nicht nach dem, was er in Arad Doman getan hatte.</p><p><emphasis>Ich muss weitergehen,</emphasis> dachte er und trieb Tai�daishar wieder an. Hier lief sein Pferd auf Pflastersteinen und nicht auf vom Regen durchfeuchteten Erdboden. Bandar Eban war eine gro�e Stadt, aber mit Tear konnte es sich nicht vergleichen. Stra�en schl�ngelten sich durch die Landschaft und wurden von Geb�uden ges�umt, die Landbewohner als dicht zusammengedr�ngt bezeichnet h�tten, die f�r Tairener aber ganz normal waren. Auf vielen der mit Schiefer oder Schindeln gedeckten D�cher hockten M�nner und Jungen in der Hoffnung, einen besseren Blick auf den Lord Drachen erhaschen zu k�nnen. Der hier verwendete Stein war etwas heller als in Bandar Eban, und er stellte das bevorzugte Baumaterial dar. Vielleicht lag das an der Festung, die sich hoch �ber der Stadt erhob. Der Stein von Tear, wie man sie nannte. Das noch immer eindrucksvolle Relikt eines vergangenen Zeitalters.</p><p>Rand ritt im Schritttempo, Bashere und Min in seiner unmittelbaren N�he. Die Menge br�llte. So laut. In der N�he fing der Wind zwei wehende Fahnen und lie� sie sich ineinander verheddern. Die M�nner, die sie im vorderen Teil der Menge hochhielten, senkten sie und versuchten, sie freizubekommen, aber sie hatten sich fest verknotet. Rand passierte sie, ohne ihnen gro�e Aufmerksamkeit zu schenken. L�ngst versp�rte er keine �berraschung mehr dar�ber, was seine Natur als <emphasis>Ta�veren</emphasis> alles bewirkte.</p><p>�berraschend fand er dann allerdings doch die Anwesenheit von so vielen Fremden in der Menge. Das war an sich nicht ungew�hnlich; Tear hie� alle willkommen, die aus dem Osten Gew�rze und Seide brachten, oder Porzellan vom Meer, Getreide oder Tabak aus dem Norden, und Geschichten von allen Orten. Allerdings war Rand nicht verborgen geblieben, dass ihm Ortsfremde bei seinen Besuchen nur wenig Beachtung schenkten - ganz egal, um welche Stadt es sich handelte. Das traf sogar dann zu, wenn diese Fremden aus L�ndern kamen, die er erobert hatte. Hielt er sich in Cairhien auf, schw�rmten die Cairhiener f�r ihn - war er aber in Illian, mieden ihn die Cairhiener. Vielleicht gefiel es ihnen ja nicht besonders, dass es sich bei ihrem Herrscher und dem Herrscher ihres Feindes um ein und denselben Mann handelte.</p><p>Hier hatte er allerdings keine M�he, die Ausl�nder zu z�hlen: da war Meervolk mit seiner dunklen Haut und der locker sitzenden, hellen Kleidung; da waren Murandianer mit ihren gewachsten Schnurrb�rten und den langen M�nteln; da waren b�rtige Illianer mit hochgeschlagenem Kragen; da waren blasse Cairhiener mit Streifen auf der Kleidung. Und es waren M�nner und Frauen in schlichter andoranischer Wolle vertreten. Von den Ausl�ndern jubelten deutlich weniger als bei den Einheimischen, aber sie waren da und sahen aufmerksam zu. Bashere musterte die Menge.</p><p>�Die Leute scheinen �berrascht zu sein�, sagte Rand, ohne es eigentlich zu wollen.</p><p>�Ihr wart eine Weile weg.� Bashere strich sich nachdenklich den Schnurrbart. �Zweifellos schwirrten die Ger�chte schneller als jeder Pfeil, und viele Wirte haben Geschichten von Eurem Tod oder Verschwinden gen�hrt, um die G�ste zur n�chsten Runde zu ermuntern.�</p><p>�Beim Licht! Ich scheine die H�lfte meines Lebens damit verbringen zu m�ssen, irgendwelche Ger�chte aus der Welt zu schaffen. Wann h�rt das endlich auf?�</p><p>Bashere lachte. �Sollte es Euch einmal gelingen, Ger�chte zu verhindern, dann steige ich vom Pferd und reite auf einer Ziege! Ha! Und ich werde Angeh�riger des Meervolks.�</p><p>Rand verstummte. Noch immer str�mte sein Gefolge durch die Wegetore. Als die Saldaeaner Tear betraten, hielten sie fast alle die Lanzen gerader und lie�en die Pferde t�nzeln. Die Aes Sedai w�rden sich nicht dabei erwischen lassen, sich �bertrieben stolz zu geb�rden, aber ihre alterslosen Gesichter betrachteten die Menschenmenge auf eine besonders g�tige Weise. Und die Schritte der Aiel waren etwas weniger misstrauisch und ihre Mienen nicht ganz so angespannt wie sonst, der Jubel schien ihnen angenehmer zu sein als die stumm anklagenden Blicke der Domani.</p><p>Bashere und Rand traten zur Seite, und Min schloss sich ihnen schweigend an. Sie wirkte abgelenkt. Nynaeve und Cadsuane hatten sich nicht im Herrenhaus befunden, als Rand seine Abreise verk�ndete. Was f�hrten sie wohl im Schilde? Er bezweifelte, dass sie zusammen unterwegs waren; diese Frauen ertrugen ja kaum, gemeinsam in einem Zimmer sein zu m�ssen. Aber wie dem auch sei, sie w�rden davon erfahren, dass er weitergezogen war, und sie w�rden ihn finden. Von diesem Augenblick an w�rde er leicht zu finden sein. Kein Versteckspiel mehr in H�usern im Wald. Keine Reisen ohne Gefolge mehr. Nicht, wo Lan und seine Malkieri zum Tarwin-Pass ritten. Daf�r hatte er einfach keine Zeit mehr.</p><p>Bashere betrachtete die offenen Wegetore, durch die lautlos die Aiel kamen. Diese Art der Reise wurde ihnen zusehends vertrauter.</p><p>�Werdet Ihr es Ituralde sagen?�, fragte Bashere schlie�lich. �Euer R�ckzug?�</p><p>�Er wird davon erfahren�, sagte Rand. �Seine Boten hatten den Befehl, die Berichte nach Bandar Eban zu bringen. Sie werden bald entdeckt haben, dass ich nicht mehr dort bin.�</p><p>�Und wenn er die Grenzlande verl�sst, um seinen Krieg gegen die Seanchaner fortzuf�hren?�</p><p>�Dann wird er die Seanchaner langsamer machen�, meinte Rand. �Und sie davon abhalten, mir in die Fersen zu bei�en. So wird er auch von Nutzen sein.�</p><p>Bashere sah ihn nur an.</p><p>�Was erwartet Ihr denn von mir, Bashere?�, fragte Rand leise. Dieser Blick war eine Herausforderung, wenn auch eine subtile, aber er w�rde nicht darauf reagieren. Sein Zorn blieb zu Eis erstarrt.</p><p>Bashere seufzte. �Ich wei� es nicht�, sagte er dann. �Das Ganze ist ein schreckliches Durcheinander, und ich sehe auch keinen Ausweg. Mit den Seanchanern im R�cken in den Krieg ziehen � eine schlechtere Ausgangsposition kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Rand und lie� den Blick �ber die Stadt schweifen. �Wenn das hier alles vorbei ist, wird Tear ihnen geh�ren, vielleicht auch Illian. Soll man mich doch zu Asche verbrennen, wir d�rften Gl�ck haben, wenn sie nicht alles bis nach Andor erobern, solange wir ihnen den R�cken zuwenden.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Wir m�ssen davon ausgehen, dass Ituralde seinen Posten aufgibt, sobald er von meinem Scheitern h�rt. Das bedeutet, dass unser n�chster Zug nur das Heer der Grenzl�nder sein kann. Welche Beschwerden Eure Landsm�nner auch immer an mich haben, wir m�ssen sie schnell regeln. Ich habe nur wenig Geduld f�r M�nner, die ihre Pflichten im Stich lassen.�</p><p><emphasis>Haben wir das getan?</emphasis>, fragte Lews Therin. <emphasis>Wen haben wir im Stich gelassen?</emphasis></p><p><emphasis>Ruhe!,</emphasis> knurrte Rand. <emphasis>K�mmere dich um deine Tr�nen und lass mich in Ruhe, du verr�ckter Spinner!</emphasis></p><p>Bashere lehnte sich nachdenklich auf seinem Sattel zur�ck. Falls er der Meinung war, dass Rand die Domani im Stich lie�, sagte er es nicht. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf. �Ich vermag nicht zu sagen, was Tenobia eigentlich will. Vielleicht ist sie einfach nur w�tend, dass ich mich Euch angeschlossen habe; aber es k�nnte sich auch um etwas ausgesprochen Schwieriges handeln, zum Beispiel um die Forderung, dass Ihr Euch dem Willen der Grenzl�nder-Monarchen unterwerft. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was sie und die anderen ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt von der Gro�en F�ule wegbringt. �</p><p>�Das werden wir bald herausfinden�, sagte Rand. �Ich will, dass Ihr ein paar Asha�man nehmt und in Erfahrung bringt, wo Tenobia und die anderen lagern. Vielleicht entdecken wir ja, dass sie diese Narrenparade endlich aufgegeben haben und wieder auf dem Weg dorthin sind, wo sie hingeh�ren.�</p><p>�Also gut�, sagte Bashere. �Wartet, bis ich meine M�nner untergebracht habe, dann reise ich ab.�</p><p>Rand nickte knapp, dann wendete er sein Pferd und setzte sich wieder in Bewegung. Die Menschen, die zu beiden Seiten der Stra�e aufgereiht waren, jubelten ihm zu. Bei seinem letzten Besuch in Tear hatte er sich verkleidet, was auch immer ihm das genutzt hatte, jeder, der die Zeichen zu lesen verstand, w�rde gewusst haben, dass er in der Stadt war. Ungew�hnliche Ereignisse - sich verknotende Fahnen, M�nner, die von D�chern st�rzten und ohne eine Schramme landeten - waren erst der Anfang. Sein Einfluss als <emphasis>Ta�veren</emphasis> schien m�chtiger zu werden und st�ndig gr��er werdende Verzerrungen zu verursachen. Und gef�hrlichere.</p><p>W�hrend seines letzten Besuchs war Tear von Rebellen belagert gewesen, aber die Stadt selbst hatte nicht darunter gelitten. Tear war viel zu sehr mit seinem Handel besch�ftigt, um sich von etwas so Simplen wie einer Belagerung st�ren zu lassen. Die meisten Menschen hatten einfach mit ihrem Tagewerk weitergemacht und die Rebellen kaum zur Kenntnis genommen. Adlige konnten ihre Spielchen spielen, solange sie ehrlichen Leuten damit nicht in die Quere kamen.</p><p>Au�erdem hatte ohnehin jedermann gewusst, dass der Stein die Stellung halten w�rde, so wie eigentlich immer. Das Schnelle Reisen hatte ihn ja m�glicherweise �berfl�ssig gemacht, aber f�r Invasoren ohne Zugang zu der Einen Macht war der Stein buchst�blich uneinnehmbar. F�r sich allein genommen war er massiver als so manche Stadt - ein gewaltiges Areal aus Mauern, T�rmen und Befestigungen ohne eine einzige Fuge im Mauerwerk. Er enthielt Schmieden, Lagerh�user, Tausende Verteidiger und sein eigenes befestigtes Dock.</p><p>Und nichts davon w�rde gegen ein Heer von Seanchanern mit ihren <emphasis>Damane</emphasis> und <emphasis>Raken</emphasis> von Nutzen sein.</p><p>Die Menschenmengen s�umten die Stra�e zur Schwelle des Steins, dem gro�en offenen Platz, der den Stein auf drei Seiten umgab. <emphasis>Das ist ein Schlachtfeld,</emphasis> sagte Lews Therin.</p><p>Hier bejubelte eine andere Menge Rand. Die Tore des Steins standen ge�ffnet, und ein Begr��ungskomitee erwartete ihn. Darlin, einst ein Hochlord und jetzt der K�nig von Tear, sa� auf einem Schimmel. Der Tairener war mindestens einen Kopf kleiner als Rand und hatte einen kurzen schwarzen Bart und kurz geschnittenes Haar. Seine gro�e Nase verhinderte, dass man ihn als h�bsch bezeichnen konnte, aber Rand hatte festgestellt, dass er einen scharfen Verstand und viel Sinn f�r Ehre hatte. Schlie�lich war Darlin von Anfang an gegen Rand gewesen, statt sich jenen anzuschlie�en, die ihn nicht schnell genug hatten anbeten k�nnen. Ein Mann, dessen Gefolgschaft schwer zu gewinnen war, war oft jemand, dessen Gefolgschaft man sich auch dann sicher sein konnte, wenn man ihn aus den Augen lie�.</p><p>Darlin verneigte sich vor Rand. Neben dem K�nig sa� Dobraine auf einem braunen Wallach; der Cairhiener trug einen blauen Mantel und wei�e Hosen. Seine Miene war ausdruckslos, obwohl Rand vermutete, dass er noch immer eingeschnappt war, weil er Arad Doman so �berst�rzt hatte verlassen m�ssen.</p><p>Vor der Mauer hatten Reihen aus den Verteidigern des Steins Aufstellung genommen. Sie hielten die gezogenen Schwerter, und ihre Brustpanzer und Helme waren so lange poliert worden, bis sie beinahe leuchteten. Die Puff�rmel waren schwarz und golden gestreift, und �ber den M�nnern wehte das Banner von Tear, ein rotes und gelbes Feld mit drei silbernen Halbmonden. Der Platz direkt hinter dem Tor barst f�rmlich vor Soldaten, viele in den Farben der Verteidiger, aber viele auch ohne Uniform und nur mit roten und goldenen Armb�ndern versehen. Das w�rden die neuen Rekruten sein, die Rand Darlin befohlen hatte anzuwerben.</p><p>Es war ein Schauspiel, das Ehrfurcht erwecken sollte. Oder den Stolz eines Mannes streicheln. Rand hielt Tai�daishar vor Darlin an. Ungl�cklicherweise wurde der K�nig von dem Pfau Weiramon begleitet, dessen Pferd direkt hinter Darlin stand. Weiramon war so dumm, dass Rand ihm eigentlich keine Arbeit unbeaufsichtigt �berlassen h�tte, ganz zu schweigen von dem Kommando �ber eine Abteilung Soldaten. Sicher, der kleingewachsene Mann war tapfer, aber vermutlich nur deshalb, weil er nicht schlau genug war, um Gefahren einsch�tzen zu k�nnen. Wie immer sah Weiramon wie ein Narr aus, weil er einfach nicht darauf verzichten konnte, sich wie ein Geck anzuziehen; sein Bart war gewachst, das Haar sorgf�ltig arrangiert, um die beginnende Glatze zu verbergen, und seine Kleidung war teuer - Mantel und Hosen hatten den Schnitt einer Felduniform, aber kein Mann w�rde in so kostbaren Sachen in die Schlacht reiten. Abgesehen von Weiramon.</p><p><emphasis>Ich mag ihn,</emphasis> dachte Lews Therin.</p><p>Rand zuckte zusammen. <emphasis>Du kannst doch keinen leiden!</emphasis></p><p><emphasis>Er ist ehrlich,</emphasis> erwiderte Lews Therin und musste lachen. <emphasis>Jedenfalls ehrlicher als ich! Kein Mann ist aus freien St�cken ein Narr, aber er entscheidet sich daf�r, loyal zu sein. Wir k�nnten es schlimmer treffen, als diesen Mann in unserem Gefolge zu haben.</emphasis></p><p>Rand sparte sich eine Erwiderung. Mit dem Verr�ckten war jede Debatte sinnlos. Lews Therins Entscheidungen st�tzten sich nur selten auf rationale Gr�nde. Wenigstens summte er nicht wieder �ber eine h�bsche Frau. Das konnte sehr st�rend sein.</p><p>Darlin und Dobraine verneigten sich vor Rand, Weiramon machte es ihnen nach. Nat�rlich hatte der K�nig noch andere Begleiter. Lady Caraline war selbstverst�ndlich anwesend; die schlanke Cairhienerin war so sch�n, wie Rand sie in Erinnerung hatte. Auf ihrer Stirn hing ein wei�er Opal, dessen Goldkette mit ihrem dunklen Haar verwoben war. Rand musste sich zwingen wegzusehen. Sie hatte einfach zu gro�e �hnlichkeit mit ihrer Cousine Moiraine. Und Lews Therin fing unweigerlich an, die Namen der Liste zu zitieren, Moiraine an erster Stelle.</p><p>Rand st�hlte sich und h�rte dem Toten in seinem Hinterkopf zu, w�hrend er den Rest der Gruppe musterte. S�mtliche noch verbliebenen Hochlords und Ladys von Tear waren da - auf ihren Pferden. Die einf�ltig l�chelnde Anaiyella sa� neben Weiramon auf ihrem Braunen. Trug sie tats�chlich ein Taschent�chlein mit seinen Farben? Rand h�tte sie f�r etwas anspruchsvoller gehalten. Torean trug ein L�cheln auf dem feisten Gesicht. Bedauerlich, dass er noch lebte, wo so viele bessere M�nner unter den Hochlords gestorben waren. Simaan, Estanda, Tedosian, Hearne waren da - sie alle waren gegen Rand gewesen und hatten die Belagerung des Steins angef�hrt. Jetzt neigten sie vor ihm das Haupt.</p><p>Alanna war auch da. Rand ignorierte sie. Sie war ungl�cklich, das verriet ihm ihr Bund. Und das geschah ihr auch recht.</p><p>�Mein Lord Drache�, sagte Darlin und richtete sich wieder auf. �Danke, dass Ihr Lord Dobraine geschickt habt, um Eure W�nsche auszurichten.� Seine Stimme verriet seinen Unmut. Er hatte sich beeilt, ein Heer aufzustellen, weil Rand darauf gedrungen hatte, und dann hatte Rand ihn gezwungen, wochenlang tatenlos herumzusitzen. Nun, die M�nner w�rden die verl�ngerte Ausbildung noch zu sch�tzen wissen.</p><p>�Das Heer steht bereit�, fuhr Darlin z�gernd fort. �Wir sind bereit zum Aufbruch nach Arad Doman.�</p><p>Rand nickte. Urspr�nglich war es seine Absicht gewesen, Darlin in Arad Doman aufzustellen, damit er Aiel und Asha�man an anderen Orten einsetzen konnte. Er drehte sich um und betrachtete die Menge, verstand nun gedankenverloren, warum so viele Ausl�nder darunter waren. Die meisten Einheimischen waren f�r das Heer rekrutiert worden und standen jetzt zu Reihen aufgestellt im Stein.</p><p>Vielleicht waren die Menschen auf dem Platz und in den Stra�en gar nicht gekommen, um Rands Ankunft zu bejubeln. Vielleicht glaubten sie, sie w�rden ihr zum Sieg abr�ckendes Heer verabschieden.</p><p>�Ihr habt gute Arbeit geleistet, K�nig Darlin�, sagte Rand. �Es ist auch Zeit, dass jemand in Tear lernt, Befehlen zu gehorchen. Ich wei�, dass Eure M�nner ungeduldig sind, aber sie werden noch etwas l�nger warten m�ssen. Macht im Stein Platz f�r mich, und quartiert Basheres Soldaten und die Aiel ein.�</p><p>Darlins Verwirrung steigerte sich. �Gut. Werden wir also nicht in Arad Doman gebraucht?�</p><p>�Was Arad Doman braucht, das kann ihm keiner geben�, sagte Rand. �Eure Streitkr�fte werden mich begleiten.�</p><p>�Nat�rlich, mein Lord. Und � wo marschieren wir hin?�</p><p>�Zum Shayol Ghul.�</p></section><section><title><p>43</p><p>Versiegelt</p></title><p>Egwene sa� stumm in ihrem Zelt, die H�nde im Scho� gefaltet. Und brachte ihre Best�rzung, ihren brennenden Zorn und ihre Fassungslosigkeit unter Kontrolle.</p><p>Die mollige und h�bsche Chesa sa� schweigend in der Ecke auf einem Kissen, bestickte den Saum eines von Egwenes Kleidern und sah so zufrieden aus, wie jemand nur aussehen konnte, jetzt, da ihre Herrin wieder da war. Das Zelt lag abgelegen in einem Hain innerhalb des Aes Sedai-Lagers. An diesem Morgen hatte Egwene au�er Chesa keinen Dienern den Zutritt gestattet. Sie hatte sogar Siuan abgewiesen, die zweifellos gekommen war, um sich irgendwie zu entschuldigen. Egwene brauchte Zeit zum Nachdenken, um sich vorzubereiten, um ihr Versagen zu akzeptieren.</p><p>Und sie hatte versagt. Ja, andere hatten dazu beigetragen, aber diese anderen waren ihre Anh�nger und Freunde gewesen. Sie w�rden genau wissen, wie zornig Egwene �ber ihren Anteil an diesem Fiasko sein w�rde. Aber zuerst musste sie den Blick nach innen wenden, herausfinden, was sie h�tte besser machen k�nnen.</p><p>Sie sa� auf ihrem Stuhl mit der hohen Lehne, dessen Armlehnen mit geschnitzten Schriftrollen verziert waren. Das Zelt war genauso, wie sie es verlassen hatte; der Schreibtisch war aufger�umt, die Decken zusammengefaltet, die Kissen in der Ecke aufgestapelt. Offensichtlich hatte Chesa immer Staub gewischt. Es erinnerte an ein Museum, in dem man Kindern die Vergangenheit nahebrachte.</p><p>W�hrend ihrer Gespr�che im <emphasis>Tel�aran�rhiod</emphasis> war sie Siuan gegen�ber so energisch aufgetreten, wie das nur m�glich gewesen war, und trotzdem hatte man ihren ausdr�cklichen Wunsch ignoriert und sie zur�ckgeholt. Vielleicht war sie zu geheimnisvoll gewesen. Geheimnisse - die waren gef�hrlich. Sie hatten Siuan gest�rzt. Die Zeit der Frau als Anf�hrerin der Augen und Ohren der Blauen Ajah hatte sie gelehrt, mit Informationen geizig umzugehen, sie wie ein knauseriger Arbeitgeber am Zahltag auszuteilen. H�tten die anderen die Bedeutung von Siuans T�tigkeit gekannt, h�tten sie sich vielleicht nicht entschieden, gegen sie zu arbeiten.</p><p>Egwene fuhr mit den Fingern �ber die glatte, eng gewebte Tasche, die sie an den G�rtel gebunden trug. Sie enthielt einen langen, schmalen Gegenstand, den man am Morgen verstohlen aus der Wei�en Burg geholt hatte.</p><p>War sie in die gleiche Falle wie Siuan getappt? Das war durchaus eine Gefahr. Schlie�lich hatte Siuan sie ausgebildet. H�tte Egwene genauer erkl�rt, welche Fortschritte ihre Arbeit in der Wei�en Burg machte, h�tten die anderen dann nichts unternommen?</p><p>Das war schwer zu sagen. Eine Amyrlin <emphasis>musste</emphasis> viele Geheimnisse bewahren. Transparenz w�rde den Vorteil ihrer Autorit�t zunichtemachen. Aber Egwene h�tte Siuan gegen�ber mitteilsamer sein m�ssen. Die Frau war einfach zu sehr daran gew�hnt, selbstst�ndig zu handeln. Ein deutliches Anzeichen daf�r war die Art und Weise, wie sie ihr Traum-Ter�<emphasis>�angreal</emphasis> entgegen der W�nsche des Saals und ohne sein Wissen behalten hatte. Aber Egwene hatte das geduldet, hatte Siuan unbewusst ermuntert, sich der Autorit�t zu widersetzen.</p><p>fa, sie hatte Fehler gemacht. Sie konnte Siuan, Gawyn und Bryne nicht die ganze Schuld zuweisen. Garantiert hatte sie noch andere Fehler gemacht; sie w�rde ihre Schritte sp�ter genauer ergr�nden m�ssen.</p><p>Im Augenblick musste sie ihre Aufmerksamkeit einem gr��eren Problem zuwenden. Eine Katastrophe war geschehen. Man hatte sie kurz vor dem Erfolg aus der Wei�en Burg herausgeholt. Wie sollte es nun weitergehen?</p><p>Egwene stand nicht auf, um nachdenklich auf und ab zu gehen. Das h�tte nur Nervosit�t oder nagende Zweifel verraten, und sie hatte gelernt, zu allen Zeiten reserviert zu sein, damit sie nicht unabsichtlich wieder in schlechte Angewohnheiten verfiel. Also blieb sie sitzen, die H�nde auf den Armlehnen, gekleidet in ein kostbares gr�nes Seidenkleid mit gelben Stickereien auf dem Oberteil.</p><p>Wie seltsam sich dieses Gewand doch anf�hlte. Wie <emphasis>falsch.</emphasis> Zwar hatte man ihr die wei�en Kleider aufgezwungen, aber sie waren gewisserma�en ein Symbol des Widerstands geworden. Der jetzige Kleiderwechsel bedeutete ein Ende ihrer Verweigerung. Sie war ersch�pft von der Schlacht in der Nacht, sowohl k�rperlich wie auch emotional. Aber sie konnte dem jetzt nicht nachgeben. Es w�rde nicht ihre erste schlaflose Nacht vor einem wichtigen Tag voller Entscheidungen und Probleme sein.</p><p>Sie ertappte sich dabei, wie sie mit den Fingern auf der Lehne herumklopfte, und zwang sich dazu, damit aufzuh�ren.</p><p>Eine R�ckkehr in die Wei�e Burg als Novizin war nun unm�glich. Ihr Widerstand hatte nur funktioniert, weil sie eine gefangen genommene Amyrlin gewesen war. Eine freiwillige R�ckkehr w�rde man als unterw�rfig oder arrogant betrachten. Davon abgesehen w�rde Elaida sie dieses Mal mit Sicherheit hinrichten lassen.</p><p>Und so sa� sie wieder fest, genau wie nach der Gefangennahme durch die Agenten der Wei�en Burg. Sie biss die Z�hne zusammen. Einst hatte sie irrt�mlicherweise geglaubt, dass die Amyrlin nicht so ohne Weiteres von zuf�lligen Schleifen im Muster herumgeschubst werden w�rde. Eigentlich h�tte sie alles im Griff haben m�ssen. Alle anderen verbrachten ihre Tage immer nur damit zu reagieren, aber die Amyrlin war eine Frau der Tat!</p><p>Ihr wurde immer deutlicher bewusst, dass es keinen Unterschied machte, wenn man die Amyrlin war. Das Leben war wie ein Orkan, ob man nun Milchmagd war oder K�nigin. Die K�niginnen waren einfach nur besser darin, mitten im Sturm so zu tun, als h�tten sie die Kontrolle. Wenn Egwene wie eine vom Wind unbehelligte Statue aussah, dann lag das nur daran, weil sie erkannte, wie sie sich mit den B�en bewegen musste. Das erschuf die Illusion der Kontrolle.</p><p>Nein. Es war nicht nur eine Illusion. Die Amyrlin <emphasis>hatte</emphasis> eine gr��ere Kontrolle, selbst wenn sie nur darauf beruhte, dass sie sich selbst unter Kontrolle hatte und den Orkan drau�en hielt. Die Anforderungen des Augenblicks lie�en sie schwanken, aber ihre Handlungen waren wohldurchdacht. Sie musste so logisch sein wie eine Wei�e, so nachdenklich wie eine Braune, so leidenschaftlich wie eine Blaue, so entschieden wie eine Gr�ne, so gn�dig wie eine Gelbe und so diplomatisch wie eine Graue. Und ja, so rachs�chtig wie eine Rote, falls das n�tig war.</p><p>Es w�rde keine R�ckkehr in die Wei�e Burg als Novizin geben, und sie konnte nicht warten, bis die Verhandlungen weitergingen. Nicht, wo die Seanchaner mutig genug waren, die Wei�e Burg anzugreifen, wo Rand v�llig ohne Aufsicht umherstreifte, wo die Welt voller Chaos war und der Schatten seine Streitkr�fte zur Letzten Schlacht sammelte. Das stellte sie vor eine schwierige Entscheidung. Ihr stand ein Heer von f�nfzigtausend Soldaten zur Verf�gung, und die Wei�e Burg hatte einen unfassbaren Schlag hinnehmen m�ssen. Die Aes Sedai w�rden ersch�pft sein, die Burgwache angeschlagen und entmutigt.</p><p>In wenigen Tagen w�rden alle Geheilt und die Frauen ausgeruht sein. Egwene wusste nicht, ob Elaida den Angriff �berlebt hatte oder nicht, aber sie musste von der Annahme ausgehen, dass sie noch immer den Befehl hatte. Das lie� ihr nur einen geringen Handlungsspielraum.</p><p>Egwene <emphasis>wusste,</emphasis> was die einzig richtige Entscheidung war. Sie konnte nicht darauf warten, dass die Schwestern in der Wei�en Burg die richtige Entscheidung trafen, dazu fehlte ihr einfach die n�tige Zeit, sie w�rde sie <emphasis>zwingen</emphasis> m�ssen, sie zu akzeptieren.</p><p>Egwene hoffte, dass ihr die Geschichte das am Ende verzieh. Sie stand auf, schlug den Zelteingang zur Seite und erstarrte. Direkt vor ihr sa� ein Mann auf dem Boden.</p><p>Gawyn sprang auf; er war in jeder Hinsicht noch genauso attraktiv, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Er war kein sch�ner Mann wie sein Halbbruder. Gawyn war solider, echter. Das lie� ihn f�r Egwene nun viel attraktiver als Galad erscheinen. Galad war wie ein Wesen jenseits der Realit�t, eine Gestalt aus den Legenden und Geschichten. Er war wie eine Figurine aus Glas, die man auf den Tisch stellte und bewunderte, aber niemals ber�hrte.</p><p>Gawyn war anders. Ansehnlich mit diesem r�tlichblonden Haar und diesen sanften Augen. Wo sich Galad niemals um etwas sorgte, machte Gawyns Anteilnahme ihn echt. Genau wie seine F�higkeit, Fehler zu begehen. Ungl�cklicherweise.</p><p>�Egwene�, sagte er, schob das Schwert zurecht und klopfte sich die Hose ab. Beim Licht! Hatte er vor ihrem Zelt <emphasis>geschlafen?</emphasis> Die Sonne hatte bereits den halben Weg zu ihrem Zenit zur�ckgelegt. Er h�tte sich ausruhen sollen!</p><p>Egwene unterdr�ckte ihre Sorge um ihn. Jetzt war nicht der Augenblick, ein liebeskrankes M�dchen zu sein. Es war der Augenblick, die Amyrlin zu sein. �Gawyn�, sagte sie und hob abwehrend die Hand, als er einen Schritt auf sie zu machte. �Ich habe nicht einmal angefangen, dar�ber nachzudenken, was ich mit dir machen soll. Andere Angelegenheiten verlangen meine Aufmerksamkeit. Hat sich der Saal versammelt, wie ich es befohlen habe?�</p><p>�Ich glaube schon�, sagte er und warf einen Blick in Richtung Lagermitte. Sie konnte das gro�e Versammlungszelt des Saals kaum zwischen den B�umen ausmachen.</p><p>�Dann muss ich vor ihn treten�, sagte sie und holte tief Luft. Sie setzte sich in Bewegung.</p><p>�Nein�, sagte Gawyn und vertrat ihr den Weg. �Egwene, wir m�ssen reden.�</p><p>�Sp�ter.�</p><p>�Nein, nicht sp�ter, verdammt! Ich habe Monate gewartet. Ich muss wissen, wo wir stehen. Ich muss wissen, ob du ��</p><p>�Halt!�, sagte sie.</p><p>Er verstummte. Sie w�rde sich <emphasis>nicht</emphasis> von diesen Augen erweichen lassen, sollte man ihn doch zu Asche verbrennen! Nicht in diesem Augenblick. �Ich sagte, ich habe meine Gef�hle noch nicht ergr�ndet�, sagte sie k�hl, �und das war mein Ernst.�</p><p>Er schob den Unterkiefer vor. �Ich glaube dir diese Aes Sedai-Ruhe nicht, Egwene. Nicht, wenn der Ausdruck in deinen Augen so viel ehrlicher ist. Ich brachte gro�e Opfer, um ��</p><p><emphasis>�Du</emphasis> brachtest Opfer?�, unterbrach ihn Egwene und lie� etwas von ihrer Wut durchschimmern. �Was ist denn mit den Opfern, die ich gebracht habe, um die Wei�e Burg wieder zu vereinen? Opfer, die du unterminiert hast, indem du gegen meine ausdr�cklichen W�nsche handeltest? Hat dir Siuan nicht gesagt, dass ich eine Rettungsmission ausdr�cklich verboten hatte?�</p><p>�Das hat sie�, erwiderte er steif. �Aber wir haben uns Sorgen um dich gemacht!�</p><p>�Nun, diese <emphasis>Sorge</emphasis> war das Opfer, das ich verlangte, Gawyn�, sagte sie ver�rgert. �Verstehst du nicht, wie sehr ihr mir misstraut habt? Wie soll ich dir vertrauen, wenn du meine Befehle missachtest, nur damit du dich besser f�hlst?�</p><p>Gawyn sah kein bisschen besch�mt aus; lediglich verst�rt. Tats�chlich war das ein gutes Zeichen - als Amyrlin brauchte sie einen Mann, der seine Meinung sagte. Privat. Aber in der �ffentlichkeit brauchte sie jemanden, der sie unterst�tzte. Konnte er das nicht verstehen?</p><p>�Du liebst mich, Egwene�, sagte er stur. �Das sehe ich doch.�</p><p>�Egwene die Frau liebt dich�, antwortete sie. �Aber Egwene die Amyrlin ist <emphasis>w�tend</emphasis> auf dich. Gawyn, wenn du bei mir bleiben willst, musst du bei der Frau <emphasis>und</emphasis> der Amyrlin bleiben. Eigentlich h�tte ich von dir erwartet, dass du diesen Unterschied begreifst, ein Mann, den man dazu ausgebildet hat, der Erste Prinz der Schwerter zu sein.�</p><p>Gawyn sah zur Seite.</p><p>�Du glaubst es nicht, oder?�, fragte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass ich die Amyrlin bin�, sagte sie. �Du akzeptierst meine Position nicht.�</p><p>�Ich versuche es�, erwiderte er und sah sie wieder an. � Aber verdammte Asche, Egwene. Als wir uns trennten, warst du gerade mal eine Aufgenommene, und das ist nicht so lange her. Jetzt haben sie dich zur Amyrlin ernannt? Ich wei� nicht, was ich davon halten soll.�</p><p>�Und du verstehst nicht, wie deine Unsicherheit alles untergr�bt, was wir zusammen haben k�nnten?�</p><p>�Ich kann mich �ndern. Aber du musst mir dabei helfen.�</p><p>�Was der Grund daf�r war, dass ich sp�ter reden wollte�, sagte sie. � L�sst du mich jetzt vorbei?�</p><p>Mit offensichtlichem Z�gern trat er zur Seite. �Wir sind mit diesem Gespr�ch noch nicht fertig�, warnte er. �Ich bin endlich zu einer Entscheidung gekommen, und ich habe nicht vor, sie jetzt zu verwerfen.�</p><p>�Sch�n�, sagte Egwene und ging an ihm vorbei. �Dar�ber kann ich jetzt nicht nachdenken. Ich muss gehen und Menschen, die mir viel bedeuten, den Befehl geben, eine andere Gruppe von Menschen, die mir viel bedeuten, niederzumetzeln. �</p><p>�Dann wirst du es also tun?�, fragte er hinter ihr. �Im Lager wird dar�ber spekuliert. Ich habe davon geh�rt, obwohl ich mich heute Morgen kaum von der Stelle bewegt habe. Viele glauben, du wirst Bryne den Angriff auf die Stadt befehlen.�</p><p>Sie z�gerte.</p><p>�Es w�re eine Schande, sollte es dazu kommen�, fuhr er fort. �Tar Valon ist mir v�llig egal, aber ich glaube zu wissen, welche Auswirkungen ein Angriff auf dich h�tte.�</p><p>Sie drehte sich zu ihm um. �Ich werde tun, was getan werden muss, Gawyn�, sagte sie und erwiderte seinen Blick. �Zum Besten der Aes Sedai und der Wei�en Burg. Selbst wenn es schmerzhaft ist. Selbst wenn es mich innerlich zerrei�t. Ich werde es tun, wenn es getan werden muss. Immer.�</p><p>Er nickte langsam. Sie ging auf den Pavillon in der Mitte des Lagers zu.</p><p>�Das war Euer Fehler, Jesse�, sagte Adelorna. Ihre Augen waren noch immer ger�tet; in der vergangenen Nacht hatte sie einen Beh�ter verloren. Da war sie eine von vielen. Aber sie war auch so z�h wie ein Jagdhund, und sie war offensichtlich entschlossen, sich ihren Schmerz nicht anmerken zu lassen.</p><p>Jesse Bilal w�rmte die H�nde an einer Tasse Stachelbeertee und dachte nicht daran, sich k�dern zu lassen. Adelornas Bemerkung war unausweichlich gewesen. Und vielleicht verdiente sie die R�ge ja sogar. Nat�rlich verdienten sie sie <emphasis>alle,</emphasis> auf die eine oder andere Weise. Vielleicht mit Ausnahme von Tsutama, die zu der Zeit keine Ajah angef�hrt hatte. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte man die Frau nicht zu diesem besonderen Treffen eingeladen. Das und die Tatsache, dass die Rote Ajah im Moment bei den anderen nicht gut gelitten war.</p><p>Der enge Raum war kaum gro� genug f�r f�nf St�hle und den kleinen Ofen an der Wand, der eine wohlige W�rme verstr�mte. Es war nicht genug Platz f�r einen Tisch, geschweige denn einen Kamin. Nur genug Platz f�r f�nf Frauen. Die f�nf m�chtigsten Frauen der Welt. Und die f�nf d�mmsten, wie es den Anschein hatte.</p><p>An diesem Morgen waren sie eine traurige Schwesternschaft, am Morgen nach der gr��ten Katastrophe in der Geschichte der Wei�en Burg, fesse sah die Frau neben sich an. Ferane Neheran - die Erste Denkerin der Wei�en - war eine kleine st�mmige Frau, die oft mehr Temperament als Logik zu haben schien, was f�r eine Wei�e seltsam war. Heute war einer dieser Gelegenheiten: Sie sa� mit finsterem Blick und verschr�nkten Armen da. Eine Tasse Tee hatte sie abgelehnt.</p><p>Neben ihr sa� Suana Dragand, die Erste Weberin der Gelben Ajah. Sie bestand nur aus Haut und Knochen, war aber unbeugsam. Dann kam Adelorna, die eben Jesse beschuldigt hatte. Wer konnte dem Generalhauptmann der Gr�nen wegen ihrer Geh�ssigkeit einen Vorwurf machen? Sie, die Elaida hatte pr�geln lassen und die vergangene Nacht beinahe durch die Hand der Seanchaner den Tod gefunden hatte? Die schlanke Frau sah seltsam ungepflegt aus. Ihr Haar war zu einem einfachen Knoten zur�ckgebunden, ihr helles Kleid zerknittert.</p><p>Die letzte Frau im Raum war Serancha Colvine, die Erste Schreiberin der Grauen Ajah. Sie hatte hellbraune Haare und ein spitzes Gesicht; sie erweckte immer den Eindruck, als h�tte sie gerade in etwas Saures gebissen. Heute erschien dieser Charakterzug noch ausgepr�gter als sonst zu sein.</p><p>�Sie hat da nicht unrecht, jesse�, sagte Ferane. Ihr logischer Ton stand in direktem Gegensatz zu ihrem offensichtlichen Groll. �Ihr wart diejenige, die diese Handlungsweise vorgeschlagen hat.�</p><p>��Vorgeschlagen� trifft es nicht genau.� jesse trank einen Schluck. �Ich habe lediglich erw�hnt, dass in einigen der � privateren Burgaufzeichnungen Berichte von Zeiten stehen, in denen die Anf�hrerinnen der Ajahs anstelle der Amyrlin herrschten.� Das Dreizehnte Depositorium war den Anf�hrerinnen der Ajahs bekannt, aber sie durften es nicht besuchen, solange sie nicht gleichzeitig Sitzende waren. Das hielt aber nur die wenigsten von ihnen davon ab, Sitzende zu schicken, um f�r sie Informationen zu holen. �Ich mag ja vielleicht die Botin gewesen sein, aber das ist oft die Rolle der Braunen. Keine von Euch hat gez�gert, und man musste Euch nicht zu dieser Handlungsweise zwingen.�</p><p>Das rief ein paar schiefe Blicke hervor, und die Frauen fanden Gelegenheit, ihren Tee zu studieren, ja, sie waren alle darin verwickelt, und das wussten sie auch. Jesse w�rde <emphasis>nicht</emphasis> die Verantwortung f�r dieses Fiasko auf sich nehmen.</p><p>�Es bringt nichts, jemanden verantwortlich zu machen.� Suana versuchte ausgleichend zu wirken, auch wenn ihre Stimme voller Bitterkeit war.</p><p>� So leicht gebe ich mich nicht zufrieden �, knurrte Adelorna. Manche reagierten auf den Verlust eines Beh�ters mit Trauer, andere mit Wut. Es bestand kein Zweifel daran, wie Adelorna es machte. �Ein schwerer, sehr schwerer Fehler wurde begangen. Die Wei�e Burg brannte, die Amyrlin wurde von Angreifern verschleppt, und der Wiedergeborene Drache streift noch immer ungehindert umher. Bald wird die ganze Welt �ber unsere Schande Bescheid wissen!�</p><p>�Und was bringt es, wenn wir uns gegenseitig Vorw�rfe machen?�, erwiderte Suana. �Sind wir denn so kindisch, dass wir dieses Treffen damit verbringen, uns dar�ber zu streiten, wer h�ngen wird, in dem sinnlosen Versuch, uns unserer Verantwortung zu entziehen?�</p><p>Im Stillen dankte fesse der knochigen Gelben f�r ihre Worte. Nat�rlich war Suana die erste Anf�hrerin einer Ajah gewesen, die jesses Plan zugestimmt hatte. Also war sie die n�chste in der Reihenfolge des metaphorischen H�ngens.</p><p>�Sie hat nicht unrecht.� Serancha nahm einen Schluck Tee. �Wir m�ssen miteinander Frieden schlie�en. Die Burg braucht F�hrung, und die werden wir nicht vom Saal bekommen. �</p><p>�Was teilweise ebenfalls unsere Schuld ist�, gab Ferane zu und sah aus, als sei ihr �bel.</p><p>Das stimmte. Dabei war es als ein solch brillanter Plan erschienen. Sie waren nicht f�r die Spaltung der Burg verantwortlich gewesen oder f�r den aufgebrachten, rebellischen Auszug so vieler Frauen und die Erhebung einer neuen Amyrlin. Aber es <emphasis>hatten</emphasis> sich dadurch mehrere Gelegenheiten geboten. Die erste war am leichtesten zu ergreifen gewesen: Sitzende zu den Rebellen zu schicken, um sie in die richtige Richtung zu lenken und die Vers�hnung zu beschleunigen. Man hatte die j�ngsten unter den Sitzenden ausgew�hlt, ihr Ersatz in der Burg war nur f�r kurze Zeit gedacht gewesen. Die Anf�hrerinnen der Ajahs waren davon �berzeugt gewesen, diese l�cherliche Rebellion m�helos wieder aus der Welt schaffen zu k�nnen.</p><p>Sie hatten sie nicht ernst genug genommen. Das war ihr erster Fehler gewesen. Der zweite war schlimmer. In der Vergangenheit hatte es in der Tat Phasen gegeben, in denen die Anf�hrerinnen der Ajahs die Aes Sedai angef�hrt hatten und nicht der Amyrlin-Sitz oder der Saal der Burg. Nat�rlich hatte sich das hinter den Kulissen abgespielt, aber es war sehr erfolgreich gewesen. Allein die Amtszeit von Cemaile Sorenthaine w�re ein v�lliges Desaster gewesen, h�tten sich die Anf�hrerinnen der Ajahs nicht eingemischt.</p><p>Die derzeitige Situation war �hnlich erschienen. Die Tage vor der Letzten Schlacht waren eine ganz besondere Zeit, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit erforderte. Aufmerksamkeit von Frauen mit unersch�tterlichem rationalem Verstand und gro�er Erfahrung. Frauen, die selbstbewusst mit einer Stimme sprechen und den besten Kurs entscheiden konnten, ohne sich dabei in die Debatten zu verstricken, die es im Saal gab.</p><p>�An welchem Punkt haben wir uns geirrt, was meint ihr?�, fragte Serancha leise.</p><p>Die Frauen schwiegen. Keine von ihnen wollte offen zugeben, dass der Plan nach hinten losgegangen war. Adelorna lehnte sich mit verschr�nkten Armen zur�ck; in ihr brodelte es noch immer, aber wenigstens gab sie keine Beschuldigungen mehr von sich.</p><p>�Es war Elaida�, sagte Ferane. �Sie hat nie besonders � logisch gehandelt.�</p><p>�Sie war eine verfluchte Katastrophe, das war sie�, murmelte Adelorna finster.</p><p>�Es war mehr als das�, gab jesse zu. �Einfach Sitzende zu bestimmen, die wir kontrollieren konnten, um die zu ersetzen, die zu den Rebellen geschickt wurden, war eine gute Entscheidung, aber vielleicht war das zu offensichtlich. Die Frauen unserer eigenen Ajahs wurden misstrauisch; mir sind mehrere Kommentare von Frauen der Braunen bekannt. Wir sind keineswegs so unauff�llig, wie es manche gern h�tten.�</p><p>Serancha nickte. �Es roch nach Verschw�rung�, sagte sie. �Das untergrub das Vertrauen der Frauen. Und dann waren da die Rebellen. Viel schwerer zu kontrollieren als gedacht.�</p><p>Die Frauen nickten. Wie auch jesse waren sie alle von der Annahme ausgegangen, dass die Rebellen mit der richtigen Anleitung den R�ckweg zur Burg finden und um Vergebung bitten w�rden. Diese Spaltung h�tte mit keinem gr��eren Schaden als dem einen oder anderen gekr�nkten Ehrgef�hl enden sollen.</p><p>Aber sie hatten nicht damit gerechnet, wie z�h oder effektiv die Rebellen sein w�rden. Ein richtiges Heer, das mitten in einem Schneesturm am Ufer von Tar Valon auftauchte? Angef�hrt von einem der gr��ten milit�rischen Genies dieses Zeitalters? Mit einer neuen Amyrlin und einer best�rzend effektiven Belagerung? Wer h�tte mit so etwas rechnen sollen? Und einige der von ihnen ausgeschickten Sitzenden hatten angefangen, die Rebellen mehr zu unterst�tzen als die Wei�e Burg!</p><p><emphasis>Wir h�tten niemals zulassen d�rfen, dass Elaida die Blaue Ajah aufl�st,</emphasis> dachte Jesse. <emphasis>W�re das nicht geschehen, w�ren die Blauen vielleicht zur R�ckkehr bereit gewesen. Aber das war eine solche Dem�tigung, dass sie sich stur stellten.</emphasis> Allein das Licht wusste, wie gef�hrlich das war; die historischen Aufzeichnungen waren voller Berichte, wie hartn�ckig die Blauen sein konnten, um ihren Willen durchzusetzen, vor allem, wenn man sie in eine Ecke gedr�ngt hatte.</p><p>�Ich glaube, es ist Zeit zuzugeben, dass keine Hoffnung mehr besteht, unsere Pl�ne zu retten�, sagte Suana. �Stimmen mir da alle zu?�</p><p>�Ich stimme zu�, sagte Adelorna.</p><p>Eine Schwester nach der anderen nickte, Jesse eingeschlossen. Selbst in diesem Zimmer fiel es schwer, die Schuld einzugestehen. Aber es war Zeit loszulassen und mit dem Wiederaufbau zu beginnen.</p><p>�Das bringt aber seine eigenen Probleme mit sich�, sagte Serancha, deren Stimme nun ruhiger klang. Auch die anderen Frauen sahen nun etwa selbstsicherer aus. Sie vertrauten einander nicht, das tat keine der f�nf, aber sie standen n�her davor als jede andere Gruppierung im Saal, die �ber etwas Autorit�t verf�gte.</p><p>�Man muss mit Sorgfalt handeln�, f�gte Ferane hinzu. �Die Spaltung muss beendet werden.�</p><p>�Die Rebellion richtete sich gegen Elaida�, sagte Adelorna.</p><p>�Wenn sie nicht l�nger die Amyrlin ist, gegen wen soll man da noch rebellieren?�</p><p>�Also geben wir sie auf?�, fragte Jesse.</p><p>�Sie verdient es�, sagte Adelorna. �Sie hat stur darauf beharrt, dass die Seanchaner keine Bedrohung darstellen. Nun, jetzt zahlt sie selbst f�r ihre Dummheit.�</p><p>�Elaida ist nicht mehr zu retten�, f�gte Ferane hinzu. �Der Saal hat das bereits besprochen. Die Amyrlin ist irgendwo in einer Horde seanchanischer Gefangener verschwunden, und wir haben weder die M�glichkeiten noch die Informationen f�r eine Rettungsaktion.�</p><p>Ganz <emphasis>zu schweigen davon, dass wir nicht das geringste Verlangen danach versp�ren,</emphasis> f�gte Jesse in Gedanken hinzu. Viele der Sitzenden, die diese Argumente vor dem Saal zur Sprache gebracht hatten, waren diejenigen gewesen, die Elaida zur Bu�e geschickt hatte. Jesse geh�rte nicht dazu, aber sie vertrat ebenfalls die Ansicht, dass Elaida es nicht anders verdient hatte, und sei es auch nur f�r die Weise, wie sie die Ajahs aufeinander gehetzt hatte.</p><p>�Dann brauchen wir einen Ersatz�, sagte Serancha. �Aber wen?�</p><p>�Es muss eine starke Person sein�, meinte Suana. �Aber sie muss vorsichtig sein, nicht so wie Elaida. Jemand, um den sich die Schwestern scharen k�nnen.�</p><p>�Wie w�re es mit Saerin Asnobar?�, fragte Jesse. �In letzter Zeit hat sie ungew�hnliche Weisheit bewiesen, und sie ist allgemein beliebt.�</p><p>� Nat�rlich m�sst Ihr eine Braune w�hlen �, sagte Adelorna.</p><p>�Und warum nicht?� Jesse war sprachlos. �Ich glaube, ihr alle habt geh�rt, wie erfolgreich sie vergangene Nacht w�hrend des Angriffs das Kommando �bernommen hat?�</p><p>�Seaine Herimon hat ihren eigenen Widerstand angef�hrt�, sagte Ferane. �Ich bin der Meinung, es ist die Zeit f�r eine Frau als Anf�hrerin gekommen, die sich nicht von ihren Gef�hlen und ihrem Temperament leiten l�sst. Jemand, der f�r eine <emphasis>rationale</emphasis> F�hrung sorgen kann.