<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name></author><book-title>Tochter der Sonne</book-title><annotation><p>An einem eisigen Wintermorgen gleitet ein Boot �ber das Meer, an Bord ein Wesen aus den Anf�ngen der Zeit. Seine t�dlichen Waffen tr�gt es bei sich und die Namen seiner Feinde haucht es in den Meereswind. Ysk ist einer von ihnen, was in der neuen Sprache Achmed hei�t. Achmed, K�nig der Bolg � Zur selben Zeit treffen sich die F�hrer des cymrischen B�ndnisses in Haguefort. Kaum von der schweren Geburt genesen, webt Rhapsody einen undurchdringlichen Schleier �ber die Versammlung, um sie geheim zu halten. Und Geheimhaltung ist unabdingbar: Zu m�chtig ist der Feind, zu zahlreich die Verschw�rer. Da erscheint der Patriarch von Sepulvarta mit einer schrecklichen Nachricht. Wie ihm zugetragen wurde, macht sich Sorbold bereit f�r den Sturm auf die heilige Stadt. Und sein Ziel hei�t, das Kind der Zeit zu finden � und zu t�ten. Best�rzt vernimmt Rhapsody die Nachricht. Monate zuvor hat der Meeres-Magier ihr die Ankunft des Kindes der Zeit prophezeit, in der Gestalt ihres neugeborenen Sohnes Meridion. Noch in derselben Nacht verl�sst sie Ashe und macht sich an Achmeds Seite mit ihrem Kind auf den Weg in die Sicherheit des Bolglandes. Doch sie ist nicht die Einzige, die unerkannt in Gefahr schwebt: L�ngst webt das B�se seine Netze, um das Land mit Krieg zu �berziehen �</p></annotation><date>2008</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Michael</first-name><last-name>Siefener</last-name></translator><sequence name="Rhapsody" number="6"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name></author><book-title>The Assassin King</book-title><date>2006</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>till</src-ocr><id>6AB4BF1F-804F-410A-8FF2-F3B1AD6F6833</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Elizabeth Haydon</p><p>Tochter der Sonne</p></title><epigraph><p>F�r Rhiannon und Brayden</p><p>in Liebe</p></epigraph><section><p>Karten: Erhard Ringer</p><image l:href="#1"/><image l:href="#2"/><image l:href="#3"/><image l:href="#4"/><empty-line/></section><section><title><p>Ode</p></title><poem><stanza><v>Wir sind die Musikanten,</v><v>Wir leben in unseren Tr�umen,</v><v>Wandern entlang der Wellenkanten</v><v>Und sitzen neben Fl�ssen, die sch�umen;</v><v>Wir Weltverlierer, Weltverbannten,</v><v>Die im bleichen Mondlicht s�umen;</v><v>Doch wir sind die Gesandten,</v><v>Unter denen sich Welten aufb�umen.</v></stanza><stanza><v>Mit unsrer Lieder Unsterblichkeit</v><v>Errichten wir St�dte, hoch und weit,</v><v>Und mit einer wunderbaren Weise Macht</v><v>Schaffen wir eines ganzen Reiches Pracht.</v><v>Ein Mann kann erhalten zum Lohne</v><v>F�r einen einz�gen Traum eines Reiches Krone.</v><v>Und drei k�nnen mit neuer Lieder Klagen</v><v>Ein Reich rasch wieder zerschlagen.</v></stanza><stanza><v>Wir haben in vergangener Zeit,</v><v>Die sich im Grab der Erde verliert,</v><v>Ninive erbaut mit unserem Leid,</v><v>Und haben in Babylon selbst jubiliert</v><v>Und ihnen der neuen Welt Wert prophezeit,</v><v>Der nach dem Glanz der alten giert,</v><v>Denn jede Zeit ist ein Traum, den der Tod befreit,</v><v>Oder einer, der Neues gebiert.</v></stanza><text-author>Arthur O�Shaughnessy</text-author></poem></section><section><title><p>Das Gedicht der Sieben</p></title><poem><stanza><v>Sieben Gaben des Sch�pfers,</v><v>Sieben Farben des Lichts,</v><v>Sieben Meere auf der weiten Welt,</v><v>Sieben Tagen in einer Woche,</v><v>Sieben Monate Brache,</v><v>Sieben Kontinente durchwandert, webe</v><v>Sieben Zeitalter der Geschichte</v><v>Im Auge Gottes.</v></stanza></poem></section><section><title><p>Gesang des himmlischen Webstuhls</p></title><poem><stanza><v>O unsre Mutter die Erde,</v><v>O unser Vater der Himmel,</v><v>Eure Kinder sind wir,</v><v>M�d und gebeugt.</v><v>Wir bringen euch die Gaben, die ihr liebt.</v></stanza><stanza><v>Daraus webt f�r uns ein Gewand der Helle �</v><v>M�ge die Kette das wei�e Licht des Morgens sein,</v><v>M�ge der Schuss das rote Licht des Abends sein,</v><v>M�gen die Fransen der fallende Regen sein,</v><v>Mag die Bord�re der stehende Regenbogen sein.</v></stanza><stanza><v>So webt f�r uns ein Gewand der Helle,</v><v>Dass wir dort schreiten k�nnen,</v><v>Wo die V�gel singen,</v><v>Dass wir dort schreiten k�nnen,</v><v>Wo das Gras am gr�nsten ist.</v></stanza><stanza><v>O unsre Mutter Erde,</v><v>O unser Vater Himmel.</v></stanza><text-author>Volkslied, Tewa</text-author></poem></section><section><title><p>Klagelied des Webers</p></title><poem><stanza><v>Ein Teppich ist die Zeit,</v><v>Aus drei F�den bereit�.</v><v>Man wisse Bescheid,</v><v>Es sind Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit.</v><v>Unbest�ndig sind Kettenfaden</v><v>Zukunft und Gegenwart,</v><v>Doch ihrer Farben Gnaden</v><v>Macht das Herz vernarrt.</v><v>Vergangenheit, der Schuss,</v><v>Ist der Geschichte Muss.</v><v>Jeder Augenblick,</v><v>Jedes Kriegsgeschick,</v><v>Findet seinen Ort</v><v>In der Zeit Ged�chtnishort.</v><v>Das Schicksal, Weber dieser F�den,</v><v>H�lt sie fest in seinen H�nden,</v><v>Flicht daraus ein Band,</v><v>Das Rettung sein kann, Netz � oder Tand.</v></stanza></poem></section><section><title><p>I</p><p>Ein b�ser Wind</p></title><section><title><p>1</p></title><subtitle>Westliche K�ste Avonderre</subtitle><p>An einem Morgen von un�bertrefflicher Sch�nheit stieg die Sonne �ber dem strahlenden Meer auf, dessen Kr�uselungen so grell leuchteten, dass es schon beinahe schmerzhaft war. Der Winterwind tanzte �ber den glitzernden Wogen und brachte aus den s�dlichen Landen den frischen, s��en Duft des fernen Fr�hlings mit � und damit auch den Geruch von Blut.</p><p>Rath fluchte, senkte den Kopf auf die Brust und zog die braune Kapuze noch weiter �ber die stechenden Augen. Er wartete darauf, dass das Wasser unter seinen durchscheinenden Lidern klar wurde, blinzelte dann einige Male und sah wieder hoch zur K�stenlinie. Die See war so still, dass das Ufer in der Ferne kaum schwankte. Rath packte das Ruder mit seinen sehnigen Fingern, streckte den R�cken und ruderte auf den Strand zu.</p><p>Mit jedem Ruderschlag, mit jedem Knarren des Holzes in der Riemendolle seines kleinen Bootes sang er sich die Liste seiner Ziele vor, deren Namen unausl�schlich in sein Gehirn eingebrannt waren. <emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken,</emphasis> fl�sterte er in der seltsamen, sirrenden Sprache seiner alten Rasse, der einzigen Art von Rede, die f�r den Wind unh�rbar war. Rath achtete immer darauf, keine Nachrichten in den Wind zu sprechen, besonders nicht in den Meereswind, der sie rastlos �ber die ganze Welt verteilte, sodass jeder sie h�ren konnte, der auf die rechte Weise zu lauschen wusste. Rath war sich der losen Zunge des Windes wohl bewusst; er war aus diesem verg�nglichen Element geboren.</p><p>W�hrend er ruderte, biss er die Z�hne zusammen und verfluchte schweigend die Wellen, �ber die er glitt. Das Wasser hatte f�r lange Zeit seine Schwingungen unterbrochen und ihn von seiner Beute fern gehalten. Jeder Ruderschlag brachte ihn der Befreiung n�her, doch das bes�nftigte seinen wachsenden Zorn keineswegs. Solange er nicht fern des Meeres und der Kakophonie aus dichten Schwingungen war, die es hervorbrachte, war er unf�hig zur Jagd. Also richtete er seine ganze Aufmerksamkeit wie immer auf die Namen.</p><p><emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken.</emphasis></p><p>Als er seine zuk�nftigen Opfer aufgez�hlt hatte, die schon auf seiner Liste standen, solange er sich erinnern konnte, stimmte er stumm einen letzten Namen an, den er erst vor kurzem hinzugef�gt hatte.</p><p><emphasis>Ysk.</emphasis></p><p>Das war kein Name in seiner eigenen Sprache, sondern einer, der seinem Tr�ger von einer dummen, halbmenschlichen Rasse verliehen worden war, die nur selten Worte gebrauchte. <emphasis>Ysk</emphasis> war das Firbolg-Wort f�r Spucke und f�r das Austreten von etwas Faulem. Dass diese Ungeheuer jemandem einen solchen Namen gegeben hatten, sprach von tiefstem Abscheu und einer Verachtung, die keine Grenzen kannte.</p><p>Es war m�glicherweise der schlimmste Name, den Rath je geh�rt hatte.</p><p>Auch war es ein toter Name, ein Name, dessen Macht vor mehr als einem Jahrtausend gebrochen worden war und dessen Geschichte tief im Meeresgrund auf der anderen Seite der Welt ruhte. Ein vollkommen vergessener Name, vollst�ndig ausgel�scht von Wind und Erinnerung, gegenw�rtig nur noch f�r Rath und seinesgleichen.</p><p>Es war der letzte Name auf seiner Liste, aber der erste, nach dessen Tr�ger er suchen w�rde, sobald er an Land ging.</p><p>Als der Strand schlie�lich so nahe gekommen war, dass die Anstrengung des Ruderns in keinem Verh�ltnis mehr zum Fortkommen stand, kletterte Rath aus dem Boot und lie� es in der Tide treibend zur�ck. Er hatte die Stelle seines Landgangs sorgf�ltig ausgew�hlt und gelangte daher unbemerkt in einer kleinen, felsigen Bucht zwischen zwei Fischerd�rfern ans Ufer. Sein Gl�ck hielt an, weit und breit war niemand auf dem Strand zu sehen.</p><p>Mit einem letzten Blick �ber die Schulter wandte er sich vom Seewind ab. Das kleine Boot trieb in einem wenig anmutigen Tanz allm�hlich ins offene Meer zur�ck und drehte sich ziellos in der Str�mung hin und her. Rath watete an Land und beachtete dabei weder das Seegras noch die Kiesel, die den Grund unter seinen F��en bedeckten. Seine Sohlen hatten keine Nervenstr�nge; die Schwielen von jahrtausendelangem Wandern durch Feuer waren fast so dick wie eine Bootswand.</p><p>Als er am Strand angekommen war, eilte er weiter, bis ihn der bebende Schaum der Wellen nicht mehr erreichen konnte. Dann blieb er in dem kalten, trockenen Sand stehen, zog seine Kapuze zur�ck, hielt den Kopf in Richtung S�dwesten geneigt und lauschte dem Wind.</p><p>Er wartete hundert Herzschl�ge lang, h�rte aber keine Stimmen von der Art seiner eigenen. Keiner seiner Jagdgef�hrten hatte etwas zu berichten, so wie es die meiste Zeit hindurch �blich war.</p><p>So wie es schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden war.</p><p>Rath verweilte noch einen Augenblick und drehte dann seinen R�cken dem Westen zu, fort vom Donnern der Wellen und dem Rauschen der Gischt. Er atmete den salzigen Wind durch die vier �ffnungen seiner Luftr�hre ein, biss die Z�hne zusammen und lie� seinen <emphasis>Kirai</emphasis> los, die Schwingung des Seek�nigs, mit der seine Rasse ihre Beute aufsp�rte. Der sirrende Laut drang aus der tiefsten �ffnung in seiner Kehle und war nur von ihm selbst zu vernehmen.</p><p>Dann �ffnete er den Mund und gestatte der Luft, die aus seiner Lunge aufstieg, durch die oberste �ffnung seiner Kehle zu entweichen, wodurch er wieder h�rbare W�rter bildete.</p><p><emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken.</emphasis></p><p>Einen nach dem anderen sang er die Namen der D�monengeister heraus, die er jagte, und sp�rte die leichte Ver�nderung im Ton, w�hrend er von einem zum n�chsten wechselte. Wenn der <emphasis>Kirai</emphasis> eine �bereinstimmung eines dieser Namen mit einer Schwingung in der Luft feststellte, w�rde Raths Kehle wie in bei�endem Feuer brennen; er w�rde das Blut der Bestie in seinem Mund schmecken und seinen Herzschlag in der eigenen Brust sp�ren. Er w�rde sich an diesen Rhythmus festklammern und ihm folgen.</p><p>Doch wie �blich lag kein Geschmack dieser Namen im Wind.</p><p>Schlie�lich stimmte er den letzten Namen an.</p><p><emphasis>Ysk.</emphasis></p><p>Dieser Name war nat�rlich anders. Im Gegensatz zu den �brigen war es der tote Name eines lebenden Wesens � ein Name, der in einem anderen Leben einem Mann mit einer Seele gegeben worden war. Wie verdorben diese Seele auch immer durch die Verheerungen der Zeit und des pers�nlichen Versagens sein mochte, sie konnte dennoch nie so bei�end b�se wie die Essenz der d�monischen Wesen sein, auf die Rath und seine Gef�hrten f�r gew�hnlich Jagd machten. Auch wenn dieser Name tot war, so hatte Rath doch Grund zu der Annahme, dass sein Tr�ger noch lebte, obwohl sich seine Schwingungssignatur sicherlich zusammen mit dem Namen ver�ndert hatte.</p><p>Vor nicht allzu langer Zeit hatte er den toten Namen laut im plaudernden Wind geh�rt. Er hoffte, seinen Geschmack wieder zu finden, da er nun das Meer �berquert hatte und schlie�lich an dem Ort angelandet war, wo er den Namen aufgesp�rt hatte � an dem Ort, wo er zum letzten Mal laut ausgesprochen worden war.</p><p>Er sog die Luft ein, erlaubte dem Wind, �ber seine Zunge zu gleiten, und sang den Namen.</p><p><emphasis>Ysk.</emphasis></p><p>Noch immer lag eine Spur von ihm im Wind, der aus S�dosten blies, auch wenn sie schwach und hohl war; es mochte viele Jahre her sein, seit sie erklungen war. Doch auf diesem Kontinent und an diesem Ort, der in den alten �berlieferungen als die Wyrmlande bekannt war, war zuletzt der Name ausgesprochen worden. So viel vermochte Rath zu schmecken.</p><p>Zufrieden holte er sein B�ndel unter dem Mantel hervor und �ffnete es vorsichtig auf dem sandigen Boden, w�hrend der Wind vom Meer herbeiwehte und �ber die Haut seines entbl��ten Kopfes fuhr. Rasch �berpr�fte Rath seinen Proviant und die wenigen Werkzeuge, die er f�r seine T�tigkeit ben�tigte, sowie den Dolch, den er in einer kalbsledernen Scheide trug. Die Waffe war kaum mehr als ein Kindermesser und lediglich zur Selbstverteidigung gegen Mensch oder Tier bestimmt, wenn alle anderen Mittel versagten. Niemand, der ihn ansah, w�rde auf den Gedanken kommen, dass er bewaffnet war.</p><p>Seine t�dlichsten Waffen trug Rath in seinem Kopf.</p><p>Nachdem er beschlossen hatte, dass der Wasservorrat ausreichte, packte er seinen Proviant schnell wieder zusammen und schwang das B�ndel unter seinen flie�enden braunen Mantel. Dann warf er einen letzten Blick auf das Meer. Das kleine Boot war nicht mehr zu sehen; es war untergegangen im flammenden Schein der aufgehenden Sonne.</p><p>Einen Moment sp�ter war auch Rath f�r alle anderen Augen als die seinen unsichtbar geworden.</p></section><section><title><p>2</p></title><subtitle>Gwynwald n�rdlich des Tar�afel</subtitle><p>Dasselbe Sonnenlicht, das hunderte Meilen entfernt auf dem Meer glitzerte, erhellte auch den frostigen Tau in der Luft und badete den Wald in wei�liches Strahlen. Lanzen aus staubigem Gold erleuchteten die kahlen St�mme und �ste der wei�en B�ume, die sich dadurch noch st�rker von den benachbarten immergr�nen, von gefrorenem Schnee gefleckten Gew�chsen abhoben.</p><p>Kein Wintervogel durchbrach die Morgenstille mit seinem Lied, kein Rascheln in den Zweigen oder im Unterholz deutete die Gegenwart eines jener Waldbewohner an, die f�r gew�hnlich den kalten Monaten trotzten; niemand sp�rte den Beginn der Zweiten Tauwetterperiode, die sich schon seit einer ganzen Mondumdrehung ank�ndigte. Dieser Ort, der sonst von wilder Musik erf�llt war, gab keinen Laut von sich. Keine �ste bewegten sich an den Nadelgeh�lzen, nirgendwo knackte die Last des Eises im ausgegossenen Sonnenlicht. Selbst der Wind, ein beharrlicher S�nger, der so oft auch dann noch die kahlen Zweige sch�ttelte und durch die schwer mit Schnee beladenen Kiefern fuhr, wenn alle anderen Ger�usche den Wald verlassen hatten, war nun still.</p><p>Totenstill.</p><p>Als die Sonne h�her stieg, l�ste sich die kalte Feuchtigkeit in der Morgenluft etwas auf und brachte der Szenerie Klarheit, wenn auch weder W�rme noch Ger�usche. Der tief �ber dem Boden h�ngende Nebel hob sich allm�hlich, eisige Luft wirbelte �ber der Erde, die sich mit dem nahenden Ende des Winters erw�rmte. Und als die Luft klarer wurde, fiel das Licht, das sich in die stille Klamm ergoss, auf ein gewaltiges Gebilde, das zwischen geborstenen B�umen und inmitten verbrannter Grasfl�chen aufragte und die Stelle bezeichnete, an der ein Teil der Welt gestorben war.</p><p>Als das Gebilde noch in Nebel geh�llt gewesen war, hatte es wie eine Ansammlung von grauen Felsbl�cken ausgesehen, gefleckt mit Glimmer, aufsteigend aus dem weichen Lehm des Waldbodens. Doch als die Sonne durch die eisige Luft brach, wurden die Umrisse des Steins klarer, und seine behauenen R�nder enth�llten Drachenmerkmale: Steinstacheln, die sich �ber ein zusammengerolltes R�ckgrat erhoben, bekrallte Klauen, die sch�tzend um die Gestalt geschlungen waren, und ein geschwundener Schweif, der in einem grausamen Widerhaken auslief. Das Licht des d�mmernden Morgens zeigte immer deutlicher, dass es sich um die riesige Statue eines Drachen handelte, der in einer sch�tzenden Haltung hingekauert dalag. Jede Einzelheit war vollkommen herausgemei�elt, bis hin zu den winzigsten Schuppen auf seiner Steinhaut, die von Aschenstreifen bedeckt war. Ein klaffendes Loch war in seine Flanke gebohrt.</p><p>Die Augen in dem verwitterten Gesicht waren ge�ffnet. Selbst der gr��te Bildhauer der bekannten Welt w�re nicht in der Lage gewesen, die Tiefe der Trauer und den Frieden des Sichergebens im Ausdruck des Drachen auch nur anzudeuten.</p><p>Der Nebel wirbelte umher, l�ste sich aber nicht auf, sondern hing immer noch schwer in der kalten Luft, so wie es jeden Morgen seit Neumond gewesen war.</p><p>Dann erschien unter dem Nebel ein Lichtwirbel, der sich fl�chtig unter der eisigen Wolkendecke drehte.</p><p>Dann noch einer. Und wieder einer.</p><p>Aus allen Ecken des Waldes erschienen nun gro�e, schlangenhafte K�rper. Wenn ein menschliches Auge zugegen gewesen w�re, h�tte es die Gestalten zun�chst nicht erkennen k�nnen. Die meisten der Wesen, die sich hier versammelten, hatten eine �therische Gestalt angenommen. Sie waren aus eigenem Willen k�rperlos und bestanden aus Sternenlicht, das �lter als die Welt war. Leichter als Luft, schwebten sie im schweren Nebel der Klamm. Als ihre Reise zu einem Ende gekommen war und sie ihr Ziel erreicht hatten, verdichteten sich die gro�en Drachen der Welt und wurden zu dem Fleisch, das ihnen ihre Verbindung zum uranf�nglichen Element der Erde gew�hrte.</p><p>Die Macht, die sie mitgebracht hatten, durchdrang die Luft des Waldes und machte sie schwer vor uraltem Leben. Mitten unter ihnen zu stehen, w�re wie ein Ertrinken in einer Lawine aus Quecksilber gewesen, oder wie ein Zerquetschtwerden durch M�hlsteine aus Rubin. Diese uranf�nglichen Drachen, die gewaltigen Gef��e aller �berlieferungen der Welt, die W�chter der Erde verwalteten ihr Amt mit althergebrachtem Argwohn, Misstrauen und Herrschaftsanspruch.</p><p>Das erste Wesen, das hier eintraf, war Valecynos, Tochter des Stammvaters ihrer Rasse und W�chterin von Ashra, einem der f�nf Weltenb�ume, der eine halbe Welt entfernt innerhalb des Feuerriffes wuchs. Valecynos war eine der �ltesten ihrer Art und wurde auch als eine der Tapfersten und Tollk�hnsten angesehen. Wie der Baum der lebenden Flamme, den sie bewachte, blieb sie in halbfeuriger Gestalt. Ihre glitzernde Haut wechselte von flackerndem Scharlachrot zu brennendem Gold, dann wieder zur Finsternis von Rauch, alles innerhalb der Spanne eines einzigen Herzschlags.</p><p>Einen Augenblick lang wartete sie im Nebel und sog den Anblick des steinernen Drachen in sich auf. Als sich der schwere Dunst in der Hitze ihrer Gegenwart allm�hlich aufl�ste, kam sie langsam n�her und starrte mit ihren feurigen Augen auf das Bild vor ihr, als betrachte sie das Ende der Welt.</p><p>Nach ihr kam Mikanic, der Drache, der �ber Gro�-Overward herrschte, die s�dlichste Landmasse der Erde. Seine Herrschaft war unter seinesgleichen unangefochten, und sein Rat wurde niemals verschm�ht, auch wenn er ihn selten anbot und sich meist unter dem Sand der W�ste verbarg, welche den Mittelpunkt seines Herrschaftsgebietes bildete. Seine trockene braune Haut und die gro�e Anzahl schlanker R�ckenstacheln hoben sich deutlich gegen die fl�chtigen Farben der W�chterin neben ihm ab. Unter normalen Umst�nden h�tte er sich vor einer der F�nf T�chter ehrf�rchtig verneigt, doch die Bedeutung dieses Augenblicks war so gro� und so schrecklich, dass Umgangsformen keine Wichtigkeit mehr besa�en.</p><p>Der Waldboden erzitterte, als die anderen erschienen. Sie hatten sich entschieden, nicht in �therischer Gestalt auf dem Wind, sondern durch die Erde zu reisen. Sidus, ein Kohledrache, drang aus einer g�hnenden Kluft im Boden hervor, und seine flinken schwarzen Augen sp�hten misstrauisch umher. Neben ihm erschien kurz darauf Witheragh, der dazu bestimmt war, tief im Innern der Berge �ber einen Ort zu herrschen, an dem das Gold in hei�en Str�men rann. Seine Haut war mit Edelsteinen �bers�t, welche die Minenarbeiter in Nain geschnitten, poliert und ihm als Tribut �berreicht hatten. Er wurde von Salinus gefolgt, einem Drachen, dessen wei�e Haut von Gelb und Grau durchzogen war und den gewaltigen Salzadern glich, �ber die er herrschte. Diese beiden verstummten wie alle anderen in der Klamm erschienenen Drachen angesichts dessen, was sie hier sehen mussten.</p><p>Schlie�lich trat Dyansynos, eine weitere Tochter und die W�chtern von Frothta, dem Baum des lebenden Wassers, an die Seite ihrer Schwester und nahm den erschreckenden Anblick in sich auf, als ob sie ihren Schmerz mit Valecynos teilen wollte. Wie alle Drachen hatte sie keine Stimmb�nder, mit denen sie Worte h�tte bilden k�nnen, doch ihre Gedanken waren f�r alle, die sich in diesem Wald versammelt hatten, deutlich zu verstehen.</p><p>�Es ist so, wie wir bef�rchtet hatten�, sagte sie sanft, w�hrend das Bilden der Worte in ihrem Kopf starke Schmerzen hervorrief. �Llauron ist an sein Ende gekommen.�</p><p>Wie in Zustimmung blies der Wind zum ersten Mal seit Sonnenaufgang durch die Klamm, riss an den Zweigen der B�ume und wisperte unheilverk�ndend.</p><p>Die gro�en Gesch�pfe starrten noch immer den Steindrachen an. Die grauenvolle Ungeheuerlichkeit, dass ein Drache sein Leben in so vollkommener Weise aufgab, war in der Geschichte bisher nur ein weiteres Mal vorgekommen; es war ein Opfer von solcher Gr��e, dass man nur in den dunkelsten Zeiten davon sprach, und auch dann nur im Fl�sterton. An sein Ende zu kommen war weitaus mehr, als nur zu sterben. Es bedeutete, dass alle �berlieferungen, die ein Drache in seinem Blut trug, an das Universum zur�ckgegeben und auf das gesamte Verm�chtnis des Blutes verzichtet wurde, w�hrend der verwesende K�rper des Drachen zur Erde zur�ckkehrte und Adern aus kostbaren Metallen oder Lagerst�tten von Edelsteinen hinterlie�, die eines Tages die Kronen m�chtiger M�nner schm�cken, die hoch gesch�tzt, umk�mpft und gehortet sein w�rden, so wie es der Drache zu seinen Lebzeiten mit seinem eigenen Schatz gehalten hatte. Diese gro�en Gesch�pfe, die glaubten, sie bes��en keine Seele, und die der Meinung waren, dass im Jenseits kein Platz f�r sie w�re, sehnten sich wie jedes andere empfindende Gesch�pf nach einer Spur von Unsterblichkeit.</p><p>An sein Ende zu kommen bedeutete, diese M�glichkeit auf ewig zu verlieren.</p><p>Noch schrecklicher war die Tatsache, dass es ein Loch in den Schild der Macht riss, mit dem die Drachen die Erde sch�tzten. Mit dem Verlust eines Angeh�rigen der alten Rasse ging der Verlust der Kontrolle �ber die M�chte der chaotischen Vernichtung einher, die in die Tiefen der Erde gebannt waren.</p><p>Schlie�lich knisterte die harsche Summe Sinjafs, des dunstigen Drachens aus den gro�en Gifts�mpfen der �stlichen Inselkette, durch die stille Klamm. �Llauron war kein Drache, sondern ein Drachen�hnlicher�, sagte er barsch. Seine Angst rief bei den Versammelten Kopfschmerz hervor. �Er war von Menschen geboren, hatte zwar Drachenblut in den Adern, aber er war keiner von uns. Sein Verlust ist tragisch, doch er hat kaum Auswirkungen auf den Schild ��</p><p>�Llauron hat geholfen, den Gro�en Wei�en Baum der Erde zu bewachen, so wie die T�chter die drei anderen verbliebenen B�ume sch�tzen�, warf Talasynos ein, die selbst eine der T�chter und die W�chterin von Eucos war, dem Baum der lebenden Luft. �Seit seiner Kinderzeit hat er sich um den Baum gek�mmert, hat ihn geliebt, wie wir T�chter die Weltenb�ume lieben. Als meine Schwester Elynsynos ihre k�rperliche Gestalt aufgab, um ihren Schmerzen zu entkommen, hat er als ihr Enkel ihre Aufgabe �bernommen. Wenn er das nicht getan h�tte, w�re der Baum zerst�rt worden, so wie in den Kriegen der Menschen gro�e Teile des Wyrmlandes zerst�rt wurden. Seine Verwandlung in einen Drachen war vollst�ndig; er gab seine Menschheit auf, um uns zu Diensten zu sein. Mach dir nichts vor, Sinjaf. Sein Verlust ist genauso gro�, wie wenn Elynsynos selbst an ihr Ende gekommen w�re.�</p><p>Ihre letzten Worte verhallten hohl in der Klamm.</p><p>Schlie�lich sprach Mikanic das aus, was alle anderen dachten. �Wo ist Elynsynos?�</p><p>Die gro�en Drachen blickten umher, richteten dann ihre anderen, tieferen Sinne auf diese Frage und forschten nach den Schwingungen der Drachin an diesem Ort, �ber den sie seit ihrer Geburt herrschte. Sie suchten den Horizont ab, sp�rten ihr im rinnenden Saft der B�ume nach, unter dem Erdboden, pr�ften die Luft auf eine Spur ihrer �therischen Gestalt, lauschten auf jedes Fl�stern im Wind.</p><p>Sie f�hlten nicht einen einzigen Widerhall.</p><p>Das Grauen des Endes stieg unter den Versammelten zu noch gr��erer Furcht auf.</p><p>�Sie kann nicht tot sein�, ert�nte die beharrliche Stimme von Chao, einer glitzernden Kreatur aus den hellen Landen der aufgehenden Sonne. Er war zart und nerv�s und der fl�chtigste seiner Art. �Wir h�tten es gesp�rt, so wie beim Tod von Marisynos, welche die Sagia bewacht hat, als die Insel Serendair in der Sintflut unterging.�</p><p>�Vielleicht haben wir es gesp�rt�, sagte Sidus dunkel. �Der Nachhall von Llaurons Ende war stark genug, um uns alle herzulocken. Vielleicht ist Elynsynos� Tod in ihm untergegangen. Sicherlich ist ihre Herrschaft gebrochen. Dieses Land hier ist ohne Schutz und verwundbar. Sp�rt ihr nicht den Verlust ihrer Magie?�</p><p>�Es sind schon etliche L�cher im Schild�, murmelte Valecynos. �Wie haben so viele unserer Art verloren. Seht euch uns doch nur an. Gerade mal ein paar hundert sind von dem �brig geblieben, was einmal die gr��te Rasse der Erstgeborenen war. Wie k�nnen wir wenigen die ganze Erde sch�tzen? Ohne einen W�chter f�r den letzten der Weltenb�ume?�</p><p>�Wir m�ssen uns auf das beschr�nken, was unten ist�, sagte Witheragh, �und alles andere den Menschen �berlassen.�</p><p>�Die Menschen sind die Wurzel allen �bels!�, rief Dyansynos aus. �Du magst in Frieden mit den Nain existieren, Witheragh, aber die meisten von uns leben in st�ndigem Kampf mit den anderen Geschlechtern, haben entweder einen br�chigen Waffenstillstand geschlossen oder gehen ihnen aus dem Weg, indem wir uns in den Eingeweiden der Erde verstecken. Es ist ihre Narrheit, welche das Unausgesprochene einl�dt; es sind ihre K�rper, an die sich die D�monen so gern klammern, da sie selbst Wesen ohne Gestalt sind. Die Menschen sind es, durch die sich die F�dor fortpflanzen, und durch die Menschen setzen sie ihren zerst�rerischen Willen durch.�</p><p>�Die Menschen m�ssen jetzt f�r sich selbst sorgen�, sagte Mikanic. �Wir k�nnen nichts mehr f�r sie tun. Solange Elynsynos hier war, beherrschte sie diese Lande vollkommener, als es uns anderen seit Anbeginn der Welt in den eigenen Gebieten je m�glich gewesen ist. Ihre Narrheit, ihre Verbindung mit einem Mann aus der Rasse der Erstgeborenen, f�hrte zu Niedergang und Krieg. Es w�re dumm von uns, wenn wir die Menschen jetzt noch zu retten versuchten. Wir m�ssen tun, was wir k�nnen, um diese zerbrechliche Welt zusammenzuhalten und vor den B�sen aus der Tiefen Kammer der Unterwelt sowie vor jenen zu sch�tzen, die �ber die Erde wandeln. Was immer der Rasse der Menschen zusto�en sollte, ist ohne Belang. Und aus diesem Grund sollten wir unseren Bruder segnen und von diesem Ort weggehen, zur�ck in unsere eigenen L�nder, damit sie nicht verwundbar sind.�</p><p>In schweigender Zustimmung wandten sich die Drachen erneut dem steinernen Leichnam zu.</p><p>�Was hat er getan, als er an sein Ende gekommen ist?�, fragte Chao unruhig. �Warum hat er sich zusammengekauert, obwohl er den Kopf erhoben und die Augen ge�ffnet hat?�</p><p>Das dunkle Immergr�n rauschte laut auf, als der Wind durch die Zweige fuhr.</p><p>�Er muss etwas besch�tzt haben�, sagte Talasynos. �Was immer es war, es war f�r ihn nicht nur wichtiger als sein Leben, sondern auch wichtiger als sein Erbe und all seine �berlieferungen.�</p><p>�Wir k�nnen ihm wenigstens etwas davon zur�ckgeben, indem wir ihn segnen�, sagte Valecynos. Sie schloss ihre wei� gl�henden Augen und sang ohne Klang, ohne Worte, und einen Augenblick sp�ter fielen die anderen ein.</p><p>Llaurons Steinh�lle war pl�tzlich von Flammen umgeben, von klarem, elementarem Feuer ohne Spuren von Asche oder Schlacke, wie es im Herzen der Erde brannte. Die Striemen von Asche, die ihn einst durchzogen hatten, wurden nun von den Flammen gereinigt. Dann wechselte der Gesang und rief kalten Regen aus dem klaren Morgenhimmel herbei. Sobald der K�rper ges�ubert war, wandelte sich das Lied erneut und rief den Wind, der die Regentropfen trocknete, so wie eine Mutter die Tr�nen ihres Kindes trocknet. Als der K�rper schlie�lich von diesen drei Elementen gesegnet worden war, �ffnete sich die Erde sanft unter ihm und empfing Llauron in einem tiefen Grab inmitten des Waldes, den er im Leben so geliebt hatte.</p><p>Als alle Elemente der nat�rlichen Welt den Ort gesalbt hatten, an dem Llauron an sein Ende gekommen war, verstummten die Drachen. Sie blieben in dem Hain, standen Wache, bis die Nacht kam, und �ther legte sich in Gestalt von Sternenlicht auf das Grab. Der �ther, das �lteste der f�nf Elemente, wurde als die Magie erachtet, die ihre Rasse mit dem �brigen Universum verband.</p><p>�Mag es dir Frieden bringen und so viel Unsterblichkeit, wie du erlangen kannst, Llauron�, stimmte Valecynos an. <emphasis>Und mag das, wof�r du dich geopfert hast, den Preis wert gewesen sein, den du daf�r gezahlt hast,</emphasis> dachte sie.</p><p>Als der Wind wieder auffrischte, l�sten die gewaltigen schlangenartigen K�rper ihr Band zu dem Fleisch der Erde. Sie wurden durchscheinend, glommen �therisch, stiegen in den Wind auf wie Sommerf�den oder verbargen sich wieder in der Erde und kehrten in ihre eigenen L�nder zur�ck.</p><p>Dabei zitterten sie vor Furcht.</p></section><section><title><p>3</p></title><subtitle>Tief im Hintervold</subtitle><p>Zumindest ein Mitglied der Drachenrasse hatte nicht an der Segnung von Llaurons Leichnam teilgenommen. Allerdings bedeutete die Abwesenheit der Drachin nicht, dass sie nicht das Ende beobachtet h�tte.</p><p>Sie war sogar der Grund daf�r gewesen.</p><p>Dass Llauron ihr Sohn gewesen war, stellte f�r sie nur eine bruchst�ckhafte Erinnerung dar. Sie hatte fast drei Jahre lang in einem Grab aus Asche und Ru� gelegen, war von �therischem Feuer aus dem Himmel versengt worden, und daher war ihr Ged�chtnis nicht mehr das, was es einmal gewesen war. Sie besa� nur noch wenige verbliebene Erinnerungsfetzen, und keiner bezog sich auf eines ihrer Kinder. Schon lange hatte sie die Grundregel des Drachentums vergessen, dass kein Drache je einen anderen t�ten oder auch nur den Plan dazu fassen durfte, denn bereits der Verlust eines einzigen riss ein schreckliches Loch in den Schutzschild, der die Welt aufrecht erhielt.</p><p>Selbst wenn sie dies gewusst h�tte, w�re es ihr gleichg�ltig gewesen.</p><p>Sie wusste kaum mehr, als dass sie vor kurzem in der Erde erwacht war, in Schmerz und Verwirrung. Ihre Qualen konnte sie ein wenig lindern, indem sie ihrer zerst�rerischen Wut freien Lauf lie�.</p><p>W�hrend sie in ihrem leeren Palast aus Eis und gefrorenem Stein lag, wusste sie auch, dass sie allm�hlich starb.</p><p>Anwyn hatte erst vor sehr kurzer Zeit ihre neue Gestalt angenommen; nur wenige ihrer tausendf�nfhundert Jahre hatte sie als Drachin gelebt. Mehrere Male w�hrend ihres Daseins hatte sie sich verwandelt, immer um B�ses zu wirken, und war beim letzten Mal von einem Blitz aus Sternenfeuer getroffen worden, der ihre Fl�gel verkr�ppelt und sie zu einem todes�hnlichen Schlaf in ihrem schwarzen Kohlengrab verdammt hatte. Sie hatte keine Ahnung, warum sie erwacht war. Sie vermochte nur Bruchst�cke ihrer Erinnerung heraufzubeschw�ren; es waren Bilder, die sie oft nicht verstand. Doch der Hass, den sie empfand, f�hlte sich ungeheuer befriedigend an, wenn sie ihn auf Gedanken der Vernichtung richtete.</p><p>Da war eine klare Erinnerung: der best�ndige Hass auf eine Frau mit goldenem Haar � auf die Frau, die Anwyn in ihr Gef�ngnis gesto�en hatte.</p><p>All das war in die Kavernen ihres Ged�chtnisses zur�ckgewichen, w�hrend sie auf dem Steinboden ihrer Festung in den frostigen Bergen nach Atem rang. In ihrer Brusth�hle steckte ein St�ck Metall, mit rauen R�ndern, rund, d�nn und rasiermesserscharf. Es war kalt geschmiedet und aus einem Metall gemacht, das sich stark ausdehnte, wenn es in Ber�hrung mit Hitze kam, aber nat�rlich wusste Anwyn auch das nicht. Sie wusste nur, dass es an ihren Muskeln und ihrer Brust gezerrt und sich unter der Hitze ihres K�rpers best�ndig ausgedehnt hatte, w�hrend sie an diesen Ort des ewigen Winters zur�ckgekehrt war. Immer n�her hatte es sich an ihr dreikammeriges Herz herangearbeitet.</p><p>Nun lag sie so still wie m�glich, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und keine Panik zu bekommen und k�mpfte sich durch die Ruinen ihres zerschmetterten Hirns auf der Suche nach irgendeiner Erinnerung, die ihr hilfreich sein konnte.</p><p><emphasis>Heilung,</emphasis> dachte sie verzweifelt, w�hrend sie ganz flach atmete und zusah, wie sich ihr blutgefleckter Speichel auf dem Boden sammelte. <emphasis>Ich muss Heilung finden.</emphasis></p><p>Aber in ihrem Leben hatte sich Anwyn wenig um die Heilk�nste gek�mmert und wusste daher nicht, wo sie diese Heilung finden sollte.</p><p>Aus der Richtung eines Fensters, das auf die Berge hinausblickte, h�rte sie ein summendes Ger�usch, das lauter war als der allgegenw�rtige Nordwind, der um ihren Palast heulte. Einen Moment sp�ter begriff sie, dass sie dieses Ger�usch nicht mit ihren Ohren, sondern mit ihrem Blut h�rte. Langsam wandte sie den Kopf, zuckte vor Schmerzen zusammen und versuchte all ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was nach ihr rief.</p><p>Auf einem Holzaltar mit reichem Schnitzwerk lag ein mattes Fernglas.</p><p>Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz.</p><p>Das Fernglas war w�hrend des gr��ten Teils ihres Lebens eines ihrer Werkzeuge gewesen. Einst hatte es ihrem Vater geh�rt, einem Seemann, doch anstatt damit weit entfernte Dinge auf dem Meer zu ersp�hen, hatte Anwyn es in ihrer Eigenschaft als Seherin dazu verwendet, in die Vergangenheit zu blicken. Sie erinnerte sich an nichts davon, hatte aber das Gef�hl, dass ihr das Fernglas zeigen w�rde, was sie tun musste, um sich selbst zu retten, wenn sie nur an es herankam. So wie sie sich abgem�ht hatte, an diesen Ort zu gelangen, nahm sie nun ihre letzte Kraft zusammen und bewegte ihren gewaltigen, schwer verwundeten K�rper auf den Altar zu.</p><p>Der Wind hinter den vereisten Glasscheiben kreischte triumphierend auf, als das Bild der Drachin, das sich im Fenster spiegelte, allm�hlich n�her kam. Sie sp�rte, wie ihr verletztes Herz wild schlug, als sie �ber den Boden kroch und eine Spur aus dunklem Blut hinter sich herzog. H�chst vorsichtig tastete sie mit einer krallenbewehrten Klaue �ber das Holz und suchte nach dem Ursprung der Schwingung, die sie versp�rt hatte. Als sie das kalte Metall unter ihrer Klaue f�hlte, k�mpfte sie gegen den Drang an, das Fernglas zu fest zu packen.</p><p>Mit letzter Kraft glitt sie zu den eisbedeckten Fenstern, die �ber den gewaltigen Abgrund unter ihr hinaussahen. Sie hob das Glas an ihr riesiges, schlangenartiges Auge und sp�hte so eindringlich wie m�glich hindurch.</p><p>Sie hatte vergessen, dass ihr das Fernglas nur Dinge aus der Vergangenheit zeigen konnte, aber das war gleichg�ltig. Das Bild, das sich formte, als sie durch die Linse blickte, brachte in ihren Erinnerungen etwas zum Erklingen. Es war das Bild eines alten Ortes mit mystischer Heilkraft, eine verlassene Zitadelle, in der hei�e Quellen flossen, ein Heilgarten mit bl�henden Kr�utern, die Geist, K�rper und Seele bes�nftigten, wo sich die W�rme der Sonne mit den Heilwirkungen des lehmartigen Sandes verbanden, um auch die schwerste Infektion aus dem K�rper oder die schrecklichste Erinnerung aus dem Kopf zu ziehen und nichts als s��e Klarheit und Frieden zu hinterlassen. Dass diese Zuflucht f�r die Leidenden im Sand der W�ste versunken war, noch bevor ihr Vater vor f�nfzehnhundert Jahren den Fu� auf diesen Kontinent gesetzt und sie selbst den sagenhaften Ort nie gesehen und erst recht nicht seine Heilkraft erfahren hatte, verstand sie ebenfalls nicht. Sie wusste nur, dass sie in der winzigen Linse des Fernglases genau das sah, wonach sie suchte.</p><p>Die untergegangene Stadt Kurimah Milani.</p><p>Die Drachin rang nach Atem und lachte rau auf.</p></section><section><title><p>4</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>Aufgrund eines unerkl�rlichen Zufalls befand sich in dem Augenblick, da Rath an den Strand kam, der Mann, der einst den geschm�hten Namen getragen hatte, nach dem der J�ger suchte, an einem nur wenige Meilen entfernten Ort. Dieser Mann starrte mit schweigender Verachtung das rosig-braune Steingeb�ude der kleinen Festung an, die als Haguefort bekannt war. Am liebsten h�tte er ausgespuckt, als er die Wiedervereinigung beobachtete, die bei ihm den gleichen Abscheu hervorrief, den auch sein fr�herer Name bei anderen erweckt hatte.</p><p>Ysk.</p><p>Seit damals, da ihm verachtungsvoll dieser Name verliehen worden war, hatte der Mann auch schon andere Bezeichnungen getragen. Vor langer Zeit war er von dem Namen Ysk durch einen sehr erfahrenen Benenner gereinigt worden, der die Kunst der Schwingungen und ihrer Beeinflussung beherrscht hatte. Der Benenner hatte ihn einfach nur den Bruder genannt, denn er hatte gesagt, Ysk sei Bruder f�r alle, doch mit niemandem verwandt. Es war dieser Name, der ihm die Macht verliehen hatte, ein gro�er Heiler zu werden, doch stattdessen hatte er die andere Seite der Medaille gew�hlt und seine Zeit mit dem einsamen Gesch�ft eines gedungenen M�rders verbracht.</p><p>Jahrzehnte sp�ter hatte ihn ein weniger geschickter Vertreter derselben Zunft neu benannt, und da er nun �ber das Bergreich Firbolg herrschte, kannte ihn die dort lebende monstr�se Rasse, die ihm einst den Titel Ysk verliehen hatte, unter vielen gef�rchteten und dummen Bezeichnungen: Das Gl�hende Auge, Der Erdenvertilger, Der Gnadenlose, Der Nachtmann. Er war knapp der Ehre entgangen, den geachtetsten traditionellen Titel zu erhalten, den die Bolg-St�mme ihren H�uptlingen und Kriegsherren gaben und den man grob mit �Der Oberste Gebl�hte� �bersetzen konnte, denn so oder mit einem anderen Titel, der sich auf die Sinne bezog, konnte man ihn einfach nicht bezeichnen. In den dunklen Kavernen und Tunneln von Ylorc war er weder zu sehen noch zu h�ren und ganz bestimmt nicht zu riechen, es sei denn, er wollte es so.</p><p>Nun, in der gegenw�rtigen Epoche der Geschichte, war er als Achmed die Schlange und K�nig der Firbolg bekannt.</p><p>Der Name, den er bei seiner Geburt erhalten hatte, war mit der Zeit untergegangen und existierte nur noch in den tiefsten Gr�ften der Erinnerung. In den letzten zweitausend Jahren hatte er ihn lediglich ein einziges Mal genannt; er hatte ihn ganz leise in den Tiefen der Erde gegen�ber der Benennerin ausgesprochen, die ihm seine augenblickliche Bezeichnung gegeben hatte.</p><p>Nun sah er zu, wie diese Frau die Stufen der rosig-braunen Festung hinaufgef�hrt wurde. Sie zitterte aufgrund ihrer k�rzlich erfolgten Niederkunft und des bei�enden Sp�twinterwindes und atmete tief aus. Er wandte sich an seinen Sergeant-Major, ein gewaltiges Halbblut, das w�hrend des gr��ten Teils seines Lebens sein st�ndiger Begleiter und Gef�hrte gewesen war.</p><p>�Niemand beobachtet uns. Wenn wir jetzt gehen, wird man unsere Abwesenheit erst nach unserer Heimkehr feststellen.�</p><p>Der Sergeant-Major sch�ttelte den Kopf und verbarg ein L�cheln.</p><p>�Nee, das war nich� richtig�, sagte er und versuchte dabei, ernst zu klingen. �Der alte Ashe hat gesagt, wir sollen warten, damit wir ihm berichten k�nnen, was im Wald passiert is. Wir sollen nich dr�ber sprechen, bis wir zur Versammlung kommen, damit unsre Erinnerung noch frisch is.� Er deutete in die Richtung der beiden jungen Leute, des Herzogs und der Herzogin von Navarne, die ein kreischendes B�ndel in ihren Armen hielten. �Scheint aber, wir haben was zu essen, solange wir warten m�ssen.�</p><p>Achmed l�chelte schwach. �Meinst du, wir sollten Rhapsodys Kind verspeisen?�</p><p>�Ja. Warum nich?�</p><p>Das L�cheln des Firbolg-K�nigs verblasste, als die Wachen aus der Festung eintrafen, um ihn auf sein einsames Zimmer zu bringen.</p><p>�Weil es nicht f�r uns beide reicht�, sagte er in H�rweite der Soldaten.</p><p>�Hast recht, wie immer�, rief Grunthor liebensw�rdig, w�hrend Achmed fortgef�hrt wurde. �Aber wie w�r�s, wenn ich den Kopf abbei�e und du den Rest kriegst?�</p><p>Der Firbolg-K�nig sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er, ohne sich umzudrehen. �Es ist mit Ashe verwandt und schmeckt daher wahrscheinlich nach Schaf. Du wei�t, wie sehr ich Schaf hasse.�</p><p>Das Kammerm�dchen, das inzwischen den Kindern den S�ugling abgenommen hatte, stie� einen leisen Schrei des Entsetzens aus und hastete von den beiden ungeheuerlichen M�nnern fort. Der junge Herzog, seine neunj�hrige Schwester und die Festungswachen aber waren schon lange an die beiden gew�hnt und verzogen keine Miene.</p><empty-line/><p>Als der cymrische Herrscher befohlen hatte, dass alle Anwesenden in getrennte Zimmer gef�hrt werden und die Zeit bis zur Versammlung schweigend verbringen sollten, hatten die meisten die Stirn gerunzelt. Jeder Einzelne, dem K�nig Gwydion versprochen hatte, er werde sehr bald zu ihm gerufen, hatte dringende Gesch�fte zu erledigen oder schreckliche Entdeckungen zu berichten, und sie alle �rgerten sich �ber die Verz�gerung.</p><p>Alle au�er Sergeant-Major Grunthor, dem gewaltigen Bolg-Kommandanten, der zustimmend nickte und gelassen dem unruhigen menschlichen Diener zu seinem Zimmer folgte. Sobald die T�r geschlossen war, sah sich der Sergeant rasch um, fand den Raum annehmbar und machte sich daran, sein pers�nliches Arsenal zu s�ubern.</p><p>So wie einige M�nner Trinkflaschen, Jagdtroph�en oder Konkubinen sammelten, sammelte Grunthor Waffen mit Klingen. Er war noch st�rker vernarrt in seine Kollektion als die meisten anderen Sammler, denn jedes St�ck stand im Mittelpunkt einer bemerkenswerten Geschichte und war eine Erinnerung an einen blutigen Sieg, der in der Widerspiegelung des Stahls noch s��er erschien.</p><p>Wann immer es ihm sein Dienst erlaubte, sch�ttelte der riesige Bolg-Kommandant � der halb Firbolg und halb Bengard und ein siebeneinhalb Fu� gro�es Muskelpaket war, mit einer Haut, die die Farbe von alten Prellungen hatte � den Waffengurt ab, den er stets �ber den R�cken geschlungen trug, und breitete seine Waffen auf einem Tisch oder seinem Bett aus, wo er sie liebevoll polierte und dabei oft schr�g und unmelodisch ein leises Kriegslied summte. Er nahm sich viel Zeit, jede einzelne Waffe zu benennen, und versp�rte dadurch eine pers�nliche Beziehung zu ihnen. Sie waren f�r ihn Erinnerungen aus der alten Welt, in der das Leben einfacher, aber nicht leichter gewesen war.</p><p>Nun summte er wieder einmal vor sich hin, w�hrend er den massiven Patronengurt auszog. Das Knirschen von Leder und Metall bildete eine sch�ne Untermalung seiner Musik, einem angenehm blutigen Volkslied �ber die Pl�nderung einer W�stenstadt, das er von seiner bengardischen Mutter gelernt hatte.</p><p>Die erste Klinge, die er herauszog, war zugleich die l�ngste und die k�rzeste Waffe, die er besa�. Es handelte sich um die Spitze eines Streitspie�es, die er liebevoll Beggie genannt hatte, als Abk�rzung f�r Begr��ung. Beggie hatte eine Doppelschneide und eine traditionelle Speerspitze mit einem Beilkopf an der einen Seite, allerdings fehlte der h�lzerne Schaft. Grunthor hielt die Spitze gegen das Licht des Kaminfeuers in seinem Zimmer und erfreute sich an der Art und Weise, wie das schon seit langem getrocknete Blut in den von Zeit und Abnutzung gefr�sten Scharten der Waffe glitzerte.</p><p>�Hallo, kleiner Freund�, murmelte er z�rtlich. �Ich beschaff dir bald �nen neuen Schaft. Tut mir leid, dass ich das noch nich getan hab.�</p><p>Die n�chste Klinge, der er seine Aufmerksamkeit widmete, war das Alte Luder, ein schartiges, d�nnes Schwert, das er im Gedenken an eine Hure mit stark behaarten Beinen benannt hatte, der er in der alten Welt sehr zugetan gewesen war. �Na, na, Liebchen, nich bei�en�, murmelte er, w�hrend er vorsichtig die �u�erst scharfe Schneide ein�lte. �Hab dasselbe vor vielen Jahren zu deiner Namenspatronin gesagt. Die hatte im Gegensatz zu dir aber keine Z�hne.�</p><p>Mit unendlicher Sorgfalt k�mmerte er sich um die Bed�rfnisse jeder einzelnen Klinge, polierte den Stahl, sprach leise und sanft mit ihnen, fast wie zu einem S�ugling, w�hrend er sie im Arm wiegte. Wenn der Anblick Grunthors, wie er die Klingen sch�rfte, die Ahlen anfeilte und die Metallgei�eln seiner Bullenpeitsche richtete, nicht so bedrohlich gewesen w�re, h�tte er ein lustiges Bild f�r jedermann abgegeben, der tapfer oder dumm genug war, ihn zu st�ren.</p><p>Ein St�ck seiner Sammlung nach dem anderen wurde geduldig in Bestzustand gebracht. Der Sergeant hatte genauso viel Freude daran wie an den Erinnerungen, die mit den Waffen verbunden waren. Schlie�lich kam er an die letzte, die man Triatine nannte, wie ihm ein Cymrer der Ersten Generation gesagt hatte. Es war eine Dreifachklinge aus drei d�nnen Bl�ttern, die im Mittelpunkt zusammengeschwei�t und allesamt rasiermesserscharf waren. Sie diente nicht nur zum Aufschlitzen und war dabei lang und scharf genug, um den Gegner auf Abstand zu halten, sondern man konnte mit ihr auch gro�e St�cke Fleisch und Muskeln herausschneiden, wenn man sie unter Anwendung von gen�gend Kraft mit der dreieckigen Spitze voran einsetzte und dann in der rechten Weise drehte. Dies war die letzte Waffe, die er seiner Sammlung in der alten Welt einverleibt hatte. Achmed hatte sie aus einem toten Soldaten gezogen, der Rhapsody verfolgt hatte, und es war die einzige seiner Waffen, die er noch nie eingesetzt hatte.</p><p>Das S�ubern und Pflegen der Waffen half Grunthor dabei, seine Gedanken zu ordnen. Auf dem Weg von Gwynwald nach Haguefort hatte er kaum einen Augenblick gefunden, in dem er mit seinem K�nig und besten Freund allein hatte reden k�nnen. Achmed hatte auf der ganzen Reise in der Kutsche zusammen mit Rhapsody, ihrem Gemahl und dem neugeborenen Sohn eisern geschwiegen, w�hrend sie sich allm�hlich der Festung aus rosig-braunem Stein, dem Herzogssitz von Navarne, gen�hert hatten. Dieser Ort war der erste gewesen, an dem die drei � ohne Ashe � in der neuen Welt, dem Wyrmland, zu dem sie von der anderen Seite der Zeit geflohen waren, ehrlich und aufrichtig willkommen gehei�en worden waren.</p><p>Es war klar f�r Grunthor, dass sich ein Krieg zusammenbraute. Nach so langer Zeit ohne �bung als Feldkommandant war er bereit und sogar erpicht darauf, in die Schlacht zu ziehen, ob sie nun mit traditionellen Waffen oder solchen au�erhalb seines Erfahrungshorizontes oder mit beiden zugleich geschlagen werden w�rde. Im Gegensatz zu Rhapsody, die sich auch dann noch nach Frieden sehnte, wenn er v�llig unwirklich geworden war, und Achmed, der nie an die M�glichkeit des Friedens glaubte, empfand Grunthor den Frieden als eine Zeit der Unannehmlichkeit, in welcher die Waffen rostig und unbrauchbar und die Soldaten unaufmerksam und faul wurden, weil ihnen der Ansporn der Angst fehlte. Die Bengard-Rasse seiner Mutter hatte sich schon vor langer Zeit die Vorstellung vom andauernden Krieg als bestem Seinszustand zu eigen gemacht, selbst wenn sie diesen Krieg mit k�nstlichen Mitteln hervorrufen musste, denn er f�hrte zu einem Zustand der gesteigerten Wachsamkeit und des gemeinsamen Opfers.</p><p>Und nat�rlich machte Krieg Spa�.</p><p>Als Grunthor das kleine Kurzschwert namens Luzi �lte, legte sich ein schiefes Grinsen �ber sein gebr�untes Gesicht, wodurch ein sorgsam polierter Sto�zahn unter den aufgeworfenen Lippen hervorlugte. Luzi war das Schwert, das er Rhapsody geliehen hatte, um ihr die Handhabung einer Klinge beizubringen. Sie hatte ihm alle Ehre gemacht und trug nun eine eigene historische Waffe, doch am liebsten sah er sie noch so vor sich, wie sie, die eine Arml�nge kleiner als er war und h�chstens ein Drittel seiner K�rpermasse besa�, sich dazu gezwungen hatte, ihn in den ersten �bungsstunden nicht mit all ihrer Kraft anzugreifen. Er h�tte sie wie eine Grille zertreten k�nnen, ohne sich die Stiefel besonders schmutzig zu machen, doch er hatte gelernt, sie und ihre Gaben hoch zu sch�tzen, auch wenn er sie nie ganz verstanden hatte.</p><p>Sein Grinsen verblasste, als ihm ein frischeres Bild von ihr in den Sinn kam: wie sie bleich und grau vom Blutverlust und den inneren Verletzungen bei der Geburt des Drachenjungen dagelegen hatte. Es war das Kind Ashes, der selbst Drachenblut in den Adern hatte. Sie und Achmed waren unter dem versteinerten K�rper ihres Schwiegervaters Llauron hervorgekommen, eines hinterh�ltigen Mannes, dem Grunthor nie getraut hatte, auch als er noch menschliche Gestalt besessen hatte. Selbst seine Verwandlung in die �therische Existenz eines Drachen hatte Grunthors Meinung nicht �ndern k�nnen. Llaurons Opfertod, der nach Achmeds Ansicht sie beide vor der Raserei der Drachin Anwyn gerettet hatte, war das Mindeste, was der alte Mann in Grunthors Augen hatte tun k�nnen.</p><p>Als er Rhapsody im Wald gesehen hatte, wie sie in der Kutsche ihres Gemahls verschwunden war � die sie erst in Haguefort wieder verlassen hatte, um sich in die Festung zu begeben �, hatte sie in Grunthor ein Gef�hl des Unbehagens hinterlassen, an das er nicht gew�hnt war. Er lie� den ledernen Waffeng�rtel schnalzen und beschloss daf�r zu sorgen, dass er vor seiner Abreise mit ihr allein reden und sich von ihrem Zustand �berzeugen konnte.</p><p>Er steckte gerade seine Waffen weg, als es an der T�r klopfte. Ashe hatte nicht gelogen und die Wartezeit kurz gehalten. Grunthor legte den Waffeng�rtel an und ging hinter den Wachen hinunter in die Halle, wo hoffentlich die fruchtbare Planung eines gro�en milit�rischen Abenteuers stattfinden w�rde.</p><p>Bei dieser Aussicht konnte er es einfach nicht sein lassen, ein fr�hliches Liedchen zu summen.</p><empty-line/><p>W�hrend Grunthor seine Waffen s�uberte, hatte der Bolg-K�nig die Wartezeit genutzt, um einen kleinen Schwarm Burgschwalben zu beobachten. Es waren Winterv�gel, die das ganze Jahr �ber in den Spalten und Ritzen von Hagueforts hohen Mauern nisteten. Bei ihrem Anblick dachte Achmed �ber alte Verluste nach.</p><p>Das Zwitschern der V�gel schien heller zu sein, wenn sie h�her im Wind dahinglitten, und ihre Rufe kitzelten die empfindlichen Nervenenden in Achmeds Kopfhaut. Das war an und f�r sich nicht ungew�hnlich; fast alles, was lebte oder sich bewegte, machte sich mit seinen Schwingungen auf der Haut des Bolg-K�nigs bemerkbar. Das Gewebe aus Adern und Nerven, das jeden Zoll seiner K�rperoberfl�che durchzog, war daf�r verantwortlich, dass er auf der Jagd seine Beute ersp�ren konnte; zu allen anderen Zeiten hingegen �rgerte ihn seine F�higkeit nur.</p><p>Doch was Achmed in den Vogelrufen bemerkte, war ein besonders musikalisches Zwischenspiel, ein hoher Triller, der alle acht Herzschl�ge wiederholt wurde und die Reizung seiner Haut durch all die anderen Vogellieder ertr�glich machte. Der Triller d�mpfte die Nadelstiche zu einem bes�nftigenden Summen, das sich beinahe angenehm anf�hlte. Er kannte dieses Gef�hl.</p><p>Genauso empfand er Rhapsodys N�he.</p><p>Achmed stie� langsam die Luft aus. Darin lag die Ironie: Obwohl ihn die Entscheidungen der cymrischen Herrscherin, die sie w�hrend der letzten anderthalb Jahrtausende getroffen hatte, immer wieder genauso verwirrt hatten wie ihr offenherziger und hohlk�pfiger Idealismus, hatte sie eine angeborene musikalische Schwingung an sich, welche die unabl�ssigen Qualen linderte, die ihm das Leben in jedem wachen und schlafenden Augenblick auferlegte.</p><p>Sobald ihm dieser Gedanke gekommen war, wurde die T�r ge�ffnet. Rhapsody betrat den Raum, was Achmed wusste, ohne in ihre Richtung zu schauen, denn pl�tzlich lie�en die Schmerzen auf seiner Haut nach, wurden bes�nftigt durch die Schwingungen, die sie �berallhin mitnahm.</p><p>Er drehte sich nicht einmal um, als sie zum Fenster kam. �Wo ist dieses kreischende Ding?�, fragte er, w�hrend er den Formationsflug der Schwalben �ber dem Balkongitter beobachtete und zusah, wie die V�gel dabei die warmen Aufwinde nutzten. �Ich dachte, es ist f�r immer und ewig an deiner Brust festgeklebt.�</p><p>Rhapsody kicherte. �Sein Vater hat ihn�, sagte sie, stellte sich neben ihren Gef�hrten und folgte seinem Blick, w�hrend die V�gel �ber den Turm der Festung und au�er Sichtweite flogen. �Und f�r einen Neugeborenen ist er wirklich sehr ruhig. Aber vielleicht ist deine Rasse in ihrer ersten Zeit noch stiller, so wie sie es in allen Lebensaltern ist. Schreien dhrakische Kinder nie, wenn sie Hunger haben oder K�lte versp�ren? Oder teilen sie ihre Bed�rfnisse stumm mit, so wie es eure Erwachsenen tun?�</p><p>Achmed zuckte die Schultern. �Ich habe keine Ahnung�, sagte er nur. �Ich bin nicht von Dhrakiern, sondern von Bolg aufgezogen worden, wie du dich erinnern wirst. Ich wei� nicht mehr �ber dhrakische Kinder als du.�</p><p>Endlich drehte er sich um und sah sie an. Dabei zuckte er zusammen. Eines der sch�nsten Merkmale ihres Gesichts war immer die gro�e Anzahl der Farben gewesen. Ihre rosige Haut hatte sich vom Smaragdgr�n ihrer Augen abgehoben und war von blondem Haar eingerahmt gewesen, welches das Licht in jedem Raum eingefangen hatte. Achmed kannte sie aus einer Zeit, in der sie noch nicht die ernsthafte Herrin des B�ndnisses, sondern eine lebhafte Stra�enhure gewesen war. Zwar war f�r ihre sagenhafte Sch�nheit auch das elementare Feuer verantwortlich, das sie einst in sich aufgenommen hatte, doch sie war schon immer eine wunderbare Frau gewesen, auch in der schlechten alten Zeit auf der lange untergegangenen Insel Serendair, eine halbe Welt weit entfernt.</p><p>Als er sie nun betrachtete, sah er eine v�llig andere Frau. Rhapsodys f�r gew�hnlich sonnengebr�unte Haut war so blass wie Porzellan, ihre Augen hatten eine schw�chere Gr�nt�nung und waren wie Fr�hlingsgras statt wie ein Wald im Sommer. Ihr leuchtendes Haar hatte ein wenig von seinem Glanz verloren, und ihre Fingerspitzen sowie das Wei�e in ihren Augen schienen blutleer zu sein. Sie wirkte m�de und abgespannt, was nicht verwunderlich bei einer Frau war, die soeben eine schwierige Geburt �berlebt und dabei dem Tod sehr nahe gewesen war.</p><p>�Ich dachte, dein Gemahl h�tte uns alle gebeten zu schweigen�, sagte er und schaute wieder aus dem Fenster.</p><p>�Das hat er auch.� Rhapsody trat n�her an ihn heran und legte ihre kleine Hand in seine. �Und ich werde mich an diese Bitte halten, sobald ich dir noch einmal daf�r gedankt habe, dass du mein Leben und das meines Kindes gerettet hast. Wir k�nnen sp�ter weiterreden, aber es ist mir nicht m�glich, noch einen einzigen Moment verstreichen zu lassen, ohne dir zu sagen, wie dankbar ich daf�r bin, dass du mein Freund bist, was f�r schlimme Dinge ich auch immer in der Vergangenheit zu dir gesagt haben mag. Ich hoffe, du wirst mir daf�r vergeben.�</p><p>Achmed sah sie nicht an, sondern nickte nur und starrte weiterhin aus dem Fenster. Rhapsody beobachtete ihn schweigend, aber er erwiderte ihren Blick nicht mehr, sondern folgte nur noch dem Flug der Schwalben im warmen Winterwind. Als die Stille schlie�lich beklemmend wurde, dr�ckte sie seine Hand, verlie� den Raum und nahm die bes�nftigende Musik der Schwingungen, die sie verbreitete, mit sich � und damit auch den Rest von Achmeds halbwegs guter Stimmung.</p><p>Als er den fernen Widerhall ihrer Schritte auf dem polierten Marmorboden der Halle hinter seiner T�r nicht mehr h�ren konnte, sprach er das aus, was er ihr in einem anderen Leben gesagt h�tte. �Ich sp�re, wie sich die ganze Welt entr�tselt.�</p><subtitle>In der N�he der Grenze Zwischen den Provinzen Navarne und Bethania</subtitle><p>Die Soldaten waren Veit, dem Obsth�ndler, lange auf der Stra�e gefolgt, bevor er sie bemerkte.</p><p>F�r gew�hnlich hielt Veit sich f�r einen recht aufmerksamen Mann, doch der sp�te Winterwind hatte ihm fast den ganzen Tag �ber in die Augen gestochen, und die Stra�en im �stlichen Navarne waren h�gelig und wanden sich um die frostigen Erhebungen und Heuschober herum, die den weiten, leeren Feldern dieses nur sp�rlich bewohnten Ackerlandes ihr unverwechselbares Aussehen verliehen. Er schaute erst hinter sich, als er sich auf der geraden, ebenen Stra�e hinter dem Dorf Byrony befand, und nun bestand f�r ihn keine M�glichkeit mehr, sich zu verstecken oder einen Grund f�r eine Rast auf seiner Reise zu finden.</p><p>Als er die dunkle Masse in der Ferne n�her kommen sah, schnalzte er seinem Pferd zu und wurde langsamer. Er wollte ins Gras ausweichen, falls es n�tig werden sollte.</p><p>Schwei�perlen traten ihm auf die gerunzelte Stirn, die vorhin in der sp�ten Morgensonne noch k�hl und trocken gewesen war. Veit wusste nicht warum, aber pl�tzlich war er unruhig und sehnte sich st�rker nach seinem Zuhause als noch einen Augenblick zuvor.</p><p><emphasis>Beruhige dich, du Idiot,</emphasis> dachte er. <emphasis>Von Rolands Soldaten hast du nichts zu bef�rchten. Du hast nichts Unrechtes getan.</emphasis></p><p>Trotzdem blieben die Haare in seinem Nacken aufgerichtet, als schmuggele er gestohlene Juwelen, anstatt blo� eine Ladung Winter�pfel zu transportieren, die er gl�cklicherweise in Kylis Torheit, einem Geh�ft im s�dlichen Bethania, hatte erwerben k�nnen.</p><p>Als der Boden unter seinem Wagen erzitterte und die Ersch�tterungen sich bis zu der Fahrerbank fortsetzten, auf der er sa�, erkannte Veit pl�tzlich, warum er so unruhig war. In den letzten Jahren waren die Kaufleute von der Krone ermuntert worden, sich den bewachten Postkarawanen anzuschlie�en, die �ber die transorlandische Stra�e rollten. Sie war in cymrischer Zeit erbaut worden und durchschnitt Roland von der Westk�ste bis zum Rande der Manteiden im Osten, jener Gebirgskette, die auch als die Zahnfelsen bekannt war. Es war zwar nicht ungesetzlich, die Abk�rzung zu nehmen, auf der Veit unterwegs war, aber er vermutete, dass er von den herannahenden Soldaten daf�r eine Abreibung erhalten w�rde.</p><p>Er warf einen verstohlenen Blick �ber die Schulter und seufzte schwer. Das Blau und Silber der Insignien war nun zu erkennen und best�tigte, dass es sich um Truppen handelte, die mit dem Herrscher der Cymrer verbunden waren. Veit zwang sich dazu, ruhiger zu werden, und bereitete sich auf ein paar Peitschenhiebe vor.</p><p>Sie kamen nicht.</p><p>Der Bolzen traf ihn im R�cken zwischen den Schulterbl�ttern, knapp oberhalb des Brustkorbes.</p><p>Zuerst verstand Veit nicht, was geschehen war. Er wusste nur, dass er sp�rte, wie ihm die Luft ausging, als er versuchte, die Pferde ruhig zu halten, und kurz darauf wurden seine Beine taub. Dann war da nichts mehr, keine Empfindung mehr in seinem Unterk�rper. Er versuchte sich umzudrehen und zu winden, aber er verlor dabei nur das Gleichgewicht, st�rzte aus dem Wagen und h�tte sich beinahe im Zaumzeug verfangen.</p><p>Zwar sp�rte der Obsth�ndler seine Beine nicht mehr, daf�r aber jeden Kiesel der Stra�e, der sich ihm ins Gesicht dr�ckte. Er f�hlte den Schock und dann den Schmerz, als seine Nase unter seinem schlaffen K�rper gegen den Boden gedr�ckt wurde. Er rang nach Atem, w�hrend ihn die Stra�e durchsch�ttelte. Ein Wirrwarr von Fragen best�rmte seinen verbl�fften Geist, doch ein alles beherrschender Instinkt warnte ihn und riet, reglos zu bleiben und so zu tun, als w�re er tot.</p><p>Er h�rte, wie sich die Soldaten n�herten. Dumpfes Donnern mischte sich mit dem entsetzten Pochen seines Herzens. Er hielt die Augen geschlossen und versuchte sich nicht zu bewegen, als die Reiter herannahten. Es kam ihm nicht der Gedanke, im Namen des cymrischen Herrschers um Schonung zu bitten, und er fragte sich auch nicht, warum ein Regiment, das einem friedliebenden Herrscher diente, einen Obsth�ndler angriff, der sich nur um seine eigenen Belange k�mmerte.</p><p>Er atmete weiterhin flach und sog dabei schneedurchsetzten Staub ein, als die Kohorte ihn endlich erreicht hatte. Veit betete darum, dass das Ende schnell kommen m�ge.</p><p>Zuf�llig war er beim Winterfest in Navarne vor vier Jahren dabei gewesen und hatte den schrecklichen �berfall sorboldischer Soldaten �berlebt, indem er sich mit seiner Frau und seinen Kindern hinter der Festungsmauer versteckt hatte, w�hrend das Abschlachten scheinbar stundenlang dauerte. Als es vorbei gewesen war, hatte er sich zu denen gesellt, die den blutenden Opfern, die im rosig gef�rbten Schnee lagen, Hilfe leisteten, und viele zitternde und zuckende Todesk�mpfe miterlebt. Seit diesem Augenblick betete Veit um ein rasches Ende, wenn seine Zeit gekommen war.</p><p>Nun schien es so weit zu sein.</p><p>Er biss die Z�hne zusammen, als die Pferdehufe ihn mit Kies bewarfen. Er wartete darauf, dass sie anhielten, doch die Soldaten ritten weiter, als h�tten sie ihn gar nicht wahrgenommen.</p><p>Als der donnernde L�rm schlie�lich verblasste, fasste Veit wieder Mut und �ffnete ein Auge einen Spalt weit. Die Kohorte war schon fast au�er Sichtweite, doch er erkannte trotzdem, dass es sich bei den Tieren um graue Bergpferde handelte und nicht um die Braunen und F�chse, die man f�r gew�hnlich in diesem Teil der Ebene sah. Es waren auch nicht die Rotschimmel, die von den Lirin im Westen bevorzugt wurden. Veits Herz wurde pl�tzlich so kalt wie sein frierender K�rper.</p><p>Zum letzten Mal hatte er solche Pferde unter den Soldaten aus Sorbold gesehen, die das Winterfest �berfallen hatten.</p><p>Seine Glieder wurden taub, und Veits Geist tat es ihnen gleich. Als ihn der Nebel umh�llte, schaute er hoch zu dem Wagen �ber ihm.</p><p><emphasis>Sie h�tten wenigstens die �pfel mitnehmen k�nnen,</emphasis> dachte er, bevor die Finsternis ihn �berw�ltigte. <emphasis>Bis sie jemand gefunden hat, werden sie verschrumpelt und gefroren sein.</emphasis></p><p><emphasis>Genau wie ich.</emphasis></p></section><section><title><p>5</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>Gwydion Navarne lief auf dem dicken Teppich vor der gro�en Halle hin und her und wartete darauf, dass er in den Raum gerufen wurde. Es war sein erstes Konzil, seit er an seinem siebzehnten Geburtstag vor ein paar Monaten zum Herzog ernannt worden war, und das bedr�ckte ihn, w�hrend er unruhig �ber die dicht gewobenen F�den des Teppichs eilte, der die Geschichte seiner Familie erz�hlte. Mit jedem Schritt fuhr er unbewusst die Linie der Tuatha Navarne nach, von ihrem cymrischen Stammvater, einem Mann namens Hague aus der Ersten Generation, der der beste Freund von Gwylliam dem Vision�r gewesen war, bis hin zur Nachkommenschaft seines eigenen verstorbenen Vaters Stephen Navarne, der in seiner Jugend der beste Freund von Ashe gewesen war, dem augenblicklichen Herrscher der Cymrer, Gwydions Namensvetter, Pate und Besch�tzer. Die reichen Farben der geflochtenen F�den � waldgr�n und scharlachrot, tiefblau, k�nigspurpurn und golden � erz�hlten eine traurige Geschichte, die zu Gwydions Stimmung passte.</p><p>Als er im Kreis umherlief, wiederholte er still immer wieder, was er in den H�fen und Vorposten Sorbolds gesehen hatte, der gro�en Nation voller bedrohlicher Berge und windgepeitschter W�sten s�dlich von Roland, und bem�hte sich darum, die Tatsachen und Zahlen fest in Erinnerung zu behalten.</p><p><emphasis>F�nfundsiebzig dreimastige Kutter,</emphasis> dachte er und fuhr mit der Liste fort, weil er sich auf die Befragung vorbereiten wollte, die fr�her oder sp�ter kommen w�rde. Dreiundsechzig dreimastige Schoner, mindestens achtzig schwere Barken, alle im s�dwestlichen Hafen von Ghant, alle innerhalb eines einzigen Tages eingelaufen.</p><p>Alle mit Sklaven an Bord, mit Tausenden von Sklaven, vielleicht der Einwohnerschaft von zehn oder mehr D�rfern, m�glicherweise unterwegs zu den Salzminen von Nicosi oder den hei�en Stahlwerken von Keltar.</p><p>Gwydion hatte sein rasendes Herz nicht mehr beruhigen k�nnen, seit er das L�schen der menschlichen Ladung vor ein paar Wochen beobachtet hatte. Mitgef�hl und Wut �ber diesen Anblick hatten sich rasch mit Angst vermischt. Der Anblick der kleinen, schl�frigen Hafenstadt, in der es pl�tzlich von Soldaten und Hafenarbeitern wimmelte, vor Bergwachen und Leibeigenen, hatte seinen Gef�hrten davon �berzeugt, dass der Krieg, auf den sich Sorbold vorbereitete, gr��er werden w�rde als alles, was die bekannte Welt je gesehen hatte.</p><p>Da sein Gef�hrte Anborn ap Gwylliam gewesen war, der Marschall des ersten cymrischen Reiches und vielleicht das gr��te milit�rische Genie, das je auf dem Mittelkontinent gelebt hatte, teilte Gwydion Anborns Auffassung.</p><p>Der schwere Teppich unter seinen F��en hatte sich neben der Stelle, wo Gwydion unbewusst eine Furche getreten hatte, zu einem kleinen Kamm aufgeworfen. Gwydion gl�ttete ihn mit dem Fu�, dr�ckte die Delle zu den R�ndern und war gerade am Saum angekommen, als die T�r zu der gro�en Halle heftig ge�ffnet wurde.</p><p>Im Rahmen stand der Kammerherr und Vertraute seines Vaters, Gerald Owen, ein �lterer Cymrer, der schon Gwydions Vater und Gro�vater und m�glicherweise noch einigen Ahnen vor diesen gedient hatte. Der alte Mann trat �berrascht einen Schritt zur�ck und stie� dann die T�r f�r den jungen Herzog noch weiter auf.</p><p>�Na endlich�, murmelte Gwydion, als er die Halle betrat. �Ich habe eine ganze Woche gewartet, um mit ihm zu reden.�</p><p>�Dessen ist er sich bewusst, Herr�, sagte Gerald Owen sanft und schloss die T�r hinter ihm. �Der cymrische Herrscher musste sich darum k�mmern, dass die Herrin der Cymrer sowie ihr Neugeborenes angemessen behandelt wurden. Bei ihrer R�ckkehr befand sie sich in keinem guten Zustand.�</p><p>Gwydion blieb stehen und schaute sich rasch um. �Geht es ihr jetzt besser?�, fragte er besorgt. Rhapsody hatte ihn und seine Schwester Melisande vor vier Jahren als Ehrenenkel adoptiert, auch wenn sie in vieler Hinsicht eher eine zweite Mutter f�r sie beide gewesen war. �Wird sie nicht an der Vollversammlung teilnehmen?�</p><p>�Ja und nein�, ert�nte eine warme Baritonstimme hinter ihm. Gwydion warf einen Blick �ber die Schulter und sah seinen Paten in der Mitte des Korridors stehen, die zum Versammlungsraum der Festung f�hrte. Ashe, wie der cymrische Herrscher von seinen Vertrauten genannt wurde, hatte jene blauen Augen, die oft mit der cymrischen Herrscherlinie in Verbindung gebracht wurden, doch sein Gesicht und K�rper trugen sowohl Merkmale der Menschen als auch der Lirin. Er hatte drachenartige, senkrecht geschlitzte Pupillen und kupferfarbenes Haar, dessen Glanz beinahe metallisch wirkte. Beides waren Anzeichen f�r das Drachenblut in seinen Adern. �Man hat sich um sie gek�mmert, und sie wird an der Versammlung teilnehmen. Wenn dem nicht so w�re, w�rden wir ihre Weisheit schmerzlich vermissen.�</p><p>�Gut�, meinte Gwydion und sah sich in dem leeren Raum um. �Aber wo ist sie? Und �berhaupt, wo sind die anderen? Anborn habe ich fr�her am Tag gesehen und Achmed und Grunthor noch vor ein paar Augenblicken. Wohin sind sie gegangen?� Sein Blick fiel auf eine Gehmaschine aus Metall, die verlassen in einer Ecke des Raumes stand. Es war ein Wunder der Erfindungskunst, die Anborns Bruder, der Meeresmagier Edwyn Griffyth, ihm zur Verf�gung gestellt hatte, damit der lahme Marschall wieder aufrecht gehen konnte. �Was ist hier los, Ashe?�</p><p>Vor den riesigen Fenstern der Gro�en Halle heulte ein eisiger Wind und stie� gegen das Glas, bis dieses erzitterte.</p><p>Der cymrische Herrscher schaute ihn ernst an, drehte sich dann um und ging hin�ber zu einem schweren Wandteppich, auf dem die Abreise der cymrischen Flotten von der untergegangenen Insel Serendair dargestellt war. Er zog den Gobelin beiseite und dr�ckte die Hand gegen einen der Mauersteine. Dunkelheit tat sich auf, als sich ein verborgener Korridor �ffnete.</p><p>�Erinnerst du dich an diesen Ort?�, fragte er.</p><p>Gwydion sp�rte, wie pl�tzlich seine Kehle trocken wurde. �Ja�, sagte er. �Gerald Owen hat Melly und mich w�hrend des �berfalls auf das Winterfest vor vier Jahren hier versteckt.�</p><p>Ashe nickte. �Es ist zwar nicht der perfekte Ort f�r ein geheimes Treffen, aber es ist der beste, den wir haben, denn er liegt unter der Erde, fern des Windes und aller Ohren, die uns zuh�ren k�nnten.� Die senkrechten Pupillen seiner himmelblauen Augen fingen das Licht vom Fenster ein und zogen sich merklich zusammen. Gwydion fragte sich, ob dieser Wandel von mehr als nur vom Licht herr�hrte. �Beeil dich, Gwydion. Wir stehen vor der schwierigsten Unterredung, die je in der Geschichte dieses Kontinents gef�hrt wurde.�</p><p>Der junge Herzog nickte und betrat den dunklen Korridor. Kurz darauf folgte ihm der cymrische Herrscher, der die T�r hinter sich schloss und dadurch sie beide tiefster Finsternis aussetzte.</p><p>Einen Augenblick sp�ter sp�rte er ein Knistern in der Luft, und die W�nde des dunklen Ganges ergl�hten von einer W�rme, wie kein wirkliches Licht, sondern nur das Abstrahlen von Hitze sie hervorbrachte. Durch die schwache Beleuchtung konnte Gwydion die grob behauenen Stufen erkennen, die sich in die Schw�rze hinunterbohrten, wo, wie er wusste, ein kleiner Raum, kaum mehr als ein Vorratskeller, hinter einer Steinmauer verborgen lag. Der cymrische Herrscher kicherte.</p><p>�Vielen Dank, Aria�, rief er in die Finsternis unter sich.</p><p>�Es war mir ein Vergn�gen, Sam�, ert�nte Rhapsodys Stimme. �Pass auf die Stufen auf, Gwydion.�</p><p>�Es ist gut zu wissen, dass sie wohlauf genug ist, um von ihrer Feuergabe Gebrauch zu machen und mich immer noch wie ein Kind zu behandeln�, murmelte Gwydion seinem Paten zu, w�hrend sie langsam �ber die Stufen in das Zwielicht hineinschritten. �Sam � Ich habe dich noch nie gefragt, warum sie dich so nennt.�</p><p>Der cymrische Herrscher l�chelte, sagte aber nichts, sondern folgte der sich windenden Treppe hinunter zu dem unterirdischen Raum. Gwydion erzitterte unwillk�rlich unter der Erinnerung, wie er als Dreizehnj�hriger an diesem Ort gewesen war und auf seine f�nfj�hrige Schwester sowie eine Hand voll schluchzender, ihm unbekannter Kinder hatte aufpassen m�ssen. Hier unten hatten sie auf die Nachricht gewartet, ob ihre Eltern den Angriff der Soldaten aus Sorbold auf das Winterfest �berlebt hatten, das sie noch vor wenigen Augenblicken gemeinsam gefeiert hatten. Sein Vater hatte �berlebt. Gwydion versuchte nicht an die Laute zu denken, die den Kehlen jener Kinder entstiegen waren, deren Eltern nicht so viel Gl�ck gehabt hatten.</p><p>Am Fu� der Treppe in die Finsternis hinein wartete Rhapsody auf sie. Zuerst hatte Gwydion geglaubt, dass sich m�glicherweise die Hitze in ihrem goldenen Haar verfangen hatte und es selbst in diesen lichtlosen Raum ergl�hen lie�, doch kurz darauf erinnerte er sich, dass ihre Bezeichnung als Tr�gerin der Tagessternfanfare, des uralten Schwertes aus elementarem �ther und Feuer, Iliachenva�ar lautete, was in der alten Sprache so viel bedeutete wie jemand, der Licht an einen dunklen Ort brachte. Seine �Gro�mutter� besa� sicherlich diese F�higkeit. Als er sie nun hier im Zwielicht nach all den Monaten ihrer Abwesenheit sah, hatte er den Eindruck, dass sogar die stickige Luft von einer pl�tzlichen, hoffnungsvollen Frische durchzogen wurde.</p><p>Vielleicht war es auch nicht Rhapsody selbst, sondern die Gegenwart des winzigen, schlafenden Kindes, das sie in ihren Armen wiegte.</p><p>Ashe legte die Hand auf ihre H�fte und dr�ckte ihr einen Kuss auf die Wange. �Wolltest du nicht drinnen bleiben?�, fragte er.