<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_action</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Norman</last-name></author><book-title>Die S�ldner von Gor</book-title><annotation><p>Unaufhaltsam r�ckt das Invasionsheer von Cos auf die Stadt Ar vor und �berzieht das Land mit Tod und Verw�stung. Da bringt der tollk�hne S�ldnerhauptmann Dietrich von Tarnburg den Vormarsch zum Stehen und erteilt Tarl Cabot den Auftrag, der scheinbar tatenlos zuschauenden Regierung von Ar Dokumente zu �berbringen, die den Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen k�nnten.</p><p>Doch �berall auf Gor lauert Verrat, und wieder einmal mu� Tarl, der Mann von der Erde, um sein Leben k�mpfen.</p></annotation><date>1996</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Andreas</first-name><last-name>Decker</last-name></translator><sequence name="Gor-Zyklus" number="21"/></title-info><src-title-info><genre>sf_action</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Norman</last-name></author><book-title>Mercenaries of Gor</book-title><date>1985</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><id>A0EA6939-5E91-4738-8B6C-1B0DF1768CC7</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>John Norman</p><p>Die S�ldner von Gor</p></title><section><title><p>1</p></title><p>�Ich kann nicht f�r andere Frauen sprechen�, sagte sie. �Aber ich will einem Mann <emphasis>ganz</emphasis> geh�ren.�</p><p>�Achte auf deine Worte�, warnte ich sie.</p><p>�Ich bin eine freie Frau! Ich kann sagen, was ich will.�</p><p>Da konnte ich ihr nicht widersprechen. Sie war frei. Also konnte sie sagen, was immer sie wollte, ohne um Erlaubnis bitten zu m�ssen. Sie stand vor mir. Sie hatte es gewagt, die Kapuze zur�ckzuschlagen und den schimmernden Schleier zu l�sen. Eine kurze Handbewegung und ein Kopfsch�tteln, und das lange schwarze Haar ergo� sich �ber ihren R�cken. Ihre Augen waren dunkel, das rundlich geformte Gesicht war zart und wundersch�n.</p><p>�Du hast den Schleier gel�st�, bemerkte ich.</p><p>�Ja�, erwiderte sie.</p><p>�Du bist schamlos.�</p><p>�Ja.�</p><p>Diese Antwort erforderte einiges Nachdenken. Anma�ung einer Frau ist eine ganz besondere Sachlage.</p><p>�Warum hast du deinen Schleier vor mir abgenommen?�</p><p>�Vielleicht gef�llt dir ja, was du siehst�, erhielt ich zur Antwort.</p><p>�Du bist eine mutige Frau.�</p><p>Sie warf ungeduldig den Kopf in den Nacken.</p><p>�Hast du �berhaupt eine Vorstellung davon, was es hei�t, einem Mann <emphasis>ganz</emphasis> zu geh�ren?�</p><p>�Findest du mich sch�n?�</p><p>�Beantworte die Frage.�</p><p>�Ja�, sagte sie.</p><p>Entsprach das tats�chlich der Wahrheit? Vermutlich schon. Sie war eine Goreanerin.</p><p>�Und jetzt beantworte meine Frage!� verlangte sie.</p><p>�Du solltest dich nicht um eine �nderung deines Status bem�hen, wenn du nicht bereit bist, sie anzunehmen. Und zwar mit allen Konsequenzen.�</p><p>Sie erschauderte, senkte den Blick. �Angeblich ist das, was ich voller Angst und zugleich voller Sehnsucht tief in meinen Innern empfinde, in jeder Frau zu finden.�</p><p>�Ich frage mich, ob das wohl stimmt.�</p><p>�Diese Frage kann ich nicht beantworten�, sagte sie, �aber ich wei�, da� es in mir ist, leidenschaftlich, m�chtig, un�berwindlich.�</p><p>�Du bist mutig.�</p><p>�Eine freie Frau kann mutig sein.�</p><p>�Das stimmt allerdings�, gestand ich ihr zu.</p><p>�Ich brauche es meiner Erf�llung wegen, um mit mir eins zu werden.�</p><p>�Sprich es deutlich aus�, sagte ich. Sie war frei. Ich sah nicht ein, warum ich es ihr leichtmachen sollte.</p><p>�Ich will eine richtige Frau werden, im Einklang mit der nat�rlichen Ordnung.�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�In meinem Herzen brodelt das Verlangen, anerkannt zu werden; ich will gekauft, besessen und dazu gezwungen werden, selbst- und willenlos zu dienen und zu lieben!�</p><p>Ich antwortete nicht.</p><p>�Ich will mir treu sein, ich will ein erf�lltes Leben!�</p><p>�Wenn du dich einmal entschieden hast, kannst du es nie wieder r�ckg�ngig machen�, sagte ich.</p><p>�Das ist mir sehr wohl bewu�t.�</p><p>�Es gibt viele Arten von Herren, und du m��test ihnen allen dienen, ohne Ausnahme.�</p><p>�Ich wei߫, fl�sterte sie.</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet. Findest du mich sch�n?�</p><p>�Das ist schwer zu sagen�, meinte ich. �So verh�llt und eingepackt, wie du bist.�</p><p>Sie sah mich voller Angst an.</p><p>�Zieh dich aus�, sagte ich. Es galt, sie einzusch�tzen.</p><p>Sie griff nach dem Schleier, der um ihren Hals lag, l�ste ihn ganz und lie� ihn auf den grasigen Boden fallen. Sie stand keine hundert Meter vom Tesius-Tor der Stadt Samnium entfernt, die etwa zweihundert Pasang �stlich und ein St�ck s�dlich von Brundisium lag. Beide St�dte waren Festlandverb�ndete von Cos, dem Inselubarat. Sie schl�pfte lautlos aus den Schuhen. Dadurch kam sie in Ber�hrung mit den Grashalmen, was f�r sie ungewohnt sein mu�te, denn sie blickte zu mir hoch. Ihre H�nde tasteten nach dem steifen, mit Brokatstickereien verzierten Kragen ihres Gewandes, des Gewandes der Verh�llung, und dann weiter zu den zahllosen Haken und �sen, die ihn besch�tzend und eng um ihren Hals hielten.</p><p>�Tr�dle nicht herum!� befahl ich ihr.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter hatte sie das Gewand ge�ffnet und schob zuerst das Stra�engewand aus dem steifen, reich verzierten Stoff von den schmalen, zarten Schultern; das Hausgewand folgte, das kaum weniger steif und h��lich war. Sie sah mich an, nur noch in das seidene Unterkleid geh�llt.</p><p>�Zieh alles aus.�</p><p>Und so stand sie dann vor mir, noch nackter als eines der M�dchen, die darauf warteten, auf den Auktionsblock gesto�en zu werden, denn sie trug weder Sklavenkragen noch Ketten. Ein Kaufmann auf dem Weg zum Tesius-Tor blieb stehen, um sie anzusehen. Zwei Soldaten, W�chter aus Samnium, schlossen sich ihm an. Sie stand aufrecht da und war sich der Musterung bewu�t. Keiner der M�nner r�mpfte die Nase oder spuckte auf den Boden.</p><p>�Wie ist dein Name?� fragte ich.</p><p>�Charlotte, eine Lady aus Samnium.�</p><p>�Dreh dich langsam um, Lady Charlotte�, befahl ich. �Jetzt verschr�nk die H�nde im Nacken und dr�ck das Kreuz durch. Gut. Du darfst dich hinknien. Kennst du die Haltung einer Vergn�gungssklavin? Gut.�</p><p>Sie gehorchte.</p><p>�Was ist das f�r ein Gef�hl, vor einem Mann zu knien?�</p><p>�Ich habe es noch nie zuvor getan.�</p><p>�Was ist es f�r ein Gef�hl?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete sie. �Ich bin so verwirrt. Es ist so �berw�ltigend. Ich bin unsicher. Ich wei� nicht, wie ich mich f�hle. Es ist fast so, als sei mir schwindelig.�</p><p>�Heb das Kinn.�</p><p>Sie gehorchte sofort, ohne zu z�gern.</p><p>�Spreiz die Beine etwas weiter.� Wieder gehorchte sie, sofort, ohne zu z�gern.</p><p>Ich musterte Lady Charlotte. Sie war brauchbar. H�bsch und au�erordentlich weiblich. Einer der Soldaten leckte sich die Lippen.</p><p>�Es herrschen schwere und finstere Zeiten�, sagte ich. �Ich sage dir damit nichts, was du nicht schon wei�t. Aber du sollst auch wissen, da� der Ort, an den ich gehe, sehr gef�hrlich sein wird.�</p><p>Sie sah zu mir hoch.</p><p>�Bleib in der Stadt. Du bist dort in Sicherheit, dort wird dir nichts zusto�en.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Nein!� wiederholte sie energisch. �Ich geh�re dir nicht. Ich mu� dir nicht gehorchen.�</p><p>�Nimm eine Stellung auf H�nden und Knien ein�, befahl ich. Dann zog ich die Sklavenpeitsche aus meinem Gep�ck.</p><p>�Ich bin eine freie Frau.�</p><p>Ich schlug einmal zu. Sie schluchzte vor Vergn�gen und Erleichterung. Ich holte einen Sklavenkragen aus dem Gep�ck, legte ihn ihr kurzerhand um und verschlo� ihn.</p><p>�Gut�, sagte der Kaufmann und ging weiter. �Gut�, sagten auch die beiden Soldaten und wandten sich ab.</p><p>Ich sah sie an.</p><p>Sie trug jetzt den Kragen. Nun war sie eine Sklavin. Und damit mein Eigentum.</p><p>Sie sah �ngstlich zu mir hoch. �Ich bin dein�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>�Bitte schlag mich noch einmal.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Bitte.�</p><p>�Also gut.�</p><p>Sie war wirklich nicht h��lich. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, aus Samnium eine Sklavin mitzunehmen, andererseits war es nicht schlecht. Sie konnte f�r mich kochen, mir dienen und meine Schlaffelle w�rmen. Es war Ende Se�Kara. Sie w�rde eine n�tzliche Annehmlichkeit darstellen, und eine h�bsche obendrein. Jeder Mann braucht derartige Annehmlichkeiten. Sp�ter konnte ich sie dann weggeben oder auf einem Markt verkaufen.</p><p>�Bist du der Meinung, du seist hart geschlagen worden?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Herr.�</p><p>�Du wurdest nicht hart geschlagen�, belehrte ich sie.</p><p>�Ja, Herr�, gab sie fl�sternd zur�ck, da sie erahnte, was h�tte geschehen k�nnen. Ich hatte allerdings h�rter zugeschlagen als beim ersten Mal, denn nun war sie eine Sklavin, und Sklavinnen schl�gt man anders als freie Frauen.</p><p>�K�nnen M�nner noch h�rter zuschlagen?� wollte sie wissen.</p><p>�Red keinen Unsinn�, sagte ich. �Ich habe dich kaum ber�hrt.�</p><p>�Ich verstehe, Herr�, sagte sie erschaudernd.</p><p>�Wer warst du?� fragte ich.</p><p>�Lady Charlotte aus Samnium.�</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Eine Sklavin, nur eine Sklavin, deine Sklavin.�</p><p>�Wie ist dein Name?�</p><p>�Ich habe keinen Namen. Ich habe noch keinen Namen erhalten. Mein Herr hat mir noch keinen Namen gegeben.�</p><p>�Deine Antworten sind zufriedenstellend.�</p><p>Sie schluchzte vor Erleichterung.</p><p>�Willst du einen Namen haben?�</p><p>�Das obliegt einzig dem Willen meines Herrn�, sagte sie. �Ich will nur das, was mein Herr w�nscht. Mein einziger Wunsch ist, ihm Freude zu machen.�</p><p>�Es ist bequem f�r mich, wenn du einen Namen hast�, sagte ich.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Du bist Feiqa�, sagte ich und verlieh ihr damit einen Namen.</p><p>�Vielen Dank, Herr�, jauchzte sie erfreut. Feiqa ist ein h�bscher Name. Unter den T�nzerinnen der Tahari ist er weit verbreitet. Andere Namen sind beispielsweise �Aytul�, �Benek�, �Emine�, �Faize�, �Mine�, �Yasemine� oder �Yasine�. Das �qa� im Namen Feiqa wird �kah� ausgesprochen.</p><p>Ich hob den Schild und die Waffen auf, die neben meinem Gep�ck lagen. Den Helm befestigte ich hinter der linken Schulter. Ich richtete den Blick nach S�dosten, fort von den hohen grauen Mauern Samniums.</p><p>�Nimm mein Gep�ck, Feiqa�, befahl ich.</p><p>�Ja, Herr�, sagte sie. Sie w�rde mir als Tr�gerin dienen.</p><p>Ich sah zu, wie sie sich mit dem Gep�ck abm�hte. Dann hatte sie es sich auf den R�cken geladen, wobei sie gebeugt dastand. �Es ist schwer, Herr�, sagte sie, doch ich reagierte nicht darauf. Sie senkte den Kopf und trug das Gep�ck. Der Wind fuhr durch das niedergetretene Gras. Sie fr�stelte. Wie bereits erw�hnt war es Ende Se�Kara. Auf dem Thassa w�rde ein k�hler Wind pfeifen, kalte Wellen w�rden gegen die Reling anst�rmen und die Decks �bersp�len. Ich sah das M�dchen an. In w�rmeren Jahreszeiten kann man sich mit der Entscheidung ruhig Zeit lassen, ob man den M�dchen Kleidung erlaubt oder nicht. Es gibt Sklavenherrn, die ihre Sklavinnen ein ganzes Jahr oder l�nger nackt gehen lassen. Dann ist das M�dchen dankbar, wenn man ihm Kleidung erlaubt, und sei es auch nur irgendein Fetzen. Auf diesem Breitengrad und zu dieser Jahreszeit w�rde ich mich darum k�mmern m�ssen, da� meine Sklavin etwas zum Anziehen bekam. Ich betrachtete die Kleidung, die sie ausgezogen hatte. Davon konnte sie nat�rlich nichts nehmen. Das w�re nicht richtig gewesen. Es handelte sich um die Kleidung einer freien Frau. Solche Dinge lagen nun hinter ihr. Ich w�rde ihr erlauben, sich etwas aus einer Wolldecke zu schneidern, vielleicht w�rde ich auch einen Umhang besorgen.</p><p>�Wei�t du, wie man folgt, Feiqa?�</p><p>�Ja, Herr�, sagte sie. Sie war eine goreanische Frau, also zumindest oberfl�chlich mit den Pflichten einer Sklavin vertraut. Da sie vor kurzem noch eine freie Frau gewesen war, w�rde sie �ber einige der Dinge, die man von ihr als Selbstverst�ndlichkeit erwartete, erstaunt, wenn nicht gar entsetzt sein. Ich konnte es nat�rlich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es hat den Anschein, als w��ten freie Frauen nichts von gewissen Dinge, die unter Sklaven nicht nur allgemein bekannt sind, sondern einen normalen, allt�glichen Teil ihres Lebens darstellen. Dabei handelt es sich um die Dinge, �ber die sich freie Frauen entsetzt und schaudernd unterhalten, manchmal in angstvollem, zugleich aber entz�cktem Fl�stern, so als w�rden sie es eigentlich nicht glauben.</p><p>Ich warf noch einen Blick auf die Mauern Samniums. Der Stadt waren die Grausamkeiten des Krieges erspart geblieben, zweifellos wegen der Beziehungen zu Cos. Ich brach in s�d�stliche Richtung auf. Feiqa folgte mir.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Ich sah auf; Feiqa klammerte sich st�hnend an mir fest. Ich stie� sie von mir fort, und sie wimmerte entt�uscht. Dann griff ich in der Dunkelheit nach meinem Messer und erhob mich. Ich stand hinter einem noch intakten St�ck Wand. Der tiefergelegte kreisrunde Fu�boden, den man aus der Erde gegraben hatte, war festgetreten und mit Steinfliesen ausgelegt worden. Die Wand war Teil einer gekalkten Mauer, die nur noch aus angeschw�rzten Tr�mmern bestand. Hinter dem zerkl�fteten Rand schimmerten die Monde am Nachthimmel. Zusammengerollte dunkle Bl�tter flogen vorbei; von meinem Standpunkt aus h�rte ich das Fl�stern weiterer Bl�tter. Der Wind stie� sie auf dem kleinen Versammlungsplatz zwischen den H�tten hin und her, trockenen, zerbrechlichen Fl�chtlingen gleich.</p><p>Wir hatten unser Lager hier aufgeschlagen, in einer der verbrannten, dachlosen, halbzerfallenen Ruinen. Hier fanden wir Schutz vor dem Wind. Das Dorf war vermutlich verlassen worden � dem Fehlen der Haushaltsutensilien und M�bel nach zu urteilen lange bevor man es angez�ndet hatte. Wie die meisten goreanischen D�rfer lag es im Mittelpunkt mehrerer Felder; es bildete die Nabe, und die Felder gingen wie die Speichen eines Rades von ihm aus. Die meisten goreanischen Bauern leben in solchen D�rfern, von denen viele von einer Palisade umgeben sind. Morgens verlassen sie ihre H�tten und bearbeiten die Felder, um nach dem Tagwerk zur�ckzukehren. Die Felder dieses Dorfes lagen genau wie die anderen der Gegend brach. Sie boten einen traurigen, verlassenen Anblick. Heere waren durchmarschiert.</p><p>�Ist da jemand?� fragte eine Stimme. Eine Frauenstimme.</p><p>Ich gab keine Antwort, sondern lauschte nur.</p><p>�Wer ist da?� Die Stimme klang schwach und ersch�pft. Das Wimmern eines Kindes ert�nte.</p><p>Ich r�hrte mich nicht.</p><p>�Wer ist da?� bettelte die Frau.</p><p>R�ckw�rtsgehend bewegte ich mich in den Schatten auf die Mitte der H�tte zu. Langsame Bewegungen machen auf sehr grunds�tzliche Weise deutlich, da� man nichts B�ses im Schilde f�hrt. Zugegeben, manchmal mi�brauchen Raubtiere wie der Larl dieses Signal; jagen sie beispielsweise den Tabuk, verschleiern sie damit ihre Absichten. Schnellere Bewegungen rufen oftmals Abwehrreaktionen hervor. Indem ich mich nun r�ckw�rts bewegte, bewies ich der Gestalt im T�reingang, da� ich keine Bedrohung darstellte, davon abgesehen gewann ich so mehr Raum. In der Mitte der H�tte konnte mich die Frau auch besser sehen, eine weitere Ma�nahme, die Mi�trauen bes�nftigte. Andererseits konnte ich von dieser Position aus meine Waffen besser einsetzen. Solche Dinge geschehen auf einer instinktiven Ebene; auf jeden Fall erfordern sie kaum bewu�tes Nachdenken. Man neigt dazu, sie als normal und selbstverst�ndlich anzusehen. Es kann jedoch lohnend sein, gelegentlich �ber den m�glichen Ursprung solch vertrauter und f�r selbstverst�ndlich gehaltener Verhaltensweisen nachzudenken. Es ist durchaus nicht unm�glich, da� sie durch das Prinzip der Auslese entstanden sind. Es ist eine Tatsache, da� man sie � oder zumindest ihre Entsprechungen � im ganzen Tierreich findet.</p><p>Die kleine Gestalt stand unmittelbar vor der einstigen T�rschwelle der H�tte. Obwohl die T�r nun fehlte, war sie ganz selbstverst�ndlich dorthingegangen, als w�re es eine vertraute Handlung. Sie machte einen verlorenen und m�den Eindruck. Sie hielt etwas in den Armen.</p><p>�Bist du ein R�uber?� fragte sie.</p><p>�Nein.�</p><p>�Es ist eine freie Frau�, fl�sterte Feiqa, die auf ihrer Decke kniete.</p><p>�Bedeck deine Bl��e�, befahl ich. Feiqa zog sich die kurze grobe Tunika �ber.</p><p>�Das ist mein Haus�, sagte die Frau.</p><p>�W�nschst du, da� wir gehen?� fragte ich.</p><p>�Habt ihr etwas zu essen?�</p><p>�Ein wenig�, beantwortete ich die Frage. �Bist du hungrig?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Vielleicht hat das Kind Hunger�, meinte ich.</p><p>�Nein�, lautete die Antwort. �Wir haben genug.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Ich bin eine freie Frau�, sagte sie pl�tzlich auf mitleiderregende Weise.</p><p>�Wir haben zu essen�, sagte ich. �Wir haben dein Haus benutzt. Erlaub uns, es mit dir zu teilen.�</p><p>�Oh, ich habe bei dem Nachschubzug gebettelt�, schluchzte sie pl�tzlich. �Das ist nichts Neues f�r mich! Ich habe gebettelt! F�r einen Kanten Brot habe ich auf den Knien gelegen! Ich habe mich mit anderen Frauen um den Abfall am Stra�enrand geschlagen.�</p><p>�In deinem eigenen Haus solltest du nicht betteln�, sagte ich.</p><p>Sie brach in Tr�nen aus, und das kleine Kind in ihren Armen fing an zu wimmern.</p><p>Ich ging ganz langsam auf sie zu und zog am Kopf des Kindes das Tuch beiseite, in das es eingeh�llt war. Seine Augen schienen sehr gro� zu sein. Das Gesicht war schmutzig.</p><p>�Hunderte von uns folgen den Nachschubkolonnen�, sagte sie. �In diesen Zeiten k�nnen nur Soldaten �berleben.�</p><p>�Die Streitkr�fte Ars werden in diesem Augenblick zusammengezogen, um die Invasoren zu vertreiben. Die Soldaten von Cos und ihre S�ldnerkontingente werden gegen die geordneten Schlachtreihen von Ar nichts ausrichten k�nnen, gleichg�ltig, wie zahlreich sie auch sein m�gen.�</p><p>�Mein Kind hat Hunger�, sagte sie. �Was k�mmern mich die Banner von Ar oder Cos?�</p><p>�Hast du einen Gef�hrten?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob er noch lebt.�</p><p>�Wo sind die M�nner?�</p><p>�Fort�, sagte sie. �Geflohen, vertrieben, get�tet. Viele wurden ins Heer gepre�t. Sie sind fort, alle sind fort.�</p><p>�Was ist hier geschehen?�</p><p>�Es waren Soldaten. Sie kamen auf der Suche nach Lebensmitteln und M�nnern. Sie haben uns alles weggenommen. Dann haben sie das Dorf niedergebrannt.�</p><p>Ich nickte. Vermutlich w�ren die Dinge nicht viel anders verlaufen, w�ren es Soldaten aus Ar gewesen.</p><p>�M�chtest du die Nacht in meinem Haus verbringen?� fragte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>Ich sah zu Feiqa, die in den Schatten kniete. Sie hatte die Tunika angezogen. Zus�tzlich hatte sie sich in die Decke geh�llt. �Stock das Feuer auf!� Ich hatte noch nicht ausgesprochen, als sie �ber die Steinfliesen zu der Asche des Feuers kroch und mit einem Stock darin herumstocherte, auf der Suche nach versteckt gl�henden Scheiten.</p><p>�Du kannst nur ein R�uber sein�, sagte die Frau.</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann bist du ein Deserteur�, sagte sie. �Es w�re dein Tod, wenn man dich findet.�</p><p>�Nein, ich bin auch kein Deserteur.�</p><p>�Was bist du dann?�</p><p>�Ein Reisender.�</p><p>�Welcher Kaste geh�rst du an?�</p><p>�Die Farbe meiner Kaste ist das Scharlachrot.�</p><p>�Das habe ich mir schon gedacht�, meinte sie. �Wer au�er einem solchen Mann kann in solchen Zeiten �berleben?�</p><p>Aus meinem Gep�ck holte ich einen Sack mit Brot und gab ihr ein St�ck, aus dem verschn�rten Ledertuch nahm ich ein papierd�nnes St�ck Trockenfleisch.</p><p>�Hier, hier�, summte sie und schob dem Kind kleine Brotst�cke in den Mund.</p><p>�Ich habe Wasser�, sagte ich, �aber keine Br�he oder Suppe.�</p><p>�Die Gr�ben am Stra�enrand sind voller Wasser�, sagte sie. �Hier, mein Kleiner.�</p><p>�Warum bist du zur�ckgekommen?� fragte ich.</p><p>�Ich habe geh�rt, da� noch mehr Wagen kommen sollen. Vielleicht folgen ihnen ja weniger Menschen.�</p><p>�Du bist zur�ckgekommen, weil du das Dorf wiedersehen wolltest�, dachte ich laut nach. �Vielleicht wolltest du nachsehen, ob einige der M�nner zur�ckgekehrt sind.�</p><p>�Sie sind fort.�</p><p>�Warum bist du zur�ckgekommen?�</p><p>�Ich habe Wurzeln gesucht�, sagte sie.</p><p>�Hast du welche gefunden?�</p><p>Sie warf mir einen raschen, verstohlenen Blick zu. �Nein.�</p><p>�Nimm noch ein St�ck Brot�, bot ich an.</p><p>Sie z�gerte.</p><p>�Es ist ein Geschenk, wie deine Gastfreundschaft�, sagte ich. �Zwischen freien Menschen. Nimmst du es nicht an, besch�mst du mich.�</p><p>�Du bist freundlich�, sagte sie. �Du verzichtest darauf, mich in meinem eigenen Haus betteln zu lassen.�</p><p>�I�.�</p><p>Feiqa hatte es mittlerweile geschafft, das Feuer wieder zum Brennen zu bringen. Es flackerte fr�hlich und best�ndig. Sie kniete daneben und k�mmerte sich darum, in ihrer knappen rauhen Tunika, mit nackten Knien auf den schmutzigen Steinfliesen.</p><p>�Sie tr�gt den Kragen!� rief die Frau pl�tzlich.</p><p>Feiqa zuckte zur�ck, unwillk�rlich fuhr ihre Hand zum Kragen. Auf ihrem Oberschenkel prangte mittlerweile ein Brandzeichen, das gew�hnliche Kajira-Zeichen, hoch oben auf ihrem linken Oberschenkel, unmittelbar unter der H�fte. Ich hatte es zwei Tage nach unserem Aufbruch von Samnium anbringen lassen, auf dem Markt von Semris, der f�r seinen Tarskhandel ber�hmt ist. Es war im Haus des Sklavenh�ndlers Teibars geschehen. Er macht hervorragende Brandzeichen, und seine Preise sind angemessen. Nun konnte keiner mehr die einstige Lady Charlotte aus Samnium f�r eine freie Frau halten.</p><p>Die freie Frau starrte Feiqa entsetzt an.</p><p>�Auf den Bauch�, befahl ich.</p><p>Feiqa warf sich sofort neben dem Feuer auf den Bauch, mitten auf die schmutzigen Fliesen.</p><p>�Ich werde keine Sklavin in meinem Haus dulden�, sagte die freie Frau.</p><p>Feiqa zitterte.</p><p>�Ich kenne deine Sorte!� rief die freie Frau. �Ich sehe sie manchmal auf den Fuhrwerken, schlank, angekettet und wohlgen�hrt, w�hrend freie Frauen verhungern!�</p><p>�Es ist selbstverst�ndlich, da� man sich um solche Frauen k�mmert�, sagte ich. �Sie sind Besitz. Sie stellen eine Art Reichtum unter Beweis. Es ist so nat�rlich, sich um sie k�mmern, als k�mmerte man sich um Tharlarion oder Tarsk.�</p><p>�Du wirst nicht in meinem Haus bleiben!� schrie die Frau Feiqa an. �Ich dulde keine Schlampen in meinem Haus!�</p><p>Feiqa ballte die kleinen F�uste, die neben ihrem Kopf lagen. Ich sah, da� ihr das eben Geh�rte nicht gefiel. In Samnium war sie eine reiche Frau gewesen; ihre Familie hatte auf der Stra�e der M�nzen Einflu� gehabt. Zweifellos hatte sie sich den armen B�uerinnen tausendfach �berlegen gef�hlt, die in ihren gebleichten wollenen Gew�ndern aus den D�rfern kamen und S�cke und K�rbe voller Getreide und landwirtschaftlicher Erzeugnissen auf den Stadtm�rkten verkauften. Ihre geballten F�uste waren vermutlich ein Zeichen, da� sie noch immer nicht vollst�ndig begriffen hatte, da� dies nun alles hinter ihr lag.</p><p>�Mistst�ck!� schrie die freie Frau.</p><p>Feiqa blickte mit Tr�nen in den Augen w�tend auf und stemmte sich auf den Handfl�chen ein paar Zentimeter von den Fliesen hoch. �Einst war ich genauso frei wie du!�</p><p>�Aua!� rief sie pl�tzlich voller Schmerz, als ich sie an den Haaren in eine kniende Stellung hochri�.</p><p>�Das ist Vergangenheit!� sagte ich w�tend. Ich konnte nicht glauben, da� sie so ungehorsam war.</p><p>�Ja, Herr!� schluchzte sie. �Vergib mir!� flehte sie die freie Frau an. �Vergib mir!�</p><p>�Sprich sie als Herrin an�, sagte ich. Goreanische Sklaven sprechen freie Frauen gew�hnlich als Herrin und freie M�nnern als Herr an!</p><p>�Ich bitte dich um Verzeihung, Herrin!� schluchzte das M�dchen. �Vergib mir, bitte, ich flehe dich an!�</p><p>�Sie tr�gt den Kragen noch nicht lange�, entschuldigte ich mich bei der freien Frau.</p><p>�Bereust du dein Verhalten?�</p><p>�Ja, ja, ja, Herrin!� weinte Feiqa mit gesenktem Kopf, in v�lligem Gehorsam gegen�ber einer Frau, die ihr tausendfach, nein, sogar unendlich �berlegen war. Die freie B�uerin.</p><p>�Ich verzeihe dir�, sagte die freie Frau.</p><p>�Danke, Herrin!� Feiqa zitterte am ganzen K�rper und schluchzte hemmungslos.</p><p>�Hast du etwas daraus gelernt, Feiqa?� fragte ich.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Da� ich eine Sklavin bin.�</p><p>�Vergi� das nie, Feiqa.�</p><p>�Nein, Herr�, stie� sie inbr�nstig hervor.</p><p>�Willst du die Nacht hier verbringen?� fragte die freie Frau.</p><p>�Mit deiner Erlaubnis?�</p><p>�Du bist hier willkommen�, sagte sie. �Aber sie mu� drau�en schlafen.�</p><p>Ich blickte auf Feiqa hinab. Sie zitterte noch immer am ganzen Leib. Es w�rde noch eine Weile dauern, bis sie sich an ihre neuen Lebensumst�nde gew�hnt hatte.</p><p>�Ich dulde keine Sklaven in meinem Haus.�</p><p>Ich mu�te l�cheln. Die ehemalige reiche junge Dame aus Samnium war nun eine Sklavin, nicht mehr und nicht weniger. Aber ich mu�te auch �ber die freie Frau l�cheln, �ber ihre Emp�rung bei dem Gedanken, eine Sklavin im Haus zu haben. Es belustigte mich. Es ist auf Gor ganz nat�rlich, Sklaven im Haus zu halten. Je gr��er der Besitz und Reichtum eines Goreaners, desto wahrscheinlicher ist es, da� er sich Sklaven h�lt. In den H�usern der Administratoren, den Domizilen reicher Kaufleute oder den Pal�sten der Ubar findet man viele Sklavinnen, zumeist sogar ausgesprochen h�bsche Exemplare, denn dort kann man sie sich leisten.</p><p>�Geh hinaus!� befahl ich Feiqa.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�M�chtest du noch etwas zu essen?� fragte ich die B�uerin. �Ich habe noch etwas.�</p><p>Sie sah mich an.</p><p>�Bitte.�</p><p>Z�gernd nahm sie noch zwei St�cke gelbes Sa-Tarna-Brot. Ich stockte das Feuer auf.</p><p>�Hier�, sagte sie verlegen und zog ein paar Wurzeln und zwei Suls aus dem Gewand. Sie waren frisch ausgegraben; an ihnen klebte noch Erde. Die Frau legte sie genau zwischen uns auf den Boden. Ich setzte mich im Schneidersitz hin, sie kniete gegen�ber, mit geschlossenen Beinen, wie es sich f�r eine freie Goreanerin geh�rte. Die Wurzeln und die beiden Suls lagen zwischen uns.</p><p>�Sagtest du nicht, du h�ttest keine Wurzeln gefunden?� Ich l�chelte.</p><p>�Es waren noch welche im Garten�, erwiderte sie. �Das fiel mir wieder ein, darum bin ich zur�ckgekommen. Aber es war kaum noch etwas da. Anscheinend sind mir andere zuvorgekommen. Diese haben sie �bersehen. Es ist nichts Gro�artiges. Wir haben die Ertr�ge dieses Gartens als Tarskfutter verwendet.�</p><p>�Es sind gute Wurzeln�, sagte ich. �Und auch ausgezeichnete Suls.�</p><p>�Wir durchst�bern sogar die Futtertr�ge der Tarsk�, sagte sie m�de. �Graben im kalten Boden der St�lle. Die Tarsk sind weg, aber manchmal findet man Futterreste, die zwischen die Spalten gefallen sind oder die die Tiere �bersehen und in den Schlamm getreten haben. Wir lernen viele Schliche in dieser Zeit.�</p><p>Ich sagte: �Ich m�chte dein Essen nicht.�</p><p>�Willst du mich besch�men?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Teile meinen Topf.�</p><p>�Vielen Dank.� Ich nahm eine Wurzel, brach ein St�ck davon ab und s�uberte sie vom Schmutz. Ich bi� hinein. �Gut�, sagte ich, belie� es jedoch bei dem Bissen. Ich wollte ihr Essen nicht. Ich hatte mich so verhalten, wie es die Situation erforderte, hatte sie als Herrin des Hauses anerkannt, ihr die n�tige Ehre und Respekt erwiesen, mit ihr �den Topf geteilt�.</p><p>Sie betrachte das Kind. �Der kleine Andar ist eingeschlafen.�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Deine Sklavin darf hier drinnen schlafen.�</p></section><section><title><p>3</p></title><p>�Weg mit den Kapuzen, herunter mit den Schleiern, ihr Frauen!� lachte der Kutscher.</p><p>Die Frauen, die sich hinter dem Fuhrwerk dr�ngelten � viele streckten die H�nde aus, und die �rmel der Gew�nder rutschten zur�ck �, schrien best�rzt auf.</p><p>�Wenn ihr was zu essen haben wollt!� f�gte er hinzu.</p><p>Die Frauen waren vermutlich Neuank�mmlinge, die einen langen Marsch hinter sich hatten. Sie kamen aus D�rfern, durch die das cosische Heer gezogen war, aus einem Umkreis von vielleicht f�nfzig Pasang, das �bliche Einzugsgebiet f�r berittene Soldaten mit dem Auftrag, alles zu requirieren, was von Nutzen war. Die meisten der dem Wagenzug folgenden Frauen, die ich bis jetzt gesehen hatte, hatten mittlerweile gelernt, sich den Fuhrwerken mit entbl��tem Haupt zu n�hern, als Bittstellerinnen. Sie bem�hten sich, den M�nnern zu gefallen, die m�glicherweise dazu bewegt werden konnten, ihnen etwas zu essen zu geben, indem sie mit gel�stem und deutlich sichtbarem Haar ankamen � wie Sklavinnen. Viele hatten die Schleier bereits weggeworfen oder verborgen; das galt auch f�r die Zeit, da sie nicht bettelten. Sie trugen sie nicht einmal mehr in ihren winzigen stinkenden Lagern, die sie in unmittelbarer N�he der Wagen aufschlugen und die manchmal nicht einmal �ber ein Feuer verf�gten, Lager, denen die M�nner manches Mal einen Besuch abstatteten. Sie hatten entdeckt, da� eine Frau, die man mit Schleier antrifft � selbst wenn sie ihn gesenkt und sich damit auf solch bedauernswerte Weise selbst entbl��t hat �, bedeutend weniger Aussichten hat, etwas zu essen zu bekommen, als eine Frau ohne Schleier. Ebenso, wie sie rasch gelernt hatten, da� die Kutscher ihr Vergn�gen wesentlich seltener bei den Verschleierten suchten. Die M�nner auf den Wagen gestanden den Frauen die mit dem Schleier verbundene W�rde nicht zu. Und damit behandelten sie sie nat�rlich wie Sklavinnen.</p><p>�Bitte!� rief eine Frau, schlug die Kapuze zur�ck und ri� den Schleier herunter. �Gib mir zu essen! Bitte! Gib mir doch zu essen!� Die anderen folgten schnell ihrem Beispiel, jede schien die Nachbarin an Eile �bertreffen zu wollen, wobei einige entsetzt aufst�hnten und ihr Elend beklagten.</p><p>�So ist das schon besser�, lachte der Kutscher.</p><p>Viele der Frauen weinten.</p><p>�Gib uns zu essen!� riefen sie ihm auf mitleiderregende Weise zu, mit ausgestreckten Armen und erhobenen H�nden, w�hrend sie sich am Hinterteil des Wagens dr�ngten. �Wir bitten um Nahrung!� � �Wir haben Hunger!� � �Bitte!� � �Gib uns zu essen!� � �Bitte!�</p><p>Ich sah mir ihre Gesichter an. Es schienen einfache Frauen zu sein, B�uerinnen und ihre T�chter.</p><p>�Hier!� rief der Kutscher lachend und holte Brot aus einem Sack, das er erst einer und dann einer anderen Frau zuwarf. Das erste St�ck bekam die Frau, die als erste Gesicht und Haare entbl��t hatte, vielleicht als Belohnung f�r ihre Klugheit und Bereitwilligkeit. Die n�chsten St�cke bekamen diejenigen, die am h�bschesten waren und am energischsten gebettelt hatten. Doch es geschah oft, da� die st�mmigeren, derberen Frauen den h�bscheren, weiblicheren Geschlechtsgenossinnen die Beute einfach entrissen. Wo es keine M�nner gibt, die sch�ne Frauen besch�tzen, werden sie in einer grotesken Perversion der Natur von den k�rperlich st�rkeren Frauen beherrscht und ausgebeutet.</p><p>�Mehr, mehr, bitte!� flehten die Frauen.</p><p>Der Kutscher warf, wohl um sich zu am�sieren, ein paar Brotst�cke in die Luft und sah dann zu, wie die Verzweifelten sich gegenseitig wegstie�en, dr�ngelten oder hochsprangen, um sie aufzufangen.</p><p>�Mehr, mehr!� schrien sie.</p><p>Ich sah, wie eine gro�e Frau mit breiten H�ften einer schw�cheren ein St�ck Brot aus der Hand ri�. Sie stopfte es sich mit beiden H�nden in den Mund und k�mpfte sich vorn�bergeneigt einen Weg durch die Menge zu einer Stelle, wo sie es allein und in Ruhe essen konnte. Niemand h�tte es geschafft, ihr das Brot abzunehmen. Mit Ausnahme eines Mannes nat�rlich.</p><p>�Das ist alles!� lachte der Kutscher.</p><p>�Nein!� schrien die Frauen.</p><p>�Brot!�</p><p>Es war offensichtlich, da� der Sack den Worten des Mannes zum Trotz noch nicht leer war. Er grinste und fuhr sich mit dem Arm �bers Gesicht. Es war ein Scherz gewesen.</p><p>�Noch eine Kruste, bitte!� bettelte eine Frau.</p><p>�Gib uns zu essen!� rief eine andere.</p><p>�Ihr seid die Herren!� schluchzte eine pl�tzlich. �Gebt uns zu essen!�</p><p>Der Mann lachte und zog eine Handvoll Krusten aus dem Sack, die nun anscheinend tats�chlich den Rest darstellten. Er warf sie weit �ber die K�pfe der Frauen hinweg. Sie drehten sich um, liefen zu der Stelle und warfen sich in den Staub, wo sie auf H�nden und F��en kriechend lautstark um das Brot k�mpften.</p><p>Der Kutscher sah ihnen eine Zeitlang belustigt zu. Dann wandte er sich ab, stieg �ber die S�cke auf der Ladefl�che und begab sich zum Wagenkasten. Dieser Kasten dient gleichzeitig als Kutschbock und Stauraum, in dem f�r gew�hnlich Ersatzteile, Werkzeuge und pers�nliche Besitzt�mer untergebracht sind. Normalerweise ist er verschlossen. Er hob den als Sitz dienenden Deckel, warf den leeren Sack hinein und klappte ihn wieder zu. Dann ergriff er eine Tharlarionpeitsche, die in N�he der Fu�bank steckte. Anscheinend hatte er mit den Bettlerinnen seine Erfahrungen.</p><p>�Schlu�!� sagte er �rgerlich. �Es gibt nichts mehr.�</p><p>Die Frauen kamen wieder heran, verzweifelt, mitleiderregend, die Gew�nder schmutzig und zerknittert vom Kriechen im Staub, wo sie um jeden Kr�mel gek�mpft hatten. Die Peitsche knallte �ber ihren K�pfen. Sie wichen zur�ck.</p><p>�Mehr!� riefen sie. �Bitte!�</p><p>�Es ist nichts mehr da�, sagte der Kutscher. �Alles ist weg! Verschwindet, ihr Schlampen!�</p><p>�Du hast doch noch Brot�, weinte eine Frau. Das entsprach der Wahrheit. Die Ladung des Fuhrwerks bestand aus Sa-Tarna-Brot; zuf�lligerweise transportierte er auch Sa-Tarna-Getreide und -Mehl. Die R�der �chzten unter etwa neunhundert goreanischen Kilogramm des Nahrungsmittels. Diese Vorr�te waren nat�rlich nicht f�r Vagabunden oder Reisende bestimmt, denen man unterwegs begegnete, sondern f�r die Feldk�chen der verschiedenen Nachtlager.</p><p>�Zur�ck, ihr Schlampen!� rief er. �Ich transportiere Verpflegung f�r die Soldaten.�</p><p>�Bitte!�</p><p>�Ich sehe schon, es war ein Fehler, da� ich euch �berhaupt etwas gegeben habe!� rief er w�tend.</p><p>�Nein, nein!� rief eine der Frauen. �Es tut uns leid! Wir bitten dich um Verzeihung, edler Herr!�</p><p>�Erbarmen, mehr Brot!� schluchzten andere.</p><p>Er hob drohend die Peitsche. Es war eine Tharlarionpeitsche. Ich h�tte nur ungern einen Schlag damit abbekommen.</p><p>�Zur�ck!� rief er.</p><p>Ein paar von ihnen kamen noch n�her an den Wagen heran. Die Peitsche fuhr zwischen sie, und sie schrien schmerzerf�llt auf und wichen zur�ck.</p><p>�Morgen werdet ihr gar nichts bekommen!� br�llte der Mann w�tend.</p><p>�Nein! Bitte!�</p><p>�Kniet euch hin!� verlangte er. Sie lie�en sich auf die Knie fallen. �K�pfe in den Staub!� befahl er. Sie gehorchten. Meiner Meinung nach war es nicht richtig, freien Frauen auf diese Art zu befehlen. So wurden nur Sklavinnen herumkommandiert.</p><p>�Ihr d�rft die K�pfe wieder heben�, sagte er. �Bereut ihr euer Handeln?�</p><p>�Ja�, st�hnten einige der Frauen.</p><p>�Seid ihr bereit, mich um Verzeihung zu bitten?�</p><p>�Ja, ja!�</p><p>�Nun�, sagte er scheinbar bes�nftigt, �wir werden sehen.� Er senkte die Peitsche und setzte sich auf den Kutschbock. Mit der linken Hand l�ste er die Bremse, indem er den Hebel zur�ckzog, der �ber eine Achse den lederbeschlagenen Bremsschuh vom linken Vorderrad entfernte. �H�!� br�llte er dem Tharlarion zu; die Peitsche knallte, Holz knarrte, das Geschirr klirrte, das Tier grunzte, und das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung. Ich schaute einen Augenblick lang zu, wie es auf den eisenbeschlagenen h�lzernen Speichenr�dern �ber die Stra�e polterte. Dann band ich ein Seil um Feiqas Hals. �Komm!�</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter hatte ich das Fuhrwerk eingeholt. Ich sah zur�ck. Die Frauen kamen jetzt erst auf die F��e. Zweifellos litten sie noch immer gro�en Hunger. Viele schienen auch m�de und benommen zu sein. Offenbar waren sie erst an diesem Morgen aus ihrem Dorf gekommen. Sie hatten die erste Lektion erhalten, was es f�r eine Frau bedeutete, dem Wagenzug zu folgen.</p><p>Ich nahm Feiqa das Gep�ck ab und warf es zusammen mit Speer und Schild auf die Ladefl�che. Dann stieg ich neben dem Kutscher auf den Kutschbock. Er unternahm keinen Versuch, mich daran zu hindern. �Tal�, sagte er und sah zu mir her�ber. �Ich bin Mincon.�</p><p>�Tal. Ich hei�e Tarl�, erwiderte ich den Gru�, w�hrend ich Feiqas Seil an der Seite festmachte. Sie dr�ckte sich eng an den Wagen, beinahe so eng, da� ich sie ber�hren konnte. Sie hatte Angst. Daran waren vermutlich die Blicke schuld, die sie von einigen der freien Frauen am Stra�enrand erhalten hatte.</p><p>�Nein!� sagte Mincon mehr als nur einmal und hob die Peitsche, als die Frauen aufstanden, als wollten sie n�her kommen. Nat�rlich hatten sich nicht alle der Kolonne angeschlossen. Einige kamen ohne jeden Zweifel aus ihren D�rfern � oder den Ruinen der D�rfer � an den Stra�enrand, um dort zu betteln. In diesen D�rfern gab es vermutlich noch Nahrung. Man konnte davon ausgehen, da� die Frauen ihre Besitzt�mer erst dann zusammenschn�ren und sich den Wagen anschlie�en w�rden, wenn die Vorr�te aufgebraucht waren. Eine der Sitzenden kam mit einer Rute heran und schlug w�tend dreimal auf Feiqa ein. Meine Sklavin duckte sich und versuchte Gesicht und K�rper zu sch�tzen. Zwischen freien Frauen und Sklavinnen herrscht wenig Liebe, besonders in solchen Zeiten. Pl�tzlich schrie Feiqa auf, als sie von einem Stein getroffen wurde. Sie ging weinend weiter und dr�ckte sich fast gegen den Wagen. Nat�rlich konnte sie nicht im entferntesten daran denken, sich gegen eine solche Behandlung zu wehren. In der vergangenen Nacht hatte sie in der H�tte der freien Frau lernen m�ssen, da� sie eine Sklavin war. Ich fragte mich, ob die einstige reiche junge Frau aus Samnium Sklavinnen auf die gleiche Weise behandelt hatte. Vermutlich schon. F�r freie Frauen ist das kein ungew�hnliches Verhalten. Als Sklavin begriff sie nun, wie es war, einer solchen Behandlung ausgesetzt zu sein. Vielleicht w�rden freie Frauen den Sklaven anders begegnen, wenn ihnen klar w�re, da� sie m�glicherweise selbst eines Tages den Kragen tragen m�ssen. Es bestand keine Gefahr, da� Feiqa bei diesen Angriffen ernsthaft verletzt oder verst�mmelt wurde. Darum nahm ich nach au�en hin auch keine Notiz davon.</p><p>Die Fuhrwerke des Nachschubzugs verteilten sich �ber die ganze Stra�e. Die Abst�nde dazwischen waren unregelm��ig, gelegentlich hielt eines von ihnen auch an. Wir waren am fr�hen Morgen in die N�he der Stra�e des Genesian gekommen. Wir hatten eine Anh�he erklommen, und da war sie gewesen, weit unter uns in der Ferne, mit der langen Wagenkolonne. Dann waren wir durch das feuchte Gras langsam den H�gel hinabgegangen, bis wir den Stra�enrand erreicht hatten. Ich hatte eine recht genaue Vorstellung von der Gr��e der Streitmacht aus Cos, die gegen Anfang Se�Kara in Brundisium gelandet war. Ich war Zeuge gewesen, wie die Invasionsflotte in den sicheren Hafen einlief. Meines Wissens nach hatte es noch nie zuvor auf Gor ein so gro�es Heer gegeben. Es war nicht die Invasion eines Heeres gewesen, sondern die ganzer Heerscharen. Zugegeben, viele der Kontingente bestanden nicht aus cosischen Soldaten, sondern setzten sich aus S�ldnern zusammen, die diversen unabh�ngigen Hauptm�nnern f�r eine gewisse Zeit gegen Bezahlung den Treueid geleistet hatten. Es ist schwierig, solche M�nner unter Kontrolle zu halten. Sie k�mpfen nicht f�r den Heimstein. Oft ist es wenig mehr als bewaffneter P�bel. Viele sind kaum besser als Diebe und Halsabschneider. Sie m�ssen sehr gut bezahlt werden, au�erdem mu� man ihnen reichlich Beute versprechen. Darum haben Taktik und Aufmarsch solcher Gruppen � Angelegenheiten, f�r die Hauptm�nner zust�ndig sind, die ihre M�nner gut kennen und in Schach halten m�ssen � oftmals nur wenig mit milit�rischen �berlegungen wie Strategie und �hnlichem zu tun als vielmehr mit organisiertem Stra�enraub. Ich konnte mir nicht vorstellen, da� solche M�nner gegen die gut gedrillten Soldaten aus Ar bestehen k�nnten, nicht einmal mit ihrer �bermacht.</p><p>�Du bist doch kein Stra�enr�uber, oder?� fragte Mincon, ohne mich anzusehen.</p><p>�Nein�, antwortete ich.</p><p>�Du w�rdest hier auch keine gro�e Beute machen, vom Sa-Tarna mal abgesehen.�</p><p>�Ich bin kein Stra�enr�uber.�</p><p>�Bist du vor irgendeinem Hauptmann auf der Flucht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Du bist ein kr�ftiger Bursche�, sagte er. �Bist du in der Armee?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Willst du dich irgendwo verdingen?�</p><p>�Auch das nicht.�</p><p>�Geh�ren die Waffen dir?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Raymond aus Rive-de-Bois rekrutiert�, sagte er.</p><p>�Conrad von Hochburg und Pietro Vacchi auch.� Diese M�nner waren S�ldnerf�hrer. Es gab Dutzende solcher Kompanien. Brachte jemand seine eigenen Waffen mit, mu�te er nat�rlich nicht auf Kosten der Kompanie bewaffnet werden. Au�erdem konnte man in diesem Fall davon ausgehen, da� er damit umzugehen verstand. Solche M�nner werden in gewisser Weise vorgezogen, wenn es um die Aufnahme in die Stammrolle geht. In aller Regel handelt es sich bei ihnen um erfahrene Soldaten und nicht um gr�ne Jungs, die gerade von einem Bauernhof kommen. �brigens kennen viele S�ldnerkompanien weder Uniformen noch Standardausr�stungen. Aus praktischen Gr�nden l�st man sie w�hrend des Winters auf, und die Hauptm�nner behalten nur eine aus Offizieren und Berufsk�mpfern bestehende Stammtruppe. Im Fr�hling fangen sie nach Erhalt eines Kriegskontraktes, der manchmal in offenem Wettbewerb ersteigert werden mu�, mit dem Rekrutieren und der Ausbildung wieder von vorn an.</p><p>Es war sehr ungew�hnlich, da� M�nner wie Raymond und Conrad im Se�Kara rekrutierten. Das war eine Zeit, da die meisten goreanischen Soldaten an die Annehmlichkeiten des Winterquartiers oder die R�ckkehr in ihre Heimatd�rfer und -st�dte dachten. F�r die Zwangsrekrutierungen, der einige der Bauern zum Opfer gefallen waren, gibt es gew�hnlich mehrere Gr�nde. Manchmal will ein vorbeiziehendes Heer nur seine St�rke vergr��ern oder Verluste ausgleichen, besonders bei den leichteren Waffengattungen wie den Bogensch�tzen, den Schleuderern oder den Speerwerfern. Manchmal ben�tigt man statt Soldaten nur Arbeitskr�fte, die Schanzwerke und befestigte Lager errichten. Es kann auch vorkommen, da� die S�ldnerf�hrer, die den abgeschlossenen Kontrakten zufolge eine bestimmte Anzahl von Bewaffneten stellen m�ssen, gar keine andere Wahl haben, als irgendwelche z�gernden M�nner zu �berreden, wenn sie die notwendige Truppenst�rke zusammenbekommen wollen. Mehr als ein armer Teufel hat den Treueid mit einem Schwert am Hals geleistet. Die meisten S�ldner stellen sich ihrem Hauptmann nat�rlich aus freien St�cken zur Verf�gung. Tats�chlich m�ssen erfahrene und ber�hmte Hauptm�nner, die f�r ihr milit�risches Geschick und eintr�gliche Feldz�ge bekannt sind, die Rekrutierungstische oft bereits schon Anfang En�Kara schlie�en.</p><p>�Dietrich von Tarnburg sucht ebenfalls noch M�nner�, sagte Mincon.</p><p>�Ach ja? F�r welche Seite?�</p><p>�Wer kann das schon wissen?� kicherte er.</p><p>Dietrich von Tarnburg aus der ehrenwerten Stadt Tarnburg, etwa zweihundert Pasang nord�stlich von Hochburg � beides stattliche Bergfestungen in den s�dlicheren und zivilisierteren Ausl�ufern der Voltai �, war den Kriegern von Gor wohlbekannt. Sein Name war fast schon Legende. Er hatte auf den Schlachtfeldern von Piedmont und Cardonicus den Sieg davongetragen, er hatte den Marsch der Vierzig Tage angef�hrt, um dem belagerten Talmont zur Hilfe zu eilen, er hatte 10 122 C.A. � damals hatte ich mich in Torvaldsland aufgehalten � den Keibel-H�gel nachts evakuiert und den Issus erfolgreich �berquert. Er war der Sieger in den Schlachten von Rovere, Kargash, Edington, des Teveh-Passes, der Gordon-H�hen und der Ebenen von Sanchez. Seine Feldz�ge wurden auf s�mtlichen Kriegsschulen eifrig studiert. Ich selbst kannte ihn aus den Schriftrollen, die ich vor Jahren in Ko-ro-ba gelesen hatte, sowie aus den Werken meiner Bibliothek in Port Kar wie den Kommentaren des Minicius und den anonymen Analysen in �Den Tageb�chern�, die manche dem Milit�rhistoriker Carl Commenius aus Argentum zuschreiben, der Ger�chten zufolge einst selbst S�ldner gewesen sein soll.</p><p>Es war Dietrich von Tarnburg, der als erster auf Gor die �Egge� in die Feldschlacht eingef�hrt hatte; diese Formation war nach dem harken�hnlichen gro�en Werkzeug aus der Landwirtschaft benannt worden, mit dem man nach dem Pfl�gen den Boden gl�ttet oder auf gro�en Bauernh�fen das Saatgut bedeckt. Diese Formation sieht wie folgt aus: Bogensch�tzen bilden Spitzen, die weit aus der ersten Schlachtenreihe mit den schwerbewaffneten Kriegern und der Reserve herausragen; dabei werden sie durch eisenbeschlagene Piken und Sleengruben gesch�tzt. Diese Formation ist au�erordentlich wirkungsvoll bei der Abwehr eines Tharlarion-Kavallerieangriffs. Die einzelnen Spitzen bilden Todeskorridore, durch die die Kavallerie reiten mu� und in denen sie gew�hnlich dezimiert wird, bevor sie die Reihen der Verteidiger erreicht. Ist die Kavallerie durch das gegnerische Feuer zerschlagen und so verwirrt, da� die Disziplin zusammenbricht und sie zum R�ckzug wendet, k�nnen die ausgeruhten und kampfbereiten Verteidiger zum Angriff �bergehen.</p><p>Dietrich hatte auch den �schr�gen Vorstoߋ in die goreanische Taktik eingef�hrt. Gro�e Abteilungen r�cken gegen wichtige Teile des Feindheeres vor, solange die Masse des Gegners noch nicht in Kampfhandlungen verwickelt ist. Diese Formation erm�glicht es, nur bestimmte, zahlenm��ig unterlegene Kompanien anzugreifen; auf diese Weise kann man ein an St�rke vielleicht dreifach �berlegenes Heer angreifen, seine Flanke bedr�ngen und Verwirrung stiften, wenn nicht gar eine wilde Flucht ausl�sen. Falls der Angriff scheitert, kann die vorger�ckte Streitmacht in dem beruhigenden Wissen zur�ckfallen, da� der gr��te Teil des Heeres, der noch ausgeruht und frisch bis jetzt in keine K�mpfe verwickelt war, bereit ist, den R�ckzug zu decken.</p><p>Am meisten jedoch hatte mich Dietrich von Tarnburgs Koordination der Luft- und Bodenstreitkr�fte beeindruckt sowie die Anpassung bestimmter Belagerungstechniken und -waffen f�r den Kampf im Feld. Dem Luftangriff von Tarnk�mpfern begegnet man normalerweise mit der milit�rischen Taktik des �Schilddachs� oder der �Schildh�tte�, einer Formation, die gro�e �hnlichkeit mit der auf der Erde bekannten r�mischen <emphasis>testudo</emphasis> oder �Schildkr�te� hat. Die Schilde bilden eine Mauer f�r das �u�erste Glied und ein Dach f�r die M�nner im Innern. Dies ist haupts�chlich eine Verteidigungsformation, kann aber auch f�r den Vorsto� unter gegnerischem Feuer verwendet werden. Die �bliche goreanische Verteidigungstaktik gegen einen Tharlarionangriff � sofern man ihm auf offenem Gel�nde begegnen mu� � ist das station�re Karree, das mit gesenkten, in den Boden gerammten Lanzen verteidigt wird. Bei Rovere und Kargash hatte Dietrich seine Luft- und Bodenkavallerie derart koordiniert, da� der Gegner gezwungen wurde, widerstandsf�hige, jedoch ziemlich unbewegliche gro�e Karrees zu bilden. Dann lie� er die Bogensch�tzen in langen einkreisenden Linien vorr�cken; auf diese Weise bot der Gegner eine wesentlich breitere Front f�r das niedrig gehaltene, aus n�chster N�he erfolgende Feuer als mit den kleinen Karrees.</p><p>Dann setzte Dietrich bei Rovere und sp�ter bei Kargash zum ersten Mal in einer goreanischen Feldschlacht mobiles Belagerungsger�t ein, auf fahrenden Plattformen errichtete Katapulte, die �ber die K�pfe der Zugtiere schie�en konnten. Die bis zu diesem Zeitpunkt allein bei Belagerungen eingesetzte Artillerie wurde zu einer �berraschenden, verheerenden neuen Waffe, zu einer Feldartillerie; T�pfe mit brennendem Pech und loderndem �l, Belagerungsspeere und riesige Felsbrocken regneten als zerst�rerische Flut auf die unbeweglichen Abwehrkarrees herab. Die Schildh�tte zerbrach. Die Geschosse der Bogensch�tzen trafen die verwirrten, gl�cklosen Verteidiger. Sogar bewegliche von Tharlarion gezogene Belagerungst�rme w�lzten sich auf sie zu, die W�lle voller Bogensch�tzen und Speerwerfer. Die Karrees zerbarsten. Dann st�rmte die gewaltige, donnernde, br�llende, grunzende Tharlarionkavallerie heran, lie� die Erde erbeben und brach durch die Reihen, als handle es sich um trockenes Stroh, gefolgt von Wellen schwerbewaffneter schreiender Speertr�ger. Die R�nge des Feindes zerbrachen endg�ltig. Die Luft war von panischen Schreien erf�llt. Eine wilde, unkontrollierte Flucht setzte ein. Speere und Schilde wurden weggeworfen, damit die M�nner schneller laufen konnten. Danach war nur noch wenig zu tun. Die Kavallerie k�mmerte sich um den zur�ckweichenden Feind.</p><p>�Ich hatte eigentlich daran gedacht, mich eine Zeitlang als Kutscher zu verdingen�, sagte ich.</p><p>�Es werden Kutscher gesucht�, erwiderte Mincon. �Kannst du mit einem Tharlarion umgehen?�</p><p>�Ja. Ich kann reiten.� Vor langer Zeit war ich als W�chter in der Karawane Mintars geritten, eines Kaufmanns aus Ar.</p><p>�Ich spreche von Zugtieren.�</p><p>�Mit denen komme ich schon zurecht.� Ich konnte mir nicht vorstellen, da� ich Schwierigkeiten haben sollte, diese f�gsamen, langsamen Bestien zu lenken, w�hrend ich doch ihren wesentlich temperamentvolleren Bruder, den Satteltharlarion, geb�ndigt hatte.</p><p>�Sie brauchen viele Schl�ge auf Kopf und Nacken�, erkl�rte er.</p><p>Ich nickte. Das war beim Satteltharlarion nicht viel anders. In der Regel lenkt man die Echsen mit Befehlen und Hieben mit dem Speerschaft. Im Vergleich zu S�ugetieren scheinen Tharlarion ein sehr langsam reagierendes Nervensystem zu besitzen, das gegen Schmerzen fast immun zu sein scheint. Die meisten der gr��eren Vertreter dieser Spezies verf�gen �ber zwei Gehirne � oder genauer gesagt, ein Gehirn und ein kleineres gehirn�hnliches Organ. Das Gehirn befindet sich im Kopf, das Organ an der Basis der Wirbels�ule.</p><p>Ich blickte zu Feiqa hinab, die neben dem Wagen herging. �Tharlarion�, sagte ich zu ihr, um Mincons Bemerkung zu erkl�ren, �zeigen sich wenig empf�nglich f�r Schmerzen.�</p><p>�Ja, Herr�, gab sie zur Antwort.</p><p>�Darin �hneln sie Sklavinnen.�</p><p>�O nein, Herr�, rief sie, �nein!�</p><p>�Nein?�</p><p>�Nein.� Sie blickte �ngstlich und ernst zugleich zu mir hoch. �Wir sind sogar schrecklich empf�nglich f�r Schmerzen.�</p><p>�Ist das so?� Ich l�chelte.</p><p>Sie senkte zerknirscht den h�bschen Kopf. �Der Herr macht sich �ber seine Sklavin lustig.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Sie err�tete. Mit dem Stahlkragen um den Hals sah sie wundersch�n aus.</p><p>Ich griff nach unten, hob sie bei den Armen hoch und setzte sie im Wagen ab. Das Gehen hatte sie sicherlich erm�det. �Vielen Dank, Herr�, sagte sie erfreut. Dann kniete sie hinter uns auf ein paar zusammengefalteten S�cken nieder, das Seil, das sie an den Wagen fesselte, hing noch immer an ihrem Hals. Ich dachte dar�ber nach, auf welche Weise ich sie am Abend nehmen w�rde.</p><p>�Brot! Brot!� rief eine Frau am Stra�enrand. Dort hatte ein weiterer Sa-Tarna-Wagen angehalten. Der Kutscher hatte wohl das Geschirr des Tharlarion richten m�ssen und sa� nun wieder auf dem Kutschbock, Z�gel und Peitsche in der Hand.</p><p>�Vorw�rts!� schrie er.</p><p>Die Frau warf sich vor den Wagen und schrie: �Brot!� Er lie� die Peitsche knallen, und das Tharlarion setzte sich ruckartig in Bewegung. Die Frau schrie auf und konnte im letzten Moment aus dem Weg kriechen. Ich war fest davon �berzeugt, da� sie, h�tte sie sich nicht in Bewegung gesetzt, �berfahren worden w�re.</p><p>�Die versuchen so gut wie alles�, sagte Mincon, als wir an der Frau vorbeifuhren. Sie zitterte am ganzen Leib; sie war gerade dem Tod oder der Verst�mmelung entkommen. �Sie schicken ihre Kinder zum Betteln, w�hrend sie sich in den B�schen am Stra�enrand verbergen. Manchmal werfe ich ihnen dann was zu, manchmal auch nicht. Wenn sie Brot haben wollen, sollten sie selbst kommen.�</p><p>�Vielleicht wollen sie nur nicht daf�r zahlen � nach Art der Frauen, meine ich�, meinte ich.</p><p>�Die zahlen schon, wenn sie hungrig genug sind.�</p><p>Das entsprach sicher der Wahrheit. Mincon schien ein anst�ndiger, gutherziger Bursche zu sein. Ich war Zeuge gewesen, wie er angehalten und den Bettlerinnen zu essen gegeben hatte. Und das, obwohl er dabei zweifellos einen Teil der Ladung weggegeben hatte. Viele Kutscher verhielten sich anders, davon war ich �berzeugt. Au�erdem hatte er nichts dagegen gehabt, da� ich bei ihm mitfuhr und Feiqa auf den Wagen gesetzt hatte. Ja, er schien ein anst�ndiger Kerl zu sein.</p><p>�Wie weit vor uns sind die Truppen?� fragte ich.</p><p>�Die Aufmarschlinien erstreckten sich �ber viele Pasang, dazwischen gibt es gro�e L�cken, ebenfalls viele Pasang breit.�</p><p>Ich nickte. Die Heere w�rden Tage brauchen, um das Land zu durchqueren. Sie waren offenbar so weit vom Feind entfernt, da� sich niemand Sorgen wegen m�glicher Befehle zum Sammeln machte. Soweit ich wu�te, hatte es bis jetzt nicht einmal kurze Vorst��e des Gegners gegeben, um den Vormarsch zu st�ren. Die Invasoren h�tten genausogut zu Friedenszeiten durch ihr eigenes Land marschieren k�nnen.</p><p>�Die hinteren Abteilungen der vor uns befindlichen Einheiten sind etwa zehn Pasang entfernt�, sagte er.</p><p>�Wie gro� ist das Heer eigentlich?�</p><p>�Gro�. Bist du ein Spion?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sieh mal da!�</p><p>Ich schaute nach rechts. Auf einer Anh�he kamen sieben oder acht Tharlarionreiter mit Tharlarionlanzen. Die Krallen der Reitechsen rissen den Boden auf. Die M�nner trugen Helme und waren in staubiges, schmutziges Leder gekleidet, das sie vor der Schuppenhaut der Echsen sch�tzte. Zwei Reiter hatten die Schilde auf den R�cken geschlungen, bei den anderen baumelten sie links am Sattel. Sie machten einen heruntergekommenen, b�sartigen Eindruck. Um den Hals der Echsen und hinter den S�tteln hingen Tragek�rbe voller Getreide und Netzs�cke mit getrocknetem Larma und braunen Suls. Ein Reiter transportierte zwei Verr quer �ber dem Sattel, deren Hinterl�ufe zusammengebunden und deren Kehlen durchschnitten waren; das Blut schimmerte braun auf der Tharlarionhaut. Sein Kamerad h�tete einen verschn�rten Korb voller Vulos; um den Hals hing ihm eine Wurstkette.</p><p>Die Abteilung trieb keine Tarsk oder Bosk vor sich her. Diese Tiere waren mittlerweile vermutlich sehr selten geworden, zumindest im Umkreis von zwei Tagesritten. Doch die M�nner schienen Erfolg gehabt zu haben. Zweifellos hatten sie besser abgeschnitten als andere Kameraden. Mir fiel auch auf, da� ihre Aufmerksamkeit nicht allein Lebensmitteln gegolten hatte. Bei mehreren hingen Armreifen, Tassen und Sch�sseln mit zwei Henkeln am Sattel. Ein Reiter hielt ein langes Seil in der Hand, das an den �ber Kreuz gefesselten Handgelenken einer Frau endete. Zweifellos hatte man sie als anziehend genug f�r den Sklavenkragen befunden. Neben dem umherstampfenden Tharlarion des Anf�hrers liefen zwei kr�ftige Bauernburschen in wei�en Gew�ndern. Ihre Handgelenke waren zusammengebunden, zwischen den angewinkelten Ellbogen und dem R�cken steckten kr�ftige Balken. Alles war mit einem Seile an den Leib gefesselt. Sie w�rden Rekruten f�r einen Hauptmann abgeben, der L�cken in seinen R�ngen aufzuf�llen hatte. Sie w�rden ihren H�schern vermutlich einen Kupfertarsk pro Kopf einbringen.</p><p>Die Tharlarionreiter sahen zu der Kolonne her�ber und ritten dann die Anh�he hinunter. Hinter ihnen kamen einige Frauen in Sicht, die ihnen anscheinend zu Fu� aus irgendeinem Dorf gefolgt waren. Einer der Reiter rief ihnen w�tend etwas zu, wendete das Tharlarion und trieb es lanzenschwingend die Anh�he wieder hinauf, auf die Frauen zu. Sie wichen vor ihm zur�ck; er gab die Verfolgung auf und holte seine Kameraden ein. Die Frauen blieben stehen, sie wagten es nicht, den M�nnern weiter zu folgen. Ich sah den Reitern nach, die bereits ein paar Fuhrwerke vor uns waren; die beiden Bauernburschen und die Frau stolperten hinter ihnen her.</p><p>Ich drehte mich nach Feiqa um. Sie mied meinen Blick.</p><p>�Die vor uns liegenden Einheiten bilden doch bestimmt die R�ckhut des Heeres.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Da gibt es Einheiten�, sagte er, �und Fuhrwerke und dann wieder neue Einheiten. Ich wei� nicht, wie weit es sich erstreckt.�</p><p>Das brachte mich zum Schweigen. Es mu�te sich hier um eine unglaubliche Anzahl von M�nnern handeln. Mir war nat�rlich bekannt, da� in Brundisium eine betr�chtliche Streitmacht an Land gesetzt worden war. Ich wu�te nur nicht, wie sich diese Truppen zur Zeit verteilten.</p><p>�Du bist sicher, da� du kein Spion bist?�</p><p>�Ja�, l�chelte ich. �Da bin ich mir sicher.� Man konnte davon ausgehen, da� sich Ar bem�hte, �ber Bewegungen des Feindes auf dem laufenden zu bleiben. Bei den Truppen oder den Nachschubz�gen g�be es Spione. Es ist nicht schwer, Spione in S�ldnertruppen einzuschleusen, wo die M�nner alle einen anderen Hintergrund aufweisen und den verschiedensten Kasten und St�dten entstammen. Von ihnen wird kaum mehr verlangt als gewisse Fertigkeiten im Umgang mit den Waffen und der Wille zum Gehorsam. Falls Ar jedoch M�nner entsandt hatte � oder M�nner bezahlte �, um genaue Berichte und Einsch�tzungen zu liefern, waren keine Gegenma�nahmen erfolgt, sei es aus mangelnder Vorbereitung oder anderen Gr�nden.</p><p>Ich betrachtete die endlose Wagenkolonne.</p><p>Wie sehr sich das alles von den Aufm�rschen der Streitkr�fte Ars oder anderer gro�er St�dte unterschied! Wann immer zum Beispiel die M�nner Ars marschierten � wobei sie nach M�glichkeit eine der gro�en Milit�rstra�en wie die Viktel Aria benutzten �, taten sie dies im Marschschritt, der vom Trommelschlag vorgegeben wurde, und legten jeden Tag eine berechenbare Strecke zur�ck, gew�hnlich etwa vierzig Pasang. In Abst�nden von vierzig Pasang legte man an den Milit�rstra�en befestigte Lager an, die im voraus mit ausreichend Proviant ausgestattet wurden. Einige dieser Lager dienten als Grundstein f�r D�rfer und sp�ter f�r richtige St�dte. Die Stra�en mit ihren Lagern erm�glichten nicht nur einen schnellen und wirksamen Truppentransport, sondern halfen auch bei der milit�rischen Planung. Man konnte beispielsweise genau vorhersagen, wieviel Zeit ben�tigt wurde, um eine bestimmte Anzahl von M�nnern an einen bestimmten Ort zu bringen. Die st�ndigen Garnisonen spielten eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Friedens im �u�eren Einflu�bereich der Stadtstaaten. In diesen Lagern fand oft auch die Rekrutierung und Ausbildung statt. Man konnte von den Streitkr�ften Cos� nicht erwarten, ein paar Monate damit zu verbringen, entlang der Aufmarschroute st�ndige Lager zu errichten. Doch nach der Art der Nachschubz�ge zu urteilen, ging der Vormarsch sehr langsam fast schon gem�tlich voran, so als f�rchteten sie nichts. Vermutlich hatte ihre Anzahl ihnen Mut gemacht. Ich fragte mich nur, warum Ar nicht gehandelt hatte.</p><p>�Hast du Tarnsm�nner am Himmel gesehen?� fragte ich.</p><p>�Nein.� Cos w�rden nat�rlich Tarnsm�nner zur Verf�gung stehen. Aber nicht einmal die patrouillierten die Aufmarschlinien.</p><p>�Warum ist die Kolonne unbewacht? Das ist doch ungew�hnlich.�</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete er. �Dar�ber habe ich mich auch schon gewundert. Vielleicht h�lt man es f�r unn�tig.�</p><p>�Hat es denn keine Angriffe gegeben?� Man konnte doch wohl davon ausgehen, da� Ar Tarnsm�nner zum Einsatz brachte, um die feindlichen Nachrichten- und Nachschublinien zu zerst�ren. Vielleicht hatten es die Tarnsm�nner nicht bis zu den Wagenz�gen geschafft. H�tte in Ar die Befehlsgewalt in den H�nden Marlenus gelegen, w�re bereits ein Gegenschlag erfolgt. Davon war ich fest �berzeugt. Doch hielt sich Marlenus nicht in Ar auf, wenn man den Berichten Glauben schenkte. Angeblich leitete er eine Strafexpedition in den Voltai, gegen die R�uberhorden von Treve. Ich verstand nur nicht, warum man ihn, falls m�glich, nicht zur�ckgeholt hatte.</p><p>�Was t�test du, wenn Tarnsm�nner aus Ar k�men?