�</p><p>�Unfug�, sagte Suana. �Die Wei�en sind zu gef�hllos; wir wollen die Schwestern nicht entfremden, wir wollen sie zusammenbringen. Sie heilen! Eine Gelbe w�re da ��</p><p>�Ihr alle vergesst da etwas�, warf Serancha ein. �Was wird im Augenblick gebraucht? Eine Auss�hnung. Die Graue Ajah hat Jahrhunderte mit der Kunst der Verhandlung zugebracht. Wer k�nnte besser mit einer gespaltenen Burg und dem Wiedergeborenen Drachen umgehen?�</p><p>Adelorna umfasste die Armlehnen ihres Stuhls. Auch bei den anderen wuchs die Anspannung. Als Adelorna den Mund �ffnete, um etwas zu sagen, kam Jesse ihr zuvor.</p><p>�Es reicht!�, rief sie aus. �Wollen wir uns blo� streiten, so wie es der Saal den ganzen Morgen lang getan hat? Jede Ajah preist ihre eigenen Mitglieder an, und die anderen stimmen gemeinsam dagegen?�</p><p>Wieder kehrte Schweigen in den Raum ein. Es stimmte; der Saal hatte stundenlang getagt und nur eine kurze Pause gemacht. Nicht eine Ajah war auch nur nahe dran, genug Unterst�tzung f�r eine ihrer Kandidatinnen zu bekommen. Die Sitzenden w�rden niemanden akzeptieren, der nicht aus ihrer eigenen Ajah kam; dazu gab es zu viele Animosit�ten zwischen ihnen. Beim Licht, was f�r ein Durcheinander!</p><p>�Idealerweise sollte es eine von uns f�nf sein�, meinte Ferane. �Das w�rde Sinn machen.�</p><p>Die f�nf Frauen sahen einander an, und Jesse konnte den anderen die Antwort <emphasis>darauf</emphasis> von den Augen ablesen. Sie waren die Anf�hrerinnen der Ajahs, die m�chtigsten Frauen auf der Welt. Im Augenblick war ihre Macht ausgeglichen, und auch wenn sie einander mehr vertrauten als anderen, w�rde keine von ihnen jemals zulassen, dass man die Anf�hrerin einer anderen Ajah auf den Amyrlin-Sitz erhob. Es w�rde dieser Frau viel zu viel Macht in die Hand geben. Nach dem Scheitern ihres Plans br�ckelte das Vertrauen.</p><p>�Wenn wir uns nicht bald entscheiden�, bemerkte Suana, �dann wird uns der Saal die Entscheidung abnehmen.�</p><p>�Pah�, winkte Adelorna ab. �Die sind so entzweit, dass sie sich nicht einmal darauf einigen k�nnten, welche Farbe der Himmel hat. Die Sitzenden haben doch keine Ahnung, was sie da tun.�</p><p>�Einige von uns haben wenigstens keine Sitzenden ausgesucht, die <emphasis>Jahre</emphasis> zu jung waren, um in den Saal zu geh�ren�, sagte Ferane.</p><p>�Ach ja?�, erwiderte Adelorna. �Und wie seid Ihr darum herumgekommen, Ferane? Indem Ihr Euch <emphasis>selbst</emphasis> zur Sitzenden erw�hlt habt?�</p><p>Ferane riss vor Wut die Augen weit auf. Es war keine gute Idee, diese Frau herauszufordern.</p><p>�Wir haben alle Fehler gemacht�, sagte jesse schnell. �Viele der Schwestern, die wir ausgesucht haben, waren eine ungl�ckliche Wahl. Wir wollten Frauen, die genau das taten, was wir sagten, aber stattdessen bekamen wir einen Haufen sich zankender Kinder, die sich viel zu wichtig nahmen und viel zu unreif waren, um sich von ausgeglicheneren Stimmen beeinflussen zu lassen.�</p><p>Adelorna und Ferane starrten bewusst zur Seite.</p><p>�Und noch immer haben wir ein Problem�, sagte Suana. �Wir brauchen eine Amyrlin. Der Heilungsprozess muss schnell beginnen, ganz egal, was es kostet.�</p><p>Serancha sch�ttelte den Kopf. �Ehrlich gesagt f�llt mir keine Frau ein, die gen�gend Sitzende unterst�tzen w�rden.�</p><p>�Mir schon�, sagte Adelorna leise. �Sie wurde heute mehrmals im Saal erw�hnt. Ihr wisst, wen ich meine. Sie ist jung, und ihre Umst�nde sind ungew�hnlich, aber im Augenblick ist alles ungew�hnlich.�</p><p>Suana runzelte die Stirn. �Ich wei� nicht recht. Sie wurde erw�hnt, das ist richtig, aber nur von denen, deren Motiven ich nicht traue.�</p><p>�Saerin scheint recht von ihr eingenommen zu sein�, gestand jesse ein.</p><p>�Sie ist zu jung�, sagte Serancha. �Haben wir uns nicht gerade erst noch Vorw�rfe gemacht, weil wir Sitzende ausgesucht haben, denen die n�tige Erfahrung fehlte?�</p><p>�Sie ist jung, ja�, meinte Ferane, �aber Ihr m�sst zugeben, sie verf�gt �ber eine gewisse � Ausstrahlung. Meiner Meinung nach hat sich niemand in der Burg Elaida so effektiv entgegengestellt wie sie. Und das, obwohl sie in dieser misslichen Position war!�</p><p>�Ihr kennt die Berichte �ber ihre Taten w�hrend des Angriffs�, sagte Adelorna. �Ich kann best�tigen, dass sie stimmen. Ich war die meiste Zeit davon bei ihr.�</p><p>Das lie� Jesse zusammenzucken. Ihr war nicht klar gewesen, dass Adelorna w�hrend des Kampfes auf der zweiundzwanzigsten Ebene gewesen war. � Sicherlich ist da etwas �bertrieben worden.�</p><p>Adelorna sch�ttelte grimmig den Kopf. �Nein, das wurde es nicht. Es klingt unglaublich � aber � nun, es hat sich so abgespielt. Alles.�</p><p>�Die Novizinnen verg�ttern sie beinahe�, sagte Ferane. �Wenn die Sitzenden niemanden akzeptieren werden, der aus einer anderen Ajah kommt, was ist mit einer Frau, die nie einer Ajah beigetreten ist? Eine Frau, die eine gewisse Erfahrung darin hat - ganz gleich, wie ungerechtfertigt auch immer -, die Position zu bekleiden, �ber die wir sprechen?�</p><p>lesse ertappte sich dabei, dass sie nickte. Aber wie hatte die junge Rebellin von Ferane und Adelorna solchen Respekt erwerben k�nnen?</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Suana. �Irgendwie erscheint das wie eine weitere �bereilte Entscheidung.�</p><p>�Habt Ihr nicht selbst gesagt, dass wir die Burg heilen m�ssen, um welchen Preis auch immer?�, fragte Adelorna. �F�llt Euch eine bessere Methode ein, die Rebellen wieder zu uns zu holen?� Sie wandte sich Serancha zu. �Wie beschwichtigt man eine beleidigte Partei am besten? �berl�sst man ihr nicht ein St�ck Boden, erkennt an, was sie richtig gemacht hat?�</p><p>�Das ist wohl wahr�, gab Suana zu. Sie verzog das Gesicht, dann trank sie den Rest von ihrem Tee mit einem Schluck. � Beim Licht, aber sie hat recht, Serancha. Wir m�ssen es tun.�</p><p>Die Graue sah nacheinander jede von ihnen an. �Aber ihr seid hoffentlich nicht so dumm zu glauben, dass man diese Frau an der Nase herumf�hren kann, oder? Ich mache da nicht mit, wenn das nur wieder ein Versuch ist, eine weitere Marionette zu erschaffen. Dieser Plan ist gescheitert. Erb�rmlich gescheitert.�</p><p>�Ich bezweifle, dass wir diese Situation noch einmal erleben�, sagte Ferane mit einem schmalen L�cheln. �Diese Person � ist nicht der Typ, der sich herumschubsen l�sst. Seht euch doch nur an, wie sie mit Elaidas Einschr�nkungen umgegangen ist.�</p><p>�Ja�, gab Jesse zu ihrem eigenen Erstaunen zu. �Schwestern, wenn wir uns darauf einigen, dann wird das unserem Traum, aus den Schatten zu herrschen, ein Ende bereiten. Wir erheben eine starke Amyrlin, ob zum Guten oder Schlechten.�</p><p>�Ich pers�nlich halte das f�r eine <emphasis>ausgezeichnete</emphasis> Idee�, sagte Adelorna. � Es ist viel zu lange her.�</p><p>Und eine nach der anderen stimmte zu.</p><empty-line/><p>Siuan stand reglos unter den �sten einer kleinen Eiche. Der Baum war vom Lager verschlungen worden, und sein Schatten war f�r Aufgenommene und Novizinnen der bevorzugte Ort f�rs Mittagessen geworden. Im Augenblick war keine von ihnen anwesend; dieses eine Mal hatten die Schwestern erstaunlich gutes Urteilsverm�gen bewiesen und ihnen Arbeiten zugewiesen, damit sie sich nicht um das Zelt versammelten, in dem der Saal tagte.</p><p>Und so stand Siuan allein da und sah zu, wie Sheriam den Eingang des gro�en Pavillons schloss. Seit Egwenes R�ckkehr dufte sie wieder an den Sitzungen teilnehmen. Man konnte m�helos sp�ren, dass das Schutzgewebe gegen Lauscher gewebt wurde, dass die Zusammenkunft Versiegelt und neugierige Ohren ausgesperrt wurden.</p><p>Eine Hand fiel auf Siuans Schulter. Sie zuckte nicht zusammen; sie hatte Bryne n�her kommen gef�hlt. Der General schritt lautlos daher, obwohl dazu keine Notwendigkeit bestand. Er w�rde einen ausgezeichneten Beh�ter abgeben.</p><p>Er trat an ihre Seite, die Hand noch immer angenehm auf ihrer Schulter, und sie gestattete sich den Luxus, einen kleinen Schritt n�her an ihn heranzur�cken. Seine Gr��e und seine Verl�sslichkeit f�hlten sich gut neben ihr an. Wie das Wissen, dass, wie sehr der Himmel auch st�rmte und das Meer w�tete, der Rumpf abgedichtet und das Segel aus dem st�rksten aller T�cher gen�ht war.</p><p>�Was wird sie ihnen sagen, was glaubt Ihr?�, fragte Bryne in ged�mpftem Tonfall.</p><p>�Ich habe nicht die geringste Ahnung. M�glicherweise verlangt sie ja meine D�mpfung.�</p><p>�Das bezweifle ich. Sie ist nicht der rachs�chtige Typ. Davon abgesehen wei� sie, dass Ihr das getan habt, was Ihr f�r richtig hieltet. Zu ihrem eigenen Besten.�</p><p>Siuan verzog das Gesicht. �Ungehorsam gef�llt niemandem, am wenigsten der Amyrlin. Ich werde f�r vergangene Nacht bezahlen, Bryne. Ihr habt recht, dass es vermutlich nicht auf �ffentliche Weise geschehen wird, aber ich f�rchte, ich habe das Vertrauen des M�dchens verloren.�</p><p>�Und war es das wert?�</p><p>�Ja�, sagte Siuan. �Ihr war nicht bewusst, wie kurz diese Bande hier davor stand, ihr zu entgleiten. Und wir konnten nicht wissen, dass sie w�hrend des Angriffs in der Burg nicht ernsthaft in Gefahr war. Wenn mich meine Zeit in der Wei�en Burg eines gelehrt hat, dann, dass es eine Zeit gibt, sich zu sammeln und zu planen, aber auch eine, in der man handeln muss. Man kann nicht immer abwarten, bis man Sicherheit hat.�</p><p>Sie konnte Brynes L�cheln durch den Bund f�hlen. Beim Licht, es tat wirklich gut, wieder einen Beh�ter zu haben. Sie war sich gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie dieses tr�stende B�ndel an Gef�hlen im Hinterkopf vermisst hatte. Die Stabilit�t. M�nner dachten anders als Frauen, und Bryne betrachtete Dinge, die sie kompliziert und verbl�ffend fand, als unkompliziert und einfach. Triff deine Entscheidung und handle. Seine Art der Vernunft hatte eine hilfreiche Klarheit.</p><p>Nicht, dass er einf�ltig gewesen w�re - nur weniger dazu geneigt, bereits getroffene Entscheidungen zu hinterfragen.</p><p>�Und was ist mit dem anderen Preis?�, f�gte er hinzu.</p><p>Sie konnte sein Z�gern sp�ren, seine Sorge. Sie wandte sich ihm zu und l�chelte ihn am�siert an. �Gareth Bryne, Ihr seid ein Narr.�</p><p>Er runzelte die Stirn.</p><p>�Mit Euch den Bund einzugehen war nie ein Preis�, sagte sie. �Was auch immer diese Katastrophe sonst f�r Folgen haben wird, dieser Aspekt der n�chtlichen Geschehnisse ist der reine Profit, soweit es mich angeht.�</p><p>Er kicherte. �Nun, dann muss ich mir besonders viel M�he geben, dass meine zweite Forderung unvern�nftig ist.�</p><p><emphasis>Fischschei�e,</emphasis> dachte Siuan. Das h�tte sie beinahe vergessen. Und es war v�llig unwahrscheinlich, dass er das am Ende tat. �Und wann genau werdet Ihr mir diese unvern�nftige Forderung abverlangen?�</p><p>Er antwortete nicht sofort, sondern schaute auf sie herunter und rieb sich das Kinn. �Wisst Ihr, ich glaube, ich verstehe Euch jetzt endlich, Siuan Sanche. Ihr <emphasis>seid</emphasis> eine Frau von Ehre. Es ist nur so, dass keine Anforderungen Euch jemals so viel abverlangen k�nnten, wie Ihr von Euch selbst verlangt. Ihr schuldet Eurem Pflichtgef�hl eine so gro�e selbst auferlegte Schuld, dass ich bezweifle, dass ein Sterblicher sie je begleichen k�nnte.�</p><p>�Das h�rt sich so an, als w�rdet Ihr mich als egozentrisch bezeichnen.�</p><p>�Immerhin vergleiche ich Euch nicht wieder mit einem Keiler.�</p><p>�Also haltet Ihr mich f�r egozentrisch!�, sagte sie. Verflucht! Vermutlich konnte er f�hlen, dass ihr seine Behauptung tats�chlich zu schaffen machte, statt einfach nur als Argument im Raum zu stehen. Verflucht!</p><p>�Siuan Sanche, Ihr seid eine getriebene Frau�, sagte er. �Davon besessen, die Welt vor sich selbst zu retten. Darum k�nnt Ihr auch so m�helos einen Eid oder Befehl ignorieren.�</p><p>Siuan holte tief Luft. �Diese Unterhaltung wird ausgesprochen erm�dend, Gareth Bryne. Verratet Ihr mir nun diese andere Forderung, oder wollt Ihr mich zappeln lassen?�</p><p>Nachdenklich musterte er ihre versteinerte Miene. �Nun, ehrlich gesagt habe ich vor, von Euch zu verlangen, dass Ihr mich heiratet.�</p><p>Sie blinzelte �berrascht. Beim Licht! Der Bund verriet ihr, dass das sein Ernst war.</p><p>�Aber erst, wenn Ihr das Gef�hl habt, dass die Welt allein zurechtkommt. Vorher bin ich nicht damit einverstanden, Siuan. Ihr habt Euer Leben einer Sache gewidmet. Ich werde daf�r sorgen, dass Ihr das �berlebt; wenn Ihr das dann hinter Euch habt, hoffe ich, dass Ihr bereit seid, Euer Leben etwas anderem zu widmen.�</p><p>Sie brachte ihre Fassungslosigkeit unter Kontrolle. Sie w�rde <emphasis>nicht</emphasis> zulassen, dass ein dummer Mann sie sprachlos machte. �Nun�, zwang sie sich zu sagen. �Wie ich sehe, habt Ihr ja doch ein gewisses Ma� an Verstand. Wir werden sehen, ob ich dieser �Forderung� zustimme oder nicht. Ich denke dar�ber nach.�</p><p>Bryne kicherte, als sie sich umdrehte, um den Pavillon zu beobachten und auf Egwene zu warten. Er konnte in ihrem Inneren die Wahrheit f�hlen, genau wie sie bei ihm. Beim Licht! Jetzt wusste sie, warum die Gr�nen sooft ihre Beh�ter heirateten. Seine Zuneigung f�r sie zu f�hlen, w�hrend sie das Gleiche f�r ihn f�hlte, machte sie ganz schwindlig.</p><p>Er war ein Narr von Mann. Und sie war eine N�rrin von Frau. Reum�tig sch�ttelte sie den Kopf, aber sie erlaubte sich, sich leicht an ihn zu lehnen, w�hrend sie warteten, und er legte ihr wieder die Hand auf die Schulter. Z�rtlich, nicht kr�ftig. Bereit zu warten. Er verstand sie tats�chlich.</p><empty-line/><p>Egwene stand vor einer Gruppe faltenloser Gesichter, die viel zu gut darin waren, ihre Nervosit�t zu verbergen. Dem Brauchtum zufolge hatte sie Kwamesa angewiesen, das Schutzgewebe gegen Lauscher zu weben, da die Graue mit der scharf geschnittenen Nase die J�ngste unter den Sitzenden in dem gro�en Zelt war. Da so wenig Pl�tze besetzt waren, sah es beinahe leer aus. Ein Dutzend Frauen, zwei von jeder Ajah - eigentlich h�tten es drei von jeder Ajah sein m�ssen, aber sie alle hatten eine Sitzende mit der Abordnung zur Schwarzen Burg geschickt. Die Grauen hatten Delana bereits durch Naorisa Cambral ersetzt.</p><p>Zw�lf Sitzende, Egwene und eine weitere Frau. Egwene sah Sheriam nicht an, die auf ihrem Platz an der Seite sa�. Sie hatte bei ihrem Eintreten besorgt gewirkt. War sie dar�ber informiert, was Egwene wusste? Aber das war unm�glich. W�re das der Fall gewesen, w�re sie nie zu der Zusammenkunft erschienen.</p><p>Dennoch machte das Wissen, dass sie da war - und das Wissen, <emphasis>was</emphasis> sie war -, Egwene nerv�s. Im Chaos des seanchanischen Angriffs hatte Siuan Sheriam nicht im Auge behalten k�nnen. Warum trug die Beh�terin der Chroniken einen Verband an der linken Hand? Egwene glaubte ihr die Entschuldigung mit dem Reitunfall nicht, dass sich ihr kleiner Finger im Zaumzeug verheddert hatte. Warum hatte sie das Heilen abgelehnt? Verfluchte Siuan! Statt Sheriam im Auge zu behalten, war diese Frau losgezogen, um sie zu entf�hren!</p><p>Der Saal schwieg, die Frauen warteten auf Egwenes Reaktion auf ihre �Freiheit�. Romanda hatte das mit Grau durchzogene Haar zum Knoten gebunden und sa� in ihrem gelben Kleid steif da. Sie troff f�rmlich vor Zufriedenheit, w�hrend Lelaine auf der anderen Seite des Raumes schmollte, w�hrend sie versuchte, Freude �ber Egwenes R�ckkehr zu heucheln. Nach allem, was Egwene in der Wei�en Burg durchgemacht hatte, erschien dieser Zank geradezu l�cherlich kleinlich.</p><p>Egwene holte tief Luft, dann umarmte sie die Quelle. Es f�hlte sich so gut an! Keine bittere Spaltwurzel, die ihre Macht zum Rinnsal verebben lie�, keine Notwendigkeit, durch andere Frauen zu greifen, um St�rke zu erhalten. Keine Notwendigkeit f�r ein <emphasis>Sa�angreal.</emphasis> So s�� die Macht des Zepters auch gewesen war, aus sich selbst heraus stark zu sein war viel befriedigender.</p><p>Mehrere der Frauen bedachten ihre Handlung mit einem Stirnrunzeln, und nicht wenige von ihnen griffen beinahe reflexartig selbst nach der Quelle und sahen sich um, als w�rden sie nach einer Gefahr Ausschau halten.</p><p>�Daf�r besteht keine Notwendigkeit�, wandte sich Egwene an die Frauen. �Noch nicht. Bitte lasst die Quelle los.�</p><p>Sie z�gerten, akzeptierten sie aber augenscheinlich als Amyrlin. Bei einer nach der anderen erlosch die Macht. Egwene selbst lie� sie nicht los.</p><p>�Ich bin sehr froh, dass Ihr sicher zur�ckgekehrt seid, Mutter�, sagte Lelaine. Sie umging die Drei Eide, indem sie das Wort �sicher� hinzugef�gt hatte.</p><p>�Danke�, erwiderte Egwene.</p><p>�Ihr sagtet, es g�be wichtige Enth�llungen�, f�gte Varilin hinzu. �Geht es um den Angriff der Seanchaner?�</p><p>Egwene griff in die Tasche an ihrem G�rtel und holte einen Gegenstand hervor. Ein glatter wei�er Stab, an dessen Ende die Zahl Drei in der Schrift des Zeitalters der Legenden eingraviert war. Einige der Frauen keuchten auf.</p><p>Egwene webte Geist in den Stab, dann sprach sie mit klarer Stimme. �Ich schw�re, kein Wort zu �u�ern, das nicht der Wahrheit entspricht.� Sie f�hlte, wie sich der Eid wie etwas K�rperliches auf sie legte, wie ihre Haut f�rmlich enger wurde und kribbelte. Es fiel ihr leicht, es zu ignorieren; verglichen mit dem, was sie durchgemacht hatte, war der Schmerz bedeutungslos. �Ich schw�re, dass ich keine Waffe gestalte, mit der man jemand anderen t�ten kann. Ich schw�re, die Eine Macht niemals als Waffe zu benutzen, au�er gegen Schattenfreunde und Schattengez�cht, oder in Notwehr zur Verteidigung meines eigenen Lebens oder das meines Beh�ters oder einer anderen Schwester.�</p><p>Der Saal schwieg. Egwene l�ste ihr Gewebe auf. Ihre Haut f�hlte sich so seltsam an! Als h�tte sie jemand an Nacken und R�ckgrat gepackt, sie zusammengerafft und an Ort und Stelle verschn�rt.</p><p>�Niemand soll l�nger glauben k�nnen, dass ich vermeiden kann, mich an die Drei Eide zu halten�, verk�ndete sie. �Niemand soll l�nger sagen d�rfen, ich sei keine richtige Aes Sedai. � Keine der Anwesenden erw�hnte, dass sie die Pr�fung zur Stola nicht abgelegt hatte. Darum w�rde sie sich an einem anderen Tag k�mmern. �Und da ihr jetzt gesehen habt, wie ich den Eidstab benutzt habe und wisst, dass ich nicht l�gen kann, werde ich euch etwas sagen. W�hrend meines Aufenthalts in der Wei�en Burg stattete mir eine Schwester einen Besuch ab und gestand mir, dass sie eine Schwarze Ajah war.�</p><p>Den Frauen quollen beinahe die Augen hervor, und einige keuchten leise auf.</p><p>�Ja�, sagte Egwene. �Ich wei�, dass wir nicht gern �ber sie sprechen, aber kann eine von uns ehrlich behaupten, dass die Schwarze Ajah nicht existiert? K�nnt Ihr die Eide befolgen und sagen, dass Ihr nie die M�glichkeit - ja selbst die <emphasis>Wahrscheinlichkeit -</emphasis> in Betracht gezogen habt, dass Schattenfreunde unter uns weilen?�</p><p>Niemand wagte es. Trotz der fr�hen Stunde f�hlte sich das Zelt hei� an. Stickig. Nat�rlich schwitzte keine von ihnen - sie kannten alle den uralten Trick, wie man das umging.</p><p>�Ja�, sagte Egwene. �Es ist besch�mend, aber es ist eine Wahrheit, die wir als die Anf�hrer unserer Schwesternschaft zugeben m�ssen. Nicht in der �ffentlichkeit, aber unter uns selbst l�sst sich das nicht vermeiden. Ich habe erlebt, was Misstrauen und politisches Taktieren unter Menschen anrichten k�nnen. Ich werde <emphasis>nicht</emphasis> zulassen, dass uns dieselbe Krankheit ansteckt. Wir geh�ren verschiedenen Ajahs an, aber wir sind vereint in unserem Ziel. Wir m�ssen wissen, dass wir einander bedingungslos vertrauen k�nnen, weil es auf dieser Welt nur wenig gibt, dem man vertrauen kann.�</p><p>Egwene schaute auf den Eidstab in ihrer Hand, den sie sich in aller Fr�he von Saerin geholt hatte. Sie strich mit dem Daumen dar�ber. <emphasis>Ich w�nschte, du h�ttest ihn bei deinem Besuch finden k�nnen, Verin,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Vielleicht h�tte er dich nicht gerettet, aber ich h�tte gern den Versuch unternommen. Ich k�nnte deine Hilfe brauchen.</emphasis></p><p>Sie sah wieder auf. �Ich bin keine Schattenfreundin�, verk�ndete sie dem Raum. �Und ihr wisst, dass das keine L�ge sein kann.�</p><p>Die Sitzenden sahen verwirrt aus. Nun, sie w�rden es bald verstehen.</p><p>�Der Zeitpunkt ist gekommen, dass wir uns selbst beweisen�, fuhr Egwene fort. �Kluge Frauen in der Wei�en Burg sind auf diese Idee gekommen, und ich beabsichtige, das auszudehnen. Jede von uns wird nacheinander den Eidstab dazu benutzen, sich von den Drei Eiden zu befreien, dann wird sie sie erneut leisten. Sobald wir alle gebunden sind, werden wir versprechen k�nnen, dass wir keine Diener des ��</p><p>Sheriam umarmte die Quelle. Damit hatte Egwene gerechnet. Sie rammte eine Abschirmung zwischen Sheriam und die Quelle und lie� die Frau aufkeuchen. Berana schrie entsetzt auf, und mehrere der Frauen umarmten die Quelle und schauten sich hektisch um.</p><p>Egwene erwiderte Sheriams Blick. Das Gesicht der Frau war beinahe so rot wie ihr Haar, und ihre Atmung hatte sich beschleunigt. Wie ein in die Falle gegangenes Kaninchen, dessen Bein in der Schlinge steckte und dessen Augen vor Furcht weit aufgerissen waren. Sie hielt ihre verbundene Hand umklammert.</p><p><emphasis>Oh, Sheriam,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Ich hatte so gehofft, dass sich Verin mit dir irrt.</emphasis></p><p>�Egwene?�, fragte Sheriam voller Unbehagen. �Ich wollte blo߅�</p><p>Egwene trat vor. �Sheriam, seid Ihr eine Schwarze Ajah?�</p><p>�Was? Nat�rlich nicht!�</p><p>� Habt Ihr Umgang mit den Verlorenen?�</p><p>�Nein!�, sagte Sheriam und sah sich hektisch nach allen Seiten um.</p><p>�Dient Ihr dem Dunklen K�nig?�</p><p>� Nein!�</p><p>�Hat man Euch von Euren Eiden entbunden?�</p><p>� Nein!�</p><p>�Habt Ihr rotes Haar?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht, wie kommt Ihr �� Sie erstarrte. <emphasis>Und vielen Dank f�r diesen Trick, Verin,</emphasis> dachte Egwene und seufzte in Gedanken.</p><p>Im Zelt wurde es sehr, sehr still.</p><p>�Ich habe mich nat�rlich versprochen�, sagte Sheriam und schwitzte nerv�s. �Ich wusste nicht, welche Frage ich da beantworte. Nat�rlich kann ich nicht l�gen. Keine von uns kann ��</p><p>Sie verstummte, als Egwene den Eidstab hob. �Beweist es, Sheriam. Die Frau, die mich in der Burg besuchte, hat mir Euren Namen als Anf�hrerin bei der Schwarzen Ajah genannt.�</p><p>Sheriam erwiderte Egwenes Blick. �Nun, dann�, sagte sie leise mit traurigem Blick. �Wer hat Euch denn besucht?�</p><p>�Verin Mathwin.�</p><p>�Sieh an, sieh an�, sagte Sheriam und setzte sich wieder. �Ich muss sagen, das h�tte ich nie von <emphasis>ihr</emphasis> erwartet. Wie ist sie an den Eiden an den Gro�en Herrn vorbeigekommen?�</p><p>�Sie trank Gift�, erwiderte Egwene, und etwas verkrampfte sich in ihrem Herzen.</p><p>�Sehr schlau.� Die Frau mit den feuerroten Haaren nickte. �Ich k�nnte mich nie dazu �berwinden, so etwas zu tun. Niemals ��</p><p>Egwene webte Fesseln aus Luft und h�llte Sheriam damit ein, dann verkn�pfte sie die Gewebe. Sie wandte sich wieder den ungl�ubigen Frauen zu, die alle totenbleich waren. �Die Welt marschiert zur Letzten Schlacht�, sagte Egwene streng. �Erwartet Ihr, dass unsere Feinde uns in Ruhe gew�hren lassen?�</p><p>�Wer noch?�, fl�sterte Lelaine. �Wer wurde noch erw�hnt?�</p><p>�Viele andere�, sagte Egwene. �Darunter auch Sitzende.�</p><p>Moria sprang auf und rannte zum Ausgang. Sie schaffte keine zwei Schritte. Ein Dutzend verschiedene Schwestern umgaben die ehemalige Blaue mit Abschirmungen und fesselten sie mit Geweben aus Luft. In Sekunden hing sie geknebelt da, und Tr�nen str�mten ihr ovales Gesicht herunter.</p><p>Romanda schnalzte mit der Zunge und ging um die Frau herum. �Beide von den Blauen�, bemerkte sie. �Das war eine dramatische Weise, um Enth�llungen zu machen, Egwene.�</p><p>�Ihr werdet mich als �Mutter� ansprechen, Romanda�, sagte Egwene und verlie� das Podest. �Und es ist keineswegs seltsam, dass unter den Blauen hier eine gr��ere Anzahl betroffen ist, da die ganze Ajah aus der Wei�en Burg geflohen ist.� Sie hielt den Eidstab hoch. �Es gibt einen einfachen Grund, warum ich diese Enth�llung auf diese Weise machen musste. Wie h�ttet Ihr reagiert, h�tte ich sie ohne jeden Beweis als Schwarze bezeichnet?�</p><p>Romanda nickte. �Ihr habt in beidem recht, Mutter�, gestand sie ein.</p><p>�Dann nehme ich an, dass Ihr nichts dagegen habt, die Eide als Erste erneut abzulegen?�</p><p>Romanda z�gerte nur kurz, warf einen Blick auf die beiden mit Luft gefesselten Frauen. Beinahe jeder im Raum hielt die Quelle fest und betrachtete die anderen, als w�rden ihnen jeden Augenblick Schlangen statt Haaren wachsen.</p><p>Romanda nahm den Eidstab und tat, was man ihr befohlen hatte, entband sich von den Drei Eiden. Offensichtlich war der Prozess schmerzhaft, aber sie beschr�nkte sich auf einen kontrollierten zischenden Atemzug. Die anderen hielten sorgf�ltig nach einem Trick Ausschau, aber Romanda begab sich sofort daran, die Eide erneut abzulegen. Sie hielt Egwene den Eidstab hin. �Ich bin keine Schattenfreundin�, sagte sie. �Und ich war es auch nie.�</p><p>Egwene nahm den Eidstab entgegen. �Danke, Romanda. Lelaine, m�chtet Ihr die N�chste sein?�</p><p>�Gern�, sagte die Blaue. Vermutlich versp�rte sie das Bed�rfnis, ihre Ajah zu verteidigen. Eine Frau nach der anderen entband sich von den Eiden - zischte oder keuchte dabei schmerzerf�llt auf -, schwor erneut und versicherte, keine Schattenfreundin zu sein. Bei jeder stie� Egwene einen stummen Seufzer der Erleichterung aus. Verin hatte zugegeben, dass es Schwestern gab, die sie nicht entlarvt hatte und dass Egwene m�glicherweise unter den Sitzenden noch andere Schwarze entdeckte.</p><p>Als Kwamesa als Letzte den Eidstab an Egwene zur�ckgab und versicherte, keine Schattenfreundin zu sein, wich die Anspannung im Raum sichtlich.</p><p>�Sehr gut�, sagte Egwene und kehrte wieder ans Ende des Raumes zur�ck. �Von jetzt an machen wir weiter, als w�ren wir eine Person. Keinen Zank mehr. Keinen Streit mehr, jede von uns hat nur die besten Interessen der Wei�en Burg und der Welt im Sinn. Zumindest wir zw�lf haben Vertrauen zueinander.</p><p>Eine S�uberung ist nie leicht. Sie ist oft schmerzhaft. Heute haben wir uns gereinigt, aber was wir als N�chstes tun m�ssen, wird beinahe genauso schmerzhaft.�</p><p>�Ihr kennt � die Namen von vielen anderen?�, fragteTakima und sah dieses eine Mal kein bisschen gedankenverloren aus.</p><p>�Ja�, sagte Egwene. �Insgesamt �ber zweihundert, aus jeder Ajah. In diesem Lager sind ungef�hr siebzig von ihnen. Ich habe die Namen.� Noch in der Nacht hatte sie Verins B�cher aus ihrem Zimmer geholt. Jetzt lagen sie unsichtbar in ihrem Zelt. �Ich schlage vor, dass wir sie gefangen nehmen, auch wenn das schwierig werden wird, weil wir sie alle m�glichst gleichzeitig ergreifen m�ssen.� Abgesehen von dem �berraschungsmoment w�rde ihr gr��ter Vorteil die grunds�tzlich misstrauische Natur der Schwarzen Ajah sein. Verin und andere Quellen waren davon ausgegangen, dass nur wenige Schwestern der Schwarzen mehr als eine Handvoll anderer Namen kannte. In dem Buch stand eine ganze Abhandlung �ber die Organisationsstruktur der Schwarzen Ajah und ihrem als �Herzen� bekannten System, die nur wenig miteinander zu tun hatten, um die Tarnung zu wahren. Mit etwas Gl�ck w�rde dieses System daf�r sorgen, dass sie nur langsam begriffen, was mit ihnen geschah.</p><p>Die Sitzenden sahen entmutigt aus. �Als Erstes behaupten wir, jeder Schwester wichtige Neuigkeiten mitteilen zu m�ssen, die die Soldaten im Lager aber auf keinen Fall mitbekommen d�rfen. Wir rufen die Schwestern den Ajahs nach in diesen Pavillon - er ist gro� genug f�r zweihundert Personen. Ich werde jeder von Euch die Namen der Schwarzen mitteilen. Wenn jede Ajah eintritt, wiederhole ich vor ihnen, was ich Euch gesagt habe, und befehle ihnen, einen neuen Eid auf den Eidstab abzulegen. Wir werden bereit sein, die Schwarzen Schwestern zu ergreifen, die zu fliehen versuchen. Wir fesseln sie und bringen sie im Audienzzelt unter.� Das kleinere Zelt war mit dem Saal verbunden, und der Eingang konnte versperrt werden, sodass die eintretenden Schwestern die Gefangenen nicht sehen w�rden.</p><p>�Wir m�ssen etwas wegen den Beh�tern unternehmen�, sagte Lelaine grimmig. �Am besten begleiten sie ihre Schwestern, und wir bereiten uns darauf vor, sie zu ergreifen.�</p><p>�Einige von ihnen werden Schattenfreunde sein�, sagte Egwene. �Aber nicht alle. Und ich wei� nicht, wer einer ist.� Verin hatte dazu ein paar Notizen niedergeschrieben, aber ungl�cklicherweise waren sie nicht sehr ergiebig.</p><p>�Beim Licht, was f�r ein Schlamassel�, murmelte Romanda.</p><p>�Es muss getan werden�, sagte die hochm�tige Berana mit einem Kopfsch�tteln.</p><p>�Und es muss schnell geschehen�, sagte Egwene. �Damit die Schwarzen Schwestern keine Gelegenheit zur Flucht haben. Ich werde Lord Bryne anweisen, f�r alle F�lle aus Bogensch�tzen und vertrauensw�rdigen Schwestern einen Grenzstreifen um das Lager zu ziehen und jeden aufzuhalten, der fliehen will. Aber das wird nur bei denen funktionieren, die zu schwach f�r Wegetore sind.�</p><p>�So weit d�rfen wir es nicht kommen lassen�, sagte Lelaine. �Ein Krieg im Lager ��</p><p>Egwene nickte.</p><p>�Und was ist mit der Wei�en Burg?�, wollte Lelaine wissen.</p><p>�Sobald wir uns gereinigt haben�, sagte Egwene, �k�nnen wir tun, was getan werden muss, um die Aes Sedai wieder zu vereinigen.�</p><p>�Ihr meint��</p><p>�Ja, Lelaine. Noch heute Abend will ich mit dem Angriff auf Tar Valon beginnen. Sagt es weiter und unterrichtet Lord Bryne, seine M�nner vorzubereiten. Die Neuigkeit wird die Schwarzen unter uns ablenken, und sie werden nicht so schnell erkennen, was wir tun.�</p><p>Romanda sah Sheriam und Moria an, die an der Zeltwand in der Luft hingen und hemmungslos weinten, geknebelt mit Luft. �Es muss getan werden. Ich stelle vor dem Saal den Antrag, so zu handeln, wie die Amyrlin vorgeschlagen hat.�</p><p>Im Zelt wurde es still. Dann stand eine Frau nach der anderen langsam auf und gab ihre Stimme ab. Das Ergebnis war einstimmig.</p><p>�Das Licht bewahre uns�, fl�sterte Lelaine. �Und es vergebe uns f�r das, was wir tun werden.�</p><p><emphasis>Ganz meine Meinung,</emphasis> f�gte Egwene in Gedanken hinzu.</p></section><section><title><p>44</p><p>Unbekannte Ger�che</p></title><p>Der Tarwin-Pass ist der Ort, der am meisten Sinn macht!�, sagte Nynaeve. Begleitet von einer Gruppe Aiel ritten sie und Rand auf einer �berwucherten Stra�e auf dem offenen Grasland von Maredo. Nynaeve war die einzige anwesende Aes Sedai; Narishma und Naeff ritten mit m�rrischem Gesichtsausdruck am Ende der Gruppe. Rand hatte ihre Aes Sedai gezwungen zur�ckzubleiben. In letzter Zeit schien er besonders entschlossen, seine Unabh�ngigkeit von ihnen unter Beweis zu stellen.</p><p>Nynaeve sa� auf einer wei�en Stute namens Mondlicht, die aus Rands Stall in Tear stammte. Irgendwie erschien es immer noch seltsam, dass er einen eigenen Stall besa�, ganz zu schweigen von denen in jeder wichtigen Stadt der Welt.</p><p>�Der Tarwin-Pass�, sagte Rand und sch�ttelte den Kopf. �Nein. Je l�nger ich dar�ber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass wir dort nicht k�mpfen wollen. Lan tut mir einen Gefallen. Wenn ich einen Angriff zusammen mit seinem koordinieren kann, verschaffe ich mir einen gro�en Vorteil. Aber ich will meine Heere nicht vom Pass ablenken lassen. Das w�re eine Verschwendung von Ressourcen.�</p><p>Eine Verschwendung von Ressourcen? Lan ritt zum Pass, wie ein von einem Langbogen der Zwei Fl�sse abgeschossener Pfeil. Ritt dorthin, um zu sterben! Und Rand behauptete, jede Hilfe sei eine Verschwendung? Wollk�pfiger Narr!</p><p>Sie zwang sich zur Ruhe. Wenn er doch blo� debattieren w�rde, statt auf diese unbeteiligte Weise zu sprechen, die er sich seit kurzem zu eigen gemacht hatte. Es schien so gef�hllos zu sein, aber sie hatte erlebt, wie sich die Bestie befreite und sie anbr�llte. Geduckt lauerte sie in ihm, und wenn er seinen Gef�hlen nicht bald freien Lauf lie�, w�rden sie ihn innerlich verschlingen.</p><p>Aber wie sollte man ihn dazu bringen, Vernunft anzunehmen? W�hrend ihrer Zeit in Tear hatte sie ein Argument nach dem anderen vorbereitet - ein jedes davon klar entwickelt und in aller Ruhe dargelegt. Rand hatte sie alle ignoriert und die letzten beiden Tage damit verbracht, sich mit seinen Gener�len zu treffen und die Strategie f�r die Letzte Schlacht zu planen.</p><p>Jeder Tag brachte Lan einen Schritt n�her zu einem Kampf, den er nicht gewinnen konnte. Jeder Tag machte sie unruhiger; schon mehrere Male h�tte sie Rand beinahe verlassen, um nach Norden zu reiten. Wenn Lan in einer unm�glich zu gewinnenden Schlacht k�mpfen w�rde, dann sehnte sie sich danach, an seiner Seite zu sein. Aber sie war geblieben. Sollte das Licht Rand al�Thor holen, sie war geblieben. Was w�rde es bringen, Lan zu helfen, nur um die Welt wegen der sturen � <emphasis>Sturheit</emphasis> eines sturen Schafhirten dem Schatten zu �berlassen?</p><p>Sie riss heftig an ihrem Zopf. Die mit Edelsteinen besetzten Armreifen und Ringe an ihren H�nden funkelten im schwachen Sonnenlicht - nat�rlich war der Himmel bew�lkt, so wie schon seit Wochen. Alle versuchten zu ignorieren, wie unnat�rlich das war, aber Nynaeve f�hlte noch immer, wie sich im Norden der Sturm bildete.</p><p>Es war nur noch so wenig Zeit �brig, bis Lan den Pass erreichte! Hoffentlich sorgte das Licht daf�r, dass ihn die Malkieri aufhielten, die sich ihm bei seinem Ritt angeschlossen hatten. Hoffentlich sorgte das Licht daf�r, dass er nicht allein war. Der Gedanke, wie er in die F�ule ritt und sich dem Heer aus Schattengez�cht stellte, das seine Heimat verseuchte �</p><p>�Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> dort angreifen�, sagte Nynaeve. �Ituralde sagt, dass es in der F�ule nur so vor Trollocs wimmelt. Der Dunkle K�nig sammelt seine Streitkr�fte. Jede Wette, dass der gr��te Haufen von ihnen am Pass sein wird, der am leichtesten zu passieren ist, um gegen Andor und Cairhien loszuschlagen!�</p><p>�Und genau das ist der Grund, warum wir den Pass nicht angreifen werden, Nynaeve�, sagte Rand mit kalter und unbewegter Stimme. �Wir k�nnen nicht zulassen, dass der Feind uns das Schlachtfeld vorschreibt. Das Letzte, was wir gebrauchen k�nnen, ist, dort k�mpfen zu m�ssen, wo <emphasis>sie</emphasis> uns haben wollen oder uns erwarten.� Er schaute nach Norden. �Ja, sollen sie sich versammeln. Sie suchen mich, und ich werde mich nicht vor sie hinstellen. Warum am Tarwin-Pass k�mpfen? Es ist viel sinnvoller, den gr��ten Teil unserer Heere direkt zum Shayol Ghul zu bringen.�</p><p>�Rand�, sagte sie und bem�hte sich, vern�nftig zu klingen. Bemerkte er denn nicht, dass sie vern�nftig war? �Lan hat unm�glich genug Streitkr�fte um sich scharen k�nnen, um einen massiven Angriff der Trollocs zur�ckschlagen zu k�nnen, vor allem nicht, weil die meisten Armeen der Grenzl�nder hier unten das Licht wei� was tun. Er wird niedergetrampelt werden, und die Trollocs werden kommen und �ber das Land herfallen!�</p><p>Bei der Erw�hnung der Grenzl�nder spannte sich Rands Miene an; sie waren auf dem Weg zu einem Treffen mit einem ihrer Boten. �Die Trollocs werden kommen�, wiederholte Rand.</p><p>�Ja!�</p><p>�Gut�, sagte Rand. �Dann werden sie ja besch�ftigt sein, w�hrend ich tue, was getan werden muss.�</p><p>�Und Lan?�</p><p>�Sein Angriff erfolgt an einer guten Stelle.� Rand nickte. �Er wird die Aufmerksamkeit meiner Feinde auf Malkier und den Pass lenken, und sie werden glauben, dass ich dort bin. Schattengez�cht kann keine Wegetore ben�tzen, also k�nnen sie sich nicht so schnell bewegen wie ich. Wenn sie mit Lan zusammengesto�en sind, werde ich an ihnen vorbei sein und auf direktem Weg das Herz des Dunklen K�nigs angreifen.</p><p>Ich habe nicht vor, den S�den aufzugeben, nicht im Mindesten. Wenn die Trollocs sich durch den Pass gek�mpft haben, werden sie sich zu Gruppen formieren, um sich im Land auszubreiten. Dann schlagen meine Streitkr�fte zu, angef�hrt von Bashere. Mit Wegetoren werden sie jede Gruppe Trollocs von den Seiten oder in ihrem R�cken angreifen. Auf diese Weise k�nnen wir das f�r uns beste Schlachtfeld w�hlen.�</p><p>�Rand�, sagte Nynaeve, und aus ihrem Zorn wurde Entsetzen. �Lan wird sterben!�</p><p>�Wer bin ich, um ihm das verwehren zu wollen?�, erwiderte Rand. �Wir alle verdienen die Chance, Frieden zu finden. �</p><p>Nynaeve sah ihn nur mit offen stehendem Mund an. Er glaubte das tats�chlich! Oder zumindest �berzeugte er sich selbst davon, das zu glauben.</p><p>�Es ist meine Pflicht, den Dunklen K�nig zu t�ten�, sagte Rand, als w�rde er mit sich selbst sprechen. �Ich t�te ihn, dann sterbe ich. Das ist alles.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Es reicht, Nynaeve�, sagte er leise in diesem gef�hrlichen Tonfall. Er w�rde sich nicht weiter bedr�ngen lassen.</p><p>Vor Wut kochend setzte sich Nynaeve im Sattel zur�ck und versuchte sich zu entscheiden, wie sie ihn zu dem Thema zwingen konnte. Beim Licht! Er w�rde die Menschen der Grenzlande bei der Invasion der Trollocs leiden und sterben lassen? Den Menschen dort w�rde es egal sein, ob der Dunkle K�nig besiegt worden war - sie w�rden in Kocht�pfen schmoren. Dann w�rden Lan und die Malkieri allein k�mpfen m�ssen, eine winzige Truppe gegen die Macht eines jeden Ungeheuers, das die F�ule ausspucken konnte.</p><p>Die Seanchaner w�rden im S�den und Westen ihren Krieg f�hren. Die Trollocs w�rden im Norden und Osten angreifen. Schlie�lich w�rden diese beiden Parteien aufeinandertreffen. Andor und die anderen K�nigreiche w�rden zu einem gewaltigen Schlachtfeld, und die dort lebenden Menschen - gute Menschen wie die in den Zwei Fl�ssen - w�rden gegen einen solchen Krieg keine Chance haben. Man w�rde sie zermalmen.</p><p>Also was konnte sie tun, um das zu verhindern? Sie musste sich eine neue Strategie einfallen lassen, um Rand zu beeinflussen. In ihrem Herzen war alles darauf ausgerichtet, Lan zu besch�tzen. Sie musste ihm Hilfe besorgen!</p><empty-line/><p>Die Gruppe ritt �ber das offene Grasland, auf dem es vereinzelte Bauernh�fe gab. Sie passierten einen davon zu ihrer Rechten, ein einzelner Hof nicht un�hnlich von vielen in den Zwei Fl�ssen. Allerdings hatte Nynaeve in den Zwei Fl�ssen noch nie einen Bauern gesehen, der Reisende mit so offensichtlicher Feindseligkeit beobachtete. Der rothaarige Mann trug schmutzige Hosen und hatte die �rmel beinah bis zu den Achseln aufgerollt; er st�tzte sich auf einen zur H�lfte fertig gestellten Zaun, und seine Axt lag deutlich sichtbar auf dem aufgeschichteten Holzstapel neben ihm.</p><p>Sein Feld hatte schon bessere Jahre gesehen. Der Boden war ordentlich gepfl�gt worden, aber in den Furchen sprossen lediglich winzige Keimlinge. Das Feld war �bers�t mit leeren Stellen, an denen die Saat unerkl�rlicherweise nicht aufgegangen war, und das, was wuchs, wies einen ungesunden gelben Schimmer auf.</p><p>Auf einem Nachbarfeld zog eine Gruppe junger M�nner einen Baumstumpf aus dem Boden, aber Nynaeves ge�btem Auge entging nicht, dass sie �berhaupt nicht versuchten, die Arbeit zu erledigen. Das Geschirr war nicht an den Ochsen angeschirrt, und sie hatten den Stumpf auch nicht gelockert, indem sie die Erde umgegraben hatten. Die Holzstangen im Gras waren zu dick und aufwendig bearbeitet, um als Werkzeugstiele zu dienen. Kampfst�be. Beinahe schon eine am�sante Zurschaustellung - zog man die Tatsache in Betracht, dass Rand von zweihundert Aiel begleitet wurde -, aber es sagte etwas aus. Diese M�nner erwarteten �rger und bereiteten sich darauf vor. Zweifellos sp�rten auch sie den kommenden Sturm.</p><p>Diese Gegend lag in der N�he von Handelsstra�en und in Reichweite von Tear, und sie war einigerma�en sicher vor Banditen. Sie lag auch gerade weit genug im Norden, um nicht in die Streitigkeiten zwischen Illian und Tear hineingezogen zu werden. Das h�tte ein Ort sein sollen, an dem Bauern kein gutes Holz zu Kampfst�ben h�tten verarbeiten oder Fremde mit Blicken beobachten m�ssen, die jederzeit mit einem Angriff rechneten.</p><p>Diese Vorsicht w�rde ihnen nutzen, wenn die Trollocs sie erreichten - immer nat�rlich unter der Voraussetzung, dass sie die Seanchaner bis dahin nicht unterworfen hatten und sie zum Milit�rdienst zwangen. Nynaeve zog wieder an ihrem Zopf.</p><p>Ihre Gedanken wandten sich wieder Lan zu. Sie musste etwas unternehmen! Aber Rand nahm einfach keine Vernunft an. Damit blieb nur noch Cadsuanes geheimnisvoller Plan. Wie albern von der Frau, ihn nicht erkl�ren zu wollen. Nynaeve hatte den ersten Schritt gemacht und ein B�ndnis angeboten, und wie hatte sie reagiert? Nat�rlich mit dreister Arroganz. Als w�re Nynaeve ein Kind gewesen, das sich im Wald verirrt hatte - so hatte sie sie in ihre kleine Gruppe aus Aes Sedai aufgenommen. Wie konnte sie es wagen!</p><p>Wie sollte ihre Aufgabe - Perrins Aufenthaltsort zu entdecken - Lan nur helfen? Die ganze vergangene Woche hatte sie versucht, aus Cadsuane weitere Informationen herauszubekommen und war gescheitert. �Erledigt diese Aufgabe gut, Kind�, hatte Cadsuane gesagt, �vielleicht �bertragen wir Euch dann in Zukunft eine gr��ere Verantwortung. Ihr habt Euch immer wieder als ausgesprochen eigensinnig erwiesen, und so etwas k�nnen wir nicht gebrauchen.�</p><p>Nynaeve seufzte. Herausfinden, wo Perrin steckte. Wie sollte sie das schaffen? Die Leute von den Zwei Fl�ssen waren wenig hilfreich gewesen. Viele ihrer M�nner reisten mit Perrin, aber man hatte schon lange nichts mehr von ihnen geh�rt. Sie waren irgendwo im S�den, vermutlich Altara oder Ghealdan. Aber das war ein gro�es Gebiet f�r eine Suche.</p><p>Sie h�tte wissen m�ssen, dass in den Zwei Fl�ssen keine einfache Antwort zu finden sein w�rde. Offensichtlich hatte Cadsuane bereits selbst versucht, Perrin zu erreichen, und war dabei gescheitert. Darum hatte sie die Aufgabe an Nynaeve weitergereicht. Hatte Rand Perrin auf irgendeine geheime Mission geschickt?</p><p>� Rand?�, sagte sie.</p><p>Er murmelte etwas vor sich hin.</p><p>Sie fr�stelte. �Rand�, wiederholte sie in einem etwas sch�rferen Tonfall.</p><p>Er h�rte auf zu murmeln, dann sah er sie an. Sie glaubte in seinen Augen die dort verborgene Wut sehen zu k�nnen, die Wut tief in seinem Inneren, aufblitzender Zorn �ber ihre Unterbrechung. �Ja?