</p><p>�Es hat mir nicht gefallen, wie Achmed und Grunthor Meridion angesehen haben�, erwiderte sie milde und presste das Kind enger an sich. �Sie haben sich andauernd dar�ber unterhalten, noch kein Fr�hst�ck gehabt zu haben.�</p><p>Ashe l�chelte schwach und �ffnete die Steint�r, die in der grob behauenen Granitwand verborgen war.</p><p>Aus dem Raum dahinter ergoss sich ein beinahe blendendes Licht auf die finstere Treppe. Ein kleiner h�lzerner Tisch war zu sehen, auf dem eine gro�e Pergamentrolle lag und um den sich die beiden Firbolg Achmed und Grunthor sowie Anborn, der gereizt wie immer wirkte, und ein Lirin kauerten, den Gwydion rasch als Rial erkannte, Rhapsodys Statthalter von Tyrian, �ber das sie als Titulark�nigin herrschte. Rials Gegenwart f�hrte dazu, dass Gwydion pl�tzlich die H�nde zitterten, denn wenn der lirinische W�rdentr�ger den weiten Weg vom heiligen Wald bis in den S�dwesten Rolands zur�ckgelegt hatte, dann lag unmissverst�ndlich ein Geruch von Blut in der Luft.</p><p>�Schnell, kommt herein, ihr alle�, brummte Anborn.</p><p>Ashe wich beiseite, um Rhapsody als Erste eintreten zu lassen. Rial erhob sich und verneigte sich respektvoll vor ihr, doch die drei anderen M�nner blieben sitzen. Anborn hatte keine andere Wahl, und die Firbolg wollten sich einfach nicht erheben. Als sie in den kleinen, versteckten Raum trat, beugte sich Gwydion taktvoll zu Ashe vor und murmelte ihm ins Ohr:</p><p>�Wie ist Anborn ohne seine Gehmaschine oder eine S�nfte hierher gekommen?�</p><p>Ashe r�usperte sich laut, um seine Antwort vor den anderen zu verbergen. �Er hat dem einzigen anderen anwesenden Blutsverwandten erlaubt, ihn zu tragen�, erwiderte er leise. Gwydion nickte und verneigte sich vor Grunthor, denn er wusste, dass sich Ashes Bemerkung auf ihn bezog. Der Orden der Blutsverwandten war den Soldaten heilig. Es handelte sich um eine Br�derschaft, die tiefer als das Blut ging und durch lebenslanges Soldatentum oder ein gro�es Selbstopfer erlangt wurde, das vom Wind selbst bestimmt wurde. Rhapsody, Grunthor und Anborn waren die einzigen Blutsverwandten, die Gwydion auf der Welt kannte, auch wenn ihm seine �Gro�mutter� versichert hatte, dass es noch weitere gebe.</p><p>Der Herrscher der Cymrer zog die Steint�r hinter sich zu. Im Licht der Laternen konnte Gwydion ihn und die Personen um ihn herum deutlicher erkennen. Trotz ihrer scheinbaren Ruhe hatte Rhapsody die Lippen zusammengepresst, auf Anborns Gesicht lag eine tiefe R�te, und Ashes Schultern waren angespannt und sprachen seiner Gelassenheit Hohn. Gwydion erbebte. Er hatte geglaubt, seine eigenen Neuigkeiten w�ren die schlimmsten, die die Versammlung sich anh�ren musste. Doch offenbar brachte nicht nur er schlechte Nachrichten.</p><p>Ein Summen unter dem Tisch erregte Gwydions Aufmerksamkeit, und er senkte den Blick. Auf dem Boden lagen Schwerter mit den Spitzen und Griffen gegeneinander in einem sechseckigen Stern. Drei von ihnen erkannte er sofort.</p><p>Das erste war die Tagessternfanfare. Flammen leckten �ber ihre Klinge, und nach wenigen Sekunden begriff Gwydion, dass das Licht im Raum nicht nur von den Laternen, sondern haupts�chlich von dieser Waffe herr�hrte. �ber ihr lag eine schartige, namenlose Klinge, die er schon oft in der Hand Anborns gesehen hatte. Es war eine Waffe, von der er w�hrend seiner �bungsk�mpfe mit dem Marschall schon viele Schl�ge empfangen hatte. Er zuckte unter der Erinnerung zusammen, als er ihre Spitze nun gegen die historische Waffe gerichtet sah.</p><p>Der Griff der Tagessternfanfare stie� gegen ein lirinisches Langschwert mit einem Griff aus Mammutbaumholz. Das musste die Waffe von Rial sein, dem lirinischen Statthalter, dessen Pflicht es war, den Wald von Tyrian zu sch�tzen. Gwydion hatte einige lirinische Schwerter aus der N�he gesehen und wusste, dass dieses, obwohl es bescheiden aussah, Teil einer der gr��ten und geheimsten Milit�rmaschinen des Kontinents war, wenn es im Einklang mit Zehntausenden anderen geschwungen wurde.</p><p>Der Griff von Anborns Schwert lag gegen eine andere legend�re Waffe namens Kirsdarke, dem Schwert des elementaren Wassers, das Gwydions Pate trug. Es handelte sich um ein Bastardschwert, dessen Klinge und Griff mit leuchtenden blauen Runen beschrieben waren. Wie es dort auf dem Boden lag, schien es aus silbernem Stahl geschmiedet zu sein, doch in der Hand seines Tr�gers, der in der alten Sprache als der Kirsdarkenvar bekannt war, nahm die Klinge das Aussehen von lebendem Wasser an, und Schaum rann in Wellen vom Griff bis zur Spitze. Es war mit einer seltsamen Waffe gekreuzt, die Grunthor ihm einmal gezeigt hatte und die man Triatine nannte. Aus seinem Geschichtsunterricht wusste Gwydion, dass sie vor mehr als einem Jahrtausend auf der untergegangenen Insel Serendair und sonst nirgendwo auf der bekannten Welt gebraucht worden war.</p><p>Zwischen Grunthors Waffe und der von Rial war ein leerer Zwischenraum.</p><p>Gwydion sp�rte die Blicke der anderen in seinem R�cken.</p><p>Unbewusst fuhr seine Hand an den Griff des Schwertes, das in der Scheide an seiner H�fte hing. Die Bedeutung des leeren Raumes zwischen den anderen Waffen war ihm nicht entgangen. Als Erbe des Herzogtums von Navarne hatte er schon an vielen Versammlungen teilgenommen, die Ashe einberufen hatte, doch nun war er aus einem anderen Grund dabei, n�mlich als Tr�ger eines elementaren Schwertes. Nur f�nf solcher Waffen waren je geschmiedet worden, und soweit bekannt war, existierten davon blo� noch drei.</p><p>Und sie alle befanden sich in diesem Raum.</p><p>Gwydion Navarne schaute nerv�s hin�ber zu Achmed, der ihn mit seinen verschiedenfarbigen Augen beobachtete, w�hrend sein beinahe lippenloser Mund sich zur Andeutung eines L�chelns verzog. Gwydion dachte an den Tag vor nicht langer Zeit zur�ck, als ihm der Bolg-K�nig die Waffe �berreicht hatte.</p><p><emphasis>Das ist eine uralte Waffe � das Elementarschwert der Luft, das unter dem Namen Tysterisk bekannt ist. Auch wenn du den Schaft und die Klinge nicht erkennen kannst, solltest du dir doch dar�ber im Klaren sein, dass sie da ist. Sie besteht aus reinem und unnachgiebigem Wind. Sie ist so scharf wie eine aus Stahl geschmiedete Klinge, aber weitaus t�dlicher. Ihre Kraft str�mt durch den Besitzer des Schwertes. Bis vor kurzem befand es sich in den H�nden einer Kreatur, die Rhapsody entehrt hatte. Sie war teils Mensch, teils D�mon und ist jetzt tot. Zumindest scheint es so. Das Schwert war vom schwarzen Feuer der F�dor befleckt, doch es wurde in dem Wind gereinigt, der den Grivven umtost, den h�chsten Berg der Zahnfelsen. Ich habe es nach dem Kampf, der seinem fr�heren Besitzer das Leben gekostet hat, f�r mich beansprucht, doch nur, weil ich es dir �bergeben wollte. Ashe und ich sind der Ansicht, du solltest es haben. Wenn man es recht bedenkt, ist das vermutlich das einzige Mal, dass wir einer Meinung waren.</emphasis></p><p>Anborn hustete ungeduldig.</p><p>Rasch zog Gwydion das Luftschwert aus der Scheide. Wenn Tysterisk nicht in der Schlacht gebraucht wurde, schien es aus kaum mehr als einem Griff zu bestehen, in den wirbelnde Symbole eingeritzt waren, die in der Hand zu tanzen und zu zucken schienen. In der summenden Gegenwart der beiden anderen Elementarschwerter aber war der ganz feine Umriss einer Klinge zu erkennen. Hastig legte der junge Herzog es auf den Boden, sodass sein Griff Grunthors Triatine ber�hrte, und seine fl�chtige Schneide kreuzte sich mit der festen von Rial und vollendete so den Kreis.</p><p>Anborn deutete auf den Stuhl neben sich, und Gwydion nahm Platz. Dabei bemerkte er, dass sich die Elementarschwerter unter dem Tisch mit den gew�hnlichen Waffen abwechselten. Er erkannte die Weisheit, die ungeheure Macht jener Schwerter getrennt zu halten, doch er erinnerte sich auch an das, was Achmed ihm gesagt hatte, als er Gwydion Tysterisk �berreicht hatte.</p><p><emphasis>Ich habe nichts vorzuweisen, das mich einer solchen Waffe w�rdig macht,</emphasis> hatte Gwydion damals z�gernd gesagt.</p><p><emphasis>Das ist ein Trugschluss, der von selbstverliebten Narren verbreitet wurde. Man kann sich einer Waffe erst als �w�rdig� erweisen, wenn man sie gebraucht. Nur darin zeigt sich, ob du sie zu Recht f�hrst. Das ist ein Elementarschwert, und niemand ist seiner wirklich w�rdig. In Wahrheit w�hlen sich Waffen von solch alter Macht ihre Tr�ger selbst und formen sie in gewisser Weise.</emphasis></p><p>Gwydion sah zu, wie Rhapsody sich b�ckte, wobei sie immer noch ihren neugeborenen Sohn in den Armen hielt, und eine Hand auf den Kreis der Schwerter legte. Gwydion wusste, dass sie ein gutes Beispiel f�r das war, das der Bolg-K�nig damals gesagt hatte. Er wusste nicht viel �ber Rhapsodys Leben, doch eine Einzelheit hatte sie ihm mitgeteilt: Sie war n�mlich von niedriger Geburt und das j�ngste Kind einer Bauernfamilie. Ihre Verwandlung in die Herrin der Cymrer und die Lirin-K�nigin konnte man zwar vielen verschiedenen Umst�nden zurechnen, aber sie w�re sicherlich niemals die Kriegerin geworden, die sie war, wenn ihr die Tagessternfanfare dabei nicht geholfen h�tte.</p><p>Vielleicht w�rde auch aus Gwydion noch mehr als blo� ein jugendlicher Herzog werden.</p><p>Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Rhapsody zu singen begann. Zun�chst war es ein leiser Ton von derselben H�he wie das Summen der Elementarwaffen. Gwydion lauschte bezaubert, als sie die Namen der Schwerter in ihren Gesang zusammen mit Namen einflocht, die er nicht verstand. Obwohl er nur wenig von Musik und nichts von der lirinischen Kunst des Benennens verstand, glaubte er einen Wechsel in der musikalischen Schwingung eines jeden Schwertes zu bemerken, bis alle drei gemeinsam mit Rhapsodys Stimme einen vollkommenen Akkord bildeten.</p><p>Als die T�ne schwangen, packte Rhapsody die Tagessternfanfare beim Griff. Sobald ihre Hand ihn ber�hrte, wurde die feurige Klinge lebendig, und ihre Flammen zuckten in strahlenden Farben auf, die in Gwydions Augen stachen. Rhapsody sang weiter und fuhr mit dem Schwert �ber den Ring aus Waffen, als ob sie unsichtbare F�den aufh�be.</p><p>Es erschien ein Kreis aus funkelndem Licht, der dicht �ber dem Tisch schwebte und sich dann ausdehnte, als sie ihn zur Decke des verborgenen Raums schob, wo er h�ngen blieb, pulsierte und immer noch im Einklang mit dem Akkord war. Dann legte sie ihre Waffe zur�ck zu den anderen. Der Akkord summte weiter, wurde leiser und kehrte zu seinem eint�nigen Klang zur�ck, w�hrend Rhapsody ihr wortloses Lied beendete und verstummte. Einen Moment lang lauschte sie, nickte sich dann selbst zu, l�chelte ihren Gemahl an und wollte sich setzen.</p><p>Ashe schob ihr den Stuhl zurecht, als sie mit dem Kind Platz nahm, und lie� sich auf seinem eigenen Stuhl am Tisch nieder. Er entrollte die dicke Schriftrolle und enth�llte eine Karte des Kontinents, auf der in Gr�n die L�nder des cymrischen B�ndnisses besonders hervorgehoben waren. Sie bestanden aus Tyrian, dem s�dwestlichen lirinischen K�stenbereich, den sechs zentralen Provinzen von Roland sowie den Firbolg-Bergen an der �stlichen Grenze, die auch als die Zahnfelsen bekannt waren. Der nordwestliche Gwynwald sowie der kleine Stadtstaat Sepulvarta, die religi�sen Bastionen der beiden gr��ten Sekten des Kontinents, waren in Wei� eingezeichnet, aber mit gr�ner Farbe gesprenkelt, was sowohl ihre Zugeh�rigkeit zum B�ndnis als auch ihre Eigenst�ndigkeit anzeigte.</p><p>Sepulvarta, manchmal auch die Stadt der Vernunft genannt, war der Sitz des Patriarchen und der Kirche, die allgemein als der patriarchalische Glaube bekannt war, w�hrend Gwynwald der heilige Wald der Filiden war, der Naturpriester, die sich um den Gro�en Wei�en Baum der Erde k�mmerten. Als Herrscher Cymrias war Ashe das Titularoberhaupt beider Sekten, doch dies hatte nur zeremonielle Bedeutung. Bei der Ausgestaltung des cymrischen B�ndnisses hatte er die Unabh�ngigkeit beider Orden anerkannt und Gespr�che zwischen den Sekten in Gang gebracht, die w�hrend fast der gesamten vierzehn Jahrhunderte seit dem Eintreffen der cymrischen Fl�chtlinge im Wyrmland Feinde gewesen waren.</p><p>�Vielen Dank f�r eure Geduld�, sagte Ashe. �Ich wei�, dass jeder von euch schreckliche Nachrichten bringt, genau wie ich selbst. Ich habe euch gebeten, Schweigen zu bewahren, bevor ihr sie mitteilt, damit der Eindruck eurer Worte so rein und genau wie m�glich ist.�</p><p>Seine Stimme erklang innerhalb des schwebenden Lichtkreises und blieb in diesem gefangen. Der cymrische Herrscher griff in seine Tasche, holte eine M�nze mit seinem eigenen Abbild hervor und warf sie auf den Boden au�erhalb des sch�tzenden, sich drehenden Lichts. Sie traf ohne das geringste Ger�usch auf. Zufrieden fuhr er mit seiner Rede fort.</p><p>�Wir wissen, dass wir uns einem Krieg gegen�bersehen. Die Frage ist, welche Ausma�e er haben wird und wer sich gegen uns verb�ndet hat. Jeder von uns besitzt ein St�ck der Antwort, und es ist �u�erst wichtig, dass wir so viele Informationen wie m�glich zusammensetzen k�nnen, bevor wir unsere Verteidigung aufstellen. Wir m�ssen uns vergewissern, ob es um einen Eroberungsfeldzug geht, dessen Antrieb die menschliche Gier ist, oder ob es sich um etwas viel Dunkleres und viel �lteres handelt, das schon immer am Horizont gelauert hat. Rhapsody hat als Benennerin die Macht, nicht nur Worte f�r die Nachwelt aufzubewahren, sondern auch die unterschwellige Bedeutung dieser Worte zu ergr�nden. Sie hat durch ihren Gesang einen Schutzkreis erschaffen, sodass unsere Worte vor all jenen geheim bleiben, die sie h�ren k�nnten, und in unserem Ratszimmer sind wir f�r alle Augen verborgen. Rhapsody wird nun schweigen und all ihre Aufmerksamkeit auf unsere Geschichten richten. Ich werde als Erster sprechen.� Er wandte sich Anborn zu.</p><p>�Mein Vater, dein Bruder Llauron, ist tot, Onkel�, sagte er leise und mit kalter Stimme. �Schlimmer noch, er ist an sein Ende gekommen und hat all seine Drachen�berlieferungen aufgegeben, so wie es der Stammvater tat, weil er Rhapsody und unser Kind, seinen Enkel besch�tzen wollte.� Er machte eine Pause und wartete darauf, dass die Bedeutung seiner Worte allen klar wurde.</p><p>Anborn starrte ihn ganze siebzig Herzschl�ge lang an.</p><p>�Der Weltenschild ist gef�hrdet�, sagte er schlie�lich. �Das ist wirklich eine schwerwiegende Neuigkeit.�</p><p>Gwydion Navarne blinzelte, sagte aber nichts. Es verwunderte ihn immer wieder, wie leidenschaftslos die Mitglieder der cymrischen Herrscherdynastie den Tod eines ihrer Familienangeh�rigen hinnahmen, besonders wenn man bedachte, dass sie eine mehr als tausendj�hrige Geschichte miteinander teilten. Er h�tte glauben k�nnen, dass Menschen mit Drachenblut nicht f�hig zu Gef�hlen waren, wenn er nicht selbst beobachtet h�tte, wie sehr sie um den Verlust von anderen Menschen trauerten. Er hatte Ashes Kummer miterlebt, wenn Rhapsody verschwunden oder auch nur getrennt von ihm war, und den Schmerz gesehen, den Anborn �ber den Tod von Dorndreher, einem einfachen Soldaten, empfunden hatte. Das war ein R�tsel, das er nicht zu l�sen vermochte, zumal dessen Einzelheiten f�r ihn einfach unsichtbar waren.</p><p>Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie sich die Jahrhunderte hindurch so oft gegenseitig get�uscht hatten. Sowohl Ashe als auch Llauron waren gezwungen gewesen, ihren eigenen Tod vorzuspielen und sich mehrere Jahre hindurch vor dem Angesicht der Lebenden zu verbergen. M�glicherweise war dieses mangelnde Gef�hl von Verlust der Preis, den sie daf�r zu zahlen hatten.</p><p>�Au�erdem ist es mir nicht gelungen, meine Urgro�mutter Elynsynos zu finden, die sicherlich zur Stelle gewesen w�re, wenn sie es gekonnt h�tte�, fuhr Ashe fort. Er warf einen Blick auf Rhapsody, deren Augen vor Tr�nen glitzerten, aber deren Miene reglos blieb. �Meine eigene F�higkeit, ihre Gegenwart zu sp�ren, ist auf einen Radius von etwa f�nf Meilen begrenzt, aber es liegt ein solcher Verlust von �therischer Energie und von Wissen in Luft und Waldboden, dass ich das Schlimmste bef�rchte.�</p><p>Anborns Gesicht wurde merklich blass. Gwydion sp�rte, wie die Luft im Raum pl�tzlich trockener und bei�ender wurde.</p><p>�Gute G�tter�, fl�sterte er. �Wenn das stimmt, dann ist nach ihrem Tod und dem von Llauron der Gro�e Wei�e Baum jetzt unbewacht, und die L�nder, die einst ihr Herrschaftsgebiet waren � der gr��te Teil des westlichen Kontinents bis nach Tyrian im S�den �, stehen nicht mehr unter Drachenschutz.� Seine Hand zitterte leicht, als er mit den Fingern das Gebiet auf der Landkarte abfuhr. �Auch wenn die Menschen nicht einmal wissen, dass die Drachen den Boden sch�tzen, auf dem sie umhergehen, wird der Verlust dieser beiden das B�ndnis viel verwundbarer machen, falls F�dor in der Gegend sein sollten.�</p><p>Ashe nickte; er hatte die Z�hne zusammengebissen. Dann wandte er sich an Achmed und Grunthor.</p><p>�Sagt uns bitte, was ihr im Gwynwald erlebt habt. Rhapsody war nach ihrer Heimreise in der Kutsche zu krank, um dar�ber sprechen zu k�nnen.�</p><p>Die verschiedenfarbigen Augen des Bolg-K�nigs funkelten im flackernden Licht. �Nun, wenn du gerade dabei bist, die in der Welt verbliebenen Drachen zu z�hlen, und den Verlust dieser beiden betrauerst, dann habe ich vielleicht eine freudige Nachricht f�r dich�, sagte er voller Sarkasmus. �Einer, den wir f�r tot gehalten haben, lebt noch: deine verdammte <emphasis>Gro�mutter,</emphasis> Ashe.�</p><p>Die Miene des cymrischen Herrschers erstarrte, und die Drachenpupillen in seinen Augen dehnten sich.</p><p>�Anwyn?�, fragte er mit erstickter Stimme. �Anwyn lebt?� Er sah von dem Bolg-K�nig zu Grunthor, der Habachtstellung angenommen hatte, was er in Achmeds Gegenwart immer tat, und dann zu Rhapsody. �Wie kann das sein? Ihr drei habt sie umgebracht und vor den Augen fast aller hier Versammelten in einem Grab aus versengter Erde beim gro�en Gerichtshof eingesperrt. Die Tagessternfanfare hat sie mit einem Blitz aus Sternenlicht vom Himmel geholt und dabei das Gras in einem Umkreis von vielen Meilen in Brand gesetzt. <emphasis>Wie kann das sein!�</emphasis></p><p>�Verdammte Drachen�, murmelte Grunthor. �Bei denen is einmal nie genug, man muss sie mindestens zweimal umbringen, vielleicht sogar noch �fter.�</p><p>�Wenn das jemand wei�, dann bist du es, Ashe�, sagte Achmed. �Ich habe es bei dir in den letzten vier Jahren schon so oft versucht, und du bist immer noch da.�</p><p>Die Luft um ihn herum knisterte, und Gwydion Navarne zuckte unwillk�rlich zusammen. Er wusste, dass die Worte des Bolg-K�nigs nur schwarzer Humor waren, aber es lag genug Wahrheit in ihnen, um den Drachen in Ashes Blut zu wecken � und m�glicherweise auch den in Anborn.</p><p>�Vorsicht, Achmed, denn sonst k�nnte man deinen Ruf als erfolgreicher Meuchelm�rder in Frage stellen�, meinte Ashe ruhig und gl�ttete die Karte. �Wo hast du sie gesehen?�</p><p>Der Bolg-K�nig senkte den Schleier, der �blicherweise sein scheu�liches Gesicht sowohl vor dem Starren der Welt als auch vor den Schwingungen des gew�hnlichen Lebens abschirmte, die seine empfindlichen Nervenenden und Aderstr�nge in der Haut reizten und ein Anzeichen f�r sein dhrakisches Erbe waren.</p><p>�Sie hat Rhapsody, deinen Balg und mich durch den Wald vor Elynsynos� Nest gejagt�, sagte er. �Zum letzten Mal habe ich sie an dem Ort gesehen, wo der versteinerte Leichnam deines Vaters jetzt liegt.� Rhapsody bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick, erwiderte aber nichts, sondern konzentrierte sich weiterhin auf die einzelnen Berichte.</p><p>�Sie hat gelebt, als er sich zwischen euch gestellt und euch gesch�tzt hat?�, fragte Ashe mit zusammengepresstem Kiefer, aber klaren Augen. �Als er an sein Ende gekommen ist und ihr drei von ihm umgeben wart?�</p><p>Der Bolg-K�nig stie� die Luft aus. �Sie hat einen Schuss aus meiner Cwellan abbekommen, und jetzt steckt eine rasiermesserscharfe Scheibe aus kalt geschmiedetem Stahl in ihr, die sich unter Hitze unregelm��ig ausdehnt. Ich glaube, ich habe sie am Brustkorb oder etwas tiefer getroffen. Bei einem Drachen ist das schwer zu sagen. Die Scheibe k�nnte sich noch eine Weile ausdehnen und durch Muskeln und Sehnen schneiden, bis sie schlie�lich zerbricht und dann die einzelnen St�cke in Richtung Herz wandern. Diese Scheiben werden Drachent�ter genannt. Ironie des Schicksals: dein eigener Gro�vater, ihr gehasster Gemahl Gwylliam, hat vor etwa vierhundert Jahren, bevor Anwyn ihn hat ermorden lassen, diese Waffe erfunden. Anscheinend hatte er eine erschaffen wollen, die auch Drachen auseinander rei�en kann.� Er richtete den Blick auf Anborn. �Eure Eltern waren bezaubernde Leutchen. Die gemeinsamen Mahlzeiten in eurem Haus m�ssen sehr lustig gewesen sein.�</p><p>�Warum hatte wohl jeder von uns einen eigenen Vorkoster?�, gab Anborn gereizt zur�ck. �K�nnen wir jetzt zum eigentlichen Thema zur�ckkehren?�</p><p>�Sie war hinter Rhapsody her�, erkl�rte Achmed. �Sie schien besessen von ihr zu sein und nichts anderes um sich herum wahrzunehmen. Sie hat weder mich noch sonst jemanden bedroht. Sie hat immer wieder Rhapsodys Namen gerufen und den Wind, das Rumpeln der Erde und alles andere, woraus sie Kraft ziehen konnte, dazu benutzt, um Rhapsody zu bedrohen.�</p><p>�Tut mir leid, dass ich nich fr�her gekommen bin�, murmelte Grunthor, wobei seine polierten Hauer unter den aufgeworfenen Lippen hervorstachen. �Ich h�tte sie dazu gebracht, was anderes zu kreischen.� Rhapsody sah ihn an und l�chelte schwach. Der Sergeant erwiderte dieses L�cheln und verstand den unausgesprochenen Dank in ihrem Blick.</p><p>�Es ist schwer zu sagen, ob sie an diesen Wunden gestorben ist oder nicht�, meinte Ashe und betrachtete die Landkarte. �Wie Anborn, ich selbst und alle anderen Abk�mmlinge von Elynsynos ist sie kein richtiger Drache. Wenn sie es w�re, dann h�tte sie niemals meinen Vater oder Meridion t�ten k�nnen oder auch nur wollen. Kein wahrer Drache bringt einen anderen Drachen um, nicht einmal in einem Streit �ber die Herrschaftsgebiete, um die sie sich meistens zanken. Anwyn hat nicht die Bedenken und das Gewissen der Rasse ihrer Mutter, und deshalb wird sie vor nichts Halt machen, um ihren Hass herauszulassen. Falls sie den Cwellan-Schuss �berlebt hat, wird sie weiterhin aufs Geratewohl erscheinen, wann immer wir sie am wenigsten erwarten, bis sie das bekommen hat, was sie will � und das scheint dein Tod zu sein, Rhapsody.�</p><p>Die cymrische Herrscherin nickte und konzentrierte sich immer noch ganz auf den Bericht.</p><p>�Ich vermute, dass sie irgendwann an der Wunde sterben wird�, sagte Achmed. �Sie kann sich an niemanden wenden, der ihr die Splitter aus dem K�rper zieht, also werden sie Anwyn innerlich zerrei�en, sodass sie verbluten wird. Genau das war mir schon immer das Liebste an diesen Scheiben. Wahrscheinlich hat Rhapsody auf lange Sicht nichts mehr von ihr zu bef�rchten.�</p><p>�Ich glaube, das ist unsere geringste Sorge, so gern ich dich auch habe, Rhapsody�, sagte Anborn. �Anwyn mag zwar durch das reine Chaos ihrer Handlungen und Absichten eine gewisse Gefahr darstellen, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie sich mit einem unserer Feinde verb�ndet. Falls der Bolg-K�nig seinen Bericht beendet hat, sollten wir uns jetzt um das k�mmern, was sich an unseren Grenzen abzeichnet.� Rhapsody nickte abermals schweigend und h�rte noch immer aufmerksam zu.</p><p>�In der Tat�, meinte Rial. W�hrend er sprach, wurde die ledrige Haut seines Gesichts dunkler. �Ich kam uneingeladen her, um Euch den Winterbericht zu �berbringen, Herrin. Die Sp�her an der s�dlichen und westlichen Grenze haben sehr beunruhigende Informationen gesammelt, die auf ein gewaltiges Zusammenziehen des sorboldischen Milit�rs, insbesondere der Elitesoldaten aus der Bergwacht an den Grenzen unserer L�nder hindeuten. Nie zuvor haben wir die Bergwacht an einer unserer Grenzen gesehen. Das allein ist schon alarmierend genug, aber diese Nachricht h�ngt zusammen mit einer Zunahme der Blutspiele in den Arenen von Jakar, das an unsere s�d�stliche Grenze st��t.</p><p>Es stimmt, dass Sorbold schon immer Gladiatorenk�mpfe erlaubt hat, auch wenn sie zumindest offiziell von der verstorbenen K�niginwitwe verboten wurden. Doch nun hat der neue K�nig Talquist das Ende seines Regentschaftsjahres erreicht, und der Verkehr durch unser Land zu den Arenen ist angeschwollen wie ein Fluss im Fr�hling. Die Massen, die sich auf dem Weg nach Jakar�sid machen, sind gewaltig und gewaltt�tig, trunken vor Blutlust und Alkohol. Der Waldrand ist schon mehrfach in Brand gesetzt worden, und die Grenzwachen haben bereits einige Aufst�nde niedergeschlagen, die scheinbar ohne Grund angezettelt wurden und sich einfach nur aus dem Abschaum ergeben, der aus dem S�den heraufzieht. �berdies haben die W�chter unserer Westk�ste eine zunehmende Zahl nach Norden segelnder Schiffe festgestellt.�</p><p>�Nach Norden?�, fragte Anborn. �Gwydion und ich haben gesehen, wie sie sich im <emphasis>S�den</emphasis> gesammelt haben. Berichte es ihnen, Junge.�</p><p>Gwydion r�usperte sich. �Im Hafen von Ghant haben Anborn und ich f�nfundsiebzig dreimastige Kutter, sechzig dreimastige Schoner und mindestens achtzig schwere Lastk�hne ankommen und ihre Ladung l�schen gesehen, und das alles w�hrend eines einzigen Tages. Das entspricht dem Verkehr in Port Fallon in Avonderre, dem gesch�ftigsten Seehafen Rolands.�</p><p>�Und �bersteigt bei weitem den im Hafen von Tallono, Tyrians gr��tem Hafen�, f�gte Rial hinzu.</p><p>�Nicht einmal in Argaut, das eine halbe Welt entfernt liegt, werden an einem Tag so viele Schiffe entladen. Nur Kesel Tai auf der Insel Gaematria hat ein gr��eres Handelsaufkommen�, bemerkte Ashe und deutete auf die Landmasse mitten im westlichen Meer. �Oder wenigstens hatte es das. Die Meeresmagier haben den Kontakt mit der �brigen Welt seit kurzem beschr�nkt. Sie hinken mit der Fertigstellung ihrer Schiffe dramatisch hinterher; die Schiffe, die ich bestelle, werden regelm��ig ein paar Wochen zu sp�t ausgeliefert. Hat Edwyn Griffyth dir einen Grund daf�r genannt, Onkel?�</p><p>Anborn schnaubte ver�chtlich. �Als ob mein Bruder mir etwas sagen w�rde und als ob ich an dem interessiert w�re, was er zu sagen hat! In der Vergangenheit haben die Meeresmagier immer weniger am Handel mit der �brigen Welt teilgenommen und es vorgezogen, ihre Tage mit magischen Wissenschaften, mit Erfindungen und der Erforschung der Gezeiten sowie mit �hnlichem Unsinn zu verbringen. Schon seit Jahrhunderten sind sie ziemlich nutzlos. Sie waren im Gro�en Krieg abwesend und zeigen seitdem immer weniger Interesse an unserer Notlage.� Seine azurfarbenen Augen gl�nzten auf, als ihm ein Gedanke kam, und er wandte sich an Achmed. �Mit Ausnahme dieses Idioten von Botschafter, den mein Bruder im letzten Herbst zusammen mit der Gehmaschine hergeschickt hat. Dieser Kerl schien ja regelrecht darauf zu beharren, mit dir Kontakt aufzunehmen.�</p><p>Das absto�ende �u�ere des Bolg-K�nigs verzerrte sich noch mehr. �Das hat er auch getan, dessen kannst du dir sicher sein�, meinte er. �Ich habe ihn trotzdem leben lassen. Das ist wieder einmal deine Schuld, Rhapsody.�</p><p>Die cymrische Herrscherin k�sste das flaumige Blondhaar ihres Sohnes. Sie beachtete Achmed nicht, sondern schwieg weiterhin.</p><p>�Die Schiffe waren mit menschlicher Fracht beladen�, fuhr Gwydion fort. �Es schienen Sklaven oder solche zu sein, die es noch werden, ganze D�rfer von Gefangenen, die wie Vieh in Waggons abtransportiert wurden. M�nner, Frauen, Kinder. Ihre Verteilung wirkte gut durchorganisiert. Sie wurden auf den Kais verteilt und in viele verschiedene Richtungen gesandt.�</p><p>�Also hat Sorbold in weniger als einem Jahr ein Heer und eine Marine aufgebaut und dadurch seine Kriegsf�higkeit erlangt�, sagte Ashe, als er die steigende Ver�rgerung seines Onkels �ber das Thema der Sklaverei bemerkte. �Anborn hatte schon immer einen diesbez�glichen Verdacht, aber wieso ist uns die Geschwindigkeit dieser Kriegsvorbereitungen bisher entgangen? Talquist ist noch nicht einmal als Herrscher inthronisiert, da er sich entschieden hat, ein ganzes Jahr lang nur den Titel eines Regenten zu tragen. Alle Treffen der Botschafter des B�ndnisses mit dem neuen Sorbold sind herzlich verlaufen. Seit dem Tod der Herrscherwitwe hat es keine Feindseligkeiten mehr gegeben. Ich habe von keinerlei �berf�llen auf Roland, Tyrian oder die Neutrale Zone geh�rt � au�er dem Randalieren von Betrunkenen anl�sslich der Gladiatorenk�mpfe, von denen Ihr vorhin gesprochen habt, Rial, doch sicherlich wurden dabei keine Gefangenen genommen. Und wenn die Krone von Sorbold pl�tzlich weitere Schiffe in Manosse oder Gaematria bestellt h�tte, w�re ich gewiss von den Hafenmeistern und den Meeresmagiern gewarnt worden.�</p><p>�Das sollte man annehmen, vor allem wenn man bedenkt, dass Manosse zum Besitz deiner verstorbenen Mutter geh�rte und Gaematria Mitglied des B�ndnisses ist�, stimmte Anborn ihm zu.</p><p>�Woher kommen all diese Schiffe und Sklaven?�</p><p>W�hrend Ashe diese Worte sprach, richtete er sich ruckartig auf, als h�tte ihn ein Pfeil im R�cken getroffen.</p><p>�Gerald Owen kommt die Treppe herunter�, sagte er leise. �Ich habe den Befehl gegeben, nicht gest�rt zu werden.�</p><p>Gwydion Navarne sp�rte, wie eine alte Angst in ihm aufquoll, eine staubige und verk�mmerte Panik, die ein �berbleibsel aus dem Gemetzel auf dem Winterfest war und dem Speichel in seinem Mund den Geschmack von Metall und Schlacke verlieh. Ashes Drachensinn, der von den Umtrieben in der gro�en Halle �ber ihnen geweckt worden war, hinterlie� eine knisternde Trockenheit in der feuchten Luft.</p><p>Der cymrische Herrscher erhob sich und schritt aus dem glitzernden Kreis zur verborgenen T�r. Er �ffnete sie und trat in das dunkle Vorzimmer unter der grob behauenen Treppe.</p><p>�Was ist los, Owen?�, wollte er wissen.</p><p>Leise antwortete der alte Mann:</p><p>�Es ist ein Besucher hier, der Euch sehen will, Herr. Dieser Mann wusste, dass Ihr in einer Besprechung seid. Er hat mir aufgetragen, Euch um eine Audienz zu bitten. Als ich ihn nach seinem Namen gefragt habe, hat er nur gesagt, Ihr und er w�ret als Fremde und Gef�hrten vor vier Jahren zum cymrischen Konzil gereist.�</p><p>Ashe stand eine Weile stumm da und warf dann einen Blick zur�ck in das von Lampen erhellte Zimmer, in dem seine Ratgeber warteten.</p><p>�Vielleicht ist soeben die Antwort auf einige unserer Fragen eingetroffen�, sagte er und wandte sich an Gerald Owen.</p><p>�Schick ihn herunter.�</p><empty-line/></section><section><title><p>6</p></title><empty-line/><p>Die Insassen des verborgenen Raumes sahen einander verbl�fft an, als sie Schritte die Steinstufen hinunterkommen h�rten.</p><p>�Ist er verr�ckt?�, meinte Anborn mit leiser Stimme. �Er wollte doch unbedingt, dass dieses Treffen im Geheimen stattfindet. Warum im Namen jeder Hure, die ich je beschlafen habe, l�ftet er das Geheimnis dieses Zimmers und gestattet einem Eindringling Zutritt? Dein Gemahl ist ein Narr, Rhapsody.�</p><p>�Dar�ber wirst du von uns keine Widerrede h�ren�, sagte Grunthor.</p><p>Die cymrische Herrscherin erhob sich. Sie war noch immer schwach und trat m�hsam hin�ber zur T�r.</p><p>Aus der Dunkelheit am Fu�e der Treppe trat eine in Umhang und Kapuze geh�llte Gestalt. Der Mann ging sofort zu Ashe und sprach mit sanfter Stimme ein paar leise Worte mit ihm, dann folgte er ihm in die verborgene Kammer. Der Herr der Cymrer schloss die T�r hinter ihm.</p><p>Trotz des unf�rmigen Umhangs aus grobem Stoff war es deutlich zu sehen, dass der Mann gro� und breitschultrig war � gr��er als alle Anwesenden mit Ausnahme von Grunthor. Er verneigte sich nicht, sondern wandte sich kurz Rhapsody und dem Kind zu, streckte dann eine gro�e, in einer Umh�llung aus Lammleder steckende Hand aus und legte sie vorsichtig auf den Kopf des Kindes.</p><p>Gwydion Navarne betrachtete das seltsame Schauspiel in tiefem Schweigen.</p><p>Mit der anderen Hand nahm der Mann die Kapuze ab und enth�llte Haare, die vom Alter grau und silbern waren, auch wenn noch gen�gend Wei�blond aus seiner Jugend darin zu sehen war. Sein Bart war lang und an den Enden leicht gewellt, und die Augen waren klar und blau wie ein wolkenloser Sommertag. In ihnen spiegelte sich das flackernde Licht der Laterne.</p><p>Es war Constantin, der Patriarch von Sepulvarta.</p><p>Noch lange, nachdem Gwydion begriffen hatte, dass er eigentlich niederknien sollte, blieb er wie erstarrt an seinem Platz, und schlie�lich stand er auf, nur um sogleich auf ein Knie zu sinken. Sein Vater Stephen Navarne war ein Anh�nger der patriarchalischen Religion gewesen, obwohl er ein guter Freund Llaurons des F�rbitters gewesen war, des fr�heren Oberhaupts des filidischen Ordens der Naturpriester; doch er war mit den religi�sen Br�uchen beider Sekten vertraut gewesen und hatte beide geachtet. Stephens Haltung war in der engen und abgeschotteten Welt des Glaubens einzigartig gewesen und hatte sowohl von der Lage seines Herzogtums als auch seiner entgegenkommenden Art herger�hrt. Navarne lag zwischen dem n�rdlichen Gwynwald, der �stlichen Grenze des benachbarten Herzogtums Avonderre und dem Nordrand Tyrians und war so zur Kreuzung der verschiedenen Glaubensrichtungen des Kontinents geworden.</p><p>Daher war Gwydion Navarne die Bedeutung der Tatsache, dass der Patriarch im Heim seiner Familie erschien, durchaus bewusst. Der Patriarch verlie� Lianta�ar, die Sternenbasilika in Sepulvarta, nur zu wichtigen Anl�ssen wie einem Staatsbegr�bnis, einer Heirat in einem Herrscherhaus oder einer Kr�nung � oder in den schlimmsten Notf�llen.</p><p>Soweit Gwydion wusste, sollte gegenw�rtig kein Mitglied einer Herrscherfamilie beerdigt, verheiratet oder gekr�nt werden.</p><p>Der Patriarch zog die wei�en Brauen zusammen und deutete ungeduldig auf Gwydion.</p><p>�Steh auf�, sagte er knapp. �Es ist zu eng hier, um so etwas zu tun, und es geziemt sich nicht f�r einen Mann, der zum Herzog einer orlandischen Provinz gemacht wurde. Steh auf und setz dich.� Gwydion gehorchte besch�mt.</p><p>�Was f�hrt Euch hierher, Euer Gnaden?�, fragte Ashe rasch und bot dem Patriarchen einen Platz an.</p><p>Der K�rper des heiligen Mannes war zwar alt, besa� aber immer noch Anzeichen gro�er St�rke aus seiner Jugend. Er machte eine zur�ckweisende Geste.</p><p>�Ich kann nicht lange hier bleiben, denn man darf nicht entdecken, dass ich Lianta�ar verlassen habe�, erwiderte Constantin. �Ich bringe beunruhigende Nachrichten � aber wie es aussieht, bin ich da nicht der Einzige.�</p><p>�Tretet in den Kreis. Rial, Anborn und Gwydion haben gerade von den Kriegsvorbereitungen Sorbolds berichtet�, erkl�rte Ashe, w�hrend er sich neben Rhapsody setzte. Liebevoll fuhr er mit der Hand �ber den Kopf seines Sohnes. �Es scheint so, dass Roland und vielleicht auch die anderen Mitglieder des B�ndnisses die Ziele des beabsichtigten Angriffs sind.�</p><p>�M�glicherweise�, stimmte der Patriarch ihm zu, als er sich in den sch�tzenden Lichtkreis begab. �Einige werden vor euch fallen, andere nach euch, wenn alles nach Talquists Willen geschieht.�</p><p>Die Stille im Raum wurde immer dichter, bis sie beinahe handgreiflich war.</p><p>�Sagt uns, was Eure Meinung ist, Euer Gnaden�, meinte Anborn schlie�lich.</p><p>Die durchdringenden blauen Augen des alten Mannes fingen das Licht der Laterne ein, spiegelten und verst�rkten es.</p><p>�Der erste Ort, den Talquist angreifen wird, ist Sepulvarta. Schon jetzt ziehen sich seine Truppen an den Bergen s�dlich von uns zusammen. Der heilige Stadtstaat ist das Tor zu Roland und dem Mittleren Kontinent. Talquist wird seine F��e an uns abwischen, wenn er die Schwelle zu euren L�ndern �berschreitet. Daran hege ich keinen Zweifel.�</p><p>�Die heilige Stadt?�, fragte Gwydion, der vor Entsetzen nur langsam sprechen konnte. �Wie ist das m�glich? Sorbold h�ngt dem patriarchalischem Glauben an! Eine der f�nf Elementar-Basiliken befindet sich auf seinem Gebiet. Selbst in den schrecklichsten Schlachten des Cymrischen Krieges, als alles andere vernichtet wurde, blieb Sepulvarta verschont. Es w�re eine Beleidigung des All-Gottes ��</p><p>�War es nicht auch eine Beleidigung des All-Gottes � oder des Einzigen Gottes, wie die Lirin ihn nennen �, als die Dritte Flotte vor tausend Jahren den heiligen Gwynwald zerst�rt hat? Wir haben den �u�eren Kreis verbrannt und sogar den Gro�en Wei�en Baum angegriffen�, sagte Anborn verbittert. �Ich � Elynsynos� eigener Enkel � habe diese Angriffe angef�hrt. Im Krieg ist nichts heilig. Dass Sepulvarta bislang unzerst�rt geblieben ist, ist nichts als Zufall � ein Wunder.�</p><p>�Der Marschall spricht die Wahrheit�, best�tigte Constantin. �Der Krieg wird zuerst zu uns kommen; er hat schon begonnen. Einer der drei Gr�nde, warum ich heimlich hierher gereist bin, besteht darin, Euch davor zu warnen, Herrscher der Cymrer. Ich bin auch gekommen, um Euch zu sagen, dass Nielash Mousa, der Segner von Sorbold und einer meiner Hauptseligpreiser, im Sterben liegt und vielleicht sogar schon tot ist. Er hat sein Leben zum Schutz von Terreanfor hingegeben, der Basilika des Lebendigen Steins in Jierna�sid.�</p><p>�Es hat einen Anschlag auf <emphasis>Terreanfor</emphasis> gegeben?�, fragte Achmed, als Anborn seine Wut kaum mehr bez�hmen konnte. �Warum sollte Talquist die einzige der f�nf Basiliken angreifen, die innerhalb seiner eigenen Grenzen liegt?�</p><p>�Der Angriff kam nicht von au�en, sondern von innen�, erkl�rte der Patriarch. �Als heilige Basilika der elementaren Erde ist Terreanfor die gr��te bekannte Lagerstatt Lebendigen Steins auf dem Kontinent. Talquist hat heimlich diesen wertvollen Rohstoff der Basilika f�r seine eigenen Zwecke abgeerntet. Der Mann, der mir von diesem Verrat berichtet hat, war Zeuge der Tat und hat unfreiwillig sogar daran teilgenommen. Dieses gesegnete Element, dieses Geschenk der Erdenmutter ist auf die unheiligste Weise benutzt worden. Ich vermute, dass die Ermordung der Herrscherwitwe und des Kronprinzen Vyshla das Ergebnis dieses Verbrechens waren, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie der Lebendige Stein das bewirken konnte.�</p><p>�Die Herrscherwitwe war eine verschrumpelte alte Schachtel, die �lter geworden ist, als ihr zustand�, brummte Anborn. �Und ihr fetter Klops von einem Sohn konnte kaum ohne fremde Hilfe aus dem Sessel aufstehen. Wieso glaubt Ihr, dass ihr Tod keine nat�rliche Ursache hatte? Es ist h�chst wichtig, dass wir nicht fremder Bosheit das zuschreiben, was auch auf andere Weise erkl�rt werden kann, denn sonst verlieren wir uns in der Frage, welche Bedrohung wirklich besteht und welche nicht.�</p><p>�Das stimmt�, gestand der Patriarch. �Zwar kann ich nicht beweisen, dass der pl�tzliche Tod der beiden Mord war, aber ich wei�, dass Talquist die Waage manipuliert hat, damit er zum Herrscher ernannt wird. All diese angebliche Bescheidenheit, ein Jahr lang nur als Regent aufzutreten, war nichts als Augenwischerei; Talquist hat schon seit langem seine Thronbesteigung geplant.� Der Patriarch kniff die sengenden blauen Augen zusammen. �Ich kenne diesen Mann und seine Grausamkeit bereits seit vielen Jahren.�</p><p>In dem kleinen unterirdischen Raum wurde es still; die Laterne flackerte. �ber die Herkunft des Patriarchen war nicht viel bekannt. Wie aus dem Nichts war er auf dem ersten cymrischen Konzil des neuen Zeitalters erschienen und hatte sich unter die Abk�mmlinge der Auswanderer von der untergegangenen Insel Serendair gemischt.</p><p>Ashe und Rhapsody wechselten rasche Blicke mit den beiden Bolg. Sie alle kannten seine Geschichte, hatten sie aber nie enth�llt. �Ihr braucht das nicht n�her darzulegen, Euer Gnaden�, sagte Ashe.</p><p>Der Patriarch sch�ttelte den Kopf. �Wenn diese M�nner Eure Ratgeber sind und Ihr ihnen vertraut, dann verdienen sie es zu wissen�, meinte er und sah nacheinander Anborn, Rial und Gwydion an. �Es braut sich ein Krieg zusammen, der m�glicherweise einen gro�en Teil der bekannten Welt verw�sten wird. Alle Geheimnisse meiner eigenen Vergangenheit sind dagegen unwesentlich. Es ist besser, wenn alles Verborgene ans Tageslicht kommt, damit wir wenigstens einen Teil der kommenden Vernichtung abwenden k�nnen. So w�rde es auch der All-Gott w�nschen.�</p><p>�Wie Ihr wollt�, brummte Ashe. �Niemand hier wird �ber Euch richten.�</p><p>�Der cymrische Herrscher spricht die Wahrheit�, bekr�ftigte Rial. �Jeder Einzelne von uns ist in den Augen des All-Gottes alles andere als vollkommen. Redet weiter, Euer Gnaden.�</p><p>�In meiner Jugend war ich Sklave in einer Gladiatorenarena im Bezirk Nikkid�sar im sorboldischen Stadtstaat Jakar�, erkl�rte der alte Mann. �Zwar sehe ich aus wie ein Greis, aber seit der Zeit meiner Gefangenschaft sind nach den Ma�st�ben der Welt nur wenige Jahre vergangen. Ich wurde von D�monenblut geboren und bin ein Abk�mmling des letzten bekannten F�dor, der dieses Land heimgesucht hat. Ich war ein grausamer M�rder und kannte keine Gnade, sondern nur Blutdurst.� Er machte eine Pause, w�hrend Gwydion, Anborn und Rial erstaunt blinzelten. �Es war die cymrische Herrscherin, die mich vor noch Schlimmerem bewahrt hat � und Ihr wart es, Marschall, der uns beide gerettet hat, auch wenn Ihr mich zweifellos nicht wieder erkennt.�</p><p>�Das tue ich in der Tat nicht�, meinte Anborn. �Wenn es mir nach gegangen w�re, dann h�tte der Gladiator, den Rhapsody aus der Arena in Sorbold gezogen hat, den Tod durch meine eigene Hand erlitten. Wenn sie mir nicht in den Arm gefallen w�re, dann w�rde Eure befleckte Seele nun in der Tiefen Kammer der Unterwelt braten, falls Ihr wirklich die elende Brut des D�mons seid.�</p><p>Der Patriarch nickte; er schien nicht beleidigt. �Ich bin derselbe Mann, den Rhapsody vor vier Jahren hinter den Schleier des Hoen in das mythische Reich des Herrn und der Herrin von Rowan gef�hrt hat � an jenen Ort auf der Schwelle des Todes, wo die Sterbenden auf die eine oder andere Weise Heilung finden und dann entweder durch das Tor des Lebens ins Nachleben schreiten oder wieder gesund werden und zu einem bestimmten Zweck in die stoffliche Welt zur�ckkehren.� Sein Blick fiel auf Ashe. �Ich glaube, Ihr kennt dieses Reich.� Der cymrische Herrscher l�chelte schwach. �Ja.� �Da Ihr selbst dort geheilt worden seid, kennt Ihr den Druck der Verantwortung, der mit dem Geschenk des zweiten Lebens einhergeht. Nachdem an diesem schl�frigen Ort der Heilkunst zwischen den Welten das D�monische aus meinem Blut getilgt worden war, war mir nicht mehr viel geblieben. Alles, was ich gekannt hatte, waren Gewalt und Mord gewesen. Also blieb ich dort und studierte und erlaubte mir, meine Zeit damit zu verbringen, mir die Heilk�nste und die Weisheit der Rowans anzueignen. Meine ausgesprochene Langlebigkeit � die ich meiner cymrischen Mutter zu verdanken habe, welche ich nie kennen lernte � erlaubte es mir, Jahrhunderte hinter dem Schleier zu verbringen, ohne dort zu sterben. Als ich schlie�lich auf die andere Seite zur�ckkehrte, war ich alt und hatte mehr als sechshundert Jahre gelebt, doch in den Augen der Welt war nur eine kurze Zeit vergangen. Aus diesem Grund erkannte mich niemand. Der Name Constantin war nur mit dem jungen, r�stigen M�rder aus der Arena von Sorbold verbunden. Ich habe keinen Versuch unternommen, mich abzuschirmen und meinen Namen zu �ndern, und niemand hat die Verbindung hergestellt � nicht einmal Talquist, dem ich geh�rte, als ich noch Gladiator war.�</p><p>�Es �berrascht mich nicht, dass Talquist in der Verbreitung und Bef�rderung dieses blutigen Sports t�tig war, bevor er den Thron bestiegen hat�, bemerkte Rial. �Aber wie konnte er so rasch so viel Macht erlangen, ohne offiziell gekr�nt zu sein?�</p><p>Der Patriarch schaute auf den Ring der Weisheit an seiner Hand. Es war ein schlichter Ring mit einem klaren, glatten Stein in einer Fassung aus Platin. Innerhalb des ovalen Steins steckten, als w�ren sie einge�tzt, die zwei einander gegen�berliegenden Symbole des Positiven und Negativen, die Zeichen des Gleichgewichts zwischen dem Leben und der Leere, den beiden gro�en Konstanten des Universums.</p><p>�Bevor er die Waage manipuliert und den Thron von Sorbold gestohlen hat, war Talquist Kaufmann�, sagte er ruhig. �W�hrend die Herrscherklasse, die Adligen und sogar das Milit�r dazu neigen, die Kaufmannsklasse als untergeordnet anzusehen, hatte diese in Wirklichkeit schon immer die gr��te Machtbasis, weil sie den Handel und die Au�enbeziehungen der Nation kontrolliert. Talquist hatte seit langem Zugang zu Verb�ndeten in fremden L�ndern, mit denen die Herrscherwitwe lediglich lockere diplomatische Kontakte pflegte. Er besitzt eine Flotte von Handelsschiffen, die bereits seit vielen Jahren �ber die Meere kreuzen, und bleibt auf dem Laufenden �ber alles, was in der Bekannten Welt vor sich geht. Ich vermute, er ist ein Verb�ndeter des Magnaten von Marincaer und des Barons von Argaut, die ebenfalls gro�e Flotten auf der anderen Seite des Zentralmeeres und der Welt besitzen. Seit Jahrzehnten bef�rdert er die Waren aus den Minen und den Stofffabriken von Sorbold. Vermutlich ist er reicher und hat bessere Verbindungen, als allgemein bekannt war. Da er nun auch die sorboldische Marine unter seiner Kontrolle hat, beherrscht er die See von der S�dspitze Tyrians bis nach Golgarn im Osten. Und vermutlich noch dar�ber hinaus.�</p><p>�Aber woher kommen die Sklaven?�, fragte Ashe. �Kaufmannsschiffe sind nicht dazu eingerichtet, K�stenst�dte anzugreifen, und keine sorboldischen Marineschiffe greifen die Uferregionen des B�ndnisses an. Wenn die sorboldische Marine �ber das Zentralmeer nach Manosse oder zu einem weit vom Kontinent entfernten Land gesegelt w�re, dann w�re Talquist zu Hause verwundbar gewesen. Das ergibt keinen Sinn. Irgendetwas fehlt noch.�</p><p>�Das stimmt�, pflichtete der Patriarch ihm bei. �Es fehlt sogar noch eine Menge � viel mehr, als Ihr Euch vorstellen k�nnt.�</p><p>Etwas in der Stimme des heiligen Mannes lie� Gwydion das Blut gefrieren. Das Konzil hatte in geradezu unbeteiligter Haltung Informationen von schrecklichen Auswirkungen gesammelt, die unermesslichen Schmerz vorhersagten; es war, als k�nnte angesichts der bevorstehenden Invasion und eines Krieges, der Tausenden den Tod bringen w�rde, nur die k�lteste Logik helfen. Doch in Constantins Worten lag etwas Tieferes, etwas Unweltliches. Ein rascher Blick verriet Gwydion, dass auch die anderen die unheilvolle Warnung verstanden hatten. Rhapsodys Augen schimmerten, und ihr Gesicht war erstarrt.</p><p>�Sagt es uns�, meinte Ashe schlie�lich.</p><p>Der Blick des Patriarchen schweifte von einem Anwesenden zum n�chsten. Schlie�lich schlug er die Augen nieder, als wolle er die anderen nicht mit seinem Blick durchbohren.</p><p>�Es fehlt noch vieles, aber ich werde mit dem beginnen, das Eurer Familie am n�chsten liegt. Marschall, Eure Tante Rhonwyn � und Eure Gro�tante, cymrischer Herrscher �, die Seherin der Gegenwart, ist aus der Abtei der Sonne in Sepulvarta entfernt worden.�</p><p>Die Mitglieder der Versammlung sahen einander verst�ndnislos an. Rhonwyn war wie ihre Schwestern ein lebendes Relikt und besa� die Gabe, das Schicksal zu sehen. Obwohl sie im Gegensatz zu ihren Schwestern sanft und zerbrechlich war, war der gr��te Teil der Bev�lkerung, der um ihre Existenz wusste, zu �ngstlich oder sch�chtern, um auch nur ihrem Blick zu begegnen. Ein paar wagemutige Seelen nahmen bisweilen all ihren Mut zusammen und n�herten sich ihr, um eine Prophezeiung von ihr zu erlangen, doch oft liefen sie entsetzt davon, noch bevor sie das Gew�nschte erhalten hatten.</p><p>�Was meint Ihr mit �entfernt�?�, fragte Ashe rasch.</p><p>�Auch wenn die �btissin es nicht gesehen hat, glaubt sie, dass die Seherin entf�hrt wurde�, erkl�rte der Patriarch. �Ich habe Sepulvarta sofort verlassen, als ich diese Nachricht erhielt, obwohl ich bereits entschlossen war, mit anderen Botschaften zu Euch zu kommen. Als die �btissin vor elf Tagen die Treppe zum Turm der Seherin hochstieg, um ihr das Fr�hst�ck zu bringen, war sie verschwunden. Rhonwyn hat die Abtei in den letzten hundert Jahren nur verlassen, um an dem cymrischen Konzil teilzunehmen, auf dem Ihr, Herr und Herrin, als Herrscher eingesetzt wurdet. Sie ist unf�hig, aus eigener Kraft drau�en zu �berleben.�</p><p>Stumm tauschten Achmed und Rhapsody einen raschen Blick aus. Vor ein paar Jahren waren sie dieselbe Treppe hochgestiegen, um die hinf�llige Seherin zu besuchen, die eine der T�chter der Drachin Elynsynos und Merithyns war, des alten serenischen Erforschers, der ihr Liebhaber gewesen war. Die drei Schwestern, die in der Sprache der Cymrer als die Manteiden bekannt waren, hatten bei ihrer Geburt die �berragende Gabe des Sehens mitbekommen, und alle drei waren gezwungen, �ber das, was sie sahen, nur die Wahrheit zu sagen, auch wenn diese nicht immer mit gr��ter Genauigkeit ausgesprochen wurde.</p><p>Jede der drei Schwestern wurde � zumindest in gewisser Hinsicht � als geisteskrank angesehen. Anwyn, die Seherin der Vergangenheit, war die normalste der drei, denn die Vergangenheit war ein konkreteres Reich als die fl�chtige Gegenwart oder die unsichere Zukunft, und sie war bekannt daf�r, sehr zur�ckhaltend im Umgang mit ihrer Gabe zu sein und die Kenntnisse, die sie ihr verschaffte, zu horten und nur dann weiterzugeben, wenn sie es f�r richtig hielt.</p><p>Manwyn, die Seherin der Zukunft, war sowohl die unausgeglichenste als auch die begehrteste, denn ihre F�higkeit, das zu sehen, was noch nicht geschehen war, sch�rte in vielen verzweifelten Pilgern die Hoffnung, dass sie mit Manwyns Hilfe das erlangen oder verhindern konnten, was sie anderweitig weder zu erlangen noch zu verhindern mochten. Allerdings verlie�en die meisten ihren zerfallenden Tempel entt�uscht oder verblendet, denn die Prophezeiungen, die diese Wahnsinnige ihnen vorsang, lie�en oftmals die vielf�ltigsten Deutungen zu.</p><p>Rhonwyn, die zerbrechlichste der Schwestern, besa� hingegen den klarsten Blick auf die Wirklichkeit. Die Schwierigkeit bestand nur darin, dass dieser Blick so fl�chtig war. W�hrend die Sekunden vergingen, verwandelte sich die Gegenwart in Vergangenheit, und Rhonwyn erinnerte sich vom einen Augenblick auf den anderen nicht mehr daran, was sie gefragt worden war oder was sie gesagt hatte. Nur wenige besa�en die Geduld oder Einsicht, l�nger als ein paar Minuten mit ihr zu reden, doch auch sie gaben irgendwann entt�uscht auf und lie�en sie in ihrer verfallenden Abtei allein zur�ck, w�hrend sie in sich hineinl�chelte und mit ihren blinden Augen, die keine Iris hatten, in den Himmel starrte.</p><p>�Etwa eine Woche vor dem Verschwinden der Seherin war sie regelm��ig von einem Priester aus dem Pfarrhaus zu Sorbold in der Stadt Sepulvarta besucht worden�, fuhr der Patriarch bedeutungsschwer fort. �Jeden Tag war dieser Mann mit zwei Messdienern in die Abtei gekommen, war die Treppe hinaufgestiegen und hatte eine einzige Frage gestellt. Dann ging er und kam am n�chsten Tag um dieselbe Zeit zur�ck.�</p><p>�Hat die �btissin zuf�llig die Gespr�che mitbekommen?�, fragte Achmed.</p><p>�Nach einigen dieser t�glichen Besuche hatte sie sich angew�hnt, im �u�eren Garten unter Rhonwyns Turm zu arbeiten, wenn der Geistliche eintraf�, sagte Constantin. �Sie hat mir gesagt, dass bei drei Gelegenheiten dieselbe Frage gestellt wurde, und zwar an den letzten drei Tagen vor dem Verschwinden der Seherin.�</p><p>�Und wie lautete diese Frage?�, wollte Anborn wissen.</p><p>Der Patriarch warf einen raschen Blick auf Rhapsody. �Die Frage, die der Priester stellte, war: �Wo ist das Kind der Zeit?� Bei zwei Gelegenheiten, zu denen die �btissin lauschen konnte, schwieg die Seherin zun�chst darauf und sagte dann nur, es gebe kein Kind der Zeit. Aber anscheinend erhielt der Priester am letzten Tag eine andere Antwort. Nach meiner Sch�tzung muss das am Wechseltag des neuen Jahres gewesen sein.� Seine Stimme wurde leiser. �Wann wurde Euer Sohn geboren?�</p><p>Die cymrische Herrscherin wurde blass, und Achmed und Ashe tauschten einen raschen Blick aus.</p><p>�Am Neujahrstag�, sagte Ashe schlie�lich, �als die Nacht von einem Tag zum n�chsten und von einem Jahr zum n�chsten voranschritt. Aber warum sucht ein sorboldischer Priester dieses Kind � unser Kind, falls es das so genannte Kind der Zeit sein sollte?�</p><p>�Weil sein Herrscher und Gebieter schon seit langem unabl�ssig nach diesem Kind sucht�, antwortete der Patriarch d�ster. �Ich habe es in seinen Gebeten und in denen der verbliebenen Priester von Sorbold geh�rt.� Er betrachtete Gwydion Navarne, den einzigen Anh�nger dieser Religion im Konzil. �Im Gegensatz zum filidischen Orden von Gwynwald werden bei uns die Gebete nicht unmittelbar an den Sch�pfer gerichtet, sondern durch den Pastor eines jeden �rtlichen Tempels �bermittelt, der diese und die anderen Gebete der Gegend den �bten mitteilt, welche sie wiederum zu den Segnern ihres Bezirks bringen, die sie schlie�lich mir im Gebet zukommen lassen. Ich lege sie dann im gro�en Turm von Lianta�ar dem�tig dem All-Gott vor. Bei jedem Schritt werden die Anrufungen m�chtiger und reiner, weil sie durch so viele andere Gaben und Danksagungen verst�rkt werden. �blicherweise k�mmere ich mich nicht um den Inhalt der Gebete, denn es ist nur meine Aufgabe, meine eigenen Bitten um die Gnade des All-Gottes hinzuzuf�gen und die Gebete darzubringen.</p><p>Doch wie ich euch schon sagte, ist Nielash Mousa, der Segner von Sorbold, tot oder liegt zumindest im Sterben. Und Talquist hat viele unseres Ordens get�tet, besonders jene, die im Pfarrhaus zu Jierna Tal lebten.�</p><p>�Warum?�, fragte Ashe ungl�ubig.</p><p>Constantin runzelte die Stirn. �Dazu kommen wir gleich�, sagte er d�ster. �Eine Auswirkung dieses Gemetzels besteht darin, dass die Gebete der Gl�ubigen aus Sorbold verstreut und in die Irre geleitet wurden. Also kommt man nun unmittelbar zu mir, und daher h�re ich die Gebete, was mich von meinen anderen Aufgaben ablenkt. In der letzten Zeit habe ich immer wieder ein und dieselbe Bitte im Namen des Herrschers an den All-Gott geh�rt � n�mlich, das Kind der Zeit zu finden.�</p><p>�Ich frage Euch noch einmal: warum?�, meinte Ashe mit dunklerem Tonfall. Die Luft wurde sp�rbar trockener, als der Drache in seinem Blut sich aufregte.</p><p>Der alte Priester erwiderte Ashes Blick und seufzte. Einen Moment lang spiegelte sein Gesicht sein wahres Alter wider.</p><p>�Wenn Ihr mich nach Talquists Gr�nden fragt, dann kann ich Euch keine Antwort darauf geben. Ich h�re seine Gebete, doch ich kann nicht in sein Herz blicken, obwohl ich wei�, dass es schwarz und verzerrt ist. Aber ich kann mir einen m�glichen Beweggrund vorstellen, auch wenn ich zum All-Gott bete, dass ich unrecht habe.�</p><p>�Sagt es uns�, befahl Anborn ungeduldig, doch Ashe hob eine Hand und gebot seinem Onkel Einhalt. Er hatte gesehen, wie sich in den stechenden blauen Augen des Patriarchen Wolken bildeten, und er wusste, dass Constantin nun auf etwas Schreckliches schaute. Er sah Rhapsody rasch an, die so wei� wie das Laken war, in dem sie ihr Kind wiegte.</p><p>�Bitte, Euer Gnaden�, sagte er gelassen. �Erkl�rt es uns, auf welche Weise Ihr es auch immer f�r angebracht haltet.�</p><p>Constantin schwieg weiterhin. W�hrend er in Gedanken versunken wartete, schien es Gwydion, als werde der letzte Rest der zitternden Luft im Raum aufgesogen und verschw�nde. Als der Patriarch schlie�lich sprach, waren seine Worte sanft.</p><p>�Immer wieder hat es jene gegeben, die hinter das Reich des Sichtbaren auf die Orte blicken, in denen das Auge keine Herrschaft aus�ben kann�, sagte er. �Manchmal ist diese besondere Hellsichtigkeit eine Gabe, die schon bei der Geburt gew�hrt wird, oder sie ist ein au�ergew�hnliches Erbe. Sie ist eine F�higkeit, die allerdings auch unter besonderen Umst�nden erlernt werden kann, und zwar von jemandem mit gro�en Kenntnissen dar�ber. Manchmal handelt es sich nicht um die F�higkeit zu sehen, sondern um die M�glichkeit, die Grenzen des gew�hnlichen Blicks mit Hilfe von Instrumenten zu �berschreiten, die dazu in der Lage sind. Ich wei� nicht, welcher dieser Methoden sich Talquist bedient hat, aber ich vermute, dass er es mindestens einmal und vielleicht sogar �fter getan hat. Der Ort, auf den er einen unerlaubten Blick geworfen hat, ist m�glicherweise jener Ort zwischen den T�ren des Lebens und des Todes, also der Schleier des Hoen, von dem wir eben noch gesprochen haben.</p><p>F�r jene von euch, die nicht dort gewesen sind, muss ich erkl�ren, dass der Schleier des Hoen ein Ort der Tr�ume und das Reich des Herrn und der Herrin Rowan ist. Die Herrin ist die Bewahrerin der Tr�ume, die W�chterin des Schlafes, Yl Breudiwyr. Der Herr ist die Hand der Sterblichkeit, des friedlichen Todes, Yl Angaulor. An jenem Ort des �bergangs gibt es viele Dinge, die in unserer materiellen Welt nicht bekannt sind. Eines dieser Wesen wird die Weberin genannt. Kennt ihr sie?�</p><p>�Ihr habt sie mir gegen�ber schon einmal erw�hnt, aber au�erhalb Eurer Welt wei� ich nichts �ber sie�, sagte Ashe.</p><p>�Die Weberin ist eine der Manifestationen des Elements der Zeit�, erkl�rte der Patriarch ernst. �Jene, die um die Gaben des Sch�pfers wissen, z�hlen f�r gew�hnlich f�nf weltliche Elemente, n�mlich Feuer, Wasser, Luft, Erde und �ther. Doch au�erhalb unserer Welt existieren noch weitere Elemente. Eines davon ist das Element der Zeit, und die Zeit in ihrer reinen Gestalt manifestiert sich auf viele Arten. Die Weltenb�ume � die Sagia, der Gro�e Wei�e Baum und die drei anderen, die an den Geburtsorten der Elemente wachsen � sind Manifestationen der Zeit. Genau wie die Weberin.</p><p>Die Weberin tritt als Frau auf, oder zumindest scheint es so, obwohl man sich nie an ihr Gesicht erinnern kann, wenn man ihr begegnet ist, wie eingehend man es auch betrachtet haben mag. Sie sitzt an jenem schl�frigen, zeitlosen Ort vor einem gewaltigen Webstuhl, auf dem die Geschichte der Zeit in farbigen F�den und Mustern mit Kette und Schuss gewoben wird.</p><p>Die Weberin ist die Manifestation der Zeit im Lauf der Geschichte�, fuhr er fort. �Sie mischt sich nicht in den Lauf der Dinge ein, sondern zeichnet sie lediglich f�r die Nachwelt auf. Sie webt einen faszinierenden Teppich mit ungeheuer verwickeltem Muster. Alle Dinge, alle Wesen sind F�den im Gewebe; es ist ihr Zusammenspiel, was wir als Leben bezeichnen. Ohne die Verbindungen der F�den untereinander g�be es nur die Leere, die Abwesenheit von Leben.�</p><p>Ashe nickte. �Als Ihr mir dies fr�her einmal erkl�rt habt, sagtet Ihr, dass in diesen Verbindungen die Macht steckt � dass diese F�den die Seelen auf der Erde und im Jenseits miteinander verbinden. Es sind die in diesem Leben geschlossenen Verbindungen, die es den Seelen im n�chsten erlauben, einander wieder zu finden. Auf diese Weise �berdauert die Liebe die Zeiten.� Er legte die Hand auf Rhapsodys, und sie tauschten einen Blick aus, der trotz der bevorstehenden Bedrohung ein L�cheln auf ihre Gesichter legte.</p><p>�Das habe ich gesagt�, stimmte ihm der Patriarch zu. �Aber ich habe Euch nicht gesagt, was ich in dem Teppich bemerkt habe, den sie webt. In dieser gewaltigen Aufzeichnung der Geschichte gibt es Millionen von F�den, die miteinander zu einem vollkommenen Abbild der Geschichte der Zeit verwoben sind.</p><p>Aber an einer Stelle befindet sich ein Makel. Es handelt sich um eine Abweichung, die man bei einem Teppich auf dieser Seite des Schleiers kaum bemerken w�rde, falls man sie �berhaupt erkennt. Es ist eine Unvollkommenheit im Faden oder in der Technik. Aber eine Unvollkommenheit in der Geschichte, die sich bereits ereignet hat, sollte im Teppich der Weberin unm�glich sein, denn es handelt sich nur um eine Aufzeichnung des Vergangenen ohne Ver�nderlichkeit oder Zweideutigkeit. Es ist beinahe so, als w�ren die F�den der Zeit an dieser Stelle auseinander genommen und neu verwebt worden � als ob die Zeit selbst an diesem einen Punkt in der Vergangenheit ver�ndert worden w�re.�</p><p>Lange Zeit war das einzige Ger�usch das Knistern der Laternenflamme.</p><p>�Die Zeit � neu verwebt?�, fragte Ashe schlie�lich. �Wie kann das sein? Habt Ihr nicht gesagt, dass die Weberin sich nicht in die Geschichte einmischt, sondern sie nur aufzeichnet?�</p><p>�Ja�, meinte der Patriarch. �Soweit ich wei�, tut sie das nicht. Aber die gespaltenen F�den, die Unvollkommenheiten in der Geschichte tauchen im ganzen Teppich nur an einer einzigen Stelle auf, soweit ich es erkennen konnte. Es muss im Dritten Zeitalter geschehen sein, zu Beginn des serenischen Krieges und Jahrhunderte vor Gwylliams Kr�nung und dem Auszug der Cymrer aus Serendair.�</p><p>Gwydion sah, wie das Blut aus allen Gesichtern im Raum wich; besonders seine Besch�tzer wurden leichenblass.</p><p>�Gibt es Hinweise darauf, wie die Zeit ver�ndert wurde?�, fragte Rial.</p><p>Constantin sch�ttelte den Kopf. �Es ist nur eine Prophezeiung, die in die F�den �ber dem Fehler eingewoben ist, ein R�tsel, welches dem Ereignis vorhergeht, das die Geschichte beeintr�chtigt hat.�</p><p>�Erinnert Ihr Euch daran?�, fragte Anborn angespannt.</p><p>�Allerdings�, erwiderte der Patriarch. �Es war einer der Hauptgegenst�nde meiner Studien, w�hrend ich hinter dem Schleier war, aber ich konnte es nie mit anderen geschichtlichen Geschehnissen in Verbindung bringen. Es scheint die letzte Prophezeiung zu sein, die in der reinen Zeit ausgesprochen wurde, bevor sich das ereignete, was die Ver�nderung herbeif�hrte.�</p><p>�Sagt es uns, Mann, und zwar schnell!�, befahl Anborn harsch.</p><p>Der Patriarch warf ihm einen unwilligen Blick zu und wandte sich dann an die cymrische Herrscherin, deren Gesicht nun so bleich wie Milch war.</p><p>�Ich spreche diese Worte zu Euch als lirinische Benennerin, Herrin, in der gl�henden Hoffnung, dass Ihr in der Lage seid, sie zu verstehen�, sagte er sanft. �Meines Wissens sind sie noch nie in dieser Welt ausgesprochen worden, denn sie haben ihren Ursprung vor der Ver�nderung der Zeit.� Er r�usperte sich und sprach die Worte sorgf�ltig aus.</p><poem><title><p>�Die Prophezeiung des Kindes der Zeit:</p></title><stanza><v>Hervorgebracht im Blut aus Feuer und Luft</v><v>Gezeugt von der Erde</v><v>Ein Kind von zwei Welten</v><v>Geboren frei von den Fesseln der Zeit.</v><v>Augen werden es beobachten auf der Erde und aus ihrem Inneren</v><v>Und die Erde selbst wird brennen unter ihm</v><v>Zum Gesang des Jammerns und Schreiens der Sterbenden.</v><v>Er wird das Unvermeidliche ungeschehen machen</v><v>Und sich damit</v><v>Selbst einst ungeschehen machen.</v><v>Dies widernat�rliche Kind, geboren aus widernat�rlichem Akt</v><v>Die Mutter wird sterben, doch das Kind wird leben</v><v>Bis alles, was vorherging, fortgewischt ist</v><v>Wie eine Tr�ne aus dem Auge der Zeit.�</v></stanza></poem><p>Rhapsodys R�cken versteifte sich. Sie dr�ckte die Schultern durch, und ihre Arme zitterten. Dann schaute sie hinunter auf das schlafende Kind in ihren Armen. Ihre Lippen, die sie bisher fest zusammengepresst und weder in Hohn noch in Z�rtlichkeit verzogen hatte, klafften nun auf, als sich die Worte aus ihrem Mund ergossen. �G�tiger All-Gott�, fl�sterte sie.</p></section><section><title><p>7</p></title><subtitle>An der Grenze zwischen Hintervold und Canderre</subtitle><p>Die Drachin hielt an dem bitteren Fluss inne, dessen Eis silbrig schimmerte und der den s�dwestlichen Rand ihres Landes von der Nordspitze Rolands trennte. Ihr K�rper zitterte vor Ersch�pfung und K�lte, die sich im Hintervold bis weit in den Fr�hling hinein hielt. Sie hatte sich m�hsam so weit geschleppt, hatte dem Wind getrotzt sowie dem Blutverlust und der Verwirrung, die sie andauernd �berfiel, wenn sie sich l�nger als nur wenige Augenblicke auf etwas anderes konzentrierte als auf die Frau, die sie t�ten wollte.</p><p>Als sie am Rande des tr�ge treibenden Eises hockte, schien es ihr, als verliere sie den Kampf.</p><p>Die Drachin wusste, dass der Fluss trotz seiner Stromschnellen seicht war. Der innere Sinn, mit dem sie seit ihrer Geburt begabt war, erlaubte ihr, die Welt in allen Einzelheiten wie jeder andere Drache wahrzunehmen � auch als sie sich in menschlicher Gestalt befunden hatte, allerdings erinnerte sie sich an jene Zeit nicht mehr. Nun erkannte sie die Temperatur des Wassers � sie lag nur knapp �ber dem Gefrierpunkt � und die Geschwindigkeit � zweieinviertel Mal so schnell, wie ein ungesattelter Hengst rennen konnte � sowie die Anzahl der kleinen Fische, die im Schlamm schliefen � siebenhundertsechsunddrei�igtausendvierhundertachtundachtzig � und ferner ungez�hlte andere Informationen �ber die H�he der Wolken, den Grad der Schneeschmelze am Flussufer, dessen Breite, die B�ume in der Umgebung und alle anderen Elemente des Lebens in ihrer N�he.</p><p>Die Anzahl der Informationen umw�lkten ihren Verstand. Die Drachin versuchte sich davon zu befreien und richtete all ihre Aufmerksamkeit auf den Fluss.</p><p>Die Gestalt, in der sie anscheinend f�r den Rest ihres Lebens gefangen war, hatte kaltes Blut, und daher wusste sie, dass es ihren Herzschlag bis zum Tod verlangsamen konnte, wenn sie sich einer so gro�en K�lte aussetzte. Andererseits wuchs das verhasste Ding in ihr, das ihr das Fleisch zerriss und ihr Schmerzen verursachte, unter der W�rme, die ihr K�rper durch die Feuersteine in ihrem Bauch erzeugte, mit deren Hilfe sie ihrer Wut zu bei�ender Flamme verhelfen konnte.</p><p>Anwyn berechnete schnell, dass die K�lte des Flusses dieses Wachstum aufhalten konnte, auch wenn das dreikammerige Herz in ihrer schlangenartigen Brust dann m�glicherweise nicht mehr weiterschlagen w�rde.</p><p>Sie entschied, dass ihr nichts anderes �brig blieb, als es zu wagen.</p><p>Sie st�hlte sich, so wie sie sich gegen die Schmerzen ihrer Wunde gest�hlt hatte, und glitt langsam in die eiskalte Flut.</p><p>Ihre verkr�mmten F��e rutschten beinahe sofort auf den glitschigen Felsen des Flussbettes aus, und ihre blutende Brust geriet mitten in eine der Stromschnellen hinein. Die Drachin keuchte vor Entsetzen auf und bem�hte sich, nicht mit dem Kopf voran in das Wasser zu fallen und von ihm davongetragen zu werden. Das durchscheinende Wasser hatte etwas zugleich Altes und Junges an sich, denn Anwyn wusste, dass es sowohl schon vierzigtausend Jahre als auch erst vierzig Minuten alt war, denn noch vor weniger als einer Stunde war es Gletschereis gewesen. Trotz der Schmerzen und der K�lte gefiel dem Untier das Gef�hl der Vergangenheit, das mit der Str�mung dahinschoss. Es war, als glitte die Zeit �ber die Drachin hinweg, wie Wasser durch ein Loch am Boden str�mt und dorthin zur�ckkehrt, wo es hingeh�rt.</p><p><emphasis>Ich</emphasis> werde <emphasis>leben,</emphasis> dachte sie w�tend. <emphasis>Egal wie sehr sie auch versuchen m�gen, mich zu vernichten. Ich werde siegen, weil mein Hass st�rker ist.</emphasis></p><p>Mitten im Strom hielt die Drachin an. Hier reichte das Wasser kaum bis zu ihren Waden. Als sie sich an die Temperatur gew�hnt hatte, fand sie heraus, dass die aufgel�sten Eisschollen, die um sie herum wirbelten, ihr ein Gef�hl der St�rke vermittelten und sie mit der Vergangenheit verbanden � mit der Vorzeit, in die nur sie allein blicken konnte. Auch ohne das Fernglas sah sie nun immer deutlicher ein fernes Land voller trockenem W�stensand und heilender Quellen, mit Felsen, unter denen man im Mondlicht baden konnte, und mit Tempeln, die zwei Jahrtausende alter Lehm vor dem dahinjagenden Wind verbarg.</p><p><emphasis>Kurimah Milani,</emphasis> dachte sie. Es war ein Ort, der schon lange vor ihrer Geburt an die W�ste verloren worden war und der in einem Land weit hinter Elynsynos� Reich lag. Daher wusste Anwyn fast nichts �ber ihn; sie kannte nur seinen Ruf als Ort von beinahe g�ttlicher Heilkraft, der bereits f�nfhundert Jahre, bevor ihr Vater seinen Fu� auf den Boden des Drachenlandes gesetzt hatte, vom Sand und dem heulenden Wind verschluckt worden war. <emphasis>Wahrhaft ein Ort der Vergangenheit,</emphasis> dachte sie, w�hrend sie um ihr Gleichgewicht k�mpfte. Schlie�lich gab sie den Kampf auf und gestattete es ihren F��en, in die schlammige Erde des Flussbetts einzusinken. <emphasis>Vielleicht wird er mich willkommen hei�en, da auch ich ein Wesen der Vergangenheit bin.</emphasis></p><p>Mit fest in den gefrorenen Schlick des Flussbetts eingekrallten F��en machte sie sich langsam auf den Weg nach Osten und k�mpfte mit jedem neuen Schritt gegen die Str�mung an.</p></section><section><title><p>8</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>�Rhapsody, ich bitte dich, gerate nicht in Panik�, sagte Ashe rasch und legte die Hand unter den R�cken des Kindes. Seine Frau war jedoch kaum blasser als er selbst. �Erinnere dich daran, was mein Vater �ber Prophezeiungen gesagt hat � dass sie nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen.�</p><p>Vorsichtig nahm er seinen Sohn in die Arme, w�hrend sich seine Frau gegen die Wand der unterirdischen Kammer lehnte. Er versuchte das Kleinkind anzul�cheln, konnte aber den Rest der Bemerkung nicht vergessen, die sein Vater gemacht hatte. <emphasis>Oft ist es den Preis der Irref�hrung nicht wert, in die Zukunft zu sehen,</emphasis> hatte Llauron bemerkt. Ashe war zu dem Schluss gekommen, dass Prophezeiungen zwar in die Irre f�hren konnten, aber oft ergaben sich noch schlimmere Konsequenzen, wenn man sie erst gar nicht beachtete.</p><p>�Ich habe keine Panik�, sagte Rhapsody mit fester Stimme, obwohl ihr Gesicht noch immer sehr bleich war. �Aber es ist f�r mich keine Frage, dass Meridion das Kind ist, von dem diese Prophezeiung spricht, obgleich ich nicht verstehe, warum etwas im Teppich der Weberin aus einer Zeit, als die Geschichte in Verwirrung geraten zu sein scheint, auf ihn zutreffen soll. Als Jal�asee, der Botschafter der Meeresmagier aus Gaematria, zu Gwydions Amtseinsetzung hier war, hat er mir von dem Geheimnis erz�hlt, das durch die Vermischung deines Blutes mit dem meinen in mir gewachsen ist. Er hat denselben Begriff verwendet und mir gesagt, es werde ein Kind der Zeit sein.� Sie holte tief Luft und erinnerte sich an die genauen Worte des Magiers, in denen die Weisheit der �ltesten aller Rassen erklang.</p><p><emphasis>Euer Kind wird mit der Macht aller Elemente gesegnet und geschlagen sein, Rhapsody. Ihr seid durch das Feuer im Herzen der Erde geschritten. Habt keine Angst. Nat�rlich wei� ich das, denn Ihr habt es in Euch aufgenommen, was deutlich zu sp�ren ist. Was der Rest der Welt irrt�mlicherweise f�r reine Sch�nheit h�lt, kann jemand wie ich, der die uranf�nglichen Elemente in ihrer Rohform gesehen hat, als das erkennen, was es ist. Ihr und Euer Kind wurdet w�hrend Eurer k�rzlich erfolgten Entf�hrung in den Armen des Meeres gewiegt. Auch dies wei� ich � nicht weil ich es beobachtet h�tte, sondern weil es mir die Wellen w�hrend meiner Reise von Gaematria nach hier erz�hlt haben. Euer Gemahl ist der Kirsdarken-va�ar, der Meister des Elements, also haben beide Eltern eine Verbindung zum Wasser. Auch die Erde ist in euch beiden � in Euch, weil Ihr durch ihr Herz gereist seid, und in Eurem Gemahl, weil er von der Drachin Elynsynos abstammt und auf diese Weise mit der Erde verbunden ist, so wie Ihr mit dem Stern Seren verbunden seid. Und schlie�lich seid Ihr als lirinische K�nigin ein Kind des Himmels, eine Tochter der Luft. Daher wird Euer Kind all diese Elemente in seinem Blut haben. Wisst Ihr, was die Summe dieser Elemente ist?</emphasis></p><p><emphasis>Sagt es mir,</emphasis> hatte sie gefl�stert.</p><p><emphasis>Zeit. Er wird die Macht der Zeit haben. Ich hoffe, Ihr werdet mir die Ehre erweisen, Eurem Kind beizubringen, wie es diese Macht einsetzen kann, wenn es alt genug ist und sich die Gelegenheit ergibt.</emphasis></p><p>�Dann, als er geboren wurde�, fuhr sie fort, �ben�tigte er wie alle Drachen einen Namen, damit er Gestalt annehmen konnte, also habe ich ihm einen gegeben, der zur�ck bis zu Merithyn und seinem eigenen Vater reicht, aber schlie�lich habe ich die Bezeichnung <emphasis>Kind der Zeit</emphasis> ebenfalls in seine Benennung eingewoben.�</p><p>Ashe nickte, als er sich daran erinnerte. Er hatte nur wenig Zeit mit seinem neugeborenen Sohn verbringen k�nnen, aber wenigstens war das Schicksal so freundlich gewesen, ihm die Anwesenheit bei der Geburt in der H�hle des Untergegangenen Sees zu erlauben, dem Nest seiner Urgro�mutter Elynsynos, wo Rhapsody Unterschlupf gefunden hatte.