�</p><p>Er kicherte. �Mit einem Sprung unter dem Wagen verschwinden. Und wenn sie landen � laufen, so schnell ich kann.�</p><p>�Du w�rdest deine Ladung nicht verteidigen?�</p><p>�Das ist nicht meine Aufgabe�, erwiderte er. �Man bezahlt mich f�rs Fahren. Und genau das tue ich auch.�</p><p>�Und die anderen Kutscher?�</p><p>�Die t�ten vermutlich dasselbe. Wir sind Kutscher, keine Soldaten.�</p><p>�Der ganze Nachschubzug w�re einem Angriff also schutzlos ausgesetzt. Und doch hat Ar nichts unternommen. Das ist bemerkenswert.�</p><p>�Wenn du meinst.�</p><p>�Warum eigentlich nicht?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern. �Ich wei� nicht. Vielleicht k�nnen sie nicht bis hierher vordringen.�</p><p>�Nicht einmal mit Kommandotrupps, als Bauern verkleidet?�</p><p>�Keine Ahnung. Was wei� ich?�</p><p>Das Tageslicht schwand. An den Stra�enr�ndern sah man gelegentlich die winzigen Lager der freien Frauen. In manchen flackerten kleine Feuer. Es gab gelegentlich behelfsm��ige Unterk�nfte, kaum mehr als �ber St�cke gelegte Planen oder Decken. Als wir vorbeifuhren, kam es vor, da� eine der Frauen vom Feuer aufstand und uns hinterhersah. Mir fiel die freie Frau wieder ein, die ich in der vergangenen Nacht in ihrer H�tte kennengelernt hatte. Wir hatten sie schlafend zur�ckgelassen. Ich hatte noch etwas von meinem Proviant neben sie gelegt, dem Kind hatte ich eine goldene Tarnscheibe aus Port Kar in die Ecke seiner Decke eingerollt. Damit k�nnte sie vieles kaufen. Vielleicht gel�nge es ihr mit dem Geld sogar, es bis zu einem anderen Dorf zu schaffen, weit abseits von dem Heerzug, wo sie es als Brautgeld verwenden, es also im Prinzip dazu benutzen k�nnte, sich einen Gef�hrten zu kaufen, einen guten Mann, der sich um sie und das Kind k�mmerte. Im Gegensatz zu den Frauen der Stadt sind B�uerinnen in solchen Dingen eher praktisch veranlagt. Sie hatte mir ihre Gastfreundschaft erwiesen.</p><p>�Wir haben das Lager bald erreicht�, sagte Mincon.</p><p>Pl�tzlich keuchte Feiqa entsetzt auf und wich zur�ck. Am rechten Stra�enrand hatte man einen Mann gepf�hlt. Kopf und Gliedma�en baumelten herab. Der Pfahl war etwa drei Meter hoch, mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern. Man hatte ihn mit Felsbrocken und Steinen fest im Boden verkeilt. Das obere Ende war mit einem Breitbeil spitz zugehauen worden. Dann hatte man das Opfer �ber diese Spitze gehalten und es mit gro�er Kraft durchbohrt, so da� das Holz etwa einen knappen Meter aus dem Bauch aufragte.</p><p>�Vielleicht ein Spion�, sagte ich.</p><p>�Eher ein Deserteur oder ein Nachz�gler�, meinte Mincon.</p><p>�Schon m�glich.� Das war heute das erste echte Zeichen, da� vor uns tats�chlich Soldaten marschierten.</p><p>�Ist das Lager noch weit entfernt?�</p><p>�Nein�, sagte er.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Pl�tzlich ert�nte der z�gernde, erstickte Schrei eines Neugeborenen.</p><p>Genserix blickte von dem Feuer auf, um das wir sa�en; er war breitschultrig und kr�ftig, hatte dichte Augenbrauen und einen herabh�ngenden langen Schnurrbart; das lange Blondhaar war zu Z�pfen geflochten. Das Gebr�ll kam aus einem der Wagen.</p><p>Es klang bereits wesentlich lebhafter.</p><p>�Das Kind wird leben�, sagte einer der Krieger, die in der N�he sa�en.</p><p>Genserix zuckte mit den Schultern. Das m��te sich erst noch erweisen. Feiqa kniete hinter mir. Wir befanden uns in der Wagenburg von Genserix, einem H�uptling der Alar, viehz�chtenden Nomaden, die wie die Einwohner von Torvaldsland f�r ihr Geschick mit der Axt bekannt sind. Die Wagenburg der Alar bestand aus einem geschlossenen Kreis, in dessen Innern sich die Zugtiere sowie die Frauen und Kinder aufhielten. Manchmal kommen auch die Verr, Tarsk und Bosk hinzu; das kommt auf die Gr��e der Herden an, ob der Zug durch gef�hrliches Gebiet f�hrt. Abw�sser und Abfall stellen kein Problem dar � obwohl man das eigentlich erwarten k�nnte �, da die Lager st�ndig verlegt werden.</p><p>�Es ist ein Sohn�, sagte eine der Frauen, die sich aus dem Wagen dem Feuer n�herten.</p><p>�Noch nicht�, erwiderte Genserix.</p><p>Die Wagenv�lker sind st�ndig unterwegs. Die Bosk brauchen neue Weidegr�nde. Tarsk und Verr brauchen frische Sch��linge und Wurzeln. Die Bed�rfnisse der Tiere, die f�r die Alar die Lebensgrundlage darstellen, dienen den Nomaden als st�ndige Rechtfertigung f�r ihre Reisen, die manchmal zu richtigen V�lkerwanderungen werden. Man mu� wohl nicht n�her darauf hinweisen, da� diese Wanderungen, vor allem wenn sie dichter besiedelte Gegenden ber�hren, die Wagenv�lker in Konflikt mit den Bauern bringen, woraus sich wiederum Schwierigkeiten mit den St�dtern ergeben, da diese auf die Nahrungsmittelproduktion der Bauern angewiesen sind. Vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen stellen die Nomadenwanderungen eine Invasion dar, zumindest aber Gebietsverletzungen, da sich die Nomaden ohne Erlaubnis in den Herrschaftsbereich der St�dte begeben.</p><p>Manchmal zahlen sie f�r das Privileg, durch ein Land ziehen und die Weiden benutzen zu d�rfen, aber das ist eher die Ausnahme. Die Alar sind ein wildes Volk, und es bed�rfte schon einer mutigen Stadt, auf die Angemessenheit einer solchen Ma�nahme hinzuweisen. Genausogut k�nnte man von den Alar verlangen, f�r die Atemluft zu bezahlen, schlie�lich ist beides lebenswichtig. �Ohne Gras werden die Bosk sterben�, sagen sie. �Und die Bosk werden leben�, f�gen sie dann hinzu. Meistens ber�hren sie nur die Grenzen eines der Stadtstaaten, aber manchmal, wenn es das Wetter oder der Zustand des Weidelandes vorschreiben, dringen sie auch tiefer in das Gebiet ein. In der Regel nimmt die offizielle Seite wenig Notiz von ihnen, man tauscht keine Kriegserkl�rungen aus, sondern betrachtet sie als unwillkommene Wanderer, als unberechenbare, gef�hrliche Besucher auf Zeit, mit denen die Bewohner des Landes eine unbehagliche Zeitlang zusammenleben m�ssen. Es gibt kaum einen Dorf- oder Stadtrat, der nicht aufatmet, wenn die Wagen ihr Land verlassen.</p><p>Die Frau, die Genserix die Nachricht �berbracht hatte, drehte sich um und kehrte zu dem Wagen zur�ck.</p><p>Wird ein Land von Schw�che oder Chaos heimgesucht, werden die normalen sozialen Strukturen so zerst�rt, da� die �ffentliche Ordnung mit ihrer Disziplin und Verantwortlichkeit zusammenbricht, ist es nur nat�rlich, da� V�lker wie die Alar kommen. Sie haben die Neigung, �ber solche Orte herzufallen. Manchmal k�nnen sie sich dort ansiedeln und den Ackerboden zu dem ihren machen; manchmal nehmen sie die Verhaltensweisen und Vorrechte von adligen Erobern an und werden schlie�lich zu Begr�ndern einer neuen Zivilisation. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, da� das von der cosischen Invasion verursachte Chaos daran schuld war, da� sich die Alar so weit nach S�den gewagt hatten. Andererseits hatte mir Mincon � bei dem ich auf der Stra�e des Genesian mitgefahren war � erz�hlt, da� man die Alar offiziell gebeten hatte, dem Heer als Kutscher und Nachschubbesorger zu dienen. In dieser Eigenschaft hielten sie sich in dieser N�he zur Stra�e auf. Da sich die Alar auf dieses Angebot eingelassen hatten, befanden sie sich in der hervorragenden Position, die Geschehnisse zu verfolgen und � wenn es praktisch erschien � sofort etwas zu unternehmen. Hier konnten sie nach territorialen oder finanziellen Gelegenheiten Ausschau halten. Vielleicht hatten die M�nner aus Cos, die keine Narren waren, sie eingeladen, damit sie in der Gegend blieben und so den Streitkr�ften Ars die Zur�ckeroberung erschwerten. Vielleicht hofften sie, die Alar durch Landschenkungen zu dankbaren, durch Treueide gebundenen Verb�ndeten zu machen.</p><p>In einem der Wagen waren Bewegungen zu h�ren. Ein Frau mit einem Armvoll Kleidung und Wasser kletterte hinein. Das Kind schrie wieder.</p><p>Neben der Axt vertrauen die Nomaden auf das Alar-Schwert, eine lange, schwere, zweischneidige Waffe. Ihre Schilde sind meistens von ovaler Form wie die der Turianer. Zum Reiten benutzen sie den mittelschweren Satteltharlarion, der zwar kleiner und schw�cher als der normale Hohe Tharlarion, daf�r aber wesentlich schneller und flinker ist. Die S�ttel verf�gen �ber Steigb�gel und erm�glichen deshalb den Einsatz der eingelegten Sto�lanze. Manche St�dte setzen die Alar als Tharlarionkavallerie ein. Aber es gibt auch viele, die davon nichts wissen wollen und die Nomaden nicht einmal als Hilfssoldaten einstellen w�rden, geschweige denn als regul�re Truppen. Wenn die Alar in die Schlacht reiten, haben sie zumeist ihre Wagenburg im R�cken, in die sie sich im Fall der Niederlage schnell zur�ckziehen k�nnen. Auf offenem Feld sind es wilde, gef�rchtete Krieger. Sie verstehen jedoch nur wenig von Politik oder Belagerungstechnik. Die angegriffene Stadt mu� lediglich die Tore schlie�en und darauf warten, da� die Nomaden weiterziehen, was wegen der Bed�rfnisse ihrer Tiere unausweichlich ist.</p><p>Eine Frau stieg aus dem Wagen, ein kleines B�ndel im Arm. Sie kam zum Feuer, und Genserix gab ihr mit einer Geste zu verstehen, da� sie das B�ndel zwischen ihm und dem Feuer auf den Boden legen sollte. Sie gehorchte. Dann b�ckte er sich und schob mit den gro�en H�nden behutsam die Decke beiseite. Das winzige Kind lag nun vor ihm; es war kaum dazu in der Lage, den Kopf von einer Seite auf die andere zu drehen; nur Minuten alt, schnappte es in winzigen Z�gen nach Luft. Die furchteinfl��ende neue Erfahrung des Atmens hatte nach der nun unwiederbringlich verlorenen Zuflucht des Mutterleibs noch nichts von ihrem Schrecken eingeb��t; das galt auch f�r das Durcheinander der vielen anderen Eindr�cke. Die Nabelschnur war durchtrennt und am Bauch abgebunden worden. Der kleine, hei�e, krebsrote K�rper war von Blut und allen anderen Fl�ssigkeiten ges�ubert worden. Dann hatte man ihn mit Tierfett eingerieben. Wie winzig waren Kopf und Finger! Wie �berraschend und wunderbar schien es, da� so ein zartes Wesen �berhaupt leben konnte! Genserix sah es eine Zeitlang an, drehte es dann um und betrachtete es noch l�nger. Dann legte er es wieder auf den R�cken. Er stand auf und blickte auf das Neugeborene hinab.</p><p>Die um das Feuer sitzenden Krieger, die Frau und ihre beiden Geschlechtsgenossinen, die ebenfalls den Wagen verlassen hatten, sahen ihn an.</p><p>Genserix b�ckte sich und hob das Kind auf. Die Frauen stie�en Begeisterungsschreie aus, die M�nner grunzten zustimmend. Gl�cklich hielt Genserix das Kind fest, wobei es fast in seinen gro�en H�nden verschwand, und hob es dann hoch �ber den Kopf.</p><p>�Ho!� riefen die Krieger und standen auf. Die Frauen strahlten.</p><p>�Es ist ein Sohn!� rief eine der Frauen.</p><p>�Ja!� erwiderte Genserix. �Es ist ein Sohn.�</p><p>�Ho!� riefen die Krieger. �Ho!�</p><p>�Was geschieht da?� fragte Feiqa.</p><p>�Das Kind wurde begutachtet�, erkl�rte ich. �Es ist f�r gut befunden worden. Es darf leben. Jetzt geh�rt es zu den Alar. Au�erdem hat er das Kind hochgehoben. Damit erkennt er es als das seine an.�</p><p>Genserix reichte das Kind einem der Krieger. Er zog ein Messer.</p><p>�Was tut er denn jetzt?� stie� Feiqa hervor.</p><p>�Sei still!� befahl ich.</p><p>Genserix machte vorsichtig zwei Schnitte in das Gesicht des S�uglings, einen auf jede Wange. Das Kind fing an zu schreien. Blut lief die Wangen hinunter, den Hals entlang, bis auf die kleinen Schultern. �Bringt ihn zu seiner Mutter�, verlangte Genserix.</p><p>Die Frau, die das Kind ans Feuer gebracht hatte, hob die Decke auf, wickelte den S�ugling wieder darin ein, nahm ihn dem Krieger ab und kehrte zum Wagen zur�ck.</p><p>�Das ist ein Kriegervolk�, sagte ich zu Feiqa. �Das Kind ist ein Alar. Bevor es die erste Milch erh�lt, mu� es lernen, Schmerzen zu erdulden.�</p><p>Feiqa zuckte zusammen, voller Angst, sich in Gegenwart solcher M�nner aufzuhalten. Auf Genserix� Wangen waren genau wie auf den Gesichtern der Umstehenden schmale wei�e Narben zu sehen, die der Welt verk�ndeten, da� er zu seiner Zeit die gleiche Zeremonie erduldet hatte. An solchen Narben konnte man die Alar erkennen.</p><p>�Ich freue mich �ber dein Gl�ck�, sagte ich zu Genserix, der seinen Platz am Feuer wieder eingenommen hatte. Genserix neigte l�chelnd den Kopf und breitete die H�nde aus.</p><p>�In Zeiten solchen Gl�cks kann man darauf verzichten, dich zu t�ten, weil du ohne Einladung in unser Lager gekommen bist�, sagte ein Mann, der sein langes schwarzes Haar mit einem perlenverzierten Lederband zur�ckgebunden hatte.</p><p>�Nicht so schnell!� wandte ich voller Unbehagen ein. �Im Lager der Kutscher, die den Nachschub f�r Cos transportieren, sagte man mir, da� ich hier vielleicht Arbeit finden k�nnte.�</p><p>Ein paar der M�nner schlugen sich belustigt auf die Schultern.</p><p>�Also nehme ich an, da� das nicht der Wahrheit entspricht�, sagte ich.</p><p>�Sollen wir ihn trotzdem umbringen?� fragte einer der Krieger.</p><p>�Es kommen doch sicher oft Leute vorbei�, meinte ich.</p><p>�Du darfst Parthanx und Sorath nicht beachten�, meinte ein breitschulteriger gro�er Mann, der mit �berkreuzten Beinen neben mir sa�. Wie Genserix hatte er langes blondes, zu Z�pfen geflochtenes Haar und einen Schnurrbart. Er hatte auch blaue Augen. Helle Haut, blonde Haare und blaue Augen sind unter den Alar weitverbreitet. �Sie machen nur Spa�. Sie sind unsere Scherzbolde. Wie du wei�t, kommen viele Leute zu den Wagen, Informanten, Sklavenh�ndler, Kaufleute, Schmiede, Handwerker, Bauern, die Lebensmittel f�r H�ute und Schmuckst�cke eintauschen wollen, und noch viele mehr. Andernfalls bes��en wir weder die Dinge, die wir nun einmal besitzen, noch erf�hren wir Neuigkeiten. Wir w�ren von der Welt abgeschnitten und k�nnten unsere Angelegenheiten niemals so wohl�berlegt regeln, wie das unsere Art ist.�</p><p>Ich nickte. V�lker wie die Alar ziehen durch besiedelte Gebiete. Sie m�ssen sich nicht auf gro�e Ebenen beschr�nken wie beispielsweise einige der sub�quatorialen St�mme der Wagenv�lker wie die Tuchuks oder Kassar.</p><p>Parthanx und Sorath stie�en sich freundschaftlich an, erfreut �ber ihren Scherz.</p><p>�Bringt Armreifen!� rief Genserix.</p><p>�Ich bin Hurtha�, sagte der blonde Mann an meiner Seite. �Du darfst uns nicht f�r Barbaren halten. Erz�hl uns von den St�dten.�</p><p>�Was m�chtest du gern wissen?� fragte ich, obwohl ich es mir denken konnte. Er w�rde sich f�r den Zustand ihrer Mauern, die Anzahl der Tore, ihre Verteidigung, die St�rke ihrer Garnisonen und �hnliches mehr interessieren.</p><p>�Ist Ar so sch�n, wie man sich erz�hlt?� fragte er. �Und wie ist es, dort zu leben?�</p><p>�Ar ist sehr sch�n�, sagte ich. �Und obwohl ich weder B�rger von Ar noch von Telnus bin, der Hauptstadt von Cos, ist das Leben dort zweifellos einfacher als hier zwischen den Wagen. Warum fragst du?�</p><p>�Hurtha ist ein Schw�chling und ein Dichter!� lachte Sorath.</p><p>�Ich bin Krieger und ein Alar�, sagte Hurtha. �Aber es ist richtig, da� ich Gedichte mag.�</p><p>�Buchstaben und Waffen sind nicht unvereinbar�, sagte ich. �Oft sind die gr��ten Soldaten begabte M�nner.�</p><p>�Ich habe daran gedacht, dorthin zu gehen, um mein Gl�ck zu suchen�, sagte er.</p><p>�Was t�test du dort?�</p><p>�Mein Arm ist stark, und ich kann reiten.�</p><p>�W�rdest du dich bei einem Hauptmann verdingen?�</p><p>�Ja�, antwortete er. �Wenn m�glich, bei dem besten.�</p><p>�Auf Gor gibt es viele Streitigkeiten�, sagte ich. �Wie auch viele Hauptm�nner.�</p><p>�Zuerst k�nnte ich mich bei irgend jemandem verdingen.�</p><p>�Viele Hauptm�nner w�hlen ihre Auftr�ge auf den Waagen der Kaufleute aus�, sagte ich. �Sie w�gen Eisen gegen Gold ab. Sie k�mpfen f�r den Ubar mit dem umfangreichsten Geldbeutel, f�rchte ich.�</p><p>�Ich bin ein Alar�, sagte Hurtha. �Die St�dte f�hren st�ndig Krieg gegen uns. Es ist immer das Land gegen die Mauern. Gleichg�ltig, in welche Richtung ich mich wende oder gegen wen ich antrete, es w�re ein Schlag gegen den Feind.�</p><p>�Auf gewisse Weise bin ich ein S�ldner�, sagte ich. �Aber f�r gew�hnlich habe ich mir meine K�mpfe mit Sorgfalt ausgesucht.�</p><p>�Das sollte man auch tun�, stimmte Hurtha mir zu. �Sonst geschieht es, da� man sein Gl�ck nicht f�rdert.�</p><p>Ich sah ihn an.</p><p>�Ich kann mit der Vorstellung vom Vorhandensein der richtigen Seite nichts anfangen, wenn du davon sprichst�, sagte Hurtha. �Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es so etwas wie die richtige Seite �berhaupt gibt. Ich habe sie noch nie geschmeckt oder gesehen, oder gar gef�hlt. Sollte es tats�chlich so etwas geben, dann bestimmt bei beiden Parteien, so wie das Sonnenlicht oder die Luft. Es hat mit Sicherheit noch keinen Krieg gegeben, in dem nicht beide Parteien behauptet h�tten und auch davon �berzeugt waren, im Recht zu sein. Wenn sich also beide Seiten stets f�r die richtige Seite halten, kann man also nichts Falsches tun, wenn man sich f�r eine davon entscheidet. Und wenn das der Fall ist, warum sollte man dann nicht auch f�r die Wagnisse bezahlt werden, die man eingeht?�</p><p>�Hast du jemals die Ehre gesehen, gef�hlt oder gar geschmeckt?� fragte ich.</p><p>�Ja�, erwiderte Hurtha. �Ich habe die Ehre geschmeckt, sie gesehen und sie gef�hlt, aber das ist nicht so, als w�rde man Brot schmecken, einen Felsen sehen oder eine Frau sp�ren. Es ist anders.�</p><p>�Vielleicht ist das bei der Schwierigkeit mit der richtigen Seite so �hnlich.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Hurtha. �Aber das scheint mir eine sehr vertrackte, schwierige Angelegenheit zu sein.�</p><p>�Den Eindruck habe ich auch. Ich bin oft �berrascht, warum anderen das anscheinend so leicht f�llt.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Vielleicht haben sie eine Gabe, dies zu sp�ren�, dachte ich laut nach.</p><p>�Schon m�glich. Aber warum herrscht dann soviel Zwietracht unter ihnen?�</p><p>�Diese Frage kann ich nicht beantworten�, gab ich zu.</p><p>Die Armb�nder wurden gebracht, schwere Armb�nder aus Silber und Gold, und Genserix verteilte sie an hochrangige Gefolgsleute. Aus derselben Kiste holte er M�nzen, die er unter den anderen verteilte. Selbst ich erhielt einen Silbertarsk. Offenbar besa� das Wagenvolk gro�e Sch�tze. Der Tarsk kam aus Telnus. Diese scheinbar unbedeutende Tatsache best�rkte mich in der �berzeugung, da� zwischen den Man�vern von Cos und dem Zug der Alar zur Stra�e des Genesian ein Zusammenhang bestand.</p><p>�Gibt es in den St�dten solche Frauen?� fragte Hurtha und deutete auf Feiqa.</p><p>�Tausende.�</p><p>�Wir sollten uns mit den Belagerungstechniken besser vertraut machen�, l�chelte Hurtha.</p><p>Feiqa zuckte zusammen.</p><p>�Man kann solche Frauen in der Stadt kaufen, auf Sklavenm�rkten oder bei Kaufleuten. Sicherlich f�ndest du auch bei den Wagen welche, du mu�t nur nach ihnen suchen. Du k�nntest sie scharenweise vorf�hren lassen, damit man sie sich ansieht, sie untersucht und bei Zufriedenheit erwirbt.� Interessanterweise waren mir in dieser Wagenburg noch keine Sklaven begegnet. Bei den Wagenv�lkern im fernen S�den war das ganz anders. Dort waren wundersch�ne Sklavinnen � in schamlos enth�llenden Chatkas und Curlas � mit winzigen Ringen in den Nasen etwas Allt�gliches. �Du hast doch eben davon gesprochen, da� unter anderem auch Sklavenh�ndler zu euren Wagen kommen.�</p><p>�Ja�, sagte er. �Aber gew�hnlich nur um die Beute zu erwerben, die wir bei Raubz�gen oder K�mpfen machen.�</p><p>�Warum gibt es hier so wenig Sklavinnen?�</p><p>�Die freien Frauen t�ten sie.�</p><p>Feiqa keuchte auf. Vermutlich war es vern�nftiger, bald aufzubrechen. Sie war eine Sch�nheit, die M�nner erotisch erregen konnte, und zwar auf eine unvorstellbare, bet�rende Weise. Ich hatte keine Lust, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Sie war genau die Art von Frau, die mit ihrer Hilflosigkeit, ihrem Kragen, ihrer Verletzlichkeit und der kurzen Tunika eifers�chtigen Ha� hervorrufen konnte, einen Ha�, der bei freien Frauen manchmal schon an Wahnsinn grenzte, vor allem bei den H��lichen und sinnlich Unbefriedigten.</p><p>�Oh!� rief Feiqa aus, als Sorath sie beim Oberarm packte. Sein Griff war fest, unmi�verst�ndlich. Er wollte sie haben.</p><p>�Warte�, sagte ich und legte ihm die Hand auf den Arm.</p><p>�Ich soll warten?� fragte er.</p><p>�Ja�, sagte ich. �Warte.�</p><p>�Du bist kein Alar�, sagte er. �Ich werde sie mir nehmen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das ist unser Lager.�</p><p>�Sie ist meine Sklavin.�</p><p>�Gib sie mir�, verlangte er. �Wenn ich sie dir zur�ckgebe, wird sie viel gl�cklicher sein.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Im Lager tue ich das, was ich will.�</p><p>�Daran habe ich meine Zweifel.�</p><p>Er stand auf. Ich schlo� mich ihm an. Er war ein St�ck kleiner als ich, daf�r aber au�erordentlich breit und kr�ftig. Kein ungew�hnlicher K�rperbau bei den Alar.</p><p>�Du hast von unserem Essen gegessen�, sagte Sorath.</p><p>�Und das habe ich gern getan. Vielen Dank.�</p><p>�Du bist hier Gast�, sagte Sorath.</p><p>�Und ich erwarte den damit verbundenen Respekt und die H�flichkeit.�</p><p>��berla� sie ihm doch f�r ein paar Ehn�, schlug Hurtha vor.</p><p>�Er hat nicht gefragt.�</p><p>�Dann frag ihn�, mischte sich ein Mann ein.</p><p>�Nein�, sagte Sorath.</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Holt zwei �xte�, schlug Sorath vor.</p><p>�Er kennt sich mit der Axt nicht aus�, sagte Hurtha. �Er geh�rt nicht zum Wagenvolk.�</p><p>�Dann holt Schwerter!� br�llte Sorath.</p><p>�Eine Axt ist schon in Ordnung�, sagte ich. Ich hatte den Gebrauch der Waffe in Torvaldsland gelernt. Es war eigentlich unvorstellbar, da� es jemanden geben sollte, der den Torvaldsl�ndern im Gebrauch der Axt �berlegen war.</p><p>�Nehmt �xte ohne Klingen�, befahl Genserix. Das war ein �berraschender Vorschlag, aber ich hie� ihn willkommen. Es schien eine anst�ndige Geste zu sein, die Genserix da machte. Nicht jeder Anf�hrer der Alar w�re so r�cksichtsvoll gewesen. So w�rde der Verlierer schlimmstenfalls einen aufgeschlagenen Kopf davontragen. Die M�nner am Feuer grunzten zustimmend. Es schienen alle ziemlich anst�ndige Burschen zu sein. Zu meiner Freude war Sorath einverstanden. Offenbar hegte er, nachdem sein J�hzorn verraucht war und er Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, nicht den Wunsch, mich zu t�ten. Er w�re vermutlich damit zufrieden, mich bewu�tlos zu schlagen. Am Morgen w�rde ich dann nackt und an einen Holzpflock au�erhalb der Wagenburg gefesselt aufwachen. Ein paar Tage sp�ter, nachdem ich ausreichend �ber meine Undankbarkeit nachgegr�belt h�tte, w�hrend ich wie ein Tarsk von Wasser aus einem Erdloch und K�chenabf�llen gelebt h�tte, lie�e man mich vielleicht wieder frei, wenn die Wagen weiterf�hren; man g�be mir die oft benutzte Feiqa zur�ck, m�glicherweise mit einem frischen Alar-Brandmal, damit ich mich von Zeit zu Zeit an den Zwischenfall erinnerte.</p><p>Zwei sehr lange schwere Axtsch�fte wurden gebracht.</p><p>Ich wog einen in der Hand. Er war gut ausbalanciert.</p><p>�Pa� auf dich auf, Freund�, sagte Hurtha. �Sorath ist ein vorz�glicher Axtk�mpfer.�</p><p>�Danke.�</p><p>Feiqa wimmerte.</p><p>�Bereite dich in Gedanken schon einmal auf deine Zukunft vor�, sagte ich.</p><p>�Herr?� fragte sie verbl�fft.</p><p>�Soll die Frau gefesselt werden?� fragte einer der Krieger.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte ich. �Bleib auf den Knien, Feiqa!�</p><p>�Ja, Herr.� Sie w�rde gehorchen.</p><p>Sorath spuckte in die H�nde und ergriff den Schaft. Er lie� ihn ein paarmal durch die Luft pfeifen. Ich begab mich zu einer freien Stelle in der N�he des Feuers.</p><p>�Hast du gesehen?� sagte einer der Krieger. �Er hat eine Stellung eingenommen, in der er das Feuer im R�cken hat.� Die anderen M�nner nickten, es war ihnen durchaus nicht entgangen.</p><p>Nach M�glichkeit � es richtet sich nat�rlich nach den Gegebenheiten des Terrains � sorgt ein Krieger daf�r, da� er Sonne und Wind stets im R�cken hat. Der Glanz der Sonne kann, selbst wenn er nicht blendet, den Feind erm�den, besonders wenn der Kampf eine Ahn lang dauert. Die Vorteile, die es mit sich bringt, den Wind im R�cken zu haben, sind offensichtlich. Die Reichweite eines abgeschossenen Pfeils vergr��ert sich, jede vorw�rtsgerichtete Bewegung wird verst�rkt, jeglicher Staub, den der Wind m�glicherweise mit sich tr�gt, behindert eher den Feind.</p><p>Sorath hieb wild mit dem Axtschaft auf mich ein, und ich blockte den Schlag ab. Es war ein einfacher, offensichtlicher Hieb gewesen, und wenn es nicht seine Absicht gewesen war, mir die Kraft zu rauben oder den Schaft zu zerbrechen, ergab er wenig Sinn. Er trat zur�ck und �berdachte seine Taktik.</p><p>�Einen Alar h�ttest du auf diese Weise bestimmt nicht angegriffen�, sagte ich. Es konnte ihm nicht entgangen sein, da� ich seine offene Deckung nicht ausgenutzt und keinen Hieb nach seinem Hals gef�hrt hatte, einen Hieb, der zumindest mit einer Torvaldslandaxt einem Mann den Kopf von den Schultern trennen kann.</p><p>�Das stimmt, Fremder�, sagte da eine Frauenstimme. Ich trat zur�ck, in dem sicheren Wissen, da� zwischen Sorath und mir in diesem Augenblick Waffenstillstand herrschte; trotzdem behielt ich ihn im Auge. Er konnte seinen Standpunkt nicht ver�ndern, ohne da� es mir entging.</p><p>�Ich habe Tharlarion gesehen, die besser mit einem Axtschaft umgehen k�nnen�, sagte sie. Sorath err�tete w�tend. Allem Anschein nach war sie eine freie Frau der Alar, obwohl sie im Gegensatz zu den anderen Frauen keines der rauhen, schweren, bodenlangen Kleider trug. Sie trug M�nnerkleidung, Felle und Leder. In ihrem G�rtel steckte sogar ein Messer. Sie war von bet�render Sch�nheit, obwohl sie nach ihrer Miene und ihrem Benehmen zu urteilen eine derartige Bemerkung nicht als Kompliment aufgefa�t h�tte. Sie hatte etwa Feiqas Gr��e, war vielleicht ein wenig kleiner und hatte dunkles Haar und dunkle Augen.</p><p>Von ihrer Bemerkung aufgestachelt, machte Sorath einen wilden, unkontrollierten Ausfall. Ich blockte die Schl�ge ab, da ich seinen Leichtsinn nicht ausnutzen wollte. Ich versetzte ihm keinen Schlag. W�ren es richtige �xte mit scharfem Eisen gewesen, h�tte ich ihn mehrfach t�ten k�nnen. Ich wei� nicht, ob ihm das bewu�t war, aber einigen der Zuschauer blieb es nicht verborgen. Hurtha und Genserix zum Beispiel schienen sich da keinen T�uschungen herzugeben, wenn ich ihre besorgten Mienen richtig deutete. Gut, bei richtigen �xten h�tte Sorath vielleicht mit gr��erer Umsicht gek�mpft.</p><p>Er wich keuchend zur�ck.</p><p>�K�mpf, Sorath!� verspottete ihn die Frau. �Er ist ein Au�enseiter. Bist du kein Alar?�</p><p>�Schweig, Frau!� murrte Genserix.</p><p>�Ich bin eine freie Frau�, erwiderte sie. �Ich kann sagen, was ich will.�</p><p>�Halt dich aus M�nnerangelegenheiten heraus�, verlangte Genserix.</p><p>Sie betrachtete die Gruppe von ihrem Standpunkt auf der anderen Seite des Feuers aus. An den F��en trug sie Fellstiefel. Ihre Arme waren aufs�ssig unter der Brust verschr�nkt. �Sind hier denn M�nner?� fragte sie. �Das sollte mich doch wundern.�</p><p>Die versammelten Krieger stie�en ein �rgerliches Gemurmel aus. Aber niemand unternahm etwas, um die Frau in die Schranken zu weisen. Nat�rlich war sie frei. Bei den Alar haben freie Frauen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert.</p><p>�H�ltst du dich f�r einen Mann?� fragte einer der Krieger.</p><p>�Ich bin eine Frau, aber ich unterscheide mich durch nichts von dir.�</p><p>Erneutes �rgerliches Gemurmel.</p><p>�Tats�chlich bin ich mehr Mann als jeder von euch.�</p><p>�Gebt ihr eine Axt!� befahl Genserix.</p><p>Man reichte der Frau eine typische Alar-Axt, mit langem Schaft und schwerer Eisenklinge. Sie nahm sie, konnte sie aber nur mit M�he halten. Es war klar, da� die Waffe zu schwer f�r sie war. Sie konnte sie kaum hochheben, geschweige denn damit k�mpfen.</p><p>�Du k�nntest diese Klinge nicht einmal f�rs Holzhacken schwingen�, sagte Genserix.</p><p>�Wie ist dein Name?� fragte ich.</p><p>�Tenseric�, sagte sie.</p><p>�Das ist ein M�nnername.�</p><p>�Ich habe ihn selbst ausgesucht. Ich trage ihn mit Stolz.�</p><p>�Hat man dich schon immer so genannt?� wollte ich wissen.</p><p>�Man rief mich bis zum Zeitpunkt meiner Reife Boabissia. Dann habe ich mir selbst einen Namen ausgesucht.�</p><p>�Du bist noch immer Boabissia�, sagte einer der Krieger.</p><p>�Nein!� widersprach sie. �Ich bin Tenseric.�</p><p>�Du bist doch eine Frau, oder?� fragte ich.</p><p>�Sicher�, sagte sie �rgerlich. �Und?�</p><p>�Bedeutet das denn nichts?�</p><p>�Nein. Es bedeutet gar nichts.�</p><p>�Also gibt es keinen Unterschied zwischen dir und einem Mann?� fragte ich.</p><p>�Nein!�</p><p>Die Krieger am Feuer lachten.</p><p>�Es braucht mehr als Felle und Leder und einen gro�spurig im G�rtel getragenen Dolch, um ein Mann zu sein.�</p><p>Sie sah mich w�tend an.</p><p>�Du bist eine Frau!� rief einer der M�nner. �Benimm dich auch so!�</p><p>�Nein!� schrie sie.</p><p>�Zieh dir ein Kleid an!�</p><p>�Niemals! Ich will keine jener armseligen Kreaturen sein, die euch auf jede erdenkliche Weise bedienen m�ssen!�</p><p>�Bist du eine Alar?� fragte ich.</p><p>�Ja!�</p><p>�Nein�, sagte Genserix. �Sie ist keine Alar. Wir haben sie vor Jahren als S�ugling am Stra�enrand gefunden, zur�ckgelassen in einer Decke, inmitten der brennenden Reste einer �berfallenen Karawane.�</p><p>�Waren es die Alar?� fragte ich.</p><p>�Nein�, sagte ein Krieger und kicherte.</p><p>�Ich w�nschte, die Karawane w�re uns in die H�nde gefallen�, sagte sein Nachbar. �Nach ihrer Gr��e zu urteilen, w�re es eine betr�chtliche Beute gewesen.�</p><p>�Bei unserem Eintreffen war kaum noch etwas da.�</p><p>�La� dich nicht in die Irre f�hren�, grinste Hurtha.</p><p>�Wir gehen nicht oft auf Raubz�ge. Das st�rt die guten Beziehungen zu den St�dtern.�</p><p>Das ergab einen Sinn. Die Alar und �hnliche V�lker k�nnen bei der Suche nach Weidegr�nden angriffslustig und kriegerisch sein, aber wenn man sie gew�hren l��t, veranstalten sie nur selten Raubz�ge.</p><p>�Wir nahmen das Kind auf und zogen es gro߫, erkl�rte Genserix. �Wir nannten es Boabissia, ein guter alarischer Name.�</p><p>�Dann geh�rst du eigentlich gar nicht richtig zum Wagenvolk�, sagte ich zu dem M�dchen. �Aller Wahrscheinlichkeit nach bist du eine Frau aus der Stadt.�</p><p>�Nein! Ich bin eine Angeh�rige des Wagenvolks!� sagte sie. �Ich habe mein ganzes Leben bei ihnen verbracht.�</p><p>�Sie geh�rt nicht zum Wagenvolk, nicht durch das Blut�, sagte ein Mann.</p><p>Boabissia starrte ihn w�tend an. �Bringt mir Gesichtsnarben bei!� rief sie.</p><p>�Wir zerschneiden die Gesichter unserer Frauen nicht�, erwiderte der Mann.</p><p>�Schneidet mich!� verlangte sie.</p><p>�Nein�, sagte Genserix.</p><p>�Dann werde ich es selbst tun!�</p><p>�La� es!� verlangte Genserix mit strenger Stimme.</p><p>�Also gut�, sagte sie. �Ich werde tun, was mein H�uptling befiehlt.�</p><p>Mir war klar, da� sie sich in Wirklichkeit gar nicht nach Art der Krieger verst�mmeln wollte. Bemerkenswert. Die M�nner wollten es nat�rlich auch nicht. Zum einen geh�rte sie nicht zu den Kriegern und hatte darum auch gar kein Anrecht auf dieses Standeszeichen; h�tte sie es als Frau getragen, w�re es f�r Au�enstehende st�ndiger Anla� zum Spott gewesen und h�tte die Alar in Verlegenheit gebracht. Es h�tte die Bedeutung geschm�lert und etwas Anst��iges daraus gemacht. Die Ehrenzeichen der M�nner werden genau wie ihre Kleidung zu bedeutungslosen, verachtenswerten Dingen, wenn man sie Frauen zugesteht. So etwas f�hrt schlie�lich zur Entm�nnlichung des m�nnlichen Geschlechts und zur Entfraulichung des weiblichen Geschlechts, eine Widernat�rlichkeit, der Goreaner grunds�tzlich ablehnend gegen�berstehen � ob dies nun der Wahrheit entspricht oder nicht, sei dahingestellt.</p><p>Davon abgesehen war Boabissia eine sch�ne Frau, und die Krieger wollten sie nicht entstellt sehen.</p><p>�Dein H�uptling dankt dir�, sagte Genserix ironisch.</p><p>Sie err�tete und senkte den Kopf. In ihrer Wut hatte sie kaum eine andere Wahl als vorzut�uschen, da� sie seine Bemerkung ohne Hintergedanken hinnahm. Ich fragte mich, warum Genserix ihr nicht einfach die Kleidung wegnahm und sie ein paar Tage unter einem Wagen ankettete. Sie starrte mich w�tend an.</p><p>�Ich bin eine Alar�, wiederholte sie.</p><p>Einige der Krieger lachten.</p><p>�Mir erscheint es wahrscheinlicher, da� du eine Frau aus der Stadt bist�, sagte ich.</p><p>�Nein! Nein!�</p><p>�Betrachte deine Hautfarbe, denk an deine Gr��e, dein dunkles Haar, deine Augen. Bedenke die bemerkenswerten weiblichen Formen, die sich unter den Fellen und dem Leder andeuten.� Die meisten Frauen der Alar waren ziemlich gro�, flachbr�stig, kalt, blond und blau�ugig. �Du erinnerst mich an viele Frauen, denen ich auf Sklavenm�rkten begegnet bin.�</p><p>Das rief bei den Kriegern lautes Gel�chter hervor.</p><p>�Nein!� schrie Boabissia sie an. �Nein!� schrie sie mich an.</p><p>�Es stimmt.�</p><p>�Nein!� rief sie.</p><p>Die M�nner lachten noch lauter.</p><p>�Ich bin eine Alar! Ich bin eine freie Frau!� rief sie mit einem ha�erf�llten Blick in Feiqas Richtung, die sich zitternd zusammenduckte.</p><p>�Heb die Axt, die du tr�gst�, sagte Genserix. �Hoch, �ber den Kopf, als wolltest du jemanden damit schlagen. Halt sie am Griffende!�</p><p>Sie versuchte es. Aber schon einen Augenblick sp�ter konnte sie das Gewicht nicht l�nger halten, sie wand sich und die Axt sauste herab und bohrte sich in den Boden. Die Krieger waren dar�ber nicht erfreut. W�tendes Gemurmel erhob sich.</p><p>�Ich schaffe es nicht�, erkl�rte Boabissia.</p><p>Ich pers�nlich h�tte sie auf die Knie gezwungen und daf�r gesorgt, da� sie die Axt s�uberte. F�r eine Sklavin kann es auf Gor bereits ein Kapitalverbrechen sein, eine Waffe auch nur zu ber�hren.</p><p>�Heb sie hoch, schwing sie!� befahl Genserix streng.</p><p>Sie versuchte die Axt zu heben, und dann noch einmal. Schlie�lich senkte sie die Waffe und hielt sie wie vorhin m�hsam mit beiden H�nden. �Ich kann es nicht.�</p><p>�Dann leg sie nieder und geh�, sagte Genserix.</p><p>�Ja, mein H�uptling.� Sie legte die Axt auf den Boden und st�rzte w�tend in die Dunkelheit davon. Ich konnte mir denken, was mit ihr geschehen war. Vermutlich hatte sie in ihrer Jugend kaum eine Verwandtschaft zu den Frauen der Alar versp�rt. Auf jeden Fall hatte sie sich geweigert, sich mit ihnen gleichzusetzen. Und da sie nicht vom Blut der Alar war, hatten die Nomaden sie im Gegenzug niemals richtig anerkannt. Ich hatte den Eindruck, da� sie, wie es bei den Kindern der Nomaden h�ufig der Fall ist, mit gro�er Nachsicht erzogen worden war. Unf�hig, sich mit den Frauen zu identifizieren oder von ihnen anerkannt zu werden, entwickelte sie einen bitteren Neid auf die M�nner, ihre Stellung und ihr Ansehen, so da� sie versuchte, sich ihnen als gleichberechtigt zu erweisen. Sie nahm m�nnliche Verhaltensweisen an, trug die gleiche Kleidung und versuchte auf diese Art verzweifelt und w�tend, einen Platz unter dem Wagenvolk zu finden. Und das Ergebnis war, da� sie von keinem der beiden Geschlechter anerkannt wurde. Sie erschien mir verwirrt und furchtbar ungl�cklich. Ich glaubte nicht, da� sie ihre Identit�t kannte, da� sie wu�te, wer sie in Wirklichkeit war. Vermutlich kannten einige der M�nner sie besser als sie sich selbst.</p><p>�La�t uns den Kampf fortsetzen�, schlug Genserix vor.</p><p>Zustimmendes Gemurmel erhob sich.</p><p>Sorath und ich traten wieder gegeneinander an. Diesmal, da er nicht von der Frau verspottet wurde, k�mpfte er au�erordentlich gut. Wie Hurtha mich gewarnt hatte, war Sorath ein Meister der Axt. Jetzt, da sich sein Temperament abgek�hlt hatte, k�mpfte er mit Schnelligkeit und Genauigkeit. Der Leichtsinn und das manchmal unvern�nftig auflodernde Temperament von M�nnern wie Sorath waren unter den stolzen Alar nichts Ungew�hnliches; sie w�ren klug beraten gewesen, sich dagegen zu wappnen. Zu oft ri� es solche V�lker in den Untergang. Hunderte von Malen erwiesen sich schon n�chtern durchdachte Verteidigungslinien und verantwortungsvolle Taktiken roher Kraft und Wut gegen�ber als �berlegen. Der Mut der Barbaren richtet nur selten etwas gegen einen k�hl denkenden, entschlossenen, vorbereiteten Feind aus. Aber die Bewohner der St�dte sollten besser bei dem Gedanken erzittern, da� eines Tages jemand unter den Horden aufsteigt, der den Sturm b�ndigen und den Blitzschlag lenken kann.</p><p>Ich wich seitw�rts aus, wirbelte den Axtschaft herum und traf Sorath in den Solarplexus, jenes Netzwerk aus Nerven hoch oben in der Magengrube, das vor dem oberen Teil der Unterleibsaorta liegt. Ich stie� nicht fest genug zu, um ihn zu verletzen, seinen Leib aufzurei�en oder die Ader zum Platzen zu bringen, sondern gerade so hart, da� ich ihn ausschaltete. Um g�nzlich sicherzugehen, brachte ich das linke St�ck des Schaftes nach oben und lie� es auf seinen Nacken niedersausen, als er sich wie erwartet gehorsam und st�hnend zusammenkr�mmte. Ich schlug nicht hart genug zu, um ihm die Wirbels�ule zu brechen. Er sackte auf die Knie, erbrach sich und fiel dann halb bewu�tlos vorn�ber. Da stand ich bereits hinter ihm, das Holz am Griffende festhaltend. Von dieser Position aus kann man mit einem Schlagstock dem Gegner den Hals brechen oder ihm den Sch�del einschlagen. W�re der Schaft mit der Axtklinge ausgestattet gewesen, h�tte man ihn nat�rlich k�pfen k�nnen. Sorath war schnell. Ich war schneller.</p><p>�T�te ihn nicht�, sagte Genserix.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte ich. �Er ist einer meiner Gastgeber.� Ich trat von Sorath zur�ck.</p><p>�Du hast gut gek�mpft�, sagte Genserix.</p><p>�Sorath ist sehr gut, findest du nicht auch?� fragte Hurtha.</p><p>�Ja�, sagte ich. �Er ist ganz gut.�</p><p>�Dein K�nnen hat gezeigt, da� du die Gastfreundschaft der Alar wert bist�, sagte Genserix. �Willkommen in unserem Lager. Willkommen beim Licht und bei der W�rme unseres Feuers.�</p><p>�Danke�, sagte ich und warf den Axtschaft weg.</p><p>�Lebst du noch?� fragte Parthanx seinen Freund f�rsorglich.</p><p>�Ja�, erwiderte Sorath.</p><p>�Dann sei nicht so faul. Steh auf.� Parthanx schien den Kampf wie die anderen auch genossen zu haben.</p><p>�La� mich dir helfen�, sagte ich, gab Sorath die Hand und schleifte ihn fast bis zu seinem Platz am Feuer. Er sah kopfsch�ttelnd zu mir hoch. �Gut gemacht�, sagte er.</p><p>�Danke. Aber du warst auch nicht schlecht.�</p><p>�Danke.�</p><p>Ich sah mich um. �Ich nehme an, ich bin hier jetzt willkommen.�</p><p>�Ja�, sagte Genserix.</p><p>�Ja�, sagte Sorath.</p><p>Die anderen murmelten beif�llig.</p><p>�Danke�, sagte ich. �Ich bin dankbar f�r eure Gastfreundschaft. Ich danke euch auch f�r das Essen und Trinken, das ich hier bekommen habe, f�r die W�rme und das Licht des Feuers, f�r eure Kameradschaft. Eure Gastfreundschaft entspricht dem, was ich �ber die Alar geh�rt habe. Ich t�te jetzt gern etwas f�r euch, aus freiem Willen, wie jetzt allen klar sein d�rfte, etwas, das in geringem Ausma� dazu dienen soll, meinen Dank auszudr�cken.�</p><p>Genserix und seine Krieger sahen sich verbl�fft an.</p><p>Ich wandte mich an Feiqa. �Zieh dich aus.�</p><p>�Herr?� fragte sie.</p><p>�Mu� ich den Befehl wiederholen?�</p><p>�Nein, Herr!� rief sie. Im Nu war sie nackt.</p><p>�Steh gerade�, sagte ich. �Heb die Arme �ber den Kopf.� Sie gehorchte augenblicklich. Im Licht des Feuers bot sie einen wundersch�nen Anblick.</p><p>�Solche Frauen kann man in den St�dten kaufen�, sagte ich.</p><p>Anerkennendes Gemurmel erhob sich, als sich die M�nner an der vom Feuerschein erleuchteten Sch�nheit der nackten Sklavin erfreuten.</p><p>�Tanz!� befahl ich.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>Einer der Krieger fing an zu singen und klatschte dabei in die H�nde.</p><p>Feiqa tanzte.</p><p>Die M�nner stie�en Begeisterungsrufe aus, viele stimmten in das Lied ein und gaben den Rhythmus mit den H�nden vor. Ich war unglaublich stolz auf Feiqa. Wie oft kam es vor, da� die ungehobelten Viehtreiber der Alar solch eine willige Sch�nheit in ihrem Lager und ihren Armen hatten? Solche Frauen waren hier bestimmt nicht erlaubt. Daf�r sorgten schon die freien Frauen. Vermutlich verbargen sie sie in den Wagen, bis sie verkauft oder get�tet werden konnten. Wie sch�n Feiqa war! Welch unglaubliche Macht sie �ber die M�nner aus�bte! Wie sie sie erfreute und ihnen Beifallsst�rme entlockte! Wie unglaublich lebendig und unverf�lscht sie war.</p><p>�Das ist ekelhaft!� schrie pl�tzlich Boabissia, die zum Feuer zur�ckgekehrt war. Die freie Frau war noch immer in Fell und Leder gekleidet. Sie st�rmte in den Kreis, eine kurze dicke Peitsche in der Hand. Sie schlug auf Feiqa ein, die schreiend auf die Knie fiel. �So etwas wie dich erlauben wir nicht im Lager der Alar!� schrie die freie Frau. Feiqa senkte den Kopf. Schl�ge regneten auf sie herab.</p><p>Mit einem Satz stand ich neben Boabissia, ri� ihr die Peitsche aus der Hand und warf sie w�tend fort. Die freie Frau starrte mich voller Zorn an, sie konnte nicht fassen, da� ich gewagt hatte, hier einzugreifen. �Mit welchem Recht mischst du dich ein?� verlangte sie zu wissen.</p><p>�Mit dem Recht eines Mannes, der �ber dein Benehmen nicht erfreut ist, Frau�, erwiderte ich.</p><p>�Frau?� br�llte sie w�tend.</p><p>�Ja.�</p><p>Ihre Hand zuckte zu dem Dolch in ihrem G�rtel. Ich sah sie nur an. �ngstlich nahm sie die Hand vom Dolchgriff und machte ihrer Wut mit einem Schrei Luft. Dann hob sie die F�uste, um auf mich einzuschlagen. Nur um erneut aufzuschreien, als ich m�helos ihre Handgelenke packte. Sie konnte nichts dagegen tun. �Halt!� schrie sie dann protestierend auf, als ich sie langsam auf die Knie zwang. Ich drehte sie um, warf sie auf den Bauch und setzte mich auf ihre H�ften. Dort entfernte ich den Dolch aus seiner Scheide. �Nein!� rief sie, als ich ihr mit ihrem eigenen Dolch die Kleider vom Leib schnitt.</p><p>�Ein Seil�, verlangte ich, ohne aufzusehen; ich streckte einfach nur die Hand aus. Jemand reichte es mir, und einen Augenblick sp�ter waren ihr die �berkreuzten H�nde sicher zusammengefesselt. Ich hatte sie wie eine Sklavin gebunden.</p><p>�Hilfe!� rief sie den Kriegern zu. �Hilfe!�</p><p>Aber keiner r�hrte sich, um Boabissia beizustehen. Ich verlagerte meine Position auf ihrem K�rper, so da� ich jetzt in Richtung der F��e sah. Ich packte die Fu�gelenke, zog sie heran, bis die Unterschenkel einen Winkel von etwa f�nfzig Grad eingenommen hatten, �berkreuzte sie und band sie mit dem Seilende, das von den Handgelenken herabbaumelte, fest zusammen. �Bitte!� wandte sie sich an die Krieger, aber niemand beachtete sie. Ich hob sie auf die Knie und dr�ckte ihren K�rper zur�ck, bis ihr Haar den Boden ber�hrte, damit die Krieger die geschwungene Linie ihrer ganzen Sch�nheit bewundern konnten.</p><p>�Sie ist h�bsch�, sagte ein Mann. �Ja�, sagte ein anderer. Es stimmte. Boabissia hatte einen wundersch�nen K�rper. Bis jetzt hatte die M�nnerkleidung ihn verborgen, obwohl Fell und Leder zumindest angedeutet hatten, welche sch�nen, aufregenden Formen sich darunter befanden. �Kommt her, seht euch Boabissia an, gebunden wie ein Tarsk!� rief ein Krieger. Leute kamen angelaufen, darunter sogar einige freie Frauen. Boabissia, die mittlerweile aufrecht knien durfte, k�mpfte vergeblich gegen die Fesseln an. Sie war hilflos.</p><p>�Feiqa wird jetzt tanzen�, sagte ich. �Wenn du willst, wird man dir die Augen verbinden oder dir eine Kapuze �ber den Kopf ziehen.� Sie starrte m�rrisch und w�tend zu Boden, sch�ttelte dann den Kopf. �Solltest du etwas sagen, wirst du geknebelt. Hast du das verstanden?�</p><p>�Ja.�</p><p>Mein Blick fiel auf ihren Hals. Dort hing eine Lederschnur, an der eine kleine Kupferscheibe befestigt war. �Was ist das?� fragte ich sie. Boabissia antwortete nicht. Ich stie� sie auf den R�cken, beugte mich �ber sie und hob die Scheibe an, um sie im Feuerlicht besser betrachten zu k�nnen. Boabissia wehrte sich nicht. Gefesselt, wie sie war, konnte sie sowieso nichts unternehmen. Die in der Mitte durchsto�ene Kupferscheibe war nicht besonders gro�, der Durchmesser betrug etwa drei Zentimeter. Eingepr�gt waren der Buchstabe �Tau� sowie eine Zahl.</p><p>�Was ist das?� fragte ich Genserix und zeigte auf die Kupferscheibe.</p><p>�Das wissen wir nicht�, sagte er. �Es war um ihren Hals gebunden, als wir sie vor Jahren in die Decke geh�llt in den Tr�mmern der Karawane fanden.�</p><p>�Du hast dir dar�ber doch sicherlich deine Gedanken gemacht�, sagte ich zu Boabissia.</p><p>Sie sah wortlos weg.</p><p>�Es mu� der Schl�ssel zu deiner Herkunft sein�, sagte ich.</p><p>Sie schwieg.</p><p>Ich lie� die Kupferscheibe an dem Lederband los. Sie stellte nun ihre ganze Bekleidung dar, von den Fesseln einmal abgesehen.</p><p>Feiqa kniete noch immer an Ort und Stelle, auf ihrem R�cken zeichneten sich noch deutlich die Aufmerksamkeiten der freien Frau ab.</p><p>�Du darfst jetzt weitertanzen, Feiqa�, sagte ich.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>Die M�nner gaben ihrer Begeisterung Ausdruck und schlugen sich auf die linke Schulter, die goreanische Art des Beifalls. Da Feiqa sich nicht l�nger vor der freien Frau zu f�rchten brauchte, dauerte es nicht lange, bis sie wieder eine lebendige, sinnliche Vorstellung gab, zugleich wunderbar und unterw�rfig, begierig und freudig, allein mit der Absicht, ihren Herrn zu erfreuen. Ich war so erregt, da� es schon weh tat. Ich konnte es kaum erwarten, sie zur�ck ins Lager der Kutscher zu f�hren. Gelegentlich warf ich Boabissia einen Blick zu. Sie lag zusammengeschn�rt auf der Seite und sah Feiqa zu. In ihren Augen funkelte Ehrfurcht und das Begreifen, was eine Frau zustande bringen konnte.</p><p>Einige Ahn sp�ter � es war fast schon Morgen � kehrte ich ins Lager zur�ck. Feiqa ging langsam hinter mir her; sie war ersch�pft und hatte die winzige Tunika �ber die linke Schulter geworfen. Kurz vor dem Lager drehte ich mich zu ihr um. �Bevor du dich zur�ckziehen darfst, kommst du noch unter meine Decke.�</p><p>Sie l�chelte. �Ja, Herr.�</p><p>Dann hatten wir Mincons Wagen erreicht und zogen uns f�r den Rest der Nacht zur�ck.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>�Was willst du?� fragte ich Hurtha.</p><p>�Ich komme mit dir�, sagte er. �Ich will die Welt sehen, mein Gl�ck machen.�</p><p>�Du hast kein Tharlarion�, bemerkte ich.</p><p>�Du auch nicht.�</p><p>Ich mu�te l�cheln. �Das ist wahr.�</p><p>�Ich habe ihn im Lager verkauft. Es schien nicht praktisch, ihn mitzunehmen. Hier gibt es nur wenige Reittiere. Au�erdem wei� ich nicht, wohin die Reise geht oder was wir tun werden.�</p><p>�Vor mir liegt ein schwerer Weg�, sagte ich. �Es k�nnte gef�hrlich werden.�</p><p>�Gro�artig.�</p><p>Ich sah ihn an.</p><p>�Ich langweile mich rasch.�</p><p>�Ach so.�</p><p>�Du hast doch nichts dagegen, da� ich dich begleite, oder?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann ist die Angelegenheit damit erledigt�, verk�ndete er.</p><p>�Aber du darfst dich zu nichts verpflichtet f�hlen, du kannst mich jederzeit wieder verlassen�, sagte ich. Ich hatte keine Lust, ihn in Gefahr zu bringen.</p><p>�Wenn du darauf bestehst.�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe keine andere Wahl.�</p><p>�Ich nehme deine Bedingung an.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Du bist ein harter Verhandlungspartner.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Die H�lfte von meinem Geld geh�rt dir�, sagte er. �Nimm es ruhig.�</p><p>�Das ist sehr gro�z�gig.�</p><p>�Daf�r geh�rt dann die H�lfte deines Geldes mir.�</p><p>Ich sah ihn verbl�fft an.</p><p>�Da wir doch zusammen reisen.�</p><p>�Wieviel Geld hast du?�</p><p>�Siebzehn Kupfertarsk und zwei Tarskst�cke.�</p><p>�Das ist alles?� fragte ich.</p><p>Er nickte.</p><p>�Aber du hast doch gerade dein Tharlarion verkauft, und gestern abend hat dir Genserix genau wie mir auch einen Silbertarsk gegeben.�</p><p>�Das ist richtig, aber ich habe das meiste davon gebraucht, um alte Schulden zu bezahlen. Du w�rdest doch nicht wollen, da� ich das Wagenvolk verlasse, obwohl ich noch Schulden habe?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte ich.</p><p>�Au�erdem habe ich dieses gro�artige Schwert erworben.� Er zog es aus der Scheide und fuchtelte damit herum. Er schwang es ohne M�hen. Um ein Haar h�tte er dabei einen vorbeigehenden Kutscher gek�pft. Es handelte sich um ein langes Schwert mit scharfer Klinge, das beim Wagenvolk den Namen <emphasis>spatha</emphasis> trug. Auf dem R�cken eines Tharlarion ist es n�tzlicher als das <emphasis>gladius.</emphasis> Unter Hurthas Besitzt�mern befand sich noch ein <emphasis>sacramasax,</emphasis> ein kurzes Schwert zum Zustechen, das dem <emphasis>gladius</emphasis> sehr �hnelt und zweifellos davon abstammt. �Darum habe ich nur siebzehn M�nzen�, sagte er und schob das Schwert in die Scheide. �Wieviel besitzt du?�</p><p>�Etwas mehr ist es schon.�</p><p>�Gro�artig. Wir werden vermutlich jedes Tarskst�ck brauchen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ich habe einen teuren Geschmack�, erkl�rte er. �Au�erdem bin ich ein Alar, und wir Alar sind ein gro�z�giges, edles Volk.�</p><p>�Das ist eine allseits bekannte Tatsache.�</p><p>�Wir haben einen Ruf aufrechtzuerhalten.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Wenn uns das Geld ausgeht, kann ich noch immer jemandem eins �ber den Sch�del geben und mir seinen Geldbeutel nehmen.�</p><p>�Sicherlich verh�ltst du dich im Lager deines Volkes anders�, sagte ich.</p><p>�Nat�rlich!� erwiderte er ziemlich �berrascht. �Es sind doch Alar.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Keine Au�enseiter, keine St�dter.�</p><p>�Ich mu� dich warnen�, sagte ich. �Au�erhalb der Wagenkolonne sieht man es gar nicht gern, wenn man jemanden eins �ber den Sch�del gibt und seinen Geldbeutel nimmt.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja. Viele M�nner haben da ganz bestimmte Vorstellungen.�</p><p>�Bemerkenswert.�</p><p>�Du lieferst dich doch auch nicht gern niedergeschlagen, oder?�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Siehst du.�</p><p>�Aber ich bin ein Alar.�</p><p>�Und welchen Unterschied macht das?�</p><p>�Jeden Unterschied der Welt�, sagte er. �Kannst du mir das Gegenteil beweisen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Siehst du.�</p><p>�Ich versichere dir, es gefiele den Leuten nicht, und man k�nnte dich pf�hlen oder in St�cke schneiden.�</p><p>�Ich bin nicht uneinsichtig, was solche �berlegungen angeht�, sagte er. �Aber ich war der Ansicht, wir bespr�chen hier blo� Probleme der Moral.�</p><p>�Du solltest nicht einmal an Raubz�ge denken.�</p><p>�Ich versichere dir, f�r mich ist so etwas keineswegs anst��ig. Au�erdem steht mir ein derartiges Verhalten durchaus zu.�</p><p>�Wieso denn das?�</p><p>�Ich bin ein Alar�, antwortete er.</p><p>�Da ich nicht die geringste Lust versp�re, gepf�hlt oder in St�cken an die Sleen verf�ttert zu werden, w��te ich es f�r die Dauer unserer Reise zu sch�tzen � sozusagen als pers�nlichen Gefallen �, wenn du darauf verzichten k�nntest, gewisse deiner Vorrechte als Alar auszu�ben.�</p><p>�Aber du hast doch nichts dagegen, wenn mir jemand etwas leiht oder mir Geschenke macht.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Wer sollte dagegen etwas haben?�</p><p>�Gro�artig�, sagte er.</p><p>Ich entspannte mich.</p><p>�Ich hatte schon Angst, du k�nntest irgendwelche ausgefallene Vorbehalte pflegen.�</p><p>�Ich doch nicht.�</p><p>�Gro�artig�, sagte er herzlich.</p><p>Wir befanden uns im Lager der Kutscher, die den Nachschub f�r die Soldaten aus Cos und die cosischen S�ldner transportierten. Es war kurz vor Sonnenaufgang. Das Fr�hst�ck war vorbei, die Kutscher bereiteten die Wagen vor und schirrten die Tharlarion an. Einige waren sogar schon aufgebrochen. Weder schienen die Fuhrwerke numeriert zu sein, noch gab es Lageraufseher. Trotz der L�nge der Kolonne und der so unterschiedlichen Ladung schien alles nur oberfl�chlich organisiert zu sein. Das war ein krasser Gegensatz zu der Disziplin, die ich beim Transport und dem Schutz solcher Waren erwartet h�tte. Ich konnte nicht verstehen, da� Ar derart z�gerte, diese Schw�chen auszunutzen.</p><p>�Bist du bereit?� fragte Mincon, unser Kutscher. Er zurrte das Geschirr des Tharlarion fest.</p><p>�Gleich�, sagte ich. �Feiqa, halt still.�</p><p>In Mincons N�he kniete Tula. Das war ein M�dchen aus seinem fr�heren Dorf, das er gestern abend w�hrend meines Besuchs bei den Alar zu seiner Sklavin gemacht hatte. Sie hatte um Nahrung gebettelt. Er stie� sie beiseite. Tula trug eine Tunika, die Mincon f�r sie gefertigt hatte. Aus wei�er Wolle war sie, kurz und �rmellos. Tula hatte pr�chtige Beine. Anscheinend hatte Mincon ihre einstige Kleidung als freie Frau f�r ihre Sklavinnentracht benutzt. Sie besa� jetzt auch eine Art Schal, den sie umlegen konnte, wenn der kalte Wind wehte. Aus einem anderen St�ck hatte er behelfsm��ige Schuhe gemacht, die sie sich um die kleinen F��e gebunden hatte. Im Se�Kara w�ren die Pflastersteine der Stra�e kalt. Ich warf noch einen Blick auf Tulas Beine. Die neue Tunika enth�llte sie auf bemerkenswerte Weise, wie es sich f�r eine Sklavin geh�rte.</p><p>Auf Gor entbl��en nur die Sklaven die Beine, und obwohl sie es f�r gew�hnlich voller Stolz und bereitwillig tun, ist ihnen doch klar, das sie letztlich keine andere Wahl haben. Solche Dinge obliegen dem Herrn. Man mu� �ber solche Entscheidungen nicht lange nachsinnen, denn die meisten goreanischen Sklavenhalter sind kraftvolle, starke, �berlegene M�nner. Es ist daher �blich, da� Sklavinnen, die sowieso nur die Kleidung tragen, die ihr Herr erlaubt hat, ihre Beine und den damit verbundenen prickelnden Reiz ihrer Oberschenkel, Waden und zarten Fesseln zur Schau stellen.</p><p>Freie Frauen hingegen w�rden niemals die Beine entbl��en. Sie w�rden es einfach nicht wagen. Allein der Gedanke w�rde sie entsetzen. Der durch diese Handlung ausgel�ste Skandal w�rde ihren Ruf zerst�ren. Es gibt auf Gor das Sprichwort, da� jede Frau, die ihre Beine enth�llt, eine Sklavin ist. In manchen St�dten w�rde eine freie Frau, die derart verantwortungslos handelt, vom Magistrat festgenommen und zur Fesselung verurteilt; man w�rde ihr den Status nehmen � manchmal sogar �ffentlich �, sie zur Ware degradieren und an einen Sklavenh�ndler �bergeben. Damit die Gef�hle der freien Frauen nicht verletzt werden, transportiert man die neue Sklavin mit Kapuze, Sklavenkragen und in Ketten zu einem fernen Markt, wo sie nach dem Verkauf ein neues Leben beginnt.</p><p>�Au!� rief Feiqa.</p><p>�Halt still!� befahl ich und stie� ein letztes Mal mit der Nadel zu. Dann steckte ich sie in mein N�hzeug zur�ck.</p><p>�La� die Finger von den Wunden.�</p><p>Feiqa sah mich an. Ihre Augen schimmerten feucht, und sie schien Angst zu haben. In ihrem Blick lag eine ganz bestimmte �berraschung, als begreife sie nur mit M�he, was eigentlich mit ihr geschehen war.</p><p>�Tut es weh?� fragte ich.</p><p>�Nein.�</p><p>Ich wischte die winzigen Blutstr�pfchen weg. Dann befestigte ich die kleinen Gegenst�nde.</p><p>�Sie sind wundersch�n�, sagte Hurtha voller Bewunderung.</p><p>�Sie sind billig�, erwiderte ich.</p><p>�Das ist schon in Ordnung�, meinte er.</p><p>Ich wollte vermeiden, da� freie Frauen ihre Wut an Feiqa auslie�en und die Ohrringe abrissen.</p><p>Ich drehte Feiqas Kopf von einer Seite zur anderen. Ja, sie sahen wirklich sch�n aus.</p><p>�Wir sind soweit�, sagte ich zu Mincon. �Du darfst aufstehen, Feiqa.�</p><p>�Stell dich hinter den Wagen�, befahl Mincon seiner Sklavin.</p><p>Ich band ein Seil um Feiqas Hals und befestigte es an der Wagenseite.</p><p>�Mu� ich dich festketten?� fragte Mincon sein M�dchen.</p><p>�Nein, Herr�, erwiderte sie.</p><p>�Das ist meine Entscheidung�, sagte er. Dann nahm er eine Kette aus dem Wagen und befestigte sie mit einem schweren Vorh�ngeschlo� um ihren Hals. Das andere Ende der Kette befestigte er an einem Ring am Wagenende. Tula mu�te hinter dem Wagen hergehen.</p><p>�Ja, Herr�, sagte sie mit einem L�cheln und senkte den Kopf.</p><p>Hurtha warf seine Habseligkeiten auf die Ladefl�che. Darunter befand sich auch die schwere Alar-Kriegsaxt. F�r diejenigen, die es interessiert: In der Sprache der Alar nennt man diese Axt die <emphasis>francisca.</emphasis> Jene, die sie zu f�rchten gelernt haben, nennen sie ebenfalls bei diesem Namen.</p><p>Ich entschied mich, eine Zeitlang neben dem Fuhrwerk herzugehen. Auf dem Kutschbock war neben Mincon nicht genug Platz f�r Hurtha und mich.</p><p>�Ho!� rief Mincon seiner Echse zu, ri� mit der Linken an den Z�geln und lie� mit der Rechten die Peitsche knallen. Der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, die R�der versanken in den Spurrillen der anderen Fuhrwerke, und wir fuhren langsam auf die Stra�e zu.</p><p>�Halt an!� rief ich Mincon zu, als wir den Stra�enrand erreichten. Er ri� an den Z�geln.</p><p>Die freie Frau eilte auf uns zu. �Ich wu�te nicht, wo ich euch f�nde�, sagte sie atemlos. �Ich wu�te nur, da� ihr diesen Weg kommt. Ich habe auf euch gewartet.�</p><p>�Kennst du die Frau?� wollte Mincon wissen.</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Mincon hatte es eilig. Seine Hand verkrampfte sich um die Tharlarionpeitsche. Falls es sich bei dieser Frau nur um eine weitere Bettlerin handelte, war er bereit, sie zu vertreiben.</p><p>�Du tr�gst ein Kleid�, sagte Hurtha.</p><p>�Ja�, antwortete sie.</p><p>�Hast du es geschafft, dich allein zu befreien?�</p><p>Sie wurde rot. �Nein, ich konnte mich nicht befreien. Ich war v�llig hilflos.�</p><p>Hurtha musterte sie.</p><p>�Genserix hat mich losgeschnitten.�</p><p>�Da ist eine freie Frau�, sagte ich zu Feiqa. Sie kniete sofort nieder. �Den Kopf auf den Boden�, fl�sterte ich ihr zu. Sie gehorchte sofort. Tula folgte eingesch�chtert ihrem Beispiel. In gewisser Weise war der Kragen f�r sie beide etwas Neues. Sie mu�ten eben lernen, wie sie sich in Gegenwart einer freien Person zu verhalten hatten.</p><p>Hurtha sagte: �Du tr�gst ein Kleid. Ich habe dich noch nie zuvor in einem Kleid gesehen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nichts. Ich bin nur �berrascht, dich so zu sehen.� Boabissia trug weder Fell noch Leder. Sie hatte eines der einfachen wollenen Kleider der Alar angelegt; es hatte lange �rmel, wurde in der Mitte von einem G�rtel gehalten und reichte bis zu den Kn�cheln. Es war braun. Der G�rtel sa� sehr eng. Sie hatte die Kordel, die im Nacken eingen�ht war, zum Brustansatz heruntergezogen, sie dort gekreuzt und dann zwischen den Br�sten hindurchgef�hrt, sie unter ihnen wieder nach hinten gezogen und an den Seiten des G�rtels stramm festgebunden. Diese Mode traf man bei den Frauen der Alar h�ufiger an. Obwohl sie frei sind, lassen sie es sich nicht nehmen, ihre M�nner daran zu erinnern, da� sie Frauen sind. Es ist eine einfache Mode, aber nicht unansehnlich. Sie bedeckt fast alles mit der n�tig erscheinenden Schicklichkeit, das aber auf eine Weise, die den Mann daran denken l��t, das Kleid auszuziehen. Boabissia war sich dessen vermutlich gar nicht bewu�t. Von ihrem Standpunkt aus gesehen hatte sie nichts anderes getan, als sich in der Tracht der Alar zu kleiden. Doch allein schon die Tatsache, da� sie ein Kleid angezogen hatte, schien auf einen grunds�tzlichen Wandel in ihrer Einstellung hinzudeuten. Wie schon in der Nacht zuvor trug sie einen Dolch im G�rtel.</p><p>�Ich habe ein Recht, mich auf diese Weise zu kleiden�, sagte sie verteidigend.</p><p>�Dann bist du eine Frau�, sagte Hurtha.</p><p>Sie hielt es nicht f�r n�tig, darauf eine Antwort zu geben.</p><p>�Bist du eine Frau?�</p><p>�Ja�, erwiderte sie w�tend. �Ich bin eine Frau!�</p><p>�Dann ist es angemessen, da� du ein Kleid tr�gst.�</p><p>�Vielleicht.� Sie sah ihn finster an.</p><p>�Wann hast du erkannt, da� du eine Frau bist? Letzte Nacht?�</p><p>Sie gab keine Antwort.</p><p>�Ja�, sagte er nachdenklich. �Zweifellos.�</p><p>Ihre kleinen F�uste ballten sich.</p><p>�Warum bist du hier?�</p><p>�Ich will mit euch kommen�, sagte sie und senkte den Kopf.</p><p>�Wir m�ssen los�, meinte Mincon. Andere Wagen verlie�en das Lager, fuhren die kleine Anh�he hinauf und rollten auf die Stra�e. Die beiden Sklavinnen knieten noch immer. Sie hatten noch nicht die Erlaubnis erhalten, ihre Haltung zu �ndern.</p><p>�Du bleibst besser in der Sicherheit des Wagenvolkes�, sagte Hurtha. �Das da drau�en ist eine gro�e Welt. Du wei�t nicht, welche Zukunft dich dort erwartet.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, erwiderte sie.</p><p>�Du k�nntest get�tet werden.