�</p><p>�Wei�t du � wei�t du, wo Perrin ist?�</p><p>�Er hat Aufgaben, die er erledigt�, sagte Rand und wandte sich wieder ab. �Warum willst du das wissen?�</p><p>Es war besser, Cadsuane nicht zu erw�hnen. �Ich mache mir noch immer Sorgen um ihn. Und um Mat.�</p><p>�Ah�, sagte Rand. �Du bist es wirklich nicht gew�hnt zu l�gen, oder, Nynaeve?�</p><p>Sie f�hlte, wie sie verlegen err�tete. Wann hatte er gelernt, Menschen so gut zu durchschauen? �Ich <emphasis>mache</emphasis> mir um ihn Sorgen, Rand al�Thor!�, beharrte sie. �Er ist von friedlicher, bescheidener Natur - und hat sich stets viel zu sehr von seinen Freunden herumschubsen lassen.�</p><p>So! Sollte er da mal dr�ber nachdenken.</p><p>�Bescheiden�, sagte Rand nachdenklich. �Ja, ich sch�tze, das ist er immer noch. Aber friedlich? Perrin ist nicht l�nger � friedlich.�</p><p>Also hatte er in letzter Zeit Kontakt mit Perrin gehabt. Beim Licht! Wie hatte Cadsuane das nur wissen k�nnen, und wieso hatte sie selbst davon nichts mitbekommen? �Rand, wenn du Perrin etwas f�r dich erledigen l�sst, warum hast du das dann geheim gehalten? Ich verdiene doch wohl��</p><p>�Ich habe mich nicht mit ihm getroffen, Nynaeve�, sagte Rand. �Beruhige dich. Das sind einfach Dinge, die ich wei�. Wir sind miteinander verbunden, Perrin, ich und Mat.�</p><p>� Wie? Was hast du ��</p><p>�Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe�, unterbrach er sie mit leisen Worten.</p><p>Wieder biss Nynaeve die Z�hne zusammen. Die anderen Aes Sedai sprachen immer davon, ihre Gef�hle unter Kontrolle zu haben, aber offensichtlich mussten sie sich auch nicht mit Rand al�Thor abgeben. Nynaeve konnte auch ruhig sein, solange man nicht von ihr erwartete, den stursten Narren von Mann zu leiten, der je ein Paar Stiefel angezogen hatte.</p><p>Eine Weile ritten sie schweigend. Der bew�lkte Himmel hing wie ein fernes St�ck Torf �ber ihnen. Der Treffpunkt mit den Grenzl�ndern war eine in der N�he befindliche Kreuzung. Sie h�tten auch direkt dorthin Reisen k�nnen, aber die T�chter hatten Rand abgerungen, ein kurzes St�ck davor anzukommen und sich ihr vorsichtig zu n�hern. Das Schnelle Reisen war au�erordentlich bequem, aber es konnte auch gef�hrlich sein. Wenn deine Feinde wussten, wo du erscheinen w�rdest, konnte man ein Wegetor �ffnen und sich pl�tzlich einer Reihe Bogensch�tzen gegen�bersehen. Selbst vorher Sp�her durch das Tor zu schicken war nicht so sicher, als an eine Stelle zu Reisen, an der einen niemand erwartete.</p><p>Die Aiel lernten und passten sich schnell an. Das war wirklich �berraschend. Die W�ste war schrecklich eint�nig; jeder Teil sah gleich aus. Nat�rlich hatte Nynaeve ein paar Aiel etwas �hnliches �ber die Feuchtlande sagen h�ren.</p><p>Diese besondere Kreuzung war schon seit Jahren nicht mehr von Bedeutung. W�re Verin oder eine andere der Braunen Schwestern da gewesen, h�tten sie bestimmt erkl�ren k�nnen, warum das so war. Nynaeve wusste blo�, dass das K�nigreich, zu dem dieses Land einst geh�rt hatte, vor langer Zeit untergegangen war, und die unabh�ngige Stadt Far Madding war das einzige �berbleibsel davon. Das Rad der Zeit drehte sich. Die meisten pr�chtigen K�nigreiche st�rzten irgendwann und verwandelten sich in Felder, die dann nur noch von Bauern beherrscht wurden, deren einziges Trachten darin bestand, eine besonders gute Gerstenart zu z�chten. So war es Manetheren ergangen, und es war auch hier passiert. Gro�e Stra�en, auf denen einst Legionen marschiert waren, waren nur noch obskure Landstra�en, die einer dringenden Instandsetzung bedurft h�tten.</p><p>Nynaeve lie� Mondlicht zur�ckfallen. Das brachte sie an Narhismas Seite. Wie die meisten Asha�man trug auch er Schwarz, und an seinem Kragen funkelten Schwert und Drachen. Er hatte sich ver�ndert, seit er vor Monaten einen Beh�terbund eingegangen war. Wenn sie ihn ansah, war da kein Junge mehr. Das hier war ein Mann mit der Anmut eines Soldaten und dem aufmerksamen Blick eines Beh�ters. Ein Mann, der den Tod gesehen und gegen Verlorene gek�mpft hatte.</p><p>�Narishma, Ihr seid doch ein Grenzl�nder�, sagte Nynaeve. �Habt Ihr irgendeine Ahnung, warum die anderen ihre Posten verlassen haben?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und musterte die Landschaft. �Ich war der Sohn eines Schuhmachers, Nynaeve Sedai. In den Beweggr�nden von Lords und Ladys kenne ich mich nicht aus.� Er z�gerte. �Au�erdem bin ich kein Grenzl�nder mehr.� Die Bedeutung war klar. Er w�rde Rand besch�tzen, ganz egal, welche anderen Loyalit�ten an ihm zerrten. Die typische Denkweise eines Beh�ters.</p><p>Nynaeve nickte langsam. �Habt Ihr eine Ahnung, was uns erwarten wird?�</p><p>�Sie werden ihr Wort halten�, erwiderte Narishma. �Ein Grenzl�nder w�rde eher sterben, als sein Wort brechen. Sie haben versprochen, eine Delegation zu schicken, die sich mit dem Wiedergeborenen Drachen trifft. Das werden sie auch tun. Aber ich w�nschte, wir h�tten unsere Aes Sedai mitbringen d�rfen.�</p><p>Berichten zufolge verf�gte das Heer der Grenzl�nder �ber dreizehn Aes Sedai. Eine gef�hrliche Zahl: die n�tige Anzahl, um eine Frau oder einen Mann zu d�mpfen. Dreizehn Frauen in einem Zirkel konnten auch den st�rksten Machtlenker von der Quelle abschneiden. Rand hatte darauf bestanden, dass ihre Delegation nicht mehr als von vier dieser dreizehn Aes Sedai begleitet wurde; im Gegenzug hatte er versprochen, ebenfalls nicht mehr als vier Machtlenker mitzubringen. Zwei Asha�man - Narishma und Naeff - sowie Nynaeve und Rand selbst.</p><p>Merise und die anderen hatten auf typische Aes Sedai-Weise getobt - als Rand ihnen verboten hatte, ihn zu begleiten, hatte es also viele nach unten gezogene Lippen und Fragen wie � Seid Ihr sicher, dass Ihr das tun wollt?� gegeben.</p><p>Nynaeve bemerkte Narishmas Anspannung. �Ihr macht nicht den Eindruck, als w�rdet Ihr ihnen vertrauen.�</p><p>�Ein Grenzl�nder sollte die Grenze bewachen, da ist sein Platz�, sagte Narishma. �Ich war der Sohn eines Schuhmachers, und selbst mich hat man an Schwert, Speer, Bogen, Axt und Schleuder ausgebildet. Schon bevor ich zu den Asha�man ging, konnte ich vier oder f�nf ausgebildete Soldaten des S�dens im Duell schlagen. Unser <emphasis>Leben</emphasis> ist die Verteidigung. Und doch sind sie gegangen. Ausgerechnet jetzt, mit dreizehn Aes Sedai.� Er musterte sie mit seinen dunklen Augen. �Ich will ihnen vertrauen. Ich wei�, dass es gute Menschen sind. Aber auch gute Menschen k�nnen das Falsche tun. Vor allem, wenn Leute im Spiel sind, die die Macht lenken k�nnen.�</p><p>Nynaeve schwieg. Narishma hatte da nicht unrecht, aber welchen Grund sollten die Grenzl�nder haben, Rand zu schaden? Seit Jahrhunderten k�mpften sie gegen das N�herr�cken der Gro�en F�ule und ihres Schattengez�chts, und der Kampf gegen den Dunklen K�nig war in ihre Seelen eingepr�gt. Sie w�rden sich nicht gegen den Wiedergeborenen Drachen wenden.</p><p>Grenzl�nder hatten eine besondere Ehre an sich. Das konnte frustrierend sein, sicher, aber so waren sie nun einmal. Lans Verehrung f�r seine Heimat - vor allem, da so viele andere Malkieri ihre Identit�t abgestreift hatten - war mit ein Grund, warum sie ihn liebte. <emphasis>Oh, Lan. Ich finde jemanden, der dir hilft. Ich werde dich nicht allein in den Rachen des Schattens reiten lassen.</emphasis></p><p>Als sie sich einem kleinen gr�nen H�gel n�herten, kehrten mehrere Aiel von ihrem Sp�htrupp zur�ck. Rand lie� die Gruppe anhalten und wartete, dass die in den <emphasis>Cadin</emphasis> �sorgekleideten Sp�her ihn erreichten. Mehrere von ihnen trugen die roten Stirnb�nder mit dem uralten Symbol der Aes Sedai. Die Sp�her waren nicht au�er Atem, obwohl sie den ganzen Weg zum Treffpunkt und wieder zur�ck gelaufen waren.</p><p>Rand beugte sich auf seinem Sattel vor. �Haben sie getan, worum ich bat? Haben sie nicht mehr als zweihundert M�nner und nicht mehr als vier Aes Sedai mitgebracht?�</p><p>�Ja, Rand al�Thor�, sagte einer der Sp�her. �Ja, sie haben Eure Forderungen auf bewundernswerte Weise erf�llt. Sie haben gro�e Ehre.�</p><p>Im Tonfall des Mannes erkannte Nynaeve den seltsamen Aiel-Humor.</p><p>�Was?�, fragte Rand.</p><p>�Ein Mann, Rand al�Thor�, sagte der Aiel. �Das ist ihre ganze �Delegation�. Er ist ein kleiner Wicht von einem Mann, auch wenn er aussieht, als w�sste er, wie man den Tanz der Speere tanzen muss. Die Kreuzung ist hinter diesem H�gel.�</p><p>Nynaeve schaute in die Richtung. Da sie jetzt wusste, worauf sie zu achten hatte, konnte sie in der Tat eine andere Stra�e sehen, die aus dem S�den kam und ihre vermutlich direkt hinter dem H�gel kreuzte.</p><p>�Was f�r eine Falle soll das sein?�, fragte Naeff und ritt an Rands Seite. Sein schmales Kriegergesicht zeigte Besorgnis. �Ein Hinterhalt?�</p><p>Rand hielt die Hand hoch, damit alle ruhig waren. Er trieb sein Pferd an, und die Sp�her hielten ohne ein Wort der Klage mit. Beinahe w�re Nynaeve hinter ihnen zur�ckgeblieben; Mondlicht war ein viel friedlicheres Tier, als sie selbst gew�hlt h�tte. Nach ihrer R�ckkehr nach Tear w�rde sie ein ernstes Wort mit dem Stallmeister wechseln m�ssen.</p><p>Sie umrundeten den H�gel und fanden einen staubigen Platz, der von alten Feuergruben vernarbt war, wo Karawanen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Eine kleinere Stra�e als die, die sie benutzt hatten, wand sich nach Norden und nach S�den. In der Mitte, wo sich die Stra�en kreuzten, stand ein einsamer Schienarer und beobachtete die herankommende Prozession. Sein schulterlanges graues Haar fiel lose um ein hageres Gesicht, das zu seiner drahtigen Statur passte. Seine Z�ge wiesen die Zeichen des Alters auf; seine Augen waren klein, und er schien sie zusammenkneifen zu m�ssen.</p><p><emphasis>Hurin?,</emphasis> dachte Nynaeve �berrascht. Den Diebef�nger hatte sie nicht mehr gesehen, seit er sie und andere nach den Geschehnissen in Falme zur Wei�en Burg zur�ckgebracht hatte.</p><p>Rand z�gelte sein Tier und erlaubte Nynaeve und den Asha�man, ihn einzuholen. Aiel schw�rmten aus wie von einem Windsto� umhergewehte Bl�tter und nahmen aufmerksame Positionen entlang der Kreuzung ein. Nynaeve war sich ziemlich sicher, dass beide Asha�man die Quelle ergriffen hatten, und Rand vermutlich auch.</p><p>Hurin trat unbehaglich von einem Fu� auf den anderen. Er sah noch gr��tenteils so aus, wie Nynaeve ihn in Erinnerung hatte. Das Haar war etwas grauer, aber er trug die gleiche einfache braune Kleidung mit einem Schwertbrecher und einem Kurzschwert am G�rtel. Er hatte ein Pferd an einen in der N�he liegenden Ast gebunden. Die Aiel musterten es misstrauisch, sowie andere vielleicht ein Rudel Wachhunde beobachtet h�tten.</p><p>� Was denn, Lord Rand!�, rief Hurin mit unsicherer Stimme. �Ihr seid es! Nun, ich muss schon sagen, Ihr habt es weit gebracht. Sch�n, Euch ��</p><p>Er verstummte, als er vom Boden gehoben wurde. �berrascht �chzte er, als ihn unsichtbare Str�me aus Luft erfassten. Nynaeve unterdr�ckte ein Schaudern. W�rde sie es jemals normal finden, M�nner beim Machtlenken zu sehen?</p><p>�Wer hat Euch und mich damals verfolgt, Hurin�, rief Rand, �als wir in diesem fernen Schattenland gefangen waren? Welcher Nationalit�t waren die M�nner, die ich mit dem Bogen niederstreckte?�</p><p>�M�nner?� Hurins Stimme glich einem Quieken. �Lord Rand, an diesem Ort gab es �berhaupt keine Menschen! Jedenfalls sind uns au�er der Lady Selene keine begegnet. Ich erinnere mich blo� an diese Froschungeheuer, die gleichen, die angeblich diese Seanchaner reiten!�</p><p>Rand drehte Hurin in der Luft herum und betrachtete ihn mit einem kalten Blick. Dann lenkte er sein Pferd n�her an ihn heran. Nynaeve und die Asha�man folgten seinem Beispiel.</p><p>�Ihr glaubt nicht, dass ich das bin, Lord Rand?�, fragte Hurin.</p><p>�Heutzutage nehme ich nur wenig f�r bare M�nze�, sagte Rand. �Ich nehme an, die Grenzl�nder haben Euch geschickt, weil wir uns kennen?�</p><p>Hurin nickte. Er schwitzte. Nynaeve versp�rte Mitleid mit ihm. Er war Rand v�llig ergeben. Bei der Jagd nach Fain und dem Horn von Valere hatten sie viel Zeit miteinander verbracht. Auf der R�ckreise nach Tar Valon hatte sie Hurin nur selten davon abhalten k�nnen, davon oder von den gro�en Taten zu erz�hlen, die Rand vollbracht hatte. Auf diese Weise von dem Mann behandelt zu werden, den er wie einen Helden verehrt hatte, musste schlimm f�r den schlanken Diebef�nger sein.</p><p>�Warum nur Ihr allein?�, fragte Rand leise.</p><p>Hurin seufzte. �Nun. Sie sagten Euch �� Er z�gerte, schien von etwas abgelenkt worden zu sein. Er schn�ffelte deutlich h�rbar. �Das ist� das ist merkw�rdig. So etwas habe ich noch nie zuvor gerochen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Hurin. �Die Luft � sie riecht nach viel Tod, nach viel Gewalt, aber dann wiederum auch nicht. Es ist finsterer. Schrecklicher.� Er schauderte sichtlich. Hurins F�higkeit, Gewalt riechen zu k�nnen, geh�rte zu jenen Merkw�rdigkeiten, die die Wei�e Burg nie hatte erkl�ren k�nnen. Es hatte nichts mit der Macht zu tun, war aber offensichtlich auch nicht nat�rlich.</p><p>Rand schien sich nicht daf�r zu interessieren, was Hurin da roch. �Erkl�rt mir, warum sie nur Euch geschickt haben, Hurin.�</p><p>�Das wollte ich ja gerade, Lord Rand. Ihr m�sst wissen, hier sollen wir �ber die <emphasis>Bedingungen</emphasis> sprechen.�</p><p>�Die Bedingungen, damit eure Heere wieder dorthin zur�ckmarschieren, wo sie hingeh�ren�, sagte Rand.</p><p>�Nein, Lord Rand�, erwiderte Hurin unbehaglich. �Die Bedingungen f�r das eigentliche Treffen. Ich vermute, da war ihr Brief etwas unklar. Sie sagten, Ihr k�nntet w�tend sein, nur mich hier vorzufinden.�</p><p>�Damit befinden sie sich in einem Irrtum�, sagte Rand noch leiser. Nynaeve musste sich anstrengen, ihn zu verstehen.</p><p>�Ich versp�re keine Wut mehr, Hurin�, fuhr Rand fort. �Sie hat keinen Nutzen f�r mich. Warum sollten wir f�r ein Treffen so etwas wie �Bedingungen� aushandeln? Ich bin davon ausgegangen, dass mein Angebot, nur eine kleine Gruppe mitzubringen, ausreichen sollte.�</p><p>�Nun, Lord Rand, wisst Ihr, sie wollen sich wirklich mit Euch treffen. Ich meine, wir sind diesen weiten Weg gekommen - sind den verdammten Winter durchmarschiert, Verzeihung, Aes Sedai. Aber es war ein verdammter Winter! Und er war schlimm, auch wenn er lange gebraucht hat, uns einzuholen. Aber egal, wir haben das getan, um Euch zu finden, Lord Rand. Also seht Ihr, dass sie sich wirklich mit Euch treffen wollen. Unbedingt.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Nun ja, als Ihr das letzte Mal in Far Madding wart, gab es ��</p><p>Rand hob nur einen Finger. Hurin verstummte sofort, und alles wurde still. Selbst die Pferde schienen den Atem anzuhalten.</p><p>�Die Grenzl�nder sind in Far Madding?�, fragte Rand. �Ja, Lord Rand.�</p><p>�Und sie wollen mich dort treffen?�</p><p>�Ja, Lord Rand. Ihr sollt Euch in den Schutz des W�chters begeben, versteht Ihr, und ��</p><p>Rand schnitt Hurin mit einer Geste das Wort ab. Einen Augenblick sp�ter �ffnete sich ein Wegetor. Es f�hrte jedoch nicht direkt nach Far Madding, sondern blo� ein kurzes St�ck die Stra�e hinunter, auf der sie eben noch geritten waren.</p><p>Rand lie� Hurin los, bedeutete den Aiel, den Mann auf sein Pferd steigen zu lassen, und trieb Tai�daishar durch das Tor. Was ging hier vor? Alle folgten ihm. Sobald sie das Tor hinter sich gelassen hatten, erschuf Rand ein weiteres Wegetor, das sich auf eine kleine bewaldete Senke hin �ffnete. Nynaeve glaubte sie zu erkennen; dort hatten sie nach ihrem Besuch in Far Madding mit Cadsuane gelagert.</p><p><emphasis>Wozu das erste Wegetor?,</emphasis> dachte Nynaeve verwirrt. Und dann begriff sie. Wollte man nur eine kurze Distanz Reisen, musste man sich die Umgebung nicht genau einpr�gen - und das Reisen <emphasis>an</emphasis> einen Ort vermittelte einem diese Lokalit�t gut genug, um von dort sofort Wegetore erschaffen zu k�nnen.</p><p>Indem Rand zuerst nur ein kleines St�ck Gereist war, hatte er sich die Umgebung ausreichend genug eingepr�gt, um dort Wegetore erschaffen zu k�nnen, wo immer er wollte - und sich die Zeit gespart, die Umgebung vorher kennenlernen zu m�ssen! Das war au�erordentlich schlau, und Nynaeve err�tete, weil sie nie auf diese Idee gekommen war. Wie lange kannte Rand diesen Trick schon? War die Erinnerung daran etwa von dieser � Stimme in seinem Kopf gekommen?</p><p>Rand ritt Tai�daishar in die Senke hinein, die Hufe des Pferdes wirbelten gefallene Bl�tter auf, als es sich seinen Weg durch das Unterholz bahnte. Nynaeve folgte ihm und bem�hte sich, ihre brave Stute anzutreiben, um mit ihm Schritt zu halten. Dieser Stallmeister w�rde auf jeden Fall etwas von ihr zu h�ren bekommen. Ihm w�rden die Ohren brennen, wenn sie mit ihm fertig war!</p><p>Auch Hurin kam auf seinem Pferd angetrabt, und die Aiel liefen mit und hielten ihn die ganze Zeit eingekreist. Sie hatten sich verschleiert und hielten Speere oder Bogen bereit. Sofort nachdem sie die B�ume hinter sich gelassen hatten, hielt Rand Tai�daishar an und schaute quer �ber eine offene Wiese auf die uralte Stadt Far Madding.</p><p>An den Gro�en St�dten gemessen war sie nicht sehr imposant. Sie war auch keineswegs sch�n, wenn man sie mit den von den Ogiern erbauten Wundern verglich, die Nynaeve gesehen hatte. Aber sie war gro� genug und beinhaltete fraglos sch�ne Architektur und uralte Relikte. Erbaut auf einer Insel in einem See, erinnerte sie sogar etwas an Tar Valon. Drei breite Br�cken �berquerten das ruhige Gew�sser und stellten die einzige M�glichkeit dar, die Stadt zu betreten.</p><p>Um den See herum lagerte ein sehr gro�es Heer, nahm vielleicht sogar mehr Platz ein als Far Madding selbst. Nynaeve z�hlte Dutzende verschiedener Wimpel, die Dutzende verschiedener H�user bezeichneten. Es gab unz�hlige Reihen von Pferdeseilen und Zelte wie Reihen von Sommerweizen auf dem Feld, den man sorgf�ltig ges�t hatte, um nun auf die Ernte zu warten. Die Armee der Grenzl�nder.</p><p>�Ich habe von diesem Ort geh�rt�, sagte Naeff und ritt heran. Der Wind zerzauste sein dunkelbraunes Haar. Er kniff die Augen zusammen, einen unzufriedenen Ausdruck auf dem kantigen Gesicht. �Er ist wie ein <emphasis>Stedding,</emphasis> nur nicht so sicher.�</p><p>Far Maddings gewaltiges <emphasis>Ter�angreal,</emphasis> das man den W�chter nannte, erschuf unsichtbare Schutzblasen, die Machtlenker davon abhielten, die Eine Macht zu ber�hren. Allerdings lie� sich das mit einem ganz besonderen <emphasis>Ter�angreal</emphasis> umgehen, das Nynaeve zuf�llig besa� und bei sich trug. Aber es half nur bedingt.</p><p>Die Armee schien sich innerhalb der Blase zu befinden, die M�nner vom Machtlenken abhielt; sie erstreckte sich ungef�hr eine Meile um die Stadt herum.</p><p>�Sie werden wissen, dass wir gekommen sind�, sagte Rand leise mit zusammengekniffenen Augen. �Sie haben darauf gewartet. Sie erwarten von mir, dass ich in ihre Kiste reite.�</p><p>�Kiste?�, fragte Nynaeve z�gernd.</p><p>�Die Stadt ist eine Kiste�, erwiderte Rand. �Die Stadt und ihr ganzes Umland. Sie wollen mich dort haben, wo sie mich kontrollieren k�nnen, aber sie begreifen nicht. Niemand kontrolliert mich. Das ist vorbei. Ich habe genug von Kisten und Kerkern, von Ketten und Seilen. Nie wieder werde ich mich in die Macht anderer begeben.�</p><p>Den Blick noch immer starr auf die Stadt gerichtet, griff er nach der Stelle an seinem Sattel, wo sich die Statuette des Mannes mit der Kugel in der Hand befand. Nynaeve erschauderte. Musste er dieses Ding �berall mit hinnehmen?</p><p>�Vielleicht muss man es ihnen beibringen�, fuhr er fort. �Sie zu ihrer Pflicht und ihrem Gehorsam mir gegen�ber ermuntern.�</p><p>�Rand �� Nynaeve versuchte nachzudenken. Sie durfte das nicht noch einmal zulassen.</p><p>Der Zugangsschl�ssel fing an zu leuchten. �Sie wollen mich gefangen nehmen�, sagte er leise. �Mich festhalten. Mich schlagen. Das haben sie in Far Madding bereits schon einmal getan. Sie ��</p><p>�Rand!�, stie� Nynaeve scharf hervor.</p><p>Abrupt hielt er inne und sah sie an, als h�tte er sie noch nie zuvor gesehen.</p><p>�Das sind keine Sklaven, denen Graendal bereits den Verstand weggebrannt hat. Das ist eine ganze Stadt voller Unschuldiger! �</p><p>�Ich w�rde den Menschen dieser Stadt nichts antun�, sagte Rand mit v�llig gef�hlloser Stimme. �Diese Armee verdient eine Demonstration, nicht die Stadt. Vielleicht ein Feuerregen, der sie trifft. Oder Blitze.�</p><p>�Sie haben nichts getan, au�er dich zu bitten, dich mit ihnen zu treffen!�, sagte Nynaeve und dr�ngte ihr Pferd n�her an ihn heran. Dieses <emphasis>Ter�angreal</emphasis> war wie eine Schlange in seiner Hand. Einst hatte es die Quelle gereinigt. W�re es doch nur genauso geschmolzen wie sein weibliches Gegenst�ck!</p><p>Sie vermochte nicht genau zu sagen, was geschehen w�rde, wenn er ein Gewebe in die Schutzblase Far Maddings lenkte, aber vermutlich w�rde es trotzdem funktionieren. Der W�chter verhinderte nicht die Erschaffung von Geweben; Nynaeve hatte dort durchaus Gewebe weben k�nnen, solange sie ihre Machtquelle benutzt hatte.</p><p>Aber sie wusste, dass sie Rand davon abbringen musste, seinen Zorn - oder was auch immer er gerade f�hlte - auf seine Verb�ndeten zu richten. �Rand�, sagte sie leise. �Wenn du das tust, dann gibt es keinen Weg zur�ck.�</p><p>�F�r mich gibt es bereits keinen Weg zur�ck mehr�, sagte er mit einem fiebrigen Ausdruck in den Augen. Diese Augen ver�nderten sich, manchmal erschienen sie grau, manchmal auch blau. Heute sahen sie stahlgrau aus. Mit v�llig gef�hlloser Stimme fuhr er fort. �Ich betrat diesen Pfad in dem Moment, in dem mich Tarn weinend auf diesem Berg fand.�</p><p>�Du brauchst heute niemanden zu t�ten. Bitte.�</p><p>Er drehte sich um und schaute wieder auf die Stadt. Langsam und gn�digerweise h�rte der Zugangsschl�ssel auf zu leuchten. �Hurin!�, bellte er.</p><p><emphasis>Er muss kurz vor dem Zusammenbruch stehen,</emphasis> dachte Nynaeve. <emphasis>Sein Zorn schleicht sich wieder in seine Stimme.</emphasis></p><p>Der Diebef�nger ritt zur Spitze der Gruppe. Die Aiel blieben jedoch stehen. �Ja, Lord Rand?�</p><p>�Kehrt zu Euren Herren in ihrer Kiste zur�ck�, sagte Rand. Er hatte seine Stimme wieder unter Kontrolle. �Ihr werdet ihnen eine Botschaft von mir �berbringen.�</p><p>�Welche Botschaft, Lord Rand?�</p><p>Rand z�gerte, dann schob er den Zugangsschl�ssel zur�ck in seine Tasche. �Sagt ihnen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bevor der Wiedergeborene Drache zur Schlacht am Shayol Ghul reitet. Falls sie den Wunsch versp�ren, wieder ehrenvoll zu ihren Posten zur�ckzukehren, stelle ich ihnen den Transport zur�ck zur F�ule zur Verf�gung. Wenn nicht, k�nnen sie hier in ihrem Versteck bleiben. Sollen sie ihren Kindern und Enkeln erkl�ren, warum sie Hunderte von Meilen von ihren Posten entfernt waren, als der Dunkle K�nig vernichtet und die Prophezeiungen erf�llt wurden.�</p><p>Hurin sah ersch�ttert aus. �Ja, Lord Rand.�</p><p>Und Rand wendete sein Pferd und ritt zur�ck zur Lichtung. Nynaeve folgte ihm, aber viel zu langsam. So sch�n Mondlicht auch sein mochte, sie h�tte die pr�chtige Stute sofort gegen ein verl�ssliches Pferd von den Zwei Fl�ssen wie Bela eingetauscht.</p><p>Hurin blieb zur�ck. Er sah noch immer ersch�ttert aus. Sein Wiedersehen mit �Lord Rand� war offensichtlich gar nicht so verlaufen, wie er es erwartet hatte. Nynaeve knirschte mit den Z�hnen, als die B�ume ihren Blick auf ihn versperrten. Auf der Lichtung hatte Rand bereits ein Wegetor direkt nach Tear ge�ffnet.</p><p>Sie ritten auf das Reisegel�nde, das man vor den St�llen des Steins von Tear errichtet hatte. Die Luft in Tear war trotz des bew�lkten Himmels hei� und schw�l, und sie war erf�llt vom L�rm �bender M�nner und kreischender M�wen. Rand ritt bis zu den wartenden Stallburschen, dann stieg er mit unleserlicher Miene ab.</p><p>Als Nynaeve von Mondlicht stieg und die Z�gel einem rotgesichtigen Stallburschen in die Hand dr�ckte, ging Rand an ihr vorbei. �Such nach einer Statue�, sagte er.</p><p>�Was?�, fragte sie �berrascht.</p><p>Er blieb stehen und sah zu ihr zur�ck. �Du wolltest doch wissen, wo Perrin ist. Er lagert mit einem Heer im Schatten einer gewaltigen umgest�rzten Statue, die wie ein in den Boden gesto�enes Schwert aussieht. Ich bin sicher, dass die hiesigen Gelehrten dir verraten k�nnen, wo das ist; sie ist ziemlich auff�llig.�</p><p>� Woher � woher wei�t du das?�</p><p>Rand zuckte blo� mit den Schultern. �Ich wei� es eben.�</p><p>�Und warum verr�tst du es mir?�, wollte sie wissen und begleitete ihn �ber den erdigen Hof. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr diese Informationen geben w�rde - er hatte die Gewohnheit angenommen, alles f�r sich zu behalten, selbst wenn das Wissen unerheblich war.</p><p>� Weil�, begann er, und seine Stimme wurde beinahe zu leise, um ihn noch verstehen zu k�nnen, �ich dir etwas schulde. Du sorgst dich um Dinge, wo ich es nicht mehr kann. Solltest du Perrin finden, dann richte ihm aus, dass ich ihn bald brauchen werde.�</p><p>Und er lie� sie stehen.</p><p>Nynaeve sah ihm nach. Ein feuchter Duft lag in der Luft, der Geruch von frischem Regen, und sie konnte f�hlen, dass sie einen Schauer verpasst hatte. Nicht genug, um die Luft zu reinigen oder den Boden in Schlamm zu verwandeln, aber ausreichend, um in schattigen Ecken feuchten Stein zu hinterlassen. Rechts von ihr trieben M�nner ihre Pferde im Galopp �ber den sandigen Boden zwischen Abz�unungen. Der Stein war die einzig ihr bekannte Festung mit �bungsgel�nde f�r Kavallerie - aber der Stein war ja auch nicht gew�hnlich.</p><p>Das Donnern der Hufe war wie das Grollen eines fernen Sturms, und unwillk�rlich schaute sie nach Norden. Der Sturm dort f�hlte sich noch n�her als zuvor an. Sie war immer von der Annahme ausgegangen, dass er sich �ber der Gro�en F�ule zusammenzog, aber jetzt war sie sich da nicht mehr so sicher.</p><p>Sie holte tief Luft, dann eilte sie in die Festung. Sie passierte Verteidiger in ihren makellosen Uniformen mit den glatten Harnischen. Sie passierte Stallburschen, die vermutlich alle von dem Tag tr�umten, an dem sie diese Uniform tragen durften, im Augenblick aber nur Pferde zur�ck in den Stall f�hren und f�ttern durften. Sie passierte Dutzende von Dienern in Leinengew�ndern, die sicherlich bequemer als ihre braune Wolle waren.</p><p>Die Festung selbst war wie ein riesiger Felsen, dessen glatte W�nde nur von Fenstern unterbrochen wurden. Allerdings konnte sie noch immer die Stelle ausmachen, wo Mat mit seinem Illuminatorenfeuerwerk ein St�ck zerst�rt hatte, als er gekommen war, um sie und die anderen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Dieser dumme Junge. Wo war er? Sie hatte ihn schon � eine lange Zeit nicht mehr gesehen. Seit Ebou Dar an die Seanchaner gefallen war. In gewisser Weise hatte sie das Gef�hl, ihn im Stich gelassen zu haben, obwohl sie das nie zugegeben h�tte. Schlie�lich hatte sie sich vor dieser Tochter der Neun Monde schon genug zur N�rrin gemacht, als sie diesen Schurken verteidigt hatte! Sie wusste noch immer nicht, was da blo� �ber sie gekommen war.</p><p>Mat w�rde schon f�r sich selbst sorgen. Vermutlich feierte er in irgendeiner Schenke, w�hrend der Rest von ihnen versuchte, die Welt zu retten - betrank sich und w�rfelte. Rand war da ein ganz anderes Kaliber. Es war so viel einfacher gewesen, mit ihm umzugehen, als er sich noch wie andere M�nner benommen hatte - er war stur und unreif gewesen, aber vorhersehbar. Dieser neue Rand mit seiner Gef�hlsk�lte und der kalten Stimme war wirklich furchteinfl��end.</p><p>Die schmalen Korridore des Steins waren Nynaeve noch immer unvertraut, und sie verlief sich dementsprechend oft. Und es war keineswegs hilfreich, dass G�nge und W�nde manchmal ihren Platz �nderten. Sie hatte versucht, solche Geschichten als abergl�ubischen Unsinn abzutun, aber am Vortag war sie erwacht und hatte entdecken m�ssen, dass ihr Zimmer auf pl�tzliche und unerkl�rliche Weise <emphasis>bewegt</emphasis> worden war. Ihre T�r hatte sich auf eine glatte Wand aus dem gleichen nahtlosen Felsen wie der Stein selbst ge�ffnet. Sie war gezwungen gewesen, durch ein Wegetor zu entkommen, und hatte entsetzt erfahren m�ssen, dass ihr Fenster sich nun an einer Stelle zwei Stockwerke h�her als am Vorabend befand!</p><p>Cadsuane hatte behauptet, dass der Dunkle K�nig auf diese Weise die Welt ber�hrte und das Muster veranlasste, sich aufzul�sen. Cadsuane sagte viel, wenn der Tag lang war, und Nynaeve w�nschte nur wenig davon zu h�ren.</p><p>Sie verirrte sich nur zweimal auf ihrem Weg durch die Korridore, aber schlie�lich fand sie Cadsuanes Zimmer. Wenigstens hatte Rand seinem Quartiermeister nicht verboten, ihr R�ume zur Verf�gung zu stellen. Nynaeve klopfte - sie hatte gelernt, dass das besser war -, dann trat sie ein.</p><p>Die Aes Sedai aus Cadsuanes Gruppe - Merise und Corele - sa�en da, strickten, tranken dabei Tee und bem�hten sich auszusehen, als w�rden sie <emphasis>nicht</emphasis> darauf warten, die Launen dieser unertr�glichen Frau erf�llen zu d�rfen. Cadsuane selbst unterhielt sich leise mit Min, die sie in den letzten Tagen so gut wie v�llig vereinnahmt hatte. Min schien das nicht einmal zu st�ren, vielleicht weil es im Moment gar nicht so leicht war, sich in Rands Gegenwart aufzuhalten. Nynaeve versp�rte einen Stich des Mitleids f�r das M�dchen. Sie musste Rand nur als Freundin gegen�bertreten; f�r jemanden, der sein Herz teilte, musste das alles wesentlich schlimmer sein.</p><p>Aller Augen wandten sich Nynaeve zu, als sie die T�r schloss. �Ich glaube, ich habe ihn gefunden�, verk�ndete sie.</p><p>�Und wer sollte das sein, Kind?�, fragte Cadsuane und bl�tterte weiter in einem von Mins B�chern.</p><p>�Perrin. Ihr hattet recht; Rand wei�, wo er ist.�</p><p>�Ausgezeichnet!�, sagte Cadsuane. �Das habt Ihr gut gemacht. Anscheinend k�nnt Ihr ja doch von Nutzen sein.�</p><p>Nynaeve vermochte nicht zu sagen, was sie mehr �rgerte - das indirekte Kompliment oder die Tatsache, dass ihr Herz vor Stolz anschwoll, als sie es h�rte. Sie war kein M�dchen ohne Zopf, das sich von den Worten dieser Frau geschmeichelt f�hlen musste!</p><p>�Und?� Cadsuane schaute von ihrem Buch auf. Die anderen schwiegen weiter, allerdings warf Min ihr ein begl�ckw�nschendes L�cheln zu. �Wo ist er?�</p><p>Nynaeve wollte antworten, aber dann hielt sie sich gerade noch rechtzeitig davon ab. Was war an dieser Frau, das sie so einfach gehorchen lassen wollte? Es war nicht die Eine Macht, damit hatte es gar nichts zu tun. Cadsuane verf�gte einfach �ber die Ausstrahlung einer strengen, aber gerechten Gro�mutter. Die Sorte, der man niemals Widerworte gab, die einem aber ein paar S��igkeiten zur Belohnung schenkte, wenn man brav wie befohlen den Boden putzte.</p><p>�Zuerst will ich wissen, warum Perrin so wichtig ist.� Nynaeve ging zu dem einzigen freien Sitzplatz im Raum, einem lackierten Hocker. Als sie sich gesetzt hatte, musste sie entdecken, dass sie ein paar Finger unter Augenh�he sa�. Wie eine Sch�lerin vor Cadsuane. Beinahe w�re sie wieder aufgestanden, aber dann wurde ihr klar, dass das nur noch mehr Aufmerksamkeit erregen w�rde.</p><p>�Pff!�, machte Cadsuane. �Ihr haltet dieses Wissen zur�ck, selbst wenn es das Leben jener bedeutet, die Euch am Herzen liegen?�</p><p>�Ich will wissen, worauf ich mich da eingelassen habe�, erwiderte Nynaeve stur. �Ich will wissen, dass diese Information Rand am Ende nicht noch mehr verletzt.�</p><p>Cadsuane schnaubte. �Ihr glaubt allen Ernstes, dass ich den dummen Jungen <emphasis>verletzen</emphasis> w�rde?�</p><p>�Ich glaube jedenfalls nichts anderes�, fauchte Nynaeve. � Nicht, bevor Ihr mir verraten habt, was Ihr machen wollt.�</p><p>Cadsuane schloss das Buch - <emphasis>Echos Seiner Dynastie -</emphasis> und sah beunruhigt aus. �Habt Ihr denn wenigstens die G�te, mir zu verraten, wie die Begegnung mit den Grenzl�ndern verlaufen ist? Oder hat diese Information auch ihren Preis?�</p><p>Glaubte sie ehrlich, Nynaeve so einfach ablenken zu k�nnen? �Schlecht ist sie verlaufen, wie zu erwarten war�, sagte sie. �Sie haben sich vor Far Madding ausgebreitet und sich geweigert, sich mit Rand zu treffen, solange er sich nicht in die Reichweite des W�chters begibt und sich von der Quelle trennt.�</p><p>�Hat er es gut aufgenommen?�, fragte Corele von ihrer gepolsterten Bank auf der anderen Seite des Zimmers. Sie l�chelte schmal; sie schien hier die Einzige zu sein, die Rands Ver�nderungen f�r am�sant statt be�ngstigend hielt. Andererseits war sie eine der Frauen, die praktisch bei der ersten Gelegenheit den Bund mit einem Asha�man eingegangen waren.</p><p>�Hat er es gut aufgenommen?�, wiederholte Nynaeve tonlos. �Kommt darauf an. Z�hlt es f�r Euch als �gut aufgenommen�, das verdammte <emphasis>Ter�angreal</emphasis> zu ziehen und zu drohen, Feuer auf das Heer herabregnen zu lassen?�</p><p>Min wurde blass. Cadsuane hob eine Braue.</p><p>�Ich habe ihn davon abgehalten�, sagte Nynaeve. �Aber es war knapp. Ich wei� nicht. Es k�nnte � bereits zu sp�t sein, um ihn irgendwie zu �ndern.�</p><p>�Und der Junge <emphasis>wird</emphasis> wieder lachen�, sagte Cadsuane leise, aber energisch. �Ich habe nicht so lange gelebt, um jetzt zu scheitern.�</p><p>�Spielt das �berhaupt eine Rolle?�, wollte Corele wissen.</p><p>Nynaeve wandte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Was denn?� Corele legte ihr Strickzeug zur Seite. �Warum ist das von Bedeutung? Wir werden offensichtlich Erfolg haben.�</p><p>�Beim Licht!�, sagte Nynaeve. �Wie kommt Ihr denn auf <emphasis>die</emphasis> Idee?�</p><p>�Wir haben dieses M�dchen hier den ganzen Nachmittag �ber ihre Visionen befragt.� Corele wies mit dem Kopf auf Min. �Sie bewahrheiten sich immer, und sie hat Dinge gesehen, die sich offensichtlich erst <emphasis>nach</emphasis> der Letzten Schlacht zutragen k�nnen. Also wissen wir, dass Rand den Dunklen K�nig besiegt. Das Muster hat es bereits entschieden. Wir k�nnen aufh�ren, uns Sorgen zu machen.�</p><p>�Nein�, sagte Min. �Ihr irrt Euch.�</p><p>Corele runzelte die Stirn. �Kind, wollt Ihr sagen, dass Ihr uns �ber die Dinge angelogen habt, die Ihr gesehen habt?�</p><p>�Nein. Aber wenn Rand verliert, dann gibt es kein Muster mehr.�</p><p>�Das M�dchen hat recht.� Cadsuane klang �berrascht. �Das Kind sieht Gewebe aus dem Muster, die noch in der Zukunft liegen - aber wenn der Dunkle K�nig gewinnt, wird er das Muster v�llig <emphasis>vernichten.</emphasis> Nur auf diese Weise k�nnten sich diese Visionen nicht erf�llen. Das Gleiche gilt f�r andere Prophezeiungen und Vorhersagen. Unser Sieg ist keinesfalls sicher.�</p><p>Das lie� Schweigen in den Raum einkehren. Sie spielten hier nicht mit Dorfpolitik oder nationaler Dominanz. Die Sch�pfung selbst stand auf dem Spiel.</p><p><emphasis>Beim Licht. Kann ich diese Information f�r mich behalten, wenn auch nur die geringste M�glichkeit besteht, dass sie Lan hilft?</emphasis> Es zerriss ihr das Herz, an ihn zu denken, und ihr standen doch nur so wenige M�glichkeiten zur Verf�gung. Lans einzige Hoffnung schien in den Heeren zu bestehen, die Rand aufstellen konnte, und in den Wegetoren, die seine M�nner erschaffen konnten.</p><p>Rand musste sich �ndern. F�r Lan. F�r sie alle. Und leider fiel ihr nichts ein, was sie tun konnte, au�er Cadsuane zu vertrauen. Nynaeve schluckte ihren Stolz herunter und sprach. �Kennt Ihr den Ort der Statue eines gewaltigen Schwertes, das sich in den Boden gebohrt hat, als wollte sie ihn aufspie�en?�</p><p>Corele und Merise sahen einander verwirrt an.</p><p>�Die Hand des <emphasis>Amahn�rukane.�</emphasis> Cadsuane wandte den Blick von Min. �Die Statue wurde nie vollendet, soweit es die Gelehrten wissen. Sie befindet sich an der Jehannahstra�e.�</p><p>�Perrin lagert in ihrem Schatten.�</p><p>Cadsuane sch�rzte die Lippen. �Ich hatte angenommen, er w�rde nach Osten reisen, auf die von alThor eroberten L�nder zu.� Sie holte tief Luft. �Also gut. Wir gehen <emphasis>sofort</emphasis> zu ihm.� Sie z�gerte, dann wandte sie sich an Nynaeve. �Um Eure fr�here Frage zu beantworten, Kind, eigentlich ist Perrin �berhaupt nicht f�r unsere Pl�ne von Bedeutung.�</p><p>�Ist er nicht?�, fragte Nynaeve. �Aber ��</p><p>Cadsuane hob einen Finger. �Bei ihm sind Leute, die von <emphasis>entscheidender</emphasis> Bedeutung sind. Und vor allem einer.�</p></section><section><title><p>45</p><p>Die Burg h�lt stand</p></title><p>Egwene ging langsam in einem blutroten Reitgewand durch das Rebellenlager. Die Farbe sorgte f�r nicht wenige gehobene Brauen. Zog man die Taten der Roten Ajah in Betracht, w�rden die hier zusammengekommenen Aes Sedai wohl kaum diese Farbe tragen. Sogar die Dienerinnen des Lagers hatten das begriffen und ihre roten und rotbraunen Kleider verkauft oder zu Lumpen verarbeitet.</p><p>Egwene hatte ganz bewusst Blutrot verlangt. In der Wei�en Burg hatten sich die Schwestern angew�hnt, nur die Farben ihrer eigenen Ajah zu tragen, und diese Praxis hatte die Gr�ben nur noch vertieft. Nat�rlich war es gut, auf die Zugeh�rigkeit zu seiner Ajah stolz zu sein, aber es war gef�hrlich, wenn man von der Annahme ausging, niemandem in anderen Farben vertrauen zu k�nnen.</p><p>Egwene verk�rperte alle Ajahs. Heute symbolisierte das Rot viele Dinge f�r sie. Die unmittelbar bevorstehende Wiedervereinigung mit der Roten Ajah. Eine Erinnerung an die Spaltung, die beendet werden musste. Ein Zeichen, dass Blut vergossen w�rde, das Blut guter M�nner, die die Wei�e Burg verteidigen wollten.</p><p>Das Blut der toten Aes Sedai, die nicht einmal vor einer Stunde durch Egwenes Befehl enthauptet worden waren.</p><p>Siuan hatte ihren Gro�en Schlangenring gefunden; es f�hlte sich gut an, ihn wieder zu tragen.</p><p>Der Himmel zeigte eine eisengraue Farbe, und der Geruch nach Schmutz lag in der Luft und begleitete die Gesch�ftigkeit im Lager. M�gde wuschen eilig, als m�ssten sie ihre Herrschaft noch schnell f�r ein Fest vorbereiten. Novizinnen eilten von Unterricht zu Unterricht, liefen buchst�blich. Aes Sedai standen mit verschr�nkten Armen da, dazu bereit, jedem Feuer unter dem Hintern zu machen, der das Tempo nicht einhielt.</p><p><emphasis>Sie sp�ren die Bedeutung dieses Tages,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Und sie k�nnen nicht vermeiden, sich davon anstecken zu lassen.</emphasis> In der vergangenen Nacht der Angriff der Seanchaner. Gefolgt von der R�ckkehr der Amyrlin, die den Morgen damit verbracht hatte, die Aes Sedai zu s�ubern. Und jetzt der Nachmittag, und die Kriegstrommeln schlugen.</p><p>Sie bezweifelte, dass Brynes Lager sich in einem �hnlichen Zustand befand. Er w�rde seine M�nner zum Angriff bereit stehen haben. Vermutlich h�tte er die Wei�e Burg an jedem Tag der Belagerung sofort angreifen k�nnen. Seine Soldaten w�rden diesen Krieg entscheiden. Egwene w�rde ihre Aes Sedai nicht in die Schlacht reiten lassen, w�rde nicht zulassen, dass sie sich um ihren Eid herummogelten, mit der Macht nicht zu t�ten. Sie konnten hier warten, bis man sie rief, um zu Heilen.</p><p>Oder man sie rief, falls sich ihre Schwestern aus der Wei�en Burg ernsthaft am Kampf beteiligten. Hoffentlich sorgte das Licht daf�r, dass Elaida weise genug war, das zu verbieten. Falls sich die Aes Sedai gegenseitig mit der Einen Macht angriffen, w�rde dies in der Tat ein schwarzer Tag werden.</p><p><emphasis>Kann dieser Tag denn �berhaupt noch finsterer werden?,</emphasis> fragte sich Egwene. Viele der Aes Sedai, an denen sie im Lager vorbeiging, warfen ihr Blicke voller Respekt, Ehrfurcht und nicht geringem Entsetzen zu. Die Amyrlin war nach langer Abwesenheit zur�ckgekehrt. Und sie brachte Zerst�rung und hielt Gericht.</p><p>�ber f�nfzig Schwarze Schwestern waren ged�mpft und danach hingerichtet worden. Bei dem Gedanken an ihren Tod versp�rte Egwene �belkeit. Sheriam war beinahe erleichtert erschienen, als sie an die Reihe kam, aber dann hatte sie doch angefangen, sich schluchzend zu wehren. Sie hatte mehrere schwere Verbrechen gestanden, als h�tte sie die verzweifelte Hoffnung, durch ihre Bereitwilligkeit zur Kooperation begnadigt zu werden.</p><p>Man hatte ihr Haupt auf den Richtblock gelegt und ihn abgeschlagen, genau wie bei den anderen. Dieser Anblick w�rde niemals in Egwenes Erinnerung verblassen - wie ihre ehemalige Beh�terin der Chroniken mit auf den Block gedr�cktem Kopf dort lag und ihr blaues Kleid und feuerrotes Haar pl�tzlich in warmes goldenes Licht getaucht wurden, als eine d�nne Wolkenschicht pl�tzlich die Sonne freigab. Dann die funkelnde Axt, die zuschlug und ihren Kopf forderte. Vielleicht w�rde das Muster das n�chste Mal gn�diger zu ihr sein, sollte es ihr wieder einen Faden in seinem gro�en Gewebe zugestehen. Aber vielleicht auch nicht. Der Tod war keine Flucht vor dem Dunklen K�nig. Sheriams Entsetzen am Ende war ein deutlicher Hinweis, dass sie m�glicherweise genau diesen Gedanken gehabt hatte, als die Axt auf sie niedersauste.</p><p>Jetzt verstand Egwene endg�ltig, warum die Aiel bei simplen Pr�geln lachen konnten. H�tte sie doch nur ein paar Tage unter der Rute durchmachen m�ssen, statt die Hinrichtung von Frauen zu befehlen, die sie gemocht und mit denen sie zusammengearbeitet hatte!</p><p>Einige der Sitzenden hatten sich f�r ein Verh�r statt f�r eine Hinrichtung ausgesprochen, aber Egwene hatte sich nicht darauf eingelassen. F�nfzig Frauen waren bei weitem zu viele, um sie abschirmen und bewachen zu k�nnen, und wo nun allen bekannt war, dass man das D�mpfen wieder Heilen konnte, kam das nun gar nicht mehr infrage. Nein, die Geschichte hatte bewiesen, wie schl�pfrig und gef�hrlich die Mitglieder der Schwarzen sein konnten, und Egwene war es leid, sich dar�ber Sorgen machen zu m�ssen, was passieren <emphasis>konnte.</emphasis> Sie hatte bei Moghedien gelernt, dass Gier ihren Preis kostete, selbst wenn es nur die Gier nach Informationen war. Sie und die anderen waren zu gierig gewesen - zu stolz auf die �Entdeckungen�, die sie gemacht hatten -, um die Welt von einer der Verlorenen zu befreien.