</p><p>Elynsynos, die schon lange ihren irdischen Drachenk�rper gegen eine Gestalt aus �ther eingetauscht hatte, hatte damals das Aussehen einer Frau angenommen, in dem sie sich auch Merithyn, seinem serenischen Urgro�vater, gezeigt hatte, damit sie der Bolg-Hebamme Krinsel bei der Geburt helfen konnte.</p><p>Als Ashe dem Wunder zugesehen hatte, war sein Blick vom Gesicht seiner Frau zu dem seiner Urgro�mutter geschweift, die trotz aller Anmut ihrer k�niglichen Sch�nheit den aufgeregten, kindlichen Ausdruck gezeigt hatte, den er oft an ihr bemerkt hatte, als sie noch in Drachengestalt bei ihnen gewesen war. In einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht hatte er zugesehen, bis Rhapsodys Hand die seine gepackt hatte. Nun schloss er die Augen und genoss die Erinnerung wie einen Schatz.</p><p><emphasis>Sam?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, Arial.</emphasis> Das Wort bedeutete auf Lirinisch <emphasis>mein Leitstern,</emphasis> und es passte vollkommen zu der Rolle, die sie in seinem Leben spielte.</p><p>Sie hatte ihre kleine, zitternde Hand auf seinen Brustkorb gelegt.</p><p><emphasis>Ich brauche das Licht des Sterns in dir. Unser Kind kommt.</emphasis></p><p>Er hatte sich tiefer zu ihr herabgebeugt und seine Hand auf die ihre gelegt.</p><p><emphasis>Was immer du brauchst. Wie kann ich es dir geben?</emphasis></p><p><emphasis>�ffne dein Herz. Hei�e dein Kind willkommen.</emphasis></p><p>Alles, was Ashe hatte tun k�nnen, war ihr zuzunicken, als Rhapsody langsam und leise mit der Elegie auf den verlorenen Stern Seren begonnen hatte, die sie von dem serenischen Meeresmagier gelernt hatte. W�hrend des Singens hatte sie geweint und nur der Musik gelauscht, die von dem St�ck desselben Sterns abstrahlte, welches ihm im Reich der Rowans in die Brust eingepflanzt worden war. Es war der reine, elementare Gesang des verlorenen Sterns gewesen, zusammen mit der Musik von Wind und Feuer, die als Geheimnis in ihr wohnten, und von Erde und Wasser, die von Ashes Blut gekommen waren.</p><p><emphasis>Komm herbei, mein Kind. Komm in die Welt und lebe.</emphasis></p><p>Ashe f�hlte, wie sich ihm die Kehle zusammenschn�rte, als er daran dachte, wie nahe sie bei der Geburt seines Sohnes dem Tode gewesen war.</p><p>Elynsynos hatte sich ein letztes Mal mit Krinsel beredet, die Achmed auf Rhapsodys Bitten hin aus Ylorc mitgebracht hatte; dann hatte die Drachin in serenischer Gestalt die H�nde in einer Geste der Demut gehoben und von oben in Rhapsodys Bauch gegriffen, wobei ihre H�nde durch das Fleisch geglitten waren wie durch Nebel und Sternenstaub.</p><p>Das war der magischste Augenblick gewesen, dem er je beigewohnt hatte.</p><p>Nun hatte Elynsynos die H�nde weggenommen und ein winziges, glei�endes Licht in die H�he gehalten, das sie sanft aus dem verd�mmernden K�rper seiner Gemahlin gezogen hatte. Dann hatte sie es ihr auf die Brust und zwischen die H�nde gelegt.</p><p><emphasis>Benenne es, meine Sch�ne, damit es Gestalt annehmen kann.</emphasis></p><p>Ashe hatte �ber dem donnernden Schlag seines dreikammerigen Herzens ihre Worte kaum geh�rt.</p><p>Rhapsody hatte ihre Hand nach ihm ausgestreckt. Als sich ihre Finger miteinander verwoben hatten, hatte sie die Benennung angestimmt.</p><p><emphasis>Willkommen, Meridion, Kind der Zeit.</emphasis></p><p>Einen Augenblick lang hatte nichts in ihrer anderen Hand gelegen als das glei�ende Licht. Dann hatte sich allm�hlich eine Gestalt gebildet, ein winziges Haupt, kleine H�nde, die nach oben ausgestreckt wurden und winkten. Ein leises Gurren war bald darauf zu einem lauten Jammern geworden, und pl�tzlich war die H�hle mit der gew�hnlichen Musik eines schreienden Kindes erf�llt gewesen.</p><p>Das war der wunderbarste Laut gewesen, den er je geh�rt hatte.</p><p>�Ich glaube immer noch, dass sich diese Prophezeiung m�glicherweise nicht auf unser Kind bezieht�, sagte er zu den Versammelten. �Zu vieles passt nicht zusammen. Offenbar � und gl�cklicherweise � ist Rhapsody nicht gestorben, so wie es der Mutter in der Prophezeiung vorhergesagt wird. �berdies ist Meridion zwar einzigartig und ungew�hnlich wegen seiner Abstammung und seiner Gaben, aber er ist kein widernat�rliches Kind.� Einen Moment lang gewann sein Gesicht wieder an Farbe. �Und er ist keinesfalls aus einem widernat�rlichen Akt hervorgegangen. Er kam wie jedes andere Kind auf die Welt.�</p><p>�Ich bin mir nicht so sicher, ob das stimmt�, sagte Achmed. �Geschlechtsverkehr mit einem Drachen k�nnte von vielen vern�nftigen Leuten als widernat�rlicher Akt angesehen werden. Es ist zumindest nichts, wor�ber ich mit vollem Magen nachdenken m�chte.�</p><p>Eine Hitzewelle durchschoss Ashe, und h�ssliche Worte ergossen sich von seinen Lippen, bevor er sie zur�ckhalten konnte.</p><p>�Und wie w�rdest du deine eigene Empf�ngnis beschreiben, Achmed? Ich erschauere bei dem Gedanken daran, welche Paarung ein Wesen hervorbringen kann, das halb Dhrakier, eine der �ltesten Rassen der Welt, und halb Firbolg ist, eines der schlimmsten Bastardgeschlechter von halbmenschlichen Ungeheuern, die je das Antlitz der Erde beschmutzt haben. Es steht dir kaum zu, �ber widernat�rliche Geburten zu reden.�</p><p>Rhapsody betrachtete ihn tadelnd, w�hrend der Rest des Konzils ihn stumm anstarrte. Der Bolg-K�nig sagte nichts, aber der Sergeant-Major warf ihm einen d�steren Blick zu, unter dem die Luft in dem winzigen Geheimzimmer knisterte.</p><p>�Vielleicht ist es nicht Meridions Empf�ngnis, sondern seine Geburt, die die Prophezeiung mit den Worten <emphasis>hervorgebracht im Blut aus Feuer</emphasis> meint�, sagte Rhapsody. �Nicht einmal du, Sam, kannst die ungew�hnlichen Umst�nde seiner Geburt verleugnen. Sie hat fast das gesamte Blut in meinem K�rper verbraucht, weswegen ich noch immer sehr schwach bin. In Anbetracht der Tatsache, was mit mir in der letzten Zeit geschehen ist, k�nnte man annehmen, dass ich das Feuer bin, aus dem er hervorgegangen ist, und du bist als Drache die Erde, die ihn gezeugt hat. Aber mir scheint, dass all das unwichtig ist. Falls es wirklich so sein sollte, dass Meridion das Kind der Zeit ist, nach dem Talquist sucht � oder falls Talquist dieser Meinung sein sollte �, dann m�ssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um ihn zu besch�tzen, ob er nun das Kind aus der Prophezeiung ist oder nicht.�</p><p>�Dem stimme ich zu�, meinte Ashe. Er stie� die Luft aus und �berlegte, was als N�chstes zu tun sei.</p><p>�Ich dachte, Rhapsody, dass du dazu schweigen solltest�, meinte Anborn. �Es gibt noch vieles zu berichten. Au�erdem glaube ich nicht, dass Seine Gnaden mit seiner Geschichte schon fertig ist, und ich muss auch noch Etliches mitteilen. Wir sollten damit weitermachen.�</p><p>�In der Tat�, stimmte Constantin ihm zu. �Eines muss ich noch �ber die Taten des anma�enden Herrschers berichten. Vor einiger Zeit entkamen zwei Priester aus Sorbold, die im Pfarrhaus in der N�he von Jierna Tal und der Erdbasilika von Terreanfor lebten, dem Feuer, das ihr Haus zerst�rte und in dem alle �bte, Diener und anderen Priester starben. Zwar wurde dieses Feuer als tragischer Unfall angesehen, aber diese beiden haben etwas anderes beobachtet. Zuerst hatten die Geistlichen im Palast von Jierna Tal an einem rauschenden Fest teilgenommen, wo ihr Essen mit einer Droge versetzt worden war, die sie einschl�ferte. Diejenigen, die sich im Griff des Schlafmittels befanden, erwachten nie wieder, was eine Gnade angesichts des schrecklichen Todes war, der sie erwartete. Die anderen wurden durch Pfeilfeuer von Talquists Garden in das Haus zur�ckgetrieben, als sie den Flammen zu entkommen versuchten.�</p><p>�Warum, um alles in der Welt, hat er so etwas getan?�, fragte Gwydion Navarne in Erstaunen und Entsetzen.</p><p>�Wegen dem, worum er sie fr�her an jenem Tag gebeten hatte�, erwiderte Constantin d�ster. �Diese beiden M�nner waren dem Feuer entkommen und hatten es bis nach Sepulvarta geschafft, ohne dass Talquist es bemerkt h�tte. Bevor sie neu benannt und irgendwo versteckt wurden, kamen sie zu mir und berichteten, was sie gesehen hatten. Sie teilten mir mit, dass Talquist den Lebendigen Stein in der Basilika von Terreanfor ernten lie�, wie ich Euch bereits vorhin erz�hlt habe. Sie haben mir alle Einzelheiten mitgeteilt. Es war eine schreckliche Geschichte, der zufolge die gewaltige Steinstatue eines Kriegers von ihrem Postament in der Krypta der Kathedrale geschnitten und im Schutz der Dunkelheit auf den Markplatz von Jierna Tal gebracht wurde. Dort stellte man sie auf eine der Waagschalen der Gro�en Waage von Sorbold, durch die auch ich und Talquist unsere �mter erhalten haben.</p><p>Auf die andere Waagschale wurde eine Kreatur gelegt, eine schreckliche Missgeburt, eine arme, beklagenswerte Seele in einem v�llig verwachsenen K�rper. Dann begann das Wiegen. Die Priester berichteten, dass Talquist einige Tropfen seines eigenen Blutes und noch etwas anderes in die erste Waagschale mit der Statue gelegt hat.</p><p>Und dann wurde sie in einer Beleidigung gegen die Natur und den All-Gott belebt und konnte sich aus eigener Kraft bewegen.�</p><p>�G�tiger Einziger Gott�, murmelte Rial. �Und was ist danach geschehen?�</p><p>�Zum Gl�ck lief die titanische Statue in die W�ste hinter dem Vorgebirge zwischen Sorbold und Sepulvarta, wo sie wieder zu Sand zerfiel�, sagte Constantin. �Das Schwert aus Lebendigem Stein, das ihr aus der Hand gerissen worden war, bevor sie in die Nacht hineinrannte, l�ste sich in den Stra�en von Jierna�sid ebenfalls in Sand auf. Diese Tat war eine Abscheulichkeit, die Besudelung eines heiligen Schreins, die allein bereits Talquists Entfernung aus dem Amt und in meinen Augen sogar seine Hinrichtung rechtfertigen w�rde. Es war eine Vergewaltigung der Kathedrale von Terreanfor, eine unverzeihliche Entweihung. Aber ich frage mich, zu welchem Zweck er dieses Experiment durchgef�hrt hat. Gl�cklicherweise ist es am Ende gescheitert, sodass wir zwar m�glicherweise nie erfahren werden, was er vorhatte, aber daf�r m�ssen wir auch nicht unter den Auswirkungen leiden.�</p><p>�Erlaubt mir, meine traditionelle Rolle als Stinktier beim Gartenfest zu spielen�, meinte Anborn. �Ihr habt Unrecht mit Eurer Annahme, Euer Gnaden. Die Statue, die Ihr erw�hntet, ist nicht in der gottverlassenen W�ste von Sorbold zu Staub zerfallen. Ich habe diesen Titan vor wenigen Wochen selbst beobachtet, als ich einen Erkundungsgang in den Stra�en von Jierna�sid gemacht habe. Es war ein ungeheuerlicher Anblick. Das Ding ist durch die Hauptverkehrsstra�e der Stadt gelaufen und hat geschwankt, als w�re es betrunken, obwohl das sicherlich nur seinem unnat�rlichen Wesen zuzuschreiben war. Alles, was ihm im Weg stand, wurde zerst�rt: Ochsenkarren, Heuwagen, Stra�enbuden, und auch die Soldaten von Sorbold, die es aufzuhalten versuchten, wurden nicht verschont. Es war schrecklich. Die Statue wirkte zwar ungelenk und unbeholfen, aber sie war gegen gew�hnliche Waffen unempfindlich und hatte nichts anderes als Vernichtung im Sinn. Als ich sie zuletzt gesehen habe, hat sie �ber achtzig Soldaten zerschmettert, unz�hlige Gesch�fte und Wagen besch�digt und war auf dem Weg zum Palast. Ich habe es nicht bedauert, dass sie anscheinend auf der Suche nach dem Herrscher war, aber wenn er immer noch lebt und Sepulvarta bedroht, dann hatte die Statue wohl anderes im Sinn, als ich angenommen hatte.�</p><p>�M�glicherweise�, bemerkte Achmed. �Ich bin mir nicht sicher, was dies bedeutet, aber zumindest beweist es, dass Talquist zur Erreichung seiner Ziele alles zu tun bereit ist. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von mir.�</p><p>�Gut gesagt�, gab Anborn zur�ck. �Nun, Rhapsody, was meinst du dazu? Hast du unsere Berichte vernommen und mit deinen �berlieferungen abgeglichen?�</p><p>Ashe erhob sich rasch von seinem Stuhl. �Vergib mir, Onkel�, sagte er, �und ihr anderen bitte auch. Bevor wir fortfahren, m�chte ich drau�en kurz mit meiner Frau allein sprechen. Ich bitte um Nachsicht.�</p><p>Rhapsody hielt die Hand hoch.</p><p>�Bevor wir das tun�, sagte sie, �muss ich Achmed eine Frage stellen. Auch auf die Gefahr hin, unh�flich zu erscheinen, werde ich sie auf Bolgisch stellen. Bitte entschuldigt meine mangelhaften Manieren, aber die Zeit dr�ngt.� Die �brigen M�nner im Kreis nickten, und sie wandte sich an den Bolg-K�nig, w�hrend sich das Kind in Ashes Armen allm�hlich regte und leise Laute des Hungers ausstie�.</p><p>�Wenn du bereit bist, ihnen zu sagen, was du mit dem Berg vorhast�, sagte sie in der rauen, beschr�nkten Sprache der Firbolg, �und warum du es tun willst, dann werde ich dir die Hilfe f�r dein Unternehmen gew�hren, die ich dir bisher verweigert habe.�</p><p>Achmeds verschiedenfarbige Augen gl�nzten. Sie lagen so eng beieinander, dass sie den Anschein erweckten, als blickten sie unabl�ssig an einer Waffe entlang auf ein Ziel.</p><p>�In welchem Umfang?�, gab er zur�ck. �Zu deinen Bedingungen oder zu meinen?�</p><p>�Bisher habe ich mit dir nur die Grundlagen geteilt, die ich aus der alten Schriftrolle erfahren habe, welche ich f�r dich �bersetzen sollte�, antwortete Rhapsody. �Wenn du dein Vorhaben diesem Konzil mitteilst und ihnen sagst, was du tust, werde ich dir alles verraten, was ich wei� und dir auf jede erdenkliche Weise helfen. Ich muss meinem Gemahl sagen k�nnen, warum ich angesichts des kommenden Krieges und meiner anderen Verantwortlichkeiten so viel Zeit mit dieser Sache verbringe.�</p><p>Die beiden Bolg tauschten einen raschen Blick aus.</p><p>�In Ordnung�, sagte der Bolg-K�nig.</p><p>Die cymrische Herrscherin erhob sich und streckte die H�nde ihrem Kind entgegen, das Ashe noch immer hielt.</p><p>�Wir werden sofort zur�ck sein�, sagte sie zu den Versammelten. �Meridion muss gestillt werden. Vielen Dank f�r eure Nachsicht.�</p><p>�Ich werde Gerald Owen anweisen, eine kleine Mahlzeit zu bringen, damit ihr etwas essen und euch erfrischen k�nnt�, sagte Ashe. <emphasis>Ich selbst werde das nicht brauchen,</emphasis> dachte er. <emphasis>Was ich gleich tun werde, wird mir jeden Appetit nehmen.</emphasis></p></section><section><title><p>9</p></title><p>Anborn sp�rte den kommenden Krieg, aber das war nicht ungew�hnlich.</p><p>Jeder, der an dem Treffen in der winzigen Kammer hinter dem Wandbehang teilgenommen hatte, f�hlte dasselbe. Wenn es nicht so gewesen w�re, h�tte es auf eine Dumpfheit schlie�en lassen, die sehr peinlich gewesen w�re. Was Anborn sp�rte, war nicht so sehr das Herannahen des Krieges, sondern seine eigene Rolle darin � oder zumindest das, was er als seine Rolle ansah.</p><p>Und zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten freute er sich insgeheim darauf.</p><p>Er lehnte sich so weit wie m�glich zur�ck, packte seine nutzlosen Beine und streckte sie aus, w�hrend Gerald Owen und Melisande Navarne mit Tabletts voller Speisen den verborgenen Raum betraten.</p><p>Er kniff die Augen zusammen, als er das junge M�dchen mit den goldenen Ringellocken sah, das ein Tablett auf dem Tisch vor ihm abstellte.</p><p>�Wer ist das?�, wollte er schroff wissen. �Ich war der Meinung, dass dieses Treffen geheim ist, und du bringst ein unbekanntes Dienstm�dchen her, bei dem es sich vermutlich um eine Spionin handelt.�</p><p>Das M�dchen rollte die schwarzen Augen in k�hner Ver�rgerung. �Denk dir mal einen neuen Witz aus, Marschall�, sagte es, hob den Deckel vom Tablett und reichte ihm eine Leinenserviette. �Du wei�t sehr wohl, dass ich Melisande Navarne bin, denn schlie�lich bist du mein Pate und hast mich wie einen Ball herumgeworfen, seit ich ein Kind war.�</p><p>�Genau deshalb wei� ich, dass du eine Betr�gerin bist�, sagte Anborn selbstgef�llig, w�hrend er sich die Serviette �ber die gel�hmten Beine legte. �Melisande Navarne ist noch immer ein Kind; sie ist nicht l�nger als mein Unterarm zwischen Handgelenk und Ellbogen.� Wie um seinen Worten Nachdruck zu verliehen, schlug er sich mit der Hand gegen den Arm. �Du aber bist ein gro�es, unversch�mtes Ding und kannst unm�glich dieses s��e kleine M�dchen sein.�</p><p>Melisande nahm die Haltung einer Dienstmagd ein und verschr�nkte die Arme hinter dem R�cken.</p><p>�Auch wenn es mich schmerzt, dich daran erinnern zu m�ssen, dass du alt wirst, Marschall ��</p><p>�Autsch�, murmelte Grunthor, w�hrend Rial und Achmed l�chelnd die K�pfe senkten.</p><p>�� so bin ich doch in der Tat dein Patenkind und die Herrin von Navarne, die Zweite in der Thronfolge dieses Herzogtums, wie ich wohl hinzuf�gen darf. Ich bin neun Jahre alt und werde am ersten Tag des Fr�hlings zehn, und ich bin mehr als viermal so lang wie dein Unterarm. Au�erdem kann ich rennen, reiten, Bogen schie�en und mit dem Dolch umgehen. Ich kenne mich sehr gut mit Pferden aus und kann sie striegeln und aufz�umen. Ich bekomme viel bessere Bewertungen von meinen Lehrern, als mein Bruder sie <emphasis>je</emphasis> erhalten hat, und ich bin es leid, im Kinderzimmer bleiben zu m�ssen, wenn wichtige Dinge besprochen werden. Ich k�nnte sehr wertvoll f�r das Konzil sein, zumindest als Botin oder vielleicht auch als Spionin.� Die dunklen Augen des M�dchens funkelten in einer Mischung aus Erregung und Groll. �Hiermit m�chte ich deutlich, aber h�flich mein Missfallen dar�ber zum Ausdruck bringen, immer ausgeschlossen zu sein. Wenn Rhapsody so unterdr�ckt aufgezogen worden w�re, h�tte sie niemals die Herrscherin und Kriegerin werden k�nnen, die sie nun ist. Ich erachte das als schreckliche Verschwendung von wertvollem cymrischem Guthaben.�</p><p>�Ich werde gleich <emphasis>dein</emphasis> wertvolles cymrisches Guthaben verschwenden, junge Dame!�, rief der Marschall und schlug spielerisch nach ihrem Hintern. Melisande wich ihm aus, wie sie es immer an dieser Stelle des Spiels tat, und eilte rasch hinter Gerald Owen aus der verborgenen Kammer.</p><p>�Na, die hat aber �n Mundwerk�, meinte Grunthor anerkennend. �Wenn ihr f�r die keine richtige Aufgabe findet, gebt sie mir. Ich wei� schon, wozu ich sie gebrauchen kann.�</p><p>�F�hre mich nicht in Versuchung�, murmelte Gwydion Navarne. �Ich kann daf�r sorgen, dass sie mit all ihren Sachen in weniger als f�nfzehn Minuten auf der Treppe der Festung steht.�</p><p>�Das klingt eher wie ein genervter Bruder als wie ein frisch eingesetzter Herzog�, bemerkte Anborn knapp. �Denk an meine Worte, junger Navarne: Eines Tages wirst du stolz darauf sein, dass dieses M�dchen mit dir verwandt ist.�</p><p>�Vielleicht�, gab Gwydion reum�tig zu. �Und wahrscheinlich dauert es eher f�nfzehn <emphasis>Tage,</emphasis> bis sie gepackt hat.�</p><empty-line/><p>�Dass du zusammen mit Achmed ein Geheimnis vor mir hast, Rhapsody, verwirrt mich sehr, wie ich gestehen muss�, sagte Ashe, als sie hinter dem Wandbehang hervorkamen und die gro�e Halle betraten. �Ich war der Meinung, dass wir voreinander nichts verheimlichen. Ich habe dir all meine Geheimnisse verraten, auch wenn manche davon scheu�lich sind.�</p><p>Rhapsody dr�ckte seine Hand. �Ich h�tte dir schon lange alles gesagt, was ich dar�ber wei�, Sam, aber das stand mir nicht zu. Vor einiger Zeit, als du und ich in der W�ste von Yarim waren und die Bolg unter der Quelle der Entudenin nach Wasser gegraben haben, hat Achmed mir ein uraltes d�nnes Dokument aus Pergament gezeigt, das aus der Zeit vor der cymrischen �ra datiert und vielleicht sogar von der untergegangenen Insel stammt. Es war die Risszeichnung einer Maschine, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Sie benutzt das Farbspektrum des Lichts und das Lautspektrum der Musik, um verschiedene Arten von Macht zu erschaffen � die Macht des Heilens, die Macht des Wahrsagens und Verbergens und viele andere, die ich noch nicht herausgefunden habe. Er hat mir diese Informationen nicht �berlassen, obwohl ich sie als eine der elementarsten und urspr�nglichsten �berlieferungen der Welt erkannte, und ich habe ihn gewarnt, vorsichtig damit umzugehen, denn sogar die Meisterbenenner sind nur in wenige dieser Geheimnisse eingeweiht.</p><p>Als er zu Gwydions Amtseinsetzung kam, hatte er das Dokument wieder dabei. Er hat mich gebeten, es zu �bersetzen, und ich hatte es bei mir, als du mich zu Elynsynos� Nest gebracht hast. Damals habe ich verstanden, was es bedeutet, um welche �berlieferungen es sich handelt und worin die Gefahren ihrer Anwendung liegen. Es h�tte �brigens beinahe unsere Freundschaft beendet. Nach Meridions Geburt habe ich Achmed gesagt, dass ich ihn nie wieder sehen will, weil er trotz meiner Warnungen unbedingt die �bersetzung haben wollte. Aber nachdem ich lange dar�ber nachgedacht und mit ihm ein offenes Gespr�ch unter vier Augen dar�ber hatte, als wir im Schutz von Llaurons K�rper gefangen waren, habe ich begriffen, was er wirklich will. Er hatte bereits fr�her im alten Land einige Erfahrungen mit dieser Maschine gesammelt und ist der Meinung, dass wir gegen Kr�fte k�mpfen werden, die in der Geschichte einzigartig sind; und deshalb sollten wir eine Waffe mit einzigartiger Herkunft und Macht besitzen.�</p><p>�Darin steckt eine gewisse Weisheit�, gab Ashe zu.</p><p>�W�hrend Gwylliams und Anwyns Instrument das Schlafende Kind aufzuwecken drohte, also jenen Drachen, der im Mittelpunkt der Erde schl�ft, scheint Achmed eine M�glichkeit entdeckt zu haben, es mit Kraft zu speisen, die nicht aus dem Feuer oder der Erde stammt, wie es bei Gwylliam und Anwyn der Fall war. Achmed benutzt dazu das Licht der Sonne und der Sterne, was den Gebrauch sehr viel sicherer macht, auch wenn sie immer noch wohl�berlegt erfolgen muss. Die Maschine sollte auf diese Weise sogar noch m�chtiger sein, denn die Macht eines jeden Elements bemisst sich nach der Reihenfolge, in der es erschaffen wurde. Daher �bertrifft der �ther alle anderen, gefolgt von Feuer, Wasser, Wind und Erde. Wenn wir den �ther zum Betreiben unseres Lichtf�ngers benutzen, sollte er einerseits �u�erst wirksam und andererseits sehr sicher sein. Wenn wir ihn einsetzen k�nnen, um das Erdenkind zu bewachen, die Berge zu besch�tzen sowie den Feind zu finden und zu �berwinden, dann wird es das Risiko und den Schaden wert sein, den unsere Freundschaft deswegen genommen hat.�</p><p>�Ich bezweifle nicht deine Weisheit, Aria�, sagte Ashe und nahm ihre Hand zwischen die seinen. �Es ist vielleicht kleinlich, besonders wenn man bedenkt, was wir einander bedeuten, aber mich �rgert der Gedanke, dass du und Achmed ein Geheimnis miteinander teilt, welches uns beide trennt. Vermutlich ist das auch nur ein kindischer Widerwille, der dem besitzergreifenden Drachenblut zuzurechnen ist.�</p><p>Rhapsody k�sste seine Hand. �Jetzt gibt es zwischen uns keine Geheimnisse mehr�, sagte sie, �aber es gibt einige, von denen niemand sonst wei�. Da ist eines, das nur wir beide miteinander teilen.�</p><p>Ashe l�chelte wehm�tig. �Wirklich?�, fragte er. �Mir scheint, zwischen dir und den beiden Firbolg gibt es keine. Du kennst sie schon viel l�nger als ich und hast mehr mit ihnen durchgemacht, auch wenn du noch nichts von ihnen wusstest, als wir beide uns zum ersten Mal begegnet sind.�</p><p>�Ja, aber nur du wei�t das, und nur du kennst meinen wirklichen Namen�, sagte sie. �Ich habe ihn bisher erst einmal in dieser Welt ausgesprochen, und das war bei der Hochzeitszeremonie, die wir im Geheimen abgehalten haben. Nur in der Grotte von Elysian kann man den Widerhall dieses Namens finden, und selbst die gr��ten Benenner w�rden Schwierigkeiten haben, ihn zu erkennen. Au�erdem wei� niemand, dass wir einander schon auf der anderen Seite der Zeit begegnet sind. Nur wir beide teilen miteinander die Erinnerung an jene wundervolle Nacht, die mich und zweifelsohne auch dich in der Zwischenzeit schon so oft getr�stet hat. Also bist in Wahrheit du der W�chter meiner verlorenen Kunde und meines Herzens. Du bist meine Vergangenheit und meine Zukunft. Und so wird es immer sein.�</p><p>Ashe seufzte. �Wenn ich blo� deine Gegenwart sein k�nnte�, sagte er.</p><p>Das Kind in seinen Armen stie� einen hungrigen Schrei aus, und sie beide lachten.</p><p>�Ich glaube, da ist jemand, der vorgeht�, meinte Rhapsody. �Und obwohl du so gut wie die Besten deiner Art br�llen kannst, gewinnt er immer noch, wenn es um reine Lautst�rke und Stimmh�he geht.� Sie legte sich das aufgeregte Kind an die Brust und streichelte sanft seine goldenen Locken.</p><p>Ashe stie� feierlich die Luft aus.</p><p>�Aria, ich m�chte dich um etwas bitten, obwohl ich lieber sterben als zusehen w�rde, wie du es tust.�</p><p>Rhapsody sah ihn �berrascht an. �Dann bitte mich nicht darum�, sagte sie nur. �Wenn es bei dir solche Gef�hle ausl�st ��</p><p>�Uns bleibt keine andere Wahl�, unterbrach Ashe sie. �Du musst mit Meridion noch heute Nacht von hier aufbrechen. Es w�re etwas anderes, wenn wir uns nicht den Mantel der F�hrerschaft umgelegt h�tten. Dann k�nnte ich dich und das Kind �bers Meer bringen oder euch im heiligen Gwynwald in der N�he des Gro�en Wei�en Baumes verstecken, und ihr w�ret in Sicherheit. Aber wir haben unsere Treue der Nation und dem B�ndnis geschworen, und nun, da Krieg droht, d�rfen wir unseren Eid nicht brechen, auch wenn das bedeutet, dass wir nicht zusammenbleiben k�nnen. Aber die Welt kann mir gestohlen bleiben, wenn du oder unser Sohn in Gefahr geraten solltet. Diesen Gedanken vermag ich nicht zu ertragen. Ich w�rde verr�ckt werden, wenn dir oder ihm etwas zusto�en sollte. <emphasis>Die Raserei des Drachen</emphasis> mag nach Elynsynos� Meinung ein erfundenes Manuskript sein, aber ich sp�re in mir den unleugbaren Glauben, dass genau das geschehen wird, falls ich euch verlieren sollte. Schon mehr als einmal habe ich einen Wald in Brand gesetzt, nur weil ich geglaubt habe, du w�rest f�r mich verloren. Bereits das Wissen darum, dass sich dort drau�en Kreaturen befinden, die auf der Jagd nach Meridion sind, weckt den Drachen in meinem Blut, der nach Rache und Vernichtung schreit.</p><p>Obwohl ich glaube, dass die Hohe Warte die st�rksten Verteidigungsanlagen hat, w�re es n�rrisch, selbsts�chtig und unklug, dich hier zu lassen, w�hrend wachsame Augen nach unserem Sohn Ausschau halten. Es gibt nur einen Ort, an dem ihr beide in Sicherheit seid, wenn die Welt einst�rzen wird.�</p><p>�Was sagst du da, Sam?�, fragte Rhapsody mit bebender Stimme.</p><p>Ashe senkte den Kopf. �Mit deiner Erlaubnis werde ich Achmed darum bitten, euch in seine Obhut zu nehmen. Du und das Kind werdet heute Nacht mit ihm und Grunthor aufbrechen. Ihr werdet abseits der Stra�en reisen, vermutlich eher durch Canderre und Yarim als durch Bethania und m�glicherweise durch den nord�stlichen Zipfel von Bethe Corbair, wo es nichts als W�ste gibt und keine Landmarken oder Festungen, wo ihr von jemandem entdeckt werden k�nntet, der die Macht hat, euch aus der Ferne aufzusp�ren.� Er atmete tief aus. �Ich kann dir gar nicht sagen, wie �bel mir in diesem Augenblick ist. Trotzdem glaube ich, dass wir uns beeilen m�ssen. Wenn der Bolg einverstanden ist � und ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass er es nicht sein wird � und wenn du ebenfalls zustimmst und dich zu dieser Reise in der Lage f�hlst, werde ich sofort nach der Beendigung des Konzils daf�r sorgen, dass du noch vor der Morgend�mmerung aufbrechen kannst.�</p><p>Rhapsody lehnte sich gegen die Wand, w�hrend sie ihr Kind stillte.</p><p>�Welch ein wunderbares Liebeslied�, meinte sie sanft.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Was du soeben zu mir gesagt hast, waren vielleicht die sch�nsten Liebesworte, die ich je geh�rt habe�, sagte sie und l�chelte traurig. �Ich wei� sehr wohl, wie sehr du diese Vorstellung hasst, wie sehr sie dir die Seele verg�llt und wie schwer es f�r dich war, diesen Vorschlag zu machen. F�r mich wird es gleicherma�en schwer sein, deiner Bitte zu folgen. Aber da ich keine bessere Idee habe, f�rchte ich, dass du recht hast. Alles andere w�rde unseren gr��ten Schatz nicht angemessen sch�tzen.� Sie sah hinunter auf das Kind, das an ihrer Brust eingeschlummert war.</p><p>�Also wirst du es tun?�, fragte Ashe. Seine Miene war eine Mischung aus Erleichterung und Grauen.</p><p>Rhapsody kn�pfte ihre Bluse zu und wiegte das Kind erneut.</p><p>�Ich tue es f�r ihn�, sagte sie. �Ich werde nach Ylorc gehen und Achmed bei seinem h�llischen Lichtf�nger helfen in der Hoffnung, dass er sowohl die Berge sch�tzt als auch den Krieg rascher beendet. Aber das sage ich dir, Sam: Sobald Meridion entw�hnt und in Sicherheit ist, werde ich an die Front zur�ckkehren. Ich bin die Iliachenva�ar; es ist sinnlos, ein Schwert elementaren Feuers zu tragen und sich zu verstecken. Es w�re eine Beleidigung gegen�ber Oelendra und der Ausbildung, die sie mir gegeben hat, wenn ich mich nur um meine eigene Sicherheit k�mmere, w�hrend die anderen sterben.�</p><p>�Ich habe nichts anderes erwartet�, sagte Ashe. Rhapsody l�chelte ihn an. �Falls du die Nachricht erhalten solltest, dass mir etwas zugesto�en ist, dann soll Anborn den Krieg fortf�hren, bis du bereit bist, das Oberkommando zu �bernehmen.�</p><p>Rhapsodys L�cheln verblasste. �Komm, wir sollten zur�ckgehen�, sagte sie. Sie erhob sich und reichte Ashe wieder die Hand. Gemeinsam begaben sie sich zur�ck in den kleinen, dunklen Raum hinter der verborgenen T�r.</p><p>Kurz vor dem Wandbehang blieb Ashe ein letztes Mal beim Fenster in einem Teich aus Licht stehen und lie� sich dann auf eine Bank unter den Scheiben nieder. Rhapsody nahm langsam neben ihm Platz.</p><p>�Du hast mir noch nichts �ber Llaurons Tod berichtet�, meinte er gelassen. �Hat mein Vater am Ende leiden m�ssen? Ich wei�, du wirst mir die Wahrheit sagen, da du ihr als Benennerin verschworen bist. Du brauchst mich nicht zu schonen.�</p><p>�Nach meiner Einsch�tzung hat er nicht gelitten�, antwortete Rhapsody sanft. �Er ist zwischen Anwyn und mich getreten, w�hrend ich Meridion im Arm hatte, und hat uns mit seiner �therischen Substanz umgeben. Dann war er pl�tzlich verschwunden, und zur�ck blieb nur seine H�lle aus elementarer Erde und Dunst. Es gab keine Schmerzen, und deine Gro�mutter konnte ihm nichts antun, aber ich vermute, er war traurig dar�ber, dass sie bereit war, ihm das Leben zu nehmen, nach allem, was er in der Vergangenheit f�r sie getan und geopfert hatte. Du hast den Ausdruck in seinen Augen gesehen, Sam. Es war Friede � und Resignation. Er wusste, dass er sein Enkelkind vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Zumindest das wird ihn an die Schwelle der Rowans und zum ewigen Leben f�hren.�</p><p>Rhapsody hielt nach einer Spur von Feuchtigkeit in seinen himmelblauen Augen Ausschau, die so seltsam und beeindruckend von den senkrechten Drachenpupillen durchschnitten wurden, doch es gab kein solches Anzeichen, und dessen Abwesenheit verriet einen noch tieferen Kummer jenseits aller Tr�nen.</p><p>�Ich wei� nicht, was mich dazu getrieben hat, so grausam zu ihm zu sein, als wir uns das letzte Mal gesehen haben�, sagte Ashe. �Er war so aufgeregt wegen Meridion und wollte unbedingt am Leben seines Enkels teilhaben. Und ich habe ihn verschm�ht, ich habe ihn zur�ckgewiesen und ihm gesagt, er werde niemals das bekommen, was er haben wollte. Ich wei� nicht, warum ich das getan habe.�</p><p>Sie nahm seine Hand.</p><p>�Es war dasselbe, was mich dazu getrieben hat, alles hinter mir zu lassen, was ich kannte und liebte�, sagte sie einfach und ohne Gef�hlsduselei. �Es war die Pflicht � und das Verlangen �, unseren Sohn um jeden Preis zu sch�tzen.� Mit ihrer kleinen, schwieligen Fingerspitze fuhr sie ihm liebkosend �ber den Handr�cken. �Llauron hat das verstanden, besser als jeder andere, der mir je begegnet ist. Er ist an sein Ende gekommen und hat dadurch sein Enkelkind gesch�tzt. Nur ein einziges weiteres Mal ist in der Vergangenheit ein solches Opfer gebracht worden. Wenn Meridion �lter ist, wird er wissen, wie sehr Llauron ihn geliebt hat, um so etwas f�r ihn zu tun. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber es scheint, als ob Llauron etwas von seinem Wissen auf Meridion �bertragen hat. Ich glaube, einen Dunst im Gef�ngnis von Llaurons K�rper gesehen zu haben, den das Kind eingeatmet hat.�</p><p>Ashe starrte weiterhin aus dem Fenster der Festung auf die silbernen B�ume, die unter dem Herannahen der Zweiten Tauwetterperiode schwarz ergl�nzten.</p><p>�Es ist jedenfalls ein sch�ner Gedanke�, sagte er schlie�lich, stand von der Bank auf und zog Rhapsody mit sich. �Komm, wir gehen zur�ck und bringen das zu Ende, was wir entschieden haben. Dann k�nnen wir Meridions Benennungszeremonie abhalten, bevor du aufbrichst. Wenigstens eine einzige gute Erinnerung an diesen Tag sollte uns verbleiben.�</p><p>Er zog den Wandbehang beiseite, f�hrte seine Gemahlin vorsichtig die Treppe hinunter zum geheimen Eingang und �ffnete die T�r der verborgenen Kammer, in welcher der Rest der geheimen Versammlung gerade sein Mahl beendete.</p><p>Sie kehrten zu ihren Pl�tzen an der Tafel zur�ck.</p><p>�Vielen Dank f�r eure Geduld�, sagte Ashe. �Die Entscheidungen, die wir gef�llt haben, sind hart und werden f�r uns alle schwierig umzusetzen sein. Jede erfordert ein Opfer, das in vielen F�llen fast zu gro� ist, aber das ist nun einmal das Los der F�hrerschaft.�</p><p>�Leider�, sagte Anborn.</p><p>�Zuerst will ich den Firbolg-K�nig offiziell um einen Gefallen bitten.� Ashe sah Achmed an.</p><p>�Du bittest mich um einen Gefallen?�, fragte Achmed ungl�ubig. �Wenn es um die Bereitstellung von Truppen geht, dann lautet meine Antwort: nein. Das Firbolg-Heer ist schon einmal Roland zu Hilfe gekommen � damals, beim gro�en Gerichtshof. Unter den gegebenen Umst�nden werde ich jeden Soldaten brauchen, den ich habe.�</p><p>�Dem kann ich nur zustimmen�, sagte Ashe schalkhaft. �Meine Bitte ist diese: Nimm meine Frau und meinen Sohn heute Nacht im Schutze der Dunkelheit mit und reise mit ihnen abseits der Stra�e durch die W�ste von Ylorc. Ich m�chte, dass du sie in den Zahnfelsen in Sicherheit bringst. Irgendetwas macht Jagd auf unseren Sohn. Da ich das wei�, kann ich weder ruhen noch diesen Krieg in rechter Weise f�hren, wenn ich nicht sicher bin, dass ihm sowie seiner Mutter nichts zusto�en kann. Nachdem Rhapsody zugestimmt hat, dir beim Bau und der Entwicklung deines Lichtf�ngers zu helfen, kann sie daf�r den Schutz der Berge f�r sich und das Kind in Anspruch nehmen. Bist du damit einverstanden?�</p><p>Achmed und Grunthor tauschten einen raschen Blick aus. Dann sahen die verschiedenfarbigen Augen des Bolg-K�nigs wieder Ashe an.</p><p>�Ylorc war Rhapsodys erste Heimat auf diesem Kontinent�, sagte er. �Sie besitzt dort ein kleines Herzogtum. Also wird sie in den Zahnfelsen immer willkommen sein.�</p><p>�Ja, und die Bolg werden sich freun, das Kind zu sehn�, kicherte Grunthor.</p><p>�Sobald ich das erste Rezept mit seinem Namen darin sehe, werde ich einen ganzen Stamm von euch in Flammen setzen�, meinte Rhapsody.</p><p>�Nun bitte ich die cymrische Herrscherin, all das, was sie von uns geh�rt hat, einzusch�tzen und uns zu sagen, was sie dar�ber denkt�, meinte Ashe.</p><p>Die Herrin der Cymrer stie� die Luft aus.</p><p>�F�r mich klingt es so, dass der kommende Krieg eher von menschlicher Habgier herr�hrt als von einem d�monischen Verlangen nach Vernichtung�, erkl�rte sie. �Aber das ist kaum von Bedeutung. Chaos und Anarchie sind sehr anziehend f�r die F�dor. Fr�her oder sp�ter werden wir uns einer Macht aus der alten Zeit gegen�bersehen. Aus diesem Grund ist der Lichtf�nger ein weises Instrument.</p><p>Aus dem, was ich geh�rt habe, schlie�e ich ebenfalls, dass es mehr Verb�ndete auf Talquists Seite gibt, als uns bisher bekannt war. Unter Leitha, der Herrscherwitwe, war Sorbold eine mehr oder weniger isolierte Nation, doch der neue Regent ist ein ehemaliger Kaufmann. Zweifellos hat er Freunde und Gesch�ftspartner auf der ganzen Welt. Wir m�ssen rasch herausfinden, wen er jenseits unserer Grenzen zu dem Versuch rekrutiert hat, den Mittleren Kontinent zu erobern.�</p><p>�Ich w�rde auf Hintervold tippen�, meinte Anborn.</p><p>�Vielleicht, aber Hintervold h�ngt von den Nahrungsmittellieferungen aus Roland ab, und Sorbold kann diese nicht leicht ersetzen�, gab Rhapsody zu bedenken. �Wir m�ssen so viele Steine wie m�glich umdrehen und nachschauen, was darunter hervorkriecht.�</p><p>Dann wandte sie sich an Rial, ihren treu ergebenen Vizeregenten. �Dies ist mein letzter Befehl an Euch, mein Freund: Geht zur�ck nach Tyrian und dient wie bisher meinem Reich als Regent und Besch�tzer. Sichert den Wald. Noch brauchen wir die Lirin nicht in diese Sache hineinzuziehen. Allerdings solltet Ihr den Waldw�chtern und den Soldaten an der lirinischen Grenze befehlen, alle Truppen aufzuhalten, die von Sorbold nach Roland ziehen wollen, selbst wenn es deswegen zum Kampf kommen sollte. Rial, Ihr m�sst zum Palast von Tomingorllo gehen, wo das Diadem in seiner Schatulle ruht. Versucht es aufzunehmen, wie ich es einst versucht habe. Vielleicht ist es Zeit f�r die Sternenkrone, die H�upter zu wechseln. Ich werde zu lange zu weit entfernt sein, um dort als Titulark�nigin herrschen zu k�nnen. Die Lirin haben Besseres verdient.�</p><p>�Die Krone und die Lirin haben ihre Wahl bereits getroffen, Herrin�, wandte Rial ein.</p><p>�Selbst ein Diadem aus �therischen Diamanten hat das Recht, hin und wieder eine Entscheidung zu �berdenken�, sagte Rhapsody und l�chelte dabei ihren Vertrauten an. �Wir m�ssen uns dem stellen, was kommen wird. Zun�chst wird es zwar nur ein oberirdischer Krieg sein, aber ich vermute, dass es nicht so bleiben wird.�</p><p>�Rhapsody hat recht�, fuhr Ashe fort. �W�hrend die Spuren jener, die einst in der Tiefen Kammer der Unterwelt weilten, hier bei uns bisher nicht erkennbar sind, werden Gewalt und Blutvergie�en ein K�der und eine Versuchung f�r die D�monen darstellen, am Krieg teilzunehmen. Also m�ssen wir darauf vorbereitet sein, nicht nur diejenigen zur�ckzuschlagen, die von Habgier und Eroberungsgel�sten angetrieben werden, sondern auch gegen die dunkleren M�chte zu k�mpfen, gegen das B�se aus dem Ersten Zeitalter, das nur durch Wissen aus derselben Zeit vernichtet werden kann. Aus diesem Grund w�nsche ich, dass die Entscheidungen dieses behelfsm��igen Konzils, bestehend aus den verschiedenen Parteien des B�ndnisses und der Kirche, in Gegenwart einer lirinischen Benennerin ausgesprochen werden. Unsere Taten sollen als Akt der Verteidigung in die Geschichte eingehen, ergangen zum Schutz des Mittleren Kontinents und seiner Bewohner gegen die drohende Invasion durch jene, welche die Erde erobern wollen, und jene, die in ihrem Innern wohnen.�</p><p>�Tu das, Neffe�, sagte Anborn. �Ich bin froh, dass ich heute nicht an deiner Stelle bin. Erst in vielen Jahren, wenn die Geschichte ihr Urteil gef�llt hat, wirst du wissen, wie schmerzhaft dieser Augenblick wirklich ist. Das kannst du mir glauben.�</p><p>Die Stimme des cymrischen Herrschers klang fest und k�niglich. �Sehr gut. Dies ist meine Entscheidung, gef�llt in �bereinstimmung mit allen Anwesenden und vorbehaltlich ihrer Zustimmung�, sagte er. �Anborn ist immer schon der f�higste Kommandant gewesen. Wenn du einverstanden bist, Onkel, dir den Mantel, den du vor Jahrhunderten abgestreift hast, wieder umzulegen und erneut als Marschall der vereinigten Streitkr�fte zu dienen, dann haben wir den besten Anf�hrer im Feld. Au�erdem verbinden dich pers�nliche Freundschaften mit einigen unserer schwierigeren Verb�ndeten � den Nain, den Eism�nnern aus dem Hintervold, dem Segner der Neutralen Zone �, die alle zu der einen oder anderen Zeit deine Waffenbr�der waren. Auch wenn es nicht n�tig ist, einen dieser Verb�ndeten in den Krieg hineinzuziehen, solange sie nicht unbedingt gebraucht werden, w�re es gut zu wissen, dass wir im Notfall auf ihre Loyalit�t z�hlen k�nnen � entweder zum B�ndnis oder zu ihrem milit�rischen F�hrer.�</p><p>�Wie du willst, Neffe�, meinte Anborn. Seine Stimme klang ruhig und besonnen und hatte nicht den herablassenden Tonfall, mit dem er f�r gew�hnlich sprach, vor allem wenn es um Kriegsangelegenheiten ging.</p><p>�Daher f�llt mir die Aufgabe zu, das Land selbst zu halten�, fuhr Ashe fort. �Der Drachenanteil wird den Bau bewachen und den Schutzschild um die Welt erhalten. Der menschliche Anteil, also der cymrische Herrscher, muss zum Schutz der Menschen k�mpfen, die auf seinem Land wohnen. Im Namen Llaurons, meines Vaters, und in dem von Elynsynos, meiner Urgro�mutter, werde ich beides tun. Ich werde sofort die Versammlung der Herz�ge einberufen und das Oberkommando �ber alle Provinzstreitkr�fte �bernehmen und sie unter Anborns unmittelbaren Befehl stellen.�</p><p>�Das wird Tristan Stewart gar nicht gefallen�, sagte Gwydion Navarne. �Ich glaube, er hat erwartet, als Regent diesen Posten �bertragen zu bekommen.�</p><p>�Er wird sich eines Besseren besinnen, sobald er den Umfang und die Reichweite dessen begreift, wogegen wir k�mpfen�, wandte Ashe ein. �Aber wir haben keine Zeit, auf die Versammlung der Streitkr�fte aller Provinzen zu warten, falls uns das, was Ihr bef�rchtet, Euer Gnaden, unmittelbar bevorsteht. Anborn sollte Euch sofort zur�ck nach Sepulvarta begleiten und alle Truppen mitnehmen, die in den Au�enposten und Kasernen des s�d�stlichen Navarne und des s�dlichen Bethania auszuheben sind. Ich werde Befehlsschreiben aufsetzen, die Euch die Macht verleihen, so viele Soldaten einzuziehen, wie Euch m�glich ist. Entlang Eurer Route sollten es mindestens zehntausend M�nner sein, je nachdem wie viele gerade damit besch�ftigt sind, die Karawanen zu bewachen.�</p><p>Dei Patriarch nickte. �Das erscheint mir weise. Ich hoffe, Ihr lasst Roland nicht schutzlos zur�ck, nur um Sepulvarta zu helfen. Das w�re sehr t�richt.�</p><p>�Allerdings�, sagte Ashe. �Anborn, werden zehntausend Mann zur Rettung der heiligen Stadt ausreichen?�</p><p>�Es sind mehr als genug, um eine Belagerung zu beenden, falls es bereits zu einer solchen gekommen sein sollte��, meinte Anborn.� �Aber ich bef�rchte ernsthaft, Neffe, dass diese Soldaten nicht von ausreichendem Format sein werden. Schon seit drei Jahren, seit du diese verdammte Position als Herrscher angenommen hast, sage ich dir, dass es Krieg geben wird und du Vorbereitungen treffen musst.�</p><p>�Ich habe auf dich geh�rt�, sagte Ashe geduldig. �Du wirst angenehm �berrascht sein, Onkel.�</p><p>�Ich bin <emphasis>nie</emphasis> angenehm �berrascht�, murmelte der Marschall. �Bereits die blo�e Vorstellung einer �berraschung ist mir �u�erst unangenehm.�</p><p>�Ich werde mich von der Festung in der Hohen Warte aus um die strategischen Aspekte des Krieges k�mmern, also um die Verteidigung des Mittleren Kontinents und der Gebiete des �brigen B�ndnisses. Ich werde unverz�glich Schiffe zu unseren Verb�ndeten in Manosse und Gaematria jenseits des Gro�en Mittleren Meeres schicken, damit sie gewarnt sind und ich sie um Hilfe bitten kann. Auf dem Meer ist Talquist bisher im Vorteil, aber mit ihrer Hilfe k�nnen wir vielleicht gleichziehen.</p><p>Au�erdem werde ich mich der Weisheit meiner Gemahlin beugen, auch wenn ich vor unserer gemeinsamen Entscheidung zur�ckschrecke�, fuhr Ashe fort. �Ich vertraue Rhapsody und unseren Sohn dem Firbolg-K�nig Achmed an, der nicht nur unser Verb�ndeter, sondern auch Rhapsodys treuer Freund ist. Er soll sie und Meridion vor allen Gefahren besch�tzen. Rhapsody ist einverstanden, mit ihm nach Ylorc zu gehen und ihm bei der Entwicklung und Inbetriebnahme eines Apparats zu helfen, den Achmed den Lichtf�nger nennt. Dabei handelt es sich um den Nachbau von Gwylliams Lichtschmiede, die von den Nain vor dem Cymrischen Krieg entworfen und gebaut worden war, um das Wissen zu sch�tzen, das ihr zugrunde lag. Der Bolg-K�nig hat seine enge Bindung an das B�ndnis best�tigt, auch wenn er keine Truppen versprochen hat, und er versichert uns, den Apparat nur zum Schutz des besagten B�ndnisses einzusetzen, falls er denn wirklich einsatzbereit sein wird. Habe ich deine Positionen richtig beschrieben, Achmed?�</p><p>Der Bolg-K�nig schnaubte: �Im Hinblick auf die Geschichtsschreibung sicherlich. Mir bedeutet die Geschichte nichts; ich habe noch keinen Teil von ihr gesehen, der mir gefallen h�tte.�</p><p>�Vielleicht wird dieser hier ja der erste sein�, meinte Ashe milde. �Die lirinische K�nigin und cymrische Herrscherin Rhapsody hat Rial, den Vizek�nig von Tyrian, darum gebeten, auch die Position eines Reichsverwesers anzunehmen und herauszufinden, ob das Diadem in Tomingorllo ihn als F�hrer an ihrer statt f�r w�rdig befindet. Sie bekr�ftigt ihre Treue zu Tyrian, der nur die Treue zum B�ndnis als Ganzes vorgeht.� Die cymrische Herrin stie� die Luft aus und nickte zustimmend.</p><p>�Ich kann Euch gar nicht sagen, wie traurig mich das macht, Herrin�, klagte Rial. �Ich erinnere mich so gern an den Tag, als Ihr das Diadem aufnahmt, das aus den Splittern des Reinen Diamanten zusammengesetzt ist, der von Anwyn durch den Pakt mit dem D�mon zerst�rt wurde, den sie eingegangen war, um ihrem Gemahl zu schaden. In Euren H�nden wurde es wieder mit Leben erf�llt. Es war ein Symbol der Einheit, die Ihr den lirinischen K�nigreichen bringen w�rdet � und auch dem cymrischen B�ndnis. Es ist ein tragischer Gedanke, dass Ihr es aufgeben m�sst, um beides zu sch�tzen.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Ich gebe nichts auf, Rial. In meinem Herzen werde ich immer eine Tochter Tyrians bleiben, ob ich nun das Diadem oder nur ein Tuch auf dem Kopf trage. Ich w�nschte nur, ich h�tte diesem vereinigten K�nigreich eine �ra des Friedens bringen k�nnen, anstatt die Waffen ergreifen zu m�ssen, um es abermals zu verteidigen. Wenigstens k�mpft diesmal Anborn an der Seite der Lirin und nicht gegen sie. Das allein ist schon den Verlust der Krone wert.�</p><p>�Das Kommende wird uns alle auf eine Art und Weise ver�ndern, die wir jetzt noch nicht vorhersehen k�nnen�, meinte Ashe. �Es ist gewiss, dass nichts so bleiben wird, wie es jetzt ist. Wir k�nnen es nicht verhindern, aber wenigstens sind wir uns einig in unserer Entschlossenheit, gemeinsam dagegen anzuk�mpfen. In dieser Hinsicht k�nnte sich das zweite cymrische Zeitalter nicht st�rker vom ersten unterscheiden.�</p><p>Anborn nickte. �Und wir werden siegen. Auch in dieser Hinsicht k�nnte es sich nicht st�rker unterscheiden.�</p><p>�Obwohl ich sehr froh bin, dass Ihr bei uns seid, Marschall, so k�nnt doch auch Ihr nicht den tobenden Ozean aufhalten. Nichts kann sich dem Willen dieser Gewalten widersetzen�, sagte Rial ernst. �Man kann lediglich einen Damm errichten und ihn immer wieder ausbessern. Mit etwas Gl�ck zieht der Sturm ab, bevor der Damm vollst�ndig bricht.�</p><p>�Ich w�rde eher versuchen, das Meer trockenzulegen�, murmelte Anborn. �Aber da ich das nicht kann, bleiben uns nur die Sands�cke.�</p><p>�Ja�, sagte der Patriarch, der sich gemeinsam mit den anderen erhob, als die Versammlung aufgel�st wurde. �Aber an dem Tag, an welchem Ihr einen Weg findet, das Meer trockenzulegen, werde ich an Eurer Seite stehen � mit einem Eimer in der Hand.�</p><empty-line/><p>Anborn ging unter ziemlichem L�rmen mithilfe seiner Maschine den Korridor entlang, der von der Gro�en Halle mit ihren vielen S�uleng�ngen und Abzweigungen wegf�hrte. Dabei griff er wie selbstverst�ndlich hinter den Vorhang eines Alkovens, in dem die kleine Steinstatue Merithyns des Eroberers stand, und packte eine Hand voll goldener Haarlocken. An diesen zog er den Kopf hinter dem schweren Samtvorhang hervor. Ein hohes Keuchen hallte die Gro�e Treppe hinauf bis in die oberen Stockwerke.</p><p>�O ja, du gibst eine pr�chtige kleine Spionin ab, nicht wahr, meine junge Dame?�, meinte er mit �bertriebener H�flichkeit und l�chelte angesichts des Entsetzens in den blitzenden schwarzen Augen. �Aber anscheinend sind deine F�higkeiten noch nicht so �berragend, wie du geglaubt hast. Du musst daran arbeiten.� Er lie� die Locken los und strich ihr sanft �ber den Kopf; dann schritt er weiter den Gang entlang. Das klappernde, metallische Ger�usch seiner Gehmaschine hallte durch die gesamte ruhige Festung.</p><p>Das M�dchen war immer noch ersch�ttert und sah ihm nach, bis der L�rm allm�hlich verhallte. Dann eilte es im n�chtlichen D�mmerschein zur�ck in die Speisekammer. Das Licht der gro�en Lampen machte ihren Schatten immer l�nger und ihr Haar immer dunkler, bis sie schlie�lich im Zwielicht verschwand.</p></section><section><title><p>10</p></title><subtitle>�stliches Navarn, an der Grenze zu Bethania</subtitle><p>Der Wind, der vom Meer her blies, frischte gegen Ende des Winters auf und wurde immer st�rker, als der Fr�hling nahte. Die vorherrschenden Luftstr�mungen trugen das Wetter meilenweit ins Land hinein; der Dunst des sich erw�rmenden Ozeans legte sich �ber die K�stenorte und W�lder wie ein Traum, aus dem das Land erwachen wollte, und machte sich auf den nebligen Weg nach Osten.</p><p>Rath fluchte, als ihm noch mehr eisiges Wasser um den Kopf peitschte und an seinem Hals herabrann. Die F�higkeit, zwischen die einzelnen Windst��e zu treten und von den Str�mungen �ber weite Strecken getragen zu werden, ersparte ihm langes Gehen und war ein gro�er Vorteil seiner Rasse und Art, doch sie war nicht umsonst zu haben. Der Weg, auf dem er so reiste, bestand aus einer Welle aus Kl�ngen, die oft f�r das menschliche Ohr unh�rbar waren. Sie trieben im Wind und verankerten sich je an zwei Enden in der k�rperlichen Welt. Rath befand sich schon lange genug in der Oberwelt, um Anfang und Ende solcher Wellen zu erkennen, und war daher h�ufig in der Lage, den Wind zu seinem Nutzen einzusetzen. Es war wie das �ffnen einer T�r, wodurch ein Luftzug bis zum anderen Ende blies. Dadurch sparte er Zeit auf seinen Reisen und gelangte unbemerkt �ber weite Strecken.</p><p>Doch manchmal war der Wind launisch und weigerte sich, wie ein bockiges Pferd oder ein Esel geritten zu werden. Wenn dies geschah, fand sich Rath weitab von seinem geplanten Kurs entfernt wieder. Manchmal stellte sich ein freundlicher Wind erst dann als b�se heraus, wenn Rath sich bereits in dessen Armen befand und einer Str�mung folgte, die zun�chst klar und stark gewesen war, nur um dann weitab seines Zieles unsanft in einem Sumpf, einem Dunghaufen oder sogar mitten in einem Teich abgesetzt zu werden. Auch war es unvorhersehbar, welches Wetter der Wind mitbrachte, und so fand sich Rath bisweilen in Graupelschauern wieder, wurde von allen Seiten mit Hagelk�rnern beworfen oder vom Regen durchtr�nkt, auch wenn er urspr�nglich in einen angenehmen, trockenen Wind getreten war.</p><p>Um es kurz zu machen: Das Wandern im Wind war ein notwendiges �bel. Aber es war die einzige M�glichkeit, wie einer seiner Art die Welt rasch genug durchschreiten konnte, um dem einen verd�mmernden Herzschlag oder dem Fl�stern eines d�monischen Namens zu folgen.</p><p>Der Wind lie� am Ende der Klangwelle nach, und Rath taumelte aus der Str�mung wieder in die fest gef�gte Welt hinein.</p><p>Er zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht und schaute sich um.</p><p>Der Ort, zu dem ihn der bockige Wind gebracht hatte, kam ihm entfernt bekannt vor, doch Rath wusste nicht, ob er vor langer Zeit schon einmal hier gewesen war oder ob jedes kleine, stinkende Bauerndorf in dieser hinterw�ldlerischen Gegend einfach nur gleich aussah. Wie dem auch sei, er war an einem Ort aufgetaucht, der so verschlafen und gesichtslos wie nur m�glich war.</p><p>Hinter ihm ragte ein dichter Hain aus B�umen und Stechpalmen auf, den Rath schnell betrat. Zwar sah er keine Dorfbewohner, doch seine empfindliche Haut fing Schwingungen auf, welche die N�he von Menschen anzeigten, die zwar vermutlich nichts von seiner Gegenwart ahnten, ihn aber sehen k�nnten, wenn er sich ihnen offen zeigte.</p><p>Sobald er au�er Sichtweite war, sang er wieder seine Litanei.</p><p><emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken.</emphasis></p><p>Er schmeckte im Wind nach jedem einzelnen Namen und richtete seine ganze Aufmerksamkeit darauf, bis ihm die Kehle trocken wurde und seine Haut brannte, doch wie immer fand er nichts. Er lauschte auf die <emphasis>Kirais</emphasis> seiner Mitj�ger, doch auch hier entdeckte er nur Schweigen oder nichts sagende Berichte. Die Suchlieder seiner Artgenossen hatten keine neuen Spuren oder Herzschl�ge gefunden � keine Anzeichen f�r die F�dor, nach denen die J�ger auf der Hatz waren.</p><p>So war es bisher fast immer gewesen.</p><p>Rath stie� langsam die Luft aus, als sich das Band zu den Gedanken seiner Mitj�ger aufl�ste. Er wollte schon weitergehen, doch pl�tzlich war ein saurer Geschmack in seinem Mund, der Geschmack von etwas B�sem oder vielleicht auch nur von etwas <emphasis>Falschem,</emphasis> der nun dort war, wo sich noch einen Augenblick zuvor nichts als Luft befunden hatte. Gemeinheit, B�sartigkeit und Hass waren f�r ihn so deutlich sp�rbar, dass sie oft bei�ende Spuren im flie�enden Wind hinterlie�en. Raths Herz schlug etwas schneller, doch seine inneren Sinne waren noch nicht entflammt. W�hrend der Jahrtausende seines Lebens hatte er so etwas schon �fter versp�rt; es waren immer falsche F�hrten gewesen, die ihn von seinem Weg abgebracht hatten.</p><p>Schlie�lich waren die F�dor nicht die einzigen Wesen auf der Welt, die zu schrecklicher B�sartigkeit in der Lage waren.</p><p>Rath hatte keine Zeit f�r diese anderen Gesch�pfe. Seine Mission war �lter als der gr��te Teil der Welt und in sein Blut eingeschrieben, und so blendete er alles andere aus.</p><p>Er sog die Luft durch die Nase ein. Seine empfindsamen Nebenh�hlen sp�rten auch noch die geringsten Anzeichen auf, doch was immer sich im Wind befunden hatte, war verschwunden, falls es �berhaupt je existiert hatte.</p><p>Rath richtete seine Aufmerksamkeit nicht l�nger auf die Ablenkung, sondern versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Erneut lie� er seinen <emphasis>Kirai</emphasis> los; diesmal rief er den Namen des lebenden Mannes, den er suchte.</p><p><emphasis>Ysk.</emphasis></p><p>Erneut kam ein leiser und ferner Ton zur�ck, der jedoch so deutlich war, dass Rath ihn zweifelsfrei erkannte. Er versuchte die Schwingung festzuhalten, doch auch sie entschl�pfte ihm.</p><p>Einen Moment sp�ter erkannte er den Grund daf�r.</p><p>Sie kam aus einer anderen Richtung als der, in welcher er sie zuerst entdeckt hatte.</p><p>Das Signal, das er bei seiner Landung aufgenommen hatte, war aus S�dosten gekommen. Er war den vorherrschenden Winden in diese Richtung gefolgt und hatte gehofft, bald auf eine st�rkere Schwingung zu sto�en.</p><p>Rath hatte vermutet, dass der Name in jenem Land erklungen war, das die anderen J�ger, die vor nicht allzu langer Zeit diesen Kontinent bereist hatten, als Bolgland bezeichnet hatten � jenes Gebiet, in dem fr�her einmal Canrif, der Herrschersitz des cymrischen Reiches, gelegen hatte. Doch jetzt kam die etwas deutlichere und reinere Schwingung aus Nordosten von einem Ursprung, der nicht weit entfernt war.</p><p>Rath atmete tief ein und lie� dann alle Luft aus seiner Lunge entweichen. Sein Ziel hatte sich bewegt, und �berdies war der tote Name erst k�rzlich erklungen und hatte eine neue Schwingung erschaffen, der Rath nun folgen konnte.</p><p>Er schloss die Augen, hob eine Hand in den Wind, �ffnete den Mund ein wenig und fischte nach der neuen Str�mung einer starken nord�stlichen Brise, die ihn n�her an sein Ziel heranbringen w�rde.</p><p>Ein Schock durchfuhr ihn, als er von hinten pl�tzlich einen heftigen Schlag erhielt, der ihm die Luft aus der Lunge trieb, w�hrend er mit Kinn und Z�hnen voran auf den verschneiten Boden fiel.</p><p>Rath war in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit erwischt worden. Er keuchte auf und sog das Blut ein, das sich nun aus seinen empfindlichen Nebenh�hlen ergoss. Entsetzt h�rte er raues Gel�chter sowie Grunzen und Schlurfen, w�hrend er im Schnee auf den R�cken gedreht wurde. Beine und Bauch erhielten Schl�ge von etwas, das sich wie schwere Keulen anf�hlte.</p><p>Nach einigen Sekunden wurde sein Kopf klarer, und er konnte wieder denken. Er sp�rte, dass er sich in der Gewalt von vier Banditen befand � oder eher von vier betrunkenen Taugenichtsen, dem Gestank nach zu urteilen. Zwei von ihnen hieben mit h�lzernen Werkzeugen, Rechen oder Hacken, auf ihn ein, damit er auf dem R�cken liegen blieb, w�hrend ein Dritter die Tasche seines Umhangs durchsuchte und der Vierte in seinem Gep�ck herumw�hlte, wobei er Laute der Entt�uschung ausstie�. Rath lag reglos da, stellte sich bewusstlos und sammelte sich, bis der Mann, der mit seiner Kleidung befasst war, das Messer fand. Er zog es aus der Wadenscheide und hielt es unter dem derben Gel�chter der anderen hoch.</p><p>�Seht euch das mal an, Jungs!�, kr�hte der Bandit. �Der hat �n kleines Messerchen! Nein, wie s��! Damit kann man bestimmt �nen <emphasis>Apfel</emphasis> erschrecken!�</p><p>�Du wei�t doch, was man �ber M�nner mit kleinen Messerchen sagt, Abner ��</p><p>�Ja, der arme Kerl. Verdammt, der hat nich� mal Schuhe an. Ist auch noch �n Glatzkopf, hat kein einziges Haar. Wirklich �n armer Kerl.�</p><p>Das Gel�chter wurde noch wilder. �Gute Arbeit, Peter. Da haste jemanden zum Ausrauben genommen, der noch weniger hat als wir. Was sollen wir mit dem?�</p><p>Einer der Banditen warf seine Hacke zu Boden und ergriff w�tend das Messer.</p><p>�In einer Minute wird er noch weniger haben�, sagte er nur. Er schob den ersten Mann beiseite und griff nach Raths Robe unterhalb der H�fte.</p><p>Mit windgeborener Schnelligkeit packte Rath den R�uber am Handgelenk und hielt ihn in dem schraubstockartigen Griff, der seiner Art zu eigen war. Mit grimmiger Befriedigung dr�ckte er die Knochen gegeneinander und sp�rte, wie sie aus den Gelenken sprangen. Der Mann keuchte abgerissen und jaulte dann vor Schmerzen auf. Es war ein scheu�licher Laut, der an Raths Haut kratzte.</p><p>Er drehte dem Mann den Arm in einem unm�glichen Winkel um und schlitzte ihm mit seiner eigenen Hand, in der noch das Messer steckte, die Kehle bis zu den Knochen auf.</p><p>Die drei anderen Banditen erstarrten, als das Blut aus dem Hals ihres Kameraden spritzte und sie besprengte.</p><p>Rath stand vom Boden auf, trat den Leichnam beiseite, der im rosig gef�rbten Schnee lag, ergriff sein B�ndel und suchte rasch die Luft nach einem passenden Auftrieb ab. Er �ffnete den Mund und stie� ein seltsames Summen aus; es war der Ruf, der jede zuf�llig vorbeiwehende Brise herbeibefahl.</p><p>Eine s�d�stliche Brise erf�llte seine Ohren und ertr�nkte die tierartigen Laute des Entsetzens, welche die verbliebenen R�uber ausstie�en. Rath setzte seine Kapuze auf, bereitete sich auf die Abreise vor und senkte den Blick, um noch einmal seine Angreifer zu betrachten. Stumm verfluchte er sich, weil er von solch kl�glichen Vertretern der Menschheit �berrascht worden war. Vor seinen Augen verwandelte sich das Gesicht eines der M�nner von der Maske des Entsetzens zu einem Ausdruck schw�rzester Wut. Er k�mpfte sich auf die Beine und sprang Rath wild an, w�hrend er sogleich von seinen wehklagenden Gef�hrten angefeuert wurde. �Pack ihn, Abner! Pack diesen verdammten Bast �� Raths Augen verengten sich in seinem kantigen Gesicht. Er �nderte die Art der Schwingung, die er zum Herbeirufen des Windes benutzt hatte, zu einem misst�nigen Brummen. Dabei verst�rkte er die Modulation und erh�hte die Frequenz, und zus�tzlich unterbrach er diesen Ton mit einem harschen Klacken seines Kehldeckels.</p><p>Die beiden M�nner, die noch auf dem Boden hockten, kreischten vor Schmerz auf und packten sich an die klopfenden Schl�fen, an denen die Adern zu platzen drohten. Rath griff nach unten und packte den Mann, der ihn angesprungen hatte, mit eisernem Griff am Nacken; dann trat er in die offene T�r des Windes.</p><p>Der Aufwind war sehr stark und hob ihn hoch hinaus. Rath erlaubte ihm, ihn selbst und seinen sich windenden Passagier in eine H�he von zwanzig Fu� zu tragen. Dann lie� er den Mann los. Abner fiel mit dem Kopf voran auf seine Gef�hrten. Der Aufschlag h�rte sich an, als werde eine Melone gewaltsam ge�ffnet. Der rosafarbene Schnee unter ihnen f�rbte sich dunkelrot.</p><p><emphasis>Kein unangenehmer Anblick von hier oben,</emphasis> dachte Rath. Dann glitt er auf der Luftstr�mung wieder hinunter und �ber den Boden, wo der Wind k�lter war. Er schloss die Augen und erlaubte dem Wind, ihn zuerst nordw�rts zu tragen, dann nach Osten, wo er, sobald er wieder am Boden w�re, erneut nach dem Mann mit dem toten Namen suchen w�rde.</p><p>Nach Ysk.</p><p>Nach seiner n�chsten Beute.</p></section><section><title><p>11</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>Sobald sich das Konzil aufgel�st hatte, gingen der Herr und die Herrin der Cymrer gemeinsam zum Kammerherrn von Haguefort.</p><p>Gerald Owen war ein �lterer Cymrer und hatte bereits mehreren Generationen der Familie von Navarne gedient. Er legte gro�en Wert auf T�chtigkeit und Etikette und war stolz auf die �bertriebene Genauigkeit, mit der er seine Untergebenen leitete. Er war gerade dabei, die junge Herrin Navarne f�r das Bett vorzubereiten, als sein Herr und seine Herrin in der Halle erschienen.</p><p>�Owen?�, rief Ashe, als sie sich ihm n�herten.</p><p>Gerald Owen drehte sich �berrascht um. �Ja, Herr?�</p><p>Ashe nahm den alten Kammerherrn beiseite. �Pack Melisandes Sachen und nimm auch f�r dich selbst genug f�r eine kleine Reise mit.� Er sah hin�ber zu der jungen Herrin von Navarne, deren Gesicht bei seinen Worten blass geworden war. Rhapsody legte den Arm um die Schulter des M�dchens. �Du wirst sie zum Kreis im Gwynwald bringen, wo du sie in die Obhut Gavins, des F�rbitters der Filiden, geben wirst. Dann kehrst du nach Haguefort zur�ck, versammelst die Bediensteten und weist sie schriftlich an, sich zum Aufbruch bereit zu machen, bevor du wieder losziehst. Sie werden bei deiner R�ckkehr bereits in der Festung in der Hohen Warte sein.�</p><p>�Ja, Herr�, sagte der alte Kammerherr sanft, doch seine H�nde zitterten. �Wann soll die junge Herrin Navarne aufbrechen?�</p><p>Ashe warf Rhapsody einen raschen Blick zu. �Vor Sonnenaufgang�, entschied er, drehte sich um und verlie� den Raum. Gerald Owen verneigte sich schnell vor Rhapsody und folgte ihm.</p><p>�Ihr � ihr schickt mich weg nach Gwynwald � allein?�, stammelte Melisande.</p><p>Rhapsody kniete sich und drehte das zitternde M�dchen so um, das es vor ihr stand.</p><p>�Psst�, fl�sterte sie. �Ja. Hab keine Angst. Ich schicke dich auf eine Mission.�</p><p>Melisandes schwarze Augen, die eben noch vor Schreck geweitet gewesen waren, blinzelten, und in der n�chsten Sekunde funkelten sie vor Neugier.</p><p>�Auf eine Mission? Eine richtige Mission?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody ernsthaft. �Warte einen Augenblick, dann werde ich dir alles dar�ber erz�hlen.�</p><p>Sie schloss die Augen und streckte beide H�nde nach Melisande aus, die diese aufgeregt ergriff. Dann begann sie mit einem leisen Lied und sang in einer Sprache, die ihr Lehrer in der Kunst des Gesangs ihr vor mehr als tausend Jahren beigebracht hatte. Dies war eine Wissenschaft, die nur dem Volk ihrer Mutter, den Liringlas, bekannt war, die in der gew�hnlichen Sprache Sternens�nger genannt wurden.</p><p>Die Luft im Raum wurde pl�tzlich trocken, als das Wasser aus ihr herausgezogen wurde, und um die beiden bildete sich ein d�nner Nebelkreis, der wie Morgentau im Sonnenlicht ergl�nzte. Einen Moment sp�ter drangen Rhapsodys Worte in unregelm��igen Intervallen durch den Dunst und schichteten sich �bereinander, bis der Raum dahinter von einer leisen Kakophonie erf�llt war. Melisande hatte dieses Ph�nomen schon fr�her beobachtet. Rhapsody rief einen solchen Kreis aus verh�llendem L�rm immer dann ins Leben, wenn sie beide sich etwas zufl�sterten, miteinander kicherten oder sich Geheimnisse mitteilten, sodass kein Lauscher etwas davon verstehen konnte. Ganz tief in ihrem Innern wusste sie, dass diese Tage nun zu einem Ende gekommen waren.</p><p>Als Rhapsody �berzeugt war, dass ihre Worte nicht mehr nach drau�en dringen konnten, �ffnete sie die Augen und schaute auf die kleine Herrin von Navarne hinunter.</p><p>�Du musst etwas f�r mich tun, das ich niemand anderem auf der ganzen Welt anvertrauen kann, Melly�, sagte sie mit leiser, aber fester Stimme. Die Worte ert�nten in einer Klarheit, welche Melisande als die Benennergabe des Wahrsprechens erkannte. Sie reckte die Schultern und war bereit f�r das Wichtige, das nun kommen w�rde.</p><p>�In dieser Nacht werde ich einen Botenvogel zu Gavin schicken und ihn bitten, genau das zu tun, was du ihm bei deiner Ankunft befehlen wirst. Ich kann dir diese Botschaft nur m�ndlich mitteilen, denn wenn sie in falsche H�nde geraten sollte, w�re das eine Katastrophe.� Melisande, die durch eine solche Katastrophe zur Waisen geworden war, nickte feierlich und begriff die ganze Schwere von Rhapsodys Worten.</p><p>�Sobald du im Kreis angekommen bist, bittest du Gavin darum, er m�ge dich und ein volles Kontingent seiner besten Waldl�ufer sowie seinen f�higsten Heiler zum Wald nordnord�stlich des Tar�afel schicken, dort wo die Stechpalmen am dichtesten stehen. Es ist heiliges Land, und ich kann dir keine Karte mitgeben, denn �auch sie k�nnte in falsche H�nde geraten. Gavin kenn jedoch den Ort. Sag ihm, seine Waldl�ufer sollen dort ausschw�rmen und einen Abstand von einer halben Neile zueinander halten. Sie m�ssen eine Barriere bilden die sich nach Nordwesten bis zum Meer erstreckt, und dabei sollen sie alle ihnen zur Verf�gung stehenden Fallen und Schlingen einsetzen, die zum Schutz der Barriere n�tig sind. Dort m�ssen sie bleiben und keiner lebenden Seele den Zutritt erlauben. Sie sollen die W�lder nach einer vermissten Firbolg-Hebamme namens Frinsel durchk�mmen, und falls sie auf sie sto�en, sollen sie ihr sowohl Ehrerbietung erzeigen als auch sie zur�ck zur bewachten Karawane geleiten, die sie nach Morc bringen wird. Hast du mich bis hierher verstanden?�</p><p>�Ja�, sagte Melisande. Sie wiederholte die Anweisungen in allen Einzelheiten, und die smaragdgr�nen Augen der cymrischen Herrscherin glitzerten vor Anerkennung.</p><p>�Gavin wird dich pers�nlich von diesem Ort aus weiterf�hren. Ein Bach ergie�t sich dort in den Tar�afel. Ihr werdet ihm nordw�rts folgen, bis ihr zum Spiegelsee kommt. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn sein Name beschreibt ihn vollkommen. Bei diesem See wirst du Gavin verlassen und allein Weiterreisen. Er wird dort auf dich warten, aber nicht l�nger als drei Tage. Falls du dann noch nicht zur�ckgekommen sein solltest, muss er wieder zum Kreis gehen.� Sie machte eine Pause, und Melisande wiederholte die Anweisungen erneut fehlerlos mit ruhigem, ausdruckslosem Gesicht. �Du wirst auf die gegen�berliegende Seite des Sees gehen. Dort wirst du einen kleinen H�gel bemerken. In ihm befindet sich, versteckt vor allen Augen, eine H�hle. Ihr Eingang ist etwa zwanzig Fu� hoch, und auf der H�hlenwand vor der �ffnung wirst du eine Inschrift finden: <emphasis>Cyme we inne fri�, fram the grip of dea� to lif inne �is smylte land.�</emphasis></p><p>Melisandes kleines Gesicht leuchtete vor Erregung.</p><p>�Elynsynos! Du schickst mich zu <emphasis>Elynsynos!�</emphasis></p><p>�Psst�, warnte Rhapsody sie, auch wenn sie bei dieser Reaktion ein L�cheln nicht verbergen konnte. �Ja.�</p><p>�Ich erinnere mich aus dem Geschichtsunterricht an diese Worte�, sagte Melisande. <emphasis>�Cyme we inne fri�, fram the grip of dea� to lif inne �is smylte land.</emphasis> Wir kommen in Frieden aus der Umklammerung des Todes, um in diesem sch�nen Land zu leben. Das ist die Inschrift, die Merithyn der Entdecker in ihre H�hle gemei�elt hat, den Geburtsort des cymrischen Volkes. Und so sind wir zu diesem Namen gekommen.�</p><p>�Du musst ehrerbietig sein, wenn du dich ihrem Nest n�herst�, fuhr Rhapsody nachdr�cklich fort. �Geh leise, geh langsam und halte alle paar Schritte inne, um zu lauschen. Wenn du warme Luft aus der H�hle dringen sp�rst oder h�rst, wie die Bl�tter der B�ume h�rbar rascheln, dann bleib stehen und bitte um die Erlaubnis, eintreten zu d�rfen.�</p><p>�Das werde ich tun�, versprach Melisande mit strahlendem Gesicht.</p><p>Rhapsody hockte sich hin und fuhr mit den H�nden �ber die Arme des M�dchens.</p><p>�So sehr ich auch darum bete, dass es so sein wird, f�rchte ich doch, du wirst nichts h�ren�, sagte sie, w�hrend die blassgoldene Haut ihres Gesichts rosig wurde. �Ich habe Angst, Melisande, dass du sie tot oder verletzt vorfinden wirst, oder vielleicht ist sie auch gar nicht da. Falls sie tot sein sollte, kehrst du zu Gavin zur�ck und berichtest ihm, was du gesehen hast. Falls sie verletzt ist, aber noch sprechen kann, fragst du sie, was du tun sollst. Sollte sie das nicht sagen k�nnen, gehst du ebenfalls zu Gavin zur�ck, begibst dich aber mit dem Heiler wieder in die H�hle und bleibst bei Elynsynos, w�hrend man sich um ihre Wunden k�mmert.</p><p>Falls sie aber verschwunden sein sollte, beauftragst du Gavin, die H�hle zu versiegeln. Gro�e Sch�tze liegen in ihr, von denen viele nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Wenn das Nest gepl�ndert wird, bedeutet das noch gr��eren Schaden f�r den Kontinent als die m�gliche Entdeckung von Elynsynos� Tod. Und nimm dort nichts an dich, Melisande � nicht einmal einen Kieselstein. Das w�re eine Entweihung.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Rhapsody richtete sich wieder auf. Ihre H�nde ruhten noch immer auf den Wangen des M�dchens. �Das wei� ich�, sagte sie, w�hrend ihre Augen vor Stolz leuchteten. �Du musst auch dies verstehen: Wenn durch deine Bem�hungen Elynsynos gefunden und geheilt wird, dann erweist du damit dem gesamten Kontinent den gr��ten Dienst, den er je von jemandem erfahren hat. Selbst wenn es zu sp�t sein sollte �� Sie schluckte; ihr Mund war pl�tzlich trocken geworden. �Selbst wenn es so sein sollte, ist deine Tat von gr��erer Wichtigkeit, als ich dir klarmachen kann.�</p><p>�Ich bin bereit�, sagte Melisande.</p><p>Rhapsody l�chelte, beugte sich vor und k�sste ihre adoptierte Enkeltochter.</p><p>�Wir w�rden dich nicht losschicken, wenn wir anderer Meinung w�ren�, meinte sie. Dann schwenkte sie die Hand in Richtung des Nebelkreises, und die plappernden Stimmen verstummten. Der glitzernde Kreis zerbrach und l�ste sich auf; die Wassertropfen stiegen langsam zum Boden herab wie die fallenden Funken eines Lagerfeuers.</p><p>�Wohin soll ich gehen, wenn meine Mission beendet ist?�, fragte die junge Herrin von Navarne besorgt, als Gerald Owen wieder den Raum betrat und h�flich kurz hinter der Schwelle stehen blieb.</p><p>Rhapsody dachte nach, legte dann den Arm um das M�dchen und ging mit ihr zur T�r.</p><p>�Ich vermute, Ashe will dich dann in der Hohen Warte sehen�, sagte sie, w�hrend sie auf den Kammerherrn zugingen. �In den vier Jahren, die es gedauert hat, sie zu errichten, ist sie zur st�rksten und bestkonstruierten Festung geworden, die ich je auf dem Kontinent gesehen habe. Sie �bertrifft sogar die Bollwerke von Tyrian, die ihrerseits gro�artig sind. Es gibt keinen Ort auf dem ganzen Kontinent, an dem du sicherer aufgehoben w�rest.�</p><p>Melisande k�sste ihre Gro�mutter auf die Wange, dann trennten sich die beiden auf dem Gang.</p><p>�Es erscheint mir so, als bedeutet das nicht viel.�</p><p>Die cymrische Herrscherin seufzte.</p><p>�Da ich leider der Wahrheit verschworen bin, kann ich dir nicht widersprechen. Ich liebe dich, Melisande, und w�nsche dir eine gute Reise.�</p><p>Der Kammerherr und das M�dchen sahen ihr nach, als sie in einem Rauschen von Brokat davonging. Ihr goldenes Haar fing das Laternenlicht ein, w�hrend sie an den Wandleuchtern des Korridors vorbeischritt. Es war, als nehme sie das Licht mit, denn im Korridor schien es dunkler geworden zu sein, als sie fort war.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Gwydion Navarne und Anborn waren damit besch�ftigt, vor dem knisternden Kaminfeuer die Position der vereinigten Truppen und ihre Entfernung zu den bekannten Vorposten Sorbolds in eine Karte einzutragen, als pl�tzlich jemand an die T�r des Arbeitszimmers klopfte. Ohne auf Antwort zu warten, wurde sie ge�ffnet, und Rhapsody trat ein. Ihre Miene spiegelte Gelassenheit wider, aber ihre Haut wirkte blass und blutleer, entweder aus Schw�che oder aus Sorge.</p><p>Anborn sah ver�rgert auf.</p><p>�Was willst du?�</p><p>�Ich bin gekommen, um auf Wiedersehen zu sagen.�</p><p>Der Marschall nahm seine Brille ab und legte sie auf die Landkarte.