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, wiederholte sie.</p><p>�Du k�nntest in Gefangenschaft geraten, in Ketten gelegt werden.�</p><p>�Das f�rchte ich am meisten�, sagte sie. �Das w�re ein Schicksal, tausendmal schlimmer als der Tod.�</p><p>Feiqa, die mit gesenktem Kopf an meiner Seite kniete, unterdr�ckte ein Kichern. Ich versetzte ihr einen leichten Tritt, um sie zum Schweigen zu bringen.</p><p>�Bleib beim Wagenvolk�, schlug Hurtha vor.</p><p>�Nein.�</p><p>�Du bist recht h�bsch.�</p><p>�Beleidige mich nicht.�</p><p>�Ich frage mich, wie du als Sklavin auss�hest, nackt, in Ketten, mit einem Kragen um den Hals.�</p><p>�Bitte, Hurtha!� sagte sie.</p><p>�Glaubst du, du k�nntest einem Mann Freude bereiten?�</p><p>�Ich habe kein Interesse daran, einem Mann Freude zu bereiten.�</p><p>�Aber k�nntest du es?�</p><p>�Ich wei� es nicht!�</p><p>�Bleib beim Wagenvolk.�</p><p>Sie sah Hurtha an, dann mich, dann wieder Hurtha. Die ganze Zeit �ber spielte sie an dem Anh�nger herum der Kupferscheibe, die man bei ihr als S�ugling gefunden hatte, die Scheibe, auf der der Buchstabe �Tau� und eine Zahl eingraviert war. �Nein�, sagte sie.</p><p>Ein weiterer Wagen rollte die Anh�he hinauf in Richtung Stra�e.</p><p>Hurtha sah mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Sie war h�bsch, und sie war frei. Sie konnte tun, was sie wollte. Sie war keine Sklavin wie Feiqa oder Tula.</p><p>�Hast du Geld?� fragte Hurtha.</p><p>�Nein.�</p><p>�Tr�gst du das Kleid in der Art der Alar?�</p><p>Sie err�tete und nickte.</p><p>Noch war Se�Kara und nicht Winter. Darum w�rde sie nur das Kleid tragen. Und nichts darunter.</p><p>Hurtha trat auf sie zu und kn�pfte die B�nder auf, die die Dolchscheide hielten.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>�Ich nehme den Dolch�, sagte er. �Ich werde ihn fortwerfen, hier, am Stra�enrand. Keine Angst. Er wird seinen Zweck schon erf�llen. Zweifellos wird ihn jemand finden.�</p><p>�Aber dann bin ich ja v�llig schutzlos!� protestierte Boabissia.</p><p>�Eine solche Waffe kann dir den Tod bringen. Es ist besser, wenn sie nicht tr�gst.�</p><p>�Aber ohne sie bin ich schutzlos!� beharrte sie.</p><p>�Du warst schutzlos mit der Waffe, nur hast du es nicht gewu�t. Glaubst du wirklich, jemand, der dich nehmen oder dir etwas antun will, lie�e sich von diesem winzigen Dolch abhalten? Gib dich keiner Selbstt�uschung hin. Nur wenige M�nner w�rden es als Scherz betrachten, es k�nnte einen Angreifer sogar so w�tend machen, da� er ihn dir ins Herz st��t. Doch wie dem auch sei, auf jeden Fall w�rde man dich streng f�r die Anma�ung bestrafen, eine Waffe zu tragen.�</p><p>�Worin liegt dann mein Schutz?� fragte sie.</p><p>�In den Tugenden deines Geschlechts.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Denn das bist du, Boabissia, eine Frau.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�F�gsamkeit und v�lliger Gehorsam.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Kehr zum Wagenvolk zur�ck.�</p><p>�Nein.�</p><p>Er sah sie an.</p><p>�Ich will mit euch kommen.�</p><p>�Wenn du uns begleiten willst, dann als Frau.�</p><p>�Dann w�re ich hilflos.�</p><p>�Das bist du schon immer gewesen, Boabissia, auch wenn du es beim Wagenvolk vielleicht nicht erkannt hast.�</p><p>�Ich w�re auf dich angewiesen, auf M�nner, nur um besch�tzt zu sein.�</p><p>�Ja�, sagte Hurtha. Sklaven sind Ware. Ob sie besch�tzt werden, richtet sich nach den Entscheidungen freier Personen, genau wie der Schutz anderer G�ter, wie zum Beispiel Gold, abgerichtete Tharlarion, Kisten voller Sandalen. Viele Karawanen konnten sich retten, indem sie ihre h�bschesten Sklavinnen zur�cklie�en, um die Verfolger aufzuhalten. Mehr als ein Kaufmann hat seinen Hals gerettet, indem er Sch�nheiten absetzte, die zu sinnlich waren, als da� die Stra�enr�uber sie h�tten zur�cklassen k�nnen. Besser, nur einen Teil der Ladung zu verlieren als alles.</p><p>�Willst du uns begleiten?� fragte Hurtha.</p><p>�Ja.�</p><p>�Willst du uns als Frau begleiten?�</p><p>�Ja. Ich werde � als Frau mit euch kommen.�</p><p>Hurtha warf den Dolch mitsamt Scheide fort.</p><p>Sie sah ihm nach. Ich nahm sie beim Arm und f�hrte sie zu der Stelle, an der Tula kniete. �Das ist eine freie Frau�, sagte ich zu Tula. �Sie wird uns begleiten.� Tula fl�sterte: �Herrin.�</p><p>Dann f�hrte ich Boabissia zu Feiqa, der ehemaligen Lady Charlotte von Samnium, einer hochrangigen Lady von adliger Geburt und Erziehung, die aus einer der besten Familien auf der Stra�e der M�nzen stammte. �Herrin�, fl�sterte Feiqa.</p><p>�Als einer freien Frau stehen dir die Sklavinnen zur Verf�gung�, sagte ich Boabissia. �Andererseits, sie geh�ren nicht dir. Deshalb darfst du ihnen nichts antun, was einen k�rperlichen Schaden hinterl��t. Es sei denn, sie verweigern dir den Gehorsam.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Boabissia.</p><p>�Und selbst dann wird erwartet, da� du zuerst die Erlaubnis ihres Herrn einholst.�</p><p>�Das verlangt die �bliche H�flichkeit�, best�tigte Boabissia. Dann rief sie: �Oh!�</p><p>Hurtha hatte sie einfach unter den Achseln gepackt und auf den Kutschbock gehoben.</p><p>�Gut�, sagte Mincon. �Wir m�ssen los.�</p><p>Die restlichen Wagen waren bereits mehr als eine Pasang entfernt.</p><p>�Die werden wir nie einholen�, sagte Mincon.</p><p>�Hoch mit euch!� befahl ich den Sklavinnen.</p><p>Tula und Feiqa sprangen auf.</p><p>�Darf ich sprechen, Herr?� fragte Feiqa.</p><p>�Ja.�</p><p>Sie ber�hrte die Ohrringe. Ich sah, da� sie sehr erfreut war, sie zu besitzen. Die Schmuckst�cke waren nicht nur sch�n, sondern best�tigten in goreanischen Augen ihren Status. Feiqas Begeisterung war un�bersehbar. �Herr, bekomme ich Sklavenseide?�</p><p>Ich l�chelte. Nur eine Sklavin w�rde es wagen, Sklavenseide zu tragen. Der Stoff ist so wundersch�n und durchsichtig, da� er eine Frau noch nackter als nackt erscheinen l��t, er kann einen Mann so verr�ckt vor Leidenschaft machen, da� er sich kaum noch beherrschen kann. �Vielleicht�, sagte ich.</p><p>�Danke, Herr�, fl�sterte sie gl�cklich.</p><p>Mir entging nicht, wie sich Boabissias F�uste ballten.</p><p>�Stimmt etwas nicht?� fragte ich.</p><p>�Mach sie hinter dem Wagen fest, wo sie hingeh�rt.�</p><p>�H�re ich ein Bitte?�</p><p>�Ja, bitte�, erwiderte Boabissia �rgerlich.</p><p>�Also gut.� Ich entschied, Boabissia den Wunsch zu erf�llen, zumindest diesmal. Schlie�lich war sie eine freie Frau. Vermutlich wollte sie neben sich keine sch�ne, leichtbekleidete Sklavin sehen.</p><p>�Herr?� fragte Feiqa.</p><p>�Sei still.�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>Ich machte sie los und f�hrte sie zur R�ckseite des Wagens. Dort waren drei Ringe angebracht; der mittlere Ring, an dem Tula befestigt war, wurde meistens daf�r gebraucht, um Vieh anzubinden, w�hrend an den anderen beiden Ringen oft weitere Wagen befestigt wurden. Ich band Feiqa rechts an. Sie l�chelte. Vermutlich geno� sie es, da� sie Boabissia st�rte.</p><p>�Wir sind soweit!� rief ich.</p><p>�Ho!� br�llte Mincon der Zugechse zu. Er sch�ttelte die Z�gel und lie� die Peitsche knallen. Der Wagen fuhr an und rollte auf die Stra�e des Genesian. Hurtha und ich gingen nebenher. Boabissia sa� auf dem Kutschbock und pa�te sich den Bewegungen des Wagens an. Tula und Feiqa folgten hinten.</p><p>�Die holen wir nie ein�, brummte Mincon. Dann lie� er die Peitsche erneut knallen.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>�Hurtha, was hast du da?� fragte ich.</p><p>�Obst, getrocknetes und frisches, S��igkeiten, N�sse, vier Sorten Fleisch, frisches Brot, ausgesuchte Kuchen, einen ausgezeichneten Paga und k�stlichen Ka-la-na�, erwiderte er schwerbeladen.</p><p>�Wo hast du das alles her?�</p><p>�Es war f�r die Messe der hohen Offiziere bestimmt, ein St�ck weiter die Stra�e entlang.�</p><p>�Offenbar sind sie nicht eingetroffen.�</p><p>�Keine Angst�, sagte er. �Ich habe alles ehrlich erworben.�</p><p>�Du hast es heimlich von Marketendern gekauft�, spekulierte ich.</p><p>�Es stimmt schon, die Verhandlungen fanden hinter einem Wagen statt. Andererseits steht es mir nicht zu, die Verkaufspraktiken solcher Burschen zu kritisieren oder wo und wie sie ihre Gesch�fte abwickeln.�</p><p>�Ich verstehe.� Sollten diese Gesch�fte auffliegen, konnte man nur hoffen, da� Strafen wie Foltern und Pf�hlen allein an den Marketendern und nicht auch an ihren Kunden vollzogen wurden. Und vor allen Dingen nicht an Leuten, die in Gesellschaft der Kunden reisten. Zugegebenerma�en wurden unerbittliche Strafen wie Verst�mmelung oder Hinrichtung, die die Aufdeckung derartiger T�tigkeiten technisch gesehen zur Folge hatten, selten tats�chlich vollzogen; gew�hnlich schafften Geschenke oder Bestechungen solche Schwierigkeiten aus der Welt.</p><p>�Greif nur zu!� sagte Hurtha und lud seine Erwerbungen neben dem Lagerfeuer ab, wobei er die H�lfte einfach fallen lie�.</p><p>�Das h�ttest du nicht tun sollen�, sagte ich.</p><p>�Unsinn�, erwiderte er geringsch�tzig. Er l�chelte dabei, ein deutliches Signal, da� er keine �bertriebene Dankbarkeit erwartete � gleichg�ltig, wie gerechtfertigt auch immer sie sein mochte.</p><p>�Das ist ein Mahl f�r Gener�le�, sagte ich.</p><p>�Es ist ausgezeichnet.�</p><p>�Das ist ein Mahl f�r <emphasis>Gener�le</emphasis>�, wiederholte ich.</p><p>�F�r die ist noch genug �briggeblieben�, versicherte mir Hurtha.</p><p>�Du h�ttest das nicht tun sollen.�</p><p>�Es ist Zeit, da� ich meinen Anteil zu unseren Ausgaben beisteure.�</p><p>�Ich verstehe.� Dagegen lie� sich nur schwerlich etwas sagen.</p><p>�Das da sind Ta-Trauben, von den Terrassen von Cos, wie man mir versichert hat.�</p><p>�Stimmt. Zumindest sind es Ta-Trauben.�</p><p>�Cos ist eine Insel.�</p><p>�Das habe ich auch schon geh�rt.� Ich sah mir alles an. �Das alles mu� doch schrecklich kostspielig gewesen sein.�</p><p>�Stimmt. Aber Geld spielt keine Rolle.�</p><p>�Das ist erfreulich.�</p><p>�Ich bin ein Alar�, erkl�rte Hurtha. �Nimm dir einen gef�llten Pilz.�</p><p>Ich fragte mich, was gef�llte Pilze auf dem Schwarzmarkt in einem Kriegsgebiet kosteten, das von den organisierten Beutez�gen requirierender Soldaten fast in eine W�ste verwandelt worden war. Das hei�t, eigentlich dachte ich �ber den Preis gef�llter Pilze nach, die vermutlich unter gro�em Risiko von der Tafel cosischer Gener�le abgezweigt worden waren.</p><p>�Nimm dir zwei�, forderte Hurtha mich auf.</p><p>Pl�tzlich beschleunigte sich mein Pulsschlag erheblich. �Soviel Essen kostet doch mehr als siebzehn Kupferst�cke und zwei Tarskst�cke.� Das war, wenn ich mich richtig entsann, das Ausma� der Barschaft, die Hurtha mitgebracht hatte, und wenn nicht genau die Summe, dann zumindest doch in dieser Gr��enordnung.</p><p>�Oh, es war sogar viel teurer�, meinte Hurtha.</p><p>�Das dachte ich mir.�</p><p>�Nimm dir einen Pilz. Sie sind ganz gut.�</p><p>�Was hat das alles gekostet?�</p><p>�Wei� ich nicht mehr. Aber die H�lfte des Wechselgeldes geh�rt dir. Vierzehn Kupfertarsk.�</p><p>�Behalt sie.�</p><p>�Auch gut.�</p><p>�Ich bin ziemlich hungrig, Hurtha�, sagte Boabissia. �Darf ich mir etwas zu essen nehmen?�</p><p>�W�rdest du darum betteln?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Na gut, dann nicht.� Er reichte ihr den Teller mit den Pilzen. Sie bediente sich � etwas zu gro�z�gig, wie ich fand. �Ah, Mincon, mein Freund�, sagte Hurtha. �Komm, bedien dich!�</p><p>Er w�rde sich bestimmt auch auf die Pilze st�rzen. Doch konnte ich ihm eine gewisse Gier nicht �belnehmen, denn er war ein guter Kutscher und ein pr�chtiger Bursche. Wir waren seit vier Tagen Reisegef�hrten. An jedem dieser Tage waren wir sp�t aufgebrochen, jedesmal noch sp�ter als am Vortag. Mit Sklavinnen wie Tula und Feiqa unter den Decken fiel es schwer, fr�h aufzustehen. Als freie Frau mu�te Boabissia nat�rlich auf uns warten, w�hrend wir uns mit den Sklavinnen vergn�gten. Ich hatte den Eindruck, da� ihr das nicht gefiel. Jedenfalls schien sie manchmal etwas ungeduldig zu sein. Ihre Gereiztheit war f�r mich ein Hinweis, da� sie ziemlich unter ihren eigenen Bed�rfnissen litt.</p><p>Feiqa und Tula hockten ein St�ck entfernt. Vermutlich wollten sie auch etwas zu essen haben. Ich wollte lieber gar nicht dar�ber nachdenken, wann der morgige Aufbruch stattfinden w�rde. Ich hoffte, da� es uns gel�nge, Hurtha und Mincon gegen Mittag zu wecken. Es gab Paga und sogar Ka-la-na. Mincon nahm Pilze von dem Teller und fing an, Tula damit zu f�ttern. Hatte er vergessen, da� sie eine Sklavin war?</p><p>�Nimm dir von den Pilzen�, sagte Hurtha.</p><p>Mincon gab sogar Feiqa einen Pilz. Ich sah zu. Er war wirklich sehr gro�z�gig, was diese Pilze anging.</p><p>�Nein, vielen Dank.� Ob man sich durch den Genu� eines Pilzes wohl unweigerlich zum Komplizen einer schrecklichen Tat machte?</p><p>�Die sind gut�, sagte Hurtha.</p><p>�Da bin ich mir sicher�, sagte ich. Gef�llte Pilze a� ich f�r mein Leben gern.</p><p>Die Sklavinnen w�rden keine Schwierigkeiten bekommen, das stand fest. Ihnen konnte niemand einen Vorwurf machen, man w�rde ja auch keinem Scho�-Sleen einen Vorwurf machen, wenn er einen ihm zugeworfenen Happen fra�.</p><p>Mincon und Boabissia w�rden sicher auch ungeschoren davonkommen. Schlie�lich wu�ten sie nicht, wo das Mahl herstammte. Mincon war ein hochgesch�tzter Kutscher und ein allseits beliebter Bursche. Boabissia war frisch vom Wagenvolk gekommen. Ihr w�rde man vermutlich vergeben. Au�erdem war sie h�bsch. Blieb nur noch die Frage, ob man mich zu den Schuldigen z�hlen w�rde, gleichg�ltig, ob ich nun von den Pilzen gegessen hatte oder nicht. Schlie�lich war mir bekannt, woher sie stammten. Eigentlich w�re es nicht richtig, gepf�hlt zu werden, ohne vorher von den Pilzen gegessen zu haben. �Womit sind sie denn gef�llt?� fragte ich Hurtha.</p><p>�Wurst.�</p><p>�Tarsk?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Meine Lieblingsf�llung�, sagte ich. �Ich werde mir doch einen nehmen.�</p><p>�Tut mir leid. Es ist keiner mehr da.�</p><p>�Oh.� Ich r�usperte mich. �Sag mal, da scheint jemand bei den Wagen herumzulungern.�</p><p>Hurtha drehte sich um.</p><p>Es war ohne jeden Zweifel ein cosischer Nachschuboffizier. Vermutlich w�re es ein Fehler, ihm ein Messer zwischen die Rippen zu jagen. Doch zumindest einen Augenblick lang dachte ich fieberhaft dar�ber nach, welchen Nutzen uns diese Handlung br�chte.</p><p>�He!� rief Hurtha dem Mann fr�hlich zu.</p><p>Der etwas beleibte Mann zuckte zusammen, als h�tte er sich erschreckt. Vielleicht war er doch kein Nachschuboffizier. Da fehlte zum Beispiel das Dutzend W�chter.</p><p>�Kennst du ihn?� fragte ich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Hurtha. �Er ist mein Wohlt�ter.�</p><p>Ich sah noch einmal hin.</p><p>�Komm!� rief Hurtha. �Setz dich zu uns! Willkommen!�</p><p>Es sah so aus, als w�rde sich der Mann auf dem Absatz umdrehen.</p><p>�Es tut mir leid, da� es keine Pilze mehr gibt�, sagte Hurtha an mich gewandt.</p><p>�Schon gut.�</p><p>�Probier doch einen gew�rzten Verrw�rfel.�</p><p>�Vielleicht sp�ter�, meinte ich unbehaglich. Der wohlbeleibte Bursche am Wagen kam nicht n�her, war aber auch nicht gegangen. Er schien mit verstohlenen Zeichen meine Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Als Hurtha in seine Richtung sah, tat er jedenfalls nichts dergleichen. Der Mann war mir unbekannt, da war ich mir ziemlich sicher.</p><p>�Die sind wirklich gut, aber nat�rlich kein Vergleich zu den gef�llten Pilzen.�</p><p>�Entschuldige, aber ich glaube, der Kerl da dr�ben will mit dir sprechen�, sagte Mincon.</p><p>�Entschuldige mich�, sagte ich zu Hurtha.</p><p>�Na klar.�</p><p>Einen Augenblick sp�ter stand ich vor dem beleibten Fremden. �Ja bitte?�</p><p>�Ich will auf keinen Fall st�ren�, begann er, �aber kennst du zuf�llig den Mann, der da am Feuer sitzt?�</p><p>�Ja, warum? Das ist Mincon, ein Kutscher.�</p><p>�Nicht den. Den anderen.�</p><p>�Welchen anderen?�</p><p>�Den gro�en Kerl mit den blonden Z�pfen und dem Schnurrbart.�</p><p>�Ach, den meinst du?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er hei�t Hurtha.�</p><p>�Reist du mit ihm?�</p><p>�M�glich, da� wir denselben Weg hatten�, sagte ich vorsichtig. �Man lernt unterwegs so viele Leute kennen. Du wei�t ja, wie das ist.�</p><p>�Bist du f�r ihn verantwortlich?� fragte er.</p><p>�Das will ich nicht hoffen. Warum?�</p><p>�Es ist keine Ahn her, da sprang er hinter einem Wagen mit hocherhobener Axt aus der Dunkelheit hervor. Er rief: �Die Alar kommen jetzt �ber dich. Zumindest einer von ihnen!��</p><p>�Das klingt ganz wie Hurtha�, mu�te ich zugeben.</p><p>�Er war es�, beharrte der Mann.</p><p>�Vielleicht hast du dich get�uscht.�</p><p>�Von seiner Sorte gibt es hier nicht viele.�</p><p>�Aber vielleicht zumindest einen.�</p><p>�Er war es�, sagte der Mann. �Er hat die Axt geschwungen und mich heftig nach einem Darlehen bedr�ngt. Mir verschlug es vor Schreck die Sprache. Ich f�rchtete, er k�nnte es als Z�gern mi�deuten.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich mitf�hlend.</p><p>�Ich rief: �Nimm meinen Geldbeutel, mein ganzes Gold!� �Als Geschenk?� hat er dann scheinbar hocherfreut gefragt. Und ich habe nur noch �Ja!� gerufen.�</p><p>�Ich verstehe.� Als Hurtha den Mann eben gesehen hatte, hatte er ihn nicht als �Geldverleiher� bezeichnet, sondern �berschwenglich als �Wohlt�ter�.</p><p>�Das war sehr nett von dir, ihm solch ein Geschenk zu machen�, sagte ich.</p><p>�Soll ich W�chter rufen? An der Stra�e weiter vorn lagert eine Abteilung.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� das n�tig ist.�</p><p>�Der Geldbeutel enthielt achtzehn Goldstater aus Tyros, drei goldene Tarnscheiben, zwei aus Ar und eine aus Port Kar, sechzehn Silbertarsk aus Tabor, zwanzig Kupfertarsk und etwa f�nfzehn Tarskst�cke.�</p><p>�Du f�hrst genau Buch�, meinte ich.</p><p>�Ich komme aus Tabor.�</p><p>�Und vermutlich bist du ein Kaufmann.�</p><p>�Ja, das stimmt.�</p><p>Das hatte ich bef�rchtet. Die Kaufleute aus Tabor sind ber�hmt f�r die Genauigkeit ihrer Konten.</p><p>�Nun, was ist?�</p><p>�M�chtest du dich zu uns setzen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es ist genug zu essen da.�</p><p>�Das �berrascht mich nicht�, sagte er.</p><p>�Es ist nicht meine Schuld, wenn du aus freiem Willen heraus entscheidest, meinem Freund ein gro�z�giges Geschenk zu machen.�</p><p>�Soll ich die W�chter rufen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Also? Was ist nun?�</p><p>�Hast du ein von Zeugen beglaubigtes Dokument, das den angeblichen Inhalt deines Geldbeutels best�tigt?� fragte ich. �War der Geldbeutel mit einem numerierten Siegel verschlossen, das mit der Registrierungsnummer auf dem Dokument �bereinstimmt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Oh�, meinte ich.</p><p>�Hier�, sagte er. �Ich glaube, du wirst keine Beanstandungen haben.�</p><p>Ich hatte vergessen, da� der Kerl aus Tabor kam.</p><p>�Das Dokument scheint mir doch ein bi�chen alt zu sein�, sagte ich nach einem kurzen Blick. �Zweifellos ist es nicht l�nger g�ltig und damit kein legales Papier mehr. Das Datum ist zwei Wochen alt. Wohin willst du?�</p><p>�Die W�chter holen.�</p><p>�Ich glaube, mit dem Dokument ist doch alles in Ordnung.�</p><p>Dann gab ich dem sturen Kerl die volle Summe zur�ck, die er vorher aus freien St�cken � wie ich nicht verga�, ihn zu erinnern � meinem Freund Hurtha geschenkt hatte. Ich tat es mit wenig Begeisterung.</p><p>�Ich h�tte gern eine Entsch�digung f�r meine Schwierigkeiten�, sagte er. �Ein Silbertarsk w�rde reichen.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich. Er ging zufrieden. Wie wenig doch ausreicht, um manche Leute zufriedenzustellen. Ich entschied, da� ein Gespr�ch mit Hurtha f�llig war. Ich kehrte zum Lagerfeuer zur�ck.</p><p>�Ich nehme einen der gew�rzten Verrw�rfel�, verk�ndete ich.</p><p>�Die haben wir aufgegessen�, sagte Hurtha. �Du h�ttest meinen Freund einladen sollen.�</p><p>�Das habe ich getan. Aber er wollte nicht.�</p><p>�Vielleicht ist es auch besser so�, meinte Hurtha. �Es ist nicht mehr viel �brig. Was wollte er?�</p><p>�Oh, nichts.�</p><p>�Sch�n zu h�ren�, sagte Hurtha nachdenklich.</p><p>�Er wollte sich nur vergewissern, da� es dir gut geht.�</p><p>�Ein gro�artiger Bursche.�</p><p>�Was ich noch sagen wollte: Bevor du dich entscheidest, um ein Darlehen zu bitten oder ein ungew�hnlich gro�z�giges Geschenk anzunehmen, besonders wenn eine Axt im Spiel ist, w��te ich es zu sch�tzen, wenn du dich mir vorher anvertraust. Zumindest solange wir zusammen reisen.�</p><p>�Aber nat�rlich, mein gesch�tzter Freund�, sagte Hurtha. �Was immer du willst.�</p><p>Ich sah ihn an.</p><p>�Habe ich etwas falsch gemacht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Welche Erleichterung. Man mu� so vorsichtig sein, wenn man mit Leuten aus der Zivilisation zu tun hat.�</p><p>�Hurtha ��, fing ich an.</p><p>�Ja?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Wenn ich mich richtig erinnere, hast du mir gesagt, keiner k�nnte etwas dagegen haben, wenn mir jemand etwas leiht oder etwas zum Geschenk macht. Zumindest mu�te ich das nach deinen Aussagen glauben.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Es ist nicht mein Fehler, wenn mich ein v�lliger Fremder nett findet und sich spontan entscheidet, mir ein sch�nes Geschenk zu machen.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte ich.</p><p>�Siehst du.�</p><p>�Frag mich das n�chste Mal einfach vorher, ja?�</p><p>�Aber nat�rlich, mein Freund.�</p><p>�Ich bin jetzt fast v�llig mittellos.�</p><p>�Keine Angst�, sagte er. �Die H�lfte meines Geldes geh�rt dir!�</p><p>�Das w�ren dann etwa sieben Kupfertarsk, wenn ich mich recht erinnere.�</p><p>�Stimmt genau�, sagte Hurtha.</p><p>�Ist noch etwas zu essen da?� fragte ich.</p><p>�Ich f�rchte, nicht viel�, sagte Hurtha.</p><p>�Haben wir noch Paga?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Gib ihn her.�</p></section><section><title><p>7</p></title><p>�Endlich sind wir unterwegs, du fauler Sleen�, sagte Boabissia erz�rnt, die auf dem Kutschbock durchgesch�ttelt wurde. �Ich hatte schon jede Hoffnung aufgegeben.�</p><p>�Bitte�, sagte Mincon. �Mein Kopf.�</p><p>�Es ist schon weit nach Mittag!� rief Boabissia.</p><p>�Wie geht es dir?� fragte ich Mincon.</p><p>�Ich bin wieder n�chtern. Endlich sehe ich nur noch eine Stra�e vor mir.�</p><p>�Du hast dich gut gehalten�, gratulierte mir Hurtha. �Ich h�tte nicht gedacht, da� ein Mann aus der Stadt soviel trinken kann.�</p><p>�Wir k�nnen viele erstaunliche Dinge, wenn wir richtig Lust dazu haben�, sagte ich. Mit geschlossenen Augen fiel es leichter, dem Glanz des von den Steinen widergespiegelten Lichts zu entgehen. Man konnte sich mit einer Hand am Fuhrwerk festhalten. Nat�rlich erh�hte es das Risiko, in Schlagl�cher zu treten.</p><p>Hurtha fiel gegen die Seite des Wagens. �Alles in Ordnung?� fragte ich.</p><p>�Aber sicher.�</p><p>�Ihr seid alle Ungeheuer und faule Sleen�, schimpfte Boabissia. �Wir werden die anderen niemals einholen, jedenfalls nicht bis nach Einbruch der Dunkelheit.�</p><p>�Das ist meine Sorge�, sagte Mincon blinzelnd und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dann schlage ich vor, du tust etwas dagegen!�</p><p>�Bitte!� flehte Mincon.</p><p>�Ich glaube, ich werde euch alle dem Nachschuboffizier melden�, fuhr sie fort. �Er wird bestimmt etwas �ber eure gro�z�gige Einstellung zum Zeitplan zu sagen haben, von den unentschuldbaren Versp�tungen und der Pflichtvergessenheit ganz zu schweigen. Glaubt ihr, ihr werdet f�rs Rasten bezahlt? Ihr habt Waren zu liefern!�</p><p>�Bitte!� flehte Mincon. �Bitte!�</p><p>Boabissia war schon den ganzen Morgen �ber unertr�glich gewesen. Sie hatte uns kaum Schlaf geg�nnt. Schon vor Einbruch der Morgend�mmerung, als die anderen ihr Fr�hst�ck zubereiteten und schlie�lich das Lager abbrachen, hatte sie uns st�ndig zur Eile angetrieben.</p><p>�Wir sind ganz allein auf der Stra�e�, sagte Boabissia. �Euretwegen haben wir die Sicherheit der Kolonne verloren. Das k�nnte gef�hrlich werden! Warum h�rt ihr nicht auf mich? Was ist, wenn wir von Stra�enr�ubern �berfallen werden?�</p><p>Ich hoffte, da� das nicht gesch�he, da ich mir nicht sicher war, ob ich mein Schwert finden w�rde. Aber dann sp�rte ich es; es steckte in seiner Scheide, hinter der linken Schulter. Schwierig w�re es nur, es zu ziehen.</p><p>�Euch k�nnen die R�uber ja blo� t�ten�, jammerte Boabissia. �Aber ich bin eine freie Frau! Ich habe viel mehr zu bef�rchten! Man k�nnte mir den Kragen anlegen und mich zur Sklavin machen! Wie die beiden Schlampen da hinten. Ihr h�ttet R�cksicht auf mich nehmen k�nnen! Nie nehmt ihr R�cksicht auf mich!�</p><p>Ich gr�belte �ber die Frage nach, wie es wohl kam, da� jedesmal, wenn ich den Fu� wieder auf die Stra�e setzte, mir der Sch�del schmerzte. Das war erstaunlich. War es normal? Soviel mir bekannt war, stand nichts im Kodex der Krieger, das ausdr�cklich den Widerstand gegen Stra�enr�uber verlangte, obwohl es vermutlich einfach vorausgesetzt wurde. Das war eine wichtige Frage, die der Auslegung bedurfte, vielleicht sogar der Aufmerksamkeit des Hohen Rates. Falls mich das Schwert eines R�ubers enthauptete, w�re ich die Kopfschmerzen los. Nat�rlich l��t sich diese Medizin nur einmal anwenden. Das spricht gegen sie. Es entsprach auch nicht der Wahrheit, da� wir auf Boabissia keine R�cksicht nahmen. Wir dachten oft an sie. Tats�chlich dachte ich in diesem Augenblick an sie.</p><p>�M�nner sind Tiere�, sagte sie. �Tarsk! Elende, besoffene Sleen!�</p><p>Tula und Feiqa hatten sich nicht wohl gef�hlt. Sie schliefen beide hinten auf der Ladefl�che. Hurtha und ich hatten sie nur mit M�he dort hinaufschaffen k�nnen. Nat�rlich h�tten wir sie niemals zur�ckgelassen. Daf�r waren wir zu klug. Au�erdem h�tte sich das auch nicht geh�rt. Tula und Feiqa waren viel zu begehrenswert, viel zu sinnlich. Sicher, wir hatten am Abend vergessen, sie anzuketten � eigentlich war es ja schon Morgen gewesen �, aber soweit wir wu�ten, hatte keine mit dem Gedanken an Flucht gespielt.</p><p>�Au!� rief Hurtha.</p><p>�Warte!� sagte ich Mincon.</p><p>Ich kehrte zu der Stelle zur�ck, wo Hurtha von der Stra�e abgekommen war, und zog ihn mit beiden H�nden aus dem Graben, der gl�cklicherweise nicht tief war. �Halt dich am Wagen fest!� riet ich ihm. Er packte die obere Kante der Ladefl�che mit beiden H�nden. Einen Augenblick sp�ter waren wir wieder unterwegs.</p><p>�Ihr seid alle betrunkene Tarsks!� zeterte Boabissia.</p><p>Davon konnte nat�rlich �berhaupt keine Rede sein. Gestern abend, nun, da waren wir m�glicherweise leicht beschwipst gewesen.</p><p>�M�chtest du einen Schluck Paga?� fragte Hurtha gro�z�gig, w�hrend er sich eisern am Wagen festklammerte.</p><p>�Nein.�</p><p>�Es ist auch keiner mehr da�, sagte Boabissia.</p><p>�Alles weg?� fragte Hurtha verzweifelt.</p><p>�Ja�, erwiderte Boabissia.</p><p>�Wirklich alles?� Er lie� nicht locker.</p><p>�Ja doch.�</p><p>Mich beunruhigte diese Nachricht nicht.</p><p>�Das ist nat�rlich durchaus vorstellbar�, sagte Hurtha. �Ich bin ein Alar.�</p><p>Tula drehte sich herum und st�hnte. Im Licht des Feuers waren sie wundersch�n gewesen, nackt bis auf den Kragen. Mehr als nur einmal hatten wir sie vom Ka-la-na trinken lassen. Wie wundersch�n und begehrenswert sind doch die Frauen! Wie wunderbar sind Sklavinnen!</p><p>Boabissia wandte sich wieder Mincon zu. �H�ttest du auf mich geh�rt, w�ren wir bereits vor vier Ahn auf der Stra�e gewesen!�</p><p>Ich schwang mich auf den Kutschbock und betrachtete die Ladefl�che.</p><p>�Dann w�ren wir bestimmt nicht so weit hinter den anderen � Was!�</p><p>Boabissia starrte mich ungl�ubig und voller Wut an.</p><p>Mincon sagte: �Gut!�</p><p>Ich schob ihr das S�ckchen mit dem Daumen tiefer zwischen die Lippen, bis ihr h�bscher, wenn auch manchmal nervt�tender Mund ausgef�llt war. Das S�ckchen hatte eine Schnur zum Zubinden. Ich nahm sie, zog sie zwischen ihren Z�hnen nach hinten und knotete sie im Nacken fest zusammen. Es war nicht zu verstehen, was Boabissia sagte.</p><p>�Sei still.�</p><p>Sie verstummte.</p><p>�Du wirst das so lassen, bis einer der M�nner es f�r richtig erachtet, es wieder zu entfernen.�</p><p>Sie sah mich an.</p><p>�Solltest du den Knebel selbst entfernen oder es auch nur versuchen, wird er sofort wieder angebracht, au�erdem wirst du ausgezogen, in Sklavenketten gelegt und bekommst die H�nde auf den R�cken gefesselt. Dann wirst an ein Seil gebunden, damit du hinter dem Wagen hergehen kannst, in Ketten und geknebelt wie eine Sklavin. Hast du das verstanden? Wenn ja, nicke!�</p><p>Boabissia starrte mich w�tend an. Dann nickte sie mit Tr�nen in den Augen. Ich stieg wieder zur Stra�e hinunter.</p><p>�Jetzt ist es viel friedlicher�, sagte Hurtha.</p><p>Boabissia schlug mit den F�usten auf den Deckel des Wagenkastens, der als Kutschbock diente. Aber sie unternahm keinen Versuch, den Knebel zu entfernen, der sie in �bereinstimmung mit dem Willen der anderen M�nner zum Schweigen gebracht hatte.</p><p>�Stimmt�, sagte ich.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>�Da vorn ist Rauch�, sagte Mincon, zog die Z�gel zur�ck und brachte das Fuhrwerk zum Stehen. Boabissia und er standen auf und blickten zum Horizont. Ich stieg an Boabissias Seite auf eine Speiche des Vorderrades. Es war sp�ter Nachmittag. Den Knebel, den ich kurz nach unserem Aufbruch in der Mittagsstunde angebracht hatte, hatte ich ein paar Ahn sp�ter zuerst gelockert und dann entfernt. Boabissia war danach etwas stiller gewesen, denn ihr war klar gewesen, da� er sofort wieder angebracht werden konnte. Er hing als Erinnerung noch immer feucht an ihrem Hals.</p><p>�Was ist?� fragte Hurtha.</p><p>�Ich wei� es nicht�, erwiderte ich.</p><p>Feiqa und Tula, die im hinteren Teil des Wagens auf S�cken knieten, bewegten sich. Sie waren den ganzen Nachmittag sehr still gewesen. Ich glaube, sie hatten keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Schlie�lich fuhren sie, statt angebunden hinter dem Wagen herlaufen zu m�ssen. War das nicht fast so, als w�ren sie privilegierte freie Frauen? Sklavenm�dchen k�nnen sehr schlau sein, was solche Dinge angeht. Mincon und ich hatten nachsichtig so getan, als w�rden wir es nicht bemerken.</p><p>�Was ist das?� fragte Boabissia.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Feiqa und Tula sahen sich �ngstlich an.</p><p>�Bleibt hier�, sagte ich. �Ich werde es mir ansehen.�</p><p>�Ich komme mit dir�, sagte Hurtha.</p><p>Ich nickte. Die Gesellschaft des Alar war mir im h�chsten Ma�e willkommen.</p><p>�Ich glaube, es gibt Schwierigkeiten�, sagte Mincon.</p><p>�Achte auf unser Signal.�</p><p>Ich stieg vom Rad und zog das Schwert. Dann ging ich die Stra�e entlang. Hurtha nahm seine Axt vom Wagen und folgte mir.</p><p>Der Mann hob kraftlos die Hand, als wolle er einen Schlag abwehren.</p><p>�Keine Angst�, sagte ich.</p><p>�Bist du einer von ihnen?� fragte er.</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie kamen wie aus dem Nichts.�</p><p>�Sie kamen aus getarnten Schlupfl�chern, die sie in der N�he der Stra�e gegraben hatten�, erkl�rte ich.</p><p>�Pl�tzlich waren sie �berall, stie�en Schreie aus, mit blutverschmierten Klingen�, berichtete er. �Sie waren ohne Gnade. Und schnell. Wir konnten nichts tun. Wir sind keine Soldaten. Dann waren sie weg.�</p><p>�Gibt es noch mehr �berlebende?� fragte ich.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Ich sah die Stra�e entlang. �Da sind noch andere.�</p><p>�Ja.�</p><p>Freie Frauen waren zur Stra�e gekommen. Sie durchsuchten Tr�mmer und Asche, drehten Leichen um, hielten nach Beute oder Lebensmitteln Ausschau. Ich konnte mir nicht vorstellen, da� sie viel fanden.</p><p>Der Gestank nach Rauch lag schwer in der Luft.</p><p>�Wann ist das geschehen?� fragte ich.</p><p>�Vielleicht vor einer Ahn oder vor zweien�, sagte der �berlebende. �Ich wei� es nicht.� Er sa� ersch�pft am Stra�enrand und hielt sich den Kopf.</p><p>�Eher zwei Ahn�, sagte ich. Fast alle Feuer waren erloschen. Gebrochene Veminiumhalme am Stra�enrand waren getrocknet.</p><p>Hurtha sah sich unbehaglich um.</p><p>�Ich glaube nicht, da� noch jemand hier ist�, erkl�rte ich. �Ihre Arbeit ist getan.�</p><p>�Jetzt sind nur noch die Frauen da�, sagte er verbittert.</p><p>�Ja�, erwiderte ich. �Jetzt sind nur noch die Frauen da.�</p><p>Ich warf selbst einen Blick in die Runde. W�re das Gel�nde sorgf�ltig erforscht und der Nachschubzug richtig besch�tzt worden, h�tte das nicht geschehen k�nnen. Zumindest w�re der Angriff nicht so verheerend gewesen.</p><p>�Ar hat zugeschlagen!� verk�ndete Hurtha grimmig.</p><p>�Ich glaube nicht, da� dies das Werk von Soldaten aus Ar ist�, sagte ich.</p><p>�Aber wer dann?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Wessen Soldaten?�</p><p>�Das sieht mir nicht nach der Arbeit regul�rer Truppen aus. Denk an die Wagen, die Leichen.�</p><p>Die Wagen waren nicht einfach in Brand gesteckt worden, um die Ladung zu zerst�ren; man hatte sie offensichtlich gepl�ndert. Abdeckplanen, S�cke und zerbrochene F�sser lagen �berall verstreut. Es sah so aus, als w�ren einige der Toten eilig durchsucht worden. Manchen hatte man Teile der Kleidung ausgezogen. Ich hatte niemanden gefunden, dessen Geldbeutel noch unber�hrt gewesen w�re. In einigen F�llen waren Finger abgeschnitten worden, vermutlich um an Ringe zu kommen.</p><p>�S�ldner�, sagte Hurtha.</p><p>�So sieht es aus.� Es ist schwierig, solche M�nner unter Kontrolle zu halten. In gewissen Situationen lassen die meisten Befehlshaber ihnen ihren Willen, da der Versuch, die Disziplin durchzusetzen, dann au�erordentlich gef�hrlich sein kann. Das ist so �hnlich, als g�be man dem Sleen, der noch im Bann des Jagdfiebers ist und dessen Kiefer noch vor Blut triefen, den Befehl, seine Beute abzugeben. Dazu mu� man wissen, da� der durchschnittliche S�ldner Beute als sein Einkommen betrachtet. F�r ihn ist sie ein Teil des Soldes. Das Versprechen von Beute ist fast immer eines der Lockmittel der Rekruteure.</p><p>�S�ldner aus Cos?�</p><p>�Wer wei�?� Es erschien mir durchaus m�glich, da� S�ldnertrupps, die mit dem cosischen Heer marschierten, einen Abstecher nach hinten gemacht hatten, um eine der eigenen Nachschubreihen anzugreifen. Der fehlende Schutz der Transporte war ihnen sicher nicht entgangen.</p><p>Ich sah mir die Frauen an, die in den Tr�mmern herumst�berten. Sie hatten nicht lange gebraucht, um an Ort und Stelle zu sein. Weitere kamen von den H�geln herunter. Vermutlich lagerten sie ganz in der N�he. Die Kolonne bildete eine lange Reihe, die etwa eine Pasang lang war. Ein paar der Fuhrwerke hatten die Stra�e verlassen; die meisten wiesen Brandspuren auf. Es waren nur wenige Tharlarion zu sehen. Man hatte die Geschirre durchtrennt, dann waren sie entweder weggetrieben worden oder hatten sich verlaufen. In der N�he lag ein toter Tharlarion, und die Frauen schnitten ihn mit Messern in St�cke, stopften sich Fleisch in den Mund oder steckten es sich unters Kleid.</p><p>�Jards�, sagte Hurtha voller Abscheu.</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. Es waren B�uerinnen. Die Feinheiten der St�dterinnen waren ihnen fremd. Au�erdem waren sie ohne jeden Zweifel am Verhungern.</p><p>�Jards!� wiederholte Hurtha.</p><p>�Selbst Jards wollen leben�, sagte ich.</p><p>�Es kommt oft vor, da� solche Frauen aufs Schlachtfeld kommen, selbst wenn sie keinen Hunger leiden.�</p><p>�Das ist wahr.� Vielleicht geh�rten alle Frauen in den Kragen.</p><p>�Wir k�nnten den R�ubern folgen.�</p><p>�Das k�nnten wir�, stimmte ich zu. Die Spur war dazu zweifellos noch frisch genug. Ein einzelner Mann, der genau wei�, was er tut, ist sehr schwer zu verfolgen. Eine gro�e Gruppe hingegen hat M�he, die Spuren zu verwischen.</p><p>�Sollen wir?� fragte Hurtha.</p><p>�Willst du sie wirklich einholen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht.�</p><p>�Es ist nicht unsere Angelegenheit�, sagte ich. �Sondern die Angelegenheit von Cos.�</p><p>Hurtha nickte.</p><p>�Vielleicht solltest du Mincon das Signal geben�, schlug ich vor.</p><p>Der Alar ging zur�ck, bis er den Kamm der Stra�ensenke erreicht hatte. Er hob die Axt und winkte die anderen heran.</p><p>�Geht es dir gut?� fragte ich den Mann am Stra�enrand.</p><p>�Ja.�</p><p>�Nicht verletzt?�</p><p>�Ich habe mich versteckt. Ich glaube, keiner hat mich gesehen. Mir ist nur schlecht. Das ist alles.�</p><p>�Wir haben einen Wagen�, sagte ich. �Wenn du willst, kannst du bis zum n�chsten Lager mit uns fahren.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Du wei�t wirklich nicht, wer das war?�</p><p>�Nein.�</p><p>Der Kopf von Mincons Tharlarion kam in Sicht, gefolgt von dem Wagen. Ich ging ihm entgegen.</p><p>Boabissia sa� bleich auf dem Kutschbock. Ich erinnerte mich daran, da� sie keine Alar war. Um ihren Hals hing noch immer der Knebel. �Es ist nicht n�tig, genau hinzusehen�, sagte ich.</p><p>�Was ist geschehen?� fragte Mincon.</p><p>�Der Krieg�, antwortete Hurtha.</p><p>�Wer hat das getan? Soldaten aus Ar?�</p><p>�Wir wissen es nicht.�</p><p>Feiqa sah aus, als w�re ihr schlecht. Sogar Tula, ein Bauernm�dchen, sah bla� aus.</p><p>�Sklavinnen, legt euch im Wagen auf den Bauch.� So w�ren ihre K�pfe unten, und sie k�nnten nichts sehen.</p><p>Boabissia sah mich an.</p><p>�Wir k�nnen nichts tun�, sagte ich.</p><p>Sie nickte.</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>�H�tten wir heute morgen das Lager mit den anderen verlassen�, fl�sterte sie, �w�ren wir dabei gewesen.�</p><p>�Ja. Aber wir h�tten es �berstehen k�nnen. Zweifellos gibt es �berlebende. Es gibt immer �berlebende. Vermutlich haben die vorausmarschierenden Abteilungen bereits hiervon erfahren.�</p><p>�Wir w�ren dabei gewesen�, wiederholte sie.</p><p>�Das stimmt.�</p><p>Ich trat zu dem Mann, den wir am Stra�enrand gefunden hatten, und half ihm auf die F��e.</p><p>�Ich m�chte, da� dieser Mann auf dem Kutschbock sitzt, Boabissia. Geh bitte nach hinten.�</p><p>Boabissia begab sich wortlos nach hinten. Sie setzte sich mit dem R�cken an das Seitenbrett.</p><p>Ich half dem Mann auf den Kutschbock. Er war unsicher auf den Beinen. Vermutlich hatte er einen Schock erlitten. Ich legte ihm eine Wolldecke um.</p><p>�K�nnen wir?� fragte Mincon.</p><p>Ich nickte.</p><p>Wir bahnten uns einen Weg um die ausgebrannten Fuhrwerke herum. Gelegentlich hielten die freien Frauen in ihrem Tun inne und beobachteten uns. Zweimal schlug Mincon voller Wut nach ihnen, und sie wichen zur�ck. Aber bereits einen Augenblick sp�ter kehrten sie hinter uns an ihre Arbeit zur�ck.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>�Reiter�, sagte Mincon.</p><p>Hurtha und ich gingen zu Fu� neben dem Fuhrwerk her; wir sahen noch nichts.</p><p>�Das ist sicher noch mehr cosische Kavallerie�, sagte Hurtha.</p><p>Das entsprach vermutlich der Wahrheit. Banditen w�rden sich wohl kaum so offen bewegen. Dennoch lockerte ich die Schwertklinge in der Scheide. Fr�her am Abend waren mehrere Abteilungen Kavallerie an uns vorbeigaloppiert.</p><p>Boabissia sa� mittlerweile wieder neben Mincon auf dem Kutschbock; sie sah �ngstlich auf Hurtha hinunter. Doch er nahm sie gar nicht wahr. Er sah nach vorn, die Axt in der Hand.</p><p>�Schl�pft unter die Decke!� befahl ich Feiqa und Tula.</p><p>Die Wagen in unserer Reihe wurden langsamer und hielten an. Ein Soldat auf einem Tharlarion stemmte sich in den Steigb�gel hoch.</p><p>�Wer sind sie?� fragte ich Mincon.</p><p>�Ich glaube, cosische Kavallerie.�</p><p>Vor uns ert�nten Trompetensignale. Genau wie Pa�w�rter werden diese Signale h�ufig ausgewechselt.</p><p>�Ja�, sagte Mincon, �so wie es aussieht, tragen sie die richtigen Abzeichen.�</p><p>Es war der zweite Tag nach dem Massaker. Am Vorabend waren wir in einem befestigten Lager auf den uns zugewiesenen Stellplatz gefahren. Soweit mir bekannt war, war es das erste auf diesem Marsch, das die Cosianer erbaut hatten. Solche Lager sind bei den goreanischen Streitkr�ften verbreitet. Der Lagerplatz wird von einem Graben umgeben. Der Aushub wird aufget�rmt und bildet zusammen mit dem Graben eine primitive Mauer. Ist gen�gend Rohmaterial vorhanden, errichtet man auf dem Mauerkamm eine Palisade. Bei kurzzeitigen Lagern umgibt man es mit Geb�schen. Die Zelte der Befehlshaber errichtet man gew�hnlich auf h�herem Grund in der Lagermitte. Das erleichtert Verteidigung, Kommunikation und Aufkl�rung.</p><p>Ich stand auf einer Speiche des Vorderrades. �Ja, schon m�glich.� Hurtha stand in der N�he des Wagens. Er konnte sofort dahinter verschwinden oder sich an die Seite dr�cken. Die n�her kommenden Reiter kamen in Sicht. Die Reitechsen lie�en den Boden erbeben. Soweit ich es erkennen konnte, trug die Abteilung die blaue Farbe von Cos. Die Wimpel an den Lanzen der ersten Reiter zeigten das Banner von Cos. Gleich w�ren sie an uns vorbei, von dem Wagenzug auseinandergerissen wie ein Strom, der an einem Felsen vorbeiflie�t. Ich warf einen Blick in den Wagen. Feiqa und Tula lagen auf der Ladefl�che; die rauhen S�cke w�rden auf ihrer Haut Abdr�cke hinterlassen, ihnen aber gleichzeitig etwas Schutz vor den groben Holzplanken des Wagens verschaffen. Sie lagen reglos zwischen Getreides�cken, eine dunkle Decke �ber sich gebreitet, und wagten es kaum, Luft zu holen. Es w�re keine gute Idee gewesen, die Sklavinnen starken M�nnern zu zeigen.</p><p>Es dauerte nur einen kurzen Augenblick � erf�llt von M�nnern und klirrenden Waffen �, dann waren die Cosianer vorbei. Ein berittener cosischer Soldat am Stra�enrand salutierte mit der Lanze. Bereits wenige Ahn nach dem Massaker wurde der Rest der Kolonne von W�chtern begleitet. Die Fuhrwerke setzten sich wieder in Bewegung.</p><p>�Heute abend sind wir in Sicherheit�, sagte Mincon. �In Torcodino.�</p><p>Torcodino auf den Ebenen von Serpeto ist ein Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt liegt am Schnittpunkt mehrerer Stra�en: Die Stra�e des Genesian verbindet Brundisium und andere K�stenst�dte mit dem S�den, die N�rdliche Salzstra�e ist die Ost-West-Verbindung, die N�rdliche Seidenstra�e die Nord-S�d-Verbindung. Die Stra�e der Pilger f�hrt zum Sardargebirge, und die Oststra�e, die auch Schatzstra�e genannt wird, verbindet die St�dte des Westens mit Ar. Torcodino mit seiner strategischen Lage war angeblich mit Ar verb�ndet. Den letzten Ger�chten zufolge hatte sich die Stadt jedoch seit neuestem anders orientiert.</p><p>Ein Sprichwort lautet: Es gibt keine Stadt, die sich nicht hinter Mauern zur�ckziehen k�nnte, die ein goldbeladenes Tharlarion errichtet hat. Vielleicht hatte der Rat von Torcodino auch kein Bed�rfnis versp�rt, mit einer so gro�en Streitmacht wie die der Invasoren zu diskutieren. Vor die Wahl Gold oder Tod gestellt, denken nur wenige M�nner lange nach. Trotzdem war ich �berrascht, da� Ar seinem Verb�ndeten nicht schnell zur Hilfe geeilt war. Soweit ich wu�te, hatte man Torcodino der Gnade der cosischen Armee �berlassen. Die Stadt diente jetzt als cosischer St�tzpunkt und Sammelpunkt. Zum Beispiel sollte Mincon, nachdem er seine Ladung in Torcodino abgeliefert hatte, �ber die Stra�e des Genesian nach Brundisium zur�ckkehren, wo bereits die n�chste Ladung auf ihn wartete. Cos� Aufmarsch wirkte sehr gem�chlich, vor allem dann, wenn man bedachte, da� sich das Jahr seinem Ende zuneigte. Wie bereits erw�hnt, werden S�ldner im Herbst oftmals ausgemustert, um im Fr�hling wieder aufgenommen zu werden. Andererseits wurde es in diesen Breiten zwar recht kalt, aber der Winter war nicht so streng, da� das blutige Spiel des Krieges unterbrochen werden mu�te.</p><p>�Das da sind die Aqu�dukte von Torcodino!� erkl�rte Mincon.</p><p>Vor mehr als einem Jahrhundert hatte man feststellen m�ssen, da� Torcodinos nat�rliche Wasserquellen, die f�r eine geringe Bev�lkerung ausreichten, die sich ausbreitende Stadt nicht l�nger versorgen konnten. Nun brachten zwei Aqu�dukte aus einer Entfernung von mehr als hundert Pasang Frischwasser in die Stadt: das erste Aqu�dukt kam vom Issus, einem in nordwestlicher Richtung flie�enden Nebenflu� des Vosk, das zweite von den Quellen auf den H�geln von Eteocles, s�dwestlich von Corcyrus. Die Pumpstationen wurden von Garnisonen gesch�tzt. Die Aqu�dukte selbst wurden st�ndig patrouilliert, w�hrend Ingenieure und Arbeiter sie ununterbrochen inspizierten und f�r ihre Instandhaltung sorgten. Es waren gro�artige Konstruktionen.</p><p>Ich zog den Sklavinnen die Decke herunter. Falls es vor den Toren Torcodinos Kontrollen g�be, w�re es unm�glich, sie zu verstecken. Au�erdem gefiel mir ihr Anblick.</p><p>�Wann haben wir die Stadt erreicht?� fragte Boabissia.</p><p>�Die ersten Wagen sind zweifellos schon an den Stadttoren�, erwiderte Mincon.</p><p>Etwa eine halbe Ahn sp�ter standen wir vor Torcodinos Sonnentor. Viele St�dte haben ein �Sonnentor�. Der Name r�hrt daher, da� es gew�hnlich bei Sonnenaufgang ge�ffnet und erst bei Anbruch der D�mmerung wieder geschlossen wird. Sobald eine goreanische Stadt ihre Tore schlie�t, ist es sehr schwer, sie wieder zu verlassen. Sie werden nur selten f�r Privatpersonen ge�ffnet. Es kommt vor, da� sich Stra�enr�uber, Banditen und manchmal sogar Sklavenh�ndler in Torn�he herumtreiben und versuchen, Sp�tank�mmlinge im Schatten der Mauern zu �berfallen. Viele h�bsche Frauen sind auf diese Weise der Schlinge eines Sklavenh�ndlers zum Opfer gefallen. Normalerweise gibt es ein unter Bewachung stehendes �Nachttor�, durch das in der Stadt bekannte B�rger oder Leute, die sich ausweisen k�nnen, zu sp�ter Stunde eingelassen werden.</p><p>Zwei Torw�chter stiegen auf den Wagen. Mincon �berreichte dem Toroffizier seine Papiere. �S�ldner aus dem Norden�, sagte Mincon und zeigte auf Hurtha und mich. Der Offizier nickte. �Jeden Tag kommen mehr. Sie wittern Beute�, sagte er. �Und wer ist das?� Er wies auf Boabissia, w�hrend er Mincon die Papiere zur�ckgab. Anscheinend waren sie in Ordnung.</p><p>�Ich bin eine Frau der Alar�, sagte Boabissia.</p><p>�Nein�, mischte sich Hurtha ein. �Sie ist nur eine Frau, die bei den Alar gelebt hat.�</p><p>Boabissia ballte die kleinen F�uste.</p><p>Der Offizier zog eine Peitsche aus dem G�rtel. Er hielt sie Boabissia vors Gesicht. �Wei�t du, was das ist?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte sie unbehaglich. �Das ist eine Sklavenpeitsche.�</p><p>�Ist sie eine freie Frau?� fragte der Soldat.</p><p>�Ja�, sagte Mincon.</p><p>Hurtha nickte.</p><p>Feiqa und Tula, die hinten im Wagen knieten, senkten am ganzen Leib zitternd die K�pfe auf die grobleinenen S�cke. Einer der W�chter ergriff Feiqas Kopf und zog ihn hoch, dann bog er ihren ganzen K�rper zur�ck, bis sie der Welt schamlos ihre Sch�nheit entgegenstreckte. Das gleiche tat er dann bei der blonden Tula. �Nicht schlecht�, sagte er.</p><p>�Von der Sorte gibt es viele in Torcodino�, meinte der Offizier. Seine M�nner sprangen vom Fuhrwerk, und er winkte uns weiter. Einen Augenblick sp�ter hatten wir das Tor passiert.</p><p>�Wie stehen unsere Finanzen?� fragte Hurtha.</p><p>�Wir haben nur wenig�, sagte ich.</p><p>�Was sollen wir tun?� fragte er besorgt.</p><p>�Keine Ahnung. Wir k�nnten arbeiten.�</p><p>�Arbeiten?� fragte Hurtha entsetzt. Er war ein Krieger der Alar. Andererseits wurde k�rperliche Arbeit vom Kodex meiner Kaste auch nicht gerade hoch angesehen.</p><p>�Es w�re eine M�glichkeit�, sagte ich. Schlie�lich greifen verzweifelte M�nner auf verzweifelte Ma�nahmen zur�ck.</p><p>�Kommt nicht in Frage�, sagte Hurtha.</p><p>�Und wie sollen wir dann mit ehrlichen Mitteln an unser Abendessen kommen?�</p><p>�Ihr k�nnt mit mir essen�, sagte Mincon.</p><p>�Vielen Dank�, erwiderte ich. �Aber deine Gastfreundschaft auszunutzen, k�me f�r uns nur zeitweilig in Betracht.�</p><p>�Ich hielte es andererseits nicht f�r unter meiner W�rde, eine oder zwei Mahlzeiten anzunehmen, um mich vor dem Verhungern zu sch�tzen�, erkl�rte Hurtha.</p><p>�Ich nehme an, du wirst morgen fr�h nach Brundisium zur�ckkehren�, vermutete ich.</p><p>�Das stimmt�, r�umte Mincon ein.</p><p>�Damit w�re f�rs Abendessen und Fr�hst�ck gesorgt�, sagte Hurtha.</p><p>�Ich habe noch ein paar M�nzen.�</p><p>�Ich dachte, du wolltest blo� edel sein.�</p><p>�Das bin ich auch�, antwortete ich. �Es f�llt immer leichter, edel zu sein, wenn man genug Geld f�rs Abendessen besitzt.�</p><p>�Das hat fast schon etwas Poetisches.� Hurtha war beeindruckt.</p><p>�Danke.� Ich hatte vergessen, da� Hurtha ein Dichter war. Das war also ein hohes Lob. Zwar hatte er es mit der Einschr�nkung �fast� versehen, aber was machte das am Ende schon aus?</p><p>�Ha!� rief Hurtha aus.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich habe eine Idee�, verk�ndete er.</p><p>Mich �berlief ein eiskalter Schauder.</p><p>�Willst du Boabissia verkaufen?� fragte Mincon. Sie zuckte zusammen.</p><p>�Nein�, sagte Hurtha. �Es ist eine andere Idee.�</p><p>�Das h�re ich gern�, sagte Boabissia.</p><p>�Aber es k�nnte genauso gut werden, wenn nicht sogar noch besser.�</p><p>�Ich versichere dir, das h�re ich nur zu gern�, sagte Boabissia.</p><p>�M�chtest du sie gern h�ren?� fragte Hurtha.</p><p>�Sicher�, sagte ich mit leichtem Unbehagen.</p><p>�Du h�ttest doch sicher nichts dagegen, wenn wir etwas verkaufen w�rden.�</p><p>�Was denn? Etwa mich?� fragte Boabissia.</p><p>�Nein, zumindest nicht in diesem Augenblick.�</p><p>�Was k�nntest du verkaufen?� fragte ich Hurtha. �Dein Besitz ist doch nicht gro�.�</p><p>�Das ist wahr�, meinte er. Seine Augen leuchteten vor Aufregung.</p><p>�W�rdest du deine Axt verkaufen?� Es war eine pr�chtige Waffe.</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Was dann?�</p><p>�Vertrau mir.�</p><p>�Mu� das sein?�</p><p>�Ich w�nsche mir nur eines von dir, der du erfahrener in den seltsamen Sitten der Zivilisation bist als ich: Du sollst keine Einw�nde haben, wenn ich ein paar Dinge verkaufe, um Geld zu bekommen.�</p><p>�Wer k�nnte dagegen etwas einzuwenden haben?� meinte ich.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte er �berschwenglich. �Wir treffen uns am Wagenhof!� Er drehte sich um und verschwand.</p><p>�Er ist ein guter Kamerad�, sagte ich.</p><p>�Ja�, meinte Mincon. �Ich frage mich, was er verkaufen will.�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Soweit ich es mitbekommen habe, hat er nichts mitgenommen.�</p><p>�Richtig.� Hurthas Sack lag noch immer im Wagen.</p><p>�Vielleicht verkauft er die Axt�, sagte Mincon. �Die hat er dabei.�</p><p>�Das bezweifle ich.�</p><p>�Aber was dann?�</p><p>�Vielleicht besitzt er Edelsteine, die er in seine Kleidung eingen�ht hat, f�r den Notfall.�</p><p>�Das mu� es sein�, sagte Mincon.</p><p>�Genau.�</p><p>�Wie dem auch sei, Hurtha ist ein kluger Bursche. Zweifellos wei� er genau, was er da tut.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Ich habe gro�es Vertrauen in ihn.�</p><p>�Ich auch�, sagte ich.</p><p>Mincon lie� die Peitsche knallen. Der Tharlarion setzte sich in Bewegung. Wir bogen in die Stra�e ein und folgten den an den H�userw�nden aufgemalten Zeichen, die zum Wagenhof f�hrten.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>�Es ist nicht n�tig, sich das anzusehen�, sagte ich Boabissia.</p><p>Sie hatte den Kopf bereits gesenkt.</p><p>Nach dem Zustand der Leichen zu urteilen, an dem V�gel � haupts�chlich Jards, die jetzt noch fra�en �, Wind und Regen schuld waren, hingen sie dort bereits seit mehreren Wochen. Man hatte die Henkerseile mit Pech getr�nkt, um sie gegen das Wetter unempfindlich zu machen. Ein deutlicher Hinweis, da� von Anfang an beabsichtigt gewesen war, die Toten dort h�ngen zu lassen. Die reglosen sterblichen �berreste, jetzt kaum mehr als Totensch�del und Knochen, an denen noch ein paar Fleisch- und Kleidungsfetzen hingen, pendelten sanft im Luftzug. Man hatte sie entlang der Stra�e des Adminius aufgestellt, der Hauptdurchgangsstra�e Torcodinos, in der N�he des Semniums, der Halle des Hohen Rates. Zweifellos zu erzieherischen Zwecken.</p><p>�H�ngen die noch immer da�, knurrte Mincon �rgerlich.</p><p>�Du siehst sie also nicht das erste Mal�, stellte ich fest.</p><p>�Zweimal schon.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Es ist �berhaupt nicht n�tig, hier entlangzufahren, um den Wagenhof zu erreichen!�</p><p>�Du kennst Torcodino?�</p><p>�Oberfl�chlich.�</p><p>�Wir sind den Schildern gefolgt�, sagte ich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er verbittert.</p><p>Ich nickte. Es war volle Absicht gewesen, da� s�mtliche Neuank�mmlinge in Torcodino diesen Weg nahmen.</p><p>�Wer sind sie?� fragte ich.</p><p>�Mitglieder des Hohen Rates, der Aussch�sse sowie bestimmte Anh�nger, die die Partei Ars ergriffen haben.�</p><p>�Das habe ich mir schon gedacht.�</p><p>�Hast du sie gez�hlt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es sind mehr als zweihundert Mann.�</p><p>�Das ist eine gro�e Zahl.�</p><p>�Es sind noch mehr umgekommen�, sagte er. �Aber die waren wohl nicht wichtig genug, um als Warnung zu dienen.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Wir fuhren weiter.</p><p>�In den letzten Wochen mu� eine Menge Vorr�te ihren Weg nach Torcodino gefunden haben�, sagte ich.</p><p>�Stimmt�, antwortete Mincon.</p><p>�Es ist auff�llig, da� Ar noch nicht zugeschlagen hat.�</p><p>�Mag sein.�</p><p>�Falls man Torcodino st�rmen und in Brand stecken, die Vorr�te erbeuten oder vernichten w�rde, w�rde das den Aufmarsch von Cos behindern, wenn nicht sogar ganz zum Stillstand bringen. Solch eine Tat w�rde die Invasion erschweren und letztlich scheitern lassen. Ar w�rde die Zeit gewinnen, die es braucht, um sich ausreichend zu wappnen, damit es den Feind stellen kann.�</p><p>�Die Cosianer sind ganz in der N�he�, erkl�rte Mincon. �Man w�rde ein gro�es Heer brauchen, um eine Bresche durch sie hindurch zu schlagen.�</p><p>�Vielleicht gibt es andere M�glichkeiten.�</p><p>�Aber nicht mit Tarnsm�nnern.�</p><p>�M�glich.�</p><p>�Zu dieser Tageszeit ist die Sicht sehr schlecht, aber der Himmel �ber der Stadt ist mit Tausenden von Tarndr�hten verspannt�, sagte Mincon. �Selbst am Tag erkennt man sie nur m�hsam. Aber sie sind da, das kann ich dir versichern.�</p><p>Das bezweifelte ich nicht. An einigen der Geb�uden waren Aufh�ngungen befestigt.</p><p>�Die Tore Torcodinos sind stark�, fuhr er fort, �die Mauern hoch und fest.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Torcodino ist uneinnehmbar. Man kann es nicht erobern.�</p><p>�Ich w��te, wie ich es anstellen m��te�, sagte ich.</p><p>Boabissia war still. Auch Feiqa und Tula sagten kein Wort. Ich schaute mich um. Die Stra�en waren nicht sonderlich bev�lkert. Ich sah einen H�ndler mit seinem Wagen; ein Sklavenm�dchen in einer kurzen Tunika ging vorbei. Sie sah mich an und senkte sofort den Blick. Unter der winzigen kurzen Tunika bef�nde sich nichts weiter als blo�e Haut. Darauf achten goreanische Sklavenbesitzer. Bei Feiqa und Tula war das nicht anders. So vergessen die M�dchen nicht, da� sie Sklavinnen sind. Ich sah Boabissia an. Sie hielt noch immer den Kopf gesenkt. Der lange Rock reichte ihr bis zu den Fu�gelenken.</p><p>�Wir haben den Wagenhof in einer Viertelahn erreicht�, sagte Mincon.</p><p>�Gut�, erwiderte ich.</p></section><section><title><p>11</p></title><p>�Vielleicht kannst du dich noch an mich erinnern�, sagte der Mann.</p><p>�Nein. Tut mir leid�, antwortete ich schnell.</p><p>�Es ist ein paar Abende her�, sagte er. �Auf der Stra�e des Genesian, in einem der Lager.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ich bin ein Kaufmann, aus Tabor.�</p><p>�Ach ja, richtig.� Es war tats�chlich der Kaufmann aus Tabor, der dicke Bursche, der so stur entschlossen gewesen war, das Geschenk zur�ckzubekommen, das er Hurtha aus freien St�cken gemacht hatte � worauf ich ihn ausdr�cklich hingewiesen hatte. �Wie geht es dir?� fragte ich und f�rchtete zugleich, da� mir die Antwort nicht gefallen w�rde.</p><p>�Es geht mir gut�, antwortete er, doch in seiner Stimme schwebte ein Hauch Verbitterung.</p><p>�Das h�re ich gern.� Sein ganzes Benehmen machte deutlich, da� er beabsichtigte, sich erneut zu beschweren. Ich hatte auch schon einen Verdacht, worum es sich dabei handeln mochte. In solchen Situationen ist es angebracht, freundlich zu sein und h�ufig zu l�cheln.</p><p>�Ich w��te nicht, was da zu l�cheln gibt�, sagte er.</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>Er sah sich um. �Der gro�e T�lpel mit dem Schnurrbart, den Z�pfen und der Axt ist nicht da, oder?�</p><p>�Wen meinst du?�</p><p>�Ich spreche von dem Mann, der sich Hurtha nennt�, erl�uterte der Kaufmann.</p><p>�Oh.�</p><p>�Zumindest ist das der Name, den du mir bei unserer letzten Begegnung genannt hast.�</p><p>�Ja�, erwiderte ich. �Richtig.� Vielleicht war die Enth�llung von Hurthas Namen ein Fehler gewesen. Andererseits konnte es nicht besonders schwierig sein, ihn aufzusp�ren, selbst wenn sein Name unbekannt war. Es gab im unmittelbaren Umkreis nicht viele, die ihm �hnelten. �brigens fand ich die Bezeichnung T�lpel f�r ihn nicht besonders schmeichelhaft. Selbst wenn es in gewisser Weise zutreffen mochte � von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen �, war er doch ein Dichter und verdiente deshalb einen gewissen Respekt, ganz besonders dann, wenn man noch nichts von ihm gelesen hatte. Au�erdem r�hmte er sich seines Feingef�hls. �Nein�, sagte ich. �Er ist nicht da.�</p><p>�Hier�, sagte der Kaufmann energisch und hielt mir ein St�ck Papier vor die Nase. Darauf stand etwas geschrieben.</p><p>�Wer hat das geschrieben?� fragte ich.</p><p>�Ich.�</p><p>�Oh.� Wie die meisten Alar war Hurtha des Lesens und Schreibens unkundig. Boabissia �brigens auch. Aber das hat bis jetzt kaum einen Dichter von der Kunst abgehalten. Tats�chlich waren einige der gr��ten Dichter aller Zeiten Analphabeten. Bei V�lkern wie den Tuchuk und Torvaldsl�ndern beispielsweise wird die Dichtkunst nur selten niedergeschrieben. Man lernt Gedichte und Heldenlieder auswendig und singt sie an den Feuern und in den Hallen; auf diese Weise wird die literarische Tradition fortgesetzt. Und Dichter wie Hurtha lie�en sich erst recht nicht vom Analphabetentum an ihrer Kunst hindern.</p><p>�Er ist hinter einem Wagen hervorgesprungen, mit erhobener Axt!� sagte der Kaufmann. ��Ich bin ein Dichter�, verk�ndete er mit seiner Axt in der Faust. �Willst du ein Gedicht kaufen?� fragte er. Ich habe nat�rlich sofort eingewilligt. Dann hat er mir dieses Gedicht diktiert, das ich in Todesangst auf dieses St�ck Pergament gekritzelt habe.�</p><p>�Mit anderen Worten, du hast es aus freiem Willen getan�, bemerkte ich, da ich es f�r wichtig hielt, diese Tatsache zu unterstreichen.</p><p>�Ich will meinen Silbertarsk zur�ck!� verlangte er.</p><p>�Es ist ein sehr sch�nes Gedicht.�</p><p>�Du hast es nicht einmal gelesen�, stellte er fest.</p><p>�Ich habe schon andere gelesen�, erwiderte ich. �Ich bin �berzeugt, es ist genauso gut.� Tats�chlich hatte ich an diesem Abend bereits drei Gedichte gelesen. Der Kaufmann aus Tabor war der vierte Mann, der mich aufsuchte. Und er war auch der vierte Mann, der seinen Silbertarsk zur�ckverlangte.</p><p>�Ich finde es h�chstens absonderlich�, sagte der Kaufmann. �Es ist v�lliger Schwachsinn, aber ich bin nur ein einfacher Gesch�ftsmann und kein Schriftgelehrter. Zweifellos fallen diese Dinge eher in dessen Gebiet.�</p><p>�Das ist wahr�, sagte ich.</p><p>�K�nntest du mir diese Zeile erkl�ren?� bat er und wies mit dem Finger auf die bewu�ten Worte.</p><p>�Nein.�</p><p>�Und wie w�re es mit dieser hier?�</p><p>�Auch nicht.�</p><p>�Was ist hiermit? �Ihre Augen waren wie gr�ne Monde.��</p><p>Ich nickte. �Das ist doch einfach zu verstehen. Die Monde stehen zweifellos f�r Romantik, und Gr�n symbolisiert neues Leben und Vitalit�t.�</p><p>�Das Gedicht ist einem verwundeten Tharlarion gewidmet.�</p><p>�Oh.�</p><p>�Ich will meinen Silbertarsk zur�ck�, sagte er.</p><p>�Nat�rlich.� Ich leerte den Inhalt meines Geldbeutels auf die Handfl�che. Es war nicht schwer. �Vermutlich ist es der Tarsk hier.�</p><p>�Vermutlich�, erwiderte er. �Da ist nur ein Tarsk, und er tr�gt den Stempel der M�nze von Tabor.�</p><p>�Genau�, sagte ich und gab ihn zur�ck. Eines mu�te man �ber Hurtha wissen. Er sch�tzte seine Dichtkunst sehr hoch ein. Er gab seine Werke nicht kostenlos weiter. Sie waren nicht billig. Doch ein Silbertarsk schien ein gewaltiger Preis f�r ein Gedicht zu sein, selbst f�r ein gro�artiges Werk von Hurtha. Vor allem dann, wenn man es selbst niederschreiben mu�te. Viele sch�ne Sklavinnen bringen auf dem Auktionsblock weniger als einen Silbertarsk ein.</p><p>�Danke�, sagte der Kaufmann.</p><p>�Was denn noch?� fragte ich, weil er nicht ging.