</p><p>Nun, sie w�rde hier keine �hnlichen Fehler zulassen. Das Gesetz war allgemein bekannt, der Saal hatte sein Urteil gef�llt, und es war nicht hinter verschlossenen T�ren geschehen. Verin war gestorben, um diese Frauen aufzuhalten, und Egwene w�rde daf�r sorgen, dass ihr Opfer eine Bedeutung hatte.</p><p><emphasis>Das hast du gut gemacht, Verin. So gut.</emphasis> Jede Aes Sedai im Lager hatte die Drei Eide noch einmal leisten m�ssen, und es waren nur drei Schwarze entdeckt worden, die nicht auf Venns Liste gestanden hatten. Ihre Nachforschungen waren sehr gr�ndlich gewesen.</p><p>Die Beh�ter der Schwarzen standen unter Bewachung. Um sie w�rde man sich sp�ter k�mmern m�ssen, wenn man Zeit dazu hatte, um festzustellen, welche von ihnen tats�chlich zu den Schwarzen geh�rten und welche nur �ber den Verlust ihrer Aes Sedai au�er sich waren. Die meisten von ihnen w�rden den Tod suchen, selbst die Unschuldigen. Vielleicht konnte man die Unschuldigen davon �berzeugen, lange genug am Leben zu bleiben, um sich in die Letzte Schlacht zu st�rzen.</p><p>Trotz allem waren beinahe zwanzig von den Schwarzen Schwestern auf Verins Liste entkommen, trotz Egwenes Vorkehrungen. Sie wusste nicht mit Sicherheit, wie sie es erfahren hatten. Brynes M�nner hatten ein paar der Schw�cheren bei ihren Fluchtversuchen festnehmen k�nnen, und dabei waren Soldaten gestorben. Und trotzdem waren viele entkommen.</p><p>Sinnlos, deswegen Tr�nen zu vergie�en. F�nfzig Schwarze waren tot; das war ein Sieg. Ein furchteinfl��ender Sieg. Trotzdem ein Sieg.</p><p>Und so ging sie durch das Lager, in einem roten Kleid mit Reitstiefeln, und ihr braunes Haar flatterte im Wind. Die hineingeflochtenen roten Riemen sollten die Str�me von Blut anzeigen, die sie vor nicht einmal einer Stunde vergossen hatte. Den Schwestern ringsum nahm sie weder die verstohlenen Seitenblicke �bel noch ihre verh�llte Sorge oder ihre Furcht.</p><p>Oder ihren Respekt. Falls je irgendwelche Zweifel daran bestanden hatten, dass Egwene die Amyrlin war, waren sie nun ausger�umt. Sie akzeptierten sie, sie f�rchteten sie. Sie w�rde nie wieder so zu ihnen geh�ren wie zuvor. Sie stand getrennt von ihnen, und das w�rde sich auch nie wieder �ndern.</p><p>Eine entschlossene Gestalt in Blau suchte sich ihren Weg an den Zelten vorbei und n�herte sich Egwene. Die Achtung gebietende Frau machte den Knicks, der sich geh�rte, da sie aber so schnell gingen, hielt Egwene nicht an, um sie den Gro�en Schlangenring k�ssen zu lassen. �Mutter�, sagte Lelaine. �Bryne hat die Nachricht geschickt, dass alles zum Angriff bereit ist. Er sagt, dass die westlichen Br�cken die ideale Stelle daf�r sind, aber er schlug auch vor, dass man mit Wegetoren eine flankierende Streitmacht seiner Leute hinter die Linien der Wei�en Burg bringt. Er fragt, ob das m�glich w�re.�</p><p>Damit w�rde man die Macht nicht als Waffe benutzen, auch wenn es nahe dran war. Eine feine Unterscheidung. Aber als Aes Sedai ging es nur um feine Unterscheidungen. �Sagt ihm, ich werde das Wegetor selbst erschaffen.�</p><p>�Ausgezeichnet, Mutter�, erwiderte Lelaine und neigte den Kopf, die perfekte loyale Gefolgsfrau. Es war schon erstaunlich, wie schnell sich doch die Einstellung dieser Frau Egwene gegen�ber ver�ndert hatte. Sie musste erkannt haben, dass ihr nur die M�glichkeit blieb, sich Egwene ohne Wenn und Aber anzuschlie�en und sie mit ihren Versuchen aufh�ren musste, sich Macht zu sichern. Auf diese Weise sah sie nicht wie eine Heuchlerin aus und w�rde vielleicht durch Egwene in eine h�here Position gelangen. Vorausgesetzt, Egwene konnte sich als m�chtige Amyrlin etablieren.</p><p>Es war eine gute Annahme.</p><p>Lelaine musste sich sehr �ber Romandas ge�nderte Einstellung ge�rgert haben. Und wie aufs Stichwort wartete die Gelbe voraus am Wegesrand. Sie trug ein Kleid in der Farbe ihrer Ajah, das Haar zu einem eindrucksvollen Knoten zur�ckgebunden. Sie machte einen Knicks vor Egwene und hatte kaum einen Blick f�r Lelaine �brig, bevor sie sich rechts von Egwene einreihte, auf der anderen Seite von Lelaine. �Mutter, ich habe die Erkundigungen eingezogen, um die Ihr mich gebeten habt. Es hat keinen Kontakt zu jenen gegeben, die zur Schwarzen Burg geschickt wurden. Nicht einmal ein Fl�stern.�</p><p>�Kommt Euch das nicht seltsam vor?�, fragte Egwene.</p><p>�Ja, Mutter. Mit dem Schnellen Reisen h�tten sie mittlerweile schon l�ngst wieder zur�ck sein m�ssen. Zumindest h�tten sie eine Nachricht schicken m�ssen. Dieses Schweigen ist beunruhigend.�</p><p>Beunruhigend in der Tat. Was noch schlimmer war, bei der Delegation waren auch Nisao, Myrelle, Faolain <emphasis>und</emphasis> Theodrin. Jede dieser Frauen hatte Egwene die Treue geschworen. Ein beunruhigender Zufall. Vor allem die Abreise von Faolain und Theodrin war besonders verd�chtig. Angeblich waren sie gegangen, weil sie keine Beh�ter hatten, aber die Schwestern im Lager betrachteten die beiden nicht einmal als vollwertige Aes Sedai - auch wenn es niemand gewagt h�tte, das Egwene ins Gesicht zu sagen.</p><p>Warum waren von den Hunderten von Aes Sedai im Lager ausgerechnet diese vier der Delegation zugeteilt worden? War das lediglich ein Zufall? Es erschien unglaubw�rdig. Aber was hatte es dann zu bedeuten? Hatte jemand absichtlich die Leute weggeschickt, die Egwene gegen�ber loyal waren? Aber warum hatte man dann nicht Siuan geschickt? War das vielleicht Sheriams Werk? Vor ihrer Hinrichtung hatte die Frau einige Dinge gestanden, aber das war nicht darunter gewesen.</p><p>Wie dem auch sei, etwas ging bei diesen Asha�man vor. Man w�rde sich um die Schwarze Burg k�mmern m�ssen.</p><p>�Mutter�, sagte Lelaine und zog die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Die Blaue hatte f�r ihre Rivalin keinen Blick �brig. �Ich habe noch andere Neuigkeiten.�</p><p>Romanda schnaubte leise.</p><p>�Sprecht�, sagte Egwene.</p><p>�Sheriam hat nicht gelogen�, sagte Lelaine. �Die <emphasis>Ter�angreale</emphasis> f�r die Tr�umer sind weg. Alle.�</p><p>�Wie ist das m�glich?�, wollte Egwene wissen und lie� einen Hauch ihres Zorns durchschimmern.</p><p>�Sheriam war die Beh�terin, Mutter�, sagte Lelaine schnell. �Wir haben die <emphasis>Ter�angreale</emphasis> zusammen aufbewahrt, wie es in der Wei�en Burg �blich ist, unter Bewachung. Aber � nun, welchen Grund h�tten diese W�chter haben sollen, Sheriam abzuweisen?�</p><p>�Was glaubt Ihr, wie wollte sie uns das erkl�ren? Dieser Diebstahl w�re doch nicht lange verborgen geblieben.�</p><p>�Ich wei� es nicht, Mutter.� Lelaine sch�ttelte den Kopf. �Die W�chter sagten, Sheriam w�re � aufgeregt � erschienen, als sie die <emphasis>Ter�angreale</emphasis> holte. Das war erst vergangene Nacht.�</p><p>Egwene biss die Z�hne zusammen und dachte an Sheriams restliche hervorgesprudelte Gest�ndnisse. Der Diebstahl der <emphasis>Ter�angreale</emphasis> war bei weitem nicht die schockierendste Einzelheit gewesen, die sie erw�hnt hatte. Elayne w�rde au�er sich vor Zorn sein; unter dem Diebesgut befand sich auch der Originalring, und Egwene bezweifelte, dass Siuans versteckte Kopie als Muster taugte. Sie war bereits fehlerhaft; damit hergestellte Kopien w�rden vermutlich noch weniger funktionieren.</p><p>�Mutter�, sagte Lelaine leiser. �Was ist mit Sheriams anderer � Behauptung?�</p><p>�Dass sich eine weitere der Verlorenen in der Wei�en Burg aufh�lt und sich als Aes Sedai ausgibt?�, sagte Egwene. Sheriam hatte behauptet, dieser � Person die <emphasis>Ter�angreale</emphasis> gegeben zu haben.</p><p>Lelaine und Romanda gingen stumm weiter und starrten geradeaus, als w�re jede Spekulation zu be�ngstigend.</p><p>�Ja, ich vermute, da hat sie nicht gelogen�, sagte Egwene. �Sie haben nicht nur unser Lager infiltriert, sondern auch den Adel in Andor, Illian und Tear. Warum also nicht auch die Wei�e Burg?� Sie sparte sich die Bemerkung, dass Verins Buch die Anwesenheit einer der Verlorenen best�tigte. Es erschien vern�nftiger, den Umfang von Verins Notizen geheim zu halten.</p><p>�Dar�ber w�rde ich mir keine zu gro�en Sorgen machen�, fuhr sie fort. �Mit dem Angriff auf die Burg und unserer R�ckkehr erscheint es wahrscheinlich, dass die Verlorene - wer auch immer sie ist - es f�r besser halten wird, sich aus dem Staub zu machen und ein leichteres Ziel f�r ihre Intrigen zu suchen.�</p><p>Diese Bemerkung schien weder Lelaine noch Romanda zu tr�sten. Sie erreichten den Lagerrand der Aes Sedai, wo bereits Pferde auf sie warteten, genau wie eine gro�e Gruppe Soldaten und je eine Sitzende von jeder Ajah, ausgenommen der Blauen und der Roten. Es war keine Blaue da, weil Lelaine die einzige noch im Lager Anwesende war; warum es keine Rote gab, war offensichtlich. Nicht zuletzt aus diesem Grund trug Egwene das Rot, ein subtiler Hinweis, dass alle Ajahs an dem bevorstehenden Unternehmen beteiligt sein sollten. Es war zu ihrer aller Besten.</p><p>Als Egwene in den Sattel stieg, sah sie, dass ihr Gawyn wieder in respektvollem Abstand folgte. Wo war er hergekommen? Seit dem Morgen hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Als sie aufstieg, folgte er ihrem Beispiel, und als sie sich anschickte, zusammen mit Lelaine, Romanda, den Sitzenden und den Soldaten das Lager zu verlassen, folgte er ihnen in sicherer Distanz. Egwene war sich immer noch nicht sicher, was sie mit ihm machen sollte.</p><p>Das Heerlager lag gr��tenteils verlassen da. Zelte standen leer, Hufe und F��e hatten den Boden zertrampelt, es waren kaum noch Soldaten da. Unmittelbar nach Verlassen des Lagers umarmte Egwene die Quelle und hielt sie fest, bereit, sofort Gewebe herzustellen, sollte sie jemand w�hrend des Ritts angreifen. Sie war noch immer nicht davon �berzeugt, dass Elaida nicht versuchen w�rde, den Angriff mit Wegetoren zu st�ren. Sicher war die falsche Amyrlin vollauf mit den Auswirkungen des seanchanischen Angriffs besch�ftigt. Aber solche Annahmen - die Annahme, dass ihr nichts passieren konnte - hatten Egwene erst zur Gefangenen gemacht. Sie war die Amyrlin. Sie durfte sich keinem Risiko aussetzen. Das war �rgerlich, aber ihr war klar, dass ihre Tage des Alleingangs, wo sie das tat, was sie f�r richtig hielt, zu einem Ende gekommen waren. Genauso gut h�tte sie vor diesen vielen Wochen auch get�tet statt gefangen genommen werden k�nnen. Die Salidar-Rebellion h�tte ihr Ende gefunden, und Elaida h�tte weiter als Amyrlin geherrscht.</p><p>Und so ritt ihre Streitmacht zur Front au�erhalb des Dorfes Darein. Die Wei�e Burg schwelte noch immer, aus der Mitte der Insel stieg eine kreisrunde Rauchwolke empor und h�llte den wei�en Turm ein. Selbst aus der Ferne waren die Narben des seanchanischen Angriffs deutlich sichtbar. Geschw�rzte L�cher, die wie faulige Stellen auf einem ansonsten gesunden Apfel erschienen. Die Burg schien beinahe zu st�hnen, als Egwene sie betrachtete. Sie stand seit so langer Zeit, hatte so vieles gesehen. Jetzt war sie so schwer verletzt worden, dass sie einen Tag sp�ter noch immer blutete.</p><p>Und doch stand sie noch aufrecht. Sollte das Licht sie alle segnen, sie stand aufrecht. Sie ragte in die H�he, verletzt, aber robust, und zeigte auf die von den Wolken verborgene Sonne. Sie trotzte allen, die sie zerst�ren wollten, ob nun von innen oder von au�en.</p><p>Bryne und Siuan erwarteten Egwene hinter den formierten Reihen. Sie waren ein ungleiches Paar. Der schlachtengest�hlte General mit den grauen Schl�fen und einem Gesicht, das so viel �hnlichkeit mit einer unnachgiebigen R�stung hatte. Stark und voller Falten. Und neben ihm Siuan, die zierliche Frau in Hellblau mit dem lieblichen Gesicht, die jung genug aussah, um Brynes Enkelin zu sein, obwohl sie doch beide ungef�hr im gleichen Alter waren.</p><p>Siuan verneigte sich auf dem R�cken ihres Pferdes, als Egwene sich n�herte, und Bryne salutierte. Er schaute noch immer unbehaglich drein. Anscheinend sch�mte er sich f�r die Rolle, die er bei ihrer Rettung gespielt hatte, obwohl sie ihm nichts nachtrug. Er war ein Mann von Ehre. Wenn sie ihn lange genug bedr�ngt hatten, damit er mitkam, um die leichtsinnige Siuan und Gawyn zu besch�tzen, dann konnte man ihm nur dankbar sein, dass er sie am Leben erhalten hatte.</p><p>Als sich Egwene zu ihnen gesellte, fiel ihr auf, dass Siuan und Bryne eng nebeneinander ritten. Hatte sich Siuan endlich eingestanden, dass sie sich von dem Mann angezogen f�hlte? Und Bryne wies nun eine gewisse vertraute � Anmut auf. Es war unauff�llig genug, dass sie sich genauso gut h�tte irren k�nnen, aber bedachte man, in welcher Beziehung die beiden zueinander standen �</p><p>�Habt Ihr endlich einen neuen Beh�ter erw�hlt?�, fragte Egwene Siuan.</p><p>Die Frau kniff die Augen zusammen. �Aye�, sagte sie.</p><p>Bryne erschien �berrascht und ein kleines bisschen verlegen.</p><p>�Tut Euer Bestes, General, sie aus allem �rger herauszuhalten�, sagte Egwene und schaute Siuan in die Augen. �In letzter Zeit hat sie genug davon gehabt. Beinahe bin ich geneigt, sie Euch als Fu�soldat zu �berlassen. Die milit�rische Disziplin k�nnte ihr guttun, sie daran erinnern, dass <emphasis>Gehorsam</emphasis> manchmal vor Initiative geht.�</p><p>Siuan schrumpfte in sich zusammen und schaute zur Seite.</p><p>�Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit Euch mache, Siuan�, sagte Egwene in einem weniger scharfen Tonfall. �Aber mein Zorn wurde geweckt. Und mein Vertrauen ist verloren. Ihr werdet das Erstere beschwichtigen und am Letzteren arbeiten m�ssen, wenn Ihr wollt, dass ich mich je wieder auf Euch verlassen soll.�</p><p>Sie wandte sich von Siuan an den General, dem schlecht zu sein schien. Vermutlich, weil er gezwungenerma�en Siuans Scham sp�ren musste.</p><p>�Man muss Euch zu Eurem Mut begl�ckw�nschen, General, dass Ihr zugelassen habt, von ihr den Bund zu empfangen�, fuhr Egwene fort. �Mir ist schon klar, dass es eine beinahe unl�sbare Aufgabe ist, sie von jedem �rger fernzuhalten, aber ich setze mein Vertrauen in Euch.�</p><p>Der General entspannte sich. �Ich werde mein Bestes tun, Mutter�, sagte er. Dann wendete er sein Pferd und betrachtete die Reihen seiner Soldaten. �Da gibt es etwas, das Ihr sehen solltet. Wenn Ihr die Freundlichkeit h�ttet?�</p><p>Egwene nickte, trieb ihr Pferd an und ritt neben ihm die Stra�e entlang. S�mtliche Dorfbewohner waren evakuiert worden, und die Hauptstra�e wurde von Tausenden von Brynes Soldaten ges�umt. Siuan begleitete Egwene, und Gawyn folgte ihr. Lelaine und Romanda blieben nach einem Handzeichen Egwenes bei den anderen Sitzenden. Ihr neu gefundener Gehorsam erwies sich als n�tzlich, vor allem, seit sie sich anscheinend entschieden hatten, einander darin zu �bertreffen, Egwenes Zustimmung zu gewinnen. Vermutlich wetteiferten sie beide um den Posten ihrer neuen Beh�terin der Chroniken, jetzt, da es Sheriam nicht mehr gab.</p><p>Der General f�hrte Egwene zur Frontlinie, und sie bereitete ein Gewebe Luft vor nur f�r den Fall, dass man einen Pfeil in ihre Richtung abschoss. Siuan sah sie an, sagte aber nichts �ber die Vorsichtsma�nahme. Eigentlich h�tte sie nicht n�tig sein d�rfen - Burgw�chter w�rden niemals auf eine Aes Sedai schie�en, nicht einmal in solch einem Konflikt. Aber �ber Beh�ter konnte man nicht das Gleiche sagen, und Unf�lle geschahen nun einmal. Es w�re schon sehr praktisch f�r Elaida gewesen, h�tte ein verirrter Pfeil ihre Rivalin in den Hals getroffen.</p><p>Die Pflastersteine wichen quadratischen Steinfliesen, als sie durch Darein ritten, und die wichen wiederum Marmorfliesen, die auf die Alindaer-Br�cke f�hrten, eine majest�tische wei�e Konstruktion, die den Fluss bis nach Tar Valon �berspannte. Hier war das, was Bryne ihr zeigen wollte: auf der anderen Seite der Br�cke stand eine Streitmacht der Burgwache in ihren Wappenr�cken mit der Flamme von Tar Valon hinter einer provisorischen Barrikade aus Steinen und Baumst�mmen. Und es konnten nicht mehr als tausend Mann sein.</p><p>Brynes Heer verf�gte �ber zehntausend Mann.</p><p>�Ich wei�, dass es nie die Zahlen waren, die uns vom Angriff abhielten�, sagte der General. �Aber die Burgwache sollte dazu f�hig sein, mehr M�nner ins Feld zu f�hren, insbesondere, wenn sie in der Stadt rekrutieren. Ich bezweifle, dass sie die letzten Monate damit verbracht haben, am Feuer zu sitzen, Haken zu schnitzen und �ber alte Zeiten zu plaudern. Wenn Chubain auch nur einen Funken Verstand hat, dann hat er neue Rekruten ausgebildet.�</p><p>�Und wo sind sie dann alle?�, fragte Egwene.</p><p>�Das wei� das Licht allein, Mutter.� Bryne sch�ttelte den Kopf. �Wenn wir an dieser Streitmacht vorbei wollen, werden wir einige M�nner verlieren, aber nicht sehr viele. Wir werden sie vernichtend schlagen.�</p><p>�K�nnten die Seanchaner ihnen so schlimm zugesetzt haben?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Mutter. Es war schlimm, was vergangene Nacht geschah. Viel Feuer, viele tote M�nner. Aber ich h�tte mit Hunderten an Verlusten gerechnet, nicht mit Tausenden. Vielleicht r�umt die Burgwache ja noch den Schutt weg und l�scht die Br�nde, trotzdem glaube ich, dass sie eine gr��ere Streitmacht versammelt h�tten, als sie mich aufmarschieren sahen. Ich habe mir die Jungs dort dr�ben mit dem Fernglas angesehen und mehr als nur ein paar m�de rote Augen entdeckt.�</p><p>Egwene sa� nachdenklich da und war dankbar f�r die Brise, die vom Fluss wehte. �Ihr habt gar nicht die Klugheit dieses Angriffes infrage gestellt, General.�</p><p>�Ich stelle f�r gew�hnlich nie infrage, welche Richtung man mich beauftragt einzuschlagen, Mutter.�</p><p>�Und was haltet Ihr davon, wenn man Euch fragt?�</p><p>�Wenn man mich fragt?�, wiederholte Bryne. �Nun, taktisch gesehen macht ein Angriff Sinn. Wir haben den Vorteil des Schnellen Reisens verloren, und wenn unser Feind sich beliebig versorgen und Abordnungen dorthin schicken kann, wo immer er will, welchen Sinn macht eine Belagerung dann noch? Entweder wir greifen jetzt an, oder wir r�cken ab.�</p><p>Egwene nickte. Und doch z�gerte sie. Der unheilvolle Rauch in der Luft, die besch�digte Burg, die ver�ngstigten Soldaten ohne jede Verst�rkung � Das alles schien eine Warnung zu fl�stern.</p><p>�Wie lange k�nnen wir warten, bevor Ihr mit dem Angriff unwiderruflich beginnen <emphasis>m�sst,</emphasis> General?�</p><p>Er runzelte die Stirn, verzichtete aber auf jeden Einwand. Er blickte in den Himmel. �Es wird sp�t. Vielleicht eine Stunde? Danach wird es zu dunkel sein. Bei einem so g�nstigen Zahlenverh�ltnis w�rde ich es lieber vermeiden, die Unw�gbarkeiten einer n�chtlichen Schlacht in die Rechnung einzuf�hren.�</p><p>�Dann warten wir eine Stunde�, sagte Egwene. Die anderen erschienen verwirrt, aber keiner sagte etwas. Der Amyrlin-Sitz hatte gesprochen.</p><p>Worauf wartete sie? Was verrieten ihr ihre Instinkte? W�hrend die Minuten verstrichen, dachte Egwene dar�ber nach, und schlie�lich wurde ihr bewusst, was sie hatte innehalten lassen. Nach diesem Schritt gab es kein Zur�ck mehr. Die Wei�e Burg hatte in der vergangenen Nacht gelitten; zum ersten Mal hatte eine feindliche Streitmacht die Eine Macht gegen sie eingesetzt. Egwenes Angriff w�rde eine weitere Premiere sein: das erste Mal, dass eine Gruppe Aes Sedai gegen eine andere Truppen ins Feld f�hrte. Schon zuvor hatte es Fraktionsk�mpfe in der Burg gegeben; Zusammenst��e zwischen verschiedenen Ajahs, und einige davon hatten durchaus zu Blutvergie�en gef�hrt, so wie bei Siuans Absetzung. Die geheimen historischen Aufzeichnungen erw�hnten solche Geschehnisse.</p><p>Aber noch nie zuvor hatte sich der Streit jenseits der Tore der Wei�en Burg erstreckt. Noch nie zuvor hatten Aes Sedai Truppen �ber diese Br�cken gef�hrt. Das jetzt zu tun w�rde Egwenes Amtszeit als Amyrlin f�r alle Ewigkeit mit dieser Schmach verbinden. Was auch immer sie sonst erreichen w�rde, dieser Tag w�rde es mit Sicherheit �berschatten.</p><p>Sie hatte gehofft, als Befreierin zu kommen und zu vers�hnen. Stattdessen w�rde sie sich Krieg und Unterwerfung zuwenden. Wenn es nicht anders ging, w�rde sie den Befehl geben. Aber sie wollte bis zum letztm�glichen Augenblick damit warten. Und wenn es eben bedeutete, eine grimmige Stunde unter dem bew�lkten Himmel zu warten, w�hrend die Pferde schnaubten, weil sie die Anspannung ihrer Reiter sp�rten, dann sollte es eben so sein.</p><p>Brynes Stunde verging. Egwene z�gerte noch ein paar Minuten l�nger - solange sie es wagte. Die armen Soldaten auf der anderen Seite der Br�cke erhielten keine Verst�rkung. Sie starrten blo� entschlossen hinter ihrer kleinen Barrikade hervor.</p><p>Z�gernd drehte sich Egwene um, um den Befehl zu geben. �Einen Moment.� Bryne beugte sich auf seinem Sattel vor. �Was ist das?�</p><p>Egwene wandte den Blick wieder der Br�cke zu. Kaum erkennbar kam in der Ferne eine Prozession die Stra�e entlang. Hatte sie zu lange gewartet? Hatte die Wei�e Burg Verst�rkung geschickt? W�rde ihr stures Z�gern ihre M�nner das Leben kosten?</p><p>Aber nein. Diese Gruppe bestand nicht aus Soldaten, sondern aus Frauen in R�cken. Aes Sedai!</p><p>Egwene hob die Hand und verhinderte jeden Angriff ihrer Soldaten. Die Prozession ritt auf direktem Weg zu der Barrikade der Burgwache. Einen Augenblick sp�ter begab sich eine Frau in einem grauen Kleid vor die Stra�ensperre; begleitet wurde sie nur von einem einzigen Beh�ter. Egwene kniff die Augen zusammen und versuchte, das Gesicht der Frau zu erkennen, und Bryne reichte ihr hastig sein Fernglas. Egwene nahm es dankbar entgegen, aber sie hatte die Frau bereits erkannt. Andaya Forae, eine der neuen Sitzenden des Saals, die man nach der Spaltung erw�hlt hatte. Graue Ajah. Das deutete die Bereitschaft zu Verhandlungen an.</p><p>Der Schein der Macht umgab die Frau, und Siuan zischte, was einige der Soldaten in der N�he die B�gen heben lie�. Wieder hob Egwene die Hand. �Bryne�, sagte sie streng. �Es wird kein erster Schuss abgegeben, bevor ich den ausdr�cklichen Befehl dazu gebe!�</p><p>�Zur�ck, M�nner!�, br�llte Bryne. �Ich ziehe euch die Haut ab, wenn ihr auch nur einen Pfeil auf die Sehne legt!� Hastig nahmen die M�nner die B�gen herunter.</p><p>Die Frau in der Ferne benutzte ein Gewebe, das Egwene nicht erkennen konnte, und sprach dann mit einer Stimme, die offensichtlich verst�rkt wurde. �Wir m�chten mit Egwene al�Vere sprechen�, sagte Andaya. �Ist sie anwesend?�</p><p>Egwene erschuf ihr eigenes Gewebe, um ihre Stimme zu verst�rken. �Ich bin hier, Andaya. Sagt den anderen in Eurer Begleitung, sie sollen vortreten, damit ich sie sehen kann.�</p><p>�berraschenderweise gehorchten sie dem Befehl. Neun weitere Frauen traten nacheinander hervor, und Egwene musterte eine nach der anderen. �Zehn Sitzende�, sagte sie, gab Bryne sein Fernglas zur�ck und l�ste ihr Gewebe auf, damit sie sprechen konnte, ohne dass ihre Worte �ber die Distanz projiziert wurden. �Zwei von jeder Ajah mit Ausnahme der Blauen und der Roten.�</p><p>�Das ist vielversprechend.� Bryne rieb sich das Kinn.</p><p>�Nun, sie k�nnten gekommen sein, um meine Kapitulation entgegenzunehmen�, bemerkte Egwene trocken. �Also gut.� Sie verst�rkte ihre Stimme wieder mit der Macht. �Was w�nscht Ihr von mir?�</p><p>�Wir sind hergekommen�, sagte Andaya. Dann z�gerte sie. �Wir sind hergekommen, um Euch dar�ber zu informieren, dass der Saal der Wei�en Burg sich entschieden hat, Euch zum Amyrlin-Sitz zu erheben.�</p><p>Siuan keuchte ungl�ubig auf, und Bryne fluchte leise. Mehrere Soldaten murmelten etwas davon, dass das nur eine Falle sein konnte. Aber Egwene schloss blo� die Augen. Konnte sie zu hoffen wagen? Sie war von der Annahme ausgegangen, dass ihre ungewollte Rettung viel zu fr�h erfolgt war. Aber wenn sie tats�chlich eine ausreichende Grundlage geschaffen hatte, bevor Siuan und Gawyn sie gerettet hatten �</p><p>�Was ist mit Elaida?�, verlangte sie zu wissen. Sie �ffnete die Augen, und ihre Stimme hallte �ber die Distanz. �Habt ihr die n�chste Amyrlin abgesetzt?�</p><p>Auf der anderen Seite herrschte einen Augenblick lang Stille. �Sie besprechen sich.� Bryne hatte sein Fernglas gehoben.</p><p>Dann ergriff Andaya wieder das Wort. �Elaida do Avriny a Roihan, der Amyrlin-Sitz, wurde � bei dem Angriff vergangene Nacht gefangen genommen. Ihr Aufenthaltsort ist unbekannt. Sie gilt als tot oder ansonsten nicht in der Lage, ihre Pflichten zu erf�llen.�</p><p>�Beim Licht!� Bryne senkte das Fernglas.</p><p>�Das hat sie sich redlich verdient�, murmelte Siuan.</p><p>�Keine Frau verdient das�, sagte Egwene zu Siuan und Bryne. Unwillk�rlich griff sie sich an den Hals. �Es w�re besser, sie w�re gestorben.�</p><p>�Das k�nnte eine Falle sein�, bemerkte Bryne.</p><p>�Ich w�sste nicht, wie das funktionieren sollte�, meinte Siuan. �Andaya ist an die Eide gebunden. Sie steht doch nicht auf Eurer Liste der Schwarzen, oder, Egwene?�</p><p>Egwene sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich z�gere noch immer, Mutter�, sagte Bryne.</p><p>Egwene erschuf ihr Gewebe neu. �Ihr lasst mein Heer eintreten? Ihr nehmt die anderen Aes Sedai zur�ck in die Gemeinschaft auf und setzt die Blaue Ajah wieder ein?�</p><p>�Wir haben diese Forderungen erwartet�, sagte Andaya. �Man wird sie erf�llen.�</p><p>Stille kehrte ein, die nur vom Rauschen der Wellen unterbrochen wurde, die unter ihnen ans Ufer schwappten.</p><p>�Dann akzeptiere ich�, sagte Egwene �ber die Br�cke.</p><p>�Mutter�, sagte Simon vorsichtig. �Das k�nnte voreilig sein. Vielleicht solltet Ihr vorher ��</p><p>�Es ist nicht voreilig.� Egwene lie� das Gewebe los und sp�rte Hoffnung in sich aufsteigen. �Es ist das, was wir gewollt haben.� Sie warf Siuan einen Blick zu. �Davon abgesehen, Ihr wollt mich �ber voreilige Handlungen belehren?� Siuan schaute zu Boden. �General, bereitet Eure M�nner vor, damit sie zur anderen Seite marschieren, und holt die Sitzenden. Entsendet L�ufer mit der Neuigkeit ins Lager der Aes Sedai, und k�mmert Euch darum, dass Eure M�nner an den anderen Br�cken Bescheid wissen und sich zur�ckziehen.�</p><p>�Ja, Mutter.� Bryne zog sein Pferd herum und gab die n�tigen Befehle.</p><p>Egwene holte tief Luft, dann trieb sie ihr Pferd an und ritt auf die Br�cke. Siuan murmelte einen Fischerfluch und folgte ihr. Egwene konnte Gawyns Pferd ebenfalls folgen h�ren, dann eine Abteilung Soldaten, die Brynes barschen Befehl befolgten.</p><p>Egwene ritt �ber den Fluss, und der Wind wehte ihr mit roten B�ndern geschm�cktes Haar nach hinten. Einen Moment lang erlebte sie ein seltsames Gef�hl - die Last der Erkenntnis -, als sie dar�ber nachdachte, was sie gerade alles vermieden hatten. Es wurde schnell durch wachsende Zufriedenheit und Freude ersetzt.</p><p>Die wei�e Stute unter ihr warf den Kopf ein St�ck zur�ck und strich ihre seidige M�hne �ber Egwenes Hand. Auf der anderen Seite der Br�cke warteten ernst die Sitzenden. Direkt voraus erhob sich die Wei�e Burg. Verletzt. Blutend.</p><p>Aber sie stand noch immer. Beim Licht, sie <emphasis>stand!</emphasis></p></section><section><title><p>46</p><p>Um neu geschmiedet zu werden</p></title><p>Nach dem triumphalen Einzug in Tar Valon erschien der Rest des Tages Egwene beinahe wie ein Traum. Sie eilte zur Wei�en Burg, und Siuan und Gawyn konnten kaum mit ihr Schritt halten. An der Burg wurde Egwene bereits von einer Gruppe Diener erwartet; die Sitzenden selbst erwarteten sie im Saal.</p><p>Die Diener f�hrten sie in einen schmucklosen holzget�felten Raum mit zwei mit Leder bezogenen St�hlen. Egwene war noch nie zuvor dort gewesen; anscheinend war es eine Art Wartezimmer in N�he des Saals. In der Ecke brannte ein kleines Kohlenbecken, und es roch nach Leder.</p><p>Kurz darauf trat eine kleine, kr�ten�hnliche Schwester der Braunen namens Lairain ein und instruierte Egwene �ber die folgende Zeremonie. Die kleine Frau schien die Bedeutung des Augenblicks nicht im Mindesten zu interessieren, und Egwene war ihr noch nie zuvor begegnet. Vermutlich war sie eine der Braunen, die ihr Leben hinter den Regalen der Bibliothek verbrachten und nur einmal jedes Jahrhundert oder so erschienen, um den angehenden Amyrlin Instruktionen vorzuleiern. Egwene h�rte sorgf�ltig zu; sie hatte die Zeremonie schon einmal durchgef�hrt, aber sie war ziemlich kompliziert.</p><p>Sie konnte sich noch immer genau daran erinnern, wie nerv�s sie an jenem Tag vor vielen Monaten gewesen war, als man sie in Salidar erhoben hatte. Damals war sie noch immer v�llig verwirrt �ber das gewesen, was da mit ihr geschah. Sie? Die Amyrlin?</p><p>Dieses Z�gern gab es nicht mehr. Im Grunde machte sie sich auch keine Sorgen mehr, bei der Zeremonie Fehler zu machen. Es war nur eine Zeremonie, und die wichtigen Entscheidungen waren bereits getroffen worden. W�hrend sie also Lairain zuh�rte, konnte sie Siuan sich vor der T�r mit einer Schwester streiten h�ren; sie behauptete, dass man Egwene bereits erhoben hatte und die Zeremonie darum �berfl�ssig war. Egwene unterbrach Lairain mit einer Handbewegung und rief Siuan herein.</p><p>Siuan streckte den Kopf durch den T�rspalt.</p><p>�Siuan, ich wurde von den Rebellen erhoben�, sagte Egwene streng. �Diese Frauen verdienen die Gelegenheit, sich ebenfalls f�r mich zu entscheiden. Ansonsten werde ich nie ihre Loyalit�t beanspruchen k�nnen. Die Zeremonie muss erneut erfolgen.�</p><p>Siuan schaute finster drein, nickte aber. �Also gut.�</p><p>Lairain �ffnete den Mund, um mit ihren Anweisungen fortzufahren, aber Egwene brachte sie mit einer weiteren Handbewegung zum Schweigen, was ihr einen beleidigten Blick einbrachte. �Welche Neuigkeiten habt Ihr, Siuan?�</p><p>Siuan �ffnete die T�r ein St�ck weiter. �Nun. Bryne hat den gr��ten Teil seiner M�nner �ber die Br�cken geschafft und die Burgwache von ihren Positionen an den Befestigungen abgel�st, dann hat er sie unterst�tzt von ein paar Abteilungen seiner M�nner losgeschickt, um dabei zu helfen, weitere aufflammende Br�nde in der Stadt zu l�schen. Bei ihrer Flucht haben die Seanchaner einige H�user in Brand gesteckt, um Verwirrung zu stiften.�</p><p>Das erkl�rte die mangelnden Truppen an der Barrikade - das und das Wissen, dass der Saal flei�ig mit der Debatte besch�ftigt gewesen war, ob sie Egwene nun erheben sollten oder nicht. Vermutlich war ihnen gar nicht bewusst, wie kurz sie vor einem Krieg gestanden hatten.</p><p>�Was wollt Ihr mit den Schwestern aus Eurem Lager machen?�, wollte Siuan wissen. �Sie fangen an, Fragen zu stellen.�</p><p>�Befehlt ihnen, sich vor dem Sonnenuntergangstor aufzustellen�, sagte Egwene. �Sie sollen sich nach ihrer Ajah formieren, die Sitzenden in der ersten Reihe. Sobald ich mit der Zeremonie fertig bin, werde ich sie begr��en und formell ihre Entschuldigung f�r ihre Rebellion entgegennehmen und sie wieder in der Wei�en Burg willkommen hei�en.�</p><p>�Ihre <emphasis>Entschuldigung</emphasis> entgegennehmen?�, wiederholte Siuan ungl�ubig.</p><p>�Sie haben gegen die Wei�e Burg rebelliert, Siuan�, sagte Egwene geduldig. �Welche Gr�nde sie daf�r auch immer hatten, es gibt Grund, sich zu entschuldigen.�</p><p>�Aber Ihr wart eine von ihnen!�</p><p>�Ich repr�sentiere nicht mehr nur sie allein�, sagte Egwene entschieden. �Ich repr�sentiere die Wei�e Burg. Und die Burg muss wissen, dass die Rebellen die Spaltung bedauern. Sie m�ssen nicht behaupten, sie w�nschten, sie w�ren geblieben, aber ich halte es <emphasis>durchaus</emphasis> f�r angebracht, dass sie ihr Bedauern �ber die H�rten zum Ausdruck bringen, die die Spaltung verursacht hat. Ich werde sie von jeder Schuld freisprechen, und wir k�nnen mit der Vers�hnung beginnen.�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Siuan resigniert. Hinter ihr erblickte Egwene Tesan, und die Tarabonerin nickte, als sie die Worte h�rte.</p><p>Egwene lie� Lairain mit ihren Instruktionen fortfahren, dann wiederholte sie die Worte, die sie zu sagen hatte, und die Gesten, die sie zu vollziehen hatte. Als die Braune fertig war, stand Egwene auf, �ffnete die T�r und entdeckte, dass Siuan gegangen war, um ihre Befehle weiterzugeben. Tesan stand mit verschr�nkten Armen im Korridor und betrachtete Gawyn. Er lehnte ein St�ck entfernt an der Wand, die Hand auf dem Schwertknauf ruhend.</p><p>�Euer Beh�ter?�, fragte Tesan.</p><p>Egwene sah Gawyn an und wurde gezwungen, sich mit einem verwirrenden B�ndel an Gef�hlen auseinanderzusetzen. Wut, Zuneigung, Leidenschaft und Bedauern. Welch seltsame Mischung. �Nein�, antwortete sie. Sie starrte Gawyn in die Augen. �Was ich jetzt tue, daran k�nnt Ihr nicht teilnehmen, Gawyn. Wartet hier.�</p><p>Er wollte protestieren, �berlegte es sich anders, richtete sich steif auf und verneigte sich. Die Geste wirkte noch anma�ender, als es ein Streit vermocht h�tte.</p><p>Egwene schnaubte leise - aber laut genug, dass er es h�ren konnte -, dann lie� sie sich von Tesan in den Saal der Burg f�hren. Der Saal: ein Ort und eine Gruppe von Frauen. Denn er war beides, so wie der Amyrlin-Sitz eine Person und der Sitz waren, auf dem sie Platz nahm.</p><p>Vor der dunklen Holzt�r zum Saal mit der silbernen Flamme von Tar Valon blieb Egwene mit rebellisch pochendem Herzen stehen. Pl�tzlich tauchte Siuan mit einem Paar Hausschuhen auf und zeigte auf Egwenes Reitstiefel. Nat�rlich: der Saalboden war kostbar bemalt. Sie zog die Schuhe an; Siuan nahm die Stiefel. Es gab keinen Grund zur Nervosit�t! <emphasis>Hier war ich doch schon einmal,</emphasis> dachte sie pl�tzlich. <emphasis>Nicht nur in Salidar. Bei meiner Pr�fung zur Auf genommenen. Ich stand vor dieser T�r, konfrontierte die Frauen dahinter. In meiner Pr�fung �</emphasis></p><p>Pl�tzlich ert�nte ein Gong; er erschien laut genug, um die ganze Burg zu ersch�ttern, donnerte, um alle zu warnen, dass gleich eine Amyrlin erhoben werden w�rde. Der Gong ert�nte erneut, dann noch einmal, die verzierten T�rfl�gel schwangen zur�ck. Ja, diese Erfahrung unterschied sich v�llig von der in dem bescheidenden Holzhaus, in dem sie die Aes Sedai von Salidar erhoben hatten. In vielerlei Hinsicht war ihre Darbietung in Salidar nur eine Probe gewesen.</p><p>Die T�rfl�gel verharrten, und Egwene unterdr�ckte ein Keuchen. Der pr�chtige Raum mit der Kuppeldecke wies jetzt direkt gegen�ber dem Eingang ein hineingesprengtes Loch auf - eine klaffende L�cke. Sie schaute auf den Drachenberg hinaus. Das Gemach war beim Angriff der Seanchaner nicht so schlimm besch�digt worden wie andere; der Schutt war minimal, die Zerst�rung reichte kaum �ber die Au�enwand hinaus. Die erh�hte Plattform f�hrte noch immer an der Wand entlang, und die darauf stehenden St�hle waren unbesch�digt. Insgesamt achtzehn, zu Dreiergruppen zusammengestellt, ein jeder lackiert und gepolstert, um die Ajah seiner Benutzerin zu verk�nden.</p><p>Der Amyrlin-Sitz stand direkt dem Eingang gegen�ber, vor dem zerst�rten Mauerwerk, die R�ckenlehne der weitl�ufigen Landschaft und dem fernen Drachenberg zugewandt. W�re der seanchanische Blitz nur ein paar Fu� weiter eingeschlagen, w�re der Sitz zerst�rt worden. Er war unbesch�digt, wof�r man dem Licht danken musste.</p><p>Egwene konnte einen Hauch von Farbe riechen. Hatten sie den Sitz in aller Eile umlackiert, damit er wieder alle sieben Farben zeigte? Wenn dem so war, dann hatten sie schnell gearbeitet. Allerdings hatten sie nicht genug Zeit gehabt, um die Sitze der Blauen zu ersetzen.</p><p>Egwene sah, dass Saerin, Doesine und Yukiri bei ihren Ajahs sa�en. Seaine war auch da und betrachtete Egwene mit ihren so berechnend blickenden blauen Augen. Wie viel Macht hatten diese vier Frauen �ber die ganzen Geschehnisse gehabt? Die rundgesichtige Suana von den Gelben l�chelte ungeniert zufrieden, als sie Egwene betrachtete, und auch wenn die meisten Gesichter den abgekl�rten, gef�hllosen Ausdruck der Aes Sedai zeigten, sp�rte Egwene Zustimmung in ihrer Haltung. Oder zumindest fehlende Feindseligkeit. Hinter dieser Entscheidung hatten mehr als nur die vier J�gerinnen der Schwarzen Ajah gestanden.</p><p>Saerin stand von ihrem Stuhl im Abschnitt der Braunen auf. �Wer tritt vor den Saal der Burg?�, fragte sie mit weit tragender Stimme.</p><p>Egwene z�gerte, weil sie noch immer die Sitzenden betrachtete. Ihre Pl�tze waren in gleichm��igen Abst�nden auf der umlaufenden Plattform gruppiert. Zu viele St�hle waren unbesetzt. Es gab nur zwei Gr�ne Sitzende; Talene war vor Wochen geflohen. Bei den Grauen fehlte Evanellein, die fr�her am Tag verschwunden war. Velina und Sedore waren ebenfalls weg. Das war nicht gut; beide standen auf Verins Liste von Schwarzen Ajah. Waren sie gewarnt worden? Bedeutete Evanelleins Verschwinden, dass Verin sie �bersehen hatte?</p><p>Von den Roten Schwestern war ebenfalls keine anwesend. Egwene erinnerte sich unvermittelt, dass Duhara die Burg vor Wochen verlassen hatte - niemand kannte den Grund, aber einige hatten behauptet, Elaida h�tte sie auf eine Mission geschickt. Vielleicht erledigte sie Gesch�fte der Schwarzen Ajah. Die anderen beiden roten Sitzenden, Javindhra und Pevara, waren auf geheimnisvolle Weise verschwunden.</p><p>Damit blieben elf Sitzende �brig. Den alten Burggesetzen zufolge nicht genug, um eine Amyrlin zu erheben - aber die hatte Elaidas Aufl�sung der Blauen Ajah ge�ndert. Weniger Sitzende bedeutete auch, dass weniger Frauen ben�tigt wurden, um eine Amyrlin zu erheben, und jetzt waren nur noch elf von ihnen erforderlich. Es w�rde eben reichen m�ssen. Wenigstens war jede zurzeit in der Burg anwesende Sitzende �ber das Ereignis informiert worden; es geschah nicht geheim wie damals Elaidas Erhebung. Und Egwene konnte sich einigerma�en sicher sein, dass keine Schwarze Sitzende f�r sie aufstehen w�rde.</p><p>Saerin r�usperte sich, sah Egwene unsicher an und rief erneut: �Wer tritt vor den Saal der Burg?�</p><p>Tesan beugte sich vor, als wollte sie Egwene die richtige Erwiderung zuzischen. Aber Egwene hinderte sie, indem sie die Hand hob.</p><p>Da gab es etwas, das Egwene in Betracht gezogen hatte, etwas Dreistes. Aber es war angebracht. Das wusste sie. Sie konnte es <emphasis>f�hlen.</emphasis> �Die Rote Ajah ist in Ungnade?�, fragte sie Tesan leise.</p><p>Die Wei�e nickte; ihre vielen Z�pfe strichen �ber ihre Wange. �Um die Roten braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen�, sagte sie mit ihrem hellen tarabonischen Akzent. �Nach Elaidas Verschwinden haben sie sich in ihr Quartier zur�ckgezogen. Die Sitzenden hier hatten Sorge, dass die Roten schnell neue Sitzende w�hlen und sie herschicken w�rden. Ich glaube, ein paar � kurze und b�ndige Botschaften vom Saal der Burg reichten aus, um sie einzusch�chtern.�</p><p>�Und Silviana Brehon? Ist sie noch immer eingekerkert?�</p><p>�Soweit ich wei� ja, Mutter�, sagte Tesan, verga� sich kurz und benutzte den Titel, obwohl Egwene noch nicht formell vom Saal erhoben worden war. �Sorgt Euch nicht. Leane wurde freigelassen. Wir haben sie nach drau�en zu den anderen Rebellen gebracht, die Eure Vergebung erwarten.�</p><p>Egwene nickte nachdenklich. �Lasst Silviana sofort herbringen, in den Saal den Burg.�</p><p>Tesan runzelte die Stirn. �Mutter, ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist��</p><p>�Tut es einfach�, zischte Egwene, dann wandte sie sich dem Saal zu. �Jemand, der ergeben im Licht wandelt�, verk�ndete sie mit fester Stimme.</p><p>Saerin entspannte sich. �Wer tritt vor den Saal der Burg?�</p><p>�Jemand, der bescheiden im Licht wandelt�, erwiderte Egwene. Sie starrte jede Sitzende nacheinander an. Eine feste Hand. Sie w�rde streng sein m�ssen. Sie brauchten F�hrung.</p><p>�Wer tritt vor den Saal der Burg?�, kam Saerin zum Ende.</p><p>�Jemand, der auf den Ruf des Saals hin kommt�, sagte Egwene, �ergeben und bescheiden im Licht wandelt und nur darum bittet, den Willen des Saals annehmen zu d�rfen.�</p><p>Die Zeremonie ging weiter, jede Sitzende entbl��te sich bis zur Taille, um zu beweisen, dass sie eine Frau war. Egwene tat das Gleiche und err�tete kaum bei dem Gedanken an Gawyn, der offensichtlich geglaubt hatte, sie w�rde ihn zu der Zeremonie mitnehmen.</p><p>�Wer erhebt sich f�r diese Frau?�, fragte Saerin, nachdem sich die Sitzenden wieder angekleidet hatten. Egwene musste bis zur Taille nackt bleiben, und die Brise, die durch die zerst�rte Wand eindrang, f�hlte sich k�hl auf ihrer Haut an. �Und verpflichtet sich ihr, Herz f�r Herz, Seele f�r Seele, Leben f�r Leben?�</p><p>Yukiri, Seaine und Suana standen schnell auf. �Ich verpflichte mich ihr�, verk�ndete jede von ihnen.</p><p>Beim ersten Mal war Egwene bei dieser Zeremonie entsetzt gewesen. Bei jedem Schritt hatte sie bef�rchtet, einen Fehler zu machen. Schlimmer noch, sie hatte bef�rchtet, dass sich alles als Fehler oder List herausstellte.</p><p>Die Furcht war verschwunden. Als die rituellen Fragen gestellt wurden - als Egwene drei Schritte vortrat und auf dem glatten Boden niederkniete, der aufgrund Elaidas Befehl nur mit sechs Farben neu gestrichen worden war, die alle der Flamme von Tar Valon entsprangen -, durchschaute sie den Pomp und betrachtete den Kern des Geschehens. Diese Frauen wurden von schrecklicher Angst beherrscht. So wie damals die Frauen in Salidar. Der Amyrlin-Sitz war eine Macht der Stabilit�t, und sie griffen danach.</p><p>Warum hatte man gerade Egwene gew�hlt? Anscheinend beide Male aus dem gleichen Grund. Weil sie die Einzige war, auf die sich alle hatten verst�ndigen k�nnen. Da waren l�chelnde Gesichter in der Gruppe. Aber es war das L�cheln von Frauen, die es geschafft hatten, Rivalinnen vom Sitz fernzuhalten. Entweder das oder das L�cheln von Frauen, die erleichtert waren, dass <emphasis>irgendjemand</emphasis> vortrat und die F�hrung �bernahm. Und vielleicht l�chelten einige auch, weil sie sich nicht auf den Sitz setzen mussten. In j�ngerer Vergangenheit war er voller Gefahren, Zwietracht und zwei dramatischen Trag�dien gewesen.</p><p>Damals in Salidar hatte Egwene die Frauen f�r N�rrinnen gehalten. Jetzt war sie erfahrener und hoffentlich auch weiser. Ihr war bewusst, dass sie keine N�rrinnen gewesen waren. Sie waren Aes Sedai - die ihre Furcht durch �bertriebene Vorsicht zu verbergen versucht hatten. Und zugleich durch Unversch�mtheit. Die jemanden auserw�hlt hatten, bei dem es ihnen egal war, ihn scheitern zu sehen. Die ein Risiko eingegangen waren, sich selbst dabei aber nicht in direkte Gefahr gebracht hatten.