</p><p>�Nein�, sagte er knapp. �Keine Zeit. Ich habe zu tun. Geh weg.�</p><p>�Aber ich werde schon in wenigen Augenblicken aufbrechen�, sagte Rhapsody verdutzt. So redeten sie oft miteinander; sie hatte sich schon seit langem an Anborns barsche Art gew�hnt und wusste, dass sie etwas tiefer Liegendes verbarg � vermutlich Angst um ihre Sicherheit und wohl auch um die des Kontinents. �Du kannst doch wenigstens eine kleine Pause machen und mir eine gute Reise w�nschen.�</p><p>�Bist du taub? Nein. Das werde ich nicht.�</p><p>Rhapsody wandte sich an Gwydion Navarne, dem offensichtlich unbehaglich zumute war.</p><p>�Entschuldige uns f�r einen Moment, Gwydion�, sagte sie. �Ich glaube, Ashe braucht dich bei den Vorbereitungen. Wir reisen ab, sobald die Pferde gef�ttert und gez�umt sind.�</p><p>Der junge Herzog nickte und verlie� das Zimmer.</p><p>Rhapsody kam hin�ber zu Anborns Stuhl und starrte auf den Marschall herunter. Sein Haar war noch immer schwarz wie die Nacht, wenn man von einigen silbernen Streifen absah, die in den vier Jahren ihrer Bekanntschaft etwas breiter geworden waren. Sein Oberk�rper war ebenfalls noch muskul�s und stark, aber Anborn hatte das Gebaren eines Mannes, der st�rker gealtert war, als es die Jahre ahnen lie�en. <emphasis>Er ist vor meinen Augen alt geworden,</emphasis> dachte Rhapsody. �In Ordnung�, sagte sie br�sk, �jetzt sind wir allein. Was soll dieser Unsinn?�</p><p>Anborn stie� m�de die Luft aus. �Erinnerst du dich daran, dass ich dir je Lebewohl gesagt h�tte, abgesehen von den wenigen kostbaren Gelegenheiten, zu denen ich dir sogar einen Abschiedskuss gegeben habe, als wir einander die Heirat versprochen hatten?�</p><p>R�te stieg in das Gesicht der cymrischen Herrin. Anborns Anspielung bezog sich auf eine Zeit, an die sie nur ungern dachte. Es waren verwirrende Tage gewesen, in denen sie ihn gebeten hatte, ihr in ihrer Eigenschaft als lirinische K�nigin ein nicht liebender Gemahl zu sein. Der Marschall hatte es gutm�tig hingenommen und sie von ihrem Versprechen entbunden, als er ihre Liebe zu seinem Neffen entdeckt hatte, doch dies war das erste Mal, dass er sie im Scherz als seine Beinahe-Gemahlin bezeichnete.</p><p>�Nein�, sagte sie z�gernd.</p><p>�Und ich habe es auch jetzt nicht vor. Wir beide haben Aufgaben zu erledigen, die uns von diesem Ort wegf�hren; du brichst lediglich als Erste auf. Ich habe nicht das Verlangen, diesen Aufbruch mit einem solchen Wort zu bezeichnen. Es sei denn, du willst, dass ich dich vorher k�sse � so etwas nimmt dem Abschied normalerweise den Stachel.� Er zuckte zusammen, als ihre Augen feucht wurden, und sch�ttelte dann den Kopf. �Vergib mir. Ich bin grob und unh�flich zu dir, und das hast du nicht verdient. Nicht dir sollte ich das Lebewohl verweigern; ich h�tte eher das gegen�ber jemandem tun sollen, der vor sehr langer Zeit gelebt hat.� Er musste kichern, als er beobachtete, wie sie die Lippen zusammenkniff, um die Frage zu unterdr�cken, die sie beinahe gestellt h�tte. �Danke, dass du nicht fragst. Eines Tages werde ich dir die Geschichte erz�hlen, wenn wir zwanglos beisammensitzen und mit meinem Gro�neffen spielen.�</p><p>Rhapsody l�chelte schwach und legte eine Hand an ihre Wange, die wieder blass geworden war. �Einverstanden�, sagte sie, �aber nur, wenn du es wirklich willst.�</p><p>Anborn seufzte. �Es gibt nicht mehr viel, was ich wirklich will, Rhapsody. Ich habe zu lange gelebt und zu viel gesehen, um mir noch irgendetwas zu w�nschen. Diese verdammt lange Lebensspanne, die mir entweder durch meinen Vater und seine Versuche, die Zeit zu �berlisten, oder durch das Drachenblut meiner Mutter verliehen wurde, hat mir eine bittere Weltsicht verschafft. So ist das nun einmal mit dieser d�mlichen Langlebigkeit. Sie bringt Zynismus hervor, denn sie sorgt daf�r, dass die beinahe Unsterblichen im Gegensatz zum Rest der nichts ahnenden Menschheit wissen, dass sie nie wirklichen Frieden haben werden. Du bist auf �hnliche Weise verflucht, hast es jedoch noch nicht bemerkt. Wenn man lange genug lebt, lernt man, dass es so etwas wie Frieden nicht gibt, sondern nur l�ngere oder k�rzere Abst�nde zwischen den Kriegen. Das Leben wird zu einer endlosen und oft anstrengenden Reihe von entsetzlichen Abschieden, es sei denn, man lernt, die R�ckkehr aller Personen, um die man etwas gibt, nicht mehr zu erwarten. Ich habe diese Lektion auf die schlimmstm�gliche Weise gelernt, Rhapsody. Ich w�nsche dir eine sichere und gl�ckliche Reise und dr�cke hiermit meine Hoffnung und Erwartung aus, dass du und dein Kind bei den Firbolg in Sicherheit sind und deine Bem�hungen f�r den Ausgang des Krieges fruchtbar sein werden. Aber ich werde dir nicht auf Wiedersehen sagen.�</p><p>Die Herrin der Cymrer l�chelte; ihr bleiches Gesicht nahm f�r kurze Zeit wieder etwas Farbe an. �Also gut.� Sie griff in ihre Ledertasche, holte eine gro�e Muschel heraus und drehte sie in ihren kleinen H�nden hin und her. Anborn sah ihr zu, wie sie geistesabwesend die geh�rnte Spitze mit den schwieligen Kuppen ihrer langen, d�nnen Finger liebkoste, die in den unz�hligen Jahren, in denen sie auf ihren Saiteninstrumenten gespielt hatte, hart geworden waren, �hnlich den harten Stellen an seinen eigenen Fingern, die vom jahrhundertelangen Spannen der Bogen herr�hrten. <emphasis>Seltsam,</emphasis> dachte er, als sie seine Hand ergriff, die vernarbte Handfl�che nach oben drehte und die Muschel hineinlegte, wonach sie die schon oft gebrochenen Finger sanft zusammendr�ckte. <emphasis>Ich vermute, wir beide machen jeder auf unsere eigene Weise Musik � sie, um die Herzen zu erfreuen, und ich, um sie mit Pfeilen zu durchbohren.</emphasis></p><p>Rhapsody bemerkte den Ausdruck schwacher Belustigung auf seinem Gesicht und l�chelte.</p><p>�Als ich vor langer Zeit auf der Insel zur Geschichtens�ngerin ausgebildet wurde, kannte ich einen Schankwirt namens Barney.� Sie kicherte. �Wusstest du schon, dass alle Schankwirte in Serendair Barney hie�en? Jeder einzelne von ihnen?�</p><p>Anborn betrachtete die Muschel. �Nein. Warum?�</p><p>�Der Legende nach hat einmal ein Schankwirt namens Barney, w�hrend er seinen Rum ausschenkte, etwas mitbekommen, das er nicht mitbekommen sollte, und der gef�hrliche Mann, dessen Name in dem Gespr�ch erw�hnt worden war, das nicht f�r Barneys Ohren bestimmt gewesen war, schickte einen gedungenen M�rder aus einer weit entfernten Stadt los, damit dieser den Schankwirt ausfindig machte und t�tete. Also verlie� jener Barney den Ort bei Nacht und Nebel und schlug sich nach Ostend durch, der gr��ten Hafenstadt in Serendair. Dort fand er eine andere Stelle als Schankwirt in vermeintlicher Sicherheit. Es verging ein Jahr oder mehr, doch der M�rder war geduldig und fand schlie�lich heraus, dass Barney nun in Ostend lebte. Also begab er sich in diese Stadt, weil er seinen Auftrag ausf�hren wollte.</p><p>Die Nachricht vom Eintreffen des M�rders sprach sich schnell herum � Schankwirte h�ren alles als Erste �, und es wurde berichtet, dass er nach einem Mann suchte, den er nie zuvor gesehen hatte und der an einem Ort mit vielen Wirtschaften, Herbergen und Tavernen arbeitete. Bei seiner Ankunft ging der M�rder in die erste Wirtschaft, an der er vorbeikam. Dort arbeiteten zwei M�nner am Tresen. Er fragte sie, wo er Barney finden k�nnte. Der Legende nach lautete die Antwort: �Nach welchem sucht Ihr denn?� Nicht nur in jener Wirtschaft hie�en beide M�nner Barney, sondern auch in jeder anderen Taverne am Ort. Jeder Mann, der Bier oder Schnaps hinter einem Tresen verkaufte, trug ausnahmslos diesen Namen. Schankwirte k�mmern sich um ihresgleichen; sie arbeiten in einem Beruf, in dem sie viel zu h�ren bekommen und nur wenig sagen d�rfen. Als sie daher von der misslichen Lage h�rten, in die einer ihrer Genossen geraten war, benannten sie sich geschlossen nach diesem Mann um, sodass sie fortan noch anonymer und sicherer vor den Nachstellungen und Racheakten ruchloser Menschen und gedungener M�rder waren. Falls der Attent�ter nicht jeden einzelnen Mann t�ten wollte, der in jener Stadt Alkohol ausschenkte, w�rde er nie denjenigen finden, den sein Auftraggeber tot sehen wollte. Also gab er auf und kehrte nie zur�ck, denn auch ein M�rder h�lt sich an bestimmte Normen � und braucht ab und zu ein Bier.�</p><p>Anborn hatte w�hrend der Geschichte mehrmals gekichert, doch nun wurde sein Blick wieder ernst, als er Rhapsody ansah.</p><p>�War dieser M�rder Achmed?�, fragte er ruhig.</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde schlaff. Sie lie� die Muschel und die Hand des Marschalls los und wandte sich zum Fenster des Raumes.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte sie nach einem Moment des Schweigens, w�hrend sie Anborn den R�cken zugekehrt hielt. Ihr Umriss schien gegen die untergehende Sonne noch d�nner und geisterhafter zu sein als nach ihrer schweren Pr�fung. �Damals kannte ich ihn noch nicht. Ich bezweifle es aber. Soweit ich wei�, hat Achmed nur selten danebengeschossen oder seine Beute aus den Augen verloren.� Die letzten Worte drangen ihr etwas unbeholfen aus dem Mund. Sie schloss ihn abrupt, zerrte an dem Vorhang und lie� mehr verd�mmerndes Licht ins Zimmer. <emphasis>Und er h�tte keinerlei Bedenken gehabt, jeden einzelnen Barney in der Stadt zu t�ten, falls es n�tig gewesen w�re. Achmed braucht sie nicht, er kann sich selbst ein Bier zapfen.</emphasis></p><p>�Hast du je daran gedacht, dass deine Loyalit�t zu ihm unangebracht ist?�, fragte Anborn mit untypisch sanfter Stimme. �Versteh mich bitte nicht falsch, meine Liebe. Ich bin nicht in der Lage, einen Mann f�r Taten in seiner Vergangenheit zu verdammen. Es erscheint mir nur so, dass du vieles von dem, was du liebst, f�r jemanden aufs Spiel setzt, dessen gesamte Weltsicht allem, woran du angeblich glaubst, entgegengesetzt ist.�</p><p>Siebzig Herzschl�ge lang schwieg die Herrin der Cymrer.</p><p>�Ich habe immer geglaubt, du magst ihn�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Anborn richtete sich auf und seufzte dann entmutigt.</p><p>�Das tue ich auch, aber das �ndert nichts an meinen Sorgen um dich. Du wirst bemerkt haben, dass ich dich dasselbe im Hinblick auf meinen Neffen und auch auf mich selbst gefragt habe. Du bist eine Frau, die Dinge sch�tzt, um die sich niemand von uns schert. Indem du Gutes in uns siehst, das nicht wirklich existiert, bringst du dich in Gefahr. Und dein Kind.�</p><p>Rhapsody kehrte zu ihm zur�ck und setzte sich an seine Seite. �Ich wollte dir die Geschichte von Barney erz�hlen�, fuhr sie fort, als h�tte sie nicht geh�rt, was er gesagt hatte. �Von <emphasis>meinem</emphasis> Barney � demjenigen, den ich in Ostend gekannt habe. Er war ein kleiner, alter Mann, und ihm geh�rte ein Wirtshaus mit dem Namen <emphasis>Hut und Feder.</emphasis> Er hatte eine Frau namens Dee und ein gro�es Herz. Auch war er die erste Person, deren wahren Namen ich ausgesprochen habe � oder, genauer gesagt, habe ich ihn niedergeschrieben, nachdem ich die Notenschrift erlernt hatte. Ich habe ihm gesagt, er solle eines Tages einen Troubadour bitten, es f�r ihn zu spielen, falls einmal einer des Weges kommen sollte. Anscheinend ist einer gekommen. Er hat Barney das Lied seines eigenen Namens vorgespielt, auch wenn keiner von beiden wusste, was es war. Barney gefiel die Melodie, und so summte er sie t�glich vor sich hin, w�hrend er Gl�ser sp�lte und Bier ausschenkte.� Ihre Augen wurden gl�nzender. �Das tut er immer noch, soweit ich wei�.� Sie senkte den Blick, als Anborn sie pl�tzlich scharf ansah.</p><p>�Sag endlich, was du mir sagen willst�, befahl der Marschall.</p><p>�Ich meine damit, dass vor all diesen Jahrhunderten im Dritten Zeitalter ein Mann gelernt hat, sich selbst seinen wahren Namen vorzusingen, Tag und Nacht, jeden Tag seines Lebens. Seine geliebte Frau wurde alt und starb; der Krieg kam auf die Insel und verlie� sie wieder und nahm eine ganze Generation mit sich. Jahrhunderte des Wiederaufbaus vergingen, bis Gwylliams Vision des Untergangs enth�llt wurde, und als die Cymrer an diesen Ort hier auswanderten, ging Barney mit ihnen. Er hat das alles miterlebt, Anborn: den Aufbruch, die Reise, die Errichtung und Vernichtung des cymrischen Reiches, den Krieg, die Jahre des stillen Elends � und noch heute betreibt er eine Schankwirtschaft in einem kleinen Fischerort an der Westk�ste und sieht noch genauso aus wie der Mann, den ich vor zweitausend Jahren auf die Wange gek�sst und dann verlassen habe. Das Lied seines Namens scheint ihn am Leben zu erhalten. Jedes Mal, wenn er die Melodie summt, erschafft sie ihn in gewisser Weise neu, und er wird wieder zu dem Mann, der er an jenem Tag war, als er sie gelernt hat.�</p><p>Sie ber�hrte die Muschel in seiner Hand.</p><p>�Grunthor hat sie mir vor ein paar Jahren gegeben, als er zum ersten Mal hierher kam. Es war sehr aufmerksam von ihm; denn er glaubte, die Muschel k�nnte mir bei meinen Albtr�umen helfen, die ich seit meiner Kindheit habe. Er dachte, vielleicht w�rde mich der Klang des Meeres beruhigen. Und er hatte recht, auch wenn ich der Meinung bin, dass eher seine Freundlichkeit als das Rauschen der Wellen daf�r verantwortlich war.� Ihr L�cheln wurde heller, obwohl der Blick ihrer Augen ernster wurde. �Seit jener Zeit habe ich sie bei mir getragen � als Erinnerung an das, was mir geholfen hat, alle Missgeschicke zu �berleben. Das war weder meine Klugheit � falls ich �berhaupt welche besitze � noch meine St�rke, so gering sie auch sein mag, sondern die Liebe all jener, die mir wichtig sind. Jetzt gebe ich sie dir. Ich habe das Lied deines wahren Namens hineingesungen, Anborn ap Gwylliam, Sohn von Anwyn.� Sie dr�ckte seine Hand.</p><p>Der Marschall seufzte. �Ich brauche deinen Trost nicht�, sagte er so freundlich wie m�glich. �Ich brauche nur Konzentration. Uns steht ein Krieg bevor. Das Letzte, was ich will, ist, von n�rrischem Trost abgelenkt zu werden.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Rhapsody. �Ich gebe dir diese Muschel nicht zum Trost, sondern zur Heilung.� Ihre Stimme wurde leiser; es war, als bereiteten die Worte ihr Schmerzen. �Es ist meine Schuld, dass du gel�hmt wurdest, denn du hast mich aufgefangen, als Anwyn mich in der Schlacht nach dem cymrischen Konzil aus gro�er H�he fallen gelassen hat.� Sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen, als sie sah, dass er etwas entgegnen wollte. �Wegen mir hast du die Freiheit verloren, die du fr�her hattest � diese Freiheit, die du deinen eigenen Worten zufolge �ber alles gesch�tzt hast. Ich habe oft versucht, deine Verletzungen zu heilen und dich wieder gesund zu machen, aber meine Kenntnisse und F�higkeiten sind dazu nicht stark genug.�</p><p>Der Marschall dr�ckte ihre Hand. �Deine F�higkeiten haben ausgereicht, mich vor dem Tod zu bewahren und mir meine Gesundheit zur�ckzugeben � wenn auch nicht meine gesamte Lebenskraft ��</p><p>�Das reicht nicht�, unterbrach Rhapsody ihn. �Wenn du die Streitkr�fte des Mittleren Kontinents wieder in den Krieg f�hren willst, der vermutlich von b�sartiger Gier und Eroberungslust bestimmt wird, oder vielleicht auch von dunkleren, d�monischen Gr�nden, dann musst du so gesund und wendig wie m�glich sein. Seit Meridions Geburt und meiner Zeit in Elynsynos� Nest habe ich gelernt, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Ich konnte dich heilen und vor dem Tod bewahren, Anborn, aber ich kann dich nicht wieder zu dem Mann machen, der du fr�her einmal warst, weil du das nur <emphasis>selbst</emphasis> tun kannst. Nur du wei�t, wie du einst warst, wie du jetzt bist und was du gesehen und getan hast. Nur du kannst dich an alles erinnern, was w�hrend deines sehr langen Lebens geschehen ist. Ob gut oder schlecht, diese Erinnerungen sind es, die dich ausmachen, und ich glaube, nur du vermagst sie so zu erfassen, dass sie dich wieder zu dem machen k�nnen, was du einmal warst.�</p><p>Die gro�en H�nde, die ihre kleinen umfassten, zitterten leicht. Anborn schaute auf sie nieder.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich wieder zu diesem Mann werden will�, sagte er tonlos. �Ich habe in meinem Leben viele schreckliche Dinge getan, Rhapsody. Um manche davon wei�t du, aber viele sind dir nicht bekannt. Vielleicht werde ich sie oder noch Schlimmeres im Verlauf des kommenden Krieges erneut tun. Wenn diese L�hmung der Preis f�r die Reinigung meiner Seele war, dann ist es richtig so.�</p><p>Rhapsody atmete tief ein. �Nein, so ist es nicht�, sagte sie, wobei in ihrer Stimme die Wahrheit der Benennerin mitschwang. �Du kannst dich von nichts reinigen, was dir zugesto�en ist, als w�re es nur eine Unreinheit im Stahl, die im Feuer der Schmiede weggeschmolzen wird. Alles Vergangene hat dich zu dem gemacht, was du bist � wie Noten einer Sinfonie. Gesund oder gel�hmt, du bist, was du bist. <emphasis>Ryle hira,</emphasis> wie die Lirin sagen. Das Leben ist so, wie es ist. Vergib dir selbst.� Sie lie� seine H�nde los und dr�ckte die Muschel gegen seinen Brustkorb. �Versuch wenigstens so gesund wie m�glich zu sein � wenn schon nicht f�r dich selbst, dann f�r die M�nner, die du anf�hrst. Und f�r mich.�</p><p>Das starre Gesicht des Marschalls entspannte sich ein wenig.</p><p>�Du bist erf�llt von Selbstbewunderung und scheinst von meiner Wertsch�tzung f�r dich nur allzu �berzeugt zu sein�, meinte er scherzend. �Also gut. Was muss ich tun?�</p><p>�Halte dir die Muschel ans Ohr, vielleicht bevor du schlafen gehst, oder wenn du aufwachst. Lausche der Musik in ihr. Es kann eine Weile dauern, bis du den Gesang der rauschenden Wellen h�rst. Summe ihn mit, oder singe, falls du die Worte verstehen kannst, obwohl das f�r einen nicht ausgebildeten S�nger sehr schwierig ist. Versuche es bitte. Versuche dich daran zu erinnern, wer du warst, und vermische das mit dem, der du jetzt bist. Ich wei� nicht, ob es einen Unterschied machen wird, aber wir werden bald voneinander getrennt sein � f�r eine sehr lange Zeit, wenn nicht sogar f�r immer. Ich bitte dich, Anborn, tu es f�r mich. Und wenn schon nicht f�r mich, dann tu es wenigstens, um dem Kampf um das �berleben des Mittleren Kontinents und vielleicht der ganzen Welt einen weiteren gesunden K�rper hinzuzuf�gen.�</p><p>Ihre Blicke trafen sich, und f�r einen Moment erinnerten sie sich an ein anderes Gespr�ch, das sie vor vielen Jahren bei dem Treffen gef�hrt hatten, auf dem sie ihn gefragt hatte, ob er ihr Gemahl werden wolle.</p><p><emphasis>Wir sollten uns nicht so geziert unterhalten, General. Wir beide wissen, dass ein Krieg bevorsteht; er kommt jeden Augenblick n�her. Und w�hrend du den Krieg aus eigener Anschauung kennst, habe ich unseren Gegner gesehen � oder wenigstens einen von ihnen. Wir brauchen alles, was wir haben � alles �, blo� um sein Erwachen zu �berleben, vom Besiegen erst gar nicht zu reden. Ich will weder das Blut noch die Zeit der Lirin verschwenden, um etwa so Dummes wie eine Kriegserkl�rung wegen meiner Verlobung abzuwenden. Eine Vernunftheirat ist ein geringer Preis f�r die Sicherheit und den Frieden Tyrians. Wir brauchen jede lebende Seele, wenn die Zeit gekommen ist.</emphasis></p><p>�Ich werde es tun�, versprach der Marschall schlie�lich. �Auch wenn ich die Ohren der M�nner, die in meiner N�he lagern, mit dem Gesang meiner schrecklichen Stimme zerfetzen werde, so werde ich doch f�r dich den Versuch unternehmen, Rhapsody. Dabei werde ich mir vorstellen, wie du meinem Gro�neffen etwas vorsingst, und vielleicht wird mir dies das Gef�hl der L�cherlichkeit nehmen. Aber im Gegenzug musst du mir versprechen, dich nicht mehr f�r meine L�hmung verantwortlich zu f�hlen. Dass ich dich rette, war bereits in einer Prophezeiung vorhergesagt, Jahrhunderte bevor ich dich zum ersten Mal gesehen habe, und wenn ich etwas von meiner verfluchten Mutter gelernt habe � m�gen die Maden ihre Augen fressen �, dann ist es die Tatsache, dass man nicht gegen sein Schicksal ank�mpfen kann.� Seine blauen Augen blinzelten in der dichter werdenden Dunkelheit. �Wenn ich aber das Schicksal kommen sehe, werde ich ihm trotzdem einen guten Kampf liefern.�</p><p>Ein Klopfen ert�nte. Die T�r wurde ge�ffnet, und Ashes Schatten erschien im Rahmen.</p><p>�Die Vorbereitungen laufen und werden bald abgeschlossen sein, Aria�, sagte er. �Der Quartiermeister wird die Pferde in einer Viertelstunde zur Abreise bereitgemacht haben.� Er sah Anborn an und streckte dann seiner Frau die Hand entgegen.</p><p>Rhapsody stand auf, ging zu ihm und ergriff seine Hand. �Wer hat das Kind?�</p><p>�Grunthor.�</p><p>�Glaubst du, das ist klug? Hast du ihm vorher etwas zu essen gegeben?�</p><p>�Dem Kind?�</p><p>�Das habe ich damit nicht gemeint.� Rhapsody drehte sich ein letztes Mal um und l�chelte den Marschall an. �Ich w�nsche dir Gl�ck in all deinen Unternehmungen�, sagte sie. �Und erinnere dich an dein Versprechen.�</p><p>Ungeduldig winkte Anborn ihr zu.</p><p>�Geh�, sagte er barsch.</p><p>Rhapsody sah ihn noch eine Weile an, dann lie� sie Ashes Hand los und stellte sich vor den Marschall. Sie verneigte sich leicht und dr�ckte ihre Lippen auf die seinen, wobei sie ihm die H�nde auf die Schultern legte. Sie lie� sich Zeit und atmete seinen Atem ein. Dann kehrte sie zu ihrem erstaunten Gemahl zur�ck und verlie� das Zimmer, ohne einen Blick zur�ckzuwerfen.</p><p>Anborn wartete, bis sich die schwere T�r fest hinter ihnen geschlossen hatte und ihre Schritte im Korridor verhallt waren. Als er schlie�lich keinen Laut mehr h�rte, nahm er seine Brille auf und kehrte an seine Arbeit zur�ck.</p><p>�Auf Wiedersehen�, sagte er leise zu der Karte auf dem Tisch vor ihm.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>�Ich will nicht einmal fragen, was da eben geschehen ist�, murmelte Ashe, w�hrend sie den Korridor mit derselben beherrschten Eile entlanggingen, die sie seit dem Treffen zeigten. �Das war kein Anblick, den ich angesichts unserer bevorstehenden kriegsbedingten Trennung unbedingt in Erinnerung behalten will. Bitte sorge daf�r, dass ich es nicht mitbekomme, wenn du dasselbe mit Achmed machst. Dann k�nnte ich wochenlang keinen Bissen mehr herunterw�rgen.�</p><p>Rhapsody war so sehr mit ihren eigenen Gedanken besch�ftigt, dass sie ihn nicht geh�rt hatte.</p><p>�Wei�t du, wer Anborn einen Abschiedskuss verweigert hat und danach nie wieder zur�ckgekehrt ist?�, fragte sie, als sie schlie�lich die T�r zu ihren Gem�chern erreicht hatten.</p><p>Ashe sah sie verst�ndnislos an, ergriff die Klinke und �ffnete die T�r.</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, meinte er und bedeutete ihr, vor ihm einzutreten. �Anborn lebt schon sehr lange, und es waren mitunter schreckliche Zeiten f�r ihn. Ich vermute, er hat viele Menschen verloren, die ihm am Herzen lagen, auch wenn mir kein besonderer einf�llt au�er vielleicht Dorndreher, aber ich glaube nicht, dass sich die beiden oft gek�sst haben.�</p><p>Rhapsody ging zu dem Kerzenleuchter auf dem Tisch neben dem Bett, ber�hrte die Dochte und entz�ndete sie auf diese Weise.</p><p>�Seine Frau vielleicht?�</p><p>Ihr Gemahl schloss die T�r. �Das m�chte ich bezweifeln. Estelle war eine ziemlich schreckliche Frau, und als sie vor etwa einem Jahrzehnt starb, hat mein Vater mir gesagt, Anborn sei eher erleichtert als alles andere gewesen. Ich hielt mich damals versteckt und wei� daher nicht genau, was zu jener Zeit in Anborns Leben vor sich gegangen ist. Er hat eine allgemein bekannte Schw�che f�r Tavernenm�dchen und Kellnerinnen; ich halte es daher nicht f�r unm�glich, dass er eine oder mehrere von ihnen verloren hat, f�r die er sehr viel empfunden hat.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf und schmiegte sich in Ashes Arme.</p><p>�Ich glaube nicht, dass das die Antwort ist, obwohl du vermutlich recht mit deiner Meinung hast, Estelle sei nicht diese Person gewesen.� Sie dachte zur�ck an eine vereiste Lichtung am Waldrand von Tyrian in der Nacht, als Constantin ihr anl�sslich des Konzils seine Aufwartung gemacht hatte. Damals war der Marschall auf ihren Ruf der Blutsverwandten im Wind hin erschienen und hatte sie und den damaligen Gladiator verirrt und beinahe erfroren vorgefunden. Anborn hatte sie beide gerettet, hatte die frierende und fast nackte Rhapsody zu einer verborgenen H�tte gebracht, die ihm als Unterschlupf diente, und hatte ihr ein weiches, farngr�nes Hemd gegeben, das lange �rmel und Stickereien am Handgelenk gehabt hatte.</p><p><emphasis>Es hat nicht den Anschein, dass es dir besonders gut passt. Wem geh�rt es?</emphasis></p><p><emphasis>Es hat meiner Frau geh�rt. Sie w�rde nichts dagegen haben, dass du es tr�gst. Sie ist schon seit elf Jahren tot. �brigens steht es dir viel besser.</emphasis></p><p><emphasis>Es tut mir sehr leid.</emphasis></p><p><emphasis>Nicht n�tig. Wir haben uns nicht sehr gern gehabt. Wir haben nicht zusammengelebt, und ich habe sie nur selten gesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber du musst sie fr�her einmal geliebt haben.</emphasis></p><p><emphasis>Nein. F�r eine so kluge Frau kannst du bezaubernd naiv sein, Rhapsody.</emphasis></p><p><emphasis>Warum habt ihr dann geheiratet?</emphasis></p><p><emphasis>Sie war eine h�bsche Frau aus einer alten Familie, und sie hatte hohe Grunds�tze. Falls sie mich je betrogen hat, habe ich es nie erfahren, und ich glaube, es w�re mir nicht unbekannt geblieben. Ich habe ihr ebenfalls bis zu ihrem Tod die Treue gehalten.</emphasis></p><p>Dieser ehrliche Zynismus hatte ihr wehgetan.</p><p>Das <emphasis>ist alles? Warum?,</emphasis> hatte sie ihn gefragt.</p><p><emphasis>Eine verst�ndliche Frage. Ich f�rchte, ich habe keine Antwort darauf.</emphasis></p><p><emphasis>Hattet ihr Kinder?</emphasis></p><p><emphasis>Nein. Es tut mir leid, dich entt�uschen zu m�ssen, Rhapsody. Du kennst sicherlich meine Familie und wei�t, dass wir nicht gerade eine sehr romantische Geschichte haben. Von Anfang an hatten Sex und Paarbildung in unserer Familie etwas mit Macht und Kontrolle zu tun, und so ist es bis heute geblieben. Ich kann nicht vorhersehen, wann sich das �ndern wird. Du musst wissen, dass Drachenblut dominant ist.</emphasis></p><p>Die Grausamkeit dieser Bemerkung hatte sie bis heute nicht vergessen.</p><p>Ashe zog sie n�her an sich heran. �Vergib mir, wenn ich in diesen letzten Augenblicken vor unserer Trennung sage, dass es mir v�llig egal ist, wen Anborn je gek�sst hat � auch wenn es ziemlich unangenehm war, mit ansehen zu m�ssen, dass du dazugeh�rst.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben, und l�chelte ihren Mann an.</p><p>�Uns bleiben nur noch ein paar fl�chtige Augenblicke � entweder wird der Quartiermeister bald verk�nden, dass Tiere und Gep�ck bereit sind, oder das Kind wacht schreiend in Grunthors Armen auf, und wir m�ssen sie beide retten. Vielleicht sollten wir Anborn erst einmal vergessen und uns nur um uns selbst k�mmern, solange ich noch hier bin.�</p><p>�Einverstanden�, sagte der cymrische Herrscher. Ohne ein weiteres Wort hob er seine Frau hoch und legte sie vorsichtig auf das Hochzeitsbett, dann streckte er sich neben ihr aus. Er nahm ihr kleines Gesicht zwischen seine H�nde und schaute hinunter auf sie, als wolle er sich jeden ihrer Z�ge einpr�gen, so wie er es jede Nacht w�hrend der letzten vier Jahre ihres Zusammenseins getan hatte. Die senkrechten Pupillen in seinen Augen zogen sich unter dem Kerzenschein zusammen, und die himmelblaue Iris gl�nzte viel st�rker, als es bei einem gew�hnlichen Menschen je der Fall sein konnte.</p><p>Es war der Drache in seinem Blut, der sie nun betrachtete, wie Rhapsody wusste. Diese Natur war ihr sowohl fremd als auch vertraut; sie wollte jedes Wesen und jeden Gegenstand besitzen, den sie als Schatz erachtete. Rhapsody sp�rte, wie ihre Haut unter den Schwingungen seiner inneren Sinne prickelte, welche sogar die L�nge ihrer Wimpern, die Anzahl ihrer Atemz�ge und den Rhythmus ihres Herzens in sich aufnahmen. Sie f�hlte seine Besorgnis steigen und wusste, dass ihm klar war, wie sehr die Geburt sie geschw�cht und wie viel Blut sie verloren hatte. Ihre Gesundheit war br�chig geworden. Die Drachin Elynsynos, zu deren Nest Rhapsody von Ashe in jenem lange vergangenen wundervollen Fr�hling gef�hrt worden war, hatte ihr Einsichten in diese Eigenschaften des Mannes verschafft, dessen Seele sie teilte.</p><p><emphasis>Drachen sind nicht habgierig � wir verlangen nicht viel, meine Sch�ne, und wollen nur das haben, von dem wir glauben, dass es rechtm��ig uns geh�rt. Wir alle sind Teil eines Schildes, der die gesamte Welt sch�tzt, und doch w�nschen wir nichts auf dieser Welt unser Eigen zu nennen. Das, was Teil unseres Hortes, unseres Schatzes ist, ist nicht unser Gefangener. Wir h�ten es eifers�chtig, doch nur weil wir es mit allem lieben, was in uns ist. Was die Menschen als besitzergreifend ansehen, ist f�r die Drachen die reinste Form der Liebe. Das ist so, egal ob es sich bei dem Schatz um eine einzelne M�nze, ein lebendes Wesen oder eine ganze Nation handelt.</emphasis></p><p>Aufgrund ihres eigenen unabh�ngigen Temperaments hatte Rhapsody dieses Element seiner Natur begriffen und wusste, dass er jeden Tag dagegen ank�mpfte, damit die Drachenseite seines Selbst sie weder �ngstigte noch unterjochte. Als sie nun wieder in seine Augen blickte, sah sie bis in seine Seele, und in ihrer eigenen versp�rte sie ein �berw�ltigendes Gef�hl drohenden Verlustes. Sie hatte gelernt, ihn auf dieselbe Weise als ihren Schatz zu betrachten.</p><p>Ashe sah die Tr�nen in ihren Augen glitzern, bemerkte den Klo� in ihrem Hals und glitt mit den Fingern tiefer in ihre Haare. Er nahm ihren Kopf zwischen seine H�nde und dr�ckte seinen Mund auf ihren. Die Zeit blieb stehen, als sie einen Atemzug teilten. Dieser musikalische Rhythmus des Ein- und Ausatmens war das Lied ihres gemeinsamen Lebens.</p><p>Als sich ihre Lippen trennten, sah er, dass ihr blasses Gesicht voller Tr�nen war, die sie so lange krampfhaft zur�ckgehalten hatte. Seine Drachensinne hatten ihr Weinen bereits bemerkt, doch der Anblick ihrer Tr�nen presste sein Herz jedes Mal st�rker zusammen, als er ertragen konnte. Etwas in ihm empfand sie sogar noch sch�ner, wenn sie weinte, als wenn sie l�chelte, und dieser Gedanke beunruhigte ihn sehr. Er zog sie n�her an sich heran, w�hrend sie das Gesicht in seiner Schulter vergrub, und Ashe war froh, dass er sie nicht mehr ansehen musste.</p><p>�Eine Viertelstunde, nicht mehr�, murmelte sie. �Warum haben wir immer so wenig Zeit f�reinander? Wir sind andauernd nur ein paar Herzschl�ge lang zusammen, bevor wir wieder getrennt werden. Wie soll ich es aushalten, unser Kind abermals zu verlieren? Ich habe Angst, Sam. Ich habe wirklich Angst, dass es diesmal mehr sein wird, als du ertragen kannst, ob du nun Mensch oder Drache bist. Ich wei�, dass ich es nicht aushalten w�rde, wenn du es w�rest, der abreist und das Kind mitnimmt.�</p><p>Der cymrische Herrscher stie� langsam die Luft aus. Er hatte soeben voller Furcht �ber dasselbe nachgedacht.</p><p>�Ich werde mich an den wenigen Trost halten, der mir bleibt: an das Wissen, dass du und Meridion in Sicherheit seid, was auch immer kommen mag. Wenn der Drache in mir ungeduldig und w�tend wird, werde ich mir in Erinnerung rufen, dass ich dich und das Gl�ck, das du mir von Anfang an geschenkt hast, nie verdient hatte.� Er legte die Hand �ber ihren Mund, um ihre Einw�nde zu unterdr�cken. �Du magst mich lieben, Rhapsody, aber du wei�t nicht, wie sehr ich dich liebe. Die Unzul�nglichkeit meiner Zunge h�lt mich davon ab, es in Worte zu kleiden. Jedes Mal, wenn ich dir unrecht getan habe, wenn ich einen Fehler begangen habe, wenn ich es zugelassen habe, dass du leiden musst, hat es ein tieferes Loch des Bedauerns in mich gebohrt, das sich wie alles in mir mit dem best�ndig gr��er werdenden Verlangen f�llt, in deiner N�he zu sein. Manchmal glaube ich, dass mein Atem zu Eis erstarren wird, wenn ich dich einmal verletzen sollte, auch wenn es unbeabsichtigt gesch�he. Es w�rde die Gefahr einer solchen Verletzung bedeuten, wenn ich dich jemand anderem als Achmed und Grunthor anvertrauen w�rde � und das k�nnte ich weniger als alles andere ertragen. Ich bitte dich um des All-Gottes willen, bring weder dich noch unser Kind in Gefahr. Das Wissen darum, dass ihr in Sicherheit seid, wenn die Welt auseinander bricht, ist das Einzige, das mich davon abh�lt, meinem Vater in den �ther zu folgen � oder vielleicht an ein Ende zu kommen, das dem seinen nicht un�hnlich ist.�</p><p>Rhapsody versteifte sich. �Gute G�tter, so etwas darfst du niemals laut aussprechen�, keuchte sie, doch in seinen Augen erkannte sie die Wahrhaftigkeit seiner Worte und wusste, dass er nicht �bertrieb.</p><p>Ashe l�chelte und fuhr mit seiner schwieligen Hand durch ihr gl�nzendes Haar.</p><p>�Oh, da ist noch etwas anderes. Ich habe bisher nicht das Versprechen eingel�st, das ich dir vor langer Zeit gegeben habe: dass ich dich an dem Tag, an dem all das hier vorbei ist und andere Personen die Last der F�hrerschaft �bernommen haben � und keinen Tag sp�ter � in den Wald und auf die Lichtung deiner Wahl bringen und dir dort die Sch�ferh�tte errichten werde, nach der du dich schon so lange sehnst. Dort werden wir ein einfaches Leben f�hren, unsere Kinder aufziehen und vergessen, dass es jenseits unserer Hecke noch eine Welt gibt.�</p><p>Rhapsody entspannte sich unter der W�rme seines L�chelns, auch wenn ihr klar war, dass die unausgesprochene M�glichkeit eines t�dlichen Endes f�r einen von ihnen oder gar f�r beide bestand.</p><p>�Abgemacht�, sagte sie.</p><p>Ein h�fliches Klopfen kam von der Zimmert�r.</p><p>�Fertig, Herr�, ert�nte die ged�mpfte Stimme des Quartiermeisters.</p><p>Ashe und Rhapsody erhoben sich rasch vom Bett und eilten gleichzeitig in ihre eigenen Ankleidezimmer, aus denen sie bereits einen Augenblick sp�ter wieder hervorkamen und etwas in den H�nden hielten.</p><p>Ashe streckte seine H�nde zuerst aus, in denen er einen zerknitterten Umhang hielt, der au�en grau war und ein blaues Innenfutter hatte. Ein Schatten aus Dunst leckte zwischen den Falten hervor � wie Nebel, der am Morgen �ber einem See liegt.</p><p>Rhapsody l�chelte. Das war der Nebelumhang, der Ashe w�hrend all der Jahre, in denen er sich hatte verstecken m�ssen, vor Entdeckung bewahrt hatte. Er war unsichtbar durch die Welt gestreift, und selbst in seiner n�chsten Umgebung hatte ihn damals niemand bemerkt. In dieser Gewandung hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen, zumindest auf dieser Seite der Zeit, und zwar w�hrend eines verpfuschten Taschendiebstahls, der einen gro�en Tumult auf der Stra�e verursacht hatte. Die Erinnerung an das folgende Handgemenge war sowohl komisch als auch bitter. Der Dunst war auf Ashes Kommando in den Mantel gefahren, denn als Tr�ger des Schwertes Kirsdarke beherrschte er das Element des Wassers. Er hatte den Umhang so lange getragen, dass der Dunst an ihm haften geblieben war und das Gewebe durchtr�nkt hatte. So war sein Tr�ger allen neugierigen Blicken entzogen gewesen.</p><p>�Nimm das hier mit, Aria�, sagte er lebhaft. �Es ist gro� genug, um dich und das Kind zu verbergen. Falls die Prophezeiung stimmt und es Augen gibt, die Meridion beobachten, dann sollte sie dieser Umhang blind machen, zumindest so lange, wie er sich unter dem Mantel befindet. Versuche, ihn wenigstens bis Canrif und vielleicht noch dar�ber hinaus zwischen den Falten zu verstecken.�</p><p>Rhapsody nickte und nahm den Mantel entgegen. �Das werde ich tun. Vielen Dank, Sam.� Auch sie streckte nun eine zur Faust geballte Hand aus und hielt sie �ber Ashes H�nde. Sie �ffnete ihre Hand und lie� in seine Handfl�che eine Perle fallen, die schillerte und gl�nzte wie der glei�ende Mond. Darin enthalten war die Erinnerung an ihre erste Hochzeit, eine selbst erdachte und ohne Zeugen abgehaltene Zeremonie in der Grotte von Elysian, ihrem versteckten unterirdischen Heim im Bolgland. Es war eine Erinnerung, die nur sie beide miteinander teilten, und sie bezog sich auf einen Ort, an dem sie sich immer sicher gef�hlt hatten. �Und du beh�ltst diese Perle. Sie soll dich an gl�ckliche Zeiten erinnern und an die noch besseren Zeiten, die anbrechen werden, wenn das hier vorbei ist.�</p><p>Er umschloss die Perle mit seinen Fingern und nickte.</p><p>�Du wei�t, dass die Tr�ume zur�ckkehren werden�, sagte er.</p><p>�Ja.�</p><p>Ashe betrachtete sie traurig. In jener Nacht in ihrer Jungend, als sie sich auf der anderen Seite der Zeit zum ersten Mal begegnet waren, hatte sie ihm von ihren beunruhigenden Tr�umen erz�hlt. Als sie sich auf dieser Seite der Zeit wieder getroffen hatten, waren jene prophetischen, hellsichtigen Tr�ume zu n�chtlichen Schrecken geworden, unter denen sie sich im Schlaf wild hin und her geworfen hatte, doch manchmal hatten sie den Schl�ssel zu zuk�nftigen oder vergangenen Ereignissen gebildet. Ashes Drachennatur besa� die M�glichkeit, diese Albtr�ume fortzuscheuchen, die sie fr�her im Schlaf so gequ�lt hatten. Mit den Jahren hatte sie schlie�lich Frieden in seinen Armen gefunden. �Wer wird dir jetzt die Albtr�ume vertreiben, Aria?�, fragte er leise.</p><p>�Sie sind das kleinste Problem, vor allem da sie manchmal die Zukunft voraussagen�, meinte sie. �Ich glaube, die Antwort lautet, dass <emphasis>du</emphasis> es weiterhin sein wirst, Sam. In gewisser Weise k�nnte das Opfer, das du bringst � das wir alle bringen �, die einzige M�glichkeit sein, uns vor noch schlimmeren Albtr�umen zu bewahren, die beim Erwachen nicht mehr schwinden werden.�</p><p>Sanft legte sie ihm die Hand auf die Wange. �Ich werde im Traum zu dir kommen, wenn ich kann�, sagte sie leise.</p><p>�Du bist immer bei mir, Aria.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich meinte damit, dass ich versuchen werde, auf eine Weise zu dir zu kommen, die mehr als ein Traum, aber weniger als k�rperliche Gegenwart ist. Als ich einige Monate lang allein mit Elynsynos war und die Texte �ber die alten Weisheiten studieren konnte, habe ich viel mehr davon begriffen, wie die Magie einer Benennerin wirkt. Eines, was ich tun kann, ist dich von Zeit zu Zeit zu besuchen, und zwar so, dass es uns beiden bewusst ist. Es wird mir besonders dann m�glich sein, wenn Achmed sein Projekt beendet hat.�</p><p>Ashe k�sste sie und �ffnete dann die T�r.</p><p>�Wie dem auch sei, du bist immer bei mir.�</p><p>Pl�tzlich fuhren sie beide zusammen, als h�tte ein Pfeil sie getroffen.</p><p>�Meridion weint�, sagten sie gleichzeitig zueinander.</p><p>Ashe trat zur Seite, damit Rhapsody als Erste durch die T�r eilen konnte. W�hrend sie zusammen den Korridor entlangliefen, schaute er hinunter auf seine Frau.</p><p>�Du kannst das unm�glich geh�rt haben�, sagte er sanft. �Du scheinst einen eigenen Drachensinn ausgebildet zu haben. Offenbar habe ich auf dich abgef�rbt.�</p><p>Rhapsody schnaubte und verdoppelte ihre Geschwindigkeit. Sie war vier Schritte vor ihm an der Treppe.</p><p>�Wohl kaum. Jede neue Mutter hat etwas von einem Drachen an sich.�</p><p>Ashe sah ihr zu, wie sie die Treppe hinunterhastete und dabei je zwei Stufen auf einmal nahm.</p><p>�Hm. <emphasis>Das</emphasis> w�rde die wilden Stimmungsschwankungen erkl�ren.�</p><empty-line/><p>Der Quartiermeister hatte vier Pferde vorbereitet: zwei leichte zum Reiten und zwei st�mmigere Kriegspferde. Eines der beiden letzteren war von enormer Gr��e und trug nur sehr wenig Gep�ck. Grunthor untersuchte es und nickte zustimmend. Das andere der beiden schweren Pferde und eines der leichteren trugen den gr��ten Teil der Ausr�stung und Vorr�te f�r die lange Reise.</p><p>Das zweite leichte Pferd war mit einem besonders langen Sattel ausger�stet.</p><p>�Ich glaube, du solltest wenigstens zu Beginn mit Achmed reiten�, sagte Ashe ernst zu Rhapsody. �Deine Pr�fung im Gwynwald, Meridions Geburt und die lange R�ckreise hierher haben dich sehr mitgenommen, Aria.</p><p>Ich bin mir nicht sicher, ob du in deinem augenblicklichen Gesundheitszustand die Strapazen eines scharfen Ritts ertragen kannst, vor allem weil du auch noch das in den Nebelmantel geh�llte Kind festhalten musst. Deshalb gebietet es die Klugheit, mit Achmed einen Sattel zu teilen � wenigstens f�r den ersten Teil der Reise. Ich werde beruhigter sein, wenn ich wei�, dass du nicht vom Pferd fallen kannst.�</p><p>Rhapsody l�chelte und gab ihm einen Kuss.</p><p>�Du wirst immer in meinen Gedanken sein, und ich wei�, dass ich immer in deinen sein werde�, sagte sie. �Jede Nacht, bevor ich schlafen gehe, werde ich mich bem�hen, dich in deinen Tr�umen zu besuchen. Erinnere dich an die Lieder, die ich dir immer vorsinge, wenn wir zusammen sind. Ich werde sie dir und Meridion auch vorsingen, wenn wir getrennt sind. Behalte dieses Bild in deinen Gedanken, und wir werden nie weit von dir entfernt sein.�</p><p>Als Erwiderung l�chelte Ashe traurig.</p><p>�Jetzt kann ich deine Wimpern und deine Herzschl�ge z�hlen. Ich wei�, wie du atmest und wie du dort, wo du stehst, die Luftz�ge beeinflusst und sie ver�nderst, wenn du dich bewegst. Sobald du mehr als f�nf Meilen von mir entfernt bist, ist es, als w�rest du f�r mich auf ewig verloren�, sagte er. �Bring dich und unseren Sohn in Sicherheit, meine Liebste. Ich kann nur dann geistig gesund bleiben, wenn ich wei�, dass du das tust.�</p><p>Rhapsody umarmte ihn und wusste, dass er die Wahrheit sprach.</p><empty-line/><p>�Hab da �ne Neuigkeit, die du vielleicht h�ren willst�, sagte Grunthor gelassen, als Rhapsody und Ashe sich Lebewohl sagten. �W�hrend du weg warst, hat sich die Gro�mama vom alten Ashe, diese verdammte Drachin Anwyn, auf den Weg zum Bolgland gemacht und versucht, bei uns reinzukommen. Mach dir aber keine Sorgen, wir haben sie ganz leicht zur�ckgeschlagen.�</p><p>�Wie ist denn das gelungen?�, fragte Achmed ungl�ubig. �Ich besitze die einzige Waffe im ganzen Bolgland, die in der Lage ist, Drachenhaut zu durchdringen, und die trage ich bei mir. Wie habt ihr sie vertrieben?�</p><p>�Wir haben die Flie�richtung im Abwasserkanal umgedreht und sie mitsamt dem ganzen <emphasis>Hrekin</emphasis> aus den Tunneln gepumpt�, antwortete Grunthor. �War ungef�hr hunderttausend Gallonen Inhalt von Bolg-Hintern, das war wohl �ne angemessene Waffe. Au�erdem haben Drachen ziemlich scharfe Sinne, wenn ich mich richtig erinnere. Das hat sie ziemlich verbl�fft. Hat �ne richtige Sauerei gegeben, die wir eigentlich aufr�umen wollten, bevor du nach Hause kommst, aber wir haben uns entschieden, dass es �ne nette Verteidigung abgibt. Also haben wir �ne Barriere draus gemacht, die jetzt den Ort h�bsch einstinkt. Dieses Biest kommt so schnell nicht wieder zur�ck.�</p><p>�Und du hast vergessen, das auf dem Kriegskonzil zu erw�hnen?�, fragte Achmed erheitert.</p><p>�Jawoll�, meinte Grunthor. �Wenn alle gewusst h�tten, dass die Drachin schon im Bolg-Land war, dann h�tte Rhapsodys Mann sie bestimmt nich� gehen lassen. Doch meiner Meinung nach ist sie bei uns am sichersten, Drachin hin oder her.�</p><p>�Da stimme ich dir zu�, sagte Achmed und stieg auf sein Pferd. �Es wird interessant sein, ihre Reaktion auf deine neue Barrikade zu beobachten. Rhapsody erachtet Sauberkeit als heilig. Wir sollten jetzt aufbrechen, sobald Ashe seine Lippen von ihr und dem kreischenden Balg losrei�en kann.�</p></section><section><title><p>14</p></title><subtitle>An der Kreuzung �stliches Navarne</subtitle><p>Die Kohorte der Zweiten Bergwacht von Sorbold hielt an jener Stelle an, wo die nach Norden in die Provinz Canderre hineinf�hrende Stra�e die waldige Handelsroute kreuzte, die von Osten und den Waldl�ndern von Navarne bis zur Hauptstadt von Bethania f�hrte.</p><p>Der Wind war kalt, aber der Himmel war klar. Wegen der Dunkelheit und den im Winter kaum anzutreffenden Reisenden war ihre Reise von der s�dlichen Heimat bis hierher kaum bemerkt worden. Sie hatten sich jedes verirrten Kaufmanns oder Bauern mit Leichtigkeit entledigt, was wie erwartet in dem nur sp�rlich besiedelten Gebiet zu keinerlei gr��erem Aufruhr gef�hrt hatte.</p><p>Als sie sich allm�hlich der Festung in dem ummauerten Dorf Haguefort n�herten, gab der Kommandant still den Befehl, heimlich �ber die Waldstra�e zu gehen und sich in Einer- und Zweierreihen im Schutz des Waldrandes zu halten, wobei sie keinesfalls die Aufmerksamkeit der Patrouillen erregen durften, die sicherlich im ganzen Gebiet verteilt waren und das Heim von Gwydion von Manosse, dem cymrischen Herzog, bewachten.</p><p>Und das seiner Familie.</p><p>Schweigend gab der Kommandant seinen Truppen ein Zeichen, und sie folgten ihm beinahe lautlos in den Wald. Ihre Reittiere hatten einen sicheren Tritt und verursachten kaum ein Ger�usch.</p><p>Sie hatten bereits den gr��ten Teil einer Meile hinter sich gebracht, als sie Pferde im Wald n�rdlich von ihnen herannahen h�rten.</p><p>Rasch gab der Kommandant zweien seiner Sp�her ein Zeichen und stieg ab. Sie folgten ihm und glitten ebenfalls aus dem Sattel, w�hrend der Rest der Kohorte tiefer im Wald leise zum Halten kam.</p><p>Der Kommandant und die Sp�her �berquerten die Waldstra�e und krochen durch das Unterholz, das trocken und tot vom Schnee war, der diesen Teil des Kontinents noch im Griff hielt. Hier war es so anders als in ihrer trockenen und unfruchtbaren Bergheimat. M�helos huschten sie durch den Wald, denn dazu waren sie unter gro�em Aufwand ausgebildet worden. Im dichten Unterholz aus Immergr�n blieben sie stehen und warteten.</p><p>Hinter den B�umen am Rande ihres Blickfelds befand sich ein Waldpfad, eine schmale Route, auf der die Bauern reisten, wenn sie die Hauptstra�e vermeiden oder die Fr�chte des Waldes, n�mlich Beeren und Kr�uter, ernten oder jagen wollten. Nun war von Westen das Ger�usch einiger Pferde im vollen Galopp zu vernehmen. Die drei Soldaten duckten sich tiefer und warteten.</p><p>Nach einigen Augenblicken kamen die Pferde und ihre Reiter in Sichtweite. Es waren vier Tiere, zwei leichte Reitpferde und zwei schwere. Auf je einem von ihnen sa�en Reiter, die anderen beiden trugen das Gep�ck. Der Mann auf dem schweren Pferd war unglaublich gro� und breit; sein Tier atmete keuchend.</p><p>Die Reisenden verloren keine Zeit. Sie �berquerten den Waldpfad und wurden schneller, als sich der Wald ausd�nnte; dann verschwanden sie in der Ferne.</p><p>Der Kommandant stand rasch auf.</p><p>�Nimm das dritte F�hnlein und folge ihnen�, sagte er zum ersten Sp�her. �Es mag vielleicht nicht von Bedeutung sein, aber mein Instinkt sagt mir, dass diese Reiter uns nicht entkommen d�rfen. Bringt ihre Pferde mit, wenn es euch m�glich ist; sie werden uns bei der Heimreise n�tzlich sein.�</p><p>Der Sp�her nickte, und alle drei M�nner machten sich eilends zur�ck zur Hauptstra�e durch den Wald.</p><p>Die Kohorte teilte sich rasch und leise auf. Das dritte F�hnlein preschte nach Norden, um die Reiter zu verfolgen, das zweite wich nach S�dwesten zur�ck, um als Flanke zu dienen, und das erste machte sich auf den Weg nach Westen.</p><p>Nach Haguefort.</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Der kleine Wagen stand am Westtor bereit, kurz nachdem die neiden Firbolg und die cymrische Herrscherin durch dis Nordtor davongeritten waren.</p><p>Gerald Owen hustete, als die fallenden Temperaturen in seiner Lunge ein stechendes Gef�hl verursachten. Er schaute vom Innenhof, der nur von einer einzelnen Blendlaterne erhellt wurde, hoch in den kalten Nachthimmel und zu den Sternen, die sich hinter dem Baldachin jener B�ume erstreckten, welche den Beginn des Waldes westlich von Haguefort bezeichneten. Im Norden ging er allm�hlich in den heiligen Gwynwald und den Kreis �ber, der ihr Ziel darstellte. Obgleich die bittere K�lte zur�ckgekehrt war, war der Himmel klar, und es herrschte nur eine sanfte Brise. Es schien, dass sie angenehmes Wetter haben und die Reise recht rasch hinter sich bringen w�rden.</p><p>Leise unterhielt er sich mit den Fahrern und ihren beiden Begleitern, dann gab er das Zeichen, das Fenster zu schlie�en.</p><p>Einige Augenblicke sp�ter �ffnete sich die T�r zur Vorratskammer, und die beiden Navarne-Kinder erschienen. Sie waren in dunkle Hemden und Hosen und in graue M�ntel gekleidet, die mit der Nacht verschmolzen. Gwydion Navarne schloss leise die T�r zur Speisekammer, nahm dann die Hand seiner Schwester und f�hrte sie durch den Kr�utergarten und quer durch den von Kieselsteinen bedeckten Hof bis zu der Baumreihe, vor welcher der Wagen wartete.</p><p>�Oh, gut, sie haben die Rotschimmel angespannt�, fl�sterte Melisande. �Das wird eine schnelle Fahrt werden.�</p><p>�Ist alles fertig, Gerald?�, fragte der junge Herzog nerv�s, w�hrend er Melisandes Hand loslie� und den Sack mit ihren letzten Vorr�ten dem Kutscher �bergab. Melisande entwand ihm den Wasserschlauch und befestigte ihn an ihrem G�rtel.</p><p>�Es ist alles bereit, Herr�, antwortete der Kammerherr. �Die cymrische Herrin hat durch einen Wintervogel eine Nachricht zu Gavin beim Kreis geschickt, also wird er uns zweifellos erwarten. Ich werde daf�r sorgen, dass die Herrin Melisande schnell und sicher dorthin gelangt.�</p><p>Gwydion nickte und unterdr�ckte ein flaues Gef�hl. Melly war damals zu klein gewesen, um sich nun daran erinnern zu k�nnen, wie sie ihre Mutter zum letzten Mal gesehen hatten, doch f�r Gwydion war es, als ob es nicht vor neun Jahren, sondern erst gestern geschehen w�re. Damals war er acht Jahre alt und ein stiller B�cherwurm gewesen, der �berdies genau wie seine Mutter die W�lder geliebt hatte. Auch hatte sie seine Neigung zur Sch�chternheit geteilt und damit im Gegensatz zu seinem Vater und seiner Schwester gestanden, die herzlich und gesellig waren. Er vermisste sie immer noch � den Duft von Lavendel oder Limonen in ihrem Haar, die Sanftheit ihrer H�nde, wenn sie nachts die Laken um ihn herum gegl�ttet hatte, die Art, wie sich ihre Mundwinkel beim Lachen nach oben gezogen hatten. Wenn er sich diesen Erinnerungen hingab, verursachten sie ihm jedes Mal Magenschmerzen.</p><p>Die schlimmste Erinnerung war die letzte, als seine Mutter und deren Schwester, seine Tante, an die er sich kaum entsann, in genau eine solche Kutsche geklettert waren, weil sie in die Stadt fahren und Melisande Schuhe kaufen wollten, in denen sie laufen lernen sollte. Sie hatten gelacht; Mutters schwarze Augen, denen die von Melly so �hnlich sahen, hatten geglitzert, und sie hatte sein Gesicht zwischen ihre H�nde genommen, ihn auf Wange und Stirn gek�sst und ihm Worte ins Ohr gefl�stert, an die er sich noch genauso gut erinnern konnte wie an den Klang ihrer Stimme.</p><p><emphasis>Sei ein guter Junge. Hilf deinem Vater. Denk daran, dass ich dich liebe.</emphasis></p><p>Er hatte sich bem�ht, diese Bitten zu erf�llen. Die meiste Zeit �ber war das nicht schwierig gewesen.</p><p>�Das wei� ich�, sagte er mechanisch zu dem Kammerherrn.</p><p>Melisande, die sich f�r eine ausgezeichnete Pferdekennerin hielt, hatte bereits zur stillen Erheiterung der Kutscher das Zaumzeug der Tiere untersucht und stand nun vor der T�r des Fahrzeugs.</p><p>�Es reicht�, sagte sie ungeduldig. �Es ist Zeit zum Aufbruch.�</p><p>Gwydion atmete tief aus, trat zur Kutschent�r und legte Melisande eine Hand auf die Schulter.</p><p>�H�r auf Gerald�, ermahnte er sie ernst. �Und geh blo� kein dummes Risiko ein.� Er sah, wie sich ihre Augen verengten, und erinnerte sich pl�tzlich daran, wie es war, wenn man wegen seines Alters untersch�tzt wurde. Rasch griff er in den Schaft seines Stiefels und zog daraus ein kleines Messer in einer Scheide hervor. �Hier�, sagte er freundlicher. �Du kannst besser damit umgehen als ich. Es hat Vater geh�rt.�</p><p>Melisandes Ausdruck der Ver�rgerung wich dem der Freude.</p><p>�Vielen Dank�, sagte sie eifrig, nahm das Messer entgegen und drehte es in ihren H�nden hin und her. Rasch umarmte sie ihren Bruder und griff dann nach der Wagent�r. Gwydion kam ihr zuvor, �ffnete die T�r f�r sie und klappte das Trittbrett aus. Sie kletterte hinauf, beugte sich zur�ck und k�sste ihn auf die Wange.</p><p>�Mach keine Dummheiten�, sagte sie, w�hrend ihre schwarzen Augen tanzten. �Und hab nicht zu viel Spa� ohne mich.�</p><p>�Das kann ich nur zur�ckgeben�, erwiderte Gwydion. �Beides.� Melisande grinste. Die goldenen Locken unter ihrer Kapuze h�pften auf und ab. Dann trat sie in die Dunkelheit des Wageninneren. Gerald kletterte ihr nach.</p><p>�Macht Euch keine Sorgen, Herr. Ich k�mmere mich um ihre Sicherheit.�</p><p>Melisande lehnte sich aus dem Kutschenfenster. �Ich kann mich selbst um meine Sicherheit k�mmern. Und du solltest dasselbe tun, Bruder.�</p><p>Gwydion nickte, schloss die T�r und f�hlte sich, als w�re das Ende der Welt gekommen.</p><p>Wieder einmal.</p><p>Er stand in der Finsternis des Hofes und sah hinter der Kutsche her, bis sie von den dunklen Zweigen der B�ume und von der Nacht verschluckt wurde.</p><empty-line/><p>Melisande war noch nie in dem Wald nordwestlich ihres Zuhauses gewesen.</p><p>Einmal hatte sie Tyrian besucht, und zwar zur Hochzeit von Rhapsody und Ashe, und einmal war ihr erlaubt worden, zusammen mit ihrem Vater in die Provinz Canderre nord�stlich von Navarne zu reisen und dort entfernte Verwandte zu besuchen. Sie hatte ihn auch gebeten, sie nach Yarim im Osten mitzunehmen, weil das exotische W�stenklima ihre Phantasie befl�gelt hatte und sie den Ort sehen wollte, von dem die Familie ihrer Mutter und damit auch ihre eigenen schwarzen Augen stammten, doch Stephen Navarne hatte es immer abgelehnt, weil die Reise zu weit und die Zeiten zu gef�hrlich waren. <emphasis>Eines Tages, wenn du �lter bist und die Welt besser geworden ist, werden wir dorthin gehen, Melly, du und ich,</emphasis> hatte er gesagt. Eine der traurigsten Lektionen in Melisandes jungem Leben war das Wissen, dass sie zwar eines Tages vielleicht wirklich Yarim sehen w�rde, doch dann w�re nur die eine Voraussetzung aus Vaters Versprechen erf�llt: n�mlich der, dass sie dann �lter geworden war.</p><p>Gelegentlich war sie auch nach S�dwesten gereist, besonders zur K�stenprovinz Avonderre, wo ihre Familie bisweilen an den religi�sen Feiern in der gro�en Strandbasilika von Abbat Mythlinis teilnahm, die dem Element des Wassers geweiht war. Dieser Ort faszinierte und be�ngstigte sie zugleich.</p><p>In der Dunkelheit lehnte sich Melisande gegen den weichen Stoff des Sitzes und lauschte eine Weile Gerald Owens Schnarchen. Dann schloss sie die Augen und dachte �ber die Basilika nach. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie das Bauwerk gesehen hatte. Es war am Benennungstag irgendeines Kindes gewesen, das ihrem Ged�chtnis entfallen war, und sie hatte Angst gehabt, nach drinnen zu gehen. Es war eine ihrer fr�hesten Erinnerungen; damals war sie nicht �lter als vier Jahre gewesen. Die Basilika stand am Ufer und glich einem der gro�en, zerschellten Schiffe der Ersten Cymrischen Flotte. In solchen Schiffen waren ihre Vorfahren zu diesem Kontinent aufgebrochen, als sie vor dem drohenden Untergang ihrer Heimat, der Insel Serendair, auf der anderen Seite der Welt geflohen waren. Aufgrund ihrer Jugend hatte sie damals nicht begriffen, dass es sich bei der Basilika um ein Bauwerk handelte. Sie hatte geglaubt, sie betr�te das gewaltige Wrack eines wirklichen Schiffes, das auf den Strand aufgelaufen war, und diese Vorstellung hatte sie sehr verwirrt.</p><p>Im Innern war sie sich noch sicherer gewesen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Die gewaltigen Eingangst�ren, die aus Planken von unterschiedlicher L�nge mit Einkerbungen am oberen Ende bestanden, schienen ein riesiges Loch zu bilden, das in den Kiel des Schiffes gerissen worden war, und der Turm, der sich dar�ber in einem verr�ckten Winkel erhob, h�tte der Mast sein k�nnen. Gro�e zerbrochene St�mme � die Knochen von Schiffen, die auf ihrer Reise untergegangen waren � waren in die dunklen Steinw�nde eingelassen und verliehen dem Inneren eine �hnlichkeit mit dem Skelett eines ungeheuren, auf dem R�cken liegenden Tieres. Seine Wirbels�ule war der Mittelgang, und die St�mme waren die uralten Rippen, die zerbrochen in die Dunkelheit ragten.</p><p>Wenn das Hochschauen sie schon ge�ngstigt hatte, dann war der Blick zu den Seiten sogar noch schlimmer gewesen. Eine Reihe dicker, durchscheinender Glasbl�cke war etwa in Schulterh�he in die W�nde eingelassen. Dahinter war die bewegte See undeutlich sichtbar, die das Innere der Basilika und die Gesichter der darin Versammelten in ein gr�n-blaues Gl�hen badete.</p><p>Statt die Macht des All-Gottes zu sp�ren oder die Feier des neugeborenen Kindes zu genie�en, war sie in Panik geraten und hatte geschrien, bis ihr; w�tender Vater sie aus der Basilika entfernt hatte.</p><p>Nun war sie auf dem Weg zum Kreis � zu einem Ort, den ihr Vater hoch geachtet, aber als zu unsicher f�r sie angesehen hatte. Au�erdem hatte sie den Auftrag erhalten, zum Nest einer Bestie weiterzureisen, die zu ihrer Zeit der Mutter-Drache des gesamten Kontinents gewesen war. Die Geschichtsb�cher waren voller entsetzlicher Geschichten �ber dieses Wesen, angefangen von der Preisgabe ihrer drei T�chter bis zu jener Raserei, welche die Westh�lfte des Mittleren Kontinents in Brand gesetzt hatte. Rhapsody hatte diese Geschichten als L�gen bezeichnet. Sie hatte die Drachin geliebt und war sogar w�hrend ihrer Schwangerschaft bei Elynsynos gewesen und hatte dabei alles zu erfahren versucht, was es �ber die Geburt und Pflege eines Kindes mit Drachenblut zu wissen gab. Sie hatte der Drachin vertraut, und Melisande traute ihrer Adoptivgro�mutter bedingungslos, aber sie fragte sich trotzdem, ob nicht ein K�rnchen Wahrheit in den alten Geschichten verborgen lag.</p><p>Welche anderen Eigenschaften Melisande auch immer haben mochte, sie war vor allem gesegnet mit einem furchtlosen Geist und einer neugierigen Natur. Als j�ngeres Kind eines Adelsgeschlechts mit nur geringen Aussichten, jemals den Titel ihres Vaters �bernehmen zu k�nnen, der ihrem Bruder zustand, war ihr erlaubt worden, zu erforschen, worauf immer sie Lust hatte, und sich mit Dingen und F�higkeiten abzugeben, die normalerweise nur den m�nnlichen Nachkommen zustanden, sowie alles auf der Welt zu hinterfragen. Als sie gebeten worden war, die Mission zu �bernehmen, auf der sie sich nun befand, hatte sie gewusst, dass sie eigentlich sehr nerv�s sein sollte.</p><p>Stattdessen war sie nur aufgeregt.</p><p>Eingeh�llt ihn leichte Tr�ume �ber die Wasser-Basilika und das Drachennest im verschwundenen See, d�ste sie dahin, bis der Angriff erfolgte und der erste Pfeil den Wagen traf.</p><empty-line/><p>Gerald Owen war von dem Einschlag entsetzt.</p><p>�Kutscher � <emphasis>Kutscher.�</emphasis></p><p>�Wir werden angegriffen�, ert�nte die ged�mpfte Antwort. �Bleibt unten.�</p><p>Der alte Kammerherr riss die Augen weit auf. Melisande ergriff seine Hand, und gemeinsam legten sie sich unbeholfen auf den Boden des Wagens, der nun an Fahrt gewann. Die Karosserie erzitterte unter dem Donnern der Pferdehufe.</p><p>Auf dem Dach des Wagens h�rten sie einen leisen Aufprall; dann wurde eine Armbrust abgefeuert.</p><p>�Der Lakai ist sehr geschickt mit seiner Waffe�, sagte Owen zu dem M�dchen und versuchte das Zittern aus seiner Stimme herauszuhalten. �Der Herr � hat daf�r gesorgt. Er sollte jeden Angreifer zur�ckschlagen k�nnen.� Melisande nickte und l�chelte ihm aufmunternd zu.</p><p>Es waren noch einige dumpfe Einschl�ge im hinteren Teil der Kutsche zu h�ren � genau dort, wo sie beide vorhin noch gesessen hatten. Melisande erbebte, als sie vier Pfeilspitzen aus dem Stoffpolster ragen sah.</p><p>Drau�en vor dem Wagen h�rten sie den L�rm von Verfolgung und Flucht, von gebr�llten Kommandos und Fl�chen. Die Kutsche klapperte und schwankte hin und her, als die Steine und Fahrrinnen auf der Stra�e wegen der hohen Geschwindigkeit zu ernsten Hindernissen wurden.</p><p>�Keine � keine Angst, Herrin�, stammelte Gerald Owen.</p><p>�Ich habe keine Angst�, erwiderte das M�dchen. �Aber dein Fu� dr�ckt auf meine Hand.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung�, murmelte der Kammerherr und zog rasch seinen Fu� weg.</p><p>Geschosse zischten hinter dem Kutschenfenster vorbei. Von oben ert�nte das Ger�usch eines Pfeils, der sein Ziel gefunden hatte, und wie ein Echo wurde die Armbrust erneut abgefeuert. Die Kutsche schwang von einer Seite zur anderen, das Gep�ck auf den Sitzen wurde zu Boden geworfen und landete auf den beiden ausgestreckt daliegenden Passagieren. Mit einem entsetzlichen Rumpeln und einem weiteren heftigen Sch�tteln machte die Kutsche einen Sprung nach vorn, als ob sie �ber etwas Gro�es auf der Stra�e gefahren w�re. Melisande erzitterte. Dem Klang und der Richtung nach schien es der Kutscher gewesen zu sein.</p><p>Ihre Vermutung wurde einen Moment sp�ter best�tigt, als der Wagen pl�tzlich ausbrach. Von oben waren Rufe zu h�ren, die von anderen hinter ihnen beantwortet wurden.</p><p>�Ich � ich glaube, die T�r ist nicht abgeschlossen�, sagte Melisande und beobachtete, wie sie auf und zu schlug.</p><p>Gerald Owen k�mpfte sich auf die Knie, kroch hin�ber zur T�r und verriegelte sie. Gerade als er sich wieder zur�cklehnte, erschien ein Reiter an der linken Seite des Wagens. Er war nur undeutlich durch den Samtvorhang zu sehen und schlug mit der Hand gegen die Wagent�r, dann griff er durch den Vorhang nach drinnen. Neben ihnen war das Donnern von Pferdehufen zu h�ren.</p><p>�Geht weg!�, rief Melisande. �Geht doch einfach weg! Lasst mich in Ruhe!�</p><p>�Psst, Herrin�, warnte Gerald Owen sie und griff nach ihr.</p><p>Die Hand kam erneut durch das Fenster, wurde diesmal weiter hineingestreckt. Es war eine raue, schwielige Hand mit Schwertblasen auf der Innenfl�che. Sie fuhr wild umher und wurde dann wieder zur�ckgezogen.</p><p>Melisande wich ihr aus, als sie ihr auf Haaresbreite nahe kam. Sie k�mpfte sich zur rechten Seite durch, w�hrend die schwankende Kutsche zwischen den einzelnen Stra�enfurchen hin und her pendelte und die Pferde durch den Kampf aus dem Takt gerieten.</p><p>Der Arm stie� wieder in das Innere. Diesmal fuhr er �ber Melisandes Wange, packte dann ein B�schel ihrer Haare und zerrte sie zum Fenster zur�ck. Die Herrin von Navarne keuchte laut auf.</p><p>Gerald Owen sprang unbeholfen auf sie zu, packte ihre Beine und versuchte sie von der T�r fortzuzerren, doch die Hand lie� nicht los, sondern wickelte sich Melisandes Haare wie ein Seil um das Gelenk und riss wieder an ihnen.</p><p>In den schwarzen Augen machte Wut der Panik Platz. Melisande zog das Messer, das Gwydion ihr gegeben hatte, aus ihrem Stiefel und stach mit einem kunstvollen Bogen nach dem Arm. Sie traf ihn nicht.</p><p>Erneut wurde an ihrem Haar gezerrt, und ihr Kopf ber�hrte die Fenstervorh�nge.</p><p>Melisande kauerte nun mit dem R�cken zur T�r auf dem Boden und stach �ber ihrem Kopf blindlings zu. Sie traf ihr Ziel und zog das Messer �ber das Gelenk der Hand, die sie vor kurzem noch so fest gehalten hatte.</p><p>Der Arm wurde rasch zur�ckgezogen, und es ert�nte ein Fluch in einer Sprache, die sie nicht kannte. Doch dann schoss der Arm erneut durch das Fenster. Er blutete leicht und tastete wild im Wageninneren herum.</p><p>Nun packten die Finger den T�rgriff und drehten ihn.</p><p>Das Kind richtete sich auf. Es wartete, bis die Hand den Knauf ganz umschlossen hielt, holte tief Luft und vergrub ohne mit der Wimper zu zucken die Klinge bis zum Griff im Fleisch unterhalb der Kn�chel.</p><p>Ein Schmerzensschrei, gefolgt von ersticktem Keuchen, fuhr durch die Luft vor dem Wagenfenster.</p><p>Melisande packte das Messer, das noch in der Hand steckte, und zog es am Griff nach unten. Dabei durchschnitt sie Fleisch und Sehnen und tauchte sich und Gerald Owen in pulsierendes Blut.</p><p>�Ich habe gesagt: <emphasis>Lasst mich in Ruhe!�,</emphasis> kreischte sie. �Ich schneide dir deine verdammten Finger ab, wenn du mich noch einmal anfasst!�</p><p>Die Kutsche erzitterte heftig, als Ross und Reiter gegen ihre Seite stie�en. Dann sprang sie mit einem schrecklichen Ger�usch in die Luft. Weiter hinten verblasste ein Schrei. Die Kutsche schlug wieder auf den Boden, schaukelte furchtbar hin und her und fiel schlie�lich auf die rechte Seite. Das ganze Gep�ck wirbelte umher und landete auf den verbl�fften Passagieren.</p><p>Benommen k�mpfte sich Melisande auf die Beine. Von drau�en h�rte sie noch Kampfl�rm, doch ihre ganze Aufmerksamkeit war nun auf Gerald Owen gerichtet, der zusammengesunken auf dem Boden lag. �ber einem Auge hatte er eine klaffende Wunde.</p><p>�Gerald ��</p><p>�Geht, mein Kind�, fl�sterte der alte Kammerherr. �Flieht von hier � wenn Ihr k�nnt.�</p><p>Das M�dchen sah sich wild um, griff �ber den Kopf und dr�ckte die T�r auf. Langsam kletterte es hinauf, benutzte dabei die T�r als Schutzschild und schaute sich um.</p><p>Ein graues Bergpferd stand quer auf der Waldstra�e. Sein Zaumzeug hatte sich verheddert, und die Sattelriemen waren zerrissen, aber ansonsten war es unverletzt. Weiter hinten auf der Stra�e lag ein verkr�mmter K�rper, auf dem die Spuren der Kutschenr�der deutlich zu sehen waren. Eine Hand lag leblos auf dem Boden ausgestreckt in einer Pf�tze aus Blut. Der Leichnam des Kutschers lag ein wenig weiter hinten am Rand der Stra�e.</p><p>Noch weiter entfernt sah sie zwei Soldaten aus ihrer eigenen Eskorte im Kampf zu Pferde mit vier M�nnern in �hnlicher Uniform. Sie konnte die beiden Parteien nur an der Farbe ihrer Reittiere unterscheiden. Melisande zitterte; der Schock drohte sie zu �berw�ltigen. Sie zog sich aus der umgekippten Kutsche und schaute hinter sich.</p><p>Der Lakai mit der Armbrust lag auf dem Boden vor dem Wagen unter der zerbrochenen Deichsel und jammerte unzusammenh�ngende Worte. Eines der Pferde war ebenfalls eingeklemmt, das andere t�nzelte nerv�s in seinem Zaumzeug. Melisande erstarrte. Sie sah sich um, bemerkte niemanden in der N�he und kroch �ber die umgeworfene Kutsche auf den Lakai zu.</p><p>Sie versuchte die Deichsel von ihm zu heben, aber sie war zu schwer. Er war ganz grau im Gesicht und von Schwei� �berzogen, doch es gelang ihm, sie anzusehen.</p><p>�Flieht, Herrin�, sagte er. Dann erbebte er und wurde bewusstlos.</p><p>Ihr Sinn f�rs Praktische gewann die Oberhand. Melisande �berlegte, ob sie das Bergpferd nehmen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder, als sie sich klarmachte, dass sie keine Ahnung von diesem Tier hatte und es f�r die Waldpfade ungeeignet war. Sie hoffte dass die Soldaten zu besch�ftigt waren, um sie zu bemerken, und eilte hin�ber zu den Rotschimmeln. Mit ihren kleinen, geschickten Fingern und einer Schnelligkeit, die sie sich durch lange �bung erworben hatte, z�umte sie das noch stehende Pferd los und stieg mit gro�er Leichtigkeit auf. Dieses Pferd war ihr nicht fremd; es erkannte sie ebenfalls und scheute nicht vor ihr zur�ck.</p><p>Sie schmiegte sich an seinen Hals, trieb es zuerst zu einem Trab und dann zum leichtf��igen Galopp �ber den Waldweg an.</p><p>Melisande behielt diesen Galopp fast eine halbe Meile bei und fiel dann wieder in einen langsameren Trab. Der Weg wurde zu einem blo�en Pfad, und der Nachthimmel f�rbte sich grau in der fr�hen Morgend�mmerung. Als die Wolken rosig wurden, hatte sie den Weg bereits verlassen und reiste so direkt wie m�glich nordw�rts, angetrieben von Panik und einer inneren Stimme, die ihr angesichts des Grauens, dessen Zeugin sie geworden war, die schnellstm�gliche Flucht gebot.</p><p>Als die Sonne schlie�lich �ber den Horizont stieg und den eisigen Wald mit schwachem Licht erf�llte, in dessen Strahlen die B�ume silbern und wei� erschienen, hielt Melisande endlich an. Sie lauschte, h�rte aber nichts hinter ihr au�er den Lauten des Waldes, dem knirschenden Eis an den Zweigen, dem Rascheln der Kiefernnadeln im Morgenwind und den Rufen der Winterv�gel, die nun allm�hlich aufwachten.</p><p>Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Sie hatte sich vollkommen verirrt.</p><p>Als sie schlie�lich wieder durchatmen konnte, stieg sie ab und sah sich um. Dann kamen die Empfindungen, die sie w�hrend ihres �berlebenskampfes ausgeblendet hatte, mit gro�er Macht zur�ck. Sie sp�rte durch die Stiefel und die dicken Wollsocken ihre frierenden F��e; sie bebte vor K�lte, Angst und Hunger, hatte aber keinerlei Vorr�te au�er dem Wasserschlauch an ihrem G�rtel und keine Ger�tschaften mit Ausnahme des Messers in ihrem Stiefel.</p><p>Sie sah sich in dem schier endlosen Wald um und bemerkte, dass sie nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen konnte, wo sich der Pfad befand. <emphasis>Der Kreis sollte n�rdlich von hier liegen,</emphasis> schloss sie, <emphasis>oder vielleicht westlich.</emphasis> Ihr Kinn zitterte, aber sie zwang es zur Ruhe. Dann reckte und streckte sie sich, packte die Z�gel des Pferdes und machte sich auf den Weg nach Norden.</p><p>Sie hatte etwa tausend Schritte zur�ckgelegt, als sie von Kummer �berw�ltigt wurde. Melisande setzte sich auf den unebenen Boden unter einem hohen, struppigen Nussbaum und schluchzte so heftig, als breche ihr das Herz.</p><p>Nach einiger Zeit hatte sie sich wieder beruhigt. Sie stand auf, ging zur�ck zum Pferd und durchschritt weiter den Wald auf der Suche nach dem Kreis und nach Gavin.</p></section><section><title><p>16</p></title><subtitle>Am Rande der Krevensfelder</subtitle><p>Auch wenn diejenigen, die in der Oberwelt lebten, den Schlummer der Dhrakier nicht als richtigen Schlaf ansahen, war er doch f�r diese Rasse etwas Entsprechendes, eine Zeit des Stillstands von Denken und Handeln, eine Schl�frigkeit, die es ihrem K�rper erlaubte, auszuruhen und sich zu erholen, so wie es jedes lebende Wesen tat � ein Heilmittel der Wiederbelebung, dessen alle Kreaturen mit einem schlagenden Herz bedurften. Selbst die ann�hernde Unsterblichkeit, die ihnen als zum Anbeginn der Zeit geborenen S�hnen des Windes verliehen war, ersparte ihnen nicht die Notwendigkeit einer Rast.</p><p>Rath schloss die Augen, w�hrend er dar�ber nachdachte. Er hatte Unterschlupf an der windabgewandten Seite eines grasbewachsenen H�gels gefunden, und das Donnern des Windes um ihn herum lullte ihn ein. Zwar befreite die uranf�ngliche Elementarmacht ihrer Rasse und all jener, die ihnen �hnlich und in der Sprache der Menschenwelt als die Erstgeborenen bekannt waren, sie von vielen Beschr�nkungen, mit denen die sp�ter gekommenen V�lker geschlagen waren; aber es lag etwas Unausweichliches in der Notwendigkeit des Ausruhens, selbst wenn sie auf der endlosen Jagd nach ihrer Beute durch die Oberwelt streiften. Manchmal fragte sich Rath m��ig, ob Tod und Verdammnis dieser andauernden Wachsamkeit vorzuziehen w�ren, die von ihm und seinen Gef�hrten verlangt wurde � dieser dr�ngenden, grenzenlosen Notwendigkeit, die jeden anderen Lebenszweck ausschloss und sich in dem Wunsch nach der Vernichtung der Feuerd�monen manifestierte, welche als die F�dor bekannt waren.</p><p>Sicherlich w�re es einfacher, sterblich zu sein.</p><p>Aber es machte keinen Unterschied, ob es einfacher oder einem Leben als J�ger vorzuziehen war.</p><p>Es war unausweichlich.</p><p>Als er in einen Zustand der Entspannung hin�berglitt, wurde Rath von dem heimgesucht, was man unter seinesgleichen als Tr�ume bezeichnete. Es war dieselbe Art von Bildern und Erinnerungen, die seinen Geist jede Nacht erf�llten, wenn er den letzten seiner <emphasis>Kirai</emphasis> ausgesandt hatte und nicht mehr den Wind nach Spuren von F�dor-Gestank absuchte � wenn seine Pflichten f�r wenige Stunden aufgehoben waren, w�hrend der Rest der Welt schlief. Wie die anderen seiner Rasse hatte er irgendwann alle sieben Kontinente durchschritten, alle Sieben Meere befahren, war �ber beinahe jeden Fu�pfad und jede Nebenstra�e gereist, war durch Bereiche der Welt gewandert, die sonst nur von den V�geln gesehen oder von Bergziegen bewohnt wurden, st�ndig auf der Suche nach den Entkommenen, die ihnen immer wieder entwischten.</p><p>Es war eine erbarmungslose Jagd, eine nie endende Suche, und all die vergangenen Jahrhunderte hatten nur wenig gute Erinnerungen hinterlassen.</p><p>Rath rollte sich in seinem Schlummer auf die Seite. Trotz aller Anblicke, die seine Augen in dieser Welt in sich aufgenommen hatten, lag in seinem Geist eine deutliche Erinnerung an einen anderen Ort, den er seit Tausenden von Jahren nicht mehr gesehen hatte. W�hrend sein Atmen tiefer und langsamer wurde, besuchte er diesen Ort wieder, wie er es jede Nacht getan hatte, seit er von dort fortgegangen war.