<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name></author><book-title>Tochter des Windes</book-title><annotation><p>Das Inselreich Serendair erlebt eine Zeit ungeahnter Bl�te. Noch ahnt niemand, dass dem Eiland die vollst�ndige Vernichtung droht � auch nicht die junge S�ngerin und Heilerin Rhapsody, die soeben ihre Ausbildung abgeschlossen hat und ein gro�es magisches Talent in sich birgt. Doch urpl�tzlich holt Rhapsody ihre freudlose Vergangenheit ein, und sie ist gezwungen zu fliehen. Bald trifft sie auf zwei unheimliche Gestalten, Achmed und Grunthor, die ihr das Leben retten. Rhapsody ahnt jedoch nicht, dass die beiden von D�monen des Herrn der Tausend Augen verfolgt werden, einem gespenstischen Feuerwesen aus dem Anbeginn der Zeit, dessen einziges Ziel es ist, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Rhapsody und ihre Begleiter suchen Schutz bei der heiligen Eiche Sagia und bahnen sich einen Fluchtweg entlang ihrer m�chtigen Wurzeln, die tief ins Erdinnere reichen und die bekannte Welt umspannen. Tats�chlich gelingt es ihnen, ihren Verfolgern zu entkommen, doch der Preis ist hoch, und die Pr�fungen, die ihnen auf ihrem Weg auferlegt werden, voller H�rte. Als sie endlich � fern der Heimat und in einem anderen Zeitalter � ans Tageslicht zur�ckkehren, ist Serendair l�ngst in den Fluten versunken. Die neue Welt wird indes von einer Woge der Gewalt heimgesucht, und in Achmed keimt ein schrecklicher Verdacht...</p></annotation><date>2003</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Michael</first-name><last-name>Windgassen</last-name></translator></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name></author><book-title>Rhapsody: Child of Blood</book-title><date>1999</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>Schlaflos</src-ocr><id>90B1C2D4-3B07-4FEC-887A-321657436214</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Elizabeth Haydon</p><p>Tochter des Windes</p></title><epigraph><p>F�r</p><p>November, Oktober und Dezember � die drei sch�nsten Monate des Jahres �, voller Liebe und Dankbarkeit f�r all das, was sie mir gegeben haben</p></epigraph><section><title><p>Die Prophezeiung der Drei</p></title><p>Die Drei werden kommen; fr�h brechen sie auf, sp�t treten sie in Erscheinung, Die Lebensalter des Menschen: Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels. </p><p>Ein jeder Mensch, entstanden im Blute und darin geboren, Beschreitet die Erde, wird von ihr gen�hrt, Greift zum Himmel und genie�t seinen Schutz, Steigt indes erst am Ende seiner Lebenszeit zu ihm auf und gesellt sich zu den Sternen. Blut schenkt Neubeginn, Erde Nahrung. Der Himmel schenkt zu Lebzeiten Tr�ume � im Tode die Ewigkeit. So sollen sie sein, die Drei, einer zum anderen. </p></section><section><title><p>Die Prophezeiung des ungebetenen Gasts</p></title><p>Er geht als einer der Letzten und kommt als einer der Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu werden, ungebeten, an neuem Ort. Die Macht, die er gewinnt, indem er der Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt. Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm Nahrung, In L�cheln geh�llt wie er, der Gast; Doch im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet. Neid, gesch�tzt vor seiner eigenen Macht Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren, und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet.</p></section><section><title><p>Meridion</p></title><p>Meridion setzte sich an den Zeit-Editor und fing an zu arbeiten. Er justierte die Linsen und �berpr�fte die Spulen aus aufgewickelten durchsichtigen Streifen unterschiedlicher St�rke � vom dicken, klaren Film der Vergangenheit bis hin zu den hauchd�nnen, matten Fasern der Zukunft. Nachdem er die feinen Werkzeuge noch schnell sauber gewischt hatte, wickelte er den Film der Vergangenheitsspule ein St�ck ab, f�hrte das Ende durch die Maske der Maschine und klemmte es unter die Linse. Vorsichtig zupfte er die einzelnen Zeitspuren auseinander und arbeitete sich durch Jahrhunderte und Jahre bis zur�ck zu den Tagen und Augenblicken, bis er schlie�lich genau den Eintrittspunkt isoliert hatte, den er brauchte. </p><p>Er l�chelte in sich hinein, als er den Jungen sah, der unbeaufsichtigt und mit selbstsicherem Schritt �ber den Waldweg stolzierte. Eine solche Art zu gehen bekam man heutzutage nicht mehr zu Gesicht, ebenso wenig wie das helle, frische Drumherum, diesen strahlenden Sommermorgen, der gepriesen sein wollte, wenngleich der Junge mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein schien.</p><p>Meridion hielt das Bild an.</p><p>Von der prismatisch schimmernden Scheibe, die neben dem Editor in der Luft schwebte, nahm er nun ein kleines Gef��: eine Phiole aus pechschwarzem Stein. Als er den Korken zog, fuhr Meridion unwillk�rlich zusammen. Immer wieder �berraschte es ihn, wie bei�end der Geruch war, der dem Gef�� entstr�mte. Tr�nen stiegen ihm in die Augen; er versuchte, sie wegzublinzeln, weil er sich scheute, die H�nde zu Hilfe zu nehmen. Schlie�lich wusste er um das Risiko, falls die kostbare Fl�ssigkeit in dem Gef�� durch eine Tr�ne verw�ssert w�rde oder gar ein Tropfen, und sei er noch so klein, davon verloren ginge. </p><p>Als er wieder klar sehen konnte, langte er nach dem haarfeinen Pinsel, holte damit ein winziges Perlchen schimmernder Fl�ssigkeit aus der Phiole und tupfte es ganz vorsichtig in die Augen des Jungen auf dem erstarrten Bild. Dann �berzeugte er sich davon, dass die w�ssrige L�sung beide Augen ganz und gar benetzte, von der saphirblauen Regenbogenhaut bis in die Lidwinkel. Die Fenster der Gelegenheit w�rden klein sein und zeitlich begrenzt. Darum war es wichtig, dass der Junge die Chance hatte, mit scharfem, schnellem Blick die Dinge zu erfassen, auf die es ankam. Als Meridion fertig war, stopfte er den Korken wieder auf die Phiole und stellte sie zur�ck auf die schillernde Scheibe. Nun nahm er die Spule aus dem Zeit-Editor und ersetzte sie durch eine zweite, eine andere Vergangenheit, die noch weiter zur�cklag. Aus R�cksicht auf ihr hohes Alter und des Ortes wegen, von dem sie stammte � und der l�ngst �berflutet war �, rollte er den Streifen noch sorgf�ltiger ab. Entsprechend lange dauerte die Suche nach der richtigen Stelle. Doch Meridion war geduldig. Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Es hing allzu viel davon ab, dass er diese Arbeit richtig machte. Als er schlie�lich die gesuchte Stelle gefunden hatte, hielt er das Bild wieder an und griff nach einem anderen Werkzeug. Mit ge�bter Hand setzte er zu einem glatten, runden Schnitt an, trennte das Bild aus dem Streifen, f�gte es vorsichtig an das andere und warf dann einen pr�fenden Blick durch die Linse. </p><p>Der Junge hatte nicht, wie erwartet, die Besinnung verloren; statt b�uchlings und zuckend auf dem Boden zu liegen und die H�nde an die Schl�fen zu pressen, wischte er sich hektisch die Augen. Meridion schmunzelte, wenngleich er Mitleid mit dem Jungen hatte. <emphasis>Dass er dagegen ank�mpft, h�tte ich mir denken k�nnen,</emphasis> dachte er. Er lehnte sich zur�ck, drehte, um sich das Ergebnis seiner Arbeit anzusehen, den Sichtschirm zur Wand und wartete auf die Begegnung. Und auf den Ausgang. </p></section><section><title><p>Die Versunkene Insel</p></title><subtitle>1139, Drittes Zeitalter</subtitle><p>Der Schmerz verfl�chtigte sich so schnell, wie er gekommen war. Gwydion spuckte den Stra�enstaub aus, w�lzte sich auf den R�cken und st�hnte laut auf. Als er den Himmel �ber sich sah, wurde ihm schlagartig bewusst, dass er nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch in eine andere Tageszeit geraten war. Einen Augenblick zuvor war es noch fr�h am Morgen gewesen, jetzt ging es schon bald auf den Abend zu. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand.</p><p>Gl�cklicherweise war Gwydion mit einer praktischen Natur gesegnet. Er lie� den Blick schweifen, stand auf und �berlegte, was zu tun war. Was immer mit ihm geschehen war, wie und warum, tat jetzt nichts zur Sache. </p><p>Die Luft schien hier d�nner zu sein als an dem Ort, wo er herkam, und Gwydion ahnte, dass es eine Weile dauern w�rde, bis er sich an die Ver�nderung gew�hnt h�tte. Er blickte sich um, entdeckte ein kleines W�ldchen in der N�he und machte sich eilig auf den Weg dorthin.</p><p>Im Schutz der B�ume sank er zu Boden und schloss die Augen, die vor Anstrengung zu tr�nen angefangen hatte. Zuerst hechelte er in kurzen, flachen Z�gen, zwang sich dann aber, langsamer und tiefer Luft zu holen. Als er wieder ruhig durchatmen konnte, tastete er nach den Dingen, die er auf dem Weg in die Stadt bei sich getragen hatte. Dolch und Beutel waren noch da, so auch der Apfel und der Wasserschlauch, den er nun �ffnete und an die Lippen f�hrte. Als er den Schlauch wieder verschloss, sp�rte er eine leichte Ersch�tterung im Boden, allem Anschein nach von einem Fuhrwerk verursacht, das herbeirollte.</p><p>Gwydion duckte sich tiefer. Eine wachsende Staubwolke k�ndigte die sich n�hernde Gruppe an. Er sah drei M�nner neben dem Karren gehen, der von zwei K�hen gezogen wurde, denen ein Kalb folgte. Der Karren war mit Getreidef�ssern und B�ndeln Stroh bepackt und wurde von einem vierten Mann gelenkt. Die M�nner trugen Kleider, wie Gwydion sie noch nie gesehen hatte, doch war er sich gewiss, dass es sich bei den vieren um Gesinde oder auch Bauern handelte.</p><p>Er lauschte angestrengt und versuchte, �ber das Rumpeln der Karrenr�der hinweg etwas von der Unterhaltung aufzuschnappen. Mit brennenden Augen starrte er den Bauern auf die Lippen, die sich � wenngleich der viele Staub seine Sicht behinderte � merkw�rdig deutlich bewegten. Pl�tzlich klarte sein Blick auf, ihm war, als k�nnte er erkennen, wie sich die W�rter in den M�ndern der M�nner bildeten. Jedenfalls h�rte er sie, als w�ren sie an ihn gerichtet. Als er das Sprachmuster erfasste, schwirrte ihm der Kopf. </p><p>Sie sprachen Alt-Cymrisch. <emphasis>Unm�glich,</emphasis> dachte er. Alt-Cymrisch war eine tote Sprache. Davon machten nur noch einige religi�se Sekten im Rahmen weihevoller Zeremonien Gebrauch oder Nachfahren in cymrischer Linie. Doch hier unterhielten sich Bauern in dieser Sprache, wie selbstverst�ndlich und an einem ganz gew�hnlichen Tag auf dem Land. Unm�glich, es sei denn... Gwydion erschauderte. Serendair, das Land der Cymrer, war vor �ber tausend Jahren untergegangen, verschwunden in vulkanischem Feuer und dem tosenden Meer, das die Insel �berflutet hatte. Seine Vorfahren und auch die Ahnen von einigen seiner Freunde stammten von dieser Insel ab. Die Nachkommen derer, die sich damals hatten retten k�nnen, waren ein versprengtes Volk. Konnte es sein, dass sich hier eine Enklave gebildet hatte, in der es so zuging wie vor dreizehn Jahrhunderten? Als das Fuhrwerk mitsamt seiner Staubwolke an ihm vor�bergezogen war, reckte Gwydion den Hals aus dem Geb�sch, um ihm nachzuschauen. Er sah, wie es sich m�hsam auf eine Anh�he im Westen schleppte und dann hinter der H�gelkuppe verschwand. Er wartete, bis er sicher war, dass er den M�nnern unbemerkt folgen konnte, und schaute sich vorsichtshalber um, ob nicht noch andere Leute auf der Stra�e waren. </p><p>Auf dem H�gel angekommen, legte er eine Pause ein und blickte �ber sanft geschwungenes Weideland, das von der sp�ten Nachmittagssonne mit goldenem Licht verw�hnt wurde. Das Panorama war eindrucksvoll, und er wusste, dass er hier noch nie gewesen war; an diesen Anblick h�tte er sich gewiss erinnert. �ppiges Sommergr�n f�llte die Luft mit dem w�rzigen Duft von Leben.</p><p>Das bewirtschaftete Land erstreckte sich so weit das Auge reichte. Da und dort standen ein paar B�ume, doch von einem Wald war nichts zu sehen. Von ein, zwei B�chen abgesehen, die die Wiesen durchzogen, gab es keinerlei Hinweis auf gr��ere Wasserl�ufe, und auch von Meeresluft war nichts zu sp�ren. </p><p>Gwydion hatte keine Zeit, sich den Kopf dar�ber zu zerbrechen. Das Licht nahm ab, und der Karren war schon fast au�er Sicht. Wahrscheinlich steuerte er auf die Ortschaft zu, die hinter der n�chsten Talsenke zu erkennen war. Auf dem Weg dorthin lagen mehrere kleine H�fe sowie ein gr��eres Anwesen. Gwydion nahm sich vor, bei dem ersten Hof anzuklopfen und um ein Nachtquartier zu bitten. </p><p>Er zog den goldenen Siegelring vom Finger und steckte ihn in den Beutel. Dann genoss er ein letztes Mal den Ausblick auf die H�gellandschaft und atmete tief durch. Seine Lunge hatte sich inzwischen an die d�nne Luft gew�hnt. Sie hatte eine k�stliche S��e, in die sich die D�fte der Weiden und Scheunen zu einem wohltuenden Aroma mischten, das ein Gl�ck verhie�, wie er es in seinem kurzen Leben noch nicht erfahren hatte.</p><p>Ein Gef�hl der Ruhe breitete sich in ihm aus. Was immer ihn hierher verschlagen hatte, k�mmerte ihn nicht weiter. Er beschloss, einfach das Beste aus seiner Lage machen. Und so rannte er los, auf den Bauernhof in der Senke zu, wo inzwischen Kerzenlicht in den Fenstern schimmerte.</p><p>Als er den Hof erreichte, waren gerade mehrere Knechte dabei, Ackerger�te und Zugtiere in den Stall zu bringen. Mit funkelnder Pracht ging die Sonne unter und tauchte das Haus und die Scheunen ringsum in orange- und rosafarbenes Licht. </p><p>Die Knechte lachten und scherzten; am Ende des langen Arbeitstages herrschte eine ausgelassene Stimmung. Gwydion glaubte, den Bauern in der Gruppe ausgemacht zu haben. Er war �lter als die anderen, hatte schon silbergraues Haar, aber durchaus noch einen kr�ftigen, muskul�sen K�rper. Mit sanfter Stimme, die seiner Vorrangstellung gar nicht so recht zu entsprechen schien, befahl er den anderen, was sie zu tun hatten.</p><p>Gwydion n�herte sich auf dem Fuhrweg, der am Haus vorbeif�hrte, und hoffte, dass der Bauer von sich aus auf ihn aufmerksam werden w�rde. Er blieb kurz stehen, doch die M�nner wollten offenbar mit ihrer Arbeit fertig werden und achteten nicht auf ihn.</p><p>�Partch!�, ert�nte pl�tzlich eine Frauenstimme. Gwydion drehte sich um und sah unter der Traufe des Hauses eine �ltere Frau stehen, wom�glich die des Bauern. �Du scheinst zus�tzliche Hilfe zu bekommen.� Sie meinte den Bauern und zeigte mit ausgestreckter Hand auf ihn, Gwydion. Der erwiderte ihr L�cheln und dachte bei sich: War ja leichter als erwartet.</p><p>Der Bauer reichte einem seiner M�nner die Z�gel des Pferdes, das er gerade als Letztes in den Stall hatte f�hren wollen, und wischte sich die H�nde am Hemd ab. �He, Sam, hallo�, rief er und bot seine Hand zum Gru� an. �Du suchst nicht zuf�llig Arbeit?�</p><p>�Doch, mein Herr�, antwortete Gwydion. Er langte nach der ausgestreckten Hand und hoffte, die richtige Aussprache getroffen zu haben. Dass es nicht seine Muttersprache war, schien dem Bauern auf Anhieb klar zu sein, denn er bem�hte sich nun seinerseits um eine deutliche Aussprache. Er winkte einen Mann zu sich, sagte: �Asa, zeig Sam, wo er schlafen kann�, und an Gwydion gewandt: �F�rs Abendessen bist du zu sp�t dran, tut mir Leid. Aber im Dorf wird heute Abend gefeiert und getanzt. Meine Jungs werden dich bestimmt mitnehmen, wenn du magst. Dort wird es auch jede Menge zu essen geben.� </p><p>Die Frau sch�ttelte den Kopf. �Er kann doch auch bei uns was kriegen, Partch. Komm, junger Mann, komm mit.� Sie drehte sich um und ging ins Haus.</p><p>Gwydion folgte und staunte nicht schlecht �ber das, was er zu sehen bekam. Die W�nde waren aus Ziegeln und teilweise mit Holz verkleidet, die M�bel zwar schlicht, aber solide getischlert. Sie verrieten cymrische Handwerkskunst. Die gedrechselten Teile der St�hle und am Treppengel�nder sahen genauso aus wie die Sprossen der Altarschranke in der Basilika von Sepulvarta, der heiligen Stadt seiner Heimat. Auch die Tische hier erinnerten ihn an diejenigen, die er im Gro�en Saal in Tyrian gesehen hatte. </p><p>�Hier, mein Junge�, sagte die B�uerin und reichte ihm einen mit Resten gef�llten Teller. �Das ist noch �brig. Nimm�s mit raus, in den Schuppen. Der Tanz vor der Ernte wird bei uns ganz gro� gefeiert. Gibt es dieses Fest auch bei euch, in dem Land, aus dem du kommst?�</p><p>Gwydion nahm den Teller l�chelnd entgegen. �Nein, gn�dige Frau�, antwortete er respektvoll. </p><p>�Nun, du wirst bestimmt deinen Spa� haben. Es ist der letzte Tanz vor der Hochzeitslotterie. Vergn�ge dich, so lange du�s noch kannst.� Sie zwinkerte ihm zu und machte sich dann wieder an ihre Arbeit. </p><p>�Hochzeitslotterie?� </p><p>�Du wei�t nicht, was das ist?�</p><p>�Nein�, sagte Gwydion und folgte ihr nach drau�en, wo sie auf zwei M�nner zusteuerte, die sich am Brunnen wuschen. </p><p>�Vom Lande bist du offenbar nicht, oder?�</p><p>�Nein, gn�dige Frau�, antwortete Gwydion. Er dachte an sein Zuhause und musste sich ein Schmunzeln verkneifen. </p><p>�Wie auch immer, du solltest dich jetzt sputen. Die anderen wollen bald los.�</p><p>�Danke�, sagte Gwydion und beeilte sich, den Teller zu leeren. Dann folgte er Asa, der ihm den Schuppen zeigte, in dem die Landarbeiter schliefen.</p><p>Noch ehe die R�der zum Stillstand gekommen waren, sprang Gwydion vom Wagen. Die Fahrt war holperig, aber nicht unangenehm gewesen. Und er hatte sich auf Anhieb mit den Knechten verstanden, die recht freundlich, ja, sogar gespr�chig waren, auch wenn sie ihm gegen�ber ein bisschen reserviert zu sein schienen. Ob es an seinem Fremdsein lag oder daran, dass er ein Mischling war, wusste er nicht zu sagen. Fest stand jedenfalls, dass die Knechte ausnahmslos derselben Menschengattung angeh�rten, wie auch der Bauer, seine Frau und alle anderen, die er bislang hier gesehen hatte. In dieser Hinsicht war die hiesige Gegend ganz anders als der Rest der Welt, in der eindeutig Mischlinge vorherrschten. Das Dorf erstrahlte im Licht der Laternen, die von B�umen herabhingen oder auf F�ssern standen und f�r eine festliche Stimmung sorgten. Die Dorfgemeinschaft machte nicht gerade einen verm�genden Eindruck, doch ihre Mitglieder sahen durchweg gut gen�hrt aus und waren ordentlich gekleidet. Auff�llig war jedoch das v�llige Fehlen von jedwedem Luxus. Gwydion musterte die Dekoration, die aus einfachsten Dingen bestand � aus frisch geschnittenen Zweigen immergr�ner B�ume und duftenden Blumen, die das gro�e Geb�ude schm�ckten, das den D�rflern offenbar als Bethaus, Festhalle und Schule diente. Lange Tische, beladen mit Backwaren und Feldfr�chten, waren an den L�ngsseiten der Halle aufgestellt, deren Boden aus festgestampftem Lehm bestand. Als Zierde dienten gro�e Schleifen aus Musselin.</p><p>Obwohl an weit mehr Reichtum und Pracht gew�hnt, fand Gwydion gro�en Gefallen an dem einfachen Schmuck des Raumes. Hier herrschte eine Bescheidenheit, die leicht und beschwingt machte und im krassen Gegensatz zum Protz und Prunk jener Feste stand, die er von zu Hause her kannte. </p><p>Fr�hliche Stimmung machte sich unter den G�sten breit, die in Scharen zusammenkamen � junge Frauen in hellen Baumwollkleidern und Burschen in frisch gewaschenen Musselinhemden. Unter ihnen war auch ein Musiker mit einem Saiteninstrument, das Gwydion nicht zu benennen wusste, sowie zwei weitere mit Minarellos, die man bei ihm zu Hause auch �Grunzkisten� nannte. Fass um Fass wurde herbeigerollt. Hier stand ein wirklich gro�es Fest zu erwarten, dessen Anlass ein doppelter war: die bevorstehende Ernte und die Verm�hlung der jungen Leute.</p><p>Der Raum f�llte sich mehr und mehr, und Gwydion sp�rte, dass er nicht unbemerkt blieb. Immer wieder schlenderten junge Frauen an ihm vorbei, die ihn vom Scheitel bis zur Sohle taxierten und dann kichernd miteinander tuschelten. Zuerst machte ihn das ganz befangen, aber dann entspannte er sich, weil anscheinend nicht zu bef�rchten war, dass eines der M�dchen auf ihn zukam. Sie schwirrten alle weiter und nahmen andere junge M�nner in Augenschein. Die M�dchen schienen, seiner Sch�tzung zufolge, in seinem Alter zu sein � ungef�hr vierzehn �, w�hrend die Jungen in der Mehrzahl um vier oder f�nf Jahre �lter waren.</p><p>Gwydion trat an einen der Tische heran und wurde von einer �lteren Frau aufgefordert, sich zu bedienen, was er nur zu gern tat. Niemand fragte, wer er sei, obwohl jedem klar sein musste, dass er hier fremd war. Unter den anderen jungen M�nnern gab es offenbar auch etliche, die von au�erhalb kamen, denn alle, die den D�rflern fremd waren, wurden mit den Namen Samuel oder Jakob angeredet. Jetzt verstand Gwydion auch, warum der Bauer ihn Sam genannt hatte.</p><p>Ein �lterer Mann kam mit einer gro�en Holzkiste in den Raum, was die Menge merklich in Erregung versetzte. W�hrend er die Kiste zu einem der Tische schleppte, machte sich die Frau, die dahinter stand, eilig daran, auf der Platte Platz zu schaffen f�r das, was die Kiste enthielt, und das waren, wie sich herausstellte, zahlreiche Pergamentbl�tter, Tintenf�sser und Federkiele zum Schreiben. Das junge Volk teilte sich nun dem Geschlecht nach auf. W�hrend die M�dchen weiterhin umherschwirrten, eilten die Jungen an den Tisch, langten nach den Federkielen, suchten sich einen Bogen Pergament und kritzelten etwas darauf. Gwydion wusste nicht, was da getrieben wurde, und dachte, dass diese Zettel wom�glich als Lose f�r die Wahl einer Tanzpartnerin herhalten sollten. Und weil ihm nach Tanz nicht zumute war, hielt er es f�r besser, hinaus an die frische Luft zu gehen. Inzwischen war stockfinstere Nacht hereingebrochen. Im Licht der Lampen und Laternen sah er immer mehr Leute eintreffen, die viel L�rm und Heiterkeit mit sich brachten. Sie str�mten an Gwydion vorbei und nahmen keinerlei Notiz von ihm.</p><p>Ihm wurde zunehmend bewusst, dass das Fest ungemein wichtig war, denn bei aller Ausgelassenheit, die hier herrschte, war ein ernster Unterton zu sp�ren. In einer Dorfgemeinschaft wie dieser waren Verm�hlung und Familiengr�ndung von alles entscheidender Bedeutung.</p><p>Gwydion entfernte sich von der Festhalle und suchte einen dunklen Ort auf, an dem die Sterne zu sehen sein w�rden. Er verstand sich recht gut auf die Himmelskunde und hoffte, anhand der Sterne Auskunft �ber den eigenen Standort zu gewinnen.</p><p>Die Laternen leuchteten so hell, dass er ein gutes St�ck gehen musste, ehe er die ersten Lichtpunkte am Himmel entdeckte. Aber auch als er endlich das gesamte Firmament erblickte, war ihm nicht geholfen. Er erkannte keine einzige Konstellation wieder, geschweige denn einen bestimmten Stern, der ihm als Orientierung h�tte dienen k�nnen. Da war zwar einer, der sehr markant und hell �ber dem Horizont schwebte, doch er kannte seinen Namen nicht.</p><p>Ihm lief ein kalter Schauer der Angst �ber den R�cken. Bislang war er davon ausgegangen, dass er, sobald er seinen Standort bestimmt h�tte, ganz einfach wieder nach Hause zur�ck finden w�rde. Aber wenn ihm sogar die Sterne fremd waren, so war er viel weiter von zu Hause entfernt, als er angenommen hatte, wenngleich hier wie dort dieselbe Jahreszeit herrschte. Das ergab alles keinen Sinn. Gwydion setzte sich auf eine Bank aus F�ssern und k�mpfte gegen die aufkommende Panik an, die ihn zu l�hmen drohte. </p><p>Auf der anderen Stra�enseite bewegte sich etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. Da kauerte jemand hinter F�ssern, die genauso aufgereiht waren wie diejenigen seiner Bank, und dieser Jemand sp�hte �ber deren Rand in Richtung Festhalle. Gwydion wurde neugierig. Er hatte seine Sachen auf dem Bauernhof zur�ckgelassen, trug aber den Dolch bei sich, den er nun zur Hand nahm, w�hrend er geduckt im weiten Bogen auf die andere Seite der Stra�e schlich.</p><p>Hinter den F�ssern angekommen, richtete er sich auf und war �berrascht, eine junge Frau vor sich zu sehen, die von ihrem Versteck aus das Kommen und Gehen der G�ste beobachtete.</p><p>Ihr Gesicht war nicht zu erkennen. Sie hatte langes, glattes Haar, das nur ganz leicht gewellt war und wie ein seidenes Tuch auf ihren R�cken herabfiel. Es schimmerte hell im Dunklen, und Gwydion wunderte sich �ber sein spontanes Bed�rfnis, mit der Hand dar�ber zu streichen.</p><p>Stattdessen tippte er ihr auf die Schulter. Erschrocken fuhr sie herum, wobei sie fast eins der leeren F�sser umgesto�en h�tte. </p><p>Die Schreckensmiene vermochte seinen ersten Eindruck von ihr nicht zu tr�ben: Sie war zweifellos das sch�nste Wesen, das er je gesehen hatte. Das Gesicht war ungemein fein geschnitten. Lange, dunkle Wimpern umkr�nzten die gro�en, dunklen Augen, und die Oberlippe war wie ein Langbogen geschwungen. Im Unterschied zu all den anderen M�dchen auf dem Fest war sie offenbar ein Halbblut wie er. Und zierlich. Beim Zur�ckweichen war ihr das Haar �ber die Schulter gefallen, das nun einen Gro�teil des Oberk�rpers und den Blumenschmuck an der Brust verh�llte.</p><p>�Keine Angst�, sagte Gwydion betont sanft. �Tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe.� </p><p>Das M�dchen holte tief Luft und starrte ihn mit gro�en Augen an, die pl�tzlich zu flattern anfingen, als g�lte es, brennende Tr�nen wegzuwischen. Es dauerte eine Weile, ehe sie antworten konnte, und als sie schlie�lich den Mund �ffnete, l�ste ihre wundervolle Stimme einen Schauer der Erregung bei ihm aus. </p><p>�Du bist ein Lirin�, hauchte sie.</p><p>�Ja, zum Teil. So wie du, nicht wahr?�</p><p>Sie nickte. </p><p>Gwydion h�stelte und versuchte zu verbergen, dass ihm das Blut in die Wangen schoss. �Hm, gibt es hier noch mehr von dir, ich meine, Lirin?�</p><p>�Nein�, antwortete sie, immer noch mit Verwunderung in der Stimme. �Da sind nur noch meine Mutter und meine Br�der. Von ihnen abgesehen, bist du der erste Lirin, den ich in dieser Gegend sehe. Wer bist du?� </p><p>Gwydion �berlegte, was er sagen sollte, wusste er auf diese Frage doch selbst keine verl�ssliche Antwort. </p><p>�Man nennt mich Sam�, sagte er schlie�lich. �Und wer bist du?�</p><p>Er sah die junge Frau nun zum ersten Mal l�cheln und versp�rte dabei eine seltsame Regung, die er an sich noch nicht kannte und die ihm den Kopf schwirren lie� und ihm Angst machte. Er f�rchtete, die Kontrolle �ber Mimik und Stimme zu verlieren.</p><p>�Emily�, antwortete sie und warf dann einen Blick �ber die Schulter zur�ck, als zwei junge M�nner aus dem Dunkel auftauchten. Sie plauderten miteinander und schauten suchend in die Runde. Die junge Frau wich zur�ck und ging wieder hinter den F�ssern in Deckung. Gwydion tauchte ebenfalls ab. </p><p>Gemeinsam beobachteten sie die beiden M�nner, die die Stra�e entlang und �ber die Felder sp�hten. Pl�tzlich setzte Musik ein, und als aus dem Festsaal Gel�chter und Applaus nach drau�en schallten, drehten sie sich um und kehrten ins Haus zur�ck. Kaum waren sie verschwunden, stie� Emily erleichtert einen Schwall Luft aus.</p><p>�Du kennst die beiden?�, fragte Gwydion irritiert.</p><p>�Ja�, antwortete sie kurz angebunden. Um besser sehen zu k�nnen, richtete sie sich ein St�ck weiter auf. Als sie sicher war, unentdeckt geblieben zu sein, entspannte sie sich, stand auf und klopfte den Staub von ihrem Rock. </p><p>Auch Gwydion erhob sich. Gew�hnlich hatte er mit Frauen nicht viel im Sinn. Sie waren ihm fremd, zumal er ohne Mutter gro� geworden war. Aber dieses M�dchen interessierte ihn. Er war fasziniert von ihr, vor allem von den klugen, r�tselhaften Augen. Aber vielleicht war er auch nur deshalb so von ihr angetan, weil sie als einziges M�dchen weit und breit seine Hautfarbe hatte. Wie auch immer, er konnte den Blick kaum von ihr abwenden und hoffte inst�ndig, dass sie nicht wegging.</p><p>�Warum versteckst du dich? Tanzt du nicht gern?�</p><p>Sie wandte sich ihm zu, was bei Gwydion wieder diese eigent�mliche Empfindung ausl�ste, die von seinen Lenden ausging, sich dann rasend schnell bis in den Kopf und in die H�nde ausbreitete und dazu f�hrte, dass er zu schwitzen anfing.</p><p>�Doch, ich tanze sehr gern�, antwortete sie fast wehm�tig.</p><p>�Na dann, wie w�r�s? Ich meine, w�rdest du auch mit mir tanzen wollen?�, fragte er und geriet �ber den Klang der eigenen Stimme in Verlegenheit.</p><p>Emily sch�ttelte bedauernd den Kopf. �Ich kann nicht�, sagte sie traurig.</p><p>�Was ist denn?� </p><p>Sie blickte sich wieder um, sah aber nichts, was sie besorgt h�tte, und schaute ihm direkt in die Augen. </p><p>�Kommt dir all das hier nicht, nun ja, barbarisch vor?�</p><p>Gwydion lachte verwundert auf, nahm sich aber sofort wieder zur�ck, um sie nicht vor den Kopf zu sto�en. �In der Tat�, sagte er, �da ist was dran.�</p><p>�Na, dann kannst du dir ja vorstellen, wie ich mich f�hle.�</p><p>Sein Gefallen an ihr nahm schlagartig zu. Er reichte ihr die Hand und sagte: �Komm mit.� </p><p>Nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte, griff sie nach der ausgestreckten Hand und lie� sich von ihm �ber den Schutt helfen, der sich am Rand der F�sser h�ufte. Sie gingen ein St�ck die Stra�e hinunter und sahen sich dann nach der Festhalle um. Drinnen wurde offenbar ausgelassen getanzt; muntere Musik und fr�hliche Stimmen drangen zu ihnen. Die Nacht war wundersch�n, und es wehte ein laues L�ftchen. </p><p>Gwydion hatte so viele Fragen, dass er nicht wusste, womit er beginnen sollte, zumal er f�rchtete, sie mit seinem Wissensdurst wom�glich zu bel�stigen. Er deutete auf die Ansteckblumen. �Bist du in Begleitung gekommen?� </p><p>Emily legte die Stirn in Falten. Als sie aber seinem Fingerzeig folgte, ging ihr offenbar ein Licht auf. </p><p>�Nein�, sagte sie l�chelnd. �Die sind ein Geschenk von meinem Vater. Und au�erdem... zum Vorherbsttanz kommt man als M�dchen nicht in Begleitung. Das w�re nicht im Sinne der Veranstaltung.� </p><p>�Verstehe.� Im Licht der Laternen nahm Gwydion die Gelegenheit wahr, Emily ein wenig eingehender zu mustern. Sie trug ein Kleid aus Samt, dunkelblau, wie es schien, und am Hals tief ausgeschnitten. Den Ausschnitt bedeckte ein Busenstreif, dessen Muster der Borte am Saum entsprach und mit einer Reihe kleiner silberner Kn�pfe verziert war. Ein dazu passendes Band fasste die Haare der Schl�fen am Hinterkopf zusammen, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen.</p><p>Dass sie von lirinschem Blut war, zeigte sich am deutlichsten an ihrem schlanken Wuchs und der Feingliedrigkeit. Dabei war sie nur eine Handbreit kleiner als er. Abgesehen von den Schwielen an den H�nden und einer kleinen Narbe am Handgelenk, deutete bei ihr nichts daraufhin, dass sie wie andere Bauernm�dchen k�rperlich schwer arbeiten musste. Stattdessen strahlte sie eine W�rde aus, die sich mit ihrer Jugend gar nicht so recht zu vertragen schien. Er w�nschte, den Teint ihrer Haut und die wundersch�nen dunklen Augen besser sehen zu k�nnen, doch dazu reichte das Licht nicht.</p><p>Zum ersten Mal war er wahrlich dankbar daf�r, dass ihn sein Vater mit Nachdruck dazu angehalten hatte, Cymrisch zu studieren. �Was hast du jetzt vor? Zum Feiern hast du ja anscheinend keine Lust.� </p><p>Emily schaute zur Festhalle zur�ck. �Vielleicht sollte ich einfach warten, bis mein Bruder kommt und mich abholt�, antwortete sie, und ihre Stimme klang ein wenig betr�bt.</p><p>�Ist doch ziemlich traurig, einen so sch�nen Sommerabend mit Warten zu verbringen.�</p><p>�Nun, es gibt verschiedene Grade von Traurigkeit und gewiss Schlimmeres als langes Warten.� </p><p>Gwydion nickte verst�ndnisvoll. Er vermutete, dass ihre Familie besser gestellt war als die anderen, da sich die Tochter Kleiderschmuck leisten konnte. Gleichwohl w�rde sie in den Kreisen seiner eigenen Familie als armes M�dchen vom Lande angesehen. Der gute Stand ihrer Familie und ihr blendendes Aussehen machten sie anscheinend zum begehrten Ziel f�r die jungen J�ger in der Festhalle. Im Unterschied zu den anderen M�dchen hatte sie aber offenbar keine Lust, sich einfangen zu lassen, und das gefiel Gwydion an ihr.</p><p>�Ich habe eine Idee�, sagte er und lie� seinen Blick schweifen. �Nicht weit von hier ist eine offene, ebene Fl�che. Bis dahin tr�gt die Musik allemal. Wir k�nnten dort ein T�nzchen wagen � oder zwei. Nur wenn du willst, versteht sich.� Die Anstandserziehung, die man ihm �ber viele Jahre hatte angedeihen lassen, machte ihn so befangen, dass er sich fast verhaspelte.</p><p>Aber dann sah er zu seiner Erleichterung, wie Emilys Gesicht sich aufhellte. �Eine sch�ne Idee�, rief sie. �Ich bin einverstanden.�</p><p>Er gab ihr wieder die Hand, �berquerte mit ihr die Stra�e und f�hrte sie �ber einen Acker auf ein kleinen Wiesenfleck zu, den er zuvor ausfindig gemacht hatte. Als sie dort ankamen, ging gerade eine Mazurka zu Ende. Betreten schweigend standen sie f�r eine Weile einander gegen�ber. Endlich setzte die Musik wieder ein. Gwydion schlang seinen Arm um ihre Taille � und drohte aus dem Gleichgewicht zu geraten, so heftig war das Prickeln, das ihm durch die Finger und den Arm bis in den Kopf fuhr. Er nahm ihre Hand, die den Saum des Kleides gerafft hielt, und drehte sich mit ihr im Rhythmus der Musik im Kreise.</p><p>Schon bald gab es ein Problem. Der Tanz war zwar ganz einfach, aber die beiden hatten offenbar auf unterschiedliche Weise zu tanzen gelernt mit dem Ergebnis, dass Emily ihm bei jedem vierten Schritt auf die Zehen trat und dar�ber in gro�e Verlegenheit geriet. Gwydion versuchte dar�ber hinwegzusehen, aber es passierte immer wieder, sodass sie schlie�lich entnervt stehen blieb. </p><p>�Entschuldigung�, sagte sie und wandte sich ab. �Ich bin ein Trampel. Es w�re wohl besser, du suchst dir eine andere Partnerin.�</p><p>Gwydion legte ihr eine Hand auf die Schulter und drehte sie zu sich herum. �Was redest du da? Ich bin es doch, der nicht tanzen kann. Bitte tu nicht so.�</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Tu nicht so, als w�re ich einer von denen.� Er deutete mit dem Kopf in Richtung Festhalle. �Ich f�hle mich wohl in deiner Gesellschaft, Emily, und du bist alles andere als ein Trampel. Welcher Tanz kommt wohl als N�chstes?� </p><p>Emily l�chelte wieder. �Wahrscheinlich ein Freiersreigen.�</p><p>�Versuchen wir�s noch mal? Ich glaube, ich schaff�s jetzt.�</p><p>Sie nickte. Gwydion bemerkte, dass er immer noch ihre Hand umfasst hielt, und weil sie nichts dagegen zu haben schien, lie� er sie nicht los und wartete mit ihr auf den n�chsten Tanz. Als die Musik wieder aufspielte, beschr�nkte er sich auf die Grundschritte und verzichtete auf all das, was er bei Hofe an eleganten Verzierungen gelernt hatte. Die beiden harmonierten nun schon sehr viel besser miteinander, und er sah, wie sie in Hochstimmung geriet, w�hrend er mit ihr, von der Musik begleitet, �bers Feld schwebte. Ihre Augen strahlten vor Vergn�gen, so als leuchteten sie von innen heraus.</p><p>�Emmy, was treibst du da drau�en? Komm endlich rein.�</p><p>Sie wirbelte herum. Gwydion blickte �ber sie hinweg und entdeckte mehrere junge Leute, die am Feldrand standen und ihnen zusahen. Der Sprecher war ein dunkelhaariges Halbblut, vermutlich ihr Bruder. Er war in Gesellschaft von zwei jungen Frauen und jenem Burschen, der schon vor einiger Zeit nach Emily Ausschau gehalten hatte. Sie alle machten kein Hehl daraus, wie ungehalten sie waren. </p><p>�Man wartet auf dich, Emmy. Du hast schon drei T�nze ausgelassen, und dein Los ist mittlerweile f�r die Katz. Komm endlich.� </p><p>Emily straffte die Schultern. �Keine Bange, Ben, ich werde schon noch kommen�, antwortete sie spitz. �Und das mit dem Los ist mir herzlich egal. Ich hab ohnehin keines in den Korb geworfen. Was soll�s?� </p><p>�Aber es muss doch jede ein Los abgeben�, protestierte der andere junge Mann, der nicht weniger ver�rgert war als sie. �Au�erdem hatte ich ein Anrecht auf den ersten Tanz. So, und jetzt komm her!� </p><p>Gwydion sah, wie Emily ganz steif wurde. �Was unterstehst du dich, so mit mir zu reden, Sylvus?�, herrschte sie ihn an. �Ich komme, wann es mir passt.� Gwydion musste an sich halten, um nicht laut loszuprusten, als er das Entsetzen in den Gesichtern der beiden M�dchen und den verbl�fften Ausdruck des Bruders und Sylvus� sah. Ben l�chelte schlie�lich und wandte sich dem anderen zu. </p><p>�Hab ich�s nicht gesagt? Bist du immer noch sicher, mit <emphasis>der</emphasis> den Rest deiner Tage zu fristen?� Er zwinkerte der Schwester zu und machte sich mit den beiden M�dchen auf den Weg zur�ck zum Fest. Sylvus z�gerte noch und starrte Emily unverwandt an.</p><p>�Beeil dich, Emily, ich warte�, sagte er schlie�lich. Dann trollte auch er sich und warf Gwydion im Gehen einen w�tenden Blick von der Seite zu.</p><p>Gwydion h�rte sie vor sich hin murmeln: �Selber unausstehlich.�</p><p>Er beugte sich an ihr Ohr. �Gut f�r dich�, fl�sterte er aufmunternd. �Wollen wir uns ein bisschen die Beine vertreten?� </p><p>�Gern�, antwortete sie spontan. �Komm, ich zeig dir den Platz, der mir auf der ganzen Welt am liebsten ist.� </p><p>Der Mond ging gerade auf, als die beiden den Hang eines sanft ansteigenden H�gels hinauf liefen und den L�rm und die Lichter des Festes weit hinter sich lie�en.</p><p>Seit eh und je hielt sich Gwydion lieber im Freien auf als hinter verschlossenen T�ren. Darum verbrachte er viel Zeit mit ausgedehnten Streifz�gen durch die Welt, doch obwohl er gut in Form war, fiel es ihm schwer, mit Emily Schritt zu halten, die, ungeachtet ihres festlichen Gewands und der leichten Schuhe, den H�gel im Laufschritt erst�rmte, fast ohne zu atmen, wie es schien. Gwydion hingegen hatte sich immer noch nicht ganz an die d�nne, warme Luft gew�hnt und musste all seine Kraft aufbieten, um den Anschluss nicht zu verlieren. Ab und an erinnerte sie sich daran, dass er auch noch da war, und dann verlangsamte sie ihren Schritt oder blieb stehen, um ihm die Hand zu reichen. Die lie� er am Ende nicht mehr los, und sooft der �bermut mit ihr durchging, hielt er sie zur�ck. Hand in Hand und in m��igem Tempo legten sie den Rest des Anstiegs zur�ck.</p><p>Kurz vor dem Ziel blieb sie stehen und sagte: �Wir sind gleich da.� Das Mondlicht lie� ihr Haar silbrig gl�nzen. �Mach die Augen zu.�</p><p>Gwydion gehorchte und folgte ihr blindlings auf die Kuppe, wo sie sich rechts hielt und ihn hinter sich herzog. </p><p>�Sieh dich vor, da vorn ist ein Loch.�</p><p>Er wich dem Hindernis aus und sp�rte, dass sie pl�tzlich anhielt. Sie lie� seine Hand los und holte tief Luft. </p><p>�So, jetzt kannst du die Augen wieder aufmachen.�</p><p>Der ohnehin kurz gewordene Atem stockte ihm angesichts der Aussicht, die sich ihm hier bot. Vom Mondlicht �berflutet, dehnte sich das Tal vor ihm aus, so weit das Auge reichte. Kleine Ackerparzellen, gepfl�gt oder brachliegend, musterten die Landschaft, und in der Mitte ragte eine m�chtige Weide auf, die sich �ber einen Bach beugte. Trotz der Dunkelheit erkannte Gwydion die Sch�nheit dieses Ortes, der ihm als Emilys Lieblingsplatz umso sch�ner erschien. �Wo sind wir hier?� </p><p>Emily lie� sich auf den Boden nieder, was er ihr dankbar nachtat. �Das ist einer der H�gel, die unseren Hof �berblicken�, antwortete sie. �Meine Mitgift sind die Felder dort in der Mitte, am Bach, wo die Weide steht. Ich nenne sie meine Flickendecke, denn bei Tage sehen sie aus wie die Steppdecke auf meinem Bett: zusammengesetzt aus verschiedenfarbigen Vierecken.�</p><p>Gwydion schaute ihr in das vom Mond beschienene Gesicht und sp�rte die T�r zu seinem Herzen aufgehen. Dahinter steckte indes ein tiefes Gef�hl oder auch Bed�rfnis, das intensiver war als alles andere. Ihm war, als w�rde er sie schon sein ganzes Leben lang kennen oder als h�tte sein Leben erst jetzt richtig begonnen, da sie ihm begegnet war. Wie und warum auch immer � er wusste, dass er sich nicht mehr von ihr w�rde trennen k�nnen. Und ihr Blick verriet, dass sie gerade in ihrem eigenen Herzen dieselben eigent�mlichen und zugleich wundervollen Gef�hle versp�rte.</p><p>Sie wandte sich ab und schaute wieder ins Tal. �Gef�llt�s dir denn?�, fragte sie ein wenig befangen. Ihm war klar, was sie mit dieser Frage zu erfahren w�nschte, und er antwortete seinerseits doppelsinnig: �Etwas Sch�neres ist mir noch nie zu Gesicht gekommen.�</p><p>Sch�chtern beugte er sich vor und hoffte, dass sie ihm mit ihren Lippen entgegenk�me. Au�er bei freundschaftlichen Begr��ungen hatte er noch nie gek�sst, und so wurde ihm, als er ihr qu�lend langsam n�her r�ckte, zunehmend bange, dass sie verschreckt vor ihm zur�ckweichen k�nnte. Doch als sie seine Absicht erkannte, schloss sie l�chelnd die Augen und dr�ckte ihm schnell und entschlossen einen Kuss auf den Mund. Ihre Lippen waren �berraschend weich und warm, und trotz der milden Nacht sp�rte er einen kalten Schauer �ber den R�cken laufen. Bevor sich ihre Lippen teilten, ber�hrte sie sein Gesicht in einer sanften Geste, die ihn tief bewegte. Als ihn das begl�ckende Gef�hl ganz und gar einzunehmen begann, mischte sich eine andere, eine frostige Wahrnehmung dazu. Er blickte auf das Tal, und das Bild vor seinen Augen verwandelte sich: </p><p>�ber den silbrigen Glanz der mondbeschienenen Landschaft legte sich das stumpfe Grau �tzenden Rauchs. </p><p>In seiner Vorstellung sah er das Tal von einem schrecklichen Feuer verw�stet, die Weiden schwelen und die H�user und St�lle bis auf die Grundfesten niederbrennen. Str�me von Blut ergossen sich �ber Felder und �cker. Gwydion fing heftig zu zittern an, als die rote Flut mit unwiderstehlicher Gewalt n�her wogte, h�gelan. </p><p>�Sam?�, fragte Emily alarmiert. �Hast du was? Was ist los mit dir?�</p><p>Gwydion rief sich mit aller Kraft aus seinen Wahnvorstellungen zur�ck. Das Schreckensbild verblasste, und das Tal zeigte sich wieder in friedlich silbrigem Mondlicht. Emily aber war sichtlich best�rzt und langte nach seinen zitternden H�nden.</p><p>�Sam?�, fragte sie wieder.</p><p>�Wo sind wir, Emily? Ich meine, wie hei�t dieser Ort?�</p><p>�Myrfeld.� </p><p>Schlagartig schn�rte sich ihm die Kehle zu. Myrfeld war zwar kein ungew�hnlicher Name f�r eine Ortschaft; sie mochte wer wei� wo gelegen sein. Doch auf den alten Landkarten, an die er sich erinnerte, war ein Dorf dieses Namens inmitten der Weiten Marschen eingezeichnet, in jener ausgedehnten Tiefebene, die einen Gro�teil des Ostens von Serendair ausmachte. Die Marschen waren im Krieg mit all ihren menschlichen Siedlungen verw�stet worden. Und als endlich wieder Frieden eingezogen war und mit dem Wiederaufbau begonnen werden konnte, versank das ganze Inselreich. </p><p>�Wie hei�en die n�chsten gr��eren St�dte?�</p><p>Emilys Besorgnis nahm zu. �Gr��ere St�dte gibt�s hier nicht. Die N�chste liegt �ber hundert Wegstunden weit entfernt. Mein Vater geht einmal im Jahr dorthin, und dann ist er immer einen ganzen Monat lang unterwegs.� </p><p>�Und ihr Name? Wie hei�t diese Stadt, Emily?�</p><p>Sie dr�ckte seine Hand, um ihn zu beruhigen; doch ihr war anzusehen, dass sie von der Ursache f�r seine Verst�rung nicht die geringste Ahnung hatte. �Genauer gesagt, befinden wir uns hier in der Mitte von zweien. Im Westen, jenseits des Gro�en Flusses, liegt Traunhaven, im S�dosten liegt Ostend, die, soweit ich wei�, gr��te Stadt des Landes.�</p><p>Gwydions Augen begangen zu brennen. <emphasis>Das kann doch nicht sein,</emphasis> dachte er entsetzt, <emphasis>das kann doch nicht sein</emphasis>. Beide St�dte, die sie genannt hatte, hatte es auf Serendair gegeben.</p><p>�Sam?� Emily schien von seiner Panik angesteckt zu sei. Er sah sie an. Sein Blick sch�rfte sich wieder; die n�chtern-praktische Stimme der Vernunft setzte sich der Verzweiflung gegen�ber durch. </p><p><emphasis>Nat�rlich,</emphasis> dachte er, und die Angst lie� sofort von ihm ab. Er war hier, um sie vor dem Untergang der Insel zu retten. Er wusste auch, wie und an wen er sich wenden musste und wann es Zeit sein w�rde, die Insel zu verlassen. Offenbar hatte ihn ein gn�diges Schicksal in die Vergangenheit verschlagen, um ihm diese Chance zu geben, wenngleich er sich den Grund daf�r nicht erkl�ren konnte.</p><p>Er blickte ihr wieder ins Gesicht und l�chelte. Auch diese Einsicht war ihm jetzt so gewiss wie sein Name: dass seine Seele und die ihre zusammengeh�rten. Das konnte er <emphasis>sehen</emphasis>. Und mit dieser Gewissheit stellte sich ein Gef�hl von ruhiger Zuversicht und Freude ein. Emily war seine Seelengef�hrtin, daran konnte kein Zweifel bestehen, und er hatte sie schon jetzt tief im Herzen lieb. Gwydion nahm ihren Kopf in beide H�nde und gab ihr einen Kuss. �Entschuldige, dass ich dir solche Angst eingejagt habe�, sagte er und lie� wieder von ihr ab. �Ich muss dir etwas erz�hlen.� </p><p>Sie r�ckte ein St�ck von ihm ab. �Worum geht es denn?�</p><p>Er versuchte zu verhindern, dass seine Stimme br�chig wurde, was sie h�ufig tat, wenn er aufgeregt oder irritiert war. �Wir m�ssen so schnell wie m�glich von hier fort und nach Osten reisen. F�r den Fall, dass wir uns aus irgendeinem Grund aus den Augen verlieren sollten, musst du mir versprechen, einen gewissen MacQuieth beziehungsweise Farrest oder Garael aufzusuchen. Bitte, versprich mir das.�</p><p>Emily starrte ihn verwundert an. �Was redest du da?�</p><p>Gwydion �berlegte, wie er es ihr erkl�ren konnte, und musste einsehen, dass das unm�glich war. Wie sollte er sich blo� verst�ndlich machen? Auf den bevorstehenden Krieg gab es hier noch keinerlei Hinweise, geschweige denn auf den Untergang der Insel. Und dann kam ihm pl�tzlich der verst�rende Gedanke, dass er wom�glich dazu ausersehen war, selbst auf der Insel zur�ckzubleiben und hier, in der Vergangenheit, sein Leben zu beenden.</p><p>Er nahm wieder ihren Kopf zwischen beide H�nde und betrachtete ihr Gesicht. Obwohl sie nicht wissen konnte, was in ihm vorging, zeigte sich doch Mitgef�hl in ihrer Miene und der Wunsch, ihn zu tr�sten. Ihre Augen suchten in seinem Gesicht nach Antworten; sie waren vor Sorge ganz dunkel und voller Zuneigung. Er glaubte, sie unabl�ssig betrachten zu k�nnen, ohne sich jemals an ihr satt zu sehen. Ein so inniges Gef�hl der Z�rtlichkeit stieg in ihm auf, dass er darin zu ertrinken meinte, und er dachte im Stillen, es w�re doch unendlich viel besser, hier zu sterben, als fortgehen und ohne sie weiterleben zu m�ssen. </p><p>Das Mondlicht fiel ihr in die Augen. Sie l�chelte, und ihr L�cheln l�ste all seine Beklommenheit auf. Wieder gab er ihr einen Kuss, den er diesmal lange auskostete. Und wieder machte sich dieses wundervolle Prickeln in der Magengegend bemerkbar, als er ihren Mund aufgehen und ihren Atem auf sich �bergehen sp�rte. So berauschend war die N�he zu ihr, dass er f�rchtete, die Selbstbeherrschung zu verlieren. </p><p>Er r�ckte von ihr ab und registrierte einen erstaunten Ausdruck auf ihrem Gesicht. �Ich kann�s noch gar nicht fassen, dass du wirklich da bist�, fl�sterte sie. �Woher kommst du eigentlich?� </p><p>Gwydion merkte erstaunt auf. �Was soll das hei�en?�</p><p>Emily nahm ihn bei den H�nden und zitterte vor freudiger Erregung am ganzen K�rper. �Ich habe dich herbeigesehnt. Bist du gekommen, um mich vor der Lotterie zu retten und zu entf�hren?�</p><p>Gwydion schluckte. �So kann man es auch sagen. Aber entspreche ich wirklich deinem Wunschbild?� </p><p>Sie antwortete ganz offen und unbefangen: �Ich habe vergangene Nacht, gleich nach Mitternacht, meinen Gl�cksstern gebeten, dich zu mir zu schicken. Und hier stehst du vor mir. Woher du kommst, wei�t du anscheinend selbst nicht, oder? Habe ich dich von weither herbeigew�nscht?�</p><p>Der Junge machte gro�e Augen und grinste verdutzt. �Ja, das hast du.�</p><p>Sie seufzte. �Kaum zu glauben. Ich habe fast ein ganzes Jahr auf die richtige Nacht gewartet, und es hat tats�chlich geklappt. Du bist gekommen, bist endlich hier.� Eine Tr�ne rollte ihr �bers Gesicht und lie� ihr L�cheln noch strahlender wirken. Er glaubte zu sp�ren, dass sie �ber magische Kr�fte verf�gte, die vielleicht wirklich die Ursache daf�r waren, dass er �ber die Str�mungen der Zeit zu ihr hingefunden hatte. </p><p>Sie streckte die Hand nach ihm aus. �Komm�, sagte sie, �ich will dir das Feenfort zeigen.� </p><p>Sie gingen ins Tal zur�ck, langsam diesmal, dem Bach entgegen, der durch das Weideland m�anderte. Gwydion schaute zu den fremden Sternen auf. Der dunkle Himmel w�lbte sich �ber ihm wie ein endloses Versprechen. </p><p>Als sie den Bach erreichten, sah sich Emily best�rzt um. Das Wasser str�mte schneller als gedacht, und das Ufer war so morastig, dass sie mit einem Fu� darin versank und stecken blieb. Gwydion half ihr, wieder freizukommen. Sie warf einen Blick auf die Weide, wohin sie ihn hatte f�hren wollen, und musterte dann verzagt ihre aufw�ndig verschn�rten Schuhe, die nun voller Lehm waren.</p><p>�Tut mir Leid, Sam�, sagte sie mit vor Entt�uschung stockender Stimme. �Ich schaff�s wohl nicht. Und ich kann die Schuhe nicht ausziehen; es dauert Stunden, sie wieder zuzuschn�ren. Aber geh du. Von der Weide aus hat man einen wundervollen Ausblick.�</p><p>�Ohne dich h�tte ich bestimmt keinen Gefallen daran�, erwiderte Gwydion. Er sah sich nach einer M�glichkeit um, den Bach zu �berqueren, doch es war keine geeignete Stelle auszumachen. </p><p>�Du k�nntest mich tragen�, sagte sie und �u�erte damit den Gedanken, den er vorzuschlagen sich gescheut hatte. �Wenn dir das nichts ausmacht.�</p><p>�Im Gegenteil�, entgegnete er hastig und versuchte seine Verlegenheit dadurch zu kaschieren, dass er den Mantelsaum raffte, der im Wasser steckte. Als er sich wieder im Griff hatte, �ffnete er die Arme und gelobte im Stillen, sich mittels irgendwelcher Giftkr�uter aus dem Leben zu stehlen, falls ihm die Peinlichkeit passieren sollte, sie fallen zu lassen.</p><p>Von solcherlei Bef�rchtungen offenbar unbeeindruckt, kam Emily auf ihn zu, schlang einen Arm um seinen Nacken und f�hrte ihm die Hand unter ihr angehobenes Knie. Er nahm sie vom Boden auf, trug sie mit Leichtigkeit �ber den Bach und weiter durch sumpfiges Gras auf die Weide zu, wo er sie behutsam absetzte. </p><p>Es war ein m�chtiger Baum, aus mehreren St�mmen bestehend, die im Umfang wohl dreimal die Spannweite seiner Arme ausmachten. Dank der guten Versorgung mit Wasser war der Baum enorm hoch gewachsen, und durch das feine Laub rieselte wie sommerlicher Schnee das Mondlicht nieder. Emily t�tschelte den Baum mit liebevoller Geb�rde. �Die Bauern glauben, dass ein einzelner Baum inmitten von Weiden das Zuhause von Feen ist�, sagte sie und blickte l�chelnd ins hohe Ge�st. </p><p>�Davon darf man sich Gl�ck erhoffen. Und es w�re ein schreckliches Unheil, wenn der Blitz in ein solches Feenfort einschlagen und es in Brand stecken w�rde.�</p><p>Gwydion dachte zur�ck an seine Vision von der verbrannten, verw�steten Landschaft. Er hatte die Weide gesehen, verkohlt und abgestorben, und die Erinnerung daran lie� ihn erschauern. Er wandte sich dem M�dchen zu. Emily schlenderte um den Baum herum, ber�hrte mit der Hand die tief h�ngenden Zweige und sprach mit wohlklingenden, ihm unverst�ndlichen Worten auf sie ein. Als sie zu ihm zur�ckkehrte, l�chelte sie und fragte: �So, den Baum hast du gesehen. Wohin soll�s jetzt gehen? Willst du zur�ck?� </p><p>�Noch nicht.� Er erwiderte ihr L�cheln. �Kennst du dich mit den Sternen aus?�</p><p>�Ja. Warum fragst du?� </p><p>�K�nntest du mir etwas dar�ber beibringen?�</p><p>�Wenn du m�chtest.� Sie wollte sich vor dem dicksten Stamm auf den Boden setzen, doch er hielt sie zur�ck, l�ste die Kordel seines Umhangs und breitete ihn vor ihr aus.</p><p>Ihr Schmunzeln brachte ihn in Verlegenheit. �Sam?�</p><p>�Ja?� </p><p>�W�rde es dich st�ren, wenn ich mein Kleid ausziehe?�</p><p>Gwydion sp�rte, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich. Wohin es lief, wurde ihm wenig sp�ter peinlich bewusst. </p><p>Bevor er eine Antwort stammeln konnte, f�gte sie mit Verlegenheit in der Stimme hinzu. �Tut mir Leid. Ich h�tte mich genauer ausdr�cken sollen. Gemeint war dieser Teil.� Sie zupfte an dem �berkleid aus blauem Samt. �Keine Angst, ich bin auch darunter noch anst�ndig angezogen. Aber das ist mein einziges Festtagskleid, und ich m�chte nicht, dass es schmutzig wird. Meine Mutter w�re untr�stlich. Also noch mal gefragt: W�rde es dich st�ren?�</p><p>Ihm gingen viele m�gliche Antworten durch den Kopf, wozu seine Miene einen jeweils entsprechenden Ausdruck zeigte. �Nein�, sagte er schlie�lich.</p><p>Emily drehte ihm den R�cken zu und stellte sich mit dem Gesicht zum Baum. Er sah ihr zu, wie sie das Mieder des Samtkleides l�ste, was geschehen war, ehe er sich dessen bewusst wurde, dass seine stierenden Blicke ungeh�rig waren. Dann trat sie aus dem zu Boden gefallenen �berkleid, h�ngte es vorsichtig an einen Zweig und wandte sich ihm wieder zu. Sie trug nun nur noch ein �rmelloses Unterkleid aus wei�er Spitze. Der Busenstreif, auf den Gwydions Blick gleich zu Anfang ihrer Begegnung gefallen war, war ein Teil des samtenen Mieders und mit ihm abgelegt worden.</p><p>Sie setzte sich auf seinen Umhang, schaute zum Himmel empor und fragte, nachdem er neben ihr Platz genommen hatte: �Was willst du �ber die Sterne wissen?� Das Haar fiel ihr �ber die Schultern, und Gwydion musste schwer an sich halten, um nicht mit der Hand danach zu langen.</p><p>�Alles. Ich kenne nicht einen. Darum w�re mir jeder Hinweis eine Hilfe. Hier stehen ganz andere Sterne am Himmel als dort, wo ich herkomme.� Was als einfache Feststellung gemeint war, brachte Emily sichtlich zum Staunen. Sie lehnte sich zur�ck und bettete den Kopf auf das Kissen aus Moos am Wurzelstock des Baumes. </p><p>�Nun, fangen wir mit Seren an. Das ist der Stern, nach dem unsere Insel benannt ist. Im Fr�hjahr und Sommer steht er um Mitternacht genau im Zenit.�</p><p>Gwydion legte sich ebenfalls zur�ck und streckte den Arm �ber ihrem Kopf aus, war noch auf Abstand bedacht, um ihr ja nicht l�stig zu werden. Aber wie an diesem Abend schon einige Male zuvor, erriet sie auch jetzt, was ihm durch den Kopf ging. Und so nahm sie seinen Arm und f�hrte ihn um ihre Schultern, ohne den Unterricht in Sachen Astronomie zu unterbrechen.</p><p>Sie machte ihn auf einzelne Sterne und Sternbilder aufmerksam und berichtete, was sie an Mythen und wissenschaftlichen Erkenntnissen dar�ber wusste. Und das war erstaunlich viel. Sie kannte sich unter anderem recht gut aus in der navigatorischen Astronomie, was Gwydion besonders interessant fand. Doch nach einer Weile folgte er nicht l�nger ihrem Blick zu dem Sternenzelt, sondern betrachtete stattdessen ihr Gesicht. Darin schimmerte ein eigenes Himmelslicht, und er fand, dass er von ihren Sternenaugen sehr viel mehr lernen konnte als durch das Studium des Firmamentes. Er rollte sich auf die Seite, legte den Kopf auf den angewinkelten Arm und grinste einf�ltig.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis Emily aufmerkte und von seiner t�richten Miene Notiz nahm. Sie err�tete und richtete sich eilig auf.</p><p>�Entschuldige, ich wollte dich nicht mit meinen Vortr�gen langweilen.�</p><p>�Das hast du auch nicht�, beeilte er sich zu sagen. �Ich war ganz Ohr.� Er streckte den Arm aus. </p><p>�Erz�hl mehr.� </p><p>Sie legte sich wieder zur�ck und starrte mit ernster Miene nach oben. F�r eine Weile sagte sie nichts, und als sie den Mund wieder aufmachte, schwang in ihrer Stimme eine traurige Note mit.</p><p>�Wei�t du, so weit ich mich Zur�ckentsinnen kann, habe ich von diesem Ort getr�umt�, sagte sie leise. �Bis vor kurzem kam mir fast jede Nacht der gleiche Traum: Ich war hier drau�en im Dunkeln unter den Sternen und streckte die H�nde nach ihnen aus. Und die Sterne fielen vom Himmel auf mich herab. Ich konnte sie festhalten, schloss die Hand um sie zur Faust und sah sie zwischen den Fingern gl�hen. Wenn ich dann aufwachte, war ich immer sehr gl�cklich, und dieses Gef�hl dauerte meist den ganzen Morgen an. Aber dann �nderte sich der Traum. Ich vermute, es war zu der Zeit, als ich der Hochzeitslotterie beitreten musste. Eigentlich h�tte das schon vor einem Jahr der Fall sein sollen, aber mein Vater meinte, das sei zu fr�h. Heuer gab�s aber keinen Weg mehr dran vorbei, und meine Eltern mussten mich, gegen ihren und meinen Willen und wie es die Tradition hier bei uns verlangt, aufbieten wie ein Pferd zur Auktion. Mein ganzes Leben hat sich mit einem Mal von Grund auf ver�ndert � und damit auch meine Tr�ume. Jetzt tr�ume ich nur noch selten von den Sternen, und wenn ich es tue, ist es nicht mehr dasselbe.� </p><p>�Was ist anders?�, fragte er voller Mitgef�hl.</p><p>�Nun, anfangs scheint noch alles beim Alten zu sein. Ich bin hier im Dunkeln bei der Weide, und die Sterne leuchten so hell wie immer. Aber wenn sie dann vom Himmel fallen, kann ich sie nicht halten. Sie fallen mir durch die Finger und landen im Bach, wo sie mir dann aus dem Wasser von unten entgegenfunkeln.� </p><p>Gwydion sp�rte, wie die Traurigkeit in ihrer Stimme auf ihn �berging. �Hast du eine Ahnung, was das bedeuten k�nnte?� </p><p>�Ich glaube, ja�, antwortete Emily. �Wahrscheinlich ist mir klar geworden, dass all das niemals Wirklichkeit werden wird, was ich mir in meinen sch�nsten Vorstellungen ausgemalt habe, n�mlich die Welt zu sehen, zu studieren und Abenteuer zu erleben. Stattdessen ist mir wohl nur das beschieden, wovon meine Freundinnen immer getr�umt haben: zu heiraten, eine Familie zu gr�nden und den Rest des Lebens hier in diesem Tal zuzubringen. Nun ja, dagegen habe ich ja eigentlich nichts einzuwenden, zumal ich dieses Tal liebe, und ich bin gl�cklich hier. Aber ich dachte ...�Ihre Stimme wurde immer leiser und verstummte dann ganz. </p><p>�Was dachtest du?� </p><p>�Ich dachte, da w�re mehr. Zugegeben, so zu denken ist selbsts�chtig und kindisch. Aber ich hatte gehofft, irgendwann einmal in Wirklichkeit zu erleben, was mir in meinen Tr�umen erschienen war. Dass ich jetzt anders tr�ume, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich diese albernen Hoffnungen aufgegeben habe und in wenigen Tagen jemanden heiraten werde, der mir durch Los zuf�llt. Wenn ich Gl�ck habe, wird er nett zu mir sein oder wenigstens nicht grob und gemein wie so viele Bauerns�hne. Ich werde hier bis an mein Lebensende wohnen und nie etwas anders als dieses Tal zu Gesicht bekommen. Vermutlich war mir das im Grunde meines Herzens immer schon klar. Jedenfalls kommen mir die sch�nen Tr�ume nur noch selten. Wom�glich werden sie bald ganz ausbleiben. Ich werde sie vergessen und mein Leben leben, so wie es mir bestimmt ist.�</p><p>Ihre Worte taten ihm in der Seele weh. �Nein!�, platzte es aus ihm heraus.</p><p>�Nein?� </p><p>Wieder setzte sich Gwydions praktischer Sinn durch, und die Antwort stand ihm klar vor Augen. Er richtete sich auf und sagte: �Emily, wie sehen bei euch die Hochzeitsbr�uche aus? Ist es m�glich, die Lotterie zu umgehen und direkt bei deinem Vater um deine Hand anzuhalten?�</p><p>Emilys Augen leuchteten kurz auf, wurden aber schnell wieder traurig. �Oh, Sam�, seufzte sie. �Mein Vater w�rde mich nie mit dir wegziehen lassen. Er hat seit meiner Geburt f�r meine Mitgift gespart und dieses Weideland hier f�r mich bewahrt, um sicherzustellen, dass ich nur ja der Familie verbunden bleibe, egal, wer mich einmal heiraten wird. Nein, er w�rde nie darin einwilligen, dass ich auswandere.� </p><p>Gwydion war verzweifelt. Er konnte ihr nicht in Worten erkl�ren, warum es so dringlich war, das Tal zu verlassen. �W�rdest du denn trotzdem mit mir kommen, Emily? Willst du mit mir durchbrennen?�</p><p>Sie blickte auf ihre H�nde und lie� sich mit der Antwort so lange Zeit, dass er vor Nervosit�t zitterte. Endlich blickte sie auf, und ihre Miene verriet Entschlossenheit.</p><p>�Ja�, antwortete sie. �Darauf zu verzichten w�re doch eine Verschwendung an Hoffnung, oder?� </p><p>Vor Erleichterung stie� Gwydion einen Schwall Luft aus. �Allerdings�, sagte er, dr�ckte sie fest an sich und legte seine hei�e Wange an ihr Gesicht. �Ist da jemand im Dorf, der uns trauen k�nnte?� </p><p>Emily seufzte. �In ein paar Tagen wird jemand da sein, aber erst nach der Lotterie. Dann heiraten alle, die in diesem Jahr dran sind.�</p><p>Gwydion zog sie noch enger an sich. Er wusste nicht, wie lange sich die Flucht noch aufschieben lie�, war aber gern bereit, eine Weile geduldig abzuwarten, um Emily nicht unn�tig in Angst zu versetzen. </p><p>�Sam?� </p><p>Widerstrebend lie� er von ihr ab, setzte sich zur�ck und sah sie mit neuen Augen an. Bei Sonnenaufgang war er noch vollkommen frei und allein gewesen, und er hatte ein Leben gef�hrt, wie es einem Jungen seines Alters zustand: Zeitvergessen und ohne gro� Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. </p><p>Jetzt aber sah er sich seiner Frau gegen�ber. Er hatte sich immer schon gefragt, wie seine zweite Seelenh�lfte wohl aussehen w�rde, und war von der Antwort tief beeindruckt; ja, er staunte, dass es sie tats�chlich gab. Die Aussicht darauf, den Rest seines Lebens an ihrer Seite zu verbringen, lie� ihn schwindeln und erschreckte ihn sogar ein wenig. Sp�ter, wenn er w�hrend endlos langer Tage ihren Tod betrauern w�rde, sollte er an diesen Moment zur�ckdenken, da er sich zum ersten Mal aus neuen Augen sah, aus Augen, die noch glaubten, dass das Leben ein �berma� an Liebe f�r ihn bereithalte. </p><p>�Ja?� </p><p>�Glaubst du, dass wir das Meer sehen werden? Irgendwann einmal?�</p><p>�Nat�rlich�, versprach er ihr guten Gewissens. �Wir k�nnten, wenn es dir gef�llt, auch am Meer wohnen. Hast du es noch nie gesehen?�</p><p>�Ich bin doch noch nie hier rausgekommen, Sam, kein einziges Mal.� In ihrem Blick lag Wehmut. </p><p>�Aber ich habe mich schon immer nach dem Meer gesehnt. Mein Gro�vater ist Seefahrer, und er hat versprochen, dass er mich irgendwann einmal auf eine gro�e Fahrt mitnimmt. Bis vor kurzem habe ich mir auch Hoffnung darauf gemacht.� Sie schaute ihm in die Augen, sah eine Spur von Traurigkeit darin und blickte schnell wieder weg. Offenbar schlug ihr der Kummer, den sie bei ihm ausl�ste, noch zus�tzlich aufs Gem�t. Als sie ihn wieder ansah, strahlte sie so, als h�tte sie sich vorgenommen, ihn aufzumuntern. Sie r�ckte n�her und fl�sterte: �Ich habe schon einmal sein Schiff gesehen.� </p><p>Gwydion zeigte sich verwundert. �Wie ist das m�glich, wenn du noch nie am Meer warst?�</p><p>Sie l�chelte ihm zu. �Nun, es ist in Wahrheit sehr klein � ungef�hr so gro� wie meine Hand �, jedenfalls da, wo es jetzt liegt: in einer Flasche auf dem Kaminsims. Er hat es mir gezeigt, als ich bei ihm zu Besuch war.� </p><p>Tr�nen stiegen ihm in die Augen. Er war sicher, dass sich unter all den ber�hmten und besonderen Personen, die er in seinem Leben getroffen hatte, nicht eine befand, deren Seele so rein war wie die ihre. F�r eine Weile brachte er kein Wort hervor. Als er endlich wieder sprechen konnte, sagte er, was er im Herzen f�hlte. </p><p>�Du bist das wundervollste M�dchen auf der ganzen Welt.�</p><p>Sie begegnete seinem Blick mit ernster Miene. �Nein, Sam, aber ich bin das gl�cklichste.� </p><p>Mit zitternden H�nden ber�hrte er ihre blo�en Arme, und der Kuss, den sie sich gaben, war voll von den Versprechungen ehelicher Freuden.</p><p>�Sam?� Ihre wundersch�nen Augen funkelten im Mondschein.</p><p>�Ja?� </p><p>�Es gibt zwei Dinge, die ich dir sagen m�chte.�</p><p>Ihrem L�cheln war anzumerken, dass es in beiden F�llen nichts Problematisches war.</p><p>�Ich h�re.� </p><p>Emily blickte zu Boden. �Ich f�rchte, wenn du mich noch einmal so k�sst, werde ich mich nicht mehr zur�ckhalten k�nnen.� </p><p>Er bebte am ganzen K�rper. �Und das Zweite?�</p><p>Ihre Hand fuhr ihm �bers Gesicht und verharrte auf seiner Schulter. �Ich m�chte, dass du mich gleich noch einmal k�sst.� </p><p>Wie in Trance strich Gwydion seinen Umhang auf dem Boden glatt. Emily streckte sich darauf aus. Er kauerte auf den Fersen und sah sie an, bis sie ihre H�nde nach ihm ausstreckte. Zaghaft und mit einem Klo� im Hals sank er ihr in die Arme und presste sie so fest er konnte und ohne ihr wehzutun an sich. Endlich gab er dem Verlangen nach, das er schon den ganzen Abend �ber versp�rt hatte, und fuhr streichelnd mit der Hand �ber ihr Haar.</p><p>Es f�hlte sich so k�hl und glatt an wie Seide. Gwydion sp�rte, wie sie sich an dem Band zu schaffen machte, das den Halsausschnitt seines Hemdes gerafft hielt. Dann zog sie vorsichtig die Hemdzipfel aus der Hose und fuhr mit den H�nden �ber seine Bauchdecke bis zur Brust, was ihn veranlasste, die Augen zu schlie�en und mit den Lippen ihren Mund zu suchen. Und er fand ihre Lippen, die nicht weniger bebten als seine. </p><p>Der laue Nachtwind wehte sanft �ber die Haare der beiden. Gwydion lie� von ihr ab und lehnte sich ein St�ck zur�ck, um sie betrachten zu k�nnen. Ihr Gesicht war ohne jede Furcht oder Scham; vielmehr zeugte es von liebender Zustimmung.</p><p>Ohne den Blick von ihr abzuwenden, tastete er mit der Hand nach dem Mieder ihres Unterkleids und nahm den ersten kleinen, herzf�rmigen Knopf zwischen die Finger, die so zittrig waren, als w�ren sie kalten Winterst�rmen ausgesetzt. Und mit jedem Knopf, der sich l�ste, zitterten sie heftiger, bis sie, beim letzten Knopf angelangt, alles Fingerspitzengef�hl vermissen lie�en und so hastig und roh zu Werke gingen, dass der Knopf abriss.</p><p>Gwydion schreckte zur�ck. �Oh, das tut mir Leid, Emily�, murmelte er kleinlaut und schamrot im Gesicht. Umso �berraschter war er, als er sie am�siert schmunzeln sah.</p><p>Sie nahm ihm den Knopf aus der Hand, drehte ihn zwischen den Fingern und sagte: �H�bsch, nicht wahr? Mein Vater hat sie von seinem letzten Besuch in der Stadt mitgebracht und mir zum Geburtstag geschenkt. Sie waren bestimmt ziemlich teuer.�</p><p>�Emily ...� Sie legte ihm zwei Finger auf die Lippen und brachte ihn so zum Schweigen. Dann gab sie ihm den Knopf zur�ck und schloss seine Hand darum.</p><p>�Behalt ihn, Sam�, bat sie. �Zur Erinnerung an diese Nacht, in der ich dir mein Herz geschenkt habe.� </p><p>Sie sp�rte seine hei�en Tr�nen auf die blo�e Haut tropfen, schlang die Arme um seinen Hals und dr�ckte ihn an ihre Brust. �Keine Sorge, Sam�, fl�sterte sie. �Du wirst mir schon nicht wehtun. Ganz bestimmt nicht.� </p><p>Wieder hatte sie seine Gedanken gelesen. Durch ihre Worte ermutigt, schob er das d�nne Unterhemd beiseite und dr�ckte seine Lippen in die enge Senke zwischen ihren Br�sten. Mit aller Z�rtlichkeit, die ein Junge seines Alters aufbringen konnte, k�sste er die samtene Haut und lupfte ihr mit der freien Hand das Oberteil �ber die Schultern.</p><p>Dann lie� er die Hand auf ihre kleinen Br�ste zur�ckkehren, liebkoste mit sanftem Druck die rosigen Spitzen und nippte mit den Lippen daran. Er sp�rte, wie sie unter seiner Ber�hrung zu beben anfing, worauf es ihm selbst kalt und hei� zugleich wurde.</p><p>Das Mondlicht beleuchtete ihr ohnehin strahlendes Gesicht. Die Augen glitzerten, und er sah, dass sie wie seine eigenen feucht von Tr�nen waren. Was sie ausdr�ckten, war so eindeutig und unmissverst�ndlich, dass jede Frage den Zauber des Augenblicks gest�rt h�tte. Gwydions Mund kehrte auf die blanke Brust zur�ck, und er schob die Hand unter das zerknitterte Hemd. Als er schlie�lich die warme Haut ihrer Schenkel ertastete, f�rchtete er, in seiner Erregung nicht l�nger an sich halten zu k�nnen. </p><p>Sie zerrte ihrerseits an seinem Hosenbund und musste einsehen, dass gez�gelte Ungeduld schneller zum Ziel f�hrte; so gelang es ihr endlich zu entfernen, was noch zwischen ihnen war. Zitternd schmiegte sich Gwydion enger an sie. Er schaute sie dabei an, und was er in ihren Augen sah, r�hrte ihm unmittelbar ans Herz. </p><p>�Ich liebe dich, Sam�, sagte sie. �Ach, wie lange habe ich schon auf dich gewartet. Ich war mir allerdings ganz sicher, dass du zu mir kommen w�rdest, wenn ich es mir nur fest genug w�nschte.� </p><p>Dann war er in ihr und bewegte sich behutsam, um Kontrolle bem�ht, die ihm, von unvorhergesehener Lust �berw�ltigt, zu entgleiten drohte.</p><p>Zitternd schlang Emily die Arme um ihn und presste ihn enger an sich. Er h�rte, wie ihr Atem k�rzer wurde. Sie stemmte den Kopf zur�ck, was er als Einladung verstand, ihren schlanken Hals zu k�ssen, den er mit Tr�nen benetzte, worauf sie ihm mit der Hand durchs Haar fuhr und ihn tr�stend liebkoste. Sie waren ganz und gar ineinander verschr�nkt, als er innehielt und sich nicht mehr r�hrte aus Angst, bei der kleinsten Bewegung, und sei es nur der Versuch zu atmen, aufzuwachen und feststellen zu m�ssen, dass alles nur ein Traum gewesen sei. Auch wenn es einer sein sollte, wollte er ihn so bald noch nicht ausgetr�umt haben.</p><p>Emily nahm seinen Kopf zwischen die H�nde und gab ihm einen Kuss wie zur wortlosen, liebevollen Aufmunterung; dann schlang sie ein Bein um seine H�ften und stemmte sich ihm langsam von unten entgegen. </p><p>Von den Zehenspitzen aus f�hlte Gwydion eine wohlige Hitze in sich aufsteigen und mit ihr den Impuls zu einer Bewegung, die der ihren folgte. Das Feuer, das er in sich sp�rte, wurde zu einem Inferno angefacht, das sich �ber den ganzen K�rper ausbreitete. Er verlor den Zugriff auf seine Gedanken, die mit der lauen Luft davonschwebten, und achtete nur noch auf ihren Herzschlag und die kleinen Laute, die sie von sich gab.</p><p>Sie hauchte seinen Namen oder das, was sie f�r seinen Namen hielt, immer und immer wieder, seufzend vor Entz�cken, was seine Erregung nur noch mehr steigerte. Ihre Stimme drang bis tief in sein Herz und stie� ihn durch die Schranken der Selbstkontrolle, und als es kein Halten mehr gab, h�rte er ihren Aufschrei und sp�rte sich von ihr umklammert, als suchte sie Halt, wo doch beide von derselben Woge mitgerissen wurden.</p><p>Die Zeit setzte aus. Wie lange sie sich liebten, war aus Mangel an Vergleich oder Anhaltspunkten weder f�r sie noch f�r ihn nachzuvollziehen. Es schien jedenfalls ewig anzudauern, und Gwydion sp�rte, dass seine Liebe f�r sie stetig zunahm, bis sein K�rper schlie�lich als Gef�� f�r all diese Liebe nicht mehr ausreichte. Er hatte mit einer solchen Erfahrung erst zu einem viel sp�teren Zeitpunkt in seinem Leben gerechnet und nicht gedacht, dass sie derart bedeutungsvoll sein w�rde; und so war er nicht darauf gefasst und selbst �berrascht von dem heftigen Schluchzen, das ihn pl�tzlich ergriff. �Sam?�, fragte Emily alarmiert. </p><p>�Himmel, ich hab dir doch nicht wehgetan, Emily, oder? Geht es dir gut?�</p><p>Sie k�sste ihn z�rtlich und sah ihm in die Augen. �Papperlapapp. Wie kommst du darauf, dass es mir wehgetan haben k�nnte?� Sie lachte, und unvermittelt durchfuhr es ihn, als zuckte ein hei�er Blitzstrahl die Wirbels�ule entlang und bis in die Stirn. Ermattet senkte er den Kopf auf ihre Schulter. </p><p>�Emily, ich w�rde dir nie, nie willentlich wehtun. Das musst du mir glauben.� �Nat�rlich. Wieso solltest du auch dem wehtun, was allein dir geh�rt? Ja, so ist es, Sam, ich geh�re dir.� Er seufzte. </p><p>�Den G�ttern sei Dank daf�r.� �Nein�, entgegnete sie. �Dank den Sternen. Sie waren es, die dich zu mir gef�hrt haben.� </p><p>Gwydion hob den Kopf und schaute zum Himmel empor, der �bers�t war mit diamanten funkelnden Sternen. </p><p>�Dank euch!�, rief er. Emily kicherte und seufzte dann, als er von ihr abr�ckte und nach seinen Sachen langte. Auch sie machte sich wieder zurecht, und als beide angezogen waren, zeigte sie sich betr�bt. Sie warf einen Blick in Richtung Dorf und schaute wieder zu ihm.</p><p>�Das ist der Lorana-Walzer. Wir sollten jetzt besser umkehren; das Fest geht zu Ende.�</p><p>Gwydion seufzte. Am liebsten w�re er f�r immer auf diesem Feld geblieben. �Nun gut�, sagte er. Mit ausgestreckter Hand half ihr auf, nahm sie in die Arme und k�sste sie. In ihrem Gesicht war keine Spur von Bedauern oder Zweifel zu entdecken, nur selige Zufriedenheit.</p><p>Er warf sich seinen Umhang �ber, hob Emily vom Boden auf und trug sie �ber den Bach zur�ck, �ber die Schwelle zu ihrem Lieblingsplatz, dem Ort, an dem sie sich zu Hause f�hlte. Es schmerzte ihn, daran zu denken, dass es in Anbetracht der gebotenen Eile wohl das letzte Mal war, dass er sie �ber diese Schwelle trug. </p><p>Hand in Hand wanderten sie �ber die Felder, langsamer als auf dem Hinweg. Als sie die H�gelkuppe erreichten, dr�ckte Emily mit ihrer Hand pl�tzlich fester zu.</p><p>Er wandte sich ihr zu. �Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja, aber ich muss mich einen Moment hinsetzen.�</p><p>Gwydion half ihr, auf dem Boden Platz zu nehmen, und setzte sich besorgt an ihre Seite. �Was ist los, Emily?� </p><p>Sie l�chelte beruhigend. �Nichts. Ich will mich nur ein bisschen ausruhen.�</p><p>�Bist du sicher?� </p><p>�Ja. Darf ich dich etwas fragen?�</p><p>�Nat�rlich. Alles.� </p><p>�Wie alt bist du?� </p><p>�Vierzehn. Und wie alt bist du?�</p><p>Sie lie� mit der Antwort eine Weile auf sich warten. �Was meinst du, wie sp�t es ist?�</p><p>�Ungef�hr elf, w�rde ich sagen.�</p><p>�Dann bin ich dreizehn.� </p><p>Gwydion sah sie irritiert an. �Was meinst du damit?�</p><p>�In einer Stunde werde ich vierzehn sein, so alt wie du.�</p><p>Jetzt verstand er. �Du hast Geburtstag?�</p><p>�Ja, morgen.� </p><p>Er umarmte sie. �Alles Gute, Emily.�</p><p>�Danke.� Sie war pl�tzlich ganz aufgeregt. �Warte, ich habe eine Idee. Wie w�r�s, wenn du morgen Abend zum Essen zu uns kommen w�rdest?�</p><p>Gwydion dr�ckte sie fest an sich. �Das w�re sch�n.�</p><p>Sie l�ste sich aus seiner Umarmung und zeigte einen so eifrigen Ausdruck im Gesicht, dass er schmunzeln musste. �Du wirst meine Eltern und Br�der kennen lernen. Wenn mein Vater sieht, wie gl�cklich ich an deiner Seite bin, wird er uns vielleicht seinen Segen geben.� </p><p>�Wann soll ich kommen?� </p><p>�So gegen f�nf. Wir essen immer um sechs.�</p><p>Er blickte auf seine verstaubten Sachen und legte die Stirn in Falten. �Etwas anderes hab ich leider nicht anzuziehen.� </p><p>Emily f�hlte pr�fend den Stoff seines Hemdes, ein Gewebe aus Fasern, die feiner gesponnen waren als alles, was sie je in dieser Art gesehen hatte. Auch die �brigen Kleidungsst�cke waren von feinster Machart; selbst die besten N�herinnen im Dorf w�ren dazu nicht in der Lage gewesen. �An deinen Sachen ist nichts auszusetzen�, sagte sie. �Auf dem R�ckweg zeige ich dir, wo wir wohnen.� </p><p>Gwydion kramte in seinen Taschen, zog den Beutel hervor und warf einen Blick hinein. Ein geeignetes Geschenk war nicht darin zu finden, und dass es im Dorf einen H�ndler gab, bei dem er ein Geschenk h�tte kaufen k�nnen, stand auch nicht zu erwarten. Er nahm die f�nf Goldm�nzen heraus, die er auf dem Weg zum Markt eingesteckt hatte, und legte sie ihr in die Hand.</p><p>�Das ist alles, was ich habe, nicht viel, aber ich will dir etwas schenken.� Morgen w�rde er auf den Wiesen die sch�nsten Blumen f�r sie pfl�cken.</p><p>Vor Verwunderung riss Emily die Augen auf; sie machte einen Aufgeschreckten Eindruck.</p><p>�Das kann ich nicht annehmen, Sam. Das ist mehr als die H�lfte meiner Mitgift.� Sie drehte eine der M�nzen in der Hand und musterte sie mit starrem Blick. Auf einer Seite war der Kopf von Prinz Roland abgebildet, der erst sieben Jahrhunderte sp�ter in die Geschichte eintreten sollte. Sie nahm seine Hand, �ffnete sie und gab ihm die M�nzen zur�ck. �Und �berhaupt, wenn ich damit nach Hause k�me, w�rden meine Eltern annehmen, dass ich etwas schrecklich Schlimmes getan h�tte.�</p><p>Gwydion lief rot an im Gesicht. Dann kam ihm ein anderer Einfall. Erneut kramte er in seinem Beutel und entnahm ihm wiederum eine M�nze, eine kupferne diesmal. Sie war klein und seltsam geformt, mit dreizehn Kanten. Er dr�ckte sie ihr in die Hand und holte eine zweite, ebensolche M�nze zum Vorschein. </p><p>�Soweit ich wei�, gibt es davon auf der ganzen Welt nur diese beiden Exemplare. Eigentlich haben sie keinen Wert, aber f�r mich sind sie etwas Besonderes, und ich w�sste niemanden, mit dem ich sie lieber teilen w�rde als mit dir.�</p><p>Sie sah sich die M�nze aufmerksam an. Dann l�chelte sie und zog ihn an sich. �Danke, Sam. Ich werde sie wie einen Schatz h�ten. Komm jetzt, wir m�ssen uns beeilen.�</p><p>Er half ihr vom Boden auf und zupfte Grasspelzen vom R�cken ihres samtenen Kleides. �Ich w�nschte, ich h�tte ein sch�neres Geschenk f�r dich.� Sie eilten den H�gel hinunter, auf das Dorf und die Festhalle zu. </p><p>�Du h�ttest mir gar kein sch�neres Geschenk machen k�nnen. Du bist als Erf�llung meines gr��ten Wunsches von weither gekommen. Was sollte ich mir noch w�nschen?�</p><p>Er legte den Arm um sie. �Aber du hast schlie�lich Geburtstag.�</p><p>�Willst du mir wirklich noch etwas schenken?�</p><p>�Liebend gern.� </p><p>L�chelnd schl�pfte sie unter seinem Arm hindurch und nahm ihn bei der Hand. �Erz�hl mir von den L�ndern, die du bereist hast.� Ihr Augen leuchteten voller Erwartung. �Und sag mir, wo wir als N�chstes hingehen und was wir dort sehen werden.�</p><p>�Nun, da du das Meer noch nicht gesehen hast, k�nnten wir damit anfangen, dass wir an Bord eines der gro�en Schiffe gehen und das weite Meer �berqueren.�</p><p>Er malte ihr aus, wie die Masten und das Takelwerk aussahen und die H�ngematten, die den Seeleuten als Schlafstatt dienten; er berichtete ihr von dem gro�en Hafen von Kesel Tai, wo Schiffseigner aus aller Welt anlegten, um Handel zu treiben und um von den Meeresmagiern zu lernen. Er erz�hlte von Port Fallon an der K�ste seiner Heimat, wo ein �ber hundert Fu� hoher Leuchtturm aufragte und verirrten Seefahrern die Richtung wies. Und schlie�lich erw�hnte er auch Lirin, den Hafen von Tallono, der k�nstlich angelegt worden war von einer Frau, die sich die Klugheit und Kraft der Drachen zu Eigen gemacht hatte.</p><p>Emily h�rte gespannt zu und sog seine Worte in sich auf. Nur einmal unterbrach sie ihn kurz, um ihn auf den Hof ihrer Familie aufmerksam zu machen. Im Tor der Einfahrt brannten wie zur Einladung zwei Kutschenlaternen.</p><p>Es gab noch so vieles, was Gwydion zu erz�hlen gehabt h�tte � zum Beispiel von dem Fluss, der an manchen Stellen so kalt und weit war, dass man morgens, wenn dichter Dunst �ber dem Wasser hing, nicht bis an andere Ufer blicken konnte. Dort, bei Gorllewinolo Lirin, lebte ein Gro�teil der Verwandtschaft seiner Mutter, bei denen sie, Emily, auch als Halbblut herzlich willkommen sein w�rde. </p><p>Er h�tte ihr vom Orakel von Yarim und seiner verr�ckten Prophetin erz�hlt, von der gro�en Tempelstadt Sepulvarta, �ber die der Patriarch und seine Priester das Regiment f�hrten. Gewiss h�tte er auch nicht vers�umt, ihr vom Gro�en Wei�en Baum zu berichten, aber ehe er dazu kam, hatten sie schon das Dorf erreicht. W�hrend sie mit immer langsamer werdenden Schritten auf die Festhalle zugingen, versprach er, ihr eines Tages all das zu zeigen, was er schon kannte und was auch sie zu sehen sich w�nschte. </p><p>Sie kamen an der Stelle vorbei, wo er sie in ihrem Versteck entdeckt hatte, als sie sich pl�tzlich mit der Frage an ihn wandte: �Haben wir auch einen Familiennamen?�</p><p>Es freute Gwydion, dass sie daran dachte, in Zukunft seinen Namen zu tragen, aber dann geriet er in Verlegenheit, weil er nicht wusste, wie er ihr auf die Schnelle erkl�ren sollte, was es mit dem Namen seiner Familie auf sich hatte. �Nun, wie soll ich�s sagen, die Sache ist ein bisschen verwickelt. Du musst verstehen, ich habe zwar...�</p><p>�Emmy, da bist du ja! Wo hast du verflixt noch mal gesteckt? Justin ist hier und hat dich �berall gesucht. Wie einige andere �brigens auch.� Bens Stimme klang �rgerlich und erleichtert zugleich. Emily ignorierte die Frage und f�hrte Gwydion zu ihrem Bruder. �Hallo, Ben. Hast du dich beim Tanzen am�siert? Darf ich vorstellen? Das ist Sam; Sam, das ist mein Bruder Ben.�</p><p>Nach kurzem Z�gern und kritischem Blick sch�ttelte Ben die von Gwydion ausgestreckte Hand, ehe er sich wieder an Emily wandte und sagte: �Wenn Vater davon Wind bekommt, gibt�s �rger.�</p><p>�Wovon soll er Wind bekommen?�</p><p>�Dass du am Tanz nicht teilgenommen hast.�</p><p>�Ich habe sehr wohl getanzt und eine herrliche Zeit gehabt.�</p><p>Ben lief rot an. �Du hast kein einziges Mal getanzt, Emmy. Da drin sind etliche Jungs ziemlich sauer auf dich.� </p><p>Emily lachte auf. �Ich war zwar nicht da drin, habe aber, wie gesagt, sehr wohl getanzt. Du hast es selbst gesehen. Lass es gut sein, Ben, ich hatte einen wundersch�nen Abend.�</p><p>�Emmy?�, rief eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Gwydion drehte sich um und sah einen jungen Mann herbeieilen, der um einiges �lter war als er selbst. Er hatte dunkles Haar und war einen Kopf gr��er als Emily. Sie lief ihm entgegen, fiel ihm in die Arme und lie� sich von ihm durch die Luft wirbeln. </p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch�, sagte er �berschw�nglich und dr�ckte ihr einen Kuss auf die Stirn. �Hast du dich gut am�siert und viel getanzt?�</p><p>�Und wie�, antwortete sie l�chelnd. Sie machte Gwydion mit ihrem �lteren Bruder Justin bekannt, und zusammen gingen sie auf das Gespann zu, mit dem Justin gekommen war, um sie abzuholen.</p><p>W�hrend die Br�der das Geschirr der Pferde in Ordnung brachten, wandte sich Emily an Gwydion und sagte: �Vielen Dank, Sam. Wir sehen uns dann morgen wieder.�</p><p>�Punkt f�nf. Herzlichen Gl�ckwunsch zum Geburtstag, Emily. Bis ich dich wieder sehe, werde ich nur an dich denken.� </p><p>Sie gab ihm einen fl�chtigen Kuss und stieg eilig auf den Wagen. Gwydion f�hlte einen schmerzhaften Stich im Herzen; dabei ahnte er selbst noch nicht, wie sehr sich bewahrheiten sollte, was er zuletzt zu ihr gesagt hatte.</p><p>�Ich liebe dich�, rief er ihr zu, als sich die Pferde ins Zeug legten. Sie hob die Hand ans Ohr zum Zeichen, dass sie ihn nicht verstanden hatte. Er sah den Wagen davonrollen und Emily winken, bis sie im Dunkeln verschwunden war.</p><p>Am Morgen stand Gwydion noch vor Sonnenaufgang auf und bereitete sich mit den anderen Knechten auf die Feldarbeit vor. Weil er in der Hitze des Sommers ohne Hemd auskommen w�rde, wickelte er es zusammen mit seinem Wasserschlauch und dem Dolch in den Umhang und verstaute das B�ndel unter der Pritsche, auf der er geschlafen hatte.</p><p>Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als ihm drei kleine, dunkle Flecken auf dem Futterstoff des Umhangs auffielen. Er zog ihn wieder hervor und schaute n�her hin. Es waren Blutflecken. Gwydion dachte, dass er sich wom�glich am R�cken verletzt hatte, ohne es zu merken, doch da war keine Wunde zu entdecken. Er stopfte das B�ndel wieder unter die Pritsche und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Als noch unerfahrener Helfer, der er war, gab man ihm leichtere, niedere Aufgaben, die es allerdings unausweichlich mit sich brachten, dass er seine Hose dreckig machte.</p><p>Als die anderen bei Sonnenaufgang eine Fr�hst�ckspause einlegten, ging er auf die Weide hinaus und suchte nach Blumen, die er Emily schenken konnte. Zwischen B�schen von Nymphenhaar entdeckte er wilde Akeleien und fand, dass sie genau das Richtige waren f�r ihr Geburtstagsbouquet. Danach ging er an den Brunnen und putzte mit einem Lappen den Dreck von der Hose, um sich sehen lassen zu k�nnen. Wenn er Emilys Vater um die Hand der Tochter anhalten w�rde, wollte er m�glichst nicht nach Stall riechen. Erst viele Jahre sp�ter kam ihm der Gedanke, dass dem Mann dieser Geruch beileibe nicht fremd gewesen w�re.</p><p>In der Hoffnung, noch ein paar Fr�hst�cksreste ergattern zu k�nnen, kehrte er zum Hof zur�ck. Es war schon so hei�, dass ihm ganz flau wurde, und als er sich der Veranda n�herte, packte ihn ein so heftiger Schwindel, wie er ihn nie zuvor versp�rt hatte.</p><p>Meridion hatte die Sequenz angehalten. Er warf einen pr�fenden Blick auf seine Werkzeuge und machte sich dann mit �u�erster Sorgfalt daran, das einzelne Bild aus dem feinen Streifen herauszul�sen, was ihm zuerst nicht so recht gelingen wollte. Es schien, als wollte der Junge mit aller Macht daran festhalten � ein Gedanke, der Meridion unwillk�rlich zum Schmunzeln brachte. Vorsichtig spulte er den ersten Streifen genau bis zu der Stelle vor, aus der er das St�ck entfernt hatte, und setzte stattdessen ein anderes Bild ein. Als die Schnitte verklebt waren, schaute er wieder durch die Linse. </p><p>Gwydion tauchte auf dem Forstweg auf, mitten in der Bewegung eines Schrittes. Alles war genau so wie vordem an diesem frischen Morgen, alles bis auf seine Erinnerung.</p><p>Er hatte es eilig. Die Sonne stieg und leuchtete durch das Laub der B�ume, aus denen zahllose V�gel einander zuriefen. Ihn fr�stelte, als ein lauer Wind �ber seine nackte Brust wehte.</p><p>Panik machte sich in ihm breit, und sein Herz pochte ungeduldig, als er kehrtmachte, denselben Weg hastig zur�cklief und zu leugnen versuchte, dass er sich hier, an <emphasis>diesem</emphasis> Ort befand. Er wollte wieder in seine Angestammte Wirklichkeit, langte mit den H�nden danach � nat�rlich vergebens.</p><p>Die Kehle schn�rte sich ihm zusammen bei den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen:</p><p>Halluzinierte er? War er wahnsinnig geworden? Sich vorzustellen, dass nicht wirklich war, was er hier erlebte, war weniger schlimm als die Ahnung, dass sich alles Erinnerte tats�chlich so zugetragen hatte und nicht etwa blo� eingebildet war. Etwas so Wundervolles wie die Begegnung mit Emily h�tte er sich in seinen sch�nsten Tr�umen nicht ausmalen k�nnen.</p><p>Emily. Der Gedanke an sie machte sein Herz unendlich schwer. Wo war sie? Was war mit ihr geschehen? Er erinnerte sich, sie vor einer Trennung, und sei sie noch so kurz, gewarnt zu haben. Der verst�rte Blick, mit dem sie darauf reagiert hatte, lie� ihn auch jetzt wieder erschauern. Hatte sie ihn und die Dringlichkeit seiner Warnung verstanden? Hatte sie �berlebt?</p><p>Er tastete nach seinen Sachen. Wasserschlauch, Dolch, Hemd und Umhang fehlten. Mit Schrecken fiel ihm ein, dass sein B�ndel unter der Pritsche lag, und ihm wurde erst jetzt klar, was es mit den Blutflecken auf sich haben mochte. Emily und er hatten sich auf diesem Umhang geliebt, und das Blut war wohl von ihr, ein Zeichen ihrer Jungfr�ulichkeit, verloren im Vollzug dessen, was ihm wie eine Hochzeit vorgekommen war.</p><p>Verzweifelt durchsuchte er seine Taschen und fand immerhin den Beutel, von seinen Habseligkeiten der einzige Teil, den er nicht im Schuppen zur�ckgelassen hatte.</p><p>Mit zitternden Fingern zog er die Kordel auseinander und �ffnete den Beutel. Ein L�cheln streifte seine Mundwinkel, als er einen winzigen Gegenstand darin erf�hlte. Behutsam holte er ihn hervor: den Knopf, den sie ihm in der Nacht zuvor geschenkt hatte und der Beweis daf�r, dass seine Erinnerungen nicht halluziniert waren. </p><p>Tiefe Traurigkeit �berkam ihn. Er dachte an den Umhang und seine �brigen Sachen, an den Schuppen, den Bauernhof, die zu Asche verbrannt und im Meer auf der anderen Seite der Welt, wo die Insel begraben lag, f�r immer verloren gegangen waren. Der Gedanke, dass auch ihre Asche im Ozean trieb, war ihm unertr�glich. Er sp�rte, dass er dem Wahnsinn damit schlie�lich doch sehr nahe kam. Ach, Emily hatte bestimmt �berlebt und die Anf�hrer der cymrischen Fl�chtlinge aufgesucht, deren Namen er ihr auf dem H�gel �ber den Feldern genannt hatte. Sie war bestimmt an Bord eines der gro�en Schiffe gegangen. Ihm wurde wieder etwas wohler ums Herz bei dem Gedanken, dass ihr so immerhin verg�nnt gewesen war, �bers Meer zu fahren, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte. All die anderen schrecklichen M�glichkeiten � dass sie dem Krieg zum Opfer gefallen oder vor dem Aufbruch der Cymrer gestorben war, dass sie eines jener Schiffe gew�hlt hatte, die mit Mann und Maus untergegangen waren, dass sie angekommen war, aber nicht mehr lange gelebt hatte � all diese schrecklichen Gedanken verdr�ngte er an den Rand seiner Erinnerungen und nahm sich vor, nicht mehr daran zu r�hren. Es galt jetzt f�r ihn, nach Hause zur�ckzukehren und mit seinem Vater zu reden. Der w�sste Rat und k�nnte ihm helfen, Emily ausfindig zu machen.</p><p>Gwydion drehte sich um und machte sich auf den Weg. Der Tag hatte seinen Glanz verloren. Dunkel drohende Wolken zogen auf.</p><p>Kaum hatte er f�nf Schritte getan, �berw�ltigte ihn der Schmerz �ber seinen Verlust so sehr, dass er zu Boden st�rzte. Wie am Vortag lag er b�uchlings auf der Stra�e, und es entfuhr ihm ein grauenvoller Schrei, der alles Wild im weiten Umkreis vergr�mte. Dann hob er den Kopf �ber den Stra�enstaub und weinte. </p><p>Am Morgen ihres Geburtstags nahm Emily das Angebot, von ihren tagt�glichen Pflichten absehen zu d�rfen, dankbar an und blieb bis gut nach Sonnenaufgang im Bett. Sie tr�umte tief und intensiv und befand sich gerade inmitten einer besonders ergreifenden Traumszene, als sie einen schrillen, herzzerrei�enden Schrei h�rte � oder besser: f�hlte.</p><p><emphasis>Neiiiiiiiiiiin!</emphasis></p><p>Sie schreckte auf, fuhr j�hlings in die H�he und begann zu zittern. Sonnenlicht flutete durch die Vorh�nge, die V�gel sangen. Ein wundersch�ner Tag war angebrochen. Emily fuhr mit den H�nden �ber die Arme, um das Gef�hl der Angst abzustreifen, das sich wie frostiger Reif auf sie gelegt hatte. Aber dann erinnerte sie sich an Sam und die vergangene Nacht, und der Schrecken war vergessen. Sie sprang aus dem Bett, tr�llerte und tanzte in ihrem wei�en Nachthemd durch die Kammer und rechnete sich aus, wie lange sie noch warten musste, bis sie ihn wieder sehen w�rde.</p><p>Der Tag zog sich hin. Um sich zu besch�ftigen, half Emily der Mutter bei der Zubereitung des Abendessens. Von Sam und sich berichtete sie nur, was sie mitzuteilen bereit war. Je n�her der Abend r�ckte, desto �berm�tiger wurde sie, bis ihr Vater meinte, dass man mit ihr und ihrem Strahlen bald die Zufahrt beleuchten k�nnte.</p><p>Zur verabredeten Zeit stand Emily in ihrer besten wei�en Bluse und einem rosafarbenen Rock am Fenster und wartete. Zur Essenszeit war er immer noch nicht da. Das so aufw�ndig zubereitete Mahl war l�ngst kalt geworden, als die Mutter sie schlie�lich sanft vom Fenster wegzog und an den Tisch f�hrte. Es war ein trauriges Geburtstagsessen, bei dem kaum ein Wort gesprochen wurde. Emilys Blick vereitelte jeden Versuch einer heiteren Unterhaltung.</p><p>Nach dem Essen machten ihr die Eltern und Br�der Geschenke, die sie l�chelnd entgegennahm und f�r die sie sich betont dankbar zeigte, obwohl ihr gar nicht danach zumute war. Als es Nacht wurde, kehrte sie ans Fenster zur�ck, fest �berzeugt davon, dass er doch noch kommen w�rde.</p><p>Es war schon weit nach Mitternacht, als der Vater sie beim Arm nahm und aufforderte, ins Bett zu gehen. Sie nickte blo� und machte sich auf den Weg nach oben. Auf der Treppe drehte sie sich um und verga� angesichts der traurig dreinblickenden Eltern f�r einen Moment den eigenen Kummer. Sie wusste, wie sehr sie mitf�hlten, und konnte nicht ertragen, dass sie ihretwegen litten. Sie setzte das hellste L�cheln auf, das ihr gelingen wollte, und sagte mit m�glichst fester Stimme: </p><p>�Macht euch keine Sorgen. In der Lotterie gibt�s noch jede Menge anderer Jungen, in die ich mich verlieben kann.� </p><p>Die Eltern atmeten erleichtert auf, und der sorgenvolle Ausdruck verschwand von ihren Gesichtern. </p><p>�Recht so, mein Schatz�, sagte die Mutter. �Genau so ist es.�</p><p>Emily warf ihnen eine Kusshand zu und ging in ihre Kammer, wo sie ungeh�rt ihren Gedanken zu Ende f�hrte: </p><p>�Aber dazu wird es nicht kommen.�</p><p>Nach Jahren vergeblicher Suche traf Emily auf MacQuieth, einen jener M�nner, die ihr Liebster damals genannt hatte. Es war Zufall, dass er ihr in einer riesig gro�en Stadt �ber den Weg lief, und weil er ein allseits hoch ger�hmter Krieger war, sie dagegen aber eine v�llig Unbekannte, musste sie all ihren Mut aufbringen, um ihn auf den Jungen hin anzusprechen. MacQuieth reagierte anfangs ziemlich barsch, doch als er das flehentliche Hoffen in ihren Augen sah, wurde er freundlicher. </p><p>�Tut mir Leid�, sagte er, und es dauerte ihn, wie gespannt das M�dchen seine Worte aufnahm. �Aber ich kenne niemanden, der auf deine Beschreibung passt oder den genannten Namen tr�gt.� Und der ansonsten so unersch�tterliche Krieger war sichtlich betroffen, als er sie mit h�ngenden Schultern davonziehen und in der Anonymit�t der Menge verschwinden sah. MacQuieth war zwar kein Hellseher, ahnte aber dennoch, dass er einer Menschenseele nachblickte, die, von allem Lebensmut verlassen, in der Masse ihresgleichen ein schrecklich tristes Dasein fristete und nur noch die Tage bis zu ihrem Tode z�hlte.</p><p>Gwydion wartete so geduldig, wie er nur konnte, auf die Antwort der Seherin, konnte aber seine Sorge und Verzweiflung nicht verhehlen. Dass die Seherin seine Gro�mutter war, tr�stete ihn nur wenig. Anwyn musterte sein Gesicht, und ihre blauen Augen, die in ihrer Farbe noch intensiver waren als die von Gwydion, verrieten schiere Neugier. Es dr�ngte sie zu erfahren, was den Enkel so nachhaltig aus der Gem�tsruhe gebracht hatte, die doch ein angeborenes Charaktermerkmal der ganzen Familie war. Ihre seherischen F�higkeiten beschr�nkten sich zwar fast ausschlie�lich auf Vergangenes, doch reichte ihr Gesp�r f�r die Zukunft aus, um zu wissen, dass Gwydion, wie es sich als Spross dieser Familie geh�rte, eines Tages ein m�chtiger Mann sein w�rde, ja, dass er noch mehr Potential besa� als alle anderen Familienmitglieder und darum die Dynastie wieder an die Spitze des Landes zur�ckf�hren konnte. Umso wichtiger erschien es ihr, ihn unter Kontrolle zu halten.</p><p><emphasis>Meine Seelengef�hrtin,</emphasis> hatte er mit br�chiger Stimme beteuert. <emphasis>Dessen bin ich mir sicher, Gro�mutter</emphasis>. </p><p><emphasis>Bitte</emphasis>. Die Tr�nen in seinen Augen stammten ganz offenbar aus einer tief in seinem Innern aufgebrochenen Quelle; das Augenklar war anscheinend l�ngst verbraucht gewesen, als er sich dazu durchgerungen hatte, sie um Aufkl�rung zu bitten. F�r Anwyn stand fest, dass er davon Gebrauch gemacht hatte, obwohl nunmehr keinerlei R�ckst�nde davon zu entdecken waren.</p><p>Fragte sich nur, wer ihm dazu verholfen hatte. Die Formel f�r dieses Elixier lag irgendwo auf dem Meeresgrund, war sie doch vor tausend Jahren mit Serendair untergegangen. Obwohl die Gro�mutter zumindest eine Teilantwort auf seine Frage wusste, blieb ihrem seherischen Blick das meiste von dem, was Gwydion geschildert hatte, verschlossen � so zum Beispiel das Brennen in den Augen und vor allem die Zeitreise. Anwyn sch�ttelte diesen verst�renden Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf den Enkel, der zitternd und zagend vor ihr sa�.</p><p>Er hatte viel riskiert, um sie zu sehen, und dem schneidenden Sturm getrotzt, der um die Felsmauern ihrer h�hlenartigen Festung hoch oben zwischen den entlegensten Zacken der d�steren Nordberge fegte. Von der Kletterei �ber eiskaltes Gestein waren seine H�nde ganz aufgesch�rft, und es klebte immer noch Blut daran. Sie zu sprechen bedeutete ihm offenbar sehr viel, und obwohl er schrecklich niedergeschlagen war, freute sie sich �ber seinen Besuch, hatte sie in letzter Zeit doch sehr wenig Gesellschaft gehabt. </p><p>Sie dachte �ber seine Frage nach, und ein entr�ckter Ausdruck trat in ihr Gesicht, als ihr bewusst wurde, welche Folgen ihre Antwort nach sich ziehen w�rde. Den Jungen einzuweihen verlangte jetzt viel Taktgef�hl und R�cksichtnahme. Sie nahm ihn bei den H�nden und wickelte ein weiches Tuch um die geschundenen Finger. Ihr L�cheln wirkte traurig, als sie zu sprechen anfing.</p><p>�Sie ist nicht angekommen. Es tut mir Leid, mein Junge. Sie ist weder hier noch in Manosse an Land gegangen. Wenn sie als Lirin unseren Kontinent betreten h�tte, w�rde das von den hiesigen Sternen bezeugt werden, was aber nicht der Fall ist. Woanders kann sie auch nicht gelandet sein, denn sie geh�rte nicht zu denjenigen, die mit den Schiffen ablegten, ehe die Insel unterging.�</p><p>�Bist du sicher? Das kann einfach nicht sein. Bitte, Gro�mutter, sieh noch einmal genauer hin. Ist es nicht vielmehr doch so, dass sie zu denen z�hlte, die mit der Zweiten Flotte vom Kurs abgewichen sind?� </p><p>Anwyn unterdr�ckte ein Schmunzeln und kehrte an ihren Altar zur�ck, auf dem das tr�be Sehglas lag. Es war das Zweit�lteste Artefakt im ganzen Land und eben jenes Instrument, mit dem ihr Vater das Land entdeckt hatte, in dem sie nun zu Hause waren. Sie nahm es zur Hand und sp�rte seine Kraft, die sich als W�rme bemerkbar machte. Dann trat sie vor das gro�e Fenster, das dem tausend Meilen entfernten Meer zugewandt war, und setzte das Glas an die Augen. Es dauerte lange, ehe sie das Sehglas wieder senkte und sich dem Enkel zuwandte, der vor Ungeduld nicht ein noch aus wusste. </p><p>�Mein Junge, ich muss dich entt�uschen. Unter denen, die auf den Schiffen hatten fliehen k�nnen, bevor die Insel unterging, war keine, die deiner Beschreibung entspricht. Sie hat es nicht geschafft. Sie ist nicht angekommen.� </p><p>Anwyn musste mit ansehen, wie der Junge nach dieser Antwort vor Kummer zu Boden ging und hemmungslos zu schluchzen anfing. Sie wandte sich dem Altar zu und legte leise l�chelnd das Glas zur�ck. </p><p>�So, wie w�r�s jetzt mit einem Happen zu Mittag?�</p></section><section><title><p>1</p></title><subtitle>1146, Drittes Zeitalter</subtitle><p>Er bewegte sich wie der Schatten einer Vor�berziehenden Wolke, unbemerkt und unerkannt; sogar der Wind blies �ber ihn hinweg, als g�be es ihn nicht. Er stieg die Anh�he hinauf und schaute �ber die Felder. Vom Wind abgesehen, war da nichts, was die Ruhe gest�rt h�tte.</p><p>Als es dunkel wurde, stand der Bruder vom Boden auf. Er drehte sich um, warf einen Blick �ber die Schulter und nickte. Dann sp�hte er wieder in die Ferne.</p><p>Kurz darauf gesellte sich ein kolossaler Schatten zu ihm oben auf der H�gelkuppe. Im D�mmerlicht der untergehenden Sonne sah der Riese wegen seiner Waffen, die �ber die Schultern ragten, wie ein monstr�ser Krebs mit gepanzerten Scheren aus. Der Sergeant folgte dem Blick des Bruders und fragte: </p><p>�Wie viel Zeit ham wir noch?�</p><p>Die Gestalt in Schwarz lie� mit einer Antwort auf sich warten; sie hatte den Kopf geneigt, als lauschte sie einem in einiger Entfernung gef�hrten Gespr�ch. �Wir haben gut eine Viertelstunde Vorsprung. Dar�ber mache ich mir die geringsten Sorgen.�</p><p>�Verstehe.� Der schwer bewaffnete Riese seufzte. �Wir schaffen�s nich, stimmt�s?� </p><p>Der Bruder lie� den Horizont nicht aus den Augen. �Wahrscheinlich nicht.� Nach einer Weile wandte er sich dem sieben Fu� langen Gef�hrten zu. �Du h�ttest noch eine Chance. Aber nur dann, wenn du dich jetzt gleich aus dem Staub machst.�</p><p>�Kommt gar nich in Frage�, entgegnete der Riese mit breitem Grinsen. �Ich werd doch jetzt nicht mehr kehrtmachen. Und au�erdem w�rden sie mich �ber kurz oder lang sowieso einholen. Ich w�rd lieber hier bei dir bleiben, wenn�s recht ist.�</p><p>Der Bruder nickte und richtete den Blick wieder auf den Horizont. �Na sch�n. Sehen wir zu, dass uns die J�ger nicht erwischen.� Mit einer schwungvollen Schulterbewegung lie� er die Armbrust, die er auf dem R�cken trug, nach vorn pendeln, nahm sie zur Hand und setzte sich h�gelabw�rts in Bewegung. </p><p>�Zu Befehl�, sagte der Riese zu dem Wind, dem Einzigen, der mit ihm auf der Kuppe zur�ckgeblieben war. </p><p>Der Einbruch der Dunkelheit kam auf weniger leisen Sohlen als der Bruder, dessen Schritte nicht einmal von den kleinen Tieren des Feldes wahrgenommen wurden. Und zu sehen war er ebenso wenig. Mit seinen schwarzen Waffen und dem schwarzen Umhang ging er restlos in der Dunkelheit auf. Er gab kein Ger�usch von sich, hinterlie� keine Spuren. Nur wer au�ergew�hnlich scharfe Augen hatte, vermochte ihn im Dunkeln auszumachen. Und das w�re f�r den Betreffenden wahrlich kein Vorteil gewesen, denn er h�tte gewiss zumindest einen Herzschlag lang gez�gert und dem Bruder damit ausreichend Zeit gelassen, den Zeugen auf immer zum Verstummen zu bringen.</p><p>Der Bruder schl�pfte durch b�ige Windst��e und vermied es so gut er konnte, die Schwingungen der Welt zu st�ren, die au�er ihm nur ganz wenige wahrzunehmen vermochten. Er hatte es mit Gegnern zu tun, die sehr ernst zu nehmen waren; seine ehemaligen Herren scheuten keine Kosten, ihn zur Strecke zur bringen. Damit hatte der Bruder gerechnet.</p><p>Er ging auf ein Knie nieder und legte die Waffe an. Unter seinen Masken machte sich ein d�steres Grinsen breit. Seine Ziele waren in Reichweite.</p><p>Noch konnte er sie nicht erkennen, aber das brauchte er auch nicht. Er sp�rte ihre Schritte und das Schlagen ihrer Herzen. Wie eine Mur�ne im Meer konnte er ihr Blut riechen und nahm jede ihrer Bewegungen wahr. Dass er mit so scharfen Sinnen ausgestattet war, verdankte er seinem dhrakischen Einschlag; dabei hatte er ein noch feineres Gesp�r als reinrassige Dhrakier. Er war der Bruder. Das war seine besondere Gabe. Er schloss die Augen und gewahrte die Bewegungen in der Luft, den Wechsel der Windrichtung, die Str�mungen, die seine Geschosse w�rden ablenken k�nnen. Dann atmete er langsam aus und dr�ckte den Abzug seiner Waffe.</p><p>Von der Armbrust mit ihren drei Fu� langen Wurfarmen flogen nicht etwa Bolzen oder Pfeil, sondern drei hauchd�nne Metallpl�ttchen, ein jedes in Form und Gr��e einem Ahornblatt �hnlich. Sie zischten durch die Luft und �nderten, vom Wind abgelenkt, ein wenig die Richtung, was der Sch�tze jedoch einkalkuliert hatte. Noch bevor die Geschosse ihr Ziel erreichten, hatte der Bruder seine Waffe neu geladen und abgedr�ckt, wieder und wieder, sodass ein dichter Schw�rm von Projektilen auf seine vierhundert Schritt entfernten Widersacher zu schwirrte.</p><p>Der Bruder war schon auf und davon, als die ersten drei Geschosse einschlugen, ins linke Auge des ersten Opfers eindrangen, an der Sch�delbasis wieder austraten und dem Hintermann die Gurgel zerschnitten. So starben noch vier weitere J�ger, ohne dass ihnen ihr Ende gew�rtig wurde. Nur der Kommandant hatte noch Zeit, den Kopf zu heben und seinem Tod entgegenzublicken. Inzwischen war der Bruder l�ngst wieder zur�ck auf seinen Lauschposten geeilt, die Anh�he, wo er kurz verharrte und einen Blick zur�ckwarf.</p><p>�Der Kommandant war schnell�, sagte er, an den Riesen gewandt.</p><p>�Aber nich schnell genug, oder?�</p><p>�Diesmal nicht.� </p><p>Auf seiner n�chtlichen Patrouille rings um das Lager hatte sich der Bruder davon �berzeugt, dass niemand in der N�he war, dem das Feuer h�tte auffallen k�nnen. Trotzdem stellte Grunthor, der Bolg-Riese, drei Bleche auf, um das Licht nach au�en hin abzuschirmen. Dass sie noch lebten, war auch solchen au�ergew�hnlichen Vorsichtsma�nahmen zu verdanken.</p><p>Der Bolg blickte fragend auf den schweren Sack, in dem ihr Proviant steckte. Der Bruder nickte. Grunthor setzte sich vors Feuer, �ffnete den Sack und zog die Keule einer Hirschkuh daraus hervor, die sie zwei Tage zuvor erlegt hatten.</p><p>Der lange Schenkelknochen diente ihm als Spie�, den er auf die Bleche legte und drehte, um das Fleisch �ber den Flammen zu wenden. Die beiden sa�en schweigend davor und sahen zu, wie die Keule allm�hlich schwarz wurde und verkohlte. Der Bruder lauschte aufmerksam in den Wind. Grunthor achtete nicht auf ihn; er kannte die Routine. Wenn Gefahr drohte, w�rde er schon rechtzeitig alarmiert werden.</p><p>Nach einer Weile nahm der Bolg die Keule vom Feuer, rupfte mit der Hand ein St�ck Fleisch ab und gab es an den Gef�hrten weiter; den Rest behielt er f�r sich. Der Bruder sah zu, wie Grunthor mit den Z�hnen das Fleisch vom Knochen nagte, und schnitt sich dann von seinem St�ck einen mundgerechten Happen mit dem Dolch ab. Das Fleisch schmeckte faulig und ein bisschen wie Fisch.</p><p>�Schon ziemlich vergammelt.�</p><p>Der Riese nickte. �Tja, vielleicht sollten wir unsere Trockenration anbrechen.�</p><p>�Nein, die brauchen wir noch f�r den Marsch entlang der Wurzel.�</p><p>�Verstehe, aber mehr ham wir nich.�</p><p>�Und was ist mit dem Kaninchen?�</p><p>�Ham wir gestern verputzt.�</p><p>Der Bruder legte das angebissene Fleischst�ck aus der Hand. �Dann werde ich morgen auf die Jagd gehen.� </p><p>Wieder kehrte die gewohnte Stille ein. Wenig sp�ter streckte sich Grunthor am Feuer aus. Es dauerte nicht lange, und der Riese war eingeschlafen. Der Bruder lie� seine Gedanken schweifen und verlor sich in der Erinnerung an die Umst�nde, durch die sie zu diesem Zeitpunkt an diesen Ort gelangt waren. </p><p>Er erinnerte sich an den Gang durch die verschlingende Schw�rze der Tiefen Kammer des F�dor. Auf dem Boden aus Obsidian hallten seine Schritte �beraus laut wider, so leise er sie auch zu setzen versuchte. </p><p>Die W�nde der Kammer standen so weit auseinander, dass ihre schwarzgl�sernen, mit obsz�nen Motiven verzierten Fl�chen selbst bei Licht kaum auszumachen gewesen w�ren. Das schwarze Feuer, das in Kohlenpfannen brannte, reichte zur Beleuchtung der H�hlenkapelle bei weitem nicht aus; es war nur als ein schimmernder Kreis zu erkennen, auf den der dhrakische Meuchelm�rder zusteuerte.</p><p>In diesem Kreis stand eine m�nnliche Gestalt im purpurroten Ornat eines D�monenpriesters. Der Mann, einst Mensch, nun aber menschlicher Wirt eines d�monischen Geistes, hatte ihn, den Bruder, gerufen. </p><p>Freiwillig h�tte er sich nie von einem solchen Kunden verdingen lassen. Der Bruder biss die Z�hne aufeinander und unterdr�ckte seinen Widerwillen gegen diesen Ort und dieses Wesen, dem er sich n�herte � einen Widerwillen, der sein Blut zum Kochen brachte. Sein Hass gegen alles F�dorische, der ihm als Dhrakier angeboren war, begehrte gegen diesen Ort auf, den die Erzfeinde seines Volkes zu ihrem Zuhause gemacht hatten.</p><p>Beide Einfl�sse seines Erbgutes � die scharfen Sinne seiner dhrakischen Mutter und die von seinem unbekannten Bolg-Vater �bernommene Tiefgr�ndigkeit � wehrten sich instinktiv gegen die Sch�ndung dieses einstmals heiligen Ortes. Aber den st�rksten Abscheu empfand er dem D�monen gegen�ber, der in der entmenschlichten Gestalt hauste, die da vor ihm stand. Es war der Herr der Tausend Augen. Der F�dor. Tsoltan. Sein Gebieter.</p><p>Als er in den Feuerkreis trat, h�rte er eine sanfte, honigs��e Stimme sprechen.</p><p>�Ich habe einen Auftrag f�r dich.�</p><p>Mit starrem Blick aus rot umr�nderten Augen suchte der Priester nach Reaktionen im Gesicht des Bruders. Die hochempfindlichen Nerven des Dhrakiers gerieten in Aufruhr wegen dieser Aufdringlichkeit, die nicht weniger grob war als die Fleischbeschau eines Metzgers. Der Bruder antwortete nicht. Er versuchte alles, um m�glichst wenig von der Luft einatmen zu m�ssen, die sein Gegen�ber verpestete. </p><p>�Deine Hand�, sagte der D�monenpriester.</p><p>Der Bruder �ffnete die linke Faust und kehrte die Handfl�che nach oben.</p><p>Der F�dor kicherte. �Deine Widerborstigkeit am�siert mich nach wie vor�, sagte er. �Aber mittlerweile hast du ja wohl begriffen, dass ich dir deinen wahren Namen auf keinen Fall zur�ckgeben werde. Auf deine Dienste will ich n�mlich nie mehr verzichten m�ssen. F�r kein Geld der Welt w�rde ich dich entbinden; ich w�rde dir nicht einmal verraten, wie ich an deinen Namen gekommen bin.�</p><p>Unmittelbar vor dem Bruder wucherte eine Ranke aus dem gl�sernen Boden. Auch sie schien aus vulkanischem Glas zu bestehen und war voll schwarzer Dornen. Ganz oben an der Ranke hing ein Schl�ssel. �Nimm.� </p><p>Ohne zu z�gern, pfl�ckte der Bruder den Schl�ssel ab, worauf die Ranke zersplitterte wie der Stil eines spr�den Weinglases. </p><p>Er hob den Schl�ssel vor die Augen, die dank seiner bolgschen Natur nachtsichtig waren, und schmunzelte in sich hinein, als er gewahrte, dass das ehemals menschliche Herz des D�monenpriesters schneller zu klopfen begann und damit unwillk�rlich auf seinen � des Bruders � Widerstand reagierte. Der Schl�ssel selbst war nichts Besonderes, au�er dass er aus schwarzer Knochensubstanz bestand und wie eine Rippe gebogen war.</p><p>�Du gehst mit diesem Schl�ssel zum Ausgang der Landbr�cke vor den N�rdlichen Inseln. Im Fundament dieser Br�cke ist ein Tor, wie du so noch keines gesehen, geschweige denn passiert hast. Die Erdkruste dort ist sehr d�nn, was dir ein paar Unannehmlichkeiten einbringen k�nnte. Wie auch immer, wenn du das Tor passiert hast, wirst du dich in einer weiten W�ste wiederfinden. Du wirst wissen, welche Richtung einzuschlagen ist, und bald einem alten Freund von mir begegnen. Den sollst du sp�ter durch das Tor auf unsere Seite f�hren. Vorl�ufig musst du dich nur �ber einen Termin mit ihm verst�ndigen. Der sollte allerdings m�glichst bald angesetzt werden. Wenn das geschehen ist, kommst du hierher zur�ck, und ich werde dich auf deinen Dienst als F�hrer meines Freundes vorbereiten. Ist das klar?�</p><p>�Ja.� </p><p>�Du wirst mir mitteilen, was ihr vereinbart habt. Vielleicht gibt er dir auch eine Nachricht f�r mich mit.� </p><p>�Ich bin kein Botenjunge.�</p><p>�Wie Recht du hast. Du bist noch viel geringer.� Im Talisman, der um den Hals des D�mons hing, spiegelte sich schwach funkelnd das Licht einer fernen Kohlenpfanne. Das Amulett bestand aus einem goldenen Flammenkreis und einer Spirale roter Steine, aus deren Mittelpunkt ein eingraviertes Auge starrte, �hnlich stechend wie der Blick des Schwarzen Priesters.</p><p>Der F�dor r�ckte einen Schritt n�her, und der Bruder verzog angewidert das Gesicht, als ihm der Gestank von verbranntem Fleisch in die Nase stieg, den der D�mon mit der verbrauchten Atemluft verstr�mte. All seine Artgenossen rochen so, aber der Meister des Bruders stank besonders �bel aus dem Mund. </p><p>�Ich will, dass die Sache schnell �ber die B�hne geht. Sie ist von entscheidender, weit reichender Bedeutung. Im Vergleich dazu ist alles, was du f�r besonders wichtig erachtest, von lachhafter Belanglosigkeit. Ich bin dein wahrer Herr und Gebieter, und du wirst mir dienen, freiwillig oder gezwungenerma�en.� </p><p>Und in der Tat, er hatte den Befehl des D�monenpriesters ausgef�hrt.</p><p>Unter Gewissensbissen litt der Bruder nicht, auch scheute er nicht vor dem B�sen zur�ck, aber was er in der �dnis jenseits des Horizonts hatte erfahren m�ssen, spottete jeder noch so schrecklichen Beschreibung. In Anbetracht der verheerenden Katastrophe, die der ganzen Welt drohte, hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben f�r eine Flucht entschieden und Rei�aus genommen, selbst auf die Gefahr hin, dass er ewig daf�r w�rde b��en m�ssen. Eine andere M�glichkeit gab es f�r ihn nicht. Der Bruder merkte auf, als eine Bewegung in der Ferne seine Sinne in Alarmbereitschaft versetzte. Schnell steckte er den Schl�ssel, der schimmernd in seiner Hand lag, zur�ck in die Tasche, wo er ihn stets trug. </p><p>Er sp�hte in die Richtung, aus der die Luftschwingung stammte, und nahm Witterung von einem Wolfsrudel auf, das anscheinend auf Beute aus war. Eine st�rende Schwingung wies darauf hin, dass es sich nicht um gew�hnliche W�lfe handelte, die sich da n�herten, sondern um Tiere, die dem F�dor als frei bewegliche Augen dienten.</p><p>Ein leiser Schnalzlaut reichte, um den Riesen aufzuwecken.</p><p>Sofort hellwach, langte der spontan nach seinem Waffengurt und blickte zu dem Gef�hrten auf. Mit ein paar Handzeichen gab ihm der Bruder zu verstehen: <emphasis>sechs W�lfe, drei auf jeder Flanke</emphasis>. Grunthor nickte und griff nach dem gro�en Bogen. Gleichzeitig legte er mit der anderen Hand einen metallenen Deckel aufs Feuer und erstickte es, ohne Rauch entweichen zu lassen. Der Bruder hatte sich selbst schon mit seiner absonderlichen Waffe, der Cwellan, zum Kampf ger�stet. Gespannt warteten die beiden. </p><p>Den Kopf zur Seite geneigt, lauschte der Dhrakier den Tieren, die, ohne von ihrer Richtung abzuweichen, in weitem Abstand vorbeiliefen und am Horizont verschwanden. Sie hatten das in der kleinen Senke versteckte Lager nicht bemerkt. Als die Gefahr endg�ltig vor�ber war, holte der Bruder tief Luft und lie� sie langsam entweichen. Grunthor tat es ihm gleich.</p><p>�Sie kommen n�her�, sagte der Bruder.</p><p>�Was kaum verwundern kann, oder? Wir ham den Schl�ssel, und das k�nnen sie wahrscheinlich irgendwie sp�ren.� </p><p>�Ja. Wir sollten m�glichst schnell eine Stadt aufsuchen und in der Menge untertauchen.� </p><p>�Pr�chtig, wo du dich doch so gern in St�dten aufh�ltst.�</p><p>Als es in den fr�hen Morgenstunden zu regnen anfing, r�umten sie ihr Lager und machten sich auf den Weg nach Ostend, w�hrend sich in ihrem R�cken ein Gewitter zusammenbraute.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>�Noch etwas Suppe, Herzchen?�</p><p>�Nein danke, Barney.� Die junge Frau hob den Kopf und l�chelte dem Wirt zu. �Obwohl sie sehr lecker ist.� Sie widmete sich wieder den Pergamentseiten, die neben verschiedenen seltsamen Gegenst�nden vor ihr auf dem Tisch lagen, kritzelte eifrig mit einer Schreibfeder und summte dabei vor sich hin. </p><p>Barney seufzte; er brachte die Suppenterrine zur�ck zum Tresen und genoss das prickelnde Gef�hl, das sich einstellte, sooft er von ihr mit diesem L�cheln bedacht wurde. Dann blickte er sich nerv�s um, aus Sorge, Dee k�nnte sein d�mliches Grinsen gesehen haben. Auch Dee war in sie vernarrt, traute sich aber nicht, ihr einen Antrag zu machen.</p><p>Unter dem Vorwand, die Bierflecken vom Tresen zu wischen, warf er ihr wieder heimliche Blicke zu. Sie streifte sich gerade eine Str�hne ihrer goldblonden Haare aus dem Gesicht und fuhr dann gedankenverloren mit der Hand �ber ein schlichtes goldenes Medaillon, das an einer zierlichen Kette um ihren Hals hing. </p><p>Sie schrieb schon eine Weile, und das sehr konzentriert und schnell. Ab und an hielt sie inne, um einen der kleinen, auf dem Tisch verstreuten Gegenst�nde zu betrachten oder um in die Saiten der Hirtenharfe zu greifen, die auf ihrem Scho� lag. Dass sie vor Erregung geradezu gl�hte, entging auch den �brigen G�sten nicht, die sich dar�ber lauthals lustig machten. Sonst war es im <emphasis>Federhut</emphasis> um die Mittagszeit recht still; heute aber herrschte hier eine ausgelassene Stimmung wie am Abend vor einem Feiertag. <emphasis>Kein Wunder, dass Dee in sie verknallt ist,</emphasis> dachte Barney und kicherte in sich hinein. <emphasis>Sie ist gut f�rs Gesch�ft</emphasis>. </p><p>Bei all dem Trubel und Klirren der Humpen nahm kaum einer Notiz von dem Fremden, der zur T�r hereinkam. Er bahnte sich ungeduldig suchend den Weg durch die Menge, bis er schlie�lich an ihren Tisch kam. Dort baute er sich vor ihr auf und wartete darauf, dass sie ihn anschaute. Doch sie beachtete ihn gar nicht, sondern schrieb z�gig weiter und unterbrach sich nur, wenn ein Fehler zu korrigieren war. </p><p>Schlie�lich platzte es aus ihm heraus: �Du bist Rhapsody.�</p><p>Sie blickte immer noch nicht auf. Stattdessen ordnete sie den Sto� Bl�tter und legte sich eine neue Seite zurecht. </p><p>�Und?� </p><p>Ohne ihn eines Blickes zu w�rdigen, sagte sie: �Vielen Dank f�r die freundliche Erinnerung.� Und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: �Sie entschuldigen, doch ich bin besch�ftigt.�</p><p>Der Mann hatte sichtlich mit sich zu k�mpfen, um seinen �rger �ber ihren herablassenden Tonfall im Zaum zu halten, was ihm jedoch schon deshalb geboten erschien, weil inzwischen die G�ste auf ihn aufmerksam geworden waren. Er senkte die Stimme und sagte: �Ich komme in Vertretung eines vornehmen Freundes von dir.�</p><p>�Ach ja? Und wer ist das?�, fragte sie, ohne sich in ihrem Schreibfluss unterbrechen zu lassen. </p><p>�Michael, der Wind des Todes.�</p><p>Im <emphasis>Federhut</emphasis> wurde es schlagartig mucksm�uschenstill. Die junge Frau indes blieb unger�hrt. �Wenn die W�rter <emphasis>vornehm</emphasis> und <emphasis>Freund</emphasis> hier dasselbe bedeuten wie in der Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, so machen Sie einen recht nachl�ssigen Gebrauch davon�, entgegnete sie. �Was will er denn?� </p><p>�Deine Dienste, was sonst?�</p><p>�Ich bin nicht mehr im Gesch�ft.�</p><p>�Dein beruflicher Status ist ihm ziemlich egal.�</p><p>Erst jetzt legte sie die Schreibfeder ab und blickte zu dem Fremden auf. Ihre gr�nen Augen waren ohne jede Furcht und derma�en stechend, dass er unwillk�rlich einen Schritt zur�ckwich. �Nun, was er will, ist <emphasis>mir</emphasis> ziemlich egal�, antwortete sie ruhig. �Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich bin, wie gesagt, sehr besch�ftigt.� Sie wandte sich erneut ihrer Arbeit zu.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis sich der Fremde wieder gefasst hatte. Und dann verfinsterten sich seine grauen Z�ge, worauf von den G�sten einer nach dem anderen nach drau�en verschwand oder in einen gesch�tzten Winkel auszuweichen versuchte. Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte und spreizte die Finger, um das Pergament zu zerknittern.</p><p>Doch ehe er dazu kam, steckte pl�tzlich zwischen Mittel- und Zeigefinger die Spitze ihres Dolches. Es fehlte nicht viel, und Blut w�re geflossen. So schnell und zielsicher hatte sie zugestochen, dass ihm nicht die geringste Zeit geblieben war zu reagieren.</p><p>Rhapsody blickte ein zweites Mal zu ihm auf. �Ich war wohl, wie ich meine, h�flich genug. Allerdings scheinen Sie nicht gut h�ren zu k�nnen. Wenn von meinen Aufzeichnungen hier auch nur ein W�rtchen verschmiert sein sollte, werden Sie in Zukunft nur noch bis sechs z�hlen k�nnen, und das auch nur, wenn Sie zu diesem Zweck die Hose herunterlassen ... Also gehen Sie jetzt bitte und lassen mich in Frieden.� Den Dolch in der Linken, tunkte sie die Feder ins Tintenfass und machte sich wieder an die Arbeit. </p><p>Der Fremde starrte sie an, zog dann vorsichtig die Hand vom Tisch zur�ck, dr�ngte durch die Schar der verbliebenen G�ste dem Ausgang zu und warf die T�r krachend hinter sich ins Schloss. Kaum war er weg, kam Barney mit sorgenvoller Miene an Rhapsodys Tisch.</p><p>�Ja, Herzchen, wei�t du denn nicht, f�r wen dieser Kerl arbeitet?�, fragte er und sah zu Dee hin�ber, der damit anfing, das Geschirr von den �berst�rzt verlassenen Tischen abzur�umen. Rhapsody schichtete die Bl�tter sorgf�ltig �bereinander und rollte den Sto� zusammen. �Na klar, f�r Michael, den Luftverschwender. Der ist doch so l�cherlich wie sein Name.�</p><p>�An deiner Stelle w�rde ich nicht so despektierlich reden, Herzchen. Er ist in letzter Zeit um einiges gef�hrlicher geworden und hat mittlerweile sehr viel mehr Ohren als fr�her.�</p><p>�Herrje, dabei sah er schon fr�her nicht besonders anziehend aus.� Rhapsody steckte die Pergamentrolle in ihren Tornister aus �lhaut und sammelte die Gegenst�nde auf dem Tisch ein, bis nur noch eine verwelkte Schl�sselblume und ein Fetzen Pergament zur�ckblieben.</p><p>Dann steckte sie das verkorkte Tintenf�sschen in die eingen�hte Innentasche ihres Sacks, st�lpte die sackleinene Schutzh�lle �ber ihre Harfe und packte auch sie ein. Damit fertig, nahm sie wieder die Feder zur Hand und beschrieb den Fetzen Pergament, ganz langsam und sorgf�ltig diesmal. </p><p>��brigens, Barney, eigentlich h�tte ich gern doch noch einen L�ffel Suppe.�</p><p>Man war schon dabei, das Lager zu r�umen, als Gammon den Au�enposten jenseits des nordwestlichen Walls von Ostend erreichte. Am Tonfall, in dem Michael seine Kumpane und K�mpfer anherrschte, erkannte Gammon, dass der Zeitpunkt denkbar ung�nstig war, ihm die schlechte Nachricht zu �berbringen. Er konnte nur hoffen, dass Michael, launenhaft wie er in letzter Zeit war, seinen Auftrag an ihn vergessen hatte. Aber diese Hoffnung schwand schon mit dem ersten Blick, den Michael ihm zuwarf. </p><p>�Wo ist sie?�, wollte er wissen. Er stie� den Lakaien, den er soeben zusammengestaucht hatte, unwirsch beiseite und kam auf Gammon zu.</p><p>�Sie ist nicht mehr im Gewerbe, Sir.�</p><p>Michael sperrte die Augen weit auf, und Gammon sah darin seinen Kampf um Selbstbeherrschung toben. �Du hast sie wohl nicht auftreiben k�nnen, oder? Was soll ich davon halten?�</p><p>Nach kurzem Z�gern antwortete Gammon: �Doch, ich habe sie gefunden, mein Herr. Aber sie hat sich geweigert mitzukommen.� </p><p>Michael blinzelte, und Gammon sah, wie sich die Augen seines Herrn verd�sterten, je ruhiger er nach au�en hin wurde. �Geweigert? Sie hat sich geweigert?� �Ja, Sir.</p><p>Michael drehte sich um und richtete seinen Blick auf die M�nner, die ihre Pferde aufz�umten und die Waffen zusammenpackten. </p><p>�Ich vermute, du hast mich und meinen Befehl nicht richtig verstanden, Gammon�, sagte er leise, als schwarzer, saurer Rauch von den gel�schten Lagerfeuern aufstieg und wie dreckige Wolle �ber dem Feld schwebte. �Du solltest die Metze nicht bitten, uns zu begleiten. Ich wollte, dass du sie herbringst.�</p><p>�Ja, mein Herr.� </p><p>�Dann geh zur�ck und tu, was ich dir gesagt habe. Himmel, sie reicht dir nicht einmal bis zur Schulter. Schleif sie an ihren h�bschen Haaren herbei, wenn�s sein muss. Hast du gesehen, wie sch�n golden es ist, Gammon?� </p><p>�Ja, Sir.� </p><p>�An dieses Haar habe ich oft denken m�ssen. Kannst du dir vorstellen, wie es sich anf�hlt?� </p><p>�Ja, mein Herr.� </p><p>�Nein, das kannst du nicht�, entgegnete Michael mit kalter, gef�hlloser Stimme. �Das kannst du nicht, weil der Sack zwischen deinen Beinen leer ist. Du hast sie doch nie gehabt, oder? Das w�rde einer wie du auch kaum �berleben. Aber ich, Gammon, ich hatte sie, und es war unvergleichlich. Sie ist eine halbe Lirin, und Lirinfrauen schmecken besonders s��. Wusstest du das, Gammon? Ach, was soll ich sagen? Ihr Haar macht nur einen kleinen Teil ihrer Anziehung aus. Deine Vorstellungskraft ist viel zu d�rftig, als dass du dir ausmalen k�nntest, wie liebreizend sie ist. Nun ja, falls du denn in meiner Gunst bleiben solltest, Gammon, will ich dir bei Gelegenheit eine Kostprobe von ihr gew�hren, und sei es nur, dass du dein erb�rmliches Leben wertsch�tzen lernst und dich in Zukunft besser vorsiehst. Verstehen wir uns? Was sagst du dazu, Gammon?�</p><p>Gammon kannte dieses Frage-Antwort-Spiel zur Gen�ge. �Ich werde sie sofort holen gehen, mein Herr.� </p><p>�Brav�, sagte Michael und wandte sich wieder ab.</p><p>Rhapsody hatte gerade zu Ende geschrieben und lie� die Tinte auf dem Pergament trocknen, als Gammon in den <emphasis>Federhut</emphasis> zur�ckkehrte. Das Gasthaus war inzwischen leer; nur Barney und Dee sahen mit Schrecken, wie er auf ihren Tisch zuging und breitbeinig davor stehen blieb. Wie zuvor schien Rhapsody ihn gar nicht zur Kenntnis zu nehmen und fuhr unbeirrt in ihrer Arbeit fort.</p><p>�Ich will, dass du jetzt mit mir kommst�, sagte Gammon.</p><p>�Heute nicht, tut mir Leid.�</p><p>�Es reicht�, knurrte Gammon. Er packte ihr goldenes Haar, das mit einer einfachen schwarzen Schleife zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, und langte mit der anderen Hand nach seinem Kurzschwert. </p><p>Die Wirtsleute sahen ihn in der Mitte zusammenklappen, als Rhapsody ihm die Tischecke so wuchtig in den Unterleib rammte, dass er, r�cklings an die Wand gedr�ckt, mit dem Gesicht auf der Tischplatte aufschlug und laut aufschrie vor Schmerzen. Blitzschnell trat Rhapsody ihm das Schwert aus der Hand, nahm es vom Boden auf und beugte sich weit �ber den Tisch, um ihm ins Ohr zu fl�stern: </p><p>�Du bist ein ungehobelter Klotz. Geh und sag deinem Kommandanten, dass er gef�lligst an sich selbst verrichten soll, was er mit mir zu tun gedachte. Verstanden?�</p><p>Gammon funkelte sie mit hasserf�llten Augen an, als sie ihm ihren Dolch an den Hals setzte und dann den Tisch abr�ckte, um ihn dahinter freizugeben.</p><p>Sie trieb ihn vor sich her zur T�r und sagte: �Noch eins. Ich werde selbst gleich gehen und diesen Ort verlassen. Du und deine Spie�gesellen, die du sicherlich zusammentrommeln wirst, k�nnten also entweder hierher zur�ckkommen und die Wirtsleute bel�stigen oder mir nachzustellen versuchen. An eurer Stelle w�rde ich hier im Gasthaus keine Zeit verschwenden.� Sie warf sein Kurzschwert in den Dreck der Stra�e. </p><p>Gammon spuckte sie an, als er die Taverne zum zweiten Mal verlie�.</p><p>�Ein wirklich ungehobelter Klotz�, wiederholte Rhapsody, an Barney und Dee gerichtet. Sie warf eine Hand voll M�nzen auf den Tisch und nahm Dee zum Abschied in den Arm. �Ich gehe durch die Vordert�r nach drau�en. Bis zum Abend solltet ihr vielleicht lieber zusperren. Tut mir Leid, dass ich euch Schwierigkeiten gemacht habe.�</p><p>�Pass blo� auf dich auf�, sagte Dee und schluckte.</p><p>Rhapsody nahm ihren Umhang vom Haken beim Eingang, schulterte den Tornister und wandte sich der T�r zu. Bevor sie hinausging, steckte sie Barney das beschriebene St�ck Pergament zu und schenkte ihm ein letztes L�cheln.</p><p>�Viel Gl�ck, Barney�, sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. �Wenn du jemals einem Troubadour begegnest, bitte ihn, dieses Lied f�r dich zu spielen.�</p><p>Barney blickte auf den Fetzen in seiner Hand. Darauf waren f�nf waagerechte Linien gezogen und ein paar Noten eingetragen. �Was soll das sein, Herzchen?�</p><p>�Dein Name�, antwortete sie und ging.</p><p>Dee ging an den Tisch, sammelte das Geld ein, r�umte das Suppengeschirr und die Schreibfeder ab. </p><p>�Barney�, sagte er dann, �komm mal her und sieh dir das an.�</p><p>Auf dem Tisch lag eine Schl�sselblume, so frisch und duftend, als w�re sie gerade erst gepfl�ckt worden. </p><p>Die Seitengassen von Ostend waren dunkel und k�hl, eine angenehme Zuflucht vor der sengenden Sonne. Schweigend wanderten die beiden M�nner �ber das Pflaster, unbemerkt von den Anliegern, die l�rmend ihren Gesch�ften nachgingen. Dass einer wie Grunthor nicht zur Kenntnis genommen wurde, lag nicht zuletzt auch an der dr�ckenden Hitze des Tages und den tiefen Schatten der Gassen. F�r gew�hnlich brachte er allein mit seiner kolossalen Statur jedes Gespr�ch zum Stocken und allen Verkehr zum Erliegen, sobald er in eine Stadt kam, was jedoch selten der Fall war.</p><p>Der Bruder nahm die Bewegungen und Ger�usche der Menge schon von weitem mit all seinen Sinnen wahr. Und sooft zu erwarten stand, dass eine gr��ere Gruppe ihren Weg kreuzte, wichen die beiden aus, was zwar Zeit kostete, daf�r aber ihre Chance erh�hte, unbemerkt zu bleiben.</p><p>Sie zogen nun durch einen verwaisten Bezirk, wo zwischen Dreck und Abf�llen lediglich ein paar Zecher ausgestreckt danieder lagen und ihren Rausch ausschliefen. Die beiden eilten schnellen Schritts und ohne hinzusehen weiter.</p><p>Die n�chste Seitengasse war, wie der Bruder sp�rte, leer; sie f�hrte in den S�dostteil der Stadt. In wenigen Schritten w�rden sie die Werft erreicht haben und in der Anonymit�t des Treibens dort verschwinden.</p><p>Der Bruder und Grunthor hatten sich schon bis auf f�nfzig Schritt dem Ende der Gasse gen�hert, als ein Stra�enm�dchen um die Ecke gerannt kam, verfolgt von einer Hand voll polternder B�ttel. Die beiden M�nner mussten im Schatten eines Mauerwinkels in Deckung gehen.</p><p>Vor dem <emphasis>Federhut</emphasis> trat Rhapsody auf die Stra�e hinaus und sah sich um, gefasst darauf, den einen oder anderen Strolch aus Michaels Lumpenpack in der N�he zu entdecken.</p><p>Das Gasthaus lag an der K�nigsstra�e, einem der Hauptverkehrswege von Ostend. Auf der l�rmenden Stra�e wimmelte es von Menschen und Fuhrwerken. Weil niemand zu sehen war, der zu seiner Bande geh�rte, �berquerte sie die Stra�e und umging die Pf�tzen, die das Gewitter der vergangenen Nacht zur�ckgelassen hatte. </p><p>Mitten auf der Stra�e traf sie auf Pilam, den B�cker, der sich mit einem schwer beladenen und mit Sackleinen abgedeckten Handkarren abplagte. Wie ein Felsbrocken in der Str�mung zwang er die Menge, auseinander zu gehen und einen Bogen um ihn zu schlagen. Sein Glatzkopf war rot vor Anstrengung und schwei�nass, doch als er sie sah, ging ein Leuchten �ber sein Gesicht.</p><p>�Rhapsody! Wie geht�s dir an diesem herrlichen Nachmittag?�</p><p>�Hallo, Pilam. Lass dir helfen.� Sie eilte herbei, packte mit beiden H�nden zu und hievte den Karren aus der Furche, in der eines seiner R�der stecken geblieben war. Um ihn wieder in Bewegung zu bringen, schob Pilam allzu kr�ftig an, sodass ein Stapel Fladenbrote �ber den Rand kippte. Er fing eines davon auf und reichte es dem M�dchen, das ihn noch ein St�ck Wegs begleitete.</p><p>�Nimm das hier, Liebes, als Dank f�r deine Hilfe.�</p><p>�Das ist nett von dir. Vielen Dank�, sagte Rhapsody und schenkte ihm ein L�cheln, das ihm die Knie weich werden lie�. </p><p>Sie packte das Brot in ihre Tasche und sah sich wieder um.</p><p>Dass sie mit ihren goldenen Haaren in der Menge auffiel, kam ihr zupass, denn je mehr Zeugen sie vom <emphasis>Federhut</emphasis> weggehen sahen, desto weniger musste sie sich um Barney und Dee Sorgen machen. Vor der n�chsten Querstra�e angelangt, fiel ihr Blick auf eine vertraute Gestalt, die sich intensiv mit einem Stadtb�ttel zu unterhalten schien. Schnell zog sie die Kapuze �ber den Kopf und ging hinter einer Reihe F�sser in Deckung, die vor dem Gesch�ft eines Bogenmachers standen. Von ihrem Versteck aus konnte sie beobachten, wie sich ein zweiter B�ttel in die Unterhaltung einschaltete. Nach einer Weile gingen alle drei schnellen Schritts die Stra�e entlang, Richtung <emphasis>Federhut</emphasis>. Rhapsody kamen erste Bedenken, als sich die M�nner auf das Gasthaus zu bewegten und unterwegs einzelne Passanten aufhielten und befragten. Die ersten drei oder vier schienen keine Auskunft geben zu k�nnen, aber dann gerieten sie an eine Frau, die auf ihre Fragen eifrig nickte und auf die Stra�e zeigte, ungef�hr dorthin, wo Rhapsody sich versteckt hielt. Es erleichterte sie, dass die M�nner vor dem <emphasis>Federhut</emphasis> kehrtmachten und nun in ihre Richtung liefen. Sie zog die Kapuze tief ins Gesicht und bog in die Querstra�e ein.</p><p>Mit der K�nigsstra�e verlie� sie das Gesch�ftsviertel und gelangte in ein Wohngebiet mit engen Gassen. Rhapsody kannte sich hier sehr gut aus; es boten sich ihr jede Menge Versteckm�glichkeiten. Sie hatte schon fast das Ende der ersten H�userzeile erreicht, als aus dem Hintergrund Geschrei ert�nte. </p><p>Sie fuhr herum und sah ein Dutzend Wachm�nner und B�ttel mit langen Schritten und gez�ckten Waffen hinter sich herlaufen. Rhapsody staunte nicht schlecht dar�ber, dass jetzt auch Wachen der Stadt zu Michaels Befehlsempf�ngern z�hlten. Jedenfalls war dies noch nicht der Fall gewesen, als sie das Ungl�ck gehabt hatte, gesch�ftlich mit ihm zu verkehren � vor nunmehr fast drei Jahren. Barney hatte offenbar Recht mit seiner Warnung vor Michaels gewachsenem Einfluss. Die Sache schien brenzliger zu werden als angenommen.</p><p>Geduckt und die Kapuze tief im Gesicht, hastete sie um die Ecke, die Gasse entlang und auf ein G�sschen zu, das zwischen einem offenen Schuppen mit Strohdach und einem zweigeschossigen Haus aus Lehmziegeln hindurchf�hrte. In einem Aushub unter dem Strohdach lagerten R�ben. Rhapsody quetschte sich an dem Loch vorbei und w�hlte sich in einen Haufen Stroh, das vom Dach herabgerutscht war. Von ihrem Versteck aus waren die M�nner gut zu h�ren; dann kamen sie auch in Sicht, zumindest einige von ihnen. Die Meute hatte sich offenbar in kleinere Gruppen aufgeteilt, und es schien, als h�tten sich dem Dutzend noch etliche mehr angeschlossen.</p><p>Eine Dreiergruppe kam um die Ecke und passierte sie im Abstand einer Armesl�nge. Sie hielt die Luft an, als die Kerle Halt machten und fluchend zwischen umgekippten Holzkisten herumst�berten. Am liebsten h�tte auch sie ein paar deftige Fl�che ausgesto�en. Wie war es m�glich, dass sie von Michaels Aufstieg zur Prominenz nichts mitbekommen hatte? Vor lauter Abscheu, den sie gegen ihn empfand, hatte sie wohl vergessen, den Verstand einzusetzen, und dieser Fehler bereitete ihr nun Probleme, auf die sie nicht eingestellt war. <emphasis>Aber blieb mir denn etwas anderes �brig?,</emphasis> fragte sie sich. Gammon gehorsam zu begleiten w�re wahrlich nicht in Betracht gekommen.</p><p>Rhapsody sah, wie einer der drei W�chter einen Klumpen Kohle zur Hand nahm und ihn mit Wucht an die Wand des Nachbarhauses schleuderte. Es dauerte nicht lange und ein Mann in Ledersch�rze trat mit Gebr�ll vor die T�r. Zwischen den beiden entz�ndete sich ein heftiger Streit, den Rhapsody nutzte, um ihr Versteck zu verlassen und Rei�aus zu nehmen, zur�ck in Richtung Querstra�e, die in die K�nigsstra�e einm�ndete. Sie hatte die Ecke fast erreicht, als hinter ihr jemand laut aufschrie. Auf die K�nigsstra�e zur�ckzukehren war jetzt nicht mehr ratsam, denn dort gab es nirgends Unterschlupf f�r sie, zumal allen, die sie aufnehmen w�rden, �rger drohte. W�hrend die B�ttel johlend die Verfolgung aufnahmen, n�herten sich nun auch noch zwei H�scher von vorn. Sie steckte in der Klemme. </p><p>Rhapsody versuchte, in eine Seitengasse auszuweichen, wurde aber pl�tzlich unsanft zu Boden gerissen. Ein Wachmann hielt sie gepackt, warf sie auf den R�cken und schlug ihr ins Gesicht, wof�r sie sich mit einem auf die Genitalien gezielten Pferdekuss revanchierte. W�hrend sich der Widersacher vor Schmerzen kr�mmte, sprang sie auf die F��e und rannte � dem zweiten Kerl in die Arme, der sie vom Boden lupfte und in die Gasse zur�cktrug, sosehr sie sich auch mit H�nden und F��en wehrte.</p><p>�In der Tat, du bist nicht gerade leicht zu handhaben�, fl�sterte er ihr ins Ohr. �Aber du wirst ihn bestimmt auf seine Kosten kommen lassen, nicht wahr? Wenn er�s dir gibt, S��e, dann denk an mich.� </p><p>Er versuchte ihr einen Kuss auf den Hals zu dr�cken und grapschte mit der freien Hand nach ihrer Brust. </p><p>Unter Aufbietung all ihrer Kr�fte riss sie sich aus seinem Griff los, mit dem er ihr den Arm auf den R�cken gedreht hielt. Von dem Schmerz, der ihr dabei von der Schulter bis in die Fingerspitzen fuhr, wurde ihr �bel. Aber sie unterdr�ckte den Brechreiz und sch�ttelte mit einem Schlenker den Dolch aus dem �rmel in die Hand. </p><p>Noch hielt er sie mit dem anderen Arm von hinten gepackt, da zielte sie mit der Klinge dahin, wo sie die Augen des Gegners vermutete. Sein gellender Schrei und ihre schnelle Freigabe verrieten ihr, dass sie ziemlich genau getroffen hatte. Die drei anderen Wachen, die sich ihr auf die Fersen geheftet hatten, waren angesichts der Szene, die sich ihnen da bot, wie angewurzelt stehen geblieben. Bevor sie sich besinnen konnten, war Rhapsody auf und davon und rannte so schnell sie konnte auf die dunkleren Seitengassen zu. W�hrend sich einer der Verfolger um den schwer verletzten Kumpan k�mmerte, setzten ihr die anderen wieder nach, kaum dass sie ihren ersten Schock verwunden hatten. Sie sahen das M�dchen an zwei mit W�schek�rben bepackten Frauen vorbeiflitzen und in der n�chsten Seitengasse verschwinden. </p><p>Rhapsody hielt keuchend an und sah sich nach einem Versteck um. Aber da war keines. Sie rannte weiter, blieb aber bald wieder stehen, als sich ihr vom anderen Ende der Gasse zwei Gestalten n�herten. </p><p>Die eine war von gigantischen Ausma�en und trug eine mit Metallb�ndern armierte Lederr�stung sowie einen Helm mit spitz aufragendem Pickel. Die andere Gestalt war in einen Umhang mit Kapuze geh�llt und hielt das Gesicht hinter einer Art Schleier verborgen; obwohl im unmittelbaren Vergleich zu dem Koloss geradezu klein, war auch sie in Wirklichkeit recht gro�, wie Rhapsody auf Anhieb ahnte. Der Mann bewegte sich erstaunlich gewandt und blieb reaktionsschnell stehen, kaum dass er das M�dchen entdeckt hatte. Der Riese dagegen war, ehe er etwas bemerkte, schon drei Schritte weiter. Rhapsody warf einen Blick zur�ck. Die drei Wachen waren um die Ecke gebogen und bis auf drei�ig Schritt herangekommen. Sie steckte zwischen den Fremden und ihren Verfolgern in der Falle. Weil sie aber wusste, was von den Wachen zu erwarten war, entschloss sie sich, die beiden Fremden um Hilfe zu bitten. </p><p>Ihnen zugewandt und vor Ersch�pfung keuchend, sagte sie: �Bitte, gebt mir den Weg frei. Lasst mich durch.� Die beiden Fremden sahen einander an, r�hrten sich aber nicht.</p><p>Auf gleicher H�he und sehr viel langsamer als vorher r�ckten die drei Wachen vor. Rhapsody legte nun alle Hoffnung darein, ihnen weismachen zu k�nnen, dass sie in den Fremden m�chtige Verb�ndete hatte, und bedachte das ungleiche Paar mit dem bezauberndsten L�cheln, das sie aufbringen konnte. </p><p>�Verzeiht, wenn ich aufdringlich erscheine, aber bitte seid so gut und nehmt euch meiner an. Adoptiert mich. Ich werde mich auch erkenntlich zeigen.�</p><p>Der Mann neben dem Riesen nickte leicht mit dem Kopf.</p><p>�Danke vielmals�, sagte Rhapsody und wandte sich wieder den Wachen zu. �So ein Zufall!�, keuchte sie und grinste �bers ganze verschwitzte Gesicht. �Meine Herren, Sie kommen gerade zur rechten Zeit, um Bekanntschaft mit meinem Bruder zu machen. Bruder, darf ich vorstellen: Das sind die B�ttel der Stadt. Meine Herren, das ist mein Bruder. Achmed, die Schlange.�</p><p>F�r einen kurzen Augenblick hatte Rhapsody den Eindruck, als dehnte sich die Zeit um sie herum aus. Das Blut schoss ihr ins Gesicht; sie h�rte und sp�rte ein fernes, aber vernehmliches Knacken, gefolgt von einem Ger�usch, als w�rde Rauch verpuffen.</p><p>Ihr wurde mit einem Male ganz anders; wom�glich hatte sie sich beim Laufen verausgabt. Ihr schwindelte, und sie st�hnte innerlich vor Pein, kaum dass sie den idiotischen Namen ausgesprochen hatte, der ihr ganz spontan eingefallen war. Wie auch immer, ihr T�uschungsman�ver schien Wirkung zu zeigen: Die Stadtwachen starrten die Fremden an und bekamen es ganz offensichtlich mit der Angst zu tun. Da schwirrte etwas in schneller Folge �ber ihren Kopf hinweg, flirrend und d�nn wie Schmetterlingsfl�gel, so rasch, dass ihre Augen kaum folgen konnten. Jedes der Geschosse traf t�dlich, und die Wachen fielen, einer nach dem anderen, der L�nge nach in den Staub, ohne sich noch einmal zu bewegen. </p><p>Rhapsody mochte ihren Augen kaum glauben. Sie wandte sich wieder den Fremden zu. Der kleinere der beiden schulterte gerade eine seltsam aussehende Waffe � eine Art Armbrust mit asymmetrisch geformten Wurfarmen � und warf den Umhang dar�ber. Sie lie� sich ihr Staunen deutlich anmerken. </p><p>�Gute Arbeit�, sagte sie. �Vielen Dank.�</p><p>Die beiden Fremden sahen einander an und sp�hten um die Ecke. Der mit dem Umhang streckte ihr seine Hand hin, die zwar schlank aussah und in Leder geh�llt war, aber nichtsdestotrotz bedrohlich wirkte. </p><p>�Komm mit uns, wenn dir dein Leben lieb ist�, sagte er.</p><p>Seine Stimme klang trocken und unnat�rlich rau, und es schwang ein Ton darin mit, der Rhapsody unwillk�rlich aufhorchen lie�.</p><p>Sie warf einen fl�chtigen Blick �ber die Schulter, als im Hintergrund die Ger�usche aufmarschierender Wachen zu h�ren waren, und wieder dem Fremden zugewandt, ergriff sie dessen behandschuhte Hand. Zu dritt rannten sie davon und tauchten ein in die Schatten der labyrinthischen Gassen, die das Licht der Nachmittagssonne schon nicht mehr erreichte.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Die Mauern der gro�en Stadt waren nicht mehr zu sehen, und auf den Wiesen und Weiden rings um Ostend hatte sich Dunkelheit breit gemacht, als die drei Reisenden eine Rast einlegten und ihr Lager aufschlugen. Sie hatten die Stadt durch das Osttor am Hafen verlassen.</p><p>Ostend war eine gesch�ftige Hafenstadt, die es auch schon in den Tagen der V�lkerkriege w�hrend des Zweiten Zeitalters gegeben hatte. Obwohl sie urspr�nglich als ein Zentrum f�r Kunst und Kultur am Schnittpunkt der Handelsrouten geplant und als solches j�ngst auch restauriert worden war, hatte sie der Kriege wegen schlie�lich doch den Charakter einer Festung angenommen. So wurde sie auf drei Seiten von hohen, m�chtigen Mauern umgeben, die zum Hafen hinunterf�hrten. Der rege Verkehr, der dort herrschte, war den dreien auf ihrer Flucht gelegen gekommen.</p><p>Rhapsody kannte sich in diesem Stadtviertel recht gut aus und war selbst nicht gerade langsam auf den Beinen, hatte aber dem Tempo, das die beiden vorlegten, nur mit M�he folgen k�nnen und sich immer wieder antreiben lassen m�ssen.</p><p>Doch nachdem die drei, schon jenseits der Gefahr, eingeholt zu werden, eine Abk�rzung durch zwei verlassene H�user genommen hatten, hatte sie pl�tzlich die Orientierung verloren. Der kleinere Mann hielt vor einer Hafenkneipe an, in der es turbulent zuzugehen schien.</p><p>�Die kommen uns gerade recht�, sagte er und stahl zwei Pferde.</p><p>Der Riese hob Rhapsody auf eins der Pferde und f�hrte es um die n�chsten Stra�enecke herum, ehe er selbst aufstieg. Auch der andere schwang sich in den Sattel. Schnell ritten sie zur Stadt hinaus, �ber die Felder im S�den und am Strand entlang. </p><p>Rhapsody h�rte das Pferd schnaufen, das an dem Riesen und ihr seine Last hatte. Von dem Riesen, der hinter ihr im selben Sattel sa� und die Z�gel in der Hand hielt, sp�rte sie nicht mehr als ein leichtes Reiben. Die Schwingungen des galoppierenden Pferdes �berdeckten, dass sie zitterte.</p><p>Sie ritten den ganzen Nachmittag lang. Rhapsody war vorher noch nie �ber den S�dwall hinaus gekommen und warf jetzt sehns�chtige Blicke zur�ck auf die gro�e graue Silhouette aus Lehmh�tten, marmornen Tempelruinen, altersschwachen Steinh�usern und hoch aufragenden T�rmen, die sich mehr und mehr in der Ferne verloren. Als es d�mmerte, war von der hohen, gewundenen Mauer, die zum Hafen f�hrte, nichts mehr zu sehen. Vom Hafen selbst konnte sie nur noch ein paar funkelnde Lichter erkennen. </p><p>Obwohl so weit der Stadt entflohen, dr�ckten die beiden M�nner weiter aufs Tempo, und auch als es Nacht wurde, g�nnten sie sich und den Pferden nur wenig Zeit zum Verschnaufen. Rhapsody wusste nicht zu sagen: Verdankte sie den beiden, wie anfangs geglaubt, ihre Rettung, oder musste sie wom�glich f�rchten, von ihnen entf�hrt zu werden?</p><p>Sie f�rchtete schon um die Pferde, die in der Dunkelheit den Boden nicht sehen konnten, als die beiden M�nner unvermittelt anhielten. Finstere Nacht umgab sie.</p><p>�Absitzen�, t�nte eine Stimme wie aus der Luft.</p><p>Ehe sie darauf reagieren konnte, zog der kleinere Mann sie aus dem Sattel, nachdem er selbst zu Boden gesprungen war und dem anderen die Z�gel zugeworfen hatte.</p><p>�Grunthor, lass die Pferde laufen.� Der maskierte Mann verschwand in der Nacht.</p><p>Rhapsody hatte ihn sofort aus den Augen verloren und wandte sich dem Riesen zu, der im Dunkeln noch riesiger wirkte. Unwillk�rlich wich sie einen Schritt zur�ck und langte nach dem Messer, das im �rmel steckte. </p><p>Grunthor achtete nicht auf sie. Er stieg aus den Sattel, knotete die Z�gel des einen, dann die des anderen Pferdes zusammen. </p><p>�Ab mit euch!�, sagte er, doch die Tiere waren so ersch�pft, dass sie sich nicht mehr von der Stelle r�hren mochten. Genau damit schien der Riese gerechnet zu haben. Er nahm seinen Helm vom Kopf und baute sich unmittelbar vor den Pferden auf, breitete die Arme aus und lie� ein donnerndes Grollen vernehmen. </p><p>Zuerst waren die Tiere wie gel�hmt, dann aber schreckten sie auf und stoben in panischer Angst und wiehernd davon. </p><p>Daraufhin setzte Grunthor den Helm wieder auf, wandte sich Rhapsody zu und fing angesichts ihrer entgeisterten Miene lauthals an zu lachen.</p><p>�Bist wohl schwer beeindruckt, Sch�tzchen, was? Komm mit!� Er drehte sich um und ging davon. Rhapsody z�gerte, folgte ihm dann aber, weil sie sich dachte, dass es nicht besonders klug w�re, den Riesen zu ver�rgern. Hinterher hastend, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. �Wohin geht�s? Laufen wir jetzt die ganze Strecke zu Fu� weiter?�</p><p>�Ach was. Wir warn heute lang genug unterwegs.�</p><p>Ein voller Mond war am Horizont aufgetaucht und stieg aus der Nebelbank, die �ber dem Meer lag. Mit seinem mattgoldenen Licht kam er aber nicht gegen die undurchdringliche Dunkelheit der Nacht an. Auf ihr Auge konnte sich Rhapsody nicht mehr verlassen; jetzt halfen nur noch Ohr und Tastsinn. Der Riese aber, dem sie folgte, schien sehen zu k�nnen, wohin er seine F��e setzte. Zielsicher f�hrte er sie an eine Stelle, wo ein kleines Feuer brannte, in das sie fast hineingetreten w�re, h�tte er sie nicht davon abgehalten. </p><p>Das Lager war schon bereitet. Ob sie das Feuer nicht gesehen hatte, weil ihr der Riese die Sicht darauf versperrt hatte oder weil es so gut versteckt war, wusste sie nicht zu sagen.</p><p>Grunthor r�ckte an die Windseite des Feuers, nahm den Helm ab und holte tief Luft, ehe er auf dem Boden Platz nahm. Rhapsody stellte sich auf die andere Seite, wo sie zwar seinen Blicken ausgesetzt war, aber immerhin das Feuer sch�tzend vor sich hatte. Daf�r nahm sie auch den Rauch in Kauf, der ihr ins Gesicht wehte. </p><p>Die Flammen boten ihr ausreichend Licht, um den Riesen in Augenschein zu nehmen. Der war, obwohl er sa�, mit ihr, die stand, auf gleicher H�he und wirkte so massig und breit wie ein Brauereipferd.</p><p>Unter seinem schweren Soldatenmantel sah sie einen Teil der R�stung schimmern, die einen fremdl�ndischen und kostbaren Eindruck auf sie machte. Sie schien aus geschupptem Reptilienleder zu bestehen und wurde von Metallspangen zusammengehalten, die so geschickt verarbeitet waren, dass sie keinerlei Ger�usche von sich gaben. Auch von den Waffen hatte sie bislang nichts geh�rt, kein Klirren, kein Kratzen. Dabei trug er eine enorm schwere Axt und mehrere lange Messer, und hinter der Schulter staken etliche Hefte und Sch�fte hervor.</p><p>Das Gesicht konnte einem noch mehr Angst machen. Zwischen den Lippen trat immer mindestens ein Zahn zum Vorschein, und welche Farbe seine ledrige Haut hatte, war im Schein des Feuers nur schwer zu bestimmen. Augen, Ohren und Nase waren �berm��ig gro�, weshalb Rhapsody davon ausging, dass er �berdurchschnittlich gut sehen, h�ren und riechen konnte. Die Finger der gro�en Pranken glichen der langen N�gel wegen gef�hrlichen Klauen. �berhaupt schien er einem Albtraum entstiegen, so schauderhaft sah er aus.</p><p>Er kramte gerade etwas Essbares und eine Art Topf aus seinem Gep�ck und w�rdigte sie immer noch keines Blickes. </p><p>�Lass mich raten; du hast zwar schon von Firbolg geh�rt, aber es ist dir noch nie einer zu Gesicht bekommen. Hab ich Recht?�, t�nte die Stimme des anderen unmittelbar hinter ihr.</p><p>Sie hatte ihn nicht kommen h�ren und fuhr erschrocken zusammen. Den Blick �ber die flackernden Flammen hinweg auf den Riesen gerichtet, sagte sie: �Du bist ein Firbolg? So siehst du gar nicht aus.� </p><p>�Was soll das hei�en?� </p><p>�Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen�, sagte sie err�tend. �Zugegeben, meine Erfahrungen sind begrenzt, und ich dachte immer, Firbolg w�ren regelrechte Ungeheuer.�</p><p>�Und ich, beschr�nkt wie ich bin, dachte immer, ein Lirin k�nnte allenfalls als Vorspeise taugen�, antwortete Grunthor unbek�mmert und ohne jede Boshaftigkeit.</p><p>�Es w�re vielleicht ganz gut, wenn ihr eure falschen Annahmen voneinander korrigieren w�rdet�, schlug der Maskierte vor. </p><p>�Allerdings�, sagte Rhapsody, die, obwohl sie schmunzelte, schauderte bei der Vorstellung, dass der Riese nicht etwa scherzte, sondern seine Entgegnung durchaus ernst gemeint hatte.</p><p>Der schlanke Mann warf dem Riesen ein paar tote Kaninchen vor die F��e. �Wer bist du eigentlich?� </p><p>�Ich hei�e Rhapsody. Ich studiere Musik, bin eine S�ngerin.�</p><p>�Und warum war die Stadtwache hinter dir her?�</p><p>�Da ist so ein Schwachkopf, der will, dass ich zu ihm komme, und er hat die Wache auf mich angesetzt, wie�s scheint.�</p><p>�Warum will er, dass du zu ihm kommst?�</p><p>�Er will sich wohl mit mir am�sieren.�</p><p>�Hat dieser Schwachkopf einen Namen?�</p><p>�Er nennt sich Michael, Wind des Todes. Aber hinter vorgehaltener Hand geben wir ihm Namen, die noch weniger schmeichelhaft sind.�</p><p>Die beiden M�nner sahen einander an. Den Blick erneut auf sie gerichtet, fragte der Verh�llte: �Woher kennst du ihn?� </p><p>�Er war leider einer meiner Kunden, als ich vor drei Jahren auf den Strich gegangen bin�, antwortete Rhapsody freim�tig. �Wer in diesem Gewerbe arbeitet, hat keine gro�e Wahl. Leider bin ich ihm zu Kopf gestiegen, und er hat mir vorausgesagt, dass er nach mir schicken werde. Aber ich dachte, er schneidet blo� auf, und habe mich nicht weiter darum geschert. Das war mein erster Fehler. Der zweite folgte heute, denn ich habe ihm und seinen schmierigen Handlangern, die mich holen sollten, einen Korb gegeben. Seinen gew�hnlichen Dienern h�tte ich ohne weiteres entkommen k�nnen, aber offenbar hat er es inzwischen irgendwie geschafft, die Stadtwache f�r seine Zwecke einzuspannen.� </p><p>�Warum musstest du ihm einen Korb geben? Du h�ttest dich doch auch zum Schein auf ihn einlassen und dann heimlich verschwinden k�nnen?�</p><p>�Das w�re gelogen gewesen.�</p><p>�Na und?�, entgegnete der Verh�llte.</p><p>�Ich l�ge nie. Ich kann gar nicht l�gen.�</p><p>Grunthor kicherte. �Du hast, wie�s scheint, ein gn�dig kurzes Ged�chtnis. Ich kann mich jedenfalls noch gut daran erinnern, dass du der Wache gesagt hast, wir warn miteinander verwandt. Ich stell mir ein Familientreffen mit dir vor ... du w�rdest dich in unserer Runde ziemlich seltsam ausmachen.� </p><p>�Nein�, schaltete sich der andere ein und sah sie mit wachen Augen an. �Jetzt verstehe ich, warum du uns vorher gedr�ngt hast, dich zu adoptieren.�</p><p>Rhapsody nickte. �Genau. Mit falschen Ausfl�chten h�tte ich sie nicht beeindrucken k�nnen.� </p><p>�Warum nicht?� </p><p>�In dem Beruf, den ich gew�hlt habe, ist es verboten zu l�gen. Wer nicht immer die Wahrheit sagt, kann kein Benenner sein, das hei�t kein S�nger in Vollendung. Man muss bei allem, was man sagt, darauf achten, dass die Musik immer im Einklang mit der Welt ringsum steht. Eine L�ge st�rt diesen Einklang und besudelt das Gesagte. Allerdings es ist nicht immer leicht, wahr und falsch exakt auseinander zu halten, denn Wahrheit verschiebt sich h�ufig mit dem Blickwinkel, den man einnimmt. Nun, das ist der akademische Grund. Es gibt auch noch einen ganz pers�nlichen: Meine Eltern haben mir eingesch�rft, dass T�uschung auf jeden Fall schlecht ist. Und seit meiner Zeit als Hure wei� ich Wahrheit noch sehr viel h�her einzusch�tzen. In diesem Gewerbe kommt sie kaum vor, als Hure ist man immer irgendeines Freiers L�ge. Man muss sich selbst auf die Zunge bei�en und anderer Leute Phantasien bedienen, auch wenn sie einem selbst zuwider sind. Aber davon bin ich zum Gl�ck jetzt frei, und ich will meinen Abscheu vor Michael nicht l�nger verhehlen m�ssen. Wom�glich w�r�s ein Fehler, aber ich konnte nicht anders.�</p><p>�Nun, es ist doch niemand zu Schaden gekommen.�</p><p>�O doch. Ich habe mir die M�glichkeit verscherzt, in Ostend zu wohnen. Ich f�rchte, eine der Wachen auf der Flucht geblendet zu haben, und jetzt gibt�s kein Zur�ck mehr f�r mich.�</p><p>Der kleinere der beiden lachte. �Aber es hat doch keine Augenzeugen gegeben.�</p><p>�Mag sein, dass dich niemand gesehen hat�, antwortete Rhapsody. �Mich aber haben viele gesehen. Sie haben mich durch die halbe Stadt gehetzt.�</p><p>�Dann hast du wirklich ein Problem.� Der Verh�llte lehnte sich zur�ck und folgte mit seinen Blicken dem Rauch, der sich zu den Sternen emporrankte. �Aber du musst ja auch nicht in die Stadt zur�ckkehren. Oder hast du dort Familie wohnen oder jemand anders, dem du vertrauen k�nntest?� </p><p>Seine Stimme klang so gleichg�ltig, dass sich Rhapsody wie bei einem Verh�r vorkam, wof�r sie allerdings keine plausible Erkl�rung hatte, zumal die beiden bestimmt l�ngst wussten, dass sie v�llig harmlos war. Aber die M�digkeit, die Anstrengungen der Flucht und die Ungewissheit ihrer Lage forderten allm�hlich ihren Tribut.</p><p>Der riesige Firbolg hatte damit angefangen, die Kaninchen zu enth�uten und auszunehmen. Ob ihr etwas von der Mahlzeit angeboten w�rde, wusste Rhapsody nat�rlich nicht, aber ihr gruselte bei der Vorstellung, die beiden k�nnten das Fleisch wom�glich roh verzehren. Gleich zu Anfang ihrer Ausbildung zur S�ngerin hatte sie eine Ballade �ber die Geschichte der Firbolg einstudieren m�ssen, ein schauerliches Lied, durch das ihr Bild von den Riesen gepr�gt worden war, und Grunthor hatte ihr bislang wenig Anlass gegeben, dieses Bild zu korrigieren.</p><p>Die Art und Weise, wie sich die beiden M�nner zueinander verhielten, lie� darauf schlie�en, dass sie schon seit langem zusammen reisten. Routiniert und wie selbstverst�ndlich teilten sie sich ihre Aufgaben. Der schlanke Mann hatte die Kaninchen gejagt; der Riese zog ihnen das Fell �ber die Ohren. Der eine hatte Brennholz gesammelt f�r das Feuer, das der andere h�tete. Alle Vorbereitungen f�r das Essen wurden erledigt, ohne dass auch nur ein einziges Wort fallen musste. Derweil schien sie, Rhapsody, f�r die beiden gar nicht anwesend zu sein. Nur einmal nickte ihr Grunthor zu und winkte mit einem Spie� voll brutzelnder Fleischst�cke, doch sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, danke.� </p><p>Ihr gen�gte ein kleines St�ck von dem Brot, das Pilam ihr gegeben hatte; den Rest steckte sie nicht in den Rucksack, sondern in die Tasche ihres Umhangs. Die Gesellschaft der beiden wurde ihr von Minute zu Minute unbehaglicher, und sie wollte, wenn n�tig, von jetzt auf gleich aufspringen und davonlaufen k�nnen.</p><p>Der schlanke Mann hatte gerade zu essen aufgeh�rt, als Rhapsody einen Blick von seinem Gesicht erhaschte. Sie wollte nicht neugierig erscheinen, war aber auf das, was sie sah, so unvorbereitet, dass sie ihre Verwunderung nicht verhehlen konnte.</p><p>Das Gesicht trug erkennbar menschliche Z�ge, war aber voll von tiefen Narben und W�lsten und mit einem fein ver�stelten Netz von deutlich sichtbaren Adern �berzogen. Rhapsody hatte schon viele Gesichter von Kranken gesehen, Gesichter, die entstellt waren vom Alter, von Kriegsverletzungen und anderen Gei�eln, doch dieses Gesicht sah aus, als w�re das gesamte Heer der Reiter des Schicksals mit scharfen, stampfenden Hufen dar�ber hinweggeritten.</p><p>Erschreckend waren nicht zuletzt auch die Augen. Sie schienen aus zwei verschiedenen K�pfen herausgepfl�ckt zu sein und passten weder der Gr��e noch der Farbe oder Form nach zueinander. Au�erdem standen sie ein wenig �ber Kreuz, sodass es den Anschein hatte, als plierte er �ber die Schneide einer langen Klinge hinweg. Erst jetzt gewahrte Rhapsody, dass er ihren starren Blick erwiderte. </p><p>Schnell hatte sie sich wieder gefangen und fragte wie beil�ufig, wenngleich merklich �berhastet: �Und was ist euer n�chstes Ziel?�</p><p>�Runter von der Insel.� </p><p>Sie schmunzelte. �Kann es sein, dass auch ihr eine wichtige Pers�nlichkeit gegen euch aufgebracht habt?� </p><p>Eine Wolke schob sich vor den Mond. Rhapsody glaubte, eine innere Stimme zu vernehmen, die ihr zur Wachsamkeit riet. </p><p>Immer wieder schaute sie �ber die Flammen hinweg zu dem schlanken Mann, beobachtete ihn beim Kauen und sah den Feuerschein in seinen Augen aufblitzen. Sie stellte sich vor, dass er an ihren Antworten kaute statt auf Kaninchenfleisch, von dem sie jetzt doch gern etwas abbekommen h�tte. </p><p><emphasis>Eine Henkersmahlzeit steht schlie�lich jedem zu,</emphasis> dachte sie reum�tig.</p><p>�ber das Prasseln des Feuers hinweg und durch das Schweigen der M�nner hindurch h�rte sie in ihrem tiefsten Innern, an den Wurzeln ihrer Bestimmung als S�ngerin, jenen ihr ureigenen Nennton erklingen, der ihr Pr�fstein f�r die Wahrheit war, und der sagte ihr, dass sie in eine Falle geraten und einer T�uschung erlegen war. Dann sah sie die d�nnen H�nde und das verunstaltete Gesicht durch die Flammen auf sich zukommen, und sie wusste, dass es nun kein Entrinnen mehr gab. Sie zwinkerte mit den Lidern, die nicht nur vor M�digkeit schwer waren. In der Glut des Feuers schwelte rauchend ein ihr unbekanntes Kraut.</p><p>Er war sichtlich ver�rgert, r�hrte sie aber nicht an. Vielmehr machte er sich �ber ihr Gep�ck her, das neben ihr am Boden lag, und w�hlte darin herum.</p><p>�Wer bist du?�, verlangte er zu wissen. Seine Stimme war ein heiseres, trockenes Kratzen, und der Umhang rauchte nach dem Sprung durchs Feuer. Er wartete auf eine Antwort.</p><p>�He, Finger weg!� Sie wollte aufspringen, begn�gte sich dann aber damit, ihre tranceartige Benommenheit abzusch�tteln.</p><p>Der Riese erhob sich. �An deiner Stelle war ich jetzt sch�n brav, Herzchen. Er hat dich was gefragt.� </p><p>�Darauf habe ich doch schon geantwortet. Ich bin Rhapsody. Und jetzt nimm deine H�nde aus meinen Sachen, sonst geht noch was kaputt.�</p><p>�Ich mache nichts kaputt, es sei denn absichtlich. Also, ich frage noch einmal: Wer bist du?� </p><p>�War ich mir doch sicher, schon beim ersten Mal richtig geantwortet zu haben. Nun denn, versuch ich�s halt noch einmal. Rhapsody. Habe ich etwa vorher einen anderen Namen genannt?� Ihr schwirrte der Kopf. Sie wusste wirklich nicht mehr, was sie sagte. �Was habt ihr da ins Feuer getan?� </p><p>�Da kommen gleich deine Haare rein. Woher wusstest du, wer ich bin?� Er packte sie bei ihrem verletzten Arm und dr�ckte so fest zu, dass sich das Blut in ihrer Hand staute. Ihre Muskeln fingen krampfhaft zu zucken an. Mit jedem Herzschlag ging ein scharfer Schmerz an der gequetschten Stelle einher. </p><p>Rhapsody r�hrte sich nicht. Sie konnte einiges aushalten und hatte gelernt, dass es oft lebensnotwendig war, Schmerzen und Angst zu verheimlichen.</p><p>�Ich wei� nicht, wovon du sprichst. Keine Ahnung, wer du bist. Lass mich los.�</p><p>�Du hast mich in der Gasse vor den Wachen bei meinem Namen genannt.�</p><p>Die Finger waren ihr schon taub geworden, doch Rhapsody blieb ruhig und beherrscht. <emphasis>Meine Herren, Sie kommen gerade zur rechten Zeit, um Bekanntschaft mit meinem Bruder zu machen. Bruder, darf ich vorstellen: Das sind die B�ttel der Stadt. Meine Herren, das ist mein Bruder. Achmed, die Schlange</emphasis>. Obwohl ganz benommen, wurde sie verlegen.</p><p>�Ich habe dringend Hilfe gebraucht, und du warst zuf�llig zur Stelle�, antwortete sie. �Es war der erste Name, der mir in den Sinn kam, aber wenn ich�s mir im Nachhinein so recht �berlege ... nun ja, es tut mir Leid. Ich wollte nicht aufschneiden.�</p><p>�Er meint was anderes�, sagte Grunthor. �Woher wei�t du, dass er der Bruder ist?�</p><p>�Wessen Bruder?� </p><p>Rhapsody f�rchtete, ohnm�chtig zu werden. Mit jedem Wort, das sie sagte, schien der Schmerz, den er ihr zuf�gte, noch zuzunehmen. Pl�tzlich aber lockerte er den Griff ein wenig und warf dem Partner einen Blick durchs Feuer zu.</p><p>Ihr wieder zugewandt, sagte er: �Ich hoffe f�r dich, dass du nicht auch in Wirklichkeit so dumm bist, wie du tust.� </p><p>�Ich verstelle mich nicht. Ich wei� wirklich nicht, was die ganze Fragerei soll. Muss mir dein Name irgendwas bedeuten?� </p><p>�Nein.� </p><p>�W�rdest du mich dann bitte loslassen?�</p><p>Grunthor kam und hielt sie gest�tzt, als der Mann mit dem schauderhaften Gesicht ihren Arm freigab und damit fortfuhr, ihr Gep�ck zu durchsuchen.</p><p>�Du musst wissen�, sagte Grunthor, �der Trupp, vor dem du Rei�aus genommen hast, ist v�llig harmlos im Vergleich zu dem, was uns im Nacken sitzt. Die Sache ist ernst, Herzchen. Mein Freund will wissen, woher du wei�t, dass er der Bruder ist.�</p><p>�Verzeihung, aber wenn das sein Name ist, habe ich nie zuvor von ihm geh�rt. Ich wollte den Wachen nur weismachen, dass ich eure Schwester bin. Und weil ich nicht l�gen wollte, habe ich euch gebeten, mich zu adoptieren. Wir haben uns wohl missverstanden. Wie gesagt, ich halte mich immer an die Wahrheit. Also, glaubt mir oder t�tet mich, aber zerbrecht bitte nicht meine Instrumente.� </p><p>�Ich schlag hier alles kurz und klein, wenn du mir nicht die ganze Wahrheit sagst. Mag sein, dass du wohlmeinende Eltern hattest. Mag sein, dass du eine Hure gewesen bist und dann ein Gel�bde abgelegt hast. Mag sein, dass dir ein alter Knacker nachstellt, weil er seinen Spa� mit dir haben will. Sag mir jetzt, wer du wirklich bist und wieso du mich bei meinem Namen zu nennen wusstest.� </p><p>�Verratet mir doch erst einmal, wer ihr seid und was ihr mit mir vorhabt.�</p><p>Er musterte sie mit stechendem Blick, zeigte auf den Riesen und sagte: �Das ist Grunthor. Un�bersehbar.� </p><p>�Du kannst mich aber auch �Dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�r nennen�, f�gte der Koloss mit heiterer Miene hinzu. �So jedenfalls hei� ich bei meinen Truppen.�</p><p>Der Scherz zeigte die gew�nschte Wirkung. Der verh�llte Mann schmunzelte sichtlich entspannt. �Du hast mich Achmed genannt; belassen wir�s dabei. Dieser Name ist so gut wie jeder andere�, entgegnete er. �Wer ich bin und was wir mit dir vorhaben, wirst du noch fr�h genug erfahren. Du hast meinen Namen ausgesprochen und ihn dann gegen einen anderen eingetauscht. Das w�rde mich normalerweise nicht weiter st�ren, aber unsere J�ger k�nnen Tote zum Sprechen bringen und werden nichts unversucht lassen, um mehr �ber uns zu erfahren. Die toten Idioten haben bestimmt geh�rt, was du gesagt hast. Wie kommt eine Schlampe wie du eigentlich an so teure Instrumente?�</p><p>Rhapsody massierte ihre Schulter und sp�rte, wie der Schmerz allm�hlich nachlie�. �Ich bin keine Schlampe. Wie schon gesagt, ich studiere Musik und darf mich als S�ngerin Lirinscher Folklore bezeichnen, also als Enwr, wie es richtig hei�t. Ich will aber noch h�her hinaus und mich zu einer Benennerin, einer Canwr, ausbilden lassen. Das ist ein Fach, das nur wenige w�hlen, bringt aber F�higkeiten mit sich, die sehr n�tzlich sind. Vor vier Jahren habe ich mit der Lehre angefangen. W�hrend der ersten drei Jahre war Heiles mein Lehrer, ein renommierter Benenner aus Ostend, der aber seit gut einem Jahr spurlos verschwunden ist. Ich musste meine Studien ganz allein fortsetzen. Just heute Morgen habe ich meine Abschlussarbeit vollendet.�</p><p>�Und wozu bist du jetzt in der Lage?�</p><p>Rhapsody zuckte mit den Schultern und streckte die H�nde dem Feuer entgegen. �Zu allen m�glichen Dingen. S�nger kennen sich vor allem in der Folklore aus. Die besteht unter anderem aus alten Sagen oder �berlieferten Geschichten. Man kann sich allerdings auch auf bestimmte Fachgebiete spezialisieren, zum Beispiel Kr�uterkunde oder Astronomie. Mitunter ist es ein ganzer Zyklus von Liedern, der eine wichtige Geschichte erz�hlt, die sonst verloren ginge.�</p><p>Der Mann, der sich neuerlich Achmed nannte, starrte sie an. �Und mitunter versteht sich deinesgleichen wohl auch auf das Wissen um alte Zauberkr�fte.�</p><p>Rhapsody schluckte nerv�s. Dem eigenen Verst�ndnis nach war Folklore eher eine Religion als eine Wissenschaft. Sie beschrieb, auf welche Weise die Mitglieder ihres Volkes und Berufsstandes Wissen und Einfluss aus den Lehren des Lebens bezogen. Weil nach dem Glauben der Lirin das Leben und Gott ein und dasselbe waren, galt die Anwendung der Folklore als eine Form von Gebet, als eine Art Kommunion mit dem Unendlichen. Aber dieses Thema war ihr zu ernst, als dass sie es mit Fremden, geschweige denn mit diesen beiden h�tte verhackst�cken wollen.</p><p>Sie blickte auf und sah in die be�ngstigend funkelnden Augen, durch die sie sich zu einer Antwort gezwungen w�hnte. </p><p>�Zugegeben, ja, aber das trifft nur auf besonders erfahrene S�nger und Benenner zu. Und die k�nnen auch nur deshalb an den Elementarkr�ften wie Feuer und Wind teilhaben, weil sie sehr genau dar�ber Bescheid wissen und sozusagen deren Geschichte kennen. Das ist �brigens auch ein Grund daf�r, dass unsereins immer die Wahrheit sagen muss. L�gen verf�lschen die �berlieferten Geschichten und machen sie unbrauchbar.� </p><p>Der verh�llte Mann steckte die mit Sackleinen umwickelte Harfe in den Sack zur�ck und zog mit festem Ruck die Kordel zu. �Ich frage dich noch einmal, S�ngerin: Wozu bist du imstande?� </p><p>Rhapsody z�gerte. Der Mann, der anderen als der Bruder bekannt war, hob ihr Gep�ck vom Boden auf und balancierte es auf einem Finger �ber dem Feuer. Offenbar wollte er ihr drohen.</p><p>�Zu nichts Besonderem, au�er dass ich ziemlich viele Balladen und Lieder singen kann. Und ich kenne Kr�uter, die eine bet�ubende Wirkung haben; aber das wird euch wohl kaum beeindrucken, da ihr in dieser Hinsicht anscheinend selbst bestens bewandert seid. Ich kann unruhige Leute zum Schlafen bringen und den Schlaf derer verl�ngern, die schon schlafen, was vor allem jungen Eltern n�tzlich sein kann, die allzu quirlige Kinder haben. Ich kann auch K�rper- und Herzschmerzen lindern, kleinere Wunden heilen, Todkranke tr�sten und ihnen das Sterben erleichtern. Manchmal kann ich auch deren Seelen sehen, wenn sie ins Licht emporsteigen. Ich verstehe mich darauf, mir aus ein paar Stichw�rtern, die man mir zuruft, eine unterhaltsame Geschichte zurechtzureimen. Ich wei�, was wahr ist, und kann, indem ich die Wahrheit ausspreche, Dinge ver�ndern.�</p><p>Rhapsody lie� sich ihr Gep�ck reichen, langte hinein und zog eine verwelkte Blume zum Vorschein. Vorsichtig, die trockenen Bl�tenbl�tter schonend, legte sie die Blume auf die ge�ffnete Handfl�che und sprach von ihr, als st�nde sie in voller Pracht.</p><p>Langsam, aber unwiderstehlich sog die Blume neues Leben ein und bl�hte auf. Grunthor ber�hrte sie mit einer seiner Krallen, und sie federte so elastisch wie ein frisches Gew�chs. Als Rhapsody zu sprechen aufh�rte, erstarb die Blume wieder.</p><p>�Theoretisch k�nnte ich ein ganzes Feld solcher Blumen verwelken lassen, wenn ich denn ihren Untergang beschw�ren w�rde; aber dazu m�sste ich den Namen ihres Todes kennen. So erkl�re ich mir auch, was uns heute Nachmittag passiert ist. Ich habe zuf�llig deinen wahren Namen ausgesprochen � wof�r ich mich recht herzlich entschuldige, aber ich hab�s wirklich nicht absichtlich getan. Daraufhin habe ich dich umbenannt, sodass du jetzt tats�chlich Achmed die Schlange bist, ja, auch deinem Wesen nach. Tut mir Leid, wenn ich mir zu viel herausgenommen habe. Mir war nicht bewusst, dass ich zu so etwas nun schon in der Lage bin. Du bist also mein erster Erfolgsfall.� </p><p>�Das nennt man dann wohl Ironie�, sagte der Mann, den sie Achmed getauft hatte, und verzog das Gesicht. �Fragt sich, an wie viele M�nner du schon dieselben Worte gerichtet hast.�</p><p>�An einen nur�, antwortete sie ohne eine Spur von Beleidigung in ihrer Stimme. �Auch wenn�s mir langsam l�stig wird, wiederhole ich: Ich l�ge nicht, jedenfalls nicht wissentlich.�</p><p>�Sei nicht naiv. Es gibt niemanden, der nicht hin und wieder l�gen w�rde. Wir werden sehen, ob uns dein am�santer Trick hilft oder die Zeit, die uns noch bleibt, verk�rzt.�</p><p>�Willst du mir nicht wenigstens verraten, vor wem ihr davonlauft? Ich habe euch alles �ber mich erz�hlt und bin jetzt hier � wer wei� wo � gestrandet, ohne zu wissen, wer ihr seid, wohin ihr wollt und ob ich wom�glich vom Regen in die Traufe geraten bin. Mir w�re wohler, ich w�sste, ob ich bei euch bleiben oder nicht doch lieber zu den Stadtwachen zur�ckkehren soll.�</p><p>�Glaubst du etwa, frei w�hlen zu k�nnen?� Achmed kehrte ihr den R�cken zu und beriet sich leise mit Grunthor. Allm�hlich lichtete sich der bet�ubende Nebel aus dem Rauch des Feuers und sie dachte an Flucht. Vielleicht w�rde es ihr ja gelingen, zu entkommen und einen Ort zu finden, an dem sie �berleben konnte. Als sie sich daranmachte, ihre Sachen zusammenzupacken, kam Grunthor auf sie zu. Sie blickte auf und bemerkte, dass der andere Mann verschwunden war.</p><p>�Herzchen, du solltest mit uns kommen.�</p><p>�Warum? Wohin?� </p><p>�In Ostend w�rdest du dem Tod in die Arme laufen � oder aber mit unserem speziellen Problem Bekanntschaft machen. Und dann wird es dir nich helfen, zu sagen, dass du mit uns nichts zu schaffen hattest. Man wird dich foltern, bis du auspackst, was du wei�t, oder den Geist aufgibst, je nachdem.� </p><p>�Ich k�nnte eine andere Stadt aufsuchen. Versteckm�glichkeiten gibt es mehr als genug. Besten Dank, ich komme ganz gut allein zurecht.�</p><p>�Wie du meinst, Herzchen, Hauptsache, du gehst weg von hier.�</p><p>�Wo ist der andere hin?� </p><p>�Achmed? Ich glaub, er sucht die Umgebung ab, um sicher zu gehn, dass uns Michael nich auf den Fersen ist.� </p><p>Rhapsody sperrte vor Schreck die Augen auf. �Michael? Der ist hinter uns her?�</p><p>�Schwer zu sagen; m�glich ist�s. Als wir die Stadt verlassen ham, hat er vor der Mauer im Nordwesten kampiert. Wo er wahrscheinlich noch ist, es sei denn, er will was von uns. Aber eigentlich ham wir keine Probleme mit ihm.� </p><p>Nerv�s sah sich Rhapsody im Dunkeln um. �Wohin wollt ihr?�</p><p>�Du k�nntest uns bis zum Wald begleiten, wenn�s recht ist.�</p><p>�Zum Lirin-Forst? Dem Zauberwald?�</p><p>�Ja, so nennt man ihn wohl.�</p><p>�Wolltet ihr nicht die Insel verlassen?�</p><p>Der Riese rieb sich das massige Kinn. �O ja, so ist es, glaub mir. Aber vorher gehn wir in den Wald.� </p><p>�Was habt ihr da zu suchen?�</p><p>�Wir sind auf einer Art Pilgerfahrt, Herzchen, und wollen den Gro�en Baum sehn.�</p><p>Rhapsody staunte. �Die Sagia? Ihr geht zur Sagia?�</p><p>�Ja, wir wollen dem Gro�en Baum der Lirin unseren Respekt erweisen.�</p><p>Ihr Blick verriet Skepsis. �Ihr wollt ihm doch wohl hoffentlich nichts antun? Das w�re ein schwerer Fehler.� </p><p>Grunthor gab sich beleidigt. �Wo denkst du hin?�, sagte er. �Wir wollen vor dem Baum in uns gehn und beten.� </p><p>�Ja dann ...�, sagte Rhapsody erleichtert und schulterte ihr Gep�ck. �Ich begleite euch. Bis zum Wald.� </p><p>�Wie weit schaffst du�s heute noch, was meinst du, Herzchen?�</p><p>�So weit wie n�tig.� </p><p>�Dann bist du besser dran als ich oder mein Freund. Wir wollen uns jetzt ausruhn und unser Nachtquartier aufschlagen. G�nn dir doch auch ein bisschen Schlaf. Wir wecken dich dann rechtzeitig.� </p><p>�Sind wir denn hier in Sicherheit? Vor Michael, meine ich nat�rlich.�</p><p>Der Riese zeigte sich am�siert. �0 ja, vor dem sind wir sicher. Keine Angst.�</p><p>�Ich k�nnte euch bei der Wache abl�sen�, bot Rhapsody an. �Ich habe einen Dolch.�</p><p>Aus dem dunklen Hintergrund meldete sich Achmeds Stimme. �Gut zu wissen. Dass du uns besch�tzt, Rhapsody, wird mich sehr viel ruhiger schlafen lassen. Aber verschon doch bitte alle kleineren Tierchen, die uns anzugreifen versuchen, es sei denn, sie lassen sich essen.�</p><p>In seiner zwischen den Ausl�ufern des Hochlandes versteckten stillen, dunklen Obsidian-Grotte schlug der menschliche Wirt des F�dor seine rot ger�nderten Augen auf.</p><p>Die Kette war zerrissen. </p><p>Langsam richtete sich Tsoltan auf dem blank polierten Katafalk auf, der ihm als Ruhestatt diente. Er fuhr mit den H�nden durch die Dunkelheit und tastete vergeblich nach den losen Enden des metaphysischen Zaumzeugs, mit dem er seine gr��te Troph�e unter Kontrolle gehalten hatte, wovon aber jetzt nichts mehr �brig geblieben war.</p><p>Der Bruder war ihm entwischt.</p><p>In dem Ma�e, da die Wut des D�monenpriesters anschwoll, wurde die Luft um ihn herum immer d�nner und trockener, bis es den Anschein hatte, als drohte sie zu zerbr�seln. Tsoltan stand auf und ging mit z�gigen Schritten durch lange Flure zur Tiefen Kammer hin.</p><p>In seinem Sog spr�hten Funken, die Wandbeh�nge und Altardecken zum Schwelen brachten, so auch die Talare einiger Priester, die das Pech hatten, ihm in die Quere zu kommen. Seine Knechte rangen nach Luft und erzitterten unter dem Eindruck der schwarzen Flammen, die sie als das erkannten, was sie waren, n�mlich ein Vorspiel auf das Drama, mit dem der D�mon Rache �ben w�rde.</p><p>W�tend stieg er die rot ge�derten Marmorstufen zum Hochaltar hinauf, dem Ort der Blutopfer. Der w�hrend des Zweiten Zeitalters in den Nordbergen bei Nain abgebaute gro�e Block aus Obsidian war ehedem Grundstein eines Tempels gewesen, der von den vereinten V�lkern erbaut worden und dem lebendigen Allgott geweiht gewesen war.</p><p>Jetzt thronte dieser Stein auf dem Absatz der m�chtigen kegelf�rmigen Marmortreppe, die hoch in den Turm hinaufragte, wohl bis zur unsichtbaren Spitze. Die Gliederfesseln aus Leder und die metallenen Sammelgef��e zeugten auf groteske Weise vom Wandel der Zeiten. Hier schien der wahre Name des Bruders passend aufbewahrt zu sein. In gewissen Kreisen wurde der Dhrakier, der als Bindeglied zum Volk von Serendair bestimmt war, auch Kind des Blutes genannt.</p><p>Aus gro�en Kohleschalen loderten, als er vor�bereilte, fauchend schwarze Flammen auf, die gespenstisch zuckende Schatten auf die fernen W�nde warfen.</p><p>Vor dem Hochaltar angekommen, z�gerte Tsoltan einen Moment lang. Dann streckte er den Arm aus, fuhr mit zitternden Fingern �ber die in den blanken Steinen eingemei�elten Symbole des Hasses und ertastete die tiefen Rillen am oberen Rand, die spiralf�rmig auf den Messingbrunnen in der Mitte zuliefen. </p><p>Durch diesen metallenen Mund hatte er die gefangene M�rderseele mit dem Blut ihres eigenen Volkes gen�hrt. Und als es fast keine Dhrakier mehr gab, musste das Blut anderer Unschuldiger herhalten, um die einzigartigen Blutsbande, die der Bruder verk�rperte, auch in Gefangenschaft am Leben zu erhalten. </p><p>Auf diese Weise hatte Tsoltan den Bruder nicht zuletzt auch in seinen gro�en Plan einspannen k�nnen. Ihn gegen seinen Willen und im Widerspruch zu seinen Treueversprechen auf Dauer zum Diener zu haben w�re ihm, Tsoltan, ein echter Triumph gewesen. Vor der Gefangennahme seines wahren Namens war der Bruder daf�r bekannt gewesen, dass er sich als Meuchelm�rder seine Auftr�ge selbst aussuchte. Seine Versklavung hatte diesen Ruf zunichte gemacht. So war er zu Tsoltans sch�rfster Waffe und zum wichtigsten Vollstrecker des Plans geworden, der kurz vor seiner Erf�llung stand. Die H�nde des F�dor hielten nun den Rand des Altartisches umklammert. Er murmelte die Eingangsworte in der toten Sprache der Vorzeit, perverse Parolen der Macht, verkn�pft mit der Geburt des Feuers, jenem Element, dem er und seinesgleichen entsprungen waren. Der schwarze Steinaltar gl�hte rot auf, als h�tte sich in seinem Inneren ein Feuer entz�ndet, das den gl�sernen Stein zum Schmelzen brachte. Mit einem scharfen Zischlaut zersprang der Altar in zwei Teile. Tsoltan griff in die Kluft und langte in einen kleinen Hohlraum, den Reliquienschrein, in dem der Name des Bruders steckte. Jener Augenblick, in dem er den Namen zum ersten Mal darin eingeschlossen hatte, war dem F�dor noch lebhaft in Erinnerung; er konnte sich keiner Tat entsinnen, die ihn tiefer befriedigt h�tte.</p><p>Mit der Usurpation des Namens war eine lange, aufw�ndige Suche erfolgreich zu Ende gegangen. Nach monatelanger Folter, die mit ungemein einfallsreichen Mitteln vollzogen worden war, hatte der gr��te Benenner von ganz Serendair dazu gebracht werden k�nnen, den gesuchten Namen niederzuschreiben, und zwar als Noten auf einer Schriftrolle aus uralter Seide. Tsoltan hatte dem Gefolterten die Schriftrolle h�chstpers�nlich aus der erstarrten Hand gezogen und sie liebevoll mit einer wirbelnden Sph�re umgeben, die, aus Feuerlicht geboren, als Schutzkraft diente und durch die Erdumdrehung an Ort und Stelle gehalten wurde. Es war ein so zauberhaftes Gebilde, viel zu sch�n, um es im Altar wegzuschlie�en � eine Notwendigkeit, die ihn so sehr betr�bte, wie ihn die Aneignung gl�cklich gemacht hatte. </p><p>Aber unvergleichlich gr��er war die Trauer, die er jetzt empfand, da der Schrein keine Strahlenkugel mehr enthielt, keine Schriftrolle, nur noch Fetzen von Seide wie die �berbleibsel einer kleinen Explosion. Hastig sammelte Tsoltan die Reste zusammen und suchte darauf nach Spuren der Noten, doch davon war nichts mehr zu sehen.</p><p>Sein Wutgeheul dr�hnte durch die Tiefe Kammer und hallte klirrend von den schwarzgl�sernen W�nden wider. Tsoltans Diener f�rchteten, gerufen zu werden. Wenig sp�ter schlug ihre Furcht in schieren Schrecken um. Sie sp�rten Finsternis �ber sich hereinbrechen, so kalt und klamm, als legte sich ein Nebelschleier auf ihre Schultern.</p><p>Tsoltan rief die Shing zu sich.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Rhapsody durchlitt gerade einen schrecklichen Albtraum, als sich eine schwere, ledrige Hand auf ihren Mund legte. Erschrocken riss sie die Augen auf. Ihr Herz, schon durch den Traum zum Rasen gebracht, pochte so laut, dass sie f�rchtete, ihr w�rde die Brust zerspringen. Doch wie der von Grunthors Hand verwehrte Schrei kam auch das Herz nicht frei, sosehr es auch gegen die Rippen trommelte. </p><p>�Pssst, Herzchen. Nich bewegen, und sei sch�n leise. Verstanden?�, fl�sterte der Riese. Rhapsody nickte, worauf Grunthor seine Hand zur�ckzog.</p><p>Unter ihrem R�cken sp�rte sie den Boden erzittern. Angestrengt lauschte sie in den Wind und glaubte in der Ferne das dumpfe Stampfen galoppierender Pferde zu h�ren. Es war, als preschte ein Heer von Reitern herbei. </p><p>Sie drehte sich auf den Bauch und hielt den Kopf geduckt, um nicht aus der Deckung der dichten Gr�ser hervorzustechen. Das Lagerfeuer war restlos niedergebrannt.</p><p>Grunthor kniete neben ihr und versperrte ihr mit seiner massigen Gestalt den Blick zur Seite. Er zog, offenbar vergn�gt, eine Waffe nach der anderen zum Vorschein, mal hinter der Schulter, mal aus den Stiefelsch�ften, und begutachtete, ein Liedchen summend, jede einzelne Klinge im fahlen Licht des Mondes. Pl�tzlich, �berraschend schnell und lautlos, war er verschwunden. Sie richtete sich suchend auf. </p><p>�Folgsam bist du ja nicht gerade, Rhapsody�, meldete sich unmittelbar �ber ihr Achmeds raue, trockene Stimme. Vor Schreck lie� sie sich ins Gras zur�cksinken, blickte auf, sah aber nichts als Dunkelheit. �Grunthor hat dir doch gesagt, du sollst dich nicht von der Stelle r�hren, um deiner eigenen Sicherheit willen.�</p><p>Sie nahm einen leichten Luftzug wahr und sah einen Schatten aus dem Dunkel hervortreten. Achmed ging neben ihr in die Hocke und sagte: �Aber bitte, wenn�s dir gef�llt, kannst du dich auch als Zielscheibe anbieten. Deine idiotischen Freunde sind im Anmarsch.�</p><p>�Michael?�, hauchte sie mit br�chiger Stimme.</p><p>Aus der Kapuze starrten ihr Achmeds ungleiche Augen entgegen. Dann wandte er sich ab und schaute in die Richtung, die Grunthor eingeschlagen hatte. Es war ein feines Summen wie von Insekten zu h�ren, als sich Achmed ihr wieder zuwandte und heiser fl�sterte: �Seine M�nner. Er selbst ist nicht dabei.� </p><p>�Woher wei�t du das?� </p><p>Er gab einen leisen Laut von sich, der nach Ver�rgerung klang. �Na los, warum stehst du nicht auf, winkst mit den Armen und rufst ihn zu dir? Wenn er da ist, wird er sich bestimmt freuen, dich zu sehen.� </p><p>�Ich, �h... Verzeihung�, stammelte sie fl�sternd und schluckte den Klo� hinunter, der ihr vor Angst in der Kehle steckte. Sie erwartete eine Entgegnung, doch die blieb aus, und als sie aufblickte, war er nicht mehr zu sehen. �Achmed?�</p><p>Eine laue Brise wehte �ber sie hinweg, blies ihr d�rre Grashalme vors Gesicht und spielte mit ein paar losen goldenen Str�hnen. Rhapsody machte die Augen zu und h�rte das entfernte Getrappel lauter werden; die Reiter n�herten sich. Sie wollte die Augen geschlossen halten, blickte dann aber unwillk�rlich zum Himmel auf, um nach Sternen zu suchen, doch der volle Mond �berstrahlte sie alle und lie� den Himmel umso schw�rzer erscheinen. Ihr blieb nichts anderes �brig, als zu warten und zu lauschen. </p><p>Karvolt, Michaels Leutnant, z�gelte sein Pferd, lie� es in einen langsamen Schritt zur�ckfallen und mahnte die anderen per Handzeichen, wachsam zu sein. Das Gras stand hoch und wogte sanft im Wind. Sonst war weit und breit nichts zu sehen. Er sp�rte jedoch, dass sein Wallach z�gerlich wurde, was h�ufig der Fall war, wenn er Gefahr witterte; aber vielleicht war das Tier auch nur m�de und ersch�pft. Von ihrem Befehlshaber und dessen Wut �ber die Flucht der Frau angetrieben, hatte die 20-k�pfige Truppe ein h�llisches Tempo vorgelegt. Jetzt waren die Reiter allesamt zum Stehen gekommen. Karvolt sah sich aufmerksam um und lauschte �ber die Ger�usche hinweg, die von den �berhitzten Pferden seiner M�nner ausgingen. Der Nachtwind fuhr durch sein dichtes Haar und streichelte ihm �ber den Nacken, doch statt den Schwei� zu trocknen, w�hlte er nur kalte Schauer in ihm auf. Er versuchte sie abzusch�tteln. Bis auf das wogende Gras und die im Mondlicht schleichenden Schatten war noch immer nichts zu sehen.</p><p>Er griff mit der Hand unter den Kragen des Kettenhemds, um den l�stigen Sch�rfungen, die sich darunter gebildet hatten, ein wenig Linderung zu verschaffen. Sein Blick richtete sich auf die M�nner. Manche lehnten m�de am Kamm ihres Pferds, andere hatten Wasserschl�uche an den Mund gesetzt und tranken gierig. Karvolt t�tschelte seinen Wallach, der immer noch merklich zitterte. Und wieder schaute sich der Leutnant im weiten Panorama der Dunkelheit um. Nichts.</p><p>�Vorsicht!�, mahnte er leise. Karvolt tat sich schwer mit Worten und sprach nur, wenn es sein musste. </p><p>�Mein Pferd hat Angst. Was ist mit euren?�</p><p>Wie zur Antwort auf die Frage ert�nte aus ihrer Mitte ohrenbet�ubendes Gebr�ll, ein Kriegsschrei, der zu gleichen Teilen aus Wut und Lust, Triumph und Wildheit gemischt war. Mit dem Schrei trat sogleich auch sein Urheber in Erscheinung.</p><p>Das Mondlicht beleuchtete nur einen Teil des Ungeheuers, dieser gewaltigen Ansammlung von Klauen, Sto�z�hnen und Muskelfleisch, verpackt in einer R�stung aus Leder, die ihn wie eine zweite Haut umh�llte. Dieses Unget�m wetzte zwei gl�nzende Schwerter aneinander, richtete sich zur vollen Gr��e auf, warf den Kopf in den Nacken und fing auf eine Art zu lachen an, die nicht weniger f�rchterlich war als der Schrei zuvor.</p><p>Wie von ein und derselben Peitsche geschlagen, b�umten sich alle Pferde auf. Sie warfen die Reiter ab wie l�stiges Geschmei�, stampften kreischend umeinander oder w�lzten sich wie von Sinnen am Boden, was den M�nnern, die unter ihre zuckenden Leiber gerieten, schlecht bekam. Dann suchten die Pferde ihr Heil in der Flucht und stoben in panischer Hast auseinander. Ein Soldat, der das Pech hatte, sich im Steigb�gel verfangen zu haben, wurde durch das Gras davon gezerrt. Seine qualvollen Schreie brachen pl�tzlich ab, noch ehe die Pferde verschwunden waren.</p><p>�Das w�re dann wohl ein einm�tiges Ja auf meine Frage von vorhin�, sagte Karvolt, der sich vom Boden aufgerichtet hatte und keuchend in die Runde blickte.</p><p>Was nun auf ihn zukam, sah aus wie ein in Bewegung geratenes St�ck Nacht. Als es n�her r�ckte, erkannte er, dass es sich um einen Mann handelte, eingeh�llt in einen Umhang mit gro�er, verschleierter Kapuze; wie ein omin�ser Windhauch strich er n�her kommend �ber das Feld. Karvolt wich zur�ck, stolperte dabei �ber den zerschmetterten K�rper eines seiner M�nner und langte mit zitternder, verschwitzter Hand nach dem Schwert.</p><p>Er warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck, sah einen Sattel unter Satteltaschen am Boden liegen, leider aber ein paar Schritte zu weit entfernt, um auf die Schnelle dahinter in Deckung gehen zu k�nnen. Zur Linken h�rte er eine Klinge niedersausen, die ekligen Ger�usche fallender K�pfe und Leiber und das laute Lachen des Riesen, der die Klinge f�hrte.</p><p>Sosehr er auch am ganzen K�rper zitterte, versuchte Karvolt Haltung zu bewahren. Seine M�nner aber hatten den Kampf um Selbstbeherrschung verloren und nahmen Rei�aus, was sie indes nicht davor bewahrte, von dem unabl�ssig kichernden Koloss enthauptet oder abgestochen zu werden. In seinen finstersten Albtr�umen und blutigsten Schlachten an der Seite Michaels hatte er nichts dergleichen erlebt. Er suchte festen Stand, straffte die Schultern und hob das Schwert.</p><p>Wer von den Soldaten noch dazu in der Lage war, versuchte daraufhin seinem Beispiel zu folgen und die l�hmende Angst zu �berwinden. Ohne die Schattengestalt aus den Augen zu lassen, deren Umhang im Wind flatterte, wich Karvolt langsam weiter zur�ck.</p><p>Der Mann kam leichtf��ig n�her, hielt kurz vor jedem gefallenen Soldaten an, entwaffnete diesen und parierte l�ssig letzte, verzweifelte Attacken gegen ihn. Zwar ahnte Karvolt, dass sich seine M�nner nach besten Kr�ften wehrten, doch es schien ihm, als w�rden sie dem Schattenmann ihre Waffen freiwillig aush�ndigen. Der bewegte sich derma�en schnell, dass Karvolt mit den Augen kaum folgen konnte. So blieb es ihm zum Teil erspart, mit ansehen zu m�ssen, wie seinen M�nnern, einem nach dem anderen, ein Dolch � scheinbar respektvoll, ja, geradezu freundlich gef�hrt � durch die Kehle fuhr oder durchs Ohr in den Kopf eindrang.