</p><p>�Mir steht doch sicherlich eine Entsch�digung f�r meine M�hen zu.�</p><p>Die anderen M�nner hatten diese Einstellung nicht vertreten. Andererseits waren es auch keine Kaufleute gewesen.</p><p>�Hier�, sagte ich und gab ihm einen Kupfertarsk. Jetzt hatte ich nur noch zwei M�nzen.</p><p>�Danke�, sagte er, nachdem er das Geldst�ck einer genauen Untersuchung unterzogen hatte.</p><p>�Keine Ursache.� Er verschwand.</p><p>Hurtha trat n�her; er wirkte v�llig verzweifelt. �Ich f�rchte, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.�</p><p>�Wie das?� fragte ich.</p><p>�Ich f�rchte, in meinem gutherzigen Bem�hen, unsere Lage zu verbessern, habe ich mich entehrt, wenn nicht sogar ruiniert.�</p><p>Ich sah ihn erwartungsvoll an. Das w�rde sicherlich eine interessante Geschichte werden.</p><p>�Ich habe meine Gedichte verkauft.� Er lie� sich neben dem Wagen an Mincons Lagerfeuer sinken und verbarg das Gesicht in den H�nden.</p><p>�So?�</p><p>�Ja. Du wei�t doch, die vier Silbertarsk, die ich dir vorhin gegeben habe.�</p><p>�Nat�rlich. Was ist damit?�</p><p>�Ich habe sie f�r den Verkauf meiner Gedichte bekommen � meiner Gedichte!� Er war innerlich so aufgew�hlt, da� er zitterte.</p><p>�Nein!� rief ich aus.</p><p>�Doch!� sagte er kl�glich.</p><p>�Ich hatte angenommen, das Geld stamme aus dem Verkauf zahlloser kostbarer Edelsteine, die zweifellos in deinem Gewand eingen�ht waren.�</p><p>�Nein. Ich habe mich auf den Wagenh�fen umgesehen, und sobald ich einen Burschen erblickte, der einen anst�ndigen, feinf�hligen und wohlhabenden Eindruck machte, einen Mann jener Art, die meiner Meinung nach meine Kunst zu sch�tzen wissen, bot ich ihm eines meiner Gedichte an, f�r nicht mehr als ein kleines Zeichen seiner Wertsch�tzung, f�r einen Silbertarsk.�</p><p>�Das war unglaublich gro�z�gig.�</p><p>�Es war ein schrecklicher Fehler!�</p><p>Ich murmelte: �Ich bin froh, da� du das erkannt hast.�</p><p>�Was?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Meine Gedichte sind unbezahlbar.�</p><p>�Glaubst du, du h�ttest mehr als einen Silbertarsk verlangen sollen?� fragte ich beunruhigt.</p><p>�Nein, ich h�tte sie gar nicht erst verkaufen sollen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich erleichtert. �Aber sie sind doch bestimmt nicht alle so schlecht.�</p><p>�Was?� fragte er.</p><p>�Nichts.�</p><p>�Ich habe es nach dem letzten Gedicht erkannt�, sagte er ungl�cklich. �Ich blickte auf den Silbertarsk in meiner Hand und auf das Gedicht in der Hand des K�ufers, und mir wurde alles klar. Ich erkannte, wie schrecklich mein Tun doch war, meine Gedichte zu verkaufen, meine Gedichte, meine kostbaren, unbezahlbaren Gedichte! Sie geh�rten nun einer anderen Person! Es w�re besser gewesen, ich h�tte mir das Herz herausgerissen und es f�r ein Tarskst�ck verkauft!�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Und dann habe ich den Kerl angefleht, seinen wertlosen Tarsk zur�ckzunehmen und mir daf�r das Gedicht zu geben.�</p><p>�Und, hat er es getan?� fragte ich.</p><p>�Ja�, sagte Hurtha und sah zu mir hoch.</p><p>�Nun, dann hat doch alles ein gutes Ende genommen.�</p><p>�Nein!� rief er mit Tr�nen in den Augen. �Du verstehst mich nicht.�</p><p>�Wir haben jetzt einen Tarsk weniger?�</p><p>�Nein!� rief Hurtha. �Ich habe vier Gedichte verkauft! Ich werde sie nie zur�ckholen k�nnen! Sie sind weg, weg!� Er legte schluchzend das Gesicht in die H�nde. �Es wird mir niemals gelingen, diese M�nner wieder ausfindig zu machen. Ich hatte die Gedichte gerade verkauft, als sie auch schon eilig davonhasteten, bevor ich es mir anders �berlegen konnte, die neidischen, gl�cklichen, gierigen Kerle. Nun werde ich sie niemals wieder aufsp�ren und voller Ernst inst�ndig an ihr Gewissen appellieren k�nnen, ihr schmutziges Geld zur�ckzunehmen. Welch ein Narr war ich doch! Meine Gedichte, weg! F�r blo�e vier Silbertarsk verkauft! Welche Verschwendung! Ich habe meine Ehre verloren! Das ist mein Ruin! Was ist, wenn diese Geschichte jemals die Ohren des Wagenvolks erreicht? Ich bin es nicht wert, diese Narben zu tragen!�</p><p>�Hurtha, alter Junge!� sagte ich leise.</p><p>�Ja?�</p><p>Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.</p><p>�Sieh her.�</p><p>Er hob den Kopf und sah auf.</p><p>�Hier�, sagte ich leise und zeigte ihm die vier Gedichte, die mir seine Kunden zuvor gegeben hatten.</p><p>�Sie sind es!� rief er �berrascht und mit Tr�nen in den Augen.</p><p>�Ja.�</p><p>�Du hast es gewu�t!�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Du konntest nicht zulassen, da� ich es tat!� schluchzte er. �Du hast nach ihnen gesucht! Du hast sie zur�ckgekauft! Du hast mich vor mir selbst gerettet, vor meiner eigenen Dummheit!�</p><p>�Was tut man nicht alles f�r einen Freund!�</p><p>Er sprang auf die F��e und umarmte mich weinend. Ich rang m�hsam nach Atem, die Gedichte in der Hand. So mu�te sich der Klammergriff der gef�rchteten Hith anf�hlen, der einen Mann zerquetschte, ihm die Knochen brach und ihn wie eine Frucht zerplatzen lie�; er konnte nicht viel schlimmer sein.</p><p>�Wie kann ich dir jemals danken?� rief er und trat zur�ck, hielt mich dabei aber stolz bei den Armen gepackt.</p><p>�Zwischen Freunden ist kein Dank n�tig, er ist nicht einmal m�glich.�</p><p>�Auch dich haben deine Gef�hle �bermannt!� rief er voller Mitleid.</p><p>�Ich versuche zu atmen.�</p><p>�Gib mir die Gedichte!� bat er. Er legte sie zu dem anderen, das er zur�ckgenommen hatte, ein Handel, in den ich gl�cklicherweise nicht verstrickt worden war. �Ich habe sie zur�ck, das habe ich nur dir zu verdanken!�</p><p>Mein Atem hatte sich fast wieder normalisiert.</p><p>�Da sind sie�, sagte er freudestrahlend. �Auf Papier geschrieben, mit kleinen Zeichen.�</p><p>�So schreibt man gew�hnlich die Dinge nieder�, sagte ich.</p><p>�Sind sie gut aufgeschrieben?� wollte er wissen.</p><p>�Ich glaube schon�, sagte ich und holte tief Luft.</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja. Gelegentlich ist eine Zeile schwer zu entziffern, und hier und da scheint ein Wort falsch geschrieben zu sein.� Das war auch nicht anders zu erwarten, ber�cksichtigte man die Umst�nde, unter denen die Gedichte aufgeschrieben worden waren. An einigen Stellen verunzierte ein Fleck das Pergament. Vermutlich waren das Schwei�tropfen, die dem Schreiber von der Stirn getropft waren.</p><p>�Bist du sicher, da� es dir gutgeht?� fragte Hurtha.</p><p>�Ja, es ist wieder alles in Ordnung.�</p><p>�Eigentlich �berrascht es mich nicht, da� da kleine Fehler wie ein schlecht geschriebener Buchstabe oder dergleichen auftauchen�, sagte Hurtha. �Einige der K�ufer haben die Gedichte am ganzen Leib zitternd aufgeschrieben. Sie schienen beinahe �berw�ltigt.�</p><p>�Bemerkenswert. Vermutlich lag das an der �berw�ltigenden Erfahrung, die Meisterwerke das erste Mal zu h�ren.�</p><p>�Ja, das kann sein.�</p><p>�Du kennst deine Macht als Dichter nicht.�</p><p>�Die kennen die wenigsten von uns�, sagte Hurtha.</p><p>�Gl�cklicherweise haben wir die f�nf Gedichte zur�ck. Es w�re zu schade gewesen, sie zu verlieren.�</p><p>�Eine Trag�die, ja�, sagte Hurtha. �Aber ich habe noch mehr.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja, mehr als zweitausend St�ck.�</p><p>�Das ist viel.�</p><p>�Eigentlich nicht, wenn man ihre Qualit�t bedenkt.�</p><p>�Du bist ein fruchtbarer Dichter.�</p><p>�Alle gro�en Poeten sind fruchtbar�, sagte er. �M�chtest du etwas von mir h�ren?�</p><p>�Jetzt nicht�, sagte ich. �Wei�t du, ich habe eben noch einige von ihnen gelesen. Ich wei� nicht, ob ich im Augenblick weitere verkraften w�rde.�</p><p>�Ich verstehe�, erwiderte Hurtha. �Ich bin mir durchaus der Schwierigkeit bewu�t, wahre Gr��e zu verarbeiten. Die Qualen, die entstehen, wenn man mit dem beinahe ewig Erhabenen ringt, die schmerzhafte Intensit�t der authentischen �sthetischen Erfahrung, die Pein ersch�tternder Bedeutsamkeit, die Ersch�pfung, die die Konfrontation mit der pl�tzlichen, �berraschenden Quintessenz tieferer Wahrheiten mit sich bringt. Nein, alter Freund, ich verstehe diese Dinge nur zu gut. Ich werde dich nicht �berfordern.�</p><p>�Danke�, sagte ich.</p><p>Er betrachtete die Gedichte. �Kannst du dir vorstellen, da� diese Werke erst heute abend das Licht der Welt erblickten, da� ich sie an Ort und Stelle diktiert habe?�</p><p>�Ja, doch.�</p><p>Er sah sie an, voller Ehrfurcht vor seiner Begabung.</p><p>�Ich frage mich, ob man Gedichte nicht grunds�tzlich niederschreiben sollte�, meinte er nachdenklich.</p><p>�Meine Handschrift ist sehr schlecht�, sagte ich. �Ganz besonders bei den Zeilen, die von rechts nach links f�hren.�</p><p>�Ich kann nicht schreiben�, wandte Tula schnell ein; in der Bedrohlichkeit der Situation verga� sie sogar, die Erlaubnis zum Sprechen einzuholen.</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Mincon gl�cklich.</p><p>Boabissia konnte nat�rlich auch nicht lesen und schreiben. Sie sa� auf dem Boden und lehnte sich an das Hinterrad des Fuhrwerks.</p><p>Hurtha sah zu Feiqa hin�ber. Sie konnte lesen und schreiben. Sie war �beraus klug, hatte eine vorz�gliche Erziehung genossen und stammte aus einer bekannten Stadt. Sie hatte vor der Versklavung sogar eine hohe gesellschaftliche Stellung eingenommen.</p><p>Sie wurde bleich.</p><p>�Feiqa ist eine Sklavin�, sagte ich.</p><p>�Stimmt ja�, sagte Hurtha und strich sie sofort aus den Gedanken.</p><p>Feiqa warf mir einen dankbaren Blick zu. Gerade auf Gor wird das Kopieren von Texten, niederrangige Schreibarbeit und das F�hren unwichtiger B�cher meistens von Sklaven erledigt. Hurtha zog es jedoch anscheinend vor, seine Gedichte von freien Personen niederschreiben zu lassen. Da hatte Feiqa noch einmal Gl�ck gehabt.</p><p>�Ich habe Hunger�, verk�ndete ich.</p><p>Hurtha horchte in sich hinein. �Ich auch�, sagte er dann. �Aber ich bleibe bei meinem Entschlu�, meine Dichtung nicht zu verkaufen. Lieber verhungere ich.�</p><p>�Da hast du recht.�</p><p>�Wieviel Geld haben wir noch?�</p><p>�Etwa zwei Kupfertarsk und vier oder f�nf Tarskst�cke.�</p><p>�Das mu� dann wohl reichen�, seufzte er.</p><p>Das mu�te es wohl.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>�Die Stadt wird erobert! Die Stadt f�llt!�</p><p>Ich blieb still liegen. Kein Waffengeklirr war zu h�ren. Oder Laufschritte. Es gab keine Schmerzensschreie oder gar Todesschreie von M�nnern, die man in ihren Decken erschlug.</p><p>In der Ferne wurden Alarmst�be geschlagen.</p><p>Ein oberfl�chlicher Betrachter w�re zu dem Schlu� gekommen, da� ich die Augen geschlossen hielt. Doch sie waren ge�ffnet. In einer solchen Situation ist es wichtig, �ber das volle Sichtfeld zu verf�gen. In diesem ersten Augenblick schien ich noch tief zu schlafen, doch in Wirklichkeit war jeder meiner Sinne angespannt und hellwach. Dort stand das Fuhrwerk. Da waren die �berreste des Feuers zu sehen. Ich entdeckte keinerlei Bewegungen in meiner unmittelbaren Umgebung.</p><p>Der Ruf des Mannes war ebenfalls verstummt.</p><p>Oftmals ist es das erste sich schnell bewegende Objekt, das � zumeist v�llig zu recht � vom Angreifer als das gef�hrlichste eingestuft wird und seine uneingeschr�nkte Aufmerksamkeit einnimmt. Diejenigen, die sich haben �berraschen lassen, die fluchen oder f�r den Augenblick wie gel�hmt sind, k�nnen erst einmal unbeachtet bleiben. Solche Angelegenheiten unterliegen einer finsteren Mathematik, es sind vertrackte Gleichungen, die Reaktionszeiten gegen die Schnelligkeit von Klingen aufrechnen. Man l��t sich auf ein ungewisses Spiel ein. Ist der Augenblick, den man abwartet, diese fl�chtige Zeitspanne furchtsamer Erkundung, in der man hofft, den Feind �berzeugen zu k�nnen, da� man in diesem Moment keine Gefahr darstellt, ein Augenblick des Gewinns oder des Verlustes? Spielt er dem Gegner eine Gelegenheit in die H�nde, oder kann man sie selbst ergreifen? Viel h�ngt von der Situation ab. Wird man von bekannten Stimmen geweckt, steht man f�r gew�hnlich rasch auf. Man nimmt die Verteidigungsstellung ein. Wei� man nicht, was um einen herum vorgeht, ist es kl�ger, dies erst einmal in Erfahrung zu bringen, bevor man aufspringt und dem Feind, der unter Umst�nden unmittelbar neben einem steht, ins gez�ckte Schwert l�uft. Meine rechte Hand ruhte auf dem Schwertgriff, die linke auf der Scheide, deren B�nder ums Handgelenk geschlungen waren, um das Ziehen zu erleichtern. Ohne jeden Zweifel schien ich noch zu schlafen. Aber in der N�he blieb alles still, kein Kampfesl�rm ert�nte.</p><p>Ich setzte mich schnell auf, befreite mich von der Decke. Doch ich verzichtete vorerst darauf, das Schwert zu ziehen, da ich keine unmittelbare Notwendigkeit daf�r sah. Ich schlang es mir an den Riemen �ber die linke Schulter. In dieser Position kann man die Scheide schneller abstreifen, als wenn man die Lederb�nder quer �ber den K�rper f�hrt.</p><p>�Hurtha�, sagte ich, �aufwachen!� Ich ber�hrte ihn an der Schulter.</p><p>�Was ist? Es ist doch noch fr�h am Morgen!� st�hnte der Alar.</p><p>�Hier geht etwas Seltsames vor. Steh auf! Man hat die Alarmstangen geschlagen.�</p><p>�Ich h�re nichts�, sagte er, setzte sich aber auf.</p><p>Es stimmte: Die Alarmstangen schwiegen.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, sagte ich. �Ein Mann rief, die Stadt sei erobert worden. Ich h�re ihn nicht mehr. Au�erdem wurde die Alarmstange geschlagen. Da bin ich mir sicher.�</p><p>�Es ist noch so fr�h�, klagte Hurtha.</p><p>�Steh auf!�</p><p>Ich blickte zu Boabissia hin�ber. Ihre Augen waren ge�ffnet. Sie sah mich �ngstlich an.</p><p>�Hast du die Alarmstange geh�rt?� fragte ich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Steh auf, Hurtha.� Er war wieder unter die Decke gekrochen.</p><p>�Es ist noch zu fr�h.� Das stimmte nicht. In dem Lager waren schon mehrere Leute aufgestanden.</p><p>�Dein Leben k�nnte in Gefahr sein�, belehrte ich ihn.</p><p>�Zu dieser Stunde?� fragte er entsetzt.</p><p>�Ja, der Feind k�nnte ganz in der N�he sein.�</p><p>�Welcher Feind?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>�Sag es mir, wenn du es in Erfahrung gebracht hast�, meinte er und drehte sich wieder auf die Seite.</p><p>�Ich mache keine Witze.�</p><p>�Das habe ich bef�rchtet�, murmelte er.</p><p>�Steh auf!�</p><p>�Man kann nicht k�mpfen, bevor der Kampf angefangen hat, stimmt�s?� fragte er.</p><p>�Ich hoffe, daraus ist nicht zu schlie�en, da� es �berhaupt nicht zu einem Kampf kommen kann.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte er. Ich schickte ein Sto�gebet zum Himmel, da� jetzt keine Lektion in Alarlogik folgen m�ge.</p><p>�Aha�, sagte ich.</p><p>�Hat der Kampf begonnen?� fragte er.</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann kannst du auch nicht erwarten, da� ich zu k�mpfen anfange�, sagte er.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte ich z�gernd.</p><p>�Weck mich, wenn der Kampf anf�ngt.�</p><p>�Willst du in deinem Bett erschlagen werden?�</p><p>�Dar�ber habe ich noch nie nachgedacht, aber jetzt, da ich es richtig bedenke, eigentlich nicht. Warum? Wer will mich im Bett erschlagen?�</p><p>�Ich zum Beispiel. Ich denke eben gerade dar�ber nach.�</p><p>�Nein, das wirst du nicht tun.�</p><p>�Warum nicht?� fragte ich mit ehrlicher Neugierde.</p><p>�Unter anderem deshalb, weil du zu gro�en Respekt vor der Dichtkunst hast.�</p><p>�Du mu�t f�r den Kampf bereit sein!�</p><p>�Keine Sorge, ich bereite mich gerade vor�, sagte er und drehte sich auf die andere Seite.</p><p>�Wie denn?�</p><p>�Ich bewahre meine Kraft. Du bist dir sicher dar�ber im klaren, da� ein ausgeruhter K�rper und ein klarer Verstand neben anderem die wichtigsten Freunde des Soldaten sind.�</p><p>�Schon m�glich�, gestand ich ihm zu.</p><p>�Sie sind auch f�r die Dichtkunst wichtig, nat�rlich nur f�r die kernige, m�nnliche Sorte, nicht f�r den verzagten Mist blo�er Dichterlinge und Verseschmiede.�</p><p>�Zweifellos�, antwortete ich. Aber da schlief Hurtha bereits schon wieder tief und fest. Er geh�rte zu den wenigen mir bekannten Leuten, die die F�higkeit besa�en, wie der Blitz einzuschlafen. Ohne jeden Zweifel hatte das mit einem reinen Gewissen zu tun. Die Alar sind bekannt daf�r, schreckliches Chaos, entsetzliche Massaker mit abgeschlagenen Gliedma�en und dergleichen anzurichten, um hinterher tief und friedlich zu schlafen. Sie verschwenden einfach keinen Gedanken an solche Dinge. Ich hoffte, da� der Feind � wenn es einen gab � nicht wie ein Sturm �ber das Lager herfiel. Und falls doch, w�rde Hurtha es vermutlich unbeschadet �berstehen, da er das Ganze verschlief.</p><p>�Hast du die Alarmstange geh�rt?� fragte Mincon und trat auf mich zu, die Wolldecke �ber den Arm.</p><p>�Ja�, antwortete ich.</p><p>�Ich dachte schon, ich h�tte es getr�umt�, sagte er.</p><p>�Boabissia hat sie auch geh�rt.�</p><p>�Jetzt ist sie still.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Im Lager herrscht Ruhe.�</p><p>Er hatte recht. Die Leute gingen ihren Besch�ftigungen nach, falteten ihre Decken, gingen zur Latrine, errichteten ihre Morgenfeuer.</p><p>�Es war falscher Alarm�, sagte Mincon.</p><p>�Anscheinend.�</p><p>�Du bist nicht sicher?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was k�nnte geschehen sein?�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� jemand rief, die Stadt sei eingenommen.�</p><p>�Das ist unm�glich�, sagte er. �Es gibt Hunderte von Pasang weit keine Feinde. Torcodino ist eine Garnison. Es ist uneinnehmbar. Es ist von verb�ndeten Heeren umgeben.�</p><p>�Man k�nnte es schaffen.�</p><p>�Man m��te ein Heer durch die Reihen des Feindes f�hren, um die Stadt einzunehmen�, sagte er.</p><p>�Oder �ber den Feind hinweg.�</p><p>�Man m��te die Soldaten in die Stadt schmuggeln.�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Unm�glich.�</p><p>�Mit ein paar vorher getroffenen Absprachen d�rfte es m�glich sein.�</p><p>�Du machst Witze.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das w�rden wir doch h�ren. Es g�be laute K�mpfe.�</p><p>�Hier ist es still�, sagte ich. �Das hei�t jedoch nicht, da� in einem anderen Stadtteil nicht gek�mpft werden k�nnte, sogar in diesem Augenblick. Ein paar H�userblocks entfernt k�nnten M�nner sterben, ohne da� wir es bemerken. Auf den Stra�en k�nnte Blut flie�en.�</p><p>�Ich sehe keinen Rauch�, bemerkte Mincon. �Keine Anzeichen f�r irgendwelche Br�nde.�</p><p>�Das hat wenig zu sagen�, meinte ich. �Vielleicht will man die Stadt nicht zerst�ren, will die Mauern intakt halten, ihre Reicht�mer bewahren.�</p><p>�Das w�re m�glich.� Er l�chelte.</p><p>Ich sah ihn �berrascht an.</p><p>�Es gibt eine M�glichkeit, das herauszufinden�, sagte er.</p><p>�Wie denn?�</p><p>�Steig auf den Kutschbock.�</p><p>Ich tat es, und er schlo� sich mir an. Dann wies er in Richtung der umliegenden Geb�ude.</p><p>�Siehst du den Zylinder dort?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Das ist der Zentralzylinder Torcodinos�, erkl�rte Mincon. �Das Hauptquartier der Verwaltung, der obersten Exekutive, sei es die des Administrators oder des Ubar.�</p><p>�Und?�</p><p>�Sieh dir das Dach an�, sagte er. �Kennst du die Flagge Torcodinos?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es ist auch gleichg�ltig, da dort in den letzten Monaten nicht die Flagge Torcodinos, sondern die von Cos geweht hat.�</p><p>�Aber sie ist nicht da�, sagte ich. �Ich kenne die Flagge von Cos. Ich habe sie schon oft gesehen.�</p><p>�Ist das nicht erstaunlich?� fragte er.</p><p>�Du bist kein einfacher Kutscher�, stellte ich fest.</p><p>�Was siehst du dort?�</p><p>�Eine Fahne. Sieht aus wie eine Regimentsfahne.�</p><p>�Beschreib sie!�</p><p>�Sie ist silbern�, sagte ich. �Sie ist weit weg, ich kann sie nur schwer erkennen. Die Sonne spiegelt sich darauf.�</p><p>�Es ist die Regimentsfahne des Silbertarns�, sagte er. �Sie h�ngt an einem silbernen Flaggenstab. In der N�he der Spitze befindet sich eine rechteckige Platte, die eine Inschrift tr�gt. �ber der Platte ist ein silberner Tarn mit ausgestreckten Schwingen zu sehen, der sie in den Krallen h�lt.�</p><p>�Das kannst du auf diese Entfernung erkennen?�</p><p>�Nein�, antwortete er. �Aber ich kenne die Fahne. Ich habe sie schon fr�her gesehen.�</p><p>Ich sah ihn an.</p><p>�Du bist ein wirklich aufmerksamer Bursche�, sagte er. �Die Stadt ist in der Tat erobert worden. Und wenn ich mich nicht irre, dann wei�t du auch, wie es geschehen ist.�</p><p>��ber die Aqu�dukte�, sagte ich.</p><p>�Ganz genau. Man hat sie mehr als hundert Pasang von hier entfernt betreten, einen Aqu�dukt am Issus, den anderen inmitten der H�gel von Eteocles. In Zweierreihen durchwateten Soldaten das Wasser, manchmal sogar dicht �ber den K�pfen der cosischen Armee.�</p><p>�Genial�, sagte ich.</p><p>�Die W�chter einer bestimmten Einheit wurden mit Gold bestochen. In der Stadt lebende Partisanen haben den M�nnern einer anderen Einheit die Kehlen durchgeschnitten.�</p><p>�Wem geh�rt die Fahne?� fragte ich.</p><p>�Es ist das Banner meines Hauptmanns�, sagte er. �Dietrich von Tarnburg.�</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Das Weinen verwirrter, �ngstlicher Kinder und das Wehklagen von Frauen erf�llten die Luft.</p><p>�Da entlang, geht da entlang!� sagte ein Soldat und versperrte den Weg.</p><p>Es herrschte ein unglaubliches Gedr�nge. Soldaten lenkten den Verkehr. Viele Menschen mit B�ndeln auf dem R�cken bewegten sich auf das gro�e Stadttor von Torcodino zu.</p><p>�Du da, pa� auf!� rief eine Stimme.</p><p>Ich trat beiseite, um einen mit Habseligkeiten beladenen zweir�drigen Wagen vorbeizulassen, der von einem Mann gezogen wurde. Die Stra�en waren mit Fl�chtlingen �berf�llt.</p><p>�Folgt mir�, hatte Mincon gesagt. �Euch wird nichts geschehen. Bleibt dicht zusammen.�</p><p>�Ich will meine Axt zur�ck�, verlangte Hurtha.</p><p>�Bleibt zusammen!� befahl ich. �La�t euch nicht trennen.�</p><p>Wir waren an einer Anzahl von Geb�uden vorbeigekommen, die man mit Seilen abgesperrt hatte. Gelegentlich konnten wir durch offenstehende T�ren oder Fenster einen Blick hineinwerfen. Schreie und Ger�usche wie zerberstende M�bel ert�nten. Soldaten pl�nderten die H�user. Aus dem etwa zw�lf Meter hohen, ge�ffneten Fenster eines anderen Geb�udes hing ein Mann mit dem R�cken zur stuckverzierten Wand.</p><p>�Was soll das?� fragte ich Mincon.</p><p>�Ich kann nicht lesen�, antwortete er. �An seinem Hals h�ngt ein Schild. Was steht da?�</p><p>�Pl�nderer!� las ich vor.</p><p>�Dann wird es das gewesen sein�, meinte Mincon.</p><p>�Hier wird viel gepl�ndert�, bemerkte ich. �In mehr als einem Haus konnten wir dabei zusehen.�</p><p>�Es war ein Zivilist�, erkl�rte Mincon. �Es ist Zivilisten verboten zu pl�ndern.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich.</p><p>�In Torcodino mu� Ordnung herrschen�, sagte Mincon.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ich will meine Axt zur�ckhaben�, murrte Hurtha.</p><p>�Bleibt in der N�he�, erwiderte ich.</p><p>Wir hatten unsere Waffen am Eingang des Wagenhofs abgegeben, den wir in Mincons Begleitung vor ein paar Ehn verlassen hatten. Man hatte in Torcodino eine strenge Waffenkontrolle eingef�hrt. Der Besitz einer nicht genehmigten Waffe stellte ein Kapitalverbrechen dar, das jeder Soldat auf der Stelle bestrafen konnte, wenn ihm der Sinn danach stand. Die Krallen des Silbertarns griffen fest zu. Dennoch hatte man sich bei dem Verbot streng an den Buchstaben des Gesetzes gehalten. In meinem Geldbeutel steckte ein Zettel mit einer Nummer, die mit der Nummer �bereinstimmte, die bei meinen Waffen auf dem Tisch am Eingang des Hofs zur�ckgeblieben war.</p><p>Man rempelte uns an.</p><p>�Hier entlang�, gestikulierte ein Soldat, �hier entlang!�</p><p>Es roch nirgendwo nach Rauch. Unsere Augen brannten und tr�nten nicht. Man konnte m�helos atmen. Manchmal sp�rte man nach der Erst�rmung einer Stadt die Hitze brennender H�user noch Blocks weiter. Aber Torcodino brannte nicht.</p><p>�Hier entlang�, sagte ein anderer Soldat.</p><p>Wir eilten weiter.</p><p>Ein kniendes Sklavenm�dchen war an einen Sklavenring gefesselt, der etwa einen halben Meter oberhalb des Stra�enpflasters an einer festgeschraubten Platte in der H�userwand befestigt war. Das Gesicht des M�dchens war tr�nenverschmiert. Es umklammerte verzweifelt die Halskette. Ich wu�te nicht, ob ihr Herr sie dort festgemacht hatte mit der Absicht, zu ihr zur�ckzukehren, oder ob man sie ausgesetzt hatte. Sie war nackt. Da man sie angekettet hatte, w�rde sie dort bleiben m�ssen.</p><p>�Kommt schon!� dr�ngte Mincon. Wir schoben uns weiter an den vielen Menschen vorbei. �Bleibt zusammen!� Das taten wir auch, so gut wie m�glich. Ich hielt mich dicht hinter ihm, dann kamen Hurtha und Boabissia. Hinter der Alar gingen Feiqa und Tula, die an den Kragen befestigten Seile endeten in Hurthas Hand. Die Sklavinnen waren vor Angst wie erstarrt, als sie am Morgen erfahren hatten, da� die Stadt einen neuen Herrn hatte. Sie hatten sich voller Entsetzen angesehen. Doch strenggenommen hatten die Sklavinnen wenig zu f�rchten. Wir hatten sie nicht etwa deshalb festgebunden, weil wir bef�rchteten, sie k�nnten in der Menschenmasse einen Fluchtversuch unternehmen, sondern um sicherzugehen, da� sie nicht von uns getrennt oder einfach entf�hrt wurden. Ganz in der N�he ert�nte das Bl�ken von zwei domestizierten Verr. Eine Frau zerrte sie hinter sich her.</p><p>�Es geht nicht mehr richtig weiter�, sagte ich zu Mincon.</p><p>�Man h�lt die Fl�chtlinge zur�ck�, sagte er. �Es gibt mehrere Stra�ensperren. Danach hat man voneinander getrennte Korridore eingerichtet, die zum Stadttor f�hren. Dort werden alle durchsucht, damit keine Wertsachen verschwinden.�</p><p>�Die Zivilbev�lkerung wird aus der Stadt vertrieben.�</p><p>�Genau. La�t uns weitergehen. In einer Reihe.�</p><p>Wir bahnten uns langsam einen Weg durch die Menge.</p><p>�Wohin bringst du uns?� fragte ich Mincon.</p><p>�Zum Semnium.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich will euch Passierscheine besorgen.�</p><p>�Das w��te ich zu sch�tzen.�</p><p>Er drehte sich zu mir um. �Ihr m��t sie nicht nehmen, wenn ihr nicht wollt.�</p><p>�Warum sollten wir sie nicht wollen?�</p><p>�Die Entscheidung bleibt euch �berlassen.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Folgt mir!� sagte er nur und schob sich weiter.</p><p>Schlie�lich kamen wir zu einer Stra�ensperre. Sie bestand aus mehreren Pf�hlen, die auf Dreibeinen ruhten, und blockierte die Hauptstra�e. Hier mu�ten alle anhalten. Die Leute, die ganz vorn standen, stemmten sich gegen ihre Hinterm�nner, um nicht gegen die Sperre gedr�ckt zu werden.</p><p>�Halt!� rief der Soldat hinter der Sperre, der einen Speer quer vor den K�rper hielt.</p><p>Mincon fl�sterte ihm eine Parole zu. Die Sperre wurde ge�ffnet. Es war eine Erleichterung, wieder ungehindert gehen zu k�nnen. Etwa sechzig Meter weiter wartete eine Gruppe vor der n�chsten Kontrolle. Ein paar Ehn sp�ter hatten wir auch dieses Hindernis �berwunden; kurz darauf kamen wir zum dritten Kontrollpunkt.</p><p>Neben der zweiten Stra�ensperre t�rmten sich Gegenst�nde auf: M�bel, Kissen, Teppiche, Wandbeh�nge, Kleidung, Truhen, Kisten und Haushaltsgegenst�nde. Ein Soldat trat heran und leerte einen Kissenbezug aus. Der Inhalt, einige Becher, die scheppernd zu Boden prasselten, fiel in der Masse der angesammelten Gegenst�nde kaum auf. Der Berg erreichte eine H�he von �ber drei Metern. Es war eher wertlose Beute, die vermutlich en gros an H�ndler verkauft w�rde, mit denen vorher Vertr�ge abgeschlossen worden waren.</p><p>�Seht!� rief Boabissia und zeigte nach links, als wir hinter der dritten Kontrolle eine Kreuzung �berquerten.</p><p>Vor der Ziegelwand eines �ffentlichen Geb�udes � die Ziegel geh�rten zu der flachen, schmalen Sorte, die �blicherweise in der goreanischen Architektur des S�dens verbaut wurden � knieten etwa einhundert bis einhundertf�nfzig Frauen. Alle waren nackt. Man hatte sie an den H�lsen zusammengekettet. Zwei mit Peitschen ausger�stete Soldaten bewachten sie.</p><p>�Noch mehr Beute�, sagte Mincon.</p><p>�Sklavinnen!� zischte Boabissia ver�chtlich.</p><p>�Oder zuk�nftige Sklavinnen�, erg�nzte Mincon.</p><p>�Oh�, murmelte Boabissia. Das machte ihr angst.</p><p>�Das sind doch bestimmt alles Sklavinnen�, meinte ich.</p><p>�Viele davon sind die Frauen und T�chter derjenigen, die in Torcodino Anh�nger von Cos waren. Deshalb wurden sie gefangengenommen, um das Brandzeichen und den Kragen zu erhalten.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich.</p><p>�Die Gefangenenlisten wurden schon vor Wochen vorbereitet.�</p><p>�Nat�rlich.� Eine Aktion, wie sie zur Zeit in Torcodino stattfand, bei der die Zivilbev�lkerung einer wohl�berlegten S�uberung unterzogen wird, bedarf einiger Vorbereitungen, die Fingerspitzengef�hl verlangen.</p><p>Wir n�herten uns den Frauen.</p><p>Eine von ihnen stand auf, doch sofort traf sie die Peitsche, und sie sackte schluchzend zur�ck auf die Knie.</p><p>�H�nde auf die H�ften!� rief der Soldat. �Den R�cken gerade, das Kinn hoch, die Beine gespreizt!� Er dr�ckte ihr das Kinn mit dem Peitschenstiel hoch. Sie starrte geradeaus, w�hrend ihr die Tr�nen die Wangen hinunterliefen. Jetzt, da wir n�her heran waren, sah ich, da� die Frauen alle an einer Kette hingen; man hatte sie ihnen als Schlinge um den Hals gelegt, die dann von einem stabilen Vorh�ngeschlo� verschlossen wurde. Das ist eine einfache, praktische und billige Fesselung.</p><p>�Erwartet ihr, alle Frauen auf eurer Liste zu finden?� fragte ich den Soldaten.</p><p>�Die meisten schon�, antwortete er. �Einige werden uns zweifellos entkommen, zumindest f�r kurze Zeit.�</p><p>�Viele wird man an den Toren festnehmen�, vermutete Mincon. �Sie werden nicht wissen, da� sie auf einer Liste stehen. Dort werden sie dann ausgezogen, gefesselt, mit einer Nummer versehen und zu einem der Sammelpunkte gebracht.�</p><p>�Ab �bermorgen d�rfen sich keine Zivilisten ohne Erlaubnis in der Stadt aufhalten. Die Strafe f�r einen sich ungesetzlich hier aufhaltenden Mann ist die sofortige ehrenvolle Hinrichtung, eine Frau wird ebenfalls get�tet oder � wenn sie ansehnlich genug ist � zur Sklavin gemacht�, erkl�rte der Soldat.</p><p>�Der Versuch, sich in der Stadt zu verbergen, ist ziemlich sinnlos�, sagte Mincon. �Alle H�user werden durchsucht. Wenn Fl�chtlinge hungrig genug sind, werden sie des Nachts hervorgekrochen kommen, um etwas zu essen zu suchen. Fr�her oder sp�ter wird man sie dann mit Hilfe von Jagdsleen erwischen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich.</p><p>�So, wie Torcodino nun einmal gebaut ist, mit der Stadtmauer und unseren Kontrollen, ist es h�chst wahrscheinlich, da� wir schlie�lich aller auf der Liste befindlichen Frauen habhaft werden�, erg�nzte der Offizier.</p><p>Ich nickte. Die aufgelisteten Frauen hatten kaum eine M�glichkeit zur Flucht. Sicher, noch waren sie keine Sklavinnen. Doch sobald eine goreanische Sklavin erst einmal Kragen und Brandzeichen tr�gt, ist jede Flucht unm�glich. Sollte sie dem einen Herrn entwischen � was schon unwahrscheinlich genug ist �, wird sie sich bald in den Ketten eines anderen wiederfinden. Nur da� der neue Herr wei�, da� sie eine entflohene Sklavin ist, und sie dementsprechend grob behandeln wird. Er wird daf�r sorgen, da� die Sleen ihren Geruch kennen. Die Strafen f�r eine Flucht sind sehr schwerwiegend, beim zweiten Versuch wird man den Sleen zum Fra� vorgeworfen.</p><p>�Was geschieht dann mit den Frauen?� wollte ich wissen.</p><p>�Die meisten werden gruppenweise an H�ndler verkauft.�</p><p>�Wie die andere Beute auch?�</p><p>�Ja. Die Vertr�ge, die die Regelung des Abtransports, Ertragsprognosen und �hnliches enthalten, wurden schon vor Wochen abgeschlossen.�</p><p>Ich musterte die Frauen. In den letzten Wochen waren sie ihrem Tagwerk nachgegangen, sorglos, ahnungslos, ohne zu wissen, da� sie in den Pl�nen ihrer neuen Herren eine Rolle als Ware spielten. Zweifellos hatten sie sich ihren t�glichen Besch�ftigungen, ihren Spielen, Eitelkeiten und Sorgen gewidmet. Die ganze Zeit �ber hatten sie nicht gewu�t, da� ihre Namen bereits auf Gefangenenlisten standen und da� die unausl�schbare Tinte schon getrocknet war.</p><p>�Kommt�, sagte Mincon, �wir m�ssen ins Semnium!�</p><p>Wir gingen wieder los.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>�Es sind neue Tote�, stellte ich fest.</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Mincon.</p><p>Wir standen am Fu� der niedrigen breiten Stufen, die zum Semnium hinauff�hrten, der Halle des Hohen Rates. Das Geb�ude w�rde den neuen Herren Torcodinos vermutlich als Hauptquartier dienen. Die Treppe erstreckte sich �ber die ganze L�nge des S�ulenganges.</p><p>�Wer sind sie?�</p><p>Etwa zwei- bis dreihundert Geh�ngte baumelten jetzt an den geteerten Seilen entlang der Stra�e des Adminius in der N�he des Semniums.</p><p>��berl�ufer, Verr�ter, Angeh�rige der cosischen Partei, Verr�ter des B�ndnisses mit Ar und dergleichen�, erkl�rte Mincon.</p><p>�So, wie die anderen Anh�nger Ars waren?� hakte ich nach.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Mincon ausweichend.</p><p>�Einige der M�nner sind m�glicherweise f�r die Hinrichtung derjenigen verantwortlich, die zuvor dort gehangen haben�, sagte ich und sah mir die bedr�ckenden Reihen der Geh�ngten an.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Der Wind in Torcodino hat sich gewendet�, meinte ich.</p><p>�Ja�, sagte Mincon.</p><p>�Also steht dein Hauptmann im Sold von Ar.�</p><p>�Dar�ber mu�t du dir selbst ein Urteil bilden. Bald.�</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Folgt mir!� schlug er einfach vor. Unsere kleine Gruppe folgte ihm die Stufen zum Semnium hinauf. Ich blieb einmal kurz stehen und sah zu den gefangenen Frauen zur�ck. Viele von ihnen waren einflu�reiche Pers�nlichkeiten gewesen. Die Frau, die der Soldat geschlagen hatte, war beispielsweise siegelberechtigte Schatzmeisterin des Gew�rzrates von Torcodino gewesen. Wie ich es verstanden hatte, hatte sie den Einflu� ihrer Position dazu ausgenutzt, Cos zu unterst�tzen. Solche Neigungen findet man h�ufig bei Leuten, die ihr Verm�gen mit Im- und Export gemacht haben, die die Ausbeutung fremder M�rkte betreiben, die allgemein mit dem �berseehandel auf dem Thassa zu tun haben. Das ist verst�ndlich. Die Seestreitkr�fte von Tyros und Cos beherrschen die gr�nen Wellen des funkelnden Thassa. Sie kontrollieren die meisten der bevorzugten ozeanischen Handelskorridore. Nur wenige K�sten k�nnen sich ihren Patrouillen entziehen, nur wenige Hafenst�dte ihren Blockaden widerstehen. Die Frau war eine B�rgerin Torcodinos gewesen, und Torcodino hatte Ar den Treueid geleistet. Sie hatte � aus welchem Grund auch immer, vermutlich Opportunismus oder Habgier � ihr Gel�bde an ihren Heimstein gebrochen. Bei einem Mann kann das ein Kapitalverbrechen sein. Nur weil sie eine Frau war, war sie nicht auf der Verr�terliste gelandet, sondern nur auf der Gefangenenliste. Ihr Geschlecht hatte sie gerettet. W�re sie ein Mann gewesen, h�tte man sie geh�ngt.</p><p>Hinter dem Eingang zum Semnium erstreckte sich eine gro�e Halle mit Marmorboden. Hier nahmen zahlreiche G�nge und Treppen ihren Anfang. Die W�nde waren mit Mosaiken geschm�ckt, Szenen aus dem Leben der B�rger, Zusammenk�nfte und Prozessionen. Ein Bild zeigte die Grundsteinlegung von Torcodinos Mauern, eine Handlung, die vermutlich vor mehr als siebenhundert Jahren stattgefunden hatte, als man die erste Mauer, die Legenden zufolge nur wenige Meter hoch war, zum Schutz des gro�en, sich st�ndig ausbreitenden Lagers am Schnittpunkt mehrerer Handelsrouten errichtet hatte. Mehrere Soldaten und Offiziere sa�en an Tischen bei der Arbeit. An einer Seite befanden sich mehrere Reihen fest im Boden verankerter niedriger Marmorb�nke. Hier warteten gew�hnlich Klienten und Beschwerdef�hrer mit ihren Anliegen und Petitionen. Hier warteten auch vorgeladene Zeugen, da� sie vor dem Rat ihre Aussage machen konnten.</p><p>�Hier bekommt man wohl die Passierscheine, habe ich recht?� fragte ich und betrachtete die Tische.</p><p>Mincon nickte und ging auf einen W�chter zu, der vor einem Durchgang zu den langen Korridoren auf Posten stand.</p><p>�M�ssen wir uns f�r die Passierscheine nicht an einem der Tische anstellen?� fragte ich und blickte zur�ck.</p><p>�Nein.�</p><p>Wir folgten ihm in den Korridor. Offensichtlich war er hier bekannt.</p><p>�Wird die Stadt von hier aus regiert?�</p><p>�Ja, jedenfalls was die wichtigsten Dinge betrifft.�</p><p>�Torcodino steht doch jetzt unter Kriegsrecht�, meinte ich. �Warum wird es dann nicht vom Zentralzylinder oder dem Arsenal aus beherrscht?�</p><p>�Dieses Geb�ude vermittelt den Anschein von Normalit�t�, sagte er. �Man k�nnte gewisserma�en glauben, da� eine Verwaltung durch die n�chste ersetzt wurde.�</p><p>�Ich verstehe. Dein Hauptmann hat sich aber doch bestimmt im Zentralzylinder niedergelassen.�</p><p>�Nein, er f�hrt seine Gesch�fte in diesem Geb�ude�, sagte Mincon, ohne seinen Schritt zu verlangsamen.</p><p>Darauf gab es nichts zu erwidern. Ich hielt es jedoch f�r eine politisch kluge Entscheidung, zumal die Stadt zur Zeit nicht angegriffen wurde. Mir war schon seit Jahren bekannt, da� Dietrich von Tarnburg ein f�higer S�ldnerf�hrer und einer von Gors besten Soldaten war. Die Annalen oder Tageb�cher, die ich gelesen hatte, hatten allein die M�rsche und Feldz�ge zum Thema gehabt, eine W�rdigung seiner anderen Charakterz�ge hatte ich vergeblich gesucht. So wie es aussah, war er nicht nur ein milit�risches Genie, sondern auch ein gro�er Politiker. Vielleicht haben die beiden ja mehr gemeinsam, als allgemein angenommen wird. Territorium will nicht nur erobert, sondern auch gehalten werden.</p><p>�Man entfernt die Zivilisten aus der Stadt�, sagte ich. �Sie bekommen aber doch bestimmt keine Passierscheine.�</p><p>�Nein�, best�tigte Mincon.</p><p>�Aber wir brauchen deiner Meinung nach Papiere?�</p><p>�Bedenkt man, wo du hingehst, scheint es angebracht zu sein.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Ich habe gesehen, da� du mit dem Schwert umzugehen verstehst�, sagte er. �Und du stammst aus Port Kar.�</p><p>�Ich kenne mich etwas in der Schwertkunst aus. Und ich habe Besitz in Port Kar�, gab ich vorsichtig zu.</p><p>�M�glicherweise bist du sogar Mitglied der Scharlachroten Kaste.�</p><p>�Das k�nnte sein.�</p><p>�Port Kar befindet sich mit Cos im Krieg.�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Wir sind da.� Wir standen vor einer hohen T�r. Mincon f�hrte uns an den W�chtern vorbei in ein Empfangsgemach. Am anderen Ende des Raumes sa� ein Offizier an einem Tisch; er wurde von zwei W�chtern besch�tzt. Hinter ihm und zu seiner Rechten befand sich jeweils eine T�r. Er sa� so, da� man auf jeden Fall an seinem Schwertarm vorbei mu�te.</p><p>�Man h�tte uns einen einfachen Passierschein doch auch in der Halle ausstellen k�nnen�, meinte ich.</p><p>Mincon beugte sich zu dem Offizier vor, der ihn anscheinend kannte, und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</p><p>�Das denke ich auch�, sagte Hurtha, um dann hinzuzuf�gen: �Was auch immer das ist.� Er blickte sich mit dem in den Alar verwurzelten Mi�trauen gegen enge R�ume und B�rokratie um. �Ich gehe davon aus, da� ich diesen Schein nicht lesen mu�. Das w�re n�mlich schwierig, da ich nicht lesen kann.�</p><p>�Du k�nntest es ja lernen�, erwiderte ich etwas gereizt.</p><p>�Was denn, in der kurzen Zeit, bis wir die Scheine bekommen?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Alar lesen nicht�, sagte Boabissia stolz. �Und wir sind Alar.�</p><p>�Ich bin ein Alar�, stellte Hurtha richtig.</p><p>�Zweifellos bekommen wir die Passierscheine von dem Burschen da�, vermutete ich und zeigte auf den Offizier, mit dem Mincon gerade sprach.</p><p>�Meine Axt w�re mein Passierschein�, sagte Hurtha, �wenn ich sie im Augenblick zur Hand h�tte.�</p><p>Zu meiner �berraschung trat Mincon durch die T�r hinter dem Offizier.</p><p>�Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was hier eigentlich vorgeht�, murmelte ich.</p><p>�Diese Erfahrung durfte ich auch schon �fter machen�, bemerkte Hurtha.</p><p>�Mincon verh�lt sich seltsam.�</p><p>�Was erwartest du? Er ist kein Alar.�</p><p>�Ich auch nicht.�</p><p>�Ich wei߫, lautete Hurthas Antwort.</p><p>�Das alles ergibt nur wenig Sinn.�</p><p>�Zivilisation ist eine verr�ckte Angelegenheit.�</p><p>�Vielleicht befl�gelt dich das zu einem Gedicht.�</p><p>�Ich habe sogar schon zwei St�ck geschaffen. M�chtest du sie h�ren?�</p><p>�Daf�r ist jetzt keine Zeit.�</p><p>�Sie sind recht kurz�, sagte Hurtha. �Das eine hat nur f�nfzig Zeilen.�</p><p>�Wenn es unbedingt sein mu�.�</p><p>Hurtha r�usperte sich. �In den S�len von Torcodino, unter geh�ngten Knochen ��</p><p>�Du hast mehr als einhundert Zeilen gedichtet, w�hrend wir hier stehen?� fragte ich.</p><p>�Sogar noch viel mehr, aber ich habe vieles wieder verworfen, da es nicht meinen Anspr�chen gen�gte.� Er r�usperte sich. �In den S�len von Torcodino, unter geh�ngten, br�chigen Knochen ��</p><p>�Warte�, unterbrach ich ihn, �das ist nicht dieselbe Zeile.�</p><p>�Ich habe sie verbessert.�</p><p>In diesem Augenblick kam Mincon zur�ck. �Welche guten Neuigkeiten bringst du uns, Freund?� rief ich ihm entgegen.</p><p>�Bitte geh hinein�, bat er mich. �Ihr anderen wartet bitte hier.�</p><p>Wir sahen uns an.</p><p>�Bitte.�</p><p>�Also gut�, sagte ich ergeben.</p><p>�M�chtest du zwei meiner Gedichte h�ren?� fragte Hurtha.</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Mincon. Er war ein guter Freund. �Bara!� befahl er Tula.</p><p>�Bara!� befahl ich Feiqa. Die Sklavinnen legten sich sofort auf den Bauch, die K�pfe nach links gewandt, die Handgelenke im R�cken gekreuzt, die Fu�gelenke �bereinandergelegt. Es ist eine weitverbreitete Position zum Fesseln. Allerdings verzichteten wir darauf. Es gen�gte, da� sie die Position eingenommen hatten. Hurtha lie� die Seile zu Boden fallen. Nun hatte er die H�nde zum Gestikulieren frei, ein wichtiges zus�tzliches Element bei der Deklamation von Dichtkunst.</p><p>�Willst du zwei Gedichte h�ren?� fragte er den Offizier am Tisch.</p><p>�Was?�</p><p>Ich betrat das Schreibgemach.</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Ich ri� den Kopf zur Seite. Die Klinge verfehlte mich und grub sich mit einem dumpfen Laut in den T�rrahmen.</p><p>�Ausgezeichnet! Du hast eine Ausbildung genossen.�</p><p>Ich sah zum anderen Ende des Raumes. Hinter einem Schreibtisch stand ein Soldat.</p><p>�K�nnte es sein, da� du der Scharlachroten Kaste angeh�rst?�</p><p>�Vielleicht.� Ich zog das Messer aus dem Holz, ohne den Mann hinter dem Schreibtisch dabei aus den Augen zu lassen.</p><p>�Du bist schnell�, sagte er. �Ausgezeichnet. Mincon hat sich nicht geirrt. Sein Urteil ist zuverl�ssig. Du bist ein Soldat.�</p><p>�Ich habe gek�mpft�, sagte ich. �Zur Zeit stehe ich in niemandes Sold.�</p><p>�Tal, Rarius�, begr��te er mich dann. �Gr��e, Krieger.�</p><p>Ich musterte ihn. Er schien mir nicht zu jenen M�nnern zu geh�ren, die Passierscheine und Reisegenehmigungen ausstellten oder b�rokratische Arbeiten erledigten.</p><p>Er trug keine Rangabzeichen. Seine M�nner mu�ten sein Gesicht kennen. Seine Anwesenheit unter ihnen w�re nichts Unvertrautes; sie kannten ihn, ob im Feld oder beim Marsch, in den Minen, auf den Wehrmauern oder in den Gr�ben. Und er kannte sie. Er war ein hochgewachsener, eher hagerer Mann mit hohen Wangenknochen und grauen Augen. Das dunkle Haar wurde grau an den Schl�fen, f�r Goreaner sehr ungew�hnlich. Er erinnerte mich leicht an Centius von Cos, allerdings fehlte ihm dessen Sanftheit. Er strahlte praktischen Verstand, H�rte, Klugheit und Macht aus. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Schwert, quer �ber den Staatsdokumenten.</p><p>�Tal, Rarius�, fl�sterte ich.</p><p>�Tritt n�her. Es war nur eine Probe. Ich habe sogar deine linke Seite genommen, um es dir zu erleichtern. Hab keine Angst.�</p><p>Ich ging auf ihn zu. Er setzte sich.</p><p>An der linken Schreibtischseite lag eine angekettete nackte Frau auf dem Boden. Sie war dunkelhaarig und wundersch�n. Das �berraschte mich nicht. Er war offensichtlich ein Mann von gro�er Kraft. Viele Goreaner glauben, da� die Frau ein Geschenk der Natur an den Mann ist, da� die Natur sie allein f�r seine Anregung, sein Vergn�gen und zu seiner Verf�gung geschaffen hat. Deshalb z�gern M�nner auch nur selten, sich dieses Geschenks zu bem�chtigen. Sie sind sehr empf�nglich f�r das Vergn�gen, das Macht mit sich bringt, und der Versuch, sie zu erringen, ist etwas ganz Normales; sie wissen sie zu sch�tzen und zu genie�en. Goreaner sch�men sich solcher nat�rlicher und biologischer Triebe nicht. Tats�chlich w�re es vom Standpunkt eines Goreaners aus gesehen Wahnsinn, wegen solcher tiefsitzender, grunds�tzlicher Bed�rfnisse Schuldgef�hle zu haben. Der Mann ist der �berlegene, es sei denn, er w�re krank. Ohne Herrschaft kann es keine richtige Erf�llung geben, und bemerkenswerterweise gibt es ohne die richtige m�nnliche Erf�llung auch keine befriedigende weibliche Erf�llung.</p><p>�Wie nennst du dich?� fragte er.</p><p>�Tarl.�</p><p>�Du kommst aus Port Kar?�</p><p>�Ich habe dort Besitz.�</p><p>�Spionierst du f�r Ar?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Oder f�r Cos?�</p><p>�Auch das nicht.� Ich legte das Messer vor ihn auf den Tisch.</p><p>�Aber ich vermute einmal, da� deine Sympathien bei Ar liegen.�</p><p>�Ich empfinde keine besondere Liebe f�r Ar�, antwortete ich. Einst hatte man mich aus der Stadt verbannt und mir Brot, Salz und Feuer verweigert.</p><p>�Gut�, sagte er. �So wird es dir leichter fallen, den �berblick zu behalten.�</p><p>�Du bist kein einfacher Offizier, von dem man Passierscheine bekommt.�</p><p>�Und du bist kein einfacher Soldat�, antwortete er. �Zur Zeit kaufen Dutzende Hauptm�nner K�mpfer ein. Aber du stehst bei niemandem im Sold. Au�erdem habe ich von Mincon erfahren, da� deine Finanzen recht beschr�nkt sind.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>Er stand auf und versetzte der Frau einen Tritt. Sie zuckte zusammen und wimmerte; die Ketten klirrten.</p><p>�Was meinst du, Lady Cara?� fragte er.</p><p>�Ja, Herr. Ich halte es f�r m�glich, Herr.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, da� er tats�chlich ihre Meinung wissen wollte. Sie war noch keine Sklavin.</p><p>�Sie ist noch frei�, bemerkte ich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Besch�me mich nicht, indem du mich in diesem Zustand h�ltst�, schluchzte sie. �Gib mir den Kragen und das Brandzeichen, damit ich in aller �ffentlichkeit stolz das sein kann, was ich sowieso schon bin.�</p><p>�Willst du die Peitsche sp�ren, Lady Cara?� fragte er.</p><p>Sie senkte den Blick.</p><p>�Das ist Lady Cara aus Venna�, stellte er sie vor. �Einst wurde sie dabei belauscht, wie sie ver�chtliche Bemerkungen �ber Tarnburg machte. Vielleicht nehme ich sie eines Tages dorthin mit und halte sie als Haussklavin.�</p><p>Die Frau st�hnte.</p><p>�Wenn du in Port Kar Besitz hast, dann gehe ich davon aus, da� du f�r Cos nicht viel �brig hast.�</p><p>�Das stimmt.� Ich hatte auf See gegen Cos und Tyros gek�mpft. Beim letzten Karneval in Port Kar hatte ihr Ubar, Lurius von Jad, mir einen Attent�ter auf den Hals gehetzt. Ich hatte ihm den eigenen Dolch ins Herz gejagt.</p><p>�Trotzdem bist du mit einer cosischen Nachschubkolonne gereist und hast diese Deckung dazu benutzt, dich in schwierigen Zeiten nach S�den durchzuschlagen. Das war eine verwegene, einfallsreiche und mutige Tat. Ich respektiere solche Taten.�</p><p>Das bezweifelte ich nicht. Und ich wu�te auch, mit wem ich hier sprach. Diesen Mann bewunderte ich schon seit Jahren. Ich hatte seine Feldz�ge und seine Strategien studiert. Und doch hatte mich nichts auf die Macht der Pers�nlichkeit vorbereitet, die ich in diesem Raum sp�rte, einem einfachen, kargen Raum mit einem gro�en Fenster, der gerade eben eines kleinen Funktion�rs innerhalb von Torcodinos B�rokratie w�rdig war. Es erschien unpassend, da� ich diesem Mann hier begegnete statt auf einem Staatsbankett, einer Strategiebesprechung oder einem blutbefleckten Schlachtfeld. Er schien die Macht f�rmlich auszustrahlen. Das ist nur schwer zu erkl�ren, man mu� es sp�ren. Vielleicht h�tte ich es in einer anderen Situation gar nicht wahrgenommen. Ich wei� es nicht. Es hatte nichts damit zu tun, da� er seine Autorit�t hervorkehrte oder sich prahlerisch benahm, denn dies war nicht der Fall. Oberfl�chlich gesehen schien er kaum mehr als einen einfachen Soldaten darzustellen, h�chstens einen bescheidenen, aufmerksamen, t�chtigen Offizier. Doch unter dieser Oberfl�che sp�rte ich mehr. Vielleicht waren es unterbewu�t aufgenommene Hinweise. Ich bezweifelte nicht, da� er sehr warmherzig, charmant und gastlich sein konnte, wenn er wollte. Vielleicht hatte er sogar seinen Spa� an Witzen, vielleicht machte es Spa�, mit ihm zu trinken. Seine M�nner w�rden f�r ihn sterben. Ich vermutete, da� er sehr einsam war. Und es bedeutete zweifellos den Tod, wenn man sich seinem Willen widersetzte.</p><p>�Ich vermute, du wolltest nach Ar.�</p><p>�Ich habe dort Gesch�fte zu erledigen.�</p><p>�Kennst du das Voskdelta?�</p><p>�Ich habe es einmal durchreist.�</p><p>�Erz�hl mir davon.�</p><p>�Es ist t�ckisch und hat keine Stra�en. Es bedeckt �ber tausend Quadratpasang. Es ist verseucht mit Insekten, Schlangen und Tharlarion. Im Schilf schwimmen sogar Marschhaie herum. Es gibt wenig festen Grund. Die Gew�sser sind gew�hnlich seicht und reichen einem gro�en Mann selten h�her als bis zur Brust. Der Boden ist tr�gerisch. Es gibt viel Treibsand. Das Voskdelta trennt Port Kar vom Osten ab. Allein ein paar Schilfbauern finden sich dort zurecht. Aus praktischen Beweggr�nden h�lt man es f�r Verkehr und Handel verschlossen.�</p><p>�Den Eindruck hatte ich auch.�</p><p>�Warum fragst du?�</p><p>�Verstehst du etwas von milit�rischen Dingen?� wollte er wissen.</p><p>�Ein wenig.�</p><p>�Wei�t du, wer ich bin?�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Warum haben wir Torcodino eingenommen?�</p><p>�Um die Invasion aufzuhalten�, sagte ich. �Um Ar die Zeit zu verschaffen, die es braucht, um zu den Waffen zu greifen. Es ist ein m�chtiger und entscheidender Schlag. Torcodino ist Cos� wichtigstes Depot f�r Vorr�te und Belagerungsger�t. Das alles geh�rt jetzt dir. Mit diesen Vorr�ten kannst du Torcodino auf unbegrenzte Zeit halten. Cos fehlt jetzt die Ausr�stung, um dich zu vertreiben. Wegen des akuten Mangels an Nachschub wird Cos einige seiner Truppen aus der Gegend zur�ckziehen m�ssen. Vermutlich wird man die Verb�nde teilen m�ssen, man wird sie in alle m�glichen Gegenden entsenden, um neue Lebensmittel herbeizuschaffen. So hast du deinen Feind auseinandergerissen und verstreut. Ich vermute, da� die Ausb�rgerung der Zivilbev�lkerung Torcodinos nicht nur politischen Beweggr�nden entspringt, um �ffentlich Sorge, Gro�z�gigkeit und Gnade zu zeigen. Es hat auch nicht nur praktische Gr�nde, um Lebensmittel zu sparen und m�gliche cosische Sympathisanten aus deinem R�cken zu entfernen. Nein, die Zivilisten werden die Nachschubprobleme des Feindes noch verst�rken.�</p><p>�Sehr gut.�</p><p>�Cos wird es nicht wagen, die Fl�chtlinge verhungern zu lassen, denn es sind B�rger einer Stadt, die auf seine Seite �bergewechselt ist. Sollte Cos nicht f�r sie sorgen, w�re das eine dunkle Lektion f�r jede noch schwankende oder unentschlossene Stadt und jedes Dorf im Umkreis eines Dutzends Horizonte. Es w�rde Ar st�rken.�</p><p>�Richtig�, stimmte er mir zu.</p><p>�Was ist mit Torcodinos Garnison geschehen?� fragte ich.</p><p>�Die meisten Soldaten wurden im Schlaf �berrascht. Man hat ihre Waffen ergriffen. Widerstand war sinnlos. Wir haben sie entwaffnet aus der Stadt getrieben.�</p><p>�Also werden sie wie die B�rger die Schwierigkeiten der Invasoren noch verschlimmern.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Hast du sie durch das Joch marschieren lassen?� Dieses ganz besondere Joch besteht aus drei Speeren: Zwei h�lt man senkrecht, der dritte wird waagrecht an ihnen festgebunden. Die Gefangenen marschieren dann in Zweierreihen hindurch. Sie k�nnen unter dem waagrechten Speer � der Waffe des Feindes � nicht aufrecht gehen, sondern sind gezwungen, den Kopf zu senken und den R�cken zu kr�mmen. Manche Krieger w�hlen eher den Tod, bevor sie sich diesem Ritual unterwerfen. Manchmal verwendet man ein �hnliches Joch auch f�r die gefangenen Frauen einer Stadt, aber es ist viel niedriger, so da� sie meistens auf dem Bauch darunter herkriechen m�ssen. Allerdings besteht dieses Joch nicht aus Speeren, sondern aus Besenstielen, die aus der eroberten Stadt stammen, und von der Querstange baumeln Sklavenperlen.</p><p>�Nein�, sagte er, �es sind brave Jungs. Vielleicht werden einige von ihnen eines Tages in meiner Kompanie dienen.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Er wandte sich um und trat ans Fenster. Von hier aus sah man die Stadtmauer und eines der Aqu�dukte. Dann drehte er sich wieder zu mir um. �Du hast nicht versucht, mich zu t�ten.�</p><p>�Noch eine Probe?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das habe ich mir gedacht. Sonst h�ttest du einem unbekannten Fremden auch nicht den R�cken zugekehrt.�</p><p>Er l�chelte. �Stimmt.�</p><p>�Ich habe es aber in Erw�gung gezogen.�</p><p>�Es w�re schwierig gewesen, �ber den Tisch oder an eine der Waffen zu gelangen, ohne da� das Papier geraschelt h�tte.�</p><p>�Und du hast mit einem m�glichen Angriff gerechnet�, sagte ich. �Unter solchen Umst�nden f�llt es schwer, sich an eine Person heranzuschleichen. Davon abgesehen h�tte die Frau vermutlich einen Warnschrei ausgesto�en.�</p><p>�H�ttest du mich gewarnt, Lady Cara?� fragte er.</p><p>�Ja!� stie� sie hervor.</p><p>�Trotz allem, was ich dir angetan habe?�</p><p>�Gerade weil du es mir angetan hast!� weinte sie. �Ich w�rde f�r dich sterben!�</p><p>�Warum das?�</p><p>�Eine Sklavin schuldet alles ihrem Herrn, ihre Leidenschaft, ihr Selbst, ihr Leben, alles! Es geh�rt dir, Herr!�</p><p>Er wandte sich wieder an mich. �Ich konnte mir nicht vorstellen, da� du mich angreifen w�rdest. Du bist zu vern�nftig veranlagt. Au�erdem h�ttest du keinen ausreichenden Grund. Und dann vermutest du, obwohl du dir nicht sicher bist, da� wir gemeinsame Ziele verfolgen.�</p><p>�Es gibt noch andere Gr�nde�, sagte ich. �Selbst wenn mir ein Angriff gel�nge, ich k�me kaum lebendig aus dem Semnium heraus.�</p><p>�Da ist das Fenster�, sagte er. �Aber du hast vorher nicht nachsehen k�nnen, ob es einen Sims gibt. Es gibt keinen. Aber du sagtest etwas von Gr�nden.�</p><p>�Da w�re noch der Respekt, den ich f�r dich empfinde, der Respekt vor dem Soldaten, dem Befehlshaber.�</p><p>�Bei vielen M�nnern behindern die Gef�hle das Zweckm��ige. Vielleicht auch bei dir?�</p><p>�Manchmal, vielleicht.�</p><p>�Das werde ich mir merken. Vielleicht ist es mir irgendwann einmal von Nutzen.�</p><p>�Dein Eindringen durch die Aqu�dukte war eine gro�artige Idee�, sagte ich. �Und dann auch noch beide zu benutzen, wobei eins davon praktisch als Versicherung diente.�</p><p>�Es ist eine offensichtliche Strategie. Ich habe bereits seit Jahren dar�ber nachgedacht, sie jedoch bis jetzt nicht gebraucht.�</p><p>�Sonst w�re diese Taktik in die Milit�rgeschichte eingegangen, Teil der Heldentaten geworden, die man mit deinem Namen verbindet. Alle Garnisonen derart gef�hrdeter St�dte w�ren vorgewarnt und untern�hmen Schritte, um es zu verhindern.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte er.</p><p>�Du hast dir diese Strategie f�r eine Gelegenheit aufgespart, die es wert war.�</p><p>�F�r Torcodino.�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Die Cosianer haben mittlerweile die Aqu�dukte geschlossen!�</p><p>�In der Stadt gibt es keine Wasserknappheit�, sagte ich. �Du greifst auf die urspr�nglichen Brunnen zur�ck, die aus der Zeit vor den Aqu�dukten stammen. Die Vertreibung der Zivilbev�lkerung sorgt daf�r, da� sie f�r deine Zwecke mehr als nur reichen.�</p><p>Er l�chelte.</p><p>�Aber ich f�rchte, du hast nicht alle M�glichkeiten bedacht.�</p><p>�Das kann man so gut wie nie tun.�</p><p>�Mich st�ren da gewisse Schwierigkeiten, die auf der Hand liegen.�</p><p>�Sprich.�</p><p>�Es gibt keine Stra�e, die von Torcodino fortf�hrt. Es hat den Anschein, als h�ttest du dich hier selbst festgesetzt. Die Stadtmauern sind umzingelt. Dein Heer ist klein. Cos wird eine betr�chtliche Streitmacht in der Gegend belassen, zumindest im Vergleich mit deiner Mannst�rke. Ich kann mir nicht vorstellen, da� es dir gel�nge, dir den Weg freizuk�mpfen. Und ich glaube auch nicht, da� du genug Tarns hast, um deine Soldaten �ber den Luftweg zu evakuieren.�</p><p>�Bemerkenswerte Gedanken.�</p><p>�Offenbar hast du mit Ar genau abgesprochene Pl�ne geschmiedet.�</p><p>�Nein. Ich habe nichts mit Ar abgesprochen.�</p><p>�Du stehst nicht im Sold von Ar?� fragte ich erstaunt. �Du hast alles auf eigene Initiative getan?�</p><p>�Ja�, antwortete er. �Die Macht von Ar und Cos mu� ausgeglichen bleiben. Der Sieg einer der beiden St�dte bedeutet das Ende der freien S�ldnerheere.�</p><p>�Aber du rechnest doch sicher damit, da� Ar die Belagerung beendet.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und wenn das nicht der Fall sein sollte?�</p><p>�Das w�re sehr unerfreulich.�</p><p>�Du k�nntest mit den Cosianern verhandeln�, schlug ich vor. �Ich bin davon �berzeugt, da� sie zu fast allen Bedingungen einlenken w�rden, da� sie dir und deinen Truppen Sicherheitsgarantien �berlie�en, nur um Torcodino zur�ckzubekommen.�</p><p>�Glaubst du tats�chlich, da� sie uns nach allem, was wir hier getan haben, nach allen Schwierigkeiten, die wir ihnen bereitet haben, einfach auf Torcodino herausspazieren lie�en?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich auch nicht�, sagte er mit einem L�cheln.</p><p>�Alles h�ngt also von Ar ab�, fa�te ich zusammen. �Du hast f�r diese Stadt gro�e Wagnisse auf dich genommen.�</p><p>�F�r mich und die freien S�ldner.�</p><p>�Ar hat scheinbar keine andere Wahl, als so zu reagieren, wie du erwartest.�</p><p>�So sieht es zumindest aus.�</p><p>�Und doch scheinst du dir Sorgen zu machen.�</p><p>�Das ist richtig. Komm mit.�</p><p>Wir traten durch eine Seitent�r in einen Nebenraum. �Was h�ltst von diesem V�gelchen?� fragte er.</p><p>�Das ist schwer zu sagen.�</p><p>Er vergrub die Hand in ihrem Haar und ri� ihren Kopf hoch. Sie schrie auf.</p><p>�H�bsch�, sagte ich. Sie trug Kragen und Brandmal. Als er ihr den Kopf zur�ckzog, wurde ihr R�cken gegen den kurzen Holzstab gedr�ckt, an den ihre angewinkelten Ellbogen gefesselt waren. Der Stab war an einem senkrechten Pfahl befestigt, das Ganze bildete ein �T�. Der Pfahl wiederum steckte in einer halben Meter hohen Plattform, auf der sie kniete. Die Fu�gelenke waren zusammengefesselt, die Ketten um den Pfahl geschlungen. Handschellen und eine Kette, die um ihren Leib f�hrte, vollendeten die Fesselung, die ihre Arme unverr�ckbar an Ort und Stelle hielten. �Sie k�nnte die Frau eines Hauptmanns sein.�</p><p>�Sie ist sogar noch mehr�, bemerkte er. �Sie war die Frau eines Generals.�</p><p>Die Gefangene wimmerte. Ihre Augen waren fast glasig vor Angst. Er lie� sie los. Ihr Kopf sackte nach unten, das lange schwarze Haar verh�llte ihren K�rper.</p><p>Ich sah sie mir in Ruhe an. Sie trug weder schm�ckende Juwelen noch Sklavenseide. Es waren keine Kosmetika zu sehen, die einen anstachelten, sie ihr von den Lippen zu lecken und zu k�ssen. Es war kein Parf�m zu riechen, sondern nur Schwei� und Furcht. Sie war geschlagen worden, eine seltene Erfahrung f�r eine hochrangige Sklavin. Falls sie einst einen juwelenbesetzten goldenen Kragen getragen hatte, war er nicht l�nger vorhanden. Jetzt trug sie einen einfachen Eisenkragen, der mit einem Hammerschlag verschlossen worden war, einen Kragen, wie ihn jede Frau tragen konnte, die ein beliebiger Soldat aus einer brennenden Stadt mitgenommen hatte.</p><p>�Wie ist dein Namen, Liebes?� fragte er.</p><p>�Ich habe keinen Namen!� sagte sie schnell.</p><p>�Und wie war dein Name?�</p><p>�Lucilina.�</p><p>Er sah mich an. �Kennst du den Namen des Befehlshabers der cosischen Streitmacht im S�den?�</p><p>�Myron, Polemarkos aus Temos, Vetter des Lurius von Jad, des Ubars von Cos.�</p><p>�Und wie lautete der Name seiner Lieblingssklavin?�</p><p>�Lucilina, nehme ich an.