</p><p>Aus den Tiefen seines Geistes drangen Gedanken an eine Zeit, lange bevor die Menschheit den Planeten bev�lkert und unterjocht hatte, als hier nur f�nf Rassen lebten und seine eigene eine von ihnen war.</p><p>Sein Muttervolk, das die Menschen die Kith nannten, glaubte an die Geschichten �ber die Sch�pfung der Welt, die ihnen von den Seren erz�hlt worden waren, der einzigen anderen Rasse, die �lter als sie war. Die S�nger der Seren berichteten von der Geburt der Erde als einem Sternenst�ck, das von seiner Mutter abgebrochen und durch das Universum gesegelt war, bis es in einer Umlaufbahn um jenes glei�ende Wesen, das ihm zu Leben verholfen hatte, zur Ruhe gekommen war. Die Seren sagten, der Stein h�tte weiterhin mit Flammen aus weltlichem Feuer gebrannt, dem ersten Element, das der Erde eigen war. Als es bereits den Anschein hatte, dass die Flammen den neuen Planeten verschlucken w�rden, sanken sie allm�hlich in den Kern der neuen Welt zur�ck, wo sie weiterhin hei� und rein brannten. Es hie�, dass der neue Planet dann vom Element des Wassers �berzogen worden war, und die lebende See hatte sich bald �ber den ganzen Globus ausgebreitet und vor erwachendem Leben gebrodelt.</p><p>Zu diesem Zeitpunkt hatte das Bewusstsein seiner Rasse begonnen. Die Legende besagte, dass sich aus der Bewegung des Wassers ein Wind erhoben und die Wellen zur�ckgeblasen hatte, bis schlie�lich das Land, das letzte Element, enth�llt wurde. Von diesem Wind stammten die Wesen ab, die unter der Bezeichnung Kith bekannt waren. Rath erinnerte sich deutlich an die Geschichten, die ihm in der Dunkelheit erz�hlt worden waren und die davon berichteten, wie die Welt zu jener Zeit gewesen war, als die S�hne des Windes frei, unbehindert und ledig aller Pflichten �ber die Erde wandeln konnten. Es war eine raue Rasse ohne jedes Interesse an einer Verbindung oder Gemeinsamkeit mit den Wesen, die aus den anderen Elementen hervorgekommen waren � den gro�en, d�nnen, goldenen Kreaturen, die angeblich aus dem �ther, dem Element des Sternenlichts, geboren und als die Seren bekannt waren; den fl�chtigen, membranartigen Wesen, die Mythlin genannt wurden, deren Haut por�s und deren Fleisch beinahe gallertartig war und die sich im Meer ausbreiteten, aus dem sie stammten; den Wyrmril oder �Drachen� in der Menschensprache, jenen schlangenartigen Bestien, die eine andere Gestalt als die gew�hlt hatten, welche der Sch�pfer ihnen eigentlich zugedacht hatte, und die eifers�chtig die Erde bewachten, aus der sie gemacht waren. �Sie trugen die Spuren aller anderen Elemente in sich, die mit der Erde in Ber�hrung gekommen waren. Die Kith waren st�rkere Einzelg�nger als jede andere Rasse, die am gl�cklichsten waren, wenn sie auf den Armen des Windes die weite Welt durchstreifen konnten.</p><p>Doch das war vor Raths Zeit gewesen.</p><p>Lange vor seiner Geburt hatte es eine gro�e Schlacht gegeben, in der vier der uranf�nglichen Rassen gezwungenerma�en zu Verb�ndeten geworden waren, die sich zu dem Zweck zusammengetan hatten, die Welt vor der Vernichtung durch das erste Element, das zerst�rende und verzehrende Feuer, zu bewahren. F�r eine Weile hatte das Feuer eine nat�rliche Quelle gehabt, doch sehr fr�h im Leben der Welt waren einige Formen dieses Elements abtr�nnig und b�sartig geworden und hatten nicht mehr dem Sch�pfer, sondern der Vernichtung, der Leere, der Antithese des Lebens gedient. Diese Wesen, die aus dem Feuer hervorgegangen waren und sich dem Ziel der Zerst�rung hingegeben hatten, waren die fl�chtigen Geister, die als F�dor bekannt waren. Dies war die Rasse, nach der er und seine Bruderj�ger suchten.</p><p>Wie immer war Raths Atmen schwer geworden, als die Erinnerung ihm die Tiefe Kammer in der Erde zeigte, in der die F�dor von den vier Rassen des B�ndnisses eingesperrt worden waren. Er war vor dieser Kammer geboren worden und zu Bewusstsein gelangt, das Kind zweier dhrakischer Eltern aus dem Stamm der Kith, die geschworen hatten, als Gef�ngnisw�rter der F�dor zu dienen und unabl�ssig Wache vor der T�r der Tiefen Kammer zu stehen. Rath und die anderen seines Stammes waren noch rauer und gef�hlloser als die �brigen seiner Art, was haupts�chlich der nackten Erde und den Korridoren in der Finsternis zuzuschreiben war, in denen sie gehaust hatten. Dhrakier zu sein bedeutete, in endlosen Schmerz hineingeboren zu werden, eine Verirrung der Natur zu sein, ein Kind des Windes, dass von jeder Luft und Freiheit abgeschnitten und durch das Versprechen fr�herer Generationen dazu verdammt war, gefangen in der Erde f�r alle Ewigkeit in endloser Dunkelheit Wache zu stehen.</p><p>Oder wenigstens w�re es so gewesen, wenn da nicht das Schlafende Kind gewesen w�re.</p><p>Raths Herzschlag wurde schneller, wie immer, wenn er schlief und von dem Tag tr�umte, als der niedergehende Stern auf die Erde geprallt war und die Kuppel der Tiefen Kammer gesprengt hatte. Es war eine Sintflut hereingebrochen, die jeder Beschreibung spottete. Die Tunnel und Korridore um das Gef�ngnis aus Lebendigem Stein herum, das die zerst�rerischste Kraft enthielt, welche das Universum je hervorgebracht hatte, waren eingest�rzt, und er h�rte noch die Schmerzensschreie der W�chter sowie das Freudengeheul der Gefangenen, als diese ausbrachen und sich wie Wolfsmilch im Wind ausbreiteten. Damals war Rath noch jung gewesen, doch er erinnerte sich an den Geschmack von Salzwasser in seinem Mund, an das Brennen in der Nase, als das Meer hereindonnerte, und an das Entsetzen seiner ertrinkenden dhrakischen Gef�hrten � Entsetzen nicht �ber ihren drohenden Tod, sondern �ber das Wissen, dass die Welt, die sie besch�tzt hatten, nun nicht l�nger ein sicherer Ort war. Seine Mutter war damals unter den Toten gewesen. Er wurde noch immer vom Klang des Gel�chters heimgesucht, das in seinen Ohren donnerte und in seinem Trommelfell brannte, doch noch schlimmer war die Erinnerung an die leiser werdenden Stimmen und die darauf folgende Stille, als sich die D�monen in die Welt zerstreut hatten.</p><p>Als einer der �berlebenden W�chter hatte er mit grimmiger Freude den Kampf aufgenommen, die verbliebenen D�monen zur�ck in die Tiefe Kammer zu bringen, und er hatte dabei geholfen, sie rasch wieder zu versiegeln, sodass wenigstens einige der F�dor aufs Neue in der Erde gefangen waren. Es verschaffte ihm ein wenig Befriedigung, wenn er sich an das Wutgeheul und an die rauen Stimmen erinnerte, die wieder in ihrem Grab aus Lebendigem Stein verschwunden waren, doch er hatte genug vom Innern der Kammer gesehen, um zu wissen, dass es nur eine zeitweilige Einkerkerung sein w�rde. Jene F�dor, die hatten fliehen k�nnen, kannten neben der Vernichtung alles Lebendigen nur ein einziges Ziel.</p><p>All jene zu befreien, die den Ausbruch beim ersten Mal nicht geschafft hatten.</p><p>Der schlafende Dhrakier zuckte zusammen, als er sich in seinem Traum an den kurzen Blick erinnerte, den er auf den Blutdorn geworfen hatte, einen Baum, der jenen nicht un�hnlich war, die an den Orten wuchsen, wo die Zeit ihren Ausgang genommen hatte. Doch dieser hier war verzerrt und b�sartig gewesen, eine abscheuliche Verirrung, nicht so sehr Pflanze als vielmehr lebendes Wesen, mit Zweigen und �sten voller sich windender Dornen, die ausschlugen wie die Tentakel eines Seeungeheuers auf der Jagd nach Beute. Dieser Baum hatte eine gro�e Zahl seiner Gef�hrten aufgepf�hlt und verschlungen, bevor die Tiefe Kammer wieder versiegelt worden war. Wenn Rath sich an ihre Schreie erinnerte, krampfte sich seine Seele noch immer schmerzhaft zusammen.</p><p>Sein Vater war einer von ihnen gewesen.</p><p>Er wachte ruckartig auf, wie er es oft tat, und war in Schwei� gebadet, der rasch in der k�hlen Brise trocknete. Der Traum war vorbei, genau wie sein Schlummer, doch er hatte Rath wieder einmal gezeigt, warum diese Jagd so wichtig war und warum die Nadeln, die in seinen Adern stachen, notwendig waren, um die Welt vor etwas zu besch�tzen, das sie wieder in Flammen setzen wollte, so wie sie zu Beginn der Sch�pfung gewesen war. Es war eine d�stere Erinnerung, doch sie war unerl�sslich und versetzte ihn in die Lage, einen weiteren Tag hinter sich zu bringen und seine Suche nach jenen zerst�rerischen Wesen fortzusetzen, die sich gestaltlos und fl�chtig selbst vor dem Wind verbargen.</p><p>Und nach jedem lebenden Wesen, das jenen D�monen bewusst oder unbewusst half.</p><p><emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken.</emphasis></p><p>Wie �blich brachte sein <emphasis>Kirai</emphasis> nichts.</p><p>Rath versuchte es noch einmal.</p><p><emphasis>Ysk.</emphasis></p><p>Der salzige Geschmack kehrte in seinen Mund zur�ck; es war ein Widerhall gemeinsamen Blutes.</p><p>Rath erhob sich, sch�ttelte den Staub der Stra�e von seinen Kleidern und folgte abermals dem Klang.</p><subtitle>Auf den Feldern von Canderre</subtitle><p>Achmed hielt sein Reittier an und drehte das Gesicht von dem R�cken und den Schultern der Frau weg, die vor ihm im Sattel sa�. Sie war in einen Umhang aus Nebel geh�llt, der einen fauligen Gestank verstr�mte.</p><p><emphasis>�Hrekin�,</emphasis> sagte er s�uerlich. �Rhapsody, bei allem, was heilig und unheilig ist, was ist das f�r ein ekliger Geruch?�</p><p>�Ich glaub, jetzt hast du�s zum ersten Mal bemerkt�, sagte Grunthor fr�hlich. �Kinder geh�ren zu den Dingen, die besser schmecken als riechen.�</p><p>Rhapsody kicherte. �Falls du dir auch nur eine Armesl�nge von ihm entfernt die Lippen lecken solltest, werde ich dich mit der Tagessternfanfare ausweiden. Glaub nicht, dass ich dazu nicht in der Lage w�re, du kinderfressender T�lpel�, erwiderte sie.</p><p>Achmed stie� ver�rgert die Luft aus. �Als ich dir angeboten habe, auf meinem Pferd mitzureiten, habe ich das nur getan, weil dein Mann Angst hatte, du k�nntest in deinem geschw�chten Zustand aus dem Sattel fallen� ,sagte er und hielt seine Nase so weit wie m�glich vom Ursprung des Gestanks entfernt. �Du hast mich nicht gewarnt, dass dein Kind ein feines Wurfgeschoss abgeben w�rde � besser noch als verfaulter K�chenabfall oder toter Fisch.�</p><p>�Willst du eine Pause einlegen, damit ich ihm die Windeln wechseln kann?�, fragte Rhapsody und �ffnete die Falten ihres Umhangs. Achmed zuckte zur Seite und bedeckte seine empfindlichen Nebenh�hlen. Das kleine Kind schlummerte tief; die schwarzen Wimpern s�umten das rosige Gesicht, das im Licht des Mondes kaum sichtbar war. �Ich wei�, dass er schlecht riecht, aber ich glaube, es ist das Beste, wenn man schlafende Kinder in Ruhe l�sst.�</p><p>Die drei verstummten und tauschten einen raschen Blick aus. Rhapsodys Bemerkung hatte sie unbeabsichtigt auf ihre missliche Lage aufmerksam gemacht.</p><p>Vor langer Zeit war in einem Gedicht eine Prophezeiung von drei schlafenden Kindern ausgesprochen worden, die allesamt unterschiedslos �das Schlafende Kind� genannt wurden.</p><poem><stanza><v>Das Schlafende Kind, sie, die J�ngstgeborene,</v><v>Lebt weiter in Tr�umen, doch weilt sie beim Tod,</v><v>Der ihren Namen in sein Buch zu schreiben gebot,</v><v>Und keiner beweint sie, die Auserkorene.</v></stanza><stanza><v>Die Mittlere, sie liegt und schlummert leise,</v><v>Zwischen dem Himmel aus Wasser und treibendem Sand,</v><v>H�lt stille, geduldig, Hand auf Hand,</v><v>Bis zu dem Tag, an dem sie antritt die Reise.</v></stanza><stanza><v>Das �lteste Kind ruht tief, tief drinnen</v><v>Im immer stillen Scho� der Erden.</v><v>Noch nicht geboren, doch mit seinem Werden</v><v>Wird das Ende aller Zeit beginnen.</v></stanza></poem><p>Das erste Kind in der Prophezeiung lag sicher in den Bergen von Achmeds K�nigreich. Es war das Erdenkind, bestand aus Lebendigem Stein und stammte aus der Zeit, als die Welt geboren worden war. Vielleicht war es sogar das Letzte seiner Art, das die Drachen aus der elementaren Erde geformt hatten und als ihren Nachkommen ansahen. Die Rippen des Kindes bestanden aus demselben Lebendigen Stein wie die Tiefe Kammer, in der die D�monen gefangen gehalten wurden, und daher konnten sie als Schl�ssel dienen, wenn das Kind in die H�nde der F�dor fallen sollte.</p><p>Sie wussten, wo es sich befand.</p><p>Das zweite in der Prophezeiung erw�hnte Kind war der Stern, der auf der anderen Seite der Welt ins Meer gest�rzt war � derselbe Stern, der die Kammer zerschmettert hatte. Jener brennende Stern, der Tausende von Jahren unter den Meereswellen geschlafen hatte, war irgendwann wieder an die Oberfl�che gekommen und hatte die Insel Serendair vor vierzehn Jahrhunderten in einer feurigen Sintflut �bersp�lt.</p><p>Doch trotz all der Vernichtung und der Leben, die dabei untergegangen waren, hatte das mittlere Kind weitaus weniger Schaden angerichtet, als es den anderen beiden m�glich war.</p><p>Das dritte Schlafende Kind des Gedichts, das �lteste, hatten sie w�hrend ihrer Reise entlang der Axis Mundi gesehen, der Wurzeln der Weltenb�ume, die sie durch den Erdmittelpunkt geleitet hatten. Es war ein Wyrm von gewaltigen Ausma�en, der beinahe ein Sechstel der Erdmasse einnahm und in den kalten, dunklen W�sten unter dem Erdmantel schlief.</p><p>Und auf den Tag wartete, an dem die F�dor seinen Namen riefen und ihn weckten.</p><p>Worauf er die Erde verschlingen w�rde.</p><p>�Du musst die Windeln sofort wechseln�, sagte Achmed, w�hrend die Pferde auf der Stelle t�nzelten. �Der Gestank brennt mir die Haut von der Innenseite meiner Augenlider.�</p><p>In der Ferne erregte eine rasche Bewegung seine Aufmerksamkeit. Wenn er sich nicht abgewandt h�tte, um dem Gestank des Kindes zu entgehen, w�re sie ihm nie aufgefallen. Da war es wieder. Es war ein versteckter Hinweis darauf, dass sie zu Pferd verfolgt wurden.</p><p>Auch Grunthor hatte es gesehen. Er schnalzte den beiden Tieren zu, die als Packpferde dienten, und trottete mit ihnen weiter nach Osten.</p><p>Mit einer Schnelligkeit, die von jahrelanger Erfahrung herr�hrte, sprang Achmed still vom R�cken seines Pferdes. �berrascht schwankte Rhapsody im Sattel.</p><p>�Halt nicht an�, sagte er leise zu Grunthor. �Ich k�mmere mich um sie.� Er wartete, bis die Pferde weitergetrabt waren, und suchte dann in einem blattlosen Busch am Wegesrand Unterschlupf.</p><p>Kurz darauf sp�rte er im Boden den Klang und die Schwingungen von herannahenden Hufen. Einen Moment sp�ter erschien eine Hand voll Soldaten in Ashes Uniformen, die rasch und leise den anderen Pferden vor ihnen folgten, aber keine Anstalten machten, diese einzuholen.</p><p>Die Art, wie sie im Sattel sa�en, erregte Achmeds Aufmerksamkeit. Er hatte zugesehen, wie Anborn die cymrischen Krieger ausgebildet hatte, und wusste, dass seine Sch�ler nach vorn gebeugt auf ihren Pferden sa�en, damit sie nicht leicht abgeworfen werden konnten und ihre Eingeweide gesch�tzt waren. Aber die Soldaten, die nun die Stra�e hinabritten, sa�en hoch aufgerichtet im Sattel und befanden sich damit im vollkommenen Gegensatz zu den vom B�ndnis ausgebildeten Reitern.</p><p>Au�erdem ritten sie auf den grauen Bergpferden Sorbolds.</p><p>Der Bolg-K�nig kauerte sich zu Boden und fluchte stumm. Es hatte eine Zeit gegeben, da h�tte er sie bereits in einer Entfernung von einer Viertelmeile kommen gesp�rt. Er h�tte ihre Herzschl�ge auf seiner Haut gef�hlt und sie aus dieser Entfernung unter Beschuss nehmen k�nnen. Aber seine Blutgabe, die ihm als dem Erstgeborenen seiner Art auf der Insel Serendair verliehen worden war, war von ihm gewichen, als er die Insel verlassen hatte und im Wurzelgewirr der Sagia verschwunden war, dem Baum des elementaren Sternenlichts. Als er vierzehn Jahrhunderte sp�ter in diesem Land eingetroffen war, hatte er seine F�higkeit, unbeirrbar dem Herzschlag jeder lebenden Kreatur zu folgen, verloren. Sie stand ihm ironischerweise nur dann noch zur Verf�gung, wenn er mit jenen zusammen war, die gemeinsam mit ihm von Serendair gekommen waren.</p><p>Trotzdem besa� er noch betr�chtliches Geschick und eine gute Ausbildung.</p><p>Leise lud Achmed den Arm seiner Cwellan mit drei hauchd�nnen kreisf�rmigen Klingen. Diese Waffe hatte er vor einem ganzen Leben f�r sich selbst entworfen.</p><p>Er spannte sie und wartete.</p><p>Als die Kohorte ihn passierte, ohne ihn zu bemerken, schoss er den M�nnern zu Pferd in R�cken und Hals.</p><p>Die Klingen schnitten durch die N�hte in ihren R�stungen. Er lud erneut, feuerte wieder und wieder, noch bevor der erste K�rper auf den Boden schlug.</p><p>Er h�rte, wie die reiterlosen Pferde in einiger Entfernung verwirrt stehen blieben.</p><p>Achmed ging auf sie zu, trat dabei �ber die Leichen und durchsuchte ihr Gep�ck. Wie er erwartet hatte, gab es nichts, was darauf hingedeutet h�tte, dass sie keine Soldaten aus Roland waren. Er durchst�berte ihre Vorr�te, verscheuchte die Pferde und suchte die K�rper nach besonderen Merkmalen ab.</p><p>Weit vor sich sah er, wie Grunthor und Rhapsody anhielten und ihre Pferde wendeten. Er lief ihnen entgegen und �rgerte sich dabei, dass es nicht sein eigenes empfindsames Netz aus Nerven und Blutgef��en, sondern die ekelhaften Absonderungen eines Neugeborenen gewesen waren, die ihn auf die Gegenwart ihrer Verfolger aufmerksam gemacht hatten.</p><p>�Ich werde allm�hlich zu alt f�r diesen <emphasis>Hrekin�,</emphasis> murmelte er.</p><empty-line/><p>Nachdem sie in jener Nacht ihr Lager aufgeschlagen hatten, das Kind gestillt war, seine Windeln gewechselt waren und es genauso friedlich wie die beiden Firbolg schlief, holte Rhapsody eine kleine Fl�te aus ihrem Gep�ck. Es war ein einfaches rotes Instrument, das sie auf Reisen immer mit sich f�hrte. W�hrend Meridion in ihrem Scho� schlummerte und wie immer in den Umhang aus Nebel geh�llt war, begann sie mit einer einfachen Melodie, die sie Ashe in ihren gemeinsamen Tagen oft am Feuer vorgespielt hatte.</p><p>Die Wolken im tintenschwarzen Himmel segelten still und gem�chlich in der n�chtlichen Brise. Rhapsody stellte sich vor, sie binde die Noten des Liedes an ihnen fest, um sie wie eine Liebesbotschaft durch den Himmel zu schicken. Dabei hoffte sie, dass ihr Gemahl unter demselben Firmament stand und dieselben Sterne betrachtete.</p><p>Als sie spielte, war sie sich zun�chst der Tr�nen auf ihren Wangen nicht bewusst.</p><p>Das Gef�hl eines tiefen und erstickenden Verlusts stieg br�llend in ihr auf und machte ihr Lied bitter und schrill. Rhapsody legte das Kinn auf die Brust und erinnerte sich an die gemeinsamen Reisetage, wo sie einander nicht vertraut und sich doch in der Gegenwart des anderen wohl gef�hlt hatten, w�hrend sie sich langsam und unwiderruflich ineinander verliebt hatten.</p><p>Sie konnte nicht glauben, dass sie nun wieder getrennt waren.</p><p>Sie r�usperte sich, wischte sich wild die Tr�nen aus dem Gesicht und begann erneut mit dem Lied, wobei sie das musikalische Muster seines Namens hineinwob. Als die Melodie vollst�ndig war, sang sie sie leise nach, w�hrend sie noch in der Luft schwebte.</p><p><emphasis>Gwydion ap Lianron ap Gwylliam tuatha d�Anwynen o Manosse, ich vermisse dich,</emphasis> stimmte sie an und lenkte die langen Klangwellen in den Wind, an die mit einem unsichtbaren Faden sein Name gebunden war. <emphasis>Ich liebe dich � vergiss mich nicht.</emphasis></p><p>Dann rollte sie sich mit ihrem Kind zusammen, k�sste es und fiel in einen Schlaf voller verwirrender Tr�ume.</p><empty-line/><p>Weit entfernt, in der Festung von Haguefort, stand ihr Gemahl auf dem Balkon der Bibliothek und beobachtete den �stlichen Himmel.</p><p>Der Wind fuhr ihm durch die Haare und brachte eine W�rme mit, die bisher noch nicht bis zu dem vom Winter eingeh�llten Land vorgedrungen war. In diesem Wind lag ein Lied � ein Lied, das er vor langer Zeit geh�rt hatte, als Rhapsody ihn zu der Grotte von Elysian gerufen hatte, um ihm ein verloren geglaubtes St�ck seiner Seele, das sie gefunden hatte, zur�ckzugeben.</p><p>In dieser Erinnerung h�rte er ihre Stimme.</p><p><emphasis>Gwydion ap Llauron ap Gwylliam tuatha d�Anwynen o Manosse, ich vermisse dich.</emphasis></p><p>Ashe l�chelte.</p><p>�Ich vermisse dich ebenfalls, Emily�, sagte er, auch wenn er wusste, dass sie ihn nicht w�rde h�ren k�nnen. �Aber ich werde dich heute Nacht in meinen Tr�umen wieder sehen. M�gen die deinen s�� sein.�</p><p><emphasis>Ich liebe dich � vergiss mich nicht.</emphasis></p><p>�Als ob ich dich je vergessen k�nnte.� Der cymrische Herrscher stand lange unter dem Sternenhimmel, aber keine weitere Botschaft erreichte ihn.</p><p>Schlie�lich seufzte er und ging zu Bett, umh�llt von den warmen Erinnerungen an ein M�dchen auf einer Wiese � auf der anderen Seite der Zeit.</p></section><section><title><p>17</p></title><subtitle>Am Waldrand zwischen Navarne und Gwynwald</subtitle><p>Melisande war schon fast einen ganzen Tag gereist, als sie allm�hlich bef�rchtete, dass sie sich im Kreis bewegte.</p><p>Und sie war schon fast zwei Tage gereist, als sie bef�rchtete, dass sie verfolgt wurde.</p><p>In der Ferne h�rte sie das Pl�tschern von Wasser und trieb ihr Pferd vorw�rts, denn sie wusste, dass es durstig war. Unter einem Baum befand sich ein teilweise zugefrorener Teich, der von einer Quelle gespeist wurde. Sie glaubte, hier bereits am vergangenen Tag Rast gemacht zu haben. Melisande schluckte ihre Verzweiflung herunter, stieg ab und f�hrte das Pferd zum Wasser. W�hrend es trank, f�llte sie ihren Wasserschlauch.</p><p>Aus den Augenwinkeln heraus glaubte sie eine Bewegung in n�rdlicher Richtung zu sehen, die kaum weiter als einen Steinwurf entfernt war, aber als sie genauer hinschaute, erkannte sie nichts als den verschneiten Wald, die immergr�nen B�ume, deren Zweige sich schwer unter der eisigen Last beugten, und die Hecken sowie das Unterholz, das von k�rzlich gefallenem Schnee �berzogen war.</p><p>Melisande stand aufrecht da. Sie blickte noch angestrengter in das Gr�n, sah aber immer noch nichts. Trotzdem zog sie ihr Messer aus dem Stiefel und hielt es drohend vor sich.</p><p>�Zeigt euch�, verlangte sie von den B�umen und H�geln.</p><p>Nichts als der Wind antwortete ihr.</p><p>Sie wartete lange, dann kam sie sich n�rrisch vor und trank aus dem Teich. Sie bek�mpfte die Stiche des Hungers und der Verzweiflung, kehrte zu ihrem Pferd zur�ck und wollte sich wieder auf den Weg machen.</p><p>Hinter ihr stand in einem Dickicht aus jungen B�umen ein Mann, dem Aussehen nach ein Bauer oder J�ger. Er war mittleren Alters, hatte einen Bart und schaute d�ster drein. Sein Gesicht und seine Kleidung waren unauff�llig. Er trug einen Mantel aus grobem braunem Tuch minderer Qualit�t und Stiefel aus Hirschleder. Wenn er nicht aus dem Dickicht getreten w�re, h�tte sie ihn nicht bemerkt, so einfach und farblos war sein �u�eres. Ein langer, unten spitz zulaufender Weidenkorb und ein K�cher mit Pfeilen waren an seinem R�cken festgezurrt, und er trug einen Bogen in der Hand, doch andere Waffen waren nicht zu erkennen. Er sagte nichts, sondern beobachtete sie mit dunklen Augen, deren Blick scharf und ein wenig einsch�chternd war.</p><p>Rasch zog Melisande wieder ihren Dolch.</p><p>�Bleib da, wo du bist�, sagte sie mit einer Stimme, von der sie hoffte, dass sie bedrohlich klang.</p><p>Der Fremde regte sich nicht.</p><p>Melisande ergriff die Z�gel. �Keine Bewegung�, sagte sie.</p><p>Der Mann gehorchte und schwieg.</p><p>Das M�dchen drehte sich um und wollte gerade aufsteigen, doch da erinnerte es sich an sein Messer. Melisande umfasste es mit der rechten Hand und dachte noch einmal nach. Falls der Mann sie angreifen sollte, w�re sie im Nachteil, denn sie war Linksh�nderin. Der Fremde sah ihr einfach nur zu, w�hrend sie �berlegte. Schlie�lich steckte sie sich das Messer wie ein Pirat zwischen die Z�hne und kletterte in den Sattel.</p><p>Der Mann beobachtete sie immer noch.</p><p>Melisande nahm das Messer aus dem Mund und zog an den Z�geln. Als sie bereit zur Abreise war, sagte der Fremde endlich etwas. Seine Stimme klang kehlig, als spreche er nicht oft.</p><p>�Bist du verletzt?�</p><p><emphasis>Wenn ich es w�re, w�rde ich es dir sicherlich nicht sagen,</emphasis> dachte Melisande. �Nein�, antwortete sie, �aber du wirst es bald sein, falls du versuchen solltest, mich aufzuhalten.�</p><p>Der Mann zuckte die Achseln. �Du hast dich verirrt.�</p><p>�Ich bin die Herrin Melisande von Navarne, und inzwischen sucht bereits eine gro�e Zahl Soldaten nach mir�, erwiderte Melisande und k�mpfte hart darum, weiterhin tapfer zu wirken. �Du wirst dich jetzt wieder auf den Weg machen, genau wie ich selbst.�</p><p>Der Mann faltete die H�nde.</p><p>�Und wohin seid Ihr unterwegs, Herrin Melisande Navarne? Ich kann Euch den Weg zeigen, es sei denn, Ihr wandert gern ziellos durch den Winterwald.� Der Mann schluckte, als w�re es f�r ihn unangenehm, so viele W�rter hintereinander hervorzubringen.</p><p>Melisande atmete tief ein. Sie w�rde ihm gern vertrauen, aber da sie vor kurzer Zeit noch die Freundlichkeit von Fremden im Wald hatte erleben d�rfen, wollte sie diesen Mann nicht zu nahe an sich heranlassen.</p><p>�Ich bin auf dem Weg zum Kreis und will mit dem F�rbitter Gavin sprechen�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Der Mann zog die Augenbrauen zusammen. �Da seid Ihr aber auf dem falschen Weg. Der Kreis liegt westlich von hier, und Ihr reitet nach S�den.�</p><p>Melisande seufzte erbarmungsw�rdig.</p><p>�Ich k�nnte Euch dorthin bringen�, bot ihr der Mann an.</p><p>Das Pferd t�nzelte auf der Stelle. Melisande rutschte im Sattel hin und her; ihre Beinmuskeln hatten sich verkrampft und schmerzten. �Warum sollte ich dir vertrauen?�, fragte sie und hoffte insgeheim, er werde ihr einen guten Grund nennen.</p><p>Der Mann schien gehen zu wollen. �Kommt mit mir, wenn Ihr wollt. Lasst es sein, wenn es Euch lieber ist. Wenn Ihr recht habt, werden die Soldaten Euch bald finden.� Er machte sich auf den Weg durch das Unterholz.</p><p>�Bist � bist du jemals dort gewesen?�, rief sie ihm nach.</p><p>�Wo?�</p><p>�Beim Kreis. Bist du schon einmal dorthin gegangen?�</p><p>Der Fremde blieb stehen und dachte nach. �Gelegentlich. Allerdings nicht oft.� Dann wandte er sich wieder ab und verschwand zwischen zwei Baumst�mmen.</p><p>Melisande z�gerte zun�chst, doch da sie keine andere M�glichkeit sah, trieb sie ihr Pferd vorw�rts, hielt allerdings einigen Abstand zu der braunen Gestalt, die auf verwirrende Weise mit dem Wald verschmolz.</p><empty-line/><p>Nach einigen Stunden fragte sich Melisande allm�hlich, ob der Fremde wollte, dass sie sich in diesem Wald noch mehr verirrte.</p><p>Er war zwar zu Fu� unterwegs, w�hrend sie ritt, doch er bewegte sich viel schneller als sie durch das Geh�lz.</p><p>Ihr Magen knurrte und schn�rte sich zusammen; seit dem Abendessen vor ihrem Aufbruch hatte sie nichts mehr zu sich genommen und war schwach vor Hunger. Als der Mann endlich zur Nacht anhielt, nahm sie all ihren Mut zusammen und redete ihn so h�flich wie m�glich an.</p><p>�Hast du � etwas zu essen, das du entbehren k�nntest?�</p><p>Der Fremde drehte sich zu ihr um und bedachte sie mit einem scharfen Blick. Kurz darauf nahm er den Weidenkorb von seinem R�cken, fischte darin herum und nahm ein in Stoff eingewickeltes P�ckchen heraus. Er wickelte es aus, und es kam ein kleiner Laib hart gebackenen Schwarzbrotes zum Vorschein. Er trat auf sie zu und bot es ihr an. Rasch zog Melisande ihr Messer.</p><p>�Du isst zuerst etwas davon�, sagte sie und schwang dabei das Messer.</p><p>Der Mann nickte. Er ergriff den Laib und biss ein St�ck vom Ende ab, kaute und schluckte es herunter. Er nahm einen weiteren Bissen, dann noch einen und steckte sich schlie�lich auch den gesamten Rest in den Mund. Er drehte sich um, lief in den Wald und lie� das niedergeschlagene M�dchen allein zur�ck.</p><p>Melisande stie� entt�uscht die Luft aus, trieb dann ihr Pferd an und folgte ihm. <emphasis>Nun, das war dumm von mir,</emphasis> tadelte sie sich. <emphasis>Vielleicht tut er ja das Richtige. Jedenfalls werde ich von nun an still sein.</emphasis></p><empty-line/><p>Schweigend gingen sie weiter. Kein Laut war zu h�ren au�er dem Winterwind und dem Geklapper der Pferdehufe. Allm�hlich bemerkte Melisande, dass der Wald sich ver�nderte. Zuerst schien er heller zu werden. Vielleicht lag hier mehr Schnee auf den Zweigen und �sten der B�ume. Bald jedoch stellte sie fest, dass viele der B�ume selbst eine wei�e oder blassgraue Rinde hatten. Es waren Erlen, Birken und Silberahorne. Aus ihren Studien wusste sie, dass die Vorsilbe <emphasis>Gwyn</emphasis> Wei� bedeutete, aber erst jetzt, als sie diesen Ort mit eigenen Augen sah, begriff sie, warum er so benannt worden war.</p><p>Auch gab es viele Stellen, an denen der Boden unter dem Tuch aus Schnee schwarz und versengt war und die B�ume Anzeichen von Brandsch�den zeigten. An diesen Orten wuchsen neue Sch�sslinge und dichtes Unterholz. Die jungen B�ume trotzten aufrecht dem Winterwind und richteten sich dort ein, wo ein Ungl�ck ihre Vorfahren vernichtet hatte. Melisande f�hlte sich mit ihnen verwandt; genauso war es bei ihr und Gwydion.</p><p>Als die Sonne bereits sank, kamen sie tief im Wald schlie�lich zu einer gr��eren Lichtung, auf der ein kleines Dorf lag. Es gab etliche H�user und H�tten, einige aus Stein und andere aus Lehm oder Fachwerk mit Torfd�chern. Dar�ber hinaus sah Melisande mehrere gro�e, aus Holz errichtete Geb�ude mit schweren T�ren und kegelf�rmigen Riedd�chern.</p><p>Rauch stieg gem�tlich aus den Kaminen der Geb�ude auf.</p><p>�ber den T�ren der H�tten und H�user hingen Amulette aus hell bemaltem oder eingelegtem Holz oder aus Emaille, die verzwickte und wundersch�ne Muster trugen. Die meisten Geb�ude hatten G�rten an der Seite oder im Hinterhof, die winterfest gemacht worden waren und im Fr�hling zweifellos eine Nahrungsquelle f�r die Bewohner der H�user darstellten, die entweder get�ncht waren oder Steinornamente als Schmuck besa�en.</p><p>Der Mann hatte die Hauptwege durch das Walddorf gemieden, aber Melisande sah dennoch, dass die Leute trotz der K�lte in Wollm�nteln umherliefen, die mit Indigo, Goldrute oder Blattgr�n gef�rbt waren, um Blau, Gelb oder Gr�n hervorzubringen. Andere waren in Nussschalen oder Heidekraut getr�nkt, um erdigere T�ne zu erzeugen: trauriges Braun und ernstes Grau. Diese M�nner und Frauen trugen K�rbe und Werkzeuge, und den Beschreibungen zufolge, die Melisande von ihrem Vater und von Rhapsody geh�rt hatte, vermutete sie, dass es sich um die Filiden handelte, die Naturpriester, die ihren Gottesdienst in dem von ihnen als heilig erachteten Wald abhielten und sich um den Gro�en Wei�en Baum k�mmerten, der am letzten der Orte stand, an denen angeblich die Zeit ihren Ausgang genommen hatte.</p><p>Zus�tzlich zu den in Roben gekleideten Geistlichen sah sie bewaffnete M�nner, die Bogen, Speere, �xte und andere f�r Waldl�ufer und Sp�her typische Waffen mit sich f�hrten und lederne R�stungen trugen. Melisande bemerkte, dass die Kleidung des Fremden �hnlich der der Waldl�ufer war. Vermutlich war er einer von ihnen. Sie entspannte sich ein wenig. Wenn er Gavin diente oder ihn kannte, dann w�rde er ihr sicherlich nichts antun.</p><p>Kurz bevor die Sonne hinter dem Horizont versank, kamen sie zu einer gro�en Wiese mitten im Wald. Dort erhob sich der Gro�e Wei�e Baum, dessen Stamm heller als der Schnee war und dessen gro�e, elfenbeinfarbene Zweige sich wie gewaltige Finger in den d�mmerigen Himmel erhoben. Seine blasse Borke glimmerte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, und seine schiere Gr��e brachte Melisande dazu, ihr Pferd anzuhalten und ihn verbl�fft anzustarren. An seiner Basis besa� er einen Durchmesser von mehr als f�nfzig Fu�, und die ersten seiner gigantischen �ste erstreckten sich h�her als hundert Fu� �ber dem Erdboden. Die Gesamtheit der Zweige bildete einen gewaltigen Baldachin, der �ber die anderen B�ume des Waldes reichte, als wolle er diese vor dem Himmel besch�tzen.</p><p>Um den Stamm war etwa hundert Ellen von den Stellen entfernt, wo die gro�en Wurzeln den Boden durchstachen, ein Ring von B�umen gepflanzt, jeder von einer anderen Art. Noch weiter zur�ck s�umten niedrige Steinmauern Winterg�rten ein, die mit B�ndern und gr�nen Zweigen geschm�ckt waren, zweifellos zur Feier des nahenden Fr�hlings. Vom R�cken ihres Pferdes aus betrachtete Melisande die �berw�ltigende Sch�nheit, die man ihr bereits fr�her beschrieben hatte, doch bis jetzt hatte sie sich diesen Ort nicht recht vorstellen k�nnen.</p><p>Sie wusste nicht, wie lange sie in Gedanken verloren still dagesessen hatte; es hatte beinahe den Anschein, als w�re sie vor Ersch�pfung und Anstrengung sowie unter dem Eindruck der Sch�nheit, die sie hier sah, auf dem Pferd eingeschlafen. Eine Stimme neben ihr weckte sie aus ihrem Tagtraum.</p><p>�Kind? Kann ich dir helfen?�</p><p>Melisande schaute nach unten. Der Mann war verschwunden.</p><p>Eine Frau stand neben dem Pferd. Sie trug eine indigorote Robe mit zur�ckgeschlagener Kapuze, war schlank und hatte dunkles Haar, durch das sich Silberf�den zogen. Ihr Gesicht und K�rper zeigten viele Merkmale, die auch Rhapsody aufwies. <emphasis>Sie muss eine Lirin sein,</emphasis> bemerkte Melisande. Sie hatte schon fr�her Lirin gesehen, wenn auch selten, und jedes Mal hatte sie bei solchen Begegnungen an ihren Vater gedacht, der dieses Volk sehr gesch�tzt hatte.</p><p>��h, ja�, sagte sie und versuchte, ihre Ersch�pfung abzusch�tteln. �Ich bin hier, weil ich mit dem F�rbitter Gavin sprechen will.�</p><p>Die Augen der Frau weiteten sich, und sie l�chelte. �Wirklich? Und wer bist du, mein Kind?�</p><p>Sie dachte daran, wie aufgeblasen und dumm sie geklungen hatte, als sie dem Mann begegnet war, und wie unbeeindruckt er gewesen war; also versuchte sie, eine gr��ere Demut in ihre Stimme und ihre Worte zu legen.</p><p>�Ich hei�e Melisande.�</p><p>�Also gut, Melisande, du scheinst sehr m�de zu sein. Steig ab, und ich werde mich um dich k�mmern. Mein Name ist Elara.�</p><p>Die Herrin von Navarne sch�ttelte den Kopf. �Nein, vielen Dank. Ich muss wirklich mit Gavin reden. Ich komme von weit her, und er erwartet mich.�</p><p>Die Frau seufzte. �Ich wei� nicht einmal, ob er hier ist�, sagte sie und schaute unbehaglich drein. �Eigentlich glaube ich, dass er fortgegangen ist. Aber ich werde ihm eine Nachricht schicken, dass du eingetroffen bist. Komm jetzt herunter, ansonsten f�llst du noch vom Pferd.�</p><p>Dankbar stieg Melisande ab. Als sie auf den Boden traf, stolperte sie. Sie war vom Hunger geschw�cht und ihre Beine waren kraftlos. Die Naturpriesterin legte einen Arm um sie und f�hrte sie zu einem gro�en Geb�ude mit kegelf�rmigem Dach am �u�eren Rand des Wintergartens, in dem viele M�nner und Frauen in erdfarbenen Umh�ngen ein- und ausgingen.</p><p>Elara hielt ihr die seltsam beschnitzte T�r auf, �ber der ein Amulett aus fein gearbeitetem Holz hing, und bedeutete dem Kind mit einer Handbewegung, vor ihr einzutreten. Melisande gehorchte; in ihrem Kopf pochte es.</p><p>In dem h�lzernen Geb�ude, das von einem gro�en Kamin mit einem knisternden Feuer darin gew�rmt wurde, standen viele lange, niedrige Tische und kurzbeinige St�hle, auf denen die Naturpriester sa�en, a�en und miteinander redeten. Im Raum wurde es still, als Elara sie zu einem solchen Tisch f�hrte und sie bat, sich zu setzen; dann wurden die Gespr�che wieder aufgenommen.</p><p>�Warte hier, ich hole dir etwas zu essen�, sagte die Priesterin.</p><p>�Bitte, ich muss mit Gavin sprechen�, platzte Melisande heraus. Panik stieg in ihr auf. �Bitte. Du verstehst das nicht. Ich muss ihn unbedingt sehen.�</p><p>Elara dr�ckte ihre Schulter. �Iss erst etwas�, meinte sie. �Ich werde eine Nachricht zu seinem Haus schicken. Wenn er da ist und dich auch sehen will, dann wird er nach dir schicken.�</p><p>�Vielen Dank�, sagte Melisande und k�mpfte darum, nicht zu weinen. Sie biss die Z�hne zusammen und nickte dankbar, als die Priesterin ihr einen Becher mit warmem, gew�rztem Apfelwein und einen Teller mit dunklem Brot und Hartk�se brachte. Dann sagte sie leise etwas zu einem Mann in einer braunen Robe ohne Kapuze, der daraufhin Melisande kurz anstarrte und das Geb�ude verlie�.</p><p>Elara bedeutete ihr noch einmal, sich hinzusetzen. �Wie bist du hergekommen?�</p><p>�Ein Mann hat mich im Wald entdeckt�, erkl�rte sie zwischen einigen Schlucken warmen Apfelweins. �Er hat nicht viel geredet, aber als ich ihm gesagt habe, dass ich Gavin sehen muss, hat er mich zu dem Baum gebracht.�</p><p>�Das war vermutlich einer der Waldl�ufer�, sagte Elara. �Sie sind ziemlich wortkarg und still. Es ist ihre Aufgabe, den Wald zu durchstreifen und Hilfe zu leisten, wenn es n�tig ist. Warum willst du denn unbedingt mit Gavin sprechen, Melisande?�</p><p>In ihrem Bauch breitete sich ein Gef�hl aus, das demjenigen nicht un�hnlich war, das sie immer bekam, wenn sie krank wurde und sich �bergeben musste. Sie versuchte die Tr�nen zur�ckzuhalten, doch sie �berwanden alle Hindernisse und ergossen sich aus ihren Augen. �Wir wurden angegriffen. Die Kutscher sind tot, und die Soldaten vermutlich auch�, sagte sie und bekam einen Schluckauf. �Und vielleicht auch Ger � Gerald. Ich bin losgeschickt worden, um mit Gavin zu reden � und ��</p><p>Die Naturpriesterin machte ein entsetztes Gesicht und legte den Arm wieder um das M�dchen.</p><p>�Von wem bist du geschickt worden, Melisande? Wer sollte ein Kind zum F�rbitter der Filiden schicken? Verstehst du �berhaupt, worum du bittest? Gavin ist der Anf�hrer einer Religionsgemeinschaft mit mehr als drei Millionen Gl�ubigen. Es ist, als w�rdest du in die Basilika zu Sepulvarta gehen und mit dem Patriarchen sprechen wollen � oder zum Palast und den Herrn und die Herrin der Cymrer zu sehen w�nschen.�</p><p>Melisande legte den Kopf auf die Arme. �Nun, der Herr und die Herrin der Cymrer haben mich zu ihm geschickt�, sagte sie ungl�cklich, �daher habe ich geglaubt, es w�re nicht schwierig.�</p><p>�Der � was?� Elara war sprachlos. Sie zog den Apfelwein und das Brot n�her heran und sah schweigend zu, wie das M�dchen a� und trank.</p><p>Die geschnitzte T�r des Hauses wurde wieder ge�ffnet, und der Mann in der braunen Robe kehrte mit weit aufgerissenen Augen zur�ck. Er nickte Elara zu. Die filidische Priesterin schaute auf das M�dchen herunter und l�chelte.</p><p>�Nun, dein Wunsch wird dir erf�llt werden. Komm, ich bringe dich zu Gavin.�</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Die beiden filidischen Geistlichen warteten, bis Melisande mit dem Apfelwein und dem K�se fertig war. Sie stopfte das Brot in die Tasche ihres Umhangs und erntete dabei ein L�cheln von den beiden. Dann wurde sie wieder hinaus in den winterlichen Garten gef�hrt, vorbei an vielen weiteren Leuten in Gew�ndern, die sich um die schlafenden Beete und widerstandsf�higen Str�ucher k�mmerten. Bald waren sie am Baumkreis angelangt, der den Gro�en Wei�en Baum umgab.</p><p>Die Sonne war inzwischen hinter dem Horizont verschwunden und hinterlie� tintenschwarze Wolken im Rest von Blau am Rande der Welt. Der Mond ging gerade auf; er hing tief am Himmel und verbreitete kaltes Licht auf der Wiese. Ein Pfad von dem Geb�ude zum Kreis der B�ume und dar�ber hinaus bis zur anderen Seite der Wiese war von Laternen erhellt, die an h�lzernen Pfosten hingen.</p><p>Je n�her sie dem gigantischen Baum kamen, desto w�rmer wurde es Melisande. Es war etwas Verzauberndes an diesem Baum, das bis in ihr Herz hineinreichte. Rhapsody hatte ihr von ihrer eigenen Zeit an diesem seltsamen Ort der Naturmagie berichtet und von den Waldl�ufern wie dem Mann, der sie zu dem Kreis gebracht hatte. Sie k�mmerten sich um die Waldpfade, geleiteten Pilger an die St�tten, die all jenen heilig waren, welche dem Glauben der Filiden anhingen. Auch hatte Rhapsody Melisande von den ausgedehnten Kr�uterg�rten erz�hlt, wo man die Arzneien und Kr�uter zog, die bei den Ritualen benutzt wurden, und von den Heilern, die Verletzungen und Krankheiten sowohl bei Menschen als auch bei Tieren heilen konnten, und vor allem von dem Baum, der angeblich ein uraltes Lied sang, das in seiner Sch�nheit unbeschreiblich war. Melisande h�rte dieses Lied nicht, aber sie sp�rte seine Macht.</p><p>Sie versuchte sich daran zu erinnern, was die cymrische Herrscherin �ber Gavin selbst gesagt hatte. Rhapsody hatte zusammen mit ihm Forschungen betrieben, hatte in seiner Gegenwart einen gro�en Teil des Waldes durchstreift und schien ihn sehr zu m�gen, doch sie hatte wenig �ber ihn mitgeteilt, vor allem deshalb, weil niemand ihn wirklich gut zu kennen schien � nicht einmal die Waldl�ufer, die er pers�nlich ausbildete. Als Rhapsody ihm zum ersten Mal begegnet war, war er der Oberl�ufer gewesen und hatte das Amt des F�rbitters erst angenommen, als Ashes Vater Llauron seine menschliche Gestalt aufgegeben hatte und in die eines Drachen geschl�pft war. All das bildete ein ziemliches Durcheinander in Melisandes Kopf; sie war noch sehr klein gewesen, als diese Ereignisse stattgefunden hatten, und daher erschienen sie ihr kaum mehr als ein M�rchen � ein M�rchen, dessen Akteure sie kannte.</p><p>Als sie die dunkle Wiese �berquerten, glaubte sie wieder Anzeichen eines k�rzlich ausgebrochenen Feuers zu erkennen. Viele der B�ume im Kreis um den Gro�en Wei�en Baum waren neu angepflanzt oder schlimm verbrannt, einschlie�lich des dichten Waldes aus uralten, hohen und ausladenden B�umen, die um das Haus herum standen, auf das sie nun zugingen.</p><p>Im Gegensatz zu dem Haus, in dem Llauron gelebt und das sie auf Zeichnungen im Museum ihre Vaters gesehen hatte, war dieses kaum mehr als eine gro�e H�tte mit einem hohen Walmdach und W�nden aus duftendem Zedernholz. Llaurons Haus war von seinem Vater Gwylliam dem Vision�r zwischen den B�umen errichtet worden und hatte diese in vielen seltsamen Winkeln umgeben. Teile davon hatten bis in den Baldachin aus Bl�ttern gereicht, und ein Turm in der Mitte war so hoch gewesen, dass er �ber den Wald hinausgeblickt hatte. Das ganze Anwesen war von vielen sch�nen, gem�tlichen G�rten umgeben gewesen. Melisande war von den Zeichnungen begeistert gewesen, und ihr Vater hatte ihr die gro�artigen Erfindungen beschrieben, die Gwylliam darin installiert hatte, um es den Pflanzen zu erm�glichen, in Glash�usern auch im Winter zu wachsen. Au�erdem hatte es R�hren im Haus gegeben, durch welche die Leute mit anderen Leuten in anderen R�umen hatten sprechen k�nnen, und eine hoch gelegene Voliere mit Botenv�geln darin, die in wundersch�nen Bambusk�figen lebten; diese glichen den Zielgeb�uden, zu welchen sie ihre Botschaften bringen sollten. Dort hatten Stephen und Ashe als Jungen viele gl�ckliche Stunden verbracht. Der Gedanke an seine Miene, wenn er sich an jene Zeiten erinnerte, schmerzte sie trotz ihrer bezaubernden Umgebung.</p><p>Im Gegensatz zu diesen Beschreibungen war das neue Haus klar gegliedert und einfach; es war kaum gr��er als der Marstall in Haguefort, der eine Festung im Kleinen war. Die Fenster waren rund und hatten vorgelegte Holzl�den mit einfachen K�sten darunter. Das Haus war einst�ckig bis auf einen schmalen, weit �ber die Baumwipfel reichenden Aussichtsturm mit einer eingebauten Treppe. Zwei Laternen flankierten die H�tte, und ihre Flammen brannten hell, wenn auch nicht warm.</p><p>Das einzig Bemerkenswerte an diesem Geb�ude war die T�r. In den Schatten, die die Laternen warfen, erschien sie von Ru� �berzogen, aber nicht verbrannt. Sie war gew�lbt und bestand aus einem Holz, das Melisande nicht kannte. Au�erdem war sie von Salz angefressen. Die winzigen �berreste eines Bildnisses waren kaum mehr sichtbar; es war nur noch eine abgebl�tterte Vergoldung zu erkennen, die einst ein mythisches Wesen, vielleicht einen Drachen oder einen Greif, bedeckt hatte.</p><p>Eine gro�e, von schlafenden G�rten ges�umte Steinmauer f�hrte zu der schweren Holzt�r, die von Waldl�ufern bewacht wurde.</p><p>�Hier lebt Gavin�, erkl�rte Elara. Sie ging zu den W�chtern und redete mit ihnen in einer Sprache, die Melisande nicht verstand. Die W�chter antworteten ihr in derselben Sprache. Elara nickte und drehte sich zu dem M�dchen um.</p><p>�Gavin ist beim Baum�, sagte sie. Mit dem Kopf deutete sie hin�ber zu der Wiese, auf der sich eine gro�e Anzahl Filiden und Waldl�ufer befanden. Einige k�mmerten sich um den W�chterkreis der B�ume, andere berieten sich, wieder andere waren in rituelle Gebete versunken. �Komm.�</p><p>Melisande folgte ihr den Pfad zur�ck und bis hinter den Kreis der W�chterb�ume zu einer Stelle unter einem gewaltigen wei�en Ast, der im Licht des aufgehenden Mondes leuchtete.</p><p>Einige b�rtige M�nner in einfacher gr�ner und brauner Kleidung sprachen leise miteinander. Derjenige, der mit dem R�cken zu ihr stand, deutete in Richtung Norden, dann verneigten sich die anderen und verlie�en ihn. Er stand f�r einen Augenblick da, als ob er auf etwas lausche, das nur er allein h�ren konnte. Schlie�lich drehte er sich um und sah hinunter zu Melisande.</p><p>Es war der Waldl�ufer, der sie zum Kreis gebracht hatte.</p><p>�Gavin, das hier ist das M�dchen, von dem wir Euch berichtet haben�, sagte Elara. �Sein Name ist Melisande.�</p><p>Der Waldl�ufer nickte und verbarg ein L�cheln, als er das Entsetzen auf dem Gesicht des M�dchens sah. �Guten Tag, Herrin Melisande von Navarne.�</p><p><emphasis>�Ihr</emphasis> seid Gavin?�, platzte Melisande heraus.</p><p>�Das bin ich.�</p><p>�Warum habt Ihr mir das nicht schon vorher gesagt?�</p><p>Der d�stere Mann sah sie noch eingehender an. �Ihr habt mich nicht gefragt�, meinte er. �Ihr habt mir lediglich gesagt, wer <emphasis>Ihr</emphasis> seid.� Er gab Elara ein Zeichen. Die filidische Priesterin verneigte sich vor ihm, l�chelte Melisande an und zog sich zur�ck, wobei sie den anderen im Kreis bedeutete, ihr zu folgen.</p><p>Gavin wartete, bis sie allein unter dem Gro�en Wei�en Baum waren, und wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder dem M�dchen zu. �Ich rate Euch respektvoll, in Zukunft nach den Namen derjenigen in Eurer Umgebung zu fragen und bez�glich Eures eigenen weniger mitteilsam zu sein, Herrin. Ein tapferer Sinn kann nicht immer einen n�rrischen Kopf bezwingen.�</p><p>Im Licht der Laternen wurde Melisande rot. Der F�rbitter sah ihre Verlegenheit und bedeutete ihr, zusammen mit ihm n�her an den Gro�en Wei�en Baum heranzugehen.</p><p>�Wir befinden uns jetzt au�erhalb des Windes und im Schutz des Baumes�, erkl�rte er, als sie unter den �berh�ngenden �sten Halt machten. �Hier ist der sicherste Ort im ganzen Wald f�r eine Unterredung, ohne dass man f�rchten muss, belauscht zu werden. Sagt mir, Herrin Melisande von Navarne, warum hat die cymrische Herrscherin Euch zu mir geschickt?� In seinen dunklen Augen funkelte es. �Abgesehen von Eurem ausnehmend tapferen Geist und der bei jemand von Eurem Alter selten so ausgepr�gten F�higkeit zu �berleben.�</p><p>Melisande holte tief Luft und versuchte sich an Rhapsodys Worte so zu erinnern, wie diese sie gesprochen hatte.</p><p>�Die cymrische Herrscherin hat mir aufgetragen, Euch zu bitten, mich zusammen mit einem vollen Kontingent Eurer besten Waldl�ufer und mit Eurem f�higsten Heiler zum Wald nord-nord�stlich des Tar�afel mitzunehmen, dort wo die Stechpalmen am dichtesten stehen. Sie hat gesagt, Ihr kennt den Ort.� Der F�rbitter nickte nachdenklich. �Ich soll Euch weiterhin bitten, Eure Waldl�ufer dort ausschw�rmen zu lassen; sie sollen einen Abstand von einer halben Meile zueinander halten und eine Barriere bilden, die sich nach Nordwesten bis zum Meer erstreckt, und dabei alle ihnen zur Verf�gung stehenden Fallen und Schlingen einsetzen, die zum Schutz der Barriere n�tig sind. Dort sollen sie bleiben und keiner lebenden Seele den Zutritt erlauben.�</p><p>Der F�rbitter seufzte und betrachtete Melisande eingehend. Seine Augen glommen hell in der Dunkelheit.</p><p>�Wenn das geschehen ist, bittet sie darum, dass Ihr mich pers�nlich von diesem Ort aus weiterf�hrt. Ein Bach ergie�t sich dort in den Tar�afel. Wir sollen ihm nordw�rts folgen, bis wir zum Spiegelsee kommen.�</p><p>Der F�rbitter sch�ttelte den Kopf. �Das ist heiliges Land, das ich noch nie betreten habe. Es ist das Reich der Drachin Elynsynos. Ich kenne keinen solchen See.�</p><p>�Sie hat gesagt, wir w�rden ihn sofort erkennen, denn sein Name beschreibt ihn vollkommen. Bei diesem See soll ich Euch verlassen und allein Weiterreisen. Sie bittet Euch, dort auf mich zu warten, aber nicht l�nger als drei Tage. Falls ich dann noch nicht zur�ckgekommen sein sollte, m�sst Ihr wieder zum Kreis gehen.�</p><p>�Ich soll Euch Eurem Schicksal �berlassen?�, fragte der F�rbitter.</p><p>Melisande seufzte. �Ich vermute es, ja.�</p><p>�Und Ihr habt Euch mit all dem einverstanden erkl�rt, Herrin Melisande von Navarne?�</p><p>Das M�dchen reckte die Schultern und richtete sich zu seiner vollen Gr��e auf. Nun reichte es dem Mann bis knapp �ber die H�fte.</p><p>�Das habe ich. Und mir sind die Folgen vollkommen klar.�</p><p>�Und das ist alles? Ihr braucht mich lediglich als Geleitschutz in den verbotenen L�ndern und wollt Euch dort einfach Eurem Schicksal �berlassen?�</p><p>�Nein�, erwiderte Melisande rasch, als sie sich an den Rest ihrer Anweisungen erinnerte. �Ich erwarte, innerhalb der angegebenen Zeit mit einer oder zwei Bitten zu Euch zur�ckzukehren. Entweder werde ich Euch darum ersuchen, mich zusammen mit dem Heiler zu begleiten, oder wir m�ssen die H�hle der Drachin versiegeln.�</p><p>Pl�tzlich wurde der F�rbitter starr. �Was ist mit Elynsynos geschehen?�, fragte er besorgt.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Melisande offen. �Aber Rhapsody bef�rchtet das Schlimmste.�</p><p>�Das sind in der Tat schlechte Neuigkeiten�, meinte der F�rbitter und drehte sich dem silbernen Stamm des Gro�en Wei�en Baumes zu. Er schwieg eine Weile und wandte sich dann wieder an Melisande.</p><p>�Wenn Ihr wirklich bereit seid, diese Aufgabe zu �bernehmen, dann ist es mir eine Ehre, Euch zu begleiten�, sagte er schlie�lich. �Ich habe noch zwei letzte Fragen an Euch, Melisande von Navarne.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Wie alt seid Ihr?�</p><p>�Neun�, antwortete sie. �Aber ich werde am ersten Fr�hlingstag zehn, was also nicht mehr lange dauert.�</p><p>Der F�rbitter nickte. �Und wie alt f�hlt Ihr Euch heute?�</p><p>Melisande zog zun�chst verwirrt und dann nachdenklich die Brauen zusammen.</p><p>�Viel �lter�, sagte sie. �Mindestens zw�lf.�</p><p>�Sehr gut�, meinte der F�rbitter.</p><p>�Darf ich Euch jetzt auch etwas fragen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Wie habt Ihr mich im Wald gefunden? Wisst Ihr, ob mein Kammerherr und die Soldaten noch leben?�</p><p>Der F�rbitter l�chelte. Es war ein ungew�hnlicher Gesichtsausdruck, den er offenbar nur sehr selten aufsetzte.</p><p>�Zuerst zur zweiten Frage. Euer Kammerherr lebt wirklich noch und auch zwei Eurer Soldaten. Sie wurden von meinen Waldl�ufern entdeckt und sind unter Geleitschutz nach Haguefort zur�ckgekehrt.</p><p>Und zu der Frage, wie ich auf Euch gesto�en bin � die W�lder haben mir gesagt, dass da eine tapfere junge Frau ist, die ihre Angreifer abgesch�ttelt und sich dann verirrt hat. Ich bin auf die Suche nach Euch gegangen, denn eine solche Person wie Ihr darf nicht den Launen des Schicksals und Ungl�cks �berlassen werden. Und das werde ich wieder tun, Herrin Melisande Navarne. Glaubt mir, was auch immer geschehen wird, ich werde Euch zu Hilfe kommen.�</p></section></section><section><title><p>II</p><p>Im Auge des heraufziehenden Sturms</p></title><section><title><p>19</p></title><subtitle>Palast von Jierna Tal � Jierna�sid, Sorbold</subtitle><p>Auch wenn es gef�hrlich war, dies zuzugeben, so hasste Talquist doch die Seher.</p><p>W�hrend er auf dem schweren Teppich hin und her lief, der auf dem Marmorboden des Herrscherpalasts lag, murmelte er leise, z�gellose Fl�che und b�se, aber belustigende Obsz�nit�ten, die er w�hrend seiner Zeit in der Handelsflotte von den Seeleuten gelernt hatte, als er sein erstes Verm�gen erworben hatte. Auch wenn die Macht der Krone berauschend war, vermisste Talquist insgeheim diese Tage, in denen er die weite Welt mit kaum mehr als Sand in den Taschen und einem Plan in seinem Kopf durchwandert hatte. Er vermisste den Anblick der Schiffe, die mit flatternden Fahnen aus aller Welt in den Hafen einliefen; er vermisste den Geruch der Leinwands�cke, die prallvoll mit Gew�rzen und Saatgut waren; er vermisste das Lachen in den dunklen Tavernen und das �chzen der Hafenarbeiter, die bei Nacht und in nebligem Regen die G�ter ausluden. Und ganz besonders vermisste er das Meer, denn das Meer war immer gut zu ihm gewesen und hatte ihm alles Wertvolle gegeben, das er besa�.</p><p>Vor allem hatte es ihm die Macht gegeben, die er nun �ber den Rand des Wassers bis zur anderen Seite der Bekannten Welt ausdehnen wollte.</p><p>Der Regent hielt inne, als er an einem gewaltigen Spiegel in seinem Schlafgemach vorbeikam. Ein gew�hnlicher Mann, schwer und muskul�s, schaute ihn daraus an, mit dunkler Haut, dunklem Haar und dunklen Augen. Ein Mann, der sich in nichts von anderen M�nnern in diesem Reich der endlosen Sonne, des Sandes und der Berge unterschied mit Ausnahme der Tatsache, dass er mit Gold geschm�ckt und in Gew�nder aus feinstem Leinen gekleidet war, f�r das Sorbold in der Kaufmannswelt hochber�hmt war. Ein gew�hnlicher Mann � von au�en vielleicht.</p><p>Doch in diesem gew�hnlichen Mann, dachte Talquist, steckt eine Vision, die alles andere als gew�hnlich ist.</p><p>Talquist war zwar ein Vision�r, aber er war kein Seher. Der Regent ging weiter; sein Atem kam sto�weise und passend zu seiner steigenden Entt�uschung. Er hatte lange geplant, abzuwarten, seinen Teil beizutragen und alle Teile so genau zusammenzuf�gen wie die Kunsthandwerker von Keltar, die verzwickte Abbildungen der Welt in Gemmen einschnitten, die kleiner als ein Fingernagel waren. Er hatte zwar seine Visionen und Tr�ume und wusste, wie er seine Mittel einsetzen musste, um sie Wirklichkeit werden zu lassen, aber genau an diesem Punkt verlie�en ihn seine F�higkeiten. Er konnte nicht vorhersehen, ob seine Ma�nahmen die gew�nschten Wirkungen hervorbrachten.</p><p>Zumindest noch nicht.</p><p><emphasis>All das wird sich �ndern,</emphasis> rief er sich in Erinnerung.</p><p>Seine Ruhe kehrte schrittweise zur�ck. Talquist drehte sich um und ging die Wendeltreppe in der s�dwestlichen Ecke seines Schlafgemachs hinauf zur Turmstube.</p><p>Jede Ecke seines Schlafzimmers hatte einen solchen Turm. Die drei �brigen beherbergten Armbrustsch�tzen von �berragenden F�higkeiten, genau wie der gro�e mittlere Balkon im Hauptgeschoss. Der Balkon und zwei der T�rme gingen nach Westen in den roten Sonnenuntergang hinaus und �berblickten die Berge, welche die Hauptstadt Jierna�sid umgaben, sowie die Grassteppe und die weiten Krevensfelder dahinter bis zum tausend Meilen entfernten Meer. Die anderen beiden T�rme blickten nach S�dost und Nordost, und auf ihnen beobachteten die Sp�her die Berge im Glei�en der aufgehenden Sonne.</p><p>Doch nur dieser besondere Turm trug Spuren frischen M�rtels und erneuerter Ziegel; sie bedeckten das, was vor nicht langer Zeit noch ein gewaltiges Loch gewesen war.</p><p>Als Talquist die oberste Stufe erreicht hatte, fragte er sich, ob er den Platz in diesem Turm nicht verschwendete und sich gleichzeitig verwundbar machte, weil er hier keine Armbrustsch�tzen positioniert hatte, doch einen Augenblick sp�ter verwarf er diesen Gedanken wieder, als er sich an die vierzigtausend Soldaten erinnerte, die allein in dieser Stadt lagerten und nichts anderes im Sinn hatten als seine eigene Sicherheit.</p><p>Der Raum am oberen Ende der Treppe war klein und k�rglich und besa� keinerlei Dekoration au�er einer Karte des Kontinents an der Wand. Die s�dlichen und westlichen W�nde waren dem Wind preisgegeben, damit man leichter Pfeile und andere Verteidigungsgeschosse abfeuern konnte. Die Ecken der Karte flatterten in der steifen Brise. Die �ffnung blickte auf den Hof an der westlichen Seite und auf einen Abgrund an der s�dlichen.</p><p>In einem kleinen Schaukelstuhl aus Rohr mit Blick auf das westliche Turmfester sa� eine Frau mit dem R�cken zu Talquist. Sie hatte den Kopf der Sonne entgegengedreht und die Augen in deren Glanz geschlossen.</p><p>Talquist versuchte sich zu beruhigen, indem er leise und regelm��ig atmete. Er trat auf den Steinboden und schritt langsam von hinten auf die Frau zu.</p><p>Sie bewegte sich nicht; sie schien ihn nicht zu bemerken.</p><p>�Guten Tag, Rhonwyn�, sagte er so freundlich wie m�glich.</p><p>Die Frau �ffnete die Augen nicht, sondern runzelte nur ihre glatte Stirn beim Klang seiner Stimme.</p><p>Diesmal atmete Talquist lauter. Es war heute schon sein vierter Versuch, mit der Seherin der Gegenwart in Kontakt zu treten, und jedes Mal war er w�tender geworden. Ihre mystische Stellung als eine der drei Seherinnen der Zeit und, wichtiger noch, sein dringendes Bed�rfnis nach ihren einzigartigen F�higkeiten erforderte von ihm eine Geduld, die er normalerweise nicht besa�.</p><p>�Guten Tag, Rhonwyn�, wiederholte er.</p><p>Diesmal �ffnete die Frau die Augen, drehte sich langsam in ihrem Stuhl und sah ihn an. Trotz ihres hohen Alters war ihr Gesicht so glatt, als bef�nde sie sich in der Bl�te ihrer Jahre. Ihr Haar war im Scheitel rot-golden, wurde in dem langen, von Lederb�ndern gehaltenen Zopf immer dunkler, dann grau und lief schlie�lich in einer schneewei�en Spitze aus.</p><p>Ihre Augen hatten keine Iris; die Pupillen waren leer und spiegelten ein verzerrtes Abbild seiner selbst wider.</p><p>�Nein�, sagte Rhonwyn. �Ich glaube nicht.�</p><p>Galle f�llte Talquists Kehle. Obwohl der Tonfall der Frau zart und traumartig war, bildeten ihre Worte doch eine harte Beleidigung. Er schluckte seine bittere Wut herunter, trat neben sie und schaute aus dem Fenster auf den tief unter ihm liegenden Hof.</p><p>Jierna Tal war eines der modernen architektonischen Weltwunder, ein glatter Steinpalast auf einem zerkl�fteten Felsvorsprung �ber einem beinahe bodenlosen Abgrund, der in klaren Winkeln zu ungeahnten H�hen aufstieg. �ber den Ecken erhoben sich spiralf�rmige Minarette und Glockent�rme, die gelegentlich von niedrig h�ngenden Wolken eingeh�llt wurden. Die gewaltige Entfernung von den Pflastersteinen der Stra�e bis zu den Spitzen der T�rme war f�r Talquist regelm��ig eine Metapher, die ihn daran erinnerte, wie weit er aus der Gosse bis zu seiner hohen Position aufgestiegen war. Unmittelbar hinter dem Innenhof st�rzte der Fels weitere tausend Fu� tief in einen Abgrund, der zu den Verteidigungsanlagen des Palasts geh�rte, und unterstrich damit noch die erh�hte Lage des Geb�udes.</p><p>Ein langer Schatten lag �ber dem Innenhof; er zuckte gelegentlich und glitzerte im bernsteinfarbenen Licht der Sonne. Talquist schaute hin�ber zu dem Marktplatz der Stadt auf einem H�gel jenseits des Palasts.</p><p>Dort erhob sich im Dunst des Nachmittags ein weiteres Relikt �ber Jierna Tal, das ihn daran erinnerte, wie weit er es gebracht und welchen Umst�nden er seine Regentschaft zu verdanken hatte: die gro�e Waage. Sie war ein gewaltiges und uraltes Artefakt, das die cymrischen Fl�chtlinge aus der alten Welt mitgebracht hatten, deren Abk�mmlinge nun �ber den Mittleren Kontinent herrschten. Riesige Arme tarierten zwei Sch�sseln aus poliertem Gold aus, die so gro� waren, dass darin ein Ochsenkarren Platz hatte. Talquist l�chelte. Er selbst hatte auf einer der Waagschalen gestanden und war zum Erstaunen der Menge in die Luft gehoben worden. Danach hatte man ihn zum Herrscher ausgerufen.</p><p>Bescheiden hatte er darauf beharrt, dass nach dem unzeitigen Tod der vorherigen Monarchin und ihres Erben eine Wartezeit von einem Jahr vergehen sollte, bevor er sich kr�nen lie�. In der Zwischenzeit herrschte er als Regent von Sorbold und verwaltete die Macht, die im kommenden Fr�hling offiziell zu seiner eigenen werden w�rde.</p><p>Inoffiziell hingegen hatte er seine Macht schon oft eingesetzt.</p><p>Nun waren die Stra�en von Jierna�sid, die fr�her kaum mehr gewesen waren als ein kl�glicher Markt mit Bettlern und Verkaufszelten, Viehverkehr und ru�igen Grubenfeuern, �ber denen Ziegenfleisch gebraten worden war, in einen sauberen Ort verwandelt worden, wo Soldaten patrouillierten und Marschlieder sangen und sich ausgedehnte Leinenwebereien und andere Handwerksbetriebe befanden, deren einzige Kunden das Heer und die Krone waren. Jierna Tal, das in seiner sch�bigen Umgebung schon seit langem fehl am Platze gewirkt hatte, war genauso verwandelt worden wie er selbst: in den k�niglichen Mittelpunkt einer in der W�stenhitze wachsenden und gedeihenden Stadt, die unter den Strahlen der endlos scheinenden Sonne, f�r die Sorbold bekannt war, immer mehr erstarkte.</p><p>Das war nur der Anfang.</p><p>Talquist schaute wieder die alte Seherin an. Rhonwyns d�nne H�nde hielten einen zerbeulten Metallkompass, der angeblich schon von ihrem serenischen Vater vor vierzehn Jahrhunderten dazu benutzt worden war, den Weg von der untergehenden Insel Serendair zum Wyrmland zu finden. Ihre F�higkeit, die gegenw�rtige Wahrheit zu erkennen, war ein Geburtsrecht, das sie durch die elementare Macht des Erforschers Merithyn und ihrer Drachenmutter Elynsynos erhalten hatte. Das beeindruckte Talquist nicht besonders. Er war ein Abk�mmling der eingeborenen Menschen, die seit unvordenklicher Zeit am Rande des Wyrmlandes gelebt hatten, bevor die Cymrer mit ihren seltsamen Kr�ften und ihrer l�cherlichen Langlebigkeit gekommen waren.</p><p>Doch auch wenn ihn die Macht der Cymrer nicht beeindruckte, war ihre Langlebigkeit � diese scheinbare Widerstandskraft gegen die Verheerungen der Zeit � etwas, wonach es ihn besonders gel�stete.</p><p>In Anbetracht der umfangreichen Liste seiner W�nsche war <emphasis>das</emphasis> durchaus beeindruckend.</p><p>Vor langer Zeit hatte er einmal zuf�llig geh�rt, dass der Funke, der das Feuer des Gro�en Krieges entfacht und die Illuminaria � Gwylliams Epoche der Reichsgr�ndung und Aufkl�rung � beendet hatte, nichts als ein Familienstreit �ber die Erbfolge gewesen war. Es war allgemeine �berlieferung, dass Edwyn Griffyth, Gwylliams �ltester Sohn, sein Erbrecht verschm�ht hatte und nach Gaematria, dem legend�ren Rech der Meeres-Magier, gegangen war, um dort den Rest seines Lebens zu verbringen. Daher vermutete Talquist, dass Gwylliam der m�nnliche Erbe verwehrt gewesen war, den er auf seinem Thron hatte sehen wollen. So gab es keine Dynastie, die nach ihm weiterleben w�rde, auch wenn er als unsterblich angesehen wurde.</p><p>Talquist wollte keine Dynastie begr�nden. Er brauchte keine Erben.</p><p>Er w�rde auf ewig leben.</p><p>Er ging hin�ber zu der zarten Frau und hockte sich neben sie.</p><p>�Bitte, Gro�mutter�, sagte er; seine Kaufmannsstimme war so weich wie canderianische Seide, �schaue hinter den Nebel und die Traumfetzen, die deine Augen umw�lken, und sage mir: Ist der Sto�trupp erfolgreich gewesen?�</p><p>Die Spiegel in den Augen der Seherin zeigten nichts anderes als sein Gesicht; ihr eigenes Antlitz war leer.</p><p>Talquist fluchte stumm. Er hatte noch immer nicht gelernt, auf die richtige Weise mit ihr zu reden, sodass sie seine Fragen verstehen konnte. Rhonwyn vermochte nur die Gegenwart zu sehen, und was er sie gefragt hatte, erforderte von ihr ein Wissen um die Vergangenheit. Er schluckte und versuchte es noch einmal.</p><p>�Der Sto�trupp der Zweiten Bergwacht von Sorbold � ist das Kind der Zeit in ihrem Gewahrsam?�</p><p>Die alte Frau sch�ttelte den Kopf.</p><p>Talquist seufzte. �Wo ist der Sto�trupp jetzt?�</p><p>Die Seherin hatte den fl�chtigen Blick auf den Moment zuvor bereits verloren. �Welch ein Sto�trupp?�</p><p>Er bem�hte sich, die kochende Wut aus seiner Stimme fernzuhalten. �Der Sto�trupp der Zweiten Bergwacht von Sorbold � wo befindet er sich in diesem Augenblick?�</p><p>Rhonwyn zitterte vor Altersschw�che und fuhr mit den Fingern �ber das nautische Instrument in ihren H�nden.</p><p>�Sechsundvierzig, achtundvierzig Nord, zwei, zwanzig Ost�, verk�ndete sie.</p><p>Talquist schaute auf der Karte an der Wand nach. Diesen Koordinaten zufolge befanden sich seine Geheimsoldaten, die in den Uniformen der gew�hnlichen Kavallerie von Roland steckten, in dem nur d�nn besiedelten Waldland �stlich von Navarne, weniger als eine Tagesreise von ihrem urspr�nglichen Ziel entfernt � einer kleinen Festung im Herzogtum Navarne.</p><p>Haguefort.</p><p>�Und das Kind der Zeit?�, dr�ngte Talquist. �Ist es wohlauf?�</p><p>Die Seherin blinzelte, schloss wieder die Augen und badete im Licht des Himmels.</p><p>Der Regent ballte die H�nde so fest zu F�usten, dass seine s�uberlich geschnittenen Fingern�gel die Haut seiner Handfl�chen zu durchstechen drohten. Nur so konnte er sich davon abhalten, den Kompass zu ergreifen und eine seiner scharfen Nadeln der alten Seherin ins Herz zu treiben. Er zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, so wie er es immer w�hrend dieser Befragungen tun musste.</p><p>�Befindet sich das Kind der Zeit wohlbehalten in Haguefort? Antworte mir.�</p><p>Rhonwyn schlug die Augen auf und sah ihn an, w�hrend ihre H�nde an dem zerbeulten Instrument herumtasteten.</p><p>�Ich sehe kein Kind der Zeit in Haguefort.�</p><p>�Wovon redest du? Als ich dich vor vierzehn Tagen gefragt habe: �Wo ist das Kind der Zeit?�, da hast du geantwortet: �Im Gwynwald.� Seitdem gibst du mir jeden Tag Koordinaten, die eindeutig immer weiter zur�ck nach Haguefort f�hren. Gestern lautete deine Antwort auf meine Frage �Haguefort�. Wenn es nicht da ist, wo dann?�</p><p>Der Mund der Frau zitterte, aber sie sagte nichts.</p><p>Schwarze Wut explodierte hinter Talquists Augen. Ungehindert von jedem rationalen Gedanken schoss seine Hand hervor und packte die alte Seherin bei der Kehle.</p><p>Rein verstandesm��ig wusste er, welches Sakrileg er damit beging, doch sein Verstand war von seiner Entt�uschung vollkommen ausgeschaltet worden.</p><p>Die br�chigen Knochen in ihrem alten Hals knirschten unter seinem eisernen Druck. Die Seherin keuchte; ihre Lippen bebten vor Entsetzen. Der Regent lockerte seinen Griff und trat schwer atmend von der zarten Frau zur�ck.</p><p>�Noch einmal, Rhonwyn�, sagte er mit zusammengebissenen Z�hnen, �wo ist das Kind der Zeit? <emphasis>Wo ist</emphasis> es?�</p><p>Purpurfarbene Quetschungen erschienen auf den Hautfalten unter Rhonwyns Kinn und verschwanden rasch wieder. Nachl�ssig fuhr sie sich mit der Hand �ber den Hals. Ihr Gesicht war jedoch vor Schreck verzerrt, der einen Moment sp�ter zur Vergangenheit verblasste und abermals durch Gelassenheit ersetzt wurde.</p><p>�Ich sehe kein Kind der Zeit auf dem Antlitz der Erde�, sagte sie fr�hlich. Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zur�ck und schaukelte langsam vor und zur�ck. Ihre Augen hatte sie wieder vor der w�rmenden Sonne geschlossen.</p><p>Talquist schluckte und versuchte es noch einmal.</p><p>�Seit seiner Geburt habe ich dich nach seinem Aufenthaltsort gefragt, und jedes Mal hast du gesagt, das Kind ist bei dem Herrn und der Herrin der Cymrer�, sagte er sanft. �Ist es noch immer bei ihnen?�</p><p>�Ist was noch immer bei wem?� Das Gesicht der Seherin war ausdruckslos; keinerlei Verstehen lag in ihrer Stimme.</p><p>Ein bitterer Geschmack erf�llte Talquists Mund. Nach einigen Herzschl�gen begriff er, dass dieser Geschmack von seinen zusammengebissenen Z�hnen herr�hrte. Und er war eine faulige Erinnerung an die Nacht, in der er vor Rhonwyns Schwester Manwyn, der Seherin der Zukunft, gestanden und einen �hnlich �rgerlichen Tanz aufgef�hrt hatte, w�hrend er vor stiller Verzweiflung gesch�umt hatte, als die Wahnsinnige sich kichernd auf ihrer Plattform �ber der dunklen Grube in ihrem verfallenden Tempel zu Yarim hin und her geworfen und kranke Vorhersagen in die vom Weihrauch schwere Luft geworfen hatte. Schlie�lich hatte er die Geduld verloren, seine Armbrust gehoben und auf ihr Herz gezielt.</p><p><emphasis>Sag es mir, alte Hexe, oder ich werde deinem verr�ckten Gerede ein Ende setzen. Beantworte meine Frage. Was muss ich tun, um Unsterblichkeit zu erlangen? Wer besitzt das Wissen um das ewige Leben?</emphasis></p><p>Die Frau hatte innegehalten, als w�re sie pl�tzlich erstarrt. Sie hatte ihre Spiegelaugen auf ihn gerichtet, und ihre d�nnen Lippen hatten sich zu einem schiefen L�cheln verzerrt. Sie hatte durch den zerbeulten Sextanten geschaut, den ihr Vater ihr hinterlassen hatte, auf die Sterne, die in der dunklen Kuppel ihres Tempels geglommen hatten. Dann hatte sie ihre blinden Augen wieder auf Talquist gerichtet.</p><p>Du <emphasis>wirst mich nicht t�ten, Regent,</emphasis> hatte sie gesagt. <emphasis>Die Zukunft zeigt mir kein Bild mit meinem Blut an deinen H�nden, auch wenn sie vom Blut zahlloser anderer getr�nkt sein werden.</emphasis> Dann hatte sich Manwyn auf den Bauch gelegt und war ihm auf ihrer schwebenden Plattform entgegengekrochen. <emphasis>Wenn das, was du suchst, die Unsterblichkeit ist, dann musst du das Kind der Zeit finden.</emphasis> Sie hatte wie zu sich selbst gekichert. <emphasis>Noch schl�ft es im Bauch seiner Mutter, doch bald wird es ans Licht und an die Luft der Welt kommen. Und die Zeit wird keine Herrschaft �ber es haben.</emphasis></p><p>Talquist schluckte den bitteren Geschmack herunter und erinnerte sich daran, wie ihm der Atem ausgegangen war, als er den Bogen gesenkt hatte.</p><p><emphasis>Wie werde ich die Unsterblichkeit von diesem Kind der Zeit erlangen k�nnen?,</emphasis> hatte er mit schwankender Stimme gefragt.</p><p>Die Seherin hatte sich pl�tzlich aufrecht hingesetzt, als h�tte jemand sie geschlagen. Mit zitternden H�nden hatte sie sich an den Mund gegriffen. Dann hatte sie eine bebende Hand ausgestreckt und anklagend auf ihn gezeigt.</p><p><emphasis>M�rder,</emphasis> hatte sie gefl�stert. Die goldene Haut ihres Gesichts war im schwachen Licht der Kerzen sichtbar blasser geworden. <emphasis>M�rder, M�rder!</emphasis></p><p>Da hatte er ihren verfallenden Tempel verlassen, w�hrend ihm das Geheul der Wahnsinnigen noch in den Ohren geklungen hatte. Seine Spione hatten ihm berichtet, dass die W�chter des Tempels die gro�en Zedernt�ren zu Manwyns Gem�chern kurz darauf f�r alle Pilger, die um Prophezeiungen bitten wollten, geschlossen hatten. Es lief das Ger�cht um, dass Manwyn von diesem Tag an unabl�ssig das Wort <emphasis>M�rder</emphasis> geschrien hatte.</p><p>Talquist atmete tief durch und neigte sich dann wieder zu Rhonwyn.</p><p>�Ein letztes Mal f�r heute�, sagte er sanft und mit t�dlich ruhiger Stimme, obwohl es in seinem Magen brodelte. �Sage mir, wo sich das Kind der Zeit jetzt befindet.�</p><p>Die Seherin drehte sich ihm zu und schlug langsam die Augen auf. Talquist wich vor Entsetzen zur�ck. Beide Spiegelaugen enthielten nun zum ersten Mal eine klare blaue Iris, und die dunklen Pupillen zogen sich im Licht der untergehenden Abendsonne zusammen.</p><p>Die Seherin schaute ihn nachdenklich an.</p><p>�Genau vor dir, vermute ich�, sagte sie mit fester Stimme. �Meine Schwestern und ich sind oft so genannt worden: die Kinder der Zeit.� Sie wandte den Blick von ihm ab und schaute aus dem Fenster auf die dahinter liegenden Berge. �Ich erinnere mich, Anwyn�, sagte sie leise.</p><p>Wut durchraste Talquist so pl�tzlich, dass er zun�chst gar nicht die Vergangenheitsform bemerkte, in der sie gesprochen hatte. Er packte die Lehne ihres Stuhls, um sich daran festzuhalten, und beugte sich dann so weit zu ihr vor, dass seine Lippen ihr kastanienbraunes Haar dort ber�hrten, wo es allm�hlich grau wurde.</p><p>�Ich wei� nicht, ob du in deinem Zustand geistiger Verwirrtheit begreifen kannst, welche Risiken ich wegen deiner angeblich unfehlbaren Worte eingegangen bin und welche Opfer ich gebracht habe�, sagte er mit bei�ender Stimme. �Ich habe Soldaten nach Roland geschickt, bevor ich bereit war, den Angriff zu f�hren. Ich habe mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Sicherlich wei� der Patriarch inzwischen von deinem Verschwinden, und vielleicht wei� es auch schon dein Gro�neffe, der cymrische Herrscher. Der Pfeil ist bereits abgeschossen, und das ist <emphasis>deine</emphasis> Tat, Rhonwyn � als ob du selbst den Befehl gegeben h�ttest.�</p><p>�Manwyn, die Gegenwart wird verh�llt sein�, fl�sterte die Seherin und starrte in die Sonne. �Du wirst mich nicht mehr sehen, wenn du den Himmel nach der Zukunft absuchst. Lebe wohl, Schwester.