</p><p>Einem Engelwesen gleich bewegte sich der Mann zwischen den am Boden liegenden Soldaten. Einem bot er seine ausgestreckte Hand wie einem Gef�hrten, entwand ihm im Handumdrehen das Schwert, um es sogleich zur�ckzugeben � mit der Spitze voran durch die Achselh�hle in die Brust. Mit fast z�rtlicher Geb�rde legte er einem anderen den Nacken frei und bef�rderte ihn so schnell und umstandslos aus dem Leben, dass Karvolt nur staunen konnte. Michael, der sich selbst Wind des Todes nannte, h�tte hier erleben k�nnen, was diesem Namen in Wahrheit alle Ehre machte. F�r Karvolt schien die Zeit stehen zu bleiben, als ihm auf geradezu tr�stliche Weise bewusst wurde, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. In seinem entr�ckten Geisteszustand gewahrte er, wie angespannt die Haut rings um die Augen und zwischen den Brauen war. Er ahnte, dass sich sein Gesicht unter dem Eindruck schieren Entsetzens zu einer solchen Fratze verzerrt hatte, wie sie ihm schon etliche Male in Gestalt seiner Opfer zu Gesicht gekommen war. Und doch empfand er nicht die Angst, die durch sie zum Ausdruck kam.</p><p>Als der Verh�llte auch den letzten seiner Kameraden ins Jenseits bef�rdert hatte und schlussendlich ihm entgegentrat, hatte sich Karvolt im Grunde schon ergeben. Alle Erfahrung aus vielen Jahren m�rderischer Schlacht war jetzt, angesichts des Todes, wie weggewischt.</p><p>Unter Aufbietung seiner letzten Willenskr�fte schwang Karvolt die vom Vater geerbte Triatine, ohne dass er sich Hoffnung darauf machte, dem Gegner widerstehen zu k�nnen. Stolpernd st�rzte er r�cklings zu Boden, und schon war die Schattengestalt �ber ihm. Karvolt w�hnte sich mit Wohlwollen betrachtet, obwohl er die von der Kapuze verh�llten Augen gar nicht sehen konnte. Eine d�nne, eisenharte Hand legte sich um das Heft seiner Waffe. Die Stimme, die ihm ins Ohr fl�sterte, war sanft und h�flich. </p><p>�Du erlaubst.� </p><p>Als es um ihn herum noch dunkler wurde, sp�rte Karvolt, wie ihm die schlanke, dreischneidige Klinge der entschwundenen Triatine durch die Brust drang, und er wunderte sich nur noch �ber das Ausbleiben jeglichen Schmerzes und dar�ber, wie m�helos und leicht der Schatten den Stahl aus seinem zur�cksackenden K�rper wieder hinauszog. Von den R�ndern des Gesichtsfeldes ausgehend, tr�bte sich sein Blick. Dann h�rte er nur noch Bruchst�cke eines kurzen Wortwechsels zwischen seinem Henker und dem Riesen.</p><p>�Den hast du ja richtig lange zappeln lassen.�</p><p>�Er hat eine interessante Waffe. Ein sch�nes Sammlerst�ck f�r dich.�</p><p>Als Grunthor an den Lagerplatz zur�ckkehrte, fand er Rhapsody genau so vor, wie er sie verlassen hatte: reglos und mit starren Blick nach oben. Er stie� einen von Michaels toten Soldaten zur Seite, der unmittelbar neben ihr zu Fall gekommen war, streckte ihr seine Riesenhand entgegen und half ihr auf die Beine. </p><p>�Alles in Ordnung, Herzchen?�, fragte der Bolg und musterte ihr Gesicht, als sie mit ausdrucksloser Miene auf das Schlachtfeld starrte. Rhapsody nickte. Sie zitterte am ganzen Leib und rieb sich, als fr�stelte sie, mit den H�nden �ber die Oberarme. Ansonsten aber zeigte sie keine Regung. </p><p>�Darauf kannst du dir was einbilden�, sagte Achmed, und seinem Tonfall war zu entnehmen, dass er grinste. �Die sind offenbar dem Motto gefolgt: Dich sehen und sterben.�</p><p>Rhapsody gingen zwischen den Toten umher und blieb schlie�lich vor Karvolts Leiche stehen. Die beiden M�nner sahen, wie sich ihr schlanker R�cken kerzengerade versteifte. Nach einer Weile hockte sie sich nieder und drehte den Leichnam, bei den Schultern gepackt, herum, um das Gesicht besser erkennen zu k�nnen. Und dann war ihr f�rmlich anzusehen, wie sich eine Welle aus Wut und Abscheu in ihr aufbaute.</p><p>Sie sprang auf und versetzte dem Kopf des Toten einen deftigen Tritt mit dem Fu� und gleich darauf einen zweiten und dritten, der noch wuchtiger war. Zwischen flachen Atemst��en spukte sie Fl�che aus, wie sie obsz�ner nicht h�tten sein k�nnen.</p><p>Grunthor war sichtlich beeindruckt und grinste �bers ganze Gesicht. �Sapperlot! Ich h�r wohl nich richtig. Mir scheint, sie kennt den Burschen.�</p><p>Achmed schmunzelte. �Wie kommst du darauf? Sieh zu, wie du sie wieder beruhigst. Wir m�ssen weiter.� </p><p>Der Rauch des Fr�hst�cksfeuers hing schwer in der dr�ckenden Morgenluft und mischte sich unauff�llig mit dem aufsteigenden Nebel, was Achmed gut zupass kam. Um sich die Beine zu vertreten, war das M�dchen kurze Zeit vorher zu einem Spaziergang aufgebrochen. Obwohl er sie nicht sehen konnte, sp�rte er doch ihren Herzschlag, der ruhig und gleichm��ig war und ihm die Sicherheit gab, dass sie an Flucht nicht einmal dachte. Er sch�rte das Feuer und r�hrte den klumpigen Brei, der in einem Topf dar�ber garte.</p><p>Die Worte, mit denen sie sich verabschiedet hatte, waren die ersten gewesen, die sie nach langem, die ganze Nacht hindurch anhaltendem Schweigen von sich gegeben hatte. Grunthor hatte sich w�hrend des n�chtlichen Marsches mehrfach nach ihrem Befinden erkundigt, was ihm jedes Mal mit einem h�flichen Kopfnicken quittiert worden war. An ihrem starren Blick glaubte der Riese ablesen zu k�nnen, dass sie immer noch unter Schock stand, doch Achmed vermutete, dass sie im Geiste alte Pfade beschritt, Pfade, die rauer waren als die steinigen Felder, die vor ihnen lagen. Wie auch immer, ihm war die eine wie die andere Erkl�rung ziemlich egal.</p><p>Allerdings legte er Wert darauf, Rhapsody auch weiterhin in seiner Begleitung zu wissen. Das hatte er schon beim Aufbruch aus Ostend so gesehen, und inzwischen war er sogar �berzeugt davon, dass sie ihm noch n�tzlich sein mochte. Seine Sicherheit sah er nicht durch sie gef�hrdet, und dass sie Probleme mit dem Luftverschwender hatte, k�mmerte ihn nicht weiter. F�r ihn z�hlte nur eins: dass er �ber sie die Chance wahrte, in Erfahrung zu bringen, was mit seinem Namen geschehen war.</p><p>Von dem unsichtbaren Sklavenjoch, das er unter dem Einfluss des F�dor hatte tragen m�ssen, war er jedenfalls befreit, das sp�rte er. Es war genau in dem Augenblick von ihm abgefallen, als Rhapsody ihn in jener dunklen Seitengasse von Ostend auf ihre mysteri�se Weise angesprochen hatte. Mehr noch, sie hatte nicht nur seinen Rufnamen ge�ndert, sondern einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht. So viel Macht in der Hand eines M�dchens, das ansonsten einen leicht verr�ckten Eindruck machte, fand er dann doch sehr gef�hrlich. Wer den Willen des F�dor zu beugen vermochte, hatte offenbar in der Tat ungeheuere M�glichkeiten. Eine Verr�ckte mit Macht. <emphasis>Fabelhaft,</emphasis> dachte Achmed schnaubend. </p><p>Auf sein Erbe schien sich der Namenswechsel allerdings nicht ausgewirkt zu haben. Nach wie vor h�rte er die Herzen von Millionen schlagen, in seinen Tr�umen und in jedem wachen Augenblick, so wie immer seit seiner Geburt.</p><p>Was seine neue Identit�t im Einzelnen ausmachte, w�rde sich noch zeigen m�ssen. Auch darum war es unerl�sslich, dass sie bei ihm blieb, wenigstens bis zur Ankunft an ihrem gemeinsamen Bestimmungsort. Er brauchte v�llige Klarheit und konnte keine offene Frage dulden. Vor seiner Versklavung war der Bruder nicht nur Herr �ber sein eigenes Schicksal gewesen, sondern auch �ber das all derer, die er sich erw�hlte. Wom�glich hatte die Benennerin ihn durch ihr Tun in diesen Stand zur�ckversetzt � oder auch nicht. Er tappte im Dunkeln. Andere w�ren gl�cklich �ber ihre Rettung gewesen; Achmed war blo� ver�rgert.</p><p>In der Ferne h�rte er zarte, helle T�ne im auffrischenden Morgenwind erklingen, T�ne, die das ewige Pochen in seinem Blut ertr�glicher machten und Klarheit in seine Gedanken brachten. Das M�dchen hatte zu singen angefangen. Gelbrotes Sonnenlicht durchbrach das dunkle Himmelsblau und lie� den Dunst aus Rauch und Nebel aufleuchten. Er drehte sich um und schaute zu Grunthor, der gerade erwacht war und in die Richtung blickte, die das M�dchen wie in Trance eingeschlagen hatte. Der Riese sch�ttelte den Kopf, als wollte er den Schlaf absch�tteln, und begegnete dem Blick des Gef�hrten.</p><p>�Was ist das?� </p><p>Der Mann, der jetzt Achmed, die Schlange hie�, r�hrte den scharf riechenden Brei kr�ftig durch. </p><p>�Sie h�lt Andacht.� </p><p>�H�?� </p><p>Er klopfte den L�ffel am Topfrand ab. �Sie ist eine Liringlas, eine Himmelss�ngerin, also eine von denen, die den Auf- und Niedergang der Gestirne besingen.�</p><p>Der Riese grinste breit. �Wie lieblich. Was du nich alles wei�t. Woher?�</p><p>Achmed zuckte nur mit den Schultern. Dhrakier und Lirin unterhielten von alters her enge Beziehungen. Den Riesen �ber Einzelheiten aufzukl�ren war ihm jetzt nicht wichtig genug. Wenig sp�ter war das sch�ne Lied verklungen, und das wohlige Empfinden, das es mit sich gebracht hatte, ging wieder verloren. Als Rhapsody ins Lager zur�ckkehrte, hatte sich Achmeds verh�llte Miene wieder verfinstert. Sie aber zeigte sich wie verwandelt, gut gelaunt, fast heiter. </p><p>�Guten Morgen�, gr��te sie l�chelnd.</p><p>Grunthor erwiderte ihr L�cheln. �Morgen, Herzchen. F�hlst du dich besser?�</p><p>�Ja, danke. Guten Morgen, Achmed.� Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm sie neben ihrem Gep�ck Platz und �ffnete die Lederriemen. �Vielen Dank f�r ... euren Beistand letzte Nacht.� </p><p>Die Sonne zerschnitt den Horizont in ihrem R�cken und �berflutete sie mit rosig goldenen Strahlen, die ihre Haare aufleuchten lie�en. Sie nahm ein St�ck Brot aus der Westentasche und klopfte die Krumen von den langen �rmeln der wei�en Musselinbluse, die von Gras und Erde ganz dreckig geworden war. Mit ausgestreckter Hand bot sie den anderen an, das Brot mit ihr zu teilen, worauf diese aber kopfsch�ttelnd verzichteten.</p><p>�Beeil dich�, sagte Achmed und l�ffelte Brei in zwei verbeulte Blechn�pfe. �Wir haben heute noch eine weite Strecke zur�ckzulegen.�</p><p>Rhapsody h�rte pl�tzlich zu kauen auf und schluckte, was ihr sichtlich M�he machte. �Wir? Heute? Was soll das hei�en?� Wortlos reichte Achmed dem Riesen einen der beiden N�pfe und fing selbst zu essen an, ohne auf ihre Frage geantwortet zu haben. �Michaels Leute sind doch alle tot, wenn ich mich richtig erinnere.� </p><p>Der Dhrakier senkte seinen Napf. �Seid ihr Benenner alle so voreilig in euren Vermutungen? Er hat viele M�nner. Der Trupp von gestern war nur eine kleine Abteilung. Glaubst du wirklich, das w�re schon alles, was er aufzubieten hat?� Er ignorierte Grunthors Blick, der ihn von der Seite traf, und l�ffelte weiter. </p><p>Rhapsody wurde ganz blass im Gesicht; ihre Miene aber blieb ruhig und gelassen. �Wie weit ist es bis zum Baum?� </p><p>�Nicht ganz zwei Wochen, wenn das Wetter mitspielt und die Strecke frei bleibt.�</p><p>Wieder nickte die S�ngerin. �Und ihr wollt immer noch, dass ich mit euch komme?�</p><p>Achmed holte mit dem Zeigefinger die letzten Breireste aus den Tiefen des Napfes, schleckte sie ab und putzte dann, ehe er ihn zu seinen Sachen steckte, den Napf und das �brige Geschirr mit einem Grasb�schel sauber. Erst als er sein Gep�ck geschultert und seine Waffe unter den schwarzen Umhang gesteckt hatte, antwortete er: �Wenn du mit uns Schritt halten kannst und keine dummen Fragen stellt, werde ich dar�ber nachdenken.�</p><p>Sie legten ein brutales Tempo vor, marschierten in langen Streckenabschnitten, mal bei Tage, mal bei Nacht, und g�nnten sich kaum eine Rast. Achmed bestimmte, wann und in welcher Richtung es weiterging; Rhapsody hatte den Eindruck, als folgte er einem inneren Sinn, der ihn vor Gefahren warnte. </p><p>Manchmal hielten sie sich stundenlang versteckt, um Fremde, die des Wegs kamen, passieren zu lassen. Solche Pausen nutzte sie zum Schlafen, wusste sie doch nie, wann sich die n�chste Gelegenheit dazu bieten w�rde. Wenn es Achmed f�r richtig erachtete, marschierten sie auch manchmal einen ganzen Tag lang durch. Die M�nner waren ein schnelles Tempo gewohnt. Anfangs tat sich Rhapsody noch etwas schwer, aber nach einer Woche war sie gut in Schwung und ebenso flink auf den Beinen. </p><p>Schlie�lich, gegen Mittag des zw�lften Tages, zeigte Achmed nach S�den und blieb stehen. Mit dem Riesen tauschte er ein paar getuschelte Worte in einer Sprache, die Rhapsody au�er zwischen den beiden nirgends sonst je geh�rt hatte.</p><p>Grunthor wandte sich ihr zu und fragte: �Na, Herzchen, wie sieht�s aus? Schaffst du jetzt auch noch ein Dauerlaufchen �ber zehn Meilen?�</p><p>�Einen Dauerlauf? Es wird Zeit, endlich mal wieder eine Rast einzulegen. Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten.� </p><p>�Das hab ich bef�rchtet. Sei�s drum, na, komm.� Er ging in die Hocke und klopfte sich auf die Schulter. Rhapsody starrte ihn verwundert an; sie war vor Ersch�pfung ganz verwirrt und brauchte eine Weile, bis sie verstand, dass er sie auf den Schultern tragen wollte, was ihr �berhaupt nicht gefiel. Allein der Anblick der vielen Hefte und Klingen, die, in verschiedenen Schlingen und Scheiden steckend, seinen R�cken kreuzten, lie� sie erschauern.</p><p>�Nein, tut mir Leid, das kann ich nicht.�</p><p>Nun wandte sich auch der Verh�llte ihr zu. Er war merklich ver�rgert und sagte: �Wir sind fast am Ziel. Du hast die Wahl: Sollen wir dich hier zur�cklassen, oder willst du Grunthors Angebot nicht doch lieber annehmen? Die W�lder sind schon zu sehen � nicht aber diejenigen, die sie verteidigen. Wir leben in gef�hrlichen Zeiten. Diese Burschen gehen kein Risiko ein und fackeln nicht lange, wenn Fremde an ihren Au�enposten vorbeikommen.�</p><p>Rhapsody blickte sich um. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war, und sah auch keinen Wald. W�hrend des so �beraus anstrengenden Marsches hatte sie schon mehrmals in Erw�gung gezogen, zur�ckzubleiben und die beiden ziehen zu lassen, in der Hoffnung, mit ein wenig Gl�ck auf angenehmere Weggef�hrten zu treffen. Aber wie schon zuvor musste sie sich auch jetzt eingestehen, dass sie den beiden ihr Leben verdankte und sich in ihrer Gesellschaft zumindest sicher f�hlen konnte. Also schluckte sie ihr Unbehagen hinunter und stimmte zu. �Na gut, aber zuerst versuche ich�s auf eigenen Beinen.� </p><p>�Wie du meinst, Herzchen. Wenn du m�de bist, sag mir Bescheid.�</p><p>Sie verdrehte die Augen. �M�de bin ich schon seit Tagen. Ich melde mich, wenn ich nicht mehr weiter kann.� </p><p>�Einverstanden�, sagte der Riese.</p><p>Der Mond nahm ab. Von einem Hof aus blutrotem Dunst umgeben, schwebte er �ber den Horizont wie ein stummer Zeuge der vom F�dor gestellten Szene.</p><p>Der hatte aus der Tiefe des dunklen Tempels einen Ruf ert�nen lassen, der durch den massigen steinernen Turm gedrungen war und nun schwarz am n�chtlichen Himmel stand.</p><p>Der hoch aufragende Obelisk war ein architektonisches Wunder, ein Meisterwerk der Zusammenarbeit von Mensch und Natur. Tausende von Tonnen aus Basalt und Obsidian schwangen sich auf in die Dunkelheit �ber der gut versteckten H�hle in den Kammlagen des verbotenen Gebirges im Norden von Serendair. Als Turm der Mammutfestung, der tief unter der Oberfl�che sein Fundament hatte, durchstach der schwarze Monolith die vom Wind zerrissene Wolkendecke, reckte sich mit geradezu hochm�tigem Stolz in den Himmel und lief in einer Spitze aus, in die das Abbild eines einzelnen Auges eingraviert war. Kaum hatte der F�dor seinen Gesang angestimmt, l�sten sich die in der feuchten Luft rings um die Turmspitze h�ngenden Nebelschleier auf. Das Auge machte sich bereit. Die uralte Beschw�rungsformel, vor dem Altar des Blutopfers intoniert, war einer l�ngst ausgestorbenen Sprache entlehnt; sie stammte aus der fernsten Vorzeit, in der die Elemente des Universums geboren worden waren. In ihr kam die urspr�nglichste aller Verbindungen zum Ausdruck: die Verwandtschaft zwischen dem Element des Feuers und der aus ihm hervorgegangenen Rasse der F�dor. </p><p>Die wenigen noch lebenden F�dor � jene gespenstischen Wesen von habgieriger, neidischer Natur � trachteten danach, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Wie das Feuer, dem sie entstammten, hatten die F�dor keinen festen K�rper und zehrten wie Flammen von Brennstoff � von einem Wirt, der unweigerlich zugrunde ging.</p><p>Der D�monengeist, der sich Tsoltans, des Hohepriesters der G�ttin der Leere, bem�chtigt hatte, war langsam und geduldig zur Macht aufgestiegen. Im feurigen Bauch der Erde geboren, hatte er diesen Aufstieg von langer Hand und Schritt f�r Schritt geplant und mit viel Bedacht seine jeweiligen Wirte ausgew�hlt, von denen er nach Lust und Verlangen schmarotzte.</p><p>Die ersten Wirte waren noch schwach und einf�ltig gewesen. Nach und nach wechselte er auf m�chtigere St�tzen �ber, gab sich aber auch ihnen nicht zu erkennen. Die Inbesitznahme von Tsoltan war ein ausgesprochener Gl�cksfall gewesen. Der hatte zu diesem Zeitpunkt sein Priesteramt gerade erst angetreten und verlieh ihm doppelte Kraft, zumal er selbst ein zweigeteiltes Leben f�hrte, n�mlich zum einen als Mensch unter Menschen, zum anderen als D�mon im Schattenreich des schwarzen Feuers. </p><p>Doch nichts davon gab ihm die Macht �ber den Bruder zur�ck.</p><p>Vom Sockel des Turms stieg Nebel in die sommerlich schw�le Luft des Nachthimmels auf. Hei�er Dampf wallte und tanzte im heller werdenden Mondlicht und nahm allm�hlich menschliche Gestalt an. Zuerst war es nur eine, aber zu ihr gesellten sich immer mehr, bis schlie�lich eine Vielzahl schimmernder Gestalten das starrende Auge in der Spitze des Obelisken umringte. Sie waren alle wie der Bruder gekleidet, doch an Stelle von Gesichtern zeigte sich nur Schw�rze im Ausschnitt der Kapuzen. Die Gew�nder aus Nebel schienen an d�rren Gerippen zu h�ngen, die aber, je l�nger der Gesang andauerte, scheinbar Fleisch ansetzten, sehnige Muskeln und flammende Klauen ausbildeten � Zeichen der d�monischen Kraft, die sie gebar: die tausend Augen der F�dor, der Shing. Tief unten in der riesigen Grotte sah Tsoltan dem Schauspiel durch das Obeliskenauge zu und bebte vor Anstrengung und Freude. Die Gestalten schwebten reglos in der Luft und sogen die Hitze auf, die er ihnen auf eigene Kosten an Kraft zuteil werden lie�.</p><p>In den leeren Kapuzen war hin und wieder ein Glimmern zu sehen, Widerspiegelungen des Mondlichts vielleicht, wohl eher aber Reflexionen der Linse des riesigen Auges, das sie nun bildeten. Wie ihr Meister ein Pendler zwischen zwei Welten, waren die Shing soeben aus dem Reich der Geister auf die Ebene der Fleisch gewordenen Menschen hin�bergewechselt � und warteten. Sie waren fl�chtig wie der Wind, aber nicht so unstet: Einmal auf ein Opfer angesetzt, verfolgten sie es so unnachgiebig wie die Zeit und unerbittlich wie der Tod.</p><p>Tsoltan klammerte sich am Rand des Altars fest. Seine Kr�fte nahmen ab wie der Mond �ber den Feldern. Gleich w�rden sich seine tausend Augen auf den Weg machen und alle Winkel der Welt absuchen, bis sie ihre Beute endlich gefunden h�tten. Und dann w�rde Entsetzliches zu erwarten sein. Der D�monenpriester konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten, sosehr hatten ihn die Shing geschw�cht. Tsoltan fragte sich, ob denn der Bruder seinen Opfermut �berhaupt zu w�rdigen vermochte. Er knickte in den Knien ein, prallte mit dem Kopf auf den Boden, schlug sich die Brauen auf und befleckte das schwarze Gestein mit seinem Blut.</p><p>�Der Bruder�, fl�sterte er winselnd. �Findet ihn!�</p><p>Tsoltan, der Hohepriester, halb Mensch, halb D�mon, w�lzte sich auf den R�cken und starrte in die Finsternis nach oben, wo in schwindelnder H�he und unter dem Blick des einzelnen Auges tausend Shing mit dem Wind davonschwirrten.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Aus Gr�nden der Sicherheit verzichteten sie meist auf ein Lagerfeuer. Wenn denn mal ausnahmsweise eines brannte, r�ckte Rhapsody zum Schlafen m�glichst nahe heran. Zwar hielt die hochsommerliche Hitze bis tief in die Nacht vor, doch war ihr der Rauch und das knisternde Holz eine tr�stliche Erinnerung an ihr Zuhause, das sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte.</p><p>In der N�he des Feuers ver�nderten sich die Stimmen, die sie im Traum h�rte. Sie wiederholten nicht l�nger die h�hnischen Worte Michaels und seiner Bande, sondern riefen gl�ckliche Erinnerungen aus l�ngst vergangenen Zeiten in die Gegenwart zur�ck, wenn auch nur f�r kurze Augenblicke. Dann schwand alle Furcht, und ihr wurde wohl ums Herz.</p><p>�Mama, erz�hl mir von dem gro�en Wald.�</p><p>�Aber zuerst steigst du in den Waschzuber. Komm, halt dich an meiner Hand fest.� Seifenblasen schimmerten im Schein des Feuers, zogen schwebend bunte Schlieren und zerplatzten vor dem l�chelnden Gesicht der Mutter.</p><p>Das Wasser war so warm wie die vom Herd geheizte Luft. �Was hast du mir diesmal ins Bad gegeben?� </p><p>�Setz dich ganz rein. Lavendel, Zitronenmelisse, Hagebutte, Schneefarn...�</p><p>�Schneefarn? Kann man den auch essen?�</p><p>�Nat�rlich. Was glaubst du, warum das Wasser wohl so hei� ist? Ich bade dich nicht, ich bereite eine leckere Suppe vor.� </p><p>�Ach Mama, zieh mich nicht auf. Erz�hl mir doch bitte von dem Wald. Sind die Lirin, die darin leben, so wie wir?� </p><p>Die Mutter hockte sich auf die Fersen, verschr�nkte die blo�en Arme und lehnte sich r�cklings an den Zuberrand. Ihre Miene wirkte heiter entspannt, doch um die Augen lag ein Schatten, wie immer, wenn sie mit den Gedanken in die Vergangenheit zur�ckkehrte. </p><p>�Im Gro�en und Ganzen, ja. Sie sehen uns �hnlich, �hnlicher jedenfalls als die Menschen. Allerdings haben sie eine etwas andere Hautfarbe.�</p><p>�Inwiefern?� </p><p>�Sie ist abgestimmt auf ihre Umgebung, den Wald, w�hrend unsere Hautfarbe besser zu unserem Himmel passt und den Feldern, die wir, die Liringlas, bestellen.� Mit sanftem Nachdruck l�ste sie der Tochter die Schleife aus dem Haar. �Wenn du im Wald leben w�rdest, w�ren zum Beispiel deine sch�nen goldenen Haare wahrscheinlich braun oder rostrot, so auch deine gr�nen Augen. Deine Haut w�re dunkler, weniger rosig. Kurzum, du w�rdest zwischen all den Str�uchern und B�umen weniger schnell auffallen.� Ein Schwall warmen Wassers ergoss sich �ber den Kopf des M�dchens.</p><p>�Mama!� </p><p>�Entschuldige, aber was zappelst du auch so?�</p><p>�Gibt�s unter den Wald-Lirin auch kleine M�dchen?�</p><p>�Nat�rlich. Und kleine Jungs. Frauen und M�nner, H�user und St�dte, die allerdings etwas anders sind als unsere.� </p><p>�Ob ich die wohl eines Tages zu sehen bekomme? Werde ich ein Bl�tejahr haben und wie du damals in den Wald gehen d�rfen?�</p><p>Sie f�hlte ein sanftes Streicheln �ber die Wange, und die Mutter blickte noch ein bisschen trauriger drein. �Wir werden sehen. Wir leben unter Menschen, Kind; hier ist unser Zuhause. Deinem Vater w�rde es nicht gefallen, wenn du den Gebr�uchen meiner Familie folgtest und uns f�r so lange Zeit verlie�est. Und wer k�nnte ihm das nicht nachempfinden? Denn was sollten wir nur anfangen ohne unser M�dchen?� </p><p>�Unter den Lirin w�re ich doch sicher, oder? Sie w�rden mich doch nicht etwa daf�r hassen, dass ich halb Mensch bin?� </p><p>Die Mutter schaute weg. �Niemand wird dich hassen. Niemand.� Sie breitete das gro�e Badetuch aus. </p><p>�Komm, steh jetzt auf. Und Vorsicht beim Aussteigen.� Ein k�hler Luftzug, das grobe Tuch auf nasser Haut. Dann das warme, weiche Nachthemd, das sie umh�llte, und die Arme der Mutter. �Setz dich auf meinen Scho�, ich will dir die Haare k�men.�</p><p>�Erz�hl mir vom Wald, bitte.�</p><p>Ein tiefer, melodischer Seufzer. �Er ist weiter als das Auge reicht, unvorstellbar gro�, voll von D�ften und Ger�uschen des Lebens. Du kannst dir im Traum nicht ausmalen, wie vielf�ltig allein die Farben der B�ume sind, die dort wachsen. In allen Lebewesen klingt ein Lied, das Lied des Waldes. Die Menschen nennen ihn den Zauberwald, weil ihnen vieles von dem, was darin w�chst und lebt, fremd ist. Die Lirin aber kennen den Wald bei seinem wahren Namen: Yliessan, das hei�t der heilige Ort. Falls du jemals nicht mehr weiter wissen solltest, wirst du im Wald willkommen sein, denn du bist ja von Lirinscher Abstammung.�</p><p>Das Knistern des Feuers, der flackernde Flammenschein auf dem Haar der Mutter. �Erz�hl mir von Windershins Bach, vom Teich der Herzenssehnsucht und vom Graufluh. Und von dem Baum, Mutter, erz�hl mir von der Sagia.�</p><p>�Du kennst die Geschichten doch besser als ich.�</p><p>�Bitte...� </p><p>Durchs Haar fahrende Finger, die kratzenden Zinken des Kamms. �Na sch�n, ich erz�hl dir von der Sagia, und danach halten wir Andacht.</p><p>Der Gro�e Baum w�chst im Herzen des Waldes Yliessan, im n�rdlichen Bogen. Er ist so hoch, dass man die unteren Zweige kaum erkennen kann. Den Wipfel, der bis zum Himmel reicht, sieht nur ein Vogel. </p><p>In den Legenden hei�t es, dass er genau an dem Ort steht, wo die Zeit einst ihren Anfang nahm und wo das Licht der Sterne zum ersten Mal auf die Erde traf. Die Sagia ist uralt, sie bezieht ihre Kraft aus der Zeit. Man nennt sie bisweilen auch �Eiche der tiefen Wurzeln�, denn ihre Wurzeln erstrecken sich bis zu den anderen Orten der Erde, an denen die Zeit ihren Anfang nahm.</p><p>Es hei�t, dass die Stammwurzel die Erdachse bildet und dass sich die kleineren Wurzeln �ber das gesamte Inselreich ausgebreitet haben und alles, was auf ihr w�chst, zusammenhalten. Zumindest trifft das auf den gro�en Wald zu, da bin ich mir ganz sicher. Es ist die Kraft der Sagia, die das Yliessan-Lied hervorbringt und den Wald sch�tzt. Und nun komm, Kind, die Sonne geht schon unter.� </p><p>K�hler Abendwind, am Horizont ein Streifen tintenschwarzer Wolken; der blassblaue Himmel, darin der helle Stern, dessen Schein sich �ber Felder, T�ler und das sanft geschwungene H�gelland legt. Dann die klare, liebliche Stimme der Mutter und der noch unbeholfene Versuch, den Klang zu imitieren. Eine einzelne Tr�ne auf der zarten Wange der Mutter.</p><p>�Sehr sch�n, Kind; du lernst schnell. Kennst du den Namen des hellen Sterns?�</p><p>�Nat�rlich, Mama, das ist Seren. Nach ihm ist unser Land benannt.�</p><p>Der Mutter herzliche Umarmung. �Das ist auch dein Stern, Kind. Unter ihm hast du das Licht der Welt erblickt. Wei�t du noch, was in unserer Sprache �mein Leitstern� hei�t?�</p><p><emphasis>�Aria?�</emphasis></p><p>�Richtig, sehr gut. Denk immer daran: Du lebst zwar in der Welt der Menschen und tr�gst einen Menschennamen, geh�rst aber gleichzeitig auch einem stolzen, edlen Volk an, weshalb dein zweiter Name ein Lirin-Name ist. In dir klingt die Musik des Himmels, und du bist wie alle Lirin eines seiner Kinder. Seren steht am S�dhimmel �ber dem Wald Yliessan. Sollte es dir einmal schlecht ergehen, bist du dort willkommen. Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein.� </p><p>Der Druck einer riesigen, Klauen bewehrten Hand, der scharfe Rauch eines Lagerfeuers. K�hle Morgenluft und eine tiefe Stimme, die den s��en Klang der Erinnerung �bert�nte.</p><p>�Herzchen? Bist du wach?� </p><p><emphasis>Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein.</emphasis>.</p><p>Rhapsody richtete sich benommen auf und griff in die Luft, als wollte sie die Erinnerung festhalten. Doch der Traum war verflogen. Tief betr�bt �ber den Verlust, stand sie auf und klopfte den Umhang aus, der voller Grasspelzen war.</p><p>�Ja. Von mir aus kann�s weitergehen.�</p><p>Schon seit einigen Tagen lag der Lirin-Wald in Sichtweite, doch Rhapsody erkannte erst jetzt, worauf sie zuliefen. </p><p>Als er zum ersten Mal jenseits der Weiten Marschen am Horizont in Erscheinung getreten war, hatte sie gen Osten zu blicken geglaubt und den dunklen Streifen in der Ferne f�r die K�stenlinie gehalten. Wie das Meer breitete sich der Wald vor ihnen aus. Dar�ber flirrte hei�e Sommerluft, die ihm eine mystische Aura verlieh. Trotz der vielen Geschichten, die sie von der Mutter her kannte, war sie auf den Anblick des m�chtigen Waldes und auf den Zauber, der ihn umwehte, v�llig unvorbereitet. Die drei hielten sich gerade im hohen Gras der endlosen Wiesenlandschaft versteckt, als ihr � es war um die Mittagszeit � pl�tzlich bewusst wurde, was es mit dem dunklen Panorama in der Ferne auf sich hatte. Unvermittelt richtete sie sich auf und starrte wie gebannt in Richtung Wald. Grunthor packte mit seiner Pranke zu und zog sie in den Schutz des Grases zur�ck.</p><p>�Runter mit dir! Was f�llt dir ein?�</p><p>W�tend riss sie sich von ihm los. �Was f�llt <emphasis>dir</emphasis> ein? Da ist doch niemand, der uns gef�hrlich werden k�nnte, und ich will den Wald sehen.�</p><p>�In Deckung�, fl�sterte Achmed mit heiserer Stimme und erstickte Rhapsodys Protest im Keim. Er starrte �ber die Grasspitzen hinweg in westliche Richtung und hob die offene Hand, den Zeigefinger ausgestreckt. �Sie haben dich gesehen.�</p><p>In einiger Entfernung war ein leichtes Wogen im Wind auszumachen, sonst nichts. Nach einer Weile blickte Rhapsody zur Seite und sah, dass Achmed immer noch reglos auf der Stelle kauerte und mit geschlossenen Augen angestrengt in die Luft lauschte. Wieder schaute sie nach Westen, wo das Gras wogte, ansonsten aber nichts zu erkennen war, was sie h�tte aufmerken lassen.</p><p>Doch dann, den Blick ein St�ck weiter in s�dwestliche Richtung gelenkt, glaubte sie ihren Augen kaum zu trauen, als sie hinter dichtem Buschwerk gar nicht weit entfernt ein Gesicht auftauchen sah, das farblich von der Umgebung fast nicht zu unterscheiden war. Das braun-goldene Haar ging wellig und nahezu unmerklich ins hohe Gras �ber. Von fast gleicher Farbe war das schmale Gesicht, bei dessen Anblick Rhapsody wehm�tige Erinnerungen �berfielen und ihr die Kehle zuschn�rten. </p><p>Die gro�en, mandelf�rmigen Augen, die hohen Jochknochen, die schimmernde, fast durchscheinende Haut, die schlanke, von Str�uchern halb verdeckte Gestalt, die langen, muskul�sen Gliedma�en � typisch Lirin. Allerdings war das Gesicht, das sie sah, deutlich dunkler als das ihrer Mutter oder der Liringlas, die ihr in der Gegend westlich von Ostend �ber den Weg gelaufen waren. Vielleicht geh�rte dieses Wesen dem Volk der so genannten Lirinved an, einer nomadischen Zwischen-Art, die sowohl im Wald als auch auf den Feldern zu Hause war und sich nirgends auf Dauer niederlassen mochte. Nicht weit hinter der Vorhut entdeckte sie nun viele andere, die sich im hohen Gras nach Westen hinbargen. Eine Wolke r�ckte vor die Sonne und warf einen Schatten auf das Feld, und in dem kurzen Moment pl�tzlicher Dunkelheit sah sie das Funkeln einiger Dutzend Augenpaare.</p><p>Rhapsody konnte ihren Blick nicht abwenden, nahm aber am Rand des Gesichtsfeldes ein Aufblitzen von Metall wahr. Achmed hatte seine Cwellan gezogen, so lautlos, wie die Wolke sich vor die Sonne geschoben hatte. Kampfbereit hielt er die Waffe mit beiden H�nden gepackt.</p><p>Grunthor hatte von ihr abgelassen und die Hand zur�ckgezogen, wohl, wie sie f�rchtete, um seinerseits zur Waffe zu greifen. Dass ihre Wangen gl�hten, registrierte sie als Anzeichen aufkommender Panik, die ihr sonst nicht aufgefallen w�re, weil sie fieberhaft dar�ber nachdachte, wie die drohende Katastrophe abgewendet werden konnte.</p><p>Der verh�llte Mann hielt sich zur�ck, was sie hoffen lie�. Vielleicht hatte er ja gar nicht die Absicht zu k�mpfen. Dass sich Achmed und der Firbolg, obwohl zahlenm��ig klar unterlegen, im Falle einer Konfrontation w�rden behaupten k�nnen, stand f�r Rhapsody au�er Zweifel, zumal sie sich mit Entsetzen an das Blutbad erinnerte, das die beiden unter Michaels M�nnern angerichtet hatte. Allerdings befanden sie sich hier auf lirinschem Terrain, und ob oder wie die anderen dies zu nutzen wussten, war noch nicht abzusehen.</p><p>Offen war auch f�r sie die Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollte, wenn es hart auf hart k�me. Obwohl die beiden Reisegef�hrten ihr das Leben gerettet und ihr nichts zuleide getan hatten, traute sie ihnen nicht recht �ber den Weg. Der Gedanke an das Gemetzel unter Michaels Soldaten erf�llte sie nach wie vor mit Schrecken und Argwohn gegen die beiden.</p><p>Zwar empfand sie den Lirin gegen�ber eine tiefe Seelenverwandtschaft, doch war zu f�rchten, dass sie in deren Augen wom�glich einen Feind darstellte. <emphasis>Die W�lder sind schon zu sehen,</emphasis> hatte Achmed gesagt, <emphasis>nicht aber diejenigen, die sie verteidigen. Wir leben in gef�hrlichen Zeiten. Diese Burschen gehen kein Risiko ein und fackeln nicht lange, wenn Fremde an ihren Au�enposten vorbeikommen</emphasis>. Wie dem auch sein mochte, ihr war jedenfalls klar, dass die beiden Gef�hrten ohne Weiteres auf sie verzichten konnten. Ein leises Klicken im Hintergrund verriet ihr, dass Achmed die Cwellan scharf machte. </p><p>Der Wind wehte ihr das d�rre Gestr�pp ins Gesicht. Sie machte die Augen zu, um sich vor den winzigen Samenk�rnern zu sch�tzen, die, wie sie wusste, jederzeit aus den getrockneten Kapseln herausplatzen mochten. W�hrend ihrer Ausbildung als Benennerin hatte sie das Weidegras, die Futterpflanze der weiten Ebenen dieser Welt, zu botanisieren gelernt. <emphasis>Hymialacia</emphasis> war ihr wahrer Name. </p><p><emphasis>Der wahre Name</emphasis>. Im Licht dieser Antwort verlor Rhapsody pl�tzlich alle Angst. Sie r�usperte die Kehle, die ihr durch Hitze und Furcht ganz ausgetrocknet war, und fing zu fl�stern an.</p><p><emphasis>Hymialacia,</emphasis> sagte sie in der musikalischen Sprache ihrer Zunft. <emphasis>Hymialacia, Hymialacia, Hymialacia</emphasis>. Ihre Haut summte in Resonanz der gesungenen T�ne, die auf nat�rliche Weise wechselnde Klangmuster und Rhythmen bildeten.</p><p>Achmed, der neben ihr kauerte, streckte seine Hand aus und legte sie ihr auf den R�cken. Die Zaghaftigkeit der Ber�hrung lie� Rhapsody vermuten, dass er sie nicht mehr sehen konnte. Sie hatte sich n�mlich dem Weidegras ringsum so t�uschend �hnlich angepasst wie die Lirin; mehr noch � sie war identisch mit dem Gras.</p><p>Rhapsody langte hinter sich und tastete nach Achmeds Hand.</p><p>Behutsam lie� sie ihre Finger in die behandschuhte Faust gleiten, ohne das gefl�sterte Lied des Grases zu unterbrechen, das sich wie ein Refrain immer wieder aufs Neue wiederholte.</p><p><emphasis>Ich bin Hymialacia. Achmed die Schlange ist Hymialacia</emphasis>. Ein ums andere Mal wiederholte sie ihren Namen, lie� auch den Windgesang, die Vor�berziehenden Wolken und den Namen der Stille in den Refrain mit einflie�en. Achmeds H�ndedruck pulsierte wie ein Herz, und sie wusste, dass er sie verstand. </p><p>Wenig sp�ter fl�sterte er Worte in einer ihr unbekannten Sprache, worauf sich Grunthor zu ihr umdrehte und ihr eine Aufgabe abverlangte, die ungleich schwerer war, denn sie kannte seinen wahren Namen nicht. </p><p>Nur wenige Schritte entfernt raschelte es im Gras. Die Lirin waren auf breiter Front herangeschlichen und schon fast zur Stelle. Rhapsody schloss die Augen und ber�hrte die Schulter des Riesen. </p><p><emphasis>B�hel,</emphasis> sang sie leise. Es war ein Wort, das sie seit ihrer Kindheit kannte, als sie mit dem Vater ausgedehnte Wanderungen �ber die offenen Felder und H�gel unternommen hatte. Das Wort war ihr dann wieder zu Anfang ihrer Studien der Kr�uterlehre begegnet; es bezeichnete einen kleinen H�gel, einen Erdwulst. </p><p>Rhapsody sang das Namenslied unabl�ssig weiter, auch als sie die Augen �ffnete und feststellte, dass sich Grunthor in einen Grasbewachsenen Buckel verwandelt hatte, auf dem kleine Baumsch�sslinge wurzelten. B�hel, <emphasis>Hymialacia. Der Wind. Die Wolken. Hier ist nichts als das Gras der Weide</emphasis>. Durch die Str�ucher, die vor ihr wucherten, konnte sie Beine erkennen, die in ledernen Stiefeln und Hosen steckten. Die Lirin waren so nahe, dass Rhapsody ihren Atem zu h�ren glaubte. <emphasis>B�hel,</emphasis> wisperte sie und k�mpfte gegen das Zittern ihrer Stimme an, die zu kippen drohte. <emphasis>Hindernis. T�ckischer Grund. Grube. B�hel</emphasis>. </p><p>Die n�her kommenden Beine verlangsamten ihre Schritte, blieben aber nicht stehen, sondern wichen zur Seite hin aus und umgingen die Stelle, an der sich Achmed aufhielt, wie Rhapsody wusste. Von ihm selbst aber sah sie nichts, nur wogendes Gras, und sie h�rte auch nichts au�er ihren eigenen Gesang, das Summen von Insekten und das Rascheln unter den F��en der Lirin. Alles, was sie sp�rte, war die sengende Hitze der Sonne und der Wind in ihren Haaren. <emphasis>Hymialacia</emphasis>.</p><p>Immer und immer wieder sang sie den Refrain, bis die Sonne ein ganzes St�ck weiter gewandert war und ihr direkt ins Gesicht strahlte. Rhapsody zwinkerte mit den Augen. Es war Nachmittag geworden, und das Licht der Sonne fiel im stumpfen Winkel auf die goldenen Felder und das gelbbraune Gras. Das Namenlied verklang. Ihr Mund war ausgetrocknet, so verausgabt hatte sie sich, und die Stimme lie� sie im Stich. </p><p>Zur Linken teilte sich das Gras. Achmed lie� ihre Hand los und erhob sich.</p><p>�Sie sind weg, au�er Reichweite�, sagte er.</p><p>Rhapsody schaute nach rechts. Vor ihren Augen reckte und streckte sich der kleine H�gel; er wuchs in die H�he, und die Baumsch�sslinge verwandelten sich zur�ck in jene Waffen, die Grunthor in seinem Wehrgeh�nge auf dem R�cken trug. Was soeben noch ein begraster Erdwulst gewesen war, l�chelte ihr nun breit entgegen. </p><p>�Also, das war wirklich beeindruckend, Herzchen.�</p><p>�Allerdings�, pflichtete ihm Achmed bei. �War das etwa auch ein �erstes Mal� f�r dich?� </p><p>Rhapsody wollte gerade eine Antwort geben, als die Wolkendecke pl�tzlich zur Seite hin abzudriften schien. Achmeds Hand schnellte nach vorn, packte sie beim Ellbogen und half ihr, auf den Boden zu sinken. Auf dem R�cken liegend, starrte sie unter die Himmelskuppel und sah blaue Kreise darin schwimmen. �Wasser, bitte�, kr�chzte sie und fiel in Ohnmacht.</p><p>Wie grauer Nebel senkte sich der Abend �ber das Feld. Rhapsody war noch nicht wieder bei Besinnung. Still und reglos lag sie da. So tief hatten ihre Begleiter sie noch nicht schlafen sehen, denn allzu h�ufig wurde die junge Frau von �blen Albtr�umen heimgesucht, und dann warf sie sich st�hnend hin und her, gepeinigt von entsetzlichen Nachtmahren, bis sie schlie�lich zitternd und in Schwei� gebadet aus dem Schlaf aufschreckte. �Kein Wunder, dass sie ihr Gewerbe aufgeben musste�, hatte Grunthor einmal nach einer besonders nervenaufreibenden Nacht gesagt. �Ich sch�tze, ihre Freier sind auch nich zur Ruhe gekommen.�</p><p>Jetzt aber r�hrte sie sich nicht. Die Sonne verschwand am Rand der Welt und die Wache ging von Achmed auf Grunthor �ber, der zuvor damit besch�ftigt gewesen war, den aus den Satteltaschen von Michaels Soldaten gepl�nderten Proviant neu zu verpacken.</p><p>Der Dhrakier reichte dem Bolg-Sergeanten den Wasserschlauch, nachdem er der Ohnm�chtigen ein paar Tropfen daraus eingefl��t hatte, und streckte sich dann aus, um zu schlafen.</p><p>Es war schon fast dunkel geworden, als Grunthor auf eine Bewegung in der Ferne aufmerksam wurde. Angestrengt sp�hte er dorthin, konnte aber nichts erkennen. Kopfsch�ttelnd lehnte er sich zur�ck, doch der Verdacht lie� ihm keine Ruhe. Er richtete sich wieder auf und stie� den schlafenden Dhrakier an, der sofort die Augen aufschlug, sich aber sonst nicht regte.</p><p>�Ich glaub, ich hab was gesehn.�</p><p>Achmed hob den Kopf und folgte Grunthors Blick. Seine Sehkraft war der des Gef�hrten �berlegen, vor allem unter freiem Himmel, doch er sah nichts. Er lauschte, konnte aber in der Ferne auch kein Herz schlagen h�ren, was ihm als sicheres Zeichen daf�r gelten konnte, dass sie allein auf weiter Flur waren. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Grunthor zuckte mit den Schultern. Achmed wollte sich gerade wieder hinlegen, als der Bolg pl�tzlich auffuhr. </p><p>�Da ist was, ganz bestimmt, weit weg zwar, aber es ist da.�</p><p>Achmed stand auf und stieg auf den Kamm der kleinen Bodenwelle am Rand des Lagerplatzes. Er sp�hte nach Norden in die Nacht, konnte aber noch immer nichts entdecken. Er wartete.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter sah auch er: zahllose flackernde Lichter, nur schwer auszumachen im tr�ben Dunkelgrau. Kaum aufgeleuchtet, waren sie auch schon wieder verloschen. Hunderte, vielleicht tausende von Lichtern, die sich in einer scheinbar endlos langen Reihe �ber das weite Feld nach S�den bewegten. <emphasis>Ein Suchtrupp?,</emphasis> fragte er sich. Aber wer oder was mochte so wichtig sein, dass so viele Leute danach auf die Suche gingen, nachts, im Licht der Laternen? Achmed schloss die Augen und zog die Kapuze zur�ck, um die Schwingungen der Herzschl�ge besser wahrnehmen zu k�nnen. Er hob einen ausgestreckten Finger in die H�he, schmeckte den Windhauch mit ge�ffnetem Mund, um auch den schw�chsten Vibrationen auf die Spur zu kommen. Doch da war nichts in der Luft, kein Herzschlag, kein Rhythmus, kein Geschmack. Nur Stille.</p><p>Er schlug wieder die Augen auf, starrte ins Dunkel und sah sie wieder: die vielen tausend Lichter, noch weit entfernt, aber unaufhaltsam in Bewegung, auf das Lager zu. Dann waren sie auch schon wieder verschwunden, abgetaucht in die Dunkelheit der Nacht.</p><p>Ein kalter Schauer lief ihm �ber den R�cken, und der Herzschlag, den er nun h�rte, war sein eigener. </p><p>�Himmel�, hauchte er. Shing.</p><p>Hastig wie Kr�hen in Erwartung eines Sturms rafften sie ihr Gep�ck zusammen, hoben die schlafende S�ngerin vom Boden auf und flohen auf den gro�en Lirin-Wald zu.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Rhapsody erwachte in v�lliger Dunkelheit. Der Mond hatte sich davongeschlichen, und der Himmel war voller Wolken. Benommen versuchte sie, den Oberk�rper aufzurichten, lie� aber sogleich davon ab, als sich stechende Schmerzen hinter ihren Augen bemerkbar machten. Sie w�lzte sich zur Seite, bettete den Kopf in die Hand und r�ckte den Ellbogen als St�tze zurecht. Ihrer Brust entfuhr ein �chzen, das mit ihrer eigenen Stimme nichts zu tun zu haben schien.</p><p>Sofort war Grunthor mit dem Wasserschlauch zur Stelle. Mit zitternden H�nden langte sie danach und trank. Als ihr Durst gestillt war, m�hte sie sich auf und schaute in die Runde. Statt des offenen Himmels und der weiten Graslandschaft, in der sie aufzuwachen erwartet hatte, fand sie sich in einem kleinen Hain wieder. Nicht weit entfernt ragten Schatten auf, noch schw�rzer als der dunkle Horizont. </p><p>�Was ist das?�, fl�sterte sie entkr�ftet.</p><p>Achmed blickte auf. �Der Wald�, antwortete er und schmunzelte �ber ihre Reaktion, die er zwar nicht sah, aber deutlich genug sp�rte. Das Herz der S�ngerin pochte ein �rgerliches Stakkato, und ihr Gesicht fing vor Zorn zu gl�hen an.</p><p>�Ihr habt mich getragen? Den ganzen Weg? Wie konntet ihr es wagen?�</p><p>�Dein Protest kommt reichlich sp�t. Warum hast du dich nich eher zu Wort gemeldet?�, spottete Grunthor, dem das Grinsen angesichts ihrer w�tenden Blicke schnell verging. �Was soll�s, Herzchen? H�tten wir dich etwa da drau�en liegen lassen sollen?�</p><p>Eine schlanke Hand legte sich ihr energisch auf den Mund.</p><p>�Halt sch�n die Luft an, S�ngerin�, fl�sterte Achmeds raue Stimme. �Und h�r mir gut zu, in deinem eigenen Interesse. Noch sind wir allein, aber nicht mehr lange. Wir befinden uns hier in den B�schen am Rand des Waldes. Dieser Grenzbereich ist sehr viel strenger bewacht als die Felder.</p><p>Sobald wir den eigentlichen Wald betreten haben, kommt es f�r uns darauf an, so schnell wie m�glich zum Gro�en Baum zu gelangen. Hinter der ersten gr��eren Baumlinie im S�dosten befindet sich ein Posten, mit vierundzwanzig Wachen besetzt. Und zwar haben wir�s jetzt mit Lirindarc zu tun, mit Wald-Lirin, die noch besser getarnt sind als diese Graslandwesen, welche uns am Nachmittag �berrascht haben. Was kannst du tun, damit wir unbemerkt an ihnen vorbeikommen?� Er hob die Hand von ihrem Mund und ignorierte ihren vernichtenden Blick.</p><p>�Woher wei�t du von diesen Dingen?�, zischte sie. �Du wusstest offenbar auch, dass Michael nicht mit von der Partie war. Die Lirinved � die Zwischen-Wesen, wenn es denn solche waren, die wir gesehen haben � haben mich erkannt. Das war dir von Anfang an klar. Du hast sie von weither kommen sehen. Auch jetzt wei�t du genau, wo und wie viele Lirindarc sich dort im Wald verbergen. Wie kommt�s, dass du dar�ber Bescheid wei�t? Und wozu, um alles in der Welt, brauchst du mich?� </p><p>Die fremden Augen bedachten sie mit einem k�hlen Blick; dann wandte sich Achmed ab und schaute nachdenklich in die Ferne. Er hatte nicht die Absicht, auf ihre Fragen zu antworten. Dass er sich auf die Blutkunde verstand und die F�higkeit hatte, den Herzschlag x-beliebiger Leute aufzusp�ren, wussten nur ein einziger Freund und einige wenige Feinde, obwohl seine Unfehlbarkeit als Meuchelm�rder unter den zwielichtigen Elementen der L�nder im Osten Legende war. Er suchte nach einer Entgegnung, die zweierlei bewirken sollte: Zum einen wollte er sie beruhigen, zum anderen zur Mithilfe bewegen. </p><p>Normalerweise mochte sich eine Geisel noch so sehr emp�ren, es k�mmerte ihn nicht. Doch dieser Fall lag anders. Sie verf�gte nicht nur �ber au�erordentliche F�higkeiten und Talente, sondern �bte auch eine ungemein beruhigende Wirkung auf ihre Umgebung aus. Die rhythmischen Schwingungen, die von ihr ausgingen, waren seiner Haut sehr angenehm. Vielleicht lag der Grund daf�r in ihrer musikalischen Ausbildung. Er holte tief Luft und legte sich seine Worte genau zurecht.</p><p>�Wir brauchen deine Hilfe nicht � die Lirindarc aber sehr wohl.�</p><p>Sie machte aus ihrer Verbl�ffung kein Hehl. �Was soll das denn hei�en?�</p><p>�Falls sie uns angreifen sollten, w�rst du die einzige Garantie f�r ihre Sicherheit.�</p><p>Rhapsody kniff die Brauen zusammen. �Ich verstehe wohl nicht richtig.�</p><p>Er fixierte sie wieder mit stechendem Blick. �Wir legen es nicht darauf an, diesen Leuten zu schaden. Im Gegenteil, wir haben gro�en Respekt vor ihnen. Sie, die Lirin und die Lirindarc, leben sehr bewusst und in Einklang mit ihrer Welt. Sie wissen, was kommt, oder zumindest dass etwas kommt. Das unterscheidet sie von den T�lpeln, die au�er ihnen dieses Land bewohnen.�</p><p>Trotz der Dunkelheit sah Achmed, dass sie bleich wurde. �Was kommt denn? Wovon sprichst du?� </p><p>Aus der Kapuze erklang ein h�ssliches Lachen. �Ist es m�glich ... eine S�ngerin, die das nicht h�rt, nicht sp�rt? Der L�rm von Ostend ist ihr offenbar nicht gut bekommen. Bist du wirklich so naiv oder tust du nur so?� </p><p>Ihre gr�nen Augen nahmen einen harten Ausdruck an. �Du bist mir eine Antwort schuldig. Sag mir, was Sache ist.� </p><p>�Das m�chte ich von dir wissen, Rhapsody. Die Lirindarc von dem Au�enposten im Osten kommen uns entgegen und werden bald zur Stelle sein. Grunthor und ich m�ssen zum Baum gelangen, und das m�glichst schnell. Wir k�nnen nicht zulassen, dass sich uns jemand in den Weg stellt, und du wei�t sehr wohl, was ich damit andeuten will. Also frage ich dich: Was kannst du tun, um zu verhindern, dass sie in ihr Ungl�ck rennen?�</p><p>Ihre trotzige Miene nahm weichere Z�ge an. �Ich... nichts. Ich wei� nicht einmal, wo ich bin. Was erwartet ihr von mir?� </p><p>Achmed wandte sich gen Osten und hob die Cwellan an die Schulter. �Von dir darf man offenbar nichts erwarten. Grunthor, spann den Bogen.�</p><p>Aus Verwirrung wurde Entsetzen. �Nein, bitte! Lasst das sein, ich flehe euch an!�</p><p>Die verh�llte Gestalt drehte sich um und sah sie an, ohne die Waffe zu senken. �Denn frage ich jetzt ein letztes Mal: Was kannst du tun? Nach dem, was ich heute Nachmittag erlebt habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass du eine gute Antwort darauf parat hast.�</p><p>Eine gro�e Hand legte sich auf ihre Schulter. �Komm, Herzchen, denk nach. Dir wird doch wohl was einfallen.� </p><p>Rhapsody atmete tief durch und wandte, um wieder klar denken zu k�nnen, eine Technik an, die ihr Heiles, ihr erster Mentor, zu Anfang des Studiums beigebracht hatte. Nach einer Weile h�rte sie eine innere Stimme, jene Stimme, die ihr die einzigen Geschichten von diesem Wald erz�hlt hatte, die ihr je zu Ohren gekommen waren. </p><p><emphasis>Mama, erz�hl mir von dem gro�en Wald</emphasis>.</p><p><emphasis>Er ist weiter, als das Auge reicht, unvorstellbar gro�, voll von D�ften und Ger�uschen des Lebens. Du kannst dir im Traum nicht ausmalen, wie vielf�ltig allein die Farben der B�ume sind, die dort wachsen. In allen Lebewesen klingt ein Lied, das Lied des Waldes. Die Menschen nennen ihn den Zauberwald, weil ihnen vieles von dem, was darin w�chst und lebt, fremd ist. Die Lirin aber kennen den Wald bei seinem wahren Namen: Yliessan, das hei�t �der heilige Ort�</emphasis>.</p><p>Achmed sah, wie sich ein v�llig anderer Ausdruck auf ihr Gesicht legte. �Und?�</p><p><emphasis>Die Lirin aber kennen den Wald bei seinem wahren Namen: Yliessan, das hei�t �der heilige Ort�</emphasis>. Rhapsody schaute zu den Sternen auf. �Der Name�, sagte sie leise. �Ich kenne den Namen des Waldes.� Ihr Blick wurde klar, und als sie sich den M�nnern zuwandte, funkelten ihre Augen be�ngstigend hell. �Dass wir uns nur ja recht verstehen: Ich sorge mich nur um ihren Schutz, nicht um euren.� </p><p>�Das ist nur gerecht�, sagte Grunthor und grinste.</p><p>Als die Patrouille der Lirindarc wenig sp�ter aufkreuzte, fiel ihr nichts Ungew�hnliches auf, sie h�rte nur den Wind in den Str�uchern s�useln und setzte ihren Weg fort.</p><empty-line/><p>Am fr�hen Morgen hatten sie den Waldrand erreicht. Mit der D�mmerung hatte der Wind aufgefrischt, und Rhapsody l�ste die schwarze Samtschleife, um die Haare fliegen zu lassen, und lie� die Gedanken schweifen, die noch von schmerzlichen Erinnerungen an den Vortag getr�bt waren.</p><p>Sie stand vor dem palisadenartigen Wall der B�ume und sp�hte ins Unterholz, wo sie �ppiges Laub in allen Gr�nschattierungen und nachtdunkle Schatten ausmachte.</p><p>Im Geiste sah sie noch das Bild der Mutter. Es versetzte ihr einen Stich ins Herz, als sie sich die Mutter als junge Frau vorstellte, als M�dchen zu Beginn des Bl�tejahrs, an der Schwelle des Waldes stehend, da, wo sie jetzt stand.</p><p>Zierlich; weder Rhapsody noch ihre Mutter waren besonders gro�. Die Mutter hatte ihre goldenen Haare nach traditionellen Mustern geflochten, die nicht nur praktischen Zwecken gen�gten, sondern sie auch schm�ckten. Der Lirinschen Tracht entsprachen auch die weite Tunika und die engen Borilla-Hosen, die sie trug, sowie die aus Leder geflochtene Mekva, mit der sie die Taille umg�rtete. Die Augen strahlten in stiller Freude. <emphasis>War sie damals gl�cklich gewesen?,</emphasis> fragte sich Rhapsody. Wenn ja, so hatte dieses Gl�ck nicht lange vorgehalten, wie sie wusste.</p><p>Von dieser Zeit hatte die Mutter nur selten erz�hlt. Die Pilgerreise zur Sagia hatte sie nach alter Sitte gleich zu Beginn des Erwachsenenalters unternommen. Doch wie sie ihre Zeit im Wald verbracht und was sie dort gelernt hatte, war ihr streng geh�tetes Geheimnis geblieben. Warum sie Stillschweigen dar�ber bewahrte, hatte Rhapsody erst im Alter von dreizehn Jahren erfahren.</p><p>Als die Mutter nach Vollendung ihres Bl�tejahres, dem zweiten Jahr ihrer Pilgerreise, auf die heimatlichen Felder zur�ckgekehrt war, hatte sie ein fast g�nzlich zerst�rtes Langhaus vorgefunden. Von ihrer Familie lebte keiner mehr. Dass sie selbst auf Reisen gewesen war, hatte ihr das Leben gerettet. Doch das konnte sie nicht tr�sten, im Gegenteil; als Einzige verschont geblieben zu sein machte ihr trauerndes Herz noch schwerer.</p><p>W�re es ihr m�glich gewesen, das Rad der Zeit zur�ckzudrehen, h�tte sie das Langhaus nie verlassen. Lieber w�re sie mit den anderen umgekommen, als auf sich allein gestellt weiterleben zu m�ssen. Der Verlust und die Erinnerung daran hatten ihr ganzes weiteres Leben gepr�gt. </p><p>Jetzt stand Rhapsody an derselben Stelle, an der einst ihre Mutter gestanden hatte, und sie empfand wohl eine �hnlich ehrf�rchtige Scheu und Begeisterung. Das Lirinsche Erbe, das seit der Geburt in ihr schlummerte, erwachte nun und machte sich bemerkbar.</p><p>Ostend war der zentrale Durchgangsort f�r Reisende an der Ostk�ste. W�hrend ihres Aufenthaltes dort waren ihr zahllose Vertreter fremder V�lker aus aller Herren L�nder zu Gesicht gekommen, nicht zuletzt viele Halb- und Voll-Lirin. Jetzt, da sie bis nach Yliessan vorgedrungen war, dr�ngte sich ihr die Hoffnung auf, dass sie vielleicht auch vom Volk ihrer Mutter akzeptiert werden und willkommen gehei�en w�rde. Vielleicht fand sie hier die Kraft, endlich nach Hause zur�ckzukehren.</p><p>Die Sonne ging unter, als die drei Reisenden, nachdem sie einen zunehmend dichter bewachsenen Gr�ng�rtel durchquert hatten, den eigentlichen Wald erreichten. Sie warteten, bis es Nacht geworden war, ehe sie weitergingen, st�ndig auf der Hut vor den Augen, die im Dunkeln funkelten. Unterdessen wurde Rhapsody nicht m�de, im Fl�sterton das Namenlied des Waldes zu singen, immer und immer wieder: <emphasis>Yliessan, Yliessan, Yliessan</emphasis>. Ihr war es, als teilte sich das Dickicht wie zur Antwort, als trachtete alles Gestr�uch danach, den dreien den Weg zu ebnen.</p><p>In allen Ger�uschen ringsum, im Bl�tters�useln und den Lauten der Tiere, vernahm sie einen Gru�. </p><p><emphasis>Yliessan</emphasis>. Der Wald hie� sie willkommen.</p><p>Die Luft war voll von bislang ungeahnten D�ften. Rhapsody labte sich daran, f�llte ihre Lungen und sp�rte, dass sie weiter wurden und ihr Atem frischer. Sie bedauerte, dass es schon dunkel war, denn allzu gern h�tte sie den Wald in seiner ganzen Pracht bei Tageslicht gesehen. Er war zwar nur f�r die Lirin ein heiliger Ort und nur sie kannten seinen Namen, doch erz�hlte man sich auch im weit entfernten Ostend Geschichten �ber den Zauberwald und seinen Gro�en Baum. Sich und die beiden M�nner im Weidegras unsichtbar gemacht zu haben hatte sie ersch�pft und ausgelaugt; jetzt aber zog sie zus�tzliche Kraft aus der Tarnung, die sie wie ein Teil des Waldes aussehen lie�. Von Anfang an hatte sie ihre Schwingungen den Vorgaben des Waldes angepasst, was ihr das wohlige Gef�hl vermittelte, zu Hause zu sein; eine ruhige Heiterkeit �berkam sie, die ihre Gedanken l�uterte und in sanften T�nen ihr Herz ansprach. <emphasis>Yliessan. Willkommen, Kind des Himmels</emphasis>. </p><p><emphasis>Yliessan</emphasis>. </p><p>�Irgendwelche Vorschl�ge?� Rhapsody fuhr erschrocken zusammen, als sich pl�tzlich eine raue Stimme zu Wort meldete, die ihr immer noch nicht vertraut war. Achmed, obwohl unmittelbar zuvor nirgends zu sehen, hatte ihr ins Ohr gefl�stert.</p><p>�Wie bitte?�, fl�sterte sie zur�ck.</p><p>�Der Baum � sp�rst du, wo er sein k�nnte?� Aus seiner Stimme war deutlich Widerwille herauszuh�ren. </p><p>Sie schloss die Augen, lie� den Nachtwind �ber ihr Gesicht streifen und lauschte der Musik, die er in Zweigen und Bl�ttern anstimmte, einer Musik, die an fernes Meeresrauschen erinnerte.</p><p>Nach einer Weile konzentrierter Aufmerksamkeit h�rte Rhapsody einen tiefen Ton, der im Waldboden und in der Luft vibrierte. Er war klar, einzigartig und von zarter Harmonie begleitet, und je l�nger sie hinh�rte, desto deutlicher vernahm sie seine Stimme, die Stimme des Baumes. Daran gab es f�r sie keinen Zweifel. </p><p>Sie zeigte nach S�denwesten. �Dort�, sagte sie.</p><p>Achmed nickte. Auch er hatte den Ton wahrgenommen. Leise und vorsichtig schlichen sie durchs dunkle Unterholz. Wie selbstverst�ndlich war ihr die F�hrung zuerkannt worden, womit sie indes keinerlei Probleme hatte, zumal der Leitton immer lauter wurde. Sie sp�rte ihn nun schon unter den F��en. </p><p>Der Wald war unermesslich gro�. Rhapsody w�hnte den Baum noch viele Tagesm�rsche weit entfernt. Umso mehr �berraschte es sie, sein Lied schon jetzt zu h�ren, und das so deutlich.</p><p>Es dauerte nicht lange, und sie entdeckte im Osten eine finstere, scheinbar undurchdringliche Wand aus immergr�nen B�umen. Aus dieser Richtung t�nte auch das Lied, das seinen Ursprung offenbar irgendwo dahinter hatte. Spontan wandte sie sich ihm zu und beschleunigte ihren Schritt. Achmed folgte wortlos; Grunthor aber quittierte den pl�tzlichen Richtungswechsel mit ver�rgertem Brummen. Zu dritt n�herten sie sich der dichten Baumreihe. Sie alle sp�rten genau, dass man sie aus mittlerer Entfernung beobachtete, doch selbst sahen sie niemanden. Schlie�lich erreichten sie den dunklen Wall der Nadelb�ume, die so m�chtig und hoch aufragten, dass sich die Wipfel ihren Blicken entzogen. Dicht an dicht standen die B�ume beieinander; Grunthor musste den Bauch einziehen, um Durchschlupf zu finden. </p><p>Auf der anderen Seite angekommen, blieben sie stehen. Da war kein Laub mehr unter ihren F��en, sondern unber�hrtes Gras, ein blassgr�ner Teppich, auf dem sich silbrig das Mondlicht spiegelte. Die Grasfl�che erstreckte sich bis an den Horizont, den wiederum eine lang gezogene Reihe von B�umen markierte � knorrige Eichen, die noch m�chtiger waren als das Nadelholz im R�cken.</p><p>Als Rhapsody auf die ebene Grasfl�che trat, f�hlte sie eine Hand von hinten an ihrer Weste zupfen. </p><p>�Augenblick.� </p><p>Achmed und Grunthor standen einander gegen�ber und unterhielten sich leise in ihrer Sprache. Rhapsody juckte es buchst�blich in den F��en. Gelockt vom Baumlied, dr�ngte alles in ihr weiterzugehen. Der Ruf trieb sie zur Eile an und �bte eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus, der zu widerstehen ihr physische Schmerzen bereitete.</p><p>�Ihr wolltet doch m�glichst schnell den Baum erreichen�, zischte sie.</p><p>Achmed forderte sie mit erhobener Hand zum Schweigen auf und sah sich um. Es war ihm nicht geheuer, die freie, v�llig ungesch�tzte Grasfl�che zu �berqueren. Doch daran ging kein Weg vorbei. F�r den Gro�en Baum war dieses Feld eine Art trockener Wassergraben, ein zus�tzlicher Schutz zwischen den beiden Baumw�llen. Achmed schaute hinauf zu den weit ausladenden �sten, die mit dem Laubwerk ein geschlossenes Dach ausbildeten.</p><p>Er zog die Cwellan hinter dem R�cken hervor und nickte. Herzschl�ge waren au�er den eigenen auf weiter Flur nicht wahrzunehmen. Als wollten sie eine verkehrsreiche Stra�e �berqueren, blickten die drei zuerst nach links, dann nach rechts, und setzten sich schlie�lich mit schnellen Schritten in Bewegung. </p><p>Hinter der n�chsten Baumreihe trafen sie auf ein tiefes Tal, in der die Luft noch s��er und w�rziger war. Die Ger�usche des Waldes blieben hinter ihnen zur�ck, und es umfing sie eine nahezu greifbare Stille. </p><p>Den Blick nach vorn gerichtet, konnte Rhapsody anfangs nichts erkennen, so hell leuchtete der Mond. Erst als sich ihre Augen an das spr�hende Licht gew�hnt hatten, sah sie den Baum vor sich stehen, die heilige wei�e Eiche: Sagia, die tief Wurzelnde.</p><p>Risse, so tief wie B�che, zogen sich durch die silbrig wei�e Borke, deren Oberfl�che ansonsten v�llig glatt war, wie poliert. Das Ge�st konnte Rhapsody nicht sehen; es verlor sich in nachtdunkler H�he. Den Boden ringsum bedeckte herabgefallenes Laub, gr�n, �ppig und golden ge�dert.</p><p>Allzu m�chtig war der Baum, als dass sie ihn auf einen Blick h�tte erfassen k�nnen. Allein der Stamm war von solchem Umfang, dass es ihnen, h�tten sie sich zu dritt im gleichen Abstand darum postiert, wohl kaum gelungen w�re, sich durch Zuruf miteinander zu verst�ndigen. Er w�rde mit Leichtigkeit den gesamten Ostender Markt einnehmen, der doch Platz f�r viele hundert B�rger bot. Rhapsody war von diesen Dimensionen derartig �berw�ltigt, dass sie, als sie wieder in die Gegenwart zur�ckkehrte, die Gef�hrten aus den Augen verloren hatte.</p><p>Sie hielt Ausschau nach dem Riesen und dessen verh�lltem Gef�hrten, konnte sie aber nirgends ersp�hen. In ihren Ohren und Fingern sp�rte sie fr�he Anzeichen einer aufkommenden Panik; eingedenk der Tatsache, dass sie sich �ber die Absichten der beiden ganz und gar nicht im Klaren war, wurden ihre H�nde kalt. Doch die friedliche Stille des Tals l�ste den Krampf in ihrem Magen, und ein tr�stendes, sonores Summen erf�llte ihren Sinn. Es war wieder das Lied des Baumes, tief und andauernd, und in seiner schlichten Melodie h�rte Rhapsody die Weisheit vergangener Zeitalter mitschwingen. Sie schloss die Augen und lauschte. Einen zauberhafteren Gesang hatte sie nie vernommen.</p><p>Der Druck hinter der Stirn und die Verspannung der Nackenmuskeln, die ihr nun schon zwei Wochen lang zu schaffen machten, seit dieser Gammon sie im <emphasis>Federhut</emphasis> aufgesucht hatte, l�sten sich unter dem Eindruck des Liedes und verschwanden bald ganz. Ein Gef�hl des Friedens breitete sich in ihr aus und ber�hrte versch�ttete Teile ihrer Seele.</p><p>Wie schon im Traum h�rte sie die Stimme der Mutter, die ihr in der Sprache der Lirin alte Geschichten erz�hlte und Lieder sang zum Lob der Wunder der Natur � Wunder wie der unermesslich gro�e Baum. Mit dem Herzen lauschte sie der magischen Melodie und verga� dar�ber die Zeit, bis sie eine Hand auf der Schulter sp�rte, die sie unsanft in die Wirklichkeit zur�ckholte.</p><p>�Wo bist du gewesen?�, fl�sterte ihr eine Stimme ins Ohr. �Wir warten. Komm endlich.�</p><p>Aufgeschreckt fuhr Rhapsody herum. �Ihr wartet? Worauf? Ich dachte, wir w�ren hier, um dem Baum unseren Respekt zu erweisen. Davon lasse ich mich jedenfalls nicht abbringen.�</p><p>�Komm mit, wir haben die Hauptwurzel entdeckt.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte die Hand ab. �Na und?�</p><p>�Ich will hier kein Blut vergie�en�, sagte Achmed mit unheilvollem Unterton.</p><p>Wieder liefen ihr kalte Schauer der Angst �ber den R�cken, doch gleich darauf wurde ihr hei� vor Wut. �Was soll das hei�en? Du drohst mir?�</p><p>Achmed hielt einen Gegenstand in die H�he; der leuchtete so hell, dass sie sich unwillk�rlich abwandte, um die Augen zu schonen. Als sie blinzelnd wieder hinsah, erkannte sie einen Schl�ssel, der aus Knochen gemacht zu sein schien, aber wie poliertes Gold erstrahlte, das Sonnenlicht in sich gespeichert hatte. </p><p>�Willst du sehen, was jetzt passiert, oder dumm zur�ckbleiben?�</p><p>�Nein, ich glaube, ich werde tats�chlich so dumm sein, dich zu begleiten.�</p><p>Z�hneknirschend folgte sie Achmed um den Stamm des riesigen Baumes herum. Sie starrte nach oben, doch es war ihr immer noch nicht m�glich, seine H�he zu ermessen. Auf der S�dseite angelangt, breitete sich ein See vor ihr aus, dessen klarer Spiegel den unteren Rand des Laubdaches eben noch erkennen lie�. Das Lied der Sagia hallte von der Wasseroberfl�che wider und schickte silbrige Schauer durch Rhapsodys Seele. </p><p>Sie verweilte einen Moment, um die Sch�nheit des Anblicks auszukosten, und als sie sich wieder besann, war Achmed verschwunden. Eilends lief sie weiter. Es dauerte nicht lange, und sie hatte zu ihm aufgeschlossen. Sie fand ihn, tief geb�ckt, den Arm nach unten ausgestreckt, wo er den Schl�ssel �ber die gesamte L�nge des Bartes in den Sockel des Baumes gesteckt hatte.</p><p>�Pass auf!�, sagte er. </p><p>Kaum hatte er den Schl�ssel mit energischer Handbewegung herumgedreht, da spr�hte ein Schauer schillernder Funken aus dem Boden und stob himmelw�rts. Von aufglimmenden roten Lichtspuren umgeben, zeigte sich die �ffnung eines kleinen Einstiegs.</p><p>Mit weit aufgerissenen Augen schreckte Rhapsody zur�ck. Sie starrte immer noch vor sich hin, als Grunthor einen gro�en rechteckigen Ausschnitt aus der Wurzel hochhievte und zur Seite klappte. Vor ihr tat sich eine Dunkelheit auf, die so vollkommen war, dass sie aus dem Loch hervorzuquellen und sich �ber ihre F��e zu ergie�en schien.</p><p>�Was macht er da?�, rief sie entsetzt, ehe Achmed dazu kam, ihr den Mund zuzuhalten.</p><p>�Pssst. H�r zu, ich werd�s dir sagen. Der Baum steht hier als Zeichen daf�r, dass es sich um eine der Stellen handelt, an der die Zeit begonnen hat. Seine Wurzeln f�hren �berall dorthin, wo die Macht der Insel Einfluss nimmt.� Er lie� von ihr ab und drehte sie zu sich herum. �Wir m�ssen gehen. Wir m�ssen an einen Ort fliehen, der uns Schutz vor dem D�mon bietet, der uns verfolgt.�</p><p><emphasis>�D�mon?�</emphasis></p><p>�Zugegeben, ihn als D�mon zu bezeichnen ist vielleicht untertrieben. �Ungeheuer� w�re wohl zutreffender. Von ihm haben wir �brigens diesen Schl�ssel. Wie auch immer, dem Baum wohnen ungeheure Zauberkr�fte inne; er ist fest verwoben mit dem Stoff dieser Welt und bietet uns hier einen magischen Gang. Wir m�ssen den Wurzeln folgen, wohin sie uns auch f�hren.�</p><p>Rhapsody starrte ihn an. �Dann geht doch.�</p><p>�Du sollst uns begleiten�, sagte Achmed und streckte die Hand nach ihr aus.</p><p>�Ich kann nicht, will nicht�, entgegnete sie, und ihre Stimme zitterte. �Wie k�me ich dazu, euch zu begleiten?� </p><p>�Liegt dir denn nicht daran zu erfahren, wie die Zeit in die Welt gekommen ist? Wir bieten dir die Gelegenheit, einen Blick ins Herz des Baumes zu werfen � ins Herz der Welt. Welcher Lirin w�rde nicht alles daf�r geben?� </p><p>�Und wenn schon.� </p><p>Grunthor blickte vom Einstieg auf, den er freigelegt hatte, und grinste. �Ich will dir was sagen, Herzchen: Wenn du mitkommst, wirst uns davon abhalten k�nnen, der Wurzel zu schaden. L�sst du uns aber allein, kann ich f�r nichts garantieren ...�</p><p>Rhapsody schnappte entsetzt nach Luft. �Untersteht euch! Das ist ein heiliger Baum, der Sitz der Weisheit aller Lirin, nicht nur derer, die im Walde wohnen. Ihm Schaden zuzuf�gen ...�</p><p>� ... w�re f�r uns ein Leichtes, Herzchen.� Rhapsodys Augen wurden noch gr��er, als sie Grunthor in dem dunklen Loch verschwinden sah. Doch gleich darauf trat Achmed vor sie hin und versperrte ihr die Sicht. </p><p>�Willst du nicht wissen, wie es drinnen aussieht?�</p><p>Rhapsody wollte durchaus, aber ihre Scheu davor, sich wom�glich einer frevlerischen Handlung schuldig zu machen, war gr��er, und au�erdem drehte sich ihr der Magen um bei dem Gedanken daran, dass diese Marodeure das Innere der Sagia betreten w�rden. Ihr war nat�rlich klar, dass sie die beiden niemals w�rde aufhalten k�nnen, doch wollte sie nichts unversucht lassen und selbst ihr Leben daf�r aufs Spiel setzen. </p><p>�Halt!�, rief sie und zog ihren Dolch. �Kommt da sofort wieder raus.�</p><p>�Noch hast du die Chance�, drang Achmeds raue Stimme zu ihr. �Wenn du aber lieber zur�ckbleiben m�chtest, w�nsche ich dir viel Gl�ck im Umgang mit den Lirindarc-Wachen, die jeden Moment aufkreuzen werden. Wie willst du denen den Schaden erkl�ren? An deiner Stelle w�rde ich mich schnellstens aus dem Staub machen. Grunthor, du hast doch hoffentlich deine Axt nicht vergessen, oder?� Die in dunkler Tiefe widerhallende Frage sollte ihr nat�rlich Angst machen und sie zum Mitkommen bewegen. </p><p>Rhapsody sah sich um. In der Ferne glaubte sie tats�chlich schon die Ger�usche einer n�her r�ckenden Patrouille zu h�ren. Schlimmer noch, die Sagia hatte ein anderes Lied angestimmt und sang wie unter Schmerzen. </p><p>Voller Sorge lief sie auf den Einstieg zu, untersuchte den entstandenen Schaden, fuhr pr�fend mit der Hand �ber die silbrige Borke und sp�rte unter den Fingergruppen dieselben Schwingungen, die sie vorher in ihrem Herzen empfunden hatte. Pl�tzlich schnellte eine Hand aus dem Loch, und ehe sie sich versah, ging es mit ihr nach unten.</p><p>Sosehr sie auch schrie, es half nichts. Achmed reichte sie an Grunthor weiter, zog mit einem Ruck den Schl�ssel ab und wandte sich ihr zu, w�hrend die Luke leise hinter ihm zuklappte. Und dann war mit einem Male alles stockdunkel.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Von der Dunkelheit geschluckt, wurde Rhapsody ganz still. Sie wartete, bis sie sich an die D�sternis gew�hnt hatte, und versuchte dann, sich von Grunthors Hand loszurei�en � ein sinnloses Unterfangen. Sie konnte den Riesen kichern h�ren und sp�rte ihn noch fester zupacken. Pl�tzlich wurde ihr bewusst, dass sie bis zur H�fte in einer lauwarmen Fl�ssigkeit steckte, die dickfl�ssiger als Wasser und von elastischen F�den durchzogen zu sein schien, was zur Folge hatte, dass sie sich um einiges leichter w�hnte. </p><p>Wenig sp�ter sah sie eine winzige Flamme aufleuchten, und Achmeds schauerliches Gesicht trat in Erscheinung. Der Anblick verschlug ihr wiederum den Atem. Grunthor lie� sie los, langte hinter sich und zog eine Fackel hinter dem R�cken hervor. Die gab er seinem Partner, der sie zum Brennen brachte und damit im Kreis herum leuchtete.</p><p>Der Schacht, durch den sie eingestiegen waren, verj�ngte sich nach oben hin und verschwand im Dunklen. Darunter tanzten bizarre Schatten.</p><p>Sie befanden sich in einem weiten, unregelm��igen Hohlzylinder aus schimmernden W�nden, in blassem Gr�n, stumpfem Gelb und fleckigem Wei� gestreift. Im schwachen Schein der Fackel sah sie die tr�be Fl�ssigkeit, in der sie standen und durch die sich knotige Str�nge wanden, in �hnlichen Farben schillern. </p><p>Es schien, dass hier fr�her einmal eine Art Stollen bis tief ins Wurzelwerk hinabgef�hrt hatte, der dann im Laufe der Zeit zugewachsen war. Ein wirres, lockeres Gewebe aus Pflanzenfasern durchzog den Raum und bildete dessen netzartigen Boden. Das durch die �ffnung des Einstiegs verdr�ngte z�hfl�ssige Grundwasser war wieder zur�ckgelaufen und schwappte auf und ab.</p><p>Aus der feuchten Luft tropfte Wasser auf sie herab und verdunstete kalt auf ihrer Haut. Rhapsody blickte nach oben. Der Einstieg war nicht mehr zu sehen; in den W�nden deutete kein einziger Spalt darauf hin, dass sich dort zuvor eine Luke aufgetan hatte.</p><p>Sie r�ckte von Grunthor ab, der sie auf ein Zeichen von Achmed hin losgelassen hatte, streckte beide Arme nach oben und bef�hlte mit den H�nden die Oberfl�che des Holzes. Da war kein Spalt, keine Fuge. </p><p>Ein wulstiger Auswuchs, der bis dicht an ihre H�fte reichte, bot ihr eine h�here Stufe. Mit gro�er Kraftanstrengung zog sie einen Fu� aus der z�hen Br�he und setzte ihn pr�fend darauf. Der Wulst war offenbar stabil genug. Als N�chstes suchte sie nach einem Halt f�r die H�nde und zog sich nach oben. Auch als sie nun, im Schacht aufgerichtet, die Einstiegsstelle von nahem betrachtete, konnte sie keinen Hinweis auf eine m�gliche �ffnung erkennen. Mit zitternden H�nden strich sie �ber die glatte Oberfl�che des Holzes im Kern des Baumes.</p><p>�Wo ist die T�r?�, verlangte sie zu wissen und versuchte, ihrer Stimme nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie sich �ngstigte. �Was habt ihr getan?�</p><p>�Wir haben hinter uns zugesperrt�, antwortete Achmed nicht ohne Spott.</p><p>Grunthor st�tzte mit der Hand ihren R�cken, als sie auf der faserigen Wucherung ins Schwanken geriet. In ihrer erh�hten Position stand sie ihm nun von Angesicht zu Angesicht gegen�ber und entdeckte in seinen bernsteinfarben Augen, die sich in dem ansonsten monstr�sen Gesicht �berraschend freundlich ausmachten, einen unverkennbaren Ausdruck von Sympathie.</p><p>�Die T�r gibt�s nich mehr, Herzchen, tut mir Leid. Aber wir m�ssen ja auch weiter und k�nnen nich zur�ck.� </p><p>Rhapsody wirbelte herum und starrte auf Achmed. Im Licht der Fackel gl�hten ihre Augen leuchtend gr�n. �Was soll das hei�en, �wir k�nnen nicht zur�ck�? Wir m�ssen zur�ck. Lasst mich hier raus!� </p><p>�Unm�glich. Finde dich damit ab und komm mit uns. Wir werden nicht auf dich warten.�</p><p>Mit jedem Atemzug, den sie tat, wurde ihr die Luft in den Lungen schwerer. �Mitkommen? Seid ihr �bergeschnappt? Es geht hier doch nirgends weiter.�</p><p>�Du liegst wieder einmal v�llig daneben.� Der Mann, den sie Achmed die Schlange genannt hatte, schob ein paar herabh�ngende Schlinggew�chse beiseite und watete auf die andere Seite der zylindrischen H�hlung, wo die Wand am d�nnsten zu sein schien.</p><p>Er streifte seine Lederhandschuhe ab und tastete suchend �ber die schwammige Oberfl�che, bis er eine geeignete Schwachstelle ausfindig gemacht hatte. Er nickte Grunthor zu, worauf dieser jene seltsame dreischneidige Klinge hinter der Schulter hervorzog, die er Karvolt abgenommen hatte.</p><p>Der Riese stellte sich nun so, als wollte er einen Speer werfen. Die Muskeln der m�chtigen Schultern angespannt, wuchtete er die Triatine mit kraftvollem Sto� in die fleischige Wand. Dann schnitt er unter Einsatz seines ganzen K�rpergewichts ein tellergro�es St�ck aus der Wandmasse, die in ihrer Konsistenz einer Melone nicht un�hnlich war. Die musikalischen Schwingungen des Baumes, die seit ihrem Einstieg ausgeblendet waren, schwollen pl�tzlich erschreckend laut an.</p><p>�G�tiger Himmel, nein�, wimmerte Rhapsody und sprang von der Stufe zur�ck in den Pfuhl. �Ihr tut der Sagia weh.� Sie taumelte auf Grunthor zu, wurde aber mit eiserner Hand auf Abstand gehalten. </p><p>�Unsinn. Das ist nur eine Wurzel; davon hat der Baum tausende.� Zu Rhapsodys Entsetzen riss Grunthor ein noch gr��eres St�ck aus der Wand. �Sobald wir durchgeschl�pft sind, wird sich das Loch wieder schlie�en. Es wird langsam Zeit; das Wasser steigt�, sagte Achmed mit Blick auf die z�hfl�ssige Lake, in der sie standen und die Rhapsody mittlerweile fast bis zur Brust reichte. Wieder stie� der Riese mit der dreischneidigen Waffe zu, so wuchtig, dass die W�nde ringsum erzitterten. </p><p>�Ich bin durch, Meister.� </p><p>Achmed nickte. An das M�dchen gewandt, sagte er: �H�r mir genau zu, ich erkl�r�s nur einmal. Wir m�ssen jetzt das Innere der Wurzel verlassen und ihr au�en folgen. Sie liegt in einer Art Tunnel, der ihr Platz l�sst, um sich auszudehnen. Denn je nachdem, wie viel Wasser die Wurzel speichert, ist sie mal dicker, mal d�nner. Dieser Tunnel wird uns als Korridor dienen. Wir finden darin gen�gend Trinkwasser und Luft zum Atmen. Und wenn wir Gl�ck haben, f�hrt er uns an einen Ort, wohin uns keiner unserer Feinde folgen kann. Auch du k�nntest dich auf diesem Weg vor Michael in Sicherheit bringen. Aber das h�ngt allein von dir ab. Also, du hast die Wahl, mit uns zu kommen oder zu bleiben, bis sich die Wurzel mit Wasser gef�llt hat und du darin ertrinkst.�</p><p>Rhapsody war sichtlich erschlagen von seinen Worten. Sie riss sich von ihm los und watete auf das Loch zu, das Grunthor in die Wand gehauen hatte. Der Riese wich zur Seite, um sie bis an den Rand vortreten und einen Blick durch die �ffnung werfen zu lassen. Sie sah nichts als Dunkelheit, ob sie nun nach unten blickte oder nach oben. Der Tunnel erstreckte sich entlang der fahlen Wurzel, die scheinbar endlos in den Abgrund wucherte.</p><p>Achmed pr�fte die Festigkeit der Riemen an seiner Montur. �Was ist nun? Kommst du mit?� </p><p>Gleich einer Schlammlawine st�rzte die Einsicht in die Ungeheuerlichkeit ihrer Lage auf sie ein. Sie war gefangen im Innern des Baumes; mithin blieb ihr nichts anderes �brig, als in den finsteren Schacht zu steigen, der Gott wei� wohin f�hrte. Es war ihr schon schlimm genug gewesen, Ostend verlassen zu m�ssen, doch nun brach ihr der kalte Schwei� aus bei dem Gedanken daran, was sie sonst noch alles aufgeben musste. </p><p>Rhapsody stie� Achmed beiseite, stakte zur�ck und trommelte wie wild mit den F�usten auf die Stelle, durch die sie in den Baum eingestiegen war. Verzweifelt schrie sie um Hilfe, so laut sie nur konnte, in der Hoffnung, von den Lirinschen Wachen des heiligen Baumes geh�rt und befreit zu werden. Die beiden M�nner schauten ihr kopfsch�ttelnd zu, bis es Achmed schlie�lich zu bunt wurde. Er streckte den Arm aus und klopfte ihr ver�rgert auf die Schulter. �Ich schlage vor, du h�rst jetzt auf mit dem Spektakel und kommst mit. Vielleicht m�chtest du dir aber lieber die Seele aus dem Leib br�llen und ersaufen. Es dauert nicht mehr lange, und die Wurzel wird voller Wasser sein.�</p><p>Rhapsody fing an zu weinen, was nur selten vorkam. Wer sie kannte, wusste, dass Tr�nen bei ihr ein Zeichen schierer Verzweiflung waren. Achmed verzog das Gesicht und kniff die Augen zusammen, so sehr schmerzte ihn ihr schrilles Lamento.</p><p>Er packte sie beim Arm und herrschte sie an: �H�r sofort auf damit! Sei still! Und falls du dich doch noch dazu entschlie�en solltest, mit uns zu kommen, so merke dir eines: Wir dulden kein Gejammer. Entscheide dich. Komm mit, wenn du willst, aber lass ein f�r allemal das Flennen sein.� </p><p>Er stieg durch das Loch und ignorierte Grunthors ungehaltene Miene, die dieser angesichts der Schimpftirade zog. Der riesige Bolg wandte sich dem M�dchen zu und zeigte dabei einen Gesichtsausdruck, der, wie sie w�hrend der vergangenen zwei Wochen gelernt hatte, seine Art zu l�cheln war. </p><p>�Hab dich nich so, Herzchen, so schlimm wird�s nich werden. Sieh�s als ein Abenteuer an. Und es hat doch was Gutes: Den Luftverschwender bist du ein f�r allemal los.� Er und Achmed tauschten Blicke und nickten sich zu. Dann stieg Letzterer an der Wurzel entlang nach unten.</p><p>�Und was ist mit meiner Familie, meinen Freunden? Die werde ich doch nie mehr wieder sehen�, schluchzte Rhapsody unter Tr�nen.</p><p>�Wieso denn nich? Dass Achmed und ich die Insel f�r immer verlassen, muss doch nich hei�en, dass du nie mehr zur�ckkehrst. Aber um zur�ckkehren zu k�nnen, musst du zuerst einmal weg sein, oder?� </p><p>Obwohl ihr gar nicht danach zumute war, schmunzelte Rhapsody unwillk�rlich. Ausgerechnet das Monstrum versuchte sie zu tr�sten, w�hrend dessen Partner � angeblich der Menschen�hnlichere der beiden � ihr gegen�ber nur gewohnt k�hle Gleichg�ltigkeit an den Tag legte. Die ganze Situation nahm derart unwirkliche Z�ge an, dass sie sich ernsthaft fragte, ob sie all dies wom�glich nur tr�umte. Sie rieb sich die Augen und seufzte vor Ersch�pfung.</p><p>�Also gut�, sagte sie zu Grunthor. �Mir bleibt anscheinend wirklich keine andere Wahl. Irgendwo wird�s hoffentlich einen Ausweg geben. Gehen wir.�</p><p>�So ist�s recht�, antwortete der Riese. �Dann komm, und immer sch�n hinter mir bleiben; damit w�re ausgeschlossen, dass ich aus Versehen auf dich drauffalle.� Er langte nach der Wurzel und stieg in den Schacht, der den Gef�hrten schon verschluckt hatte.</p><p>�Das w�re ja noch sch�ner!�, entgegnete Rhapsody kleinlaut. Sie kletterte durch das in die Wurzelwand gehauene Loch, ertastete ein faseriges Gew�chs, das ihnen als Kletterseil diente, und hielt sich daran fest. Langsam und vorsichtig stieg sie hinab in die flackernden Schatten des tiefen Stollens, der eine der Hauptlebensadern des Baumes umh�llte. Dass er seinen Beinamen �Eiche der tiefen Wurzeln� zu Recht trug, sollte sie in B�lde erfahren.</p><p>Michael irrte zwischen seinen toten M�nnern umher und starrte fassungslos auf das, was ihm da zu Gesicht kam. Nicht, dass ihn die Bilder als solche schockiert h�tten � er war zu weit grausameren Taten in der Lage, und hier fehlte jeder Hinweis auf Folter oder sadistische Exzesse. Was ihm die Haare zu Berge stehen lie�, war vielmehr die Ahnung von der verheerenden Gewalt, die hier gew�tet hatte. </p><p>Gammon ging schweigend neben ihm her, die Augen auf den Boden gerichtet. Er hatte Angst, etwas zu sagen, Angst sogar, dem Blick seines Herrn zu begegnen, zumal ihm selbst der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand. Zwar hatte er schon blutigere Schlachtfelder gesehen, gefallene Opfer in gr��erer Zahl, doch dass hier so viele M�nner allem Anschein nach mit k�hlem, gleichg�ltigem Sinn get�tet worden waren, entsetzte ihn �ber die Ma�en. Michael fand wenigstens seine Lust an Mord und Totschlag. Diese brutale Gleichg�ltigkeit aber war irgendwie noch be�ngstigender.</p><p>Michael hielt an. Mit einer knappen Kopfbewegung forderte er Gammon auf, den anderen dabei zu helfen, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Dann drehte er sich langsam im Kreis herum und blickte �ber das weite Feld, auf dem seine J�ger gefallen waren.</p><p>Zum Schutz vor dem glastigen Licht der Nachmittagssonne hob er schirmend die Hand an die Stirn. So weit das Auge reichte, sah er nichts als offenes Gel�nde und hohes, sommerspr�des Gras, vom warmen Wind in wogende Bewegung versetzt. In eine Falle waren seine M�nner nicht gelaufen. Hinter dieser Tat konnte nur einer stecken. Der Bruder.</p><p>Die trockene Kehle schn�rte sich ihm zu. Er dachte an das M�dchen. Das sonnenbeschienene, wogende Gras lie� ihn an ihr Haar denken, an die langen goldenen Wellen und wie sie ihm durch die Finger fl�ssen. Welch ein Hochgenuss, diese Haare auf der Haut zu sp�ren, wenn sie im Dunklen unter ihm gelegen hatte. Dieses Gef�hl hatte er auch dann nicht vergessen, wenn er andere, erotischere Gedanken an sie aus dem Kopf verbannt hatte, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie ihn ablenkten. Jetzt, da sie fort war, sah er sich durch das hohe Gras schmerzlich an das erinnert, worauf er wohl ein f�r allemal w�rde verzichten m�ssen. Denn wenn der Bruder sie nun in seiner Gewalt hatte, w�rde sie f�r ihn gewiss verloren sein. Wahrscheinlich hatte der Dhrakier sie l�ngst get�tet und vor Ostend ins Meer geworfen. �ber den mysteri�sen Meuchelm�rder war nicht viel bekannt; man wusste aber allenthalben, dass er kein Herz hatte und unempf�nglich war f�r die Versuchungen des Fleisches. Allein dieser Zug an ihm mochte f�r Rhapsody eine Chance bedeuten.</p><p>�Verbrennt die Toten�, ordnete Michael an. �Dann packt alles zusammen, was noch zu gebrauchen ist, und holt die Pferde. Wir sind hier fertig.�</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Die Probleme lie�en nicht lange auf sich warten. Gleich unter dem Loch, das Grunthor in die h�lzerne Wand geschlagen hatte, befand sich ein schmaler Absatz, nicht mehr als eine Unebenheit, die aber, wie alles an diesem riesigen Baum, �beraus deutlich ausgepr�gt war. Rhapsody hatte darauf Halt gefunden und blickte nun den beiden M�nnern nach, die sich eilig entfernten und bald in der Tiefe verschwunden waren, zusammen mit dem flackernden Licht der Fackel.</p><p>�Wartet!�, rief sie ihnen nach, und ihre Stimme drohte zu kippen. �Ihr seid zu schnell f�r mich.� Von den �ber die W�nde des Stollens zuckenden Schatten wurde ihr ganz flau. Sie fing an zu schwitzen. </p><p>�Komisch�, antwortete die raue Stimme von unten, �berraschend laut in ihrem Widerhall. �Man k�nnte auch meinen, du seist zu langsam.�</p><p>�Bitte�, rief sie und k�mpfte gegen die neuerliche Panik an, die ihr den Hals zuschn�rte. Es war still. Dann erbebte der wulstige Vorsprung unter ihren F��en. Grunthor hatte mit seinen riesigen Pranken zugelangt und hievte sich daran hoch. Sein Gesicht war verschmiert vom Saft der Wurzel. Selbst im Dunkeln sah Rhapsody, dass er grinste.</p><p>�Was ist los, Euer Liebden?�</p><p>�Ich glaub, ich schaff das nicht�, fl�sterte sie, und es gefiel ihr ganz und gar nicht, eine Schw�che eingestehen zu m�ssen. </p><p>�Ach, nat�rlich schaffst du�s. Lass dir nur Zeit.�</p><p>�Ich bin Lirin...� </p><p>Der Firbolg kicherte. �He, erinner mich nich. Ich hab schon lange nichts Leckeres mehr zwischen die Z�hne gekriegt.� </p><p>� ... und unsereins tut sich schwer unter Tage.�</p><p>�Das seh ich. Wie w�r�s mit �ner kleinen Lektion? Komm, ich zeig�s dir.� Er winkte ihr mit der einen Hand zu und hielt sich mit der anderen an dem faserigen Strang fest.</p><p>Zaghaft r�ckte Rhapsody bis an den Rand des Absatzes vor, riskierte einen Blick in die Tiefe und schluckte. </p><p>�Das ist schon der erste Fehler. Schau gar nich erst hin. Mach die Augen zu und dreh dich um.� Sie gehorchte. Die Armschienen von Grunthors R�stung knarzten, als er seinen starken Arm um ihre Taille legte und sie von dem Vorsprung holte. Vor Schreck stie� sie einen spitzen Schrei aus. </p><p>�So ist es gut. Lass die Augen zu, breite die Arme aus und umklammere damit die Wurzel. Versuch dich irgendwo festzuhalten.�</p><p>Von Grunthor gest�tzt, streckte sie die Arme aus und fuhr mit den H�nden rechts und links �ber die ertastete Oberfl�che, bis sie die Wurzel fast mit der Brust ber�hrte. Grunthor dr�ckte sie noch n�her heran. Der metallische Geruch seiner R�stung, sein Schwei� und die feuchten, erdigen Ausd�nstungen der Wurzel lagen ihr schwer in der Nase. Bald fand sich mit der linken Hand eine kleine Mulde, mit der rechten ein Wurzelzweig. Beides bot ihr Halt.</p><p>�Und jetzt noch die F��e. Gut so. Jetzt kannst du die Augen wieder �ffnen.�</p><p>Rhapsody starrte auf die Oberfl�che der Wurzel, eine dicke, fleckige Haut voller Sprossen und Flechten, ganz im Unterschied zu den W�nden im Innern stark zerkl�ftet und rau. Sie lehnte den Kopf an, kostete den schweren Duft, indem sie tief durch die Nase einatmete, und lauschte dem summenden Ton, der auf ihrer Kopfhaut vibrierte. Das Lied �bte eine beruhigende Wirkung auf sie aus, selbst hier unten in der d�steren Gruft der Erde.</p><p>�Alles in Ordnung?� </p><p>Rhapsody nickte und hielt immer noch den Kopf an die bleiche Haut der Wurzel gelehnt. Letzte schwache Schatten flackerten umher, und pl�tzlich ging weiter unten im Tunnel leise zischend die Fackel aus. </p><p>�Na bitte, es geht doch. Nur nich nach unten sehn! Lass dir Zeit. Und keine Angst. Falls du ausrutschen solltest, bin ich zur Stelle und fang dich auf.� Der Riese gab ihr einen aufmunternden Klaps und setzte seinen Abstieg fort.</p><p>�Danke�, murmelte Rhapsody. Vorsichtig suchte sie nach weiteren Haltem�glichkeiten und kletterte St�ck f�r St�ck an der Wurzel weiter nach unten. Bald schon schmerzten Schultern, H�nde und Knie vor Anstrengung � dabei war sie noch gar nicht weit gekommen.</p><p>Wie lange der Abstieg nun schon andauerte, war unm�glich einzusch�tzen � bestimmt schon etliche Stunden, doch es schien ihr, als w�ren Tage vergangen. Sooft Rhapsody Gelegenheit dazu fand, g�nnte sie sich und den schmerzenden Gliedern an der rauen Wurzelhaut einen Augenblick der Erholung. </p><p>Die beiden Begleiter waren aus ihrem Blickfeld entschwunden. Achmed hatte angeordnet, Abstand zu halten, damit die wenigen zur Rast geeigneten Stellen von jeweils einem der dreien im vollen Ausma� genutzt werden konnten. Wenn Achmed einen solchen Vorsprung erreichte, rief er den beiden nach oben zu, dass sie es langsamer angehen lassen sollten, damit der N�chste auf dem Vorsprung ausruhen konnte, wenn er schon wieder weitergegangen war.</p><p>Es war w�hrend einer solchen Ruhepause � beide F��e standen fest verkeilt in einem waagerechten Spalt �, als Rhapsody pl�tzlich wieder von einer Panikattacke heimgesucht wurde.</p><p>�ber die Jahrhunderte hinweg war der Schacht, in dem die Wurzel steckte, vom Wuchs des Baumes und den Niederschl�gen zahlloser Regenzeiten ausgeh�hlt worden, und zwar zu der Gestalt, die sie nun vorfanden. War er an der Einstiegsstelle noch so breit gewesen, dass sich seine Umgrenzung in der Dunkelheit verlor, wurde er enger und enger, je tiefer sie vordrangen. Entsprechend verj�ngte sich auch die Wurzel selbst, und je schlanker sie wurde, desto zahlreicher waren die kleineren Sprossen und Triebe. Die Erde schloss sich immer enger um sie, was Rhapsody zunehmend beklommen machte. Als Halb-Lirin war sie ein Kind des freien Himmels und der offenen Fl�chen. Durch dunkle Tiefen zu tappen war wider ihre Natur und eine Qual auf Schritt und Tritt.</p><p>Ihr schwirrte der Kopf. Sie w�hnte sich lebendig begraben, so tief versch�ttet, dass sie niemand mehr f�nde. Auch ihre Toten w�rden die Lirin nie und nimmer einsargen und in der Erde vergraben. Stattdessen �berantworteten sie die sterblichen �berreste ihrer Angeh�rigen durch Feuerbestattung dem Wind und den Sternen. Umso mehr entsetzte sie der Gedanke daran, so tief ins Erdreich abgestiegen zu sein. So tief.</p><p>Pl�tzlich war ihr, als lastete ihr jede Krume in den Schichten �ber ihr auf den Schultern, als quetschten ihr die Massen an Erde die Luft aus den Lungen. Krampfhaft krallte sie sich am Wurzelstock fest. Ihr wurde schwindlig, und sie f�hlte sich fiebrig.</p><p>Das tr�stliche Lied des Baumes, anfangs noch gut zu vernehmen, war nur mehr ein schwaches Wispern, das ihr, statt Mut zu machen, alle Hoffnung nahm. Dass sie sich atmen und das Herz in den Ohren schlagen h�rte, vermittelte ihr den Eindruck, ertrinken zu m�ssen. Sie rang nach Luft. <emphasis>Zu tief</emphasis>. </p><p><emphasis>Zu tief</emphasis>. </p><p>In der Erinnerung vernahm sie die Stimme des Vaters, ernst, aber nicht streng.</p><p><emphasis>H�r auf zu zappeln</emphasis>. </p><p>Rhapsody machte die Augen zu und konzentrierte sich mit aller ihr noch verbliebenen Willenskraft auf ihren pers�nlichen Grundton, auf <emphasis>ela,</emphasis> die sechste Stufe der Tonleiter. Eines der ersten Dinge, die sie in ihrer Ausbildung zur S�ngerin gelernt hatte, war es gewesen, ihre innere Stimmgabel anzuschlagen, die ihr diesen Grundton zu finden half � immer, auch in h�chster Not. Sie holte tief Luft und summte in der gegebenen Schwingung vor sich hin.</p><p>Auf dem kalten Wasser des T�mpels trieb gr�ner Schaum. Der Grund war nicht zu sehen.</p><p><emphasis>Vater?</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin hier, Kind. Immer sch�n langsam die Arme bewegen. Ja, besser</emphasis>.</p><p><emphasis>Mir ist kalt, Vater. Ich kann mich nicht mehr �ber Wasser halten. Hilf mir</emphasis>.</p><p><emphasis>Keine Angst. Ich halte dich</emphasis>.</p><p>Rhapsody holte noch einmal tief Luft und sp�rte, wie sich der Krampf in ihrer Brust ein wenig l�ste. Sie erinnerte sich an den Vater, an sein l�chelndes Gesicht, den tropfnassen Bart und das von den Wangen perlende Wasser beim Auftauchen aus dem T�mpel vor langer, langer Zeit.</p><p><emphasis>Das Wasser tut dir nicht weh; es ist die Angst, die dir schadet. Bleib ruhig</emphasis>.</p><p>Sie nickte wie an jenem Tag vor so vielen Jahren und sch�ttelte den Angstschwei� von der Stirn wie damals das Wasser von den Haaren.</p><p><emphasis>Es ist so tief, Vater</emphasis>. </p><p>Ein Wasserstrahl, ausgespuckt aus seinem Mund. <emphasis>Die Tiefe ist egal, solange du den Kopf in der Luft h�ltst. Du kannst doch noch atmen, oder? J...ja?</emphasis></p><p><emphasis>Dann k�mmere dich nicht darum, wie tief es ist. Denk ans Atmen, dann passiert dir nichts. Nur keine Panik. Die kann dir gef�hrlich werden wie sonst nichts</emphasis>.</p><p>Der n�chste Versuch, Luft zu holen, fiel ihr schon sehr viel leichter. <emphasis>Erinnerungen sind die ersten Geschichten, die man selbst zu erz�hlen wei�,</emphasis> hatte Heiles, ihr Mentor, einst gesagt. <emphasis>Sie sind die Kunde deines eigenen Lebens. Darin steckt mehr Kraft als in allen anderen Studienf�chern. Lass sie nicht ungenutzt</emphasis>. Nun hatte sie schon zweimal aus der Vergangenheit gesch�pft und beide Male Hilfe empfangen. </p><p><emphasis>Die Tiefe ist egal. Denk ans Atmen, dann passiert dir nichts. Nur keine Panik</emphasis>. Vorsichtig �ffnete Rhapsody die Augen. �Lockenkopf?�</p><p>Die Stimme von unten kam so unerwartet, dass sie vor Schreck zusammenzuckte und wieder in Panik geriet. Sie rutschte mit den F��en ab, suchte verzweifelt nach Halt und glitt an der �ligen Wurzelhaut nach unten, �ber Knollen und Ver�stelungen hinweg, an denen sie sich s�mtliche Glieder prellte. Sie sch�rfte sich H�nde und Arme an der rauen Rinde auf und rutschte immer schneller in die Tiefe, bis Grunthors massiger K�rper sie aufhielt und sie abrupt zum Stehen kam. Er fing sie ab, ohne dass er selbst dar�ber ins Rutschen geraten w�re. Au�er sich vor Angst blickte Rhapsody auf und sah dem Riesen ins graugr�ne Gesicht. Der grinste bis �ber beide Ohren. </p><p>�Na, Euer Liebden? So tief gesunken, dass du dich ausgerechnet mir um den Hals wirfst?� </p><p>Mit einem Schlag l�ste sich die Anspannung der vergangenen Tage, und obwohl ihr eigentlich nicht danach zumute war, fing Rhapsody lauthals zu lachen an. Der Riese stimmte mit ein.</p><p>�Grunthor.� Die trockene Stimme von unten verdarb den beiden den Spa�. Der Riese blickte ins Dunkle hinab und bekam zu h�ren: �Wir wechseln hier die Richtung und folgen einem anderen Weg.� </p><p>�Warte hier, Herzchen, ja?� Rhapsody nickte. Grunthor half ihr, an der Wurzelhaut Halt zu finden, zog dann eine kleine Feldflasche zum Vorschein und gab ihr daraus zu trinken, ehe er weiter nach unten kletterte, um sich mit Achmed auszutauschen. Wenig sp�ter war er zur�ck.</p><p>�Ein St�ck weiter unten gibt�s �nen ziemlich breiten Absatz�, sagte er. �Darauf werden wir schlafen. Halt dich fest, ich trage dich.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Nein, danke. Wenn�s nicht mehr weit ist, schaffe ich�s schon noch.� </p><p>�Wie du willst�, antwortete der Riese. �Es reicht mir zu wissen, dass ich dein Fall bin.� Begleitet von Rhapsodys hellem Lachen, stieg er wieder nach unten.</p><p>Schweigend und bei sp�rlichem Licht nahmen sie eine Mahlzeit zu sich. Achmed hatte eine weitere Fackel angez�ndet und aufgestellt. Rhapsody badete im warmen Schein der kleinen Flamme. Fast ausschlie�lich konzentriert darauf, das beklemmende Gef�hl des Eingeschlossenseins abzuwehren, hatte sie gar nicht gemerkt, dass es empfindlich kalt geworden war.</p><p>Achmed hatte verschiedene Schimmelpilze und Parasiten von der Wurzel gepfl�ckt und pr�fte nun, ob sie als Brennstoff und Lichtquelle taugten. Ein schwammartiger Pilz erwies sich als durchaus geeignet; er brannte lange und gl�hte noch eine Weile nach, als die Flamme erloschen war. Mit dem Ergebnis zufrieden, sammelte Achmed einen kleinen Vorrat davon und steckte ihn in sein Gep�ck.</p><p>�Damit h�tten wir Licht�, sagte er zu Grunthor, �und ein bisschen W�rme obendrein.� Der Firbolg nagte gerade an einem St�ck D�rrfleisch, das er einem von Michaels Soldaten abgenommen hatte, und nickte. �An Wasser fehlt�s nat�rlich auch nich.� Zum Beweis wrang er einen Zipfel seines durchfeuchteten Mantels aus, worauf sich ein d�nner Wasserstrahl �ber seine Stiefel ergoss. Wortlos a� Rhapsody ihre Ration. F�rs Erste aufgehoben an einem sicheren Ort, fand sie Zeit, �ber den bisherigen Ablauf ihres gemeinsamen Unternehmens nachzudenken. Doch im Hinterkopf lauerten immer noch Angst und Panik, die in Schach zu halten all ihre Konzentration beanspruchte. So merkte sie gar nicht, dass Achmed ihr ein gr�nes Gem�se zu essen anbot. Erst als er ihr die Kostprobe unter die Nase hielt, merkte sie auf.</p><p>�Nimm.� </p><p>Mit angewiderter Miene nahm Rhapsody entgegen, was ihr geboten wurde, holte mehrere Male tief Luft und versuchte, Ruhe zu bewahren. Dann riskierte sie einen Versuch und verzog das Gesicht. Das Gem�se schmeckte �u�erst fade und war faserig. Rhapsody kaute und kaute.</p><p>�B�h. Was war das?�, fragte sie, nachdem sie den Bissen hinuntergeschluckt hatte.</p><p>�Die Wurzel.� Achmed schmunzelte, am�siert �ber ihre Reaktion.</p><p>�Die Wurzel? Ihr <emphasis>esst</emphasis> von der Sagia?�</p><p><emphasis>�Du</emphasis> isst von der Sagia.� Er hob wie zur Abwehr die Hand. �Bevor du dich jetzt erbrichst, denk erst einmal nach. Wir werden hier wer wei� wie lange aushalten m�ssen und haben nur wenig Proviant. Was sollen wir essen, wenn die Vorr�te aufgezehrt sind?� Er ignorierte ihre w�tenden Blicke, die den anf�nglichen Ausdruck spontaner Abscheu abgel�st hatten. �Oder sollte ich lieber Grunthor danach fragen?� </p><p>�Keine Sorge, Herzchen�, meinte der Firbolg-Riese mit vollem Mund. �Von dir werd ich sowieso nicht satt. Mit Verlaub, du bist mir �n bisschen zu mager. Und wahrscheinlich auch zu z�h.� </p><p>�Was wir insgesamt an Wurzelgem�se verbrauchen werden, wird den Parasiten hier gar nicht auffallen, geschweige denn dem Baum. Der nimmt gewiss keinen Schaden, und das wirst du noch sehen. Betrachte es doch einmal so: Wir nehmen die Vorstellung vom Baum als Ern�hrer der Lirin einfach etwas w�rtlicher.�</p><p>Rhapsody hatte schon den Mund ge�ffnet, um ihrem verruchten Gegen�ber beizubringen, dass die Sagia ein lebendiges Wesen sei und eine Seele habe, hielt aber an sich, irritiert �ber das Wort, das ihr soeben zu Ohren gekommen war.</p><p>�Parasiten?� </p><p>Grunthor schnaufte. �Jetzt sag nur, die w�ren dir noch nich aufgefallen?�</p><p>Rhapsody sah sich hektisch um. Voller Angst und mit starkem Sinn darauf bedacht, nur ja nicht abzurutschen und in die Tiefe zu st�rzen, hatte sie auf Einzelheiten gar nicht erst geachtet, und selbst jetzt sah sie hinter sich kaum mehr als jene m�chtige, gr�nlich wei�e Wand aus Wurzelholz und den felsigen Tunnel ringsum, dessen enorme Ausma�e sie g�nzlich einsch�chterten.</p><p>�Nein.� </p><p>�Wir sind tief unter der Erdoberfl�che�, erl�uterte Achmed mit ungew�hnlich ruhiger Stimme. �Hier leben unter anderem W�rmer und Insekten, die sich von Wurzeln ern�hren. Dass hier �berall Wurzeln sind, ist dir doch aufgefallen, oder?� Er sah in ihren leuchtend gr�nen Augen bereits wieder Panik aufscheinen und fasste sie bei den Schultern.</p><p>�H�r mir zu. Grunthor und ich wissen ziemlich genau, was wir tun. Wenn du bei uns bleibst und unseren Anordnungen folgst, kommst du aller Wahrscheinlichkeit nach mit heiler Haut hier wieder raus. Solltest du aber durchdrehen, s�he es schlecht f�r dich aus. Verstehen wir uns?� Sie nickte. �Na, bitte. Wenn ich mich recht entsinne, hast du vor einiger Zeit erw�hnt, dass es dir als S�ngerin m�glich sei, den Schlaf zu verl�ngern. Stimmt das?�</p><p>�Ja, manchmal gelingt mir das.�</p><p>�Das k�nnte sich als n�tzlich erweisen. Wie dem auch sei, sobald wir uns ausgeruht haben, geht�s weiter, aber in eine andere Richtung. Die Wurzel verzweigt sich hier, und einer der Ableger verl�uft ein St�ck in der Waagerechten. Ihm werden wir folgen. Aber jetzt sollten wir erst einmal zu schlafen versuchen.� Er lehnte sich zur�ck an die Wurzelwand und lie� das Gesicht wieder im Dunkel der Kapuze verschwinden.</p><p>Rhapsody r�ckte ins Licht der Fackel und hoffte, dass es nicht verlosch, bevor sie eingeschlafen war. Sie machte die Augen zu, doch das Bild wimmelnden Ungeziefers, das an der Wurzel der Sagia fra�, vermochte sie nicht auszublenden.</p><p>Das Lied des Baumes, das, so lange sie in Bewegung gewesen war, wie von fern ert�nt war, schwoll nun in der Stille an, erf�llte ihr Herz und lullte sie ein. Mit dem letzten bewussten Gedanken summte sie ihren ureigensten Grundton und lie� ihn mit dem Lied der Sagia harmonieren. Nur so war es ihr m�glich, an diesem schauerlichen Ort Ruhe zu finden.</p><p>Weit entfernt, in einer Welt, die noch tiefer war als der tiefste Traum, den Rhapsody je getr�umt hatte, regte sich die gro�e Schlange im Schlaf. In den Tunneln der Vorzeit um die rudiment�ren Wurzelausl�ufer des Gro�en Baums gewunden, wartete die Bestie auf den Ruf. Bald, wenn der Krieg ausbr�che, w�rde sich das Tor zur Oberwelt �ffnen, durch das sie an die Oberfl�che emporstiege, um endlich ihren Hei�hunger stillen zu k�nnen.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Es war dunkel, als Achmed aufwachte und die Reste des Traums absch�ttelte, der sich in seinen Schlaf geschlichen hatte. Noch ehe er die Augen aufschlug, sp�rte er, dass Grunthor schon wach war. Der Sergeant starrte mit verwunderter Miene auf das M�dchen, das sich, von einem Albtraum heimgesucht, wimmernd hin und her warf.</p><p>�Armes Ding.� Der Bolg lehnte sich zur�ck. �Meinst du, wir sollten sie aufwecken?�</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf. �Auf keinen Fall. Sie ist eine S�ngerin und hat wom�glich eine Vorahnung.� </p><p>�H�bsches Ding. Gef�llt mir.�</p><p>Achmed musste schmunzeln. �M�glich, dass sie hellsichtig ist und in die Zukunft oder Vergangenheit blicken kann. Manche S�ngerinnen sind dazu durchaus in der Lage � dann n�mlich, wenn sie mit den Schwingungen der Welt im Einklang sind. In Alb tr�umen stecken mitunter wichtige Lehren.� </p><p>Rhapsody fing an zu schluchzen. Grunthor sch�ttelte den Kopf. �Keine angenehme Gabe, wie�s scheint. Ich w�rd sie an ihrer Stelle wieder zur�ckgeben.�</p><p>Achmed schloss die Augen und lauschte den Herzschl�gen. Da waren nat�rlich seine und die von Grunthor, kr�ftige, rhythmische Schl�ge, die ihm fast so vertraut waren wie die eigenen. Dagegen h�rten sich die Herzt�ne des M�dchens geradezu fahrig an, so als flatterten sie. Und zuletzt war da noch das Herz der Erde, das, von weither rufend, mit dumpfem Widerhall durch seine Adern, die Wurzeln des Gro�en Baums pulsierte, langsam und gleichm��ig. Seit undenklichen Zeiten.</p><p>Alle anderen Ger�usche wurden von der Erde verschluckt; nur manchmal h�rte man Wasser tropfen und Br�ckchen von den W�nden rieseln. Schlie�lich schlug Achmed die Augen wieder auf und musterte den Freund, der nach wie vor die S�ngerin betrachtete und sich dabei so hingesetzt hatte, dass sie gesch�tzt war und von dem schmalen Absatz, auf dem sie lag, nicht abst�rzen konnte.</p><p>�Es war wohl besser, wir binden sie fest, zumindest so lange sie schl�ft�, meinte Grunthor. Achmed stand auf und schaute �ber den Rand in die Tiefe. Wie die Wurzel, die immer d�nner w�rde, verengte sich auch der Schacht. Er verschr�nkte die Arme und blickte wieder hinter sich.</p><p>�F�r wie edel h�ltst du dich, Grunthor?�</p><p>Der Bolg blickte verwundert auf und schmunzelte dann. �Edel bin ich durch und durch, und zwar seit ich vor einigen Jahren diesen Edelmann verspeist hab. Warum?�</p><p>�Ich glaube, wir werden einen kleinen Umweg einschlagen.�</p><p>Das Gef�hl von W�rme auf dem Gesicht weckte Rhapsody, und der Albtraum, der sie gequ�lt hatte, l�ste sich vor ihren ge�ffneten Augen auf.</p><p>Mit einem brennenden Pilz in der Hand ging Achmed vor ihr in die Hocke. Sein Gesicht war von der Kapuze verh�llt. Noch schlaftrunken fragte sich Rhapsody, ob sie sich ihm gegen�ber ein erstes Mal freundlich zeigen sollte, hatte er sie doch bei Licht erwachen lassen und ihr den Anblick seines erschreckenden Gesichts erspart. Sie bek�mpfte den Widerwillen, den sie ihm gegen�ber empfand, seit er sie gen�tigt hatte, in den Baum hinabzusteigen.</p><p>�Guten Morgen�, sagte sie.</p><p>Die verh�llte Gestalt zuckte mit den Schultern. �Wie du meinst. F�r mich sieht�s aus, als w�r�s noch Nacht.� Er streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.</p><p>Rhapsody erschauderte, als sie an ihm vorbei und �ber den Rand der gro�en Pilzkappe hinwegschaute, auf der sie lagerten. Lange Schatten lungerten an der hohen Tunnelwand. Der Riese war nirgends zu sehen. </p><p>�Wo ist Grunthor?� </p><p>�Auf der anderen Seite der Wurzel. Wir schlagen einen anderen Weg ein. Der wird dir bestimmt besser gefallen. Dazu m�ssen wir zuerst wieder ein St�ck zur�ck nach oben klettern; doch dann geht�s ein gutes St�ck auf gleicher H�he weiter.�</p><p>Sie gab ihm die grob gewirkte Decke zur�ck, unter der sie aufgewacht war, und versuchte, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. �Woher wei�t du, dass uns dieser Weg nicht in die Irre f�hrt? Was, wenn wir uns hier unten verlaufen?�</p><p>Achmed achtete nicht weiter auf ihre Frage. Er langte nach dem Seil, das Grunthor gesichert hatte, und machte sich auf den Weg um die Wurzel herum.</p><p>�Mir nach.� </p><p>Sich seitlich an der Wurzel entlang zu hangeln war schwerer, als an ihr hinabzusteigen. Dank des Seils, das Grunthor ausgelegt und fest verankert hatte, kam Rhapsody dennoch gut voran. Schon bald aber zitterten ihr die Arme und Beine vor Anstrengung, und sie h�tete sich, in den Abgrund zu blicken, der sich dunkel und drohend unter ihr auftat. Die Luft wurde k�hler. �Komm, Herzchen. Ich hab das Seil. Und lass dir ruhig Zeit.� Rhapsody holte tief Luft. Sie wusste, dass der Riese sie noch nicht sehen konnte. Seit sie sich auf den Weg gemacht hatte, rief er ihr aufmunternde Worte zu. In der dunklen Bassstimme schwang diesmal ein Ton der Unsicherheit mit. Sie hatte sich eine Weile nicht bewegt, und der Bolg schien deswegen besorgt zu sein. Sie raffte sich auf.</p><p>�Ich komme�, rief sie und erschrak �ber den br�chigen Klang der eigenen Stimme. Sie r�usperte sich. </p><p>�Bin gleich da, Grunthor.� Bald war der Scheitelpunkt der W�lbung erreicht, und sie sah den Riesen in der M�ndung eines kleinen, horizontal verlaufenden Tunnels stehen, grinsend und die Hand nach ihr ausgestreckt. Der Wurzelstock hatte hier viele kleine Ableger gebildet, die sich rechts und links ins Erdreich bohrten. �Nich so hastig�, warnte Grunthor. �Lass dir Zeit.� Rhapsody nickte und schloss die Augen. Die H�nde fest am Seil, suchte sie mit den F��en Halt und lauschte dabei ihrem rasenden Herzen. Schritt f�r Schritt, langsam. Wie in der Nacht zuvor stimmte sie leise summend ihren ureigenen Grundton an, brachte ihn in Harmonie mit dem Lied des Baumes und f�hlte, wie ihr die Musik neue Kraft verlieh. </p><p>Eine Ewigkeit schien ihr vergangen zu sein, als sie endlich die kr�ftigen H�nde des Riesen auf dem Arm und im R�cken sp�rte. Grunthor l�ste sie vom Seil und setzte sie sanft auf festem Boden ab. Rhapsody schlug die Augen auf und fand sich in einem Tunnel wieder, in dem Grunthor gerade aufrecht stehen konnte. Der Seitentrieb der Wurzel hing waagerecht neben ihr in der Luft. Mit einem Ausruf der Erleichterung fiel sie spontan auf die Knie und ertastete mit beiden H�nden den Boden unter ihr. </p><p>Der Riese lachte. �Das gef�llt dir wohl, nich wahr?� Er reichte die ihr eine Hand. �Nun denn, vielleicht sollten wir uns wieder auf den Weg machen, Euer Liebden. Wir ham Zeit wettzumachen.� </p><p>Doch ersch�pft, wie sie war, sch�ttelte Rhapsody den Kopf, legte sich auf den R�cken und streckte alle viere von sich. �Ich kann nicht. Ich muss mich ausruhen, tut mir Leid.� Sie fuhr mit der Hand �ber die Tunnelwand und starrte unter die br�ckelnde Decke.</p><p>Der Bolg-Sergeant wurde ernst. �Na sch�n, Euer Liebden, aber nich lange. Wir m�ssn weiter. Hier kann jeden Moment die Decke �ber uns einst�rzen�, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. </p><p>Seufzend ergriff Rhapsody seine Hand. �Sei�s drum�, fl�sterte sie. �Dann geht�s eben weiter.� </p><p>Der Wurzelstollen wurde enger und enger, und Grunthor musste sich immer tiefer ducken, bis er schlie�lich nur noch kriechend vorankam. Doch dann �ffnete sich der Gang in einen weiten Raum, in den von hoch oben sogar ein wenig Licht fiel. Rhapsodys Herz machte einen Freudensprung. Die Oberfl�che schien nicht mehr fern zu sein.</p><p>Sie trat in den weiten Raum und richtete sich auf. Was sie sah, benahm ihr den Atem.</p><p>Vor ihr ragte ein riesiger, knollenartiger Turm auf, von dem d�nne Seitentriebe abzweigten, die lang und schlaff herabhingen. </p><p>Im Vergleich dazu war der Wurzelstock, an dem sie in die Tiefe geklettert waren, nichts weiter als ein Ableger. </p><p>Die Augen vermochten ihr nicht zu folgen, so hoch t�rmte sich die Wurzel in dem weiten Schacht auf. War der Gang, durch den sie abgestiegen waren, noch vollkommen dunkel gewesen, schimmerte hier ein schwacher roter Schein, der weniger Licht denn W�rme ausstrahlte. Andere waagerechte Stollen gab es keine; zu sehen war nur ein weiterer Abgrund, aus dem diese neue Wurzel aufstieg. Die Entt�uschung dar�ber, nun doch nicht, wie erhofft, dicht unter der Oberfl�che zu sein, machte �ngstlicher Verwunderung Platz. �Himmel, was ist das?�, dachte Rhapsody laut.</p><p>�Wird wohl die Pfahlwurzel sein, das, was den Baum mit der Hauptlinie verbindet�, spekulierte Grunthor. </p><p>�Hauptlinie? Was soll das hei�en?�</p><p>Aus dem Dunkel vor ihr war ein abf�lliges Schnaufen zu vernehmen, und gleich darauf zeigte sich Achmed am Rand des Tunnels. Sie hatte ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen, so gut hielt er sich in der Dunkelheit versteckt.</p><p>�Man sollte doch meinen, dass du dich in der lirinschen Stammeskunde zumindest halbwegs auskennst. Hast du etwa geglaubt, dass wir das Ende schon erreicht h�tten? Wir haben es noch nicht einmal bis zur eigentlichen Wurzel geschafft.�</p><p>Rhapsody f�hlte sich wie erschlagen. Um nicht der Verzweiflung nachzugeben, die von ihr Besitz zu ergreifen drohte, besann sie sich auf die Geschichten von der Sagia, die sie kannte. <emphasis>Es ist die Eiche der tiefen Wurzeln,</emphasis> hatte die Mutter erz�hlt; <emphasis>deren Venen und Arterien sind Lebensadern, die sich durch die ganze Erde ziehen und �berall auf der Welt auch anderen heiligen B�umen, den so genannten Wurzelgeschwistern, Nahrung spenden</emphasis>. Sie hatte von den gewaltigen Ausma�en des Baums gesprochen, womit Rhapsodys kindliche Vorstellung indes schlichtweg �berfordert gewesen war. Die Wurzeln der heiligen B�ume verliefen entlang der Axis Mundi � so hatte die Mutter jene Mittellinie der Erde genannt, die nach Ansicht der Lirin und im Unterschied zur Lehrmeinung aller anderen V�lker rund war. Diese Hauptachse, um die die Erde kreiste, wurde als eine unsichtbare Kraftlinie angesehen, mit der die Wurzel der Sagia verschmolzen war. Darin lag auch der Grund daf�r, warum der Baum die Weisheit aus Jahrtausenden widerhallen lie� und warum er so unglaubliche Dimensionen angenommen hatte. Er sei mit der Seele der Welt verbunden, hatte die Mutter gesagt. Ob Achmed darauf anspielte?</p><p>�Du meinst die Axis Mundi.�</p><p>�Genau die und keine andere.�</p><p>Achmed spuckte in die H�nde und ergriff eine der Radix genannten schlaffen Seitenwurzeln. Er zog sich daran hoch und stieg mit den F��en von dem Wulst, auf dem er stand, auf den n�chst h�heren. So kletterte er an der Pfahlwurzel empor. Um gut zwei K�rperl�ngen vorangekommen, blickte er �ber die Schulter nach unten. �Worauf wartet ihr noch?�, fragte er mit seiner Reibeisenstimme, die Rhapsody schon in Ostend hatte aufhorchen lassen. Er musterte sie mit einer Miene, die zweierlei zum Ausdruck brachte: Ablehnung und Gleichg�ltigkeit. �Kommst du?�</p><p>�Wie weit geht es noch?� </p><p>�Keine Ahnung. Ein Ende ist nicht abzusehen, so gut meine Augen unter Tage auch sind. Uns bleibt jedoch keine andere Wahl. Oder hast du einen besseren Vorschlag?�</p><p>Rhapsody war sich immer noch nicht schl�ssig, ob sie Achmed als ihren Retter oder Entf�hrer ansehen sollte. Jedenfalls war sie ihm ausgeliefert. Er hatte sie ins Innere des Baums gelockt, aus dem es kein Heraus gab, au�er entlang der Wurzel, und auch dieser Weg lie� nicht viel hoffen. Sie versuchte, sich �u�erlich nichts von der Wut anmerken zu lassen, die sie empfand, und sagte: �Tut mir Leid, den habe ich nicht. Ich komme.�</p><p>Der Anstieg war �beraus anstrengend. Ein ums andere Mal rutschte Rhapsody ab und drohte abzust�rzen. Dabei hatte sie anfangs kaum Schwierigkeiten gehabt. Die vielen Unebenheiten und Ausw�chse der Wurzel boten H�nden und F��en gen�gend Halt, sehr viel mehr als an jener Wurzel der Sagia, �ber die sie abgestiegen waren.</p><p>Aber je l�nger die Kletterei andauerte, desto �rger schmerzten ihr die Schultern. Um die Arme zu entlasten, versuchte sie, die Beine besser einzusetzen, doch auch das half kaum. Zu gro� war die Ersch�pfung. Die beiden Begleiter hatten sie schon weit hinter sich gelassen. Doch so �berlegen sie ihr an Kr�ften auch waren, sie mussten der Anstrengung ebenfalls Tribut zollen, wurden selbst immer langsamer und blieben in Sichtweite, das hie�, nur Grunthor blieb f�r sie in Sicht, denn er versperrte den Blick auf alles andere. Nach unten hin war nichts mehr zu erkennen, kein Grund, nur Dunkelheit. Ihr war, als schwebte sie in der Luft, zwischen Himmel und Erde.</p><p>Der Gedanke an einen Himmel voller Sterne trieb ihr Tr�nen in die Augen, doch bei der Erinnerung an Achmeds warnende Worte �ber das Weinen biss sie die Z�hne zusammen. Das Volk, dem ihre Mutter entstammte � die Liringlas oder Himmelss�nger �, glaubte, dass alles Leben Teil ihres Gottes war. Der Himmel, das schirmende Firmament, war f�r sie heilig und geh�rte ihrer Vorstellung nach zur Seele des Universums. Deshalb feierten sie die tagt�glichen Ver�nderungen am Himmel mit Liedern, ehrten voller Hingabe Auf- und Untergang der Sonne und das Auftauchen der Sterne.</p><p>Die in ihrem Leben erlittenen Schmerzen hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Als junges M�dchen war sie von zu Hause weggelaufen, doch es verging seitdem kaum ein Tag, an dem sie sich nicht danach sehnte, reum�tig zu den Eltern zur�ckzukehren. Die t�gliche Andacht, vor allem die Lieder an die Sterne, waren ihre Art, Trost zu suchen, bis sich diese Sehnsucht endlich irgendwann erf�llen w�rde. So sang sie mit treuem Herzen ihre morgendlichen Aubaden und am Abend ihre Serenaden, und sie dachte dabei an ihre Mutter, von der sie wusste, dass auch sie die alten Lieder ihres Volkes singen und an ihr verlorenes Kind denken w�rde. Jetzt steckte dieses Kind gefangen in der Erde, tief unter der Oberfl�che, in der Angst, den Himmel wom�glich nie mehr wieder zu sehen.</p><p>�Alles in Ordnung da unten?� Grunthors Bass schreckte sie aus ihren traumverlorenen Gedanken auf. Hoch �ber ihr lehnte sich der Sergeant zur�ck, um besser sehen zu k�nnen, was sich in der Dunkelheit unter ihm tat. </p><p>Rhapsody seufzte. �Alles in Ordnung�, antwortete sie und setzte den Aufstieg fort, so schwer er ihr auch fiel. </p><p>Zum Gl�ck dauerte es nicht mehr lange, bis Achmed einen Sims erreichte, der ihm und Grunthor ausreichend Platz zum Ausruhen bot. Gleich darunter befand sich in der Wurzel eine H�hlung, in der auch Rhapsody ihre ersch�pften Glieder ausstrecken konnte. Grunthor beugte sich �ber den Rand und reichte ihr eine Flasche, gef�llt mit Tropfwasser, das er unterwegs aufgefangen hatte.</p><p>�Da, lass es dir schmecken, Euer Hochwohlgeboren. Es geht doch, oder?�</p><p>Sie f�hlte sich zu schwach zu antworten, nickte nur l�chelnd und trank. Wenig sp�ter landete ein Seil in ihrem Scho�. </p><p>�Binde dich damit an einer der kleinen Wurzeln fest�, rief Achmed. �Wir werden hier schlafen. Doch ungesichert solltest du niemals die Augen zumachen.� Rhapsody schaute auf und begegnete seinem Blick. Obwohl vor Ersch�pfung ganz benommen, verstand sie doch sehr wohl: Ein Ende, wenn es denn �berhaupt eines gab, war immer noch nicht in Sicht.</p><p>Sie setzten ihren Aufstieg weiter fort. Jedes Zeitgef�hl ging verloren. In Zeit und Raum schien es nichts anderes zu geben als sie selbst, die Wurzel und den endlosen Aufstieg. Wie lange er nun schon andauerte, war unm�glich zu sagen. Rhapsody empfand nur selten Hunger, und aus R�cksicht auf sie a�en die beiden M�nner noch seltener; darum aber lie� sich auch nicht anhand regelm��ig eingenommener Mahlzeiten der Ablauf der Zeit bestimmen, was sie schlie�lich gar nicht mehr ernstlich versuchte. Sie resignierte vor dem Gedanken, dass sie wom�glich auf immer weiterklettern musste und auf diesem Weg kein Ende erreichen konnte.</p><p>Achmed und Grunthor hatten sich inzwischen an ihre Begleiterin gew�hnt. Sie beklagte sich nie und sprach selten. Problematisch war nur, dass ihr die Kletterei besonders schwer fiel. Sie war klein und der Wurzelstock so gro�, dass sie nur wenig Halt daran fand und h�ufig ausrutschte. Grunthor musste immer wieder Pausen einlegen, um sie aufschlie�en zu lassen.</p><p>Am meisten machten den beiden ihre Albtr�ume zu schaffen, zumal sie bei der Suche nach geeigneten Schlafpl�tzen darauf achteten, dass sie m�glichst nahe beieinander blieben. Es verging keine Schlafrast, ohne dass Rhapsody nicht schwei��berstr�mt, in Panik und keuchend aufgewacht w�re. So tief unter der Erde zu sein schlug sich auch auf ihre Tr�ume nieder. Sie hatte die seltsamsten Visionen und unerkl�rliche Gesichte, die von wirklicher Erfahrung weit entfernt waren. Oft tr�umte sie von der Sagia; manchmal ging sie in der Dunkelheit des stillen Tals um den Baum herum, ber�hrte staunend die schimmernde Borke und konnte doch die �ffnung nicht finden, durch die sie zu dritt eingestiegen waren. </p><p>In einem besonders verst�renden Traum sah sie einen Stern ins Meer fallen und das Wasser zu turmhohen Wellen aufr�hren, die brennend die Insel verschlangen. In den Zweigen der Sagia sah sie tausende von Lirin-S�ngern h�ngen, in gr�nen Kleidern und mit Kr�nzen aus Wildblumen im Haar und um den Hals, und w�hrend der Baum im Meer versank, erklangen ihre wundersch�nen Ges�nge. Rhapsody st�hnte und weinte im Schlaf, w�lzte sich hin und her und zerrte an den Stricken, mit denen sie sich festgebunden hatte. Einmal, als Achmed gerade Wache schob, rupfte er eine der zahllosen knolligen Wucherungen von der Wurzelhaut und bewarf sie damit in der Hoffnung, dass sie zu weinen aufh�rte. Und tats�chlich wurde sie still, denn der Traum wechselte und f�hrte sie zur�ck in die Vergangenheit. </p><p>Sie tr�umte von dem Bordell, in dem sie noch vor wenigen Jahren gearbeitet hatte. Im Geiste sah sie die Kammer ganz genau vor sich, das sch�bige rote Mobiliar, wie es in allen Bordellen zu finden war, das gro�e Bett. Im Schlaf schluchzte sie, als sie sich an das erinnerte, was sie sonst nach M�glichkeit zu verdr�ngen suchte... </p><p>Michael lag quer auf dem Bett, faul und tr�ge ausgestreckt; der Dreck an den Stiefeln verschmutzte das Laken. </p><p>�Na, da bist du ja, Rhapsody, mein Liebling�, sagte er sichtlich zufrieden. �Ich dachte schon, du k�mst nicht mehr.� </p><p>�Das wollte ich auch nicht�, antwortete sie gereizt. �Was ist? Was hast du zu Nana gesagt? Warum ist sie so verst�rt?� </p><p>�Ich habe sie nur um eine Verabredung mit meiner Favoritin gebeten. Das d�rfte doch wohl noch erlaubt sein.� </p><p>�Sie wird dir aber bestimmt gesagt haben, dass ich dich nicht mehr zu sehen w�nsche. Also, warum bist du hier?� </p><p>Michael richtete sich auf, schwang die dreckigen Stiefel �ber den Bettrand und riss dabei das Laken zur H�lfte von der Matratze. �Ich hatte gehofft, du �nderst deine Meinung, wenn du siehst, wie ich leide.� Er zog die Stiefel aus und nickte einem seiner Spie�gesellen zu, der daraufhin die T�r hinter Rhapsody ins Schloss fallen lie�.</p><p>Sie machte aus ihrem �rger kein Hehl und kniff die Brauen zusammen. �Du siehst nicht aus wie jemand, der leidet, Michael. Bitte, geh. Ich will nicht, dass du hier bist!�</p><p>Michael musterte sie mit bewundernden Blicken. Sie war klein und zierlich, aber stark, und er f�hlte sich von ihrer Kraft inspiriert. Er kannte keine andere Frau, die es wagte, ihm die Stirn zu bieten. Und das erregte ihn noch mehr als die Furcht, denn er wusste, dass er sie besiegen w�rde.</p><p>�Hab dich nicht so, Rhapsody. Ich bin einen weiten Weg gekommen, um dich zu sehen. Darf ich dir nicht wenigstens sagen, was ich will?�</p><p>�Nein, es interessiert mich nicht. Und jetzt geh!�</p><p>�Autsch�, sagte er und fasste sich an die Brust, gerade so, als w�re er verwundet. �Du bist unversch�mt, Liebling. Einem Mann w�rde ich so etwas nicht durchgehen lassen, aber bei dir finde ich es sogar ganz reizvoll. Komm her und setz dich an meine Seite.� Er klopfte neben sich aufs Bett und machte sich dann daran, die Hose aufzukn�pfen.</p><p>Rhapsody wandte sich der T�r zu. �Tut mir Leid, Michael. Wie gesagt, ich bin an dir nicht interessiert. Es gibt aber bestimmt viele andere M�dchen, die �bergl�cklich w�ren, dir gef�llig sein zu d�rfen.� </p><p>�Da hast du Recht�, sagte er, als sein Kumpan vor der T�r Aufstellung nahm. �Dein Mangel an Interesse kr�nkt mich zwar zutiefst, aber ich bin vorbereitet f�r den Fall, dass du stur bleibst. M�chtest du wissen, wie?� </p><p>�Nein�, sagte Rhapsody und schleuderte dem grinsenden Lakaien einen w�tenden Blick zu. Sie lie� sich nicht einsch�chtern, am wenigsten von Michaels Spie�gesellen, zumal er wissen musste, dass Nanas Leibw�chter die besten in ganz Ostend waren und beiden M�nnern sehr wohl �berlegen. Au�erdem unterhielt Nana gute Kontakte zur Stadtwache. Rhapsody sp�rte Michaels frostiges Grinsen im R�cken. �Na sch�n, Rhapsody, ganz wie du willst. Schade, dass wir nicht �bereinkommen. Lass sie vorbei, Karvolt.� Der Angesprochene �ffnete die T�r und machte ihr grinsend und mit �bertrieben h�flicher Geste den Weg frei.</p><p>Vom Flur her n�herte sich aber nun ein dritter S�ldner, der ein Kind an der Hand mit sich f�hrte, ein kleines, heftig zitterndes M�dchen von etwa sieben Jahren. Es war ein Liringlas, so wie Rhapsodys Mutter, das einen schmutzigen, blutverschmierten Schal um die Schultern geschlungen hatte, der einem Erwachsenen zu geh�ren schien. Kaum hatte das M�dchen die Kammer betreten, richtete es seine Augen auf Rhapsody. Sein Blick spiegelte schieren Schrecken, obwohl das Gesicht keinerlei Regung zeigte, was f�r Liringlas typisch war.</p><p>Entsetzt fuhr Rhapsody herum und wandte sich Michael zu, der mit breitem Grinsen die Hose von den Beinen streifte. </p><p>�Was tut das M�dchen hier?�</p><p>�Noch nichts�, erwiderte er selbstgef�llig und tauschte mit seinen M�nnern belustigte Blicke. �Leb wohl, meine Liebe.� </p><p>�Augenblick�, sagte Rhapsody, als Michael das Hemd �ber den Kopf zog und sich r�cklings auf die Matratze fallen lie�. �Was hast du vor? Woher kommt das M�dchen?�</p><p>�Sprichst du von der da?� Er gab sich unschuldig und zeigte auf das Kind. �Das ist Petunia, mein liebes kleines M�ndel. Eine sehr traurige Geschichte, wirklich. Der Familie ist ein schreckliches Ungl�ck widerfahren. Ihr Langhaus hat Feuer gefangen, und bis auf das M�dchen sind alle in den Flammen umgekommen. Tragisch. Aber mach dir keine Sorgen, Rhapsody, ich k�mmere mich um die Kleine. Du kannst getrost gehen, meine Liebe.�</p><p>Rhapsody riss sich von dem S�ldner los, der sie beim Arm gepackt hielt, und ging mit ausgestreckten Armen in die Hocke. Das kleine M�dchen lief auf sie zu und fiel ihr um den Hals.</p><p>�Nein, Michael, das darfst du nicht. Himmel, du bist wirklich der widerlichste Hund, der mir je �ber den Weg gelaufen ist�, zischte sie ihm zu.</p><p>Michael lachte. Seine Erregung nahm zu. �Nein? Warum nicht? Sie geh�rt mir schlie�lich und ist nicht etwa angestellt in diesem Haus. Wir verbringen hier nur die Nacht miteinander. Und ich will nicht, dass die G�ste im Wirtshaus durch, nun, laute Ger�usche gest�rt werden. Das ist doch nur r�cksichtsvoll, nicht wahr? Hier wird niemand Ansto� nehmen. Im Gegenteil, manche Kunden finden wahrscheinlich Gefallen daran.�</p><p>Rhapsody starrte in seine kristallblauen Augen, die ohne jeden seelischen Ausdruck zu sein schienen. Er schmunzelte triumphierend, wusste er doch, dass sie ihm nun zu Willen sein w�rde. Sie schaute dem kleinen M�dchen ins Gesicht und sah, wie sich seine Augen mit Tr�nen f�llten. Es zitterte vor Angst und schmiegte sich eng an sie. Rhapsody schloss die Augen und seufzte.</p><p>�Lass sie gehen.� </p><p>�Sei nicht albern, sie braucht mich.�</p><p>Rhapsody stie� einen Fluch in ihrer Muttersprache aus. �Lass sie gehen�, wiederholte sie dann. </p><p>�Aber warum denn, Rhapsody? Bist du etwa eifers�chtig? Hast du deine Meinung so pl�tzlich ge�ndert? Wie kommt�s? Liegt�s vielleicht am Anblick meiner Herrlichkeit?�</p><p>�Wohl kaum�, entgegnete sie zornig. Sie fuhr dem Kind mit der Hand durchs Haar und fl�sterte ihm tr�stende Worte ins Ohr. Und an Michael gewandt: �Also gut, was willst du?�</p><p>�Nun, zun�chst einmal ein paar Minuten ungest�rter Entspannung.�</p><p>�Wenn�s weiter nichts ist�, erwiderte Rhapsody und nahm das Kind bei der Hand. �Dich allein zu lassen wird uns eine Freude sein.�</p><p>Michaels Blick verfinsterte sich. �Stiehl mir nicht die Zeit, Rhapsody. Auf die Dauer wird dein Spielchen fade. Sobald du versprichst, mir in meinen W�nschen entgegenzukommen, werde ich meine M�nner losschicken, dass sie die Kleine bei Nana abliefern. Das w�re doch auch in deinem Sinne, oder? Ich wei�, ich kann dir vertrauen, Liebste. Du stehst zu deinem Wort. Dein Ruf eilt dir voraus.�</p><p>�Das und nur das haben wir miteinander gemein�, sagte sie. �Sei�s drum, du krankes Mistst�ck. Bin gleich wieder zur�ck.� Sie drehte sich um und f�hrte das Kind zur T�r.</p><p>�Warte�, sagte Michael in einem Tonfall, der sie in Alarmbereitschaft versetzte. �Wir haben uns noch nicht �ber meine Bedingungen unterhalten.�</p><p>�Bedingungen? Ist dir heute etwa nach etwas anderem als sonst zumute? Nach einer N�hstunde vielleicht?� </p><p>Er lachte. �Du bist wirklich erstaunlich, meine Liebe. Selbst mit dem R�cken zur Wand noch frech und trotzig.� Er w�lzte sich auf den Bauch, kroch auf die andere Seite des Bettes und spannte die Muskeln an wie eine zum Sprung bereite Gro�katze.</p><p>�Karvolt, bring das Kind nach unten.� Mit funkelnden Augen nahm er zur Kenntnis, dass sein Mann unverz�glich gehorchte. Rhapsody lie� die Hand des M�dchens los und fuhr ihm streichelnd mit der Hand �bers Haar. </p><p>�H�r zu, meine Liebe. Ich schlage dir folgendes Gesch�ft vor: Ich und meine M�nner werden f�r zwei Wochen hier bleiben und danach auf unbestimmte Zeit weg sein. Wahrscheinlich wird es Jahre dauern, bis wir uns wieder sehen. Aber das verspreche ich dir, ich werde zu dir zur�ckkommen. Du liegst mir am Herzen, Rhapsody. Ich tr�ume fast jede Nacht von dir, und ich wei�, dir ergeht es �hnlich in Bezug auf mich.� Er schmunzelte �ber die Grimasse, die sie schnitt.</p><p>�Hier also meine erste Bedingung: Bis zu meiner Abreise wirst du mir zur Verf�gung stehen, wann immer ich Lust auf dich versp�re. Nana war so gro�z�gig, mir f�r die gesamte Zeit diese Kammer zu vermieten. Wenn du meinen W�nschen nachkommst � woran ich keinen Zweifel habe �, bin ich bereit, das Kind an dich abzutreten. Solltest du aber Schwierigkeiten machen, werde ich es mit mir nehmen. Du kannst dir sicher ausmalen, was ich so alles mit ihm anstellen w�rde.</p><p>Zweitens: Auch du begehrst mich und l�sst es mich wissen. Ich erwarte, dass du deine tief empfundene Zuneigung f�r mich und dein Verlangen nach mir demonstrativ zum Ausdruck bringst.� </p><p>�Mit Vergn�gen�, sagte Rhapsody und versuchte, sich die Wut, die sie empfand, nicht anmerken zu lassen. �Gern demonstriere ich dir, wonach mich jetzt am meisten gel�stet. Gib mir deinen G�rtel!� </p><p>�Karvolt? Wie geht�s der Kleinen?� Im Flur war ein Schrei zu h�ren, der Rhapsody die Haare zu Berge stehen lie�. �Tut mir Leid, Liebste, ich habe dich nicht verstanden. Was wolltest du mir sagen?� </p><p>Michael lachte laut auf, am�siert �ber ihren vernichtenden Blick. ��bertreib nicht gleich, Rhapsody, ich glaub dir ja, dass du w�tend bist. Was ist denn?� Das selbstgef�llige Grinsen verschwand aus seinem Gesicht; stattdessen setzte er eine Miene auf, die Unheil versprach.</p><p>�Zur�ck zum Gesch�ft. Du wirst meine W�nsche nicht nur befriedigen, sondern auch Lust und Engagement dabei an den Tag legen. Du wirst deine Liebe zu mir nicht nur mit dem K�rper, sondern auch mit Worten zum Ausdruck bringen. Wenn ich diesen Ort verlasse, will ich dein Herz gewonnen haben und es mit mir nehmen. Haben wir uns verstanden? Versprichst du mir, meine Gef�hle f�r dich zu erwidern?� </p><p>�Wie k�nnte ich? Der ersten Bedingung stimme ich zu, aber wie du schon richtig sagtest: Mein Ruf eilt mir voraus. Ich kann und werde dir nichts vormachen, Michael. Du w�rdest mich sowieso durchschauen.� </p><p>Michael dr�ckte sich mit seinen kr�ftigen Armen vom Bett ab. �Karvolt, bring Petunia zur�ck und leg sie direkt unter mich.� </p><p>Rhapsody wirbelte auf dem Absatz herum, als der S�ldner das kleine M�dchen in die Kammer zerrte. </p><p>�Nein, Michael, bitte. <emphasis>Bitte.�</emphasis></p><p>Das Kind fing an zu schluchzen. Rhapsody trat vor den S�ldner und stellte sich zwischen ihn und das Bett. Der S�ldner hob das M�dchen vom Boden auf, worauf es laut aufschrie. Rhapsody nahm es an sich und wandte sich wieder Michael zu. Seine Augen leuchteten mit einer Intensit�t, die Angst machte. </p><p>�Also gut, Michael, ich sage alles, was du nur h�ren willst. Lass sie gehen.�</p><p>�Zeig�s mir, Rhapsody. Nenn mir einen Grund, warum ich dir glauben sollte.�</p><p>Rhapsody sah hin�ber zu den S�ldnern, von denen einer geh�ssiger als der andere grinste. Eilends f�hrte sie das Kind zur T�r und schob es in den Flur hinaus.</p><p>�Nana�, rief sie �ber den Treppenabsatz nach unten, �bitte, schaff sie hier raus und besorg ihr etwas zu essen.� Sie l�chelte dem Kind aufmunternd zu und deutete nach unten, wo Nana und die anderen Frauen warteten. Als das Kind verschwunden war, kehrte Rhapsody seufzend in die Kammer zur�ck. Michael sch�ttelte die Kissen auf.</p><p>�Nun, Rhapsody, sag mir, wie du es dir w�nschst�, sagte er im Fl�sterton, der zugleich lustvoll und bedrohlich klang. </p><p>Rhapsody hielt seinem Blick stand. Mit ge�bter Hand langte sie in den Ausschnitt ihrer Bluse und kn�pfte sie aufreizend langsam auf.</p><p>�Verschwindet�, sagte sie zu den S�ldnern. �Wir wollen allein sein.�</p><p>Michael grinste bis �ber beide Ohren. �Ja, verschwindet�, wiederholte er. �Diese wundersch�ne Frau m�chte ihren Liebsten verw�hnen, ohne dabei gest�rt zu werden. Hab ich nicht Recht, Rhapsody?� </p><p>�Ja�, antwortete sie mit ausdrucksloser Miene und lie� die Bluse zu Boden fallen. �Lasst mich mit ihm allein.� </p><p>Mit schmerzvoll verzogenem Gesicht warf sich Rhapsody von einer Seite auf die andere. Sie hatte im Schlaf zu murmeln angefangen, wor�ber Achmed aufgewacht war. Er kauerte ein St�ck oberhalb auf einem Vorsprung und stie� Grunthor mit dem Fu� an.</p><p>Grunthor r�hrte sich und war von jetzt auf gleich hellwach. Achmeds Blick folgend, sah er sie und h�rte sie derbe Fl�che hauchen. Dann fing sie pl�tzlich zu wimmern an und zerrte an dem Strang, mit dem sie sich gesichert hatte.</p><p>Grunthor seilte sich zu ihr ab und sah, dass sie am ganzen Leib schwitzte. Kaum war er zur Stelle, hatte sie sich losgerissen � und st�rzte ins Dunkel. Sie schreckte auf, streckte hastig die H�nde aus und suchte nach Halt. An der Wurzel entlangrutschend, scheuerte sie sich die Haut auf. Da schlang sich ein starker Arm um ihre Taille und hob sie auf.</p><p>�Na, na, Euer Liebden, wolltest du jetzt �nem andern verfallen?�</p><p>Rhapsody wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Es dauerte eine Weile, bis sie die Orientierung wiedergefunden hatte. Grunthor hielt sie an seine m�chtige Brust gedr�ckt. Sie lehnte sich zur�ck und blickte zu ihm auf. Er grinste.</p><p>�Danke�, sagte sie und legte die Stirn in Falten. Sie warf einen fl�chtigen Blick in die Tiefe und schaute dann wieder in sein h�ssliches Gesicht. �Vielen Dank.�</p><p>�War mir ein Vergn�gen, Herzchen. Wenn ich so frei sein darf, schlag ich vor, du schl�fst in Zukunft zwischen uns.� </p><p>�Das halte ich f�r keine gute Idee�, meldete sich die Stimme von oben. �Wie soll unsereins dann ruhig schlafen? Und bei all ihrer Zappelei st��t sie uns wom�glich �ber den Rand.�</p><p>�Du h�rst, was er sagt.� Grunthor zuckte mit den Achseln und bedachte sie mit einer Miene, die ihr Sympathie zum Ausdruck zu bringen schien.</p><p>�Verstehe�, erwiderte sie und hielt sich an der Wurzel fest. Als sie zur�ck zu ihrem Platz zu klettern versuchte, rutschte sie an der glatten Oberfl�che aus. Wieder musste Grunthor helfend eingreifen. </p><p>�Hier geht�s lang, Herzchen, rauf mit dir.� Er nahm sie wie ein Kind in den Arm, hob sie m�helos auf seinen Vorsprung, lehnte sich an die Wurzel und dr�ckte sie an sich.</p><p>�Versuch doch einfach hier zu schlafen, Euer Liebden�, sagte er und fuhr ihr t�tschelnd mit der Pranke �ber den Kopf. </p><p>Rhapsody sah in sein monstr�ses Gesicht und glaubte, pure Freundlichkeit darin lesen zu k�nnen, jedenfalls alles andere als Fresslust. Trotz seiner erschreckenden Erscheinung und obwohl sie wusste, wozu er in der Lage war, fasste sie Vertrauen zu ihm.</p><p>�Danke�, fl�sterte sie und l�chelte scheu. �Ich werd�s versuchen.� Sie legte den Kopf auf seine Brust und machte die Augen zu. </p><p>Grunthor sch�ttelte sich voller Behagen. �Oooooh. Was f�r ein L�cheln. Nimm dich nur ja davor in Acht, mein Herr.� </p><p>�Danke f�r die Warnung�, t�nte es von oben zur Antwort.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>�Ich seh das Tunnelende.� </p><p>Von der Stimme geweckt, die so seltsam durch den Schacht hallte, merkten Rhapsody und Grunthor auf. Rhapsody hob den Kopf. Ihr langes Haar bedeckte die breite Brust des Firbolg-Sergeanten, an der sie geruht hatte. </p><p>Grunthor blickte auf und entdeckte hoch oben ein schwaches r�tliches Schimmern, den Widerschein von Tageslicht, wie es schien. Er nickte.</p><p>�Gut, machen wir also, dass wir da hoch kommen�, sagte er und half Rhapsody beim Aufstehen. Sie setzten ihren Weg fort. Jetzt, da das Ende abzusehen war, fand Rhapsody den Anstieg nur noch halb so schwer. Mit frischen Kr�ften und sicherem Tritt strebte sie dem Licht entgegen. W�hrend der endlos scheinenden Kletterei durch die Dunkelheit hatte sie alle Gedanken an den offenen Himmel unterdr�ckt, weil sie dadurch noch mehr niedergeschlagen gewesen w�re. Selbst jetzt h�tete sie sich vor verfr�hten Hochgef�hlen.</p><p>Und das war nur weise. Obwohl die drei schnell vorankamen und sich keine Pause g�nnten, hatte es den Anschein, als k�men sie dem Ende kein St�ckchen n�her. Als ihre Kr�fte ersch�pft waren, richteten sie ein Schlaflager ein und teilten die Reste des Proviants, den Achmed mit sich f�hrte. Rhapsody a� trockene Bohnen, kleine St�cke der von Achmed geernteten Sagiawurzel und trank dazu ein wenig Wasser, gesammelt aus dem, was von den d�nnen Wurzeltrieben abgetropft war. Wieder machte sich bei ihr Verzweiflung breit. Den Traum der vergangenen Nacht hatte sie bislang erfolgreich verdr�ngt, weil mit dem Ausblick auf ein Ende der Reise auch die Hoffnung verbunden war, Michael f�r immer absch�tteln zu k�nnen. Doch nun kehrten ihre Gedanken in jene schreckliche Zeit zur�ck. </p><p>Was ihr w�hrend dieser einem Albtraum gleichen zwei Wochen am meisten zu schaffen gemacht hatte, war weniger die Verkommenheit, die Michael an den Tag legte, als die v�llige Unvorhersehbarkeit dessen, was sie erwartete. Manchmal schloss er sich tagelang mit ihr in der Kammer ein und verlangte ihre volle Aufmerksamkeit; dann wiederum schleifte er sie, einer pl�tzlichen Laune folgend, hinunter in den Essraum, wo er sie vor den Augen seiner verbl�fften M�nner, die gerade beim Fr�hst�ck sa�en, auf den Tisch legte und besprang.</p><p>Manchmal packte ihn die Eifersucht. Die bekam unter anderem einer seiner Lakaien zu sp�ren, nur weil er sie einmal ein wenig zu lange angesehen hatte. Bei anderer Gelegenheit zwang er sie, seinen M�nnern zu Willen zu sein, einem nach dem anderen. Sie hatte sich den Tod herbeigesehnt und sich, weil der nicht kommen wollte, allein mit dem Gedanken getr�stet, dass zumindest das Kind in Sicherheit war. </p><p>Endlich kam der Tag, an dem er aufbrechen sollte. Rhapsody sah zu, wie er sein Pferd bepackte. Er war ausgesprochen guter Laune. L�chelnd nahm er ihren Kopf zwischen beide H�nde und gab ihr einen zarten Abschiedskuss.</p><p>�Wirklich, Rhapsody, es war wundersch�n mit dir. Ich kann es kaum erwarten, dich wieder zu sehen. Wirst du mich vermissen?� </p><p>�Nat�rlich�, sagte sie. Inzwischen gingen ihr die L�gen schon sehr viel leichter von den Lippen. </p><p>�So ist es brav. Nun denn, Karvolt, hol Petunia, und dann nichts wie weg.�</p><p>Rhapsody glaubte nicht richtig zu h�ren. �Was? Nein, Michael, sie geh�rt mir. Das war so abgemacht.� </p><p>�Mach dich nicht l�cherlich. Ich habe ihrem sterbenden Vater, gleich nachdem ich ihm die Kehle aufgeschlitzt hatte, versprochen, mich pers�nlich um die Kleine zu k�mmern. Du erwartest doch wohl nicht von mir, dass ich wortbr�chig werde, oder?� Aus dem Haus t�nten Schreie, und wenig sp�ter trat Karvolt zur T�r hinaus, das M�dchen im Arm.</p><p>Rhapsody geriet in Panik. Dass ein Abkommen mit Michael keinen Wert hatte, war ihr im Grunde von Anfang an klar gewesen, doch sie hatte die Augen davor verschlossen, weil sie nicht ertragen konnte, was in Wahrheit zu bef�rchten stand. Er grinste bis �ber beide Ohren und stellte sich ihr in den Weg, als sie versuchte, dem M�dchen zu Hilfe zu eilen. Schluchzend lenkte sie ein und lie� den Tr�nen freien Lauf.</p><p>�Bitte, Michael, nein. Steh zu deinem Wort. Gib sie mir. Bitte.�</p><p>�Warum sollte ich, meine Liebe? Ich blicke auf die sch�nsten zwei Wochen meines Lebens zur�ck. Im Ernst, alle vordem erlebten Freuden zusammengenommen reichen nicht heran an das Vergn�gen, das du mir bereitet hast. Ich bin jetzt verw�hnt und will meine Lust auch in der n�chsten Zeit befriedigt wissen. Bis auf Weiteres wird nun Petunia daf�r sorgen m�ssen. Als Ersatz f�r dich.�</p><p>Rhapsody packte ihn beim Arm. �Dann nimm mich, aber lass das M�dchen.� Sie wusste, was seine letzten Worte zu bedeuten hatten. Er w�rde das Kind missbrauchen und sich dann seiner entledigen. Michael triumphierte. �Wie r�hrend. Wer h�tte das gedacht? Noch vor zwei Wochen wolltest du mir einen Korb geben. Offenbar hat dich meine F�rsorge zu einem gr�ndlichen Sinneswandel bewogen, nicht wahr, meine Liebe?� </p><p>�Ja�, sagte Rhapsody, und das war die bittere Wahrheit. Vieles, woran sie fr�her fest geglaubt hatte, war in dieser Zeit f�r immer verloren gegangen.</p><p>�Was wei�t du schon? Ich h�tte ja selbst kaum f�r m�glich gehalten, wie gut ich in Wirklichkeit bin. Tut mir Leid, Rhapsody, aber ich kann dir nicht helfen. Da du wahrscheinlich nicht auf mich warten wirst, kann niemand von mir fordern, dass ich auf dich warte. Sitz auf, Karvolt.� Er wandte sich ab. In einem letzten Akt der Verzweiflung warf sich Rhapsody ihm um den Hals und k�sste ihn. Sie sp�rte, wie sein Herz schneller schlug, als sich seine �berraschung gelegt hatte und er die Arme um sie schlang. Sie schmiegte sich an ihn und fl�sterte ihm ins Ohr: �Bitte, Michael, willst du das einer Frau antun, die dich liebt?� Sie wusste, was er von diesem vermeintlichen Liebesgest�ndnis halten w�rde. Es war eine rein rhetorische Frage.</p><p>Er stie� sie von sich und sah ihr ins Gesicht. �Du liebst mich? Du, Rhapsody? Schw�r�s, und ich lasse das Kind bei dir zur�ck.� �ber seine Schulter hinweg sah sie Karvolt im Sattel sitzen; er hatte das wimmernde Kind in Fesseln gelegt und starrte interessiert in ihre Richtung.</p><p>�Zuerst soll sie absteigen und ins Haus laufen. Dann schw�r ich�s dir.�</p><p>�Es muss dir schon Ernst damit sein, Rhapsody. Ich lass nicht mit mir spa�en.�</p><p>�Mir ist es sehr ernst damit, ich schw�r�s.�</p><p>Michael gab Karvolt ein Zeichen, der daraufhin das M�dchen losband und zur Haust�r f�hrte, wo es von Nana in Empfang genommen wurde.</p><p>�Nun, meine Liebe, was war es, das du mir sagen wolltest?�</p><p>Rhapsody atmete tief durch. �Ich schw�re bei meinem Stern, dass ich bis ans Ende aller Tage keinen anderen Mann lieben werde. Reicht dir das jetzt, Michael?� Sein triumphierendes Grinsen machte sie krank. Er beugte sich zu ihr herab und k�sste sie.</p><p>�Ja�, sagte er leise. �Ich liebe dich auch, und es wird neben dir keine andere bestehen k�nnen. Im Bett vielleicht, aber nicht in meinem Herzen. Ich komme wieder, Rhapsody, dann werden wir immer zusammen sein.� </p><p>Sie nickte stumm und wunderte sich �ber die Leichtgl�ubigkeit dieses rohen Mannes. Aber er konnte ja auch nicht wissen, dass sie keine Liebe mehr zu verschenken hatte. Denn ihr Herz war l�ngst vergeben und mit dem, der es genommen hatte, gestorben.</p><p>Die Arme um den K�rper geschlungen, sah sie den Trupp davon reiten. Michael drehte sich noch einmal um und winkte ihr l�chelnd zu. Als die Reiter au�er Sichtweite waren, ging sie hinter einen Busch und erbrach sich. </p><p>�Geschmei�!� </p><p>Rhapsody richtete sich verst�rt auf. Es schien, als h�tte Achmed ihre Gedanken gelesen. Dann folgte sie seinem Fingerzeig und erschrak. Von oben kroch entlang der Wurzel ein lebender Wall aus fahlen, zuckenden Riesenw�rmern herab, die von der K�rperw�rme der drei angelockt zu sein schienen. Vor Entsetzen zitternd, sch�ttelte Rhapsody ihren Dolch aus dem �rmel. Die Klinge war so lang wie ihre Handfl�che, das Heft nur halb so gro�. Damit lie� sich wohl kaum etwas ausrichten gegen die W�rmer, die gut dreimal so lang waren.</p><p>Pl�tzlich schlang sich ihr von hinten Grunthors Arm um die Taille, so wuchtig, dass ihr die Luft wegblieb. Er setzte sie unterhalb von sich ab und kletterte ein St�ck weiter nach oben, wo er eine breite Spalte in der Wurzel fand, die ihm Unterschlupf bot. Rhapsody folgte und suchte Schutz in einem Gestr�pp aus d�nnen Ablegern.</p><p>Sie h�rte die runden Geschosse aus Achmeds Cwellan pfeifend durch die Luft schwirren und betete im Stillen, dass sie nicht auf sie und den Gef�hrten hageln w�rden.</p><p>�Zieh dein Schwert!�, forderte Achmed den Riesen auf. Das Ungeziefer bewegte sich verbl�ffend schnell, glitt an der Wurzel entlang nach unten und lie� sich von keiner Unebenheit aufhalten. Die W�rmer schw�rmten �ber Achmed hinweg, bedeckten ihn von Kopf bis Fu�. Er lie� die Klinge sausen, so schnell, dass sie nicht mehr zu sehen war. Die W�rmer fielen von ihm ab und st�rzten in die Tiefe, wobei der eine und andere kurz mit Rhapsody in Ber�hrung kam, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden. </p><p>Ihre Leiber waren so fahl wie die Wurzeln und von d�nnen Adern durchzogen, die violett unter der Haut schimmerten, so wie die mit Blut gef�llten, geschwollenen K�pfe. Einer der W�rmer fiel ihr auf den Kopf und biss mit kleinen, spitzen Z�hnen zu. Rhapsody musste an sich halten, um nicht hysterisch aufzuschreien. </p><p>Grunthor hatte ein m�chtiges Schwert gezogen, mit dem er das Gew�rm in Massen von der Wurzel sch�lte und es in den Abgrund schickte.</p><p>Reaktionsschnell wich sie den herabst�rzenden Kadavern aus und starrte auf diejenigen Kriechtiere, die Grunthor unbeschadet passiert hatten und nun auf sie zukamen. Zu Dutzenden. Sie konnte sich ausrechnen, dass, wenn so viele bis zu ihr vordrangen, die M�nner �ber ihr mit Hunderten zu k�mpfen hatten. </p><p>Unerm�dlich schlug Grunthor zu, fand aber noch zwischendurch Gelegenheit, ihr einen Blick zuzuwerfen. �Hier, damit kannst du dich mal auseinander setzen�, sagte er und trat mit der Fu�spitze eine sich windende Geschwulst von der Wurzel. Rhapsody konnte ihr nur um Haaresbreite ausweichen. �Nimm dir eins von meinen Schwertern.� Er senkte den Rumpf zur Seite, sodass sie nach einer der Waffen langen konnte, die er auf dem R�cken mit sich trug. Rhapsody sch�ttelte den Kopf. Sie stocherte gerade auf zwei zuckende Leiber ein, die dicht �ber ihr an der Wand klebten. �Ich wei� nur mit meinem Dolch umzugehen�, antwortete sie. Kaum hatte sie die beiden W�rmer zur Strecke gebracht, da war auch schon ein dritter aufgetaucht, und ehe sie sich versah, sp�rte sie dessen Z�hne im Unterarm. Kreischend versuchte sie das Unget�m abzusch�tteln. </p><p>�Dreh dich um�, sagte Grunthor. Rhapsody gehorchte. Der Bolg lehnte sich zur�ck, streckte den Arm aus, spie�te den Wurm gezielt mit der Schwertspitze auf und schleuderte ihn mit einer Drehung aus dem Handgelenk weg. Sie schrie vor Schmerz auf, denn mit dem Untier hatte sich auch ein St�ck Haut vom Arm gel�st. �Wenn das hier vorbei ist, werden wir dir ein paar Lektionen erteilen m�ssen�, sagte er und wandte sich wieder den von oben nachr�ckenden Massen zu.</p><p>�Wenn ich denn dann noch lebe�, murmelte sie.</p><p>�Ich bin durch�, rief Achmed und seilte sich ab, um Grunthor Hilfestellung zu leisten.</p><p>�Mit dem Rest hier werd ich allein fertig. Hilf lieber der Gr�fin�, sagte der Riese, ohne die Klinge zur Ruhe kommen zu lassen. </p><p>�In Deckung�, kommandierte Achmed, worauf sich Rhapsody gegen die Wurzel presste und dabei einen Wurm unter der Brust zerquetschte. Sie kniff die Augen zu, als die Cwellanscheiben vorbeiwischten und das Ungeziefer durchpfl�gten.</p><p>�Jetzt kannst du dich wieder bewegen�, sagte die Stimme, die so d�nn und rau wie Treibsand klang. Sie �ffnete die Augen, atmete tief durch und begegnete Achmeds Blick.</p><p>Es war schon eine Weile her, dass sie ihm das letzte Mal ins Gesicht geschaut hatte. F�r gew�hnlich kletterte er mit einigem Abstand vorneweg, und so hatte sie ganz vergessen, wie erschreckend er aussah, besonders im Dunkeln. </p><p>�Danke�, sagte sie kleinlaut, und ihre Stimme klang wie das Kr�chzen einer alten Frau. Dann sah sie Blut auf seinem Unterarm. �Du bist verletzt.�</p><p>�Scheint so.� Er warf einen Blick auf Grunthor. Der Sergeant nickte. Achmed machte sich wieder auf nach oben, auf seine Position als Anf�hrer.</p><p>�Lass dich verarzten. Nicht, dass sich die Wunde noch entz�ndet.� Sie sprach jetzt in ruhigem Ton und lie� sich nicht anmerken, wie sehr ihr das Herz raste. Rhapsody wusste aus Erfahrung, dass sie inmitten gr��ter Not verh�ltnism��ig ruhig blieb, fast k�hl. War aber die Gefahr erst einmal vorbei, setzten Symptome der Panik ein.</p><p>�Es wird mich schon nicht umhauen�, antwortete der verh�llte Mann. Grunthor sch�ttelte den Kopf. </p><p>�Sie hat Recht. Wer wei�, auf welchem Mist die W�rmer rumgekrochen sind. Vielleicht waren sie das Nutzvieh unsrer kleinen Zwergenfreunde.�</p><p>Achmed schien einen Augenblick lang nachzudenken, rutschte dann an der Wurzel zur�ck, bis er neben ihr auf dem kleinen Vorsprung stand. �Na sch�n, aber beeil dich.�</p><p>�Hast du etwa eine Verabredung einzuhalten?�, entgegnete sie und zog den Wasserschlauch aus ihrem Gep�ck. Daraufhin nahm sie seinen Unterarm in die Hand und wendete ihn nach oben. Die Wunde war tief und blutete stark. Vorsichtig tr�pfelte sie etwas Wasser darauf. Sie sp�rte, wie er sich verspannte, obwohl er nicht mit der Wimper zuckte.</p><p>Grunthor r�ckte n�her und sah zu, wie sie ein Fl�schchen �ffnete, dem ein scharfer Geruch nach Essig und Gew�rzen entstieg. Rhapsody befeuchtete ein sauberes Taschentuch mit der Hamamelis-Thymian-L�sung und betupfte die Wunde damit. Achmed versuchte, sich ihr zu entwinden.</p><p>�Halt still. Ich muss noch �ben�, ulkte sie.</p><p>�Wie beruhigend.� Er winselte, als die �bel riechende Fl�ssigkeit die Wunde benetzte und heftig zu brennen anfing. �Ich hoffe, dir ist klar, dass ich dich auch mit einem Arm erschlagen kann, falls du es darauf abgesehen haben solltest, mich zum Kr�ppel zu machen.�</p><p>Rhapsody blickte zu ihm auf und schmunzelte. Ihr Gesicht war verschmiert und blutig nach dem Kampf, doch die Augen leuchteten hell. Achmed versp�rte ein Stechen im Innern, so sehr er es auch zu ignorieren versuchte. Grunthor hatte Recht. Ihr L�cheln war beeindruckend.</p><p>Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Wunde und summte eine Melodie, die sich als ein Sirren in der Luft ausbreitete. Der Schmerz lie� nach, und ihm war, als w�rden helle Schwingungen von der Wunde gespiegelt. </p><p>�H�r auf damit!�, verlangte er in barschem Ton. �Das tut mir in den Ohren weh.�</p><p>Sie lachte. �Wenn ich aufh�re, ist die ganze Wirkung dahin. Das Lied hat Heilkraft.�</p><p>Rhapsody summte weiter, und aus der wortlosen Melodie wurde ein Lied. Sie sang einen Text in einer f�r ihn fremden Sprache. </p><p>�Oh, wie h�bsch�, kommentierte Grunthor. �Ich geh mal davon aus, dass wir dieses stinkende Loch bald verlassen ham. Falls wir dann keine Arbeit finden, k�nnte uns Ihro Gnaden vielleicht ein paar Liedchen beibringen, womit wir dann als Troubadoure �ber Land ziehn. Ich seh uns schon: Schlangen-Achmed und Ochsenfrosch.� </p><p>Rhapsody h�rte auf zu singen und sagte: �Gute Idee. Lasst mich raten... du, Achmed, singst Tenor.� </p><p>Als Antwort erntete sie einen m�rrischen Blick. Sie nahm den Verband von der Wunde. �Ihr zwei solltet wirklich ein bisschen mehr Respekt vor der Musik haben. Sie ist sehr wirksam, als Waffe wie auch in jeder anderen Hinsicht.�</p><p>�Stimmt. Meine Singstimme ist nervt�tend. Das hat man ihr schon oft bescheinigt.�</p><p>Rhapsody lachte hell auf. �Macht euch ruhig lustig. Aber es wird wahrscheinlich die Musik sein, die uns hier herausholt, Musik in der einen oder anderen Form.�</p><p>�Nur, wenn du uns mit deinem Getr�llere so sehr auf den Geist gehst, dass ich dir ein zweites Paar Beine mache.� </p><p>�Musik ist nichts anderes als ein Wegweiser durch die Schwingungen, aus denen die Welt gemacht ist�, entgegnete Rhapsody. �Wer einen solchen Wegweiser hat, findet sich �berall zurecht.� Sie �ffnete ihre Tasche und holte eine getrocknete Bl�te daraus zum Vorschein. �Erinnert ihr euch? Ihr nanntet es einen Taschenspielertrick, was nat�rlich nicht stimmt. Es l�sst sich auch jetzt noch, nach so langer Zeit, wiederholen.� Ohne die sp�ttischen Blicke der beiden zur Kenntnis zu nehmen, legte sie die Blume in Achmeds Hand und sang leise deren Namen. Ihn Erwartung seiner Reaktion fing sie zu schmunzeln an.</p><p>Grunthor beugte sich �ber ihre Schulter und sah, wie die Bl�tenbl�tter wieder frisch wurden und sich neu entfalteten. Trotz des Gestanks nach abgestandenem Wasser und K�rperschwei� war der zarte Duft der Schl�sselblume wahrzunehmen.</p><p>�Das funktioniert wohl auch nur mit Blumen, oder?�</p><p>�Nein, das klappt immer und mit allem.� Sie nahm den Verband vom Arm und sah, dass sich die Wunde geschlossen hatte und fast nicht mehr zu erkennen war. Wo soeben noch ein tiefer Schnitt geklafft hatte, zeigte sich jetzt nur noch eine d�nne rosafarbene Spur, und auch die war nach einer Weile restlos verschwunden.</p><p>Sogar Achmed schien gewaltig beeindruckt zu sein. �Wie ist das m�glich?�</p><p>�So etwas kann eine Benennerin gewisserma�en von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dings steckt. Mit dem Namen steht und f�llt unsere Identit�t. Er ist unsere Essenz, unsere pers�nliche Geschichte, und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch ver�ndert haben m�gen.�</p><p>Achmed warf ihr einen schr�gen Blick zu. �In deinem Gewerbe lohnt sich so etwas bestimmt. Wie oft hast du deine Jungfr�ulichkeit schon verkauft? Wird sie von Mal zu Mal teurer?� Sie war merklich getroffen, was er sogleich bedauerte. Aus Scham legte er einen sp�ttischen Ton in seine Stimme und sagte: �Oh, es tut mir schrecklich Leid. Habe ich dich verletzt?�</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Solche Bemerkungen habe ich schon allzu h�ufig h�ren m�ssen. Dass sich M�nner immer wieder daneben benehmen und sich selbst zu Idioten stempeln, bin ich gewohnt.�</p><p>�He, he, pass blo� auf, Herzchen�, warnte Grunthor scherzhaft. �Ich hab wirklich schon lang nichts Anst�ndiges mehr zwischen die Z�hne gekriegt.�</p><p>�Na bitte, wieder so ein Beispiel�, entgegnete sie ruhig. �M�nner m�gen gr��er sein und mehr Kraft haben, was manche auch ziemlich r�cksichtslos ausnutzen, wenn sie mit ihrem Verstand nicht mithalten k�nnen. Wer hat wohl die Prostitution erfunden, was meint ihr? Die Frauen? Glaubt ihr, es w�rde Spa� machen, wenn man tagt�glich herabgew�rdigt wird? Was f�r eine Ironie: Nach Hurendiensten besteht eine enorm starke Nachfrage, aber ohne Not w�re kaum eine Frau dazu bereit.� </p><p>Sie betupfte nun die eigene Bisswunde mit ihrem Heilwasser und bot das Fl�schchen auch Grunthor an, doch der sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Die M�nner wollen es so�, fuhr sie fort. �Sie gehen weite Wege und geben viel Geld aus, um ihr M�tchen zu k�hlen. Die Frauen aber, die ihnen dabei zu Diensten waren, m�ssen sich hinterher noch deren Beleidigungen gefallen lassen, und es wird erwartet, dass sie sich sch�men, obwohl es doch die M�nner sind, die dazu sehr viel mehr Grund h�tten. Ich kann das nicht begreifen.</p><p>Ein jeder hat Verst�ndnis daf�r, dass jemand, wenn er Hunger leidet, Mundraub begeht. Aber f�r eine Frau, die, aus Not oder weil ihr mit Gewalt gedroht wird, auf den Strich geht, scheint es keinerlei Nachsicht zu geben. Ganz anders steht der Mann da, der ihre Dienste in Anspruch nimmt. Nicht nur, dass er ihr seinen Dank vorenth�lt, er macht sich auch noch �ber sie lustig. F�r mich steht jedenfalls fest: Ich werde keinen Mann mehr an mich heranlassen. Ihr k�nnt mich alle mal...�</p><p>� ... am Abend besuchen�, kicherte Grunthor, �und am Morgen, am Mittag...�</p><p>Mit einem einzigen Wort brachte Rhapsody den Riesen zum Schweigen. Er bewegte zwar noch die Lippen, doch es kam kein Laut dar�ber hinweg. Die Stimme versagte ihm. Erschrocken sperrte er die Augen auf und starrte auf Achmed.</p><p>Achmed streckte den Arm aus und packte sie beim Kragen.</p><p>�Was hast du getan? Ihn verzaubert? Mach das sofort r�ckg�ngig.�</p><p>Rhapsody vorzog keine Miene. �Er ist nicht verzaubert; er kann sprechen, wann er will.� </p><p>�Offenbar nich ... oh, offenbar doch. Tut mir Leid, Herzchen, ich wollte dich nicht beleidigen.� </p><p>�Schon gut. Wie gesagt, mir sind schon so viele Beleidigungen zu Ohren gekommen, dass mich in dieser Hinsicht nichts mehr kr�nken kann.�</p><p>�Wir zwei w�ren die Letzten, die dir irgendwelche Vorhaltungen machen w�rden. Wir halten uns an die Devise �leben und leben lassen�. Hab ich Recht, Grunthor?�</p><p>Grunthor lachte auf und nickte dann. �Ja, leben und leben lassen, so halten wir�s. Oder besser noch: t�ten und aufessen. Denn vergessen wir nich, ich bin Sergeant von Beruf. T�ten und aufessen geh�rt zu meinem Handwerk; nun, genau genommen ist es nur das T�ten. Darauf folgt dann die Mahlzeit gewisserma�en als Belohnung.�</p><p>Nachdem sie auch die eigene Wunde versorgt hatte, faltete Rhapsody das Taschentuch zusammen. </p><p>�Wenn�s kein Zauberbann war, wie hast du ihm dann die Stimme genommen?�, wollte Achmed wissen. </p><p>�Ich habe das Schweigen bei seinem Namen aufgerufen�, sagte sie. �Und es hat sich dann f�r eine Weile eingestellt. Was macht dein Unterarm?�</p><p>�Der scheint wieder in Ordnung zu sein. Vielen Dank.�</p><p>�Gern geschehen.� </p><p>�Ich st�re den artigen Wortwechsel nur ungern, aber ich finde, wir sollten uns langsam wieder in Bewegung setzen�, sagte Grunthor.</p><p>�Allerdings.� Achmed stand auf und bugsierte, was noch an toten W�rmern auf dem Vorsprung lag, mit dem Fu� �ber den Rand. �Mir geht allm�hlich die Munition aus.�</p><p>Rhapsody zog den Kopf ein, um den herabfallenden Kadavern auszuweichen. Dann packte sie Blume und Kr�uter zusammen und machte sich, Achmed und dem Riesen folgend, wieder an den Aufstieg, der immer noch kein Ende nehmen wollte.</p></section><section><title><p>11</p></title><p><emphasis>Du bist der Schmutz, auf dem ich steh, der Kehricht unter meinen F��en, versuche nur, dich mir zu widersetzen, du wirst es schrecklich, schrecklich b��en</emphasis>.</p><p><emphasis>Der Sergeant l�sst sich nicht verspotten. Egal, wie er auch zu dir steht, sprich du nur ja nicht schlecht von ihm, sonst wird der Hals dir umgedreht</emphasis>.</p><p>Rhapsody schmunzelte in sich hinein, als Grunthors t�nender Bass unter ihr verhallte. Dem Bolg-Sergeanten . waren offenbar die Truppen durchgegangen, Truppen, �ber deren Art und Zusammensetzung noch spekuliert werden mochte. Jedenfalls schien er sich mit seinen Marschges�ngen die Zeit vertreiben zu wollen, und ihr, Rhapsody, er�ffneten sie einen interessanten Blick auf die Milit�rlaufbahn des Bolgs. Vor allem aber lernte sie ihr Gl�ck zu sch�tzen, bislang von ihm verschont geblieben zu sein.</p><p>Ein kleines Dickicht aus d�nnen Wurzeln bot ihnen einen geeigneten Platz f�r eine Rast. Rhapsody nahm die Gelegenheit wahr und massierte, um sich ein wenig aufzuw�rmen, die Arme mit hastiger Hand. Gleichzeitig versuchte sie, den nerv�sen Herzschlag zu beruhigen, doch das flaue Gef�hl in der Magengrube und das als Klo� im Hals steckende Grausen lie�en sich nach wie vor nicht absch�tteln. Endlich, nach un�bersehbar langer Zeit, war das Ende des Schachts fast erreicht. �ber ihnen w�lbte sich eine riesige finstere Kuppel, wo Rhapsody den Himmel w�hnte. <emphasis>Vielleicht ist es drau�en dunkel,</emphasis> dachte sie, ahnte aber sehr wohl, dass der Anstieg l�nger als eine Nachtspanne gedauert hatte.</p><p>�Wartet�, rief Achmed, als er sich dem Rand der �ffnung n�herte. Grunthor und Rhapsody hielten an und sahen seinen Schatten das letzte St�ck am Wurzelturm emporklettern, der zur �ffnung des Schachtes hin noch einmal weit ausladend in die Breite ging, so sehr, dass der Blick nach oben verborgen war. </p><p>Rhapsody schaute zu Grunthor hin�ber. Im Laufe der sich endlos hinziehenden Reise hatte sie immer mehr Zutrauen zu ihm gefasst. Sogar seinem Gef�hrten gegen�ber war sie inzwischen ein wenig freundlicher gestimmt, auch wenn sie ihm noch nicht verziehen hatte und er ihr nach wie vor ein R�tsel war. Jetzt, da es so schien, als w�re das gemeinsame Ziel bald erreicht, wurde ihr bewusst, dass der riesige Bolg mitnichten das Ungeheuer war, vor dem man ihr als Kind Angst gemacht hatte, sondern im Gegenteil ein Mann, der etliches mehr zu bieten hatte als so manch andere.</p><p>�Grunthor?� </p><p>Der Sergeant schlug die bernsteinfarbenen Augen auf. �Ja, Herzchen?�</p><p>�F�r den Fall, dass wir am Ende nicht mehr dazu kommen, uns in aller Form zu verabschieden, m�chte ich dir jetzt schon einmal von Herzen f�r alles danken.�</p><p>Schmunzelnd blickte Grunthor empor zu der Stelle, an der Achmed verschwunden war. �Nichts f�r ungut, Euer Liebden.� </p><p>�Es tut mir Leid, wenn ich dich anfangs mit meinen dummen Vorurteilen �ber deinesgleichen beleidigt haben sollte.� </p><p>Grunthors Schmunzeln wurde merklich breiter. �Nett von dir, aber keine Bange, ich hab ein ziemlich dickes Fell. Und au�erdem muss ich sagn, dass du f�r eine Liringlas gar nich mal so �bel bist. Ich kenne sonst kaum ein V�lkchen, das derma�en ungenie�bar w�re wie die Lirin.�</p><p>Rhapsody lachte. �Was f�r Lirin sind dir denn �berhaupt schon �ber den Weg gelaufen?�</p><p>�Oh, die ganze Palette. Ich hab Lirin aus den St�dten kennen gelernt, Berg-Lirin und solche, die am Meer leben. Vom Aussehen her sind sie alle ziemlich �hnlich, spillerige Knirpse mit spitzen Gesichtern und gro�en Augen. Farblich scheint�s allerdings gro�e Unterschiede zu geben. Du bist kein Vollblut, oder?� </p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, ein Halbblut. Richtige Lirin schauen auf mich als Mischling herab.� </p><p>�Unter Hunden sind gerade die die Besten. Mach dir nichts draus. Und es steht dir gut zu Gesicht. Du bist �n h�bsches kleines Ding, nicht so d�rr und eckig wie andere Lirin.�</p><p>�Danke.� Das sonderbare Kompliment brachte sie zum Lachen. �Und du bist der netteste Firbolg, dem ich je begegnet bin � was, zugegebenerma�en nicht viel besagt, denn du bist der Erste und bislang Einzige.� </p><p>�Das stimmt nicht ganz�, t�nte eine Stimme von oben, die Rhapsody vor Schreck zusammenfahren lie�. Achmed war zur�ckgekehrt.</p><p>�Doch. Ich kenne keinen anderen au�er Grunthor.�</p><p>Achmed grinste auf eine Weise, die ein wenig geh�ssig wirkte. �Es liegt mir fern, eine so kenntnisreiche Person wie dich zu korrigieren, aber glaube mir: Du kennst <emphasis>zwei.�</emphasis></p><p>Rhapsody war sichtlich irritiert. �Soll das hei�en, du bist auch ein Firbolg?�</p><p>�Vielleicht sollten wir sie wirklich von der Speisekarte streichen, Grunthor. Sie offenbart Spuren von Intelligenz.� Der Riese mimte einen auf entt�uscht.</p><p>Sie musterte den einen, dann den anderen und konnte nur wenig an Gemeinsamkeiten feststellen. Grunthor war �ber einen Kopf gr��er als Achmed, sehr viel breiter und muskul�ser und mit Klauenh�nden bewehrt. Unter Achmeds weitem Umhang zeichnete sich dagegen eine sehr schlanke, sehnige Gestalt ab, und seine H�nde waren die eines Menschen.</p><p>An den Riesen gewandt, fragte Rhapsody: �Bist du ein Vollblut-Firbolg?�</p><p>�Ach was.� </p><p>Der Verh�llte schnaubte. �Du dachtest wohl, das einzige Halbblut auf der Welt zu sein.� </p><p>Trotz des sp�rlichen Lichts war zu sehen, dass sie err�tete. �Nat�rlich nicht. Ich dachte, Grunthor ist ein Firbolg.� </p><p>�Er ist zur H�lfte Bengard.�</p><p>Rhapsody nickte. Die aus der W�ste stammenden Bengard waren eine Sippe, �ber die man nur wenig wusste. Es hie�, dass sie ungeheuer gro� und von einer schlangen�hnlichen Haut �berzogen waren. Rhapsody kannte einige ihrer Lieder und Gebr�uche. �Und du?�</p><p>Die beiden M�nner tauschten einen kurzen Blick, ehe Achmed sagte: �Ich bin ein halber Dhrakier. Wir sind also alle drei Mischlinge. Wie w�r�s? Gehen wir weiter?�</p><p>Rhapsody hatte noch nie etwas geh�rt von dem erw�hnten Volk, war aber nun schon lange genug mit den beiden zusammen, um zu wissen, wann es sich riet, keine weiteren Fragen zu stellen. �Nat�rlich�, antwortete sie. �Ich habe schlie�lich keine Lust, an dieser Wurzel Wurzeln zu schlagen.� Sie richtete sich auf, lockerte die verkrampften Beine, schnallte ihr Gep�ck fest und folgte den beiden Bolg nach oben. </p><p>�Greif zu, Gr�fin, ich zieh dich hoch.�</p><p>Dankbar langte Rhapsody nach der ausgestreckten Riesenhand und lie� sich von Grunthor �ber den Rand der Wurzel durch die �ffnung ziehen. Sie machte die Augen fest zu und betete im Stillen, unter freiem Himmel in sternenklarer Nacht aufzutauchen. Als sie wieder aufblickte, sah sie nichts als Dunkelheit, eine Leere, so weit das Auge reichte.</p><p>Der Boden unter ihren F��en schimmerte so bleich wie die Wurzel, an der sie emporgeklettert war, doch ging von ihm ein schwaches Leuchten aus und dazu ein summendes Pulsieren, das hinter den Augen zu sp�ren war und im ganzen K�rper weiter zu schwingen schien. So wie der Wurzelturm die Pfahlwurzel der Sagia hatte k�mmerlich klein erscheinen lassen, so wirkte nun der Wurzelturm seinerseits winzig im Vergleich zu dem, was sich ihnen hier offenbarte.</p><p>Grunthor stie� einen Pfiff durch die Z�hne aus. Der leuchtende Grund, auf dem sie standen, breitete sich weiter aus als der m�chtige Fluss, der die Insel Serendair teilte. Die ungeheuer gro�e Bahn verzweigte sich in viele Richtungen, und �ber jeden Arm zog sich ein Geflecht aus wurzel�hnlichen Adern. </p><p>Rhapsody hatte an ihrer Entt�uschung schwer zu schlucken. �Herrje, was ist denn das?�</p><p>�Die Hauptpassage, der eigentliche Wurzelstock. Was wir erklommen haben, war blo� ein Seitenarm, vermutlich die Verbindung zwischen der Sagia und der Axis Mundi. Du hast doch wohl nicht geglaubt, schon am Ziel zu sein. Unser Marsch hat gerade erst angefangen.�</p><p>Tr�nen drohten ihr in die Augen zu treten, was sie indes nicht geschehen lassen wollte. �Aber ich bin am Ende�, fl�sterte sie matt.</p><p>Der Verh�llte nahm sie bei den Schultern und versuchte sie zur Besinnung zu r�tteln. �Sperr doch die Ohren auf! H�rst du sie denn nicht, die Musik? Ist es m�glich, dass eine S�ngerin, dazu eine Lirin, nicht hellauf begeistert ist von dieser Musik? Selbst ich kann sie h�ren. Ja, ich sp�re sie f�rmlich auf der Haut. So h�r doch hin!�</p><p>�ber das Pochen ihres ungl�cklichen Herzens hinweg h�rte Rhapsody tats�chlich ein Summen und Klingen, das die unermesslich gro�e H�hle erf�llte. Unwillk�rlich schloss sie die Augen und nahm die Kl�nge in sich auf. Sie steckten voller Weisheit und Kraft und waren unvergleichlich in ihrer Art. Achmed hatte Recht, das musste sie ihm eingestehen, auch wenn es ihr widerstrebte. Dieser magische, einzigartige Ort war durchdrungen von einer sanften, zarten Melodie, gesungen aus dem vollen Herzen der Erde. </p><p>Rhapsody begann in dieser Musik zu schwelgen. Sie nahm ihr alle Schmerzen, allen Verdruss und heilte die Wunden, die sie sich im Kampf gegen das Gew�rm zugezogen hatte. Schlie�lich lie� sie den ureigenen Grundton erklingen, ihren musikalischen Namen, und er harmonierte mit der Stimme der Wurzel so wie vordem mit dem Lied der Sagia. Als sie eine Weile sp�ter die Augen wieder aufschlug, sah sie die beiden M�nner miteinander reden und mit ausgestrecktem Arm mal auf diesen, mal auf jenen Abzweig deuten. Offenbar versuchten sie sich zu einigen, in welcher Richtung sie nun weitergehen sollten. </p><p>Schlie�lich drehte sich Achmed nach ihr um und fragte: �Na, Krise �berwunden? Was ist nun, kommst du mit, oder willst du dich hier auf Dauer einrichten?�</p><p>Sie warf ihm einen bitterb�sen Blick zu. �Ich komme. Und sprich nicht in diesen Ton mit mir.� Sie glaubte zu schwitzen und versuchte, die H�nde trocken zu wischen, merkte dann aber, dass auch die Kleider und Schuhe �hnlich klamm waren. Feuchtigkeit hing in der Luft.</p><p>�Immerhin m�ssen wir nich mehr klettern. Is doch auch schon was, oder?� Grunthor zwinkerte ihr zu und schulterte sein Gep�ck.</p><p>�Hier lang�, entschied Achmed und zeigte auf die nach links f�hrende Abzweigung.</p><p>�Warum?� </p><p>�Das r�t mir mein Gef�hl.� Und in einem Tonfall, der nicht unfreundlich klang, f�gte er hinzu: �Aber wenn�s dir gef�llt, kannst du nat�rlich auch eine andere Richtung einschlagen.� Von Grunthor gefolgt, machte er sich auf den Weg, der steil bergan und in weitem, schimmerndem Bogen in finstere H�hen f�hrte. Seufzend nahm Rhapsody ihre Sachen und setzte sich in Bewegung.</p><p>Als sie sich nicht l�nger auf den Beinen halten konnten, schlugen sie ein Lager auf. Das Deckengew�lbe der H�hle war jetzt hoch oben im Halbdunkel vage auszumachen.</p><p>�Es gibt offenbar extreme Gr��enunterschiede, was die Gr�ben angeht, durch die sich die Wurzel erstreckt�, meinte Achmed, als sie sich zum Essen niedergelassen hatten. �Hier ist es wohl deshalb so ger�umig, weil von dieser Stelle viele Seitenarme abzweigen. Ich f�rchte, dass wir bald wieder in sehr viel engere Bereiche kommen werden. Der Tunnel dort dr�ben scheint mir durchschnittliche Ausma�e zu haben. Wenn dem so ist, werden wir wohl �ber weite Strecken kriechen m�ssen. Ich sch�tze, dass die Luft dort ziemlich stickig und unangenehm sein wird. Wenn dir Grunthor noch ein paar Dinge in Sachen Schwertkampf beibringen soll, w�r�s besser, ihr �bt hier, wo gen�gend Platz ist. Nat�rlich erst, wenn ihr ausgeruht seid.� </p><p>�Ist das denn wirklich n�tig?�, fragte Rhapsody besorgt.</p><p>�F�r ihn wohl nicht, aber umso mehr f�r dich�, antwortete Achmed. �Denk nur an diese W�rmer. Wahrscheinlich gibt es anderswo noch mehr davon. Aber letztlich musst du selbst wissen, wie du dich am besten sch�tzen kannst.� </p><p>Rhapsody wandte sich dem Firbolg zu, der �bers ganze Gesicht grinste. �Es w�re mir lieb, wenn du mich ausbilden w�rdest�, sagte sie. �Aber leider habe ich kein Schwert.�</p><p>�Wenn�s weiter nichts ist, Herzchen. Zuf�llig habe ich da ein etwas gr��eres Messer, das dir ein Schwert sein k�nnte.� Grunthor zog einen langen Dolch hinter dem R�cken hervor und �berreichte ihn mit tiefer Verbeugung. </p><p>Nach kurzem Z�gern nahm sie den Dolch entgegen. Die Klinge war l�nger als ihr Oberschenkel und derma�en scharf, dass es sie schon nerv�s machte, die Waffe in der Hand zu halten. �Ich wei� nicht�, meinte sie zaghaft. </p><p>�H�r zu, Herzchen, wenn du dir die W�rmer nich vom Hals halten kannst, seh ich schwarz f�r dich�, meinte der Bolg-Sergeant. �Also, stell dich nich an. Meine Lucy wird dir helfen.�</p><p>�Lucy?� Ihre Augen leuchteten auf. �Nanu, Grunthor, du bist ja auch ein Benenner, auf deine Art.� </p><p>Der Riese schmunzelte. �Was du nicht sagst. Soll ich vielleicht auch ein Liedchen singen?� </p><p>�Nein�, entgegneten Rhapsody und Achmed einstimmig.</p><p>�Macht euch an den Unterricht�, f�gte Achmed hinzu, �ich will so lange warten.�</p><p>Grunthor langte �ber die Schulter, suchte nach einer passenden Klinge und zog schlie�lich zwei weitere Waffen hervor. Die eine war ein langes, schlankes Schwert, das er Lopper nannte. Rhapsody sah sich bei dessen Anblick an die Nacht auf den Feldern mit Michaels M�nnern erinnert und erschauderte. Bei der anderen Waffe handelte es sich um eine dreischneidige Pike, die der Riese mit dem Namen Fr�ntmacher vorstellte. F�r diese Waffe schien er sich endlich entschieden zu haben, denn er steckte den Lopper nun wieder in die r�cklings getragene Scheide.</p><p>�Warum nennst du dieses Ding �Fr�ntmacher�?�, wollte Rhapsody wissen.</p><p>�Was du �ber Namen sagst und die Kraft, die davon ausgeht, ist vielleicht gar nicht so dumm�, antwortete Grunthor und nahm Kampfhaltung an. �Bestes Beispiel ist dieser Fr�ntmacher hier. Ich hab ihn so benannt, und sobald ich ihn zieh, will jeder, der mir gegen�bersteht, gleich Freundschaft mit mir schlie�en. Sofern er dazu noch in der Lage ist, versteht sich.�</p><p>�Versteht sich�, wiederholte Rhapsody und grinste nerv�s. �Den Wunsch kann ich nachvollziehen.� </p><p>�Das will ich hoffen, wo wir doch schon so vertraut miteinander sind.�</p><p>Rhapsody schmunzelte. �Na sch�n, mein Freund, auf geht�s.�</p><p>Das Klirren aufeinander schlagender Schwerter hallte von den H�hlenw�nden wider. Der jungen Lirin wurde ein ums andere Mal die Waffe aus der Hand geschlagen. Kaum hatte sie sich in Position gebracht, musste sie auch schon wieder zur�ckstecken. Und was sie am meisten entmutigte, war, dass er sehr schonend zu Werke ging und stets R�cksicht auf sie, die Anf�ngerin, nahm.</p><p>Immer wieder gab er ihr Gelegenheit zum Angriff, indem er seine Deckung �ffnete, doch sooft sie eine solche Einladung annahm, kam er ihr mit einer schnellen Riposte zuvor. Schlie�lich versuchte sie solche Deckungsl�cken auszunutzen, die er unabsichtlich ge�ffnet hatte, wof�r er ihr jedes Mal Lob und Anerkennung zollte. </p><p>�So ist�s richtig, Gr�fin�, sagte er und parierte eine neuerliche Attacke. �Weiter, weiter, nich locker lassen, Herzchen. Ich wei�, du kannst es. Gib�s mir. Hol mich von den Beinen.�</p><p>Rhapsody schlug wuchtig zu. Doch Grunthor war zu schnell f�r sie. Sie trat zur�ck und holte Luft. </p><p>�Attacke!�, br�llte Grunthor so laut, dass sie vor Schreck noch einen Schritt weiter zur�ckwich. �Und pass verdammt noch mal auf. Mach deine h�bschen Augen auf, sonst hau ich dir den Sch�del ein!� </p><p>Rhapsody war entsetzt. Auch der Riese zeigte sich verunsichert und verzog das Gesicht. �Tut mir Leid, Herzchen, manchmal geht der Feldwebel mit mir durch.�</p><p>Rhapsody beugte sich nach vorn und holte tief Luft. Pl�tzlich fing sie lauthals an zu lachen. </p><p>�Nimm�s mir nicht �bel, Grunthor, aber ich glaube, der Schwertkampf ist nicht meine Sache.� </p><p>�M�glich�, meldete sich Achmed von hinten. �Du solltest es aber trotzdem lernen. Wichtig ist vor allem, dass du deine Einstellung �nderst.�</p><p>Rhapsody merkte auf. �Ach ja? Und inwiefern, wenn ich fragen darf?�</p><p>Der verh�llte Mann kam auf sie zu und nahm ihre Hand. �Zu allererst solltest du dir einen anderen Griff angew�hnen. Du h�ltst eine Waffe, und das sollte dir jederzeit bewusst sein. Also, konzentriere dich darauf. Zweitens, bei� die Z�hne zusammen. Sei darauf gefasst, verletzt zu werden. Es wird dir nicht gelingen, Schmerzen zu vermeiden. Du kannst sie allenfalls gering zu halten versuchen, das hei�t, du solltest von vornherein darauf aus sein, die Ursache zu beseitigen. H�tte Grunthor sich nicht zur�ckgehalten, w�re es schon nach dem ersten Schlagabtausch um dich geschehen gewesen. Du musst akzeptieren, dass du nicht ohne Blessuren davonkommst, also sei entschlossen, dem Gegner heimzuzahlen, was er dir antut. Lerne zu hassen. So bleibst du am Leben.� </p><p>Rhapsody warf das Schwert auf die Wurzel. �Lieber w�re ich tot, als unter solchen Umst�nden leben zu m�ssen.� </p><p>�Tja, wenn du an deiner Einstellung festhalten willst, wirst du dich nicht lange qu�len m�ssen.� </p><p>�Aber wie k�nnte ich denn anders? Grunthor ist mir sympathisch.�</p><p>Der Riese fuhr sich mit der Hand �ber den Nacken. �Das beruht auf Gegenseitigkeit, Herzchen, aber wenn du nich lernst, auf dich aufzupassen, reicht�s f�r dich nur zu einer Zukunft als Futter f�r W�rmer.� </p><p>Wieder �berfiel Rhapsody jenes Gef�hl der Ironie, das sie empfand, sooft sie �ber ihre Situation nachdachte und sich vergegenw�rtigte, mit zwei seltsamen, monstr�sen M�nnern unter Tage auf einer riesigen Wurzel vorw�rtszukriechen. Der nette Koloss, der ihr immer wieder verstohlen begehrliche Blicke zuwarf, die ihr eher den Eindruck vermittelten, als wollte er sie fressen, versuchte sie nun davon zu �berzeugen, dass sie ihn zu ihrem eigenen Schutz anzugreifen hatte. Der menschen�hnlichere der beiden � ein lebendiges Beispiel daf�r, wie sehr der Anschein tr�gen konnte � zeigte sich ihr gegen�ber immer noch von provozierender Gleichg�ltigkeit. Rhapsody hob das Schwert vom Boden auf. �Also gut, Grunthor, lass uns noch ein bisschen �ben.� </p><p>�So ist�s recht�, sagte der Sergeant und grinste. �Zeig�s mir.�</p><p>Nach ihrer ersten Lektion, die nach Meinung von Grunthor durchaus zufrieden stellend verlaufen war, sank Rhapsody geschunden, ersch�pft und aufgel�st zu Boden und suchte in ihrem Gep�ck nach dem kleinen Beutel, in dem sie die Reste des Brotes aufbewahrte, das sie von Pilam geschenkt bekommen hatte. Als sie den Beutel zum Vorschein zog, fing sie zu singen an und intonierte den Namen des Brotes, wie sie es jedes Mal tat, wenn sie davon essen wollte. Sie beschrieb es mit den gesungenen W�rtern <emphasis>Fladen, aus Gerste gebacken, weich,</emphasis> holte es aus dem Beutel, brach ein St�ck f�r sich ab und reichte das �brige an die M�nner weiter. Trotz der hohen Luftfeuchtigkeit und obwohl es schon viele Tage alt war, hatte das Brot immer noch keinen Schimmel angesetzt. Und sonderbarerweise war es �berhaupt nicht hart geworden.</p><p>�Was war das nun wieder, Herzchen, �ne Art Segensspruch oder dergleichen?�, fragte Grunthor und nahm das gereichte St�ck entgegen.</p><p>�Wenn man so will. Ich habe das Brot beim Namen genannt.� Rhapsody l�chelte ihm zu und lie� es sich schmecken. Achmed schwieg.</p><p>�Schaffst du�s so, das Brot frisch zu halten?�</p><p>�Ja. Auf diese Weise bleibt es so, als w�re es gerade eben aus dem Ofen gekommen.�</p><p>Achmed legte sich auf die Wurzel und streckte alle viere von sich. �Gib ihm doch mal irgendeinen anderen Namen. Wie w�r�s mit W�rstchen in Bl�tterteig^�, meinte er. Es war das erste Mal, dass Rhapsody ihn scherzen h�rte.</p><p>�Ich kann es wohl in seinem Urzustand bewahren, aber nicht ver�ndern�, antwortete sie zwischen zwei Bissen. �Wenn ich so viel Macht h�tte, w�rst du eine sehr viel angenehmere Person und ich w�rde nicht hier in diesem Loch stecken.�</p><p>Vielleicht lag es an der pulsierenden Kraft der Axis Mundi... Wie auch immer, jedenfalls wurde Rhapsody nun von noch eindringlicheren Albtr�umen geplagt.</p><p>In dieser Nacht waren die Tr�ume besonders intensiv. Wiederholt und erschreckend deutlich hatte sie einen Mann vor Augen, der unter gro�en Qualen in der Dunkelheit erstickte. Ringsum waberten dichte Nebelschwaden, die sich durch nichts vertreiben lie�en. Rhapsody versuchte aufzuwachen, war aber zu ersch�pft. </p><p>St�hnend warf sie sich hin und her und rutschte schlie�lich von Grunthors breiter Brust, als die Traumszenerie pl�tzlich wechselte. Sie sah nun das Bild eines anderen Mannes mit aufgedunsenem Gesicht und blutrot ger�nderten Augen. Mit krallenden H�nden ruderte er im Dunkeln umher, scheinbar auf der Suche nach etwas, das nicht zu finden war. Es kamen ihr W�rter in den Sinn, die sie unwillk�rlich im Fl�sterton aussprach.</p><p><emphasis>Die Kette ist gerissen,</emphasis> raunte sie.</p><p>Als Achmed, der auf dem R�cken lag und ins Dunkle starrte, ihre Stimme h�rte, richtete er sich auf und schaute ihr ins Gesicht, das die Schrecken des Traums widerspiegelte. Es schien, als f�hrte sie einen aussichtslosen Kampf. Achmed stie� seinen Gef�hrten an und machte ihn auf sie aufmerksam. Der Mann mit den blutrot ger�nderten Augen und dem erschreckend formlosen Gesicht starrte ihr entgegen. Es war, als versuchte er, ihr Bild in seinem Ged�chtnis abzuspeichern. Sie wollte seinem Blick ausreichen, doch irgendetwas hielt sie fest im Griff, und zu ihrem gro�en Entsetzen musste sie nun mit ansehen, wie sich die Augen ihres monstr�sen Gegen�bers teilten und verdoppelten, immer und immer wieder, bis es Dutzende und Aberdutzende waren, die ihr aus dem amorphen Gesicht entgegenstarrten. </p><p><emphasis>Der Herr der Tausend Augen,</emphasis> fl�sterte sie.</p><p>Dann l�ste sich ein ums andere dieser Augen aus dem Gesicht; ein kalter Wind regte sich, der sie nach allen Seiten hin ausschw�rmen lie�, ohne dass sie den starren Blick von ihr abgewendet h�tten. </p><p><emphasis>In der Welt �ber Tage w�tet Krieg,</emphasis> murmelte sie.</p><p>�Was die wohl hat?�, fragte Grunthor leise.</p><p>Achmed bedeutete ihm mit der Hand zu schweigen. Er hatte den Namen des F�dor geh�rt. Im Traum erschien ihr nun ein sehr ansehnliches, jugendliches Gesicht, im Mondlicht schimmernd. Der junge Mann nahm sie in den Arm, schmiegte seine Wange an die ihre und ber�hrte mit den Lippen ihr Ohr. <emphasis>Das ist alles, was ich habe; nicht viel, aber ich will dir etwas schenken,</emphasis> sagte er. Pl�tzlich langten seine H�nde fester zu; mit Gewalt zwang er ihre Schenkel auseinander, und seine sanfte Stimme wechselte in ein lustvolles Keuchen �ber.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> jammerte sie. <emphasis>H�r auf. Das ist doch alles nur gelogen</emphasis>.</p><p>Er lachte und hielt ihre Arme schmerzhaft fest umklammert. <emphasis>Ich hoffe, du wei�t, dass ich dir nie, nie willentlich wehtun w�rde</emphasis>.</p><p><emphasis>H�r auf,</emphasis> schluchzte sie. <emphasis>Ich will nach Hause</emphasis>.</p><p><emphasis>Nach Hause? Es gibt f�r dich kein Zuhause mehr. Erinnere dich, du hast es aufgegeben. F�r mich</emphasis>. </p><p><emphasis>Auch alles andere, was dir am Herzen lag. Dabei habe ich mit keinem Wort gesagt, dass ich dich liebe</emphasis>. </p><p>Unter dem Eindruck dieser qu�lenden Traumbilder brach Rhapsody in Tr�nen aus. Grunthor war sichtlich besorgt und wollte ihr tr�stend beistehen, doch Achmed hielt ihn zur�ck.</p><p>�Vielleicht hat sie Visionen�, sagte er. �Wom�glich schaut sie in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Und was sie da sieht, k�nnte f�r uns von Interesse sein.�</p><p>�Es kann aber wohl kaum in unserm Interesse sein, dass sie einen Schock erleidet, von dem sie sich nicht mehr erholt. Oder?� Die Miene des Riesen war f�r Achmed Warnung genug, und er lie� zu, dass Grunthor das M�dchen in den Arm nahm und weckte.</p><p>�Herzchen?� </p><p>Erschrocken b�umte sich Rhapsody auf und schlug mit der Faust zu. Zuf�llig traf sie Grunthors Auge, und das mit einer Wucht, die ihr keiner zugetraut h�tte. Der Firbolg kippte wie ein gef�llter Baum zu Boden. </p><p>Achmed kicherte. �Da sieht man�s wieder: Freundlichkeit wird schlecht belohnt.�</p><p>Rhapsody war inzwischen hellwach. Sie zwinkerte die Tr�nen aus den Augen und sah, was sie angerichtet hatte. �Himmel, Grunthor, verzeih�, stammelte sie. �Das wollte ich nicht.�</p><p>Der Bolg vorzog das Gesicht auf eine Weise, die unter anderen Umst�nden als der Versuch eines L�chelns h�tte gedeutet werden k�nnen. �Schon gut, Herzchen. Ich muss schon sagen, du hast da �ne z�nftige Gerade. Wer hat dir so zu boxen beigebracht?�</p><p>Sie suchte in ihrem Gep�ck nach dem Wasserschlauch. �Meine Br�der.�</p><p>�Aha. Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass wir dich adoptiert haben und somit auch zur Familie geh�ren? Ich hoffe, du wirst mich als einen deiner Br�der in Zukunft vor deiner pr�chtigen Rechten verschonen.� </p><p>Sie betupfte sein Auge mit einem feuchten Tuch und sagte schmunzelnd: �Was meinst du, wer diese Faust am h�ufigsten zu sp�ren bekommen hat?�</p><p>�Oh.� </p><p>�Es tut mir Leid.� </p><p>�Mach dir nichts draus, Herzchen. Und steck den Lappen weg. Es ist halb so schlimm. Komm, leg dich wieder hin. Wir sollten noch ein bisschen ruhen.� Rhapsody gehorchte.</p><p>Als sie ausgeschlafen hatten, packten sie ihre Sachen zusammen und setzten den Weg durch den endlos langen Tunnel fort.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Rhapsody hatte sich schon so sehr daran gew�hnt, �ber kalten, nassen Grund zu kriechen, dass sie sich kaum mehr daran erinnerte, wie es war, im Trocknen zu sein und nicht frieren zu m�ssen. Die Ger�che der Erde und des abgestandenen Wassers waren allgegenw�rtig, und ihre Kleider waren st�ndig feucht. Manchmal schien es ihr, als h�tte es kein anderes Leben gegeben, als w�ren ihre Erinnerungen an die Vergangenheit nichts weiter als Tr�ume. Die Wirklichkeit lag hier, in diesem nicht enden wollenden Treck entlang der Axis Mundi.</p><p>Sie kletterten, marschierten, krochen auf H�nden und F��en, und das nun schon so lange, dass sie nichts anderes mehr kannten. Es war un�bersehbar viel Zeit vergangen, und sooft sie sich schlafend zu erholen versuchten, erwachten sie in derselben albtraumhaften Wirklichkeit.</p><p>Anders als die beiden Bolg, denen es offenbar nichts ausmachte, tief in der Erde eingeschlossen zu sein, hatte Rhapsody nach wie vor schwer mit ihren �ngsten zu k�mpfen, die immer wieder �berhand zu nehmen drohten, sooft ihr gew�rtig wurde, dass sie tief in der Erde steckte, eingeengt und ohne ausreichend Luft zum Atmen.</p><p>Immerhin konnte sie �ber weite Strecken aufrecht gehen, wof�r sie dankbar war. Aber dennoch kam es h�ufig vor, dass auch sie sich ducken musste, was nicht weniger anstrengend war, als auf H�nden und Knien zu kriechen. Ihr taten alle Glieder weh, vor allem der R�cken und die Knie, und mit jedem Schritt schienen die Schmerzen zuzunehmen. Selbst der Schlaf brachte kaum Linderung.</p><p>Es war ihr nach wie vor ein R�tsel, wie es Grunthor schaffte, seine Muskelmassen durch die engen G�nge zu schieben. Wenn Achmed dann endlich dazu aufrief, Rast zu machen, was meist nach einer besonders schwierigen Passage geschah, lie� sie sich immer dankbar auf den Boden fallen und war bald eingeschlafen � nur um von weiteren Albtr�umen heimgesucht zu werden.</p><p>Diese Tr�ume wurden immer intensiver, je weiter sie im Erdreich vordrangen. Achmed f�hlte sich so sehr davon bel�stigt, dass er einmal drohte, sie von der Wurzel zu sto�en. Wenn gen�gend Raum zur Verf�gung stand, schlief sie auf Grunthors Brust. In seinen starken Armen f�hlte sie sich geborgen, aber beim Erwachen als Erstes in sein grinsendes, gr�nliches Gesicht zu blicken war etwas, an das sie sich erst einmal hatte gew�hnen m�ssen.</p><p>Achmed war, als sie die Axis Mundi erreicht hatten, noch reservierter und einsilbiger geworden. Oft schien es, als lauschte er auf Ger�usche, die nur er vernehmen konnte. Er sprach, wenn �berhaupt, nur noch im Fl�sterton und war anscheinend so sehr mit sich selbst besch�ftigt, dass Rhapsody ihn nicht st�ren mochte und sich stattdessen lieber an Grunthor hielt.</p><p>Wenn sich Gelegenheit dazu bot, unterrichteten die beiden M�nner Rhapsody in der Sprache der Firbolg, dem so genannten Bolgisch. Nicht, dass sie irgendeinen Zweck damit verfolgten; sie wollten einfach nur freundlich sein und verhindern, dass sie sich ausgeschlossen f�hlte, wenn sie sich in ihrer Sprache unterhielten. Im Gegenzug brachte sie Grunthor, sooft es die Lichtverh�ltnisse erlaubten, das Lesen bei. Diese Lektionen aber dauerten nie sehr lange.</p><p>Einmal wachte Rhapsody aus dem Schlaf auf und bemerkte, dass Achmed, ganz bleich im Gesicht und vor K�lte zitternd, vor sich hin murmelte, ganz so, wie sie es h�ufig tat. Der Stollen war �ber weite Strecken wieder sehr eng gewesen. Entsprechend langsam waren sie vorangekommen, obwohl sie sich nur wenige Ruhepausen geg�nnt hatten.</p><p>Grunthor, der einige Stunden zuvor einen schweren Felsblock aus dem Weg hatte r�umen m�ssen, schlief tief und lie� sich von den Albtr�umen des Freundes nicht st�ren. Rhapsody hob den Kopf von der Brust des Riesen, wartete eine Weile ab, stand dann vorsichtig auf und schlich auf Zehenspitzen auf die Stelle zu, wo Achmed sein Lager aufgeschlagen hatte. Als sie sich ihm n�herte, sp�rte sie, wie ihr Herz aus Sorge schneller zu schlagen anfing. Sie sah seine Augenlider flattern und h�rte ihn hechelnd atmen. Vorsichtig strich sie ihm mit sanfter Hand �ber die Stirn und fl�sterte: Achmed?�</p><p>Der Dhrakier tr�umte noch eine Weile weiter. Dann riss er pl�tzlich die Augen auf. �Ja?� Seine Stimme klang noch trockener als sonst.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>�Ja.� </p><p>Sie streichelte seine Wange, gerade so, als versuchte sie ein Kind zu tr�sten. �Du hast anscheinend schlimm getr�umt.� </p><p>Seine ungleichen Augen blitzten auf. �Hast du etwa einen Exklusivanspruch auf schlimme Tr�ume?� </p><p>Rhapsody schreckte zur�ck, als w�re sie geohrfeigt worden. Er schleuderte ihr Blicke entgegen, die nicht weniger scharf waren als die scheibenf�rmigen Geschosse seiner Cwellan.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, stammelte sie. �Verzeihung, ich wollte nur... mach dir nichts draus.� Eilig kehrte sie zu ihrer Schlafstatt zur�ck und lehnte sich wieder an die Muskelbepackte Brust des Riesen. Sie hatte Achmed nach seinem Traum befragen wollen, ahnte nun aber, dass sie im Grunde gar nicht wissen wollte, was einen Mann wie ihn derart in Angst und Schrecken versetzen konnte.