</p><p>Diese Frauen hier taten das Gleiche. Sie versteckten ihre Furcht hinter glatten Gesichtern und beherrschten Gesten. Als f�r die Sitzenden der Augenblick kam, sich f�r Egwenes Unterst�tzung zu erheben, war sie nicht �berrascht, dass alle elf aufstanden. Nicht eine einzige Stimme, die sich gegen sie aussprach. Bei dieser Zeremonie w�rden keine F��e gewaschen werden.</p><p>Nein, sie war nicht �berrascht. Die Frauen wussten, dass es keine andere M�glichkeit gab, nicht mit einem Heer auf ihrer Schwelle, nicht, wo Elaida so gut wie tot war. Aes Sedai taten immer so, als h�tte es niemals Streit gegeben, das war eben ihre Art. Es musste Einigkeit erzielt werden.</p><p>Saerin erschien �berrascht, dass niemand sitzen geblieben war, wenn auch nur um zu beweisen, dass man sie nicht unter Druck setzen konnte. Tats�chlich schien mehr als eine der Sitzenden davon �berrascht zu sein, und Egwene h�tte sich keineswegs gewundert, wenn sie ihre Entscheidung so schnell aufzustehen nun bereuten. Als einzige Person sitzen zu bleiben konnte einem eine gewisse Macht verschaffen, denn es h�tte Egwene gezwungen, ihr die F��e zu waschen und um die Erlaubnis zu bitten, ihr dienen zu d�rfen. Nat�rlich h�tte das die Frau auch in den Mittelpunkt ger�ckt und ihr die Abneigung der neuen Amyrlin eingebracht.</p><p>Langsam nahmen die Frauen wieder ihre Pl�tze ein. Egwene brauchte keine Anleitung, und man bot ihr auch keine an. Sie stand auf und ging durch den Saal, ihre F��e glitten lautlos �ber den Stein mit der aufgemalten Flamme. Eine Windb�e fuhr durch den Raum, zupfte an Stolen und strich �ber Egwenes nackte Haut. Es sagte etwas �ber die St�rke dieses Saals, dass sie sich entschieden hatten, trotz des schwindelerregenden Ausblicks in der gegen�berliegenden Wand hier zusammenzutreten.</p><p>Saerin traf vor dem Sitz mit Egwene zusammen. Die Altaranerin fing an, Egwenes Oberteil vorsichtig zuzukn�pfen, dann hob sie ehrf�rchtig die Stola der Amyrlin vom Sitz. Es handelte sich um die mit den sieben Farben, die man von dort hervorgeholt hatte, wo auch immer Elaida sie hingeworfen hatte. Saerin musterte Egwene einen Moment lang und wog die Stola in den H�nden, als wollte sie ihren Wert ermessen.</p><p>�Seid Ihr sicher, dass Ihr diese Last tragen wollt, Kind?�, fragte sie kaum h�rbar. Das geh�rte nicht zu der Zeremonie.</p><p>�Ich trage sie bereits, Saerin.� Egwenes Erwiderung war beinahe ein Fl�stern. �Elaida warf sie weg, als sie versuchte, sie auseinanderzuschneiden und nach Belieben zu teilen. Ich hob sie auf und trug sie seitdem. Ich w�rde sie bis in den Tod tragen. Und das werde ich auch tun.�</p><p>Saerin nickte. �Ich glaube, darum verdient Ihr sie auch�, sagte sie. �Ich bezweifle, dass auch nur etwas in der Geschichte sich mit den kommenden Tagen vergleichen l�sst. Die Gelehrten der Zukunft werden auf unsere Tage zur�ckblicken und sie schwieriger, ersch�pfender f�r Geist, K�rper und Seele einsch�tzen als die Zeit des Wahnsinns oder der Zerst�rung der Welt selbst.�</p><p>�Dann ist es gut, dass die Welt uns hat, nicht wahr?�, fragte Egwene.</p><p>Saerin z�gerte, nickte dann aber. �Vermutlich ja.� Sie hob die Stola und legte sie Egwene auf die Schultern. �Ihr werdet im Glanz des Lichts zum Amyrlin-Sitz erhoben!�, verk�ndete sie, und die anderen Sitzenden stimmten ein, �auf dass die Wei�e Burg ewig bestehen m�ge. Egwene al�Vere, die H�terin der Siegel, die Flamme von Tar Valon, der <emphasis>Amyrlin-Sitz!�</emphasis></p><p>Egwene drehte sich um und sah die Frauen an, dann setzte sie sich. Und es kam ihr so vor, als kehrte sie nach einer sehr langen Reise nach Hause zur�ck. Die Welt duckte sich unter der Hand des Dunklen K�nigs, aber in dem Moment, in dem sie auf diesem Sitz Platz nahm, f�hlte sie sich etwas besser an, ein kleines bisschen sicherer.</p><p>Die Frauen stellten sich in der Reihenfolge ihres Alters vor Egwene auf, Saerin ganz am Ende. Eine nach der anderen machte einen tiefen Knicks, erbat ihre Erlaubnis zu dienen, k�sste ihren Gro�en Schlangenring und trat dann zur Seite. W�hrend dies geschah, bemerkte Egwene, dass Tesan endlich zur�ckgekehrt war. Sie warf einen verstohlenen Blick in den Raum, um sich zu vergewissern, dass jeder bekleidet war, dann f�hrte sie einen Augenblick sp�ter vier W�chter mit der Flamme von Tar Valon auf der Brust in den Raum. Egwene unterdr�ckte ein Seufzen. Anscheinend brachte man Silviana in Ketten.</p><p>Nachdem sie Egwenes Ring gek�sst hatten, kehrten die Sitzenden auf ihre Pl�tze zur�ck. Die Zeremonie war noch nicht ganz beendet, aber der wichtigste Teil war erledigt. Egwene war endlich und endg�ltig die Amyrlin. Auf diesen Augenblick hatte sie so lange gewartet.</p><p>Jetzt war die Zeit f�r ein paar �berraschungen gekommen.</p><p>�Nehmt der Gefangenen die Ketten ab�, befahl Egwene.</p><p>Z�gernd gehorchten die Soldaten au�erhalb des Raumes; Eisen klirrte. Die Sitzenden sahen sich verwirrt an.</p><p>�Silviana Brehon!�, rief Egwene und stand auf. �Ihr d�rft vor den Amyrlin-Sitz treten.�</p><p>Die Soldaten traten zur Seite und gestatteten Silviana den Zutritt. Ihr rotes Gewand war einst sehr kostbar gewesen, aber man hatte sie w�hrend der von Elaida angeordneten Gefangenschaft nicht gut behandelt. Das schwarze Haar, das sie normalerweise als Knoten trug, war nur fl�chtig geflochten. Das Kleid war zerknittert und schmutzig an den Knien. Und doch war ihr kantiges Gesicht ruhig und gelassen.</p><p>�berraschenderweise kniete sie vor Egwene nieder, nachdem sie den Raum durchquert hatte. Egwene senkte die Hand und lie� sich von der Frau den Ring k�ssen.</p><p>Die Sitzenden sahen verwirrt zu, denn Egwene hatte die Zeremonie unterbrochen. �Mutter�, fragte Yukiri schlie�lich. �Ist das der beste Zeitpunkt, um ein Urteil zu f�llen?�</p><p>Egwene zog die Hand von der knienden Silviana zur�ck und sah Yukiri direkt an, dann richtete sie den Blick auf die anderen Sitzenden. �Ihr alle habt gro�e Schande auf Euch geladen�, verk�ndete sie.</p><p>Aes Sedai mit starren Gesichtern hoben die Brauen. Sie erschienen w�tend. Aber dazu hatten sie kein Recht! Ihre Wut war nichts verglichen mit der, die Egwene versp�rte.</p><p>� Das da!�, sagte Egwene und zeigte auf die zerst�rte Wand. �Daf�r tragt Ihr die Verantwortung.� Sie zeigte auf die noch immer kniende Silviana. <emphasis>�Daf�r</emphasis> tragt ihr die Verantwortung. Ihr tragt daf�r die Verantwortung, wie sich unsere Schwestern in den Korridoren begegnen, und Ihr tragt die Verantwortung daf�r, dass Ihr die Spaltung der Burg solange unt�tig zugelassen habt. Viele von Euch tragen die Verantwortung daf�r, dass es �berhaupt erst zu der Spaltung gekommen ist!</p><p>Ihr seid eine <emphasis>Schande.</emphasis> Die Wei�e Burg - seit dem Zeitalter der Legenden der Stolz des Lichts und die Macht f�r Stabilit�t und Wahrheit - ist Euretwegen beinahe vernichtet worden.�</p><p>Augen quollen hervor, ein paar der Frauen rangen nach Luft. �Elaida ��, fing eine an.</p><p>�Elaida war verr�ckt, und Ihr alle habt das gewusst!�, sagte Egwene streng. Sie stand hoch aufgerichtet da und starrte alle nieder. �Das habt Ihr diese ganzen letzten Monate gewusst, als sie unabsichtlich daran arbeitete, uns zu vernichten. Beim Licht, viele von Euch haben das vermutlich sogar gewusst, als Ihr sie erhoben habt!</p><p>Es hat schon zuvor n�rrische Amyrlin gegeben, aber keine h�tte es beinahe geschafft, die ganze Burg niederzurei�en! <emphasis>Ihr</emphasis> kontrolliert die Amyrlin. Ihr sollt sie davon abhalten, solche Dinge zu tun! Ihr habt ihr erlaubt, eine ganze Ajah aufzul�sen? Was habt Ihr Euch nur dabei gedacht? Wie konntet Ihr nur zulassen, dass die Burg so tief sinkt? Und ausgerechnet auch noch dann, wo der <emphasis>Wiedergeborene Drache</emphasis> auf der Welt wandelt!</p><p>Ihr h�ttet Elaida in dem Augenblick absetzen m�ssen, in dem Ihr von ihrem katastrophalen Versuch erfuhrt, Rand al�Thor gefangen zu nehmen. Ihr h�ttet sie absetzen m�ssen, als Ihr saht, wie ihr kleinlicher Zank die Ajahs aufeinander hetzte. Und <emphasis>erst recht</emphasis> h�ttet Ihr sie absetzen m�ssen, als sie sich weigerte, das N�tige zu tun, um die Burg wieder zu vereinen!�</p><p>Egwene betrachtete die Reihen der Schwestern, starrte eine nach der anderen an, erwiderte jeden Blick, bis ihr Gegen�ber ihn senkte. Keine der Frauen wagte es, ihren Blick lange zu erwidern. Schlie�lich sah sie Scham hinter ihren maskenhaften Z�gen durchschimmern. Wie es sich wohl auch geh�rte!</p><p>�Keine von Euch wollte sich ihr widersetzen�, stie� Egwene hervor. �Ihr wagt es, Euch als Saal der Burg zu bezeichnen? Ihr, die man eingesch�chtert hat? Ihr, die viel zu viel Angst hattet, um das N�tige zu tun? Ihr, die viel zu sehr mit Euren Streitereien und politischen Spielchen besch�ftigt wart, um zu <emphasis>erkennen,</emphasis> was wirklich n�tig gewesen w�re?�</p><p>Egwene schaute auf Silviana hinunter. �Nur eine Frau in diesem Raum war bereit, f�r das einzutreten, von dem sie wusste, dass es richtig ist. Nur eine Frau hat es gewagt, sich Elaida entgegenzustellen, und sie hat den Preis daf�r bezahlt. Und Ihr glaubt, ich h�tte diese Frau herbringen lassen, um mich an ihr zu <emphasis>r�chen?</emphasis> Seid Ihr wirklich so blind, dass Ihr glaubt, ich w�rde die einzige Person in der ganzen Burg bestrafen, die in den vergangenen Monaten so etwas wie Anstand gezeigt hat?�</p><p>Jetzt schauten alle zu Boden. Selbst Saerin wollte ihren Blick nicht erwidern.</p><p>Silviana schaute zu ihr hoch.</p><p>�Ihr habt Eure Pflicht getan, Silviana�, sagte Egwene. �Und Ihr habt sie gut getan. Erhebt Euch.�</p><p>Die Frau stand auf. Ihre Augen waren von mangelndem Schlaf ger�tet, sie sah abgezehrt aus, und Egwene vermutete, dass ihr das Stehen gro�e M�he bereitete. Hatte jemand beim Chaos der letzten Tage �berhaupt daran gedacht, ihr etwas zu essen oder Wasser zu bringen?</p><p>�Silviana�, sagte Egwene, �eine neue Amyrlin ist erhoben worden. Und ich sch�me mich zuzugeben, dass es durch �hnliche Machenschaften geschah wie bei Elaidas Erhebung. Von den sieben Ajahs waren nur f�nf anwesend. Von den Blauen wei� ich, dass sie mich unterst�tzen w�rden, w�ren sie hier. Aber die Roten haben nicht einmal die Gelegenheit erhalten, ihre Zustimmung oder ihre Ablehnung kundzutun.�</p><p>�Daf�r gibt es gute Gr�nde, Mutter�, sagte Silviana.</p><p>�Das mag schon sein�, erwiderte Egwene, �aber es ist beinahe eine Garantie, dass meine Amtszeit von Spannungen zwischen mir und den Roten erf�llt sein wird. Sie werden Feindseligkeit sehen, wo keine besteht, und ich werde die Kraft Hunderter Frauen verlieren. Frauen, die dringend ben�tigt werden.�</p><p>�Ich � ich w�sste nicht, wie man das verhindern sollte, Mutter�, sagte Silviana ehrlich.</p><p>�Ich schon�, sagte Egwene. �Silviana Brehon, ich m�chte Euch zu meiner Beh�terin der Chroniken machen. Keiner soll mir nachsagen, dass ich die Roten zur�ckgewiesen habe.�</p><p>Silviana blinzelte �berrascht. Ein paar der Sitzenden keuchten auf, auch wenn Egwene nicht erkennen konnte, wer es war.</p><p>Sie sah Silviana tief in die Augen. Noch vor kurzer Zeit hatte diese Frau sie quer �ber den Tisch gelegt und sie aufgrund Elaidas Befehl geschlagen. Aber jetzt kniete Silviana vor ihr; das hatte sie gemacht, ohne dass man es ihr befohlen hatte. Sie hatte die Autorit�t des Saals, Egwene zu erheben, akzeptiert. Akzeptierte sie auch Egwene selbst?</p><p>Das Angebot w�rde sie auf einen schwierigen und gef�hrlichen Weg f�hren. Die Roten konnten es durchaus als Verrat betrachten. Wie w�rde sich Silviana entscheiden? Egwene segnete den Trick, der sie am Schwitzen hinderte, denn ihr war klar, dass ihr sonst die Schwei�tropfen die Schl�fen herabgelaufen w�ren.</p><p>�Es w�re mir eine Ehre, Mutter�, sagte Silviana und kniete abermals nieder. � Eine wirkliche Ehre.�</p><p>Egwene stie� die Luft aus. Die Aufgabe, die von Gr�ben getrennten Ajahs wieder zu vereinen, w�rde sehr schwierig sein - aber wenn die Roten sie als Feind betrachteten, w�rde es so gut wie unm�glich sein. Mit Silviana auf ihrer Seite h�tte sie eine Botschafterin, die die Roten nicht ablehnen w�rden. Hoffentlich.</p><p>�Das wird eine schwierige Zeit f�r die Rote Ajah, Tochter�, sagte Egwene. �Es lag stets in ihrer Natur, die M�nner gefangen zu nehmen, die die Macht lenken k�nnen, aber Berichten zufolge ist <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt worden.�</p><p>�Es wird immer verbrecherische Machtlenker geben, Mutter�, sagte Silviana. �Und man kann M�nnern nicht vertrauen.�</p><p><emphasis>Eines Tages m�ssen wir �ber diese letzte Einstellung hinauswachsen,</emphasis> dachte Egwene. <emphasis>Aber im Augenblick enth�lt sie genug Wahrheit, um sie so stehen zu lassen.</emphasis> �Ich habe nicht gesagt, dass Euer Daseinszweck verschwindet, nur dass er sich ver�ndern wird. Ich sehe in der Zukunft gro�e Dinge f�r die Rote Ajah - eine umfassendere Vision, eine Erneuerung der Pflicht. Es freut mich, Euch an meiner Seite zu haben, um dabei zu helfen, sie leiten zu k�nnen.�</p><p>Egwene wandte sich wieder an die anderen Sitzenden, die in staunendem Schweigen zusahen. �Ich w�rde Euch allen Befehlen, Bu�e zu tun�, fuhr sie fort, �aber ich wei�, dass zumindest einige von Euch hinter den Kulissen versucht haben, den Sturz der Wei�en Burg zu verhindern. Ihr habt nicht genug getan, aber Ihr habt <emphasis>etwas</emphasis> getan. Davon abgesehen bin ich der Meinung, dass die Bu�en, die wir uns sooft abverlangen, l�cherlich sind. Was bedeutet einer Aes Sedai schon k�rperlicher Schmerz?�</p><p>Egwene holte tief Luft. �Und ich selbst bin auch nicht ohne Schuld. Ich teile etwas von Eurer Schande, denn diese Katastrophen geschahen w�hrend meiner Amtszeit. Ich schlug mich auf die Seite der Rebellen und lie� zu, dass sie mich erhoben, weil das die einzige M�glichkeit war. Aber diese Entscheidung macht mich zur Mitschuldigen.</p><p>Tragt Eure Schande, Sitzende, aber tragt sie mit Entschlossenheit. Lasst Euch nicht von ihr zerbrechen. Die Zeit der Genesung hat begonnen, und es ist sinnlos geworden, noch l�nger mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ihr habt versagt. Aber Ihr seid alles, was wir haben. Wir alle sind alles, was die Welt hat.�</p><p>Die Frauen fingen an aufzuschauen.</p><p>�Kommt�, sagte Egwene und ging durch den Raum. Silviana fiel an ihrer Seite in den Schritt ein. �Lasst uns die Rebellen begr��en.�</p><p>Sie passierten die Korridore der Burg, die noch immer nach Rauch rochen und an einigen Stellen mit Tr�mmern �bers�t waren. Egwene bem�hte sich, die Blutflecken zu ignorieren.</p><p>Die Sitzenden folgten ihr, trotz ihrer Strafpredigt nach ihren Ajahs versammelt. Es w�rde noch viel Arbeit kosten, sie wieder zu heilen.</p><p>�Mutter�, sagte Silviana leise, w�hrend sie gingen, �ich kann nur vermuten, dass Ihr bei den Rebellen schon eine Beh�terin habt. Wollt Ihr uns beide behalten?� Ihre angespannte Stimme verriet, was sie von einem so unkonventionellen Arrangement hielt.</p><p>�Nein�, sagte Egwene. �Meine fr�here Beh�terin wurde hingerichtet, weil sie der Schwarzen Ajah angeh�rte.�</p><p>Silviana wurde blass. �Ich verstehe.�</p><p>�Wir k�nnen diese Dinge nicht totschweigen, Silviana. Kurz vor meiner � Rettung kam eine sehr wichtige Besucherin zu mir. Sie war eine Schwarze, und sie verriet mir die Namen von weiteren Schwarzen Schwestern. Ich habe jede von ihnen, die sich unter den Rebellen befand, durch den Eidstab best�tigen lassen.�</p><p>�Durch den Eidstab?�, rief Silviana aus.</p><p>�Ja�, erwiderte Egwene, als sie eine Treppe betraten. �Eine Verb�ndete in der Wei�en Burg gab ihn mir letzte Nacht. Allerdings kommt mir gerade der Gedanke, dass wir den Raum mit den <emphasis>Ter�angrealen</emphasis> verlegen m�ssen. Und den Ort geheim und st�ndig mit Schutzgeweben umgeben halten m�ssen. Es wird nicht lange dauern, bis jede Schwester mit genug Kraft das Gewebe f�r das Schnelle Reisen kennt, und ich w�rde es vielen von ihnen durchaus zutrauen - einschlie�lich denen, denen ich vertraue -, sich gelegentlich das eine oder andere <emphasis>Angreal</emphasis> auszuborgen.�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Silviana. Dann f�gte sie mit leiser Stimme hinzu: �Ich vermute, ich werde mich daran gew�hnen m�ssen, dass sich viele Dinge ver�ndern werden.�</p><p>�Das f�rchte ich auch�, sagte Egwene. �Da ist nicht zuletzt die Notwendigkeit, eine f�hige Oberin der Novizinnen auszusuchen, die mit Hunderten neuer Initiierten fertig wird - von denen viele das �bliche Alter hinter sich gelassen haben. Ich habe bereits damit begonnen, jede Frau zur Ausbildung zuzulassen, die eine Begabung im Machtlenken zeigt, ganz egal, welchen Alters. Ich vermute, dass es nicht lange dauert, bis die Wei�e Burg vor Novizinnen aus allen N�hten platzt.�</p><p>�Dann werde ich schnell Vorschl�ge f�r meine Nachfolgerin erarbeiten, Mutter�, sagte Silviana.</p><p>Egwene nickte zufrieden. Zweifellos w�rden Romanda und Lelaine au�er sich sein, wenn sie entdeckten, dass Egwene Silviana gew�hlt hatte, aber je l�nger sie dar�ber nachdachte, desto besser gefiel es ihr. Nicht nur, weil Silviana eine Rote war, sondern weil sie so f�hig war. Saerin w�re eine gute Wahl gewesen, aber viele h�tten sie als Egwenes F�hrerin und vielleicht die eigentliche Macht hinter dem Sitz betrachtet. Die Wahl einer Blauen h�tte bei dem gegenw�rtigen Zustand der Burg f�r neuen Unfrieden gesorgt. Und davon abgesehen w�rde es einer Amyrlin, die den Rebellen angeh�rt hatte - das w�rde keiner vergessen, was auch immer Egwene sagen oder tun w�rde -, nur bei den Bem�hungen zur Auss�hnung helfen k�nnen, eine Loyalistin zu Beh�terin zu haben.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sie den Gro�en Platz der Burg auf der Ostseite des Geb�udes erreicht hatten. Genau wie sie befohlen hatte, standen die Frauen nach Ajahs aufgestellt dort. Egwene hatte diesen Ort ausgew�hlt, weil dort eine hohe Treppe mit einem breiten Absatz zum Turm hinauff�hrte. Dort blieb sie stehen und wandte der mit pr�chtigen Schnitzereien versehenen T�r den R�cken zu. Es war der perfekte Ort, um vor einer Menge eine Ansprache zu halten.</p><p>Au�erdem befand man sich dort genau zwischen den beiden Fl�geln, die w�hrend des Angriffs in der vergangenen Nacht den gr��ten Schaden davongetragen hatten. Vom Ostfl�gel stieg noch immer Rauch auf; die Kuppel war eingest�rzt, eine der W�nde war zusammengebrochen. Aber aus diesem Blickwinkel war der Turm selbst relativ unbesch�digt, keines der klaffenden L�cher war direkt zu sehen.</p><p>Egwene konnte die Gesichter sehen, die sich an den unteren Fenstern dr�ngten. Aes Sedai und Novizinnen beobachteten sie. Anscheinend hatte Egwene Gelegenheit, auch die Mehrheit der verbliebenen Bewohner der Wei�en Burg anzusprechen. Sie erschuf ein Gewebe, um ihre Stimme zu verst�rken. Kein Br�llen, aber laut genug, dass man sie sowohl hinten wie auch vorn h�ren konnte.</p><p>�Schwestern�, sagte sie, �T�chter. Man hat mich auf die angemessene Weise zur Amyrlin erhoben. Beide Seiten dieses Konflikts haben mich erw�hlt. Beide sind den vorgeschriebenen Verfahrensweisen gefolgt, und beide akzeptieren mich jetzt als ihre Amyrlin. Die Zeit ist gekommen, sich wieder zu vereinen.</p><p>Ich werde nicht so tun, als h�tte unsere Spaltung nicht stattgefunden. Wir von der Wei�en Burg neigen manchmal viel zu schnell dazu, die Tatsachen zu vergessen, die wir nicht h�ren wollen. Diese Ereignisse kann man nicht verbergen, nicht vor uns, die wir sie erlebt haben. Wir waren entzweit. Wir h�tten beinahe Krieg gegeneinander gef�hrt. Wir haben Schande �ber uns gebracht.</p><p>Ihr Rebellen vor mir habt etwas Schreckliches getan. Ihr habt die Burg gespalten und eine rivalisierende Amyrlin erhoben. Zum ersten Mal in der Geschichte haben Aes Sedai Truppen gegen andere Aes Sedai aufgestellt. Ich habe diese Truppen angef�hrt. Diese Schande ist mir bewusst.</p><p>Ob notwendig oder nicht, es <emphasis>ist</emphasis> eine Schande. Und darum brauche ich Euer Schuldeingest�ndnis. Ihr m�sst die Verantwortung f�r Eure Verbrechen �bernehmen, selbst die, die im Namen eines �bergeordneten Wohls geschahen.�</p><p>Egwene betrachtete die auf dem Hof versammelten Aes Sedai. Falls ihr Befehl, sich in R�ngen aufzustellen - und dann auf sie zu warten - ihnen ihre Einstellung nicht klargemacht hatte, dann w�rden das vielleicht ihre Worte tun.</p><p>�Ihr seid nicht ruhmreich hergekommen�, sagte Egwene zu ihnen. �Ihr seid nicht siegreich hergekommen. Denn es gibt keinen Sieg, und es h�tte auch keinen Sieg geben k�nnen, wenn Schwester gegen Schwester gek�mpft h�tte und Beh�ter andere Beh�ter get�tet h�tten.� Sie bemerkte, dass Siuan ganz vorn stand und ihren Blick �ber die Distanz erwiderte. Leane war auch da; sie sah mitgenommen von ihrer langen Gefangenschaft aus, aber sie stand aufrecht da.</p><p>�Auf beiden Seiten wurden Fehler gemacht�, sagte Egwene. �Und wir werden alle hart daran arbeiten m�ssen, um das wieder in Ordnung zu bringen, was wir getan haben. Schmiede behaupten, dass man kein Schwert flicken kann, wenn es einmal zerschmettert wurde. Es muss von Grund auf neu geschmiedet werden, man muss das Eisen zu Schlacke schmelzen und es dann von neuem bearbeiten und formen.</p><p>Die folgenden Monate werden wir uns neu formen. Wir wurden gebrochen, dann fast bis zu den Wurzeln ausgerissen. Die Letzte Schlacht r�ckt n�her, und vor ihrem Eintreffen will ich daf�r sorgen, dass wir wieder ein mit Kraft geschmiedetes Schwert sind, unversehrt und ungebrochen! Ich werde Euch viele Forderungen stellen. Sie werden schwer sein. Sie werden Euch bis an die Grenze dessen treiben, was Ihr glaubt ertragen zu k�nnen. Ich werde diese Brandl�cher nehmen und sie stopfen! Es wird Anpassungen geben m�ssen, denn es gibt zu viele Sitzende f�r den Saal, ganz zu schweigen von den f�nf Anf�hrerinnen der Ajahs, die �brig sind. Einige von Euch werden zur�cktreten und sich dem�tig vor jenen verbeugen m�ssen, die sie verabscheuen.</p><p>Diese Tage werden eine Pr�fung f�r Euch sein! Ich werde Euch dazu zwingen, mit jenen zu arbeiten, die Ihr noch vor Stunden als Eure Feinde betrachtet habt. Ihr werdet an der Seite jener marschieren, die Euch verschm�ht oder verletzt haben oder Euch hassen.</p><p>Aber wir sind st�rker als unsere Schw�chen. Die Wei�e Burg steht, und wir stehen mit ihr! Wir <emphasis>werden</emphasis> wieder vereint sein! Wir werden eine Versammlung sein, von der man Geschichten erz�hlt! Wenn ich mit Euch fertig bin, wird man nicht schreiben, dass die Wei�e Burg schwach war. Angesichts unserer Siege wird man unsere Spaltung vergessen. Man wird sich an uns nicht als die Wei�e Burg erinnern, die sich gegeneinander wandte, sondern als die Wei�e Burg, die im Angesieht des Schattens mit aller Kraft Widerstand leistete. Diese Tage werden zur Legende werden!�</p><p>Jubel ert�nte, gr��tenteils von Novizinnen und Soldaten, da die Aes Sedai selbst viel zu reserviert f�r diese Art von Benehmen waren. Gr��tenteils jedenfalls. Ein paar der j�ngeren stimmten ein, gefangen vom Augenblick. Gl�cklicherweise kam dieser Jubel von beiden Seiten. Egwene lie� sie einen Augenblick lang schreien, dann hob sie die Arme und brachte sie zum Schweigen.</p><p>�Es soll sich im ganzen Land verbreiten!�, rief sie. �Davon soll gesprochen werden, man soll sich darauf verlassen k�nnen, man soll sich daran erinnern. Die Wei�e Burg steht vereint. Und niemand, weder Mann, Frau noch Sch�pfung des Schattens, wird uns je wieder entzweit sehen!�</p><p>Dieses Mal war der Jubel beinahe ohrenbet�ubend, und �berraschenderweise stimmten mehr Aes Sedai darin ein. Egwene senkte die H�nde.</p><p>Sie hoffte, dass sie auch noch in den kommenden Monaten jubelten. Denn vor ihnen lag viel Arbeit.</p></section><section><title><p>47</p><p>Den er verlor</p></title><p>Rand kehrte nicht sofort in seine Gem�cher zur�ck. Das gescheiterte Treffen mit den Grenzl�ndern hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Nicht wegen ihres geschickten Versuchs, ihn nach Far Madding zu locken - das war entt�uschend, aber kam nicht gerade unerwartet. Andere versuchten st�ndig, ihn zu kontrollieren und zu manipulieren. Die Grenzl�nder machten da keine Ausnahme.</p><p>Nein, es war etwas anderes, das ihm zu schaffen machte, etwas, das er nicht genau definieren konnte. Und so pirschte er durch den Stein von Tear, zwei T�chter der Aiel im Schlepptau, und seine Gegenwart �berraschte Diener und beunruhigte Verteidiger.</p><p>Die Korridore wanden sich. Die W�nde hatten die Farbe von nassem Sand, wo keine Wandteppiche hingen, aber sie waren viel st�rker als jeder Felsen, der Rand bekannt war. Sie waren fremdartig und seltsam, jeder glatte Torbogen war eine Erinnerung, dass dieser Ort nicht nat�rlich war.</p><p>Rand f�hlte sich ebenso. Er hatte die �u�ere Gestalt eines Menschen. Tats�chlich hatte er auch das Benehmen und die Geschichte eines Menschen. Aber er war ein Ding, das kein Mensch - nicht einmal er selbst - verstehen konnte. Die Gestalt aus einer Legende, eine Sch�pfung der Einen Macht, so unnat�rlich wie ein <emphasis>Ter�angreal</emphasis> oder ein Fragment <emphasis>Cuendillar.</emphasis> Man kleidete ihn wie einen K�nig, so wie man diese Korridore mit goldenen und roten Teppichen schm�ckte. So wie man Wandteppiche an diese W�nde h�ngte, von denen jeder einzelne einen ber�hmten tairenischen General zeigte. Das Dekor sollte f�r Sch�nheit sorgen, aber es sollte auch verschleiern. Die nackte Wand dazwischen unterstrich nur, wie fremdartig dieser Ort war. Teppiche und Wandbeh�nge lie�en ihn sich � menschlicher anf�hlen. Indem man Rand mit einer Krone und einem h�bschen Mantel ausstaffierte, erlaubte ihnen das, ihn zu akzeptieren. Von K�nigen erwartete man, dass sie anders waren. Und so spielte seine von der Krone verborgene viel fremdartigere Natur keine Rolle mehr. Es spielte keine Rolle mehr, dass sein Herz das Herz eines Toten war, dass seine Schultern dazu geschaffen worden waren, die Last der Prophezeiungen zu tragen, dass seine Seele von den Bed�rfnissen, W�nschen und Hoffnungen von Millionen Menschen zermalmt wurde.</p><p>Zwei H�nde. Eine, um zu zerst�ren, die andere, um zu retten. Welche hatte er verloren?</p><p>Es fiel leicht, sich im Stein zu verlaufen. Die gewundenen Korridore aus braunem Felsen waren schon lange vor der Zersetzung des Musters schwierig gewesen. Sie sollten Angreifer verwirren. Kreuzungen kamen unerwartet; es gab nur wenig markante Stellen, und die inneren G�nge der Festung wiesen keine Fenster auf. Die Aiel hatte es sehr beeindruckt, dass die Eroberung des Steins so schwer gewesen war. Aber nicht die Verteidiger hatten sie beeindruckt, sondern das schiere Ausma� und der Grundriss des monstr�sen Geb�udes.</p><p>Gl�cklicherweise hatte Rand kein besonderes Ziel im Sinn. Er wollte einfach nur gehen.</p><p>Er hatte akzeptiert, was er sein musste. Warum machte ihm dann das so zu schaffen? Tief in seinem Inneren - nicht in seinem Verstand, sondern in seinem Herzen - hatte eine Stimme angefangen, sich gegen seine Taten auszusprechen. Sie war nicht so laut oder brachial wie Lews Therin; sie fl�sterte blo�, war wie ein Jucken. Etwas stimmte nicht. Etwas stimmte nicht�</p><p>Nein!, dachte er. <emphasis>Ich muss stark sein. Ich bin endlich zu dem geworden, was ich sein muss!</emphasis></p><p>Unvermittelt blieb er stehen. In der Manteltasche trug er den Zugangsschl�ssel. Er ber�hrte ihn und seine kalten und glatten Konturen. Er wagte es nicht, ihn der Sorgfalt eines Dieners zu �berlassen, ganz egal, wie sehr er ihm auch vertrauen mochte.</p><p><emphasis>Hurin,</emphasis> erkannte er. <emphasis>Das hat mich gest�rt. Hurin zu sehen.</emphasis></p><p>Er ging weiter, dr�ckte die Brust heraus. Er musste stark sein - oder zumindest stark erscheinen. Und zwar zu jeder Zeit.</p><p>Hurin war ein Relikt aus einem fr�heren Leben. Eine Zeit, in der Mat sich noch immer �ber Rands M�ntel lustig gemacht hatte, eine Zeit, in der Rand gehofft hatte, Egwene zu heiraten und irgendwie zu den Zwei Fl�ssen zur�ckkehren zu k�nnen. Er war mit Hurin und Loial gereist, fest entschlossen, Fain aufzuhalten und Mats Dolch zur�ckzugewinnen, um zu beweisen, dass er ein guter Freund war. Das war eine viel einfachere Zeit gewesen, auch wenn er das damals nicht gewusst hatte. Damals hatte er sich gefragt, ob es �berhaupt etwas Komplizierteres als den Gedanken geben konnte, dass ihn seine Freunde hassten.</p><p>Die Farben wirbelten durch sein Sichtfeld. Perrin ging durch ein dunkles Lager, das Steinschwert erhob sich �ber ihm in die Luft. Die Vision wechselte zu Mat, der noch immer in dieser Stadt war. War das Caemlyn? Warum konnte er in der N�he von Elayne sein, wenn Rand so weit fort bleiben musste? Er konnte ihre Gef�hle kaum durch den Bund wahrnehmen. Er vermisste sie so sehr. Einst hatten sie in den Korridoren genau dieser Festung K�sse gestohlen.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich bin stark.</emphasis> Sehnsucht war ein Gef�hl, das er nicht haben durfte. Nostalgie brachte ihm �berhaupt nichts. Er versuchte beides zu verbannen, duckte sich in ein Treppenhaus und stieg nach unten, trainierte seinen K�rper, versuchte ihn nach Luft schnappen zu lassen.</p><p><emphasis>Laufen wir jetzt also vor der Vergangenheit davon?</emphasis>, fragte Lews Therin leise, <emphasis>ja. Das ist gut. Besser davonzulaufen, als sich ihr zu stellen.</emphasis></p><p>Rands Zeit mit Hurin hatte in Falme geendet. Diese Tage waren in seiner Erinnerung verschwommen. Die Ver�nderungen, die er damals durchgemacht hatte - die Erkenntnis, dass er t�ten musste, dass er nie wieder zu dem Leben zur�ckkehren konnte, das er geliebt hatte -, waren Dinge, �ber die er nicht hatte nachdenken k�nnen. Er war in Richtung Tear gezogen, beinahe wie im Fieber, getrennt von seinen Freunden. Er hatte Ishamael in seinen Tr�umen gesehen. Das Letzere geschah wieder.</p><p>Schwer atmend kam Rand auf eine der unteren Etagen der Festung heraus. Die T�chter folgten ihm. Sie atmeten v�llig gleichm��ig. Er ging durch einen Gang und dann weiter in ein gewaltiges Gemach mit Reihen breiter, dicker Steins�ulen, die kein Mann mit ausgebreiteten Armen umfassen konnte. Das Herz des Steins. Mehrere Verteidiger nahmen Haltung an, als Rand sie passierte.</p><p>Er begab sich zur Mitte des Herzens. Einst hatte <emphasis>Callandor</emphasis> hier funkelnd gehangen. Das Kristallschwert befand sich nun in Cadsuanes Besitz. Hoffentlich hatte sie es nicht vermasselt und ebenfalls verloren wie das m�nnliche <emphasis>Adam.</emphasis> Aber im Grunde war das Rand herzlich egal. <emphasis>Callandor</emphasis> war minderwertig; um es benutzen zu k�nnen, musste sich ein Mann dem Willen einer Frau unterwerfen. Es war ja m�chtig, aber nicht ann�hernd so m�chtig wie der Choedan Kai. Der Zugangsschl�ssel war ein viel besseres Werkzeug. Rand streichelte ihn behutsam und betrachtete die Stelle, an der einst <emphasis>Callandor</emphasis> gehangen hatte.</p><p>Das hatte ihn immer gest�rt. <emphasis>Callandor</emphasis> war die Waffe aus den Prophezeiungen. Im Karaethon-Zyklus hie� es, dass der Stein nicht fallen w�rde, bis <emphasis>Callandor</emphasis> von dem Wiedergeborenen Drachen geschwungen w�rde. Einige Gelehrte hatten diese Passage so interpretiert, dass das Schwert nie benutzt werden w�rde. Aber die Prophezeiungen funktionierten nicht auf diese Weise - sie waren gemacht worden, um erf�llt zu werden.</p><p>Rand hatte die Karaethon-Prophezeiungen studiert. Aus ihnen eine Bedeutung herauszukitzeln war wie der Versuch, hundert Fu� verheddertes Seil zu entwirren. Mit einer Hand.</p><p>�Das Schwert, das nicht ber�hrt werden kann� zu nehmen geh�rte zu einer der ersten Prophezeiungen, die er erf�llt hatte. Aber war seine Inbesitznahme <emphasis>Callandors</emphasis> ein bedeutungsloses Zeichen oder ein erster Schritt? Jeder kannte die Prophezeiung, aber nur wenige stellten die Frage, die unausweichlich h�tte sein m�ssen. Warum? <emphasis>Warum</emphasis> hatte Rand das Schwert nehmen m�ssen? Sollte es in der Letzten Schlacht benutzt werden?</p><p>Als <emphasis>Sa�angreal</emphasis> war das Schwert nicht viel wert, und er bezweifelte, dass es einfach als Schwert benutzt werden sollte. Warum sprachen die Prophezeiungen nicht von den Choedan Kai? Mit ihnen hatte er den Makel beseitigt. Der Zugangsschl�ssel verschaffte Rand eine Macht, an die <emphasis>Callandor</emphasis> nicht ann�hernd heranreichte, und mit dieser Macht waren keine Bedingungen verkn�pft. Die Statuette bedeutete Freiheit, aber <emphasis>Callandor</emphasis> war nur eine weitere Kiste. Doch in den Prophezeiungen wurden die Choedan Kai und ihre Schl�ssel nicht erw�hnt.</p><p>Rand fand das �rgerlich, denn in gewisser Weise waren die Prophezeiungen die gr��te und beengendste Kiste von allen. Er war in ihnen gefangen. Am Ende w�rden sie ihn ersticken.</p><p><emphasis>Ich habe es ihnen gesagt</emphasis>fl�sterte Lews Therin.</p><p><emphasis>Was hast du ihnen gesagt?,</emphasis> wollte Rand wissen.</p><p><emphasis>Dass der Plan nicht funktioniert.</emphasis> Lews Therins Stimme war ganz leise. <emphasis>Dass grobe Gewalt ihn nicht einsperren kann. Sie bezeichneten meinen Plan als ungest�m, aber diese Waffen, die sie erschufen, die waren zu gef�hrlich. Zu furchteinfl��end. Kein Mann sollte �ber eine solche Macht verf�gen �</emphasis></p><p>Rand k�mpfte mit den Gedanken, der Stimme, den Erinnerungen. Er konnte sich nicht mehr an viele Einzelheiten von Lews Therins Plan erinnern, das Gef�ngnis des Dunklen K�nigs zu versiegeln. Die Choedan Kai - hatte man sie f�r diesen Zweck erbaut?</p><p>War das die Antwort? Hatte Lews Therin die falsche Entscheidung getroffen? Aber warum wurde das in den Prophezeiungen nicht erw�hnt?</p><p>Rand drehte sich um, um das leere Gemach zu verlassen. �Ihr braucht diesen Raum nicht l�nger zu bewachen�, sagte er zu den Verteidigern. �Hier gibt es nichts mehr von Wert. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es das jemals gab.�</p><p>Die M�nner sahen entsetzt oder gekr�nkt aus, wie Kinder, die ein geliebter Vater gerade gescholten hatte. Aber ein Krieg kam, und er w�rde keine Soldaten zur�cklassen, um einen leeren Raum zu bewachen.</p><p>Rand biss die Z�hne zusammen und betrat einen Korridor. <emphasis>Callandor.</emphasis> Wo hatte Cadsuane es nur versteckt? Er wusste, dass sie im Stein ein Zimmer bezogen hatte, wieder an die Grenzen seines Exils stie�. Er w�rde etwas dagegen unternehmen m�ssen. Sie vielleicht aus dem Stein werfen lassen. Er eilte eine Steintreppe hinauf und w�hlte einen beliebigen Korridor, <emphasis>bewegte</emphasis> sich weiter. Sich jetzt hinsetzen zu m�ssen w�rde ihn in den Wahnsinn treiben.</p><p>Er arbeitete unerm�dlich daran, sich durch nichts Fesseln anlegen zu lassen, aber am Ende des Tages w�rden die Prophezeiungen daf�r sorgen, dass er das tat, was er tun sollte. Sie waren manipulativer und hinterh�ltiger als jede Aes Sedai.</p><p>Zorn schoss in ihm hoch und w�tete gegen seine Fesseln. Die leise Stimme in seinem Inneren zitterte in dem Sturm. Rand st�tzte den linken Arm gegen die Wand und senkte den Kopf.</p><p>�Ich werde stark sein�, fl�sterte er. Aber der Zorn wollte nicht weichen. Und warum sollte er auch? Die Grenzl�nder widersetzten sich ihm. Die Seanchaner widersetzten sich ihm. Die Aes Sedai taten so, als w�rden sie ihm gehorchen, redeten aber hinter seinem R�cken mit Cadsuane und sprangen, wenn sie es befahl.</p><p>Von ihnen allen trotzte Cadsuane ihm am meisten. Blieb in seiner N�he, setzte sich �ber seine Befehle hinweg, verdrehte seine Absichten. Er zog den Zugangsschl�ssel hervor. Die Letzte Schlacht stand unmittelbar bevor, und er verbrachte die wenige ihm noch verbleibende Zeit damit, zu Treffen mit Leuten zu reiten, die ihn beleidigten. Jeden Tag l�ste der Dunkle K�nig das Muster ein St�ck weiter auf, und diejenigen, die geschworen hatten, die Grenzen zu sch�tzen, versteckten sich in Far Madding.</p><p>Er schaute sich um, atmete schwer. Etwas an diesem Korridor erschien vertraut. Er war sich nicht sicher, warum das so war; er sah aus wie die anderen. Goldene und rote Teppiche. Voraus eine Kreuzung mit abzweigenden G�ngen.</p><p>Vielleicht h�tte er die Grenzl�nder ihren Widerstand nicht �berleben lassen sollen. Vielleicht sollte er zur�ckgehen und daf�r sorgen, dass sie ihn f�rchten lernten. Aber nein. Er brauchte sie nicht. Er konnte sie den Seanchanern �berlassen. Das Heer der Grenzl�nder w�rde seine Feinde hier im S�den aufhalten. Vielleicht w�rde es sogar die Seanchaner von seinen Flanken fernhalten, w�hrend er sich um den Dunklen K�nig k�mmerte.</p><p>Aber � gab es vielleicht eine M�glichkeit, die Seanchaner f�r immer aufzuhalten? Er betrachtete den Zugangsschl�ssel in seiner Hand. Er hatte einmal versucht, die fremden Eroberer mit <emphasis>Callandor</emphasis> zu bek�mpfen. Damals hatte er noch nicht gewusst, warum das Schwert so schwer zu kontrollieren war: erst nach seinem katastrophalen Angriff hatte Cadsuane ihm erkl�rt, was sie dar�ber wusste. Rand musste einen Zirkel mit zwei Frauen eingehen, bevor er das Schwert, das kein Schwert war, unbeschadet einsetzen konnte.</p><p>Das war seine erste gro�e Niederlage als Anf�hrer gewesen.</p><p>Aber jetzt hatte er ein besseres Werkzeug. Das m�chtigste Werkzeug, das je erschaffen worden war; sicherlich konnte kein Mensch mehr von der Einen Macht halten wie er, als er <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt hatte. Graendal und Natrins H�gel aus dem Muster zu brennen hatte nur einen Bruchteil dessen erfordert, zu dem er Zugang hatte.</p><p>Wenn er das gegen die Seanchaner einsetzte, dann konnte er voller Zuversicht in die Letzte Schlacht ziehen und musste sich keine Sorgen mehr �ber das machen, was hinter ihm herschlich. Er hatte ihnen ihre Chance gegeben. Sogar mehrere Chancen. Er hatte Cadsuane gewarnt, hatte ihr gesagt, dass er die Tochter der Neun Monde an sich binden w�rde. Auf die eine Weise � oder die andere.</p><p>Das konnte nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.</p><p><emphasis>Hier,</emphasis> sagte Lews Therin. <emphasis>Hier standen wir.</emphasis></p><p>Rand runzelte die Stirn. Wovon faselte der Verr�ckte wieder? Er sah sich um. Der Boden des breiten Korridors war mit roten und schwarzen Mustern gefliest. An den W�nden hingen ein paar Wandteppiche. �berrascht erkannte Rand, dass mehrere davon <emphasis>ihn</emphasis> darstellten, wie er den Stein eroberte, <emphasis>Callandor</emphasis> hielt, Trollocs t�tete.</p><p><emphasis>Der Kampf gegen die Seanchaner war nicht unsere erste Niederlage,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Nein, unsere erste Niederlage geschah hier. In diesem Korridor.</emphasis></p><p>Ersch�pft, nach der Schlacht mit den Trollocs und Myrddraals. Seine Seite schmerzte. Im Stein hallten noch immer die Schreie der Verwundeten. Ihn beherrschte das Gef�hl, alles tun zu k�nnen. <emphasis>Alles.</emphasis></p><p>Er stand �ber der Leiche eines jungen M�dchens. Fast noch ein Kind. <emphasis>Callandor</emphasis> gl�hte in seinen Fingern. Pl�tzlich zuckte der K�rper.</p><p>Moiraine hatte ihn aufgehalten. Die Toten zur�ck ins Leben zu holen lag jenseits seiner Macht, hatte sie gesagt.</p><p><emphasis>Wie sehr ich mir doch w�nsche, dass sie noch da w�re,</emphasis> dachte Rand. Sie hatte ihn oft Nerven gekostet, aber sie hatte anscheinend mehr als alle anderen begriffen, was man eigentlich von ihm erwartete. Sie hatte es geschafft, dass er es williger tat, selbst wenn er w�tend auf sie war.</p><p>Er wandte sich ab. Moiraine hatte recht gehabt. Die Toten konnte er nicht ins Leben zur�ckholen. Aber er war <emphasis>sehr</emphasis> gut darin, den Lebenden den Tod zu bringen. �Holt eure Speerschwestern zusammen�, rief er seinen Leibw�chterinnen �ber die Schulter zu. �Wir ziehen in die Schlacht.�</p><p>�Jetzt?�, erwiderte eine der Frauen. �Die Nacht bricht herein!�</p><p><emphasis>Bin ich so lange gelaufen?,</emphasis> dachte Rand �berrascht. �Ja�, sagte er dann. � Dunkelheit spielt keine Rolle. Ich werde genug Licht erschaffen.� Er fasste den Zugangsschl�ssel fester und versp�rte zugleich Aufregung und Entsetzen. Er hatte die Seanchaner schon einmal zur�ck ins Meer getrieben. Er w�rde es wieder tun. Er allein.</p><p>Ja, er w�rde sie zur�cktreiben - zumindest die, die er am Leben lie�.</p><p>�Geht!�, br�llte er die T�chter an. Sie liefen los. Was war mit seiner Selbstbeherrschung passiert? In letzter Zeit war das Eis br�chig geworden.</p><p>Er ging zur�ck zur Treppe und stieg ein paar Etagen zu seinen Gem�chern hinauf. Die Seanchaner w�rden seinen Zorn kennenlernen. Sie wagten es, den Wiedergeborenen Drachen zu provozieren? Er hatte ihnen den Frieden angeboten, und sie <emphasis>lachten</emphasis> ihn aus?</p><p>Er stie� die T�r zu seinen Gem�chern auf und brachte die drau�en Wache stehenden Verteidiger mit einer unwirschen Geste zum Schweigen. Er war nicht in der Stimmung f�r ihren Unsinn.</p><p>Er st�rmte hinein und sah �rgerlich, dass die W�chter jemandem den Zutritt gestattet hatten. Eine fremde Gestalt wandte ihm den R�cken zu, schaute durch die offene Balkont�r hinaus. �Was ��, fing Rand an.</p><p>Der Mann drehte sich um. Es war kein Fremder. Nicht einmal ann�hernd.</p><p>Es war Tarn. Sein Vater.</p><p>Rand taumelte zur�ck. War das eine Erscheinung? Irgendein sch�biger Trick des Schwarzen K�nigs? Aber nein, es war Tarn. Die freundlichen Augen des Mannes waren unverkennbar. Auch wenn er einen Kopf kleiner als Rand war, war Tarn doch immer verl�sslicher als die Welt um ihn herum erschienen. Seine breite Brust und die starken Beine konnten nicht bewegt werden, aber das lag nicht an seiner Kraft - auf seinen Reisen hatte Rand viele M�nner kennengelernt, die st�rker waren. Kraft war verg�nglich. Tarn war <emphasis>echt.</emphasis> Bestimmt und best�ndig. Allein sein Anblick spendete Trost.</p><p>Aber Trost stand im Widerspruch zu dem, der Rand geworden war. Seine Welten - die Person, die er gewesen war, und die Person, zu der er geworden war - waren wie ein Wasserguss, der auf einen gl�hend hei�en Stein traf. Der eine zerbrach, der andere verwandelte sich in Dampf.