�</p><p>Etwas Schwarzes brach in dem Regenten auf. Er packte die zerbrechliche Frau an Hals und Arm, und ohne nachzudenken warf er die alte Seherin aus dem Fenster �ber den Hof hinaus in den Abgrund.</p><p>Ihr Schrei folgte ihr den Bruchteil einer Sekunde sp�ter hinunter und ver�ngstigte die Schwalben, die in den Mauerh�hlungen sa�en. Sie flatterten in einem gro�en grauen und wei�en Aufruhr himmelw�rts.</p><p>Talquist richtete sich zitternd auf. Nun kehrte seine Selbstbeherrschung zur�ck. Er schaute aus dem Fenster in die beinahe bodenlose Tiefe und suchte nach einem Anzeichen f�r die mythische Frau. Angestrengt lauschte er nach irgendeinem Ger�usch, welches das �berleben der Tochter des Schicksals ank�ndigte, doch er h�rte nichts au�er dem Heulen des Windes, der durch die Schlucht fegte und Staub in gro�en Wirbeln �ber die Steine des Innenhofes trieb. Er dachte �ber den Verlust an Wissen nach, von dem er die Welt soeben befreit hatte.</p><p>�Ich habe schon oft geh�rt, dass die Zeit dahinfliegt�, sagte er. �Allerdings.�</p><p>Stiefeltritte donnerten die Stufen hoch. Talquist drehte sich gem�chlich um und sah, wie seine Turmw�chter auf der Treppe erschienen, gefolgt von seinem keuchenden Kammerherrn.</p><p>�Ist � ist alles in Ordnung mit Euch, Herr?�, fragte der Kammerherr in seinen Atempausen.</p><p>�Es war nie besser�, sagte Talquist. Er schaute noch einmal aus dem Fenster und in die Tiefen des Schlundes.</p><p>�Der Kommandant des Heeres wartet im Vorzimmer auf die Freude Eurer Gegenwart, Herr. Er sagt, Ihr h�ttet ihn gerufen, aber ich wollte Euch nicht st�ren, falls Ihr noch nicht bereit seid, ihn zu empfangen.�</p><p>�Schick ihn herauf.�</p><p>Der Kammerherr z�gerte. �Seid Ihr sicher, Herr? Er wartet gern, falls seine Gegenwart im Augenblick eine Zumutung f�r Euch ist. Kommandant Fhremus will Euch keineswegs bei Eurer Arbeit st�ren.�</p><p>Talquist l�chelte. �Er st�rt �berhaupt nicht�, sagte er, w�hrend er sich der Treppe zuwandte. �Er unterbricht mich bei gar nichts. Ich habe nur die Zeit totgeschlagen.�</p><p>Weit entfernt, auf der anderen Seite der Krevensfelder, h�rte die Seherin der Zukunft tief in ihrem verfallenden Tempel voller pl�tschernder Springbrunnen und verrottender Wandteppiche auf zu weinen.</p><p>Mehr als f�nf Monate hatte sie ohne Unterbrechung gejammert und ihren Wahnsinn herausgeheult. Die Pilger, die anfangs noch gelegentlich ihren Rat gesucht hatten, kamen schon lange nicht mehr zu ihrer gro�en geschnitzten T�r, und keine Goldm�nzen lagen mehr im Spendenk�stchen. Sogar die Wachen waren gegangen, denn sie hatten die albtraumhaften Laute nicht l�nger ertragen.</p><p>Nun, da der Mord geschehen war, den sie vorhergesehen hatte, und die Existenz ihrer Schwester vergessen war, zerstreuten sich die Wolken in ihrem Verstand. Langsam erhob sich Manwyn auf der schaukelnden Plattform �ber der tiefen Quelle in ihrem Tempel: Ihr Blick kehrte zum Himmel zur�ck, der auf die Kuppel �ber ihr gemalt war.</p><p>Und leise sang sie sich wieder ein Lied des Wahnsinns vor.</p></section><section><title><p>20</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>Der Kommandant des Sto�trupps der Zweiten Bergwacht brachte sein Pferd behutsam zum Stehen und bedeutete den anderen Soldaten, sich hinter ihn zu scharen. Der Rest der Kohorte suchte Unterschlupf an der anderen Seite der gro�en Mauer, die Haguefort umgab. Das einzige Ger�usch war das gelegentliche Schnauben der Tiere in der kalten Luft. Mit einem Kopfnicken befahl der Kommandant dem Soldaten Mardel, einem seiner lebhafteren Leutnants, abzusitzen und f�r weitere Instruktionen zu ihm zu kommen.</p><p>Der junge Soldat gehorchte, warf die Z�gel einem Gef�hrten zu und trat vor.</p><p>Der Kommandant beugte sich zu ihm herunter und sagte leise: �Klettere �ber die Mauer und �ffne uns das Tor. Wir werden an der Mauer entlangreiten bis zu der Stelle, die unbewacht ist, und uns dann zum gegen�berliegenden Eingang begeben. Lass dir Zeit. Den Rest kennst du.�</p><p>Mardel nickte, salutierte und lief leise zu der Mauer. W�hrend er sich ihr n�herte, erkannte er, dass der Kommandant eine sehr geeignete Stelle ausgesucht hatte. Obwohl sich alle zwanzig Fu� Wachtt�rme �ber die Mauer erhoben, war diese Seite anscheinend kaum bewacht.</p><p>Er wartete dennoch in den Schatten, bis er sich vergewissert hatte, dass niemand auf der Mauer ihn sehen konnte. Als kurz darauf noch immer keinerlei Anzeichen von Bewachung zu sehen waren, lief er rasch zu der Mauer und kletterte von einem Halt zum n�chsten.</p><p>Auf der Mauer befanden sich Metallstachel, doch Mardel war f�r solche Aufgaben ausgebildet worden. Er betrachtete die Mauer kurz und glitt zwischen zwei Stacheln hindurch, ging in die Hocke und lie� sich auf der anderen Seite in die Tiefe fallen. Am Boden rollte er sich ab, um die Wucht des Aufpralls aus zw�lf Fu� H�he zu mildern, und sprang schlie�lich auf die Beine.</p><p>Er schaute sich um und sah nichts als dichte Schatten in dem ummauerten Gel�nde. Rasch dr�ckte er sich gegen die Wand und duckte sich f�r den Fall, dass sich jemand auf dem Balkon der fernen Festung befand, doch die Lichter in der kleinen Burg brannten nur ged�mpft; vermutlich hatte sich das ganze Haus f�r die Nacht zur�ckgezogen.</p><p>Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er den gr��ten Teil des inneren Bereichs durchquert hatte. Von drau�en h�rte er leise Ger�usche, die kaum zu bemerken gewesen w�ren, wenn er nicht gewusst h�tte, dass sich der Rest der Kohorte mit ungef�hr der gleichen Geschwindigkeit wie er au�erhalb der Bollwerke bewegte. Sein Herz schlug vor Erregung, als er an dem niedrigen, zweigeschossigen Geb�ude vorbeikam, welches der Aufkl�rungstrupp als das cymrische Museum beschrieben hatte, das der fr�here Eigent�mer der Festung, ein ber�hmter Historiker, angelegt und gef�hrt hatte.</p><p>Das Tor befand sich schon fast in Reichweite. Mardel schaute ein letztes Mal zu den Balkonen und Fenstern in der Ferne hoch, und da er dort niemanden bemerkte, lief er auf das Tor zu.</p><p>Ein schallendes Ger�usch zerriss die Luft, gefolgt von einem Summen, und den Bruchteil einer Sekunde sp�ter drangen pulsierende Wellen aus blauem Licht in die Nacht hinaus.</p><p>Mardel drehte sich langsam um.</p><p>Eine Armesl�nge hinter ihm hob sich der dunkle Umriss eines Mannes vor dem glei�enden Licht ab, das von dem Schwert in seiner Hand ausging. Dieses Schwert hatte eine Klinge, �ber die blaue Kr�uselungen vom Griff bis zur Spitze liefen; es sah aus, als str�me Wasser den Schaft hinunter und versickere im Nichts.</p><p>Der Umriss war mit gl�nzendem, metallisch wirkendem rot-goldenem Haar bekr�nt, das wie poliertes Kupfer schien. Dies und die blau leuchtenden Augen im Gesicht waren das Einzige, was von dem Mann nicht in Finsternis geh�llt war.</p><p>�Oh, lass mich raten � Man hat dich hergeschickt, damit du das Tor �ffnest. Habe ich recht?�</p><p>Die Stimme, die aus den Schatten drang, klang beinahe gelangweilt � als ob es ein zu gro�er Aufwand w�re, wenn die Gestalt sich �rgere.</p><p>Mardel stand stocksteif da.</p><p>Gebannt beobachtete er, wie die w�sserig blaue Schwertspitze an seinen Hals gehalten wurde.</p><p>�Noch einmal: Hat man dich geschickt, um das Tor zu �ffnen? Antworte, oder ich schneide dir die Kehle durch.�</p><p>�Ja�, fl�sterte Mardel.</p><p>Die dunkle Gestalt senkte die Waffe.</p><p>�Es gibt eines viel n�her am Haupteingang. Das h�tte dir eine Menge Lauferei erspart.�</p><p>Mardel schluckte, sagte aber nichts. Von der ganzen Kohorte der Zweiten Bergwacht war er der am wenigsten Erfahrene, auch wenn er schon fast die H�lfte seines kurzen Lebens im Milit�rdienst der Krone zugebracht hatte. Zwar hatte er schon an blutigen �berf�llen teilgenommen und war mehrfach in �u�erst unangenehme Situationen geraten, doch er war noch nie bei einem �berfall erwischt worden, vor allem nicht von jemandem, der so vollkommen mit der Finsternis verschmelzen konnte.</p><p>�Wie viele?� Der Mann steckte sein Schwert zur�ck in die Scheide. Das Licht wurde gel�scht, und im Innenhof wurde es wieder dunkel.</p><p>�F�nfzig M�nner�, log Mardel.</p><p>Der verborgene Mann schnaubte. �Nur f�nfzig?� Er rollte mit den blau gl�nzenden Augen und deutete ver�chtlich auf die Mauer ��ffne das Tor.�</p><p>Ein metallisches Gerassel ert�nte in geringer Entfernung.</p><p>�Hilfe gef�llig?�, rief eine barsche Stimme.</p><p>Der Mann sch�ttelte den Kopf; das Licht aus der Festung fing sich in seinem rot-goldenen Haar.</p><p>�Nur wenn du Langeweile hast, Onkel. Dieser Knabe hier sagt, er will das Tor f�r f�nfzig Mann �ffnen, aber in Wirklichkeit sind es siebenundzwanzig.�</p><p>Ein noch gr�beres Schnauben ert�nte aus geringer Entfernung.</p><p>�Nur f�nfzig? �ffne das Tor und lass sie herein. Ich sollte bald fertig damit sein, meine Eingeweide zu bewegen.�</p><p>Die blauen Augen richteten sich wieder auf Mardel.</p><p>�Du tr�gst die Farben meines Regiments�, sagte der schattenhafte Mann langsam mit eher gelangweiltem als drohendem Tonfall. �Ihr Dumpfbacken seid in meine L�ndereien eingedrungen, die unter der Friedensflagge stehen, habt euch in meine Uniformen gekleidet und seid mitten in der Nacht zu meinem Haus gekommen, um meine Familie zu bedrohen, und da behauptest du, du h�ttest nur <emphasis>f�nfzig</emphasis> M�nner bei dir. Das sehe ich als Beleidigung an.�</p><p>Mardel sp�rte, wie sinnlos es war, etwas dagegen einzuwenden oder abzuwarten, also zog er sein Schwert.</p><p>Bevor er es in die Waagerechte bringen konnte, war die gl�hende blaue Klinge schon aus ihrer Scheide gesprungen und ihm mit einem sauberen Schnitt �ber die Kehle gefahren. Mardel fiel zu Boden und blutete sein Leben auf dem verschneiten Rasen aus.</p><empty-line/><p>Ashe steckte das Schwert wieder in die Scheide und schlenderte zum Tor. Er packte die Seile des Fallgitters und zog es langsam in der Dunkelheit hoch.</p><p>�Kommt�, fl�sterte er auf Sorboldisch. �Im Haus schlafen alle.�</p><p>Der Kommandant h�rte ihn und nickte zustimmend, dann gab er der verbliebenen Kohorte ein Zeichen, die daraufhin leise durch das Tor ritt. Rasch wurde es hinter ihnen wieder geschlossen.</p><p>Noch bevor die Kohorte Gelegenheit hatte, sich neu zu formieren, durchschnitt das blau gl�hende Schwert die Riemen der beiden Sattel, sie sich ihm an n�chsten befanden, und der Schatten schlug mit dem Knauf auf die fallenden Reiter ein.</p><p>Ein Kreischen erhob sich unter ihnen, und drei weitere Reiter gingen zu Boden. Armbrustbolzen waren aus der Finsternis herangeschossen und hatten sie durchbohrt.</p><p>�Hattest du Gelegenheit, dir die Waffe des Bolg-K�nigs anzusehen?�, rief Anborn durch den L�rm der wiehernden Pferde, als er noch eine Salve abfeuerte und damit drei weitere Soldaten niederstreckte.</p><p>�Ich habe sie schon fr�her einmal gesehen�, erwiderte Ashe und kreuzte kurz die Klinge mit einem Soldaten aus der Kohorte, bevor er diesen aus dem Sattel zerrte und ihm die Kehle mit einem Blitz aus blau und wei� gekr�useltem Licht aufschlitzte. �Warum?�</p><p>�Ganz netter R�cksto߫, meinte Anborn und feuerte abermals. �Brauchst du noch weitere Hilfe? Ich glaube, ich habe meinen hei�en Grog in der Bibliothek gelassen, und vermutlich wird er allm�hlich kalt.�</p><p>�Nein, wirklich nicht�, sagte Ashe, w�hrend er den Piken zweier Reiter auswich. �Ich leiste dir Gesellschaft, sobald ich hier fertig bin. Ich habe mir einen aufgespart, damit wir ihn befragen k�nnen � du kannst mir sp�ter dabei helfen, bei einem Glas Branntwein, wenn du m�chtest.� Sein letztes Wort wurde vom Sto� seines Schwertes durch eine sorboldische Brust unterstrichen.</p><p>Gwydion Navarne, der aus einem Winkel heraus das Geschehen beobachtete, sch�ttelte nur den Kopf, als sein Namensvetter den Rest der Soldaten erledigte und dann den Bewusstlosen ergriff, den er zuvor niedergeschlagen hatte, und ihn in der Dunkelheit auf die Festung zuschleifte. Gwydion wandte sich um und folgte Ashes Schatten im flackernden Licht von Hagueforts Laternen.</p></section><section><title><p>21</p></title><subtitle>Jierna Tal, Jierna�sid Sorbold</subtitle><p>�Guten Tag, Fhremus�, sagte der Regent, als sich die T�ren hinter dem gro�en Mann in der Uniform der Dunklen Erde schlossen, der dynastischen Linie der Herrscherin vor Talquist. Der Regent zuckte unwillk�rlich beim Anblick des Wappens der toten Herrscherin zusammen, wie er es immer tat. Er rief sich in Erinnerung, dass er sich entschlossen hatte, die Uniformen von Leitha und der Dynastie der Dunklen Erde nur noch bis zum Fr�hling beizubehalten, bis er als Herrscher inthronisiert werden w�rde. Dennoch wurde er wie bei vielen anderen Entscheidungen, die er in dem Bem�hen getroffen hatte, bescheiden zu wirken, immer wieder zornig, wenn er das Bild der goldenen, von einem Schwert geteilten Sonne sah.</p><p>Insbesondere in Anbetracht des Symbols, das er f�r sich selbst ausgesucht hatte.</p><p>Dieselbe Sonne, die zwischen den Ufern zweier Meere aufging.</p><p>Der Soldat, dessen Betragen trotz seiner langen Jahre als Kommandant noch immer jugendlich war, verneigte sich ehrfurchtsvoll.</p><p>�Mein Herr.�</p><p>Talquist deutete auf den reich geschnitzten Tisch aus dunklem Holz neben den T�ren zum Balkon.</p><p>�Setz dich.�</p><p>Der Soldat verneigte sich noch einmal und gehorchte, doch als er am Tisch angekommen war, warf er einen raschen Blick auf den Regenten, als wolle er dessen k�rperliche Verfassung absch�tzen. Talquist bemerkte es, sagte aber nichts, sondern begab sich zu einer �hnlich reich geschnitzten Anrichte, auf der eine beeindruckende Anzahl von Gl�sern und Karaffen mit den feinsten geistigen Getr�nken aus der ganzen Welt stand.</p><p>�H�ttest du gern etwas zu trinken, Fhremus?�, fragte Talquist und goss sich selbst einen Schluck canderianischen Branntwein in ein kleines Kristallglas.</p><p>�Nein, vielen Dank, Herr�, antwortete der Kommandant mechanisch. �Meine Aufgabe, f�r Eure Sicherheit zu sorgen, verbietet es mir, meine Sinne in Eurer Gegenwart zu tr�ben.�</p><p>Talquist kicherte d�ster. �Unsinn�, sagte er fr�hlich. �F�r meine Sicherheit ist gesorgt, nicht nur durch eine Abordnung der Palastwache, sondern auch durch Vorkehrungen, von denen du dir keine Vorstellung machen kannst. Also los, Fhremus, st�rke dich. Ich glaube, du wirst es brauchen.�</p><p>Die Einladung war unversehens zu einem Befehl geworden.</p><p>Fhremus stand vom Tisch auf und trat an die Anrichte, um einen Malzwhiskey aus Argaut zu w�hlen, einer Nation auf der s�dlichen Halbkugel weit hinter dem Mittleren Meer. Er goss sich einige Fingerbreit ein und folgte dann Talquist zur�ck zum Tisch.</p><p>�Ausgezeichnete Wahl�, sagte der Regent und beobachtete Fhremus �ber den Rand seines eigenen Glases hinweg. �Argaut hat viele hervorragende Brennereien. Ich hoffe, es wird dir schmecken.�</p><p>�Vielen Dank, Herr.�</p><p>Talquist beugte sich ihm entgegen.</p><p>�Ja, Fhremus, ich bin wohlauf, trotz aller gegenteiligen Ger�chte.�</p><p>Der Kommandant l�chelte nerv�s. �Ich bin sehr froh dar�ber, Herr.�</p><p>Der Regent machte es sich auf seinem Stuhl bequem. �Ich habe schon immer deine Hingabe an die Nation und die Krone bewundert, Fhremus�, sagte er, w�hrend er das Bouquet des Branntweins einatmete. �Ich war sehr beeindruckt von deiner Weisheit, die du w�hrend der Konferenz nach dem Tod der Herrscherin gezeigt hast, indem du darauf beharrt hast, das Reich solle vereinigt bleiben, w�hrend die Grafen der gr��eren Provinzen darauf hingearbeitet haben, sowohl das Land als auch das Heer aufzul�sen. Ich werde nie vergessen, was du bei diesem Treffen gesagt hast, n�mlich dass die Macht des sorboldischen Heeres von zwei Umst�nden herr�hrt: vom gemeinsamen Zweck und der Liebe zum Vaterland.� Der Soldat nickte und nippte an seinem Getr�nk.</p><p>�Diese Weisheit wird bald deutlicher bewiesen werden, als es sich jedermann vorstellen kann�, sagte Talquist ernsthaft. �Ich will, dass du offen mit mir redest, Fhremus, ohne Angst vor Vergeltungsma�nahmen � nicht als Soldat vor seinem Herrscher, sondern als Sorbolder zum Sorbolder. Uns beide verbindet die gro�e Liebe zu unserem Land. Die Nation ist bedroht, und dieser Bedrohung m�ssen wir rasch und mit �u�erster Kraft entgegentreten. Wenn wir z�gern oder gar nichts tun, werden wir jeden Vorteil verlieren, den unser Gel�nde und unsere milit�rische Macht uns in der Entscheidungsschlacht verschaffen k�nnen.�</p><p>Der Oberkommandierende blinzelte. �Bedrohung? Was f�r eine Bedrohung?� Er starrte den Regenten an. �Ich habe vor kurzem erst die Berichte der Feldkommandanten aller siebenundzwanzig Stadtstaaten durchgesehen; seit drei Monaten wird keinerlei feindliche Aktivit�t mehr berichtet. Es hat den Anschein, dass sich das B�ndnis auf Ackerbau und Viehzucht sowie auf die Sicherung der Handelsstra�en verlegt und nur wenig Milit�r stationiert hat. In Roland scheint alles friedlich zu sein, und es hat keine Sichtungen von Bolg au�erhalb der Berge von Ylorc gegeben. Und nat�rlich bleiben die Lirin von Tyrian wie immer f�r sich. Wir haben Frieden.�</p><p>�So k�nnte es scheinen�, stimmte Talquist ihm zu, nahm einen weiteren Schluck und lie� die Fl�ssigkeit �ber seine Backenz�hne flie�en. �Aber du vergisst, Fhremus, dass ich vor meiner Erw�hlung zum Herrscher durch die Waage das Oberhaupt der westlichen Kaufmannschaft war. Daher erhalte ich meine Informationen nicht nur von innerhalb des Kontinents, sondern auch von au�erhalb.�</p><p>�Gibt es Anzeichen daf�r, dass uns eine Invasion droht?� Die Haltung des Soldaten �nderte sich ganz leicht; er spannte die Muskeln an und straffte das R�ckgrat, w�hrend seine Augen im Licht der Nachmittagssonne, die vom Balkon aus in den Raum fiel, einen seltsamen Glanz annahmen.</p><p>�Wenn wir nichts unternehmen, wird es dazu kommen�, sagte Talquist. �Bedenke aber die Geografie des Kontinents. Du musst dieses Land so betrachten, wie es der Sch�pfer getan hat, und nicht so, wie es als Ergebnis des Cymrischen Krieges vor vierhundert Jahren von den Menschen aufgeteilt wurde. Dann erkennst du vielleicht was der Sch�pfer vorhatte.</p><p>Sorbold ist das Fundament des gesamten s�dlichen Kontinents und erhielt g�ttlichen Schutz durch den Sch�pfer in Gestalt von un�berwindlichen Bergen und undurchdringlichen W�sten. Es ist ein ausgedehntes Land und hat eine gro�e Bev�lkerung, welche durch die Sonne stark, unbarmherzig und stolz gemacht wurde. Unsere Bereitschaft, Jahrhunderte hindurch die Struktur unseres Milit�rs und unserer Verteidigung beizubehalten, hat uns vom taktischen Standpunkt aus die Oberhand verschafft. Selbst unsere K�ste ist zum gr��ten Teil von der sie umgebenden Landmasse gesch�tzt. Wir haben am Meer Au�enposten von der Neutralen Zone bis zur Skelettk�ste. Diese Au�enposten m�ssen alle Schiffe passieren, die in einen unserer H�fen einlaufen wollen. Unter normalen Umst�nden sind wir also ein beachtlicher und beinahe unbesiegbarer Gegner.�</p><p>Der Kommandant nickte. Der Regent hatte soeben eine Einsch�tzung der Lage abgegeben, die Fhremus uneingeschr�nkt teilte. Also gab es kaum einen Grund zur Sorge.</p><p>�Der Mittlere Kontinent im Westen, bestehend aus Tyrian, Roland und Gwynwald, ist die Kornkammer dieses Teils der Welt�, fuhr Talquist fort. �Seine weiten Ebenen, die W�lder und Felder verschaffen diesen L�ndern einen nat�rlichen Schutz, aber es gibt dort nur wenige Orte, von denen aus ein Angriff gef�hrt werden k�nnte. Lediglich das Waldgebiet von Tyrian befindet sich nahe genug bei unseren Stadtstaaten, um von dort aus unbemerkt eine Invasion zu beginnen. Der Firbolg-K�nig an unserer Ostgrenze teilt mit uns die Berge, die unsere Nordflanke sch�tzen. Er k�nnte durchaus ein Invasionsheer aufstellen, doch ohne Unterst�tzung aus Roland w�ren wir vermutlich in der Lage, sie abzuwehren.�</p><p>Erneut nickte Fhremus und stimmte Talquist schweigend zu.</p><p>�Im Norden liegt das Hintervold, das, wie du wei�t, eine nur teilweise und zu bestimmten Jahreszeiten bewohnbare Eisw�ste ist. Es ist eine Schatzkiste f�r H�ute, Erze und Gold sowie f�r Torf als Brennmaterial und hat eine kurze, aber intensive Wachstumsperiode, in der es eine kleine Ernte an Gem�se von gewaltiger Gr��e hervorbringt, aber allein durch die heimische Landwirtschaft kann es sich nicht ern�hren. Ohne die Nahrung, die Roland zu ihm schickt, w�re das Hintervold noch kahler, als es ohnehin schon ist. Um es kurz zu machen, der Kontinent war dazu gedacht, ein einziges Reich zu bilden, das vom S�den beherrscht und verteidigt, vom mittleren Teil ern�hrt und vom Norden mit Handelsg�tern wie Pelzen und Gold versorgt wird. Doch leider haben die Krieger unserer Vorfahren uns geteilt.�</p><p>�Aber sie haben uns auch zu Verb�ndeten gemacht�, sagte Fhremus.</p><p>Talquists Miene verlor ein wenig von ihrer Freundlichkeit. �Wir sind mit dem cymrischen B�ndnis befreundet, aber kein Teil davon�, betonte er mit einer Stimme, die Fhremus die Nackenhaare zu Berge stehen lie�. �Wir sind ebenfalls mit dem Hintervold und mit Golgarn an der s�d�stlichen Grenze des Bolg-Reiches befreundet, aber auch zwischen diesen Nationen und Sorbold existiert kein offizielles B�ndnis. Das wird sich �ndern.�</p><p>Fhremus lehnte sich entsetzt vor. �Wir werden ein Abkommen mit Golgarn und dem Hintervold schlie�en?�, fragte er ungl�ubig. �Diese drei Nationen kreisen den Mittleren Kontinent ein. W�rde das cymrische B�ndnis das nicht als Bedrohung empfinden?�</p><p>Der Regent l�chelte belustigt. �Das w�rde es, wenn es davon w�sste. Ich will damit sagen, Fhremus, dass unsere gro�z�gige Freundschaft und unsere Handelspraktiken das B�ndnis zu dem Glauben gebracht haben, wir w�ren verwundbar. Sie glauben genau wie der Sch�pfer, dass dieser Kontinent zu einem einzigen Reich vereinigt werden sollte. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass sie der Meinung sind, <emphasis>sie</emphasis> sollten �ber ihn herrschen.�</p><p>Pl�tzlich verstummten alle Ger�usche au�er dem leisen S�useln des Windes auf dem Balkon.</p><p>�Und da das B�ndnis wei�, dass es f�r uns milit�risch und strategisch kein Gegner ist�, fuhr Talquist nach kurzer Pause fort, �hat es damit begonnen, sich Waffen zu beschaffen, von denen es sich einen Vorteil in dem Krieg verspricht, den es anzetteln will.�</p><p>�Was f�r Waffen?�, fragte Fhremus nerv�s. Er setzte das Glas ab. Der Alkohol reizte seine Kehle, statt sie zu bes�nftigen. Alles, was ihm dieser Mann sagte, der bald der Herrscher �ber Sorbold sein w�rde, widersprach Fhremus� Instinkten, doch er kannte den Blick in Talquists Augen und h�tete sich deshalb davor, das Wissen von jemandem in Frage zu stellen, der einen Spion an jeder T�r dieser Welt hatte.</p><p>Talquist zog seinen Stuhl n�her an den Kommandanten heran.</p><p>�Denk immer daran, Fhremus�, sagte er, wirbelte dabei den Rest seines Branntweins im Glas herum und stellte es schlie�lich auf den Tisch. �Der Mann, der das B�ndnis anf�hrt, besitzt mehr als nur eine Art von Macht. Gwydion von Manosse ist der Enkel Gwylliams des Vision�rs � des Mannes, der eine der fortschrittlichste Nationen aller Zeiten aus festem <emphasis>Fels</emphasis> gehauen hat. Sein Onkel ist Edwyn Griffyth, der hohe Meeres-Magier aus Gaematria, Gwylliams Sohn und wahrscheinlich der beste Erfinder der bekannten Welt. Daher hat er einige der genialsten Maschinen zur Verf�gung, die je ersonnen wurden. Er ist mit dem Firbolg-K�nig Achmed verb�ndet, von dessen einzigartigen und absolut t�dlichen Waffen wir nur durch Spionage einiges erfahren konnten, denn der K�nig weigert sich, sie uns zu verkaufen. Warum ist das wohl so? Warum verkauft der Bolg-K�nig Waffen an das B�ndnis, aber nicht an Sorbold?�</p><p>Talquist beobachtete, wie Fhremus schweigend die Bedeutung dieser Frage in sich aufnahm; dann ging er zum Schreibtisch und kehrte mit einem gro�en Pergamentblatt zur�ck, das er dem Kommandanten vorlegte. Darauf befand sich die ausf�hrliche Zeichnung einer schweren Maschine aus Metall mit Fu�st�tzen, die durch aufrechte Streben mit einem Schaltgest�nge verbunden waren.</p><p>�Einer unserer Spione bei den Docks von Avonderre hat uns das hier vor ein paar Monaten geschickt. In Port Fallon wurde es ausgeladen; es kam aus Gaematria und wurde mit einem Karren nach Haguefort gebracht, wo der cymrische Herrscher im Augenblick residiert.�</p><p>�Was ist das?�, fragte Fhremus, w�hrend er die Skizze betrachtete.</p><p>Talquist beobachtete ihn eingehend. �Das ist anscheinend ein Gehapparat�, erkl�rte er, nahm sein Glas wieder auf und atmete das Aroma des Branntweins ein, dann setzte er es abermals ab.</p><p>Fhremus nickte. �Vielleicht f�r Anborn, den Marschall aus dem Gro�en Krieg�, sagte er. �Er ist gel�hmt � und Edwyn Griffyth ist sein Bruder. Zweifellos will Anborns Bruder ihm dabei helfen, wieder gehen zu k�nnen, oder ihm zumindest eine gewisse Beweglichkeit verschaffen.�</p><p>�Zweifellos�, stimmte Talquist ihm zu. �Aber warum hat der cymrische Herrscher wohl genug Material geordert, um f�nfhunderttausend davon zu bauen?� Fhremus sah von dem Pergament auf. �Gibt es etwa eine halbe Million Kr�ppel in Roland?�</p><p><emphasis>�F�nfhunderttausend?�</emphasis></p><p>Talquist l�chelte grimmig. �Ich habe einige Ladungsverzeichnisse der Schiffe gesehen, die jeden Tag aus Manosse und Gaematria eintreffen. Wenn das bereits in den wenigen Schiffen war, die ich gesehen habe, was alles f�hrt er dann sonst noch ein? Und zu welchem Zweck?� Er sah Fhremus eindringlich an und fragte sich, ob dieser seine L�ge durchschaut hatte, doch der Soldat erwiderte seinen Blick nicht.</p><p>Der Kommandant warf das Pergamentblatt mitten auf den Tisch.</p><p>�Ich wei� es nicht, aber ich glaube kaum, dass Maschinen, die Gel�hmten zum Gehen verhelfen, eine Bedrohung f�r Sorbold darstellen.�</p><p>�Auf deine Weise hast du recht�, meinte Talquist geduldig. �Aber du musst weiter denken, Fhremus. �berlege einmal, mit wem der cymrische Herrscher verb�ndet ist und was du �ber seine Aktivit�ten wei�t. Vor nicht langer Zeit ist der gesamte Gipfel eines der inneren Berge in den Zahnfelsen explodiert. Die ganze westliche Welt hat die Ersch�tterungen gesp�rt. Ein <emphasis>Berggipfel</emphasis> Fhremus! Es war kein Vulkan, denn es wurde von keinem Lavafluss berichtet. Hast du eine Vorstellung von der Kraft, die n�tig ist, um einen Berggipfel in St�cke zu blasen?�</p><p>Das hatte Fhremus nicht, aber er verstand, was Talquist damit sagen wollte.</p><p>�Der Bolg-K�nig entwickelt hochexplosive Sprengstoffe�, sagte er, �und wir tun das auch. Ich verstehe nicht, was das mit Gehmaschinen f�r Lahme zu tun hat, Herr.�</p><p>Talquists L�cheln wurde grausam. �Es verwirrt mich, dass der Kommandant des Heeres einer ganzen Nation die einzelnen Teile nicht besser zusammensetzen kann, Fhremus. Denk einmal nach. Du bist in gro�er Eile nach Jierna�sid zur�ckgekehrt � nicht auf meinen Ruf, sondern wegen der Ger�chte, die du auf der Stra�e geh�rt hast. War das nicht so?�</p><p>Das Gesicht des Kommandanten wurde ausdruckslos.</p><p>�Das ist schon in Ordnung, Fhremus. Wenn ich du w�re und man mir gesagt h�tte, dass der Herrscher das Ziel eines gewaltigen steinernen M�rders sei � einer Statue, die doppelt so gro� wie ein Mensch ist, sich aus eigener Kraft bewegt und auf dem Weg nach Jierna Tal bereits eine halbe Brigade vernichtet hat �, dann w�re auch ich in aller Eile hergekommen. Ich vermute, du hast selbst die Verw�stungen gesehen. Obwohl die Stra�en bei deiner Ankunft schon von den menschlichen Abf�llen ges�ubert waren, sind dir bestimmt nicht die zerschmetterten Karren und die geborstenen Tore entgangen, oder?� Er deutete auf die frisch instand gesetzte Mauer in der Treppe, die hoch zum s�dwestlichen Turm f�hrte.</p><p>�Ja�, sagte der Kommandant.</p><p>�Ich bin ger�hrt �ber deine Sorge um mein Wohlergehen und kann dir mit Freude verk�nden, dass mir nicht ein einziges Haar gekr�mmt wurde. Ich w�nschte, ich k�nnte dasselbe von den achtundachtzig Truppen und den ungez�hlten Zuschauern sagen.�</p><p>�Wie ��</p><p>Der Regent hob die Hand, und der Soldat verstummte. �Ich dachte, inzwischen w�sstest du, dass meine Thronbesteigung vom Sch�pfer vorherbestimmt war�, sagte Talquist hochm�tig. �Die Waage hat mich gesalbt. Ich stehe unter g�ttlichem Schutz, wie ich bereits vorhin erw�hnte, wenn ich mich recht erinnere.� In seinen Augen funkelte es b�se. �Es gibt viele Dinge, die du nicht �ber mich wei�t, Fhremus � und viele andere, von denen dir nicht bekannt ist, dass ich sie �ber <emphasis>dich</emphasis> wei�. Aber vertraue mir: Sorbold, das Land, das wir beide lieben, ist in f�higeren H�nden, als du es dir vorstellen kannst.�</p><p>�In der Tat, Herr�, murmelte Fhremus und nahm noch einen Schluck Whiskey.</p><p>Talquist kniff die Augen zusammen. �Komm�, befahl er. �Ich werde dir zeigen, wozu unser Feind in der Lage ist, sowohl was seine Macht als auch was seine Vors�tze angeht � und was wir dagegen unternehmen werden.�</p><p>Er erhob sich und schlenderte in die hinteren Zimmer seiner Gem�cher. Der Kommandant sprang auf die Beine und folgte seinem Herrscher. Er lie� sein Glas auf dem reich verzierten Tisch zur�ck, wo die Neige am Boden das Licht der untergehenden Sonne einfing und wie ein Fleck aus getrocknetem Blut aufleuchtete.</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Es �berraschte Fhremus nicht sonderlich, als er erfuhr, dass von den Gem�chern des Regenten eine Menge Kammern und Tunnel abgingen. Die Dynastie der Dunklen Erde und die Dynastie der Verbotenen Berge vor ihr, die Sorbold insgesamt mehr als sieben Jahrhunderte regiert hatten, hatten in Jierna Tal so viele Geheimnisse und Fluchtwege eingebaut wie im ganzen Rest des Reiches. Zuzeiten der Herrscherin Leitha war ihm bisweilen der Zugang zu solch verborgenen Orten gew�hrt worden, doch diese hier, die von ihrem ehemaligen Schlafgemach ausgingen, hatte er noch nie gesehen.</p><p>Er machte eine gelassene Miene, als die Wandbeh�nge hintereinander beiseite gezogen wurden und immer neue, immer st�rkere Metallt�ren zum Vorschein kamen, jede mit einem verzwickteren Verschlussmechanismus als die vorige. Was immer der Herrscher in seinen Gem�chern weggesperrt hatte, war entweder besonders wertvoll oder besonders gef�hrlich, mutma�te Fhremus. Zumindest war es etwas, das nur ausgew�hlte Personen zu sehen bekamen. Er war sich nicht sicher, ob er sich geehrt oder bedroht f�hlen sollte.</p><p>Als er die Kammer hinter der letzten T�r betrat, entschied er sich f�r beide Regungen gleichzeitig.</p><p>Fhremus hatte von seinen Truppen genug geh�rt und erkannte sofort das, was er nun vor sich sah. Dennoch dauerte es eine Weile, bis er die Verbindung zwischen den Geschichten des Grauens, die man ihm erz�hlt hatte, und dem herstellen konnte, was er nun in den Gem�chern des Herrschers zu Gesicht bekam.</p><p>Talquist setzte sein Glas auf einem Beistelltisch ab, zog einen schweren Samtvorhang zur�ck und enth�llte einen Alkoven in einer Ecke des Zimmers.</p><p>Darin stand aus eigener Kraft eine gewaltige Statue aus vielfarbigem Stein. Gr�ne, zinnoberrote und purpurfarbene Adern liefen durch etwas, das wie feuchter Lehm aussah, der an den R�ndern getrocknet war und die Farbe von Sand angenommen hatte. Es war die grobe Statue eines Soldaten mit einfachem Gewand; seine eine Hand war ungestalt, als ob ihm ein Werkzeug oder eine Waffe entrissen worden sei. Die Gesichtsz�ge und das Haar waren gleicherma�en grob herausgearbeitet, und die Gestalt war von einem gepanzerten Helm gekr�nt, dessen Stil auf die eingeborenen V�lker des Kontinents hinwies, die Sorbold vor Beginn der Geschichtsschreibung und vor der erleuchteten cymrischen Epoche bewohnt hatten, als die meisten Berichte und Chroniken der Welt auf gro�en Pergamentrollen niedergeschrieben und in Bibliotheken aufbewahrt worden waren.</p><p>Bis zum Scheitel ma� die Statue etwa zehn Fu�. Ihre Arme und Beine waren muskul�s und dick und wiesen aufgrund der rohen Arbeit au�er Knien und Ellbogen keine Merkmale normaler menschlicher Gliedma�en auf. Die auf die Decke gerichteten Augen waren hohl und hatten keine Pupillen, und die H�nde waren gegen die Seite gepresst.</p><p>Vor nicht langer Zeit hatten Fhremus� eigene Soldaten ihm mit atemloser Stimme eine solche Statue beschrieben. Sie hatten ihm Geschichten von einem Riesen erz�hlt, der die Hauptstra�e von Jierna�sid entlanggepoltert war. Voller Mordlust hatte er eine Schlachtreihe von Soldaten durchbrochen und sie wie Weizen unter seinen F��en zermahlen. Er hatte Wagen und Pferdekarren umhergeschleudert, Tore und Barrikaden �berwunden und sich schlie�lich auf den Weg zum Palast von Jierna Tal gemacht.</p><p>Nach diesen Berichten hatte sich Fhremus in aller Eile zum Palast begeben und darum gebangt, den Regenten lebend anzutreffen, auch wenn er die Hoffnung darauf, dass Talquist unverletzt war, als nur gering angesehen hatte. Doch er hatte rasch herausgefunden, dass der Schaden in Jierna Tal nur geringf�gig und bereits an den meisten Stellen wieder behoben war, einschlie�lich der Ecke in den Privatgem�chern des Herrschers. Und der Herrscher selbst erfreute sich ausgezeichneter Gesundheit, hatte keine offenkundigen Verletzungen erlitten und wirkte keineswegs mitgenommen. Als er Talquist zum ersten Mal nach jenen Berichten wieder gesehen hatte, hatte er sich gefragt, ob diese nicht das Produkt von Halluzinationen gewesen waren.</p><p>Bis zu diesem Augenblick.</p><p>�Das ist doch nicht, �h, die Statue ��</p><p>�Doch, das ist sie�, sagte Talquist gelassen. �Es ist der Titan aus Lebendigem Stein, der vor einer Woche durch die Stra�en der Stadt getrampelt ist, Soldaten zerschmettert und alles vernichtet hat, was sich ihm in den Weg stellte. Wundersch�n, nicht wahr?�</p><p>�Wenn Ihr so meint, Herr�, meinte Fhremus und wusste nicht, was er sonst antworten sollte.</p><p>Der zuk�nftige Herrscher kicherte. �Du musst wenigstens die Handwerkskunst unserer Feinde bewundern, Fhremus, selbst wenn du ihre Absichten nicht guthei�t. Ich muss zugeben, dass ich h�chst beunruhigt war, als ich sie vom Balkon aus gesehen habe, denn mir war nicht bekannt, welche Kr�fte der Natur bei der Erschaffung dieses Dinges zusammengespielt hatten. Aber zu meiner Zeit als Kaufmann habe ich so manche Seltsamkeiten in den vielen L�ndern gesehen, vor allem Waffen in allen Formen und Gr��en � Gifte, von denen du nie erwarten w�rdest, dass sie sch�dlich sind; Klingen, die in weichster Seide verborgen und so unauff�llig sind, dass du sie nicht einmal bemerkst, bevor du dich zu Tode blutest; geniale Fallen, die nicht einmal der aufmerksamste W�chter erkennt, bevor er in den Tod st�rzt oder unter einem gewaltigen Steinblock begraben wird � und deshalb gibt es nur sehr wenig, das mich wirklich �berrascht, Fhremus. Danke dem Sch�pfer, dass ich in seiner Gunst stehe und er mich als seinen Gesalbten sch�tzt. Ansonsten w�re Sorbold jetzt wieder f�hrerlos wie noch vor kurzem, als unsere geliebte Herrscherin und der Kronprinz gestorben sind. Wer wei�, vielleicht s��est du dann wieder in einer Versammlung mit den Grafen der Hauptprovinzen, die nur danach trachten, das Reich aufzul�sen und die kleineren L�nder ihren eigenen einzuverleiben.�</p><p>�In der Tat, Herr�, murmelte Fhremus.</p><p>�Was glaubst du, wie wurde dieser riesige Steinm�rder belebt?�, fragte der Herrscher.</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht.�</p><p>�Dann erlaube mir, dich �ber die Kenntnisse unserer Feinde aufzukl�ren�, sagte Talquist in bei�endem Tonfall. �Wir haben es nicht nur mit gew�hnlichen Menschen zu tun, Fhremus, mit Menschen wie uns selbst, die wir allein Klugheit, Muskeln und Blut in uns vereinen, mit denen wir unser geliebtes Land verteidigen. Wir stehen gegen eine Allianz, die von Menschen mit heimt�ckischen Kr�ften gef�hrt wird. Es sind die Erben der Throne von Gwylliam und Anwyn, und in ihren Adern flie�t das Blut der Cymrer und die Macht, welche diese b�sartige Rasse einst besa�. Das sind keine reinen Menschen, Fhremus. Die Zeit scheint ihnen nichts anhaben zu k�nnen und keine Macht �ber sie zu besitzen. Viele aus Gwylliams Dynastie leben noch, mehr als tausend Jahre nachdem dieser verfluchte Despot im Kielwasser der Flutwelle seinen Fu� auf unser Land gesetzt und systematisch die Leute auf dem Weg zu dem Ort abgeschlachtet hat, welcher schlie�lich zu seiner Festung in den Bergen wurde, die heute die Zahnfelsen genannt werden. Au�erdem ist der k�rzlich eingesetzte Patriarch mit dem cymrischen Herrscher verb�ndet. Dieser Mann ist in Wahrheit ein Abtr�nniger und folgt einer langen Reihe von M�nnern, die unsere Religion pervertiert haben. Er verneint die reine und heilige Anbetung des Sch�pfers, die unsere Vorfahren praktiziert haben, und nennt ihn bei anderen unheiligen Namen wie All-Gott oder Ein-Gott. In den H�nden des Patriarchen und seiner Seligpreiser befinden sich alle Elementar-Basiliken und das uranf�ngliche, in ihnen enthaltene Wissen um die Lebendige Erde, den Wind, das Feuer, das Wasser und das Sternenlicht. Und sein Verb�ndeter Gwydion von Manosse, der cymrische Herrscher, steckt unter einer Decke mit Tyrian, den Bolglanden, den Nain, Manosse, Gaematria und hat die Oberherrschaft �ber alle Heere des Mittleren Kontinents. Wie kann man gegen solche Feinde k�mpfen?�</p><p>�Wir sind dazu bereit, Herr�, sagte Fhremus.</p><p>�Nein, das seid ihr nicht�, widersprach Talquist d�ster. �Du untersch�tzt unsere Feinde und die Kr�fte, die zu ihrer Verf�gung stehen. Pass auf.�</p><p>Er trat vor die Statue und hob die Hand.</p><p>�Wach auf, Faron�, befahl er.</p><p>In den blinden Augen der Statue erschienen zwei blaue Irisse; zuerst waren sie milchig, doch dann nahmen sie einen Ausdruck der Bedrohung an. Unwillk�rlich wich Fhremus einen Schritt zur�ck.</p><p>�Bewege den Schrank�, befahl Talquist und deutete auf eine m�chtige Anrichte aus reich geschnitztem Holz, die so viel wie drei M�nner wog.</p><p>Die Statue starrte ihn kurz an und warf dann einen drohenden Blick auf den Kommandanten. Schlie�lich reckte sie sich, als ob ihre Glieder eingeschlafen w�ren, streckte die Arme vor und ging zur Anrichte, die sie packte und durch den Raum gegen die Wand warf. Dabei brach eines ihrer Beine ab.</p><p>Talquist wandte sich an den ersch�tterten Kommandanten und l�chelte.</p><p>�Das, Fhremus, ist das Werk unserer Feinde. Was eigentlich nur eine leblose Steinstatue sein sollte, ist in Wirklichkeit eine Maschine, die durch irgendeinen cymrischen Zauber belebt wurde. Ich habe sie meinem Willen unterworfen, und nun folgt sie meinen Befehlen. Was eigentlich mein M�rder h�tte sein sollen, wird nun der Fahnentr�ger deines Heeres sein. Wenn ich nicht der w�re, der ich bin, und wenn ich vom Sch�pfer weniger gesegnet w�re, dann l�ge ich jetzt im Grab, und Sorbold bef�nde sich sehr wahrscheinlich im Krieg.�</p><p>�Sorbold wird sich sowieso bald im Krieg befinden, Herr�, sagte Fhremus. �Es darf Gwydion von Manosse nicht erlaubt sein, M�rder auf unseren zuk�nftigen Herrscher zu hetzen und dabei ungestraft zu bleiben. Daf�r muss Rache ge�bt werden, ansonsten k�nnte er versucht sein, es noch einmal zu wagen.�</p><p>�Jetzt siehst du vielleicht einen � und nur einen -Grund daf�r, dass wir handeln m�ssen, anstatt abzuwarten, bis wir angegriffen werden�, sagte Talquist, nahm sein Glas und trank es leer. �Du �bersiehst, dass Gwydion von Manosse nicht nur der Herr des Mittleren Kontinents und ein Mann mit festen Wurzeln in Manosse und Gaematria ist, sondern auch der Abk�mmling eines verdammten <emphasis>Drachen.</emphasis> Er besitzt die mythische Macht der serenischen Abstammung, die alle Cymrer mehr oder weniger haben; er kennt die schrecklichen �berlieferungen der Meeres-Magier, die die Str�mungen und Gezeiten der sieben Meere so lange studiert haben, dass es hei�t, sie k�nnten diese beeinflussen; und ihm stehen die Kenntnisse seines Gro�vaters �ber Maschinenbau und andere Erfindungen zur Verf�gung. Wenn man noch die Magie hinzunimmt, die ihm seine Drachenabstammung hinterlassen hat, ist es dann wirklich so schwer vorstellbar, dass der cymrische Herrscher, der einen Weg gefunden hat, um festen <emphasis>Stein</emphasis> zu beleben, auch auf eine M�glichkeit gesto�en ist, Feuer schleudernde, unbemannte Maschinen zu bauen, die �ber die Grenze und vielleicht sogar �ber die Berge marschieren k�nnen, um dann in unseren St�dten, unseren Au�enposten und unseren heiligen St�tten zu explodieren?�</p><p>�Was sollen wir dagegen tun, Herr?�, fragte Fhremus.</p><p>�Wir werden mit dem Patriarchen beginnen�, antwortete Talquist, der insgeheim hocherfreut war, dass der Kommandant die L�ge geschluckt hatte. �Zuerst werden wir Sepulvarta einnehmen, das sowieso der n�rdlichste Punkt unserer Grenze sein sollte. Dieses Land liegt im Vorgebirge der Manteiden, und sobald es uns geh�rt liegt die Weite der Krevensfelder im Norden vor uns. Sie sind unm�glich zu verteidigen. Dort werden wir damit anfangen, uns das zur�ckzuholen, was rechtm��ig uns geh�rt.�</p><p>�Die heilige Stadt?�, fragte Fhremus nerv�s. �Ihr habt vor, der Hauptstadt des All-Gottes den Krieg zu erkl�ren?�</p><p>�Er hei�t der Sch�pfer�, berichtigte Talquist ihn; seine Stimme hatte nun einen st�hlernen Tonfall angenommen. �Es waren die Cymrer, die ihn All-Gott genannt haben, aber was f�r ein n�rrischer Name ist das! Wir werden das Unrecht von Jahrhunderten aufheben; unser Ziel ist heilig.� Er seufzte verdrossen. �Niemand will den Krieg weniger als ich, Fhremus. Ich bin von Haus aus Kaufmann; ich hatte gehofft, meine Regierung w�rde eine des Friedens und Wohlstands sein und unsere G�ter w�rden neue M�rkte auf der ganzen Welt erreichen. Krieg unterbricht den Handel, und ich will nichts weniger als das. Im Gegensatz zu den cymrischen Anf�hrern des B�ndnisses � nicht nur Gwydion von Manosse, sondern auch seine lirinische Frau und der Bolg-K�nig, von dem man nicht sagen kann, wie lange <emphasis>er</emphasis> leben wird � bin ich ein einfacher Sterblicher, Fhremus. Ich werde eine normale menschliche Lebensspanne haben. Selbst Leitha ist mit ihrer au�erordentlichen Langlebigkeit nur einundneunzig Jahre alt geworden. Die Zeit hat keine Macht �ber die Nachkommen der Drachen und �ber all jene, die von der verfluchten Insel Serendair gekommen sind. Unsere Enkel werden schon Staub in ihren Gr�bern sein, wenn diese Tyrannen noch immer in der Bl�te ihrer Jugend stehen! Unsere Zeit ist begrenzt; wir m�ssen das Beste daraus machen. Das schulden wir dem Sch�pfer.�</p><p>Eine schrille Glocke erklang in Fhremus� Hinterkopf. Er versuchte sich zu erinnern, ob er den zuk�nftigen Herrscher je bei einem Gottesdienst im �rtlichen Kloster oder in einer der Kapellen gesehen hatte, in welche die in Jierna�sid stationierten Soldaten gingen, und er kam zu dem Ergebnis, dass er Talquist dort nie bemerkt hatte. Der Kommandant nahm jede Gelegenheit wahr, von den �rtlichen Priestern gesegnet zu werden, so wie es die meisten Mitglieder des Heeres taten. Doch er sagte sich, dass das eigentlich nicht seltsam war, denn der zuk�nftige Herrscher hatte sicherlich seine Privatkapellen und Andachtsorte im Palast.</p><p>Au�erdem spielte es keine Rolle.</p><p>�Ich bin breit, Eure Befehle zu empfangen, Herr�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Dann komm mit mir, Fhremus�, sagte Talquist, dessen Miene seine Zufriedenheit widerspiegelte. �Ich werde dir zeigen, wie man eine Nation verteidigt.�</p></section><section><title><p>23</p></title><p>Fhremus hatte in den vielen Jahren, die er bereits in dem Heer zugebracht hatte, viele schreckliche Ger�che wahrgenommen. Der bei�ende Rauch der Stahlfeuer in den Schmieden, die ekelhaften Ausd�nstungen der Latrinen und Abfallgruben, die bei jedem gro�en Soldatenlager zur�ckblieben, und der Gestank der Leichen, die unter der glei�enden Sonne Sorbolds verdorrten, waren seiner Nase vertraut; er nahm sie kaum mehr wahr.</p><p>Doch all dies konnte ihn nicht auf das vorbereiten, was ihn nun in den Tunneln unter Jierna Tal best�rmte.</p><p>Als er Talquist durch den h�hlenartigen Schacht folgte, waren seine durch ungez�hlte Schlachten gesch�rften Sinne in h�chste Alarmbereitschaft versetzt. Er sp�rte das Gef�hl von Gefahr im Bauch, das jeden guten Soldaten vor einem Feind oder einer Bedrohung in der Dunkelheit warnte. Fhremus hatte den neuen Standartentr�ger des Regenten gesehen, der ihnen nun schweigend folgte und trotz seiner steinernen Gestalt und gewaltigen Gr��e fast unsichtbar war, und daher konnte er nur Vermutungen dar�ber anstellen, was ihn am Ende des Tunnels erwarten mochte.</p><p>Der Geruch der Verwesung, der sogar den Stein der W�nde zu durchdringen schien, verschaffte ihm das Gef�hl, als atme er den Tod selbst ein, obwohl er sich einen dicht gewebten Leinenschal vor die Nase hielt.</p><p>Je tiefer sie hinabstiegen, desto dichter und undurchdringlicher wurde die Finsternis, und der Tunnel weitete sich immer mehr. Die kleine Laterne in Talquists Hand vermochte nicht einmal das Zwielicht zu zerstreuen, das auf ihren Schultern lastete. Sie war kaum mehr als ein wei�licher Ball aus kaltem Licht, der z�gernd in der Schw�rze unmittelbar vor ihnen glimmerte; alles dahinter wurde von den Schatten verschluckt. In gewisser Weise war Fhremus dankbar daf�r. Er konnte nicht erkennen, was an den H�hlenw�nden am Rande seines Gesichtsfelds lauerte, doch mehr als einmal erhaschte er aus den Augenwinkeln einen Blick auf huschende Bewegungen �ber die feuchte Steinfl�che. Er riss sich zusammen und konzentrierte sich darauf, den Regenten nicht aus den Augen zu verlieren.</p><p>Je weiter sie gingen, desto feuchter wurde die Luft im Tunnel, bis Fhremus irgendwann sp�rte, dass ihm Wassertropfen vom Helm und den Augenbrauen fielen. Seine Haut war nicht nur vom Schwei� klamm. Feuchtigkeit perlte von seinem einge�lten Wams ab, rann zu Boden und pl�tscherte ihm in kleinen Rinnsalen in die Stiefel.</p><p>�Das hier war einmal der Kanal von Jierna�sid�, sagte Talquist. Seine vom Schal und dem Dunst ged�mpfte Stimme schlug gegen die fernen W�nde und wurde ebenso geschluckt wie das Licht. �Dann hat die Dynastie der Dunklen Erde, also Leitha und ihre Vorfahren, das gro�e Leitungssystem erbaut und diese Tunnel aufgegeben.� Fhremus blieb stumm; seine Augen suchten erfolglos nach den W�nden, die in die Finsternis zur�ckgewichen waren.</p><p>Dann h�rte er aus der Ferne einen seltsamen Ton; es war wie das harsche Pfeifen des Windes in der W�ste, zu dem sich kurze Zeit sp�ter ein tiefes Brummen gesellte das mit dem anderen Ton einherging. Es war ein best�ndiger Laut, der an St�rke zunahm, als sie sich ihm n�herten. Obwohl Fhremus keine Ahnung hatte, was diese Ger�usche verursachte, riefen sie doch eine durchdringende K�lte in ihm hervor, w�hrend sie gnadenlos �ber seine Trommelfelle kratzten.</p><p>�Wir sind bald bei der riesigen Zisterne�, erkl�rte Talquist, dessen Stimme pl�tzlich leise wurde. �Bleib dicht hinter mir, Fhremus, und pass auf, wohin du trittst. Ein falscher Schritt k�nnte tragisch sein.�</p><p>Fhremus warf einen Blick �ber die Schulter. Er glaubte hinter sich den �u�erst schwachen Schatten des Riesen zu erkennen, doch als er noch einmal zur�ckschaute, sah er nichts als Dunkelheit. Nerv�s sp�hte er wieder nach vorn.</p><p>Talquist hatte am Rande von etwas angehalten, das eine gewaltige kreisrunde Schlucht zu sein schien, ein Loch von ungeheuren Ausma�en, das fr�her einmal das gesamte herabflie�ende Wasser aus den Bergen enthalten hatte, was dem Volumen eines Flusses bei Hochwasser entsprach. Fhremus blieb hinter Talquist stehen und k�mpfte gegen die �belkeit an, denn der Geruch war furchtbar �tzend geworden; er biss ihm in die Nasenw�nde und kroch hinauf bis in die Nebenh�hlen.</p><p>Der L�rm aus der Schlucht war zu einem ohrenbet�ubenden Get�se geworden, zu einem kreischenden Winseln, in dem die st�rker gewordene Bassnote wie eine Kriegstrommel donnerte.</p><p>Talquist hielt das Licht �ber den Rand und befahl Fhremus, n�her zu treten.</p><p>�Komm�, sagte er leise und mit einer gewissen Achtung in der Stimme. �Sieh dir das an.�</p><p>Fhremus schluckte still und n�herte sich dem Abgrund. Dabei fuhr ihm etwas Kleines und Hartes �ber das Gesicht. Instinktiv schlug er mit der Hand danach, als w�re es eine Fliege. Dann schaute er hinunter in die Dunkelheit.</p><p>Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als st�nde er bei Nacht �ber dem Trichter eines Tornados. In der Tintenschw�rze unter ihm schien die Luft mit der Wildheit eines Wirbelwinds zu rotieren und verursachte dabei kreischende Laute. Die Bewegung war so heftig wie der gr��te W�stensturm, den Fhremus je gesehen hatte, als W�nde aus Sand aufgewirbelt worden waren und ganze D�rfer unter sich begraben hatten. Doch im Gegensatz zu einem Sturm war diese Bewegung dort unten chaotisch und sporadisch; es waren Millionen Blitze, die kein Ziel hatten, sondern nur aus Geschwindigkeit und L�rm bestanden.</p><p>Der Regent sah ihn eindringlich an. Sein L�cheln wurde breiter, und er hielt die Laterne �ber das wirbelnde Chaos aus Gestank, Gekreisch und �belkeit erregenden Bewegungen.</p><p>In dem �u�erst schwachen Lichtschimmer sah Fhremus, was in der Zisterne herumflatterte.</p><p>�G�tiger All-Gott�, fl�sterte er und sp�rte, wie brennende Galle bis zu seiner Kehle aufstieg. �Sind das �?�</p><p>�Pestheuschrecken�, beendete Talquist die Frage f�r ihn. �Das ist ein junger Schwarm, der haupts�chlich aus Weibchen und M�nnchen besteht. Bisher gibt es keine Nachkommen � der gr��te Teil der Eier wird fr�hestens in der ersten Fr�hlingswoche ausgebr�tet. Noch sind ihnen keine Fl�gel gewachsen.�</p><p>Die feuchte, faulige Luft brannte in Fhremus� Lunge. Die Trockenheit des Landes war sowohl Fluch als auch Segen. W�hrend die Erde nur wenig Ertrag brachte, war die Gefahr unaufhaltsamer Ungezieferschw�rme sehr gering, da solch �ble Tiere wie die Pestheuschrecken Wasser brauchten, in dem sie br�ten konnten.</p><p>Wie den Bodensatz in der aufgegebenen Zisterne.</p><p>Obwohl zu Fhremus� Lebzeiten keine Pestheuschrecken in dieser Gegend mehr vorgekommen waren, so waren sie doch in fr�heren Zeiten so verheerend gewesen, dass sie tiefe Eindr�cke in der Erinnerung des Volkes hinterlassen hatten. Das Elend und der Hunger, welche die Horden gefr��iger Insekten hinterlassen hatten, waren so schrecklich f�r die Sorbolder und die V�lker des Mittleren Kontinents gewesen, dass das Erscheinen eines einzelnen Grash�pfers noch immer eine allgemeine Panik hervorrufen konnte, die oft zum unn�tigen Niederbrennen ganzer Felder f�hrte.</p><p>Fhremus beugte sich vor und hob den Kadaver des Tieres auf, das im Flug gegen ihn gesto�en war. Wie jemand einen einfachen Grash�pfer mit einer dieser Kreaturen verwechseln konnte, war ihm unverst�ndlich. Der winkelf�rmige Kopf, die mit S�gez�hnen versehenen Kiefer und die scharfen, messerartigen Fl�gel waren die Kennzeichen eines Wesens, das das B�se schlechthin mit sich f�hrte.</p><p>Er schluckte die aufsteigende Galle herunter.</p><p>�Ich verstehe nicht, Herr.�</p><p>Talquist hatte ihn eingehend beobachtet und nickte.</p><p>�Dann komm mit, Fhremus, und ich werde dir noch etwas zeigen.� Er drehte sich um und schritt in die Finsternis hinein. Der Kommandant warf den Kadaver in den schwarzen Abgrund und folgte rasch seinem Regenten.</p><p>Er warf einen Blick �ber die Schulter, als wolle er sich davon �berzeugen, dass er nicht tr�umte.</p><p>Die Luft im Tunnel wurde noch schwerer vor fauliger Feuchtigkeit, je weiter sie kamen. Der Steingigant folgte ihnen; er bewegte sich so still wie der Tod, oder wenigstens schien es so, denn das Kreischen und Brummen aus der Zisterne war nun von einem tiefen, klickenden Trommeln abgel�st worden, das in Fhremus� Ohren pochte und pulsierte und von den groben Tunnelw�nden widerhallte. Sie schienen durch alte Zuflusstunnel zur Zisterne zu gehen; viele von ihnen waren vom Abfall der Jahrhunderte verstopft oder ganz verschlossen. Schlie�lich gelangten sie zu etwas wie einem �bel riechenden Teich, dessen Wasser mit gr�nen Schlieren vermutlich pflanzlichen Ursprungs durchzogen war, auch wenn Fhremus nicht glauben wollte, dass an einem solchen Ort etwas Nat�rliches wachsen konnte.</p><p>Der Regent schritt vertrauensvoll in das Wasser und watete langsam, aber zielstrebig darin herum, bis der Schleim seine Stiefel zur H�lfte bedeckte. Er drehte sich um und bedeutete Fhremus, ihm zu folgen. Der Soldat gehorchte und trat neben Talquist, der schlie�lich anhielt und in die D�sternis vor sich blickte. Der Titan blieb reglos am Rand des Wassers stehen.</p><p>Talquists Augen brannten hell im Strahlen der kalten Laterne. Er deutete in die Dunkelheit vor ihnen.</p><p>�Dort, Fhremus, siehst du die Hilfe, die uns der Sch�pfer zum Schutz vor jenen gew�hrt, die unser Land bedrohen.�</p><p>Er hielt die Laterne hoch.</p><p>Fhremus blinzelte und versuchte, an dem Licht vorbeizusp�hen. Vor ihm im Schmutz lag der gewaltige Leib von etwas, das wie eine geh�rnte Schlange oder ein Drache aussah. Es war unm�glich zu sagen, worum es sich in Wirklichkeit handelte, denn es war zum gr��ten Teil aufgefressen, verschlungen mit tausend winzigen Bissen. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass der Kadaver aus ge�dertem Stein bestand, so wie der Titan, der am Ufer hinter ihnen wartete. Die glasigen Augen waren v�llig glatt mit Ausnahme der L�cher, die in sie hineingebohrt worden waren. Ein Schwanz, von dem gro�e Teile fehlten, ringelte sich hinter dem Wesen, w�hrend auch die �berreste von Schwingen zu sehen waren, die bis auf die Steinknorpel abgenagt waren. Aus dieser Statue schien so etwas wie Gras oder Korn zu wachsen; sie wirkte wie eine Skulptur, die man in einem Feld liegen gelassen hatte.</p><p>Und �berall um sie herum schw�rmten schreiende Heuschrecken, von denen die meisten so gro� wie Fhremus� Hand oder sogar noch gr��er waren. Sie n�hrten sich gierig von dem Korn und dem Kadaver selbst.</p><p>Doch im Gegensatz zu den Jungtieren in der Zisterne schienen diese wirklich <emphasis>fliegen</emphasis> zu k�nnen.</p><p>Talquist drehte sich zu dem Giganten um. �Faron, bitte bring uns eine.�</p><p>Der Titan schaute kurz auf das gr�ne, schleimige Wasser hinunter und watete dann hindurch. Fhremus hielt unwillk�rlich den Atem an, als der Gigant an ihm vorbeischritt, wobei das Wasser an seinen Stiefeln hochschwappte. Die Statue ging weiter und lie� sich von dem Angriff der ausschw�rmenden Kreaturen nicht beeindrucken. Schlie�lich hatte der Gigant deren Futterplatz erreicht. Er streckte mit erschreckender Geschwindigkeit eine Hand aus und packte eines der Insekten. Ein furchtbares Knacken hallte durch die Kaverne. Fhremus zuckte zusammen. Dann watete der Titan zur�ck zu der Stelle, wo der Kaufmann stand. �Streck deine Hand aus, Fhremus�, sagte Talquist leise.</p><p>Der Kommandant atmete tief durch und gehorchte.</p><p>Der Riese starrte auf ihn hinunter; seine milchigblauen Augen glommen im Licht der Laterne. Er warf Fhremus die Heuschrecke auf die Handfl�che und kehrte dann zum Ufer zur�ck.</p><p>�Sieh sie dir an�, fl�sterte Talquist mit ehrf�rchtiger Stimme.</p><p>Fhremus schluckte seinen Abscheu herunter und hielt den K�rper der Heuschrecke n�her ans Licht. Seine Augen weiteten sich vor �berraschung. Wie das kleinere Insekt, das am Rand der Zisterne gegen ihn geflogen war, hatte auch dieses Gesch�pf scharfe, kantige Umrisse und rasiermesserscharfe Kiefer und Beine. Doch sein Erscheinungsbild unterschied sich stark von dem des kleineren Tieres. Dieses hier hatte einen schlangenartigen Schwanz, die Fl�gel waren gro� und �hnelten Schwimmh�uten, die Augen hatten senkrechte Pupillen, und der Mund war eher wie der einer Schlange als wie der eines Insekts.</p><p>Beinahe drachenartig.</p><p>�Bist du jemals in Terreanfor gewesen?�, fragte Talquist, w�hrend er beinahe liebevoll mit einem behandschuhten Finger �ber den zerdr�ckten Leib fuhr.</p><p>�Nur einmal, zur Beerdigung der Herrscherin und ihres Sohnes�, antwortete Fhremus.</p><p>�Dann hast du vielleicht die wundervollen Statuen dort gesehen. In der ewigen Dunkelheit, die den Lebendigen Stein der Kathedrale beherbergt, steht eine ganze Menagerie lebensgro�er Statuen: B�ume, die so hoch wie die Kathedralendecke sind, und unter denen Antilopen und Gazellen, Elefanten und L�wen grasen, allesamt in vollkommener Perfektion ausgef�hrt. Hast du sie gesehen?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Sie sind ein wunderbarer Anblick, nicht wahr, Fhremus? Vollkommen bis in die kleinste Einzelheit; nichts wurde vergessen. Die Bildhauer, die sie geschaffen haben, m�ssen K�nstler mit unvergleichlichen F�higkeiten gewesen sein, nicht wahr?�</p><p>�Zweifellos, Herr�, antwortete Fhremus und bem�hte sich dabei, geduldig und respektvoll zu klingen.</p><p>Der Regent sagte ver�chtlich: �Zweifellos, ja, Fhremus, denn du begreifst nicht, dass <emphasis>die Erde selbst</emphasis> diese Statuen erschaffen hat. Unsere Vorfahren, die Eingeborenen dieses Landes, die schon hier gelebt haben, lange bevor die verfluchten Cymrer mit ihren Erfindungen, ihren Krankheiten und Kriegen kamen, wussten um die Rolle, die der Lebendige Stein bei der Unsterblichkeit spielt. Sie begruben Exemplare von allen Tieren, Blumen und B�umen im geheiligten Boden von Terreanfor, und aus diesem Boden wuchsen die steinernen Statuen � mit den genauen Abma�en der Tiere und Pflanzen, die in ihm beerdigt waren.� Er liebkoste die Fl�gel des Insekts. <emphasis>Es waren auch Soldaten darunter, von denen viele wahre Riesen waren � wie der, den ich geerntet habe, um daraus Faron zu erschaffen,</emphasis> dachte er.</p><p>Fhremus sog leise die Luft ein.</p><p>�Ihre Eigenschaften �berlebten die Kreaturen in mehr als einer Hinsicht, Fhremus�, fuhr Talquist fort. �Die Tiere zum Beispiel wurden nicht nur zu Statuen, sondern sie behielten auch das bei, was an ihnen einzigarig war. Noch immer steckt in den Elefanten eine gigantische St�rke und in den Raubtieren ungeheure Gewandtheit und Schnelligkeit, auch wenn sie f�r immer erstarrt dastehen. Sogar die Blumen haben ein wenig von ihrem Duft behalten und riechen entfernt noch so wie damals vor vielen Jahrtausenden, als sie in voller Bl�te standen. Das ist sicherlich eine Art wahrer Unsterblichkeit.�</p><p>Fhremus blieb weiterhin still und k�mpfte darum, die vielen Fragen in seinem Kopf zu unterdr�cken. Die dr�ngendste lautete, wie der Herrscher wohl zu seinem Wissen gekommen war. Bevor Terreanfor vor kurzem durch ein Erdbeben unzug�nglich geworden war, hatten nur die Priester aus dem Kolleg in Jierna�sid Zutritt gehabt, und lediglich die h�chstrangigen waren hineingegangen und hatten sich um die Erhaltung der Kathedrale gek�mmert. Fhremus war nicht klar, wie Talquist so viel �ber die Geschichte und das Aussehen dieses Ortes wissen konnte, doch er unterdr�ckte alle misstrauischen Gedanken, indem er sich wie immer sagte, dass der All-Gott den Herrscher erw�hlt hatte, und als Soldat war es Fhremus� Pflicht, die Visionen des Herrschers zu unterst�tzen und seine Befehle auszuf�hren. Sein Widerstreben h�tte man als Zweifel an der Weisheit des All-Gottes auslegen k�nnen.</p><p>�Dieser Drache war einmal ein solches Wesen, und nun ist er eine Statue, geformt aus Lebendigem Stein. Zu seinen Lebzeiten hatte er dieselben F�higkeiten und Kr�fte wie alle anderen seiner Art � einschlie�lich der F�higkeit des Fliegens. Die Heuschrecken haben das Korn gefressen, das aus seinem R�cken w�chst, und daher haben sie ein wenig von seinem Leben und seinen Eigenschaften in sich aufgenommen � einschlie�lich seiner Flugf�higkeit. Es sind jetzt kleine Halbblute, kleine Mutanten, die sowohl den ihnen eigenen Appetit als auch die Macht haben, lange Strecken im Flug zur�ckzulegen. Ich nenne sie Iacxsis, denn ich glaube, so hie� der tote Drache. Fass ihn an, Fhremus. Zieh deinen Handschuh aus und bef�hle seine Haut.� Er kicherte, als er das Entsetzen des gehorchenden Soldaten sah. �Weil sie mit Lebendigem Stein gen�hrt wurden, sind sie hart und haben sogar einen besseren Panzer als ihren eigenen Insektenschild oder die Schuppen eines Wyrms. Und ihr Schrei ist hundertmal lauter als der eines Jungschwarms; er ist Musik in meinen Ohren.�</p><p>�Vergebt mir Herr, aber wozu ist das alles <emphasis>gut?�,</emphasis> fragte Fhremus. Die Worte schossen geradezu aus ihm heraus. �Die Gegenwart dieser Gesch�pfe in unserem Land bringt doch nur Unheil, oder? Diejenigen, die man in der Natur vorfindet, verursachen Hungersn�te, Seuchen, und Tod. Warum also seid Ihr so froh, sie in noch schrecklicherer Gestalt zu sehen?�</p><p>Talquist l�chelte. �Auch du wirst bald froh �ber diese hier sein, Fhremus � wenn du erst die Ausgewachsenen gesehen hast. Komm.�</p><p>Er watete aus dem schleimigen Wasser, sch�ttelte seine Stiefel aus und f�hrte den Kommandanten durch einen weiteren Tunnel, in dem die Feuchtigkeit der Luft sowie das schreckliche Surren allm�hlich nachlie�en. Der Steintitan folgte ihnen immer noch lautlos.</p><p>Schlie�lich kamen sie ans Licht. Hier roch die Luft wie in Bergesn�he. Am Ende dieses Tunnels befand sich eine breite, offen stehende Steint�r, vor der Talquist stehen blieb. Er konnte sich kaum noch beherrschen.</p><p>�Erinnerst du dich daran, wie ich dich vor einigen Monaten gebeten habe, mir ein paar deiner schlankeren Soldaten zu leihen, die die Lungenst�rke und die F�higkeit bewiesen hatten, in unserem Hochgebirge zurechtzukommen?�</p><p>�Ja, Herr. Ich hoffe, sie haben Euch gut gedient.�</p><p>Der Herrscher grinste breit und trat neben die T�r. �Sieh selbst.�</p><p>Fhremus riss sich zusammen und trat auf die Schwelle.</p><p>Zuerst war der Kommandant von dem Anblick, der sich ihm bot, verwirrt. Er begriff nicht, was er da sah. Ganz hinten in der Kammer befand sich eine �ffnung; sie glich dem Eingang einer H�hle. Diese �ffnung �berblickte den tiefen Abgrund, der die Erde neben Jierna Tal durchschnitt. Seine fernen Spalten und Kl�fte lagen in den Schatten der herannahenden Nacht. Nahebei waren einige Tierpferche zu sehen; sie wirkten wie Pferdestallungen und z�hlten zu Dutzenden. Soldaten schritten die G�nge zwischen den Pferchen ab, besprachen sich miteinander und gingen auf den Koppeln ein und aus.</p><p>Er schaute wieder zu der �ffnung �ber dem Abgrund. Er riss den Mund weit auf, als ein Schatten daran vorbeiglitt und dann in der D�mmerung verschwand.</p><p>�G�tiger All-Gott�, murmelte er.</p><p>�G�tiger Sch�pfer�, berichtigte Talquist ihn geduldig. �Ich begreife, dass es eine Weile dauern wird, bis du dich daran gew�hnt hast. Mach dir keine Sorgen. Sie �ben hier, au�er Sichtweite der Stadt, wenn die Sonne sinkt. Es ist das Beste, wenn wir es geheim halten, damit uns das �berraschungselement bleibt. Bist du nicht auch dieser Meinung?�</p><p>Fhremus sah noch eine Weile gespannt zu, dann drehte er sich zu dem Herrscher um.</p><p>�Ja�, sagte er.</p><p>Talquist grinste breit und f�hrte den Kommandanten durch den Tunnel zur�ck in seine Gem�cher.</p><p>�Verstehst du nun, welch ein Segen das f�r Sorbold in seinem Kampf gegen eine Invasion ist?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Daraus schlie�e ich, dass du die Schritte guthei�t, Fhremus, die ich unternommen habe, um das �berleben unserer geliebten Nation gegen den Angriff des B�ndnisses zu verteidigen?�</p><p>Fhremus dachte kurz nach. �Es steht mir nicht zu, Eure Entscheidungen zu billigen oder zu missbilligen, Herr�, sagte er ernst. �Die Waage hat Euch zum n�chsten Herrscher �ber unser Vaterland bestimmt. Ich bin froh, dass Ihr erkannt habt, welche Weisheit darin liegt, Sorbold als geeintes Reich zu erhalten, anstatt es aufzul�sen, wie es die Grafen w�nschten. Ich bin ein Soldat; ich tue, was mein Herrscher befiehlt.�</p><p>�Egal ob du es billigst oder nicht?� Die Frage schwebte dick wie Nebel in der Luft.</p><p>Fhremus sog die Luft durch den nassen Leinenschal ein, nahm ihn vom Gesicht und atmete langsam wieder aus.</p><p>�Ja�, sagte er.</p><p>Talquists Augen funkelten schwarz in dem schwachen Licht.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte er. �Aber es ist auf alle F�lle unerl�sslich, dass deine M�nner und die Familien, die sie zur�cklassen, die Bedrohung begreifen, der wir uns gegen�bersehen. Wie sagt ihr Soldaten noch, wenn es darum geht, in den Krieg zu ziehen?�</p><p>�Der Verteidiger k�mpft mit der St�rke von zehn Eroberern.�</p><p>�ja�, sagte Talquist sanft. �So ist es.�</p><p>�Sie werden es verstehen, Herr�, meinte Fhremus. �Und sie werden bis zum letzten Atemzug k�mpfen, um Eure Herrschaft zu sichern.�</p><p>Talquist grinste noch breiter.</p><p>�Das ist wie Musik in meinen Ohren. Du kannst gehen, Fhremus, aber komm morgen wieder. Wir m�ssen Pl�ne schmieden.�</p><p>Der Soldat verbeugte sich unbehaglich. �Ja, Herr.� Zum Salut beugte er sich �ber die Hand des Herrschers, dann verlie� er den Raum. Seine Stiefelschritte hallten die Treppe in der Ecke hoch.</p><p>Als dieses Ger�usch verstummt war, wandte sich Talquist an den Steintitan, der aus den inneren Gem�chern hervorgekommen war.</p><p>�Ich glaube, er wird seine Sache gut machen, wenigstens zu Anfang, Faron�, sagte er beil�ufig. �Danach m�ssen wir vielleicht einige Ver�nderungen vornehmen. Meinst du nicht auch?�</p><p>Der Steintitan beobachtete den zuk�nftigen Herrscher einen Moment lang, begab sich wieder in die inneren Gem�cher und kam kurz darauf mit einem Gegenstand in seiner riesigen Hand zur�ck.</p><p>Es war eine ovale Schuppe, die am Rand leicht ausgefranst und unregelm��ig geformt war. Viele feine Linien durchzogen sie. In seiner Hand schien sie grau mit einem leichten Stich ins Blaue zu sein, doch als sie das Licht einfing, tanzten alle Farben des Spektrums �ber ihre rasierklingend�nne Oberfl�che. In die konvexe Seite war das Abbild eines Auges eingeritzt. Es war deutlich zu sehen und wurde von keinerlei Gew�lk �berzogen, genau wie das Bild auf der konkaven Seite.</p><p>Der Titan hielt die Schale in der Hand und blickte aus dem Balkonfenster. Einen Moment sp�ter drehte er sich zu dem Herrscher um und nickte stumm.</p><p>Talquist verzog die Lippen zu einem strahlenden L�cheln.</p><p>�Gut�, sagte er. �Sehr gut.�</p><p>Er stand da und sah zu, wie die D�mmerung zur Nacht wurde und die Sterne im gewaltigen Himmel �ber Jierna�sid leuchteten.</p></section><section><title><p>24</p></title><subtitle>Haguefort, Navarne</subtitle><p>Ashe hatte gehofft, dass er w�hrend der Kriegsvorbereitungen, die mit L�rm und Aufruhr infolge der Ankunft der Herz�ge sowie einigem Chaos durch die Verlegung eines gro�en Teils des Haushalts von Haguefort zur Festung der Hohen Warte einhergingen, seine geistige Gesundheit so lange wie m�glich aufrecht erhalten k�nnte. Ablenkung war gut, meinte er; mit etwas Gl�ck w�rde die schmerzende Abwesenheit von Frau und Kind aus seinem Einflussbereich und der Reichweite seiner Drachensinne durch den L�rm und Kampf, durch tausend Kleinigkeiten und Entscheidungen und eine Menge anderer Zerstreuungen ersetzt werden, die den Drachen in seinem Blut besch�ftigt hielten.</p><p>Seine Hoffnung hatte nur wenige Augenblicke angedauert � bis das Hufgetrappel in der Nacht verhallt war. Er f�hlte das Kreischen eher, als dass er es h�rte; es war das Jammern einer Bestie, der etwas aus ihrem Hort gestohlen worden war. Noch tiefer in seinem Innern sp�rte er, wie etwas seine Seele entzweiriss, die doch erst vor kurzem geheilt war, als er und Rhapsody endlich wieder vereint gewesen waren.</p><p>Als die erste Nacht ohne sie hereinbrach, tr�stete sich Ashe damit, vor dem Feuer zu sitzen, das ihn an seine Frau erinnerte. Durch den Dunstschleier der Zeit schaute er zur�ck auf eine andere Welt, auf einen Ort an dem er gl�cklich gewesen war. Es war die Zeit vor dem Krieg gewesen, vor der Sintflut, ja sogar noch bevor die beiden Bolg sich Rhapsody zugeh�rig gef�hlt und ihn wegen seiner Ehe mit ihr als Eindringling erachtet hatten.</p><p>Als er die Augen schloss, sah er sie so, wie sie damals gewesen war, in der Nacht vor ihrem vierzehnten Geburtstag. Sie hatte ein schlichtes Samtkleid getragen, und ihre Brust war mit einem Ansteckbukett aus einfachen Blumen geschm�ckt gewesen, das ihr Vater ihr gegeben hatte. Damals war sie d�nn gewesen und hatte langes, glattes Haar gehabt, das wie eine Welle aus Samt auf ihrem R�cken gelegen hatte. Ashe l�chelte, als er sich an ihren ersten Anblick erinnerte, wie sie sich bei dem Vorerntetanz in der Dunkelheit hinter eine Reihe von F�ssern gekauert hatte. Bei diesem Ereignis hatte das Volk ihres menschlichen Vaters immer eine Heiratslotterie abgehalten, und traditionell hatten sich die jungen Leute des Dorfes dabei einen Ehegatten ausgesucht.</p><p>Wie er damals dorthin gekommen war, wusste er selbst ein Jahrtausend sp�ter noch immer nicht. Er war selbst erst vierzehn gewesen; ein unbeholfener Heranwachsender, der eines sch�nen Morgens auf der anderen Seite der Zeit in den Ort spaziert war; inzwischen waren seit Rhapsodys Geburt beinahe eintausendf�nfhundert Jahre vergangen. Was dann passiert war, stellte f�r ihn immer noch ein R�tsel dar. Der Wind hatte aufgefrischt, die Morgenv�gel hatten laut gesungen, der Tag war wunderbar gewesen. Ein Tag wie jeder andere.</p><p>Und dann hatte sich die Welt gedreht.</p><p>Ashe vermochte sich noch immer an das Gef�hl der �belkeit und Schw�che zu erinnern, die ihn �berfallen hatten, als er von dem Ort, an dem er sich zuvor befunden hatte, weggebracht und in der Nachmittagssonne auf einer Weide bei Myrfeld abgesetzt worden war, einem einfachen Bauerndorf inmitten der Weiten Marschen im Osten der Insel Serendair. Da er in Gegenwart von Magie und Wesen mit uralten Kr�ften aufgezogen worden war, hatte er recht schnell die Fassung wiedererlangt und ungef�hr feststellen k�nnen, wo er sich in der Zeit befand, aber nicht, wie er dorthin gekommen war.</p><p>All das hatte ihn zum Vorerntetanz und an die Seite eines M�dchens gebracht, das sich auf der Gasse versteckt hatte, weil es sich nicht durch die althergebrachten Zeremonien verheiraten lassen wollte. Vom ersten Augenblick an war er in sie verliebt gewesen, nicht nur weil sie h�bsch gewesen war und bei ihrem Anblick alle S�fte seines jungen K�rpers zu kreisen begonnen hatten, sondern weil in ihrer Weigerung, als Leibeigene behandelt zu werden, etwas so Moralisches, Unabh�ngiges und Kluges gelegen hatte, dass er sie daf�r einfach hatte bewundern m�ssen, noch bevor sie sich miteinander bekannt gemacht hatten.</p><p>Schlie�lich hatte er genug Mut gefasst, um ihr auf die Schulter zu klopfen und sie zu bitten, mit ihm im Licht, das aus der Halle fiel, zu tanzen. Danach waren sie zu den Wiesen ihrer Familie gegangen, auf denen ein Weidenbaum, den sie sehr geliebt hatte, �ber einem Bach gestanden hatte. Ashe schloss die Augen noch fester und lauschte der Musik des Wassers in seinem Kopf. Die au�ergew�hnliche Bef�higung, aufgrund seiner Drachennatur jede Einzelheit wahrzunehmen, erlaubte ihm eine sehr genaue Erinnerung. In gewisser Hinsicht war es so als durchlebe er jene Nacht aufs Neue. Er sp�rte die K�hle der Luft, sah die Helligkeit der Sterne, roch den morgenfrischen Duft von Rhapsodys Haaren und beobachtete das Glimmern in ihren Augen, die immer heller gebrannt hatten, als sie �ber Dinge geredet hatte, die sie erregten. Es waren unrealistische Tr�ume gewesen, wie sie der Heiratslotterie entkommen, durch die Welt reisen und den Ozean sehen w�rde, den ihr Gro�vater als Seemann befahren hatte. Das war etwas gewesen, wonach sie sich sehr gesehnt, das sie aber nie getan hatte. Und vor allem erinnerte er sich daran, wie sie �ber ihre Tr�ume gesprochen hatte, �ber Sterne, die aus dem Himmel in ihre Hand gefallen w�ren und die sie festgehalten h�tte, bis ihr dies eines Tages nicht mehr m�glich gewesen war. Da h�tte sie die Sterne aus der Hand in den Wiesenbach fallen lassen, von wo aus sie sie weit jenseits ihrer Reichweite angeglimmert h�tten.</p><p>In jenem Moment hatte er sich entschlossen, ihr diese Tr�ume zu erf�llen, sie mit ihrer erregten Zustimmung zu heiraten und von diesem Bauernland wegzuf�hren, damit sie die Welt sehen konnte. Daf�r hatte er zwei Gr�nde gehabt. Ob er je in seine eigene Zeit w�rde zur�ckkehren k�nnen, war ihm beinahe gleichg�ltig gewesen. Welche Kraft ihn auch immer �ber die Wellen der Zeit an Rhapsodys Seite getragen hatte, hatte ihn in das Zeitalter kurz vor der Sintflut gef�hrt, als gerade der Krieg auszubrechen drohte, der die Insel Serendair auseinander rei�en sollte. Sie mussten eiligst aufbrechen, denn sonst w�rde seine neu entdeckte Seelenverwandte nichts als ein weiteres Opfer in zweien der gr��ten Trag�dien der Geschichte werden.