</p><p>Grunthor wusste Bescheid. Er verschloss die Augen davor und versuchte, alle Gedanken daran zu verdr�ngen. </p><p>Endlich schien Achmed gefunden zu haben, wonach er suchte. Sie waren in eine ger�umige H�hle gelangt, deren Ausma�e sich im Dunkeln nicht �berblicken lie�en. Achmed verlangsamte seinen Schritt und blieb schlie�lich stehen.</p><p>�Wartet hier und verhaltet euch m�glichst leise�, fl�sterte er. �Versucht, ein bisschen zu schlafen. Wenn ihr aufwacht und ich bin nicht zur�ck, dann geht ohne mich weiter.� Und ehe Rhapsody etwas sagen konnte, war er verschwunden. </p><p>Als sie sich umdrehte, um von Grunthor eine Erkl�rung zu verlangen, fuhr sie angesichts der grimmigen Miene des Riesen vor Schreck zusammen.</p><p>�Was hat er vor?�, fragte sie nerv�s.</p><p>Der Riese langte mit der Hand aus und zog sie wortlos zu sich auf den Boden. Die Luft war noch k�hler geworden. Er schlug seinen Mantel auf und bot ihr seine Schulter als Kopfkissen an. Als sich Rhapsody hingelegt hatte, deckte er sie mit seinem Mantel zu. Den Blick unter die entfernte H�hlendecke gerichtet, seufzte er tief und fl�sterte: �Ruh dich jetzt ein bisschen aus, Herzchen.� </p><p>Achmed schaute sich ein letztes Mal in der riesigen H�hle um, bevor er �ber die Wurzel auf jenen Gang zukletterte, den er zuvor entdeckt hatte. Im Unterschied zu den anderen Tunneln enthielt dieser Gang keinen Wurzelableger. Er stand leer, und es war v�llig still und dunkel in ihm.</p><p>Dem dumpfen, flackernden Herzschlag war er nun schon lange gefolgt. Das erste Wispern hatte er bereits kurz nach dem Einstieg in die Axis Mundi wahrgenommen; es war immer lauter angeschwollen, hatte das Summen des Baums �bert�nt und den Grund unter seinen F��en erbeben lassen. </p><p>Als er und Grunthor ihre Flucht aus Serendair geplant hatten, hatten sie gerade diesem Weg unbedingt ausweichen wollen. Denn dort verbarg sich ja das schreckliche Schicksal der Insel, das sich bald erf�llen sollte. Aber nicht nur davor hatten sie die Flucht ergriffen. Achmed wusste, dass etwas noch Grauenvolleres auf seine Stunde wartete, etwas, das er in der W�ste jenseits der verfehlten Landbr�cke mit eigenen Augen gesehen hatte.</p><p>Dass er dessen Puls �berhaupt gef�hlt hatte, war ihm, Achmed, immer noch ein Wunder. Seine magische F�higkeit, die Herzschl�ge der Menschen zu sp�ren, war ihm als Erstgeborenem seines Stammes auf dieser Insel vermacht worden. Was er hier jedoch gewahrte, war kein Mensch. Es stammte noch aus der Vorzeit, und dass er mit seinem Gesp�r Zugang zu ihm fand, stand wom�glich irgendwie im Zusammenhang mit der von Rhapsody damals in den Stra�en von Ostend getroffenen Namenswahl. Sonst h�tte er von diesem Wesen wohl keine Kenntnis genommen.</p><p>Der Puls, langsam in gefrorenen Tiefen schlagend, war kaum wahrnehmbar, aber dennoch nicht zu verkennen, und die Menge an Blut, das da in den Adern zirkulierte, lie� keinen Zweifel daran aufkommen, dass er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte.</p><p>Er blieb stehen. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit versp�rte Achmed l�hmende Angst. Um sein Leben bangte er nicht. Der Tod hatte ihn noch nie schrecken k�nnen; er sah ihn als einen Partner an oder mehr noch, als eigentlichen Meister seiner Zunft. Die unabl�ssigen Schwingungen der Welt, das, was andere als das Leben bezeichneten, waren f�r ihn eine st�ndige Irritation und alles andere als erfreulich. </p><p>Manchmal beneidete er seine Opfer um den friedlichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, der sich einstellte, wenn er ihnen das Leben genommen hatte. F�r viele, das wusste er, bedeutete der Tod eine Erl�sung. </p><p>Zu seinem Erbe geh�rte auch ein scharfes, kritisches Urteilsverm�gen. Er war beileibe nicht blindw�tig wie die Pest oder der Krieg. Im Gegenteil, seine Todesurteile waren h�ufig gewisserma�en das einzig Vern�nftige, etwas, was in dieser verr�ckten Welt �berhaupt Sinn machte. Nein, vor dem Tod, auch und gerade vor dem eigenen, hatte er keine Angst.</p><p>Was ihm indes Angst machte, war die atmende, geistlose Art dieses d�ster dr�uenden Etwas, das das Land zu verheeren drohte. W�rde dieser Wyrm erst einmal aus der tiefen Erde, in der er �berwinterte, hervorkriechen, so w�rde er alles, aber auch alles vertilgen. Er w�rde ihn als den Todbringer um ein Millionenfaches �bertreffen. Als das finstere Licht des vollkommenen Ruins w�rde er gar eine Sonnenfinsternis in den Schatten stellen.</p><p>Er und Grunthor mochten durch ihre Flucht in einen anderen Teil der Welt eine Weile Aufschub erwirken. Wom�glich konnten sie, was ihnen an Lebenszeit noch verblieben war, in Frieden verbringen und eines nat�rlichen Todes sterben. Auf dieses Ziel hin hatten sie ihre anf�nglichen Pl�ne ausgelegt. </p><p>Und doch befand er sich jetzt hier, an der Schwelle zum Heiligtum, um das Gegenmittel zu einem Gift zu finden, das �lter war als die Erde selbst und viel zu b�sartig, als dass er es h�tte missachten k�nnen. Seltsam: ausgerechnet er, der herzlose Meuchelm�rder, versp�rte das Bed�rfnis, sich f�r das �berleben der ahnungslosen Bev�lkerung der Insel und letztlich f�r den Fortbestand der Erde stark zu machen. Er konnte gar nicht anders.</p><p>Er stand am Rand der Grotte und sog die bitterkalte Luft durch die Nase ein. Irgendetwas � war es seine Berufung, den Wyrm zu befreien oder ihm als K�der zu dienen, war es sein Hass auf den D�mon, der ihn zu beherrschen getrachtet hatte, oder war es alles zusammen � irgendetwas dr�ngte ihn wider besseren Wissens, diese monstr�se Kraft im Verborgenen schlafen zu lassen.</p><p>Doch st�rker als der Wunsch, sich aus dem Staub zu machen, war der Zwang zum Handeln, der sich einfach nicht absch�tteln lie�. Woher dieser Zwang r�hrte, wusste er selbst nicht, doch er ahnte, dass Rhapsody auf irgendeine Weise damit in Verbindung stand.</p><p>Sie war irgendwie in diese Sache verstrickt. Er w�rde ihre Hilfe n�tig haben, weshalb er sie davon �berzeugen musste, dass sie durchaus imstande war, dieses immense Vorhaben mitzutragen. Sie w�rde aus dem Vertrauen, das er in sie setzte, Kraft ziehen, auch wenn es letztlich nur vorget�uscht war. Jeder Fehler, der ihnen unterlaufen w�rde, h�tte fatale Folgen. Doch �hnlich verheerende Konsequenzen w�rde der unterlassene Versuch nach sich ziehen.</p><p>Rhapsody tr�umte von der Dunkelheit. Die Kerzenflamme flackerte, als die T�r zu ihrem Schlafzimmer knarrend aufging. Ihr Vater trat ein und setzte sich auf die Bettkante.</p><p><emphasis>Alles in Ordnung, Kind?</emphasis></p><p>Im Schlaf w�lzte sich Rhapsody auf der Wurzel liegend zur Seite. Sie nickte.</p><p>Es <emphasis>ist dunkel,</emphasis> fl�sterte sie wie damals schon. <emphasis>Ich habe Angst, Vater</emphasis>.</p><p>Er hob sie, in ihre Decke eingewickelt, vom Bett auf und trug sie nach drau�en unter den von Sternen �bers�ten Himmel. </p><p><emphasis>Dasselbe hab ich auch mit deiner Mutter getan, wenn sie sich f�rchtete, was anfangs, als ihr bei uns noch alles fremd erschien, h�ufig der Fall war</emphasis>.</p><p><emphasis>Hatte Mama auch Angst vorm Dunkeln?</emphasis></p><p>Die Bartstoppeln des Vaters kratzten an ihrer Wange, als er sch�tzend die Arme um sie legte und sie an sich dr�ckte. </p><p><emphasis>Nein, nat�rlich nicht. Sie ist eine Lirin, ein Kind des freien Himmels. Und der Himmel ist immerhin die halbe Zeit �ber dunkel. Sie hatte Angst, ihm entzogen und zwischen dunklen Mauern eingesperrt zu sein</emphasis>. </p><p>Schlafend faltete Rhapsody die kalten H�nde und steckte sie zwischen die Knie.</p><p>Hast du deshalb das Fenster in das Dach eingebaut?</p><p><emphasis>Ja. Schau in den Himmel. Siehst du die Sterne?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, Vater. Wundersch�n, nicht wahr?</emphasis></p><p>Trotz der Dunkelheit konnte sie sein L�cheln erkennen.</p><p><emphasis>Ob sie wohl auch so sch�n funkeln w�rden, wenn der Himmel ringsum nicht schwarz w�re?</emphasis></p><p><emphasis>Nein</emphasis>. </p><p><emphasis>Wer das Sch�ne sehen will, muss auch den Schatten in Kauf nehmen. Merk dir das</emphasis>.</p><p>Sie glaubte zu verstehen, was er damit meinte. <emphasis>Es war wohl damals ganz �hnlich, als du Mama zu dir geholt hast und die Leute aus dem Dorf ihr so unfreundlich begegnet sind</emphasis>.</p><p>Das L�cheln schwand aus seinem Gesicht, so auch sein Strahlen.</p><p><emphasis>Ja, genau so</emphasis>. </p><p><emphasis>Wie ist es gekommen, dass die Leute ihre Meinung �ber unsere Familie ge�ndert haben? Und warum bist du im Dorf geblieben, obwohl Mama so schlecht gelitten war?</emphasis></p><p>Sie erinnerte sich an sein Gesicht, an die F�ltchen, die sich bildeten, als er wieder zu l�cheln anfing. </p><p><emphasis>Man muss sich auch dem stellen, was nicht so angenehm und sch�n ist. Und das haben wir getan. Auch wenn du alles, was ich dir je gesagt habe, vergessen solltest, versuche dich bitte stets an Folgendes zu erinnern: Wenn du in deinem Leben findest, was dir wichtiger und teurer ist als alles andere, bist du es dir schuldig, dass du daran festh�ltst. Einen solchen Fund machst du kein zweites Mal, mein Kind. Lass dich durch nichts davon abbringen. Auf lange Sicht werden dir auch die Leute zustimmen, die dir anfangs etwas anderes einzureden versucht haben. Finde das, was wirklich z�hlt � alles andere ergibt sich von selbst</emphasis>.</p><p>Tr�nen tropften auf die schimmernde Wurzel. Sie hatte aufmerksam zugeh�rt und sich die Worte des Vaters zu Herzen genommen. Und indem sie seinen Rat befolgt hatte, hatte sie alles verloren. Selbst ihn. </p><p>�Rhapsody?� </p><p>Der Name war so leise gesprochen, dass sie glaubte, ihn blo� in ihrer Einbindung geh�rt zu haben. Sie schlug die Augen auf und blickte in den dunklen Ausschnitt der Kapuze Achmeds. Er sah sie an. Sie nickte stumm. </p><p>�Ich habe eine Geschichte f�r dich. Deren Ende ist noch nicht geschrieben. M�chtest du sie h�ren?� </p><p>Langsam richtete sie sich auf und ergriff die ihr gebotene Hand. Wie schon an dem Tag, als sie sich ihr zum ersten Mal gereicht hatte, dr�ckte diese Hand fest und entschlossen zu, doch war sie diesmal blo� und ohne ledernen Handschuh.</p><p>Sie glaubte einen Moment lang, immer noch zu tr�umen, doch sein Blick und seine Worte waren so klar, wie sie es sich niemals h�tte einbilden k�nnen. Er half ihr auf und f�hrte sie von dem schlafenden Riesen weg in einen gesch�tzten Winkel.</p><p>�Dort hinten�, sagte er und zeigte ins Dunkle, �liegt ein Tunnel. Er ist ganz anders als diejenigen, durch die wir bislang gekommen sind, denn er ist nicht von einer Wurzel des Baums durchsto�en worden. Es hat ihn schon gegeben, lange bevor der Baum �berhaupt gepflanzt wurde. Tief in diesen Tunnel steckt ein schlagendes Herz. Du hast mich oft gefragt, wieso ich so sicher sein kann, immer den richtigen Weg einzuschlagen. Die Antwort ist: Ich kann fast jeden Puls auf meiner Haut sp�ren. Dir macht Angst, was ich da sage; das ist deiner Miene zwar nicht anzusehen, aber mir f�llt auf, dass dein Herz schneller schl�gt. Falls du hier in die Irre laufen oder in einen Wurzelschacht st�rzen solltest, w�rde ich dich finden, denn ich wei�, wie dein Herz schl�gt.� </p><p>Rhapsody rieb sich die Augen; es war, als wollte sie vor allem den Verstand klar wischen. Die Worte, sanft gesprochen in der ihr nun schon vertrauten trockenen Stimme, waren so ganz anders als alles, was sie bisher aus Achmeds Mund geh�rt hatte. Sie achtete auf seinen Tonfall und entdeckte echtes Mitgef�hl darin. Und Besorgnis. Und Furcht. Sie sch�ttelte den Kopf, weil sie noch immer glaubte, nicht richtig wach zu sein.</p><p>�H�r mir zu. Ich bin einem bestimmten Puls auf der Spur. Anfangs war es der des Baums, doch er �nderte sich, als wir die Axis Mundi fanden. Diesem anderen Puls sind wir bisher gefolgt. Es ruht etwas Schreckliches an diesem Ort, etwas, das m�chtiger und entsetzlicher ist, als du es dir vorzustellen vermagst und dessen Namen ich nicht einmal zu nennen wage. Was tief in diesem Tunnel, im Bauch der Erde schl�ft, darf auf keinen Fall aufwachen. Niemals. Verstehst du mich? Du hast gesagt, dass es dir m�glich sei, Schlaf zu verl�ngern ...� �Manchmal.�</p><p>�Ja. Ich verstehe. Aber diesmal musst du es k�nnen.� Achmed musterte das Gesicht der S�ngerin und sah, dass sie immer noch nicht wach und bei der Sache zu sein schien. Hatte er sich denn nicht ausreichend verst�ndlich gemacht? Er musste ihr begreiflich machen, was er von ihr wollte. Allm�hlich begann er wie sie an ihren F�higkeiten zu zweifeln, und er erinnerte sich: Sie hatte ihn umbenannt, ohne dass es ihre Absicht gewesen w�re, und sie, die drei, unsichtbar gemacht f�r die Feld- und Waldlirin. Und er glaubte auch eine Ursache daf�r ausmachen zu k�nnen, n�mlich die, dass sie ihre Studien allein hatte abschlie�en m�ssen, weil ihr Mentor ein Jahr vor der Frist verschwunden war. </p><p>Bei diesem Gedanken wurde ihm ganz flau. Tsoltan hatte einmal beil�ufig davon gesprochen, �ber einen Benenner verf�gt zu haben. Vielleicht bestand zwischen ihm, Achmed, und Rhapsody eine noch sehr viel l�nger zur�ckreichende Verbindung, als er angenommen hatte.</p><p>Seinem Plan gem�� hatte sie fast von Anfang an vom Fleisch der Wurzel gegessen, was mit Sicherheit nicht ohne Wirkung auf sie geblieben war. Es schien, dass sie � alle drei � schon ein Leben lang hier unten in den Tiefen der Welt zubrachten und doch um keinen Moment gealtert waren. Jedenfalls glaubte er das an den Schwingungen zu sp�ren, die er empfing. Der Baum, selbst aufs Engste mit der Zeit verbunden, hob ihre Wirkung auf. Mehr noch: Seit dem Einstieg in die Sagia waren die drei ges�nder, kr�ftiger und j�nger geworden.</p><p>Doch Rhapsody hatte noch eine weitere Ver�nderung durchgemacht und eine innere Kraft entwickelt, die ihm bei der ersten Begegnung nicht aufgefallen war. Ob diese Kraft von den langen �bungsstunden herr�hrte oder ein Geschenk der Wurzel war, blieb dahingestellt. Jedenfalls schien Rhapsody zu einer gro�en Benennerin heranzureifen. Und er hoffte sehr, dass ihnen allen damit geholfen w�re. </p><p>�Ich m�sste wissen, weshalb du von mir verlangst, dass ich Schlaf verl�ngere�, sagte Rhapsody leise. </p><p>�Du sprichst in R�tseln und versuchst, mir etwas zu verschweigen, was man auch als eine Art von Betrug bezeichnen k�nnte. Wie schon gesagt, liegt meine Kraft in der Wahrheit. Ich kann dir nicht helfen, solange du mich hinters Licht f�hrst.�</p><p>Achmed stie� unwillk�rlich einen Schwall Luft aus. Er starrte sie eine Weile an, als wollte er ihre Seele ausloten. �Du hast mich Achmed die Schlange genannt, weil du deine Verfolger mit diesem Namen einsch�chtern wolltest. Stimmt�s?�</p><p>�Ja. Das habe ich schon zugegeben, und ich sch�me mich immer noch daf�r.�</p><p>�Aber nicht doch. Wer wei�, vielleicht war es mir nur deshalb m�glich, den Tunnel zu finden. Als der Bruder war ich noch ausschlie�lich an das Blut von M�nnern und Frauen gebunden. M�glich, dass erst der Schlangenname, den du mir gegeben hast, es mir erm�glicht hat, dieses Herz schlagen zu h�ren. In der Vorzeit, als die Erde und das Meer entstanden, wurde der Urmutter aller Drachen, dem Urwyrm, ein Ei gestohlen. Wenn wir jemals wieder zur�ck ans Tageslicht gelangen, werde ich dir ihren Namen nennen. Es jetzt schon zu tun w�re nicht klug. Wie dem auch sei, dieses Ei wurde hier, in der Erde, versteckt gehalten, und zwar von d�monischen Wesen, die dem Feuer entsprungen waren. Mein ehemaliger Meister war einer von ihnen.� </p><p>�Der, von dem du den Schl�ssel hast?�</p><p>�Pssst. Ja.� Sein Fl�stern wurde noch leiser. �Der kleine Wyrm, der dem Ei entschl�pft ist, hat hier in den gefrorenen Tiefen der Erde gelebt. Er wurde gr��er und gr��er, bis er mit seinem Leib das Herz der Welt umschlingen konnte. Der Wurm ist ein angeborener Bestandteil der Erde, sein K�rper Teil der Weltmasse. Noch schl�ft er, doch schon bald wird sich dieser D�mon regen und zur Oberfl�che aufsteigen. Rhapsody, mir fehlen die Worte, dir zu erkl�ren, wie gro� er ist. Aber du verstehst vielleicht, wenn ich sage, dass der Stamm der Sagia nur ein Streichholz ist im Vergleich zu seiner Pfahlwurzel, nicht wahr?� </p><p>�Ja.� </p><p>�Die Pfahlwurzel aber ist verschwindend klein verglichen mit der Axis Mundi. Und im Vergleich zu diesem Wesen, das ich zu beschreiben versuche, ist die Axis Mundi nicht gr��er als eins deiner Haare. Es kann die ganze Erde verschlingen. Genau darauf haben es die Diebe angelegt, die das Ei hier versteckt haben. Es wartet nur noch auf den Befehl des D�mons, der bald erfolgen wird � dessen bin ich mir sicher.� Achmed blinzelte, und Rhapsody konnte sein Gesicht nicht mehr sehen. �Das wei� ich, weil der D�mon versucht hat, mich zu seinem Werkzeug zu machen.�</p><p>�Bist du deshalb davongelaufen?�</p><p>�Unter anderem, ja.� </p><p>Rhapsody lehnte sich zur�ck und betrachtete ihn mit neuen Augen. Bislang war sie wie selbstverst�ndlich davon ausgegangen, dass ihre beiden Gef�hrten einiges auf dem Kerbholz hatten und deshalb auf der Flucht waren. Das Gemetzel unter Michaels M�nnern hatte sie in dieser Vermutung aufs Drastischste best�tigt. Und doch ging von den beiden auch etwas Vornehmes aus. Der noble Zug an Grunthor war ihr sofort aufgefallen. Er hatte sich von Anfang an um sie gek�mmert, Partei f�r sie ergriffen, ihr immer wieder geholfen und ihr Trost gespendet. Es war dessen Gef�hrte, dem sie allerhand Schlechtes zugetraut hatte � bis zu diesem Augenblick.</p><p><emphasis>Wer das Sch�ne sehen will, muss auch den Schatten in Kauf nehmen. Merk dir das</emphasis>.</p><p>�Und anstatt einen gro�en Bogen um diesen Wyrm zu machen, bist du mit uns hierher gekommen, um ihn in Schach zu halten.� </p><p>�Ja, wenn das denn m�glich ist.� Das ungleiche Augenpaar funkelte im Dunkeln. �Aber damit w�re nur Zeit gewonnen. Ihn vollst�ndig zu vernichten wird weder uns noch irgendjemandem sonst jemals gelingen.� </p><p>Sie dr�ckte ihre Fingerspitzen an die pochenden Schl�fen. �Ich k�nnte versuchen, ihm ein Schlaflied zu singen, aber ob es auch wirkt, wei� ich nicht. Auf jeden Fall m�sste ich m�glichst nah heran, damit er mich auch h�rt.� </p><p>Aus dem Kapuzenausschnitt erklang ein Seufzer. �Das war zu bef�rchten. Wir, Grunthor und ich, haben diese M�glichkeit schon in Erw�gung gezogen.�</p><p>�Und er war nicht einverstanden, oder? Deshalb hast du wohl auch gewartet, bis er schl�ft, um mit mir zu reden.� </p><p>�Wie scharfsinnig von dir. Ich werde wom�glich noch mein Urteil �ber dich revidieren m�ssen.� </p><p>�Ich h�tte da eine Idee, aber dazu brauchte ich meinen Rucksack�, sagte sie schmunzelnd. �Damit Grunthor nicht aufwacht, w�r�s wohl besser, du holst ihn.�</p><p>�Ehe du etwas Dummes anrichtest, w�rde ich gern h�ren, was du vorhast�, sagte Achmed, als er ihr das Gep�ck reichte und sich an eine Nacht vor langer Zeit erinnerte, da sie im licht einer abgedeckten Feuerstelle auf den Feldern au�erhalb von Ostend ihr Lager aufgeschlagen hatten.</p><p><emphasis>Ich frage dich noch einmal, S�ngerin: Wozu bist du imstande? ...Ich wei�, was wahr ist, und kann, indem ich die Wahrheit ausspreche, Dinge ver�ndern</emphasis>.</p><p>Als ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, blickte er wieder zu ihr auf. Rhapsody l�ste die Schnallen der sackleinenen Schutzh�lle ihrer Bauernharfe.</p><p>�Danke f�r das Vertrauen, das du mir entgegenbringst.� Sie zog die H�lle ab und brachte das Instrument zum Vorschein. Es hatte trotz der beschwerlichen Reise keinen Kratzer abbekommen. �Du sagtest, die Bestie w�rde irgendwann gerufen.�</p><p>�Ja.� </p><p>�Was, wenn sie diesen Ruf nicht h�rt?� Weil Achmed nicht so recht zu verstehen schien, versuchte sie es mit einer anderen Wendung. �Wer etwas rufen will, muss wissen, wie es hei�t. Ich kenne den Namen nat�rlich nicht, aber wenn wir daf�r sorgen k�nnten, dass der Ruf ungeh�rt bleibt, w�rde die Bestie vielleicht weiter schlafen und keine Antwort geben. F�rs Erste jedenfalls.�</p><p>In Achmeds Gesicht zeigte sich der Anflug eines L�chelns. �Und wie willst du das anstellen?� </p><p>�Das wei� ich noch nicht. Aber wenn es so weit ist, wird mir schon etwas einfallen.�</p><p>Vorsichtig und schweigend krochen sie �ber die riesige, schimmernde Wurzel und lie�en sich Zeit dabei, um m�glichst jedes Ger�usch zu vermeiden. Schlie�lich gelangten sie an den Rand der Wurzel, stiegen ab und betraten zum ersten Mal das schwarze Basaltgestein, durch das die Axis Mundi verlief. Im schattigen Hintergrund �ffnete sich ein gewaltiger Tunnel, dessen Umrisse in der Dunkelheit nicht auszumachen waren. </p><p>Je weiter sich Rhapsody dem Tunnel n�herte, desto k�lter wurde ihr, und als die �ffnung fast erreicht war, erkannte sie auch den Grund daf�r.</p><p>Aus der Tiefe der kreisrunden H�hle blies ihr ein eisiger Wind entgegen, der ihr die klammen Kleider am Leib gefrieren lie�. </p><p>�Himmel�, fl�sterte sie. �Wie ist das m�glich?�</p><p>Achmed wandte sich ihr zu und sprach leise und mit Bedacht: �Die d�monischen Geister haben, nachdem sie das Ei hier versteckt hatten und an die Oberfl�che zur�ckgekehrt waren, das Element des Feuers mit sich genommen. Sie wollten den Wyrm zu seiner gr��tm�glichen Leibesf�lle heranwachsen lassen, ehe er dann, aus seinem Winterschlaf erweckt, ans Licht und zum Feuer an der Oberfl�che dr�ngen w�rde.� Seine ohnehin raue, trockene Stimme rasselte in der kalten Luft. </p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Schmunzelnd antwortete er: �Mir ist danach, mich selbst in den Winterschlaf zu begeben.� </p><p>�Was soll das hei�en?� </p><p>Er lehnte sich nahe an sie heran, damit sie sein Fl�stern h�ren konnte. �Du warst es doch, die mich Achmed die Schlange genannt hat.�</p><p>Besorgt hob Rhapsody die Hand und wischte den Reif ab, der sich auf seinem Gesicht gebildet hatte. Seine Bewegungen waren inzwischen extrem langsam geworden und drohten g�nzlich zum Stillstand zu kommen. �G�tiger Himmel�, hauchte sie. Er steckte in der Falle und verwandelte sich den Reptiliennamen an, den sie ihm gegeben hatte.</p><p><emphasis>Was habe ich da blo� getan?,</emphasis> jammerte sie im Stillen und sah ihn ganz und gar erstarren. <emphasis>Wenn ich versage und die Schlange erwacht, wird er nicht mehr fliehen k�nnen und ihr erstes Opfer sein � nein, ihr zweites</emphasis>. </p><p>�Komm�, sagte sie und ergriff seine steif gefrorene Hand. �Hier kannst du nicht bleiben. Ich f�hre dich zur�ck.� </p><p>Mit dem letzten Rest an Beweglichkeit, die ihm noch verblieben war, sch�ttelte er den Kopf und hielt den starren Blick auf sie gerichtet.</p><p>�Rhapsody�, fl�sterte er unter gr��ter Anstrengung. �Tu, was zu tun ist. Ich werde hier so lange warten.� Sein Tonfall lie� keine Widerworte zu.</p><p>Sie starrte in den Tunnel. �Kannst du immer noch seinen Herzschlag sp�ren?� Er bejahte ihre Frage, indem er zweimal mit den Augen zwinkerte. �Gut. Dann kann�s von mir aus losgehen. Gib mir Bescheid, sobald es auf mich reagiert � und f�r den Fall, dass es aufzuwachen droht. Ich werde ganz behutsam anfangen, um notfalls gleich wieder abbrechen zu k�nnen. Vorher muss ich allerdings noch herausfinden, welche Richtung der Tunnel einschl�gt.�</p><p>Sie setzte die Harfe ab und schlich auf Zehenspitzen durch den riesigen H�hleneingang. Die W�nde standen weiter auseinander, als ihr Blick im Dunkeln reichte. Auch das hohe Gew�lbe war nicht zu sehen. Mit ausgestrecktem Arm tastete sie nach der Wand und beugte sich nach vorn, um den Neigungswinkel absch�tzen zu k�nnen. Die Oberfl�che f�hlte sich sandig und kalt an. Der Tunnel f�hrte abw�rts, so viel stand fest. Rhapsody kehrte an die Stelle zur�ck, wo Achmed wartete.</p><p>�Der Wyrm scheint noch weit entfernt zu sein�, fl�sterte sie. �Unm�glich, ihn von hier aus zu erreichen.� </p><p>Achmed m�hte sich, etwas zu sagen. �Die Tunnel... wand...�</p><p>Sie r�ckte mit ihrem Ohr dicht an seine Lippen heran. �Was ist damit?�</p><p>� ... ist eine ... Schuppe ... seiner Schlangenhaut.�</p><p>Das Blut drohte ihr in den Adern zu gefrieren, als ihr d�mmerte, was er meinte. Zwar hatte er schon erkl�rt, dass der Schlangenleib einen Gro�teil der Erdmasse ausmachte, doch ihr war nicht in den Sinn gekommen, dass auch die H�hlenwand selbst dazugeh�ren k�nnte. Wenn sie denn nun blo� ein winziger Teil dieses Lindwurms war, so w�rde ihn wahrhaftig nichts aufhalten k�nnen, wenn er sich erh�be. Und sie hatte ihn mit der Hand ber�hrt!</p><p>Rhapsody musste schwer an sich halten, um dem Gef�hl von Panik und Ekel nicht nachzugeben. Sie setzte sich auf den Boden, nahm die Harfe zur Hand und versuchte, ihren Kopf freizumachen f�r die diffuse Musik, die in der Luft lag. Es dauerte nicht lange, und sie konnte das monotone Summen in gleichm��igen Abst�nden um einen Halbton auf- und abschwingen h�ren � das Begleitger�usch eines tiefen Schlafes. </p><p>In derselben Tonart stimmte sie nun das einfachste Schlaflied an, das sie kannte, den Blick auf Achmed gerichtet f�r den Fall, dass er ihr einen Hinweis auf eine Reaktion des Wyrms zu geben versuchte. Doch in seinem gefrorenen K�rper gefangen, starrte er sie blo� mit ausdruckslosen Augen an und regte sich nicht. </p><p>Die Melodie durchwebte die Musik in der Luft. Nach einer Weile f�gte Rhapsody ein harmonisches Element hinzu und stellte fest, dass sich die Luft ringsum ein wenig erw�rmte. Auf ihren fragenden Blick hin zwinkerte Achmed einmal mit dem Auge. Noch war alles beim Alten geblieben.</p><p>Sooft sie von streunenden Gedanken bedr�ngt wurde, machte sie sich mit einem Kopfsch�tteln davon frei. Es war jetzt unerl�sslich, dass sie ihr Vorhaben ungest�rt zu Ende brachte. Ein Fehler w�rde unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen.</p><p>Wenn der D�mon den Wyrm riefe, w�rde er ihn bei seinem Namen nennen, und dieser Name w�rde ganz genau einem Klangmuster entsprechen, das zu den musikalischen Schwingungen passte. Es galt nun, diese Schwingungen ein wenig abzuwandeln, sie auf ein Lied umzustimmen, das den Namensruf verzerrte. </p><p><emphasis>Wenn Musik in den Ohren schmerzen soll, muss sie nicht etwa krass, sondern nur ein kleines bisschen von der harmonischen Stimmung abweichen,</emphasis> hatte ihr Mentor sie gelehrt. Gelang es ihr demnach, ganz sachte von der richtigen zur falschen Intonation hin zu wechseln, w�rde der Wyrm dies hoffentlich nicht merken. </p><p>Rhapsody atmete im Takt zur Musik und konzentrierte sich auf die Rhythmen ihres K�rpers. Alles Zeitgef�hl schwand dahin wie damals in den Weiten Marschen. Wie lange sie die Harfe spielte, war ihr nicht bewusst; immer und immer wieder schlug sie den monotonen Refrain an und wandelte ihn mit jeder Wiederholung kaum merklich ab. Sie gestaltete ihn als einen Rundgesang, der ohne Anfang war und ohne Ende. </p><p>Als sie schlie�lich auch noch den Rhythmus um eine Winzigkeit verschob, sperrte Achmed pl�tzlich seine Augen weit auf. Das Herz hatte einen Satz gemacht, und es ging eine m�chtige Flutwelle durch den Ozean des Schlangenblutes. Achmed zwinkerte wie wild.</p><p>Rhapsody achtete nicht auf ihn. Sie war mit all ihren Sinnen auf das Lied konzentriert, das ein Teil ihrer selbst geworden war. Sie spielte weiter die Harfe und �nderte die Tonart um einen weiteren Halbton. </p><p>Die Tunnelwand zitterte, als sich die gro�e Bestie einmal kurz im Schlaf regte. Die Luft wurde merklich k�lter, der Herzschlag verlangsamte sich. Achmed schloss die Augen und seufzte; allzu gern h�tte er das gef�hrliche Spiel abgebrochen.</p><p>Es waren schon mehrere Stunden vergangen, als Rhapsody endlich aufstand. Sie war v�llig ersch�pft, spielte aber weiter und kehrte unterdes an den Tunneleingang zur�ck.</p><p><emphasis>Samoht,</emphasis> sagte sie, an ihr Instrument gerichtet. <emphasis>Spiel auf ewig weiter</emphasis>.</p><p>Der Harfenklang setzte sich fort, auch als ihre Hand von den Saiten ablie�. Immer und immer wieder ert�nte der Refrain. Vorsichtig legte Rhapsody das Instrument auf den Boden ab und trat zur�ck. Es spielte von selbst weiter. <emphasis>Samoth</emphasis>.</p><p>Rhapsody war schrecklich m�de, riss sich aber zusammen und eilte zu Achmed, der die Augen wieder geschlossen hatte. Auf die Zehenspitzen aufgerichtet, sang sie ihm seinen Namen ins Ohr. </p><p>�Achmed die Schlange, warm; komm zur�ck.� Achmed blinzelte, r�hrte sich aber nicht. Die gesungene Aufforderung blieb ohne Wirkung auf ihn.</p><p>Ersch�pft wie sie war, konnte sich Rhapsody kaum mehr auf den Beinen halten. Sie packte ihn aber bei den H�nden und zerrte mit der ganzen, ihr verbliebenen Kraft an ihm.</p><p>�Komm, bitte.� </p><p>Aber er h�rte sie nicht. Verzweifelt versuchte sie, ihn von der Tunnelm�ndung wegzuschleifen, doch all ihr Zerren f�hrte nur dazu, dass Achmeds gefrorener K�rper umkippte und der L�nge nach auf dem harten Boden aufschlug. </p><p>Tr�nen stiegen ihr in die Augen, doch allein das Weinen strengte sie so sehr an, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Grunthor. Sie musste Grunthor rufen.</p><p>Mit Tr�nenverschleiertem Blick stolperte sie zur Wurzel zur�ck, die sie mit letzter Kraft erreichte. Dann aber brach sie auf der schimmernden Oberfl�che zusammen. Au�er Stande, sich zu erheben, lag sie da, das Ohr am summenden Boden. Das Lied der Wurzel schenkte ihr Erleichterung und Trost. Rhapsody holte tief Luft. Es war nicht das erste Mal, dass ihr die Musik neue Kraft geschenkt h�tte. Sie stimmte ihren Namen gebenden Grundton an, <emphasis>ela,</emphasis> und versuchte, ihn mit der t�nenden Weise des Baums in Einklang zu bringen.</p><p>Nach einer Weile f�hlte sie sich so weit erholt, dass sie zumindest aufstehen konnte. Grunthor war bestimmt ganz in der N�he. Sie musste ihn finden, und zwar rasch.</p><p>Das Lied der Wurzel im Ohr, plagte sie sich mit gesenktem Kopf Schritt f�r Schritt vorw�rts, bis sie pl�tzlich von einer schweren Hand aufgehalten wurde. </p><p>�Gn�digste, was ist?� </p><p>�Achmed�, stie� sie hervor und blickte zu Grunthor auf, dem der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand. �Hilf mir, ihn zur�ckzuholen.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, nahm der Riese Rhapsody in seine Arme und rannte den Weg zur�ck, den sie gekommen war.</p><p>Achmed lag immer noch reglos am Boden, als die beiden den Eingang zum Tunnel erreichten. Rhapsody betastete sein Gesicht, suchte nach Lebenszeichen und war �bergl�cklich zu sehen, wie aus der erstarrten Maske die ihr nun schon vertrauten m�rrischen Z�ge zum Vorschein traten. Der Bolg-Sergeant hatte inzwischen seinen schweren Mantel abgelegt, um ihn dem Gef�hrten �berzuziehen, wozu er ihn vom Boden hob, aufrichtete und den steif gefrorenen K�rper an seine Brust lehnte. </p><p>�Kommst du allein klar, Herzchen?�, fragte Grunthor.</p><p>Rhapsody nickte, ohne Achmed aus dem Auge zu lassen, in dessen Gesicht langsam ein Hauch von Farbe zur�ckkehrte. Bald schien es, dass er die Glieder wieder aus eigener Kraft bewegen konnte. Und tats�chlich: Er beugte sich ein St�ck nach vorn und fl�sterte ihr ins Ohr.</p><p>�Sieh nur.� </p><p>Sie drehte sich um und starrte in den Tunnelabschnitt, durch den nun Lichtstrahlen drangen, so d�nn wie Spinngewebe. Mit jedem Refrain bildete sich ein neuer, bogenf�rmiger Lichtstrahl.</p><p>�Die Kl�nge gefrieren�, murmelte sie fasziniert.</p><p>Mit jeder neuen Runde wurden die Strahlen dicker, die T�ne des Liedes lauter. Sie lagen inzwischen drei Halbtonschritte h�her als zu Anfang und waren, wie Rhapsody hoffte, dazu angetan, den Namen f�r den D�mon unkenntlich zu machen. Dem t�nenden Kehrreim entsprangen immer weitere seidene Strahlen. Und sie alle schwangen wie die Saiten der Harfe in Resonanz zur Melodie, aber jeweils um Sekundenbruchteile versetzt.</p><p>�Bald wird hier alles schrecklich durcheinander klingen�, meinte Rhapsody.</p><p>Grunthor nickte. Schon jetzt h�rte es sich an, als w�re einem Orchester der Dirigent abhanden gekommen, worauf nun jeder Musiker sein eigenes Tempo durchzusetzen versuchte.</p><p>�Komm, Herzchen, lass uns von hier verschwinden�, sagte er.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Kaum hatten sie den Wyrm-Tunnel hinter sich gelassen, lebte Achmed wieder auf. Er konnte sich bald wieder frei bewegen, bestand darauf, ohne Hilfe zu gehen, und lauschte wie zuvor dem dumpfen Pulsieren. Daran hatte sich nichts ge�ndert.</p><p>Die drei machten sich nun weiter daran, einen Ausstieg aus der Erde zu finden, und dass sie unterwegs kaum ein Wort miteinander wechselten, war mittlerweile fast schon zur Gewohnheit geworden. Achmed schwieg sich aus �ber die Begegnung mit dem Wyrm, und Rhapsody wagte es nicht, ihn darauf anzusprechen. Sie ahnte, dass er noch einige innere K�mpfe mit sich auszutragen hatte, hoffte aber, dass er sp�ter von sich aus die Sprache darauf bringen w�rde.</p><p>�ber eine lange Strecke nahm der Wurzeltunnel einen fast durchweg geradlinigen Verlauf. Es gab nur ganz wenige Richtungs�nderungen, doch mal ging es bergan, mal bergab, was zweifellos daher r�hrte, dass sich der Grundwasserspiegel im Verlauf des Wurzelwachstums immer wieder verschoben hatte. Mit zunehmender Tiefe schien der Tunnel meist auch gr��er zu werden, h�ufig so gro�, dass sie sich aufrecht darin fortbewegen konnten.</p><p>Ab und an gelangten sie in weite, offene R�ume, �ber die sich ein hohes Gew�lbe spannte. Dort konnten sie endlich tief durchatmen. Grunthor vermutete, dass die Wurzel an solchen Stellen vormals gro�e Mengen Wasser aufgesogen hatte und entsprechend dick angeschwollen war, um dann sp�ter wieder schrumpfend Weiterzuwachsen. Diese hohen R�ume waren besonders gef�hrlich, denn es kam nicht selten vor, dass Teile der W�nde einst�rzten. H�ufig wimmelte es auch gerade hier vor Ungeziefer und Gew�rm. </p><p>�Sie kommen.� Achmeds Stimme weckte Rhapsody aus tiefem Schlaf. Benommen griff sie nach ihrem Schwert Lucy. Die drei hatten in einer weiten H�hle ihr Lager aufgeschlagen, die so viel Spielraum bot, dass sie frei und ungehindert ihre Waffen f�hren konnten.</p><p>Obwohl es ihr mittlerweile fast schon zur l�stigen Routine geworden war, sich der widerlichen W�rmer zu erwehren, war es immer noch so, dass ihr Achmeds Warnung kalte Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Doch die vielen in den Stra�en der Gro�stadt zugebrachten Jahre hatten ihr die Kraft gegeben, sich auch absto�enden Notwendigkeiten zu stellen, und so streifte sie die Str�hnen aus dem Gesicht und blickte nach vorn in die Dunkelheit.</p><p><emphasis>Nimmt das denn �berhaupt kein Ende?,</emphasis> fragte sie sich, als die W�rmer n�her krochen. Rhapsody hatte gelernt, sie im Dunklen zu bek�mpfen, denn Licht brachte das Gew�rm nur noch mehr auf und f�hrte dazu, dass es umso schneller und w�tender angriff. <emphasis>Wie oft m�ssen wir das noch �ber uns ergehen lassen?</emphasis></p><p>Im matten licht der phosphoreszierenden Flechten an den H�hlenw�nden lie� sich erkennen, dass die W�rmer �ber die Wurzel aus der Tiefe gekrochen kamen. Sie breiteten sich auf ihr aus wie ein dickes Leichentuch, schw�rmten aus und fielen schlie�lich von den Wurzelzweigen aus dem Gew�lbe auf sie herab. </p><p>Die drei standen in Bereitschaft. Grunthor hatte seinen Lopper gezogen, Achmed hielt eine d�nne, silbrig schimmernde Klinge in der Hand, der er noch keinen Namen gegeben hatte. Die W�rmer tropften einer nach dem anderen herab, und dann zuhauf wie welke Bl�tter im Herbst.</p><p>Rhapsody und ihre drei Begleiter mussten sich l�ngst nicht mehr aufeinander absprechen. Sie bildeten einen Kreis und schlugen nach Kr�ften auf das Gew�rm ein. Achmed wusste sein Schwert so schnell zu f�hren, dass er sich wohl auch allein h�tte behaupten k�nnen. Rhapsody und Grunthor hingegen waren aufeinander angewiesen und koordinierten ihre Gegenwehr. Mal schlug der Bolg zu und gab der S�ngerin Gelegenheit auszuweichen, und dann war sie an der Reihe, w�hrend er sich vor den schmerzhaften Bissen in Sicherheit brachte. Nicht immer ging diese Taktik auf. Manchmal trafen ihre Hiebe auch ins Leere, doch meistens hatten sie Erfolg. Die kriechende Masse dr�ngte n�her. Bald w�rden es die drei nicht l�nger mit einzelnen W�rmern zu tun haben, sondern mit einem gefr��igen Ganzen, das sich ihnen entgegenwarf. Achmed blieb es �berlassen, die Attacken von oben abzuwehren, w�hrend sich Rhapsody und Grunthor auf das Gewimmel am Boden konzentrierten.</p><p>Rhapsody deckte die linke Seite ab, Grunthor die rechte, und Achmed sah zu, dass ihnen die von oben herabfallenden Schmarotzer nichts anhaben konnten.</p><p>Mehr als alles andere waren f�r Rhapsody gerade diese gemeinsam ausgefochtenen K�mpfe eine �berzeugende Demonstration daf�r, dass sich zwischen ihnen dreien mit der Zeit ein festes Vertrauensverh�ltnis entwickelt hatte. Achmeds Klinge zischte �ber ihre K�pfe hinweg, um sie vor den Bissen zu bewahren, die nicht nur schmerzhaft waren, sondern auch ein Gift �bertrugen, das ein dauerhaftes Jucken und Brennen verursachte und nicht selten gar zu Fieberkr�mpfen f�hrte. Achmed musste sich voll und ganz darauf verlassen k�nnen, dass die Gef�hrten ihm die herankriechenden Massen vom Leibe hielten. Mitten im Gefecht wunderte sich Rhapsody manchmal dar�ber, dass drei so unterschiedliche Personen zu einem so schlagkr�ftigen Kampftrupp hatten zusammenfinden k�nnen, einem Verband, in dem sie inzwischen ein gleichberechtigter Partner war. Von den Schwertern getroffen, zerplatzten die W�rmer mit einem scheu�lichen Ger�usch, und es entstr�mte ihnen ein Saft, dessen ekliger Gestank noch lange Zeit nach dem Kampf in den Kleidern hing. Es war ein ums andere Mal ein grauenvoller Albtraum, der erst mit dem letzten noch lebenden Wurm zu Ende ging. Wenn ein solcher Angriff schlie�lich � so wie jetzt � gl�cklich �berstanden war, lie� sich Rhapsody ersch�pft zu Boden fallen � nicht ohne vorher die Kadaver zwischen den F��en weggetreten zu haben. </p><p>Jetzt galt es, die Klingen zu putzen und den ganzen K�rper gr�ndlich absuchen, denn wom�glich hatte sich der eine oder andere kleine Wurm an irgendeiner verdeckten Stelle in der Haut festgebissen. Sie w�rden reglos warten, bis ihr Opfer eingeschlafen w�re, um sich dann mit ihren violetten K�pfen in den K�rper zu bohren, Blut zu saugen und Krankheit und Schmerz zu verbreiten.</p><p>Rhapsody hatte, einem Ratschlag Grunthors folgend, einen ihrer Daumenn�gel lang wachsen lassen, um damit die zwischen den N�hten der Kleider steckenden Parasiten besser unsch�dlich machen zu k�nnen. Das war, wie sie erfuhr, auch der eigentliche Grund f�r die Klauen der Bolg: Sie eigneten sich bestens zum Entlausen. </p><p>�Und ich dachte, damit w�rdet ihr eure Gegner zerfleischen�, hatte sie gestanden.</p><p>�Dazu sind sie auch ganz gut�, hatte er grinsend zur Antwort gegeben.</p><p>Als sie mit ihrer Leibesvisitation fertig war und aufblickte, sah sie Achmed vor sich ins Leere starren. </p><p>�Was ist los?� </p><p>Achmed wandte sich Grunthor zu. �Ist dir auch aufgefallen, dass sie in letzter Zeit in immer gr��eren Mengen aufkreuzen?� �Ja.� </p><p>�Vielleicht liegt�s an der Hitze.� �Hitze?�, fragte Rhapsody irritiert.</p><p>Achmed schien sich �ber sie zu wundern. �Ja, sp�rst du denn nichts davon?�</p><p>Darauf aufmerksam gemacht, fiel auch ihr auf, dass die Luft ein wenig w�rmer geworden war. �Jetzt merk ich�s auch.� �Da ist ein Feuer in der N�he, ich f�hl�s genau�, sagte Grunthor. Rhapsodys Blick verd�sterte sich. �Ein Feuer an der Wurzel? K�nnte es von irgendwelchen Bergwerken herr�hren oder von einem Vulkan vielleicht?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Achmed gelassen. �Es k�nnte aber auch sein, dass wir dem Mittelpunkt der Erde n�her gekommen sind. Es hei�t, dass er aus Feuer besteht.�</p><p>Unwillk�rlich schnappte Rhapsody nach Luft. Sie hatte auch davon geh�rt, und der Gedanke daran lie� ihren Mut sinken. </p><p>Wenn sie sich jetzt erst dem Kern n�herten, hatten sie nicht einmal die H�lfte der Strecke bew�ltigt. Au�erdem w�re an dem Feuer kein Vorbeikommen. Wenn der Weg durch die Mitte f�hrte, liefen sie geradewegs in eine Falle. </p><p>�Kommst du?� Achmeds Stimme riss sie aus ihren sorgenvollen Gedanken.</p><p>Sie stand auf, dehnte die verspannten Muskeln der Beine und im R�cken. �Mir wird nichts anderes �brig bleiben.� Sie steckte das Schwert in die geschulterte Scheide und setzte sich in Bewegung. Es dauerte nicht lange, und sie gerieten erneut in Schwierigkeiten. Von einem Feuer war zwar nichts zu sehen, aber es wurde immer hei�er. Anscheinend n�herten sie sich tats�chlich einer infernalischen Hitzequelle. </p><p>Rhapsodys Haare, in letzter Zeit stets feucht und str�hnig, waren jetzt verfilzt und strohtrocken. Die von der Feuerquelle ausstrahlende Hitze trocknete auch ihre Kleider aus, die nach so langer Zeit unter Tage nicht viel mehr waren als zerfetzte Lumpen. Mit der W�rme kamen Schmerzen und Tr�stung zugleich. Den Knochen und Gelenken tat sie gut, die Haut aber wurde spr�de und rissig.</p><p>Hinzu kam, dass sich das Lied der Erde hier ver�nderte. Das einzig Angenehme ihrer Reise durchs Dunkle waren die Momente, wenn sie sich flach auf den Boden legte und die tiefen, modulierten Schwingungen auf sie �bergehen sp�rte, jenes Lied der singenden Wurzel, das die unendliche, kollektive Weisheit der Zeit als Echo widerhallen lie�. Dieses Lied war melodi�ser und bewegter geworden. </p><p>�Ich frage mich, ob es der Wurzel besser geht, wenn keine Schmarotzer in der N�he sind�, sagte sie. </p><p>�F�hlst du dich nicht auch wohler?�, entgegnete Grunthor.</p><p>�Wir haben diesem Geschmei� jedenfalls m�chtig zugesetzt und seine Gesamtzahl um einiges zur�ckgestutzt�, sagte Achmed und sah sich zwischen den Basaltw�nden um.</p><p>�Aber nicht ganze Arbeit geleistet � ihr zwei lebt schlie�lich noch�, frotzelte Rhapsody. Achmed schmunzelte und zeigte eine Miene, die sie vorher noch nicht bei ihm gesehen hatte. Wie die Wurzel so schienen die drei Gef�hrten neu aufzuleben. </p><p>Es dauerte noch eine Weile, bis das Feuer in Sicht kam. L�ngst hatten sie alle Mittel und M�glichkeiten der Zeitbestimmung verloren, und so war es ihnen unm�glich einzusch�tzen, wie lange sich die Hitze schon bemerkbar machte, ohne dass ihre Quelle tats�chlich zu sehen war. Rhapsody aber war inzwischen der bolgischen Sprache m�chtig, und Grunthor konnte nun nicht nur schreiben, sondern verstand sich auch auf Kalligrafie und Notenschrift.</p><p><emphasis>Wie viel Zeit ist schon vergangen? Ein Jahr? Mehr?,</emphasis> fragte sich Rhapsody eines Nachts im Stillen. <emphasis>So lange haben wir die Hitze bestimmt schon gesp�rt</emphasis>. Sie begann daran zweifeln, dass sie die Feuerquelle jemals zu Gesicht bekommen w�rde.</p><p>Ein fernes Glimmen indes lie� sie aufmerken. Die Felsen am Rand des Tunnels fingen in einem dunklen Rot zu schimmern an, die schon seit so langer Zeit empfundene Hitze nahm noch zu. Dass sie eine halbe Ewigkeit durch klamme K�lte gekrochen waren, hatten sie fast schon vergessen. Es gab zwar noch reichlich Wasser, aber das Erdreich ringsum war trocken; die Hitze hatte ihm alle Feuchtigkeit entzogen. </p><p>Die gestiegene Temperatur machte das Vorankommen leichter, barg aber auch zus�tzliche Gefahren. Manchmal fingen die Kleider oder das Gep�ck gar zu schwelen an; das Metall der Waffen war so hei�, dass man sich fast die Finger daran verbrannte. Trinkwasser zu finden wurde immer schwerer, was sie sehr besorgt machte. </p><p>Schlie�lich hielt Achmed an und lie� die anderen zu sich aufschlie�en. �Feuer�, sagte er einfach nur. Grunthor sp�hte in die Ferne und sch�ttelte den Kopf. Auch Rhapsody konnte nichts erkennen, aber sie wusste l�ngst, das Achmed sehr viel sch�rfere Augen hatte und vor allem im Dunkeln besser sehen konnte. </p><p>Sie gingen weiter und weiter, und schlie�lich sah auch Rhapsody flackernden Flammenschein im Tunnelausschnitt vor sich. Der spr�de Boden, das hei�t die Wurzel, auf der sie sich bewegten, riss unter dem Gewicht ihre Schritte stellenweise auf. Ungemein hoch w�lbte sich nun die Decke �ber ihren K�pfen. Je weiter sie vorw�rts drangen, desto deutlicher wurde, dass der gesamte Stollen, den sie passieren mussten, unter Flammen stand.</p><p>Das Feuer im Erdkern brannte in tausend schillernden Farben, aber doch auch merklich weniger hell als ein Feuer in frischer Luft. Blau und violett und wei� zuckten und wanden sich die Flammen umeinander, erreichten jeden Winkel und zwangen ihr Licht und ihre flie�ende Glut in jede �ffnung, jeden Spalt. Rhapsody stand und staunte, verz�ckt �ber den Anblick, musste aber bald die Augen schlie�en, um sich vor dem hei�en Glanz zu sch�tzen.</p><p>�Verfluchter <emphasis>Hrekin�,</emphasis> knurrte Grunthor. �Wir stecken in der Falle. Da h�tten wir genauso gut in Ostend bleiben k�nnen.� </p><p>Achmed schwieg. </p><p>Mit geschlossenen Augen h�rte Rhapsody zu, nicht den entt�uschten Gef�hrten, sondern dem Lied des Feuers. Anders als der tiefe, dumpfe Ton der Erde rauschte und kollerte das Feuerlied voller Lebenskraft und sang eine Melodie, sch�ner als alles, was sie in letzter Zeit geh�rt hatte. Die Musik rief Erinnerungen in ihr wach, die so s�� waren, dass sie fast wehtaten, Erinnerungen an Abende vor dem Kaminfeuer, wo sie sich von der Mutter die Haare hatte b�rsten lassen, an Erntefeuer, um die sie ausgelassen herumgetanzt war, an ihren ersten Kuss im Schein eines Lagerfeuers unter herbstlichem Himmel. Die leuchtende Glut schimmerte auf ihrem Gesicht und lie� die zerzausten Haare wie eine Aureole erstrahlen. Aus den Flammen t�nte ein Ruf, eine Aufforderung zum Tanz, der sie liebend gern nachgekommen w�re. Unwillk�rlich trat sie einen Schritt vor.</p><p>Starke, knorrige H�nde packten sie bei der Schulter und wirbelten sie herum. Erschrocken schlug sie die Augen auf. </p><p>�Was tust du da?�, zischte Achmed und musterte sie mit entr�steter Miene. �Wo willst du hin?� </p><p>Noch ehe sie �ber eine Antwort nachgedacht hatte, purzelte das Wort �ber ihre Lippen.</p><p>�Vorw�rts.� </p></section><section><title><p>14</p></title><p>�Ich geh da einfach durch�, sagte sie. Grunthor lachte laut auf.</p><p>�Ja, wenn du dir unbedingt das Leben nehmen willst?! Ich k�nnte dir zur Hand gehn und daf�r sorgen, dass von deinem leckren Fleisch nichts vergeudet wird�, spottete er. �Im Ernst, komm zu dir.� </p><p>�H�rt zu�, entgegnete Rhapsody ein wenig gereizt. �Ich werde auf keinen Fall umkehren. Das w�re auch gar nicht m�glich. Ihr erinnert euch wohl, dass einige Stollen hinter uns versch�ttet sind. Der R�ckweg ist uns versperrt. Es bleibt uns nur der Weg nach vorn.�</p><p>�Und wie sollen wir das schaffen? Was schl�gst du vor?�, fragte Achmed mit ernster Miene. Zumindest gab er sich ernst.</p><p>Rhapsody holte tief Luft. Ihr war klar, dass das, was sie sich zu sagen anschickte, verr�ckt klingen musste. �Wisst ihr noch, was ich �ber das Geheimnis der Namen verraten habe, wie sie uns zu dem machen k�nnen, was wir einmal gewesen sind?�</p><p>�Vage.� </p><p>�Nun, ich habe eine Weile dar�ber nachgedacht und bin mittlerweile �berzeugt davon, dass wir nur eine einzige Chance haben: Wir m�ssen uns umh�llen mit dem Lied unserer Namen und k�nnen dann nur noch darauf hoffen, auf der anderen Seite in unseren alten Zustand zur�ckverwandelt zu werden.� </p><p>�Bitte nach Euch, Gn�digste�, gluckste Grunthor.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, beeilte sie sich zu antworten. �Darauf bestehe ich sogar.�</p><p>�Du willst wirklich raus aus diesem Tunnel�, sagte Achmed in einem Tonfall, der eine Mischung war aus Sympathie und Sarkasmus. Rhapsody nannte sie Symparkasmus. </p><p>�Hast du eine bessere Idee?�</p><p>Sie nahm auf der Wurzel Platz, schnallte den Tornister ab und holte ihre Higen daraus hervor, ein handtellergro�es Saiteninstrument in der Form einer winzigen Harfe. �Wenn ich es schaffe, mich durchzuschlagen, werde ich zur�ckkommen, um euch zu holen.� Sie klopfte den Schmutz von dem zerfetzten Umhang und stand auf. �Falls ich es nicht schaffen sollte, wird euch immerhin klar sein, dass ihr etwas anderes versuchen m�sst.�</p><p>Grunthor sch�ttelte den Kopf und starrte auf das Inferno. �Das ist mir sowieso klar, daf�r musst du nich dein Leben wegwerfen.�</p><p>�Lass sie doch gehen�, sagte Achmed leise.</p><p>Rhapsody l�chelte. �Danke. Falls ich es nicht schaffe, seid ihr mich endlich los.�</p><p>Grunthor war merklich ver�rgert. �Wenn ich dich je h�tte los sein wolln, w�rst du schon lange nich mehr da. Ich h�tte dir mit einer Hand den Hals umdrehn k�nnen, und es war um dich geschehn.� </p><p>Sie schlang ihre Arme um den Riesen und sp�rte, dass er zitterte. �Das d�rfte dir inzwischen nicht mehr ganz so leicht sein. Immerhin habe ich zwischenzeitlich ein ziemlich gutes Schwertkampftraining absolviert.� Sie schmiegte sich enger an ihn, worauf er sie in die Arme schloss. </p><p>�Auf Wiedersehen, Grunthor. Und mach dir keine Sorgen. Ich werde zur�ckkommen.�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck, blickte auf sie herab und rang sich ein L�cheln ab. �Ich dachte, du d�rftest immer nur die Wahrheit sagen.�</p><p>�So ist es�, sagte sie leise und t�tschelte seine Wange. Dann wandte sie sich dem verh�llten Mann zu, der sie nach wie vor irritierte und gewisserma�en Schuld daran war, dass sie hier, tief in der Erde, eingeschlossen war. </p><p>�Auf Wiedersehen, Achmed.�</p><p>�Beeil dich�, antwortete er. �Allzu lange werden wir nicht auf dich warten.�</p><p>Rhapsody lachte laut auf. �Das nenne ich einen charmanten Anreiz.� Sie schulterte ihr Gep�ck und marschierte geradewegs auf das Inferno zu. Die beiden Bolg schauten ihr nach und sahen ihren kleinen Schatten vor den fauchenden Flammen gr��er werden, bis sie schlie�lich in der Wand aus flirrender Hitze und licht verschwand. </p><p>Als sie die Hitze nicht mehr ertragen konnte, schloss sie die Augen und hob die Higen an ihre Brust. Die winzigen Saiten gl�hten und versengten ihr die Fingerkuppen, als sie an ihnen zupfte und das richtige Lied, eines, das ihr Wesen ausmachte, anzustimmen versuchte.</p><p>Sie kannte die eine Note, die in ihrer Seele widerhallte, <emphasis>ela,</emphasis> den sechsten und letzten Ton der Tonleiter. <emphasis>Jede Person ist auf einen bestimmten Ton eingestimmt,</emphasis> hatte ihr Lehrer doziert. Zu erfahren, welcher ihr Ton war, hatte Rhapsody als das sechste und letzte Kind in ihrer Familie sehr am�siert. Im �brigen traf die Note wirklich auf sie zu; sie erschien ihr durchaus sinnvoll. Sie stimmte diesen Ton nun an, sp�rte die vertrauten Schwingungen. Die Melodie wiederzugeben, die ihr Wesen beschrieb, war weniger einfach, weshalb sie mit ihrem wahren, in Musik gesetzten Namen anfing.</p><p>Aus der schlichten Phrase komponierte sie einen weiteren Refrain, eine Melodie, die in ihrem Inneren widerhallte und die Haut zum Prickeln brachte. Note f�r Note, Takt f�r Takt setzte sie das Lied zusammen, lie� ihre Stimme dazu erklingen und spielte die Higen. Dann fasste sie all ihren Mut zusammen und ging ins Feuer.</p><p>Als sie den Rand des glei�enden Infernos erreichte, kniff sie die schmerzenden Augen zusammen, ging singend weiter und betete, dass ihr, wenn sie nun doch w�rde sterben m�ssen, wenigstens erspart bliebe, lange zu leiden. </p><p>Durch das Feuer ging ein nat�rlicher Wind, der ihre blonden Haare aufwirbelte und wie eine Fackel zum Leuchten brachte. Zu atmen fiel ihr immer schwerer. Als sie einen ersten Blick riskierte, fand sie sich innerhalb der Flammen wieder.</p><p>Der Gesang des Feuers wurde lauter. In Harmonie dazu sang sie ihr Namenslied. Sofort lie� der Schmerz in den Augen nach, und sie sah sich umgeben von pr�chtig leuchtenden Farben, die in wogender Bewegung waren wie ein Getreidefeld im Wind. Ein Gef�hl des Friedens und der Sicherheit �berkam sie. Das Feuer hatte sie erkannt. Es w�rde ihr nichts zuleide tun.</p><p>Schillernde Farben � Saphirblau vor Fl�chen aus grellem Orange, von gelben Lanzetten durchsto�en � tanzten um sie herum. Rhapsody sp�rte die Schmerzen aus den Knochen und Gelenken verschwinden. Wie im Traum fragte sie sich, ob sie denn wohl vom Feuer verzehrt w�rde. Die Empfindung, die sie versp�rte, war �hnlich der Freude � Freude dar�ber, mit sich und der Welt ganz und gar im Reinen zu sein. Sie sang aus voller Brust und verkn�pfte die Weisen des Feuers und ihrer selbst zu einem Festgesang. </p><p>Nun konnte sie den Weg vor sich deutlicher sehen, erkannte dunklere Stellen, die f�r kurze Dauer in Erscheinung traten, um dann wieder spurlos zu verschwinden. Mit neuem Mut schritt sie z�gig weiter. Es fiel ihr nicht leicht, den Kern hinter sich zu lassen, doch sie ahnte, dass sie sich dem hier erlebten Gl�cksgef�hl nicht lange hingeben durfte, weil es sie sonst verschlingen w�rde.</p><p>Pl�tzlich wich die wohlige Hitze von ihrem Gesicht. Es war, als brandeten ihr k�hle Meereswogen entgegen. Rhapsody �ffnete die Augen und sah in ein schwarzes Loch. Die tanzenden Flammen waren an den Blickfeldrand zur�ckgetreten. Vor ihr �ffnete sich ein Tunnel, �hnlich demjenigen, den sie mit Grunthor und Achmed hinter sich gelassen hatte. Doch war einiges an ihm anders. Obwohl noch von sengender Hitze umgeben, lief ihr ein kalter Schauer �ber den R�cken. Sie hatte es bis auf die andere Seite des Kerns geschafft.</p><p>Spontan machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte singend zur�ck in die Flammen.</p><p>Auf der anderen Seite des Kerns starrte Grunthor �ngstlich wartend in den grellen Feuerschein und schwitzte aus allen Poren seiner grau-gr�nen Haut. Endlich � er w�hnte eine Ewigkeit vergangen � zeigte er auf die Flammen und sagte: �Da ist sie ja!�</p><p>Achmed nickte. Er hatte den Schatten schon l�ngst gesehen, der schemenhaft zwischen den Feuerzungen auftauchte und bis unter das Gew�lbe aufzuragen schien.</p><p>Die Frau, die da aus dem Inferno stieg, hatte mit Rhapsody, so wie die beiden sie kannten, nur noch wenig �hnlichkeit. Ihre Haare waren nicht mehr blond, sondern vom Feuer honigfarben get�nt worden. Sie winkte ihnen aus den Flammen zu.</p><p>�Kommt�, rief sie dr�ngend �ber das Fauchen der Feuersbrunst hinweg. �Ich wei� nicht, wie lange der Weg noch offen sein wird.�</p><p>Die beiden Firbolg eilten herbei und schirmten die Augen vor der Hitze ab. Rhapsody hob die Hand, um sie aufzuhalten. Doch das war schon zu sp�t. Die Kapuze von Achmeds Umhang hatte Feuer gefangen, und zu ihrem Schrecken musste sie mit ansehen, wie sich Grunthor auf den Gef�hrten warf und die Flammen zu ersticken versuchte, indem er sich mit ihm �ber den wei� gl�henden Boden w�lzte. </p><p>Rhapsody kannte Achmeds Namen, der ja von ihr gew�hlt war. Sie stimmte ihn nun an und sang ihn unabl�ssig. Grunthor half dem benommenen Partner aufzustehen und f�hrte ihn an den Rand des Feuerwalls. Mit erhobener Hand hie� Rhapsody den Sergeanten stehen zu bleiben. Dann nahm sie den Dhrakier bei der Hand und sah, dass sich sein Blick aufgeklart hatte. Anscheinend l�ste sein Namenslied ein ebenso starkes Wohlempfinden aus, wie sie es selbst erlebt hatte.</p><p>Als sie sicher sein konnte, dass er aus eigener Kraft auf den Beinen stehen bleiben w�rde, lie� sie seine Hand los und griff zur Higen, der sie nun ein Lied entlockte, das um die Melodie seines Namens gesponnen war. </p><p>�Sp�rst du, wie das Lied unter der Haut prickelt?�</p><p>�Nein.� Seine Kapuze fiel in Fetzen von ihm ab und entbl��te die schrecklichen Verbrennungen, die seine Stirn und die Augen verunstalteten. Mit Entsetzen erkannte Rhapsody, dass Achmed geblendet war. </p><p>Sie �berlegte schnell. �K�nntest du mir etwas von dir sagen, das ich deinem Lied hinzuf�gen k�nnte, sodass es dich besser beschreibt?�, bat sie, und er lie� von sich aus die T�ne mit einflie�en, die den Bezeichnungen <emphasis>Firbolg</emphasis> und <emphasis>Dhrakier</emphasis> entsprachen. �Soll ich dich wieder umbenennen auf deinen fr�heren Namen, Bruder?� </p><p>Achmed sch�ttelte so energisch den Kopf, dass ihm die Schwei�tropfen von der Stirn flogen und in den Flammen verdampften. Auf seinem Gesicht spiegelte sich das flackernde Licht des Feuers.</p><p>�Das wievielte Kind warst du in deiner Familie?�</p><p>Die Antwort machte ihm merklich M�he. �Das erstgeborene.�</p><p>Rhapsody nickte und webte das Wort in die Melodie ein. Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass dieser zus�tzliche Ton sein Empfinden noch steigerte.</p><p>�W�re da noch etwas, Achmed, etwas, das unverwechselbar zu dir geh�rt? Was bist du von Beruf?� </p><p>Wieder sch�ttelte Achmed den Kopf, als er sich seiner Verwundung bewusst wurde. Er beugte sich ihr ganz nahe ans Ohr und fl�sterte: �Ein Meuchelm�rder.�</p><p><emphasis>Nat�rlich,</emphasis> dachte Rhapsody und sang das Lied aufs Neue, um diese Note erg�nzt.</p><p>Achmeds verbrannte Augen gingen noch weiter auf. Er nickte stumm und f�hlte sich offenbar � gerade so wie sie zuvor � von seinem Lied ganz und gar umh�llt. In ihrer Erinnerung sah Rhapsody pl�tzlich Achmed an jener Stelle stehen, von der eine Unzahl von Pfaden abzweigte, was ihn aber keinen Moment lang in seiner Orientierung verunsichert hatte. Ohne zu z�gern und wie selbstverst�ndlich hatte er den richtigen Weg eingeschlagen.</p><p>Grunthor hatte ihr einmal heimlich zugefl�stert, dass der Dhrakier dem Herzschlag der Erde folgte, ihren Puls f�hlte und sich von ihren Adern und summenden Bahnen f�hren lie�, so wie fr�her von der F�hrte des Wildes, auf das er Jagd gemacht hatte.</p><p><emphasis>Unfehlbarer F�hrtenleser, Pfadfinder,</emphasis> sang sie. Achmeds K�rper schien durchsichtig zu werden und reflektierte wie sein Gesicht das Licht des gro�en Feuers. Rhapsody streckte den Arm aus und zog ihn in die Flammen. Sie eilte mit ihm auf die andere Seite, sang und bot dabei all ihre F�higkeiten als Benennerin auf. Kaum waren sie auf der anderen Seite angekommen, drehte sie sich wieder um und eilte zur�ck, um Grunthor zu holen.</p><p>Der Anblick des Riesen, wie er vor Angst zitternd und mit weit aufgerissenen Augen am Rand des brausenden Feuers dastand, r�hrte Rhapsody ans Herz. Er machte aus seiner Erleichterung kein Hehl, als er sie endlich kommen sah. Trotzdem blieb seine Miene voller Sorge.</p><p>�Wo ist er jetzt, Herzchen? Ist alles in Ordnung mit ihm?�, br�llte er gegen das infernalische Brausen an. </p><p>�Komm!�, rief sie ihm zu und winkte mit beiden H�nden.</p><p>Grunthor rannte herbei, packte sie bei den Schultern und fragte noch einmal: �Ist alles in Ordnung mit ihm?� </p><p>�Mach dir keine Sorgen, wir schaffen es ...�</p><p>Ein w�tendes Grollen wurde laut. Es drang durch die kolossalen Muskelpakete bis hin zu den Klauenh�nden, mit denen er sie gepackt hielt und seiner Frage schmerzenden Nachdruck verlieh. �Wo ist er?� </p><p>Rhapsody riss sich von ihm los. �Auf der anderen Seite. Er ist blind, aber er lebt.� Sie sah, wie sich der wilde Ausdruck im Gesicht des Riesen entspannte, und war aufs Neue ger�hrt. Er hatte sich nicht um seinetwillen so sehr ge�ngstigt. Sie langte aus und t�tschelte mit bebender Hand seine Wange. </p><p>�Wie ist dein Firbolg-Name?�, fragte sie, worauf der Riese mit einer Folge von Knurr- und Zischlauten antwortete, die mit einem scharfen Konsonanten endeten. Rhapsody schloss die Augen. </p><p>�Wiederhol das bitte�, sagte sie und versuchte, die in ihr aufkommende Panik zu unterdr�cken. Aufmerksam lauschte sie der Lautfolge, die nicht nur an sich schon schwer genug verst�ndlich war, sondern zu allem �berfluss auch noch von dem Feuer �bert�nt zu werden drohte. Sie sprach den Namen nach, so gut sie nur konnte, und sp�rte nach mehreren Versuchen ein Summen von ihrem Gegen�ber widerhallen. Ein Lichtkranz lag um den Sergeanten.</p><p>�Und du bist ebenfalls ein Bengard?� Grunthor nickte. <emphasis>Spross des Sandes unter freiem Himmel, Sohn der H�hlen und der finsteren Lande,</emphasis> fing sie zu singen an. <emphasis>Bengard, Firbolg. Sergeant Major. Mein Ausbilder und Besch�tzer. Herr der t�dlichen Waffen. Oberste Autorit�t, der unbedingt Gehorsam zu leisten ist</emphasis>. Das Summen wurde lauter.</p><p>Grunthor fing an zu grinsen und zeigte seine Z�hne. �Das ist es, Herzchen. Ja, jetzt prickelt�s. Jetzt k�nn� wir wohl r�ber zu ihm, oder?�</p><p>Rhapsody schmunzelte. �Grunthor, was bist du doch f�r ein treuer Freund, stark und zuverl�ssig wie die Erde selbst. Hier, nimm meine H�nde.�</p><p>Sie f�hrte den riesigen Bolg durch die Flammen und sang sein Lied, seinen Namen und die Eigenschaften, die ihn ausmachten, immer und immer wieder, bis sie die andere Seite erreicht hatten und wieder von Dunkelheit umgeben waren. Rhapsody presste ihr Gesicht an Grunthors Brust, um den Verlust der wonnevollen W�rme zu verschmerzen und nicht in Tr�nen auszubrechen.</p><p>Der Riese sah zu, als sich Rhapsody daran machte, die Augenbinde zu entfernen. Sie waren tief in den Tunnel vorgedrungen und schon weit entfernt vom flackernden Widerschein des Feuers. Ungeachtet seiner Proteste hatte sie Achmeds Augen mit Heilkr�utern behandelt. Er lag mit seinem Kopf auf ihrem Scho� und murrte geduldig vor sich hin, w�hrend sie die Leinenstreifen abwickelte. </p><p>�Das war nicht n�tig. Ich kann sehen.�</p><p>�Warum hast du das nicht schon gesagt, als ich dir die Binde angelegt habe?�</p><p>�Da war ich bewusstlos�, sagte er ungehalten.</p><p>Rhapsody kicherte. �Ach so. Und ich dachte schon: Seltsam, wie gef�gig er auf einmal ist.� Sie wickelte die zweite Lage ab. �Wie auch immer, ich wollte dir mit der Behandlung nur die Schmerzen lindern.� </p><p>�Ich habe keine Schmerzen�, entgegnete er.</p><p>�Es wird dir aber trotzdem nicht erspart bleiben, dass wir, so bald wir in Sicherheit sind, die Wunde ordentlich verarzten ...� Sie hatte den Gedanken noch nicht ausgesprochen, als sie mit Blick auf das Gesicht des Dhrakiers feststellte, dass die Wunde verschwunden war.</p><p>�G�tiger Himmel�, fl�sterte sie.</p><p>Achmed zerrte den Rest der Binde von Kopf. �Ich habe dir doch gesagt, dass ich geheilt bin.� </p><p>Auch Grunthor starrte ihn entgeistert an. �0 Mann, du bist geheilter, als du glaubst.�</p><p>�Was soll das hei�en?� </p><p>Grunthor zog sein Stangenbeil, eine Art Lanze mit beilf�rmiger spiegelblanker Schneide, eine Waffe, die er Salut oder kurz Sal nannte. �Hier, sieh selbst. Die Wunde, die du dir damals bei der Messerstecherei in Kingsten eingehandelt hast, erinnerst du dich?�</p><p>�Ja nat�rlich, und?� </p><p>�Die ist weg, spurlos verschwunden. �berzeug dich selbst.�</p><p>Achmed nahm die breite Klinge in beide H�nde und starrte auf sein Spiegelbild. Eine Weile sp�ter hob er das Hemd und musterte seinen Bauch.</p><p>�Tats�chlich, meine Narben sind weg.�</p><p>�Meine auch�, sagte Grunthor und blickte staunend auf Rhapsody, die ihrerseits ihr Handgelenk untersuchte. Dann sah sie zu ihm auf und nickte.</p><p>�All unsere Wunden sind geheilt, die Narben verschwunden. Wie ist das m�glich?�, fragte Achmed. Rhapsody l�chelte. �Wei�t du denn nicht mehr, was ich dir gesagt habe?�</p><p>Achmed richtete sich auf und dachte zur�ck an den ersten Kampf gegen das Gew�rm und daran, wie sie anschlie�end die Wunde auf seinem Unterarm singend geheilt hatte.</p><p><emphasis>Macht euch ruhig lustig. Aber es wird wahrscheinlich die Musik sein, die uns hier herausholt, Musik in der einen oder anderen Form</emphasis>.</p><p><emphasis>Nur, wenn du uns mit deinem Getr�llere so sehr auf den Geist gehst, dass ich dir ein zweites Paar Beine mache</emphasis>. </p><p><emphasis>...So etwas kann eine Benennerin gewisserma�en von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dinges steckt. Mit dem Namen steht und f�llt unsere Identit�t. Er ist unsere Essenz, unsere pers�nliche Geschichte und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch ver�ndert haben m�gen</emphasis>.</p><p>�Soll das hei�en, dass wir neu entstanden sind?�</p><p>Rhapsody zuckte mit den Schultern. �Ich wei� nicht, doch es k�nnte sein. Als ich das erste Mal durchs Feuer ging, konnte ich sp�ren, wie es meinen K�rper verzehrte. Mir war fast so, als w�rde ich einen Opfertod sterben. Aber weil ich die ganze Zeit �ber unsere wahren Namen gesungen habe, hat sich all das, was uns in unserem fr�heren Leben zugesto�en ist, nicht auf unsere neuen K�rper �bertragen k�nnen. Das vermute ich jedenfalls. Gibt�s darauf vielleicht sonst noch irgendwelche Hinweise?� </p><p>Achmed tastete mit der Hand an der Halswurzel entlang. Die unsichtbare Kette, an die ihn der D�mon einst gelegt hatte, war gerissen, als Rhapsody ihn in den Gassen von Ostend umbenannt hatte, und l�ngst verschwunden. Knochen, die einmal gebrochen gewesen waren, f�hlten sich so kr�ftig und gesund an, als w�ren sie nie verletzt worden, doch glaubte er diesen Eindruck auch schon vor dem Gang durchs Feuer gehabt zu haben.</p><p>�Ich wei� nicht. Aber wie steht�s um deine Jungfr�ulichkeit? Ist die auch wieder hergestellt?� </p><p>Rhapsody wandte sich spontan ab. Gew�hnlich ignorierte sie Scherze dieser Art, aber die ganz und gar au�ergew�hnliche, erschreckende und zugleich ekstatische Erfahrung der Passage durch den Feuerkern der Erde hatte sie so ersch�pft, dass es mit ihrer Selbstbeherrschung nicht mehr weit her war. Grunthor hatte Mitgef�hl mit ihr und warf Achmed einen strafenden Blick zu. Als sich der Riese ihr wieder zuwandte, klappte ihm vor Verwunderung die Kinnlade herunter.</p><p>�Herzchen, dreh dich mal kurz zu mir um.�</p><p>�Lass mich in Ruhe�, antwortete Rhapsody. �Ich bin nicht in Stimmung f�r eure Witzeleien.� </p><p>�Nein, bitte�, dr�ngte Grunthor. �Ich will nur dein Gesicht sehn.�</p><p>Z�gernd drehte sie sich um, lie� aber die Augen auf den Boden gerichtet.</p><p>�Criton�, murmelte Grunthor. Achmed blickte auf, und auch ihm stand der Mund vor Staunen offen. Vor ihrem Gang durchs Feuer war Rhapsody eine wundersch�ne junge Frau gewesen, woran auch die Strapazen und all der Dreck auf ihrem endlos langen Treck �ber die Wurzel nichts hatte �ndern k�nnen. Die Wandlung aber, die sich jetzt vollzogen hatte, war nichtsdestotrotz betr�chtlich. Das Feuer hatte auch den letzten Makel weggebrannt, und nun stand ein Wesen vor ihnen, das sie kaum mehr wiedererkannten. Die langen Haare leuchteten im Licht der fernen Flammen wie fl�ssiges Gold. Ihre Haut hatte keinen einzigen Sch�nheitsfehler und war so zart wie die Bl�tenbl�tter einer Rose. Selbst im Dunkeln ging ein Schimmern von ihr aus. Als sie sich wenig sp�ter in ihrer Ver�rgerung den beiden Gef�hrten zuwandte, blitzten ihre smaragdgr�nen Augen auf, als sammelte sich in ihnen alles verbliebene Licht. War sie fr�her �beraus h�bsch gewesen, so war sie jetzt von au�ergew�hnlicher Sch�nheit, und das nicht zuletzt auch in den Augen der Firbolg.</p><p>�Was?�, fragte sie irritiert.</p><p>Es dauerte eine Weile, ehe Grunthor wieder zur Sprache zur�ckgefunden hatte. �Himmel, Gn�digste, du bist umwerfend sch�n.� </p><p>Rhapsodys Miene entspannte sich, und es legte sich ein Ausdruck auf ihr Gesicht, der das Blut der beiden M�nner in Wallung brachte. �Schon gut, Grunthor. Ich hab dir gern geholfen�, sagte sie. </p><p>�Zumal einiges an Hilfe gutzumachen war, die du mir hast zukommen lassen.�</p><p>�Ich mein es ernst�, entgegnete Grunthor. �Du hast dich ver�ndert.�</p><p>Rhapsody zog die Brauen zusammen. �Wie soll ich das verstehen?�</p><p>Die Antwort kam von Achmed: �Er will sagen, dass du mit deinem jetzigen Aussehen in deinem alten Gewerbe jeden Preis verlangen k�nntest und auch erzielen w�rdest, und sei es blo� daf�r, dass dich die Kerle anglotzen.� </p><p>Rhapsody sch�ttelte unwirsch Kopf. �Ich w�nschte, ihr w�rdet nicht immer wieder auf meine Vergangenheit anspielen�, sagte sie. �Ich reib dir doch auch nicht st�ndig alte Verfehlungen unter die Nase. Aber glaub mir, niemand zahlt nur f�rs Sehen.�</p><p><emphasis>Und ob,</emphasis> dachte Achmed und seufzte. �Rhapsody, du siehst besser aus als je zuvor. Du bist bildsch�n.� </p><p>Rhapsody musterte ihn mit kritischem Blick. Achmed hatte immer geflissentlich sein Gesicht versteckt und damit erkennen lassen, dass er sich f�r unansehnlich, ja, f�r absto�end h�sslich hielt. Jetzt, da sie ihn ohne seine Kapuze sah, konnte sie diese Scheu nicht mehr verstehen. Er war, wie sie fand, ganz und gar nicht h�sslich. Im Gegenteil, sein Gesicht war auf ungew�hnliche Weise attraktiv. Es kam ihr vor wie das unvollendete Werk eines zerstreuten Sch�pfergottes.</p><p>Sie konnte sich regelrecht vorstellen, wie der Demiurg diesen Kopf aus �bersch�ssigem Ton mit fahrig schneller Hand modelliert, ihm einen kleinen Klumpen als Nase aufgedr�ckt und mit zwei ungleichen Daumen die Augenh�hlen eingestanzt hatte. Und das halbe L�cheln, dieses Grimassieren des schmallippigen Mundes wirkte wie mit dem Daumennagel dahingewischt.</p><p>All das zusammen ergab ein Kunstwerk der eigenen Art, nicht im klassischen Sinne, aber gleichwohl beeindruckend und einzigartig. Vielleicht, so dachte sie, sah er sie ganz �hnlich.</p><p>�Du siehst auch nicht schlecht aus�, sagte sie schlie�lich und l�chelte.</p><p>Achmed warf Grunthor einen fl�chtigen Blick zu. Die beiden sch�ttelten den Kopf und sahen in eine andere Richtung. Ihnen war klar, dass Rhapsody nicht verstand, was sie meinten.</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Das Gl�cksgef�hl nach dem Gang durchs Feuer lie� schnell nach, als die drei ihren Weg fortsetzten und wieder an der Wurzel entlang krochen, die sich in die Zeit selbst hin zu erstrecken schien, endlos und ohne Ziel. In einer Hinsicht aber fiel ihnen die Reise ein wenig leichter: Sie wussten nun, dass der Mittelpunkt �berschritten und mehr als die H�lfte des Weges geschafft war.</p><p>Vielleicht war es die an Wahnsinn grenzende Verzweiflung gewesen, die sie zu Anfang der Reise dazu bewogen hatte, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Jetzt war die treibende Kraft, die ihnen �ber die Strapazen ihres Trecks hinweghalf, die Hoffnung auf das Ende des Tunnels. Mit dem Feuer, das sie immer weiter hinter sich lie�en, schwand auch das Licht, und bald herrschte wieder undurchdringliche Dunkelheit. Gesprochen wurde nur selten und dann meist nur, um den drohenden Wahnsinn abzuwehren. </p><p>Die Kleider waren zerlumpt, die Stiefel abgelaufen. Auf Knieh�he klafften in den Hosen gro�e L�cher. Grunthor hatte seine Kapuze geopfert und Rhapsody die Ersatzsaiten ihrer Harfe, um provisorisches Schuhwerk daraus zu fabrizieren. Mit den Lederresten der Stiefel als Sohle und dem um die F��e gewickelten festen Stoff versuchten sie, sich vor den scharfen Steinen zu sch�tzen, und dennoch waren am Ende einer jeden Etappe die F��e wund und blutig gelaufen.</p><p>Rhapsody hatte wieder damit angefangen, ihre Sterngebete zu singen, obwohl sie vom Sonnenaufgang und dem Nachthimmel denkbar weit entfernt war.</p><p>Sie verlegte sich darauf, die Morgend�mmerung mit der Zeit gleichzusetzen, zu der sie sich vom Schlaf erhoben, und sie sang die Aubade, das morgendliche Liebeslied, wenn sie sich angekleidet hatte und die goldenen Locken mit dem Kamm zu entwirren versuchte. </p><p>Grunthor und Achmed h�rten ihr immer zu und sagten kein Wort, bis sie geendet hatte. Anschlie�end zogen sie sich h�ufig f�r eine Weile zur�ck, um sich �ber Dinge zu besprechen, die Rhapsody nur beunruhigt h�tten. </p><p>Seltsam, bei keinem der dreien zeigten sich Spuren der Zeit. Im Gegenteil, das Feuer hatte alle Narben, viele F�ltchen und Furchen verschwinden lassen, sodass die drei jetzt sogar j�nger aussahen als am Tag ihres Einstiegs in die Sagia, der inzwischen eine Ewigkeit zur�cklag.</p><p>Rhapsody schien von Tag zu Tag sch�ner zu werden und eine Aura auszubilden, die wie ein Magnetfeld wirkte und im Dunkeln schimmerte, wenngleich ihr Gesicht unsichtbar blieb. Die Fortdauer ihrer Jugend stand im Widerspruch zur Endlosigkeit ihrer Reise. Doch das jeweilige Alter der drei Gef�hrten richtig einzusch�tzen war auch deshalb schon kaum m�glich, weil sich auf ihren Gesichtern eine dicke Schmutzschicht abgesetzt hatte.</p><p>Allm�hlich mehrten sich die Hinweise darauf, dass sie der Erdoberfl�che n�her kamen. Immer h�ufiger f�hrte ihr Weg steil bergan, und oft mussten sie senkrechte Wurzelw�nde erklimmen von der Art jener Pfahlwurzel, �ber die sie zu Beginn ihrer Reise abgestiegen waren.</p><p>Der Tunnel wurde wieder unangenehm feucht und glitschig. Die K�lte kroch zur�ck in Rhapsodys Knochen, womit sich auch wieder die Schmerzen in den Gelenken einstellten. Nicht selten mussten sie bis zu den H�ften durch Schlamm oder Wasser waten. Einmal wurden sie von einer Springflut �berrascht, der sie nur um Haaresbreite entkommen konnten.</p><p>Schlie�lich gelangten sie in einen horizontal verlaufenden H�hlengang, der trockener war als die vorherigen Tunnel. Die Decke war so hoch, dass sie aufrecht stehen konnten. Allerdings wucherten Tropfsteine von oben herab und von unten in die H�he, was ihnen den Eindruck vermittelte, als wanderten sie durch das Zahnbewehrte Maul einer riesigen Bestie.</p><p>Vorsichtig tasteten sie sich an den felsigen Spitzen entlang. Grunthor hatte seiner massigen Gestalt wegen die gr��ten Schwierigkeiten; er eckte immer wieder an und zog sich etliche Verletzungen zu. In einem Abschnitt der H�hle trafen sie auf einen langen, d�nnen Tropfstein, der in einem verbl�ffenden Winkel vom Seitenrand des Deckengew�lbes aus schr�g in den Raum hineinragte und bei der kleinsten Ersch�tterung abzubrechen drohte. Entsprechend vorsichtig schlich Achmed auf Zehenspitzen darunter hindurch.</p><p>Als Rhapsody den Stein passierte, ging pl�tzlich ein Leuchten durch den Tunnel, das, obwohl in seiner Wirkung ged�mpft, den dreien die Sicht benahm, waren ihre Augen doch schon allzu lange an die Dunkelheit gew�hnt. Grunthor stie� einen deftigen Fluch aus, als er, vom Licht geblendet, vor eine Auswucherung in der Felswand prallte.</p><p>Mit ausgestreckter Hand langte Rhapsody nach dem schimmernden Stein, aus dem, kaum dass sie ihn mit den Fingerspitzen ber�hrte, kleine Splitter herausbrachen und zu Boden fielen. Ein Flammenstrahl schoss aus dem Steinzack hervor, so grell, dass alle drei unwillk�rlich die H�nde vors Gesicht schlugen und vor Schmerz aufschrien.</p><p>�Was ist das?�, zischte Achmed.</p><p>Rhapsody sp�hte durch einen Spalt in der schirmenden Hand und sah, dass von der Spitze des sonderbaren Stalaktits kleine Flammen ausgingen und �ber das Steingebilde z�ngelten. Staunend streckte sie abermals die Hand danach aus. Je n�her sie den Flammen kam, desto heller leuchteten sie auf. Zog sie die Hand zur�ck, nahm das Licht wieder ab.</p><p>Mit derselben Sicherheit, die ihr auch schon durch den Feuerkern geholfen hatte, machte sie sich daran, mit der Hand �ber den langen Stein zu streichen, worauf eine br�chige Kruste von ihm abbr�ckelte und einen gl�henden, flammenden Lichtschaft darunter zum Vorschein brachte. </p><p>�Ein Schwert�, fl�sterte sie ehrf�rchtig.</p><p>Die beiden Firbolg tauschten verwunderte Blicke. Es war tats�chlich so: Aus der feuchten H�hlenwand stakte ein flammendes Schwert, das auf der blauwei� gl�henden Klinge fein ziselierte Gravuren erkennen lie�. </p><p>�Kannst du�s auch aus dem Fels ziehen, Herzchen?�, fragte Grunthor.</p><p>�Ob sie das �berhaupt versuchen soll?�, gab Achmed zu bedenken.</p><p>�Es ist zu hoch f�r mich�, sagte Rhapsody und suchte auf dem Boden nach einer Stufe. Grunthor kniete nieder und klopfte sich auf den Oberschenkel.</p><p>�Steig da drauf�, sagte er und grinste.</p><p>Rhapsody z�gerte nicht lange. Sie hielt sich mit einer Hand an der breiten Schulter fest und trat auf das Podest, das er ihr mit seinem Oberschenkel zur Verf�gung stellte.</p><p>Jetzt reichte sie bis an die Wurzel des Tropfsteins heran. Sie langte mit beiden H�nden zu und zog. Das Schwert l�ste sich so leicht, als h�tte es nur an einem d�nnen Faden gehangen. H�tte Grunthor sie nicht mit seiner Pranke abgest�tzt, w�re sie aus dem Gleichgewicht geraten und zu Boden gest�rzt. Das Schwert bei der gl�henden Klinge gepackt, stieg sie von Grunthors Knie herunter und zeigte den Gef�hrten die wundersame Waffe. Sie schien aus einem Material gefertigt zu sein, das auf den ersten Blick wie Silber aussah, aber sehr viel leichter war. Auf der schlanken Klinge waren schmuckvolle Runen eingraviert. </p><p>Das Heft war aus demselben wei�silbrigen Metall geschmiedet und mit einer pr�chtigen Querstange ausgestattet, die zusammen mit dem Knauf in der Mitte die Form eines Sterns bildete. In den Griff war die Fassung f�r einen Edelstein oder dergleichen eingelassen, den aber anscheinend jemand herausgebrochen hatte; sie war leer und an den R�ndern eingedellt. Obwohl das Heft hell gl�hte, tat es ihrer Hand, die es hielt, keinen Schaden an. Achmed zog den rechten Handschuh aus und f�hrte einen Finger an die Klinge heran, wich aber schnell wieder zur�ck.</p><p>�Es scheint sich wohl in ihrer Hand zu f�hlen�, bemerkte Grunthor.</p><p>��ber Gef�hle l�sst sich nicht streiten�, murmelte Achmed.</p><p>Rhapsody lachte. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der dem Versuch eines Schmunzelns �hnlich kam. </p><p>�H�tte nich schlecht Lust, ein paar weitere Zapfen aufzuschlagen, blo� um zu sehen, ob auch was drinsteckt�, meinte Grunthor. �Da hast du jetzt aber �n wirklich h�bsches Schwert, Gr�fin. Ich hoffe nur, du machst deinem Lehrer keine Schande damit.�</p><p>�Ich werde mit dem Training fortfahren, sobald sich der Tunnel weitet�, versprach Rhapsody und reichte Grunthor die Waffe zur�ck, die er ihr geborgt hatte. �Danke f�r die Leihgabe.�</p><p>�Ich glaube, wir n�hern uns dem Ende der Wurzel�, sagte Achmed. �Oder was meinst du, Grunthor?� </p><p>�Jedenfalls waren wir schon lange nich mehr so dicht unter der Oberfl�che�, antwortete der Riese und sah sich nach allen Seiten um. �Wer wei�, vielleicht sind�s nur noch wenige Meilen, bis wir wieder frische Luft atmen k�nnen.�</p><p>�Tr�stlich�, sagte Rhapsody, die immer noch auf das Schwert starrte. Am Rande ihres Bewusstseins machten sich Bruchst�cke vager bildlicher Vorstellungen bemerkbar, auf die sie sich aber keinen Reim machen konnte. Sie zwinkerte mit den Augen, und die Bilder verschwanden.</p><p>Achmed sah sich um und hob die steinerne H�lle auf, in der das Schwert gesteckt hatte.</p><p>�Das wird vorl�ufig als Scheide dienen k�nnen, bis wir etwas Besseres finden. Ich vermute, dass Leder oder �hnliche Materialien f�r diese Klinge nicht in Frage kommen.� Mit einem kleinen Stein verstopfte er die untere �ffnung der provisorischen Scheide.</p><p>Als Rhapsody das Schwert in den hohlen Tropfstein zur�cksteckte, wurde es wieder dunkel um sie herum. �Soll ich es lieber drau�en lassen, damit wir besser sehen k�nnen?�</p><p>�Nicht n�tig�, antwortete Achmed. �Kommt, beeilen wir uns. Ich bin gespannt, wohin uns diese Wurzel f�hrt.� </p><p>Rhapsody und Grunthor klopften den Staub aus ihren Kleidern und warteten, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gew�hnt hatten, ehe sie Achmed folgten.</p><p>�Ja, wir sind ganz dicht unter der Oberfl�che. Ich sp�re es genau.�</p><p>Sie hatten sich �ber eine qu�lend lange Zeitspanne weiter geschleppt, durch einen Stollen, der immer enger wurde, bis sie am Ende nur noch kriechend vorangekommen waren. Grunthor war immer wieder stecken geblieben und auf die Hilfe der anderen angewiesen gewesen, die ihn dann hatten frei graben m�ssen. </p><p>Achmeds Worte machten Rhapsody neuen Mut. Seit langem plagte sie die Angst zu ersticken, eine Angst, in die sie sich so tief hineingesteigert hatte, dass sie dar�ber noch wahnsinnig zu werden f�rchtete. </p><p>Sie schloss nun zu Achmed auf, der angehalten, sich auf den R�cken gew�lzt und einen seiner d�nnen Handschuhe ausgezogen hatte. Mit der blo�en Hand tastete er die H�lfte der Wand ringsum ab und sp�rte uralte Erinnerungen auf.</p><p><emphasis>Der Stoff, aus dem die Erde besteht, ist hier sehr d�nn..</emphasis>.</p><p>Er hob den Kopf an und wandte sich an Rhapsody. �Zieh das Ding. Ich brauche Licht.�</p><p>Auch sie drehte sich auf den R�cken, zog das Schwert aus der behelfsm��igen Scheide und reichte es an ihn weiter. </p><p>Achmed hob die Klinge wie eine brennende Fackel an die Stollendecke und kroch, indem er sich mit den F��en abstemmte, weiter voran. Als sein Blick zuf�llig auf das dicht �ber seinen Augen schwebende Heft fiel, hielt er pl�tzlich inne und musterte den Griff.</p><p>�G�tiger Himmel�, fl�sterte er.</p><p>�Was ist los?�, fragte Rhapsody alarmiert. Sie sp�rte Grunthor im Liegest�tz weiterdr�ngen und sah dann seinen Kopf �ber ihren Knien auftauchen.</p><p>�Die Tagessternfanfare�, hauchte Achmed ehrfurchtsvoll, was Grunthor mit einem ungl�ubigen Schnauben quittierte. </p><p>�Was?�, fragte Rhapsody mit Panik in der Stimme. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Grunthor nach.</p><p>�Absolut.� </p><p>�Wovon redet ihr?�, rief Rhapsody und erschrak selbst am meisten �ber den schrillen Klang ihrer Stimme. </p><p>Achmed lie� das Schwert fallen, schlug beide H�nde vors Gesicht und murmelte Obsz�nit�ten auf Bolgisch vor sich hin. Merklich betroffen, zog sich Grunthor wieder ein St�ck zur�ck, t�tschelte ihr Bein und sagte: �Es ist das ber�hmte Schwert von der Insel, Gr�fin.�</p><p>�Von der Insel? Von Serendair? Bist du sicher?�</p><p>�Ja�, antwortete Achmed ungehalten. �Irrtum ausgeschlossen. Allerdings kann ich mir nicht erkl�ren, warum es brennt. Aber der Sternenglanz ist noch da, so auch die Runen auf dem Schaft. Kein Zweifel, es ist die Tagessternfanfare.�</p><p>�Und was hat das zu bedeuten ...�</p><p>�Wir sind wieder da, wo wir zu Anfang waren.</p><p>Rhapsody versuchte, das l�hmende Gef�hl der Verzweiflung aufzufangen, das sich im Stollen breit machte. Im Unterschied zu den Gef�hrten reagierte sie �bergl�cklich; ihr Herz machte einen Freudensprung. Sie waren zu Hause. Das ergab zwar keinen erkennbaren Sinn, doch irgendwie schienen sie von der urspr�nglich eingeschlagenen Richtung abgekommen und an den Ausgangspunkt ihrer Reise zur�ckgekehrt zu sein. Ihre Freude dar�ber war gr��er als der �rger, der sich in Anbetracht der nutzlos vergeudeten Zeit und all der erlittenen Strapazen einstellen mochte. Sie war wieder daheim. </p><p>�Wir m�ssen hier raus�, sagte sie. �So schnell wie m�glich.�</p><p>Achmed seufzte. �Wir kommen nicht weiter. Der Stollen ist zu eng.�</p><p>�Wie kommen wir denn dann raus?�, fragte Rhapsody entsetzt.</p><p>�Mit dem Schl�ssel, vermute ich.�</p><p>Ihr wurde kalt vor Angst. �Den haben wir nicht mehr, erinnere dich. Er ist verloren gegangen, als sich die Luke geschlossen hat.�</p><p>�Du l�sst dich ziemlich schnell ins Bockshorn jagen, nicht wahr?� Achmed hob die Hand, bewegte sie wie ein Taschenspieler und zauberte einen aus schwarzem Bein geschnitzten Schl�ssel zum Vorschein. </p><p>Rhapsody wurde aschfahl im Gesicht.</p><p>�Du Mistst�ck.� </p><p>Grunthor griff reaktionsschnell ein, um zu verhindern, dass sie mit der Faust �ber den Partner herfiel. Mit ungest�mer Wut versuchte sie sich aus dem Griff des Riesen loszurei�en. </p><p>�Mistst�ck, du. L�genmaul, Dreckskerl, <emphasis>Bankert!�</emphasis></p><p>�Du hast ja Recht, aber es gibt eigentlich keinen Grund, meine Mutter zu beleidigen.� Unbeeindruckt fuhr Achmed wieder mit der Hand �ber die Decke und lie� sich nicht st�ren von der Hitze, die von der hinter ihm im Tunnel w�tenden Wei�glut ausstrahlte. Mit den Fingerkuppen ertastete er den Riss im Stoff des Universums, eine d�nne metaphysische �ffnung, die sich unmittelbar �ber ihm auftat. Er steckte den Schl�ssel in die �ffnung, stie� aber auf festen Fels, worauf ein Klicken laut wurde, das durch den ganzen Tunnel hallte. Ansonsten tat sich nichts. Er versuchte es ein zweites Mal, wiederum ohne Erfolg. Ver�rgert lie� er sich auf den Boden zur�ckfallen und fluchte.</p><p>Rhapsodys Wut hatte sich gelegt. �Stimmt was nicht?�</p><p>�Es klappt nicht.� </p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Es klappt nicht�, wiederholte er leise. �Ich f�rchte, wir waren nicht die Einzigen, die im Feuer neu entstanden sind.� </p><p>Wieder f�hrte er seine Hand an der Decke entlang. Gleichzeitig entwickelte sich in seinem Kopf die Vorstellung, dass er durch den Fels fl�ge, durch Schicht um Schicht aus Erde, Ton, getrocknetem Gras und Schnee, bis es ihn schlie�lich unter den freien, taghellen Himmel hinauskatapultierte. Er schnappte nach Luft und dr�ckte die noch wunden Augen zu.</p><p>Rhapsody langte mit der Hand nach ihm. �Ist was nicht in Ordnung?�</p><p>Er sch�ttelte die Hand von sich ab. �Lass mich in Ruhe. Mir geht�s bestens � wenn man mal davon absieht, dass wir wieder an den Ausgangspunkt zur�ckgekehrt sind und vor dem einzigen Ausgang, den es hier gibt, in der Falle stecken. Die G�tter werden sich wahrscheinlich kringelig �ber uns lachen.� </p><p>�Wie weit isses noch bis zur Oberfl�che?�, wollte Grunthor wissen.</p><p>�Ich wei� nicht. Aber es sind bestimmt noch mehrere hundert Fu�.�</p><p>Um seinen verkrampften Muskeln Erleichterung zu verschaffen, reckte der Riese seine massige Gestalt und seufzte. �Wenn�s mehr nich ist. Platz da, bitte. Ich fang mal zu graben an.� </p><p>Rhapsody zog die Knie ein und warf einen Blick auf den Riesen zur�ck. �Hast du nicht geh�rt? Es sind noch mehrere hundert Fu�.�</p><p>�Ja, dann isses doch besser, wir machen uns sofort an die Arbeit. Oder hat die Gn�digste was Besseres zu tun? Komm, lass mich mal nach vorne durch.� Rhapsody staunte nicht schlecht, als sie ihn einen kleinen Spaten zum Vorschein bringen sah. Sie nahm ihr Schwert und r�ckte zur Seite.</p><p>�Wei�t du, was du tust, Grunthor?�, fragte sie nerv�s, als er an ihr vorbeikroch.</p><p>�Nein.� </p><p>Sie zwinkerte mit den Augen und warf einen Blick auf Achmed, der mit den Achseln zuckte. </p><p>�Verstehe�, sagte sie schlie�lich. �Man muss sich was einfallen lassen.�</p><p>Am Ende des Tunnels angekommen, packte Grunthor den kleinen Spaten mit beiden H�nden und rammte ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Es flogen Funken, doch ansonsten zeigte das Felsgestein kaum Wirkung. Als er ein zweites Mal zuhieb, flogen ein paar Steinsplitter.</p><p>Immer wieder hackte er auf den Fels ein und hatte schnell zu seinem Rhythmus gefunden, den er unerm�dlich beibehielt. Der Spaten wurde schartig, doch Grunthor lie� nicht nach. Rhapsody und Achmed hatten sich hinter ihm aufgereiht und r�umten den Schutt beiseite.</p><p>�Legen wir�s eigentlich darauf an, dass die Decke �ber uns zusammenbricht?�, fragte sie den Dhrakier, als der wieder einmal einen schweren Felsbrocken an sie weiter reichte. Sie musste ihre Stimme heben, um sich bei dem L�rm, den Grunthor veranstaltete, bemerkbar zu machen.</p><p>�Wohl kaum�, antwortete er. �Es sei denn, Grunthor st��t direkt nach oben vor. M�chtest du, dass ich ihn darum bitte?� </p><p>�Nein danke�, beeilte sie sich zu sagen. Achmeds Blick verhie� nichts Gutes, und sie war sich nicht schl�ssig, ob er seine Antwort sp�ttisch oder wom�glich gar ernst gemeint hatte.</p><p>Im Laufe der Stunden wurde den beiden Gef�hrten, die dem Fels brechenden Riesen St�ck f�r St�ck durch den Stollen folgten, einiges klar, so zum Beispiel die Tatsache, dass sich der Bolg durch nichts in der Welt w�rde aufhalten lassen. Ihre Bitten, dass er es doch zumindest ein bisschen langsamer angehen lassen m�ge, blieben ungeh�rt. Es war, als h�tte er die Erde selbst zu einem Kampf auf Leben oder Tod herausgefordert, und es sah nicht danach aus, dass er sich ihr jemals geschlagen geben w�rde. </p><p>Zum anderen dr�ngte sich der Eindruck auf, dass Grunthor nicht etwa besessen war, sondern �ber die Arbeit, die er leistete, selbst Teil der Erde wurde.</p><p>Er zielte unfehlbar auf die winzigen Risse und Fehler im Granit und lie� mit jedem Hieb gro�e Teile absplittern. Da war nicht eine Schwachstelle im Fels, die er nicht ersp�rt und wirkungsvoll ausgenutzt h�tte. </p><p>Rhapsody sah ihm mit bewunderndem L�cheln bei der Arbeit zu. <emphasis>Grunthor, stark und zuverl�ssig wie die Erde selbst,</emphasis> so hatte sie ihn in dem auf ihn gem�nzten Namenslied unter anderem genannt. Die Best�tigung ihrer Worte sah sie nun vor sich.</p><p>Und noch etwas wurde den beiden unmissverst�ndlich klar: Sie waren hier auf Gedeih und Verderb von Grunthors Kraft und Ausdauer abh�ngig. Hinter ihnen f�llte sich der Tunnel mit abgetragenen Gesteinsbrocken, der einen R�ckzug unm�glich machte.</p><p>Zu dieser Einsicht kamen sie auch ohne ausdr�cklichen Hinweis. Rhapsody warf einen Blick zur�ck und sah, dass Achmed in dieselbe Richtung starrte. Als sich ihre Blicke trafen, verzogen sich beider Mienen zu einem L�cheln, wie es wohl auch in den Gesichtern von Schiffbr�chigen geschrieben stand, die, an irgendeinem Schwimmk�rper festgeklammert, im Wasser trieben.</p><p>Nur einmal hielt Grunthor kurz inne, um seinen Griff am Spaten zu wechseln. Dann hackte er wieder drauf los und setzte dem Felsgestein mit unverminderter Wucht zu, dass die Brocken nur so flogen. Wie ein erfahrener Diamantenschleifer sah er auf den ersten Blick, auf welche Weise er den Fels zu bearbeiten hatte. Und er lernte noch dazu, bildete seine naturgegebenen F�higkeiten weiter aus. Er sah anscheinend nicht nur die Risse in der Wand vor seinen Augen, sondern auch die Verwerfungen dahinter. Mittlerweile waren die Brocken, die er aus dem Fels brach, so gro�, dass er sie in handlichere St�cke zertr�mmern musste, ansonsten h�tten Achmed und Rhapsody sie nicht mehr wegzur�umen vermocht.</p><p>Grunthor hatte alles bewusste Denken eingestellt und ging vollst�ndig in dem auf, was er tat. Er verlor allen Sinn f�r seine Umgebung, alle Hoffnung auf die Zukunft und alle Erinnerungen an die Vergangenheit. Es gab f�r ihn nur noch den Spaten und die Erdkruste, am Ende nur noch diese. Er f�hlte sie wie seinen eigenen K�rper. Vom ganzen Universum waren nur noch Fels und Lehm und Erde �brig geblieben, und er empfand sich als Teil davon.</p><p>Und pl�tzlich stie� er ins Leere.</p><p>Grunthor taumelte hinaus und konnte es selbst kaum fassen, unter freiem Himmel aufzutauchen. Frischer Wind schlug ihm ins Gesicht, brachte die Augen zum Tr�nen und machte ihn auf sonderbare Weise benommen. Ihm wurde ganz flau, zumal jetzt, da er abrupt zu arbeiten aufgeh�rt hatte und der Puls rapide abnahm. Er stolperte und st�rzte der L�nge nach zu Boden. Die Erde, mit der er soeben noch eins gewesen war, trat ihm wieder als kaltes, feindliches Element gegen�ber.</p><p>Auch Rhapsody und Achmed stiegen nun in die kalte Nacht auf. Die S�ngerin eilte herbei, sch�ttelte den Riesen bei den Schultern und rief: �Grunthor! Hast du was?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, was immer das bedeuten mochte. J�hlings aus der warmen, umh�llenden Erde gerissen und dem eisigen Wind an der Oberfl�che ausgesetzt zu sein war schlimmer als das Trauma der Geburt, schlimmer sogar als Todesschmerz. Grunthor raffte sich auf. Finger und Handfl�chen brannten im Schnee. </p><p>Erleichtert stie� Rhapsody einen Schwall Luft aus, als sie ihn aufstehen sah. Von der Sorge um den Freund entlastet, schaute sie sich nun um und traute ihren Augen kaum.</p><p>Ihr war, als w�re sie aus der Unterwelt ins Paradies aufgestiegen. Der abnehmende Mond leuchtete auf eine m�rchenhafte Waldlichtung in winterlicher Nacht. Lachend wandte sie sich Achmed zu, der nach ihr aus dem Loch gekrochen war, sank dann schluchzend auf den Boden und w�lzte sich kichernd und weinend im Schnee. </p><p>Achmed half Grunthor aufzustehen. Anschlie�end ging er an den Rand der Lichtung und sah sich um. Sein Partner starrte aus seinen bernsteinfarbenen Augen und mit unger�hrter Miene vor sich hin; es dauerte eine Weile, bis er wieder zu sich kam.</p><p>Die junge Frau, die sie als Geisel mitgef�hrt und die sich schlie�lich als �beraus hilfreich erwiesen hatte, lachte wie eine Wahnsinnige und w�hlte sich ausgelassen durch den Schnee.</p><p>Saurer Magensaft stieg in ihm auf. Wenn sie zur�ckgekehrt und sich nun wieder in Serendair befanden, hatte er sein Geburtsrecht eingeb��t. Anstatt Millionen Herzschl�ge im Wind zu h�ren, das, woran er sein ganzes bisheriges Leben gew�hnt war, blieb es sonderbar still um ihn herum. Wahrnehmen konnte er nur Grunthors langsamen Puls und den beschleunigten von Rhapsody. Es schien, als lebten nur noch sie, die drei, auf der Welt und sonst niemand.</p><p>Rhapsody, die immer noch von anfallartigem Gel�chter unter Tr�nen gesch�ttelt wurde, schnappte keuchend nach Luft. Achmed schaute sich um, ging dann auf die �berdrehte S�ngerin zu und zerrte sie gewaltsam auf die Beine. Der Ausdruck der Ekstase verschwand von ihrem Gesicht und machte benommener Verwunderung Platz.</p><p>�Es w�re sch�n, wenn du dich langsam wieder einkriegen w�rdest�, fauchte er sie an.</p><p>Sie riss sich von seiner harten Hand los, bedachte ihn mit w�tender Miene und hob den Blick unters Laubdach des Waldes. Ihr Zorn war schnell verflogen, als sie durch eine L�cke in den Wipfeln zu den Sternen aufblickte. Sie wollte gerade auf den Rand der Lichtung zugehen, doch Achmed hielt sie mit grober Hand zur�ck. </p><p>�Hier geblieben.� </p><p>�R�hr mich nicht an!�, zischte sie und versuchte, sich loszurei�en.</p><p>Er aber hielt sie fest. �Nicht, dass du wegl�ufst, ehe wir gekl�rt haben, wie�s weitergehen soll. Wir wissen noch nicht, wo genau wir sind und wer hier lebt.�</p><p>Rhapsody musste ihm im Stillen Recht geben und beruhigte sich. �Keine Sorge, ich lauf nicht weg�, sagte sie. �Ich will nur die Sterne sehen. Und versuch nur ja nicht, mich aufzuhalten.� </p><p>Achmed musterte ihr Gesicht. Es wirkte hier, in dunkler Nachtluft, anders als damals vor langer, langer Zeit im Schatten des lirinschen Urwaldes. Nicht nur, dass es seit dem Gang durchs Feuer vollkommen in seiner Sch�nheit war, es strahlte nunmehr auch etwas ganz Besonderes aus, etwas, das er so noch nie gesehen oder erfahren hatte, geschweige denn in Worte fassen konnte.</p><p>Rhapsody wartete, bis Achmed abgezogen war, und sch�ttelte dann den Kopf, wie um sich von dem verworrenen Knotengeflecht zu befreien, das der schreckliche Treck entlang der Wurzel gekn�pft hatte. �ber ihr glitzerten die Sterne wie die versprengten Bruchst�cke der Himmelsseele. Sie bemerkte gar nicht, dass ihr Tr�nen in die Augen traten und, unvergossen, auf den Lidern stehen blieben. Langsam, wie in einem Traum, zog sie das uralte Schwert, das sie im Innern der Erde gefunden hatte. Flammen z�ngelten �ber den gl�henden Stahl, strahlten aber keine Hitze aus, jedenfalls nicht bis zum Heft. Der Griff, den sie umschlungen hielt, blieb k�hl und trocken. Dann, wie von einer Stimme gelenkt, die nur ihre H�nde h�rten, hob sie das Schwert in die H�he.</p><p>Es war nicht etwa, dass die Flammen den Blick auf die Sterne beeintr�chtigt h�tten; im Gegenteil, die Sterne schienen noch heller zu leuchten, was aber vielleicht am Schleier der Tr�nen in ihren Augen lag. Rhapsody �ffnete den Mund, doch es kam kein Ton daraus hervor. Sie schluckte und versuchte den Schmerz zu unterdr�cken, der aus dem Innern aufstieg. Dann gab sie sich einen Ruck und sang die Abendsternvesper, das Lied des Sterns Seren, der der Insel ihrer Geburt seinen Namen gegeben hatte. Getragen vom Wind, der die Wolkenschiffe von Stern zu Stern blies, stieg die s��e Melodie zum Himmel empor. </p><p>Fernab im S�den, inmitten eines anderen Waldes, erwachte eine Frau aus ihrem Schlaf, geweckt von einer Schwingung, die ihr viele Jahre lang verborgen geblieben war. <emphasis>Das Schwert ist zur�ckgekehrt</emphasis>, dachte sie. Doch da lag noch viel mehr in der Luft. Es war eine Sehnsucht, die sie nicht verstand, aber so schon fr�her empfunden zu haben glaubte, eine Wehmut am �u�ersten Rand ihrer Erinnerung. Dieses Gef�hl streifte sie wie ein Schatten das Gesicht des Mondes und war auch schon wieder verschwunden. Ein Anflug von Skepsis zeigte sich im Gesicht der uralten Lirin.</p><p>Grunthor stand noch immer vor dem Ausstieg und starrte in den Tunnel zur�ck. Er war nicht ganz bei sich, sp�rte aber eine innige Verbindung zum Erdreich unter seinen F��en.</p><p>Jede Faser seines K�rpers brannte, jeder Muskel schmerzte vor M�digkeit, die er so bleiern noch nie empfunden hatte, nicht einmal w�hrend der mit Achmed gemeinsam ergriffenen Flucht aus der Hand des D�mons. Er sch�ttelte seine Glieder. Vor dem Einschlafen hatte er noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen. </p><p>Grunthor schloss die Augen und lehnte sich �ber den Rand des Ausstiegs. Liebevoll und aufmerksam fuhr er mit der Hand �ber dessen Umrisse, so wie er die von ihm behauene Tunnelwand ertastet hatte. Schon bald waren die gesuchten Schwachstellen im Gestein gefunden. Mit festem Entschluss holte er aus und schlug zu. Der Fels zersprang, st�rzte in sich zusammen und versch�ttete den Schacht mit einer Lawine aus Schutt und Schnee. Der Riese sank auf die Knie.</p><p>�Da ist kein Durchkommen mehr�, t�nte Achmeds Stimme aus dem Hintergrund.</p><p>Grunthor hob den m�den Kopf, drehte sich um und grinste. �Dass das geschehn musste, war uns von Anfang an klar�, sagte er. �Wir wussten auch, dass es kein Zur�ck f�r uns geben w�rde.� </p><p>Achmed lachte freudlos. �Zur�ck? Wir sind doch keinen Schritt vorangekommen.�</p><p>Grunthor legte den Kopf auf die Schneedecke und lauschte dem beruhigenden Herzschlag der Erde. </p><p>�Ach was�, murmelte er. �Wir ham einen weiten Weg zur�ckgelegt und sind hier auf der anderen Seite der Welt.� Dann hatte er seiner Ersch�pfung nichts mehr entgegenzusetzen und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf, der ihm das aus seiner Verbindung mit der Erde gesch�pfte Wissen um das Land nahe brachte. </p><p>Es dauerte nicht lange und Achmed fand die Worte des Riesen best�tigt. Er vernahm ein Schluchzen vom Rand der Lichtung her. Rhapsody hatte die Sterne gesehen. Sie wusste nun Bescheid.</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Kurz bevor der Morgen graute, frischte der Wind auf und blies feine Eiskristalle �ber Rhapsodys Gesicht. </p><p>Aus dem Schlaf geschreckt, fuhr sie hoch und erkannte, dass das, was sie getr�umt zu haben glaubte, der Wirklichkeit entsprach. �ber Nacht war es bitterkalt geworden. Die Sterne verblassten am inzwischen wolkenlosen Himmel, str�ubten sich aber noch davor abzutreten. Der Tag r�ckte n�her und malte einen violetten Streifen an den Horizont.</p><p>Die grobe Decke, die ihr w�hrend der Ruhepausen auf der Wurzel noch Schutz vor der K�lte geboten hatte, war unter freiem Himmel kaum mehr von Nutzen, so kalt war es. Grunthor, an dessen Seite Rhapsody geschlafen hatte, lag immer noch wie besinnungslos da. Sie hatten ihr Lager zwischen dichten Brombeerstr�uchern aufgeschlagen. Zwei Schritt entfernt brannte ein kleines Feuer, �ber dem ein aufgespie�tes Kaninchen brutzelte.</p><p>Achmed sa� unter den kahlen Zweigen einer Forsythie und betrachtete die junge S�ngerin. Er nickte ihr zu, als sie die Decke zur Seite schlug. Unwillk�rlich reagierte sie mit einem L�cheln. Dann wandte sie sich mit pr�fendem Blick dem leise schnarchenden Berg an ihrer Seite zu. Grunthor schien seine heldenhafte Leistung gut verkraftet zu haben.</p><p>�Mit ihm ist alles in Ordnung�, sagte Achmed �ber das Feuer hinweg.</p><p>�Sch�n�, antwortete sie und erhob sich. Ihre Beine waren �ber Nacht ganz steif geworden und lie�en sie daran denken, dass sie gar nicht wusste, wie alt sie mittlerweile war. �Entschuldige mich f�r einen Moment.� </p><p>Dankbar daf�r, endlich wieder Himmelsrichtungen unterscheiden zu k�nnen, ging sie nach Osten, wo sie bald eine Stelle erreichte, die ihr einen guten Ausblick auf die aufgehende Sonne zu bieten versprach. </p><p>Wie schon in der Nacht, als sie das Schwert gezogen hatte, wunderte sie sich wieder dar�ber, dass das Heft k�hl blieb, obwohl von der Klinge Flammen aufloderten, die heller brannten als das Lagerfeuer. Zarte Violett- und Rosent�ne spielten darin und gaben ihnen die Farbe des Sonnenaufgangs. Rhapsody konnte sich nicht satt sehen an der wundersch�nen Waffe und sp�rte seine W�rme im Gesicht. <emphasis>Tagessternfanfare,</emphasis> so hatte Achmed sie genannt � nach der Fanfare also, die ihr zur Begr��ung des Tages erschallte. Sie hob das Schwert in die Luft, schloss die Augen und stimmte ihr Morgenlied an, die Aubade, womit die Sippe ihrer Mutter den Sternen der Nacht Lebwohl sagte und den Tag begr��te. Um die anderen nicht auf sich aufmerksam zu machen, sang sie ganz leise.</p><p>Allm�hlich ordneten sich ihre Gedanken. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie die gl�hende Waffe �ber sich schweben sehen und ihr Lied h�ren, das sich, wie sie �berrascht feststellte, klanglich und im Tempo auf ihren Gesang einstellte. Pl�tzlich �berkam sie ein Gef�hl von Macht, wie sie es noch nie empfunden hatte, so stark, dass sie in Panik geriet und das Schwert fallen lie�.</p><p>Rhapsody �ffnete die Augen, schnappte nach Luft und hob die Waffe wieder auf. Der Schnee, in den sie gefallen war, hatte ihrem Feuer nichts anhaben k�nnen. Es schien sogar noch heller zu leuchten, als sie das Heft wieder in der Hand hielt. Erschauernd steckte sie die Klinge schnell in die Scheide und kehrte zum Lager zur�ck, wo Grunthor gerade aus dem Schlaf erwachte.</p><p>Achmed hatte Rhapsody genau im Blick. Sie stand in der Lichtung auf einer kleinen Anh�he und schaute nach Osten. Als die ersten Sonnenstrahlen �ber den Horizont fielen, leuchtete ihr Haar so strahlend auf wie einen Augenblick sp�ter die Sonne selbst.</p><p>Das gl�nzende Gold ihrer Haare kr�nte das im fr�hen Morgenlicht rosige Gesicht und lie� die smaragdgr�nen Augen funkeln. Von ihr gingen Schwingungen aus, wie er sie noch nie erlebt hatte, Strahlungen von einer Reinheit und Intensit�t wie das Feuer, durch das sie gegangen war. Allem Anschein nach hatte sie bei diesem Gang einen Teil davon in sich aufgenommen und sich durch ihr Lied zu Eigen gemacht, sodass die zwingende Kraft der Flammen nun in ihr weiterbrannte. Sie war faszinierend, von hypnotischer Wirkung. Bar aller Unvollkommenheiten war sie in ihrer �u�eren Erscheinung unvergleichlich sch�n. Achmed war begeistert � wie immer, wenn es um die M�glichkeit ging, von der Macht anderer zu profitieren oder sie zu beschneiden.</p><p>Nach Abschluss ihrer Morgenandacht kehrte sie zur�ck und beugte sich �ber Grunthor, der seine offenbar schmerzenden Glieder reckte und wach zu werden versuchte. Rhapsody legte ihre Hand auf seine Schulter und sang ihm leise ins Ohr.</p><p><emphasis>Wach auf, kleiner Mann,</emphasis></p><p><emphasis>die Sonne lacht,</emphasis></p><p><emphasis>der Tag will mit dir spielen</emphasis>.</p><p>Grunthor hatte die Augen noch geschlossen. Als er das serensche Kinderlied h�rte, ging ein breites Grinsen �ber sein Gesicht. Er rieb sich die verklebten Augenlider mit Daumen und Zeigefinger und richtete sich �chzend auf.</p><p>�Ich rieche Fr�hst�ck�, sagte er und legte einen Arm um Rhapsody.</p><p>�Ich hoffe, du meinst das Karnickel�, antwortete Rhapsody mit Blick auf das Feuer.</p><p>�Nat�rlich.� </p><p>�Bei dir wei� man nie. Wie f�hlst du dich heute?�</p><p>�Ganz und gar obenauf�, sagte er lachend. �Und hier oben geht�s einem doch wirklich besser als unten im Bauch der Erde.� Er sah sie aus gro�en Augen an. �Gr�fin, hast du irgendwas mit deinen Haaren angestellt?� </p><p>Rhapsody lachte. �Ja. Ich habe sie mit Dreck behandelt und seit Ewigkeiten nicht geb�rstet. Gef�llt�s dir so?� Sie zupfte an einer langen Str�hne und setzte ein kokettes L�cheln auf. </p><p>�Allerdings. Dreck steht dir gut. Vielleicht war das ein Tipp f�r andere Frauen.�</p><p>Sie gab ihm einen freundschaftlichen Knuff und wandte sich dem Kaninchenbraten zu. Als sie n�her ans Feuer trat, flammte die Glut wieder auf und f�rbte die Kruste des Bratens schwarz.</p><p>�Ich glaube, der ist durch, Achmed. Wenn wir ihn jetzt nicht runternehmen, wird er gleich verkohlt sein. Grunthor, kann ich kurz deinen Fr�ntmacher haben?� Der Riese langte nach der Pike und reichte sie ihr. Rhapsody z�gerte nicht lange und holte den Spie�braten damit aus dem Feuer, wobei sie mit den Flammen in Ber�hrung kam.</p><p>Grunthor stie� einen Pfiff aus. �Alle Achtung.�</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Wie geht�s deinem Arm?�, fragte Achmed.</p><p>Rhapsody war sichtlich irritiert. �Gut. Warum fragst du?�</p><p>�Nach dem, was du gerade getan hast, sollte man meinen, dass dein Arm jetzt �bel verbrannt w�re.� </p><p>Rhapsody zuckte mit den Achseln. �So hei� sind die Flammen nicht. Ich war ihnen doch nur ganz kurz ausgesetzt. Sei�s drum. Willst du auch was davon? Grunthor hat Hunger, und ich will, dass er wieder zu Kr�ften kommt.� </p><p>Achmed zog das Kaninchen vom Spie�, riss es in zwei H�lften, gab Grunthor die eine und teilte die andere mit Rhapsody. </p><p>Schweigend sa�en sie beieinander und a�en. Die M�nner sahen staunend zu, wie die S�ngerin ihre Portion vertilgte. So lange sie sie kannten, hatte Rhapsody nur ganz selten Fleisch gegessen. Offenbar hatte sie nach der langen, d�rftigen Wurzeldi�t nun zur Abwechslung Appetit auf etwas Deftigeres. Als die drei zu Ende gegessen und ihre Sachen zusammengepackt hatten, warf Achmed Schnee aufs Feuer. Rhapsody sah sich um und schulterte ihr Gep�ck. �Was ist geplant?�</p><p>Achmed blickte aus der Hocke zu ihr auf und kniff die Brauen zusammen. �Du scheinst doch zu wissen, wohin du willst.� </p><p>�Ich wei� nur, dass ich nicht hier bleiben will. Zuerst werde ich mich neu orientieren m�ssen und mich dann zur n�chsten Hafenstadt durchzuschlagen versuchen.� </p><p>�Willst du zur�ck?� </p><p>�Nat�rlich. H�tte ich damals die Wahl gehabt, w�re ich gar nicht erst aufgebrochen�, antwortete sie mit anscheinend gelassener Miene, doch das nerv�se Muskelzucken am Kiefer blieb den beiden Gef�hrten nicht verborgen. Die lange Reise �ber die Wurzel hatte ihnen jegliches Gef�hl f�r Zeit abhanden kommen lassen. Es schien ihnen fast, als w�re ein ganzes Jahrhundert verstrichen, was aber angesichts ihres nach wie vor jugendlichen Aussehens nat�rlich nicht sein konnte.</p><p>Dass ihre Freunde und Angeh�rigen inzwischen verstorben sein k�nnten, war zwar eine reale M�glichkeit, mit der Rhapsody rechnete, doch hatte sie jeden Gedanken daran w�hrend des endlos langen Trecks aus ihrem Kopf verbannt. Es w�re ihr sonst wahrscheinlich unm�glich gewesen, den Weg zu Ende zu bringen. </p><p>�Also dann�, sagte Achmed. �Grunthor und ich werden dich bis zur n�chsten gr��eren Stadt begleiten. Das sind wir dir schuldig. Dort kannst du dann entscheiden, ob du allein weiterziehen willst oder nicht.� </p><p>�Danke�, sagte Rhapsody. �Das beruhigt mich, denn in eurer Begleitung kann ich mich sicher f�hlen.� </p><p>�Wenn du mit uns reist, musst du allerdings ein paar Regeln beachten. Bolg sind im Allgemeinen vorsichtiger als vorsichtig, verstehst du?� Rhapsody nickte. �Fangen wir bei der Sprache an. Wir werden uns ausschlie�lich auf Bolgisch verst�ndigen. Das d�rfte dir mittlerweile keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Serendair hatte einige gro�e Seeh�fen, und die Sprache, die von Menschen und Lirin gesprochen wurde, war mit Sicherheit auch die Verkehrssprache unter Seefahrern. Au�er den Bolg aber spricht niemand Bolgisch.�</p><p>�Wohlan�, sagte Rhapsody in der Sprache der Bolg. Grunthor lachte.</p><p>�Du hast ihm gerade quittiert, dass er gute Arbeit geleistet hat�, meinte Achmed.</p><p>Rhapsody zuckte mit den Achseln. �Es wird halt noch eine Weile dauern, bis ich auch die Feinheiten beherrsche. So ist es mit den meisten Sprachen. Die Grundlagen sind schnell gelernt. Erst dann wird�s kompliziert.�</p><p>�Nun, das w�re also geregelt. Kommen wir zum n�chsten Punkt. Wir wissen noch nicht, wo wir sind und wer in dieser Gegend zu Hause ist. Wie es scheint, ist davon auszugehen, dass wir von der Hauptwurzel der Sagia abgekommen sind. Und das ist vielleicht gut so, denn wir wissen ja, dass die Sagia bewacht wurde. Wir k�nnen uns wohl auch darauf verlassen, dass die Gegend hier bewohnt ist. Wir sollten den Anwohnern f�rs Erste aus dem Weg gehen, gleichzeitig aber m�glichst viel �ber sie und das Land zu erfahren versuchen.�</p><p>�Einverstanden�, sagte Rhapsody. Grunthor nickte.</p><p>�Falls wir doch auf Leute treffen, sollten wir uns m�glichst bedeckt halten und untereinander abstimmen, was wir denen an Informationen anvertrauen k�nnen. So gehen wir auf Nummer Sicher.� </p><p>Die S�ngerin pflichtete ihm kopfnickend bei. �Oh, und noch etwas: Rhapsody, ich schlage vor, du h�ltst dein Schwert versteckt und ziehst es nur, wenn�s unbedingt n�tig ist. Sieh auf alle F�lle zu, dass es niemand zu Gesicht bekommt. Von dieser Waffe geht enorm viel Energie aus. Ich habe keine Ahnung, wie es hierhin gelangt ist, auf die andere Seite der Welt, zwischen Felsen tief unter der Erde eingekeilt. Wie auch immer, ich f�rchte, es hat nichts Gutes zu bedeuten.�</p><p>�Alles klar. K�nnen wir jetzt gehen? Je eher wir auf eine Stra�e sto�en, desto schneller werden wir einen Hafen erreichen.� Rhapsody trat ungeduldig auf der Stelle.</p><p>Achmed und Grunthor sahen einander an. Sie hatten Zeit in H�lle und F�lle. Ein angenehmes Gef�hl. Nach einer Stunde strammen Marsches fing Rhapsody zu frieren an. Zur Zeit ihres Aufbruchs von Ostend war es Sommer gewesen, und sie hatte sich entsprechend angezogen. Die Lumpen, die sie trug, waren abgewetzt und voller L�cher und h�tten auch in ihrem besten Zustand gegen das hier herrschende Winterwetter nichts auszurichten vermocht.</p><p>Rhapsody hatte gehofft, sich mit schnellen Schritten warm halten zu k�nnen. Doch der durch den Wald fegende Wind war bitterkalt und setzte ihr noch mehr zu als die klamme Luft im Tunnel. Bei aller Feuchtigkeit war es im Herzen der Erde wenigstens �ber weite Strecken warm gewesen. Hier, an der Oberfl�che, machte ihr die K�lte schwer zu schaffen. </p><p>�He, Herzchen, Augenblick mal�, rief Grunthor.</p><p>Er schnallte die beiden Wolldecken vom B�ndel, die er sonst nur f�r das Nachtlager hervorholte, zog dann seine Lucy und schnitt mit der scharfen Klinge in jede Decke ein Loch hinein. Eine warf er Achmed zu, der den Kopf durch das Loch steckte und die Decke wie einen Umhang �ber die Schultern streifte. Die andere Decke gab er Rhapsody, nachdem er das Schwert in die Scheide zur�ckgesteckt hatte. </p><p>Grunthor grinste, als er die S�ngerin neu ausstaffiert vor sich sah. Die Decke war ihr viel zu gro� und hing bis auf die Kn�chel herab.</p><p>�Ich hoffe, du wirst darin nicht k�mpfen m�ssen�, sagte Achmed am�siert.</p><p>�Das hoffe ich auch�, erwiderte sie. �Mit meinem Schwert w�rde ich mich wom�glich noch in Brand setzen.� </p><p>�Aber immerhin wirst du so nicht mehr frieren, oder?�, sagte Grunthor im Weitergehen.</p><p>Die Schneedecke war unterschiedlich dick, doch Achmed schien genau ausmachen zu k�nnen, welche Strecke gut begehbar war und wo es Verwehungen gab, um die es einen Bogen zu schlagen galt. Man h�tte meinen k�nnen, er folgte einer im Geiste vorgestellten Landkarte.</p><p>Auch Grunthor schien ein ganz nat�rliches Verst�ndnis f�r die Landschaft zu besitzen. Er wusste, wo sich unter der Schneedecke t�ckische Hindernisse oder scharfkantige Felsbrocken verbargen. Hin und wieder machte er Achmed auf solche Stellen aufmerksam, der dann sofort reagierte und einen anderen Kurs einschlug. Rhapsody konnte kaum glauben, dass die beiden M�nner fremd in dieser Gegend waren, so sicher bewegten sie sich.</p><p>Am fr�hen Nachmittag lie� das Licht merklich nach. Rhapsody hatte davon geh�rt, dass es in den s�dlichsten Teilen der Insel von Serendair w�hrend der Winterzeit erst verh�ltnism��ig sp�t hell und schon recht fr�h wieder dunkel wurde. Als Kind hatte sie von ihrem Gro�vater einmal erz�hlt bekommen, dass auf den kleinen, noch weiter s�dlich gelegenen Inseln die N�chte sogar noch l�nger andauerten, und sie fragte sich jetzt, ob sie wom�glich irgendwo tief im S�den gelandet w�ren, wo die Wintern�chte endlos schienen, aber im Sommer die Sonne gar nicht mehr untergehen mochte. Sie wollte gerade den anderen ihre �berlegung mitteilen, als Grunthor eine abrupte Kurs�nderung gen Osten empfahl, wo sie bald auf eine schmale, in nord-s�dliche Richtung verlaufende Stra�e gelangten. Dass es sie schon sehr lange gab, lie�en die gro�en Eichen und Eschen vermuten, die diese Stra�e s�umten und mit einem Gew�lbe aus �sten und Zweigen �berspannten, dass man den Eindruck haben konnte, eine hohe, uralte Kathedrale zu betreten. Die Stra�e wurde allem Anschein nach instand gehalten; die Spurrillen der Karrenr�der waren an der festen Oberfl�che nur im Ansatz zu erkennen. Der Schnee war festgefahren und zu Eis verdichtet, was auf durchaus regen Verkehr hindeutete. </p><p>�Tja, wie�s aussieht, sind wir hier nicht allein�, sagte Achmed. Rhapsody versp�rte einen Anflug von freudiger Erregung bei dem Gedanken, dass dieser Fuhrweg wahrscheinlich in eine Stadt, wenn nicht sogar an einen Seehafen f�hrte. Jedenfalls w�rde sie dort ihrem Ziel ein gro�es St�ck n�her kommen. Doch ihre Freude war schnell getr�bt, als ihr bewusst wurde, dass sich auf dieser Stra�e vielleicht auch feindlich gesinnte Leute bewegten und dass sie wom�glich noch tausende von Meilen vom Meer entfernt war. Trotzdem fasste sie neuen Mut. Irgendwie und irgendwann w�rde sie es schaffen, nach Serendair zur�ckzukehren. </p><p>Sie marschierten schon etliche Stunden �ber den ausgebauten Fuhrweg, als Achmed pl�tzlich anhielt. </p><p>�Was ist?�, fragte Rhapsody, nur um gleich darauf mit einer schroffen Handbewegung zum Schweigen gebracht zu werden.</p><p>Er hatte etwas vernommen, ein Ger�usch, das au�erhalb seiner H�rweite war. Spontan tauchte vor seinem geistigen Auge ein Bild des Ortes auf, an dem sie sich befanden; gleich darauf setzte sich die Szene in Bewegung. Sein zweites Gesicht raste mit unglaublicher Geschwindigkeit die Stra�e entlang. Die B�ume flogen als Schatten vorbei, und in den Kurven drohte er das Gleichgewicht zu verlieren, so schnell war er unterwegs. </p><p>Er hatte sich schon immer auf einen au�ergew�hnlich scharfen Orientierungssinn verlassen k�nnen; zuletzt war der ihm in den Tiefen der Erde von Nutzen gewesen. Dass ihnen ausgerechnet dort, auf der anderen Seite der Welt, die Tagessternfanfare aus Serendair in die H�nde gefallen war, war etwas, das es f�r ihn noch zu entr�tseln galt. Doch jetzt, da er den Feuerkern hinter sich gelassen hatte, bereitete ihm schon die Suche nach dem richtigen Weg heftige Schwindelanf�lle. Grunthor streckte die Hand aus und legte sie auf seine Schulter, um ihn zu st�tzen.</p><p>�Alles in Ordnung, Kumpel?� Achmed nickte, beugte sich, die H�nde auf die Knie gest�tzt, vorn�ber und lie� den Kopf h�ngen. �Isses wieder wie damals auf der Wurzel?�, wollte Grunthor wissen. Wieder nickte Achmed. �Da kommt eine Viehherde auf uns zu, und ein St�ck weiter unten ist eine mit Stroh gedeckte H�tte zu erkennen. Dahinter zweigt die Stra�e ab. Leider reicht mein Blick nicht weiter. Trotzdem, die F�higkeit, mit der ich offenbar seit kurzem gesegnet bin, k�nnte sich noch als n�tzlich erweisen. Ist aber ziemlich gew�hnungsbed�rftig.�</p><p>Tats�chlich war jetzt in der Ferne ein Geschrei von Tieren zu vernehmen. Die drei Gef�hrten starrten auf den Horizont. Grunthor winkte den beiden anderen zu und f�hrte sie hinter eine Schneebank, die Deckung bot, ohne ihnen die Sicht zu nehmen. Sie duckten sich und warteten.</p><p>Achmed nahm seine Cwellan von der Schulter und hielt sie in Bereitschaft. Mit seinem zweiten Gesicht hatte er einen kleinen Jungen bei den Tieren gesehen, und er versuchte nun, seinen eigenen Herzschlag auf den des Jungen auszurichten, doch seine Suche ging wie ein verschossener Pfeil in die Irre. F�r einen Moment verdunkelte sich die Welt in seiner Vorstellung. Er hatte, wie schon bef�rchtet, seine Blutsbande eingeb��t.</p><p>Dass ihm diese Gabe abhanden gekommen war, traf ihn wie ein schwerer Schlag. Zwar war er nach wie vor in der Lage, das rhythmische Pulsieren der Welt zu ersp�ren und mit seiner Waffe die fernsten Ziele zu treffen, doch hatten diese F�higkeiten merklich nachgelassen. </p><p>Wo er sonst fr�her das bet�ubende Durcheinander tausender von Herzschl�gen vernommen hatte, war es nun verh�ltnism��ig still, abgesehen von Grunthors heftig stampfendem Puls und dem langsamen, ruhigen Rhythmus der S�ngerin. Die einzigartige F�higkeit aber, den Herzschlag seiner Beute aufzusp�ren, hatte er als Preis f�r die neu gewonnene Freiheit abtreten m�ssen. Dieser Verlust war ihm allerdings schlimmer als der Verlust der Sehkraft und in seinen Konsequenzen so schrecklich, dass ihm bei dem Gedanken daran ganz �bel wurde.</p><p>Die Herde kam nun in Sicht. Sie bestand aus st�mmigem, zotteligem Hornvieh, das wie ein donnerndes Ungewitter �ber der Stra�e heraufzog.</p><p>Ein junger Bursche trieb die Tiere mit einem langen, biegsamen Stecken an. Er war, wie es schien, 14 oder 15 Jahre alt und trug die einfache Kleidung eines serenschen Bauernjungen. Er pfiff eine Melodie, die Rhapsody noch nie geh�rt hatte. An seiner Seite lief ein H�tehund mit schwarz-wei�em Fell, der dem von ihrem Vater vor vielen Jahren gehaltenen Hund verbl�ffend �hnlich sah. An Grunthor gewandt, deutete sie mit einer knappen Geste auf den Burschen, doch der Riese sch�ttelte den Kopf. Dann schaute sie wieder zur�ck auf den Jungen und seine Herde, bis sie au�er Sicht waren. </p><p>Als sie den Blick schlie�lich auf Achmed richtete, entdeckte sie in dem teilweise verh�llten Gesicht einen Ausdruck, der ihr Angst machte. �Was ist los mit dir?�</p><p>Der Dhrakier schwieg. Grunthor aber schien die Antwort zu kennen. Die beiden Firbolg hatten dar�ber gesprochen, dass der Fortgang von der Insel wahrscheinlich nicht ohne Folgen f�r Achmed bleiben w�rde. </p><p>Als der Bruder und Erstgeborene seines Volks auf der Insel war seine Gabe untrennbar mit eben diesem Eiland verbunden gewesen. <emphasis>Kind des Blutes,</emphasis> hatte der dhrakische Weise gesagt, <emphasis>Bruder aller, mit niemandem verwandt</emphasis>. Grunthor sah seinem Gef�hrten an, dass sich dessen Bef�rchtungen bewahrheitet hatten. Das Band war zerrissen, die Blutsbande verloren. Er war niemandes Bruder mehr. Grunthor legte ihm eine Hand auf die Schulter, doch Achmed sch�ttelte sie ab, trat hinter der Schneew�chte hervor und kehrte auf die Stra�e zur�ck.</p><p>Gemeinsam setzten sie den Weg fort und wanderten dem Bauernhof entgegen, den Achmed in seiner Vision gesehen hatte: eine einfache H�tte samt Stall und mit einem kleinen, dem Wald abgetrotzten Garten. </p><p>Der Stall f�r das Vieh war nicht viel mehr als ein �berdachter Verhau; die Wohnh�tte dagegen schien sehr viel solider gebaut zu sein.</p><p>�ber der Eingangst�r prangte ein Sechseck, ein Symbol, das Rhapsody vertraut war. Falls es hier die gleiche Bedeutung hatte wie in Serendair, wollte man mit ihm Feuer und Krankheit vom Haus fern halten. Fl�sternd gab sie den beiden Begleitern dar�ber Auskunft. Sie hatten sich wieder versteckt und beobachteten das Anwesen. </p><p>Als sich der Junge mit der Herde n�herte, trat ein Mann vors Haus und gr��te ihn in einer fremden Sprache. W�hrend die beiden � Vater und Sohn, wie es schien � das Vieh in den Stall trieben, f�hrten sie ein launiges Gespr�ch miteinander und verzogen sich schlie�lich in die H�tte.</p><p>Rhapsody holte tief Luft. �Hat einer von euch ein Wort verstanden?�, fragte sie.</p><p>�Nein, aber manches klang mir irgendwie vertraut�, antwortete Achmed. Grunthor zuckte nur mit den Achseln. �Hast du etwas verstanden?�</p><p>�Nein�, sagte Rhapsody. �Ich wei� nicht, wie ich�s erkl�ren soll, aber diese Sprache hat irgendwie den gleichen Zungenschlag wie meine, auch wenn die Rhythmen und Wortmuster ein bisschen anders sind.� </p><p>Grunthor gluckste. �Vielleicht sprechen alle Menschen so�, sagte er.</p><p>�Vielleicht. Was soll ich jetzt tun? Soll ich an die T�r klopfen und um Unterkunft bitten?� </p><p>Die beiden Firbolg lachten gleichzeitig auf.</p><p>�Wohl kaum, Gn�digste.� </p><p>�Und was ist an dem Vorschlag so l�cherlich?�</p><p>Achmed seufzte. �Nach unserer Erfahrung werden Firbolg, wenn sie irgendwo an einer Haust�r klopfen, nicht gerade freundlich empfangen. In deinem Fall mag das anders sein. Du w�rdest wahrscheinlich sogar ein Bett f�r die Nacht bekommen � das du dann allerdings mit jemandem teilen m�sstest, wenn du verstehst, was ich meine.� Achmed grinste, wohl nicht zuletzt auch �ber Rhapsodys ver�rgerte Miene. �Aber das bleibt nat�rlich dir �berlassen. Ich wei� nicht, wie wichtig dir ein warmes Bett ist.� </p><p>�Ich kann sehr gut darauf verzichten. Was schlagt ihr stattdessen vor?�</p><p>�Tja�, hob Grunthor an, �ein St�ck weiter n�rdlich gibt�s etliche solcher H�fe. Wenn wir nach S�den gehn, kommen wir bald in eine Art Dorf. Klein, aber ansehnlich. Die Stra�e f�hrt noch weit dar�ber hinaus. Aber ich sag euch was. Im S�dosten, ungef�hr �ne halbe Meile von hier entfernt, g�b�s ein h�bsches Versteck f�r uns: ein netter kleiner Graben, �ber den ein Baum gefallen ist. Wenn wir noch ein paar Zweige dar�ber legen, ham wir da �n gem�tliches Nest, in dem wir auch ein Feuer machen k�nnten.� </p><p>Achmed und Rhapsody starrten ihn fassungslos an. �Woher wei�t du das alles so genau?�, fragte Achmed schlie�lich. </p><p>�Keine Ahnung. Ich wei� es eben. Ich f�hl es.�</p><p>�Verstehe. Dann wollen wir doch mal sehen, ob dich dein Gef�hl auch nicht tr�gt.�</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Eine Landkarte oder ein ortskundiger F�hrer h�tten nicht zuverl�ssiger sein k�nnen als Grunthors �Gef�hl�. Er kannte sich in der Gegend bestens aus, und es schien, als h�tte die Erde ihm, als er geschlafen hatte, ihre Geheimnisse ins Ohr gefl�stert. Grunthor lie� die Gef�hrten an seinem Wissen teilhaben: Die Landschaft, in der sie sich aufhielten, bestand aus einer Reihe von Kalksteinh�geln, die unter dem gro�en Druck der Landmassen im S�den aufgeworfen worden waren.</p><p>So weit das Auge reichte, erstreckte sich dichter Wald. Felder oder gr��ere Rodungen gab es keine. Die Anwohner begn�gten sich offenbar mit kleinen G�rten, in denen angebaut wurde, was man zum Leben brauchte. Das Vieh weidete in den W�ldern. Im Osten lag ein kleiner Marktflecken, ein Dorf ohne nennenswerte Verteidigungsanlagen. Auch die ringsum verstreut liegenden H�fe schienen ohne Schutz auszukommen. Und dann war da noch der Baum.</p><p>�Der Baum?�, fragte Rhapsody nach, sichtlich erregt. �Der Wurzelzwilling?�</p><p>Der Sergeant zuckte mit den Achseln. �Scheint so. Er ist ganz in der N�he, ein St�ck weiter s�dlich. Er gleicht dem gro�en Lirin-Baum, durch den wir gekommen sind, hat aber seine Wurzeln �berall. Der alte Wald hier scheint ein Teil davon zu sein.�</p><p>Rhapsody zog ihr Schwert und f�hrte es �ber das B�ndel gesammelten Reisigs in der Hoffnung, dass es schnell trocken werden w�rde. �Das hat meine Mutter auch immer von der Sagia behauptet. Sie nannte sie die Eiche der tiefen Wurzeln. Ich hatte damals noch keine Ahnung, wie zutreffend dieser Name ist. Die Lirin glauben, dass die Sagia mit allen lebenden Wesen in Verbindung steht. Wenn dieser Baum ihr Zwilling ist, wird es sich mit ihm ebenso verhalten.�</p><p>�Dazu kann ich nichts sagen�, entgegnete Grunthor. �Aber eins ist sicher: Dieser Baum steht mit dem ganzen Wald in Verbindung. Mir war, als w�rd ich auf �ner weiten Ebene stehn und diesen Baum noch so eben im Augenwinkel erkennen k�nnen, ohne zu wissen, dass es ihn �berhaupt gibt, verstehst du?� </p><p>�Nicht direkt�, gab Rhapsody zu und steckte das Reisig mit dem Schwert in Brand. Es flammte auf wie Zunder. </p><p>�Ich verstehe�, erwiderte Achmed. �Wenn du die Welt in ihren Schwingungen siehst, reicht der Blick unendlich weit, aber manche Dinge ragen heraus wie Leuchtfeuer, Dinge von gro�er Energie.� </p><p>Grunthor richtete sich auf und fragte erstaunt: �Du meinst, ich seh die Welt schwingen?� </p><p>�Nein. Deiner Beschreibung nach bist du eher auf ganz elementare Art und Weise mit ihr verbunden. Es scheint mir fast, dass du eins bist mit der Erde � als w�sstest du, was sie wei�.�</p><p>�Ja, so ungef�hr kommt�s mir auch vor.�</p><p>Achmed warf eine Hand voll Kletten ins Feuer. �Bei den UrSeren, dem ersten Volk auf der Insel, war das �hnlich. Von ihnen war jeder Einzelne mit einem der f�nf Elemente verbunden: mit Erde, Luft, Wasser, Feuer oder �ther, also dem Element, aus dem ihrer Vorstellung nach die Sterne gemacht sind.� </p><p>�Die Kunde�, sagte Rhapsody. �Die alten Kr�fte, Geschichten der Elemente.�</p><p>Achmed nickte. �Als wir der Wurzel gefolgt sind, ist m�glicherweise jeder von uns mit einem der Elemente in Verbindung getreten. Das w�rde auch erkl�ren, warum es mir mit einem Male m�glich war, einen eingeschlagenen Weg bis an sein Ende hin zu �berblicken. Dazu bin ich immer noch in der Lage. Diese F�higkeit war offenbar nicht blo� auf das Wurzelreich beschr�nkt.�</p><p>�Es k�nnte aber auch sein, dass die N�he zu einer so gro�en Kraft nat�rliche Anlagen erst zum Tragen gebracht hat, die bereits vorhanden waren�, sagte Rhapsody und stapelte weitere Holzst�cke neben dem Feuer auf, damit sie trocknen konnten.</p><p>�Anscheinend haben beide dieser neu entdeckten F�higkeiten ihren Ursprung in der Erde, und der entspringen letztlich ja auch die Firbolg, nicht wahr?�</p><p>�Ja.� </p><p>�So wird es wohl sein. Denn mir fehlt dieser Bezug.�</p><p>Achmed schmunzelte. �Mir kommt�s aber so vor, dass du von uns dreien diejenige bist, die am st�rksten beeinflusst worden ist.� Er streckte die Beine vor dem prasselnden Feuer aus, um sie zu w�rmen. </p><p>�Inwiefern?� </p><p>�Muss ich dich daran erinnern, dass du es dir zur Angewohnheit gemacht hast, zur Abwehr deiner Albtr�ume auf Grunthors Brust zu schlafen? Es sind Tr�ume von der Vergangenheit und Zukunft, hab ich Recht?� </p><p>�Nicht alle sind es, aber ja, du hast Recht. Ich habe diese Tr�ume schon immer gehabt.� Sie zog die Knie an die Brust und legte das Kinn auf die dar�ber verschr�nkten Arme.</p><p>�Sie waren auf der Wurzel offenbar intensiver als unter freiem Himmel�, meinte Grunthor. </p><p>�Kann sein, aber das lag vielleicht an der unheimlichen Umgebung und, mit Verlaub, an meiner Gesellschaft.� </p><p>�Diese Gabe oder auch �Kunde�, wie man sagen k�nnte, wird Hellsicht genannt und ist die F�higkeit, in die Zukunft oder Vergangenheit zu blicken und von Orten oder Gegenst�nden bestimmte Bilder beziehungsweise Eindr�cke in sich aufzunehmen. Wenn ich mich nicht irre, war das zwei- oder dreimal bei dir der Fall.�</p><p>�Ja, in gewisser Hinsicht sind auch Benenner dazu in der Lage. Wir k�nnen uns � zumindest manchmal � auf eine spezielle Note einstimmen, die Schwingungen aufgreift. Das ist eine besondere F�higkeit.� </p><p>Achmed grinste. �Das mag ja sein, aber es erkl�rt nicht das Feuer.�</p><p>Rhapsody blickte auf. �Was soll damit sein?�</p><p>�Siehst du das Feuer nicht?�</p><p>�Nat�rlich�, entgegnete sie irritiert. �Ich habe es doch selbst gemacht, du Narr.�</p><p>Achmed stand auf und hielt ihr die Hand hin. �Komm mal mit.�</p><p>Z�gernd griff sie nach der ausgestreckten Hand und lie� sich aufhelfen. Er f�hrte sie ein Dutzend Schritte weit vom Feuer weg und zeigte auf einen gro�en flachen Stein, der in einem spitzen Winkel aus dem Schnee ragte. </p><p>�Leg das Schwert ab und lass es hier�, sagte er.</p><p>Rhapsody tat wie ihr gehei�en und legte die schlanke steinerne Scheide mitsamt dem Schwert auf dem Feldstein ab. Dann wandte sie sich dem Dhrakier zu und zog die Stirn kraus.</p><p>�Und jetzt sieh dir das Feuer an.�</p><p>�Ich sehe es�, sagte sie. Das Holz brannte gut. Ab und an brachte Feuchtigkeit die Glut zum Platzen, sodass helle Funken aufstieben.</p><p>�So, und nun geh langsam darauf zu.�</p><p>Sie war inzwischen eher neugierig als ungehalten, kehrte zum Lagerfeuer zur�ck und sah, wie es an Intensit�t zunahm und die Flammen sich wie zum Gru� reckten. Schlie�lich loderten sie so hoch empor, dass sie zur�ckschreckte und nach hinten auswich, was zur Folge hatte, dass die Flammen wieder kleiner wurden. </p><p>�Himmel�, fl�sterte sie, und ihr Herz fing an zu rasen. �Wie ist das m�glich?�</p><p>�Die Ursache bist du�, sagte Grunthor.</p><p>Als sie seiner Behauptung wegen in Panik geriet, sch�ssen die Flammen fauchend empor und leckten an dem aus Zweigen gedeckten Dach �ber ihnen. Das soeben ins Feuer geworfene Reisig war schon zu Asche verbrannt. </p><p>Der Riese lachte laut auf. �Wenn du dich nicht schnell wieder beruhigst, geht unser h�bsches kleines Nest in Flammen auf � und wom�glich noch der ganze Wald.�</p><p>Rhapsody warf ihm einen Blick zu und schaute dann zur�ck aufs Feuer. �Ruhig�, gebot sie ihm, doch anstatt kleiner zu werden, loderte es, ihre Erregung spiegelnd, noch ungest�mer auf. Sie holte tief Luft und konzentrierte sich wie auf ihre Musik. Die Flammen reagierten sofort und schrumpften zu einem harmlosen Lagerfeuer. </p><p>Rhapsody machte die Augen zu und lie� ruhigen Gedanken freien Raum. Als sie wenig sp�ter die Augen wieder aufschlug, bestand das Feuer nur mehr aus einem kleinen Flackern, das nicht heller war als Kerzenlicht. Kaum hatte sie die meditierenden Gedanken eingestellt, lebte das Feuer wieder zur urspr�nglichen Gr��e auf. Sie legte etwas Holz nach und wandte sich Achmed zu.</p><p>�Ob wohl das Schwert daf�r verantwortlich ist?�, fragte sie.</p><p>�Nein, aber vielleicht hat�s was damit zu tun, dass das Schwert zu leuchten anfing, als du es in die Hand genommen hast.� </p><p>�Aber es hat doch schon vorher geleuchtet, und zwar so hell, dass Grunthor fast blind dar�ber geworden w�re.� </p><p>Grunthor t�tschelte ihren R�cken. �Vielleicht hat�s dich gerufen, Herzchen. Es hat sein eigenes Element in dir entdeckt.� </p><p>Rhapsody fing zu zittern an, denn sie ahnte, dass seine Worte durchaus zutreffen mochten. �Und ihr glaubt, dass mich das Schwert mit dem Element Feuer verbunden hat?�</p><p>�M�glich w�r�s�, antwortete Achmed. �Ich wei� nicht genug �ber das Schwert. Mir ist auch ein R�tsel, wie es auf diese Seite der Welt gelangen konnte oder was es so hell zum Leuchten bringt. Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, hie� es, dass Sternenlicht in ihm leuchtete. Von hellen Flammen war da nicht die Rede. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Verbindung zum Feuer in dem Augenblick zustande kam, als du uns singend durch das Inferno im Erdkern gef�hrt hast. Da haben wir uns, glaube ich, alle auf die eine oder andere Weise verwandelt, zumindest k�rperlich.�</p><p>�Vielleicht hat uns das Feuer auf diesen Wandel nur vorbereitet�, versuchte Rhapsody zu erkl�ren. </p><p>�Vielleicht r�hrt alles daher, dass wir von der Wurzel gegessen haben; ich habe mich immer wieder gefragt, ob es richtig ist, dass wir uns etwas so M�chtiges einverleiben. Es k�nnte uns ver�ndert und uns f�r die Elemente empf�nglicher gemacht haben. Vielleicht hast du diese � wie sollen wir die Gabe nennen, Pfadkunde? � erworben, als du auf der Wurzel nach dem richtigen Weg gesucht hast. Und Grunthor ist mit dem Element Erde in Verbindung getreten, als er sich durch den Felsen gehauen hat. Und ich habe dieses Schwert in die Hand genommen und dadurch meinen Bund mit dem Feuer geschlossen.� </p><p>�Nein�, sagte Achmed. �Du hast dich in dem Augenblick ver�ndert, als du durchs Feuer zu uns zur�ckgekommen bist. Das war dir deutlich anzusehen.�</p><p>�Er hat Recht, Herzchen�, best�tigte Grunthor. �Seit unserer ersten Begegnung hast du dich �u�erlich enorm ver�ndert.� </p><p>Rhapsody schwirrte der Kopf. Sie blickte auf zu dem von Grunthor gebauten Dach aus Zweigen, sog den scharfen Geruch des Feuers in sich ein und sagte: �Es m��te sich eigentlich von selbst verstehen, dass wir alle nicht gerade sch�ner geworden sind nach unserem, wie es scheint, jahrelangen Marsch durch Dreck, ohne auch nur einmal die M�glichkeit zum Baden gehabt zu haben. Glaubt mir, mit euch beiden kann man im Augenblick auch nicht viel Staat machen.�</p><p>�Aber das ist es ja gerade�, sagte Achmed ungeduldig. �Du siehst besser aus als je zuvor. Du strahlst etwas aus, das einen gefangen nimmt.� Er wandte sich dem Bolg-Sergeanten zu. �Hast du noch den Signalspiegel bei dir?� </p><p>Grunthor richtete sich auf und kramte in seinem Gep�ck. �Na klar. Aber nich, dass du auf falsche Gedanken kommst. Zum Signalisieren taugt das Ding nich. Ich hab�s nur dabei, um mir die Haare zu machen.� </p><p>Rhapsody lachte. Achmed lie� sich das kleine blanke Metallst�ck von Grunthor geben und reichte es an sie weiter. </p><p>�Hier�, sagte er. �Sieh selbst.�</p><p>Der Spiegel war an den R�ndern so scharf, dass man ihn auch als Rasierklinge h�tte benutzen k�nnen. Entsprechend vorsichtig nahm Rhapsody ihn zur Hand.</p><p>In dem sch�tteren Licht, das durch die Zeige fiel, sah sie ihr schmutziges Gesicht. Die Haare starrten vor Dreck und schienen dunkler geworden zu sein. Der Wind und die K�lte hatten ihre Lippen schrundig gemacht. Sie reichte den Spiegel mit abf�lliger Geste zur�ck.</p><p>�Sehr komisch.� </p><p>Achmed wollte den Spiegel nicht annehmen. �Im Ernst, Rhapsody. Schau noch einmal hin.�</p><p>Sie stie� einen Seufzer aus und gab seinem Wunsch nach. Was sie im Halbdunkel auf der verzerrenden Spiegelfl�che erkannte, war ihrer Einsch�tzung nach nicht gerade dazu angetan, lobend hervorgehoben zu werden. Die Wangen hatten eine rosige T�nung, aber das war auch schon alles. Achselzuckend gab Rhapsody den Spiegel an Grunthor zur�ck.</p><p>Pl�tzlich schien ihr ein Licht aufzugehen. Sie schmunzelte und sagte: �Jetzt wei� ich es. Kein Wunder, dass ihr mich f�r attraktiver haltet. Ich sehe schon fast aus wie eine Firbolg.� </p><p>Achmed und Grunthor sahen einander an und tauschten einen stummen Gedanken. Sie <emphasis>hat einfach keinen Sinn daf�r</emphasis>. Der Riese zuckte mit den Achseln.</p><p>Mit den Fingern�geln kratzte sie an der Dreckkruste ihrer Stirn. �Ich glaube, ich werde etwas Schnee schmelzen und mir morgen das Gesicht waschen.�</p><p>�Gute Nacht�, sagte Achmed und sah ihr mit schiefem Schmunzeln dabei zu, wie sie sich am Rand des Grabens zur Ruhe legte. Sie w�rde schon noch dahinter kommen, dachte er. Fr�her oder sp�ter. Am n�chsten Morgen kauerten die drei, gut versteckt, zwischen dicht stehenden B�umen und beobachteten die Anwohner einer nahen Siedlung. Es war verh�ltnism��ig warm; an einigen Stellen, die von der Sonne beschienen wurden, fing der Schnee zu schmelzen an. Viele Bauersleute waren zusammengelaufen. Sie tauschten S�cke voller Getreide, aber auch Informationen und Neuigkeiten. Rhapsody dachte an Ostend zur�ck. Auch da hatten sich, wenn das Wetter g�nstig war, die Bauern der Umgebung zusammengefunden, um Handel zu treiben. Die Leute hier schienen �hnliches im Sinn zu haben. </p><p>Es �berraschte die drei, dass sie viele der aufgeschnappten W�rter auf Anhieb verstanden, so zum Beispiel <emphasis>Baum, Korn</emphasis> oder <emphasis>Hochzeit</emphasis>. Rhapsody fand zudem die Rhythmen der Sprache sehr eing�ngig und lauschte mit wachsender Begeisterung. Es war schon um die Mittagsstunde, als sie von Achmed und Grunthor in ein entfernteres Versteck gef�hrt wurde, aus Sorge, man k�nnte auf sie aufmerksam werden. </p><p>�Ich bin mir sicher: Deren Sprache ist mit unserer verwandt�, sagte sie, als sie au�er H�rweite waren. �Die Hauptrhythmen und Kadenzen sind fast identisch, so auch die Wortmuster.� </p><p>�Nun ja, Serenne ist eine typische Seefahrersprache. Es kann eigentlich nicht verwundern, dass man hier �hnlich spricht. Vielleicht sind die hiesigen Bauern auch Nachfahren von Kolonisten, die wiederum von denselben Wurzeln abstammten wie diejenigen, die w�hrend des Zweiten Zeitalters Serendair besiedelten.� </p><p>Rhapsody nickte. �Wir auch immer, wir k�nnen von Gl�ck reden, denn zumindest werden uns gr��ere Verst�ndigungsschwierigkeiten erspart bleiben.�</p><p>Ob sie in dieser Einsch�tzung richtig lag, sollte sich schlie�lich nach f�nf Tagen herausstellen. Grunthor und Achmed waren unterwegs. Sie erkundeten die Umgebung und sorgten f�r Verpflegung, wobei sie sich nicht zuletzt auch �ber das hermachten, was anderen geh�rte. Rhapsody war in einem Versteck am Rand der Ortschaft zur�ckgeblieben, wo sie den Gespr�chen der Anwohner und H�ndler lauschen konnte. Neben den �blichen Klatschgeschichten und Abwicklungen des Handels h�rte sie an diesem Morgen auch ein gesungenes Lied.</p><p>Es war nicht das erste Lied, das ihr an diesem Ort zu Ohren kam. Hier wurde sogar recht viel gesungen, etwa beim Viehtreiben oder zur Begleitung einer ansonsten stumpfsinnigen Arbeit. An diesem Morgen aber war der S�nger ein Kind, ein kleiner Junge, der einen Stock in der Hand hielt und hinter sich herzog, sodass er eine Spur in der Schneedecke zur�cklie�. Bei dem Lied handelte es sich um eine einfache volkst�mliche Weise, die Rhapsody zu ihrer gro�en �berraschung spontan wiedererkannte als ein Lied, das auch sie und zahllose andere Kinder fr�her in Serendair gesungen hatten. </p><p>W�hrend sie aufmerksam zuh�rte, sp�rte sie, wie ihre Magengegend kalt und k�lter wurde. Das Lied erz�hlte von einem Milchkrautsamen, dem Wolken entwachsen waren. Genau davon hatte Rhapsody als Kind ebenfalls gesungen. Trotz des fremdartigen Dialekts, den der Junge sprach, konnte sie die Worte verstehen, und ihr war, als h�tte sie den Schl�ssel gefunden, der ihr half, die Geheimnisse seiner Sprache zu l�ften. </p><p>Rhapsody schlich im Schatten der B�ume hinter dem Jungen her, bis dieser auf der Stra�e einer Frau begegnete. Von dem Gespr�ch, das die beiden f�hrten, konnte sie nun jedes Wort verstehen. Ihre Handteller wurden feucht vor Aufregung. Sie lauschte so lange, wie es die angespannten Nerven zulie�en. Dann lief sie ins Lager zur�ck, um den Gef�hrten von ihrer Entdeckung zu berichten. Am darauf folgenden Tag wurde sie von den Gef�hrten auf ihren Lauschposten begleitet, wo sie den beiden Sprachunterricht erteilte. Rhapsody �bersetzte, was sie h�rten, bis Achmed schlie�lich mit einem Kopfnicken zum R�ckzug aufforderte.</p><p>�Was hast du vor, Rhapsody?�, fragte Achmed, als sie das Lager erreicht hatten. �Ich sehe doch, dass du was im Schilde f�hrst.�</p><p>�Es wird langsam Zeit, dass ich mich unter die Leute mische und mit ihnen zu reden versuche. Wie sollen wir uns sonst orientieren? Wir k�nnen schlie�lich nicht auf ewig in den W�ldern herumlungern. Und wenn ich nicht irgendwann einen Hafen finde, werde ich nie nach Hause zur�ckkehren k�nnen.� </p><p>�Einen Fehler zu machen k�nnte unseren Tod bedeuten.�</p><p>Der Winterwind blies ihr eine Str�hne ins Gesicht. Sie nickte und sagte: �Ich wei�. Deshalb schlage ich vor, ihr haltet euch versteckt, bis ich zur�ckkehre und Bericht erstatte.�</p><p>�Und wie sollen wir dich da rausholen, wenn was schief geht?�, fragte Grunthor. Dass ihm der Vorschlag nicht passte, war ihm deutlich anzumerken.</p><p>�Dann habe ich eben Pech gehabt, und ihr werdet euch um euch selbst k�mmern m�ssen. Wir haben halt unterschiedliche Ziele. Ihr habt vor, hier zu bleiben. Ich nicht. Ich will nach Hause zur�ck und werde daf�r auch Risiken auf mich nehmen, was ich von euch nat�rlich nicht erwarten kann. Wie dem auch sei, ihr werdet euch schon zu helfen wissen. Und wenn es keine Probleme geben sollte, werde ich euch nach einer bestimmten Frist aufsuchen und mitteilen, was ich in Erfahrung gebracht habe. F�r den Fall aber, dass etwas passiert, will ich, dass ihr das Lager hier r�umt und euch aus dem Staub macht. Ihr k�nnt dann ja irgendwann einmal auf mein Wohl ansto�en, wenn es euch beliebt.� </p><p>�Ach nein�, murrte Grunthor, �viel zu riskant. Beherrschst du die Sprache etwa schon, Gr�fin?� </p><p>�Noch nicht�, gab Rhapsody zu. �Aber irgendwie werde ich schon zurechtkommen und mich durchmogeln.� </p><p>�Nicht, dass du aus Versehen Bolgisch mit ihnen sprichst�, warnte Achmed. �Schlie�lich willst du was von ihnen erfahren und nicht ihnen etwas �ber uns beibringen.�</p><p>�Stimmt.� Sie l�chelte Grunthor, der immer noch den Kopf sch�ttelte, aufmunternd zu und sagte: �Es k�nnte eine Weile dauern, bis ich in Erfahrung gebracht habe, was zu erfahren ist.�</p><p>Achmed nickte. �Sobald wir dich in Sicherheit wissen, werden wir uns auch ein bisschen umschauen und die Umgebung erkunden.�</p><p>�Wie werden wir wieder zusammentreffen?�, fragte Rhapsody.</p><p>�Wir verabreden Zeit und Treffpunkt. Wenn du da nicht aufkreuzt, werden wir nach dir suchen.� </p><p>�Und wo soll das sein? Hier?�</p><p>�Nein. Ich will nicht, dass irgendjemand unsere Spur bis zur Wurzel zur�ckverfolgen k�nnte. Es soll niemand wissen, woher wir kommen. Einverstanden?�</p><p>Rhapsody stand auf und ging auf Grunthor zu. Sie setzte sich auf sein Knie, schlang die Arme um seinen starken Hals und sagte: �Einverstanden. Wir einigen uns auf einen Treffpunkt nahe der n�chsten Ortschaft. Wenn wir uns dann auch noch �ber den Zeitpunkt verst�ndigt haben, k�nnt ihr euch absetzen. Aber geht nicht, ehe ich mich sicher f�hle. Wenn es so weit ist, gebe ich euch ein Zeichen. Ich will mir einbilden k�nnen, dass ihr mir f�r den Fall der F�lle doch noch zu Hilfe kommen k�nnt.� </p><p>Grunthor seufzte. �Na sch�n, wie du meinst. Und was wird das f�r ein Zeichen sein?�</p><p>Rhapsody pfiff eine getrillerte Tonfolge vor sich hin, die die beiden Bolg zum Schmunzeln brachte. Es war eine Melodie, die sie immer dann anstimmte, wenn sich ihre Laune nach einem Stimmungstief aufhellte. �Dann ist alles klar. Wenn ihr aber Folgendes h�rt...�, wieder pfiff sie eine Tonfolge, die aber unmiss-verst�ndlich traurig klang und sich als Lerchengesang tarnte, � ... soll das hei�en: Kommt und helft, wenn�s euch m�glich ist.</p><p>�Verstanden.� </p><p>Bis sp�t in die Nacht schmiedeten sie Pl�ne. Sie nahmen sich vor, gleich nach dem Aufwachen den Weg in die n�chste Ortschaft einzuschlagen, die, wie die beiden Bolg erkundet hatten, gr��er und zentraler gelegen war als das Dorf, an dessen Rand sie sich versteckt hielten.</p><p>Auf der Stra�e hinterlie�en sie eine Markierung, die auch bei ung�nstigstem Wetter nicht zu �bersehen sein w�rde und auf den verabredeten Treffpunkt hinwies, wo sie sich in zwei Monaten bei Vollmond wieder einfinden wollten. Jetzt galt es f�r sie abzuwarten, bis Rhapsody Kontakt zu Einheimischen aufgenommen haben w�rde.</p><p>�Du wei�t, wie gef�hrlich es ist, auf was du dich da einl�sst�, sagte Achmed, als sie sich voneinander verabschiedeten. </p><p>Rhapsody musterte die beiden mit ernstem Blick. �Ich bin einmal zwei Wochen lang diesem Luftverschwender namens Michael ausgeliefert gewesen und habe �berlebt. Dagegen ist das, was ich jetzt vorhabe, ein Kinderspiel.�</p><p>Achmed und Grunthor nickten zustimmend. Sie wussten, wovon sie sprach, und es war kein Wort �bertrieben. </p></section><section><title><p>18</p></title><p>Es taute nun schon seit einiger Zeit. In der Luft lie� sich bereits der Duft nach Erde erahnen. Zwar gab es noch viel Schnee, doch es wehte ein merklich w�rmerer Wind, und um die St�mme der B�ume zeigten sich dunkle Ringe. Die Bauern und Dorfbewohner nutzten das g�nstige Wetter, um f�llige Reparaturen an ihren H�usern und Scheunen vorzunehmen oder um in den Wald zu gehen und Brennholz zu sammeln. Umso schwieriger wurde es f�r die drei Reisenden, sich vor ihnen versteckt zu halten. </p><p>Sie hielten sich gerade in einer nicht weit von der Stra�e entfernten Senke auf, verborgen von dichten Str�uchern, die im Sommer, wenn belaubt, ganz und gar undurchdringlich sein w�rden. Grunthor hatte auf einige Kinder aufmerksam gemacht, die h�ufig ohne Aufsicht miteinander spielten, doch Rhapsody scheute davor zur�ck, sich den Kindern zu n�hern aus Sorge, dass sie sp�ter wom�glich ihretwegen bestraft w�rden. Schlie�lich, gegen Mittag, traf eine Gruppe von Bauersleuten auf der Stra�e zusammen, die anscheinend die Ankunft einer oder mehrerer Personen erwarteten. Heimlich schlichen die drei ein wenig n�her heran.</p><p>Als die Sonne ihren h�chsten Punkt am Himmel �berschritten hatte, reckte einer der M�nner den Hals und zeigte nach Westen: auf einen �lteren Mann, der auf einem silbergrauen Pferd die Stra�e entlanggeritten kam. Der Mann war gro� und st�mmig gewachsen, hatte eine gro�e, spitze Nase im Gesicht und einen grau melierten Bart, der fr�her einmal r�tlich braun gewesen sein mochte. Auf sein Erscheinen hin eilten nun noch mehr D�rfler zusammen. Manche liefen ihm entgegen, um ihn zu begr��en. </p><p>Der Mann trug wollene Kleider, die gelbbraun gef�rbt waren, wahrscheinlich mit Hilfe von Butternussschalen, wie Rhapsody mutma�te. In der Hand hielt er einen wulstigen Holzstock, und alle, die ihn gr��ten, zeigten sehr viel Ehrerbietung. Diejenigen, denen er die Hand auf den Kopf legte, verbeugten sich fast bis auf den Boden. Seine Ankunft sorgte f�r Aufregung, die durch Warmherzigkeit und Respekt gem��igt wurde. Die Bauern kannten ihn offenbar recht gut. Langsam stieg er aus dem Sattel, wobei sich deutlich zeigte, dass er fortgeschrittenen Alters war. Allem Anschein nach wirkte der Mann als eine Art Geistlicher, denn er richtete nun einige Segensworte an die Versammelten. In Serendair h�tte man ihn aufgrund der schlichten Kleidung und des Mangels an Schmuck f�r einen Kleriker von niederem Rang halten k�nnen, doch sprach die dem�tige Hochachtung, die ihm entgegengebracht wurde, eher daf�r, dass er wenigstens ein Abt, wahrscheinlich aber ein noch h�her gestellter Geistlicher war. Seine Augen strahlten voller Leben. </p><p>�Der ist es�, fl�sterte Rhapsody ihren Begleitern zu.</p><p>�Nein�, sagte Achmed. �H�r zu.�</p><p>Angestrengt lauschte Rhapsody der Unterhaltung zwischen dem berittenen Priester und einem der M�nner. Es ging in diesem Gespr�ch um das Wetter und um die Tiere des Waldes in Erwartung der kommenden Jahreszeit. Verschiedenen Anzeichen nach w�rde der Winter noch einmal mit aller Gewalt zur�ckkehren, in einem Monat etwa. Die beiden M�nner wechselten auch ein paar Worte �ber eine kranke Kuh und eine Verletzung, die sich der Sohn eines Bauern zugezogen hatte.</p><p>Schlie�lich legte der Priester seine Hand auf den Kopf des Mannes und segnete ihn. Rhapsody klappte vor Staunen die Kinnlade herunter. Im Unterschied zu dem bisher Gesagten ert�nte der Segen, Wort f�r Wort, in der Sprache der Insel Serendair, wenngleich mit einem seltsamen Akzent ausgesprochen, wie von jemandem, der eine fremde, erlernte Sprache m�glichst korrekt zu gebrauchen versuchte. </p><p>�Himmel�, sagte sie und schluckte.</p><p>�Das gef�llt mir nicht.� Achmed legte seine knochige Hand um ihren Oberarm und zog sie ins Dickicht zur�ck. </p><p>�Warum denn nicht?�, fragte Rhapsody verwundert. �Wer w�rde sich als Kontaktperson wohl besser eignen? Er spricht unsere Sprache.�</p><p>�Das mag ja sein, aber mir w�r�s lieber, er w�rde nicht erfahren, dass wir Bescheid wissen. Er ist ein Priester. Und solchen Leuten traue ich nicht.�</p><p>Rhapsody entwand sich seinem Griff. �Vielleicht kennst du nur falsche, dunkle Priester. Ich dagegen habe in Ostend etliche kennen gelernt, die sehr vertrauensw�rdig sind.�</p><p>Achmed warf ihr einen ver�chtlichen Blick zu. �Erstens: Alle Priester missionieren, entweder in eigener Sache oder in der Sache ihres Gottes. Zweitens: L�sst sich vielleicht ausschlie�en, dass dieser Mann ein dunkler Priester ist?�</p><p>Rhapsody blinzelte verwundert mit den Augen. �Sieh ihn dir doch an. Er hat die Kinder gesegnet.� </p><p>Der Dhrakier zeigte sich am�siert. �Glaubst du etwa, dass falsche Priester �ber Land ziehen, dabei jede Menge Verw�nschungen aussto�en und mit ihren St�cken auf kleine Kinder ein-dreschen? Falsche Priester verhalten sich genau so wie die richtigen. Sie unterscheiden sich allenfalls darin, wie und wof�r sie das Geld der Gemeinde einstreichen.�</p><p>�Trotzdem, ich finde, es gibt f�r mich kaum eine bessere Gelegenheit, jemanden kennen zu lernen, der wei�, wie ich zum n�chsten Hafen gelangen kann. Ich will�s riskieren.�</p><p>Diesmal hielt Grunthor sie beim Arm fest. �Tu�s nich, Gr�fin.�</p><p>Rhapsody l�chelte den Riesen an. �Er sieht doch aber aus wie ein Naturpriester. Was sagt dir deine Erdverbundenheit?� </p><p>Im Schutz des Dickichts richtete Grunthor seinen Blick zur�ck auf die Stra�e und schloss die Augen. Einen Moment sp�ter schlug er sie seufzend wieder auf.</p><p>�Auch er ist mit der Erde verbunden, und zwar aufs Festeste. Er kennt sich aus und sorgt sich um sie. Du hast Recht, er ist �ne Art Naturpriester.�</p><p>Rhapsody t�tschelte die riesige Pranke und befreite sich aus ihrem Zugriff. �Ich muss es versuchen. Wenn mir was passieren sollte, braucht ihr euch keine Vorw�rfe zu machen. Und keine Sorge, ich werde euch auf keinen Fall verraten.�</p><p>Achmed stie� einen Schwall Luft aus. �Na sch�n. Tu, was du nicht lassen kannst. Aber sei vorsichtig.� </p><p>Khaddyr sprach mit dem �ltesten der Bauern und musste dabei alle Geduld walten lassen. �Mein lieber Severhalt, ich wei�, die arme, alte Fawn ist in die Jahre gekommen, aber du musst doch auch zugeben, dass sie ihren religi�sen Pflichten deiner Gemeinde gegen�ber immer noch in ausreichendem Ma�e nachkommt.� Seine Stimme klang sanft, doch verrieten seine Augen einen Anflug von Ver�rgerung. </p><p>Der Bauer stemmte die H�nde in die H�ften und senkte den Blick zu Boden. �Ja, Vater, sie h�lt die Gottesdienste ab, aber sie kann uns nicht die Hilfe bieten, die wir f�r unsere Tiere brauchen. Wir brauchen jemanden, der j�nger ist und sich vom Winter nicht unterkriegen l�sst.�</p><p>Khaddyr seufzte. �Ich habe Verst�ndnis f�r deine Sorgen, mein Sohn, aber wir leben in schwierigen Zeiten. Mir ist bewusst, dass Fawn nicht mehr so r�stig ist, wie sie einst war. Sie wei� aber doch wohl immer noch die Riten zu zelebrieren, oder?�</p><p>�Ja, Vater.� </p><p>�Euer Dorf und eure Hofschaften liegen nicht weit vom Baum entfernt. Es werden sich doch wohl gen�gend Filiden finden lassen, die euch helfen k�nnen, wenn Fawn es nicht vermag. Der Kreis hat zurzeit einige Engp�sse und kann euch keinen neuen Priester anbieten. Au�erdem hat Fawn die ausdr�ckliche Zusicherung von Llauron, dass sie ihre Gemeinde in der N�he des Baums behalten darf, gewisserma�en als Lohn f�r ihre �ber lange Zeit hinweg geleisteten treuen Dienste. Er m�chte, dass ihre letzten Jahre gesegnet sind. Das verstehst du doch, oder?�</p><p>Severhalt seufzte. �Ja, Vater.�</p><p>Khaddyr schmunzelte. �Lass uns diese Sache auf den Fr�hling vertagen. Ich habe da einige Messdiener in meinen Reihen, die den Winter �ber Medizin studieren. Dem Ausbildungsplan nach m�ssten sie als N�chstes bei Gavin in die Forstlehre gehen. Aber vielleicht k�nnen wir sie f�r ein paar Monate zu euch schicken, damit sie euch bei der Gartenarbeit und der K�lberaufzucht helfen. Wie f�ndest du das?� </p><p>Die Gesichter der M�nner, die die beiden umringten, hellten sich merklich auf. Auch Severhalt zeigte sich erfreut. �Das w�re wunderbar, Vater, herzlichen Dank. D�rfte ich Euch zum Abendessen zu mir nach Hause bitten, Vater?� Die freudige Miene schlug pl�tzlich in Besorgnis um. Der filidische Priester starrte auf den Waldrand; sein Gesicht war pl�tzlich leichenblass geworden.</p><p>Eine junge Frau trat aus dem Wald hervor, wie aus dem Nichts auftauchend. Im ersten Augenblick wusste Khaddyr nicht zu unterscheiden, ob sie der Wirklichkeit angeh�rte oder nur seiner Vorstellung. Sie starrte vor Schmutz, und ihre Kleider hingen in Fetzen, doch war sie ohne Frage das mit Abstand sch�nste Wesen, auf das er je den Blick gerichtet hatte.</p><p>Trotz allen Schmutzes leuchtete das Haar so hell wie die Sonne. Sie war schlank und wohlgestaltet und bewegte sich mit einer Anmut, die so gar nicht zu ihrem ungepflegten �u�eren passte. Die Augen strahlten so hell, dass schon aus der Ferne das intensive Gr�n zu erkennen war, das im Farbton dem hochsommerlichen Baumlaub entsprach.</p><p>Als sie dann lachte, war es, als rissen die Wolken auf. Die W�rme ihres Blicks strahlte bis in die k�ltesten Winkel seines Herzens. Khaddyr f�rchtete, vor lauter Verlangen nach ihr in Tr�nen auszubrechen. Spontan stimmte er einen stummen Gesang an und betete religi�se Formeln zur Abwehr des Bannes, mit dem er sich durch sie geschlagen sah.</p><p>Mit jedem Schritt, den sie n�her kam, geriet sein Herz heftiger ins Pochen, und er st�tzte sich Halt suchend auf seinen Stock. In respektvollem Abstand blieb sie stehen und �ffnete die H�nde zum Zeichen ihrer friedfertigen Absichten. Erst jetzt bemerkte Khaddyr, dass sie bewaffnet war. An ihrer Seite hing eine schlanke Scheide herab, die eher von schm�ckender denn n�tzlicher Qualit�t zu sein schien, weshalb sie auch �berhaupt nicht Furcht erregend wirkte.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis er seine Stimme wieder gefunden hatte. Die Bauern, mit denen er gesprochen hatte, glotzten und staunten.</p><p>�Wer bist du?�, fragte er und r�usperte sich verlegen, weil ihm die Stimme zu versagen drohte. �Wer bist du?�, wiederholte er. Die Frau r�hrte kaum eine Miene. </p><p>�Verstehst du mich?� Sie nickte. �Kannst du nicht sprechen?� Sie l�chelte und zuckte mit den Achseln. </p><p>Khaddyr musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ihre wundersch�ne Gestalt benahm ihm den Atem. Bis heute war ihm sein Gel�bnis der Enthaltsamkeit, der sich jeder Filid-Priester verpflichten musste, nie als ein Verzicht vorgekommen, geschweige denn als Opfer daf�r, dass er als Llaurons Tanist, als Nachfolger des gro�en Religionsf�hrers eingeschworen war. Doch das Privileg, eines Tages selbst als der F�rbitter genannt zu werden, verlor mit einem Schlag an Bedeutung f�r ihn. Er r�usperte sich aufs Neue. </p><p>�Ich bin Khaddyr, ein filidischer Priester und Tanist des F�rbitters Llauron.� <emphasis>Was ist sie blo�?,</emphasis> wunderte er sich. <emphasis>Eine Waldnymphe? Ein Baumgeist? Eine Dryade?</emphasis> Er kannte die Geschichten, die man sich �ber die Fabelwesen erz�hlte, hatte diese aber stets f�r frei erfunden gehalten. Die bildsch�ne Frau verbeugte sich. <emphasis>Nun,</emphasis> dachte Khaddyr bei sich, <emphasis>wer oder was sie auch sein mag, auf jeden Fall zeigt sie Respekt</emphasis>. Und das machte sie f�r ihn umso anziehender.</p><p>�Schade, dass wir uns nicht besser verst�ndigen k�nnen�, sagte er schlie�lich. �Ich schlage vor, du kommst mit mir, damit ich dich Llauron vorstellen kann. Hab keine Angst. Der F�rbitter ist ein freundlicher Mann. W�rdest du mich begleiten?�</p><p>Die fremde Frau zeigte sich einverstanden und l�chelte. Er streckte die Hand aus und legte sie ihr � zitternd � auf den Arm. Unter dem groben Stoff ihrer zerrissenen Bluse f�hlte er warme, zarte Haut. Khaddyr drehte sich in die Richtung, die er mit ihr einschlagen wollte, und lie� die Hand dann eilig sinken. Nach Westen gewandt, sah er sich pl�tzlich einer Mauer von D�rflern gegen�ber, die ihm mit ausdrucksloser Miene den Weg zur�ck zum Baum versperrten.</p><p>�Lasst mich bitte durch�, brummte er. Die Bauern r�hrten sich nicht. Er hob die Stimme und forderte mit aller Strenge: �Aus dem Weg mit euch!�</p><p>Die junge Frau sah ihn an, richtete dann den Blick auf die Leute, die sich vor ihnen aufgereiht hatten, und trat einen Schritt auf sie zu. Sofort stoben sie wie Bl�tter auseinander, zogen sich zur�ck und starrten sie aus sicherer Entfernung weiterhin an. Khaddyr nutzte die Gelegenheit und f�hrte die junge Frau auf sein silbergraues Pferd zu, half ihr in den Sattel und sa� selbst hinter ihr auf. Als die Dorfbewohner endlich wieder zu Sinnen kamen, waren die beiden schon ein gutes St�ck davongeritten. Im Hintergrund erhob sich ein lautes Geschrei. Einige Bauern rannten zu ihren St�llen hin, entschlossen, den beiden zu folgen.</p><p>Khaddyrs Bef�rchtungen nahmen zu. In jeder Siedlung, auf jeder Hofschaft, durch die sie kamen, machten sich Anwohner auf, ihnen zu folgen, zu Pferd oder zu Fu�. Die Schar, die hinter ihnen herzog, wurde immer gr��er und verstopfte den Fuhrweg durch den Wald.</p><p>�berall lief neugieriges Volk zusammen und s�umte die Stra�en, um einen Blick auf das wundersch�ne fremde Wesen zu erhaschen, das da vor dem Priester im Sattel sa�. Hunderte von H�nden streckten sich der verschmutzten Dryade mit den funkelnden gr�nen Augen entgegen, um sie zu ber�hren. </p><p>Der alte Priester vermochte diesen Wunsch sehr gut nachzuempfinden. Er konnte sich selbst nicht satt sehen an dieser eigent�mlichen Sch�nheit, deren N�he ihn seit dem gemeinsamen Aufbruch aus Tref-Y-Gwartheg schwindeln lie�.</p><p>Anf�nglich hatte er diesen Schwindel der bangen Frage zugeschrieben, wie wohl Llauron reagieren w�rde, wenn er von dem gro�en Aufsehen in den D�rfern erf�hre und das Gefolge s�he, das ihm, seinem Tanist, und der Fremden immer noch auf den Fersen war. Doch als dieses Gef�hl auch nach Stunden nicht nachlie�, ahnte er, dass es mit dem zu erwartenden Missfallen des F�rbitters nur wenig zu tun hatte. </p><p>Was ihn so �beraus benommen machte, war der s��e Duft, der von der jungen Frau ausging, und der sanfte Druck ihres R�ckens auf seiner Brust, eine Ber�hrung, die d�stere, laszive Vorstellungen in ihm weckte, welche einem geistlichen Z�libat�r wahrhaftig nicht geziemten. Zu seiner gro�en Verlegenheit hatte sich seine Hand wie aus eigenem Antrieb kurzzeitig auf ihre Brust gelegt, woraufhin sie diese ohne viel Aufhebens davon entfernt hatte. Die Sache war ihm schrecklich unangenehm.</p><p>Nach und nach fielen die M�nner, die ihnen folgten, zur�ck und waren schlie�lich nicht mehr zu sehen. Weil er aber f�rchten musste, dass sich ihm schon im n�chsten Dorf ein neuer Schwanz neugieriger Bauern anschlie�end w�rde, beschloss Khaddyr, die Stra�e zu verlassen und auf schmale Waldpfade auszuweichen. </p><p>Am fr�hen Abend erreichten sie ihre Unterkunft f�r die kommende Nacht, eine Herberge, die von Forstmeister Gavin gef�hrt wurde. Gavin war ein Ordensbruder und unterhielt auch die Lager am Ostrand des tiefen Waldes, wo er die filidischen Novizen zu Waldh�tern ausbildete. Nach Abschluss dieser Lehre dienten sie dann drei Jahre lang als Pilgerf�hrer und begleiteten Wallfahrer auf ihrer Reise zum Baum. W�hrend der heiligen Riten hatten sie h�ufig zus�tzlich die Aufgabe, die Au�enposten des Waldes vor feindlichen �bergriffen zu sch�tzen. Der drohende Krieg w�rde wohl nicht aufzuhalten sein; daran konnte kein Zweifel mehr bestehen.</p><p>Khaddyr z�gelte das Pferd und lie� es vor dem Eingang anhalten, der Gavin selbst und den hohen Filiden vorbehalten war. Die filidische Religion verstand sich als Dienst an der Natur. Das Gebot der Keuschheit wurde nur ihm, dem Tanist, abverlangt, nicht so den �brigen Priestern. Die meisten Filiden, M�nner und Frauen, waren verheiratet. Allerdings blieben die Novizen in der Regel ledig, bis sie ihre Ausbildung und den Walddienst abgeschlossen hatten. Viele lebten in d�rflichen Gemeinden oder Ortschaften nahe dem Baum. Darum wurde Gavins Herberge nur selten aufgesucht und war auch jetzt, wie Khaddyr schon vermutet hatte, ganz ohne G�ste.</p><p>Seine bet�rend sch�ne Begleiterin sah sich um und zeigte unverhohlenes Interesse. Khaddyr stieg vom Pferd und f�hlte sich im Schritt entspannt, wo ihm w�hrend des Ritts gewisse Verklemmungen gro�e Pein bereitet hatten. Er hob die Hand, um der Fremden aus dem Sattel zu helfen, doch sie sch�ttelte den Kopf und stieg allein vom Pferd. Er lie� sich seine Entt�uschung nicht anmerken, band das Pferd an einem d�nnen B�umchen fest und nickte in Richtung H�tte. Sie folgte ihm ins Innere. </p><p>In der H�tte standen zwei niedrige Holzbetten, ausgestopft mit sackleinenen Matratzen, die nach s��em Heu dufteten, und belegt mit Decken aus ungef�rbter Wolle. Au�erdem stand da ein gro�er h�lzerner Tisch. Lebensmittelvorr�te gab es nicht. Sie w�rden sich mit dem begn�gen m�ssen, was in der n�heren Umgebung an Essbarem zu finden war; au�erdem f�hrte er noch ein wenig an Proviant mit sich, den er vor lauter Erregung unterwegs noch nicht anger�hrt hatte. Seiner Begleiterin zugewandt, zeigte er nach drau�en.</p><p>�Ich will mal sehen, was es zu essen gibt�, sagte er langsam und betont deutlich. �Kann ich dich f�r eine Weile allein zur�cklassen?�</p><p>Die junge Frau l�chelte und nickte, was Khaddyrs Blut wieder in Wallung brachte. Er nahm die Seilschlinge zur Hand, die als T�rgriff diente.</p><p>�Gut. Mach es dir bequem. Ich bleibe nicht lange fort.� Er deutete auf eins der beiden Betten und eilte hinaus. </p><p>Als er wenig sp�ter mit frischen Wurzeln und Winter�pfeln zur�ckkehrte, lag die Frau schon in dem Bett, auf das er gedeutet hatte, schlief tief und fest und l�chelte dabei, als w�re sie im Paradies. Rhapsody wurde geweckt von der W�rme eines knisternden Feuers im Kamin. Sie richtete sich auf, sah sich im Dunkeln um und erblickte den Mann, der sich ihr mit dem Namen Khaddyr vorgestellt hatte. Es war Nacht geworden. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, seitdem sie endlich � nach einer Ewigkeit, wie es schien � wieder einmal in ein Bett hatte steigen d�rfen, worauf sie sogleich eingeschlafen war.</p><p>Der Mann betrachtete sie mit sorgenvollem L�cheln. Sie l�chelte zur�ck und hoffte, dadurch seine Stimmung aufhellen zu k�nnen. Er machte einen durchaus gutm�tigen Eindruck auf sie. Achmed und Grunthor w�rden inzwischen zu ihr aufgeschlossen sein und sich irgendwo in der N�he f�r alle F�lle in Bereitschaft halten. Das hoffte sie zumindest. Sie langte suchend unter die Decke und seufzte erleichtert. Das Schwert lag noch da, wo sie es versteckt hatte. </p><p>�Hast du Hunger?�, fragte Khaddyr. Er hatte den Tisch gedeckt, und aus einer der beiden Schalen, die darauf standen, war schon gegessen worden. Sie nickte, verlie� das Bett und nahm auf dem Stuhl ihm gegen�ber Platz. </p><p>Die H�tte war von einfacher Bauart, aber im Unterschied zu den anderen H�tten, die sie unterwegs gesehen hatte, aus Feldsteinen gemauert und mit einem Strohdach gedeckt. Ganz in der N�he waren sie an lang gestreckten H�usern vorbeigekommen, die wie Kasernen aussahen und deren Fachwerk mit Tierh�uten oder geflochtenem Reisig gef�llt war. Auch diese Bauten wirkten bei aller Schlichtheit au�ergew�hnlich solide und zeugten von handwerklicher Sorgfalt. Darauf schienen die Filiden, wer immer sie auch sein mochten, gro�en Wert zu legen.</p><p>Khaddyr sah ihr beim Essen zu, was sie ein wenig befangen machte. Als sie fertig war, deutete sie auf die leere Schale und zeigte sich dankbar.</p><p>Der Mann legte die Stirn in Falten. �Was bist du f�r ein Wesen?�, wollte er wissen und wiederholte damit die Frage, die er ihr schon gleich nach der ersten Begegnung gestellt hatte. Rhapsody wusste keine Antwort darauf und zuckte mit den Achseln. Anscheinend hatte Khaddyr noch nie jemanden von lirinscher Abstammung gesehen. Sie wollte ihm gerade erkl�ren, welcher Herkunft sie war, wurde aber durch laute Rufe daran gehindert. Das Gefolge hatte die beiden anscheinend eingeholt. Ver�rgert stand Khaddyr vom Tisch auf und trat vor eines der beiden Fenster. Trotz des schwachen Lichts, das der Mond durch die Scheiben warf, erkannte Rhapsody, dass sein Gesicht pl�tzlich ganz fahl wurde. Die Menge der D�rfler, die sich ihnen an die Fersen geheftet hatten, schien um ein Betr�chtliches angewachsen zu sein.</p><p>Der Priester eilte vor das Kleiderreck neben der T�r und nahm eines der dort h�ngenden Wettercapes aus weichem grauem Filz vom Haken. Einem Mann von durchschnittlicher Gr��e h�tte der Umhang bis zu den Oberschenkeln gereicht. Khaddyr warf Rhapsody das Kleidungsst�ck �ber und seufzte erleichtert, als er sah, dass ihr der Saum bis auf die Waden fiel. Er zog ihr die Kapuze �ber das dreckige Haar. </p><p>�Komm mit�, sagte er mit dr�ngender Stimme. �Wir nehmen eine Abk�rzung durch den Wald.� Er griff nach Stock und Umhang und hielt ihr die Hintert�r auf, die durch den Keller nach drau�en f�hrte. Rhapsody folgte ihm in die Dunkelheit und floh wie ein Fuchs vor der n�her kommenden Meute.</p></section><section><title><p>19</p></title><p>Um den von Khaddyr bezeichneten Ort im tiefen Forst zu erreichen, hatten sie eine Reise von drei Tagen zur�ckzulegen. Wieder mieden sie die gr��eren Ortschaften entlang der Hauptstra�e und hielten sich, so gut es ging, im Schutz der B�ume auf.</p><p>Der Wald im Westen war unber�hrt und verwildert, dicht bewachsen mit immergr�nen B�umen, die nicht nur das Tageslicht, sondern auch den Schnee fern hielten, sodass der Waldboden fast frei davon war. </p><p>Mit den beiden Bolg hatte Rhapsody ein schnelleres Tempo vorlegen k�nnen als mit Khaddyr, der sehr viel �lter und schwergewichtiger war und h�ufiger Pausen einlegen musste. Daf�r kannte er sich in der Gegend bestens aus. Es war fast, als hie�e ihn der Wald willkommen, als ebnete er ihm den Weg durch das dichte Unterholz.</p><p>Rhapsody schaute immer wieder zur�ck und sah zu ihrer Erleichterung tats�chlich des �fteren zwei dunkle Gestalten oder lange Schatten aus der Deckung auftauchen und bald darauf verschwinden. Achmed und Grunthor blieben ihr auf der Spur und lie�en sie das auch wissen. Die Menge der aufdringlichen D�rfler schien abgesch�ttelt zu sein. Dennoch sah sie sich nicht allein mit dem Priester, und das beruhigte sie sehr.</p><p>Wenn sich Khaddyr fr�h morgens hinter irgendein Geb�sch zur�ckzog, um seine Notdurft zu verrichten, nutzte Rhapsody die Gelegenheit zur Morgenandacht. Der Mahnung Achmeds eingedenk und um sich nicht zu verraten, sang sie nur die Melodie und verzichtete auf die alt-lirinschen Verse. Manchmal, wenn sie nach Abschluss des Gesangs aufblickte, sah sie den filidischen Priester vor sich stehen und sie wie einen mythischen Vogel betrachten.</p><p>Abends machte Khaddyr immer ein kleines Feuer, von dem sie jedes Mal respektvoll Abstand hielt, weil sie ja wusste, wie Feuer auf sie reagierte. Khaddyr f�hrte diese Zur�ckhaltung offenbar auf eine wie auch immer begr�ndete Abneigung zur�ck, die er nicht weiter in Frage stellte. Er versuchte auch nicht mehr, sie zu ihrer Person auszufragen, und sprach nur noch dann, wenn es darum ging, ihr den Weg zu erkl�ren. </p><p>Am dritten Tag endlich gelangten sie an eine gro�e Lichtung. Darauf waren etliche H�user und H�tten verstreut, manche aus Stein, andere aus Lehm oder Fachwerk gebaut, gerade so wie die meisten b�uerlichen Behausungen dieses Landstrichs. Sie kamen auch an einigen gro�en Geb�uden vorbei, mit schweren T�ren und kegelf�rmigen Strohd�chern. Aus den Schornsteinen all dieser H�user stieg Rauch auf. </p><p>�ber den Eing�ngen waren sechseckige Zeichen angebracht, �hnlich demjenigen, das sie noch mit Achmed und Grunthor �ber der T�r einer Bauernh�tte gesehen hatte, das nur nicht so schmuckvoll und bunt gewesen war. Die Mauern waren fast alle wei� get�ncht und teilweise mit Steinplatten verziert. </p><p>Die Leute, die dort ein und aus gingen, waren nicht wie Bauern oder Dorfbewohner gekleidet. Vielmehr trugen sie wie Khaddyr lange wollende Gew�nder in den Farben Blau, Gelb, Gr�n oder Braun. Manche dieser Gew�nder, so wie Khaddyrs, waren mit einer Kapuze versehen, was � �hnlich wie die Farben � allem Anschein nach Rangunterschiede erkennbar machte.</p><p>Neben den in solchen Roben gekleideten Ordensleuten waren auch M�nner zu sehen, die ledernen Harnisch trugen und mit Pfeil und Bogen, Speeren, �xten und dergleichen bewaffnet waren. Viele dieser M�nner machten einen abgek�mpften Eindruck; etliche schienen unter Verletzungen zu leiden. Rhapsody fragte sich, was ihnen an diesem scheinbar so friedlichen Ort widerfahren sein mochte. Bei dem Gedanken an Krieg verkrampfte sich ihr der Magen. Schon in Ostend hatte Krieg in der Luft gelegen. Wenn es tats�chlich zu bewaffneten K�mpfen k�me, w�rden sich ihre Chancen auf eine baldige R�ckkehr nach Hause erheblich verschlechtern. Und diese Aussicht bek�mmerte sie sehr. </p><p>Am sp�ten Nachmittag h�rte sie es dann: ein Lied, das sch�ner und Wohlt�nender klang als alles, was ihr bisher zu Ohren gekommen war. Es war das Lied des Baums, des mit der Sagia verwurzelten Zwillings. Sie waren ihm offenbar schon sehr nahe gekommen.</p><p>Als sich die Sonne auf den Horizont senkte, erreichten sie eine gro�e Waldwiese, und in deren Mitte erhob sich sein Stamm, wei�er als Schnee, mit weit ausladendem elfenbeinernem Ge�st, das wie die Finger einer Riesenhand in den dunkler werdenden Himmel langte.</p><p>Rhapsody traute ihren Augen kaum. An seinem Fu� war der Stamm unglaublich dick und ma� an die zwanzig Schritt im Durchmesser. Die ersten �ste entwuchsen ihm in der schwindelnden H�he von �ber f�nfzehn Klaftern. Gern h�tte sie die weit gespannte Krone in vollem Laub gesehen. Die letzten Strahlen der Wintersonne lie�en die Rinde in einem geradezu �therischen Glanz aufleuchten. Ringsum in einem Abstand von gut hundert Schritt, da, wo die seitlich auswuchernden Flachwurzeln in der Erde verschwanden, war ein Ring von B�umen gepflanzt, von jeder nur denkbaren Art einer. In diesem Ring hallte ein uraltes Lied; es unterschied sich von dem der Sagia, klang aber ebenso bedeutungsvoll und sch�n. In Rhapsodys Augen sammelten sich hei�e Tr�nen.</p><p>Khaddyr beobachtete sie mit starrem Blick, bis er schlie�lich wie nach tiefem Schlaf den Kopf sch�ttelte. �Du hast Achtung vor dem Baum?�, fragte er. Rhapsody nickte, ohne den staunenden Blick von dem Gro�en Wei�en Baum abzuwenden. Khaddyr schmunzelte. �Dann bist du hier willkommen. Llauron wird sich freuen, dich kennen zu lernen. Komm, wir sind fast bei ihm zu Hause.� Er f�hrte sie an dem Ring aus B�umen vorbei und auf die Wiese hinaus.</p><p>Am Rand der Lichtung stand zwischen hohen alten B�umen ein gro�es Haus, das, obgleich einfach und schlicht gebaut, au�ergew�hnlich sch�n war. Die vielfach verwinkelte Fassade reichte bis unter das hohe Ge�st und enthielt zahlreiche dem Baum zugewandte Fenster. Mit besonders sch�nen Holzschnitzereien verziert war jener Teil des Hauses, zu dem auch ein Turm geh�rte, der noch das Dach des Waldes �berragte.</p><p>Ein m�chtiger Steinwall f�hrte zu einem kleineren Anbau hin, wo vor einem schweren Holztor Soldaten Wache standen, die �hnlich ausger�stet waren wie die M�nner, die Rhapsody zuvor gesehen hatte. An Khaddyr gewandt, zeigte sie mit fragender Miene auf das Haus. Der Priester l�chelte. </p><p>�Das ist Llaurons bescheidene Bleibe, das Haus unseres F�rbitters, seinem hohen Stand nicht gerade angemessen, aber durchaus wohnlich. Komm, ich bringe dich zu ihm.� Er f�hrte sie durch einen gepflegten Garten zum Tor und nickte den W�chtern zu, worauf diese ihnen den Weg frei machten. Versteckt hinter dichtem Geb�sch, konnten Achmed und Grunthor beobachten, wie der Mann an die T�r klopfte, die wenig sp�ter von einer Frau ge�ffnet wurde. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Priester trat sie zur Seite und lie� ihn mit Rhapsody in dieses seltsam verwinkelte Haus eintreten. Die Dienerin machte die T�r hinter ihnen zu.</p><p>Achmed schloss die Augen und lehnte sich an den Stamm einer wei�en Erle. Der Wind schmeckte ein wenig s��lich, und die Stille war bet�ubend. Rhapsodys Herzschlag wurde weicher, je weiter sie in das Haus vordrang, bis fast nur noch Grunthors Puls und der eigene unter der Haut resonierte. <emphasis>So muss sich Frieden anf�hlen,</emphasis> dachte er und war sich nicht ganz sicher, ob ihm das auch gefiel. Dann sp�rte er am Rand seines Bewusstseins einen weiteren Rhythmus in der Ferne pulsieren, und da war noch einer, ungewohnt, aber nicht unbekannt. Es schwangen noch andere Herzschl�ge im Wind, doch die waren allzu weit entfernt und nur als ein vages Stampfen oder gefl�stertes Flackern auszumachen. Es gab also drau�en in der weiten Welt immer noch einige Herzschl�ge, die er unter der Haut und in seinem Blut registrierte. Vielleicht war er seiner Gabe doch nicht so restlos verlustig gegangen wie er bef�rchtet hatte. Allerdings war ihm nicht klar, wie das sein konnte und ob es ein Segen war oder ein Fluch. Er sch�ttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich auf Rhapsody. Die anderen Herzschl�ge verstummten wieder. </p><p>Sie warteten l�nger als geplant und wollten sicher sein, dass, wer immer in diesem seltsamen Haus lebte, ihr kein Leid antun w�rde. Achmed hatte ihren Herzschlag vom Augenblick der Trennung an genau beobachtet, ihn als klar und kr�ftig empfunden, bis sie mit dem Naturpriester in dieses Haus getreten war. Der Puls war nun zwar ged�mpft, aber immer noch so deutlich zu vernehmen, dass Achmed seine R�ckschl�sse daraus ziehen konnte.</p><p>Sie war nerv�s, �ngstlich sogar. Dann sp�rte er, wie das anf�ngliche Unbehagen pl�tzlich in einen Anflug von Panik umschlug, die aber keinen konkreten Grund zu haben schien. In diesem Fall w�ren er und Grunthor unverz�glich eingeschritten. Doch wie sich herausstellte, war das nicht n�tig. </p><p>�Wie lange sollen wir noch warten?�</p><p>�Noch eine weitere Nacht. Dann gehen wir.�</p><p>Sie wurde anscheinend von besonders intensiven Albtr�umen heimgesucht. Er konnte sp�ren, wie sich ihr Puls im Verlauf der Nacht dramatisch beschleunigte. Seit der gemeinsam auf der Wurzel verbrachten Zeit kannte er solche Wechsel im Rhythmus, die meist von schlimmen Tr�umen ausgel�st wurden. In dieser Nacht aber schien das Albdr�cken noch um einiges heftiger zu sein.</p><p>Als es d�mmerte, sp�rte er, dass sie das Haus verlie� und auf den Gro�en Wei�en Baum zuging, vor dem sie ihre Morgenandacht sang. Der Wind trug die sanften Schwingungen �ber das weite Feld und mit wohliger Wirkung �ber ihn hinweg. Das Lied war wie immer, hatte aber eine melancholischere Note, wie er sie zuletzt an der Wurzel geh�rt hatte, eine tiefe Traurigkeit, die sich nicht ermessen lie�. Dabei war sie weder verletzt noch in Gefahr. Es ging ihr gut.</p><p>Einen Augenblick sp�ter h�rte er sie pfeifen und das Zeichen daf�r geben, dass alles in Ordnung war. Zwar konnte er ihr anh�ren, dass sie sich von den Traumgesichten noch nicht ganz erholt hatte, doch war sie zuversichtlich genug, um die Freunde ziehen zu lassen. Achmed l�chelte.</p><p>Er �ffnete den Mund und atmete die frostige Luft ein. Sie war frei von den ekligen Ausd�nstungen des D�mons. In der Stille um ihn herum lag ein Vorgef�hl von Absolution, von einem Neuanfang, der das alte Leben mit seinen Schrecken weit hinter sich lie�. Sie hatten es geschafft. Die Flucht war gegl�ckt. Die bevorstehenden Herausforderungen konnten ihn nicht schrecken, wenn er zur�ckdachte an das, was nun gl�cklich �berstanden war.</p><p>Der kalte Schnee unter den d�rftig besohlten Schuhen holte ihn aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zur�ck. Auch Grunthor war inzwischen aufgewacht.</p><p>�Wir sollten uns etwas W�rmeres zum Anziehen besorgen � und etwas zu essen. Ich kann dieses Wurzelgeschnetzelte nicht mehr sehen. Danach wollen wir die Lage peilen und sehen, wohin der Wind uns tr�gt. Vielleicht k�nnen wir f�r Rhapsody einen Weg ans Meer finden.�</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Als es dunkel wurde, zogen sich die beiden Firbolg aus dem Dickicht zur�ck und wanderten in westlicher Richtung dem Meer entgegen. Es war noch meilenweit entfernt, doch Achmed schmeckte schon das Salz in der Luft.</p><p>Unweit einer kleinen Hofschaft kamen sie an einer verlassenen Scheune vorbei, wo sie ihr Nachtlager einrichteten. Abgesehen davon, dass sie ein Dach �ber dem Kopf hatten, bot der morsche Bretterverschlag nur wenig Annehmlichkeiten, zumal sie es nicht wagten, ein Feuer zu machen. Der Boden lag voller Heu, das seit Jahren vor sich hin faulte. Damit deckten sich die beiden zu, doch es w�rmte sie kaum. </p><p>Grunthor hatte Zweige von Schwarzweiden und Kirschb�umen gesammelt und den l�ngsten Teil des Abends damit zugebracht, Pfeile zu schnitzen, um diejenigen zu ersetzen, die er vor schon so langer Zeit auf den Feldern und unter der Erde verschossen hatte. Achmed ertappte ihn mehr als einmal dabei, dass er eine der Melodien, die er von Rhapsody gelernt hatte, schr�g und falsch vor sich hin summte. </p><p>Am n�chsten Morgen erkundeten sie das Dorf und die umliegenden H�fe und kehrten mit Eiern und Winterrunkeln, mehreren Pferdedecken und ein paar Kleidungsst�cken zur�ck, die der Gr��e nach Achmed passen mochten. Sie hatten auf ihrem Streifzug weite Wege gemacht und an den einzelnen Orten jeweils nur ganz wenig mitgehen lassen, um nur ja nicht aufzufallen.</p><p>�Schick, wie du aussiehst�, scherzte Grunthor, als Achmed feststellen musste, dass der gestohlene Umhang in Wirklichkeit ein Kleid war. Er schnitt ein Loch in eine der Pferdedecken und warf sie sich als Cape �ber die Schultern. �Aber bild dir blo� nich ein, mit der Gn�digsten um die Gunst der jungen Hirsche konkurrieren zu k�nnen. Ich f�rchte, du wirst das Mauerbl�mchen bleiben.� </p><p>Achmed riss den Saum des Kleides ab und verk�rzte es zu einem langen Hemd.</p><p>�Ich m�sste mich schon sehr t�uschen, wenn sie inzwischen nicht sogar die gesamte Belegschaft von Madame Parris Poussierpalast locker ausstechen k�nnte�, entgegnete er und zog sich seine neuen Kleider an. �Das Feuer hat ihr �berhaupt nicht geschadet, und wer wei�, wof�r ihre Wandlung demn�chst noch gut sein mag. Ich h�tte zuerst damit gerechnet, dass der Priester sich an ihr vergreift, aber er hat sich offenbar nicht getraut.�</p><p>�Ach ja, die gute alte Madame Parri. Die h�tt ich beinah ganz vergessn. Wie�s den beiden Herzchen Brenda und Susie wohl so geht.�</p><p>Achmed kicherte. �Grunthor, ich bin sicher, sie werden dich sehr vermissen. Du hast Ma�st�be gesetzt, an die kein anderer heranreicht.� Er warf dem Riesen einen Winterapfel zu. �Komm, wir wollen uns noch ein wenig in der Gegend umtun.�</p><p>Die behelfsm��ige Bekleidung bot zusammen mit den alten Lumpen, die sie trugen, ausreichend Schutz vor den frostigen Temperaturen. Mit den Z�geln und Geschirrteilen, die sie sich ebenfalls heimlich angeeignet hatten, hatten sie ihre Stiefel zu reparieren versucht, was ihnen aber nicht so recht gelungen war. Es blieben immer noch L�cher, durch die der Schnee drang, und es war ihnen schrecklich kalt an den F��en.</p><p>Im Westen wurde die Besiedlung zunehmend dichter. Nach wenigen Meilen erreichten sie eine Ortschaft, an deren Rand sie sich hinter stacheligen Schwarzdornb�schen versteckten und das Treiben der D�rfler beobachteten. </p><p>Obwohl sie die fremde Sprache l�ngst nicht so gut verstanden wie Rhapsody, konnten sie doch das eine oder andere Wort aufschnappen. Besonders h�ufig gebraucht wurde das Wort <emphasis>Avonderre,</emphasis> und meist zeigte man dabei in s�dwestliche Richtung.</p><p>Anscheinend bezeichnete es die Nachbarschaft; unklar blieb den beiden Bolg jedoch, ob es sich um ein Dorf, eine Stadt, eine Provinz oder sogar um einen Nachbarstaat handelte.</p><p>Nachmittags hatten sie die ganze Ortschaft umkreist und waren im Begriff, weiter zu ziehen, als Achmed auf dem Frost�berzogenen Fahrweg eine entfernte Ersch�tterung wahrnahm.</p><p>Versteckt zwischen B�umen mit silberner Borke, die es in Serendair nicht gab, schloss er die Augen und konzentrierte sich auf die Schallquelle. Der Fahrweg war nicht mehr als ein ausgetretener Pfad mit tiefen Schlagl�chern und Spurrillen im angetauten Boden. In der Erinnerung h�rte er Rhapsodys weiche Stimme. </p><p><emphasis>Unfehlbarer F�hrtenleser, Pfadfinder</emphasis>.</p><p>Ihm schwirrte der Kopf, und er musste sich am n�chsten Baumstamm festhalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Und dann drohte er den Verstand zu verlieren. Sein vision�rer Blick auf den Fahrweg verweilte kurz auf der Stelle, raste aber dann mit Schwindel erregendem Tempo voran. </p><p>Schlie�lich fiel sein inneres Auge auf eine Gruppe bewaffneter Reiter, die sichtlich m�de und abgek�mpft in Richtung Dorf galoppierten. Es waren rund ein Dutzend M�nner; sie trugen dunkelgr�nes Leder und ritten allesamt auf Rotschimmeln, den r�tlich grauen Pferden des Waldes. Pl�tzlich erlosch das magische Bild, aber nicht bevor Achmed zwei Dinge registriert hatte. Erstens: </p><p>Noch auff�lliger als R�stung und Pferde waren die Gesichter der Reiter, markante Dreiecke, gebildet aus kr�ftigen Jochknochen und spitz zulaufendem Kinn. Haut und Haare waren erdfarben. Lirin. Zweitens: Sie trugen Fackeln.</p><p>Achmed stie� unwillk�rlich einen Fluch aus und wandte sich Grunthor zu. �Lirin-Soldaten, mit Feuer bewaffnet. Sie reiten auf uns zu.�</p><p>Grunthor starrte ihn an und schien nicht glauben zu wollen, was er da zu h�ren bekam. �Lirin? Bewaffnet mit Feuer? Bist du dir sicher?�</p><p>Achmed nickte. Er war nicht weniger verbl�fft als der Freund. Den Lirin, insbesondere den Liringlas, war bekannterma�en eine angeborene Aversion gegen Feuer eigen. Abgesehen von den Lirinpan, die in St�dten lebten, waren die St�mme der Lirin im Wald und auf offenen Feldern zu Hause, an Orten also, die st�ndig in Gefahr standen, von wild um sich greifenden Lauffeuern �berrollt zu werden. Umso verwunderlicher war es, lirinsche Reiter zu sehen, die brennende Fackeln wie Waffen vor sich her trugen. Doch es fehlte die Zeit, um lange dar�ber zu r�tseln.</p><p>�Komm�, fl�sterte er. </p><p>Vorsichtig darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben, hasteten sie durch dichtes Gestr�pp und schlugen einen weiten Bogen ein, der schlie�lich in s�dwestliche Richtung zielte. In den tiefen Wald mit seinen immergr�nen B�umen zur�ckgekehrt, kletterte Achmed ein bis zwei Klafter hoch auf eine schlanke Fichte. Grunthor versteckte sich im niederen Geb�sch, wo er spurlos verschwand und f�r Achmed nicht mehr zu sehen war. </p><p>Es dauerte nicht lange, und die Reiterschar r�ckte n�her. Gellende Rufe wurden laut, ausgesto�en von Bauern und D�rflern, die mit ihren Kindern in panischer Angst Rei�aus nahmen und wie aufgescheuchte H�hner auseinander stieben.</p><p>Achmed musste tatenlos mit ansehen, wie ein Teil der Truppe alle, die nicht schnell genug fliehen konnten, brutal niederkn�ppelte. Ein anderer Teil machte sich daran, die H�user in Brand zu stecken, bis schlie�lich das ganze Dorf in Flammen aufging-</p><p>Einige wenige Bauern versuchten mit dem, was sie gerade zur Hand hatten, Widerstand zu leisten, doch gegen die bewaffneten Angreifer hatten sie keine Chance. Einer ritt kaltbl�tig eine Frau nieder, die ein Kind auf den Armen trug, das im hohen Bogen durch die Luft flog und reglos auf dem harten Boden liegen blieb. </p><p>Achmed sah, wie der Reiter kehrtmachte und auf das Kind zuhielt, als ein Pfeil durch die Luft surrte und sich in den Nacken des Lirin bohrte. Leblos kippte der Soldat aus dem Sattel und fiel in den Staub. Mit Blick auf Grunthor sah er, dass der Riese mit selten grimmiger und entschlossener Miene einen zweiten Pfeil auf die Bogensehne legte und fliegen lie�. Und wieder traf es einen Reiter, den es vom Pferd in ein Strohfeuer warf, das er selbst gelegt hatte.</p><p>Einer der anderen M�nner lie� einen Vogelruf erschallen, worauf der ganze Trupp auf der Stra�e anhielt. Einem ruhig erteilten Kommando folgend, machten die M�nner kehrt und ritten �ber die gefallenen Kameraden hinweg zum Dorf hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p><p>In der kleinen Ortschaft wurde es ganz still. Dann erhob sich ein Geschrei, so pl�tzlich, als w�re etwas zu Bruch gegangen. Eine schluchzende Frau rannte auf das Kind zu, hob es vom Boden auf und lachte und weinte erleichtert, als das kleine M�dchen die Augen �ffnete. Dabei sah sie weder nach rechts noch links und nahm auch keine Notiz von dem Firbolg-Riesen, der nur wenige Schritt von ihr entfernt war. </p><p>Als die Mutter mit dem Kind sich zu den anderen gesellt hatte, legte Grunthor den Bogen aus der Hand und beugte sich vor, um besser sehen zu k�nnen. �Was um alles in der Welt hat das nur zu bedeuten?�, fragte er und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Achmed zuckte mit den Achseln. �Darauf f�llt mir auch keine Antwort ein. Vielleicht sind die Geschichten, die man uns Kindern von den Leuten auf der anderen Erdseite erz�hlt hat, am Ende wahr, und sie laufen tats�chlich mit dem Kopf nach unten durch die Welt. H�ttest du mir heute Morgen gesagt, dass uns eine mit Feuer bewaffnete M�rderbande �ber den Weg l�uft, ausgerechnet Lirindarc, die ein Dorf in Brand stecken, sich dann aus dem Staub machen und ihre gefallenen Kameraden achtlos zur�cklassen � ich h�tte an deinem Verstand gezweifelt und dir einen Vogel gezeigt.