�</p><p>�Sie war so habgierig, wie sie sch�n ist�, sagte er. �Sie hatte gro�e Freiheiten im cosischen Lager, sie hatte sogar ihr eigenes Quartier, in dem Polemarkos sie besuchen konnte. In diesem Quartier gebot sie �ber eine Macht, die einer Ubara gleichkam, inmitten ihrer Kissen und Seide, umgeben von Schmuckk�stchen, bedient von Sklavinnen, die ihr �berlassen worden waren und �ber die sie grausam herrschte. Der Gunst ihres m�chtigen und adligen Herrn sicher, gesch�tzt und verw�hnt, sammelte sie Macht, obwohl sie nur eine Sklavin war.�</p><p>Das Geh�rte machte mich w�tend. Eine Sklavin hatte keine Macht zu haben. Im Gegenteil.</p><p>�Ihr Einflu� auf Polemarkos wurde weithin bekannt. Sie besa� sein Ohr. Ein Wort reichte, und sie konnte eine Laufbahn f�rdern oder beenden. In ihren Zelten empfing sie Besucher und Bittsteller. Dutzende, die ihre Machtf�lle erkannten, kamen bald und buhlten um ihre Gunst. Es gab Geschenke. Ihre Schmuckschatullen quollen �ber vor kostbaren Juwelen. Man brachte ihr Ringe, die einen Ubar aus der Gefangenschaft ausgel�st h�tten. Ihre Kosmetikschatullen schm�ckten Parf�me, um die sie jede Ubara beneidet h�tte.�</p><p>�Man h�tte ihr besser eine Peitsche und Ketten gebracht.�</p><p>�Eines Tages kam ein Bittsteller, der ein Geschenk versprach, einen angeblich nur in Legenden existierenden Wein, den seltenen Falarian, einen Wein, der nur in Kennerkreisen bekannt ist, der so selten und kostbar ist, da� man mit ihm eine ganze Stadt kaufen k�nnte. Sie mu�te den Wein nat�rlich kosten. Obwohl sie nur eine Sklavin war, wollte sie davon trinken.�</p><p>�Hochm�tige Sklavin!� stie� ich hervor. Lucilina senkte zitternd den Kopf noch tiefer. Keine Sklavin trinkt Wein ohne die Erlaubnis des Herrn. Und selbst wenn sie es auf seinen Befehl hin tut, dann nur in seiner Anwesenheit und auf den Knien.</p><p>�Der Wein war nat�rlich zu kostbar, als da� ihn der Bittsteller mit sich f�hrte�, fuhr er mit der Erz�hlung fort. �Er befand sich in seinem Zelt. Sie ruft ihre S�nfte, eine verdeckte Palankin, mitsamt den Sklaven und l��t sich dorthin tragen. Auf diese Weise kann sie alles vor ihren Dienern geheimhalten. Die Sklaven tragen sie oft in der verschlossenen Palankin im cosischen Lager umher. Das ruft nur noch wenig Aufmerksamkeit hervor. Im Zelt des Fremden kostet sie den Wein, verlangt sogar, da� er ihn ihr eingie�t. Sie trinkt. Dann sieht sie den Fremden voller �berraschung an. Kann dieser Wein, der wie billiger Ka-la-na schmeckt, der seltene Falarian sein? Einen Augenblick sp�ter ist sie besinnungslos. Mit den S�nftentr�gern ist nat�rlich vorher ein Abkommen getroffen worden. Sie erhalten ihre Freiheit. Das h�tte auch anders gel�st werden k�nnen, aber so ist es besser. Die M�nner waren bekannt. H�tten wir sie ausgetauscht, h�tten wir nur das Wagnis erh�ht. Zur�ckgelassen, w�ren sie vermutlich get�tet worden, und zwar von den Cosianern, meiner Meinung nach eine unn�tige und dumme Verschwendung guter M�nner. Ich habe jetzt vier dankbare, treue Burschen mehr in meinen R�ngen, von denen jeder freudig f�r mich st�rbe.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Man bringt die S�nfte ins Zelt. In der Zwischenzeit wird die Gefangene ausgezogen. Man legt sie bewu�tlos in die S�nfte � gefesselt. Wenn sie erwacht, wird sie entdecken, da� sie kaum ein Glied r�hren kann. Sie bekommt einen Knebel. Zum Abschlu� werden die Vorh�nge der S�nfte geschlossen. Jetzt kann sie transportiert werden.�</p><p>�Sie hat nat�rlich ein Bet�ubungsmittel getrunken.�</p><p>�Aber kein schweres�, sagte er. �Sie wird nur ein paar Ehn lang bewu�tlos bleiben, nur wenig l�nger, als es dauert, sie auszuziehen, zu fesseln und zu knebeln. Wir wollen, da� sie hilflos dort liegt, in vollem Bewu�tsein, was mit ihr geschieht.�</p><p>�Ausgezeichnet.�</p><p>�Mein Mann hat einmal nach ihr gesehen. Ihre Augen hatten einen wilden Ausdruck, sie k�mpfte gegen den Knebel an. Mein Mann hat danach die Vorh�nge wieder geschlossen.�</p><p>�Es ist ein einmaliges Bravourst�ck, Polemarkos von Temos Lieblingssklavin zu stehlen.�</p><p>�W�rst du nicht so habgierig und hochm�tig gewesen, h�tten wir nicht so leicht Erfolg gehabt, nicht wahr, meine Liebe?� fragte er an die Frau gewandt.</p><p>�Nein, Herr.�</p><p>�Aber heute bist du nicht mehr so hochm�tig und habgierig, nicht wahr, meine Liebe?�</p><p>�Nein, Herr!�</p><p>�Wir brachten sie nach Torcodino. Wie du dich vielleicht erinnerst, hatte sie, obwohl sie eine Sklavin war, meinem Mann befohlen, ihr Wein einzuschenken.�</p><p>�Das habe ich nicht vergessen.�</p><p>�Nat�rlich durfte er sie als erster auspeitschen.�</p><p>�Ausgezeichnet.�</p><p>�Nach weiteren Bestrafungen war sie dann zum Verh�r bereit.�</p><p>�Zum Verh�r?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich. Glaubst du etwa, ich h�tte an dieser Schlampe ein pers�nliches Interesse?�</p><p>�Ich k�nnte verstehen, da� es einigen M�nnern so geht.�</p><p>�Sie ist eitel und oberfl�chlich�, sagte er. �Nicht wahr, meine Liebe?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Ich dachte, du h�ttest sie stehlen lassen, um Myron den Polemarkos zu beleidigen.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein. F�r ein solch unn�tiges und willk�rliches Unternehmen setze ich nicht das Leben meiner M�nner aufs Spiel. Mein Augenmerk gilt der schnellen Verwirklichung bestimmter Ziele. Ich g�nne mir nur selten solch fl�chtige Eitelkeiten, es sei denn, sie unterst�tzen jene Ziele oder schaffen zumindest keine neuen Hindernisse. Solch eine Beleidigung, sosehr sie im Augenblick auch verletzen mag, w�rde keinen Feind sosehr mit Rachedurst erf�llen, da� er einen Fehler begeht. In dieser besonderen Situation w�rde diese Tat h�chstens jeden Handel mit dem Polemarkos zus�tzlich erschweren; dabei mu� ich ihm bald glaubhaft vormachen, da� mir an ernsthaften Verhandlungen gelegen ist.�</p><p>�Und so wirst du dir Zeit erkaufen k�nnen.�</p><p>Er nickte. �Au�erdem habe ich pers�nlich nichts gegen den Polemarkos. Er ist ein kluger, wenn auch schwacher Befehlshaber.�</p><p>�Trotzdem, wenn du mit dem Raub dem Polemarkos keine Beleidigung zuf�gen wolltest, warum hast du ausgerechnet sie stehlen lassen, wenn es dir nur um Informationen ging? Sie ist doch nur eine Sklavin.�</p><p>�Jetzt ist sie blo� eine Sklavin, aber zuvor war sie die Vertraute des Polemarkos. Mit ihrer Sch�nheit und ihrer T�cke hat sie sich beim ihm eingeschmeichelt, und es gab nur wenige Staatsgeheimnisse, die sie nicht auf die eine oder andere Weise in Erfahrung brachte. Sie war sogar bei einigen Strategiebesprechungen anwesend, verborgen hinter einem Schicklichkeitsschirm. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, f�hlten sich einige der Offiziere dadurch sehr unwohl. In gewisser Weise lag es sogar an ihren ver�chtlichen Bemerkungen, die einigen Spionen zu Ohren gekommen waren, da� ich �berhaupt erst auf sie aufmerksam wurde und ihre Bedeutung erkannte.� Er hielt inne. �Bist du jetzt noch wichtig, meine Liebe?�</p><p>�Nein, Herr!�</p><p>�Was bist du jetzt?�</p><p>�Eine Sklavin, nur eine Sklavin.�</p><p>�Wie lautete dein Name?�</p><p>�Lucilina!� keuchte sie.</p><p>�Luchita gef�llt mir besser.�</p><p>�Ja, Herr, ich hei�e Luchita.�</p><p>Er wandte sich ab und verlie� den Raum. Ich schlo� mich ihm an, warf jedoch noch einen Blick zur�ck �ber die Schulter. Die Sklavin Luchita sah ihm voller Ehrfurcht nach. Sie war wirklich h�bsch.</p><p>�Was hast du von ihr erfahren?� fragte ich, nachdem die T�r wieder geschlossen war.</p><p>�Du darfst knien, Lady Cara!� befahl er.</p><p>Die Frau aus Venna erhob sich mit klirrenden Ketten vom Boden und nahm die Haltung einer Vergn�gungssklavin ein, auf den Fersen hockend, den R�cken gerade, die H�nde auf den Oberschenkeln, die Beine gespreizt.</p><p>�Wir haben eigentlich recht viel erfahren�, sagte er, �obwohl uns das meiste bereits aus anderen Quellen bekannt war oder wir es vermutet hatten. Zwei Dinge jedoch waren eine �berraschung.�</p><p>�Darf ich es erfahren?�</p><p>�Nat�rlich. Sonst h�tte ich dich nicht kommen lassen. Allein aus diesem Grund bist du hier.�</p><p>Ich sah ihn aufmerksam an.</p><p>�Die Hauptstreitmacht von Cos befindet sich zur Zeit in der N�he von Torcodino und belagert es.�</p><p>�Das ist doch sicher allgemein bekannt�, warf ich ein.</p><p>�Das sollte man annehmen. Aber wir haben von unserer kleinen Informantin nebenan zwei Dinge in Erfahrung gebracht � leider erst heute morgen �, die mich verbl�ffen und st�ren. Erstens bewegen sich mehrere cosische Regimenter von Brundisium aus ostw�rts, und zwar parallel zum Vosk.�</p><p>�Auf Ar-Station zu?� dachte ich laut. Das war Ars Bollwerk am S�dufer des Vosk, �stlich von Jorts F�hre und westlich von Waldhafen, beides St�dte am gegen�berliegenden Ufer.</p><p>�Das ist m�glich.�</p><p>�Es mu� ein Ablenkungsman�ver sein.�</p><p>�Ar-Station k�nnte bei einem Angriff von einer kleinen Streitmacht befreit werden�, sagte er, �und ein Marsch zur K�ste w�rde die Cosianer von ihrer Basis in Brundisium abschneiden.�</p><p>�Das ist richtig.�</p><p>�Warum bereitet sich Ar dann darauf vor � und das ist die zweite interessante Information, sollte sie stimmen �, den gr��ten Teil seines Heers nach Norden marschieren zu lassen, und zwar auf Ar-Station zu?�</p><p>�Das w�re verr�ckt.�</p><p>�Das haben cosische Spione aus Ar dem Polemarkos �bermittelt.�</p><p>�Sie m�ssen sich irren.�</p><p>�Vielleicht�, meinte er nachdenklich.</p><p>�Die Hauptstreitmacht von Cos befindet sich hier in der N�he von Torcodino�, erkl�rte ich. �Wenn Ar sein Heer nach Norden schickt, w�re der Weg nach Ar frei, von den Belagerungsgr�ben Torcodinos bis zu den Toren der Stadt. Das Land zwischen hier und Ar w�re ohne jede Verteidigung, von der Stadt selbst ganz zu schweigen.�</p><p>�Daf�r gibt es nur eine vern�nftige Erkl�rung. Der Hohe Rat von Ar wei� nicht, da� das Heer von Cos hier lagert.�</p><p>�Das kann ich kaum glauben.�</p><p>�Hast du eine andere Erkl�rung?� fragte er.</p><p>�Die Spione des Polemarkos haben sich einfach geirrt.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Es gibt nat�rlich noch eine andere M�glichkeit�, sagte ich. �Verrat in Ar.�</p><p>�Ein Verrat dieser Gr��enordnung?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. �Sicherlich hast du diesen Gedanken doch auch schon erwogen.�</p><p>�Ja, das habe ich in der Tat.�</p><p>�Warum hast du mich nach dem Voskdelta gefragt?�</p><p>�Weil ich den Marsch auf Ar-Station f�r ein Ablenkungsman�ver halte�, antwortete er. �Und weil die Cosianer ohne gro�e M�he von Brundisium abgeschnitten werden k�nnten.�</p><p>�Glaubst du, sie ziehen sich ins Flu�delta zur�ck?�</p><p>�Ich t�te es�, sagte er.</p><p>Ich nickte. Er hatte recht. Ich h�tte es auch getan.</p><p>�Und die Hauptstreitmacht Ars marschiert m�glicherweise auf Ar-Station zu�, fuhr er finster fort.</p><p>Mich �berlief eine G�nsehaut.</p><p>�Aber man wird sie nicht ins Delta locken k�nnen!� sagte ich. �Kein geistig gesunder Befehlshaber g�be den Befehl, das ganze Heer ins Delta zu schicken. Zumindest nicht ohne vorher F�hrer und Transportmittel zu besorgen, sich um die Sicherstellung des Nachschubs zu k�mmern, mit den Einwohnern der Gegend ein Abkommen zu schlie�en und dergleichen mehr.�</p><p>�An einem solchen Ort k�nnte ein ganzes Heer spurlos verschwinden.�</p><p>�Ar wird niemals in voller Heeresst�rke nach Norden marschieren�, sagte ich. �Nicht, solange sich Cos vor Torcodino verschanzt.�</p><p>�Warum hat Ar bis jetzt noch nichts unternommen?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>�Ich kann Cos hier den ganzen Winter festhalten�, sagte er. �Aber das ist vermutlich auch schon alles.�</p><p>�Was soll ich tun?�</p><p>�Gnieus Lelius, Hoher Berater und Erster Minister von Ar, ist in Abwesenheit von Marlenus der Regent. Ich habe hier einen Brief, den er erhalten soll. Er beschreibt die Stellungen der Cosianer und die Situation in Torcodino. Ich habe auch einen Brief f�r Seremides, den Hohen General von Ar. Sie tragen das Siegel des Silbertarns. Ich kann mir nicht vorstellen, da� es dir damit schwerfallen d�rfte, eine Audienz zu bekommen.� Ich hatte einmal einen Seremides in Ar gekannt. Doch es war ein h�ufiger Name.</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Den Briefen lege ich nat�rlich Passierscheine bei�, versprach er.</p><p>�Wie sollen wir durch die cosischen Linien kommen?� fragte ich. �Solche Papiere haben in Ar bestimmt ihr Gewicht, aber die Cosianer werden sie kaum beeindrucken.�</p><p>�Du und deine Begleiter werden mit anderen Zivilisten aus der Stadt gebracht, etwa tausend Personen, die man bis morgen festh�lt. Ich kann mir nicht vorstellen, da� du besondere Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Cos unterst�tzt die Weiterreise dieser Fl�chtlinge, da es wenig Lust versp�rt, sich um sie zu k�mmern.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Wolltest du nicht sowieso nach Ar?� fragte er.</p><p>�Das schon�, mu�te ich ihm recht geben.</p><p>�Du wirst f�r deine M�hen nat�rlich bezahlt werden.� Er warf einen prall gef�llten Geldbeutel auf den Tisch. Ich sah ihn an.</p><p>�Das ist haupts�chlich Silber�, sagte er. �Und ein paar Kupferm�nzen. Gold w�rde nur Verdacht erregen.�</p><p>�Ich nehme an, ich bin nicht der erste, den du mit dieser Mission beauftragst.�</p><p>�Nein�, sagte er. �Du bist der f�nfte. Ich habe sie schon von Tarnburg aus mit Briefen und Warnungen ausgesandt, und k�rzlich von den Ufern des Issus aus.�</p><p>�Dann m�ssen deine Botschaften doch angekommen sein.�</p><p>�Anscheinend nicht. Zumindest habe ich bis jetzt noch keine Antwort erhalten.�</p><p>�Es k�nnte gef�hrlich werden�, gab ich zu bedenken.</p><p>�Das ist schon m�glich. Ich an deiner Stelle w�rde mich vorsehen.�</p><p>�Und was ist, wenn ich es nicht tun m�chte?�</p><p>�Niemand zwingt dich�, sagte er. �Ich w�rde dir Passierscheine ausstellen, die dich und deine Begleiter sicher durch meine Linien bringen.�</p><p>�Das ist sehr gro�z�gig�, bemerkte ich. �Aber ich werde es tun.�</p><p>�Das habe ich gewu�t.�</p><p>�Hast du mich darum nicht unter Druck gesetzt?�</p><p>�Nat�rlich. Du teilst meine Ansichten, was diese �berlegungen angeht.�</p><p>�W�nschst du, da� ich einen Eid ablege?�</p><p>�Das ist nicht n�tig. Solltest du Erfolg haben, werde ich dir nat�rlich sehr dankbar sein.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ich habe den Ruf, gnadenlos zu meinen Feinden zu sein, zumindest wenn es meinen Zwecken dient�, sagte er. �Aber ich habe auch den Ruf, meinen Freunden gegen�ber sehr gro�z�gig zu sein.�</p><p>�Davon habe ich geh�rt.�</p><p>�Ich br�chte meine Dankbarkeit zum Ausdruck. Vielleicht einen Beutel Gold oder hundert erstklassige cosische Frauen?�</p><p>�Nein, ich �bernehme diesen Dienst aus freien St�cken und verfolge meine eigenen Ziele.�</p><p>�Krieger!� sagte er.</p><p>�Krieger!� erwiderte ich und salutierte.</p><p>Ich warf einen Blick auf die Papiere, die auf dem Tisch lagen.</p><p>�Verbring die Nacht im Semnium!� schlug er vor.</p><p>�Warum?�</p><p>�Es ist sicherer.�</p><p>�Was ist mit meinen Waffen und Habseligkeiten und mit den Dingen meiner Begleiter?�</p><p>�Gib dem Offizier drau�en eure Quittungen. Morgen fr�h bringt man euch eure Habseligkeiten.�</p><p>�Warum ist es sicherer, im Semnium zu schlafen?� wollte ich wissen.</p><p>�Wer wei� schon, wem man vertrauen kann?�</p><p>Er setzte sich an den Tisch und begann damit, mehrere Dokumente zu unterschreiben. Die Unterschrift war energisch.</p><p>�Soll ich auf die Briefe warten?�</p><p>�Nein, Kapit�n.�</p><p>�Kapit�n?�</p><p>�Bestimmt hast du bei irgendeiner Gelegenheit in diesem oder einem entsprechenden Rang gedient.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Deine Haltung ist die eines Kapit�ns.�</p><p>Es gab nat�rlich keinen Grund, die Briefe vor meiner Abreise zu erhalten. Ich sp�rte jedoch mehr als je zuvor, da� er sie in Sicherheit wissen wollte und wie wichtig sie waren. W�hrend der Nacht konnten sich Zwischenf�lle ereignen, die klugerweise einen nachtr�glichen Einschub rechtfertigten.</p><p>�Ich mu�te die Erfahrung machen, da� man ein vorschnell getroffenes Urteil im Licht sp�terer Betrachtung manchmal bereut.�</p><p>�Hauptmann?�</p><p>�Denk heute nacht sorgf�ltig dar�ber nach, ob du diese Briefe tats�chlich �berbringen willst.�</p><p>�Ich habe meine Zustimmung bereits gegeben�, erwiderte ich. Meine Handfl�chen sowie mein R�cken waren pl�tzlich schwei�feucht. Offensichtlich war diese Botent�tigkeit viel gef�hrlicher, als ich bis jetzt angenommen hatte.</p><p>�Ich erwarte deine Entscheidung morgen fr�h.�</p><p>�Und sollte ich es mir bis dahin anders �berlegt haben?�</p><p>�Du kannst die M�nzen behalten�, sagte er. �Au�erdem bekommt ihr eure Passierscheine.�</p><p>�Du bist ungew�hnlich gro�z�gig.�</p><p>�Eigentlich nicht. Was kosten schon ein paar Blatt Papier und etwas Tinte?�</p><p>�Das Geld.�</p><p>�Eine Spende aus der Kasse Torcodinos.�</p><p>�Falls ich den Auftrag ablehne, werde ich sie dir zur�ckgeben.�</p><p>Er l�chelte. �Wie du willst.�</p><p>Ich nahm den Geldbeutel an mich.</p><p>Das Geld reichte aus, um mich und die anderen, sollten sie mich begleiten wollen, nach Ar zu bringen.</p><p>Er schob die unterschriebenen Papiere zusammen und stand auf. �Du darfst gehen.�</p><p>�Noch eine Frage. K�rzlich wurde n�rdlich von Torcodino aus der Stra�e des Genesian ein Teil des cosischen Nachschubzuges angegriffen und ein Massaker ver�bt. Waren deine M�nner daf�r verantwortlich?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wei�t du, wer es war?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber es waren S�ldner.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>Ich drehte mich um und ging. Als ich die T�r �ffnete, h�rte ich, wie Ketten klirrten. Ich drehte mich noch einmal um. Lady Cara dr�ckte sich eng an ihn und sah ihm in die Augen. Dann warf er sie b�uchlings auf den Tisch, auf die Staatspapiere. Ich verlie� den Raum.</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Ich drehte mich unter der Decke um, die mir ein Soldat gegeben hatte. Ich lag auf den Marmorfliesen in der Vorhalle des Semniums. Es hielten sich etwa zweihundert Leute hier auf, viele von ihnen Zivilisten.</p><p>Sorgen qu�lten mich. Ich wollte nach Ar, hatte dort aber eigene Dinge zu erledigen. Ich war nicht der Meinung, das Geld eines S�ldners zu ben�tigen, um dorthin zu gelangen. Als Unbekannter sollte ich keine gro�en Schwierigkeiten haben, die Tore zu passieren. Vermutlich w�rde man keinen Passierschein brauchen, um Ar betreten zu k�nnen. Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die mir solche Dokumente bei cosischen Posten einbringen konnten. Sicher w�ren sie hilfreich, um zum Ersten Minister oder zum General vorgelassen zu werden, aber die mit dem Silbertarn versiegelten Briefe w�rden ebenfalls reichen. Und sollte ich mich dagegen entscheiden, die Briefe abzuliefern, wer sollte je das Gegenteil beweisen? Aus irgendwelchen Gr�nden waren bis jetzt alle mit dieser Mission betrauten M�nner gescheitert. Zumindest schien der Hauptmann noch keine Antwort erhalten zu haben.</p><p>In der N�he schliefen Hurtha und Boabissia. Mincon, allem Anschein nach ein gesch�tzter Agent des Hauptmanns, hatte entweder ein eigenes Quartier oder war anderswo besch�ftigt. Tula hatte er mit genommen. Feiqa sa� an der Wand, an ein paar andere Sklavinnen angekettet. Man wollte Sklaven und freie Frauen auseinanderhalten. Ich bezweifelte nicht, da� sich Hurtha mir erfreut anschl�sse, falls ich ihn fragte. Vermutlich k�me er auch ungefragt mit, mit seinem unersch�tterlichen Optimismus, der sich nicht um die vor ihm liegenden Schwierigkeiten scherte. Er hatte sich bereits mehr als einmal beschwert, da� seine Axt Rost ansetzte. So dr�ckten die Alar wohl aus, da� ihre Waffen in letzter Zeit nicht benutzt worden sind. Sollte Hurtha mich begleiten, erschien es jedoch angebracht, Boabissia zur�ckzulassen. Doch dann w�rde sie sich bald in einem Kragen wiederfinden. H�bsch genug war sie. Ich konnte nat�rlich versuchen, mich ohne die beiden aus der Stadt zu schleichen. So brachte ich sie nicht in Gefahr, was wiederum sehr r�cksichtsvoll von mir gewesen w�re. Aber dann vers�umte ich Hurthas neue Gedichte. Das lie�e sich dann nat�rlich nicht vermeiden. Sollte ich die Briefe �berbringen? Oder mit Hurtha und Boabissia sprechen? Oder doch allein aus der Stadt verschwinden? Ich wu�te nicht, was ich tun sollte. Das Einschlafen fiel mir schwer.</p><p>Mincon r�ttelte mich wach. �Zeit zum Aufstehen�, sagte er.</p><p>Ich setzte mich auf. Mincon reichte mir einen Stapel Briefe. �Hier. Es sind alle da.�</p><p>�Woher wei�t du, da� ich sie nehme?�</p><p>�Willst du nicht?�</p><p>�Doch�, erwiderte ich und schob sie in mein Gewand.</p><p>�Ich habe deine Waffen und anderen Sachen herbringen lassen. Wo hast du die Quittung f�r Feiqa?�</p><p>�In meinem Geldbeutel. Ist es nicht noch ziemlich fr�h?�</p><p>�Nein, mein Freund�, sagte er. �Sogar Hurtha ist schon aufgestanden.�</p><p>�So sp�t ist es schon?� staunte ich. Es war allseits bekannt, da� Hurtha oft bis weit nach Tagesanbruch schlief. Zugegeben, gelegentlich g�nnte ich mir �hnliche Ausschweifungen, vor allem nach einem angenehmen Abend mit Getr�nken und Sklavinnen.</p><p>�Ja�, sagte Mincon. �Er und Boabissia warten drau�en auf dich.�</p><p>�Ich mu� mit ihnen sprechen�, sagte ich. �Sie m�ssen �ber die Gefahren aufgekl�rt werden, denen wir m�glicherweise gegen�berstehen.�</p><p>�Ich habe bereits mit ihnen gesprochen�, sagte Mincon. �Boabissia ist entschlossen, nach Ar zu reisen. Anscheinend will sie dort die Antwort auf ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit suchen. Und Hurtha l��t sich nat�rlich nicht abschrecken.�</p><p>�Wie k�nnte es auch anders sein!�</p><p>�Er sucht das Abenteuer.�</p><p>�Gro�artig.�</p><p>�Er mag dich�, sagte Mincon.</p><p>Ich sah ihn ungl�ubig an.</p><p>�Ja, er ist froh, jemanden gefunden zu haben, der sich begeistert seine Werke anh�rt.�</p><p>�Begeistert?� fragte ich.</p><p>�Er hat heute morgen bereits ein neues Gedicht verfa�t. Er h�lt es f�r ein humoristisches Werk. Es sind fr�hliche Spottverse auf Leute, die gern lange schlafen.�</p><p>�<emphasis>Hurtha</emphasis> hat ein solches Gedicht verfa�t?�</p><p>�Ja�, versicherte mir Mincon. �Doch vom Abenteuer abgesehen glaube ich, da� er �berzeugt ist, im Auftrag der Alar zu reisen.�</p><p>�Wieso denn das?�</p><p>�Er hat vor, die Gebiete von Ar auszukundschaften, um in Erfahrung zu bringen, ob sie es wert sind, von den Alar erobert zu werden.�</p><p>�Ich glaube, er wei� nicht so richtig, worauf er sich da einl��t.�</p><p>�Da hast du recht.�</p><p>�Ich hole Feiqa.�</p><p>�Deine Besitzt�mer liegen dort dr�ben.�</p><p>Ein paar Augenblicke sp�ter schritt ich die Treppe des Semniums hinunter. Feiqa folgte mir, das Gep�ck auf dem R�cken.</p><p>�Tal, Rarius!� rief Mincon herzlich.</p><p>�Tal, Rarius!� erwiderte ich.</p><p>Boabissia begr��te mich. In ihrem langen Kleid und mit ihrem L�cheln erschien sie mir an diesem Morgen ausgesprochen h�bsch. Ich h�tte schw�ren k�nnen, da� sie es etwas anders trug. Offenbar hatte sie es fester geschn�rt, denn die Vorz�ge ihrer Figur zeichneten sich deutlicher als zuvor ab. Vielleicht w�rde ich mit ihr dar�ber sprechen. Vermutlich wu�te sie nicht, was dies bei M�nnern bewirkte, vor allem bei starken M�nnern. Mir fiel auf, da� sie die gelbe Metallscheibe offen um den Hals trug.</p><p>�Ich w�nsche euch alles Gute�, sagte Mincon.</p><p>Wir verabschiedeten uns von ihm.</p><p>�Selbst dir, h�bsche, kleine, versklavte Feiqa.�</p><p>�Vielen Dank, Herr�, erwiderte sie. �Ich w�nsche dir auch alles Gute.�</p><p>Mincon winkte einen W�chter heran. Dann sprach er zu ihm, als w�ren wir ihm unbekannte Fremde, die gerade das Semnium verlassen hatten. �Bring diese Zivilisten zu den anderen�, befahl er. �Und dann sorg daf�r, da� sie die Stadt verlassen.�</p><p>�Bewegt euch�, sagte der Soldat, trat hinter uns und stie� uns mit dem Speerende. �Da hin�ber. Zu den anderen.�</p><p>�Keinen Widerstand�, sagte ich zu Hurtha.</p><p>�In Ordnung�, erwiderte er friedlich.</p><p>Und so marschierte unsere kleine Gruppe �ber die Stra�e des Adminius auf das gro�e Stadttor von Torcodino zu. Bald waren wir Teil einer Menge von etwa zwei- bis dreihundert Personen und hielten uns ungef�hr im hinteren Drittel auf. Das schien mir eine gute Plazierung zu sein. Es war m�glich, da� die Soldaten, die den Auftrag hatten, die Zivilisten zu durchsuchen, bei dem gro�en Andrang ihre Pflichten vielleicht etwas nachl�ssiger verrichteten, sobald wir endlich an der Reihe w�ren. Andererseits waren wir nicht so weit hinten, da� wir bef�rchten mu�ten, einem letzten Anfall von Diensteifer zum Opfer zu fallen. Wir hatten die Geh�ngten schnell hinter uns gelassen. Das tat mir nicht besonders leid.</p><p>Wir gingen langsam die Stra�e entlang, auf das Tor zu.</p><p>�Bist du sicher, da� du nach Ar willst?� fragte ich Boabissia. �Es k�nnte gef�hrlich sein.�</p><p>Sie ber�hrte die Kupferscheibe. �Ja�, antwortete sie. �Ich will erfahren, wer ich eigentlich bin.�</p><p>�Und wer bist du deiner Meinung nach?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber man hat mich in den �berresten einer gro�en Karawane gefunden. Vielleicht war es ja die Karawane meines Vaters. Und selbst wenn es nicht so war, mu� man einen Platz in einer solchen Karawane doch kaufen, und das l��t auf Reichtum schlie�en.�</p><p>�Das ist wahr�, erwiderte ich.</p><p>�Es ist doch eher unwahrscheinlich, da� ein einfacher Diener ein Kleinkind mit sich f�hrte. Darum glaube ich, da� ich aus einer reichen Familie stamme.�</p><p>�Das klingt recht einleuchtend�, sagte ich. Es schien sogar ziemlich wahrscheinlich. Trotzdem versp�rte ich ein gewisses Unbehagen. Aus einem unerfindlichen Grund kam mir der Buchstabe �Tau� auf dem Anh�nger irgendwie bekannt vor. Ich fragte mich, wo ich diese ganz bestimmte Schreibweise des �Tau� schon einmal gesehen hatte. �Warum steht eine Nummer auf der Scheibe?� fragte ich.</p><p>�Das wei� ich nicht. Es mu� eine Art Identifizierung sein, vielleicht geh�rt sie zu einer Passagier- oder Adressenliste.�</p><p>�Es k�nnte auch eine Wagennummer sein, wenn es eine gro�e Karawane war oder, was wahrscheinlicher ist, die Nummer eines Kaufmanns oder einer Handelsgesellschaft, die �ber viele Wagen verf�gt.�</p><p>�Daran habe ich noch nie gedacht�, gestand sie. �Vielleicht hast du recht. So w��te man im Zweifelsfall, wem das Kind geh�rt. Das mu� es sein.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Hurtha r�usperte sich.</p><p>�Willst du jetzt endlich mein neuestes Gedicht h�ren, das sich auf humorvolle Weise �ber die Faulpelze lustig macht, die gelegentlich verschlafen?�</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte ich ergeben.</p><p>�Es ist ein lustiges Gedicht�, verk�ndete Hurtha.</p><p>�Davon bin ich �berzeugt.�</p><p>�Erwacht, abscheuliche Faulpelze�, fing Hurtha salbungsvoll an. �Das ist ein starker Anfang, nicht wahr?�</p><p>�Unverge�lich�, erwiderte ich.</p><p>�Erwacht, schlimme Schurken!� setzte er erneut an.</p><p>�Hast du die erste Zeile etwa schon umgedichtet?�</p><p>�Nat�rlich nicht. An vollendeten Versen bastelt man nicht herum. Das ist die zweite Zeile.�</p><p>�Bist du sicher, da� es ein lustiges Gedicht ist?�</p><p>�Aber sicher�, kicherte Hurtha.</p><p>�Ich wu�te gar nicht, da� du humoristische Gedichte verfa�t.�</p><p>�Ich bin vielseitig�, erinnerte Hurtha mich. �Du hast wohl gedacht, ich verbr�chte meine Zeit nur mit tragischen Oden.�</p><p>�Ehrlich gesagt habe ich nicht weiter dar�ber nachgedacht�, gab ich zu.</p><p>�Ich besitze eine komische Seite, die allerdings nur jenen bekannt ist, die mich besser kennen. Meiner Meinung nach ist es der k�nstlerischen Weiterentwicklung nicht zutr�glich, wenn man stets nur die Verzweiflung zum Thema macht.�</p><p>�Da k�nntest du recht haben.�</p><p>�Das kannst du mir schon glauben. Ein bi�chen Verzweiflung h�ngt einem immer nach.�</p><p>�Keine Frage.�</p><p>�Ich werde von vorn beginnen.� Er holte tief Luft. �Hoch mit dir, du fauler, stinkender, tr�delnder Sleen!�</p><p>�Wolltest du nicht von vorn anfangen?� fragte ich.</p><p>�Diesmal fange ich mit der dritten Zeile an.� Er wandte sich an den Mann, der neben ihm ging, einen unschuldigen Burschen mit einem B�ndel auf dem R�cken. �Dieses Gedicht ist meinem Freund Tarl hier gewidmet. Er hat mich dazu inspiriert.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte der Mann und sah mich mit gerunzelter Stirn an. Dann r�ckte er ein St�ck von uns ab.</p><p>�Auf, auf, sage ich, faule Tarsks, widerw�rtige, schl�frige, schleimige Urts!� rief Hurtha.</p><p>Ein paar Leute warfen mir vieldeutige Blicke zu. Ich beschleunigte den Schritt und starrte stur geradeaus.</p><p>�Es ist Mittag!� rief Hurtha. Dann blieb er stehen und lachte so schallend, da� ihm Tr�nen die Wangen hinunterliefen.</p><p>�Was ist?�</p><p>Ein paar Fl�chtlinge gingen an uns vorbei.</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, da� es lustig ist�, sagte Hurtha und kr�mmte sich vor Lachen.</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>Er verstummte j�h. �Das ist dir doch nicht etwa zu schwer verst�ndlich?�</p><p>�Ich bin kein Alar!� gab ich zu bedenken.</p><p>Boabissia lachte hell auf, obwohl ich aus ihrer Stimme Unbehagen heraush�ren konnte.</p><p>�Verstehst du nicht?� fragte Hurtha. �Ich habe nicht gesagt, es war Morgen. Ich habe gesagt, es war Mittag.�</p><p>�Und?�</p><p>�Du rechnest nat�rlich damit, da� ich <emphasis>Morgen</emphasis> sage, aber in Wahrheit ist es schon <emphasis>Mittag!</emphasis>�</p><p>�O ja, nat�rlich. Sehr geistreich.� Ich glaubte begriffen zu haben, was er sagen wollte. Viele Goreaner stehen sehr zeitig auf. Vielleicht half einem diese Tatsache beim Verst�ndnis des Gedichts. Boabissia gab ein Ger�usch von sich. Es h�rte sich wie der verzweifelte, mi�lungene Versuch eines Lachens an. Sie wollte wohl nur die Behauptung unterst�tzen, eine Alar zu sein. Feiqa, die diese Last nicht trug, sah entsetzt aus.</p><p>�Da vorn ist das Tor!� sagte ich erleichtert.</p><p>Einige der passierenden Fl�chtlinge wurden ausgesprochen gr�ndlich durchsucht. Die Frauen mu�ten sich ausziehen � vermutlich, weil die Soldaten Lust hatten, sie so zu sehen � und wurden zu ihrem Entsetzen mit goreanischer Gr�ndlichkeit durchsucht. Man fand M�nzen und Ringe. Nach einer solchen Leibesvisitation taugt eine Frau eigentlich nur noch zur Sklavin, aber man dr�ckte ihnen die Kleidung in die Hand und stie� sie durchs Tor. Boabissia ersparte man diese Peinlichkeit. Die Soldaten behielten nur wenig. Mich beschlich der Verdacht, da� man diese Fl�chtlingsgruppe nur <emphasis>pro forma</emphasis> oberfl�chlich durchsuchte.</p><p>Ein paar Ehn sp�ter gesellte sich die Vermutung hinzu, da� Boabissia der Leibesvisitation nur deshalb entging, weil sie zu unserer Gruppe geh�rte. Die Briefe des Hauptmanns steckten in meiner Schwertscheide. Das erschwerte zwar das Ziehen der Waffe, aber in Anbetracht meiner begrenzten M�glichkeiten schien es ein vern�nftiges Versteck zu sein. In einem Gewand oder dem Umhangfutter sind Papiere leicht zu entdecken. Ist die n�tige Zeit vorhanden, kann man die Botschaft auf ein St�ck Futter schreiben. Um sie dann zu entdecken, mu� man schon die N�hte aufrei�en. Nat�rlich gibt es im Prinzip viele M�glichkeiten, eine Botschaft oder ein paar Wertgegenst�nde zu verstecken. Falsche Abs�tze und ausgeh�hlte Sandalensohlen, winzige Geheimf�cher in Ringen, Broschen, verzierte Haarnadeln, hohle K�mme. Es gibt auch Schwerter mit abschraubbarem Knauf und hohlen Griffen. Nicht zu vergessen Wanderst�be mit Hohlr�umen, an die man gelangt, indem man Teile des Stabes auseinanderschraubt. Ich brauche sicher nicht eigens zu erw�hnen, da� viele dieser St�be Dolche oder Schwertklingen enthalten. Es ist den wei�gekleideten Absolventen der Pilgerfahrten zum Sardargebirge sogar aus alter Zeit her vorgeschrieben, solche St�be mitzuf�hren. Diese M�nner sind durchaus nicht so harmlos, wie sie scheinen. Viele Stra�enr�uber mu�ten das schon zu ihrem Leidwesen erkennen.</p><p>�Ihr geh�rt zusammen?� fragte ein Soldat.</p><p>�Ja�, antwortete ich.</p><p>�Ihr k�nnt passieren.�</p><p>Augenblicke sp�ter hatten wir das gro�e Tor hinter uns gelassen und blinzelten vor den Stadtmauern Torcodinos in die Sonne. Ich sah zur�ck. Aus dieser N�he und im Licht der Herbstsonne vermittelten die hohen Mauern einen un�berwindlichen Eindruck. Gew�hnliche Sturmleitern waren zu kurz. Die Kargheit der Mauern wurde von zahllosen waagrechten, etwa zehn Zentimeter hohen Schlitzen aufgelockert, durch die man eisen�berzogene Lanzen mit stabilen halbmondf�rmigen Stahlklingen an der Spitze sto�en konnte. Mit ihrer Hilfe k�nnen die Verteidiger die Leitern des Feindes in ausreichender H�he � wo man die n�tige Hebelkraft erreicht � ohne gro�e Gefahr f�r sich selbst abwehren. Das Ergebnis ist zumeist verheerend. Die Mauerschlitze k�nnen nat�rlich auch als Schie�scharten verwendet werden.</p><p>Hinter uns traten noch immer Fl�chtlinge aus dem Tor. Ich wandte den Blick wieder nach vorn. Etwa zwanzig Meter entfernt ragten die Wimpel von Cos auf, vermutlich �ber der erste Reihe der Belagerungsgr�ben.</p><p>Unwillk�rlich tastete ich nach der Schwertscheide mit den dort verborgenen Dokumenten.</p><p>�Du bist nicht durchsucht worden�, sagte ein Mann neben mir. Er war ziemlich klein, trug einen Schnurrbart mit herabh�ngenden Enden und hatte schmale Augen. Auf dem R�cken transportierte er ein kleines B�ndel.</p><p>�Man hat viele nicht durchsucht�, erwiderte ich.</p><p>Der Fremde setzte sich wieder in Bewegung, in Richtung der Wimpel.</p><p>�Was sollen wir tun?� fragte Boabissia unbehaglich.</p><p>�Los, weitergehen�, sagte ein Soldat und zeigte auf die Belagerungsgr�ben.</p><p>Boabissia und ich gingen weiter, gefolgt von Hurtha, Feiqa und den anderen Fl�chtlingen. �Ich glaube nicht, da� wir gro�e M�he haben werden, die cosischen Linien zu passieren�, sagte ich. �Man wird die Fl�chtlinge vermutlich schnell weiterleiten. Aber ich wei� nicht, wie wir am besten nach Ar kommen. Wir k�nnten die Stra�e des Argentum erreichen und bis zur Viktel Aria nach Osten gehen. Von dort weiter nach S�den in Richtung Ar.�</p><p>�Das ist die l�ngere Route, nicht wahr?� fragte Boabissia.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Warum sollen wir sie dann nehmen?�</p><p>�Man w�rde nicht erwarten, da� wir diesen Weg gehen.�</p><p>�Hast du Angst?� fragte sie mich.</p><p>�Mir ist unbehaglich zumute.�</p><p>�K�nnten wir nicht einfach querfeldein gehen, den direkten Weg nehmen?�</p><p>�Das t�te ich auch, wenn ich allein w�re.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, verk�ndete sie.</p><p>�Auf dem offenen Land k�nnten sich Sleen herumtreiben, besonders nach Einbruch der Dunkelheit.�</p><p>Boabissia wurde bla�.</p><p>�Davon abgesehen bist du zu h�bsch.�</p><p>�Was hat das denn damit zu tun?�</p><p>�M�chtest du die Sklavin eines Bauern werden, die Gemeinschaftssklavin eines Dorfes? Einen Seilkragen tragen, Unkraut j�ten, einen Pflug ziehen und die Nacht in einem Erdloch verbringen?�</p><p>Sie schauderte.</p><p>�Trotzdem sollten wir den k�rzesten annehmbaren Weg nach Ar nehmen, den es gibt. Um Zeit zu sparen. Denn ich glaube, da� die Zeit sehr wichtig ist.� Ich dachte nach. �Wir werden die Oststra�e nehmen.�</p><p>�Wird sie nicht auch Schatzstra�e genannt?� fragte Boabissia.</p><p>�Ja. Wegen der Reicht�mer und Sklavinnen, die oft dort transportiert werden.�</p><p>�Darum der Name�, murmelte sie voller Unbehagen.</p><p>�Zweifellos wirst du viele Sklavenkarawanen sehen, nicht zu vergessen die M�dchen �rmerer Kaufleute. Viele der Frauen m�ssen zu Fu� gehen, aneinandergekettet, manchmal mit verbundenen Augen.�</p><p>�Gro�artig!� rief Hurtha.</p><p>Feiqa schlug die Augen nieder.</p><p>Ich hatte die Passierscheine. Nach gr�ndlicher �berlegung schien die Schatzstra�e der vermutlich beste Weg zu sein.</p><p>�In Einerreihe weitergehen!� rief ein Soldat aus Cos, der vor einem Banner stand. �Pa�t auf, wo ihr hintretet.� Man hatte den ersten Belagerungsgraben mit einem langen Brett �berbr�ckt.</p><p>Der kleine Mann mit den schmalen Augen und dem Schnurrbart mit den langen Enden befand sich vor uns. Er ging �ber die Behelfsbr�cke. Ich schlo� mich ihm an. Das Brett bog sich unter meinem Gewicht durch. Die anderen folgten mir.</p><p>�Da entlang!� befahl der Soldat und wies in eine Richtung.</p><p>Wenige Ehn sp�ter hatten wir weitere Belagerungsgr�ben �berquert und befanden uns in N�he der H�rden, die das Bild der hinteren Belagerungszone beherrschten. In regelm��igen Abst�nden erhoben sich Beobachtungst�rme, die aus Pf�hlen und Brettern zusammengezimmert waren; zusammengebundene Pf�hle st�tzten eine Bretterplattform, von der aus man Torcodinos Stadttor unter Beobachtung halten konnte. Nachts w�rden Fackeln und Laternen an dem Belagerungswerk h�ngen.</p><p>�Hier entlang�, sagte der n�chste Soldat.</p><p>Wir hatten das cosische Heerlager erreicht. Die meisten Zelte waren rund und hatten niedrige, schr�g abfallende Spitzen. Viele waren hellbunt oder mit breiten Streifen und auff�lligen Mustern versehen. Goreaner sind ganz versessen auf solche Dinge. Ein goreanisches Feldlager bietet oftmals einen buntscheckigen Anblick, selbst aus der Ferne. Daf�r sorgen die Seide und die unz�hligen Flaggen. Goreaner m�gen auch Stoffe, die sich gut auf der Haut anf�hlen, Gew�rze, die den Geschmacksinn anregen, sch�ne, ausdrucksstarke Melodien und sch�ne Frauen. Damit unterstreichen sie ihre Urspr�nglichkeit, ihre Lebenskraft und ihre Gesundheit. Stra�en werden geometrisch angelegt, gew�hnlich von Ingenieuren mit Vermessungsschn�ren.</p><p>Wir durchquerten das Lager, wobei wir die Randbezirke nie verlie�en. Vermutlich dauerte es nicht lange, bis wir auf die Gegenverschanzung stie�en, von den Belagerern ausgehobene Gr�ben, die gegen den m�glichen Angriff eines Entsatzheers sch�tzen sollten.</p><p>Hurtha streckte den Arm aus. �Da hinten sind die Gehege der Lagerm�dchen.�</p><p>Er zeigte auf ein eingez�untes Areal, in dem mehrere kleinere Zellen und K�fige zu sehen waren. In solchen Gehegen � bei einem Heerlager dieser Gr��e war es vermutlich nur eines von vielen � lebten die Sklavinnen, die dem Vergn�gen der Soldaten dienten. Der Goreaner verzichtet ungern auf die Anwesenheit von Frauen. Solche M�dchen werden w�hrend eines Feldzuges gew�hnlich gruppenweise von Sklavenh�ndlern geliefert. Die Soldaten d�rfen sie in ihren Gehegen besuchen, meistens schickt man sie allerdings f�r die Nacht in die Quartiere der M�nner. Am Morgen kehren sie dann zu ihren Herren zur�ck.</p><p>�Hier entlang�, sagte der cosische F�hrer. �Tr�delt nicht herum!�</p><p>Das Geld des Hauptmanns trug ich in meinem Geldbeutel. Die M�nzen waren alle von so geringem Wert, da� sie keine Aufmerksamkeit erringen w�rden.</p><p>�Du hast mein Gedicht noch nicht bis zu Ende angeh�rt�, sagte Hurtha.</p><p>�Das stimmt�, entgegnete ich z�gernd.</p><p>Dann bekam ich Hurthas neueste Sch�pfung in ihrer ganzen Pracht zu h�ren. Es nahm mehrere Ehn in Anspruch. Mit wahrer Hingabe ver�nderte er st�ndig irgendwelche Zeilen und schuf damit aus dem Stegreif verbl�ffende, ausufernde Variationen, die er zweifellos mit einer auf abscheuliche Weise gro�z�gig ausgelegten, fragw�rdigen dichterischen Freiheit rechtfertigte.</p><p>�Wie hat es dir gefallen?� fragte er schlie�lich.</p><p>�So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht geh�rt�, mu�te ich zugeben.</p><p>�Tats�chlich?� fragte er begierig.</p><p>�Das ist mein voller Ernst. Mit Ausnahme anderer deiner Gedichte nat�rlich.�</p><p>�Nat�rlich. Glaubst du, es wird ein unsterbliches Werk werden?�</p><p>�Schwer zu sagen. Machst du dir dar�ber Gedanken?�</p><p>�In gewisser Weise schon.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil es dir gewidmet ist, mein Freund.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Einmal angenommen, es wird ein unsterbliches Werk. Womit zu rechnen ist, da es sich schlie�lich um einen echten Hurtha handelt. Dann w�rst du in der Erinnerung der Leute f�r alle Zeiten ein verabscheuungsw�rdiger, ekelhafter Faulpelz.�</p><p>�Ich verstehe, was du meinst.�</p><p>�Trotzdem bist du mein liebenswerter Freund, und ich kann mich einfach nicht dazu �berwinden, dir das anzutun. Was also soll ich tun?�</p><p>�Widme es doch irgendeinem erfundenen Burschen, jemandem, den du dir einfallen l��t.�</p><p>�Ein gro�artiger Vorschlag!� rief Hurtha aus. Er wandte sich an einen der Fl�chtlinge. �Entschuldigung. Wie ist dein Name?�</p><p>�Gnieus Sorissius aus Brundisium.�</p><p>�Vielen Dank.� Hurtha wandte sich wieder mir zu. �Ich widme das Gedicht Gnieus Sorissius aus Brundisium.�</p><p>�Was?� rief Gnieus Sorissius.</p><p>�Freu dich�, sagte Hurtha. �Du hast gerade Unsterblichkeit erlangt. Jetzt kannst du sterben.�</p><p>�Wie bitte?� fragte Gnieus Sorissius aufgeregt. Schlie�lich trug Hurtha eine gro�e Axt.</p><p>�Aber was ist, wenn du dein Gedicht verwirfst, wenn du wie so oft zu dem Schlu� kommst, da� es deinen unglaublich hohen Anspr�chen nicht gen�gt. Oder jemand schl�gt dir so heftig auf den Kopf, da� du es einfach vergi�t. So etwas geschieht �fter.�</p><p>�Ich verstehe, was du meinst�, erwiderte Hurtha ernst. �Dann w�rde ich dem armen Gnieus seinen Platz in der Geschichte nehmen.�</p><p>�Stimmt. Es ist nicht richtig, ihn auf diese Weise so sehr von dir abh�ngig zu machen. Stell dir nur vor, er h�lt sich f�r unsterblich und f�hrt ein leichtsinniges Leben, f�rchtet nichts, geht unbek�mmert unkluge Wagnisse ein und erleidet dadurch schwerwiegende, ungl�ckliche Niederlagen?�</p><p>Hurtha sch�ttelte den Kopf. �Daran habe ich gar nicht gedacht.�</p><p>�Du w�rdest dich schrecklich verantwortlich f�hlen.�</p><p>�Stimmt. Ich bin ein Bursche mit einem empfindlichen Gewissen.�</p><p>�Oder sein Leben w�re von Unbehagen gepr�gt; er wei� nicht, ob du dein Gedicht behalten hast oder nicht, also wei� er auch nicht, ob er nun unsterblich ist oder nicht.�</p><p>�Das ist wahr�, st�hnte Hurtha. �Was soll ich nur tun?�</p><p>�Dieses Gedicht �ber Kerle, die verschlafen � handelt es sich dabei um die Verse, die du die letzten zehn Ehn vorgetragen hast?� erkundigte sich Gnieus.</p><p>�Ja, allerdings.�</p><p>�Ich stehe gew�hnlich jeden Morgen zur vierten Ahn auf.�</p><p>�Zur vierten Ahn!� rief Hurtha entsetzt. �Das ist aber ziemlich fr�h.�</p><p>�Leute, die l�nger unter den Fellen bleiben, sind meiner Meinung nach nichts weiter als faule Sleen�, fauchte der Mann, der ziemlich schlechte Laune zu haben schien. Vermutlich war er noch immer ver�rgert dar�ber, da� man ihn mit wenig mehr als mit dem Gewand auf dem Leib aus Torcodino vertrieben hatte.</p><p>Hurtha schauderte. �Ich f�rchte, ich kann dir das Gedicht nicht widmen�, sagte er. �Du stehst einfach zu fr�h auf.�</p><p>�Das ist auch gut so, denn f�r Gedichte, dir man mir widmet, verlange ich ein Entgelt.�</p><p>�Was?� rief Hurtha.</p><p>Dieser Gnieus gefiel mir. Er war kein �bler Kerl f�r jemanden, der aus Brundisium kam.</p><p>�Einen Silbertarsk�, knurrte er.</p><p>�Das ist sehr teuer�, jammerte Hurtha.</p><p>�Das verlange ich aber!�</p><p>�Haben wir einen Silbertarsk?� fragte Hurtha.</p><p>�Du willst eine deiner unbezahlbaren Widmungen f�r Geld verkaufen?� fragte ich.</p><p>�Niemals!� erkl�rte Hurtha entschlossen.</p><p>Das war knapp gewesen. Ich hatte einen Silbertarsk gerettet.</p><p>Gnieus Sorissius beschleunigte seine Schritte und tauchte in der Menge unter.</p><p>�Welch ein Schurke!� knurrte Hurtha ihm hinterher.</p><p>�Da hast du recht�, gab ich zu. Dabei w�nschte ich mir, ich k�nnte meinen gro�en Freund so m�helos lenken, wie es Gnieus Sorissius geschafft hatte, selbst wenn er aus Brundisium kam. Vielleicht hatte er ja schon fr�her mit den Dichtern der Alar zu tun gehabt.</p><p>�Vielleicht sollte ich das Gedicht doch dir widmen�, meinte Hurtha.</p><p>�Wir haben das Ende des Lagers erreicht�, sagte ich. Wir blieben stehen und blickten zur�ck. Das Lager bot ein pr�chtiges Bild. In der Ferne zeichnete sich Torcodino am Himmel ab.</p><p>�Ich glaube, ich sollte ein Gedicht schaffen, eine stimmungsvolle Ode�, sagte Hurtha.</p><p>�Und was ist mit dem Werk �ber Leute, die verschlafen?�</p><p>�Das werde ich wohl vernichten�, antwortete er. �Das Thema ist so gew�hnlich, vielleicht sogar meiner F�higkeiten unw�rdig. W�rde es dich sehr st�ren?�</p><p>�Nein. Au�erdem w�re damit das Problem mit der Widmung gel�st.�</p><p>�Allerdings.� Er schwieg f�r kurze Zeit. �Da ich uns einen Silbertarsk gespart habe � h�ttest du die G�te, ihn mir zu geben? Du wei�t schon, alles teilen, wie immer.�</p><p>Alar sind in Mathematik nicht besonders bewandert, daf�r sind sie aber meistens gro� und furchteinfl��end. Ich gab ihm das Geld.</p><p>�Danke. La� uns weitergehen.�</p><p>�Warte mal�, sagte ich. �Ist dir an dem Lager nichts Ungew�hnliches aufgefallen?�</p><p>�Es ist sehr sch�n�, sagte Hurtha.</p><p>�Ich meine etwas anderes.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Wir haben das Lager gerade verlassen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Hier gibt es kein Schanzwerk, keine Verteidigungsgr�ben, nichts, um das Lager gegen einen Angriff von hinten zu sch�tzen.�</p><p>�Bemerkenswert�, sagte Hurtha.</p><p>�Offenbar haben die Cosianer keinen Anla�, die Ankunft eines Entsatzheeres aus Ar zu f�rchten.�</p><p>�Das ist doch sehr seltsam, findest du nicht?�</p><p>�Ich finde es sehr bedenklich�, sagte ich. �Ich verstehe es nicht. Es ist doch eine ganz normale milit�rische Sicherheitsvorkehrung.�</p><p>�Wieso sind sie sich so sicher, da� Ar dem belagerten Torcodino nicht zur Hilfe kommt?� fragte der Alar.</p><p>�Ich wei� es nicht.� Wie so vieles andere in den letzten Wochen fand ich auch diese Einzelheit �u�erst beunruhigend. Es schien eine weitere Abweichung von den milit�rischen Gepflogenheiten zu sein, gleicherma�en unerkl�rlich wie das Fehlen befestigter Lager oder die ohne Geleitschutz reisenden Nachschubz�ge. Zusammengenommen nahmen diese Beobachtungen alarmierende Ausma�e an.</p><p>�Wie l��t sich das erkl�ren?� fragte Hurtha.</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber ich habe ein schlechtes Gef�hl dabei.�</p><p>�Wir sollten weitergehen�, schlug einer der M�nner vor, die mit uns stehengeblieben waren. �Wenn man uns hier erwischt, k�nnte man uns f�r Spione halten.�</p><p>Er hatte recht. Wir setzten den Weg fort. �Das ist die Schatzstra�e�, erkl�rte ich und zeigte auf eine schmale Stra�e in der Ferne. �An ihrem Ende liegt Ar.�</p><p>Wir gingen langsam auf die Stra�e zu. Die meisten der Fl�chtlinge hatten sie bereits erreicht oder hielten sich in ihrer N�he auf. In meiner Schwertscheide ruhten die Passierscheine und die Briefe, die mir der Hauptmann �berreicht hatte, Torcodinos neuer Beherrscher. Die Briefe trugen seine Unterschrift. Man konnte sie m�helos entziffern. �Dietrich von Tarnburg.� Mein Blick fiel auf den kleinen Kerl mit dem Schnurrbart und den schmalen Augen. Anscheinend hinkte er etwas hinterher. Zu diesem Zeitpunkt verschwendete ich keinen Gedanken daran.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>�Aus dem Weg! Na los!� rief der Kutscher. Er sa� auf dem Kutschbock, der von der mit Sitzb�nken ausgestatteten Transportfl�che durch einen Spalt getrennt war. Die beiden R�der waren sehr schmal, hatten Metallspeichen und erreichten eine H�he von etwa zwei Metern. Das Zugtier war ein Tharlarion, jedoch eine Z�chtung mit einer geringeren Schulterbreite als die gew�hnlichen Kampftharlarion, die die Lanzenreiter der schweren Kavallerie benutzten.</p><p>�Reiche Tarsk�, knurrte ein Mann und trat beiseite.</p><p>�Aus dem Weg!� br�llte der Kutscher und lie� die Peitsche knallen. Die Ankunft der �berlandkutsche wurde zus�tzlich von zwei bimmelnden Gl�ckchen verk�ndet, die vor den R�dern an hervorspringenden Leisten angebracht waren. Dann hatten wir uns einen Weg zwischen den Fl�chtlingen hindurch gebahnt und fuhren wieder schneller.</p><p>�Ich habe nicht den Eindruck, da� hier im Augenblick viele Sch�tze transportiert werden�, sagte Hurtha.</p><p>�Da hast du zweifellos recht�, erwiderte ich, �und der Verkehr flie�t nur in Richtung Ar.�</p><p>�Ob die Cosianer diese Route nehmen?�</p><p>�Schon m�glich. Es ist der k�rzeste Weg zwischen Torcodino und Ar.�</p><p>Boabissia stand vorn auf dem Wagen, hielt sich an der Querstange fest und blickte in die Ferne. Der Fahrtwind blies ihr Haar nach hinten.</p><p>Ich stie� Hurtha an. �Siehst du den Soldaten da vorn?�</p><p>�Ja�, sagte er und drehte sich um, um besser sehen zu k�nnen.</p><p>�Er tr�gt die Uniform Ars.�</p><p>�Das sind beruhigende Neuigkeiten�, sagte ein Mann, der rechts von mir sa�. In der letzten Zeit hatten wir nur wenige solcher Uniformen gesehen.</p><p>�Willst du nach Ar?� fragte ein anderer Passagier, der mir gegen�bersa�. Es war der kleine Bursche mit dem Schnurrbart.</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du Papiere?�</p><p>�Nein. Warum?�</p><p>�Vermutlich kann Ar nicht alle Fl�chtlinge aufnehmen�, sagte er. �Wie sollte es auch? Zweifellos braucht man Papiere. Und die k�nnten ihr Gewicht in Gold wert sein.�</p><p>�Schon m�glich�, erwiderte ich.</p><p>Er beugte sich verschw�rerisch vor. �Hast du Wertsachen dabei?� fragte er im Fl�sterton.</p><p>�Nein�, sagte ich. Doch meine linke Hand bewegte sich wie von einem eigenem Willen beseelt auf die Schwertscheide zu, bis ich die Bewegung bewu�t unterlie�.</p><p>�Ist vielleicht auch besser so.�</p><p>�Warum?�</p><p>Er legte die Hand an die rechte Mundseite. �Siehst du den Kerl am Ende deiner Bank? Das ist Ephialtes�, raunte er. �Der ber�chtigte Dieb aus Torcodino. Nimm dich vor ihm in acht.�</p><p>�Vielen Dank.� Solche Warnungen sind immer n�tzlich.</p><p>Der Mann nickte und lehnte sich wieder zur�ck. Ich beschlo�, diesen Ephialtes im Auge zu behalten.</p><p>Im hinteren Teil der �berlandkutsche gab es einen von einem Holzgitter abgetrennten Stauraum f�r Gep�ck. Dort hatte ich Feiqa deponiert. Das war durchaus angebracht, denn sie war mein Besitz. Sie lag in Ketten. Zwar bef�rchtete ich nicht, sie k�nnte einen Fluchtversuch unternehmen, aber es ist gut, wenn man seine M�dchen gelegentlich fesselt.</p><p>Ich stand auf und trat an Boabissias Seite.</p><p>�Ich kann es gar nicht erwarten, Ar zu sehen�, sagte sie.</p><p>�Wenn du hoffst, Ar zu erblicken, bist du aber ein paar Tage zu fr�h dran�, sagte ich. �Sieh mal da: Sklavinnen!� Sie ruhten sich am Stra�enrand aus, w�hrend wir vorbeiratterten.</p><p>�Man k�nnte ihnen ruhig etwas zum Anziehen geben�, meinte Boabissia.</p><p>�Der Tag ist warm�, erwiderte ich. �Au�erdem l��t man sie oft nackt marschieren, damit sie ihre Tuniken nicht schmutzig machen.� Die M�dchen waren am Hals zusammengekettet. Sie sahen uns zu, wie wir vorbeifuhren, dann blieben sie hinter uns zur�ck. �Normalerweise werden auf der Schatzstra�e viel mehr Sklaven transportiert.�</p><p>�Was werde ich wohl in Ar finden?� wechselte Boabissia das Thema. Sie spielte an der Kupferm�nze herum, die an ihrem Hals baumelte.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Es w�re doch m�glich, da� mich ein gro�es Erbe erwartet�, sagte sie. �Vielleicht finde ich heraus, da� ich gro�e L�ndereien besitze, da� Treuhandfonds auf mich warten. Vielleicht stamme ich ja aus einer Adelsfamilie und bin eine der reichsten und m�chtigsten Frauen Ars!�</p><p>�Wie kommst du darauf?� fragte ich.</p><p>Sie drehte sich zu mir um. �H�ltst du das f�r unm�glich?�</p><p>�Nicht unbedingt.�</p><p>�Ich reiste mit einer gro�en Karawane, obwohl ich noch ein S�ugling war. Ist das kein Beweis f�r eine hohe Stellung und Reichtum?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Ich halte es durchaus f�r m�glich.�</p><p>�M�glich ist alles�, erwiderte ich.</p><p>�Sieh dir diese armen Frauen an.� Boabissia zeigte auf drei st�mmige M�dchen, die uns entgegenkamen und von einem kr�ftigen Mann angetrieben wurden. Sie kr�mmten sich unter der Last aus Feuerholz, das zu B�ndeln verschn�rt war. Sie gingen hintereinander her, am Hals mit einem Seil aneinandergefesselt. Als die �berlandkutsche vorbeifuhr, sahen sie auf. Der Mann winkte unserem Kutscher zu, der den Gru� erwiderte.</p><p>�Das h�tte dein Schicksal sein k�nnen, w�ren wir abseits der Stra�en querfeldein �ber Land gereist�, sagte ich.</p><p>�Sind das Sklavinnen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Dann geschieht es ihnen recht.�</p><p>�Ich hatte gar nicht damit gerechnet, einen Platz auf einer �berlandkutsche zu bekommen�, sagte ich. �Da� sie �berhaupt noch fahren, ist eine echte �berraschung. H�tte ich das gewu�t, w�re ich nicht einmal auf die Idee gekommen, querfeldein zu reisen, zumindest nicht in Begleitung einer freien Frau.�</p><p>�Wir kommen schnell voran�, stellte Boabissia fest.</p><p>�Ja. In ein paar Tagen m��ten wir in Ar sein.�</p><p>�Ist es eine sch�ne Stadt?�</p><p>Ich nickte.</p><p>Boabissia spielte gl�cklich an der kleinen Kupferscheibe herum. �Ich bin bestimmt eine Adlige. Ich kann es gar nicht erwarten, Ar zu betreten und meinen Besitz f�r mich zu beanspruchen! Bei der Zinsentwicklung auf der Stra�e der M�nzen l��t sich �berhaupt nicht absehen, wie mein Verm�gen in all den Jahren angewachsen ist.�</p><p>Ich sparte mir eine Antwort.</p><p>�Vielleicht bin ich eine der h�chstrangigen, reichsten und m�chtigsten Frauen Ars!�</p><p>�Wer wei߫, sagte ich. �Wir werden sehen.�</p></section><section><title><p>18</p></title><p>�Sie sind weg!� fl�sterte ich ungl�ubig.</p><p>�Was ist weg?� fragte Hurtha, streifte die Felle ab und setzte sich auf. Er lag nur ein paar Schritte neben mir.</p><p>Das Lager erwachte seit mehr als einer Ahn langsam zum Leben.</p><p>�Die Passierscheine, die uns sicheres Geleit garantieren sollten!�</p><p>�Was ist?� fragte Boabissia. Ihr Haar war na�; sie kam vom Flu�, wo sie es gewaschen hatte.</p><p>�Unsere Passierscheine sind weg. Ich hatte sie hier, in der Schwertscheide.�</p><p>�K�nnten sie herausgefallen sein?�</p><p>�Nein�, antwortete ich. �Sie steckten fest darin. Man kann sie nur absichtlich herausgenommen haben.�</p><p>�Angeblich gibt es in der N�he eine Milit�rkontrolle�, sagte Boabissia. �Ich habe gestern abend davon erfahren.�</p><p>�Genau wie der Dieb�, sagte ich.</p><p>�Wir sind doch alle hier gewesen. Wie konnte das �berhaupt geschehen?� fragte sie.</p><p>�Das konnte nur einem Meister im Anschleichen gelingen, der wu�te, wonach er sucht und wo es zu finden ist. Vielleicht hatte er sogar ein Werkzeug dabei, um an die Dokumente zu gelangen.�</p><p>�Das Schwert steckte in der Scheide, und die lag doch neben dir, oder nicht?� fragte Boabissia.</p><p>�Das stimmt. Ich hatte mir sogar die Riemen der Schwertscheide �ber die Schulter geschlungen. Der Dieb mu�te die Klinge ziehen, die Passierscheine entfernen und das Schwert wieder hineinstecken.�</p><p>�Warum denn das?� fragte Hurtha.</p><p>�Damit das Fehlen der Papiere nicht sofort auff�llt�, erkl�rte ich. �Ich h�tte nichts davon bemerkt, wenn ich nicht wie gew�hnlich �berpr�ft h�tte, ob sich die Klinge m�helos ziehen l��t.� Obwohl diese Gewohnheit unn�tig und nebens�chlich erscheint, geht sie vielen Kriegern in Fleisch und Blut �ber. Dabei handelt es nicht nur darum, das Ziehen st�ndig zu �ben, da derjenige, der als erster die Waffe zieht, auch als erster einen Schlag anbringen kann, sondern auch die Scheide t�glich auf ihren Zustand zu �berpr�fen. Durch Temperaturunterschiede und Feuchtigkeit kann sich das Leder zusammenziehen oder weiten. Weniger offensichtlich, daf�r aber um so t�ckischer sind heimliche Eingriffe des Gegners. Er k�nnte die Klinge mit Hilfe eines winzigen Keils oder eines d�nnen Drahtes, der unterhalb des Griffs befestigt wird, in ihrer H�lle festklemmen. Das �ben des Ziehens und die damit verbundene �berpr�fung des H�llenwiderstandes sind kleine, aber nur selten vernachl�ssigte Feinheiten der Kampfkunst.</p><p>�Wer kann denn so geschickt sein?� fragte Boabissia.</p><p>�Es gibt Krieger, die so etwas k�nnen�, sagte ich. �Die roth�utigen Stammeskrieger zum Beispiel.�</p><p>�Aber hier unter den Fl�chtlingen?�</p><p>�Ein Dieb mit unglaublichem Geschick, der es wert w�re, das Diebesmal von Port Kar zu tragen.� Das Diebesmal von Port Kar ist ein dreizahniges kleines Brandmal, das unmittelbar �ber dem rechten Wangenknochen eingebrannt wird. Es markiert die Mitglieder der Diebeskaste von Port Kar. Soweit ich wei�, ist Port Kar die einzige Stadt, in der es eine offizielle Diebeskaste gibt. Die Mitglieder sind sehr stolz auf ihr Handwerk, das vom Vater auf den Sohn weitervererbt wird. Die Mitgliedschaft in der Kaste bringt einige Sonderrechte mit sich: Berufsm��ige Diebe genie�en Schutz vor der Verfolgung und Ermordung durch Gildenbr�der, die ihre Gebiete eifers�chtig besch�tzen. Vermutlich ist es der Diebeskaste zu verdanken, da� in Port Kar viel weniger Diebst�hle geschehen als in anderen St�dten. Die Kaste h�lt ihre Mitgliederzahl stets gleich und �berschaubar, genau wie die Vereinigungen anderer Berufe, beispielsweise die der Metallarbeiter oder Schneider.</p><p>�Feiqa�, sagte Boabissia.</p><p>�Ja, Herrin?� fragte Feiqa �ngstlich. Die h�bsche Sklavin war sofort auf die Knie gegangen, als sie von einer freien Person angesprochen wurde.</p><p>�Hast du etwas gesehen?� fragte Boabissia.</p><p>�Nein, Herrin�, sagte Feiqa und senkte den Kopf.</p><p>�Dumme Sklavin�, fauchte Boabissia.</p><p>�Ja, Herrin�, gab Feiqa fl�sternd zur Antwort.</p><p>�Brauchen wir diese Dokumente an der Stra�ensperre?� wollte Hurtha wissen.</p><p>�Schon m�glich. Wir sind in der N�he von Ar. Ich wei� es nicht.�</p><p>�Es ist doch unwahrscheinlich, da� hier im Lager ein so geschickter Dieb sein Unwesen treibt�, meinte Boabissia.</p><p>�Wieso denn das?� fragte ich.</p><p>�Ich glaube, Feiqa hat sie gestohlen�, verk�ndete Boabissia.</p><p>�Nein, Herrin!� schrie Feiqa auf.</p><p>�Foltern wir sie, bis sie die Wahrheit gesteht�, schlug Boabissia vor. Goreanische Gerichte erkennen die Folter von Sklaven als legales Mittel der Wahrheitsfindung an. Es geschieht sogar ziemlich h�ufig.</p><p>�Bitte, nein, Herrin!� schluchzte Feiqa.</p><p>�Sie h�tte es kaum schaffen k�nnen�, sagte ich. �Sie hatte die ganze Nacht die H�nde auf den R�cken gefesselt, damit sie mich bei Morgenanbruch auf intime Weise wecken konnte � ohne die H�nde zu benutzen�, sagte ich.</p><p>�Wie ekelhaft!� stie� Boabissia hervor.</p><p>�Danach habe ich sie auf den R�cken gelegt und liebkost, bis sie um weitere Aufmerksamkeiten bettelte, die ich ihr dann auch erwiesen habe. Sie ist nur eine Sklavin.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Boabissia. Sie sah Feiqa an. �Schlampe!�</p><p>�Ja, Herrin�, sagte Feiqa und mied ihren Blick.</p><p>Boabissia ha�te Feiqa aus ganzem Herzen. Hielt sie es tats�chlich f�r verwerflich, da� Feiqa ihrem Herrn solch unglaubliche Wonnen bereitete? Ich konnte mir das nicht vorstellen. Schlie�lich war das Feiqas Aufgabe als Sklavin. Ich vermutete eher, da� sie auf Feiqa eifers�chtig war, da ihr als freier Frau solche Erlebnisse verwehrt blieben.</p><p>�Unter den Fl�chtlingen ist bestimmt kein so geschickter Dieb�, sagte sie und blickte die am ganzen Leib zitternde Feiqa unheilvoll an. �Es kann nur die Sklavin gewesen sein. La� sie foltern.�</p><p>Feiqa st�hnte.</p><p>�Sie kann es aber nicht gewesen sein!�</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Du vielleicht�, sagte Hurtha, trat hinter Boabissia und packte sie bei den Oberarmen. Es war kein sanfter Griff.</p><p>�Nein!� schrie Boabissia und wand sich hilflos. �Nein!�</p><p>�Vielleicht sollte man dich foltern�, knurrte Hurtha.</p><p>�Nein, nein!� keuchte Boabissia. �Ich bin eine freie Frau!�</p><p>�Es ist durchaus denkbar, da� unter den Fl�chtlingen ein geschickter Dieb ist�, meinte ich.</p><p>�Wei�t du mehr als wir?� fragte Hurtha.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Wer?�</p><p>�Warte hier!� bat ich.</p><p>�Wer?� beharrte Hurtha auf seiner Frage.</p><p>�Ein gewisser Ephialtes aus Torcodino, man hat mich vor ihm gewarnt.�</p><p>�Ich begleite dich�, sagte er sofort. �Ich breche ihm das Genick.�</p><p>�Davon kriegen wir die Papiere auch nicht zur�ck�, erwiderte ich. �Warte hier.�</p><p>�Einige der Kutschen und viele der Fl�chtlinge haben das Lager bereits verlassen�, erkl�rte Boabissia und ri� sich von Hurtha los. Sie zitterte. Sie war es nicht gewohnt, auf diese Weise von einem Mann behandelt zu werden.</p><p>�Wartet hier�, wiederholte ich.</p><p>Boabissia machte Anstalten, mich zu begleiten, aber Hurthas Hand auf ihrem Arm hielt sie zur�ck.</p><p>�H�r auf!