</p><p>Tarn stand z�gernd in der Balkont�r, angestrahlt von zwei flackernden Stehlampen. Rand verstand Tams Z�gern. Sie waren nicht Blutvater und Sohn. Rands Blutvater war Janduin gewesen, Clanh�uptling der Taardad Aiel. Tarn war blo� der Mann, der Rand an den H�ngen des Drachenberges gefunden hatte.</p><p>Blo� der Mann, der ihn gro�gezogen hatte. Blo� der Mann, der ihm alles beigebracht hatte, was er wusste. Blo� der Mann, den Rand liebte und verehrte, und das w�rde sich nie �ndern, ganz egal, wie ihre Blutverbindung war.</p><p>�Rand.� Tams Stimme klang unbehaglich.</p><p>�Bitte�, sagte Rand und bezwang seine �berraschung. �Bitte setz dich doch.�</p><p>Tarn nickte. Er schloss die Balkont�r, dann ging er zu einem der St�hle. Rand setzte sich ebenfalls. Sie starrten einander quer durch den Raum an. Die Steinw�nde waren nackt; Rand zog sie ohne Gem�lde oder Wandbeh�nge vor. Der Teppich war gelb und rot und so gro�, dass er alle vier W�nde erreichte.</p><p>Das Zimmer f�hlte sich zu perfekt an. Eine Vase mit frisch geschnittenen Daralilien und Calimabl�ten stand dort, genau da, wo sie stehen musste. Die St�hle in der Mitte, viel zu korrekt arrangiert. Das Zimmer sah nicht bewohnt aus. Wie so viele Orte, an denen Rand gewesen war, war es nicht sein Zuhause. Er hatte kein richtiges Zuhause mehr gehabt, seit er die Zwei Fl�sse verlassen hatte.</p><p>Tarn sa� auf einem Stuhl, Rand auf einem anderen. Rand wurde sich bewusst, dass er noch immer den Zugangsschl�ssel hielt, also stellte er ihn auf dem mit Sonnen gemusterten Teppich ab. Tarn warf einen Blick auf Rands Stumpf, sagte aber nichts. Er verschr�nkte die H�nde, w�nschte sich vermutlich, etwas f�r sie zu tun zu haben. Tarn hatte immer lieber �ber unangenehme Dinge gesprochen, wenn er seine H�nde besch�ftigen konnte, ob er nun die Riemen eines Geschirrs kontrollierte oder ein Schaf schor.</p><p><emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte Rand und versp�rte den pl�tzlichen Drang, Tarn in eine Umarmung zu rei�en. Erinnerungen und das Gef�hl von N�he stiegen wie eine Flut in ihm auf. Tarn, der f�r Bei Tine Branntwein in die Weinquellen-Schenke lieferte. Das Vergn�gen, das Tarn an seiner Pfeife hatte. Seine Geduld und seine Freundlichkeit. Das Schwert mit dem Reihenzeichen, das ihm geh�rte. <emphasis>Ich kenne ihn so gut. Und doch habe ich in letzter Zeit nur selten an ihn gedacht.</emphasis></p><p>�Wie ��, sagte Rand. �Tarn, wie kommst du her? Wie hast du mich gefunden?�</p><p>Tarn kicherte leise. �In den letzten Tagen hast du ununterbrochen Boten in die gr��ten St�dte der Welt geschickt und ihnen befohlen, ihre Heere f�r den Krieg aufzustellen. Ich glaube, ein Mann m�sste blind, taub und betrunken sein, um nicht zu wissen, wo du zu finden bist.�</p><p>�Aber meine Boten sind nicht zu den Zwei Fl�ssen gereist!�</p><p>�Dort war ich auch nicht�, sagte Tarn. �Ein paar von uns haben an Perrins Seite gek�mpft.�</p><p><emphasis>Nat�rlich,</emphasis> dachte Rand. Nynaeve musste mit Perrin Kontakt aufgenommen haben. Sie machte sich wegen ihm und Mat ja so gro�e Sorgen. Es w�re leicht f�r Tarn gewesen, sie auf dem R�ckweg zu begleiten.</p><p>F�hrten sie diese Unterhaltung tats�chlich? Rand hatte den Gedanken aufgegeben, zu den Zwei Fl�ssen zur�ckzukehren, seinen Vater jemals wiederzusehen. Mit ihm sprechen zu k�nnen f�hlte sich so gut an, auch wenn es zugleich unbehaglich war. Tams Gesicht wies mehr Falten als zuvor auf, und ein paar Str�hnen in seinem Haar hatten endlich aufgegeben und waren ergraut, aber er war noch immer derselbe.</p><p>So viele Menschen in Rands Umgebung hatten sich ver�ndert - Mat, Perrin, Egwene, Nynaeve -, es war ein Wunder, jemandem aus seinem alten Leben zu begegnen, der derselbe geblieben war. Tarn, der Mann, der Rand beigebracht hatte, das Nichts zu suchen. Tarn war ein Felsen, der ihm st�rker als der Stein von Tear vorkam.</p><p>Rands Stimmung verd�sterte sich. �Warte. Perrin hat M�nner aus den Zwei Fl�ssen bei sich?�</p><p>Tarn nickte. �Er brauchte uns. Der Junge hat einen Hochseilakt hingelegt, der jeden Menagerieartisten beeindrucken w�rde. Mit den Seanchanern und den M�nnern des Propheten, ganz zu schweigen von den Wei�m�nteln und der K�nigin ��</p><p>�Der K�nigin?�</p><p>�Aye. Obwohl sie sagt, sie sei keine K�nigin mehr. Elaynes Mutter.�</p><p>�Sie lebt?�, fragte Rand.</p><p>�Das tut sie, auch wenn sie das nicht den Wei�m�nteln zu verdanken hat�, sagte Tarn angewidert.</p><p>�Hat sie Elayne gesehen?�, wollte Rand wissen. �Du hast Wei�m�ntel erw�hnt - wie ist er denn Wei�m�nteln begegnet?� Tarn setzte zu einer Antwort an, aber Rand hob abwehrend die Hand. �Nein. Warte. Ich kann mir einen Bericht von Perrin holen, wenn ich will. Du sollst in unserer gemeinsamen Zeit nicht den Boten spielen.�</p><p>Tarn l�chelte schmal.</p><p>� Was?�, fragte Rand.</p><p>�Ach, mein Sohn�, sagte er und sch�ttelte den Kopf, die breiten, von der Arbeit gezeichneten H�nde noch immer verschr�nkt, �sie haben es wirklich getan. Sie haben einen K�nig aus dir gemacht. Was ist nur aus dem schlaksigen Knaben geworden, der Bei Tine so bestaunt hat? Wo ist der unsichere Junge, den ich vor all den Jahren gro�gezogen habe?�</p><p>�Er ist tot�, sagte Rand sofort.</p><p>Tarn nickte langsam. �Das sehe ich. Du � wei�t es also � das mit��</p><p>�Dass du nicht mein Vater bist?�, riet Rand.</p><p>Tarn nickte, dann senkte er den Blick.</p><p>�Ich wusste es seit dem Tag, an dem ich Emondsfelde verlie߫, erwiderte Rand. �Du hast im Fieber davon gesprochen. Eine Weile lang wollte ich es nicht glauben, aber schlie�lich habe ich mich davon �berzeugen lassen.�</p><p>�Ja�, sagte Tarn. �Das verstehe ich. Ich �� Seine H�nde verkrampften sich. �Ich wollte dich nie anl�gen, Sohn. Oder, nun, ich sollte dich wohl nicht so nennen, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Du kannst mich Sohn nennen,</emphasis> dachte Rand. <emphasis>Du bist mein Vater. Ganz egal, was manche auch sagen m�gen.</emphasis> Aber er bekam die Worte einfach nicht heraus.</p><p>Der Wiedergeborene Drache konnte keinen Vater haben. Ein Vater w�rde eine Schw�che sein, die man ausnutzen konnte, selbst noch mehr als eine Frau wie Min. Eine Geliebte erwartete man von ihm. Aber der Wiedergeborene Drache musste eine mythische Gestalt sein, eine Kreatur, die beinahe genauso gro� wie das Muster selbst war. Er hatte ohnehin schon genug Probleme, die Leute zum Gehorsam zu bewegen. Was w�rde geschehen, wenn bekannt wurde, dass er seinen Vater in seinem Gefolge hatte? Wenn bekannt wurde, dass sich der Wiedergeborene Drache auf die Kraft eines Sch�fers st�tzte?</p><p>Die leise Stimme in seinem Herzen schrie.</p><p>�Das hast du richtig gemacht, Tarn�, h�rte sich Rand sagen. �Dass du mir die Wahrheit vorenthalten hast, hat mir vermutlich das Leben gerettet. H�tten die Leute gewusst, dass ich ein Findelkind bin, das man ausgerechnet auch noch in der N�he des Drachenberges fand - nun, das h�tte sich herumgesprochen. M�glicherweise h�tte man mich als Kind umgebracht.�</p><p>�Oh�, sagte Tarn. �Nun, dann bin ich froh, dass ich es getan habe.�</p><p>Rand hob den Zugangsschl�ssel auf - auch er spendete ihm Trost -, dann stand er auf. Tarn tat es ihm hastig nach, benahm sich immer mehr wie ein weiterer Gefolgsmann oder Diener.</p><p>�Tarn al�Thor, du hast einen gro�en Dienst getan�, sagte Rand. �Indem du mich besch�tzt und gro�gezogen hast, hast du ein neues Zeitalter eingef�hrt. Die Welt schuldet dir viel.</p><p>Ich sorge daf�r, dass es dir f�r den Rest deines Lebens an nichts mangelt.�</p><p>�Das wei� ich zu sch�tzen�, erwiderte Tarn. �Aber das ist nicht n�tig. Ich habe alles, was ich brauche. Mein Lord.�</p><p>Unterdr�ckte er ein Grinsen? Vielleicht war es ja eine pomp�se Ansprache gewesen. Die Luft im Zimmer war stickig, und Rand drehte sich um, ging �ber den kostbaren Teppich und stie� die Balkont�ren wieder auf. Die Sonne war in der Tat untergegangen, Dunkelheit hatte sich �ber die Stadt gesenkt. Eine k�hle Meeresbrise empfing ihn, als er den Balkon und die Nacht betrat.</p><p>Tarn trat an seine Seite.</p><p>�Ich f�rchte, ich habe dein Schwert verloren�, h�rte sich Rand sagen. Sofort kam er sich albern vor.</p><p>�Das macht nichts�, erwiderte Tarn. �Ich wei� nicht, ob ich das Ding je verdient hatte.�</p><p>�Warst du wirklich ein Schwertmeister?�</p><p>Tarn nickte. �Ich denke schon. Ich t�tete einen Mann, der einer war, tat es vor Zeugen, aber ich habe mir das nie verziehen. Obwohl es n�tig war.�</p><p>�Diejenigen, bei denen es n�tig erscheint, scheinen oft die zu sein, bei denen wir das am wenigsten wollen.�</p><p>�Das kannst du laut sagen�, bemerkte Tarn mit leisem Seufzen und st�tzte sich auf die Balkonbr�stung. In der Dunkelheit unter ihnen flammte in vielen Fenstern Licht auf. �Das ist so merkw�rdig. Mein Junge, der Wiedergeborene Drache. All die Geschichten, die ich h�rte, als ich die Welt bereiste, nun bin ich ein Teil davon.�</p><p>�Was glaubst du, wie sich das f�r mich anf�hlt�, sagte Rand.</p><p>Tarn kicherte. �Ja. Ja, ich glaube, du wei�t genau, was ich meine, nicht wahr? Schon witzig, oder?�</p><p>�Witzig?� Rand sch�ttelte den Kopf. �Nein. Das nicht. Mein Leben geh�rt nicht mir. Ich bin eine Marionette des Musters und der Prophezeiungen, die f�r die Welt tanzen muss, bevor man mir die F�den durchschneidet.�</p><p>Tarn runzelte die Stirn. �Das ist nicht wahr, Sohn. �h, mein Lord.�</p><p>�Ich kann das nicht anders sehen.�</p><p>Tarn legte die Arme auf der glatten Steinbr�stung �bereinander. �Vermutlich kann ich das sogar verstehen. Diese Gef�hle sind mir nicht ganz fremd, wie damals in meiner Zeit als Soldat. Du wei�t, dass ich gegen Tear gek�mpft habe? Man sollte annehmen, dass meine Anwesenheit hier schmerzliche Erinnerungen heraufbeschw�rt. Aber ein Feind scheint oft wie der andere zu werden. Ich trage niemandem etwas nach.�</p><p>Rand stellte den Zugangsschl�ssel auf die Br�stung, hielt ihn aber fest umklammert. Er beugte sich nicht vor, sondern blieb gerade aufgerichtet.</p><p>�Ein Soldat hat auch nicht viele M�glichkeiten, was sein eigenes Schicksal angeht�, fuhr Tarn fort und tippte mit einem Finger leise auf die Br�stung. �Wichtigere M�nner treffen alle Entscheidungen. M�nner, nun, ich vermute mal, M�nner wie du.�</p><p>�Aber alle Entscheidungen trifft das Muster f�r mich�, sagte Rand. �Ich habe weniger Freiheiten als die Soldaten. Du h�ttest weglaufen k�nnen, desertieren. Oder h�ttest auf legale Weise da rauskommen k�nnen.�</p><p>�Und du kannst nicht weglaufen?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass das Muster das zulassen w�rde�, meinte Rand. �Was ich tue, ist zu wichtig. Es w�rde mich einfach wieder in Reih und Glied zwingen. Das hat es bereits schon ein Dutzend Mal getan.�</p><p>�Und du w�rdest <emphasis>wirklich</emphasis> weglaufen wollen?�, fragte Tarn.</p><p>Rand antwortete nicht.</p><p>�Diese Kriege h�tte ich hinter mir lassen k�nnen. Aber gleichzeitig war das auch unm�glich. Nicht ohne zu verraten, wer ich bin. Ich glaube, f�r dich gilt das Gleiche. Spielt es �berhaupt eine Rolle, ob du weglaufen <emphasis>kannst,</emphasis> wenn du doch genau wei�t, dass es nie f�r dich infrage k�me?�</p><p>�Am Ende von alldem hier werde ich sterben�, sagte Rand. �Und ich habe keine Wahl.�</p><p>Tarn richtete sich auf und runzelte die Stirn. Sofort hatte Rand wieder das Gef�hl, zw�lf Jahre alt zu sein. �Also so etwas will ich nicht h�ren�, sagte Tarn. �Auch wenn du der Wiedergeborene Drache bist, will ich es nicht h�ren. Du hast immer eine Wahl. Vielleicht kannst du dir nicht aussuchen, wo man dich zwingt hinzugehen, trotzdem bleibt dir immer noch die Wahl.�</p><p>�Aber wie?�</p><p>Tarn legte Rand die Hand auf die Schulter. �Bei der Wahl geht es nicht immer darum, was du tust, Sohn, sondern <emphasis>warum</emphasis> du es tust. Als ich Soldat war, gab es viele M�nner, die einfach nur f�r das Geld gek�mpft haben. Andere k�mpften aus Loyalit�t - Loyalit�t zu ihren Kameraden oder zur Krone oder was auch immer. Der Soldat, der f�r das Geld stirbt, ist genauso tot wie der Soldat, der aus Loyalit�t stirbt, aber zwischen ihnen besteht ein <emphasis>Unterschied.</emphasis> Der Tod des einen bedeutet etwas. Der des anderen bedeutet gar nichts.</p><p>Ich vermag nicht zu sagen, ob es stimmt, dass du sterben <emphasis>musst,</emphasis> damit das alles hier seinen vorgesehenen Gang nimmt. Aber wir wissen beide, dass du davor nicht weglaufen wirst. Auch wenn du dich ver�ndert hast, kann ich doch erkennen, dass viele Dinge gleich geblieben sind. Also h�re ich mir das Gejammer �ber dieses Thema nicht an.�</p><p>�Ich jammere nicht��, setzte Rand an.</p><p>�Ich wei�. K�nige jammern nicht, sie sinnen nach.� Er schien jemanden zu zitieren, auch wenn Rand nicht die geringste Ahnung hatte, wer das wohl sein mochte. Seltsamerweise kicherte Tarn kurz. �Es spielt auch keine Rolle�, fuhr er dann fort. �Rand, ich glaube, du kannst das hier �berleben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir das Muster keinen Frieden zugesteht - wenn man bedenkt, welchen Dienst du uns allen erweist. Aber du bist ein Soldat, der in den Krieg zieht, und das Erste, was ein Soldat lernt, ist die Tatsache, dass er dabei sterben k�nnte. Du kannst dir vielleicht nicht aussuchen, welche Pflichten du aufgetragen bekommst. Aber du kannst entscheiden, <emphasis>warum</emphasis> du sie erf�llst. Warum ziehst du in die Schlacht, Rand?�</p><p>�Weil ich es muss.�</p><p>�Das reicht nicht�, sagte Tarn. �Sollen doch die Kr�hen diese Frau fressen! Ich w�nschte, sie w�re fr�her zu mir gekommen. H�tte ich gewusst��</p><p>�Welche Frau?�</p><p>�Cadsuane Sedai�, sagte Tarn. �Sie hat mich geholt und gesagt, ich m�sste mit dir reden. Ich blieb weg, weil ich der Ansicht war, dass das Letzte, was du brauchst, dein Vater ist, der dir �ber die Schulter sieht!�</p><p>Tarn sprach weiter, aber Rand h�rte nicht mehr zu.</p><p>Cadsuane. Tarn war wegen <emphasis>Cadsuane</emphasis> gekommen. Nicht weil er Nynaeve begegnet war und die Gelegenheit ergriffen hatte. Nicht weil er nach seinem Sohn hatte sehen wollen. Sondern weil man ihn dazu <emphasis>manipuliert</emphasis> hatte.</p><p>W�rde diese Frau ihn denn niemals in Ruhe lassen?</p><p>Seine Gef�hle bei dem Wiedersehen mit Tarn waren so stark, dass sie das Eis weggekratzt hatten. Zu viel Zuneigung war wie zu viel Hass. Beides lie� ihn Gef�hle erleben, und das durfte er nicht riskieren.</p><p>Aber das hatte er. Und pl�tzlich �berw�ltigten ihn seine Gef�hle beinahe. Er erschauderte und wandte sich von Tarn ab. War ihre Unterhaltung denn blo� ein weiteres von Cadsuanes Spielchen gewesen? Welche Rolle hatte Tarn dabei gespielt?</p><p>�Rand?�, sagte Tarn. �Es tut mir leid. Ich h�tte die Aes Sedai nicht erw�hnen sollen. Sie sagte, dass du m�glicherweise �rgerlich bist, wenn ich sie erw�hne.�</p><p>�Was hat sie sonst noch gesagt?�, wollte Rand wissen und fuhr zu Tarn herum. Der st�mmige Mann trat z�gernd einen Schritt zur�ck. Um sie herum wehte der Nachtwind, die Lichter der Stadt waren Punkte in der Tiefe.</p><p>�Nun�, sagte Tarn, �sie sagte, dass ich �ber deine Jugend sprechen soll, dich an bessere Zeiten erinnere. Sie dachte ��</p><p>�Sie manipuliert mich!�, sagte Rand leise und erwiderte Tains Blick. �Und sie manipuliert dich. Hier will mich jeder an seine F�den kn�pfen!�</p><p>In ihm brodelte der Zorn. Er versuchte ihn zur�ckzudr�ngen, aber das fiel so schwer. Wo war das Eis, die Stille? Verzweifelt suchte Rand nach dem Nichts. Er versuchte s�mtliche Gef�hle in die Kerzenflamme zu entleeren, genau wie Tarn es ihm vor so langer Zeit beigebracht hatte.</p><p>Dort wartete <emphasis>Saidin.</emphasis> Ohne nachzudenken griff Rand danach, und indem er es tat, wurde er von den Gef�hlen �berw�ltigt, die er geglaubt hatte losgeworden zu sein. Das Nichts zerbrach, aber <emphasis>Saidin</emphasis> blieb irgendwie und k�mpfte mit ihm. Er schrie auf, als ihn die �belkeit traf, und trotzig schleuderte er ihr seinen Zorn entgegen.</p><p>�Rand�, sagte Tarn stirnrunzelnd. �Du solltest es doch besser wissen als ��</p><p>�HALT DEN MUND!�, br�llte Rand und warf Tarn mit einem Strom Luft zu Boden. Er rang mit seinem Zorn auf der einen Seite und <emphasis>Saidin</emphasis> auf der anderen. Sie drohten ihn zwischen sich zu zermalmen.</p><p>Aus diesem Grund musste er stark sein. Konnten sie das denn nicht begreifen? Wie sollte man denn lachen k�nnen, wenn man sich mit solchen M�chten konfrontiert sah?</p><p>�Ich bin der Wiedergeborene Drache!�, schleuderte Rand <emphasis>Saidin</emphasis> entgegen, Tarn, Cadsuane, dem Sch�pfer selbst. �Ich werde nicht euer Spielzeug sein!� Er richtete den Zugangsschl�ssel auf Tarn. Sein Vater lag auf dem Boden des Balkons. �Du kommst von Cadsuane und behauptest, mir deine Zuneigung zu zeigen. Aber du willst mir nur einen weiteren ihrer F�den um den Hals kn�pfen! Kann ich nicht von euch allen befreit sein?�</p><p>Er hatte die Kontrolle verloren. Aber das war ihm egal. Sie wollten, dass er etwas f�hlte. Also <emphasis>w�rde</emphasis> er etwas f�hlen! Sie wollten, dass er lachte? Er w�rde lachen, wenn sie brannten!</p><p>Er schrie sie alle an und webte Str�nge aus Luft und Feuer. In seinem Kopf heulte Lews Therin, <emphasis>Saidin</emphasis> versuchte sie beide zu vernichten, und die leise Stimme in seinem Herzen verschwand.</p><p>Ein winziger Lichtpunkt trat vor Rand in Erscheinung, wuchs aus dem Mittelpunkt des Zugangsschl�ssels. Die Gewebe von Baalsfeuer wirbelten vor ihm, und der Zugangsschl�ssel wurde immer heller, als er immer mehr Macht hineinzog.</p><p>In diesem Lichtschein sah Rand das Gesicht seines Vaters, der zu ihm aufschaute. Voller Angst. <emphasis>Was tue ich hier?</emphasis></p><p>Rand fing am ganzen K�rper an zu zittern, das Baalsfeuer l�ste sich auf, bevor er Gelegenheit hatte, es zu benutzen. Entsetzt stolperte er zur�ck.</p><p><emphasis>Was TUE ich hier?,</emphasis> dachte Rand erneut.</p><p><emphasis>Nicht mehr, als ich auch getan habe,</emphasis> fl�sterte Lews Therin.</p><p>Tarn starrte ihn immer noch an, das Gesicht verborgen vom Schatten der Nacht.</p><p><emphasis>Beim Licht,</emphasis> dachte Rand voller Entsetzen, Unglaube und Zorn. <emphasis>Ich tue es wieder. Ich bin ein Ungeheuer.</emphasis></p><p>Noch immer zaghaft <emphasis>Saidin</emphasis> haltend, webte Rand ein Wegetor nach Ebou Dar, duckte sich hindurch und floh vor dem Entsetzen in Tams Augen.</p></section><section><title><p>48</p><p>Bl�ttern im Kommentar</p></title><p>Min sa� in Cadsuanes kleinem Zimmer und wartete zusammen mit den anderen auf das Ergebnis von Rands Begegnung mit seinem Vater. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, und Lampen in jeder Zimmerecke versorgten die Frauen mit Licht, die verschiedenen Aktivit�ten nachgingen, um sich abzulenken. Sticken, L�cher stopfen, stricken.</p><p>Min bedauerte nicht l�nger ihre Entscheidung, ein B�ndnis mit Cadsuane einzugehen; das hatte sie bereits hinter sich gebracht. Das Bedauern hatte sich schnell eingestellt, schon w�hrend der ersten Tage, in denen Cadsuane sie in ihrer N�he gehalten und �ber jede Sicht ausgefragt hatte, die sie je von Rand gehabt hatte. Die Frau war so akribisch wie eine Braune und schrieb jede Vision und jede Antwort nieder. Es war, als bef�nde sie sich wieder in der Wei�en Burg!</p><p>Min vermochte nicht genau zu sagen, warum Nynaeves Einknicken vor Cadsuane der Frau das Recht gegeben hatte, sie zu verh�ren, aber so schien sie es zu interpretieren. Rechnete man dann noch das Unbehagen hinzu, das Min in letzter Zeit in Rands Gegenwart versp�rte, und ihr eigener Wunsch herauszufinden, was Cadsuane und die Weisen Frauen eigentlich planten, schien sie praktisch ihre ganze Zeit mit der Frau zu verbringen.</p><p>Ja, das Bedauern war gekommen und verflogen. Es war durch Resignation ersetzt worden, in die sich ein Hauch Ungeduld mischte. Cadsuane wusste viel �ber das Material, das Min in ihren B�chern studierte, aber die Frau verteilte ihr Wissen wie Wolkenbeerenmarmelade, eine kleine Belohnung f�r braves Benehmen, der stets die Andeutung anhaftete, dass es davon noch mehr geben w�rde. Das hielt Min davon ab, die Flucht zu ergreifen.</p><p>Sie <emphasis>musste</emphasis> die Antworten finden. Rand brauchte sie.</p><p>Mit diesem Gedanken im Kopf lehnte sich Min auf ihrer gepolsterten Bank zur�ck und schlug ihr derzeitiges Buch auf, ein Werk von Sajius mit dem schlichten Titel <emphasis>Ein Kommentar �ber den Drachen.</emphasis> Vor allem eine Zeile darin lie� sie nicht mehr los, ein Satz, den die meisten Kommentatoren ignoriert hatten. <emphasis>Er wird eine Klinge aus Licht in der Hand halten, und die drei sollen eins sein.</emphasis></p><p>Die Kommentatoren waren der Ansicht gewesen, dass dieser Satz viel zu vage war, wenn man ihn mit anderen Passagen verglich - beispielsweise dass Rand den Stein eroberte oder sein Blut auf den Felsen des Shayol Ghul vergossen werden w�rde.</p><p>Sie bem�hte sich, nicht �ber Letzteres nachzudenken. Hier kam es darauf an, dass viele Prophezeiungen durchaus Sinn machten, wenn man dar�ber nachdachte. Sogar die Zeilen, dass Rand von den Drachen und den Reihern markiert werden w�rde, ergaben Sinn, wenn man es im Nachhinein betrachtete.</p><p>Aber was war mit dieser Zeile? Eine Klinge aus Licht, damit war mit Sicherheit <emphasis>Callandor</emphasis> gemeint. Aber was war mit �drei sollen eins sein�? Ein paar Gelehrte behaupteten, bei den �dreien� handele es sich um die drei gro�en St�dte-Tear, Illian und Caemlyn. War der Gelehrte zuf�llig ein Cairhiener, waren es eben Tear, Illian und Cairhien. Das Problem bestand nur darin, dass Rand viel mehr als nur drei St�dte vereint hatte. Er hatte auch Bandar Eban erobert, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass er die Grenzl�nder unter sein Banner zwingen musste.</p><p>Aber er war der Herrscher - jedenfalls so gut wie - von drei K�nigreichen. Andor hatte er aufgegeben, aber Cairhien, Illian und Tear standen direkt unter seiner Kontrolle, selbst wenn er pers�nlich nur eine der Kronen trug. Vielleicht bedeutete diese Passage ja genau das, was die Gelehrten meinten, und sie jagte Gespenstern hinterher.</p><p>Waren ihre Studien genauso unn�tz wie der Schutz, den sie Rand zu geben geglaubt hatte? <emphasis>Min,</emphasis> sagte sie sich, <emphasis>Selbstmitleid nutzt dir nicht das Geringste.</emphasis> Sie konnte nur studieren, nachdenken und hoffen.</p><p>�Das ist falsch�, h�rte sie sich laut sagen.</p><p>Beldeines ver�chtliches Schnauben kam von der anderen Seite des Zimmers. Min schaute stirnrunzelnd auf.</p><p>Die Frauen, die Rand den Treueid geschworen hatten - Erian, Nesune, Sarene und Beldeine - hatten entdecken m�ssen, dass sie in seiner Gegenwart nicht mehr so willkommen waren wie fr�her, seit er den Aes Sedai immer weniger vertraute. Die einzige, die er immer empfing, war Nynaeve. Darum war es nicht seltsam, dass die anderen ihren Weg in Cadsuanes �Lager� gefunden hatten.</p><p>Und was war mit Mins Beziehung zu Rand? Sie war ihm immer noch willkommen; das hatte sich nicht ver�ndert. Aber etwas stimmte nicht, etwas <emphasis>war falsch.</emphasis> Er baute Mauern auf, wenn sie in seiner N�he war - nicht um sie fernzuhalten, sondern um den wahren Rand einzusperren. Als h�tte er Angst, was sein wahres Ich denjenigen, die er liebte, antun w�rde oder konnte �</p><p>Er <emphasis>hat wieder Schmerzen,</emphasis> dachte sie und f�hlte ihn durch den Bund. <emphasis>Solcher Zorn.</emphasis> Was ging da vor sich? Ein Stich der Furcht durchzuckte sie, aber sie zwang ihn nieder. Sie musste Cadsuanes Plan vertrauen. Er war gut.</p><p>Corele und Merise - die im Augenblick Cadsuane beinahe rund um die Uhr dienten - sa�en auf zueinander passenden St�hlen am Kamin und fuhren mit ihren Stickarbeiten fort. Cadsuane hatte ihnen die Arbeit vorgeschlagen, damit sie etwas zu tun hatten, w�hrend sie warteten. Es hatte den Anschein, als t�te die alte Aes Sedai nur selten etwas, ohne jemandem damit eine Lektion erteilen zu wollen.</p><p>Von den Rand verschworenen Aes Sedai war im Augenblick nur Beldeine anwesend. Cadsuane sa� lesend in Mins N�he.</p><p>Nynaeve ging auf und ab und zerrte gelegentlich an ihrem Zopf. Niemand sprach von der Anspannung im Raum.</p><p>Wor�ber redeten Rand und Tarn da blo�? W�rde Rands Vater wohl in der Lage sein, ihn umzustimmen?</p><p>Das Zimmer war �berf�llt. Mit den drei St�hlen auf dem Teppich vor dem Kamin, der Bank an der Wand und Nynaeve, die vor der T�r auf und ab tigerte, war hier kaum genug Platz, um sich bewegen zu k�nnen. Die glatten Steinw�nde verliehen dem Ort die Atmosph�re einer Kiste, und es gab nur ein einziges Fenster, das ge�ffnet stand und die Nachtluft einlie�. Es befand sich hinter Cadsuane. Licht kam von den Scheiten im Kamin und den Lampen. Die Beh�ter unterhielten sich leise im angrenzenden Zimmer.</p><p>Ja, es war beengt, aber zog man Cadsuanes Verbannung in Betracht, konnte sie froh sein, �berhaupt ein Quartier im Stein bekommen zu haben.</p><p>Min seufzte und wandte sich wieder <emphasis>Ein Kommentar �ber den Drachen</emphasis> zu. Wieder las sie den Satz. <emphasis>Er wird eine Klinge aus Licht in der Hand halten, und die drei sollen eins sein.</emphasis> Was bedeutete das nur?</p><p>�Cadsuane?� Min hielt das Buch hoch. �Ich glaube, die Interpretation dieses Satzes ist falsch.�</p><p>Wieder stie� Beldeine ein leises, ver�chtliches Schnauben aus.</p><p>�Habt Ihr etwas zu sagen, Beldeine?�, fragte Cadsuane, ohne von ihrem eigenen Buch aufzuschauen, einer geschichtlichen Abhandlung mit dem Titel <emphasis>Die richtige Beherrschung der Macht.</emphasis></p><p>�Eigentlich nicht, Cadsuane Sedai�, erwiderte Beldeine leichthin. Die Gr�ne hatte ein Gesicht, das man durchaus als h�bsch bezeichnen h�tte k�nnen und Spuren ihrer saldaeanischen Herkunft aufwies. Jung genug, um noch kein altersloses Gesicht zu haben, schien sie sich oft zu sehr darum zu bem�hen, sich beweisen zu wollen.</p><p>�Offensichtlich habt Ihr doch etwas <emphasis>gedacht,</emphasis> als Min sprach�, meinte Cadsuane und bl�tterte um. �Raus damit.�</p><p>Beldeine err�tete etwas - diese Dinge fingen an einem aufzufallen, wenn man viel Zeit mit Aes Sedai verbrachte. Sie <emphasis>zeigten</emphasis> Gef�hlsreaktionen, sie waren nur schwer zu erkennen. Solange es sich nat�rlich nicht um Nynaeve handelte. Auch wenn sie besser darin geworden war, ihre Gef�hle zu verbergen, war sie � nun, sie war immer noch Nynaeve.</p><p>Beldeine sagte: �Ich finde das Kind einfach am�sant, wie sie in diesen B�chern herumbl�ttert, als w�re sie eine Gelehrte.�</p><p>Bei den meisten Leuten h�tte Min das als Herausforderung betrachtet, aber bei Beldeine war es einfach nur eine n�chterne Feststellung.</p><p>Cadsuane bl�tterte die n�chste Seite um. �Ich verstehe. Min, was meintet Ihr gerade?�</p><p>�Nichts Wichtiges, Cadsuane Sedai.�</p><p>�Ich habe nicht gefragt, ob es wichtig ist, Kind�, sagte Cadsuane forsch. �Ich bat Euch, es zu wiederholen. Raus damit.�</p><p>Min seufzte. Niemand konnte einen besser dem�tigen als eine Aes Sedai, denn sie taten es ohne B�swilligkeit. Moiraine hatte es ihr einmal mit einfachen Worten erkl�rt: Die meisten Aes Sedai vertraten die Ansicht, dass es wichtig war, Hierarchien in ruhigen Zeiten zu festigen, damit die Leute im Augenblick der Krise wussten, an wen sie sich wenden mussten.</p><p>Es war sehr frustrierend.</p><p>�Ich sagte�, wiederholte Min, �dass ein Satz falsch ist. Ich lese einen Kommentar �ber den Karaethon-Zyklus. Sajius behauptet, dass dieser Satz �ber die drei, die eins werden, von der Vereinigung dreier K�nigreiche unter dem Banner des Drachen spricht. Aber ich glaube, dass er sich da irrt.�</p><p>�Und warum glaubt Ihr dar�ber mehr zu wissen als ein respektierter Gelehrter der Prophezeiungen?�, fragte Cadsuane.</p><p>Min reagierte gereizt. �Weil die Theorie keinen Sinn ergibt. In Wirklichkeit h�lt Rand nur eine Krone. Das Argument w�re vielleicht von Wert, h�tte er Tear nicht an Darlin weitergereicht. Aber diese Theorie stimmt nicht l�nger. Ich glaube, diese Passage hat etwas damit zu tun, wie er <emphasis>Callandor</emphasis> benutzen muss.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Cadsuane und bl�tterte die n�chste Seite in ihrem Buch um. �Das ist eine sehr unkonventionelle Interpretation.� Beldeine l�chelte schmal und wandte sich wieder ihrer Stickarbeit zu. �Nat�rlich habt Ihr v�llig recht�, f�gte Cadsuane dann hinzu.</p><p>Min schaute auf.</p><p>�Genau diese Passage hat mich darauf gebracht, <emphasis>Callandor</emphasis> zu untersuchen�, fuhr Cadsuane fort. �Mit viel Aufwand entdeckte ich, dass das Schwert nur von einem Zirkel aus drei Leuten vern�nftig benutzt werden kann. Vermutlich geht es letztlich darum in dieser Passage.�</p><p>�Aber das w�rde andeuten, dass Rand <emphasis>Callandor</emphasis> irgendwann mit einem Zirkel benutzen muss�, sagte Min und las die Stelle erneut. Soweit sie wusste, hatte er das noch nie getan.</p><p>�Das w�rde es�, meinte Cadsuane.</p><p>Pl�tzlich versp�rte Min Aufregung. Vielleicht ein Hinweis. Etwas, das Rand nicht wusste, das ihm vielleicht helfen w�rde! Aber � Cadsuane hatte es bereits gewusst. Also hatte Min doch nichts wirklich Entscheidendes entdeckt.</p><p>�Ich glaube�, sagte Cadsuane, �dass eine Anerkennung f�llig ist. Schlie�lich darf man schlechte Manieren nicht tolerieren.�</p><p>Mit finsterer Miene schaute Beldeine von ihrer Arbeit auf. Dann stand sie abrupt auf und verlie� das Zimmer. Ihr Beh�ter, ein junger Asha�man namens Karldin, eilte aus dem Nebenraum, durchquerte das Zimmer mit den Aes Sedai und folgte Beldeine in den Korridor hinaus. Cadsuane schnaubte nur und wandte sich wieder ihrem Buch zu.</p><p>Die T�r schloss sich, und Nynaeve warf Min einen Blick zu, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Dieser Blick verriet Min eine Menge. Es �rgerte Nynaeve, dass sonst niemand nerv�s erschien. Es �rgerte sie, dass sie keine M�glichkeit gefunden hatten, irgendwie bei Rand und Tams Unterhaltung zu lauschen. Und offensichtlich hatte sie schreckliche Angst um Lan. Min verstand das. Sie empfand �hnlich f�r Rand.</p><p>Und � was war das f�r eine Vision, die pl�tzlich �ber Nynaeves Kopf schwebte? Sie kniete voller Trauer �ber einer Leiche. Einen Augenblick sp�ter war die Sicht auch schon wieder verschwunden.</p><p>Min sch�ttelte den Kopf. Diese Sicht konnte sie nicht interpretieren, also schob sie sie beiseite. Sie konnte nicht ihre Zeit mit dem Versuch verschwenden, sie alle zu ergr�nden. Zum Beispiel konnte das schwarze Messer, das k�rzlich �ber Beldeines Kopf gewirbelt war, alles M�gliche bedeuten.</p><p>Sie konzentrierte sich wieder auf das Buch. Also � Rand w�rde <emphasis>Callandor</emphasis> als Angeh�riger eines Zirkels benutzen? Die drei wurden eins? Aber aus welchem Grund und mit wem? Wenn er den Dunklen K�nig bek�mpfen sollte, dann machte es doch f�r ihn keinen Sinn, einem Zirkel anzugeh�ren, den ein anderer kontrollierte, oder?</p><p>�Cadsuane�, sagte sie. �Das stimmt immer noch nicht. Da gibt es noch mehr. Etwas, das wir noch nicht entdeckt haben.�</p><p>��ber <emphasis>Callandor?�,</emphasis> fragte die Frau.</p><p>Min nickte.</p><p>�Das vermute ich auch�, erwiderte Cadsuane. Wie seltsam, sie einmal offen sprechen zu h�ren! �Aber ich habe nicht feststellen k�nnen, was es ist. W�rde der alberne Junge nur mein Exil zur�cknehmen, k�nnten wir endlich weitermachen und wichtige Dinge ��</p><p>Die T�r wurde ungest�m aufgesto�en, was Merise zusammenzucken lie�. Nynaeve machte einen Satz zur�ck - die T�r h�tte sie beinahe getroffen.</p><p>Auf der Schwelle stand ein sehr w�tender Tarn al�Thor. Er starrte Cadsuane an. �Was habt Ihr mit ihm gemacht?�, verlangte er zu wissen.</p><p>Cadsuane senkte das Buch. �Ich habe <emphasis>nichts</emphasis> mit dem Jungen gemacht, au�er ihn zu mehr H�flichkeit anzuhalten. Etwas, das andere Mitglieder dieser Familie anscheinend ebenfalls lernen sollten.�</p><p>�H�tet Eure Zunge, Aes Sedai�, knurrte Tarn. �Habt Ihr ihn gesehen? Bei seinem Eintreten schien sich der ganze <emphasis>Raum</emphasis> zu verfinstern. Und dieses Gesicht - ich habe schon mehr Gef�hle in den Augen einer Leiche gesehen! Was ist mit meinem Sohn passiert?�</p><p>�Ich nehme also an�, sagte Cadsuane, �dass das Wiedersehen nicht wie erhofft verlaufen ist?�</p><p>Tarn holte tief Luft, und pl�tzlich schien die ganze Wut aus ihm zu entweichen. Er war noch immer energisch und schaute unzufrieden drein, aber der Zorn war verschwunden. Min hatte schon erlebt, dass sich Rand schnell wieder unter Kontrolle brachte. Bevor die Dinge in Bandar Eban so schiefgegangen waren.</p><p>�Er wollte mich umbringen�, sagte Tarn tonlos. �Mein eigener Sohn. Einst war er ein so sanfter und treuer Junge, wie sich ein Vater nur w�nschen konnte. Heute Abend lenkte er die Eine Macht und wandte sie gegen mich.�</p><p>Min hob eine Hand zum Mund und versp�rte Panik. Diese Worte brachten Erinnerungen zur�ck, wie Rand sich �ber sie beugte und versuchte, sie umzubringen.</p><p>Aber das war nicht er gewesen! Es war Semirhage gewesen. Oder nicht? <emphasis>Oh, Rand,</emphasis> dachte sie und begriff nun den Schmerz, den sie durch den Bund gesp�rt hatte. <emphasis>Was hast du getan?</emphasis></p><p>�Interessant�, sagte Cadsuane kalt. �Und habt Ihr die Worte benutzt, die ich f�r Euch vorbereitet habe?�</p><p>�Ich habe damit angefangen�, erwiderte Tarn, �aber dann wurde mir klar, dass es nicht funktioniert. Er wollte sich mir nicht �ffnen, und warum auch. Ein Mann benutzt bei seinem eigenen Sohn die Vorlage einer Aes Sedai! Ich wei� nicht, was Ihr ihm angetan habt, Frau, aber ich erkenne Hass, wenn er mir begegnet. Ihr habt eine Menge zu erkl�ren ��</p><p>Tarn unterbrach sich, als ihn unsichtbare H�nde in die Luft hoben. �Ihr erinnert Euch doch sicherlich daran, was ich �ber H�flichkeit sagte, Junge?�, fragte Cadsuane.</p><p>�Cadsuane!�, sagte Nynaeve. �Es ist nicht n�tig, dass Ihr ��</p><p>�Schon gut, Dorfseherin�, sagte Tarn. Er sah Cadsuane an. Min hatte schon miterlebt, wie sie andere so behandelte, Rand eingeschlossen. Er war immer frustriert gewesen, und die anderen, bei denen sie das getan hatte, neigten zum Br�llen.</p><p>Tarn starrte ihr in die Augen. �Ich kenne M�nner, deren Antwort auf jede Herausforderung immer ihre F�uste sind. Ich habe die Aes Sedai noch nie gemocht; ich war froh, sie losgeworden zu sein, als ich auf meinen Hof zur�ckkehrte. Ein R�pel ist ein R�pel, ob er nun die Kraft seiner Arme benutzt oder etwas anderes.�</p><p>Cadsuane schnaubte, aber die Worte hatten sie ge�rgert, denn sie setzte Tarn wieder ab.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir jetzt zum wichtigen Teil zur�ckkehren�, sagte Nynaeve, als h�tte sie die Unterhaltung entsch�rft. �Tarn al�Thor, ich h�tte erwartet, dass ausgerechnet Ihr von allen Leuten das besser regelt. Haben wir Euch nicht gewarnt, dass Rand unberechenbarer geworden ist?�</p><p>�Unberechenbar?�, sagte Tarn. �Nynaeve, dieser Junge ist so gut wie dem <emphasis>Wahnsinn</emphasis> verfallen. Was ist mit ihm passiert? Ich kann ja verstehen, was eine Schlacht mit einem Mann anrichten kann, aber ��</p><p>�Das ist irrelevant�, sagte Cadsuane. �Ihr begreift, Kind, dass das m�glicherweise unsere letzte Gelegenheit war, Euren Sohn zu retten?�</p><p>�H�ttet Ihr mir erkl�rt, was er von Euch h�lt, w�re das vielleicht anders verlaufen�, sagte Tarn. �Soll man mich doch zu Asche verbrennen! Das habe ich davon, dass ich auf Aes Sedai h�re.�</p><p>�Das habt Ihr davon, weil Ihr ein Wollkopf seid und ignoriert, was man Euch sagt!�, warf Nynaeve ein.</p><p>�Das haben wir alle davon�, sagte Min, �weil wir annehmen, wir k�nnten ihn dazu <emphasis>zwingen,</emphasis> das zu tun, was wir wollen.�</p><p>Stille kehrte in den Raum ein.</p><p>Und pl�tzlich wurde sich Min durch ihren Bund bewusst, dass sie Rand f�hlen konnte. In der Ferne, weit im Westen. �Er ist weg�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja.� Tarn seufzte. �Er �ffnete eines dieser Wegetore direkt auf dem Balkon. Lie� mich am Leben, obwohl ich, als ich ihm in die Augen sah, geschworen h�tte, dass er mich umbringen will. Diesen Ausdruck habe ich schon in den Augen anderer M�nner gesehen, und einer von uns beiden endete dann immer blutend auf dem Boden.�</p><p>�Was ist dann geschehen?�, fragte Nynaeve.</p><p>�Pl�tzlich schien er von etwas � abgelenkt zu sein�, sagte Tarn. � Er nahm diese kleine Statue und sprang durch das Tor.�</p><p>Cadsuane hob eine Braue. �Und habt Ihr zuf�llig gesehen, wo ihn das Tor hingebracht hat?�</p><p><emphasis>Nach Westen,</emphasis> dachte Min. <emphasis>Weit nach Westen.</emphasis></p><p>�Ich bin mir nicht sicher�, gab Tarn zu. �Es war dunkel, aber ich glaubte ��</p><p>� Was?�, hakte Nynaeve nach.</p><p>�Ebou Dar�, sagte Min und �berraschte sie alle. �Er ist losgezogen, um die Seanchaner zu vernichten. Genau wie er es den T�chtern gesagt hat.�</p><p>�Davon wei� ich nichts�, sagte Tarn. �Aber es sah nach Ebou Dar aus.�</p><p>�Das Licht bewahre uns�, fl�sterte Corele.</p></section><section><title><p>49</p><p>Der Mann in der Menge</p></title><p>Rand ging mit gesenktem Kopf und hatte den Armstumpf in die Manteltasche geschoben; der Zugangsschl�ssel war sicher in ein wei�es Tuch gewickelt und an seiner Seite am G�rtel befestigt. Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit. Er war nur ein Mann in der Menge, einer von vielen, die durch die Stra�en von Ebou Dar gingen. Nichts Besonderes, und das trotz der Tatsache, dass er gr��er als die meisten war. Er hatte r�tliches Haar, was vielleicht auf einen Anteil von Aielblut hindeutete. Aber k�rzlich waren viele seltsame Leute in die Stadt geflohen, um den Schutz der Seanchaner zu suchen. Was bedeutete da schon einer mehr?</p><p>Solange jemand die Macht nicht lenken konnte, konnte er hier Stabilit�t finden. Sicherheit.</p><p>Das st�rte ihn. Sie waren seine Feinde. Sie waren Eroberer. Er vertrat die Ansicht, dass ihre L�nder nicht friedlich h�tten sein d�rfen. Sie h�tten schrecklich sein m�ssen, voller Leid wegen ihrer tyrannischen Herrschaft. Aber so war das �berhaupt nicht.</p><p>Es sei denn, man konnte die Macht lenken. Was die Seanchaner dieser Gruppe von Menschen antaten, war einfach nur entsetzlich. Unter dieser gl�cklichen Oberfl�che war bei weitem nicht alles in Ordnung. Und doch war es schockierend zu sehen, wie gut sie die anderen behandelten.</p><p>Drau�en vor der Stadt lagerten gro�e Gruppen Kesselflicker. Ihre Wagen waren seit Wochen nicht bewegt worden, und es hatte den Anschein, als w�rden sie D�rfer gr�nden. Rand hatte einige von ihnen davon sprechen h�ren, sich niederzulassen.</p><p>Andere hatten sich nat�rlich dagegen ausgesprochen. Sie waren die Kesselflicker, das fahrende Volk. Wie wollten sie das Lied finden, wenn sie nicht danach suchten? Das war genauso sehr ein Teil von ihnen wie der Weg des Blattes.</p><p>Letzte Nacht hatte Rand ihnen am Lagerfeuer zugeh�rt. Sie hatten ihn willkommen gehei�en, ihm zu essen gegeben und nicht ein einziges Mal gefragt, wer er eigentlich war. Er hatte den Drachen auf seiner Hand verborgen und den Zugangsschl�ssel sorgf�ltig in der Manteltasche versteckt, hatte ins Feuer gesehen, bis es niederbrannte.</p><p>Er war noch nie in Ebou Dar gewesen; er hatte nur die H�hen im Norden besucht, wo er die Seanchaner mit <emphasis>Callandor</emphasis> bek�mpfte. Das war ein Ort der Niederlage gewesen. Jetzt war er nach Altara zur�ckgekehrt. Aber wozu?</p><p>Als sich am Morgen die Stadttore ge�ffnet hatten, war er mit den anderen, die w�hrend der Nacht eingetroffen waren, eingetreten. Die Kesselflicker hatten sie alle aufgenommen; sie erhielten von den Seanchanern Lebensmittelrationen, um sp�te Reisende versorgen zu k�nnen. Das war nur eine ihrer vielen T�tigkeiten. Sie reparierten T�pfe, n�hten Uniformen und erledigten alle m�glichen anderen Arbeiten. Daf�r erhielten sie zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte den Schutz der Herrscher.</p><p>Rand hatte genug Zeit mit den Aiel verbracht, um etwas von ihrer Verachtung f�r die Kesselflicker zu �bernehmen. Aber diese Verachtung rang mit seinem Wissen, dass die Tuatha�an in vielerlei Hinsicht der echten, traditionelleren Lebensweise der Aiel folgten. Rand konnte sich daran <emphasis>erinnern,</emphasis> wie es war, so wie sie zu leben. In den Visionen von Rhuidean war er dem Weg des Blattes gefolgt. Er hatte auch das Zeitalter der Legenden gesehen. F�r ein paar kurze Augenblicke hatte er diese Leben gelebt, die Leben von anderen.</p><p>Er ging �ber die dicht bev�lkerten Stra�en der schw�len Stadt und f�hlte sich noch immer irgendwie benommen. Vergangene Nacht hatte er seinen teuren schwarzen Mantel bei einem Kesselflicker gegen einen schlichten braunen Umhang eingetauscht, der an vielen Stellen geflickt und dessen Saum ausgefranst war. Keinen Kesselflickerumhang, einfach einen, den ein Kesselflicker f�r einen Mann gen�ht hatte, der ihn nie abgeholt hatte. Damit w�rde er weniger auffallen, selbst wenn er nun den Zugangsschl�ssel an den G�rtel binden musste, statt ihn in seiner tiefen Tasche zu transportieren. Der Kesselflicker gab ihm auch einen Wanderstab, den Rand leicht geb�ckt beim Gehen benutzte. Gr��e w�rde ihn m�glicherweise hervorheben. Bei diesen Menschen wollte er unsichtbar sein.</p><p>Um ein Haar h�tte er seinen Vater get�tet. Dazu hatte ihn weder Semirhage noch Lews Therins Einfluss gezwungen. Keine Entschuldigungen. Keine Diskussionen. Er, Rand al�Thor, hatte versucht, seinen eigenen Vater zu t�ten. Er hatte sich mit der Macht gef�llt, die Gewebe hergestellt und sie beinahe benutzt.</p><p>Rands Zorn war verschwunden. Abscheu hatte ihn ersetzt. Abh�rten hatte er sich wollen. Er hatte hart sein <emphasis>m�ssen.