� Grunthor nickte zustimmend. </p><p>Achmed kletterte vom Baum, ehe der �tzende Rauch �berhand nahm, und gemeinsam eilten sie durchs Unterholz davon, weg von den Klagerufen der D�rfler im Hintergrund.</p><p>Als der achte Tag ihrer Streifz�ge zu Ende ging, zweifelten beide am eigenen Verstand. Auf Schritt und Tritt waren sie Zeugen unerwarteter und gef�hrlich sinnloser Gewalt geworden.</p><p>Manchmal hatten Lirin ihren Anteil daran, aber meistens waren es Menschen, die gegen ihresgleichen w�teten. Die Firbolg fragten sich, ob sie hierzulande ihrem Ruf als Ungeheuer �berhaupt noch gerecht wurden, denn was ihnen rundum vor Augen gef�hrt wurde, war weit monstr�ser als sie.</p><p>Ebenso unerkl�rlich war, was auf die Gr�ueltaten folgte. Nach dem �berfall auf eine Stadt im Grenzgebiet zwischen Wald und offenem Weideland konnten sie beobachten, wie die Pl�nderer, die soeben noch raubend von Haus zu Haus gezogen waren, mit ihrer Beute in ihre Kasernen zur�ckkehrten, die, gewisserma�en gleich um die Ecke, nur eine halbe Wegstunde weit entfernt lag. Und was noch verr�ckter war: Einige Soldaten derselben Einheit r�ckten in die Stadt aus, um die Verwundeten zu versorgen. </p><p>�Was geht hier vor?�, fragte Grunthor, als sie von ihrem sicheren Versteck der anschlie�enden Aufr�umaktion zusahen. �Das ergibt doch alles keinen Sinn.�</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf, sagte aber nichts. Ein Krieg war f�r ihn nur dann ein Krieg, wenn er klare Fronten hatte, Beweggr�nde und unterscheidbare Gegner. Hier aber war nichts davon gegeben. </p></section><section><title><p>21</p></title><p>Je n�her sie dem Meer kamen, desto d�nner wurde die Schneedecke, bis schlie�lich braunes Gras darunter zum Vorschein kam. �ber die kahlen B�ume fegte ein eisiger Wind, der noch weniger Mitleid zeigte als die Soldaten. Achmed und Grunthor machten einen gro�en Bogen um alle bewohnten Gebiete, um nahe einem gesch�tzten Lagerfeuer schlafen zu k�nnen, ohne sich zu verraten. Nur wenn sie Proviant besorgen mussten, pirschten sie sich an leer stehende H�user oder Scheunen heran. </p><p>Sie befanden sich jetzt in Avonderre und hatten in aufgeschnappten Gespr�chen etliche Hinweise darauf erhalten, dass dieser Name eine Provinz bezeichnete, die ans Meer grenzte. Der Salzgeruch in der Luft war so kr�ftig, dass auch Grunthor ihn wahrnehmen konnte. So folgten sie ihren Nasen und n�herten sich dem Meer, zwar langsam nur, weil sie nicht auf offener Stra�e reisen wollten, aber best�ndig St�ck f�r St�ck.</p><p>Die Siedlungen und St�dte wurden gr��er und gr��er. Bald zeigte sich am Horizont eine H�userfront, die kein Ende mehr zu nehmen schien. Anstelle der einfachen H�tten und Hofschaften, in denen die Landbev�lkerung wohnte, erhoben sich hier geziegelte B�rgerh�user mit schmuckvollen Eingangst�ren und festen Schindeld�chern.</p><p>Die Stra�en waren doppelt so breit oder noch breiter als auf dem Lande, gepflastert und mit Bordsteinen ges�umt. Grunthor dachte daran, wie teuer das wohl alles gewesen sein mochte, und prustete unwillk�rlich. Daheim waren nur die Stra�en in den vornehmsten Vierteln der gr��ten St�dte gepflastert, und dort auch nur vor �ffentlichen Geb�uden und Tempeln. In dieser Stadt jedoch, die mindestens dreimal gr��er war als Ostend, schien ausnahmslos jede Stra�e gepflastert zu sein. </p><p>Das Werft- und Hafengel�nde war, wie es schien, noch gr��er als die Stadt und erstreckte sich entlang der K�stenlinie weiter als das Auge reichte. Seine �u�ersten Eckpunkte bildeten zwei Fischerd�rfer. Weiter zur Mitte hin lagen die Docks, aus edlem Holz und gl�nzenden Steinen gebaut, mit Aufschleppen und Anlegestellen aus poliertem Metall. Genau in der Mitte befand sich der Hafen, ein kolossales Becken, in dem mehr Schiffe festgemacht hatten, als Achmed und Grunthor zu z�hlen gewillt waren. </p><p>�Kaum zu glauben�, murmelte der Sergeant, als sie aus der Ferne beobachten konnten, wie hundert Handelsschiffe auf einmal gel�scht wurden und es dort vor lauter F�ssern und Kisten und Pferden und Karren wimmelte wie auf einem Ameisenhaufen.</p><p>Achmed tippte dem Freund auf die Schulter und zeigte schr�g nach oben. �Sieh dir erst einmal das an.� </p><p>Grunthor blickte auf von dem Haufen Kohle, die er im Hinterhof eines Grobschmieds aufgetrieben hatte und nun in einem gro�en Wachstuch zu transportieren gedachte. Die Sonne ging gerade unter und nahm den letzten Flecken blauen Himmels mit sich. An dessen Stelle machten sich m�chtige Gewitterwolken breit, voller Regen und Wetterleuchten. Wenig sp�ter frischte der Wind auf und lie� einen Sturm erwarten. </p><p>�Herrje. Wir sollten schnellstens das Weite suchen.�</p><p>Achmed war bereits �ber die Mauer hinter der Schmiede gesprungen und rannte nach Norden. �In den Felsklippen am Stadtrand werden wir irgendwo Schutz finden. Komm! Wenn�s losgeht, wird�s sicher ungem�tlich.� </p><p>Unter dr�uendem Himmel und von Windst��en getrieben, hasteten sie auf die Klippen zu, die sich trotzig vor dem aufgew�hlten Meer erhoben. Die Wellen rauschten und schleuderten den beiden salzige Gischt ins Gesicht.</p><p>Es war inzwischen ganz und gar d�ster geworden; nur hin und wieder rissen die Wolken auf und lie�en f�r kurze Zeit den vollen Mond zum Vorschein treten.</p><p>�Schnell, suchen wir nach �nem Unterschlupf�, dr�ngte Grunthor.</p><p>Achmed sperrte die Augen auf, sah aber wenig mehr als zerkl�ftete Felsen und wei� sch�umende Wellen. So gut Firbolg-Augen auch in unterirdischer Dunkelheit zu sehen vermochten, an der Oberfl�che waren sie nachts ebenso eingeschr�nkt wie die Augen der Menschen.</p><p>�Vielleicht auf der anderen Seite�, schlug Achmed vor.</p><p>Grunthor sch�ttelte den Kopf und sch�ttelte dabei Wasser und Schwei� ab. �Nein, da ist nichts, nur glatter Fels, und das �ber Meilen. Aber weiter unten am Strand ist eine Art Grotte.�</p><p>�Sp�rst du das durch die Erde hindurch?�</p><p>�Ja.� </p><p>Langsam kletterten Achmed und Grunthor bergab, bis sie schlie�lich den sandigen Strand erreichten. Dort wechselten sie in einen z�gigen Laufschritt �ber. Die ersten Tropfen fielen und trafen wie Eissplitter auf ihre Gesichter. Der Strand schlug einen Bogen um einen H�gel im Norden und folgte einem Flussarm, der sich in eine kleine Lagune �ffnete. Sie war schon vom oberen Rand der Klippen zu sehen gewesen, die sich jetzt in langer, schwarzer Front wie eine Gebirgskette �ber ihnen auft�rmten. </p><p>Als sie endlich das Ende der Felswand erreichten, fiel ihr Blick auf ein riesiges Bauwerk, das in weitem Abstand von vier weiteren Geb�uden umgeben war. Die Umrisse zeichneten sich im Dunkeln nur vage ab. </p><p>�Das ist ja ein Tempel�, rief Achmed. �Wie verr�ckt muss denn sein, der einen Tempel auf Sand baut?� </p><p>Der Sturm tobte so laut, dass Grunthor den Freund nicht richtig verstand. �Und so nah am Wasser. Seltsam, f�rwahr. Solln wir einen Blick Reinwerfen?� Das lange Haar war tropfnass und klebte ihm in Str�hnen auf der Stirn. </p><p>Achmed z�gerte. Wo es Tempel gab, war auch mit Priestern zu rechnen, und er verabscheute Priester. Aber das hohe Geb�ude war unbeleuchtet. Licht brannte nur in den vier entfernten H�usern ringsum, in denen aller Voraussicht nach die Geistlichkeit wohnte und wirtschaftete. In der Basilika selbst w�rden sie wohl am ehesten unentdeckt bleiben.</p><p>�Na sch�n�, murmelte er und zog die zerrissene Kapuze tiefer ins Gesicht. �Aber wehe dem Priester, der mir in die Quere kommt.�</p><p>Von weitem stellte sich ihnen der Tempel lediglich als ein massiges, gemauertes Gebilde dar, das hoch �ber dem Wasser aufragte. Als sie aber die Nordseite der Klippen erreichten, blieben sie unwillk�rlich stehen und verga�en �ber ihr Staunen den prasselnden Regen.</p><p>Der Tempel erhob sich aus der tobenden Brandung und zeigte mit einem sonderbar schiefen Turm landeinw�rts. Der Sockel bestand aus gro�en vieleckigen Felsbl�cken, die zwischen hohen Pf�hlen aus uraltem Holz kunstvoll aufgemauert waren. Zum Portal f�hrte ein mit polierten Steinplatten im Sand ausgelegter Gehweg. </p><p>Ein brausender Windschwall schlug ihnen entgegen und zerrte an den notd�rftigen Kleidern. Die vorbeifliegenden Regenwolken klafften einen Moment lang auf und lie�en die Strahlen des Mondes passieren, die mit ihrem Glanz das ganze Bauwerk zum Leuchten brachten.</p><p>Der Tempel war so gebaut, dass er dem Bug eines gro�en Schiffswracks glich, der in steilem Winkel aus dem schroffen Fels am Strand herausragte. Die gro�en Tore, zusammengef�gt aus Planken unterschiedlicher L�ngen, schienen ein gro�es, in den Kiel gerissenes Leck zu verschlie�en. Der schiefe Turm stellte, wie sich jetzt zeigte, den Mast dar. �berhaupt war das imagin�re Schiff detailgetreu nachempfunden bis hin zu den Navigationsinstrumenten. Das Takelwerk, filigran aus Marmor gearbeitet, war im Ma�stab �ber f�nfmal so gro� wie in Wirklichkeit.</p><p>Ein St�ck vor der K�ste lag ein anderer Teil des Tempels, ein Anbau, der �ber einen einfachen beplankten Gehweg mit dem Hauptgeb�ude verbunden war. Dieser Steg war wie ein Gro�teil des Anbaus nur bei Ebbe sichtbar und ansonsten von der Flut �bersp�lt. Als Gegenst�ck zum strandseitigen Hauptteil des Tempels entsprach der Anbau einem ruinierten Achterschiff. Zwischen beiden Teilen lag, ein wenig zur Seite versetzt, ein riesiger Anker, der sich tief in eine Sandbank eingegraben hatte. </p><p>Trotz aller architektonischen Sorgfalt, mit der der Eindruck eines auf Grund gelaufenen Schiffswracks erzielt wurde, wirkte das Bauwerk ungemein solide. Es stand scheinbar unangefochten inmitten der tosenden Brandung. Grunthor stie� voller Anerkennung einen lang anhaltenden Pfiff aus.</p><p>�Criton. Was sagst du dazu, Achmed?�</p><p>Achmed f�hlte sich nicht wohl so nahe am aufgew�hlten Wasser. Das Meer mit seiner kolossalen Urgewalt und den ihm eigenen Schwingungen �berlagerte die Herzschl�ge derer, denen er nachgejagt war, als er noch ein Gesp�r daf�r gehabt hatte. Es war der einzige Ort, an dem sich ein Opfer vor ihm, Achmed, h�tte in Sicherheit bringen k�nnen.</p><p>�Es scheint, dass die Anh�ngerschaft dieses Tempels in der Mehrzahl aus H�ndlern oder Fischern besteht. Und die m�ssen sehr reich sein. Ein so kostbares und aufw�ndiges Bauwerk habe ich nie zuvor gesehen. Es soll wohl an ein Ungl�ck erinnern, das, wenn dem so ist, von gro�er Tragweite gewesen sein muss. Schade, dass Rhapsody nicht hier ist. Wahrscheinlich h�tte ihr das alles mehr gesagt.� </p><p>�Ja. Wenn ich mich nich irre, stammt sie aus �ner Seefahrerfamilie oder von Ostender Werftarbeitern ab. Unterwegs auf der Wurzel hat sie mal davon gesprochen, wie gern sie das Meer sehn w�rde.� </p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht, dass Rhapsody aus Ostend oder irgendeiner anderen gro�en Stadt kommt. M�glich, dass sie in den Kneipen und auf den Stra�en von Ostend ein paar lebenswichtige Dinge gelernt hat, aber sie ist kein Gro�stadtkind. Daf�r fehlt es ihr an Gerissenheit. Ich vermute, sie ist auf einem Bauernhof gro� geworden, in eher �rmlichen Verh�ltnissen.� Der Wind schleuderte ihnen Sand ins Gesicht.</p><p>�Glaubst du, dass sie zurechtkommt?�</p><p>Achmed schlang den Umhang enger um sich. �Ja. Komm. Bald setzt die Flut wieder ein, und ich will, dass wir uns vorher die hinteren Aufbauten angesehen haben.�</p><p>�Und jetzt kommt der Regen.�</p><p>Sie warteten noch eine Weile, um nicht zuf�llig von einem Tempelbesucher �berrascht zu werden. Es war aber bald so dunkel und st�rmisch, dass sie nicht mehr f�rchten mussten, entdeckt zu werden.</p><p>Der Sturm br�llte immer lauter. Der Regen fiel herab wie aus K�beln gegossen und durchn�sste beide Bolg bis auf die Knochen. Trotz Niedrigwasser donnerten gewaltige Brecher aufs Ufer zu, die mit wei�er Gischt das Tempelfundament umsp�lten.</p><p>Das Mondlicht war nun vollst�ndig erloschen. Die schwarzen, dahinjagenden Regenwolken hatten den Himmel f�r sich allein. Achmed und Grunthor erkletterten die Klippen und liefen �ber die Planken auf den Tempeleingang zu. Die Fackeln, die das Portal flankierten, waren l�ngst vom Wind ausgeblasen worden. </p><p>Grunthor langte nach der schweren Klinke aus Messing. Der linke T�rfl�gel lie� sich reibungslos �ffnen. Die beiden traten ein und beeilten sich, die T�r hinter sich zuzuziehen.</p><p>Das von der Kleidung tropfende Regenwasser lief zwischen ihren F��en zu einer Pf�tze zusammen, als sie staunend zum schwindelnd hohen Gew�lbe aufblickten. In den dunklen Stein der gew�lbten Seitenw�nde war Treibholz in allen nur erdenklichen L�ngen und Breiten eingearbeitet, und man w�hnte sich in der skelettierten Brust eines riesigen, auf dem R�cken liegenden Tieres, dessen R�ckgrat den langen Mittelgang bildete, w�hrend die alten, gebrochenen Rippen nach oben ins Dunkle f�hrten. </p><p>Wie Bullaugen sa�en die Fenster in den hohen W�nden. F�r Licht bei Tage sorgten zus�tzlich durchscheinende Glasbl�cke, die auf Grunthors Knieh�he der Reihe nach in die W�nde eingelassen waren. Dahinter schimmerte jetzt die sch�umende Gischt der Brandung, deren reflektiertes Licht einen gr�nlichen Schimmer ins Innere der Basilika warf. Tags�ber w�rde sie in hellem Licht erstrahlen. Jetzt, bei Nacht, zumal w�hrend eines Gewitter stur ms, herrschte hier eine derma�en gespenstische Stimmung, dass selbst Achmed nicht unber�hrt davon blieb und zu fr�steln begann.</p><p>Kopfsch�ttelnd verspritzte Grunthor das Wasser in den Haaren. Es gab nirgends B�nke oder Sitzgelegenheiten jedweder Art, abgesehen von dem weiten Kreis marmorner Bl�cke in der Mitte des Raumes. Trotz der unmittelbaren N�he zum Meer und obwohl zumindest ein Teil des Bodens und der W�nde unter dem Wasserspiegel lagen, war das Innere des Tempels �berraschend trocken. Den beiden Bolg fiel allerdings auf, dass die steinernen Bodenplatten por�s waren und offenbar Feuchtigkeit aufnehmen beziehungsweise ableiten konnten. Auf einen Wink von Achmed hin setzten sich die beiden Firbolg in Bewegung und gingen �ber den Mittelgang nach vorn, voller Bewunderung f�r das, was sie sahen. Die massigen Holzteile schienen zwar sorgf�ltig konserviert zu sein, zeigten aber deutlich den Verschlei� und die Abnutzung aus der Zeit ihrer urspr�nglichen Verwendung als Schiffsmaterial. Die unterschiedlichen Farben und Formen deuteten darauf hin, dass sie von vielen verschiedenen Schiffen zusammengetragen waren. �ber dem Mittelgang �ffnete sich das Gew�lbe in einen hohen Schacht, der in dunkler Nacht m�ndete. An seinem �u�ersten Rand waren kleine Schlitze eingelassen, durch die der Sturm und salzige Gischt pfiffen und widerhallend durch den Tempel heulten.</p><p>�Das wird der Mast sein�, sagte Grunthor. Achmed nickte.</p><p>Im Zentrum der kreisf�rmig angeordneten Marmorb�nke befand sich ein kleiner runder Zierbrunnen, ebenfalls aus blau ge�dertem Marmor und umringt von mehreren gr��eren Wasserbecken aus demselben Material, die zum Rand hin in konzentrischen Ringen ausliefen, in denen sich das �berlaufende Wasser sammelte. Aus dem Brunnen sprang ein pulsierender Wasserstrahl, mal mehr, mal weniger druckvoll, der in der Luft auseinander f�cherte und auf das schaukelnde Wasser in den Becken herabregnete. </p><p>Auf der gegen�berliegenden Seite war wiederum ein gro�es, doppelfl�geliges Tor auszumachen, aus Kupfer geschmiedet und mit einer Inschrift versehen, die sich f�r die beiden aus der Ferne nicht entziffern lie�. Sie wichen dem Brunnen aus und gingen weiter zum r�ckw�rtigen Teil des Tempels. Das brausende Wasser jenseits der Mauern �bert�nte ihre Schritte.</p><p>Zu beiden Seiten der Kupfert�ren hing je ein Wandleuchter mit rundem Glasschirm und einem St�ck Metall als Docht. Als sie sich weit genug gen�hert hatten, konnten sie in der Inschrift eine Reihe von Runen erkennen, und Achmed glaubte, in manchen dieser Zeichen gewisse �hnlichkeiten mit jener Schrift entdecken zu k�nnen, wie sie in Serendair gebr�uchlich war.</p><p>In das Kupfer beider T�rfl�gel war jeweils das Relief eines Schwerts eingearbeitet worden, das eine aufgerichtet, das andere mit der Spitze nach unten. Die Klingen zierte eine Gravur aus ornamentalen Schn�rkeln, die wie Wellen anmuteten. Ein �hnliches Muster prangte an den Spitzen.</p><p>Der Hintergrund der Reliefs lie� Achmed stutzen. Darauf war ein gefl�gelter L�we dargestellt, ein Wappen, das er schon einmal gesehen hatte. Es dauerte eine Weile, bis er es einzuordnen vermochte. </p><p>�Das ist das Wappen der Familie MacQuieth�, sagte er wie zu sich selbst, obwohl auch dem Freund jener legend�re Ritter und Favorit des K�nigs von Serendair sehr wohl bekannt war. �Wie kommt das wohl hierher?� </p><p>Grunthor rieb sich das Kinn und starrte auf die T�rfl�gel:</p><p>�Hat man MacQuieth nich Nagall, den Fremden, genannt? Wenn ich mich nich irre, kam er in jungen Jahren von weither nach Serendair gesegelt. Vielleicht stammte seine Familie von hier.� </p><p>Achmed nickte. Er �rgerte sich �ber sich selbst. Das Tosen der Brandung brachte ihn ganz durcheinander und hinderte ihn daran, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>�Nun, das w�rde uns immerhin verraten, wo wir sind. Ich glaube, er stammte von Monodier.� Er langte nach der Klinke und versuchte die T�r zu �ffnen, doch die war fest verschlossen. So auch der andere T�rfl�gel. </p><p>�Das sind anscheinend die T�ren zum Anbau�, sagte er und wischte sich die Handfl�chen am Umhang trocken. </p><p>�Gestatten?� Grunthor verbeugte sich h�flich. Dann spukte er in die H�nde, packte die Klinke und riss scheinbar m�helos die T�r auf. Schnell trat er zur Seite, als ihm Flocken von Gischt entgegenflogen. Jenseits der T�r, deren �u�ere Kupferseite gr�n-blau angelaufen war, f�hrte eine breite Steintreppe hinunter auf den Plankensteg. Dort bildeten sich schon die ersten Pf�tzen. Die Flut hatte eingesetzt. Die Unterarme sch�tzend vor das Gesicht gehoben, traten die beiden M�nner in den Sturm hinaus, wobei Grunthor Achmeds Schulter gepackt hielt. Der lange und schmale Steg �berquerte eine Sandbank und war voller Tang und Treibgut, die das Niedrigwasser zur�ckgelassen hatte.</p><p>So schnell wie m�glich eilten sie �ber die Planken hinweg, st�ndig in Gefahr, von wuchtigen B�en umgesto�en zu werden. Einmal hielt Grunthor kurz an, um eine gro�e, seltsam geformte Muschelschale aufzuheben, die sich im Holz verkeilt hatte.</p><p>Als sie den Anbau erreichten, stellten sie fest, dass da keine T�r war, die das Innere vor dem Ansturm des Meeres gesch�tzt h�tte. Bei Flut w�rde es unter Wasser stehen, und wie sich an den Pegelspuren der feuchten W�nde zeigte, w�re Achmed bis zur Sch�deldecke �berschwemmt. Vor dem offenen Torbogen lag ein gro�er, verrosteter Anker im Sand, der als Schwelle diente.</p><p>Ohne lange zu z�gern, sprangen die beiden dar�ber hinweg, betraten den Innenraum und sahen sich staunend darin um. </p><p>Im Unterschied zu dem Tempel, der nur so gebaut war, dass er den Anschein eines Schiffes erweckte, war dieser Anbau tats�chlich Teil eines Schiffes, das mit steil aufgerichtetem Vorsteven im Sand steckte und offenbar einmal als stattliche Kogge die Meere befahren hatte. Ein gut Teil des Achter- und Quarterdecks war von dem Wrack noch �brig geblieben, deren Spanten nun die W�nde des Anbaus bildeten. Bei n�herer Betrachtung zeigte sich, dass das Schiff nicht etwa aus Holz gebaut war, sondern aus einem Material, das die beiden nie zuvor gesehen hatten.</p><p>In der Mitte des Raumes stand, ebenfalls im Sand eingekeilt, ein steinerner Tisch, ein Block aus massivem Obsidian, gl�nzend schwarz unter den Wasserpf�tzen, die mit jedem Windsto� dar�ber hinwegsp�lten. In dem Stein steckten zwei Klammern aus einem Metall, das den beiden ebenfalls v�llig unbekannt war und seltsamerweise �berhaupt keinen Rost angesetzt hatte.</p><p>Auf der Oberfl�che des Steins waren Runen eingemei�elt, die das best�ndige Kommen und Gehen des Wassers inzwischen fast g�nzlich ausgesp�lt hatte. Von der Inschrift zeugten nur noch letzte Schatten auf der blanken Oberfl�che.</p><p>Auf der Frontseite des Steinblocks steckte eine Plakette mit Reihe von Runen erkennen, und Achmed glaubte, in manchen dieser Zeichen gewisse �hnlichkeiten mit jener Schrift entdecken zu k�nnen, wie sie in Serendair gebr�uchlich war.</p><p>In das Kupfer beider T�rfl�gel war jeweils das Relief eines Schwerts eingearbeitet worden, das eine aufgerichtet, das andere mit der Spitze nach unten. Die Klingen zierte eine Gravur aus ornamentalen Schn�rkeln, die wie Wellen anmuteten. Ein �hnliches Muster prangte an den Spitzen.</p><p>Der Hintergrund der Reliefs lie� Achmed stutzen. Darauf war ein gefl�gelter L�we dargestellt, ein Wappen, das er schon einmal gesehen hatte. Es dauerte eine Weile, bis er es einzuordnen vermochte. </p><p>�Das ist das Wappen der Familie MacQuieth�, sagte er wie zu sich selbst, obwohl auch dem Freund jener legend�re Ritter und Favorit des K�nigs von Serendair sehr wohl bekannt war. �Wie kommt das wohl hierher?� </p><p>Grunthor rieb sich das Kinn und starrte auf die T�rfl�gel:</p><p>�Hat man MacQuieth nich Nagall, den Fremden, genannt? Wenn ich mich nich irre, kam er in jungen Jahren von weither nach Serendair gesegelt. Vielleicht stammte seine Familie von hier.� </p><p>Achmed nickte. Er �rgerte sich �ber sich selbst. Das Tosen der Brandung brachte ihn ganz durcheinander und hinderte ihn daran, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>�Nun, das w�rde uns immerhin verraten, wo wir sind. Ich glaube, er stammte von Monodier.� Er langte nach der Klinke und versuchte die T�r zu �ffnen, doch die war fest verschlossen. So auch der andere T�rfl�gel. </p><p>�Das sind anscheinend die T�ren zum Anbau�, sagte er und wischte sich die Handfl�chen am Umhang trocken. </p><p>�Gestatten?� Grunthor verbeugte sich h�flich. Dann spukte er in die H�nde, packte die Klinke und riss scheinbar m�helos die T�r auf. Schnell trat er zur Seite, als ihm Flocken von Gischt entgegenflogen. Jenseits der T�r, deren �u�ere Kupferseite gr�n-blau angelaufen war, f�hrte eine breite Steintreppe hinunter auf den Plankensteg. Dort bildeten sich schon die ersten Pf�tzen. Die Flut hatte eingesetzt. Die Unterarme sch�tzend vor das Gesicht gehoben, traten die beiden M�nner in den Sturm hinaus, wobei Grunthor Achmeds Schulter gepackt hielt. Der lange und schmale Steg �berquerte eine Sandbank und war voller Tang und Treibgut, die das Niedrigwasser zur�ckgelassen hatte.</p><p>So schnell wie m�glich eilten sie �ber die Planken hinweg, st�ndig in Gefahr, von wuchtigen B�en umgesto�en zu werden. Einmal hielt Grunthor kurz an, um eine gro�e, seltsam geformte Muschelschale aufzuheben, die sich im Holz verkeilt hatte.</p><p>Als sie den Anbau erreichten, stellten sie fest, dass da keine T�r war, die das Innere vor dem Ansturm des Meeres gesch�tzt h�tte. Bei Flut w�rde es unter Wasser stehen, und wie sich an den Pegelspuren der feuchten W�nde zeigte, w�re Achmed bis zur Sch�deldecke �berschwemmt. Vor dem offenen Torbogen lag ein gro�er, verrosteter Anker im Sand, der als Schwelle diente.</p><p>Ohne lange zu z�gern, sprangen die beiden dar�ber hinweg, betraten den Innenraum und sahen sich staunend darin um. </p><p>Im Unterschied zu dem Tempel, der nur so gebaut war, dass er den Anschein eines Schiffes erweckte, war dieser Anbau tats�chlich Teil eines Schiffes, das mit steil aufgerichtetem Vorsteven im Sand steckte und offenbar einmal als stattliche Kogge die Meere befahren hatte. Ein gut Teil des Achter- und Quarterdecks war von dem Wrack noch �brig geblieben, deren Spanten nun die W�nde des Anbaus bildeten. Bei n�herer Betrachtung zeigte sich, dass das Schiff nicht etwa aus Holz gebaut war, sondern aus einem Material, das die beiden nie zuvor gesehen hatten.</p><p>In der Mitte des Raumes stand, ebenfalls im Sand eingekeilt, ein steinerner Tisch, ein Block aus massivem Obsidian, gl�nzend schwarz unter den Wasserpf�tzen, die mit jedem Windsto� dar�ber hinwegsp�lten. In dem Stein steckten zwei Klammern aus einem Metall, das den beiden ebenfalls v�llig unbekannt war und seltsamerweise �berhaupt keinen Rost angesetzt hatte.</p><p>Auf der Oberfl�che des Steins waren Runen eingemei�elt, die das best�ndige Kommen und Gehen des Wassers inzwischen fast g�nzlich ausgesp�lt hatte. Von der Inschrift zeugten nur noch letzte Schatten auf der blanken Oberfl�che.</p><p>Auf der Frontseite des Steinblocks steckte eine Plakette mit einer �hnlich erhabenen Runenpr�gung wie an den Kupfert�ren. Und so wie die Klammern auf der Oberseite war die Plakette ohne jede Spur von Rost.</p><p>�Dies erinnert an die Schriftsprache von Serendair�, bemerkte Achmed und beugte sich tiefer, um die Zeichen aus der N�he zu studieren. �Ich w�nschte, Rhapsody w�re hier.�</p><p>�Du wiederholst dich�, entgegnete Grunthor grinsend. �Davon werd ich ihr berichten.�</p><p>�Sie w�rde dir nicht glauben oder allenfalls annehmen, dass ich sie ins Wasser sto�en wollte�, sagte Achmed. Er nahm sein Gep�ck von der Schulter und stellte es auf dem Steinblock ab. Wortlos zog er das Wachstuch mit der Kohle daraus hervor, breitete das Tuch �ber der Plakette aus und pauste die Runen ab, indem er mit einem Kohlest�ck dar�ber rieb. �Na bitte, wir kommen auch ohne sie zurecht. Und jetzt sollten wir besser von hier verschwinden, bevor die Flut kommt.�</p><p>Grunthor nickte. Das Wasser reichte ihm schon bis zu den Kn�cheln. Bald w�rde die Sandbank �berflutet sein. </p><p>Achmed schulterte sein B�ndel. Dabei streifte er mit der Hand den Steinblock, worauf er ein leichtes Prickeln in den Fingerspitzen sp�rte. Er b�ckte sich wieder und musterte diesmal den Stein von nahem. Der war zweifelsfrei ein schwarzer Obsidian, von beachtlicher Gr��e, ansonsten aber ziemlich unauff�llig. Trotzdem ging eine Schwingung davon aus, die ihm ganz und gar fremd, zugleich aber auf seltsame Weise vertraut vorkam. Er blickte zu Grunthor auf.</p><p>�F�hlt sich der auch f�r dich so merkw�rdig an?�</p><p>Der Riese legte die Hand auf den Stein und sch�ttelte den Kopf. �Nein. F�hlt sich kalt wie Marmor an und sch�n glatt poliert vom Wasser.�</p><p>Achmed zog seine Hand zur�ck. Dass er die Schwingungen nun nicht mehr sp�rte, erleichterte ihn zwar, gleichzeitig aber war ihm, als sei etwas verloren gegangen. Doch dar�ber konnte er sich jetzt keine Gedanken machen; die Zeit dr�ngte, denn die Flut hatte eingesetzt.</p><p>Sie traten in den br�llenden Sturm hinaus und wateten durch knietiefes Wasser zum Tempel zur�ck. Darin angekommen, zog Grunthor das Kupfertor hinter sich zu, seufzte und fragte: �Na, was h�ltst du von alledem?� </p><p>Achmed zuckte mit den Achseln. �Keine Ahnung, aber vielleicht kann ...� Er stockte und zog, ver�rgert �ber sich selbst, die Stirn kraus.</p><p>Grunthor prustete vor Lachen. �Ja, ja, vielleicht kann sie sich �n Reim darauf machen. Das wolltest du doch sagen, stimmt�s?�</p><p>�Wie auch immer, wir sollten umkehren�, sagte Achmed und wischte sich das Wasser von den Schultern, als sie schnellen Schritts die Basilika durchquerten. �Wir haben eine Verabredung mit ihr einzuhalten, und wer wei�, wie lange wir f�r den R�ckweg brauchen.�</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Die Eingangst�r zum Anwesen des F�rbitters war uralt und dick und mit Schnitzereien versehen, die Rhapsody sogleich an zu Hause erinnerten.</p><p>Die T�rf�llung hatte fr�her einmal ein Bild aus Goldblatt geschm�ckt, die Darstellung eines Drachen oder anderen mythischen Tieres, wovon aber kaum mehr etwas zu erkennen war. Wind und Wetter hatten die Oberfl�che inzwischen l�ngst auf ihre Weise gestaltet. Gut zu sehen war hingegen in der rechten oberen Ecke ein Hexenzeichen, das sich von allen anderen, die Rhapsody bislang ersp�ht hatte, deutlich unterschied. Es war ein aus einer Spirale entworfener Kreis.</p><p>Khaddyr klopfte laut mit seinem Stecken an die T�r, wartete einen Augenblick und wollte gerade ein zweites Mal anklopfen, als die T�r pl�tzlich ge�ffnet wurde.</p><p>In der Eingangshalle stand eine Frau mittleren Alters, ein Halbblut wie Rhapsody, aber von so dunkler Hautfarbe wie die Waldlirin der Insel. Augen und Haare hatten die T�nung der Borke eines Kastanienbaums. An den Schl�fen zeigten sich erste graue Schatten.</p><p>Sie trug ein langes Gewand aus ungef�rbter Wolle, �hnlich denen, die Rhapsody vordem gesehen hatte. Khaddyr zugewandt, verbeugte sich die Frau ehrfurchtsvoll und richtete dann den Blick auf seine Begleitung. Ihr fiel die Kinnlade herunter, und sie riss die Augen auf. Rhapsody err�tete. <emphasis>Ich muss schrecklich aussehen,</emphasis> dachte sie und sch�mte sich.</p><p>Khaddyr kniff die Brauen zusammen und r�usperte sich h�stelnd. �Auch dir einen sch�nen Abend, Gwen. Ist Seine Gnaden zu Hause?�</p><p>Die Frau blinzelte und lief rot an. �Verzeiht mir, Vater. Und auch Euch, Fr�ulein, bitte ich um Entschuldigung. Ich wei� nicht, was �ber mich gekommen ist. Bitte einzutreten.� Sie trat zur Seite, um Khaddyr vorbeizulassen, der Rhapsody beim Ellbogen ins Haus f�hrte.</p><p>Die beiden folgten Gwen �ber buntscheckiges Mosaik durch die mit edlen, polierten H�lzern und Schnitzereien geschm�ckte Halle. Vor der letzten T�r blieb sie stehen, klopfte zur�ckhaltend, sperrte die T�r dann einen Spaltbreit auf und rief: �Euer Gnaden?�</p><p>�Ja?� Die Stimme, die da antwortete, war wohlt�nend und kultiviert.</p><p>�Ihr habt G�ste, Hochw�rden.� Gwen richtete ihren Blick wieder auf Rhapsody.</p><p>�Ich bin�s, Euer Gnaden�, sagte Khaddyr, und an Gwen gewandt: �Gaff nicht so, das geh�rt sich nicht.� Die Frau machte hastig auf dem Absatz kehrt.</p><p>Wenig sp�ter schwang die T�r zur G�nze auf, und Khaddyr f�hrte Rhapsody in einen wohnlich eingerichteten Raum, eine kleine Kammer blo�, aber mit einem gro�en, bis zur Decke reichenden offenen Kamin, in dem lautlos ein Feuer brannte. Wie zur Begr��ung loderten die Flammen auf, als sie den Raum betrat, und sanken dann wieder auf ihr altes Ma� zur�ck.</p><p>Die Kammer war voll von eigent�mlichen Gegenst�nden, Landkarten und Schriftrollen. Hohe B�cherregale s�umten drei der W�nde. Mehrere bequeme Sessel standen rings um einen niedrigen runden Tisch, dessen Platte aus einem dicken Baumstamm herausgeschnitten war. Zur Einrichtung z�hlten ferner eine Vitrine und noch andere M�belst�cke, die im Schatten lagen und erst auf den zweiten Blick ins Auge sprangen.</p><p>Leise schloss sich die T�r hinter ihnen. Da stand ein d�nner, �lterer Herr in einem einfachen grauen Gewand. Er hatte ein gutm�tiges, runzeliges Gesicht mit freundlichen Augen, dichten wei�en Brauen und einem fein s�uberlich getrimmten Schnauzbart, der ebenso dicht und wei� war. Trotz der etwas schw�chlich wirkenden, gro�en Gestalt schien der Alte bei bester Gesundheit zu sein. Die vom Wetter gegerbte Haut lie� erkennen, dass er die gr��te Zeit seines Lebens im Freien zugebracht hatte. </p><p>�Schau an�, sagte der Alte. �Wen haben wir denn da?�</p><p>�Euer Gnaden, diese Frau ist aus dem Frost von Tref-Y-Gwar-theg zu mir gekommen�, antwortete Khaddyr respektvoll. �Sie spricht unsere Sprache nicht, scheint aber doch einiges zu verstehen. Wie wir besingt sie den Sonnenaufgang, allerdings ohne Worte. Ihre Stimme klingt �berweltlich sch�n. Ich dachte, Ihr k�nntet Euch f�r sie interessieren. Mir ist sie ein R�tsel. Vielleicht ist sie ja eine Dryade oder Sylphe oder irgendein anderer Naturgeist, der Euch bekannt sein k�nnte. Wenn denn einer Bescheid wei�, dann seid Ihr es.�</p><p>Rhapsody starrte Khaddyr verwundert an. Was sie als Erstes hatte aufmerken lassen, war der Name der Ortschaft: Tref-Y-Gwar-theg. In der Sprache der Insel bedeutete dieser Name nichts anderes als Viehdorf. </p><p>Seine anschlie�ende Bemerkung aber versetzte ihr einen regelrechten Schock. Anfangs hatte sie geglaubt, dass ihr die Leute aus dem Ort deshalb nachgelaufen seien, weil ihnen wom�glich noch nie eine Lirin zu Gesicht gekommen war. Allerdings hatte Gwens Person diese Vermutung bereits widerlegt. Doch warum sollte der Priester sie f�r einen Naturgeist halten? Sie dachte zur�ck an Achmeds und Grunthors unbeholfene Versuche, ihr zu erkl�ren, auf welche Weise das Feuer ihr �u�eres ver�ndert hatte. Anscheinend war sie wirklich von ganz au�ergew�hnlichem Aussehen. Der alte Mann schmunzelte am�siert. �Vielen Dank, Khaddyr.� Er ging ein paar Schritte auf sie zu und sah ihr ins Gesicht. �Mein Name ist Llauron�, sagte er ohne Umschweife und in freundlichem Tonfall. �Wie soll ich dich nennen, liebes Kind?�</p><p>�Rhapsody�, antwortete sie. Khaddyr zuckte vor Schreck zusammen.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du sprechen kannst�, sagte er.</p><p>�Manchmal kommt�s einfach nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen, nicht wahr, Rhapsody?� </p><p>Die dunkle, vornehme Stimme des Alten hatte einen entwaffnend sanften Ton, der ihr ein L�cheln entlockte. </p><p>�Ja.� </p><p>�Wo kommst du her?� </p><p>Rhapsody zog die Stirn in Falten und suchte nach einer Antwort. Es war verabredet worden, dass sie sich bedeckt halten sollte, doch wollte sie auch nicht l�gen, und au�erdem haperte es bei ihr noch allzu sehr mit diesem fremden Dialekt. �Ich wei� nicht, wie der Ort in Eurer Sprache hei�t�, antwortete sie vorsichtig. �Jedenfalls liegt er sehr weit entfernt.�</p><p>�Ja, das kann ich mir vorstellen�, sagte der F�rbitter. �Aber mach dir keine Sorgen. Kann ich dir etwas zu essen anbieten? Oder m�chtest du vielleicht ein Bad nehmen?�</p><p>Ihr Gesicht leuchtete auf � und mit ihm auch das Feuer. Die Flammen tanzten vor Vergn�gen. �Ja, ein Bad w�re wundervoll�, sagte sie. Der Wunsch danach war gr��er als ihre Vorsicht.</p><p>Llauron �ffnete die T�r seiner Studierkammer. �Gwen?�</p><p>Die Halb-Lirin tauchte wieder auf. �Ja, Euer Gnaden?�</p><p>�Das ist Rhapsody. Sie wird unser Gast sein, zumindest f�r heute Abend. Bitte, bereite ihr ein hei�es Bad mit viel Seife, und lass Vera etwas zu essen f�r sie machen.� Die Dienerin nickte und ging. Llauron wandte sich den beiden wieder zu. �Nun, das w�re geregelt. Und wie w�re es mit einem Schl�ckchen Tee?� </p><p>�Ja, bitte�, antwortete Rhapsody.</p><p>�Dagegen h�tte auch ich nichts einzuwenden, Euer Gnaden.�</p><p>Llauron deutete auf die Sessel, hie� die beiden Platz zu nehmen, und h�ngte einen Kessel voll Wasser �ber das Feuer im Kamin. Dann holte er drei Tassen aus einer Vitrine neben einem der Glasfenster und stellte sie auf den Tisch. Als das Wasser zu kochen anfing, nahm er den Kessel vom Feuer und f�llte eine Kanne aus Porzellan, in die er vorher ein paar Teebl�tter gegeben hatte. Schlie�lich setzte er sich in den Sessel, der Rhapsody gegen�ber stand.</p><p>�Nun, Rhapsody, ich hoffe, Khaddyr war dir ein guter Gastgeber, auch wenn er es vers�umt hat, dir ein Bad anzubieten.� </p><p>Khaddyr zeigte sich zerknirscht. �Es tut mir Leid, Fr�ulein�, sagte er, �aber ich wollte dir nicht zu nahe treten, dich nicht in Verlegenheit bringen.�</p><p>Llauron schmunzelte. �Ach, guter Freund, Ihr habt doch gewiss schon genug Lirin kennen gelernt, um zu wissen, dass sie streng auf Reinlichkeit achten.� Er schenkte den Tee aus und reichte einen kleinen Honigspender herum. </p><p>�Lirin?�, fragte Khaddyr verwundert.</p><p>�Halb-Lirin, w�rde ich vermuten. Hab ich Recht, liebes Kind? Ein Elternteil von dir war bestimmt ein Liringlas.� </p><p>Rhapsody nickte. �Ja, meine Mutter.� Sie nippte an der Tasse und lie� sich den Tee schmecken. </p><p>�Dachte ich�s mir doch.�</p><p>Es klopfte an der T�r, die sich gleich darauf �ffnete. �Das Bad ist fertig, Euer Gnaden.� </p><p>Llauron stand auf. �Ich kann mir vorstellen, dass du dir zurzeit nichts sehnlicher w�nschst als ein Bad, hab ich Recht, mein liebes Kind?�</p><p>�Ja�, antwortete sie und lie� einen so �berzeugenden Seufzer folgen, dass der F�rbitter dar�ber zu kichern anfing. </p><p>�Viel Vergn�gen. Gwen, erf�ll ihr bitte jeden Wunsch und sorg daf�r, dass ihre Kleider gewaschen werden. Du hast doch bestimmt ein paar frische Sachen, die sie tragen kann, bis die eigenen getrocknet sind, oder?� </p><p>�Ja, Euer Gnaden.� </p><p>�Ausgezeichnet.� </p><p>Rhapsody folgte Gwen nach drau�en. Im Flur und auf der Treppe konnte sie das Gespr�ch zwischen den Geistlichen noch eine Weile mit anh�ren.</p><p>�Eine Dryade?�, sagte Llauron offenbar erheitert. �Also wirklich.�</p><p>�So eine Lirin ist mir noch nie �ber den Weg gelaufen�, entgegnete Khaddyr in verteidigendem Tonfall. </p><p>�Das mag ja sein, aber muss ich Euch daran erinnern, dass es keine Naturgeister mehr gibt? Die letzten sind vor Jahrhunderten mit der Insel untergegangen ...�</p><p>Die Stimme brach ab, als Gwen die Badezimmert�r ins Schloss warf.</p><p>Das Badezimmer enthielt eine gro�e Wanne aus Porzellan, die mit dampfendem und nach Kr�utern duftendem Wasser gef�llt war. <emphasis>Fenchel und Eisenkraut,</emphasis> dachte Rhapsody und drehte sich nach Gwen um, die den Blick auf sie gerichtet hielt und keine Anstalten machte, sie allein zu lassen. Merklich befangen zog Rhapsody ihre schmutzigen Kleider aus. Sie trug nur noch das Medaillon an der Kette um den Hals, als sie in die Wanne stieg und in das hei�e Wasser eintauchte, was ihr ein so wohliges Gef�hl bereitete, dass sie vor Freude h�tte aufjauchzen k�nnen. Sie schaute sich um und sah Gwen mit ihren Kleidern im Flur verschwinden und die T�r hinter sich zuziehen.</p><p>Mit einem Seufzer glitt sie noch tiefer ins Wasser und sp�rte f�rmlich, wie sich der Schmutz aus den Poren der Haut l�ste. W�hrend sie sich die Haare wusch und den K�rper schrubbte, blieb das Wasser angenehm warm, obwohl es allm�hlich eine h�sslich graue Farbe annahm. Es war, als w�rden alle Anspannung und Strapazen der endlos langen Reise mit dem Schmutz von ihr abfallen.</p><p>Sie trocknete sich gerade mit dem gro�en, flauschigen Handtuch ab, das neben der Wanne bereit lag, als Gwen mit einem wei�en wollenen Umhang zur�ckkehrte, der der Tracht der Filiden ganz �hnlich sah, die sie auf der Waldlichtung gesehen hatte. Die Dienerin machte sofort wieder kehrt und verlie� das Badezimmer, um Rhapsody Gelegenheit zu geben, sich in Ruhe anzuziehen. Der war es wiederum eine Lust, in ein frisches Kleidungsst�ck schl�pfen zu k�nnen. Dann warf sie einen Blick auf das Schwert und dachte, dass es doch wohl l�cherlich auss�he, wenn sie es zu der Robe g�rten w�rde. Also beschloss sie, die Waffe in der Hand zu tragen, zumal sie auf die Schnelle kein Versteck f�r sie fand. </p><p>Sie wartete noch eine Weile, doch Gwen lie� sich nicht mehr blicken. Rhapsody �ffnete die T�r und sp�hte in den Flur hinaus. Da war niemand zu sehen. Langsam ging sie �ber die Treppe nach unten, schaute sich dabei aufmerksam um und nahm von jeder Einzelheiten Notiz, angefangen von den blank polierten Holzarbeiten bis hin zu den ungew�hnlichen Kunstwerken, die die W�nde schm�ckten. Die T�r zur Studierkammer stand offen. Sie blieb davor stehen und rief: �Hallo?�</p><p>Llaurons Stimme antwortete wie von fern. �Ah, du bist fertig. Komm nur herein, mein liebes Kind.� </p><p>Rhapsody trat ein und sah sich allein in der Kammer. In der Regalwand gegen�ber der Feuerstelle stand eine T�r offen, die ihr vorher noch nicht aufgefallen war. Sie durchquerte den Raum, bemerkte, dass das Feuer im Kamin ihr zum Gru�e wieder aufflammte, und ging weiter bis in die angrenzende Kammer. </p><p>Die war dem Studierzimmer sehr �hnlich � bis auf das eine zentrale M�belst�ck: einen gro�en, schmuckvollen Schreibtisch, der einen Gro�teil des Raumes einnahm und scheinbar wahllos voll gepackt war mit Papieren und Schriftrollen. Auch hier gab es eine offene Feuerstelle, die allerdings deutlich kleiner war und von zwei verglasten Fenstern flankiert wurde. Glas war eine Kostbarkeit, die Rhapsody in ihrer alten Welt nur selten gesehen hatte und seit ihrer Ankunft in der neuen Welt zum ersten Mal in diesem Haus. Llauron erhob sich aus einem gro�en Sessel hinter dem Schreibtisch und l�chelte ihr zu. </p><p>�Na, f�hlst du dich jetzt besser?� Sie nickte. �Gut, gut. Hast du die Kr�uter im Wasser wieder erkannt?� </p><p>Rhapsody dachte einen Moment lang nach. Sie erinnerte sich an Lavendel, Fenchel, Eisenkraut und Rosmarin, wusste aber nicht, wie diese Kr�uter in dem fremden Dialekt bezeichnet wurden, und wollte die ihr bekannten Namen lieber f�r sich behalten, um keinen Hinweis auf ihre Sprache zu geben. �Ja�, sagte sie. </p><p>Der F�rbitter lachte. �Sehr gut. Du bist also vom Fach, wie es scheint.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich kenne mich nur ein bisschen mit Pflanzen aus, nicht viel.� </p><p>�Nun, wenn du willst, kannst du einiges bei uns dazulernen. Lark, unsere erste Herbalogin, ist ebenfalls Lirin, wenn auch kein Liringlas.�</p><p>�Das w�re bestimmt sehr interessant.�</p><p>�Allerdings. F�r gew�hnlich gibt Gwen auch eine Prise Felssalz ins Wasser. Das tut den Muskeln gut. Ich hoffe, dass es auch dir gut getan hat.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Ja, vielen Dank. Ich f�hle mich viel besser.�</p><p>Llauron wies mit ge�ffneter Hand auf einen bequem aussehenden Sessel und bot ihr an, darin Platz zu nehmen. �Khaddyr l�sst sich entschuldigen. Er wird im Spital gebraucht. Vielleicht m�chtest du mir von den vielen Fragen, die du sicherlich hast, die eine oder andere stellen. Ich muss gestehen, dass auch ich etliche Fragen habe. Setz dich ans Feuer, liebes Kind, und nimm nach Belieben von dem, was da auf dem Tablett angerichtet ist.�</p><p>Rhapsody gehorchte und atmete tief durch, um zu verhindern, dass das Feuer auf ihre Nervosit�t reagierte. Doch es half nichts. Die Flammen loderten auf, als sie sich in den Sessel setzte. Llauron aber schien davon keine Notiz zu nehmen.</p><p>�Was ist das f�r ein Ort hier?�, fragte sie, stets bem�ht, den ihr fremden Dialekt zu imitieren. Llauron schmunzelte. �Du bist hier in meinem Haus, genauer gesagt: der Burg des F�rbitters der Filiden, der Glaubensbruderschaft, die den einen Gott, den Lebensspender, verehrt und ihm dient, indem sie sich um die Natur k�mmert. Mein Haus steht am Scheitelpunkt des Kreises; das ist der Bezirk, in dem unser Orden lebt, lernt und sich der Pflege des Gro�en Wei�en Baums widmet. Ich nehme an, du hast ihn auf dem Weg hierher schon bestaunen k�nnen. Er ist nicht zu �bersehen.� </p><p>Rhapsody nickte. �Der Name des heiligen Waldes, in dem wir uns befinden, ist Gwynwald.� </p><p>Rhapsody lehnte sich zur�ck. Sie hatte weder diesen noch die Namen der anderen Orte jemals geh�rt. Llauron bemerkte, dass sie entt�uscht war. �Kannst du Landkarten lesen?�</p><p>�Ein wenig. Mit Seekarten kenn ich mich besser aus.�</p><p>�Ausgezeichnet. Dann komm doch einmal zu mir her�ber.� Der alte Mann stand auf und f�hrte sie vor einen eigent�mlichen Globus, der in der Ecke des Zimmers an einem Stativ hing. Auf diesem Globus waren die Landmassen der bekannten Welt dargestellt. Llauron nahm die Kugel in beide H�nde, drehte sie und machte im Norden auf einen Kontinent mit langer, zerkl�fteter Westk�ste aufmerksam. </p><p>�Dort sind wir�, sagte er und zeigte auf eine Stelle landeinw�rts. Rhapsody sagte nichts. Sie kannte das Land aus ihren Studien, hatte es aber bislang f�r unbewohnt gehalten. </p><p>Die Insel Serendair lag genau gegen�ber auf der s�dlichen Halbkugel. Obwohl sie an diese M�glichkeit schon gedacht hatte, schn�rte es ihr die Kehle zu, hatte sie doch gehofft, nicht ganz so weit von zu Hause entfernt zu sein.</p><p>�Diese runde Karte... darf ich mal sehen?�, fragte sie z�gerlich, denn sie tat sich mit der Sprache schwer. </p><p>�Nat�rlich. Sie hei�t �brigens Globus.� Llauron schwenkte ihr die Kugel am Stativ zu.</p><p>Langsam drehte Rhapsody den Globus in der Hand, entdeckte Orte, von denen sie schon geh�rt hatte, und viele andere, die ihr g�nzlich unbekannt waren. Sie musterte die Kontinente sehr genau, versuchte aber gleichzeitig, gelassen zu wirken, obgleich ihr das Herz bis zum Hals schlug. Die Beschriftung der einzelnen Orte entsprach, ausgenommen einiger weniger Zeichen, der Schrift, die ihr vertraut war. Sie lie� sich viel Zeit, bis sie die Kugel endlich so weit herumgedreht hatte, dass Serendair zu sehen war. Die Insel befand sich genau da, wo sie hingeh�rte, doch war sie grau eingef�rbt, und anstelle ihres ureigenen Namens stand da <emphasis>Die Versunkene Insel</emphasis> zu lesen.</p><p>Ihre H�nde wurden ganz kalt. Die Versunkene Insel? Es konnte kaum �berraschen, dass die Kartografen hierzulande nur wenig �ber die andere Seite der Welt wussten. Aber warum bezeichneten sie die Insel als versunken?</p><p>Schnell huschten ihre Blicke �ber den Globus. Dabei fiel ihr nicht nur der ungew�hnliche Name auf, Serendair war au�erdem die einzige grau eingef�rbte Landmasse. Sie drehte die Kugel so weit zur�ck, dass wieder jene Stelle zu sehen war, auf die Llauron als ihren jetzigen Aufenthaltsort hingewiesen hatte. </p><p>Der F�rbitter beobachtete sie mit unverhohlener Neugier. �Komm, ich will dir etwas zeigen.� Er trat vor einen gro�en Stapel Landkarten, der auf einem niedrigen Schr�nkchen lag, und st�berte darin herum, bis er das Gesuchte gefunden hatte und ihr vorlegte.</p><p>�Hier ist der Baum, in der zentralen Waldregion nahe der S�dostgrenze des Waldes. Gwynwald selbst ist ein heiliger Staat und als solcher unabh�ngig von Roland, unserem Nachbarn im S�den und Osten.�</p><p>Rhapsody folgte mit den Augen der Bewegung seines Fingers und sah, dass die an der K�ste gelegene Provinz im S�den des Waldes auf den Namen <emphasis>Avonderre</emphasis> lautete und diejenige im Osten als <emphasis>Navarne</emphasis> bezeichnet war. Ganz weit im Westen, auf der anderen Seite des gro�en Ozeans, lag ein Land, das wie die anderen Gebiete, auf die der Alte aufmerksam machte, gr�n eingef�rbt war. Dieser Teil des Kontinents jenseits des Meeres hie� <emphasis>Manosse</emphasis>.</p><p>�Sind Avonderre und Navarne Teil von Roland?�</p><p>�Ja, so auch die Provinzen Canderre im Nordosten, Yarim �stlich davon, Bethanien, im Osten von Navarne, wo der k�nigliche Thron steht, und Bethe Corbair, �stlich von Bethanien.�</p><p>Interessiert studierte Rhapsody die Karte. Avonderre, Navarne, Bethania, Canderre, Yarim und Bethe Corbair � sie waren samt und sonders Provinzen von Roland. Dar�ber hinaus gab es noch weitere gr�n markierte Gebiete, und das waren diejenigen, auf die es Llauron offenbar ankam.</p><p>Der Karte lie� sich entnehmen, dass sich Roland wie eine gro�e Klammer um eine eigenst�ndige Region an der Ostk�ste legte, um ein H�gelland im S�den von Gwynwald. Im Osten breitete sich eine weite Ebene aus, das so genannte <emphasis>orlandische Plateau</emphasis>.</p><p>Dieses Plateau reichte bis an die Ausl�ufer einer schroffen, von tiefen T�lern eingeschnittenen Gebirgskette heran, die <emphasis>Manteiden</emphasis>. Das Gebiet rund um die Manteiden schien fr�her einmal <emphasis>Canrif</emphasis> gehei�en zu haben, doch dieser Name war auf der Karte durchgestrichen und handschriftlich durch <emphasis>Firbolg</emphasis> ersetzt worden. Rhapsody musste unwillk�rlich schlucken, als sie dieses Wort las. Sie zeigte auf ein Land im S�den, das an Bethanien und Bethe Corbair angrenzte. Es bestand zu einem gro�en Teil aus Bergen, die allem Anschein nach zu den Manteiden geh�rten und weiter s�dlich in eine weite, hoch gelegene W�ste ausliefen. Auch dieses Land war gr�n eingef�rbt. �Geh�rt das auch zu Roland?�, fragte sie. </p><p>�Das ist Sorbold. Nein, zu Roland geh�rt es nicht. Sorbold ist selbstst�ndig.�</p><p>�Und das hier?� Sie deutete auf das mit dem Wort <emphasis>Firbolg</emphasis> bezeichnete Gebiet.</p><p>Llauron lachte. �Meine G�te, nein. Das ist das Land der Firbolg, ein durch und durch d�steres, unheimliches Land.� </p><p>Rhapsody nickte. Wenn da lauter Firbolg lebten, konnte sie sich nur zu gut vorstellen, was Llauron mit seinen Worten zum Ausdruck bringen wollte. Sie fuhr mit dem Finger die S�dgrenze Rolands entlang bis zu der letzten gr�n schattierten Fl�che, die keine n�here Bezeichnung aufwies. �Warum hat dieses Gebiet denn keinen Namen?�</p><p>Lauron strich die Karte glatt, die sich immer wieder zusammenrollen wollte. �Das sind die nicht angeschlossenen Gebiete, die fr�her einmal Teil der cymrischen L�nder waren.� Die Stimme des Alten klang wie beil�ufig, doch w�hrend er dies sagte, behielt er Rhapsody aufmerksam im Blick. Rhapsody r�hrte keine Miene. Der Name bedeutete ihr nichts. �Cymrische L�nder? Sind das die gr�n gekennzeichneten?� </p><p>�Ja, Roland und Sorbold wie auch die gegenw�rtig nicht angeschlossenen L�nder Manosse jenseits des Meeres und die Firbolg-W�stenei. Auch in diesen Gebieten hatten sich zu ihrer Zeit die Cymrer niedergelassen � Cymrer, geschrieben mit �y�, obwohl der so bezeichnete Laut eigentlich ein �u� ist.� </p><p>�Wer waren diese Cymrer?� </p><p>Llauron gab sich verwundert. �Hast du denn noch nie von ihnen geh�rt?�</p><p>�Nein.� Ihre H�nde fingen ein wenig an zu zittern, was dem Alten nicht entging.</p><p>Tr�stend t�tschelte er eine ihrer H�nde und sagte: �Die Cymrer waren Fl�chtlinge, die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen.�</p></section><section><title><p>23</p></title><p>Es dauerte eine Weile, bis die Worte des Alten in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren und sich dort festsetzten. <emphasis>Fl�chtlinge, die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen</emphasis>. </p><p>Ein Gef�hl tiefer Ruhe senkte sich �ber sie, wie immer, wenn sich Augenblicke gr��ter Gefahr oder Panik ank�ndigten. Sie gab sich alle M�he, keine Miene zu verziehen, obwohl das Blut in ihren Schl�fen rauschte, der Magen sich verkrampfte und ihre Knie weich wurden.</p><p>Sie griff zur Karte und nahm sie mit zu dem Sessel, in dem sie zuvor Platz genommen hatte, setzte sich wieder, legte das Schwert in seiner Scheide �ber die Schenkel und w�rmte das pl�tzlich aschfahl gewordene Gesicht am Kaminfeuer.</p><p>�Ich w�rde gern mehr �ber die Cymrer erfahren. Aber bitte erkl�rt mir vorher doch noch, was es mit diesen beiden L�ndern auf sich hat�, sagte sie in einem Tonfall, der ihr selbst allzu angestrengt vorkam. </p><p>Llauron nahm ihr gegen�ber Platz. �Selbstverst�ndlich.�</p><p>Mit wachem Blick konzentrierte sie sich auf das gelb markierte Gebiet im S�den der Provinz Avonderre. Es war, wie es den Anschein hatte, Teil desselben ungemein gro�en Waldes und trug den Namen <emphasis>Realmalir</emphasis>. �Was ist das f�r ein Land?�</p><p>Der alte F�rbitter schmunzelte in sich hinein. �Das ist der gro�e Wald von Tyrian, die Heimat der Lirin. Tyrian ist ein alt-cymrisches Wort und bedeutet �lirinsches K�nigreiche Es war das Ursprungsland dieses Volkes, und es wohnte dort schon, als die Cymrer an der K�ste landeten. Und sie wohnen immer noch dort.�</p><p>�Aber das Gebiet geh�rt nicht zu Roland?�</p><p>�Nein. W�hrend des cymrischen Zeitalters waren die Lirin Verb�ndete der Cymrer, doch mit dem Gro�en Krieg �nderte sich dies.�</p><p>�Der Gro�e Krieg?� </p><p>Llauron sch�pfte tief Luft. �Ich sehe, es ist nicht �bertrieben, wenn du sagst, von weither zu kommen. �ber welches andere Land m�chtest du noch Bescheid wissen?�</p><p>Rhapsody zeigte mit matter Hand auf die wei� belassenen Landstriche im Norden von Gwynwald und Roland. �Was ist das?� </p><p>�Das ist der Hintervold. Er umfasst alle Gebiete n�rdlich und �stlich des alten Cymrerreiches. Ich habe da ein paar Karten, auf denen N�heres zu sehen ist. Wenn du willst, kannst du einen Blick darauf werfen.� </p><p>Ihr wurde zunehmend �bel. �Ein anderes Mal vielleicht, vielen Dank. Erz�hlt mir bitte mehr �ber die Cymrer.� </p><p>Llauron schaute zum Fenster hinaus in die Dunkelheit. �Nun, das will ich gern tun, aber es ist eine ziemlich lange Geschichte, und ich kenne nur einen kleinen Ausschnitt daraus. Vor sehr langer Zeit machte Gwylliam, der Letzte der Seren-K�nige, die Entdeckung, dass das Inselreich, deren rechtm��iger Herrscher er war, dazu verurteilt war, in Flammen aufzugehen. Aus den alten Handschriften, die ich studiert habe, geht nicht eindeutig hervor, was Gwylliam zu dieser Entdeckung f�hrte. Aber unter den K�nigen von Serendair gab es viele, die mit Hellsicht gesegnet waren und �ber gro�es Wissen verf�gten.� Rhapsody f�hlte sich wie bet�ubt. Sie hatte von Gwylliam nie geh�rt. </p><p>�Jahrhunderte zuvor hatte die Insel gro�en Schaden genommen, als ein Stern vom Himmel ins Meer gest�rzt war�, fuhr Llauron fort. �Es kam zu einer gewaltigen Flut, die die Insel zerteilte und zu weiten Teilen �berschwemmte. Dass so etwas irgendwann einmal wieder passieren w�rde, war den Inselbewohnern eine st�ndige Sorge.�</p><p>Rhapsody tat sich schwer damit, durchzuatmen. Sie kannte die Geschichte vom Schlafenden Kind, die Llauron angestimmt hatte. </p><p>Ihre Mutter hatte ihr diese lirinsche Legende von den beiden Sternenschwestern Melita und Oelendra erz�hlt, wie Melita vom Himmel nahe der K�ste ins Meer gest�rzt war und in den Wellen verschwand, aber immer noch voller unverbrauchter Feuerkraft steckte. Auf den Inseln im Norden von Serendair mit ihren einst schneebedeckten Bergen setzte sich tropisch hei�es Klima durch. Das Meer ringsum tobte und w�tete und war f�r die Schifffahrt viel zu gef�hrlich geworden.</p><p>Der Stern auf dem Meeresgrund wurde das Schlafende Kind genannt. Die Lirin glaubten, dass es eines Tages erwachen und wieder aufsteigen w�rde. Von der Schwester Oelendra hie� es, dass sie aus lauter Verzweiflung gestorben sei, wohl aber �ber ihren Tod hinaus am Himmel erstrahlte. Rhapsody hatte diese Geschichten immer als Ammenm�rchen abgetan.</p><p>Wie durch eine Nebelwand drang Llaurons Stimme wieder zu ihr durch. �Gwylliam war, seiner Bestimmung und Ausbildung nach, Architekt, Ingenieur und Schmied. Er weigerte sich, das Schicksal seines K�nigreiches zu akzeptieren, und beschloss, Mittel und Wege zu finden, um zu sch�tzen, wof�r seine k�niglichen Vorfahren so lange gek�mpft hatten. Er schmiedete gro�e Pl�ne zur Evakuierung der Insel, obwohl manche seiner Untertanen, vor allem �ltere Geschlechter wie die der Liringlas, trotz des drohenden Unheils lieber zur�ckbleiben wollten. Andere zogen es vor, sich an die nahe gelegenen K�sten zu retten, die auf den altbew�hrten Schifffahrtstra�en zu erreichen waren. Gwylliam aber mochte sich mit keiner dieser Alternativen zufrieden geben. Vielmehr wollte er einen Ort finden, an dem die Seren ihre Kultur in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit weiterhin w�rden pflegen k�nnen, eine Zuflucht f�r sein Volk, auf dass es dort eine neue Zukunft f�r sich aufbaute. Zu diesem Zweck beauftragte er einen Seefahrer aus altem serenischem Adel namens Merithyn, auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Allein und in einem kleinen Boot stach er in See, um f�r die Seren einen geeigneten Ort zu finden, an dem sie sich in Sicherheit bringen konnten. �brigens, lass mich dir den Unterschied zwischen den Seren des Altertums und denen der Neuzeit erkl�ren. Jeder B�rger des seinerzeit modernen Serendair war, unabh�ngig von seiner ethnischen Herkunft, ein Seren. Diese Bezeichnung ist dann nach der Emigration durch den Namen Cymrer ersetzt worden. Die alten Seren waren eine ganz besondere Rasse, gro� gewachsen und von goldfarbener Haut. Sie wohnten schon auf der Insel, lange bevor sich die Menschen dort niederlie�en, und in der Zeit, von der ich spreche, waren sie schon nahezu ausgestorben.� Rhapsody, selbst eine Seren, nickte stumm.</p><p>�Merithyn erreichte schlie�lich unsere K�ste hier, ein Land, das damals ein undurchdringlicher Urwald war und von einem weiblichen Drachen namens Elynsynos beherrscht wurde. Aber die Geschichte ist viel zu lang, um an einem Abend erz�hlt zu werden. Wenn du noch eine Weile bei uns bleibst, werde ich mich gl�cklich sch�tzen, dir mehr davon zu berichten. Nur so viel noch: Elynsynos fand Gefallen an Merithyn und hatte ein Herz f�r sein Volk. Und so lud sie es ein, sich in ihrem Reich niederzulassen � das sind die L�nder, die du auf dieser Karte gr�n eingef�rbt siehst. Merithyn kehrte mit der frohen Botschaft zur�ck und f�hrte die Seren hierher. Insgesamt machten sich 876 Schiffe auf die Reise; sie segelten in drei gro�en Verb�nden, die im zeitlichen Abstand zueinander in See stachen und zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ankamen. Es gab auch etliche, die nie ihr Ziel erreichten. Diejenigen aber, die die Strapazen auf hoher See �berlebt hatten, trafen schlie�lich in der neuen Heimat wieder zusammen, formierten sich zu einer gro�en Nation und l�uteten das Zeitalter der Aufkl�rung ein. Aber damit ist es nun schon lange vorbei.� </p><p>Rhapsody versuchte, Fassung zu bewahren. �Ich habe noch nicht verstanden, warum sie Cymrer genannt werden. Ihr sagtet doch, sie seien aus Serendair.�</p><p>Der F�rbitter stand auf, reckte sich und trat vor eine Vitrine, in der ein seltsamer Gegenstand hinter Glas ausgestellt war, der wie ein St�ck Fels aussah. Rhapsody folgte ihm und musste an sich halten, um nicht in Hysterie auszubrechen. Er zeigte auf den Stein, in den Schriftzeichen eingemei�elt waren. Sie starrte durch das Glas auf die Worte.</p><p><emphasis>Cyme we inne fri�, fram the grip of dea� to lif inne �is smylte land</emphasis></p><p>�Kannst du das lesen, mein liebes Kind?�</p><p>Rhapsody nickte. Die Schrift war eine Kombination aus dem, was Llauron als Alt-Cymrisch bezeichnet hatte, also der Sprache, mit der sie gro� geworden war, und dem Dialekt der Seeleute und H�ndler, so wie er in allen H�fen der Welt gesprochen wurde.</p><p>�Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem sch�nen Land zu leben.� </p><p>Llauron l�chelte anerkennend. �Sehr gut. Dies sind die Worte, die Gwylliam dem Entdecker Merithyn mit auf den Weg gab zur Begr��ung derjenigen, die er in dem zu entdeckenden Land vorfinden w�rde. Gwylliam �bersetzte diesen Satz in die Verkehrssprache der Seefahrer und hoffte, sich so �berall verst�ndlich machen zu k�nnen. Es waren dann auch die ersten Worte, die Merithyn an Elynsynos richtete und in den Fels ihres Lagers ritzte � mit ihrer Erlaubnis, versteht sich �, als Hinweis f�r alle, die nach ihm kommen w�rden. Als die Cymrer an verschiedenen Stellen an Land gingen, lie�en sie auf dem Weg, den sie einschlugen, Markierungen zur�ck und erreichten damit, dass sie sich am Ende wieder trafen und zusammenschlie�en konnten. Diese historischen Wege werden Cyme-Pfade genannt und waren der Ursprung f�r den Namen Cymrer. Die Ureinwohner des Landes wie auch die Lirin des Gro�en Waldes von Tyrian lasen die besagten Worte auf den Markierungstafeln oder h�rten sie zur Begr��ung aus dem Mund der Fl�chtlinge, die sie daraufhin mit den Namen Cymrer belegten, denn es waren f�r sie diejenigen, die sich selbst als die Kommenden bezeichneten, was ja ein wenig �hnlich klingt. Cymrer hie�en dann auch deren Nachkommen, egal, welcher Rasse oder Klasse sie angeh�rten, denn sie entstammten alle dem Volk der Versunkenen Insel.� </p><p>�Verstehe�, sagte Rhapsody h�flich, obwohl sie das Gef�hl hatte, als w�rde ihr der Boden unter den F��en weggezogen. �Wie lange ist das her?�</p><p>�Nun, der gro�e Exodus begann vor rund 1400 Jahren.�</p><p>Rhapsody schnappte unwillk�rlich nach Luft. �Was?�</p><p>Llauron l�chelte. �Ja, man mag es kaum f�r m�glich halten, aber hier hat tats�chlich vor 1400 Jahren eine Zivilisation gelebt, der wir bedeutende Einrichtungen und Erfindungen verdanken. Sie waren in mancher Hinsicht weiter entwickelt und auf einem h�heren Stand als wir heutzutage. Doch dann kam der Krieg, der dem Cymrischen Zeitalter ein Ende setzte und uns um Jahrhunderte zur�ckwarf. Ist mit dir alles in Ordnung, liebes Kind? Du siehst so blass aus.�</p><p>�Ich... ich bin sehr m�de�, antwortete Rhapsody im Fl�sterton.</p><p>�Nat�rlich, wie gedankenlos von mir.� Llauron ging zur T�r und rief: �Gwen? Ist das G�stezimmer fertig?� </p><p>Die Dienerin lie� nicht lange auf sich warten. �Ja, Euer Gnaden. Das Bett ist gemacht, die Decke aufgeschlagen.� </p><p>�Gut, gut�, sagte der F�rbitter, und an Rhapsody gewandt: �Gwen zeigt dir den Weg. Hab eine gute Nacht, und angenehme Ruhe. Du kannst getrost ausschlafen. Das wird dir nach der langen Reise gut tun.� </p><p>Rhapsody nickte und verbeugte sich vor Llauron. �Gute Nacht. Und vielen Dank.�</p><p>�Keine Ursache. Schlaf gut.� Seine Augen funkelten heiter im Feuerschein, als sie den Raum verlie�. Sie folgte Gwen �ber die Treppe nach oben und musste sich dabei, ersch�pft wie sie war, am Gel�nder hochziehen. </p><p>Ihr Zimmer lag am Ende eines langen, gewundenen Flures. Gwen hatte nicht nur die Bettdecke aufgeschlagen, sondern auch ein paar aufgew�rmte Ziegelsteine ans Fu�ende gelegt.</p><p>Der Raum war sauber und schlicht, eingerichtet nur mit dem Bett, einer Truhe, einem Stuhl, einem Spiegel, Kleiderhaken und einem Schwertst�nder. Ein kleines verglastes Fenster wies in eine Richtung, die sie bislang noch nicht eingesehen hatte, und auch jetzt erkannte sie nichts, denn es war dunkel. Die Wolldecken auf dem Bett zeigten Eingewebte Hexenzeichen zum Schutz gegen Albtr�ume. Es w�re wahrhaftig ein Wunder, dachte Rhapsody bedr�ckt, wenn sie davon tats�chlich verschont bliebe. </p><p>Sie machte die T�r hinter sich zu und setzte sich auf die Bettkante. So m�de war sie, dass es ihr kaum noch gelang, den Wust von Gedanken, die ihr durch den Kopf rauschten, vern�nftig zu ordnen.... <emphasis>die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen</emphasis>.</p><p>Llauron hatte gesagt, dass Gwylliam den Untergang der Insel vorausgesehen h�tte, aber vielleicht war es dazu am Ende ja doch nicht gekommen. Schlie�lich hatte es zu allen Zeiten selbst ernannte Propheten gegeben � zum Beispiel die Hellseher auf dem Diebesmarkt zu Ostend �, deren Weissagungen nie und nimmer zutrafen. Dann dachte Rhapsody zur�ck an ihren Albtraum auf der Wurzel, an den ins Meer st�rzenden Stern und die brennende Wasserwalze, die sich �ber die Insel ergoss, und sie wusste, dass es dazu sehr wohl gekommen war. Sie hatte schon die richtige Ahnung gehabt. Serendair war untergegangen.</p><p>Von denen, die sie kannte und liebte, w�rde keiner mehr am Leben sein, selbst wenn sie damals der Katastrophe entronnen waren und zu den Auswanderern gez�hlt hatten. Ihr schn�rte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken an ihre Eltern und Br�der. Ihr Vater war gewiss schon viele Jahrhunderte tot, so auch die Mutter, obwohl sie als Lirin ein sehr langes Leben hatte erwarten k�nnen. Doch inzwischen war selbst diese Spanne um fast das Dreifache �berschritten. Und nat�rlich lebten auch die Br�der l�ngst nicht mehr. Rhapsody war zutiefst ersch�ttert.</p><p>Sie kroch ins Bett, rollte sich zusammen wie ein Kind im Mutterleib und versuchte sich an das Leben zu erinnern, das sie vor dem Albtraum auf der Wurzel gef�hrt hatte. Die Schuld an ihrem Ungl�ck Achmed anzulasten w�re allzu einfach gewesen. Sie hatte es sich selbst zuzuschreiben.</p><p>Dickk�pfig und gedankenlos, war sie als junges M�dchen von zu Hause weggelaufen, wof�r sie schon bald einen hohen Preis hatte zahlen m�ssen. Ein erb�rmliches Leben auf der Stra�e war die Strafe daf�r gewesen. Doch was ihr am schlimmsten zugesetzt hatte, war das Wissen um den Kummer und die Verzweiflung, die die Eltern ihretwegen ertragen mussten. Ein wenig Erleichterung von dieser Schuld hatte ihr einzig die Hoffnung darauf verschafft, eines Tages zur�ckkehren und um Verzeihung bitten zu k�nnen. Doch auch diese Hoffnung war nun zerst�rt.</p><p>Im Geiste sah sie die Gesichter ihrer Br�der, eins nach dem anderen, schmunzelnd, lachend. Sie w�hnte sich vom Vater umarmt, von der Mutter gestreichelt. Doch damit war es ein f�r allemal vorbei. Sie w�rde niemanden von ihnen jemals wieder sehen, nie mehr von der Mutter in den Schlaf gesungen werden, sich nie mehr wirklich in Sicherheit wiegen k�nnen.</p><p>Rhapsody wusste vor Kummer nicht mehr ein noch aus. An die Vergangenheit zu denken war unertr�glich, unertr�glicher noch erschien ihr die Aussicht auf die Zukunft. Ersch�pft und �berdreht, wie sie war, schlief sie schlie�lich ein.</p><p>Die Tr�ume, von denen sie heimgesucht wurde, waren noch schrecklicher als sonst, Visionen riesiger Wellenberge, die �ber das Land hereinst�rzten und alles unter sich begruben; von einem Volk hoher, goldener Gestalten, das einem berstenden Stern zum Opfer fiel; von der Sagia, wie sie langsam, mit den Lirin in ihren Armen, in den Wellen unterging.</p><p>Im letzten Traum sah sie sich in einem von schwarzem Feuer verw�steten Dorf, durch dessen Stra�en Soldaten ritten, die alles niedermetzelten, was ihnen in die Quere kam. Aus der Ferne, vom Rand des Horizonts, grinsten ihr blutunterlaufene Augen entgegen. Und dann, als ein mordl�sterner Soldat mit schwingendem Schwert auf sie zugeprescht kam, wurde sie von den Krallen eines gro�en kupfernen Drachen ergriffen und in die L�fte emporgezogen.</p><p>Keuchend schreckte Rhapsody auf. Sie langte mit der Hand nach Grunthor, der sie in solchen Momenten immer beruhigt hatte, doch das grinsende gr�ne Gesicht war nirgends zu sehen. Die Luft im Zimmer und das Bett hatten sich abgek�hlt. Als ihr indes wieder bewusst wurde, was unab�nderlich und wirklich war, wallte schieres Entsetzen fiebrig hei� in ihr auf.</p><p>Vor dem kleinen Fenster d�mmerte der Morgen mit grauem Licht. Ein neuer Tag brach an, doch es w�rde f�r Rhapsody keiner wie jeder andere sein. Die ganze Welt hatte sich f�r sie ver�ndert, gewisserma�en �ber Nacht, obwohl die eigentlichen Ursachen schon viele Jahrhunderte zur�cklagen. Diese unumkehrbaren Ver�nderungen hatten sich vollzogen, w�hrend sie durch das Innere der Erde gekrochen war, und das �ber so lange, lange Zeit. Wieso hatte die Zeit sie, Rhapsody, aus ihrem Lauf ausgeschlossen? Sie warf einen Blick in den Spiegel und stellte fest, dass ihr Gesicht kaum �lter aussah als zu Beginn der Reise.</p><p>Sie trat vor das Fenster und blickte nach drau�en. Bald w�rde die Sonne aufgehen, und dann war von ihr geboten, die Morgenandacht zu singen. Es w�rde ihr ein Trost sein, daran zu denken, dass sie diesen Gesang von der Mutter gelernt hatte, unter dem Himmel der Entgegengesetzten Hemisph�re. Das Wissen um den Untergang der Insel machte ihr Angst, doch da war keiner jedenfalls unter den Lebenden keiner �, an den sie sich in ihrer Angst h�tte wenden k�nnen.</p><p>Auch wenn sie Achmed und Grunthor f�nde, die inzwischen bestimmt schon weit weg waren, w�rde sie sich ihnen in ihrer Trauer kaum verst�ndlich machen k�nnen. Achmed w�re wahrscheinlich sogar gl�cklich, weil er nun nicht mehr gejagt wurde. Sie machte das Bett und warf dann den Umhang �ber, den Khaddyr ihr gegeben hatte.</p><p>Leise, um den F�rbitter und die Dienerschaft nicht zu wecken, ging sie �ber die Treppe nach unten, �ffnete vorsichtig die schwere T�r und nickte den Wachen zu, die davor postiert waren und sie mit skeptischer Miene be�ugten. Doch sie lie�en sie ungehindert passieren. Rhapsody trat in den schneebedeckten Garten hinaus und wanderte auf den Baum zu.</p><p>Als sie den Rand der Lichtung erreichte, war die Sonne gerade im Begriff aufzugehen. Rhapsody trat zwischen einem majest�tischen Ahornbaum und einer Ulme in den Kreis der sch�tzenden B�ume und konnte nun zum ersten Mal einen ungehinderten Blick auf den Stamm des Gro�en Wei�en Baumes werfen, dessen Borke unter den ersten Sonnenstrahlen, die durch die morgendlichen Nebelschleier drangen, hell leuchtete. Gleichzeitig nahm das Lied des Baums eine neue Klangfarbe an, und es war ein Jubilieren zu h�ren, das wie die Begr��ung des neuen Tages anmutete.</p><p>Rhapsody schloss die Augen und sp�rte die Kl�nge in sich widerhallen. Vor so viel Pracht und Macht kam sie sich ganz klein und unbedeutend vor.</p><p>Dem Lebenslied des Baums wohnte eine ihr vertraute Klangfarbe inne, die in ihrer Seele gleich mehrere Saiten zum Schwingen brachte. Die Sagia hatte sie mit ihrer Melodie auf ganz �hnlicher Weise anger�hrt, und ihr wurde das schwere Herz ein bisschen leichter.</p><p>Leise sang sie ihre Aubade, und als sie ihre Andacht beendet hatte, pfiff sie die verabredete Tonfolge, das Signal, auf welches Achmed wartete. Dann verlie� sie den Ring der sch�tzenden B�ume und eilte zum Haus zur�ck, nicht auf demselben Weg, den sie gekommen war, sondern an einer riesigen, buschigen Stechpalme und einem Engilder vorbei, jenem schlanken, silbrigen Baum, den sie aus ihrer alten Heimat kannte. Sie n�herte sich dem Haus nun aus einer Richtung, die ihr den Blick auf einen kunstvoll angelegten Garten gew�hrte, der sich hinter dem Haus fortzusetzen schien.</p><p>In der Ferne h�rte sie die Filiden ihren Tag beginnen und sich an die Arbeit machen. Auf der Wiese war immer noch niemand zu sehen, und so ging sie um das Haus herum und fand sich in einer pr�chtigen, ausgedehnten Parklandschaft wieder.</p><p>Llaurons Grund und Boden erstreckte sich bis zum Waldrand, der �ber eine Meile entfernt war. Der Park zwischen Haus und Wald bestand aus edlen B�umen, liebevoll angelegten Teichen und Blumenbeeten. Hier und da standen Marmorb�nke, die im Sommer von belaubten Zweigen �berschattet waren. Jetzt hielt der Garten seinen Winterschlaf, die Beete waren mit Mulch abgedeckt und von Schnee bedeckt. </p><p>Nahe dem Haus stand eine junge Esche, ein hoch aufragender, kr�ftiger Baum. Darunter hockte Llauron in einem kleinen, gesch�tzten Kr�uterg�rtchen, pflegte die Beete und sang dazu in einem weichen Bariton, der ihr Schauer �ber den R�cken rieseln lie�. Es war weniger der Wohlklang dieser Stimme, der sie so sehr bewegte, als vielmehr die Schwingung, die von ihr ausging.</p><p>Er wendete die Techniken eines S�ngers an, lie� aber doch ein paar kleine Probleme mit Intonation und Phrasierung erkennen, was deutlich machte, dass er als solcher nicht ausgebildet war. Das Lied, das er sang, war schlicht und in einer Sprache, die Rhapsody nicht kannte, doch h�rte sie heraus, dass es dazu angetan war, den Pflanzen �ber die Winterzeit zu helfen. Sie war drauf und dran, dem F�rbitter stimmlich zu Hilfe zu kommen, um der Wirkung des Lieds Nachdruck zu verleihen, hielt sich aber in Erinnerung an Achmeds mahnende Worte zur�ck.</p><p><emphasis>Falls wir doch auf irgendwelche Leute treffen, sollten wir uns m�glichst bedeckt halten und untereinander abstimmen, was wir denen an Informationen anvertrauen k�nnen. So gehen wir auf Nummer Sicher</emphasis>. </p><p>Als sie auf ihn zuging, h�rte der Alte zu singen auf, schaute ihr entgegen und verzog das faltige Gesicht zu einem breiten L�cheln.</p><p>�Guten Morgen, mein liebes Kind. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.�</p><p>Rhapsody hatte ihre schrecklichen Albtr�ume nat�rlich nicht vergessen. �Vielen Dank f�r das sch�ne Zimmer, in dem ich �bernachten durfte�, antwortete sie.</p><p>�Nicht der Rede wert. Ich hoffe, du wirst noch eine Weile bei uns bleiben.� Er schickte sich an, vom Boden aufzustehen. </p><p>Rhapsody setzte sich auf die Bank, die unter der Esche stand. Der Stein war kalt und lie� sie fr�steln. </p><p>�Was f�r ein Lied habt Ihr da gesungen?�</p><p>�Das ist ein Heillied f�r Pflanzen, eines, das die Filiden von Serendair mitgebracht haben. Damit hoffe ich, den Kr�utern hier in meinem G�rtchen �ber die kalte Jahreszeit helfen zu k�nnen. Die ganz empfindlichen Pflanzen habe ich nat�rlich ins Haus geholt, aber der Platz dort ist begrenzt. Also singe ich hier drau�en � nicht zuletzt auch unserem Mahb zuliebe.� Er t�tschelte den Stamm der Esche. </p><p>�Mahb?� Der Name klang wie das serennische Wort f�r <emphasis>Sohn</emphasis>.</p><p>�Ja, er passt auf den Garten auf und h�lt alle b�sen Geister fern, die ihm �bel wollen. Nicht wahr, mein Kleiner?� Llauron warf einen Blick ins Ge�st des jungen Baumes, beugte sich dann vor und sagte in verschw�rerischem Tonfall: �Im Vertrauen, ich glaube, er h�lt nicht viel von Khaddyr.� Der Alte zwinkerte ihr zu. �Wie dem auch sei, vielleicht darf ich dich nun bitten, mich mit deiner wundersch�nen Stimme zu begleiten, um den Pflanzen Gutes zu tun.�</p><p>Rhapsody blickte verwundert auf. �Wie bitte?�</p><p>�Nicht so bescheiden, mein liebes Kind. Ich wei�, dass du eine S�ngerin mit gro�en F�higkeiten bist, wenn nicht sogar eine Benennerin, stimmt�s?� Ein kalter Wind strich ihr �ber den R�cken, der pl�tzlich schwei�nass geworden war. Sie zitterte. �Schon wenn du sprichst und deine Stimme erklingen l�sst, wird der Tag ein bisschen heller. Das ist wirklich so, mein liebes Kind. Wie wird es erst sein, wenn du singst? Lass mich nicht l�nger darauf warten. Komm, beehre meine Pflanzen mit einem Lied.� </p><p>Rhapsody wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Der Alte schien ihr schon auf die Schliche gekommen zu sein. Ihre Kunst zu verleugnen w�re gelogen, seine Bitte auszuschlagen eine Unh�flichkeit. Sie seufzte stumm.</p><p>�Wenn Ihr es denn w�nscht�, sagte sie schlie�lich. �Aber ich kenne das Lied nicht, das Ihr gesungen habt. Ich schlage vor, Ihr fangt an und ich stimme mit ein, wenn ich glaube mitsingen zu k�nnen.� </p><p>�So machen wir�s.� Llauron fing wieder an zu singen. Schon nach wenigen Takten hatte sie die Liedform so weit begriffen, dass sie vorsichtig mit einstimmen und da aushelfen konnte, wo er fehlte. Llauron bemerkte, was er falsch machte, und versuchte sich zu korrigieren. Sooft er die Melodie richtig f�hrte, f�gte Rhapsody ihr eine Begleitstimme hinzu, und als sie einen Blick auf die Pflanzen warf, schien es ihr, als w�ren sie tats�chlich schon ein wenig kr�ftiger und ges�nder geworden. Llauron nickte freudig. �Ausgezeichnet! Hatte ich doch wieder einmal Recht, nicht wahr? Du bist eine Benennerin.� </p><p>Rhapsody starrte vor sich hin, um ihm nicht in die Augen schauen zu m�ssen. Die waren hellblau und �beraus scharf, und sie wusste, dass er sie durchschauen w�rde, wenn sie sich nicht sehr genau in Acht n�hme. �Ja, ich habe diesen Ausbildungsstand erreicht.�</p><p>�Dachte ich�s mir. Nun, vielen Dank. F�r den Garten ist jetzt gut gesorgt, zumindest bis zum Ende der Tauperiode. Komm, lass uns ins Haus gehen. Dir ist kalt, und hier gibt es nichts mehr zu tun.� Er stand auf und zeigte dabei eine Beweglichkeit, die so gar nicht zu seinem Alter passte. Die T�r, durch die sie gingen, f�hrte in eine gro�e K�che, die mit ihrer riesigen Feuerstelle und den geziegelten �fen ausgereicht h�tte, f�r die Mahlzeiten einer halben Kompanie zu sorgen. �ber dem Feuer dampfte ein bauchiger Kessel. Llauron w�rmte sich die H�nde daran auf, schwenkte den Kessel dann vom Feuer und hob ihn mit einem festen, sauberen Lappen vom Haken.</p><p>�Zu einer Tasse Tee wirst du doch bestimmt nicht nein sagen, oder?� Er f�llte eine Porzellankanne, die auf dem Tisch in der Mitte der K�che stand. �F�hlst du dich immer noch ersch�pft von der Reise?� </p><p>�Ein bisschen.� </p><p>Der F�rbitter schmunzelte. �Nun, dann wollen wir dir etwas in den Tee mischen, das dich wieder zu Kr�ften bringt. Hast du schon einmal Spr�dlitzen probiert?�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Noch nie davon geh�rt.�</p><p>Llauron trat vor einen gro�en Schrank und holte viele verschiedene kleine S�ckchen daraus hervor. </p><p>�Das verwundert mich nicht. Das w�chst n�mlich nur hier bei uns. Und wie ist es mit Fr�hlingssaffran?� </p><p>Pl�tzlich kam ihr der Gedanke, dass der Alte mit seinen Fragen wom�glich herauszufinden versuchte, woher sie stammte. �Ich bin mit allem einverstanden, was Ihr mir anzubieten habt�, beeilte sie sich zu sagen. </p><p>�Nun, ich schlage vor, wir mischen getrocknete Orangenbl�ten, s��en Farn und Himbeerbl�tter.� </p><p>�Gibt es denn im Winter Himbeerbl�tter bei Euch?�</p><p>�Ja, im Glasgarten. M�chtest du ihn sehen?�</p><p>�0 ja. Das duftet wirklich k�stlich.� Sie nahm die dampfende Tasse, die Llauron vor sie hingeschoben hatte, und folgte ihm durch die K�chent�r in einen Anbau.</p><p>Drei W�nde dieses Raums bestanden aus Glas. In der Mitte stand ein seltsamer Ofen, der mit rot gl�henden Steinen gef�llt war. Dar�ber hing, mit einer Kette an der Decke befestigt, ein metallener Kegel, von dem langsam Wasser auf die hei�en Steine tropfte, das sofort zischend verdampfte. Die Luft im Raum war entsprechend warm und feucht, was den Pflanzen, die hier �ppig wuchsen, offensichtlich gut bekam. </p><p>Rhapsody schlenderte zwischen den auf Regalen �bereinander angeordneten Beeten entlang und schwelgte in der fast sommerlichen Stimmung, die hier herrschte. Mit Blick auf den Wasserdampf produzierenden Ofen sagte sie: �Was f�r ein unglaubliches Ger�t!�</p><p>�Nicht wahr? Eine wirklich n�tzliche Erfindung. Ich w�nschte, behaupten zu k�nnen, dass sie auf meinem Mist gewachsen ist. Aber tats�chlich hat sie mein Vater entwickelt, gebaut und meiner Mutter zum Geschenk gemacht. Sie liebte Orchideen und andere empfindliche Pflanzen, die viel W�rme brauchen.� </p><p>�Ihr habt hier viele erstaunliche Gew�chse.�</p><p>�Wie gesagt, du bist herzlich eingeladen, bei uns zu bleiben und dir das Wissen der Filiden anzueignen, wenn du willst. Ich bin sicher, dass dir an unserer Art der Naturverehrung vieles gefallen wird, zumal du der Natur allem Anschein nach selbst sehr zugetan bist. Ich w�rde mich freuen, dich unterrichten zu d�rfen. Es w�re mir eine willkommene Abwechslung von meiner Arbeit.�</p><p>�Euer Gnaden, ich m�chte Euch auf keinen Fall von Euren Pflichten abhalten.�</p><p>Der F�rbitter schmunzelte. �Unsinn, mein Kind. Das Sch�ne an meiner Position ist, dass ich �ber meine Arbeitszeit frei verf�gen kann. �brigens kannst du mich getrost bei meinem Namen Llauron nennen. Dabei k�me ich mir weniger alt vor. Also, wirst du eine Weile bei uns bleiben? Oder musst du unbedingt weiterziehen?� </p><p>Rhapsody blickte auf in die wachen blauen Augen, aus denen er sie aufmerksam beobachtete. Ihr wurde ganz unbehaglich zumute. Es schien fast so, als k�nnte Llauron in ihr Innerstes schauen. Nicht einmal den Studenten der Musikakademie war es m�glich gewesen, einen Benenner allein an der Stimme zu erkennen. Dass dieser freundliche alte Mann Dinge �ber sie zu wissen schien, die er eigentlich gar nicht wissen konnte, verunsicherte sie, und sie f�hlte sich wieder so verletzlich wie fr�h am Morgen unter dem Baum. </p><p>�Nein�, sagte sie schlie�lich. �Es zwingt mich nichts zur Weiterreise, vorl�ufig jedenfalls nicht.� </p></section><section><title><p>24</p></title><p>Nachdem sie ein Fr�hst�ck zu sich genommen hatten, das ihnen von Vera angerichtet worden war, gingen Rhapsody und Llauron durch den Park und das weite Feld hinter dem Anwesen auf die St�lle zu, in denen die Pferde des F�rbitters untergebracht waren.</p><p>Gwen hatte sich schon vor den beiden auf den Weg dorthin gemacht und ein neues Paar Lederstiefel und eine wollende Reithose f�r Rhapsody zurechtgelegt. Die Stiefel waren ein bisschen zu gro�, ansonsten aber sehr bequem, und Rhapsody dankte der Hausdienerin von Herzen.</p><p>Von seinem Wachpersonal abgesehen, standen dem F�rbitter anscheinend nur zwei Dienerinnen zur Seite; dabei wusste Rhapsody aus Serendair von sehr viel weniger bedeutenden Edelm�nnern, die unvergleichlich viel mehr Dienstboten unterhalten hatten. Das machte ihr den Alten noch sympathischer. Llauron sorgte weitestgehend f�r sich selbst, was f�r einen Mann an der Spitze eines Ordens so ungew�hnlich wie liebensw�rdig war.</p><p>Die St�lle waren sauberer als manche Wohnh�user. Der Grund lag auf der Hand: Llaurons Pferde z�hlten zu den pr�chtigsten, die Rhapsody je gesehen hatte. Manche eigneten sich ihres schlanken, Muskelbepackten K�rperbaus wegen besonders gut f�r den Einsatz im Krieg, w�hrend andere ihrer jeweiligen Anlage nach als Reit- oder Zugtiere gez�chtet worden waren. Rhapsody ging interessiert von einem Verschlag zum anderen, schnalzte den Pferden zu, wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte, und fand, dass auch diese Tiere auf den Laut mit Neugier reagierten.</p><p>�Ist da eins, das dir besonders gut gef�llt?�, fragte Llauron schmunzelnd.</p><p>�Sie gefallen mir alle.� </p><p>�Aber du kannst nur eines reiten. Wenn du Lark kennen lernen m�chtest, m�ssen wir einen kleinen Ausritt unternehmen. Die S�merei liegt mehrere Wegstunden weit entfernt. Wie w�r�s mit dem Rotblonden. Er ist sehr gutm�tig.�</p><p>Rhapsody nickte, worauf Llauron der Stallmagd zuwinkte und rief: �Norma, sattle ihn bitte, und auch Eliseus. Wir werden bald ausreiten.� Er nahm Rhapsody beim Ellbogen und f�hrte sie wieder nach drau�en vor das Tor, wo ein schneidend kalter Wind ging. </p><p>W�hrend sie auf die Pferde warteten, zog der Alte ihr, Rhapsody, wie einem kleinen M�dchen die Kapuze des Umhangs �ber den Kopf. �Die beh�ltst du besser auf, sonst erk�ltest du dich noch.� Er zog sich gerade selbst seine Kapuze �ber, als das Tor aufging und Norma den Fuchs und einen Rotschimmel mit gl�nzender, h�bsch geflochtener M�hne an den Z�geln herausf�hrte.</p><p>�Da ist ja mein guter Junge. Einen sch�nen guten Morgen, Eliseus.� Das Pferd schnaubte wie zur Antwort und stie� dicke wei�e Dampfw�lkchen aus den N�stern in die kalte Luft. �Also dann, Rhapsody, es kann losgehen.� Sie sa�en auf und setzten sich in Bewegung, der Alte vorneweg, dem Waldrand entgegen. </p><p>�Dahinten haben wir unsere Kr�uterg�rten�, sagte Llauron, als sie auf eine gro�e Freifl�che zuritten, die hinter den B�umen zum Vorschein trat. �Als Naturpriester besch�ftigen wir uns intensiv mit Kr�uterkunde, und zwar vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer medizinischen und spirituellen Anwendung. Oh, und nat�rlich interessieren uns Kr�uter auch als W�rzmittel. Fades Essen kommt mir nicht auf den Tisch.� </p><p>Rhapsody kicherte und z�gelte ihren Fuchs in einen gem�chlichen Schritt. Durch den Wald zu reiten war ihr ein gro�es Vergn�gen gewesen, zumal Liauron das Gel�nde gut kannte und die Pfade trotz des Schnees vorz�glich gepflegt waren. Die Zeit schien ihr wie im Fluge vergangen zu sein.</p><p>Am Feldrand angekommen, hielt Llauron vor einem gemauerten und mit Stroh bedeckten Haus an, stieg aus dem Sattel und streckte die Arme aus, um Rhapsody zu helfen. Doch sie sch�ttelte den Kopf und sprang ohne Hilfe aus dem Sattel.</p><p>�Hier wohnt Lark, unsere Herbalogin, die f�r die S�merei und die Kr�uterg�rten des Ordens verantwortlich ist�, sagte Llauron und klopfte an die T�r. Eine Antwort von drinnen blieb aus, stattdessen meldete sich wenig sp�ter eine Stimme, die �ber das Feld t�nte.</p><p>�Euer Gnaden! Wir sind hier drau�en.� Rhapsody drehte sich um und sah eine gro� gewachsene Frau, die mit weiter Hose und dickem Mantel an einem Holzzaun stand und ihnen zuwinkte. Llauron hob gr��end die Hand. </p><p>�Das ist Ilyana. Sie ist f�r die Pflanzung zust�ndig und unterrichtet die Novizen. M�chtest du sie kennen lernen?� </p><p>�Gern.� </p><p>Mit vorsichtigen, langen Schritten �berquerten sie eine Reihe verschneiter Beete, bis sie auf einen mit Steinen gepflasterten Weg kamen, auf dem ihnen neben Ilyana eine zweite Frau entgegenkam. Sie war mittleren Alters, hatte ihr langes dunkles Haar zu einem Zopf geflochten und mit einem Tuch im Nacken zusammengefasst. Ihr Gesicht lie� erkennen, dass sie sich haupts�chlich im Freien aufhielt. Und sie war unverkennbar eine Lirin.</p><p>Im Unterschied zu Rhapsodys Mutter, die den Liringlas entstammte und darum silbrig blondes Haar hatte und einen rosigen Teint, geh�rte Lark den Lirindarc an, also dem Volk, das in den W�ldern der Sagia lebte und eine dunkle, fast ledrige Haut besa�. Sie hatten zwar durchweg eine ebenso schlanke Gestalt wie die Liringlas und �hnlich scharf geschnittene Gesichter, aber dunkelbraune, mitunter sogar schwarze Augen, die auch noch in der Dunkelheit zu sehen vermochten.</p><p>Rhapsody sp�rte, wie sich ihr beim Anblick dieser Frau ein Klo� im Hals bildete, gerade so wie tags zuvor, als sie Gwen zum ersten Mal gesehen hatte. Rhapsody war als Lirin nicht allein in dieser Gegend; Angeh�rige ihrer Art lebten also auch hier, und nicht nur, wie von Llauron am Vorabend angedeutet, in Tyrian, dem Land im S�den, das von den cymrischen Siedlern Realmalir genannt worden waren.</p><p>Llauron streckte die Hand aus und legte sie der Frau, die da auf sie zukam, auf die Schulter. �Lark, ich m�chte dir Rhapsody vorstellen. Sie ist mein Gast und selbst vom Fach der Kr�uterkunde.� </p><p>Rhapsody err�tete. �Oh, nicht wirklich. Ich kenne mich blo� ein bisschen mit Pflanzen aus, mehr nicht.� Lark nickte und r�hrte ansonsten keine Miene.</p><p>Die gro�e Frau neben ihr streckte die Hand aus. �Angenehm. Ich bin Ilyana.� Rhapsody sch�ttelte ihr die Hand und l�chelte. Wenig sp�ter bemerkte sie, wie ihrem Gegen�ber ein sonderbarer Ausdruck �bers Gesicht huschte. </p><p>�Ich m�chte euch und insbesondere dich, Lark, bitten, unseren Gast von euch lernen zu lassen�, sagte Llauron. �Sie interessiert sich f�r die Kunst des Gartenbaus, und wenn es mir die Zeit erlaubt, werde ich ihr selbst ein paar Lektionen erteilen.�</p><p>�Ist sie eine Novizin?�, wollte Lark wissen, deren Miene immer noch vollkommen unger�hrt war. </p><p>�Nein, sie ist nur zu Besuch. Ich vertraue darauf, dass ihr sie mit allem gebotenen Respekt behandelt.� </p><p>Erneut nickte Lark mit dem Kopf. �Wohl denn, gebt ihr bitte ein paar Arbeitskleider und zeigt ihr, wo sie sich umziehen kann. Du scheust dich hoffentlich nicht, dir die H�nde schmutzig zu machen, mein Kind, oder?� </p><p>�Ihr erinnert Euch doch bestimmt, wie ich ausgesehen habe, ehe Ihr so freundlich gewesen seid, mir durch Gwen ein Bad richten zu lassen.�</p><p>Llauron lachte. �O ja, ich erinnere mich. Nun, das w�re also gekl�rt. Ich wei� dich hier in guten H�nden, Rhapsody. Am Abend hole ich dich dann wieder ab.�</p><p>�Bleibt sie denn nicht hier bei uns im Lager?�, fragte Lark.</p><p>�Nein. Sie ist, wie ich schon sagte, mein Gast�, antwortete Llauron mit nach wie vor freundlicher Stimme, doch seine Augen funkelten auf eine Weise, die Rhapsody ein wenig beklommen machte. </p><p>�Du wei�t wohl auch, dass ich dich nicht behelligen w�rde, wenn sie nicht mit unserer Sache sympathisierte.� Lark nickte wieder, und das mit unver�ndert starrem Gesichtsausdruck.</p><p>�Unserer Sache?�, fragte Rhapsody irritiert nach.</p><p>Llauron warf Lark einen fl�chtigen Blick zu, wandte sich dann an Rhapsody und l�chelte. </p><p>�Ich meine den Schutz des Waldes und der Erde, die Pflege des Gro�en Wei�en Baums. Darum geht es dir doch auch, wenn ich dich recht verstanden habe, nicht wahr, mein liebes Kind. Liegt nicht auch dir die Natur am Herzen?� </p><p>�0 doch, allerdings.� </p><p>�Na bitte. Dann will ich mich jetzt verabschieden. Auf Wiedersehen, Mutter Lark; auf Wiedersehen, Ilyana. Und dir, mein liebes Kind, w�nsche ich, dass du mit Freude lernst.� Llauron ging �ber den gepflasterten Pfad zur�ck, bestieg sein Pferd, winkte den drei Frauen noch einmal zu und ritt davon. Rhapsody schaute ihm nach, bis er im Wald verschwand.</p><p>Ilyana legte ihr einen Arm um die Schulter und fragte: �Du bist gestern Abend angekommen?� </p><p>�Ja.� </p><p>Die beiden Filiden sahen einander an. �Dann warst du der Grund f�r all den Wirbel�, sagte Ilyana. Lark drehte sich um und ging auf den umz�unten Acker zur�ck.</p><p>�Wirbel?�, fragte Rhapsody, der pl�tzlich ganz mulmig zumute war.</p><p>�Ja, gestern Abend sind Dutzende von D�rflern aus dem Osten durch den heiligen Wald getrampelt. Llauron musste mitten in der Nacht raus, um sie nach Hause zu schicken. Ich habe keine Ahnung, was sie wollten. Es war, als erwarteten sie jemanden, den sie schon lange hatten entbehren m�ssen.� </p><p>Rhapsody hatte den Eindruck, als klammerten sich eiskalte Krallen um ihren Magen. F�r wen hielten sie all die Leute, die ihr gefolgt waren? Sie hatte sich nur kurz blicken lassen und war gleich darauf mit Khaddyr abgezogen. Wieso sollte man ihr nachstellen? Sie hatte sich doch nichts zu Schulden kommen lassen. </p><p>Zugegeben, sie hatte vermutlich ein erschreckendes Bild abgegeben, als sie aus dem Wald aufgetaucht war. Vielleicht hielt man sie f�r einen b�sen Geist, verantwortlich f�r den Tod oder die Erkrankung irgendeines Bauern, f�r schlechtes Wetter oder Ernteeinbu�en. Sie wickelte den Umhang enger um sich. </p><p>Ilyana bemerkte, dass sie nerv�s geworden war, und r�ckte n�her. �Keine Sorge, sie sind wieder weg und werden nicht zur�ckkommen. Es scheint, das Llauron beschlossen hat, dich zu besch�tzen; wenn dem so ist, bist du wirklich in Sicherheit. Komm jetzt, du kannst uns helfen, den Komposthaufen umzuschichten.� </p><p>�ber eine Woche kam Rhapsody jeden Tag, um von Lark zu lernen. Die Herbalogin gab nur selten einen Laut von sich, und wenn sie den Mund aufmachte, redete sie ausschlie�lich �ber Pflanzen. Es dauerte eine Weile, bis Rhapsody erkannte, dass ihre Lehrerin von Natur aus sehr sch�chtern und scheu war. </p><p>Wenn Lark aber von ihren Kr�utern oder Anbaumethoden sprach, wurde sie mitunter sehr lebhaft, und in ihrer Stimme schwang echte Begeisterung mit. Sie war in ihrem Fach enorm bewandert, und Rhapsody machte sich flei�ig Notizen, wof�r ihr Ilyana Pergamentbl�tter zur Verf�gung stellte. Wenn es f�r die Arbeit in den G�rten allzu kalt oder st�rmisch war, hielten sie sich in Larks Haus auf, wo sie dann Kr�uter trockneten oder zu Gesundheitstees weiterverarbeiteten. Es duftete herrlich in den R�umen, und die Arbeit ging Rhapsody leicht von der Hand, denn sie sch�tzte sich gl�cklich, so viel dazulernen zu k�nnen. Manchmal sang sie Lark lirinsche Lieder vor, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, doch die Lehrerin verstand die Worte nicht.</p><p>Am zehnten Tag wurde Rhapsody von Ilyana zu einem Ausflug eingeladen, und die beiden ritten �ber die weiten Felder, die, obwohl der Winter noch l�ngst nicht vor�ber war, schon jetzt in harter Arbeit f�r den Fr�hling vorbereitet wurden. Die Gemeinde, um die sich die Filiden als Seelsorger k�mmerten, bestand zum gr��ten Teil aus Bauern und Landarbeitern. Insgesamt z�hlte die hier im Westen des Kontinents gepflegte Religion nach Auskunft von Ilyana an die halbe Million Gl�ubige, eine Zahl, �ber die Rhapsody nur staunen konnte.</p><p>Was sie besonders interessant fand, waren die Pflanz- und Ernteriten, mit denen der Ackerboden und seine Fr�chte gesegnet wurden. Die liturgischen Spr�che, die die Novizen auswendig zu lernen hatten, waren tats�chlich in Rhapsodys Muttersprache gehalten. Die Filiden nannten sie Alt-Cymrisch, was Rhapsody wie eine bittere Ironie anmutete. Geh�rten sie, Achmed und Grunthor demnach zum Volk der Alt-Cymrer? </p><p>Schlimmer noch: Genau genommen waren sie deren <emphasis>Vorfahren</emphasis>. Es schien wirklich so, als h�tte die Zeit sie vergessen. W�rde sie sich ihrer erinnern, so w�re das gewiss ihr Ende.</p><p>Als ein Monat vergangen war, wurde Rhapsody wieder der Obhut des Priesters Khaddyr anvertraut. Er war ein Meister der Heilkunst und legte Wert darauf, als solcher respektiert zu werden, und obwohl er h�ufig einen sehr �berheblichen Eindruck machte, fand Rhapsody in ihm einen f�higen Lehrer, der sein Wissen so vermittelte, dass das Lernen leicht fiel und das Erlernte sogleich praktisch umzusetzen war. </p><p>Zwei Wochen lang pflegte sie die Patienten in den von Khaddyr geleiteten Spit�lern. Danach kam sie zu Bruder Aldo in die Lehre, der ebenfalls ein filidischer Heiler war, seine Kunst aber ausschlie�lich an Tieren praktizierte. Es machte ihr gro�en Spa�, von ihm zu lernen. Er war freundlich und sanft und hatte eine Art, die selbst auf die wildesten Tiere beruhigend wirkte.</p><p>Schlie�lich wurde sie zu Gavin geschickt, dem ernsten, stillen Vorsteher der F�rster und Waldl�ufer, jener bewaffneten M�nner, die ihr schon aufgefallen waren, als Khaddyr sie zum Baum gef�hrt hatte. Diese M�nner bereisten das weite Land und dienten zuweilen den Gl�ubigen als F�hrer auf den Cymre-Pfaden den markierten Wegstrecken, die laut Auskunft Llaurons die erste und dritte Emigrantengruppe nach ihrer Landung eingeschlagen hatten. Diese Pfade wurden heutzutage anscheinend nur selten begangen; sehr viel beliebter waren die Pilgerwege, die zum Baum f�hrten. Rhapsody stellte fest, dass die Mehrzahl der Waldl�ufer, anstatt Wallfahrer zu begleiten, damit besch�ftigt war, im heiligen Forst Patrouille zu gehen und �bergriffe abzuwehren, wenn es sein musste, auch mit Waffengewalt. In Khaddyrs Spital wurden ab und an Verwundete aus den Reihen der Waldl�ufer eingeliefert, was offenbar nichts Ungew�hnliches war, denn Khaddyr und seine Studenten machten kein besonderes Aufhebens um diese Patienten.</p><p>Rhapsody kehrte immer am sp�ten Nachmittag in das Haus des F�rbitters zur�ck, dann, wenn auch Llauron Feierabend machte und von seinen Amtspflichten als Oberhaupt der Filiden entbunden war, Pflichten, die � nach dem Eindruck, den Rhapsody gewann � sehr umfangreich und anstrengend zu sein schienen. </p><p>In jeder Ortschaft hatte Llauron einen Filiden damit beauftragt, �ber Ackerbau und Viehzucht zu wachen und darauf zu achten, dass Natur und Landwirtschaft im Gleichgewicht blieben. Zu Llaurons Aufgaben z�hlte ferner, dass er den Pilgern F�hrer zur Seite stellte und die Herbergen entlang der Pilgerstrecke in Ordnung hielt. Er tat seine Arbeit zwar nicht ungern, hatte Rhapsody aber anvertraut, dass er die Zeiten vermisse, in denen er als junger Mann die wilden Meere befahren und Urw�lder durchstreift habe und frei von allen Pflichten gewesen sei.</p><p>Von diesen vergangenen Tagen erz�hlte er ihr meist, wenn sie gemeinsam lange Spazierg�nge unternahmen, auf denen er au�erdem �ber die Natur philosophierte und sie, seine Sch�lerin, auf verschiedene Aspekte des Waldes und der Welt ringsum aufmerksam machte. Er konnte jedes Tier benennen und wusste zu sagen, in welcher Anzahl die einzelnen Arten in etwa vorkamen. Er kannte auch jede Pflanze und jeden Baum und lie� Rhapsody an seinem Wissen teilhaben.</p><p>F�r sie war es fast, als lauschte sie einem Lied, wenn sie, an seiner Seite gehend, vernahm, was er �ber die B�ume zu sagen hatte, �ber die starken, heiligen Eichen, �ber die N�he der Eschen zur spirituellen Welt, weswegen ihre Zweige auch als Zauberst�be oder f�r magische Riten gebraucht wurden. Er erz�hlte, dass Weiden gierig, Ahornb�ume die geborenen Anf�hrer und immergr�ne B�ume abenteuerlustig seien. Er kl�rte sie �ber besondere Pflanzen des Waldes auf, �ber Misteln und Stechpalmen und deren spirituelle Eigenschaften, �ber Farne und Minze und viele andere mehr. Wenn er besonders guter Laune war, sang er ihr auch manchmal ein Seefahrershanty vor.</p><p>Llauron war noch erstaunlich gut zu Fu�. Rhapsody kannte M�nner, die nur halb so alt, aber im Vergleich zu ihm geradezu hinf�llig waren. Wenn sie wanderten, schwang der F�rbitter einen Stock aus wei�em Holz und mit goldenem Knauf in der Hand, nicht so sehr zur St�tze als vielmehr, um seinen Schritten den Takt anzugeben.</p><p>Der Stock war aus dem Holz des Gro�en Wei�en Baums geschnitzt, einem Ast, der vor langer Zeit von einem Sturm abgerissen und Ulbren, dem J�ngeren, gegeben worden war, jenem F�rbitter, der noch von Serendair stammte und die Religion der Filiden in die Emigration mitgenommen hatte. Der Stock galt als Symbol seines Amtes, doch Llauron trug ihn wie einen ganz gew�hnlichen Stecken, zeigte damit auf das, worauf er aufmerksam machen wollte, oder klopfte mit ihm an die St�mme alter B�ume, um vom Klang, der dabei entstand, R�ckschl�sse auf ihren Gesundheitszustand zu ziehen. Die Spazierg�nge endeten f�r gew�hnlich unter den Zweigen des Gro�en Baums, wenn die Sonne unterging, also gerade rechtzeitig f�r Rhapsody, um ihre D�mmerungsvesper zu singen. F�r sie stand inzwischen fest, dass Llauron schon vor ihrer Ankunft �ber die Sitten und Gebr�uche der Liringlas unterrichtet gewesen war und deshalb von ihr nichts anderes erwartete, als dass sie mit ihrem Gesang der Sonne und den Sternen einen Gru� entrichtete. Und so tat sie ihm gegen�ber auch nicht mehr heimlich, was ihre Art des Gottesdienstes anging, obwohl sie Achmeds Mahnung nicht vergessen hatte. Wenn sie sang, stand der F�rbitter immer l�chelnd neben ihr unter dem Baum, behielt aber stets f�r sich, welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gingen.</p><p>Anschlie�end a�en sie gemeinsam zu Abend und unterhielten sich h�ufig bis sp�t in die Nacht �ber den Wald und seine Tiere oder �ber das Zeitalter der Cymrer und seine Wunder. Beliebtes Gespr�chsthema zwischen ihnen war die cymrische Ratsversammlung, die allj�hrlich stattfand und zu der alle Fl�chtlinge von Serendair zusammenkamen, und zwar an den so genannten Gro�en Gerichtshof. Die wichtigste Aufgabe des Rates bestand darin, zwischen den verschiedenen Volksgruppen der Fl�chtlinge zu vermitteln und daf�r zu sorgen, dass sie wieder enger in Kontakt zueinander traten und die Kluft �berbr�ckten, die der cymrische Krieg aufgerissen hatte. Llauron war �berzeugt davon, dass es zwischen Sorbold, Roland und den L�ndern der Firbolg nur dann dauerhaft Frieden geben k�nnte, wenn sie wieder zu einer Nation zusammenf�nden.</p><p>�Und was ist mit den Lirin?�, fragte Rhapsody eines Abends �ber eine Tasse S��farntee hinweg. </p><p>�Die Lirin sind nie Teil des Cymrerreiches gewesen. Sie waren ja schon vorher hier und haben sich immer gegen einen Anschluss gewehrt, obwohl sie Verb�ndete und gute Freunde der ersten Fl�chtlingsgeneration waren. Es ist tragisch, dass sie in den Krieg hineingezogen wurden, der schlie�lich einen Gro�teil von Tyrian verw�stet hat. Dem ist letztlich auch ihre Gemeinschaft zum Opfer gefallen, sodass nun auch die Lirin ein geteiltes Volk sind. Eine Schande ist das.� Llauron wurde still und starrte ins Feuer.</p><p>Rhapsody nickte. �Ich werde bald Abschied nehmen m�ssen�, sagte sie unvermittelt.</p><p>Sofort wandte sich ihr der F�rbitter zu, doch seiner Miene war weder Verdruss noch irgendeine andere Regung abzulesen. �Wie schade. Mir war nat�rlich klar, dass dieser Tag kommen w�rde, und ich muss gestehen, dass ich mich davor gef�rchtet habe. Wir � das sind Gwen und Vera und ich � haben dich ins Herz geschlossen. Und ich bin sicher, dass auch deine Lehrer traurig sein werden, wenn sie erfahren, dass du uns verlassen musst.�</p><p>�Mir f�llt der Abschied selber schwer�, antwortete sie. �Ich habe so viel von Euch und allen anderen gelernt.� Ihr kam pl�tzlich ein Einfall, und sie sagte: �Darf ich Euch eine Frage �ber die filidischen Lehrer stellen?� </p><p>�Nur zu.� </p><p>�Eure Priester sind doch, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht zur Keuschheit verpflichtet, stimmt�s?� </p><p>�Nein, an solche t�richten Vorschriften m�gen sich der Patriarch von Sepulvarta und seine so genannten Seligpreiser halten, wir nicht. Warum fragst du?�</p><p>�Nun, mir ist aufgefallen, dass nicht ein Angeh�riger der Priesterschaft von Gwynwald verheiratet ist.� </p><p>Llauron lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck und f�hrte beide H�nde so zusammen, dass sich nur die Fingerspitzen ber�hrten. �Tja, so ist es wohl�, entgegnete er. �Ilyana war allerdings verheiratet, doch ihr Mann kam vor ungef�hr zehn Jahren im Kampf ums Leben. Lark ist nie verheiratet gewesen; du wei�t, wie sch�chtern sie ist. So auch Bruder Aldo. Er hat lieber Tiere als Frauen um sich � dabei k�nnte ich ihn mit manchem Weib bekannt machen, das dieser seiner Vorliebe in gewisser Hinsicht durchaus entgegen k�me.� Rhapsody lachte. �Gavin hat zum Heiraten viel zu wenig Zeit; er ist st�ndig von einem Ort zum anderen unterwegs. Und Khaddyr, nun, ihm ist es als meinem Tanist in der Tat verboten, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen.�</p><p>�Als Eurem was?�, hakte Rhapsody nach.</p><p>�Wenn die Filiden einen neuen F�rbitter w�hlen, wenden sie heutzutage die Regeln des Tanisters an, das an die Stelle jenes alten, grausamen Auswahlverfahrens getreten ist, wonach sich die Kandidaten in einem Kampf auf Leben und Tod miteinander messen mussten.�</p><p>�Ich erinnere mich. Khaddyr hat davon gesprochen und gesagt, dass diese Rituale schon lange nicht mehr praktiziert werden und dass Eure Wahl nach einer anderen Methode durchgef�hrt wurde.� </p><p>�Richtig�, sagte Llauron. �Das Tanister schreibt vor, aufweiche Art und Weise der Orden die Nachfolge seiner F�hrung zu regeln hat.� Er beugte sich vor, als wollte er ihr ein Geheimnis anvertrauen. �Ehrlich gesagt, ich halte mich f�r sehr viel vitaler als Khaddyr und bezweifle, dass er mich �berleben wird.� </p><p>Sie lachte wieder unwillk�rlich auf und sch�mte sich ein wenig daf�r. �Das kann ich nur best�tigen.� </p><p>�Es kann durchaus sein, dass, wenn die Kreis�ltesten wieder zusammentreten, die Entscheidung r�ckg�ngig gemacht und Gavin zu meinem Nachfolger bestimmt wird. Er hat eindeutig bessere Aussichten, mich zu �berdauern, und ist �berdies ein sehr weiser Mann. Nicht, dass ich Khaddyr grunds�tzlich f�r untauglich hielte. Er ist einer der besten und freundlichsten M�nner, die ich kenne, und einzigartig, was seine Heilkunst angeht.� Rhapsody nickte beif�llig.</p><p>�Ein Tanist verpflichtet sich zur Keuschheit, weil dadurch Probleme der Nachfolge und Erbschaft vermieden werden. H�tte der Tanist Kinder, bevor er oder sie in das Amt des F�rbitters aufsteigt, k�me es fast zwangsl�ufig zu Komplikationen bei der Benennung eines Nachfolgers. Es ist ein verzwacktes Verfahren. Angehende F�rbitter d�rfen heiraten, wenn sie denn wollen, aber wenn ihr Vorg�nger endlich gestorben ist und sie in ihr Amt eingesetzt werden, sind sie meist schon alt und klapprig. Verr�ckt, nicht?�</p><p>�Das scheint mir auch so.� Rhapsody konnte kaum die Augen aufhalten, so m�de war sie. �Wenn ihr mich entschuldigt, Llauron, w�rde ich jetzt gern zu Bett gehen.�</p><p>Llauron stand auf und begleitete sie zur T�r seines Arbeitszimmers. �Ja, mein Kind, schlaf dich richtig aus. Du hast einen schweren Tag vor dir.� Er ber�hrte ihren Arm. ��brigens, deine beiden Begleiter sind herzlich eingeladen, auf einen Besuch vorbeizuschauen. Es w�rde mich freuen, sie kennen zu lernen.� </p><p>Rhapsodys Arm fing unter seiner Ber�hrung zu zittern an. Sie hatte ihre Firbolg-Freunde mit keinem Wort erw�hnt. Als sie fragend aufblickte, sah sie den Alten mit den Augen blinzeln.</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Ach, mein Kind, hast du wirklich geglaubt, mir w�rde es entgehen, wenn Fremde mein Land betreten? Ich hatte fast schon bef�rchtet, es k�nnte sich um einen feindlichen �berfall handeln. Aber das erschien mir dann doch als sehr unwahrscheinlich. Mir war bald klar, dass sie auf dich warten, zumal sie die ganze Zeit �ber mein Haus im Auge haben. Ich bin ganz neugierig zu erfahren, wie du mit den beiden zusammengetroffen bist. Also, wie w�r�s, wenn du sie zu einem Besuch einladen w�rdest?� </p><p>Rhapsody zitterte inzwischen am ganzen K�rper. �Ich ... ich halte das f�r keine gute Idee�, fl�sterte sie mit bebender Stimme. �Die beiden sind, nun, nicht gerade gesellschaftsf�hig.�</p><p>Llauron nickte. �Das w�rde ich ihnen nicht ankreiden. Firbolg sind von anderen immer wieder sehr schlecht behandelt worden. Aber was sagst du zu folgendem Vorschlag? Frag sie, ob sie bereit w�ren, mit mir zusammenzutreffen. Ich w�rde sie dann in ihrem Lager aufsuchen. Es ist mir ein echtes Bed�rfnis. Ich bin noch nie mit einem Firbolg zusammengetroffen.�</p><p>Der S�ngerin schwirrte der Kopf. �Na sch�n�, sagte sie schlie�lich. �Fragen kann ich ja.� </p><p>Der Alte grinste breit. �Ausgezeichnet. Ich bin schon sehr gespannt auf die Begegnung. Gute Nacht, mein liebes Kind.� </p><p>�Gute Nacht.� Sie verlie� das Arbeitszimmer und eilte nach oben in ihre Kammer. Schnell hatte sie sich ausgezogen und unter den Decken verkrochen. Wie, so fragte sie sich unabl�ssig, sollte sie ausgerechnet Achmed, der doch allem Fremden und besonders Priestern gegen�ber mehr als skeptisch war, Llaurons Bitte nahe bringen? Darauf wollte ihr einfach keine befriedigende Antwort einfallen. Schlie�lich �berw�ltigte sie der Schlaf. Und auch in dieser Nacht plagten sie �ble Tr�ume. Doch es war diesmal nicht der Untergang der Insel, der sie im Schlaf erschauern lie�, sondern die Reaktion der Freunde, die annahmen, dass sie, Rhapsody, ihr Geheimnis preisgegeben h�tte.</p></section><section><title><p>25</p></title><p>Ein voller Mond zeichnete mit seinem Licht sonderbare wei�e Schatten auf den schmelzenden Schnee. Es ging ein starker Wind, der Rhapsodys Umhang wie eine Fahne im R�cken flattern lie�, als sie auf dem Fuchs �ber den Forstweg in die Dunkelheit hinausritt.</p><p>An der Stelle in der N�he von Tref-Y-Gwartheg angelangt, wo sie sich von ihren Firbolg-Freunden getrennt hatte, stieg sie von Pferd, band es am Stamm einer kahlen Platane fest und h�ngte ihm einen Sack Hafer ums Maul. Dann stapfte sie durch den aufgeweichten Waldboden auf die Lichtung zu, wo sie sich, wie verabredet, mit Achmed und Grunthor treffen wollte.</p><p>Den Treffpunkt wieder zu finden fiel ihr �berhaupt nicht schwer, denn zum einen hatte sie diese Gegend an der Seite Gavins ein ums andere Mal durchstreift und dabei stets die von Achmed hinterlassene Markierung entdecken k�nnen. Zum anderen waren schon von weitem zwei unverkennbare Silhouetten auszumachen, zwei in ihren Ausma�en sehr unterschiedliche Gestalten, die auf sie warteten. </p><p>Wie sehr sie ihre Gef�hrten vermisst hatte, sp�rte sie erst jetzt, da sie die beiden wieder sah. Im Hinblick auf Grunthor �berraschte sie diese Empfindung weniger. Dass ihre Gef�hle Achmed gegen�ber ebenso herzlich waren, verbl�ffte sie umso mehr. Unterwegs auf der Wurzel hatte sie ihn noch verabscheut und f�r die Schrecken, die ihr zugemutet wurden, verantwortlich gemacht. Und auch nach der langen Reise war die Stimmung zwischen ihnen nur langsam und allm�hlich besser geworden. </p><p>Als sie jetzt aber seinen Schatten unter dem vom Mondlicht durchdrungenen Dach des Waldes ersp�hte, wurde ihr bewusst, dass er ihr sehr viel mehr bedeutete, als sie es vordem f�r m�glich gehalten h�tte. Vielleicht war die Erkl�rung daf�r ganz einfach, und sie hatte sich mit der Zeit an ihn gew�hnt. Vielleicht lag es daran, dass er neben Grunthor der Einzige war, der sie noch aus ihrem fr�heren Leben kannte.</p><p>Sie warf sich in Grunthors ausgestreckte Arme und versuchte den scheu�lichen Geruch zu ignorieren, der ihm noch von der Wurzel anhaftete. Im Unterschied zu ihr hatten die beiden Firbolg w�hrend der vergangenen zwei Monate wohl keine Gelegenheit gefunden, sich gr�ndlich zu waschen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die ganze Zeit �ber unentdeckt geblieben waren. Allein der Gestank, den sie verbreiteten, h�tte sie verraten m�ssen.</p><p>�Hab mir Sorgen gemacht, Gr�fin�, sagte der Sergeant mit einem Knacks in der Stimme. �Umsonst, wie ich sehe: Dein Anblick ist Balsam f�r tr�be Augen.�</p><p>�Ich kann dir gar nicht sagen, wie gl�cklich ich bin, dich wieder zu sehen�, sagte sie und schmiegte sich an ihn. Als er sie wieder auf dem Boden absetzte, wandte sie sich Achmed zu und �ffnete auch f�r ihn die Arme. Es schien ihr, als huschte ein fl�chtiges L�cheln �ber sein Gesicht. Er nahm sie kurz in den Arm und f�hrte sie dann in ein Dickicht, das ihnen Schutz vor dem Wind gew�hrte.</p><p>Dort nahmen sie auf einem umgefallenen Baumstamm Platz und r�ckten nahe zusammen.</p><p>�Bist du anst�ndig behandelt worden? Oder hat man dich wom�glich bel�stigt?�, fragte Achmed und tippte die behandschuhten Fingerspitzen aneinander.</p><p>�Nein, ganz und gar nicht. Und habt ihr was herausfinden k�nnen?�</p><p>�Etliches. Was dich besonders interessieren d�rfte: Wir haben uns im S�den umgesehen, in einem F�rstentum namens Avonderre, und den Haupthandelsweg zum Seehafen ausfindig gemacht. Dort wird bestimmt auch ein Schiff ablegen, das dich nach Hause zur�ckbringt.�</p><p>Rhapsody senkte den Blick und musste an sich halten, um nicht in Tr�nen auszubrechen. �Das hat keinen Sinn mehr�, antwortete sie mit tonloser Stimme. </p><p>�Was? Wieso nicht?�, fragte Achmed irritiert.</p><p>�Weil es dieses Zuhause seit vierzehn Jahrhunderten nicht mehr gibt.�</p><p>Als sich Rhapsody wieder gefasst hatte, fragten sie die beiden Firbolg dar�ber aus, was sie w�hrend ihres Aufenthaltes bei Llauron erfahren hatte, insbesondere �ber Serendair.</p><p>Sie berichtete alles, woran sie sich erinnerte, wiederholte manches auch, erz�hlte die Geschichte von Gwylliam wieder, dem letzten Seren-K�nig, der den Untergang der Insel vorhergesehen hatte. Sie schilderte die Ankunft der Cymrer, ihre Eingliederung in die Kultur dieses Landes und wie das stolze Reich, das sie gegr�ndet hatten, vor hunderten von Jahren durch einen gro�en Krieg verw�stet worden war. </p><p>Achmed stellte viele Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Zum Beispiel konnte sie nicht sagen, auf welche Weise und wie lange nach ihrem Weggang das Ungl�ck �ber die Insel hereingebrochen war. </p><p>�Danach zu fragen erschien mir unpassend�, sagte sie ein wenig gereizt und m�de geworden vom vielen Erz�hlen. �Was h�tte ich sagen sollen ... �He, Llauron, von Gwylliam habe ich noch nie was geh�rt; er muss nach Trinian an die Macht gekommen sein, dem Kronprinzen aus meiner Zeit. Wie viele Jahre sp�ter hat dieser Gwylliam eigentlich gelebt?&lt;�</p><p>Unter Achmeds zerrissener Kapuze zeigte sich ein am�siertes L�cheln. �Geschenkt. Ich h�tte nur gern gewusst, wie es nach uns auf der Insel weitergegangen ist, ob von dem, was geplant war, noch irgendetwas umgesetzt werden konnte.�</p><p>�Keine Ahnung. Ich wei� nicht einmal, ob Gwylliam der Linie von Trinian entstammte und ob Trinian den Thron �berhaupt bestiegen hat. Wenn ich es richtig verstanden habe, so hat sich Gwylliam oder einer seiner Vorg�nger die Krone widerrechtlich angeeignet.�</p><p>�Das w�re durchaus wahrscheinlich.�</p><p>�Was k�mmert mich das noch!�, herrschte sie ihn so w�tend an, dass Grunthor ihr vorsichtshalber seine Hand auf den Mund legte.</p><p>Sie senkte die Stimme, in der aber unverkennbar zornige Erregung mitschwang. �Begreifst du denn nicht? Es macht keinen Unterschied mehr. Alles, was mir am Herzen gelegen hat, ist verloren gegangen, und das schon vor vielen hundert Jahren. Was k�mmert es mich noch, welcher K�nig welcher Linie abstammte? Ob eure Feinde noch ein oder zehn Jahre gelebt haben? Sie sind auf alle F�lle tot. Also freut euch! Ihr seid frei! Aber erwartetet nicht, dass ich mit euch feiere.� </p><p>Achmed und Grunthor tauschten fragende Blicke. �Ich hoffe, du hast Recht, Herzchen�, sagte Grunthor schlie�lich. </p><p>�Zweifelst du noch daran? Hast du denn nicht geh�rt, was ich gesagt habe? <emphasis>Vierzehnhundert Jahre.�</emphasis></p><p>�Das besagt noch nicht alles, Rhapsody�, entgegnete Achmed. �Es gibt so manches Unheil, das jede Zeitspanne �berdauert.� </p><p>�Na sch�n, Achmed. Du wirst Gelegenheit haben, dem F�rbitter deine Fragen pers�nlich zu stellen. Er will euch beide kennen lernen.�</p><p>Achmed schreckte auf. �Was?�</p><p>Rhapsody erstarrte unter seinem eisigen Blick. �Er wei�, dass ihr hier seid; er hat es mir gestern Abend gesagt. Ich habe euch nicht verraten, das schw�re ich. Er ist das Oberhaupt der Filiden, einer religi�sen Gemeinschaft. Wir befinden uns hier auf ihrem Land. Er konnte euch offenbar in der N�he sp�ren. Wie auch immer, er will euch treffen und ist sogar bereit, zu euch zu kommen, wenn euch das lieber ist.� </p><p>Grunthor legte die Stirn in Falten, und Achmed schlug die H�nde vors Gesicht. �G�tiger Himmel. Aber es war wohl nicht anders zu erwarten. Wir sind hier in einer sehr seltsamen Gegend gelandet. Wo wir auch gewesen sind, �berall spielten sich vollkommen absurde Dinge ab.�</p><p>�Inwiefern?� </p><p>�Es kommt st�ndig zu Grenzkonflikten, �berf�llen und Pl�nderungen, und obwohl jeder darauf vorbereitet sein m�sste, scheint sich niemand wirklich dagegen zu wehren. Zuerst dachten wir, dass dieses Land hier im Krieg mit den L�ndern im S�den liegt, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Die Raubz�ge und Pl�nderungen, die Gewalttaten und Verw�stungen lassen sich so nicht erkl�ren. Die Angreifer kommen mal aus dieser, mal aus jener Richtung und haben offenbar nichts anderes als Terror und Zerst�rung im Sinn. Einmal haben wir beobachtet, wie auf einem Marktplatz ein Berg aus kostbaren Gegenst�nden aufgeh�uft und dann in Brand gesteckt wurde; dabei h�tte sich das Zeugs gut als Beute wegschleppen und verkaufen lassen. Ein anderes Mal sind wir einer solchen Bande von Angreifern gefolgt, nachdem sie eine Stadt in Avonderre in Schutt und Asche gelegt hatten. Wie sich herausstellte, wohnten sie am Rand der Stadt in Kasernen, wo sie als Wachsoldaten eben dieser Stadt stationiert waren. Man h�tte die ganze Sache vielleicht als Verrat abtun k�nnen, aber nur ein paar Tage sp�ter kam es zu einem neuerlichen �berfall, diesmal aber von einer anderen Bande, und dieselben Wachsoldaten setzten jetzt ihr Leben f�r die Verteidigung der Stadt ein, die sie kurz zuvor noch gepl�ndert hatten. In dieser Gegend gehen �ble, diabolische Dinge vor sich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann zwischen den L�ndern der Lirin im S�den und den Grafschaften von Roland ein Krieg ausbricht.� </p><p>Rhapsody seufzte. �Na, wunderbar. Ist es zu sp�t, zur�ckzugehen und an der Wurzel zu leben?� </p><p>Grunthor kicherte. �Tut mir Leid, Euer Liebden, das Gasthaus hat geschlossen.�</p><p>�Vielleicht kann ja der Priester beantworten, was wir nicht verstehen�, dachte Achmed laut nach. Dann verzog er das Gesicht und f�gte hinzu: �Ich kann dieses Pack zwar nicht riechen, aber zur Not werde ich mir, so lange wir miteinander reden, die Nase zuhalten.�</p><p>Rhapsody lachte. �Nichts f�r ungut, Bruder, aber ich glaube, es wird Llauron sein, der allen Grund hat, sich die Nase zuzuhalten.�</p><p>Obwohl Grunthor weiten Abstand hielt, sp�rte Rhapsody, wie nerv�s ihr Fuchs auf ihn reagierte und die Flanken unter ihren Schenkeln zitterten.</p><p>�Ich werde morgen fr�h zur�ck sein�, sagte sie und t�tschelte den Hals des Pferdes, um es zu beruhigen. �Ich werde Llauron nur kurz Bescheid geben und dann sofort umkehren, um mit euch hier auf ihn zu warten.� Sie nahm die Z�gel zur Hand.</p><p>�Augenblick�, sagte Achmed. Er langte in die Tasche seines Umhangs und zog das Wachstuch daraus hervor, in das er die Schrift kopiert hatte. �Kannst du das lesen?�</p><p>Rhapsody nahm das Tuch entgegen und hielt es ins sp�rliche Mondlicht. Achmed half nach, indem er einen Docht aus seiner Zunderdose zum Brennen brachte.</p><p>Sie kniff die Brauen zusammen. �Was soll das sein?�</p><p>�Das habe ich abgepaust von einer Tafel, die an dem Tempelschiff h�ngt, von dem wir dir erz�hlt haben.� </p><p>�Hmmm. Ich wei� nicht so recht. Aus den oberen Zeichen lese ich <emphasis>Kirsdirke</emphasis> heraus ... nein, <emphasis>Kirsdarke</emphasis>. Aus dem, was darunter steht, werde ich nicht schlau. Es geht wohl darum, dass die Kirsdarke dem Meer und der Hand des Allgottes �bergeben wird, der hier, wenn ich mich nicht irre, �Sch�pfer� genannt wird. Und dann ist da noch vom Altarstein im Tempel des Allgottes die Rede.� </p><p>�Das Schild hing an einem gro�en Obsidianblock.�</p><p>�Vielleicht ist das der Altarstein. Hier, an der Stelle, wird Serendair erw�hnt, wenn ich die Zeichen richtig deute, aber es k�nnte noch ein anderer Name sein. Und dann steht da noch, dass die Kirsdarke von jemandem geschaffen wurde, der Magint � oder so �hnlich � Monodier hei�t.�</p><p>�MacQuieth vielleicht? MacQuieth Monodier?�</p><p>Rhapsody nickte. �Kann sein. Hast du etwa MacQuieth, den Helden aus unserer Heimat, im Sinn?� </p><p>�Ja. Wir dachten, hier wom�glich in Monodier zu sein, aber ich f�rchte, wir sind von Serendair noch sehr viel weiter entfernt.�</p><p>�So ist es�, best�tigte Rhapsody. �Monodier geh�rte zur bekannten Welt von damals; der Kontinent, auf dem wir uns jetzt befinden, war unseren Kartografen damals noch so gut wie unbekannt. Wir dachten, er sei unbewohnt...� Ihr versagte die Stimme.</p><p>�Ich kann mir vorstellen, wie schwer es dir gefallen sein muss, den Gedanken zuzulassen, dass es uns so weit aus der Zeit verschlagen hat�, sagte Achmed in ungew�hnlich sanftem Tonfall. �Aber wir werden dar�ber hinwegkommen.� </p><p>Rhapsody versuchte zu l�cheln, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang. �Du vielleicht�, antwortete sie. �Bis sp�ter.� Sie schnalzte dem Pferd zu und ritt in die Nacht hinaus.</p><p>In der �bern�chsten Nacht kam Llauron ins Lager der Firbolg. Um das Lagerfeuer herum hatte Rhapsody f�r Sitzgelegenheiten gesorgt, in der Hoffnung, der Unterhaltung, die erwartungsgem�� schwierig zu werden versprach, zumindest einen halbwegs bequemen Rahmen zu geben. Achmed hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihm nur mehr die Augen zu sehen waren. Grunthor gab sich dagegen ganz leger und hatte den Helm vom Kopf genommen, zumal er ohnehin davon ausgehen konnte, dass er, und wenn er sich noch so sehr verkleidete, immer auf Anhieb zu erkennen sein w�rde. </p><p>Der F�rbitter trug wie gew�hnlich das schlichte graue Gewand seines Ordens, das in der Mitte mit einem einfachen Hanfseil geg�rtet war. Erst als er ausdr�cklich dazu eingeladen wurde, n�herte er sich dem Feuer und nahm im Kreis der anderen Platz. Dann �ffnete er den Sack, den er mitgebracht hatte, und packte aus: Fr�chte, Brot und K�se sowie eine Flasche Branntwein. Sogar an silberne Schwenker hatte er gedacht. </p><p>�Ich freue mich, euch endlich kennen zu lernen�, sagte er und schenkte den beiden Firbolg gro�z�gig ein. �Freunde meiner Freundin Rhapsody sind in diesen W�ldern und in meinem Haus jederzeit herzlich willkommen. Wenn wir uns erst einmal pers�nlich ein wenig n�her gekommen sind, werdet ihr mir vielleicht den Gefallen tun und eine Weile meine G�ste sein. Ich wohne nicht besonders luxuri�s, aber die Betten in meinem Haus sind bequem und das Essen ist schmackhaft und gut. Dar�ber hinaus werdet ihr euch bei mir auch neu einkleiden k�nnen.� Funken spr�hten aus dem prasselnden Feuer, um sogleich in der kalten Luft zu verglimmen.</p><p>�Wir werden sehen�, sagte Achmed zur�ckhaltend.</p><p>�Es w�re sch�n, Llauron, wenn Ihr uns etwas von der Geschichte dieses Landes erz�hlen k�nntet. Ich habe Grunthor und Achmed schon verraten, dass Ihr ein gro�artiger Geschichtenerz�hler seid�, warf Rhapsody ein. </p><p>�Das will ich gern tun.� Er beugte sich nach vorn, st�tzte die Ellbogen auf die Knie und hob die gefaltete Hand f�r einen kurzen Moment an den Mund. Seine Augen funkelten im Feuerschein. </p><p>�Vor langer Zeit und so vielen Jahren, dass nicht einmal Der-der-z�hlt sich mehr daran erinnern kann, lebte eine uralte Drachenfrau am Fu� des Gro�en Wei�en Baums, der damals zu der Zeit der Kindheit der Erde noch ein kleiner Sch�ssling war. Sie herrschte �ber dieses Land, das sich vom Nordrand des lirinschen Reiches im S�den bis an den Hintervold im Norden erstreckte, und sie lebte ganz allein hier, denn sie war voller Argwohn allen Fremden gegen�ber, besonders Menschen. Ihre Macht �ber die Erde war so gro�, dass ihr Hoheitsgebiet ganz und gar unangefochten und somit f�r die Au�enwelt ein R�tsel blieb. Den Lirin vertraute sie, denn sie lebten im Einklang mit der Natur und waren friedliche Nachbarn. Der Name dieser Drachenfrau war Elynsynos. Eines Tages blickte sie aufs Meer hinaus und sah ein Licht auf den Wellen, das sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Es r�hrte von einer Flamme her, die einer Kerze gleich in einer Kristallkugel brannte und als Leuchtboje an der Wasseroberfl�che schwamm. Dieses unmittelbare Nebeneinander der so Entgegengesetzten Elemente von Feuer und Wasser faszinierte Elynsynos, und sie verstand es als Zeichen daf�r, dass ein Zeitenwechsel bevorstand. Wenig sp�ter landete ein Seemann an der K�ste ihres Reiches. Er war gro� gewachsen, hatte eine goldene Haut und geh�rte jenem Volk an, das wir heute Alt-Seren nennen, also den Ureinwohnern von Serendair, der Insel auf der anderen Seite der Welt. Von dort war der Seemann gekommen. Die Drachenfrau erkannte in ihm einen Nachfahren der Erstgeborenen, also jener f�nf St�mme, die zu Beginn der Welt geschaffen worden waren und zu denen eben auch die Drachen z�hlten.�</p><p>�Und wer z�hlte sonst noch dazu?�, wollte Grunthor wissen.</p><p>�Jedes der f�nf Elemente � �ther, Wasser, Wind, Erde und Feuer � hat einen Stamm hervorgebracht. Die Seren sind die �ltesten und entstammen dem �ther, dem Stoff, aus dem auch die Sterne gemacht sind. Die Kinder des Wassers wurden Mythlin genannt, die des Windes hie�en Kith. Die Drachen waren Abk�mmlinge der Erde. Schlie�lich gab es da noch die F�dor, die dem fl�chtigsten aller Elemente, dem Feuer, entsprangen. Aber das ist eine andere Geschichte, die man besser bei helllichtem Tag erz�hlt. Der Name des Seemanns war Merithyn. Er stand als Kundschafter in den Diensten von Gwylliam, dem letzten hohen K�nig der Seren, und hatte den Auftrag, einen Ort zu finden, an dem sein Volk w�rde siedeln k�nnen. Gwylliam wusste, dass der Heimatinsel der Untergang drohte, und wollte verhindern, dass mit ihr auch das Volk und dessen Zivilisation verloren gingen. Vermutlich hatte er nicht zuletzt auch die Fortsetzung seiner Herrschaft im Sinn. Jedenfalls schickte er Merithyn in die Fremde, um eine geeignete Kolonie ausfindig zu machen. Es verschlug ihn an die K�ste des Reiches von Elynsynos, und was bislang keiner geschafft hatte, sollte nun ihm gelingen: Er konnte unbehelligt die Grenze passieren, was wom�glich darin begr�ndet lag, dass er als Angeh�riger eines der Erstgeborenenst�mme eine noch besonders enge Verbindung zu den Elementen unterhielt. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie, die Drachenfrau, sein Kommen begr��te. Sie hatte Menschengestalt angenommen und sich ein �u�eres zugelegt, das ihm gefallen musste. Und tats�chlich: Kaum war sie ihm zu Gesicht gekommen, verliebte er sich auch schon in sie. Und Elynsynos verlor ihr Herz an den Seefahrer. Als sie von seiner Mission erfuhr, beschloss sie, seinem Volk eine neue Heimat zu bieten, in der Hoffnung, ihn f�r immer an ihrer Seite zu haben. �bergl�cklich segelte Merithyn nach Serendair zur�ck, um Gwylliam die Einladung zu �bermitteln und den Auszug der Inselbewohner vorzubereiten. Als Unterpfand f�r sein Versprechen, zu ihr zur�ckzukehren, hatte er Elynsynos die Kerze der Crynella geschenkt, jenes leuchtende Notsignal, das sie vor seiner Ankunft auf dem Wasser hatte treiben sehen und das nach der Seren-K�nigin benannt war, die diese Leuchtkugel zum Schutz f�r den eigenen seefahrenden Liebhaber hatte fertigen lassen. Gwylliam war von der Nachricht seines Kundschafters begeistert. Er hatte in dessen Abwesenheit bereits selbst Vorbereitungen zur Evakuierung der Insel getroffen, und schon bald waren �ber tausend Schiffe zur Reise ger�stet. Damit wenigstens ein Teil davon das Ziel erreichte, wurden die Schiffe in drei Verb�nde aufgegliedert und nacheinander auf den Weg geschickt. Weil das neue Land nach Merithyns Auskunft unbewohnt war, hatte der K�nig beschlossen, dass die Erste Flotte keiner bewaffneten Truppen bedurfte. Stattdessen schickte er diejenigen voraus, die f�r den Aufbau der Kolonie am wichtigsten waren: Ingenieure und Architekten, Heiler und Bauern, Mauerer und Zimmerer, Gelehrte und schlie�lich auch die Filiden. Es waren alle Volksst�mme vertreten, doch der der Lirin machte, ihrem Anteil an der Gesamtzahl entsprechend, die H�lfte der Besatzung aus. F�r den Schutz der Ersten Flotte sollte Oelendra sorgen, eine lirinsche Heldin, die den Titel Iliachenva�ar trug.�</p><p>�Wie bitte?�, fragte Rhapsody nach.</p><p>�Iliachenva�ar. Grob �bersetzt, bedeutet dieses Wort Tr�ger des Lichtschwertes�, einer Waffe, die auch unter dem Namen Tagessternfanfare bekannt war. Es handelte sich um eine flammende Klinge, den Elementen Feuer und �ther geweiht.�</p><p>Achmed nickte, sagte aber nichts. Jetzt war klar, wie das Schwert der Seren an diesen Ort hatte gelangen k�nnen. </p><p>�Mit Merithyn als F�hrer und Oelendra als Besch�tzerin war die Erste Flotte bestens ausgestattet und hatte alle Aussicht, das neue Land sicher zu erreichen. Die Zweite Flotte war ganz �hnlich zusammengesetzt, f�hrte aber auch einen gro�es Kontingent an Soldaten mit sich und stach ein paar Wochen sp�ter in See. Der Aufbruch der Dritten und letzten Flotte wurde m�glichst lange hinausgez�gert, um denjenigen Gelegenheit zur Flucht zu geben, die sich bislang gestr�ubt hatten, die Insel zu verlassen. Auch die restlichen Teile des Heeres wurden nun eingeschifft. Gwylliam ging an Bord des Seglers, der ganz zum Schluss die Anker lichtete, und sah als Allerletzter seine Insel am Horizont verschwinden. Die Reise muss wohl sehr gef�hrlich und strapazi�s gewesen sein. Mitten auf dem Meer �berraschte sie ein Sturm, der gewaltiger war als alles bisher Dagewesene. In den Legenden hei�t es, dass im Auge dieses Orkans ein b�ser D�mon gesteckt habe, ein Monstrum, dem es darum gegangen sei, die Flotten zu versenken.� Anstelle der scheinbar selbstvergessenen Miene, die Llauron zu Beginn seiner Erz�hlung aufgesetzt hatte, blitzte jetzt ein geradezu verschlagener Ausdruck in seinen Augen auf. </p><p>�Wer aber die Cymrer n�her kennt, wei�, dass sie in ihrer Selbsteinsch�tzung gern zur �bertreibung neigten, und darum glaubten sie wohl auch, dass diese Naturkatastrophe ausschlie�lich ihnen gegolten h�tte. Zur�ck zur Geschichte. Merithyns Schiff ging unter. Den Legenden nach hat er sich freiwillig geopfert, um die Erste Flotte vor der Wut des D�mons zu sch�tzen. Wahrscheinlicher aber ist, dass er schlicht und einfach dem Sturm zum Opfer fiel, der das Schiff zerst�rte und mit allen, die sich an Bord befanden, auf den Grund des Meeres schickte. Es war im �brigen nicht das einzige Schiff, das verloren ging. Nach Merithyns Tod musste Oelendra, die Iliachenva�ar, die F�hrung �bernehmen und die Fl�chtlinge an einen Ort bringen, den sie vorher nie gesehen hatte. Als Richtungsweiser diente ihr das flammende Schwert der Sterne; es hielt die Flotte in dem unabl�ssig w�tenden Sturm zusammen, bis sie endlich wieder in stillere Gew�sser kam und das Ufer erreichte. Diese Erste Flotte landete an der K�ste von Avonderre, Wundersamerweise ganz in der N�he jener Stelle, an der auch Merithyn seinerzeit vor Anker gegangen war. Als schlie�lich auch das letzte Schiff aus diesem Verband aufgeschlossen hatte, f�hrte Oelendra die Besatzung an Land, auf das Hoheitsgebiet der Gastgeberin, die zu kommen sie eingeladen hatte. Doch nun gab es zwei Probleme.� </p><p>Auch Rhapsody h�rte diese Geschichte zum ersten Mal. Sie dr�ngte darauf, dass Llauron weitererz�hlte, und fragte: �Was waren das f�r Probleme?�</p><p>�Elynsynos war, wie sich leicht verstehen l�sst, �u�erst best�rzt, erfahren zu m�ssen, dass Merithyn nie zur�ckkehren w�rde. Einzig und allein ihm zuliebe hatte sie die Grenzen ihrer L�nder f�r Fremde ge�ffnet. Zu sagen, sie sei entt�uscht gewesen, w�re stark untertrieben. Sie f�hlte sich betrogen, zumal niemand beweisen konnte, dass der Geliebte tats�chlich untergegangen und nicht einfach woanders hingesegelt war. In ihrer Wut lie� sie den Baum und ihre L�nder im Stich und zog sich in ihre H�hle im Norden zur�ck, an jenen Ort, wo Merithyn die Botschaft Gwylliams in Stein gemei�elt hatte: <emphasis>Cyme we inne fri�, fram the grip of dea� to lif inne �is smylte land.�</emphasis></p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Achmed ruppig.</p><p>Llauron l�chelte. �Wie unh�flich von mir, dass ich nicht gleich �bersetzt habe. �Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem sch�nen Land zu leben.� Vielleicht lie�e sich <emphasis>smylte</emphasis> treffender mit <emphasis>heiter</emphasis> �bertragen. Wegen dieses Satzes, den sie bei jeder Gelegenheit zum Besten gaben, wurden die Fl�chtlinge von Serendair sp�ter �Cymrer� genannt. Eines der vielen tragischen Momente dieser Geschichte ist, dass Merithyn wom�glich am Leben geblieben w�re, h�tte er Elynsynos nicht so sehr geliebt und ihr Crynellas Kerze, sein Notsignal, als Unterpfand zur�ckgelassen. So klein dieser Gegenstand auch war, er hatte eine enorm gro�e Wirkung, da er die Entgegengesetzten Elemente Feuer und Wasser in sich vereinte. H�tte er ihn, als er Schiffbruch erlitt, bei sich gehabt, w�re die Geliebte auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden und ihm zu Hilfe geeilt. Aber um sie zu tr�sten und zum Zeichen seiner Verbundenheit hatte er ihr die Kerze zum Geschenk gemacht. Nun ja, so ist schon aus mancher guten Absicht gerade das geworden, was man am wenigsten wollte. Und jetzt taugt das Ding, von dem ich spreche, nur noch als Schl�sselanh�nger.� </p><p>Llauron langte in eine Tasche seines Gewandes und zog eine kleine Kristallkugel in der Gr��e einer Walnuss daraus hervor. Das kleine Licht in ihrer Mitte durchdrang die Dunkelheit und umh�llte den F�rbitter mit einem Strahlenkranz, der heller war als das Feuer.</p><p>Rhapsody ging vor Staunen der Mund auf. �Das ist sie? Crynellas Kerze?�</p><p>Llauron schmunzelte. �Ja, es sei denn, man hat mir eine ausgezeichnete F�lschung angedreht. Bei Antiquit�tenh�ndlern wei� man nie so recht.�</p><p>�Ihr habt sie gekauft, als Antiquit�t?�</p><p>�Ja, und eine sch�ne Stange Geld daf�r ausgegeben.�</p><p>�War nicht von zwei Problemen die Rede?�, meldete sich Achmed mit schneidender Stimme zu Wort. </p><p>�Worin bestand das andere?�</p><p>Llaurons Gesicht wurde pl�tzlich ganz ernst. �Als Merithyn von ihr wegging, wusste er nicht, dass Elynsynos schwanger von ihm war.�</p></section><section><title><p>26</p></title><p>�Schwanger? Die Drachenfrau erwartete ein Kind?�</p><p>Llauron musste �ber Rhapsodys Miene lachen. </p><p>�Eine am�sante Vorstellung, nicht wahr?�</p><p>�Der Ansicht bin ich nicht�, sagte sie. �Ich finde das sehr traurig. Sie hat sich bestimmt schrecklich allein gelassen gef�hlt, zumal sie eine Gestalt angenommen hatte, die ihr fremd war.� Die S�ngerin verstummte, und das Feuer ging merklich zur�ck.</p><p>�Anzunehmen. Das hat sie wahrscheinlich auch dazu verleitet zu tun, was sie getan hat.� </p><p>�Und was war das?�, hakte Achmed nach, dem der hinhaltende Erz�hlstil des Alten nicht passte. </p><p>�Als sie sah, dass Merithyn nicht unter den Fl�chtlingen der Ersten Flotte war, setzte Elynsynos ihre Kinder am Fu� des Baumes aus und lie� sie im Stich.�</p><p>�Kinder?�, fragte Grunthor, der lange geschwiegen hatte und sich nun so pl�tzlich einschaltete, dass Rhapsody vor Schreck zusammenfuhr. �Mehr als eins?�</p><p>�Ja, sie hatte inzwischen drei M�dchen zur Welt gebracht, Drillinge, wenn auch keine eineiigen. Das kann eigentlich nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass sie in ihrer nat�rlichen Gestalt eine Echse war. Als die Cymrer zu dem Baum kamen, fanden sie drei junge Frauen dort vor. Weil von der Mutter allein gelassen, waren sie umso schneller gro� geworden. Drachen sind, wie man h�rt, au�erordentlich widerstandsf�hig. Die Frauen �hnelten ihrem Vater, waren wie er gro� gewachsen und von goldener Haut. Und weil sie wie Seren aussahen, f�hlten sich die Aussiedler der Ersten Flotte sofort verwandtschaftlich mit ihnen verbunden. Ihr k�nnt euch gewiss denken, dass diese Frauen, die der Verbindung zweier Vertreter von Erstgeborenenrassen entsprangen, mit besonderen Kr�ften und F�higkeiten ausgestattet waren. Weil ihr Vater mehrmals den Meridian �berquert hatte, standen sie sowohl mit der Zeit als auch mit den anderen Elementen in Verbindung. Als Seherinnen konnten sie �ber den Augenblick hinaus schauen, waren aber wegen dieser Gabe leider verr�ckt, wenn auch in unterschiedlichem Ma�e. Manwyn, die J�ngste, war die K�nderin der Zukunft. Es hei�t, dass sie von allen dreien die Verr�ckteste gewesen sei, denn das Wissen um die Zukunft ist die m�chtigste und bedrohlichste aller Wunderkr�fte. Den Legenden nach war sie meist in Trance und redete mit sich selbst. So gro� ihre F�higkeiten auch gewesen sein mochten, waren sie doch h�ufig nutzlos, weil sich kaum unterschieden lie�, ob ihre Prophezeiungen wahr oder nur irrsinniges Geschw�tz waren. Rhonwyn, die mittlere Schwester, war die Seherin der Gegenwart. Sie soll sehr liebensw�rdig gewesen sein und auch durchaus klar im Kopf, hatte aber �berhaupt kein Erinnerungsverm�gen, sodass ihr alle Einsichten �ber die Gegenwart schon im n�chsten Moment entschwunden waren. Anwyn, die �lteste der drei, war als Einzige in der Lage, die Fl�chtlinge zu begr��en. Sie bewahrte die Geheimnisse der Vergangenheit, ein Wissen, das zwar weniger fl�chtig und zusammenhanglos, aber umso gef�hrlicher war. So wusste sie unter anderem auch, woher die Cymrer stammten und warum sie gekommen waren. Sie hie� sie willkommen in dem Land, das ihrer Mutter geh�rt hatte. Weil sie in ihr das lebendige Glied zwischen der alten Welt des Vaters und der neuen ihrer Mutter sahen, machten die Cymrer sie zu ihrer Schutzpatronin. Sie lie�en sich nieder und lebten in friedlicher Nachbarschaft mit den Lirin von Realmalir. Kommen wir nun zur Zweiten Flotte. Im Unterschied zur Ersten, der durch den Orkan am �belsten mitgespielt worden war, hatte sie, weil weit hinter den anderen zur�ck segelnd, das Unwetter kommen sehen und gr��ere Verluste abwenden k�nnen. Doch es verschlug die Schiffe in eine andere Richtung. Als der Sturm nachlie�, waren sie derma�en weit vom Kurs abgekommen, dass eine Korrektur nicht mehr in Frage kam. Es trieb sie wieder zur�ck, auf den Meridian zu, den sie schon �berquert hatten. Da kam Land in Sicht, und anstatt die Suche nach Merithyns Paradies fortzusetzen, beschloss ihr Anf�hrer, der gro�e Ritter MacQuieth, die Reise zu beenden und das Land Manosse zu besiedeln. Sie und ihre Nachkommen leben noch heute dort.�</p><p>Bei der Nennung des Namens MacQuieth lief allen dreien, der S�ngerin wie den beiden Firbolg, ein Schauer �ber den R�cken. In Serendair war MacQuieth bekannt gewesen wie ein bunter Hund. Achmed und Grunthor wussten sogar noch besser �ber ihn Bescheid als Rhapsody.</p><p>�MacQuieth war der Kirsdarkenvar, der Tr�ger des legend�ren Wasserschwertes, der Kirsdarke. Dar�ber hinaus soll er auch der Meister eben dieses Elementes Wasser gewesen sein. Vielleicht war er deshalb auf dem Meer verschont geblieben. Und nat�rlich war er ein gro�er Held und Favorit des K�nigs, der Mann, der Tsoltan, den Anf�hrer des Erzfeindes w�hrend des Gro�en Krieges, erschlagen hatte. Er...� </p><p>�Llauron, Augenblick, bitte�, unterbrach Rhapsody nerv�s, worauf Achmed die Brauen zusammenkniff und ungehalten schnaubte.</p><p>Doch sie achtete nicht auf ihn und bat: �W�rdet Ihr noch einmal wiederholen, was Ihr da �ber Manosse gesagt habt? Sie, die Gruppe um MacQuieth, und ihre Nachkommen sind noch heute dort? Wie kann das sein, nach vierzehnhundert Jahren? Die erste Generation der Cymrer muss doch schon lange tot sein.� </p><p>Llauron lachte. �Das sollte man annehmen, nicht wahr? Typisch S�ngerin: Immer wollen sie es ganz genau wissen. Nun, dann will ich�s dir erkl�ren. Die erste Generation kam von einem jener f�nf Orte, an denen die Zeit entsprungen ist, n�mlich von der Insel Serendair. Sie �berquerte den Meridian, also jene Kreislinie, die den Ablauf der Erdzeit markiert, und gelangte an einen anderen Ursprungsort der Zeit, in die Heimat der Drachen. Jedoch landete die Zweite Flotte woanders. Folglich hatte die Zeit keinen Einfluss mehr auf sie. Sie alterten nicht wie alle �brigen Sterblichen, sondern blieben so jung wie zu dem Zeitpunkt, da sie den Meridian �berquert hatten. Ihre Kinder wuchsen allerdings ganz normal heran, bis sie ausgewachsen waren; und in dem Zustand verharrten sie dann, ohne �lter zu werden.�</p><p>�Seid Ihr vielleicht eines dieser Kinder?�, fragte Achmed geradeheraus.</p><p>Llauron lachte laut auf. �G�tiger Himmel, nein. Aber zugegeben, manchmal w�nschte ich mir ein so langes Leben und ebenso viel Kraft. Nein, so ist es leider nicht. Habt noch ein bisschen Geduld, ich bin gleich fertig mit der Geschichte der Zweiten Flotte. Ein kleiner Verband von Schiffen � Bemerkenswerterweise in der Mehrzahl besetzt von UrSeren und anderen Erstgeborenen � machte kehrt und reiste weiter nach Osten, denn ihre Besatzung war nicht zufrieden mit der Kolonie, die MacQuieth ausgesucht hatte. Man traf schlie�lich auf eine Insel, die zwischen den beiden gro�en Kontinenten gelegen war, ein von der Natur und vom Wetter beg�nstigtes Fleckchen Erde, ein wahres Paradies, in dem sie sich niederlie�en und fernab von ihren Landsleuten eine eigene Kolonie gr�ndeten. Ihr Land ist Gaematria und wird allgemein auch Insel der Meeresmagier genannt. Bleibt nur noch die Dritte Flotte. Der von Gwylliam angef�hrte Verband wartete, bis auch der Letzte, der mitfahren wollte, von der Insel evakuiert war, und segelte dann im Ostwind nordw�rts. Es trieb sie aber so stark nach S�den ab, dass sie weit entfernt von der Ersten Flotte an Land gingen � in einem Gebiet, das wir heute als neutrale Zone bezeichnen. Es war dies ein sehr unwirtliches Land, zum Teil ausged�rrte �dnis, zum anderen Teil gebirgige Steppe. Schlimmer noch, es war bewohnt von St�mmen, die in den Fremden eine Bedrohung sahen und sie ein ums andere Mal ins Meer zur�ckzutreiben versuchten. Sie, die Cymrer der Dritten Flotte, hatten es von Anfang an sehr schwer, zu �berleben und sich zu behaupten. Aber sie besa�en auch zwei gro�e Vorteile: einmal in der Person von Gwylliam, der au�erordentlich talentiert und bestens ausgebildet war als Architekt und Ingenieur. Dass die Gruppe um ihn �berhaupt ans�ssig werden konnte, war in erster Linie seiner F�hrung und seinem Einfallsreichtum zu verdanken. Zum anderen kam ihnen Gwylliams weitsichtige, noch auf Serendair getroffene Entscheidung zugute, die Streitkr�fte erst ganz zum Schluss einzuschiffen. Sie wurden von den beiden anderen Flotten nicht gebraucht und standen nun denen zur Verf�gung, die sie am dringendsten n�tig hatten. Damit war Gwylliam seiner Verantwortung, f�r die Sicherheit aller zu sorgen, voll und ganz gerecht geworden. Er h�tte seine Sache gar nicht besser machen k�nnen. R�ckschl�ge und Niederlagen waren ihm nicht anzulasten.� </p><p>�Hat es die denn gegeben?�, fragte Achmed und beugte sich interessiert vor.</p><p>Llauron schaute zur Seite. Als er wieder aufblickte, antwortete er mit ernster Miene: �Zumindest waren sie durch eine Prophezeiung angek�ndigt worden.�</p><p>�Eine Prophezeiung?� </p><p>Der alte Mann l�chelte der S�ngerin beruhigend zu, denn sie schien verst�rt. �Ja, es hatte eine gegeben, im cymrischen Zeitalter, noch vor dem gro�en Krieg, als Manwyn in Zungen von der Zukunft sprach, meist auf Versammlungen des cymrischen Rates. Ich muss mich auf Geschichtsquellen verlassen und wei� nicht, ob sie wirklich pr�zise sind. An die Texte aber erinnere ich mich ganz genau. Wollt ihr h�ren, was zu diesem Thema geschrieben steht?�</p><p>�Ja�, bat Rhapsody, der trotz der W�rme, die vom Lagerfeuer ausstrahlte, zunehmend kalt wurde. </p><p>�Nun, ich f�rchte, ich habe zu weit vorgegriffen. Lasst mich also zuvor etwas weiter ausholen. Die Emigranten der Dritten Flotte schlugen ihre Widersacher bis an den Nordrand der W�ste von Sorbold zur�ck. Dort erhebt sich eine wild zerkl�ftete Gebirgskette, die das westliche Ende der damals bekannten Welt bildete. Die hinter diesem Gebirge versteckt liegenden L�nder waren sehr fruchtbar und noch unbewohnt, und aus vielen Gr�nden, von denen ich soeben einige genannt habe, beschloss Gwylliam, dass dies der geeignete Ort zur Errichtung einer Kolonie sei. Er benannte dieses Gebiet mit dem cymrischen Wort f�r <emphasis>Jahrhundert,</emphasis> n�mlich Canrif, denn man sagte allgemein, dass dort in nur hundert Jahren eine der gr��ten Zivilisationen entstehen w�rde, die die Welt je gesehen h�tte. Und in der Tat kam man diesem Ziel ziemlich nahe. Die Auswanderer der Dritten Flotte waren Vertreter unterschiedlichster Volksst�mme mit jeweils eigenen Vorstellungen und Bed�rfnissen, doch Gwylliam schaffte es, alle gleicherma�en zufrieden zu stellen. Die Erdbewohner, also die Nain und die Gwadd, richteten sich in den endlosen H�hlen der Berge ein. Die Landm�nner und -frauen fanden auf der Weiten Heide und noch tiefer im Versteckten Reich Gebiete, die sich f�r den Ackerbau und die Viehzucht eigneten, w�hrend die Lirin einen dunklen Wald f�r sich entdeckten, in dem sie sich h�uslich niederlie�en. Gwylliam selbst baute eine pr�chtige Stadt inmitten der Berge und entwickelte leistungsstarke Maschinen, die die unterirdischen G�nge mit Frischluft versorgten und im Winter auch beheizten. Zusammen mit den Nain errichtete er riesige Schmelz�fen, in denen Stahl zum Aufbau seines Reiches und zur Herstellung von Waffen hergestellt wurden.�</p><p>�Wo liegen diese Berge�, fragte Achmed, �und wie hei�en sie?�</p><p>�Sie liegen im Osten der Provinz Bethe Corbair, an der Grenze zu Roland, und erstrecken sich entlang der Nordgrenze von Sorbold. Bei den Cymrern hei�en sie Manteiden; die Firbolg aber, ihre heutige Bewohnerschaft, nennen sie die Zahnfelsen.�</p><p>�Die Zahnfelsen?�, fragte Rhapsody ungl�ubig.</p><p>�Ja. Wenn du sie jemals zu Gesicht bekommst, wirst du auch verstehen, warum. Sie sehen so aus, wie sie hei�en. Was einst der Stolz von Canrif war, ist nun das Reich der Firbolg � ein dunkles und abschreckendes Land.� </p><p>�Das will ich auch hoffen�, meinte Grunthor wie selbstverst�ndlich.</p><p>Llauron schmunzelte und nippte an seinem silbernen Schwenker.</p><p>�Eines Tages dann, rund f�nfzig Jahre nach ihrer Landung, trafen die Emigranten der Ersten und Dritten Flotte wieder zusammen. Die Freude war gro�, aber auch die Verwirrung. Die Mitglieder der Ersten Flotte, von denen viele vormals Gwylliams Untergebene gewesen waren, sowie deren Nachkommen hatten Anwyn Treue und Gefolgschaft geschworen, die nun schon �ber ein halbes Jahrhundert ihre Herrin war. �ber den Verbleib der Zweiten Flotte war ihnen nichts bekannt, und so wussten sie nicht mehr, wie sie sich nun verhalten sollten. Die Cymrer w�nschten sich, wieder ein geeintes Volk zu sein, denn es war ja von Anfang an ihr Bestreben gewesen, den Fortbestand ihrer Kultur zu sichern und neue L�nder unter ihre Herrschaft zu bringen. Die von Gwylliam und Anwyr beherrschten Gebiete erstreckten sich �ber Roland, Sorbold und Canrif. Obwohl Verb�ndete von Anwyn, wahrten die Lirin ihre Unabh�ngigkeit. Schlie�lich fand man zu einer friedlichen L�sung. Alle Cymrer trafen zu einer gro�en Versammlung zusammen, berieten einander und w�hlten Anwyn und Gwylliam zur K�nigin und zum K�nig ihres vereinigten Reiches. Die beiden erkannten die M�glichkeiten einer neuen Dynastie und gingen den Bund der Ehe ein.� </p><p>�Liebten sie sich denn auch?�, fragte Rhapsody.</p><p>Der F�rbitter schaute ihr in die Augen; der Wind fuhr ihm durch das graue Haar. �Davon ist in den alten Berichten nicht die Rede�, antwortete er schlie�lich. �Immerhin f�hrten sie das cymrische Reich zu einer Bl�te, die bis heute ohne Vergleich geblieben ist. Ihre Herrschaft w�hrte �ber 300 Jahre und galt als Garant f�r Frieden und Wohlstand.�</p><p>�Aber was hatte es mit dieser Prophezeiung auf sich?�, hakte Achmed nach.</p><p>�Ah ja. Den Namen Oelendra habe ich schon erw�hnt, oder? In den alten Schriften ist davon die Rede, dass sie zu wahnhaften Vorstellungen neigte. Darum hatte eigentlich niemand damit gerechnet, dass man ihr die F�hrerschaft �ber die Erste Flotte anvertraute. Nach Merithyns Tod aber hatte es keine andere Wahl gegeben. Sie war �berzeugt davon, dass dem Schiff von Gwylliam ein gro�es �bel gefolgt sei, und als der K�nig und die K�nigin ihre Verm�hlung bekannt gaben, fragte sie Manwyn vor dem versammelten Rat, ob ihre Bef�rchtungen zutr�fen. Manwyn antwortete mit folgender Prophezeiung: </p><p><emphasis>Er geht als einer der Letzten und kommt als einer der Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu</emphasis></p><p><emphasis>werden, ungebeten,</emphasis></p><p><emphasis>an neuem Ort,</emphasis></p><p><emphasis>Die Macht, die er gewinnt, indem er Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt</emphasis>. </p><p><emphasis>Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm Nahrung, In L�cheln geh�llt wie er, der Gast; Doch</emphasis></p><p><emphasis>im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet. Neid, gesch�tzt von seiner eigenen Macht Niemals</emphasis></p><p><emphasis>hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren,</emphasis></p><p><emphasis>und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet</emphasis>.</p><p>Es blieb lange Zeit still unter den vieren, ehe Grunthor endlich zu dem Schluss kam: �Keine Ahnung, was das bedeuten soll. K�nntet Ihr uns nich �nen Hinweis geben, Exzellenz?�</p><p>Llauron l�chelte. �Ich wei� mir selbst keinen Reim darauf zu machen, mein Freund. Wie schon gesagt, Manwyn war verr�ckt und gab h�ufig nichts als Unsinn von sich. Aus diesem Grund schenkte ihr auch in diesem Fall niemand Beachtung. Im R�ckblick aber scheint es, dass sie wom�glich auf etwas B�ses hinweisen wollte, das unter den Ersten von der Insel mitgereist war und, obwohl anfangs noch unbedeutend und harmlos, an Macht dazugewinnen und schlie�lich das Land unter seine Kontrolle bringen sollte.� </p><p>Rhapsody sp�rte, wie ihre H�nde pl�tzlich ganz klamm wurden. �Und? Ist es dazu gekommen?� </p><p>Die Miene des Alten verriet Traurigkeit. �Das ist nicht eindeutig zu sagen, mein liebes Kind. Letztlich waren es Gwylliam und Anwyn selbst, die dem Goldenen Zeitalter der Cymrer ein Ende gesetzt und Tod und Verw�stung �ber das eigene Volk gebracht haben.�</p><p>�Wie?�, fragte Achmed. </p><p>�Mag sein, dass die beiden schon vor dem ausl�senden Ereignis Probleme miteinander hatten. Das ist anzunehmen, denn solche Dinge kommen nicht von ungef�hr. Kurzum, Gwylliam hat sie geschlagen. �ber die Hintergr�nde ist aus den Quellen nichts zu erfahren, aber sie k�nnen eigentlich nur unbedeutend sein in Anbetracht der schrecklichen Folgen, die dieser Ehezwist ausl�ste. Er wurde sp�ter als der �Schlimme Schlag� bezeichnet, und damit war wohl letzten Endes der Schlag gemeint, den das cymrische Volk erleiden musste. In ihrer Wut auf den K�nig kehrte Anwyn in ihre Angestammten L�nder im Westen zur�ck, mobilisierte ihre urspr�nglichen Untertanen, die Mitglieder der Ersten Flotte, und verlangte von ihnen die Verteidigung ihrer Ehre. Damit war die Nation unwiderruflich gespalten, denn die erste Generation der Cymrer und ihre Nachkommen f�hlten sich sowohl dem K�nig als auch der K�nigin gegen�ber loyal. Anwyn aber war ein Wyrmling, das hei�t, sie hatte Drachenblut in ihren Adern und war nur durch Gwylliams Tod zu beschwichtigen. Als ihr Heer gegen seine Festung vorr�ckte, wurde auch Gwylliam blind vor Hass und schickte sich an, seine abtr�nnige Frau und deren Verb�ndete zu vernichten. Die Schrecken der Folgezeit sind unm�glich in Worte zu fassen. Dazu fehlt euch die Geduld und mir der Mut. Es reicht, wenn ich sage, dass der Untergang der cymrischen Zivilisation so grauenvoll war wie ihr Aufstieg ruhmreich. Gwylliams Feldmarschall war ein brillanter, mitunter grausamer Mann Namens Anborn. Anborns Siege gegen die Erste Flotte und sp�ter auch gegen die Lirin, die sich auf Anwyns Seite geschlagen hatten, machten seinen Namen in deren Sprache zu dem am meisten gehassten �berhaupt. Anwyns Streitkr�fte waren ihrerseits f�r den Tod unz�hliger Mitglieder der Dritten Flotte verantwortlich. Schlie�lich verwischten die Fronten, und es war nicht mehr auszumachen, wer die Oberhand hatte oder in die Knie gezwungen wurde; es war ein einziges gro�es Abschlachten. Wegen der Gr�uel, die damals begangen wurden, sch�men sich noch heutzutage die entfernten Nachkommen in den geteilten L�ndern so sehr, dass sie ihre cymrische Abstammung am liebsten verschweigen.� </p><p>Achmed grinste. �Demnach w�rde also das Wort <emphasis>Cymrer</emphasis> hierzulande so viel bedeuten wie <emphasis>Schei�kerl?�</emphasis></p><p>Rhapsody rammte ihm den Ellbogen in die Seite, doch Llauron schmunzelte nur.</p><p>�In der Tat, f�r viele bedeutet es das. Es gibt allerdings auch etliche, die die gro�artigen Leistungen der Cymrer in Erinnerung halten und alles andere zu vergessen versuchen. Ja, die alten Cymrer werden mancherorts sogar verehrt, in den orlandischen Provinzen zum Beispiel � das sind die Provinzen von Roland oder in Manosse und auf der Insel der Meeresmagier. All diese Gebiete werden von Nachkommen der Cymrer regiert.�</p><p>�Wer hat sich denn am Ende durchgesetzt?�, fragte Grunthor.</p><p>�Im Grunde niemand. Anwyn hat anscheinend erreicht, was sie wollte, n�mlich Gwylliam zu t�ten. Jedenfalls behauptete sie das, und tats�chlich blieb er spurlos verschwunden, weshalb man denn auch ihrer Behauptung Glauben schenkte. Wenn sie ihn denn wirklich zur Strecke bringen konnte, wird sie einen Gro�teil ihrer Kraft daf�r verausgabt haben, denn eigentlich war Gwylliam unsterblich oder zumindest sehr viel langlebiger als andere Cymrer. Im Unterschied zu seinen Untertanen, die zwar weder alterten noch krank wurden, wohl aber eines gewaltsamen Todes sterben konnten, war Gwylliam in der neuen Welt gewisserma�en immun gegen Verletzungen. Den Grund daf�r vermuten die alten Schriften darin, dass er die Heimat als Letzter verlassen, als Letzter auch den Meridian �berquert und so in der neuen Welt keine Gefahr mehr zu erwarten hatte. Was die tats�chliche Ursache seiner Unverletzlichkeit war, ist schwer zu sagen. Wie dem auch sei, Anwyn kehrte triumphierend in die Ratsversammlung zur�ck und forderte die alleinige Herrschaft �ber das Reich der Cymrer ein. Doch der Rat wandte sich gegen sie und schickte sie in die Verbannung. So blieb ihr nach siebenhundert Jahren Krieg und der befriedigten Rache am verhassten Gatten am Ende nichts. Was f�r ein Irrwitz, findet ihr nicht auch?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody. �Was ist mit ihr geschehen? Wo ist Anwyn jetzt?�</p><p>Llauron kippte den letzten Schluck Branntwein hinunter und steckte den Schwenker in den Sack zur�ck. �Den Quellen zufolge hat sie sich in eine H�hle hoch oben zwischen den Wei�en Kuppen im Gebirge von Hintervold zur�ckgezogen, weit ab von ihren ehemaligen L�ndern. Es kommt immer wieder vor, dass sich jemand auf den Weg zu ihr macht in der Hoffnung, durch sie die Vergangenheit verstehen zu lernen. Sie war ja schlie�lich, wie schon gesagt, in erster Linie eine sehr begabte Seherin. Ob man sie je ausfindig gemacht hat, wei� ich nicht.�</p><p>�Und wie stehen die Dinge heute?�, fragte Achmed.</p><p>�Nun, die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, sind nie ganz verheilt, auch nach fast vierhundert Jahren nicht. Die einstmals gro�e Nation der Cymrer ist in kleinere Gemeinschaften zerfallen. Ein Jammer ist das. Ihre Beziehungen zu den Elementen und zur Zeit waren das eigentliche Geheimnis hinter den gro�en Errungenschaften ihrer Zivilisation. Davon abgetrennt, musste die Einheit verloren gehen und die Bl�te welken, zu der sich Wissenschaft, Kunst, internationaler Handel, Architektur und Medizin w�hrend des Goldenen Zeitalters entwickelt hatten. Wir alle sind dadurch sehr viel �rmer geworden. Selbst die Religionen sind geteilt. W�hrend wir fr�her alle ein und denselben Glauben hatten, gibt es nun unterschiedliche Bekenntnisse. Hier bei uns, in den von alters her der Ersten Flotte zugeschriebenen Gebieten, wird der filidische Glaube gepflegt, der Glaube an die Natur. Die Mehrheit der Bewohner von Roland verehrt den Allgott, der auch Sch�pfer genannt wird. Das Oberhaupt dieser Kirche ist der Patriarch, der in der heiligen Stadt Sepulvarta seinen Stammsitz hat. Noch so ein Jammer, dass wir selbst in unserem gemeinsamen Glauben an den einen Gott uneins geworden sind. Und st�ndig droht neuer Krieg. Unter einer scheinbar friedlichen Oberfl�che brodelt es schon lange. Und die Spannungen nehmen zu und werden sich fr�her oder sp�ter gewaltsam entladen. Seit mehreren Jahrzehnten kommt es an den Grenzen immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen und zu sinnlosen �berf�llen auf D�rfer und St�dte. Der Hass auf andere Volksgruppen nimmt zu, der Terror greift um sich. Es ist be�ngstigend.�</p><p>�Was glaubt Ihr, wie diese Entwicklung aufgehalten werden k�nnte?�, fragte Rhapsody.</p><p>Llauron seufzte. �Ich wei� nicht, ob das �berhaupt m�glich ist. Kurz bevor Anwyn in die Verbannung geschickt wurde, hatte ihre Schwester Manwyn noch zu vermitteln versucht und die Hoffnung ge�u�ert, dass die verloren gegangene Einheit wiederhergestellt und Frieden erlangt werden k�nnte. Aber im Rat mochte ihr niemand glauben. Alle Mitglieder unterstellten ihr, dass sie nur der Schwester den R�cken zu st�rken versuchte.�</p><p>�Womit hat sie diese Hoffnung begr�ndet?�, wollte Achmed wissen.</p><p>Lauron schloss die Augen, dachte einen Moment lang nach und zitierte dann folgende Weissagung: </p><p><emphasis>Die Drei werden kommen; fr�h brechen sie auf, sp�t treten sie</emphasis></p><p><emphasis>in Erscheinung, Die Lebensalter des Menschen: Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels</emphasis>. </p><p><emphasis>Ein jeder Mensch, entstanden im Blute und darin geboren,</emphasis></p><p><emphasis>Beschreitet die Erde, wird von ihr gen�hrt,</emphasis></p><p><emphasis>Greift zum Himmel und geniest seinen Schutz,</emphasis></p><p><emphasis>Steigt indes erst am Ende seiner Lebenszeit zu ihm auf und</emphasis></p><p><emphasis>gesellt sich zu den Sternen. Blut schenkt Neubeginn, Erde Nahrung. Der Himmel schenkt zu Lebzeiten</emphasis></p><p><emphasis>Tr�ume � im Tode die</emphasis></p><p><emphasis>Ewigkeit. So sollen sie sein, die Drei, einer zum anderen</emphasis>.</p><p>Der F�rbitter r�umte die Reste der Mahlzeit zusammen, packte alles in seinen Beutel und blickte schlie�lich auf. </p><p>�Ihr werdet mit diesen Worten wohl genauso wenig anfangen k�nnen wie die Ratsversammlung damals. Allem Anschein nach sollten Anwyn und ihre Schwestern mit den r�tselhaften drei Hoffnungstr�gern gleichgesetzt werden, was die Ratsmitglieder argw�hnen lie�, dass es sich bei der vermeintlichen Weissagung nur um den plumpen Versuch handeln mochte, die drohende Vertreibung der K�nigin abzuwenden. Anborn, Gwylliams Feldmarschall, verlangte mit r�den Worten von Manwyn dar�ber aufgekl�rt zu werden, wie der Spruch zu verstehen sei. Zur Antwort erhielt er Unzusammenh�ngendes Gestammel.</p><p><emphasis>Wenn Leben entsteht, verbindet sich das Blut und wird doch</emphasis></p><p><emphasis>vergossen; auch teilt es sich zu leicht, als dass es die Trennung</emphasis></p><p><emphasis>heilen k�nnte</emphasis>. </p><p><emphasis>Die Erde wird von allen geteilt und ist doch selbst geteilt, von</emphasis></p><p><emphasis>Generation zu Generation</emphasis>.</p><p><emphasis>Nur der Himmel umfasst alles und bleibt selbst ungeteilt;</emphasis></p><p><emphasis>darum wird es durch ihn zu Frieden und Einheit kommen</emphasis>.</p><p><emphasis>Wenn Euch daran gelegen ist, Feldmarschall, so sch�tzt den</emphasis></p><p><emphasis>Himmel, auf dass er nicht einst�rze</emphasis>.</p><p>Daraufhin stie� der gro�e Feldmarschall Fl�che gegen Manwyn aus und forderte sie auf, ihre sinnlosen Worte in Zukunft f�r sich zu behalten. Manwyn verlie� den Ratssaal, um, wie ich vermute, Anwyn in die Verbannung zu folgen. Im Ausgang blieb sie jedoch noch einmal stehen, drehte sich um und sprach, an Anborn gewandt, eine letzte Prophezeiung aus: �Feldmarschall�, sagte sie, �zuerst m�sst Ihr mit Euch selbst ins Reine kommen. Nach Gwylliams Tod seid Ihr nun der K�nig der Soldaten, doch Ihr werdet erst dann Vergebung erfahren, wenn Ihr den Geringsten aus Eurer Sippe ausfindig macht und ihm, dem Hilflosen, Euren Schutz bietet. Entweder werdet Ihr so erl�st oder aber ungetr�stet sterben/�</p><p>�Und, was geschah darauf hin?�</p><p>�Wer wei�? Das war wohl eine Sache zwischen ihm und seinem Sch�pfer.� An Achmed und Grunthor gewandt, sagte er: �Nun, wie ich eurer Gef�hrtin schon gesagt habe, seid ihr herzlich willkommen, f�r ein paar Tage in mein Haus einzukehren. Ich biete euch Schlafst�tten, frische Kleider und die Gelegenheit zu beraten. Gwen hat Rhapsody schon neu ausgestattet, wie ihr seht.�</p><p>Rhapsody und Grunthor sahen Achmed erwartungsvoll an, der sich Bedenkzeit nahm und dann mit dem Kopf nickte. Grunthor grinste �bers ganze Gesicht. �Sehr freundlich von Euch, Exzellenz.� </p><p>Rhapsody tippte ihn an, als sie sich, dem Alten folgend, auf den Weg machten.</p><p>�Grunthor, normalerweise werden F�rbitter, der Patriarch, die Seligpreiser und Hohepriester der Filiden mit �Euer Gnaden� angesprochen und nicht mit �Exzellenz�.�</p><p>Der Riese nahm sie bei der Hand. �Und wenn du jetzt nicht �n Schritt zulegst und den Anschluss h�ltst, werd ich dich �sp�tes M�dchen� nennen.�</p></section><section><title><p>27</p></title><p>Im Unterschied zu den vorausgegangenen Tagen und Wochen im Haus des F�rbitters war der Aufenthalt zusammen mit den beiden Firbolg sehr viel weniger entspannt. Achmed und Grunthor hielten sich versteckt, um von den Pilgern, die Tag f�r Tag in Scharen den Baum aufsuchten, nicht gesehen zu werden. </p><p>Gwen und Vera hatten Angst vor den beiden M�nnern, besonders Gwen, die den Auftrag hatte, ihnen neue Kleider zu schneidern. Nach einer Anprobe mit Grunthor hatte Rhapsody Gelegenheit, all die medizinischen F�higkeiten aufzubieten, die Khaddyr sie gelehrt hatte, denn Llaurons Haush�lterin drohte einer Herzattacke zu erliegen.</p><p>Als die drei Gef�hrten endlich neu ausgestattet und mit Proviant versorgt waren, schickten sie sich an, ihre Reise fortzusetzen. Llauron machte kein Hehl daraus, dass er traurig war, sie gehen zu sehen. </p><p>�Wo wollt ihr hin?�, fragte er Rhapsody, die zusah, wie die beiden M�nner ihr Gep�ck zusammenschn�rten. </p><p>�Nach Osten�, antwortete sie und verheimlichte, dass Achmed und Grunthor die Zahnfelsen und das Land der Firbolg aufsuchen wollten.</p><p>Die drei Gef�hrten hatten sich n�chtelang miteinander beraten und �ber die n�chsten Schritte verst�ndigt, doch welche Absichten Achmed mit seinen Pl�nen verfolgte, war von ihm nicht zu erfahren gewesen. Darauf wollte er erst antworten, wenn sie Llaurons L�nder hinter sich gelassen hatten. </p><p>Nach langem und mitunter hitzigem Hin und Her waren sie �bereingekommen, noch so lange zusammenzubleiben, bis sich ein jeder von ihnen in der noch fremden Umgebung besser zurechtf�nde. Erst dann sollte Rhapsody entscheiden, an welchem Ort sie in Zukunft zu leben w�nschte. Vorerst brauchte sie einfach noch Zeit, sich an den Gedanken zu gew�hnen, dass alle Hoffnung auf eine R�ckkehr nach Hause ein f�r allemal verloren war. </p><p>Llauron warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck und sagte dann, an Rhapsody gewandt: �Aha, nach Osten. Nun, wenn das der Fall ist, k�nnte ich dir ja ein Empfehlungsschreiben an meinen guten Freund Stephen Navarne mitgeben. Er ist der Regent der Provinz im Osten, ein Herzog, um genau zu sein. Ein wirklich netter Kerl. Du wirst ihn m�gen, und ich bin sicher, er wird begeistert von dir sein.� </p><p>Seine Augen funkelten und verrieten, dass seine Worte einen Hintersinn enthielten, eine Anspielung, die Rhapsody verunsicherte. �Von euch allen dreien nat�rlich�, f�gte Llauron hinzu, als h�tte er ihre Gedanken gelesen. </p><p>Rhapsody zog die Stirn in Falten. �Ein Herzog? Ihr schlagt ernstlich vor, dass ich � <emphasis>wir</emphasis> � bei einem Herzog zu Besuch vorbeischauen?�</p><p>�Ja, warum nicht?� </p><p>Sie err�tete. �Llauron, weshalb sollte ein Herzog jemanden wie mich, eine Person von meinem Stand, zur T�r hereinlassen? Ich bin schlie�lich nicht von Adel.� Das Blut schoss ihr ins Gesicht und gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen bei dem Gedanken daran, dass Llauron am Ende von ihrer Zeit als Kurtisane wusste und wom�glich verwirrt dar�ber war, dass sie mit dem Gang durch das Feuer ihre Jungfr�ulichkeit wieder hergestellt hatte.</p><p>Llauron l�chelte v�terlich. �Stephen interessiert sich nicht f�r Ahnenforschung, wohl aber f�r Geschichte. Wenn du N�heres �ber die Geschichte der Cymrer erfahren willst, ist er der Mann, den du dazu befragen solltest. Er unterh�lt in seinem Schloss ein cymrisches Museum, und ich bin sicher, er w�rde sich freuen, dir eine F�hrung anzubieten, zumal das allgemeine Interesse an solchen Dingen sehr stark nachgelassen hat.�</p><p>�Wirklich?�, fragte Rhapsody, abgelenkt von ihren Freunden. W�hrend Achmed die Geschosse seiner Cwellan z�hlte, besch�ftigte sich Grunthor mit seinen neuen Waffen, die Gavin ihm geschenkt hatte, insbesondere mit einem langen Krummschwert, das er Hiebstecher nannte und nun zu den anderen Waffen steckte, die wie ein Strau� aus t�dlichen Blumen hinter seinem R�cken hervorstaken.</p><p>Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den F�rbitter und l�chelte. �Das w�re sch�n. Wie weit liegt sein Schloss von hier entfernt?�</p><p>�In drei bis vier Tagen m�sste es zu erreichen sein.� Der Alte legte ihr seine H�nde auf die Schultern. </p><p>�Nun, Rhapsody, ich hoffe sehr, dass dir dein Aufenthalt in meinem Haus gefallen hat. Mir jedenfalls war es ein Vergn�gen, dich bei mir zu haben.�</p><p>�Es war wundervoll�, antwortete sie mit ernster Stimme und zog die weite Kapuze ihres neuen Umhangs �ber den Kopf. �Und ich habe so viel dazugelernt. Wie kann ich mich blo� f�r alles erkenntlich zeigen?� </p><p>�Das kannst du�, antwortete Llauron, �indem du diesen Brief Herzog Stephen �berbringst. Ich bitte ihn darin, dir das Manuskript �ber die alt-serennische Sprache auszuleihen. Als Benennerin, die du bist, wird es dir nicht schwer fallen, dich in diese Sprache einzuarbeiten; sie ist im �brigen sehr musikalisch. Ich bin sicher, du hast sie schnell gelernt. Und dann, mein liebes Kind, werden wir uns in dieser Sprache unterhalten k�nnen. Du kennst jetzt die Geschichte der Cymrer und wei�t von den Gefahren, die uns alle wieder bedrohen. Hilf mir, indem du deine Augen und Ohren offen h�ltst und mir berichtest, wie es um die Dinge drau�en in der Welt bestellt ist.� </p><p>Rhapsody schaute ihn verwundert an. Llauron hatte ein Heer von Kundschaftern und Waldl�ufern in seinen Diensten. Inwiefern bedurfte er noch ihrer Hilfe?</p><p>�Dazu bin ich gern bereit, aber ...�</p><p>�Sch�n. Und denk daran, Rhapsody, auch wenn du von niedrigem Stand bist, so kannst du einer f�rstlichen Sache dennoch sehr wohl dienlich sein.�</p><p>�Dem Schutz der Natur und des Gro�en Wei�en Baumes?�</p><p>�Ja, und den politischen Anforderungen, die sich daraus ergeben.�</p><p>�Ich verstehe nicht ganz.�</p><p>Llaurons Augen brannten voller Ungeduld, wenn auch seine Stimme nach wie vor beherrscht und ruhig klang. �Das Ziel ist die Wiedervereinigung der Cymrer. Ich dachte, das sei dir klar. Nach meiner �berzeugung kann uns nur eines vor der v�lligen Zerst�rung durch all diese unerkl�rlichen Aufst�nde und Akte des Terrors bewahren, und das ist die Wiedervereinigung von Roland und Sorbold und nach M�glichkeit auch der Bolgl�nder unter einem neuen K�nigspaar. Die Zeit dr�ngt. Du bist zwar nur ein Bauernm�dchen � nimm daran bitte keinen Ansto�, die meisten meiner Anh�nger sind Bauern �, hast aber ein wunderh�bsches Gesicht und eine �berzeugende Stimme. Du k�nntest mir in dieser Sache von gro�er Hilfe sein.�</p><p>Rhapsody f�hlte sich wie vor den Kopf gesto�en. �Ich? Aber Ihr wisst doch, dass ich nicht von hier bin und niemanden kenne. Wer w�rde mir Geh�r schenken? Durch Euch, Llauron, habe ich von den Cymrern �berhaupt erst erfahren.�</p><p>Der F�rbitter ergriff ihre Hand und t�tschelte sie. �Wer dich sieht, wird nicht anders k�nnen, als dir zuzuh�ren. Du bist so sch�n. Und jetzt, bitte, sag mir, dass du mir den Gefallen tun wirst. Du willst doch auch, dass in dieses Land endlich Frieden einzieht, oder?�</p><p>�Ja�, sagte sie und fing pl�tzlich zu zittern an, was sie selbst �berraschte.</p><p>�Und dass das Sch�nden und Morden so vieler unschuldiger Frauen und Kinder endlich ein Ende hat, das willst du doch auch, nicht war?�</p><p>�Nat�rlich, ich verstehe nur nicht...�</p><p>�Wir sind so weit, Euer Liebden�, rief Grunthor. Achmed nickte ihr auffordernd zu und schulterte sein Gep�ck. </p><p>Rhapsody blickte noch einmal zu Llauron auf. �Wen habt Ihr f�r die neue Regentschaft im Sinn?�, fragte sie. </p><p>�Niemanden. Dar�ber zu entscheiden obliegt dem Rat. Erinnere dich an das, was ich dir �ber die Philosophie der Cymrer erz�hlt habe, �ber ihre Weltanschauung. Der K�nig und die K�nigin wurden gew�hlt, weil sie sich f�r das Herrscheramt am besten eigneten und nicht aufgrund ihrer k�niglichen Herkunft, wie es in anderen Kulturen Tradition ist. Und vergiss nicht, dass es unter vielen unserer Zeitgenossen den alten Cymrern gegen�ber so manche Vorbehalte gibt. Sei also in deinen Nachforschungen diskret. Wer von cymrischer Herkunft ist, wird nicht gern darauf zu sprechen kommen. Alle anderen aber werden die Sache �hnlich sehen wie ich und darin �bereinstimmen, dass es nach Anwyn und Gwylliam wieder eine Hoffnung auf Vers�hnung gibt, indem die geteilten L�nder zusammenwachsen. Halte mich bitte auf dem Laufenden.�</p><p>�Ich wei� immer noch nicht so recht, was ich im Einzelnen tun soll.�</p><p>�Wir gehen jetzt�, rief Achmed.</p><p>Llauron schmunzelte �bers ganze Gesicht. �H�flich wie immer, dein Freund, nicht wahr? Komm, lassen wir ihn nicht l�nger warten. Ich hole nur schnell noch den Brief an Stephen.�</p><p>Der Wald im Osten war weniger dicht und um einiges j�nger als der tiefe Urwald rings um den Gro�en Wei�en Baum. Auf dem ersten Abschnitt ihrer Reise gingen sie auf dem Weg zur�ck, den sie von der Ortschaft Tref-y-Gwartheg gekommen waren, vor der sie nun in nordwestlicher Richtung abbogen, um der Einwohnerschaft nach M�glichkeit aus dem Weg zu gehen.</p><p>Rhapsody hatte w�hrend ihres Aufenthalts bei Llauron und Gavin erfahren, dass dieser Wald fast ebenso weitl�ufig war wie die gesamte Osth�lfte ihrer Heimatinsel und dass die W�lder der Lirin im S�den wohl um ein Dreifaches an Fl�che gr��er waren.</p><p>Sie hatte in ihrer Kindheit h�ufig Geschichten �ber unvorstellbar gro�e Waldgebiete geh�rt, und nun konnte sie kaum fassen, dass sie sich in eigener Person in einem solchen Wald befand. Es erschien ihr geradezu ironisch, auf dem Weg �ber eine Wurzel hierher gelangt und von einer unendlichen Vielzahl an B�umen umgeben zu sein.</p><p>Die drei brauchten fast zwei Tage, um jene Stra�e zu finden, die durch Gwynwalds Norden in die von Navarne regierte Provinz f�hrte, eine Landschaft, die nur zum Teil bewaldet war.</p><p>Schlie�lich lichtete sich das dunkle Geh�lz und machte �ckern und D�rfern Platz, deren H�user mit demselben handwerklichen Geschick und �hnlich einfachem Material gebaut waren, wie sie f�r Gwynwald typisch zu sein schienen. Navarne war eine merklich dichter besiedelte Gegend, und auf der Stra�e, die dorthin f�hrte, herrschte viel mehr Verkehr. Je lichter die W�lder wurden, desto schwerer fiel es den dreien, sich versteckt zu halten. Wo irgend m�glich, nahmen sie den Umweg durch Geb�sch und Hain, ansonsten blieb ihnen nichts anderes �brig, als der Stra�e zu folgen.</p><p>Sie hatten die Grenze der Provinz Navarne schon einige Meilen weit hinter sich gelassen, als sie auf eine Gruppe spielender Kinder trafen. W�hrend sich Grunthor und Achmed in Deckung hielten, trat Rhapsody n�her auf sie zu.</p><p>Die Kinder tollten umher und achteten weder auf Rhapsody noch auf die Ochsenfuhrwerke, die vorbeirollten und Schmutzwasser aufspritzen lie�en, das nicht selten auf die Kinder niederregnete, die dann jedes Mal ausgelassen aufkreischten.</p><p>Rhapsody sah dem Treiben schmunzelnd zu. Die lebhafte Freude der Kinder r�hrte ihr Herz, machte es ein wenig leichter und zugleich schwerer vor Sehnsucht in Gedanken an unbek�mmertere Tage. Am liebsten w�re sie zu ihnen gelaufen und h�tte sich selbstvergessen an ihrem Spiel beteiligt. Das Gestampfe von Pferdehufen lie� sie aufmerken. Sie drehte sich um und sah ein schwarzes Schlachtross im gestreckten Galopp die Stra�e entlangsprengen.</p><p>So vertieft waren die Kinder in ihr Spiel, dass sie die Gefahr nicht erkannten. Zwei Frauen, die auf einem Leiterwagen vorbeikamen, stie�en spitze Schreie aus, und der Mann auf dem Kutschbock versuchte mit wilden Geb�rden, die Kinder zu verscheuchen. Doch die blieben wie angewurzelt mitten auf der Stra�e stehen, und der herbeipreschende Reiter machte keine Anstalten, sein Pferd zu z�geln. Rhapsody fackelte nicht lange. Sie rannte los, trieb die Kinder auseinander und stellte sich selbst als sch�tzendes Hindernis in den Weg. Das Pferd war schon fast �ber ihr, scheute und b�umte sich mit schrillem Gewieher auf. </p><p>Der Reiter hatte alle M�he, das panische Tier wieder unter Kontrolle zu bekommen, und gab lauthals r�de Fl�che von sich. Als das Pferd endlich stillstand, richtete er den Blick auf Rhapsody und starrte sie aus azurblauen Augen an.</p><p>�Verdammtes Mistst�ck!�, br�llte er von oben herab. �Wenn ich nicht um mein Pferd Angst haben m�sste, w�rde ich dich �ber den Haufen reiten.�</p><p>Rhapsody richtete sich auf und sah dem Reiter mit nicht minder w�tendem Augenausdruck ins Gesicht. F�r einen Moment lang schien es, als entspannte sich dessen Miene vor Verwunderung �ber die Heftigkeit ihrer Reaktion. Und dann hatte er auch noch allen Grund, �ber das zu staunen, was sie ihm zur Antwort an den Kopf warf.</p><p>�Wenn dein Gaul dich Stinkstiefel im Sattel ertr�gt, scheint er verdammt was aushalten zu k�nnen.� </p><p>Aus dem schockierten Staunen des Mannes wurde allm�hlich Erheiterung. Das Visier war hochgeklappt; trotzdem nahm er den Helm ab, um die Frau auf der Stra�e besser sehen zu k�nnen. Dem Gesicht nach schien er mittleren Alters zu sein, wenngleich sein muskul�ser K�rper sehr viel j�nger wirkte. Noch unentschieden zeigten sich der Bart und die Haare, die pechschwarz, doch von silbernen Str�hnen durchzogen waren. Obwohl sie sich sicher war, ihn noch nie gesehen zu haben, kam ihr das markante Gesicht mit der breiten Stirn auf seltsame Weise bekannt vor. Er trug ein schwarzes Kettenhemd, dessen Einzelteile von silbernen Spangen zusammengehalten wurden. Von den kunstvoll geschmiedeten Schulterst�cken fiel ein schwerer schwarzer Umhang �ber seinen R�cken herab. </p><p>�Ts, ts, was h�re ich da aus dem Munde einer Dame�, sagte er sp�ttisch. �Madame, ich bin emp�rt.� </p><p>�Was nicht weiter schlimm w�re�, entgegnete Rhapsody k�hl. �Schlimmer ist, dass du offenbar auch blind bist. Hast du nicht gesehen, dass Kinder auf der Stra�e spielen?�</p><p>�0 doch, das habe ich.� Der Soldat setzte sich in den Sattel zur�ck. Dass er wie jetzt �bers ganze Gesicht grinste, schien seiner Mimik nach zu urteilen eher die Ausnahme zu sein.</p><p>Rhapsody geriet immer mehr in Wut. �Und da ist dir nicht in den Sinn gekommen, langsamer zu werden oder auszuweichen?�</p><p>�Nein, denn f�r gew�hnlich macht man einem galoppierenden Pferd den Weg frei. Das r�t sich so, und gerade Kindern kann ein solcher Rat gar nicht fr�h genug erteilt werden.�</p><p>�Und was, wenn sie nicht rechtzeitig h�tten ausweichen k�nnen?�, herrschte sie ihn an. �Was, wenn dein Pferd �ber sie hinweggetrampelt w�re?�</p><p>Der Soldat zuckte mit den Achseln. �So kleine Hindernisse k�nnen ihm nicht wirklich gef�hrlich werden. Merk dir das. Bist n�mlich selbst nicht gerade gro� geraten.�</p><p>Er schrie unvermittelt auf, als er die Hand voll Matsch auf sich zufliegen sah, aber nicht mehr verhindern konnte, dass sie ihm ins Gesicht klatschte. �Steig ab, und ich werde deinen Eindruck korrigieren�, br�llte sie und langte nach dem Schwert.</p><p>�Ja, und wenn du noch was von ihm �brig l�sst, Gr�fin, h�tten wir auch schon was zum Abendessen�, meldete sich eine knurrende Stimme aus dem Geb�sch am Stra�enrand.</p><p>Der Soldat schaute sich verdutzt um und sah den Firbolg aus der Deckung treten, die H�nde in die Seiten gestemmt. Die Zugochsen des Gespanns br�llten vor Schrecken, so auch eine der Frauen, und der Bauer auf dem Kutschbock beeilte sich davonzukommen. Die Kinder hatten l�ngst Rei�aus genommen. </p><p>Der Soldat warf den Kopf zur�ck und lachte. �Schau an, Zwerg und Riese als Reisegef�hrten. Faszinierend. Aber k�nntest du nicht wenigstens die Kapuze l�ften, Gn�digste? Oder sch�mst du dich?� Er wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht.</p><p>W�tend warf Rhapsody die Kapuze zur�ck. Der Reiter war merklich beeindruckt von dem, was er sah. </p><p>�Ah, jetzt wei� ich, wer du bist. Du bist Rhapsody, nicht wahr?�</p><p>Sie erschrak so sehr �ber seine Worte, dass ihre Wut pl�tzlich wie wegblasen war. �Woher wei�t du das?� </p><p>Der Soldat wischte mit dem �rmel �ber den Helm und ordnete die Spangen. �Du bist doch bei Gavin in die Schule gegangen. Das hat sich herumgesprochen. Und den Beschreibungen nach gibt�s kein Vertun. Du musst Rhapsody sein.�</p><p>War sie soeben noch in Wut entbrannt, wurde ihr nun ganz kalt. �Was macht dich so sicher?� </p><p>Er setzte den Helm wieder auf und tat, als n�hme er Grunthor �berhaupt nicht zur Notiz. �Eine solche Missgeburt wie dich kann es nur einmal geben. Aus dem Weg mit dir! Es sei denn, du willst die neu beschlagenen Hufe meines Pferdes aus der N�he betrachten.�</p><p>�Willst du mir nicht erst einmal sagen, wer <emphasis>du</emphasis> bist? Ich kenne deinen Namen nicht.�</p><p>Der Soldat nahm die Z�gel zur Hand. �Nein, den kennst du wohl nicht.� Er schnalzte dem Pferd zu und stob auf ihm davon. Rhapsody konnte nur noch zur Seite Wegspringen, aber nicht verhindern, dass sie vom aufgewirbelten Schmutz besudelt wurde.</p><p>�Na, hast du dich gut am�siert?�, fragte Grunthor ver�rgert. �Komm endlich, wir m�ssen weiter.� </p><p>Rhapsody wischte sich den Schmutz vom Umhang und nickte ihm zu. Als sie die Stra�e �berquerte, h�rte sie eine kleine Stimme im Gestr�pp zu ihren F��en.</p><p>�Fr�ulein?� </p><p>Rhapsody fuhr vor Schreck zusammen, senkte den Blick und sah einen vielleicht siebenj�hrigen Jungen, der sich am Stra�enrand versteckt hielt. Sie b�ckte sich und hielt ihm die Hand entgegen. </p><p>�Ist mit dir alles in Ordnung? Hast du dir wehgetan?�</p><p>�Ja ... ich meine, nein. Mir geht�s gut.�</p><p>Sie half ihm auf die Beine. �Wie hei�t du?�</p><p>Der Junge blickte zu Grunthor auf und grinste. �Robin.� Der Riese grinste zur�ck.</p><p>Rhapsody sp�rte einen Klo� im Hals. So hatte auch einer ihrer Br�der gehei�en. Der Junge wandte sich ihr wieder zu. </p><p>�Ich wei� auch, wer der Reiter war.�</p><p>�Wirklich? Wer denn?� </p><p>Der Junge schmunzelte und kam sich offenbar sehr wichtig vor. �Tja, das war Anborn.�</p></section><section><title><p>28</p></title><p>Der Wachsoldat am Tor von Haguefort, dem Schloss des Herzogs, Stephen Navarne, hatte den Kammerherrn gerufen, um ihn zu Rate zu ziehen. Gerald Owen diente dem Herzog seit �ber zwanzig Jahren, war schon zu dessen Jugendzeit in seinen Dienst getreten und hatte seitdem unter anderem auch sehr viel Ungew�hnliches erlebt. Doch was er nun vor sich sah, war ohne Vergleich. Von den drei Reisenden am Tor waren zwei mit Umhang und Kapuze verh�llt: eine kleine Frau von schlankem Wuchs und mit strahlend gr�nen Augen und ein drahtiger Mann, der sie um eine Hauptesl�nge �berragte. Dass sie unter der Kapuze kaum zu erkennen war, fand er bedauerlich; er h�tte allzu gern mehr von ihr gesehen. Im Fall des Mannes aber schien die Verkleidung ein Segen zu sein. </p><p>Begleitet wurden die beiden von einem Monstrum, das gut �ber sieben Fu� ma�. Der Anblick seiner Sto�z�hne, die aus den Mundwinkeln herausragten, brachte Owens Blut ins Stocken.</p><p>�Ahm, doch ja, alles in Ordnung�, stammelte er, nachdem er den Brief des F�rbitters zum wiederholten Mal gelesen hatte. �Tja, nun, wenn ich bitten darf ...�Er �ffnete das Tor und nickte den Wachen zu, die daraufhin ihren Posten verlie�en und den seltsamen Besuchern ins Schloss folgten. Das Schloss war wundersch�n, von klassisch strenger Architektur, aber durchaus mit schm�ckendem Beiwerk und aus rosig-braunem Stein gebaut. An den Mauern kletterten Ranken, die zwar jetzt im Winter kahl und tot waren, sommers wohl aber einen pr�chtigen Wandbehang abgaben. Um den �u�eren Hof herum waren G�rten angelegt, auf denen sich jetzt Schmelzwasser in gro�en Lachen breit machte. Als sie die gro�e Eingangspforte aus schwarzem Mahagoni erreichten, blieb Gerald Owen stehen. </p><p>�Bitte hier zu warten. Ich werde Seiner Hoheit euren Besuch melden.� Er verbeugte sich, �ffnete die T�r und verschwand dahinter.</p><p>Wartend drehte sich Rhapsody einmal um die eigene Achse und schaute in die Runde. Das Schloss von Stephen Navarne lag auf einer Anh�he und bot weite Ausblicke auf eine sanft geschwungene Weidelandschaft und den Wald dahinter. Auf dem Weg hierher waren Grunthor viele gut getarnte Verteidigungsanlagen aufgefallen. Das Schloss schien trotz seiner sch�nen und friedlichen Fassade bestens ger�stet zu sein f�r den Fall, dass es angegriffen wurde. Rhapsody bemerkte, dass ihre Freunde von der Art der Befestigung durchaus beeindruckt waren.</p><p>Der Kammerherr hatte die T�r nur angelehnt, wahrscheinlich absichtlich, um die G�ste nicht zu br�skieren. Achmed lehnte sich ganz zwanglos dagegen und nickte den Wachposten h�flich zu. Wie von ihm beabsichtigt, ging die T�r einen Spalt auf. In der Eingangshalle war nun eine helle, Wohlt�nende M�nnerstimme zu vernehmen.</p><p>�Sie ist in Begleitung eines riesigen <emphasis>was?�</emphasis></p><p>In Gerald Owens Antwort schwang ein Unterton mit, der deutlich machte, dass er alles andere als gl�cklich war. �Ich glaube, es ist ein Firbolg, Eure Hoheit.�</p><p>�Ein Firbolg? Gro�artig. Dann werde ich wohl auf der F�rstenversammlung im n�chsten Monat der Einzige sein, der jemals mit einem Firbolg an einer Tafel gesessen hat. F�hr den Besuch herein, und zwar mit aller gebotenen H�flichkeit.�</p><p>Nach einer kurzen Pause: �Sehr wohl, Eure Hoheit.�</p><p>�Ach, aus dem Weg, Owen. Ich werde die Herrschaften pers�nlich empfangen.�</p><p>Schritte hallten durch den hohen Raum. Wenig sp�ter schwang die schwere Mahagonit�r auf und lie� einen l�chelnden Mann zum Vorschein treten. Er schien noch jung und voller Energie zu sein, auch wenn das blonde Haar an den Schl�fen schon ein paar graue Schatten zeigte.</p><p>Wie im Falle Anborns standen auch bei ihm die F�ltchen unter den Augen im scheinbaren Widerspruch zu dem ansonsten jugendlichen Aussehen. Rhapsody fragte sich, ob dies wom�glich eine cymrische Eigenart sein k�nnte, ein Hinweis auf die Langlebigkeit, die sie der Passage durch die Zeit verdankten. Der Herzog stammte sehr wahrscheinlich von den Cymrern ab, da er ja laut Llaurons Auskunft ein Gelehrter der cymrischen Geschichte war.</p><p>Der junge Herzog verbeugte sich h�flich. �Willkommen! Ich bin Stephen Navarne. Tretet bitte ein.� </p><p>Auf sein Zeichen hin zog der Kammerherr, dem immer noch der Schock in den Gliedern zu stecken schien, die T�r weit auf. </p><p>Rhapsody und Grunthor verbeugten sich tief. Achmed nickte nur kurz mit dem Kopf.</p><p>�Vielen Dank, Eure Hoheit�, sagte Rhapsody und trat ein. Die beiden Firbolg folgten ihr auf den Fersen. �Ich hoffe, wir kommen nicht Ungelegen.�</p><p>�Ganz und gar nicht�, antwortete Stephen. Seine Augen � blaugr�n wie die Kornblumen im Hochland � l�chelten. �Und bitte, nennt mich Stephen. Es freut mich, dass ihr gekommen seid. Ich werde mich bei Llauron noch ausdr�cklich daf�r bedanken, dass er euch zu mir geschickt hat. Hattet ihr eine angenehme Reise?� W�hrend er sprach, nahm er Rhapsodys Hand und beugte sich �ber sie.</p><p>Die drei sahen einander an. ��ber weite Strecken, ja�, meinte Achmed und kam Rhapsody zuvor, die gerade zu einer ausf�hrlicheren Antwort ausholen wollte. Der Herzog blickte auf und zeigte sich irritiert von Achmeds trockener Stimme. Dann aber drehte er sich um und forderte die Besucher mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen.</p><p>�Habt ihr Hunger? Es wird bald zu Mittag gegessen, aber ich k�nnte euch schon vorher eine Erfrischung servieren lassen.�</p><p>�Nicht n�tig, vielen Dank�, sagte Rhapsody und gab sich M�he, seiner guten Laune zu entsprechen. Zu Mittag wurde die gro�e Tafel im pr�chtigen Speisesaal gedeckt, an der mehrere Dutzend G�ste Platz gefunden h�tten. </p><p>Zur S�dseite des Raumes �ffnete sich ein riesiges bleiverglastes Fenster, das auf Hof und Schlosspark hinauswies. Vor der Wand gegen�ber befand sich eine offene Feuerstelle, die, wie Grunthor laut bemerkte, gro� genug war, um einen ganzen Ochsen darin am Spie� zu braten. Der Schlossherr kommentierte diese Bemerkung mit herzhaftem Lachen.</p><p>�Eine gro�artige Idee! Die sollten wir an Mellies Geburtstag in die Tat umsetzen. Er f�llt auf den ersten Fr�hlingstag und wird immer gro� gefeiert.�</p><p>�Wer ist Mellie?�, wollte Grunthor wissen.</p><p>Der Herzog rieb die Handfl�chen aneinander und zeigte dann auf ein gro�es �lgem�lde, das in einem schmuckvollen Rahmen �ber der Feuer stelle hing. Darauf waren eine Frau und zwei Kinder abgebildet, ein Junge und ein M�dchen. Die Frau war schlank und dunkelhaarig, hatte schwarz-braune Augen und ein scheues L�cheln.</p><p>Der Junge an ihrer Seite mochte etwa sieben Jahre alt sein, hatte die forschen, blau-gr�nen Augen des Vaters und das dunkle Haar der Mutter geerbt. Seine Schwester, noch ein S�ugling, hockte auf dem Scho� der Frau. Es hatte die elterlichen Merkmale anders aufgeteilt: hellblonde Locken und Augen so schwarz wie die Nacht. </p><p>�Mellie � Melisande � ist meine Tochter. Das Bild zeigt sie noch als S�ugling; darauf seht ihr au�erdem meine Frau Lydia und Gwydion, unseren Sohn.�</p><p>�Werden wir Eure Familie noch kennen lernen?�, fragte Rhapsody.</p><p>Der Herzog erwiderte ihr L�cheln und sagte: �Die Kinder werden sich freuen, eure Bekanntschaft zu machen. Meine Frau ist leider schon tot.�</p><p>Grunthor sah das L�cheln aus Rhapsodys Gesicht weichen. �Das tut uns Leid zu h�ren�, sagte er und gab dem Herzog einen tr�stlich gemeinten Klaps auf den R�cken, der aber so kr�ftig war, dass jener mit der Brust beinahe auf seinem Teller gelandet w�re.</p><p>Lachend richtete er sich auf. �Danke�, sagte er und bemerkte, dass sich die K�chent�r ge�ffnet hatte. Die K�che traten ein und trugen beladene Tabletts vor sich her. �Es ist jetzt vier Jahre her. Gwydion scheint mit dem Verlust inzwischen klargekommen zu sein, und Melisande kann sich an ihre Mutter gar nicht mehr erinnern. Na bitte, da kommt Hilde mit dem Essen. Bitte Platz zu nehmen.� </p><p>Erst nach viermaligem Nachschlag hatte Grunthor seinen Hunger auf Schinken und ger�stetes Moorhuhn gestillt. Die Porzellanterrinen hatten zwei- oder dreimal mit S��- und Salzkartoffeln nachgef�llt werden m�ssen, was Rhapsody schrecklich peinlich war.</p><p>Stephen Navarne aber schien sich �ber den Appetit des Riesen k�stlich zu am�sieren und hielt die Dienerschaft auf Trab, die daf�r sorgte, dass Grunthors Teller nicht leer wurde. Schlie�lich, nachdem er solche Mengen verzehrt hatte, von denen die gesamte Wachmannschaft des Schlosses satt geworden w�re, gab sich Grunthor endlich zufrieden.</p><p>�Jetzt passt wirklich nichts mehr rein�, sagte er und wischte sich den Riesenmund mit einer zierlichen kleinen Spitzenserviette ab. �Hat vorz�glich geschmeckt.� Achmed nickte beipflichtend, w�hrend Rhapsody hinter vorgehaltener Hand grinste.</p><p>Stephen sprang vom Tisch auf. �Gut! Sch�n, dass es euch geschmeckt hat. Ich schlage vor, wir trinken jetzt noch ein Gl�schen canderischen Weinbrand in meinem Arbeitszimmer. In Llaurons Brief steht zu lesen, dass ihr an meinem Museum interessiert seid. Damit wir in der K�lte den Weg dorthin schaffen, sollten wir uns vorher ein wenig st�rken. Einverstanden?