� schrie der Mann schmerzerf�llt. Ich hielt ihn im Nacken gepackt und zwang ihn auf die Knie und dann weiter auf den Bauch. Er k�mpfte gegen den Griff an. Ich stie� sein Gesicht in den nachgiebigen Erdboden. Sofort verstummte er. Ich gestattete ihm, den Kopf ein St�ckchen zu heben. Er hustete und keuchte.</p><p>�Wo sind sie?�</p><p>�Was, was?� stie� er hervor und spuckte Erde aus.</p><p>�Die Papiere.�</p><p>�Du kannst mich hier nicht bestehlen�, sagte er. �Hier sind zu viele Zeugen!�</p><p>Es stimmte; einige M�nner hatten sich um uns versammelt. �Haltet euch da raus!� warnte ich sie. Dann stie� ich sein Gesicht wieder in den Dreck. Er spuckte aus und drehte den Kopf keuchend zur Seite.</p><p>�Wo sind sie?�</p><p>�Ich wei� nichts von irgendwelchen Papieren�, keuchte er.</p><p>�Haltet euch da raus!� wiederholte ich meine Warnung an die M�nner. Einige hielten schwere Keulen in den H�nden.</p><p>Dann zog ich ein St�ck Schnur aus der G�rteltasche, band ihm die F��e zusammen und fesselte die H�nde an die Fu�gelenke. Er kam auf der Seite zu liegen. Ich durchsuchte gr�ndlich seine Besitzt�mer.</p><p>�Was soll das?� fragte er. �Haltet ihn auf!� rief er den Umstehenden zu. Ein Mann trat einen Schritt vor, aber keiner griff ein.</p><p>�Er ist bewaffnet�, sagte einer der Fl�chtlinge zu dem Gefesselten.</p><p>�Ich kann sie nicht finden!� sagte ich laut.</p><p>�Was sucht er �berhaupt?� fragte ein Mann, der gerade zu der Gruppe gesto�en war.</p><p>�Irgendwelche Papiere�, erhielt er zur Antwort.</p><p>Ich wandte mich wieder dem Gefesselten zu. �Wo sind sie?�</p><p>�Ich wei� nichts von irgendwelchen Dokumenten. Binde mich los!�</p><p>�Nimm ihm die Fesseln ab�, verlangte der Neuank�mmling; der Kleidung nach zu urteilen, war er ein Kaufmann. Er hatte sich zum Sprecher der Gruppe gemacht, ohne jedoch mutig vorzutreten.</p><p>�Ja. Was soll das �berhaupt?� rief ein anderer.</p><p>�Dieser Kerl ist ein Dieb�, verk�ndete ich der Menge. �Er hat mir wichtige Papiere gestohlen. Die will ich zur�ckhaben.�</p><p>�Ich bin kein Dieb�, verteidigte sich der Gefesselte.</p><p>�Hast du gesehen, wie er sie gestohlen hat?� fragte der Kaufmann.</p><p>�Nein.�</p><p>�Hat ihn denn jemand anders dabei beobachtet?�</p><p>�Nein�, erwiderte ich gereizt.</p><p>�Woher willst du dann wissen, da� er sie gestohlen hat?� Es war keine unvern�nftige Frage. �Du kannst sie nicht finden�, stellte der Kaufmann fest. �Ist das nicht ein deutlicher Hinweis, da� du dich get�uscht hast?�</p><p>Ich �ffnete den Geldbeutel. Er enthielt nur M�nzen. Ich warf sie wieder hinein und zog das Verschlu�band zu.</p><p>�Wo hast du sie versteckt?� fragte ich ihn. Meine Stimme h�rte sich nicht freundlich an.</p><p>�Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst�, fl�sterte mein Gefangener. Er hatte begriffen, da� ich es ernst meinte. Er hatte Angst.</p><p>�Hast du sie bereits verkauft?�</p><p>�Ich wei� doch nichts. Bist du ein Dieb?�</p><p>�Nein.�</p><p>�L�se seine Fesseln!� verlangte der Kaufmann. �Du hast keinen Beweis.�</p><p>�Er hat ein Schwert�, sagte sein Nebenmann. �Er braucht keinen Beweis.�</p><p>�La� ihn gehen!�</p><p>�Er ist ein Dieb!� stie� ich �rgerlich hervor.</p><p>�Das bin ich nicht�, sagte der Gefangene.</p><p>�In Torcodino ist er ein stadtbekannter Dieb!� verk�ndete ich.</p><p>�Unsinn!�</p><p>�Genau�, bekr�ftigte der Kaufmann. �Wer ist er deiner Meinung nach?�</p><p>�Ephialtes aus Torcodino�, sagte ich.</p><p>�Ich bin nicht Ephialtes�, sagte der Gefangene.</p><p>�Das ist richtig�, sagte der Kaufmann. Die Umstehenden nickten.</p><p>�Aber mir ist vor ein paar Tagen erz�hlt worden, er sei Ephialtes.�</p><p>�Und wer hat dir das erz�hlt?�</p><p>�Ich sehe den Mann nicht. Er ist nicht da.�</p><p>�Das ist nicht Ephialtes�, sagte der Kaufmann. �Und selbst wenn er es w�re, hast du anscheinend weder den Diebstahl beobachtet noch eindeutige Beweise oder gar Indizien, da� er der Schuldige ist. Binde ihn los.�</p><p>�Ich bin Philebus, ein Weinh�ndler aus Torcodino�, erkl�rte der Gefangene.</p><p>�Er l�gt�, sagte ich.</p><p>�Das ist Philebus�, sagte der Kaufmann. �Ich habe mit ihm Gesch�fte gemacht. Binde ihn los!�</p><p>Ich l�ste die Fesseln. �Pack deine Sachen wieder ein!� befahl ich ihm. Er gehorchte, und ich lie� ihn keinen Augenblick lang aus den Augen. Vielleicht hatte der Rucksack einen doppelten Boden. Doch ich hatte bei meiner Suche nichts dergleichen gef�hlt; es hatte auch kein Papier geraschelt.</p><p>Ein Ruf ert�nte. �Kutsche siebzehn steht zur Abfahrt bereit!�</p><p>�Das ist meine Kutsche!� rief der angebliche Weinh�ndler und stopfte die letzten Habseligkeiten in den Rucksack.</p><p>�Wie du wei�t, ist es auch meine Kutsche�, sagte ich. �Keine Angst. Ich begleite dich und werde darauf achten, da� du auch sicher einsteigst.� Ich hatte nicht die Absicht, ihn aus den Augen zu lassen. Auch wenn ich keinerlei Beweise hatte, die einen Praetor von seiner Schuld �berzeugt h�tte, war ich davon �berzeugt, da� er Ephialtes aus Torcodino war und die Passierscheine gestohlen hatte. Es war eine echte Ironie. Wir waren in derselben �berlandkutsche gefahren.</p><p>Boabissia kam heran. �Wir sind soweit�, sagte sie. �Der Kutscher will fahren.�</p><p>�Ich wei߫, sagte ich. �Ich habe es geh�rt.� Ich stie� den angeblichen Weinh�ndler vor mir her. �Und du kommst mit.�</p><p>Ich stand an der Querstange des Passagierabteils und drehte mich um, um mich zu vergewissern, da� der Kerl noch auf der Bank sa�, auf die ich ihn gesetzt hatte. Dann beugte ich mich �ber die Querstange. �Ist das da vorn die Stra�ensperre?� fragte ich den Kutscher.</p><p>�Ja�, antwortete er �ber die Schulter hinweg. �Ihr werdet alle aussteigen, und diejenigen, die passieren d�rfen, steigen auf der anderen Seite wieder ein. Wird euch der Durchgang verwehrt, habt ihr keinen Anspruch auf eine R�ckerstattung des Fahrgelds. Der Fuhrunternehmer ist f�r solche Schwierigkeiten nicht verantwortlich zu machen.�</p><p>�Wir sind nur einen Tag von Ar entfernt�, stellte einer der Passagiere fest.</p><p>�Und da ist die Stra�ensperre�, sagte sein Nebenmann, stand auf und trat zu mir an die Querstange.</p><p>�Seht euch mal den armen Sleen an!� rief sein Freund, der sich ebenfalls zu uns gesellte. Er wies auf die kleine Gestalt neben dem Kontrollpunkt, die etwa drei Meter �ber den K�pfen der Fl�chtlinge auf einem Pfahl steckte.</p><p>�Da vorn sind doch tats�chlich Soldaten mit pupurfarbenen Umh�ngen und Helmen�, sagte ich pl�tzlich. Diese Uniformen hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen � seit der Zeit, als Marlenus von Ar, der Ubar aller Ubars, die Macht zur�ckerobert und Cernus vom Thron vertrieben hatte.</p><p>�Das sind Taurentianer, Angeh�rige der Elitepalastwache�, sagte der Mann neben mir.</p><p>�Man hat die Taurentianer 10 119 C.A. aufgel�st�, sagte ich.</p><p>�Sie wurden wieder eingesetzt�, sagte er. �Hast du nicht davon geh�rt?�</p><p>�Nein.� Der Anblick der Taurentianer bereitete mir Unbehagen. Solche M�nner halten die Macht in H�nden, Ubars auf den Thron zu bringen und sie auch wieder zu st�rzen. Daf�r sorgen ihr Korpsgeist, die Identifizierung mit der Einheit und die Ergebenheit den Befehlshabern gegen�ber, genauso wie ihr Status und die damit verbundenen Privilegien. Ganz zu schweigen von ihrer N�he zu den empfindlichen Dreh- und Angelpunkten der Macht.</p><p>�Es ist erst dieses Jahr geschehen. Es sind gro�artige Soldaten.�</p><p>�Ich wei߫, sagte ich. Ich hatte ihnen im Kampf gegen�bergestanden, damals, im Sand des Stadions der Klingen. Die Kasernierung in der Stadt hatte den Mythos in die Welt gesetzt, die Taurentianer seien verw�hnt und verweichlicht. Aber das war und ist falsch. Es sind Elitetruppen, ausgezeichnet ausgebildet und ihren Kommandanten ergeben. Mit durchschnittlichen F�higkeiten oder schlechter k�rperlicher Kondition bleibt einem der Zugang in ihre begehrten R�nge verwehrt. Wir schrieben das Jahr 10 130 C.A., was in der Zeitrechnung Port Kars dem Jahr 11 der Herrschaft des Kapit�nrates entsprach.</p><p>Damals war Saphronicus von Ar Befehlshaber der Taurentianer gewesen. Seremides von Tyros war der Erste General gewesen. Cernus, der bald darauf auf den Thron aufsteigen sollte, hatte mit seinem Einflu� f�r dessen Ernennung gesorgt. Seremides nahm den Platz des hochgeachteten Helden Maximus Hegesius Quintilius ein, der zuvor seine Bedenken dar�ber zum Ausdruck gebracht hatte, da� man Cernus, einen Sklavenh�ndler und Kaufmann, feierlich in die Kriegerkaste aufnahm. Kurz darauf fand man Quintilius ermordet in seinem Lustgarten auf, get�tet vom Bi� eines dementsprechend chemikalisch pr�parierten Giftm�dchens. Bevor man sie verh�ren konnte, starb sie von Hand einiger Taurentianer. Sp�ter w�re die Berufung eines Mannes aus Tyros auf solch einen Posten undenkbar gewesen. Daf�r sorgten die sich st�ndig verschlimmernden Reibereien zwischen Ar, Cos und dessen m�chtigen Verb�ndeten Tyros, die haupts�chlich von dem Konkurrenzkampf im Tal des Vosk verursacht wurden. Nachdem Cernus � dessen Zeit als Ubar so kurz gewesen war � unterlegen und verbannt worden war, hatte ich sowohl Saphronicus als auch Seremides in Ketten vor dem auf den Thron zur�ckgekehrten Marlenus liegen sehen. Beide waren zusammen mit anderen Verr�tern im Offizierskorps in Ketten nach Port Kar gebracht worden, wo sie als Galeerensklaven verkauft werden sollten.</p><p>Einer der M�nner mit den Purpurumh�ngen und Helmen l�ste sich aus der Gruppe am Stra�enrand und hob die Hand.</p><p>Der Kutscher ri� die Z�gel des Tharlarion zur�ck, und die Bestie wurde grunzend langsamer, bis die �berlandkutsche mit den hohen R�dern schlie�lich zum Stehen kam.</p><p>�Alle Mann aussteigen und sich rechts in der Schlange anstellen!� verlangte der Kutscher. �Ich reihe mich dort hinten bei den Kutschen ein. Hinter der Stra�ensperre k�nnt ihr wieder einsteigen.� Er kannte die Prozedur.</p><p>�Wie sollen wir da durchkommen?� fl�sterte Boabissia, der ich durch den Einstieg auf den Boden half. �Deine Passierscheine sind doch weg.�</p><p>�Keine Ahnung�, erwiderte ich. �Aber vermutlich haben die wenigsten Leute Papiere dabei.� Ich behielt den Burschen im Auge, der sich Philebus nannte und behauptete, Weinh�ndler aus Torcodino zu sein. Ich wollte ihn nicht entkommen lassen. Falls die Soldaten Dokumente verlangten und er die gestohlenen vorwiese, g�be ich einen aufmerksamen Zuschauer ab. Und sobald sich mir die Gelegenheit b�te � und ich w�rde schon daf�r sorgen, da� sich eine Gelegenheit b�te �, br�che ich ihm Arme und Beine.</p><p>�Warten, warten�, beschwerte sich Hurtha. �Ich glaube, ich verfasse ein Gedicht �ber die Anma�ung der B�rokratie.�</p><p>�Eine gute Idee�, erwiderte ich.</p><p>�Fertig!�</p><p>Ich sah ihn an und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Es ist ein kurzes Gedicht�, sagte er. �Willst du es h�ren?�</p><p>�Es mu� aber sehr kurz sein.�</p><p>�Stimmt�, sagte Hurtha.</p><p>�Ich w�rde es gern h�ren�, sagte ich und lie� Philebus nicht aus den Augen.</p><p>�Schlangen, Schlangen, Schlangen, Menschenschlangen�, begann Hurtha.</p><p>�Warte�, unterbrach ich ihn. �Besteht das Gedicht nur aus zwei W�rtern?� Mich beschlich der Verdacht, da� ich das Geheimnis der schnellen Entstehung des Gedichts gel�st hatte.</p><p>�Nein�, antwortete Hurtha. �Das waren schon vier W�rter. Z�hl nach. Schlangen, Schlangen, Schlangen, Menschenschlangen.�</p><p>�Ja, du hast recht.�</p><p>Die Schlange bewegte sich ein paar Schritte weiter. Ich vergewisserte mich, da� ich den Dieb sehen konnte.</p><p>�Schlangen, Schlangen�, sagte Hurtha.</p><p>�F�ngst du wieder am Anfang an?� fragte ich.</p><p>�Nein. Ich mache da weiter, wo ich aufgeh�rt habe. Willst du das Gedicht wirklich h�ren?�</p><p>�Ja, nat�rlich.� War es m�glich, da� eine gewisse tief verinnerlichte H�flichkeit, die ich meiner amerikanischen Erziehung zu verdanken und bis jetzt im gro�en und ganzen als harmlos eingestuft hatte, doch gelegentlich Nachteile mit sich brachte?</p><p>�Dann unterbrich mich nicht dauernd.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Diese Schlangen, Schlangen, Schlangen, Schlangen sind lang, sehr lang, diese Schlangen, Schlangen, Schlangen.�</p><p>�Das ist sie�, best�tigte ich.</p><p>�Was?�</p><p>�Diese Schlange�, sagte ich. �Sie ist sehr lang.�</p><p>�Ja�, stimmte Hurtha mir mi�trauisch zu. �Bitte unterbrich mich nicht.�</p><p>�Entschuldige�, kicherte ich. Wie oft bietet sich einem durchschnittlichen Burschen wie mir schon die Gelegenheit, einen Dichter auf den Arm zu nehmen?</p><p>�Du bist wirklich ein Scherzbold�, bemerkte Boabissia.</p><p>�Danke.� Aber nach ihrem Tonfall zu urteilen, war diese Bemerkung offenbar alles andere als ein Kompliment. Vermutlich war sie durch ihre Zuneigung f�r den kr�ftigen Alar voreingenommen. Denn die Bemerkung kam bestimmt nicht durch ihre Liebe f�r die Dichtkunst zustande. Ich warf Feiqa einen Blick zu. Sie l�chelte, denn sie war �beraus klug. Als sie mich bemerkte, senkte sie rasch dem�tig den Kopf, vielleicht sogar dem�tiger, als unter diesen Umst�nden angebracht war.</p><p>�Sei froh, da� Hurtha dich nicht mit einem gewaltigen Schlag zu Boden schickt�, sagte Boabissia.</p><p>�Das bin ich auch�, erwiderte ich. �Und wie ich das bin.�</p><p>�D�rfte ich fortfahren?� fragte Hurtha.</p><p>�Bitte.�</p><p>�Diese langen Schlangen, Schlangen, Menschenschlangen, sie machen mich m�de, die langen Schlangen, Schlangen, Menschenschlangen.�</p><p>Ich konnte es nicht fassen. Aber ich enthielt mich jeder Bemerkung.</p><p>�Ich mag sie nicht, diese Schlangen, Schlangen, Menschenschlangen, diese langen Schlangen.�</p><p>�Das war�s?� fragte ich.</p><p>�Das ist die erste Strophe�, erkl�rte Hurtha. �Au�erdem sch�pfe ich Atem.�</p><p>�Hattest du nicht gesagt, es sei ein kurzes Gedicht?�</p><p>�Du brauchst es dir nicht anzuh�ren, wenn du nicht willst. Ich kann es auch Boabissia vortragen.�</p><p>�Nein, nein. Ich war nur der Meinung, du h�ttest gesagt, es sei ein kurzes Werk.�</p><p>�Das war es auch�, sagte er. �Aber seitdem habe ich es verl�ngert. H�ltst du das Thema etwa keiner tiefsch�rfenden Behandlung f�r wert?�</p><p>�Doch, doch.�</p><p>Alles r�ckte ein paar Schritte vor.</p><p>�Gef�llt es dir nicht?�</p><p>�Es ist ausgezeichnet�, erwiderte ich. �Ich bin mir blo� nicht sicher, ob es das Niveau deiner anderen Werke erreicht.�</p><p>�Was ist denn schlecht daran?�</p><p>�Es erscheint mir etwas zu lang zu sein�, gab ich zu bedenken. �Au�erdem ist es etwas eint�nig.�</p><p>�Eint�nig?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Genau.� Zum Beispiel das Wort �Schlangen�. Philebus, der Weinh�ndler aus Torcodino, trat einen Schritt vor. Hurtha brach in Gel�chter aus und ri� mich mit Tr�nen in den Augen an die Brust. Ich bem�hte mich, den angeblichen Philebus nicht aus dem Blickfeld zu verlieren, damit er sich die Gelegenheit nicht zunutze machte und die Flucht ergriff.</p><p>�Mein armer, teurer Freund!� rief Hurtha. �Was hast du doch f�r ein schlichtes Gem�t! Wie wenig du doch von der Dichtkunst verstehst! Dieses Gedicht ist nat�rlich absichtlich so lang, die L�nge erweckt die den Versen innewohnende Allegorie der Langwierigkeit zum Leben und bringt die vernichtende Langeweile des b�rokratischen Angriffs auf den Geist und die Sinne eines Mannes zum Ausdruck, und zwar auf unzweifelhafte Weise, die du in ihrer Tragweite vielleicht noch nicht ganz begriffen hast.�</p><p>�Aha�, machte ich.</p><p>�Au�erdem ist die wiederholte Betonung des Wortes �Schlangen� auf �hnliche Weise bei�end und hintergr�ndig, ein Wort, das auf einer Ebene, zu der du � wie ich hoffe � noch Zugang finden wirst, das Konzept der Schlange einerseits mit Nachdruck verdeutlicht und die gef�hlsm��ige Bedeutung hervorhebt. Dieser Begriff, dieses unausweichliche Sinnbild der heimt�ckischen b�rokratischen Krankheit, gewinnt dabei eine beinahe erhabene Symbolik.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Darf ich nun fortfahren?�</p><p>�Bitte.� Hurthas Ausf�hrungen hatten mich so tief beeindruckt, da� sich Philebus unbemerkt h�tte davonmachen k�nnen, aber als ich nachsah, stand er noch immer an seinem Platz. Anscheinend wollte er seinen Platz in der Schlange nicht verlieren. Ich kam zu dem Schlu�, da� ich � der ich nun einmal ein einfacher Soldat und dem Kriegerhandwerk ergeben war � in Zukunft lieber darauf verzichtete, Dichter und ihre Kunst zu beurteilen. Dichtkunst war gef�hrlich und gewichtig. Einen fl�chtigen Augenblick lang beneidete ich Hurtha. Er war Krieger <emphasis>und</emphasis> Poet.</p><p>Dann erfreute uns der Alar mit seinem Gedicht, das in der Tat etwas von der Unergr�ndlichkeit und der Schwerf�lligkeit der Institution hatte, die seine Inspiration gewesen war. Ich lauschte and�chtig und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf den angeblichen Philebus. Boabissia schien von Hurthas Worten v�llig verzaubert zu sein, wie ich mit einer Mischung aus Skepsis und Neid bemerkte. Feiqa mied meinen Blick. Philebus schien sich gelegentlich ohne R�cksicht auf seinen Platz in der Schlange aus unserer N�he entfernen zu wollen, vor allem wenn Hurtha zu einem oft wiederholten aufr�ttelnden Refrain kam, aber das verhinderte meine Hand an seinem Kragen. Ich verzichte darauf, Hurthas Gedicht in seiner ganzen L�nge wiederzugeben, da ich der Meinung bin, seine k�nstlerischen Neigung ausreichend dargestellt zu haben. M�glicherweise w�rde ich ihm auch nicht gerecht werden. Werke der Dichtkunst sollte man h�ren, nicht lesen. Zumindest die meisten von ihnen. Sie sind f�r das Ohr bestimmt, nicht f�r das Auge. Und das blo�e Lesen kann einem kaum den Eindruck vermitteln, den der Vortrag hat, besonders wenn es sich bei dem Vortragenden um Hurtha handelt.</p><p>Endlich standen wir vor der Stra�ensperre. �Geh�rst du zu den Taurentianern?� sprach ich einen Soldaten mit purpurfarbenem Helm an.</p><p>Er antwortete nicht.</p><p>�F�r Taurentianer seid ihr aber weit von Ar entfernt�, f�gte ich hinzu. Es war noch mindestens ein voller Tag bis nach Ar. Ich sah wenig Sinn darin, da� die Taurentianer, die ja angeblich die Palastwache stellen sollten � sie patrouillieren auch gewisse Stadtteile �, so weit von der Stadt entfernt waren, ganz besonders in diesen schwierigen Zeiten.</p><p>Er lie� mich einfach stehen, ohne ein Wort.</p><p>�Ein m�rrischer Kerl�, bemerkte Hurtha leicht verstimmt.</p><p>Wir waren nur noch wenige Meter von der Kontrolle entfernt. Rechts neben uns ragte am Stra�enrand der Pfahl in die H�he, den wir von der Kutsche aus gesehen hatten. Er besa� einen Durchmesser von etwa f�nfzehn Zentimetern. Der aufgespie�te Tote war von kleiner Statur; die Spitze war mit gro�er Gewalt durch seine Brust getrieben worden. Ich sah einige freiliegende Rippen. Seine Gliedma�en baumelten herunter. Der Pfahl war blutverschmiert. Ein paar festgenagelte Bl�tter flatterten im Wind.</p><p>�Wartet!� bat ich.</p><p>�Was ist denn?� wollte Boabissia wissen.</p><p>�Den Burschen kennen wir doch, oder?� fragte ich und sah mir den Toten genauer an.</p><p>Boabissia wandte angeekelt den Blick ab. Feiqa hielt krampfhaft den Kopf gesenkt.</p><p>�Er kommt mir bekannt vor�, gab Hurtha zu.</p><p>�Er sollte uns auch bekannt vorkommen�, meinte ich. �Er hat zusammen mit uns Torcodino verlassen. Er war einige Tage lang unser Reisegef�hrte.�</p><p>Ich sah zu dem baumelnden Kopf hinauf. Der Mund war aufgerissen, ich sah Gaumen und Z�hne. Von den Mundwinkeln hingen Schnurrbarthaare herab wie zwei St�cke Schnur.</p><p>�Also haben sie ihn endlich erwischt�, sagte ein Mann, der vor uns in der Schlange stand.</p><p>�Genau�, sagte der Reisende, der hinter Feiqa stand.</p><p>�Kennt ihr ihn?� fragte ich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte der Reisende. �Jeder aus Torcodino kennt ihn.�</p><p>�Halt mir den Platz frei!� bat ich Hurtha.</p><p>�Den wird niemand einnehmen�, versprach der Alar, r�ckte die auf der Schulter ruhende Axt zurecht und blickte sich fr�hlich um.</p><p>Ich trat zu dem Pfahl am Stra�enrand und sah mir die festgenagelten Seiten an. Der Wind hatte sie teilweise zerrissen; wo das Blut hinabgelaufen war, waren sie blutverschmiert.</p><p>�Was tust du da?� fragte ein Taurentianer.</p><p>�Was hat er verbrochen?�</p><p>�Er trug falsche Papiere bei sich�, antwortete der Soldat, �kehr zu deinen Platz zur�ck.�</p><p>Ich gehorchte. �Kennst du den Kerl?� fragte ich Philebus, den Weinh�ndler, mit dem ich so grob umgesprungen war.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er.</p><p>�Er hat dich als Ephialtes aus Torcodino bezeichnet.�</p><p>�Ich bin aber Philebus aus Torcodino�, erkl�rte er.</p><p>�Und wer ist er?�</p><p>�Das ist dein Mann. Das ist Ephialtes.�</p><p>�Es tut mir leid, wie ich dich behandelt habe.�</p><p>�Meine blauen Flecke freuen sich, das zu h�ren.�</p><p>�Es tut mir wirklich leid�, erwiderte ich. �Ich hoffe, ich habe deine Gef�hle nicht verletzt.�</p><p>�Meinen Gef�hlen fehlt nichts. Nur mein K�rper hat Schaden genommen. Er ist es, der Schmerzen leidet.�</p><p>�Wie gesagt, es tut mir von ganzem Herzen leid�, versicherte ich.</p><p>�Es k�nnte viel schlimmer sein�, sagte Philebus. �Stell dir vor, wieviel mehr leid es dir jetzt t�te, h�ttest du mir das Genick gebrochen.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Hurtha. �Man mu� f�r vieles dankbar sein.�</p><p>�Was waren das f�r Papiere?� fragte Boabissia.</p><p>�Das erz�hle ich dir sp�ter.�</p><p>�Der n�chste!� rief der Taurentianer am Durchgang Philebus zu. �Was willst du in Ar?�</p><p>�Ich bin Weinh�ndler. Man hat mich aus Torcodino vertrieben. Ich habe in Ar Verwandte und will bei meiner Kaste um Asyl nachsuchen.�</p><p>�Kannst du dich ausweisen?� fragte der Soldat.</p><p>�Ich habe Dokumente, die meine Kastenzugeh�rigkeit beweisen�, sagte er und kramte Papiere aus dem Rucksack.</p><p>Der Taurentianer schrieb eine Notiz auf die R�ckseite und winkte ihn durch.</p><p>�Ich hei�e Tarl�, sagte ich und trat vor. �Ich komme aus Port Kar, einer Stadt, die neutral zu Ar steht. Mein Freund hier ist Hurtha, ein Alar. Die freie Frau ist Boabissia, ebenfalls aus dem Lager der Alar. Die h�bsche Schlampe, die mein Gep�ck tr�gt, geh�rt mir. Wir haben in Ar verschiedenes zu erledigen. Nicht zuletzt wollen wir dort unser Gl�ck machen.�</p><p>�Kannst du dich ausweisen?� fragte der Soldat.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du hast keine Papiere?�</p><p>�Nein. Wir haben keine wie auch immer gearteten Dokumente dabei.�</p><p>Der Taurentianer musterte mich einen Augenblick lang, dann winkte er uns durch. Boabissia zitterte am ganzen Leib. Ein par Ehn sp�ter sa�en wir wieder in der offenen �berlandkutsche und fuhren in Richtung Ar.</p><p>Als wir die Stra�ensperre hinter uns lie�en, blickte ich zur�ck. Noch immer warteten Leute in der Schlange, weitere Kutschen fuhren heran. Die verkr�mmte Leiche von Ephialtes aus Torcodino hing auf dem Pfahl, die angenagelten Passierscheine flatterten im Wind. Ich war ein Narr gewesen. Es war Ephialtes gewesen, der geschickt die Aufmerksamkeit von sich auf einen unschuldigen Weinh�ndler gelenkt hatte. Auf gewisse Weise mu�te ich ihn bewundern. Vieles ergab nun einen Sinn. Seine direkte Frage nach Wertsachen hatte mich wider Willen dazu gebracht, ihr Versteck preiszugeben, indem ich unwillk�rlich nach der Schwertscheide tastete. Dann hatte er mit gro�em Geschick die Passierscheine aus der Scheide gestohlen und hinterher sogar die Klinge wieder zur�ckgesteckt. H�tte ich nicht wie gew�hnlich jeden Morgen das Schwert �berpr�ft, w�re mir ihr Fehlen vor Erreichen der Stra�ensperre gar nicht aufgefallen. Die ein St�ck tiefer versteckten Briefe an Gnieus Lelius, den Regenten von Ar, und Seremides, den Hohen General, hatte der Dieb �bersehen. Doch nun hatte ich gemischte Gef�hle, was sie anging. Ich war jetzt mehr denn je von ihrer Wichtigkeit �berzeugt, doch das galt auch f�r die Gefahr, die ihr Besitz mit sich brachte.</p><p>Die Taurentianer waren weit weg von Ar. Ich hatte den Verdacht, da� m�chtige Leute ihnen den Auftrag gegeben hatten, Reisende und Fl�chtlinge zu kontrollieren und diejenigen herauszusuchen, die ihren Zielen feindlich gegen�berstanden. Nun wu�te ich, aus welchen Gr�nden es die anderen Kuriere vermutlich nicht geschafft hatten, mit dem Regenten Kontakt aufzunehmen. Ohne jeden Zweifel hatte man Ephialtes wegen des Besitzes der Passierscheine irrt�mlich f�r einen Agenten Dietrich von Tarnburgs gehalten. Ich erschauderte. Ich hatte Gl�ck gehabt, da� der Dieb und nicht ich die Dokumente an der Stra�ensperre vorgezeigt hatte. Vermutlich w�re ich der Aufforderung des Offiziers gefolgt und h�tte sie ihm �berreicht. Und wenn nicht hier, dann an anderer Stelle.</p><p>Ich l�chelte bitter. Passierscheine, von wegen! Es waren wohl eher Todesurteile gewesen, die jeden in t�dliche Gefahr brachten, der so mutig oder dumm war, sie mit sich zu f�hren. Ephialtes� Leiche verschwand in der Ferne. Er hatte Schutz stehlen wollen, doch nur Tod bekommen. Wie ein winziges Insekt hatte er sich in einem dunklen und schrecklichen Netz verfangen, dessen Existenz er nicht einmal erahnt hatte.</p><p>�Was waren das f�r Papiere, die man an den Pfahl genagelt hat?� fragte Boabissia.</p><p>�Unsere Passierscheine�, antwortete ich und drehte mich um. �Morgen fr�h sind wir in Ar. Vielleicht kannst du vom Nachtlager aus schon die Lichter sehen.�</p><p>�Ist Ar eine gro�e Stadt?�</p><p>�Ja�, sagte ich. �Das ist eine gro�e Stadt.�</p></section><section><title><p>19</p></title><p>�Wenn wir �ber den H�gel sind, k�nnt ihr Ar sehen!� rief der Kutscher.</p><p>Boabissia stand von der Sitzbank auf und trat an die Querstange des Passagierabteils. Sie umklammerte sie mit beiden H�nden.</p><p>�Weg da, beiseite!� schrie der Kutscher Reisenden zu, die die Stra�e blockierten.</p><p>Die Sonne schien auf unserer linken Seite. Der Berg war steil. Einige Kutschen erklommen die Steigung. Niemand hielt auf dieser Seite an, sondern nur auf der anderen, wo man in Ruhe die Stadt sehen konnte.</p><p>Eine Frau mit einem B�ndel auf dem R�cken geriet ins Stolpern, fa�te wieder Tritt und eilte am Stra�enrand entlang. Mehr als nur einer der Passagiere erhob sich von seinem Platz. Der Kutscher hielt auf dem H�gelkamm an. Der Anblick Ars war mir nicht neu. Er w�rde mich weniger bewegen als andere, die ihn das erste Mal genossen.</p><p>�Unglaublich!� sagte ein Mann.</p><p>�Wunderbar!� fl�sterte ein anderer.</p><p>Ihre kindliche Begeisterung brachte mich zum L�cheln. Dann stand auch ich auf. Vier oder f�nf Pasang vor uns erhoben sich die funkelnden Mauern des pr�chtigen Ar.</p><p>�Ich wu�te gar nicht, wie gro� diese Stadt ist�, sagte jemand.</p><p>�Da ist der Zentralzylinder!� rief ein anderer Reisender und streckte den Arm aus.</p><p>In der Ferne erstreckten sich die Stadtmauern, die es auf eine H�he von hundert oder mehr Metern brachten. Sie waren nun wei�. Der neue Anstrich konnte nur aus der Zeit nach der Herrschaft Cernus� des Thronr�ubers und der nachfolgenden Wiedereinsetzung Marlenus�, des Ubars aller Ubars, stammen. Sie anzusehen, fiel schwer, denn das Sonnenlicht verlieh ihr einen grellen Schein. Man sah das gro�e Tor und die Viktel Aria, die zu ihm hinf�hrende Hauptstra�e. Bald w�rden auch wir auf ihr fahren. Innerhalb der m�chtigen funkelnden Mauern erhoben sich Tausende von Geb�uden und ein wahrhafter Wald aufstrebender T�rme unterschiedlicher H�hen und Farben. Wie ich wu�te, wurden viele dieser T�rme auf verschiedenen Ebenen durch ein Netzwerk erhabener Br�cken miteinander verbunden. Aus dieser Entfernung erkannte man sie jedoch mit Ausnahme eines gelegentlichen Funkeins kaum.</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich je so etwas Sch�nes gesehen habe�, sagte ein Mann.</p><p>Wir sahen auf die wohl gro�artigste Stadt des bekannten Gor.</p><p>�Ich h�tte nie gedacht, da� Ar so aussieht!� murmelte ein anderer der Passagiere.</p><p>Ich erinnerte mich an das Gro�e Tor. Ich erinnerte mich an die Horde des Pa-Kur. Ich hatte nichts vergessen: das Haus des Cernus, das Stadion der Tarns, den gro�en Tarn mit dem Namen Ubar des Himmels, die sich befehdenden Fraktionen und das Stadion der Klingen mit seinem blutigem Sand. Genausowenig wie ich die Stra�en, die B�der, die L�den, die edlen breiten Stra�en mit ihren Springbrunnen oder die gewundenen schmalen Gassen der unteren Distrikte vergessen hatte, die � vom Sonnenlicht abgeschirmt � kaum breiter als ein dunkler Korridor waren.</p><p>�Das ist unglaublich!�</p><p>Ich blickte auf die Stadt nieder. An solchen Orten treffen die elementaren Bestandteile zusammen, die die Welt ausmachen. Hier gab es Armut und Reichtum; hier fand man seltene, kostbare Nischen der Kultur, die erstaunlichen, bewegenden Freuden der Kunst und Musik, die Wahrheiten des Theaters und der Literatur. Hier erhoben sich die Wahrzeichen der Architektur, die die Bedeutung des Menschen verk�ndeten; Symbole, die an Gebirge erinnerten und doch von Hand gefertigt waren. Hier fand man Eisen und Silber, Gold und Stahl, die St�hle der Finanzwelt und die Thronsessel der Macht. Ich betrachtete die funkelnde Stadt. Wie verbl�ffend sie mir doch erschien! Solche Orte wirkten wie Magneten auf den Menschen, sie riefen ihn wie wundersch�ne Sirenen, sie lockten ihn in ihre au�ergew�hnlichen Wunder hinein, verhexten ihn mit Versprechen, die oftmals auf tr�gerische Weise ins Ohr gefl�stert wurden. Sie waren die Symbole ganzer Rassen. Hier suchte man das Gl�ck, gewann ganze Verm�gen und verlor sie wieder; hier gab es Menschenmengen und Einsamkeit; der Erfolg schritt auf derselben Stra�e wie das Scheitern; auf ihren Pl�tzen dr�ngelten sich Hoffnung neben Verzweiflung, und Bedeutung a� an derselben Tafel wie Sinnlosigkeit. An solchen Orten fand man das Beste und das Schlimmste, zu dem der Mensch f�hig ist, hier kamen seine Vergangenheit und seine Zukunft, sein Schmerz und sein Vergn�gen, seine Dunkelheit und sein Licht an einem Brennpunkt zusammen.</p><p>�Getr�nke, kalte Getr�nke!� rief eine Frau, die am Stra�enrand einen Stand hatte und auf die Kutsche zukam. Auf der H�gelkuppe hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Es war ein Ort, an dem Kutschen, Fuhrwerke und Reisende h�ufig anhielten. Hier konnte man Geld verdienen. Die Frau schien den Anblick der Stadt nicht wahrzunehmen. Sie hatte ihn schon Tausende von Malen gesehen. Ihr Blick war auf m�gliche Kundschaft gerichtet.</p><p>�M�chtest du etwas zu trinken?� fragte ich Boabissia.</p><p>�Gern�, erwiderte sie.</p><p>Ich kaufte ihr f�r ein Tarskst�ck Larmasaft.</p><p>�Ist er k�hl?�</p><p>�Ja.� Der Morgen war hei�.</p><p>Vermutlich lagerte man den Saft �ber Nacht in Amphoren, die bis zum Rand in die k�hle Erde eingegraben wurden. Nach Gor verschleppte Erdenm�dchen begreifen oft nicht, warum so viele dieser mit zwei Griffen und einem flachen Hals versehenen Beh�lter einen so schmalen zugespitzten Fu� besitzen, da man sie nicht auf diesem Fu� abstellen kann. Sie wissen eben noch nicht, da� diese Beh�lter gar nicht zum aufrechten Stehen konstruiert sind. Man versenkt sie in einem Lagerloch, wo ihr Inhalt k�hl bleibt. Der spitze Fu� bohrt sich in die weiche Erde am Boden des Erdlochs.</p><p>�Brot, Fleisch!� rief ein Mann und trat ebenfalls an die Kutsche heran. Einige von uns bedienten sich. Ich kaufte ein paar St�cke Sa-Tarna-Brot und Streifen getrocknetes Tarskfleisch, a� davon und gab den Rest an Boabissia und Hurtha weiter. Dann begab ich mich an das Kutschenende und gab Feiqa etwas zu essen. Allerdings erlaubte ich ihr nicht, die Speisen in die Hand zu nehmen, sondern reichte sie zwischen den dicken Holzst�ben hindurch, hinter denen sie beim Gep�ck kniete, und f�tterte sie. �Danke, Herr�, sagte sie.</p><p>Ich ging zur�ck. Einige der Passagiere waren ausgestiegen.</p><p>Ich sah wieder zu den stolzen Mauern des pr�chtigen Ar hin�ber, die in der Ferne funkelten.</p><p>�Ich kann es nicht erwarten, mein Erbe einzufordern�, sagte Boabissia.</p><p>Ich nickte und a� auf.</p><p>�Wir wollen weiter!� rief der Kutscher den M�nnern zu, die ausgestiegen waren.</p><p>Ich richtete den Blick auf die Stadt. Von hier aus sah sie wundersch�n aus. Doch ich wu�te, da� irgendwo dort der Verrat lauerte, vielleicht in den dichtbev�lkerten Vierteln, aus denen der Mob wie eine Flutwelle hervorbrechen konnte, oder in den abgeschirmten H�fen und G�rten, wo die edlen Ladies den neusten Klatsch austauschten, w�hrend sie Nektar tranken und mit auserlesenen K�stlichkeiten spielten, die ihnen von Seidensklaven serviert wurden. Vielleicht lauerte er auch in den H�usern oder T�rmen, oder auf den Stra�en oder in den gro�en B�dern. Irgendwo hinter den Mauern warteten die Verr�ter auf die Stunde zum Zuschlagen, wie Schlangen, die zusammengerollt in der Finsternis der Korruption und geheimen Zusammenk�nfte lauerten.</p><p>�Ein sch�ner Anblick�, sagte ein Passagier, der die Kutsche bestieg und sich kurz neben mich stellte.</p><p>�Ja, das ist es�, erwiderte ich.</p><p>Von unserem Standort aus sahen wir weder Schmutz noch Verbrechen, Armut oder Hunger. Wir entdeckten weder Schmerz, Elend oder Habgier. Doch trotz aller dieser Dinge, die die Stadt ihren Einwohnern zuf�gt, ist sie beeindruckend. Wie kostbar mu� sie sein, da� so viele Menschen bereit sind, ihren Preis zu bezahlen. Ich fragte mich, warum das so war, ich, ein Reisender und Soldat, der sich mehr auf den aufgew�hlten Wellen des Meeres und den sturmumtosten Feldern zu Hause f�hlte als auf den Stra�en und Pl�tzen. Vielleicht lag es daran, da� die Stadt voller Leben ist. In ihrer N�he zu sein, von ihrem Leben ber�hrt zu werden, ihre Zylinder als die ihren zu bezeichnen, ist f�r viele bereits Lohn genug.</p><p>Der letzte Passagier stieg ein.</p><p>Ich wandte den Blick nicht von der Stadt. Ja, dachte ich, es ist alles da, die Kultur, die verschlungene Poesie der Bauwerke, die unglaublichen Orte, wo einfache Ziegel, den Kopf hoch �ber den Wolken, zu sprechen und zu singen gelernt haben, was die Vorbeigehenden jedoch kaum verstehen. Hier findet man alles, Schmutz und Verbrechen, Eisen und Silber, Gold und Stahl, Parf�m und Seide. Hier findet man Liebe und Lust, Herrschaft und Unterwerfung, die Besitzenden und jene, die hilfloses Eigentum sind; hier findet man R�nkespiel und Habgier, Ehre und Anstand, gebrochene Versprechen und Verrat; die Starken und die Schwachen. Hier findet man die Festungen des Menschen, m�gen sie auch schmutzig, �berv�lkert und zerbrechlich sein. Sie sind Schl�sser und Kerker, Arenen und Pl�tze zugleich; sie sind die St�dte, sie sind die Zitadellen der Zivilisation.</p><p>Der Kutscher zog an den Z�geln und trieb seinen Tharlarion an.</p><p>Ich kehrte zu meinem Sitzplatz zur�ck.</p><p>�Kennst du Ar?� fragte der Mann, der neben mir sa�.</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann ist dieser Anblick f�r dich nicht neu.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du mu�t mir verzeihen, aber ich fand ihn erstaunlich.�</p><p>�Das geschieht oft beim ersten Mal�, sagte ich.</p><p>Die Kutsche fuhr den H�gel hinunter. Die eisenbeschlagenen schmalen Reifen knirschten auf der Pflasterstra�e. Ich beobachtete, wie die Mauern Ars immer n�her kamen.</p></section><section><title><p>20</p></title><p>�Du kommst aus Torcodino?� fragte der Mann.</p><p>�Ja.�</p><p>�Von deiner Sorte sind Tausende in der Stadt�, sagte er. �Aus Torcodino und anderen St�dten.�</p><p>Das stimmte. Ich hatte Ar noch nie so voller Menschen gesehen.</p><p>�Wir brauchen hier nicht noch mehr von euch Fl�chtlingen!� keifte eine der Sulsverk�uferinnen auf dem Teibarmarkt.</p><p>�Wir suchen Unterkunft�, sagte ich.</p><p>�Das ist schwierig�, sagte der Mann. �Was soll ich dir sagen?� Er warf Feiqa einen Blick zu, die sofort den Kopf senkte. Sie kniete hinter mir, das Gep�ck noch immer auf dem R�cken. Als wir den freien Mann angesprochen hatten, war sie sofort auf die Knie gegangen, wie es sich geh�rte.</p><p>�Ihr k�nntet es bei den Insula im S�den versuchen, unterhalb des Tarnplazas.�</p><p>Insula waren mehrst�ckige Mietskasernen.</p><p>�Im Anbar-Distrikt?� fragte ich skeptisch.</p><p>�Oder bei den Insula im Metellan-Viertel.�</p><p>�Und was liegt �stlich der Stra�e des Zentralzylinders?�</p><p>�Da w�re noch der Trevelyan-Distrikt.�</p><p>�Das h�rt sich nett an�, sagte Boabissia.</p><p>�Da m��ten wir hoffen, die Nacht lebendig zu �berstehen�, sagte ich.</p><p>�Du kennst die Stadt?� fragte der Mann.</p><p>�Ich bin schon mal hiergewesen.�</p><p>�Ihr seid doch beide kr�ftige Burschen�, meinte er. �Ich bezweifle, da� euch jemand bel�stigen w�rde.�</p><p>�Sollte man uns bel�stigen, haben sie hoffentlich Geld dabei�, sagte Hurtha.</p><p>�Wir haben nicht viel, was sich zu stehlen lohnt�, sagte ich dem Mann.</p><p>�Ihr habt eine freie Frau dabei�, erwiderte er. �An gewissen Orten bringt einem das viel Geld ein.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, sagte Boabissia.</p><p>�Ein tapferes M�dchen�, sagte er.</p><p>�Ich kann auf mich selbst aufpassen.�</p><p>�Nun gut, ihre Dummheit k�nnte den Preis dr�cken.�</p><p>�Ich bin nicht dumm!� rief Boabissia.</p><p>�Verzeih mir�, erwiderte der Mann aus Ar. �Deine Bemerkung hat mich auf den Gedanken gebracht.�</p><p>Boabissia starrte ihn w�tend an.</p><p>Er erwiderte den Blick; es war einer jener Blicke, die eine Frau gegen ihren Willen ausziehen und jede Linie ihres nackten K�rpers begutachten.</p><p>�Sieh mich nicht so an!� fauchte Boabissia. �Ich bin frei!�</p><p>Er dachte gar nicht daran, wegzuschauen. �Du tr�gst keinen Schleier�, stellte er fest.</p><p>�Ich bin eine Alar!�</p><p>�Nein�, sagte Hurtha, �sie ist keine Alar.�</p><p>�Ich habe beim Wagenvolk gelebt.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>Wie bereits erw�hnt, hatte Boabissia nur wenig �hnlichkeit mit einer typischen Alar. Sie schien eher eine der anschmiegsamen, sch�nen Stadtfrauen zu sein, die f�r gew�hnlich auf dem Sklavenmarkt enden.</p><p>�In welchem Distrikt k�nnten wir es versuchen?�</p><p>�Ich habe bereits mehrere vorgeschlagen�, sagte der B�rger.</p><p>�Ar ist eine gro�e Stadt.�</p><p>�Und ihr wollt eine vern�nftige Unterkunft.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und seid bereit, einen Silbertarsk pro �bernachtung zu bezahlen.�</p><p>�Nein.� Das konnten wir uns nicht leisten.</p><p>�Dann werdet ihr kaum etwas finden.�</p><p>�Ich danke dir f�r deine Zeit, B�rger�, sagte ich.</p><p>�Stimmt es, da� in der N�he von Torcodino eine gro�e cosische Streitmacht lagert?� fragte er.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Haben sie die Stadt erobert?�</p><p>�Kann ich mir nicht vorstellen�, antwortete ich.</p><p>�Aber die vielen Fl�chtlinge!�</p><p>�Man hat sie aus der Stadt gewiesen, um die Verteidigung zu erleichtern.�</p><p>�Angeblich soll die Hauptstreitmacht von Cos auf Ar-Station vorr�cken.�</p><p>�Das bezweifle ich.�</p><p>�Aber das erg�be einen Sinn�, meinte der B�rger. �Die Cosianer wollen die Herrschaft �ber den Flu� und sein Einzugsgebiet erringen. Allein darum geht es. Und darum wird ihr Hauptvorsto� auch dort stattfinden. Vermutlich handelt es sich sowieso blo� um einen Raubzug.�</p><p>�Ar ist in Gefahr�, erkl�rte ich.</p><p>�Die w�rden es niemals wagen, sich uns in einer offenen Schlacht zu stellen.�</p><p>�Ar ist sogar in gro�er Gefahr.�</p><p>�Ar ist unbesiegbar�, erwiderte er.</p><p>�Die Hauptstreitmacht von Cos steht in der N�he von Torcodino.�</p><p>�Hier wimmelt es nur so vor Ger�chten. Man wei� nicht, was man glauben soll.�</p><p>�Ich nehme einmal an, da� der Regent, der Hohe Rat und der Generalstab gut unterrichtet sind�, sagte ich.</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Wo ist Marlenus?�</p><p>�In den Voltai�, erwiderte der B�rger. �Auf einer Strafexpedition gegen Treve.� Das hatte ich auch schon geh�rt.</p><p>�Stimmt es eigentlich, da� er schon seit Monaten abwesend ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Kommt dir das nicht seltsam vor?� fragte ich den Mann.</p><p>�Er tut, was er will�, erwiderte er. �Er ist der Ubar.�</p><p>�St�rt es denn hier niemanden, da� er in m�glicherweise gef�hrlichen Zeiten abwesend ist?�</p><p>�G�be es eine echte Gefahr, w�rde er schnell zur�ckkehren�, sagte der B�rger. �Er ist nicht zur�ckgekehrt. Also besteht auch keine echte Gefahr.�</p><p>�Bist du wirklich dieser Meinung?�</p><p>�Ja. Jeder unserer Jungs k�nnte es mit einem Dutzend Cosianern aufnehmen.�</p><p>�Ich bin der Meinung, Marlenus sollte zur�ckkehren. Vielleicht hat man in der Weite der Voltai den Kontakt zu ihm verloren.�</p><p>�Das w�re m�glich�, meinte der B�rger. �Aber die Stadt braucht ihn nicht.�</p><p>�Ist der Ubar denn nicht beliebt?� wollte ich wissen.</p><p>�Er herrscht schon seit langer Zeit �ber Ar�, erkl�rte der Mann. �Vielleicht ist es an der Zeit f�r einen Wechsel.�</p><p>�Denken viele so?�</p><p>�Das h�rt man �berall�, erwiderte er. �In den Tavernen, auf den M�rkten, in den B�dern. Gnieus Lelius ist ein ausgezeichneter Regent. Marlenus ist zu kriegerisch. Die Stadt ist sicher. Wir werden nicht bedroht. Der H�ndel mit Cos interessiert uns nur am Rande.�</p><p>�Will Gnieus Lelius Ubar werden?�</p><p>�Nein. Daf�r ist er zu bescheiden und dem�tig. Die Falten des purpurfarbenen Umhangs und die Last des Ubar-Medallions bedeuten ihm nichts. Er k�mmert sich nur um eine reibungslose Regierung und um Frieden und Wohlstand.�</p><p>�Und du bist davon �berzeugt, da� ihm Ars Wohl am Herzen liegt?�</p><p>�Aber nat�rlich.� Die Antwort beruhigte mich. Falls sich dieser Gnieus Lelius tats�chlich f�r das Wohl Ars einsetzte, mu�te er handeln. Wenn er als Regent Fehler begangen hatte, dann lag das vermutlich an mangelnden Informationen, ungerechtfertigter Zuversicht oder an seiner Einfalt. So etwas findet man oft bei Idealisten, die von sanftem Gem�t, gedankenvoll und voller Vertrauen sind. Von Phrasen, Dichtungen und Tr�umen geblendet, sind sie davon �berzeugt, da� sogar der wilde Larl im Innersten �ber ihre G�te verf�gt. Sie nehmen die Realit�t einfach nicht wahr; wenn sie die Welt beschreiben sollen, w�hlen sie als Metapher eine Blume. Irgendwann entdecken diese Leute dann, da� sie in einer Welt harter Tatsachen leben; sie m�ssen voller Entt�uschung schlie�lich ihre Fehler einsehen, aber dann fahren sie die Ernte ihrer Dummheit ein und m�ssen zusehen, wie ihre Zivilisation untergeht, wie ihre Welt unter den scharfen Klingen der Macht und der Realit�t blutend f�llt! Doch kann das der betroffenen Allgemeinheit ein Trost sein?</p><p>�Was ist mit Seremides, dem General?� fragte ich. �Hat er keine Absichten auf den Thron?�</p><p>�Undenkbar. Er ist so ergeben wie die Steine des Zentralzylinders.�</p><p>�Ich verstehe.� Meine Fragen beruhten nat�rlich nicht nur auf dem offensichtlichen Gedanken, da� der Mantel des Ubars f�r einen starken, ehrgeizigen Mann ein verlockendes Ziel darstellt, sondern vor allem auf der Tatsache, da� sich Ar in einer bedrohlichen Situation befand, ob es ihm nun bekannt war oder nicht. In solchen Zeiten ist es angesichts des Versagens und der Unf�higkeit ziviler Verwaltung schon �fter vorgekommen, da� Soldaten erkennen, was zu tun ist und um des blanken �berlebens willen die Macht ergreifen und versuchen, die n�tige Disziplin und Ordnung durchzusetzen, ohne die die Katastrophe nicht abzuwenden w�re.</p><p>�Aber man erwartet doch sicher nicht, da� die Geschicke Ars auf unabsehbare Zeit von einer Regentschaft bestimmt werden.�</p><p>�Marlenus wird in K�rze zur�ckerwartet�, sagte der B�rger.</p><p>�Und angenommen, er kommt nicht? Was dann?�</p><p>�Da gibt es noch eine andere M�glichkeit�, meinte er. �Sogar eine recht bemerkenswerte.�</p><p>Ich sah ihn fragend an.</p><p>�Eine Ubara.�</p><p>�Eine Ubara?�</p><p>�Die Frau, die Marlenus� Tochter war, bis er sie verstie�. Talena. Hast du je von ihr geh�rt?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Marlenus war sehr unzufrieden mit ihr. Irgendeine Geschichte in den W�ldern des Nordens. Er hat sie aus der Familie versto�en, sie war nicht l�nger seine Tochter. Jahrelang hat sie zur�ckgezogen im Zentralzylinder gelebt. Jetzt, da Marlenus nicht da ist, tr�gt man sie dank der Gro�z�gigkeit von Gnieus Lelius wieder in aller �ffentlichkeit in einer S�nfte durch die Stra�en von Ar.�</p><p>�Das geschieht doch bestimmt nicht in Marlenus� Sinn�, sagte ich.</p><p>Der B�rger zuckte mit den Schultern. �Marlenus ist nicht da.�</p><p>�Wie k�nnte sie Ubara werden?� fragte ich. �Marlenus hat sie versto�en, sie ist nicht l�nger seine Tochter.�</p><p>�Ich bin kein Rechtsgelehrter�, sagte er. �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Aber sie nennt doch bestimmt keinen Heimstein ihr eigen.�</p><p>�Gnieus Lelius hat ihr erlaubt, den Heimstein zu k�ssen. Es war eine �ffentliche Zeremonie. Sie ist wieder B�rgerin von Ar.�</p><p>�Gnieus Lelius scheint ein gro�z�giger, ehrenhafter Bursche zu sein.�</p><p>�Er ist ein Patron der K�nste�, sagte der B�rger. �Er hat Parks und Museen gestiftet. Auf diese Weise hat er die Eliten f�r sich gewonnen. Meine Stimme hat er, weil er verschiedenen Klassen ihre Schulden erlie�. Das hat meine finanziellen B�rden betr�chtlich erleichtert. Die unteren Kasten lieben ihn, weil er auf eigene Kosten Brot und Paga verteilen l��t und Spiele und Rennen finanziert. Au�erdem hat er neue Feiertage eingef�hrt. Er hat das Leben in Ar angenehmer und leichter gemacht. Das Volk ist gr��tenteils auf seiner Seite.�</p><p>�Bist du davon �berzeugt, da� ihm das Wohl von Ar am Herzen liegt?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ist es schwer, ihm einen Besuch abzustatten?�</p><p>�Man geht nicht einfach zum Zentralzylinder und klopft an seine T�r�, antwortete er.</p><p>�Das kann ich mir auch nicht vorstellen.�</p><p>�Aber Gnieus Lelius hat es sich zur Aufgabe gemacht, f�r das Volk erreichbar zu sein. Das ist einer der Gr�nde, warum er so beliebt ist.�</p><p>�Also werden B�rger zum Regenten vorgelassen und k�nnen ihn nicht nur aus der Ferne sehen, bei offiziellen Spielen oder Prozessionen?�</p><p>�Aber nat�rlich.�</p><p>Das h�rte ich gern. Ich hatte eilige Briefe f�r Gnieus Lelius und Seremides. Irgendwie mu�te es mir gelingen, sie ihnen auszuh�ndigen. Ich hatte bef�rchtet, dies k�nnte mit gro�en Schwierigkeiten verbunden sein; ich wollte diese Briefe auf keinen Fall irgendwelchen Untergebenen �berlassen. Wem konnte man schon vertrauen? Davon abgesehen versp�rte ich keine Lust, mir den Weg durch die Korridore des Zentralzylinders freizuk�mpfen, nur um eine Privataudienz zu erringen.</p><p>�Man kann also tats�chlich mit ihm sprechen?� vergewisserte ich mich.</p><p>�Aber sicher.�</p><p>�Wann findet die n�chste �ffentliche Audienz statt?�</p><p>�In zwei Tagen.�</p><p>�Ist da Gerichtstag?�</p><p>�Viel besser�, sagte der B�rger. �Das ist einer der neuen Feiertage, der Tag der Gro�z�gigkeit und der Bittsteller. Die Audienzen finden in der N�he des Zentralzylinders statt, auf der Stra�e des Zentralzylinders.�</p><p>�Ich danke dir�, sagte ich.</p><p>�Willst du ihn denn sprechen?�</p><p>�Es k�nnte mich reizen, einen Blick auf ihn zu werfen.�</p><p>�Er ist ein charmanter Mann.�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt.�</p><p>�Viele unbedeutende Bitten werden erf�llt�, fuhr er fort. �Und auch einige der gr��eren. Bei den schwierigen F�llen h�ngt es nat�rlich von der Rechtm��igkeit der Bitte ab.�</p><p>�Das ist verst�ndlich.�</p><p>�Die Bittsteller m�ssen sich am Seil einfinden.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Der Regent kann nat�rlich nicht jedem eine Audienz gew�hren. Diejenigen, denen der Zutritt gew�hrt wurde, tragen das Gnieus Lelius-Gro�z�gigkeitsband, das um ihre Taille geschlungen ist und dann an dem Seil, das zum Thronpodest f�hrt, festgebunden wird. Nun ja, eigentlich ist es kein Seil, sondern eine Samtkordel. Das hilft, die Reihe gerade zu halten. Au�erdem hat man so die Zahl der Bittsteller unter Kontrolle, da dies alles unter freiem Himmel geschieht.�</p><p>�Ich verstehe. Und wie bekommt man einen Platz am Seil?�</p><p>�Das ist manchmal eine h��liche Angelegenheit.�</p><p>�Sch�n!� rief Hurtha erfreut.</p><p>�Vermutlich sollte man fr�h da sein�, sagte ich.</p><p>�Manche Leute sind bereits zur vierzehnten Ahn des Vortags da.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich. �Nochmals vielen Dank, B�rger.�</p><p>�Du k�nntest es in Ludmillas Freudenhausgasse versuchen. Es liegt hinter der Stra�e von Turia.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das Haus, das ich euch empfehle.�</p><p>�Ach so, ja richtig.�</p><p>�Wei�t du, wo das ist?�</p><p>�Ich kenne die Stra�e von Turia, danke.� Der Name leitete sich von der Stadt in der s�dlichen Hemisph�re ab und ist zweifellos eine freundliche Geste von seiten Ars. Die Stra�enseiten werden passenderweise von stattlichen Tur-B�umen ges�umt. Es ist eine breite Allee mit Springbrunnen. Sie ist bekannt f�r ihre eleganten L�den.</p><p>�Es ist in der N�he der Stra�e der Brandzeichen.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Nochmals vielen Dank. Wir versuchen es dort.�</p><p>�Ich w�nsche dir alles Gute.�</p><p>�Ich w�nsche dir ebenfalls alles Gute.�</p><p>Er drehte sich um und ging. Die Frau, die in der N�he auf einer Wolldecke vor ihrem Korb Suls sa�, sah auf. �Wollt ihr Suls?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann verschwindet.�</p><p>�Kommt�, sagte ich zu meinen Gef�hrten. Ich f�hrte sie auf der Venaticus in �stliche Richtung, bis wir zur Stra�e des Zentralzylinders kamen. Eigentlich wollte ich auf der Allee nach S�den gehen, bis wir zur Stra�e der Wagen k�men. Es gibt in Ar mehrere Stra�en der Wagen, aber jene, die ich im Sinn hatte und die zur Stra�e der Brandeisen f�hrte, wurde allgemein Stra�e der Wagen genannt. Stra�en mit diesem Namen verlaufen gew�hnlich von Osten nach Westen; ich glaube, man nennt sie so, weil sie tags�ber f�r den Wagenverkehr ge�ffnet und breit genug sind, da� zwei Fuhrwerke oder Kutschen aneinander vorbeifahren k�nnen. Viele Stra�en Ars sind so schmal, da� der Wagenverkehr am Tag eingeschr�nkt ist. Bei den Alleen und Prachtstra�en ist das nat�rlich anders, denn sie sind in der Regel erheblich breiter. �brigens kommen viele M�dchen �ber die Stra�e der Wagen nach Ar, obwohl sie nur wenig von der Umgebung sehen, da sie an den Zentralbalken der blaugelben Sklavenwagen gekettet sind. Die Nummern auf den Anh�ngern an ihren Sklavenkragen sorgen daf�r, da� man sie bei dem richtigen Haus auf der Stra�e der Brandeisen abliefert.</p><p>�Wie sch�n!� rief Boabissia aus.</p><p>�Die Stra�e des Zentralzylinders�, sagte ich. �Sie ist wirklich sch�n. Hier entlang.�</p><p>�Ich bin durstig�, sagte Hurtha und ging auf einen der vielen Springbrunnen zu. Wir schlossen uns ihm an.</p><p>Hurtha lehnte seine Axt gegen den Brunnen, tauchte den Kopf ins Wasser und kam prustend wieder hoch. Er sch�pfte eine Handvoll Wasser und spritzte es sich ins Gesicht, dann trank er. Ich bediente mich ebenfalls. Boabissia trank geziert auch einen Schluck. Offenbar hatte sie in unserer Gesellschaft etwas von ihrer Weiblichkeit entdeckt. Zumindest verzichtete sie auf die peinlichen und l�cherlichen Versuche, das Benehmen eines Alar-Kriegers nachzuahmen.</p><p>Sie richtete sich wieder auf. �Da kommt eine S�nfte, die von Soldaten eskortiert wird�, sagte sie.</p><p>Ein paar Leute versammelten sich, um zuzusehen, doch sie achteten darauf, den Soldaten und der S�nfte genug Platz zu lassen. Die Seidenvorh�nge waren zugezogen. Lange Stangen hielten die S�nfte zwischen den beiden Tharlarion, die sie trugen. Die Gruppe bewegte sich auf den Zentralzylinder zu. Die Soldaten waren Taurentianer.</p><p>�Ist das eine Frauens�nfte?� fragte Boabissia.</p><p>�Ja�, antwortete ich.</p><p>�Es sind doch die Palastwachen, oder?� wollte Hurtha wissen.</p><p>�Vermutlich�, sagte ich. �Auf jeden Fall geh�ren sie zur selben Sorte wie die Palastwachen. Sie hei�en Taurentianer.�</p><p>�Sie machen einen t�chtigen Eindruck.�</p><p>�Das sind sie auch, verla� dich drauf.� Die Blicke der Soldaten ruhten vorwiegend auf der Menschenmenge. Es bestand wenig Zweifel, da� solche M�nner eine t�chtige Wache bildeten. Nun wurde die S�nfte nicht von Sklaven, sondern von Tharlarion transportiert, wof�r es mehrere Gr�nde geben konnte. Da war die einfache Zurschaustellung von Reichtum, da gute Tharlarion meistens teurer als Sklaven sind. Aber vielleicht sch�tzte man die Passagierin als zu kostbar ein, um sie der N�he von Tr�gersklaven auszusetzen. Schlie�lich waren es M�nner. Vielleicht hielt man sie auch einfach f�r zu sch�n, um sie den H�nden von Sklaven zu �berlassen. Konnte nicht immer etwas geschehen, wenn die Sch�nheit die S�nfte voller Anmut bestieg oder sie verlie�? Eine sorglose Bewegung des Schleiers, die ein St�ck Hals enth�llte, das unwillk�rliche Anheben des Gewands der Verh�llung, das den M�nnern einen fl�chtigen Blick auf ein nacktes Fu�gelenk erlaubte?</p><p>�Wessen S�nfte ist das?� fragte ich einen Passanten.</p><p>�Wei�t du das nicht?�</p><p>�Nein. Wir sind erst heute in Ar eingetroffen.�</p><p>�Aus Torcodino?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das ist die S�nfte der Frau, die vielleicht die Ubara von Ar wird.�</p><p>�Talena�, sagte ein anderer Mann.</p><p>�Was ist?� fragte Boabissia.</p><p>�Nichts�, erwiderte ich und sah der S�nfte hinterher. �Wie kann diese Talena die Ubara von Ar werden? Soviel ich wei�, hat Marlenus sie doch versto�en.�</p><p>�Man kann ihr einen rechtm��igen Anspruch auf die Thronfolge besorgen�, sagte der Passant. �Dar�ber wurde diskutiert.�</p><p>�Aber doch nicht als Angeh�rige von Marlenus� Geschlecht.�</p><p>�Nein, das nicht. Aber man mu� nicht zu Marlenus� Linie geh�ren, um in Ar zu herrschen. Minus Tentius Hinrabius und Cernus haben beide Ar beherrscht, und keiner entstammte seiner Linie.�</p><p>�Das ist wahr�, sagte ich.</p><p>�Sie ist eine freie B�rgerin�, erkl�rte der Mann. �Also k�nnte man ihr den Anspruch verleihen.�</p><p>�Warum denn nicht Gnieus Lelius oder Seremides?�</p><p>�Erfreulicherweise ist keiner von beiden ehrgeizig.�</p><p>�Aber warum gerade sie?� wollte ich wissen. �Warum nicht irgend jemand anders?�</p><p>�Sie geh�rte einst zur k�niglichen Familie. Sie war die Tochter des Marlenus.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich und drehte mich wieder zur S�nfte um, konnte sie aber nicht mehr sehen.</p><p>�In welche Richtung m�ssen wir?� fragte Hurtha.</p><p>�Dort entlang.� Wir konnten auf der Stra�e des Zentralzylinders nach S�den gehen, etwa vier oder f�nf Pasang, nach links auf die Stra�e der Wagen abbiegen und dort bis zur Stra�e von Turia bleiben. Irgendwo in der N�he befand sich Ludmillas Freudenhausgasse. Auf der Stra�e von Turia w�rde ich noch einmal nach der Richtung fragen m�ssen, bezweifelte aber keinen Augenblick lang, da� wir das Viertel schnell finden w�rden.</p><p>�Wie hei�t die Stra�e?� fragte Boabissia.</p><p>�Ludmillas Freudenhausgasse.�</p><p>�Der Name gef�llt mir nicht�, sagte Boabissia.</p><p>�Ich finde nicht, da� es schlecht klingt�, sagte ich.</p><p>�Allerdings nicht�, meinte Hurtha.</p></section><section><title><p>21</p></title><p>�Hier stinkt es ja schrecklich�, beschwerte sich Boabissia.</p><p>��bergib dich nicht�, sagte ich. �Du wirst dich schon daran gew�hnen.�</p><p>�Ich sage ihnen immer wieder, sie sollen den Deckel drauf legen�, murrte der Vermieter und hielt die kleine Lampe ein St�ck h�her. �Aber er ist nat�rlich schwer, und so bleibt er oft ein St�ck ge�ffnet.� Mit einem knirschenden Ger�usch schob er den schweren Terrakottadeckel auf dem gro�en Bottich zurecht. Er stand am Fu� der Treppe, wo man die Nachtgeschirre in den Bottich entleeren konnte. Diese Bottiche werden ein- oder zweimal pro Woche ausgetauscht; man l�dt sie auf Wagen und bringt sie aus der Stadt, wo sie in eine der Carnarii, der Abfallgruben, geleert werden. Man sp�lt sie aus, und der Kunde erh�lt sie wieder zur�ck, wenn es soweit ist. Es gibt mehrere Gesellschaften, die auf diesem Gebiet t�tig sind. Die Arbeit selbst wird von Sklaven verrichtet, die dabei von freien M�nnern �berwacht werden.</p><p>�Folgt mir�, sagte der Vermieter und stieg die Treppe hinauf. Sein Name war Achiates.</p><p>Ich machte den Anfang, dann kamen meine Gef�hrten. Feiqa bildete den Abschlu�. Die Treppe war so schmal, da� zwei Leute kaum nebeneinander gehen konnten. Dadurch war sie leicht zu verteidigen. Au�erdem war sie steil. Das war gut. Sie hatte keine offenen Seiten, sondern verlief zwischen zwei W�nden. Das sparte Platz und sorgte f�r zus�tzliche Zimmer. In einem engen Insula ist Platz etwas Kostbares. Die Treppenstufen waren schmal. Das war nicht so gut, es sei denn, man hielt sich auf einem Treppenabsatz auf. Dort w�rde man sich dann zur Verteidigung aufstellen. Die Stufen waren alt, einige schon lose. Ein kurzes St�ck gingen wir im Licht der engen Vorhalle, das durch die Jalousien des Eingangstors drang, aber dann waren wir auf die Lampe des Vermieters angewiesen. In ihrem Schein entstanden seltsame Schatten.</p><p>�Ich kann diesen Gestank nicht ertragen�, klagte Boabissia.</p><p>�Das Zimmer kostet ein Tarskst�ck die Nacht�, erkl�rte Achiates. �Nehmt es oder la�t es bleiben. Ihr habt Gl�ck, da� �berhaupt noch eins frei ist. Es herrschen gesch�ftige Tage in Ar.�</p><p>�Wir h�tten eine bessere Unterkunft haben k�nnen, wenn es da nicht gewisse Schwierigkeiten gegeben h�tte�, murmelte Boabissia gereizt.</p><p>Das war durchaus m�glich, obwohl ich mich da nicht festlegen wollte. Einige der Insula, die wir uns angesehen hatten, erlaubten keine Sklaven auf dem Zimmer. Andere wiederum hatten ihre Gehege im Keller oder auf dem Hof. Ich wollte Feiqa jedoch bei uns haben. Sie war h�bsch. Ich wollte nicht, da� man sie mir stahl.</p><p>�Das Insula von Achiates ist das beste Insula in ganz Ar!� prahlte der Vermieter.</p><p>�Es ist dunkel�, sagte Boabissia.</p><p>�Wie weit ist es noch?� fragte ich.</p><p>�Nicht weit.�</p><p>Wir stiegen weiter hinauf und kamen an einigen Treppenabs�tzen vorbei. In den meisten Insula sind die Decken sehr niedrig; in den wenigsten Zimmern kann ein Mann aufrecht stehen. So hat man Platz f�r zus�tzliche Etagen. Ich streckte die Hand aus und ber�hrte die Mauern, die die Treppe einschlossen. Sie waren zerkl�ftet; an einigen Stellen gab es lange waagrechte Risse, immer dort, wo der statische Druck den Putz zum Platzen gebracht hatte. Das Insula des Achiates war m�glicherweise das beste Insula in Ar, aber ich fand, da� sein Zustand dennoch nicht der allerbeste war. Ein paar kleine Reparaturen h�tten nichts geschadet. Die W�nde wirkten oftmals verrottet; es gab Wasser- und andere Flecken.</p><p>�Dieses Haus stinkt�, verk�ndete Boabissia. �Es stinkt.�</p><p>�Es sind diese verdammten B�lger�, sagte Achiates. �Sie sind zu faul, um nach unten zu gehen.�</p><p>�Hier wohnen Familien?� fragte Boabissia ungl�ubig.</p><p>�Nat�rlich. Die meisten meiner Mieter wohnen st�ndig hier.�</p><p>Wir stiegen weiter hinauf. Wir waren an mindestens sieben oder acht Etagen vorbeigekommen.</p><p>�Es ist stickig hier�, klagte Boabissia. �Ich kann kaum atmen.�</p><p>Solche Mietskasernen waren nicht f�r gute L�ftung bekannt, genausowenig f�r Eleganz oder Ger�umigkeit. Daf�r sind sie leicht zu beheizen.</p><p>�Es ist so hei� hier�, sagte Boabissia.</p><p>�Du hast aber viele Beschwerden�, bemerkte Achiates.</p><p>�Es ist so dunkel hier�, sagte Boabissia. �Wie soll man sich hier nur zurechtfinden?�</p><p>�Das wird schon besser mit der Zeit.�</p><p>�Du h�ttest im Treppenhaus Lampen anbringen sollen�, maulte Boabissia. �Ich nehme an, Tharlarion�l ist wohl zu teuer.�</p><p>�Ja�, sagte Achiates. �Aber es ist auch gegen das Gesetz.�</p><p>�Warum?� fragte ich.</p><p>�Die Feuergefahr.�</p><p>�Oh!� stie� Boabissia ern�chtert hervor.</p><p>Mietskasernen dieser Art sind ber�chtigt wegen der Brandgefahr. Es kommt vor, da� ganze Stadtviertel durch ein einziges Feuer ausgel�scht werden.</p><p>�D�rfen wir im Zimmer eine Lampe haben?� fragte ich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte der Vermieter. �Solange ihr ordentlich damit umgeht. Aber es k�nnte sein, da� ihr sie kaum anz�ndet. Sie verpestet die Luft.�</p><p>�Ist dein Haus versichert?�</p><p>�Nein.�</p><p>Das h�rte ich gern. Er k�me nicht in Versuchung, das Insula anzuz�nden, um Geld von der Versicherung zu kassieren. Andererseits war es nicht ungew�hnlich, da� er das Geb�ude nicht versichert hatte. Das lag nicht allein an der Zuversicht des Besitzers, sondern auch an der Schwierigkeit, eine Versicherung zu finden, deren Pr�mien bezahlbar waren. Die meisten Unternehmen dieser Art akzeptierten das mit einer Feuerversicherung verbundene Risiko nicht.</p><p>Wir kamen zum n�chsten Absatz.