</p><p>Sie hatte ihn Sam genannt; mit diesem Namen hatte man in ihrem Ort alle unbekannten jungen M�nner angesprochen. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, ihr seinen richtigen Namen zu nennen; es war ein Kosename, den sie immer noch gebrauchte. Ihre Stimme hallte laut und deutlich in seiner Erinnerung wider.</p><p><emphasis>Sam?</emphasis></p><p><emphasis>Ja?</emphasis></p><p><emphasis>Glaubst du, wir werden das Meer sehen? Eines Tages, meine ich.</emphasis></p><p>Er hatte es ihr versprochen und ihr gesagt, er werde sie an jeden Ort bringen, den sie sehen wollte, doch bevor sie ihre Pl�ne in die Tat hatten umsetzen k�nnen, war er durch jene unsichtbaren H�nde, die ihn zu ihr gebracht hatten, zur�ck in seine eigene Zeit geholt worden.</p><p>Ashe zuckte in der flackernden Hitze der Flammen zusammen. Der dumpfe Schmerz des Verlusts hatte ihn noch nicht verlassen, obwohl sie schon seit vier Jahren in K�rper und Seele vereint waren.</p><p>Obwohl er wusste, dass sie ihn auf ewig lieben w�rde.</p><p>Obwohl sie ein Kind miteinander hatten, einen Sohn, den er ma�los liebte und den kennen zu lernen er bisher kaum Gelegenheit gehabt hatte. Er bem�hte sich, nicht �ber diesen besonderen Verlust nachzudenken, denn seine Drachennatur war unberechenbar, und er durfte es nicht riskieren, sich ihr auszusetzen; er litt bereits genug.</p><p>Tief in ihm ert�nte eine Melodie. Es war ein Lied, das Rhapsody ihm oft vorgesungen hatte, wenn sie abends allein gewesen waren, und es handelte von einem Wanderer. Ihr Gro�vater hatte es ihr beigebracht, als sie noch ein Kind gewesen war. Als sie mit Ashe in der neuen Welt wieder zusammengetroffen war, war er ein solcher Wanderer gewesen, einsam und voller Schmerz; deshalb hatte es sie an ihn erinnert und an den Baum, unter dem sie sich ineinander verliebt hatten. Ashe stellte sie sich vor, wie sie vor ihm sa�, die Harfe oder Konzertina in der Hand, und das wohlklingende Lied mit jener Stimme gesungen hatte, die seine Tr�ume heimsuchte.</p><poem><stanza><v>Ich ward unter der Weide geboren,</v><v>Wo mein Vater die Erde bestellt�,</v><v>Hatt� zum Kissen das Gras mir erkoren,</v><v>Als Laken die warmen L�fte der Welt.</v></stanza><stanza><v>Doch<emphasis> Hinfort! Hinfort! </emphasis>rief der Wind aus dem Westen,</v><v>Zur Antwort ich alsdann aufbrach,</v><v>Sucht� Ehre und Kitzel der Nerven,</v><v>Welche die steigende Sonn� mir versprach.</v></stanza><stanza><v>Unter dieser Weide die Liebe ich fand,</v><v>Eine Liebe, so wahr und so hold,</v><v>Ich gab mein Herz und schwor meine Treue,</v><v>Besiegelte sie mit einem Kuss und einem Band aus</v><v>Gold.</v></stanza><stanza><v>Aber zu<emphasis> den Waffen! Zu den Waffen! </emphasis>rief der Wind aus dem Westen</v><v>In Treue lief ich davon,</v><v>Marschierte f�r K�nig und Land</v><v>In Schlachten unter der Mittagssonn�.</v></stanza><stanza><v>Oft tr�umt� ich von der sch�nen Weide,</v><v>Als ich die sieben Meere befuhr,</v><v>Und von der Maid, die zur�ck ich gelassen,</v><v>Und sehnte mich nach ihrer Gegenwart nur.</v></stanza><stanza><v>Doch<emphasis> Dreh um! Dreh um! </emphasis>rief der Wind aus dem Westen,</v><v>und abermals fuhr mein Schiff davon.</v><v>Die K�ste hinunter, durch die weite Welt</v><v>Flogen die Segel unter der Sonn�.</v></stanza><stanza><v>Nun liege ich unter der Weide.</v><v>Nun streife ich nicht mehr umher,</v><v>Meine Braut und die Erde halten mich fest,</v><v>Ihre Umarmung verlasse ich nimmermehr.</v></stanza><stanza><v>Wenn<emphasis> Hinfort! Hinfort! </emphasis>der Wind aus dem Westen ruft,</v><v>Jenseits des Grabes mein freier Geist</v><v>Der Sonne entgegen, in den Morgen hinein,</v><v>Jenseits des Himmels, jenseits des Meeres reist.</v></stanza></poem><p>Sein Drachensinn wurde lebendig, als er ein Prickeln sp�rte. Er �ffnete die Augen.</p><p>Seine Frau sa� vor dem Feuer. Ihr Lied war zu Ende, und sie l�chelte ihn warmherzig an. Seine gesch�rften Sinne sp�rten ihre k�rperliche Gegenwart im Zimmer. Die Luftstr�mungen brachen sich an einer Gestalt, die schwer und wirklich war, im Gegensatz zu den Tr�umen und Phantasien, in denen sie nichts als ein Bild in seinem Kopf war, ein Phantom, das mit dem Morgenlicht verschwand. Diese Vision hatte Gewicht und eine Wirklichkeit wie nie zuvor. Ihr Duft, der einfache Geruch von Vanille und Seife, s��en Wiesenblumen und Holzrauch erf�llte seine Nase und f�hrte dazu, dass ihm das Blut in den Schl�fen pochte und seine H�nde zitterten.</p><p>Rhapsody l�chelte. Ihre gr�nen Augen glitzerten und spiegelten das Kaminfeuer wider.</p><p>Ashe setzte sich aufrechter in seinem Sessel hin. Zweifellos war sie echt. Das war keine Einbildung, und auch spielten ihm seine Drachensinne keinen Streich. Die Energie ihrer Lebenskraft fuhr �ber ihn wie Wellen �ber die See.</p><p><emphasis>Rhapsody,</emphasis> fl�sterte er und hatte dabei Angst, das zu zerst�ren, was entweder ein Wunder oder die Illusion eines verl�schenden Geistes war. <emphasis>Du bist hier.</emphasis></p><p>Im Feuerschein wurde ihr L�cheln noch heller. <emphasis>Ja. Ich bin hier.</emphasis></p><p>Langsam erhob sich Ashe aus dem Sessel und ging vorsichtig zum Feuer. Rhapsody stand ebenfalls auf und streckte ihm zum Willkommensgru� die Arme entgegen.</p><p>Er wurde schneller, lief beinahe auf sie zu und nahm sie in die Arme. Er dr�ckte sein Gesicht gegen ihre Halsbeuge und atmete den Duft ihrer Haut ein, vergrub die Lippen in ihrem Haar und schwelgte in ihrer Wirklichkeit, ihrer Festigkeit. Sie war kein Phantom, sondern aus Fleisch und Blut, und in ihrer Brust schlug ein warmes Herz, das gegen sein eigenes klopfte.</p><p>Ein entsetztes Keuchen zerriss die Luft.</p><p>Der Laut schlug gegen Ashes Stirn wie eine eiskalte Woge. Er lockerte seinen Griff und trat einen Schritt zur�ck. Sein ersch�pfter Verstand versuchte zu verstehen, was hier vor sich ging.</p><p>Vor ihm in den Schatten des Kaminfeuers stand ein junges Kammerm�dchen, an dessen Namen er sich nicht erinnern konnte; sie zitterte wie ein Blatt im starken Herbstwind. Sie hatte dunkle Haare und Augen, war etwa einen halben Kopf gr��er als Rhapsody und sah ihr �berhaupt nicht �hnlich. Ihr Gesicht war vor Entsetzen wei� geworden, und nun err�tete sie in einer Mischung aus Grauen und Verlegenheit.</p><p>Genau wie Ashe.</p><p>Was alles noch schlimmer machte, war das Wissen, dass so etwas nicht zum ersten Mal geschehen war.</p><p>Das Tablett, das sie eben noch in den H�nden gehalten hatte, klapperte zu Boden; der Teller mit seinem Abendessen fiel auf den Teppich vor dem Kamin.</p><p>Ashe sp�rte, wie sein Gesicht zu einer Maske erstarrte.</p><p>�Ich � ich ��</p><p>Der Mund des Kammerm�dchens stand gleichfalls offen.</p><p>�Herr�, fl�sterte sie. �Nicht. Bitte.�</p><p>Ashe versuchte sich an die Frau zu erinnern. Er glaubte, dass sie aus Bethania stammte und mit einigen weiteren Bediensteten in Gesellschaft von Tristan Steward, dem Regenten von Roland, als Geschenk w�hrend Rhapsodys Niederkunft nach Haguefort gekommen war. Die anderen beiden Frauen waren vielleicht Kinderm�dchen gewesen, doch diese hier war nur eine Dienerin von untergeordnetem Rang, eine Kammermagd, die nun mit Schrecken in den Augen und sichtlich zitternd vor ihm stand.</p><p>�Ich � es tut mir so leid�, murmelte er und fuhr sich mit der Hand durch das kupferfarbene Haar, das pl�tzlich schwei�nass war. �Ich � ich f�hle mich nicht wohl. Bitte vergib mir.�</p><p>Die junge Frau verneigte sich rasch, genau wie Ashe, und sammelte die Speisen auf, die nun �ber den Boden verstreut lagen.</p><p>�Das war mein Fehler, Herr�, fl�sterte sie nerv�s.</p><p>�Nein�, sagte Ashe. �Keineswegs. Wie ich schon sagte es tut mir sehr leid.�</p><p>Er drehte sich rasch um und schoss aus dem Raum aus der Festung hinaus in die kalte Nacht, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.</p><p>Das Kammerm�dchen sammelte das Essen auf, beruhigte sich rasch wieder und trug alles zur�ck in die K�che. Sie blieb stehen, als sie das Bibliotheksfenster passierte, und sah, wie Ashe in den Hof eilte, dann innehielt und den Kopf gegen einen Laternenpfahl lehnte. Das Kerzenlicht fiel auf den metallischen Glanz seines Haares, das wie Kohle in der Nacht ergl�hte.</p></section><section><title><p>25</p></title><p>Am n�chsten Morgen f�hlte sich Ashe, als litte er unter den Nachwirkungen einer hemmungslosen Zecherei. Nach den ersten Stunden heftigster Kopfschmerzen bereute er es, sich nicht tats�chlich am vergangenen Abend betrunken zu haben, denn auch ein Kater h�tte ihm keine gr��ere Pein verursachen k�nnen als die Ankunft der Herz�ge von Roland.</p><p>Er stand auf dem Balkon und hielt eine Tasse mit einem starken Kr�utertee in der Hand, den seine Frau oft dazu benutzt hatte, um ihn aus dem tiefen Drachenschlaf zu holen. Er versuchte jeden Wagen zu erkennen, der auf der stark befahrenen Stra�e dahinfuhr, die von Ost nach West an Hagueforts Toren vorbeif�hrte. Bogensch�tzen standen in den k�rzlich erneuerten Wachtt�rmen und boten den Wagen Schutz, w�hrend der cymrische Herrscher dar�ber nachsann, ob er vielleicht den Befehl geben sollte, auf einige der Insassen zu schie�en, wenn sie ihre Kutschen verlie�en.</p><p>Der erste der eintreffenden Herz�ge w�re ihm wehrlos ausgeliefert gewesen, wie er bemerkte, als Cedric Canderre mit Hilfe seines Lakaien aus der Kutsche kletterte. Aufgrund seines eigenen Verlusts konnte sich Ashe gut in den �ltlichen Herzog hineinversetzen. Er war ein Freund, der immer gastfreundlich und h�flich gewesen und zwar vielleicht nicht der beste aller Ehem�nner, so aber doch ein liebender und hingebungsvoller Vater gewesen war. Hier in Haguefort hatte er beim Winterkarneval, der so viele Menschenleben gekostet hatte, seinen einzigen Sohn und Erben sterben sehen. Sicherlich zerriss es ihm nun das Herz, diesen Ort aufsuchen zu m�ssen.</p><p>Ashe nahm einen Schluck des schlecht schmeckenden Tees und zuckte zusammen. Wenn er nicht so unp�sslich gewesen w�re, h�tte er das Treffen in der Hohen Warte einberufen, deren Hallen und Verteidigungsanlagen fast fertig waren und wohin sie sehr bald umziehen w�rden. Auch wenn in der neuen Festung noch nicht sehr gut f�r das leibliche Wohl gesorgt war, so befand sie sich doch in einem bewohnbaren Zustand und h�tte Cedric Canderre die Schmerzen erspart, die er nun zweifellos empfand, als er langsam den gepflasterten Weg nach Haguefort hochlief. <emphasis>Leider,</emphasis> dachte er, <emphasis>geh�ren solche diplomatischen �berlegungen der Vergangenheit an. Es ist anstrengend genug f�r mich, einen klaren Kopf zu behalten, nicht w�tend zu werden und mich auf das Treffen zu konzentrieren.</emphasis></p><p>Am ge�ffneten Tor stand Gwydion Navarne mit den H�nden auf dem R�cken. Ashe beobachtete dankbar, wie der junge Herzog Cedric Canderre warmherzig begr��te, ihn beim Arm nahm und in die Festung geleitete. <emphasis>Wie �hnlich er seinem Vater sieht,</emphasis> dachte Ashe, w�hrend Gwydion dem �lteren Herzog die T�r aufhielt. <emphasis>Vielleicht wird es trotz Rhapsodys Abwesenheit doch noch Gastfreundschaft in diesen Hallen geben.</emphasis> Dieser Gedanke und der Blick hinunter munterten ihn etwas auf. In den Streitgespr�chen, die sie bald f�hren w�rden, war er froh, seinen Namensvetter neben sich zu haben, auch wenn die anderen die Meinungen des jungen Herzogs wegen dessen Jugend und Unerfahrenheit sicherlich oft ablehnen w�rden.</p><p>Hinter der Kutsche des Herzogs von Canderre warteten zwei weitere; eine stand unmittelbar auf der Stra�e, die andere man�vrierte herum, weil sie die letzte ankommende sein wollte. Die erste trug das Wappen von Yarim, dem trockenen roten Land �stlich von Cedric Canderres �ppig gr�ner und fruchtbarer Provinz. Die zweite war mit den Farben von Bethania bemalt, Rolands Hauptstadt sowie seiner zentralen Provinz. Ashe nahm einen weiteren Schluck Tee und hoffte, das Klopfen in seinem Kopf werde bald aufh�ren.</p><p>Ihrman Karsrick, der Herzog von Yarim, wartete lange, bevor er die T�r �ffnete und die Stufen der Leiter hinunterschritt. Er schaute in offenbarer Ver�rgerung auf die Kutsche hinter ihm, die mehr als eine Viertelstunde vor ihm eingetroffen war, und ging dann w�tend den Weg hinauf. Sein Missfallen war ihm deutlich an der Haltung von Kinn und Schultern abzulesen.</p><p>Der cymrische Herrscher seufzte.</p><p>Die Kutsche aus Bethania wartete noch beinahe eine ganze Stunde am Stra�enrand, w�hrend die Wagen von Quentin Baldasarre und Martin Ivenstrand eintrafen, den Herz�gen von Bethe Corbair und Avonderre. Im Gegensatz zu den anderen Gef�hrten war das von Ivenstrand aus dem Osten gekommen, wo Avonderre mit der einen Seite an Navarne und mit der anderen an das Meer grenzte. Der Herzog von Avonderre stieg aus, schaute sich um und ging dann rasch auf die Festung zu, doch er hielt inne, als die Kutsche aus Bethe Corbair vor das Tor fuhr. Er lief zur�ck und wartete darauf, dass Quentin Baldasarre ausstieg; dann begleitete er ihn zum Eingang und redete w�hrenddessen mit ihm.</p><p>Als schlie�lich auch die vier �brigen Herz�ge eingetroffen waren und sich ihre Kutschen auf den Weg zu den Stallungen gemacht hatten, rollte der Wagen von Tristan Steward, dem Regenten und Herzog von Bethania, langsam auf Hagueforts Tor zu.</p><p>Ashe schluckte die Galle herunter, die in ihm aufgestiegen war. Schon seit er ein junger Mann gewesen war, hatte er Tristan Steward nicht gemocht, auch wenn er hart gegen seine Gef�hle angek�mpft hatte. Im Gehabe des Regenten lag etwas Anma�endes, das immer wieder den reizbaren Drachen in seinem Blut weckte und entflammte. <emphasis>Wir sollen um das �berleben dieses Kontinents k�mpfen, und dieses kleinm�tige Rindvieh verschafft sich durch sein Herumkurven den besten Auftritt,</emphasis> dachte er verbittert. <emphasis>Das B�ndnis wird genauso von innen wie von au�en bedroht.</emphasis></p><p>Er schluckte den Rest des Kr�utertees herunter, sp�rte jedoch keinerlei St�rkung. Dann trat er vom Balkon mit seiner frischen Luft und begab sich zum Konferenzzimmer, wo der strahlende Morgen einem endlosen Tag voll erm�denden Pl�neschmiedens und kleinlicher Nahk�mpfe weichen w�rde, an deren Ende mit etwas Gl�ck ein vereinigtes Heer stehen mochte, das den Mittleren Kontinent vor allzu gro�em Blutvergie�en bewahren sollte.</p><empty-line/><p>Gerald Owens K�che war ein sauberer Ort, wo sich die K�che und langj�hrigen Bediensteten mit gro�er Planm��igkeit durch den Tag bewegten und ohne Aufruhr entweder Mahlzeiten f�r die wenigen st�ndigen Bewohner Hagueforts oder f�r die ganze Provinz zubereiteten. So war es schon seit langem; Stephen Navarne hatte zu seinen Lebzeiten als Herzog viele Feiern und Feste, Benennungszeremonien und diplomatische Treffen veranstaltet, so wie es sein Vater vor ihm getan hatte. All das hatte jedes Jahr im Winterkarneval seinen H�hepunkt gefunden, einer Mischung aus religi�ser Feierlichkeit, kulturellem Ritual und Volksfest, zu dem die Einwohner des westlichen Drittels von Roland sowie viele ausl�ndische Besucher gekommen waren. Nur sehr wenig vermochte die wie ge�lt laufende Maschinerie durcheinander zu bringen, die aus dem Personal der K�che und der Speisekammer bestand.</p><p>Tristan Steward, der Regent von Roland, war eine dieser seltenen Ausnahmen.</p><p>Das Gesicht des alten Kammerherrn hatte eine ungesunde dunkelrote F�rbung angenommen, nachdem die Glocke zum dritten Mal gel�utet worden war. Er warf ein Handtuch auf die steinerne Oberfl�che vor dem Backofen, wobei drei K�che zu verschiedenen Seiten des hei�en Raumes liefen, w�hrend die Glocke noch beharrlicher gel�utet wurde. Dann wandte sich Gerald Owen an die d�nne, junge Kammermaid, die der Regent vor einigen Monaten zusammen mit einer bereits bezahlten Amme und einer Kinderfrau nach Haguefort gebracht hatte, und gab ihr einen ungeduldigen Wink. Er erinnerte sich nicht an ihren Namen und versuchte seine Ver�rgerung zu unterdr�cken. Vermutlich hatten sie und die beiden anderen schon mehr als genug w�hrend ihrer Dienstzeit in Bethania gelitten.</p><p>�Du � M�dchen � bring Seiner Herrschaft den Tee und sorge daf�r, dass ein bisschen Rum dabei ist, ansonsten wird er dich daf�r zur�ckschicken. Du hast in seinen Diensten gestanden, also wei�t du, dass du ihm aus dem Weg gehen solltest, damit er dich nicht schlagen kann. Aber wenn es dennoch geschehen oder er es zumindest versuchen sollte, dann berichtest du mir das sofort. Der cymrische Herrscher wird sich darum k�mmern. Ich habe schon zu viele missbrauchte Diener gesehen, und Gwydion weigert sich, so etwas hinzunehmen.�</p><p>�Ja, Herr.� Die junge Frau nahm das silberne Tablett auf und ging auf die Treppe zu. Der Ausdruck gek�nstelter �ngstlichkeit wurde einen Augenblick sp�ter durch ein Grinsen ersetzt.</p><empty-line/><p>Zum dritten Mal in jener Nacht pochte es an Tristan Stewards T�r, und ihm wurde auf seinen Wunsch hin ein alkoholisches Getr�nk gebracht.</p><p>Doch nun war der Regent von Roland zum ersten Mal nicht vollkommen verdrie�lich, sondern nur etwas ver�rgert, was vielleicht dem Dessertlik�r zuzuschreiben war, dem eine Karaffe mit Branntwein gefolgt war, aus der er bei den beiden vorhergehenden Malen bedient worden war.</p><p>�Wurde auch Zeit, dass du kommst�, murmelte er m�rrisch, als das d�nne, dunkelhaarige Kammerm�dchen das Zimmer mit einem silbernen Tablett betrat, das es auf dem Tisch vor dem Kamin abstellte. �Was muss ich deinem d�mlichen Kammerherrn sagen, damit ich sicher sein kann, dass du kommst, wenn ich rufe, und nicht irgendein verfluchter Idiot oder ein backenb�rtiger Bl�dmann?�</p><p>Die junge Frau l�chelte, als sie auf den Regenten von Roland zuschritt.</p><p>�Vielleicht solltest du beim n�chsten Mal den Tee <emphasis>zuerst</emphasis> bestellen�, sagte sie ohne die geringste Ehrerbietung in der Stimme. �Wenn du darauf beharrst, um Alkohol zu bitten, wird man dir aus der Speisekammer den Weinkellner oder den Oberkellner schicken. Niedrige Kammerm�dchen servieren Tee, nicht Branntwein.�</p><p>�Aber ich mag Branntwein�, sagte Tristan neckisch, setzte sein leeres Glas ab und schritt durch den Raum auf sie zu. �Und ich habe noch andere Bed�rfnisse, die nicht mit einem Getr�nk befriedigt werden k�nnen. Das wei�t du sehr wohl, Portia.�</p><p>Die schwarzen Augen der jungen Frau glitzerten vor Belustigung, als ihr fr�herer Herr und Meister die H�nde in ihr Haar grub und die langen, gl�nzenden Str�hnen mit einer Heftigkeit packte, die seinem tr�gen Tonfall Hohn sprach.</p><p>�Du hast mich also vermisst, ja?�, fragte sie und wehrte sich nicht, als Tristan sie n�her an sich zog und seine Finger hinter ihrem Kopf ineinander verhakte. Dunkle Wellen dichter, rauer Seide h�llten ihn ein. �Ich hatte mich schon gefragt, ob du mich Gwydion andrehen willst wie ein unerw�nschtes B�ndel Handt�cher, nachdem du dich so schnell von mir getrennt hast.�</p><p>Tristan Steward kniff die Augen zusammen, als er die Anklage in ihrer rauchigen Stimme h�rte.</p><p>�Ich habe nichts dergleichen getan�, sagte er tadelnd und verdrehte seine H�nde in ihrer M�hne. �Es hat mir wehgetan, mich von dir zu trennen, Portia. Meine Lenden schmerzen seit dem Tag vor vier Monaten, als ich dich an diesem Ort zur�ckgelassen habe. Deine Mission hier ist von �u�erster Wichtigkeit f�r mich � f�r <emphasis>uns �,</emphasis> und wenn dem nicht so w�re, dann h�tte ich es nie zugelassen, dass du auch nur einen Moment von mir getrennt bist.�</p><p>Die Kammermaid griff hinter ihren Kopf und zerrte seine H�nde grob herunter.</p><p>�Zu deinem Ungl�ck und dem deiner schmerzenden Lenden habe ich im Verlauf meiner T�tigkeit f�r dich inzwischen begriffen, wie sehr du mich in die Irre gef�hrt hast�, sagte sie schroff, drehte sich von Tristan Steward weg und nahm das Gedeck vom Tablett herunter.</p><p>Der Herr von Roland wurde bleich; der Schock zerst�rte das Verlangen, das sich in ihm aufgebaut hatte, seit er das zarte Klopfen an der T�r geh�rt hatte. Nun zitterte er, und ihm war �bel. �Was � was meinst du damit?�, stammelte er. �Ich war immer offen und ehrlich zu dir, Portia � sogar unverantwortlich ehrlich. Ich habe mehr Geheimnisse mit dir geteilt, als ich z�hlen kann, weil ich mir nicht eingestehen wollte, was f�r ein Narr ich bin.�</p><p>Die Kammermaid drehte sich ihm zu, steckte sich das Tablett unter die Arme und hielt es wie einen Schild vor ihren Bauch. Dabei sah sie ihn kalt an.</p><p>�Was f�r Geheimnisse sollen das denn sein?�, fragte sie. In ihrer kehligen Stimme lag eine bei�ende Sch�rfe. �Deine tiefe Abneigung gegen deine Frau? Das ist kein Geheimnis, das wei� jeder in Roland, genau wie jedermann um deine Schw�che f�r Huren und Flittchen wei�. Alle sehen doch ihre Parade, die jedes Mal dann erscheint, wenn die Herrin Madeleine Bethania verl�sst, um ihre Familie in Canderre zu besuchen. Das ist ein offenes Geheimnis, Tristan, und es w�re wirklich ein Wunder, wenn Madeleine davon keine Ahnung h�tte. Daf�r mache ich dich nicht verantwortlich, denn sie ist wirklich ein gewaltiges Biest. Aber es ist nicht unbedingt schmeichelhaft, einfach nur die neueste in einer Reihe namenloser Huren zu sein, die du zur Befriedigung deiner Lust und zum Entladen deiner Frustrationen benutzt. Falls du erwarten solltest, dass ich dir dankbar bin: Ich bin es nicht.�</p><p>�Du bist f�r mich doch keine namenlose Hure, Portia�, sagte Tristan sanft. �Du hast geh�rt, wie ich immer wieder deinen Namen ausgesprochen habe, und jedes Mal mit Hochachtung und Vergn�gen. Und unsere Liebesspiele scheinen dich keinesfalls herabgew�rdigt oder entehrt zu haben. Ich achte, ja ich bewundere sogar deinen Mangel an Scham, deine Phantasie, deine Unversch�mtheit, deinen Eifer, dein Feuer und deine Verachtung aller H�flichkeitsformen. Du bist nicht mein Spielzeug; du bist sehr wichtig f�r mich, und ich habe dir einige meiner bedeutendsten Geheimnisse verraten. Du solltest dich nicht beleidigt, sondern geehrt f�hlen.�</p><p>Portia sah ihn noch eindringlicher an. �Geehrt? Oh. Beziehst du dich darauf, dass du mich mit deinem Bruder teilst, dem heiligm��igen Segner von Canderre-Yaim? Ist es das, was du damit meinst? Soll ich mich etwa geehrt f�hlen, weil ich das Geheimnis unserer Treffen kenne, sowohl mit dir als auch ohne dich? Glaubst du, es k�nnte etwas mit deinen Schwierigkeiten in Bethania zu tun haben, wenn der Segner das ihm auferlegte Z�libat bricht? Vielleicht erheitert es den All-Gott nicht sehr, wenn er sieht, wie einer seiner heiligsten Diener meinen nackten K�rper als Tisch f�r seine abendlichen Mahlzeiten benutzt oder l�sterne Spiele von Fuchs und Hund spielt oder mich so rammelt wie du ��</p><p>Tristan hielt ihr die Hand vor den Mund und warf einen raschen Blick �ber seine Schulter, dann starrte er sie an. Flammen tanzten in ihren schwarzen Augen und wechselten von Belustigung zu Grausamkeit und wieder zur�ck.</p><p>�Sprich nicht so laut�, sagte er gelassen. �Festungsw�nde haben Ohren � gerade du solltest das wissen.�</p><p>�Die einzigen Ohren, die diese Festungsw�nde haben sind meine eigenen�, gab Portia zur�ck. �Ich habe genau das getan, was du von mir verlangt hast. Ich habe die Ohren gegen jede Wand gehalten, habe auf der Schwelle jeder T�r gestanden in der Hoffnung, die Informationen zu bekommen, die du haben willst, damit du den Mann zu Fall bringen kannst, den du so hasst ��</p><p>�Ich hasse Gwydion nicht�, unterbrach Tristan sie rasch. �Das habe ich nie gesagt. Ich ver�ble es ihm nur, das er an meiner statt zum cymrischen Herrscher geworden ist.� Wut flackerte in seinen blauen Augen auf, die auch die Flammen aus dem Kamin widerspiegelten. �Ich hatte dieses Amt zwanzig Jahre lang inne und genoss dabei weder Macht noch Anerkennung, w�hrend er sich versteckt gehalten und vorgegeben hat, er w�re tot. Ich bin derjenige, der Roland zusammengehalten und den Mittleren Kontinent davor bewahrt hat, in Chaos und Krieg zu versinken. Ich war es, der diese Festung w�hrend des Angriffs der Sorbolder bei dem Winterkarneval vor vier Jahren verteidigt hat. Du bist zu jung, um dich daran zu erinnern; ich glaube, damals hast du noch gar nicht in Roland gelebt. Aber ich habe diesem Land alles gegeben, als es geteilt war, und es besch�tzt, als es verwundbar war. Doch trotz meines Verwaltungsamtes und all meiner Bem�hungen wurde mir der Thron best�ndig verweigert. Und als Gwydion auftauchte, hat man mich einfach weggeworfen und mir eine l�cherliche Regentschaft gegeben. Ich habe nichts von dem bekommen, was mir von Rechts wegen zusteht. Ich habe dich ins Vertrauen gezogen, damit du mir hilfst, den Thron zur�ckzuerobern � und ihn dann mit mir zu teilen. Wieso sollte dich das beleidigen?�</p><p>Portias Augen verengten sich zu schimmernden Schlitzen, doch ihre Mundwinkel hoben sich in einem schwachen L�cheln.</p><p>�Du bist ein L�gner�, sagte sie, aber es lag ein Feuer in ihrer Stimme, unter dem sich die Knoten in Tristans Unterleib l�sten. �Dein Befehl, den cymrischen Herrscher zu verf�hren, w�hrend seine Frau von der Schwangerschaft aufgedunsen war, hatte nichts mit deinem Verlangen nach dem Thron zu tun. Und das wei�t du sehr wohl.�</p><p>�Na � nat�rlich hatte es etwas damit zu tun�, stammelte Tristan.</p><p>�L�gner�, sagte Portia noch einmal. Diesmal war ihre Stimme ungemein verf�hrerisch. �Ich bezweifle nicht, dass du dich nach der Stellung des Herrschers sehnst; auch das wei� jedermann. Es ist ein weiteres deiner allzu offensichtlichen Geheimnisse. Als ich nach Roland kam, hatte ich es schon nach wenigen Stunden geh�rt. Aber das ist nicht der Grund, warum du mir befohlen hast, ihn zu verf�hren. Du wolltest seine Ehe zerst�ren, weil du von seiner Frau wie besessen bist. Du willst sie f�r dich haben.�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich�, sagte Tristan, aber die Hitze in Portias Stimme und ihr L�cheln schw�chten seine Verteidigung. Das hatte er schon einmal erlebt. Es war eine riskante Erleichterung, die er in seiner qualvollen Existenz nur selten sp�rte. Er nahm das Tablett aus Portias H�nden und lie� es auf den Teppich fallen.</p><p>�Ich bin hier nicht diejenige, die sich l�cherlich macht�, sagte Portia und trat auf ihn zu. �Ich bin auch nicht blind gegen deine T�uschungen. Du hast gesagt, ich soll meine Verf�hrungsk�nste bei Gwydion einsetzen, damit er mir Geheimnisse mitteilt, die f�r dich in deinem Bem�hen n�tzlich sein k�nnten, ihn vom Thron zu verdr�ngen. Aber du wusstest genau, dass das nie geschehen w�rde. Seiner Frau geh�rt jeder Winkel seiner Seele, und umgekehrt ist es genauso. Sie war nur kurze Zeit in dieser Festung, w�hrend ich schon lange hier bin, und selbst in dieser Zeit war es schon deutlich zu sehen. Au�erdem ist ihm der Thron fast egal. Er sieht ihn als unangenehme, unausweichliche Pflicht an und sehnt sich nach dem Tag, an dem jemand anderes � jemand, der daf�r <emphasis>bestens geeignet</emphasis> ist � die Herrschaft �bernimmt.� Sie streckte eine Hand aus und strich Tristan �ber das Gesicht, womit sie ihren Worten den Stachel nehmen wollte. �Ich wei� nicht, warum du mir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt hast. Wenn ich sie gewusst h�tte, w�re es mir so viel einfacher gewesen, dir zu helfen.�</p><p>�W � wie?�, fragte Tristan. Die Hitze in seinem Blut stieg und durchstr�mte ihn angenehm. Er bekam eine schmerzhafte Erektion.</p><p>Portia grinste breiter. Sie wandte sich von dem knisternden Feuer ab, ging hin�ber zu den gro�en Fenstern, die auf den winzigen Balkon hinausf�hrten, und bewunderte ihr Spiegelbild in den Scheiben.</p><p>�Im Gegensatz zu dir, der ein Biest zur Frau hat, wollen weder Gwydion noch Rhapsody einen Seitensprung begehen. Daher kann der eine den anderen nur betr�gen, wenn er oder sie get�uscht wird�, sagte sie tr�ge und kicherte, als sie sah, wie die welligen Scheiben ihr Gesicht verzerrten. �Sie beide oder einen von ihnen zu t�uschen, ist eine echte Herausforderung. Man kann niemanden hintergehen, der eine so besondere Beziehung zur Wahrheit hat wie diese beiden. Der cymrische Herr hat Drachenblut in den Adern, und daher reicht sein Bewusstsein weit �ber die Grenzen der normalen Wahrnehmung hinaus. Und in der Festung geht das Ger�cht um, dass die Herrin eine Sternens�ngerin, eine Benennerin ist und daher sowohl aufgrund ihrer Art als auch durch die Hingabe an ihre Berufung der Wahrheit verpflichtet ist, wodurch sie jede L�ge sehr schnell erkennt.� Sie strich mit den Fingern tr�ge �ber den schweren Samtvorhang, der das Fenster umrahmte.</p><p>�Und wie willst du diese T�uschung hinbekommen?�, fragte Tristan, dessen Kopf vom Blutmangel leicht wurde.</p><p>Portia drehte sich wieder zu ihm um; in ihren Augen tanzte ein b�ses Licht.</p><p>�Gar nicht�, sagte sie br�sk. �Sie werden es f�r mich tun, und zwar auf die einzig m�gliche Weise. Sie werden sich selbst t�uschen. Jetzt, da sie wieder von hier fort ist, wird es einfacher sein. Die d�mliche Innigkeit ihrer Liebe zueinander wird ihr Verh�ngnis sein, und wenn das geschieht, wird sie f�r immer vernichtet sein. Das klingt zwar melodramatisch, aber es ist wahr. Und wenn es geschieht, dann wird die Welt f�r uns alle sch�ner sein.� Sie glitt mit den H�nden in die Nacken�ffnung von Tristans Hemd; ihr Mund folgte.</p><p>�Sag � sag mir wie�, keuchte Tristan, dessen Stimme schwankte, als die W�rme von Portia Atem ihm die Haut w�rmte und ihre Z�hne zart gegen sein Schl�sselbein dr�ckten.</p><p>Ihr hei�er Mund fuhr langsam an seinem Hals hinauf bis zum Ohrl�ppchen.</p><p>�Du musst mir einfach nur vertrauen, <emphasis>Herr�,</emphasis> sagte sie neckisch. �Du wei�t doch, dass ich so etwas schon seit sehr langer Zeit mache. Du hast genug von meinen Talenten erlebt, um das zu wissen.�</p><p>�Ja, das habe ich�, murmelte Tristan schwach. �Hast du die T�r verriegelt?�</p><p>Mit einem kreischenden Ger�usch riss Portia ihm das Hemd auf. Ihre Augen leuchteten vor Erregung.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte sie mit heiser gewordener Stimme. �Das Risiko, entdeckt zu werden, macht alles nur noch erregender. Hast du mir das nicht immer gesagt, wenn du mich in unserer eigenen Festung in einem Alkoven oder hinter dem Sofa genommen hast?� Mit ungeduldigen Fingern nestelte sie die B�nder seiner Hose auf. �Ich kann dir versichern, dass die K�chenbediensteten die Nase voll von dir haben und alles tun werden, damit sie nicht in deine N�he kommen. Und die anderen Mitglieder des Herzogskonzils hatten heute schon genug von dir, daran habe ich keinen Zweifel. Also besteht kaum die Gefahr, dass wir gest�rt werden.� Sie grinste breiter, als sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie ergriff den Herrn von Roland fest und fuhr ihm mit den Z�hnen �ber das Kinn bis unter die Lippe.</p><p>�Aber�, fuhr sie fort, als sie bemerkte, wie ihm der Atem ausging, �wenn du willst, kann ich jetzt aufh�ren, zur T�r gehen und auf dem Korridor nachsehen, ob jemand kommt ��</p><p>�Nein�, keuchte Tristan heiser. �Nein!�</p><p>Portia kicherte. �Wie du willst�, sagte sie, lie� seine Hose zu Boden fallen und folgte ihr mit dem Mund.</p><p>Damit er nicht ohnm�chtig wurde, z�hlte Tristan die Atemz�ge, bis der Liebesakt, den er so schmerzlich herbeigesehnt hatte, schlie�lich begann. Als Portia ihm schlie�lich nach neckischen Verz�gerungen zu Willen war, sp�rte er, wie seine Muskeln erschlafften und sein K�rper unter ihr auf dem Boden zusammensackte. Im Gegensatz zu ihrer letzten Vereinigung, die vor vier Monaten in der Nacht, als er sie verlassen hatte, auf demselben Boden stattgefunden hatte, war es diesmal er selbst gewesen, der nackt und v�llig verwundbar war, w�hrend Portia noch fast v�llig angekleidet war und die Lage unter Kontrolle hatte.</p><p>Er konnte es nicht �ndern, konnte die Position nicht mehr umkehren und seine Stellung als Herr der unterw�rfigen Dienerin einnehmen.</p><p>Selbst wenn es ihm m�glich gewesen w�re, h�tte er kein Verlangen danach gehabt.</p><p>Stattdessen ergab er sich ihren Diensten und erlaubte ihr atemlos, ihn wie ein gehorsames Pferd zu behandeln. Auch als sie auf ihn kletterte, ihn packte und wild ritt, versp�rte er den s��en Trost des Ausgeliefertseins und die hilflose Freiheit, die sich einstellt, wenn eine gequ�lte Seele auf jede verbliebene Kontrolle �ber ihr eigenes Schicksal verzichtet.</p><p>Er empfand eine schleichende Verwirrung, die sich wie ein rieselnder Bach oder wie Weinranken einen Weg zu seinem Herzen bahnte, und f�hlte ein seelentiefes Bed�rfnis nach Erl�sung, die ihr hei�es Fleisch aus ihm zog, wie ein Breiumschlag das Gift aus einer entz�ndeten Stelle saugt. Es heilte ihn, riss das Gef�ngnis seines ungl�cklichen Lebens ein und band ihn freudig an seine junge Dienerin. Er wusste, dass er diese Verbindung nie wieder ohne Schmerzen aufl�sen k�nnte. Dieses Gef�hl machte ihn schwach vor Dankbarkeit.</p><p>Nach vielen vergeblichen Versuchen, den Gipfel der Lust zu erklimmen, w�hrend Portia ihn immer wieder an den Rand der Ekstase brachte, nur um sie erneut hinauszuz�gern, erl�ste sie ihn nun endlich und lie� es zu, dass all das Gift und die Entt�uschung, die in seiner Seele gewurzelt hatten, in einem hei�en Ausbruch k�rperlicher und geistiger Lust aus ihm hervorschossen. Tristan gelang es, seinen umw�lkten Blick einen Moment lang auf ihr Gesicht zu richten. Hinter ihr sprangen die Flammenzungen, und sie schaute eindringlich auf ihn herunter. Ihr Gesicht war keine starre Maske der Lust, mit offenen Lippen, zwischen denen St�hnen hervordrang, wie er es vermutet hatte, sondern es zeigte eher einen Ausdruck eingehenden Interesses. In diesem Augenblick, bevor ihm die letzten wilden St��e wieder lustvolles Vergessen schenkten, hatte Tristan Steward den Eindruck, dass sie nach etwas Tieferem in ihm suchte, was er gar nicht besa�.</p><p>Dieser Gedanke w�hrte nur einen Augenblick.</p><p>Als sie sp�ter nebeneinander vor dem knisternden, hei�en Kaminfeuer lagen, ergriff der Herr von Roland die Hand der jungen Frau und k�sste sie dankbar. Er war gl�cklich dar�ber, dass er sich noch immer mit einem Geist verbunden f�hlte, der dem seiner verachteten Frau und seiner eigenen nachl�ssigen Natur so un�hnlich war, auch wenn die h�chste Leidenschaft inzwischen wieder abgeklungen war.</p><p>�Wenn ich bei dir bin, f�hle ich mich stark, Portia�, sagte er leise. �Dann habe ich den Eindruck, dass die Welt nicht einfach nur an mir vorbeizieht.�</p><p>Die junge Frau reckte und streckte sich vor dem Feuer; ihre schimmernde Haut war nass vor Schwei�.</p><p>�Stets zu Diensten, Herr�, antwortete sie und fuhr ihm mit den Fingern beil�ufig durch die feuchten, kastanienbraunen Locken. �Deine Befriedigung ist die gr��te Freude f�r jemanden von meinem niedrigen Stand.�</p><p>�Es tut mir so leid, dass ich dir das Gef�hl gegeben habe, du w�rest weniger, als du bist�, fuhr Tristan fort. Seine St�rke schwand dahin, als die Ersch�pfung einsetzte. �Ich bitte um Entschuldigung daf�r, dass ich dich angeblich so behandelt habe, als w�rest du eine namenlose Hure. Du bist so viel mehr f�r mich.�</p><p>Portia st�tzte sich auf den Ellbogen und kicherte. �Du hast unrecht. Ich habe nichts dagegen, wenn du mich als Hure ansiehst. Ich bin tats�chlich eine Hure, und zwar eine der schamlosesten. Aber ich bin nicht namenlos. Ich sch�tze meinen Namen sehr. Als niedrige Dienstmagd musste ich ihn lange Zeit verbergen und unausgesprochen lassen. Sogar dieser schmierige Kammerherr redet mich kaum anders an als mit �du, M�dchen�. Aber wenn meine Arbeit beendet ist, werden die M�chtigen meinen Namen aussprechen und erzittern.� In ihren Augen funkelte es. �Angefangen mit dir, <emphasis>mein Herr.�</emphasis></p><p>Schl�frig rollte sich Tristan Steward n�her an sie heran und k�sste ihr Ohr. �Portia�, fl�sterte er sanft. �Ich erzittere, Portia.�</p><p>Die Frau l�chelte nur; das zischende Feuer erhellte sie. Sie wartete, bis der Herr von Roland beinahe eingeschlafen war, dann st�tzte sie sich mit den H�nden ab, legte die Lippen an sein Ohr und fl�sterte ihren Namen hinein, bis er endlich schlummerte.</p><p>Wenn er wacher gewesen w�re, h�tte er nur das Ger�usch der knisternden Flammen geh�rt.</p></section><section><title><p>26</p></title><p>Mitten in derselben Nacht lag der nackte Herr von Roland zitternd und allein auf dem Boden vor den erl�schenden Kohlen im Kamin. Seine Tr�ume der Ersch�pfung waren von einem �berw�ltigenden Gef�hl des Verlustes gepr�gt; es war ihm, als wandere er ohne ein Licht durch dunkle Kavernen. In seinem Schlummer versank er in Verzweiflung, als er sp�rte, wie ein weiches Laken �ber ihn gebreitet wurde und ihn eine sanfte Hand mit angenehm schwieligen Fingerspitzen an den Brauen liebkoste. Sein K�rper, der unter dem Verlust von Portias W�rme sowie dem des Kaminfeuers fror, erkannte die Gegenwart einer k�stlichen Hitze neben ihm.</p><p>Tristan Steward blinzelte und rollte auf den R�cken.</p><p>In der Dunkelheit kniete eine Frau neben ihm; ihre langen goldenen Locken fingen die letzten Strahlen der verblassenden Kohlen ein. Tristan vermochte ihre Gestalt kaum von den Schatten zu unterscheiden, die sie umgaben, doch die Linien ihres kleinen Gesichts und ihrer gro�en, dunkelgr�nen Augen sah er in jedem wachen Moment vor sich. Der vertraute Duft von Vanille und Gew�rzseife, Wiesenblumen und Sandelholz drang ihm in die Nase und vertrieb den schalen Geruch von Einsamkeit und Asche, der noch kurz zuvor da gewesen war.</p><p>�Rhapsody?�, fl�sterte er. Sein Kopf war noch vom Alkohol umnebelt und sein K�rper ersch�pft von der sexuellen Raserei.</p><p>Sie l�chelte ihn an. In ihren Augen lagen W�rme und Freundlichkeit, aber kein Mitleid.</p><p>�Es schien dir kalt zu sein�, sagte sie und zog das Laken noch enger um ihn. �Ich mag es nicht, wenn in meinem Haus jemand friert.�</p><p>Tristan bem�hte sich, sie in dem schwachen Licht genauer zu sehen. �Du � du bist hier? Bist du ein Traum?�</p><p>Sie kicherte und ging zum Kamin. Ihr schweres Brokatkleid raschelte musikalisch in seinen Ohren, als sie an seinem Kopf vorbeischritt. Die Kohlen gl�hten auf, w�hrend sie sich ihnen n�herte; das war ein Ph�nomen, das Tristan schon viele Male in ihrer Gegenwart wahrgenommen hatte. Es war, als gr��ten die letzten Funken sie ehrerbietig. Sie r�ckte den Schild beiseite, nahm zwei Scheite und legte sie vorsichtig in die Asche. Ihre H�nde schienen gegen den Biss des Feuers unempfindlich zu sein.</p><p>Das Kaminfeuer entz�ndete sich sofort wieder, Flammen leckten wie zum Willkommensgru� hoch, verbreiteten zuckende Helligkeit in dem dunklen Raum und vertrieben die meisten Schatten. Tristan beobachtete sie wie versteinert, als sie an seine Seite zur�ckkehrte und erneut neben ihm auf den Boden sank.</p><p>�Kein Traum, nein�, sagte sie sanft. �Als Benennerin h�re ich den stummen Ruf derer, die verzweifelt sind, und kann die Grenzen von Raum und Zeit �bersteigen, um zu ihnen zu kommen, wenn ihre Not sehr gro� ist.� Sie strich ihm abermals eine Hand voll rot-brauner Locken aus der Stirn. �Du musst sehr gro�e Schmerzen haben, wenn du mich aus solcher Entfernung rufst. Sei nicht traurig, Tristan. Du hast so vieles in deinem Leben wof�r du dankbar sein darfst.�</p><p>�Ich wei߫, meinte Tristan und bem�hte sich, wacher zu werden. �Ich wei�, Rhapsody, ich bin gesegnet, aber �� Die Worte gingen ihm aus, und seine Stimme schwankte unter dem Gewicht seiner selbsts�chtigen N�te und seiner Besessenheit.</p><p>�Aber was?�</p><p>Er st�tzte sich auf die Ellbogen und schaute hoch in ihr vollkommenes Gesicht.</p><p>�Das ist nicht genug�, sagte er schlie�lich. �Es ist nicht genug.�</p><p>Das L�cheln verlie� ihre Augen und Lippen und wurde von einem Ausdruck nachdenklicher Traurigkeit ersetzt.</p><p>�Was w�rde denn genug sein, Tristan?�</p><p>Alle Barrieren, die er in dem Versuch errichtet hatte, sein Verlangen in Grenzen zu halten, gesellschaftlich annehmbar zu bleiben und Rhapsody nicht zu vertreiben, gaben angesichts der vermutlich einzigen Gelegenheit nach, es ihr offen und ehrlich zu sagen.</p><p>�Du�, fl�sterte er. �Du. Ich brauche dich. Seit dem ersten Mal, als du vor langer Zeit zu mir gekommen bist, um den Schutz der Bolg gebeten hast und ich dich fortgeschickt habe, sp�re ich einen Abgrund in mir. Ich verfluche mich, weil ich so blind war, so dumm ��</p><p>�Halt�, sagte sie und legte ihm ihre kleine, warme Hand auf die Lippen. �Zwischen uns gibt es nichts, was zu bedauern w�re. All das ist gekommen und gegangen, und ich bin immer noch hier.�</p><p>�Ich brauche dich�, sagte Tristan erneut. Die Worte trommelten platt und dumm gegen sein Trommelfell.</p><p>�Und ich bin hier.�</p><p>�Nicht so�, beharrte er, ergriff ihre Hand, presste sie wieder gegen seine Lippen und legte sie ihr dann an die Wange. Ihre W�rme und Festigkeit erfreuten ihn; bis zu diesem Augenblick war er nicht sicher gewesen, ob sie nicht doch blo� ein Traum, ein Gebilde seiner trunkenen Phantasie war. �Ich will dich lieben, Rhapsody.� Sie stie� scharf die Luft aus und zog ihre Hand fort. �Wir sind mit anderen Partnern verheiratet�, sagte sie nur. �Wir haben Kinder mit anderen Partnern.�</p><p>�Ich wei�, ich wei߫, meinte Tristan Steward. Die Ersch�pfung und die sp�te Stunde machten seinen Kopf leicht, und seine Worte hallten d�mmlich in seinem Hirn wider.</p><p>�Dann wei�t du, dass das, worum du bittest, niemals Wirklichkeit werden kann�, sagte sie, aber ihre Worte enthielten keine Anklage.</p><p>Die Sch�nheit ihres Gesichts, die W�rme ihres K�rpers in dem ansonsten kalten Raum, ja sogar die Sanftheit ihrer ablehnenden Worte waren mehr, als Tristans zerrissenes Herz und benebelter Verstand ertragen konnten. Er weinte; angesichts dieses unnennbaren Verlustes rannen ihm schmerzliche Tr�nen in Rinnsalen des Selbstmitleids �ber die Wangen. Sie musste die Ernsthaftigkeit seiner Qualen erkannt haben, denn sie sah ihn mit gro�en Augen besorgt an, streckte schnell die Hand aus und legte sie ihm wieder auf die raue Wange.</p><p>�H�r auf�, sagte sie leise. �H�r auf damit, bitte. Das ist nicht n�tig. H�r auf.�</p><p>Tristan lie� den Kopf auf die Brust sinken; er konnte sie nicht l�nger ansehen. Selbst wenn er sie nicht betrachtete, sp�rte er, wie ihre Best�rzung wuchs, doch er konnte sich nicht genug zusammenrei�en, um die Lage wieder unverf�nglich zu machen.</p><p>Sie legte ihm die zweite Hand auf die andere Wange �Bitte, bitte sei nicht traurig�, sagte sie. �Ich habe den langen Weg zur�ckgelegt, um dich zu tr�sten, Tristan nicht um dir Schmerzen zuzuf�gen.�</p><p>�Dann tr�ste mich�, platzte Tristan heraus. �Tr�ste mich, Rhapsody.�</p><p>Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben brachte Tristan es fertig, mit K�rper und Geist gleichzeitig zu handeln und die notwendige Initiative zu ergreifen. Er streckte die Hand aus und zog Rhapsody in seine Arme. Dabei schenkte er ihrer verbl�fften Miene keine Beachtung, sondern dr�ckte ihren K�rper fieberhaft gegen den seinen.</p><p>Er war auf einen heftigen Schlag ins Gesicht vorbereitet und darauf, dass sie sich ihm gewaltsam entziehen w�rde, doch stattdessen erstarrte sie, und ihre smaragdgr�nen Augen glitzerten in einer Gef�hlsregung, die er nicht beschreiben konnte. Zuerst glaubte er, es k�nnte Angst sein, doch davon war keine Spur zu sehen; es war eher ein intensiver Blick der Verwirrung, vermischt mit Sympathie und � vielleicht nur in seiner Einbildung � einer Spur Verlangen.</p><p>Er entschied sich zu glauben, dass es so war.</p><p>Er sagte nichts mehr, warf alle Vorsicht und allen Anstand �ber Bord, k�sste sie und bedeckte vollst�ndig ihren w�rzigen, roten Mund mit dem seinen, fast als wollte er ihr nicht nur den Atem, sondern auch alle m�glichen Einw�nde rauben.</p><p>Wenn all das Warten und die lange gehegten Phantasien verblassen und der Moment pl�tzlich gekommen ist, auf den man jahrelang vergeblich gewartet hat, dann ver�ndert sich das Gewicht der Zeit, wie Tristan feststellen musste. Das Blut h�mmerte ihm im Gleichklang mit einem rasenden Herzen in den Ohren und �berlagerte alle anderen Ger�usche. Die Zeit verlangsamte sich; schwach h�rte er Rhapsodys Stimme hinter dem Pochen, wann immer er seinen Mund von ihrem nahm. Sein Name war das einzige Wort, das er verstand, doch ob es in Leidenschaft oder Ablehnung wiederholt wurde, vermochte er nicht zu sagen.</p><p>Der schwere Stoff ihres brokatenen Morgenmantels wisperte zwischen seinen zitternden H�nden. Unter dem Mantel war sie nackt, und als er nach ihr tastete, f�hlte sie sich warm an. Wie ein Frierender, der ein flackerndes Feuer findet, dr�ckte er sich n�her an sie, wurde fordernder, fand keinen Widerstand, keine Grenze, nur Einverst�ndnis, nur Willkommen.</p><p>Wie viele Herzschl�ge ihr Liebesakt dauerte, vermochte Tristan nicht abzusch�tzen; er wusste nur, dass die Zeit stillgestanden hatte, w�hrend ihm die Gnade gew�hrt worden war, das zu erlangen, was er als unerreichbar angesehen hatte. Als sie die Arme und Beine um ihn schlang und sein Gesicht liebevoll zwischen die H�nde nahm, musste der Herr von Roland weinen. Er vergoss hei�e, schmerzliche Tr�nen des Unglaubens und Jubels, weil sein Verlangen und seine Liebe von der Frau erwidert worden waren, die seine Seele an dem Tag gestohlen hatte, da er sie zum ersten Mal gesehen hatte.</p><p>Als er es nicht mehr aushielt, zog er sie noch enger an sich und vergrub sein Gesicht dankbar in den Wellen ihres blonden Haars. Er k�sste ihren Hals, der von Leidenschaft und Feuer schwei�nass war, und fl�sterte ihr ins Ohr:</p><p>�Diese Nacht friert niemand in deinem Haus.�</p><p>Er sp�rte, wie sie an seinem Hals l�chelte.</p><p>Sie zog sich ein wenig zur�ck, lag in seiner Armbeuge und l�chelte ihn an; das Licht des Kaminfeuers tanzte in ihren Augen.</p><p>�Bist du jetzt getr�stet, Tristan?�</p><p>Der Herr von Roland seufzte gl�cklich. �Unermesslich.� Er st�tzte sich auf seinen Ellbogen und lauschte in Richtung der T�r. Als er nichts aus dem Korridor dahinter vernahm, strich er ihr eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Du sollst wissen, dass ich diese Nacht f�r immer als heilig halten werde �� Seine Stimme versagte, aber er zwang sich weiterzusprechen, denn er wollte diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. �Und alle N�chte, die noch kommen werden.�</p><p>Der Feuerschein in ihren Smaragdaugen wurde schw�cher.</p><p>�N�chte, die noch kommen werden?�</p><p>�Ja�, platzte Tristan Steward heraus. �Jetzt, da wir � da ich und du �� Seine Worte wurden langsamer, als sich ihre Miene ver�nderte und vor seinen Augen einen Ausdruck der Wachsamkeit annahm. �Du brauchst nicht zu bef�rchten, dass Gwydion es herausfindet, Rhapsody. Wir werden von jetzt an vorsichtig sein. Ich w�rde ihm niemals verraten, was wir getan haben, unter keinen Umst�nden.�</p><p>Sie stie� scharf die Luft aus. �Sag ihm, was du willst�, meinte sie barsch. �Er wird dir sowieso nicht glauben.�</p><p>Tristan zuckte zusammen, als ob er geschlagen worden w�re. Bis zu diesem Augenblick war ihm nicht klar gewesen, dass er von ihr Dankbarkeit f�r sein Schweigen erwartete. �Nein, nein, ich w�rde dich nie verraten � ich liebe dich � ich will nicht alles zerst�ren, was f�r dich von Wert ist. Wenn ich nur wei�, dass ich dir nicht egal bin �� Seine Worte verstummten angesichts ihres leeren Gesichtsausdrucks. �Du � empfindest doch etwas f�r mich, Rhapsody? Das musst du doch, wo du so zu mir gekommen bist ��</p><p>�Nat�rlich empfinde ich etwas f�r dich, Tristan�, sagte sie und regte sich unbehaglich in seinen Armen.</p><p>Tristan sp�rte, wie seine verblassende Hoffnung zur�ckkehrte. �Dann werden wir uns weiterhin heimlich treffen?�, fragte er. Unbewusst fasste er sie fester, w�hrend sie sich heftiger in seiner Umarmung wand, als wollte sie sich von ihm befreien.</p><p>�Nat�rlich k�nnen wir � ach, verdammt, es reicht. Das macht mich krank. Lass mich endlich los, ich bekomme keine Luft mehr.�</p><p>Mit einem beinahe gewaltt�tigen Sto� machte sie sich aus seinen Armen frei, erhob sich, wandte sich von ihm ab und strich dabei ihren Morgenmantel glatt.</p><p>Zu Tristans tiefstem Entsetzen wuchsen ihr K�rper und ihr Schatten, w�hrend sie aufstand, und nahmen eine Gestalt und einen Umfang an, den sie noch einen Augenblick zuvor nicht gehabt hatten. Im verd�mmernden Licht des Kaminfeuers schien ihr Haar dunkler und ihr Gesicht l�nger zu werden, und als sie sich umdrehte, glitzerte in ihren Augen ein b�ses, schwarzes Licht.</p><p>Der Herrscher �ber Roland sp�rte, wie alle Atemluft seinen K�rper verlie�.</p><p>Nach zwei Versuchen, die keinen Laut, sondern nur bitteren Speichel hervorbrachten, schaffte er es schlie�lich, das Wort auszusprechen. �Portia?�</p><p>Die Kammermagd lachte fr�hlich. Sie stand immer noch da und beobachtete erheitert sein Erstaunen, bis er endlich den Mund schloss.</p><p>�Ist Selbstt�uschung nicht etwas bemerkenswert M�chtiges?�, fragte sie neckisch. �Ich habe dir schon gesagt, dass ich gro�e �bung darin besitze.� Sie drehte sich um, ging auf die T�r zu, blieb dann aber kurz stehen.</p><p>�Du solltest vom Boden aufstehen, Tristan�, sagte sie. �Deine Lage passt nicht zu der Stellung, die du bald einnehmen wirst.�</p><p>Dann verlie� sie das Zimmer, ohne einen Blick zur�ckzuwerfen.</p></section><section><title><p>27</p></title><subtitle>Das K�nigreich der Nain</subtitle><p>Faedryth, K�nig der Nain und Herrscher �ber die Fernen Berge, starrte wehm�tig in die Finsternis hinter dem schimmernden Thron in der Mitte seiner gro�en Halle, die tief im Innern der Erde lag. Obwohl der Sitz der Macht seit beinahe tausend Jahren unangezweifelt der seine war, gab er dem K�nig doch immer wieder zu denken, so oft er ihn betrachtete.</p><p>Der Thron bestand aus einem einzigen Kristall, der reiner als die makellosen Diamanten in seiner Krone war. Es handelte sich um einen unregelm��igen Sitz, der aus Lebendigem Stein bestand, welcher nahtlos aus dem H�hlenboden emporwuchs und dessen zerkl�ftete Platten bis hoch unter die gew�lbte Decke der Gro�en Halle reichten. Die Nain, die vor Faedryth an diesem Ort gelebt hatten, waren zwar die gro�artigsten Bergarbeiter, Architekten und Stra�enbauer gewesen, die der Kontinent je gesehen hatte, doch sie hatten diese wundersame Formation fast unber�hrt gelassen und sie lediglich poliert. Es war ihnen lieber gewesen, dass ihr Monarch nicht sehr bequem sa�, als die Erde zu beleidigen, die ein solches zur Ehrfurcht zwingendes Wunder hervorgebracht hatte, indem sie es auf irgendeine Weise ver�nderten. Daher hatten sie es auch als angemessen erachtet, die Gro�e Halle nur mit wenigen Fackeln auszustatten, damit sie nicht das gigantische, reine Juwel von au�en erleuchteten, das aus eigenem, innerem Licht glomm.</p><p>Der Nain-K�nig schaute sich in der leeren H�hle um und kehrte zu seinen �berlegungen zur�ck. Er erinnerte sich daran, wie er zum ersten Mal diesen Ort gesehen hatte. Er war unter der Waffenstillstandsflagge von den Wachen des Nain-K�nigs Vormvald, der �ber diese L�nder regiert hatte, in den unterirdischen Raum gef�hrt worden. Damals hatte Faedryth als Fl�chtling hier Unterschlupf gesucht. Vormvald hatte damals im hundertzw�lften Jahr seiner Regentschaft gestanden und Faedryth sowie sein Gefolge, das aus Tausenden Nain von der anderen Seite der Welt bestand, wo Faedryth einst ihr K�nig gewesen war, freundlich aufgenommen. Beide waren M�nner mittleren Alters gewesen, doch im Gegensatz zu Vormvald und seinen Untertanen waren Faedryth und seinem Gefolge der zweifelhafte Segen einer andauernden und unheimlichen Jugend zuteil geworden, einer ann�hernden Unsterblichkeit, die sie irgendwo auf der Flucht aus ihrer dem Untergang geweihten Heimat erworben hatten. Dieser zweifelhafte Segen hatte bereits dazu gef�hrt, dass sich einige das Leben genommen hatten.</p><p>Doch Vormvald hatte das nicht gewusst. Er hatte das Erscheinen von drei�igtausend seiner eigenen Art unter dem Banner eines scheinbar dem�tigen und hilfsbereiten F�hrers wie Faedryth als willkommene Verst�rkung seines Milit�rs sowie der Bergarbeiter und Baubrigaden der Fernen Berge angesehen. Er schuf Faedryths Volk, den �berlebenden der untergegangenen Insel Serendair, auf seinem Gebiet eine neue Heimat, bestellte Faedryth zum Vizek�nig, gew�hrte den Neuank�mmlingen Autonomie unter ihrem K�nig und machte sich mit der Hilfe des fr�heren K�nigs daran, sein eigenes Reich umzugestalten, wobei es zu immer gr��eren, vision�reren Erfindungen und Bauwerken kam. Die Produktivit�t der Minen wurde verdoppelt, das Kunsthandwerk der Essen und Schmieden wurde legend�r, und das nun vereinigte K�nigreich genoss seinen unabh�ngigen, heimlichen Fortschritt tausend Meilen von den anderen V�lkern entfernt.</p><p>Der Einfluss der cymrischen Nain, wie Faedryths Leute im Fernen K�nigreich genannt wurden, war bald deutlich sp�rbar. Ihre Vertrautheit mit Flaschenz�gen und Gelenken, ihr Geschick beim Schmieden von Waffen, mit denen Vormvald nicht vertraut war, ihre F�higkeit, Erdmassen zu bewegen und den Stein von Tunneln und Minen zu behauen, wurde rasch ein Teil des gesellschaftlichen Lebens in den Fernen Bergen. Der alte Nain-K�nig war von den Fortschritten begeistert, von den neuen St�dten, den Kunstwerken, den Erfindungen. Doch allm�hlich, w�hrend jede neue �ra des Fortschritts kam und ging und durch eine noch gro�artigere �ra ersetzt wurde, verlor Vormvald das Augenlicht, seine H�nde wurden schw�cher, sein grauer Bart bekam die Farbe von Bergschnee.</p><p>Nicht so bei Faedryth. Er blieb so jugendlich wie an dem Tag, als er an Vormvalds Hof eingetroffen war. Er hatte teilgehabt an den Visionen, der Arbeit und der Herrschaft �ber das vereinigte K�nigreich der Nain, und als Vormvald schlie�lich im vierten Jahrhundert seines Lebens dahinschied und wie jeder Mensch von der einen Welt in die n�chste wechselte, da wurde Faedryth zum unangefochtenen Herrscher �ber das K�nigreich Vormvalds Erben begehrten eine oder zwei Generationen lang auf, doch am Ende l�schte die Zeit die dynastische Linie sowie ihren Anspruch auf den Thron und schlie�lich auch die Erinnerung an sie aus, so wie das Tuch eines Juweliers einen kleinen Kratzer in einem ansonsten makellosen Stein wegpoliert.</p><p>Nun geh�rte der Kristallthron Faedryth schon seit einem Jahrtausend, doch irgendwie erschien er dem K�nig noch immer neu. Jedes Mal, wenn er auf dem waagerechten Stein in dem Felsen Platz nahm, der als Sitz diente, f�hlte er sich unwohl und ein wenig eingesch�chtert. Er hatte sich an die tiefe Macht des Steins gew�hnt, an ihren Druck und die Str�mung, die aus der Tiefe der Erde durch den riesigen schimmernden Kristall aufstieg; seine Autorit�t war durch die Berge best�tigt, �ber die er herrschte. Faedryth sp�rte fremdes Blut und das Atmen der Erde, deren Macht nun die seine war. Dennoch hatte Faedryth den Thron nie als selbstverst�ndlich angesehen. Zwar war er ein gro�er und eitler Herrscher und der unsterbliche Anf�hrer einer Nation verborgener Schmiede, Bauleute, Bergarbeiter und Juweliere sowie einem Heer von beinahe einer halben Million Soldaten, doch trotz aller Reicht�mer, die er zu seiner Verf�gung hatte, erkannte er, dass es noch ein paar Dinge gab, die gr��er waren als er selbst.</p><p>Eines dieser Dinge mochte in dem K�stchen aus schwarzem Elfenbein stecken, das er nun in den H�nden hielt.</p><p>Ein leises H�steln hinter ihm riss Faedryth aus seinem Tagtraum. Thotan, sein Minenminister und der einzige nichtmilit�rische Graf, stand am Rand der Feuerschatten und schwieg respektvoll. H�fliches Betragen war ungew�hnlich f�r einen Nain-Grafen; die meisten Nain redeten zwar nur, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hatten, doch f�r gew�hnlich war es ihnen dann egal, ob andere sie h�rten oder nicht. Thotan war anders. Er war der Verwalter der Kaufleute, der oberweltlichen Nain, welche die Waren aus den Minen �ber das Meer zu den K�nigreichen der Menschen brachten und dort verkauften, damit der Rest des Reiches friedlich und abgeschieden in der stillen Erde leben konnte. Seine T�tigkeit erforderte un�bliche Geduld und H�flichkeit. Thotan hatte hinter den vergoldeten T�ren des Throns gewartet, seit der K�nig ihn vor mehr als einer Stunde gerufen hatte. Faedryth seufzte und nickte ihm beinahe widerstrebend zu. Thotan drehte sich auf dem Absatz um und eilte aus dem Raum.</p><p>Das K�stchen f�hlte sich glatt und kalt in Faedryths schwieligen H�nden an. Er starrte weiterhin gedankenverloren auf es herunter, bis Thotan mit Faedryths Adjutanten Therion zur�ckkehrte, gefolgt von vierzehn seiner vertrauensw�rdigsten Soldaten, welche die silbernen Spangen und schwarzen Lederb�nde von Faedryths pers�nlichem Regiment trugen und zu zweit eintraten. In den Armen hielten sie etwas, das in Leinen eingewickelt war; es war schwer, gro� und hatte regelm��ige Umrisse. An ihren gespannten Gesichtern war deutlich abzulesen, dass ihre Fracht etwas unermesslich Wertvolles und Zerbrechliches war.</p><p>Faedryth beobachtete in grimmigem Schweigen, wie die Soldaten ihre Lasten sanft um die Basis des Kristallthrons ablegten und vorsichtig die Seidenb�nder l�sten, welche um die T�cher geschlungen waren. Das flackernde Fackellicht zuckte pl�tzlich rubinrot auf, als es auf den ersten der Gegenst�nde fiel. Es war ein gro�es, glatt geschliffenes St�ck farbigen Glases mit einer Dicta und Breite von Faedryths Hand. Das St�ck hatte an der Au�enseite einen vollkommen abgerundeten Rand von etwa einem Siebtel des Kreisradius und lief wie ein gro�er Keil in einen kleineren, �hnlichen Bogen aus den Therions Soldaten nun an der Basis von Faedryths Thron aufstellten.</p><p>�Vorsichtig, ihr Hornochsen�, murmelte der K�nig leise. Er packte das K�stchen aus schwarzem Elfenbein noch fester, als auch die n�chsten beiden Teile enth�llt wurden, bei denen es sich um �hnliche Glasst�cke in den Farben Zitronengelb und Feueropal-Orange handelte. Einen Augenblick sp�ter tauchte ein smaragdgr�nes St�ck aus den Laken auf; es war so tiefgr�n wie der Ozean, den die meisten Nain nie in ihrem Leben sahen. Als es vorsichtig an Ort und Stelle eingepasst war, kamen ein gro�es, gl�nzendes St�ck, himmelblau wie ein Topas klarster F�rbung, und schlie�lich ein indigoblauer Bogen zum Vorschein, der nicht so gro� wie die anderen war, denn sein Platz im Spektrum war kleiner als der der sechs Hauptfarben. Bis das schwache Fackellicht darauf fiel, schien das kleinere St�ck beinahe schwarz zu sein, doch im Flackerschein glomm die reiche Saphirt�nung still und unaufdringlich und wurde wieder zu einem Teil der Dunkelheit, als das Licht weiterwanderte.</p><p>Schlie�lich wurde mit gr��ter Vorsicht das letzte St�ck aus den Leinent�chern gewickelt. Der violette Bogen war vermutlich der sch�nste von allen; an seiner Amethystt�nung war etwas schmerzhaft Klares, etwas Frisches wie der Beginn eines neuen Tages nach einer finsteren Nacht, wie das Aufklaren eines von Rauch erf�llten Himmels nach der Schlacht. Als es zum Vorschein kam, ver�nderte sich der Geruch im Raum. Die dicke, abgestandene H�hlenluft machte einer frischen Brise Platz, die dem K�nig in die Augen stach und angesichts der melancholischen Erinnerung die Tr�nen in sie trieb. Die Soldaten, die auf die gleiche Weise ber�hrt waren, gingen beinahe ehrerbietig in die Hocke. Das letzte St�ck blieb f�r den Augenblick auf dem Boden liegen; alles wartete auf Faedryths Befehl.</p><p>Der Nain-K�nig schaute wieder herunter auf das K�stchen in seinen H�nden. Die Spitze seines Bartes, dessen strahlendes Gold sich an den Enden wie sein Haupthaar in Platin verwandelte, fuhr �ber den schwarzen Elfenbeindeckel. In der Ber�hrung des toten Haares mit dem K�stchen lag etwas Sonderbares; schwarzes Elfenbein war der seltenste aller Steine. Er wurde an den erstorbenen Stellen in der Erde geerntet und nicht von lebenden Tieren, wie es bei gew�hnlichem Elfenbein der Fall war. Die Stellen, an der er abgebaut wurde, waren Orte vollkommener Ver�dung, wo die Magie nicht mehr webte oder die Erde ohne jede Hoffnung auf Wiederherstellung versengt worden war und die ihr eigene F�higkeit verloren hatte, sich selbst zu heilen, im Gegensatz zu den Wunden aus einem Buschfeuer oder einer Flut, wo der Asche oder dem Schlamm neues Leben entsprang. Schwarzes Elfenbein war die Verk�rperung einer Leere jenseits des Todes � der vollkommenen Abwesenheit allen Lebens �, und deshalb war alles, was von einem Beh�ltnis aus diesem Material eingeschlossen wurde, von absoluter, schwingender Finsternis umgeben und f�r alle Blicke unsichtbar, selbst f�r jene der f�higsten Hellseher.</p><p>Bereits die Ber�hrung mit diesem K�stchen stach Faedryth bis in die Seele.</p><p>Und das Wissen � oder eher das Nichtwissen � darum, was sich darin befand, setzte seine Seele in Flammen.</p><p>�Ist meine Tochter hier?�, fragte er knapp.</p><p>�Jawohl�, antwortete Thotan. �Und auch alle anderen �berlebenden Generationen Eurer Linie.�</p><p>Faedryth schnaubte. �Schickt meine Tochter herein� ,sagte er und lief auf dem dunklen Boden hin und her. �Der Rest ist zu alt.� Thotan nickte. Wie Faedryth war auch er ein Cymrer der Ersten Generation, einer der mehr als hunderttausend urspr�nglichen Fl�chtlinge von der untergegangenen Insel Serendair, und daher war er ebenfalls scheinbar unsterblich. Wie Faedryth, so hatte auch er gesehen, wie die Unsterblichkeit langsam seine eigene Familie verlie�, sodass er selbst zwar noch dieselbe jungendliche Kraft besa� wie an dem Tag vor vierzehn Jahrhunderten, als er das Schiff betreten hatte, das ihn in Sicherheit gebracht hatte, aber seine Kinder waren gealtert, als ob sie zu der Generation seiner Eltern geh�rten, und seine Enkel alterten gar noch schneller. Seine fernsten Nachkommen waren bereits alt geworden und gestorben, und er selbst war immer noch so wie fr�her, as ob er in der Zeit erstarrt w�re.</p><p>Die vergoldete T�r wurde erneut ge�ffnet, und Gyllian betrat den Raum. Wie ihr Vater hatte sie weizenfarbenes Haar, doch w�hrend seines in den Spitzen das erste Silber zeigte, war ihres mit Ausnahme d�nnster goldener Str�hnen ganz von jener metallischen Farbe. Trotzdem hielt sie sich gut f�r ihr Alter. Sie trat an die Seite ihres Vaters, und ihr Gesicht furchte sich in stiller Besorgnis.</p><p>Faedryth streckte die Hand aus und legte sie seiner Tochter kurz auf die Wange. Jemanden, der so alt und weise war, auf eine solch v�terliche Weise zu ber�hren, war ihm in seiner ewigen Jugend immer seltsam vorgekommen, doch in den wenigen Augenblicken der Z�rtlichkeit, die er sich erlaubte, war diese immer auf Gyllian gerichtet.</p><p>�Der Lichtf�nger ist bereit�, sagte er gelassen. Es waren Worte, die er schon bei fr�heren Gelegenheiten zu ihr gesprochen hatte. �Bist du es auch, falls es so weit sein sollte?�</p><p>Seine Tochter nickte; sie schwieg noch immer.</p><p>Faedryth atmete tief durch. �Also gut. Stellt euch an der T�r auf. Sag dem Scharfsch�tzen, er soll sich bereithalten.� Er nickte Thotan zu; der Minenminister verneigte sich rasch und verlie� den Raum, gefolgt von Therion und den Soldaten. Der Nain-K�nig erlaubte es sich, seine Hand noch einen Moment auf der alterswei�en Wange seiner Tochter ruhen zu lassen, dann lie� er sie sinken.</p><p>�In Ordnung�, sagte er barsch zu den Geistern und Erinnerungen, die unsichtbar in der Luft um ihn herum schwebten. �Fangen wir an.�</p><p>�Willst du nicht erst noch ein letztes Mal mit Garson sprechen?�, fragte Gyllian; ihre Miene war ruhig und ausdruckslos wie immer. Die Nain-Prinzessin hatte sich ihren Ruf in den Schlachten des Gro�en Cymrischen Krieges erworben. Der Rauch jener Schlachten hatte sie wie Leder gegerbt, und an den endlosen Lagerfeuern war sie zu einer Frau mit einem st�hlernen R�ckgrat geworden. Trotzdem war ihr Rat wohl abgewogen und vern�nftig, und immer versuchte sie zun�chst, andere Mittel auszusch�pfen, bevor sie jene T�ren aufstie�, die m�glicherweise nicht mehr geschlossen werden konnten.</p><p>Ein kleines, sarkastisches Bellen entschl�pfte Faedryths Mund.</p><p>�Willst du etwa zusehen, wie ich eine weitere Staatskugel gegen die Wand schmettere?�, fragte er, w�hrend die Augen in seinem grimmigen Gesicht freundlich blitzten. �Die Scherben der letzten liegen noch auf dem Boden verstreut.�</p><p>Gyllians Miene ver�nderte sich nicht. �Wenn das der Preis f�r angemessene �berlegungen ist, dann ist er nicht sehr hoch�, sagte sie ruhig. �Bevor du zum Gebrauch des Lichtf�ngers schreitest, h�tte ich nichts dagegen, wenn hundert weitere Kugeln zerplatzen w�rden, es sei denn, du bist dir vollkommen sicher, was du tust.� Ihr stoischer Gesichtsausdruck wich gro�er Besorgnis. �Das Risiko ist ungeheuer gro�. Au�erdem hilft es deinem Selbstwertgef�hl, wenn du wei�t, dass du immer noch eine Kugel aus geh�rtetem Glas stemmen und zerschmettern kannst, genau wie ein J�ngling von hundert Wintern.�</p><p>Faedryth kicherte. �Na gut, Gyllian, wenn du es w�nschst, dann rufe Garson.� Die Prinzessin nickte knapp und kehrte zur T�r zur�ck. Sie lie� den Nain-K�nig allein mit seinen Gedanken in der flackernden D�sternis.</p><p>Und mit seinem K�stchen aus schwarzem Elfenbein.</p><p>Faedryth hatte Angst, es in der Hand zu halten, und zugleich hatte er Angst, es abzusetzen. Der Inhalt hatte ihn verhext, seit dieser vor etwa einem halben Jahr aus der tiefsten aller Kristallminen herausgeholt worden war. Der K�nig war in seiner Gegenwart nerv�s und bef�rchtete, dass diese seltsame Magie der letzte Stein sein k�nnte, der das Boot seiner geistigen Gesundheit zum Kentern brachte. Der Lichtf�nger konnte ihm bei der Frage helfen, was sich wirklich in diesem K�stchen befand, doch Faedryth setzte seine Macht nur ganz selten ein, denn er kannte die Gefahren, die ihm und der Welt dadurch drohten.</p><p>Die T�r der Gro�en Halle wurde wieder ge�ffnet und lie� Garson ben Sardonyx sowie den Scharfsch�tzen herein, der einen Grubenhelm mit einem dunklen Sichtschutz trug und eine gewaltige Armbrust �ber den R�cken geschlungen hatte. �berdies brachte er einen schweren St�nder mit. Faedryth schluckte. Pl�tzlich war sein Mund trocken. Ungeduldig gab er Garson ein Zeichen, woraufhin dieser doppelt so schnell wurde und bald vor dem K�nig stand. Das blau-gelbe Zellgewebe hinter seinen Augen, das den Nain erlaubte, in der Dunkelheit ihrer unterirdischen Heimat zu sehen, fing das Fackellicht ein und glomm auf, wodurch er wie ein wildes Tier erschien, das sich in der Finsternis n�herte.</p><p>�Berichte mir noch einmal, was der Bolg-K�nig w�hrend deines Besuches bei ihm zu dir gesagt hat�, verlangte Faedryth von ihm, w�hrend Gyllian an seine Seite zur�ckkehrte. �Lass keine Einzelheit aus. Vielleicht gibt es etwas, das wir in den fr�heren Berichten �bersehen haben.�</p><p>Garson reckte die Schultern, und sein Brustkorb weitete sie, als er tief einatmete. Er fuhr sich mit der Hand �ber seinen gro�artigen Bart, der braun am Kinn, silbern in der Mitte und an den Spitzen wei� war. Garson war Faedryths offizieller Botschafter in der Oberwelt und der einzige Nain des Tiefen K�nigreiches, der diplomatisch mit Menschen anderer V�lker umgehen konnte; au�erdem war er seit seiner Kindheit in der Perfektion seines Ged�chtnisses ausgebildet worden. Er runzelte die Stirn, begann aber geduldig das Gespr�ch zu wiederholen, �ber das er schon bei drei fr�heren Gelegenheiten berichtet hatte, seit er von seinem Staatsbesuch in den Bolglanden zur�ckgekehrt war.</p><p>�K�nig Achmed war nat�rlich von Anfang an �ber meine Gegenwart ver�rgert�, sagte Garson. �Ich habe ihm Eure Botschaft �berbracht � dass Ihr um seinen Versuch wisst, den Lichtf�nger von Gwylliam und Anwyn in den Bergen seines Reiches zu rekonstruieren, und dass Ihr mich gebeten habt, ihm mitzuteilen, er d�rfe dies auf keinen Fall tun.�</p><p>Faedryth nickte. �Und?�</p><p>�Er hat mir gesagt, ich sei ein tapferer Mann mit zu viel Zeit, weil ich den ganzen Weg bis zu ihm gereist sei und es gewagt h�tte, ihn auf diese Weise zu belehren.�</p><p>�Aufgeblasener Narr�, murmelte Faedryth. �Weiter.�</p><p>�Ich sagte ihm, Ihr h�ttet mir das befohlen, und er erwiderte, das verwirre ihn. Er meinte, er kenne keinen Lichtf�nger, aber Ihr h�ttet seinen Zorn riskiert, der, wie Ihr angeblich wisst, beachtlich sein kann, indem Ihr mich mitten in der Nacht in seine Gem�cher geschickt habt, damit ich ihm einen diesbez�glichen Befehl erteile. Er bemerkte, dass selbst er, der weniger Wert auf Diplomatie und Anstandsregeln lege als jeder andere, den er kenne, dieses Vorgehen als beleidigend empfinde.�</p><p>�Zweifellos�, sagte Faedryth trocken. �Er hat also abgestritten, dass er etwas �ber den Lichtf�nger wei�?�</p><p>�Ja. Ich meinte darauf, er gebrauche vielleicht nicht denselben Namen daf�r, aber ich k�nne wohl annehmen, dass er wisse, worauf ich mich beziehe. Ich erkl�rte ihm, der Lichtf�nger sei ein Apparat, den die Nain f�r Gwylliam den Vision�r vor elf Jahrhunderten erbaut hatten. Dabei handle es sich um eine Maschine aus Metall und gef�rbtem Glas, die in einen Berggipfel eingelassen war und das Licht zu verschiedenen Zwecken ver�ndern konnte. Sie wurde im Gro�en Krieg zerst�rt, so wie es hatte sein sollen, denn sie r�hrte an Kr�fte, die instabil und unvorhersehbar waren. Ich sagte zu ihm, sie stelle nicht nur f�r seine Verb�ndeten und Feinde eine gro�e Gefahr dar, sondern auch f�r sein eigenes K�nigreich. Weiter er�ffnete ich ihm, dass er den Versuch unternehme, etwas wiederzuerbauen, das er nicht vollst�ndig begriff, und dass diese Dummheit zu seiner Vernichtung und m�glicherweise auch zu der aller in seiner N�he f�hren w�rde. Ich rief ihm in Erinnerung, dass er die Auswirkung bereits habe beobachten k�nnen; die gef�rbten Glassplitter aus seinem ersten Versuch bedecken schlie�lich immer noch die Gegend um Ylorc. Ich wiederholte, dies sei eine unaussprechliche Unbesonnenheit, und Ihr, Euer Majest�t, w�rdet ihm befehlen, dass er sofort damit aufh�rt, zum Besten des B�ndnisses und auch seiner selbst.�</p><p>Gyllian seufzte. �Hast du eine andere Antwort als die erwartet, die du bekommen hast, Vater? Hast du wirklich geglaubt, der Firbolg werde verst�ndnisvoll auf ein so formuliertes Verlangen reagieren?�</p><p>�Ich h�tte dich darum bitten sollen, die Botschaft aufzusetzen�, murmelte Faedryth und nahm den Faden wieder auf. �Aber der Bolg-K�nig ist immer ein Mann klarer Worte gewesen. Ich dachte, wenn ich ihm eine klare Botschaft schicke, dann werde er sie respektieren. Offenbar war das falsch. Was hat er dann gesagt?�</p><p>�Er hat mich beil�ufig gefragt, woher ich all das wei�, und hat dabei die Entfernung unseres Reiches sowie unsere Abgeschiedenheit von den Menschen zur Sprache gebracht. Als ich ihm sagte, dass Ihr Wert darauf legt, jegliche Ereignisse zu beobachten, die gef�hrliche Auswirkungen auf die Welt haben k�nnten, nannte er mich einen L�gner und meinte dann, er wisse, dass wir einen eigenen Lichtf�nger bes��en und ihn zur Ausspionierung seines Landes einsetzten.�</p><p>Faedryth seufzte bedr�ckt.</p><p>�Eine vern�nftige Vermutung�, meinte Gyllian. �Er hatte halb recht.�</p><p>�Dann verlangte er von mir, ich solle sein Land verlassen und Euch diese Botschaft �berbringen�, fuhr Garson fort. �Er sagte � ich zitiere: �Geh zu deinem K�nig zur�ck und sage ihm dies: Ich hatte einmal Respekt vor ihm und der Art, wie er sein K�nigreich regiert. Er hat von den Cymrern eine genauso niedrige Meinung wie ich selbst, und er ist nur widerstrebend dem B�ndnis beigetreten, genau wie ich. Er bleibt in seinen Bergen, wie ich. Aber wenn er fortf�hrt, mein Land auszuspionieren oder mir Botschafter zu schicken, die mir sagen, was ich tun und lassen soll, dann werde ich, wenn meine eigene Version eures so genannten Lichtf�ngers einsatzbereit ist, ihre Vernichtungsm�glichkeiten an weit entfernten Zielen ausprobieren. Welche Ziele das sein werden, �berlasse ich eurer Phantasie.�</p><p>Die Luft schien aus der riesigen H�hle zu entweichen.</p><p>�Als ich ihm sagte, ich bezweifele, dass ich Euch diese Botschaft wirklich �berbringen solle, meinte er nur: �Bezweifle es nicht, Garson. Und nun geh.�</p><p>Faedryth wirbelte herum und starrte Gyllian an.</p><p>�Glaubst du, dass wir noch eine andere M�glichkeit haben?�, wollte er wissen.