�</p><p>�Aber ja�, pflichtete Achmed bei.</p><p>Rhapsody merkte auf. So leutselig hatte sie den Dhrakier noch gar nicht erlebt, schon gar nicht in Gegenwart eines Mannes, der ihm g�nzlich fremd war. Doch anscheinend hatte er an Stephen Navarne auf Anhieb Gefallen gefunden.</p><p>Auch sie fand ihn sehr sympathisch. Er war ungew�hnlich offen in seiner Art und voller Energie und Lebensfreude, obwohl ihm das Leben schon arg mitgespielt hatte. Seine gute Laune wirkte ansteckend, so auch die Begeisterung, die er f�r jedes noch so kleine Detail aufbrachte. Galant half er Rhapsody beim Aufstehen und bot ihr seinen Arm an. Mit Blick auf die Firbolg sagte er: </p><p>�Hier lang, meine Herren�, und steuerte auf eine T�r neben der Feuerstelle zu. Die Ledersohlen seiner Stiefel klickten auf dem polierten Marmorboden, als er die G�ste aus dem Speisesaal f�hrte. </p><p>�Llauron sagt, dass ihr von den Grenz�berf�llen und Angriffen wisst, unter denen wir zu leiden haben�, sagte Stephen, als er Achmed einen Schwenker Weinbrand reichte.</p><p>Der Dhrakier hatte sich vor das gr��te Fenster des Raums gestellt, das nach Osten wies und ebenfalls einen Teil des Hofes und die H�gel von Navarne �berblickte. Auf der gepflasterten Fl�che des Hofes spielten lachend zwei Kinder. Ein breites Grinsen �berzog das Gesicht des Herzogs, als er die beiden sah. </p><p>�Gwydion und Melisande�, sagte er, an Rhapsody gerichtet, und nickte nach unten. Die trat ans Fenster und schaute hinab.</p><p>�Er hat uns nur wenig dazu gesagt, nichts Konkretes�, erwiderte Achmed im Plauderton. Von dem, was er und Grunthor aus eigenen Beobachtungen wussten, erw�hnte er nichts. �Sind diese �berf�lle der Grund f�r die vielen Befestigungsanlagen, die hier gebaut werden?� Er deutete mit dem Zeigefinger auf eine dicke hohe Steinmauer, die sich, nur zur H�lfte fertig gestellt, jenseits einer Weide in n�rdliche Richtung erstreckte, so weit das Auge reichte.</p><p>�Ja�, antwortete der Herzog unumwunden. �Navarne hat den Nachteil, dass es haupts�chlich aus kleinen D�rfern oder Hofschaften besteht, zu denen jeweils nur zwei oder drei Farmen geh�ren, und die Hauptstadt liegt mehrere Tagesritte von meinem Herzogtum weit entfernt. Mit anderen Worten, wir sind sehr verwundbar. Wenn der n�chste Milit�rposten �ber zwei Tage weit entfernt ist, kann eine kleine Gemeinde zerschlagen werden, ohne dass ein Hahn danach kr�ht. Und dazu ist es bei uns nun schon allzu oft gekommen. Anfangs habe ich Waldl�ufer und Soldaten abgestellt, um einzelne Ortschaften zu sch�tzen, was aber nicht viel geholfen hat. Deshalb hielt ich es f�r besser, m�glichst gro�e Abschnitte mit einem Wall zu umfrieden, in der Hoffnung, das Landvolk und die �cker besser sch�tzen zu k�nnen. Ich habe alle Bauern von nah und fern eingeladen, innerhalb dieser neuen Befestigungsanlage zu leben, und viele sind der Einladung gefolgt. Die anderen wollen ihr Erbland nicht verlassen, selbst auf die Gefahr hin, �berfallen zu werden, wof�r ich durchaus Verst�ndnis habe, zumal es innerhalb der Mauern sehr bald eng und enger werden wird. Mit der Ruhe auf meinen L�ndereien wird es dann vorbei sein, doch f�r die Sicherheit meiner Untertanen bin ich gern bereit, den Preis zu zahlen. Allerdings bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob sie der Wall auch sch�tzen wird. Wie dem auch sei, es muss etwas getan werden.�</p><p>Rhapsody nickte und sah in der Ferne Maurer bei der Arbeit am Wall. Der war im direkten Vergleich ungef�hr doppelt so hoch wie die M�nner. Was der Herzog da abzuwehren versuchte, musste demnach von eindrucksvoller Gr��e sein.</p><p>Zum ersten Mal, seit sie ihn kennen gelernt hatte, zeigte er sich von einer sehr ernsten Seite. </p><p>�Au�erdem habe ich einen ganz pers�nlichen Grund. Zu den Opfern dieser �berf�lle z�hlen n�mlich auch meine Frau und ihre Schwester.� Er blickte in den Hof hinunter, wo seine Kinder spielten. In Rhapsodys Ohren klang deren Lachen mit einem Male freudlos und hohl.</p><p>Ihr wurde ganz schwer ums Herz von den Worten des Herzogs, obwohl er sie ohne Verbitterung ausgesprochen hatte. </p><p>�Das tut mir sehr Leid�, sagte sie.</p><p>Stephen nahm einen gro�en Schluck aus seinem Glas.</p><p>�Danke. Es war vor vier Jahren. Melisande hatte gerade zu laufen angefangen. Lydia fuhr in die Stadt Navarne, um ihr ein Paar Schuhe zu kaufen. Sie und meine Schw�gerin hatten immer viel Spa� an solchen Ausfl�gen. Die Kleine hatte eine Erk�ltung � zum Gl�ck, denn anderenfalls w�re sie mitgenommen worden. Auf dem R�ckweg nach Hause wurden sie und alle, die mit ihnen reisten, von lirinschen Soldaten �berfallen und get�tet. Ich will euch die Einzelheiten ersparen, nur so viel: Als ich sie fand, hielt sie immer noch die Schuhe mit den H�nden umklammert. Nat�rlich waren sie nicht mehr zu gebrauchen. Das Blut, das an ihnen klebte, lie� sich einfach nicht wegwischen.�</p><p>Rhapsody hatte das Gef�hl, als wollte sich ihr Magen umdrehen. Achmed und Grunthor nickten stumm; es war offenbar nicht das erste Mal, dass sie von solchen Gr�ueltaten h�rten.</p><p>�Von den Banditen konnten einige wenige noch am Tatort festgenommen werden. Doch sie bestritten schlichtweg, an dem Massaker beteiligt gewesen zu sein. Dabei konnte es an ihrer Schuld gar keinen Zweifel geben; schlie�lich waren sie auf frischer Tat ertappt worden. Und trotzdem schwor jeder von ihnen noch auf dem Schafott, von dem �berfall nichts gewusst zu haben. Ich kann es auch jetzt noch nicht fassen. Mir waren die Lirin schon mein ganzes Leben lang als ehrenwerte Nachbarn vertraut. Es passt �berhaupt nicht zu ihnen, dass sie die Verantwortung f�r etwas, das sie getan haben, nicht �bernehmen. Mit ihrer Hinrichtung hat sich, wie ich glaube, mein Hass gegen sie fast g�nzlich aufgel�st. Sie schienen wirklich vollkommen perplex zu sein und �berhaupt nicht zu wissen, wie ihnen geschah. Sonderbar.�</p><p>Die Bolg sahen einander an. �Allerdings. Sind es immer nur Lirin, die �ber Eure Orte herfallen?�, wollte Achmed wissen. </p><p>�Nein, und auch das ist so sonderbar an diesen �bergriffen. An etlichen Raubz�gen sind Einwohner von Roland beteiligt, ja, man hat sogar Soldaten aus Navarne gestellt, die in anderen Provinzen und in Tyrian �hnliche Verbrechen begangen haben. Und ich schw�re beim Leben meiner Kinder, dass ich solche �berf�lle nie und nimmer angeordnet habe. Doch was das Schlimmste ist: Seit neuestem scheinen es diese Verbrecher auf die Kinder in Navarne abgesehen zu haben.� Er �ffnete das Fenster, beugte sich �ber den Sims und rief seinem Sohn und seiner Tochter zu: �Gwydion, Melisande, kommt jetzt bitte rein.�</p><p>Die Kinder blickten auf und kamen der Aufforderung des Vaters widerwillig nach, der so lange nach unten schaute, bis sie die vom Kammerherrn ge�ffnete Pforte passiert hatten. Erst dann wandte er sich wieder seinen G�sten zu. �Entschuldigt. Aber ich bin dieser Tage ziemlich nerv�s und finde kaum Schlaf vor Angst und Sorge. In unserer Provinz werden fast zwei Dutzend Kinder vermisst. Ihrem Verschwinden gingen jedes Mal �berf�lle voraus, und weil keine Leichen zu finden sind, nimmt man an, dass sie verschleppt wurden. Bislang konnte nur eines der Kinder wieder gefunden werden. Sein Vater brachte die Kidnapper zur Strecke, die �brigens aus Navarne stammten. Und auch hier haben wir wieder den absurden Fall, dass die T�ter behaupten, unschuldig zu sein und von ihrer Tat nichts zu wissen. Es scheint, als h�tten all diese Schurken ihr Ged�chtnis verloren.�</p><p>Der Herzog leerte sein Glas, setzte es auf dem Schreibtisch ab und ging zur T�r, wo er an einem Glockenstrang zog. Wenig sp�ter tauchte eine junge Frau im T�rrahmen auf.</p><p>�Ja, Eure Hoheit?� </p><p>�Rosella, steck die Kinder in die Badewanne, zieh ihnen frische Sachen an und bring sie dann bitte hierher, damit ich sie unseren G�sten vorstellen kann.� Die Frau nickte und ging, nicht ohne vorher einen emp�rten Blick auf den Riesen geworfen zu haben, der sich doch tats�chlich erdreistete, seine F��e auf dem Schreibtisch des Schlossherrn abzulegen.</p><p>Ungef�hr eine Stunde sp�ter flog die T�r auf, und die Kinder kamen ins Zimmer gelaufen, direkt auf ihren Vater zu. Stephen ging in die Hocke, warf die Arme auseinander, dr�ckte die beiden an sich und wiegte sie so wild hin und her, dass sie ausgelassen zu kichern anfingen.</p><p>Als der Blick des kleinen M�dchens zuf�llig an Rhapsody h�ngen blieb, h�rte es abrupt zu lachen auf und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Rhapsody l�chelte und hoffte, das Kind f�r sich einzunehmen, doch es riss sich aus der Umarmung des Vaters, richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf sie und rief: �Wer ist das, Papa?�</p><p>Stephen blickte auf und sah, auf wen die Tochter zeigte. Er zog sie wieder an sich und antwortete: �Es geh�rt sich nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen.� Sein Tonfall klang genau so wie der, den Rhapsodys Vater in solchen Situationen immer angeschlagen hatte. Manches, so dachte sie, ist offenbar immer und allenthalben gleich, �ber alle sozialen Rangunterschiede hinweg.</p><p>�Das sind unsere G�ste. Ich habe euch rufen lassen, damit ihr sie kennen lernt. Diese Dame hei�t Rhapsody. Hast du ihr vielleicht etwas zu sagen?�</p><p>Das M�dchen starrte Rhapsody unverwandt an. So auch der Bruder. Stephen setzte eine strenge Miene auf und sagte: �Nun, Mellie, was hast du zu sagen?�</p><p>�Du bist <emphasis>sch�n�,</emphasis> sagte das Kind, und seine Stimme war voller Bewunderung. Der Vater err�tete. </p><p>�Du hast nat�rlich vollkommen Recht, aber ich habe an eine andere Art der Begr��ung gedacht.� </p><p>�Aber damit bin ich mehr als zufrieden�, sagte Rhapsody fr�hlich. Grunthor und Achmed sahen einander an, als wollten sie sagen: Vielleicht glaubt sie�s jetzt, da das Kompliment aus dem Mund eines Kindes kommt. Doch schon wenig sp�ter meinten sie beobachten zu k�nnen, dass diese Hoffnung wohl allzu hoch gegriffen war.</p><p>Rhapsody ging auf die Kinder zu, blickte zuerst l�chelnd auf Melisande herab und schaute dann den Jungen an, der beinahe schon so gro� war wie sie.</p><p>�Ich freue mich, eure Bekanntschaft zu machen, Melisande und Gwydion. Darf ich euch meine beiden Freunde Achmed und Grunthor vorstellen?� Melisande lie� Rhapsody nicht aus den Augen. Gwydion aber richtete den Blick auf die beiden Firbolg und grinste �bers ganze Gesicht.</p><p>�Hallo�, sagte er und ging mit ausgestreckter Hand auf Grunthor zu. Der Riese schlug die Hacken zusammen, sch�ttelte die Hand des Jungen und gab Acht, dass er sie in seinen Klauen nicht zerquetschte. Gwydion wandte sich dann Achmed zu und gab auch ihm zu Begr��ung die Hand. </p><p>�Wirst du meine neue Mutter sein?�, fragte Mellie, worauf Rhapsodys Gesicht eine �hnliche Farbe annahm wie Stephens, der bis zu den Ohren scharlachrot angelaufen war.</p><p>Auf der anderen Seite des Raums prustete Grunthor vor Lachen. �Da sieht man�s wieder. Schon mein alter Herr hat immer gesagt, dass Kinder der einzige Grund sind, warum ein Mann nich ewig leben will, denn sie sorgen mindestens einmal t�glich daf�r, dass er vor Scham im Boden versinken m�chte.� </p><p>�Demnach m�sste ich l�ngst auf dem Friedhof liegen�, antwortete der Herzog lachend. �Ich bitte, meiner Tochter zu verzeihen, gn�diges Fr�ulein.�</p><p>Rhapsody ging vor dem M�dchen in die Hocke. �Das ist gar nicht n�tig�, antwortete sie auf Stephens Entschuldigung, ohne das Kind aus den Augen zu lassen. �Sie ist reizend. Wie alt bist du, Melisande?� </p><p>�F�nf�, gab Melisande zur Antwort. �W�r�s dir denn nicht recht, ein kleines M�dchen zu haben?� </p><p>Stephen wollte eingreifen, doch Rhapsody winkte ab und legte die kleinen H�nde des M�dchens in die ihren. In seinen tiefschwarzen Augen lag eine Traurigkeit, die Rhapsody zu Herzen ging. Sie wusste nur allzu gut, wie einem Kind ohne Mutter zumute war.</p><p>�0 doch�, antwortete sie. �Aber nur, wenn das kleine M�dchen so lieb und nett w�re wie du.� </p><p>�Und was h�ltst du von Jungen?�, fragte Gwydion, der nicht abseits stehen wollte.</p><p>�F�r den Fall, dass nach mir verlangt wird: Ich bin in der gro�en Halle und werde vom Balkon springen�, k�ndigte der Herzog an.</p><p>Rhapsody drehte sich um und musterte den Jungen mit ernster Miene. �Von denen halte ich sehr viel�, antwortete sie ohne jede Ironie in der Stimme.</p><p>�Gesch�ftssinnig, wie sie ist...�, murmelte Grunthor hinter vorgehaltener Hand.</p><p>Nicht, dass sie ihre gemeine Herkunft verga�, doch konnte Rhapsody nicht umhin, die F�rstenkinder zu tr�sten. �Ich w�rde euch auf der Stelle an Kindes statt nehmen, wenn es euer Vater zulie�e�, sagte sie und warf Grunthor einen bitterb�sen Blick zu.</p><p>Stephen wollte etwas sagen, doch Rhapsody kam ihm zuvor. Dem M�dchen zugewandt, erkl�rte sie: </p><p>�Ich bin sehr viel auf Reisen und bleibe immer nur f�r kurze Zeit an einem Ort. Als Mutter w�re ich deshalb nicht besonders gut geeignet. Aber vielleicht k�nnte ich eure Ehren-Gro�mutter sein.� </p><p>�Gro�mutter?�, hakte Gwydion mit skeptischer Miene nach. �Daf�r bist du doch noch gar nicht alt genug.� </p><p>Rhapsody schmunzelte wehm�tig. �0 doch, das bin ich�, sagte sie. �Ihr m�sst n�mlich wissen, ich bin eine halbe Lirin und werde darum viel langsamer alt als andere. Aber glaubt mir, an Jahren ich bin alt genug, um eure Gro�mutter zu sein.�</p><p>�Was w�rde das f�r uns bedeuten?�, fragte Gwydion und rieb sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger, eine Geste, die er sich offenbar von seinem Vater abgeschaut hatte.</p><p>Rhapsody richtete sich wieder auf, lie� eine Hand des M�dchens frei und ging mit ihr quer durch den Raum auf den Jungen zu. Dort setzte sie sich auf den Schreibtischsessel, hob die Kleine auf ihren Scho� und streckte die Hand nach Gwydion aus. Der kam und ergriff sie. Rhapsody schien ernstlich �ber seine Fragen nachzudenken.</p><p>�Also, zuerst und vor allem w�rde ich nie ein Enkelkind adoptieren, das ich nicht f�r etwas ganz Besonderes hielte, f�r einzigartig auf der Welt, und das bedeutet: Ich w�rde es ganz besonders gern haben�, sagte sie. </p><p>�Dann w�rde ich jedes Mal, wenn ich meine Gebete spreche, an euch denken, und zwar so sehr, dass es mir vork�me, als w�ret ihr bei mir. Das t�te ich an jedem Abend, wenn die Sterne am Himmel aufleuchten, und morgens, wenn die Sonne aufgeht. Um diese Zeit w�sstet ihr dann, dass ich an euch denke. Die Gebete, die ich singe, sind an den Himmel gerichtet, und vielleicht werdet ihr sie sogar h�ren k�nnen, denn der Himmel w�lbt sich ja �ber uns alle. Sooft ihr euch einsam f�hlt, braucht ihr nur zu warten, bis die Sonne aufgeht oder die Sterne zum Vorschein kommen; dann wisst ihr, dass da jemand ist, der euch lieb hat und an euch denkt, und ihr werdet euch bestimmt sofort ein bisschen besser f�hlen.�</p><p>�Du w�rdest uns wirklich lieb haben?�, fragte Melisande mit feuchten Augen.</p><p>Rhapsody musste an sich halten, um nicht selbst in Tr�nen auszubrechen. �Und ob. Das habe ich schon jetzt.� </p><p>�Wirklich?�, fragte Gwydion ganz erstaunt.</p><p>Sie schaute ihm tief in die Augen und sagte, getreu ihrer Wahrheitspflicht als Benennerin: �Ja, so ist es.� Und dem M�dchen zugewandt, fuhr sie fort: �Wer w�rde euch nicht lieb haben? Ihr k�nnt mir glauben; in solchen Dingen w�rde ich nie die Unwahrheit sagen.�</p><p>Sie sah zu Stephen auf, der sie voller Verwunderung anstarrte, und wich seinem Blick hastig aus. Sich so weit aus ihren Standesschranken herausgewagt zu haben kam ihr nun fast schon unversch�mt vor. </p><p>�Wenn es mir m�glich ist, werde ich euch besuchen oder von Zeit zu Zeit einen Brief schreiben. Aber im Grunde sind wir hier drinnen miteinander verbunden.� Sie zeigte auf ihr Herz und tippte dann den Kindern an die Brust. �Also, wie gef�llt euch das? Wollt ihr meine ersten Enkel sein?�</p><p>Stephen staunte immer noch, was sie zunehmend befangen machte. Sie f�rchtete, sich den Kindern und ihrem Vater gegen�ber anma�end verhalten zu haben.</p><p>�Nat�rlich nur, wenn euer Vater einverstanden ist.�</p><p>�Gewiss�, beeilte sich dieser zu sagen, um dem lautstarken Dr�ngen der Kinder zuvorzukommen. </p><p>�Danke.� Und an Achmed gewandt: �F�r die beiden wird�s jetzt Zeit, zu Bett zu gehen. Ich schlage vor, euch das Museum zu zeigen. Wie w�r�s?�</p></section><section><title><p>29</p></title><p>Das Cymrer-Museum war in einem kleineren Au�engeb�ude untergebracht und aus dem gleichen rosig-braunen Stein gebaut wie Stephen Navarnes Wohnhaus. Aber im Unterschied zu den anderen Geb�uden der Schlossanlage steckten an seiner Fassade keine brennenden Fackeln in den Halteringen, sodass es im Dunkeln kaum auszumachen war.</p><p>Die D�mmerung senkte sich herab und es schneite, als sie das Schloss verlie�en und �ber den Hof hinweg auf das kleine, unscheinbare Geb�ude zugingen.</p><p>Rhapsody hatte sich vorher kurz entschuldigt, um ihre Abendvesper singen zu k�nnen, was alle anderen im Haus unterbrechen lie�, womit sie gerade besch�ftigt waren, um ihr zuzuh�ren. Melisande und Gwydion h�rten und sahen ihr vom Balkon aus zu und applaudierten st�rmisch, als sie zu Ende gesungen hatte, was sie zum Lachen und gleichzeitig in Verlegenheit brachte.</p><p>Stephen schmunzelte. �Ab ins Bett mit euch!�, rief er ihnen zu und kicherte, als die beiden flugs vom Balkon verschwanden. Er bot Rhapsody seinen Arm an und hielt in der anderen Hand eine brennende Fackel, um den Weg zu beleuchten.</p><p>Als sie vor der mit Messing beschlagenen T�r angelangten, zog er einen riesigen Schl�ssel aus der Tasche seines Umhangs und steckte ihn ins Schloss, das zu �ffnen nicht ganz einfach zu sein schien. Offenbar war das Museum in letzter Zeit nur selten aufgesucht worden. Grunthor half, die in den Angeln quietschende T�r aufzustemmen, und sie traten ein.</p><p>Im Licht der einzigen Fackel wirkte das Museum fast wie ein Mausoleum, seine liebevoll arrangierten Exponate wie Grabbeigaben, die eigentlich niemand sehen sollte. Stephens Gesicht schimmerte gespenstisch wei�, als er durch den Raum schritt und mit einem langen Kienspan eine Reihe schmuckvoller, mit Glas umschirmter Wandleuchter anz�ndete.</p><p>�Erstaunlich�, bemerkte Rhapsody. �Wie viel Licht diese Leuchter abgeben!�</p><p>�Sie sind eine Erfindung des Cymrerf�hrers Gwylliam ap Rendlar ap Evander tuatha Gwylliam, bekannt auch als Gwylliam der Vision�r. Er war unter anderem Ingenieur und ein begnadeter T�ftler und hat viele faszinierende Dinge entworfen�, erkl�rte der Herzog. �Die Lampen verdanken ihre Leuchtkraft der besonderen Form des Glases, das wie eine Streulinse wirkt.�</p><p>�Von Gwylliam habe ich schon geh�rt�, sagte Rhapsody, als Achmed und Grunthor durch den Raum schlenderten und sich die Gem�lde und Statuetten anschauten. Grunthor blieb vor einer schmalen Steintreppe stehen und blickte in den engen Mauerausschnitt hinauf, als wollte er absch�tzen, ob er mit seinen breiten Schultern wohl hindurchpasste. �Aber all diese Beinamen sagen mir nichts. War das sein vollst�ndiger Name?� </p><p>�Ja�, antwortete Stephen, der, wie es schien, ein Lieblingsthema ansprach. �Als die Mitglieder der Ersten und Dritten Flotte nach f�nfzigj�hriger Trennung endlich wieder zusammentrafen und sich zu ihrer Einheit bekannten � �brigens auch mit den Landsleuten der Zweiten Flotte �, stellte sich ihnen das Problem der Abstammung beziehungsweise Erbfolge vor allem auch deshalb, weil sich die Cymrer ihre eigene Genealogie zurechtgelegt hatten. Vereinfacht ausgedr�ckt: Sie wussten nicht, wie sie sich nennen und worauf sie sich beziehen sollten � auf die Flotte, mit der sie gekommen waren, auf ihre Sippe oder ihren Volksstamm. Darum entwickelten sie ein einfaches, geeignetes System der Benennung: Auf den pers�nlichen Namen folgen die der beiden unmittelbaren Vorfahren, und am Ende steht der Name des Emigranten der Ersten Generation. Gwylliams Vater war K�nig Rendlar, sein Gro�vater K�nig Evander, und er selbst z�hlte zur Ersten Emigrantengeneration.�</p><p>�Verstehe�, sagte Rhapsody, die pl�tzlich fr�stelte. Stephen hatte gerade eine Teilantwort auf die von Achmed gestellte Frage gegeben, wie viel Zeit zwischen deren Exodus und ihrem Gang durch die Wurzel verstrichen war. Auch ohne dass der Historiker die Anzahl der Jahre beziffert h�tte, schien nun klar zu sein, dass zwischen Trinian, der zum Zeitpunkt ihres Weggangs inthronisiert worden war, und Gwylliam mehrere Generationen von K�nigen das Zepter gef�hrt hatten. Es war also noch weit mehr Zeit vergangen als angenommen.</p><p>Rhapsody drehte sich nach Achmed um und sah, dass er zuh�rte, aber so tat, als interessierte er sich ausschlie�lich f�r das vor ihm aufgeschlagene Buch mit Zeichnungen und Architekturpl�nen aus Gwylliams Feder. </p><p>�Das ist �brigens nur eine Reproduktion�, sagte der Herzog, an Achmed gewandt, der durch die Seiten bl�tterte. �Das Original ist l�ngst zu Staub zerfallen. Jede nachfolgende Generation stellt einen Historiker, der unter anderem die Aufgabe hat, solche Schriften f�r die Nachwelt zu erhalten. Leider geht vom urspr�nglichen Sinn vieles in der �bersetzung verloren, wie ich bef�rchte.�</p><p>�Wie viele Generationen hat es seit der Landung hier gegeben?�, fragte Achmed wie beil�ufig und studierte die Skizze f�r ein Bel�ftungssystem.</p><p>Stephen blies den Staub von einem Stapel Manuskripte, der auf einem der Regale lagerte. </p><p>�Dreiundf�nfzig�, antwortete er und zog eine in Leder gebundene Schrift aus dem Stapel hervor. </p><p>�Hier�, sagte er, an Rhapsody gewandt, �das ist der Text, um den Llauron gebeten hat, eine Grammatik der alt-serennischen Sprache.�</p><p>�Danke�, sagte Rhapsody und fing zu husten an. �Ist das schon alles, ein so d�nnes B�ndchen?� </p><p>�Ja. Sie ist nicht vollst�ndig und unsere Kenntnis der Sprache darum leider nur bruchst�ckhaft.� </p><p>�Aha. Trotzdem, vielen Dank.�</p><p>�Wer sind diese h�sslichen Leute?�, fragte Grunthor und zeigte auf eine Reihe kleiner Statuen. Der Herzog kam lachend auf ihn zu.</p><p>�Das sind die Seherinnen Manwyn, Rhonwyn und Anwyn. Letzte ist �brigens auch in dieser Skulptur hier an der Seite ihres Gatten Gwylliam zu sehen. Ja, die drei sind das Ergebnis einer ungew�hnlichen Verbindung. Ihr Vater war ein Ur-Seren, gro� gewachsen, schlank und von goldfarbener Haut, die Mutter ein kupferner Drache. Ihr solltet erst einmal die Gem�lde sehen! Darauf sind sie noch viel h�sslicher. Manwyns Haare sind feuerrot, die Augen wie Spiegel.� </p><p>�Sind?�, fragte Rhapsody. �Lebt sie denn noch?�</p><p>�Ja, sie ist das Orakel der Stadt Yarim. Dort steht auch ihr Tempel, es sei denn, die Mauern sind inzwischen �ber ihrem Kopf zusammengebrochen.�</p><p>�Wie alt seid Ihr eigentlich?�, fragte Grunthor geradeheraus. �Geh�rt Ihr auch noch zur Ersten Generation?� </p><p>Stephen lachte. �Wohl kaum. Ich bin 56 Jahre alt, habe nach meiner Rechnung also ungef�hr ein Drittel meines Lebens hinter mir, das hei�t, im Vergleich zu denen bin ich noch ein Kleinkind.� </p><p>Seine Miene wurde ernst. ��brigens, ich will gern auf all eure Fragen zu antworten versuchen, aber seid euch bitte dar�ber im Klaren, dass ihr von anderen Cymrern oder deren Nachkommen nichts erfahren w�rdet. Sie sind ein sehr verschlossenes Volk, und es scheint, dass sie sich f�r ihre Herkunft sch�men � was, bedenkt man ihre Geschichte, im Grunde nicht �berraschen kann. Daran �ndern auch die vielen Herz�ge von Roland nichts, die ja alle dieser Linie entstammen. Ja, wir sind ein seltsamer, verwirrter Haufen.� </p><p>�Was ist im Obergeschoss zu sehen?�, fragte Achmed.</p><p>Als h�tte er auf diese Fragen nur gewartet, eilte Stephen mit Elan auf die Treppe zu. �Kommt, ich zeig�s euch.� </p><p>Auf dem oberen dritten Absatz erhob sich das gro�e Standbild eines kupfernen, mit Edelsteinen und Blattgold geschm�ckten Drachen, dessen Oberfl�che offenbar lange nicht poliert und darum angelaufen war. Rhapsody dr�ckte sich vorsichtig daran vorbei, denn die Statue wirkte sehr lebendig mit ihren Angst einfl��enden Z�hnen, den Krallen und Muskeln. Der Haltung nach war er zum Sprung bereit, und die Augen blitzten w�tend.</p><p>�Das ist Elynsynos, jene m�chtige Wyrm-Frau, die vor den Cymrern �ber unsere Gebiete herrschte�, erkl�rte Stephen. �Sie war allem Anschein nach sehr gef�hrlich und hat vom Anbeginn der Zeit alle Menschen erfolgreich von den Grenzen ihres Reiches fern gehalten, bis dann schlie�lich Merithyn der Kundschafter kam.� </p><p>Er f�hrte die drei vor die Stirnwand, an der etliche Portr�tgem�lde hingen, jeweils zu zweit oder zu dritt gruppiert. Eines, das ein wenig abseits hing, war offenbar sehr viel fr�her gemalt worden als die �brigen. Das Portr�t am anderen Ende der Reihe stellte Stephen in j�ngeren Jahren dar. Von den anderen Abbildungen stach vor allem das eines Mannes ins Auge, der eine Mitra auf dem Kopf und ein Amulett an einer Kette um den Hals trug. Ganz �hnlich ausgestattet waren auch die Portr�tierten in der oberen Reihe. </p><p>�Wer sind diese M�nner?�, fragte Rhapsody.</p><p>�In der oberen Reihe sind der Patriarch � das ist der ganz au�en � und die f�nf Seligpreiser zu sehen, die unter ihm dienen. So sah er aus, als er noch ein junger Mann war. Mittlerweile ist er wohl auch in die Jahre gekommen. In der unteren Reihe seht ihr die Herz�ge, die in den L�ndern herrschen, wo auch die Seligpreiser, die ihnen in dieser Aufz�hlung zugeordnet sind, ihren jeweiligen Amtssitz haben. Einzige Ausnahme ist der da.� Er zeigte auf einen Mann mit rotbraunen Haaren, der ein bisschen �lter zu sein schien als er selbst, aber �hnlich blaue Augen hatte. �Das ist Tristan Steward, seines Zeichens nicht nur Hoher Herrscher �ber Roland, sondern auch Prinz von Bethania, der Hauptstadt. Zwar sind alle unsere Staaten praktisch souver�n, doch er f�hrt den Oberbefehl �ber das zentrale Heer, regiert das gr��te Land und hat Gesetz gebende Gewalt. Die meisten Herz�ge sind �brigens miteinander verwandt. Tristan und ich sind Vettern.�</p><p>Rhapsody nickte. �Warum h�ngen die Herz�ge unter den Geistlichen?�</p><p>Stephen lachte. �Scharfsinnig bemerkt. Nun, Kirche und Staat liegen schon von alters her im Konflikt miteinander. Letztlich �berl�sst man es dem Volk zu entscheiden, wie es seine Loyalit�t zwischen dem Allgott und seinem Regenten aufteilt. Aber so frech k�nnen wohl auch nur cymrische Herrscher sein, dass sie eine solche Freiheit der Entscheidung fordern.�</p><p>Rhapsody lachte �ber den piet�tlosen Schalk in der Stimme des Herzogs, der ihr zudem auch noch zuzwinkerte. </p><p>�In meinem Fall ist das nat�rlich nicht so. Der Seligpreiser der hiesigen Provinz ist gleichzeitig Segner von Avonderre. Er ist wahrscheinlich der m�chtigste Mann von Roland, vielleicht sogar des ganzen Kontinents. Allerdings hat er einen Erzrivalen, n�mlich den Segner von Sorbold, der seinerseits das Oberhaupt der Landeskirche ist, also �ber die Provinzgrenzen hinaus Einfluss aus�bt. Die beiden verachten einander voller Leidenschaft. Nur der Allgott wei�, was sein wird, wenn der amtierende Patriarch das Zeitliche segnet. Der Segner von Avonderre-Navarne h�lt sich aus der Politik weitestgehend zur�ck, wof�r ich ihm sehr dankbar bin. Er hat H�heres im Sinn. Schaut euch einmal das hier an: In dieser Vitrine sind Skizzen der einzelnen Basiliken zu sehen. Sie sind die pr�chtigsten �berbleibsel cymrischer Architektur. Noch beeindruckender muss wohl die Gebirgsstadt Canrif gewesen sein, aber die wurde ja zerst�rt, als die Bolg �ber Gwylliams L�nder herfielen. Das soll nat�rlich kein Vorwurf sein, Grunthor.� </p><p>�Ist als solcher auch nich angekommen�, entgegnete der riesige Firbolg, der seine Aufmerksamkeit auf die Drachenskulptur gerichtet hatte. Rhapsody registrierte, dass Stephen Achmed offenbar nicht f�r einen Firbolg hielt � was allerdings auch kaum �berraschen konnte. Es war ihr ja selbst nicht aufgefallen. Sie folgte Stephen zur Vitrine.</p><p>�Hier, ein sch�nes Beispiel f�r cymrische Genialit�t, gepaart mit tiefer Religiosit�t. F�r die alten Cymrer waren die f�nf Elemente der Natur heilig und Quelle aller Kraft und Energie. Jede Basilika, die sie gebaut haben, war der Verehrung eines dieser Elemente gewidmet, von dem nicht zuletzt bei der Einsegnung des Grundst�cks ausgiebig Gebrauch gemacht wurde.�</p><p>Interessiert betrachtete Rhapsody die Tuscheskizzen unter dem Glasdeckel. Sie waren alle von ein und demselben K�nstler gezeichnet worden und zeigten detailgetreue und ma�stabsgerechte Ansichten der einzelnen Basiliken. Die beeindruckendste war mit dem Namen <emphasis>Avonderre</emphasis> gekennzeichnet: ein allem Anschein nach enorm gro�es Bauwerk, gestaltet nach dem Vorbild eines Schiffes, das aus den schroffen Klippen einer Felsk�ste hervorzubrechen schien. Eine zweite Skizze zeigte, dass ein Gro�teil dieser Basilika nur bei Ebbe zu sehen war. Achmed hatte davon berichtet, etwas �hnliches entdeckt zu haben. Offenbar handelte es sich um ein und dasselbe Bauwerk.</p><p>Stephen bemerkte ihr Interesse und schmunzelte.</p><p>�Das ist die Basilika, in der unsere Untertanen Gottesdienst feiern, die Meereskirche des Allgottes und Herrn der Ozeane. In der alten Sprache hei�t dieser Abbat Mythlinis.�</p><p>Rhapsody erwiderte sein L�cheln. Stephens Beherrschung der Sprache lie� zu w�nschen �brig. <emphasis>Abbat Mythlinis</emphasis> bedeutete in Wirklichkeit �Vater der Meeresgeborenen�, womit das Urvolk der Mythlin gemeint war. Sie warf Achmed und Grunthor einen Blick zu und f�rchtete schon, dass sie es sich nicht verkneifen konnten, den Herzog eines Besseren zu belehren. Doch sie betrachteten gerade andere Exponate und lie�en sich nichts anmerken.</p><p>�Diese Basilika wurde zu gro�en Teilen aus dem Holz der Schiffe gebaut, auf denen die Cymrer ihre Heimatinsel verlassen hatten�, fuhr Stephen fort. �Man weihte sie aus nahe liegenden Gr�nden dem Element Wasser, das den Bau mit jeder neuen Flut immer wieder aufs Neue segnet. Geheiligten Boden zu finden war f�r die Cymrer ungemein wichtig. Als Fremde in diesem Land brauchten sie Zufluchtsorte, die ihnen Schutz vor dem Zugriff des B�sen gew�hrten. Darum waren die Basiliken gleich nach den Wehrt�rmen die ersten auf Dauer angelegten Geb�ude, die sie errichteten. Avonderre ist die Provinz, an deren K�ste die Auswanderer der Ersten Flotte an Land gingen. Hier bei uns befindet sich also der �lteste Landungsplatz, wenn man einmal von der Stelle absieht, an der der schiffbr�chige Merithyn angesp�lt wurde.�</p><p>Rhapsody nickte und richtete den Blick wieder auf die Gem�ldegalerie. Es interessierten sie vor allem die Portr�ts der f�nf Seligpreiser. Der Segner von Avonderre war in einem gr�nblauen Gewand aus Seide dargestellt, und der um seinen Hals h�ngende Talisman hatte die Form eines Wassertropfens.</p><p>Dieses Muster wiederholte sich auch auf den anderen Portr�ts: Roben und Talismane entsprachen dem jeweils zugeordneten Element. Der Patriarch hingegen war ganz in Gold gekleidet, und das Amulett an der Halskette stellte einen silbernen Stern dar.</p><p>So war es leicht, auch jene Seligpreiser auszumachen, deren Basiliken dem Feuer beziehungsweise der Erde geweiht waren. Ersterer trug eine flammend rote Amtstracht und eine dazu passende Mitra mit angedeuteten H�rnern. Sein goldener Talisman hatte die Form der Sonne, in der eine Spirale aus roten Edelsteinen funkelte. Der andere trug erdfarbene Kleider und ein Amulett, das aussah wie der Globus, den Llauron ihr gezeigt hatte. Die beiden letzten Seligpreiser aber waren ganz in Wei� gewandet, und nur einer von ihnen hatte eine Kette um den Hals h�ngen, allerdings ohne Amulett.</p><p>�Was hat es mit den anderen Basiliken auf sich? Zum Beispiel mit dieser da?� Rhapsody zeigte auf eine Skizze, die ein Geb�ude aus zwei Perspektiven zeigte, einmal aus der Frontansicht und einmal von oben. </p><p>Diese mit dem Namen Bethania gekennzeichnete Basilika war kreisrund und, wie es schien, aus Marmor gebaut. Sie bestand aus mehreren konzentrisch angelegten S�uleng�ngen, in denen auch die auf die Mitte hin ausgerichtete Bestuhlung der Gl�ubigen untergebracht war. Die Freifl�che ringsum war mit einem flammenden Mosaik ausgelegt, das, von oben betrachtet, wie die Sonnenscheibe erstrahlte. </p><p>�Das ist die Kirche des Allgottes in der Gestalt des himmlischen Feuers, der von den alten Cymrern Vrackna genannt wurde.� </p><p>Rhapsody erbleichte. Urspr�nglich, das hei�t in den Tagen der Vielg�tterei, stand dieser Name f�r den b�sartigen Feuergott, wovon der Herzog aber nichts zu ahnen schien.</p><p>�Sie ist dem Element Feuer geweiht. Genau in der Mitte brennt ein ewiges Licht, das gen�hrt wird vom vulkanischen Feuer aus dem Herzen der Erde. Auf diese Weise ist dieser Ort geheiligt.� </p><p>�Ist das die Basilika des Patriarchen? Denn der hat doch bestimmt seinen Amtssitz in Bethania.� </p><p>�Nein, Bethania ist die politische Hauptstadt von Roland. Das religi�se Zentrum ist der unabh�ngige Stadtstaat Sepulvarta. Dort befindet sich auch die Sternenzitadelle, der Wohn- und Amtssitz des Patriarchen. In der Basilika h�lt er lediglich Andacht, obwohl dort auch die Gemeinde ihren Gottesdienst feiert.� </p><p>�Das verstehe ich nicht. Worin besteht der Unterschied zwischen Andacht halten und Gottesdienst feiern?� </p><p>�Im direkten Gebet. Nach unserer Religion gibt es nur einen, der direkt zu Gott spricht, und das ist der Patriarch.� </p><p>�Warum?� </p><p>�Er ist der Einzige, der einer solch unmittelbaren Beziehung zum Sch�pfer f�r w�rdig befunden wird.� </p><p>Rhapsody kniff die Brauen zusammen, behielt aber f�r sich, was ihr auf den Lippen lag. �An wen sind denn dann die Gebete der anderen gerichtet?�</p><p>�An den Patriarchen. Wir feiern die Riten des Glaubens und wenden uns mit unseren Bitten an den niederen Klerus, genauer gesagt: an die Ordinierten, die dann f�r uns beten. Der Patriarch tr�gt schlie�lich unsere durch den Klerus �bermittelten W�nsche dem Allgott vor. Haben die jeweiligen Bittgesuche erst einmal die Ebene des Patriarchen erreicht, steckt die Kraft aller gl�ubigen Seelen hinter ihnen.� </p><p>�Verstehe�, sagte Rhapsody, obwohl ihrem eigenen Glauben im Grunde nichts fremder sein konnte als dies. Sie richtete ihren Blick auf die Patriarchenbasilika von Sepulvarta. �Interessant.� </p><p>Stephen strahlte �bers ganze Gesicht und erkl�rte voller Stolz: �Das ist die Sternenzitadelle, die ich soeben erw�hnt habe. Die Basilika selbst ist die Kirche des Allgottes in Gestalt des Lichts der Welt. Die alten Cymrer hatten daf�r den Namen Lianta�ar.�</p><p><emphasis>Diesmal ist er n�her dran,</emphasis> dachte Rhapsody. <emphasis>Lianta�ar</emphasis> bedeutete �Tr�ger des Lichts�. </p><p>�Sie liegt jenseits der heiligen Mauern von Sepulvarta, hoch oben auf einem H�gel. Ein wundersch�ner Bau, wie du sehen kannst. Die Rotunde der Basilika ist in den Ausma�en die gr��te ihrer Art und im Innern besonders pr�chtig ausgestattet. In ihr steht der Amtsstuhl des Patriarchen. Den f�r mich sch�nsten Anblick von Sepulvarta bietet allerdings dieses Bauwerk.�</p><p>Er zeigte auf einen gesonderten Teil der Skizze, die Zeichnung eines schlanken, spitz zulaufenden Turms, der, aus der Mitte der Stadt aufsteigend, alles andere �berragte.</p><p>�Das ist die Hohe Warte, ein architektonisches Wunder, wie ich finde und was ich immer ganz unbescheiden anmerke, insbesondere weil es mein Urgro�vater war, der sie entworfen und erbaut hat.� </p><p>Rhapsody lie� einen Laut vernehmen, der kundtun sollte, wie beeindruckt sie war.</p><p>�Die Spitze ist tausend Fu� hoch und schon aus meilenweiter Entfernung zu sehen. Darauf steht ein einziger, gl�hender Stern, das Symbol des Patriarchats. Es hei�t, dass der Patriarch �ber die Hohe Warte direkt mit dem Allgott verbunden ist. Das Licht, das an ihrer Spitze strahlt, kommt von den Sternen, die so in jeder Nacht den Boden weihen, auf dem sie steht.�</p><p>�Und was ist, wenn der Himmel bedeckt ist?�, fragte Achmed quer durch den Raum, so unerwartet, dass Rhapsody vor Schreck zusammenfuhr. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er, w�hrend er ein anderes Schaust�ck musterte, ihrer Unterhaltung gefolgt war.</p><p>�Die Sterne leuchten doch auch, wenn sie f�r uns nicht zu sehen sind�, antwortete Stephen. �Und was auf der Spitze der Hohen Warte erstrahlt, ist gewisserma�en der Teil eines Sterns, n�mlich das Element �ther.� </p><p>�Faszinierend�, sagte Rhapsody. �Und die anderen?�</p><p>�Die Basilika in Bethe Corbair ist dem Wind geweiht; sie ist die Kirche des Allgottes in Gestalt der Luft, und der urspr�ngliche Name lautet �Ryles Cedelian�.�</p><p><emphasis>Lebenshauch,</emphasis> �bersetzte Rhapsody im Stillen und warf einen Blick auf Achmed, der ein St�ck Treibholz unter Glas betrachtete.</p><p>�Das besondere Attribut dieser Basilika ist der zentrale Glockenturm mit seinen insgesamt 876 Glocken, die stellvertretend f�r all die Schiffe sind, die Serendair damals verlassen und die Cymrer in Sicherheit gebracht haben. Die Kirche steht auf einer Anh�he inmitten der Hauptstadt, wo der Westwind durch den hohlen Turm streicht und die Glocken auf wundervolle Weise zum Klingen bringt. Das musst du dir unbedingt anh�ren, Rhapsody, wo du doch selbst eine Himmels�ngerin bist. Als die Basilika eingesegnet wurde, hat man die Glocken 876 Tage lang l�uten lassen, und es ist ihr Klang, der den Boden der Basilika heilig h�lt und �berhaupt ganz Bethe Corbair zugute kommt. In jedem Winkel der Stadt h�rt man den s��en Klang der Glocken.�</p><p>�Einen Besuch dort werde ich mir gewiss nicht entgehen lassen�, sagte sie und l�chelte. �Welcher Seligpreiser ist denn der Segner von Bethe Corbair?�</p><p>Stephen zeigte auf den einen der beiden in Wei� gekleideten M�nner, der eine Silberkette um den Hals trug. </p><p>�Lanacan Orlando. Der andere ist Colin Abernathy, der die neutralen L�nder im S�den zu seiner Di�zese hat. Weil dieses Gebiet � wie auch Sorbold � nicht zu Roland geh�rt, gibt es dort nat�rlich auch keine Basilika.� </p><p>�Und die letzte Basilika?�</p><p>Stephen zeigte auf ein d�steres Geb�ude, das wie aus einem Berg herausgeschlagen zu sein schien. </p><p>�Das ist die einzige nicht-orlandische Basilika, die Kirche des Allgottes in Gestalt der Erde, genannt Terreanfor, was Herr der Erde bedeutet.� Rhapsody nickte, an dieser �bersetzung hatte sie nichts auszusetzen. </p><p>�Die Basilika ist in den Hang des Nachtbergs eingegraben worden. Selbst bei Tag f�llt kein einziger Lichtstrahl auf ihre Mauern, geschweige denn ins Innere. Sorbold liegt in einer Trockenzone; es ist das Reich der Sonne, und deshalb wird der Nachtberg als ganz besondere St�tte verehrt. Obwohl Sorbold eine Di�zese unserer Kirche und dem Glauben an den Allgott verschrieben ist, sind dort noch Reste der alten sorboldischen Religion aus heidnischen Tagen wirksam. Man glaubt, dass Teile der Erdkruste nach wie vor lebendig sind und dass der Nachtberg einer dieser so genannten Orte des Lebendigen Gesteins ist. Immer wieder neu geweiht wird die Basilika nach dieser Vorstellung durch die fortw�hrende Rotation der Erde. Ich bin selbst schon einmal dort gewesen und kann den Leuten von Sorbold nachempfinden: Es ist wirklich ein zutiefst magischer Ort.�</p><p>�Habt herzlichen Dank f�r Eure Erkl�rungen�, sagte Rhapsody. �Ich bin neugierig geworden auf all diese Orte und m�chte sie gern irgendwann einmal mit eigenen Augen sehen.�</p><p>�Was ist das?�, fragte Grunthor. Er stand vor einer kleinen Nische, in der eine Reihe von Votivkerzen aufgestellt waren. </p><p>Rhapsody gesellte sich zu ihm und sah einen Tisch, der wie ein Tempelaltar mit einem schmuckvoll gestickten Tuch bedeckt war.</p><p>Auf dem Tisch lagen ein goldener Siegelring, ein schartiger Dolch und ein Armreif mit Ledergeflecht, das an einer Stelle aufgerissen war. An der Wand dahinter hing ein Messingschild mit eingravierter Inschrift. </p><p>Sie r�ckte n�her, um zu lesen, was auf dem Schild geschrieben stand, doch es hatte sich im Lauf der Zeit allzu viel Staub darauf abgesetzt. �berhaupt hatte Stephens Ausstellung eher den Charakter eines kirchlichen Depositoriums denn den eines historischen Museums.</p><p>Sie langte in ihr B�ndel und zog ein Taschentuch und eine kleine Flasche daraus hervor. �Das ist ein Zitronenextrakt mit Vogelbeere�, sagte sie, an den Herzog gewandt, und hob das Fl�schchen in die H�he. �Damit lie�e sich das Schild putzen. Darf ich?� Stephen zeigte eine ernste Miene und nickte. Rhapsody zog den Korken von der Flasche, ben�sste das Tuch mit der scharf riechenden Fl�ssigkeit und streckte den Arm aus, um das Schild zu s�ubern. Die Schmutzschicht war schnell entfernt und die Gravur darunter klar und deutlich zum Vorschein gebracht.</p><p><emphasis>Gwydion von Monasse,</emphasis> stand auf dem Schild zu lesen.</p><p>Rhapsody wandte sich dem Herzog zu, dessen Gesicht zur Maske erstarrt war. �Was ist das?�, fragte sie. </p><p>Stephen wich ihrem Blick aus. �Das ist alles, was von meinem besten Freund, der vor zwanzig Jahren starb, �brig geblieben ist�, antwortete er.</p></section><section><title><p>30</p></title><p>�Das tut mir sehr Leid�, sagte Rhapsody. �Ist auch er einer dieser unerkl�rlichen Feindseligkeiten zum Opfer gefallen?� </p><p>Stephen f�chelte vorsichtig mit der Hand den Staub von den Gegenst�nden auf dem Tisch, die ihm offenbar lieb und teuer waren. �Man kann sagen, dass Gwydion das erste Opfer �berhaupt war�, antwortete er und r�ckte den Siegelring auf dem Tischtuch zurecht.</p><p>�Seit zwanzig Jahren tot?�, fragte Achmed. �So lange gibt es nun schon diese �berf�lle?� </p><p>Stephen l�chelte und lehnte sich an die Wand neben dem Schrein. �Ich muss euch wohl nicht sagen, dass es immer schon Diebes- und M�rderbanden gegeben hat, die �ber unschuldige Reisende hergefallen sind oder D�rfer gepl�ndert haben�, sagte er. �Aber der Mord an Gwydion steht unter anderen Vorzeichen. Er war ein ungemein starker, kampferprobter Mann und gut ger�stet. Doch die Wunden, die ihm geschlagen wurden, sind nicht zu beschreiben. Wer oder was ihn get�tet hat, muss von unvorstellbarer Kraft und Grausamkeit gewesen sein.�</p><p>�W�r�s ein Tier?�, fragte Grunthor.</p><p>Der Herzog zuckte mit den Achseln und seufzte. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �M�glich, ja; es sah alles danach aus. Ich war derjenige, der ihn fand, und mir war auf dem ersten Blick klar, dass er im Sterben lag. Die Brust war ihm aufgerissen, das Herz entbl��t. Er verblutete.� Rhapsody legte ihm eine Hand auf den Arm, was er mit einem fl�chtigen L�cheln quittierte. Doch dann verd�sterte sich seine Miene wieder. </p><p>�Ich wagte es nicht, ihn zu bewegen, aus Angst, ihm k�nnten die Organe aus der Brust fallen. Also deckte ich ihn mit meinem Mantel zu und suchte eilends seinen Vater auf. Der machte sich sofort auf den Weg zu seinem Sohn und schickte mich los mit dem Auftrag, Khaddyr, den gro�en filidischen Heiler, zu holen. Als ich mit dem Priester zur�ckkehrte, war Gwydion schon zwei Tage tot. Er muss gleich, nachdem ich ihn verlassen hatte, gestorben sein. Ich sollte wohl dankbar daf�r sein, dass ich mich zumindest noch von ihm verabschieden konnte. Im Fall von Lydia war mir das nicht verg�nnt.� Er senkte den Blick und presste die Lippen aufeinander. �Entschuldigt. Man sollte meinen, dass ich inzwischen dar�ber hinweggekommen w�re.�</p><p>Rhapsody strich tr�stend �ber seinen Arm. �F�r Trauer gibt es keine Frist; sie nimmt sich so viel Zeit, wie sie braucht.� </p><p>Der Herzog legte seine Hand auf die ihre und seufzte wieder. �Ja, so ist es wohl. Wie auch immer, ich glaube, der Schock �ber Gwydions Tod hat es mir Jahre sp�ter etwas leichter gemacht, den Verlust von Lydia zu akzeptieren. Gwydion und ich waren Freunde seit unserer Kindheit. Wir lernten uns in Manosse kennen, wo er zu Hause war � seine Mutter stammte von dort. Sp�ter kehrte er mit mir hierher zur�ck, denn ich musste mich nach dem Tod meines Vaters um das Herzogtum k�mmern. Br�der h�tten sich nicht n�her stehen k�nnen, als wir es taten. Er w�re der Patenonkel meines Sohnes geworden, der nun nach ihm benannt ist. Sein Tod war eine Warnung f�r das, was kommen sollte, aber nicht mehr aufzuhalten war.� </p><p>�Doch jetzt scheinen es die Marodeure vor allem auf Kinder abgesehen zu haben. Das sagtet Ihr doch, nicht wahr?�, erinnerte ihn Achmed.</p><p>�Ja, zumindest hier bei uns in Navarne und im Land der Lirin, wenn ich richtig informiert bin. Meine Kundschafter berichten, dass es diese �berf�lle auf ganz breiter Front gibt, nicht zuletzt auch in den Bolgl�ndern, in Sorbold, den neutralen Staaten bis hin zu Hintervold im Norden. Ob sie �berall nach gleichem Muster ablaufen, kann ich nicht sagen.�</p><p>Er trat vor eine der Lampen und drehte den Docht herunter. �Nun, ihr habt alles gesehen. Gehen wir zur�ck ins Haus.� </p><p>W�hrend die M�nner die Lichter l�schten, blieb Rhapsody noch eine Weile vor dem Schrein stehen und strich mit den Fingerspitzen �ber das Altartuch. Vorsichtig nahm sie den Siegelring zur Hand und f�hrte ihn an ihre Wange.</p><p>Das k�hle Metall auf der Haut zu sp�ren tat ihr gut � warum, konnte sie sich selbst nicht erkl�ren. Sie tastete �ber die flach geschmiedete Oberfl�che und musterte das Wappen, auf dem ein Drache abgebildet war, der sich um einen Baumstamm wand, ein Symbol, das man sonst nur selten zu Gesicht bekam, in diesem Museum aber durchaus h�ufig wieder zu finden war.</p><p><emphasis>Erinnerungen sind die ersten Geschichten, die man selbst zu erz�hlen wei�. Sie sind die Kunde deines eigenen Lebens</emphasis>. </p><p>Rhapsody glaubte die Worte im Geiste zu h�ren. <emphasis>Seltsam,</emphasis> dachte sie. Die Dinge, die es hier zu sehen gab, geh�rten nun wahrhaftig nicht zu ihren Erinnerungen. Den Ring hatte sie nie zuvor gesehen, den Namen Gwydion von Manosse nie geh�rt. Wom�glich war Stephens Erinnerung an seinen Freund derma�en lebendig, dass die eigenen Gedanken davon ber�hrt wurden.</p><p>Sie summte einen weichen Ton vor sich hin, der dazu angetan war, die Schwingungen fremder Gegenst�nde und deren Besitzer zu unterscheiden. F�r einen kurzen Augenblick tauchte in ihrer Vorstellung das schemenhafte Bild eines Mannes auf, der in unvorstellbaren Schmerzen verging, ein Bild, das ihr auch schon unterwegs auf der Wurzel erschienen war. Sie lie� den Ring fallen. Stephen und die beiden Firbolg gingen bereits die Treppe hinunter. Grunthor drehte sich nach ihr um. </p><p>�Kommst du, Gr�fin?� </p><p>Rhapsody nickte und eilte dem Riesen entgegen, der mit der Fackel in der Hand auf sie wartete. Im Flammenschein gl�hten die Augen des Drachenstandbilds bedrohlich und unheilvoll. Rhapsody warf noch einmal einen Blick zur�ck auf den Schrein, der jetzt im Dunkeln lag.</p><p>�Ich w�nschte, ich h�tte dir helfen k�nnen�, fl�sterte sie.</p><p>Im Turm des Schlosses gingen die Lichter aus, eins nach dem anderen. Mit ihnen verschwand der rosige Schimmer der Ziegel, �ber die sich nun n�chtlicher Schatten legte.</p><p>Achmed schaute zum Fenster hinaus, bis nur mehr der schwache Abglanz der Fackeln zu sehen war. Die f�r das L�schen der Lichter zust�ndigen Dienstboten hatten ihre Arbeit getan, und jetzt war alles dunkel und still. �ber dem Hof zog Nebel auf. </p><p>Er ging zur T�r, lauschte kurz und �ffnete sie dann ganz vorsichtig, dass nur ja kein Laut zu h�ren w�re. Nachdem er sich davon �berzeugt hatte, dass sich niemand im Flur aufhielt, kehrte er in den Raum zur�ck und setzte sich auf den Stuhl neben Grunthors Bett.</p><p>�Als ich noch Millionen von Herzschl�gen unter der Haut gesp�rt habe, war das alles sehr viel einfacher�, sagte er und schenkte sich von Stephens bestem Weinbrand ein. �Jetzt habe ich immer nur das ungute Gef�hl, dass mir da jemand auflauert.�</p><p>Grunthor �ffnete die Stiefelschnallen und wickelte die Lappen von den F��en, die ihm als Innenschuh dienten. Er blickte auf und meinte mit ernster Miene: �Es ist hier, stimmt�s?�</p><p>Achmed trank einen Schluck und beugte sich nach vorn. �Ich wei� nicht�, antwortete er mit ungewohnt weicher Stimme. �Mir schwant da etwas. Es ist in diesem Teil der Welt, aber ich wei� nicht, ob es wirklich ist, wof�r wir es halten.�</p><p>Polternd fiel ein schwerer Stiefel auf den polierten Fu�boden. �Ich nehme an, du hast das Amulett gesehn?� </p><p>Achmed nickte. �Ja, und es hat eine verbl�ffende �hnlichkeit. Aber Llauron sagte doch, dass Tsoltan von MacQuieth umgebracht worden sei. Jedem anderen w�re zuzutrauen gewesen, dass er die Sache verpfuscht, den Menschen t�tet und den D�mon laufen l�sst. Nicht aber MacQuieth. Das hoffe ich zumindest.� </p><p>�Und was nun?� </p><p>Der Dhrakier r�ckte so nahe an Grunthors Ohr, dass kein Dritter h�tte mith�ren k�nnen, selbst wenn er mit ihnen im Zimmer gewesen w�re.</p><p>�Es �ndert sich nichts. Wir gehen nach Canrif. Da hatten die Cymrer ihr Machtzentrum eingerichtet. Und jetzt sind da die Bolg. Wenn es denn Antworten gibt, werden wir sie dort finden, darauf wette ich. Wie auch immer, der Weg f�hrt �ber Bethania. Da steht die Basilika, die dem Feuer geweiht ist. Vielleicht l�sst sich dort mehr erfahren.�</p><p>Grunthor nickte. �Und die Gr�fin?� Achmed wich seinem Blick aus. Der Sergeant richtete den Oberk�rper auf und packte den Dhrakier bei der Schulter. �Ich schlage vor, wir lassen sie hier zur�ck. Es hat keinen Sinn, sie in diese Sache mit Reinzuziehen.�</p><p>�Bei uns ist sie aber sicherer. Vertrau mir.�</p><p>Der Sergeant gab dem Freund einen Knuff und lie� dann von ihm ab. �Wer sagt das? Meinst du nich, dass sie mit jemandem wie dem Edlen besser dran war? Er scheint sich in sie verguckt zu ham und macht ihr den Hof. Sie mag seine Kinder. Ich w�rd sagen, wir lassen sie hier.�</p><p>Achmeds Augen schienen Funken zu verschie�en wie seine Cwellan ihre t�dlichen Scheiben. </p><p>�Und was, wenn er derjenige ist? Nicht auszudenken, was er ihr antun w�rde. Willst du das verantworten? Glaub mir, wenn dem so w�re, w�rde sie sich unter die Knute des Luftverschwenders zur�cksehnen. Und du k�nntest ihr einen Gefallen erweisen, indem du deine Drohungen wahr machtest und sie lebendig zum Fr�hst�ck verspeisen w�rdest. Das w�re ein gn�digeres Ende f�r sie.� </p><p>Grunthor lie� sich aufs Kopfkissen zur�ckfallen.</p><p>Achmed seufzte und fuhr mit ruhiger Stimme fort: �Mit Bestimmtheit wei� ich nur, dass du�s nicht bist und dass ich es nicht bin. Alles andere ist ungewiss. Rhapsody wird�s wahrscheinlich auch nicht sein, aber ausschlie�en l�sst sich das nicht. Es k�nnte durchaus sein, dass sie damals in Ostend als Lockvogel auf uns angesetzt wurde.�</p><p>�Das ist doch verr�ckt.� </p><p>�Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wom�glich wei� sie ja selbst nichts davon. Sie war lange Zeit bei Llauron. Was wissen wir denn schon?� Seufzend setzte Achmed den geleerten Schwenker ab. </p><p>�Pass auf, so machen wir�s: Wir nehmen sie mit nach Bethania. Dort werden wir uns die Basilika ansehen. Vielleicht finden wir Hinweise, die uns verraten, ob dieser verfluchte Seher Recht hatte oder nicht. Danach werde ich ihr reinen Wein einschenken. Und wenn sie dann zu Stephen zur�ckkehren will, soll sie�s tun. Ist das kein fairer Vorschlag?�</p><p>Grunthor streckte die Beine aus und zog die Bettdecke �ber den Bauch. �Was du so fair nennst...� </p><p>Am darauf folgenden Morgen fr�hst�ckte Rhapsody mit ihren neuen Enkelkindern und ging dann mit ihnen und ihrem Vater im Wald spazieren, w�hrend die beiden Firbolg ihre Sachen und den Reiseproviant zusammenpackten. Sie sang den Kindern Lieder vor, manche auf Lirin und auch solche, die sie von Llauron gelernt hatte, mit Versen, die in Orlandisch, der hiesigen Verkehrssprache, verfasst waren. </p><p>Sie lie� sich auch ganz neue Lieder einfallen, Lieder, die Meslisande und Gwydion auf musikalische Weise beschrieben, und allem Anschein nach erkannten sich die beiden tats�chlich darin wieder. Melisande hatte sie bei der Hand genommen und wich nicht mehr von ihrer Seite; Gwydion lief immer vornweg und versuchte, mit seinen Kenntnissen �ber den Wald und seiner Geschicklichkeit als Bogensch�tze aufzutrumpfen. Der Herzog selbst sagte wenig, er beschr�nkte sich aufs Zuh�ren und schmunzelte vor sich hin. </p><p>In der kurzen Zeit des Miteinanders hatte Rhapsody schon viel �ber den jeweils eigenen Charakter ihren neuen Enkel erfahren. Der Ausdruck der Einsamkeit in Melisandes Augen war verschwunden; stattdessen zeigte sich nun in ihrer Miene die gleiche Lebenslust, die auch ihren Vater kennzeichnete. Sie sang mit Rhapsody, auch wenn sie die Lieder selbst nicht kannte, tanzte und stapfte, vor Vergn�gen kreischend, durch die Pf�tzen auf dem Weg. Es war, als h�tte sie nur auf die Erlaubnis gewartet, wieder fr�hlich sein zu d�rfen.</p><p>Gwydion wirkte zur�ckhaltender, obwohl er sich ansonsten weit zuversichtlicher gab als seine Schwester. In unbeobachteten Momenten legte sich ein melancholischer Schleier �ber sein Gesicht und die Augen zeugten von traurigen Gedanken, was Rhapsody nicht verborgen blieb.</p><p>Als die vier schlie�lich in den Schlosshof zur�ckgekehrt waren, verabschiedete sie sich von den Kindern, denn es war Zeit, dass sie mit ihrem Unterricht begannen. Rhapsody hockte sich auf die Fersen, fuhr mit den Fingern durch Melisandes goldene Locken und sagte: �Ich werde jeden Tag an dich denken. Du wirst mich hoffentlich auch nicht vergessen.�</p><p>�Bestimmt nicht�, antwortete das M�dchen und setzte eine geradezu emp�rte Miene auf. �Kommst du denn auch wieder zur�ck?�</p><p>�Ja�, sagte Rhapsody und dr�ckte ihr einen Kuss auf die Wange. �Das hoffe ich doch sehr.� Das Kind verlangte nach einer Zusicherung, doch sie wollte es nicht bel�gen, zumal nicht auszuschlie�en war, dass ihr wom�glich das gleiche Schicksal wie seiner Mutter widerfahren w�rde. �Ich wei� leider nicht, wann wir uns wieder sehen. Aber das verspreche ich dir: Sobald ich die M�glichkeit dazu finde, werde ich dir schreiben.� </p><p>�Es bleibt dabei, ihr wollt in den Osten reisen?�, fragte Stephen, den Blick aufs Pflaster gesenkt. Sie schirmte mit der Hand das Licht der tief stehenden Wintersonne ab. �Ich glaube, ja. Die Entscheidung dar�ber liegt nicht bei mir.�</p><p>�Nun, wenn ihr euch etwas s�dlicher halten w�rdet, w�re in wenigen Tagen das Haus der Erinnerung erreicht, eine alte cymrische Festung, die auf die Tage der Ersten Flotte zur�ckdatiert. Sie ist mit Abstand das �lteste cymrische Baudenkmal und hat eine sehr umfangreiche Bibliothek zu bieten. Als Halb-Lirin w�rde dich bestimmt auch der Baum dort interessieren. Es ist ein Ableger der m�chtigen Sagia, der von der Ersten Flotte mitgebracht und im Hof der Festung gepflanzt wurde. Es ist eine wirklich beeindruckende historische Anlage. Umso mehr sch�me ich mich, zugeben zu m�ssen, dass ich in letzter Zeit nur wenig f�r ihre Erhaltung getan habe. Der Bau der Verteidigungsanlagen hat Vorrang, denn der Schutz vor den drohenden Gefahren der Zukunft ist leider wichtiger als das Bewahren der Vergangenheit.�</p><p>�So ist es.� Sie gab Melisande noch einen Kuss und wandte sich dann dem Jungen zu. �Auf Wiedersehen, Gwydion. Du wirst mir fehlen. Wenn ich irgendwo sch�ne Pfeile oder Schnitzwerkzeuge sehe, werde ich sie dir zukommen lassen.�</p><p>�Danke�, sagte der Junge. �Wenn wir uns das n�chste Mal sehen, bin ich bestimmt gr��er als du.� </p><p>�Daran zweifle ich nicht�, lachte sie.</p><p>�Im n�chsten Jahr werde ich dreizehn. Dann bist du hoffentlich wieder bei uns�, sagte Gwydion. Rhapsody stand auf und breitete die Arme auseinander. Der Junge dr�ckte sich an sie, trat aber schon bald wieder einen Schritt zur�ck und nahm seine Schwester bei der Hand. </p><p>�Komm, Mellie�, sagte er. Das kleine M�dchen winkte ein letztes Mal und eilte dann mit dem Bruder ins Haus. </p><p>Stephen schaute den Kindern hinterher. Als er sie in Sicherheit unter der Obhut von Rosella w�hnen konnte, wandte er sich wieder Rhapsody zu.</p><p>�Du bist jederzeit bei uns willkommen. Die Kinder w�ren gl�cklich, wenn du demn�chst etwas l�nger bleiben k�nntest.� Die Knie wurden ihm weich, als er Rhapsody l�cheln sah.</p><p>�Ihr seid sehr freundlich. Ich w�nschte, das lie�e sich so einrichten. Tats�chlich w�rde ich lieber hier bleiben als weggehen.� </p><p>�Dann bleib doch�, sagte er spontan und so �berhastet, dass er dar�ber in Verlegenheit geriet und erneut den Blick zu Boden senkte. �Verzeih.�</p><p>Rhapsody legte ihm die Hand auf den Arm, was seinen Herzschlag auf alarmierende Weise beschleunigte und ihm die R�te ins Gesicht trieb. �Was w�re an einer solchen Einladung zu verzeihen?� Sie seufzte, und es war, als seufzte der Wind mit ihr. �Ich will ehrlich sein, Eure Hoheit: Es wird mir wohl in n�chster Zeit, ob hier oder woanders, �berhaupt schwer fallen, mich zurechtzufinden. Aber vielleicht habe ich mich ja wieder gefunden, wenn ich dann irgendwann zur�ckkomme.� </p><p>�Hoffen wir�s. Und vergiss nicht: Du hast hier immer ein Zuhause. Schlie�lich geh�rst du zur Familie, Omama�, sagte er und lachte.</p><p>Der Herzog nahm ihre Hand, f�hrte sie an seine Lippen und hakte sie dann unter, als er mit ihr auf die beiden Firbolg zuging, die auf sie warteten.</p><p>�Du musst wiederkommen�, fl�sterte er, �und sei es nur, um mir nachtr�glich zu erz�hlen, wie du an diese beiden da geraten bist.�</p></section><section><title><p>31</p></title><p>Aus ihren Gespr�chen mit Stephen Navarne hatten die drei schlussfolgern k�nnen, dass sie fast auf den Tag genau zu Winteranfang der Wurzel entstiegen waren.</p><p>Im westlichen Roland setzten zu diesem Zeitpunkt in aller Regelm��igkeit heftige Schneef�lle ein. Im Verlauf der ersten beiden Monate herrschte dann zumeist ein sehr unbest�ndiges Wetter bei durchweg milderen Temperaturen; mal taute, mal st�rmte es. Anschlie�end kehrte der Winter in aller H�rte zur�ck und dauerte �ber die zweite H�lfte unvermindert an. Ihren Berechnungen nach n�hrten sie sich dem Ende der Tauperiode. Bald w�rde sich wieder der Winter durchsetzen.</p><p>Doch noch war davon nichts zu sp�ren, als sie von Haguefort aufbrachen und den von Stephen beschriebenen Weg einschlugen, der zum Haus der Erinnerung f�hrte. Der Tag war k�hl und klar. Die helle Sonne brannte ihnen in den Augen, und von den �sten der B�ume tropfte nasser Schnee. Den Firbolg stand anfangs nicht der Sinn danach, das Haus aufzusuchen. Als sie aber h�rten, dass es der erste milit�rische Vorposten der Einwanderer der Ersten Flotte war, �nderten sie ihre Meinung. Achmed hoffte, anhand der Architektur und Ausstattung des Forts Aufschluss dar�ber gewinnen zu k�nnen, welche Verh�ltnisse die Cymrer zum Zeitpunkt ihrer Landung angetroffen hatten.</p><p>�Was haben wir davon?�, fragte Rhapsody verdrie�lich. Sie hatte die Trennung von den Kindern noch nicht verwundern. </p><p>�Vielleicht erfahren wir dort, was ihnen, wenn �berhaupt, im Kielwasser gefolgt ist�, antwortete Achmed. </p><p>Die S�ngerin blieb pl�tzlich stehen und hielt ihn am Ellbogen zur�ck. �Was soll das hei�en? Du glaubst, dass ihnen jemand gefolgt ist?�</p><p>Achmed schaute ihr ins Gesicht. Seine Miene war unger�hrt. �Nach der Geschichte �ber Stephens toten Freund halte ich das f�r durchaus m�glich.�</p><p>Rhapsody sah sich um. Der stille Wald, der bislang so friedlich auf sie gewirkt hatte, machte ihr pl�tzlich Angst. Sie schaute zur�ck auf die Gef�hrten, die sie mit fragenden Blicken bedachten. </p><p>�Was ist los, Gr�fin? Stimmt was nich?�</p><p>Sie holte tief Luft. �Kann es sein, dass Stephens Freund gar nicht tot ist?�</p><p>Die beiden Firbolg zwinkerten mit den Augen. �M�glich ist alles, aber das w�re dann doch sehr unwahrscheinlich�, entgegnete Achmed. �Wie kommst du darauf? Habe ich irgendeinen Hinweis �berh�rt?� </p><p>�Nein�, antwortete sie. �Ich habe da nur so ein unbestimmtes Gef�hl: Mir ist, als w�re ein Teil von ihm noch am Leben. Ich kann�s mir selbst nicht erkl�ren.�</p><p>�Deine Gef�hle in allen Ehren; du hast ja auch schon gewisse hellseherische F�higkeiten unter Beweis gestellt. Aber ich gehe davon aus, dass Stephen und auch Khaddyr erfahren genug sind, um den Tod eines Mannes mit Bestimmtheit feststellen zu k�nnen.�</p><p>�Zugegeben�, sagte sie und setzte sich wieder in Bewegung. Manchmal kam es ihr vor, als w�re sie ein ganzes Leben lang ununterbrochen auf Reisen, von einer Etappe zur n�chsten. In gewisser Weise war dieses neue Land, dieser tiefe, stille Wald, nichts anderes als die Wurzel in ver�nderter Gestalt. Die Sterne am Himmel schienen in greifbarer N�he zu sein. Freudig langte sie mit den H�nden danach aus. </p><p>Der hellste Stern zitterte, als fr�stelte ihm vor K�lte. Pl�tzlich fiel ein Stern nach dem anderen auf die Erde hernieder, nicht etwa rasend schnell, sondern langsam, als schwebten sie wie kleine Schneeflocken in der milden Luft.</p><p><emphasis>Fang sie auf! Halt sie fest</emphasis>.</p><p>Der Wind strich fl�sternd �ber ihre ge�ffneten H�nde, und prickelnd wie Funken landeten die winzigen Sterne auf ihrer Haut. Sie schloss die Finger dar�ber.</p><p><emphasis>Ich hab sie. Ich hob siel</emphasis></p><p>Strahlender Glanz pulsierte zwischen den Fingern. Die Haut gl�hte, und Rhapsody f�hlte sich von einem tiefen Gl�cksgef�hl durchdrungen.</p><p>Doch mit einem Male verlosch das Licht. Sie �ffnete die schmerzenden H�nde, in deren Haut sich kleine schwarze L�cher hineingebrannt hatten.</p><p><emphasis>Nein, g�tiger Himmel, nein!</emphasis></p><p>Ein Lichtschimmer unter ihr. Bewegte Wasseroberfl�che. Aus einem kreisrunden, dunklen Spalt funkelten ihr die Sterne entgegen. Das Zischen ausbrennender Glut im Wasserlauf. Dann wieder Dunkelheit. </p><p>Schluchzend wachte Rhapsody mitten in der Nacht auf, geweckt von einem alten Traum aus trauriger Zeit. Sie hatte ihn fast schon vergessen. <emphasis>Warum ausgerechnet jetzt?,</emphasis> dachte sie benommen, w�lzte sich auf den Bauch und vergrub ihr Gesicht in der Decke.</p><p>Einen Augenblick sp�ter sp�rte sie eine klobige Hand �ber ihr Haar streichen, erstaunlich sanft, so gro�, wie sie war. </p><p>�Euer Liebden? Bist du wach?�</p><p>Sie nickte, ohne den Kopf zu heben, und hoffte, Grunthor w�rde sich beruhigt wieder hinlegen und weiterschlafen wollen. </p><p>�Ich hab hier was f�r dich. Sieh mal.�</p><p>Rhapsody lie� ein m�des Seufzen verlauten, hob das tr�nennasse Gesicht und blickte auf. So gew�hnungsbed�rftig es auch gewesen war, jetzt wirkte sein Grinsen unwiderstehlich und ansteckend auf sie. Sie l�chelte matt.</p><p>�Tut mir Leid, Grunthor.� </p><p>Er schnaubte. �Dir muss doch nichts Leid tun. Gib mir deine Hand. Komm, ich helf dir auf.� </p><p>Widerwillig lie� sie es geschehen, dass Grunthor sie zum Sitzen hochhievte, wollte sie doch viel lieber in Ruhe gelassen werden. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und strich sie aus dem Gesicht, als der Riese ihr etwas in den Scho� legte.</p><p>Es war ein harter, eigent�mlich geformter Gegenstand mit einer Oberfl�che so glatt wie Seide. Sie nahm ihn zur Hand und sah, dass es sich um eine Muschelschale handelte.</p><p>�Es hei�t, dass so was singen kann, aber ich h�r nichts. F�r mich ist das Ding einfach nur hohl. Vielleicht kannst du was damit anfangen. Halt�s mal ans Ohr.�</p><p>�Woher hast du das?�, fragte Rhapsody und musterte die Schale mit staunenden Blicken.</p><p>Der riesige Bolg lehnte sich zur�ck. �Aus dem Meer. Es hat im Sand gesteckt, zwischen den Schiffswracks, von denen wir dir erz�hlt ham. Ich dachte, das Ding k�nnte dir gefallen und gut tun, wenn du wieder mal schlecht tr�umst.�</p><p>Wieder traten ihr Tr�nen in die Augen. �Du bist der beste Bolg, den�s je gegeben hat.� </p><p><emphasis>Du bist das wundervollste M�dchen auf der ganzen Welt</emphasis>.</p><p>�Keine Frage�, antwortete Grunthor mit gespielter Selbstgef�lligkeit. Rhapsody lachte und zwinkerte die Tr�nen aus den Augen. �Leg dich wieder hin und halt die Muschel an�s Ohr. Vielleicht singt sie dich in den Schlaf.� </p><p>�Vielen Dank. Das will ich tun. Gute Nacht.�</p><p>�Gute Nacht. Ich w�rde dir ja gern angenehme Tr�ume w�nschen, aber...�</p><p>Lachend legte sich Rhapsody auf die Decke zur�ck und lauschte dem Rauschen aus der Muschel. Bald tr�umte sie von der Meeresbrandung und schreienden M�wen, und in der Ferne tauchten die Umrisse eines lang gezogenen, dunklen Spalts auf, darin die Pupille eines einzelnen Schlangenauges. Nach drei Tagen trafen sie auf eine Reihe von Hinweisen, die Stephen ihnen in seiner Wegbeschreibung geschildert hatte und die best�tigten, dass sie sich immer noch auf dem richtigen Weg befanden. Die Landschaft hatte einen etwas anderen Charakter angenommen und schien noch weniger bev�lkert oder bereist zu sein als die Gebiete, durch die sie gekommen waren.</p><p>Der alte Wald machte jungen B�umen Platz. Pappeln, Fichten und Birken verdr�ngten die knorrigen Eichen, Eschen und Ahornb�ume. Die Schneeflecken und die silbrig helle Rinde der Birken gaben der Szene einen unheimlichen Anstrich. </p><p>Der �ber Nacht gefrierende Schnee bildete eine gl�nzende Eiskruste aus, die unter den Schritten von Rhapsody und Grunthor knirschend zerbarst. Achmed dagegen verstand es auch hier, sich v�llig lautlos zu bewegen. Je weiter sie auf ihrem Weg voranschritten, desto k�lter wurde es. Das Tauwetter hatte die Landschaft, die sie jetzt durchwanderten, allem Anschein nach noch nicht erreicht. Rhapsody pfiff ein Lied im Rhythmus ihrer Schritte vor sich hin. Auf den Schwingen eines frischen Windes war die Morgend�mmerung aufgezogen, und sie half mit ihrer Melodie nach, das Dunkel am bew�lkten Himmel zu vertreiben.</p><p>Der Kontrast zwischen der wei�en Schneedecke und den dunklen B�umen war von unheimlicher Sch�nheit, die etwas zu verbergen schien. Rhapsody bereute es, die beiden Freunde nach Gwydion gefragt zu haben. Deren �bertriebene Vorsicht �berschattete den ansonsten friedlichen und angenehmen Marsch. </p><p>Dann und wann kam es vor, dass Grunthor den Schritt verlangsamte, sich nach allen Seiten hin umschaute und die Ohren spitzte, als h�tte er in der Ferne ein Ger�usch vernommen. Mit Blick auf Achmed, der ebenfalls angestrengt lauschte, zuckte er dann mit den Schultern und fiel seufzend in das alte Marschtempo zur�ck. Sooft er auf diese Weise innehielt, h�rte Rhapsody zu pfeifen auf, und wenn sie das Lied dann fortsetzte, wurde es von Mal zu Mal d�sterer im Ton und langsamer im Tempo. Pl�tzlich blieb Grunthor wie angewurzelt stehen und sp�hte geradeaus.</p><p>�Da stimmt was nich.� </p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Rhapsody. Schon hatte Achmed seine Cwellan angelegt.</p><p>Der Riese schaute blinzelnd zur Sonne empor. �Das wei� ich auch nich, aber irgendwas is nicht in Ordnung. Das hab ich im Gef�hl, und der Verdacht wird st�rker, je weiter wir vorr�cken.� Er nickte nach vorn. Die beiden anderen folgten seinem Blick.</p><p>�Was h�rst du? Menschen? Tiere?� Achmed warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck.</p><p>�Wenn ich das w�sste�, antwortete Grunthor. �Es ist, als war dem Boden unter unseren F��en schlecht geworden.� </p><p>Rhapsody hob den Arm und fuhr dem Riesen mit der Hand �ber die Stirn. Die war hei� und schwei�nass. �Dem Waldboden fehlt nichts. Du bist es, der krank ist.�</p><p>�Das eine schlie�t das andere nicht aus�, sagte Achmed und fuhr auf dem Absatz herum. Er lauschte in die Stille des Waldes. �Grunthor steht in Verbindung mit der Erde. Erinnerst du dich nicht? Und wenn da etwas ist, das dem Boden nicht bekommt, wird es ihm als Erstem auffallen. Halt deine Stahlfackel in Bereitschaft.�</p><p>Rhapsody nickte und griff nach dem Schwert, lie� es aber noch in der Scheide stecken. Grunthor hob das Stangenbeil, das er in der Hand hielt.</p><p>Achmed machte die Augen zu und konzentrierte sich, richtete seine Gedanken auf den Weg so wie einst auf seine lebendigen Ziele. Und tats�chlich tauchte vor seinem inneren Auge ein Bild auf: Er sah sich selbst und seine beiden Gef�hrten aus luftiger H�he.</p><p>Der Pfad, auf dem sie standen, verlor sich im schattigen Dickicht des Waldes. Wie schon damals auf der Wurzel rief er die im Bauch der Erde erworbenen K�nste auf, und sein hellsichtiger Blick raste so schnell dahin wie ein Geschoss seiner Cwellan. Unter ihm verwischten die B�ume zu einem gestreiften Dunkelgr�n. </p><p>In Schwindel erregendem Tempo folgte sein zweites Gesicht jeder Biegung des Weges, tauchte unter umgest�rzten B�umen hinweg. Pl�tzlich geriet eine Lichtung ins Blickfeld, an deren Rand eine Festung mit Turm zu erkennen war. Zu beiden Seiten der Pforte stand ein schwer bewaffneter und gut ger�steter Wachposten. Das Bild, das sich seinem zweiten Gesicht auf diese Weise bot, nahm pl�tzlich eine rote T�nung an, und die Wachen l�sten sich in Schatten auf.</p><p>Achmed sp�rte sein Herz schneller schlagen, um mit einem anderen Schritt zu halten; er h�rte das eigene Blut in den Ohren rauschen und dazu den Rhythmus eines fremden Pulsschlags.</p><p>Er kannte dieses Gef�hl seit seiner Kindheit, und er hatte schon Gebrauch davon gemacht, lange bevor ihm sein Name genommen worden war. Die Blutsverwandtschaft, die er auf der Wurzel beim Gang durch das Feuer verloren hatte, hatte sich erneuert. Sie war zwar nicht dieselbe, aber doch ganz �hnlich. Als das Bild vor seinem inneren Auge in dunklem Rot ertrank, das seine Sinne �berflutete, stieg eine Angst in ihm auf, die so schrecklich war, dass sich ihm der Magen verknotete. Grunthor hatte Recht. Was sich dort hinter der Pforte verbarg, war b�se, verteufelt. Es kostete ihn enorm viel Anstrengung, den vision�ren Blick zu l�sen und wieder zu Sinnen zu kommen. Ganz pl�tzlich verlor er das Gleichgewicht, stolperte und sp�rte, wie ihm die Galle hochstieg. Er knickte in den Knien ein und �bergab sich.</p><p>. Sofort war Rhapsody zur Stelle und hielt ihn bei den Schultern gepackt. Entsetzt musste sie mit ansehen, wie er einen Schwall Blut in den Schnee erbrach. Achmed w�rgte und keuchte und versuchte, die Vision restlos von sich abzusch�tteln. Schlie�lich blickte er auf das besorgte Gesicht der S�ngerin. </p><p>�Geht�s wieder?� </p><p>�Ich werd�s �berleben�, sagte er und schluckte.</p><p>�Was ist passiert? Was hast du gesehen?�</p><p>�Nun, die Richtung stimmt; wir sind dem Haus schon ziemlich nahe gekommen. Und Grunthor hat offenbar Recht: An diesem Haus ist irgendetwas schrecklich faul.� Achmed ergriff Grunthors ausgestreckte Hand und zog sich hoch. Dann beugte er den Rumpf, atmete tief durch und richtete sich schlie�lich langsam auf. �Auf dem Weg selbst lauert keine Gefahr. Aber als ich das Haus sah, hat sich mein Blick blutrot eingetr�bt. Und ich sp�rte diesen Pulsschlag, genau so, wie es fr�her auf der Insel der Fall war.� </p><p>�Hast du nicht gesagt, dass deine Verbindung zum Blut verloren gegangen ist?�, fragte Rhapsody. </p><p>�Ja, und so war es auch. Im �brigen ist es diesmal nicht dasselbe gewesen.�</p><p>�Vielleicht hast du hier in der neuen Welt �n andern Blutskontakt und Durchblick�, meinte Grunthor. </p><p>�In der neuen Welt d�rfte ich eigentlich �berhaupt nichts durch das Blut wahrnehmen. Hast du je erlebt, dass ich mich �bergeben musste?�</p><p>Der Sergeant sch�ttelte den Kopf. Ein eisiger Windsto� warf den dreien einen Schwung pulverfeiner Schneekristalle entgegen. Die beiden Freunde zittern und kr�nkeln zu sehen machte Rhapsody Angst. Sie holte ein paarmal tief Luft in der Hoffnung, das heftig pochende Herz zu beruhigen. Im Grunde aber wusste sie, dass an dem alten Haus kein Weg vorbeif�hrte.</p><p>�Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir uns ein St�ck weiter vorgewagt haben�, sagte sie. Grunthor wischte sich den Schwei� von der Stirn. �Warum sollten wir? Ich will nich kneifen, bin aber auch nich gerade versessen drauf, in Schwierigkeiten zu geraten.�</p><p>�Sie hat Recht�, sagte Achmed und fuhr sich mit zittriger Hand durch das wirre Haar.</p><p>�H�r ich richtig?�, staunte Rhapsody. �Du gibst mir Recht?�</p><p>�Lass es dir nicht zu Kopf steigen�, entgegnete Achmed. �Wir m�ssen herauszufinden versuchen, warum mir meine alte Gabe wieder zugefallen ist und was auch dir, Grunthor, so aufs Gem�t schl�gt. Hoffen wir, dass kein altes Problem dahinter steckt, das uns hier in der neuen Welt noch nachh�ngt. Wie dem auch sei, wenn wir sicher sein wollen, bleibt uns nichts anderes �brig, als Nachforschungen anzustellen.� </p><p>Rhapsody st�berte in ihrem Gep�ck. �Ich habe ein paar Wintergr�nbl�tter. Die helfen bei Magenbeschwerden. Und wenn ihr euch noch ein bisschen gedulden k�nnt, habe ich gleich zwei feuchte T�cher parat, mit denen ihr euch dann die Stirn abwischen k�nnt.� Sie breitete zwei kleine, quadratische Taschent�cher vor sich aus, dr�ckte sie mit den H�nden in den Schnee und konzentrierte sich auf ihr inneres Feuer. Wenige Augenblicke sp�ter waren die T�cher von Schmelzwasser durchfeuchtet. </p><p>Obwohl er merklich unter Schmerzen litt, rang sich Achmed ein L�cheln ab. �Wie ich sehe, verstehst du dich auf deine K�nste immer besser�, meinte er. �Ehrlich gesagt habe ich daran auch nie gezweifelt.� </p><p>Rhapsody beantwortete sein L�cheln und reichte ihm ein Blatt Wintergr�n. �Lutsch daran, dann geht�s dir bald schon besser. Aber lass es dir nicht zu Kopf steigen.� </p><p>�Also los, gehn wir weiter�, dr�ngte Grunthor und wischte sich mit dem Tuch Stirn und Wangen ab. </p><p>�Am Tor stehen zwei Wachen, um die wir uns k�mmern m�ssen�, f�gte Achmed hinzu.</p><p>�Augenblick, was soll das hei�en?�, fragte Rhapsody nerv�s. Grunthor und Achmed musterten sie mit verwunderten Blicken. �Und wenn sie nichts Schlimmes auf dem Kerbholz haben?� Immer noch starrten die beiden sie an. �Wir k�nnen doch nicht einfach unschuldige M�nner t�ten, nur weil sie uns im Weg stehen.� </p><p>�Tja, meine Liebe, das hat uns eigentlich noch nie ...�, hob Grunthor an, brach aber, durch einen fl�chtigen Blick von Achmed zurechtgewiesen, mitten im Satz ab.</p><p>�H�r zu�, sagte Achmed ungeduldig, �der Herzog hat dir allem Anschein nach gut gefallen. Von zwei bewaffneten M�nnern, die vor dem Haus Wache stehen, hat er nichts gesagt, oder?�</p><p>�Nein.� Die Hand, die das Heft des Schwertes umklammert hielt, fing an zu zittern.</p><p>�Und was verr�t uns das?� </p><p>�Nichts�, beeilte sie sich zu antworten. �Es k�nnte doch sein, dass die beiden Wachen in den Diensten irgendeiner Herrschaft stehen, die dort nur zu Besuch ist, so wie wir. Willst du etwa, dass man wieder Jagd auf uns macht?� </p><p>Achmed knurrte ver�rgert. �Was schl�gst du also vor, du kluges M�dchen?�</p><p>�Wir k�nnen mit ihnen reden.�</p><p>Grunthor �ffnete den Mund, um Widerspruch zu erheben, doch Achmed wiegelte ab.</p><p>Er musterte sie und schaute ihr dann in die Augen, die so gr�n wie das Laub der immergr�nen B�ume waren und so leuchtend hell wie Eiskristalle. Der rosenrote Mund zeigte sich entschlossen, doch verrieten die Falten auf der Stirn ernste Besorgnis. Um diesen Ausdruck bereichert, wirkte ihr ohnehin bezaubernd sch�nes Gesicht geradezu faszinierend.</p><p>�W�rst du bereit, das Reden zu �bernehmen?�, fragte er schlie�lich. �Wenn wir, Grunthor und ich, an T�ren klopfen, ist uns meist kein freundlicher Empfang beschieden.� </p><p>�Ja, das will ich gern tun.�</p><p>Der Dhrakier richtete seinen Blick zur�ck auf Grunthor. Der war merklich ungehalten, sagte aber nichts. </p><p>�Na sch�n, versuchen wir�s auf deine Art�, murmelte Achmed. �Wir werden uns so lange versteckt halten und dir den R�cken decken.�</p><p>�So machen wir�s�, sagte sie.</p></section><section><title><p>32</p></title><p>Der graue Tag musste tr�bem Zwielicht weichen. Noch bevor es dunkel wurde, hatte sich eine t�dliche Stille �ber den Wald gelegt. Kein Wintervogel war zu h�ren, und nirgends raschelte ein Tier im Laub. Es r�hrte sich kein L�ftchen. Nur ab und an knarrte oder brach ein Ast unter der Last des Schnees. Sie gelangten schlie�lich an eine Lichtung, die von dichtem, dornigem Geb�sch ums�umt war. Rhapsody registrierte beil�ufig, dass es sich um Brombeerstr�ucher handelte, die aber, verk�mmert wie sie waren, wahrscheinlich nie mehr Fr�chte tragen w�rden. Hinter dem Dickicht erkannte sie die vagen Umrisse eines Hauses.</p><p>Langsam und vorsichtig gingen sie noch ein St�ck weiter und dr�ckten sich am Rand des Wegs entlang, bis sie eine Stelle erreichten, die ihnen einen besseren Ausblick auf die Lichtung und das Haus erlaubte. Kein Zweifel, es war das Haus, wonach sie suchten. Seitlich erhob sich ein aus Bruchsteinen gemauerter Turm, der einen quadratischen, ummauerten Hof �berblickte. An den vier Ecken dieses Hofes waren bewaffnete Wachen postiert.</p><p>In der Mitte des Hofes stand ein kahler Baum, der auf Rhapsody aus der Entfernung einen abgestorbenen Eindruck machte. Seit ihrer Lehrzeit bei Llauron war sie sehr wohl in der Lage, den Gesundheitszustand von B�umen einzusch�tzen. Und dieser Baum schien ihr unrettbar verloren zu sein. </p><p>Die Mauern rings um den Hof waren einmal wei� get�ncht gewesen, doch mit der Zeit hatten sich Moose und Flechten darauf breit gemacht. Das Dach des Hauses war mit Schiefer gedeckt, und eine gro�e Eingangst�r stand einen Spaltbreit offen, als erwartete man Besuch. Achmed und Grunthor trennten sich, um im Schutz des Dickichts um das Haus zu schleichen, der eine links, der andere rechts herum. Rhapsody war immer wieder aufs Neue erstaunt dar�ber, wie lautlos sich die beiden im Unterholz zu bewegen verstanden. �berdies waren sie kaum zu erkennen, was vor allem bei Grunthor und seinen gewaltigen Ausma�en �berraschte. Sie sah sich um und hoffte inst�ndig, dass die beiden unentdeckt blieben. Sie richtete ihren Blick zur�ck auf das Haus. Zu beiden Seiten des Tores stand ein Mann in einem Harnisch aus Leder und Ketten, mit einem langen Speer bewaffnet. Obwohl es inzwischen recht dunkel geworden war, brannte hinter den Fenstern des Hauses keine einzige Kerze. Zu h�ren war nichts als ein leises, unregelm��iges Klicken, das von einer Birke herr�hrte, die mit ihren langen Zweigen an die Mauern und das Dach des Hauses schlug. Einmal glaubte Rhapsody auch, ein unterdr�cktes Schluchzen zu h�ren, das sie nach kurzem Innehalten aber dem Wind zuschrieb. </p><p>�Bist du so weit? Sieh zu, dass wir dich immer im Auge behalten k�nnen�, riet Achmed, und es war, als fl�sterte er ihr ins Ohr, obwohl er etliche Schritte entfernt stand. Offenbar war er von einer kurzen Erkundungstour zur�ckgekehrt. Sie nickte ihm zu, worauf er wieder im Dunkeln verschwand. Rhapsody fasste sich ein Herz, trat hinter dem Dickicht hervor und n�herte sich dem Haus. Kaum hatten sie die Frau erblickt, senkten die Wachen ihre Speere. Rhapsody wurde vor Angst und Nervosit�t ganz schwindlig. Sie l�chelte, obwohl ihr ganz und gar nicht danach zu Mute war, zumal sie den Gestank faulenden Fleisches wahrzunehmen meinte.</p><p>�Hallo�, gr��te sie freundlich. Die Wachen waren offenbar sehr angetan. Einem der beiden M�nner klappte bei ihrem Anblick der Unterkiefer herunter, und fast w�re ihm der Speer aus der Hand gefallen. �Bin ich hier richtig, am Haus der Erinnerung?�</p><p>Der eine Posten nickte stumm. Rhapsody bemerkte, dass der andere sehr viel beherrschter und weniger leicht aus der Fassung zu bringen war, was sie beklommen machte. </p><p>�Das war ja dann leicht zu finden�, sagte sie mit einem strahlenden L�cheln. Jetzt fingen auch die H�nde des zweiten Wachpostens zu zittern an. <emphasis>Nach dem Gang durch das gro�e Feuer sehe ich anscheinend zum F�rchten aus,</emphasis> dachte sie. Von ihrer eher schm�chtigen Statur waren die beiden Kerle gewiss nicht eingesch�chtert.</p><p>�Ich bin mit Freunden hier verabredetet. Habt ihr sie gesehen?� Rhapsody w�hlte die Worte mit Bedacht und versuchte mit ihrer Frage herauszufinden, ob Grunthor oder Achmed auf ihren Schleichwegen um das Haus wom�glich entdeckt worden waren.</p><p>�Willst... willst du meine Frau werden?�, fragte der erste Posten.</p><p>Rhapsody stutzte, fing aber dann zu lachen an. Sie stellte sich vor, wie wohl Grunthor auf diese Frage reagiert h�tte, w�re er zur Stelle gewesen.</p><p>Vertraulich beugte sie sich ihm zu und sagte: �Ich f�rchte, meinem Freund w�rden solche Antr�ge, auch wenn sie nur scherzhaft gemeint sind, �berhaupt nicht gefallen. Er ist sehr f�rsorglich und wird fuchsteufelswild, wenn er glaubt, dass man mich beleidigen will.�</p><p>Der junge Mann wurde nerv�s. �Nein, Fr�ulein, ich ...�</p><p>�Schwamm dr�ber. Habt ihr ihn schon gesehen? Er m�sste euch jedenfalls aufgefallen sein, so gro� und, nun ja, Furcht erregend, wie er aussieht.�</p><p>Die beiden Wachen tauschten fl�chtige Blicke; ihnen war, wie Rhapsody bemerkte, nicht wohl in ihrer Haut. Ihre Worte hatten eine Wirkung ausge�bt, die gar nicht beabsichtigt gewesen war.</p><p>Der zweite Wachposten fasste all seinen Mut zusammen und sprach: �Du bist hier mit ihm verabredet? Nein, er ist zwar f�r heute angek�ndigt, allerdings noch nicht eingetroffen. Aber tritt ein, drinnen ist�s w�rmer. Und lass dir versichern: Meinem Freund lag nichts ferner, als dich zu beleidigen.� </p><p>Zuvorkommend stie� der erste Posten die T�r auf und machte ihr den Weg frei. Rhapsody warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck, konnte aber weder von Grunthor noch Achmed irgendeine Spur erkennen. Gleichwohl glaubte sie Achmed leise vor sich hin fluchen zu h�ren, ver�rgert dar�ber, dass sie sich nun anschickte, ins Haus zu gehen, wo er sie nicht mehr w�rde unter Beobachtung halten k�nnen. Die Hand wie beil�ufig auf den Knauf des Schwertes gelegt, folgte sie dem ersten W�chter �ber die Schwelle. Sie betraten eine verdunkelte Vorhalle. In die Seitenw�nde links und rechts waren schwere T�ren eingelassen. Vor ihnen �ffnete sich ein Portal in einen gro�en Garten. Rhapsody erstarrte und hielt die Luft an. </p><p>Eine geradezu sichtbare Wolke aus eklig s��lichem Gestank wie von faulendem Fleisch schlug ihr entgegen. Rhapsody wurde kreidebleich, w�rgte und schluckte die Galle hinunter, die ihr hochgekommen war. Noch mehr als der Gestank entsetzte sie der Anblick, der sich ihr bot. Sie starrte in den als Garten gestalteten, gro�en Innenhof hinaus, in dessen Mitte der abgestorbene Baum aufragte. Der blutverschmierte Schnee lag wie eine rosige Decke auf dem Boden ausgebreitet. Inmitten des Gartens standen zwei Holzger�ste, wie man sie zum Schlachten von Schweinen nutzte. Dazwischen befand sich ein gro�er Altar aus dunklem Gestein. In dessen Sockel war eine Rinne eingemei�elt worden, die in eine kunstvoll gestaltete Wanne f�hrte. Links und rechts daneben standen zwei �hnliche Wannen, die ihrerseits �ber eine Zuleitung mit zwei gro�en, unter den Schlachtgestellen platzierten F�ssern verbunden waren.</p><p>Von den drei Wannen f�hrten wiederum drei Rinnen ab, die auf verschlungenen Wegen in einen gro�en kupfernen Kessel f�hrten, der au�en mit einer dicken Ru�schicht bedeckt war. Im Kessel selbst wie auch in den Rinnen und Wannen stand eine schwarze, dicke Fl�ssigkeit.</p><p>Um was es sich bei dieser Fl�ssigkeit wohl handeln mochte, war nicht schwer zu erraten. Auf dem Altar und in den Holzgestellen rechts und links davon hingen drei Kinder mit aufgeschlitzten Kehlen und Handgelenken, aus denen all ihr Blut ausgelaufen war. Rhapsody �berkam ein schrecklicher Ekel, und vor ihren Augen drehte sich pl�tzlich alles.</p><p>Diese Reaktion �berraschte die beiden Wachen offenbar. Der Erste sah sie mit fragender Miene an. Im R�cken h�rte Rhapsody den anderen unruhig auf der Stelle treten, und es schien, als bereitete er sich auf einen Angriff vor. Pl�tzlich vernahm sie das Sirren von Projektilen aus Achmeds Waffe, worauf die Wache hinter ihr zu Boden st�rzte.</p><p>Spontan zog sie die Tagessternfanfare. Als das Langschwert aus der Scheide glitt, ert�nte ein Schall wie aus einem melodischen H�rn. Die Klinge flammte auf und brannte heller, als sie es je gesehen hatte. </p><p>Merklich in Panik geraten, begann der andere Wachsoldat einen w�sten Angriff. Die Flammen des Schwertes loderten auf. </p><p>�Lass den Speer fallen!�, befahl sie, die Stimme voller Angst und Wut.</p><p>Der Mann warf sich ihr entgegen, doch sein Speer war alles andere als gut gef�hrt. Rhapsody trat zur Seite, wie sie es von Grunthor gelernt hatte, und schlug ihm das Schwert vor die Brust, die nur wenig Widerstand bot. </p><p>Mit weit aufgerissenen Augen und aufgesperrtem Mund, dem nur mehr ein gurgelndes R�cheln entfuhr, knickte der Mann in den Knien ein.</p><p>Rhapsody packte ihn und bremste seinen Fall. Schmerz und Verwirrung verzerrten sein Gesicht, als er ihr wie aus einer anderen Welt entgegenstarrte und mit seiner Miene zu fragen schien: <emphasis>Was ist eigentlich passiert?</emphasis></p><p>�ber dieselbe Frage zerbrach sich Rhapsody den Kopf. Der Mann war schon erschlafft, als er mit schmauchender Wunde auf dem Boden auftraf. Erst jetzt wurde ihr das Zischeln bewusst, mit dem das von der Klinge getroffene Fleisch verbrannte. Entsetzt lie� sie die Waffe fallen, obwohl sich das Heft angenehm k�hl in der Hand angef�hlt hatte. Sie starrte auf die Leiche am Boden, und wieder drehte sich f�r sie alles im Kreis.</p><p>�Was ist los?�, fl�sterte Achmed von hinten. Sie hatte ihn nicht kommen h�ren. Als sie sich umdrehte, sah sie auch Grunthor an seiner Seite. Die beiden schauten sich im Garten um.</p><p>�Er ist tot�, antwortete Rhapsody mit wackliger Stimme.</p><p>�Ja, deine Schwerthiebe werden immer besser.�</p><p>�Ich habe noch nie jemanden get�tet.�</p><p>�Jetzt hast du�s�, entgegnete Achmed. �Komm, wir haben noch was vor.�</p><p>Rhapsody stie� einen Schwall Luft aus und nickte. <emphasis>Lass dich nicht h�ngen,</emphasis> sch�rfte sie sich ein und richtete ihren Blick erneut auf die makabere Szene im Garten. Achmed bedeutete ihr, das Schwert vom Boden aufzuheben. </p><p>�Hast du sonst noch jemanden gesehen?�</p><p>�Nein, aber es werden angeblich Besucher erwartet�, antwortete sie. Sie ber�hrte die k�hle Stahlklinge, an der keine Spur von Blut zu erkennen war, und steckte sie erschaudernd in die steinerne Scheide zur�ck. </p><p>�Dem l�sst sich �n Riegel vorschieben�, sagte Grunthor. Er machte das Eingangstor zu und legte einen schweren Querbalken davor. �Tja, mein Guter, es d�rfte wohl klar sein, wieso sich dein Blutgesp�r wieder gemeldet hat.� </p><p>�Lasst uns nachsehen, wer sonst noch hier ist�, schlug Achmed vor. Er wandte sich der T�r zur Rechten zu und forderte die Gef�hrten mit einer Handbewegung auf vorzugehen.</p><p>Rhapsody nahm r�cklings auf der einen, Grunthor auf der anderen Seite Stellung. Auf ein Zeichen von Achmed hin rammte Grunthor die flache Hand gegen das T�rblatt, das splitternd und krachend aus den Angeln fiel. Sie blickten in einen leeren Raum.</p><p>Es war ein lang gezogener Saal mit poliertem Mobiliar, das in sehr organisch anmutenden Formen getischlert war. Mitten auf dem Boden lag ein gro�er gewebter Teppich, der an einer Ecke durch einen dunklen Fleck verunstaltet war. Eine lange Fensterreihe �ffnete den Blick in den Innenhof mit seiner rosa verf�rbten, schmelzenden Schneedecke.</p><p>Achmed trat an den Rand des Teppichs, b�ckte sich und ber�hrte den Fleck mit der Hand. Es war zweifelsfrei Blut, das sich da �ber den Teppich ergossen hatte, und zwar vor langer Zeit, vor Jahren vielleicht, denn es war l�ngst ausgetrocknet. Hier schien jemand niedergestochen worden und verblutet zu sein. </p><p>Grunthor stand noch bei der T�r. Er h�tte gern sein Stangenbeil in der Hand gehalten, doch weil f�r dessen Gebrauch in geschlossenen R�umen zu wenig Platz blieb, nahm er mit dem Langdolch Vorlieb. Obwohl ihn so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte, sp�rte er angesichts der ekelhaften Szene vor den Fenstern, wie sich ihm der Magen zuschn�rte.</p><p>Rhapsody schlich bis zur n�chsten T�r und lauschte. Wenig sp�ter sch�ttelte sie den Kopf. </p><p>�Nichts. Und nun?� </p><p>�Weiter�, dr�ngte Achmed. Sie nahmen die gleiche Stellung auf wie zuvor und wiederholten die Prozedur. </p><p>Die T�r f�hrte in einen gro�en Saal, der sich bis zur Turmmauer erstreckte. An der einen L�ngs wand waren eine Reihe gro�er Fenster eingelassen, die wiederum in den Hof hinausblickten. Die Wand gegen�ber hing voller Wandteppiche, die ausgeblichen und mit Dreck beschmiert waren.</p><p>Die ferne Stirnwand war Teil des Turms, der fr�her einmal als Teil der Verteidigungsanlage ausgebaut gewesen sein mochte, jetzt aber �ber einen offenen Torbogen frei zug�nglich war.</p><p>Vor der mit Gobelins geschm�ckten Wand stand ein aus Knochen zusammengesetzter Thron.</p><p>Oberschenkelknochen, Rippen, Wirbel waren zu einem schaurig aussehenden Stuhl verdrahtet und verschraubt worden. Die hohe Lehne kr�nte eine Reihe aus sieben Sch�deln. Auf dem Sitz lag ein weiches rotes Samtkissen. </p><p>In der Mitte des Saales kauerten, hockten und lagen etliche Kinder, die mit schreckerf�lltem Blick den drei Eindringlingen entgegenstarrten. Im sp�rlichen Licht funkelten ihre Augen wie die einer Meute ausgehungerter, gepr�gelter W�lfe.</p><p>Sie waren halb Mensch, halb Lirin, unterschiedlichen Alters, in Lumpen gekleidet und mittels eiserner Handschellen aneinander gekettet.</p><p>Die Gesichter und K�rper waren �bel zugerichtet und voller Bluterg�sse und Wunden. Sie zitterten in der kalten Winterluft, die durch die ge�ffneten T�ren drang und die langen Vorh�nge aufbauschen lie�. Keines der Kinder gab einen Laut von sich. Ihre Blicke huschten zwischen Rhapsody und den beiden M�nnern hin und her. Die Kinder von Navarne.</p></section><section><title><p>33</p></title><p>Tr�nen traten in Rhapsodys Augen beim Anblick der kleinen gefrorenen Gesichter, die zwischen Angst und Hoffnung schwebten. Wie Espenlaub hatten sie zu zittern angefangen, als die drei in ihr Gef�ngnis eingedrungen waren.</p><p>Von ihren Zitterbewegungen abgesehen, verharrten die Kinder reglos am Boden � mit einer Ausnahme, einem M�dchen, das etwas �lter zu sein schien als die anderen und vielleicht um die sechzehn Jahre alt war. Sie hockte mitten in der Gruppe und zerrte an ihren Fesseln, sah sich Hilfe suchend um, schien dann aber wohl einzusehen, dass sie dem Geschehen wehrlos ausgeliefert war. </p><p>�Keine Angst, wir sind hier, um euch zu helfen�, sagte Rhapsody mit ihrem freundlichsten L�cheln, w�hrend Grunthor und Achmed durch den Raum bis zum Einstieg in den Turm eilten. �Wir holen euch hier heraus und bringen euch nach Hause.� Die Kinder starrten ihr entgegen.</p><p>Rhapsody wandte sich Achmed zu. �Hatten die Wachposten irgendwelche Schl�ssel bei sich?� </p><p>�Daf�r haben wir jetzt keine Zeit. Wir sollten schleunigst herausfinden, wer f�r all das hier verantwortlich ist.� </p><p>�Es sind mindestens neun.� Der Hinweis kam von einem der gefangenen Kinder in der Mitte des Raums, dem M�dchen. Seine Stimme bebte.</p><p>�Wei�t du, wo sie jetzt sind?�, fragte Rhapsody.</p><p>�Nein�, antwortete das M�dchen. �Aber sie sind da durch gekommen.� Es zeigte mit den gefesselten H�nden auf eine T�r, die die drei bislang au�er Acht gelassen hatten. Grunthor packte den schweren Langdolch. Die beiden Bolg n�herten sich der T�r.</p><p>�Vielen Dank und keine Sorge�, sagte Rhapsody. �Gleich werdet ihr wieder frei sein.� Sie l�chelte der ganzen Gruppe aufmunternd zu.</p><p>�Wenn man euch f�ngt, sagt nicht, wer euch den Hinweis gegeben hat�, fl�sterte das M�dchen. Rhapsody nickte den beiden Gef�hrten zu. �Dazu wird es nicht kommen. Wie ist dein Name, Kleines?� </p><p>�Wir sind so weit�, rief Achmed von der T�r.</p><p>�Jedenfalls nicht <emphasis>Kleines�,</emphasis> antwortete das M�dchen trotzig.</p><p>�Sie hei�t Jo!�, rief ein M�dchen, das nicht �lter war als sechs. �Das hat sie denen verraten, als die damit angefangen haben, ihr die Zehen umzudrehen. Ich bin Lizette.�</p><p>Jo warf der Kleinen zornige Blicke zu, doch die nahm keine Notiz davon. Sie hatte nur noch Augen f�r Rhapsody und machte kein Hehl aus ihrer Bewunderung f�r die lirinsche S�ngerin.</p><p>�Bist du endlich so weit?�, fragte Achmed.</p><p>�Wir kommen zur�ck�, versprach Rhapsody den Kindern mit all der �berzeugungskraft als einer zur Wahrheit verpflichteten Benennerin. Und tats�chlich schienen die Kinder Vertrauen zu fassen. Rhapsody l�chelte ihnen noch einmal zu und eilte dann zur T�r. Das �ltere M�dchen murmelte noch etwas, was Rhapsody aber schon nicht mehr h�rte.</p><p>Ihre Aufmerksamkeit war auf den Nebenraum gerichtet, aus dem Rufe und lautes Gepolter nach drau�en drangen. Schnell hatte sie ihre Position in der T�r eingenommen. Wenig sp�ter flog die T�r auf. Zwei mit Speeren bewaffnete M�nner rannten in den Saal und sahen sich pl�tzlich von Achmed und seiner Cwellan gestellt.</p><p>Rhapsody h�rte das ihr inzwischen schon vertraute Zischen der Scheibengeschosse und sah sie als silberne Blitze durch den T�rausschnitt schnellen.</p><p><emphasis>Er schie�t auf Leute im Nebenraum,</emphasis> dachte sie und staunte wieder einmal �ber die Geschicklichkeit und Schnelligkeit, mit der er die Waffe nachlud. Inzwischen konnte sie sogar mit den Augen halbwegs nachvollziehen, was ihr fr�her nur wie ein fl�chtiges Huschen von Schatten vorgekommen war. Als der Wachposten zu ihrer Linken Achmed anvisierte, wuchtete sie ihm die gl�hende Schneide der Tagessternfanfare in den R�cken. Der Mann st�rzte zuckend zu Boden und l�ste sich dabei von der tief in den Brustkorb eingedrungenen Klinge. Grunthors mit beiden H�nden gef�hrter Hieb folgte unmittelbar darauf und trennte der anderen Wache den Kopf vom Rumpf. Rhapsody musste an sich halten; sie glaubte schlecht zu tr�umen und kam sich vor wie der Zuschauer eines schauerlichen Kampfes.</p><p>Achmed stie� die T�r auf. �Geht�, befahl er. Weil sie gemeinsam lospreschten, w�ren Rhapsody und Grunthor beinahe in der T�r zusammengeprallt, doch schaffte sie es im letzten Augenblick, dem Riesen auszuweichen. </p><p>Im Raum nebenan hatte es ebenfalls ein Gemetzel gegeben, doch das schien auf deren eigene Rechnung zu gehen. Auf dem Boden verstreut lagen sechs Tote. Dazwischen stand eine in Wei� gekleidete Frau. Sie rang die H�nde und br�llte einer Hand voll M�nnern Befehle zu, die aus anderer Richtung �ber eine breite steinerne Treppe herbeigeeilt waren. Die W�nde des Raums waren aus massivem Felsgestein gemauert. Davor standen hohe Regale voller B�cher und Schriftrollen. Mehrere Sessel und ein paar gro�e Tische vervollst�ndigten die Ausstattung dieses offenbar als Bibliothek genutzten Raumes. </p><p>Rhapsody und Grunthor st�rmten durch die T�r und sahen zu, dass sie nicht in Achmeds Schussbahn gerieten. Mit nur f�nf Schritten hatte Grunthor die Mitte des Raums erreicht. Sein Anblick und das Gebr�ll, das er erhob, lie�en die Soldaten vor Entsetzen erstarren.</p><p>Rhapsody eilte auf die Frau zu. Die l�ste ihren Blick von Grunthor und starrte ihr aus hasserf�llten Augen entgegen. </p><p>Anscheinend trug sie nur eine Waffe bei sich, einen langen Dolch mit einer Klinge aus Obsidian. Den hielt sie mit der Rechten gepackt und zeigte sich zum Kampf bereit. Rhapsody erkannte in dieser Waffe ein Opferwerkzeug, das gew�hnlich bei schwarzen Riten Anwendung fand. Sie blickte nicht weniger w�tend und ver�chtlich drein, als ihr bewusst wurde, dass offenbar diese Frau es war, die die Kinder im Hof get�tet hatte.</p><p>Rhapsody schwang ihr Schwert mit der ganzen Wucht ihrer und trug einen Angriff vor, auf den Grunthor durchaus stolz sein konnte. Die Frau sprang zur Seite und griff ihrerseits mit dem Dolch an.</p><p>Von dem eigenen Schwerthieb aus dem Gleichgewicht gebracht, konnte Rhapsody nicht mehr rechtzeitig ausweichen und sp�rte die Spitze des Dolches �ber die linke Schulter schrammen. So hei� war der Schmerz, dass sie unwillk�rlich nach Luft schnappte. Doch umso kr�ftiger schlug sie nun ein zweites Mal zu. Ihre Gegnerin hatte nicht einmal mehr Zeit, einen Schrei auszusto�en. Die Schwertspitze drang ihr mitten ins Herz, und wieder verbreitete sich der scharfe Geruch brennenden Fleisches in der Luft. Blut floss jedoch keines. Noch ehe sie ihr Leben ausgehaucht hatte, war die Wunde auch schon vernarbt.</p><p>Rhapsody hielt sich dicht hinter Grunthor, der zur Seite auswich, als weitere Scheibengeschosse durch die Luft sirrten, so dicht, dass ihr bange wurde. Sie mied den Blick auf die Frau am Boden und sah sich stattdessen im Raum um. Von den Soldaten ging keine Gefahr mehr aus. Es war keiner mehr am Leben. </p><p>Zwei Tote, die auf dem Treppenabsatz lagen, waren allem Anschein nach von Grunthor niedergemacht worden. Die anderen zeigten bis auf die t�dlichen Schusswunden keinerlei Verletzungen. Rhapsody z�hlte schnell nach und kam auf f�nfzehn. Ob noch mit weiteren Wachen zu rechnen war, blieb offen. Grunthor stand am Fu� der Treppe und sp�hte nach oben in Erwartung Nachsto�ender Wachposten. Er hatte inzwischen eine Axt zu Hand genommen, eine schwere Waffe, mit der er sich auch, wie sich Rhapsody erinnerte, dem Gew�rm auf der Wurzel zur Wehr gesetzt hatte.</p><p>�Die k�nnen wir nicht mehr verh�ren�, sagte Achmed mit Blick auf die tote Frau in Wei�. Rhapsody lief rot an im Gesicht. �Tut mir Leid�, sagte sie.</p><p>�Was soll�s?�, entgegnete Achmed �rgerlich. �Dir blieb gar keine andere Wahl. Es w�re allerdings ganz gut gewesen, wenn wir ein paar Antworten aus ihr h�tten herauspr�geln k�nnen. Aber manchmal muss man sich eben den Umst�nden f�gen. Ist es schlimm?�</p><p>�Was?�, fragte Rhapsody irritiert.</p><p>�Deine Schulter ... wie tief ist die Wunde?</p><p>�Hmmm? Ach, kaum der Rede wert.� Rhapsody warf einen Blick auf die Schulter. �Darum k�mmere ich mich sp�ter.� </p><p>�Und wenn sie die Klinge vergiftet hat?� Achmed trat einen Schritt n�her und schnupperte an der Wunde. </p><p>�Das glaube ich nicht.� </p><p>�Na sch�n, dann sollten wir jetzt mal nachsehen, ob�s noch mehr Gesellschaft gibt.� Achmed schob den Querbalken, der an der Wand lehnte, vor die T�r, ehe er sich der Treppe zuwandte. �Falls noch jemand kommen sollte, muss er erst mal anklopfen.�</p><p>Sie stiegen �ber die Treppe nach oben und suchten jeden Winkel des Turms ab. Doch da war niemand mehr. In den oberen R�umen hatten die erschlagenen Soldaten ihr Quartier gehabt; die Zimmerflucht ganz zuoberst war allem Anschein nach von der Frau in Wei� bewohnt gewesen, und es deutete so manches darauf hin, dass dort ein Mann mit ihr gelebt hatte.</p><p>Unter anderem fanden sie in dieser Wohnung eine kleine, fest verschlossene Truhe, die sie mit nach unten schleppten, um sie aufzubrechen, sobald sie den Rest des Hauses der Erinnerung durchsucht haben w�rden. Es zeigte sich, dass alle anderen R�ume, die wie Zellen eines Klosters aussahen, leer standen. Au�erdem gab es eine K�che, in der noch j�ngst gekocht worden war.</p><p>Rhapsody machte sich auf die Suche nach einem Schl�ssel, um den Kindern die Handschellen abnehmen zu k�nnen, und entdeckte schlie�lich einen solchen, der der toten Frau an einer Kette um den Hals hing. Damit eilte Rhapsody zu den gefangenen Kindern, befreite sie von den Fesseln und redete mit beruhigenden, tr�stenden Worten auf sie ein.</p><p>In Abwesenheit der beiden Bolg fassten die Kinder schnell Zutrauen. Nur das M�dchen mit dem Namen Jo blieb noch eine Weile misstrauisch, lie� sich dann aber ebenfalls von Rhapsody beruhigen. Zwischenzeitlich hatte Achmed das Schloss der in der Turmwohnung gefundenen Truhe aufgebrochen. Darin fand sich allerhand Flitterkram � den Grunthor zur Aufbewahrung bekam, denn er verwaltete das Geld und alle Wertsachen � sowie ein kleines Notizbuch, eine versiegelte Schriftrolle und ein gro�er Messingschl�ssel mit einem eigent�mlichen, vierteiligen Bart.</p><p>Behutsam rollte er das Pergament auseinander und stellte fest, dass es mit alten Schriftzeichen beschrieben war, die ihm nichts sagten, obwohl sie ihm dem Bild nach irgendwie vertraut vorkamen. Offenbar handelte es sich bei diesem Schriftst�ck um einen Vertrag. Er rief Rhapsody zu sich. Sie hatte alle Kinder im Schlepp, als sie die Bibliothek betrat. Es waren insgesamt f�nfzehn an der Zahl, und die meisten schienen j�nger als zw�lf Jahre zu sein. Das j�ngste versteckte sich hinter Rhapsody aus Angst vor den beiden unheimlichen M�nnern, denen die Kinder ihre Rettung verdankten. </p><p>�Keine Angst, Feldin�, sagte Jo zu dem Lirin-Jungen, der um die sieben Jahre alt war. �Die sehen zwar schrecklich h�sslich aus, haben uns aber gerettet und werden bestimmt nichts Schlimmeres mit uns anstellen als das, was uns bevorgestanden hat.�</p><p>Rhapsody sagte: �Wir werden euch nach Hause bringen, das ist alles.� Sie strahlte �bers ganze Gesicht, und die Kinder glaubten ihr.</p><p>�Sieh dir das mal an�, sagte Achmed und kam auf Rhapsody zu. Hastig wichen die Kinder vor ihm zur Seite aus. </p><p>Rhapsody nahm die Schriftrolle zur Hand und studierte, was darauf zu lesen stand. Ein Schatten ging �ber ihr Gesicht, war aber bald wieder verschwunden. �Das ist Alt-Serennisch. Merkw�rdig, nicht wahr? Die Sprache, die ich auf Llaurons Wunsch hin lernen soll. Ich hab darauf verzichtet, ihm zu sagen, dass ich schon ein bisschen davon verstehe. Es ist eine tote Sprache. Ich meine, sie war schon tot, als viele die Insel verlassen haben. Sie war die Sprache der Erstgeborenen, der alten Seren, also der Ureinwohner der Insel. Doch seht euch diese Rolle an. So alt ist dieses Pergament doch gar nicht.� </p><p>�Kannst du lesen, was darauf steht?�, fragte Achmed.</p><p>�Ich denke schon�, antwortete Rhapsody. �Mein Mentor hat mir die Grundz�ge der Sprache beigebracht... Augenblick mal. Nein, der erste Eindruck war wohl doch nicht ganz richtig. Die Schriftzeichen sind in der Tat sehr alt, doch der Text scheint in der Alltagssprache der Bewohner dieser Region verfasst zu sein. Lass mir einen Augenblick Zeit. Ich will erst einmal alles lesen.� </p><p>Sie ging an einen der Schreibtische, setzte sich und legte zwei B�cher zur Beschwerung auf die R�nder des ausgerollten Pergaments. Dann nahm sie das Gep�ck vom R�cken, holte daraus ein St�ck grobes Papier hervor und fing an, sich Notizen zu machen.</p><p>Die Kinder hingen wie eine Traube an ihr. Nur Jo stand abseits und beobachtete Grunthor dabei, wie er die toten Wachen in eine Ecke bugsierte und dort zusammenlegte. Rhapsody dachte daran, mit den Kindern in ein anderes Zimmer zu gehen, doch dann fiel ihr ein, dass ihnen nur hier in der Bibliothek der Anblick der geschlachteten Kinder im Hof erspart bliebe.</p><p>Am Vortag erst hatte sie die Kinder des Herzogs �ber den Verlust ihrer Mutter hinwegtr�sten m�ssen. Jetzt galt es, Kindern zu helfen, die ein unvorstellbares Trauma erlitten hatten, und sie f�rchtete, dieser Aufgabe nicht gerecht werden zu k�nnen.</p><p>Achmed bl�tterte durch das kleine Notizbuch. Die darin enthaltenen Aufzeichnungen schienen in der landes�blichen Schrift verfasst zu sein. Die Briefe waren ganz �hnlich geschrieben, und so konnte er, wenn auch mit M�he, einiges daraus in Erfahrung bringen.</p><p>Was er da in der Hand hielt, war allem Anschein nach ein Tagebuch, wie es von gebildeten Leuten gef�hrt wurde. Es ging darin, wie er entziffern zu k�nnen glaubte, unter anderem um eine verlorene Stadt. Mehr als der Text interessierte ihn aber die in dem Buch skizzierte Landkarte und der Hinweis auf den Messingschl�ssel. </p><p>Ein L�cheln stahl sich in sein Gesicht, als er den Namen <emphasis>Gwylliam</emphasis> erkannte und auf der Karte ein besonders markiertes Gebiet entdeckte, das als <emphasis>Firbolg-L�nder</emphasis> ausgewiesen war. Canrif. Sie hatten jetzt tats�chlich eine Karte zur verl�sslichen Orientierung!</p><p>�Achmed, Grunthor, ich bin so weit�, sagte Rhapsody und hielt ihre �bersetzung in die H�he. �Es handelt sich um einen Vertrag. Er wurde in der ersten Stunde der Tagundnachtgleiche im Jahre 1396 nach Ankunft der Flotte unterzeichnet. Wahrscheinlich ist die Flotte der ersten Auswandererwelle gemeint. Die Vertragspartner sind Cifiona � ich sch�tze, das ist die Frau mit dem gro�en Dolch � und eine Person namens Rakshas, die aber nur als Mittelsmann f�r einen Herrn in Erscheinung tritt, dessen Name interessanterweise unerw�hnt bleibt. Der Frau wird f�r gewisse Dienste, die sie zu leisten hat, �ein Leben ohne Ende� zugesichert, was wohl Unsterblichkeit hei�en soll.� Rhapsody warf einen Blick auf die Freunde und sah ihnen an, dass sie an das Gleiche dachten wie sie. Der Charakter des Vertrags und seiner Urheber wurde allm�hlich klar. �Sie verpflichtet sich, dem nicht genannten Meister treu ergeben zu sein. Vielleicht sind die beiden eine Art Heiratsvertrag eingegangen.�</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte Achmed, der selbst einmal unfreiwillig an einen �hnlichen Vertrag gebunden gewesen war. </p><p>Grunthor wurde ungeduldig, als er die angewiderte Miene Rhapsodys zu deuten versuchte. �Na los, was steht denn sonst noch da?�</p><p>��Zu diesen Pflichten geh�rt der Vollzug der Blutopferung von dreiunddrei�ig unschuldigen Herzen und unber�hrten K�rpern menschlicher Abstammung sowie von Lirin oder Halb-Lirin in gleicher Zahl��, las Rhapsody vor. Sie blickte zu Achmed auf. �Ich habe drei im Hof gesehen. Glaubst du, es gab noch andere?� </p><p>�Nein, das glaube ich nicht�, antwortete er. �Alle Spuren deuten daraufhin, dass die Einrichtung ziemlich neu ist. Wahrscheinlich war das der Anfang �berhaupt.�</p><p>Rhapsody zeigte sich erleichtert und wandte sich wieder dem Vertragstext zu, ohne von Grunthors skeptischer Miene Notiz nehmen.</p><p>�Da ist noch von einem bestimmten Vorhaben die Rede, auf das aber nicht n�her eingegangen wird. Es hat anscheinend mit der Frage zu tun, wie das geopferte Blut verwendet werden soll. Ich glaube, das Wort �Nahrung� ist hier entscheidend. Dar�ber hinaus sind die verlangten Dienste befristet, und zwar auf den Zeitpunkt der Patriarchenfeier im Folgejahr. Als Erf�llungsort ist das Haus der Erinnerung eingetragen, das offenbar diesem Rakshas untersteht. Kaum zu fassen. Ich frage mich, was die erste Cymrer-Generation davon gehalten h�tte.� </p><p>�Tja, als Cymrer, der ich selbst einer bin, kann ich nicht behaupten, besonders angetan davon zu sein.� </p><p>�Und hier ist unterschrieben, mit Cifiona Soundso � den Namen kann ich nicht entziffern. Und dann steht da noch schlicht und einfach �Rakshas�. Dazu geh�ren diese Symbole.�</p><p>Rhapsody machte auf zwei Zeichen aufmerksam; das eine sah aus wie ein Buchstabe aus einer anderen Sprache, die aber weder Achmed noch Grunthor kannten.</p><p>�Dieses meine ich schon einmal gesehen zu haben�, sagte Rhapsody und zeigte auf einen Kreis, der aus einer Spirallinie gezeichnet war.</p><p>�Wo?�, fragte Achmed in einem pl�tzlich so w�tenden Tonfall, dass sie vor Schreck zusammenfuhr. </p><p>��ber der Eingangst�r zu Llaurons Haus. Es ist dieses Hexenzeichen.�</p><p>Der Anblick des Symbols hatte Achmed merklich verst�rt. Er nahm das Pergament und legte es in die kleine Truhe zur�ck. Rhapsody warf ihre �bersetzung mit hinein.</p><p>�Gehen wir�, sagte Achmed.</p><p>�Wartet kurz, ich habe noch was zu erledigen�, sagte Rhapsody und holte ihre Higen und einen kleinen Beutel, den sie von Llauron hatte, aus ihrem Gep�ck.</p><p>�Was? Willst du etwa ein Lied komponieren �ber die herrlichen Dinge, die wir heute gesehen haben?� </p><p>�Nein�, antwortete Rhapsody ungehalten. �Ich will versuchen, diesen Baum zu heilen.�</p><p>�Warum?�, wunderte sich Achmed.</p><p>�Weil er eine sagianische Eiche ist. Hast du das nicht gesehen? F�r mich ist er heilig. Stephen sagte, dass er als Setzling von den Cymrern aus Serendair mitgebracht worden sei. Damit w�re er ein Ableger der Sagia. Obwohl es mir Leid tut, die Insel verlassen zu haben, bin ich dem Baum doch dankbar, dass er uns hat fliehen lassen, ehe sie untergegangen ist. Seinem Kind zu helfen ist das Wenigste, was ich tun kann.�</p><p>�Ich will nich despektierlich sein, Herzchen, aber das ist doch kein Kind, sondern nur ein Baum.� </p><p>�Nein�, sagte Achmed und schaute in den Garten hinaus. �Geh vor.�</p><p>�Danke�, antwortete Rhapsody, �berrascht von seiner Zuvorkommenheit. �Ich bin gleich wieder zur�ck; k�mmert euch inzwischen um die Kinder.�</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Nun, ich kann sie doch nicht mit in den Garten nehmen, oder?�, fl�sterte Rhapsody. �Mir schaudert selbst davor, die toten Kinder...�</p><p>�Ist recht, Herzchen, wir werden uns um sie k�mmern.�</p><p>Achmed warf Grunthor einen emp�rten Blick zu, sagte aber nichts. Als Rhapsody den Raum verlie�, setzte er sich auf den Rand eines der Tische und bl�tterte wieder in dem kleinen schwarzen Notizbuch. Grunthor durchsuchte die Toten nach Wertgegenst�nden und legte sie in der Ecke zu einem Haufen aufeinander. Bis auf das �lteste M�dchen standen die Kinder eng beieinander und starrten auf die T�r, durch die die S�ngerin verschwunden war.</p><p>Rhapsody drohte sich der Magen umzust�lpen, als sie durch den Garten auf den Baum zuging, der in der Mitte stand. Obwohl verwelkt und in einem erb�rmlichen Zustand, war seine silbrig wei�e Rinde unverkennbar. Tr�nen stiegen ihr in die Augen, als sie an das eine und einzige Mal zur�ckdachte, dass sie die Sagia, die Mutter dieses Baumes, gesehen hatte.</p><p>Vor der gro�en Eiche angelangt, untersuchte sie ihre Rinde und die Zweigspitzen. Schnell war ihr klar, dass in dem Baum noch Leben steckte. Summend stimmte sie ein Lied an, das mit den melodischen Kl�ngen harmonierte, die � wenn auch ganz leise aus seinem kranken Herzen t�nten. Es war die gleiche, vertraute Melodie, die ihr w�hrend der gesamten Reise �ber die Wurzel im Ohr geklungen hatte. Sie �ffnete den Beutel, den man ihr in Gwynwald gegeben hatte, holte eine winzige Salbentube daraus hervor und machte sich ans Werk.</p><p>Sobald sie die drei Hauptwurzeln gefunden hatte, folgte sie einer durch den halben Garten bis hin zu ihrem fein ver�stelten Ausl�ufer. Dabei musste sie schwer an sich halten, um den schauderhaften Anblick der geopferten Kinder zu meiden. Als sie das Wurzelende erreichte, bestrich sie das haarfeine Geflecht sowie das Erdreich ringsum mit der Salbe aus der Tube. W�hrend sie Gleiches auch an den anderen Wurzelr�ndern wiederholte, wurde ihr Lied immer rhythmischer und melodi�ser. Schlie�lich sang sie mit kr�ftiger Stimme und in einer Sprache, die eine Mischung war zwischen dem Alt-Cymrischen, ihrer Muttersprache, und jenem Idiom, das hier und jetzt gesprochen wurde. </p><p>Devli protar hin elenin, <emphasis>Hoffnung ist ein sicherer Anker,</emphasis> Lang w�hrte die Reise auf See Vidsuol hin yl gornit marbeth, <emphasis>Zeit heilt wie nichts anderes,</emphasis> Und auch du wirst wieder gesunden. Calenda o skidoaun, Calenda o verdig, <emphasis>Ein Jahr voll Schnee, ein Jahr der F�lle,</emphasis> Du littest K�lte und D�sternis Ovidae tullhin kaf san; ni wyn bael faerborn, <emphasis>Manchmal bleibt der Sommer aus, doch immer wird es Fr�hling werden,</emphasis> Und im Fr�hling wirst du wieder bl�hen. A fynno daelik, gernal federant, <emphasis>Wer gesund ist, der sei fr�hlich,</emphasis> Drum bewahr dies Lied in deiner Seele Yl airen er iach�d daelikint, <emphasis>Dies Lied der frohgemuten Heilung,</emphasis> Sing es, bis du wieder ganz gesundest. </p><p>Es war das erste Mal, dass Rhapsody ein Heillied aus dem Stegreif sang, und sie wand sich innerlich, so ungehobelt kamen ihr die eigenen Verse vor. Sie waren im Wesentlichen aus Sprichw�rtern zusammengesetzt, Sprichw�rter, die noch aus der alten Welt stammten und zum Teil immer noch verwendet wurden und G�ltigkeit hatten. Das Lied schien durch die Wurzeln zu flie�en, im Stamm aufzusteigen und bis in die unbelaubten Zweige vorzudringen.</p><p>Rhapsody griff nun zur Higen und fuhr mit den Fingerkuppen �ber den geschwungenen Holzrahmen. Die Higen war ihr gr��ter Schatz, das erste Instrument, das sie zu spielen gelernt hatte, und es hatte ihr beim Studium der Namensgebung geholfen. Sein Holz stammte noch, wie auch der Baum, aus der alten Welt. </p><p>Rhapsody begleitete ihr Lied nun auf der Higen. Die Melodie blieb einfach und klar und entsprang den zupfenden Fingern wie selbstverst�ndlich. Und dann zeigte der Baum tats�chlich erste Reaktionen. Sie konnte buchst�blich sp�ren, wie die S�fte in Bewegung kamen und Leben in die �ste brachten, die abzusterben drohten. Auch die kleinsten Zweige resonierten mit dem Lied, das winzige gr�ne Knospen als Vorboten von Fr�hlingslaub entstehen lie�.</p><p>Rhapsody langte mit der Hand so hoch wie nur m�glich und stellte ihre Higen in eine Astgabel. Das Instrument spielte von sich aus weiter, zum Schwingen gebracht vom Lied des Baumes, der wieder erweckt geworden war. L�chelnd kehrte Rhapsody zu den Freunden und Kindern zur�ck.</p><p>Auf halbem Weg kam sie an einem langen, flachen Tisch vorbei, der, von Schnee bedeckt, kaum auszumachen war. Als sie zum Baum hin geeilt war, hatte sie ihn f�r eine Art Gartenbank gehalten. Jetzt f�hlte sie sich gedr�ngt, etwas genauer hinzusehen, und als sie davor stehen blieb, wurde ihr pl�tzlich angst und bange.</p><p>Sie zitterte am ganzen K�rper, als in ihrer Vorstellung der Schnee schmolz und eine schwarze Tischplatte darunter zum Vorschein kam, die im Licht eines Vollmonds auf schaurige Weise gl�nzte. Auf dem Tisch lag ein Mann, so reglos, als w�re er tot; der K�rper schien aus Eis geformt zu sein, das sich aus dem Schmelzwasser des Schnees gebildet hatte. Einzelheiten waren nicht zu erkennen. Rhapsody wusste nicht einmal mit Bestimmtheit zu sagen, ob es sich tats�chlich um einen menschlichen Leichnam handelte.</p><p>Im dunklen Luftraum �ber der starren Gestalt glaubte sie pl�tzlich eine Bewegung ausmachen zu k�nnen und versuchte sich mit aller Macht auf ihre traum�hnliche Vision zu konzentrieren. Geisterhafte H�nde, deren Besitzer nicht zu sehen waren, schwirrten in der Luft umeinander und schienen eine weihevolle Handlung auszuf�hren. Dann falteten sie sich wie zum Gebet, um schlie�lich wieder zu einer Geb�rde des Segnens auseinander zu gehen. Blut tropfte von ihnen herab auf die leblose Gestalt, die sich rot verf�rbte.</p><p>Und wie von fern drangen stimmlose Worte an ihr Ohr.</p><p><emphasis>Kind aus meinem Blut</emphasis>. </p><p>In ihrer Trance v�llig entr�ckt, sah Rhapsody zu, wie ein kleiner gl�hender Gegenstand in den H�nden auftauchte und ein Stern zu blinken begann. Er leuchtete so hell, dass sie gen�tigt war, die geblendeten Augen abzuschirmen. </p><p>Vorsichtig legten die H�nde den gl�nzenden Gegenstand in die blutige Form auf dem Tisch. Der K�rper fing zu gl�hen an, leuchtete dann hell und immer heller, bis die H�nde, die dar�ber schwebten, nicht mehr zusehen waren. </p><p><emphasis>Jetzt wird sich die Prophezeiung erf�llen. Aus diesem Kind werden meine Kinder hervorgehen</emphasis>. Das Licht wurde weniger, und w�hrend es allm�hlich verlosch, nahm die Gestalt eine feste, eigene Form an. </p><p>Das Donnern von Pferdehufen zerschlug die Trance. Rhapsodys Beine gaben unter ihr nach; sie fiel auf die Knie, in den rosafarbenden Schnee, und schluchzte �ber den Verlust der Vision. Mit wild pochendem Herzen raffte sie sich auf, eilte zur Gartenmauer und blickte nach unten in den Hof. Achmed merkte kurz auf, als aus dem Garten Musik an sein Ohr drang. Doch dann widmete er sich wieder der Lekt�re des Notizbuches, das sich als sehr aufschlussreich erwies.</p><p>Dem mit gro�er Sorgfalt geschriebenen Text zufolge, war Canrif, die von Gwylliam gegr�ndete Hauptstadt der Dritten Cymrerflotte, nach dem Tod des cymrischen Herrschers verlassen worden, denn die Kriegssch�den und die st�ndige Bedrohung durch barbarische Firbolg hatten ein geordnetes Leben darin unm�glich gemacht.</p><p>Schweren Herzens hatte man die Stadt evakuieren lassen und alles, was zu sichern war, gesichert in der Hoffnung eines Tages zur�ckkehren zu k�nnen. Dazu war es aber anscheinend nie gekommen, und so lag nun diese Stadt mit all ihren verborgenen Sch�tzen und der gro�en Bibliothek irgendwo im Herzen der Bolgl�nder. </p><p>Interessant zu erfahren war auch, dass Anborn, der f�r die Evakuierung verantwortliche General, den Sch�ssel zu Gwylliams Grotte im Haus der Erinnerung zur�ckgelassen hatte. Aus einigen Bemerkungen schien hervorzugehen, dass die Regenten von Roland, also die Vorfahren von Herzog Stephen und seinen Amtskollegen, cymrische Gener�le der Ersten und Dritten Auswandererwelle gewesen waren, doch war sich Achmed nicht sicher, ob er den Text an diesen Stellen auch richtig verstand. Das w�rde Rhapsody �berpr�fen m�ssen.</p><p>Pl�tzlich fiel ihm auf, wie sich das �ltere M�dchen anschickte, einer toten Wache heimlich einen Dolch zu entwenden. Es stellte sich sehr geschickt dabei an und so unauff�llig, dass Grun-thor, der �ber die Kinder Aufsicht f�hrte, nichts davon bemerkte. Mit einem leisen Zungenschnalzen machte Achmed seinen Partner auf sich aufmerksam und nickte bedeutungsvoll in Richtung auf das M�dchen. </p><p>�Holla, was machst du denn da, kleines Fr�ulein?�, fragte der Riese.</p><p>�Nichts�, antwortete das M�dchen mit zu Boden gesenktem Blick und scharrte mit dem Fu�. Achmed schmunzelte. Jo gab sich den Anschein sch�chterner Verlegenheit, was aber in Wirklichkeit nur eine List war, mit der sie hoffte, den Dolch besser unter ihrem Kleid verstecken zu k�nnen. Auch darin war sie so geschickt, dass sich Achmed fragte, ob Grunthor wohl auf sie hereingefallen sein mochte. Das aber war offenbar nicht der Fall.</p><p>�Na, was ham wir denn da?�, fragte der Sergeant.</p><p>Er langte mit der m�chtigen Pranke zu und zog den kleinen Dolch hinter dem R�cken des M�dchens hervor. Jo war von der Schnelligkeit des Riesen sichtlich �berrascht und zitterte vor Angst, da sie beim Stehlen und L�gen ertappt worden war. Ihr nerv�ser Blick huschte zur T�r, wohl, wie Achmed vermutete, in der Hoffnung auf Hilfe in Gestalt von Rhapsody.</p><p>�Sieht ganz nach einem Messer aus�, antwortete sie.</p><p>�Und was hat ein M�dchen wie du damit vor?�, fragte Grunthor mit gespielt grimmiger Miene und zog aus seinem Arsenal eine lange, gef�hrlich aussehende Klinge. �Wenn du eine Waffe zur Hand nimmst, sieh zu, dass sie was taugt. Das hier ist ein Dolch, der sich zu tragen lohnt.� Er reichte ihr den Dolch, den sie z�gernd und sichtlich �berrascht entgegennahm.</p><p>�Der hat �ne wirklich gute Schneide. Und siehst du den bronzenen Grat? Damit lassen sich die Attacken des Gegners besonders gut parieren. Und wenn dir so eine Parade gelingt, kannst du im Handumdrehn zum Gegenangriff ansetzen. Siehst du?�</p><p>�Ja�, sagte das M�dchen und l�chelte zaghaft.</p><p>�Dann �ben wir das jetzt mal. Abwehr und Gegensto�, verstanden?� Grunthor machte ihr die Aktion mit dem kleinen Dolch vor und sah sich pl�tzlich von Achmed mit missbilligenden Blicken bedacht. </p><p>�Was hast du?�, fragte Grunthor irritiert. Der Dhrakier nickte auf das M�dchen, worauf Grunthor mit den Achseln zuckte. �Na und? Schadet doch nichts.�</p><p>Kopfsch�ttelnd setzte Achmed seine Lekt�re fort. In diesem Augenblick kam Rhapsody ins Zimmer zur�ckgeeilt. Sie war au�er Atem und sichtlich alarmiert.</p><p>�Da n�hert sich ein Trupp Reiter�, sagte sie.</p></section><section><title><p>34</p></title><p>�Sie sind schnell, sie sind schon fast an der Pforte.� �Was?� Achmed stand die �berraschung ins frostige Gesicht geschrieben. Er eilte durch die T�r der Bibliothek in den Flur hinaus. Vom Fenster aus sah er zehn M�nner in den Garten eindringen und vorsichtig durch den blutbefleckten Schnee stapfen. </p><p>An der Spitze ging ein Mann in schwerem grauem Kapuzenmantel, flankiert von wei�en W�lfen. Als er den Baum in der Mitte des Gartens erreichte, blieb er stehen, schaute ins Ge�st auf und ging dann interessiert um den Stamm herum.</p><p>Beim Anblick dieses Mannes drang ein schwaches Summen an Achmeds inneres Ohr, ein Summen, das er weniger zu h�ren als zu f�hlen meinte. Er wich vom Fenster zur�ck, schwang mit einer einzigen Bewegung der Schulter die Cwellan vom R�cken und fing sie mit den H�nden auf.</p><p>Selbst durch die dicken Mauern des Turms hindurch sp�rte er die Schwingungen, die von dem Mann in Grau ausgingen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, und das Summen wurde immer lauter. Achmed kehrte in die Bibliothek zur�ck und warf die T�r ins Schloss.</p><p>�Haben sie dich gesehen?�, fragte er Rhapsody.</p><p>�Nein�, sagte Rhapsody, �ich glaube nicht. Kaum dass ich einen Blick von ihnen erhascht habe, bin ich hier herauf gerannt, um euch zu warnen. Hast du eine Ahnung, was sie wollen? Ob sie mit Cifiona im Bunde sind? Oder sind sie der Kinder wegen gekommen?�</p><p>�Jedenfalls nicht, um ihnen zu helfen�, sagte Achmed. �Ihr Anf�hrer l�st das gleiche Ekelgef�hl in mir aus wie der Anblick des Hauses.�</p><p>�Pr�chtig�, sagte Grunthor und z�ckte seinen Langdolch. �Zu dumm, dass ich mein Stangenbeil drau�en zur�ckgelassen habe.�</p><p>�In den engen R�umen hier kannst du sowieso nichts damit anfangen�, entgegnete Rhapsody. </p><p>�Darum geht�s mir nich, Herzchen. Aber wenn es den Mistkerlen ins Auge f�llt, wissen sie, dass wir hier sind.� </p><p>�Na prima�, st�hnte Achmed. �Rhapsody, bring die Kinder nach oben. Grunthor, verbarrikadiere die T�r hier, sobald ich drau�en bin.�</p><p>�Du wirst doch wohl nicht allein nach drau�en gehen?�, sagte Rhapsody, die einem Jungen, der zu schluchzen angefangen hatte, einen Arm um die Schultern legte.</p><p>�Doch. Ganz auf mich gestellt bin ich am besten. Und jetzt bring sie bitte nach oben.�</p><p>Achmed �ffnete die T�r. Die Wachsoldaten hatten den Flur, in dem die Kinder eingesperrt gewesen waren, noch nicht betreten. Schnell schl�pfte er durch die T�r, die von Grunthor gleich darauf geschlossen wurde. Nachdem der Riese sie auch noch mit dem Querbalken verriegelt hatte, machte er sich daran, die Lesepulte der Bibliothek zu einer Barrikade zusammenzustellen.</p><p>Rhapsody f�hrte die Kinder �ber die Treppe nach oben. Nicht so sehr die Miene, wohl aber ihre Stimme verriet, dass sie sich gro�e Sorgen machte.</p><p>Wie eine Katze schlich Achmed durch die Schatten, unbemerkt von den Banditen, die in den langen Flur eindrangen, noch ehe er ihn vollst�ndig durchquert hatte. Sie bewegten sich wie gut ausgebildete K�mpfer und waren schwer bewaffnet. Bis auf den Anf�hrer hatten sich alle mit Kettenhemden gepanzert. Manche trugen eine Armbrust.</p><p>Ungesehen in einer Ecke kauernd, schloss Achmed die Augen und lauschte. Er z�hlte f�nfzehn K�mpfer, ausgenommen den Anf�hrer und jene neun, die vor der Pforte Posten bezogen hatten. Es fuchste ihn, dass Rhapsody und die Kinder im Turm eingesperrt waren, doch hatte sich keine bessere M�glichkeit ergeben. Immerhin war Grunthor bei ihnen, der die Angreifer aufhalten w�rde, bis er, Achmed, einen nach dem anderen von hinten unsch�dlich gemacht h�tte.</p><p>Genau damit w�rde er nun beginnen. Er schl�pfte durch die T�r, die Grunthor aus den Angeln gebrochen hatte, und huschte in den langen, blutverschmierten Gang hinaus zu. Die neun M�nner vor der Pforte starben, ehe ihr Anf�hrer den Garten verlassen hatte.</p><p>In der Bibliothek wartete Grunthor hinter der behelfsm��igen Barrikade aus Lesepulten geduldig ab. Er hatte einen Pfeil auf die Sehne seines Langbogens gelegt und die Spitze des Langdolchs griffbereit vor sich ins Holz gerammt. Eine Weile sp�ter h�rte er ein R�tteln an der T�r, gefolgt von wuchtigen St��en. Da versuchte jemand mit Gewalt einzudringen.</p><p>Grunthor schmunzelte. Ohne die Hilfe eines Rammbocks w�re es selbst ihm kaum m�glich gewesen, die massive T�r niederzurei�en. Pl�tzlich riss der Ansturm ab; stattdessen klopfte es an der T�r. </p><p>�Hallo? Ist da jemand?�, meldete sich eine freundliche, angenehme Stimme mit schalkhaftem Unterton. �Dass ihr mich aus meinem eigenen Hause aussperrt, ist wirklich nicht nett. Seien wir doch vern�nftig, ja? Lasst mich rein. Ich wei�, dass ihr da drin seid.�</p><p>�VERZIEHT EUCH!�, r�hrte Grunthor.</p><p>Pl�tzlich flog mit lautem Krachen die T�r auf. Qualmende Holzsplitter sch�ssen durch den Raum, schwarze Flammen loderten auf, und die Luft f�llte sich mit Rauch.</p><p>Sechs oder sieben M�nner st�rmten herbei. Grunthor lie� einen Pfeil nach dem anderen von der Sehne schnellen. Er h�rte Armbrustbolzen dicht neben sich in das Eichenholz der Lesepulte einschlagen und erwiderte den Beschluss. Einer der Angreifer st�rzte getroffen zu Boden. Zwei andere hatten in Deckung gehen k�nnen. </p><p>Von gr��erer Gefahr als diese beiden waren jedoch drei Schwertk�mpfer, die mit gezogenen Klingen �ber ihn herzufallen versuchten. Einen brachte er mit einem Pfeil in den Schenkel zu Fall, ehe die beiden anderen auf die Barrikade sprangen. Weitere M�nner drangen durch die T�r. Den ersten wehrte Grunthor mit einem Pfeil ab, den er ihm von Hand durch die Brust stie�. Den zweiten stoppte er mit seiner gewaltigen Faust. Als er sich von den �brigen vier K�mpfern rechts und links der Barrikade eingezingelt sah, griff er zum Langdolch. Er musste auf die Knie gehen, um den Bolzengeschossen der Armbrust auszuweichen, die in die Treppenstufen und die Holzpulte vor ihm einschlugen. Mit einem schnellen, gezielten Hieb erdolchte er den ersten, doch ihm schwante, von den anderen bald �berw�ltigt zu werden. </p><p>Er parierte deren Attacken so gut es ging und bemerkte pl�tzlich, dass einer der Angreifer mit einer rauchenden Wunde in der Stirn zu Boden ging.</p><p>Dann sah er Rhapsodys schlanke Gestalt durch sein Blickfeld huschen und �ber den n�chsten Eindringling herfallen. Schmunzelnd wandte sich Grunthor demjenigen zu, der ihm zu nahe r�ckte, und staunte nicht schlecht, als dieser seinen Hieb abzuwehren vermochte, ohne dass ihm das Schwert aus der Hand gerissen wurde. Grunthor setzte nach, stach und schlug mit dem Langdolch zu, musste aber selbst eine tiefe Fleischwunde im Unterarm hinnehmen, ehe es ihm endlich gelang, den gut trainierten Gegner au�er Gefecht zu setzen.</p><p>�T�chtig, t�chtig�, sagte er anerkennend mit Blick auf den toten K�mpfer.</p><p>Dann eilte er Rhapsody zu Hilfe, gerade noch rechtzeitig, denn sie wurde soeben mit einem Tritt in die Knie von den Beinen geholt. Er erschlug ihren Widersacher mit einem gewaltigen Hieb und half ihr vom Boden auf. </p><p>�Sch�n, dich zu sehn, Herzchen.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Das beruht auf Gegenseitigkeit�, antwortete sie.</p><p>Kaum hatten sie sich in Erwartung weiterer Angriffe dem Eingang zugewandt, explodierte abermals dunkles Feuer, das die beiden zu Boden schleuderte und die vielen B�cherregale in Flammen aufgehen lie�. </p><p>Achmed ging hinter dem Altar im Garten in Deckung und sah, wie der Mann mit den W�lfen die Hand hob. Ein Blitzstrahl aus schwarzen Flammen sprang aus seinem Handteller und zertr�mmerte die schwere Pforte zum Turm, die gleich darauf von Teilen seiner Mannschaft gest�rmt wurde. Achmed legte seine Cwellan an und nahm seine Ziele ins Visier. Als Erste fielen jene beiden Posten, die vor den T�ren zum Garten Wache standen. Der n�chste Schuss galt dem Mann im grauen Mantel. Der drehte sich um, als die Silberscheiben auf seinen Kopf zusausten, ihr Ziel jedoch verfehlten. Stattdessen flackerten sie pl�tzlich auf und vergl�hten dicht vor den Augen des Mannes. Lachend hob er die Hand, aus der ein schwarzer Flammenball fuhr, durch die Luft flog und vor dem Sockel des steinernen Altars explodierte. Der Untergrund bebte merklich, die Holzgestelle, an denen die toten Kinder hingen, krachte zu Boden, und der Altar zerbrach, doch konnte Achmed in letzter Sekunde unbeschadet zur�ckweichen.</p><p>Als er h�rte, dass etliche K�mpfer in den Garten gelaufen kamen, trat er sofort wieder in Aktion und lie� einen t�dlichen Hagel seiner Scheibengeschosse auf die Banditen hereinprasseln. Deren Anf�hrer aber war au�erhalb der Schusslinie. Ein Wall aus dunklen Flammen versperrte den Weg zur Eingangshalle. Fluchend eilte Achmed auf das Haupttor zu, dem, soweit er wusste, einzigen anderen Zugang zum Turm. Dass die Flammen schwarz waren, best�rzte ihn zutiefst. Offenbar hatte das Wissen um diese dunkle Kraft den Untergang der Insel �berlebt.</p><p>Grunthor und Rhapsody sprangen vom Boden auf, als die Flammen und �tzender Rauch um sich griffen. Im T�rausschnitt sahen sie die Silhouette eines Mannes. Grunthor langte nach einem der Beile, die in seinem Waffengurt steckten, und schleuderte es auf die Gestalt zu. Doch ehe die Waffe ihr Ziel fand, verschwand sie in einer dunklen Feuerzunge.</p><p>�Gebt euch geschlagen�, t�nte eine Stimme. �Ihr steckt in der Falle. Legt die Waffen ab, und ich werde die Flammen zur�cknehmen. Weigert ihr euch, bin ich gezwungen, euch zu Asche zu verbrennen.�</p><p>Die Stimme, die aus dem dunklen Feuer t�nte, klang voll und s�� wie Honig an einem warmen Tag. Rhapsody f�hlte sich durch sie an die Zeit unmittelbar nach dem Aufstieg aus der Wurzel erinnert. </p><p><emphasis>Und dann w�re da das Feuer</emphasis>.</p><p><emphasis>Was soll damit sein?</emphasis></p><p><emphasis>Komm her. Leg das Schwert ab und lass es hier</emphasis>.</p><p><emphasis>Sei�s drum. Und nun?</emphasis></p><p><emphasis>Und jetzt sieh dir das Feuer an</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich sehe es</emphasis>. </p><p><emphasis>So. Und nun geh langsam darauf zu Himmel, wie ist das m�glich?</emphasis></p><p><emphasis>Die Ursache bist du. Siehst du, wenn du dich nicht schnell wieder beruhigst, geht unser h�bsches kleines Nest noch in Flammen auf und wom�glich der ganze Wald</emphasis>.</p><p>Rhapsody schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Sie richtete all ihre Konzentration auf das Feuer. </p><p>�Gib Frieden�, sagte sie. </p><p>Die Flammen reagierten sofort. Das von B�chern und Schriftrollen gespeiste Feuer ging zur�ck und verlosch. </p><p>Als ein w�tendes Fluchen von der T�r aus laut wurde, lie� sie in ihrer Konzentration nach, worauf das Feuer wieder aufflammte. </p><p>Sie geriet in Panik, und die Flammen loderten noch h�her auf als zuvor. Dass sie einsah, einen Fehler gemacht zu haben, lie� das Feuer wieder zur�ckgehen. Gleichzeitig sp�rte sie, wie eine fremde Kraft gegen ihren Willen ank�mpfte. Sie umklammerte das Heft ihres Schwertes und versuchte, ihre Gedanken und Gef�hle von der Klinge ableiten zu lassen. Die Wirkung lie� nicht lange auf sich warten. Das Feuer ging aus, was von der T�r her mit einem w�tenden Aufheulen quittiert wurde. Rhapsody trat vor die Barrikade und stellte sich dem Feind, der das schwarze Feuer hervorgerufen hatte. Vor lauter Rauch konnte sie ihn nur in Umrissen erkennen. Er blieb eine Weile vor ihr stehen und war dann pl�tzlich verschwunden. Dass er sie deutlicher gesehen hatte als sie ihn, war nicht anzunehmen, obwohl ihre Kapuze zur�ckgefallen war und das Gesicht und die im Licht des verl�schenden Feuers schimmernden Haare freigelegt hatte. Wahrscheinlich, so vermutete sie, hatte ihn der Anblick ihres Schwertes in die Flucht geschlagen. Zusammen mit Grunthor eilte sie zur T�r, doch die Schattengestalt war schon nicht mehr zu sehen. Im Obergeschoss h�rte sie die Kinder jammern.</p><p>Achmed hatte gerade die lange Eingangshalle durchquert, als er den grau bem�ntelten Mann auf sich zuhasten sah. In der Linken hielt er ein Langschwert, auf dessen schwarzer Klinge ein d�nner wei�er Streifen verlief. Von der Waffe strahlte eine Kraft aus, die Achmed als ein Prickeln auf der Haut wahrnahm. Die Gestalt selbst machte ihn ekeln.</p><p>Der Mann blieb kurz stehen und bedachte den Dhrakier mit fl�chtigem Blick. Achmed konnte nicht viel von ihm erkennen, sah aber hinter dem Visier des Kriegshelms erstaunlich blaue Augen grinsen. Achmed warf seine Cwellan �ber die Schulter und zog blitzschnell das lange d�nne Schwert, auf das er nur in den seltensten F�llen zur�ckgriff, n�mlich als letztes Mittel, wenn er mit der Cwellan nichts mehr auszurichten vermochte. Der Anf�hrer der get�teten K�mpfer grinste breit, nickte kurz mit dem Kopf und sprang durchs Fenster nach drau�en.</p><p>Ihm nachsetzend, lie� der Dhrakier das Schwert fallen, brachte die Cwellan wieder in Anschlag und sp�hte durch die zerborstene Scheibe. Der Fl�chtende hatte sich nach harter Landung schon wieder aufgerafft, als Achmed auf ihn anlegte. Doch zum Schuss kam er nicht, denn pl�tzlich tauchten die wei�en W�lfe in der Halle auf und zwangen ihn zur Selbstverteidigung. Sie hetzten auf ihn zu, doch ehe sie �ber ihn herfallen konnten, hatte er sie mit der Waffe seiner eigenen Erfindung zur Strecke gebracht. </p><p>Als er sich wieder dem Fenster zuwandte, war der Mann in dem langen grauen Mantel verschwunden. </p></section><section><title><p>35</p></title><p>Schweigend hockten die drei Gef�hrten vor einem niedrig brennenden Lagerfeuer und warteten darauf, dass die Kinder einschliefen. Sie hatten beschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen, denn es stand zu bef�rchten, dass der Mann in Grau mit Verst�rkung zum Haus zur�ckkehren w�rde.</p><p>Nachdem Wolldecken aufgetrieben und die Kinder darin eingepackt worden waren, hatte sich die seltsame Truppe unverz�glich auf den Weg zur�ck nach Haguefort gemacht, dem Schloss von Stephen Navarne. </p><p>Es war schon l�ngst dunkel geworden, als die Erwachsenen schlie�lich einsehen mussten, dass sich die j�ngeren Kinder nicht l�nger auf den Beinen halten konnten. Sie schlugen daraufhin ihr Lager auf und gruppierten sich um zwei kleine, von Rhapsody eingerichtete Feuerstellen. M�de und ersch�pft, wie sie waren, nickten die Kinder bald ein; nicht weniger als f�nf von ihnen hatten sich dicht an Rhapsody geschmiegt. </p><p>Als sie sicher sein konnte, dass die Kleinen eingeschlafen waren, blickte sie zu Achmed auf. </p><p>�Ich f�rchte, wir schaffen�s nicht�, sagte sie. �In den W�ldern und bei dem Schnee haben wir mit den Kindern kaum eine Chance. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe sie uns eingeholt haben.� </p><p>�Ich wei�.� </p><p>�Wenn wir einen sicheren Unterschlupf finden, k�nnte sich einer von uns allein durchzuschlagen versuchen.� </p><p>�Nich weit von hier gibt�s �ne verlassene B�renh�hle, im Nordwesten, ungef�hr anderthalb Wegstunden entfernt�, sagte Grunthor. �Die war gro� genug und ist au�erdem trocken.�</p><p>Nach einem kurzen Moment der Verwirrung leuchtete ihr Gesicht im Feuerschein auf. �Oh, ja nat�rlich! Fast h�tte ich ihn vergessen: deinen besonderen Sinn f�r die Erde. Tut mir Leid, Grunthor.� </p><p>Sie dachte zur�ck an die Szene im Haus der Erinnerung, an die Zerst�rung, die der Mann in Grau angerichtet hatte. �Dieses Mistst�ck versteht sich aufs Feuer, und das nicht zu knapp.� </p><p>�Allerdings�, pflichtete ihr Achmed bei.</p><p>�Und seine M�nner warn verflixt gut ausgebildet�, f�gte Grunthor hinzu, �nich blo� irgendwelche dahergelaufenen Banditen, sondern regelrechte Profis.�</p><p>�Auch das ist mir nicht entgangen.�</p><p>�Ich nehme an, er ist die Person, auf die der Vertrag Bezug nimmt, der Rakshas�, sagte Rhapsody nachdenklich. Das Feuer war heruntergebrannt und knisterte leise, wie um sich ihrer Stimmung anzupassen. </p><p>�Wie kommst du darauf?� </p><p>�Nun, zum einen hat er das Haus als das seine bezeichnet, und im Vertrag steht, dass der Rakshas nunmehr Herr dieses Hauses ist. Dass dieser Kerl au�erdem von d�monischer Art ist, war mir sofort klar. Das Feuer, mit dem er uns beworfen hat, f�hlte sich verquer und b�se an.�</p><p>�Und nicht nur das�, sagte Achmed. �Mir ist ein ganz �hnliches Gef�hl aufgesto�en, als ich ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam dank dieser sonderbaren Gabe, die mich auch das Haus hat sehen lassen. �brigens, das Feuer war schwarz. Hast du jemals schwarzes Feuer gesehen, Grunthor?�</p><p>Der Bolg gab keine Antwort; er starrte zu Boden und sch�ttelte nur den Kopf. Rhapsody blickte von dem einen Gef�hrten zum anderen.</p><p>�Was? Was ist?�, fragte sie nerv�s.</p><p>�Wir k�nnen deinen Verdacht nur best�tigen�, antwortete Achmed. �Es deutet alles darauf hin, dass dieser Kerl, den wir den Rakshas nennen, zur Unterwelt geh�rt. Als ich ihn sah, wurde mir schlecht � doch erst in dem Augenblick, da ich ihm ins Gesicht schaute, nicht vorher. W�re er ein D�mon, h�tte ich viel fr�her Notiz von ihm genommen. Trotzdem steht er irgendwie mit d�monischen Kr�ften im Bunde, ich wei� nur noch nicht, wie. Um eine Antwort darauf zu finden, m�sste ich ihn noch einmal sehen.�</p><p>�Lieber nich�, meinte Grunthor. �Wir sollten ihm aus dem Weg gehen.� Achmed nickte.</p><p>�Aber wie l�sst sich verhindern, dass er seine Verbrechen wiederholt?� Rhapsody t�tschelte das Kind auf ihrem Scho�, das im Schlaf zu st�hnen angefangen hatte.</p><p>�Jedenfalls nicht durch uns. Das �berlassen wir besser Herzog Stephen und seinen Soldaten. Immerhin k�nnen wir ihnen jetzt sagen, wonach sie suchen m�ssen.�</p><p>Die �berrascht aufblickenden gr�nen Augen funkelten im Feuerschein wie Edelsteine. �K�nnten <emphasis>wir</emphasis> ihn denn nicht aufzutreiben versuchen?�</p><p>�Das habe ich ja schon getan. Aber Fehlanzeige. Er hat keine Spur hinterlassen, der ich h�tte folgen k�nnen. Also, selbst wenn wir es versuchten, w�rden wir ihn nicht finden. Au�erdem haben wir f�nfzehn Kinder bei uns. Willst du mit denen Jagd auf ihn machen?�</p><p>Rhapsody schwieg. Sie starrte in die Flammen und dachte an das, was die Kinder durchgemacht hatten und wovor sie jetzt durch ihr Eingreifen bewahrt blieben. Doch f�r wie lange? Gleichwohl, Achmed hatte Recht. Im Augenblick gab es nur eines f�r sie zu tun. Sie mussten die Kinder nach Hause zur�ckf�hren, zumindest nach Navarne, wo sich Stephen um sie k�mmern w�rde.</p><p>Achmed reichte das Tagebuch an Rhapsody weiter, denn er wollte wissen, was sie davon hielt. W�hrend sie darin las, streichelte sie �ber das Haar des Kindes, das, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, dicht neben ihr kauerte. Schlie�lich blickte sie auf.</p><p>�Das ist ein �ber vierhundert Jahre alter Bericht aus der Zeit nach der Vertreibung aus Canrif durch die Firbolg gegen Ende des Cymrischen Krieges.�</p><p>�Ja.� </p><p>Die glitzernden gr�nen Augen schauten ihn fragend an. �Und?�, fragte sie und kniff die Brauen zusammen. Anstatt zu antworten, stand Achmed auf und stocherte im Feuer herum.</p><p>�Was ist los, Achmed?� Als er immer noch nichts sagte, d�mmerte ihr die Antwort. �Oh, nein. Du willst doch nicht etwa dorthin?�</p><p>Er begegnete ihrem Blick. �Das war doch wohl von Anfang an klar, oder?�</p><p>�Zugegeben�, sagte sie. �Aber jetzt, da wir wissen, dass diese Leute dieselbe Karte und denselben Plan haben, stellt sich die Sache ganz anders dar.�</p><p>�Ach, du warst doch immer schon dagegen. Aber denk einmal scharf nach. Diese Hunde sind nicht in Canrif; sie sind hier ...�</p><p>�Wer sagt denn, dass sie nicht mehr in Canrif sind?�, fiel sie ihm ins Wort.</p><p>�... und im Unterschied zu uns handelt es sich bei denen nicht etwa um Bolg.�</p><p>�Sprich f�r dich. Ich bin keiner.�</p><p>�Darum bist du �berall willkommen. F�r uns aber gibt es nur einen Ort, an dem wir leben k�nnen, und das ist Canrif. Wir, Grunthor und ich, haben es satt, uns im Land der Menschen immer bedeckt halten und leise treten zu m�ssen. Bei den Bolg bist du eher gelitten als unsereins bei euch.� </p><p>�Klar�, entgegnete Rhapsody, �als Fleischmahlzeit.�</p><p>Achmed verlor allm�hlich die Geduld. �Hast du denn ein besseres Ziel vor Augen? Ich habe dir angeboten, dich nach Tyrian zu bringen, ins Land der Lirin, aber du wolltest ja unbedingt mit uns kommen. Steht dir der Sinn jetzt nach was anderem? Wenn ja, zeig ich dir den Weg, und du kannst mit den G�ren abziehen. Bring sie her, Grunthor.�</p><p>Rhapsody machte gro�e Augen; sie hatte die letzte Bemerkung nicht verstanden. Der Riese sprang auf, eilte davon und kehrte wenig sp�ter zur�ck, ein sich windendes B�ndel unter den Arm geklemmt. Es war das M�dchen, das Jo genannt wurde. Es hatte davonzulaufen versucht und fluchte nun aufs Deftigste. Die S�ngerin war schockiert und beeindruckt zugleich, hatte sie doch in Jos Alter ganz �hnliche Gassenausdr�cke parat gehabt. Das M�dchen schien tats�chlich auf der Stra�e gro� geworden zu sein; nur so war sein Verhalten zu erkl�ren.</p><p>Grunthor lie� Jo in den Schnee fallen und musterte sie mit am�sierter Miene. �Na, dann verrat uns doch mal, wohin du so eilig wolltest. Auf den Prinzenball vielleicht?�</p><p>Das M�dchen versuchte aufzustehen, wurde aber von der Hand des Riesen, die sich ihr auf den Kopf gelegt hatte, daran gehindert. �Dahin bringen mich keine zehn Pferde zur�ck�, zischte es und schlug auf Grunthors Hand ein. </p><p>�Wovon sprichst du, Jo?�, fragte Rhapsody.</p><p>�Von Navarne. Ich habe euch belauscht. Dahin will ich auf keinen Fall zur�ck. Lass mich aufstehen.� </p><p>Rhapsody l�ste sich vorsichtig von den schlafenden Kindern und sorgte daf�r, dass sie warm zugedeckt waren. Dann stand sie auf und trat vor Grunthor hin, der das aufs�ssige M�dchen weiterhin in Schach hielt. </p><p>Rhapsody musterte das M�dchen. Es war lang aufgeschossen, um eine Handbreit gr��er als sie selbst, d�nn und schlaksig. Die Augen waren w�ssrig blau, aber sehr ausdrucksstark. Rhapsody hatte den Eindruck, auf ihr um viele Jahre verj�ngtes Ebenbild zu blicken, und dachte zur�ck an ihr ungl�ckliches Lebens auf der Stra�e. Ein ungemein starkes Gef�hl von Z�rtlichkeit und Mitgef�hl f�r das M�dchen �berkam sie. </p><p>�Du hast keine Eltern mehr?�</p><p>�Nein�, antwortete das M�dchen trotzig. �Lass mich aufstehen, du dicker, h�sslicher Ochse.� </p><p>Grunthor lachte laut auf und schlug sich vor die Brust. �Oh, du tust mir weh mit deinen Worten�, klagte er gespielt. </p><p>�Lass sie aufstehen und mach dich nicht �ber sie lustig�, sagte Rhapsody. Kaum war Jo frei, richtete sie ihren stechenden Blick auf die S�ngerin. Doch dann entspannte sich ihre Miene.</p><p>Rhapsody ging neben Jo in die Hocke und fragte: �Warum willst du nicht zur�ck nach Navarne?� </p><p>�Weil man mich da als Diebin sucht, und ich will nicht, dass man mir die Hand abhackt.� </p><p>Rhapsody war sichtlich erstaunt. �Die Hand abhackt? Hast du je erlebt, dass in Navarne einem Dieb die Hand abgehakt worden ist?�</p><p>Das Stra�enm�dchen presste die Lippen aufeinander und sch�ttelte den Kopf. �Nein, aber es wei� doch jedermann, dass das die Strafe ist.�</p><p>Die S�ngerin l�chelte. �Verstehe, unser guter alter Jedermann wei� wieder einmal alles. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass unter Herzog Stephen solche Strafen tats�chlich verh�ngt werden.� </p><p>�O doch. Er ist ein mieser Klotzkopf.�</p><p>Diesmal lachten alle drei. �Ein zweifellos sehr scharfsinniges Urteil von dir, bedenkt man, wie eng befreundet ihr seid�, erwiderte Rhapsody. Als sie aber die Panik im Gesicht des M�dchens sah, wurde sie ernst. Jo hatte Angst, und die war nicht gespielt.</p><p>�Ich mache dir einen Vorschlag. Wie w�r�s, wenn ich dich dem Herzog als meine Schwester vorstelle? Ich habe bei seinen Kindern und so auch bei ihm einen Stein im Brett, und deshalb wird er wohl, was dich betrifft, ein Auge zudr�cken.�</p><p>Das M�dchen starrte sie an. �Das w�rdest du f�r mich tun?�</p><p>�Ja, aber es muss der Wahrheit entsprechen, denn zu l�gen ist mir unm�glich. Das vertr�gt sich nicht mit meinem Beruf.� </p><p>Jo zog die Stirn kraus. �Was soll das denn hei�en?�</p><p>�Ich werde dich, wenn du einverstanden bist, als Schwester adoptieren. Dann brauche ich nicht zu l�gen, und der Herzog wird �ber deine Vergehen hinwegsehen.�</p><p>�G�tiger Himmel�, murmelte Achmed.</p><p>�Ist das �ne Angewohnheit von dir, die du uns bislang unterschlagen hast?�, wollte Grunthor wissen. </p><p>�So k�nnte man�s auch nennen�, antwortete Rhapsody mit breitem Grinsen. �Seid froh, dass ich euch beide adoptiert habe. Von anderen als meinen Br�dern w�rde ich mir so viele Unversch�mtheiten nicht gefallen lassen.� </p><p>�Nun, die �u�erlichen �hnlichkeiten sind ja nich zu �bersehen, besonders die zwischen uns beiden, nicht wahr, Euer Liebden?�</p><p>�Was meinst du, Jo?�, fragte Rhapsody. �Willst du meine Schwester sein? Ich habe mir schon immer eine gew�nscht. Wir sehen uns sogar ein bisschen �hnlich.�</p><p>Jo schnaubte. �Du machst Witze.�</p><p>�Aber nein.� Die S�ngerin sch�ttelte den Kopf. �Wir haben beide blonde Haare und helle Augen.� </p><p>�Ihr k�nntet glatt als Zwillinge durchgehn�, kicherte Grunthor.</p><p>�Halt�s Maul�, zischte Jo, was Grunthor nicht daran hinderte, ihr ein freundliches L�cheln zu schenken. </p><p>�Tats�chlich hast du einiges mit unsrer Gr�fin hier gemein. Das vorlaute Mundwerk zum Beispiel. Ich rate dir, den Vorschlag der Gr�fin anzunehmen, sonst seh ich schwarz f�r dich in Navarne.� </p><p>�Hallo, Schwesterherz�, beeilte sich Jo zu sagen.</p><p>Rhapsody klatschte vor Vergn�gen in die H�nde. �Prima. Aber ich glaube, es macht sich besser, wenn du mich einfach Rhapsody nennst. Wie hei�t du?�</p><p>Das M�dchen sah sie an wie einen Schwachsinnigen. �Das wei�t du doch. Jo.�</p><p>�Ist Jo nicht eine Kurzform? Wof�r? Und hast du auch einen Nachnamen?�</p><p>Das M�dchen verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Leck mich.�</p><p>�Jo Leck-mich. Ein seltsamer Name.�</p><p>�Immerhin passt er zu dir�, meinte Achmed, worauf sich die trotzige Miene des M�dchens unwillk�rlich in ein Schmunzeln aufl�ste.</p><p>�Na bitte�, sagte Grunthor. �Du hast ja Humor. Den hast du in unsrer Gesellschaft auch n�tig.� </p><p>Am Morgen fanden sie die von Grunthor in Aussicht gestellte B�renh�hle, ein zwischen dichtem Gestr�pp verstecktes Loch, das in einen erstaunlich gro�en Hohlraum unter der Erde f�hrte. Achmed hatte sich als Erster hineingewagt und feststellen k�nnen, dass der Bau unbewohnt und sicher war. Rhapsody kam mit den Kindern nach und bereitete sie auf eine Zeit des Wartens vor.</p><p>�Du kannst die Vorr�te getrost aufbrauchen�, sagte Achmed. �Ich bin sicher, Stephen wird uns gen�gend Proviant mit auf den Weg geben, wenn wir zur�ckkommen, um euch zu holen.�</p><p>Rhapsody sah sich nerv�s im stillen Wald um. Mit dem Untergang der Sonne war es k�lter geworden. Die Oberfl�che des Schnees gefror zu einer harten Kruste, und die Kinder fingen an zu frieren. �Beeilt euch bitte�, sagte sie, obwohl ihr bewusst war, dass sie sich diese Mahnung h�tte ersparen k�nnen. �Ich will nicht, dass wir sie gerettet haben, nur um sie wenig sp�ter erfrieren zu lassen.�</p><p>�Das ist wohl weniger zu bef�rchten�, erwiderte Achmed schmunzelnd. �Ich bin sicher, dir wird schon noch einfallen, wie du sie vor der K�lte sch�tzen kannst. Gef�hrlicher ist etwas anderes, vor allem ein gewisser Kerl in Grau. Bleib mit den Kindern also immer in Deckung. Ich lege ein paar Spuren, die ihn, falls er hier aufkreuzen sollte, ablenken werden. Au�erdem ist Grunthor da, der Wache h�lt.� </p><p>Rhapsody schaute Achmed ins Gesicht und l�chelte. �Ich wei�. Sei vorsichtig.� Sie umarmte ihn und wandte sich dann ab, um zur�ck in die H�hle zu klettern.</p><p>�Rhapsody?� </p><p>�Ja?� </p><p>�Wenn ich wieder zur�ck bin, sollten wir uns �ber dieses M�dchen unterhalten.�</p><p>Rhapsody drehte sich zu ihm um. �Warum nicht jetzt gleich?�</p><p>Der Dhrakier sch�ttelte den Kopf. �Dazu fehlt die Zeit. Ich will so schnell wie m�glich bei Stephen sein.� </p><p>�Dann gibt es nichts zu bereden�, entgegnete Rhapsody. �Ich wei�, was du sagen willst... dass ich sie nicht h�tte adoptieren sollen, dass ihr nicht zu trauen ist.�</p><p>Achmed nickte. �So ist es.�</p><p>�Na sch�n. Ich habe meine Wahl getroffen, jetzt musst du dich entscheiden. Jo und ich geh�ren zusammen. Wenn du uns los sein willst, werden wir nach deiner R�ckkehr auf getrennten Wegen weiterziehen.� </p><p>Achmed schnappte nach Luft und versuchte seine Wut zu z�geln. �Es w�re nett gewesen, du h�ttest uns vorher zu Rate gezogen.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Rhapsody leise. �Du hast Recht, und es tut mir Leid. Der Entschluss kam ganz spontan. Er schien mir genau das Richtige zu sein.�</p><p>�Was ist �das Richtige� f�r dich? Du hast unsere �berlebens-Chancen aufs Spiel gesetzt, Rhapsody. Ist dir das �berhaupt klar?�</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen, nach dem, was wir in diesem Haus gesehen haben?�, emp�rte sich Rhapsody. �Ausgerechnet du, der es schafft, ein ganzes Heer von Soldaten im Alleingang aufzureiben. Sie ist noch ein Kind, Achmed. Und im Unterschied zu den anderen armen Kindern, die wenigstens noch ein Zuhause haben, steht Jo mutterseelenallein da. Wir h�tten sie ja vielleicht zur�cklassen sollen, damit sie ohne uns die besseren �berlebenschancen hat.�</p><p>�Und wie kommt es verdammt noch mal, dass du dich ausgerechnet f�r sie verantwortlich f�hlst?� </p><p>Rhapsodys Stimme senkte sich zu einem bedrohlichen Wispern. �Ich habe mich dazu entschieden. Ob du es mir nun glaubst oder nicht, ich bin tats�chlich in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu f�llen. Dass du mich immer zu bevormunden versuchst, �ndert daran nichts. Und dies ist eine meiner Entscheidungen. Entweder sie bleibt oder wir trennen uns von euch. Ich werde sie auf keinen Fall im Stich lassen.� </p><p>�Wenn�s denn interessiert: Ich find die Kleine ganz nett�, schaltete sich Grunthor ein. Seine Miene war ernst. </p><p>Der Dhrakier wandte sich dem Freund zu und schien angestrengt nachzudenken.</p><p>�Bist du denn bereit, Verantwortung f�r sie mit zu �bernehmen?�</p><p>�Sicher doch, warum nich? Es hat schlie�lich auch bei unserer Gr�fin funktioniert.�</p><p>�Das ist nicht zu vergleichen.�</p><p>�Warum nicht?�, fragte Rhapsody. �Worin liegt der Unterschied? Ihr wolltet mir helfen; jetzt bin ich es, die ihr helfen will.� </p><p>Achmed rang sich ein L�cheln ab. �Du glaubst, wir wollten dir <emphasis>helfen?�</emphasis></p><p>Rhapsody schlug die Augen auf. �Ja, zu Anfang jedenfalls, und das gegen meinen Willen. Ich wollte n�mlich gar nicht weg von der Insel.�</p><p>�Und dir ist nicht in den Sinn gekommen, dass wir dich nur deshalb mitgenommen haben, weil wir dich als eine Art R�ckversicherung ganz gut gebrauchen konnten?�</p><p>�Oder als letzte Reserve, wenn es sonst nichts mehr zu futtern gegeben h�tte�, warf Grunthor ein. </p><p>�Klar, auch daran habe ich gedacht, aber mit der Zeit hat sich etwas anderes herausgestellt. Sei�s drum, das M�dchen braucht uns. Es wird uns keine Probleme machen, keine gr��eren zumindest als ich.� </p><p>�Tja also, wenn du�s so siehst...�</p><p>�Sie ist j�hzornig bis zur Zerst�rungswut�, sagte Achmed gereizt.</p><p>Rhapsodys Miene verd�sterte sich. Sie warf einen Blick zur�ck auf die H�hle, um sich zu vergewissern, dass Jo nicht mith�ren konnte.</p><p>�Mit Verlaub�, entgegnete sie frostig, �das lie�e sich uns gelegentlich auch vorwerfen.� </p><p>�Sprich f�r dich selbst�, sagte Grunthor.</p><p>�Das tue ich. Jo braucht mich, sie braucht uns. Und ich brauche sie. Ich �bernehme Verantwortung f�r sie. Wenn ihr uns nicht l�nger bei euch haben wollt, m�ssen sich unsere Wege eben trennen. Jedenfalls werde ich sie nicht allein lassen.�</p><p>Ver�rgert stie� Achmed einen Schwall Luft aus. �Also gut, von mir aus soll sie mitkommen. Allerdings sollte ihr von Anfang an klar sein, dass wir uns voll und ganz auf sie verlassen k�nnen m�ssen. Wohin wir gehen, darf sie wissen; aber verrate ihr lieber nichts von unserer Vergangenheit. Einverstanden?� </p><p>Rhapsody warf sich ihm um den Hals, so st�rmisch, dass er das Gleichgewicht verlor. �Ja. Danke.� </p><p>Dann lie� sie schnell wieder von ihm ab und brachte seinen verrutschten Umhang in Ordnung. �Und jetzt beeil dich. Sei vorsichtig und lass dir vom Herzog auch Medikamente mitgeben.�</p><p>�ber eine Woche harrte die seltsame Gruppe, auf Achmed wartend, in der H�hle aus. Kraft ihrer Feuerkunde konnte Rhapsody die Felsen erhitzen, sodass sie es warm hatten wie in einem Haus mit bullerndem Kamin. </p><p>Zu essen gab es genug. Grunthor hatte Proviant f�r mehrere Wochen bei sich, und was er selbst an einem Tag an Nahrung brauchte, machte alle Kinder satt. Weil es nicht n�tig war, Feuer zu machen, blieb die Luft in der H�hle sauber und frisch, und es stieg auch kein Rauch auf, der auf sie aufmerksam gemacht h�tte.</p><p>Weil der Mangel an Licht den Kindern zu schaffen machte, zog Rhapsody ihre Tagessternfanfare und rammte die Schwertspitze in den weichen Boden der H�hle. Die Flammen, die, ohne Rauch zu entwickeln, der Klinge entsprangen, f�llten den Raum mit warmem Licht. Noch wohliger wurde die Stimmung durch die Lieder, die Rhapsody zur allgemeinen Unterhaltung leise vortrug. Mit Hilfe der Kr�uter aus ihrem Gep�ck versorgte sie die Wunden der Kinder und stellte sie ruhig, damit kein Laut nach drau�en drang, der sie verraten w�rde.</p><p>Wie gewohnt, hielt sie morgens und abends ihre Andacht ab. Wenn sie dann ihre Lieder anstimmte, tauchten die Gesichter ihrer j�ngst adoptierten Enkelkinder Gwydion und Melisande vor ihrem geistigen Auge auf, l�chelnd wie w�hrend ihres letzten Beisammenseins. Der Kontrast zu den bleichen, �ngstlichen Gesichtern, die jetzt auf sie gerichtet waren, h�tte nicht gr��er sein k�nnen und machte ihr Angst um alle Kinder von Navarne.</p><p>Selbst wenn sie schliefen, entspannten sich die Mienen der Kleinen nicht, die bis in die Tr�ume hinein von ihren N�ten verfolgt zu werden schienen. Rhapsody dachte an Analise zur�ck, an jenes von Michael sp�ttisch Petunia genannte M�dchen, das sie vor diesem Unhold gerettet hatte.</p><p>Unter dem Schutz von Nanas Wachen war sie mit Analise in die Weiten Marschen geflohen, in die gro�e offene Ebene, die Ostend im Norden, Westen und S�den umschloss. Dort hatten sie die Anf�hrerin der Liringlas aufgesucht, die ihnen bereitwillig Unterschlupf gew�hrt hatte. Das Kind war herzlich aufgenommen worden, und als Rhapsody schlie�lich Abschied von ihm genommen hatte, hatte sie es in guten H�nden gewusst. Analise, hoch zu Ross im Sattel vor der Lirinf�rstin sitzend, lachend und winkend � dieses Bild war Rhapsody nach wie vor in lieber Erinnerung. </p><p>Erst sehr viel sp�ter sollte sich der Verlustschmerz einstellen, ein Schmerz, der sich auch nicht durch das Wissen darum lindern lie�, dass sie f�r das Waisenkind das einzig Richtige getan hatte. Sie vermisste Analise und fragte sich, ob das Kind nach seinen schrecklichen Erfahrungen mit Michael jemals wieder gl�cklich geworden war. Rhapsody hatte damals gelobt, sich jedem Missbrauch von Kindern entschieden und mit aller Macht Zur Wehr zu setzen, zu welchem Preis auch immer. Sie streichelte die kleinen H�nde im Dunkeln und dr�ngte die Erinnerungen zur�ck. Mehrere Tage lang tobte ein heftiger Sturm und heulte wie ein Rudel W�lfe �ber dem Einstieg der H�hle. Rhapsody tr�stete sich mit dem Gedanken, dass der Wind und das Schneetreiben ihre Spuren verwischt haben w�rden; dennoch machte sie das unabl�ssige Heulen beklommen.</p><p>Als drau�en ein Baum umgerissen wurde, schrien die Kinder vor Angst auf und suchten Trost in Rhapsodys Armen. Manche waren so verschreckt, dass sie sogar ihre Scheu vor Grunthor ablegten und seinen Schutz erbaten. Er lenkte sie mit seinen Scherzen ab und brachte sie zum Lachen, auch wenn es �ber ihnen noch so sehr tobte und das Donnergrollen Lehm und Steine von den H�hlenw�nden br�ckeln lie�. Endlich legte sich der Sturm; die Kinder aber r�ckten von ihrem neu gewonnenen Freund, dem Riesen, nicht mehr ab.</p><p>Grunthor hielt tags�ber Wache, legte sich dann nach dem Abendessen aufs Ohr und schlief bis Mitternacht, um anschlie�end wieder seinen Posten zu beziehen. Rhapsody und Jo wachten, so lange er schlief. Doch da war niemand, der ihrem Versteck nahe kam, nicht einmal die Tiere des Waldes. L�ngst war alles Wild geflohen vor dem B�sen, das den Wald verpestet hatte.</p><p>Die beiden, Rhapsody und Jo, lernten sich in dieser Zeit besser kennen und fanden Zuneigung zueinander. Doch immer noch weigerte sich das M�dchen, Auskunft �ber seinen vollen Namen zu geben. Die beiden hatten einen ganz �hnlichen Sinn f�r Humor und mussten sich h�ufig zur�ckhalten, um nicht lauthals und ausgelassen loszulachen, was die anderen und vor allem Grunthor wom�glich irritiert h�tte. </p><p>Wenn sie Jo beobachtete, f�hlte sich Rhapsody oft an die eigene Kindheit erinnert, und das stimmte sie traurig. Ungl�ckliche Umst�nde hatten das M�dchen zu einem Leben auf der Stra�e verurteilt, und ganz �hnlich war es Rhapsody in jungen Jahren ergangen. Jo war ohne Familie; Rhapsody hatte die ihre und alle Freunde und Bekannten verlassen. Sie alle, die ihr lieb und teuer waren, lebten nun schon l�ngst nicht mehr; sie hatten nie erfahren, was aus ihr, Rhapsody, geworden war. Die Tr�ume, die solchen Erinnerungen folgten, waren so qualvoll, dass sie ihr wie eine Strafe f�r all ihre Verfehlungen vorkamen. Rhapsody ertappte sich immer h�ufiger bei dem Wunschgedanken, das M�dchen anstatt ins Land der Bolg nach Navarne zur�ckf�hren zu k�nnen. Schlie�lich vertraute sie sich Jo an, die sie mit einer Kopfbewegung in Richtung auf die schlafenden Kinder daran erinnerte, wie wichtig es war, vorsichtig zu bleiben und sich nicht etwa in Sicherheit zu wiegen.</p><p>Endlich, nach gut einer Woche, kehrte Achmed mit Verst�rkung zur�ck. Der l�rmende Tross k�ndigte sich schon in der Ferne an; Grunthor war durch seinen scharfen, �bernat�rlichen Sinn f�r das Erdreich sogar noch fr�her auf sie aufmerksam worden.</p><p>Taumelnd stieg Rhapsody auf in schmerzhaft blendendes Tageslicht, schirmte die Augen mit den H�nden ab und sp�hte durch das mit Raureif �berzogene Dickicht den Rettern entgegen.</p><p>Sie h�rte Hufgetrappel und das Knarren von Pferdewagen, die sich langsam auf dem Fuhrweg durch den Wald n�herten, derselben Stra�e, die Rhapsody vor Tagen mit Achmed und Grunthor in Richtung auf das Haus der Erinnerung eingeschlagen hatte.</p><p>Es dauerte fast noch eine ganze Stunde, ehe die Soldaten in Sicht kamen, insgesamt mehr als vierzig M�nner, angef�hrt von Achmed und Stephen zu Pferde. Als die beiden in Sichtweite waren, richtete sie sich auf und winkte, worauf sich auf dem Gesicht des Herzogs ein L�cheln zeigte. Stephen sprang aus dem Sattel, eilte herbei und begr��te sie mit st�rmischer Umarmung.</p><p>�Allm�chtiger, ist alles in Ordnung mit dir? Welche Sorgen habe ich mir seit Achmeds Ankunft um dich gemacht!� Er r�ckte um Armesl�nge von ihr ab und musterte sie mit aufmerksamen Blicken. Dann r�usperte er sich, verlegen dar�ber, dass er err�tete.</p><p>Rhapsody t�tschelte ihm die Schulter. �Es geht uns allen gut, Hoheit, und das verdanken wir Euch. Die Kinder sind mit Grunthor in der H�hle.�</p><p>�So hol sie doch her; ich will sehen, wen wir da haben�, sagte er und beugte sich �ber den Einstieg zur H�hle. </p><p>Als er Stephen erblickte, rief Grunthor seine Sch�tzlinge zusammen. �Hopp, hopp, nehmt Aufstellung, sch�n in Reih und Glied�, befahl er ihnen, und die Kinder gehorchten. Endlich konnten sie wieder unbeschwert miteinander plappern und lachen.</p><p>Grunthor reichte ein Kind nach dem anderen durch den Ausstieg nach oben, wo sie von Rhapsody und dem Herzog in Empfang genommen wurden. Er sprach ihnen Mut zu. Manche von ihnen erkannte er wieder, befragte das eine oder andere Kind, und schlie�lich waren alle vierzehn der H�hle entstiegen und in die Obhut der Soldaten gestellt. Ganz zum Schluss trat Jo in Erscheinung, von Grunthor mit einem kr�ftigen Schubs in Bewegung gesetzt. Rhapsody ergriff ihre bleiche, zitternde Hand. </p><p>�Eure Hoheit, darf ich Euch meine Schwester Jo vorstellen?� Sie l�chelte dem M�dchen aufmunternd zu und richtete dann ihren Blick wieder auf den Herzog von Navarne.</p><p>Stephen starrte Jo einen Moment lang an, ehe er sich Rhapsody zuwandte, deren L�cheln merklich strahlender geworden war. �Wie geht�s, Jo?�, fragte er schlie�lich. �Es ist mir eine Ehre, ein weiteres Mitglied aus Rhapsodys Familie kennen zu lernen. Bedauerlich, dass wir uns nicht schon fr�her begegnet sind.� </p><p>�Find ich nicht�, murmelte Jo vor sich hin.</p><p>�Sind das alle Kinder?�, fragte der Herzog.</p><p>Das L�cheln verschwand aus Rhapsodys Gesicht. �Ja�, sagte sie mit trauriger Stimme. �Ich w�nschte, es w�ren mehr. Wir haben das ganze Haus der Erinnerung durchsucht, aber keine weiteren Kinder gefunden.� <emphasis>Jedenfalls keine lebenden,</emphasis> f�gte sie im Stillen hinzu.</p><p>Stephen nahm sie liebevoll bei den Schultern. �Ich bin dir und deinen Freunden sehr dankbar f�r alles, was ihr getan habt�, sagte er. �Wenn wir am Wochenende zur�ck sind, werden viele trauernde Eltern und Anverwandte �bergl�cklich sein.�</p><p>�Ach, wenn es doch nur mehr w�ren�, entgegnete sie in Gedanken an die kleinen, leblosen K�rper, die auf so grausige Weise geopfert worden waren. �Ich hoffe nur, Eure Soldaten haben starke Nerven und keine eigenen Kinder.� Sie warf einen Blick auf Grunthor, der den Kindern auf den Wagen half, und wandte sich erneut mit ernstem Blick dem jungen Herzog zu. </p><p>�Ich empfehle Euch, gemeinsam mit den Kindern umzukehren�, sagte sie. �Ihr habt genug gelitten, Hoheit. �berlasst die Aufr�umarbeiten am Haus lieber anderen.�</p><p>Der Herzog senkte den Blick. �Nenn mich doch einfach Stephen�, sagte er. �Ich will der Empfehlung folgen.� </p><p>�Wie sind so weit, Eure Hoheit�, rief der Hauptmann der Truppe. Rhapsody und der Herzog sahen einander noch eine Weile in die Augen. Widerstrebend nahm Stephen die H�nde von ihren Schultern. Rhapsody ging an den Wagen, verabschiedete sich von den Kindern und warf ihnen Kussh�nde zu. Die kleinen Gesichter waren ihr zugewandt, manche ernst, andere l�chelnd. Es w�rde noch lange dauern, ehe sie von ihrem Trauma geheilt w�ren. Der Kutscher brachte die Pferde in Bewegung, und, flankiert von berittenen Soldaten, rollte der Wagen in Entgegengesetzter Richtung auf dem Fuhrweg davon. </p><p>Stephen stieg �ber einen am Boden liegenden Baumstamm hinweg, trat auf die beiden Bolg zu und gab ihnen die Hand. </p><p>�Vielen Dank�, sagte er. �Navarne und meine Familie stehen f�r immer in eurer Schuld. Ich habe vier Pferde f�r euch bereitstellen lassen und ein Empfehlungsschreiben mit meiner Unterschrift aufgesetzt, das euch weiterhelfen wird, falls ihr auf Schwierigkeiten sto�en solltet. Und denkt daran, dass ihr in meinem Hause stets willkommen seid.�</p><p>�Nett von Euch�, sagte Grunthor und sch�ttelte mit der ihm eigenen Herzlichkeit die Hand des jungen Mannes. </p><p>�Was sind eure Pl�ne?�, fragte der Herzog und richtete sich dabei an Achmed.</p><p>Der musterte mit seinen ungleichen Augen das Gesicht seines adeligen Gegen�bers und sagte schlie�lich: �Unser n�chstes Ziel ist Canrif. Es w�re mir lieb, wenn Ihr diese Information f�r Euch behalten w�rdet.� </p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich schlage vor, ihr reist in n�rdlicher Richtung bis auf das orlandische Plateau und folgt dann der Hauptstra�e �ber Bethania nach Bethe Corbair, der �u�ersten Provinz von Roland an der Grenze zu den Bolgl�ndern.� Achmed nickte. Das war auch die Route, die der entsprechende Eintrag im Notizbuch empfahl.</p><p>�Wenn ihr in der Provinz von Bethe Corbair die Ebene der Krevensfelder erreicht habt, auf die die H�gel im Westen auslaufen, solltet ihr nach S�dosten weiterziehen und euch der Stadt von S�den her n�hern. Das ist der sicherere Weg. Falls es trotzdem Probleme geben sollte, wendet euch an den Herzog Quentin Baldasarre oder, wenn der nicht zu erreichen ist, an Lanacan Orlando, den dort amtierenden Seligpreiser. Er ist ein sehr g�tiger Mann. Zeigt ihm mein Schreiben, und ich bin sicher, dass er euch helfen wird.�</p><p>Rhapsody hatte sich mit Jo den beiden hinzugesellt. �Vielen Dank�, sagte sie. �Und erlaubt mir, dass ich Euch bitte, Eure Soldaten, die das Haus der Erinnerung durchsuchen werden, anzuweisen, alle Gegenst�nde, die f�r Euch von Wert sein k�nnen, zu konfiszieren. Denn der Urheber dieser Verbrechen behauptet, Eigent�mer des Hauses zu sein, und wird wom�glich zur�ckkehren.� Stephen nickte. </p><p>�Ich habe ihn schon darauf hingewiesen, Rhapsody�, sagte Achmed. �Wir m�ssen uns jetzt auf den Weg machen. Die Zeit dr�ngt, und es wird nicht mehr lange hell sein.�</p><p>�Lebt wohl, Stephen�, verabschiedete sich Rhapsody vom Herzog. �Gr��t meine Enkel aufs Herzlichste.� Er nahm ihre Hand, dr�ckte einen Kuss auf den Handr�cken und versuchte die gleiche Geste dann bei Jo anzubringen, die aber ihre Hand energisch zur�ckzog und ihn feindselig anblitzte. Grunthor und Achmed begleiteten den Herzog zu seinem Pferd und verabschiedeten sich, als er in den Sattel stieg. Dann schaute er sich noch einmal um und ritt davon.</p><p>�Diese Pferdchen sind nich zu verachten �, sagte Grunthor, an Rhapsody gewandt, die Stephen immer noch nachblickte, obwohl er schon verschwunden war. �Wer kriegt das gro�e?�</p><p>Rhapsody wandte sich um, dem Riesen zu. Drei der vier Pferde waren rassige Reittiere, das vierte ein f�r den Kriegseinsatz gez�chteter Kaltbl�ter. </p><p>�Mir scheint, f�r dich ist diese Stute dort gedacht�, sagte Rhapsody und zeigte auf das zierlichste der vier Pferde. </p><p>Grunthor wollte gerade eine launige Antwort geben, als ein kl�gliches Kr�chzen laut wurde. </p><p>�Ich kann nicht reiten�, jammerte Jo mit erstickter Stimme.</p><p>Rhapsody nahm sie bei der Hand. �Dass du noch nie auf einem Pferd gesessen hast, muss nicht hei�en, dass du nicht reiten kannst. Wie w�r�s, steigst du zu mir in den Sattel?�</p><p>Achmed nickte. �Das trifft sich gut. Das vierte Pferd schleppt dann das schwere Gep�ck. So kommen wir schneller voran.� </p><p>Gesagt, getan. W�hrend Achmed und Grunthor die Gep�ckst�cke umluden, versuchte Rhapsody, das M�dchen mit gutem Zureden zu beruhigen. Schlie�lich stiegen sie in die S�ttel und machten sich auf den Weg, der sie in nord�stlicher Richtung durch die Provinzen von Navarne und nach Bethania f�hren w�rde, sp�ter �ber Bethe Corbair und dann s�d�stlich durch die Ebene der Krevensfelder dem Tor zum dunklen Reich der Firbolg entgegen.</p></section><section><title><p>36</p></title><p>�Was soll das hei�en, ich darf nicht in die Stadt hinein? Hab ich eine Woche auf diesem verfluchten Gaul gesessen, um mir dann sagen zu lassen, dass ich drau�en bleiben muss? Du bist ein Sausack, Achmed. Ich w�nsch dir die Pest an den Hals, auch wenn du sowieso schon h�sslich genug bist.� </p><p>Achmed warf Rhapsody einen Blick zu, die sich schnell wegdrehte, um ihr Grinsen zu verbergen. Seufzend stieg er aus dem Sattel.</p><p>�Erkl�r mir doch bitte noch einmal, warum ich es zulasse, dass du mit ihr unser Brot teilst�, sagte er und warf die Z�gel �ber den Pferder�cken, ohne einen einzigen Blick auf Jo zu verschwenden. </p><p>�Weil du sie gern hast�, antwortete Rhapsody, und ihre gr�nen Augen strahlten.</p><p>�Hmmm. Tja, vielleicht solltest du noch einmal unsere Pl�ne mit ihr durchsprechen. Bring ihr bei, dass es zu riskant w�re, wenn sie sich in aller �ffentlichkeit zeigte. Wom�glich w�rde sie entf�hrt und als Gesellschaftsdame f�r das M�dchenpensionat verpflichtet.�</p><p>Rhapsody zog die Satteltasche von ihrem Pferd und trug sie in den kleinen Hain, in dem Grunthor ein Lager aufgeschlagen hatte. Jo folgte ihr dichtauf und schimpfte in einem fort, bis sich Rhapsody schlie�lich umdrehte und sagte:</p><p>�H�r zu. Achmed und ich werden uns kurz in Bethania umschauen. Bethania ist die Hauptstadt von Roland, darin wimmelt es von Soldaten und Gardisten, noch mehr als in Navarne.� Die Worte taten ihre Wirkung: Jo wurde pl�tzlich kreidewei� im Gesicht, wor�ber sich Rhapsody im Stillen am�sierte. </p><p>�Wir wollen m�glichst schnell wieder heraus aus der Stadt. F�r unsere n�chste Station bleibt uns etwas mehr Zeit. Das w�re die Hauptstadt von Bethe Corbair, wo wir Proviant einkaufen und uns ausf�hrlicher umsehen werden. Dort wirst du uns begleiten k�nnen, wenn du dich denn benimmst.� </p><p>�Na sch�n�, schmollte Jo. </p><p>�Tut mir Leid, wenn wir dir kein so interessantes und aufregendes Leben bieten k�nnen, wie du es von der Stra�e her gew�hnt bist. Aber glaube mir, es ist sicherer so�, sagte Rhapsody und versuchte, das struppige blonde Haar des M�dchens ein wenig zu entwirren.</p><p>�Nich unbedingt�, schaltete sich Grunthor ein. Er hatte sich unter einem kahlen Baum r�cklings auf den Boden gelegt und die H�nde hinterm Kopf zusammengefaltet. �Wenn du willst, dass die kleine Kratzb�rste nach deiner R�ckkehr noch zur Stelle ist, sieh zu, dass gen�gend zu essen hier bleibt.� </p><p>�Das h�re ich nun schon zum x-ten Mal�, entgegnete Jo. �Aber wann hast du das letzte Mal tats�chlich jemanden verspeist?�</p><p>�Tot oder lebendig?� </p><p>Rhapsody verdrehte die Augen. �Also gut, wir gehen jetzt. Auf Wiedersehen, Jo.� Sie breitete die Arme aus, doch das M�dchen nickte ihr nur kurz zu. Als sich die S�ngerin aber dem Firbolg-Riesen zuwandte, sprang der auf die F��e und nahm sie �berschw�nglich in den Arm.</p><p>�Sei vorsichtig�, warnte er, nachdem er sie wieder auf dem Boden abgesetzt hatte.</p><p>�Morgen werden wir wieder zur�ck sein�, versprach Achmed. Es war so kalt, dass seine Worte in der Luft zu gefrieren schienen. �Es k�nnte allerdings auch ein bisschen l�nger dauern. Falls wir nach drei Tagen noch nicht zur�ck sein sollten, musst du mit Jo ohne uns weiterziehen.� Er schulterte sein Gep�ck und zwinkerte dem Freund zu.</p><p>�Und das t�te mir wirklich herzlich Leid f�r dich.�</p><p>Nach Rhapsodys Einsch�tzung war Bethania rund zwei- oder dreimal so gro� wie Ostend und jenseits der Stadtmauern von einem gro�en Kranz aus Siedlungen und D�rfern umgeben. Aus der Ferne sah die Stadt wie eine riesige Kuppel aus. Die h�chsten Geb�ude standen in der Mitte; zu den R�ndern hin wurden sie in Abstufungen immer niedriger. Der gro�e Ringwall war nach allen Seiten hin mit trutzigen Befestigungsanlagen gesichert, so wie es sich f�r diese wichtige, in der Mitte der Provinz und im Herzen Rolands gelegene Stadt empfahl. W�hrend ihrer ersten Erkundung waren Rhapsody und Achmed in respektvollem Abstand einmal um die Mauern der Stadt herumgeritten, wobei sie die Anzahl der Wachposten und die Beschaffenheit der Sicherheitsanlagen ausgekundschaftet hatten. Beide waren aufgrund ihrer Beobachtungen zu dem Schluss gekommen, dass es f�r sie nur einen Weg ins Stadtinnere gab, n�mlich zu Fu� und als einfache Bauern getarnt. </p><p>So standen sie nun in den schlichten Kleidern, die Llauron ihnen mitgegeben hatte, vor dem S�dosttor, einem der insgesamt acht Zug�nge zur Stadt.</p><p>Im Unterschied zur l�ndlich idyllischen Provinz von Navarne war Bethania von Anfang an ein kulturelles Zentrum und die Krone eines gro�en Zeitalters gewesen, das l�ngst vergangen war. Sogar in den Au�enbezirken waren die Stra�en gepflastert. Es mangelte weder an Gesch�ften noch Herbergen oder Gasth�fen, und in den gro�en Wohnh�usern hatten jeweils mehrere Familien Platz. In der Innenstadt waren die Stra�en mit Laternen beleuchtet: �llampen, umschirmt von einer Glaskugel auf blank polierten Messingst�ndern. �berall gab es Pferdetr�nken und Pfosten zum Anbinden der Pferde. </p><p>Nach einer streng beachteten Ordnungsvorschrift durften Rinder und anderes Nutzvieh nur durch einige wenige Tore in die Stadt getrieben werden. M�rkte gab es nur in den �stlichen und westlichen Bezirken. Die Museen und �ffentlichen G�rten befanden sich im Norden und S�den. Im Herzen der Stadt erhoben sich die beiden h�chsten und pr�chtigsten Bauwerke: die Feuerbasilika und die Burg von Tristan Steward, dem Prinzen von Bethania. Die Kasernen der Garnison waren dagegen �ber die gesamte Stadt verteilt. </p><p>Dass die dem Element Feuer geweihte Basilika genau in der Mitte der Stadt errichtet worden war, erschien durchaus angemessen als ein Verweis auf das Feuer im Erdinnern. Schon aus weiter Entfernung hatte Rhapsody den Springborn sp�ren k�nnen, eine pulsierende Flamme, die das eigene Feuer in ihr wachrief. Obwohl diese Quelle nur ein Schatten war im Vergleich zu der Feuersbrunst, durch die sich Rhapsody und ihre Gef�hrten hatten durchschlagen m�ssen, lie� sie doch keinen Zweifel daran, dass sie demselben Inferno entstammte; sie war echt, ein reiner elementarer Urquell. </p><p>�Lass die Kapuze auf und senk den Kopf�, riet Achmed leise, als sie eine Gruppe von Wachposten passierten. �Geh einfach immer weiter auf das Feuer zu. Ich bin dir dicht auf den Fersen. Du brauchst dich also nicht nach mir umzudrehen.�</p><p>Rhapsody nickte und konzentrierte sich auf das Lied der Flamme in der Ferne. Alle unguten Gef�hle, die sich ihr aufdr�ngten, schob sie beiseite. Bethania schien trotz all ihrer Pracht eine Stadt ohne Mitgef�hl und Humor zu sein. Die kunstvoll angelegten G�rten wirkten allzu perfekt, die Geb�ude allzu elegant oder imposant. Arme Leute oder gar Bettler waren weit und breit nicht zu sehen, daf�r aber umso mehr Soldaten. <emphasis>Nun ja,</emphasis> dachte sie bei sich, <emphasis>es ist halt die Hauptstadt</emphasis>. Dass hier mehr Wert auf Sicherheit gelegt wurde, verstand sich von selbst.</p><p>Von zahllosen Hinweisen unfehlbar auf den richtigen Weg gef�hrt, pilgerten sie auf die Basilika zu. In einer Stra�e waren die Pflastersteine mit Goldblatt belegt und zu einem Flammenmuster mit Ausrichtung nach Osten geordnet. Je weiter sie sich dem Tempel n�herten, desto h�ufiger wiederholten sich diese und �hnliche Muster. Rhapsody blieb stehen, um Achmed aufschlie�en zu lassen. </p><p>�Erinnerst du dich an die Tuschezeichnungen in Stephens Museum?�, fl�sterte sie.</p><p>Achmed dr�ngte sie zum Weitergehen, denn ihm war aufgefallen, dass ein Wachposten Notiz von ihnen genommen hatte. �Ja�, antwortete er leise und ohne die Lippen zu bewegen.</p><p>�Der Vorplatz der Basilika war als ein gro�es flammenfarbenes Mosaik dargestellt, und dieses Muster hier sieht genauso aus. Offenbar sind wir schon ziemlich nahe dran.�</p><p>Rhapsody hatte Recht mit ihrer Vermutung. Als die beiden um die n�chste Ecke bogen, tauchte die Basilika vor ihnen auf. Sie war ein Rundbau, hoch aufragend und m�chtig, aus poliertem wei�em, golden ge�dertem Marmor gebaut. </p><p>Die Freifl�che ringsum war ein einziges gro�es Mosaik, begrenzt von gepflegten, flammenf�rmig beschnittenen Buchsbaumhecken. Die in nuancenreichen Rot- und Gelbt�nen gef�rbten Mosaiksteine waren in ihrer Anordnung den Strahlen der Sonne nachempfunden. Lapislazuli und andere kostbare Steine brachten, wenn vom Sonnenlicht beschienen, den ganzen Platz zum Funkeln. Zwischen der Basilika und dem Palast im Norden erstreckten sich weitere G�rten, die jetzt zur Winterszeit �de und welk dalagen. </p><p>Die Basilika selbst war aus mehreren gro�en, konzentrischen Ringen aufgebaut, mit aufsteigenden marmornen Sitzreihen, die auf das Zentrum ausgerichtet waren, wo eine riesige goldene Kohlenpfanne stand. Vereinzelt sa�en oder knieten einige wenige Gl�ubige in den Sitzreihen, betend oder meditierend, w�hrend zwei Kirchendiener umhergingen und nach dem Rechten schauten.</p><p>Aus der Kohlenpfanne loderte eine ungemein helle Flamme auf, die in den Farben Rot und Orange changierte und wie von blauen, flatternden B�ndern durchwirkt zu sein schien. Ihre W�rme und Strahlen riefen Erinnerungen wach, Erinnerungen an jede Feuerwand, durch die sie, Rhapsody und ihre beiden Gef�hrten, vor langer Zeit und auf der anderen Seite der Zeit hindurchgegangen waren. Unwillk�rlich stiegen Rhapsody Tr�nen in die Augen, als sie an die Umarmung durch die Flammen und das Gef�hl der alles verzehrenden Akzeptanz zur�ckdachte, das im Herzen der Erde �ber sie gekommen war. </p><p>Sie h�tte noch lange Zeit bleiben und auf die Flamme in der Kohlenpfanne starren m�gen, doch wurde sie in ihrem and�chtigen Staunen gest�rt, als sich Achmeds d�nne, kr�ftige Finger um ihren Oberarm legten. </p><p>�Komm endlich�, fl�sterte Achmed. �Der da sieht aus wie ein geeigneter Kandidat.�</p><p>Mit einer knappen Kopfbewegung machte er auf einen der Kirchendiener aufmerksam, einen Mann in mittleren Jahren mit kahlem Kopf. Er trug ein braunes Gewand, auf dessen Brust eine stilisierte Sonne prangte, die mit ihrer roten Spirale in der Mitte jenem Amulett auffallend �hnlich war, das Rhapsody auf dem Portr�t des Segners von Canderre-Yarim im cymrischen Museum gesehen hatte. </p><p>Rhapsody spannte die Oberarmmuskeln an, um Achmed zu signalisieren, dass sie verstanden hatte. Die beiden waren �bereingekommen, dass sie sich m�glichst gr�ndlich �ber die Basilika und die Geschichten informieren sollte, die von den Gl�ubigen erz�hlt wurden, w�hrend Achmed solche Winkel auskundschaften w�rde, die weniger leicht zug�nglich waren.</p><p>Rhapsody ging auf den Geistlichen zu und machte in respektvollem Abstand vor ihm Halt. Der Mann kauerte auf den Knien und polierte ein Messinggel�nder, das zwischen der ersten und zweiten Sitzreihe verlief. Ohne aufzublicken, versuchte er, sie mit wegwerfender Handbewegung zu vertreiben. </p><p>�Dem Gesinde ist der letzte Ring vorbehalten�, schnaufte der Kahlk�pfige und setzte seine offenbar anstrengende T�tigkeit fort.</p><p>Rhapsody warf einen Blick zur�ck auf Achmed, der sich schon um einiges entfernt hatte. Er signalisierte ihr, die Kapuze vom Kopf zu nehmen, was sie denn auch tat und sich wieder dem Geistlichen zuwandte. </p><p>�Bruder?� </p><p>Der Mann setzte sich auf seine Hacken und blickte zu ihr auf. Sofort nahm sein Gesicht einen anderen Ausdruck an. Die Kinnlade fiel ihm herunter, und die Augen gingen sperrangelweit auf.</p><p>�Liebster Sch�pfer! Ist es so weit?�, stammelte er und lie� das Poliertuch fallen.</p><p>Simon war schon den ganzen Morgen �ber mit Putzarbeiten besch�ftigt, um das Gotteshaus f�r die Seligpreisermesse am Hochtag der Woche vorzubereiten. Trotz der winterlichen K�lte war er schwer ins Schwitzen gekommen. </p><p><emphasis>�be dich in Demut,</emphasis> sch�rfte er sich immer wieder im Stillen ein, denn Demut war eine der sieben Tugenden der Ordensbruderschaft, und zum vierten Mal an diesem Morgen sprach er sein Gebet. Doch trotz aller eifrig absolvierten Demutsexerzitien lie� ihn sein an Wut grenzender Neid nicht los, ja, er troff ihm gleichsam wie Schwei� aus den Poren und bereitete ihm gro�en Ekel. Tats�chlich f�hlte er sich schon seit dem Aufstehen krank und matt.</p><p>Wieder einmal hatte der Abt nicht ihn, sondern Bruder Datralen f�r den Pflegedienst im Hospital vorgesehen, als die verwundeten Soldaten eingetroffen waren. Und obwohl Simon der �ltere und sehr viel erfahrenere Krankenpfleger war, musste er � wieder einmal � in den sauren Apfel bei�en und den Putzdienst verrichten, der in frommer Sprache �die Riten der Vorbereitung� genannt wurde. Er war tief in Gedanken versunken und versuchte seinen �rger zu bek�mpfen, als dieses Bauernm�dchen auf ihn zukam. Er verwies sie auf den ihm geb�hrenden Platz, n�mlich in den �u�eren Ring, doch sie schien ihn nicht verstanden zu haben.</p><p>�Bruder?� Die Stimme war weich und so warm wie der Hauch des ewigen Feuers.</p><p>Als er aufblickte, sprang ihm das Herz bis in den Hals.</p><p>Vor ihm stand, in braunes Sackleinen geh�llt, die Sch�nheit in Person, eine Frau mit Augen, so tief und gr�n wie das Meer, und mit Haaren, die wie die Wintersonne gl�nzten. Dabei strahlte sie eine geradezu magische W�rme aus, die trotz der heiligen Flamme, in deren N�he er sich aufhielt, deutlich zu sp�ren war. <emphasis>Das muss der Feuergeist sein,</emphasis> dachte er, <emphasis>der Todesbote, wie er in den alten Sagen beschrieben wird; er ist gekommen, um dich zu holen</emphasis>. Hatte er sich bei den Riten der Vorbereitung so sehr verausgabt? </p><p>Ausgerechnet in dem Augenblick, da dieser Engel vor ihm erschien, war er voller neidischer, �berheblicher Gedanken gewesen. Ihm sank der Mut. Er war verdammt.</p><p>�Liebster Sch�pfer! Ist es so weit?�, fragte er mit zitternder Stimme.</p><p>Die sch�ne Erscheinung blinzelte mit den Augen. �Geht es dir nicht gut?�</p><p>Simon raffte sich auf. �Oh, vergib mir. Ich... ich habe dich mit jemandem verwechselt.� Er schloss die Augen und betete inst�ndig, dass er im Jenseits nicht auch noch daf�r bestraft w�rde, dass er den Feuergeist mit einem Bauernm�dchen verwechselt hatte.</p><p>Die Erscheinung verbeugte sich ehrerbietig. �Ich wollte dich bitten, mir etwas �ber die Geschichte dieser Basilika zu erz�hlen. Ich komme von weit her.�</p><p>Simon zitterte am ganzen Leib. <emphasis>Oje,</emphasis> dachte er und sah sich nach allen Seiten um, in Sorge dar�ber, dass andere Zeuge seiner Not waren. <emphasis>Jetzt werde ich auch noch gepr�ft</emphasis>. Es sa�en nur wenige Gl�ubige im Rund, und die waren im Gebet oder in Meditation vertieft. Allerdings wandelte da noch ein Bauer, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, durch die Basilika, bestaunte die Fresken und Mosaiken an den W�nden und auf dem Boden. </p><p><emphasis>Jetzt also soll sich entscheiden, wie mein Leben im Jenseits aussehen wird,</emphasis> dachte er. <emphasis>Mein Verhalten und Wissen als Geistlicher stehen auf dem Pr�f stand. Ich werde mich dann wohl anstrengen m�ssen und mein Bestes geben</emphasis>. </p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen.� Er rang sich ein L�cheln ab und w�rgte an seinem Herzen, das ihm bis zum Halse schlug. �Hier entlang, bitte.�</p><p>�Danke�, sagte Rhapsody und faltete die H�nde unter den �rmeln ihrer Kutte, wie es sich geziemte. Dass ihrem Wunsch so prompt entsprochen wurde, hatte sie gar nicht zu hoffen gewagt, vor allem nicht nach der anf�nglichen Reaktion des Geistlichen, der, als er sie erblickte, derma�en entsetzt zu sein schien, dass ihr selbst kalte Schauer �ber den R�cken liefen.</p><p>�hnliche Reaktionen auf sie waren ihr schon bei anderer Gelegenheit aufgefallen, so unter Stephens Bediensteten etwa, den Wachposten vor dem Haus der Erinnerung oder den Anh�ngern von Llauron. Den bislang treffendsten Ausdruck daf�r hatte wohl Anborn gefunden, der gro�e cymrische General. </p><p><emphasis>Ah, jetzt wei� ich, wer du bist. Du bist Rhapsody, nicht wahr?</emphasis></p><p><emphasis>Was macht dich so sicher?</emphasis></p><p><emphasis>Eine solche Missgeburt wie dich kann es nur einmal geben</emphasis>.</p><p>Selbst Khaddyr, der als Heiler den Anblick schrecklich entstellter Patienten gew�hnt war, hatte sie fassungslos angestarrt. </p><p><emphasis>Ich dachte, Ihr k�nntet Euch f�r sie interessieren. Mir ist sie ein R�tsel. Eine solche Lirin ist mir noch nie zu Gesicht gekommen</emphasis>.</p><p>Was es war, das andere bei ihrem Anblick immer wieder aus der Fassung brachte, blieb ihr unerkl�rlich. War es ihr �u�eres als Liringlas oder irgendetwas, das sie sich beim Gang durchs Feuer zugezogen hatte?</p><p>Manchmal registrierte sie auch Reaktionen, die wie Bewunderung anmuteten, ein Gef�hl, das ihr fr�her in anderer Form im Bordell h�ufig entgegengebracht worden war. Wie auch immer, sie w�rde sich damit abfinden m�ssen. Vielleicht sollte sie Achmeds Beispiel folgen und sich verh�llen. Rhapsody zog die Kapuze wieder �ber den Kopf und folgte dem schwitzenden Ordensbruder.</p><p>Er f�hrte sie als Erstes vor die Kohlenpfanne.</p><p>�Das ist die heilige Flammenquelle von Vrackna, dem all-einen Feuergott�, sagte er betont vorsichtig. Pl�tzlich wieder an den cymrischen Missbrauch dieses Gottesnamens erinnert, der ja eigentlich einen b�sen Feuergeist bezeichnete, wurde Rhapsody ganz bleich im Gesicht, was den nerv�sen Mann an ihrer Seite zus�tzlich irritierte. Er musste um Selbstbeherrschung ringen.</p><p>�Die ... Basilika ist ein Haus des Sch�pfers und insofern einmalig, als sie einem seiner f�nf Kinder geweiht ist, n�mlich dem Element des Feuers. Die Flamme in dieser Pfanne stammt direkt aus dem Herzen der Erde.� </p><p>Rhapsody l�chelte, mied es allerdings, ins Feuer zu blicken, denn sie hatte Angst, in Tr�nen auszubrechen oder angesichts der tanzenden Farben in Trance zu versinken. Stattdessen nickte sie Achmed zu, der sich gerade in der N�he aufhielt.</p><p>�Das ist mein Begleiter�, sagte sie und winkte den Dhrakier herbei. �Er wird bestimmt gern mit anh�ren, was du zu sagen hast.