</p><p>Ein Ger�usch ert�nte, und Achiates hob die Lampe. Ein Sklavenm�dchen kam in Sicht. Sie war barfu�. Ihre au�erordentlich kurze Tunika klaffte bis zum Nabel auf. Ihr Haar war zerzaust. Ihr Kragen funkelte im Lampenlicht. Als sie uns sah, warf sie sich gehorsam auf den Bauch.</p><p>�Sie geh�rt Clitus, dem Schneider. Er wohnt eine Etage h�her�, erkl�rte der Vermieter.</p><p>Das M�dchen zitterte.</p><p>Offenbar duldete Achiates nur hinreichend erzogene und ausgebildete Sklaven in seinem Haus. Wir gingen weiter. Das M�dchen hatte hellbraunes Haar. Als wir an ihr vorbei waren, stand sie auf. Das Klatschen nackter F��e auf Holz ert�nte. Zweifellos hatte sie Besorgungen zu erledigen.</p><p>�Widerw�rtig!� rief Boabissia auf dem n�chsten Treppenabsatz. �Ein Urt!�</p><p>�Das ist kein Urt�, entgegnete Achiates. �Die kommen eigentlich erst nach Einbruch der Dunkelheit heraus. Am Tag ist es ihnen zu laut, da herrscht zuviel Unruhe.� Das kleine Tier zog sich zur�ck, Krallen schabten �ber den Holzboden. Seine Augen funkelten im Lampenlicht. �Au�erdem kommen sie nie so weit nach oben�, fuhr der Vermieter fort. �Das da ist ein Frevet.� Das Frevet ist ein flinker kleiner Insektenfresser. �Wir haben mehrere von ihnen im Haus. Sie fressen Ungeziefer; K�fer, L�use und dergleichen.�</p><p>Boabissia schwieg.</p><p>�Nicht jedes Insula sorgt f�r Frevets�, betonte Achiates. �Es sind s��e und n�tzliche Gesch�pfe. Vermutlich werdet ihr sie ins Herz schlie�en. Sicher werdet ihr nachts die T�r offenstehen lassen, damit es k�hler ist, und ihnen Einla� gew�hren. Wie ihr vielleicht wi�t, k�nnen sie sich nicht wie Urts durch die W�nde fressen.�</p><p>�Ist es noch weit?� fragte ich.</p><p>�Nein�, antwortete Achiates. �Wir haben es fast geschafft. Das Zimmer liegt unmittelbar unter dem Dach.�</p><p>�Es hat den Anschein, als h�tten wir ein ganz sch�nes St�ck Wegs hinter uns.�</p><p>�Das t�uscht�, entgegnete er. �So hoch oben sind wir gar nicht. Die Treppen sind kurz.�</p><p>Wir kamen zum n�chsten Absatz.</p><p>Boabissia zuckte zur�ck.</p><p>�Ihr werdet die Frevets sogar ganz bestimmt ins Herz schlie�en�, versprach Achiates. Wir sahen zu, wie ein gro�es, l�ngliches, mit einem flachen K�rper und langen F�hlern ausgestattetes Wesen, das eine L�nge von etwa einem halben Hort aufwies, auf einen Spalt am Fu� der Wand zueilte. �Das ist eine Schabe�, sagte er. �Die sind harmlos, im Gegensatz zu den Gitches. Deren Bisse sind ganz sch�n schmerzhaft. Ein paar von ihnen sind auch recht nett gro�. Aber davon gibt�s nicht viele. Daf�r sorgen schon die Frevets. Ich r�hme mich daf�r, ein sauberes Haus zu f�hren.�</p><p>Pl�tzlich schrie Feiqa �berrascht auf.</p><p>�Knie nieder, Sklavenm�dchen!� befahl eine herrschs�chtige junge Stimme.</p><p>Feiqa gehorchte umgehend.</p><p>Sie kniete vor einem ungef�hr elf- oder zw�lfj�hrigen Jungen. Sein Gesicht war schmutzig, er ging barfu� und trug Lumpen. Vermutlich wohnte er in einem der Zimmer. Feiqa war zwar eine erwachsene sch�ne Frau, aber eine Sklavin, und so senkte sie dem�tig den Kopf. Er war ein freier Mann.</p><p>�Verschwinde, du widerw�rtiges Balg!� sagte Boabissia.</p><p>�Sei still, Frau!� erwiderte der Junge.</p><p>�Ich h�tte gute Lust, dich zu schlagen�, sagte Boabissia.</p><p>�Heb den Kopf, Sklavin!� befahl der Junge.</p><p>Feiqa gehorchte.</p><p>Er musterte sie. �Du bist h�bsch�, meinte er. �Und was sagst du?�</p><p>�Danke, Herr.�</p><p>Dann trat er auf sie zu und fuhr ihr mit den H�nden durch das Haar. Er packte den Kragen mit den kleinen Fingern, ri� sie nach vorn, zwang ihren Kopf zur Seite und nach oben. �Ein guter Kragen�, sagte er.</p><p>�Ich freue mich, da� der Herr zufrieden ist�, fl�sterte Feiqa ver�ngstigt.</p><p>�Er steht dir gut, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Verschwinde�, sagte Boabissia.</p><p>Der Junge griff grob unter Feiqas Tunika und liebkoste sie. Tr�nen traten in Feiqas Augen.</p><p>Der Junge drehte sich zu uns um. �Es ist sch�n, Sklavinnen zu beherrschen�, sagte er. �Wenn ich �lter bin und viel Geld habe, werde ich mir vielleicht eine kaufen.�</p><p>Er wandte sich ab und ging.</p><p>�Er wohnt hier�, sagte Achiates. �Er und ein paar der anderen Jungs schlie�en sich hin und wieder zu Banden zusammen und spielen �Fang die Sklavin�.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich und mu�te l�cheln. Jetzt wu�te ich auch, was der Sklavin mit der offenen Tunika widerfahren war, die uns vorhin entgegengekommen war. Sie war �gefangengenommen� worden.</p><p>�Ein sch�nes Spiel�, sagte Achiates. �Es hilft ihnen, da� sie zum Mann werden.�</p><p>�Welch widerw�rtiges Kind�, schimpfte Boabissia. Sie warf Feiqa einen Blick zu. �Und du bist auch widerw�rtig.�</p><p>�Ja, Herrin�, fl�sterte Feiqa.</p><p>�W�rst du eine Sklavin, verhieltest du dich auch nicht anders, Boabissia�, sagte ich. �Du w�rst von der Gnade freier Menschen abh�ngig. Du m��test gleichfalls jedermann gehorchen.�</p><p>�Hier entlang�, sagte der Vermieter. �Die Leiter hoch.�</p><p>�Es ist so stickig hier�, sagte Boabissia.</p><p>�Die Leiter hinauf!� befahl ich.</p><p>Sie erstieg vorsichtig die Leiter. Dabei hielt sie mit einer Hand den Rock fest, damit er nicht nach oben rutschte. Wie es sich f�r eine freie Frau geh�rte. Ich folgte ihr in die dunkle �ffnung. Dann drehte ich mich auf H�nden und Knien um und blickte in die Tiefe. Feiqa sah ver�ngstigt aus. Ich hatte nicht den Eindruck, da� sie sich in die Dunkelheit wagen wollte. Zugegebenerma�en schien es auch keine angenehme Aussicht zu sein. �Reich das Gep�ck nach oben!� bat ich Hurtha. Ich hatte meine Zweifel, da� Feiqa mit der Leiter zurechtkam. Hurtha nahm ihr die Sachen ab, stellte sich auf die unterste Sprosse und streckte mir alles entgegen. Ich sah zu Feiqa hin. Sie war ein paar Schritte zur�ckgewichen. Sie hatte offensichtlich Angst vor der Leiter und dem Ort, zu dem sie f�hrte. Es war auch keine besonders vertrauenerweckende Leiter. Ziemlich schmal bog sie sich unter der Belastung. Die unterschiedlich langen Sprossen waren mit Seilen in unregelm��iger H�he angebracht. Davon abgesehen w�re es auf dem Dachboden dunkel und hei�. Feiqa hatte Angst davor, was sie dort m�glicherweise erwartete. Sie trat einen weiteren Schritt zur�ck. Ihre Hand fuhr zum Mund. Ich bef�rchtete, sie k�nnte in ihrer Panik fliehen.</p><p>�Sklavin!� sagte ich streng.</p><p>�Ja, Herr�, fl�sterte sie und eilte zur Leiter.</p><p>�Leg beide H�nde auf die Querstangen.�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>Hurtha grinste.</p><p>�Ekelhaft!� fauchte Boabissia.</p><p>Ich streckte die Hand aus und half Feiqa auf den Dachboden.</p><p>�Hier ist die Lampe�, sagte der Vermieter und reichte sie Hurtha. Der Alar stieg mit ihr in der Hand zu uns herauf.</p><p>�Seid vorsichtig mit der Lampe!� empfahl Achiates.</p><p>Ich nahm Hurtha die Lampe ab und hielt sie in die H�he. Vor mir erstreckte sich ein schmaler Korridor, von dem zu beiden Seiten Zimmer abgingen.</p><p>�Es ist das letzte Zimmer rechts!� rief Achiates.</p><p>�Warte�, erwiderte ich. Dann zog ich den Kopf ein, ging zur T�r und stie� sie auf. Sie war klein und niedrig, machte aber einen stabilen Eindruck. Zweifellos konnte man sie von innen verriegeln, womit sie ein ausgezeichnetes Hindernis abgab. Die Mieter eines Insula legen viel Wert auf gute T�ren. F�r einen armen Mann stellen sie und ein Dolch die beste Versicherung gegen Diebstahl dar.</p><p>�Das ist ja be�ngstigend hier�, sagte Boabissia.</p><p>�Wie du siehst, ist das Zimmer m�bliert!� rief der Vermieter von unten.</p><p>�Es ist zu klein, es ist zu schmutzig�, klagte Boabissia. �Ich kriege hier kaum Luft.�</p><p>�Es ist mein letzter freier Raum!� rief Achiates.</p><p>�Hier kann ich nicht bleiben!� protestierte Boabissia.</p><p>�Geht rein und wartet auf mich�, wies ich meine Gef�hrten an. Sie b�ckten sich und betraten das Zimmer.</p><p>�Gibt es hier denn kein Licht?� fragte Boabissia.</p><p>�Dort links ist ein verriegelter kleiner Fensterladen�, sagte ich und hielt die Lampe in die H�he. �Tags�ber kommt da ein bi�chen Licht durch.�</p><p>�Hier ist es schmutzig und hei�. Hier bleibe ich nicht!�</p><p>�Es kostet einen Kupfertarsk pro Nacht!� rief der Vermieter. �Nehmt es oder la�t es bleiben. Wie gesagt, es ist mein letztes Zimmer.�</p><p>�Hier bleibe ich nicht!� verk�ndete Boabissia entschlossen. Auch Feiqa sah sich entsetzt um. �Mir ist schwindlig! Hier ist nicht genug Luft. Au�erdem ist es zu hei� hier.�</p><p>�Wir sind hier unter dem Dach. Die hei�e Luft steigt in die H�he und sammelt sich.�</p><p>�Ich glaube, mir wird schlecht.�</p><p>�Dann �ffne den Fensterladen.�</p><p>�Das ist ein schreckliches Haus.�</p><p>�Es ist ein Insula. Hier wohnen Tausende.�</p><p>�Hier bleibe ich nicht!�</p><p>�Und deine Meinung?� fragte ich Hurtha.</p><p>�Es ist gro�artig�, antwortete er. �Zugegeben, mit ertr�glicherer Temperatur und Luft zum Atmen w�re der Raum noch sch�ner.�</p><p>�Ich bin nach Ar gekommen, um mein Erbe anzutreten�, sagte Boabissia, �und nicht, um auf einem Dachboden zu ersticken oder ger�stet zu werden.�</p><p>�Keine Angst. Wenn drau�en die Temperatur sinkt, wird es in diesen H�usern eiskalt, habe ich mir sagen lassen.�</p><p>�Da, siehst du?� sagte Hurtha.</p><p>�Hier bleibe ich nicht!� wiederholte Boabissia.</p><p>Ich ging bis zu der Luke zum obersten Stockwerk zur�ck. Achiates wartete unten.</p><p>�Wir nehmen das Zimmer!� rief ich und warf ihm einen Kupfertarsk zu. Er drehte sich um und stieg die Treppe hinunter, w�hrend ich mit der Lampe in das Zimmer zur�ckkehrte.</p><p>Man hatte den Fensterladen ge�ffnet. Durch einen schmalen schr�gen Schaft drang ein kl�glicher Lichtstrahl ins Innere. Staubflocken tanzten darin. Es war ein h�bscher Anblick.</p><p>Ich blies die Lampe aus.</p><p>�Du hast doch wohl keinen Kupfertarsk f�r dieses Loch bezahlt�, sagte Boabissia.</p><p>�Ar ist mit Fl�chtlingen �berlaufen�, sagte ich. �Viele werden nicht so gut untergekommen sein.�</p><p>�Es ist ein schrecklicher Ort�, beharrte sie.</p><p>�Es ist m�bliert�, sagte ich. An der einen Wand stand eine Truhe, in einer Zimmerecke lag Stroh. Man konnte es ausstreuen und darauf schlafen. Es gab auch ein paar zusammengefaltete Decken. Ein mit einem Sch�pfl�ffel ausgestatteter Eimer enthielt Wasser, das vermutlich schon l�ngere Zeit nicht mehr ausgewechselt worden war. Dann war da noch ein Nachtgeschirr f�r die menschlichen Bed�rfnisse, das man in den Bottich im Erdgescho� entleeren konnte. Es war ein langer Weg bis nach unten. Kein Wunder, da� die T�pfe gelegentlich aus dem Fenster entleert wurden, gew�hnlich mit einer lauten Warnung f�r die Passanten auf der Stra�e.</p><p>Ich sah mich genauer um.</p><p>In der einen Wand befand sich ein langer Ri�. An einigen Stellen quietschte der Boden, wenn man darauftrat. Vermutlich lag das am Alter und an der mangelnden Pflege der Bohlen. Solche Mietskasernen wurden nur selten gut instandgehalten. Ihre Errichtung kostet nicht viel und ist leicht zu bewerkstelligen. Sie werden haupts�chlich aus Holz und Ziegeln erbaut. Beh�rdliche Auflagen bestimmen ihre H�he. Obwohl wir einige Etagen heraufgestiegen waren, befanden wir uns vermutlich nicht h�her als zwanzig Meter �ber dem Stra�enniveau. Ohne Stahltr�ger oder Eisenholz, wie es die Goreaner nennen und in Schmiedewerken herstellen � man benutzt es haupts�chlich beim Bau von T�rmen �, fordert die Physik ihr unerbittliches Recht, was H�hen angeht. Daran �ndert auch die geringere goreanische Schwerkraft nichts. Die Mietskasernen sind sehr empfindlich, was die Belastung des Bauk�rpers angeht; schon die geringsten Erdbewegungen reichen aus, um sie zu schw�chen. Manchmal st�rzen die W�nde ein, oder ganze Etagen brechen zusammen.</p><p>Ich stellte die Lampe auf der Truhe ab.</p><p>�Das ist ein schreckliches Zimmer�, jammerte Boabissia. Sie kniete nieder und setzte sich dann mit geschlossenen Oberschenkeln auf die Seite. Sie sa� nicht l�nger mit �berkreuzten Beinen da oder nahm die Pose eines Alar-Kriegers ein. Ich glaube, sie hatte bis zu einem gewissen Grad begriffen � ohne es vielleicht in seinem ganzen Ausma� zu verstehen �, da� sie eine Frau war.</p><p>Das Zimmer war staubig und sch�big.</p><p>Hurtha sa� mit �berkreuzten Beinen auf dem Boden und �berpr�fte die Axt.</p><p>Das Zimmer war hei�. Es war klein. An der einen Seite hing ein Sklavenring mit Ketten und einem Eisenkragen in Frauengr��e. Hand- und Fu�schellen waren ebenfalls vorhanden. An einem Haken neben der T�r hingen verschiedene Schl�ssel, au�erhalb der Reichweite des Rings. Daneben baumelte eine Sklavenpeitsche.</p><p>Wie gesagt: das Zimmer war m�bliert.</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Ich rief: �Hurtha! Nein!� Aber es war bereits zu sp�t. Der Mann hatte einen Hieb mit dem Axtgriff in den Nacken abbekommen. Doch obwohl er bewu�tlos war, fiel er nicht einfach zu Boden, da sich am Ende des zum Zentralzylinder f�hrenden Samtseils so viele Menschen dr�ngten und um einen Platz k�mpften.</p><p>�Hier ist das Band�, verk�ndete Hurtha fr�hlich und hielt es au�erhalb der Reichweite vieler zugreifender H�nde. �Binde dich damit am Seil fest.�</p><p>�Der Mann hat m�glicherweise seit gestern in der Schlange gewartet�, gab ich zu bedenken.</p><p>�Schon m�glich�, meinte Hurtha und hielt mir das Band hin. Ich nahm es, wickelte es mir um Schulter und Taille und band es an dem Samtseil fest. Ein kr�ftig ausgef�hrter Ellbogensto� Hurthas entmutigte einen Burschen, nach dem Band zu greifen. Ich wei� nicht, wovon er getroffen zu sein glaubte. Zwei andere M�nner wichen zur�ck. Ich winkte ihnen zu. �Weitergehen!� befahl ein Taurentianer. Wir r�ckten auf.</p><p>�Alle B�nder sind weg!� st�hnte ein Mann.</p><p>�Weg!� schluchzte eine Frau.</p><p>Ein Mann trat von der Seite auf mich zu. �Bist du B�rger von Ar?� fragte er hochm�tig.</p><p>�Warum?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>�Am Tag der Gro�z�gigkeit und der Bittsteller ist es allein B�rgern von Ar erlaubt, vor den Regenten zu treten�, erkl�rte er. �Der Feiertag ist nur f�r die B�rger gedacht. Glaubst du, wir wollen, das Schurken aus einem Umkreis von Tausenden von Pasang herbeistr�men und uns die Pl�tze stehlen?�</p><p>�Wohl kaum�, entgegnete ich.</p><p>�Ich glaube nicht, da� du aus Ar kommst!� sagte er. �Gib mir dein Band!�</p><p>�Ich m�chte es aber behalten.�</p><p>�Wache!� rief er. �Wache!� Er verstummte blitzartig, als er im Nacken gepackt und hochgestemmt wurde.</p><p>�Wei� du, wie die Alar eine Zunge herausschneiden?� fragte Hurtha.</p><p>�Nein!� stie� der B�rger �chzend hervor.</p><p>�Das macht man mit einer Axt � von hinten durch den Nacken.�</p><p>�Das wu�te ich nicht�, fl�sterte er, w�hrend er in der Luft baumelte.</p><p>�Und zwar mit einer solchen Axt�, erkl�rte Hurtha und hielt dem Mann die breite Klinge vors Gesicht. �Hast du verstanden?�</p><p>�Das habe ich, das habe ich!�</p><p>�Du wolltest mit einem W�chter sprechen?� fragte der Alar. �Da hinten steht einer.�</p><p>�Warum sollte ich das tun?� kr�chzte der Mann.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Hurtha.</p><p>�Ich auch nicht!�</p><p>Hurtha lie� den Mann zu Boden fallen; der eilte davon.</p><p>�Das k�nnte zum Problem werden�, meinte ich zu Hurtha. �Ich bin kein B�rger Ars.�</p><p>�Woher sollen sie das wissen?� fragte er. �Mu�t du den Heimstein in deiner G�rteltasche mit dir herumtragen?�</p><p>�Es k�nnte schwierig werden.�</p><p>�Du kannst immer noch nach den genauen Regeln fragen, nachdem du dem Regenten begegnet bist.�</p><p>�Das stimmt�, mu�te ich ihm zugestehen.</p><p>�Was sollen sie dir schon antun?�</p><p>�Da g�be es einiges.�</p><p>�Selbst in siedendes �l k�nnen sie dich nur einmal werfen�, tr�stete mich Hurtha.</p><p>�Auch wieder wahr�, erwiderte ich. Doch ein unbehagliches Gef�hl blieb.</p><p>�Die einzige Schmach, die du ernsthaft f�rchten mu�t, ist der Verlust deiner Ehre!�</p><p>�Vermutlich hast du recht�, sagte ich. �Trotzdem w�rde ich es gern vermeiden, in siedendem �l gekocht zu werden.�</p><p>�Das verstehe ich�, sagte Hurtha. �Es w�re au�erordentlich schmerzhaft.�</p><p>�H�r auf zu dr�ngeln!� ermahnte ich den Mann hinter mir.</p><p>�Du k�nntest singen�, schlug Hurtha vor.</p><p>�Was?�</p><p>�Das hat den Legenden der Alar zufolge H�uptling Hendix getan, als seine Feinde ihn gefangennahmen und in �l warfen. Er hat sie angebr�llt, sie ausgelacht und sie dabei die ganze Zeit �ber beleidigt. Und w�hrend er dann kochte, hat er fr�hliche Lieder der Alar gesungen. Auf diese Weise hat er seinen Feinden seine Verachtung gezeigt.�</p><p>�Vermutlich hat er gegen Ende den Ton nicht mehr richtig gehalten�, meinte ich.</p><p>�Das kann schon sein�, erwiderte Hurtha. �Ich war nicht dabei.�</p><p>�Ich gr��e dich�, sagte ein Mann und trat auf mich zu. Es war der B�rger, den ich auf dem Teibarmarkt kennengelernt hatte.</p><p>�Hast du eine Unterkunft gefunden?� erkundigte er sich.</p><p>�Ja, vielen Dank�, sagte ich. �Im Insula von Achiates.�</p><p>�Ein gro�artiger Mensch, wenn er auch etwas von einem habgierigen Schurken hat.�</p><p>�Entschuldige, B�rger�, bat ich.</p><p>�Ja?�</p><p>�Komm doch bitte n�her heran.�</p><p>Er tat mir den Gefallen. �Ja, und?�</p><p>�Stimmt es, da� heute nur B�rger der Stadt vor den Regenten treten d�rfen?�</p><p>�Da brauchst du keine Angst zu haben�, erwiderte er. �Auch wenn du aus Torcodino gekommen bist, stammst du doch offensichtlich aus Ar.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Kommst du denn nicht aus Ar?� fragte er, neugierig geworden.</p><p>Ich dachte rasend schnell nach, auf der Suche nach der richtigen Antwort.</p><p>�Nun, jetzt, da ich dar�ber nachdenke, mu� ich sagen, da� dein Akzent nicht sonderlich �berzeugend klingt. Vielleicht bist du der Stadt lange Zeit ferngeblieben.� Die Bewohner Ars haben gew�hnlich einen weichen, fl�ssigen Akzent. Ich halte ihn f�r einen der sch�nsten Akzente von ganz Gor.</p><p>�Was ist, sollte ich zuf�llig doch nicht aus Ar stammen?� fragte ich und blickte mich um. Der n�chste W�chter stand nicht weit entfernt. Ich fragte mich, wie lange es dauern w�rde, sich des Bandes zu entledigen und in der n�chsten Seitenstra�e zu verschwinden, nach M�glichkeit ohne Kampf.</p><p>�Deine Frage ist sicher rein akademisch, oder?� fragte der Mann.</p><p>Ich griff nach dem Band.</p><p>�Nein�, lachte er und streckte die Hand aus. �Bleib stehen. Ich wei�, da� du kein B�rger bist, das konnte ich deutlich an deiner Sprache h�ren. Ich wollte dich nur aufziehen.� Vermutlich h�tte er seinen Humor weitaus weniger witzig gefunden, h�tte er gesehen, da� Hurtha mit seiner Axt hinter ihm stand. Der Alar senkte die Waffe. �Heute k�nnen alle zum Regenten, ob sie in Ar wohnen oder nicht. Sie m�ssen nur einen Platz am Seil bekommen. Das geh�rt alles zur Bedeutung des Tages; er soll die Gro�z�gigkeit Ars zum Ausdruck bringen.�</p><p>�Eben hat mir ein Kerl gesagt, da� nur B�rger Zugang zum Seil h�tten.�</p><p>Der B�rger l�chelte. �Nein, das stimmt nicht. Er wollte nur deinen Platz einnehmen.�</p><p>�Ist das wahr?� fragte ich meinen Hintermann.</p><p>�Das will ich doch hoffen�, erwiderte er. �Ich komme aus Venna.�</p><p>�Es stimmt�, sagte der Mann hinter ihm.</p><p>�Weitergehen!� befahl der Taurentianer. Sein Blick fiel auf Hurtha. �Du da! Verschwinde vom Seil.�</p><p>Diejenigen, die leer ausgegangen waren, mu�ten sich zur�ckziehen. Pl�tzlich dr�ngelte sich hinter mir ein Mann ans Seil. Er besa� ein Band.</p><p>�Woher kommst du denn?� fragte der Mann aus Venna. �Die B�nder waren doch alle weg.�</p><p>�Ein paar St�ck bleiben immer bis zuletzt �brig�, erwiderte der Neuank�mmling.</p><p>�Und wie sieht es am Seilende aus?�</p><p>�Blutig. Aber die W�chter sorgen schon f�r Ruhe.�</p><p>Ich fragte: �Wie bist du an das Band gekommen?� Ich hatte meines von Hurtha bekommen, und der hatte es sozusagen als Spende von einem Mann erhalten, der zur Zeit nicht dazu in der Lage war, es zu benutzen. Ich fragte mich, ob der Regent wu�te, welches Get�mmel die Ausgabe der B�nder ausl�ste. Sicher, alle jene, die fr�h genug dagewesen waren, hatten sie sich vermutlich auf anst�ndige Weise verschafft. Es war unser dritter Tag in Ar, und Hurtha hatte wie immer nicht aufstehen wollen. Gestern hatten wir viel Zeit damit verbracht, uns die Stadt anzusehen. Wo Boabissia steckte, wu�te ich nicht. Sie war irgendwo in der Stadt unterwegs.</p><p>�Die W�chter haben ein paar St�ck zur�ckbehalten�, erkl�rte der Mann. �Ich habe einen Silbertarsk bezahlt.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Weitergehen!� befahl ein Taurentianer.</p><p>�Heil, Gnieus Lelius!� rief ein Mann aus. Der Thron auf dem Podest war in Sicht gekommen. Der Regent trug nicht den Purpurmantel des Ubars, sondern einen braunen Umhang von der Art, wie sie Verwaltungsbeamte, Staatsm�nner und Diener des Volkes oft trugen. Ich fragte mich, ob er von dem Gesch�ft mit den B�ndern wu�te. Vermutlich gab es auch B�rger, die sie weiterverkauften, nachdem sie sie bei der �ffentlichen Ausgabe erhalten hatten.</p><p>�Weitergehen!� befahl ein Taurentianer.</p><p>Ich griff nach Dietrich von Tarnburgs Briefen. Meine Hand war schwei�feucht.</p><p>Der Bittsteller, der gerade an der Reihe war, erhielt zehn Goldst�cke. Das war eine betr�chtliche Summe. Aus der Menge ert�nten begeisterte Rufe. �Heil, Gnieus Lelius! Heil!� Soweit ich mitbekommen hatten, bekamen die meisten Audienzbesucher jedoch h�chstens ein freundliches Wort vom Regenten oder die mit geb�hrendem Ernst vorgetragene Versicherung, da� man ihr Gesuch sorgf�ltig pr�fen werde. Um der Gerechtigkeit willen mu� jedoch erw�hnt werden, da� einige vom Regenten eine Handvoll Kupferm�nzen erhielten. Er griff l�chelnd in die bis zum �berquellen gef�llte M�nzkr�ge und lie� das Geld in die ausgestreckten H�nde der dankbaren Empf�nger regnen. Er war von Taurentianern und einigen Schriftgelehrten umgeben. Notizen und Namen wurden niedergeschrieben. Zweifellos eine Aufstellung der Gesuche und Beschwerden, die vorgebracht wurden. Es waren recht wenige Leibw�chter vertreten. Ein deutliches Zeichen f�r die Beliebtheit des Regenten.</p><p>�Ja, B�rger?� fragte der Regent. Ich sah auf. Er war ein stattlicher Mann, hochgewachsen und hager. Er vermittelte einen gerechten, freundlichen Eindruck. Allem Anschein nach war er ein gewissenhafter, hingebungsvoller Diener des Volkes, vielleicht sogar ein bedeutender Staatsmann. Einst war er Angeh�riger des Hohen Rates von Ar gewesen. Jetzt war er zum Regenten aufgestiegen.</p><p>�B�rger?� fragte er. Seine Stimme klang nicht scharf, sondern freundlich. Er war nicht ungeduldig. Ich nahm an, f�r einen normalen B�rger, der sich pl�tzlich in der Gegenwart eines so gro�en Mannes wiederfand, war es nicht ungew�hnlich, da� es ihm die Sprache verschlug.</p><p>Ich griff in mein Gewand und zog die Briefe hervor.</p><p>�Er reicht ein Gesuch ein�, sagte einer der Schreiber. �Gib sie mir.�</p><p>Ich zog die Briefe zur�ck. �Diese Papiere sind f�r dich, Exzellenz. Ich werde sie nur dir aush�ndigen. Ich bin kein B�rger. Ich komme von weither.�</p><p>Ich drehte die Briefe um. Das Siegel des Silbertarns wurde sichtbar. Ein paar der Schriftgelehrten reagierten. Sie hatten das Siegel erkannt. Ich drehte die Briefe wieder um. Ein weiterer Schriftgelehrter kam auf mich zu. Er machte einen entschlossenen, gef�hrlichen Eindruck. Mir kam der Verdacht, da� einige der Schriftgelehrten verkleidete W�chter waren.</p><p>�Ich danke dir�, sagte der Regent freundlich. Er nahm die Briefe, wobei er darauf achtete, da� das Siegel nicht zu sehen war.</p><p>�Wer bist du?� fragte er. �Und wo wohnst du?� Seine Stimme klang genauso wie bei den anderen Bittstellern, doch ich war davon �berzeugt, da� auch er die Siegel bemerkt hatte.</p><p>�Ich bin Tarl aus Port Kar, und ich wohne in Ludmillas Freudenhausgasse im Insula von Achiates.� Sofort traten Federn in Aktion.</p><p>�Schreib auf, da� wir Gesuche von Tarl aus Port Kar, der im Haus von Achiates wohnt, bekommen haben, die wir sorgf�ltig �berpr�fen werden.� Das war also erledigt.</p><p>�Ich bin dankbar, da� du sorgf�ltig �ber den Inhalt dieser Gesuche nachdenken willst. Ich versichere dir, da� ich diese Angelegenheit sehr ernst nehme, und ich kann mich daf�r, was meines Wissens nach Inhalt der Gesuche ist, mit Nachdruck verb�rgen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte er.</p><p>Ich verbeugte mich vor ihm. �Exzellenz.� Er neigte den Kopf und erwiderte meinen Gru�. Ich entfernte das Band. Mein Auftrag war erf�llt. Ich hatte die Briefe �berbracht. Dietrich von Tarnburg und Ar war damit gedient. Mehr konnte ich nicht tun.</p><p>Der Regent winkte mich n�her zu sich heran. �Danke�, sagte er leise. �Ich habe lange auf diese Botschaft gewartet.�</p><p>�Es war nicht der Rede wert.�</p><p>�Warte!� bat er.</p><p>Ich drehte mich noch einmal um. Er lie� Kupfertarsk in meine aufgehaltenen H�nde regnen.</p><p>�Vielen Dank, Exzellenz�, sagte ich dankbar, als w�re ich nur ein weiterer Bittsteller.</p><p>�Heil, Gnieus Lelius! Heil, Gnieus Lelius!� feierte die Menge die Gro�z�gigkeit des Regenten.</p><p>Ich drehte mich um und ging davon.</p></section><section><title><p>23</p></title><p>Hurtha und ich kehrten gegen Mittag ins Insula zur�ck, nachdem wir den Platz am Zentralzylinder verlassen hatten. Wir hatten das Haus gerade betreten, als wir auf Feiqa stie�en.</p><p>�Herr�, sagte sie eifrig, erhob sich auf die F��e und kam uns entgegen, bis die Kette um den Fu� sie aufhielt. Sie kniete erneut nieder.</p><p>�Wo ist Boabissia?� fragte ich. �Wieso bist du nicht oben festgemacht?�</p><p>�Das war ich auch�, antwortete Feiqa. �Aber die Herrin ist zur�ckgekehrt und hat mich geholt. Sie hat etwas gefunden, das sie in gro�e Aufregung versetzte. Ich mu�te sie begleiten, damit ich mir das Haus merkte, und soll euch sofort dorthin f�hren.�</p><p>�Darum bist du also hier angekettet?�</p><p>�Vielleicht, Herr�, sagte sie. �Aber vielleicht hat die Herrin es ihrer Sklavin auch nur bequem machen wollen.�</p><p>Ich l�chelte. Boabissia geh�rte nicht zu den Personen, die sich um die Bequemlichkeit ihrer Sklaven Gedanken machten. Sie glaubte vielmehr, da� man Sklaven mit gro�er Strenge gegen�bertreten und sie mit Unbarmherzigkeit behandeln sollte.</p><p>�Warum hat sie nicht auf uns gewartet?�</p><p>�Sie konnte nicht warten�, sagte Feiqa. �Sie war in gro�er Eile, zu jenem Haus zur�ckzukehren.�</p><p>�Worum geht es eigentlich?�</p><p>�Sie glaubt, sie hat das Haus ihrer Familie gefunden, sie glaubt, da� ungeheurer Reichtum auf sie wartet, da� sie ihr Erbe beanspruchen kann.�</p><p>�War es ein sch�nes Haus?� fragte ich.</p><p>�Man kann es sicher als sch�nes Haus bezeichnen. Der Hof war fast ein richtiger Garten, mit Springbrunnen und B�umen. Das Haus dahinter war gro� und wundersch�n. Der Besitzer mu� sehr reich sein.�</p><p>�Wie ist sie darauf gekommen, da� es das Haus ihrer Familie ist?�</p><p>�Das kleine Schild neben der Klingelschnur�, sagte Feiqa. �Darauf stand der Buchstabe Tau. Wie auf ihrem Anh�nger.�</p><p>�War es die gleiche Schreibweise?� wollte ich wissen.</p><p>�Es war sehr �hnlich.�</p><p>�Ob es genau das gleiche war, will ich wissen!�</p><p>�Nein, Herr.�</p><p>�Aber sehr �hnlich.�</p><p>Feiqa nickte.</p><p>�Es k�nnte also durchaus ein Hinweis auf ihre Abstammung sein�, sagte ich. Goreaner sind gew�hnlich sehr gewissenhaft, was Dinge wie Wappen, Familienembleme und dergleichen angeht. Manchmal l��t man derartige Siegel sogar amtlich registrieren, damit allein die betreffende Familie sie verwenden darf.</p><p>�Es ist durchaus m�glich, Herr�, sagte Feiqa.</p><p>�Sollte es stimmen, w�rden wir uns f�r Boabissia und ihr Gl�ck freuen.�</p><p>�Und es war ein sch�nes Haus?� fragte Hurtha.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Das wird Boabissia gefallen�, sagte er. �Sie ist seit jeher ein verw�hntes, habgieriges kleines Ding gewesen. Reichtum d�rfte sie nicht st�ren.�</p><p>�Die Familie k�nnte m�chtig und einflu�reich sein�, vermutete ich.</p><p>�Dagegen wird sie auch nichts haben.�</p><p>�Wo ist das Haus?� fragte ich.</p><p>�Nicht weit von hier, Herr.�</p><p>�Das ist bemerkenswert�, stellte ich fest.</p><p>�In diesem Stadtteil gibt es einige sch�ne H�user. Wir haben gestern doch welche gesehen�, sagte Hurtha.</p><p>�Stimmt.� Wie viele St�dte hat Ar die unterschiedlichsten Viertel, die sich in �berraschender N�he zueinander befinden. Die in der N�he befindliche Stra�e von Turia zum Beispiel war eine der sch�nsten Stra�en Ars. Doch nur ein paar Ehn davon entfernt befand sich Ludmillas Freudenhausgasse.</p><p>�Wo ist der Schl�ssel f�r deine Fesseln?�</p><p>�Dort dr�ben�, sagte Feiqa. Er hing in bequemer Reichweite f�r Mieter oder Besucher an einem Haken neben der T�r, die zu Achiates Wohnung f�hrte.</p><p>Ich trat zu Feiqa und befreite sie.</p><p>�F�hr uns hin!� befahl ich.</p><p>Das Haus befand sich im Viertel der Stra�e der Brandeisen.</p><p>�Die Mauer ist beeindruckend�, bemerkte Hurtha. �Und das Tor ist stark.�</p><p>Ich entdeckte das Schild neben der Klingelschnur. Die Gravur hatte in der Tat eine gewisse �hnlichkeit mit dem Buchstaben auf Boabissias Anh�nger. Und pl�tzlich fiel mir wieder ein, woran mich die kleine Kupferscheibe die ganze Zeit �ber erinnert hatte. Allerdings gab es mindestens zwei Abweichungen. Das war gut. Das Tau auf dem Schild neben der Klingelschnur hatte ich vor langer Zeit an einer anderen Stra�e Ars gesehen � und mehr als einmal auf den Sardarm�rkten.</p><p>�Stimmt etwas nicht?� fragte Feiqa.</p><p>�Boabissia ist bereits eingetreten?�</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete Feiqa.</p><p>Ich zog an der Klingelschnur. Drinnen ert�nte eine Glocke. Einen Augenblick sp�ter kam schon der Diener an die T�r.</p><p>�Das haben die Alar bei dir als S�ugling gefunden, um den Hals gebunden, in den Tr�mmern einer Karawane?� Er stand dicht vor ihr. Die Kupferscheibe, die noch immer an einer Schnur um Boabissias Hals hing, hielt er dabei ins Licht.</p><p>�Ja�, antwortete Boabissia.</p><p>�Sie war also um deinen Hals gebunden?�</p><p>�Ja, und ich habe sie nie abgelegt�, best�tigte Boabissia.</p><p>�Ich verstehe�, sagte er. �Darf ich sie abnehmen?�</p><p>�Aber nat�rlich.� Der Mann kn�pfte behutsam die Schnur auf. Boabissia l�chelte Hurtha und mich an. Als man uns zu dem Mann gef�hrt hatte, war sie bereits da gewesen. Feiqa hatte ich in der N�he des Tores an einen Ring angekettet. Sie hatte sich hinknien m�ssen. Dort war es sch�n sonnig. Nat�rlich mu�te sie den Kopf senken. Ich nahm an, da� man Sklaven in diesem Haus nicht verw�hnte. Der Mann hatte uns freundlich begr��t und sich als Tenalion vorgestellt. Es hatte beinahe den Anschein, als h�tte er uns erwartet, denn er schien nicht �berrascht gewesen zu sein, uns zu sehen. Wir hatten auch keine Schwierigkeiten gehabt, zu ihm vorgelassen zu werden, und das, obwohl er ein wichtiger Mann zu sein schien. Es war ein b�ro�hnlicher gro�er Raum. Es gab einen wuchtigen Schreibtisch, auf dem viele Papiere lagen. Tenalion war ein vornehm aussehender Bursche. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.</p><p>Er untersuchte die Kupferscheibe.</p><p>�Ich glaube, sie k�nnte einen Hinweis auf meine Herkunft geben�, sagte Boabissia.</p><p>�Schon m�glich�, erwiderte Tenalion. �Aber woher soll ich wissen, da� du sie nicht gefunden, gekauft oder gar gestohlen hast?�</p><p>�Ich versichere dir, das habe ich nicht�, protestierte Boabissia. �Sie geh�rt mir. Ich trug sie schon als kleines Kind. Ich habe sie mein ganzes Leben lang getragen.�</p><p>Er sah sich die Scheibe an.</p><p>�Befindet sich an deinem Haus nicht der gleiche Buchstabe?�</p><p>�Er ist �hnlich�, r�umte er ein.</p><p>�Aber nicht gleich�, sagte ich.</p><p>Boabissia warf mir einen w�tenden Blick zu.</p><p>Tenalion sah mich an und l�chelte. �Der Buchstabe hat vor vielen Jahren tats�chlich so ausgesehen. Bevor man die Ausf�hrung leicht ver�nderte.�</p><p>�Aber das ist doch richtig!� rief Boabissia aus. �Ich habe es schlie�lich vor Jahren bekommen.�</p><p>�Genau!� Er l�chelte.</p><p>�Das konnte ich nicht wissen�, fuhr sie aufgeregt fort. �H�tte ich es gef�lscht, dann in der modernen Fassung, da ich den Unterschied nicht kannte, und du h�ttest sofort entdeckt, da� es eine F�lschung ist.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Seht ihr!� rief uns Boabissia triumphierend zu.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Er ist eifers�chtig�, sagte Boabissia zu dem Hausherrn. �Er l�uft bald gr�n an vor Neid. Er will, da� man mir mein Erbe vorenth�lt, meine rechtm��ige Stellung!�</p><p>�Dein Erbe?� fragte Tenalion. �Deine rechtm��ige Stellung?�</p><p>�Ja. Das, was mir zusteht. Ich bin entschlossen, es auch zu bekommen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Tenalion. �Ich werde die Unterlagen einsehen. Keine Angst, wenn alles �bereinstimmt, wovon ich zweifellos ausgehe, sollst du dein � wie hast du es ausgedr�ckt? � dein Erbe und deine rechtm��ige Stellung erhalten.�</p><p>�Ich will nicht mehr, als mir zusteht�, erkl�rte Boabissia.</p><p>�Ich werde die Unterlagen einsehen�, sagte er. �Und wenn es in meiner Macht liegt, sorge ich daf�r, da� du genau das bekommst, was du verdienst, nicht mehr und nicht weniger.�</p><p>�Danke�, sagte sie und warf mir einen w�tenden Blick zu.</p><p>�Und was genau soll dir deiner Meinung nach zustehen?� fragte er.</p><p>�Erkennst du mich denn nicht?�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�Ich k�nnte deine seit langem verschollene Tochter sein!�</p><p>�Meines Wissens nach habe ich keine T�chter�, erkl�rte Tenalion, �weder verschollene noch andere. Aber ich habe S�hne.�</p><p>�Sieh mich an!� verlangte Boabissia.</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Gibt es da keine Familien�hnlichkeit?� fragte sie. Ich erkannte nichts dergleichen. Zugegeben, manchmal unterscheiden sich Blutsverwandte betr�chtlich voneinander.</p><p>�Wovon sprichst du?�</p><p>�Vielleicht bist du mein Onkel, wenn du schon nicht mein Vater bist.�</p><p>�Ach so, das meinst du.�</p><p>�K�nnte ich nicht deine Nichte sein?�</p><p>�Ein reizvoller Gedanke.�</p><p>�Sieh mich an. Sieh mich genau an. Was glaubst du?�</p><p>�Du bist wohlgestaltet.�</p><p>�Wohlgestaltet?�</p><p>�Ich glaube, jetzt begreife ich, warum du hergekommen bist.�</p><p>�Ich suche nach meiner Herkunft.�</p><p>�Und vielleicht ein kleines bi�chen mehr?� spekulierte er.</p><p>�Schon m�glich�, erwiderte sie. �Es war eine gro�e Karawane. Zweifellos l��t meine Anwesenheit als S�ugling darauf schlie�en, da� meine Familie gro�en Einflu� besa�. Vielleicht war sie sogar Eigent�merin der Karawane. Du bist offensichtlich reich. Das ist ein sch�nes Haus, ger�umig, mit einem gro�artigen Garten. Der Buchstabe auf der Kupferscheibe scheint f�r dich eine Bedeutung zu haben. Das hast du jedenfalls zugegeben.�</p><p>Tenalion nickte.</p><p>�Im Einklang mit deiner Ehre � da ich dich f�r einen Ehrenmann halte � w�rdest du mir mein Erbe doch bestimmt nicht verweigern.� Das war eine ziemlich h��liche Bemerkung. Es ist selten klug, die Ehre eines Goreaners anzuzweifeln oder zu versuchen, ihn diesbez�glich beeinflussen zu wollen.</p><p>�Nein�, erwiderte er noch immer freundlich, offensichtlich ohne sich beleidigt zu f�hlen. �Ich w�re der letzte, der dir dein Erbe vorenthielte.�</p><p>�Gut�, sagte sie ziemlich hochm�tig und warf den Kopf in den Nacken. Mit ihrer Art konnte Boabissia einem manchmal ziemlich auf die Nerven gehen.</p><p>�Ich glaube, man k�nnte mich als reichen Mann bezeichnen�, meinte Tenalion. �Und es ist auch sicher richtig, wenn man sagt, da� ich in dieser Stadt eine gewisse Stellung bekleide und eine gewisse Macht innehabe.�</p><p>�Den Eindruck habe ich durchaus�, sagte Boabissia.</p><p>�Glaubst du tats�chlich, da� wir irgendwie verwandt sind?�</p><p>�Ja�, erwiderte Boabissia. �Das beweist der Anh�nger. Ich bitte dich, deine Unterlagen zu befragen.�</p><p>�Solltest du tats�chlich ein Mitglied meines Geschlechts oder einer engen Nebenlinie sein, w�rdest du zweifellos �ber Nacht zu einer der ber�hmtesten, wohlhabendsten und m�chtigsten Frauen von ganz Ar!�</p><p>�Das w�re nicht unm�glich�, sagte Boabissia stolz.</p><p>�Vielleicht stehen wir tats�chlich in einer Beziehung zueinander�, meinte Tenalion geheimnisvoll.</p><p>�Die Kupferscheibe beweist es!�</p><p>�Ich glaube, du k�nntest recht haben.�</p><p>�Sieh in deinen Unterlagen nach!�</p><p>�Soll ich es wirklich tun? Ist das dein ausdr�cklicher Wunsch?�</p><p>�Ja. Ich verlange es sogar!�</p><p>�Gut. Wie du willst. Es wird nicht lange dauern.� Er griff nach einer kleinen Glocke, die auf dem Schreibtisch stand.</p><p>�La� uns gehen, Boabissia�, sagte ich. �Wir k�nnten morgen wiederkommen.�</p><p>�Schweig!� fauchte sie.</p><p>Tenalion lie� die Glocke ert�nen, einen Augenblick sp�ter trat ein Diener ein. Er h�rte aufmerksam zu, was sein Herr w�nschte, und verlie� den Raum. Tenalion setzte sich an den Schreibtisch und legte die kleine Kupferscheibe auf die rechte Seite.</p><p>Boabissia sah Hurtha und mich an. Sie konnte ihre Erregung kaum bez�hmen.</p><p>�La� uns gehen, Boabissia�, schlug ich vor.</p><p>�Schweig!� wiederholte sie.</p><p>�Es dauert nicht lange�, sagte der Hausherr. �Wenn ihr jetzt wartet, braucht ihr morgen nicht noch einmal wiederzukommen.�</p><p>�Ihr k�nnt ja gehen�, sagte Boabissia.</p><p>�Warum sollten sie das tun?� fragte Tenalion verwirrt.</p><p>�Was wei� ich?� erwiderte Boabissia.</p><p>Nach kurzer Zeit kehrte der Diener mit einem gro�en, ziemlich staubigen, l�nglichen Buch zur�ck, das gro�e �hnlichkeit mit einem Hauptbuch hatte. Der Ledereinband war mit einer Schnur zugebunden. Von meinem Standpunkt aus war die Aufschrift auf dem Deckel nur schwer zu lesen, aber es schienen Daten und Zahlen zu sein. ��ltere Aufzeichnungen werden zusammen mit den Kopien neuerer Unterlagen hier aufbewahrt. Die Originale aktuelleren Datums verwahren wir zusammen mit Kopien der alten Listen im Haupthaus.�</p><p>Ich nickte. Auf diese Weise f�hrte man zwei identische B�cher an verschiedenen Orten. Das war in der goreanischen Buchhaltung nicht ungew�hnlich, vor allem in bestimmten Gesch�ftszweigen.</p><p>�Ist denn das hier nicht dein Haupthaus?� fragte Boabissia.</p><p>�Wir befinden uns hier in meiner pers�nlichen Residenz�, erkl�rte Tenalion.</p><p>�Du hast noch ein anderes Haus?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte er.</p><p>Boabissia warf mir einen erfreuten Blick zu.</p><p>�Dort finden meine Gesch�fte statt.� Er l�ste die Schnur und blies den Staub vom Deckel. Die Seiten waren vergilbt.</p><p>�Bitte beeil dich!� dr�ngte Boabissia.</p><p>Er schlug das Buch auf und zog aus einer kleinen Tasche im Einband eine gestanzte Kupferscheibe mitsamt Schnur, die von der Gr��e her Boabissias Anh�nger entsprach; er legte die beiden nebeneinander.</p><p>�Seht nur!� rief Boabissia erfreut.</p><p>Die Scheibe trug einen Aufdruck, aber ich konnte ihn aus der Ferne nicht erkennen.</p><p>�Auf der Kupferscheibe steht etwas�, sagte Boabissia aufgeregt. �Zweifellos stimmen die Zeichen �berein.�</p><p>�Nicht unbedingt�, sagte ich.</p><p>Tenalion fing an zu bl�ttern.</p><p>�Schnell!� dr�ngte Boabissia.</p><p>Dann hatte er anscheinend das Gesuchte gefunden. Er hielt Boabissias Anh�nger in die H�he, sah ihn an und verglich etwas mit einem Eintrag im Buch. Er vergewisserte sich noch einmal, dann stand er auf und trat auf Boabissia zu.</p><p>�Und?� fragte sie aufgeregt. �Und?�</p><p>�Du hattest recht, meine Liebe�, sagte Tenalion. �Zwischen uns besteht eine Beziehung, sogar eine enge Beziehung, ganz, wie du vermutet hast.�</p><p>�Seht ihr!� rief Boabissia triumphierend und h�pfte vor Freude beinahe auf und ab.</p><p>�Aber, meine Liebe�, fuhr er fort, �es ist nicht unbedingt die Beziehung, die du erwartest.�</p><p>�Was tust du da?� fragte sie. Und schrie pl�tzlich �berrascht auf, als er ihr das Kleid vom Oberk�rper ri�.</p><p>�Ja�, sagte er. �Du bist wohlgeformt.�</p><p>Boabissia starrte ihn fassungslos an, wagte unter seinem durchdringenden Blick aber nicht, sich wieder zu bedecken.</p><p>�Es ist die Beziehung zwischen Herr und Sklavin!�</p><p>�Nein!� schrie sie in panischem Entsetzen.</p><p>�Zieh dich aus!� verlangte er.</p><p>�Gehorch ihm, sofort!� befahl ich.</p><p>Mit zitternden Fingern schob sie das Kleid �ber die H�ften, lie� es zu Boden fallen und blieb so stehen.</p><p>�Die Sandalen auch�, sagte ich. �Schnell!�</p><p>Ver�ngstigt gehorchte sie. Wenn ein Goreaner einer Frau befiehlt, sich auszuziehen, dann meint er sofort, noch in diesem Augenblick. Boabissia stand verwirrt und zitternd da. Ihre Kleidung lag zu ihren F��en wie ein winziger T�mpel aus Stoff.</p><p>�Was geht hier eigentlich vor?� fragte Hurtha.</p><p>�Nicht eingreifen!� bat ich leise. �Es ist, wie ich bef�rchtet habe.�</p><p>�Hier�, sagte Tenalion. Er zeigte auf das Buch und die beiden Kupferscheiben. Ich trat zum Tisch und ergriff die Scheibe, die er dem Buch entnommen hatte. Sie enthielt keine Nummer, aber das �Tau� war mit dem auf Boabissias Anh�nger identisch. Ich legte einen Finger ungef�hr auf die Stelle des betreffenden Eintrags, schlug das Buch zu und betrachtete den Deckel. Die Jahreszahl reichte zweiundzwanzig Jahre zur�ck; die beiden Zahlengruppen trennte ein Bindestrich. Ich las die Nummer auf Boabissias Anh�nger. Sie pa�te genau. Ich schlug das Buch wieder auf.</p><p>�Verstehst du?� fragte Tenalion.</p><p>�Ja.� Am Anfang einer der Eintragungen stand eine Nummer, die mit der auf Boabissias Anh�nger �bereinstimmte.</p><p>�Die Karawane, in der man dich fand, war eine Sklavenkarawane�, erkl�rte Tenalion.</p><p>Boabissia starrte ihn fassungslos an. Dann richtete sie den Blick auf Hurtha.</p><p>�Als sie dich fanden, war ich ein kleiner Junge�, sagte Hurtha. �Ich wu�te nicht, um welche Karawane es sich handelte. Ich glaube, es wu�te keiner der Alar. Es ist einfach zuviel zerst�rt worden.�</p><p>�Es war keine offiziell gekennzeichnete Sklavenkarawane�, sagte Tenalion. �Zum Beispiel verzichteten wir auf die blaugelbe Seide. Wir hatten gehofft, auf diese Weise die Fracht aus Hunderten wundersch�ner Frauen geheimhalten zu k�nnen, die die Habgier und die Lust eines jeden R�ubers erregt h�tte. Doch wie es scheint, ist unsere Strategie gescheitert.�</p><p>Hurtha nickte.</p><p>�War noch viel �brig, als die Alar kamen?�</p><p>�Nein�, sagte Hurtha. �Ich glaube nicht.�</p><p>�Das �berrascht mich nicht�, sagte Tenalion. �Die Frauen sind vermutlich verschleppt worden. Zweifellos haben sie ihre Entf�hrer gut unterhalten, bevor man sie auf Hunderten von M�rkten verkaufte.�</p><p>�Ich war doch noch ein S�ugling�, fl�sterte Boabissia.</p><p>�Vermutlich hat man dich auch aus diesem Grund zur�ckgelassen.�</p><p>�Ich h�tte sterben k�nnen!�</p><p>�Vielleicht haben sie dich nicht gefunden. Andererseits war es ihnen vielleicht auch gleichg�ltig.�</p><p>�Es war ihnen gleichg�ltig?� rief sie.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er unger�hrt. �Damals wie heute warst du eine Sklavin.�</p><p>Boabissia erschauderte.</p><p>�Bedeck deine Br�ste nicht! La� die Arme an den Seiten.�</p><p>Sie schluchzte auf.</p><p>�Es war meine Karawane�, sagte Tenalion. �Ich habe damals einen gro�en Verlust erlitten. Ich habe f�nf Jahre gebraucht, um diesen R�ckschlag zu �berwinden.�</p><p>�Deine Karawane?� fl�sterte Boabissia.</p><p>�Ich bin ein Kaufmann�, sagte er. �Ich handle mit Sklaven, in der Hauptsache mit Sklavinnen.�</p><p>�Aber ich war doch noch ein kleines Kind!�</p><p>�Und als solches habe ich dich bekommen.�</p><p>�Es steht im Buch�, sagte ich. �Deine Sklavennummer entspricht der Nummer auf deinem Anh�nger.� In den gro�en St�dten ist es nicht ungew�hnlich, da� T�chter verkauft werden. Manche Frauen tun es immer wieder. Einige Familien w�rden eine Tochter eher verkaufen als sie gro�zuziehen. Im Gegensatz zu S�hnen tragen sie selten zum Familieneinkommen bei. Au�erdem k�nnen sie nicht einmal den Familiennamen weitergeben. Das �berleben des Namens und die Erhaltung der v�terlichen Linie sind den meisten Goreanern sehr wichtig.</p><p>�Steh gerade!� befahl Tenalion.</p><p>Boabissia gehorchte.</p><p>�Noch gerader! Zieh den Bauch ein! Die Schultern nach hinten!�</p><p>Sie gehorchte �ngstlich.</p><p>�Falls du es wissen willst: Ich habe dich nicht gekauft. Obwohl deine Mutter eine freie Frau war, habe ich sie versklavt.�</p><p>�Erz�hl mir von meiner Mutter, bitte!� fl�sterte sie.</p><p>�Sie war ein h�bsches Ding. Au�erordentlich wohlgeformt. Wie du.� Er ging um sie herum. �Heb das Kinn!�</p><p>Tr�nen traten ihr in die Augen, aber sie widersetzte sich nicht. Er nickte zufrieden. �Obwohl du sch�ner bist. Sie war aus Ar, kam aber nat�rlich aus einer niederen Kaste.�</p><p>Boabissia schluchzte.</p><p>�Ich mu� euch danken, da� ihr sie mir zur�ckgebracht habt.�</p><p>�Das war nicht unsere Absicht�, sagte ich. �Eigentlich ist sie selbst daf�r verantwortlich. Sie sah dieses Haus, und da sie unbedingt ihre Herkunft erfahren wollte, ist sie aus eigenem Entschlu� eingetreten.�</p><p>�Und ist deine Neugier nun befriedigt, meine Liebe? Du hast erfahren, was es zu erfahren gab, und du hast deinen Platz in der Gesellschaft gefunden.�</p><p>�Ja�, fl�sterte sie.</p><p>�Aber wenn ich richtig verstanden habe, ist sie in eurer Begleitung nach Ar gekommen. Zuerst glaubte ich, es sei ein von euch veranla�ter Scherz gewesen, sie allein vorzuschicken.�</p><p>�Nein, nein�, versicherte ich ihm.</p><p>�Wie dem auch sei, ich mu� euch danken, da� ihr f�r ihre R�ckkehr gesorgt habt.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, wehrte ich ab.</p><p>Wir sahen sie an.</p><p>�Was wird sie einbringen?� fragte ich.</p><p>�Der Markt erlebt zur Zeit eine Flaute. Das hat viel mit den Ger�chten um Torcodino, dem angeblichen Vorr�cken der Cosianer und den vielen Fl�chtlingen zu tun. Aber trotzdem bekomme ich vielleicht zwei Silbertarsk f�r sie.�</p><p>�Ein guter Preis f�r ein M�dchen�, sagte ich.</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, da� Boabissia so wertvoll ist�, sagte Hurtha.</p><p>Sie sah den Alar �berrascht an.</p><p>Es ist nat�rlich nichts Ungew�hnliches, da� ein Mann eine Frau nicht beachtet, bis er erf�hrt, was andere f�r sie bezahlen w�rden.</p><p>Boabissia sah schnell weg, sie wagte nicht, seinen Blick zu erwidern. Sie err�tete, von den Haarspitzen bis zu den Zehen. �Bitte!� flehte sie.</p><p>�Sei still!� sagte ich.</p><p>Sie war sch�n, und ihr Leben hatte sich ver�ndert. Nun mu�te sie lernen, wie es war, eine Sklavin zu sein.</p><p>�Ich hatte immer geglaubt, die Karawane sei ein Totalverlust gewesen�, sagte Tenalion. �Doch ich habe ein Kleinkind verloren und eine wundersch�ne Sklavin zur�ckbekommen.�</p><p>Sie unterdr�ckte ein erneutes Schluchzen.</p><p>�Eine Belohnung w�re mehr als angebracht�, sagte Tenalion.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, erwiderte ich.</p><p>�Ich bestehe darauf!� Er griff in die Schublade.</p><p>�Wenn du meinst�, willigte ich ein.</p><p>Boabissia starrte mich entsetzt an.</p><p>�Du bist mehr als gro�z�gig�, sagte ich. Er �berreichte mir einen Silbertarsk. Ich schob ihn in den Geldbeutel. Boabissia wimmerte.</p><p>Er griff nach der Glocke und l�utete zweimal.</p><p>�In Anbetracht der besonderen Umst�nde wirst du sie doch sicher nicht als entflohene Sklavin behandeln.�</p><p>�Nein�, antwortete Tenalion. �Zumindest nicht im Augenblick.� Er sah sie an. �Die �blichen Strafen f�r eine entflohene Sklavin sind dir doch bestimmt vertraut, meine Liebe, oder?�</p><p>Sie nickte wie bet�ubt.</p><p>�Ausgezeichnet.�</p><p>�Falls ich so unversch�mt sein darf, ich f�nde es angebracht, sie in den ersten Tagen ihrer Erziehung mit einer gewissen Nachsicht zu behandeln�, sagte ich. �Du mu�t wissen, sie hat sich viele Jahre f�r eine freie Frau gehalten.�</p><p>�Gut zu wissen.�</p><p>�Und sie hat sich nicht nur daf�r gehalten, sondern auch so benommen.�</p><p>�Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, meine Liebe�, sagte Tenalion. In diesem Augenblick trat ein geschmeidiger, muskul�ser Mann ein. Der Hausherr wies auf Boabissia, und der Mann zog ihr die H�nde auf den R�cken und lie� die mitgebrachten Eisenfesseln zuschnappen.</p><p>�Aber sie wu�te ja nicht Bescheid�, erkl�rte ich.</p><p>Boabissia r�ttelte schwach an den Handschellen.</p><p>�Sie kam doch unverschleiert herein�, sagte er.</p><p>�Das ist richtig. Aber die Alar verschleiern sich nicht.�</p><p>�Sie hielt sich f�r eine Alar?�</p><p>�Sie war es gew�hnt, sich mit ihren Augen zu betrachten.�</p><p>Tenalion sch�ttelte den Kopf. �Aber ihr K�rper h�tte ihr doch verraten m�ssen, da� sie keine Alar ist. Sie ist nicht gro� und derb. Sie ist ausgesprochen weiblich. Das ist der K�rper einer Frau aus der Stadt.�</p><p>�Das stimmt�, sagte ich.</p><p>�Und wie war ihre Einstellung Sklavinnen gegen�ber?� wollte er wissen.</p><p>�Sie f�hlte sich ihnen unendlich �berlegen�, erkl�rte ich. �Sie verachtete sie. Sie brachte ihnen nur Ha� entgegen. Es bereitete ihr Vergn�gen, sie schlecht zu behandeln.�</p><p>Tenalion nickte. �Ich verstehe.� Er sah Boabissia nachdenklich an. �Du darfst knien, meine Liebe.� Sie gehorchte.</p><p>�Hast du nie den Verdacht gehabt, du k�nntest eine Sklavin sein?�</p><p>�Das h�tte ich mir niemals tr�umen lassen�, fl�sterte sie.</p><p>�Ein bemerkenswerter Fall�, stellte Tenalion fest. �Eine Frau, die von Geburt an eine legale Sklavin war, es aber erst vor ein paar Ehn erfahren hat.�</p><p>Sie senkte den Kopf.</p><p>Der Diener legte ihr eine Sklavenleine um den Hals. Sie blickte furchterf�llt auf.</p><p>�Du bist hergekommen, weil du deine Herkunft herausfinden wolltest�, sagte Tenalion. �Die kennst du jetzt. Du wolltest dein Erbe antreten, wolltest Reicht�mer. Ich hoffe, du bist zufrieden, denn dein Erbe sind die Sklavenleine und der Kragen.�</p><p>Pl�tzlich brach sie in Tr�nen aus. �Bitte�, schluchzte sie. �Ich habe es doch nicht gewu�t!�</p><p>�Mit welchem Hochmut und welcher Habgier bist du hier eingetreten, mit welchem Mi�trauen!� sagte er.</p><p>�Es tut mir leid! Verzeih mir! Ich flehe dich an!�</p><p>�Wie beharrlich du warst!�</p><p>�Verzeih mir!�</p><p>�Welche Angst du hattest, man k�nnte dir dein Erbe vorenthalten! Und ich habe dir versprochen, da� du genau das bekommst, was dir zusteht.�</p><p>�Bitte!� Sie zitterte am ganzen Leib, nackt vor ihrem Herrn.</p><p>�Du wirst das Erbe antreten und noch tausendfach mehr bekommen, das versichere ich dir.� Er sah sie an. �Es hat lange gedauert, meine Liebe. Aber jetzt bist du zu Hause!�</p><p>Sie senkte schluchzend den Kopf. Sie war ihrem Herrn zur�ckgebracht worden.</p><p>�Du wei�t, was du mit ihr zu tun hast�, sagte Tenalion zu dem Diener.</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann tu es!�</p></section><section><title><p>24</p></title><p>�Tritt ein!� sagte die Frau.</p><p>Es war der Abend des Tages, an dem Boabissia in das Haus mit dem �Tau� neben der Klingelschnur geeilt war. Das �Tau� war das Zeichen Tenalions, eines bekannten Sklavenh�ndlers, da sein Name mit diesem Buchstaben anfing. Ich hatte es sofort erkannt. Das Schild entsprach dem an der Pforte seines Gesch�ftshauses, eines beeindruckenden gro�en Geb�udes im Herzen von Ars Sklavendistrikt, an dem ich w�hrend meines damaligen Aufenthaltes in der Stadt h�ufig vorbeigegangen war. Ich hatte sein Emblem auch oft auf den Sardarm�rkten gesehen.</p><p>Jedoch war ich ihm bis zum heutigen Tag niemals pers�nlich begegnet. Nachdem Boabissia aus dem Zimmer entfernt worden war, hatte er Hurtha und mir einen ausgezeichneten Paga angeboten. Mittlerweile war sie zweifellos gebrandmarkt worden, hatte den Kragen erhalten und war irgendwo angekettet. Tenalion, der uns beim Abschied gesagt hatte, wir seien stets herzlich in seinem Haus willkommen, schien ein angenehmer Bursche zu sein. Der Buchstabe auf Boabissias Anh�nger hatte mich vermutlich an sein Handelszeichen erinnert.</p><p>�Tritt ein�, sagte die Frau, �tritt ein in den Tunnel!�</p><p>Ich senkte den Kopf, trat durch die niedrige Eisent�r und ging die schlecht beleuchtete Rampe in eine Art Vorraum hinunter. An ihrem Ende stand die n�chste Frau.</p><p>�Der Eintritt kostet ein Tarskst�ck.�</p><p>Auf einem kleinen Tisch stand eine Kupferschale; ich warf die M�nze hinein. Rechts neben der Frau war ein Gittertor; es stand offen. In solchen Etablissements sind diese Tore nichts Ungew�hnliches; sie werden bei Gesch�ftsbeginn ge�ffnet und bei Gesch�ftsschlu� geschlossen. Auf der anderen Seite der Schwelle hing ein schwerer Vorhang aus rotem Samt.</p><p>Der Tunnel war eines von Ludmillas Freudenh�usern, nach denen die Gasse benannt worden war. Dabei geh�rten Ludmilla nicht einmal alle dieser Etablissements; sie f�hrte nicht einmal die besten von ihnen. Allerdings war Ludmilla Besitzerin von genau f�nf Bordellen, w�hrend die anderen Betreiber h�chstens zwei derartige H�user ihr eigen nannten. Vermutlich war das der Grund, warum die Gasse ihren Namen trug. Ihr geh�rte das Goldene Ketten � angeblich der beste ihrer L�den, wo der Eintritt wie auch in den meisten Paga-Tavernen einen Kupfertarsk betrug �, und die billigen Tarskst�ck-Bordelle �Seidenschnur�, �Rote Peitsche�, �Lustgestell� und �Tunnel�. An dieser Stra�e gab es neben den anderen Bordellen auch L�den und einige Mietskasernen, unter anderem das Insula des Achiates.</p><p>Ich schob den Vorhang beiseite.</p><p>�Willkommen�, sagte eine Frau, �willkommen im Tunnel.�</p><p>Ich trat ein und lie� den Vorhang hinter mir zur�ckfallen. Sofort kam eine Frau auf mich zugeeilt. �Hier entlang. Ich bin deine dir zugeteilte Gastgeberin.�</p><p>Sie war eine kr�ftige gro�e Frau mit herben Gesichtsz�gen. Sie trug nichts als eine Ledertunika, die �hnlichkeit mit der eines Kriegers hatte; die Arme schm�ckten breite Reifen. Am G�rtel baumelte eine Peitsche. Ein n�tzliches Instrument, um Sklaven zu befehligen. Sie f�hrte mich an einigen niedrigen Tischen, Matten, Sklavenringen und ineinander verkrallter, sich bewegender K�rper vorbei zu einem freien Platz. Ich h�rte Keuchen, einen leisen Schmerzensschrei, dem ein ebenso leiser Aufschrei der Unterwerfung folgte, das Klirren von Ketten auf Steinfliesen. Der Raum war gut besucht. In der Luft lag das ged�mpfte Gemurmel zahlreicher Unterhaltungen; Musikanten spielten im Halbdunkel. Viele dieser Freudenh�user unterscheiden sich kaum von gewissen Paga-Tavernen. Auch dort bestellt man die M�dchen zusammen mit den Getr�nken, nur die T�nzerinnen werden gesondert bezahlt. Mein Tisch stand in der zweiten Reihe vor einer Tanzfl�che, an deren rechter Seite die Musikanten spielten. Es dauerte ein wenig, bis sich die Augen an das D�mmerlicht gew�hnt hatten; der Raum wurde vom r�tlichen Flackern winziger Tharlarion�l-Lampen erhellt, die auf ausgesuchten Tischen in einer roten Glasummantelung standen. Ein solches Licht zeichnet aufregende Muster sich st�ndig ver�ndernder r�tlicher Schattierungen auf die wei�e Haut der M�dchen, die je nach Glasfarbe von dunklem Rosa bis zu cremigem Scharlachrot reichen. Es gab auch viele dunkle Nischen und undurchdringliche Schatten. Einige M�nner wollen an einem solchen Ort ungest�rt und ungesehen bleiben.</p><p>�Ist der Platz zufriedenstellend?� fragte die Gastgeberin.</p><p>�Ja�, sagte ich und setzte mich mit untergeschlagenen Beinen vor den Tisch.</p><p>�Bist du Tarl aus Port Kar?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Man hat mir befohlen, nach einem Mann mit diesem Namen Ausschau zu halten.�</p><p>�Und wer hat dir das befohlen?� Ich war nur deshalb im Tunnel, weil Achiates eine Botschaft an mich weitergegeben hatte. Er hatte sie unter der T�r durchgeschoben gefunden � wenn er die Wahrheit sagte, und ich hatte eigentlich keinen Grund, daran zu zweifeln.</p><p>Die Frau sah sich um. �Ich sehe ihn nicht�, sagte sie dann. �Bist du dieser Tarl aus Port Kar?�</p><p>�Man nennt mich Bosk.�</p><p>�Oh.� Diese Information schien sie nicht weiter zu ber�hren. Ich beobachtete sie. Soweit ich erkennen konnte, stand sie mit niemandem im Blickkontakt. Allerdings konnte ich mir sowieso nicht vorstellen, da� sie mehr als die �berbringerin einer Botschaft war.</p><p>Ich sah mich um. Nach uns waren noch mehrere M�nner eingetreten. Frauen, die �hnlich wie meine Gastgeberin gekleidet waren, f�hrten die neuen G�ste an verschiedene Pl�tze. Hinter der Tanzfl�che gab es mehrere niedrige Durchg�nge, die in die verschiedenen Tunnel mit ihren Alkoven f�hrten, von denen das Etablissement seinen Namen hatte.</p><p>Die Musikanten legten eine Pause ein.</p><p>�Bist du an Frauen interessiert?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>Die Gastgeberin sah zur linken Seite der Tanzfl�che, wo mehrere Frauen kauerten. Es war in dem Licht schwer zu sehen, aber ich hielt sie f�r nackt. Sie lie� die Peitsche knallen, und alle eilten herbei und knieten vor dem Tisch nieder. Sie waren nackt.</p><p>Ich musterte sie. Alle waren von einer atemberaubenden Sch�nheit und Sinnlichkeit, zart und verletzlich. Es war nicht einfach so, da� sie bis auf den Stahlkragen unbekleidet waren, nein, es war etwas anderes, kaum Fa�liches, das zu sagen schien: Wir geh�ren dir, Herr. Tu mit uns, was du willst.</p><p>Die Gastgeberin lie� die Peitsche erneut knallen. Die M�dchen traten in einer Reihe an. �Haltet euch gerade.</p><p>Ihr kniet vor einem Mann!� Sie ber�hrte mehr als nur eine mit dem Peitschenstiel, korrigierte hier eine Pose, schob dort ein Kinn in die H�he. Dann wandte sie sich wieder mir zu. �Die sind frei�, sagte sie. �Vielleicht findet ja eine dein Gefallen.�</p><p>Ich betrachtete die M�dchen.</p><p>�Sind sie nicht h�bsch?�</p><p>�Doch, das sind sie.�</p><p>Sie hob die Peitsche und gab den Musikanten ein Zeichen. Sie fingen an zu spielen. Dann lie� sie die Peitsche erneut knallen, und die M�dchen sprangen auf und fingen an zu tanzen.</p><p>�Yartel�, sagte sie, und eines der M�dchen t�nzelte nach vorn. Sie war eine �ppige Blondine mit heller Haut und kurzen Beinen. Vielleicht ist erw�hnenswert, da� sich der Geschmack der Goreaner von dem der M�nner auf der Erde auf manche Weise unterscheidet; so sind Goreaner zum Beispiel wesentlich toleranter. Zumindest im Vergleich zu Angeh�rigen der westlichen Zivilisation. So w�rde es viele irdische Frauen, die durch die st�ndige unterschwellige Medienbeeinflussung zu dem Schlu� gekommen sind, da� sie die kulturell anerkannten Normen weiblicher Sch�nheit nicht erf�llen, vermutlich erstaunen und entsetzen, da� sie auf einem goreanischen Sklavenmarkt einen hohen Preis erzielen w�rden.</p><p>�Louise�, sagte die Gastgeberin.</p><p>Ein kleine, schlanke, entz�ckende, hellh�utige und rothaarige Frau tanzte auf mich zu.</p><p>Louise ist ein Erdenname. Ich fragte mich, ob sie von der Erde kam. Allerdings verleiht man goreanischen Sklavinnen oft Erdennamen. Ich sah mir das M�dchen genauer an. Ihre Br�ste waren klein und sch�n geformt. Das r�tliche Licht mit seinen sich ver�ndernden Schattierungen umschmeichelte die helle Haut auf besonders aufregende Weise.</p><p>�Kommst du von der Erde?� fragte ich.</p><p>�Ja�, sagte sie �berrascht.</p><p>�H�r nicht auf zu tanzen�, befahl ich in englischer Sprache.</p><p>�Stammst du von der Erde?� stie� sie heftig hervor.</p><p>�Ja. Aber das ist lange her.�</p><p>�Ich bin eine Frau der Erde! Sieh den Kragen!�</p><p>�Er steht dir gut.� Sie ballte die F�uste und tanzte zur�ck in die Reihe.</p><p>�Birsen.�</p><p>Ein hochgewachsenes d�nnes M�dchen mit schulterlangem braunen Haar trat vor. Mit ihrer Sch�nheit h�tte sie auf der Erde ein hochbezahltes Model werden k�nnen.</p><p>�Demet.�</p><p>Ein mittelgro�es, f�lliges, dunkelh�utiges M�dchen mit langen schwarzen Haaren tanzte nach vorn, an dessen Weiblichkeit kein Zweifel bestand. Sie hatte weiche, volle, zu einem Schmollmund verzogene Lippen von der Art, die f�r den Ku� eines Mannes wie geschaffen schienen. Ich rief mir mit einiger M�he ins Ged�chtnis zur�ck, da� ich nur gekommen war, weil man mir eine Botschaft zugespielt hatte. Ich hatte Hurtha zusammen mit Feiqa im Insula zur�ckgelassen, obwohl er mittlerweile bestimmt unterwegs war. Ich wu�te nicht, ob ich in Gefahr schwebte oder nicht, doch ich hatte es nicht f�r angebracht gehalten, meinen warmherzigen Gef�hrten in meine Angelegenheiten zu verstricken.</p><p>�Ich sehe, da� Demet gef�llt�, stellte meine Gastgeberin fest. �Sie war einst in der Tahari eine Lady von hohem Rang.�</p><p>Ich betrachtete die Bewegungen ihrer s��en breiten H�ften. �Sie soll zur�ckgehen�, sagte ich dann. �Sie alle.�</p><p>�Ihr habt es geh�rt!�</p><p>�Ja, Herrin�, sagten sie wie aus einem Mund und eilten zur�ck in die Schatten, um auf den n�chsten Kunden zu warten.