</emphasis> Aber die H�rte hatte ihn genau dorthin gebracht. Lews Therin hatte den Wahnsinn f�r seine Gr�ueltaten verantwortlich machen k�nnen. Rand hatte nichts dergleichen, kein Versteck, an dem er sich vor sich selbst verbergen konnte. Ebou Dar. Es war eine gesch�ftige Stadt, die aus allen N�hten platzte und von ihrem gro�en Fluss in der Mitte geteilt wurde. Rand war durch die Westseite gegangen, �ber Pl�tze mit gro�en Statuen und Stra�en, die von Reihen wei�er H�user mit vielen Stockwerken ges�umt wurden. Oft kam er an M�nnern vorbei, die mit F�usten oder Messern k�mpften, und niemand machte sich die M�he, sie voneinander zu trennen. Selbst die Frauen trugen Messer um den Hals, die in juwelengeschm�ckten Scheiden steckten, �ber tief ausgeschnittenen Kleidern mit bunten Unterr�cken.</p><p>Er ignorierte sie alle. Stattdessen dachte er an die Kesselflicker. Die Kesselflicker waren hier sicher, aber in seinem Reich war nicht einmal sein eigener Vater sicher. Selbst seine Freunde f�rchteten ihn; er hatte es Nynaeve von den Augen ablesen k�nnen.</p><p>Die Menschen hier hatten keine Angst. Seanchanische Offiziere mit diesen insektenartigen Helmen bewegten sich durch die Menge. Die Leute machten ihnen Platz, aber es geschah aus Respekt. Rand belauschte die B�rger; sie waren froh �ber die Stabilit�t. Sie priesen die Seanchaner sogar daf�r, sie erobert zu haben!</p><p>Rand �berquerte eine kleine Br�cke �ber einen Kanal. Kleine Boote trieben �ber den Wasserweg, Bootsf�hrer gr��ten einander. Die Stadt schien v�llig planlos gewachsen zu sein; wo Rand H�user erwartete, fand er Gesch�fte, aber statt dass sich �hnliche L�den zusammengruppierten, wie es in den meisten St�dten �blich war, waren sie hier v�llig zuf�llig verteilt. Auf der anderen Seite der Br�cke passierte er ein gro�es wei�es Haus, an das sich eine Schenke anschloss.</p><p>Ein Mann in einer bunten Seidenweste rempelte Rand an und setzte zu einer langwierigen, �berm��ig h�flichen Entschuldigung an. Rand eilte weiter, bevor der Mann noch ein Duell wollte.</p><p>Keineswegs erweckten die Menschen den Eindruck eines unterdr�ckten Volkes. Da war keine unterschwellige Feindseligkeit. Die Seanchaner hatten Ebou Dar viel besser im Griff, als Rand Bandar Eban unter Kontrolle gehabt hatte, und die Menschen hier waren gl�cklich - bl�hten sogar auf. Nat�rlich war Altara als K�nigreich nie besonders stark gewesen. Rand wusste von seinen Tutoren, dass sich die Autorit�t der Krone nie weit �ber die Stadtgrenzen hinaus erstreckt hatte. Das war bei den anderen von den Seanchanern eroberten Orten nicht viel anders gewesen. Tarabon, Amadicia, die Ebene von Almoth. Einige waren stabiler als Altara, andere weniger, aber sie alle hie�en die Sicherheit willkommen.</p><p>Rand blieb stehen und lehnte sich an ein weiteres wei�es Geb�ude, in dem ein Hufschmied zugange war. Er hob den Stumpf an die Schl�fe, versuchte einen klaren Kopf zu bekommen.</p><p>Er wollte sich nicht dem stellen, was er beinahe im Stein getan hatte. Er wollte sich nicht dem stellen, was er getan hatte:</p><p>Luft zu weben und Tarn zu Boden zu schleudern, ihn wie ein Verr�ckter tobend zu bedrohen.</p><p>Rand konnte sich nicht darauf konzentrieren. Er war nicht nach Ebou Dar gekommen, um sich staunend wie ein Junge vom Land umzuschauen. Er war gekommen, um seine Feinde zu vernichten! Sie hatten ihm getrotzt; sie mussten ausgemerzt werden. Zum Wohl aller Nationen.</p><p>Aber wenn er so viel Macht durch den Zugangsschl�ssel zog, welchen Schaden w�rde er anrichten? Wie viele Leben w�rde er beenden? Und w�rde er dabei kein Leuchtfeuer f�r die Verlorenen entz�nden, so wie er es bei der Reinigung von <emphasis>Saidin</emphasis> getan hatte?</p><p><emphasis>Sollen sie doch kommen.</emphasis> Er hob den Kopf. Er konnte sie besiegen.</p><p>Die Zeit zum Angriff war gekommen. Die Zeit, die Seanchaner vom Land zu brennen. Er stellte den Stab ab und nahm den Schl�ssel vom G�rtel, aber er konnte sich nicht dazu �berwinden, ihn aus dem Leinentuch auszuwickeln. Er starrte ihn eine Weile an, dann ging er weiter und lie� den Stab einfach stehen. Es f�hlte sich so seltsam an, nur ein weiterer Fremder zu sein. Der Wiedergeborene Drache bewegte sich mitten unter seinem Volk, und es erkannte ihn nicht. F�r sie war Rand al�Thor weit weg. Die Letzte Schlacht kam erst an zweiter Stelle vor der Sorge, ob sie ihre H�hner rechtzeitig zum Markt bekamen oder ob sich ihr Sohn von dem Husten erholte oder ob sie sich die neue Seidenweste leisten konnten, die sie unbedingt haben wollten.</p><p>Sie w�rden Rand nicht erkennen, bis er sie vernichtete.</p><p>Es <emphasis>wird eine Gnade sein,</emphasis> fl�sterte Lews Therin. <emphasis>Der Tod ist immer eine Gnade.</emphasis> Der Verr�ckte klang nicht ganz so verr�ckt wie sonst. Tats�chlich hatte seine Stimme angefangen, eine erschreckende �hnlichkeit mit Rands eigener Stimme aufzuweisen.</p><p>Auf der n�chsten Br�cke blieb Rand stehen und schaute zu dem gewaltigen Palast der Stadt mit seinen wei�en Mauern hin�ber, die Heimat des seanchanischen Hofes. Vier Stockwerke hoch hatte er goldene Ringe an der Basis seiner vier Kuppeln und noch mehr Gold an den Spitzen der vielen T�rme. Dort w�rde man die Tochter der Neun Monde finden k�nnen. Er w�rde diesen Mauern eine Reinheit geben, wie sie sie noch nie gekannt hatten. Perfektion. In gewisser Weise w�rde er das Geb�ude in dem Moment, bevor es sich in nichts aufl�ste, komplettieren.</p><p>Er wickelte den Zugangsschl�ssel aus, nur ein weiterer Fremder auf einer schlammverschmierten Br�cke. Nach der Vernichtung des Palastes w�rde er schnell handeln m�ssen. Er w�rde die Schiffe im Hafen mit vielen Blitzen aus Baalsfeuer zerst�ren, dann w�rde er etwas weniger Aufwendiges dazu benutzen, um Feuer auf die Stadt regnen zu lassen, um dort Panik ausbrechen zu lassen. Das Chaos w�rde die Reaktion seiner Feinde verz�gern. Danach w�rde er zu den Garnisonen am Stadttor Reisen und sie zerst�ren. Er hatte eine vage Erinnerung an Sp�herberichte �ber Nachschublager im Norden, die gut mit Soldaten und Proviant ausger�stet waren. Die w�rde er als N�chstes zerst�ren.</p><p>Von dort w�rde er sich weiter nach Amador begeben, dann nach Tanchico und zu anderen Orten. Er w�rde schnell Reisen, niemals lange genug an einem Ort bleiben, damit ihn die Verlorenen einholen konnten. Ein flackerndes Licht des Todes, das wie ein brennender Holzscheit hier und dort zu neuem Leben aufflammte. Viele w�rden sterben, aber der gr��te Teil davon w�rden Seanchaner sein. Die Eroberer.</p><p>Er starrte den Zugangsschl�ssel an. Dann ergriff er <emphasis>Saidin.</emphasis></p><p>Die �belkeit �berfiel ihn schlimmer als je zuvor. Sie stie� ihn zu Boden wie der Schlag einer Faust. Er schrie auf und nahm kaum war, dass er auf dem Steinpflaster landete. Er st�hnte, packte den Zugangsschl�ssel fester und kr�mmte sich darum. Seine Eingeweide schienen in Flammen zu stehen, und er drehte den Kopf, rollte auf den Schultern herum und �bergab sich auf die Br�cke.</p><p>Aber er hielt <emphasis>Saidin</emphasis> fest. Er brauchte die Macht. Die s��e, wundersch�ne Macht. Selbst der Gestank seines eigenen Erbrochenen erschien ihm wegen der darin liegenden Macht s��er und echter.</p><p>Er schlug die Augen auf. Besorgt blickende Leute versammelten sich um ihn. Eine seanchanische Patrouille n�herte sich. Der Augenblick war gekommen. Er musste zuschlagen.</p><p>Aber er konnte es nicht. Die Menschen sahen so besorgt aus. So verst�ndnisvoll. Sie interessierten sich f�r ihn.</p><p>Vor Ohnmacht aufschreiend erschuf Rand ein Wegetor, was die Leute entsetzt zur�ckspringen lie�. Stolpernd kam er auf die F��e und warf sich auf allen vieren hinein, w�hrend die seanchanischen Soldaten die Schwerter zogen und fremde Worte riefen.</p><p>Rand landete auf einer gro�en schwarz-wei�en Steinscheibe, und die Luft um ihn herum war ein Nichts aus Dunkelheit. Das Portal schloss sich hinter ihm und schnitt den Zugang nach Ebou Dar ab, dann setzte sich die Scheibe in Bewegung. Sie schwebte durch das Nichts, angestrahlt von einem seltsamen Licht im Hintergrund. Rand kr�mmte sich auf der Scheibe zusammen, den Zugangsschl�ssel fest an sich gedr�ckt, und nahm tiefe Atemz�ge.</p><p><emphasis>Warum kann ich nicht stark genug sein?</emphasis> Er vermochte nicht zu sagen, ob das sein Gedanke oder der von Lews Therin gewesen war. Beide waren gleich. <emphasis>Warum kann ich nicht das tun, was ich tun muss?</emphasis></p><p>Die Scheibe reiste eine Weile. Der einzige Laut im Nichts war sein Atmen. Die Scheibe sah aus wie eines der Siegel am Gef�ngnis des Dunklen K�nigs; eine Schlangenlinie in der Mitte trennte Wei� und Schwarz. Rand lag direkt darauf. Die schwarze H�lfte nannte man Drachenzahn. F�r die Menschen war es ein Symbol des B�sen. Der Vernichtung.</p><p>Aber Rand war eine notwendige Vernichtung. Warum hatte ihn das Muster so unbarmherzig angetrieben, wenn er nicht vernichten sollte? Zuerst hatte er sich bem�ht, jedes T�ten zu vermeiden - aber das hatte nicht funktionieren k�nnen. Dann hatte er sich dazu verpflichtet, nach M�glichkeit keine Frauen zu t�ten. Das hatte sich als unm�glich erwiesen.</p><p>Er war die Vernichtung. Das musste er blo� akzeptieren. <emphasis>Irgendjemand</emphasis> musste doch hart genug sein, um das N�tige zu tun, oder nicht?</p><p>Ein Tor �ffnete sich, und er kam m�hsam auf die F��e, den Zugangsschl�ssel fest an sich gedr�ckt. Er trat von der Gleitplattform auf eine leere Wiese. Der Ort, wo er einst mit <emphasis>Callandor</emphasis> gegen die Seanchaner gek�mpft hatte. Und gescheitert war.</p><p>Er starrte den Ort lange Zeit an, atmete ein und aus, dann webte er ein neues Wegetor. Es �ffnete sich auf ein verschneites Feld; eiskalter Wind wehte ihm entgegen. Er trat hindurch und lie� es sich schlie�en. Seine F��e versanken im tiefen Schnee.</p><p>Hier erstreckte sich die Welt vor ihm.</p><p><emphasis>Warum sind wir hergekommen?,</emphasis> dachte Rand.</p><p><emphasis>Darum,</emphasis> erwiderte Rand. <emphasis>Weil wir das hier erschaffen haben. Hier sind wir gestorben.</emphasis></p><p>Er stand auf der h�chsten Stelle vom Drachenberg, dem einsamen Gipfel, der in die H�he geschossen war, als sich Lews Therin vor dreitausend Jahren umgebracht hatte. Auf der einen Seite konnte er Hunderte von Fu� nach unten in einen aus der Bergseite herausgesprengten Abgrund sehen. Die �ffnung war gewaltig, viel gr��er, als der Anblick im Profil aus der Tiefe erahnen lie�. Ein riesiges Oval aus rotem, flammendem, brodelndem Felsen. Es sah aus, als w�rde einfach ein St�ck vom Berg fehlen, das man herausgerissen hatte, und so ragte der Gipfel noch viel h�her in die Luft, w�hrend die ganze Bergseite fehlte.</p><p>Rand schaute in den brodelnden Abgrund. Er war wie der Rachen einer Bestie. Hitze str�mte aus der Tiefe und blies Ascheflocken in den Himmel.</p><p>Der Himmel �ber ihm war wolkenverhangen. Der Talboden erschien gleicherma�en fern und war kaum sichtbar, wie eine mit Mustern versehene Steppdecke. Hier ein gr�ner Flicken, der ein Wald war. Dort eine Naht, die ein Fluss war. Im Osten befand sich ein winziger Flecken in dem Fluss, der an ein in der Str�mung stecken gebliebenes Blatt erinnerte. Tar Valon.</p><p>Rand setzte sich. Der Schnee gab �chzend unter seinem Gewicht nach. Er stellte den Zugangsschl�ssel vor sich in einer Schneewehe ab und webte Luft und Feuer, um sich warm zu halten.</p><p>Dann stemmte er die Ellbogen auf die Knie und st�tzte den Kopf auf die Hand, um die kleine Statue des Mannes mit der Kugel anzustarren.</p><p>Um nachzudenken.</p></section><section><title><p>50</p><p>Goldadern</p></title><p>Rand sa� oben auf der Welt, und um ihn herum pfiff der Wind. Sein Gewebe aus Luft und Feuer hatte den Schnee geschmolzen und eine etwa drei Schritte breite Fl�che aus zerkl�ftetem schwarzgrauen Felsen zum Vorschein gebracht. Der Gipfel war wie ein abgebrochener Fingernagel, der in den Himmel ragte, und Rand sa� auf seiner Spitze. Soweit er feststellen konnte, handelte es sich genau um die Spitze des Drachenberges. Vielleicht die h�chste Stelle auf der Welt.</p><p>Er sa� auf seiner kleinen Felszunge, der Zugangsschl�ssel stand auf dem Stein vor ihm. Hier war die Luft sehr d�nn, und das Atmen war ihm schwergefallen, bis er eine M�glichkeit gefunden hatte, Luft so zu weben, dass sie sich um ihn herum etwas verdichtete. Genau wie bei dem Gewebe, das ihn w�rmte, war er sich nicht sicher, wie er das geschafft hatte. Er erinnerte sich vage daran, dass Asmodean versucht hatte, ihm ein �hnliches Gewebe beizubringen, aber er hatte es nicht richtig hinbekommen. Jetzt war es die nat�rlichste Sache auf der Welt. Handelt es sich um Lews Therins Einfluss, oder wurde ihm die Eine Macht nur vertrauter?</p><p>Der zerkl�ftete offene Rachen des Drachenberges befand sich links von ihm mehrere Hundert Fu� in der Tiefe. Der Geruch nach Asche und Schwefel war selbst noch aus dieser Distanz durchdringend. Der Rachen war schwarz vor Asche und rot von geschmolzenem Stein und lodernden Flammen.</p><p>Rand hielt noch immer die Quelle fest. Er wagte es nicht, sie loszulassen. So schlimm wie beim letzten Mal, als er sie ergriffen hatte, war es noch nie gewesen, und er bef�rchtete, bei einem erneuten Versuch endg�ltig von der �belkeit �berw�ltigt zu werden.</p><p>Nun sa� er schon seit Stunden hier. Trotzdem versp�rte er keine M�digkeit. Er starrte das <emphasis>Ter�angreal</emphasis> an. Dachte nach.</p><p>Was war er? Was war der Wiedergeborene Drache? Ein Symbol? Ein Opfer? Ein Schwert, das vernichten sollte? Eine sch�tzende Hand, die bewahren sollte?</p><p>Eine Marionette, die immer wieder die gleiche Rolle spielte?</p><p>Er war w�tend. W�tend auf die Welt, w�tend auf das Muster, w�tend auf den Sch�pfer, dass er es den Menschen �berlassen hatte, ohne Anweisungen gegen den Dunklen K�nig k�mpfen zu m�ssen. Welches Recht hatte auch nur einer von ihnen, Rands Leben zu verlangen?</p><p>Nun, er hatte ihnen dieses Leben angeboten. Er hatte lange Zeit gebraucht, bis er seinen unausweichlichen Tod akzeptiert hatte, aber er <emphasis>hatte</emphasis> damit seinen Frieden geschlossen. Reichte das nicht? Musste er denn bis zum Ende Qualen leiden?</p><p>Er hatte geglaubt, sich genug abgeh�rtet zu haben, dass ihm das den Schmerz nahm. Konnte er nichts f�hlen, konnte man ihn auch nicht verletzen.</p><p>In den Wunden an seiner Seite pochte die Agonie. Eine Weile hatte er sie vergessen k�nnen. Aber der von ihm verursachte Tod rieb seine Seele wund. Diese Liste, die mit Moiraine begann. Nach ihrem Tod war alles schiefgelaufen. Davor hatte er noch immer Hoffnung gehabt.</p><p>Davor hatte man ihn noch nie in eine Kiste gesperrt.</p><p>Er hatte verstanden, was man von ihm verlangte, und er hatte sich auf eine Weise ver�ndert, die er f�r erforderlich gehalten hatte. Diese Ver�nderungen sollten verhindern, dass er sich von alldem �berw�ltigen lie�. Er musste sterben, um ihm v�llig unbekannte Menschen zu besch�tzen? Er war dazu auserw�hlt, die Menschheit zu retten? Er war dazu auserw�hlt, die K�nigreiche der Welt zu zwingen, sich hinter ihm zu vereinigen, und sollte jene vernichten, die ihm nicht folgen wollten? Er war auserkoren, Tausenden, die in seinem Namen k�mpften, den Tod zu bringen und diese Seelen dann als Last auf seinen Schultern zu tragen? Welcher Mann konnte solche Dinge vollbringen, ohne dabei den Verstand zu verlieren? Rand hatte nur eine M�glichkeit gesehen; er musste seine Gef�hle bezwingen und sich in <emphasis>Cuendillar</emphasis> verwandeln.</p><p>Aber er war gescheitert. Es war ihm nicht gelungen, seine Gef�hle auszumerzen. Die Stimme in seinem Inneren war so winzig gewesen, aber sie hatte ihn ununterbrochen gestochen, wie eine Nadel, die ein winziges Loch in sein Herz stach. Aber selbst das kleinste Loch lie� Blut ausstr�men.</p><p>Diese L�cher w�rden ihn ausbluten.</p><p>Die leise Stimme war nun verschwunden. Sie war verschwunden, als er Tarn zu Boden geschleudert und ihn beinahe get�tet hatte. Konnte er es wagen, ohne diese Stimme weiterzumachen? Wenn sie der letzte Rest des alten Rand gewesen war - des Rand, der zu wissen geglaubt hatte, was richtig und was falsch war -, was bedeutete ihr Schweigen dann?</p><p>Rand nahm den Zugangsschl�ssel und stand auf. Es war Mittag, auch wenn die Sonne noch immer hinter den Wolken verborgen lag. In der Tiefe konnte er H�gel und W�lder sehen, Seen und D�rfer.</p><p>�Und was, wenn ich nicht <emphasis>will,</emphasis> dass das Muster fortgesetzt wird?�, br�llte er. Er trat vor, direkt an den Abgrund, hielt den Zugangsschl�ssel an die Brust gedr�ckt.</p><p>�Wir leben das gleiche Leben!�, hielt er der Welt entgegen. �Immer und immer wieder. Wir machen die gleichen Fehler. K�nigreiche tun die gleichen <emphasis>dummen</emphasis> Dinge. Herrscher entt�uschen ihr Volk immer wieder. Die Menschen fahren darin fort, einander zu verletzen und zu hassen und zu sterben und zu t�ten!�</p><p>Der Wind peitschte ihn und lie� seinen braunen Umhang und die kostbaren tairenischen Hosen flattern. Aber seine Worte trugen weit und halten �ber die zersplitterten Felsen des Drachenberges. Es war kalt, die Luft frisch. Sein Gewebe hielt ihn warm genug, damit er �berlebte, aber es hielt nicht die K�lte ab. Er h�tte es auch nicht anders gewollt.</p><p>�Was, wenn ich der Meinung bin, dass das alles v�llig sinnlos ist?�, verlangte er mit der lauten Stimme eines K�nigs zu wissen. �Was, wenn ich nicht <emphasis>will,</emphasis> dass es sich weiterdreht? Wir leben unsere Leben, indem wir das Blut anderer vergie�en! Und diese anderen geraten in Vergessenheit! Welchen Sinn hat es, wenn alles, was wir wissen, irgendwann dahinschwindet? Gro�e Taten oder gro�e Trag�dien, nichts davon hat auch nur die geringste Bedeutung! Sie werden zu Legenden, dann geraten diese Legenden in Vergessenheit, und dann f�ngt wieder alles von vorn an!�</p><p>Der Zugangsschl�ssel in seiner Hand fing an zu gl�hen. Die Wolken in der H�he schienen dunkler zu werden.</p><p>Rands Zorn pulsierte in einem Rhythmus mit seinem Herzen und verlangte freigelassen zu werden.</p><p>�Was, wenn <emphasis>er</emphasis> recht hat?�, br�llte Rand. �Wenn es besser w�re, dass das alles hier endet? Wenn das Licht die ganze Zeit eine L�ge war und das <emphasis>alles</emphasis> hier nur eine Strafe ist? Wir werden wiedergeboren, werden alt und hinf�llig und sterben, auf ewig in diesem Kreislauf gefangen. Wir werden f�r alle Ewigkeit gefoltert!�</p><p>Macht flutete in Rand wie rauschende Wellen, die einen neuen Ozean f�llen sollten. Er erwachte zum Leben, erg�tzte sich an <emphasis>Saidin,</emphasis> und es war ihm egal, dass dieses Schauspiel ein strahlendes Spektakel f�r alle M�nner sein musste, die die Macht lenken konnten. Die Macht vermittelte ihm das Gef�hl, hell zu strahlen, er kam sich vor wie eine Sonne f�r die Welt unter ihm.</p><p>�NICHTS DAVON IST VON BEDEUTUNG! �</p><p>Er schloss die Augen, zog immer mehr Macht in sich hinein, f�hlte sich, wie er sich nur zweimal zuvor gef�hlt hatte. Einmal, als er <emphasis>Saidin</emphasis> gereinigt hatte. Einmal, als er diesen Berg erschaffen hatte.</p><p>Dann nahm er noch mehr in sich auf.</p><p>Er wusste, dass ihn so viel Macht vernichten konnte. Es interessierte ihn nicht mehr. Die Wut, die sich viele Jahre lang in ihm aufgestaut hatte, wurde endlich entfesselt. Er breitete die Arme aus, den Zugangsschl�ssel in der Hand. Lews Therin hatte das Richtige getan, als er sich umbrachte und den Drachenberg erschuf. Nur war er nicht weit genug gegangen.</p><p>Rand konnte sich an diesen Tag erinnern. Der Qualm, das Grollen, der scharfe Schmerz der Heilung, die ihn in einem zerst�rten Palast zur�ck ins Bewusstsein holte. Aber diese Schmerzen waren verblasst angesichts der Qual der Erkenntnis. Die Qual, die wundersch�nen W�nde vernarbt und zerbrochen zu sehen. Die Leichenstapel sehen zu m�ssen, die wie weggeworfene Lumpen auf dem Boden lagen.</p><p>llyena ein kurzes St�ck entfernt zu sehen, deren goldenes Haar auf dem Boden um sie herum ausgebreitet lag.</p><p>Er konnte <emphasis>f�hlen,</emphasis> wie der Palast durch das Schluchzen der Erde selbst um ihn herum erbebte. Oder war das der Drachenberg, der durch die gewaltige Macht pulsierte, die er in sich hineingezogen hatte?</p><p>Die Luft roch nach Blut und Asche und Tod und <emphasis>Schmerz.</emphasis> Oder war das blo� der Geruch einer sterbenden Welt, die sich vor ihm ausbreitete?</p><p>Die Winde peitschten ihn nun immer heftiger, die gewaltigen Wolken in der H�he wanden sich wie uralte Leviathane, die in der undurchdringlichen Dunkelheit der Tiefe aneinander vorbeischwammen.</p><p>Lews Therin hatte einen Fehler gemacht. Er war gestorben, aber er hatte die Welt verwundet am Leben gelassen, damit sie weiterhumpeln konnte. Er hatte zugelassen, dass sich das Rad der Zeit weiterbewegte, weiterdrehte, <emphasis>vermoderte</emphasis> und ihn wieder zur�ckbrachte. Er konnte ihm nicht entkommen. Nicht, ohne alles zu beenden.</p><p>�Warum?�, fragte Rand fl�sternd den fauchenden Wind. Die Macht, die durch den Zugangsschl�ssel in ihn hineinstr�mte, war gr��er als die, die er bei der Reinigung <emphasis>Saidins</emphasis> gehalten hatte. Vielleicht gr��er, als je ein Mensch gehalten hatte. Gro� genug, um das Muster selbst aufzul�sen und den endg�ltigen Frieden zu bringen.</p><p>�Warum m�ssen wir das alles noch einmal machen?�, fl�sterte er. �Ich bin schon einmal gescheitert. Sie ist durch meine Hand gestorben. Warum musstest du mich <emphasis>wieder</emphasis> ins Leben zur�ckholen?�</p><p>Blitze zuckten �ber das Firmament, Donner ersch�tterte ihn. Eingeh�llt in einen eisigen Sturmwind, schloss Rand die Augen und beugte sich �ber die Felskante, die Tausende Fu� in die Tiefe f�hrte. Durch die geschlossenen Lider konnte er das grelle Licht des Zugangsschl�ssels sp�ren. Die Macht, die er in seinem Inneren hielt, lie� dieses Licht l�cherlich klein erscheinen. Er war die Sonne. Er war Feuer. Er war Leben und Tod.</p><p>Warum? Warum mussten sie das immer wieder durchmachen? Aber die Welt konnte ihm keine Antwort auf diese Frage geben.</p><p>Rand streckte die Arme in die H�he, ein Kanal f�r Macht und Energie. Eine Inkarnation des Todes und der Zerst�rung. Er w�rde es beenden. Er w�rde allem ein Ende bereiten und die Menschen endlich von ihren Leiden erl�sen.</p><p>Ihnen ersparen, immer wieder aufs Neue leben zu m�ssen. Warum? Warum hatte der Sch�pfer ihnen das nur angetan? <emphasis>Warum?</emphasis></p><p><emphasis>Warum werden wir wiedergeboren?,</emphasis> fragte Lews Therin da pl�tzlich. Seine Stimme war klar und eigenst�ndig.</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> erwiderte Rand flehend. <emphasis>Verrate es mir. Warum?</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht</emphasis>sagte Lews Therin schockierend klar und ohne eine Spur von Irrsinn. Er sprach leise, and�chtig. <emphasis>Warum? K�nnte es denn sein � Vielleicht, damit wir eine zweite Chance bekommen.</emphasis></p><p>Rand erstarrte. Der Wind prallte gegen ihn, konnte ihn aber nicht bewegen. Die Macht in seinem Inneren z�gerte wie die Axt des Henkers, die zitternd �ber dem Hals des Verbrechers verharrte. <emphasis>Du kannst dir vielleicht nicht aussuchen, welche Pflichten du aufgetragen bekommst,</emphasis> sagte Tams Stimme als Erinnerung in seinem Verstand. <emphasis>Aber du kannst entscheiden,</emphasis> warum <emphasis>du sie erf�llst.</emphasis></p><p><emphasis>Warum, Rand? Warum ziehst du in die Schlacht? Welchen Sinn soll das haben?</emphasis></p><p><emphasis>Warum?</emphasis></p><p>Alles war still. Trotz des Sturms, des tosenden Windes, des ohrenbet�ubenden Donners. Alles war still.</p><p><emphasis>Warum?,</emphasis> dachte Rand ergriffen. <emphasis>Weil wir in jedem neuen Leben auch wieder neu lieben.</emphasis></p><p>Das war die Antwort. Alles schlug wie eine Woge �ber ihm zusammen, gelebte Leben, begangene Fehler, Liebe, die alles ver�nderte. Vor seinem geistigen Auge sah er die ganze Welt, die von dem Licht in seiner Hand erhellt wurde. Er erinnerte sich an Leben, an Hunderte von ihnen, Tausende, eine Zahl, die sich in die Unendlichkeit erstreckte. Er erinnerte sich an Liebe und Frieden, an Freude und Hoffnung.</p><p>Und in diesem Augenblick kam ihm ein erstaunlicher Gedanke. <emphasis>Wenn ich wieder lebe, dann k�nnte sie das doch auch!</emphasis></p><p>Darum k�mpfte er. Darum lebte er wieder, und das war die Antwort auf Tams Frage. <emphasis>Ich k�mpfe, weil ich das letzte Mal gescheitert bin. Ich k�mpfe, weil ich das in Ordnung bringen will, was ich falsch gemacht habe.</emphasis></p><p><emphasis>Dieses Mal will ich es richtig machen.</emphasis></p><p>Die Macht in ihm erreichte ein Crescendo, und er richtete sie gegen sich selbst, trieb sie durch den Zugangsschl�ssel. Das <emphasis>Ter�angreal</emphasis> war mit einer viel gr��eren Macht verbunden, einem massiven <emphasis>Sa�angreal</emphasis> im S�den, das man gebaut hatte, um den Dunklen K�nig aufzuhalten. Zu m�chtig, wie einige behauptet hatten. Zu m�chtig, um es jemals zu benutzen. Zu furchteinfl��end.</p><p>Rand lenkte seine eigene Macht dagegen, zermalmte die Kugel in der Ferne, zersplitterte sie wie mit der Hand eines Riesen.</p><p>Der Choedan Kai explodierte. Die Macht erlosch. Der Sturm endete.</p><p>Und Rand �ffnete zum ersten Mal seit langer Zeit die Augen. Er wusste, irgendwie wusste er, dass er nie wieder Lews Therins Stimme in seinem Kopf h�ren w�rde. Denn sie waren keine verschiedenen M�nner, und sie waren es auch nie gewesen.</p><p>Er betrachtete die Welt zu seinen F��en. Die Wolken am Himmel hatten sich endlich voneinander gel�st, wenn auch nur genau �ber ihm. Das Zwielicht verschwand und gestattete ihm die Sonne zu sehen, die genau �ber ihm schwebte.</p><p>Rand schaute zu ihr auf. Dann l�chelte er. Und schlie�lich lachte er aus vollem Halse, ein unverf�lschtes und echtes Lachen.</p><p>Es war viel zu lange her.</p></section><section><title><p>EPILOG</p><p>In Licht getaucht</p></title><p>Egwene arbeitete im Schein zweier Bronzelampen. Sie waren geformt wie Frauen, die ihre H�nde nach oben hielten, und aus jeder Handfl�che erwuchs eine Flamme. Das warme gelbe Licht spiegelte sich auf den Kurven ihrer H�nde, Arme und Gesichter wider. Stellten sie Symbole der Wei�en Burg und der Flamme von Tar Valon dar? Oder waren sie Darstellungen von Aes Sedai, die Feuer webten? Vielleicht waren sie auch nur einfach Relikte des Geschmacks einer fr�heren Amyrlin.</p><p>Sie standen auf beiden Seiten ihres Schreibtisches. Endlich ein vern�nftiger Schreibtisch mit einem vern�nftigen Stuhl davor. Egwene befand sich im Arbeitszimmer der Amyrlin, aus dem man alle Erinnerungen an Elaida entfernt hatte. Darum war es v�llig kahl, die W�nde waren nackt, die Holzt�felung war ohne jeden Schmuck wie Bilder oder Wandbeh�nge, auf den Beistelltischen standen keine Kunstwerke. Selbst die B�cherregale waren ausger�umt worden, damit keine Spur von Elaida Egwene beleidigen konnte.</p><p>Als Egwene gesehen hatte, was die anderen getan hatten, hatte sie sofort befohlen, dass man Elaidas s�mtliche Habe sammelte und sicher verwahrte, bewacht von Frauen, denen Egwene vertraute. Unter diesen Dingen w�rden sich Hinweise auf Elaidas Pl�ne verbergen. M�glicherweise etwas so Einfaches wie zwischen die Seiten eines Buches gesteckte Zettel, auf die man sp�ter noch einmal zur�ckgreifen wollte. Oder m�glicherweise so etwas Obskures wie die Verbindung zwischen den B�chern, die sie gelesen hatte, oder die Gegenst�nde, die sie in ihren Schreibtischschubladen aufbewahrt hatte. Aber Elaida konnten sie nicht befragen, und niemand vermochte zu sagen, welche ihrer Pl�ne zu einem sp�teren Zeitpunkt ihr h�ssliches Haupt erheben und die Wei�e Burg bei�en w�rden. Egwene w�rde sich diese Gegenst�nde alle ansehen, danach mit jeder Aes Sedai sprechen, die in der Wei�en Burg gewesen war, und herausfinden, welche Hinweise sie verbargen.</p><p>Im Augenblick hatte sie alle H�nde voll zu tun. Sie sch�ttelte den Kopf und wandte sich wieder den Seiten von Silvianas Bericht zu. Die Frau erwies sich in der Tat als f�hige Beh�terin, weitaus kompetenter, als Sheriam je gewesen war. Die Loyalisten unter den Frauen respektierten Silviana, und die Rote Ajah schien Egwenes Friedensangebot, eine der ihren zu ihrer Beh�terin zu machen, zumindest teilweise akzeptiert zu haben.</p><p>Nat�rlich hatte Egwene zwei steif formulierte, von Missbilligung f�rmlich triefende Briefe ganz unten in dem Stapel liegen - einer von Romanda und einer von Lelaine. Die beiden Frauen hatten ihre �berschw�ngliche Unterst�tzung beinahe genauso schnell wieder zur�ckgenommen, wie sie sie gegeben hatten. Im Augenblick stritten sie sich dar�ber, wie man mit den <emphasis>Damane</emphasis> verfahren sollte, die Egwene w�hrend des Angriffs auf die Wei�e Burg gefangen genommen hatte; keiner der beiden gefiel Egwenes Plan, sie zu Aes Sedai auszubilden. Anscheinend w�rden Romanda und Lelaine ihr noch jahrelang das Leben schwer machen.</p><p>Sie legte die Berichte zur Seite. Es war sp�ter Nachmittag, und Licht sp�hte durch die Schlitze der geschlossenen Jalousie ihres Balkons. Sie �ffnete sie nicht, sondern zog das stille Zwielicht vor. Die Einsamkeit f�hlte sich gut an.</p><p>F�r den Augenblick st�rte sie die schlichte Ausstattung des Raumes nicht. Sicher, es erinnerte sie etwas zu sehr an das Arbeitszimmer der Oberin der Novizinnen, aber keine Zahl an Wandteppichen w�rde die Erinnerung an jene Tage ausl�schen k�nnen, nicht, wenn Silviana ihre Beh�terin war. Aber das ging schon in Ordnung. Warum sollte sie diese Tage aus ihrem Ged�chtnis streichen wollen? Sie hatte damals einige ihrer wichtigsten Siege errungen.</p><p>Auch wenn sie sicherlich nichts dagegen hatte, sich hinsetzen zu k�nnen, ohne zusammenzucken zu m�ssen.</p><p>Sie l�chelte schmal und wandte sich Silvianas n�chstem Bericht zu. Dann runzelte sie die Stirn. Die <emphasis>meisten</emphasis> der Schwarzen Ajah in der Burg hatten entkommen k�nnen. Der Bericht in Silvianas sorgf�ltiger, schwungvoller Schrift verriet ihr, dass es ihnen gelungen war, in den Stunden nach Egwenes Erhebung einige der Schwarzen zu ergreifen, aber es waren nur die Schw�chsten unter ihnen gewesen. Der gr��te Teil von ihnen - etwa sechzig Schwestern - war entkommen. Einschlie�lich einer Sitzenden, die Egwene schon zuvor aufgefallen war, deren Name aber nicht auf Verins Liste gestanden hatte. Evanelleins Verschwinden war ein deutlicher Hinweis, dass sie eine Schwarze war.</p><p>Egwene nahm einen anderen Bericht und runzelte erneut die Stirn. Es war eine Auflistung aller Frauen in der Wei�en Burg, eine ausf�hrliche, mehrere Seiten umfassende, nach Ajahs sortierte Liste. Viele Namen trugen einen Verweis an der Seite. Schwarz, entkommen. Schwarz, gefangen. Von den Seanchanern entf�hrt.</p><p>Die letzte Gruppe war mehr als �rgerlich. Saerin hatte Voraussicht bewiesen und nach dem Angriff eine Z�hlung durchgef�hrt, um genau feststellen zu k�nnen, wer gefangen genommen worden war. Beinahe vierzig Eingeweihte - �ber zwei Dutzend von ihnen vollwertige Aes Sedai -, die in der Nacht gepackt und verschleppt worden waren. Es war wie eine Geschichte, die man Kindern zur Schlafengehenszeit erz�hlte und die vor Blassen oder Halbmenschen warnte, die unartige Kinder stahlen. Man w�rde diese Frauen schlagen, einsperren und in nichts anderes als willenlose Werkzeuge verwandeln.</p><p>Egwene musste sich zusammenrei�en, nicht nach ihrem Hals zu greifen, wo sie der Kragen gefangen gehalten hatte. Im Augenblick w�rde sie nicht daran denken, verflucht noch mal!</p><p>Jedes Mitglied der Schwarzen Ajah auf Verins Liste hatte den Angriff der Seanchaner heil und gesund �berstanden. Aber die meisten waren geflohen, bevor Egwene in der Burg eingetroffen war, um ihren Sitz einzunehmen. Velina war weg. Genau wie Chai und Birlen. Und Alviarin; die J�ger der Schwarzen hatten es nicht geschafft, sie rechtzeitig zu erwischen.</p><p>Was hatte sie nur gewarnt? Ungl�cklicherweise hatte es vermutlich damit etwas zu tun, dass Egwene die Schwarzen Ajah im Rebellenlager ergriffen hatte. Sie hatte sich gesorgt, ihr Blatt zu �berreizen. Aber was h�tte sie sonst tun sollen? Ihre einzige Hoffnung hatte darin bestanden, jede Schwarze im Lager zu erwischen und zu hoffen, dass es sich nicht bis zur Wei�en Burg herumsprach.</p><p>Aber das war dennoch geschehen. Egwene hatte die zur�ckgebliebenen Schwarzen gefangen genommen und hinrichten lassen. Dann hatte sie jede Schwester in der Burg erneut die Eide auf den Eidstab schw�ren lassen. Nat�rlich hatte ihnen das nicht gefallen. Aber das Wissen, dass das alle Frauen im Rebellenlager getan hatten, hatte sie schwanken lassen. Und wenn es nicht das gewesen war, dann vermutlich die Nachricht, dass Egwene die Hinrichtung ihrer eigenen Beh�terin angeordnet hatte. Sicherlich war es eine Erleichterung gewesen, als Silviana angeboten hatte, vor dem Saal als Erste zu schw�ren, um sich zu beweisen. Nach ihr hatte Egwene die Eide selbst erneut abgelegt und dann dem Saal wahrheitsgem�� mitgeteilt, dass sie zugesehen hatte, wie jede Frau im Lager den Beweis angetreten war, keine Schattenfreundin zu sein. Sie hatten drei weitere Schwarze Schwestern gefangen genommen, die nicht auf Verins Liste verzeichnet gewesen waren. Nur drei. Welche Genauigkeit! Verin hatte sich erneut bewiesen.</p><p>Egwene legte den Bericht zur Seite. Das Wissen, dass so viele entkommen waren, nagte noch immer an ihr. Sie hatte die Namen von sechzig Schattenfreunden erfahren, und sie hatten sich ihrem Zugriff entzogen. Wenn sie die hinzuf�gte, die aus dem Rebellenlager entkommen waren, stieg die Zahl auf achtzig.</p><p><emphasis>Ich finde dich, Alviarin,</emphasis> dachte Egwene und tippte mit dem Finger auf das Blatt. <emphasis>Ich finde euch alle. Ihr wart ein Geschw�r in der Burg. Die schlimmste Art von Geschw�r. Ich werde nicht zulassen, dass ihr noch andere ansteckt.</emphasis></p><p>Sie legte das Blatt zur Seite und nahm das n�chste. Dort standen nur wenige Namen. Eine Liste der Frauen in der Burg, die <emphasis>nicht</emphasis> auf Verins Liste gestanden hatten und die entweder von den Seanchanern entf�hrt worden oder nach dem Angriff verschwunden waren.</p><p>Verin war der festen �berzeugung gewesen, dass sich Mesaana, eine der Verlorenen, in der Burg verbarg. Sheriams Gest�ndnis best�tigte das. Jede Aes Sedai die Eide erneut schw�ren zu lassen hatte keine Schattenfreunde von gro�er Macht zum Vorschein gebracht. Hoffentlich w�rde das erneute Gel�bnis die Spannungen zwischen den Ajahs verringern. Sie konnten aufh�ren, sich dar�ber zu sorgen, ob Schwarze in ihrer Mitte waren. Nat�rlich konnte es die Aes Sedai auch schw�chen, weil es den Beweis lieferte, dass es die Schwarze Ajah <emphasis>tats�chlich</emphasis> unter ihnen gegeben hatte.</p><p>Aber wie es sich auch entwickeln w�rde, ein Problem blieb. Egwene musterte das Blatt erneut. Jede Frau in der Wei�en Burg war den Beweis angetreten, dass sie keine Schattenfreundin war. Von jeder Frau auf Verins Liste wusste man, was mit ihr war. Man hatte sie hingerichtet oder gefangen genommen, sie waren am Tag von Egwenes Erhebung aus der Wei�en Burg geflohen. Oder sie hielten sich gar nicht in der Burg auf - und das schon seit einiger Zeit nicht mehr. Nach der letzten Gruppe sollten die Schwestern laut einem Befehl ganz besonders Ausschau halten.</p><p>Vielleicht hatten sie ja Gl�ck gehabt, und die Verlorene war eine jener Frauen gewesen, die die Seanchaner entf�hrt hatten. Aber Egwene glaubte nicht an einen solchen Gl�cksfall. Keiner der Verlorenen w�rde sich so einfach gefangen nehmen lassen. Vermutlich hatte sie vorher �ber den Angriff sogar Bescheid gewusst.</p><p>Damit blieben drei Namen auf der Liste vor Egwene �brig.</p><p>Nalasia Merhan, eine Braune; Teramina, eine Gr�ne; und Jamilila Norsish, eine Rote. Sie alle waren schwach in der Macht. Und sie alle hielten sich seit Jahren in der Burg auf. Es erschien unwahrscheinlich, dass Mesaana eine von ihnen verk�rperte und mit ihren Intrigen solche Erfolge erzielt hatte, ohne dass das jemandem aufgefallen w�re.</p><p>Egwene hatte ein Gef�hl. Vielleicht eine Vorahnung. Zumindest eine Bef�rchtung. Diese drei Namen waren die einzigen, die die Verlorene h�tten sein k�nnen. Aber keine von ihnen passte, nicht einmal ann�hernd. Das lie� Egwene fr�steln. Verbarg sich Mesaana noch immer in der Burg?</p><p>Falls dem so war, dann wusste sie irgendwie, wie man den Eidstab �berlistete.</p><p>Es klopfte leise an der T�r. Einen Moment sp�ter �ffnete sie sich einen Spalt breit. �Mutter?�, fragte Silviana.</p><p>Egwene schaute auf und hob die Brauen.</p><p>�Ich glaube, das solltet Ihr sehen�, sagte Silviana und trat ein. Ihr Haar war wieder zu einem ordentlichen Knoten gebunden, auf ihren Schultern lag die rote Beh�terinnenstola.</p><p>�Was ist es denn?�</p><p>�Ihr solltet es Euch selbst ansehen.�</p><p>Neugierig geworden stand Egwene auf. In Silvianas Stimme hatte keine Anspannung gelegen, also konnte es nichts allzu Schreckliches sein. Die beiden Frauen lie�en das Arbeitszimmer hinter sich und gingen durch den �u�eren Bereich des Geb�udes zum Saal der Burg. Als sie ihn erreichten, hob Egwene eine Braue. Silviana bedeutete ihr einzutreten.</p><p>Der Saal war nicht zur Sitzung zusammengetreten, und die St�hle waren leer. Auf wei�en Laken in der Ecke lagen verschiedene Maurerwerkzeuge, und vor dem von den Seanchanern hinterlassenen Loch in der Wand hatte sich eine Gruppe Arbeiter in dicken braunen Hosen und wei�en Hemden versammelt. Egwene hatte befohlen, ein rosafarbenes Fenster in die �ffnung einzupassen, statt sie zuzumauern; eine Erinnerung an den Angriff auf die Wei�e Burg. Eine Mahnung, daf�r zu sorgen, dass so etwas nie wieder stattfand. Aber bevor man das Fenster einbauen konnte, mussten die Steinmetze erst die Seiten daf�r gl�tten.</p><p>Egwene und Silviana rauschten in den Raum und schritten die Rampe zum Boden hinunter, der wieder mit den Farben aller sieben Ajahs bemalt worden war, so wie es sich geh�rte. Die Steinmetze erblickten sie und wichen respektvoll zur�ck; einer der M�nner nahm die M�tze vom Kopf und dr�ckte sie an die Brust. Als Egwene den Rand des Raumes erreichte und ein kurzes St�ck vor der �ffnung stand, sah sie endlich, warum Silviana sie geholt hatte.</p><p>Nach dieser langen Zeit war die Wolkendecke endlich aufgebrochen. Sie hatten sich zur�ckgezogen und bildeten einen Ring um den Drachenberg. Die Sonne flutete strahlend in die Tiefe und erhellte den schneebedeckten Gipfel. Der zerbrochene Schlund und die oberste Spitze der zerst�rten Bergseite lagen in Licht getaucht. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sich Egwene erinnern konnte, direktes Sonnenlicht zu sehen. Vielleicht war es sogar schon l�nger her.</p><p>�Einigen Novizinnen ist es zuerst aufgefallen, Mutter�, sagte Silviana und trat an ihre Seite. �Und die Neuigkeit hat sich schnell verbreitet. Wer h�tte je geglaubt, dass ein kleiner Ring aus Sonnenlicht einen solchen Aufruhr verursacht? Dabei ist es doch eine so schlichte Sache. Nichts, was man nicht schon zuvor gesehen h�tte. Aber ��</p><p>Es hatte etwas Wundersch�nes an sich. Das Licht str�mte in einer reinen und starken S�ule in die Tiefe. Weit weg und doch bemerkenswert. Es war wie etwas, das man vergessen hatte, das aber irgendwie doch vertraut war, aus einer undeutlichen Erinnerung strahlte, um wieder W�rme zu bringen.</p><p>�Was bedeutet das?�, fragte Silviana.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Egwene. �Aber ich hei�e den Anblick willkommen.� Sie z�gerte. �Diese �ffnung in den Wolken ist zu regelm��ig, um eine nat�rliche Ursache zu haben. Markiert diesen Tag im Kalender, Silviana. Etwas ist geschehen. Vielleicht werden wir eines Tages erfahren, was es ist.�</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Silviana und schaute wieder durch das Loch.</p><p>Egwene blieb neben ihr stehen, statt sofort in ihr Arbeitszimmer zur�ckzukehren. Es f�hlte sich gut an, das ferne Licht zu betrachten, das so willkommen und edel war. �Bald kommen St�rme�, schien es sagen zu wollen. �Aber im Augenblick bin ich da.�</p><p>Ich bin da.</p></section><section><title><p>GLOSSAR</p></title><subtitle>Vorbemerkung zur Datierung</subtitle><p>Der Tomanische Kalender (von Toma dur Ahmid entworfen) wurde ungef�hr zwei Jahrhunderte nach dem Tod des letzten m�nnlichen Aes Sedai eingef�hrt. Er z�hlte die Jahre nach der Zerst�rung der Welt (NZ). Da aber in den Jahren der Zerst�rung und in den darauf folgenden Jahren fast totales Chaos herrschte und dieser Kalender erst gut hundert Jahre nach dem Ende der Zerst�rung eingef�hrt wurde, hat man seinen Beginn v�llig willk�rlich gew�hlt. Am Ende der Trolloc-Kriege waren so viele Aufzeichnungen vernichtet worden, dass man sich stritt, in welchem Jahr der alten Zeitrechnung man sich �berhaupt befand. Tiam von Gazar schlug die Einf�hrung eines neuen Kalenders vor, der am Ende dieser Kriege einsetzte und die (scheinbare) Erl�sung der Welt von der Bedrohung durch Trollocs feierte. In diesem zweiten Kalender erschien jedes Jahr als so genanntes Freies Jahr (FJ). Innerhalb der zwanzig auf das Kriegsende folgenden Jahre fand der Gazareische Kalender weitgehend Anerkennung. Artur Falkenfl�gel bem�hte sich, einen neuen Kalender durchzusetzen, der auf seiner Reichsgr�ndung basierte (VG = Von der Gr�ndung an), aber dieser Versuch ist heute nur noch den Historikern bekannt. Nach weitreichender Zerst�rung, Tod und Aufruhr w�hrend des Hundertj�hrigen Krieges entstand ein vierter Kalender durch Uren din Jubai Fliegende M�we, einem Gelehrten der Meerleute, und wurde von dem Panarchen Farede von Tarabon weiterverbreitet. Dieser Farede-Kalender z�hlt die Jahre der Neuen �ra (N�) von dem willk�rlich angenommenen Ende des Hundertj�hrigen Krieges an und ist w�hrend der geschilderten Ereignisse in Gebrauch.