�</p><p>Mit g�tigem L�cheln, das inzwischen zur Maske gefroren war, drehte sich der Geistliche um, um Achmed zu begr��en. Der l�ftete den Schleier vor seinem Gesicht und grinste. Gerade noch rechtzeitig hielt Rhapsody ihren Nebenmann am Arm gepackt, der mit verdrehten Augen in Ohnmacht zu fallen drohte. </p><p>Der Todesengel war offenbar nicht allein gekommen.</p><p>�Das ist mein Begleiter�, sagte die Erscheinung mit sanfter Stimme. �Er wird bestimmt gern mit anh�ren, was du zu sagen hast.�</p><p>Simon hatte sich aufs Schlimmste gefasst gemacht und damit gerechnet, wiederum eines �bernat�rlichen Wesens ansichtig zu werden, wom�glich einem Feuergeist niederer Ordnung. Dann aber sah er sich einem Gesicht gegen�ber, das, vom Licht der flackernden Flammen beschienen, die Ausgeburt eines schrecklichen Albtraums zu sein schien. Die Augen stachen, als wollten sie seine Seele aufspie�en; der Mund, diese krumme Falte in pockennarbiger Haut, zeigte zur Begr��ung ein h�hnisches Grinsen. </p><p>Als ihm schwarz vor Augen wurde, w�hnte sich Simon schon am Abgrund der ewigen Verdammnis. Falls er denn nun scheitern sollte, w�rde er, anstatt in den Armen der holden Feuerfee zur Gl�ckseligkeit aufzusteigen, diesem Unhold der Unterwelt ausgeliefert sein, der nichts als Hohn und Spott f�r ihn �brig h�tte. Es schien, als w�rden Gut und B�se hier und jetzt um seine Seele streiten. Sein letzter klarer Gedanke war ein Seufzer des Bedauerns dar�ber, dass er den alten Mythen, die schon lange nicht mehr zum Dogma geh�rten, nur so wenig Beachtung geschenkt hatte. Simon fing heftig zu zittern an und st�rzte vorn�ber, als ihm das Blut aus dem Kopf sackte.</p><p>Eine kr�ftige, warme Hand hielt ihn gepackt und richtete ihn wieder auf. Als Simon den Kopf hob, stieg ihm von den Haaren der Feuerfee ein feiner Duft in die Nase, und er sah die gr�nen, unwiderstehlichen Augen auf sich gerichtet.</p><p>�Bruder?� Sie l�chelte ihm aufmunternd zu, und er fasste neuen Mut. Vielleicht hatte er sie mit seinen Antworten ja doch halbwegs zufrieden gestellt.</p><p>Sie beugte sich n�her, was ihn schwindeln machte. �Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben�, fl�sterte sie. <emphasis>Oh, welch ein Segen,</emphasis> dachte Simon dankbar; <emphasis>die Gottgesandte will mich schonen</emphasis>. </p><p>�Es geht mir schon wieder besser. Verzeihung. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, nat�rlich. Die Gemeinde der Gl�ubigen unserer Di�zese feiert hier ihre Gottesdienste und nutzt dieses Geschenk des Sch�pfers zur Reinigung der Gedanken, damit ihre Gebete der �bermittlung durch den Patriarchen w�rdig sind.� </p><p>Die Feuerfee nickte. �Und was hat es damit auf sich?� Sie streckte den Arm aus und zeigte auf die kunstvollen Wandfresken der Basilika.</p><p>Simon sammelte all seine Kraft, um ohne Hilfe auf den Beinen zu bleiben. Dann deutete er auf einen Bildausschnitt an der Nordseite des inneren Ringes, der einen jungen Mann mit rotem Gewand und geh�rnter Mitra darstellte.</p><p>�Das ist das Portr�t Seiner Gnaden Ian Steward, des Segners von Canderre-Yarim. Er ist der Seligpreiser unserer Di�zese.�</p><p>�Tristans Bruder?�, wollte der D�mon wissen. Seine Stimme war so trocken wie schwarzes Feuer und hatte einen �berheblichen Unterton.</p><p>Simon erschauderte. Auf gar keinen Fall wollte er die Verdammung Seiner Hoheit mit zu verantworten haben. Allerdings wunderte es ihn nicht, dass der D�mon mit dem F�rsten bekannt war. Simon sah sich um und suchte nach Brentel, dem Ordensbruder, der ebenfalls zum Putzdienst eingeteilt war, sich aber offenbar verzogen hatte. Vielleicht war er im Reliquiar oder in der Sakristei. Er richtete den Blick zur�ck auf die Feuerfee, die ebenfalls auf eine Antwort von ihm zu warten schien. </p><p>�J ... ja�, stotterte er. Der Engel nickte und zeigte sich zufrieden. Erleichtert wandte er sich den anderen Fresken zu. </p><p>�Das sind die k�nstlerischen Darstellungen von der Geburt des Feuers�, sagte der Ordensbruder und wischte sich nerv�s den Schwei� von der Stirn.</p><p>Rhapsody folgte seinem Fingerzeig und blickte auf eine Reihe von Mosaiken, die die �brigen Fl�chen des inneren Ringes der Basilika schm�ckten. Auf der Ostseite waren die Sonne und eine Sternschnuppe auf schwarzen Kacheln abgebildet, die das Nichts des Universums darstellen sollten. An der Oberfl�che der Sonnenkugel tanzten hell leuchtende Flammen.</p><p>�Die Erde ist aus einem Bruchst�ck unserer Sonne entstanden, das durch das Nichts streunte, bis es schlie�lich in der Umlaufbahn seiner Mutter zur Ruhe gekommen ist�, referierte der Geistliche und suchte nach Zustimmung in Rhapsodys Miene. Weshalb er das tat, war ihr r�tselhaft, doch sie l�chelte und nickte mit dem Kopf. Erleichtert wandte er sich der S�dseite zu.</p><p>�Feuerst�rme fegten �ber die Erde, die sich dann aber legten, weil ihnen der ewige Z�ndstoff fehlte. Das Feuer verzog sich ins Innere, wo es den Kern ausbildete und bis heute in seiner reinsten Form weiterbrennt.� In zehntausenden winziger Mosaikst�cke war die erloschene Erde dargestellt, durch die sich eine rote Spirale bis ins gl�hende Zentrum zog.</p><p>Von Simon dazu angeregt, richteten Achmed und Rhapsody nun ihr Augenmerk auf das letzte Bildnis, eine stilisierte Darstellung der Sonne mit roter Spirale, �hnlich dem Zeichen, das er als Amulett um den Hals trug. </p><p>�Das ist das Symbol der F�dor, der Kinder des Feuers, also jenes inzwischen ausgestorbenen Urvolkes, das bereits lange vor der Menschheit existierte. Sie z�hmten das Feuer, soweit dies �berhaupt m�glich war, und schenkten es den Menschen, damit sie es nutzten, um ihre Wohnungen im Winter zu w�rmen und Waffen zu schmieden. Die F�dor waren die V�ter der Schmiedekunst und �berhaupt jeglicher Nutzanwendung dieses heiligen, m�chtigen Elements, das uns der Allgott als erstes Geschenk gemacht hat.�</p><p>Achmeds d�stere Miene brachte Simon ins Stocken. Schnell richtete er den Blick auf Rhapsody, die nach wie vor l�chelte. </p><p>Sie streckte die Hand aus, die der Ordensbruder beherzt ergriff und sch�ttelte.</p><p>�Vielen Dank, es ist jetzt f�r uns Zeit zu gehen.�</p><p>Ohnm�chtig sank der M�nch zu Boden. Rhapsody konnte nur noch verhindern, dass sein Kopf auf den harten Fliesen aufschlug. </p><p>�Was, um alles in der Welt, ist blo� los mit ihm?�, fragte sie, als sie den Bewusstlosen mit Achmeds Hilfe unter dem Symbol der F�dor mit dem R�cken an die Wand lehnte.</p><p>�Nichts�, antwortete Achmed und warf einen Blick auf das Mosaik dar�ber. <emphasis>Es ist irgendetwas</emphasis> in <emphasis>der Erde,</emphasis> dachte er. </p><p>Rhapsody zog den Korken aus ihrer kleinen Schnapsflasche, f�hrte sie an Simons Lippen und tr�ufelte ihm ein Qu�ntchen in den Mund. Der M�nch hustete, spuckte und bekleckerte sein Gewand, kam aber immer noch nicht zu sich. Sie fl��te ihm noch einen Schluck ein und verkorkte dann die Flasche. </p><p>�Hoffentlich hilft�s�, sagte sie.</p><p>�F�rs Erste vielleicht�, grinste Achmed. �Ordensbr�der, die das Feuer h�ten, sprechen f�r gew�hnlich aus nahe liegenden Gr�nden dem Alkohol zu. Ich sch�tze, er wird ganz sch�n in Verlegenheit kommen, wenn er erkl�ren muss, warum seine Kutte nach Weinbrand stinkt.�</p><p>Als er sah, dass wachsende Besorgnis Rhapsodys Blick verdunkelte, dr�ngte er sie zum Aufbruch. </p><p>�Keine Bange, er steht gleich wieder auf den Beinen und wird sich zu seiner Entschuldigung schon das Passende einfallen lassen. Diese Leute verstehen sich auf die Kunst der Selbstt�uschung fast so gut wie du.� Er half ihr beim Aufstehen.</p><p>�Was soll das hei�en?� </p><p>�Komm jetzt endlich. Sobald wir au�erhalb der Stadtmauern sind, werde ich dir�s sagen.� Er nahm sie bei der Hand und eilte mit ihr nach drau�en, wo die beiden in der Menge der Passanten auf den Stra�en untertauchten. </p><p>Simon k�mpfte gegen seine Ohnmacht an und verlor. In den wenigen Wachmomenten nahm er den bezaubernden Duft der Feuerfee wahr und sp�rte ihre warmen H�nde, die ihn im Nacken abst�tzten. Er hatte seinen Tod kommen sehen und war von der Feuerfee bei der Hand genommen worden. <emphasis>Vielen Dank,</emphasis> hatte sie gesagt; <emphasis>es ist jetzt ftir uns Zeit zu gehen</emphasis>. Sie hatte ihn erw�hlt. Das hei�t, er war erl�st und nicht etwa 4er Verdammung durch den D�mon mit dem gr�sslichen Antlitz anheim gestellt. Schw�rze umfing ihn. </p><p>Doch dann sp�rte er ihre Hand ein weiteres Mal, und es rann ihm fl�ssiges Feuer durch die Kehle, wogegen er sich zun�chst zu wehren versuchte. Doch dann gewahrte er eine wohlige W�rme, die ihn beruhigt einschlafen lie�, befreit von aller Angst und Not.</p><p>Vorl�ufig jedenfalls, bis ihn der Abt aufwecken w�rde.</p></section><section><title><p>37</p></title><p>�Beeilung!�, murmelte Achmed. Er stand unter dem Giebel eines Harfenbauers und wartete darauf, dass Rhapsody wieder nach drau�en kam.</p><p>Die Freudent�ne, die sie beim Anblick des Ladens von sich gegeben hatte, waren so �berschw�nglich wie sonst nur bei Kindern, und Achmed hatte es nicht �ber sich gebracht, ihr den Eintritt zu verwehren. </p><p><emphasis>Ich m�chte meinen Enkeln ein paar Geschenke zukommen lassen und brauche selbst eine neue Harfe,</emphasis> hatte sie gesagt. </p><p>Allerdings lie� sie sich recht lange Zeit mit der Auswahl. Der Stra�enl�rm und die Schwingungen der �ber das Pflaster polternden Karren bereiteten ihm �ble Kopfschmerzen. Er wollte schon in den Laden gehen und sie herausholen, als sie endlich in der T�r erschien, aufgel�st und sichtlich ver�rgert. </p><p>�Widerling�, zischte sie und reichte ihm ein Instrument mit drei Saiten.</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Du bist nicht gemeint�, spuckte sie aus, deutete kurz hinter sich und ordnete dann das Haar unter der Kapuze. </p><p>�Was ist passiert?� </p><p>�Der Kerl da drin zupft offenbar nicht nur gern an seinen Harfen�, sagte sie erbost, als die beiden den Laden hinter sich lie�en und im Strom der Passanten Zuflucht nahmen.</p><p>Achmed kicherte vor sich hin und gab ihr das Instrument zur�ck. �Wie hast du auf ihn reagiert?� </p><p>�Ich habe mir vorgestellt, was Grunthor getan h�tte, und ihn so gut wie m�glich nachzuahmen versucht�, antwortete sie und versteckte das Instrument unter ihrem Umhang. �Aber w�hrend er mit der Spitze seines Dolches zugesto�en h�tte, hab ich mit dem stumpfen Ende Vorlieb genommen. Und jetzt kann dieses Mistst�ck zur Orgel seine Sopranstimme erklingen lassen.� </p><p>�Stammt wahrscheinlich von den Cymrern ab�, meinte Achmed.</p><p>Rhapsodys Laune hatte sich schon wieder um einiges gebessert. �Ich habe in der alten Heimat wahrhaftig so manche Typen kennen gelernt, die mit Mistst�ck noch freundlich tituliert gewesen w�ren.� </p><p>�Was hast du gekauft?�, fragte Achmed.</p><p>�Eine Heilharfe. Sie soll sich besonders gut eignen als Begleitinstrument f�r Lieder mit Heilwirkung. Khaddyr hat auch eine, wei� aber nicht richtig damit umzugehen. Sie hat nur drei Seiten. Ich habe selbst noch nie darauf gespielt und werde wohl eine Weile �ben m�ssen. �berhaupt sind die Instrumente dieser Gegend ganz anders es diejenigen, die ich von zu Hause her kenne.�</p><p>Er legte ihr seinen Arm um die Schultern, um sie von einem Trupp Soldaten wegzusteuern, die in der N�he des S�dosttors an einer Stra�enecke standen und sich lachend miteinander unterhielten. </p><p>�Rhapsody, verzeih, wenn ich dich immer wieder darauf aufmerksam mache, aber dein Zuhause ist jetzt hier.� </p><p>Im Weitergehen starrte sie zu Boden, wie in Gedanken versunken. Erst als sie das Tor passiert hatten, blickte sie kurz auf. </p><p>�F�r dich vielleicht�, sagte sie und stierte wieder vor sich hin.</p><p>Sie hatten die Stadt schon weit hinter sich gelassen und eine der vorgelagerten Ortschaften erreicht, als Rhapsody pl�tzlich stehen blieb und Achmeds Arm ergriff.</p><p>�Werden wir etwa verfolgt?�</p><p>Der Dhrakier nickte und ging weiter. Die beiden kamen an einem R�ucherschuppen vorbei, aus dem bei�ender Rauch quoll. Kreischende Kinder liefen umher. Von dem Gesinde, das hier seiner Arbeit nachging, w�re wohl niemandem erlaubt worden, �ber die vornehmen Stra�en Bethanias zu gehen. Um sich im L�rm der gesch�ftigen Menge ringsum verst�ndlich zu machen, musste er fast schreien. </p><p>�Es ist Grunthor. Er folgt uns schon seit einer Weile.�</p><p>�Warum? Und wo ist Jo?� Rhapsody reckte den Hals auf der Suche nach dem riesigen Freund, doch der war nirgends auszumachen.</p><p>�In seiner Begleitung vermutlich. Ich habe ihn gebeten, uns im Auge zu behalten.�</p><p>Pl�tzlich schrillte ein Schrei aus dem allgemeinen Trubel, anscheinend von einem Kind, das in Not war. Rhapsody drehte sich um und sah einen kleinen Jungen zusammengerollt am Boden kauern, die Arme um den Kopf geschlungen, um sich vor den derben Tritten eines Mannes mit struppigem schwarzem Bart zu sch�tzen.</p><p>Rhapsody wollte sogleich zu Hilfe eilen, wurde aber von Achmed daran gehindert einzugreifen. </p><p>�Misch dich nicht ein�, sagte er und registrierte, wie sich die Wut in ihrem Gesicht mit Emp�rung �ber seine Worte mischte. �Das ist hier so Sitte. Sieh dich doch um.�</p><p>Tats�chlich achtete niemand auf die Misshandlung des Kindes. Alles schaute weg oder nahm nicht mal Notiz davon. Rhapsody versuchte sich loszurei�en, doch Achmed lie� nicht locker.</p><p>�Wenn du ihm jetzt hilfst, wird dieser Junge sp�ter nur umso mehr gepr�gelt, Rhapsody. Und du kannst nicht noch ein Kind adoptieren. Falls du es doch tun solltest, lass ich dich und Jo hier in Bethania zur�ck.� Der Junge schrie herzergreifend, doch der B�rtige trat erbarmungslos weiter auf ihn ein. </p><p>�Loslassen!�, knurrte sie und geriet in Rage.</p><p>Widerwillig gab Achmed sie frei und zog sich zur�ck. Den Rumpf vorn�ber gebeugt und mit hoch gezogenen Schultern, rannte sie �ber die Stra�e und nahm die Kampfhaltung an, die Grunthor ihr unter der Bezeichnung �Rammbock� beigebracht hatte. Die Sache nahm ihren wilden Verlauf. Achmed blieb nichts anderes �brig, als zuzusehen.</p><p>Sie traf den tobenden Mann gleich unterhalb der Brust so wuchtig, dass es ihn von den Beinen riss. Gemeinsam gingen sie zwischen einer Reihe von F�ssern und Holzscheiten zu Boden.</p><p>Noch im Fallen zertr�mmerte Rhapsody ihm mit der Handwurzel das Nasenbein. Blut spritzte in den Dreck der Gosse. </p><p>Nach anf�nglichem Schock riss der Mann die Augen auf und langte mit beiden H�nden hastig nach ihrer Gurgel. </p><p>�H�ndin, du�, r�chelte er, mit den Armen fuchtelnd. �Was ...�</p><p>Achmed sah Rhapsody rittlings auf dem Mann am Boden sitzen und mit der rechten Faust zuschlagen, auf die blutige Nase und so kr�ftig, dass der Hinterkopf mit dumpfem Aufprall zur�ck aufs Pflaster schlug. </p><p>Der Mann streckte alle viere von sich. Rhapsody stand auf und wischte sich die Blutspritzer von der Stirn. Hatten sich die Anwohner um den gepr�gelten Jungen nicht gek�mmert, blieben sie jetzt stehen und hielten Maulaffen feil.</p><p>�Wie kommst du dazu, auf ein Kind einzutreten?�, keuchte Rhapsody.</p><p>Der Mann blinzelte ins helle Gegenlicht und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.</p><p>�Er ... ist mein Sohn�, antwortete er mit erstickter Stimme.</p><p>�Ach, ja? Das ist also der Grund? Gut zu wissen�, entgegnete sie gallig und trat ihm mit voller Wucht zwischen die Beine, worauf er dieselbe Haltung annahm wie das Kind. Von den Gaffern, die in der N�he standen, wandten sich einige mit Entsetzen ab.</p><p>�So, damit du nicht noch einmal Vater wirst. Denn dazu taugst du nicht!� Sie trat an die Seite des kleinen Jungen, der noch am Boden kauerte, und beugte sich �ber ihn.</p><p>In diesem Moment tauchte am anderen Ende der Stra�e eine Reitergruppe auf. Achmed sah, wie sich ein Soldat aus dieser Gruppe einem Passanten zuwandte, der mit ausgestrecktem Arm auf Rhapsodys deutete. </p><p>Diese versuchte, den in Lumpen gekleideten Jungen zu tr�sten, streichelte ihm die Wangen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Der Kleine nickte und starrte sie mit offenem Mund an.</p><p>Rhapsody warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck auf den Vater und fragte: �Wie hei�t du?� </p><p>Auf einen Ellbogen gest�tzt, richtete der Mann sich auf und bedeckte die blutende Nase mit der Hand. </p><p>�Styles Nielsen�, hauchte er kaum vernehmlich.</p><p>�H�r mir gut zu, Styles Nielsen�, sagte sie mit tiefer, melodischer Stimme, und obwohl Achmed einige Schritte weit entfernt war, konnte er h�ren, dass sie ihre Kunst als Benennerin anwandte.</p><p>�Es ist von nun an dein Lebensauftrag, dieses Kind zu besch�tzen, liebevoll aufzuziehen und seinen Bed�rfnissen zu entsprechen. Wenn du diesem Auftrag nachkommst, wird es dir gut gehen. Solltest du aber dem Kind Schmerz zuf�gen, wirst du das Zehnfache an Schmerzen erleiden. Und wenn du es mit Worten misshandelst, wirst du das Gef�hl haben, als st�nde deine Haut in Flammen. Hast du mich verstanden?� Der Mann nickte und starrte ihr mit dem gleichen Ausdruck ins Gesicht wie kurz zuvor sein Sohn. </p><p>Von den Reitern weiter oben auf der Stra�e abgelenkt, sah Achmed die beiden Wachsoldaten einen Augenblick zu sp�t. Schon hatte einer von ihnen Rhapsody beim Arm gepackt und auf die Stra�e gezerrt, w�hrend der andere ihr die Kapuze vom Kopf riss. Achmed rannte hinzu.</p><p>Pl�tzlich ging alles drunter und dr�ber. Die Reiter sprengten herbei, ohne R�cksicht auf die Menge der Passanten, die wie aufgescheuchte H�hner auseinander stieben. Die Gaffer rings um Rhapsody r�ckten nun vor und dr�ngten sich in ihre N�he. Achmed fuhr dazwischen. Er hatte sie fast erreicht. Ihr gl�nzendes Haar l�ste sich aus der schwarzen Schleife und fiel �ber die Schultern herab. Die Menge kreischte auf und streckte die H�nde nach ihr aus. Achmed sah Rhapsody im Gewoge der Arme und Leiber verschwinden.</p><p>Jetzt waren auch die Reiter zur Stelle. Mit einem Kn�ppel bewaffnet, stieg einer von ihnen aus dem Sattel. </p><p>Achmed hatte M�he, auf den Beinen zu bleiben und nicht umgerissen zu werden. Rhapsodys wildem Herzschlag folgend, dr�ngte er durch das Gewimmel. Doch kaum hatte er sie bei ihrem schlanken Handgelenk gepackt, war auch schon der Soldat bei ihr, um sie zu ergreifen.</p><p>Da ert�nte ein den beiden wohl bekanntes Br�llen, und pl�tzlich erhob sich ein Gezeter, Schreckensschreie, die sich vom Rand der Menge zur Mitte hin fortsetzten. Sogar die Pferde wieherten schrill und b�umten sich auf. In panischer Angst rannte alles auseinander. Achmed zog Rhapsody hinter sich her, heraus aus dem Gew�hl und dem Ausgang des Dorfes entgegen. Im vollen Lauf zog er ihr die Kapuze �ber den Kopf und warf einen Blick zur�ck.</p><p>Die Panik schien sich halbwegs gelegt zu haben. Die D�rfler blickten in die Runde, offenbar auf der Suche nach der Frau mit den gl�nzenden Haaren. F�r die Soldaten galt es, die Pferde zu beruhigen und zu verhindern, dass sie andere mit ihren Hufen nieder trampelten.</p><p>Achmed und Rhapsody hatten sich inzwischen so weit abgesetzt, dass sie es wagen konnten, anzuhalten und nach Luft zu schnappen. Sie starrte zur�ck, immer noch ganz benommen, wie es schien. </p><p>�Komm�, sagte er und zog sie an der Hand. Wortlos eilten sie weiter, so schnell und unauff�llig wie m�glich, weg von dem Aufruhr, den sie ausgel�st hatten.</p><p>Sie marschierten noch immer, als die D�mmerung einsetzte und sich �ber die Felder der orlandischen Ebene legte. Achmed hatte kurz angehalten, um Rhapsody Gelegenheit zu geben, ihre Andacht abzuhalten, und es entging ihm nicht, dass sie in ihren Liedern eine �hnliche melancholische Note anstimmte wie an dem Morgen nach ihrem Abschied von Llauron. Die traurige Musik half ihm jedoch, die bruchst�ckhaft in seinem Kopf umherschwirrenden Gedanken zu ordnen, und er h�rte sie die Namen von Stephens Kindern fl�stern.</p><p>Die Schatten wurden l�nger, und sie gelangten auf eine kleine von B�umen und B�schen bewachsene Anh�he. Grunthor hatte diesen Hain als m�glichen Rastplatz empfohlen, weil er im Windschatten lag und gesch�tzt war. Achmed schaute sich um und kam zu demselben Ergebnis wie der Freund: Dies war der Ort. </p><p>Er f�hrte Rhapsody in die Deckung der B�ume und wischte einen umgest�rzten Stamm frei von Schnee. �Setz dich�, sagte er. �Wir m�ssen miteinander reden.�</p><p>Rhapsody seufzte und setzte eine verzweifelte Miene auf. �Verschon mich bitte und erspare mir deine Schelte. Dass ich mich dumm verhalten habe, wei� ich selbst. Aber ich konnte nicht anders, ich konnte nicht tatenlos mit ansehen ...�</p><p>�Darum geht es gar nicht�, unterbrach Achmed sie mit leiser Stimme. �Man hat dir heute etwas Falsches beigebracht, eine uralte Geschichte voller L�gen. Ich will dir dabei helfen, sie zu l�utern.� </p><p>Verwundert sperrte sie die Augen auf. �Wie bitte?�</p><p>Achmed nahm ihr gegen�ber Platz, stemmte die Ellbogen auf die Knie und legte die H�nde vor seinen Lippen zusammen. </p><p>�Warten wir, bis es Nacht geworden ist�, sagte er und schaute auf den Horizont, hinter dem die Sonne untergegangen war. �Im Dunkeln haben wir es leichter.�</p></section><section><title><p>38</p></title><p>Gerald Owen kam zur T�r der Bibliothek von Haguefort hereingepoltert.</p><p>�Eure Hoheit...� </p><p>�Ich seh�s, Owen.� Stephen Navarne stand vor dem Ostfenster und schaute auf das im ersten Morgenlicht erwachende Panorama.</p><p>An der neu errichteten Befestigungsanlage wimmelte es von bewaffneten K�mpfern, die in m�rderischem Gefecht miteinander lagen. Schwarzer Rauch stieg wie eine gespenstische Fahne hinter der hohen Mauer auf. </p><p>Von den Bauger�sten vor den Wacht�rmen hingen aufgekn�pfte Leichen, die in dem vom Kampf aufger�hrten Wind hin und her baumelten. Der Herzog sah mit versteinerter Miene zu, wie ein Soldat von den Zinnen st�rzte, im Fallen mit einem der Erh�ngten zusammenprallte und diesen gegen die Ziegelwand schleuderte. </p><p>�Was, im Namen des Sch�pfers, geht da nur vor sich?�</p><p>Owen knickte in der H�fte ein und verbeugte sich tief. Vor lauter Angst und Hektik war sein Kopf rot angelaufen. </p><p>�Wir werden angegriffen�, keuchte er. �Noch vor dem Morgengrauen sind sie �ber drei benachbarte D�rfer und den Vorposten im Osten hergefallen. Auch �ber die St�lle.�</p><p>�Und die Soldaten? Die Kasernen im Osten?�</p><p>Das ger�tete Gesicht des Dieners wurde bleich. �In Flammen, Eure Hoheit. Soweit wir wissen, hat keiner �berlebt.� </p><p>�G�tiger Allgott!� Stephen Navarne wechselte von der Bibliothek ins Speisezimmer und trat ans Fenster, das nach S�den wies, wo sich ihm ein �hnliches Bild bot. Allerdings schien es hier um die Verteidigung ein wenig besser bestellt zu sein. Er warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck auf das an der Wand h�ngende Gem�lde der Familie und wandte sich dann wieder Gerald Owen zu. </p><p>�H�r mir genau zu. Ich will, dass du meine ganze Leibgarde zum Schutz von Melisande und Gwydion abstellst und die beiden an einen sicheren Ort bringst. Flieht durch den Tunnel, der durch den Weinkeller zu den St�llen im Westen hinf�hrt. Nimm auch Rosella mit und sorg daf�r, dass sich die Kinder nicht allzu sehr �ngstigen. Wende dich an Llauron und gib Anborn Bescheid.� Owen nickte kurz und setzte sich in Bewegung.</p><p>Der Herzog lehnte die Stirn an den Unterarm. Er konnte den Anblick des Gemetzels nicht l�nger ertragen. </p><p>�Owen?� </p><p>�Ja, Eure Hoheit?� </p><p>�Ein Letztes noch. Ruf den Quartiermeister und sag ihm, dass er mein Pferd satteln und zu mir bringen soll. Da uns unsere Soldaten aus den Kasernen im Osten nicht mehr helfen k�nnen, muss ich versuchen, die D�rfler f�r unsere Verteidigung zu mobilisieren.�</p><p>Owen war sichtlich um Fassung bem�ht. �Eure Hoheit, es sind ja doch die D�rfler, die uns da angreifen.� </p><p>�Aha, h�ltst du es endlich f�r angebracht, mir Bericht zu erstatten?�</p><p>Gittelson lehnte sich zur�ck. Er war gespannt auf das bevorstehende Gespr�ch, musste sich aber in Acht nehmen, um keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es war gef�hrlich genug, alleiniger Zeuge zu sein. </p><p>Der Mann im grauen Mantel verbeugte sich steif und nahm dann die Kapuze vom Kopf. Ein keckes Grinsen verzog das Gesicht; die blauen Augen strahlten heiter.</p><p>�Wir haben das Haus verloren�, sagte er in munterem Tonfall.</p><p>Die Luft in dem kleinen Raum wurde pl�tzlich w�rmer. Gittelson atmete m�glichst flach, um nur ja nicht entdeckt zu werden. </p><p>Die rot ger�nderten Augen seines Herrn blieben unverwandt auf den Rakshas gerichtet. Die Stimme, mit der er nun zu sprechen anhob, klang ruhig und gefasst; doch es schwang unverkennbar ein drohender Unterton mit.</p><p>�Dir d�rfte doch wohl trotz deiner beschr�nkten Auffassungsgabe klar sein, dass uns das leider weit zur�ckwirft, oder?�, fragte er trocken. Der Rakshas nickte, und seine r�tlich goldenen Locken gl�nzten im Licht. �Und warum grinst du dann so idiotisch?�</p><p>Der Rakshas lie� sich in einen Sessel fallen und warf beide Beine �ber die Armlehne. �Ich lache �ber die, an die wir es verloren haben.�</p><p>�Mach keine Spielchen mit mir. Von wem sprichst du?�</p><p>�Keine Ahnung.� Der Rakshas beugte sich pl�tzlich vor; seine kristallblauen Augen blitzten t�ckisch auf. �Jedenfalls waren sie zu dritt.�</p><p>Gittelson fuhr unwillk�rlich zusammen, als sein Meister aufsprang.</p><p>�Was redest du da?� Die eben noch so kultivierte Stimme war jetzt nicht mehr als ein drohendes Zischen. </p><p>Der Rakshas blieb anscheinend unbeeindruckt. �Vielleicht bin ich ja wirklich nicht der Gescheiteste, aber selbst ich kann z�hlen. Sie waren zu dritt, eine Frau und zwei M�nner, glaube ich. Ich habe nur einen der beiden aus der N�he gesehen. H�sslich wie sonst nichts. Sie haben uns aus dem Haus vertrieben und alle meine M�nner niedergemacht. Und es sieht ganz danach aus, dass wenigstens einer von ihnen so wie ich Macht �ber das Feuer hat.�</p><p>�Unm�glich.� </p><p>Der Rakshas zuckte mit den Achseln. �Wie Ihr meint.�</p><p>�Wo sind die drei jetzt?� </p><p>�Wei� ich nicht.� Der Rakshas faltete die H�nde hinterm Kopf und reckte sich. �Sie sind in �stliche Richtung abgezogen, auf die Krevensfelder zu.�</p><p>�Canrif,� hauchte der andere in einer Tonlage, die Gittelson, versteckt in seiner Ecke, erschaudern lie�. �Sie wollen nach Canrif.�</p><p>�Vielleicht.� </p><p>Urpl�tzlich richteten sich die rot ger�nderten Augen auf Gittelson, der ganz deutlich sp�rte, wie ihm das Blut aus dem Kopf sackte.</p><p>�Gittelson, es kann sein, dass ich deine Dienste bald in Anspruch nehmen werde.�</p></section><section><title><p>39</p></title><p>Sie sa�en noch lange schweigend beieinander, lauschten dem Wind in der Ferne und blickten zum dunkler werdenden Himmel empor. Schlie�lich richtete Achmed seine Augen auf Rhapsody. Seine Miene war ruhig, verriet aber trotzdem Besorgnis.</p><p>�Kannst du auf deinem neuen Instrument so spielen, dass es unser Gespr�ch �bert�nt und seine Schwingungen nicht mit dem Wind davongetragen werden?�</p><p>Sie nickte, nahm die Heilharfe zur Hand und l�ste die Riemen, mit denen sie das Ger�t unter dem Umhang befestigt hatte. Dann zog sie die H�lle ab und fuhr mit den Fingern �ber die Saiten. </p><p>�Hattest du an ein bestimmtes Lied gedacht?�, fragte sie.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es soll nur den Wind ablenken, damit er nicht mit sich tr�gt, wor�ber wir uns unterhalten.� </p><p>Rhapsody dachte kurz nach. Dann machte sie sich daran, der Harfe eine Folge von abstrakten, misst�nenden Kl�ngen zu entlocken. Da war keine erkennbare Melodie, kein Muster, das sich wiederholte oder variiert wurde. Sie spielte noch eine Weile weiter und lehnte das Instrument dann neben sich an den Stamm. </p><p><emphasis>�Samoht�,</emphasis> sagte sie. </p><p>Achmed schmunzelte, als die kleine Harfe das unsch�ne Lied von sich aus fortsetzte. Wahrscheinlich, so dachte er, war ihr die Ironie ihres Tuns selbst nicht klar.</p><p>Er begegnete wieder ihrem Blick und hielt ihn fest. Ihre Augen spiegelten erwartungsvolle Neugier und auch Vertrauen, etwas, das er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und es lag nichts von der Abneigung darin, die ihm sonst st�ndig entgegengebracht wurde.</p><p>�Erz�hl mir die Geschichte von den Uralt-Weisheiten, so viel wie eben m�glich.�</p><p>Rhapsody war verdutzt. �Wovon sprichst du?�</p><p>�Wir haben heute einen kurzen Ausschnitt aus der Geschichte der Entstehung der Erde geh�rt.� </p><p>�Ja.� </p><p>�Ich will, dass du f�r eine Weile vergisst, was dieser minderbegabte M�nch erz�hlt hat, und dass du dich stattdessen an deine Studien zur�ckerinnerst. Dein Mentor war bestimmt eine sehr viel verl�sslichere Wissensquelle.�</p><p>�Ja.� Rhapsodys Augen verrieten einen Anflug von Irritation.</p><p>�Wie kennst du diese Geschichte? Erz�hl sie mir vom Standpunkt einer Benennerin, Rhapsody. Und gib dir M�he. Glaub mir, du hast in deinem ganzen Berufsleben nie etwas Wichtigeres getan, nichts, was von gr��erer Tragweite gewesen w�re.�</p><p>�Wovon soll ich dir erz�hlen? Von der Geburt der Elemente?�</p><p>�Ja.� Achmed lehnte sich an den Stamm eines der schlanken B�ume zur�ck.</p><p>�Die eigentliche Geschichte ist auf Alt-Serenne �berliefert, und diese Sprache beherrsche ich nicht besonders gut. Ich habe den Urtext �bersetzen m�ssen. Vielleicht sind mir dabei ein paar Fehler unterlaufen, was aber der Geschichte selbst wohl keinen Abbruch tut.�</p><p>�Gib sie mir m�glichst genau wieder.�</p><p>Sie holte tief Luft, machte ihren Kopf frei und konzentrierte sich auf den Moment in ihrer Erinnerung, da sie erfahren hatte, was Achmed jetzt von ihr h�ren wollte. Als sie einen festen Zugriff darauf gefunden hatte, hob sie zu erz�hlen an.</p><p>�Die f�nf Elemente kamen in der Vorzeit zur Welt, und zwar gewisserma�en als Werkzeuge, mit denen der Sch�pfergott seinen Kosmos aufgebaut hat. Sie werden von manchen auch die Kinder des Allgottes genannt oder die F�nf Geschenke, denn sie waren das, was er ganz zu Anfang erschaffen hat. Als Erstes kam der �ther ins Sein, der Stoff, aus dem die Sterne sind. Es hei�t, dass er die Essenz der Zeit, des Lebens und jener Kraft enth�lt, die manche mit dem Wort Magie bezeichnen. Den �ther gab es schon vor der Geburt der Welt, und darum enth�lt er auch alle Geheimnisse, die unserem irdischen Wissen vorausgehen. Das Feuer wurde als das zweite Elemente geboren; mit ihm setzte sich die Erde vom Rest des Universums ab und bildete eine eigenst�ndige Einheit. In den Mythen hei�t es, dass die Erde, von einem Stern abgebrochen, durchs All geirrt sei, bis sie in der Umlaufbahn der Sonne, ihrer Mutter, ihr Ziel gefunden habe. Das an der Oberfl�che brennende Feuer verlosch schlie�lich, weil es von seiner �therischen Nahrung abgeschnitten war. Ihm blieb nur noch der R�ckzug ins Innere der Erde, womit sich das Feuer aber auf Dauer nicht zufrieden geben kann, weshalb es immer wieder einmal in vulkanischen Eruptionen und lavaspeiend zu entfliehen versucht.� </p><p>Achmed grinste breit, hielt aber die Augen geschlossen. �Dieses kleine Detail hat unser Freund, der M�nch, ausgelassen�, bemerkte er.</p><p>Dass es sie st�rte, unterbrochen zu werden, war Rhapsodys gr�nen Augen deutlich anzumerken. �Soll ich fortfahren?� </p><p>�Ich bitte darum.� </p><p>�Dann sei still. Ich muss mich konzentrieren. Als sich das Feuer zur�ckzog, wurde die Erde von Wasser �berschwemmt, dem an dritter Stelle geborenen Element. Ihm waren sowohl heilende als auch zerst�rerische Kr�fte eigen. Als die Erdoberfl�che des Wassers wegen abk�hlte, kamen starke Winde auf, und darum wird der Luft in der Rangordnung der Elemente der vierte Platz zugewiesen. Die �ber den Globus brausenden Winde dr�ngten das Wasser zur�ck und legten die Erde darunter frei. Dieses letzte und j�ngste Element war im Unterschied zu den anderen von gro�er Festigkeit und Dauer, und darin lag auch seine Kraft. So wie die Sterne das Wissen und die Weisheit der Vorzeit h�teten, war die Erde Tr�gerin ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart.� Sie atmete tief durch. </p><p>�So, jetzt wei�t du, was ich wei�.�</p><p>Achmed kicherte. �Tats�chlich wei� ich sehr viel mehr als du. Aber dazu kommen wir sp�ter.� Er �ffnete die Augen und beugte sich vor.</p><p>�Wei�t du irgendwas �ber die Erstgeborenen?�, fragte er.</p><p>Rhapsody z�gerte. Achmed schien Kenntnisse von Dingen zu besitzen, �ber die eigentlich nur die ganz gro�en Benenner h�tten Bescheid wissen d�rfen. �Nicht viel�, antwortete sie. �Die Altertumskunde geh�rt zu den letzten Dingen, die ein Benenner lernt. Ich hatte gerade erst mit dem Studium dieses Fachs angefangen, als mein Mentor Heiles verschwand.�</p><p>Achmed richtete sich so pl�tzlich auf, dass sie vor Schreck fast von ihrem Baumstamm gefallen w�re. </p><p>�Denk nach. Du musst dich so genau wie m�glich an diesen Zeitpunkt erinnern. Was konntest du noch vor seinem Verschwinden �ber die Erstgeborenen in Erfahrung bringen?�</p><p>�Es ist zwar nicht viel, woran ich mich erinnere, aber immerhin mehr, als die meisten anderen dar�ber wissen. Lange bevor die V�lker der Lirin und der Menschen, also die Nain und dergleichen, nach Serendair kamen, lebten dort schon sehr viel �ltere, urw�chsige St�mme, die den Elementen selbst entsprungen waren und noch einiges von den Eigenschaften dieser Elemente verk�rperten. Diese St�mme werden die Erstgeborenen genannt. Die aus dem �ther Geborenen waren die Ur-Seren, hoch gewachsene Wesen mit golden schimmernder Haut und goldenen Augen. Sie hatten eine �beraus lange Lebensspanne und waren entsprechend weitsichtig und geduldig. Dank ihrer Beziehung zum Stoff der Sterne waren sie auf die Rhythmen der Natur besonders gut eingestellt. Ihr Stammesname, der sich mit <emphasis>Stern</emphasis> �bersetzen l�sst, war auch der Name jenes hellen Himmelsk�rpers, der Jahrein, jahraus �ber der Insel stand. Serendair, was so viel wie <emphasis>Sternenland</emphasis> hei�t, war ihre Angestammte Heimat und gilt deshalb als einer der f�nf Geburtsorte der Zeit.� </p><p>Achmed nickte. �Und was ist aus den Ur-Seren geworden?�</p><p>�Sie sind ausgestorben oder wieder in die Erde zur�ckgekehrt, wo sie sich w�hrend der V�lkerkriege des Zweiten Zeitalters versteckt gehalten haben.�</p><p>�Und die V�lker, die von den anderen Elementen abstammen? Wei�t du irgendetwas �ber sie?� </p><p>Rhapsody schluckte und suchte in der Erinnerung nach den Resten dessen, was sie von ihren Studien behalten hatte. �Da waren zum einen die Mythlin, das Volk, das in den Weltmeeren lebte, wovon kaum ein Landbewohner jemals Notiz genommen hat. Sie hatten wie die Ur-Seren stets lange Zeitr�ume im Blick, aber �berhaupt kein Interesse an dem, was jenseits ihrer Dom�ne geschah. Es hei�t, dass die Menschen aus den Mythlin hervorgegangen seien, dass sich der menschliche K�rper im Zuge der Evolution aus Salzwasser und durchsichtigen Membranen gebildet habe, also aus Grundstoffen mythlinschen Lebens. Das w�rde auch erkl�ren, warum es Menschen immer wieder zum Meer hin zieht und warum ihre Tr�nen und ihr Blut so salzig sind.�</p><p>Achmed grinste. �Wie hat Stephen den Namen <emphasis>Abbat Mythlinis</emphasis> noch gleich �bersetzt? �Gott-K�nig der Meere� oder so �hnlich, nicht wahr?�</p><p>Rhapsody lachte laut auf. �Und ich dachte, du h�ttest gar nicht zugeh�rt. Wenn ich mich recht erinnere, hat er ihn den �Herrn der Ozeane� genannt.�</p><p>Das L�cheln verschwand aus dem Gesicht des Dhrakiers. �Da sieht man wieder, wie schnell sich Fehler in diese Geschichten einschleichen k�nnen. Sehr wahrscheinlich haben die Cym-rer vieles dazu erfunden oder umgedeutet und den Urtext verf�lscht.�</p><p>�Aber das tut doch jeder, Achmed. Legenden und Mythen, die aus langer �berlieferung stammen, haben unz�hlige Ver�nderungen durchgemacht. Darum gibt es uns S�nger und Benenner: dass wir mit unserer Kunst dieser Tendenz entgegenwirken und versuchen, die Geschichten m�glichst unver�ndert weiterzuerz�hlen. Um Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.�</p><p>�So sollte es sein. Zur�ck zum Thema. Was kannst du mir von den anderen V�lkern erz�hlen?� </p><p>Rhapsody fuhr sich mit den Fingern durch das schimmernde Haar. �Ich w�sste da noch etwas von den Kith. Sie glaubten, Abk�mmlinge des Windes zu sein, Wesen mit einem angeborenen Wissen von den Luftstr�mungen und Schwingungen der Welt. Die Kith suchten am Himmel nach Weisung und Rat. Auf ihren alten Lehren gr�nden �brigens unsere modernen Wissenschaften der Astronomie und Meteorologie. </p><p>Die Kith waren auch die Sch�pfer der Musik und die Ahnen des lirinschen Volkes. Nebenbei bemerkt: <emphasis>Lirin</emphasis> ist das Wort der Ur-Seren f�r <emphasis>S�nger</emphasis>.</p><p>Der Ausdruck auf Achmeds Gesicht verdunkelte sich. �Auch die Dhrakier stammen von ihnen ab. Daher r�hrt auch unser scharfer Sinn f�r Schwingungen.�</p><p>�Tats�chlich?� Rhapsody war sichtlich �berrascht. �Das wusste ich nicht.�</p><p>�Woher auch? Hast du denn vor unserem Zusammentreffen jemals etwas von uns Dhrakiern geh�rt?� </p><p>�Nein.� </p><p>Achmed vermummte sich in seinem Umhang, als w�re ihm kalt geworden. �Es gibt einiges, wovon du nichts wei�t, Rhapsody, wovon �berhaupt nur die allerwenigsten wissen�, sagte er mit auffallend weicher Stimme. �Doch dass �ber Dhrakier kaum etwas bekannt ist, kann nicht hei�en, dass es uns nicht gibt. Wie steht�s um die Abk�mmlinge der Erde?�</p><p>�Das sind die Drachen. Wir wissen nur Bruchst�cke �ber sie aus j�ngerer Zeit, dem Ersten und Zweiten Zeitalter, aber nichts aus der Zeit davor.�</p><p>Achmed nickte. �Und nun zum Schluss: Was ist mit dem Feuer?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich wei� nur das, was ich heute dar�ber erfahren habe. Du hast dich nach Heiles erkundigt. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass wir am Anfang eben dieser Lektion standen, als er davonging. Er hatte alle entsprechenden Materialien schon zurechtgelegt. Das wei� ich, weil ich ihm am Abend zuvor dabei geholfen hatte.�</p><p>Achmed bedachte sie mit kalten, bohrenden Blicken. �Was waren das f�r Materialien? Erinnerst du dich?� </p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Nur noch ganz vage. Eine Kohlenpfanne, glaube ich. Verschiedene Kr�uter und Wurzeln; das eine oder andere Elixier. Er ist nicht mehr dazu gekommen, mir zu erkl�ren, worum es sich bei diesen Dingen im Einzelnen handelte. Und da war noch diese Schriftrolle, aus der er auch in all den anderen Unterrichtsstunden zitiert hatte.�</p><p>�Ihr habt also noch diese Vorbereitungen getroffen, und am n�chsten Tag war er verschwunden.� </p><p>�Ja. Er schickte mich los, um ein paar seltene Manuskripte und Noten zu besorgen. Ich sah ihn nie wieder. An die ausgefallene Lektion habe ich dann nicht mehr gedacht, erst heute wieder, als der M�nch von den F�dor erz�hlte.�</p><p>Achmed langte unter seinen Umhang und holte ein kleines gefaltetes Tuch zum Vorschein, das er ihr auf den Scho� warf. Vorsichtig �ffnete Rhapsody es an denen Zipfeln. Es war ein Altartuch, wie es zum Reinigen von geweihten Kelchen oder kleinen Reliquien und dergleichen benutzt wurde: ein wei�er Lappen, bestickt mit jenem stilisierten Sonnenmuster, das sie auch im Tempel von Bethania gesehen hatte. Anerkennend stie� sie einen Pfiff aus.</p><p>�Das nenn ich dreist. Stiehlst bei helllichtem Tag solche Sachen aus einer Basilika.�</p><p>�Was, meinst du, soll dieses Symbol bedeuten?�, fragte Achmed.</p><p>Rhapsody warf ihm das Tuch zur�ck und machte aus ihrer Irritation kein Hehl. �Was soll die Frage? Ich bin doch nicht taub. Ich habe geh�rt, was er gesagt hat. Es ist das Symbol der F�dor.� </p><p>Er kroch ihr fast ins Gesicht. �Ich will die Frage anders formulieren. Wof�r steht das Symbol? Was glaubst du?� Seine Stimme war scharf und schneidend.</p><p>Rhapsody geriet ins Fr�steln und schauderte. �Die Sonne?�</p><p>Ihr Gegen�ber sch�ttelte den Kopf. �Das glaubst du, weil es alle glauben. Aber ich versichere dir, dass dem nicht so ist. Jedenfalls war dem nicht so in der alten Welt.�</p><p>Obwohl sie sich mit aller Macht zu beherrschen versuchte, zitterte sie am ganzen K�rper wie ein welkes Blatt an einem kahlen Baum im Winter. �Was ist es dann?�</p><p>Achmed schlug das Tuch auf. Vorsichtig, fast liebevoll fuhr er mit knochigem Finger um den Rand der goldenen Scheibe. </p><p>�Die Cymrer haben beim Anblick dieses alten Symbols offenbar an die Sonne gedacht. Die Vermutung liegt ja auch nahe. Doch dies hier�, er tippte ins Zentrum der Scheibe, �ist die Erde. Die vermeintlichen Strahlen sollen in Wirklichkeit Flammen darstellen. Die Erde in Flammen. Aber nicht etwa so, wie sie in der Vorzeit ausgesehen haben mag, als das Feuer geboren wurde. Nein, so wird sie aussehen, wenn die F�dor erreichen, was sie als ihr Ziel, ihre Bestimmung erachten. Verstehst du, was ich dir sagen will, Rhapsody?� </p><p>Sie nickte, brachte aber keinen Ton heraus.</p><p>�Und das hier ist das Werkzeug, womit dieses Ziel erreicht werden soll.� Mit dem Zeigefinger fuhr er die rote Spirale entlang, die sich von der Mitte der Scheibe bis an ihren Rand schl�ngelte. �Was damit dargestellt ist, wirst du jetzt erahnen, zumal du einen kleinen Teil davon schon mit eigenen Augen gesehen hast.� </p><p>Ihre Antwort war ein Fl�stern, kaum zu vernehmen vor dem Hintergrund der nicht abrei�enden Harfent�ne. �Der Wyrm.� </p><p>�Genau. Immerhin scheint es so, dass dein Schlaflied gewirkt hat. Serendair ist von vulkanischem Feuer zerst�rt worden, allerdings durch das Schlafende Kind und nicht, wie geplant, durch den Wyrm. Aber vergiss nicht, es war der Aufschlag dieses Sterns, der die F�dor aus dem Innern der Erde hervorgelockt hat. Es kann also durchaus sein, dass der eine oder andere von ihnen die Katastrophe und den Untergang der Insel �berlebt hat. Und wenn nur ein Einziger am Leben geblieben w�re, w�rde er sich daran machen, das Ziel seines Volkes zu verwirklichen. Und er w�rde auch wissen, wie.� </p><p>�Was redest du da?� Mit fahrigen Handbewegungen versuchte Rhapsody, das Haar wieder zusammenzubinden. </p><p>Achmed lehnte sich zur�ck und presste die Fingerkuppen beider H�nde aneinander.</p><p>�Fangen wir noch einmal von vorn an. In der Vorzeit, als sie aus dem Feuer geboren wurden, waren die F�dor d�monische Geistwesen von neidischer, niedertr�chtiger Natur, die danach trachteten, die Welt zu verzehren und darin dem Element Feuer zu entsprechen, dem sie entsprungen waren. Ihr Geburtsort war der Feuerkranz, jener Ring aus f�nf aktiven Vulkanen, die im Meer versunken sind. Und auch darin sind sie dem Feuer �hnlich, dass sie selbst keine feste Gestalt haben. Sie schmarotzen von anderen Lebewesen, so wie Feuer seine Nahrung aus Brennstoffen bezieht, die es im Zuge der Verbrennung aufzehrt. Wie das zweite Element, das Feuer, sind die F�dor als das zweite Volk zur Welt gekommen. Den Ur-Seren, die ihnen vorausgingen, waren sie an Macht unterlegen, nicht so den nachfolgenden V�lkern. Wie das Feuer lebten sie meist im Verborgenen und traten nur sporadisch in Erscheinung. Wenn sie aber in Erscheinung traten, brachten sie unweigerlich Zerst�rung mit sich. Das Feuer selbst zog sich ins Innere der Erde zur�ck, um dort in seiner reinsten Form zu brennen. Die F�dor aber haben eine solche L�uterung nie durchgemacht. Im Gegenteil, sie verkommen mehr und mehr und leben dadurch auf, dass sie T�uschung und Betrug �ben. Wie Parasiten nehmen sie Menschen � oder Lirin oder Nain als Wirte in Beschlag, ern�hren sich von ihnen und machen sie sich gef�gig. Am Ende sind beide Seiten, die menschliche und die d�monische, nicht mehr voneinander zu unterscheiden, selbst f�r die betreffende Person nicht mehr. Vielleicht verstehst du jetzt ein bisschen besser, warum es mir nicht recht ist, dass du st�ndig irgendwelche Kinder adoptieren m�chtest. Denn wom�glich bist du selbst, ohne dass es dir bewusst w�re, von einem solchen D�mon besessen oder stehst unter seinem Einfluss. Auszuschlie�en ist das nicht.� </p><p>�Woher wei�t du das alles?�, platzte es aus Rhapsody heraus. �Wie kommst du an solche Informationen, die nur den gr��ten Benennern vorbehalten sind?�</p><p>Achmed legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den Sternen auf, die zwischen Wolkenl�cken zum Vorschein kamen. Von unten stiegen Nebelschleier auf, als wollten sie sich mit ihren Geschwistern am Himmel zusammenschlie�en.</p><p>�Ich stand in den Diensten eines F�dor. Daher wei� ich das alles.�</p><p>�Der D�mon, der Gewalt �ber dich hatte, war ein F�dor?�</p><p>�Ja. Er hatte meinen Namen, hielt mich gefangen und machte mich gef�gig. Er selbst hie� Tsoltan. Vielleicht hast du schon von ihm geh�rt.� Er warf einen Blick auf die Harfe, die immer noch schrille Kl�nge hervorbrachte. </p><p>Rhapsody suchte in ihrer Erinnerung nach einer Antwort und fand sie auch wenig sp�ter. �Llauron sprach davon, dass der Feind des K�nigs zurzeit des Gro�en Krieges, der nach unserem Weggang von der Insel ausgebrochen war, eben diesen Namen trug. Ist es dieser Tsoltan?� </p><p>Achmed nickte. �Und ausgerechnet in dem Augenblick, als er von ihm erz�hlte, musstest du ihn mit einer Belanglosigkeit unterbrechen. Nun ja, damals hattest du ja auch noch keine Ahnung.� </p><p>�H�ttest du mich doch blo� fr�her in dein Geheimnis eingeweiht.�</p><p>�Wann denn? W�re es dir etwa recht gewesen, wenn ich seinen Namen in der Erde unter Tage ausgesprochen h�tte? Du als Benennerin wei�t sehr wohl, was dann wom�glich passiert w�re.� Der �rger schwand aus seinen Augen wie ausgebrannte Glut, und sie nickte.</p><p>Mit freundlicher Stimme fuhr er fort: �Dass ich von den F�dor wei�, hat noch einen Grund. Ich bin zur H�lfte Dhrakier. Wir, die Dhrakier, verabscheuen die F�dor mit jeder Faser unseres Wesens. Das liegt wohl, wie ich vermute, vor allem daran, dass sie nicht zu erkennen sind. F�r unsereins, die wir auch die feinsten Schwingungen wahrnehmen k�nnen, ist es unertr�glich zu wissen, dass D�monen umherspuken, aber einfach nicht aufzusp�ren sind. Die Geschichte der Dhrakier ist eine Geschichte der Kriege gegen die F�dor. Sie im Ganzen nachzuerz�hlen w�rde, auch wenn ich mich kurz fasste, viel zu lange dauern. Ich will stattdessen nur von einem Ausschnitt daraus berichten. Nach der Zeitend�mmerung, also w�hrend jener Phase, die auch als �Tag der G�tter� bezeichnet wurde, hatten die Ur-St�mme, von denen soeben die Rede war, ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit den F�dor. Um ihre Schlagkraft zu verbessern, schl�ssen Ur-Seren, Mythlin und Kith ein B�ndnis. Nur die Drachen blieben au�en vor. Dieses B�ndnis war letztlich der Grund daf�r, dass sich die F�dor ins Erdinnere zur�ckzogen, wo sie blieben, bis ein Zufall sie wieder an die Oberfl�che lockte. Jahrtausende sp�ter, n�mlich in der Mitte des Zweiten Zeitalters, traf das Schlafende Kind � ein Meteor � auf die Erde und riss ein gro�es Loch, durch das ein Teil der F�dor an die Oberfl�che entfliehen konnte. Ich glaube, dass es einer von denen war, der dann in Tsoltan gefahren ist. Tsoltan war schon vorher durch und durch b�se, ein Priester der Gottheit des Nichts, des Allesverschlingers. Einen besseren Wirt h�tte dieser F�dor gar nicht finden k�nnen.�</p><p>�Ich kann dir nicht mehr folgen.�</p><p>�Verzeihung, ich schweife ab. Im Ersten Zeitalter waren es die Kith, unsere direkten Vorfahren, die die F�dor mit den Mitteln der Schwingung in Schach halten konnten. Als Meuchelm�rder hatten sie gelernt, was zu tun war, um sowohl den Wirt als auch den D�mon zu t�ten, und gaben diese F�higkeit an ihre Nachfolger, die Dhrakier, weiter.</p><p>Die Dhrakier z�hlen zu den �ltesten V�lkern �berhaupt; sie sind �lter als die Menschheit. Aus Gr�nden, die zu komplex sind, als dass ich sie jetzt im Einzelnen darlegen k�nnte, haben es sich die Dhrakier zur Lebensaufgabe gemacht, die F�dor mit Stumpf und Stil auszurotten. Die M�glichkeiten dazu haben wir auch heute noch. Sie geh�ren gewisserma�en zu unseren stammesspezifischen Talenten, zu unserem Kulturgut. Gerade das macht den Umstand, dass ich in Tsoltans Bann stand und M�rder in seinem Auftrag war, umso widerw�rtiger und verdammensw�rdiger.</p><p>Lange Rede, kurzer Sinn: Unsere Welt, das hei�t die Welt, die wir kennen, gibt es nicht mehr. Ich muss nun herausfinden, ob Tsoltan mit ihr untergegangen ist oder nicht. Vielleicht hat MacQuieth ihm den Garaus gemacht; vielleicht ist er auch wie all die anderen der gro�en Katastrophe zum Opfer gefallen. </p><p>Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die F�dor im Gro�en Krieg umgekommen. MacQuieth war der einzige Nicht-Dhrakier, dem es m�glich gewesen w�re, Mensch und D�mon zu t�ten. Ob es ihm auch gelungen ist, wissen wir nicht mit Bestimmtheit. Allerdings k�nnen wir wohl ausschlie�en, dass der Wyrm befreit wurde. Denn wenn dem so w�re, s��en wir jetzt nicht hier in lausig kalter Winternacht, weit weg von Serendair, und w�rden uns den Hintern abfrieren.</p><p>Es besteht aber dennoch die M�glichkeit, dass die F�dor noch leben, zumindest ein kleiner Teil von ihnen. Diese seltsamen �berf�lle, die hier allenthalben stattfinden, lassen Schlimmes bef�rchten, denn �berall wo unerkl�rliches Chaos herrscht, k�nnten F�dor auf der Lauer liegen. Nicht, dass sie Exklusivrechte auf Krieg und Terror h�tten. Auch die Menschen machen seit eh und je reichlich Gebrauch davon. Wie auch immer, wir m�ssen damit rechnen, dass ein F�dor-Geist entflohen und hierher geflohen sein k�nnte. Es muss nicht unbedingt der sein, den ich kannte; auch jeder andere w�re in der Lage, den Wyrm zu wecken � vorausgesetzt, dieses Ungeheuer ist noch am Leben. Dass es im Inneren der Erde steckt, wei� jedenfalls jeder F�dor, und es liegt in ihrer Natur, dessen Befreiung zumindest zu versuchen. Darum muss ich wissen, ob der F�dor, dessen Sklave ich war, �berlebt hat oder ob wom�glich irgendwelche anderen seiner Art unter uns sind.�</p><p>�Also, das herauszufinden d�rfte nicht allzu schwierig sein�, sagte Rhapsody und rieb sich die Oberarme mit den H�nden, um die K�lte daraus zu vertreiben. �Ihr Tempel ist gleich hier in Bethania. Da feiern sie ihre Gottesdienste, in aller �ffentlichkeit.�</p><p>Achmed lachte. �Ich glaube, das siehst du falsch. Denk doch mal nach. Wenn die Legenden wahr sind, haben die F�dor den Gro�en Krieg von Serendair <emphasis>verloren</emphasis>. Und es sind aller Erfahrung nach nie die Geschichten der Verlierer, die man immer und immer wieder nacherz�hlt, bis sie zur Legende werden. Die Nachkommen der <emphasis>Sieger</emphasis> kannten von der Wahrheit jedoch wahrscheinlich nur kleine Ausschnitte und waren wie alle Cymrer der Selbstt�uschung erlegen. Sie wollten den Elementen huldigen, den f�nf Kindern ihres Sch�pfers. Von der gesamten Geschichte aber hatten sie nur den Schimmer einer Ahnung.� </p><p>�Ist es denn nicht m�glich, dass sie, verkommen wie sie sind, das B�se anbeten und es ernst damit meinen?� </p><p>�M�glich ist alles, aber nehmen wir doch f�r einen Augenblick mal an, dass diese Br�der in der Basilika unschuldige Narren sind. Wie mir scheint, sind sie derma�en d�mlich, dass sie gar nicht wirklich b�se sein k�nnen. Au�erdem w�rden sich echte F�dor nie offen zu erkennen geben. Ihre St�rke liegt darin, dass sie sich im Verborgenen halten.</p><p>Die Frage lautet also: Wie sind die Cymrer zu dieser falschen Geschichte gekommen? Vielleicht haben sie irgendwo eine Abbildung dieses Symbols gesehen. Tsoltan hat ein Amulett mit einem ganz �hnlichen Zeichen getragen, wobei aber anstelle der roten Spirale ein Auge zu erkennen war. Vielleicht hatten die Cymrer, als sie ihre Kathedralen bauten und sich auf ihre Wurzeln zu besinnen versuchten, schon vergessen, was es mit dem Feuersymbol in Wirklichkeit auf sich hat. M�glich auch, dass sie von seiner Bedeutung nie etwas wussten. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich dich gefragt, wie viel Zeit zwischen unserem Aufbruch und dem Exodus der Cymrer vergangen sein mag. Aber das tut jetzt nichts mehr zur Sache. Tatsache ist, dass die Einwohner von Bethania in hohem Ma�e vom F�dor bedroht sind, wenn es ihn denn noch gibt. Dadurch n�mlich, dass sie in ehrf�rchtiger Andacht einer Feuerquelle huldigen, die aus dem Herzen der Erde gespeist wird, und den F�dor als eine wohlwollende Kraft anbeten. Im Grunde haben sie ihm dieses Land l�ngst ausgeliefert. Sie haben ihn sozusagen eingeladen.�</p><p>Es war nicht nur die Winterk�lte, die Rhapsody bis ins Mark hinein frieren lie�. �Was also sollen wir tun? Wie k�nnen wir finden, was sich nicht finden lassen will, zumal an einem Ort, den wir nicht kennen? Und das, nachdem wir �ber tausend Jahre unserer eigenen Zeit entr�ckt sind.�</p><p>�Wir fangen in Canrif mit der Suche an�, sagte Achmed. �Wenn er denn mit den Cymrern gekommen ist, wird der F�dor ihnen auch weiter gefolgt sein. Wenn dem aber nicht so gewesen sein sollte, wird unsere Reise auch nicht umsonst gewesen sein, denn in Canrif leben jetzt die Firbolg, und auf die bin ich schon ganz neugierig.�</p><p>�Sei ehrlich, diese Route stand f�r dich doch schon fest, als du Llaurons Geschichte h�rtest.� </p><p>�Ja. Und die Angelegenheit ist noch wichtiger geworden, nachdem wir dem Rakshas begegnet sind und du mir von dieser Vision nahe dem Altar im Garten berichtet hast. Die war zwar gewiss d�monisch, scheint aber dennoch nicht das Werk des F�dor gewesen zu sein. Dazu will ich �brigens etwas grunds�tzlich sagen, Rhapsody: Wenn die Religion dieses Landes mit ihren eigenen D�monen �ber Kreuz liegt, sollten wir uns da raushalten. Ich vermute, dass das Blut dieser Kinder den Rakshas ern�hrt und am Leben h�lt. Stephen will ihm eine Falle stellen. Wenn er und seine Vettern es nicht schaffen, ihn zur Strecke zu bringen, haben wir ohnehin keine Chance. Das ist ein Problem dieser Welt. Wir m�ssen Antworten auf unsere Probleme finden, und deshalb gehen wir nach Canrif.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Wenn�s denn sein muss. Es bleibt uns wohl nichts anderes �brig, als zumindest den Versuch zu unternehmen und herauszufinden, ob dieses Etwas mit den Flotten hergekommen ist und Schuld hat an all den schrecklichen Dingen, die hier geschehen. Darf ich dir noch eine Frage stellen?� </p><p>Achmed stand auf und reckte sich. �Nat�rlich.�</p><p>�Was wirst du tun, wenn sich deine Bef�rchtungen als berechtigt erweisen?�</p><p>Er blickte zu den Zweigen auf, die �ber ihnen schwebten und wie wei�e Knochenarme ins Dunkle langten. �Wer wei�, was ich dann �berhaupt tun <emphasis>kann�,</emphasis> sagte er schlie�lich und in Gedanken versunken, wie es schien. �Nach unserem Gang durchs Feuer ist vieles ganz anders geworden. Mir sind ganz neue Kr�fte und F�higkeiten gegeben, aber manches ist verloren gegangen, worauf ich mich fr�her habe verlassen k�nnen. Ich wei� auch nicht, mit welchen Waffen der Feind zu bek�mpfen ist.� </p><p>�Damit ist meine Frage nur zum Teil beantwortet�, sagte Rhapsody. �Vielleicht sollte ich fragen: Was <emphasis>w�nschst</emphasis> du zu tun? Und: Wie stehst du eigentlich zu diesem Ort und seinen Bewohnern? Bist du wirklich so distanziert, wie es den Anschein hat?�</p><p>Er starrte sie an, musste dann aber l�cheln. �Auch das ist mir nicht ganz klar. Komm, gehen wir zur�ck. Ich sch�tze, Grunthor h�lt Jo im Schwitzkasten, um sie am Lauschen zu hindern.� Er ergriff ihre Hand und half ihr beim Aufstehen.</p><p>��brigens ist mir im Zusammenhang mit dem, was wir besprochen haben, etwas eingefallen�, sagte Rhapsody und zog die Kapuze �ber den Kopf. �Erinnerst du dich an die Prophezeiung der Drei? Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels?�</p><p>�Sicher doch.� </p><p>�Llauron zufolge w�ren das Anwyn und ihre hellsichtigen Schwestern. Aber k�nnten damit nicht vielleicht die drei Ur-V�lker gemeint sein, die sich zusammengetan haben � die Kith, die Mythlin und die Ur-Seren?� Achmed krauste die Stirn. �Glaubst du wirklich?� �Ich frage mich nur, ob das eine M�glichkeit sein k�nnte.� Schmunzelnd zeigte Achmed auf die Harfe. �Sorg daf�r, dass das Ding endlich Ruhe gibt. Es geht mir auf die Nerven.� </p><p><emphasis>Die Kinder des Himmels m�ssen Luft zwischen den Ohren haben,</emphasis> dachte er. <emphasis>Liringlas. Dein eigenes Volk, und du erkennst dich nicht einmal selbst. Oder Grunthor und mich</emphasis>. �Du bist wirklich ein echter Cymrer, Rhapsody; in punkto Selbstt�uschung bist du kaum zu schlagen.�</p><p>�Was soll das denn jetzt hei�en?�</p><p>Die ungleichen Augen blitzten auf. �Nichts. Oder nur so viel: Ich lasse mich von Prophezeiungen nicht einwickeln, geschweige denn irref�hren. Der Glaube daran ist h�ufig blo� das Ergebnis gescheiterter Versuche, bestimmte Hinweise und Zeichen zu deuten, die nicht klar zu bestimmen sind. Und �berhaupt, was hat dir deine Hellsicht bislang eigentlich gebracht? Du hast vom Tod der Insel getr�umt. Konntest du ihn verhindern?�</p><p>Er �ffnete eine Schneise im Dickicht und setzte sich in Richtung Lager in Bewegung. Rhapsody schaute ihm eine Weile nach und folgte schlie�lich.</p><p>Der Morgen kam wie eine Befreiung aus dem Bann der Nacht. Die drei sattelten die Pferde und bereiteten sich auf ihre Reise nach Bethe Corbair vor, der letzten Bastion der Menschen vor der Grenze zu den Bolgl�ndern.</p><p>Als sie den Westrand der Krevensfelder erreichten, jener scheinbar grenzenlosen Ebene, die die Provinz von Bethe Corbair umgab, versuchte Rhapsody noch einmal, bei Achmed vorzuf�hlen und seinen Gedanken auf die Schliche zu kommen. Vergebens. Er gab sich wieder wie gewohnt reserviert und reagierte auf ihre Versuche, ihm etwas zu entlocken, mit frostigem Schweigen. Es war, als h�tte ihr Zwiegespr�ch in der Nacht zuvor nie stattgefunden.</p></section><section><title><p>40</p></title><p>Ashe stand vor einer Senke, die sich tief in die Ebene der Krevensfelder einschnitt, als ihn eine erste Ahnung �berkam. Er glaubte etwas Fremdes zu sp�ren, etwas, das sich hier zum allerersten Mal dem Kreis seiner Wahrnehmung n�herte.</p><p><emphasis>Macht,</emphasis> fl�sterte der Drache in seinem Blut. <emphasis>Faszinierende Macht. Ich will sie ber�hren</emphasis>. Der Drache in ihm sorgte st�ndig f�r Streit. Er war ihm als ein fester Bestandteil seines Wesens einverleibt, folgte aber seinem eigenen Willen, und obwohl Ashe sich immer wieder zur Wachsamkeit aufrief, hatte er sich doch mit den Jahren an ihn gew�hnt.</p><p>Auch verdankte er ihm seine �beraus scharfen Sinne. Dank seines Drachenanteils nahm er Notiz von den winzigsten Details. Er konnte jeden Grashalm der Wiese, auf der er nun stand, f�hlen und sp�ren, wenn er denn nur dem Drachen freie Hand gab. Doch genau das versuchte Ashe nach M�glichkeit zu vermeiden, denn der Drache war unberechenbar und trachtete nach immer mehr Freiheiten.</p><p>Seine Sinne fehlten nie. Es war tats�chlich etwas Fremdes in der N�he, etwas, das uralt, abnorm und faszinierend zugleich war. Und ungemein m�chtig. Nach einer Weile ahnte Ashe auch, wo es sich aufhielt: in Bethe Corbair. Er seufzte. St�dte waren ihm verhasst. Er machte immer einen gro�en Bogen um sie und suchte stattdessen Schatten und Einsamkeit. Es war nicht klug, sich als Gejagter unter Menschen zu begeben.</p><p>Aber man konnte ja auch in der Menge untertauchen. Dass er das hin und wieder tat, h�tte bekannt sein k�nnen, wenn denn �berhaupt etwas �ber ihn bekannt gewesen w�re � was jedoch nicht der Fall war. Obwohl Ashe durchaus sichtbare Konturen hatte, wurde er schlankweg �bersehen. Er h�llte sich in Nebelschleier, das hei�t in einen Mantel, der zwar aus Wolle gemacht war, ihn aber dank einer dem Wasser eigenen Kraft auf mysteri�se Weise tarnte.</p><p>Aus diesem Grund blieb er in seiner leiblichen Gestalt dem blo�en Auge verborgen, und selbst mit jenen Ger�ten, die Schwingungen im Wind zu messen vermochten, waren sein Pulsschlag und der Atem seiner unsterblichen Seele nicht aufsp�ren. Und das war gut so, denn der Schmerz, den er an K�rper und Seele zu tragen hatte, h�tte ihn �berall auf den Pr�sentierteller gehoben. Ashe war ein Paradoxon: selbst unbemerkt, aber alles gewahrend.</p><p><emphasis>Ich will es ber�hren,</emphasis> beharrte der Drache. Und statt ihn zu r�gen, wie er es sonst tat, musste Ashe ihm jetzt zustimmen. Auch er war gespannt darauf zu erfahren, wer oder was sich hinter dieser neuen Macht in Bethe Corbair verbarg. Lautlos folgte er dem bewegten Schatten der Morgensonne �ber die Ebene, bis er die Stadttore erreichte, die er unbemerkt passierte.</p><p>�Und dass du mir nur ja nichts klaust.�</p><p>Jo verdrehte die Augen. �Ach, Bruder ...�</p><p>Rhapsody zuckte zusammen und warf einen Blick auf Achmed, der aber unter seiner Kapuze zu schmunzeln schien. �Vorsicht�, sagte sie, wieder an Jo gewandt, �mit einer ganz �hnlichen Wortwahl habe ich mir einmal gro�en �rger eingehandelt.�</p><p>Ein gro�er Karren, gef�llt mit Weidenk�rben, kam so dicht vorbeigerumpelt, dass sich Jo mit einem schnellen Satz in Sicherheit bringen musste. Vor den hohen Mauern von Bethe Corbair herrschte Hochbetrieb, und das L�rmen der Menge war schon von fern zu h�ren gewesen. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft, eine gereizte Stimmung, wie sie f�r eine so gro�e Stadt am Rand der Wildnis durchaus typisch war. </p><p>�Wir sind seit Wochen unterwegs. Da kann�s doch nicht so schlimm sein, wenn man die Gelegenheit nutzt und ein paar Leuten die Taschen lehrt�, entgegnete Jo.</p><p>Rhapsody hob einen kleinen, mit M�nzen gef�llten Beutel in die H�he. �Wie w�r�s zur Abwechslung damit, f�r das, was du brauchst, zu zahlen?�</p><p>�Das ist <emphasis>dein</emphasis> Geld�, antwortete sie mit trotzigem Blick.</p><p>�Nein, <emphasis>unser</emphasis> Geld�, korrigierte Rhapsody und l�ste den Lederriemen, der den Beutelsaum raffte. �Wir geh�ren zusammen, Schwester, oder hast du das schon vergessen?�</p><p>Sie nahm Jos Hand, �ffnete sie und sch�ttete die H�lfte des Beutelinhalts hinein. �Da hast du was zum Verschlucken, wie mein Vater gesagt h�tte. Aber gib nicht alles aus. Wer wei�, wann sich unsere Reisekasse wieder f�llt.� </p><p>�Na, wir sind schlie�lich in einer Stadt�, sagte Achmed mit Blick auf das Stadttor. �Da liegt das Geld f�r dich doch so nahe wie die n�chste Stra�enecke. Bei deinen Erwerbstalenten ...�</p><p>Rhapsody strafte ihn mit ihren Blicken. �Wie bitte?�</p><p>�Als Musikant�, pr�zisierte Achmed. �An was hast du denn gedacht?�</p><p>�Musst du dir deine Beleidigungen eigentlich vorher im Kopf zurechtlegen oder kommen sie dir ganz nat�rlich �ber die Lippen? Wie auch immer, sie treffen mich nicht. Komm, Jo�, sagte sie und zog ihre Kapuze bis tief in die Stirn. �Wir treffen uns dann zur Mittagstunde vor der Basilika, Achmed. Ich bin sicher, wir werden irgendwo in der Stadtmitte einen Gasthof finden, wo wir essen k�nnen.� </p><p>Sie nahm Jo bei der Hand und folgte der Menge in die Stadt von Bethe Corbair, der letzten gro�en Ortschaft an der Grenze zu den Bolgl�ndern.</p><p>Grunthor und Achmed warteten, bis die beiden nicht mehr zu sehen waren. Dann machten sie sich auf den Weg rund um die Stadtmauer, zu der sie, um nicht aufzufallen, immer geh�rig Abstand hielten. Als sie ihren Erkundungsgang beendet hatten, legten sie am Nordrand der Stadt eine Rast ein, um sich zu beratschlagen. Neben der von einer Mauer umschlossenen Innenstadt geh�rte zu Bethe Corbair au�erdem eine Reihe versprengter Geh�fte und kleiner Siedlungen.</p><p>Im Osten der Grenzstadt ragten die so genannten Zahnfelsen auf, eine Gebirgskette, die den Bewohnern der im Westen Vorgelagerten Ebene von jeher Angst machte. F�r Raubz�ge der Bolg gab es keinerlei Anzeichen. H�tte es in j�ngster Zeit welche gegeben, w�ren mit Sicherheit Spuren davon zur�ckgeblieben. Nichtsdestotrotz f�hlten sich die Anlieger offenbar wohler in Sichtweite der befestigten Stadt, was darauf schlie�en lie�, dass es in der Vergangenheit schlimme �bergriffe gegeben hatte. </p><p>�Schau dich noch ein bisschen im Umkreis um�, sagte Achmed zu Grunthor. �Wir treffen uns dann bei Sonnenuntergang am Ostrand.� Der Dhrakier schaute dem Freund nach, bis dieser verschwunden war; dann drehte er sich um und ging durchs Tor zur Stadt hinein.</p><p>Bethe Corbair war eine alte Stadt, viel �lter noch als Navarne, obwohl beide Provinzen nach Stephens Auskunft ungef�hr zur gleichen Zeit besiedelt worden waren. Rhapsody dachte zur�ck an den Geschichtsunterricht, den ihr Llauron und Herzog Stephen erteilt hatten.</p><p>Navarne und Bethania war von den Mitgliedern der Ersten Flotte zu ihrer Heimat gemacht worden, also von jener Emigrantengruppe, die mehrheitlich aus jenen St�dteplanern, Architekten und Maurern bestand, welche von Gwylliam losgeschickt worden waren, um den Cymrern neue Wohnungen zu bauen. Zuerst errichteten sie in aller gebotenen Eile Wacht�rme und kleine Geh�fte, danach lie�en sie sich Zeit f�r die �ffentlichen Anlagen. Dies erkl�rte die Sch�nheit der St�dte. Sie waren von Anfang an sinnvoll entworfen und mit gro�er handwerklicher Sorgfalt gebaut worden.</p><p>Im Unterschied dazu war Bethe Corbair von den Mitgliedern der Dritten Flotte errichtet worden, also der Gruppe um Gwylliam, die im Wesentlichen aus Soldaten, Bauern, H�ndlern und ungelernten Arbeitern zusammengesetzt war. Sie legten vor allem Wert auf Zweckm��igkeit und hohe, starke Mauern, die auch heftigsten Angriffen standhalten konnten. Mit der Zeit hatte sich der martialische Charakter der Stadt verloren, doch immer noch war ihr eine gewisse Trotzhaltung zu Eigen. Nicht, dass sich dieser Aspekt auf ihre Einwohnerschaft �bertragen h�tte. Sie war wie jede andere Stadtbev�lkerung eine bunt gemischte Schar gesitteter und ungesitteter, hoch gestellter und �rmlicher, gebildeter und ungebildeter Leute. Im Gro�en und Ganzen herrschte ein friedliches Nebeneinander, und so konnten Handel und Handwerk gedeihen, und in den Stra�en l�rmte und wimmelte gesch�ftiges Leben. </p><p>Was Bethe Corbair einzigartig machte, war die Musik. Rhapsody schlenderte wie verzaubert durch die Stra�en und lauschte den melodischen Kl�ngen der Glocken im Turm der Basilika, Kl�ngen, die der Willk�r des Windes entsprangen und ein Gef�hl von ungest�mer Freiheit wachriefen, was Rhapsodys Herz h�her schlagen lie�. </p><p>Die St�dter gingen ihren Gesch�ften nach, ohne der Musik Beachtung zu schenken. Die �bte aber dennoch ihre Wirkung auf sie aus, vor allem wenn die Glocken in besonders hellen T�nen l�uteten; dann h�rten die H�ndler zu feilschen auf, Fischweiber zeterten nicht mehr so schrill, und streitende Kinder schl�ssen wieder Frieden.</p><p>Jo zappelte vor Ungeduld. �Das ist langweilig�, n�rgelte sie, als Rhapsody vor dem Verkaufstisch eines Tuchh�ndlers stehen blieb. �Ich halt�s nicht mehr aus. Viel lieber w�rde ich auf eigene Faust umherziehen.� </p><p>�Tu das�, antwortete Rhapsody nach kurzem Z�gern. �Wir treffen uns dann zur verabredeten Zeit vor der Basilika. Wenn du mich nicht findest, sieh dich nach Achmed um. Und denk daran: Lass nur ja nichts heimlich mitgehen. Ich will nicht, dass man dir die Hand abschl�gt.� Sie grinste �ber die Grimasse, die das M�dchen in Reaktion auf ihre Warnung schnitt. Gleich darauf war Jo in der Menge verschwunden. </p><p>Ashe sah sich auf dem Wochenmarkt in der Stadtmitte um. Er war, von den Krevensfeldern kommend, durch das S�dtor in die Stadt gelangt. Das fremde Etwas, dessen Kraft er sp�rte, hielt sich aber irgendwo im Osten auf. Jedenfalls tat dies zumindest ein Teil von ihm; ein anderer Teil schien sich abgespalten zu haben und am Rand der Reichweite seiner Drachensinne in der Stadt zu kreisen. Es hatte andere Eigenschaften als der andere Teil und war so gleichm��ig in seinen Bewegungen, dass er nicht zu unterscheiden vermochte, ob es sich um ein Lebewesen handelte oder wom�glich um einen Gegenstand auf einem fahrenden Karren.</p><p>Dass er die Kraft nicht identifizieren konnte, machte Ashe nerv�s. Gew�hnlich tat er sich in solchen Dingen sehr viel leichter. Doch aus irgendeinem Grund blieb ihm diese Kraft in der von ihr angenommenen Gestalt verborgen. Der Drache in ihm wand sich vor Ungeduld. Nur den zahllosen Ablenkungen, die der Markt zu bieten hatte, verdankte es Ashe, ihn unter Kontrolle zu halten. Er trat einen Schritt zur Seite, als ihm ein Trunkenbold entgegenwankte, dem offenbar ein �berma� an Schnaps und das willkommene Tauwetter zu Kopf gestiegen waren. Er taumelte so unberechenbar hin und her, dass Ashe genau Acht geben musste, um einem drohenden Zusammensto� vorzubeugen. Dadurch war seine Aufmerksamkeit einen Moment lang abgelenkt.</p><p>Als er seine Sinne zur�ck auf die Quelle der omin�sen Kraft richtete, schien sie sich wiederum aufgeteilt zu haben. Zu einem der Aspekte f�hlte er sich besonders stark hingezogen; es war der, der in der N�he weilte und eine unwiderstehliche W�rme ausstrahlte.</p><p>Ashe war alarmiert, wusste er doch, dass die Diener des Feuers seine gef�hrlichsten J�ger waren. Nur weil er stets und �berall ihren Fallen hatte ausweichen k�nnen, war er noch am Leben. Wie auch immer, das Unheil hielt sich in der N�he auf; fr�her oder sp�ter w�rde es auf den Marktplatz kommen. Er beschloss, darauf zu warten.</p><p>Derweil musste er sich mit seinem Drachen auseinander setzen. Einer der Gr�nde daf�r, dass er St�dte mied � vor allem solche, die wie Bethe Corbair an einer bedeutenden Handelsroute lagen �, war die Faszination des Drachen f�r alle m�glichen Handelsg�ter. Er geriet geradezu au�er sich, als sie an einem Stand vorbeikamen, der, von einer Glasscheibe abgedeckt, Edelsteine ausstellte.</p><p><emphasis>Wie wundersch�n,</emphasis> fl�sterte es in seiner Seele. <emphasis>Das will ich ber�hren</emphasis>.</p><p><emphasis>Kommt gar nicht in Frage,</emphasis> antwortete Ashe entschieden.</p><p><emphasis>Ich will�s ber�hren</emphasis>.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>. Er wandte sich ab und ging. Die H�ndlerin hatte seine N�he anscheinend irgendwie gesp�rt und kurz aufgeblickt, sich aber, als sie niemanden sah, wieder der Auslage gewidmet. Auch der n�chste Stand mit seinem Angebot feinster Gew�rze gefiel dem Drachen. <emphasis>Pfefferk�rner. Die will ich z�hlen,</emphasis> fl�sterte er erregt und notierte jedes einzelne K�rnchen, jede Bohne, jede Flocke und jedes Tr�pfchen. Ashe gebot ihm Einhalt. <emphasis>Nein</emphasis>. Er hielt nach der Kraftquelle Ausschau. <emphasis>Parf�m und Amber; das stammt aus dem Erbrochenen eines Leviathan, der siebzehn Makrelen gegessen hat und hundertsiebzig</emphasis> ...�</p><p><emphasis>Schluss jetzt!</emphasis></p><p><emphasis>Sieh nur, die Stoffe da. Heute gibt�s keine Seide, nur Leinen, Samt und Wollt�cher in dreizehn verschiedenen Webarten, dunkelblau, hellblau, violett, indigoblau</emphasis>...�</p><p><emphasis>Gib Ruhe!</emphasis> Ashe drehte sich um. Es war ganz nahe. Mit Nachdruck brachte er den Drachen zum Schweigen und versuchte, klar zu sehen.</p><p>Auf der anderen Stra�enseite gab es Streit. Ausl�ser schien eine junge Frau zu sein, in Grau gekleidet wie er. Von der fremden Kraft angelockt, r�ckte er n�her.</p><p>Auch Rhapsody wurde geplagt von den Begehrlichkeiten ihres ganz pers�nlichen Drachentiers, dem Wunsch, mit der Hand �ber die herrlichen Stoffe zu fahren, die vor ihr ausgebreitet waren. Ganz besonders hatte es ihr der cremefarbene Samt angetan, der aber viel zu teuer f�r sie war. Seufzend schlenderte sie weiter, von einem Marktstand zum anderen.</p><p>Am Ende der Stra�e fiel ihr Blick auf einen Tisch voll funkelnder Gegenst�nde, die sich wie Sonnenglanz auf flie�endem Wasser zu bewegen schienen. Neugierig eilte sie darauf zu.</p><p>Vor dem Tisch des H�ndlers angekommen, erkannte sie in den vermeintlichen Lichtspielen prunkvolles Geschmeide, vornehmlich Ohrringe, viel Protz, aber auch ein paar wertvolle und besonders edle St�cke. Rhapsody hatte eine Schw�che f�r sch�ne Dinge, was sie aber ihren Bolg-Gef�hrten gegen�ber niemals eingestehen w�rde. In deren Abwesenheit jedoch gestattete sie sich nun das Vergn�gen, den schillernden Plunder nach Lust und Laune zu bestaunen. </p><p>Der H�ndler hatte gerade einen anderen Kunden verabschiedet und nahm argw�hnisch Bestand von seiner Ware auf, ehe er zu Rhapsody aufblickte, der er offenbar zutraute, dass sie lange Finger machte. Wegen ihres lirinschen Aussehens solchen Verd�chtigungen ausgesetzt zu sein war sie schon von Ostend her gewohnt. Verstehen konnte sie diesen Argwohn nicht. Lirin legten n�mlich keinen Wert auf materiellen Besitz, schon gar nicht auf so nutzlose Dinge wie Ohrringe oder Halsketten. Deshalb war f�r sie auch �berhaupt nicht nachzuvollziehen, warum ihr alle H�ndler und Kaufleute gleichsam reflexhaft unterstellten, diebische Absichten zu hegen. Und obwohl sie sich vorgenommen hatte, solche Zumutungen nicht weiter ernst zu nehmen, geriet ihr Blut doch immer wieder in Wallung. Sie schluckte, trotzte ihrer Verdrossenheit eine freundliche Miene ab und machte auf dem Absatz kehrt. </p><p>�Junge Frau?� In der Stimme des H�ndlers schwang ein Ton der Klage mit. Unwillk�rlich hob Rhapsody die ge�ffneten H�nde in der Annahme, des Diebstahls bezichtigt zu werden.</p><p>�Ja?�, sagte sie, ohne sich umzudrehen.</p><p>�Bitte, bleib doch noch. Wie gef�llt dir mein Angebot?�</p><p>Rhapsody drehte sich wieder um. Der H�ndler zeigte jetzt ein ganz anderes Gesicht als vorhin, als er einem kahlk�pfigen Kunden zu einem bereits gekauften Ring noch eine passende Krawattennadel aufzuschwatzen versucht hatte. Seine Augen waren weit aufgesperrt, als wunderte er sich �ber etwas, und er klammerte sich derart krampfhaft an der Theke fest, dass die Kn�chel der Hand wei� angelaufen waren. </p><p>�Stimmt irgendetwas nicht?�, fragte Rhapsody besorgt. Der H�ndler sch�ttelte den Kopf. �Du hast wirklich sehr sch�ne Sachen zum Verkauf. Aber ich wollte sie mir einfach nur ansehen�, sagte sie und schickte sich an zu gehen.</p><p>�Junge Frau?�, hakte er in dr�ngendem Tonfall nach.</p><p>Rhapsody seufzte, lie� sich aber ihren Unmut nicht anmerken und schaute zur�ck. Das Gesicht des H�ndlers war rot angelaufen, und seine H�nde zitterten.</p><p>�Ist dir nicht wohl?�, fragte sie alarmiert und langte nach ihrem Wasserschlauch, um ihm zu trinken zu geben. Doch der Mann sch�ttelte den Kopf, zog ein Taschentuch hervor und betupfte sich die Stirn. </p><p>�Nein, danke. Aber bleib doch noch. W�re da vielleicht ein St�ck, das dir besonders gut gef�llt?� </p><p>�Wie gesagt, ich wollte nur ...�</p><p>Der Mann nahm zwei goldene Ohrringe aus seinem Sortiment und hielt sie ihr hin. �Die passen ganz vorz�glich zu deinem Medaillon. Steck sie doch ruhig einmal an.�</p><p>Rhapsody musterte die dargebotenen Schmuckst�cke, die ihr schon als besonders h�bsch aufgefallen waren. In ihrer schlichten, aber eleganten Form passten sie tats�chlich sehr gut zu dem goldenen Anh�nger, den sie immer trug. Zweifellos kosteten sie weit mehr, als ihr an Geld zur Verf�gung stand. Beim Anblick der blinkenden Schmuckst�cke schlug ihr das Herz h�her, obwohl sie der Verstand mahnend daran erinnerte, dass Stra�enh�ndlern gegen�ber, die allzu vollmundig f�r ihre Ware Reklame machten, Vorsicht angesagt war. Und weil sie sich meist schwer tat, wenn es darum ging, Verzicht zu �ben, hatte sie um den Diebesmarkt, wie der Bazar in Ostend genannt wurde, in der Regel einen gro�en Bogen gemacht.</p><p>�Greif zu, junge Frau. Sie sind wie f�r dich gemacht. Steck sie dir doch mal ans Ohr. Tu mir den Gefallen.� Seine Hartn�ckigkeit h�tte selbst den naivsten Kunden argw�hnisch gemacht.</p><p>�Sei�s drum�, sagte Rhapsody entnervt. �Aber eins muss klar sein: Kaufen werde ich sie auf keinen Fall.� Sie nahm die Ohrringe aus der Hand des Juweliers entgegen und warf die Kapuze in den Nacken zur�ck, um sie anzustecken.</p><p>Das Gold war von besonderer G�te, was ihr sofort auffiel, als sie den Schmuck in der Hand hielt. Sie erinnerte sich an den stolzen Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter, als sie, Rhapsody, das Medaillon ausgepackt hatte, f�r das die Mutter, wie ihr schon damals bewusst gewesen war, sehr viel Geld ausgegeben hatte. Im Vergleich zu den Ohrringen wirkte es weniger kostbar, war ihnen aber in der handwerklichen Verarbeitung durchaus ebenb�rtig. Im Hintergrund wurde pl�tzlich ein ohrenbet�ubendes Kreischen laut, gefolgt von einem Krachen und Splittern von Holz. Rhapsody fuhr vor Schreck zusammen.</p><p>Sie warf die Ohrringe auf den Tisch zur�ck und drehte sich um. Wenige Schritte hinter ihr waren zwei Ochsengespanne frontal zusammengesto�en; der erste Karren hatte Schlagseite und drohte auf den Stand des Juweliers zu kippen.</p><p>Die Zugtiere schnaubten und br�llten in Panik, als die Kutscher wie wild an den Z�geln zerrten. Kurz entschlossen tauchte Rhapsody unter den Tisch und hievte ihn auf dem R�cken aus der Gefahrenzone, ohne dass dabei auch nur ein einziges Schmuckst�ck verr�ckt oder gar verloren gegangen w�re. Der Juwelier stand wie gel�hmt daneben.</p><p>Inzwischen hatten die Kutscher die Situation wieder halbwegs im Griff und man�vrierten unter lautstarken Fl�chen die ineinander verhakten Karren auseinander. Rhapsody machte sich sogleich daran, den Stand zur�ck an seinen Platz zu r�cken. Der Juwelier schien immer noch unter Schock zu stehen, und so reichte sie ihm ihren Wasserschlauch. Er trank daraus, ohne die weit aufgesperrten Augen von ihr zu lassen. </p><p>Bald war der Stand wieder da, wo er hingeh�rte, und nachdem sie sich davon �berzeugt hatte, dass keines der Schmuckst�cke fehlte, klopfte sie dem Mann den aufgewirbelten Staub aus den Kleidern und zog behutsam den Schlauch aus seinen starren H�nden.</p><p><emphasis>Armer Kerl,</emphasis> dachte Rhapsody. <emphasis>Der Schreck ist ihm in die Gliedergefahren</emphasis>. �Geht�s wieder?�, fragte sie und erhielt zur Antwort ein benommenes Nicken. Es �berraschte sie, dass er so lange brauchte, um sich zu erholen. Nach ihrer Erfahrung waren die H�ndler auf einem Markt meist sehr viel robuster. Ein Zwischenfall dieser Art h�tte den wenigsten so sehr zugesetzt. Aber was wusste sie auch schon �ber Land und Leute in dieser f�r sie noch so fremden Welt? Au�erdem war der Juwelier schon fortgeschrittenen Alters. Sie hatte sich bereits umgedreht, um weiterzugehen, als ihr der Mann hinterher rief: </p><p>�Junge Frau?� </p><p>Seufzend drehte sich Rhapsody um � ein letztes Mal, wie sie hoffte. Nana hatte ihr beizubringen versucht, wie man sich m�glichst h�flich aus dem Staub machte, was ihr, Rhapsody, aber nie so recht gelingen wollte. �Ja?� </p><p>Der Juwelier hielt ihr die Ohrringe hin. �Nimm sie, und vielen Dank auch.�</p><p>�Nein, das kann ich nicht annehmen.�</p><p>�Du musst�, sagte er eine Spur lauter als beabsichtigt. �Bitte�, f�gte er in gem��igterem Tonfall hinzu. </p><p>Er sah sie so flehentlich an, dass Rhapsody f�rchtete, seine Gef�hle zu verletzen. �Vielen Dank�, sagte sie schlie�lich und nahm das Geschenk aus seinen zitternden H�nden entgegen. Sie steckte die Ohrringe an, stellte sich in Pose und fragte: �Na, wie sehen sie aus?�</p><p>Dem Mann klappte die Kinnlade herunter. �Oh, fantastisch�, stammelte er.</p><p>Rhapsody langte in die Tasche und zog ihre B�rse daraus hervor, doch der Juwelier winkte ab. �Nein, ich schenke sie dir. Behalte sie bitte an.�</p><p>�Also gut, vielen Dank�, sagte sie l�chelnd. �Ich hoffe, es geht dir wieder besser.� Sie zog die Kapuze �ber den Kopf und ging unter den staunenden Augen des H�ndlers, der Kutscher und Zeugen der Szene davon. </p></section><section><title><p>41</p></title><p>Ashe beobachtete die Szene von der anderen Stra�enseite aus, verwundert zun�chst, dann am�siert. Offenbar war der H�ndler von dem, was sich ihm unter der grauen Kapuze als Anblick bot, �ber die Ma�en angetan � was der Frau indes gar nicht aufzufallen schien. Er stand da und gaffte, w�hrend sie seine Ware musterte. </p><p>Schon dr�ngte sich Ashe ein schlimmer Verdacht auf, was diese junge Frau anging, doch konnte er aus der Entfernung auch mit seinen scharfen Drachensinnen keinen Makel an ihr erkennen. Er musste n�her heran, um Genaueres feststellen zu k�nnen.</p><p>Obwohl er sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, fuhr Ashe vor Schreck zusammen, als die beiden Ochsenkarren mit lautem Get�se aufeinander stie�en. Was ihm, Ashe, noch verborgen war, schien die Kutscher buchst�blich aus der Bahn geworfen zu haben: Die Frau hatte kurz zuvor die Kapuze vom Kopf genommen. </p><p>Bei allen R�tseln, die sie aufgab, zeigte sich nun doch ganz deutlich, dass sie enorm schnell auf den Beinen war. Blitzschnell war sie unter dem Tisch und r�ckte ihn mitsamt dem H�ndler, der dahinter stand, in Sicherheit. Als wenig sp�ter die Gefahr vorbei war, half sie ihm noch, den Verkaufsstand wieder in Ordnung zu bringen, ehe sie ihrer Wege ging.</p><p>Sie schlenderte die Stra�e entlang und schien gar nicht zu bemerken, dass alle, an denen sie vorbeikam, staunend stehen blieben und sich den Hals nach ihr verrenkten.</p><p>Ashe legte wie zuf�llig die Hand auf das Heft seines Schwertes und folgte ihr. Doch so sehr er sich auch bem�hte, konnte er doch nicht mehr von ihr erhaschen als einen Schimmer goldenen Haares und...</p><p>Da durchfuhr ihn ein j�her Schmerz, ausgehend von seinem Hodensack, der, gequetscht und mit Wucht zur Seite gezerrt wurde, was derma�en wehtat, dass sich ihm der Magen umzudrehen drohte. Der erste Schock war noch nicht verwunden, da hatte er schon zugegriffen und die Hand gepackt, die ihm da so schamlos und brutal zusetzte. Er dr�ckte mit aller Gewalt zu und sp�rte die fremde Handwurzel unter seinen Fingern knirschen, bis sie schlie�lich von ihm ablassen musste. Das M�dchen, wohl eine Taschendiebin, war an die sechzehn Jahre alt und hatte allem Anschein nach seine Hoden mit einem Geldbeutel verwechselt und aus der Tasche zu rei�en versucht.</p><p>Von solchen Anschl�gen blieb Ashe sonst ausgenommen, denn dank seiner Drachensinne, seiner Schnelligkeit und seines Nebelmantels, der ihn fast unsichtbar machte, kam er f�r Diebe als Opfer gar nicht erst in Betracht. Doch er war so sehr abgelenkt gewesen von den sonderbaren Schwingungen der in Grau geh�llten Frau, dass er nun zum ersten Mal angreifbar gewesen war.</p><p>Das M�dchen schrie vor Schmerzen auf, als er noch fester zupackte und es vom Boden aufhob, um es an der Flucht zu hindern. </p><p>Sie war gro� und d�nn, hatte langes, ungek�mmtes Haar in einer Farbe wie Winterstroh, und unwillk�rlich sah Ashe wie bei allen blonden Wesen weiblichen Geschlechts auch bei ihr genauer hin. Ihre Augen, die ihm voller Schreck entgegenstarrten, waren w�ssrig blau und ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Nein, da hatte er doch etwas anderes zu sehen erhofft.</p><p>Mit einem gespenstisch kehligen Grunzen machte er seiner Wut und den Schmerzen Luft. In den hellen, weit aufgesperrten Augen stand heillose Angst geschrieben. Ashe k�mpfte gegen den Impuls an, die Metze auf der Stelle totzuschlagen, und biss die Z�hne aufeinander. Und w�hrend er noch um Selbstbeherrschung rang, sp�rte er pl�tzlich eine andere Hand auf seiner Faust, mit der er das M�dchen umklammert hielt. </p><p>�Lass bitte meine Schwester los, ich m�sste dir sonst Gewalt antun.�</p><p>Dass er sich zu weit aus der Deckung gewagt hatte, musste Ashe nun schon zum zweiten Mal an diesem Morgen b��en, was ihn verbl�ffte und zugleich in Wut versetzte. So etwas passierte ihm sonst nie. Doch immer noch benommen von den Schmerzen zwischen den Beinen, war ihm gar nicht aufgefallen, dass sich eine Dolchklinge auf sein Handgelenk gelegt hatte, mit der die zweite Metze ihren Worten unmissverst�ndlich Nachdruck verlieh.</p><p>Als er sich ihr zuwandte, erging es ihm ebenso wie all den anderen Leuten, denen, wie er hatte beobachten k�nnen, beim Anblick der Frau in Grau die Kinnlade heruntergeklappt war.</p><p>Sein verschwommener Blick traf auf das wohl sch�nste Antlitz, das er je gesehen hatte. Das Erstaunlichste daran waren die smaragdgr�nen Augen, die mit ihrem Funkeln eine Wut zum Ausdruck brachten, vor der die eigene gleichsam verpuffte. Ihr Haar leuchtete wie Gold im Tiegel, und w�re es nicht von der Kapuze verh�llt gewesen, h�tte es wohl die Wintersonne �berstrahlt.</p><p>Das Drachenblut in ihm geriet in Wallung.</p><p><emphasis>Ich will sie ber�hren. Bitte, lass mich an sie heran</emphasis>.</p><p>Um Selbstbeherrschung ringend, biss Ashe erneut die Z�hne aufeinander und war nur froh dar�ber, den tarnenden Mantel zu tragen, der ihm nicht nur ein Fluch war, sondern eben auch ein Segen, vor allem in Situationen wie dieser.</p><p>Dass sie sein Gesicht erkennen konnte, stimmte ihn ein wenig zuversichtlich, und so setzte er eine freundlichere Miene auf und holte tief Luft. Dabei nahm er ihren Duft wahr, der so bet�rend war, dass ihm schwindlig wurde. Angestrengt darauf bedacht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, r�usperte er sich und sagte: </p><p>�Was blaffst du mich an. Ich habe nichts getan.�</p><p>�Du tust meiner Schwester weh, und wenn du sie nicht augenblicklich freigibst, zahl ich dir�s heim.� </p><p>Die Klinge dr�ckte fester zu, schnitt aber immer noch nicht ins Fleisch.</p><p><emphasis>Die wei� mit dem Ding umzugehen,</emphasis> dachte er und lie� das M�dchen los, das ihn immer noch mit gro�en Augen ansah. Er r�ckte von ihm ab und ein St�ck n�her auf die sch�ne Frau zu, die nun den Dolch zur�ckzog und ihn mit sp�ttischem Blick taxierte. </p><p>�Hast du nichts Besseres zu tun, als junge M�dchen zu bel�stigen, und das auch noch auf offener Stra�e?� </p><p>Schon wieder klappte ihm der Unterkiefer herunter. �Wie bitte?�</p><p>Der Metze zugewandt, fragte sie: �Alles in Ordnung, Jo?� Die lie� den Mann nicht aus den Augen und nickte nur. Rhapsody richtete ihren Blick wieder auf Ashe. �Du kannst von Gl�ck reden, dass ihr nichts geschehen ist.� </p><p>Ashe traute seinen Ohren kaum. So gr�ndlich war ihm nie zuvor in seinem Leben die Kontrolle �ber eine Situation entzogen worden, und nur mit M�he schaffte er es, einen auch nur halbwegs zusammenh�ngenden Gedanken zu fassen.</p><p>�Deine Schwester... deine Freundin oder wer sie auch immer ist... wollte mich bestehlen.� </p><p>Die wundersch�ne Frau sah das M�dchen an, sagte aber nichts.</p><p>�Und hat daneben gegriffen�, erkl�rte er mit �bertrieben starker Betonung. �Hat statt meines Geldbeutels was anderes zu fassen gekriegt und es mit aller Kraft aus der Hose zu zerren versucht.� </p><p>Seine Ohren liefen puterrot an; er konnte selbst kaum glauben, was er da von sich gab, zumal einer v�llig fremden Frau gegen�ber. Deren �berirdische Sch�nheit hatte ihm offenbar die Zunge gelockert, die nun wie eine Fahne im Wind flappte.</p><p>Die Frau r�usperte sich, und als sie die Hand vom Mund nahm, war noch der Rest eines L�chelns darauf zu erkennen. </p><p>�Es war also nicht der Geldbeutel.�</p><p>�Nein�, maulte er. </p><p>Wieder wandte sie sich dem M�dchen zu, das, wie es schien, in Grund und Boden zu versinken drohte. Den Blick gesenkt, lie� nun die Sch�nheit ein Seufzen vernehmen, das wie Musik klang und zur Folge hatte, dass sich Ashe die Haare im Nacken aufrichteten.</p><p>�Tut mir Leid�, sagte sie und blinzelte mit den smaragdenen Augen, die es offenbar nicht leicht hatten, ernst zu bleiben. �Ich hoffe, der Schaden h�lt sich in Grenzen.�</p><p>�Das wird sich erst zeigen�, entgegnete er zerknirscht und nahm erleichtert zur Kenntnis, dass der Schmerz und die �belkeit ein wenig zur�ckgingen.</p><p>�Ach was�, sagte sie und war blitzschnell mit der Hand unter seinen Mantel gefahren, um der beklagten Angelegenheit auf den Grund zu gehen.</p><p>Ashe war wie vom Donner ger�hrt. Normalerweise h�tte er ein solches Ansinnen unterbunden, noch ehe es �berhaupt als M�glichkeit in Betracht gekommen w�re, war ihm doch in seinen 154 Lebensjahren noch niemand begegnet, der es an Schnelligkeit mit ihm h�tte aufnehmen k�nnen. Doch nun stand da dieses bezaubernde Wesen grinsend vor ihm und hielt seine Datteln in der Hand, noch ehe er ein zweites Mal Luft geholt hatte.</p><p>Ihre Ber�hrung lie� ihn am ganzen K�rper erbeben und r�hrte frenetisch lustvolle Schauder auf. Er hoffte inst�ndig, dass es ihr tats�chlich nur um eine Diagnose ging, als sie mit ernster Miene sein Geh�nge in der offenen Handfl�che hin und her schaukelte.</p><p>Ihm war bewusst, dass er ihr in aller Entschiedenheit Einhalt gebieten sollte. Mit jedem und jeder anderen, die sich ihm gegen�ber eine solche Unverfrorenheit erlaubt h�tte, h�tte er kurzen Prozess gemacht. Doch er r�hrte sich nicht, was zum einen daran lag, dass er sich von seinem Schock immer noch nicht erholt hatte; zum anderen wollte er nicht, dass sie aufh�rte.</p><p>Erst als ihre Behandlung Wirkung zeigte, lie� sie von ihm ab. �Scheint alles in Ordnung zu sein�, sagte sie und l�chelte verschmitzt. �Die Empfindung kommt wieder zur�ck, nicht wahr?�</p><p>�Die war nie weg�, antwortete er, darum bem�ht, ihrem launigen Tonfall zu entsprechen. �Nur die Art der Empfindung hat sich ver�ndert.�</p><p>Seine Erregung lie� sich kaum mehr verbergen, was ihn hier, auf offener Stra�e, in arge Verlegenheit brachte. Noch peinlicher f�r ihn aber war seine so hilflose, kindische Reaktion auf diese Frau. Und pl�tzlich kamen Worte �ber seine Lippen, die sich ein anderer ausgedacht haben musste, denn sie konnten unm�glich seinem Kopf entsprungen sei. </p><p>�Ich glaube, wir sollten die Behandlung fortsetzen.�</p><p>Die sch�ne Frau lachte, und ihr Lachen klang wie ein Windspiel. Wieder meldete sich der Drache, dr�ngend, ungest�m. </p><p><emphasis>Ich will sie ber�hren, lass mich an sie heran</emphasis>.</p><p>Ashe versuchte nun, ihn zu unterdr�cken, was aber nicht so recht gelingen wollte, da er ja das Gleiche wollte wie sein Drache. </p><p>Kalter Schwei� brach ihm aus. Er wusste, dass der Drache aufgrund seiner Unberechenbarkeit und seines Hei�hungers in diesem Moment eine gro�e Gefahr darstellte. Wenn er nun die Beherrschung verl�re und hier und jetzt �ber die sch�ne Frau herfiele, w�rde es um sie beide geschehen sein. Dass ihn diese fatale Aussicht nicht wirklich schrecken konnte, machte alles nur noch gef�hrlicher. Er wollte sie umfangen, sie mit allen seinen Sinnen sp�ren und auskosten, ehe ihr Herz den n�chsten Schlag t�te. Und es deutete sich an, dass er davon nicht mehr abzubringen war. Zwar k�mpfte er noch dagegen an, doch der Zwilling in ihm �bernahm nun das Kommando.</p><p><emphasis>Ich will sie ber�hren, und du willst es auch</emphasis>.</p><p>Ihr L�cheln war atemberaubend. �Sch�n, dass du wieder scherzen kannst. Alles andere wird sich dann wie von selbst einstellen. Im �brigen m�chte ich im Namen meiner Schwester um Entschuldigung bitten. Sei unbesorgt, wir werden jetzt gehen und dir nie wieder �ber den Weg laufen. Komm, Jo.� Sie legte dem j�ngeren, wenn auch gr��eren M�dchen einen Arm um die Schulter und f�hrte sie davon. </p><p>�So warte!�, platzte es aus ihm heraus.</p><p>Sie drehte sich um. Dabei fiel ein Lichtstrahl auf ihr Haar, das selbst noch unter der Kapuze, die sie trug, golden gl�nzte. Sie zwinkerte mit den Lidern, deren lange schwarze Wimpern an den Grund ihrer tiefgr�nen Augen erinnerten. Gegen seinen Willen dr�ngte der Drache nach vorn.</p><p><emphasis>Ich will sie ber�hren</emphasis>. </p><p><emphasis>Sie k�nnte eine Dienerin des D�mons sein,</emphasis> dachte Ashe. Sein Widerstand nahm ab.</p><p><emphasis>Ich will sie ber�hren</emphasis>. </p><p>Ja, dachte er im Stillen und gab klein bei.</p><p>Ihm war, als finge sein Magen zu kochen an. Er sp�rte, wie ihm das Blut unter die Haut schoss, registrierte, dass er immer schneller nach Luft schnappte. Dann meinte er ein Bersten in seinem Kopf zu vernehmen, wie wenn Kristall zerschl�gt. Der Verstand und alle Sinne lie�en ihn im Stich. Die Pupillen weiteten sich, und wie unter Spannung gesetzt, oszillierte seine Haut. Das Blut rauschte, die Muskeln krampften unter dem unwiderstehlichen Eindruck dessen, was sich da als zweite Natur in den Vordergrund dr�ngte. </p><p>Der Drache kannte kein Halten mehr und nahm ihm die Z�gel aus der Hand. Geboren aus den Elementen, aus denen das Universum zusammengesetzt war, trieb er sein �beraus feines Sensorium bis an seine Leistungsgrenzen und nahm Bestand auf von allen Dingen ringsum, und waren sie noch so klein. Die genaue Anzahl der Facetten in den Augen s�mtlicher Ameisen, die in den Ritzen der Stra�e krochen, war ihm ebenso offenbar wie das Zusammenwirken aller Witterungseinfl�sse. Und diese geballte Wahrnehmungskraft richtete er nun auf sie, die Frau, und auf sonst nichts.</p><p>Zun�chst versuchte der Drache den Zauber zu ergr�nden, der sie umgab. Es ging eine Musik von ihr aus, die ihn, den Drachen, zutiefst bewegte, ein Lied, das in allen Dingen widerhallte. Sie musste eine besonders begnadete S�ngerin sein, wom�glich im Rang einer Benennerin. Zwar hatte er nur wenig Ahnung von Musik und allen verwandten K�nsten, war sich aber �ber die Kraft, die in ihr lag, durchaus im Klaren. Umso mehr sehnte er sich danach, die Frau zu ber�hren, von ihr zu lernen, ja, sich ihre Kunst zu Eigen zu machen.</p><p>Was da noch so sehr an ihr bestach, war eine ganz ungew�hnliche, aber sehr harmonische Beimischung aus anderen Elementen. Er sp�rte, dass sie einer anderen Zeit, einer anderen Welt angeh�rte, wusste aber nicht, was das zu bedeuten hatte. Diese Aspekte faszinierten den Drachen besonders. War sie wom�glich hellsichtig, konnte sie in die Zukunft blicken? Es sprach vieles daf�r, dass sie cymrischer Abstammung war. M�glich auch, dachte er, dass sie irgendwie mit dem Feuer in Verbindung stand, dem einzigen Element, das ihm fremd blieb. </p><p>Ihre Gestalt war ein Fest der Wahrnehmung. Er tastete sie mit den Ausl�ufern seiner Sinne ab und saugte unverfroren alles in sich auf, was er an Informationen bekommen konnte. Der schwere Umhang, mit dem sie ihren K�rper verh�llte, war ihm dabei kein Hindernis, genauso wenig wie ihre Kleider. </p><p>Sie war kerngesund, voller Leben und Energie und �berraschend muskul�s, wirkte aber dennoch zierlich, auch f�r lirinsche Verh�ltnisse, und gr��er, als sie in Wirklichkeit war. Die Proportionen h�tten kaum besser verteilt sein k�nnen. Sie hatte schmale Schultern, grazile Arme und lange, wohl geformte Beine, die selbst in der weiten Wollhose zur Geltung kamen.</p><p>Und erst dieser geschmeidige Rumpf, der schlanke Hals! Er hatte seinen Blick darauf fixiert und stellte sich vor, ihn mit warmen, schwelgerischen K�ssen zu bedecken.</p><p>Der Hals verj�ngte sich zu einem Ausschnitt zwischen Br�sten, die sch�ner gar nicht h�tten geformt sein k�nnen. Nur gut, dass er sie lediglich erahnte; ihr Anblick h�tte ihn in die Knie gezwungen. Die Taille war so schmal, dass er sie leicht mit beiden H�nden h�tte umschlie�en k�nnen. Typisch Lirin waren auch ihre schlanken H�ften. Ehe seine Sinne weiter ausholen konnten, brach er die Musterung ihrer �u�eren Qualit�ten widerstrebend ab, f�rchtete er doch, einer Fortsetzung nervlich nicht gewachsen zu sein. Allzu sehr schon brannten seine Lippen, die sich danach verzehrten, den Nacken zu k�ssen, und der zur�ckgehaltene Wunsch, ihre Haut zu streicheln, wurde zur Qual. Und der Drache w�rde nie mehr Ruhe geben, bliebe ihm versagt, sie zu ber�hren, wie er sich das vorgestellt hatte. Anscheinend kam er ganz gut an bei ihr, was ihn zus�tzlich anstachelte, obwohl ihm schwante, dass der Verzicht immer schwerer werden w�rde. Und so brach er seine Begutachtung an dieser Stelle ab, ehe er sich den schimmernden Haaren unter der Kapuze zuwandte. Er hatte schon genug davon gesehen, um zu wissen, wie hilflos er sein w�rde, wenn er es nur zulie�e, auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.</p><p>Um sich aus ihrer Verzauberung zu l�sen, suchte der Drache nach Sch�nheitsfehlern, nach irgendwelchen Unvollkommenheiten, die sie als reales Wesen �berf�hrten. Ashe fand einen solchen Makel an ihren Fingern. Die waren zwar feingliedrig und weich, hatten aber an den Kuppen eine spr�de Hornhaut ausgebildet, die von jahrelangem Harfespielen herr�hren mochte. Einen anderen Fehler fand er nicht. </p><p>Der Mensch, der sich freiwillig dem Drachen in ihm untergeordnet hatte, zitterte, als der Drache seine Sinnesexkursionen fortsetzte.</p><p>Ihr Gesicht war wie das Meisterwerk eines Bildhauers, der daran ein ganzes Leben lang gearbeitet hatte, um es schlie�lich der Menschheit zu schenken. Alle Z�ge waren aufs Vortrefflichste aufeinander abgestimmt, mit Ausnahme der Augen vielleicht, die um eine Idee zu gro� zu sein schienen. Die dichten schwarzen Wimpern und das dunkle Gr�n der Iris standen im scharfen Kontrast zum Wei� der Aug�pfel. Als w�ren sie selbst Lichtquellen, so funkelten diese Augen. Sie wirkten hypnotisierend, und sogar der Drache hatte Schwierigkeiten, sich ihrem Bann zu entziehen.</p><p><emphasis>Sie ist vollkommen,</emphasis> urteilte er in hellen T�nen, die nur Ashe h�ren konnte. <emphasis>Ich will sie haben</emphasis>. Doch hinter der Faszination des Drachen stand auch ein menschliches Interesse. Was ihn an ihr so reizte, war etwas ganz anderes. Sie f�hlte sich zwar anscheinend durchaus wohl in ihrer Haut, lie� aber mit keiner Miene erkennen, dass sie sich ihrer au�ergew�hnlichen Sch�nheit bewusst war. Ihre Augen waren voller Z�rtlichkeit, zeugten aber auch von Schmerz, dessen Tiefe unergr�ndlich schien. Er w�nschte zu wissen, was sie so betr�bte, und w�rde ungebeten bis ans Ende der Welt gehen, um Abhilfe zu schaffen. Wenn sie lachte, waren es vor allem die Augen, die lachten, und wenn sie ver�rgert war, zeigte sich auch das zuerst an ihnen. Er, der einsam und im Verborgenen lebte, beneidete sie f�r die Offenheit, die sie ausstrahlte.</p><p><emphasis>Sie ist unber�hrt, eine Jungfrau,</emphasis> fl�sterte der Drache aufgeregt. <emphasis>Vollkommen</emphasis>. Doch trotz seiner eingeschr�nkten Wahrnehmung sp�rte der Mensch eine Sinnlichkeit von ihr ausgehen, ein Wissen um die Verlockungen des Fleisches, das ihn ganz und gar verwirrte. Eine Jungfrau mit den Reizen einer Kurtisane. Was f�r ein bet�rendes Paradox! Er wollte mehr von ihr wissen und schweifte mit seinen Gedanken in die Vorstellung ab.</p><p>So deutlich, wie er sie hier in ihrem grauen Umhang vor Augen sah, erblickte er sie im Hochzeitkleid mit Blumen im Haar, und das L�cheln auf dem Gesicht galt ihm. Er lie� seiner Phantasie freien Lauf, stellte sie sich vor im durchschimmernden Gewand der Hochzeitsnacht und sp�rte, wie ihm klamm und hei� zugleich wurde. Er sah sie das gemeinsame Kind wiegen, dann das Enkelkind. Das Alter setzte zwar, wie er es sich ausmalte, auch ihr zu, doch sie blieb ungebeugt und sch�n. Es trieb ihm fast die Tr�nen in die Augen, als er sie schlie�lich in ihr Leichentuch gewickelt sah, die bezaubernden Augen f�r immer geschlossen, von zarter, wei�er Gaze bedeckt.</p><p>Die lang bewimperten Lider schlugen wieder auf.</p><p>�Ja?�, fragte sie. Der Drache hatte seine Erkundungen inzwischen abgeschlossen.</p><p>�Wie w�r�s, wenn wir zu dritt zu Mittag essen?�, schlug er vor. �Nachdem der Streit nun geschlichtet ist. Oder gibt�s noch irgendwelche unguten Gef�hle?�</p><p>�In dem Fall w�re die Verletzung doch schwerer als angenommen, es sei denn, ich h�tte es an Fingerspitzengef�hl mangeln lassen�, antwortete sie neckisch.</p><p>Er lachte. �Ich dachte, wegen der Bezahlung vielleicht.�</p><p>Die sch�ne Frau sperrte �berrascht die Augen auf. Dann kniff sie die Brauen zusammen und fragte: </p><p>�Wie bitte? Was soll das hei�en?�</p><p>Ashe wusste sofort, dass er einen gro�en Fehler gemacht hatte. �Nichts ... Verzeihung, das sollte nur ein Scherz gewesen sein. Ich glaube, dass du als Kurtisane sehr viel Erfolg haben k�nntest�, stammelte er unbeholfen. </p><p>�Du h�ltst mich f�r eine Kurtisane?�</p><p>�Nein, ganz und gar nicht, ich ...�</p><p>�Unversch�mtheit. Komm, Jo.�</p><p>�Wartet doch. Es tut mir Leid, bitte, geht nicht einfach so.�</p><p>�Aus dem Weg!� </p><p>�Versteh mich nicht falsch.�</p><p>�Aus dem Weg!� Sie warf ihm einen bitterb�sen Blick zu und f�hrte das M�dchen auf den Platz zur�ck. Verzweifelt schaute er den beiden nach. Seine Sorge, dass sie wom�glich mit einem D�mon im Bunde st�nde, war nun g�nzlich verflogen. Er erinnerte sich, dass sie auf Humor ansprach, und unternahm einen letzten Versuch.</p><p>�Soll das hei�en, dass aus dem gemeinsamen Mittagessen nichts wird?�</p><p>Sie wirbelte auf dem Absatz herum. �In Anbetracht der bescheidenen Gr��e deines Geldbeutels bezweifle ich, dass du uns beide freihalten kannst. Sei froh, wenn es f�r dich selbst reicht.� Dann machte sie wieder kehrt und verschwand mit dem M�dchen in der Menge.</p><p>Ashe lachte laut auf, was die Leute in seiner N�he vor Schreck zusammenfahren lie�, denn bislang hatte keiner Notiz von ihm genommen.</p></section><section><title><p>42</p></title><p>�Sag jetzt nichts. Ich wei� schon. Es tut mir Leid.� �Bist du von allen guten Geistern verlassen? Damit, dass man dir die Hand abhackt, w�rst du noch gut bedient gewesen. Du hast mit deinem Leben gespielt.� </p><p>Jo seufzte. �Ich wei�.� </p><p>Rhapsody blieb abrupt stehen. �Warum, Jo? Du hast Geld von mir bekommen. Brauchst du mehr?� </p><p>�Nein.� Jo langte in die Tasche, holte die M�nzen hervor, die ihr Rhapsody geschenkt hatte, und wollte sie zur�ckgeben. </p><p>Rhapsody starrte auf die offene Hand und sagte: �Erkl�r�s mir bitte, Jo.�</p><p>Betreten blickte das M�dchen zur Seite. �Ich wei� selbst nicht, warum.�</p><p>Rhapsody nahm Jos Gesicht in beide H�nde und schaute ihr in die Augen. Die blickten trotzig drein, doch erkannte Rhapsody in ihnen auch eine tief steckende Furcht, die ihr zu Herzen ging. Es war der Blick des Stra�enkindes, das nun f�rchten musste, bei der einzigen Person, die an seinem Schicksal Anteil nahm, in Misskredit geraten zu sein.</p><p>�Na, nur gut, dass dir nichts passiert ist. Komm, wir sind mit Achmed zum Mittagessen verabredet.� </p><p>Jos Miene heiterte auf. �Das war alles? Du schreist mich nicht an?�, fragte sie verwundert. Rhapsody schmunzelte. �Willst du, dass ich das tue? Ich bin doch nicht deine Mutter. Ich bin deine Schwester und habe, als ich so alt war wie du jetzt, selbst jede Menge Dummheiten gemacht.� </p><p>�Ist das wirklich wahr? Was f�r Dummheiten?�</p><p>�Hat Achmed nicht erz�hlt, was in Bethania passiert ist? Komm.� Sie nahm Jo bei der Hand und f�hrte sie zur�ck auf den Marktplatz.</p><p>Achmed wartete schon ungeduldig vor der Basilika von Bethe Corbair. Wenige Minuten zuvor war die Sonne durch ihren Zenit gegangen, doch die beiden Frauen lie�en sich immer noch nicht blicken. In der alten Welt h�tte er ihren Herzschl�gen nachgesp�rt, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging. Doch diese M�glichkeit blieb ihm hier und jetzt versagt.</p><p>Oder? Jo zu finden war ihm tats�chlich nicht gegeben. Rhapsody aber stammte aus der alten Welt; ihren Herzschlag konnte er immer noch h�ren. Dazu musste er nur einen gesch�tzten Ort aufsuchen und sich konzentrieren. </p><p>Achmed sah sich um und entdeckte eine kleine Taverne in der N�he. Auf dem Gehweg davor standen ein paar Holztische, die vom Schmelzwasser des abgetauten Schnees noch ganz nass waren. Er ging darauf zu, zog eine Bank unter einem der Tische hervor, trocknete die Sitzfl�che ein wenig ab und nahm darauf Platz. </p><p>Dann schloss er die Augen, versuchte, alle Ger�usche der Stra�e auszublenden, insbesondere auch das L�uten der Glocken, die vom Wind auf immer neue, v�llig unvorhersehbare Weise zum Klingen gebracht wurden. </p><p>Achmed �ffnete die Lippen einen Spaltbreit, sog die kalte Luft ein und stie� sie pfeifend wieder aus. Die H�nde hatte er auf die Tischplatte gelegt. Als wollte er pr�fen, woher der Wind wehte, hob er den Zeigefinger der rechten Hand an und wiederholte damit in stark verk�rzter Form jene Methode, mit deren Hilfe er damals, in der alten Welt, als Meuchelm�rder seinen Opfern auf die Spur gekommen war. </p><p>Seiner dhrakischen Abstammung verdankte er eine vergr��erte Stirnh�hle und �berlange Schilddr�se, mit denen er feinste Schwingungen zu empfangen und zu unterscheiden vermochte. Er erkannte Rhapsodys Pulsschlag auf Anhieb, hatte er doch � wenn man der Zeitrechnung glauben konnte � nunmehr seit Jahrhunderten an ihrer Seite gewacht, geruht und gek�mpft.</p><p>Ein feinster Lufthauch reichte, um ihm ihren Rhythmus mitzuteilen.</p><p>Sie war in der N�he. Er hatte ihren Herzschlag gefunden und sp�rte sie n�her kommen. Schon wollte er die Suche abschlie�en, als er pl�tzlich einen scheu�lichen Geschmack auf der Zunge wahrnahm, mehr sauer als gallig und ekliger noch als Erbrochenes. Es schmeckte faulig und nach Verwesung, ganz nach der W�rze des B�sen. Ja, Achmed glaubte fast sicher zu sein, die Witterung des F�dor aufgenommen zu haben. </p><p>Er riss die Augen auf und sah Rhapsody mit Jo von links herbeieilen, aus dem S�dwesten der Stadt. Der Pesthauch hingegen kam aus n�rdlicher Richtung, wovon er sich noch einmal mit geschlossenen Augen zu �berzeugen versuchte.</p><p>Die Sonne verschwand gerade hinter dem Turm der Basilika. Im Schatten, der auf den Vorplatz fiel, war eine dunkle Gestalt aufgetaucht, die sich von den Konturen der behauenen Mauer dahinter nur vage abhob. Wieder lie� Achmed die Luft durch Mund und Nase streichen, und wieder nahm er den Geruch des B�sen wahr. </p><p>�Entschuldige die Versp�tung�, sagte Rhapsody und r�ckte die Bank auf der anderen Tischseite zurecht. �Jo, setz dich. Bist du schon bedient worden, Achmed?�</p><p>Mit seiner Konzentration war es vorbei. Wie benommen blickte er zu ihr auf. Die Sonne trat wieder zum Vorschein und lie� eine Locke aufleuchten, die aus Rhapsodys Kapuze hervorlugte.</p><p>Als sich Achmed der fraglichen Gestalt auf dem Vorplatz zuwandte, entdeckte er, wenngleich an anderer Stelle und erst bei genauerem Hinsehen, einen ganz und gar unauff�lligen Mann, der den Blick auf sie gerichtet hatte. </p><p>Sofort stellten sich ihm s�mtliche Nackenhaare auf. Zwar konnte er keine Witterung von diesem Mann aufnehmen, doch sprach alles daf�r, dass er und die soeben entdeckte Schattengestalt identisch waren. Der Mann trug einen Umhang und verbarg sein Gesicht. Als dann die Sonne auf ihn fiel, schien es, als dampfte er, als umh�llte ihn ein Nebelschleier. Zu Achmeds Verwunderung und �rger kam der Mann nun auf sie zu. </p><p>Der Wirt trat mit einem Tablett voller Speisen vor die T�r und trug sie den G�sten auf, die an einem der anderen Tische Platz genommen hatten. Achmed roch Hammelfleisch. Er verabscheute Hammelfleisch und verzog das Gesicht.</p><p>�Ist was?�, fragte Rhapsody besorgt.</p><p>Jo r�ckte n�her. �Da ist er wieder. Er kommt her.�</p><p>�Wer?� Rhapsody reckte den Hals und warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck.</p><p>�Der Mann von vorhin.� Jo err�tete; ob aus Scham oder vor Aufregung, war kaum zu unterscheiden. Rhapsody erhob sich und setzte eine schroffe Miene auf. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Achmed dem Mann den R�cken zugekehrt hatte, zu ihr aufblickte und seinen Dolch zog, womit er ihr offenbar kundtun wollte, dass er auf der Hut war. Sie nickte ihm kaum merklich zu, wie es Grunthor getan h�tte. Die wortlose Verst�ndigung zwischen ihnen klappte immer besser.</p><p>�Was willst du?�, fragte sie den Mann.</p><p>�Mit Verlaub�, antwortete er in einer angenehm dunklen Stimme, in der eine interessante, trockene Note mitschwang. �Ich wollte mich noch f�r mein grobes Verhalten entschuldigen.�</p><p>�Das hast du bereits getan. Und jetzt entschuldige uns bitte.�</p><p>�Es w�re mir lieb, wenn ich Wiedergutmachung leisten und euch beiden ein Mittagessen spendieren k�nnte.� Und mit einem Seitenblick auf Achmed f�gte er hinzu: �Eurem Freund nat�rlich auch.� </p><p>Achmed sagte nichts. Er behielt Rhapsody im Auge und schien auf ein Stichwort zu warten. Sie dachte nach und richtete den Blick auf Jo, die sichtlich nerv�s geworden war. Achmed sah, wie Rhapsody die Stirn in Falten legte, als sie ihre neue Schwester musterte und sich dann wieder dem Mann zuwandte, der hinter Achmed stand. </p><p>Schlie�lich senkte sie den Blick auf Achmed und fragte: �Was meinst du?�</p><p>�Wenn er unversch�mt war, schick ihn weg�, sagte er ruhig. �Es k�nnte sein, dass er dich wieder bel�stigt, und dann m�sste ich ihn umbringen. Ich habe allerdings keine Lust, noch vor dem Mittagessen deine Ehre verteidigen zu m�ssen. Darunter h�tte nicht zuletzt meine Verdauung zu leiden.� </p><p>Der Mann hinter ihm kicherte, was Achmed als gutes Zeichen wertete. Auch Rhapsody schmunzelte. </p><p>�Ich finde, wir k�nnen�s riskieren�, sagte sie und wandte sich wieder an Jo. �Was meinst du?� </p><p>�Ja, sicher�, antwortete Jo spontan.</p><p>�Also dann.� Rhapsody zeigte auf den leeren Platz neben Achmed. �Warum setzt du dich nicht?� </p><p>�Wie hei�t du?�, fragte Jo und rutschte aufgeregt hin und her.</p><p>�Ashe�, antwortete der Fremde. Er warf einen Blick auf den Eingang der Taverne, als gerade der Wirt daraus hervortrat. �Und wie ist dein Name?�</p><p>Das M�dchen lie� mit der Antwort nicht lange auf sich warten. �Jo. Und das ist Rhapsody, und das ist... au!� Weiter kam sie nicht, weil die Schwester ihr einen Knuff versetzt hatte.</p><p>�Es ist mir eine Ehre, deine Bekanntschaft zu machen, Jo�, sagte der Kapuzenmann und wandte sich an Rhapsody, die ihren Blick immer noch auf das M�dchen gerichtet hielt. �Rhapsody. Was f�r ein sch�ner Name. Bist du Musikerin?�</p><p>�Ja, sie ist... autsch! H�r auf damit�, maulte Jo und r�ckte ein St�ck zur Seite.</p><p>Der Mann h�stelte in die vorgehaltene Hand. Achmed glaubte, ein L�cheln unter der Kapuze ausmachen zu k�nnen. �Ist Jo eine Abk�rzung? Wof�r? Joanna? Joella?�</p><p>Das M�dchen wurde rot bis unter die Haarwurzeln. �Josephine�, antwortete sie im Fl�sterton. Rhapsody staunte nicht schlecht. Sie selbst hatte der neu adoptierten Schwester nicht entlocken k�nnen, was diese nun dem Fremden freim�tig anvertraute.</p><p>�Auch ein sehr h�bscher Name.� Und an Achmed gewandt: �Darf ich fragen, wie Er hei�t?�</p><p>Es war das erste Mal, dass Achmed nun den Blick auf ihn richtete, doch er sah nicht viel mehr als sie Spitzen eines zerzausten Bartes. �Nenn mich einfach �Herr��.</p><p>�Sei doch nicht so unh�flich, Achmed�, emp�rte sich Jo, die aber rasch zur Besinnung kam, als sie sich seinem strafenden Blick ausgesetzt sah, und erkannte, dass es nun besser war, den Mund zu halten. Zum Gl�ck kam in diesem Augenblick der Wirt an den Tisch und fragte nach den W�nschen seiner G�ste.</p><p>Jo bestellte Hammelbraten, Rhapsody Brot und K�se. Achmed und Ashe verlangten gleichzeitig nach Eintopf, was die beiden selbst �berraschte. Sie sahen einander an und schienen ihre Wahl noch einmal zu �berdenken. Der Wirt war, als er Ashes Stimme h�rte, vor Schreck zusammengezuckt, hatte er diesen grauen Gast doch v�llig �bersehen.</p><p>Von Achmeds �berdeutlichen Blicken endlich zur R�son gebracht, sagte Jo w�hrend der gesamten Mahlzeit kein einziges Wort mehr. Rhapsody gab sich redlich M�he, die Spannungen am Tisch ein wenig aufzulockern, plauderte und scherzte mit dem Fremden, der am Ende beide Frauen zum Lachen brachte. Achmed h�rte aufmerksam zu. Ashes lockere Art zu reden ging ihm zwar auf die Nerven, doch an dem, was er sagte, war kein Ansto� zu nehmen. Viel mehr machte ihm der Geruch von Jos Hammelbraten zu schaffen. Ihm wurde fast schlecht davon, und er konnte es kaum abwarten, endlich vom Tisch aufzustehen. </p><p>Als die Teller geleert waren, hatten sich Ashe und die Frauen �ber das Wetter, die Glocken der Basilika und �ber Qualit�t und Auswahl der Waren auf dem Markt unterhalten. Nichts von Belang. Achmed stand auf und stie� die Bank zur�ck, die er sich mit dem Fremden teilte. Der reagierte erstaunlich schnell und war aufgesprungen, ehe die Bank unter ihm wegrutschte.</p><p>�Wohin des Wegs?�, fragte Jo den Fremden, als dieser eine �bergro�e Geldb�rse aus den Falten seines Umhangs zog und Rhapsody Gelegenheit bot, sich ein Bild von dieser B�rse zu machen. Rhapsody lachte, w�hrend Jo vor Verlegenheit wieder rot anlief.</p><p>Ashe warf zwei Silberm�nzen auf den Tisch, womit das Essen gro�z�gig beglichen war. �Nach S�den. Und ihr?� </p><p>Noch ehe Rhapsody ihr ins Wort fallen konnte, sprudelte es aus Jo heraus: �Wir ziehen nach Canrif und wollen uns da niederlassen.�</p><p>Der Fremde war, wie Achmed bemerkte, sichtlich best�rzt. �Warum?�</p><p>�Nun, ob wir uns da wirklich niederlassen, ist noch l�ngst nicht entschieden�, korrigierte Rhapsody. </p><p>�Wir wollen uns dort erst einmal nur umschauen. Es soll ein interessanter Ort sein.�</p><p>�So kann man�s auch ausdr�cken�, erwiderte Ashe trocken. �Wollt ihr euch �ber l�ngere Zeit dort aufhalten?� </p><p>�Sie hat doch eben erst gesagt, dass wir das noch nicht wissen�, blaffte Achmed.</p><p>�Wieso interessiert dich das?�, beeilte sich Rhapsody zu fragen.</p><p>�Ich werde mich in gut zwei Monaten auch wieder einmal in der Gegend um Canrif aufhalten. Wenn ihr dann noch da seid, k�nnte ich auf einen Sprung bei euch vorbeischauen.�</p><p>�Ja, warum nicht�, freute sich Jo, doch die Blicke von Rhapsody und Achmed brachten sie zum Schweigen. </p><p>�Vielleicht sind wir dann noch da. Wer wei�?� Rhapsody erhob sich von der Bank. �Wenn ja, bist du uns nat�rlich willkommen.�</p><p>�Es w�rde mich freuen, euch wieder zu sehen. Alles Gute. Und eine angenehme Reise. Guten Tag.� </p><p>Ashe verbeugte sich vor den Frauen, nickte Achmed kurz zu und ging in Richtung Marktplatz davon. Nach ein paar Schritten blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und sagte mit Blick auf Rhapsody: </p><p>�Ich hoffe, mein ungeb�hrliches Betragen ist verziehen.�</p><p>�Das ist es�, erwiderte Rhapsody l�chelnd. �Schon vergessen.� Der Fremde verbeugte sich noch einmal und war wenig sp�ter verschwunden.</p><p>An Jo gewandt, sagte Rhapsody schmunzelnd: �Siehst du, so schnell kann sich das Blatt wenden. War doch gut, dass dir die B�rse nicht in die H�nde gefallen ist, oder? Sonst h�tten wir f�r unser Mittagessen selbst zahlen m�ssen.�</p><p>Achmed hatte sich wieder auf die Bank gesetzt und forderte die beiden auf, ebenfalls Platz zu nehmen. </p><p>�Aber es w�re vielleicht noch genug �brig geblieben, um festen Zwirn zu kaufen, mit dem sich geschw�tzige M�uler zusammenn�hen lassen.�</p><p>�Ach, stell dich nicht so an�, entr�stete sich Rhapsody, denn das M�dchen reagierte sichtlich betroffen auf Achmeds Worte. </p><p>�Na sch�n. Allerdings w�rde ich doch gern erfahren, wer das war und warum er euch gefolgt ist.� </p><p>Die beiden setzten sich. Rhapsody legte die Stirn in Falten und antwortete: �Da bin ich �berfragt. Er ist uns auf dem Marktplatz begegnet und hat uns zum Mittagessen eingeladen.�</p><p>�Was hat er getan? Was hat es mit diesem ungeb�hrlichen Betragen� auf sich?�</p><p>Rhapsody sah Jo an, die offenbar mit den Tr�nen k�mpfte. Sie suchte unter der Tischplatte nach der Hand des M�dchens, streichelte sie tr�stend und legte sich, die Szene auf dem Marktplatz vor Augen, eine Antwort f�r Achmed zurecht.</p><p>Sie erinnerte sich, was dazu gef�hrt hatte, dass sie dem Mann ans Gem�cht gegangen war. <emphasis>Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Empfindung kommt wieder zur�ck, nicht wahr?</emphasis></p><p><emphasis>Die war nie weg. Nur die Art der Empfindung hat sich ver�ndert. Ich glaube, wir sollten die Behandlung fortsetzen</emphasis>. </p><p>Sie hatte gelacht, sich bei ihm entschuldigt und war dann mit Jo gegangen.</p><p><emphasis>So warte!</emphasis></p><p><emphasis>Ja?</emphasis> Sie hatte ein Kribbeln auf der Haut gesp�rt, ein Gef�hl, das ihr Vater fr�her, als sie noch ein Kind gewesen war, oft mit den Worten kommentiert hatte, dass eine Gans �ber ihr Grab gewatschelt sei. Der seltsame Fremde hatte sie zum Essen eingeladen und sie, Rhapsody, beleidigt mit der Unterstellung, eine Kurtisane zu sein.</p><p>�Nichts Besonderes. Er hat zu flirten versucht, Achmed, was ihm nicht so recht gelingen wollte. Trotzdem fand ich seine Gesellschaft nicht unangenehm � im Unterschied zu dir. Du scheinst dich ja sehr an ihm gest�rt zu haben.�</p><p>�Verdankst du ihm diese Ohrringe?�</p><p>Rhapsody err�tete. An den Schmuck hatte sie schon gar nicht mehr gedacht. �Nein, die hat mir ein Juwelier geschenkt, weil ich ihm geholfen habe, als sein Verkaufsstand um ein Haar in den Unfall zweier Ochsengespanne verwickelt worden w�re.�</p><p>�Hmmm. Na sch�n, lassen wir�s dabei bewenden. Es bleiben uns noch ein paar Stunden, bis wir wieder mit Grunthor zusammentreffen. Wir k�nnten die Zeit nutzen und uns weiterhin in der Stadt umsehen. Vielleicht lernen wir auf diesem Weg auch schon ein bisschen von Canrif kennen, denn es hei�t ja, 
dass ein Gro�teil von Bethe Corbair zum Schutz vor drohenden Angriffen der Firbolg gebaut worden sei.� </p><p>�Ich dachte, die Cymrer h�tten Bethe Corbair aufgebaut�, entgegnete Rhapsody und faltete ihre Serviette zusammen. �Wenn Stephen Navarne Recht hat, waren sie die Bauherren der Basilika.� </p><p>�Ja, und auch der eigentlichen Stadt. Aber wenn du genauer hinsiehst, wird dir auffallen, dass Bethe Corbair � im Unterschied zu den anderen gr��eren Ortschaften Rolands, die wir gesehen haben � aus einer Innenstadt mit pr�chtigen, kunstvollen Bauwerken besteht und einem sp�ter dazugekommenen Ring aus einfach gemauerten H�usern, die von Soldaten entworfen worden sind und von Anfang an als bewohnter Schutzwall gedacht waren. Im weiteren Umkreis sind sonst kaum Bauernh�fe oder Siedlungen von Landarbeitern zu finden, und die wenigen Geh�fte, die es gibt, liegen gleich hinter der Stadtmauer. In den Au�enbezirken der Stadt werden wir bestimmt ein paar interessante Dinge erfahren k�nnen.� </p><p>�Das ist sehr gut m�glich. Bin gleich wieder da....� Rhapsody stand auf. �Bevor wir gehen, m�chte ich noch einen Blick auf den Glockenturm werfen.� Sie t�tschelte Jos Schulter und �berquerte die Stra�e in Richtung Basilika. </p><p>Jo schaute ihr nach und wandte sich dann an Achmed. �Ich will dir was verraten: Die Ursache f�r den Unfall war niemand anders als sie�, sagte sie.</p><p>Er kniff die Brauen zusammen. �Wovon redest du da?�</p><p>�Von den beiden Ochsenkarren, die zusammengekracht sind. Ich war ganz in der N�he, als es passiert ist. Schon den ganzen Morgen �ber haben sich alle Leute die Augen nach ihr aus dem Kopf geguckt, trotz der Kapuze. Als sie die dann abnahm, um die Ohrringe anzustecken, haben die beiden Fuhrwerker nicht mehr auf den Weg geachtet, sondern nur noch auf sie. An anderer Stelle haben einige Kerle ihr Blumen auf den Weg gestreut, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie hat die Blumen aufgehoben und ihnen zur�ckgegeben, weil sie dachte, dass die Idioten sie aus Versehen fallen gelassen h�tten. Wirklich seltsam.�</p><p>Achmed nickte. Er hatte seit dem gemeinsamen Aufstieg aus der Wurzel viele �hnliche Szenen erlebt. </p><p>�Und sie hat keine Ahnung�, sagte Jo.</p><p>�Tja, ich glaube, sie wird auch nie dahinter kommen.�</p><p>�ber den brach liegenden Feldern am Stadtrand von Bethe Corbair ging die Sonne unter, als die drei zur verabredeten Stunde mit Grunthor zusammentrafen. Sie tauschten Ergebnisse und Eindr�cke ihrer Erkundigungen aus und nahmen Bestand von ihren Vorr�ten auf, die sie in der Stadt aufgestockt hatten. </p><p>�Ich bin jetzt mehr denn je �berzeugt davon, dass es sich lohnen wird, Canrif aufzusuchen�, sagte Achmed w�hrend des gemeinsamen Abendessens. �Canrif scheint ein sehr wichtiger Ort zu sein, voller M�glichkeiten, aber offenbar schlecht verwaltet. Was fehlt, ist eine t�chtige F�hrung, und wenn mich nicht alles t�uscht, ist das f�r uns die Gelegenheit.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Rhapsody und wischte sich den Mund mit ihrer Serviette ab. Achmed blickte zum dunkler werdenden Himmel empor. �Die Bolg sind f�llig; sie brauchen einen K�nig, der was aus ihnen macht, und ich kenne da jemanden, der diesen Job �bernehmen w�rde.� </p><p>�Willst du etwa dieser Jemand sein?� Rhapsody machte aus ihrer Skepsis kein Hehl.</p><p>Achmed sah ihr in die Augen. �Was h�ttest du gegen mich einzuwenden?�, entgegnete er in gespielter Entr�stung. </p><p>�Ich wusste noch gar nicht, dass k�nigliches Blut in deinen Adern flie�t.�</p><p>Die beiden Firbolg lachten. �An diesen Quatsch vom Gottesgnadentum der K�nige k�nnen auch nur die Menschenv�lker glauben�, sagte Achmed. �Unter uns Bolg gibt es keine Klassenunterschiede. Es herrschen diejenigen, die dazu in der Lage sind, entweder ihrer St�rke oder ihrer Genialit�t wegen. Ich habe beides zu bieten.� </p><p>Rhapsody schaute ins Lagerfeuer und sagte eine Weile nichts. Seine Worte ergaben durchaus Sinn, waren aber unvereinbar mit dem, was sie in dieser Frage f�r gut und angemessen halten konnte und was nicht. Allerdings waren auch diese Vorstellungen l�ngst auf den Kopf gestellt. Llauron hatte sie ein Bauernm�dchen genannt und trotzdem mit dem Herzog bekannt gemacht. </p><p>�Wir werden uns schon gut einf�gen�, sagte Achmed, �selbst ihr zwei als Nicht-Bolg, die ihr seid.� </p><p>�Der Meinung bin ich auch�, brummte Grunthor, der an einer Schweinehaxe knabberte.</p><p>�Wo rein? In die Gesellschaft der Firbolg?�, wollte Jo wissen. Sie verhielt sich wieder ganz so, wie man es von ihr kannte. �Nie und nimmer werde ich mich auf diese Ungeheuer einlassen k�nnen.� </p><p>�Wart�s ab�, sagte Rhapsody mit Blick auf die beiden Gef�hrten aus der alten Welt. �Was man sich so �ber die Bolg erz�hlt, ist zum gro�en Teil stark �bertrieben. F�r mich sind es jedenfalls keine Ungeheuer. Wer wei�, vielleicht werden wir sie am Ende noch gern haben.�</p><p>Achmed und Grunthor schmunzelten vor sich hin und a�en weiter.</p></section><section><title><p>43</p></title><p>Sie kampierten in dieser Nacht am �u�ersten Nordrand der Krevensfelder, jener ausgedehnten Ebene, die sich, so weit das Auge reichte, zwischen Bethe Corbair und den Zahnfelsen erstreckte, die, einem nat�rlichen Bollwerk gleich, die Grenze zu den Bolgl�ndern bildeten.</p><p>Die vier marschierten zun�chst nach Osten, bis Bethe Corbair und die umliegenden Siedlungen nicht mehr zu sehen waren. Als es Nacht wurde, spannte sich ein schwarzer, von einigen wenigen Sternen besprenkelter Himmel �ber dem weiten �dland auf, was ihnen das Gef�hl vermittelte, ganz allein auf dieser Welt zu sein. Um nicht dem Tr�bsinn zu verfallen, hockten sie noch lange dicht beieinander und unterhielten sich. </p><p>Rhapsody dachte an die Einsamkeit w�hrend der endlos langen Reise �ber die Wurzel zur�ck. Damals hatte sie st�ndig gegen ein Gef�hl von Panik ank�mpfen m�ssen, das sie zu �berw�ltigen drohte; jetzt w�hnte sie sich ganz und gar allein gelassen und verwundbar.</p><p>Sie zog den Umhang enger und rief im Geiste ihre Enkel zu sich, wie so oft, wenn sie sich einsam f�hlte. Ob Gwydion und Melisande wohl auch in Sicherheit waren hinter den Festungsmauern aus rosig-braunen Ziegeln, gesch�tzt von den Truppen ihres Vaters? Aller Reichtum und alle Privilegien hatten sie nicht vor dem schrecklichen Verlust bewahren k�nnen, an dem sie immer noch krankten. Davor war niemand gefeit. Rhapsody streckte die Hand aus und strich Jo eine Str�hne aus der Stirn. Nein, nichts. </p><p>Das Feuer war bis auf ein paar kleine Flammen heruntergebrannt und warf ein sp�rliches Licht auf die schlafenden Gef�hrten, die einzigen Freunde, die sie in dieser Welt hatte. Sie seufzte tief betr�bt, setzte ihre Wache fort und vermied es, den Blick unter das dunkle, endlose Himmelsgew�lbe zu richten.</p><p>Mit dem Morgengrauen zog Nebel auf. Noch schlaftrunken und grummelnd standen die Gef�hrten auf. Rhapsody langte mit der Hand �ber das Feuer und sagte: <emphasis>�Slypka!�,</emphasis> worauf die Flammen pl�tzlich wie ausgeblasen waren und statt ihrer eine d�nne Rauchfahne aufstieg, die sich dann aber schnell aufl�ste. Sie hatte dieses Wort, das sich mit <emphasis>verl�sche</emphasis> �bersetzen lie�, schon zu Anfang ihrer Ausbildung als Benennerin gelernt. Es lie� Flammen und Rauch in k�rzester Zeit spurlos verschwinden. Oft hatte sie sich gew�nscht, dieses Wort auch auf anderes anwenden zu k�nnen, zum Beispiel auf schlechte Tr�ume oder qu�lende Erinnerungen.</p><p>Als sie am fr�hen Morgen ihren Weg fortsetzten, fing es wieder zu schneien an. Der Winter kehrte zur�ck, was die Reise erschwerte und auch die Stimmung niederdr�ckte. Der heulende Wind war Fluch und Segen zugleich. Er trug zwar h�ufig dazu bei, dass sie ihrem �rger Luft machten mussten, schluckte aber die b�sen Worte, die dann fielen, ohne Schaden anzurichten.</p><p>Nach vier Tagen strapazi�sen Marsches hatten sie die als orlandisches Plateau bezeichnete Ebene hinter sich gelassen und eine h�gelige, steinige Steppenlandschaft erreicht, die den Ausl�ufern der Zahnfelsen vorgelagert war.</p><p>Es dauerte noch �ber eine Woche, ehe die Berge mit ihrer scharf gezackten Silhouette in der Ferne sichtbar wurden. Urspr�nglich hatte Gwylliam dieses Felsmassiv zu Ehren seiner Frau und seinen Schw�gerinnen die Manteiden genannt, was �Propheten� hie�. Doch mit der Zeit war dieser Name in Vergessenheit geraten; der zutreffendere hatte sich durchgesetzt.</p><p>Was von weitem wie ein dunkler, br�unlicher Wall ausgesehen hatte, stellte sich, je n�her sie heranr�ckten, in einer F�lle von Schattierungen und bizarren Formen dar, grandios und Ehrfurcht gebietend, stummen W�chtern gleich, postiert zwischen der Welt der Menschen und dem Verborgenen Reich der Firbolg. </p><p>Das Gel�nde wurde immer steiler und felsiger, das Weiterkommen immer beschwerlicher. Dann, nach weiteren f�nf Tagen, war endlich den Fu� der Berge erreicht, wo sie auf einer Anh�he Rast machten.</p><p>Unter ihnen lag, von Schnee bedeckt, ein riesiges Amphitheater, von der Zeit und den Naturgewalten in den Fels gehauen; vielleicht war auch die Arbeit von Menschen daran beteiligt gewesen. Die R�nge, in konzentrischen Halbkreisen angelegt, stiegen stufenf�rmig gegen eine Front hoher Klippen hin an. Auf der Freifl�che davor hatte sich Schutt aus Jahrhunderten der Vernachl�ssigung angeh�uft. Rhapsody erkannte die Anlage sofort als diejenige, von der in dem gefundenen Notizbuch die Rede gewesen war. </p><p>�Das ist Gwylliams Gro�er Gerichtshof�, erkl�rte sie mit lauter Stimme, die von den Felsw�nden widerhallte. �Die Cymrer haben sich, wenn sie in Not waren oder Anlass zum Feiern hatten, an solchen St�tten zusammengefunden; da passte die gesamte Bev�lkerung hinein. Hier hatten Gwylliam und Anwyn auch Hof gehalten und ihren Untergebenen Audienz gew�hrt.�</p><p>�Das ist ein <emphasis>Cwm�,</emphasis> sagte Grunthor und nannte damit ein Wort aus der alten Welt, das einen durch einen Vulkan oder Gletscher geformten Krater bezeichnete. Mit geschlossenen Augen inhalierte er die frostige Luft. Schnee rieselte, was die Sicht erschwerte. Mehr noch als auf der Wurzel f�hlte er sich hier und jetzt fest mit der Erde verwachsen. Er stand auf geschichtstr�chtigem Boden, und die Erde fl�sterte ihm Geheimnisse ins stille Herz.</p><p>Das gro�e nat�rliche Amphitheater war in grauer Vorzeit von einer Gletscherzunge ins Gestein des damals noch jungen Gebirges gegraben worden. In dem vom Eis Ausgefr�sten Becken hatte sich dann, als es w�rmer geworden war, das Schmelzwasser gesammelt und ein See aufgestaut. Schlie�lich war unter der immer hei�er stechenden Sonne das Wasser verdunstet.</p><p>Im Altertum hatten sich Menschen daran gemacht, das, was hier von der Natur geschaffen worden war, weiter zu bearbeiten und als Versammlungsort auszubauen, den sie in der Folgezeit auf so g�nstige Weise genutzt hatten, dass er mit Fug und Recht als Wiege einer gro�en Zivilisation bezeichnet werden konnte. </p><p>Darauf folgte die so genannte Zeit des Tiefschlafs, in der das Amphitheater in Vergessenheit geriet und unter einer dicken Decke aus Schnee und Eis begraben lag. Diese Phase dauerte immer noch an. Nichtsdestotrotz war die magische Kraft sehr wohl zu sp�ren, die von diesem Ort ausging. Grunthor �ffnete die Augen, kehrte aus seiner Tr�umerei zur�ck und schaute sich nach den anderen um.</p><p>Achmed suchte nach einer g�nstigen Route, auf der sie ihren Weg fortsetzen konnten. Er lie� seinen Sp�rsinn �ber die Landschaft schweifen und entdeckte eine Reihe von Gebirgsp�ssen, die, gr��er als Ziegenpfade, aber kleiner als Stra�en, von einem Bergsattel zum n�chsten f�hrten, durch tiefe Schluchten und �ber hunderte von Br�cken, immer tiefer in das Verborgene Reich hinein. Manche dieser P�sse, die selbst unwegsamste Regionen erschlossen hatten, wurden nach wie vor h�ufig bereist, andere waren vergessen und von der Natur zur�ckerobert worden. Das gesamte System der Verbindungswege war eine bestaunenswerte Meisterleistung der hier ans�ssigen Bev�lkerung, der Nain, die sich schon im Altertum einen Namen als t�chtige Bergarbeiter gemacht hatten. <emphasis>Gwylliams Handwerker,</emphasis> dachte Achmed.</p><p>Er konnte sie mit seinem geistigen Auge, das �ber die Berge wanderte, gut ausmachen: kleine Gestalten, schwarz im Morgenlicht, wie sie sich auf den Pfaden bewegten, Stammesgenossen, denen er noch v�llig fremd war und doch eines Tages als Regent Voranstehen wollte.</p><p>�Das ist das Land, das Gwylliam Canrif genannt hat�, sagte er. �Firbolg streifen dort �berall umher, schlecht organisiert, wenn �berhaupt.�</p><p>�Nichts anderes hast du doch gehofft, sei ehrlich�, sagte Rhapsody. �Ich zitiere sinngem��: Sie sind f�llig, sie brauchen einen K�nig... Stimmt�s?�</p><p>Achmed schmunzelte. �Ja.� </p><p>Dass die Firbolg, die den Tiefen der Erde entstammten, �u�erst ungern nachts im Freien unterwegs waren, war Au�enstehenden ein R�tsel. In sicherer Entfernung lagen die vier Gef�hrten auf der Lauer und registrierten das Verhalten und die Anzahl der Einheimischen, die ihnen zwischen den Felsen der Berge zu Gesicht kamen. Als es dann dunkel wurde, zeigten sich immer weniger Bolg, bis schlie�lich kein Einziger mehr zu sehen war. </p><p>�Nachtblind�, sagte Achmed, und Grunthor nickte.</p><p>�Seltsam�, murmelte Rhapsody. �Man sollte doch meinen, dass sie als H�hlenbewohner besonders gut im Dunkeln sehen k�nnen.� </p><p>�Das k�nnen sie auch, tief unter Tage, wo�s �berhaupt kein Licht gibt, nicht einmal ein schwaches Glimmen, wie wir�s von der Wurzel her kennen. Aber in der Dunkelheit unter freiem Himmel k�nnen sie kaum die Hand vor Augen erkennen.� Achmed warf einen Blick �ber die Schulter, um sich zu vergewissern, dass Jo nicht mith�rte.</p><p>Erschaudernd dachte Rhapsody zur�ck an die Axis Mundi und starrte ins dunkle Tal hinab. �Gelbe Wurzeln und gr�nes Gem�se.�</p><p>Grunthor warf ihr einen irritierten Blick zu. �He?�</p><p>�Die helfen bei Nachtblindheit. Eine der Legenden, die man w�hrend der Ausbildung zum S�nger zu h�ren bekommt, erz�hlt von einem Heer lirinscher Soldaten, die unbesiegbar wurden, weil sie ihre Ern�hrung umstellten und pl�tzlich auch bei v�lliger Dunkelheit sehen konnten. Ihre Feinde aber waren nachtblind und n�chtlichen Angriffen schutzlos ausgeliefert.�</p><p>Achmed nickte. �Und da helfen nur Wurzeln und Gem�se? Sonst nichts?�</p><p>�Doch, Leber�, antwortete Rhapsody, was Jo mit theatralischen W�rgelauten kommentierte. </p><p>�Aber dann warn die Bolg wom�glich gar nich nachtblind�, meinte Grunthor. �Wenn sie ihre Feinde aufessen, ist auch immer �n St�ck Leber dabei.�</p><p>�Welche Feinde?�, fragte Rhapsody, ohne sich von der kannibalistischen Anspielung provozieren zu lassen. �Bethe Corbair ist der n�chste Nachbar, und mit dem hat es seit Generationen keinen Streit mehr gegeben.� </p><p>�So ist es�, best�tigte Achmed. �Und Sorbold, das K�nigreich auf der anderen Seite, wird von den Zahnfelsen wirksam gesch�tzt. Es scheint demnach, dass die Bolg weniger auf �u�ere Feinde Jagd machen als vielmehr untereinander.�</p><p>Wieder erschauderte Rhapsody. �Pr�chtig. Und da wollt ihr leben?� Achmed schmunzelte. �Warum nicht?� </p><p>Zwischen den Felsen war an manchen Stellen Schnee zusammengetrieben worden, der sich immer weiter verdichtet und schlie�lich eisige Stufen ausgebildet hatte, die sehr t�ckisch waren. Jo war schon etliche Male darauf ausgerutscht und h�tte sich einmal fast zu Tode gest�rzt.</p><p>�Wie weit noch?�, br�llte Rhapsody gegen den heulenden Wind an und starrte zur�ck auf das verschneite Tal, das sich in einer Tiefe von �ber hundert Klaftern unter ihr ausbreitete. </p><p>�Wir haben�s gleich geschafft�, rief Achmed. Und tats�chlich hatte er den oberen Klippenabsatz erreicht und hievte sich �ber die Kante, wo er, platt auf dem Bauch liegend, die Hand nach Rhapsody ausstreckte und ihr nach oben half.</p><p>Unmittelbar darauf und ebenfalls mit Hilfe von Achmed folgte Jo, die vor Ersch�pfung und K�lte am ganzen Leib zitterte. Rhapsody warf ihr den eigenen Mantel �ber, konzentrierte sich auf ihr inneres Feuer und versuchte, einen Teil der W�rme auf die Schwester abzuleiten.</p><p>Schlie�lich tauchte auch der Pickel von Grunthors Helm auf. Dem Riesen war es anscheinend ein Leichtes, sich �ber den Rand zu schwingen. �Na, das hat doch Spa� gemacht, oder?�, sagte er. �Alles in Ordnung, Euer Liebden? Und bei dir auch, junge Frau?�</p><p>�Schnell, machen wir, dass wir aus dem Wind rauskommen�, sagte Rhapsody mit klappernden Z�hnen. Finger und Nasenspitze waren schon wie abgestorben.</p><p>Achmed nickte. �Gleich. Aber vorher solltest du dich einmal umschauen und sehen, was unsere serenschen Br�der und Schwestern hier zuerst aufgebaut und dann zerst�rt haben.�</p><p>Rhapsody hob den Blick und sah hinter einem Vorhang aus wirbelnden Schneeflocken ein riesiges Kastell in Erscheinung treten, das aus dem Berg selbst herausgebrochen zu sein schien und sich schwarz vor dem Himmel abzeichnete. Da t�rmten sich Mauern aus glatt behauenem Fels zu einem so gigantischen Komplex auf, dass selbst die gr��ten Kathedralen und Pal�ste, die Rhapsody unterwegs gesehen hatte, k�mmerlich klein im Vergleich dazu erschienen.</p><p><emphasis>Kein Wunder, dass die Bev�lkerung diesen Gwylliam f�r eine Art Gott gehalten hat,</emphasis> dachte sie. Es war fast so, als h�tte der Sch�pfer pers�nlich Hand an diesen Berg angelegt und all die zahllosen T�rme, W�lle, Br�cken und Bollwerke aus der weiten Felsfront herausgemei�elt. Das war ein Ort f�r die Riesen unter den Riesen, f�r Titanen, die nur in diesem Hochgebirge Deckung finden konnten. Canrif. </p><p>�Ob es da wohl einen Tunnel gibt, in den wir uns verkriechen k�nnen?�, rief Rhapsody. �Jo friert.� </p><p>�Kannst du gehen?� </p><p>�Ja.� </p><p>�Also los, Grunthor schnappt sich Jo, und du kommst mit mir. Nicht weit von hier ist eine H�hle. Vor dem Zugang liegt zwar ein schwerer Felsblock, aber ich bin sicher, Grunthor wird�s schaffen, ihn beiseite zu wuchten. Die Einheimischen kommen da nicht hin. Halt einen Zipfel meines Umhangs gepackt, damit du mir im Dunkeln nicht verloren gehst.�</p><p>Rhapsody nickte und folgte Achmed hinaus in den Sturm.</p><p>Im Tunnel angekommen, waren sie zwar vor dem heulenden Wind gesch�tzt, daf�r aber rieselte eine Kaskade aus feinem Schutt und Staub auf sie herab, als Grunthor den Felsblock wieder vor den Einstieg rollte. </p><p>Hustend und keuchend klopfte Rhapsody die Kleider aus und half auch Jo beim Entstauben, die von der be�ngstigenden und strapazi�sen Kletterei im Fels noch immer ganz benommen war.</p><p>�Was glaubst du, wo dieser Ort ist?�, fragte sie.</p><p>Achmed sp�hte in die Dunkelheit des langen Tunnels, der ringsum ganz sorgf�ltig und geometrisch exakt mit glatten, quadratischen Steinplatten gekachelt war. Auf beiden Seiten des Ganges verliefen schmale Gr�ben, die offenbar als Abflussrinnen dienten. Im Gew�lbe dar�ber waren in regelm��igen Abst�nden L�cher zu erkennen, die aber l�ngst von Ger�ll und Schutt verstopft waren.</p><p>�Ich vermute, der Tunnel hier ist Teil eines Aqu�dukts, vielleicht eine Art Drainage. In Canrif gab es Dutzende solcher Systeme, die frisches Gebirgswasser in die Stadt umleiteten und Abwasser abf�hrten. Die Pl�ne im Cymrer-Museum waren sehr detailliert.�</p><p>Rhapsody kramte in ihrem Gep�ck und zog das im Haus der Erinnerung gefundene Notizbuch daraus hervor. </p><p>Nachdem sie eine Weile darin herumgebl�ttert hatte, sagte sie: �Da steht nichts, was uns weiterhelfen k�nnte. Ich w�nschte, ich h�tte mir die Ausstellung des Museums genauer angesehen.�</p><p>Achmed grinste. �Du hast offenbar eine v�llig falsche Vorstellung von der Gr��e dieses Ortes, Rhapsody. Canrif war nicht blo� irgendeine Zitadelle oder Ortschaft, sondern ein Staat f�r sich. Die Festung am Berg ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Jenseits der Schlucht und der Verdorrten Heide liegt alles andere: die W�lder und Weing�rten, die Bergwerke und D�rfer, St�dte, Tempel und Universit�ten oder was sonst noch in den cymrischen Tagen dazu geh�rte. Die Bolg haben wahrscheinlich vieles davon verkommen lassen. Wie auch immer, ich habe mir nur einen Bruchteil der Pl�ne angesehen, Pl�ne eben dieser Wasserleitungen, der Bel�ftung und solche von gro�en Schmiedewerkst�tten inmitten des Berges, deren �fen auch f�r die Heizung von Wohnr�umen genutzt wurden. Gwylliam war ein Genie, jemand, der aus dem, was er vorfand, eine funktionierende Welt entwerfen und aufbauen konnte. Auch wenn wir mehrere Monate in dem Museum zugebracht h�tten, w�re uns jetzt beileibe nicht alles bekannt.� </p><p>Vor einem Schutthaufen, der sich erst k�rzlich dort gebildet hatte, ging Rhapsody in die Hocke. Sie legte die H�nde darauf, sch�rte ihr inneres Feuer und lie� die W�rme auf die Steinbrocken �bergehen. </p><p>�Wie soll�s jetzt weitergehen?�, fragte sie, als die Steine zu gl�hen anfingen.</p><p>Achmed holte Proviant aus seinem Gep�ck. �Jetzt essen wir erst mal was. Danach sehe ich mich ein bisschen um. Grunthor, du bleibst mit den beiden hier. Wenn ich in sp�testens zwei Tagen nicht wieder da sein sollte, geh mit ihnen zur�ck nach Bethe Corbair.�</p><p>�Ist dir eigentlich noch nicht in den Sinn gekommen, dass wir, wenn es um uns geht, auch ein W�rtchen mitzureden haben?�, emp�rte sich Rhapsody.</p><p>Achmed zwinkerte mit den Augen. �Na sch�n, wohin m�chtet ihr also gebracht werden, wenn ich nicht zur�ckkomme?� </p><p>Rhapsody und Jo sahen einander an. �Nach Bethe Corbair vielleicht.�</p><p>Der Dhrakier lachte. �Und da sage mir noch einer, die Bolg w�ren an Streitsucht nicht zu �bertreffen. Keine Sorge, ich komme zur�ck. Ich will blo� meinen zuk�nftigen Untertanen einen kleinen Besuch abstatten.� </p></section><section><title><p>44</p></title><p>Anders als in den Legenden der Cymrer beschrieben, hatten die Bolg tats�chlich schon lange, bevor Gwylliams Krieg zu Ende ging, Teile der Berge besiedelt. Der K�nig war viel zu sehr mit anderen Dingen besch�ftigt gewesen, als dass er bemerkt h�tte, wie ein Haufen lausiger H�hlenbewohner �ber die Steppen im Osten zog und bis in die �lteren Abschnitte seines riesigen Labyrinths vordrang. Umgekehrt aber nahmen die Bolg sehr genau von ihm Notiz und �ffneten still und leise eine Hintert�r zu Gwylliams Reich. Meldungen �ber verschwundene Grenzpatrouillen oder gepl�nderte Waffenlager blieben unbeachtet, weil es von den K�mpfen gegen Anwyn weit Spektakul�reres zu berichten gab. Die Bolg waren keine Soldaten, geschweige denn heroische K�mpfer, aber �u�erst brutal und kannibalisch. Sie hatten das Feuer geraubt, und obwohl sie nur wenig vom Hausbau verstanden, konnten sie auf jedem Gel�nde und in jeder Klimazone �berleben.</p><p>Jahrhunderte zuvor hatte sich ein fremder Kriegsherr mehrere Bolg-St�mme Untertan und � indem er sie mit ausreichend Nahrung versorgte � auch gef�gig gemacht. Nach seinem Tod aber hatten sie seinen Besitz verw�stet und waren in ein anderes Land gezogen. Seine Hinterbliebenen spekulierten, dass sie ihm nur deshalb, W�lfen gleich, ergeben gewesen waren, weil sie ihn selbst f�r einen Wolf gehalten h�tten. Alle anderen menschlichen Wesen sahen sie als Beute an und nicht etwa als m�gliche Partner. </p><p>Diejenigen, die in Gwylliams Bergen hausten, waren ein wilder Haufen Vertriebener, die St�rkeren das Feld hatten r�umen m�ssen, von schlechtem Wetter verjagt worden waren oder einfach nicht mehr allein zu Rande kamen. Gemein war ihnen allen eine extrem harsche Weltsicht. Mit ihnen aneinander zu geraten war wahrlich unangenehm. </p><p>Gwylliam hatte derzeit mehrere Versuche unternommen, die Bolg auszutilgen. Er hatte ihnen Fallen gestellt und Truppen auf den Hals gehetzt, was aber nur einer Auslese der Dummen und Schwachen gleichgekommen war. Der Gattung der Bolg war damit � so die Einsch�tzung Grunthors � im Grunde nur gedient gewesen. Sie war gewisserma�en durch Gwylliams Schmiede gegangen und veredelt worden. Als Waffe gegen Anwyn aber hatte er nicht mehr auf sie setzen k�nnen.</p><p>Die Gef�hrten lagerten nunmehr seit einem Tag in einer versch�tteten R�hre der Canrifer Sielen, als tief in den Bergen eine Gruppe von Bolg-J�gern einen Wolf gestellt hatte, und zwar an jener Stelle, die, gemeinhin Schlachthalle genannt, seit langer Zeit das Ziel von Treibjagden war. Gr��eres Wild oder menschliche Eindringlinge, die das Pech hatten, von den Firbolg als Beute angesehen zu werden, wurden dort in die Enge getrieben und zur Strecke gebracht.</p><p>In dieser gro�en, weitl�ufigen H�hle hatten urspr�nglich cymrische Entdecker Quartier bezogen, ehe sie von den Bolg vertrieben worden waren. Dort hinein lockten oder trieben die J�ger nun ihre Beute, was ihnen allerdings nicht immer das gew�nschte Resultat bescherte.</p><p>Auch diesmal wollte die Rechnung nicht aufgehen. Der Wolf war seinen J�gern �berlegen, denn es handelte sich um ein Exemplar der H�hlenw�lfe, jener urw�chsigen Art, deren Vertreter so gro� wie ausgewachsene B�ren, ungemein kr�ftig und listig und mit einem unvergleichlichen Sehverm�gen ausgestattet waren. In den tiefen Bergstollen hatten sie ihr Revier.</p><p>Dieser Wolf hatte einen der J�ger schon zerfleischt und den zweiten gerissen, als der dunkle Mann auftauchte. Er war unbemerkt gekommen, genau in dem Augenblick, da die J�ger ihren Fehler erkannten und fliehen wollten.</p><p>Mit seinen schwarzen Kleidern war er in der Dunkelheit kaum auszumachen. Erst als er einen Laut von sich gab, wurden sie auf ihn aufmerksam.</p><p>�Auf den Boden mit euch!�, knurrte er mit rauer Reibeisenstimme und in einem Dialekt, den sie als eine veraltete Form ihrer eigenen Sprache erkannten.</p><p>Die Bolg reagierten wie vom Donner ger�hrt. Einer warf sich sofort der L�nge nach hin, die anderen wirbelten herum und erstarrten vor Schreck, sodass sie der Aufforderung gar nicht nachkommen konnten. </p><p>Dem Mann glitt die Kapuze vom Kopf, als er ein langes, gerades Schwert hinter der Schulter hervorzog. Sein Gesicht war selbst f�r die Bolg ein f�rchterlicher Anblick, und doch erkannten sie Z�ge darin, die unmissverst�ndlich auf eine Artverwandtschaft hindeuteten, was die bolgschen J�ger noch mehr aus der Fassung brachte.</p><p>Die fremde Schreckensgestalt setzte sich urpl�tzlich und blitzschnell in Bewegung. Das schlanke Schwert schwirrte durch die Luft und durchbohrte den Hals des rasenden Ungeheuers, das, hinter einem seiner Opfer kauernd, zum Sprung angesetzt hatte. Das Feuer gl�hte noch in seinen Augen, als es winselnd in sich zusammensackte.</p><p>Kaum weniger schnell als die geschleuderte Waffe war der dunkle Mann zur Stelle, um sie zu bergen. Er befand sich nun mitten unter den J�gern, die alle bewaffnet waren, doch sie wagten es kaum zu atmen, als er sich anschickte, sein Schwert aus dem Hals des Wolfs zu ziehen.</p><p>In just diesem Moment schlug der Bolg, der sich auf den Boden geworfen hatte, mit einer hakenf�rmigen Hiebwaffe aus, die an der Innenseite messerscharf geschliffen war. Doch noch ehe er Schaden damit anrichten konnte, hatte der dunkle Mann ihm das Handgelenk zerschmettert und gleich darauf mit gezieltem Tritt den Hals gebrochen. F�r eine Weile war es totenstill; dann h�rte man nur mehr das leise Wispern der Schwertklinge, als sie durch die Wolfsschwarte glitt.</p><p>�Waidmanns Heil.� Der Mann im schwarzen Umhang drehte sich um und verschwand in dem Nichts, aus dem er gekommen war. </p><p>Flackernder Feuerschein spiegelte sich in Frints fahlen Augen. Er hatte das Bauchfleisch und den Schenkel des Wolfs noch nicht anger�hrt, die ihm als demjenigen, der die Beute ins Lager gebracht hatte, der Sitte nach zustanden.</p><p>�Mann wie Nacht�, fl�sterte er in die Runde. Die Kinder, die, hinter ihren M�ttern kauernd, die Ohren spitzten, wurden zur�ckgesto�en, kamen aber sogleich wieder angekrochen, um nur ja alles mitzubekommen, was der gro�e J�ger zu erz�hlen hatte. �Kam ungesehn.�</p><p>�Um was zu tun?�, verlangte Nug-Klaue, der Sippen�lteste, zu wissen.</p><p>Frint sch�ttelte den Kopf. �Nichts. T�tet Wolf. Und Ranik. Der hatte angegriffen. Mann trat ihn aus wie Feuerfunken.� Er erschauderte, und die Kinder schreckten ein St�ck zur�ck.</p><p>�Wollte kein Fleisch?�, fragte Nug. Frint sch�ttelte den Kopf. �Hat nichts gesagt?�</p><p>Frint �berlegte kurz. �Doch. Waidmanns Heil.�</p><p>Nug machte gro�e Augen. �Und?�</p><p>�Harn dann sp�ter noch zwei Ziegen und eine Ratte aufgetrieben.�</p><p>Es wurde unruhig in der Runde. Nugs Frau meldete sich zu Wort.</p><p>�Nachtmann ist vielleicht Gott�, sagte sie und duckte den Kopf, als Nug mit der Hand nach ihr ausschlug. </p><p>�Nein. Nug ist Stamm-Gott. Aber wir m�ssen uns vor Nachtmann in Acht nehmen. M�ssen alle Ylorc warnen.� </p><p>Frint flatterte mit den Augenlidern. �Vielleicht ist Nachtmann Gott aller Bolg.�</p><p>Nicht weit hinter Nug zog sich Achmed grinsend aus seinem Versteck zur�ck und verschwand lautlos in der Dunkelheit. </p><p>Unter den br�ckelnden W�nden der labyrinthischen Stollen von Canrif hatte sich im Laufe der Zeit viel Schutt aufgeh�uft und festgetreten, weshalb Achmed nur langsam vorankam. Doch darum tat es ihm weniger Leid als um den so bedauerlichen Zustand dieser offenbar einstmals �beraus pr�chtigen Festung. In der Bl�tezeit Canrifs waren diese Tunnel breiter und mit ihren polierten Basaltplatten noch aufw�ndiger gepflastert gewesen als die pr�chtigsten Stra�en anderer St�dte. Zahllose �llampen an den W�nden hatten dieses so raffiniert ausgekl�gelte Tunnelsystem hell erleuchtet. Jetzt waren von diesen Lampen nur noch hier und da ein paar abgebrochene Halterungen zu sehen.</p><p>Dass sein Herz vor Begeisterung pochte, lie� ihm bewusst werden, mit wie viel heimlichem Vergn�gen er seiner Mission nachkam. Er f�hlte sich zur�ckversetzt in die Jahre seiner Ausbildung, in jene Zeit, da das Volk der F�dor Krieg gegen die Dhrakier gef�hrt hatte mit dem Ziel, sie zu vernichten. </p><p>Wie hatte er seine Reisen als fahrender Geselle genossen, ehe er die Cwellan erfand und in die Reihen der weitbesten Meuchelm�rder aufstieg! Damals hatte er sich noch mit jedem Mordauftrag aufs Neue bew�hren m�ssen, hatte seinen Namen nach vorn in den Wind gerufen und als G�tesiegel hinterlassen. Der Tunnel, durch den er schlich, �ffnete sich in einen gro�en weiten Raum, der einst als Quartier f�r Soldaten gedient haben mochte, worauf die verrotteten Pritschen am Boden und die zerschlagenen Waffenregale an den W�nden schlie�en lie�en. Selbst auf die Ausstattung solcher Unterk�nfte war damals offenbar viel Wert gelegt worden. Davon zeugten die Fresken des Deckengew�lbes, die, obwohl zu gro�en Teilen abgebl�ttert, immer noch erkennbar waren als Darstellung historischer Schlachten. </p><p>Den Kopf in den Nacken zur�ckgelegt, betrachtete Achmed die Kampfszenen unter der Decke und sinnierte. In den Bildern kam eine Kampftechnik zum Ausdruck, die im direkten Kontakt und z�hem Festhalten am Gegner die Entscheidung suchte.</p><p>Ob diese Technik nur zuf�llig der Vorgehensweise der F�dor entsprach oder tats�chlich von ihnen abgeguckt war, lie� sich im Nachhinein nicht mehr kl�ren. Jedenfalls hielten auch die d�monischen Geister unbeirrbar an ihren Opfern fest; sie konnten gar nicht anders, das war ihre Bestimmung. Kein Wunder, dass sie die Dhrakier so sehr hassten, denn im Unterschied zu K�mpfern anderer Herkunft setzten die Dhrakier nicht auf Kontakt, sondern auf Distanz. Der Abstand zum Gegner erm�glichte einen genaueren Blick auf dessen Schwachstellen. Eine L�cke im Harnisch, ein einziger Fehltritt des Gegners gen�gte, um ihm den t�dlichen Sto� zu versetzen. Gerade wegen dieser Kampfhaltung waren die Dhrakier den F�dor, die aus einer naturgegebenen Notwendigkeit heraus am Gegner festhalten mussten, von jeher ein Dorn im Auge gewesen.</p><p>Als er mit Grunthor bei ihren Streifz�gen durch Avonderre erstmals einen dieser unerkl�rlichen Gewaltausbr�che beobachtet hatte, war ihm, Achmed, der Gedanke gekommen, dass dabei die Gewalt wom�glich nicht eines bestimmten Zieles wegen, sondern um ihrer selbst willen ausge�bt wurde. Tsoltan seinerseits war zwar ein Stratege, der auf lange Sicht plante, doch was da jetzt zu Chaos und sinnloser Vernichtung anstachelte, brauchte offenbar weder Plan noch Ziel. Vielleicht ging es ihm nur um die Kraft, um die in den K�mpfen erzeugte Reibung, aus der es Leben und Energie sog. Achmed wurde in seinen �berlegungen durch Ger�usche im Hintergrund gest�rt. Er durchquerte den weiten H�hlenraum, h�tete sich dabei, aus dem Schatten hervorzutreten, und erreichte eine Tunnel�ffnung, vor der er stehen blieb und tief Luft holte, w�hrend er seinen Sp�rsinn durch die G�nge vorauseilen lie�, um der Schallquelle auf den Grund zu gehen.</p><p>Die war schnell ausgemacht. Nicht weit entfernt schlugen etliche Bolg mit zum Teil zerbrochenen Schwertern und Speeren aufeinander ein. Offenbar geh�rten sie zu rivalisierenden Klans, denn die einen trugen ein Brandmal im Gesicht, die anderen eines auf den Unterarmen. Von zwei Kerlen in Schach gehalten, lag schreiend eine Frau am Boden, die offenbar der Preis f�r den Sieger sein sollte. Achmed nahm die Cwellan von der Schulter.</p><p>Die Nachtpiraten standen kurz davor, den Sieg davonzutragen, als pl�tzlich ein helles Sirren im Tunnel laut wurde und unmittelbar darauf die Anf�hrer beider Banden zu Boden gingen. Die Bolg standen wie versteinert da und starrten auf die Gefallenen, die, beide von den Flugscheiben am Hals getroffen und mit halb abgetrennten K�pfen, in ihrem Blut lagen. Und dann trat eine Gestalt aus dem Dunkel des Stollens, fast lautlos, geh�llt in einen Umhang mit Kapuze, aus der zwei ungleiche Augen schrecklich hervorstachen. </p><p>Einer der R�uber hatte davon geh�rt, was sich unl�ngst in der Schlachthalle zugetragen hatte. </p><p>�Nachtmann!�, platzte es entsetzt aus ihm heraus.</p><p>Die Meute wich nach beiden Seiten auseinander, als der Nachtmann einen Schritt vortrat und ein zerbrochenes Schwert vom Boden aufhob, das er der Frau zuwarf.</p><p>�Lauft�, sagte er, den anderen zugewandt, und selbst der tumbeste Bolg h�rte in der farblosen Stimme den Tod fl�stern. </p><p>In heilloser Panik hasteten sie stolpernd davon. Nur die Frau z�gerte noch, und so war allein sie es, die unter der Kapuze ein Schmunzeln erkannte. Dann machte auch sie kehrt, lief den Stammesbr�dern nach und floh vor dem Nachtmann, den nun wieder Dunkelheit umh�llte.</p><p>Sp�ter in der Nacht machten die vier Gef�hrten sich auf den Weg zur Schlachthalle. Achmed hatte einen Weg �ber einen Pass gew�hlt, der zwar ein bisschen l�nger war, aber die Tunnelverbindungen im Berg weitestgehend aussparte. Jo konnte n�mlich im Dunkeln kaum sehen, und auch Rhapsody f�hlte sich nicht wohl unter Tage, obwohl sie sich w�hrend der endlos langen Reise entlang der Wurzel daran gew�hnt hatte, mit nur wenig Licht zurechtzukommen.</p><p>Zweimal wurden sie unterwegs angefallen.</p><p>�Zweimal zu viel�, sagte Rhapsody, als sie die H�hle betraten, �Von mir aus h�tt�s auch zweimal h�ufiger sein k�nnen�, meinte Grunthor und wischte seinen Langdolch ab. �Diese Jungs auf Vordermann zu bringen wird wohl noch ganz sch�n Zeit kosten.� </p><p>�Also denen da ist gar nicht mehr zu helfen�, sagte Jo mit Blick auf die gescheiterten Angreifer, die am Boden lagen. </p><p>Achmed hob die Hand, worauf die anderen drei verstummten. Sie folgten ihm durch enge, gewundene Stollen, die �ber kurz oder lang einzust�rzen drohten. Rhapsody fr�stelte. Der Verfall war nahezu greifbar. Sie meinte ihn in der Luft sp�ren zu k�nnen.</p><p>Bald gelangten sie an eine �ffnung in der Stollenwand, von der ein Felssims in eine hohe Grotte f�hrte. Als Antwort auf Rhapsodys fragenden Blick nickte Achmed mit dem Kopf.</p><p>Vorsichtig trat sie durch die �ffnung auf den Sims und tauchte in einen riesigen Saal ein, durch den ein b�iger Wind blies, der jedoch alles andere als frisch war und Unmengen Staub aufwirbelte. Sie versuchte ihre Augen zu sch�tzen und blickte ins Dunkle hinab.</p><p>In der Tiefe unter ihr breitete sich eine weitl�ufige, dunkle Ruinenstadt aus, die mit ihren Stra�en und verfallenden H�usern bis an die Grenzen des Blickfelds reichte. Da waren noch Reste von Brunnen und G�rten zu erkennen, die, obwohl seit langem ausgetrocknet, immer noch von einstiger Sch�nheit und Gr��e zeugten � wie auch die gesamte Anlage der Stadt, die in ihren besten Tagen wohl weit bedeutender gewesen sein mochte als Bethania oder Navarne in der Jetztzeit. Nun aber pr�gten Melancholie und Verfall das Bild.</p><p><emphasis>Gwylliams gro�es Meisterwerk,</emphasis> dachte Rhapsody betr�bt. <emphasis>Canrif,</emphasis> der Name, der <emphasis>Jahrhundert</emphasis> bedeutet. Allein daf�r, die riesige W�lbung der H�hle auszugraben, die bis in die Spitzen der Zahnfelsen reichte, waren gewiss tausende von M�nnern n�tig gewesen, die bis ans Ende ihres Lebens daran gearbeitet hatten. Jetzt waren die Ruinen nur mehr hohles Zeugnis der eitlen Vision eines hoff�rtig verschwendeten Genies und boten Unterschlupf f�r verwahrloste Halbmenschen, die keine Ahnung hatten von der einstigen Pracht dieser Stadt.</p><p>Achmed tippte an ihre Schulter und sagte: �Bis zur Schlachthalle ist es nicht mehr weit.� </p><p>In der letzten Kurve vor einer langen Geraden angekommen, blieb Achmed stehen und forderte Grunthor und Jo auf, zur�ckzubleiben und den Stollen zu bewachen. Dann ging er mit Rhapsody weiter den Gang entlang, an dessen Ende sie vor eine schwere steinerne T�r gelangten.</p><p>�Ich vermute, dahinter liegt Gwylliams Bibliothek�, fl�sterte Achmed. Rhapsody nickte. In dem Buch, das sie im Haus der Erinnerung gefunden hatten, waren zwar weder Pl�ne noch irgendwelche Skizzen von Canrif zu finden gewesen, wohl aber eine exakte Beschreibung eben dieses Eingangs. Tief in die Steinplatte eingemei�elt, stand Gwylliams Ausspruch zu lesen: <emphasis>Cyme we inne fri�, fram the grip of dea� to lif inne �is smylte land</emphasis></p><p>In Schulterh�he steckte eine verrostete Klinke in der T�r. In die Blende darunter waren mehrere L�cher gebohrt, dick wie ein Pfeilschaft und symmetrisch angeordnet.</p><p>�Das scheint eine Art Schloss zu sein�, sagt Achmed und fuhr mit seinen knochigen H�nden �ber die L�cher. Rostflocken br�selten von dem eisernen Schild. �Ich wette, dieses alberne Motto hat irgendwas mit dem Schl�ssel zu tun.�</p><p>�Das glaube ich auch�, sagte Rhapsody. �Als Ingenieur und Mathematiker, der er war, hat Gwylliam den Text wahrscheinlich so aufgeschl�sselt, dass er eine Anleitung zum �ffnen der T�r enth�lt. Aber wie k�nnten diese L�cher und das Alphabet der alten Cymrersprache zusammenh�ngen?�</p><p>�Vielleicht muss man den Text erst in eine andere Sprache �bersetzen. In Nain oder Lirin?� </p><p>Rhapsody zuckte mit den Achseln. �Schon m�glich, doch das glaube ich eher nicht, denn Gwylliam wird wahrscheinlich vermieden haben, den Anschein zu erwecken, dass er die eine oder die andere Sprache bevorzugt.� </p><p>Zum wiederholten Mal z�hlte sie nach: In sechs Reihen waren jeweils f�nf L�cher in das T�rschild und den Stein gebohrt. Sie kniff die Brauen zusammen und dachte nach. Pl�tzlich ging ein L�cheln �ber ihr Gesicht. </p><p>�Nat�rlich! Es wird ein Notenschl�ssel sein. Die Cymrer kamen in ihrer Musik damals mit nur sechs Noten aus, im Unterschied zu uns Lirin-S�ngern, die wir immer schon eine achtstufige Tonleiter hatten � was heute �brigens Standard ist, wie ich von Llauron erfahren habe.�</p><p>�Dass Gwylliam sich auch f�r Musik interessiert hat, ist mir neu.�</p><p>�Mich �berrascht das nicht, war er doch, wie gesagt, unter anderem Mathematiker, und Musik ist, wenn man so will, ebenfalls ein mathematisches System.� Rhapsody zog einen Pfeil aus ihrem K�cher, knickte die Spitze ab und steckte den Schaft in dasjenige Loch, das mit dem Anfangsbuchstaben von <emphasis>Cyme,</emphasis> also mit dem C korrespondierte.</p><p>In der dicken Steinplatte war daraufhin ein schwaches Klicken zu vernehmen, dann ein mahlendes Ger�usch, das eine Weile andauerte und schlie�lich verstummte. Rhapsody wurde ganz zappelig. </p><p>�Immer mit der Ruhe, lass dir Zeit�, mahnte Achmed, der aber selbst vor Aufregung kaum an sich halten konnte. �Wenn du dich vertust, legt sich der Riegel vielleicht f�r immer quer.�</p><p>�Pssst�, zischte sich, und ihre Augen gl�hten. Konzentriert z�hlte sie die Buchstaben durch und dr�ckte den Schaft in das entsprechende Loch. Sie hatte das vorletzte Wort des Satzes erreicht, als Jo pl�tzlich hinter ihr auftauchte.</p><p>�Da kommt wer, eine ganze Meute.�</p><p>�Lass dich nicht aufhalten�, sagte Achmed, an Rhapsody gewandt. �Ich werde Grunthor helfen. Nur keine Hektik.� </p><p>Rhapsody nickte und gab, kaum dass Achmed fort war, den n�chsten Buchstaben ein, was wiederum wie zur Best�tigung mit der inzwischen vertrauten Lautfolge beantwortet wurde.</p><p>�Was machst du da?�, fragte Jo, die zur�ckgeblieben war und ihr �ber die Schulter schaute. </p><p>�Still!�, fl�sterte Rhapsody. �Du wirst es gleich wissen.�</p><p>Im hinteren Teil des Tunnels wurden jenseits der Biegung Kampfger�usche laut. Jo wirbelte herum und wollte gerade losrennen, wurde aber von Rhapsody, die blitzschnell mit der Hand nach ihr langte, zur�ckgehalten. </p><p>�Hier geblieben!� </p><p>Jo riss sich los. �Bist du nicht ganz bei Trost? Die beiden haben�s da mit einem Dutzend Bolg zu tun.� </p><p>�Mit einem Dutzend nur? Damit werden Achmed und Grunthor im Handumdrehen fertig. Warte lieber und halte mir den R�cken frei. Ich muss mich auf das Schloss konzentrieren.�</p><p>Seufzend gab Jo klein bei. �Nicht mal den kleinsten Spa� g�nnst du mir.�</p><p>Rhapsody wandte sich wieder der T�r zu und schmunzelte. �Hab ich dich nicht unterwegs im Gebirge k�mpfen lassen?� </p><p>�Pah, gegen nachtblinde und mit stumpfen Stein�xten bewaffnete Halbaffen�, entgegnete das M�dchen. �Das war doch erb�rmlich.�</p><p>�Wart�s ab. Du wirst dich sicher noch h�ufiger schlagen m�ssen, als dir lieb ist. Und kannst gleich mit mir anfangen, wenn du nicht sofort still bist.�</p><p>Ausgerechnet das letzte Loch steckte voller Dreck. Rhapsody pulte mit dem kleinen Finger darin herum, bis es frei war, und steckte dann den Pfeilschaft hinein, worauf aus dem Mechanismus nun ein Klingen wie von einer Zimbel ert�nte.</p><p>�Geh und hol Achmed, sobald die Luft rein ist. Wenn noch gek�mpft wird, bleib in Deckung�, sagte Rhapsody zu Jo, die sich in ihrer Erregung kaum bremsen konnte und nur wenige Augenblicke, nachdem sie losgelaufen war, mit beiden Firbolg wieder zur�ckkam.</p><p>�Hast du sie aufgekriegt?�, rief Achmed schon von weitem und wischte im Eilschritt das Schwert an seinem Umhang ab. </p><p>�Ich glaube ja�, antwortete Rhapsody mit Blick auf die T�r. �Zumindest hat es sich so angeh�rt. Aber ich wollte euch nat�rlich nicht vorgreifen und habe sie deshalb noch nicht aufgezogen.� </p><p>�Das m�sste f�r dich doch ein Leichtes sein, Dicker�, sagte Jo und meinte Grunthor, der von oben auf sie herabgrinste. Achmed nickte. Rhapsody nahm ihren Bogen zur Hand und legte einen Pfeil auf die Sehne, f�rchtete sie doch, dass hinter der schweren T�r m�glicherweise eine unangenehme �berraschung auf sie wartete.</p><p>Ihre Sorge erwies sich einen Augenblick sp�ter als durchaus berechtigt. Als Grunthor die T�r aufschwang, schlug ihnen ein Schwall staubiger Luft entgegen, die so abgestanden und faulig stank, dass Jo zu w�rgen anfing. </p><p>Rhapsody sprang dem M�dchen zur Seite und hielt seine Stirn gefasst, w�hrend Achmed �ber die Schwelle trat. Grunthor blieb zur�ck, um Deckung zu bieten f�r den Fall, dass weitere Bolg hinter ihnen im Tunnel aufkreuzten. Jo hatte sich schnell erholt und bestand darauf, an der Erkundung des riesigen Raums hinter der T�r teilnehmen zu d�rfen.</p><p>Gwylliams Bibliothek schien von der Zeit v�llig unber�hrt geblieben zu sein. Sie war von gewaltigen Ausma�en und voll von Dokumenten, Pergamentrollen oder gebundenen Folianten, Landkarten, Globen und Grafiken, und das alles in einer so gro�en Anzahl, dass wohl ein ganzes Heer von Schreibern und Gelehrten �ber Jahrhunderte daran gearbeitet hatte. Da reihten sich zahllose Regale von enormer H�he, in denen das gesammelte Wissen der cymrischen Zivilisation lagerte, als stummes Zeugnis ihrer einstigen Bl�te.</p><p>Rhapsody sah sich staunend um. Das hohe, glatt geschliffene Steingew�lbe war kobaldblau eingef�rbt und mit silbernen Sternen �bers�t, genau in der Konstellation, wie sie sich am Himmel �ber diesem Land zeigte. Ma�stabsgerechte und detaillierte Abbildungen der Kontinente, beschriftet mit den Namen, wie sie damals g�ltig waren, schm�ckten die W�nde ringsum.</p><p>Das heutige Roland und Sorbold waren ausgewiesen als die cymrischen L�nder, w�hrend Tyrian als Realmalir � das Reich der Lirin � bezeichnet wurde. Auch die anderen Teile der Welt waren kartografiert, nicht zuletzt die Versunkene Insel, der Ursprungsort der Cymrer; auf ihre Darstellung schien besonders viel Wert gelegt worden zu sein.</p><p>Fast �ber die gesamte Fl�che der riesigen Kuppel mit ihren Sternen erstreckte sich das Bild eines m�chtigen Drachen mit rot-goldener Haut, Schuppe f�r Schuppe liebevoll ausgemalt. Seine silbern gl�nzenden Krallen w�lbten sich �ber den L�ndern im Westen. Die Augen waren klare Edelsteine, zu Prismen geschliffen, die im Dunkeln zu gl�hen schienen. Aus dem Maul schlugen Flammenfresken in Rot und Orange. </p><p>In der Mitte des Raums befand sich ein gro�er runder Tisch, aus schwarzem Marmor gehauen. Darauf w�lbte sich eine kristallene Halbkugel. Ringsum standen mehrere verschiedenartige Apparaturen auf dem Boden; von der Decke dar�ber hing eine sonderbare Vorrichtung. Das Metall, aus dem sie geschmiedet war, zeigte keinerlei Spuren von Rost oder Verschmutzung, obwohl seit ihrem letzten Gebrauch Jahrhunderte vergangen sein mochten. Rhapsody h�tte gern einen genaueren Blick darauf geworfen, wurde aber abgeschreckt von dem, was auf dem Tisch zu sehen war.</p><p>Auf der Platte ausgestreckt und �ber die Kante hinaus h�ngend, lag eine mumifizierte Leiche auf dem R�cken, vollst�ndig angezogen, mit einer klaffenden Wunde in der Brust. Eine schlichte Goldkrone war ihr offenbar vom Kopf gerutscht und lag, auf die Seite gekippt, daneben. Als Achmed darauf zuging, geriet die Krone in Bewegung und rollte vom Tisch.</p><p>Dort, wo sie hinfiel, lag eine weitere Knochengestalt mit pergamentener Haut und gebrochenem Hals. Sie trug als Panzerung ein langes Kettenhemd, das ihr das grausame Schicksal offenbar nicht hatte ersparen k�nnen. </p><p>Grunthor zog die T�r bis auf einen Spaltbreit hinter sich zu, nachdem er ein paar Steine als Abstandhalter zurechtgelegt und sich vergewissert hatte, dass sie auch von innen ge�ffnet werden konnte. Dann warf er einen Blick auf Achmed, der mit verschr�nkten Armen �ber den Leichen stand und in seinem ansonsten ernsten Gesicht den Anflug eines L�chelns zeigte.</p><p>�Nun, wenn mich nicht alles t�uscht, ist das der gro�e und m�chtige Gwylliam.�</p><p>Rhapsody und Jo r�ckten vorsichtig n�her.</p><p>�Und wer ist der andere?�, fragte die S�ngerin.</p><p>Achmed blickte auf das zweite Gerippe. �Vermutlich ein W�chter. Seltsam, man sollte meinen, dass sie immer mindestens zu zweit auftreten. So jedenfalls war es unter den k�niglichen Gardisten der Seren �blich.� </p><p>�Woher wei�t du das?�, wollte Rhapsody wissen.</p><p>Achmed ignorierte ihre Frage. �Ich wage au�erdem zu behaupten, dass Gwylliam diesen W�chter hier eigenh�ndig get�tet hat.� Grunthor stimmte ihm kopfnickend zu; er hatte den Fall des Get�teten im Geiste rekonstruiert und war zu demselben Schluss gekommen.</p><p>�Aber Llauron hat doch erz�hlt, dass Gwylliam von Anwyn ermordet worden sei�, erinnerte sich Rhapsody, sichtlich irritiert.</p><p>�Vielleicht wei� er ja weniger, als er vorgibt. W�rde mich nicht wundern. Ich traue ihm n�mlich nicht.� </p><p>�Du traust doch niemandem�, sagte Jo in Gedanken. �Darf ich mal die Krone in die Hand nehmen?� </p><p>�Augenblick, Herzchen�, bremste sie Grunthor. �Vorher wolln wir uns noch �n bisschen umsehn, oder?� </p><p>Einen weiten Bogen um die Leichen schlagend, ging Rhapsody um den Tisch herum und musterte die Halbkugel in der Mitte, deren Scheitelpunkt �ber ihre eigene K�rpergr��e hinaus aufragte. Trotz der Staubschicht, die sich darauf angesammelt hatte, war der hohe Grad an Handwerkskunst, die in ihr steckte, unverkennbar. </p><p>Allem Anschein nach war die Halbkugel aus einem einzigen, fein geschliffenen Edelstein gearbeitet worden. Sie w�lbte sich �ber einem labyrinthischen Relief, das mit gro�er Sorgfalt in den Stein der Tischplatte eingemei�elt worden war.</p><p>�Was h�ltst du davon, Achmed?�</p><p>Der Dhrakier stellte sich an ihre Seite und untersuchte den fraglichen Gegenstand mit blitzschnell hin und her springenden Blicken. Nach einer Weile streckte er den Arm aus und ber�hrte die Halbkugel mit den Fingerspitzen, worauf der Stein und ein Teil des vermeintlichen Labyrinths schwach zu gl�hen anfingen. </p><p>Achmed schmunzelte. �Sehr viel.�</p><p>�Wie bitte?� </p><p>�Es setzt mir die Krone auf.�</p></section><section><title><p>45</p></title><p>�Alles, was wir brauchen, um uns die Bolg Untertan zu machen, steckt da drin. Es ist jetzt nur noch eine Frage weniger Wochen, dass sie sich zu einem vereinigten K�nigreich zusammenschlie�en, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Und dann werden sie zur gr��ten Macht aufsteigen, die es hier seit der cymrischen Invasion vor 1400 Jahren gegeben hat.�</p><p>Rhapsody sah den Freund schief von der Seite an. So �berschw�nglich hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie freute sich �ber seine gute Laune, verstand aber den Anlass nicht.</p><p>�W�rdest du uns freundlicherweise in deine Pl�ne einweihen?�</p><p>Achmed zeigte auf den Tisch. �Ich habe ein solches Instrument schon fr�her einmal gesehen. In unserer alten Welt. Es geh�rte dem Seren-K�nig, der damit Truppenbewegungen und Migrationsstr�me lenken konnte. Es wundert mich nicht, dass auch Gwylliam Gebrauch davon gemacht hat. Ein sehr n�tzliches Instrument, findest du nicht auch?�, fragte er mit Blick auf Rhapsody, die ihn mit r�tselnder Miene betrachtete.</p><p>�Tag f�r Tag lerne ich mehr von dir kennen, Achmed. Wir haben nun schon vierzehn Jahrhunderte miteinander verbracht, aber dass du in k�niglichen Kreisen verkehrt hast, ist mir neu. Wie kommt�s? Was hat dich in die N�he des Hochadels gef�hrt?�</p><p>�Er war immerhin ein Meuchelm�rder�, schaltete sich Grun-thor ein. �Was glaubst du, von wem er die meisten Auftr�ge hatte?!�</p><p>Jo staunte nicht schlecht. �Du warst ein berufsm��iger M�rder?�</p><p>Er achtete nicht auf das M�dchen und sagte, an Rhapsody gewandt: �Dieses Instrument wird uns zeigen, wo sich die gr��ten Gruppen der Bolg aufhalten und auf welchen Wegen sie umherziehen. F�r den Anfang nehmen wir einen kleinen nomadischen Stamm ins Visier, aus dem sich eine Eliteeinheit machen lie�e. Wenn wir damit erst einmal ein paar Siege errungen haben, wird sich sehr schnell herumsprechen, dass es sich allen anderen empfiehlt, m�glichst schnell auf unsere Seite �berzuwechseln.� </p><p>�Siege? Das h�rt sich bei dir so einfach und sauber an. Es geht doch um Schlachten, oder?� </p><p>Achmed schnaubte. �Wohl kaum. Um kleine Scharm�tzel, wenn�s hochkommt. All diese kleinen St�mme, die seit Jahrhunderten isoliert sind, werden gar nicht imstande sein, ernst zu nehmende Gegenwehr zu leisten. Als ich mich in Bethe Corbair umgesehen habe, ist mir zu Ohren gekommen, dass die in Bethania stationierten Streitkr�fte von Roland allj�hrlich unter der Parole �Fr�hjahrsputz� zu brutalen Eins�tzen ausr�cken. Sie �berfallen grenznahe Firbolg-Siedlungen, brennen ihre H�tten nieder und t�ten alle, die ihnen dabei in die Quere kommen, auch Frauen und Kinder.� Er ignorierte das Entsetzen in Rhapsodys Gesicht. �Was glaubst du, durch welche typische Eigenschaft der Bolg diese �berf�lle beg�nstigt werden?� </p><p>�Durch ihre Dummheit?� </p><p>�Ganz und gar nicht. Die Bolg sind n�mlich in Wirklichkeit ziemlich clever. Sie opfern einige wenige Schwache und Kranke aus ihren Reihen, um das orlandische Heer davon abzuhalten, tiefer in ihr Land vorzudringen � das die Bolg �brigens �Ylorc� nennen. Jahr f�r Jahr bauen sie die verw�steten Ortschaften wieder auf, in denen dann einige Ungl�ckliche ihren Kopf hinhalten m�ssen. Die starken M�nner von Roland kommen p�nktlich jedes Jahr herbeigeritten, metzeln wehrlose Opfer nieder und reiten als t�chtige, siegreiche Krieger, f�r die sie sich halten, wieder heim.�</p><p>�Und dem willst du ein Ende setzen, wenn ich dich recht verstehe�, folgerte Rhapsody.</p><p>�Nat�rlich.� </p><p>�Diese Schweine�, murmelte Jo. �Ihr k�nnt mit mir rechnen. Es wird mir ein Vergn�gen sein, diesen Mistst�cken das Fell �ber die Ohren zu ziehen.�</p><p>�Papperlapapp�, fuhr ihr Rhapsody in die Parade. �Achmed, wenn ich dich so reden h�re, muss ich annehmen, dass du davon ausgehst, wir vier k�nnten uns hunderttausend Bolg Untertan machen.� </p><p>�Exakt.� </p><p>�Falsch, denn die Chancen stehen noch schlechter, n�mlich drei zu hunderttausend, weil Jo dabei nicht mitmachen wird.� </p><p>�Wer hat dich denn gefragt?�, blaffte Jo. Ihr Gesicht war rot vor Wut. �Dieses verfluchte Bemuttern muss aufh�ren, Rhaps. Ich bin auf der Stra�e gro� geworden und kein Kind mehr. Besten Dank auch, aber ich kann auf mich selbst aufpassen. Und jetzt h�r mit dem Geglucke auf, sonst steck ich noch dein Haar in Brand.� </p><p>�Damit kannst du ihr nich dr�hn�, erwiderte Grunthor. �Du wei�t doch, mit Feuer kommt sie bestens klar. Aber ich k�nnte mir was Besseres f�r dich einfallen lassen, wenn sie keine Ruhe gibt.� Und mit verschmitztem Blick auf Rhapsody: �Lass gut sein, Euer Liebden. Sie hat verbl�ffend viel �hnlichkeit mit �nem anderen kleinen M�dchen, das ich mal kannte�, sagte er augenzwinkernd. Rhapsody konnte nicht anders und lachte. </p><p>�Na sch�n�, gab sie klein bei und nahm Jo in den Arm. �Du machst ja am Ende doch, was du willst. Wie soll�s jetzt weitergehen?�</p><p>�Zuerst einmal wird Jo die Krone rausr�cken und alles andere, was sie sich heimlich in die Tasche gesteckt hat.� </p><p>�Was?� Rhapsody trat einen Schritt zur�ck und schaute ihr in die Augen, die trotzig und verlegen zugleich dreinblickten. Tats�chlich war die Krone, die soeben noch auf dem Tisch gelegen hatte, verschwunden, und auch der Leiche fehlte inzwischen alles, was irgendwie von Wert war.</p><p>Grunthor streckte die offene Riesenpranke aus und mimte auf ernst. Dass ihm das nicht recht gelingen wollte, fiel nur Rhapsody auf, nicht aber dem M�dchen, das mit zu Boden gesenktem Blick die Krone herausgab. </p><p>�Und jetzt noch den Rest, junge Frau�, sagte der Firbolg. Z�gernd langte Jo in ihre Tasche und brachte eine Hand voll Schmuckst�cke daraus zum Vorschein.</p><p>�Ist das wirklich alles?� </p><p>Das M�dchen nickte. </p><p>�Von wegen.� Achmeds Hand schnellte nach vorn und riss Jo die Tasche von der Weste, die Rhapsody ihr in Bethe Corbair gekauft hatte. Rhapsody wollte gerade w�tenden Protest erheben, doch als sie einen Goldring aus der Tasche zu Boden fallen sah, wo er klirrend in immer kleiner werdenden Kreisen ausrollte, verschlug es ihr die Sprache.</p><p>Achmed b�ckte sich, um den Ring aufzuheben.</p><p>�Du kannst schlecht rechnen, Josephine�, sagte er und sprach den ihr verhassten Namen aus. �Daf�r h�ttest du dir in Bethe Corbair ein gutes Pferd oder zwei Morgen Land kaufen k�nnen. Aber jetzt kostet es dich weit mehr. Denn du hast um den Preis meines Vertrauens gelogen. Niemand macht dir hier irgendetwas streitig, aber alle Sachen, die wir hier finden, sind erst einmal Indizien, aus denen wir schlau werden m�ssen, wenn wir denn �berleben wollen. Sch�n, dass du f�r dich selbst sorgen kannst, aber es macht dich zu einer Gefahr f�r die Gruppe. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich riskieren k�nnte, ein ungezogenes G�r bei mir zu haben, das sich nicht an die Regeln halten will. Morgen wirst du eines der Pferde nehmen und nach Bethe Corbair zur�ckreiten.� </p><p>�Und ich werde dann mit ihr gehen�, sagte Rhapsody, um Fassung bem�ht, was ihr noch schwerer fiel, als sie der Schwester ins Gesicht blickte und sah, wie ihr trotz der tapferen Miene, die sie aufgesetzt hatte, Tr�nen in den Augen standen. �Und bitte lass Jo so lange in Frieden. Ich m�chte nicht, dass du weiter auf ihr herumhackst.�</p><p>Achmed zeigte sich unger�hrt. �Du willst dich von uns trennen? Ihr zuliebe?�</p><p>�Wenn es denn sein muss.� </p><p>�Warum?� </p><p>Rhapsody blickte von dem zitternden M�dchen in Achmeds ausdrucksloses Gesicht. �Weil sie mich n�tiger hat.� </p><p>�Nun mal halblang�, mischte sich Grunthor ein. �Es wird wohl noch �n bisschen dauern, bis sie sich an unsere Gesellschaft gew�hnt hat und daran, dass sie nich mehr auf der Stra�e ist. Hab ich Recht, Herzchen? Ich verb�rge mich f�r sie; sie wird das nich noch mal tun. Stimmt�s, Jo?� </p><p>�Und wir k�nnten sie au�erdem von der Bibliothek fern halten. Sie wird dann so lange das Lager h�ten m�ssen�, schlug Rhapsody vor.</p><p>�Es tut mir Leid�, fl�sterte Jo und lenkte die erstaunten Blicke der anderen auf sich, die ihren Ohren kaum trauen mochten. </p><p>�Und? Geben wir ihr noch eine Chance, Achmed?�</p><p>�Ich bin wohl �berstimmt. Also gut. Vielleicht ist es ein Fehler, aber diesmal will ich noch ein Auge zudr�cken. Du bist mir allzu unbesonnen und ziemlich eigensinnig, Jo. Aber das liegt wohl in der Familie.� Er warf einen Blick auf Rhapsody, die schmunzelnd auf ihre Schuhspitzen blickte. �Und damit eines ganz klar ist: Noch mal lasse ich mich nicht rumkriegen. Wenn du nicht mit uns am selben Strang ziehen willst, bist du drau�en. Ich habe keine Lust, deiner albernen Alleing�nge wegen mein Leben aufs Spiel zu setzen � oder das von Grunthor oder Rhapsody. Das bist du nicht wert.� </p><p>�Jetzt reicht�s aber�, sagte Rhapsody. �Sie hat�s verstanden.�</p><p>Achmed sah die S�ngerin an und sagte auf Bolgisch: �Denk an meine Worte. Wir werden�s noch bereuen.� </p><p>�Seltsame Worte von jemandem, der m�chte, dass ich ihm helfe, vier Leute gegen ein ganzes Heer von Bergungeheuern ins Feld zu schicken�, entgegnete Rhapsody, legte dem M�dchen einen besch�tzenden Arm um die Schulter und f�hrte sie zu einem Stuhl. �Alles in Ordnung mit dir?� </p><p>Jo nickte. Sie hatte die Z�hne so fest aufeinander gebissen, dass die Kiefermuskeln bebten. </p><p>�Setz dich und halt dich f�r eine Weile zur�ck. Achmed kann sehr ruppig sein, aber er versucht nur, unser �berleben zu sichern.�</p><p>�Das sehe ich ja ein�, murmelte Jo. �Aber im Augenblick gehst du mir auf die Nerven. Bitte, lass mich allein.� </p><p>Gekr�nkt kehrte Rhapsody zu den beiden Firbolg zur�ck, die sich vor dem steinernen Tisch berieten. </p><p>�Die Gruft muss da drunter sein�, sagte Grunthor und zeigte auf die Mitte des Tisches.</p><p>�Aber wie verr�cken wir den?�</p><p>�Dar�ber k�nnen wir uns sp�ter Gedanken machen. Aufgepasst!� Achmed legte seine Hand auf die gl�serne Kuppel, und wieder fing der Kristall zu gl�hen an. Auf dem Tisch darunter flammten, mal hier, mal da, einzelne Lichtflecken auf. Was Rhapsody ein gro�es R�tsel war, schien Achmed und Grunthor bekannt zu sein, ja, sie fachsimpelten dar�ber.</p><p>Rhapsody warf einen Blick zur�ck auf Jo, die mit verschr�nkten Armen dahockte und vor sich auf den Boden starrte. Als sie sich wieder den beiden Bolg zuwandte, hatten diese allem Anschein nach eine Entscheidung getroffen. </p><p>�Wir m�ssen noch ein paar Untersuchungen anstellen�, sagte Achmed und zog seine Handschuhe �ber. �Ich schlage vor, ihr, du und Jo, wartet hier und seht euch in der Bibliothek ein bisschen um. Vielleicht findet ihr das eine oder andere Manuskript, das uns weiterhelfen k�nnte. Die Bolg haben diese T�r nie ge�ffnet; wenn wir sie nur anlehnen, wird wahrscheinlich niemand merken, dass sie offen ist.� </p><p>�Und wenn doch? Was, wenn sie kommen und wir hier in der Falle stecken?�</p><p>�Nun, du hast ein h�bsches Schwert, und unser Backfisch brennt doch geradezu darauf, sich zu schlagen. Ihr werdet euch schon zu wehren wissen.�</p><p>�Du bist ja r�hrend um uns besorgt�, antwortete Rhapsody sp�ttisch und sah sich wieder nach dem M�dchen um. </p><p>�Wir werden nicht allzu lange weg sein. Grunthor hat sich schon davon �berzeugt, dass die T�r auch von innen zu �ffnen ist. Wenn wir aber in ein oder zwei Tagen immer noch nicht wieder...� </p><p>�In ein oder <emphasis>zwei</emphasis> Tagen?�</p><p>� ... da sein sollten, kehrt nach Bethe Corbair zur�ck. Es wird euch an nichts mangeln. Da gibt�s doch diesen gro�en Markt, wo ihr euch nach Herzenslust bedienen k�nnt.�</p><p>�Du bist ein Ekel�, entgegnete Rhapsody und sah aus den Augenwinkeln Grunthor schmunzeln. Der Riese ging auf das M�dchen zu, das immer noch starr und steif auf dem Stuhl hockte.</p><p>�Halt die Ohren steif, junge Frau, und sieh dich gr�ndlich um. Vielleicht findest du was, das wir gebrauchen k�nnten.� </p><p>�Ja, ja�, antwortete Jo. Grunthor t�tschelte ihr den Kopf und verabschiedete sich von Rhapsody mit herzlicher Umarmung. </p><p>�Bis bald, Gr�fin�, sagte er und folgte dem Schatten, der schon lautlos durch die gro�e Steint�r nach drau�en geschl�pft war. </p><p>Gefl�ster in uralten G�ngen.</p><p>�Nachtmann. Hat Brax-Auge und Klauen-Grak mit Himmelsfeuer tot gemacht.�</p><p>�Und hat Frau von Grak ein Schlitzeisen gegeben. Jetzt tr�gt sie sein Kind.�</p><p>Die Bolg sahen sich hektisch um, �ngstlich, auf das Schlimmste gefasst.</p><p>�Vielleicht ist er hier. Das Blut von Nachtmann ist Dunkelheit.� �Nachtmann kommt, um Bolg zu t�ten?� �Nein, Nachtmann ist Bolg. Vielleicht Bolg-Gott.� �Vielleicht will er Feuerauge st�rzen. Und den Geist.� Es blieb eine Weile still. Dann wurde ein Gedanke ausgesprochen, dem alle beieinander kauernden Bolg kopfnickend beipflichteten. �Viel Blut wird flie�en.�</p><p>Als die beiden fort waren, machten sich Rhapsody und schlie�lich auch Jo daran, die Best�nde der Bibliothek zu sichten. Als Erstes sahen sie das Kartenmaterial und die Fahrtenb�cher durch, die Gwylliam w�hrend seiner Reise von der Versunkenen Insel in die neue Welt angelegt hatte. Rhapsody las Ausz�ge daraus vor und �bersetzte aus dem Alt-Cymrischen.</p><p>Beim Abschreiten der Regale wurde ihnen das Ordnungssystem deutlich, das dem Grundriss entsprach und der �berzeugung Gwylliams folgte, wonach das Sechseck die Stabilste aller architektonischen Formen sei. Au�erdem fanden sie eine zweite T�r. Ihre Bedenken waren schnell zerstreut, und so beschlossen sie, nicht erst auf Achmed und Grunthor zu warten, sondern den Raum dahinter auf eigene Faust zu erkunden. </p><p>Unter Aufbietung aller Kr�fte wuchteten sie die schwere Steinplatte auf und traten in einen Tunnel, der �ber eine Treppe hinab in eine H�hle f�hrte, die voller rostiger Maschinen stand; Maschinen mit gro�en Schwung- und Getrieber�dern, langem Gest�nge und endlosen Rohrleitungen, und das in einer Menge und Vielfalt, dass der ganze Marktplatz von Bethe Corbair damit h�tte gef�llt werden k�nnen. </p><p>�Wozu soll das wohl gut sein?�, fl�sterte Jo. �Was meinst du?�</p><p>�Das wei� ich auch nicht genau�, antwortete Rhapsody und bl�tterte durch ein Manuskript, das sie aus der Bibliothek mitgenommen hatte. �Aber ich glaube, dies hier war die zentrale Bel�ftungsanlage.� </p><p>Jo war schon �ber ein paar Steinstufen vorausgegangen und bestaunte ein riesiges Zahnrad, dessen einzelne Zacken gr��er waren als ihre Hand. �Die was?�</p><p>�Wenn mich nicht alles t�uscht, war das die Anlage, mit der die Atemluft im Berg umgew�lzt wurde. Und es scheint, dass sie schon eine Weile au�er Betrieb ist, denn sonst w�r�s hier nicht so stickig.� </p><p>Ohne ihren staunenden Blick von dem imposanten Maschinenkomplex abzuwenden, fragte Jo: �Wie hat sie funktioniert?� </p><p>�Keine Ahnung. In seinen Schriften prahlt Gwylliam immer wieder damit, dass er es geschafft hat, den Berg mit Frischluft und W�rme versorgen zu k�nnen. Die Festung hier im Massiv der Zahnfelsen war sein Hauptquartier. Hier hatte er seine Gro�e Halle, den Thronsaal und all die Verteidigungsanlagen, mit denen er die feindlichen Streitkr�fte auf Abstand hielt. Ich muss schon sagen, das alles ist sehr beeindruckend. Das Bel�ftungssystem hat den Berg f�r diejenigen Cymrer, die es hierher zwischen die Zahnfelsen verschlagen hatte, erst bewohnbar gemacht.�</p><p>�Wie bitte? Ich dachte, dass sich alle Cymrer Gwylliams hier im Gebirge niedergelassen h�tten.� </p><p>�Tats�chlich haben die meisten Cymrer von Canrif jenseits der Z�hne gewohnt, n�mlich auf der von Gwylliam so genannten Verdorrten Heide � was immer das hei�en soll. Jedenfalls ist diese Landschaft so gro�, dass man sie nicht einmal von den Gipfeln der Felsen aus �berblicken kann. Ich zeig dir, wenn wir wieder in der Bibliothek sind, ein Buch, darin ist dieses Land beschrieben.�</p><p>�Das wird nichts n�tzen�, antwortete Jo mit Blick auf das still stehende Getriebe aus Stein und Metall, das im Dunkeln geradezu gespenstisch wirkte. �Ich kann nicht lesen.�</p><p>Rhapsody nickte. �Das habe ich mir gedacht. Ich w�rde mich freuen, dir Unterricht geben zu k�nnen. Auch Grunthor hat von mir lesen gelernt.�</p><p>�So, so.� Jo stieg �ber die in den Fels gehauenen Stufen weiter nach unten.</p><p>�Komm, wir sollten lieber wieder kehrtmachen�, dr�ngte Rhapsody. �Warten wir mit der Erkundung dieser H�hle, bis die beiden zur�ck sind.�</p><p>Das M�dchen seufzte entt�uscht, folgte aber der Schwester ohne Widerworte in die Bibliothek zur�ck. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, als Achmed und Grunthor sichtlich ersch�pft wieder aufkreuzten. Grunthor hatte sich eine kleinere Verletzung an der Hand zugezogen, die Rhapsody sofort verarztete, obwohl er eine solche Behandlung �bertrieben fand. Ansonsten waren die beiden mit dem Ergebnis ihrer Erkundigungen sehr zufrieden.</p><p>�In der Ruinenstadt wohnen noch welche�, berichtete Achmed, w�hrend sie zu Abend a�en. �Die Cymrer hei�en bei denen �brigens <emphasis>Willums.�</emphasis></p><p>�Interessant�, sagte Rhapsody. �Dann scheint Gwylliam ja bei manchen noch in guter Erinnerung zu sein.� </p><p>�Dachte ich mir doch, dass dir das gef�llt, Rhapsody. Wie dem auch sei, die St�mme sind �ber das ganze Bergland und bis tief in das alte Cymrerreich hinein verstreut. Wir haben nur ein paar kleinere Sippschaften vorgefunden.�</p><p>�Ja, wir sind auf etliche Klauen und Augen gesto�en; aber Beuschel warn keine dabei�, f�hrte Grunthor mit vollem Mund aus.</p><p>�Klauen und Augen? Beuschel? Wovon redest du?�</p><p>�Das sind Beinamen der hiesigen Bolgst�mme. Die so genannten Klauen zeichnen sich vor allem durch ihre K�mpfer, J�ger und R�uber aus. Auf die haben es die Truppen aus Roland ganz besonders abgesehen. Die Augen sind � der Name sagt es schon � die Sp�her. Sie halten sich meist auf Berggipfeln auf, die die Steppe im Westen oder die Heide im Osten �berblicken. Sie sind schlanker und weniger muskul�s als andere Bolg und leben vor allem von Aas. Die Beuschel schlie�lich wohnen tief im Berg oder an anderen versteckten Orten des Landes. Wir konnten kaum etwas �ber sie herausfinden, nur so viel: Sie z�hlen zu den am meisten gef�rchteten St�mmen. Meist bleiben sie unter sich und zur�ckgezogen. Aber wehe, wenn sie rauskommen. Die einzelnen Oberh�upter verk�rpern den jeweiligen Typ ihrer Sippe. �brigens, wir haben jetzt selbst ein paar Klauen in unseren Reihen: eine kleine Meute mit dem Namen Nachtpiraten.