</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>�Hast du noch andere anzubieten?� fragte ich und sah mich dabei im Raum um. Bis jetzt hatte noch keiner den Versuch unternommen, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Ich ging davon aus, da� mich die Unbekannten entweder bei der Audienz am Zentralzylinder gesehen hatten oder eine genaue Beschreibung besa�en. Nat�rlich w�re es mir lieber gewesen, ich h�tte sie zuerst gesehen.</p><p>�Wenn du warten willst�, sagte sie. �Einige der anderen M�dchen, die gerade auf dem R�cken oder dem Bauch auf den Matten liegen, werden irgendwann frei sein.�</p><p>�Wer ist diese Frau da?� fragte ich und zeigte auf ein wohlproportioniertes barf��iges M�dchen in einem knielangen, �rmellosen wei�en Gewand mit tiefem Ausschnitt, das an einem Tisch ganz in der N�he einem Mann Gesellschaft leistete. Sie fiel mir auf, da sie an diesem Ort bekleidet umherlief, obwohl sie offenbar nicht zum Personal geh�rte. Sie trug Armreifen aus Gold.</p><p>�Sie ist eine freie Frau�, sagte die Gastgeberin.</p><p>�Hier?�</p><p>�Sie hat ihr Tarskst�ck bezahlt. Nimm dich vor ihr in acht.�</p><p>Die Frau l�chelte den Mann an.</p><p>�In Ludmillas Freudenh�usern ist jeder willkommen.�</p><p>�Wer ist Ludmilla eigentlich?� fragte ich.</p><p>�Ich habe sie nie kennengelernt.�</p><p>Auf dem Tisch stand eine Flasche Ka-la-na-Wein mit zwei Gl�sern. Pl�tzlich sackte der Mann zusammen, legte den Kopf auf die Arme und schlief ein. Mit einer blitzschnellen Bewegung griff die Frau nach seinem Geldbeutel, durchtrennte die Schn�re und schob ihn sich ins Gewand. An ihrer linken Hand blitzte ein Ring auf, der mir zuvor nicht aufgefallen war. Ich sah einen solchen Ring nicht zum erstenmal.</p><p>�M�chtest du etwas trinken? Eines der M�dchen bringt dir etwas.�</p><p>Ich nickte. �Die da�, sagte ich und zeigte auf Louise.</p><p>�Gut.� Die Gastgeberin schnippte mit den Fingern, und Louise kam zum Tisch und kniete nieder.</p><p>�Was h�ttest du gern?�</p><p>Ich hatte an ein Glas Paga gedacht, aus der Brauerei von Temus, falls das hier zu haben war. Aber als ich an die freie Frau in dem ziemlich freiz�gigen Gewand dachte, �nderte ich meine Meinung.</p><p>�Ich glaube�, sagte ich, �ich werde doch etwas warten, bis ich zu trinken bestelle.�</p><p>�Wie du w�nschst�, sagte die Gastgeberin. Sie wandte sich Louise zu. �Solltest du entlassen werden, kehrst du auf deinen Platz zur�ck. Vernachl�ssige deine Pflichten nicht. Wenn unser Gast etwas bestellen m�chte, bedienst du ihn.�</p><p>�Ja, Herrin�, sagte Louise.</p><p>�Vielleicht will ich eine Flasche haben�, sagte ich.</p><p>�Der Eintritt hat nur ein Tarskst�ck gekostet�, erinnerte mich die Frau.</p><p>�Entschuldigung.� Ich nahm f�nf Kupfertarsk aus meinem Geldbeutel, und zwar ziemlich auff�llig. Der freien Frau mit dem tiefen Ausschnitt entging das nicht. Wie ich erwartet hatte. Sie warf dem schnarchenden Kerl neben sich einen Blick zu. Er w�rde noch lange schlafen, mindestens eine Ahn.</p><p>�Oh!� sagte die Gastgeberin. �Du bist gro�z�gig! F�r soviel Geld geh�rt alles dir, was dir in diesem Haus gefallen k�nnte!�</p><p>�Vielen Dank!�</p><p>Sie ging. Ich sah Louise an. �Du kannst gehen�, sagte ich. Sie gehorchte sofort, kniete aber in Rufweite nieder.</p><p>�Wie ich sehe, hast du eine Sklavin fortgeschickt�, sagte die Frau mit dem tiefen Ausschnitt.</p><p>�Ja.�</p><p>�Kommst du von au�erhalb?�</p><p>�Stimmt.� Der Ring steckte nicht l�nger auf ihrem Finger.</p><p>�Und, gef�llt dir Ar?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�F�r einen Fremden kann es hier sehr einsam sein.�</p><p>�M�chtest du dich zu mir setzen?�</p><p>�Es tut mir leid�, erwiderte sie. �Das w�re nicht schicklich. Ich kenne dich ja nicht einmal.�</p><p>�Entschuldige bitte�, sagte ich. �Ich wollte nicht unversch�mt sein.�</p><p>Sie bewegte den linken Fu� und lie� die Gl�ckchen an dem Ring klingeln. Die meisten freien Frauen h�tten so etwas niemals getragen. Sie schob die Armreifen hoch, dann strich sie mit der Hand das Haar zur�ck. Es war offen. Normalerweise trugen nur Sklavinnen ihr Haar offen. Sie bewegte sich wie zuf�llig, und pl�tzlich schien etwas mit dem Kleid nicht mehr zu stimmen. Beinahe reum�tig zog sie einen der Tr�ger zurecht, und sie tat es auf eine Weise, als d�chte sie sich nichts dabei, dabei brachte sie mit dieser Bewegung ihre wunderbaren, aufregenden Br�ste zur Geltung.</p><p>�Schon in Ordnung�, sagte sie.</p><p>�Es tut mir wirklich sehr leid.�</p><p>�Es war mein Fehler�, sagte sie mit einem L�cheln. �Ich h�tte nicht so forsch sein d�rfen. Ich h�tte dich nicht ansprechen d�rfen.�</p><p>�Bitte setz dich zu mir�, lud ich sie ein.</p><p>Sie kniete sich an den Tisch.</p><p>�Ich habe nur etwas gesagt, weil es mich freute, da� du die Sklavin weggeschickt hast. Ich w�nschte, sie g�ben ihnen etwas zum Anziehen.�</p><p>�Sie tragen den Kragen.�</p><p>Sie lachte. �Das ist allerdings wahr.�</p><p>�M�chtest du wirklich nichts trinken?�</p><p>Sie schien dar�ber nachzudenken, und dann, einige Augenblicke sp�ter, l�chelte sie. �Also gut.�</p><p>�Was h�ttest du denn gern?�</p><p>�Vielleicht ein winziges Glas Ka-la-na, unter Freunden.�</p><p>Ich sah in Louises Richtung. Sie sprang sofort auf und kam zum Tisch, wo sie niederkniete.</p><p>�Eine kleine Flasche aus den G�rten des Anesidemus.�</p><p>Die Augen der freien Frau leuchteten auf. �Ich habe geh�rt, das soll ein ausgezeichneter Ka-la-na sein. Aber teuer.�</p><p>�Bring mir eine Flasche!� verlangte ich von Louise.</p><p>�Ja, Herr�, erwiderte sie, stand auf und eilte zum Ausschank.</p><p>�Das ist doch die Sklavin, die du eben weggeschickt hast�, bemerkte die Frau.</p><p>�Kann sein.�</p><p>�Du hast sie kaum beachtet�, sagte sie zufrieden.</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Ich bin froh, einen Mann wie dich kennengelernt zu haben.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Einen Mann, der eine freie Frau zu sch�tzen wei�. So viele M�nner f�hlen sich nur zu Sklavinnen hingezogen.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ja!� sagte sie. �Ich verstehe das nicht.�</p><p>�Das merke ich�, sagte ich.</p><p>�Was sieht ein Mann blo� in diesen Schlampen?�</p><p>�Eine Sklavin.�</p><p>�Genau! Widerw�rtig!�</p><p>�Einigen M�nnern gef�llt das.�</p><p>�Wollen das die M�nner wirklich?� fragte sie. �Eine Frau, die ihnen geh�rt, die ihnen hilflos ausgeliefert ist, die ihnen in allen Dingen dienen mu�?�</p><p>�Ich f�rchte, es gibt M�nner, denen so etwas gef�llt�, gab ich zu.</p><p>�Ich glaube, du interessierst dich f�r freie Frauen.�</p><p>�Aber ja.�</p><p>�Herr�, sagte Louise, das schlanke, rothaarige, nackte Sklavenm�dchen von der Erde, und stellte eine kleine Flasche Ka-la-na und zwei winzige Gl�ser auf den Tisch.</p><p>�Sie ist ein h�bsches kleines Ding�, bemerkte die freie Frau.</p><p>Ich schickte Louise mit einer Handbewegung weg, ohne sie anzusehen. Das schien meiner neuen Bekannten zu gefallen.</p><p>Ich go� ein.</p><p>�Auf dich�, sagte sie und hob das Glas.</p><p>�Nein�, erwiderte ich. �Auf dich.�</p><p>�Danke.� Ich sah, da� sie sich dar�ber freute. Sie gl�hte f�rmlich. Ihre Br�ste waren sehr sch�n.</p><p>Wir stie�en an und tranken.</p><p>�Oh, das ist ein wunderbarer Ka-la-na�, seufzte sie. Ich war davon �berzeugt, da� sie eine solche Marke noch nie zuvor getrunken hatte. Kein Wunder, kostete er doch drei Kupfertarsk � ein Preis, den manche Sklaven nicht einbringen.</p><p>�Ich freue mich, da� er dir schmeckt.�</p><p>�Ich bin Lady Tutina aus Ar�, sagte sie in einem einschmeichelndem Tonfall und beugte sich vor.</p><p>�Das ist ein h�bscher Name�, sagte ich.</p><p>Sie sonnte sich in meinem Lob.</p><p>�Ich hei�e Tarl.�</p><p>�Oh�, sagte sie etwas mi�billigend. �So ein wilder Name.�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Es ist ein Name aus dem Norden, nicht wahr?�</p><p>�Man findet ihn oft im Norden, vor allem in Torvaldsland.�</p><p>�M�nner aus Torvaldsland machen mir angst�, sagte Tutina. �Sie behandeln ihre Frauen so schlecht. Du kommst doch nicht etwa aus Torvaldsland?�</p><p>�Nein.�</p><p>Tutina l�chelte. �Das ist sch�n. Und wo her kommst du gerade?�</p><p>�Torcodino.�</p><p>�Ach ja?� Es klang entt�uscht.</p><p>�Stimmt etwas nicht?� wollte ich wissen.</p><p>�Du bist doch kein Fl�chtling, oder?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Dann d�rftest du eine schwierige Reise hinter dir haben.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� es in Torcodino so schlimm steht, wie alle sagen.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Nein. Sie wollen uns nur Angst einjagen.� Mir entging nicht, da� ihr Blick auf meinem Geldbeutel ruhte.</p><p>�Ich bin in einer �berlandkutsche gekommen.� Das gefiel ihr. Es war ein Hinweis, da� ich Geld hatte.</p><p>�Bist du ein Kaufmann?�</p><p>�Ich habe schon �fter Dinge gekauft und wieder verkauft.� Das gefiel ihr ebenfalls. Ich f�gte nicht hinzu, da� viele dieser Dinge Frauen wie sie waren.</p><p>�Darf ich dich Tarl nennen?�</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte ich. Schlie�lich war sie eine freie Frau. Ich schenkte Ka-la-na nach.</p><p>Tutina trank. Sie st�tzte die Ellbogen auf den niedrigen Tisch und beugte sich vor. Ihre Br�ste schienen nur darauf zu warten, von mir ber�hrt zu werden. Ihre Lippen waren warm und weich. �Es gab noch einen anderen Grund, warum ich an deinen Tisch getreten bin.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ich f�hle mich zu dir hingezogen!�</p><p>�Ich verstehe.� Ich warf einen Blick auf den Burschen, der noch immer auf der Tischplatte schlummerte.</p><p>�Und ich bin so einsam�, fl�sterte sie. Ihre Hand ber�hrte die meine. Ich sp�rte Erregung in mir aufsteigen, doch ich beherrschte mich.</p><p>�Tarl�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja?� Sie verstand ihr Handwerk, das mu�te man ihr lassen.</p><p>Unvermittelt zog sie sich zur�ck, scheinbar um eine Tr�ne aus dem Augenwinkel zu wischen. �Ich darf so etwas nicht zu dir sagen.�</p><p>�Was denn?� fragte ich sanft.</p><p>�Ich mu� gehen. Sofort!� Tutina stemmte die H�nde auf den Tisch, damit ich sie nehmen und sie mit sanfter �berredung am Aufstehen und Gehen hindern konnte. Aber da ich neugierig war, was nun geschehen w�rde, tat ich so, als w�rde ich es nicht bemerken.</p><p>Sie blieb knien.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich tun soll�, stie� sie hervor und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ist etwas nicht in Ordnung?� fragte ich scheinbar besorgt.</p><p>�Du mu�t mich f�r eine schreckliche Frau halten�, sagte sie und wischte eine weitere angebliche Tr�ne weg.</p><p>�Aber nicht doch.� Ganz im Gegenteil, ich hielt sie f�r sehr verf�hrerisch.</p><p>�Ich war anma�end�, sagte sie. �Ich bin an deinen Tisch gekommen. Ich habe dich angesprochen. Ich habe zugelassen, da� du, ein Mann, den ich kaum kenne, mir Ka-la-na gekauft hast. Ich sch�me mich so.�</p><p>�Daf�r gibt es keinen Grund.�</p><p>�Aber was noch viel schlimmer ist: Ich habe dir meine Gef�hle enth�llt. Ich habe von meiner unaussprechlichen Einsamkeit erz�hlt. Bist du auch einsam?�</p><p>�Wie k�nnte ich einsam sein, in deiner Gesellschaft?�</p><p>�Welch sch�nes Kompliment!�</p><p>Das fand ich auch. Gut, es hatte schnelles Nachdenken erfordert.</p><p>�Aber am meisten sch�me ich mich �ber meine Dreistigkeit.�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Als ich zugegeben habe, da� ich mich zu dir hingezogen f�hle.�</p><p>�Ich verstehe�, erwiderte ich. �Du f�hltest dich zu mir hingezogen, weil du den Eindruck hattest, ich sei vielleicht ein netter, verst�ndnisvoller Bursche, der bis zu einem gewissen Grad deine Einsamkeit und deinen Schmerz lindern k�nnte, ein Gespr�chspartner.�</p><p>�Es war mehr als das�, fl�sterte Tutina und senkte den Blick, als w�rde sie es nicht wagen, mich anzusehen.</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>Sie sah gequ�lt auf. �Ich habe mich zu dir hingezogen gef�hlt�, sagte sie und senkte besch�mt den Kopf, <emphasis>�wie eine Frau zu einem Mann!�</emphasis></p><p>Ich schwieg.</p><p>�Auch freie Frauen haben Bed�rfnisse, wei�t du�, fl�sterte sie.</p><p>�Das bezweifle ich nicht�, sagte ich.</p><p>�Es ist nett von dir, da� du mich deswegen nicht auslachst�, sagte Tutina. Sie sah zu mir hoch. �Manchmal sind diese Bed�rfnisse sehr stark.�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt.�</p><p>�Du bist wirklich nett.� Sie hielt inne. �Darf ich dir etwas sagen?� fragte sie dann z�gernd.</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Ich dachte daran, da� ich dir gestatte, meinen K�rper anzusehen�, sagte sie. �Da� ich dir vielleicht sogar erlaube, mich zu ber�hren. Da� ich mich dir hingebe, da du so nett bist und ich mich zu dir hingezogen f�hle.�</p><p>�Ich bin �ber alle Ma�en beeindruckt�, sagte ich. Das schien eine angebrachte Erwiderung zu sein, schlie�lich war sie eine freie Frau. Es ist schwer, das Richtige zu sagen, wenn man etwas so L�cherliches h�rt.</p><p>�Wie nett du doch zu einer Frau bist, die du an einem solchen Ort kennengelernt hast, eine Frau, die so arm ist, da� sie sich nicht einmal Sandalen, ein richtiges Gewand und einen passenden Schleier leisten kann. St�rt es dich, da� ich so aufreizend gekleidet bin, da� ich keinen Schleier trage, wie es sich geh�rt?�</p><p>�Nein�, erwiderte ich. �Zweifellos ist das ein unvermeidliches Zugest�ndnis an die H�rten der Armut.�</p><p>�Ja�, klagte sie. �Vielleicht k�nntest du dir einfach vorstellen, ich sei verschleiert.�</p><p>�Das ist ein Gedanke.� Das war nicht einmal gelogen. Ich stellte mir vor, wie sie wohl nackt aussah, in engen Ketten, mit dem Sklavenkragen, den sie verdiente.</p><p>Tutina sah mich dankbar an. In meiner Vorstellung zog ich die Fesseln noch enger.</p><p>�Stimmt es, da� du dich zu mir hingezogen f�hlst?� fragte ich.</p><p>�Ja�, fl�sterte sie und wagte es, meine Hand zu ber�hren.</p><p>�Dann sollten wir gehen. Vielleicht in deine Wohnung?�</p><p>Tutina zuckte sofort zur�ck. Wie erwartet fand sie diesen Vorschlag nicht annehmbar. Sie wollte nicht, da� ihre Adresse bekannt wurde. Das konnte sie der Gnade ihrer w�tenden Opfer ausliefern. Au�erdem w�rde es den durch Anzeigen alarmierten Stadtw�chtern erleichtern, sie zur Befragung abzuholen und ihre Personalien festzustellen; in ihrem Fall w�rden darauf bestimmt eine Anh�rung und die unausweichliche Versklavung folgen.</p><p>�Wie w�re es dann mit meinem Zimmer?� schlug ich vor. �Es ist ganz in der N�he.�</p><p>Sie sch�ttelte vorwurfsvoll den Kopf. Wie ich mir gedacht hatte, sagte ihr dies auch nicht zu. Sie zog es vor, ihr Werk hier zum Abschlu� zu bringen, wo es anscheinend geduldet wurde. Sie arbeitete verstohlen mit Drogen, statt die Beute mit drau�en wartenden Komplizen teilen zu m�ssen oder das Risiko einzugehen, von Personen gesehen zu werden, die in der unmittelbaren N�he des Opfers lebten. �F�r welche Art von M�dchen h�ltst du mich?�</p><p>�Vergib mir�, sagte ich ernst. �Ich wollte dich nicht beleidigen.� Sie war sehr geschickt in dem Spiel, eine Erwiderung des Mannes herauszufordern, um dann zu behaupten, sie sei mi�verstanden worden. Derart beleidigt, verwirrte sie den Mann und sorgte daf�r, da� es auch so blieb; auf diese Weise konnte sie mit einem Blick oder einer Tr�ne erreichen, da� alles nach ihrem Willen verlief. Sie verstand es auf sehr weibliche Weise, ihre Ziele zu verfolgen. Das mu�te ich ihr zugestehen.</p><p>�Ich wu�te, ich h�tte nicht herkommen sollen�, schluchzte sie und wischte eine nichtvorhandene Tr�ne aus dem Augenwinkel. Dann tat sie so, als wolle sie aufstehen, blieb aber doch sitzen, als ich nichts dagegen unternahm.</p><p>�Ich war sehr ungeschickt�, sagte ich.</p><p>�Ich mache dir ja gar keinen Vorwurf�, schluchzte sie. �Was solltest du auch denken, da du mich an diesem Ort kennenlernst? Sicherlich h�ltst du mich f�r eines dieser losen Weiber.�</p><p>�Nein, bestimmt nicht. Du unterscheidest dich von ihnen.�</p><p>�Danke�, fl�sterte sie.</p><p>Ich nickte. Nat�rlich unterschied sich von ihnen. Zum einen war sie noch bekleidet. Au�erdem trug sie noch keinen Sklavenkragen.</p><p>�Vielleicht hast du dich ja schon gefragt, was ich, eine Frau aus gutem Haus, ausgerechnet hier verloren habe?�</p><p>�Schon m�glich�, sagte ich ermutigend und versuchte, nachdenklich auszusehen. Dabei hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie in dem Freudenhaus tat.</p><p>Tutina blickte zu Boden. �Ich glaube, der wahre Grund, warum ich, eine Frau, der es verzweifelt nach Liebe verlangt, es gewagt habe, diesen schrecklichen Ort zu betreten, an dem � wie ich wu�te � M�nner verkehren, war mein verzehrender Wunsch, einen freundlichen Mann kennenzulernen. Es war die Einsamkeit, die mich fast meines freien Willens beraubt und hierher getrieben hat.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Aber ich h�tte niemals kommen d�rfen.�</p><p>�Doch dann h�tten wir uns niemals kennengelernt�, wandte ich ein.</p><p>�Ja�, fl�sterte sie und ber�hrte wieder meine Hand. �Das stimmt.�</p><p>�Du hast von einem wahren Grund gesprochen, der mit deinem Verlangen nach Liebe zu tun hat. Daraus schlie�e ich, da� es noch einen anderen, zumindest vorgeschobenen Grund f�r dein Kommen gibt.�</p><p>Tutina l�chelte reum�tig. �Ja�, sagte sie, �ich bin eine stolze freie Frau. Ich konnte nicht zulassen, mir solche Dinge wie Einsamkeit oder der Hunger nach Liebe einzugestehen. Ich mu�te mir einreden, da� es noch einen anderen Grund gibt.�</p><p>�Und was ist das?�</p><p>�Ich brauche dringend Geld�, sagte sie. �Ich habe einen Ring. Ich habe mir eingeredet, da� ich versuchen will, ihn zu verkaufen.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Aber ich habe mich nicht dazu �berwinden k�nnen, mich davon zu trennen. Er geh�rt zu den wenigen Dingen, die mir aus der Zeit �brig geblieben sind, als ich stolz und wohlhabend war. Er steckt voller Erinnerungen.�</p><p>�Ach, so ist das.�</p><p>�M�chtest du ihn sehen?�</p><p>�Das ist nicht n�tig.�</p><p>�Bitte, la� ihn mir dir zeigen�, sagte sie.</p><p>�Also gut.� Sie holte den Ring aus einem winzigen Beutel, der an ihrem G�rtel hing, und streifte ihn �ber den Finger.</p><p>�Wundersch�n�, sagte ich. Der ovale Stein war aus wei�em Porzellan und steckte in einer roten Metallfassung. Auf dem Porzellan war die winzige rote Abbildung eines Tur-Baumes. Der Ring war aus Gold.</p><p>�Er wurde in Turia gefertigt.� Das glaubte ich ihr. Auf dem Stein war der Tur-Baum zu sehen, das Emblem Turias, einer Stadt der s�dlichen Hemisph�re. Au�erdem wu�te ich, da� man dort solche Ringe herstellte. Ich hatte sie dort sogar mit eigenen Augen gesehen. Doch in Ar, einer Stadt der n�rdlichen Hemisph�re, waren Ringe dieser Machart selten; die meisten M�nner w�rden keinen Verdacht hegen, wozu er dienen mochte. Vermutlich hatte Tutina ihn in einem Importladen auf der Stra�e von Turia gekauft. Nat�rlich war es andererseits nicht auszuschlie�en, da� der Stein massiv und nicht hohl war. Die meisten derartigen Ringe sind v�llig harmlos.</p><p>�W�rdest du ihn mir verkaufen?� fragte ich. �Du kannst das Geld doch sicher brauchen.�</p><p>�F�hr mich nicht in Versuchung�, l�chelte sie. �Ich k�nnte es nicht �ber mich bringen, mich davon zu trennen.�</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>�Welch ein Gl�ck, da� ich einen Mann wie dich kennengelernt habe�, sagte Tutina. �Wie verst�ndig du bist.�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Ich bin so aufgeregt�, fl�sterte sie.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ich m�chte dich auf dein Zimmer begleiten�, fl�sterte sie.</p><p>�Dann la� uns gehen.�</p><p>�Oh, der Wein ist alle�, sagte sie entt�uscht.</p><p>Das stimmte.</p><p>�K�nnen wir noch etwas Wein trinken?� bettelte sie. �Er w�rde mir helfen, in noch bessere Stimmung zu geraten. Noch ein kleiner Schluck, und ich wei� nicht, ob ich mich beherrschen kann. Vielleicht liefe ich hinter dir her, wie eine liebestolle Sklavin.�</p><p>�Ich besorge noch Wein�, sagte ich, sah mich um und hob die Hand. Louise sprang auf und kam an den Tisch gelaufen. Der Mann am Nachbartisch schlief noch immer. Ich winkte Louise heran und bestellte fl�sternd eine weitere Flasche Wein.</p><p>Lady Tutina l�chelte mich an.</p><p>Ich erwiderte das L�cheln.</p><p>�Magst du mich?� fragte sie.</p><p>�Ja.� Mit der richtigen Ausbildung g�be sie eine ausgezeichnete Sklavin ab.</p><p>�Wenn diese Sklavin sich doch nur beeilen w�rde!�</p><p>�Sie ist sicher gleich da.�</p><p>�Vielleicht solltest du sie auspeitschen�, schlug Tutina vor.</p><p>�Ein ausgezeichneter Vorschlag, aber wir wollen ihr noch ein paar Ihn geben.�</p><p>�Ich glaube, da� ich bald in der richtigen Stimmung bin�, fl�sterte sie vertraulich.</p><p>�Ausgezeichnet�, entgegnete ich. Ihr ganzes Gerede belustigte mich. Ich fragte mich, ob sie in den ersten Ihn in Ketten � bis die Hand oder die Peitsche ihres Herrn sie anderweitig lehrte � noch immer der festen �berzeugung w�re, den Herrn auf sein Vergn�gen warten lassen zu k�nnen, bis sie �in der richtigen Stimmung� war.</p><p>Sie sah mir tief in die Augen. �Ich glaube�, wisperte sie, �dieses Treffen k�nnte mein ganzes Leben ver�ndern.�</p><p>�Das erscheint mir nicht unm�glich�, erwiderte ich.</p><p>�Herr�, sagte Louise und kniete vor dem Tisch nieder, eine kleine Flasche Wein auf dem Tablett. Ich nahm sie und stellte sie in meiner N�he ab. Dann schickte ich Louise wieder fort.</p><p>Ich go� zwei Glas Wein ein. Dabei fragte ich mich, wie geschickt Lady Tutina wohl w�re. Ich erinnerte mich an einen Freund namens Boots Tarskst�ck, der wunderbar begabt war, was Taschenspielertricks anging.</p><p>�Sie ist h�bsch, nicht wahr?� fragte Lady Tutina und sah Louise nach. Das nackte Sklavenm�dchen war in dem flackernden Rotlicht kaum auszumachen; sie hielt das Tablett �ber den Kopf und bahnte sich einen Weg an den Tischen und Matten vorbei. �Auf die unterw�rfige Weise, die Sklaven so an sich haben�, f�gte Tutina hinzu.</p><p>Ich sah Louise hinterher. �Schon m�glich.�</p><p>�Der Mann scheint jedenfalls der Meinung zu sein�, sagte Tutina. Ein Gast griff nach Louises Schenkel, als sie an ihm vorbeiging. Sie wich ihm geschickt aus und eilte weiter. Der Mann sackte betrunken auf die Seite.</p><p>�Ja�, sagte ich. Louise war in der Tat ein h�bsches M�dchen.</p><p>�La� uns trinken!� schlug Tutina vor. Ich fand, da� sie doch nicht so geschickt war wie angenommen. Es ist nicht besonders schwer, jemandem, der gerade nicht hinsieht, etwas ins Glas zu sch�tten. Boots h�tte es bestimmt geschafft, w�hrend er der betreffenden Person ins Gesicht gesehen h�tte. Er war nat�rlich ungew�hnlich gut in solchen Dingen.</p><p>�Auf dich�, hauchte Lady Tutina mit einem L�cheln.</p><p>�Nein�, sagte ich. �Auf dich.�</p><p>Sie trank von dem Wein. Ich hob das Glas lediglich an die Lippen und stellte es wieder ab.</p><p>�Das ist nicht derselbe Wein�, sagte sie und senkte das Glas. �Er schmeckt anders.�</p><p>�Ja. Magst du ihn?�</p><p>�Aber ja. Er schmeckt gro�artig!� Sie l�chelte. Dann f�gte sie vorwurfsvoll hinzu: �Aber du hast ihn ja kaum anger�hrt!�</p><p>�Komm her!� bat ich.</p><p>Sie trat um den Tisch und kniete neben mir nieder. Es war das erste Mal, da� sie mir gehorcht hatte. Das gefiel mir.</p><p>�N�her.�</p><p>Sie r�ckte n�her an mich heran.</p><p>�Noch n�her.�</p><p>Sie schmiegte sich an mich. Ihre Br�ste waren aufregend. Ich legte den Arm um sie, damit ich sie an mich dr�cken konnte. Sie sah mir in die Augen. �Du hast deinen Wein nicht anger�hrt�, schnurrte sie.</p><p>�Nein?�</p><p>�Trink, trink!� versuchte sie mich zu �berreden, ergriff das Glas und hob es mir an die Lippen. �Trink!� fl�sterte sie. �Dann k�nnen wir auf dein Zimmer eilen, wo ich dir wie eine Sklavin dienen werde.�</p><p>�Du bist sinnlich und verf�hrerisch�, sagte ich.</p><p>�Trink!�</p><p>Ich zwang mich dazu, nicht zu vergessen, da� sie f�r den anderen Mann bestimmt war, der zusammengesunken auf dem Tisch schlief.</p><p>Ich nahm ihr das Glas ab und stellte es auf den Boden.</p><p>�Was ist los?� fragte sie.</p><p>�Ermuntere mich!� befahl ich.</p><p>Tutina fing an, mich zu k�ssen und zu lecken, im ganzen Gesicht und am Hals. Sie war recht geschickt. Nach der Sklavenausbildung w�rde sie es noch besser k�nnen.</p><p>�Wei�t du, welcher Wein das ist?� fragte ich.</p><p>�Nein�, murmelte sie besch�ftigt.</p><p>Ich drehte die Flasche so hin, da� sie das Etikett lesen konnte. Es war eine kleine Flasche von Boletas Nektar der �ffentlichen Sklaveng�rten. Boleta ist in Ar und Umgebung ein bekannter Weinbauer, der f�r die Produktion gro�er Mengen einigerma�en guter Ka-la-na ber�hmt ist. Der Nektar war seine vielleicht beste Marke; sie wurde in Ars �ffentlichen Sklaveng�rten ausgeschenkt. Urspr�nglich war sie allein f�r diesen Markt hergestellt worden. Daher r�hrte auch der Name.</p><p>�Oh�, sagte sie.</p><p>�Ich hoffe, er schmeckt dir.�</p><p>�Ja, er ist gut.�</p><p>�Das freut mich.�</p><p>�Hier�, sagte sie und nahm mein Glas. �Trink schnell. Ich habe es eilig, auf dein Zimmer zu kommen.�</p><p>�Dann la� uns sofort gehen�, sagte ich. Ich hatte beschlossen, ihr diese Gelegenheit zu geben, sich zu retten. Willigte sie ein, w�rde ich sie am Morgen vom Ring losbinden.</p><p>�Beeil dich!� fl�sterte sie. Sie hielt mir das Glas an die Lippen. �Trink!� fl�sterte sie verf�hrerisch.</p><p>Innerlich mu�te ich l�cheln. Sie hatte ihre Gelegenheit gehabt. Zugeben, ich hatte sie ihr nur zu meiner Erheiterung angeboten, in dem Wissen, da� sie ablehnen w�rde.</p><p>�Trink!�</p><p>Ich nahm ihr das Glas aus der Hand und sagte: �Aber das ist f�r dich!�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich habe den Wein f�r dich gekauft.�</p><p>�Aber ich habe doch schon getrunken.�</p><p>�Dann trink noch mehr.�</p><p>�Du kannst mir ja noch etwas eingie�en�, sagte sie unbehaglich.</p><p>�Nimm meinen�, schlug ich vor.</p><p>�Das ist doch nicht m�glich.�</p><p>�Aber sicher doch.�</p><p>�Ich habe wirklich genug getrunken�, sagte sie. Sie stemmte sich gegen meine Umarmung.</p><p>�Nein, du hast nicht genug getrunken.�</p><p>Sie sah mich �ngstlich an. �Ich will nichts mehr trinken.�</p><p>�Stimmt etwas nicht mit dem Wein?� fragte ich.</p><p>�Wieso? Der Wein ist gut.�</p><p>�Dann trink!� Ich hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie versuchte, ihm auszuweichen. �Was ist?�</p><p>�Nichts�, sagte sie.</p><p>�Trink!�</p><p>�Nein.�</p><p>�Du wirst das hier trinken�, sagte ich.</p><p>�Nein!� Mein Griff war gnadenlos. �H�r auf. Bitte!�</p><p>Ich griff mit der Linken in ihr Haar und zog ihr den Kopf nach hinten. ��ffne den Mund! Versch�tte keinen Tropfen!�</p><p>Sie wand sich hilflos. Die Z�hne hatte sie zusammengebissen.</p><p>�Du willst also schwierig sein�, sagte ich.</p><p>Tutina verst�rkte ihre Anstrengungen, aber meinem Griff konnte sie nicht entkommen. Sie dr�ckte die Lippen fest aufeinander. Ich schlo� daraus, da� sie nicht einmal einen Tropfen der Fl�ssigkeit in den Mund bekommen wollte. Das Mittel mu�te also ziemlich stark sein. Au�erdem war die Dosis f�r einen Mann bestimmt gewesen.</p><p>Ich sah auf und bemerkte Louise, die vom Ausschank zur�ckgekommen war. Sie stand da und starrte uns entsetzt an.</p><p>�Wir werden ihr etwas zu trinken geben�, sagte ich.</p><p>�Herr?� fragte Louise �ngstlich.</p><p>�Mit einer einfachen, durchaus angebrachten Methode�, sagte ich. Lady Tutina starrte mich gehetzt an. �Nein!� stie� sie durch die zusammengepre�ten Lippen hervor. Ich stellte das Weinglas auf dem Boden ab.</p><p>�Sklavin, nimmt Lady Tutinas G�rtel und fessle ihr die H�nde auf den R�cken!� befahl ich Louise.</p><p>�Aber Herr!� protestierte sie entsetzt.</p><p>�Nein!� kreischte Tutina.</p><p>�Sie ist eine freie Frau!� fl�sterte Louise.</p><p>�Mu� ich den Befehl wiederholen?� fragte ich.</p><p>Sie schlug den Blick nieder. �Nein, Herr.�</p><p>Dann knotete sie Tutinas G�rtel auf, nahm ihn ab, zwang ihr die H�nde auf den R�cken und fesselte sie zusammen.</p><p>�Gut�, sagte ich. Tutina, die am Boden kniete, wand sich mit den gefesselten H�nden. Vergeblich.</p><p>Louise st�hnte voller Angst auf. �Herr!� bettelte sie.</p><p>�Hier�, sagte ich und reichte ihr das kleine Glas. �Gehorch mir!�</p><p>�Ja, Herr!� wisperte sie.</p><p>�Nein!� stie� Tutina hervor. Doch sie verstummte, als ich ihr Haar loslie� und ihr mit den Fingern der linken Hand die Nase zuhielt. Jetzt bekam sie keine Luft mehr durch die Nase. Mit demselben Griff zwang ich ihren Kopf nach hinten. M�glich, da� ich dabei nicht so sanft vorging, wie es angebracht gewesen w�re; schlie�lich war sie eine freie Frau. Sie schnappte nach Luft, und ich schob ihr den rechten Daumen und Zeigefinger in den sich �ffnenden Mund, lie� die restlichen Finger nachfolgen und hielt ihn offen, aber so, da� sie nicht zubei�en konnte.</p><p>�Jetzt�, befahl ich Louise.</p><p>Lady Tutina wimmerte. Sie wand sich, versuchte, den Kopf zu sch�tteln, aber ich hielt sie fest. Vorsichtig go� Louise ihr den Wein in den sch�nen Mund.</p><p>�Gut!�</p><p>Louise sah mich dankbar an.</p><p>Ich hielt Tutinas Kopf weiterhin fest. Da ich den richtigen Moment abgepa�t hatte, war nicht mehr genug Atem in ihren Lungen, da� sie die Fl�ssigkeit ausspucken konnte. Sie starrte mich fassungslos an.</p><p>�Ich nehme an, da� du fr�her oder sp�ter Luft holen willst. Doch um das zu tun, mu�t du zuerst den Wein hinunterschlucken.�</p><p>Sie wimmerte vor Protest.</p><p>�Es ist wirklich sinnlos, da� du den Atem anh�ltst�, befand ich.</p><p>Sie gab noch ein St�hnen von sich.</p><p>�Du bist sehr sch�n�, gestand ich ihr.</p><p>Tr�nen traten ihr in die Augen, und sie schluckte den Wein trotzig hinunter, w�rgte, hustete und rang keuchend nach Luft.</p><p>�Du darfst die H�nde der Lady Tutina losbinden�, befahl ich Louise.</p><p>Sie beeilte sich, meinem Befehl nachzukommen.</p><p>�O nein, Lady Tutina�, sagte ich und hielt ihre zuschlagenden H�nde fest. �Das ist keine gute Idee.�</p><p>Sie k�mpfte erfolglos gegen den Griff an. �Ich hasse dich!� rief sie. �Ich hasse dich!�</p><p>�Du hast doch nichts zu bef�rchten�, erwiderte ich. �Es sei denn, es w�re etwas in dem Wein gewesen.�</p><p>�Ich hasse dich!� schluchzte sie und warf dem Mann am Nachbartisch einen entsetzten Blick zu. Er war noch immer ohne Bewu�tsein. Tutina hatte sichtlich Angst. Die Dosis, die sie geschluckt hatte, war � wenn tats�chlich etwas in den Wein gemischt worden war � zweifellos f�r einen Mann berechnet gewesen. Darum w�rde sie vermutlich mehrere Ahn lang bewu�tlos sein, mehr als genug Zeit, um sie in eine Zelle des Praetors zu schleppen. Sie versuchte erneut, sich aus dem Griff zu befreien, aber ich lie� nicht los.</p><p>�Ich hasse dich!� zischte sie.</p><p>�Und was ist mit deiner Einsamkeit, deinem Verlangen nach Liebe?�</p><p>�Sleen! Sleen!� stie� sie hervor. Sie k�mpfte wieder gegen den Griff an, aber diesmal schien es bereits weniger energisch als beim letztenmal zu sein. Es war also etwas im Wein gewesen. Pl�tzlich schien sie unsicher auf den Beinen zu werden.</p><p>�Was wirst du mit mir tun?� fragte sie.</p><p>�Wenn du erwachst, wirst du schon merken, was man mit dir getan hat�, erwiderte ich.</p><p>�Ich liebe dich�, sagte sie unvermittelt. �Bring mich auf dein Zimmer. Es war nicht n�tig, mir etwas einzufl��en. Ich w�re gern mitgegangen.�</p><p>�Das freut mich.�</p><p>�Ich liebe dich. Du wirst mich doch mit auf dein Zimmer nehmen, oder?�</p><p>Ich sah sie wortlos an.</p><p>�Ich werde dir dienen � wie eine Sklavin!� fl�sterte sie. �Und morgen fr�h l��t du mich gehen.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Was hast du mit mir vor?� fl�sterte sie.</p><p>�Ich werde dir �berhaupt nichts tun�, sagte ich.</p><p>Tutina sah mich verbl�fft an. Und schwankte pl�tzlich.</p><p>Ich warf dem Mann, der auf dem Tisch schlief, einen bezeichnenden Blick zu.</p><p>�Nein�, stie� sie hervor. �Nein! Bitte! Nicht!�</p><p>�Das ist ein sch�ner Ring�, sagte ich. Ich streifte ihn ihr vom Finger und warf ihn zu Boden. Tutina sank in sich zusammen. Ich glaubte nicht, da� sie noch aufstehen konnte. Sie sah zu, wie ich den Ring mit dem Absatz zertrat.</p><p>Dann sackte Tutina bewu�tlos zu Boden.</p><p>Ich packte sie bei den Handgelenken und zerrte sie zu dem Tisch, an dem ihr fr�heres Opfer bewu�tlos schlummerte. Am Boden war ein schwerer Sklavenring befestigt. Dort legte ich sie auf die Matte, schob ihr Kleid bis zu den Oberschenkeln hoch und fand wie erwartet den Geldbeutel. Ich band ihn ihr um den Hals, holte die drahtverst�rkte Schnur aus der G�rteltasche und fesselte ihr die Handgelenke an den Ring.</p><p>Ich sah auf sie hinunter. Tutina lag dort auf dem Bauch, halbnackt, die Arme �ber den Kopf gestreckt, die Handgelenke �ber Kreuz an den Sklavenring gefesselt, den Geldbeutel um den Hals. Wenn der Mann das Bewu�tsein wiedererlangte, w��te er sofort, was er mit ihr zu tun hatte.</p><p>Das war erledigt. Ich sah mich um. Eine Nachricht hatte mich an diesen Ort gelockt. Ich hatte gewartet, aber offenbar hatte niemand den Versuch unternommen, Kontakt mit mir aufzunehmen. Daf�r mochte es verschiedene Gr�nde geben. Allerdings war das Treffen sicherlich nicht daran gescheitert, da� man mich nicht erkannt hatte. Die Personen � oder die Person �, die dahintersteckten, wu�ten, wie ich aussah, entweder vom Platz am Zentralzylinder her oder anhand einer Beschreibung. Das deutete darauf hin, da� sie bis jetzt noch nicht auf mich zugetreten waren, weil es sich um eine vertrauliche Angelegenheit handelte. Vielleicht um eine geheime Information oder, was wahrscheinlicher war, um den verstohlenen Einsatz gez�ckter Dolche, das Gesch�ft des Attent�ters.</p><p>Es w�rden nicht mehr als zwei M�nner sein. Ich fa�te die Durchg�nge zu den Tunneln ins Auge. Der Bordelleingang stand ganz bestimmt unter Beobachtung. Doch in einem der Tunnel gab es mit Sicherheit einen Hinterausgang. Wenn sie glaubten, ich w�rde mich danach auf die Suche machen, mu�ten sie schnell handeln. In dem Tunnel w�re es dunkel. Ich ging los. Einen Augenblick sp�ter hatte ich den niedrigen Durchgang zu dem Al-Ka-Tunnel erreicht, dem ersten Tunnel. Ich blickte zur�ck. In dem D�mmerlicht war nicht zu erkennen, ob mich jemand beobachtete. Doch irgendwie hatte ich das Gef�hl, da� mein Eintritt nicht unbeobachtet blieb.</p></section><section><title><p>25</p></title><p>Die T�r fiel hinter mir zu. Ein Lichtschein drang darunter hervor.</p><p>Einen Augenblick sp�ter hatte ich den Lichtschein bereits hinter mir gelassen. Bald mu�te ich auf allen vieren kriechen, da sich die Tunneldecke nur etwa drei�ig Zentimeter �ber meinem Kopf befand. Der Tunnel war an einigen Stellen mit Teppichen ausgelegt; wo das nicht der Fall war, mu�te ich �ber nackten Steinboden kriechen. In unregelm��igen Abst�nden gab es mit Ledervorh�ngen verschlossene Alkoven; die kreisrunden Eing�nge besa�en eine Breite von etwa einem Meter. Einige der Alkoven waren mit einer Lampe ausgestattet, wie der Lichtschein verriet, der durch die Spalten der Ledervorh�nge drang und den Tunnel schwach erhellte. Doch davon abgesehen war es hier stockfinster. Zwei Alkoven waren belegt, wie man sehen konnte, da die Vorh�nge nicht richtig zugezogen waren. Ein M�dchen kniete nackt mit dem R�cken zur Wand, die angeketteten H�nde �ber dem Kopf. Ihr Herr strich mit dem Peitschenstiel �ber ihren K�rper. In dem zweiten Alkoven lag ein M�dchen mit weit gespreizten Beinen auf dem R�cken. Sie w�lbte sich dem Mann entgegen, der sie anscheinend bis zu einem Punkt erregt hatte, an dem sie es nicht mehr aushalten konnte. Doch er lie� sich Zeit und spielte weiter mit ihr.</p><p>Die anderen Alkoven waren jedoch so finster wie der Tunnel. Einige waren unbesetzt, wie ich hoffte, da ich m�glicherweise einen davon brauchte. Doch als ich weiterkroch, h�rte ich, da� so gut wie kein Alkoven leer war, ganz im Gegenteil. Ketten klirrten, leises, unterdr�cktes Lustgest�hn war zu h�ren. Viele der Frauen gaben sich in der Dunkelheit M�nnern hin, die sie nicht sehen konnten. Andere lagen dort angekettet und warteten, ohne zu wissen, wer da kam.</p><p>Pl�tzlich hielt ich inne und vermied jedes Ger�usch. Jemand kam mir in dem Tunnel entgegen. Nat�rlich ging ich davon aus, da� diejenigen, die nach mir suchten, von hinten kamen. Dennoch zog ich mein Quiva. Pagageruch erf�llte die Luft. Dann kroch ein Bursche an mir vorbei.</p><p>Ich machte mich wieder auf den Weg.</p><p>�Mehr! Mehr! Bitte!� Die Stimme des M�dchens kam aus einem Alkoven zu meiner Rechten. �Bitte, Herr, h�r nicht auf! Nein! Nicht aufh�ren! Bitte!� Ketten klirrten. �Bitte, Herr!� schluchzte sie. �Ich flehe dich an! Ja, ja, ja, ja!�</p><p>Ich h�rte einen Aufschrei, das Klirren der Ketten wurde leiser.</p><p>Ich machte mich wieder auf den Weg.</p><p>Der Tunnel beschrieb nun Kurven. Allerdings wurde er nicht ger�umiger. Man konnte die Nummern der Alkoven ertasten, wenn einem die Lampe fehlte. Meine Finger strichen �ber die Nummer zu meiner Rechten. Es war die Sechsundzwanzig. Der n�chste Alkoven w�rde dann die Nummer siebenundzwanzig tragen, ein St�ck links voraus. Die Alkoven waren versetzt zueinander angeordnet, vermutlich um der Privatsph�re willen. Diese Aufteilung half dabei, die Zahl der unerwarteten Begegnungen zu verringern. Goreaner sind manchmal etwas heikel, was solche Dinge angeht. Ich sch�tzte, da� ich mittlerweile weit in den Tunnel vorgedrungen war. Der Hinterausgang beziehungsweise der Durchgang in einen hinteren Korridor konnte nicht mehr weit entfernt sein. Vielleicht gelang es mir, ohne Schwierigkeiten aus dem Freudenhaus hinauszukommen. Das w�re sch�n gewesen.</p><p>Ich hielt inne, lauschte geduldig. Augenblicke sp�ter h�rte ich es. Es war kein lautes Ger�usch, daf�r aber unverkennbar, das Ger�usch von �ber Stein schabendem Stahl. Vermutlich gab es viele Erkl�rungen f�r ein solches Ger�usch. Eine davon � die ich wirklich aufregend fand � war das Messer in der Hand des Mannes, der durch den Tunnel kroch.</p><p>Ich ging weiter. �Cicek!� rief ich leise. �Wo steckst du, Cicek? Cicek?�</p><p>�Warte�, erwiderte eine Stimme.</p><p>�Tal�, sagte ich. �Ist Cicek hier entlanggekommen? Hast du eine Sklavin hier entlangkommen gesehen?�</p><p>�Hier sieht man nichts�, knurrte der Mann.</p><p>�Vielleicht hast du sie ja gef�hlt. Das w�re sicher sehr angenehm gewesen.�</p><p>�Du bist betrunken.�</p><p>�Das ist nicht wahr.�</p><p>�Was tust du hier?�</p><p>�Was tut man schon im Tunnel?� stellte ich die Gegenfrage. �Was tust du hier?�</p><p>�Sprich!� befahl er drohend.</p><p>�Um ehrlich zu sein, im Augenblick nicht viel�, sagte ich. �Bist du sicher, da� dir Cicek nicht begegnet ist?�</p><p>�An mir ist keiner vorbeigekommen�, sagte er. Und das ziemlich ungehalten, wie ich fand.</p><p>�Vielleicht ist sie ja den anderen Weg gekrochen.�</p><p>�Warte�, sagte er. �Wer bist du?�</p><p>�Man nennt mich Bosk.�</p><p>�Ist sonst noch jemand im Tunnel?�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Und wo?�</p><p>�Ein St�ck vor dir�, erkl�rte ich. Das stimmte sogar. <emphasis>Ich</emphasis> kauerte vor ihm.</p><p>�Danke, B�rger.�</p><p>�Keine Ursache�, sagte ich. Dann drehte ich mich um und kroch wieder zur�ck. �Cicek!� rief ich. �Wo steckst du?� Gl�cklicherweise hie� keines der M�dchen in den Alkoven Cicek. Das h�tte sonst peinlich werden k�nnen.</p><p>Falls der Tunneleingang frei war, konnte ich das Freudenhaus durch den Vordereingang verlassen.</p><p>�Cicek!�</p><p>�Warte mal�, sagte da eine andere Stimme. Der Kerl klang genauso w�tend wie sein Vorg�nger. Die Stimmen h�rten sich nicht so an, als geh�rten sie zu M�nnern, denen man gern in einer dunklen Gasse begegnete. Oder in einem Tunnel. Ich sah ihn genausowenig wie den ersten Mann, aber vermutlich sah er mich ebenfalls nicht.</p><p>�Ist eine Sklavin durch den Tunnel gekommen?� fragte ich. �Cicek? Ist nicht besonders gro�, hat aber h�bsche Formen.�</p><p>�Nein�, erhielt ich zur Antwort. �Und wer bist du?�</p><p>�Bosk.�</p><p>�Hast du jemanden im Tunnel gesehen?�</p><p>�Ist schwer, hier jemanden zu sehen�, bemerkte ich.</p><p>�Ist jemand im Tunnel?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wo?�</p><p>�Er ist vor dir.� Das war die Wahrheit, denn schlie�lich befand ich mich genau dort.</p><p>�Und was tut er?�</p><p>�Er wartet und r�hrt sich nicht von der Stelle.� Das war wieder nicht gelogen.</p><p>�Das habe ich mir gedacht�, sagte der Mann entschieden. �Danke, B�rger.�</p><p>�Nichts zu danken�, erwiderte ich. �Bist du sicher, da� du Cicek nicht gesehen hast?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Vielleicht ist sie ja in die andere Richtung gegangen�, sagte ich, drehte mich um und kroch wieder in die entgegengesetzte Richtung.</p><p>�Verzieh dich in einen der Alkoven!� rief mir der Mann hinterher. �Mach den Tunnel frei!�</p><p>�Kannst du einen empfehlen?�</p><p>�Nun mach schon!�</p><p>�Wie du willst.� Ich sah keinen Sinn darin, mit ihm dar�ber zu streiten. Vermutlich waren sie alle gut.</p><p>Ich kroch weiter, recht zufrieden. So wie es aussah, waren es nur zwei M�nner, jeder an einem Ausgang, und ihre Zahl reichte aus, um die Falle zuschnappen zu lassen. In der Einladung war von den Tunneln die Rede gewesen. Vermutlich hatten sie sich darauf verlassen, da� ich fr�her oder sp�ter einen von ihnen betrat, sei es aus Neugier, Langeweile oder weil ich mi�trauisch geworden war und ihn zur Flucht benutzen wollte. Sicher dachten sie auch nicht daran, bis zum Morgen zu warten, um ihr Opfer ausfindig zu machen. Ich hielt es auch nicht l�nger f�r klug, von der Annahme auszugehen, da� ihnen lediglich an einer freundlichen Kontaktaufnahme und dem Austausch von Informationen gelegen war. Vermutlich verfolgten sie einen finsteren Plan. Da ich den Tunnel nicht verlassen hatte, gingen sie von der Annahme aus, da� ich darin wartete. Au�erdem rechneten sie damit, da� sich ihr Opfer im Tunnel und nicht in einem der Alkoven aufhielt, eine Annahme, in der ich sie noch best�rkt hatte. In dem Tunnel konnte der Verfolgte schnell die Flucht in die der Gefahr entgegengesetzte Richtung ergreifen. In einem Alkoven sa� er in der Falle. Allerdings lie�en sich diese Nischen meiner Einsch�tzung nach sehr leicht verteidigen, und der Versuch, in sie einzudringen, erwiese sich als sehr gef�hrlich. Man mu�te einfach nur bis zum Morgen dort ausharren, vermutlich z�gen es die Attent�ter dann vor zu verschwinden. Der Mann am Tunneleingang war allem Anschein nach der Anf�hrer. Er w�rde sich sicher auf irgendeine Weise mit seinem Komplizen in Verbindung setzen.</p><p>Wenige Ehn sp�ter ert�nte hinter mir ein leiser Pfiff. Er hallte durch den ganzen Tunnel. Sofort ert�nte vor mir eine ebenso leise Antwort. Ich kroch weiter und tastete die Alkovennummern ab. Hinter mir ert�nte der n�chste Pfiff, diesmal nur n�her. Die Antwort klang, als k�me sie noch immer vom Tunnelende. Anscheinend versp�rte der Mann im Gegensatz zu dem Anf�hrer keine gro�e Lust, sich tiefer in die Dunkelheit zu wagen. Ich konnte es ihm nicht verdenken.</p><p>Ich befand mich wieder in der N�he von Alkoven sechsundzwanzig. Ich schob den Vorhang beiseite. �Herr?� fragte eine Stimme, begleitet von Kettengeklirr. Ich schlo� den Vorhang und kroch zur n�chsten Nische. Es war Nummer siebenundzwanzig auf der linken Seite. Ich schob den Vorhang zur�ck. Es war nichts zu h�ren. Ich kroch hinein und lauschte, wie sich die Pfiffe stetig n�herten.</p><p>In einer derartigen Situation verf�hrt man normalerweise nach der Taktik, die Feinde voneinander zu trennen und sich zuerst dem einen und danach dem anderen zu stellen, sich also statt auf einen Kampf gegen eine �bermacht auf zwei K�mpfe Mann gegen Mann einzulassen. Das gelingt nat�rlich dann am besten, wenn man sieht, was man da tut. Allzuoft macht die Dunkelheit jedes Geschick zunichte, erh�ht daf�r aber das Element des Zufalls. Nat�rlich gibt es Taktiken f�r den Kampf im Dunkeln; zum Beispiel lockt man den Gegner in die falsche Richtung, indem man Steinchen wirft, man tritt zu, wodurch man die eigene Reichweite vergr��ert, ohne die eigenen lebenswichtigen K�rperteile zu entbl��en. Man kann mit ausgestrecktem Arm versuchen, den Gegner mit dem Messer zu ritzen, um ihn dazu zu verleiten, da� er sich einem entgegenwirft und so seine Deckung vernachl�ssigt, und dergleichen mehr. Aber beim Kampf in v�lliger Finsternis, der sich erheblich von dem sogenannten Nachtkampf unterscheidet, gibt es keine wirklich �berzeugende Methode, das Risiko auf ein ertr�gliches Ma� zu vermindern. Ich ziehe es vor, einem solchen Kampf aus dem Weg zu gehen. Darum hatte ich auch vor Betreten des Tunnels f�r den Fall, da� er nicht beleuchtet war, den Entschlu� gefa�t, alles daf�r zu tun, damit meine Gegner und nicht ich die betr�chtlichen Risiken eingingen. Mir war das zu gewagt.</p><p>Ich steckte den Kopf aus dem Eingang. �Wer ist da?� rief ich, als w�re ich beunruhigt. �Ist da jemand?�</p><p>Rechts von mir ert�nte erneut ein Pfiff. Aus der Richtung des Tunnelausgangs kam umgehend die Antwort. Der Anf�hrer lie� einen Augenblick verstreichen, dann meldete er sich. Doch diesmal klang es nicht so, als w�re er n�her gekommen. Doch sein Komplize kam unaufhaltsam heran. Darauf hatte ich gewartet. Sie wollten ihre Bewegungen aufeinander abstimmen, in der Hoffnung, mich zur gleichen Zeit zu erwischen.</p><p>�Wer ist da?� rief ich erneut und legte Unbehagen in meine Stimme.</p><p>�Keine Angst�, sagte Anf�hrer. �Wir wollen dir nichts tun. Bist du Tarl aus Port Kar?�</p><p>�Ja! Der bin ich.�</p><p>�Wir haben eine Botschaft f�r dich.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Bleib, wo du bist. Wir kommen zu dir.�</p><p>�Geht es wirklich nur um eine Botschaft?�</p><p>�Ja, ja�, sagte der Mann beruhigend. Links von mir ert�nte ein leises metallisches Ger�usch, vermutlich von einem Messer. Glaubten die beiden wirklich, ich n�hme ihnen ab, da� man f�r eine Botschaft zwei M�nner brauche?</p><p>�Das glaube ich aber nicht!� rief ich.</p><p>�Keine Angst!� rief der Anf�hrer.</p><p>�Ich ziehe jetzt mein Schwert�, verk�ndete ich und zog die Klinge wesentlich lauter als n�tig aus der Scheide. Ich wollte, da� meine Gegner es h�rten. Es w�rde sie nachdenklich machen. Ich wollte, da� sie Vorsicht walten lie�en. Wenn ich das Schwert zur�cksteckte, w�rden sie vielleicht �berst�rzt handeln.</p><p>�Wir sind Freunde�, sagte der Anf�hrer.</p><p>Vom Jagdfieber ergriffen, w�rden sie in der Finsternis ganz gewi� vergessen, im Geist die Alkoven mitzuz�hlen. Ich ging davon aus, da� sie nur an den Tunnel und seine W�nde dachten, denn ich hatte mir M�he gegeben, sie genau das glauben zu lassen. Das laute Ziehen des Schwertes hatte diesen Eindruck noch vertieft. Schlie�lich war es unwahrscheinlich, da� man die Waffe in der Enge des Alkoven zog; hier konnte man sie kaum wirksam einsetzen. In dem Tunnel war zwar auch nicht mehr Platz, aber ein Schwertsto� konnte gef�hrlich sein. Keiner der beiden w�rde sich als erster in meine Reichweite wagen wollen. Steckte das Schwert jedoch wieder sicher in seiner Scheide, w�re der Anf�hrer vermutlich der erste, der zuschlug.</p><p>�Steck das Schwert weg!� verlangte er prompt.</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann bekommst du die Botschaft nicht.�</p><p>�Auch gut.�</p><p>�Aber wir m�ssen sie dir aush�ndigen�, beharrte er. �Es geht um Leben und Tod.�</p><p>�Das h�rt sich ernst an�, meinte ich.</p><p>�Es ist auch ernst.�</p><p>�Und von wem kommt die Botschaft?� fragte ich.</p><p>�Vom Regent h�chstpers�nlich.�</p><p>�Ich verstehe!� Ich hegte starke Zweifel daran, da� der Regent mir eine Botschaft schickte, und falls doch, dann niemals auf diese Weise. Ich konnte mir allerdings durchaus vorstellen, da� die Auftraggeber der beiden Attent�ter in der N�he des Regenten zu suchen waren. Die Erw�hnung von Gnieus Lelius war f�r mich nat�rlich der Beweis, da� es sich bei den beiden nicht um gew�hnliche Diebe handelte, die es auf meinen Geldbeutel abgesehen hatten. Kein Gelegenheitsverbrecher bediente sich solch zweifelhafter Andeutungen, die so unglaublich waren, da� sie in jedem normalen B�rger Mi�trauen s�ten.</p><p>�Wie k�nnen wir dich von unseren ehrlichen Absichten �berzeugen?� fragte er. Ich h�rte genau, da� er etwa einen halben Meter n�her kam.</p><p>�Das ist wohl dein Problem�, gab ich zur Antwort. �Und nicht meins.�</p><p>Ich h�rte, wie sich der Mann zu meiner Linken ein St�ck n�her heranschlich.</p><p>�Seid ihr bewaffnet?� fragte ich.</p><p>�Wir werden unsere Messer in ihren Scheiden �ber den Tunnelboden gleiten lassen�, sagte der Anf�hrer. �Daran wirst du erkennen, da� wir in Frieden kommen.�</p><p>�Eine ausgezeichnete Idee!� rief ich.</p><p>Einen Augenblick sp�ter rutschten zwei mit Schnallen und Lederriemen versehene Gegenst�nde �ber den Steinboden; vermutlich waren es tats�chlich Scheiden, doch anhand des Klanges bezweifelte ich, da� sie auch die dazugeh�rigen Messer enthielten. Sie kamen von links und von rechts. Meiner Sch�tzung zufolge waren beide M�nner etwa gleich weit entfernt � es handelte sich ungef�hr um drei Meter. Der Klang meiner Stimme hatte ihnen eine ziemlich genaue Vorstellung von meinem Standort gegeben.</p><p>�Ich glaube euch!� rief ich. Was nicht so ganz der Wahrheit entsprach.</p><p>�Steck das Schwert weg!� verlangte der Attent�ter. Ich h�rte beide ein St�ck n�her herankommen.</p><p>�In Ordnung!� Ich schob die Klinge zur�ck in die Scheide. Dann zog ich den Kopf zur�ck. �Wo ist die Botschaft?�</p><p>�Hier!� ert�nte ein Schrei von rechts, dem ein durch die Finsternis schnellender K�rper folgte.</p><p>�Stirb!� hallte es von links.</p><p>Vor der �ffnung meines Alkovens erklangen ein paar sehr h��liche Ger�usche. Ich wartete im Innern ab, die Quiva in der Hand. Falls jemand versuchte, hier einzudringen, w�re es in der Finsternis ziemlich leicht, einen Hieb gegen Kopf oder Hals zu f�hren.</p><p>Ich lauschte.</p><p>Drau�en ert�nte nur wenig L�rm. Ich h�rte einen Mann keuchen, jemand hustete und spuckte aus. Dann rang jemand nach Atem, jedoch ziemlich erfolglos, wie es schien. Das Husten rief in mir die Vorstellung hervor, wie sich ein Mund mit Blut f�llte. Sicher befanden sich beide M�nner unmittelbar vor dem Alkoveneingang, vielleicht einander in den Armen liegend, vielleicht auch nur einander st�tzend. Ich fragte mich, ob sie �berhaupt begriffen, was da geschehen war, oder ob jeder von ihnen glaubte, da� er es mit Tarl aus Port Kar zu tun hatte. Dann h�rte ich, wie ein K�rper den zweiten Stich empfing. Beide M�nner schienen zur Seite zu fallen; einer setzte sich kriechend in Bewegung, allem Anschein nach der Mann, der von links gekommen war. Eine Klinge schabte �ber den Stein. Ihr Besitzer hustete und sank dann mit einem Aufst�hnen zu Boden. Von dem Messer war nichts mehr zu h�ren. Es war eine kurze Reise gewesen. Der Boden w�re klebrig. Man w�rde ihn am Morgen reinigen m�ssen.</p><p>Ich lauschte weiterhin angestrengt. Nichts war zu h�ren.</p><p>Die beiden M�nner waren von durchschnittlichem Geschick gewesen, da hatte ich keinen Zweifel. Sie hatten ihr Gesch�ft verstanden. Eine solche Aufgabe �bertrug man keinen Anf�ngern. Sie hatten einfach nur ihr Opfer verwechselt.</p><p>Ich lauschte noch geduldig ein paar Ehn lang. Vor dem Alkoven war es still.</p><p>Und es blieb auch still.</p></section><section><title><p>26</p></title><p>�Pst!� zischte der Bursche in dem Hauseingang.</p><p>Einen Augenblick sp�ter erkannte ich ihn: Es war der kleine Achiates, der Besitzer des sch�bigen Insula, in dem ich wohnte und das nur einen Steinwurf von Ludmillas Freudenhausgasse entfernt lag.</p><p>Ich trat zu ihm. Die vierzehnte Ahn war l�ngst vorbei; es war bereits sp�ter Nachmittag. Ich hatte, nachdem ich unerkannt aus dem Tunnel verschwunden war, in einer Paga-Taverne den Morgen abgewartet und dann den Sklavenh�ndler Tenalion beim Wort genommen und ihm einen Besuch abgestattet. Genauer gesagt, einer neuen, noch namenlosen Sklavin, die ihr Leben im Lager der Alar fast schon vergessen hatte. Ich dachte noch immer an ihre Leidenschaft, die Weichheit ihrer Lippen, ihre Bereitwilligkeit und ihre Begeisterung.</p><p>�Es ist doch sicher nicht schon wieder die Miete f�llig?� fragte ich.</p><p>�Komm schon, komm aus dem Licht heraus!� fl�sterte er.</p><p>Ich trat in den dunklen Eingang. Er sah sich auf der Stra�e um und zog schnell den Kopf zur�ck.</p><p>�Was ist denn los?�</p><p>�Was hast du angestellt?�</p><p>�Nichts!� Ich halte es grunds�tzlich f�r eine gute Regel, seine Unschuld mit Nachdruck zu beteuern.</p><p>�Komm, sag schon!�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon du sprichst�, erwiderte ich. �Ich habe einiges unternommen. Denkst du an etwas Bestimmtes? Ist das Zimmer besch�digt worden?� Ich hatte die Bef�rchtung, da� Hurtha mit der Axt ge�bt hatte. Eine weitere besorgniserregende M�glichkeit war nat�rlich, da� er einen anderen Mieter � unabsichtlich oder v�llig bewu�t � gek�pft hatte, vielleicht jemanden, der so mutig war, sich �ber die �ffentliche Deklamation von Gedichten im Treppenhaus zu beschweren. Hurtha hatte die Gewohnheit, seine Verse lautstark zu schmieden. Doch das w�re etwas gewesen, das er getan hatte, nicht ich.</p><p>�Nein�, sagte Achiates nerv�s.</p><p>�Gut.�</p><p>�Sie warten auf dich.�</p><p>Eine freie Frau ging vorbei, einen Sack Suls auf dem R�cken.</p><p>�Hurtha und die Sklavin?� fragte ich und mu�te blinzeln. Vielleicht hatte ich in der vergangenen Nacht nicht genug Schlaf bekommen. Eigentlich hatte ich gar nicht geschlafen.</p><p>�Nein!� sagte er.</p><p>�Willst du die Miete erh�hen?�</p><p>�Nein!�</p><p>Aber mir war das Aufleuchten in seinen Augen nicht entgangen. Das h�tte ich nicht sagen d�rfen. Vermutlich war der Schlafmangel daran schuld. Man mu� vorsichtig sein, wenn man mit Vermietern spricht. Man darf ihnen keine Ideen in den Kopf setzten. Am besten ist es, sich oft und laut zu beschweren, damit sie in der Defensive bleiben, so da� allein der Gedanke, unter solchen Umst�nden die Miete zu erh�hen, als unvorstellbare Unversch�mtheit erscheint.</p><p>�Und wer wartet dann?� Auf der Stra�e ging eine Sklavin vorbei. Ihr Unterleib war in die Schatten getaucht, der Oberk�rper badete im Licht der Nachmittagssonne. Sie beschattete die Augen. Das dunkle Haar fiel ihr �ber den engsitzenden Kragen. Vermutlich war sie auf einem Botengang. Ein Geldbeutel war ihr um den Hals gebunden. Manchen Sklaven ist es verboten, Geld zu ber�hren. Andererseits bef�rdern viele Geld im Mund. Das ist auf Gor allerdings nichts Ungew�hnliches, sogar freie Menschen tun dies. Goreanische Gew�nder haben keine Taschen. Die Sklavin ging barfu�.</p><p>�Soldaten�, sagte Achiates.</p><p>�Was?� Ich horchte auf. Pl�tzlich schien es sich um eine ernste Angelegenheit zu handeln.</p><p>�M�nner der Stadtwache?�</p><p>�Nein. Soldaten.�</p><p>�Taurentianer?�</p><p>�Soldaten!�</p><p>�Was wollen sie von mir?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Hast du sie denn gefragt?�</p><p>�Ja. Aber sie haben nichts gesagt, wollten nur wissen, wann du zur�ckkommst.�</p><p>�Und was hast du ihnen gesagt?�</p><p>�Da� ich es nicht wei�.�</p><p>�Wie lange warten sie schon?�</p><p>�Nicht lange.� Das war gut zu wissen. Normalerweise nimmt man geplante Verhaftungen im Morgengrauen vor.</p><p>�Und warum erz�hlst du mir das?�</p><p>�Du bist mein Mieter�, antwortete er. �Au�erdem hast du deine Miete bezahlt. Ich will nicht, da� in meinem Insula eine Verhaftung stattfindet. Das k�nnte sich schlecht auf meinen Ruf auswirken.�</p><p>�Danke�, sagte ich und dr�ckte ihm eine M�nze in die Hand.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte er, nahm sie aber trotzdem an. Schlie�lich war er Gesch�ftsmann.</p><p>�Bist du Tarl aus Port Kar?� fragte ein Mann.</p><p>Achiates st�hnte entsetzt auf.</p><p>�Ja, Hauptmann�, sagte ich.</p><p>�Darf ich bitte dein Schwert haben?� bat er. Hinter ihm standen f�nfzehn oder zwanzig Mann. In dem Hauseingang war nicht viel Platz, die Klinge zu ziehen, geschweige denn mit ihr auszuholen. Doch noch zielte keine Armbrust auf mich. Auch hatte keiner der M�nner die Lanze gesenkt oder die Waffe gezogen.</p><p>�Mit welcher Berechtigung?� fragte ich.</p><p>�Du stehst unter Arrest!�</p><p>Achiates st�hnte.</p><p>�Du darfst gehen, B�rger�, erlaubte der Hauptmann dem Vermieter. Achiates setzte sich in Bewegung, wie ein Urt, das eine L�cke zwischen Sleen entdeckt, und eilte auf das Insula zu.</p><p>�Dein Schwert, bitte!� Sicherlich wu�te der Hauptmann, da� kein Mann ohne weiteres seine Waffen hergibt. Genau wie ihm klar sein mu�te, da� ich mir einen Weg aus dem Eingang erzwingen und einen Augenblick sp�ter auf offener Stra�e das Schwert in der Hand halten konnte. Ich fragte mich, ob er es genau darauf abgesehen hatte, nur um den Einsatz der Waffen rechtfertigen zu k�nnen. Aber eigentlich war das Unsinn. Jetzt, da Achiates fort war und wir allein waren, konnten sie ohne weiteres angreifen und hinterher ihre Berichte so schreiben, wie sie es f�r richtig hielten. Sie hatten Achiates gehen lassen, obwohl er offensichtlich im Begriff gewesen war, mich vor ihnen zu warnen. Dennoch glaubte ich nicht, da� er ihr Mann war. Denn sonst h�tte er mich vor dem Insula nicht aufgehalten � und ich w�re mitten in sie hineingelaufen.</p><p>Ich hatte auch nicht den Eindruck, da� der Offizier eine gew�hnliche Verhaftung vornahm, allein schon wegen der Tatsache, da� er Achiates hatte unbehelligt gehen lassen. Au�erdem schien er nicht mit Widerstand zu rechnen.</p><p>�Bitte�, sagte er.</p><p>Ich �bergab ihm das Schwert mitsamt Scheide, die ich mit den Riemen umwickelt hatte.</p><p>�Danke.�</p><p>�Ich w�nsche nicht, gefesselt zu werden�, sagte ich.</p><p>�Das wird auch nicht n�tig sein.�</p><p>Da kam Hurtha heran. �Was geht hier vor?�</p><p>�Misch dich nicht ein!� wehrte ich ihn ab.</p><p>Hurtha nahm die Axt von der Schulter. �Es hat den Anschein, als sei hier ein Kampf bis zum Tod angebracht.�</p><p>�Wer ist das?� fragte der Hauptmann.</p><p>�Mein Freund.�</p><p>�Ich gr��e dich�, sagte der Hauptmann.</p><p>�Ich gr��e dich�, erwiderte Hurtha. Er war ein freundlicher Alar, keiner von der mi�trauischen, m�rrischen, stillen Sorte. Er pflegte gern gute Beziehungen zu den M�nnern, mit denen er bis zum Tod k�mpfen wollte.</p><p>�Wohin gehen wir?� fragte ich.</p><p>�An einen geheimen Ort.�</p><p>�Und was geschieht an diesem geheimen Ort?�</p><p>�Man erwartet dich.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Eine hochgestellte Pers�nlichkeit.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Seine Exzellenz Gnieus Lelius, Regent von Ar!�</p><p>Hurtha grinste. �Ich begleite dich.�</p><p>�Er soll allein kommen�, sagte der Hauptmann.</p><p>Ich sah Hurtha an. �Pa� auf Feiqa auf�, bat ich ihn.</p><p>�Glaub blo� nicht, da� du einen treuen Kameraden so leicht loswirst�, verk�ndete Hurtha. �Ich bin ein Alar.�</p><p>�Bitte, mach die Sache nicht noch schwerer, als sie ohnehin schon ist.�</p><p>�Ich weigere mich, zur�ckgelassen zu werden.�</p><p>�Bitte. Versuch doch, es zu verstehen.�</p><p>�Was haben wir nicht alles zusammen durchgestanden!�</p><p>�Hurtha�, flehte ich ihn an. Ich wollte nicht weinen. Also nahm ich zwei Silbertarsk aus dem Geldbeutel und dr�ckte sie ihm in die Hand. Ich hatte sie den Attent�tern abgenommen.</p><p>�Wo hast du die her?�</p><p>�Sagen wir, ich habe etwas verkauft.�</p><p>�Aber doch wohl nicht Feiqa!�</p><p>�Nein.�</p><p>�Gut. Nun, dann Leb wohl.�</p><p>�Leb wohl?� fragte ich.</p><p>�Ja.�</p><p>�K�nnen wir gehen?� fragte der Hauptmann.</p><p>Ich nickte. Pl�tzlich versp�rte ich eine gewisse Gereiztheit.</p><p>Die Soldaten nahmen mich in die Mitte. Der Hauptmann f�hrte sie an, mein Schwert in der Scheide �ber die Schulter gelegt. Ich warf einen letzten Blick zur�ck. Hurtha stand vor dem Eingang von Achiates Insula und winkte mir fr�hlich zu. Ich fragte mich, ob das T�ten eines Alar � in diesem Fall das T�ten Hurthas � rechtlich gesehen als Mord z�hlte oder ob solch eine Tat in eine weniger schwerwiegende, den Umst�nden eher entsprechende Kategorie fiel. Dann wandte ich meine Gedanken angenehmeren Erinnerungen zu, wie den Freuden, die Sklavinnen M�nnern bereiten k�nnen. Ich dachte da an eine ganz bestimmte Frau, wie sie auf dem Strohlager ausgesehen hatte, ihre gl�henden K�sse und Ber�hrungen, die Freude in ihren Augen.</p><p>�La�t uns schneller ausschreiten!� schlug der Hauptmann vor.</p><p>Wir gingen schneller.</p></section></body><binary id="cover" 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