</p><p><strong>Aelfinn:</strong> Eine Rasse von Wesen, die gr��tenteils menschlich aussehen, aber auch schlangen�hnliche Z�ge haben. Sie beantworten drei Fragen wahrheitsgem��. Wie auch immer die Frage aussieht, ihre Antworten sind stets korrekt, werden aber h�ufig so formuliert, dass sie nicht eindeutig verst�ndlich sind. Fragen �ber den Schatten k�nnen au�erordentlich gef�hrlich sein. Ihr eigentlicher Aufenthaltsort ist unbekannt, aber man kann sie mithilfe eines <emphasis>Ter'angreals</emphasis> besuchen, das sich einst in Mayene befand, seit einigen Jahren aber im Stein von Tear steht. Berichten zufolge kann man sie auch durch den Turm von Ghenjei erreichen. Sie sprechen die Alte Sprache, erw�hnen Vertr�ge und Abmachungen und fragen jeden Besucher, ob er Eisen, Musikinstrumente oder Ger�tschaften zum Feuermachen bei sich tr�gt. <emphasis>(siehe auch: Eelfinn)</emphasis></p><p><strong>Arad Doman:</strong> Eine Nation am Aryth-Meer, die zurzeit vom B�rgerkrieg und den K�mpfen gegen die Anh�nger des Wiedergeborenen Drachen zerrissen wird. Die Hauptstadt ist Bandar Eban und wurde zum Sammelpunkt f�r Fl�chtlinge. Nahrung ist knapp. In Arad Doman nennt man die Nachkommen des Adels, der seine Herkunft auf die Zeit der Gr�ndung der Nation zur�ckf�hren kann, die Blutgeborenen - im Gegensatz zu jenen, die erst sp�ter in den Adelsstand erhoben wurden. Der Herrscher (ein K�nig oder eine K�nigin) wird von einem Rat der Kaufleute erw�hlt, der sich aus den Vorsitzenden der Kaufmannsgilden - in der Hauptsache Frauen - zusammensetzt. Er oder sie muss von adligem Blut und darf kein Kaufmann sein, die Person wird auf Lebenszeit gew�hlt. Der Herrscher verf�gt �ber die absolute Autorit�t, kann aber durch eine Abstimmung des Rates abgesetzt werden; dazu ist eine Dreiviertelmehrheit erforderlich. Der derzeitige Herrscher ist K�nig Alsalam Saeed Almadar, Lord von Almadar, der Hohe Herrscher von Haus Almadar. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt und geheimnisumwittert.</p><p><strong>Asha'man:</strong> (1) In der Alten Sprache �W�chter�, immer ein W�chter von Gerechtigkeit und Wahrheit. (2) Die Bezeichnung der M�nner - sowohl allgemein als auch im Sinne eines Ranges -, die zur Schwarzen Burg in der N�he von Caemlyn in Andor gezogen sind, um dort den Gebrauch der Einen Macht zu erlernen. Ihre Ausbildung konzentriert sich auf die M�glichkeiten, die Eine Macht als Waffe zu benutzen. Sobald sie gelernt haben, <emphasis>Saidin,</emphasis> die m�nnliche H�lfte der Macht, zu ergreifen, wird von ihnen verlangt - eine weitere Abweichung von den Gepflogenheiten der Wei�en Burg -, alle m�hevollen Arbeiten mithilfe der Macht zu erledigen. Ein neu aufgenommener Rekrut wird Soldat genannt; er tr�gt einen schlichten schwarzen Mantel mit einem hohen Kragen nach der andoranischen Mode. Mit der Bef�rderung zum Geweihten erh�lt er das Recht, eine als Schwert bezeichnete silberne Anstecknadel am Mantelkragen zu tragen. Die Bef�rderung zum Asha'man beinhaltet das Recht, auf der dem Schwert gegen�berliegenden Kragenseite die aus Gold und rotem Emaille bestehende Anstecknadel in Form eines Drachen zu tragen. Obwohl viele Frauen - einschlie�lich der Ehefrauen - die Flucht ergreifen, wenn sie erfahren, dass ihr Mann die Macht lenken kann, sind eine stattliche Anzahl der M�nner aus der Schwarzen Burg verheiratet, und sie benutzen eine Abart des Beh�terbundes, um eine Verbindung zu ihren Frauen herzustellen. Dieser Bund wurde k�rzlich so modifiziert, dass er Gehorsam erzwingt, und dazu benutzt, gefangene Aes Sedai gef�gig zu machen. Einige Aes Sedai sind auch mit Asha'man den Bund eingegangen, allerdings handelt es hier um den traditionellen Beh�terbund. Anf�hrer der Asha'man ist Mazrim Taim, der sich selbst die Bezeichnung M'Hael verliehen hat, was in der Alten Sprache �F�hrer� bedeutet.</p><p><strong>Bande der Roten Hand:</strong><emphasis>siehe: Shen an Calhar.</emphasis></p><p><strong>Blut</strong>, das: Bezeichnung der Seanchaner f�r ihren Adel. Es gibt vier verschiedene Adelsr�nge, zwei beim Hohen Blut und zwei beim Niederen Blut. Das Hohe Blut l�sst die Fingern�gel bis auf eine L�nge von zweieinhalb Zentimetern wachsen, rasiert den Kopf auf beiden Seiten und l�sst nur in der Mitte einen Haarschopf �brig; bei den M�nnern f�llt er schmaler als bei den Frauen aus. Die L�nge des Haarschopfes richtet sich nach der Mode. Das Niedere Blut l�sst ebenfalls die Fingern�gel wachsen, aber sie rasieren au�er den Seiten auch den Hinterkopf, au�er dem Schopf bleibt ein breiter Zopf �brig, der bei M�nnern oft bis zur Schulter und bei Frauen bis zur Taille reichen kann. Die Angeh�rigen der h�chsten Adelsr�nge des Hohen Blutes bezeichnet man als Hochlady oder Hochlord; sie lackieren sich die ersten beiden Fingern�gel einer jeden Hand. Die Angeh�rigen des darunter befindlichen Ranges werden einfach als Lord oder Lady bezeichnet und lackieren sich lediglich die Zeigefingern�gel. Angeh�rige des Niederen Blutes werden ebenfalls einfach als Lord oder Lady angesprochen, aber hier lackieren sich die Mitglieder des h�heren Ranges die N�gel der letzten beiden Finger, w�hrend sich der untere Rang nur die N�gel der kleinen Finger lackiert. Die Kaiserin und die unmittelbaren Angeh�rigen der Kaiserfamilie rasieren sich den Kopf ganz und lackieren alle Fingern�gel. Man wird ins Blut hineingeboren, kann aber auch zu diesem Rang erhoben werden. Das ist eine h�ufige Belohnung f�r au�ergew�hnliche Leistungen oder Verdienste f�r das Kaiserreich.</p><p><strong>Corenne:</strong> In der Alten Sprache �Die Wiederkehr�. Die Seanchaner bezeichnen damit sowohl die Flotte aus Tausenden von Schiffen wie auch die Hunderttausende von Soldaten, Handwerkern und anderen Menschen, die Schiffe transportierten und den Vorl�ufern folgen, um das Land zu beanspruchen, das Artur Falkenfl�gels Nachfahren gestohlen wurde. Der Anf�hrer der <emphasis>Corenne</emphasis> ist Generalhauptmann Lunal Galgan. <emphasis>(siehe auch: Hailene, Rhyagelle)</emphasis></p><p><strong>Cuendillar:</strong> Eine angeblich unzerst�rbare Substanz, die w�hrend des Zeitalters der Legenden erschaffen wurde. Jede bekannte Kraft, die dazu benutzt wird, <emphasis>Cuendillar</emphasis> zu zerst�ren, wird davon absorbiert und macht sie st�rker. Die Kunst der Herstellung galt als verloren, aber Ger�chten zufolge wurden wieder neue Gegenst�nde daraus hergestellt. Auch als Herzstein bekannt.</p><p><strong>Da'covale:</strong> (1) In der Alten Sprache bezeichnet man damit eine Person, die einer anderen geh�rt oder ihr �Besitz� ist. (2) Bei den Seanchanern wird dieser Begriff h�ufig f�r Besitzt�mer und Sklaven verwendet. In Seanchan hat die Sklaverei eine lange und ungew�hnliche Geschichte, da Sklaven die M�glichkeit haben, zu Positionen mit gro�er Macht und �ffentlicher Autorit�t aufzusteigen, darunter auch solche, in denen sie �ber freie B�rger bestimmen. Es ist allerdings auch m�glich, dass hochgestellte Personen zu <emphasis>Da'covale</emphasis> gemacht werden. <emphasis>(siehe auch: So'jhin)</emphasis></p><p><strong>Depositorium:</strong> Eine Abteilung der Burgbibliothek. Es gibt zw�lf allgemein bekannte Depositorien, in denen B�cher und Aufzeichnungen �ber jeweils bestimmte Sachgebiete und artverwandte Themen aufbewahrt werden. Ein dreizehntes Depositorium ist allein einigen auserw�hlten Aes Sedai zug�nglich. Es enth�lt geheime Dokumente, Aufzeichnungen und historische Unterlagen, die nur vom Amyrlin-Sitz, der Beh�terin der Chroniken und den Sitzenden vom Saal der Burg eingesehen werden d�rfen. Und nat�rlich von der Handvoll Bibliothekare, die das Depositorium leiten.</p><p><strong>Der'morat:</strong> (1) In der Alten Sprache �Meisterbezwinger�. (2) Bezeichnung der Seanchaner f�r einen Tierb�ndiger und Ausbilder von Exoten beziehungsweise f�r jeden Ausbilder, wobei das Suffix einen langj�hrigen und f�higen Meister bezeichnet, so wie beispielsweise in <emphasis>Der'morat'raken. Der'morat</emphasis> k�nnen eine ziemlich hohe soziale Stellung erreichen; der h�chste ist der <emphasis>Der'sul'dam,</emphasis> die Ausbilder der <emphasis>Sul'dam,</emphasis> die mit hohen Armeeoffizieren gleichzusetzen sind. <emphasis>(siehe auch: Morat)</emphasis></p><p><strong>Echos Seiner Dynastie:</strong> Ein Buch, �ber das wenig bekannt ist.</p><p><strong>Eelfinn:</strong> Eine Rasse von Wesen, die gr��tenteils menschlich aussehen, aber auch fuchs�hnliche Z�ge haben. Sie erf�llen drei W�nsche, allerdings verlangen sie als Gegenleistung einen Preis. Wenn der Bittsteller keinen Preis aushandelt, legen die Eelfinn ihn fest. F�r gew�hnlich ist das unter diesen Umst�nden der Tod. Aber sie halten ihren Teil des Handels ein, auch wenn die Art und Weise, wie sie die W�nsche erf�llen, nur selten den Erwartungen des Bittstellers entsprechen. Ihr eigentlicher Aufenthaltsort ist unbekannt, aber man kann sie mithilfe eines <emphasis>Ter'angreals</emphasis> besuchen, das sich in Rhuidean befand. Dieses <emphasis>Ter'angreal</emphasis> wurde von Moiraine Damodred nach Cairhien geschafft, wo es zerst�rt wurde. Berichten zufolge kann man sie auch durch den Turm von Ghenjei erreichen. Sie stellen die gleichen Fragen wie die Aelfinn, was Eisen, Musikinstrumente oder Ger�tschaften zum Feuermachen betrifft. <emphasis>(siehe auch: Aelfinn)</emphasis></p><p><strong>Ein Kommentar �ber den Drachen:</strong> Ein Buch von Sajius, �ber das wenig bekannt ist.</p><p><strong>Eine ausf�hrliche Diskussion von Relikten aus der Zeit vor der Zerst�rung der Welt:</strong> Ein Buch, �ber das wenig bekannt ist (abgesehen von seinem Titel).</p><p><strong>Erste Ausw�hlende:</strong> Titel der Anf�hrerin der Blauen Ajah. Zurzeit ist unbekannt, wer diese Position bekleidet, allerdings gibt es Grund zur Annahme, dass es Lelaine Akashi ist.</p><p><strong>Erste Denkerin:</strong> Titel der Anf�hrerin der Wei�en Ajah. Diese Position wird in der Wei�en Burg zurzeit von Ferane Neheran bekleidet. Ferane Sedai ist eine von derzeit nur zwei Ajah-Anf�hrerinnen, die gleichzeitig im Saal der Burg das Amt einer Sitzenden innehalten.</p><p><strong>Erste Schreiberin:</strong> Titel der Anf�hrerin der Grauen Ajah. Diese Position wird in der Wei�en Burg zurzeit von Serancha Colvine bekleidet.</p><p><strong>Erste Weberin:</strong> Titel der Anf�hrerin der Gelben Ajah. Diese Position wird in der Wei�en Burg zurzeit von Suana Dragand bekleidet. Suana Sedai ist eine von derzeit nur zwei Ajah-Anf�hrerinnen, die gleichzeitig im Saal der Burg das Amt einer Sitzenden innehaben. Bei den Aes Sedai-Rebellen nimmt Romanda Cassin diese Position ein.</p><p><strong>Erste des Gro�en Rates der Dreizehn:</strong> Titel der Anf�hrerin der Schwarzen Ajah. Diese Position wird zurzeit von Alviarin Freidhen bekleidet.</p><p><strong>Fallender Schiefer:</strong> Eine geschichtliche Abhandlung, �ber die wenig bekannt ist.</p><p><strong>Fel, Herid:</strong> Der Autor von <emphasis>Vernunft und Unvernunft</emphasis> und anderer B�cher. Fel war Student (und Lehrer) der Geschichte und der Philosophie an der Universit�t von Cairhien. Seine Leiche wurde in St�cke gerissen in seinem Arbeitszimmer entdeckt.</p><p><strong>Feuerwerker, Gilde der:</strong> Eine Gesellschaft, die das Geheimnis zur Herstellung von Feuerwerk h�tet. Sie h�tet dieses Geheimnis sehr gewissenhaft, bis hin zum Mord. Die Gilde leitet ihren Namen von ihren gro�artigen Feuerwerken ab, die man auch als Illuminationen bezeichnet - man nennt sie auch die Gilde der Illuminatoren -, und die sie f�r Herrscher und gelegentlich einflussreiche Lords veranstaltet. Einfaches Feuerwerk wurde auch im freien Handel verkauft, aber stets mit strengen Warnungen vor den schlimmen Folgen, die aus dem Versuch resultieren k�nnten, etwas �ber das Innere der Feuerwerksk�rper in Erfahrung zu bringen. Einst hatte die Gilde in Cairhien und Tanchico Stiftungsh�user, aber sie sind nun zerst�rt. Die Gildenangeh�rigen in Tanchico haben sich gegen die Invasion der Seanchaner zur Wehr gesetzt; die �berlebenden wurden zu <emphasis>Da'covale</emphasis> gemacht, die Gilde als solche existiert nicht l�nger. Allerdings konnten einzelne Feuerwerker den Seanchanern entkommen und arbeiten darauf hin, dass die Gilde nicht in Vergessenheit ger�t. <emphasis>(siehe auch: Da'covale)</emphasis></p><p><strong>Gefl�gelte Wachen:</strong> Die Leibwache der Ersten von Mayene und gleichzeitig die Eliteeinheit des Mayenischen Milit�rs. Soldaten der Gefl�gelten Wache tragen rotlackierte Brustharnische und rote Topfhelme mit Nackenschutz, ihre Bewaffnung besteht aus mit Wimpeln versehenen Lanzen. An den Helmen der Offiziere sind an den Seiten Fl�gel aus dem Eisen geh�mmert, der Rang wird durch d�nne Federn angezeigt.</p><p><strong>Generalhauptmann:</strong> Der Titel der Anf�hrerin der Gr�nen Ajah, die allerdings allein den Mitgliedern der Gr�nen namentlich bekannt ist. In der Wei�en Burg wird diese Position zurzeit von Adelorna Bastine bekleidet, bei den Aes Sedai-Rebellen hat sie Myrelle Berengari inne.</p><p><strong>Gewichtseinheiten:</strong> 10 Unzen = 1 Pfund, 10 Pfund = 1 Stein, 10 Steine = 1 Zentner, 10 Zentner = 1 Tonne.</p><p><strong>Hailene:</strong> In der Alten Sprache �Vorl�ufer� oder �Jene, die vorher kommen�. Bezeichnung der Seanchaner f�r die gewaltige Expeditionsstreitmacht, die �ber das Aryth-Meer geschickt wurde, um die L�nder auszuspionieren, die einst von Artur Falkenfl�gel beherrscht wurden. Urspr�nglich unter dem Befehl der Hochlady Suroth stehend, ist sie nun in die <emphasis>Corenne</emphasis> eingegliedert worden. <emphasis>(siehe auch: Corenne, Rhyagelle)</emphasis></p><p><strong>Hand:</strong> Bei den Seanchanern bezeichnet man mit dieser Stellung einen hochrangigen Assistenten oder einen Angeh�rigen einer Hierarchie von kaiserlichen Funktion�ren. Eine Hand der Kaiserin geh�rt zum Ersten Rang, in den niedrigeren R�ngen bezeichnet man sie als Niedere H�nde. Manche H�nde arbeiten im Geheimen so wie die Anf�hrer der Sucher und Lauscher; andere sind allgemein bekannt und tragen als Rangabzeichen die entsprechende Zahl von goldenen H�nden auf die Kleidung aufgestickt.</p><p><strong>Hanlon, Daved:</strong> Schattenfreund, einst auch unter dem Namen Doilin Mellar bekannt. Er wurde zusammen mit Lady Shiaine, Chesmal Emry, Eldrith Jhondar, Temaile Kinderode, Falion Bhoda und Marillin Gemalphin gefangen genommen. Sie sind zurzeit im Kerker des K�niglichen Palasts von Andor eingesperrt.</p><p><strong>Herz:</strong> Basiseinheit in der Organisation der Schwarzen Ajah. Im Grunde genommen eine Zelle. Ein Herz besteht aus drei Schwestern, die einander kennen; jede Angeh�rige eines Herzens kennt wiederum eine weitere Schwarze Schwester, die den anderen beiden Mitgliedern des Herzens unbekannt ist.</p><p><strong>H�chste</strong>, die: Titel der Anf�hrerin der Roten Ajah. Diese Position wird in der Wei�en Burg zurzeit von Tsutama Tath bekleidet.</p><p><strong>Ishara:</strong> Die erste K�nigin von Andor (zirka 994-1020 FJ). Nach dem Tod Artur Falkenfl�gels �berzeugte Ishara ihren Gemahl, einen von Falkenfl�gels wichtigsten Gener�len, die Belagerung von Tar Valon abzubrechen und sie mit so vielen Soldaten, wie er von dem Heer auf seine Seite ziehen konnte, nach Caemlyn zu begleiten. Wo viele andere versuchten, Falkenfl�gels ganzes Reich f�r sich zu erobern und scheiterten, nahm Ishara erfolgreich von einem kleinen Teil Besitz. Heutzutage weist fast jedes Adelshaus Andors etwas von Isharas Blut auf, und der rechtm��ige Anspruch auf den L�wenthron h�ngt sowohl von der direkten Abstammung von ihr als auch von der nachgewiesenen Anzahl an Verbindungen zu ihr ab.</p><p><strong>Kaensada:</strong> Ein Gebiet in Seanchan, das von unzivilisierten Bergst�mmen bev�lkert wird. Diese St�mme k�mpfen oft untereinander, das Gleiche gilt f�r individuelle Familien innerhalb der St�mme. Jeder Stamm hat seine eigenen Br�uche und Tabus, die f�r Au�enstehende oft wenig Sinn machen. Die meisten Stammesleute meiden die zivilisierten Bewohner Seanchans.</p><p><strong>Kalender:</strong> Die Woche hat zehn Tage, der Monat 28, und es gibt 13 Monate im Jahr. Mehrere Festtage geh�ren keinem bestimmten Monat an: der Sonntag oder Sonnentag (der l�ngste Tag des Jahres), das Erntedankfest (einmal alle vier Jahre zur Fr�hlingssonnenwende) und das Fest der Rettung aller Seelen, auch Allerseelen genannt (einmal alle zehn Jahre zur Herbstsonnenwende). Obwohl die Monate Namen haben - Taisham, Jumara, Saban, Aine, Adar, Saven, Amadaine, Tammaz, Maigdhal, Choren, Shaldine, Nesan und Danu - benutzt man sie nur selten und dann auch nur in offiziellen Dokumenten. Dem Volk reicht die Jahreszeit.</p><p><strong>Kinder des Lichts:</strong> Eine Gemeinschaft von Asketen, die sich den Sieg �ber den Dunklen K�nig und die Vernichtung aller Schattenfreunde zum Ziel gesetzt hat. Die Gemeinschaft wurde w�hrend des Hundertj�hrigen Krieges von Lothair Mantelar gegr�ndet, um als Prediger gegen die ansteigende Zahl der Schattenfreunde anzugehen. W�hrend des Krieges entwickelte sich daraus eine vollst�ndig milit�rische Organisation, extrem streng ideologisch ausgerichtet und fest im Glauben, allein sie w�rden der absoluten Wahrheit und dem Recht dienen. Sie hassen die Aes Sedai und halten sie sowie alle, die sie unterst�tzen oder sich mit ihnen befreunden, f�r Schattenfreunde. Sie werden geringsch�tzig Wei�m�ntel genannt. Ihr Hauptquartier befand sich in Amador in Amadicia, aber sie wurden vertrieben, als die Seanchaner die Stadt eroberten. Galad Damodred wurde zum neuen Kommandierenden Lordhauptmann, nachdem er Eamon Valda wegen des Angriffs auf seine Stiefmutter Morgase zum Duell herausforderte und t�tete. Valdas Tod f�hrte zu einer Spaltung der Organisation. Galad f�hrt die eine Fraktion an, Rhadam Asunawa, der Hochinquisitor der Hand des Lichts, die andere. Im Wappen f�hren sie eine goldene Sonne mit Strahlen auf wei�em Feld. (<emphasis>siehe auch:</emphasis> Zweifler)</p><p><strong>K�nigliche Garde:</strong> Eliteeinheit des Milit�rs von Andor. In Friedenszeiten vollstreckt die Garde die Gesetze der K�nigin und h�lt den Frieden aufrecht. Die Uniform der K�niglichen Garde setzt sich aus rotem Mantel, funkelndem Harnisch, einem roten Umhang und einem konischen Helm mit Gittervisier zusammen. Hochrangige Offiziere tragen auf den Schultern Knoten als Rangabzeichen, sie d�rfen auch Sporen mit goldenen L�wenk�pfen benutzen. K�rzlich ist die K�nigliche Garde um die pers�nliche Leibwache der Tochter-Erbin erweitert worden, die seit der Verhaftung ihres ehemaligen Hauptmanns Doilin Mellar allein aus Frauen besteht. Gardistinnen tragen wesentlich aufwendigere Uniformen als die M�nner, dazu geh�ren breitkrempige H�te mit wei�en Federn, rotlackierte Harnische, mit wei�em Besatz versehene Helme und mit Spitzenbesatz versehene Sch�rpen mit dem Wei�en L�wen von Andor.</p><p><strong>L�ngenma�e:</strong> 10 Finger = 1 Fu�, 3 Fu� = 1 Schritt, 2 Schritte = 1 Spanne, 1000 Spannen = 1 Meile.</p><p><strong>Lanzenhauptmann:</strong> In den meisten L�ndern f�hren Adelsfrauen ihre Waffenm�nner nicht pers�nlich in den Kampf. Stattdessen nehmen sie professionelle Soldaten in Dienst, meistens einen Mann von niederer Geburt, der f�r die Ausbildung und das Kommando �ber die Waffenm�nner verantwortlich ist. Je nach Land nennt man diesen Mann Lanzenhauptmann, Schwerthauptmann, Meister der Pferde oder Meister der Lanzen. Unweigerlich entstehen oft Ger�chte �ber eine engere Beziehung als zwischen Lady und Diener. Manchmal entsprechen sie sogar der Wahrheit.</p><p><strong>Lauscher:</strong> Seanchanische Spionageorganisation. So gut wie jeder Angeh�rige im Haushalt eines Adligen, Kaufmanns oder Bankiers k�nnte ein Lauscher sein, gelegentlich sogar <emphasis>Da'covale,</emphasis> wenn auch selten <emphasis>So'jhin.</emphasis> Sie greifen nie aktiv ein, sondern beobachten nur alles und berichten. Ihre Berichte werden zu den Niederen H�nden geschickt, die sowohl sie wie auch die Sucher kontrollieren und dann entscheiden, was an die Sucher f�r weitere Aktionen weitergeleitet wird. (<emphasis>siehe auch:</emphasis> Sucher, Hand)</p><p><strong>Legion des Drachen:</strong> Eine gro�e Milit�rformation, die nur aus Infanterie besteht und dem Wiedergeborenen Drachen die Treue geschworen hat. Ihre Ausbildung liegt in den H�nden von Davram Bashere, und zwar nach Vorschriften, die er selbst zusammen mit Mat Cauthon erarbeitet hat und die sich rigoros vom �blichen Einsatz der Fu�soldaten unterscheiden. Viele M�nner melden sich als Freiwillige, aber ein gro�er Teil der Legion wird von Rekrutierungskommandos der Schwarzen Burg herangeschafft, die zuerst alle M�nner, die bereit sind, dem Wiedergeborenen Drachen zu folgen, an einer Sammelstelle zusammenholen, und auch das erst, nachdem sie sie durch Wegetore in die N�he von Caemlyn schaffen, um diejenigen herauszusieben, die man im Gebrauch der Einen Macht unterweisen kann. Der Rest - bei weitem der gr��ere Teil - wird in Basheres Ausbildungslager geschickt.</p><p><strong>Marath'damane:</strong> In der Alten Sprache �jene, die an die Leine gelegt werden m�ssen� und �eine, die man anleinen muss�. So bezeichnen die Seanchaner jede Frau, die die Macht lenken kann und nicht den Kragen einer <emphasis>Damane</emphasis> tr�gt.</p><p><strong>Meditationen �ber die flackernde Flamme:</strong> Eine geschichtliche Abhandlung �ber den Aufstieg verschiedener Amyrlins.</p><p><strong>Meister der Lanzen:</strong><emphasis>siehe: Lanzenhauptmann</emphasis></p><p><strong>Meister der Pferde:</strong><emphasis>siehe: Lanzenhauptmann</emphasis></p><p><strong>Mera'din:</strong> In der Alten Sprache �die Bruderlosen�. Der Name wurde von jenen Aiel angenommen, die Clan und Septime verlie�en und sich den Shaido anschlossen, weil sie Rand al'Thor, einen Feuchtl�nder, nicht als den <emphasis>Car'a'carn</emphasis> akzeptieren konnten oder sich weigerten, seine Enth�llungen �ber die Geschichte und die Urspr�nge der Aiel zu glauben. Clan und Septime zu verlassen - egal aus welchem Grund - ist unter Aiel eine unvorstellbare Tat, weswegen die Kriegergemeinschaften der Shaido sie nicht aufnehmen wollten. Darum gr�ndeten sie ihre eigene Gemeinschaft, die Bruderlosen.</p><p><strong>Mellar, Doilin:</strong><emphasis>siehe: Hanlon</emphasis></p><p><strong>Moiraine Damodred:</strong> Eine Aes Sedai von der Blauen Ajah aus Cairhien. Man hat sie lange f�r tot gehalten. Allerdings hat Thom Merrilin einen Brief enth�llt, der angeblich von ihrer Hand stammt. Das ist sein Inhalt:</p><cite><p>Mein lieber Thom,</p><p>es gibt viele Worte, die ich Dir gern schreiben w�rde, Worte aus meinem Herzen, aber ich habe das hier vor mir hergeschoben, weil ich wusste, dass ich es tun muss, und jetzt bleibt nur noch wenig Zeit. Es gibt viele Dinge, die ich Dir nicht sagen kann, ohne Unheil zu verursachen, aber ich werde Dir sagen, was ich kann. H�re sorgf�ltig auf das, was ich Dir sagen werde. In K�rze werde ich zu den Docks hinuntergehen, und dort werde ich Lanfear konfrontieren. Wie kann ich das wissen? Dieses Geheimnis geh�rt anderen. Es muss reichen, dass ich es wei�, nimm dieses Vorherwissen als Beweis f�r den Rest dessen, was ich Dir mitteile.</p><p>Wenn Du diesen Brief bekommst, wird man Dir sagen, dass ich tot bin. Alle werden das glauben. Ich bin nicht tot, und es kann sein, dass ich die mir vorherbestimmten Jahre leben werde. Es kann auch sein, dass Du und Mat Cauthon und noch jemand, ein Mann, den ich nicht kenne, versuchen werdet, mich zu retten. Es versuchen werdet, sage ich, denn es kann sein, dass Du es nicht machen wirst oder kannst, oder weil Mat sich weigern wird. Er teilt nicht die Zuneigung, die Du zu hegen scheinst, und er hat seine Gr�nde, die er zweifellos f�r gut h�lt. Wenn Du es versuchst, m�ssen es nur Du, Mat und der andere sein. Mehr werden f�r alle den Tod bedeuten. Weniger werden f�r alle den Tod bedeuten. Selbst wenn Du nur mit Mat und einem anderen kommst, kann der Tod kommen. Ich habe gesehen, wie Du es versuchst und stirbst, einer, zwei oder alle drei. Ich habe mich selbst bei dem Versuch sterben sehen. Ich habe uns alle �berleben und als Gefangene sterben gesehen.</p><p>Solltest Du Dich entscheiden, den Versuch trotzdem zu machen, der junge Mat wei�, wie er mich finden kann, aber Du darfst ihm den Brief nicht zeigen, bevor er danach fragt. Das ist von entscheidender Bedeutung. Er darf nicht wissen, was in diesem Brief steht, bevor er danach fragt. Die Geschehnisse m�ssen auf bestimmte Weise ihren Verlauf nehmen, was auch immer es kostet.</p><p>Solltest Du Lan wiedersehen, richte ihm aus, dass es besser so ist. Sein Schicksal folgt einem anderen Weg als das meine. Ich w�nsche ihm alles Gl�ck mit Nynaeve.</p><p>Noch etwas. Erinnere Dich daran, was Du �ber das Spiel Schlangen und F�chse wei�t. Erinnere Dich und h�r darauf.</p><p>Es ist Zeit, und ich muss tun, was getan werden muss.</p><p>M�ge Dich das Licht erleuchten und Dir Freude schenken, mein liebster Thom, ob wir uns nun wiedersehen oder nicht.</p><text-author>Moiraine</text-author></cite><p><strong>Monumente der Vergangenheit:</strong> Eine geschichtliche Abhandlung, �ber die wenig bekannt ist.</p><p><strong>Morat:</strong> In der Alten Sprache �Tierb�ndiger�. Die Seanchaner bezeichnen damit die M�nner und Frauen, die die Exoten abrichten; es gibt <emphasis>Morat'raken, Raken</emphasis>b�ndiger oder Reiter, die zwanglos auch Flieger genannt werden. <emphasis>(siehe auch: Der'morat)</emphasis></p><p><strong>Nach der Zerst�rung der Welt:</strong> Ein Buch, �ber das wenig bekannt ist.</p><p><strong>Pelateos:</strong> Der Autor von <emphasis>Pelateos' Gr�beleien.</emphasis></p><p><strong>Prophet:</strong> Die formelle Bezeichnung lautet Prophet des Lord Drachen. Einst war Masema Dagar ein schienarischer Soldat, der eine Offenbarung erlebte und entschied, dass er dazu auserw�hlt wurde, die Worte des Wiedergeborenen Drachen auf der Welt zu verbreiten. Er glaubte, dass es nichts Wichtigeres gibt, als die Tatsache anzuerkennen, dass der Wiedergeborene Drache das gestaltgewordene Licht ist und man willens ist, seinem irgendwann erschallenden Ruf zu folgen. Er und seine Anh�nger waren zu jeder Gewalttat bereit, um andere zu zwingen, die glorreichen Taten des Wiedergeborenen Drachen zu preisen. Jene, die sich weigerten, wurden zum Tod verurteilt, und jene, die sich nicht schnell genug auf ihn einlie�en, fanden ihre H�user und Gesch�fte niedergebrannt und wurden ausgepeitscht. Er hatte seinem Namen entsagt, lie� sich nur noch als �der Prophet� ansprechen und st�rzte gro�e Teile von Ghealdan und Amadicia, die nun unter seiner Herrschaft standen, ins Chaos. Nach seiner Abwesenheit sorgten die Seanchaner in Amadicia und der Hohe Kronrat in Ghealdan wieder f�r Ordnung. Er schloss sich Perrin Aybara an, der ausgesandt wurde, ihn zu Rand zu bringen; aus unbekannten Gr�nden blieb er bei ihm, obwohl das sein Zusammentreffen mit dem Wiedergeborenen Drachen verz�gerte. Seine Anh�nger waren alles M�nner und Frauen von niederster Gesinnung; falls sie es noch nicht waren, als sie seinem Charisma verfielen, wurden sie es unter seinem Einfluss. Er starb unter mysteri�sen Umst�nden.</p><p><strong>Rat der Braunen Ajah:</strong> Die Braunen Ajah werden von einem Rat gef�hrt, statt von einer einzelnen Aes Sedai. Die derzeitige Ratsvorsitzende ist Jesse Bilal. Die anderen Ratsmitglieder in der Wei�en Burg und dem Rebellenlager sind unbekannt.</p><p><strong>Rhyagelle,</strong> die: In der Alten Sprache �Die, die Heimkehren�. Eine andere Bezeichnung f�r die Seanchaner, die in die L�nder zur�ckgekehrt sind, die einst von Artur Falkenfl�gel beherrscht wurden. <emphasis>(siehe auch: Corenne, Hailene)</emphasis></p><p><strong>Richtige Beherrschung der Macht,</strong> die: Eine geschichtliche Abhandlung, �ber die wenig bekannt ist.</p><p><strong>Rotwaffen:</strong> Soldaten der Bande der Roten Hand, die zum zeitweiligen Polizeidienst ausgesucht wurden und daf�r sorgen, dass die anderen Soldaten der Bande in St�dten oder D�rfern keinen �rger machen oder Schaden anrichten. Der Name geht auf die breiten roten Armb�nder zur�ck, die sie im Dienst tragen und die fast den ganzen �rmel bedecken. F�r gew�hnlich werden sie aus den erfahrensten und verl�sslichsten M�nnern ausgew�hlt. Da m�gliche Sch�den von den M�nnern bezahlt werden m�ssen, die als Rotwaffen dienen, arbeiten sie mit dem vollen Einsatz ihrer Kr�fte, um daf�r zu sorgen, dass alles ruhig und friedlich bleibt. Eine Handvoll ehemaliger Rotwaffen wurden auserw�hlt, um Mat Cauthon nach Ebou Dar zu begleiten. <emphasis>(siehe auch: Shen an Calhar)</emphasis></p><p><strong>Sajius:</strong> Autor von <emphasis>Ein Kommentar �ber den Drachen.</emphasis></p><p><strong>Schlangen und F�chse:</strong> Ein Spiel, das bei Kindern sehr beliebt ist, bis sie erwachsen genug sind, um zu begreifen, dass man es niemals gewinnen kann, ohne die Regeln zu brechen. Auf dem Spielbrett ist ein Netz aufgezeichnet, an dem Pfeile die Richtung zeigen. Es gibt zehn Scheiben mit aufgezeichneten Dreiecken, die die F�chse repr�sentieren, und zehn Scheiben mit Wellenlinien, die f�r die Schlangen stehen. Zu Spielbeginn sagt man: �Mut um st�rker zu sein, Feuer um zu blenden, Musik um zu verwirren, Eisen um zu binden�, w�hrend man mit einer Hand ein Dreieck mit einer Wellenlinie in der Mitte in die Luft zeichnet. Mit W�rfeln ermittelt man die Z�ge f�r den Spieler und die Schlangen und F�chse. Landet eine Schlange oder ein Fuchs auf der Scheibe des Spielers, wird er aus dem Spiel herausgeworfen, und das passiert immer, solange man die Regeln befolgt.</p><p><strong>Seandar:</strong> Die Kaiserliche Hauptstadt von Seanchan, die sich im Nordosten des seanchanischen Kontinents befindet. Es ist gleichzeitig die gr��te Stadt im Kaiserreich. Nach dem Tod von Kaiserin Radhanan versank sie im Chaos.</p><p><strong>Sei'mosiev:</strong> In der Alten Sprache �gesenkter Blick�. Ist bei den Seanchanern die Rede davon, dass jemand <emphasis>sei'mosiev</emphasis> wurde, bedeutet das, dass er das �Gesicht verloren� hat. <emphasis>(siehe auch: Sei'taer)</emphasis></p><p><strong>Sei'taer:</strong> In der Alten Sprache �offener Blick�. Die Seanchaner bezeichnen damit Ehre oder �Gesicht�, die F�higkeit, jemandem ohne Scham in die Augen sehen zu k�nnen. Es ist m�glich, <emphasis>sei'taer</emphasis> �zu haben�, was so viel bedeutet, dass man eine ehrenhafte Person ist, die einem anderen offen ins Gesicht sehen kann, so wie es m�glich ist, <emphasis>sei'taer</emphasis> zu �gewinnen� oder zu �verlieren�. <emphasis>(siehe auch: Sei'mosiev)</emphasis></p><p><strong>Shara:</strong> Ein geheimnisvolles Land �stlich der Aiel-W�ste. Das Land wird von unbewohnbaren nat�rlichen Hindernissen und von Menschen erbauten Mauern besch�tzt. �ber Shara ist nur wenig bekannt, da die Bewohner ihre Kultur anscheinend geheim halten wollen. Die Sharaner bestreiten, von den Trolloc-Kriegen in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein, obwohl Aiel das Gegenteil behaupten. Sie bestreiten, von Artur Falkenfl�gels Invasionsversuchen zu wissen, obwohl es dar�ber Augenzeugenberichte vom Meervolk gibt. Den wenigen Informationen nach zu urteilen, die durchgesickert sind, werden die Sharaner von absolutistischen Monarchen beherrscht, der Sh'boan, wenn es eine Frau ist, und dem Sh'botay, wenn es ein Mann ist. Dieser Monarch herrscht genau sieben Jahre lang und stirbt dann. Die Herrschaft geht auf den jeweiligen Gemahl �ber, der sieben Jahre lang herrscht und stirbt. Dieses Muster wiederholt sich seit der Zerst�rung der Welt. Die Sharaner glauben, diese Todesf�lle seien der �Wille des Musters�. Es gibt in Shara Machtlenker, die dort als Ayyad bekannt sind; sie erhalten bei ihrer Geburt Gesichtst�towierungen. Die Frauen unter den Ayyad vollstrecken strikt die Gesetze, die sie betreffen. Auf eine sexuelle Beziehung zwischen einem Ayyad und einem Nicht-Ayyad steht die Todesstrafe f�r den Nicht-Ayyad, der Ayyad wird ebenfalls hingerichtet, wenn ihm oder ihr nachgewiesen werden kann, dass er den Verkehr erzwungen hat. Ein Kind aus solch einer Verbindung wird ausgesetzt und stirbt. M�nnliche Ayyad werden wie Zuchtvieh benutzt. Erreichen sie ihr einundzwanzigstes Lebensjahr oder fangen an, die Macht zu lenken - was auch immer zuerst eintrifft -, werden sie hingerichtet und die Leiche einge�schert. Angeblich lenken die Ayyad die Macht nur auf direkten Befehl der Sh'boan oder des Sh'botay, die st�ndig von Ayyad-Frauen umgeben sind. Selbst der Name des Landes ist umstritten. Von den Bewohnern ist bekannt, dass sie viele verschiedene Namen benutzen, einschlie�lich Shamara, Co'dansin, Tomaka, Kigali und Shibouya.</p><p><strong>Shen an Calhar:</strong> In der Alten Sprache �die Bande der Roten Hand�. (1) Eine legend�re Gruppe von Helden, die viele Abenteuer bestand und schlie�lich bei der Verteidigung von Manetheren starb, als das Land w�hrend der Trolloc-Kriege vernichtet wurde. (2) Eine Truppenformation, die eher zuf�llig von Mat Cauthon begr�ndet wurde; sie ist �hnlich den Streitkr�ften organisiert, die es auf dem H�hepunkt der milit�rischen Kunst gab, den Tagen von Artur Falkenfl�gel und den unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten.</p><p><strong>Sisnera, Darlin:</strong> Ein Hochlord in Tear, der eine Rebellion gegen den Wiedergeborenen Drachen anf�hrte, dann aber f�r kurze Zeit in seinem Namen das Amt des Verwalters von Tear aus�bte. Er wurde auserw�hlt, der erste K�nig von Tear zu sein.</p><p><strong>So'jhin:</strong> Die treffendste �bersetzung aus der Alten Sprache d�rfte die Umschreibung �Erhabenheit unter Niederen� sein, obwohl es einige auch als �sowohl Himmel wie auch Tal� �bersetzen. Mit <emphasis>So'jhin</emphasis> bezeichnen Seanchaner die H�heren Diener, deren Rang erblich ist. Sie sind <emphasis>Da'covale,</emphasis> Besitz, bekleiden jedoch Positionen von betr�chtlicher Autorit�t und Macht. Selbst Angeh�rige des Blutes behandeln die <emphasis>So'jhin</emphasis> der Kaiserfamilie mit Vorsicht und sprechen die pers�nlichen <emphasis>So'jhin</emphasis> der Kaiserin als Gleichgestellte an. <emphasis>(siehe auch: Blut, Da'covale)</emphasis></p><p><strong>Standartentr�ger:</strong> Seanchanischer Milit�rrang, der einem Bannertr�ger entspricht.</p><p><strong>Sucher,</strong> die: Auch als die Sucher der Wahrheit bekannt handelt es sich bei ihnen um eine Polizei- und Spitzelorganisation des Kaiserlichen Throns von Seanchan. Obwohl es sich bei den meisten Suchern um <emphasis>Da'covale</emphasis> und somit Besitz der Kaiserfamilie handelt, verf�gen sie �ber weitreichende Befugnisse. Jedes Mitglied des Blutes kann verhaftet werden, wenn es die Frage eines Suchers nicht beantwortet oder die vollst�ndige Kooperation verweigert, wobei Letzteres allein von der Definition des Suchers abh�ngt; nur die Kaiserin kann entscheiden, ob der Sucher richtig gehandelt hat. Die Sucher, die <emphasis>Da'covale</emphasis> sind, tragen auf einer Schulter eine T�towierung mit einem Raben und einem Turm. Im Gegensatz zu den Totenw�chtern sind Sucher nur selten bereit, ihre Raben zu zeigen, weil sie dadurch ihre Identit�t enth�llen w�rden. <emphasis>(siehe auch: Hand, Lauscher)</emphasis></p><p><strong>Tarabon:</strong> Eine Nation am Aryth-Meer. Einst eine gro�e Handelsnation, die f�r ihre Teppiche, Farben und die Gilde der Feuerwerker ber�hmt war. Nun herrschen in Tarabon schwere Zeiten. Von Anarchie und B�rgerkrieg geplagt, die zus�tzlich von Kriegen gegen Arad Doman und die Drachenverschworenen erschwert wurden, war das Land der Landung der Seanchaner hilflos ausgesetzt. Es steht nun unter Kontrolle der Seanchaner; das Stiftungshaus der Gilde der Feuerwerker wurde zerst�rt und die meisten Feuerwerker zu <emphasis>Da'covale</emphasis> gemacht. Die meisten Taraboner scheinen dankbar zu sein, dass die Seanchaner die Ordnung wiederhergestellt haben, und da ihnen die Invasoren erlauben, von kleinen Einschr�nkungen abgesehen ihr Leben wie gewohnt fortzuf�hren, versp�ren sie nicht den geringsten Wunsch, weiteren Krieg ins Land zu holen, um die Seanchaner zu vertreiben. Allerdings gibt es einige Lords und Soldaten, die sich au�erhalb der seanchanischen Einflusssph�re befinden und hoffen, ihr Land zur�ckerobern zu k�nnen.</p><p><strong>Thronfolge:</strong> Im Allgemeinen bezeichnet man damit die �bernahme des Throns durch ein anderes Haus. In Andor steht dieser Begriff im �bertragenen Sinn f�r die Machtk�mpfe um die K�nigskrone, die nach Mordrellens Tod anfingen. Tigraines Verschwinden lie� Haus Mantear ohne Tochter-Erbin zur�ck, und es vergingen zwei Jahre, bevor Morgase vom Haus Trakand den Thron f�r sich erk�mpfte. Au�erhalb von Andor wurde dieser Konflikt als der Dritte Andoranische Thronfolgerkrieg bekannt.</p><p><strong>Tiefenschau:</strong> (1) Die F�higkeit, mithilfe der Einen Macht Krankheiten zu diagnostizieren. (2) Die F�higkeit, mithilfe der Einen Macht Erzvorkommen aufzusp�ren. Dies ist eine seit langem verschollene F�higkeit der Aes Sedai, was wom�glich auch der Grund daf�r ist, dass der Name heute eine andere F�higkeit bezeichnet.</p><p><strong>Totenwache:</strong> Eliteeinheit des seanchanischen Kaiserreichs, in der sowohl Menschen wie auch Ogier dienen. Die menschlichen Mitglieder der Totenwache sind alle <emphasis>Da'covale,</emphasis> die als Sklaven geboren und in fr�hester Jugend ausgew�hlt wurden, um der Kaiserin, zu deren Besitz sie z�hlen, zu dienen. Bis zum Fanatismus loyal und von wildem Stolz erf�llt, haben sie oftmals Raben auf die Schultern t�towiert, das Zeichen eines <emphasis>Da'covale</emphasis> der Kaiserin. Die Ogier in der Wache sind auch als die G�rtner bekannt, und sie sind keine <emphasis>Da'covale.</emphasis> Die G�rtner sind genauso fanatisch loyal wie die menschlichen Totenw�chter und werden noch mehr gef�rchtet. Ob Mensch oder Ogier, die Totenw�chter sind nicht nur bereit, f�r die Kaiserin und die Kaiserfamilie zu sterben, sondern vertreten die �berzeugung, dass ihr Leben der Kaiserin geh�rt und sie damit nach Belieben verfahren kann. Helme und R�stung sind blutrot und dunkelgr�n lackiert (das Gr�n ist oft so dunkel, dass es mit Schwarz verwechselt wird), die Schilde sind schwarz lackiert, und Speere und Schwerter haben schwarze Quasten. <emphasis>(siehe auch: Da'covale)</emphasis></p><p><strong>�berlegungen in den Ruinen:</strong> Eine geschichtliche Abhandlung von betr�chtlichem Alter.</p><p><strong>Verlorene:</strong> Name von dreizehn m�chtigen Aes Sedai, sowohl M�nner als auch Frauen, die w�hrend des Zeitalters der Legenden zum Schatten �berliefen und in der Versiegelung des Stollens zum Gef�ngnis des Dunklen K�nigs gefangen wurden. Obwohl lange Zeit angenommen wurde, dass w�hrend des Schattenkrieges allein sie das Licht aufgaben, gab es in Wahrheit noch andere; diese dreizehn nahmen lediglich die h�chsten R�nge ein. Die Verlorenen (die sich selbst die Auserw�hlten nennen) sind seit ihrem Erwachen in der neuen Zeit dezimiert worden. Einige der Get�teten sind in neuen K�rpern reinkarniert worden und haben neue Namen erhalten.</p><p><strong>Vorl�ufer:</strong><emphasis>siehe: Hailene</emphasis></p><p><strong>W�hrung:</strong> Nach vielen Jahrhunderten des Handels gelten in jedem Land die gleichen Standards f�r M�nzen: Kronen (die gr��te M�nze), Mark und Pfennige. Krone und Mark k�nnen aus Gold oder Silber gepr�gt sein, w�hrend Pfennige aus Silber oder Kupfer sind. Letztere werden auch oft einfach nur als Kupferst�ck bezeichnet. In verschiedenen L�nden k�nnen diese M�nzen jedoch von verschiedener Gr��e und Gewicht sein. Selbst in einer Nation haben verschiedene Herrscher M�nzen von verschiedener Gr��e und Gewicht pr�gen lassen. Darum benutzen Bankiers, Geldverleiher und Kaufleute grunds�tzlich Waagen, um den Geldwert zu bestimmen. Aus diesem Grund werden selbst gro�e Summen gewogen. Die schwersten M�nzen kommen aus Andor und Tar Valon, und der relative Wert entspricht dort: 10 Kupferpfennige = 1 Silberpfennig; 100 Silberpfennige = 1 Silbermark; 10 Silbermark = 1 Silberkrone; 10 Silberkronen = 1 Goldmark; 10 Goldmark = 1 Goldkrone. In Altara, wo die gr��eren M�nzen einen geringeren Gold- oder Silberanteil aufweisen, geht man hingegen von dem folgenden Gegenwert aus: 10 Kupferpfennige = 1 Silberpfennig; 21 Silberpfennige = 1 Silbermark; 20 Silbermark = 1 Silberkrone; 20 Silberkronen = 1 Goldmark; 20 Goldmark = 1 Goldkrone. Papiergeld existiert lediglich in der Form von �Kreditbriefen�, die von Bankiers ausgestellt werden. F�r sie bekommt man eine bestimmte Menge Gold oder Silber ausgezahlt. Aufgrund der gro�en Entfernungen zwischen den St�dten, der ben�tigten Reisezeit und der Schwierigkeiten, die derartige Transaktionen mit sich bringen, kann es passieren, dass man f�r Kreditbriefe in St�dten, die sich in der N�he der Bank befinden, den vollen Wert erh�lt, w�hrend man sich in weiter entfernten St�dten mit einem geringeren Wert zufriedengeben muss. Im Allgemeinen wird sich eine bedeutende Pers�nlichkeit, die sich auf eine lange Reise begibt, mit einem oder mehreren Kreditbriefen ausr�sten, um zu Geld zu kommen. F�r gew�hnlich werden Kreditbriefe nur von Bankiers oder Kaufleuten akzeptiert und w�rden nie in L�den benutzt.</p><p><strong>Waffenm�nner:</strong> Soldaten, die einem bestimmten Lord oder einer Lady die Lehnstreue schulden.</p><p><strong>Wiederkehr:</strong><emphasis>siehe: Corenne</emphasis></p><p><strong>Zeichen und Anmerkungen:</strong> Eine geschichtliche Abhandlung, �ber die wenig bekannt ist.</p><p><strong>Zweifler,</strong> die: Ein Orden innerhalb der Gemeinschaft der Kinder des Lichts. Sie bezeichnen sich als die Hand des Lichts - die Bezeichnung Zweifler wird vehement verabscheut - und sehen ihre Aufgabe darin, die Wahrheit im Wortstreit zu erkennen und Schattenfreunde zu entlarven. Ihre Suche nach der Wahrheit und dem Licht erfolgt in der Regel durch Folter; sie sind der Auffassung, dass sie die Wahrheit bereits kennen und ihre Opfer nur dazu bringen m�ssen, sie zu gestehen. Gelegentlich verhalten sie sich, als w�rden sie v�llig unabh�ngig von den Kindern und dem Rat der Gesalbten agieren, der die Kinder befehligt. Das Oberhaupt der Zweifler ist der Hochinquisitor, zurzeit Rhadam Asunawa, der dem Rat der Gesalbten angeh�rt. Nachdem Galad Damodred den Kommandierenden Lordhauptmann Valda t�tete und dessen Position �bernahm, erlebte die Organisation eine Spaltung; Galad f�hrt die eine Fraktion, Asunawa die andere. Ihr Wappen ist ein blutroter Hirtenstab.</p></section></body><binary id="cover" 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