�</p><p>�Wie bitte?� </p><p>Grunthor grinste und zeigte dabei seine gef�hrlich spitzen Hauer. �Ja, unser Kriegsherr hier � so wird er seit neuestem genannt � hat jetzt seine kleine Leibgarde.�</p><p>�Kriegsherr?�, hakte Rhapsody nach.</p><p>�H�rt sich doch besser an als �Nachtmann�, oder? So hat man mich hier zuerst genannt�, erkl�rte Achmed, nachdem er einen Bissen hinuntergeschluckt hatte.</p><p>�H�tte man mich gefragt, w�rdest du Obertort hei�en�, warf Jo ein.</p><p>Rhapsody verkniff sich ein Schmunzeln. �Wo sind diese... diese Nachtpiraten jetzt?�</p><p>�Gefesselt in einem der unteren G�nge.�</p><p>Sie lie� vor Schreck ihr Brot aus der Hand fallen. �Gefesselt? Werden nicht andere Bolg �ber sie herfallen?� </p><p>�M�glich, aber die Nachtpiraten gelten weit und breit als die mit Abstand gef�hrlichste Bande. Ich glaube kaum, dass andere es wagen w�rden, den Zorn derer auf sich zu lenken, die die Piraten �berw�ltigt und an die Kette gelegt haben.� </p><p>Achmed sollte Recht behalten. Zwar kamen andere Bolg an den gefangenen Piraten vorbei, doch niemand versuchte, sie zu attackieren, geschweige denn zu befreien. All das war auf dem gro�en Marmortisch unter der Halbkugel zu beobachten. Achmed machte die beiden Frauen auf jene Lichter aufmerksam, die f�r seine Gefangenen standen, und auf das Flackern, das die Bewegungen der fremden Besucher markierte.</p><p>Jo hatte eine Entdeckung gemacht, durch die sie in Achmeds Einsch�tzung einiges an Wert dazugewinnen konnte. Sie war es, die herausfand, welchem Zweck die anderen Ger�te dienten. Der �ber dem Tisch von der Decke h�ngende Schlauch war ein Sprachrohr, das es dem Anwender m�glich machte, alle oder wahlweise auch nur bestimmte H�hlentrakte akustisch zu erreichen. Was da neben dem Tisch aus dem Boden ragte, war das Gegenst�ck dazu, n�mlich ein H�rrohr, mit dem Signale aus allen Ecken und Winkeln direkt in die Bibliothek geleitet wurden.</p><p>Beide Ger�te waren mit dem Ventilationssystem verbunden, jenem weit verzweigten Netz aus Sch�chten und Kan�len, das die ganze Bergfestung durchzog und f�r frische Atemluft sorgte. Wenn in den kalten Monaten geheizt werden musste, wurde ein Teil der zugef�hrten Luft durch Gwylliams gro�e Esse im tiefsten Innern des Gebirges umgeleitet.</p><p>In dieser l�ngst stillgelegten Schmiede waren fr�her enorme Mengen an Stahl, Bronze und anderen wertvollen Metallen gegossen und zu den edelsten Waffen und R�stungsteilen weiterverarbeitet worden, die die Welt damals gekannt hatte.</p><p>Achmed hatte aus verschiedenen Vitrinen eine Auswahl an Waffen gesammelt und diese nun auf einem der langen Arbeitstische nebeneinander gelegt. Rhapsody kam dazu, als Grunthor liebevoll mit der Hand �ber eines der Schwerter fuhr, und weil er so traurig dreinblickte, legte sie ihm zum Trost eine Hand auf den Arm. </p><p>�Woran denkst du?�, fragte sie.</p><p>Grunthor schaute auf sie herab und l�chelte matt. �Ach, nichts Besonderes, Herzchen.�</p><p>�Fehlt dir die Truppe?� </p><p>�Nein, wir werden wohl bald wieder eine neue zusammengestellt ham. Ich dachte nur: Mann, was f�r �ne Verschwendung das alles ...�</p><p>Rhapsody seufzte. Ihr war etwas ganz �hnliches durch den Kopf gegangen, und es schmerzte sie zu sehen, wie weit es die Cymrer, ihre einstigen Landsleute, ja vielleicht die Nachkommen der eigenen Familie gebracht hatten. </p><p>In den zur�ckgebliebenen Anlagen und Erzeugnissen sah sie das Lebenswerk von Handwerkern, Ingenieuren, Architekten, Zeichnern und Bauarbeitern, die �berragendes geleistet hatten, M�nnern und Frauen mit gro�en Visionen und F�higkeiten. Doch was von ihnen aufgebaut worden war, war schlie�lich t�richten Machtgel�sten geopfert worden.</p><p>�Nimm�s nicht so schwer, Grunthor�, sagte sie und rang sich ein L�cheln ab. �Stell dir vor, was Gwylliam f�r Augen machen w�rde, wenn er erf�hre, dass all seine ausgekl�gelten Installationen und Waffen bald in den H�nden der Bolg sein und dem Aufbau ihrer Zivilisation dienstbar gemacht werden. Gwylliam w�rde sich sicher im Grab umdrehen.�</p><p>Der Sergeant schmunzelte. �Wenn das da dr�ben seine Leiche ist, k�nnen wir ja nachhelfen, bis er eine so hohe Umdrehungszahl erreicht, dass die ganze Maschinerie wieder zu laufen anf�ngt.� </p><p>Achmed hatte schon eine weitere Bolg-Gruppe ins Visier genommen, die er f�r sich zu rekrutieren gedachte. Die zur Augen-Sippschaft z�hlenden Dunkeltrinker waren flinke R�uber, die im Schatten der Berge einsamen Wanderern oder kranken, schwachen Bolgbr�dern auflauerten.</p><p>Diesmal machten sich alle vier auf den Weg durch die Tunnel. Sie st�berten die Gesuchten auf und schlugen entschlossen zu mit dem Ergebnis, dass Achmed schon nach einer Stunde eine Gruppe gef�giger Sp�her um sich scharen konnte.</p><p>�Ich will, dass ihr folgende Nachricht verbreitet�, befahl der neue Kriegsherr denen, die den Kampf �berlebt hatten. �Der K�nig der Ylorc ist zum Berg gekommen. Wer ihm dienen m�chte, soll sich bei Vollmond, heute in zehn Tagen, in der Schlucht jenseits der Zahnfelsen einfinden. In drei Tagen werdet ihr mich einatmen sp�ren, kalt wie Winterwind. So lade ich euch vor. Am Tag darauf werde ich ausatmen, und wieder werdet ihr es sp�ren, diesmal als einen warmen Wind. Kommt zur Vollmondnacht in die Schlucht. Wer der Vorladung nicht Folge leistet, wird am elften Tag von den Flammen in meinem Bauch verzehrt werden.� Als sie diese Worte h�rten, blinzelten die zerlumpten H�hlenbewohner nerv�s mit den Nachtaugen.</p><p>Tief im Verborgenen Reich erwachte der Bolg-Schamane in der Dunkelheit seiner H�hle. Die aufspringenden Augen schmerzten an den R�ndern, ja, bluteten sogar ein wenig, als er langsam zur Besinnung kam. </p><p>Seine Vision nahm Formen an. Er hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, sich aufzurichten und die H�nde vor den Kopf zu schlagen, ehe sie �ber ihn kam wie ein Sturmwind.</p><p>Da war etwas ins Gebirge gekommen. Wie ein dumpfes Summen t�nten Stimmen, die unter den Augen-Klans laut wurden und von einem Mann berichteten, der sich in Finsternis h�llte. Doch es waren nur bruchst�ckhafte Informationen, die den Weg bis in das Land weit hinter den Zahnfelsen fanden. </p><p>Saltar, den die Bolg Feuerauge nannten, legte seine H�nde auf die Brust und konzentrierte sich auf seine Vision, doch sie blieb unklar. Die Bilder waren ihm zwar auf seltsame Weise vertraut, ergaben aber keinen Sinn. Es blieb ihm nichts anderes �brig, als abzuwarten und wachsam zu sein. </p><p>�Clever von dir, mit deinem m�chtigen Atemzug zu drohen, bevor nicht klar ist, ob diese Kiste auch tats�chlich wieder in Gang gebracht werden kann�, murmelte Rhapsody. Sie sa� auf Grun-thors Schultern und versuchte, einen der Getriebehebel zu bewegen.</p><p>Sie befanden sich tief im Innern von Gwylliams Bel�ftungsanlage. Dank der gefundenen Pl�ne und Skizzen war es ihnen nach m�hevoller Suche gelungen, die Einzelteile der Anlage und deren Funktionsweise zu unterscheiden. Dann hatten die M�nner drau�en im schroffen Fels gef�hrliche Kletterpartien unternehmen m�ssen, um die in Jahrhunderten der Vernachl�ssigung mit Ger�ll verstopften Ausg�nge der Bel�ftungssch�chte frei zu bekommen. B�iger Wind heulte �ber sie hinweg, zerrte an ihren Kleidern, und immer wieder drohten sie in den Abgrund zu st�rzen.</p><p>Die Bel�ftungsanlage war aus dem gleichen sonderbaren Material gebaut worden, das Achmed und Grunthor auch schon in der Kathedrale von Avonderre bestaunt hatten, einem Metall, das einfach keinen Rost ansetzte, auch nach Jahrhunderten nicht. Die Maschinerie schien darum im Gro�en und Ganzen noch betriebsbereit zu sein, abgesehen davon, dass manche Getriebeteile blockiert und einige Passst�cke undicht geworden waren.</p><p>�Selbst wenn wir diese Hebel wieder g�ngig gemacht haben, hei�t das noch lange nicht, dass die Maschine auch l�uft, wenn wir sie brauchen�, warnte Rhapsody von ihrem Hochsitz auf den Schultern des riesigen Firbolg herab. �Es k�nnte jederzeit an irgendeiner anderen Stelle haken.� Tats�chlich waren Teile, die auf Anhieb funktioniert hatten, bei einem zweiten Probedurchgang festgefahren. </p><p>�Das ist das letzte Ventil. Wenn du den Hebel umlegen kannst, wird das gesamte System offen sein. Und das nach nur zwei Tagen Arbeit. Nicht schlecht, oder?�, sagte Achmed, der, von Jo unterst�tzt, die Lager einer riesigen Kurbelwelle schmierte und dann ein letztes Mal die Sicherheitskette pr�fte. </p><p>�Wie sieht�s bei euch aus?�</p><p>�Versuchen wir�s�, sagte Rhapsody zu Grunthor. Der Riese nickte, hob sie von den Schultern und zog dann mit einem kr�ftigen Ruck am Hebel. Die damit verbundene Klappe ging knirschend auf. </p><p>�Prima. Und jetzt schnell wieder zumachen�, sagte Achmed. �Wir wollen unseren �Atem� noch ein bisschen anhalten.� </p><p>Am n�chsten Morgen stieg aus dichtem Nebel die Sonne �ber den Zahnfelsen auf. Gerade als sie hinter der Gipfelkette zum Vorschein kam, wurde im Berg ein gewaltiges Kreischen laut. Es klang, als w�re ein Riesenschwert an einen gigantischen Schleifstein gelegt worden. Wenige Augenblicke sp�ter zog ein eisiger Wind durch die Tunnel von Canrif. Heulend drang er bis in die letzten Winkel vor und st�rmte mit der Kraft eines Orkans �ber die Bolg hinweg, die in den H�hlen hausten.</p><p>Deren Schreckensschreie gellten durch den ganzen Berg und waren sogar noch in der tiefen Schaltzentrale zu h�ren. </p><p>�Es reicht, Achmed�, sagte Rhapsody mit besorgter Miene. �Wir wollen schlie�lich nicht, dass sie erfrieren.� </p><p>Achmed nickte, worauf Grunthor und Jo die Au�enventile wieder zusperrten. Dann verschlossen sie auch noch die anderen Teile der Anlage, w�hrend Achmed und Rhapsody �ber die Treppe nach oben zum Sprachrohr eilten. </p><p>�Das mit der L�ftung wird doch so nicht bleiben, oder?�, fragte Rhapsody unterwegs. �Denn dann h�tten wir Canrif in k�rzester Zeit leer gefegt.�</p><p>�Nein. Die Luftverh�ltnisse zwischen innen und au�en m�ssen sich nur erst richtig einpendeln. �brigens, ab sofort hei�t Canrif nicht mehr Canrif, sondern <emphasis>Ylorc</emphasis>. Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Gwylliams Zeitalter liegt �ber tausend Jahre zur�ck.�</p><p>Als sie den steinernen Tisch erreicht hatten, zog Rhapsody ihre Lerchenfl�te aus der Tasche. Sie hatten sich am Vorabend darauf verst�ndigt, dass es besser sein w�rde, Achmeds rauer Fl�sterstimme einen schrilleren Ton zu unterlegen, damit seine erste Ansprache den Zuh�rern im Berg noch mehr Furcht einfl��te. </p><p>Sie begann mit einer schaurigen Melodie, die den Ton in der Stimme des Dhrakiers vorwegnahm und verzerrte. Auch die heulenden Winde, das Geschrei und Jammern der Bolg fand darin Ausdruck. Achmed f�hrte das Rohr an den Mund und hob zu sprechen an:</p><p>�Morgen atme ich aus. Es wird ein einziger Luftschwall sein, der euch mein Herz sp�ren l�sst, einen kurzen Moment nur, denn ihr sollt nicht verbrennen. Wer, wenn Vollmond ist, zu mir in die Schlucht kommt, wird an der neuen Macht von Ylorc Anteil haben. Alle anderen sind des Todes.� Seine Stimme hallte in einem monstr�sen Echo nach. Achmed verschloss das Sprachrohr. </p><p>�Das war ja wirklich schrecklich�, meinte Rhapsody und steckte die Fl�te weg. �Ob wir sie denn auch �berzeugt haben?� </p><p>�Zumindest einen Teil. Andere werden sich morgen �berzeugen lassen. Und dann wird�s bestimmt auch ein paar Trotzk�pfe geben, die dem neuen Kriegsherrn lieber die Stirn bieten, als dass sie sich mit geborgter Macht zufrieden geben w�rden.�</p><p>�Und womit willst du die �berzeugen?�</p><p>�Sie werden keine Zeit mehr haben, ihren Argwohn zu bereuen.�</p><p><emphasis>Er hat seinen Atem �ber uns kommen lassen,</emphasis> sagten die Sp�her vom Frost-und-Feuer-Klan. <emphasis>Ein eiskaltes Sturmgebr�ll</emphasis>. </p><p>Saltar rieb sich die Augen, um seinen vision�ren Blick zu sch�rfen, der ihm zwar nicht die Zukunft offenbarte, wohl aber das, was sich anderenorts schon als Wirklichkeit abzeichnete und unausweichlich n�her kam. </p><p><emphasis>Sturmgebr�ll</emphasis>. Das Wort dr�hnte in seinem Sch�del.</p><p>Der Geist schaute immer in den Wind. Was da nun mit dem Wind aufzog, war vielleicht genau das, was er suchte. </p></section><section><title><p>46</p></title><p>�Das funktioniert nie.�</p><p>�Sei doch nich so pessimistisch, Gr�fin. Versuch�s einfach.� </p><p>Rhapsody wandte sich dem schmunzelnden Riesen zu. �Versteh doch. Eine Schmiede dieser Gr��enordnung l�sst sich nicht so ohne weiteres hochfahren. Selbst wenn wir eine Woche Zeit zum Einheizen h�tten, w�rden wir allenfalls auf Temperaturen kommen, die Eis zum Schmelzen bringen, mehr aber auch nicht.� </p><p>�Wir m�ssen ja auch nichts zum Schmelzen bringen�, entgegnete Achmed geduldig. �Es reicht, wenn sich die Luft erw�rmen l�sst. Im �brigen scheint da ohnehin eine Warmfront aufzuziehen; das sieht man an den Wolken. Und wenn du an deine Feuertaufe zur�ckdenkst und dich feste darauf konzentrierst, sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn�s uns nicht gel�nge, den Bolg weiszumachen, dass ich ihnen meinen warmen Odem ins Gesicht blase.�</p><p>�Wenn ihnen das, was da tats�chlich aus deinem Mund kommt, in doppelter Dosis um die Nase wehte, h�tten wir leichtes Spiel�, frotzelte Jo, die den Blasebalg bediente und das von den anderen beschickte Feuer anfachte. �Vielleicht sollten wir ein bisschen Stinkkraut in die Flammen werfen.� </p><p>Grunthor rieb sich das Kinn. �Das war gar nich so verkehrt.�</p><p>�Vielleicht ein anderes Mal. Trotzdem, sch�nen Dank f�r den Vorschlag, Jo�, sagte Achmed und wandte sich der S�ngerin zu. �Fertig? Beeilung, es ist bald Morgen.�</p><p>Rhapsody blickte auf den riesigen, mit Kupferspangen verst�rkten Blasebalg, der voller L�cher war und schlaff herabhing. Auch all die anderen Ger�tschaften in der tief im Berg verborgenen Schmiede waren von so gewaltigen Ausma�en, dass es einem die Sprache verschlug. Fr�her hatten hier bestimmt an die tausend Arbeiter rund um die Uhr schuften m�ssen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. </p><p>Die vier hatten einen Berg mit Kohle ausfindig gemacht, dazu auch Schaufeln und Schubkarren f�r den Transport zur Esse. </p><p>Hier und da lagen vereinzelt Skelette auf dem Boden, �berreste der Arbeiter, die nicht mehr hatten fliehen k�nnen, als Gwylliams Berg von den Firbolg �berrannt worden war. Die Gebeine waren, von Rhapsody mit einem Trauerlied bedacht, als Erstes den Flammen �bergeben worden, gut vierhundert Jahre zu sp�t. Dem Knochenbau nach mussten die <emphasis>Nain</emphasis> � als solche wusste Achmed die Toten zu identifizieren, und Grunthor best�tigte dies � ungemein kr�ftig gewesen sein, breite Schultern und einen m�chtigen Brustkasten gehabt haben.</p><p>Rhapsody holte nun tief Luft, legte die H�nde an den Rand der Esse, konzentrierte sich und vertrieb alle Zweifel, die ihr seit der Eroberung des Berges zu schaffen machten.</p><p>Sie rief ihr Seelenfeuer auf, lie� es t�nen und summte mit ge�ffnetem Mund, bis ihm eine Musik entsprang, die durch die ganze H�hle hallte. Sie sp�rte die Flammen auflodern, das Gesicht bescheinen und die Kleider so hei� werden, dass sie sich zu entz�nden drohten.</p><p>Wie von fern h�rte sie die Rufe der anderen, die nun mit vereinten Kr�ften den riesigen Blasebalg bewegten. Rhapsody blendete alle �u�eren Ger�usche aus und richtete ihre Sinne allein auf die brennende Kohle in der tiefen Esse.</p><p>Das Feuer brauste bald so laut, dass es alles andere �bert�nte, sogar den Blasebalg, der wie ein gigantischer Dudelsack quietschte.</p><p>Als schlie�lich die Ventilklappen kreischend aufgingen, verlor Rhapsody ihre Konzentration und taumelte r�cklings �ber den Rand der Esse. Zum Gl�ck war Achmed zur Stelle, um sie am Fallen zu hindern. Und wieder drangen ihr die Schreie der Bolg ans Ohr, die aber diesmal nicht von Schmerz und Entsetzen zeugten, sondern von Begeisterung.</p><p>�Genug. Schlie�t das Ventil�, verlangte Achmed von Grunthor und Jo. �Sonst gew�hnen sie sich an die W�rme, obwohl der Winter noch ein paar Wochen anhalten wird.� Und dann an Rhapsody gewandt: �Du hast�s geschafft.�</p><p>Sie war sichtlich ersch�pft. �Ja. Ich hoffe, man wird mir irgendwann vergeben. Ich selbst werde mir wohl nie verzeihen k�nnen.�</p><p>Gurrn f�rchtete den Nachtmann sehr, noch viel mehr als Hraggel, obwohl er diesem gerade unmittelbar gegen�berstand. Als H�uptling des Klans, der sich Blutiger Fang nannte, spielte Hraggel seine Vormachtstellung aus, wo er nur konnte, und schikanierte andere nach Lust und Laune, so auch Gurrn. </p><p>Er hatte die �berf�lle der Soldaten von Roland �berlebt und sogar ein zerbrochenes Schwert als Troph�e zur�ckbehalten. Er war der m�chtigste Bolg von Griwen, der Region an der Westflanke. Und ganz und gar unerschrocken: Hraggel hatte keine Angst vor dem Nachtmann, auch dann nicht, als dessen Stimme und Atem aus dem Innern der Erde zu kommen schienen.</p><p>Gurrn kochte vor Wut, als er nun tatenlos mit ansehen musste, wie Hraggel die Vorr�te pl�nderte, die er, Gurrn, angelegt hatte, um sich und seine Familie �ber den Winter zu bringen.</p><p>Auch die anderen Klan-Mitglieder beobachteten Hraggel mit hasserf�llten Blicken. Er hatte Gurrns Frau bedroht und hielt ihr Kind gepackt; der Junge zeterte, die Frau schluchzte. Und Gurrn hielt sich zur�ck. Hraggel w�rde sich mit den Vorr�ten zufrieden geben und das Kind wieder laufen lassen, es sei denn, ihm st�nde gerade der Sinn nach Grausamkeiten.</p><p>Pl�tzlich hielt Hraggel inne. Er lie� das Kind fallen und langte mit der Hand, die sich soeben noch an Gurrns Vorr�ten vergriffen hatte, an seinen Hals. Den teilte eine d�nne rote Spur, gezogen von knochigen wei�en H�nden, die aus der Dunkelheit aufgetaucht waren. Schnell breitete sich die rote Spur zu einem gro�en Fleck aus.</p><p>Gurrn erhaschte einen Blick von zwei seltsamen Augen, die hinter der zu Boden sinkenden Leiche Hraggels aus dem Dunkel stachen. Die Umrisse des Nachtmanns waren kaum zu erkennen; er schien selbst Teil der Dunkelheit zu sein, so formlos wie fl�ssiges Schwarz.</p><p>�Morgen.� Die Stimme klang wie das trockene Wispern des Todes. Mit weit aufgerissenen Augen stand die Familie da und sah die Gestalt wieder in den Schatten wegtauchen.</p><p>Am zehnten Tag sammelten sich die ersten Firbolg bei Sonnenaufgang am Rand der Schlucht. Achmed hatte sie �ber den genauen Zeitpunkt im Unklaren gelassen, und so kamen nach und nach im Laufe des Tages immer mehr � die Augen und die Klauen und die Beuschel, alle St�mme des Gebirges, das die Grenze zu den Bolgl�ndern bildete.</p><p>Jenseits der Schlucht, die deren L�nder von denen der Bergbewohner trennte, waren etliche Mitglieder der St�mme und Klans zusammengelaufen, die in der Heide oder noch tiefer im Verborgenen Reich ihre Wohnungen hatten. Ihre Neugier war auch Vorsicht. Sie ahnten, dass dieser neue Kriegsherr irgendwann auch zu ihnen kommen w�rde.</p><p>Die untergehende Sonne hatte die h�chsten Bergspitzen erreicht, als es unter den Versammelten pl�tzlich still wurde. Den ganzen Tag �ber hatte es viel L�rm, Gedr�nge und Streit um Pl�tze und Positionen gegeben, doch weil niemand wusste, an welcher Stelle der erwartete K�nig seinen Auftritt haben w�rde, war es unm�glich vorherzubestimmen, wo man ihm am n�chsten sein konnte.</p><p>Entsprechend gereizt war die Stimmung.</p><p>Die Stille, die sich nun breit machte, hatte einen Grund. Im Ausgang des Tunnels, der an den Rand der Schlucht m�ndete, eben da, wo Achmed seine Ansprache zu halten gedachte, war Rhapsody aufgetaucht, um den Namen des Schweigens zu fl�stern. Der hallte nun von den Felsen wider und legte sich so schwer auf die Menge, dass deren Geschw�tz sofort verstummte. Achmed l�chelte zufrieden. Es schien, als w�ren fast alle Anwohner gekommen.</p><p>Allerdings fehlten diejenigen vom Klan Berg-Auge, die zu den blutr�nstigsten z�hlten. Grunthor hatte bereits die Vermutung ge�u�ert, dass sie sich wom�glich ins Verborgene Reich zur�ckz�gen und dort auf eine Gelegenheit zum Angriff warteten. So schien es in der Tat zu sein, denn es war keines ihrer Zeichen auszumachen.</p><p>Achmed musterte sein Publikum. Es waren an die Drei�igtausend. Sie standen in Kl�ften, kauerten auf Felsvorspr�ngen und starrten ihm entgegen. Manche dr�ngten sich im Pulk tief unten in der Schlucht an den Rand der Felswand, die �ber hundert Klafter hoch aufragte.</p><p>Der Anblick beunruhigte ihn, und ihm war, als st�nde er vor einer Grube voller Skorpione, die es nun zu durchqueren galt. Von jeder Spalte, von jeder Anh�he starrten sie ihm entgegen, Vertreter jenes Menschenschlags, der sich vermischt hatte mit allen anderen Spezies, die jemals miteinander in Kontakt gekommen waren. </p><p>Ihnen allen war eine eigent�mlich verquere Sch�nheit eigen, ein Aussehen, das die Menschen abschreckte und so zur Arterhaltung beitrug. Achmed hatte noch nie ein Volk gesehen, das so anpassungsf�hig und gleichzeitig in sich so verschieden war. Die Bolg �berlebten selbst h�rteste Bedingungen und stellten sich auf alles ein. Und er geh�rte dazu.</p><p>Noch ein anderer Vergleich dr�ngte sich ihm auf: vor einem Rudel schlafender W�lfe zu stehen. Die H�uptlinge der einzelnen St�mme hielten von erh�hter Position Ausschau. Umso tiefer w�rde ihr Absturz sein. </p><p>In jedes Gesicht � oder bei manchen Klans auf jeden Arm � war das entsprechende Klan-Mal eingebrannt beziehungsweise eingeritzt. Ob Blutige Klaue, Fang oder Schattenstehler � die Herkunft war am Zeichen in der Haut eindeutig auszumachen. Statt gewebter Kleidung trugen die meisten Fellst�cke, die gleichzeitig als Harnisch dienten. Schon bei der Ausstattung der Kinder wurde mehr Wert auf Schutz als auf Bequemlichkeit gelegt, was aber letztlich illusorisch war, denn die Kleider wechselten von einem Kind zum anderen und waren am Ende so zerrissen und zerschlissen, dass sie nicht einmal mehr zum Schutz vor dem Wind taugten.</p><p>Rhapsody stand in Wartestellung hinter Achmed. Er h�rte, wie sie nach Luft schnappte, und wusste sofort, warum. Die Kinder waren ganz vorn aufgestellt worden, ganz dicht bei den Felsvorspr�ngen, wie zur Opferung bereit. Er sah, wie sie sich auf die Lippen biss, und es war klar, dass sie sich hier unter diesen Leuten ganz und gar fremd vorkam. Doch dann heiterte ihre Miene ein wenig auf, und sie fing zu l�cheln an.</p><p>Er folgte ihrem Blick und entdeckte die Ursache f�r ihren Stimmungswandel: kleine, dunkle Gesichter, die ihr zugewandt waren und trotzig grinsten. Kinder. Rhapsody wurde weich, sobald sie Kinder sah. Diese Schw�che gefiel ihm an ihr, auch wenn sie jetzt eine Gefahr darstellte, die er nicht riskieren mochte. </p><p>Grunthor war inzwischen auch zur Stelle. Es war Zeit zu beginnen.</p><p>Achmed holte tief Luft. W�hrend der vergangenen sechs Tage hatte er sich gr�ndlich vorbereitet und die Kadenzen einge�bt, die nach Rhapsodys Vorschlag die musikalische Grundstruktur seiner Rede an die neuen Untertanen bilden sollten.</p><p>Die Rede war wie eine Symphonie aufgebaut, mit einer Ouvert�re und einzelnen S�tzen. Sein angeborenes Rhythmusgef�hl f�r die bolgische Sprache hatte sich aufs Trefflichste mit ihren Kompositionsf�higkeiten verbunden, sodass er sich berechtigte Hoffnungen machen konnte, dass sich mit seiner Ansprache ein gewaltsamer Aufstand vermeiden lie�e. Er schaute auf die wartenden Firbolg und stellte sich ihren Blicken.</p><p>�Ich bin euer neuer K�nig. Ihr lebt im Berg, und der Berg steht mir zu Diensten wie auch in K�rze die Heide, die Schlucht und das Verborgene Reich. Ylorc wird wieder zur Gro�macht aufsteigen und ruhmreicher sein als je zuvor. Nie mehr werden wir uns von Roland erniedrigen lassen.�</p><p>Ein rasselndes Raunen ging durch die Menge der versammelten Bolg; es hallte vom Berg wider, erf�llte die Schlucht, schwang auf der Heide nach und reichte bis tief in die Gebiete dahinter. An manchen Stellen l�sten sich Steinlawinen, Staubwolken stiegen auf. Achmed l�chelte. Die Ouvert�re war gelungen. Jetzt konzentrierte er sich auf den Beginn des Er�ffnungssatzes, der den Rhythmus des aus der Schlucht schallenden Echos aufgreifen sollte.</p><p>�Was immer ihr einmal gewesen sein mochtet, jetzt seid ihr ohne Kraft. Ziellos irrt ihr umher, und jeder Schritt tut euch weh. Nicht so, wenn ihr euch mir anschlie�t. Dann wird es sein, als setzte sich der Berg in Bewegung. Ich bin anders als die K�nige und Kriegsherren, die ihr kennt. Wir werden wieder Leben in den Berg bringen und �ber unsere Feinde bestimmen. Ist einer unter euch, der mir die Krone verwehrt?�</p><p>Achmed wusste, in welche Richtung er blicken musste. Den ganzen Nachmittag �ber waren sie auf ihren Lauschposten gewesen und hatten die Pl�ne der ankommenden Bolg ausspioniert. Er wusste, dass sich ein gewisser Janthir Knochenspalter, ein Klauen-H�uptling, der in direkter Linie von Gwylliam abzustammen behauptete, als der rechtm��ige Herrscher �ber die Bergv�lker verstand. Er w�rde Einwand erheben m�ssen. Schlie�lich hatte er einen Ruf zu verteidigen, n�mlich den Ruf, besonders grausam und machthungrig zu sein.</p><p>Knochenspalter hatte sich zwischen zwei mannshohen Felsbrocken positioniert, vielleicht um sich vor m�glichem Pfeilbeschuss zu sch�tzen oder um verborgen zu bleiben, bis es ihm gefiel, offen in Erscheinung zu treten. Nun zog er sein schweres, uraltes Schwert, dessen Klinge den Schein der vielen Feuer widerspiegelte, die in der Schlucht brannten.</p><p>Mit lautem Gebr�ll trat er zwischen den Felsen hervor und hob das Schwert. �Ich, der wahre Herrscher �ber den Berg! Und ich werde dir, Eindringling, die Luft abschn�ren und den kalten wie den hei�en Atem rauben. In dieser Nacht noch werde ich deine Augen schlucken.�</p><p>Alle Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Achmed, der sehr viel kleiner und d�nner war als Janthir Knochenspalter. Nach den Sitten der Firbolg war nun er an der Reihe, sich aufzuplustern und die Herausforderung anzunehmen.</p><p>Achmed schmunzelte �berheblich. �Du hast starke Schultern. Ich h�tte vielleicht Verwendung f�r dich. Wenn du dich als gef�gig erweist, k�nnte ich dir einen Posten als H�uptling einr�umen. Deine L�nder habe ich schon in Besitz genommen. Leiste mir Gefolgschaft, und ich werde �ber deine Drohungen gn�dig hinwegsehen.�</p><p>Janthir antwortete mit w�tendem Gebr�ll und �belsten Beleidigungen, die von den Felsen widerhallten und sich zu einem unverst�ndlichen Get�se mischten. Achmed sp�rte, wie Rhapsody hinter ihm, obwohl im Schatten verborgen, vor Angst zu zittern anfing. </p><p>�Wie du willst�, entgegnete Achmed geduldig, und seine Stimme verriet nicht die Spur von Nervosit�t oder �rger. �Du hattest deine Chance. So gro� meine Macht auch ist, sie reicht nicht aus, um einen Narren vor sich selbst in Schutz zu nehmen. Wie gesagt, der Berg steht mir zu Diensten. Wie wahr meine Worte sind, wirst du nun am eigenen Leib zu sp�ren bekommen.�</p><p>Zum Entsetzen der Zuschauer spaltete sich einer der beiden Felsbl�cke, die Janthir flankierten. Die zwei H�lften hoben vom Boden ab, entwanden seiner Hand das Schwert und enthaupteten ihn. Noch bevor sich das Grauen als Schrei artikulieren konnte, kugelte der Kopf von der Klippe in die Schlucht. Ihm folgte das Schwert. Unmittelbar darauf senkte sich der Fels, nun wieder eins geworden, zur�ck auf seinen Platz. Der ganze Vorgang hatte nicht l�nger als ein Dutzend beschleunigte Herzschl�ge gedauert. </p><p>�Will mich noch jemand herausfordern?�</p><p>Unter den Versammelten wurde nicht einmal ein R�uspern laut; zu h�ren waren nur das Knistern der Feuer und der Wind, der heulend durch die Schlucht strich.</p><p>�Wohlan, h�rt, was ihr zu tun habt. Jeder Klan wird f�nf seiner besten Krieger sowie ein Kind mitsamt seiner Mutter an mich abtreten. Die Krieger sollen meine Leibgarde sein und eine Ausbildung erhalten, die sie den besten Soldaten Rolands �berlegen macht. Jedes Kind wird einer Pr�fung unterzogen. Wenn es sie besteht, mache ich ihm ein Geschenk. W�hlt aus mit Bedacht. Ihr habt drei Tage Zeit. Denen, die an meiner Entschlossenheit zweifeln, sei gesagt: Ich komme. Wer sich nicht f�gt, ist meiner Strafe sicher.�</p><p>Achmed schaute �ber die schweigende Menge und schmunzelte angesichts der angsterf�llten Blicke, die auf ihn gerichtet waren. Dann zog er sich von dem Felsvorsprung zur�ck und verschwand im Tunnel, wo er Rhapsody, die immer noch zitterte, bei der Hand nahm und mit ihr in die Tiefen von Canrif zur�ckkehrte.</p><p>�Nun, ich habe wahrhaftig schon viel erlebt, und das war sicher eine der widerw�rtigsten Szenen.� </p><p>Grunthor zeigte sich irritiert. �Wovon redest du? War doch gro�artig. Jedenfalls ging die Sache ganz ohne Blutvergie�en �ber die B�hne. Die Bolg w�hlen jetzt ihre Hauptm�nner aus, und wir k�nnen morgen schon mit der Ausbildung beginnen. Was soll daran widerw�rtig sein?�</p><p>�Ich denke, Janthir w�rde, was das Blutvergie�en angeht, zu einer anderen Einsch�tzung gelangen�, entgegnete Rhapsody, die unter Mithilfe von Jo Verbandsmaterial und andere Mittel zur Wundebehandlung zusammenpackte.</p><p>�Mag ja sein, aber der alte Knabe wird sich dazu nich mehr �u�ern k�nnen.�</p><p>�Eine Gemeinheit ist es, dass ich nicht mitkommen und zusehen durfte�, maulte Jo. �Scheint ja richtig aufregend gewesen zu sein.�</p><p>Rhapsody hatte schon eine Antwort auf der Zunge, besann sich dann aber eines anderen und schwieg. Achmed und Grunthor sonnten sich in ihrem Triumph. Sie wollte ihnen den Spa� nicht verderben. </p><p>�Wann machen wir uns �ber die Heide her?�</p><p>Achmed blickte von der Skizze auf, an der er gerade arbeitete. �Ich w�rde sagen, in sp�testens zwei Wochen haben wir mit der Heide und den Randgebieten des Verborgenen Reiches eine Front aufgebaut, an der sich die Fr�hjahrsputzkolonne aus Roland die Z�hne ausbei�en wird. Das wird dann hoffentlich auch die restlichen Bolg, die jetzt noch z�gern, f�r uns einnehmen.�</p><p>Saltar schloss die brennenden Augen, als sich der kalte Nebel auf sein Gesicht und die Schultern senkte. </p><p>Der Geist war gekommen. Saltar hatte damit gerechnet, seit er von der durch den neuen Kriegsherrn einberufenen Versammlung in der Schlucht am Rand der Heide wusste.</p><p><emphasis>Was siehst du?</emphasis></p><p>�Noch nichts. Es ist alles noch umw�lkt�, antwortete Saltar. immer h�rte er die Stimme im Innern, und wie immer war sie ihm wie eine Marter.</p><p><emphasis>Sieh gef�lligst genauer hin. Fahnde nach dem, der im Windschatten wandert</emphasis>.</p><p>Saltar schloss ein zweites Mal die Augen und sp�rte, wie das Brennen ein wenig nachlie�. Er legte wieder die Hand auf die Brust, sah aber immer noch nicht klarer.</p><p>�Noch nichts�, wiederholte er. �Aber er wird kommen.�</p></section><section><title><p>47</p></title><p>�Immer sch�n die Augen geschlossen halten; wir sind gleich da.�</p><p>Rhapsody versuchte ruhig zu bleiben. Sie hatte sich von der so ganz und gar untypischen Aufregung in Achmeds Stimme anstecken lassen und brannte darauf, seine neueste Entdeckung zu sehen.</p><p>Nichtsdestotrotz musste sie st�ndig daran denken, dass die bolgischen Rekruten morgen eintreffen w�rden, und es galt, noch allerhand Vorkehrungen zu treffen.</p><p>�Das ist das letzte Mal, Achmed�, sagte sie und setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Ihr schwirrte der Kopf, denn die Flure in Gwylliams Festung riefen viele unangenehme Erinnerungen an die Wurzel in ihr wach. �Ich muss die Quartiere noch fertig einrichten.�</p><p>Achmed kicherte. �Na sch�n, wenn du die Gro�e Halle nicht sehen willst, k�nnen wir ja zur�ck ...� </p><p>�Du hast die Gro�e Halle gefunden?�, rief Rhapsody und sperrte die Augen auf.</p><p>�Und etwas, das noch interessanter sein k�nnte. Aber wenn du unbedingt umkehren m�chtest...� </p><p>Sie ergriff seine Hand. �Zeig�s mir. Alles andere kann warten.�</p><p>�Wusste ich doch, dass sich deine Neugier durchsetzen w�rde. Folge mir.�</p><p>Rhapsody eilte in der Dunkelheit hinter ihm her. Die Tunnelg�nge wurden immer breiter und h�her und erreichten bald das Vierfache ihrer normalen Ausma�e. Schlie�lich �ffnete sich der Stollen in einen gro�en Vorraum mit marmornen W�nden, an denen Reste von Blattgold klebten.</p><p>Achmed bog um die Ecke und blieb vor einem Portal stehen.</p><p>Von den urspr�nglich zwei m�chtigen, aus purem Gold geschmiedeten T�rfl�geln war nur noch einer �brig geblieben und wie von einem gewaltigen Sturm aufgerissen und verbogen worden.</p><p>�Die Gro�e Halle�, sagte er und bat sie wie ein Portier mit weit ausholender Handbewegung einzutreten. </p><p>Rhapsody kletterte �ber einen Haufen aus Schutt, der den Eingang verstellte, und trat in einen runden Saal, der in seinen Ausma�en so gigantisch war wie alles andere in Canrif. Das wei�e Rund s�umten S�ulen aus bl�ulich schwarzem Marmor, die auf ein breites Podest zuliefen. Das hellblaue Deckengew�lbe lie�, obwohl es an zahllosen Stellen gerissen war und br�ckelte, noch immer erkennen, dass es des Himmelszelt darstellte.</p><p>Durch dicke Bl�cke klaren Glases, die im Scheitelpunkt des Gew�lbes eingelassen waren, drang Tageslicht. Rhapsody konnte ein kleines St�ck des wirklichen Himmels und Schatten der Berge darin entdecken, was darauf schlie�en lie�, dass die Gro�e Halle in den felsigen Gipfelaufbau eines der hohen Zahnfelsen hineingeschlagen worden war.</p><p>Den Boden, jetzt mit Gesteinsbrocken �bers�t, hatte einst ein aus farbigem Marmor angelegtes Mosaik geschm�ckt, in dem die Darstellungen von Erde, Sonne und Mond sowie einem gro�en Stern auszumachen waren. Ein kalter Schauer lief ihr �ber den R�cken, als sie das Symbol f�r Seren wiedererkannte, ihren Geburtsstern.</p><p>�Aria�, hauchte sie. </p><p>Und ungerufen t�nte aus tiefster Erinnerung die Stimme der Mutter mit den Worten: <emphasis>Wenn da deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren gehen</emphasis>.</p><p>Tr�nen stiegen ihr in die Augen, worauf sich eine warme, kr�ftige Hand auf ihre Schulter legte. </p><p>�Was hast du?� </p><p>Rhapsody beeilte sich, die Tr�nen wegzuzwinkern, ging weiter und sah sich um. Auf dem Podest auf der gegen�berliegenden Seite standen zwei gro�e Thronsessel, aus dem gleichen Marmor gehauen wie der Boden und bedeckt vom Schutt der br�ckelnden Decke. Darunter waren noch uralte Sitzkissen zu erkennen und kunstvolle Steinmetzarbeiten, blau koloriert oder mit Blattgold ausgelegt.</p><p>In der Mitte des Seren-Symbols klaffte ein Loch, das fr�her mit einem Klappdeckel versehen war, jetzt aber offen stand. Darin steckte ein langer, zylindrischer Beh�lter mit einem Gitterrost als Boden, auf dem fr�her Feuer gebrannt hatten, und das sehr h�ufig, wie an den Spuren deutlich zu sehen war. �ber dem Rost hingen mehrere runde Metallrahmen, die urspr�nglich Spiegelglas enthalten hatten, worauf die am Boden verstreut liegenden Scherben schlie�en lie�en.</p><p>�Skizzen davon habe ich in der Bibliothek gesehen�, sagte sie halblaut und blickte zu Achmed auf. </p><p>�Das scheint die von Gwylliam erfundene Fu�bodenheizung der Gro�en Halle zu sein. Gleichzeitig lie� sich damit Licht unter die Decke projizieren. Wenn man Gwylliams Bemerkungen Glauben schenken darf, konnte mit dieser Einrichtung das wechselnde Farbenspiel und der Lauf der Sonne nachgestellt werden, vom Aufgang bis zu ihrem Untergang, wenn das Feuer verlosch. In den k�nstlichen Himmel waren sogar Kristalle eingelassen, die dann, wenn das letzte Licht auf sie fiel, wie Sterne funkelten. Und die ganze Anlage wurde von der Erdbewegung in Gang gehalten. Ich w�nschte, ich k�nnte das alles hier noch einmal in Betrieb sehen.�</p><p>�Das wirst du noch�, versprach Achmed, der eine der S�ulen neben den beiden Thronsesseln in Augenschein nahm. �War in den Pl�nen auch etwas von den S�ulen hier erw�hnt? Mir scheint, dass sie f�r die einzelnen Stunden des Tages stehen.�</p><p>Rhapsody nickte und klopfte sich den Staub von den H�nden. �Das Kernst�ck der Anlage war das Himmelsobservatorium, das ganz in der N�he sein m�sste. Es gab da ein Fernrohr in einer der h�chsten Spitzen der Gebirgskette. Das Observatorium war �ber eine Treppe zu erreichen, die irgendwo dahinten ihren Ausgang gehabt haben k�nnte.� Sie zeigte auf die T�ren hinter den beiden S�ulen. </p><p>�Wenn es diese Treppe denn tats�chlich gegeben hat, wird sie jetzt wahrscheinlich versch�ttet sein�, sagte Achmed. �Auch sie m�sste dann mit auf die Liste derjenigen Dinge, die es zu reparieren gilt.� Er r�ckte von den S�ulen ab und ging auf die Thronsessel zu.</p><p>Rhapsody folgte. Als sie aber an dem im Boden eingelassenen Symbol der Sonne vorbeikam, f�hlte sie pl�tzlich einen leichten Schwall warmer Luft im Gesicht. Verwundert blieb sie stehen. </p><p>�Achmed!�, wollte sie rufen, doch es kam nur ein schwaches Fl�stern �ber ihre Lippen. Er h�rte sie nicht. </p><p>Ihr wurde schwindlig. Vor ihren Augen schien alles in schwankende Bewegung zu geraten. Unter der Haut machte sich ein Prickeln bemerkbar. Sie erkannte die Anzeichen als das Gef�hl von Lust, konnte sich aber nicht erkl�ren, wieso es sich ausgerechnet jetzt bei ihr einstellte.</p><p>Sie sp�rte den Druck feuchter W�rme am Hals, wie von einem Kuss, genie�erisch �ber die Haut wandernd, und ihr war, als legten sich H�nde um ihre Taille, die sich langsam auf ihre Br�ste zu bewegten. </p><p>�Achmed, bitte�, rief sie wieder. �Hilf!� Die eigene Stimme t�nte wie von ferne.</p><p>Die Welt wurde dunkler, w�rmer, und sie w�hnte sich, von unsichtbaren H�nden gest�tzt, zu Boden sinken. Schwere Luft liebkoste ihren K�rper; sie sp�rte, wie ihr das Hemd aus dem Hosenbund gezogen wurde. Mit dem Kopf versuchte sie dagegenzusteuern, sich in die Gegenwart zur�ckzurufen, allein, es half nichts. </p><p>So sehr sie sich auch wehrte gegen das, was ihr wie ein Anschlag auf ihre Willensfreiheit vorkam, zwang sie eine st�rkere Kraft, und diese war mit der Weisheit der Zeit verkn�pft, die zum Gewebe ihrer Seele geh�rte. Davon �berw�ltigt, unterwarf sich der Verstand den Empfindungen einer anderen Person, deren Geschichte sie nun nachvollziehen sollte. Den eigenen Gef�hlen zum Trotz wurde sie von Lust und Leidenschaft verzehrt. Auch von Kummer, ja, sogar Wut. Und pl�tzlich, so unvermittelt, wie sie sich eingestellt hatte, war die Vision auch wieder verschwunden.</p><p>Ihr Blick kl�rte sich. Sie sah auf in den dunklen Ausschnitt von Achmeds Kapuze.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte er und streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.</p><p>�Jetzt reicht�s mir langsam�, murmelte sie und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Das Hemd war zwar lose, steckte aber immer noch im Hosenbund. �Auf diesen Ausschnitt der Geschichte kann ich wahrhaftig verzichten.� </p><p>�Was hast du gesehen?� </p><p>Rhapsodys Gesicht, das ohnehin schon gl�hte, err�tete noch mehr. �Direkt gesehen habe ich nichts. Es war eher wie eine Ber�hrung.�</p><p>�Dann hast du etwas gesp�rt. Was? Es k�nnte wichtig sein.� Achmed war gereizt.</p><p>�Sagen wir mal so: Ich glaube, dass Anwyn und Gwylliam hier, an diesem Ort, ihre ... Ehe vollzogen haben k�nnten.� </p><p>Achmed grinste. �Gl�ckspilz.�</p><p>�Wie bitte?� Ihre Verlegenheit ging unmittelbar in Emp�rung �ber.</p><p>�Sei froh, dass Grunthor nicht hier ist. Dem w�ren bestimmt ein paar ungehobelte Kommentare dazu eingefallen.� </p><p>�Ich kann mich doch hoffentlich auf deine Diskretion verlassen.�</p><p>�Vielleicht. Wollen wir jetzt ins Schlafzimmer gehen?�</p><p>Rhapsody sp�rte, wie sich ihre H�nde unwillk�rlich zu F�usten ballten, ahnte aber sogleich, dass sich Achmed nur wieder einmal ungeschickt ausgedr�ckt hatte. �Soll das hei�en, du hast die k�niglichen Schlafgem�cher ausfindig gemacht?�</p><p>�Ja.� </p><p>�Worauf warten wir dann noch? Anwyn und Gwylliam waren lange verheiratet, und wenn das hier ihre Liebeslaube gewesen ist, sollten wir uns m�glichst schnell aus dem Staub machen.�</p><p>�Also, wenn du vor einer weiteren k�rperlosen Lusterfahrung gefeit sein m�chtest, scheinst du hier im Schlafzimmer von Gwylliam und Anwyn bestens aufgehoben zu sein.�</p><p>Rhapsody stimmte dem Freund zu. Das Schlafgemach war im Grundriss �hnlich angelegt wie alles andere in Canrif, aber in zwei Teile unterteilt, die jeweils, obwohl pr�chtig geschm�ckt, keinerlei W�rme oder Intimit�t vermitteln konnten.</p><p>In einem der gro�en R�ume war eine schmuckvolle Feuerstelle mit Kaminsims in den Fels gehauen worden. Die Bel�ftungssch�chte und das Rundbogenfenster dar�ber �ffneten sich zu derselben Bergwand, an die auch die Gro�e Halle grenzte. Das ziegeldicke Fensterglas war mit der Zeit stumpf geworden, aber noch intakt und lie� erahnen, wie �berw�ltigend sch�n der Ausblick auf die Steppe in der Tiefe fr�her einmal gewesen sein mochte.</p><p>�ber der Feuerstelle war das steinerne Relief eines Familienwappens zu sehen. Darauf standen sich unter einem Stern ein sprungbereiter L�we und ein Greif gegen�ber; den Hintergrund bildete ein im Erdball wurzelnder Eichbaum. Rhapsody erkannte das Wappen sofort. Es war in der alten Welt auf die R�ckseite einer jeden M�nze gepr�gt gewesen.</p><p>�Das Wappen des serenschen K�nigshauses.�</p><p>Achmed nickte. </p><p>Rhapsody stie� einen Pfiff aus. �Mir wird immer klarer, warum die beiden nicht allzu gut miteinander ausgekommen sind.� </p><p>�Ach ja? Und warum?� </p><p>Sie zeigte auf das Emblem. �Nun, dass er das Symbol seiner Herrschaft �ber das alte Land hier an so prominenter Stelle in den ehelichen Gem�chern zur Schau gestellt hat, zeigt doch, dass Gwylliam nur wenig Respekt vor Anwyns Herkunft hatte. Und offenbar nur wenig Interesse, sie bei Laune zu halten.� </p><p>�Sie hat ihr eigenes Wappen, und das h�ngt �ber der Feuerstelle im Raum nebenan. Es stellt einen Drachen am Rand der Welt dar.�</p><p>�Wie auch immer, wenn sie ein Bett miteinander teilten, war einer der beiden immer im Vorteil, und der andere hatte st�ndig den symbolischen Ausdruck daf�r vor Augen. Darum werden sie, so vermute ich, meist getrennt geschlafen haben. Mir h�tte es als Halb-Drache in missliebiger Menschengestalt bestimmt auch kein gro�es Vergn�gen bereitet, mich vom schwitzenden Gemahl bespringen zu lassen und dabei auf das Wappen einer Familie starren zu m�ssen, der ich mich nie richtig zugeh�rig f�hlen k�nnte.�</p><p>Achmed schmunzelte und wandte sich kopfsch�ttelnd und mit gesenktem Blick von der Feuerstelle ab. </p><p>�Gut zu h�ren, dass die einschl�gigen Erfahrungen aus deinem fr�heren Leben deine Einstellung zur k�rperlichen Liebe nicht versauert haben, Rhapsody.�</p><p>Der Feuerstelle gegen�ber lehnte das Kopfteil eines Bettes an der Wand, gefertigt aus demselben bl�ulich schwarzen, silbrig ge�derten Marmor, der auch in der Gro�en Halle so gro�z�gig verarbeitet war. Das dazu passende Fu�ende lag umgekippt auf dem Boden. Wie ein Fleck breitete sich dazwischen das aus, was allem Anschein nach von der Bettw�sche �brig geblieben war.</p><p>�Ob das Mittelteil einfach so verrottet ist?�, fragte Rhapsody.</p><p>Achmed lachte. �Wenn du denn in deiner Einsch�tzung richtig liegst, wird das Bettgestell wohl kaum unter ihnen Feuer gefangen haben. Also wird es verrottet sein. Warum fragst du?�</p><p>Sie fing eine Melodie zu summen an und versuchte, der sonderbaren Empfindungen auf die Spur zu kommen, die sich ihr �ber das Bett vermittelte. Schlie�lich blickte sie zu ihm auf.</p><p>�Merkst du nichts?� </p><p>Er konzentrierte sich, sch�ttelte dann aber den Kopf. �Nein. Was soll denn sein?�</p><p>Rhapsody richtete den Blick zur�ck auf den Boden. �Blut, wenn ich mich nicht irre.�</p><p>Ein dunkler Schatten legte sich auf Achmeds Gesicht. Seine Stimme aber klang wie immer. �Davon sp�re ich nichts.� </p><p>�Soll ich einen Versuch wagen?�, fragte sie. Achmed nickte. �Dann musst du mir versprechen, einzugreifen und mir herauszuhelfen, falls ich �berschnappen oder nicht mehr von allein aus der Trance herauskommen sollte.�</p><p>�Fragt sich, wie. Auf alle F�lle k�nnte ich dich nach drau�en tragen.�</p><p>Rhapsody kniff die Brauen zusammen. �Dann w�r�s mir lieber, du w�rdest mich �ber den Boden schleifen. Du wei�t, dass ich es nicht leiden kann, getragen zu werden.�</p><p>�Versprochen.� </p><p>Sie machte die Augen zu und konzentrierte sich auf den Erkennungston, der ihr unter anderem dabei geholfen hatte, den Ring im Cymrer-Museum zu begutachten. Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild eines jungen Mannes, der auf dem Bett lag � offenbar tot, denn der Hals schien gebrochen zu sein. Die Vision wurde klarer, und bald sah sie einen zweiten Mann mit grauem Bart und goldenem Gewand, der, die H�nde vors Gesicht geschlagen, auf dem Bettrand neben der Leiche sa�.</p><p>Kalter Schwei� brach ihr aus, als sie die der Szene innewohnenden Gef�hle auf sich einwirken lie�. Verzweiflung, Schuld, Wut, Qual, all dies st�rzte auf sie ein und legte sich um sie wie ein Mantel aus Schmerzen, unter dem sie kaum mehr zu atmen vermochte. Ihr Herz pochte hohl in der Brust. </p><p>�Wir m�ssen raus hier�, sagte sie. �Ich wei� nicht, was hier passiert ist und ob wir�s je erfahren; jedenfalls ist es kein Wunder, dass der ganze Berg nach Verw�stung stinkt. Wilde, leidenschaftliche Liebe auf dem Boden der Gro�en Halle, Tod im Bett des K�nigs, der K�nig selbst, bis auf die Knochen verwest, in der Bibliothek. Entsetzlich, was sich hier zugetragen hat. Und daf�r tragen nicht etwa Firbolg die Verantwortung, sondern Cymrer.�</p><p>Achmed lachte. �Das h�tte ich dir auch verraten k�nnen. Bevor wir gehen, solltest du dir noch eines ansehen.� </p><p>Anwyns Schlafgemach war ebenso gro� und leer wie das von Gwylliam. Der einzig auff�llige Unterschied bestand darin, dass das Kopfteil des Bettes aus purem Gold bestand und fest mit der Wand verankert war. Das Fu�ende fehlte; vielleicht war es Pl�nderern in die H�nde gefallen, nachdem die Cymrer Canrif verlassen hatten.</p><p>Der Kaminsims war offenbar fr�her einmal, passend zum Bettgestell, mit Blattgold belegt gewesen, doch das war inzwischen fast vollst�ndig abgebl�ttert. Rhapsody starrte auf das Wappen, auf den Drachen am Rand der Welt. </p><p>Pl�tzlich und ganz unerwartet stellte sich Heimweh ein. <emphasis>Was habe ich blo� hier verloren?,</emphasis> dachte sie und empfand einen tiefen Schmerz �ber den Verlust ihrer Familie. <emphasis>H�tte ich gewusst, dass ich an diesen Ort der endlosen Albtr�ume gelangen w�rde, w�re ich vielleicht in Serendair und bei Michael geblieben</emphasis>.</p><p>�H�r auf, dich selbst zu bemitleiden�, sagte Achmed, der ahnte, was ihr durch den Kopf ging. Er stand in der T�r. </p><p>Vor Verwunderung klappte Rhapsody die Kinnlade herunter. �Was? Woher wei�t du, was ich denke?� </p><p>�Ich seh�s dir an. Vielleicht war das auch eine der Folgen deiner Feuertaufe: dass man dir deine Gedanken ansehen kann. Aber wenn ich mich recht erinnere, konnte man das auch schon vorher. Komm her und sieh dir das hier mal an.�</p><p>Rhapsody trat n�her und sp�hte durch den T�rausschnitt. Ihr Blick fiel in einen Raum, dessen Boden mit kleinen quadratischen blauen Fliesen ausgelegt war. Vor der Stirnwand stand ein gro�es sechseckiges Beh�ltnis, das das Auffangbecken eines Springbrunnens h�tte sein k�nnen und wie die Bodenfliesen aus blauem Marmor bestand. An der Wand dahinter stiegen verrostete Rohre auf, die gekr�pft in den Raum ragten und sich �ber dem Becken �ffneten.</p><p>Ein St�ck abseits, aber an derselben Wand stand ein seltsam anmutender Thron, ebenfalls aus Marmor gearbeitet und an dieselben sonderbaren Rohre angeschlossen. Das Sitzkissen war offenbar vor langer Zeit weggenommen worden oder verloren gegangen, weshalb nun in der Sitzfl�che eine tiefe Mulde zu sehen war, in deren Mitte ein Loch klaffte, so gro� wie die �ffnung eines Fuchsbaus.</p><p>Die R�ckenlehne des Throns war hoch und gerade und bestand aus demselben gl�nzenden Material wie das Bel�ftungssystem. Von oben hing eine metallene Kette herab.</p><p>�Seltsam�, murmelte Rhapsody. �Wozu soll das gut gewesen sein, ausgerechnet neben den Schlafgem�chern?� </p><p>�F�r was h�ltst du�s?�, fragte Achmed und verkniff sich ein Lachen.</p><p>�Ich wei� nicht. Sieht aus wie eine Art Springbrunnen mit Thron. Allerdings scheint der Thron nicht gerade bequem gewesen zu sein.�</p><p>Er lachte. �Tu mir einen letzten Gefallen und wende deinen Erkennungston doch auch einmal auf den Thron an, damit wir erfahren, wozu er tats�chlich gut gewesen ist.� </p><p>�Na sch�n.� Rhapsody schloss die Augen, suchte den richtigen Ton und lie� das Bild im Geiste Gestalt annehmen. Kurz darauf wurde sie so rot wie die Abendsonne.</p><p>�Nicht zu fassen�, platzte es aus ihr heraus. �Eine Latrine! Dass es die auch innerhalb einer Wohnung geben kann, ist mir v�llig neu. Wie besch�mend. Und ich dachte, es w�re ein Thron.�</p><p>�Du musst dich nicht sch�men. Nach dem, was wir �ber das Herrscherpaar erfahren haben, scheint mir eine Latrine als Thron durchaus angemessen zu sein�, entgegnete Achmed. �Und der Springbrunnen soll dann wohl in Wahrheit eine Badewanne gewesen sein, oder?�</p><p>Rhapsody zuckte mit den Achseln. �Ich kenne Wannen nur aus �ffentlichen Badeanstalten. Da sind sie aus Metall und werden �ber ein offenes Feuer ger�ckt. Eine so gro�e Wanne, dazu mit sechs Ecken, ist mir noch nie zu Augen gekommen.�</p><p>�Tja, Gwylliam war offenbar ein Mann, der seine Vorlieben nie zu kurz kommen lie�, ob es sich dabei nun um dumme Spr�che handelte oder um sechseckige Konstruktionen. Ist dir noch nicht aufgefallen, wie h�ufig er davon Gebrauch gemacht hat? Je mehr ich �ber ihn und seine Konsorten erfahre, desto tiefer sinkt meine Achtung vor ihnen.�</p><p>Rhapsody zog an der Kette, worauf trockene Rostflocken herabrieselten. �Ist da Wasser rausgekommen?� </p><p>�Ja, und das wird es auch wieder, wenn wir die Wasserversorgung zum Laufen gebracht haben. Aber das muss noch warten. Die Zisternen sind voll, wir haben genug zu trinken. Alles andere kommt sp�ter an die Reihe. Zuerst gilt es, Phase eins und zwei abzuschlie�en, und im Fr�hjahr k�mmern wir uns um die Soldaten aus Roland.� </p><p>Rhapsody musterte Achmed mit kritischem Blick. Seine Miene verriet dieselbe stille Erregung wie w�hrend des Vortrags seiner Zukunftspl�ne. Er war sich seiner Sache offenbar ganz sicher. Wie sehr sie ihn darum beneidete!</p></section><section><title><p>48</p></title><p>Am n�chsten Tag trafen �ber 4000 Bolg von den nahen Zahnfelsen ein � die Mitglieder von fast siebenhundert Klans, J�ger-Krieger mitsamt den Frauen und Kindern, von denen manche vor Angst, andere auch vor lauter Aufregung zitterten.</p><p>Ihnen hatten sich viele weitere angeschlossen, die f�r die neue Streitmacht eigentlich nicht in Frage kamen, aber aus Neugier und weil sie irgendwie an den Vorhaben des neuen Kriegsherrn beteiligt sein wollten, mitgezogen waren.</p><p>Als die Menge in die riesigen H�fe der Innenstadt str�mte, wandte sich Achmed an Rhapsody. </p><p>�Arbeiter. Die m�ssen wir uns warm halten. Das sind die M�nner und Frauen, die uns beim Aufbau von Ylorc helfen werden. Ihre Leistung wird am Ende noch gr��er sein als die der Cymrer.� </p><p>Rhapsody schaute voller Verwunderung hinab auf ein Meer erwartungsvoller Gesichter.</p><p>�Vorsicht, Achmed�, warnte sie, �du klingst schon ein bisschen wie Gwylliam.�</p><p>Der Kriegsherr schien eine Weile nachzudenken und antwortete: �Nein, das glaube ich nicht. Wir sind grundverschieden. �hnlich ist allenfalls, dass wir wie Waffenschmiede ein Werkst�ck an den Wetzstein halten. Doch w�hrend er mit seinem Werkst�ck den Stein zu gl�tten versucht, nutze ich den Stein, um das Werkst�ck zu sch�rfen.�</p><p>�Dem kann ich nicht ganz folgen, tut mir Leid.�</p><p>Seine Augen strahlten vor Erregung. �Gwylliam hatte es sich zum Ziel gesetzt, Canrif aufzubauen und den unwirtlichen Berg bewohnbar zu machen. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, stellte er seine Untergebenen an die Arbeit. Sie waren das Werkzeug, mit dem er seinen Stein gl�ttete. Mir geht es nicht um den Berg, sondern um die Bolg. Sie sind wie das Werkzeug, schartig und stumpf, und m�ssen geschliffen werden. Der Berg, den es neu auszubauen gilt, ist ihr Wetzstein. Sie werden ihre Kr�fte zusammenlegen und durch die vereinte Arbeit Gemeinsinn entwickeln. Der Berg an sich ist mir einerlei und nur wichtig als Mittel zum Zweck der Vereinigung und F�rderung der Bolg. Kurzum, ich will keinen glatteren Stein, sondern eine sch�rfere Waffe.�</p><p>Der skeptische Ausdruck in Rhapsodys Gesicht war unverhohlener Bewunderung gewichen.</p><p>�Interessanter Vergleich. Und ganz sch�n clever, denn ganz unabh�ngig von der Absicht wird sowohl der Stein gegl�ttet als auch die Waffe gesch�rft.�</p><p>�Ja.� </p><p>Rhapsody schaute wieder auf die wogende Menge, die ihr pl�tzlich sehr viel weniger bedauerlich vorkam als noch vor wenigen Augenblicken. �Du bist ein Gl�cksfall f�r diese Leute�, sagte sie. </p><p>�Vielleicht hat die Geschichte mit Gwylliam den Falschen als den gro�en Vision�r gepriesen.� </p><p>Achmed grinste. �Das wird sich zeigen. Komm, wir haben noch was vor.�</p><p>Die Kinder und ihre M�tter wurden sogleich unter Rhapsodys Obhut gestellt. Die Krieger zogen derweil in die alten Kasernen ein. Grunthor w�rde sie w�hrend der n�chsten Monate zu einer schlagkr�ftigen Truppe zusammenschmieden.</p><p>Der riesige Oberfeldwebel machte sich mit Eifer an seine neue Aufgabe. Rhapsody wurde h�ufig aus dem Schlaf gerissen, wenn die Rekruten an ihrer Kammer vorbeimarschierten und dabei Lieder schmetterten, die so scheu�lich klangen, dass sie schon wieder komisch waren.</p><p><emphasis>Leg dich ins Zeug und streng dich an, mach zu, du faules Tier, das s��e Leben ist aus und vorbei, denn</emphasis></p><p><emphasis>ab jetzt geh�rst du mir</emphasis>.</p><p><emphasis>Jetzt f�ngt vielmehr dein Albtraum an, auf dich da warten Schmerzen, und eins, das tue lieber nie:</emphasis></p><p><emphasis>dir�s mit dem Spie� verscherzen</emphasis>.</p><p><emphasis>Steck dir �ne Klette in den Arsch, ganz tief in die Kaschemme, denn es wird Spie�ens Stammplatz sein,</emphasis></p><p><emphasis>h�lt er dich f�r �ne Memme</emphasis>.</p><p>Oder Jos Lieblingsvers: </p><p><emphasis>Tanz nicht aus der Reihe, o Mann, Sonst haut dich der Sergeant in die Pfann�. Links zwo-drei-vier,</emphasis></p><p><emphasis>rechts zwo-drei-vier, so und nicht anders z�hlen wir hier</emphasis>.</p><p>Grunthors t�nender Bass, begleitet von dem heiseren Gekr�chze seiner neuen Firbolg-Rekruten, lie� Rhapsodys ohnehin schon albtraumhaftes Dasein in Ylorc noch um eine Spur unwirklicher erscheinen. Auf ihre Bitte hin hatte Achmed die Zug�nge zur Gro�en Halle und zu den ehemaligen K�nigsgem�chern absperren lassen.</p><p>Rhapsody und Jo bewohnten zwei aneinander angrenzende Kammern, die wie alle anderen R�ume in diesem gesch�tzten Bereich von den besten und vertrauensw�rdigsten Rekruten aus Grunthors Regiment bei Tag und Nacht bewacht wurden. Auch Achmed und Grunthor hatten hier ihre Quartiere, doch zog es der Drillmeister vor, in der Kaserne zu n�chtigen.</p><p>Achmed war mit dem Lauf der Dinge �u�erst zufrieden. Wegen der in der Schmiede produzierten Hitze hatte er die Festung in �den Kessel� umbenannt. An die tausend Bolg waren damit besch�ftigt, Kohle zu sch�rfen und die riesige Esse damit zu beschicken, um Waffen schmieden zu k�nnen. Die Entwicklung und Herstellung von Waffen hatte denn auch Vorrang. Sie waren zum Schutz der Bergbewohner und als Ausbildungsmaterial f�r die Truppe unerl�sslich. Au�erdem konnte an ihnen verdient werden, sobald mit den Nachbarn Handelsbeziehungen aufgenommen werden w�rden. Auf den Entwurf von Waffen verstand sich Achmed au�erordentlich gut; seine Cwellan war ein �berzeugender Beleg daf�r.</p><p>Er hatte im hinteren Teil der Gro�en Halle, da wo der Planungstab zusammenkam, vier Listen aus �lhaut zurechtgelegt und mit den Kategorien <emphasis>Waffen, Klans (nicht verb�ndete), Infrastruktur</emphasis> und <emphasis>Soziales</emphasis> �berschrieben. </p><p>�Es sind inzwischen auch Vertreter einiger Klans von der Heide und aus dem Grenzgebiet zum Verborgenen Reich zu uns gekommen mit der Bitte, sich uns anschlie�end zu d�rfen�, berichtete er und strich die entsprechenden Namen auf der <emphasis>Klan-Liste</emphasis> mit einem Federkiel durch.</p><p>�Auch die andern werden wir schon noch �berzeugen, da bin ich mir ganz sicher. Wenn meine Truppen erst mal Gelegenheit ham, ein W�rtchen mit ihnen zu reden ...�, meinte Grunthor, was Rhapsody mit hoch gezogenen Brauen quittierte. Ihr war unheimlich, wie schnell das Heer an Gr��e und Schlagkraft zunahm. </p><p>Achmed nickte. �Damit h�tten wir rund siebzig Prozent der Bev�lkerung vereint. Wenn wir die Sache mit dem Fr�hjahrsputz erst einmal hinter uns gebracht haben, k�mmern wir uns um den Rest � die Klans im Inneren des Verborgenen Reiches.�</p><p>�Und wann komme ich in die Weinberge?�, fragte Rhapsody mit Blick auf die Eintragungen unter der Rubrik <emphasis>Infrastruktur</emphasis>. �Ich m�chte mir m�glichst bald ein Bild davon machen, um mit der Kultivierung z�gig anfangen zu k�nnen.�</p><p>�Grunthor wird diese Gegend in K�rze aufger�umt ... ehm, konsolidiert haben, und zwar noch bevor du deine Reise nach Bethania antrittst.�</p><p>Grunthors Miene verfinsterte sich. �Dass du dich ganz allein auf den Weg machst, gef�llt mir �berhaupt nicht.� </p><p>Rhapsody l�chelte dem Sergeanten zu. �Ich wei�, Grunthor, und es freut mich, dass du dich um mich sorgst. Aber bevor wir die Massaker im Fr�hjahr mit Gewalt beenden, sollten wir�s zumindest auch mit diplomatischen Mitteln versucht haben.�</p><p>�Warum?� </p><p>�Das geh�rt sich so unter Menschen�, antwortete sie. �Wollen wir, dass man die Firbolg f�r menschliche Wesen h�lt oder f�r Ungeheuer?�</p><p>�Sowohl als auch�, mischte sich der Kriegsherr ein. �Wir wollen f�r beides gehalten werden.� </p><p>Aus der Kammer nebenan waren immer wieder laute Schl�ge zu h�ren, denen meist ein �rgerliches Schnauben folgte. Weil sie das Thema erkl�rterma�en langweilte, hatte Jo sich von der Diskussion um die Zukunft des K�nigreiches zur�ckgezogen, um stattdessen ihren Umgang mit Wurfmessern zu verbessern. W�hrend sich die beiden anderen von diesen Hintergrundger�uschen offensichtlich st�ren lie�en, gelang es Achmed, seine Bemerkungen so zu platzieren, dass ihnen die Einschl�ge wie Ausrufezeichen zus�tzliches Gewicht verliehen.</p><p>Achmed schmunzelte und wechselte auf das Thema <emphasis>Waffen</emphasis> �ber. �Zus�tzlich zu den Schwertern, die zurzeit geschmiedet werden, m�ssen wir die Bolg mit Armbr�sten ausr�sten, um ihre Reichweite zu vergr��ern. F�r den Handel werde ich vor allem Krummschwerter herstellen lassen � und diese hier ...� </p><p>Er nahm eine der vielen Pergamentseiten vom Tisch auf und reichte sie den anderen. Darauf war eine Wurfwaffe mit drei Stahlklingen abgebildet, die in der Mitte rechtwinklig gekr�pft waren und von der Seite wie ein Zahnrad aussahen.</p><p>�Dieses Messer l�sst sich sowohl im Freien als auch in Bergstollen verwenden�, erkl�rte Achmed. </p><p>�Selbst f�r den Nahkampf eignet es sich. Im Flug rotiert es um den Schwerpunkt in der Mitte und trifft dank der drei gewinkelten Schenkel immer mit der Schneide auf.�</p><p>�Und wann soll mit der Herstellung begonnen werden?�, fragte Rhapsody in Erinnerung an ihren morgendlichen Gang durch die Schmiede. Achmed hatte ihr die Anlage erkl�rt, unter anderem auch die riesigen, von Gwylliam gebauten Walzen, und sie war aus dem Staunen nicht herausgekommen. </p><p>�Noch lange nicht. Zuerst gibt es Wichtigeres zu tun. Du musst wissen, diese Arbeit nimmt enorm viel Zeit in Anspruch. Die Waffenschmiede der Cymrer haben ebenso Hervorragendes geleistet wie die gro�en Harfen- und Instrumentenbauer, von denen du manchmal sprichst. Ihre Erzeugnisse waren Kunstwerke. Die Firbolg werden erst in einigen Generation so weit sein.�</p><p>�Du scheinst davon auszugehen, noch lange zu leben�, sagte sie und l�chelte.</p><p>Achmeds Miene blieb ernst. �Auf ewig�, antwortete er. �Apropos, was macht deine medizinische Ausbildung?� </p><p>�Damit w�rde es besser vorangehen, wenn ich geeignete Mittel h�tte.�</p><p>Nach kurzer Suche fand er eine andere Schriftrolle auf dem Tisch, mit der er Rhapsody eine von ihm selbst gezeichnete und mit gestochen scharfer Schrift ausf�hrlich beschriftete Skizze vorlegte. Diese war ein erstaunlich detaillierter Aufriss der neuen Stadt, wie sie aus Canrif hervorgehen sollte, mit allen ihren Einrichtungen von der Schmiede bis hin zum Bel�ftungssystem. Ein kleiner Bereich war als <emphasis>medizinischer Bedarf</emphasis> gekennzeichnet.</p><p>Rhapsody studierte den Plan mit kritischer Miene und blickte schlie�lich zu Achmed auf. </p><p>�Wo ist die Krankenstation? Das Hospiz? Dar�ber haben wir doch schon gesprochen. Es m�sste in den Pl�nen enthalten sein.�</p><p>�Keine Sorge, es ist an alles gedacht.� Achmed rollte das Pergament wieder zusammen und holte ein anderes Dokument zum Vorschein: eine Landkarte. �Erste Hilfe wird von unseren Rekruten vor Ort vorgenommen. Solange irgendwelche Verletzungen zu behandeln sind, wird eine kleine Schutztruppe zur�ckbleiben und sp�ter nachr�cken.�</p><p>�Und was passiert dann mit den Verwundeten?�</p><p>�Die lesen wir sp�ter auf dem R�ckweg wieder auf.�</p><p>�Unsinn�, protestierte Rhapsody. �Man kann Schwerverletzte doch nicht einfach zur�cklassen. Sie w�rden sterben.� </p><p>�Vielleicht sollte ich dich daran erinnern, dass wir uns hier �ber Firbolg unterhalten. Die sind es nicht gewohnt, wie Lirin oder Menschen verh�tschelt zu werden. Das wollen sie auch gar nicht.� </p><p>�Von Verh�tscheln war nicht die Rede. Wenn jemand im Kampf verwundet wird, muss er in ein Lazarett gebracht werden, wo ihm die notwendige Pflege garantiert werden kann.�</p><p>�Glaub mir, Firbolg sterben lieber, als dass sie eine solche Behandlung �ber sich ergehen lie�en.� </p><p>Rhapsody musste an sich halten. �Es sind deine zuk�nftigen Untertanen. Hast du nicht zu Recht immer wieder darauf hingewiesen, dass sie keine Ungeheuer sind und dass sie das Zeug haben, Canrif zu seiner alten Bl�te wieder aufleben zu lassen? Du kannst nicht beides haben, Achmed. Entweder die Bolg sind Ungeheuer, und wenn es das ist, wor�ber du herrschen willst, dann tu, was du f�r richtig h�ltst, aber rechne nicht mit meiner Hilfe; wie gesagt, mit einer solchen Mentalit�t kenne ich mich nicht aus. Oder aber es sind verst�ndige Personen, primitiv und roh zwar, aber doch Kinder des Allgottes, dessen, der Leben stiftet. In diesem Falle st�nden ihnen dieselben Rechte zu wie allen anderen Menschenwesen. Und eines dieser Rechte ist der Anspruch darauf, bei Verletzung und Krankheit geheilt zu werden oder im Sterben Beistand zu finden. Wenn du dich daf�r einsetzt, werde ich dir helfen. Daf�r brauchte ich allerdings eine geeignete Krankenstation hier im Berg und nicht nur ein Feldlazarett. Denn auch in Friedenszeiten gibt es Krankheit und Verletzung, Alte und Kranke m�ssen versorgt werden. Daf�r w�re ausreichend Platz n�tig. Also, wof�r entscheidest du dich? Sind�s Menschenwesen oder Ungeheuer?� </p><p>Achmed lachte leise. Er fand es komisch und anr�hrend zugleich, Rhapsody verteidigen zu h�ren, was sie unl�ngst noch selbst f�r Ungeheuer gehalten hatte. �Wie viel Platz w�rde es mich kosten, wenn ich mich f�r die Option �Menschenwesen� entscheide?�</p><p>�Sehr viel. F�r den Anfang und bis die Heide und das Verborgene Reich nicht in G�nze zu uns geh�ren, brauchte ich zwei Hallen f�r die Krankenstation und eine dritte f�r das Hospiz.� Sie deutete auf der Planskizze auf zwei gro�e Abschnitte im Komplex der Soldatenunterk�nfte. Achmed holte h�rbar Luft. �Und jetzt kommt die gute Nachricht: Sobald das K�nigreich vereint ist, trete ich eine Halle freiwillig wieder ab, und das Hospiz kann sich seine Unterkunft mit dem Waisenhaus teilen.� </p><p>�Kann es sein, dass du die Anzahl der Waisen zu gering veranschlagst?�</p><p>�Nein. Dazu habe ich mir Folgendes ausgedacht: Wenn du dich f�r jedes einzelne Waisenkind aussprichst und stark machst, werden die Klans um seine Adoption wetteifern, vor allem dann, wenn sie sich auf lange Sicht besondere Verg�nstigungen davon versprechen k�nnen.� Achmed nickte. Rhapsody schmunzelte. �Siehst du? Ich mache mir ganz zweckm��ige und praktische Gedanken.� </p><p>�Zweifelsohne. Aber bevor ich mich entscheide zwischen �Menschenwesen oder Ungeheuere, noch eine Frage.� </p><p>�Nur zu.� </p><p>�Wenn ich deinen Forderungen stattgebe, kann ich mich dann auf meinen Feldz�gen auch auf dein Schwert und deine F�higkeiten als S�ngerin verlassen?�</p><p>Rhapsody seufzte. �ber diesen Punkt hatten sie schon oft gestritten. Sie wollte mit seinem Krieg nichts zu tun haben. Zwar war sie bereit, f�r ihre Verteidigung und gegen das, was sie f�r tyrannisch und b�se hielt, zu k�mpfen; doch der Gedanke daran, f�r die Inbesitznahme des Berges Blut flie�en zu lassen, war ihr zuwider. Immerhin durfte sie davon ausgehen, dass Achmeds Absichten redlich waren, auch wenn sie mit den Mitteln, die er zur Anwendung brachte, nicht einverstanden sein konnte. </p><p>�Na sch�n�, sagte sie widerstrebend. �Ich werde k�mpfen. So, und nun entscheide dich.�</p><p>Im Gesicht des neuen Firbolg-Kriegsherrn zeigte sich der Anflug eines L�chelns.</p><p>�Menschenwesen�, antwortete er. �Monstr�se Menschenwesen.�</p></section><section><title><p>49</p></title><p>�Ich muss mit dir reden, sofort.�</p><p>Am gro�en runden Tisch im Sitzungssaal hinter der Gro�en Halle blickten ein Dutzend Frauengesichter verwundert auf. Bis auf eine waren alle Frauen dunkelh�utig und stark behaart. Sie, die Ausnahme, erhob sich von ihrem Platz.</p><p>�Entschuldigt mich�, sagte Rhapsody und eilte zur T�r, die einen Augenblick zuvor wuchtig aufgesto�en worden war. Achmed unterdr�ckte ein Lachen. Ihr Gebrauch der bolgischen Sprache lie� noch einiges zu w�nschen �brig. Sinngem�� hatte Rhapsody gerade darum gebeten, dass man sie leben lassen m�ge. </p><p>�Was ist?�, fragte sie und kam ihm mit besorgter Miene entgegen.</p><p>�Ich brauche den Messingschl�ssel, den wir im Haus der Erinnerung gefunden haben. Wenn ich mich recht entsinne, hattest du ihn zuletzt in der Hand.�</p><p>�Wozu die Eile? Was ist geschehen?�</p><p>�Wir haben soeben in der Bibliothek eine versteckte T�r gefunden�, berichtete Achmed sichtlich erregt. �Ich glaube, dass es die sein k�nnte, zu der der Schl�ssel passt.�</p><p>Rhapsody schien ihren Ohren nicht trauen zu wollen. �Und deswegen platzt du in meine Unterredung mit den Hebammen?� </p><p>Achmed warf einen Blick auf die Runde. Die Frauen waren fast durchweg d�nn und drahtig, hatten breite, m�nnliche Schultern. Sie starrten ihm entgegen, gleichg�ltig und ohne jene Ehrfurcht, die die anderen Bolg ihrem neuen K�nig bezeugten.</p><p>Es hatte Rhapsody freudig �berrascht zu entdecken, dass es diese Berufsgruppe �berhaupt gab. Ihr Vorhandensein lie� einige R�ckschl�sse auf den Charakter der Bolg zu, R�ckschl�sse, die Rhapsody das Beste hoffen lie�en. Krieger, selbst die t�chtigsten unter ihnen, waren ersetzbar und erfuhren nur wenig Pflege, nicht einmal wenn sie im Sterben lagen. Kleinkinder aber und ihre M�tter erfreuten sich der besten F�rsorge, die unter den gegebenen Umst�nden aufgeboten werden konnte. Hebammen waren noch h�her angesehen als Stammesf�hrer und entsprechend einflussreich. Insofern hatte Rhapsody mit ihrer Entschuldigung vielleicht gar nicht einmal so falsch gelegen. </p><p>�Ich brauche den Schl�ssel�, wiederholte er ungeduldig.</p><p>Rhapsody packte ihn beim Hemdkragen, zog ihn zu sich heran und fl�sterte ihm ins Ohr.</p><p>�H�r zu�, zischte sie. �Sprich nie wieder in diesem Ton mit mir. Schon gar nicht vor den Hebammen. Du vergibst dir nichts, wenn du mir Respekt erweist, schlie�lich bist du der K�nig. Mich aber bringt deine Unh�flichkeit in eine unangenehme Situation � aus der ich mich allerdings leicht befreien k�nnte. Auf deine Kosten. Also sieh dich vor. Versuch�s noch mal, und zwar ein bisschen respektvoller, oder verschwinde.� Sie stie� ihn zur�ck, und ihre gr�nen Augen schienen Funken zu spr�hen. </p><p>Achmed l�chelte. Die S�ngerin schien sich in ihre neue kulturelle Umgebung einzufinden. Sie hatte seit der Ankunft der ersten Rekruten nur wenige Wochen Zeit gehabt, verstand es aber schon, die wichtigsten firbolgschen Verhaltensregeln anzuwenden und einzufordern. Achmed verbeugte sich leicht. </p><p>�W�rdest du mir bitte, wenn es dir nicht allzu viel ausmacht, diesen einen Gefallen erweisen?�, fragte er laut und deutlich. </p><p>Rhapsody zeigte sich sogleich etwas milder gestimmt. �Er ist in meinen Zimmer.�</p><p>�Nein, das ist er nicht.� </p><p>Sie blinzelte mit den Augen. �Woher wei�t du das?�</p><p>�Weil ich da schon nachgesehen habe.�</p><p>Wieder umw�lkte sich ihre Stirn. �Wie bitte? Du hast in meinem Zimmer herumgest�bert?�</p><p>�Ich wollte dich in deinem Gespr�ch mit den Hebammen nicht st�ren�, beeilte er sich zu sagen. </p><p>�Und auf den Gedanken, ein Weilchen zu warten, bist du gar nicht erst gekommen, oder? Gwylliams Grotte ist seit vierhundert Jahren verschlossen. H�ttest du nicht eine halbe Stunde warten k�nnen?� </p><p>Sie schnaubte emp�rt. �Der Schl�ssel liegt im Nachttopf unterm Bett.�</p><p>Achmed vorzog das Gesicht, was einen eher komischen als angewiderten Eindruck hinterlie�. �Du lebst wirklich schon zu lange in der Barbarei. Darauf w�ren nicht einmal Grunthor oder ich gekommen.� </p><p>�Der Topf ist nat�rlich unbenutzt, du Narr. Die Latrine grenzt gleich an meine Kammer an. Bevor du das n�chste Mal in meinen Schubladen kramst, frag gef�lligst bei mir an.�</p><p>�G�nnst du mir und Grunthor denn kein bisschen Spa�, du herzloses Ding?� Achmed wandte sich den Hebammen zu. �Es tut mir Leid, dass ich das Gespr�ch st�ren musste. Aber es lie� sich nicht vermeiden. Vielen Dank, dass ihr mir gestattet habt, meine kluge Beraterin zu konsultieren.� Er drehte sich um, verdrehte die Augen und ging.</p><p>�Hast du etwas von Grunthor geh�rt?�, fragte Rhapsody beim Abendessen am selben Tisch, um den sie auch mit den Hebammen zusammengesessen hatten.</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf und brach ein trockenes Br�tchen in zwei St�cke. �Er h�lt im Hochland jenseits der Heide ein Man�ver ab, eben da, wo wir das verlassene Weinbaugebiet vermuten. Vermutlich wird er sich fr�hestens in vier Tagen zur�ckmelden.�</p><p>�Und wer sind diesmal die Gl�cklichen, denen er seine besondere Aufmerksamkeit schenkt?� </p><p>�Die Schlitzer. Das ist ein Klauen-Klan, deren Angeh�rige behaupten, dass Gwylliam nie gestorben ist und unter ihnen lebt.� </p><p>�Vielleicht tut er das. Und vor kurzem ist er dann, um ein Buch zur�ckzugeben, in die Bibliothek gegangen, wo wir ihn gefunden haben�, witzelte Jo und pulte mit ihrem Messer zwischen den Z�hnen. </p><p>��brigens, Grunthor meint, ich k�nnte das n�chste Mal mit ihm gehen, wenn du nichts dagegen hast, Rhaps. Und das hast du doch nicht, oder?�</p><p>�Nein�, lachte Rhapsody. �Aber vertu dich nur nicht. Grunthor ist sehr viel gluckenhafter als ich. Wenn er glaubt, dass es sicher ist, dich mitzunehmen, werde ich dir nicht im Weg stehen.� </p><p>�Was ist bei eurem Gepr�ch herausgekommen?�, fragte Achmed, f�llte sein und ihr Glas und reichte den Krug an Jo weiter. </p><p>�Sehr viel.� Mit strahlendem Gesicht erhob sich die S�ngerin von ihrem Platz. �Augenblick, ich hole schnell meine Notizen.� Sie trat vor die Anrichte unter dem uralten Wandbehang, bl�tterte einen Sto� von Papieren durch und fand schlie�lich, wonach sie suchte. Mit ger�mpfter Nase kehrte sie an den Tisch zur�ck. </p><p>�Achmed, das ist so nicht auszuhalten. Wie w�r�s, wenn du hier ein bisschen aufr�umen und renovieren w�rdest? Die Wandteppiche stinken.�</p><p>�Kein Wunder. Dahinter hatten unsere Vorg�nger ihren Abtritt�, antwortete der Dhrakier, nahm einen Schluck aus seinem Becher und lachte laut auf, als er die Grimasse von Rhapsody sah, die sich ekelte. </p><p>�Bolg und Cymrer gleicherma�en. Auf den nahe liegenden Gedanken, Latrinen einzubauen, sind sie erst sehr viel sp�ter gekommen. Llauron mag die Cymrer f�r Halbg�tter halten, aber du wirst dich wundern zu h�ren, was ich �ber sie herausgefunden habe.�</p><p>�Bitte, verschone mich damit, wenn es denn eben geht�, entgegnete Rhapsody und breitete das Pergament vor sich aus. �Hier also die Ergebnisse unserer Sitzung: Die Hebammen haben sich bereit erkl�rt, das, was ich ihnen in Sachen Heilkunst beigebracht habe, an die Klans der Region Weiterzutragen und geeignete Kandidatinnen f�r ihre Nachfolge auszubilden, von denen dann einige zu uns kommen, um in der Krankenstation und dem Hospiz arbeiten zu k�nnen.�</p><p>Achmed nickte. �Gut.� </p><p>�Au�erdem haben wir einen Gesetzesvorschlag zum Schutz von Kindern ausgearbeitet, den du hoffentlich so �bernehmen wirst und wonach der Missbrauch oder die Misshandlung von Kindern als Verbrechen zu ahnden w�re. Ich bin mir sicher, dass ein solches Gesetz von den Bolg ohne weiteres angenommen wird. Ihr Verh�ltnis Kindern gegen�ber ist n�mlich sehr viel aufgekl�rter als das der �menschlichen� B�rger von Roland, von denen so manche ihre Kinder mit Fu�abtretern verwechseln.�</p><p>Achmed schmunzelte, sagte aber nichts. Er dachte zur�ck an die Szene in Bethania, als sie einen kleinen Jungen gegen seinen gewaltt�tigen Vater tatkr�ftig in Schutz genommen hatte. Als sie dem Vater auf offener Stra�e in die Parade gefahren war, hatte sich die Menge �ber sie hergemacht, aber nicht etwa, um ihr Einheit zu gebieten, sondern um sie zu ber�hren, gerade so, wie es die Bauern von Gwynwald getan hatten. �ber ihre starke anziehende Wirkung auf andere war sie sich allerdings damals wie heute im Unklaren.</p><p>In Erinnerung an diesen Vorfall fragte sich Achmed nun zum wiederholten Mal, ob es ihm nicht auch ganz allein gelungen w�re, sie vor der zudringlichen Menge zu retten, oder ob sie die gemeinsame Flucht dem Angst erregenden Gebr�ll von Grunthor zu verdanken hatten. Wie dem auch sei, bald w�rde Rhapsody auf seinen Wunsch hin ausgerechnet dorthin, nach Bethania, zur�ckkehren. Achmed sch�ttelte den Kopf, um den Gedanken daran zu verdr�ngen.</p><p>�Habt ihr euch auch �berlegt, womit sich unsere Wirtschaft beleben lie�e?�, fragte er.</p><p>�Augenblick, dazu komme ich sp�ter. Zus�tzlich zu dem Kinderschutzgesetz verlangen wir, dass du dich f�r eine faire Behandlung von Kriegsgefangenen einsetzt, f�r die medizinische Versorgung von Verwundeten und eine w�rdige Bestattung der Gefallenen.�</p><p>Der Firbolg-K�nig verdrehte die Augen. �Mit Gesetzen und Vorschriften werden wir uns befassen, sobald Roland und Sorbold von der Gr�ndung unseres neuen Staates in Kenntnis gesetzt worden sind. Ich m�chte mit Vertretern der jeweiligen Regierung verhandelt haben, und die werden sich, wenn �berhaupt, wohl erst nach deinem Besuch in Roland bei uns melden. K�nnen wir die Sache bis dahin vertagen?� </p><p>�Ja, ich habe sie nur jetzt schon erw�hnt, weil du �ber die Ergebnisse unserer Sitzung informiert sein wolltest. Wir haben auch mit den Planungen f�r eine Schule begonnen. Die Kinder, die du hast kommen lassen, werden die erste Klasse bilden. Am Ende soll f�r alle Schulpflicht gelten. �brigens, du schuldest deren Eltern ein Geschenk in Form von Waffen und Lebensmitteln. So viel zur neuen Schule ... oh, und noch etwas, ich habe zw�lf neue Enkelkinder.� </p><p>�Ach, du Schande�, sagte Jo, die an einem Schinkenknochen nagte und ebenso viel Appetit wie Grunthor an den Tag legte.</p><p>�Hast du was an dem Fleisch auszusetzen?�, fragte Rhapsody launig.</p><p>Laut schmachtend antwortete Jo: �Das Fleisch ist in Ordnung. Auf Kinder bin ich allerdings weniger scharf. Vielleicht erinnerst du dich, dass mir fr�her immer ein ganzer Schw�rm um die F��e gesprungen ist.� </p><p>�Das h�lt wohl niemand auf Dauer aus�, stimmte Rhapsody zu.</p><p>�Firbolg-Kinder?�, fragte Achmed und biss in die andere H�lfte des Br�tchens.</p><p>Rhapsody nickte. �Waisen. Sehr nett, die Kleinen. Sie sind zwar ein bisschen wild und laut, doch als Kind war ich nicht anders.�</p><p>�Aber du hast dir damals bestimmt keinen Spa� daraus gemacht, Ratten zu jagen und bei lebendigem Leib aufzuessen.� </p><p>�Zugegeben.� Rhapsody schmunzelte und sch�ttelte sich. �Ich hab sie trotzdem gern.�</p><p>�Wenn du dich �ber deine neuen G�ren endlich eingekriegt hast, k�nnten wir uns vielleicht der Frage unserer wirtschaftlichen M�glichkeiten zuwenden?�</p><p>�Aber sicher doch.� Rhapsody nahm ein zweites gro�es Pergamentblatt zur Hand. �Neben den Waffen und R�stungsteilen, die unsere Schmiede produzieren, sollten wir Wein anbauen und keltern. Was dazu n�tig w�re, habe ich von Llaurons G�rtnerin Ilyana gelernt. Sobald Grunthor die Gebiete jenseits der Heide unter Kontrolle gebracht hat, werde ich � wie schon nach den K�mpfen in der Schlucht � losziehen, um mich um die Kinder der Gefallenen zu k�mmern. Und w�hrend ich dort bin, werde ich den filidischen Landsegen sprechen und mit meinem Gesang die Pflanzen beschw�ren. Das sollte helfen. Die Weinst�cke sind, soweit ich wei�, im Gro�en und Ganzen gesund und ertragreich. Mit der n�tigen Pflege werden sie gute, s��e Fr�chte hervorbringen.� </p><p>Achmed nickte und machte sich eifrig Notizen. �Was sonst noch?�</p><p>Rhapsody und Jo tauschten Blicke. �Wir haben etwas Interessantes �ber das Holz herausgefunden, das du aus dem dunklen Wald hinter der Heide mitgebracht hast.�</p><p>�N�mlich?� </p><p>Rhapsody nickte, worauf Jo vom Tisch aufstand und im Nebenraum verschwand. �Es scheint sich gut f�r den M�belbau zu eignen.�</p><p>Kurze Zeit sp�ter kehrte das M�dchen zur�ck und reichte Achmed ein kegelf�rmiges St�ck Holz. Seine gehobelte und polierte Oberfl�che war von dunkler T�nung und hatte einen auff�llig bl�ulichen Schimmer, gerade so wie die pr�chtigen Tische in der Gro�en Halle oder andere M�belst�cke aus der Hinterlassenschaft von Gwylliam und Anwyn.</p><p>�Aha, wirklich interessant�, murmelte Achmed und drehte den Kegel in der Hand.</p><p>�Das hat Jo herausgefunden�, verriet Rhapsody.</p><p>�Kompliment�, sagte Achmed. Das M�dchen lief bis unter die Wurzeln ihrer blonden Haare rot an und kehrte an seinen Platz zur�ck.</p><p>�Und nun zu meinem bescheidenen Beitrag. Erinnerst du dich an diese ekligen Spinnen, die mit ihren F�den nicht weniger als sechs G�nge verstopft hatten?�</p><p>�Wie k�nnte ich das vergessen? Dein Geschrei hallt mir immer noch in den Ohren nach.�</p><p>Rhapsody schlug mit der Serviette nach ihm aus, einem Leinentuch, das sie zusammen mit anderer aufw�ndig bestickter Tischw�sche in einer Kupfertruhe in Gwylliams Kammer gefunden hatte. </p><p>�L�gner, ich habe nicht geschrien. Wie auch immer, wenn man deren F�den mit Baumwolle oder Schafwolle verspinnt, entsteht daraus ein fester, dehnbarer Faden, der sich auf vielf�ltige Weise weiterverarbeiten l�sst. Zum Beispiel eignet er sich zur Herstellung von Seilen, die nicht nur enorm strapazierf�hig w�ren, sondern auch verbl�ffend leicht.� Sie holte aus ihrer Tasche ein geflochtenes Band und warf es Achmed zu, der kr�ftig daran zerrte.</p><p>�Hervorragend�, sagte er. </p><p>�Und mit seiner gl�nzenden Oberfl�che ist es auch sch�n anzusehen. Nun, das war, was ich zu berichten hatte. Hast du mit dem Schl�ssel das innere Gelass �ffnen k�nnen?�</p><p>Achmed leerte seinen Becher. �Nein�, sagte er, kurz angebunden.</p><p>Rhapsody schmunzelte. �Siehst du, das hat man davon, wenn man unerlaubter Weise in meinen Schubl�den herumst�bert.� </p><p>�Es ist sp�t geworden�, sagte Achmed mit einem Seitenblick auf Jo.</p><p>�Schon verstanden. Gute Nacht allerseits.� Das M�dchen stand auf und ging nach drau�en. Die S�ngerin schaute ihr nach.</p><p>�Was soll das?�, wunderte sich Rhapsody.</p><p>�Sie wird m�de sein�, antwortete Achmed. Er trat vor den stinkenden Wandbehang, langte dahinter und holte eine kleine, schmuckvolle Kassette sowie ein in Leder gebundenes und mit Samt umwickeltes Manuskript zum Vorschein.</p><p>Rhapsody vorzog das Gesicht. �Igitt, ist dir kein besseres Versteck eingefallen?�</p><p>Achmed kam an den Tisch zur�ck. �Ausgerechnet du fragst das, die du den Schl�ssel zu Gwylliams Sch�tzen im Nachttopf aufbewahrt hast.�</p><p>Sie holte Luft, um zu protestieren, besann sich aber eines anderen und sagte nur: �Ich dachte, der Schl�ssel h�tte nicht gepasst.�</p><p>�Ich wollte nicht im Beisein von Jo dar�ber reden.�</p><p>�Das hat sie sehr wohl registriert.� Rhapsody schluckte. �Ich kann nicht glauben, dass du ihr so wenig vertraust. Warum kannst du sie nicht leiden?�</p><p>�Ich mag sie sehr gern�, antwortete der Firbolg-K�nig. �Aber du hast Recht, ich traue ihr nicht �ber den Weg. Ich vertraue den wenigsten, genauer gesagt nur zweien.�</p><p>�Gehen Gernhaben und Vertrauen nicht Hand in Hand?�</p><p>�Nein.� Achmed packte das Buch aus. �Dar�ber k�nnen wir uns gleich unterhalten. Ich glaube, dass dich das hier interessieren wird.� Er schlug das alte Buch auf und schob es vorsichtig �ber die Tischplatte zu ihr hin. </p><p>�Was ist das?�, fragte Rhapsody und blickte auf die aufgeschlagenen Seiten, die trotz sorgf�ltiger Aufbewahrung im Lauf der Zeit ganz ausgetrocknet, spr�de und rissig geworden waren.</p><p>�Das ist eins der Dokumente, die Gwylliam geradezu heilig waren�, antwortete Achmed und l�chelte leicht. �Du solltest sehen, was in der Geheimkammer sonst noch alles an B�chern und Manuskripten zu finden ist. Auch Pl�ne f�r weitere Bauvorhaben und Karten von Teilen von Canrif, die wir noch gar nicht entdeckt haben. B�cher, von Serendair mitgebracht, die gesamte Geschichte der Cymrer. Das hier scheint ein Familienregister zu sein, der k�nigliche Stammbaum, komplett mit allen Namen, Geburts- und Todesdaten. Geschrieben �brigens in derselben Sprache, in der auch der Vertrag abgefasst worden ist.� </p><p>Rhapsody musterte die Handschrift. �Das ist wirklich Alt-Serenne, und zwar in der urspr�nglichen Schreibweise, also nicht nur nachgemacht wie in dem Vertrag.�</p><p>�Wirst du daraus schlau?� </p><p>Vorsichtig bl�tterte sie durch die Seiten, die zwischen ihren Fingern zu zerfallen drohten. Sie las vertraute Namen der k�niglichen Familie, zum Beispiel den von Trinian, der vier Generationen vor Gwylliam, n�mlich zu der Zeit, da sie Serendair verlassen hatte, Kronprinz gewesen war. Sie hatte die n�chste Seite aufgebl�ttert und war den Spuren der verblassten Tinte weiter gefolgt, als ihr Gesicht mit einem Male schreckensbleich wurde.</p><p>�Was ist los?�, fragte Achmed, der auf ihre Miene aufmerksam wurde, weil das Feuer im Kamin pl�tzlich wie in Panik aufloderte und ihr Gesicht erhellte.</p><p>�Sieh nur, wo die Linie endet�, sagte sie und zeigte auf den letzten Eintrag. �Gwylliam und Anwyn hatten zwei S�hne. Der �ltere und Erbe ist hier mit dem Namen Edwyn Griffyth vermerkt.� </p><p>�Und der j�ngere?� </p><p>Sie blickte zu ihm auf, und ihre smaragdgr�nen Augen funkelten im Widerschein der Flammen. </p><p>�Llauron.� </p><p>�Vielleicht sind es zwei unterschiedliche Personen, die nur denselben Namen tragen�, meinte Achmed, an Rhapsody gewandt, die an ihrem Kelch nippte und ins Feuer starrte. �Wie wahrscheinlich ist es, dass einer der beiden S�hne den Krieg �berlebt hat, dem der angeblich unsterbliche Vater zum Opfer fiel?� </p><p>�Wer wei�?�, antwortete Rhapsody leise. �Ich vermute, es ist der Llauron, den wir kennen.� </p><p>�Was f�hrt dich zu der Annahme?�</p><p>�Nicht viel. Aber er hat in seinem Gew�chshaus eine faszinierende Einrichtung, die selbst im Winter daf�r sorgt, dass es darin regnet wie im Sommer. Und er erz�hlte, dass sein Vater sie f�r seine Mutter gebaut habe.� </p><p>�Aber das widerspr�che doch deiner Vermutung. Gwylliam hat Anwyn gehasst.�</p><p>Rhapsody warf wieder einen Blick in das Buch. �Nicht immer. Und tu nicht so; du glaubst doch auch, dass es derselbe Llauron ist.�</p><p>�Stimmt. Unabh�ngig davon, was man sonst noch alles �ber Gwylliam sagen k�nnte, fest steht: Er war ein Vision�r und Erfinder. Davon zeugt Ylorc an allen Ecken und Enden.�</p><p>�Und Llauron ist sehr daran interessiert, dass sich die Cymrer wieder vereinen. Es hat zwar gesagt, dass er eine solche Wiedervereinigung um des lieben Friedens willen w�nsche, aber jetzt frage ich mich, ob er nicht wom�glich einfach nur auf Macht aus ist.�</p><p>Der Kriegsherr setzte sich auf den Rand des Tisches. �Er steht als religi�ser F�hrer einer halben Million Gl�ubigen voran und lebt wie ein gut bezahlter G�rtner. Warum sollte er an die Macht dr�ngen? Die h�tte er als rechtm��iger Erbe doch l�ngst an sich rei�en k�nnen.�</p><p>�Keine Ahnung.� Sie bl�tterte durch das Buch, fand aber keine weiteren Eintr�ge. �Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieser freundliche Mann niedertr�chtige Absichten hegt. Als man mich zu ihm brachte, war ich ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, doch hat er sich mir gegen�ber immer nur g�tig und gro�z�gig gezeigt. Er erinnert mich an meinen Gro�vater. Und jetzt stellt sich heraus, dass er der Sohn des weltgr��ten Mist-St�cks ist und obendrein noch Drachenblut in seinen Adern hat. Tja, das erkl�rt wohl, warum er so vieles �ber mich wusste, ohne danach gefragt zu haben. Der Sp�rsinn von Drachen ist ja sprichw�rtlich. Ich frage mich, was er sonst noch alles �ber uns wei�.�</p><p>Seufzend klappte Achmed das vor ihr liegende Buch zu. �Das kn�pft �brigens sehr gut an unser Gespr�ch �ber Jo an. Du wei�t ja inzwischen, dass Grunthor und ich in der alten Welt Kontakt zu d�monischen Wesen hatten.�</p><p>Rhapsody kullerte mit den Augen. �Ja.�</p><p>�Benimm dich, dein K�nig spricht zu dir. Und ich meine es ernst. Es gibt etliche D�monen � dazu z�hlen nicht nur die alten, �ber die wir sprechen �, die Personen an sich binden k�nnen, ohne dass diese etwas davon merken. Deshalb k�nnte jeder, dem wir hier begegnen, in Kontakt mit einem solchen b�sen Wesen stehen und ihm dienen, wissentlich oder nicht. Glaub mir, ich wei�, wovon ich rede.� Er starrte ihr so intensiv in die Augen, dass sie unwillk�rlich den Blick senkte. </p><p>�Und du hast Jo im Verdacht, einem D�mon zu dienen?�</p><p>Achmed seufzte. �Nein, nicht direkt. Aber ich kann es auch nicht ausschlie�en. Rhapsody, du bist allzu vertrauensselig, und das ist gerade in unserer Situation bedenklich. Du adoptierst die halbe Welt, in der Hoffnung, das Zur�ckzugewinnen, was du verloren hast.�</p><p>Sie sah ihn wieder an und l�chelte, obwohl ihr Kinn bebte. �Mag sein. Aber immerhin hat mir die Adoption eines Bruders das Leben gerettet.�</p><p>Jetzt schaute Achmed zur Seite, um ihr sein Schmunzeln zu verbergen. �Ich wei�. Nur, wie gro� ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Gl�cksf�lle wiederholen? Versteh mich recht, ich habe nichts gegen Jo. Auch Grunthor scheint sie gern zu haben. Trotzdem, es w�re besser, wenn wir uns mit Vertraulichkeiten zur�ckhielten.�</p><p>�Besser oder sicherer?� </p><p>�Das ist dasselbe.� </p><p>�Nicht f�r mich�, widersprach sie energisch. �Unter solchen Umst�nden w�rde ich nicht leben wollen.� </p><p>Der Kriegsherr zuckte mit den Achseln. �Wie du meinst. Mach was du willst; es k�nnte nur sein, dass du so nicht lange lebst. Aber es gibt ja wahrhaftig Schlimmeres, als zu sterben. Falls ein d�monischer Geist von dir Besitz ergreifen sollte, zumal einer aus der alten Zeit, werden dir die Wochen mit Michael, dem Wind des Todes, im Nachhinein geradezu paradiesisch vorkommen.�</p><p>Rhapsody schob das Buch beiseite und stand vom Tisch auf. �Es reicht mir. Ich werde jetzt nach meinen Patienten sehen.� </p><p>Achmed biss die Z�hne zusammen. Dass sich Rhapsody um verletzte Firbolg k�mmerte, deren Wunden versorgte und ihnen mit ihren Ges�ngen Trost spendete und Mut machte, war seiner Meinung nach reine Zeitverschwendung.</p><p>�So kann man auch den Abend verbringen�, sagte er mit unverhohlenem Zynismus. �Ich bin sicher, die Firbolg wissen deine G�te zu w�rdigen und werden sich, wenn du einmal in Not bist, bestimmt revanchieren.� </p><p>Rhapsody furchte die Stirn. �Was soll das hei�en?� Der Flammenschein schimmerte in ihren Augen und Haaren, was sich im Dunkeln fast unwirklich ausnahm.</p><p>Achmed seufzte. �Deine M�hen werden dir nicht gedankt werden. Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?�</p><p>Sie l�chelte. �Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein.�</p><p>Der Firbolg-K�nig schnaubte. �Willst du nicht sehen, was in der Kassette ist?�</p><p>Sie blieb vor der T�r stehen und drehte sich um. �Nicht unbedingt. Und ganz bestimmt nicht, falls ich damit herausfinden sollte, dass Herzog Stephen f�r den Untergang von Serendair und die gro�e Plage verantwortlich w�re. Noch ein paar Tage wie heute, und ich werde wom�glich genauso paranoid, wie du es bist.� </p><p>Ohne auf ihre Worte einzugehen, �ffnete Achmed die Kassette und holte einen in Samt gepackten Gegenstand daraus hervor: ein H�rn.</p><p>Rhapsody merkte auf. �Ist das etwa das Ratshorn? Das Instrument, mit dem die Cymrer zur Ratssitzung gerufen wurden?�</p><p>�Genau das.� </p><p>Einen Augenblick lang stand sie wie benommen da. Obwohl es Jahrhunderte nicht anger�hrt worden war, gl�nzte das H�rn wie an einem klaren Fr�hlingsmorgen. Die Luft ringsum schien zu vibrieren und neue, schon verloren geglaubte Hoffnung zu verbreiten.</p><p>�Und was hast du damit vor?�, fragte sie, als sie sich wieder gefasst hatte.</p><p>Achmed zuckte mit den Achseln. �Vorl�ufig nichts. Vielleicht f�llen wir es mit Wein und feiern deine erfolgreiche Reise nach Roland, wenn du n�chste Woche zur�ckkehrst. Oder wir dekorieren deinen Geburtstagskuchen damit. Wenn Grunthor und ich betrunken genug sind, werden wir damit vielleicht auch die noch lebenden Ratsmitglieder in das Amphitheater rufen und sie dann nass machen. Wer wei�? Ich wollte dir nur sagen, dass wir es gefunden haben.�</p><p>Rhapsody lachte. �Vielen Dank auch. Wie w�r�s, du lernst darauf zu blasen und begleitest mich bei meinen Schlummerliedern f�r die Firbolg-Patienten?�</p><p>Achmed legte das H�rn in die Kassette zur�ck. �Bevor es dazu kommt, wird all das Wirklichkeit, was ich soeben aufgez�hlt habe, und noch viel mehr.�</p></section><section><title><p>50</p></title><p>Tristan Steward, der Hohe Herrscher �ber Roland und Erbprinz von Bethania, stand am Fenster seiner Bibliothek und fragte sich, ob denn wohl alle seine Minister und Mitregenten, die sich zu Konsultationen in seiner Burg versammelt hatten, nicht mehr ganz bei Verstand waren.</p><p>Seit dem Fr�hst�ck klopften sie bei ihm an, einer nach dem anderen, und bedr�ngten ihn h�flich, aber mit Nachdruck, einen Gast zu empfangen, der unangemeldet gekommen war und geduldig in der Vorhalle wartete. </p><p>Doch Tristan lie� sich nicht erweichen und schob zum einen wichtige Gesch�fte und zum anderen protokollarische Gr�nde vor. Als er schlie�lich h�rte, dass es sich um einen Abgesandten aus den Bolgl�ndern handelte, war er noch weniger geneigt, eine Audienz in Betracht zu ziehen.</p><p>Jetzt aber klopfte Ivenstrand an, der Herzog von Avonderre und nach Stephen Navarne der zweitwichtigste Mann im L�nderbund, und steckte, vorsichtig wie ein Zimmerm�dchen, den Kopf zur T�r herein. </p><p>Prinz Steward seufzte. �G�tiger Himmel, du nicht auch noch, Martin! Zuerst w�r�s der Kammerherr, dann kamen die Berater, die anderen Herz�ge und jetzt du. Was ist so schrecklich wichtig, dass ihr mich von der Arbeit abhaltet?�</p><p>Ivenstrand r�usperte sich. �Ehm, nun, ich denke, dass Ihr ein Interesse haben k�nntet, diese Besucherin zu empfangen, Hoheit. Ich war so frei und habe sie schon mal in Euer Arbeitszimmer gef�hrt�, f�gte er mit nerv�sem Blick hinzu.</p><p>Der Herrscher von Roland schlug den Atlas zu, in dem er gelesen hatte. �Na sch�n. Andernfalls wird man mich ja wohl nicht in Ruhe lassen.� Mit sichtlich ver�rgerter Miene eilte er an Ivenstrand vorbei durch die T�r. Pl�tzlich blieb er stehen und drehte sich um. �Habe ich richtig geh�rt, sagtest du �Besucherin�?� </p><p>�Ja, Eure Hoheit.� </p><p>Tristan sch�ttelte sich. Schlimm genug, dass die Bolg einen Gesandten zu ihm in die Burg geschickt hatten, in der anschlie�end bestimmt gr�ndlich gel�ftet werden m�sste. Aber dass nun ausgerechnet eine Frau... der Gedanke war jenseits dessen, was er fassen konnte, und machte ihn schwindeln. Ver�rgert marschierte er auf sein Arbeitszimmer zu.</p><p>Der Kammerherr stand vor der Doppelt�r in Bereitschaft und senkte den Blick, als er den Hohen Herrscher mit finsterer Miene kommen sah. Er �ffnete die T�r und meldete, wie es sich geh�rte, den Namen des Gastes. </p><p>�Eure Hoheit, die Abgesandte Rhapsody, aus den L�ndern Ylorc.�</p><p>�Wie bitte? Was soll der Unsinn?�, herrschte Tristan seinen Kammerherrn an. �Einen solchen Namen habe ich nie geh�rt. Geh mir aus dem Weg!�</p><p>Er st�rmte in den Raum, gefasst auf den Anblick eines h�sslichen Monstrums. Der neue Kriegsherr der Firbolg war entweder ein Feigling oder aber ziemlich gerissen, dass er eine Frau schickte, hoffend, dass sie nicht spornstreichs mit dem Schwert niedergestreckt w�rde.</p><p>F�r eine Bolg war sie ausgesprochen klein. Sie stand mit dem R�cken zur T�r und blickte unter die Gew�lbedecke, an der sie anscheinend das kunstvolle Schnitzwerk bewunderte. Sie trug einen einfachen, unauff�lligen Wintermantel mit Kapuze, darunter, wie es schien, eine Hose. Dass sie so ganz und gar nicht h�fisch gekleidet war, verdutzte den Regenten. Als sie ihn h�rte, drehte sie sich um und machte eine tiefe Verbeugung. Tristan hatte mit so viel Anstand gar nicht gerechnet und war entsprechend irritiert. </p><p>�Was ist? Was willst du?� </p><p>Als die Frau den Kopf hob, traute Tristan seinen Augen kaum, sah er sich doch um alle seine Erwartungen betrogen. Dass sie keine Firbolg war, war eigentlich schon �berraschend genug. Was sich seinen Blicken dar�ber hinaus darbot, raubte ihm schier den Atem.</p><p>Rhapsody schmunzelte. �Ich bin mit einer Nachricht von Seiner Majest�t K�nig Achmed von Ylorc zu Euch gekommen.� Ihr Schmunzeln wurde noch breiter, als sie an die zus�tzlichen offiziellen Adressformen dachte, die sie ausgelassen hatte: Finsterer Blick, Weltenverschlinger, der Gnadenlose. </p><p>�Da Ihr noch keinen Botschafter an seinen Hof geschickt habt, bat er mich, zu Euch zu gehen.� </p><p>Rolands Herrscher machte schnell den Mund zu, als ihm bewusst wurde, dass ihm die Kinnlade heruntergeklappt war. �Du bist kein Firbolg.�</p><p>�Nein. M�sste ich einer sein?�</p><p>Tristan Steward sch�ttelte den Kopf. �Gewiss nicht. Ich meine, nein. Nein, das muss nicht sein.� Er wand sich innerlich vor Scham dar�ber, wie t�richt er daherredete.</p><p>�Da bin ich ja beruhigt.� Rhapsody l�chelte respektvoll, doch es war nicht zu �bersehen, dass ihre gr�nen Augen sp�ttisch funkelten.</p><p>Der Hohe Herrscher holte tief Luft, um sich zu fassen. �Nimm Platz. Bitte.� Und an den Kammerherrn angewandt: �Lass dir den Mantel geben.� Den Gast fragte er: �Darf ich dir eine Erfrischung kommen lassen?� </p><p>�Danke nein.� Rhapsody setzte sich in den geschwungenen Sessel aus Walnussholz, auf den er zeigte, nachdem sie den Mantel ausgezogen und dem Kammerherrn gegeben hatte, worauf sich erneut beklommene Stille einstellte. Schlie�lich sch�ttelte der Kammerherr, wie aus tiefer Trance erwacht, den Kopf, verbeugte sich vor dem Regenten und verlie� den Raum.</p><p>Tristan eilte an seinen Schreibtisch und nahm dahinter Platz, um zu verbergen, womit er unwillk�rlich auf ihren Anblick reagierte. Immerhin war er offiziell verlobt.</p><p>�Bevor wir zu deiner Botschaft kommen, sag mir doch bitte eines: Wer oder was ist Ylorc und was hast du mit dem firbolgschen Kriegsherrn zu schaffen?�</p><p>Rhapsody faltete die H�nde. �Ylorc ist der Name der Firbolg f�r die alten cymrischen L�nder, die fr�her Canrif genannt wurden. Ich bin hier in seinem Auftrag als seine Gesandte.� </p><p>Der Hohe Herrscher von Roland schluckte. Rhapsody musste sich ein Lachen verkneifen. Sie konnte die Gedanken ihres Gegen�bers ganz deutlich in dessen Gesicht geschrieben sehen. Dass sie einem Firbolg-Herrscher diente, war ihm offenbar zutiefst zuwider. Doch sie beschloss, an seinen Vorbehalten keinen Ansto� zu nehmen, schlug ganz unbefangen ein Bein �ber das andere und sah sein Gesicht puterrot anlaufen. Als er sich wieder halbwegs gefangen hatte, fragte er sie mit ernster Miene: </p><p>�Was ist das f�r eine Nachricht, mit der du gekommen bist?�</p><p>�Es geht um den in Roland Jahr f�r Jahr wiederholten Waffengang, den Eure Soldaten �Fr�hjahrsputz� nennen, die �berf�lle auf D�rfer und Siedlungen der Firbolg.�</p><p>�Ich wei� Bescheid. Und?� </p><p>�Damit muss Schluss sein, ein f�r allemal.�</p><p>Der Hohe Herrscher von Roland legte die Stirn in Falten. �Ach wirklich? Interessant. Und f�r wen h�lt sich dieser Kriegsherr, dass er glaubt, mir ein solch dreistes Diktat zumuten zu k�nnen?� </p><p>Rhapsody blieb ruhig. �Er wei�, wozu er imstande ist. Und das k�nntet auch Ihr in etwa einsch�tzen, wenn Ihr besser zugeh�rt h�ttet, Eure Hoheit. Er ist K�nig und unangefochtener Herrscher �ber die L�nder der Firbolg und � wie seine Berater und wie meine Person �brigens auch � der heimt�ckischen Massaker an unschuldigen B�rgern �berdr�ssig.�</p><p>Der Regent sah Rhapsody an, als w�rde er an ihrem Verstand zweifeln. �B�rger? Bist du nicht ganz gescheit? Die Firbolg sind Ungeheuer und aggressiv obendrein. Der Fr�hjahrsputz wird seit Jahrhunderten, n�mlich seit sich dieser Dreck auf dem alten Cymrer-Territorium breit gemacht hat, als eine Pr�ventivma�nahme zu unserer Verteidigung durchgef�hrt. Damit kommen wir den brutalen Grenz�bergriffen zuvor, die sie sonst gegen uns f�hren w�rden.�</p><p>Das Licht in Rhapsodys Augen strahlte heller auf, und es schien, als w�rde die gr�ne Regenbogenhaut gl�hen. �Tats�chlich? Wann hat es denn den letzten dieser brutalen �bergriffe gegeben?� </p><p>Tristan lie� sich mit der Antwort Zeit und starrte sie an. Sie hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. �So genau l�sst sich das nicht sagen. Aber wie schon erw�hnt, der Fr�hjahrsputz wird seit Jahrhunderten praktiziert und hat sich als sehr effektiv erwiesen, denn seither sind wir von diesen Barbaren verschont geblieben.�</p><p>Von einem L�cheln war keine Spur mehr auf Rhapsodys Gesicht zu sehen. �Aha, jetzt verstehe ich. Gewalt ist nur dann Gewalt, wenn sie gegen Eure B�rger gerichtet ist. Das Gemetzel am Volk der Ylorc z�hlt wohl nicht.� </p><p>Wieder klappte dem Hohen Herrscher die Kinnlade herunter. �Volk? Was f�r ein Volk? Die Firbolg sind Ungeheuer.� </p><p>�Ihr wiederholt Euch. Und obendrein sind sie aggressiv, wenn ich mich recht entsinne. Ich stelle fest: Unter Eurem Befehl fallen Soldaten von Roland Jahr f�r Jahr �ber grenznahe Ortschaften und Siedlungen der Firbolg her, brandschatzen und morden nach Belieben. Ihr dagegen k�nnt mir keinen einzigen �berfall nennen, den die Firbolg gegen Euch gef�hrt h�tten, und sei es nur aus Rache f�r Eure Grausamkeiten, weder zu Eurer Zeit noch zu Lebzeiten vorangegangener Generationen. Ich frage Euch, Hoheit, wer sind hier die aggressiven Ungeheuer?�</p><p>Tristan sprang auf. �Was f�llt dir ein? Wer bist du, dass du dich erdreistest, auf so unversch�mte Art und Weise mit mir zu reden?�</p><p>Rhapsody seufzte. �Noch einmal: Mein Name ist Rhapsody. Ich bin Gesandte des Hofes von Ylorc. Glaubt mir, ich wei�, wer ich bin. Ob Ihr aber dasselbe auch von Euch sagen k�nnt, Hoheit, scheint mir inzwischen fraglich.� </p><p>Er konnte vor Wut kaum mehr an sich halten. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Ihr versteht Euch selbst als Regent eines zivilisierten, edlen Volkes, und das mag auch im Gro�en und Ganzen zutreffen. Aber wenn ein Volk wie das Eure anderen das Recht auf Leben und Freiheit aberkennt, so tut Ihr euch selbst keinen Gefallen damit, im Gegenteil, Ihr schadet Euch letztlich noch mehr als ihnen. Ihr entartet zu den Ungeheuern, die Ihr in den anderen seht.�</p><p>Der Hohe Herrscher von Roland schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. �Genug! Raus! Ich kann es selbst kaum fassen, dass ich mir dergleichen bieten lasse. Du wunderst mich wirklich sehr, siehst aus wie eine von denen, die fr�her im Cymrerland gelebt haben, benimmst dich aber wie deren Bewohnerschaft von heute.�</p><p>Rhapsody lie� ihn nicht aus den Augen. �Besten Dank. Das verstehe ich als Kompliment, auch wenn Ihr es nicht so gemeint habt. Wie dem auch sei, ich will Eure Zeit nicht mehr lange in Anspruch nehmen. Nur noch zwei Bemerkungen.�</p><p>�Aber beeil dich, sonst lass ich dich von den Wachen vor die T�r setzen.�</p><p>�Nicht n�tig. H�rt, was ich Euch sonst noch auszurichten habe. Wenn Ihr der Aufforderung von K�nig Achmed Folge leistet und Eure Feindseligkeiten einstellt, garantiert er Euch, dass Ihr von Seiten der Bolg nichts zu bef�rchten habt.�</p><p>�Die Bolg sind ein Haufen gehirnloser Bestien, die nur ihren tierischen Instinkten folgen. Einen organisierten Gegenschlag zu f�hren ist ihnen genauso unm�glich, wie zu fliegen. Ganz davon abgesehen, bezweifle ich, dass dieser Kriegsherr �berhaupt irgendetwas zu sagen hat, geschweige denn das Ruder in der Hand h�lt. Wom�glich ist er l�ngst tot, ehe du ihm meine abschl�gige Antwort vortragen kannst.� </p><p>�Nun, Ihr habt nat�rlich das Recht auf eine eigene Meinung, so falsch sie auch sei. Aber erlaubt, dass ich Eurer mangelnden Kenntnis ein wenig auf die Spr�nge helfe: Die Bolg sind � zum ersten Mal in ihrer Geschichte � unter einem K�nig vereint. Sie werden in gemeinsamer Anstrengung Gesellschaft und Wirtschaft organisieren und hoffen darauf, schon bald mit Roland in Handelsbeziehungen treten zu k�nnen.� </p><p>�Du bist ja noch verr�ckter als ich dachte.�</p><p>�Sei�s drum, im Herbst werden wir unseren ersten Wein auf den Markt bringen und auch einige Spezialwaffen, wie Ihr sie, da bin ich mir sicher, noch nie zu Gesicht bekommen habt. Und lasst Euch das Eine gesagt sein: Solltet Ihr so unvern�nftig sein, an der Entschlossenheit meines K�nigs zu zweifeln, wird Euch das teuer zu stehen kommen. Glaubt mir.� </p><p>�Raus!� </p><p>Als er nach dem Kammerherrn rief, drehte sich Rhapsody um und ging zur T�r, wo sie ihren Mantel aus der Hand des Dieners entgegennahm und sich noch einmal dem Regenten zuwandte.</p><p>�Ich bedanke mich, Hoheit, f�r die Audienz. Es tut mir Leid, dass Ihr auf das, was ich zu sagen hatte, so ungehalten reagiert habt. Wenn Ihr mich trotzdem noch einmal sprechen wollt, komme ich gern wieder.� </p><p>�Bem�h dich nicht�, entgegnete Tristan mit vor Wut funkelnden Augen. �Du bist zwar sehr h�bsch, zugegeben, hast aber offenbar nicht einmal so viel Verstand wie ein Grash�pfer. Bel�stige mich nicht l�nger. Ich werde veranlassen, dass man dich davonjagt, solltest du noch einmal bei mir vorzusprechen versuchen.� </p><p>L�chelnd warf Rhapsody ihren Mantel �ber. �Wie Ihr w�nscht, Hoheit. Es wird Euch hoffentlich klar sein, dass Ihr Euch nun selbst bequemen und auf die Reise gehen m�sst, wenn Ihr schlie�lich doch den Wunsch versp�ren solltet, mit mir zu reden. Ich w�nsche ein gutes neues Jahr.� Sie nickte dem Kammerherrn freundlich zu und ging, von Wachen begleitet, zur T�r hinaus. Der Hohe Herrscher wandte sich seinem Kammerherrn zu.</p><p>�Ruf sofort meine Berater zusammen.�</p><p>�Zu Befehl, Eure Hoheit.� </p><p>Herzog Stephen Navarne h�rte so geduldig zu, wie er nur sein konnte, als der Hohe Herrscher die anderen Herz�ge aufs Heftigste beschimpfte. Er war am Vormittag nicht zugegen gewesen und wusste nichts von der Botschafterin, die seinen Vetter so sehr in Rage versetzt hatte, denn er, Stephen, war noch im Lager von Tristans Soldaten gewesen, die er zur�ckgef�hrt hatte, nachdem sie ihm geholfen hatten, den j�ngsten Aufstand in Navarne niederzuschlagen. Dennoch war er dem w�tenden Ruf des Hohen Herrschers gefolgt, wor�ber er nun froh war. Als Tristan seine Tirade beendet und die anderen Herz�ge entlassen hatte, blieb Stephen zur�ck, um mit seinem Vetter unter vier Augen zu reden.</p><p>�Mir scheint, du bist dir �ber gewisse Dinge noch nicht im Klaren, Tristan�, sagte er in freundlichem Ton und versuchte, seine tiefe Sorge zu �berspielen. �Die Frau, �ber die du dich aufregst, und ihre Bolg-Gef�hrten sind dieselben, die vor einiger Zeit das Haus der Erinnerung gerettet haben.� </p><p>Der Hohe Herrscher von Roland war sichtlich verbl�fft. �He?�</p><p>�Ja, so ist es. Und die drei werden in Navarne als Helden verehrt, weil sie es geschafft haben, eine gro�e Zahl der vermissten Kinder, von denen ich bei unserem letzten Zusammentreffen gesprochen habe, zu ihren Eltern zur�ckzuf�hren. Sie sind anscheinend mit einem D�mon oder dergleichen im Bunde und verf�gen �ber gro�e Kr�fte.�</p><p>Tristan Steward blieb eine Weile stumm, trat ans Fenster und schenkte sich ein Glas Portwein ein. </p><p>�Interessant�, sagte er. </p><p>Als Rhapsody in den �Kessel� zur�ckkehrte, wurde sie von Grunthor st�rmisch begr��t.</p><p>�Ich hab mir Sorgen gemacht�, sagte er und musterte, sichtlich erleichtert, ihr Gesicht. Rhapsody schmunzelte. Sie wusste, dass er es ernst meinte.</p><p>�Mir geht�s gut�, antwortete sie und t�tschelte seine massige Schulter.</p><p>�Wie ist es gelaufen?�, wollte Achmed wissen, als Jo auf Rhapsody zugelaufen kam und ihr um den Hals fiel. Er begegnete ihrem Blick, und zum ersten Mal tauschten die beiden ein L�cheln. Rhapsody legte einen Arm um Jos Schulter und folgte den Freunden in den d�steren Saal, wo man ihr ein Fr�hst�ck aufgetischt hatte.</p><p>�Nun, ich habe zwei Beobachtungen gemacht.�</p><p>�Und die w�ren?� Achmed verschr�nkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit dem R�cken an die Wand, w�hrend Grunthor ihr einen Stuhl zurechtr�ckte.</p><p>�Dass du �berhaupt fragst... wenn ich mich recht erinnere, bist du doch hellsichtig, Achmed. Alles, was du gesagt hast, hat sich genau so zugetragen.�</p><p>Achmed vorzog das Gesicht. �Mit Hellsicht hat das nichts zu tun. Ich habe nur gesagt, was mir wahrscheinlich vorkam.� </p><p>�Und zum Zweiten: In Anbetracht des Empfangs, den man mir bereitet hat, h�ttest genauso gut du vor dem Hohen Herrscher erscheinen k�nnen. Dir w�re er wohl auch nicht unfreundlicher begegnet. Jetzt verstehe ich, warum du immer so schlecht gelaunt bist.�</p></section><section><title><p>51</p></title><p>Tief in den alten Cymrer-L�ndern, noch jenseits von Heide und Schlucht, gesch�tzt von einem Ring hoher, schroffer Felsformationen, lag Kraldurge, das Reich der Geister. Dieser entlegene und seinem �u�eren Erscheinungsbild nach abschreckende Ort wurde ausnahmslos von allen Bolg gemieden. �ber die schreckliche Trag�die, die sich hier zugetragen hatte, wussten selbst die Legenden nichts Genaues zu berichten, doch musste sie so verheerend gewesen sein, dass sie in der Seele der Firbolg, die seit eh und je in dieser Bergwelt lebten, tiefe Narben hinterlassen hatte. Sie sprachen nur in angewidertem Fl�sterton von den Feldern voller Knochen und den wandelnden D�monen, die alles Leben, das sich ihnen in den Weg stellte, erbarmungslos verschlangen, vom Blut, das aus dem Boden quoll, und von den sengend hei�en Winden, die �ber die Ebene fegten und alles, was sich dort aufhielt, in Flammen aufgehen lie�en.</p><p>Als sie nach verwaisten Kindern von Schlachtopfern Ausschau gehalten hatte, war Rhapsody zuf�llig bis zu den Vorgelagerten Aussichtsh�geln gelangt, und nun machte sie sich, von Achmed begleitet, auf den beschwerlichen Weg �ber den Rand der inneren Zahnfelsen zur�ck an diesen Ort.</p><p>Sie war schon eine Weile vergeblich umhergeirrt, als Achmed seine Ungeduld nicht l�nger im Zaum halten konnte. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf den versteckten Pass, den er in der Felswand ausfindig gemacht hatte. Unter Aufbietung seiner nahe der Wurzel erworbenen F�higkeiten schickte er seinen Blick voraus auf den Pfad und durch eine enge, �berwucherte Scharte im Fels, die offenbar seit Jahrhunderten nicht mehr begangen worden war.</p><p>Auf der anderen Seite m�ndete dieser Pass in einen weiten Wiesengrund, der schon lange brach lag und ganz und gar verwildert War. In seiner Mitte erhob sich ein kleiner H�gel. Ansonsten gab es an diesem versteckten Gebirgstal nichts Ungew�hnliches zu entdecken.</p><p>�Tut mir Leid, aber ich sehe hier keinen einzigen D�mon, geschweige denn Geysire rauschenden Blutes.� </p><p>Rhapsody seufzte. �Das kann mir nicht Leid tun. Davon hatte ich genug im Haus der Erinnerung. Wie auch immer, ich muss unbedingt erfahren, was immer noch so viel Angst verbreitet, obwohl es m�glicherweise schon l�ngst nicht mehr da ist. Au�erdem w�r�s eine Schande, wenn ich all das Saatgut umsonst mitgebracht h�tte.�</p><p>�Na sch�n.� </p><p>Achmed nahm die Cwellan zur Hand und schl�pfte durch die Fels�ffnung. Sie staunte immer wieder aufs Neue dar�ber, wie geschickt und schnell er mit seiner sperrigen Waffe umzugehen verstand. Sie folgte ihm dichtauf, den Bogen mit angelegtem Pfeil im Anschlag.</p><p>Ihre Schritte hallten von den Felsen wider, um ein Vielfaches verst�rkt, sodass jeder, der sich in der N�he aufhielt, fr�hzeitig auf sie aufmerksam werden musste. Doch als sie auf die Wiese hinaustraten, war niemand zu entdecken, und alles zeigte sich so wie von Achmed vorhergesehen.</p><p>Die Felsw�nde ringsum waren so hoch, dass unten auf der Wiese von dem Wind, der heulend �ber die Zacken hinwegfegte, kaum etwas zu sp�ren war. Achmed und Rhapsody l�chelten sich gegenseitig zu. Dieses Pfeifen und Sausen klang tats�chlich wie das Geschrei von D�monen und w�rde selbst dem unerschrockensten Bolg Angst und Schrecken einjagen. Trotz der nat�rlichen Erkl�rung dieses Ph�nomens sp�rte Rhapsody eine tiefe Melancholie auf diesem Ort lasten, ein Gef�hl von �berw�ltigender Trauer und Wut zugleich.</p><p>Sie kauerte sich hin und ber�hrte den Boden, konnte aber nichts Ungew�hnliches feststellen. Waren hier, so fragte sie sich, Opfer der fr�hen Cymrischen Kriege bestattet worden? In Gwylliams Aufzeichnungen hatte davon jedenfalls nichts gestanden.</p><p>Achmed setzte sich in Bewegung und folgte dem Rand der Schlucht. Die Wiese war nicht allzu gro� und w�rde sich von der Kuppe des H�gels in der Mitte in ihrer gesamten Ausdehnung �berschauen lassen. Der einzige Zugang schien eben jener Pass zu sein, durch den sie gekommen waren. Mit einem Kopfnicken gab Achmed Rhapsody zu verstehen, dass sie mit dem, was sie vorhatte, nun beginnen mochte, w�hrend er das Terrain auskundschaftete. Rhapsody stieg also auf die Anh�he und holte, dort angekommen, den mit Saatgut gef�llten Leinensack, Pflanzger�te und eine Fl�te aus ihrem Gep�ck. Eine Harfe h�tte sich besser geeignet, doch hatte sie die Higen vor dem Haus der Erinnerung im Spalt der Eiche zur�ckgelassen, damit sie ihre heilenden Kl�nge dort weiter ert�nen lie� und den Baum vor dem Verfall besch�tzte.</p><p>Sie warf einen Blick auf Achmed, um sich zu vergewissern, dass er immer noch in Sichtweite war, und machte sich dann mit der Handschaufel an die Arbeit. Zuerst entnahm sie dem Boden unter der Grasnarbe eine Probe und stellte zu ihrer �berraschung fest, dass die erst k�rzlich von Eis und Schnee befreite Krume entgegen ihren Erwartungen voller N�hrstoffe und Leben war.</p><p>Sie fuhr mit der Hand �ber das Gras und rief das Feuer auf, das sie in ihrer Seele brennen f�hlte, worauf die welken braunen Halme an der Wurzel in Flammen aufgingen und unter ihrer Hand im Nu verbrannten. </p><p>Daraufhin j�tete sie das nun tote Gestr�pp und lockerte den Boden auf, um ihre Samenk�rner zu s�en. Es waren die Keime der Hear�sease, einer Blume von ihrer Inselheimat, die die Cymrer mit auf den neuen Kontinent gebracht hatten. Einst war es Brauch gewesen, sie zur Erinnerung an Verstorbene auf Gr�ber oder Schlachtfelder zu pflanzen. Darum w�hlte Rhapsody sie auch jetzt. Im Sommer w�rde die Saat aufgegangen sein und neue Frucht hervorgebracht haben, sodass schon bald, in ein, zwei Jahren, die ganze Schlucht erbl�hen w�rde.</p><p>Als sie den Leinensack �ffnete und ihm eine Hand voll Samen entnahm, stimmte sie, von den heulenden Winden begleitet, einen Bu�gesang zur Tr�stung des verwundeten Landes an und steckte singend Korn f�r Korn in den Boden.</p><p>Um die Saat vor Wind und Wetter zu sch�tzen, bedeckte sie den Boden anschlie�end wieder mit der Grasnarbe. Dann r�ckte sie zwei Schritte weiter und wiederholte den Vorgang an anderer Stelle. </p><p>Sie hatte ihre Arbeit fast schon beendet, als ihr pl�tzlich die kleine Schaufel aus der Hand glitt und im Boden verschwand. Rhapsody staunte nicht schlecht. Das Loch, das sie gegraben hatte, war nicht tiefer, als ihre Hand lang war, und bei weitem nicht gro� genug, um die ganze Schaufel zu verschlucken. Anscheinend war sie auf einen Hohlraum gesto�en.</p><p>Sie rief Achmed zu sich und trug vorsichtig mit den H�nden den Boden an der Oberfl�che ab. Als er neben ihr auftauchte, hatte sie einen engen Spalt mit einem Loch in der Mitte frei gelegt, in das die Schaufel hineingerutscht sein mochte, aber eigentlich nicht darin h�tte verschwinden k�nnen, denn so gro� war es nicht. </p><p>�Sieh dir das an�, sagte sie zu Achmed, der seine Waffe ablegte. �Der H�gel hat meine Schaufel verschluckt.� </p><p>�Dann muss er wohl Hunger gehabt haben.�</p><p>Rhapsody sp�hte in den Spalt. �Darunter scheint�s hohl zu sein.�</p><p>�Lass mal sehen.� Achmed beugte sich �ber den Spalt. Rhapsody hatte Recht. Unter dem Loch in der Mitte befand sich ein Hohlraum. Wieder schloss er die Augen und machte Gebrauch von seiner besonderen Gabe. </p><p>Sein geistiger Blick drang durch das Loch, weit hinab durch den Spalt. Der reichte enorm tief und hatte eine �berraschend ebenm��ige Ausformung. Zuerst ging er konisch auseinander und setzte sich dann wie ein Rohr nach unten fort.</p><p>Nach etwa hundert Fu� m�ndete dieses Rohr in eine gro�e H�hle, deren hohes Gew�lbe der Oberfl�che des H�gels entsprach, auf dem sie sich befanden. Der �ber hundert Klafter tiefer liegende Grund stand unter Wasser. </p><p>�Da ist ein unterirdischer See�, sagte Achmed und richtete sich auf. �Den sollten wir uns einmal genauer ansehen, oder?� </p><p>�Ja, nat�rlich�, antwortete Rhapsody merklich erregt. �Aber lass mich das hier erst zu Ende bringen. Ich bin fast fertig. Nur noch diese letzten Samenk�rner. Du kannst ja schon mal unser Mittagessen auspacken.� </p><p>Achmed nickte, �ffnete seinen Rucksack und h�rte ihrem fortgesetzten Trostgesang zu, wobei ihm auffiel, dass sie nun einen freudigeren Klang in der Stimme hatte. Als das Lied gesungen war, setzte sich Rhapsody auf einen von der Sonne beschienenen Fleck, nahm ihre Fl�te zur Hand und spielte das gesungene Lied auf ihr nach. Von Traurigkeit war da keine Spur mehr. Das Lied harmonierte mit dem Wind und nahm ihm die Sch�rfe, mit der er �ber die hohen Klippen brauste. Rhapsody hatte offenbar M�he, ihre Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer im Zaum zu halten. Achmed sch�ttelte den Kopf und fing schmunzelnd zu essen an.</p><p>Nach der kurzen Rast machten sich die beiden an die Suche nach einem Einstieg zur H�hle und wurden bald f�ndig: Er lag versteckt im dunkelsten Winkel der Schlucht, in einer schattigen Felsnische, so gut getarnt, dass Achmed ihn auf seinem Erkundungsgang glattweg �bersehen hatte. Achmed ging voran und f�hrte Rhapsody �ber t�ckisch rutschige Tritte in den Fels. Mit Schaudern dachte sie zur�ck an den Gang �ber die Wurzel, woran sie Dunkelheit und abgestandene Luft auf unangenehme Weise erinnerten.</p><p>�Was meinst du, wie tief?�</p><p>�F�nfzig, sechzig Klafter in der Mitte. An der �u�ersten Stelle wohl noch erheblich tiefer.� </p><p>Immer weiter folgten sie dem engen Stollen. Rhapsody f�rchtete schon, die Nerven zu verlieren, als sie hinter Achmed endlich in einen riesigen H�hlenraum trat. Durch winzige L�cher im Gew�lbe fiel Tageslicht, und es war so hell, dass an den R�ndern des unterirdischen Sees Pflanzen wachsen konnten. Der modrige Geruch stehenden Wassers hing in der Luft, dabei ging aber unverkennbar eine Str�mung durch den See. </p><p>Nicht weit entfernt stand ein kupferner, quaderf�rmiger Aufbau, den an den Seiten schmuckvolle Gravuren zierten. Davor lagen, halb eingesunken im Sand, metallene R�der auf Schienen. Zeit und Feuchtigkeit hatten sie zu einem rostigen Verbund miteinander verschwei�t.</p><p>Aus der N�he betrachtet, zeigte sich, dass es sich bei dem kupfernen Kasten um eine Art Bootshaus handelte. Davor steckten die verrosteten und mit Algen �berwucherten Pfosten der Anlegestelle im Wasser.</p><p>Achmed wuchtete die Kupfert�r auf und fand dahinter tats�chlich noch ein Ruderboot liegen � kieloben auf einem Bett aus Reis. Auf den ersten Blick hatte Rhapsody die Reisk�rner f�r Engerlinge gehalten und war vor Schreck zur�ckgesprungen, als sie mit der aufgehenden T�r nach drau�en rollten. Dass sie dar�ber in Verlegenheit geriet, fand Achmed offenbar �u�erst komisch, und er lachte immer noch, als er das Boot aus dem Verschlag zerrte.</p><p>Es bestand aus Holz, war aber mit einem d�nnen, gr�n angelaufenen Kupferblech beschlagen, das das Boot erstaunlich gut erhalten hatte. Es schien noch dicht zu sein, und das Holz zeigte an keiner Stelle Spuren von F�ulnis. Pr�fend klopfte Achmed an den Planken. Offenbar �berzeugt davon, dass es noch zu gebrauchen war, kippte er das Boot um und schob es ins Wasser.</p><p>�Kannst du schwimmen?� </p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody mit Blick �ber das Wasser. In der Ferne, auf der gegen�berliegenden Seite, war etwas zu sehen, das sie nicht n�her zu bestimmen wusste. �Und du?�</p><p>�Halbwegs. Ausreichend, vermute ich. Zum Gl�ck scheint das Wasser nicht besonders tief zu sein.� </p><p>Rhapsody legte die Stirn in Falten. Ihrer Sch�tzung nach war der See in der Mitte an die zehn Klafter tief. �Ich hoffe, du bist gut in Form?�</p><p>�Worauf du dich verlassen kannst�, entgegnete sie grinsend. �Also los.�</p><p>Sie stieg ins Boot. Achmed sammelte die beiden Ruder ein, die aus einem ihnen unbekannten Metall bestanden, das �berraschend leicht war und frei von Rost oder Belag.</p><p>Sie fuhren �ber den See und wechselten sich dabei an den Riemen ab. W�hrend der eine ruderte, hielt die andere Ausschau. </p><p>Es war kaum m�glich, die H�he des Gew�lbes zu ermessen, zumal das einfallende Licht die Augen blendete. Rhapsody glaubte in einen bew�lkten Himmel aufzublicken. Das Wasser des Sees war so klar, dass man selbst an der tiefsten Stelle bis auf den Grund sehen konnte. Fische schwammen darin, und ein Luftzug brachte die Oberfl�che ein wenig in Bewegung; von einem Wind wie �ber Tage aber konnte keine Rede sein. </p><p>Tropfsteine, die von der Decke herabhingen oder am Ufer vom Boden aufragten, schillerten in den Farben des Regenbogens. Sooft ein Sonnenstrahl auf einen dieser Steinzapfen fiel, war es, als zuckte ein Blitz, der die W�nde kurz aufleuchten lie�.</p><p>Als das andere Ufer n�her r�ckte, wurde ein Wasserfall sichtbar, der sich hoch oben an der Wand �ber eine Felskante ergoss. Reich an Fr�hjahrsniederschl�gen donnerte der Zulauf herab. Rhapsody war begeistert von der dramatischen, von den Felsen widerhallenden Wassermusik.</p><p>�Es ist wundersch�n hier�, sagte sie. Achmed sah sie an, sagte aber nichts.</p><p>Das Ufer war schlie�lich fast erreicht, und was sie von weitem nur in groben Umrissen erkannt hatten, entpuppte sich als eine schlichte, anscheinend jahrhundertealte Kate. Jetzt zeigte sich auch, dass sie nicht etwa die andere H�hlenseite erreicht hatten, sondern nur eine Insel, hinter der sich wiederum das Wasser ausdehnte. Sie lag fast genau in der Mitte des Sees. Das Haus, das auf ihr stand, war dunkel und voller Flecken, die darauf schlie�en lie�en, dass die W�nde einmal mit Efeu oder anderen Schlingpflanzen berankt waren. So weit die beiden es vom Boot aus einsch�tzen konnten, schien das Mauerwerk noch in Ordnung zu sein.</p><p>Als Achmed das Boot auf die alte Anlegestelle zusteuerte, konnte Rhapsody vor Ungeduld kaum an sich halten. Es h�tte nicht viel gefehlt, und sie w�re ins Wasser gesprungen und an Land gewatet. Achmed schien als Ruderer nicht viel �bung zu haben und stellte sich ein wenig ungeschickt an. Rhapsody grinste; es war das erste Mal, dass sie ihn dabei ertappte, einer Aufgabe nicht vollauf gewachsen zu sein, und es machte ihr Spa�, ihn in dieser Situation zu beobachten. Er fand das offensichtlich ganz und gar nicht komisch.</p><p>�Mach dich n�tzlich! Wirft die Leine auf den Steg!�, zischte er ihr zwischen zusammengebissenen Z�hnen zu. Rhapsody verkniff sich das Lachen und tat ihm den Gefallen. Dann stieg sie hinter ihm aus dem Boot. </p></section><section><title><p>52</p></title><p>Hinter dem wenige Schritte breiten, sandigen Ufer war der Grund mit Gras bewachsen. Von der leicht erh�hten Warte aus lie� sich die gesamte Insel �berblicken. Au�er dem kleinen Haus waren da noch die Reste von inzwischen ver�deten Blumenbeeten zu sehen sowie eine Art Gartenlaube aus marmornen S�ulen, die wie das abseits stehende Haus zus�tzlich zu der Patina aus Staub und Schmiere Spuren eines verheerenden Feuers zeigten. Eine Seite der Laube war besonders stark von Ru� befleckt. </p><p>Von dem Augenblick an, da sie den Fu� auf die Insel gesetzt hatten, sp�rten beide einen klagenden, pulsierenden Ingrimm, der diesem Ort eigen zu sein schien, eine Wut, die nicht von Boshaftigkeit, sondern vielmehr von tiefem Kummer zeugte. Rhapsody r�ckte unwillk�rlich n�her an Achmed heran, der seinerseits einen v�llig unger�hrten Eindruck machte. Ihm waren solche Orte des Hasses und der Wut offenbar alles andere als fremd.</p><p>Schnell hatten sie die Insel erkundet, denn es gab nicht viel auf ihr zu entdecken. Dass das Haus unbewohnt war, war schon auf dem ersten Blick zu sehen. Achmed untersuchte den Kamin und die Mauersteine, die der uralte M�rtel immer noch fest zusammenhielt. Er nickte in Richtung Eingangst�r. Rhapsody folgte ihm nach innen.</p><p>Im Flur lag ein schwerer Geruch von verlorener Zeit, von Schimmel, Moder und F�ulnis. Rhapsody zog ihr Schwert und trug es wie eine Fackel vor sich her. Sie hatte die Augen weit aufgesperrt. Rechter Hand lag das Wohnzimmer; auf der linken Seite f�hrte eine Treppe ins Obergeschoss. Achmed lie� ihr mit dem gl�henden Schwert den Vortritt und sah sich aufmerksam um. Die Bauweise des Hauses und das Mobiliar erinnerten stark an Formen und Stile, wie sie auch auf der Versunkenen Insel gepflegt worden waren. Daran, dass es noch aus der Zeit der Cymrer stammte, hatte Achmed keinen Augenblick lang gezweifelt. Die Bolg waren gewiss nie an diesem Ort gewesen. Er �ffnete die T�r so weit wie m�glich, um ein bisschen H�hlenluft hereinzulassen, die im Vergleich zur Luft im Innern des Hauses geradezu frisch wirkte. </p><p>Das Wohnzimmer schien fr�her einmal recht gem�tlich gewesen zu sein und hatte an der Au�enwand eine offene Feuerstelle mit sch�n geschnitztem Kaminsims, auf dem eine fingerdicke Staubschicht lag. Nebenan lag die K�che, die den ganzen r�ckw�rtigen Bereich in Anspruch nahm.</p><p>Neugierig inspizierte Achmed den gro�en Herd und die Vorratskammer. Der gesamte Haushalt war sehr viel besser ausgestattet als das, was man gegenw�rtig in diesem Land als Standard vorfand, ja besser und ausgekl�gelter auch als vergleichbare Einrichtungen in Canrif. So war der Herd zum Beispiel mehrfach unterteilt, um gleichzeitig verschiedene Speisen darauf zubereiten zu k�nnen, und vom See f�hrte ein Kanal ins Haus, aus dem Wasser zum Gebrauch in der K�che und zur K�hlung der Vorr�te gepumpt werden konnte. �ber kupferne Steigrohre hatte man sogar das Obergeschoss mit flie�endem Wasser versorgt.</p><p>Rhapsody war hinten um die Treppe herumgegangen und ins Esszimmer gelangt, in dem ein kleiner, noch sehr gut erhaltener Eichentisch und vier St�hle standen. Ein gro�es Fenster aus durchsichtigen Glasbl�cken, die am Rand zu Prismen geschliffen waren, �ffnete den Blick auf den imposanten Wasserfall, der, wie sich zeigen sollte, auch ein Lichtspiel besonderer Art zu bieten hatte. Die untergehende Sonne warf n�mlich ihre Strahlen durch den Felsspalt, aus dem das Wasser hervorsprang, und sorgte einen kurzen Augenblick lang f�r eine phantastische Illumination, die sich dank der Prismen und der von ihnen aufgef�cherten Regenbogenfarben umso prachtvoller entfalten konnte. </p><p>Durch die zweite T�r des Esszimmers kehrte Rhapsody in den Flur zur�ck, wo sie auf Achmed traf, der sich gerade anschickte, �ber die Treppe nach oben zu gehen. Sie folgte ihm und wischte das Spinngewebe beiseite, das zwischen Decke und W�nden hing- </p><p>Oben angekommen, wandten sie sich nach links und kamen in das kleine runde Zimmer eines T�rmchens, das ihnen von au�en gar nicht aufgefallen war. Vor dem gebogenen Fenster stand eine halbrunde Bank mit verrotteter Polsterung. Das Fensterglas aber war noch v�llig intakt. Obwohl es keine konkreten Hinweise darauf gab, vermutete Rhapsody, dass dieser Raum als Studierzimmer genutzt worden war. </p><p>Auf der anderen Seite des Treppenabsatzes befand sich ein gr��erer Raum, darin ein gro�es Bett. Das Kopfteil des Gestells bestand aus dunklem Holz, dessen Sch�nheit und meisterliche Bearbeitung selbst der viele Staub und die Jahre der Abnutzung keinen Abbruch tun konnten.</p><p>An der Wand gegen�ber gab es einen Kamin, der sich mit dem im Wohnzimmer ein und denselben Rauchabzug teilte. Der Kaminsims war hier sehr viel schlichter gehalten. Das Fenster wies auf den See hinaus, war aber vor lauter Dreck undurchsichtig geworden. Die Bodendielen hatten zu faulen begonnen und drohten unter den Schritten der beiden zu zerbrechen.</p><p>Der Raum hatte noch zwei weitere T�ren; hinter der einen war ein begehbarer Wandschrank, in dem nichts anderes als eine kleine Mahagonitruhe mit kunstvollem Schnitzwerk stand. Darin fand Rhapsody ein winziges Gewand aus feiner wei�er Spitze und mit bunter Stickerei. Der Gr��e nach war es anscheinend f�r einen S�ugling gedacht. Vorsichtig legte sie es in die Truhe zur�ck. Achmed steckte bereits seinen Kopf durch die andere T�r. Sie eilte herbei und lugte ihm �ber die Schulter. </p><p>Die beiden schauten in ein Badezimmer, das mit seiner gro�en Wanne und den marmornen Fliesen am Boden �hnlich eingerichtet war wie diejenigen im Kessel. Hier gab es auch einen Abort und ein Waschbecken die beide an kupferne Rohre und Pumpen angeschlossen waren. Wo das Wasser �ber viele Jahre hingetropft war, zeigte sich jetzt an der oberfl�chlichen Verf�rbung.</p><p>�Genug gesehen?� Achmeds Stimme zerriss die steinalte Stille und lie� Rhapsody vor Schreck zusammenfahren. </p><p>�F�rs Erste�, antwortete sie. Widerstrebend folgte sie ihm �ber die Treppe nach unten und vor den Eingang, wo sie einen letzten sehns�chtigen Blick in den Flur zur�ckwarf, ehe sie die T�r hinter sich zuzog. </p><p>Die kleinen G�rten waren, wie Rhapsody feststellte, auch schon vor ihrer letztendlichen Ver�dung lange Zeit nicht gepflegt worden. Reste an den Hausw�nden und am Boden zeigten, dass an mindestens zwei Stellen Kletterrosen und wilder Wein ins Kraut geschossen waren.</p><p>Was f�r eine Schande, dachte sie und malte sich in ihrer Vorstellung aus, wie es hier einmal ausgesehen haben mochte, als die gesamte Anlage noch gepflegt worden war, liebevoll, mit Sinn f�r Ausgewogenheit und einem Blick f�r die besonderen Lichtverh�ltnisse unter Tage. Doch noch w�hrend sie sich ein Bild davon zu machen versuchte, d�mmerte ihr auch, dass hier eigentlich nichts wachsen konnte, da ja an diesem Ort alles durch und durch verkehrt zu sein schien, in seiner eigentlichen Natur von Grund auf zerr�ttet und durcheinander gebracht von jenem bereits empfundenen Ingrimm, der den Grund verseuchte und alles Wachstum vereitelte.</p><p>Achmed ging auf die Gartenlaube zu. Sie stand auf einer kleinen Anh�he auf der anderen Seite der Insel, und das hatte wahrscheinlich seinen besonderen Grund, der ihm aber auf Anhieb nicht ersichtlich war. </p><p>Er ging um die Laube herum und glaubte feststellen zu k�nnen, dass sie an Ort und Stelle aus einem gro�en Marmorblock herausgemei�elt worden war, was ihn in Erstaunen versetzte. Der. Steinmetz musste wahrhaftig ein Meister seines Faches gewesen sein, was auch ein Laie sofort erkannte. Die sechs S�ulen waren makellos behauen und poliert, das kleine Kuppeldach, das sie trugen, mit wundersch�nen Gravuren verziert.</p><p>Rhapsody stieg �ber zwei marmorne Stufen auf die kleine Plattform in der Mitte. Darauf standen zwei halbkreisf�rmige B�nke, die so zueinander ausgerichtet waren, dass sie im Zentrum des Runds eine S-Form bildeten. Auch sie waren aus demselben Stein, ja, es schien, dass sie wie alles andere in einem St�ck aus dem rohen, riesigen Block herausgeschlagen worden waren. Ein Vogelk�fig mit zerbrochener T�r lag am Rand der Plattform, gleich neben dem, was sein St�nder gewesen zu sein schien. Beide Teile waren von bemerkenswert edler Machart und aus einem Material getrieben, das wie Gold aussah.</p><p>Der St�nder �berragte Rhapsody um mehr als eine Handbreit, und der K�fig selbst war so gro�, dass ein kleines Kind darin Platz gefunden h�tte. Wie auf dem Marmor der Rotunde so hatte sich auch auf dem K�fig eine dicke Patina aus Ru� und Staub gebildet. Angetan von der Sch�nheit dieses Kunstwerks, das ihr hier im Land der Bolg so fehl am Platz zu sein schien, streckte Rhapsody die Hand aus und ber�hrte die kleine T�r.</p><p>Doch pl�tzlich schrak sie zur�ck. Die Zeit verlangsamte sich auf einen qu�lend schleppenden Gang, und sie sah die Laube wie vordem, mit wei� leuchtenden S�ulen im Halbdunkel des Gartens. Vor ihr stand ein Mann, ein Mensch, mit dichtem grauem Bart und buschigen dunklen Brauen. Er trug ein leinenes Gewand mit goldenen Bord�ren. Sein Gesicht war wutverzerrt, die Augen schienen zu gl�hen. </p><p>Rhapsody musste reglos mit ansehen, wie dieser Mann ganz langsam mit dem Arm zu einem wuchtigen Fausthieb gegen sie ausholte. Die Luft schien zu zersplittern. Sie sp�rte den Aufprall, den Schmerz, der durch alle Fasern ging, und ihr war, als gerieten die S�ulen ins Wanken. Dann wurde ihr schwarz vor Augen, die starr unter das bew�lkte Firmament gerichtet waren. Rechtzeitig herbeigesprungen, konnte Achmed verhindern, dass sie der L�nge nach zu Boden schlug.</p><p>Er f�hrte sie vor eine der beiden B�nke, auf der sie �chzend Platz nahm. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar denken konnte und der Schwindel abgeklungen war.</p><p>Dann sagte sie: �Tja, jetzt wei� ich, woher dieses Gef�hl der Wut r�hrt.�</p><p>�Was hast du gesehen?� </p><p>Sie massierte sich mit den Fingerspitzen die Schl�fen. �Ich hatte die einmalige Gelegenheit, Gwylliam zu sehen, und zwar durch Anwyns Augen in dem Augenblick, als er sie schlug. Erinnerst du dich, wie Llauron davon sprach, dass er sie geschlagen hat?�</p><p>�Ja.� </p><p>�Nun, das war nicht blo� eine ausgerutschte Hand. Mir dr�hnt der Sch�del noch immer.�</p><p>�Dann wundert�s auch nicht, dass sie versucht hat, ihn zu vernichten.�</p><p>�So schlimm der Schlag auch war, halte ich ihre Reaktion dennoch f�r leicht �bertrieben. Zugegeben, auch ich w�re w�tend gewesen, h�tte aber mit Sicherheit deswegen nicht ein Heer aus zehntausend Soldaten ins Verderben geschickt. Ich h�tte ihm wahrscheinlich stattdessen Gift unter den Hirsebrei ger�hrt.� </p><p>�Wie ich die Sache verstehe, haben die Cymrer der Ersten und Dritten Flotte nur auf einen Vorwand gewartet, um �bereinander herfallen zu k�nnen. Die von der dritten Emigrantenwelle hatten nach eigener Einsch�tzung die gr��ten Opfer bringen m�ssen, dadurch n�mlich, dass sie bis zuletzt zur�ckgeblieben sind und die Stellung gehalten haben, w�hrend sich die anderen schon aus dem Staub machen konnten. Und als sie dann endlich ihre neue Heimat erreichten, mussten sie sich den Weg frei k�mpfen, im Unterschied zur Ersten Flotte, die nirgends auf Widerstand gesto�en ist und keine Probleme hatte, sich in den W�ldern niederzulassen. Mir ist nat�rlich bewusst, dass meine Informationen zu Gwylliams Gunsten gef�rbt sind. Aber ich w�rde sagen, dass sein kleiner Schlagabtausch mit Anwyn gewisserma�en der Tropfen war, der das Fass zum �berlaufen brachte.� </p><p>Rhapsody stand auf und sah sich um. �Hier also ist der Krieg ausgebrochen, genau hier auf dieser Insel, in dieser Laube. Kein Wunder, dass dieser Ort verwunschen ist.�</p><p>Achmed kicherte und gab einen seltsamen Laut von sich, der Rhapsodys Blick sofort auf sein Gesicht lenkte. �Hast du etwa Angst vor Gespenstern, Rhapsody?�</p><p>�Von wegen�, entgegnete sie br�skiert. �Die haben allenfalls Angst vor mir.�</p><p>�Also, das w�rde mir auch unmittelbar einleuchten�, sagte der K�nig der Firbolg in sp�ttischem Ton. �Du bist in der Tat zum F�rchten.� </p><p>Schmunzelnd holte Rhapsody wieder ihre Fl�te zum Vorschein. Sie setzte sich zur�ck auf die Bank, machte die Augen zu und lauschte dem lauen Wind �ber dem Wasser.</p><p>Sie nahm die Ger�usche und Schwingungen in der Grotte in sich auf, suchte nach Misskl�ngen und fand auch welche. Dann hob sie die Fl�te an ihre Lippen und spielte eine zarte Melodie. Sie erf�llte die Luft und hallte wider, verst�rkt durch den weiten H�hlenraum, wo sie, als Rhapsody das Instrument wieder abgesetzt hatte, eine Weile nachklang. Sichtlich erregt, wandte sich die S�ngerin Achmed zu. </p><p>�Jetzt ergibt alles einen Sinn!�, rief sie und sprang auf. �Wir haben diesen Ort so lange nicht finden k�nnen, weil er von mehreren Schwingungsebenen auf nat�rliche Weise �berlagert wird. Da ist zum einen der tiefe, von Felsen umringte Einschnitt, �ber den der Wind hinwegpfeift, dann das Grundwasser und schlie�lich der tosende Wasserfall, der mit seinem Spr�hnebel die H�hle verh�llt. Und diese Laube wirkt wie ein Schalltrichter, der so platziert ist, dass hier produzierte Laute um ein Vielfaches verst�rkt werden. Was du auf diesem Podium sagst, kann �berall in der H�hle geh�rt werden. Kurzum, all der Hass, der diesem Ort anhaftet, wird durch die verschiedenen Schichten nach drau�en �bertragen. Das sp�ren auch die Firbolg, weshalb sie diese Schlucht so sehr f�rchten und einen gro�en Bogen um sie machen.�</p><p>Achmed nickte, hielt sich aber mit einem Kommentar zur�ck. Auch ihm war hier ganz und gar nicht wohl zumute. Wasser war ihm und seinem Sp�rsinn immer schon zuwider gewesen. In der alten Welt hatte, wer sich vor ihm verbergen wollte, nur die eine Chance gehabt, auf, im oder nahe an einem Gew�sser Zuflucht zu suchen.</p><p>�Dieses R�tsel w�re also gel�st. Kehren wir um.�</p><p>�Warte. Ich will noch etwas versuchen.� Rhapsody ignorierte seinen mimischen Einspruch und fing wieder an, auf der Fl�te zu spielen. Dabei konzentrierte sie sich auf die schmerzlichen Kl�nge, auf das Trauerlied, das in der H�hle schwang, begleitete sie mit helleren T�nen und webte daraus ein Lied der Vers�hnung und des Friedens. Die Wirkung war zwar nicht von Dauer, aber sie konnte doch eine leichte Besserung versp�ren, als sie ihr Fl�tenspiel beendete. </p><p>�Kann ich diesen Ort ganz allein f�r mich haben? Bitte?� Sie achtete nicht auf seinen ungl�ubigen Blick und dr�ngte weiter: �Ich k�nnte das Haus wieder herrichten. Es w�ren nur ein paar kleine Ausbesserungsarbeiten am Holz zu tun und viel zu putzen. Und ich w�rde am Lied dieses Ortes arbeiten, ihn wieder gesund machen und all die schlimmen Erinnerungen vertreiben, die Gwylliam und Anwyn hier zur�ckgelassen haben. K�nnte dieser Orte nicht vielleicht meine, nun, meine ...� </p><p>�Deine Grafschaft?� </p><p>�Was?� </p><p>�Grafschaft. Grunthor nennt dich doch schon Gr�fin oder Euer Liebden. Wir sollten wirklich eine aus dir machen. Gratuliere. Du wirst dem Firbolg-Hochadel angeh�ren.�</p><p>Rhapsody �berh�rte seinen Spott. �Sch�n. Dann kann ich als deine Botschafterin auftreten, und der Titel wird mich dazu legitimieren.� Sie lachte �ber Achmeds s�ffisantes Grinsen. �Ja, so soll es sein. Ich hatte nie einen Ort f�r mich allein; im Gegenteil, mich haben immer nur andere in Besitz genommen.� </p><p>�Ich �bereigne ihn dir hiermit f�r immer und ewig, vorausgesetzt, wir k�nnen jetzt gehen.� </p><p>�Abgemacht.� Ein H�ndedruck besiegelte den Handel. Dann eilten sie zum Boot zur�ck.</p><p>�Und wie willst du diesen Ort nennen?�, fragte Achmed, der auf der Ruderbank sa� und sich st�rker als auf dem Hinweg in die Riemen legte.</p><p>�Dar�ber denke ich gerade nach�, antwortete sie mit freudestrahlendem Blick. �Es sollte ein Name aus der alten Welt sein, einer, der f�r Macht oder f�r K�nigsw�rde steht. Das w�re doch wohl angemessen, oder?� </p><p>Er seufzte. �Ganz wie du willst. Du bist die Gr�fin. Nebenbei bemerkt: Du wirst mir Steuern zahlen m�ssen. Ich bin an all deinen Einnahmen beteiligt.�</p><p>Sie wusste, dass er scherzte, blieb aber selbst ernst. �Einverstanden. Allerdings wirst du dich mit Naturalien begn�gen m�ssen. Ich habe nicht vor, mit Geld zu handeln.�</p><p>Achmed hob die Brauen fast bis zum Haaransatz. �Wie bitte? Ich dachte, du h�ttest dich aus deinem alten Gewerbe zur�ckgezogen.�</p><p>Sie strafte ihn mit ihren Blicken. �Du verstehst mich absichtlich falsch. Ich spreche nat�rlich von Kr�utern und Gew�rzen, vielleicht auch Blumen. Du kannst manchmal ein richtiges Schwein sein.� </p><p>�Es war nur ein Witz.� </p><p>�Ich wei�. Es ist immer nur ein Witz.� Ihr starrer Blick war auf den Wasserfall gerichtet, der in der Ferne entschwand. Sein Lied verklang, und gleichzeitig tr�bte sich Rhapsodys Stimmung.</p><p>Achmed musterte ihre Miene. �Es tut mir Leid.� Sie winkte mit der Hand ab. �Was ist los mit dir?�, fragte er. </p><p>Ohne ihn anzusehen, antwortete sie: �Ich wei� nicht, wie ich�s nennen soll, vielleicht ist es Neid. Mir fehlt das richtige Wort daf�r.�</p><p>�Du und neidisch?� Achmed kniff die Brauen zusammen. �Worauf?�</p><p>Endlich richtete sie die gr�nen Augen auf ihn. Von ihrem Strahlen von vorhin war nicht mehr viel zu sehen. �Nein, ich bin nicht neidisch. Ich bin verloren. Aber wie k�nnte ich dir das erkl�ren? Du hast kein schlechtes Gewissen, das dich nachts nicht schlafen l�sst, du musst nicht trauern um Verluste in der alten Welt. Du hast hier deinen Lebenszweck gefunden, eine Aufgabe. Man braucht dich. Dir ist die M�glichkeit gegeben, eine Leistung von historischer Dimension zu vollbringen. Hier lebst du erst richtig auf.� </p><p>Er schluckte. �ber solche Dinge unterhielt er sich nicht gern. �Du bist Teil dieses neuen Lebens. Du hast einen Beitrag zu dieser Leistung zu bringen. Das ist auch deine Chance.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Versteh mich bitte nicht falsch. Ich m�chte dir helfen, den Bolg und vor allem auch den Kindern. Aber das ist nicht meine eigentliche Aufgabe.�</p><p>�Was denn?� </p><p>Rhapsody lie� die Schultern h�ngen. �Wenn ich das w�sste, k�me ich mir nicht so verloren vor.� Sie tauschte den Platz mit ihm und setzte sich auf die Ruderbank.</p><p>�Meine Mutter hat mich immer daf�r ger�gt, dass ich die T�r auflasse. Wir wohnten auf freiem Feld, und der Wind, der von den H�geln herunterkam, konnte mitunter ziemlich heftig sein. Ihre Stimme klingt mir immer noch im Ohr � �Mach die T�r zu!&lt; Und ich musste immer wieder aufs Neue dazu aufgefordert werden. Seltsam, meine Vergangenheit ist ein Korridor mit T�ren, die ich habe offen stehen lassen. Doch jetzt ist das Haus verschwunden, selbst verweht in alle Winde. Ich glaube, dass ich diesen Verlust nie verwunden habe. Ich versuche es, doch selbst nach so langer Zeit empfinde ich ihn noch in aller Sch�rfe. Ich werde damit irgendwie zurande kommen m�ssen. Dazu brauche ich, was du schon hast: ein Zuhause, ein Ziel und die Chance, etwas Gutes zu tun. Und jemanden, der mich braucht � Jo, meine Enkelkinder, in geringerem Ma�e auch die Bolg und vielleicht sogar dich und Grunthor. Wom�glich kann ich mit diesem Ort, mit dieser Grafschaft, einen Anfang machen.� </p><p>Achmed stie� einen Schwall Luft aus, erleichtert dar�ber zu sehen, dass ihre Augen wieder ein wenig heller strahlten und seinen Kummer vertrieben, den er ihretwegen empfunden hatte. <emphasis>Was ist das blo� f�r eine sonderbare Macht, die das Feuer ihr verliehen hat?,</emphasis> fragte er sich im Stillen. Sie ergriff allm�hlich auch von ihm Besitz.</p><p>�Welchen Namen also soll dein neues Gut bekommen?�, fragte er laut.</p><p>Rhapsody dachte an das serenische K�nigsschloss, das sie selbst nie gesehen hatte, von dem sie aber wusste, dass es auf einem Fels hoch �ber der Meeresbrandung thronte.</p><p>�Ich werde es Elysian nennen.�</p><p>Drei Wochen sp�ter wurde im ganzen Bolgland verk�ndet, dass der neue Kriegsherr und K�nig die D�monen von Kraldurge aufsuchen werde, um ihnen ein Opfer zu bringen. Ein gro�er Wagen wurde mit den Geschenken f�r die b�sen G�tter beladen nd mit einer Plane zugedeckt, um die Geschenke vor den neugierigen Blicken der Bolg zu verbergen, obwohl niemand auftauchte, der dem K�nig eine gute Reise gew�nscht h�tte. Die Geschenke waren nach einer von der S�ngerin aufgestellten Liste aus Bethe Corbair und Sorbold herbeigeschafft worden. </p><p>Rhapsody, die landein, landaus als die Erste Frau des K�nigs geachtet wurde, hatte sich an diesen Titel inzwischen gew�hnt, obwohl er sie zugleich am�sierte und ver�rgerte. <emphasis>Aber solange er uns Sicherheit bietet, soll�s mir recht sein,</emphasis> hatte sie Jo gegen�ber erw�hnt, die selbst als des K�nigs Zweite Frau rangierte. Eine Frau hatte einen fremden Bolg nur dann zu f�rchten, wenn dieser den Mann, dem sie angeh�rte, herauszufordern gedachte. Keiner w�rde es wagen, sie, Rhapsody oder Jo, zu bel�stigen. Von Elysian hatte Rhapsody ihrer jungen Freundin noch nichts gesagt. Sie wollte das Geheimnis erst dann l�ften, wenn die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein w�rden.</p><p>Der riesige Opferkarren setzte sich in der Nacht in Bewegung, rollte auf die Inneren Zahnfelsen zu und wurde bald von der Dunkelheit verschluckt. Am �bern�chsten Tag kehrten der K�nig und sein Hauptmann zur�ck, m�de nach ihrer Begegnung mit den D�monen, aber wohlbehalten.</p><p>Die D�monen, so verk�ndete der Hauptmann, akzeptierten die Herrschaft des K�nigs. Sie wollten sein Volk verschonen, wenn sich denn die Bolg von ihrem Reich fern hielten. Falls die Bolg aber dieses Abkommen verletzen sollten, h�tten sie Schrecken zu gew�rtigen, gegen die sich die einschl�gigen Berichte der Vergangenheit harmlos ausn�hmen. Achmed schmunzelte beim Anblick des kollektiven Schauers, der die Versammlung ergriff, als Grunthor zu Ende gesprochen hatte.</p><p>Rhapsody blieb in Elysian zur�ck und erfreute sich an den vielen Gaben, mit denen sie sich nun gut einrichten konnte. Als Achmed und Grunthor mit den M�beln, Haushaltsgegenst�nden und Lebensmitteln angekommen waren, hatte sie ihnen sogleich in der blitzblank geputzten K�che ein Festmahl zubereitet. </p><p>Als sie im Esszimmer beisammen sa�en, wurde ihnen vor dem Panoramafenster ein fulminantes Schauspiel aus Licht und Farben geboten. Die Strahlen der untergehenden Sonne zerspr�hten im geschliffenen Glas und tanzten schillernd durch den Raum. Rhapsody l�chelte. Der Friedensgesang tat seine Wirkung, die Setzlinge fingen zu wachsen an, und sie besa� nun einen Ort f�r sich und ihre Freunde.</p><p>Fr�hlich begleitete sie die beiden an den Wasserrand und winkte ihnen nach, als sie in einem der zwei neuen Boote davonruderten. Sie schaute ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren, und wandte sich dann ihrem Haus zu, �ber dem wei�er Rauch aus dem Kamin aufstieg und aus dessen Fenstern ein Licht strahlte, das im dunklen H�hlenraum Behaglichkeit verbreitete.</p><p>Ins Haus eingetreten, machte sie die T�r leise hinter sich zu.</p></section><section><title><p>53</p></title><p>Rosentharn, der Hofmarschall von Bethania, r�usperte sich und klopfte zaghaft an die T�r.</p><p>Es war ihm, als wartete er schon eine Ewigkeit, bis sich endlich die Stimme Seiner Hoheit meldete. </p><p>�Was ist? Wer da?� </p><p>�Rosentharn, Eure Hoheit.� Trotz verschlossener T�r konnte er h�ren, wie Tristan leise vor sich hin fluchte. </p><p>�Was willst du? Wenn es an der Grenze wieder �berf�lle gegeben hat, will ich davon nichts h�ren, es sei denn, meiner eigenen Burg droht Gefahr.�</p><p>Rosentharn lockerte seinen Kragen. �Das ist es nicht, Hoheit. Ich komme gerade vom Nordtor, wo die Nachricht eingetroffen ist, dass die Dame Madeleine Canderre in Bethania erwartet wird.� </p><p>Die T�r ging einen Spaltbreit auf. Der Hohe Herrscher zeigte sich dahinter mit wild zerzaustem Haar. </p><p>�Wann?� </p><p>�Gegen Abend, Eure Hoheit.�</p><p>Tristan Steward raufte sich den ungek�mmten Schopf. �Ahem, ja. Gut, danke, Rosentharn.� </p><p>�Nichts zu danken, Eure Hoheit.� Als die T�r wieder ins Schloss gefallen war, gestattete sich der Hofmarschall ein breites Grinsen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging wieder auf seinen Posten. </p><p><emphasis>�Unzucht! Schweinerei!�</emphasis></p><p>Aus der anderen Zimmerecke t�nte ein kehliges Kichern. �Wie Ihr meint, Hoheit. Ich stehe Euch ganz zu Diensten.� Tristan schmunzelte und schlug den Morgenmantel zu.</p><p>�Tut mir Leid, Prudy, meine Verlobte kommt.�</p><p>Prudence lachte. �Wenn Ihr noch einmal geruht, Euch verw�hnen zu lassen, wird Madeleine vielleicht denselben Ausruf tun k�nnen.�</p><p>�Ach, du bist so herrlich verkommen. Und das gef�llt mir an dir besonders.�</p><p>Tristan wandte sich der Anrichte zu und f�llte aus einer kristallenen Karaffe zwei Gl�ser mit Portwein, die er dann ans Bett trug. Er reichte Prudence das eine Glas, hob das andere an die Lippen und lie� seine Blicke �ber ihren K�rper streifen. In seinen Augen zeigte sich pl�tzlich eine Melancholie, die er schnell hinterm Glasrand zu verstecken versuchte.</p><p>Je l�nger er sie anblickte, desto schwerer fiel es ihm zu glauben, dass sie beide an ein und demselben Tag geboren worden waren, nur Minuten auseinander. Trotz des Standesunterschiedes waren sie schon als Kinder unzertrennlich gewesen und im Laufe der Zeit einander so vertraut, als teilten sie ein Herz und eine Seele. Doch w�hrend er seine jugendliche Figur und straffe Haut nach all den Jahren noch hatte bewahren k�nnen, zeigte Prudence erste Alterserscheinungen, was indes f�r einen jeden unausweichlich war, der nicht dem Stamm der Cymrer angeh�rte.</p><p>Das war ihm immer schon bewusst gewesen, doch hatte er diesen Gedanken bislang erfolgreich verdr�ngen k�nnen. Vielleicht veranlasste ihn die bevorstehende Heirat, ein Res�mee der vergangenen Jahre zu ziehen, Jahre, die im Flug verstrichen waren und ihn noch geschont hatten. Vielleicht lag es auch daran, dass er, sooft er mit seinen Gedanken allein war, Zweifel daran hegte, ob an seiner Person �berhaupt etwas war, das mit der Zeit erkennbar zum Vorschein treten w�rde.</p><p>Wie auch immer, er sah sie jetzt mit anderen Augen, sah, dass der Schmelz von ihrer Haut verschwunden war, dass sich um ihre Augen und an den Mundwinkeln kleine F�ltchen bildeten und dass auf den einst alabasterwei�en Handr�cken erste Flecken zu erkennen waren. Er schluckte und versp�rte einen hei�en Krampf im Schlund.</p><p>Prudence nahm den Kamm aus ihrem Haar und sch�ttelte die langen roten Locken aus, die im Schein des Kaminfeuers zu lodern schienen. Von den grauen Str�hnen, die Tristan kurz zuvor entdeckt hatte, war jetzt nichts zu sehen. Sie l�chelte ahnungsvoll und zog das seidene Betttuch bis unter die Arme. </p><p>�Woran denkst du, Tristan?�</p><p>Der Hohe Herrscher von Roland stellte das leere Glas auf dem Nachttischchen ab und nahm ihr das ihre aus der Hand. Dann setzte er sich auf die Bettkante, sah sie an, fuhr mit der Hand sanft �ber die Decke bis hinauf an ihren blo�en Hals, um den er seine Finger legte.</p><p>�Ich denke daran, dass ich sie nicht ausstehen kann.�</p><p>Prudence lehnte sich ins Kissen zur�ck; ihr L�cheln wich einer ernsteren Miene. �Ich wei�. Das war mir klar. Darum verstehe ich auch nicht, warum du Madeleine gew�hlt hast. Dieses nette M�dchen aus Yarim h�tte viel besser zu dir gepasst. Wie war noch gleich ihr Name?�</p><p>�Lydia.� </p><p>�Richtig. Sie war h�bsch und charmant, ihr Vater reich beg�tert. Was ist aus ihr geworden?� </p><p>�Sie hat Stephen geheiratet und ist vor ein paar Jahren bei einem �berfall der Lirin ums Leben gekommen.� </p><p>�Ach ja, nat�rlich, jetzt erinnere ich mich.� Prudence streckte die Hand aus und streichelte seinen struppigen Backenbart. </p><p>Tristan schlug das Betttuch auf, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, die so verst�ndnisvoll waren, unermesslich tief, und es ging eine W�rme von ihnen aus, von der er sich ganz umfangen f�hlte, wie von jener hei�en Quelle, in der sie sich vor vielen Jahren einmal geliebt hatten. Die gegenseitig ge�bte Aufrichtigkeit war das einzig Wahre in seinem Leben. Prudence wandte das Gesicht dem Feuer zu und schloss die Augen.</p><p>Mit der Fingerkuppe sch�pfte Tristan einen Tropfen Port aus dem Kristallglas und betupfte damit ihre Brustwarze. Er sp�rte, wie sie unter seiner Ber�hrung einatmend die Brust hob, gerade so wie damals als junge Frau, als er sie entjungfert hatte, und mit der Erinnerung daran kehrte die verloren gegangene Lust zur�ck. </p><p>Ihre Brust war im Vergleich zu damals merklich schlaffer geworden und wie die Handr�cken mit braunen Flecken besprenkelt. Er schloss die Augen und rief das Bild in seiner Vorstellung auf, das sich ihm beim ersten Anblick ihrer Nacktheit offenbart hatte; die straffe Haut, von seiner zitternden Hand ber�hrt, verf�rbte sich rosig. Tristan beugte sich herab, schl�rfte den Tropfen und versuchte, ihr den Schmerz zu verbergen, der sich, wie er sp�rte, in seiner Miene niederzuschlagen drohte. Er riss das Tuch vom Bett und warf es zu Boden.</p><p>Nackt vor ihm ausgestreckt, zog Prudence ihr Knie an und machte sich daran, den G�rtel seines Morgenmantels aufzuknoten.</p><p>�Warum verr�tst du mir nicht den wahren Grund deines Kummers, Tristan?�</p><p>Seine Lippen lie�en von der Brust ab und wanderten �ber die Bauchdecke.</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ich Kummer haben k�nnte?�</p><p>Sie stie� ihn energisch zur�ck, richtete sich auf und dr�ckte ein Kissen an die Brust. Sie war sichtlich ver�rgert. </p><p>�Ich war schon die Kurtisane deines Vaters, Tristan, und habe mir immer eingebildet, dich als Freund zu haben.� </p><p>Ihre Reaktion erschreckte ihn und lie� alle Lust von ihm abfallen. �Das ist doch auch so.� </p><p>�Dann mach mir nichts vor. F�r solche Spielchen bin ich zu alt. Ich merke sofort, wenn dich etwas bedr�ckt, und kenne deine Stimmungen besser als du selbst. Sonst bist du mir gegen�ber doch immer ganz offen. Wieso gibst du dich heute so verschlossen? Das ist nicht besonders stimulierend.� </p><p>Tristan seufzte. Sie hatte ihn ertappt. Es war nicht nur Melancholie, die ihm angesichts ihrer betr�blichen Alterung zu schaffen machte; es war mehr als das, mehr noch als der so absto�ende Gedanke, dass die Frau, die er liebte und der er regelm��ig beiwohnte, immer mehr seiner eigenen Mutter �hnlich wurde, ja, mehr sogar als die Furcht vor dem, was am Ende dieses �lterwerdens st�nde und ihm verloren ginge. </p><p>Er konnte sich Rhapsody nicht mehr aus dem Kopf schlagen.</p><p>Seit sie vor seiner T�r gestanden hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Sinn. Schlimmer noch, der Gedanke, dass sie freiwillig einem bolgischen Kriegsherrn zu Diensten war, lie� ihm die Haare zu Berge stehen. Die Vorstellung, dass ein solches Ungeheuer sie in den Armen hielt, w�hlte ihn so sehr auf wie seine Reaktion auf sie. Normalerweise h�tte er nach einer solch kurzen Begegnung nicht einmal ihren Namen behalten. Er schaute zur�ck auf Prudence und l�chelte, als er sah, mit welch strengem Blick sie ihn bedachte. </p><p>�Na sch�n�, sagte er. �Ich verrate es dir, aber du musst versprechen, dass unser Sch�ferst�ndchen davon unber�hrt bleibt. Madeleine wird bald hier sein, und ich m�chte bis dahin noch m�glichst viel von dir haben.� </p><p>Prudence zeigte sich zufrieden und langte mit der Hand zu seinem Scho�. �Wie�s beliebt, Hoheit.� </p><p>Tristan blickte unter die Decke, um sich der Stimulation ihrer H�nde hinzugeben und die heimlichen Gedanken zur�ckkehren zu lassen. Und so keimte die Lust wieder schnell in ihm auf.</p><p>�Du hast bestimmt schon von Canrif geh�rt, dem Land, �ber das die Cymrer einst geherrscht haben.� </p><p>�Ja�, antwortete Prudence, die sich mit Elan an ihm zu schaffen machte. �Es liegt, wenn ich mich recht erinnere, irgendwo in den Bergen im Osten.�</p><p>�So ist es. Seit nunmehr rund vierhundert Jahren wird es von den Firbolg besiedelt.�</p><p>Zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Bem�hungen, lie� Prudence von ihm ab und griff mit beiden H�nden in den Brustausschnitt seines Morgenmantels.</p><p>�Wer sind die Firbolg?� </p><p>Tristan kicherte. �Nicht wer, sondern was. Das sind Monstren, Halbaffen, die Ratten und ihresgleichen fressen. Und �brigens auch jeden Menschen, der ihnen in die Quere kommt.�</p><p>Prudence mimte auf entsetzt und streifte ihm den Morgenmantel �ber die Schultern. Ihr am�siertes Grinsen wechselte in einen etwas echter wirkenden Ausdruck �ber, als sie seine muskul�se Brust sah, vom Feuerschein vorteilhaft ausgeleuchtet. Er sah immer noch genau so aus wie vor Jahren, als er sie zum ersten Mal aufgesucht hatte.</p><p>�Klingt schrecklich.� </p><p>�Das sind sie auch, glaubt mir. Ich muss mich jedes Jahr mit ihnen herumschlagen. Sie marodieren entlang der Grenze zu Bethe Corbair, wo wir sie dann aufgreifen. Bald ist es wieder so weit, dass wir mit dem Heer ausr�cken und sie zur�ckwerfen m�ssen.�</p><p>Prudence zog ihre Beine an und legte beide Fu�sohlen an seine Brust. Mit sanftem Druck stie� sie ihn vom Fu�ende des Betts auf den Boden. �Wenn ihr jedes Jahr gegen sie vorgeht, und das seit zehn Jahren oder so ...� </p><p>�Es sind fast zwanzig. Mein Vater hat schon damit angefangen.�</p><p>� ... also zwanzig. Wenn das schon so lange der Fall ist, was gr�mst du dich dann jetzt?� </p><p>Tristan packte sie bei den Fu�gelenken, zog sie lachend auf dem R�cken an die Bettkante, beugte sich �ber die gespreizten Beine und umschmeichelte mit den H�nden ihre H�ften, die mit den Jahren sehr viel �ppiger geworden waren.</p><p>�Sie haben anscheinend einen neuen Kriegsherrn. Was das f�r uns bedeutet, ist mir noch nicht klar. Jedenfalls hat er mir einen Gesandten geschickt, eine Frau, die mir auf uns�glich dreiste Weise diktieren wollte, von der Tradition unserer Fr�hjahrss�uberung abzulassen.�</p><p>�Dabei handelt es sich wohl um den allj�hrlichen Einsatz gegen die Marodeure an der Grenze, wenn ich richtig verstehe.� </p><p>�Ja.� Tristans H�nde glitten �ber ihren Bauch und die Taille und kamen dann auf ihren Br�sten zu liegen, zwischen denen ein goldenes Medaillon lag. Er schloss die Augen und stellte sie sich kleiner und fester vor, die Taille schlanker. Die Vorstellung brachte ihn zus�tzlich in Wallung; er schmiegte sich seitlich an sie und liebkoste die schlaff gewordenen Br�ste.</p><p>Prudence w�lbte sich seiner Hand entgegen und fuhr streichelnd mit dem Fu� �ber seine Wade. �Ich verstehe das Problem noch nicht ganz. Warum ziehen sie sich nicht einfach von der Grenze zur�ck? Dann haben sie von unseren Soldaten auch keinen �rger zu erwarten, stimmt�s?�</p><p>�Genau.� </p><p>�Und das hast du auch so der Gesandten gesagt?�</p><p>�Ja ... nun, ich habe sie zu ihrem Kriegsherrn zur�ckgeschickt mit der Nachricht, dass ich seine Forderung entschieden zur�ckweise.� Tristans Handfl�chen wurden feucht beim Gedanken an Rhapsodys Sch�nheit, an ihr goldenes Haar, die glatte, rosige Haut, an die gr�nen Augen, die vor lauter Wut scheinbar dunkler wurden.</p><p>Prudence ergriff eine seiner H�nde und f�hrte sie zwischen ihre Beine. �Und weshalb bist du nun so traurig, Tristan?� </p><p>Trotz der schlichten Hose, die die Gesandte trug, waren ihm die �berirdisch sch�nen Beine ins Auge gestochen. Er erinnerte sich daran, wie sie die Beine �bereinander geschlagen hatte, und sein Atem wurde flacher. Tristan sp�rte, wie seine Haut zu brennen anfing, wie die H�nde ins Zittern gerieten, und er sch�mte sich f�r die Wunschvorstellung, dass die andere an Prudences Stelle bei ihm l�ge. </p><p>�Weil ich diesem Kriegsherrn nicht traue. Ich... ich glaube, er plant einen Angriff auf uns, jetzt... jetzt, da die Bolg angeblich vereint sind.�</p><p>Prudence richtete sich auf, presste die vor Schwei� gl�nzende Brust an die seine und schlang die Arme um ihn. Sie bewegte sich genau so, wie er es gern hatte, wie es zwischen ihnen seit Jahren der Vertrautheit eingespielt war. Aber aus irgendeinem Grunde war heute Nacht alles anders. Unter der gewohnten Oberfl�che machte sich ein st�rkeres, dunkleres Dr�ngen bemerkbar.</p><p>Tristan griff in ihr Haar, was er sonst nur selten tat, wenn sie sich liebten. Er durchw�hlte es, umwickelte die Finger mit ihren Locken.</p><p><emphasis>Wie fl�ssiges Sonnenlicht,</emphasis> dachte er. Mit einer einfachen Schleife aus schwarzem Samt zusammengefasst. Allein seine Wut �ber ihre Worte hatten ihn davon abgehalten, �ber sie herzufallen und sie an den goldenen Locken mit sich zu Boden zu zerren.</p><p>�Und was gedenkst du nun zu tun, Tristan?�</p><p>Der Hohe Herrscher konnte nicht l�nger an sich halten. Er packte Prudence bei den H�ften, w�lzte sich unter sie und lie� sie rittlings auf sich Platz nehmen. In der Hitze, die ihn umfing, sp�rte er das Feuer, das er in Rhapsodys Augen gesehen hatte und von dem ihm sonst nur in seinen leidenschaftlichsten Tr�umen eine Ahnung vermittelt war. </p><p>�Ich werde sie vernichten�, raunte er. �Ich werde ... alle Soldaten zusammentrommeln... und sie gegen diese Bestien... aufmarschieren lassen, dass keiner ... dieser elenden Bastarde �brig bleibt.� Inbr�nstig, ungest�m presste er ihr seinen Mund auf die Lippen und benahm ihr den Atem.</p><p>Als er sich wilder und wilder gegen sie stemmte, l�ste sich Prudence von seinen Lippen, verkrallte beide H�nde in seinen schwei�nassen Haaren und hauchte ihm ins Ohr.</p><p>�Tristan?� </p><p>Er vermochte kaum einen Laut von sich zu geben. �Hhmmmmmm... ja?�</p><p>�Wie ist der Name dieser Frau?�</p><p>�Pru...�, keuchte er. </p><p>�Ihr Name, Tristan.� </p><p>�Rhapsody�, keuchte er in dem Moment, als das Feuer in ihm explodierte. �Rhapsody�, wiederholte er fl�sternd und sank, erschlafft und besch�mt, auf Prudence nieder.</p><p>Reglos lag er auf ihr, bis er allm�hlich wieder zu Sinnen kam und ihr K�rper unter ihm k�hler wurde. Als er es nicht l�nger vermeiden konnte, ihr in die Augen zu schauen, richtete er sich auf und suchte ihren Blick. </p><p>Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war nicht der, den er erwartet hatte. Er war darauf gefasst gewesen, auf Ablehnung zu sto�en, sie in Verlegenheit zu sehen oder verletzt. Stattdessen zeigte sie sich gelassen und verst�ndnisvoll.</p><p>�Verzeih mir, Prudy�, sagte er err�tend.</p><p>Prudence dr�ckte ihm einen Kuss auf die Wange und schl�pfte unter ihm zur Seite. �Du musst dich nicht entschuldigen, Liebster�, sagte sie, hob ihren Morgenmantel vom Boden auf und zog ihn an. </p><p>�Du bist mir nicht b�se?� </p><p>�Warum sollte ich?� </p><p>Tristan fuhr sich mit der Hand durchs verschwitzte Haar. �Du wusstest Bescheid? Wie ist das m�glich?� </p><p>Prudence trat vor das �bergro�e Fenster, zog den Vorhang beiseite und blickte hinaus in den weiten Himmel. Nach einer Weile drehte sie sich mit ernster Miene zu ihm um. </p><p>�Wir kennen uns schon so lange, Tristan. Erinnere dich: Ich w�r�s, das kleine freche Kind der K�chenmagd, das sich mit dir vor deinem Vater in der Vorratskammer versteckt hat. Du langst mir mit deiner Hand schon fast seit vierzig Jahren unter den Rock. Ich wei�, ob du mich im Sinn hast oder jemand anderen. Ich wei�, du liebst mich, und du wei�t, dass ich dich liebe, immer lieben werde. Ich verlange nicht von dir, dass du mich begehrst; es reicht mir, von dir geliebt zu werden. Es ist mir im �brigen gar nicht recht, wenn du aus Mitleid mit mir ins Bett gehst, wie die letzten Male ...�</p><p>�Das stimmt nicht�, fiel er ihr emp�rt ins Wort.</p><p>�Ach, mach dir doch nichts vor. Ich wei� genau, dass du an eine andere Frau gedacht hast. Du bist seit kurzem selbst im Schlaf derma�en heftig erregt wie seit �ber zehn Jahren nicht, wenn du mich im Sinn hattest. Es freut mich aufrichtig, dass du nicht von Madeleine getr�umt hast. Ich dachte schon, du h�ttest dich wom�glich in sie vernarrt. Sie ist eine Hexe, nebenbei bemerkt.� Prudence brachte mit ihrem Lachen auch Tristan zum Schmunzeln.</p><p>Sie trat vom Fenster weg und vor den Frisiertisch, wo sie vor seinen Augen den Morgenmantel ablegte und ihr Kleid anzog. Nachdem sie fl�chtig mit einem goldenen Kamm durch die zerzausten Locken gefahren war, wandte sie sich ihm wieder zu.</p><p>�Lass dir noch eins sagen, Tristan: So sehr du auch nach ihr verlangen magst, verlier nicht den Kopf wegen dieser Frau und h�te deine Hand, die Rolands Zepter f�hrt. Ich sp�re, dass du aus Lust oder Wut, jedenfalls aus einer Laune heraus erw�gst, die Gewalt eskalieren zu lassen. Tu es nicht, Tristan. Kriege, die einer Frau wegen angezettelt werden, f�hren auf geradem Weg ins Verderben.� </p><p>Tristan zeigte sich verwundert. �Mir scheint, ich h�re nicht recht�, erwiderte er trotzig. �Wenn ich Rolands Soldaten ins Feld schicke, geht es mir einzig und allein um den Schutz der Provinzen und ihrer Bewohner. Ich kann nicht glauben, dass du mir zutraust, ich w�rde Krieg f�hren, um einer Frau zu imponieren.� </p><p>�Nein? Aber es k�nnte doch sein, dass du es ihrem Herrn heimzahlen m�chtest, daf�r, dass sie ihn und nicht dich erw�hlt hat. Und wenn das nicht der Grund ist, mag es verletzter Stolz sein. Wie auch immer, lass dich nicht zur Gewalt hinrei�en.�</p><p>W�tend wandte sich Tristan von ihr ab. Es schmerzte ihn zutiefst, sie solche erniedrigenden Worte sagen zu h�ren � zumal sie wom�glich sogar ins Schwarze trafen.</p><p>�Prudence?� </p><p>Als er sich nach ihr umdrehte, war sie verschwunden.</p></section><section><title><p>54</p></title><p>Mit dem Ende des Winters kam f�r die Bolg wie jedes Jahr eine Zeit der Angst. Sobald Tauwetter einsetzte, wurde eine Lotterie veranstaltet, das hei�t, unter allen, auf die verzichtet werden konnte, wurden diejenigen ausgelost, mit denen die k�nstlichen, hastig aufgebauten D�rfer am Rand der Zahnfelsen bev�lkert werden sollten.</p><p>Dieser allj�hrliche Tribut an den Bluthunger der M�nner von Roland hatte Achmed mehr als alles andere davon �berzeugt, dass die vermeintlich so primitiven Bolg im Grunde durchaus gewitzt waren. Ihr Auswahlverfahren, so grausam es auch sein mochte, wurde schon seit hunderten von Jahren erfolgreich praktiziert. Dass sich die Angreifer immer wieder aufs Neue t�uschen lie�en und dass der Gewinn einer solchen List die Verluste �berwog, zerstreute all seine Zweifel bez�glich der T�chtigkeit dieses Volkes. Nicht zuletzt gefiel ihm auch, dass bei dieser Auswahl nach Strich und Faden getrickst wurde. </p><p>Wie in jedem Jahr versammelten sich am ersten Tag nach Anbruch des Tauwetters alle Bolg in der Schlucht jenseits der Zahnfelsen. Sie waren ungew�hnlich still und verhalten. Bislang waren alle starken und einflussreichen Bolg von der Lotterie ausgenommen. Dass aber nun auf Gehei� des neuen K�nigs ausnahmslos alle erscheinen mussten, war f�r die M�chtigen ein Affront und Grund zur Beunruhigung. Die aber legte sich schnell, als Achmed seine Rede mit den Worten begann: </p><p>�Die Lotterie ist abgeschafft.� Ab sofort werde niemand mehr den Soldaten von Roland geopfert, sagte er, und die Fr�hjahrss�uberung eine ganz neue Wendung erfahren. Dann erl�uterte er seinen Plan, dem am Ende alle begeistert zustimmten.</p><p>Vom Fenster seines Arbeitszimmers aus musterte Tristan Steward die im Hof versammelten K�mpfer, die zum rituellen Fr�hjahrsputz einberufen worden waren. Gew�hnlich lie� der Hofmarschall nie mehr als drei- bis vierhundert Rekruten oder einfache Soldaten antreten. Weil er, der Hohe Herrscher, indes verf�gt hatte, dass alle Soldaten am diesj�hrigen Feldzug teilnehmen sollten, dr�ngten sich nun auf dem relativ kleinen Hof fast zweitausend Mann.</p><p>Stephen Navarne blickte mit Unbehagen auf die Menge herab. Er hatte dem Vetter dessen Vorhaben auszureden versucht, sich aber blo� Schelte eingehandelt, und zwar nicht nur von Tristan, sondern auch von Quentin Baldasarre, dem Regenten von Bethe Corbair. Ihrman Karsric, der Herzog von Yarim, hatte seine Meinung f�r sich behalten.</p><p>Es klopfte an der T�r; der Hofmarschall Rosentharn trat ein.</p><p>�Eure Hoheit?� </p><p>�Ja?� Tristan zeigte sich �berrascht. Normalerweise blieb Rosentharn so kurz vor dem Ausr�cken bei seinen Truppen und lie� sich nur dann vor dem Regenten blicken, wenn es etwas Au�ergew�hnliches zu melden gab, was selten genug der Fall war.</p><p>�Ich ersuche Euch untert�nigst, ein klares Wort an die M�nner zu richten, Hoheit. Nicht wenige hegen Zweifel am Sinn des Einsatzes. Die Moral ist denkbar schlecht, so schlecht, dass ich um den Erfolg der Mission f�rchte.� </p><p>�Wirklich? Und wie ist das zu erkl�ren?�</p><p>Der Hofmarschall h�stelte. �Nun, Hoheit, wie Ihr wisst, werden f�r die S�uberungen in den Bolg-Gebieten sonst nur Rekruten oder solche Soldaten eingesetzt, die es zu disziplinieren gilt. Jetzt sind aber auch verdiente K�mpfer einberufen worden, die sich nat�rlich nach dem Grund fragen.� </p><p>�Schon einer so frechen Frage wegen sollten sie tats�chlich diszipliniert werden�, meinte der Herzog von Bethe Corbair. �Meine M�nner w�rden es nicht wagen, die Befehle ihres Kommandanten in Frage zustellen.� </p><p>�Ach, tu mir doch einen Gefallen, Quentin�, blaffte der Herrscher von Roland, �und behalte deine Ansichten f�r dich. Wo sind deine M�nner? Du h�ltst es ja nicht mal f�r erforderlich, dass sie an unserer Aktion teilnehmen. Und das ist nun wirklich allerhand, bedenkt man, dass es um die Grenzsicherung vor allem deiner L�nder geht. Ich glaube, ich sollte die Besteuerung deiner Provinz neu �berdenken, damit so kostspielige, euch zuliebe durchgef�hrten Man�ver auch in Zukunft finanziert werden k�nnen.�</p><p>�Aber dein Heer wird doch schon jetzt von unseren Steuern unterhalten�, unterbrach der Herzog von Yarim. �Wenn du uns von Einsatz zu Einsatz immer wieder neu veranlagen willst, werden wir dar�ber nachdenken m�ssen, ob es sich �berhaupt noch lohnt, mit dir gemeinsame Sache zu machen. Meine Truppen werden mit einer solchen Aufgabe notfalls auch allein fertig.�</p><p>�Es fragt sich, ob wir diesen Krieg �berhaupt wirklich f�hren m�ssen�, gab Stephen Navarne zu bedenken. �Wie schon erw�hnt: Die Leute, gegen die du vorgehen willst, haben mit den Bolgf�hrern von einst nichts mehr gemein. Sie sind ausgesprochen gebildet und sehr stark. Darum rate ich noch einmal von der geplanten Invasion ab. Stattdessen sollten wir mit der Gegenseite ein Friedensabkommen aushandeln. Vielleicht k�nnen wir neue Handelspartner dazugewinnen.�</p><p>Der Hohe Herrscher von Roland blickte seinen Vetter ungl�ubig an. �Bist du verr�ckt?�, fragte er in einem Tonfall, der erkennen lie�, dass er die Antwort schon kannte. �Mit den Bolg Gesch�fte machen? Kein Wunder, dass ich dich vor deinen aufst�ndischen Bauern in Schutz nehmen musste. Und jetzt geht mir aus dem Weg!� Er scheuchte seine Mitregenten beiseite und eilte mit dem Hofmarschall nach drau�en.</p><p>Achmed sah sie kommen � seiner Sch�tzung nach zweitausend Mann. Grunthor kam zu einem �hnlichen Ergebnis. </p><p>�Eine vollst�ndige Brigade und drei oder vier Kohorten�, meldete der Bolg-Kommandant. �Das sollten wir, wie ich meine, als Kompliment verstehn.�</p><p>�Dann sollten wir uns auf passende Weise erkenntlich zeigen�, antwortete der K�nig. �Rhapsody, es w�re gut, wenn ihr, du und Jo, euch aus dieser Sache heraushalten w�rdet.�</p><p>�Warum?�, maulte Jo. �Wozu habe ich wochenlang mit Pech und Schwefel zu k�mpfen gelernt? Ich bin richtig gut geworden. Wehe, wenn diese stinkigen �bungen umsonst gewesen sein sollten.� </p><p>�Wie du willst�, entgegnete Achmed.</p><p>�Braves M�dchen�, fl�sterte Grunthor anerkennend.</p><p>Rhapsody seufzte. �Dieser Tristan Steward ist ein Narr. Nun, ich habe ihn gewarnt, aber dass er nicht besonders helle ist, wurde mir schon bei der ersten kurzen Begegnung klar. Es ist eine Schande, dass so viele Soldaten f�r seine Dummheit b��en m�ssen.�</p><p>�Diese Schande ist so alt wie der Krieg selbst�, philosophierte Achmed. �Aber sieh�s von der positiven Seite. Wenn wir nur �berzeugend genug agieren, wird er, wenn er denn noch einen kleinen Rest an Verstand hat, in Zukunft von solchen Abenteuern absehen.�</p><p>Grunthor rieb sich die H�nde. �Meine Truppen k�nnen�s gar nich mehr abwarten, �berzeugungsarbeit zu leisten.� </p><p>�Also dann, auf in den Kampf�, sagte Achmed und gab seinem Pferd die Sporen. Von den anderen gefolgt, ritt er �ber das Schanzwerk auf die grenznahen Klippen zu.</p><p>Das Gefecht dauerte weniger als eine Stunde. Anstatt wie gewohnt die schwachen, alten und kranken Verlierer der allj�hrlichen Lotterie vorzufinden, trafen Rolands Soldaten auf die von Grunthor pers�nlich ausgebildeten Elitetruppen der bolgischen Bergwart, die in den leeren H�tten auf der Lauer lagen. </p><p>Die Angreifer hatten zwei Pappkameraden gek�pft und ein Pferd samt Reiter in einer mit kochendem Pech gef�llten Fallgrube verloren, ehe ihnen d�mmerte, dass sie in einen Hinterhalt geraten waren. Aber an Flucht war schon nicht mehr zu denken. Wie von einer Explosion herbeigeschleudert, tauchten pl�tzlich aus allen Ecken und Felskl�ften bewaffnete Bolg auf. Einem gewaltigen Erdrutsch gleich st�rmten sie von den H�ngen ins Tal und �ber die entsetzten Soldaten hinweg.</p><p>Es begann mit einem Hagel von faust- bis kopfgro�en Steinen, die, von M�nnern des Ylorc-Heeres geschleudert, auf die zahlenm��ig f�nffach �berlegene Brigade der Orlander niederprasselten. Als diese daraufhin in Panik gerieten, zogen die in den H�tten des Grenzdorfs versteckten Bolg-K�mpfer die Fallstricke, die unter den Staub des Talbodens gespannt worden waren. Unz�hlige Pferde strauchelten und st�rzten und warfen ihre Reiter ab.</p><p>Mittlerweile war die Flutwelle der Verteidiger �ber jene Teile des fremden Heeres hereingebrochen, die zwar noch auf den Beinen, aber vor Schreck und Entsetzen wie gel�hmt dastanden. Einige wenige langten hastig nach ihren B�gen. Die meisten jedoch waren nur mit Schwertern, Kn�ppeln oder Fackeln bewaffnet, die ihnen sogleich aus den H�nden geschlagen wurden.</p><p>An den R�ndern versuchten manche ihr Heil in der Flucht, gerieten aber nur in ein Inferno aus kochendem Pech, das ihnen in F�ssern entgegengeschleudert wurde, abgeschossen von Katapulten, die ihnen, im Ausgang des engen Tals platziert, den R�ckzug versperrten. Rhapsody stand dort, die H�nde an die Ohren gepresst, um das schrille, manische Lachen von Jo auszublenden, die an der Seite Grunthors mit ihrem bronzenen Dolch die Halteseile der Wurfarme kappte.</p><p>Sie blickte zur�ck auf die Bolg, die Jahrhunderte lang Opfer grausamer �berf�lle gewesen waren und sich nun mit ungeahnter Kampfkraft und m�rderischer Entschlossenheit an ihren Feinden r�chten. Sp�ter bemerkte Grunthor, dass er sich an eine wirkungsvoller ausgetragene Schlacht kaum erinnern k�nne. </p><p>Rhapsody starrte auf das Schlachtfeld und sp�rte, wie sich ihr der Magen umzudrehen drohte. Sie hatte auf eine Teilnahme am Kampf verzichtet und nicht einmal mit ihrer magischen Musik Sch�tzenhilfe geleistet. Jetzt sah sie mit an, wie Achmeds Soldaten systematisch das Tals durchk�mmten, den Gefallenen Waffen und R�stungsteile abnahmen und die Toten nahe der Pechgrube zusammenlegten. </p><p>�Widerlich�, sagte sie nur.</p><p>�Keine Sorge, Gr�fin, wir r�umen auch wieder auf�, entgegnete Grunthor, der Jo beim Kragen gepackt hielt, um zu verhindern, dass sie sich an der allgemeinen Leichenfledderei beteiligte. </p><p>�Vielleicht w�r�s jetzt an der Zeit, dass du, Rhapsody, mit Jo zum Kessel zur�ckgehst�, schaltete sich Achmed ein, der die Opfer z�hlte und darauf aufpasste, dass von den Gefallenen keiner als Troph�e verschleppt wurde. </p><p>�Was, keine Beute?�, �rgerte sich Jo.</p><p>�Geteilt wird sp�ter�, antwortete Grunthor.</p><p>�Genau. Also komm jetzt�, sagte Rhapsody, die sich von Achmeds viel sagender Miene aufgefordert sah, m�glichst schnell nach Hause zur�ckzukehren. Sie nahm Jo beim Ellbogen und f�hrte sie davon. Als die beiden verschwunden waren, wandte sich Achmed seinen Gener�len zu, die im Hintergrund warteten. </p><p>�Die K�mpfer k�nnen sich jetzt den Bauch voll schlagen�, sagte er.</p><p>Eine Woche sp�ter erwachte der Hohe Herrscher von Roland, von einem seltsamen Ger�usch geweckt, aus tiefsten Tr�umen. </p><p>�Tsk, tsk.� Neben dem Bett stand eine dunkle Gestalt, die Tristans Krone in den H�nden hielt und sie zwischen schlanken Fingern langsam im Kreis drehte. Deren Gold und Edelsteine spiegelten das Licht der auf dem Nachttisch brennenden Kerzen, das wie helles Blut aus pulsierender Wunde auf die W�nde ringsum zu spritzen schien.</p><p>Tristan Steward schreckte auf, doch die albtraumhafte Erscheinung l�ste sich nicht etwa als Spukgestalt in der Dunkelheit auf. Vielmehr warf sie ihm die Krone entgegen und fl�sterte: </p><p>�Ein Mucks, und es w�re dein letzter.� Doch Tristan war ohnehin nicht imstande, einen Laut von sich zu geben, selbst wenn er gewollt h�tte. Ihm schien immer noch nicht klar zu sein, ob er denn noch tr�umte oder tats�chlich schon bei Sinnen war.</p><p>Aus dem Schatten tauchte nun eine winzige Flamme auf, und der Hohe Herrscher sah, wie sich die bleichen, d�nnen H�nde in Bewegung setzten, um weitere Lichter anzuz�nden.</p><p>Als es in der Schlafkammer gen�gend hell war, warf Achmed die Kapuze in den Nacken zur�ck und grinste, als er das Entsetzen im Gesicht des Prinzen sah. Er trat einen Schritt n�her, setzte sich an den Rand des riesigen Bettes und strich mit der Hand �ber die seidene Decke. </p><p>�Steh auf!�, sagte er leise und zeigte auf die Sitzecke vor dem Fenster.</p><p>Tristan Steward gehorchte und erhob sich, am ganzen K�rper zitternd. Weder seine blo�en F��e noch die Ledersohlen des schaurigen Gastes lie�en auch nur das geringste Ger�usch verlauten, als die beiden �ber den steinernen Fu�boden auf die St�hle zugingen, die sich vor dem von Sternen �bers�ten Nachthimmel im Fensterausschnitt abzeichneten.</p><p>Tristan setzte sich und verschr�nkte die Arme in der Hoffnung, seine zitternden H�nde bedecken zu k�nnen. Mit zunehmender Klarheit wurde ihm bewusst, dass sich das Unheil, das er zu erwarten hatte, von Sekunde zu Sekunde weiter zuspitzte. Insgeheim war er dankbar f�r die Dunkelheit, ahnte er doch, dass er den Anblick des f�rchterlich entstellten Gesichtes seines Gegen�bers bei hellem Tageslicht nicht w�rde ertragen k�nnen. Er rief all seinen Mut zusammen und versuchte, einen m�glichst gelassenen Tonfall anzuschlagen.</p><p>�Wer bist du? Was willst du?�</p><p>�Ich bin das Auge, die Klaue, der Fersensporn und der Beuschel des Berges. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass dein Heer aufgerieben wurde.�</p><p>Dem Prinzen entfuhren gurgelnde Laute der Verwirrung anstelle verst�ndlicher Worte, die ihm einfach nicht �ber die Lippen kommen wollten.</p><p>�Du hast zweitausend Mann ins Feld geschickt. Von denen wirst du nie mehr etwas h�ren au�er dem, was ich dir sage.� </p><p>Zuerst schien er nicht richtig verstanden zu haben, aber dann zeigte er blankes Entsetzen. �Wo sind die �berlebenden? Was ist mit ihnen geschehen?�</p><p>�Der Berg hat sie versch�ttet. Und jetzt h�r mir aufmerksam zu. Falls es dir gelingt, noch eine Weile am Leben zu bleiben und unser Treffen geheim zu halten, wirst du in zehn Tagen ein Handels- und Friedensabkommen mit uns abgeschlossen haben. Du wirst uns in Person deine Aufwartung machen, denn die Initiative f�r dieses Abkommen geht von dir aus. Meine Abgesandte wird dich in genau zehn Tagen an der bestehenden Grenze zwischen meinem Reich und Bethe Corbair erwarten. Bist du nicht p�nktlich, r�ckt die Grenze mit jedem Tag ein St�ck zur�ck. Wenn du aus irgendwelchen Gr�nden nicht reisen m�chtest, brauchst du also nur zu warten. In etwa vierzehn Tagen w�rde die Grenze gleich hier durch deine Festung verlaufen.� Der Regent sa� da mit weit aufgerissenen Augen, sagte aber nichts.</p><p>�Dies ist das einzige Angebot, dass ich dir � von K�nig zu K�nig � zu machen bereit bin. Schlag es aus, und du wirst sehen, wozu Ungeheuer imstande sind. Wir haben unsere Lektionen, die uns allj�hrlich im Fr�hling erteilt worden sind, gelernt.� Achmed stand auf, um zu gehen.</p><p>�Oh, noch etwas�, f�gte er hinzu. �Vielleicht tr�stet es dich zu wissen, dass meine lirinsche S�ngerin deinen gefallenen M�nnern ein wundersch�nes Grablied gesungen hat. Es war sehr ergreifend. Da sie nun schon eine Weile im Land der Bolg lebt, hat es Rhapsody mittlerweile in Sachen Requiem und Klagegesang zur wahren Meisterschaft gebracht.�</p><p>Schmunzelnd nahm er zur Kenntnis, dass das Gesicht des Regenten bei der Erw�hnung ihres Namens scharlachrot anlief. Er r�ckte verschw�rerisch n�her und f�gte hinzu: �Keine Sorge, sie ahnt nicht, dass sie es war, die den Ansto� f�r dieses Massaker unter deinen Leuten gegeben hat. Dass es durch sie dazu kommen musste, war mir nat�rlich klar. Weshalb h�tte ich sie sonst wohl zu dir geschickt?� </p><p>Dem Hohen Herrscher kam die Galle hoch. �Das Ganze war also eine abgekartete Sache�, kr�chzte er. </p><p>�Nun, vergiss nicht, du hast einen nicht unwesentlichen Anteil daran gehabt, mein Lieber. Du bist ein Mann freien Willens. Wenn es dir aufrichtig um Frieden gegangen w�re, h�ttest du meine Abgesandte gewiss mit offenen Armen begr��t und mein Angebot angenommen.�</p><p>Urpl�tzlich war das L�cheln aus Achmeds Gesicht verschwunden. �Ein Mann, der einer anderen Frau gegen�ber nicht ausschlie�lich ehrenvolle Absichten hegt � insbesondere dann, wenn er verlobt ist �, ist auch als Nachbar nicht besonders vertrauensw�rdig. Dass du, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, das Leben von zweitausend M�nnern aufs Spiel gesetzt hast, wird dir hoffentlich eine Lehre gewesen sein. Lass es nicht noch einmal so weit kommen.� Er wandte sich um und ging zur T�r. �Ich lasse dich allein, damit du nun in Ruhe dein Amt verrichten kannst�, sagte er noch.</p><p>�Was f�r ein Amt?� </p><p>Der Firbolg-K�nig warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck und l�chelte. �Du wirst doch sicherlich f�r deine M�nner eine Mahnwache abhalten wollen.� Die Schatten regten sich noch einmal, und dann war Achmed verschwunden. </p><p>Am Morgen des zehnten Tages kreuzte eine Reitergruppe aus Roland am Horizont der Steppe auf. Rhapsody und die Wachsoldaten in ihrer Begleitung warteten. Sie hatte Wert darauf gelegt, dass keines der von ihrem Kommando gerittenen Pferde aus den Reihen der geschlagenen Truppen des Gegners stammte. <emphasis>Ein bisschen Taktgef�hl steht auch uns gut an,</emphasis> hatte sie zu Achmed gesagt. Jetzt l�chelte sie unwillk�rlich, als sie den Hohen Herrscher von Roland unter den Reitern erkannte und sich an den unfreundlichen Schlagabtausch mit ihm vor wenigen Wochen erinnerte.</p><p>Die f�nf M�nner in seiner Begleitung trugen einfache Reitkleidung und wollende Umh�nge; offenbar wollten sie m�glichst unerkannt bleiben. Rhapsody war �hnlich schlicht gekleidet � entgegen Achmeds Vorschlag, der sie gern in prunkvollstem Staat gesehen h�tte, was ihr aber ganz und gar unangemessen vorgekommen w�re. </p><p>Au�er Tristan Steward und zwei bewaffneten Wachen bestand die kleine Gruppe noch aus dessen Vetter Stephen Navarne, der Rhapsody mit freudigem L�cheln entgegenblickte, und einem weiteren Mann, der dem Hohen Herrscher auffallend �hnlich war, allerdings ein paar Jahre j�nger zu sein schien. Er trug einen geh�rnten Helm und ein schweres goldenes Amulett, das ihn als Geistlichen auswies. Rhapsody glaubte in ihm jenen Seligpreiser wiederzuerkennen, dessen Di�zese aus den Nordprovinzen Canderre und Yarim bestand und den sie auf einem der Portr�ts in der Feuerbasilika gesehen hatte. </p><p>Der Herrscher �ber Roland z�gelte seinen walnussbraunen Wallach und stieg aus dem Sattel. Offenbar hatte er es eilig, die f�r ihn so unangenehme Angelegenheit hinter sich zu bringen. Er hatte alle anderen M�glichkeiten in Gedanken durchgespielt und war zu der frustrierenden Einsicht gelangt, dass an dem verlangten Abkommen kein Weg vorbeif�hrte. Sein Vorschlag einer Invasion des Feindeslandes war von den anderen Herz�gen entschieden zur�ckgewiesen worden.</p><p>Das benachbarte Sorbold, ein friedliebender Rivale und Handelspartner, hatte � nicht zuletzt unter dem Eindruck der vernichtenden Niederlage des orlandischen Heeres � ebenfalls kein Interesse daran, Krieg gegen die Bolg zu f�hren; im Gegenteil, man hoffte, den neuen Kriegsherrn als Freund zu gewinnen, und erkl�rte, dass man schon seit langem den Wunsch hege, mit den Bolg Handel zu treiben. Tristan Steward sah die Gesandte der Bolg von ihrem Pferd steigen und herbeikommen. Wie von ihm bef�rchtet und insgeheim erhofft, war es die Frau, der er vor einigen Wochen die kalte Schulter gezeigt und die er seitdem vergeblich aus seinen Gedanken zu vertreiben versucht hatte. Er war auf ihren Hohn gefasst, wurde aber stattdessen mit freundlichem L�cheln willkommen gehei�en. </p><p>�Guten Tag, Eure Hoheit�, sagte sie und verbeugte sich. �Euer Erscheinen ehrt uns.� Ihre Stimme war ohne jeden Sarkasmus, und als er in ihre Augen blickte, sp�rte der Hohe Herrscher von Roland, wie ihm vor Lust und Verlangen die Knie weich wurden. Er musste sich selbst Gewalt antun, um der ihm hier und jetzt abverlangten Aufgabe gerecht zu werden.</p><p>�Meine Dame, erlaubt, dass ich Euch meinen Bruder, Seine Gnaden Ian Steward, den Segner von Canderre-Yarim, vorstelle.</p><p>Rhapsody verbeugte sich �ber den ihr Entgegengestreckten Siegelring. �Euer Gnaden.�</p><p>�Meinen Cousin, den Herzog Stephen Navarne, kennt Ihr ja bereits, wenn ich richtig informiert bin.� </p><p>�So ist es. Wie geht es Euch, mein Herr?�</p><p>�Danke, sehr gut. Es freut mich, dich zu sehen.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Ganz meinerseits.�</p><p>Sie nickte ihrer Leibgarde zu, worauf zwei der zw�lf Soldaten einen Tisch und St�hle herbeiholten. Die beiden Bolg grinsten angesichts der orlandischen Herren, die von der monstr�sen Gestalt ihrer Gegen�ber sichtlich beeindruckt waren.</p><p>Als sich die beiden Kolosse diskret zur�ckgezogen hatten, r�usperte sich Tristan Steward und sagte: </p><p>�Nun, wir haben ein paar Dokumente mitgebracht, die Ihr bitte begutachten m�get. Da w�re zun�chst der Entwurf f�r ein Handelsabkommen, der von der zust�ndigen Kammer in Bethania bereits abgesegnet wurde und somit auch die Zustimmung aller einschl�gigen Stellen in den Provinzen finden d�rfte. Er entspricht in allen Einfuhrbestimmungen und Zolltarifen den Vertr�gen, die auch f�r den Handel mit unseren langj�hrigen Gesch�ftspartnern im Ausland gelten, ja sogar f�r den Handel zwischen den Provinzen.� </p><p>�Ich f�rchte, das wird nicht gen�gen�, antwortete Rhapsody freundlich. �Wir fordern, dass in den ersten zehn Jahren �berhaupt keine Z�lle erhoben werden � als Zeichen des guten Willens, denn Roland will doch gewiss die junge Wirtschaft der Firbolg nach Kr�ften unterst�tzen, nicht zuletzt um die seit Jahrhunderten willk�rlich begangenen Zerst�rungen zu reparieren, die Roland unter der F�hrung von Bethania in Ylorc angerichtet hat.�</p><p>Wie auf Kommando klappten drei Kinnladen herunter. Stephens Ausdruck wechselte schnell in ein Schmunzeln �ber, doch der Regent und der Segner schnitten eine weniger freundliche Miene. </p><p>�Ihr scherzt�, sagte der Hohe Herrscher von Roland. �Auf Z�lle verzichten? Was f�r einen Sinn h�tte es dann, �berhaupt noch Handel zu betreiben?�</p><p>�Nennen wir es freien Warenverkehr, Hoheit�, antwortete Rhapsody. �Den fairen Tausch von G�tern, W�hrungen oder Dienstleistungen. Wie auch immer, K�nig Achmed wird nie und nimmer bereit sein, Abgaben zu zahlen, mit denen Heere unterhalten werden, die seine Untertanen aufs Grausamste unterdr�ckt haben. Andererseits w�rde er es als eine Geste Eurer wahren Friedensbereitschaft werten, wenn Ihr auf Z�lle verzichtet.�</p><p>�Ich bin gern dazu bereit�, sagte Herzog Stephen und ignorierte die strafenden Blicke der beiden orlandischen Br�der. �Das kann ich f�r Navarne so verf�gen, denn es ist ja geltender Brauch, dass die Provinzen ihre Z�lle selbst festsetzen, nicht wahr, Tristan?�</p><p>�So ist es�, knurrte der Hohe Herrscher von Roland.</p><p>�Nun, Navarne schuldet der k�niglichen Exzellenz von Ylorc seine Dankbarkeit f�r die selbstlose Rettung der Kinder seiner Provinz. Man darf wohl au�erdem davon ausgehen, dass die cymrische Linie von Roland nicht weniger gl�cklich und dankbar f�r die Befreiung des Hauses der Erinnerung und der Restauration seines Baumes ist.� Er zwinkerte Rhapsody heimlich zu.</p><p>�Ich schlage also vor, Tristan, du entscheidest f�r Bethania und l�sst den anderen freie Hand. Wie die anderen Provinzen entscheiden werden, glaube ich voraussehen zu k�nnen: Sie werden gern bereit sein, ihre Einfuhrz�lle allein schon gegen die Chance einzutauschen, firbolgsche Waffen zu Gesicht zu bekommen.� </p><p>�Da k�nntest du sogar Recht haben. Also gut, es wird vermutlich nicht schaden�, gab Tristan Steward klein bei. </p><p>�Ausgezeichnet, vielen Dank�, sagte Rhapsody und zeigte ein strahlendes L�cheln. Ungeachtet der l�sternen Blicke, mit denen sie taxierte wurde, erg�nzte und unterzeichnete sie den Vertrag. �So, und was h�tten wir als N�chstes?�</p><p>Der Hohe Herrscher entrollte ein weiteres Schriftst�ck. �Unter der Voraussetzung einer Nichtangriffserkl�rung auf Seiten von Ylorc und der Erlaubnis, die Gefallenen der j�ngsten Schlacht in ihre Heimat �berf�hren zu lassen, erkl�rt sich Roland als vereinigtes K�nigreich bereit, sich in Zukunft aller unrechtm��igen feindlichen Handlungen gegen�ber Ylorc zu enthalten.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf, zeigte sich aber weiterhin freundlich.</p><p>�Dem kann ich nicht zustimmen�, sagte sie. �Es gibt keine Toten mehr, die �berf�hrt werden k�nnten. Es ist, als w�re Euer Heer spurlos im Meer versunken, Hoheit. Lasst die Geschichte ihr Andenken bewahren und vergesst die sterblichen �berreste.�</p><p>Sie beugte sich vor und erg�nzte, verschw�rerisch fl�sternd:</p><p>�Unter uns, die Schlacht hat keine Viertelstunde gedauert. Danach schien es, als w�re nichts passiert. Zur�ck zu Eurem Entwurf: Das Wort �unrechtm��ig� gef�llt mir nicht. Das, was Roland jahrhundertelang als rechtm��ig angesehen hat, ist vor kurzem noch einmal in aller Scheu�lichkeit deutlich geworden. Nein, die gegenseitige Nichtangriffserkl�rung muss uneingeschr�nkt gelten und von beiden Regenten unterzeichnet werden. K�nig Achmed garantiert seinen Nachbarn friedliche Koexistenz und verlangt im Austausch von der F�hrung Rolands eine entsprechende Garantie. Jede Verletzung des Vertrages k�me einem Wortbruch gleich und w�rde als Kriegshandlung gewertet werden. Der Aggressor m�sste als Strafe daf�r ein Zehntel seines Territoriums abtreten. Wie f�ndet Ihr das?� Angesichts der entsetzten Gesichter ihrer Verhandlungspartner musste sie sich ein Lachen verkneifen.</p><p>�W�re das nicht ein wenig �bertrieben?�, fragte der junge Segner von Canderre-Yarim. �Und �berhaupt, wer h�tte Interesse an einem Zehntel von Ylorc?�</p><p>Rhapsody lachte laut auf. �Euer Gnaden, wie k�stlich, Euer Einwurf, der gewiss ehrlich gemeint, aber f�r einen so frommen Mann, wie Ihr es seid, nicht gerade schicklich ist. Eine solche Strafklausel kann doch wohl nicht schrecken, wenn die Absichten Rolands ehrenvoll sind, woran ich keinen Zweifel hege, und der Hohe Herrscher fest zu seinem Wort steht, wovon ich gleichfalls ausgehe. Und was den Wert von Ylorc betrifft: Ich muss wohl nicht daran erinnern, dass es einst der Stammsitz der Cymrer war, der Ort, an dem Eure Vorfahren ihre Macht entfaltet haben?! Es w�re ein Fehler, nur den �u�eren Schein zu bewerten, Euer Gnaden. In diesen Bergen leben ebenso viele Kinder des Allgottes wie in Eurer Di�zese, vielleicht sogar mehr. Und damit er�brigen sich wohl alle weiteren Fragen nach dem Wert dieses Landes, oder?�</p><p>�J-ja�, stotterte der Segner, der, vom Hohem Herrscher mit finsteren Blicken bedacht, die Schultern einzog. �Aber sie hat Recht, Tristan. Das ist ein gerechter Vorschlag.�</p><p>W�tend griff der Hohe Herrscher nach der Feder und kratzte seine Unterschrift auf das Pergament. Als er damit fertig war, nahm Rhapsody ihm, um selbst zu unterzeichnen, die Feder aus der Hand und sp�rte seine Finger zittern. Seine bleichen Wangen liefen rot an. </p><p>�Damit k�men wir jetzt zu meinem Teil�, sagte der Seligpreiser und rollte ein letztes Schriftst�ck auseinander. �Die Bolgl�nder haben traditionsgem�� immer zur Di�zese von Bethe Corbair geh�rt. Mit diesem Dokument bietet Lanacan Orlando, das Kirchen�lteste von Bethe Corbair, den ... �h ... Bewohnern von Ylorc geistlichen Zuspruch und die Mitgliedschaft in seiner Di�zese an. Der Segner von Bethe Corbair erkl�rt sich bereit, auf dem Boden Ylorcs Gemeinden einzurichten und mit Priestern auszustatten, wof�r nat�rlich Steuern abzuf�hren w�ren.�</p><p>Er schaute nerv�s in die Runde. Dieser Vorschlag war der heikelste, denn die L�nder der Bolg grenzten auch an Sorbold und damit an eine andere Di�zese, die dem Patriarchen unterstellt war. Falls sich Ylorc dieser Di�zese anschl�sse, w�ren die Machtverh�ltnisse innerhalb Rolands auf prek�re Weise verschoben. </p><p>Rhapsody l�chelte wieder. �Vielen Dank, Euer Gnaden. Auf diesen Punkt war ich gar nicht vorbereitet. Wem die Firbolg ihre religi�se Loyalit�t zu �bertragen w�nschen, ist eine Frage, dich ich nicht beantworten kann. Sie haben eine eigene Religion und ihre Schamanen. Mag sein, dass sie sich f�r Eure Kirche interessieren oder f�r die Religion von Gwynwald. Wie auch immer, dar�ber kann ich nicht befinden. Es w�re wohl das Richtige, wenn Ihr, oder der Kirchen�lteste von Bethe Corbair, einen Gesandten schicktet, der sich �ber diese Fragen eingehend mit dem K�nig unterhalten w�rde. Er hat mich beauftragt mitzuteilen, dass er ab Anfang n�chsten Monats Eure Botschafter zu empfangen bereit ist.� </p><p>Der Seligpreiser nickte schweigend.</p><p>�Nun, meine Herren, wenn das alles ist, m�chte ich Euch herzlich danken und noch einen guten Morgen w�nschen.� Rhapsody erhob sich und gab ihren Wachen zu verstehen, dass sie Tisch und St�hle wieder wegr�umen konnten, zumal auch die orlandischen Edelm�nner inzwischen aufgestanden waren. </p><p>Sie steckte die Abschriften der Dokumente in ihre Tasche und wollte gerade gehen, als Herzog Stephen hinter ihr herrief: �So warte! Wir h�tten noch ein paar Geschenke ... Die meinen sind ein Dankesch�n des Volkes von Navarne und ein Andenken von deinen Enkelkindern, unter anderem ein kleines Bild von ihnen.� </p><p>Rhapsody strahlte �bers ganze Gesicht. �Das ist aber lieb! Vielen Dank. Wie geht es Gwydion und Melisande?� </p><p>�Gut. Sie lassen sch�n gr��en und danken herzlich f�r die Fl�te und die Harfe, die du ihnen geschickt hast. Und sie hoffen, dich bald wieder zu sehen.�</p><p>�Das hoffe ich auch. Gebt ihnen ein K�sschen von mir und sagt ihnen, dass ich, wie versprochen, jeden Tag an sie denke. Vielleicht werden sie mich eines Tages besuchen kommen.�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Stephen und wich den ungl�ubigen Blicken seiner Vettern aus. �Alles Gute dir.� </p><p>Er trat einen Schritt zur�ck, um die Wachsoldaten passieren zu lassen, welche die von den beiden anderen Edelm�nnern mitgebrachten Truhen zu Rhapsodys Pferden schleppten, dr�ckte ihr einen Kuss auf die Hand, stieg in den Sattel und ritt in Richtung Westen davon. Die anderen folgten ihm dichtauf. Am Rand des Feldes hielt der Hohe Herrscher von Roland noch einmal an, drehte sich um und hob winkend die Hand. Rhapsody l�chelte und verbeugte sich respektvoll wie bei ihrer ersten Begegnung. Sein ernstes Gesicht heiterte sich sichtlich auf. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon. </p><p>�F�r ein Bauerntrampel hab ich mich doch ganz gut geschlagen, Llauron, oder?�, sprach sie mit sich selbst, als sie auf ihre Stute zuging. Einem Soldaten, der an einer der Truhen herumfingerte, schlug sie auf die H�nde und sagte: �He, Finger weg! Das sind meine Geschenke.�</p></section><section><title><p>55</p></title><p>�Lass mir doch bitte auch was �brig! Gleich ist nichts mehr da.�</p><p>�Willst du das Zeugs etwa einkellern? Und was beschwerst du dich? Ich teile doch.�</p><p>�Ja, eins f�r mich, sechs f�r dich ...�</p><p>�Ein K�mmerling wie du braucht schlie�lich nicht mehr.�</p><p>�Sieh dich vor�, sagte Rhapsody und scheiterte bei dem Versuch, eine ernste Miene aufzusetzen. </p><p>�Komm, gehen wir �ber zehn Runden mit Keule und Kette, dann werden wir sehen, wer von uns beiden der K�mmerling ist.�</p><p>Jo verzog das Gesicht. �Keule und Kette?�, fragte sie in aufgesetzt ver�chtlichem Ton, wischte mit dem Handr�cken den Schokoladenschmier vom Mund und griff ein weiteres Mal in die mit Konfekt gef�llte Schachtel. �Albernes Spielzeug. Da halte ich mich lieber an meinen Dolch.�</p><p>Rhapsody schmunzelte und langte gezielt nach dem letzten St�ck Schokolade. Doch Jo schnappte ihr die Leckerei unter den Fingern weg und steckte sie blitzschnell in den Mund.</p><p>�Zugegeben, ein Dolch ist die elegantere Waffe�, sagte Rhapsody und begn�gte sich mit einem St�ck D�rrobst. �Aber wenn du Abstand halten musst, n�tzt er dir wenig. Was h�ltst du von diesem Bonbon?� </p><p>�Hmmm, seeeehr llllecker�, antwortete Jo mit vollem Mund. Sie nahm die geleerte Zwischenlage aus der Schachtel und begutachtete das Sortiment der n�chsten Lage. Dann w�hlte sie darin herum, und was ihr nicht auf Anhieb zusagte, landete im Bett oder auf dem Boden. �Aber ich habe immer noch den ekligen Geschmack dieses Gegengifts im Mund. Mal ehrlich, wer K�me denn auf die Idee, Gift in ein Geschenk zu tun, mit dem er einem K�nig gefallen m�chte?� </p><p>Rhapsody lachte und zog die Stirn kraus. �Wir sprechen hier nicht von irgendeinem K�nig, sondern von Achmed. Tats�chlich wundert es mich, dass die Pralinen nicht voller S�ure sind.�</p><p>�Ist das auch der Grund, warum du diese h�bschen Granatohrringe nicht tragen willst, die dir der Seligpreiser von Avonderre-Navarne geschenkt hat?�</p><p>�Nein, die sind mir einfach viel zu protzig. Zugegeben, in Sachen Schmuck bin ich ziemlich w�hlerisch. Ich trage nicht viel, aber es muss geschmackvoll sein.�</p><p>Jo stopfte sich noch eine S��igkeit in den Mund. �Bis auf diesen einen Tag in Bethe Corbair habe ich dich noch nie etwas anderes tragen sehen als dieses Ding da�, nuschelte Jo und zeigte auf das goldene Medaillon, das Rhapsody an einer d�nnen Kette um den Hals hing. Rhapsody nahm es in die Hand und betrachtete es eine Weile, sagte aber nichts.</p><p>�Auf jeden Fall hat dieser F�rst MacAlwaen einen guten Geschmack, was Dinge angeht, die lecker schmecken�, sagte Jo und packte eine der karamellisierten N�sse aus.</p><p>�Er ist ein Baron. Seine L�nder liegen s�dlich von Sepulvarta�, sagte Rhapsody und streckte sich auf dem Fu�boden aus. �Pass auf und bei� dir nicht die Z�hne daran aus. Ich glaube, seine Geschenke sind pure H�flichkeit. Er hat von Ylorc ohnehin nicht viel zu erwarten, weder im Guten noch im Schlechten.� </p><p>�Als lie�e sich Achmed mit S��igkeiten kaufen.�</p><p>�Nun, er hat uns noch etwas anderes �bergeben lassen, und zwar ein ziemlich schlau ausgew�hltes Geschenk, womit er uns dezent zu verstehen gibt, dass er der neuen F�hrung der Firbolg durchaus einiges zutraut.� </p><p><emphasis>�Dezent?</emphasis> Was zum Kuckuck soll das denn nun wieder hei�en?�</p><p>�Unter der Hand, unauff�llig. Ist da noch Nougat?�</p><p>�Jetzt nicht mehr�, kicherte Jo. Sie warf das letzte St�ck in die Luft und fing es mit dem weit aufgesperrten Mund auf. � ... ist unauff�llig unter der Hand verschwunden.�</p><p>�Metze!� Rhapsody schmunzelte. Es freute sie, Jo lachen zu sehen. �Ich glaube, das f�r dich bestimmte Geschenk werde ich selbst behalten.�</p><p>Jo merkte auf. �Geschenk? Was f�r ein Geschenk?�</p><p>�Nun, ich dachte, dass du bei all den Geschenken, die f�r Achmed eintreffen, auch eine Kleinigkeit verdient h�ttest. Aber nachdem du diese Schachtel hier so r�cksichtslos gepl�ndert hast ...� </p><p>Ehe sie den Satz zu Ende gebracht hatte, hatte ihr Jo schon eine wahllos herausgegriffene S��igkeiten in den Mund gestopft. Eine getrocknete Pflaume. Beide mussten prusten vor Lachen.</p><p>�Na sch�n, ich geb mich geschlagen�, sagte Rhapsody. Sie stand auf und sch�ttelte die Kr�mel von ihrem langen Nachthemd. Dann trat sie vor den hohen Schrank, der auf einem Karren von Bethania herbeitransportiert worden war, und zerrte eine gro�e Holzkiste daraus hervor. Die schleifte sie �ber den Boden bis ans Bett und pr�sentierte sie der Freundin mit einem eleganten Hofknicks. Jo riss den Deckel so schwungvoll auf, dass die als Verpackungsmaterial aufgef�llten Holzsp�ne durch die Kammer flogen. </p><p>Obenauf fand sie eine Vielzahl in steifes Papier eingeschlagener, kleiner flacher Scheiben mit einem metallenen Dorn in der Mitte. R�tselnd blickte sie zu Rhapsody auf und sagte dann mit s��licher Stimme: �O wie sch�n, genau das, was ich mir schon immer gew�nscht habe � Fallen f�r Kakerlaken.� </p><p>Rhapsody lachte. �Da ist noch mehr drin.� Sie schaute Jo dabei zu, wie sie mit den Armen tiefer in die Truhe eintauchte und eine Hand voll Wachskerzen unterschiedlicher Gr��en und Farben zum Vorschein brachte. �Da du keine Feuerstelle in deiner Kammer hast, dachte ich mir, dass dir damit geholfen sein k�nnte.� </p><p>�Da m�ssen an die tausend St�ck drin sein�, staunte Jo und sah sich eine dieser Kerzen von nahem an. </p><p>�Ich habe nie mehr als einen Stummel besessen, und der war nur f�r den Notfall gedacht. Hab ich einem toten Soldaten aus der Tasche gezogen.� Vorsichtig legte sie die Kerze zur�ck. �Danke, Rhapsody�, sagte sie mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht.</p><p>�Keine Ursache�, antwortete Rhapsody, ger�hrt von Jos Miene. Sie hatte den Eindruck, sich selbst in j�ngeren Jahren gegen�berzustehen. �Horte sie nicht, gebrauche sie. Wir k�nnen jederzeit mehr davon haben. Ich will, dass es um dich herum heller wird, als es bislang war.�</p><p>�Weshalb du mich wohl auch in einen Berg gef�hrt hast, wo ich unter Firbolg lebe.� Jo schmunzelte. </p><p>�Stecken wir doch gleich welche an.� Sie schwang sich aus dem Bett, und gemeinsam bugsierten sie die Kiste durch den Flur in Jos Kammer.</p><p>Als Jo die T�r �ffnete, stie� Rhapsody einen spitzen Schrei aus. �Lieber Himmel, was ist denn hier passiert?�, fragte sie erschrocken. �Da ist anscheinend jemand in dein Zimmer eingebrochen und hat deine Sachen durchw�hlt. Ich werde sofort Alarm schlagen...�</p><p>�Was redest du da?�, fragte Jo irritiert. �Es ist doch alles in Ordnung � genau so w�r�s, als ich das Zimmer verlassen habe.� </p><p>�Du machst Witze�, entgegnete Rhapsody mit Blick auf das heillose Durcheinander. �Das ist absichtlich so?� </p><p>�Nat�rlich�, antwortete Jo ungehalten. �Wei�t du nicht, wie man wichtige Sachen am besten versteckt?� </p><p>�Offenbar nicht.� </p><p>�So, dass man den Wald vor lauter B�umen nicht sieht�, sagte Jo und stakte, die Truhe hinter sich herziehend, durch das Wirrwarr am Boden. Sie sprang auf das zerw�hlte Bett und machte sich daran, die Kerzen auf die kleinen metallenen Kerzenhalter zu stecken.</p><p>�Aber du selbst findest auch nichts wieder�, sagte Rhapsody und sah sich, halb entsetzt, halb am�siert, im Zimmer um. �Du k�nntest hier verloren gehen, und wir w�rden dich nicht wieder finden.� </p><p>Vorsichtig stieg sie �ber einen Berg schmutziger W�sche und die Reste einer Mahlzeit hin zu einem kleinen Holztisch, auf dem sie Platz nahm, nachdem sie die Schuhe, die darauf lagen, von der Platte gewischt hatte. </p><p>�Sei nicht albern�, entgegnete Jo und reichte ihr ein paar Kerzen samt Halter. �Ich wei� ganz genau, was ich wo aufbewahrt habe. Soll ich�s dir beweisen? Nenn mir ein Beispiel.�</p><p>�Ach, lassen wir�s lieber.�</p><p>�Na los, nenn irgendwas, ich sag dir, wo es ist.�</p><p>Rhapsody sah sich in der Kammer um, widmete sich dann den Kerzen und versuchte, eine ernste Miene zu wahren. �Also gut, wo sind deine Handgelenkshalfter?� </p><p>Jo warf ihr einen mitleidigen Blick zu und hob die H�nde. �Ahem.�</p><p>�Nimmst du deine Dolche auch mit ins Bett?�, fragte Rhapsody erstaunt.</p><p>�H�chstens zwei�, antwortete Jo und versteckte die Messerscheiden wieder unter den �rmeln ihres Nachthemds. �Die anderen liegen unterm Kissen versteckt.�</p><p>�G�tiger Himmel. Sei�s drum, wo bewahrst du dein Geld auf?�</p><p>Jo musterte sie mit kritischem Blick.</p><p>�Verstehe�, sagte Rhapsody, �falsche Frage. Nehmen wir was anderes. Wo ist das Buch, das ich dir zum Lesenlernen gegeben habe?�</p><p>�Aha!�, triumphierte Jo. Sie sprang aus dem Bett und w�hlte sich durch einen Berg aus Kartons, M�nteln und Konservendosen. Nachdem sie weiteres Gerumpel, das der Masse nach in etwa ihrem K�rpergewicht entsprach, wegger�umt und mehrere Altkleiders�cke geleert hatte, hielt sie schlie�lich ein ziemlich ramponiertes Manuskript in den H�nden. Sie blies den Staub vom Deckel und lie� es Rhapsody, �berheblich l�chelnd, in den Scho� fallen.</p><p>�Du bist, wie es scheint, eine sehr flei�ige Sch�lerin�, frotzelte Rhapsody.</p><p>�Weiter. Frag mich noch was.�</p><p>�Nein, es reicht. Ich glaube dir, Jo.�</p><p>�Nun mach schon, Rhaps. Ist doch ein sch�nes Spiel. Frag weiter.�</p><p>�Also gut, wo ist deine saubere Unterw�sche?�</p><p>�Was verstehst du unter �sauber�?�</p><p>Rhapsody r�mpfte die Nase. �Jetzt bitte ich dich aber. Das versteht sich doch wohl von selbst. Es gibt �sauber� und �nicht sauber�. Was sonst?�</p><p>�Nun, da g�be es noch halbwegs sauber�, sagte Jo, ohne mit der Wimper zu zucken. �Also zum Beispiel all das, was erst seit einem Monat oder so getragen wird.�</p><p>�Bitte, verschone mich mit weiteren Erkl�rungen�, flehte Rhapsody. �Du hast gewonnen, Jo. Ich bin von deinem Ordnungssystem vollauf �berzeugt und werde es mir ganz bestimmt zU Eigen machen. Hauptsache, wir brechen das Suchspiel an dieser Stelle ab.�</p><p>�Wer von uns beiden hat denn hier die gr��ere Macke?�, emp�rte sich Jo und stand auf. �Du regst dich doch schon auf, wenn deine Sachen nicht nach Farben geordnet sind und jedes Accessoire in seinem je eigenen Beutelchen verstaut ist. Verrate mir doch mal, wo ich meinen Kram unterbringen k�nnte?� </p><p>Rhapsody sah sich um. �Hattest du nicht eine Kommode?�</p><p>Joes Miene heiterte auf. �Das Spiel wird also doch fortgesetzt�, sagte sie und nahm Kurs auf einen gro�en H�gel, beh�ngt mit Kleidungsst�cken in verschiedenen Stadien der Verschmutzung. Mit schwungvoller Bewegung warf sie die Kleider auf den Boden und lie� eine Kommode darunter zum Vorschein treten. Darauf stellte sie nun vorsichtig mehrere Kerzen ab.</p><p>Rhapsody lupfte den Saum ihres Nachthemdes und bahnte sich einen Weg durch Jos angesammelte Sch�tze, bis sie die andere Seite der Kammer erreicht hatte, wo sie ein wenig aufzur�umen anfing, dabei aber so tat, als wollte sie nur ein paar Kerzen auf den gro�en Koffer stellen, der dort stand. </p><p>�Vielleicht ist das doch keine so gute Idee, Jo. Wom�glich bricht uns hier noch ein Feuer aus.� </p><p>�Keine Sorge�, sagte Jo, die in der Kommode herumw�hlte. �Ich werfe alles Zeugs in der Mitte auf zwei Haufen zusammen. Das m�sste hinhauen.�</p><p>�Ja, und dann alles vors�tzlich in Brand stecken�, sagte Rhapsody. Sie ber�hrte eine Kerze nach der anderen und konzentrierte sich auf das Feuer in ihrem Inneren. Die Dochte fingen an zu gl�hen und flammten pl�tzlich auf. </p><p>�Holla!�, rief Jo. �Alle Achtung. Wo ist dein Feuerstein? Und ich kann meine Zunderdose nirgends finden.� </p><p>Rhapsody kehrte auf die andere Seite der Kammer zur�ck, legte dem M�dchen, das um einiges gr��er war als sie, den Arm �ber die Schulter und ber�hrte die auf dem Tisch stehenden Kerzen. Auch sie fingen an zu brennen. Jo folgte dem Schauspiel mit staunendem Blick und setzte sich dann wieder aufs Bett. </p><p>Die brennenden Kerzen brachten Glanz in die Kammer und w�rmten die klamme Luft merklich auf. Das Durcheinander verschwand im Schatten, worauf pl�tzlich alles viel freundlicher und behaglicher aussah. Rhapsody hockte sich mit angewinkelten Knien auf den Stuhl und l�chelte Jo zu.</p><p>�Na, wie gef�llt dir das so?�, fragte sie und musterte die im Flammenschein funkelnden Augen des M�dchens. </p><p>Jo lie� sich mit der Antwort Zeit und schaute schweigend in die Runde. �Wundervoll�, antwortete sie schlie�lich. Das weiche Licht milderte ihre scharfen Z�ge. �Hell bei Nacht. Das kenne ich sonst nur von Quimsley, wo die Reichen von Navarne wohnen und in jeder Stra�e Laternen leuchten. Ich habe einmal dort in einer Ecke zu schlafen versucht, aber zuerst machen die Laternenanz�nder ihre Runde, danach die Wachsoldaten, und wenn sie dich aufgreifen, geht�s dir dreckig und du sehnst dich wieder danach, in einer dunklen, aber daf�r friedlicheren Stra�e zu schlafen. Wie dem auch sei, es sieht hier in der Kammer jetzt wirklich sehr viel sch�ner aus.�</p><p>�Meine Mutter hat immer gesagt: Im Kerzenlicht wird die einfachste H�tte zum Palast�, sagte Rhapsody gedankenvoll. �Wie Recht sie damit hatte.�</p><p>�Ich wette, an eine solche Unterkunft, wie wir sie haben, hat sie damals bestimmt nicht gedacht�, sagte Jo und streckte sich, die H�nde hinterm Kopf verschr�nkt, auf dem Bett aus. �Wahrscheinlich tr�fe sie der Schlag, wenn sie sehen w�rde, wie du wohnst.�</p><p>�Von wegen.� Rhapsody schmunzelte. �So leicht hat meine Mutter nichts umgehauen. Ihr ist viel H�ssliches zugemutet worden, wovon sie aber nichts angenommen hat. Es war, als h�tten in ihren Augen Kerzen gebrannt, die jedem Wetter standhalten konnten, ohne je ausgeblasen zu werden.� </p><p>Jo wurde still. Nach einer Weile zog sie einen Dolch unter dem Kissen hervor, setzte die Klingenspitze auf die Zeigefingerkuppe und balancierte die Waffe auf der ausgestreckten Hand. �Du hast deine Mutter bestimmt sehr lieb gehabt.�</p><p>Rhapsody schaute in die hell leuchtenden Flammen der Kerzen auf dem Tisch. �Ja.�</p><p>�Und sie hat dich nat�rlich ebenso lieb gehabt, nicht wahr? Welch ein Leben ... Du hast dich wahrhaftig nicht zu beklagen brauchen.�</p><p>Der bittere Tonfall in Jos Stimme war nicht zu �berh�ren, aber Rhapsody nahm keinen Ansto� daran. </p><p>�So ist es, Jo. Und trotzdem habe ich das alles aufgegeben.�</p><p>�Ach ja? Wie dumm von dir.�</p><p>�Ja, das war es in der Tat�, bekannte Rhapsody.</p><p>�Und was war der Grund daf�r?�</p><p>Unwillk�rlich fuhr Rhapsody mit der Hand an das Medaillon, das an der Halskette hing, und sagte, den Blick auf die Kerzen gerichtet, was sie bislang f�r sich behalten und niemandem anvertraut hatte. </p><p>�Eines Jungen wegen.� </p><p>�Oh.� Jo versuchte den Balanceakt jetzt mit der anderen Hand. �W�r�s dein Erster?� </p><p>�Ja, und mein Letzter. Seitdem habe ich keinen anderen so geliebt wie ihn.�</p><p>Das M�dchen lie� den Dolch durch die Luft wirbeln. �Bist du mit ihm durchgebrannt?�</p><p>Rhapsody schlang die Arme um die Knie. �Nein. Ich bin losgezogen, ihn zu suchen. Hab ihn aber nirgends finden k�nnen. Er hat bekommen, was er von mir wollte, und sich anschlie�end aus dem Staub gemacht.� </p><p>�Und warum bist du nicht einfach zur�ck nach Hause gegangen?�</p><p>�Dieselbe Frage stelle ich mir tagt�glich.�</p><p>�Und jetzt kannst du nicht mehr zur�ck?�</p><p>�Nein, unm�glich.� </p><p>Jo lauschte gespannt, doch die Schwester sagte nichts. In Gedanken versunken, starrte Rhapsody unverwandt ins Kerzenlicht. Jo richtete sich schlie�lich auf und kratzte mit der Dolchklinge �ber den Stiefelrand. </p><p>�Und wie ist das so? Eine Mutter zu haben?�</p><p>�Hmmm? Oh, herrlich. In meinem Fall. Ich wei� allerdings auch von anderen, dass sie ihre M�tter gehasst haben, und vermute, dass sie genau aus diesem Grund fr�h geheiratet haben, nur um m�glichst schnell von zu Hause wegzukommen. Meine Mutter aber war eine ganz au�ergew�hnliche Person. Was wohl nicht zuletzt daher r�hrt, dass sie die einzige ihrer Art im ganzen Dorf war.� </p><p>�Ihrer Art?� </p><p>�Ja, sie war eine Lirin und hat als Einzige die Zerst�rung ihres Langhauses �berlebt. Als sie meinen Vater zum Mann nahm, musste sie sich von den Leuten etliche Gemeinheiten gefallen lassen, was sie aber ertragen hat, vornehm und mit W�rde. Ich habe sie nie ein unfreundliches Wort �ber irgendeinen Nachbarn sagen h�ren, auch nicht �ber diejenigen, die ihr selbst gegen�ber unfreundlich waren. Und wenn meinen Br�dern b�se mitgespielt wurde, hat sie immer nur schlichtend eingegriffen. Als ich dann endlich zur Welt kam � ich war das sechste Kind und einzige M�dchen �, wurde sie von allen im Dorf geliebt.� </p><p>�Sie scheint ja wirklich was Besonderes gewesen zu sein.� Jos Stimme klang zur�ckhaltend. </p><p>�F�r mich auf jeden Fall. In meinen sch�nsten Erinnerungen sitze ich mit ihr nach dem Abendessen vorm Kamin; sie b�rstet mir das Haar, singt lirinsche Lieder und erz�hlt mir die alten Geschichten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten und ich sie sp�ter einmal weitererz�hle. Wir konnten �ber alles reden. Jedes Mal, wenn ich vor einem Feuer sitze, denke ich an sie, und das tr�stet mich dann irgendwie. Sie ist, was ich am allermeisten vermisse.� Rhapsody wurde still, und es war, als h�tte man das Flackern der Kerzen h�ren k�nnen.</p><p>Jo starrte auf die bewegten Schatten unter der Decke. �Immerhin hattest du eine Mutter, die dich wollte. Es h�tte schlimmer kommen k�nnen.�</p><p>Aus ihren Tr�umen zur�ckgekehrt, sagte Rhapsody: �Erz�hl mir von deiner Mutter, Jo.�</p><p>�Da gibt es nichts zu erz�hlen. Ich habe sie nie kennen gelernt.� Jo lie� den Dolch auf den Kn�cheln der Hand hin und her wippen.</p><p>�Wie kannst du dann wissen, dass sie dich nicht wollte?�</p><p>Der Dolch fiel zu Boden; sie hob ihn auf. �Soll das eine Fangfrage sein? Wenn sie mich gewollt und lieb gehabt h�tte, w�rde ich doch wohl auch wie du ein paar Tr�nen ihretwegen verdr�cken und nette Dinge �ber sie sagen k�nnen, oder? Ich w�rde mich doch wenigstens daran erinnern k�nnen, wie sie ausgesehen hat, oder?� Ver�rgert und so, als ob sie ein Phantombild abzustechen versuchte, steckte sie den Dolch unter das Kissen zur�ck und verschr�nkte daraufhin wieder die H�nde hinterm Kopf. Rhapsody stand auf, kam zu ihr ans Bett und setzte sich zu ihren F��en auf die Kante. �Wer wei�?�, sagte sie und versuchte Jos Blick einzufangen. �Du hast keine Ahnung davon, warum ihr getrennt worden seid. Vielleicht hatte sie keine andere Wahl.�</p><p>Jo fuhr in die H�he. �Oder vielleicht war ich ihr zu l�stig, ein �rgernis, das sie nicht schnell genug los werden konnte. Du hast doch selbst keine Ahnung, Rhapsody. Sch�n, dass du eine gute Mutter hattest; das freut mich f�r dich. Aber tu mir bitte den Gefallen und erspare mir deine lieben, netten Worte. Sie helfen nicht. Und au�erdem: Es ist leichter zu glauben, dass sie mich nicht geliebt hat. Daf�r kann ich sie hassen, ohne mich selbst schlecht f�hlen zu m�ssen. Wieso also sollte ich etwas anderes glauben? So lange ich denken kann, bin ich allein, und daran �ndert sich nichts. Am Ende ist es ganz egal, ob sie mich geliebt hat oder nicht.� Tr�nen der Wut stiegen ihr in die Augen.</p><p>Rhapsody nahm sie in den Arm und wiegte sie, als sie laut zu weinen anfing, streichelte �ber ihre Haare und stimmte ein Trostlied an, so leise, dass Jo es vor lauter Schluchzen gar nicht h�rte. Doch es dauerte nicht lange, und das Lied tat seine Wirkung. Jo beruhigte sich, barg das Gesicht aber weiterhin an Rhapsodys Schulter. Schlie�lich nahm die S�ngerin ihren Kopf zwischen beide H�nde und sagte: �H�r mir zu, Josephine Ungenannt. Es hat sich schon einiges ver�ndert. Du bist nicht mehr allein und wirst es nie mehr sein. Ich habe dich gern. Wir geh�ren zusammen, und ich werde daf�r sorgen, dass sich manches f�r dich bessert.�</p><p>Jo schniefte. �Was k�nnte sich f�r mich wohl bessern?�</p><p>�Vieles. Alles, was besser werden k�nnte. Und es macht sehr wohl einen Unterschied: Deine Mutter hat dich geliebt. Etwas anderes w�re ihr gar nicht m�glich gewesen. Nur zu, verzieh dein Gesicht und gifte mich nach Herzenslust an. An der Wahrheit �ndert das nichts. Ich kann es dir nicht erkl�ren, bin aber �berzeugt davon, dass sie dich geliebt hat. Und jetzt ist sie nicht die Einzige, von der du geliebt bist.�</p><p>Jo sah ihr ins Gesicht und fing nach einer Weile zu l�cheln an. Dann r�ckte sie ein St�ck von Rhapsody ab. �Du scheinst dir ja wirklich allerhand einzubilden�, sagte sie scherzend. �Ich habe mit keinem Wort behauptet, dass mich <emphasis>niemand</emphasis> liebt.� Ein verschlagenes Grinsen �berzog ihr Gesicht. Rhapsody merkte auf. �Aha. Darf ich erfahren, auf wen du dich beziehst, hmmm? Hast du mir bislang etwas verheimlicht?� </p><p>�Nein�, sagte Jo und seufzte. �Ich bin mir noch nicht sicher, aber ich hoffe.�</p><p>�Und wer ist der Gl�ckliche?�</p><p>Jo �berkreuzte die Beine und dr�ckte sich ein Kissen an den Bauch. �Ashe.�</p><p>�Wer?� </p><p><emphasis>�Ashe</emphasis>. So hei�t er.� </p><p>�Wer ist das?� </p><p>�0 Mann, hast du denn schon so viel Kalk angesetzt? Ashe. Erinnere dich, das ist der mit den sch�nen Haaren, aus Bethe Corbair.�</p><p>Rhapsody war sichtlich perplex. �Jo, ich habe wirklich keinen blassen Schimmer. Wen meinst du?� </p><p>Jo verdrehte die Augen. �Du wei�t doch, der Kerl mit dem ... na, du wei�t schon ...� Vor Verlegenheit lief sie rot an im Gesicht.</p><p>Rhapsody r�tselte noch immer, erinnerte sich dann aber vage an die Begegnung mit dem verh�llten Fremden auf dem Stra�enmarkt.</p><p>�Ach der!�, platzte es aus ihr heraus. Schmunzelnd beugte sie sich vor und fl�sterte verschw�rerisch: </p><p>�Jo, ich wei� aus zuverl�ssiger Quelle, dass so ziemlich jeder Mann einen Na-du-wei�t-schon-was hat.� </p><p>�Mistst�ck.� Jo schlug lachend mit dem Kissen auf sie ein, war aber immer noch verlegen. Rhapsody sah, dass Jo sich wieder gefangen hatte; statt sie zu necken, versuchte sie nun, sie zu ermutigen. �Woher wei�t du, dass er sch�ne Haare hat?�, fragte sie. �Wenn ich mich recht entsinne, haben wir nicht einmal sein Gesicht gesehen. Er hatte eine Kapuze �ber den Kopf gezogen.�</p><p>�Kann sein, dass <emphasis>du</emphasis> es nicht gesehen hast. Ich hatte allerdings einen etwas anderen Blickwinkel...� </p><p>�Das glaube ich dir gern�, lachte Rhapsody und handelte sich damit einen weiteren R�ffel mit dem Kissen ein. </p><p>�Als er mich vom Boden aufgehoben hat, habe ich einen kurzen Blick unter die Kapuze werfen k�nnen. Er hat Haare wie Kupfer, und ich meine nicht das stumpfe Braun von M�nzen. Es gl�nzt vielmehr wie die polierten T�pfe, die der Kesselflicker an seinem Stand ausstellt. Und seine Augen sind unglaublich blau. Mehr hab ich nicht gesehen, nur die kupfernen Haare und die kristallblauen Augen. Aber das hat gereicht�, sagte sie und lie� einen �bertriebenen Seufzer verlauten. </p><p>�G�tiger Himmel, Jo, stell dir vor, das w�re wirklich schon alles, was er zu bieten h�tte�, entgegnete Rhapsody in aufgesetzter Sorge. �Was, wenn da unter der Kapuze blo� Haare und Augen w�ren und sonst nichts? Brrrr. Ein schauderhafter Gedanke. Meinst du nicht auch, es w�re besser, alles von ihm zu sehen, bevor du dir das Porzellan f�r die Hochzeitsfeier aussuchst?�</p><p>Jo verschr�nkte die Arme vor der Brust und schmollte.</p><p>Rhapsody beeilte sich, die Wogen zu gl�tten. �Tut mir Leid, Jo. Ich bin albern. Es freut mich wirklich, dass dir jemand begegnet ist, den du gern hast. Aber im Ernst, wenn ich mich recht erinnere, hat er damit gedroht, dir die Hand abzuschneiden. Oder?�</p><p>�Nein, du wolltest ihm die Hand abschneiden�, antwortete Jo, die immer noch ver�rgert schien. �Zu mir war er nett. Egal, lass uns das Thema wechseln.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Wie sehr musst du missbraucht worden sein, liebe Schwester, wenn du dich von ihm schon gut behandelt f�hlst. Aber wer wei�, vielleicht ist der erste Eindruck ja wirklich der richtige. Also, wie hoch sch�tzt du die Chance ein, ihn wieder zu sehen?�</p><p>�Vielleicht wird nichts draus�, antwortete Jo und schwang die Beine �ber die Bettkante. �Aber er hat versprochen, zu Besuch zu kommen.� Sie langte unterm Bett nach dem Nachttopf. </p><p>Rhapsody wusste den Wink zu deuten. �Wir werden sehen.� Sie stand auf und wandte sich der T�r zu. </p><p>�Es sind schon weit ungew�hnlichere Dinge passiert. Wie auch immer, schlaf sch�n. Und wenn du dann gut ausgeruht bist, schaffst du�s ja vielleicht am Ende doch noch, ihm die B�rse abzuluchsen.� </p><p>Sie zwinkerte Jo zu und �ffnete die T�r.</p><p>�Gute Nacht, Schwesterherz�, sagte Jo lachend.</p><p>Rhapsody l�chelte, dass Jo sich von Warmherzigkeit umarmt w�hnte. �Gute Nacht, Jo.� Sie zog leise die T�r hinter sich zu, lehnte sich erleichtert und gl�cklich mit dem R�cken an die Wand im Flur und schlang die Arme um die Brust. Einen Augenblick sp�ter kehrte sie auf ihr Zimmer zur�ck, das ihr nun irgendwie heller vorkam. </p></section><section><title><p>56</p></title><p><emphasis>Sie kommen</emphasis>. </p><p>�Ich wei�.� </p><p>Saltar erhob sich von seinem steinernen Thron und fuhr mit den H�nden �ber die aus Granit geschlagenen Armlehnen, die jahrhundertelanger Gebrauch spiegelglatt poliert hatte. Der Thron war eines der kostbaren Relikte, die aus der eroberten unterirdischen Siedlung Willum gepl�ndert worden waren. Das wertvollste aber war er nicht.</p><p><emphasis>Seine Truppen kommen, doch der, nach dem ich Ausschau halte, ist nicht dabei</emphasis>.</p><p>Feuerauge schluckte, sagte aber nichts. Das Geistwesen hatte sich als gro�e Hilfe erwiesen und ihn unverwundbar gemacht, weshalb er auch so schnell zur Macht aufgestiegen war, doch jetzt wurde es langsam l�stig, denn es lie� sich nicht mehr absch�tteln.</p><p>Feuerauge nahm die Kette vom Hals und starrte versonnen in das von goldenem Feuer umloderte Auge, das Symbol, dem er seinen Schamanennamen verdankte, unter dem er bei den Bolg bekannt war und der f�r gew�hnlich nur getuschelt wurde.</p><p>Das Medaillon hatte �ber Jahrhunderte in einer gro�en Truhe ganz zuunterst gelegen. Die Bolg des Verborgenen Reiches hatten es nicht anzur�hren, geschweige denn in Anspruch zu nehmen gewagt. Selbst die k�hnsten J�ger aus seinem Klan namens Faust-und-Feuer waren davor zur�ckgeschreckt. Nur er hatte den Mut aufgebracht, das goldene Abzeichen aus der Truhe zu holen und es sich um den Hals zu h�ngen. Und zu sehen, wie andere entsetzt davor zur�ckwichen, konnte ihn nur erheitern. Es war ihm nie verwunderlich erschienen, dass die Willumer einen so kostbaren und machtvollen Gegenstand unter einem Haufen von Lumpen versteckt hatten, zusammen mit zwei kleinen Alabasterl�wen und einer Brosche aus Perlmutter, Dingen, die, obwohl nie angetastet, pl�tzlich verschwunden waren, als er das Feuerauge aus der Truhe genommen hatte. Seitdem waren zwanzig Jahreszeitenzyklen vergangen.</p><p>Das Geistwesen hatte sich ihm sofort zu erkennen gegeben. Es war ihm in Dunkelheit erschienen, als Spiegelbild seiner selbst, das ihn in Angst und Schrecken versetzt hatte. Die Worte, die es sprach, waren anfangs kaum zu h�ren gewesen, doch mit der Zeit hatte er sich an die stumme Stimme gew�hnt. Es hatte es auf den Namen Saltar getauft.</p><p><emphasis>Saltar?</emphasis></p><p>Feuerauge blickte wieder auf und suchte in der Dunkelheit nach dem unsichtbaren Gespenst, das von den Mitgliedern anderer Klans als Geist bezeichnet wurde. Deren Angst vor ihm war fast so gro� wie seine. Es sprach ihn jetzt an, gerade so wie damals. Und pl�tzlich kam ihm ein Gedanke. </p><p>�Ich wei�, wie man ihn da rausholen k�nnte�, sprach er in die Luft.</p><p>Schweigen. </p><p>�Diesmal musst du k�mpfen�, sagte Saltar und h�ngte die Kette wieder um den Hals. �Dann wird er kommen.� </p><p>Die Luft knisterte. Ein hei�er Schwall ging durch den Raum.</p><p><emphasis>Ja</emphasis>. </p><p><emphasis>Emmy</emphasis>. </p><p>Beim Klang der Stimme ihrer Mutter, die sie im Herzen h�rte, gingen ihr die Augen �ber. Schon tr�umend, aber noch halb wach, wehrte sie sich gegen die dr�uende Vision. So fingen ihre Albtr�ume stets an, einlullend, um dann umso schmerzlicher zu enden.</p><p>�Nein�, fl�sterte sie im Halbschlaf. �Bitte.�</p><p>Sanft legte sich ihr eine Hand auf die Stirn.</p><p><emphasis>Nicht weinen, Emmy</emphasis>. Das l�chelnde Gesicht der Mutter n�herte sich ihr, verschwommen hinter dem Schleier aus Tr�nen. </p><p>Seufzend ergab sie sich dem Schlaf. �Mama.�</p><p><emphasis>Dein Haus gef�llt mir, Emmy, vor allem mit den Kerzen</emphasis>. Die Butter sah sich anerkennend um, und w�hrend sie sprach, tauchten winzige Lichtpunkte in der Dunkelheit auf. <emphasis>Im Kerzenlicht wird die einfachste H�tte zum Palast</emphasis>.</p><p>�Mama...� </p><p><emphasis>Komm ans Feuer und lass mich dein Haar b�rsten wie fr�her</emphasis>.</p><p>Rhapsody sp�rte warmes Blut ins Gesicht schie�en. Sie stand auf und folgte der Mutter zum offenen Kamin. Darin tanzten und sprangen die Flammen ohne Unterlass.</p><p>Zarte H�nde und harte Zinken fuhren ihr durchs Haar.</p><p><emphasis>Erinnerst du dich, Kind?</emphasis></p><p>�Ja�, fl�sterte sie mit tr�nenerstickter Stimme. �Mama ...�</p><p><emphasis>Pssst</emphasis>. Die Mutter langte ins Feuer. <emphasis>Komm, greif hinein. Ich kann sie dir nicht geben. Ich bekomme sie nicht zu fassen. Du musst sie dir schon selbst nehmen</emphasis>.</p><p>Sie streckte die Hand in die lodernden Flammen, sp�rte ihre Hitze, empfand aber keinen Schmerz. Ihre Finger schl�ssen sich um einen glatten, k�hlen Gegenstand. Sie zog ihn aus dem Feuer, das pl�tzlich verlosch, bis auf eine kleine Flamme, die um die Klinge des Schwertes z�ngelte, das sie in der Hand hielt. </p><p>�Die Tagessternfanfare�, murmelte sie.</p><p><emphasis>In der Gestalt von damals, ehe sie unserem Land weggenommen und dem Licht Serens entzogen wurde. Schau, wie sie fr�her ausgesehen hat</emphasis>.</p><p>Rhapsody musterte die Waffe von allen Seiten und fuhr pr�fend mit dem Finger �ber die silbrige Klinge. </p><p>�Ich erkenne keinen Unterschied zur jetzigen Gestalt.�</p><p><emphasis>Sieh genauer hin</emphasis>. </p><p>Sie wendete das Schwert in den H�nden und entdeckte dann, unmittelbar �ber der Querstange, ein kleines wei�blaues Licht, das heller als die Sonne leuchtete und von silbernen Zinken ein-gefasst war. </p><p>�Das Licht ist verschwunden�, sagte Rhapsody, �die Fassung leer. Was hat in ihr gesteckt?� </p><p><emphasis>Ein Sternsplitter von Seren. Eine Quelle gro�er Macht, die auf die Vorzeit zur�ckgeht und von elementarer Magie ist. Dein Stern, Emmy</emphasis>.</p><p>�Aria�, fl�sterte sie. Mein Leitstern.</p><p><emphasis>Ja, mein Kind,</emphasis> antwortete die Mutter und zeigte auf die dunkle Stelle am Himmel, wo einst Seren geleuchtet hatte. <emphasis>Ich habe dir vor langer Zeit gesagt: Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren gehen. Du hast es vergessen</emphasis>.</p><p>�Nein, Mama, nein. Ich erinnere mich.� Sie schnappte nach Luft.</p><p><emphasis>Und warum hast du dich verirrt?</emphasis></p><p>�Ich ... ich habe den Stern aus den Augen verloren, Mama. Seren ist verschwunden, so auch Serendair, untergegangen vor tausend Jahren.�</p><p><emphasis>Die Insel ist verschwunden, aber der Stern steht nach wie vor am Himmel</emphasis>.</p><p>�Mama...� </p><p><emphasis>Schau!</emphasis> Die Mutter zeigte zum Himmel empor, wo pl�tzlich ein winziger Lichtpunkt aufleuchtete, herausgebrochen aus Seren, ein Splitter, der kometengleich durch die Dunkelheit st�rzte. Gleichzeitig erlosch das Licht im Heft des Schwertes; die Zinken waren wieder leer.</p><p>Rhapsody folgte dem Fingerzeig der Mutter. Es schien fast, als hielte sie den Stern auf seiner absch�ssigen Bahn. </p><p>Im Dunkeln sah sie nun einen Tisch oder eine Art Altar vor sich, auf dem, von Dunkelheit umflort, der Leichnam eines Mannes ausgestreckt lag. Es waren nur die Umrisse zu erkennen. Der winzige Stern fiel auf den K�rper und lie� ihn f�r einen kurzen Augenblick strahlend hell aufleuchten, um dann allm�hlich zu verglimmen. Entsetzt dachte Rhapsody zur�ck an ihre Vision im Haus der Erinnerung. </p><p><emphasis>Dort ist der Splitter hingeraten, Kind, auf Gedeih oder Verderb. Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren gehen</emphasis>.</p><p>Selbst im Schlaf erkannte Rhapsody, dass mit der Vision etwas nicht stimmte. In Tr�umen von den Eltern oder anderen Personen aus der Vergangenheit vermittelten sich ihr sonst nur Einsichten �ber bereits Geschehenes. Visionen von der Zukunft waren in der Regel ohne Bezug zu denjenigen, die sie liebte und die mit der Insel untergegangen waren. Doch hier sah sie nun ihre Mutter, wie sie ihr Dinge mitteilte, die sie zu ihren Lebzeiten gar nicht hatte wissen k�nnen.</p><p>�Woher wei�t du das alles, Mama?�</p><p>Ihr war wohl und warm in den Armen der Mutter.</p><p><emphasis>Weil es wie ich selbst Teil deiner Erinnerungen ist. Es ist dir nur noch nicht bewusst. Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren gehen. Nie</emphasis>.</p><p>Der leuchtende Leichnam auf dem Altar vergl�hte und verschwand im Dunkeln.</p><p>�Ich kann ihn nicht mehr sehen, Mama. Warum nicht?�</p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>Rhapsody w�lzte sich umher und zerw�hlte die Decken. �Ich verstehe nicht.�</p><p><emphasis>Wirf einen Blick �ber die Schulter</emphasis>.</p><p>Rhapsody gehorchte. Hinter ihr schwebten drei Augen in der Dunkelheit. Zwei davon waren blutrot umrandet und steckten in einem dunklen Gesicht. Das dritte Auge hing darunter in der Mitte eines flammenden Feuerballs. Rhapsody fing an zu zittern.</p><p>�Mama?� </p><p><emphasis>Denk an meine Worte, Emmy. Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>. Die Flammen des Feuerballs griffen weiter um sich, bis sie ihren ganzen Gesichtskreis ausf�llten. Als sie zur�ckblickte, sah sie die Mutter vom Feuer eingeschlossen. Entsetzt streckte Rhapsody die Arme nach ihr aus. </p><p>�Mama!� </p><p>Die Mutter l�chelte ihr zu, obwohl sie von den Flammen verzehrt wurde und schlie�lich verkohlte. </p><p><emphasis>Deine Familie ist im Feuer umgekommen, Emmy</emphasis>.</p><p>�Mama!� </p><p><emphasis>Feuer hat eine gro�e Kraft, aber noch gr��er ist die Kraft des erstgeborenen Sternenfeuers. Nutze das Feuer der Sterne, um dich und die Welt von dem Hass zu l�utern, der von uns allen Besitz ergriffen hat. Dann werde ich in Frieden ruhen k�nnen, bis du mich wiedersiehst</emphasis>.</p><p>�Mama, nein! Bitte, komm zur�ck!�</p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>. Die Stimme hallte noch eine Weile nach und war dann verklungen.</p><p>�Rhaps?� </p><p>�Nein�, st�hnte Rhapsody und griff verzweifelt in die Dunkelheit, in die sich der Traum aufl�ste. </p><p>�Rhaps, alles in Ordnung?�</p><p>Sie richtete sich im Bett auf und wischte sich mit dem �rmel des Nachthemds die Tr�nen vom Gesicht. Im T�rausschnitt zeichnete sich Jos Silhouette ab.</p><p>�Ja�, antwortete sie. �Tut mir Leid, Liebes. Hab ich dich geweckt?�</p><p>Jo kam herbei, setzte sich aufs Bett und umarmte sie.</p><p>�Nein, das hat Grunthor getan. Man braucht dich unten in der Krankenstation.�</p></section><section><title><p>57</p></title><p>Die Sanit�ter trugen immer noch einen Verwundeten nach dem anderen herbei, als Rhapsody mit ihrem Medizinbeutel eintraf, noch im Nachthemd und mit offenem Haar, das ihr ungeb�ndigt �ber die Schultern fiel. Sie lief auf Grunthor zu, der gerade einen seiner Soldaten auf ein Feldbett legte. </p><p>�Was ist passiert, Grunthor? Hast du was abgekriegt?�</p><p>Der Riese nahm dem Verletzten den ledernen Brustharnisch ab, unter dem eine schreckliche Wunde zum Vorschein kam, die sich vom Hals bis zur Taille erstreckte.</p><p>�Mir geht�s gut, Herzchen, aber unsern Freund Warz hier hat�s b�se erwischt�, antwortete der Sergeant mit sorgenvoller Stimme. </p><p>Rhapsody �ffnete ihren Beutel. Was es hier f�r sie zu tun galt, war ihr schon fast zur Routine geworden, doch so viele Patienten auf einmal hatte sie noch nie versorgen m�ssen. Da schien etwas Schreckliches vorgefallen zu sein.</p><p>�Saubere Kompressen und Pipsissewa, bitte�, sagte sie zu Krinsel, der Hebamme, die ihr zu Hilfe eilte. </p><p>Grunthor erschrak, als er h�rte, dass sie nach dem Kraut verlangte. Er wusste, dass man es Sterbenden gab, um deren Schmerzen zu lindern.</p><p>�Ist er nich mehr zu retten, Gr�fin?�</p><p>�Ich f�rchte nein, Grunthor. Sogar das Herz ist verletzt.� Sie nahm die von der Amme gebrachten T�cher und versuchte, die Blutung zu stillen. �Aber wir werden daf�r sorgen, dass er sich nicht qu�len muss.� </p><p>�Hoheit?�, fl�sterte der Bolg-Leutnant.</p><p>Rhapsody blickte ihn mit freundlicher Miene an. �Ja?�</p><p>�Das ham Feuerauge und sein Klan angerichtet.�</p><p>Sie verstand nicht, was er damit sagen wollte. �Ruh dich aus�, sagte sie leise.</p><p>Der sterbende Soldat zwinkerte mit den Augen und suchte ihren Blick. �Feuerauge ... Bolg ... nennen ihn so, aber ... sein Name ist... Saltar.�</p><p>Sie lie� sich von der Amme das Kraut geben. �Ich werde es dem K�nig melden.�</p><p>�Hoheit?� </p><p>Sie verabreichte ihm das Kraut. �Ja?�, fragte sie sanft und sah, wie es mit ihm zu Ende ging. </p><p>�Wie ... der Sonnenaufgang ... seid Ihr.� Die Augen des Leutnants brachen.</p><p>Rhapsody schluckte. Sie beugte sich herab, dr�ckte einen Kuss auf die verschwitzte Stirn und sp�rte, wie sich die Falten gl�tteten. Die Lippen dicht an seinem Ohr, sang sie den Anfang des lirinschen Geleitliedes, das nach alter Tradition w�hrend der Ein�scherung gesungen wurde, um den Toten zu helfen, sich von der Erde zu l�sen und ins Licht aufzusteigen.</p><p>Der L�rm und die Schreie wurden immer lauter und machten es ihr unm�glich, den Gesang fortzusetzen. Soldaten und Sanit�ter trugen mehr und mehr Verwundete herbei. Es war eine schaurige Parade der Toten und Sterbenden, und sie schien kein Ende nehmen zu wollen.</p><p>�G�tiger Himmel�, raunte Rhapsody. Das Blut Dutzender Soldaten ergoss sich �ber den Boden, und in der Luft hing der Gestank verbrannten Fleisches. Sie sprang auf und hastete mitten ins Gewimmel. Achmed stand in der Vorhalle und half, dem Ansturm des Grauens Herr zu werden. Den Verletzten, die sich noch auf den Beinen halten konnten, wies er den Weg zu den behandelnden Sanit�tern. Die auf Tragen gebracht wurden, untersuchte er fl�chtig, und lie� diejenigen, die ihren Verletzungen schon erlegen waren, aus der Krankenstation herausschaffen. Von der Schlacht selbst hatte Achmed nichts mitbekommen; umso finsterer war sein Gesichtsausdruck.</p><p>Rhapsody nahm einem Soldaten, der selbst verletzt war und am ganzen K�rper zitterte, einen Kameraden aus dem Arm, den sie ein paar Schritte weiter aus dem Gedr�nge schleppte und auf einer freien Stelle am Boden ablegte. Grunthor k�mmerte sich um den anderen. </p><p>�Was ist passiert?�, fragte sie wieder, w�hrend sie die R�stung des Verwundeten �ffnete. </p><p>�Wir ham ein ganz friedliches Man�ver durchgef�hrt�, antwortete der Riese und schn�rte seinem Patienten einen Wickel um den Oberschenkel, um das Blut zu stauen.</p><p>�Das sieht man.� </p><p>�Ich mach keine Witze, Gr�fin�, blaffte der Sergeant. �Normale Routine: Rekruten ausheben und sehn, was sonst noch zu holen ist. Sind ziemlich weit ins Verborgene Reich vorgedrungen. Warz und Ringram hatten das Vorauskommando. Sei blo� froh, dass du keinen von denen zu sehen brauchst, die wir nicht mehr ham bergen k�nnen.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte sich und wickelte den provisorisch angelegten Verband ab.</p><p>�R�psdii?� </p><p>Sie blickte auf und sah Krinsel zitternd vor sich stehen. Rhapsody kannte die Amme als eine eher hartgesottene, unersch�tterliche Person, der nie auch nur die geringste Regung vom Gesicht abzulesen war. Jetzt aber rang sie merklich um Fassung.</p><p>�Krinsel?�, fragte sie und sprang auf, um sie zu st�tzen.</p><p>�Komm mit.� </p><p>Rhapsody und Grunthor folgten ihr durch das Chaos aus Schlachtopfern und stiegen vorsichtig �ber Schwerverletzte und Tote hinweg.</p><p>Krinsel f�hrte sie in einen entlegenen Winkel der Krankenstation. Der Gestank von versengtem Fleisch war unertr�glich. Rhapsody hielt sich die Hand vors Gesicht in der vergeblichen Absicht, die Luft zu filtern. </p><p>Jedes Opfer, das man hierher geschafft hatte, war von Schwertwunden grausam entstellt. Rhapsody traute ihren Augen kaum, so unglaublich schien die Szene, die sich ihr bot.</p><p>�Achmed!�, rief sie und suchte nach Lebenszeichen unter denen, die da lagen. Wie sich herausstellte, war nur noch einer am Leben und hielt verzweifelt am Bewusstsein fest. </p><p>Wenig sp�ter war der K�nig an ihrer Seite. Er sah mit an, wie Grunthor die Gefallenen herumdrehte und deren Verletzungen untersuchte.</p><p>�Sieh dir das an�, sagte Rhapsody und zeigte auf den letzten �berlebenden, auf dessen R�cken eine schauderhafte Wunde klaffte. Vorsichtig betupfte sie das rohe Fleisch mit einer L�sung aus Thymianextrakt und destilliertem Wasser. Die R�nder der tiefen, breiten Wunde waren blutleer und wie ver�det, wie von einem scharfen Brandeisen zugef�gt. Das Gewebe schmorte noch.</p><p>Achmed ging neben ihr in die Hocke. �Was h�ltst du davon?�</p><p>�Ich wei� nicht, aber solche Wunden schl�gt die Tagessternfanfare�, antwortete sie und zog schnell die Hand zur�ck, als der Verwundete vor Schmerzen aufst�hnte.</p><p>�Nur deutlich tiefer und breiter�, erwiderte Achmed.</p><p>�F�r mich sieht�s aus, als war da �ne Klaue Reingefahren�, sagte Grunthor.</p><p>Rhapsody warf einen Blick auf Krinsel, die mit kreidebleichem Gesicht dastand und in Ohnmacht zu fallen drohte. </p><p>�Was meinst du, Krinsel? Hast du eine Ahnung, was solche Wunden geschlagen haben k�nnte?� </p><p>Die Bolg-Frau nickte; sie hielt die Arme krampfhaft um den Leib geschlungen.</p><p>�War der Geist. Feuerauges Geist.�</p><p>Rhapsody blieb auf der Krankenstation bis zum Abend des folgenden Tages, als alle Verwundeten versorgt und die Toten in die Krypta nahe der gro�en Esse gebracht worden waren. Die fir-bolgschen Sanit�ter und Ammen k�mmerten sich um die Patienten, wie es die Filiden in Khaddyrs Hospital nicht besser gekonnt h�tten. </p><p>Sie hatte Jo bei Grunthor zur�ckgelassen, der darauf bestand, bei den verletzten M�nnern zu bleiben. Er sprach kaum ein Wort und hatte einen Ausdruck in den Augen, den er immer dann annahm, wenn er von seinen Truppen aus der alten Welt erz�hlte; jetzt aber schien dieser Ausdruck noch intensiver zu sein. Rhapsody hatte ihn zu tr�sten versucht � vergebens. Der Riese war nur noch verschlossener geworden. Er hatte sich darauf versteift, Wache zu halten, und war davon nicht abzubringen gewesen. Und so hatte sie ihn allein gelassen und Jo gebeten, ihn im Auge zu behalten. </p><p>Obwohl sie nichts sehnlicher w�nschte als ein ausgiebiges Seifenbad in Anwyns Wanne, zog sie den G�rtel ihres blutdurchtr�nkten Kittels enger und steuerte auf den Stollen zu, der hinaus auf die Verdorrte Heide f�hrte. </p><p>Die Nacht brach herein. Dunkelheit breitete sich �ber dem bleichen, mit r�tlichen Flecken verschmierten Himmel aus. Die Wolken wirbelten gleich einer Spirale dem Horizont entgegen, wie ein Sinnbild f�r ihre aus den Fugen geratene Welt. Nur halbherzig sang sie ihren Nachtgesang, fand keinen Trost darin und hoffte, die Angst, die sie versp�rte, in Schach zu halten. Die Bolg hatten Schreckliches erleiden m�ssen.</p><p>Achmed sa� genau da, wo sie ihn vorzufinden erwartet hatte: vorm Stollenausgang, von wo aus man die Schlucht und die Heide dahinter �berblicken konnte. Von dieser Stelle aus war er seinen Untertanen zum ersten Mal gegen�bergetreten, um seine Herrschaft zu proklamieren. Er hockte auf der Felskante und lie� die Beine �ber dem mehr als hundert Klafter tiefen Abgrund baumeln. Sein Blick war starr auf den Horizont jenseits der Heide gerichtet. </p><p>Rhapsody nahm an seiner Seite Platz, und gemeinsam schauten sie zur Sonne hin, die schnell hinterm Rand der Welt wegtauchte, als sch�mte sie sich, �ber ihre Zeit hinaus noch am Himmel zu sein. Mit ihrem Verschwinden kam ein k�hler Wind auf, der heulend durch die Schlucht fuhr und Rhapsodys Haare wehen lie�. </p><p>Als sich die Schatten vollst�ndig �ber das Reich der Firbolg gesenkt hatten, gab Achmed endlich einen Laut von sich und sagte: �Danke, dass du es dir verkniffen hast, die Stille mit wohlmeinenden Worten aufzuf�llen.� Rhapsody schmunzelte und blieb stumm. Der Kriegsherr gab einen tiefen, schmerzlichen Seufzer von sich. �Hat Grunthor schon etwas erz�hlt?�</p><p>�Nein, noch nicht.� </p><p>Achmed nickte versonnen; in Gedanken war er auf der anderen Seite der Zeit. �Er hat �hnliches schon einmal durchgemacht, vielleicht Schlimmeres. Er wird�s �berstehen.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht.� Sie musterte sein Gesicht, in dem tiefe Sorge und Kummer standen. Vielleicht sogar Furcht, doch davon lie� er sich nichts anmerken. �Einer seiner Leutnants hat mir, kurz bevor er starb, etwas mitgeteilt.� Achmed wandte sich ihr zu. �Was?�</p><p>Sie strich eine Locke zur�ck, die ihr der Wind vor die Augen geblasen hatte. �Er nannte Feuerauges Namen, den richtigen, glaube ich.� Achmed kniff die Brauen zusammen, sagte aber nichts. Sie h�stelte nerv�s. �Er sagte, sein Name sei Saltar.� �Ja, ich wei�.�</p><p>�Sagt dir der Name etwas? Kannst du ihn mit irgendeinem anderen Namen in Verbindung bringen?� </p><p>�Ja. Mit Tsoltan.� </p><p>Rhapsody atmete h�rbar aus. Die nerv�se Anspannung legte sich. �Es kann wohl kaum �berraschen, dass du Bescheid wusstest.�</p><p>�Ich wusste nicht Bescheid, habe aber damit gerechnet. Auf diesen Tag habe ich gewartet, seit wir der Wurzel entstiegen sind.� In der Ferne sah er den Wind durch die Str�ucher der Heide fahren. ��ber die Ironie des Universums staune ich immer wieder aufs Neue�, sagte er wie im Selbstgespr�ch, und seine Stimme war ohne jede Spur von Sarkasmus. Er nahm einen Stein vom Boden auf und befingerte ihn, in Gedanken versunken. �Was soll das hei�en?�, fragte Rhapsody leise. Wieder richtete Achmed den Blick in die Ferne, als versuchte er, in die Vergangenheit zu schauen.</p><p>�Zeit meines Erwachsenenlebens war ich ein K�mpfer und als solcher sehr gut. Man hat mich erzogen mit dem Ziel, den brutalen Feldz�gen und dem V�lkermord der F�dor Einhalt zu gebieten. Das hat mich �hnlich brutal gemacht.</p><p>Zur Geburt bekam ich ein Geschenk, n�mlich eine Blutsbande, die mich mit allen anderen Menschenwesen verbr�derte. Ich habe dieses Geschenk im Namen des Todes genutzt, das hei�t, ich zog allein in unserem Land umher, sp�rte die Herzschl�ge anderer auf, stellte ihnen nach und lie� Blut vergie�en, anstatt mich mit anderen zu verbinden. Ich war ebenso wenig aufzuhalten wie der Lauf der Zeit, Rhapsody. Wer mir entrinnen wollte, fand Zuflucht nur auf dem Meer.</p><p>Und jetzt bin ich hier, auf der anderen Seite der Zeit. Ich habe alles zur�ckgelassen, sogar die nat�rlichen Waffen, die ich hatte, und versucht, dem einen Verfolger zu entkommen, gegen den ich nie eine Chance hatte, n�mlich mir selbst. So wie ich nie einen Kampf verloren habe, verliert auch der F�dor nie. Falls er tats�chlich einmal unterliegen sollte, ergreift er von dem Sieger Besitz und macht ihn zu seinem neuen Wirt. Er gewinnt also immer. Es ist besser, man stirbt durch seine Hand, als dass man ihn in der eigenen Gestalt leben l�sst. Ich f�r mein Teil bin mir nicht sicher, ob ich nicht so oder so an ihn gebunden bin. Ich h�tte wissen m�ssen, dass diese Welt nicht gro� genug ist, um als Versteck vor ihm dienen zu k�nnen � vor mir selbst. Die Lawine ist ausgel�st und in Bewegung. Ich werde sie nicht aufhalten k�nnen.� </p><p>Rhapsody sagte nichts und legte ihre Hand in seine. Achmed starrte darauf.</p><p>�Und dann bist du gekommen, Rhapsody. Mit dir hat sich alles ver�ndert. Du hast mir eingeredet, dass der F�dor keine Macht mehr �ber mich h�tte, dass ich ihm entwischt w�re. Wie dumm von mir, auch nur einen Moment daran geglaubt zu haben, wo ich doch selbst der Vollstrecker des Unausweichlichen bin. Es war nur eine Frage der Zeit, dass er mich wieder finden w�rde.� Er warf den Stein, den er in der Hand hielt, in den Abgrund.</p><p>�Das ist noch nicht sicher�, entgegnete Rhapsody leise. �Vielleicht hast du ihn zur�ckgeschlagen. Vielleicht bist du ja immer noch sein Widersacher, dazu bestimmt, ihn zu stellen und zu t�ten. Vielleicht wird er tats�chlich dein letztes Opfer sein. Aber in einer Hinsicht hast du Recht: Du kannst jetzt nicht mehr weglaufen. Fr�her oder sp�ter wird er dich finden. Pass nur auf, dass du ihm nicht den R�cken zukehrst.� </p><p>�So kann nur jemand reden, der keine Ahnung davon hat, was ich f�r Folgen tragen muss�, knurrte er und zog seine Hand zur�ck.</p><p>�Wie dem auch sei, was mir droht, wei� ich. Ich k�nnte meine Angeh�rigen verlieren, die mir in dieser Welt noch geblieben sind, im Besonderen meinen problematischen Bruder, die Kehrseite meiner M�nze.� Sie sah, wie sich seine Miene noch weiter verfinsterte. �Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich davor Angst habe. Aber was auch immer geschehen mag, ich werde wie Grunthor zu dir stehen. Daf�r sind Familien schlie�lich da.� Sie l�chelte, und Achmed sp�rte, wie ihm trotz aller Bem�hungen um eine verdrossene Miene das Herz aufging.</p><p>�Hast du geh�rt, was die Bolg �ber Feuerauges Geist munkeln?�, fragte sie.</p><p>�Ja.� </p><p>�Wei�t du, was das zu bedeuten hat? K�nnte es sein, dass Tsoltans D�monengeist vom Untergang Serendairs verschont geblieben und mit einem der Fl�chtlinge hierher gekommen ist? W�re es m�glich, dass sie davon erfahren haben?�</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf. �Das bezweifle ich. Allerdings m�ssen wir uns im Klaren dar�ber sein, dass hier andere Regeln herrschen und wir nicht mehr voraussetzen k�nnen, was uns in der alten Welt noch selbstverst�ndlich gewesen ist. Normalerweise sind F�dor, wenn sie die Gestalt eines Menschen angenommen haben, nicht zu erkennen; allerdings kann man manchmal einen Hauch ihres �blen Geruchs wahrnehmen. Das kommt aber nur in den seltensten F�llen vor. Darum sind sie so verflucht gef�hrlich.� </p><p>�Wer oder was k�nnte dieser Geist denn deiner Meinung nach sein?�</p><p>Achmed stand auf und klopfte den Staub aus den Kleidern. �Keine Ahnung. Aber was es auch ist, es setzt dunkles Feuer wie eine Waffe ein. Daher r�hren offenbar die Brandwunden. Die Bolg halten den Geist f�r einen Ausfluss von Saltars Magie, mit dem er sich zu wappnen und unverletzbar zu machen versucht, um immer die Oberhand behalten zu k�nnen.�</p><p>�K�nnen wir dagegen vorgehen? K�mpfen wir gegen einen besessenen Mann?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Er reichte Rhapsody die Hand und half ihr auf. �Wir d�rfen kein Risiko eingehen. Darum werde ich Feuerauge pers�nlich aufsuchen m�ssen. Es gibt einen uralten dhrakischen Zauber, die Zauberacht; sie ist dazu angetan, D�monengeister in Schach zu halten und sie daran zu hindern, ihren menschlichen Wirt zu verlassen, was zur Folge hat, dass beide sterben, Mensch und D�mon. So k�nnten wir also auch den F�dor unsch�dlich machen, wenn er sich denn tats�chlich im K�rper von Feuerauge aufh�lt. Das einzig Komplizierte ist, ihn erst dann zu t�ten, wenn der Zauber wirkt. Sollte Feuerauge aber am Ende doch nicht der Wirt des F�dor sein, wird alle Anstrengung umsonst gewesen sein.� </p><p>�Wirst du ihn denn �berhaupt zu fassen kriegen?�</p><p>Achmed lehnte sich an die Stollenwand und schloss die Augen. Er konzentrierte seinen Sp�rsinn auf die tiefe Schlucht und das weite Heideland dahinter. Sein zweites Gesicht flog an den Felsw�nden von Kraldurge entlang, �ber die Felder, die f�r die Fr�hjahrssaat gepfl�gt worden waren.</p><p>Er kannte den Weg. Er hatte ihn w�hrend seines gemeinsam mit Grunthor unternommenen Eroberungszuges h�ufig genug eingeschlagen. All diese L�nder waren nun in seinem Besitz, unter seiner Herrschaft und Kontrolle.</p><p>Sein Blick kreuzte die in einer Flussniederung gelegenen alten Weing�rten, mit gro�em Flei� von jenen Bolg gepflegt, die Rhapsody zu Weinbauern ausgebildet hatte. Er flog �ber die W�lder und Lichtungen der H�gellandschaft, die fr�her einmal das Reich der Nain und Gwadd gewesen waren, jener cymrischen Volksgruppen, die es vorgezogen hatten, unter der Erdoberfl�che zu leben, und durchstreifte die tiefen W�lder, worin sich fr�her die Gwylliam-treuen Lirin niedergelassen hatten. Bald erreichte sein zweites Gesicht das Verborgene Reich hinter den �berresten ehemaliger Cymrer-D�rfer und Vorposten, die nur noch ein Schatten ihrer selbst waren. Das Land war fruchtbar und ungest�rt; seine Bev�lkerung hauste in labyrinthischen H�hlensystemen, die sich tief unten im Fels der weiten Berge erstreckten.</p><p>Und weiter ging es im Flug �ber hohe Gebirgsp�sse hinweg und durch verschlungene Stollen. Schlie�lich war eine riesige Grotte erreicht, wo sein Blick j�hlings vor einer Bolggestalt innehielt, die schlafend auf einem breiten Felsbett lag. Der Schamane schlug die Lider auf und starrte ihm aus blutunterlaufenen Augen entgegen. Dann l�ste sich das Bild auf; die Vision riss ab. </p><p>Achmed atmete tief durch und schmunzelte unwillk�rlich, als er Rhapsody ansah, die ihre gr�nen Augen auf ihn gerichtet hatte und vor Ungeduld zu platzen schien.</p><p>�Ich wei� jetzt, wo er sich aufh�lt�, sagte er. �Und das wei� er nun auch von mir.�</p></section><section><title><p>58</p></title><p>�Hat sie dir vielleicht Schwierigkeiten gemacht, Euer Liebden?�</p><p>Rhapsody zerrte an den Armschienen des Harnischs, den Achmed ihr gegeben hatte.</p><p>�Kein bisschen�, erwiderte sie, vergeblich darum bem�ht, die Schnallen zu schlie�en. �Ich habe daf�r gesorgt, dass sie sich die am schlimmsten zugerichteten Opfer von Feuerauges Geist aus der N�he ansieht. Danach war sie mehr als gl�cklich dar�ber, zur�ckbleiben und auf der Krankenstation aushelfen zu d�rfen. Ja, sie hat sich sogar freiwillig bereit erkl�rt, auf meine Enkelkinder aufzupassen.� </p><p>Grunthor grinste, doch sein Blick blieb freudlos.</p><p>�Gut. Dann ist wenigstens sie in Sicherheit. Und du bist wirklich nich umzustimmen, Gr�fin?� </p><p>Sie t�tschelte seine Hand, dankbar daf�r, dass er ihr die Armschienen festschnallte. �Nein.� </p><p>�Na, dann freu ich mich �ber deine Begleitung. Hoffentlich erinnerst du dich an das, was du von mir gelernt hast.� </p><p>�Aber sicher doch. Und nat�rlich auch an Achmeds weisen Rat: Augen auf; Schwierigkeiten werden dir nicht erspart bleiben, sei also darauf gefasst. Es ist besser, du siehst sie kommen.� </p><p>Der Firbolg-K�nig schmunzelte hinter seinem Schleier. �Du bist also bereit?�</p><p>Rhapsody trat vor die Tunnel�ffnung und stellte sich neben ihn. In der Schlucht waren zehntausende von Bolg zusammengekommen. Sie brannten darauf, ihre toten Br�der zu r�chen. Die Emotionen schlugen �ber, und der L�rm, den die schwer bewaffneten Soldaten machten, war ohrenbet�ubend. Immer mehr K�mpfer, M�nner wie Frauen, str�mten herbei; der Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. </p><p>�Seid ihr sicher, diese Menge unter Kontrolle halten zu k�nnen?�, fragte sie nerv�s.</p><p>�Nee�, antwortete Grunthor, fast heiter. �Aber ich wei�, an wem sie sich abreagiert, wenn wir die Kontrolle verliern.� </p><p>Die Pferde trippelten auf der Stelle, ihre Schenkel zitterten vor Anspannung. Rhapsody stellte sich vor, ebenso wild aus den Augen zu blicken wie die Tiere.</p><p>Von hoher Warte aus auf die vielen tausend Bolg in der Tiefe herabzusehen hatte ihr schon Angst genug gemacht. Jetzt, da sie sich auf der Sohle der Schlucht mitten unter ihnen befand, kam sie sich vor wie im Zentrum eines Wirbelsturms.</p><p>Ringsum herrschte verst�rendes Gewimmel. Es stank nach Schwei� und Angriffsfieber. Die Kampfeslust der Bolg war f�rmlich greifbar und spiegelte sich in unz�hligen Augenpaaren wider. </p><p>�Siehst du irgendwo ein H�gel-Auge?�, fragte Achmed seinen Freund, der auf Steinschlag hockte, seinem riesigen Schlachtross, das er von Stephen Navarne geschenkt bekommen hatte.</p><p>�Nee. So verr�ckt werden sie wohl auch kaum sein, uns jetzt anzugreifen.� Zufrieden sah sich Grunthor in der Schlucht um, die sein m�chtiges Heer kaum fassen mochte.</p><p>Rhapsody trat einen Schritt zur�ck, um den Quartiermeister passieren zu lassen, der das Zaumzeug ihrer Stute pr�fte. </p><p>�Geh�ren die Faust-und-Feuer-Vertreter einem Augen-Klan an oder den Beuschel?�, fragte sie. </p><p>�Den Beuschel�, antworteten Achmed und Grunthor wie aus einem Munde.</p><p>�Warum wird dann deren Anf�hrer Feuerauge genannt? Ich dachte, die H�uptlinge tragen immer die Klanbezeichnung im Namen.�</p><p>Achmed stieg aus dem Sattel und kam auf sie zu, um zur Antwort auf ihre Frage nicht gegen den allgemeinen L�rm anbr�llen zu m�ssen.</p><p>�Im Grunde ist jeder Klan im Verborgenen Reich ein Beuschel-Klan. Den besonderen Namen hat der Schamane seiner blutunterlaufenen Augen wegen. In solchen Augen zeigt sich manchmal auch ein F�dor. Das wei�t du aus eigener Erfahrung, nicht wahr?� Rhapsody nickte. �Gelegentlich benutzt so einer auch das Symbol, wie wir es in der Basilika von Bethania gesehen haben. Es war auch Tsoltans Erkennungszeichen.� </p><p>Rhapsody musste an ihren j�ngsten Albtraum zur�ckdenken. �Ja, wenn ich mich nicht irre, habe ich es in einer Vision gesehen.� </p><p>�Nun, als ich darauf geachtet habe, ist mir nichts dergleichen aufgefallen; es war auch nirgends in seinen Sachen eingestickt. Keine Ahnung, ob er das Zeichen auf seinem Ornat tr�gt, falls er denn �berhaupt so etwas hat.� </p><p>Achmed hielt das Pferd, auf dem Rhapsody sa�, beim Z�gel gepackt, als drei Armbrustsch�tzen, die in Streit geraten waren, pr�gelnd n�her r�ckten. Grunthor herrschte sie an und schickte sie in die Reihen zur�ck, die sich in chaotischer Aufl�sung befanden.</p><p>�Denk daran, was ich dir �ber die Zauberacht gesagt habe. Erschlag ihn nicht, bevor du ganz sicher sein kannst, dass der Zauber wirkt.�</p><p>Rhapsody kam mit ihrer Stimme nicht gegen den L�rm an und nickte blo�. Achmed gab ihr einen Klaps auf den Schenkel und stieg zur�ck in den Sattel seines Pferdes.</p><p>Der lange Ritt ins Verborgene Reich war �beraus anstrengend. Rhapsody hatte M�he, im Sattel zu bleiben, und verkrallte sich in der Pferdem�hne, als g�lte es, ihr Leben festzuhalten.</p><p>Sie ritten einem endlos langen Tross voran, dem sich immer mehr Firbolg anschl�ssen, die von den H�ngen und T�lern des Gebirges herbeikamen, Mitglieder verschiedener Klans, einzelne J�ger oder Soldaten in Gruppen, V�ter mit einem oder mehreren S�hnen � sie alle stie�en zu dem gro�en Heer, bis es schlie�lich den Eindruck erweckte, als w�ren die Berge selbst in Achmeds Gefolge. In Gedanken h�rte Rhapsody wieder seine Stimme, mit der er, strotzend vor erwartungsvoller Energie, seine neuen Untertanen von dem Felsvorsprung hoch �ber der Schlucht aus zum ersten Mal angesprochen hatte. </p><p><emphasis>Was immer ihr einmal gewesen sein mochtet, jetzt seid ihr ohne Kraft. Ziellos irrt ihr umher, und jeder Schritt tut euch weh. Nicht so, wenn ihr euch mir anschlie�t. Dann wird es sein, als setzte sich der Berg in Bewegung</emphasis>. </p><p>Genauso, wie er es vorausgesagt hatte, war es nun gekommen.</p><p>Zu ihrer Linken fing der Sergeant pl�tzlich mit seiner tief t�nenden Stimme zu schmettern an. </p><p><emphasis>So der kluge Volksmund spricht:</emphasis></p><p><emphasis>Rache ist ein Kaltgericht</emphasis>.</p><p><emphasis>Doch ich mag es lieber warm</emphasis>.</p><p><emphasis>Und wenn ich komme,</emphasis></p><p><emphasis>dich zu holen,</emphasis></p><p><emphasis>fress ich erst mal deinen Arm</emphasis>.</p><p>Die n�chste Strophe begleiteten tausende heiser gr�lende Kehlen.</p><p><emphasis>Ich fress dich auf mit Haut und Haar,</emphasis></p><p><emphasis>egal, ob�s roh ist oder gar;</emphasis></p><p><emphasis>Nur die Knochen spuck ich aus</emphasis>.</p><p><emphasis>Und kommen uns von euch</emphasis></p><p><emphasis>noch andere quer,</emphasis></p><p><emphasis>ist es bald mit denen aus</emphasis>.</p><p>Allein das Echo, das von dem Felsen widerhallte, war so wuchtig, dass es Rhapsody aus dem Sattel zu werfen drohte. Es war ein gewaltiges Donnern, das, so l�cherlich die Worte an sich auch sein mochten, Angst und Schrecken verbreitete. Rhapsody sp�rte die unumst��liche Entschlossenheit und H�rte in diesen Stimmen. </p><p>Aus Furcht und Aufregung liefen ihr prickelnde Schauer �ber den R�cken. Sie warf einen Blick zur Seite auf Achmed, der ihr aufmunternd zul�chelte, dann auf Grunthor, der, kaum dass das Lied zu Ende war, ein weiteres folgen lie�, irgendeine grauenvolle Kriegsballade, die bereits sehr viel finsterer klang. Das Gemetzel an seinen M�nnern hatte ihn ins Mark getroffen. Er w�rde sie, wie Rhapsody ahnte, auf entsetzliche Weise r�chen. Sie machte sich auf das Schlimmste gefasst. Im Laufe der ersten drei Tage schl�ssen sich dem ohnehin schon riesigen Heer mehr und mehr Firbolg an. Von nah und fern eilten Mitglieder verschiedener Klans herbei; auch von den Beuschel hatten sich etliche anlocken lassen, nachdem ihnen klar geworden war, dass nicht die Erde selbst bebte, sondern ein Heer vorbeizog, das den ganzen Umkreis erzittern lie�.</p><p>Nachts wurde Rast gemacht. Diejenigen, die Wache hielten, lie�en riesige Feuer abbrennen und sangen kriegerische Lieder. Rhapsody sah eine gewaltige Rauchwolke den Himmel verh�ngen, den Feuerschein und bizarre Schatten �ber die Felsw�nde huschen.</p><p>Am Abend des vierten Tages kam es zu kleineren Gefechten. Die Bolg, die nun von den H�geln herbei gelaufen kamen oder aus den Ruinen der verlassenen Cymrer-Siedlungen auftauchten, hatte nicht etwa die Absicht, sich den r�chenden Reihen anzuschlie�en. Vielmehr versuchten sie, das k�nigliche Heer an seinen R�ndern aufzureiben. Doch diese Angriffe wurden an anderer Stelle des Riesentrosses nicht einmal bemerkt und vor Ort niedergeschlagen, ohne dass die K�mpfer ihren Gesang unterbrochen h�tten. </p><p>Am f�nften Tag wurde alles anders.</p><p>Im flackernden Schein hoch auflodernder Lagerfeuer hatte Achmed bereits in der Nacht darauf hingewiesen, dass nun das Territorium des Faust-und-Feuer-Klans erreicht sei. Er rechnete zwar nicht damit, dass ein wirklich ernst zu nehmender Gegner gegen sie aufmarschieren w�rde, doch waren Hinterhalte zu bef�rchten, denn man hatte es hier mit einem heimt�ckischen Stamm zu tun. Seine Ahnung sollte sich schon bei Tagesanbruch best�tigen. Dank ihrer von Achmed verordneten Di�t aus Wurzeln und Innereien konnten seine Soldaten selbst bei sp�rlichem Licht so gut sehen, dass sie die Angreifer schon fr�h erkannten. Sie st�rmten in zwei Schlachtreihen aus dem grauen Dunst herbei, wobei die hintere Formation einen weiten Halbkreis bildete und das Gelande � eine nur noch aus wenigen Grundmauern bestehende Ruinenstadt � von drei Seiten umstellte. Die erste Angriffswelle bestand aus losen Truppen, die mit brennenden Fackeln aus den Kellerl�chern der Stadt hervorzubrechen schienen.</p><p>�In einer Linie!�, br�llte Grunthor. Rhapsody z�gelte ihr Pferd und sah, wie die Armbrustsch�tzen in Stellung gingen und die Front der Angreifer methodisch und pr�zise mit ihren Geschossen bestrichen. �berall schlugen Flammen auf. Der �u�ere Ring der feindlichen Truppen hatte gro�e Felder von �l und Pech in Brand gesteckt, die alle Fluchtwege versperrten und die Luft mit bei�endem Rauch f�llten. </p><p>An Rhapsody gewandt, rief Grunthor: �Sing!�</p><p>Von Rauch umh�llt, f�cherte sie sich Luft zu und fing zu singen an: das einstudierte Kriegslied, ein Lied, das dem Takt bolgischer Herzen entsprach und deren Blut in Wallung brachte. Es erhob sich ein wildes Geschrei, und angestachelt von ihrem Gesang warfen sich die K�mpfer ins Get�mmel. Wie eine schwarze Rauchfahne flog Achmed pl�tzlich herbei und streckte die H�nde nach ihr aus. </p><p>�Komm, runter vom Pferd! Wir m�ssen uns in die H�hle verkriechen, ehe uns das Feuer eingeschlossen hat.� </p><p>Er zog Rhapsody aus dem Sattel und hielt sie bei der Hand gefasst. Zusammen rannten sie durch das Gedr�nge, geduckt den Schwertgefechten ausweichend und �ber Gefallene hinweg setzend. Wenig sp�ter tauchte auch Grunthor auf, die Nasenfl�gel vor Wut gebl�ht. Mit Sal, seinem Stangenbeil, schlug er sich eine Schneise durch die K�mpfer der Faust-und-Feuer-Sippe, gesellte sich zu seinen Freunden und sch�tzte Rhapsody mit seiner Waffe vor den Hieben, die ringsum niedergingen. </p><p>�Gehn wir jetzt rein?�, fragte er keuchend.</p><p>Achmed zeigte auf ein Loch inmitten des fauchenden Infernos. �Dahinten, da ist der Eingang�, sagte er. </p><p>Saltar hatte die Augen geschlossen. Seine H�nde zuckten nerv�s. �Sie kommen�, sagte er. Seine Worte hallten von den W�nden der dunklen H�hle wider, dann aber war es still.</p><p>Er sperrte die rot ger�nderten Augen weit auf.</p><p>�Hast du nicht geh�rt? Ich sagte, sie kommen.�</p><p>Ein kalter Dunsthauch k�hlte seine Stirn, doch er war nicht sicher, ob das Geistwesen dahintersteckte oder ob es daran lag, dass er heftig zu schwitzen angefangen hatte.</p><p><emphasis>Er ist nicht bei ihnen</emphasis>. </p><p>Feuerauge langte nach dem Willum-Schwert, seinem zweitkostbarsten Besitz. Er hatte nicht erwartet, von ihm Gebrauch machen zu m�ssen.</p><p>�Was soll das hei�en? Nat�rlich ist er dabei. Sie sind hier, sie kommen.�</p><p><emphasis>Ich sehe ihn nicht. Der, um den es mir geht, ist nicht bei ihnen</emphasis>.</p><p>Saltar stie� eine Reihe von Fl�chen aus, die selbst f�r bolgische Geschmacksvorstellungen �beraus w�st waren. </p><p>�Du musst mir helfen�, sagte er und schnappte nach Luft. �Du musst k�mpfen.�</p><p>Nur das Echo antwortete. </p><p>Achmed hielt vor dem Feuer an. Gleich hinter der Flammenwand hatte sich eine Abteilung Faust-Bolg zusammengezogen, um den Eingang zur H�hle zu bewachen.</p><p>Auf ein Zeichen von Achmed hin zog Rhapsody ihr Schwert. Die Tagessternfanfare glitt aus der Scheide und lie� dabei einen Ton erklingen, der sich hell schwingend �ber den Tumult legte. Rhapsody holte tief Luft und hob die Klinge vors Gesicht. Das letzte Bild, das sie vor sich sah, ehe sie die Augen schloss, war der entsetzte Ausdruck auf den Gesichtern der Gegner, die kurz zuvor noch ein h�hnisches Grinsen zur Schau gestellt hatten.</p><p><emphasis>�Slypka�,</emphasis> sagte sie. <emphasis>Erlisch</emphasis>.</p><p>Von jetzt auf gleich war die Flammenwand vor ihnen verschwunden.</p><p>Mit lautem Gebr�ll st�rmte Grunthor voran, das Stangenbeil wie eine Sense schwingend, und wer von den Gegnern nicht schnell beiseite sprang, wurde niedergem�ht. Es dauerte nicht lange, und der Eingang zur H�hle war frei. Dicht gefolgt von Achmed und Rhapsody stob der Riese geradewegs darauf zu.</p><p>Rhapsody bremste kurz ab, um ihr Schwert in die Scheide zur�ckzustecken. Im Hintergrund waren die stampfenden Laufschritte der Soldaten zu h�ren, die ihnen in die H�hle folgten. Ihr blieb keine Zeit zu unterscheiden, ob es sich um K�mpfer aus den eigenen Reihen handelte oder nicht.</p><p>Vor ihnen versperrten Wachposten den Weg, Faust-Bolg, bewaffnet mit uralten Schwertern und Speeren. Achmed zog das lange d�nne Schwert, das Rhapsody ihn im Haus der Erinnerung schwingen gesehen hatte. Sie warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck.</p><p>Im Tunnel hinter ihr waren erbitterte K�mpfe ausgebrochen, Bolg gegen Bolg. Das Blut, das sie verstr�mten, lief am Boden zu einer gro�en Lache zusammen. Als sie wieder nach vorn schaute, hatte Achmed die Wachsoldaten bereits au�er Gefecht gesetzt.</p><p>�Komm�, sagte er und fasste sie wieder bei der Hand.</p><p>Sie rannten hinter Grunthor her, immer tiefer in den Berg hinein, der einst cymrischen H�hlenbewohnern als unterirdische Stadt gedient hatte. Die F��e liefen mit ihren Herzen im Gleichschritt. Die von der Anstrengung und vom Feuerrauch strapazierten Lungen rangen nach Luft. Pl�tzlich blieb Achmed stehen und renkte ihr fast den Arm aus, als er sie, die noch in vollem Lauf war, j�h zur�ckhielt. </p><p>Vor ihnen stand ein Bolg, der vergleichsweise klein war, nicht gr��er als Achmed, und ein cymrisches Schwert in der Hand hielt. In Lumpen gekleidet und mit wild zerzaustem Haar, hatte er sich vor ihnen aufgebaut und starrte ihnen aus rot ger�nderten Augen entgegen. Sie waren voller Angst, wie Rhapsody zu erkennen glaubte.</p><p>Achmed stand unmittelbar vor ihm. Er schloss die Augen und �ffnete den Mund einen Spaltbreit. Rhapsody legte die Hand auf das Heft ihres Schwerts, w�hrend Grunthor das Stangenbeil gegen den Lopper eintauschte. Achmed leitete die Zauberacht ein.</p><p>Aus tiefster Kehle brachte er vier verschiedene T�ne hervor; ein f�nfter trat hinzu, der in Stirnh�hle und Nase gebildet wurde. Es war, als h�tten f�nf S�nger gleichzeitig zu singen angefangen. Dazu produzierte er nun mit der Zunge rhythmische Klicklaute. </p><p>Feuerauge flackerte verwundert mit den Lidern.</p><p>Achmed hob die rechte Hand wie zu einem Haltezeichen. Die linke Hand fuhr langsam seitlich aus und nach oben, und mit zuckenden Fingern versuchte er nach einer uralten Methode der Dhrakier, die Schwingungen des F�dor aufzusp�ren. Pl�tzlich sperrte er die Augen weit auf.</p><p>Da war nichts zu sp�ren, auch nicht der kleinste Hinweis auf den F�dor.</p><p>Saltars Augen klarten auf; das Gesicht verzog sich zu einer w�tenden Grimasse. Knurrend sprang er einen Schritt nach vorn, holte mit dem Schwert aus und zielte damit auf Achmeds ungesch�tzten Nacken. Als die Klinge niedersauste, lie� Grunthor ein so schauerliches Heulen ert�nen, dass Rhapsody die Haare zu Berge standen. Er stie� seinen K�nig und teuersten Freund wuchtig zur Seite und fing Saltars Hieb mit der geharnischten Brust ab. Rhapsody schnappte nach Luft und zog ihr Schwert. </p><p>Saltar schlug ein zweites Mal zu. Dann sprang er blitzschnell zur Seite und wich so einer Riposte des Riesen aus. Dem Sergeanten fiel die Kinnlade herunter. Feuerauge hatte den Gegensto� offenbar schon vorausgeahnt, noch ehe Grunthor dazu angesetzt hatte.</p><p>�Halt still, du mickriges Mistst�ck!�, murmelte er und holte wieder aus.</p><p>Geschickt wich Saltar auch diesem Schlag des Riesenbolg aus. Schwei� brach ihm aus und mischte sich mit den blutigen Tr�nen, die ihm vor Anstrengung aus den Augen quollen. In Erwartung eines beidh�ndig gef�hrten Hiebs sprang er zur�ck.</p><p>Grunthor schnaubte vor Wut. �Wei� der Schei�kerl doch wahrhaftig, was ich vorhab, bevor ich�s selbst wei߫, brummte er. Um Saltar zur Parade zu zwingen, hob er sein Schwert und lie� es mit aller Kraft auf Saltars Klinge niederfahren, die, in der Mitte getroffen, wie ein Streichholz zerbrach. Die abgetrennte H�lfte schnellte wie ein Propeller durch die Luft und trennte Saltars Kopf vom Nacken. Der hatte nur noch Zeit, die Augen aufzurei�en, ehe der Kopf auf den Boden der H�hle schlug. Erschrocken sprang Rhapsody zur�ck. Saltars enthaupteter Leib kippte ihr mit einem dumpfen Schlag direkt vor die F��e. Der Kopf rollte noch ein paar Schritte weiter. Die gebrochenen Augen � nunmehr ohne roten Rand � starrten unter die H�hlendecke und schienen noch einmal aufzuleben im Licht der Tagessternfanfare, das sich flackernd im Glask�rper spiegelte.</p><p>Achmed schaute n�her hin. �Seltsam, das Rot ist aus seinen Augen verschwunden.�</p><p>Rhapsody zitterte. �Der D�monengeist, wo ist er? Hat er sich vom Zauber zwingen lassen?� </p><p>�Da war gar nichts, was sich zwingen lie�e�, antwortete Achmed und untersuchte die Augen des Toten. </p><p>Rhapsody blickte auf den Boden. Von Saltars durchtrenntem Hals war ihr eine schwere Goldkette mitsamt Talisman vor die F��e gefallen. Sie b�ckte sich, um sie aufzuheben.</p><p>�Nicht anfassen!�, schrie Achmed in schriller Stimmlage.</p><p>Vorsichtig f�hrte Grunthor die Spitze seines Schwertes unter das Medaillon und drehte es um: ein goldenes, von metallenen Feuerzungen umkr�nztes Schmuckst�ck, vor langer, langer Zeit als ein Abbild der Erde in Flammen geschmiedet. Darin prankte eine Spirale aus winzigen roten Steinen, die in der Mitte auf ein einzelnes Auge hinauslief. Es funkelte in dem von der Klinge reflektierten Flammenlicht. </p><p>Grunthor fuhr vor Schreck zusammen. �Da ... das ist er!�</p><p>Achmed wich noch einen Schritt zur�ck. Rhapsody warf einen Blick in die Runde, konnte aber in der Dunkelheit der H�hle nichts erkennen. Weiter hinten im Eingangsbereich waren nach wie vor K�mpfe zwischen den eigenen Soldaten und Faust-Bolg im Gange, die vom Tod ihres Schamanen noch nichts wussten. Und �ber alle und alles senkte sich ein kalter Nebel.</p><p>Pl�tzlich schrie Grunthor auf. Es war kein Kampfschrei, was er da von sich gab, nicht jenes Gebr�ll, mit dem er Menschen und Tiere zu erschrecken pflegte, auch nicht das donnernd dr�hnende Lachen, das von ihm zu h�ren war, wenn er sich am Schrecken, den er verbreitete, erg�tzte.</p><p>Es war ein Schmerzensschrei.</p><p>Er wirbelte herum und schlug beide H�nde vors Gesicht, getroffen von einem Hieb, der wie aus dem Nichts gef�hrt worden war. Rhapsody eilte ihm zu Hilfe, wurde aber zur�ckgesto�en, von einem wuchtigen Windsto�, wie es schien.</p><p>�Grunthor!� </p><p>Geblendet taumelte der Sergeant zur�ck. Blut rann aus einer qualmenden Wunde, die ihm der unsichtbare Streich �ber die Augen geschlagen hatte. Auch auf Brust und Schulter klafften tiefe Risse. Sein Umhang hatte Feuer gefangen und ging in Flammen auf.</p><p>Achmed packte den Freund, holte ihn von den Beinen und w�lzte sich mit ihm �ber den Boden, um die Flammen zu ersticken, genau so, wie es Grunthor mit ihm im Kern der Erde getan hatte. Von einem unsichtbaren Schlag am Kinn getroffen, flog der Kopf des Dhrakiers in den Nacken zur�ck, und das Feuer drohte Grunthor zu verzehren.</p><p>Rhapsody m�hte sich auf die Knie und hob das Schwert mit ausgestreckten Armen. Keuchend schnappte sie nach Luft, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, das Feuer verschwinden zu lassen. </p><p><emphasis>�Slypka�,</emphasis> fl�sterte sie.</p><p>Die Flammen verpufften. Grunthor lag auf dem Bauch und zuckte abermals zusammen, als sich pl�tzlich auf dem R�cken von der H�fte bis zum Nacken ein Spalt auftat. Entsetzt starrte Rhapsody auf die offene Wunde. </p><p>�Achmed, sieh nur!� </p><p>Im Licht, das von ihrem Schwert ausging, konnte man eine Schattengestalt erkennen, die sich �ber den Riesen beugte. Fast unsichtbar schwebte sie �ber ihm, mit einem Kapuzengewand wie aus Nebelschleiern, die ihr von knorrigen Armen mit gl�henden Klauen herabhingen. Nur als ein fahler Schimmer war die Silhouette auszumachen, die sich, ohne eigene Substanz, an der Schwelle zwischen Leben und Tod aufzuhalten schien. Im Ausschnitt der Kapuze war nichts als dunkle Leere. Als aber das Schwertlicht darauf fiel, blinkte es einmal kurz darin auf.</p><p>Ein letztes Zittern ging durch Grunthors K�rper, dann lag er still. Der Flammenschein der Tagessternfanfare fing einen Schatten auf, der sich von dem Riesen weg auf sie, Achmed und Rhapsody, zubewegte. </p><p>�Shing�, fl�sterte Achmed mit erstickender Stimme. �Himmel!�</p><p>�Shing? Was ist das?�, raunte Rhapsody kaum h�rbar.</p><p>�Ein Auge des F�dor. Es kommt n�her. Geh langsam zur�ck, und dann mach, dass du wegkommst. Ich werde es so lange wie m�glich aufzuhalten versuchen.�</p><p>Noch in der Hocke kauernd, wich Rhapsody zur�ck. �F�dor? Du sagtest doch, da w�re nichts.� </p><p>�Ich hab ja auch keine Schwingungen von ihm aufnehmen k�nnen�, murmelte Achmed, der sich hektisch nach allen Seiten hin umsah. �Aber er ist hier. Tsoltans Sklave. Saltar war sein Wirt, ganz bestimmt; es muss so gewesen sein.�</p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>Rhapsody richtete den Oberk�rper auf. In ihrem Inneren h�rte sie die Worte so deutlich, als w�rde die Mutter neben ihr stehen. Und laut wiederholte sie:</p><p>�Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt.�</p><p>Achmeds Kopf schnappte zur�ck. Aus einer quer �ber die Schulter geschlagenen Wunde schlugen Flammen. Grunthor gab einen �chzenden Laut von sich und hob die riesige Pranke, als der Freund, r�ckw�rts taumelnd, �ber ihn stolperte.</p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>Unwillk�rlich richtete sich ihr Blick auf das Amulett. Mit zitternder Hand langte sie danach und hob es vom Boden auf. </p><p>�Nein�, st�hnte Achmed, der sich vor Schmerzen wand. �Ber�hr es nicht!�</p><p>Grunthors K�rper wurde mit Gewalt herumgew�lzt.</p><p>�Halt!�, befahl Rhapsody und hielt das Amulett in die H�he.</p><p>Im Geiste h�rte sie ein Wort, das so klang, als w�re es in der Ecke gegen�ber ausgesprochen worden, mit ged�mpfter Stimme, im Fl�sterton.</p><p><emphasis>Tsoltan?</emphasis></p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf und versuchte sich von dem Eindruck zu befreien, als w�rde sich da etwas bei ihr einschleichen und ihre Gedanken verdrehen.</p><p>Achmed hob den Arm, so hoch er konnte.</p><p>�Rhapsody, lauf!�, r�chelte er. �Zuerst wird er Grunthor t�ten, dann bin ich dran. Davon l�sst er sich nicht abringen. Mach, dass du davonkommst.� Blankes Entsetzen trat in sein Gesicht. �Himmel, Rhapsody, deine Augen!� </p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>�Es ist das Amulett�, sagte sie leise. Sie hob es wieder in die H�he und blickte zu Grunthor hin. �Der Shing ist nicht an den Schamanen gebunden, sondern an das Amulett.�</p><p>Sie wandte sich wieder dem Schatten zu, der unstet durch die Dunkelheit huschte. �Lass von ihm ab�, verlangte sie. �ber Grunthor glimmte ein schwacher Funke auf. �Was willst du?�</p><p><emphasis>Ich suche den Bruder</emphasis>. </p><p>�Hast du geh�rt?� Rhapsody wandte sich an Achmed, der am Boden lag und sich auf dem Ellbogen abst�tzte, um sich aufzurichten. Er sch�ttelte den Kopf. �Er sucht den Bruder.�</p><p>Mit M�h und Not stand Achmed auf. Er griff nach seinem Schwert und fl�sterte auf Bolgisch: �Sag�s ihm.� </p><p>�Nein. Er kann dich nicht sehen. Du bist jetzt Achmed die Schlange.�</p><p>�Sag�s ihm�, wiederholte er. �Wenn nicht, geht er wieder auf Grunthor los. Und dann wird er dich t�ten. Sag�s ihm.� </p><p>�Nein.� </p><p>Achmed raffte sich auf und kam wankend n�her.</p><p><emphasis>�Ich</emphasis> bin der Bruder!�, br�llte er. �Ich bin es, den du suchst! Nimm mich!�</p><p>�Achmed, nein!� </p><p>Achmed straffte die Schultern und presste die Arme an die Seiten. Entsetzt sah Rhapsody zu, wie er in die gl�henden Klauen des glimmenden Schattens fiel, zu Boden gerissen und vor ihren Augen maltr�tiert wurde, bis er sich schlie�lich nicht mehr r�hrte.</p><p>Der Shing schwebte vor ihr in der Luft. Tief im Inneren h�rte sie wieder seine Stimme.</p><p><emphasis>Ich habe den Bruder gefunden und ihn, wie es mein Auftrag war, ausgeliefert. Entlasst mich jetzt aus Eurem Dienst</emphasis>. </p><p>Rhapsody hielt die Kette mit dem Amulett fest in der schwei�nassen Hand umschlossen.</p><p>�Wo sind die anderen Augen? Wo ist der Rest eurer Tausendschaft?�</p><p><emphasis>Verschwunden, vergl�ht in der Hitze des Schlafenden Kindes und in alle Winde verstreut. Ich allein bin zur�ckgeblieben, habe den weiten Ozean �berquert, um ihn zu suchen. Das ist mir gegl�ckt</emphasis>. </p><p><emphasis>Entlasst mich jetzt</emphasis>. </p><p>Achmed r�hrte sich, blieb aber liegen. �Frag ihn nach seinem Herrn.�</p><p>�Und wer hat dich gerufen? Wo h�lt er sich auf?�</p><p><emphasis>Er ist tot, als Mensch und Geist, sein Name fast vergessen. Ich bin der Letzte aus seinem Feuer. Er ist tot. Entlasst mich jetzt</emphasis>. Die Stimme wurde schw�cher.</p><p>Rhapsody warf einen Blick auf Achmed. �Er will, dass ich ihn freigebe.� Achmed nickte. Sie schaute zur�ck, auf die Stelle, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte.</p><p>�Zeig dich ganz, damit ich dich entlassen kann.�</p><p>Es zeigte sich ein schwacher Schimmer. Rhapsody erkannte die Umrisse des Umhangs und der Kapuze. Die d�rren Klauenh�nde gl�hten nur noch matt, statt zu brennen. Das Knochenger�st der H�lle schien in Aufl�sung begriffen zu sein. Im Ausschnitt der Kapuze war kein Licht mehr zu sehen. </p><p>�Gibt es noch andere D�monengeister? Weitere F�dor?�</p><p>Der Shing war kaum mehr auszumachen, seine Stimme verstummt.</p><p><emphasis>�Slypka�,</emphasis> sagte sie. <emphasis>Erlisch</emphasis>. Und die schimmernde Erscheinung l�ste sich auf.</p><p>Sie beugte sich �ber Achmed, um ihm zu helfen, doch er winkte ab, und so lief sie auf Grunthor zu. Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen, als sie die schrecklichen Wunden sah, die sein Gesicht und seinen K�rper entstellten. Er atmete nur noch schwach und starrte mit glasigen Augen zur Decke. Seine Wangen hatten bereits die Farbe des Todes angenommen.</p><p>In der Stille der H�hle intonierte Rhapsody den bolgischen Namen mit all seinen schwer zu artikulierenden Schnalz- und Pfeiflauten. <emphasis>Kind der Sandw�ste und des offenen Himmels, Sohn der H�hlen und L�nder der Dunkelheit,</emphasis> sang sie. Grunthor bewegte sich nicht.</p><p><emphasis>Bengard. Firbolg. Sergeant Major. Mein Spie�, mein Besch�tzer. Herr der t�dlichen Waffen</emphasis>. Sie schluchzte und fing zu weinen an. <emphasis>Dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�t. Grunthor, stark und verl�sslich wie die Erde selbst. Mein Freund, mein lieber, lieber Freund</emphasis>.</p><p>Drau�en vor der H�hle ging die Sonne unter.</p></section><section><title><p>59</p></title><p>�Euer Liebden?� </p><p>Pochende Schmerzen hinter den Schl�fen, eine vertraute Stimme in den Ohren. In Dunkelheit schwimmende wei�e Kreise. </p><p>Rhapsody rang um das Bewusstsein, sackte aber immer wieder in den Traum zur�ck, dahin, wo sie getrost glauben konnte, dass Grunthor nicht tot war. Er l�chelte ihr zu, r�ttelte sie nach einem Albtraum auf der Wurzel wach und tr�stete sie, wie schon so viele Male zuvor.</p><p>�Lass dir Zeit, Herzchen.� In ihrer Erinnerung sah sie das graugr�ne Gesicht schmunzeln. Wie oft hatte er ihr das nicht schon geraten, aus Sorge, dass sie unvorsichtig werden und stolpern k�nnte. Er war immer so geduldig gewesen.</p><p>Die Stimmen schienen weit entfernt �ber ihr zu schweben.</p><p>�Wie lang liegt sie schon flach?�</p><p>�Seit dem fr�hen Morgen. Sie hat die ganze Nacht hindurch bis Sonnenaufgang gesungen und ist dann umgekippt.� Achmeds ohnehin schon trockene Stimme war noch rauer geworden.</p><p>Ihre Kehle f�llte sich mit Schmerz. <emphasis>Grunthor,</emphasis> hauchte sie, und es klang, als spr�che sie mit einer anderen Stimme, mit der Stimme einer gebrechlichen Firbolg-Greisin.</p><p>�Hier bin ich, so gut wie neu.�</p><p>Rhapsody versuchte die Augen zu �ffnen, was ihr aber blo� mit dem einen gelang. �ber ihr schwebte das graugr�ne Gesicht; es grinste. Sie wollte etwas sagen und bewegte die Lippen, doch es kam kein Laut dar�ber. </p><p>�Sch�n still liegen bleiben, Gr�fin. Du hast mich wieder zusammengeschustert und verflixt gute Arbeit geleistet. Ich seh jetzt besser aus als du.�</p><p>Sie drehte den Kopf und sah Achmed neben sich sitzen, bandagiert und mit Pflastern versehen, aber anscheinend wohlauf. Soweit sie es erkennen konnte, hatte Grunthor nicht einen Kratzer. Aus irgendeiner Ecke h�rte sie einen erleichterten Ausruf von Jo.</p><p>�Ist sie aufgewacht? Geht es ihr gut?�</p><p>Wenig sp�ter tauchte das verheulte Gesicht des jungen M�dchens auf. Es schien voller Freude und w�tend zugleich zu sein. </p><p>�H�r zu, du K�mmerling. Wenn du das n�chste Mal auf Vergn�gungsfahrt gehst und mich mit deinen Enkelb�lgern allein l�sst, garantiere ich dir eine ordentliche Tracht Pr�gel. Die Rotzl�ffel haben mich gefesselt und beraubt. W�rst du nicht rechtzeitig wieder zu dir gekommen, h�tte ich als erster Mensch einen Bolg gefressen.� </p><p>Rhapsody atmete tief durch und sp�rte, wie der Schmerz in der Brust ein wenig nachlie�. </p><p>�Und mit dir ... ist wirklich alles ... wieder in Ordnung, Gr�n...�</p><p>�Ruhig�, sagte der Riese. �Nich sprechen. Wie gesagt, ich bin h�bscher denn je. Und dir sehr dankbar. Dass du mich mit �nem Lied zur�ckgeholt hast... Du scheinst mich wirklich gut zu kennen.� Er schmunzelte. </p><p>�Tja, das sollte man doch wohl meinen. Immerhin haben wir schon miteinander geschlafen�, sagte sie mit schwerer Zunge und schlief, noch w�hrend die anderen lachten, wieder ein.</p><p>Ein scharfer Wind heulte �ber die Verdorrte Heide und fuhr in ihre Umh�nge und Kapuzen, die sich wie Segel bl�hten. Achmed und Grunthor hielten wachend Ausschau, w�hrend Rhapsody das Amulett untersuchte. Sie hatte in einer windgesch�tzten Felsnische Zuflucht gesucht. Das Amulett lag auf einer Schieferplatte, das Auge zuoberst, dem dunklen Himmel zugewandt.</p><p>Sie summte eine Melodie in so hohen, schrillen T�nen, dass sich Achmed vor Schmerzen wand. </p><p>�Grunthor, so lie�e sich doch auch foltern�, sagte er gequ�lt und mit zusammengebissenen Z�hnen. </p><p>�Das h�lt keiner aus.� </p><p>Der Riesen-Bolg lachte. �Ich glaub, darauf legt sie�s auch an. Sie will das Amulett dazu bringen, dass es mit seinem Geheimnis rausr�ckt.�</p><p>Das Mondlicht f�rbte ihr goldenes Haar silbern. Sie hatte fast zwei Stunden in ihrer Felsnische gehockt und vor sich hin gesungen, als sie endlich aufstand, den Staub aus den Kleidern klopfte und zu den Freunden zur�ckkehrte.</p><p>�So weit, so gut. Ich habe einiges in Erfahrung gebracht und dar�ber, dass ich die Eigenresonanzen des Amuletts aufgerufen habe, etliche Bilder einsehen k�nnen. Es hat scheu�liche Szenen gesehen, glaubt mir, und ich habe beschlossen, nicht allzu weit in die Vergangenheit zur�ckzugehen. Denn zum einen habe ich gar nicht die Zeit, die schrecklichen Erinnerungen anderer zu teilen, und zum anderen l�sst sich nicht ausschlie�en, dass sie einen schlimmen Einfluss auf mich aus�ben k�nnten. Das Amulett selbst ist leblos. Es ist einfach nur ein Gegenstand, der einer sehr m�chtigen Person geh�rt hat, die mit der Geisterwelt in Verbindung stand.</p><p>Dieser Shing hat offenbar die Wahrheit gesagt. Tsoltan hat tats�chlich die Tausend Augen zusammengerufen und seine d�monische Lebenskraft auf sie verteilt. Sie haben jeweils einen Teil seiner Kraft � seiner Seele, wenn man so will � mit sich genommen und von dieser Kraft gezehrt, um ihre Aufgabe erf�llen zu k�nnen: den Bruder zu finden und zur�ckzubringen.</p><p>So haben die Shing auf der ganzen Welt nach dir gesucht. Der, dem wir begegnet sind, war der einzige �berlebende; im Unterschied zu den anderen hat er die Insel verlassen und das Meer �berquert. Die Suche der anderen blieb vergeblich, und weil sie ihre Mission nicht einfach abbrechen konnten, sind sie nie zu Tsoltan zur�ckgekehrt. Sie suchten in ihrer Welt immerfort nach jemandem, den es dort gar nicht mehr gab. Selbst wenn sie dir auf die Spur gekommen w�ren, h�tten sie dich nicht erkannt � ebenso wenig wie der, dem wir begegnet sind �, denn du tr�gst ja inzwischen einen anderen Namen. Und weil Tsoltan dich nicht hatte einfangen lassen k�nnen, war er auch nicht in der Lage, die Shing zur�ckzurufen. Er hat das Spiel verloren und seine d�monischen Kr�fte eingeb��t. Als MacQuieth ihn schlie�lich traf, war von Tsoltan nur noch die menschliche Seite �brig geblieben. Die Macht des F�dor hatte sich tausendfach aufgeteilt und war mit den Shing verloren gegangen.� </p><p>Der k�hle Wind machte sie frieren. Grunthor �ffnete seinen schweren Mantel und h�llte sie darin ein. Kichernd fuhr Rhapsody fort. �Sich mit dem Anh�nger einer Kette zu unterhalten ist ziemlich seltsam. Seine Ansichten vom Leben sind, gelinde gesagt, ein bisschen verdreht. Wie auch immer, es scheint, dass MacQuieth dem sterbenden Priester das Amulett vom Hals gerissen, es mit nach Elysian � das echte, n�mlich in den Palast � genommen und dem K�nig als Troph�e geschenkt hat. Ich wei� nicht, welchem K�nig � von solchen Dingen versteht das Amulett nichts.</p><p>�ber viele Generationen war es im k�niglichen Museum ausgestellt. Mit der Zeit aber gerieten seine Herkunft und Bedeutung in Vergessenheit, sodass es schlie�lich blo� ein Ausstellungsst�ck unter vielen war. </p><p>Als schlie�lich die Insel evakuiert werden musste, hat man das Amulett mit anderen wertvollen Gegenst�nden in eine Kiste gepackt und als Teil des kulturellen Erbes mitgenommen. Die Kiste kam unversehrt in Canrif an, wurde aber nie ausgepackt, sein Inhalt nie zur Schau gestellt. Ich vermute, das neue Leben war f�r Gwylliam und seine Untertanen so aufregend und abwechslungsreich, dass man f�r Erinnerungsst�cke von fr�her keine Mu�e hatte, schon gar nicht f�r eines, das so h�sslich ist, dass man sich nicht einmal damit schm�cken kann.</p><p>Also blieb es in der Kiste liegen und setzte Staub an. Dann brach der Krieg aus, und als Gwylliam starb, fielen die Bolg �ber den Berg her. Sie fanden das Amulett in den Ruinen einer Siedlung, wahrscheinlich von Lirin oder Gwadd bewohnt, tief im Verborgenen Reich. Aber sie hatten Angst davor und r�hrten es nicht an.</p><p>Dann kam die Zeit des Schamanen Saltar � oder wie immer er gehei�en haben mochte. Er hatte den Mut, sich das Amulett um den Hals zu h�ngen, und erkannte, dass es ihm Macht verlieh. Ich glaube, dass diese Macht urspr�nglich nicht viel mehr als das Ergebnis von Furcht war, die das �Feuerauge� unter den Bolg verbreitete, ja, selbst unter denen vom Stamm der Faust-und-Feuer-Bolg.</p><p>Und es dauerte nicht lange, da zeigte sich ihm der Shing, der den Bruder gesucht hatte, jetzt aber, �ber das Amulett sozusagen neu beauftragt, nach Tsoltan oder seinem Nachfolger zu fahnden begann. Der Shing hat Saltar erkl�rt, wie man mit Hilfe des Auges �ber gro�e Entfernungen blicken und die Reaktionen anderer vorhersehen kann. Darum war er auch dir, Grunthor, im Kampf immer einen Schritt voraus.� </p><p>�Dieser kleine Drecksack�, murmelte der Sergeant. �Mit dem war ich sonst im Handumdrehen fertig geworden.� </p><p>�Zweifellos. Aber dank des Amuletts konnte er hellsehen. Dass er rot ger�nderte Augen hatte, war das �u�ere Zeichen f�r diese spezielle Gabe. Wovon ich mich ja auch habe �berzeugen k�nnen, als ich das Ding in der Hand hielt. Wie dem auch sei, ich glaube, das ist die ganze Geschichte oder zumindest das, was ich davon verstanden habe. Da w�re allerdings noch ein interessantes Detail, und das hat mit deinem Namen zu tun, Achmed. Ich meine, deinem alten Namen.�</p><p>�Und?� </p><p>Rhapsody kramte in ihrem Gep�ck und holte ein St�ck �lpapier daraus hervor, das mit Holzkohle bestrichen worden war. </p><p>�Erinnerst du dich?� </p><p>�Nat�rlich.� Seine seltsamen Augen schienen im Dunkeln zu leuchten.</p><p>�Du sagtest, dass das Schild, das du mit diesem St�ck �lpapier abgepaust hast, an einem gro�en Obsidianblock gehangen hat.�</p><p>�Ja, so w�r�s�, best�tigte Grunthor.</p><p>�Und die Inschrift lie� erkennen, dass dieser Block urspr�nglich als Altar in einem bestimmten Tempel gedient hat.� </p><p>�Ja.� </p><p>�Dieser Tempel wurde von Tsoltan im Auftrag seiner Gottheit � der Allesverschlingerin und G�ttin der Leere � zerst�rt, der Altar geraubt. Das war, lange bevor er dir deinen Namen geraubt hat.� </p><p>Rhapsody suchte in Achmeds Miene nach einer Gef�hlsregung, doch es zeigte sich keine. �Ich vermute, dass dein Name einmal in diesem Stein eingeschlossen gewesen ist.�</p><p>�M�glich.� </p><p>�Das k�nnte bedeuten, dass die Gewinner des Serenschen Krieges den Stein zur�ckverlangt und ihn ihrem Gott des Lebens neu geweiht haben, was, wenn ich richtig informiert bin, der �ltere Name des Allgottes war. Aber daran erinnert sich das Amulett nat�rlich nicht. Allerdings hat es mir ein deutliches Bild von Tsoltans Schrecken vermittelt, als er entdeckte, dass du ihm aus dem Ruder gelaufen bist. Schade, dass ich es dir nicht zeigen kann. Du h�ttest mit Sicherheit deinen Spa� daran. Vielleicht werde ich eines Tages einmal eine komische Ballade aus diesem Stoff komponieren. So, w�ren wir dann jetzt fertig? Kann�s weitergehen?�</p><p>K�nig und Sergeant sahen einander an und nickten. Zu dritt begaben sie sich an die Stelle zur�ck, wo das Amulett im Gras lag und mit seinem Auge zu den Sternen emporstarrte.</p><p>�Wei�t du denn, was jetzt zu tun ist, Gr�fin?�, fragte Grunthor.</p><p>�Nein.� </p><p>Der Riese zwinkerte. �Na, dann wir werden wohl ein bisschen improvisieren m�ssen.�</p><p>Die S�ngerin l�chelte. �Gib�s zu, das gef�llt dir doch.� Sie schloss die Augen und zog das Schwert aus der Scheide, einer Metallh�lle, die in Achmeds Schmiede gefertigt worden und mit dem schwarzen Tropfstein geschm�ckt war, den sie gefunden hatte. Als die Tagessternfanfare daraus hervorglitt, war es, als h�tte die Klinge zu singen angefangen, eine Melodie voller Leben, die ihr wohlige Schauer �ber den R�cken rieseln lie�. </p><p>Der Widerschein der �therisch gl�henden Klinge und der daran entlangz�ngelnden Flammen flackerte auf ihrem Gesicht und ergl�nzte in ihren Haaren. Wie ein Leuchtfeuer stand sie da auf weiter, dunkler Flur. </p><p>Passend zum Lied des Schwertes stimmte sie ihren Grundton an und f�hlte sich durchdrungen von der Kraft dieser herrlichen sinfonischen Musik, die mit den Flammen in einem mitrei�enden Crescendo aufbrauste. Sie �ffnete die Augen und suchte am Himmel nach dem Stern, den sie entdeckt hatte, jenen kleinen Richtungsstern Maurinia, der Seefahrern zur Orientierung diente und als blau leuchtender Punkt �ber dem Mittagskreis schwebte.</p><p>Wie schon im Traum h�rte sie nun wieder im Innern die Stimme der Mutter.</p><p><emphasis>Feuer ist von gro�er Kraft. Aber das Sternenfeuer kam zuerst auf die Welt und ist das machtvollste Element �berhaupt. Nutze das Feuer der Sterne, um dich und die Welt von dem Hass zu befreien, der von uns Besitz ergriffen hat</emphasis>.</p><p>Rhapsody holte tief Luft und hob das Schwert himmelw�rts. Sie h�rte dessen Musik anschwellen und in der Seele klingen, zeigte mit der Spitze auf Maurinia und sp�rte, wie der Stern in vollkommener Harmonie singend antwortete. Mit geschlossenen Augen wiederholte sie seinen Namen.</p><p>Pl�tzlich erstrahlten die hohen Berggipfel ringsum voller Glanz; ihr Licht fiel silbrig auf die Felder und Schluchten, und es war taghell, nein, heller noch, denn selbst die Schatten l�sten sich auf. Am Ende schien es, als leuchteten sogar die K�rper der drei Gef�hrten aus eigener Kraft.</p><p>Mit ohrenbet�ubendem Donner zuckte j�hlings ein Feuer herab, hei�er als das im Kern der Erde. Es traf auf das goldene Amulett, und die schwere Schieferplatte, auf der es lag, zerfiel zu Staub und Asche. Die drei schirmten ihre Augen ab gegen das glei�ende Licht, in dem das ganze Tal aufzugehen schien. Wenig sp�ter war es wieder erloschen. Nur ein feiner Aschestaub auf dem Boden des versteckten Winkels war als sichtbare Spur zur�ckgeblieben.</p><p>Grunthor hielt Rhapsody bei den Schultern gepackt.</p><p>�Alles in Ordnung, Herzchen?�</p><p>Sie nickte kaum merklich, starrte reglos vor sich hin und versuchte, die Stimme, die sie im Geiste h�rte, einzufangen. Vergebens. Vom Wind fortgetrieben, war sie bald nur mehr ein Fl�stern und entschwand. </p><p><emphasis>Dann werde ich in Frieden ruhen, bis du mich wieder siehst</emphasis>.</p><p>�Rhapsody?� </p><p>Sie starrte immer noch nach vorn, lauschte mit jeder Faser ihrer Seele, bis von der Stimme nichts mehr zu h�ren war. </p><p>Tr�stend nahm Grunthor sie in seine m�chtigen Arme. Rhapsody flackerte mit den Lidern. Ihr war, als h�tte sie sich gerade endg�ltig von der Vergangenheit und ihrer Familie verabschiedet.</p><p>Sie kam sich elend und allein gelassen vor und f�rchtete, vor Kummer vergehen zu m�ssen. Was sie einzig davor bewahren konnte, waren die starken Arme und die freundlichen Worte der Freunde, jener beiden, die sie vor langer, langer Zeit in irgendeiner kleinen Seitengasse als Br�der adoptiert hatte. Rhapsody seufzte tief und sagte, an die beiden Bolg gerichtet, die offenbar in Sorge um sie geraten waren: �Das w�re erledigt. Was jetzt?�</p><p>�Zur�ck an die Arbeit�, antwortete Achmed und grinste aus dem Ausschnitt der Kapuze. �Grunthor und ich haben nach unserer kleinen Exkursion ins Verborgene Reich eine Menge aufzur�umen. Mit Ausnahme der H�gel-Augen sind mittlerweile alle Klans vereint. Jetzt gilt es, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Oh, und nicht zu vergessen: die Bestattung der Gefallenen.�</p><p>Sie nickte. �Sind schon die Gr�ber ausgehoben?�</p><p>Der K�nig legte die Stirn in Falten. �Ich hatte eher an eine Feuerbestattung in der Schmiede gedacht�, antwortete er und zuckte merklich zusammen angesichts ihrer Miene.</p><p>�Nein, kommt nicht in Frage�, entgegnete sie angewidert. �Mag sein, dass die Nain dort ihre Toten verbrannt haben, aber wir werden die Schmiede nicht als Krematorium benutzen.�</p><p>�Warum nicht?� </p><p>�Weil sie, erstens, jetzt dem Aufbau und der Neusch�pfung gewidmet ist und sich schon deshalb nicht eignet als Ort f�r Bestattungen. Was aber entscheidender ist: Im Unterschied zu den Lirin, die ihre Toten verbrennen, um sie dem Wind und den Sternen zur�ckzugeben, verstehen sich die Bolg als Kinder der Erde, nicht des Himmels. Darum geh�rt es sich, sie in der Erde beizusetzen.� </p><p>Achmed zuckte mit den Schultern. �Sei�s drum. Ich beuge mich deiner �berlegenen Kenntnis in Sachen Bestattungskultur. Die Bolg d�rfen sich gl�cklich sch�tzen, dass ihnen eine echte S�ngerin am Grab ein St�ndchen h�lt.� Er sah, dass sich ihr Blick wieder verd�sterte. �Was ist los?� </p><p>Als sie nicht antworten wollte, nahm er sie beim Arm.</p><p>�Wir sind in Sicherheit, Rhapsody. Das Amulett ist verschwunden, zusammen mit dem Letzten der Shing. Tsoltan ist tot, und den F�dor wird�s wohl auch nicht mehr geben. Wir k�nnen uns nun voll und ganz dem Aufbau von Ylorc widmen. Das steht jetzt an und liegt in unserer Hand. Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken und m�ssen nicht l�nger trauern. Es ist an der Zeit, nach vorn zu schauen.�</p><p>Sie blickte ihn an und l�chelte trotz betr�bter Miene.</p><p>�F�r dich vielleicht�, sagte sie.</p></section><section><title><p>60</p></title><p>Ab und an tauchte die Sonne hinter Wolken auf, als Rhapsody in den Felsen kletterte, die der Heide vorgelagert waren. </p><p>Seit einer Weile lief sie allmorgendlich, das Schwert geschultert, �ber die steilen Pfade der Umgebung, um an Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer dazuzugewinnen. Es war ein anstrengendes Programm, das sie sich zurechtgelegt hatte, doch der Erfolg, den sie deutlich an sich wahrnehmen konnte, trieb sie weiter an. Sie suchte jetzt nach einer neuen �bungsstrecke und hatte pl�tzlich das Bed�rfnis, nicht mehr einfach nur zu laufen � sie w�nschte sich, Rei�aus nehmen zu k�nnen. Achmeds K�nigreich nahm Formen an, die ihr gegen den Strich gingen. Nachts wurde sie von so schrecklichen Albtr�umen geplagt, dass sie sich gar nicht mehr schlafen legen mochte. Sie hatte schon dran gedacht, zu Jo ins Bett zu kriechen, sich aber dann doch eines anderen besonnen aus Sorge, das M�dchen mit ihren n�chtlichen Schreckensvisionen wom�glich zu verst�ren.</p><p>Achmed und Grunthor waren meist unterwegs, sodass sie auch auf deren Trost verzichten musste. Umso einsamer f�hlte sie sich in den kalten Felsfluren des Palastes.</p><p>Nach dem Abendessen war sie auf den Gedanken verfallen, dass es vielleicht m�glich w�re, ihren Albtr�umen davonzulaufen, in dem Sinne, dass sie schlie�lich selbst zum Tr�umen zu ersch�pft und m�de sein w�rde. </p><p>Doch als sie jetzt am Rand der Heide stand, war ihr Kummer fast vergessen. Aus langem Winterschlaf erwacht und wie von g�ttlicher Hand gesegnet, erstrahlte die weite Graslandschaft im goldenen Glanz der untergehenden Sonne. </p><p>Die ersten Blumen bl�hten und brachten zarte Farbkleckse ins Bild, die auf Beifall zu warten schienen, um sich dann selbstbewusst entfalten zu k�nnen. Rhapsody tat ihnen den Gefallen und stimmte, auf den Fersen hockend, ein Lied an, das sie von Llauron gelernt hatte, und tats�chlich reagierten die Bl�ten auf ihren Gesang. Tief bewegt von der Sch�nheit der Landschaft, fragte sie sich, ob es denn tats�chlich m�glich war, dass die Bolg allen Sinn daf�r verloren hatten.</p><p>Sie stand auf, drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis und trank mit den Augen den Anblick der H�gel und Felder im Aufzug der Nacht. Bis zu den fernen, schroffen Zacken, die �ber das alte Cymrerreich wachten, reichte ihr Blick, und die Welt lag ihr zu F��en.</p><p>Rhapsody versuchte sich vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen haben mochte, als die Firbolg noch fernab in ihren H�hlen gelebt und die Aussiedler ihrer Heimat sich um dieses Land gek�mmert hatten. Wie verschieden waren doch Serendair und diese felsigen, gebirgigen Steppen voller Heidekraut und dorniger B�sche. Ob sich die Cymrer hier jemals heimisch gef�hlt haben?, fragte sie sich � und: K�nnte auch ich hier heimisch werden? War es m�glich, den Kummer �ber den Verlust der Heimat zu vergessen und sich mit dem Vorgefundenen zu tr�sten?</p><p>Ein stechender Schmerz bohrte sich in ihr Herz, und ihr wurde wieder bewusst, aus welchem Grund sie hier heraufgestiegen war. Sie musste Mittel und Wege finden, ihre qu�lenden Albtr�ume loszuwerden. </p><p>In letzter Zeit hatte sie sich angew�hnt, die Tagessternfanfare, aus der Scheide gezogen, in eine Ecke ihrer Kammer im Kessel oder in ihrem Schlafzimmer in Elysian an die Wand zu lehnen, um an der W�rme und dem Glanz, die das Schwert ausstrahlte, Trost zu finden, wenn sie nachts aus dem Schlaf aufschreckte. Allerdings stellte sich dar�ber bei ihr auch ein Schuldgef�hl ein, kam es doch einem geradezu frevlerischen Missbrauch gleich, diese alte Waffe zu nichts weiter als einer Art Notbeleuchtung zu verwenden.</p><p>Von Michael und seinesgleichen tr�umte sie nur noch selten; viel mehr qu�lten sie die Bilder von zu Hause und von den Lieben, die nun schon �ber tausend Jahre tot waren. Manchmal h�rte sie die Eltern oder ihre Br�der flehentlich rufen, dass sie doch endlich nach Hause zur�ckkehren m�ge. Manchmal tr�umte sie vom Serenschen Krieg, der gro�en Heimsuchung, die �ber ihr Land gekommen war, kurz nachdem sie es verlassen hatte, und dann stellte sich ihr die Frage, was den Angeh�rigen an Schrecken widerfahren sein mochte. Hatten sie das Ende des Krieges noch erlebt, oder waren sie ihm schon vorher zum Opfer gefallen? Was hatte ihre Mutter gemeint, als sie sagte, dass die Familie durchs Feuer umgekommen sei? Schreiend erwachte Rhapsody aus ihren Albtr�umen vor allem dann, wenn sich ihre Phantasie auf diese Fragen Antworten ausmalte.</p><p>Doch am schlimmsten waren jene nostalgischen Tr�ume, die ihr vorgaukelten, tats�chlich zu Hause zu sein, w�hrend ihr Exil nur eingebildet war, dass sie im Scho� der Familie aufgehoben sei und ein Leben f�hre wie eh und je.</p><p>In solchen Tr�umen meinte sie manchmal, sich selbst und andere davon �berzeugen zu m�ssen, dass sie tats�chlich geflohen und das traurige Leben, das sie jetzt f�hrte, Wirklichkeit war, und sie bettelte darum, festgehalten zu werden, damit sie nicht dorthin zur�ck m�sste, fand sich aber schlie�lich doch, erwachend, in der Dunkelheit des Kessels wieder. Und dann weinte sie heimliche Tr�nen der Verzweiflung. </p><p><emphasis>Nicht wieder,</emphasis> sagte sie sich. <emphasis>Da will ich diese Nacht nicht wieder durch m�ssen</emphasis>. Sie blickte �ber die Heide, sah den warmen Fr�hlingswind �ber die frisch aufgegangenen Blumen streichen und steckte im Geiste eine Laufstrecke ab. Dass sie nicht schon ihre Sportsachen angezogen hatte, ehe sie aus der Gro�en Halle aufgebrochen war, bedauerte sie jetzt. Wie gew�hnlich trug sie ihr weiches graues Kleid, das eng am K�rper anlag, aber an den �rmeln und am Rocksaum weit ausgestellt war, was sich zum Laufen nicht besonders gut eignete.</p><p>Rhapsody lief los, ziellos und nur verzweifelt darauf aus, sich selbst zu vergessen. Beide Arme ausgebreitet, sp�rte sie die �rmel im Wind flattern wie Vogelschwingen. Sogleich f�hlte sie sich befreit und l�ste die Schleife, die das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst hielt. Wie ein Liebhaber griff der Wind in die Locken, die das Licht der untergehenden Sonne auffingen und in den Himmel zur�ckwarfen. </p><p>Sie lief, den Wind im R�cken, bis sie den S�drand der Heide erreicht hatte, kehrte um und lief zur�ck. Das Haar wehte wie eine Fahne am Mast. Sie folgte der sinkenden Sonne nach Westen, sprang �ber Grasb�schel und gro�e Feldsteine und drehte sich mit schwingendem Kleid wie im Tanz mit dem Wind. </p><p>Dabei wirbelte sie umher und sprang, lie� sich leiten von einer nicht bewusst gef�hlten Anmut und h�rte im Innern den Wind singen. Der rief eine Saite in ihrer Seele auf, die sich krampfhaft zusammengezogen hatte, um das Herz davor zu bewahren, dass es zerbrach. Von diesem Albdruck befreit, flog die Seele mit ihr im Sturmlauf der Nacht entgegen.</p><p>Sie lief unmittelbar am Rand der Heide entlang, nicht l�nger tanzend, sondern darauf bedacht, m�glichst schnell zu sein. Dass gleich neben ihr der Abgrund g�hnte, �ngstigte sie nicht, im Gegenteil, sie w�nschte sich fast, dass sie der Wind vom Plateau fegte. Als die Sonne hinter dem Felsgrat wegtauchte, legte sie eine kurze Pause ein und badete das Gesicht in den letzten Strahlen. Dann rannte sie weiter, so schnell sie nur konnte, und der Wind, der ihre schwei�nasse Haut k�hlte, frischte auf mit dem Hereinbrechen der Nacht.</p><p>Als sie schon zw�lfmal das weite Feld umrundet hatte, glaubte sie in der Lage zu sein, eine weitere Runde mit geschlossenen Augen zu drehen, was sie auch versuchte. Doch bald schlug sie die Augen lieber wieder auf und folgte mit ihren Blicken den l�nger werdenden Schatten, die die Zacken der Zahnfelsen �ber die Heide warfen.</p><p>Endlich machte sich die Ersch�pfung bemerkbar, auf die sie es angelegt hatte. Da trat ihr pl�tzlich eine dunkle Gestalt in den Weg, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Vor Schreck geriet sie ins Stolpern und w�re wohl gest�rzt, h�tte die Gestalt nicht schnell die Arme ausgestreckt und sie aufgefangen. </p><p>Rhapsody riss sich sofort los und z�ckte den Dolch. Au�er Atem und nach Luft ringend, bem�hte sie sich, Haltung anzunehmen, und musterte die graue Gestalt aus weit aufgerissenen Augen.</p><p>�Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken�, meldete sich eine Stimme, die ihr vage vertraut vorkam. </p><p>�Wer, zum ... wer bist du?�, keuchte sie emp�rt.</p><p>�Ich bin�s, Ashe. Wei�t du denn nicht mehr? Wir haben in Bethe Corbair zusammen zu Mittag gegessen.� </p><p>�Himmel!�, platzte es aus ihr heraus. Sie zitterte am ganzen K�rper, so erschrocken und ersch�pft war sie. �Mach das nicht noch mal mit mir. Es h�tte nicht viel gefehlt, und ich h�tte dir den Hals aufgeschlitzt.� </p><p>Aus der verh�llten Kapuze war ein leises Lachen zu vernehmen. �Das n�chste Mal bin ich vorsichtiger, versprochen�, antwortete Ashe, und dass er l�chelte, war seiner Stimme anzuh�ren. </p><p>�Was treibst du hier? Und wie bist du an den Wachposten der Bolg vorbeigekommen? Das wird Grunthor �berhaupt nicht gefallen.�</p><p>�Ich hoffe, er wird mit den Wachen nicht allzu harsch ins Gericht gehen�, sagte er voller Mitgef�hl. </p><p>�Sie k�nnen nichts daf�r. Au�erdem bin ich auf Einladung hier.�</p><p>Fr�stelte sie soeben noch vor Angst und Schrecken, so wurde ihr nun pl�tzlich ganz hei�. �Wirklich? Wer hat dich denn eingeladen?�</p><p>�Ja, du und Jo. Jedenfalls habe ich mich eingeladen gef�hlt, als Jo meinte, dass ich jederzeit willkommen sei. Es tut mir Leid, wenn ich irgendetwas missverstanden habe.�</p><p>Rhapsody sp�rte, wie die Hitzewelle wieder abebbte. �Nein, nein�, beeilte sie sich zu sagen. �Ich bin es, der sich entschuldigen m�sste. Nat�rlich bist du willkommen. Du hast mich auf dem falschen Fu� erwischt. Ich war ganz au�er Atem und nicht ganz bei mir.�</p><p>�Vor wem oder was l�ufst du davon?�</p><p>Rhapsody dachte �ber eine Antwort nach, doch auf die Schnelle fiel ihr keine ein, die sie diesem Fremden h�tte anvertrauen wollen. �Nichts Greifbares�, sagte sie und setzte eine heitere Miene auf. </p><p>�Ach, ja?� </p><p>�Ja�, sagte sie. �Und wovor versteckst du dich?�</p><p>Die verh�llte Gestalt lachte und verbeugte sich komplimentierend. �Auch das ist nicht greifbar.� </p><p>Kaum dass sie sich von dem ersten Schock erholt hatte, stellte sich wieder Beklommenheit ein. Sie war hierher auf die hoch gelegene und abgeschiedene Heide gestiegen, um ihren Albtr�umen zu entrinnen, und einer Gestalt gewisserma�en in die Arme gelaufen, die wie einem Albtraum entstiegen zu sein schien. </p><p>Sie versuchte, sich an den Traum zu erinnern, an jene Vision, die ihr zweimal einen K�rper vor Augen gef�hrt hatte, der, auf einem Tisch aufgebahrt, in der Dunkelheit aufgl�hte und verschwand. </p><p><emphasis>Ich kann ihn nicht mehr sehen, Mama. Warum nicht?</emphasis></p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>Rhapsody blickte in den Ausschnitt der Kapuze, doch da war rein gar nichts zu sehen, was sie �ngstigte, zugleich aber auch ein bisschen traurig machte. Auch sie hatte sich schon h�ufig verstecken und unsichtbar machen m�ssen. Was war wohl der Grund daf�r, dass sich Ashe den Blicken anderer entziehen zu m�ssen glaubte? War er in den Augen der Hiesigen so anders und unansehnlich? War er wom�glich �berfallen, grausam zugerichtet und entstellt worden?</p><p>Es trat nun ein anderes Bild vor ihr geistiges Auge und machte sie zittern. Es war das Bild eines Mannes, der in Dunkelheit ertrank und dabei uns�gliche Qualen litt.</p><p>�Rhapsody? Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Sie sp�rte, wie sich ihr Gesicht verzog, die Wangen krampften. Dass sie Angst hatte, war nicht zu verkennen. </p><p>�Ja�, sagte sie. �Mir geht�s gut. Warum kommst du nicht mit?� Sie l�chelte matt und strich sich eine Str�hne aus dem Gesicht. �Ich bringe dich zum Kessel. Achmed wird sich freuen, dich wieder zu sehen. Er ist unser K�nig, musst du wissen.�</p><p>�Kessel?� </p><p>�Ja, so hei�t der K�nigsitz, wozu auch die Gro�e Halle geh�rt.�</p><p>�Herrje.� Die Kapuzengestalt wirkte einen Augenblick lang wie erstarrt.</p><p>�Ja, nun, wir sind hier immerhin im Land der Firbolg. Komm, ich werde dir zeigen, wie gastfreundlich man bei uns ist.� Sie band ihr Haar wieder im Nacken zusammen, und trat den R�ckweg an. Der graue Schatten ging neben ihr her. �Glaub mir, ich w�rde dir �berall hin folgen, wei� aber nicht, ob ich auch Schritt halten k�nnte, wenn du zu laufen anfingest.�</p></section><section><title><p>61</p></title><p>Ashe sah Canrif zum ersten Mal; es war auch f�r ihn ein Anblick, der verwunderte und d�ster stimmte. Die P�sse in den Zahnfelsen wurden streng bewacht. Die Posten, die dort ihren Dienst versahen, waren zwar nur leicht bewaffnet und gepanzert, aber gewissenhaft ausgebildet und machten ihre Sache nicht weniger gut als die Soldaten von Sorbold und besser als die von Roland, deren R�stzeug manche von ihnen trugen. Als Wachen waren nur die Lirin besser.</p><p>Als Ashe das letzte Mal in die Bolgl�nder gekommen war, hatte er als junger Rekrut im Heer von Bethania an einer Fr�hjahrss�uberung teilgenommen, aber das war noch in seinem anderen Leben gewesen, als er sich noch frei und offen in menschlicher Gesellschaft hatte bewegen k�nnen und auch Veranlassung dazu gehabt hatte.</p><p>Er hatte an diesem Waffengang teilgenommen und keinerlei Skrupel dabei empfunden, allerdings auch keine sadistische Lust, als es darum gegangen war, die menschen�hnlichen Ungeheuer niederzumachen, die dort lebten.</p><p>Gewissensbisse stellten sich erst sp�ter ein, insbesondere jetzt, da er die Bolg als das erkannte, was sie wirklich waren: zwar primitiv und kriegerisch, aber doch von Menschenart und keine Tiere. Und diese beiden, Rhapsody und der Mann, den sie Achmed nannte, hatten es fertig gebracht, die Bolg zusammenzuf�hren und in k�rzester Zeit zu einer starken Streitmacht aufzurichten. Das in Erfahrung gebracht zu haben war ihm sehr wichtig.</p><p>Er hatte auf der dunkelnden Heide gestanden und Rhapsody lange Zeit beobachtet, ohne sich ihr bemerkbar zu machen. </p><p>Zuerst war ihm nicht ganz klar gewesen, was sie da trieb, warum sie gegen den Wind lief und die Haare fliegen lie�. Dann aber fiel ihm auf, wie leidenschaftlich und wild ihr Tanz war, und ihm wurde bewusst, dass sie zu fliehen versuchte, aber kein Ziel hatte. Umso gr��er wurde sein Verlangen nach ihr. </p><p>Ashe versuchte, seine Gef�hle im Zaum zu halten, als er ihr nun �ber felsige Steige in die von Fackellicht beleuchteten H�hleng�nge folgte, die zur uralten Machtzentrale der Cymrer f�hrten. Canrif � die legend�re Wiege der cymrischen Zivilisation, die ein hoch entwickeltes Rechtswesen ausgebildet und Bahnbrechende wissenschaftliche und technische Leistungen vollbracht hatte, die die K�nste zur Bl�te gef�hrt, gro�e Basiliken und Stra�en gebaut und erstaunliche Entdeckungen gemacht hatte. Und all das war schlie�lich einem blindw�tig gef�hrten Krieg zum Opfer gefallen. Was f�r eine Schande! Ashe schaute sich um. Beim Durchschreiten dieser G�nge war ihm, als erlebte er die Geschichte noch einmal. </p><p>An den Ruinen der Festung hatte sich seit der Flucht der Cymrer offenbar kaum etwas ver�ndert, und es stank in ihnen auch noch vierhundert Jahre sp�ter nach Pech und Rauch, nach bitterer Niederlage. Gwylliam war ein gro�er Ingenieur gewesen, ein Mann, der etliche der gr��ten Bauwerke der bekannten Welt errichtet hatte, auch so ein Weltwunder wie Canrif. Er hatte aus diesem Felsmassiv eine fast uneinnehmbare Festung herausgeschlagen, f�r W�rme, Licht und L�ftung gesorgt und eine Wohnung geschaffen f�r all die so unterschiedlich gearteten Volksgruppen, die mit ihm und der letzten Flotte hierher gekommen und �ber dreihundert Jahre zusammengeblieben waren.</p><p>Zum Schluss f�hrte Rhapsody ihn durch einen langen Flur zum einstigen Thronsaal, der Gro�en Halle von Canrif, das nun Ylorc genannt wurde. Dort traf er nun auch die beiden an, die er schon auf dem Markt von Bethe Corbair kennen gelernt hatte das M�dchen Jo und diesen unausstehlichen Mann namens Achmed. </p><p>Des Weiteren war da ein riesiger Bolg, allem Anschein nach ein Mischling, den Rhapsody mit dem Namen Grunthor und als Hauptmann der Garde vorstellte, worauf der Riese die Hacken zusammenschlug und nickte, ansonsten aber schwieg. Jo zappelte aufgeregt herum, war aber offenbar schon zurechtgewiesen worden und hielt sich l�chelnd zur�ck.</p><p>�Was f�hrt dich hierher?�, fragte Achmed geradeheraus.</p><p>Ashe seufzte heimlich. Vielleicht h�tte er lieber doch nicht kommen sollen. Rhapsody antwortete f�r ihn. </p><p>�Wir haben ihn eingeladen, Achmed. Erinnerst du dich nicht? Du warst doch dabei.� Sie wandte sich Ashe zu, schaute ihm in den Ausschnitt der Kapuze und war fast mit ihm auf Augenh�he. �Es freut uns, dass du gekommen bist. Nicht wahr, Jo?� Sie l�chelte, und Ashe sp�rte, wie seine Knie zu zittern anfingen. </p><p>�Ja�, sagte Jo. </p><p>�Wann reist du wieder ab?�, fragte Achmed.</p><p>�Achmed! Verzeih, Ashe. Er wollte eigentlich fragen, wie lange du bleiben kannst. Wir m�chten uns darauf einstellen.� Rhapsody warf Achmed einen strafenden Blicke zu, um dann dem Gast sogleich wieder zuzul�cheln. Ashe hatte M�he, den Blick von ihr loszurei�en, was aber n�tig war, denn er musste auf der Hut bleiben.</p><p>�So lange ich willkommen bin�, antwortete er.</p><p>�Danke f�r den Besuch. Sch�n, dich zu sehen�, sagte Achmed.</p><p>�Achte gar nicht auf ihn. Er versucht, witzig zu sein, was ihm aber nie so recht gelingen will.� </p><p>Rhapsody err�tete vor Verlegenheit und Wut.</p><p>�Ich kann ohnehin nicht lange bleiben�, sagte Ashe, fasziniert von Rhapsodys kaleidoskopisch wechselndem Mienenspiel. Mal war ihr Ausdruck warm und herzlich, mal wutentbrannt. Er h�tte ihr stundenlang ins Gesicht schauen k�nnen, ohne dass ihm dabei langweilig geworden w�re.</p><p>�Wir haben die Unterk�nfte f�r Botschafter herrichten lassen, weil wir jetzt, da mit Roland und Sorbold Friedensvertr�ge unterzeichnet sind, deren Gesandtschaft bei uns erwarten. Dort wirst du ein angenehmes Quartier finden.�</p><p>�Wie bitte?� Ashe hatte von der Niederlage des Heers von Roland geh�rt; diese Nachricht war in aller Munde. Aber dass es schon vertragliche Vereinbarungen gab, war ihm neu. Die drei Achmed, Grunthor und Rhapsody � regierten doch erst seit wenigen Monaten. Es erschien ihm geradezu unm�glich, dass in so kurzer Zeit schon Gespr�che aufgenommen, geschweige denn zum Abschluss gebracht worden waren. Das Zustandekommen des Friedensschlusses zwischen Roland und Sorbold hatte seinerzeit fast zweihundert Jahre in Anspruch genommen. Wieder sah sich Ashe vor einem R�tsel. Die drei schienen ungemein m�chtig und einflussreich zu sein. </p><p>Sie waren zu dritt. Eine bedeutungsvolle Zahl, dachte Ashe, obwohl er den alten Prophezeiungen nicht glauben mochte. Wie auch immer, das M�dchen Jo schien zwar auf diesem Kontinent geboren zu sein, die drei anderen aber kamen offenbar woanders her. Trotzdem, angesichts einer solch einmaligen F�lle von Macht war selbst Ashe geneigt, an l�ngst aufgegebene Hoffnungen wieder anzukn�pfen. Rhapsody lachte. �Warum so �berrascht? Vor wenigen Wochen haben wir zuerst mit Roland und dann auch mit Sorbold einen Nichtangriffspakt und Handelsvertr�ge geschlossen. Die Bolg stellen wieder eine Macht dar, mit der zu rechnen ist, und zwar im positiven Sinne. Sie sind keine marodierenden Banden mehr, sondern zuverl�ssige Wirtschaftspartner.�</p><p>Wie um ihre Worte zu verh�hnen, t�nte aus dem Hintergrund pl�tzlich lautes Geschrei, das von den Felsw�nden widerhallte. Grunthor st�rmte nach drau�en in den Flur. Ihm folgten die anderen auf dem Fu�. Weit brauchten sie nicht zu laufen, denn schon kam ihnen ein Bote entgegen. Er war blut�berstr�mt. </p><p>Rhapsody kam vor Ashe hinter Achmed und Grunthor zu stehen und h�rte, was der Bote zu berichten hatte. </p><p>�Was ist passiert?�, wollte Ashe wissen.</p><p>�Die H�gel-Augen greifen an. Idioten. Achmed hat versucht, sie zu einem B�ndnis zu bewegen, doch sie weigern sich und fallen jetzt �ber andere St�mme her, die sich uns angeschlossen haben.� </p><p>�Hurra!�, br�llte Jo, die hinter Ashe aufgekreuzt war. �Endlich geht�s wieder mal rund; es war schon richtig langweilig hier. Ich hole dir schnell deinen Bogen, Rhaps.� Und schon rannte sie in Richtung Unterk�nfte davon.</p><p>Ashe tippte Rhapsody auf die Schulter. Sie wirkte ver�rgert, aber nicht alarmiert. �Kann ich irgendwie helfen?� </p><p>�Du kannst dich gern n�tzlich machen. In Zeiten wie diesen ist uns jede Hilfe willkommen. Den Bolg fehlt es noch ein bisschen an Disziplin. Sie geraten leicht in Panik, sobald es zum Kampf kommt, vor allem wenn es gegen die H�gel-Augen geht. Das ist der wildeste, blutr�nstigste Klan von allen.� </p><p>Ashe nickte. �Ich helfe gern. Du musst mir nur sagen, wie.�</p><p>�Danke.� Rhapsody l�chelte. �Komm mit.�</p><p>Der Brennstoff f�r die Feuer, die die H�henwege im Gebirge beleuchteten, bestand aus ranzigem Fett, was einen �bel stinkenden Rauch aufsteigen lie�, der Rhapsody den Atem benahm und ihr in den Augen brannte. </p><p>Sie hatte gerade den letzten Wachposten der H�gel-Augen mit einem schnellen Hieb auf den Oberschenkel zu Fall gebracht, als sich ihr eine knochige Hand um den Arm schraubte.</p><p>�Sieh nur!�, h�rte sie Achmeds raue Stimme, deren Klang nichts Gutes verhie�.</p><p>Sie fuhr mit dem Kopf herum und bekam ihren Gast zu Gesicht, der sich trotz des weiten, verh�llenden Umhangs als ein erstaunlich gewandter und schneller K�mpfer entpuppte.</p><p>Auf sich allein gestellt, stand er in einem Ring aus gefallenen Gegnern, die er selbst niedergestreckt hatte, und erwehrte sich ungest�mer Attacken mit verbl�ffender Leichtigkeit. Es schien fast, als versuchte er seine Widersacher nach M�glichkeit zu verschonen.</p><p>In einer verwirrenden Abfolge von Bewegungen, die so schnell ausgef�hrt waren, dass sie mit ihren Blicken kaum folgen konnte, f�hrte Ashe sein Schwert, das in der Dunkelheit blau aufblitzte. Alle, die gegen ihn antraten, gingen, einer nach dem anderen, zu Boden.</p><p>�Er ist gut�, murmelte Rhapsody und sah, wie er zur Seite sprang und einen Schlag parierte, der auf Jo gezielt war. �Fast so gut wie du, Achmed. Wenn der Vergleich �berhaupt gestattet ist. Was meinst du, Grunthor?� </p><p>�Nich schlecht in Form, der Knabe�, pflichtete ihr der Sergeant bei. �Und wie findest du ihn, Achmed?� </p><p>Achmed kniff die Brauen zusammen und setzte eine finstere Miene auf.</p><p>�Er ist offenbar um einiges gef�hrlicher, als ich gedacht hatte.�</p><p>Es war kurz nach Mitternacht. Achmed sa� allein im Dunkeln und dachte nach.</p><p>Die Ereignisse des Tages hatten ihn verst�rt. Der gescheiterte Angriff auf Canrif machte ihm am wenigsten zu schaffen; mit einem solchen letzten Aufbegehren gegen seine Herrschaft hatte er gerechnet. Weitaus irritierender fand er diesen mysteri�sen Fremden, der �ber erstaunliche F�higkeiten verf�gte und Rhapsody wie ein Schatten folgte.</p><p>Er fragte sich, ob Ashes Ankunft und der schlecht geplante Angriff der H�gel-Augen wom�glich in irgendeinem Zusammenhang miteinander standen, und er dachte zur�ck an die seltsamen Vorkommnisse, die er auf seiner Wanderung vom Wei�en Baum durch Navarne bis hin nach Ylorc allenthalben und immer wieder miterlebt hatte: jene m�rderischen Feindseligkeiten, die urpl�tzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund �ber friedliche Ortschaften hereinbrachen und alsbald wieder eingestellt wurden, als w�ren sie ein bedauerliches Versehen gewesen. Der Gedanke, dass diese Gefahr wom�glich nun auch seinem K�nigreich drohte, bereitete ihm gro�e Sorgen.</p><p>Nachdem der Angriff niedergeschlagen worden und noch bevor Grunthor mit seinen Truppen losgezogen war, um den Nachz�glern der aufst�ndischen H�gel-Augen entgegenzumarschieren, hatte er sich kurz mit dem Freund beraten, dem Ashe genauso wenig geheuer war wie ihm. Ehe er den Fremden k�mpfen gesehen hatte, hatte Achmed ihn f�r einen Nichtsnutz und Aufschneider gehalten, und in seiner Einsch�tzung anderer lag er sehr selten falsch.</p><p>Auch f�r Grunthor stand jenseits allen Zweifels fest, dass dieser Fremde ein �beraus t�chtiger Schwertk�mpfer war. Es wollte Achmed einfach nicht in den Kopf gehen, dass er mit seinem ersten Urteil so sehr daneben gelegen hatte. </p><p>Einen Gegner zu taxieren und aufgrund seiner K�rperhaltung und seiner Bewegungen zu ermessen, wie er sich im Kampf schlagen w�rde � darin war er sonst absolut treffsicher. Aber Ashe hatte etwas an sich, das sich einer solchen Einsch�tzung widersetzte. Er war so nebul�s, so undefinierbar, ja, ein leibhaftiges R�tsel, das Achmed umso mehr verunsicherte, als Rhapsody von der seltsamen Ausstrahlung dieses Mannes �berhaupt nichts zu sp�ren schien.</p><p>Zur Verteidigung von Canrif hatte Ashe freiwillig zur Waffe gegriffen, sich den Angreifern in den Hallen des Kessels mutig entgegengeworfen und im Handumdrehen ein halbes Dutzend von ihnen niedergemacht. Anschlie�end war er Grunthor nach drau�en ins Gebirge gefolgt.</p><p>Anfangs hatte er all diejenigen Angreifer abgefangen, die am Sergeanten vorbeigekommen waren, und mit bewundernswert ausgefeilter Schwerttechnik zur Strecke gebracht, so schnell, dass die Klinge kaum zu sehen gewesen war oder allenfalls als blau schimmernder Schatten im Halbdunkel. Und wenn er sie nicht brauchte, steckte er die Waffe schnell in die Scheide zur�ck, bevor Grunthor sie genauer in Augenschein nehmen konnte.</p><p>Trotz seiner �berlegenen Leistungen war Ashe sehr bescheiden. Er ordnete sich wie selbstverst�ndlich unter, f�hrte die ihm gegebenen Befehle anstandslos aus und k�mpfte an jeder Front; gutm�tig bot er Jo R�ckendeckung, so unauff�llig, dass es sie in ihrer Eitelkeit als K�mpferin nicht kr�nkte. Und obwohl es auffiel, dass er besonders gern an Rhapsodys Seite k�mpfte, murrte er nicht, wenn Grunthor ihn auf eine andere Position schickte. Insgesamt war er an der Niederschlagung des Aufstands in einem Ma�e beteiligt, das selbst Grunthor gr��ten Respekt abverlangte.</p><p>Achmed sa� allein in der sp�rlich beleuchteten Gro�en Halle des Kessels und �berlegte, was nun zu tun war. Die Gef�hle, die ihn bewegten, gefielen ihm ganz und gar nicht. Weil ihm Eifersucht vollkommen fremd war, konnte er sie als solche auch nicht erkennen.</p><p>Zum ersten Mal seit seiner Inthronisierung als Kriegsherr nahm er den ranzigen Gestank dieses Ortes zur Kenntnis, einen Gestank, der ihm in der Kehle brannte und ihn zum W�rgen reizte. Schlie�lich gelangte er zu der Auffassung, dass es wohl besser w�re, die Anwesenheit des Fremden noch eine Weile zu ertragen und zu versuchen, ihn n�her kennen zu lernen. Ashe zu vertreiben hatte keinen Sinn; er w�rde ohnehin �ber kurz oder lang zur�ckkehren. Umso wichtiger war es, seine Absichten und Motive zu ergr�nden. Achmed ahnte, dass er mit dem Befund, wie immer er auch ausfallen mochte, nicht zufrieden sein w�rde.</p><p>Rhapsody �ffnete das Schloss, stie� die schwere T�r auf und trat dann zur Seite, um Ashe in die f�r G�ste eingerichtete Kammer eintreten zu lassen.</p><p>Sie hatte, als er und Jo noch zu Abend gegessen hatten, ein Bad genommen, die Kleider gewechselt und eine kleine Wunde verarztet, die ihr im Gefecht durch einen H�uptling der H�gel-Augen beigebracht worden war � den Ashe daraufhin mit Gusto enthauptet hatte.</p><p>Die Wunde war zwar schmerzhaft, aber nicht gef�hrlich, wenn man sie denn vor einer Infektion sch�tzte, was sie mit einer aus Vogelbeeren, Wegerich und Thymian gewonnenen L�sung zu erreichen versucht hatte. Als er jetzt an ihr vorbeiging, roch er, dass sie nach Seife und Vanille duftete, ein Duft, der ihn erschauern lie�. </p><p>Er sah sich in der Kammer um und machte kein Hehl aus seiner Verwunderung. Es war gr�ndlich darin sauber gemacht geworden, die W�nde waren frisch gewei�elt. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, und auf dem Boden lag ein Flickenteppich. Das Bett hatte eine mit Wolle gef�llte Matratze und war mit einer blauen Steppdecke zugedeckt. Auf dem Waschtisch standen Sch�ssel und Krug, unter dem Bett ein Nachttopf und in der Ecke ein stummer Diener. Mit solch einem G�stezimmer hatte er im Reich der Firbolg nicht gerechnet.</p><p>Das Feuer im Kamin knisterte und knackte, fast so, als h�tte man gr�ne Pinienkerne in die Glut geworfen. Ashe strecke sich auf dem Bett aus, gespannt darauf, was Rhapsody nun tun w�rde. Er machte die Augen zu, genoss die friedliche Atmosph�re und sp�rte die von der Feuerstelle ausstrahlende W�rme auf den Augenlidern. Er �ffnete die Augen wieder einen Spaltbreit und sp�hte unter der Kapuze hervor. Rhapsody stand immer noch da, der T�r zugewandt.</p><p>Als sie sich umdrehte, hatte sie dieses bet�rende L�cheln aufgesetzt, das ihm schon so manches Mal die Knie hatte weich werden lassen. Doch da lag ein weiterer Ausdruck in ihren Augen, den er noch nicht kannte, etwas Fremdes, Wundervolles, Warmherziges. Die Augen funkelten im Feuerschein, als sie ihren Blick auf ihn richtete.</p><p>Ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihre H�nde auf die H�ften, bewegte sie �ber die Taille nach oben, fuhr streichelnd �ber die Br�ste und bis an den Halsausschnitt der Bluse, wo sie die Kordel l�ste und aufreizend zu entzurren begann.</p><p>Ashes Atem wurde flacher, als sie die Bluse �ffnete und ihre Haut schimmernd darunter zum Vorschein kam. Seine Lippen brannten, wie immer, wenn er an die h�bsche Kuhle unterhalb ihrer Kehle dachte. </p><p>Immer weiter teilte sich der Ausschnitt, und als der Stoff die Br�ste kaum mehr verh�llen konnte, hob sie die Arme und griff l�chelnd hinter ihren Kopf, worauf die Bluse in der Mitte noch weiter auseinander ging. Ashes Erregung nahm mit jedem beschleunigten Herzschlag zu. Das Feuer im Kamin war kalt im Vergleich zu seinem Blut.</p><p>Mit einem leichten Ruck zog sie die schwarze Samtschleife aus dem Haar und sch�ttelte die Locken aus, die goldenen Kaskaden gleich �ber ihre Schultern fielen. Ashe sp�rte, wie sein Entschluss, allein und im Verborgenen zu bleiben, von einem fast schmerzlichen Verlangen ausgeh�hlt wurde, das sich brennend und �chzend in ihm ausbreitete. Mit stockendem Atem sah er zu, wie die Bluse von ihren Armen glitt und zu Boden fiel.</p><p>Sie stand vor der T�r, die rosig goldene Haut von flackerndem Flammenlicht beschienen. Wie die leibhaftige G�ttin der Morgenr�te erschien sie ihm.</p><p>L�chelnd �ffnete sie das Kleid und lie� es �ber die H�ften und schlanken Schenkel gleiten. Dann kam sie n�her und setzte sich zu ihm aufs Bett. Aus Angst, die Selbstbeherrschung zu verlieren, r�hrte er sich nicht.</p><p>Das war anscheinend, was sie wollte. Sie griff nach seiner Hand, so selbstverst�ndlich, wie es nur eine Frau zu tun vermochte, die das Herz eines jeden Mannes, den sie begehrte, f�r sich gewinnen und festhalten konnte. Dass er es nun war, den sie sich erw�hlt hatte, lie� seine Handfl�chen nass werden vor Schwei�. </p><p>Mit unendlicher Gelassenheit legte sie seine zitternde Hand auf ihre langen, glatten Schenkel und f�hrte sie �ber die H�fte weiter nach oben. Als sie auf der Brust �ber dem Herzen zu liegen kam, schloss sie die Augen. </p><p>Sanft fuhr er mit der Fingerkuppe �ber die zarte Spitze und sp�rte sie fester werden. Auch Rhapsody atmete jetzt flacher, und w�hrend er sie streichelte, ergriff sie seine andere Hand und legte sie auf ihren Schenkel. </p><p>Sie �ffnete die Beine ein wenig, f�hrte seine Hand �ber die seidene Haut auf der Innenseite des Schenkels und holte tief Luft, als er den Mut aufbrachte, ihre Scham zu ber�hren, zuerst zaghaft, dann forschend. Er schaute ihr in die tiefgr�nen Augen, die lustvoll auf ihn gerichtet waren. �Ich m�chte mich bedanken f�r deine Hilfe heute.� Ashe blinzelte mit den Augen. Rhapsody stand nach wie vor bei der T�r, angezogen und mit gerafftem Haar. Das Trugbild l�ste sich auf. Er richtete sich auf und dankte im Stillen seinem Dunstgewand, das seine Erregung diskret verdeckte.</p><p>�Es war mir ein Vergn�gen�, antwortete er. �Und dabei ist mir aufgefallen, dass du erstaunlich gut zu k�mpfen verstehst.� Rhapsody verzog das Gesicht. �Was du nicht sagst.� �Doch, wirklich.� Ashe schwang die Beine �ber die Bettkante und richtete sich auf. �Wie du dieses Schwert f�hrst... alle Achtung.� </p><p>�Es war ein schreckliches Gemetzel�, sagte sie und trat vor den Waschtisch, wo sie ein frisches Handtuch aus einem der F�cher im Untergestell nahm und es �ber den Rand der Waschsch�ssel legte. </p><p>�So etwas ist mir zuwider.�</p><p>Ashe gluckste. �Du bist eine interessante Frau, Rhapsody.�</p><p>�Danke f�r das Kompliment. Es klingt allerdings leicht ironisch aus dem Munde eines Mannes, der nicht einmal im Bett seine Kapuze vom Kopf zieht. Wie auch immer, ich werde mich jetzt zur�ckziehen, es sei denn, du hast noch einen Wunsch.�</p><p>Ashe dachte an seine Phantasie von vorhin. Nat�rlich hatte er noch einen Wunsch, aber darum zu bitten w�re allzu dreist gewesen, zumindest zu diesem fr�hen Zeitpunkt. �Du k�nntest mir vielleicht ein Lied vorsingen. Jo sagt, du bist S�ngerin.�</p><p>Rhapsody schmunzelte. �Lie�e sich das auf morgen verschieben? Ich bin ziemlich ersch�pft.� </p><p>Ashe biss sich auf die Zunge. Er hatte ganz vergessen, dass sie verletzt war. �Nat�rlich. Hei�t das, dass ich eine weitere Nacht hier geduldet bin?�</p><p>�So lange, wie du m�chtest. Wie gesagt, wir sind dir sehr dankbar f�r deine Hilfe im Kampf gegen die Aufst�ndischen. Aber auch ohne diesen Einsatz w�rst du uns willkommen gewesen.�</p><p>�Sehr freundlich. Nun, ich denke, dass ich f�rs Erste gut versorgt bin.�</p><p>Rhapsody nickte. �Also dann, gute Nacht�, sagte sie und ging zur T�r. �Angenehme Ruhe.� </p><p>�Die w�nsche ich dir auch.� Es sah sie hinter der T�r verschwinden.</p><p>Seine Qualen kehrten zur�ck, so heftig, dass er nach Luft schnappte und sich mit den H�nden in der Bettdecke verkrallte. Um sich wieder zu beruhigen, zwang er sich zu einer ruhigen, gleichm��igen Atmung. Auf dem R�cken ausgestreckt, gab er seiner M�digkeit schlie�lich nach und schlief ein. </p></section><section><title><p>62</p></title><p>�Wenn du dich hier unter den Bolg wirklich so einsam f�hlst, Rhapsody, sorge ich daf�r, dass du eine Katze bekommst.� </p><p>Rhapsody glaubte nicht richtig geh�rt zu haben.</p><p>�Was soll das denn hei�en?�</p><p>Achmed r�ckte auf dem Stuhl nach vorn. Das Licht des Kaminfeuers fiel auf sein Gesicht. </p><p>�Er ist jetzt schon eine Woche hier und scheint so bald nicht abreisen zu wollen. Er geht mit Jo durch Ylorc spazieren, ganz frei und wohin er will, obwohl ich ausdr�cklich angeordnet habe, dass manche Bereiche Unbefugten versperrt sein sollten.�</p><p>In die aus Stroh geflochtene Zielscheibe auf der anderen Seite des Versammlungsraums schlug pl�tzlich ein Wurfmesser ein, so wuchtig, dass die Spelzen flogen.</p><p>�Entschuldige mal�, blaffte Jo. �Wer hat dich mit seinem Tod zum Alleinherrscher gemacht?� </p><p>Grunthor blickte von der Generalstabskarte auf, die er studierte. �Das war, wenn ich mich recht erinnere, Janthir Knochenspalter�, sagte er und widmete sich wieder der Karte.</p><p>�F�r die Bolg vielleicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, einen Treueid geleistet zu haben.� Jo zog ihren Dolch aus der Scheide beziehungsweise dem, was von ihr �brig geblieben war. �Ich wei� gar nicht, was ihr habt. Ashe macht doch �berhaupt keine Probleme. Was kann er daf�r, dass du niemandem �ber den Weg traust?�</p><p>�Wollen wir uns jetzt ernstlich dar�ber unterhalten?�, entgegnete er mit frostiger Stimme und wandte sich Rhapsody zu: �Ich will, dass er uns morgen verl�sst.�</p><p>Rhapsody blickte irritiert auf und legte ihre Leier ab, auf der sie ein wenig hatte �ben wollen. �Wie bitte?� </p><p>�Er soll verschwinden.� </p><p>Dem anf�nglichen Schreck folgte Wut.</p><p>�Ach ja? Ist deine Meinung etwa das Einzige, worauf es ankommt? Ich dachte, wir versuchen hier, friedlich miteinander auszukommen.�</p><p>�Na sch�n, soll er nur bleiben. Grunthor, t�te ihn bitte. Noch vor dem Abendessen.�</p><p>�Augenblick�, sagte Rhapsody und sah den Bolg die Karte aus der Hand legen. �Das ist gar nicht komisch.� </p><p>�Es war auch nicht als Witz gemeint. Rhapsody, dieser Mann ist gef�hrlich und f�r meinen Geschmack ein bisschen zu geheimnistuerisch. Ich will ihn nicht in meiner N�he haben. Wenn du dich aber scheust, ihn vor die T�r zu setzen, weil dir das unh�flich vork�me, sind wir, Grunthor und ich, gern bereit, ihn auf unsere Weise zu verabschieden.�</p><p>Rhapsodys Blicke pendelten zwischen Achmed und Jo hin und her. Achmed geriet zusehends in Rage, hatte aber noch l�ngst nicht den Wutpegel erreicht, den Jo schon jetzt �berzeugend zum Ausdruck brachte. Sie konnte sich kaum beherrschen, zitterte am ganzen Leib und hantierte nerv�s mit ihrem Dolch herum. </p><p>�Und jetzt regt euch bitte wieder ab�, sagte Rhapsody im gebieterischen Tonfall einer Benennerin. </p><p>�Vor allem du, Achmed. Ich finde, dass er geheimnistuerisch ist, wie du es ausdr�ckst, muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. Schlie�lich bist du der gr��te Geheimniskr�mer, der mir je begegnet ist. Dass uns Ashe sein Gesicht noch nicht gezeigt hat, hat wahrscheinlich einen gut nachvollziehbaren Grund. Vielleicht ist er von Narben entstellt.�</p><p>�Ich kann keine Schwingungen von ihm aufnehmen, Rhapsody. In seiner N�he ergeht�s mir �hnlich wie an einem Meeresstrand. Und du wei�t, wie sehr ich Wasser <emphasis>liebe.�</emphasis></p><p><emphasis>Nicht auf das, was er ist, kommt es an, sondern auf das, was er tr�gt</emphasis>.</p><p>Als sie die Stimme im Innern h�rte, richtete sich Rhapsody unwillk�rlich auf. Sie lauschte angestrengt, doch es kamen keine weiteren Worte.</p><p>�Vielleicht liegt�s an irgendeinem Teil, das er anhat�, gab sie zu bedenken. �Was meinst du, Grunthor? Du hast noch gar nichts dazu gesagt.�</p><p>Der Riese faltete die H�nde �ber dem Bauch zusammen.</p><p>�Ich stimme mit Seiner Majest�t �berein und finde, dass wir uns sehr genau vor ihm in Acht nehmen sollten.� </p><p>�Wenn�s mehr nicht ist�, beeilte sich Jo zu sagen. �Ich w�rde mich bereit erkl�ren, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen und auf Schritt und Tritt zu begleiten, au�er in sein Schlafzimmer. Wie findet ihr das?� </p><p>�Von mir aus gern�, antwortete Rhapsody. �Er wird ohnehin bald abreisen. Ich bitte euch nur um eines�, sagte sie, an Achmed und Grunthor gewandt. �Erinnert euch daran, dass er uns tatkr�ftig dabei geholfen hat, den Aufstand niederzuschlagen. Er hat uns von sich heraus geholfen, ohne darum gebeten worden zu sein und ohne eine Gegenleistung zu erwarten.�</p><p>Achmed stand auf. �Vielleicht hat er den Aufstand ja veranlasst�, sagte er und ging zur T�r. �Dass es dazu gekommen ist, war ihm wom�glich Belohnung genug.�</p><p>Krachend fiel die schwere T�r hinter ihm ins Schloss.</p><p>Der k�hle Dunst aus seinem Umhang legte sich auf Ashes Gesicht und milderte die Hitze seiner Tr�ume. </p><p>Unruhig w�lzte er sich im Bett von einer Seite auf die andere, eingeengt von den Kleidern, die er dennoch nie ablegte, auch nicht bei Nacht. Denn die Nebelschlieren, die sie ausd�nsteten, linderten seinen Schmerz und sch�tzten ihn vor seinen Verfolgern.</p><p>Er hatte zwanzig Jahre lang nicht getr�umt, seit jener Nacht nicht mehr, da f�r ihn die Welt in Tr�mmer gegangen war. </p><p>In fr�herer Zeit waren ihm seine Tr�ume wie ein Segen vorgekommen, boten sie ihm doch die einzige Chance, mit seiner Liebsten zusammen zu sein, deren Tod ihm alle Hoffnung auf eine gl�ckliche Zukunft genommen hatte. Umso kostbarer war ihm die Erinnerung an sie, und er hatte sich immer danach gesehnt, von ihr zu tr�umen, was schon damals selten genug der Fall gewesen war.</p><p><emphasis>Es ist in Wahrheit sehr klein � ungef�hr so gro� wie meine Hand �, jedenfalls da, wo es jetzt liegt: in einer Flasche auf dem Kaminsims</emphasis>.</p><p>Damit hatte er sich abgefunden: dass er sich mit seinen Erinnerungen an sie und ihrem l�chelnden Traumbild begn�gen musste.</p><p>Doch dann, eines Nachts, ging ihm auch dieser Trost verloren. Seitdem geh�rte sein Leben nicht mehr ihm selbst; er war nur noch eine Figur in einem b�sen Spiel, und er wurde die Schmerzen, die er an K�rper und Seele litt, nicht mehr los. Sie waren eine st�ndige Folter, der zu widerstehen alle Willenskraft kostete, die er aufzubieten vermochte. Die Tr�ume von ihr blieben seitdem aus. Sie waren zu rein und sch�n, um angesichts dessen, was er zu sehen gezwungen wurde, weiterbestehen zu k�nnen. </p><p>Aber jetzt war einiges anders geworden. Seit er sie auf dem Marktplatz in Bethe Corbair gesehen hatte, tr�umte er von Rhapsody. Das Schuldgef�hl, Emily und ihr Andenken verraten zu haben, hielt nicht lange vor und fiel von ihm ab wie seine qu�lenden Schmerzen, wenn er ihre Stimme h�rte. Ashe richtete sich auf und brachte Ordnung in die zerw�hlten Dunstschleier. Dann schloss er die Augen, atmete tief durch und versuchte, sie aus den Gedanken zu vertreiben, damit erhalten blieb, was ihm einzig heilig war. Denn sogar in seinen Erinnerungen hielt er dieser einen Frau die Treue, die er, und sei es nur f�r einen kurzen Augenblick, wieder sehen wollte, wof�r er sich �ber die Grenzen der Zeit hinaus gewagt hatte. </p><p>Es konnte keine andere f�r ihn geben; dessen war er sich sicher. Wie in einem Schrein bewahrte er Emily in seinem Herzen. </p><p>Und doch war darin nun diese Frau. Er konnte sie nicht daraus vertreiben.</p><p><emphasis>Bis ich dich wieder sehe, werde ich die ganze Zeit an dich denken</emphasis>.</p></section><section><title><p>63</p></title><p>Bald geh�rte Ashe gewisserma�en mit zum festen Personal von Ylork. Auf Achmeds Gehei� war ihm allerdings der Zutritt zu Gwylliams Gruft und zur alten Bibliothek verwehrt. In diese Kammern durften nur Rhapsody, Grunthor und der K�nig. Dank seines Drachensp�rsinns wusste Ashe nat�rlich, wo diese Kammern lagen, aber aus irgendeinem Grund blieb ihm verborgen, was sich darin befand. Er konnte in dem abgesperrten Bereich keine Einzelheiten ausmachen.</p><p>Diese Einschr�nkung �berraschte, st�rte ihn aber nicht weiter. Denn Rhapsody war gern bereit, ihm zu schildern, was sie an Kunstsch�tzen dort vorgefunden hatte, und wenn Achmed abends nach dem Essen in den Manuskripten aus der Bibliothek las, gab er auch, ohne es zu wissen, Ashe die Gelegenheit, Einblick zu nehmen.</p><p>Als dieser wieder einmal dem Firbolg-K�nig mit seinem Drachensinn gewisserma�en �ber die Schulter schaute, wurde ihm der Blick jedoch verwehrt. Er �ffnete die Augen und sah sich von Achmed, der das Dokument in seinen H�nden zusammengerollt hatte, mit scharfem Blick fixiert. Der Kriegsherr schien ihm auf die Schliche gekommen zu sein. Als w�re er selbst ein Drache, so sp�rte er offenbar ganz genau, was in seinem Herrschaftsbereich vor sich ging. Ashes M�glichkeiten waren entsprechend begrenzt. </p><p>Alle Beleidigungen und Beschr�nkungen waren es jedoch wert, ertragen zu werden, denn so konnte er in Rhapsodys N�he sein. Sie war eine Freude, so viel stand fest. Ihr Charakter offenbarte eine Unzahl an Facetten und Widerspr�chlichkeiten; mal war sie sanft, mal wild, je nach den Umst�nden, und besa� die seltene F�higkeit, �ber sich selbst zu lachen oder die mitunter schroffen H�nseleien ihrer Freunde zu ertragen. Sie k�mmerte sich r�hrend um Jo und nahm sie vor Angriffen in Schutz wie eine L�win ihr Junges. Ihre Intelligenz und ihr Sinn f�r Humor waren unvergleichlich.</p><p>Ashe wollte seine Reise unbedingt fortsetzen, denn er wollte seine Liebste schlie�lich nicht l�nger warten lassen, doch es erschien ihm kaum m�glich, sich von der S�ngerin zu verabschieden. Um sie nicht zu irritieren oder gar zu verschrecken, vermied er es, ihr seine wahren Gef�hle zu zeigen. So konnte sie ihm gegen�ber ganz unbefangen auftreten, und es schien, als fasste sie Zuneigung zu ihm. </p><p><emphasis>Nur noch ein paar Tage,</emphasis> redete er sich Nacht f�r Nacht ein, wenn er in seinem Bett lag und dar�ber nachdachte, was sie wohl tr�umen mochte. Achmeds Wille setzte sich auch innerhalb der Felsgem�uer durch, sodass es Ashe nicht gelingen wollte, ihr mit seinem Sp�rsinn nachzustellen. Das beunruhigte ihn. </p><p>Ein paar Tage sp�ter sollte sich all das �ndern. Achmed und Grunthor waren unterwegs, um H�hlen zu erforschen. Mit Rhapsody als Zuschauerin lieferten sich Ashe und Jo gerade einen Wettkampf im Messerwerfen, als die beiden Bolg von ihrem Ausflug zur�ckkehrten. Sie waren bei bester Laune, wie es schien. </p><p>�Sieh mal, was wir gefunden ham, Gr�fin�, rief Grunthor und reichte ihr eine schmale, mit Edelsteinen besetzte Kassette. Sie wies keinen einzigen Kratzer auf und war aus dem dunklen, blaustichigen Holz der Hespera gemacht, einem im Verborgenen Reich beheimateten Baum, aus dem viele der alten M�bel, die sie in Canrif vorgefunden hatten, getischlert worden waren. Der Deckel lie� sich �ber zwei kleine goldene Scharniere aufklappen. Ein Schloss gab es nicht.</p><p>�Das Ding lag versch�ttet unter einem Haufen von Kisten und K�sten�, berichtete Achmed und schenkte sich aus einer Karaffe ein Glas Wein ein.</p><p>Rhapsody �ffnete die Kassette mit gebotener Vorsicht. Darin lag ein krummer, schartiger Dolch mit beinernem Griff und einer Klinge, die, der Farbe nach zu urteilen, aus einer Kupfer-Gold-Legierung geschmiedet zu sein schien. </p><p>�Seltsam.� Vorsichtig nahm sie den Dolch aus der Kassette und wog ihn in der Hand. �Eine Waffe aus rotem Gold. Wer denkt sich denn so etwas aus? Eine solche Klinge ist doch viel zu weich. Und handwerklich ist sie auch nicht sonderlich gut gemacht. Seht nur, all die Macken an der Oberfl�che.� </p><p>�Vielleicht w�r�s nur ein zeremoniell genutzter Gegenstand.�</p><p>Rhapsody schloss die Augen und lauschte. In der Luft rings um den Dolch nahm sie ein deutliches Summen wahr. Alarmiert schlug sie die Augen wieder auf. �Himmel! Ich glaube, ich wei�, was es ist�, hauchte sie und wurde schlagartig bleich im Gesicht.</p><p>�Was denn?� </p><p>�Das ist die Kralle eines Drachen. Seht doch.� Sie hob das Fundst�ck in die H�he. Tats�chlich, da gab es keinen Zweifel, und aus der Gr��e war zu schlie�en, dass der Drache gigantische Ausma�e gehabt haben musste. </p><p>�Gerade das richtige Schwert f�r unser kleines M�dchen�, sagte Grunthor.</p><p>�Du spinnst wohl�, platzte es aus Rhapsody heraus, was sie aber angesichts der betroffenen Miene des Riesen sofort bereute. �Tut mir Leid, Grunthor�, sagte sie. �Mir ist nur sogleich eine Geschichte eingefallen, die in unserer alten Heimat erz�hlt wurde. Darin hei�t es, dass Drachen besonders eigensinnige Lebewesen sind, die ihre Sch�tze sehr eifers�chtig h�ten. Sollte der Drache, dem diese Kralle geh�rt, noch am Leben sein, wird er wissen, wer sie hat, oder danach suchen und nicht ruhen, bis er sie wieder gefunden hat. Ich will nicht, dass Jo auch nur in die N�he dieses Dings kommt. Vielmehr r�t sich wohl, dass wir es von hier wegschaffen. Vielleicht sollten wir es ihr zur�ckbringen.� </p><p>�Ihr?� </p><p>�Elynsynos, Anwyns Mutter. Erinnerst du dich nicht? Llaurons Gro�mutter. Oder wei� jemand von einem anderen Drachen, der in diesem Land gelebt h�tte?�</p><p>�Das Ding liegt hier nun schon seit Jahrhunderten�, entgegnete Achmed in gereiztem Tonfall. �Warum sollte sie es jetzt noch zur�ckhaben wollen?�</p><p>�Vielleicht hat sie die Spur verloren, weil die Kralle in einem versiegelten Gew�lbe lag. Jetzt aber, da ihr sie wieder ins Freie geholt habt, wird sie Wind davon bekommen. Damit ist wirklich nicht zu spa�en, Achmed. Gleich zu Anfang unserer Gesangsausbildung wurden uns Geschichten von Drachen und anderen Erstgeborenen erz�hlt. Viele dieser Geschichten handeln von der Rache dieser Wyrmer an denen, die sich an ihren Sch�tzen vergriffen haben. Wir sollten uns wirklich ein paar ernste Gedanken �ber diese Kralle machen. Sonst k�nnte es wom�glich passieren, dass wir eines Nachts aufwachen, und es regnet Feuer vom Himmel.�</p><p>Grunthor seufzte. �Wenn ich wieder mal was Sch�nes finde, werd ich�s dir bestimmt nich zeigen�, maulte er. </p><p>�Sie k�nnte aber Recht haben�, erwiderte Achmed und lie� damit die anderen �berrascht aufmerken. Auch er kannte die von ihr angesprochenen Geschichten � und noch bedrohlichere. �Aber ob es das Richtige ist, die Kralle zur�ckzubringen, halte ich f�r fraglich. Vielleicht sollten wir damit auf die h�chste Bergspitze steigen und sie hinaus auf das Plateau werfen. Wenn die Drachenfrau tats�chlich noch lebt, wird sie sie finden.�</p><p>�Oder jemand anders findet sie�, entgegnete Rhapsody. �Da k�nnte doch zuf�llig einer vorbeikommen, der die Kassette findet und aufmacht. Dieser Ungl�cksrabe w�re rettungslos verloren. Und au�erdem glaube ich kaum, dass die Drachenfrau einverstanden damit w�re, wenn wir etwas, an dem ihr so viel liegt, einfach achtlos von einem Berg herunterwerfen w�rden, als w�re es Abfall.� </p><p>Jo hatte die Bolg-Kinder der Felsenstadt organisiert und kleine Gruppen gebildet, die sich n�tzlich machten, indem sie den Unrat einsammelten, mit dem die Umgebung seit Jahrhunderten verschmutzt worden war. �Dass hier jemand irgendetwas in die Landschaft schmei�t, kommt �berhaupt nicht in Frage�, protestierte sie. </p><p>�Und was schl�gst du stattdessen vor?�, fragte Achmed, an Rhapsody gewandt.</p><p>�Ich mache mich mit der Kralle auf den Weg und bringe sie ihr zur�ck�, antwortete sie. �Das k�nnte eine interessante Reise werden, auf der sich einiges zum Thema Drachenkunde dazu-lernen lie�e, und zwar aus erster Hand.� </p><p>�Nein.� </p><p>�Wie bitte?� Rhapsody zog die Stirn in Falten und deutete damit an, dass sie keinen Widerspruch duldete. </p><p>�Ich sagte, <emphasis>nein�,</emphasis> wiederholte Achmed. �Wenn ich mich richtig erinnere, w�r�s doch Elynsynos, die, weil Merithyn nicht zur�ckkehrte, vor Wut in Raserei geraten ist und ihre kleinen Kinder im Stich gelassen hat. Stimmt�s?�</p><p>�Ja�, r�umte sie ein. </p><p>�Und der willst du einen Besuch abstatten und sagen: �Hier, das haben wir gefunden. Ich geh dann gleich mal wieder�? So wird das nicht laufen. Und au�erdem, hast du �berhaupt eine Ahnung, wo sie sich zurzeit aufh�lt?� </p><p>�Ich wei� es�, sagte Ashe leise. Er hatte bislang stumm dagesessen und der Unterhaltung interessiert und zugleich ein wenig am�siert zugeh�rt. Die Frauen zuckten verschreckt zusammen, als er pl�tzlich die Stimme erhob, denn dass er noch anwesend war, hatten sie vergessen. �Ich k�nnte dich zu ihr f�hren.� </p><p>�Nein�, wiederholte Achmed mit Nachdruck.</p><p>�Wei�t du was Besseres?�, fragte Rhapsody, deren �rger merklich zunahm.</p><p>Achmed seufzte und warf einen Blick in Ashes Richtung. �Vielleicht sollte ich statt <emphasis>nein</emphasis> lieber sagen <emphasis>noch nicht</emphasis>. Es k�nnte tats�chlich interessant sein zu erfahren, wie sie reagieren wird und ob sie wom�glich sogar mit einer Belohnung herausr�ckt.�</p><p>�Du willst doch nicht etwa mit einem Drachen feilschen?�, warf Ashe ein, und es war seiner Stimme nicht anzuh�ren, ob er entr�stet war oder belustigt. Wie auch immer, seine Frage machte Achmed w�tend. </p><p>�Unsinn. Es geht mir nur darum, dass sie sich gegebenenfalls daran erinnert, wem sie die R�ckgabe der Kralle zu verdanken hat.�</p><p>Rhapsody wurde ungeduldig. �Ich will kein Risiko eingehen�, sagte sie. �Ashe wei�, wo sie steckt.� </p><p>�Sch�n. Dann kann er uns ja einen Lageplan zeichnen und beschriften, vorausgesetzt nat�rlich, er kann schreiben.� </p><p>Ashe lachte. �Von wegen. Aber falls morgen noch Interesse besteht, k�nnten wir Vorbereitungen f�r die Reise treffen. Jetzt w�rde ich mich gern verabschieden und allen eine gute Nacht w�nschen.� </p><p>Jo stand ebenfalls auf. �Ich geh dann auch.� Sie dr�ckte Rhapsody einen Kuss auf die Wange und folgte dem verh�llten Mann nach drau�en.</p><p>Rhapsody wartete, bis sie sicher sein konnte, dass die beiden au�er H�rweite waren. Dann wandte sie sich an Achmed und fragte: �Was ist nur los mit dir? Warum verh�ltst du dich so?�</p><p>�Was soll schon los sein? Jedenfalls nichts von Bedeutung.�</p><p>�Und wieso bist du dann so grantig?�</p><p>�Ich bin nicht grantig, sondern nur vorsichtig. Wir wissen schlie�lich nicht, wie der Hase l�uft.� </p><p>Rhapsody kniff die Brauen zusammen. �Ashe scheint sich aber auszukennen.�</p><p>�Mit dem unbekannten Hasen meine ich Ashe selbst. Ich verstehe dich nicht, Rhapsody. Lernst dieses Fr�chtchen auf dem Marktplatz kennen; er nennt dich eine Hure, gibt dir dann reum�tig ein Mittagessen aus, und du verzeihst ihm, zumal er irgendwie ja doch nicht ganz Unrecht hat. Dann kreuzt er hier auf, an meinem Hof, unangemeldet und ohne willkommen gehei�en zu sein, und schleicht sich in dein Vertrauen ein. Ist dir die Gesellschaft der Firbolg so sehr zuwider, dass du um die Aufmerksamkeit eines nutzlosen Idioten buhlst, nur um unter deinesgleichen zu sein?� </p><p>Es h�tte nicht viel gefehlt, und Rhapsody w�re in Tr�nen ausgebrochen. Dass er h�ufig taktlos war, wusste sie l�ngst; aber solche gemeinen Worte h�tte sie ihm dann doch nicht zugetraut. �Dass du so etwas Schreckliches sagen kannst...�</p><p>�Du hast mit noch viel Schrecklicherem zu rechnen, wenn du dich diesem Mann, den du kaum kennst, anschlie�en solltest. Ich werde dir nicht helfen k�nnen. Du wei�t, dass es mir im Augenblick unm�glich ist, Ylorc zu verlassen. Wir stecken bis �ber beide Ohren in wichtiger politischer Arbeit, von der unser aller Zukunft abh�ngt.�</p><p>Rhapsodys Augen verengten sich wieder, und Grunthor, der sie aus der gegen�berliegenden Ecke des Raums beobachtete, sah gr�nes Feuer in ihnen brennen. Er kannte diesen Ausdruck.</p><p>�Mit anderen Worten, auch ich werde hier bleiben m�ssen, nicht wahr?�, sagte sie betont ruhig und hatte M�he, die Stimme unter Kontrolle zu halten. �Dabei habe ich meinen Part zur Vereinigung der Bolg l�ngst geleistet und verflixt viele Opfer daf�r auf mich genommen, einzig und allein dir zu Gefallen, weil du es so haben wolltest. Was g�be es denn jetzt noch f�r mich zu tun?�</p><p>Achmed umklammerte die Armlehnen des Stuhls, auf dem er sa�. �Wie w�r�s, wenn du dich f�r den Aufbau der Landwirtschaft stark machtest? Der Gesundheitsf�rsorge? An der Entwicklung eines Schulprogramms arbeitetest?�</p><p>�All das ist schon angeleiert.�</p><p>�Und wer beaufsichtigt die Produktion von G�tern und Lebensmitteln? Den Weinanbau? Bald ist Fr�hling, da muss gepflanzt werden. Es g�be so viel, was du tun k�nntest, um den Bolg, die dir doch angeblich am Herzen liegen, zu helfen.�</p><p>�W�re ihnen nicht geholfen, wenn ich verhindere, dass die Drachenfrau sie mit ihrem hei�en Atem bei lebendigem Leib ein�schert?�, entgegnete Rhapsody. �Ist dir nicht klar, worum es hier geht? Ich glaube fast, dich bringt mein Begleiter mehr auf als das, was uns droht, wenn ich nicht gehe. Von einem K�nig sollte man eigentlich mehr erwarten, wenn du mich fragst.�</p><p>�Wie w�r�s, wenn ich dich begleiten w�rde?�, schaltete sich Grunthor ein.</p><p>Rhapsody l�chelte dem Riesen zu. �Nein, das w�re nicht gut. Deine Anwesenheit hier ist noch wichtiger als seine.� Achmed nickte zustimmend. Sie sah, dass seine Augen aufleuchteten. Sie ging zu ihm, setzte sich ihm gegen�ber an den Tisch und ergriff seine Hand.</p><p>�Unsere Freundschaft ist doch, wie ich finde, inzwischen eng und fest genug, dass wir uns gegenseitig sagen k�nnen, was wir wirklich meinen, oder? Warum gibst du nicht einfach zu, dass du dich um mich sorgst? Dass du Angst hast, der Drache k�nnte mich t�ten oder gefangen halten? Dass du Ashe nicht �ber den Weg traust und f�rchtest, dass ich mich ohne euch nicht zu sch�tzen vermag?� </p><p>Achmed hielt ihrem Blick stand. �Hab ich das nicht gesagt?� Sie sch�ttelte den Kopf und l�chelte. </p><p>�Wenn du meine Gedanken kennst, warum bleibst du dann nicht hier und ersparst mir diese Sorge?� </p><p>Rhapsody seufzte. �Einer muss gehen, und dass ich diejenige bin, liegt doch auf der Hand. Meine Arbeit hier ist getan. Ich bin am ehesten zu entbehren. Und auch wenn du daran zweifelst: Ich kann sehr wohl auf mich selbst aufpassen. Du scheinst vergessen zu haben, dass ich lange Zeit auf der Stra�e gelebt habe, bevor wir uns begegnet sind. Ich wei� mich zu wehren, glaub mir. Auch gegen Ashe, falls er mir krumm kommen sollte. Ich trage meine Tagessternfanfare und habe die beste Schwertk�mpferausbildung genossen, die man sich w�nschen kann.� Sie ahnte, dass Grunthor schmunzelte, wandte sich ihm zu und sagte: �Sag�s ihm, Grunthor, sag ihm, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht.� </p><p>�Unm�glich, Herzchen. Ich kann doch meinen K�nig nicht bel�gen.�</p><p>Sie seufzte wiederum. �Sei�s drum. Erinnerst du dich noch an das, was ich damals am Ufer des Sees Elysian gesagt habe, Achmed? Dass ich ein Ziel brauche, eine Chance, etwas zu tun, was denen, die mir nahe stehen, zugute kommt. Dies ist meine Chance. In dieser Angelegenheit bin ich gefordert. Hier ist jetzt mein Zuhause. Ich will, dass es ein sicherer Ort ist, und werde einiges daf�r auf mich nehmen. Ich kann den Bolg helfen, und zwar anders, als ihr es k�nnt. Das ist mir wichtig, nicht blo� f�r mich, sondern vor allem f�r sie.�</p><p>�Dann geh�, sagte Achmed. �Und nimm Jo mit. Wie lange werdet ihr weg bleiben?�</p><p>Rhapsody blinzelte mit den Augen. �Jetzt willst du auf einmal, dass ich gehe?�</p><p>Er schnaubte. �Sei nicht albern. Von wollen kann keine Rede sein. Aber du bist ja nicht davon abzubringen. Und ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass ich in diesem Streit den K�rzeren ziehen werde. Du hast deinen Entschluss schon gefasst. Was bleibt mir also anderes �brig, als darauf zu achten, dass du dir einen vern�nftigen Plan zurechtlegst und alle n�tigen Vorbereitungen triffst? Schlie�lich sollten wir auch noch eine Frist festlegen. Wenn die abl�uft und du bist immer noch nicht zur�ck, werden wir deine Habseligkeiten untereinander aufteilen, dein Zimmer jemand anders geben und dich aus unserer Erinnerung streichen.� </p><p>Rhapsody fuhr sich mit der Hand durchs Haar und versuchte, die pl�tzliche Kehrtwende nachzuvollziehen. �Na sch�n�, sagte sie z�gernd. �Aber Jo bleibt hier. Sie mitzunehmen ist keine gute Idee.� </p><p>�Sie k�nnte auf dein Gep�ck aufpassen und st�nde uns hier nicht im Weg.�</p><p>�Aber ich will sie nicht in Gefahr bringen, Achmed�, sagte Rhapsody ver�rgert. �Endlich habe ich�s geschafft, das M�dchen in Sicherheit zu bringen, und du willst, dass ich sie quer �ber den Kontinent in eine Drachenh�hle scheuche? Nein, da wird nichts draus. Und �berhaupt, dass sie ein loses Mundwerk hat und geschw�tzig ist, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen. Wom�glich verplappert sie sich und erz�hlt Ashe oder sonst jemandem mehr �ber unseren Berg, als uns lieb sein k�nnte.�</p><p>�Apropos Ashe�, sagte Grunthor. �Vielleicht solltest du ihn von vornherein warnen. Wenn er dir was antut oder dich nich mehr zu uns zur�ckkommen l�sst, werd ich mich pers�nlich auf den Weg machen und ihm ein Ende bereiten, das mir einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der �belsten Folterer aller Zeiten sichert.� </p><p>Rhapsody lachte. �Das werde ich ihm ausrichten.� Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Backe. </p><p>F�nf Tage sp�ter trat sie mit Ashe die Reise an. Sie war in diesen letzten Tagen sehr viel mit Jo zusammen gewesen, die sich verzweifelt darum bem�ht hatte, mitkommen zu d�rfen, aber schlie�lich dann doch �berzeugt werden konnte, in Grunthors Obhut zur�ckzubleiben.</p><p>�Soll ich denn nich nur die Gr�fin, sondern auch noch meine kleine Kratzb�rste verlieren? Oh, bitte nein. Hab ein Herz, Jo. Ich w�rd mich vor Einsamkeit in die dunkelste Ecke verkriechen und sterben.� </p><p>�Die Bitte kannst du ihm einfach nicht abschlagen�, hatte Rhapsody daraufhin gesagt, die Schwester in den Arm genommen und ihr ins Ohr gefl�stert: �Und pass auch auf den anderen auf. Er hat�s noch n�tiger.� </p><p>Im Nachhinein war Rhapsody selbst ins Gr�beln geraten. Um Jo zum Nachgeben zu bewegen, hatte sie ganz �hnliche Argumente angef�hrt wie Achmed und Grunthor bei dem Versuch, ihr, Rhapsody, das Vorhaben auszureden. Diese Einsicht hatte zur Folge, dass sie nun selbst am Sinn und Zweck ihrer Unternehmung zweifelte. </p><p>Den letzten Tag hatte sie mit Achmed allein verbracht und ihren Plan in allen Einzelheiten durchgesprochen. </p><p>�Gibt es etwas, von dem du ganz und gar nicht willst, dass er�s erf�hrt?�, fragte sie nach einem stillen Abendessen in seinen Gem�chern.</p><p>Achmed schaute ihr in die Augen. �Etwas? Alles.� Ein L�cheln stahl sich in sein Gesicht. �Erz�hl ihm, was du willst.� </p><p>Rhapsody war �berrascht. �Meinst du das ernst?�</p><p>�Ja. Ich glaube, du bist vern�nftig genug, entscheiden zu k�nnen, was er erfahren darf und wovon er nichts wissen sollte.� </p><p>�Das bin ich. Und ich werde die Augen offen halten und euch Nachricht zukommen lassen, falls es irgendwo zu weiteren dieser r�tselhaften Gewaltausbr�chen kommt.�</p><p>Achmed nickte. �Bring dich ja nicht unn�tig in Gefahr. Achte bitte darauf, dass es m�glicherweise eine Verbindung zwischen Ashe und diesen Gewaltausbr�chen gibt. Den Verdacht habe ich schon seit einiger Zeit.� </p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Rhapsody best�rzt.</p><p>�Die H�gel-Augen haben angegriffen, als er aufgekreuzt ist. Davor waren die letzten beiden Aufst�nde, von denen wir geh�rt haben, in der N�he von Bethe Corbair � der eine kurz vor unserer Begegnung in der Stadt, der andere kurz danach. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang.� </p><p>Sie erschauderte. �Ich kann nur hoffen, dass du dich irrst.�</p><p>�Das hoffe ich auch. Denn jetzt ist es wohl zu sp�t f�r dich, die Reise abzublasen.�</p><p>Rhapsody dachte einen Augenblick lang nach. �Das Risiko einzugehen und schlimmstenfalls noch eingreifen zu k�nnen ist besser, als den Kopf in den Sand zu stecken�, antwortete sie. Achmed nickte. Er war ihrer Meinung. </p><p>Achmed, Grunthor und Jo waren gekommen, um Abschied zu nehmen, als sie und Ashe am Morgen des f�nften Tages aufbrachen. Sie umarmte und k�sste alle drei und versicherte ihnen, dass sie alles daransetzen werde, gesund und wohlbehalten zur�ckzukehren. Dann waren sie losmarschiert. </p><p>�Sie kommt nicht wieder, oder?�, sagte Jo unter Tr�nen, als die beiden hinter dem n�chsten Felsgrat verschwanden. Die gewohnte gleichg�ltige Miene aufzusetzen wollte ihr einfach nicht gelingen, so traurig war sie. </p><p>�Ach, wo denkst du hin�, antwortete Grunthor und legte ihr den massigen Arm um die Schulter. �Die Gr�fin ist z�her als es scheint. Das solltest du inzwischen wissen.�</p><p>Fuchtig wischte sich Jo die Augen. �Sie wird sterben, und ich bleib dann hier mit euch allein zur�ck. Wundervoll.� </p><p>Achmed schmunzelte. �Immerhin w�rdest du gesellschaftlich aufsteigen. Du w�rst dann die neue Gr�fin von Elysian und k�nntest bei Hofe die Rolle der fremden blonden Dame besetzen, es sei denn, dir w�rde anderswo ein besseres Angebot gemacht.</p><p>�Du kannst mich mal...�, zischte Jo und ging.</p><p>Grunthor schirmte die Augen vor dem Licht der aufgehenden Sonne ab. Er wirkte nachdenklich und besorgt. �Angenommen, sie k�me tats�chlich um. Wie w�rden wir davon erfahren?�</p><p>Achmed zuckte mit den Schultern. Er sp�hte mit den Augen des J�gers gen Westen, vergeblich auf der Suche nach einer Spur von ihr oder einem Schatten. �Wahrscheinlich �berhaupt nicht. Aber vielleicht w�rden wir ihr letztes Lied im Wind h�ren. Die Benenner der Lirin singen noch im Sterben.� Er seufzte stumm. Vielleicht w�rde er auch mitbekommen, wie ihr Herzschlag, dieser rhythmische, beruhigende Laut, den er auf der Haut sp�rte, pl�tzlich aussetzte. Er verdr�ngte den unliebsamen Gedanken. �Wir werden auch ohne sie zurechtkommen. Ist dir aufgefallen, dass sie ganz anders geklungen hat, als sie sagte, es werde ihr gut gehen und wir h�tten keinen Grund zur Sorge? Nach einer Benennerin klang das nicht.�</p><p>Grunthor nickte. �Weil sie nicht sicher sein konnte, dass sie die Wahrheit sagt.�</p><p>Als sie und Ashe den letzten Gipfelgrat erreicht hatten, drehte sich Rhapsody noch einmal um und schaute nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Sie beschirmte die Augen und fragte sich, ob die drei langen Schatten, die sie in der Ferne sah, tats�chlich die der Freunde waren oder doch blo� von den Felsen und Kl�ften geworfen wurden, die sich in den Himmel reckten. So oder so, sie hob die Hand und winkte. </p><p>Der Blick zur�ck auf die Berge, die mehr und mehr in den Hintergrund r�ckten, machte sie beklommen. Ein Gef�hl von Verlust und Trauer stellte sich ein und schn�rte ihr die Kehle zu wie damals in jener Nacht vor langer Zeit. <emphasis>Meine Familie,</emphasis> dachte sie; <emphasis>wieder lasse ich meine Familie zur�ck</emphasis>. </p><p>Irgendwo dahinten, inmitten der Berge, war etwas Gro�es im Entstehen begriffen, eine neue �ra angebrochen. Ein Volk, f�r das sie fr�her nur wenig Respekt hatte aufbringen k�nnen, trat aus dem Verborgenen seiner dunklen Felsh�hlen ins Freie, um gemeinsam an einer gl�cklicheren Zukunft zu arbeiten. Und diesmal sollten ihm die Berge nicht Versteck sein, sondern der fruchtbare Boden f�r gro�artige Leistungen. </p><p>Vor den Firbolg hatte sie l�ngst keine Angst mehr; sie hatte Angst um die Firbolg.</p><p>Ihnen drohte nicht nur Gefahr von der blutd�rstigen Drachenfrau, die irgendwo am nebelverhangenen Rand der Welt hauste, sondern auch von den Nachbarn. So verschieden die Menschen dieser L�nder von ihren einstigen Landsleuten aus Serendair auch sein mochten, in einer Hinsicht waren sie sich auf erschreckende Weise gleich: Sie hielten die Bolg f�r Ungeheuer und trachteten danach, sie zu vernichten. </p><p>Ein frischer Wind fegte wirbelnd durch die Zahnfelsen und vertrieb den Morgendunst aus den Schluchten wie auch den Tr�bsinn aus ihrer Seele. Ihr wurde warm ums Herz, als sie nun noch einmal zur�ckblickte auf den Ort, wo ihre Freunde wohnten und die Bolg zu neuem Leben erwachten. Einmal hatte sie im hohen Gras gekauert, unschl�ssig, an wen sie sich halten sollte � an die beiden, die ihr in Ostend aus der Klemme geholfen hatten, oder an das Volk, dem ihre Mutter angeh�rte. Einen solchen Konflikt gab es jetzt f�r sie nicht mehr.</p><p>Im Morgenwind h�rte sie die Stimme des Vaters an ihrem Ohr fl�stern.</p><p><emphasis>Wenn du in deinem Leben findest, was dir wichtiger und teurer ist als alles andere, bist du es dir schuldig, dass du daran festh�ltst. Einen solchen Fund machst du kein zweites Mal, mein Kind. Lass dich durch nichts davon abbringen. Auf lange Sicht werden dir auch die Leute zustimmen m�ssen, die dir anfangs etwas anderes einzureden versucht haben. Finde das, was wirklich z�hlt � alles andere ergibt sich von selbst</emphasis>. </p><p>Ihre Heimat war bei den Bolg und ihren Freunden; ihnen geh�rte ihre unverbr�chliche Treue. Um sie zu sch�tzen, war jedes Risiko gerechtfertigt.</p><p>�Schau mal�, sagte Ashe und weckte sie mit seiner angenehmen Stimme aus ihren nachdenklichen Tr�umen. Rhapsody drehte sich um und folgte seinem Fingerzeig auf die entfernten Schatten an der Grenze zwischen der felsigen Steppe und dem Tiefland dahinter.</p><p>�Was ist das?� </p><p>�Sieht aus wie eine Karawane�, antwortete er.</p><p>Rhapsody nickte. �Gesandte mit ihrem Tross�, sagte sie leise. �Sie kommen, um Achmed ihre Aufwartung zu machen.� </p><p>Trotz seiner verh�llenden Schleier war deutlich zu sehen, dass Ashe zitterte. �Ich beneide sie nicht�, sagte er humorig. �Sie werden mit ihren Vorstellungen von Protokoll und Etikette wahrscheinlich schwer ins Schleudern kommen.�</p><p>Rhapsody blickte in den dunklen Ausschnitt seiner Kapuze und sah nichts als d�nne Dampfschlieren. Ihre Kopfhaut priekelte, als sie vergeblich nach seinen Augen suchte, nach einem mimischen Ausdruck. Ashe schien sich unter den Bolg durchaus wohl gef�hlt zu haben und war als h�flicher, unvoreingenommener Besucher aufgetreten, doch daraus lie� sich f�r Rhapsody kein verl�sslicher Schluss folgern. Die Kapuze barg wom�glich ein schrecklich d�steres Geheimnis. Und selbst wenn sie einen Blick auf sein Gesicht erhaschen k�nnte, bliebe ihr doch sein Herz verborgen.</p><p>Und er war ihr Begleiter, von dem sie hoffte, dass er sie zur Drachenh�hle f�hrte, also angewiesen auf ihn um der Sicherheit der Bolgl�nder willen. Ob sie es bis dorthin schaffen w�rde oder nicht, war noch fraglich. Auf alle F�lle musste sie sich vor Ashe in Acht nehmen.</p><p>Ashe holte aus mit seinem Wanderstab.</p><p>�Sollen wir?� </p><p>Er schaute nach Westen, auf das zum Teil noch verschneite Tal und �ber die weite Ebene jenseits der Bergausl�ufer. </p><p>Rhapsody verweilte mit ihrem Blick noch kurz auf dem Panorama der Zahnfelsen und wandte sich dann ebenfalls der vorgegebenen Marschrichtung zu. Im R�cken stieg die Sonne auf und warf ihre goldenen Strahlen auf den grauen Dunst der Welt, die sich vor ihnen ausbreitete. Im Unterschied zu ihnen bewegten sich die kleinen dunklen Gestalten in der Ferne durch triste Schatten.</p><p>�Ja�, sagte sie und r�ckte ihr Gep�ck zurecht. �Ich bin so weit.� Ohne sich noch einmal umzudrehen, folgte sie ihm talw�rts. Der Anfang des langen Wegs zur Drachenh�hle war gemacht.</p><p>In der Ferne blieb eine der Gestalten pl�tzlich aufmerkend stehen, warf einen Blick auf die H�gel und setzte sich dann wieder in Bewegung, dem Reich der Firbolg entgegen.</p><p>Mit schrillem Kreischen riss der Zeitstreifen entzwei, schlug flap-pend um die Spule und entz�ndete sich. Die Projektion auf dem Bildschirm erlosch, und von der Lampe stieg Rauch auf. Ein St�ck des spr�den Filmmaterials fiel brennend zu Boden.</p><p>Meridion st�rzte hinzu, packte die rotierende Spule und dr�ckte die schwelende Glut an der Bruchstelle zwischen zwei Fingern aus. Hastig hantierte er am Schaltpult des Zeit-Editors und atmete erleichtert durch, als das Ger�t ausgeschaltet war. Dann hob er den zu Boden gefallenen Streifen auf und fluchte leise vor sich hin. Dass dieses St�ck unwiderruflich zerst�rt war, sah er auf den ersten Blick.</p><p>Er setzte sich wieder auf den Stuhl, starrte untr�stlich auf das Fragment und hob es schlie�lich ans Licht. </p><p>Er konnte sie tats�chlich sehen, die beiden winzigen Gestalten: die kleine, schlanke Frau mit dem gl�nzenden Haar, das mit einer schwarzen Schleife im Nacken zusammengehalten wurde, und den grau verh�llten Mann. Von den Strahlen der aufgehenden Sonne beschienen, standen sie auf der letzten Anh�he �ber der Ebene.</p><p>Meridion seufzte. Was f�r eine b�se Ironie, dass sie ausgerechnet vor dieser Kulisse erstarren mussten, die ganz �hnlich aussah wie die weiten Felder, bei denen er sie jenes Nachts gesehen hatte. Immerhin hatte er sie wieder zusammengef�hrt, auf derselben Seite der Zeit. Aber ihre Seelen waren mittlerweile so vernarbt, dass sie einander nicht erkannten. Doch dazu w�rde es wohl noch kommen. Kommen m�ssen. </p><p>Meridion fuhr wieder mit der Hand �ber die Instrumententafel, worauf der Editor brausend aufleuchtete. Vorsichtig f�hrte er den verbrannten Rand unter die Linse, justierte das Okular mit ruhiger Hand und versuchte es auf das durch den Schwelbrand wellig gewordene Material scharf einzustellen. </p><p>Entt�uscht gab er schlie�lich auf. Das Bild war nun auf ewig zur Unkenntlichkeit eingeschw�rzt. Blieb nur zu hoffen, dass zu den zerst�rten Filmbildern nicht auch solche z�hlten, die er unbedingt h�tte sichten m�ssen, um noch einen Hinweis auf die Identit�t des F�dor zu finden. Wenn ihm das nicht gel�nge, w�rde er nicht wieder intervenieren k�nnen. Die beiden blieben dann ihrem dunklen Zeitabschnitt verhaftet. Dabei war ihre bisherige Geschichte schon tragisch genug. Ohne den Hinweis, den er suchte, w�rde sie noch tragischer enden.</p><p>Er schaltete den Editor wieder aus, lehnte sich im Dunkeln zur�ck und dachte nach.</p><p>Die Nacht brach herein, was ihm nur recht war. Die Dunkelheit war ihm ein Freund. Seine Augen sahen auch ohne Licht; das waren sie gewohnt, denn er kam von weit her, aus dem Reich des schwarzen Feuers. </p><p>Was bei Tage nicht auffiel, wurde jetzt deutlich: Das Wei� dieser Augen gl�hte an den R�ndern blutrot. Nat�rlich war niemand zugegen, der dies gesehen h�tte. Er war auf dieser Seite vorsichtig darauf bedacht, nicht erkannt zu werden, schon gar nicht jetzt, wo er seinem Ziel so nahe war. In der Ferne sah er die Gesandtschaft herbeiziehen. Seufzend lehnte er sich in seinem Sessel zur�ck. Endlich. Nach so langer Zeit waren die drei endlich zur Stelle. Daran lie� sich nicht l�nger zweifeln. Die seltsamen Vorg�nge in Canrif, die Ger�chte und Geschichten �ber den neuen Firbolg-K�nig wie auch die Fortschritte der monstr�sen Bev�lkerung dort konnten nur als Beweis daf�r zu deuten sein, dass seine Einsch�tzung richtig war. Dabei hatte es nicht einmal der m�chtige Gwylliam vermocht, die Bolg zu z�hmen. Jetzt stellte sich nur die Frage, was damit anzufangen war.</p><p>Es lief alles nach Wunsch, so gut, dass einfach nichts mehr schief gehen durfte. Zwietracht war genug ges�t worden; die Aufst�nde hatten ihre Wirkung gezeitigt. Der Verlust des Hauses der Erinnerung war zwar ein schwerer R�ckschlag gewesen, lie� sich aber noch verschmerzen.</p><p>Von entscheidenderer Bedeutung f�r seine Pl�ne war die bevorstehende Unterbrechung des Patriarchenritus. Ob die neue Macht im Land darauf noch Einfluss nehmen w�rde, blieb abzuwarten. Sie war zu weit entfernt, als dass ein Eingreifen m�glich w�re, falls sich herausstellte, dass sie am Ende nichts anderes im Schilde f�hrte, als die Ungeheuer aufzur�sten, um mit ihnen Eroberungskriege zu f�hren. Das war wichtig; von dem Auftragsmord in Sepulvarta hing allzu viel ab. Die Sache durfte nicht scheitern. </p><p>Er schloss die Augen und schmeckte den Tod, der schwer und erwartungsvoll in der Luft hing. Der Zeitpunkt r�ckte n�her; gleichzeitig steigerte sich die ekelhafte, dumpfe Erregung im Marschtempo zum Kriegswahn. Mit dem Rhythmus des anschwellenden Hasses, der sich unaufhaltsam Bahn brach, zog es aus der Ferne herauf. Bald w�rde es da sein, gerade rechtzeitig. Ein Klopfen an der T�r unterbrach seine angenehm schw�rmerischen Gedankenspiele. Er stand langsam auf, um den Botschafter hereinzulassen, den einen und einzigen, dem er die heikelsten Aufgaben anvertrauen konnte. Seine erste Aufgabe sollte es sein, die Lage in Canrif und dessen neue Herrschaft einzusch�tzen. Danach h�tte er daf�r zu sorgen, dass die drei im Verborgenen Reich der Bolg zur�ckblieben und ihm nicht in die Quere k�men, wenn er sich den wichtigeren Dingen zuwenden w�rde. </p><p>Als sein Abgesandter wieder gegangen war, um dem Firbolg-K�nig seine Aufwartung zu machen, lehnte er sich entspannt zur�ck.</p><p>�Bald werden wir sehen, wer es wirklich verdient, �Kind des Blutes� genannt zu werden�, fl�sterte er und schmunzelte in sich hinein.</p><p>Nur die Dunkelheit h�rte seine Worte.</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Die Ausdruckskraft einer musikalischen Rhapsodie gr�ndet in der Vielfalt der Inspiration, aus der sie entstanden ist, wie auch in den Talenten der Musiker, die sie zur Auff�hrung bringen. Lassen Sie mich dem Orchsester meinen tiefen Dank aussprechen:</p><p>Richard Curtis, meinem Agenten � einem wahren K�nstler und au�ergew�hnlich ausdrucksvollen Musiker, der schon an das Thema meiner Rhapsodie geglaubt hat, bevor ich es getan habe. Ohne ihn h�tte ich dieses Buch niemals schreiben k�nnen.</p><p>Meinem �beraus f�higen Herausgeber James Minz, dem Dirigenten, der ein viel feineres Geh�r hat als ich, und all den anderen wunderbaren Mitarbeitern von Tor.</p><p>Den Konzertmeistern T. L. Evans und W. J. Ralbovsky f�r ihre Unterst�tzung und Freundschaft schon ganz zu Beginn der Proben.</p><p>Den Kritikern Rebecca Mayr, Sharon Harris, Jennifer Roberson und Anne McCaffrey, die der Generalprobe beiwohnten und mich rechtzeitig vor der Premiere auf einige zu gl�ttende Stellen aufmerksam machten. </p><p>Robert J. Becker f�r seine kartografischen Berechnungen und geologischen Gutachten.</p><p>Norma J. Coney f�r ihre umfassenden Kenntnisse der Kr�uter- und Pflanzenkunde.</p><p>Luis Royo f�r das au�ergew�hnliche Cover der amerikanischen Originalausgabe und Ed Gazsi f�r seine ansprechenden Landkarten in derselben Ausgabe.</p><p>Helen M. Kahny f�r ihr professionelles Verst�ndnis der mittelalterlichen Musik und der Guido-Tonleiter im Besonderen, wie auch f�r alles, was sie mir gegeben hat.</p><p>Professor Wilhelm Nicolaisen, der meine liebe zur Volkskunde vertieft und mir gezeigt hat, wie man ihre Geheimnisse erschlie�t. Und zuletzt und vor allem meinem Ehemann und meinen Kindern, wahrhaft unerm�dlichen Besch�tzern und wunderbaren Zuh�rern.</p><p>Herzlichen Dank jedem Einzelnen von euch.</p></section></body><binary id="cover" 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