</p><p>Die Prinzessin trat langsam an die Seite ihres Vaters und k�sste ihn sanft auf die Wange.</p><p>�Nein�, sagte sie nur. Dann verneigte sie sich leicht und verlie� den Raum, wobei sie einen raschen Blick auf den Scharfsch�tzen warf, aber nicht zu Faedryth zur�ckschaute.</p><p>�Triff die erforderlichen Vorbereitungen und beeile dich damit�, befahl Faedryth dem Sch�tzen. Der Mann nickte, stellte den St�nder auf, legte die Armbrust darauf und zielte auf den Kristallthron.</p><p>�Halte dich bereit�, sagte der K�nig zu Garson.</p><p>�Ich bin bereit�, erwiderte Garson steif. �Werden wir das blaue Spektrum benutzen?�</p><p>Faedryth seufzte erneut auf. Die blaue Kraft des Spektrums war die einzige, mit der er vertraut war. Er kannte zwar nicht die Worte der alten Sprache, die von Gwylliam gebraucht worden war, aber er glaubte sich zu erinnern, dass sie mit �Wolkenrufer� oder �Wolkenj�ger� �bersetzt wurden. Er wusste, dass die Kraft des elementaren Blaus im Hellsehen lag, also im Blick �ber gro�e Entfernungen oder auf verborgene Orte, und wenn man die Kraft umdrehte, konnte man sich vor neugierigen Augen sch�tzen, die auf einen selbst blicken mochten.</p><p>Erst einmal hatte er eine der anderen Farben eingesetzt. Als der Geschmolzene Fluss aus Magma, der sich unabl�ssig an der Grenze seines Landes dahinw�lzte, vor zwei Jahrhunderten gestockt hatte, hatte Faedryths Weiser ihm geraten, die orangefarbene Macht des Spektrums einzusetzen, den Feuerstarter, um die Lava unter der Aschenkuppel hervorzuholen. Wenn der Fluss nicht als Schutzwall zwischen seinem Reich und dem Land der benachbarten Wyrm gedient h�tte und seine Lava nicht wesentlich f�r das �berleben des Tiefen K�nigreichs im Winter gewesen w�re, dann h�tte er diesen Versuch niemals gewagt. Die daraus sich ergebende Explosion und Zerst�rung hatte ihn �berzeugt, so etwas nie wieder zu tun.</p><p>Er nickte Garson knapp zu und versuchte die Bilder der Verw�stung aus seinen Gedanken zu verbannen.</p><p>Ohne ein weiteres Wort begab er sich zu den schimmernden Kristallen, trat vorsichtig in die �ffnung zwischen den zusammengesetzten St�cken aus farbigem Glas, die einen Spektralkreis um die Basis des Throns bildeten, und lie� sich langsam auf dem Sitz nieder. Kurz schaute er noch einmal auf das K�stchen in seinen H�nden, dann sah er Garson an, seinen offiziellen Zeugen, der den K�nig hinter dem Sch�tzen starr beobachtete. Dieser hatte die Armbrust auf das Herz des K�nigs gerichtet.</p><p>�Schlie� den Kreis�, befahl Faedryth. Seine Stimme war tief und klangvoll und zeigte keine Anzeichen der Unsicherheit, die er noch einen Augenblick zuvor versp�rt hatte.</p><p>Garson begab sich schnell zum Mittelpunkt der riesigen, dunklen Halle und kniete vor den F��en des K�nigs nieder. Faedryth segnete ihn ungeduldig; Garson stand wieder auf und verlie� den Kreis aus farbigem Glas, dann nahm er vorsichtig das letzte St�ck auf, das die Farbe reinsten Amethysts hatte, und setzte es sanft an seinen Platz. Nun war der Kreis geschlossen.</p><p>W�hrend der K�nig seinen Botschafter dabei beobachtete, wie er den violetten Bogen einpasste, dachte er pl�tzlich an Garsons Urgro�vater, Gar ben Sardonyx, der ihm geholfen hatte, vor vielen Jahrhunderten genau dieses Glas im Ofen zu brennen. Er versuchte, seinen Geist gegen die Flut der Erinnerungen abzuschirmen, aber es war unm�glich. Die Macht des Thrones schlief zwar noch, aber sie lebte und �ffnete lange verschlossene Orte in seinen Gedanken, egal wie sehr er sie verriegelt und gesichert hatte.</p><p>Die Erinnerungen waren schmerzhaft; sie waren S�ureflecken in den Winkeln seines Gehirns. Er war der Erbauer des ersten Lichtf�ngers gewesen, desjenigen im nun zerst�rten Turm des Bolg-K�nigs, und er hatte ihn auf Anweisung seines Herrn und Freundes Gwylliam errichtet, doch er hatte mit ansehen m�ssen, wie seine Macht von diesem Herrn und Freund im Verlauf eines langen, blutigen und sinnlosen Krieges missbraucht und die eigentliche Mission in ihr Gegenteil verkehrt worden war. Faedryth hatte sich von Gwylliam und jenen, die ihm gefolgt waren, abgewandt. Er hatte sein Schwert im Gro�en Gerichtshof angewidert von sich geworfen, den Ort verlassen und war zu den Fernen Bergen und in sein Tiefes K�nigreich zur�ckgekehrt und dort geblieben, bis er vor kurzem von der cymrischen Herrin gerufen und gebeten worden war, die Nain zum Besten des Kontinents in das B�ndnis einzubringen. Gegen seinen Willen hatte er zugestimmt. Als er nun inmitten eines der Wunder dieser Welt und �ber einer Quelle ihrer uranf�nglichen Macht sa�, fragte er sich, ob er nicht einen schrecklichen Fehler begangen hatte.</p><p>Als Garson das St�ck nun an seinen Platz r�ckte, dachte Faedryth trocken daran, wie er Gwylliams Machtdurst verdammt hatte. Er hatte alle Pl�ne und Farbmuster zur�ckgelassen und sich von allem losgesagt, was er f�r den Vision�r des gro�en Reiches getan hatte, doch in seinem H�hlenreich hatte er andauernd �ber den Regenbogen aus Glas nachgedacht, der die Kraft des Lebens selbst zu kanalisieren vermochte.</p><p>Die Gedanken, die ihn zuerst in jenen lange vergangenen Tagen geplagt hatten, suchten ihn von da an immer wieder heim. Sie waren wie d�monisches Fl�stern in seinen Ohren; die Erinnerung an das farbige Glas sprach in seinen Tr�umen zu ihm und erinnerte ihn daran, dass das Wissen um diese Dinge fl�chtig war und er sich beeilen musste, wenn er den Apparat neu errichten wollte Sogar er hatte einen detaillierten Plan ben�tigt, als er Gwylliams urspr�nglichen Lichtf�nger gebaut hatte. Dabei hatte es sich um eine Reihe von Zeichnungen gehandelt, die von dem gr��ten Benenner Cymrias erstellt worden und unm�glich im Ged�chtnis zu behalten waren. W�hrend des Projekts hatte er jeden Tag diesen Benenner aufgesucht, und jeden Morgen hatte er die Pl�ne angestarrt, als s�he er sie zum ersten Mal, er, der Erbauer einer der gr��ten Bergst�dte in der ganzen Welt, der Mann mit einem unglaublich guten Erinnerungsverm�gen, der die vorausschauenden Ideen des Vision�rs in die Tat umgesetzt hatte.</p><p>Und nun konnte er sich kaum noch daran erinnern, was auf den Zeichnungen zu sehen gewesen war.</p><p>Weil er in der Bibliothek von Canrif die gebrannten Glasmuster mit den genauen Farbt�nen des Spektrums zur�ckgelassen hatte, die zum Funktionieren des Apparats unerl�sslich waren, besa� er nichts, womit er zuk�nftige Glasst�cke vergleichen konnte. Er hatte sich lediglich noch daran erinnert, dass jedes der Glasst�cke in der Kuppel auf dem Gipfel des Gurgus von derselben Farbe gewesen war, die auch die verschiedenen Edelsteine in ihrer reinsten Form hatten.</p><p>Und in seinem K�nigreich mangelte es nicht an Edelsteinen, die er zum Vergleich heranziehen konnte.</p><p>So hatte er das Glasspektrum in einem einfachen Kreis wiederhergestellt, w�hrend die Stimmen in seinem Kopf bei jedem Schritt aufgeschrien und ihn vorw�rts gedr�ngt hatten � beim Gie�en, F�rben, K�hlen, beim Polieren des Kristallthrones �, und sie waren erst vollkommen und beinahe zufrieden verstummt, als der Lichtf�nger schlie�lich fertig gestellt war.</p><p>Nun also besa� er einen eigenen, auch wenn dieser viel kleiner war und nur �u�erst selten eingesetzt wurde � nicht mehr als f�nf Mal w�hrend der letzten vier Jahrhunderte. Das Einzige, was er noch mehr f�rchtete als den Einsatz dieser Maschine, war der Verlust ihrer Macht.</p><p>Die dunkle, melodische Stimme der Erde selbst summte um ihn herum und unterbrach seine Gedanken. Der Kreis war vollst�ndig.</p><p>��ffne den Schacht�, befahl Faedryth mit zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>Der Scharfsch�tze senkte das Visier seines Helms, um die Augen zu sch�tzen.</p><p>Garson packte den Hebel, der von den niedrigeren Stalagmiten des Kristallthrones verdeckt wurde, und zog ihn auf sich zu, bis er sich in einer Linie mit dem blauen Bogen befand. Dann wich er zur�ck und schirmte die Augen ab, als sich eine verborgene Steinplatte unter dem Thron zur Seite und in den Fels hineinbewegte und das Licht einer Flammenquelle enth�llte, �ber welcher sich der Kristall gebildet hatte. Es war ein Schacht hinab in das Feuer, das Tausende von Meilen tief unter der Erdkruste im Herzen der Welt brannte. Selbst wenn man die H�nde vor die Augen hielt, blendete das Licht.</p><p>Die pulsierenden Flammen aus den Tiefen der Erde warfen Blitze aus hei�em blauem Licht in die Gro�e Halle, erhellten die ferne Decke, tanzten auf den Stalaktiten, spuckten und zischten im Einklang mit dem Feuer unter dem gewaltigen Kristall und lie�en ihn wie einen in der Finsternis verborgenen Stern aufleuchten. Das Strahlen umgab den Kristallthron und den Nain-K�nig und verlieh beiden die Farbe eines wolkenlosen Himmels an einem Sommertag in der Oberwelt. Es war eine so reine und klare Farbe, dass sie Garson durch den Schild seiner Finger in die Augen stach.</p><p>Faedryth atmete flach und zwang sein rasendes Herz langsamer zu schlagen. Die Macht des Lichtf�ngers schien ihn durchscheinend zu machen. Nun �ffnete er das schwarze Elfenbeink�stchen.</p><p>Zuerst sah er nichts, und Panik prickelte am Rande seines Bewusstseins. Als er den Inhalt des K�stchens zum ersten Mal untersucht hatte, war dieser br�chig, ja beinahe gasf�rmig gewesen, und in der blendend blauen Helligkeit des Kristallthrones, den das Feuer aus dem Erdmittelpunkt von unten anleuchtete, war der Inhalt fast unsichtbar und hielt sich in den Schatten.</p><p>Faedryth hielt das K�stchen schr�g, bis das, was sich darin befand, das tosende Licht einfing. Als w�re es ein lebendes Wesen, brummte das Licht in den Ecken des K�stchens, st�berte dessen Inhalt auf, fing ihn, erhellte ihn, gab ihm Farbe und Umriss.</p><p>Zuerst war es kaum mehr als ein fl�chtiges Glimmen, staubig und wechselhaft, ver�nderlich wie das Sommersonnenlicht, das durch eine Fensterscheibe fiel. Der Nain-K�nig griff sanft in das K�stchen und hob einen der Fetzen in das blaue Strahlen, das um ihn herum pulsierte.</p><p>Um seinen Finger gewickelt war ein Schnipsel, der wie durchsichtiges Pergament wirkte, aber er war hauchd�nn und altersgelb. Es schien ein k�nstlich geschaffenes Ding zu sein, teils durchscheinend wie ein Edelstein, teils d�nn wie feine Gaze. Faedryth hatte nie etwas Vergleichbares gesehen, nicht in den ganzen sechzehnhundert Jahren seines Lebens und nicht auf beiden Kontinenten, genau wie seine Ratgeber, denen er es besorgt gezeigt hatte.</p><p>Dass der Ort, an dem man es gefunden hatte, �berhaupt entdeckt worden war, grenzte schon an ein Wunder, denn er befand sich in den tiefsten Bereichen der Kristallminen, wo die diamantartigen Formationen angeblich von den Sternen in Gestalt von Meteoriten auf die Erde gekommen waren und unter unabsehbaren Tonnen uralten Granits verborgen lagen. Es hatte Tausende von Jahren gedauert, bis die Nain diese Mine angestochen hatten. Dass etwas den Druck und die K�lte des Kristallbetts �berleben konnte, war vollkommen undenkbar, doch hier, zwischen seinen Fingern befand sich ein Fetzen aus zartestem Material, zerbrechlich und sich ver�ndernd bei jedem Atemzug, den Faedryth tat. Er hielt nichts von Magie und misstraute den meisten, die sie aus�bten und W�rter, Lieder oder Schwingungen beeinflussten, um auf diese Weise die Welt zu ver�ndern, doch selbst ein Skeptiker und Ungl�ubiger wie er empfand unweigerlich Ehrfurcht und Entsetzen in der Gegenwart dieses Dings.</p><p>Soweit er wusste, war es etwas, das sonst nirgendwo auf der bekannten Welt existierte.</p><p>Und aus diesem Grund musste er unbedingt wissen, worum es sich dabei handelte.</p><p>�Ganz�, murmelte er.</p><p>Garson tastete nach dem Hebel und zog mit aller Kraft daran, w�hrend das blendende blaue Licht hinter seine geschlossenen Lider floss.</p><p>Die doppelte Metallscheibe unter dem Thron, die Faedryths Schmiede vor vierhundert Jahren in das Fundament des gewaltigen Kristalls eingelassen hatten, schwang wieder an ihren Platz und b�ndelte das Licht aus der Flammenquelle im Mittelpunkt des blauen Bogens. Der Kristall, der K�nig und der gesamte Raum hinter ihm wurden in ein noch intensiveres, reineres und feineres blaues Licht geh�llt, in eine heilige, elementare Farbe aus dem Mittelpunkt des Spektrums.</p><p>Die Kristallformation sang unter einer uranf�nglichen Schwingung, unter der klarsten Note, die f�r Garson oder den Scharfsch�tzen unh�rbar war, doch Faedryth vernahm sie in seiner Seele und sp�rte sie durch sein Blut klingen. Er �ffnete die Augen und sah nicht nur die Finsternis des Thronsaals, sondern blickte dahinter auf die Welt um ihn herum, �ber die Ebene bis zum Horizont, bis zum Rand des Meeres.</p><p>Faedryth hielt sich am Thron fest und wusste, was nun kam.</p><p>Der Scharfsch�tze, der es ahnte, zielte mit seiner Armbrust genau auf das Herz des K�nigs.</p><p>Pl�tzlich hatte Faedryth einen Blick, der alles Vorstellbare �berstieg. Es war, als ob er die ganze Welt gleichzeitig sehen k�nnte, in allen Einzelheiten und in all ihrer Gr��e. Als ob er von einer Flutwelle �bersp�lt w�rde, ertrank er pl�tzlich in Wissen, erkannte das Muster jedes Vogelflugs, die Vorboten jedes Sturmes, die Anzahl der Weizenhalme, die sich unter der Sonne neigten, die Herzschl�ge der ganzen Welt � das alles trieb von allen Seiten auf ihn ein.</p><p>Sein Geist war so schnell wie die Sonnenstrahlen und schoss verr�ckt himmelw�rts wie ein abgeschossener Pfeil, dann fiel er pl�tzlich zur Erde zur�ck, in der die Tunnel, welche seine eigenen Untertanen gegraben hatten, die Erdkruste wie G�nge in einem Ameisenhaufen durchzogen. Er schwebte �ber Schatzkammern, �ber die vulkanische Lava, die im Geschmolzenen Fluss schwamm, �ber dunkle Sch�chte aus endloser, anthrazitener Nacht, jagte durch die Wurzeln der B�ume und die Baue Waldtiere, bis er wieder durch die Erdkruste brach und dabei alles in sich aufnahm, was es zu sehen und zu wissen gab.</p><p>Er sah <emphasis>alles.</emphasis></p><p>In diesem Augenblick erkannte Faedryth, dass er die Welt wie ein Drache sah und er nun einen Wyrmblick hatte, der alle physikalischen Grenzen sprengte.</p><p>Es machte ihm Angst, wie immer.</p><p>Mit gro�er Anstrengung riss Faedryth den inneren Blick von der rasenden Vision fort, indem er den Kopf senkte und auf das zerbrechliche St�ck Pergament vor sich schaute. Er wusste, dass sich darauf ein Bild befand, auf das er nur einen kurzen Blick geworfen hatte, als man ihm dieses br�chige, andauernd sich ver�ndernde magische Pergament gebracht hatte. In jenem Moment hatte er farbige Lichter in der Anordnung der Regenbogenfarben gesp�rt, irgendeine Kraftquelle, ein Licht, das so hell gewesen war wie das aus der Flammenquelle unter ihm. Er hatte angenommen, dass es sich um den wiedererrichteten Lichtf�nger auf dem Gipfel des Gurgus handelte. �berdies hatte er damals etwas Seltsames gesp�rt. Es war das Gef�hl gewesen, er k�nnte die Gedanken einer anderen Person lesen, und es war ihm so erschienen, als ob der Bolg-K�nig in diesen Gedanken gegenw�rtig war. F�r einen Mann, der sich von Magie und Schwingungslehren fernhielt und dessen Vergn�gen Ingenieurskunst, Minenbau, das Schmelzen von Eisen und das Graben von Tunneln war, stellte das Gef�hl, die Gedanken eines anderen zu lesen, eine au�erordentlich beunruhigende Erfahrung dar, insbesondere wenn derjenige, um dessen Gedanken es sich handelte, ihm unbekannt und vermutlich schon lange tot war.</p><p>Mit ungeheuren Schwierigkeiten blendete er die Unmenge von Bildern aus, die vor ihm herumwirbelten und hielt sich das Bruchst�ck im klaren blauen Licht vor die Augen.</p><p>Er hatte das Bild schon einmal gesehen. Zun�chst war es nicht mehr als ein verschwommener Fleck, wurde dann aber schnell zu einem deutlichen Bild, das in all seiner Sch�rfe schmerzhaft war. Trotz seiner vollkommenen Deutlichkeit ergab es kaum einen Sinn f�r Faedryth. Seine Augen schmerzten und drohten zu zerplatzen.</p><p>Es war ihm, als st�nde er an dem Ort, den das Bild zeigte. Es war ein vertrauter dunkler Gang, der irgendwo innerhalb seiner eigenen Berge h�tte liegen k�nnen. Aufgrund der D�nnheit und Maserung des Steins erkannte Faedryth, dass er sich in einem Berggipfel befand. Am Ende des Tunnels, eine Armesl�nge entfernt, erkannte er eine �ffnung, hinter der so etwas wie ein Laboratorium inmitten einer gro�en, durchsichtigen Kugel zu sein schien, die in der offenen Dunkelheit des oberweltlichen Himmels schwebte. Die farbigen Lichterscheinungen, die er gesehen und f�lschlich f�r den Lichtf�nger des Bolg-K�nigs gehalten hatte, waren in Wirklichkeit glei�ende Lichter im Innern der Kuppel, die in gleichf�rmigen Reihen zu Platten zusammengesetzt waren, welche den durchscheinenden Raum umkreisten. Hinter diesen Platten befand sich so etwas wie ein Tisch, und in der waagerechten Oberfl�che war eine T�r zu erkennen, durch die helles Licht wie das aus der Flammenquelle leckte.</p><p>Hinter den klaren W�nden der Kugel sah er die Welt tief unter sich; sie brannte am Horizont, w�hrend Feuer �ber die R�nder kroch und sich �ber die Kontinente ausbreitete, die er von den Landkarten her kannte.</p><p>So verbl�ffend und be�ngstigend diese Bilder auch waren, sie verblassten doch im Vergleich zu dem, was sich zwischen ihm und der Glaskugel befand.</p><p>In der Luft vor ihm schwebte ein Wesen, einem Menschen gleich, mit Merkmalen verschiedener Rassen und einer scheinbaren Jugend, mit Ausnahme der Augen, blauer Augen, die so tief wie das Meer waren und senkrechte Pupillen hatten. In diesen Augen lag die Weisheit von Jahrtausenden und auch der dazugeh�rige Schmerz.</p><p>Seine Haut war durchscheinend, elastisch und ver�nderte sich mit jedem Luftzug, der an ihr vorbei oder durch sie hindurchfloss. Der Mann ergl�hte in demselben Licht wie der Kristallthron, besonders sein Haar, dessen Locken aus strahlendem Gold beinahe in Flammen zu stehen schienen. Und trotz seiner wissenden Augen und dem gelassenen Gesichtsausdruck verrieten seine zusammengebissenen Z�hne zitternde Aufregung. Er starrte Faedryth an, als sehe er ihn zum letzten Mal. Sein Mund bewegte sich und bildete Worte. Faedryth h�rte sie nicht mit seinen Ohren, sondern eher innerlich; es war, als schw�ngen sie in seiner eigenen Kehle.</p><p><emphasis>Werde ich sterben?</emphasis></p><p>Faedryth sp�rte, wie sich seine brennenden Augen mit Tr�nen f�llten, die nicht die seinen waren; er sp�rte, wie ihm Kehle und Brust vor unbegreiflichem Kummer zusammengedr�ckt wurden. Dann h�rte er seine eigene Stimme, die wie losgel�st von ihm erklang. Er h�rte sich selbst husten und dann Worte aussprechen, in denen ein seltsamer Trost mitschwang.</p><p><emphasis>Kann man den Tod erleiden, wenn man nicht wirklich lebt? Wie der Rest der Welt, so hast auch du nichts zu verlieren.</emphasis></p><p>Das durchscheinende Wesen vor ihm nickte und wandte sich ab. Faedryth wurde pl�tzlich von einem Gef�hl der Trauer und des Verlusts ergriffen, das ihm die Seele zerriss. Er sp�rte, wie er die Hand nach dem Jungen ausstreckte, und musste zusehen, wie er in der Dunkelheit verblasste.</p><p>Und dann, als sollte betont werden, dass er die Erinnerung eines anderen durchlebte, war er pl�tzlich von weiteren Gedanken umgeben. Er gewann den Eindruck, als w�ren es die des Bolg-K�nigs, an den er sich beim ersten Anblick des Pergamentfetzens erinnert hatte. Ein letzter Gedanke verblieb bei ihm, dem die Stimme des durchscheinenden jungen Mannes Ausdruck verlieh.</p><p><emphasis>Vergib mir. An meiner Stelle h�ttest du wahrscheinlich dasselbe getan. Und wenn du die Wahl gehabt h�ttest, dann h�ttest du es sogar so gewollt.</emphasis></p><p>Er wusste nicht, warum, aber er war sich sicher, dass der seltsame J�ngling mit dem M�rderk�nig sprach.</p><p>�berw�ltigt und ohne den geringsten Hinweis auf die Bedeutung dessen, was er beobachtet hatte, drohte Faedryths Verstand zu zerfallen. Schlimmer noch, tief in ihm sp�rte er durch den Lebendigen Stein des Kristallthrones eine andere Ersch�tterung, atonal, k�rperlich und leicht, kaum wahrnehmbar.</p><p>Es war, als ob sich die Erde sch�ttelte und schlafende Teile von ihr aufwachten.</p><p>Entsetzen verzehrte ihn, als die dahinjagenden Visionen zur�ckkehrten, denn diesmal war es, als ob er in der Dunkelheit auf sein eigenes Reich blickte und sein Standort sehr weit entfernt w�re, aber rasch n�her k�me.</p><p>Er suchte nach sich selbst mit derselben Deutlichkeit, die er vorhin erfahren hatte.</p><p>In diesem Augenblick wusste der Nain-K�nig, was er getan hatte.</p><p>Er sah das, was ein Drache sah, denn das, was er mit der elementaren Macht der Farbe heraufbeschworen hatte, war der Blick des Drachen.</p><p>Der innere Blick eines blinden Wyrms, der schon seit langem in den Eingeweiden der Erde schlief.</p><p>Das �lteste Schlafende Kind, das angeblich einen gro�en Teil der Erdmasse ausmachte. Der Drache Witheragh, der ihm einst dieses Geheimnis zugefl�stert hatte, hatte ihn vor einer Prophezeiung gewarnt, nach welcher das Schlafende Kind eines Tages erwachen w�rde.</p><p>Und es w�rde nach seinem langen Schlaf, der zum Anbeginn der Welt angefangen hatte, vollkommen ausgehungert sein.</p><p>Und er, Faedryth, holte es gerade aus seinem Schlummer und richtete seinen Blick auf Faedryths eigenes K�nigreich.</p><p>Ein hohler Schrei quoll aus Faedryths Kehle. Es war ein Kriegsschrei, den er in seinem Leben schon viele Male ausgesto�en hatte. Mit letzter Kraft erhob er sich von dem Kristallthron und sp�rte, wie er um viele Jahre alterte, als er durch die S�ulen aus elementarem blauem Licht brach, zu Boden st�rzte und dabei gegen die Kristallstalagmiten stie�. Sein fallender K�rper riss die farbigen Glasst�cke aus ihrer Halterung. Der Kreis war durchbrochen, das blaue Licht verl�schte, und es blieb nur der pulsierende Tanz der Strahlen aus der Flammenquelle �brig, die von der hohen Decke zur�ckgeworfen wurden.</p><p>W�hrend Garson mit aller Kraft gegen den Hebel dr�ckte und den Schacht wieder schloss und der Scharfsch�tze seine Armbrust senkte, eilte Gyllian zu ihrem Vater. Faedryth lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Steinboden. Sie drehte ihn sanft um und zuckte zusammen, als sie die neuen wei�en Haare in seinem Bart und die neuen Furchen in der Stirn sah, die vor wenigen Augenblicken noch nicht da gewesen waren. Es war so wie immer, doch die starke Prinzessin konnte sich einfach nicht an den Anblick ihres Vaters gew�hnen, der sonst so klar an Verstand und Auge war, jetzt aber mit leerem Blick in die tanzenden Feuerschatten �ber ihm starrte und sich vor der R�ckkehr der Dunkelheit f�rchtete, als der Schacht wieder versiegelt wurde.</p><p>�Was hast du gesehen?�, fragte sie leise, fuhr ihm �ber das Haar und ergriff mit ihrer altersfaltigen Hand die seine.</p><p>Faedryth starrte weiterhin aufgeregt in die H�he. Seine Augen waren glasig, und er atmete flach, w�hrend er auf dem Steinboden seines Thronsaales lag. Als er schlie�lich Gyllian ansah, lag in seinem Blick eine Verzweiflung, die sie nie zuvor bei ihm gesehen hatte � nicht im Grauen der Schlacht oder dem Nahen der Niederlage, und auch nicht am Ufer des angeschwollenen Feuerflusses, den er aus seinem Schlaf zur�ckgeholt hatte und der Minenst�dte und ihre Arbeiter geschluckt hatte. Er packte ihre Hand und versuchte Worte zu bilden, doch er glich einem Fisch auf dem Trockenen.</p><p>�Der M�rderk�nig�, fl�sterte er, als er endlich etwas hervorbringen konnte. �Wir m�ssen ihn aufhalten.�</p></section><section><title><p>28</p></title><subtitle>Nord�stliches Yarim, am Fuss der Berge</subtitle><p>Kein lebender Mensch und auch kein bereits gestorbener hatten je die Geschichte von der Erbauung der untergegangenen Stadt Kurimah Milani aufgeschrieben oder auch nur gekannt.</p><p>Es war gleicherma�en ein Geheimnis, von wem sie erbaut worden war.</p><p>Stolz hatte sie sich aus dem vielfarbigen Sand des westlichen Grenzgebietes zwischen Yarim und den oberen Bolglanden erhoben, wo der W�stenlehm zuerst in die Steppe, dann ins Vorgebirge und schlie�lich ins Hochgebirge �berging. Kurimah Milani war schon alt gewesen, als die �ltesten Geschichtserz�hlungen aufgeschrieben wurden. Seine Minarette und schweren Steinmauern hatten unter einer sandigen Patina geglitzert, die angeblich in der Sonne geschillert und einigen der Kaufleute, die sie zuerst gesehen hatten, den Eindruck einer Illusion verschafft hatte, eines Trugbilds am Rande der ausgedehnten, leeren W�ste aus rotem Lehm, die sich viele Meilen weit am Fu�e der Manganberge entlang des Erim Rus, des Blutflusses, erstreckte.</p><p>Die legend�re Stadt hatte angeblich an der Lucretoria gelegen, der uralten Handelsstra�e, auf der die Karawanen mit Seide, Samen, Gew�rzen, Stoffen, Salz, Juwelen und Erzen gereist waren. Es war nicht bekannt, wie lange die Eingeborenen des Kontinents auf dieser primitiven Stra�e gereist waren. Zu der Zeit, als die Cymrer dort angekommen waren, wo nun die Provinz Yarim lag, war die Lucretoria schon fast ganz im roten Lehm und Sand versunken, und Kurimah Milani hatte nur noch als Legende existiert.</p><p>Trotzdem war der Mythos noch so lebendig, dass bisweilen kleine Pilgerkarawanen von Kranken und Versehrten, f�r die es keine andere Hoffnung mehr gab, verzweifelt die leere W�ste nach dem geringsten Anzeichen f�r die bekannten Heilquellen und die sagenhaften Sonnenbetten durchquerten, in denen die Leidenden wie W�steneidechsen lagen und die roten Strahlen der heilenden Sonne in sich aufnehmen sowie das kristallklare Wasser trinken konnten, das angeblich von den H�nden sanft�ugiger Statuen sprudelte und auch die schlimmsten Gebrechen zu heilen vermochte. Oder sie suchten nach dem gro�en Edelstein, der alle geistigen Krankheiten durch blo�e Ber�hrung vertrieb.</p><p>Doch alles, was sie je fanden, waren Wind und bei�ender roter Sand.</p><p>Manchmal ist die Hoffnung das Einzige, was eine Legende am Leben erh�lt. Das Erdbeben, das Kurimah Milani viele Jahrhunderte vor der Ankunft der Cymrer in die Tiefen der W�ste gerissen hatte, hatte alle Spuren f�r menschliche Augen getilgt, doch selbst diese gro�e Ersch�tterung hatte nicht die Hoffnung ausl�schen k�nnen, dass es irgendwo in der einf�rmigen, endlosen Landschaft noch immer einen Ort der Wunder gab, der jahrhundertelang geschlafen hatte und nur darauf wartete, von den Geduldigen, den Unerschrockenen oder den Verzweifelten gefunden zu werden. Die Hoffnung hielt diesen Mythos lebendig, auch wenn alles Suchen immer wieder umsonst war.</p><p>Doch manchmal gibt es mehr als Hoffnung.</p><p>Manchmal gibt es Vernunftgr�nde.</p><empty-line/><p>Die Drachin h�rte die Musik, lange bevor sie wusste, was sie gefunden hatte.</p><p>Ersch�pfung hielt sie fest im Griff; sie hatte nicht mehr die Kraft, eine Sklavin des Hasses zu sein. Schon lange hatte sie den Punkt hinter sich gelassen, von dem es keine Wiederkehr mehr gab, und ihr Geist war in eine Bet�ubung gefallen, die dem Tod vorausgeht. Tief im Erdreich sp�rte ihr Drachensinn nicht mehr alle Einzelheiten der Welt um sie herum, sondern war auf ihr eigenes verschimmerndes Leben gerichtet und z�hlte die Schl�ge ihres dreikammerigen Herzens, das sich bem�hte, den Blutkreislauf in ihr aufrechtzuerhalten.</p><p>Als ihr dunkler werdender Verstand die ersten T�ne des uralten Liedes h�rte, das durch die Erde hallte, wusste sie nicht, ob dieser Klang aus der �u�eren Welt kam oder ob er von ihrem eigenen herannahenden Tod verursacht wurde.</p><p>Nachdem sie eine Meile oder mehr darauf zugekrochen war, wurden ihre Gedanken klarer und konzentrierter, und die Bestie erkannte, dass sich der Ton gleichm��ig ver�nderte und einem musikalischen Muster folgte, das beruhigend auf ihren gebrochenen Verstand und ihren ausgetrockneten K�rper wirkte. Sie sp�rte, wie sich ihr kaum noch durchblutetes Gewebe allm�hlich erholte und vor erneuerter Kraft summte. Ihr Herzschlag wurde st�rker, und sie konnte wieder deutlicher sehen.</p><p>Die Drachin hielt an, lag f�r einen Augenblick still da und lauschte.</p><p>Die Erde, durch die sie reiste, schien zur�ckzuweichen. Die zerfetzte Haut der Bestie kribbelte angenehm. Die Musik drang tief in ihr zerfetztes Fleisch ein und belebte es, gab ihr genauso viel Kraft, wie sie brauchte, um ihre Reise fortzusetzen. Ihr nun wieder wacher Drachensinn folgte dem Lied in der Erde wie einem Leuchtfeuer.</p><empty-line/><p>Je lauter die Schwingungen durch die Erde hallten, desto zuversichtlicher wurde die Drachin. Mit jeder Meile, die sie zur�cklegte, sp�rte sie deutlicher die Belebung und Verj�ngung, die Angst und Verzweiflung von ihr nahmen und sie sogar aufmunterten, w�hrend sie noch blutete und ihr Herz wieder schw�cher wurde.</p><p><emphasis>Vielleicht trete ich gerade in das Jenseits ein,</emphasis> dachte sie, als sie weiter kroch, auch wenn sie sich kaum daran erinnerte, was das Jenseits bedeutete.</p><p>Sie war sich der Erdbewegungen, die sie auf ihrer Reise verursachte, nicht bewusst. Wie immer, wenn sie sich in einer Tiefe von weniger als eine Meile durch die Erde bohrte, platzte das Gestein auf und hinterlie� Risse. Dabei wurden die wenigen Pflanzen entwurzelt, die in der leblosen W�ste �brig geblieben waren, und Skelette von schon lange gestorbenen Menschen und Tieren, die im Treibsand untergegangen waren, kamen wieder an die Oberfl�che.</p><p>Die Musik erf�llte nun ihre Ohren und summte auf ihrer Haut unter den Schuppen. Sie erf�llte ihren Geist mit Tr�umen, die sich vor ihre Augen schoben, und als sie so dem Klang folgte, wurde der angeborene Blick in <emphasis>die</emphasis> Vergangenheit immer st�rker. Vor sich sah sie zwar noch immer den trockenen und leblosen Lehm, zu dem die W�ste in der Gegenwart geworden war, aber das zweite Gesicht in ihr zeigte ihr etwas vollkommen anderes, ein j�ngeres, neueres Land, in dem die W�stenblumen noch bl�hten, niedrige B�ume den hier heimischen Tieren Schatten boten und Karawanen aus Menschen und Dromedaren �ber die Lucretoria reisten und l�rmend und bunt, wie es bei Kaufleuten �blich war, an Kurimah Milani vorbeikamen.</p><p>Sie sah den Ort nicht so, wie er vor ihr in der Erde begraben lag, sondern so, wie er vor zwei Jahrtausenden gewesen war.</p><p>Vor ihr erhob sich ein glei�ender Anblick, der in den Strahlen der untergehenden Sonne aufleuchtete. Hohe Minarette reckten sich den Wolken entgegen, ein melodisches Willkommen drang von den �berw�lbten T�rmen herab. Jenseits der Stadttore pl�tscherte und schoss klares Wasser aus Springbrunnen, fing die Strahlen des Sonnenuntergangs ein, fiel in Brunnen aus Lapislazuli und nahm die warmen Farben mit.</p><p>Das verwundete Herz der Drachin h�pfte vor Aufregung. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es so etwas wie ein Trugbild gab, und sie wusste nicht mehr, dass sie sich noch immer in der Erde befand. Mit ihrem geistigen Auge sah sie die glitzernden Mauern der heilkr�ftigen Stadt um sich herum, w�hrend sie durch den gro�en Aqu�dukt kroch, in dem Str�me aus kristallklarem Wasser auf alle herabregneten, die hier eintraten. Sie schloss die Augen, als sie unter der Erinnerung des heilenden Wasserfalls hindurchschlich, und sp�rte die K�hle auf ihrer Haut, die ihr die Schmerzen nahm und das Feuer in ihr l�schte.</p><p><emphasis>Der Wahnsinn bewirkt offenbar, dass die Arme wachsen, denn f�r einen Wahnsinnigen ist nichts au�erhalb seiner Reichweite,</emphasis> hatte einmal ein Weiser in ihrer N�he gesagt. Wenn ihr zersplitterter Verstand die Dunkelheit der Tunnel erkannt h�tte, in denen sie sich in Wirklichkeit befand, und wenn sie h�tte begreifen k�nnen, dass die heilenden Wasser nichts anderes waren als Kies und Sand, der auf sie niederfiel, dann h�tte sie vielleicht nicht jenen Schatz entdeckt, der tats�chlich unter dem treibenden Sand und dem roten W�stenlehm verborgen lag.</p><empty-line/><p><emphasis>Wasser,</emphasis> dachte die Bestie, als sie sich zwischen den zerborstenen T�rmen, Steinw�llen und Statuen hindurchschl�ngelte, die seit zwanzig Jahrhunderten im Sand begraben lagen, und dabei eine Spur dunklen Blutes hinterlie�. Nur noch der Gesang dieses Ortes hielt sie aufrecht; ihr K�rper, der eher tote Schale als lebendes Fleisch war, summte unter den Schwingungen dieses Ortes uralter Heilkr�fte, doch selbst die Macht der Erinnerung an Kurimah Milani vermochte nicht das Lebensblut zu ersetzen, das aus ihrem verletzten Herzen tropfte. <emphasis>Hier ist Wasser, das wei� ich.</emphasis></p><p>Und sie hatte recht. Auch wenn die ber�hmten Wasserg�rten w�hrend des Erdbebens v�llig zerst�rt und die ergiebigen Heilbrunnen und Mineralb�der, welche die hei�en Quellen aus den fernen Bergen bis zum �berflie�en gespeist hatten, im Augenblick der Katastrophe von der Erde verschlungen worden waren, steckten tief unter dem Sand der Oberfl�che noch die �berreste eines Stroms, der durch die versch�tteten Gew�lbe rieselte, die fr�her einmal die �ffentlichen B�der gewesen waren.</p><p>In ihrer Verwirrung war die Drachin auf eine der zentralen Font�nen der Stadt gesto�en. Es handelte sich um eine tiefe, lange Kaverne, die zu ihren besten Zeiten an einem gewaltigen Innenhof entlanggef�hrt hatte, der von S�ulen aus glimmerndem Marmor und eingelegten Perlen getragen worden war, die man aus dem Erim Rus gefischt hatte. Der innere Blick der Drachin f�hrte sie unverz�glich zu dem Strom, den sie als einen tiefen Teich sah, in welchem pl�tschernde Gischt im Rhythmus der flie�enden Musik dieses Ortes himmelw�rts sprang. Gierig trank sie daraus und folgte ihm auf der Suche nach mehr Wasser bis zur Quelle.</p><p>Pl�tzlich umgab sie eine Schwingung, die von einem anderen Ton als dem gebildet wurde, welchem sie bis hierher gefolgt war. Sie reizte die Augen der Drachin sowie Teile ihrer Haut, doch sie sch�ttelte diese Schwingung ab. Am Oberlauf des Stroms waren ihre Augen und ihr Mund pl�tzlich von Sonnenlicht erf�llt, so golden und dick, dass es beinahe stofflich war.</p><p>Die Drachin keuchte entz�ckt auf. Der bernsteinfarbene Nektar war s�� auf ihrer Zunge und beruhigte das �tzende Brennen in ihrem Hals, das sie seit ihrer Verwundung plagte. Sie trank mehr von dem gedickten Sonnenlicht, schluckte es verzweifelt herunter und sp�rte, wie es sie anf�llte, st�rkte, das Feuer in ihrem Bauch l�schte und ihr Frieden brachte.</p><p>In dem Strom rollte sie sich auf den R�cken, stie� langsam die Luft aus und fiel in einen traumlosen, heilenden Schlaf.</p></section><section><title><p>29</p></title><subtitle>Die heilige Zitadelle von Sepulvarta, der Stadt der Vernunft</subtitle><p>Bevor der Patriarch Sepulvarta heimlich verlassen hatte, um sich mit dem Herrn und der Herrin der Cymrer zu treffen, hatte er befohlen, die Stadt zu versiegeln.</p><p>Sepulvarta war der Mittelpunkt aller Geistlichen des patriarchalischen Glaubens sowie eine Pilgerst�tte f�r Menschen anderen Glaubens, ja sogar f�r die Vielg�tter-Religionen des Kontinents, die aus der Zeit vor der cymrischen �ra stammten. Die Stadt hatte den Ruf religi�ser Toleranz und war immer frei zug�nglich. Auf der Stra�e, die von der transorlandischen Hauptstra�e s�dlich der Stadt in sie hineinf�hrte und als Pilgerstra�e bekannt war, wimmelte es stets von Menschen und Tieren, von Pilgern, Geistlichen und Kaufleuten, die alle ihre eigenen Gr�nde f�r den Besuch des unabh�ngigen Stadtstaates hatten. An gew�hnlichen Tagen dauerte es kaum eine Stunde, bis man �ber diese Stra�e in der Stadt angelangt war; an heiligen Tagen oder zuzeiten von Hungersn�ten oder Feierlichkeiten wartete man bisweilen fast einen ganzen Sonnenumlauf. Selten kam es vor, dass einzelne Besucher Sepulvartas sogar mehrere N�chte auf der Stra�e oder in einer der vielen Herbergen und Tavernen entlang ihres Verlaufs zubringen und darauf warten mussten, durch das eine Tor in der gewaltigen Mauer eingelassen zu werden, welche die gesamte Stadt umgab.</p><p>Das Versiegeln der Stadt war eine Vorsichtsma�nahme, die durchaus nicht beispiellos war. Gelegentlich war der Zustrom zu den heiligen Orten und Schreinen so stark, dass nicht mehr in der rechten Weise f�r die Besucher gesorgt werden konnte. Wenn die Herbergen und Fremdenh�user, die Tavernen und Schankr�ume mehr G�ste hatten, als sie eigentlich aufnehmen konnten und man lange f�r Essen und Bier anstehen musste, was zu unangenehmen Zwischenf�llen, Drohungen und manchmal sogar offener Gewalt f�hrte, dann war ein solcher Zustand f�r eine heilige Stadt nicht hinnehmbar. Die fr�heren Patriarchen hatten sich deshalb oft entschieden, nicht die Gastfreundschaft zu verwehren, wie es in alten Zeiten geschehen war, sondern lieber das Bier weiterhin im Ausschank zu halten und daf�r die Zahl der Kunden zumindest zeitweise zu begrenzen, bis die heiligen Tage vor�ber waren und der Verkehr wieder normal floss.</p><p>Als daher der Befehl gegeben wurde, die Stadt zu versiegeln, dachte niemand besonders dar�ber nach.</p><p>Wie sich sp�ter herausstellte, verhinderte diese Ma�nahme, dass die Stadt und die Geh�fte in ihrer Umgebung zerst�rt wurden.</p><empty-line/><p>Sepulvarta hatte nur das Schlechteste von den beiden L�ndern abbekommen, an die es grenzte. Es lag n�rdlich des bergigen Sorbold und s�dlich der offenen Steppe von Roland auf einem kleinen H�gel am Rande des niedrigen Vorgebirges und inmitten des flachsten Teils der Krevensfelder, weshalb es f�r alle Reisenden von weitem sichtbar und kaum zu verteidigen war. Als heilige Stadt beider Nationen hatte Sepulvarta es gl�cklicherweise nie n�tig gehabt, Verteidigungsanlagen zu errichten. Selbst in den siebenhundert Jahren des Cymrischen Krieges, als die Krevensfelder unter Schreckenstaten gelitten hatten und in den Bergen der furchtbare L�rm der Schlachten zu h�ren gewesen war, war die heilige Stadt unangetastet geblieben, auch wenn das nur ein Zufall gewesen war, wie Anborn dem Konzil mitgeteilt hatte. Nachdem das Heer die Geh�fte in der Umgegend eingenommen hatte, war es viel einfacher gewesen, die Soldaten an verschiedenen Orten mit ausreichender Versorgung einzuquartieren, anstatt das Hauptquartier an einem Ort zu errichten, der geradezu darum bettelte, belagert zu werden. So blieb Sepulvarta unbesch�digt, unerobert und unbefleckt von all dem Grauen, das sich um es herum ereignete.</p><p>Trotz Anborns Versicherung, die Stadt h�tte keinen strategischen Wert und sei nicht geeignet f�r die Einquartierung von Truppen, hatten viele Bewohner von Sepulvarta ihr Gl�ck und ihre Sicherheit in die H�nde des All-Gottes und unter den Schutz des Turmes gestellt. Der Turm nahm einen gesamten H�userblock ein, erstreckte sich tausend Fu� hoch in die Luft und wurde von einem einzigen St�ck aus elementarem �ther bekr�nt, das angeblich ein Fragment des Sterns Seren war, der einst eine halbe Welt entfernt �ber der untergegangenen Insel Serendair geleuchtet hatte. Dieser einzelne Sternensplitter erhellte die Stadt bei Tag und Nacht und segnete sie mit seinem Licht auch in den schlimmsten Gewittern und an den wolkigsten Tagen. Die sich der Stadt n�hernden Pilger sahen sein Strahlen bereits fast eine Woche, bevor sie ihn erreichten. Sie wurden nicht nur von dem Licht dieses Signalfeuers geleitet, sondern auch von der Kraft, die es ausstrahlte.</p><p>Der Turm reichte bis zu den Wolken �ber der gro�en Basilika, welche das Fundament der Stadt und dem Element des �thers geweiht war, das allgemein als Lianta�ar bekannt war. Jedem der f�nf uranf�nglichen Elemente, die manchmal auch die Farben des Sch�pfers genannt wurden, war eine Basilika geweiht, aber Lianta�ar, was angeblich in der alten Sprache der Cymrer <emphasis>Herr und All-Gott, Licht der Welt</emphasis> bedeutete, war bei weitem die gro�artigste und auch die j�ngste. Sie war der Sitz des Patriarchen, des geistlichen Oberhaupts, und hier wurden die allj�hrlichen Rituale durchgef�hrt, die s�mtliche Anh�nger dieser Religion sch�tzten. Die Gebete aller Gl�ubigen wurden an diesem Ort geb�ndelt und durch den Turm dem Sch�pfer dargebracht. N�her als hier konnte niemand seinem Gott kommen, wenn er ihm seine Gebete zu F��en legen wollte.</p><p>Die vierzehn Fu� dicke Mauer, welche die Stadt umgab, diente eher der Dekoration und dem Prunk als der wirksamen Verteidigung. Da die Elitesoldaten von Sepulvarta bisher unversehrt geblieben waren, war ihre Aufgabe haupts�chlich eine zeremonielle. Ihre Uniformen waren nicht die von M�nnern, die in die Schlacht ziehen mussten, sondern waren mit farbenpr�chtigen Insignien geschm�ckt, die viele liturgische Symbole und Farben des Patriarchats trugen. Diese Soldaten �berpr�ften die ankommenden und abreisenden Besucher, hielten auf den Mauern Ausschau und bewachten das Haus des Patriarchen. Die Wachabl�sung war eines der beliebtesten Spektakel unter den Pilgern, doch die Verteidigungskraft dieses Heeres h�tte h�chstens einer ersten Angriffswelle standgehalten. Mehr war nie n�tig gewesen.</p><empty-line/><p>Der Hauptmann der Stadtwache, ein Mann namens Fynn, schritt gerade die Mauer ab, �berpr�fte die Pferde der Bogensch�tzen und genoss die leichte Brise, die nach Fr�hling duftete, als er zuf�llig s�dw�rts schaute, wo die Berge von Sorbold den Horizont schw�rzten.</p><p>Er blinzelte erstaunt.</p><p>Was bisher immer ein ziemlich weit entfernter Horizont gewesen zu sein schien, war nun erheblich n�her gekommen.</p><p>Einen Augenblick sp�ter wurde deutlich, dass er immer noch herannahte.</p><p>Der Hauptmann rieb sich die Augen und sah erneut hin.</p><p>�ber die trockene Ebene im S�den marschierte eine Schlachtformation heran, die sich in einzelnen Kolonnen n�herte, welche allesamt die Zeichen und Farben des Herrschers von Sorbold trugen. Es handelte sich um berittene Kavallerie, Infanterie und eine gro�e Anzahl von Wagen mit Geschossen, Katapulten und anderen Belagerungswaffen. Der Hauptmann �berschlug ihre Anzahl rasch und kam auf f�nf Divisionen mit jeweils einigen tausend Mann, die allesamt zielstrebig, aber ohne besondere Eile durch die Steppe marschierten.</p><p>An ihrem Ziel konnte es keinen Zweifel geben.</p><p>Wenn der Hauptmann kriegserfahrener gewesen w�re und schneller reagiert h�tte, dann w�re seine Antwort ein paar Sekunden schneller erfolgt. Doch auch das h�tte keinen gro�en Unterschied mehr gemacht.</p><p>Als er endlich seinen Schock �berwunden hatte, rannte er zum n�chsten Wachtturm, der sich links vom Tor befand. Im Gegensatz zu den Fallgattern, die von den anderen St�dten bevorzugt wurden, bestand es aus zwei gewaltigen h�lzernen T�ren, in welche die heiligen, von dem f�nfzackigen Stern des Patriarchen gekr�nten Symbole aller f�nf Elemente eingeschnitzt waren. Der Torw�chter schlief; seine Aufmerksamkeit war nicht gefordert, da die Stadt versiegelt war. Fynn sch�ttelte ihn heftig durch.</p><p>�L�ute Alarm! Verdammt, <emphasis>l�ute Alarm!.</emphasis> Sieh nur!�</p><p>Der Torw�chter sprang auf die Beine und w�re beinahe von der Mauer gefallen. Er hastete aus der Sicherheit des Turmes und l�utete das Signal, zu den Waffen zu greifen. Die schrille Glocke hallte laut �ber die Stadt, die sonst nur an das musikalische Gel�ut der Stundenglocken aus den T�rmen der Gebetsh�user und an das gro�e Glockenspiel der Basilika gew�hnt war, das jeden Tag zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mit Hymnen zum Gebet rief.</p><p>Obwohl die Stadt versiegelt war, gab es doch innerhalb und au�erhalb der Mauern morgendlichen Verkehr. Kaufleute zogen durch die Stra�en, Frauen gingen von Gesch�ft zu Gesch�ft, von Zelt zu Zelt und suchten nach Lebensmitteln und anderen G�tern, die sie ben�tigten, Kinder rannten umher, und Mitglieder religi�ser Orden liefen von einer heiligen St�tte zur n�chsten. Der blecherne Ruf der Warnglocke brachte den Verkehr zum Erliegen; der ged�mpfte L�rm des t�glichen Lebens machte entsetzter Stille Platz.</p><p>�Geht in eure H�user!�, rief der Hauptmann der Wache von den Zinnen herab.</p><p>Die Leute unten auf der Stra�e starrten ihn an und bewegten sich nicht.</p><p>�Geht, ihr hirnlosen <emphasis>Schafe!�,</emphasis> knurrte Fynn sie an. Dann wandte er sich an die Torwache.</p><p>�Schick einen L�ufer ins Pfarrhaus, damit er den Abt und den Patriarchen warnt. Hol alle Bogensch�tzen hier herauf, und alle anderen sollen durch die Stra�en gehen. Sag den Leuten � �h, also � sag ihnen ��</p><p>�Was soll ich ihnen sagen, Hauptmann?�</p><p>Der Hauptmann seufzte und versuchte sich an seine Ausbildung zu erinnern. �Ich wei� es nicht. Sag ihnen, sie sollen Wasser in Gef��en sammeln, und schick zwei Reiter durch das Tor und den Weg hinunter. Sie m�ssen den Kaufleuten und Wirten mitteilen, dass sie sich sofort in den Schutz der Stadtmauern zu begeben haben � und auch die Pilger, die dort herumirren. Beeil dich; wir m�ssen das Tor sofort wieder schlie�en, sobald sie drinnen sind.�</p><p>�Was ist hier los, Herr?�, fragte der junge Soldat, dessen Augen vor Angst leuchteten. �Warum marschiert das sorboldische Heer auf die heilige Stadt zu?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, aber das ist unwichtig. Ich wei� nur, dass wir auf eine Belagerung nicht vorbereitet sind.� Fynn schaute wieder �ber die Mauer und wurde blass. �Bring vor allem die Nachricht zum Pfarrhaus. Vielleicht wei� der Patriarch, was zu tun ist, oder er schickt einen Hilferuf aus. <emphasis>Beeil dich.</emphasis> Und bete.�</p><p>Der Torw�chter salutierte und kletterte die Leiter zur Stra�e hinunter. Er bahnte sich einen Weg durch die glotzende Menschenmenge zu den Quartieren der Wachleute.</p><p>Der Hauptmann schaute wieder nach S�den. Das Heer kam gem�chlich heran, doch jetzt war es bereits so nahe, dass er die Kriegstrommeln von den Bergen widerhallen h�rte. Dieser Klang hatte etwas Erschreckendes an sich; er war tief und hatte einen langsamen Rhythmus, doch er war beharrlich und gnadenlos.</p><p>Die Steine der Mauer erzitterten leicht, als der Boden unter den Ersch�tterungen durch die herannahenden Pferde und die Wagenr�der zu beben begann.</p><p>Fynn starrte weiterhin auf das anr�ckende Heer, bis die Bogensch�tzen, die er hatte rufen lassen, sich um ihn und unter ihm versammelt hatten. Er schaute auf und sch�ttelte den Schock ab, der allm�hlich seinen Verstand bet�ubte und ihm ein Gef�hl der Benommenheit und Dumpfheit verschaffte.</p><p>�Stellt euch in Position und schie�t auf jeden, der versucht, die Mauer oder das Tor zu �berwinden�, befahl er. �Zielt zuerst auf den N�chsten und feuert auf ihn, bis er tot ist. Falls sie einen Rammbock dabei haben � und das werden sie, wenn sie das Tor gewaltsam �ffnen wollen �, dann feuert zuerst auf die M�nner, die ihn tragen. Solange sie das Tor nicht aufbekommen, k�nnt ihr den Rest des Heeres drau�en halten.� Die Bogensch�tzen, deren �berwiegende Mehrheit nicht kriegserfahren war, nickten zitternd.</p><p>Fynn rief zu einem der Fu�soldaten hinunter: �Du � lauf zur Schmiede und sag ihnen, dass wir so viele Kohlen und hei�es Pech brauchen, wie sie auftreiben k�nnen. Falls n�tig, nehmen wir auch die Kohlenpfannen aus den Tempeln und der Basilika und den Weihrauch, einfach alles. Bring <emphasis>irgendetwas</emphasis> her, womit wir einen Angriff auf das Tor abwehren k�nnen.� Der Soldat lief los.</p><p>Nachdem die Mauer so gut wie m�glich befestigt war, kletterte der Hauptmann die Leiter hinunter und war gerade auf der Stra�e angekommen, als die Glocken der Basilika das melodische Stundengel�ut einstellten und stattdessen Alarm schlugen. Dieser Klang hallte �ber die ganze Stadt und hatte seinen Ursprung an der Basis des Turms � in ihm lag eine Autorit�t, die kein anderes Signal besa�.</p><p>Als die Bev�lkerung dies h�rte, geriet sie in Panik. Das schwere Tor wurde zum letzten Mal aufgezogen, und ein Meer aus Tierkarren und Menschen rauschte hinein, die all jene niedertrampelten, welche sich noch auf der Stra�e befanden. Die Torw�chter versuchten, das Tor sofort wieder zu schlie�en, doch die Menge war zu gewaltig; in ihrem verzweifelten Versuch, Schutz vor dem herannahenden Heer zu suchen, das nun sogar bereits von unterhalb der Barrikade zu sehen war, machte sie alles nieder, was ihr im Weg stand.</p><p>�Begebt euch in die Basilika � sucht dort Unterschlupf!�, rief der Hauptmann, doch seine Worte gingen im L�rm der Menge unter, die nach Sepulvarta hineindr�ngte.</p><p>�Hol mir ein Fernglas�, sagte er zu einem der Soldaten, die vergeblich versuchten, die Kontrolle �ber die Menge zu erlangen. Der Soldat salutierte und rannte davon. Viele Minuten sp�ter kehrte er zur�ck; seine Uniform war durch den Kontakt mit der Menge zerrissen. Er �bergab das Instrument dem Hauptmann, der wieder auf die Zinnen kletterte und durch das Glas in die Ferne blickte.</p><p>Die Abzeichen der vordersten Kolonne schienen die der Bergwacht von Jierna�sid zu sein � das Leibregiment des Herrschers. Sie trugen R�stungen und Helme und schwere Armbr�ste sowie gew�hnliche Kurzschwerter. Die steigende Fr�hlingssonne glitzerte auf ihren R�stungen und Helmen und warf das Licht in blendenden Wellen zur�ck. Dem Hauptmann krampfte sich der Magen zusammen.</p><p>Am Kopf der Kolonne marschierte ein einzelner Soldat im Gleichschritt mit dem gesamten Heer. Der Hauptmann richtete das Fernglas auf ihn und justierte es neu, denn es hatte ihm nur ein verzerrtes Bild des Anf�hrers gegeben. Er schaute wieder hinein und erkannte zu seinem gro�en Entsetzen, dass er vorhin doch kein verzerrtes Bild gesehen hatte.</p><p>Der Mann am Kopf der Kolonne schien beinahe ein Riese zu sein; er war mindestens zehn Fu� gro�. Er wirkte farblos, und sein Gesicht zeigte so wenig Ausdruck, als w�re es aus Stein gemei�elt. Seine Bewegungen waren unbeholfen und schwerf�llig, sein Gesicht primitiv, doch sein Schritt war fest. Dieser Soldat schien sich der marschierenden Reihen hinter ihm kaum bewusst zu sein; sein Gesicht war eine Maske, sein Ausdruck unver�nderlich.</p><p>Er war fast doppelt so gro� wie die �brigen Soldaten, die ihm folgten, als w�re er ein ber�hmter Held oder gar ein Halbgott.</p><p>Zwar war Sepulvarta ein Ort religi�ser Seltsamkeiten, merkw�rdiger Zeremonien und gelegentlich auftretender Wunder, doch der Hauptmann war von diesem Anblick so verbl�fft, dass er glaubte, tr�umen zu m�ssen. In den ungef�hr tausend Jahren seit ihrer Gr�ndung hatte die Stadt Sepulvarta noch nie einen Angriff erlebt, vor allem weil sie als die Stadt des All-Gottes angesehen wurde. Der Gedanke, dass jemand der heiligen St�tte den Krieg erkl�ren k�nnte, war einfach zu bizarr, besonders wenn es sich bei den Feinden um Sorbolder handelte, die demselben Glauben anhingen.</p><p>Doch die Reihen kamen n�her.</p><p>Einige Nachz�gler befanden sich noch au�erhalb der Mauer und beobachteten nun das herannahende Heer mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination.</p><p>�Holt diese Idioten in die Stadt!� Er packte einen der Bogensch�tzen am Arm. �Ziel auf die F��e von einem von ihnen und schie�. Entweder bewegen sie sich dann endlich, oder sie bleiben drau�en.� Er wandte sich an die Torw�chter. �Macht euch bereit, die Tore zu schlie�en!�</p><p>Der Ruf schallte hinunter, w�hrend der Bogensch�tze zielte und in die Menge feuerte. Sein Pfeil flog von der Sehne und fuhr in das Bein einer Bauersfrau, die mit offenem Mund auf das herannahende Heer starrte.</p><p>Nun brach Chaos aus.</p><p>Die hinter der Mauer verbliebene Menge dr�ngte nach vorn und keilte alle anderen ein, auch Frauen und Kinder. Kreischend hasteten die Leute auf all jene zu, die hinter dem Tor darauf warteten, dass sich die engen Stra�en ein wenig leerten. Der Hauptmann sah mit dumpfem Entsetzen zu, wie Blut floss, Kinder niedergetrampelt wurden und Gewalt unter den Pilgern ausbrach, die pl�tzlich zu Fl�chtlingen geworden waren.</p><p>�Geht zur Basilika und sucht dort Unterschlupf!�, rief er wiederholt, doch der L�rm des Aufruhrs �bert�nte ihn.</p><p>Ein Soldat weiter hinten auf der Mauer gab ihm aufgeregt ein Zeichen. Fynn erkannte, dass hinter ihm ein gro�er, d�nner Mann mittleren Alters mit einem grauen Haarkranz stand. Er war in die Roben der Basilika gekleidet und hielt vor Angst die Arme eng um den Bauch geschlungen. Der Hauptmann eilte die Mauer hinunter und umrundete dabei vorsichtig die Bogensch�tzen, die angesichts des feindlichen Heeres wie ein Eimer Wasser wirkten, mit dem man ein Buschfeuer l�schen wollte.</p><p>Als er den Soldaten erreicht hatte, erkannte er den �lteren Mann als Gregor, den K�ster von Lianta�ar und einen der engsten Vertrauten des Patriarchen.</p><p>�Was � was ist hier los?�, wollte der Geistliche wissen. �Da muss ein Irrtum vorliegen.�</p><p>�Das ist durchaus m�glich, Euer Gnaden�, sagte der junge Hauptmann, �aber sie r�cken mit einer Entschlossenheit an, die sofortige Gegenma�nahmen notwendig machen.� Er gab den Torw�chtern ein Signal, und die gewaltigen Fl�gelt�ren wurden unter erheblichen Anstrengungen und mit gro�em L�rm geschlossen und gegen das Heer verriegelt. Fynn wandte sich wieder an den K�ster. �Was empfiehlt der Patriarch zu tun?�, fragte er nerv�s. �Hat er Befehle f�r uns? Nie zuvor mussten wir einen Angriff abwehren, Euer Gnaden. Wir brauchen Anleitung.� Das Gesicht des K�sters wurde schlaff. ��h, nein, Seine Gnaden, der Patriarch, hat keine besonderen Befehle erlassen�, sagte er z�gernd. �Ich glaube, er traut dir und den M�nnern zu, die heilige Stadt eigenst�ndig zu sch�tzen.� �Euer Gnaden ��</p><p>�Das ist alles, Hauptmann. Ich muss zum Vogelhaus gehen. Es k�nnte n�tig werden, einen gefl�gelten Boten mit einer Bitte um Hilfe an das B�ndnis zu schicken.� Der Hauptmann der Wache l�chelte erleichtert. �Das w�re ein Segen, Euer Gnaden.� Der K�ster nickte. �Macht weiter.� Er kletterte von der Mauer herunter und tauchte ein in das Meer der Fl�chtlinge. Fynn schaute wieder durch sein Fernglas. Das Heer von Sorbold kam n�her und folgte ihrem gigantischen Standartentr�ger. Nun war das Rumpeln h�rbar, das sich zwischen den Bergen im S�den und dem H�gel brach, auf welchem die Stadt lag; es hallte immer drohender wider, je n�her die Kolonnen kamen. Fynn und der Rest der Stadtwachen warteten ab.</p><p>Den ganzen Morgen hindurch und bis in den Nachmittag hinein r�ckte das Heer heran. Unbarmherzig marschierte es in stetigem Schritt zum Schlag der Kriegstrommeln. Als schlie�lich die Sonne hoch am Firmament stand und im roten Glanz des Fr�hlingsnachmittags brannte, waren die gegnerischen Soldaten auch ohne Fernglas deutlich zu erkennen.</p><p>Fynn hatte den ganzen Tag �ber gez�hlt. Nach seiner Rechnung waren es f�nf Divisionen; jede bestand aus zehntausend Soldaten und Versorgungstruppen. Der Riese, der sie anf�hrte, schien weder zu sprechen noch Befehle zu geben; das Heer folgte ihm lediglich durch die offene Steppe.</p><p>Die schweren Geschosse, Katapulte und anderen Belagerungswaffen waren an das Ende der Reihen verbannt. Das fand Fynn seltsam. Er erinnerte sich daran, dass er in der Ausbildung gelernt hatte, diese Waffen seien in der Mitte eines heranr�ckenden Heeres mitzuf�hren, damit man sie rasch einsatzf�hig machen und gleichzeitig vor der ersten Abwehr sch�tzen konnte.</p><p>�berdies sah er Dutzende gewaltiger Wagen mit flachen Ladefl�chen, auf denen breite, niedrige Zelte errichtet worden waren. Fynn konnte nicht erkennen, was sich innerhalb dieser Zelte befand, doch ihr blo�er Anblick drohte seine Eingeweide in Aufruhr zu verwandeln.</p><p>�Gibt es Nachrichten vom Patriarchen?�, fragte er die Soldaten auf der Stra�e unterhalb der Mauer. Die M�nner sch�ttelten nerv�s die K�pfe. Fynn seufzte. �In Ordnung, dann warten wir ab. Es bleibt uns kaum etwas anderes �brig. Sorgt daf�r, dass so viele Leute wie m�glich in Sicherheit gebracht werden.� Seine Worte klangen hohl. pl�tzlich h�rten die gro�en Kriegstrommeln auf zu schlagen.</p><p>Vor der heiligen Stadt wurde der L�rm des herannahenden Heeres leiser. Das Knirschen der Wagenr�der, das �chzen des Holzes, das Stampfen der Stiefel, das Scheppern der R�stungen, das Hufgetrappel der Pferde und das Rasseln der noch in den Scheiden steckenden Schwerter drangen nicht mehr so laut herbei.</p><p>Ein einzelner Offizier zu Pferd l�ste sich mit zwei Adjutanten aus den Reihen rechts des Riesen und ritt auf das Tor zu. Einer der Adjutanten hatte einen verh�llten Falken auf dem Arm. Sie hielten au�erhalb der Bogenschussweite an. Der Offizier ritt noch ein St�ck weiter, w�hrend der Adjutant die Lederriemen l�ste, welche die Krallen des Falken festbanden.</p><p>�Ich bin Fhremus, Kommandant des herrschaftlichen Heeres von Sorbold�, verk�ndete er. Seine Stimme drang mit einer St�rke durch den Wind, die von langen Jahren der Befehlsgewalt k�ndete. �Wenn ihr den Vogel verletzt, wird das als Angriff auf das ganze Heer angesehen werden.� Er nickte dem Adjutanten zu, und der Mann lie� den Falken los.</p><p>�Wo ist der K�ster?�, wollte Fynn auf den Zinnen wissen.</p><p>Die Soldaten, die sich hinter dem Tor gesammelt hatten, traten beiseite, und der Geistliche kam hervor.</p><p>Der Vogel stieg auf, bis er sich �ber der Mauer befand. Er stie� einen lauten, anmutigen Ruf aus, sank steil nieder und warf eine in ein �ltuch eingewickelte Schriftrolle �ber die Zinnen. Dann drehte er eine Kurve und kehrte m�helos zu seinem Herrn zur�ck.</p><p>Die Botschaft wurde rasch aufgehoben und Gregor �bergeben. Der K�ster erbrach das Siegel mit zitternden H�nden und las die Botschaft, die sowohl in der Volkssprache des Kontinents als auch in der heiligen Schrift des patriarchalischen Glaubens verfasst war.</p><cite><p>Constantin, der Patriarch von Sepulvarta, ist ein H�retiker, der eine Ungeheuerlichkeit gegen den Sch�pfer, das Volk von Sorbold und das Reich der Sonne begangen hat. �ffnet das Tor, schickt ihn hinaus, und wir werden die Stadt verschonen.</p></cite><p>Gregor starrte die Botschaft an und warf sie dann w�tend zu Boden.</p><p>�Sakrileg!�, sch�umte er. �Sakrileg und Blasphemie!� Er wandte sich an Fynn. �Dies ist eine uneinl�sbare Forderung, die nicht einmal wiederholt, geschweige denn erwogen werden darf. Halte das Tor, Hauptmann, und halte die Mauer, so lange es m�glich ist.� Er schaute hoch zum Turm; der Stern darauf leuchtete im verd�mmernden Licht. �M�ge der All-Gott uns verteidigen.�</p><p>Er machte sich auf den R�ckweg ins Pfarrhaus und wusste im Gegensatz zu jedem anderen in der Stadt, dass der Forderung auch deshalb nicht entsprochen werden konnte, weil der Patriarch bereits fort war.</p><p>�Wie lange sollen wir warten, Kommandant?�, fragte Minus, einer der Adjutanten von Fhremus, als der Falke zu Trevnor zur�ckkehrte, dem anderen Adjutanten.</p><p>�Wir geben ihnen eine Stunde�, sagte Fhremus. �Das scheint mir gerecht zu sein.�</p><p>Er warf einen Blick �ber die Schulter auf den Titan. Faron, wie der Herrscher ihn genannt hatte, stand still und reglos da, die Arme an den Seiten, und sah genauso aus wie die Statue, die er einst gewesen war. <emphasis>Vielleicht erinnert er sich an diesen Ort, wo der Patriarch ihn mit unnat�rlichem und unheiligem Leben erf�llt hat,</emphasis> dachte Fhremus und war von diesem Gedanken angewidert. Er hatte keine Ahnung, zu welchen Gef�hlen die Statue f�hig war und ob sie �berhaupt welche hatte, doch er w�re nicht �berrascht gewesen, wenn sie nun Rache nehmen w�rde.</p><p>Als die Stunde vergangen war und keine andere Antwort als das L�uten der Alarmglocken aus der Basilika gedrungen war, wandte sich Fhremus an Minus. �Die Zeit ist um�, sagte er. �Bereitet die Iacxsis vor.� Er wandte sich nach Westen und sah zu, wie die Sonne ihren Abstieg zur Nacht fortsetzte und hei� �ber der weiten Ebene der Krevensfelder brannte.</p></section><section><title><p>30</p></title><subtitle>Die Krevensfelder n�rdlich von Sepulvarta</subtitle><p>Die hastig zusammengestellten Verst�rkungstruppen hatten entlang der orlandischen Stra�e bei jeder Garnison und in jedem Ort angehalten. Vom westlichen Navarne bis zum s�dlichen Bethania hatten Anborn und Constantin Ashes Befehle bei jeder bewaffneten Poststation und jedem Au�enposten der B�ndnisreserven �bergeben und gerade so viele M�nner und Vorr�te erhalten, wie man jeweils entbehren konnte.</p><p>Obwohl die Region nur sp�rlich besiedelt war und der Marschall Ashes Kriegsvorbereitungen sehr kritisch betrachtet hatte, waren er und der Patriarch doch auf viele willige Soldaten getroffen, die gut ausgebildet und innerhalb weniger Minuten abreisebereit waren. Sie hatten schon mehr als vier Jahre routinem��ig Kaufleute und Reisende durch den Kontinent gef�hrt und kannten jede Nebenstra�e und jeden Fu�weg von Bethe Corbair und Canrif bis zu Port Fallon in Avonderre. Au�erdem hatten sie sich des Systems der gefl�gelten Boten bedient, das Llauron eingef�hrt und Rhapsody vervollkommnet hatte, und wenn sie daher in das n�chste Lager kamen, konnten sie zufrieden feststellen, dass alle verf�gbaren Soldaten bereits im Sattel sa�en und sie erwarteten. Sie passen sich hervorragend an und k�mmerten sich um die wenigen schweren Waffen, die der Marschall mitgenommen hatte, sowie um den Wagen, auf dem die Gehmaschine transportiert wurde.</p><p>Als sie den letzten der Au�enposten erreicht hatten, hatten sie eine kleine, aber schlagkr�ftige Truppe von etwas weniger als zehntausend Mann zusammengestellt, bei denen es sich haupts�chlich um Berufssoldaten, aber auch um einige Bauern und Kaufleute handelte, die im Kriegshandwerk ausgebildet waren. Erstaunt stellte Anborn fest, dass sogar Freiwillige aus den Geh�ften und D�rfern in der Umgebung der letzten Garnisonen gekommen waren, um der Ehre teilhaftig zu werden, mit dem ber�hmten Marschall aus dem Cymrischen Krieg reiten zu d�rfen, der die heilige Stadt retten wollte.</p><p>�Beim n�chsten Mal erz�hlen wir ihnen, dass wir hinter den Damen aus den Bordellen in Jemehr her sind�, sagte er zu dem Patriarchen. �Dann bekommen wir drei�igtausend.� Der heilige Mann l�chelte unter der Kapuze seines Bauernmantels.</p><p>In dem kleinen Dorf Streiftor, dem letzten Halt vor der s�dlichen Stra�e nach Sepulvarta, wartete eine Hand voll Knaben von elf oder weniger Sommern auf einem Esel, einem Pony und zu Fu�. Sie hatten Metallt�pfe auf dem Kopf und Hacken in den H�nden. Die Soldaten in der Kaserne beim Dorf hatten sie mehrmals fortgeschickt, doch die Jungen waren immer wieder zur�ckgekommen und warteten auf ihre Gelegenheit, an der Schlacht teilzunehmen. Schlie�lich erlangten sie die Aufmerksamkeit des Marschalls, der seinen Soldaten befahl, auf der Stra�e zu warten, w�hrend er auf sie zuritt und sein Pferd vor ihnen anhielt.</p><p>�Wen haben wir denn hier? Noch mehr Rekruten?�</p><p>F�nf junge Gesichter starrten ihn mit offenen M�ndern an.</p><p>�Ja, Herr�, erwiderte der Einzige von ihnen, der seine Stimme noch unter Kontrolle hatte.</p><p>�Sehr gut�, meinte Anborn nur. �Kommt mit.�</p><p>Die Soldaten sahen einander an und �ffneten dann ihre Reihen, um die Jungen aufzunehmen.</p><p>�Also gut�, sagte der Marschall und setzte sich wieder an die Spitze, �ziehen wir weiter.�</p><p>Die Kohorte reiste nach S�den �ber die Pilgerstra�e und hatte die aufgehende Sonne zu ihrer Rechten. Nach drei Meilen befahl der Marschall am Rande eines kleinen W�ldchens aus verkr�ppelten Kiefern anzuhalten und l�ste sich erneut von der Gruppe.</p><p>�Ich brauche Reiter f�r eine heikle Mission, die mit den folgenden Siedlungen vertraut sind: S�ddorf, Weidenfork, Hylans Landung und Streiftor. Wer die Wege zu diesen Orten kennt, trete hervor.�</p><p>Die Reihen teilten sich, und Soldaten aus den genannten Orten ritten nach vorn. Zum Schluss kamen die f�nf Jungen aus Streiftor.</p><p>�Lagert hier�, befahl Anborn ihnen. �Ihr bildet die Nachhut. Auf der ganzen Stra�e bis Sepulvarta werde ich Reiter in Lagern positionieren, die den Befehl zur Evakuierung von Ost nach West verbreiten und die Felder bewachen. Schickt jeden zur�ck, der auf dieser Stra�e reist, bis ich wieder hier vorbeikomme oder ihr andere Befehle erhaltet. Verstanden?�</p><p>Die Soldaten nickten und stiegen ab, aber die Jungen blieben auf ihren Reittieren sitzen und hielten ihre behelfsm��igen Waffen weiterhin fest in der Hand, w�hrend sie einander ansahen.</p><p>�Aber, Marschall�, platzte der Tapfere hervor, w�hrend Anborn sich umdrehte und bereits aufbrechen wollte, �wir wollen mit Euch gehen, Herr. Wir wollen in die Schlacht ziehen.�</p><p>Der General sah sie an. �Das werdet ihr�, sagte er br�sk und schenkte ihren bettelnden Blicken keine Beachtung. Er deutete auf das Kiefernw�ldchen. �Ich brauche hier mit Holzpf�hlen verst�rkte Erdw�lle gegen einen m�glichen Kavallerieangriff, tausend Schritte lang zu jeder Seite der Stra�e.� Dann ritt er zur�ck zur Kolonne, und die Kohorte setzte sich wieder in Bewegung und lie� die Nachhut zur�ck.</p><p>�Absitzen, Jungs�, sagte einer der Soldaten, die nun ihre Reittiere entluden. �Ihr wolltet sehen, wie der Krieg ist? Es geh�rt eine Menge Warten dazu. Aber vergesst nicht, dass die Vorbereitungen entscheidend f�r den Sieg sind. Nicht der Arm eines einzelnen Mannes, sondern die ganze Einheit landet den t�dlichen Schlag.�</p><p>Die Jungen seufzten elend und machten sich an die Arbeit.</p><empty-line/><p>Der Ritt nach Sepulvarta wirkte belebend, wie Anborn feststellte. In seiner Jugend war tief in sein zynisches Innerstes die Hingabe an die milit�rische Bruderschaft eingepflanzt worden, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet hatte. Im Nachtlager, drau�en in der Dunkelheit zwischen den Feuern und den schlafenden Soldaten, dachte er an die vielen Jahrhunderte des Krieges und der Verw�stung zur�ck, an den Verrat und die Abscheulichkeiten, die er immer wieder zu einer Zeit beobachtet hatte, in der er von allem auf der Welt nur dieses eine begehrt hatte: ein Leben der Selbstlosigkeit und Verteidigung, des geteilten Opfers zusammen mit Waffenbr�dern. So war er �ber die Jahre verbittert, traute nur noch wenigem auf der Welt und hoffte noch weniger, doch in seiner schwarzen, verzerrten Seele steckte noch immer etwas, das von der Kameraderie und Hingabe an die Pflicht, die er nun wieder sah, anger�hrt wurde.</p><p>Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter in seiner Jugend nicht verstanden hatte, warum sein Verlangen, die Kriegskunst zu erlernen, ihn an Oelendra gebunden hatte. Sie war eine lirinische Meisterin aus Tyrian gewesen, eine Cymrerin der Ersten Generation und Heldin aus der alten Welt. Sie war die Iliachenva�ar gewesen, die Tr�gerin des Schwertes, das nun Rhapsody geh�rte, und sie hatte ihn gut ausgebildet, auch wenn er nie ihre Anerkennung gesp�rt hatte, nach der er sich mehr als nach allem anderen gesehnt hatte. Anborn lehnte sich gegen seine Bettrolle zur�ck, schaute in den Nachthimmel, der von hellen Sternen durchglommen war, und erinnerte sich an die Worte, die sie zu ihm gesagt hatte.</p><p><emphasis>K�mpfe mit deinen St�rken, so wie sie sind, und nicht so, wie du sie haben willst.</emphasis></p><p>Er atmete tief ein, schmeckte die bei�ende Asche von den Feuern und roch den Eintopf und das lederne Sattelzeug der Pferde.</p><p>In jenen Tagen war er der ungeb�rdige j�ngere Bruder gewesen, der sich hatte beweisen m�ssen. Edwyn Griffyth hatte bei seinem Vater die Kunst der Architektur, des Ingenieurwesens und der Erfindungen gelernt und mit ihm als sein Erbe gestritten; Llauron war den Lehren seiner Mutter gefolgt, war filidischer Priester geworden und hatte schlie�lich als F�rbitter der Filiden sowie als Besch�tzer des Gro�en Wei�en Baumes gedient. Doch Anborn, der weder ein Anrecht auf den Thron noch eine Neigung zum religi�sen Leben hatte, hatte seine Eltern durch K�hnheit auf dem Schlachtfeld stolz machen wollen.</p><p>Die lirinische Meisterin hatte ihn eines Besseren belehrt. Sie hatte ihm beigebracht, dass milit�rische Macht mit Rechtschaffenheit einhergehen musste. Das, was ihm als junger Mann an k�rperlicher Reife fehlte, musste er mit Schnelligkeit und Geschick ausgleichen, die sich nur aus �bung und Klugheit ergeben konnten. Er hatte damals im Spiegel denselben Eifer gesehen, den er nun auch bei den Jungen aus Streiftor bemerkt hatte, und begriff, wie heilig dieser Eifer war und wie leicht er verloren gehen oder in die Irre geleitet werden konnte, wenn er nicht von einem Helden wie der lirinischen Meisterin in die richtige Richtung gef�hrt wurde.</p><p>Er l�chelte trocken, denn er wusste, dass er f�r die Jungen ein solcher Held war.</p><p>Oelendra hatte ihn auch vor G�tzenverehrung gewarnt. <emphasis>Du magst mein Geschick bewundern und mich nachahmen wollen,</emphasis> hatte sie ihm zu Beginn seiner Ausbildung gesagt. <emphasis>Aber verwechsele das nicht mit</emphasis> mir. <emphasis>Ich habe in meinem Leben viele Fehltritte und Taten begangen, auf die ich nicht stolz bin, weil ich trotz meiner gottgleichen Langlebigkeit dennoch sterblich bin. Genau wie du. Lerne, deinen Helden und dir selbst zu vergeben. Irgendwann wirst du beides tun m�ssen, wenn du dieses Leben als Blutsverwandter wirklich leben willst.</emphasis></p><p>Sie beide hatten diese Ehre erlangt, dachte er, also mussten ihre Worte wahr gewesen sein.</p><p>Rhapsody hatte beim Abschied etwas �hnliches zu ihm gesagt.</p><p><emphasis>Du kannst dich von nichts reinigen, was dir zugesto�en ist, als w�re es nur eine Unreinheit im Stahl, die im</emphasis><emphasis>Feuer der Schmiede weggeschmolzen wird. Alles Vergangene hat dich zu dem gemacht, was du bist � wie Noten einer Sinfonie. Gesund oder gel�hmt, du bist, was du bist.</emphasis> Ryle hira, <emphasis>wie die Lirin sagen. Das Leben ist so, wie es ist. Vergib dir selbst.</emphasis></p><p>Der Marschall z�gerte, rollte sich dann steif auf die Seite, ergriff seinen Ledersack und zog ihn n�her an sich heran. Er l�ste die Riemen und holte die Muschel hervor, die Rhapsody ihm gegeben hatte. Dabei erinnerte er sich z�rtlich an ihr blasses Gesicht im Widerschein des Feuers.</p><p><emphasis>Versuch wenigstens, so gesund wie m�glich zu sein � wenn schon nicht f�r dich selbst, dann f�r die M�nner, die du anf�hrst. Und f�r mich.</emphasis></p><p>�In Ordnung, meine Herrin�, sagte er leise zu sich selbst. �Ich vermute, es schadet nichts, wenn ich es versuche, denn schlie�lich bist du ja weit weg und kannst es nicht sehen.�</p><p>Er lehnte sich gegen die Bettrolle und hielt die Muschel ans Ohr. Alles, was er h�rte, war das donnernde Rauschen des Seewindes �ber den Wellen. Er seufzte, trieb in den Schlaf und tr�umte von Gesichtern, von denen er wusste, dass er sie nie wieder sehen w�rde.</p><empty-line/><p>Die Schlacht um Sepulvarta war bereits verloren, noch bevor sie begonnen hatte.</p><p>L�nger als eine Stunde warteten die Verteidiger furchtsam und starrten von der Mauer auf die f�nfzigtausend Mann herunter, die vor der Stadt lagerten. Das Heer war ausgeschw�rmt, bis die Mauer an allen Seiten umgeben war, doch dann schien alles langsam zum Stillstand zu kommen. Einige der Soldaten errichteten Kriegslager um kleine Kochfeuer, w�hrend die Kavallerie zwar nicht absa�, aber entspannt wirkte. Die Wagen mit den Geschossen und Katapulten sowie den anderen Belagerungswaffen blieben unber�hrt, w�hrend das Heer selbst wenig oder gar nichts tat, um hinter die Linie der ersten Konfrontation zu gelangen. Wenn es sich �berhaupt um eine Belagerung handelte, dann schien es eine des festen Willens zu sein, denn es wurden keine weiteren Drohungen ausgesprochen und keine Waffen gegen das Tor eingesetzt.</p><p>�Sie wollen uns m�rbe machen�, sagte Gregor, der K�ster, mit br�chiger Stimme. Er hatte �ber die Einquartierung der Gl�ubigen und Pilger in der wundervollen Basilika gewacht und schien �ber die vielen Leute in der Kathedrale entsetzt zu sein. �Zum Gl�ck ist genug Essen und Wasser da, und der cymrische Herrscher wird sicherlich nicht einfach dasitzen und zusehen, wie das sorboldische Heer die Auslieferung des Oberhaupts des patriarchalischen Glaubens fordert. Also stecken wir alle augenblicklich in einer Sackgasse. Wir werden niemals ihrem Wunsch entsprechen. Fr�her oder sp�ter werden wir entweder gerettet, oder sie geben aus Langeweile auf und ziehen sich zur�ck.�</p><p>�Ich hoffe, Ihr habt recht, Euer Gnaden�, sagte Fynn zweifelnd. Er beobachtete die Menschenmengen in den Stra�en der Stadt; es waren einfach zu viele, um sie hinter sichere T�ren zu bringen. Sie verstopften die schmalen Gassen in der N�he der Gesch�fte und Schreine.</p><p>Als die zweite Stunde vergangen war, erschien der Falkner des heiligen Stuhls.</p><p>�Ich bin bereit, die Botschaft nach Haguefort zu schicken, falls Ihr es noch w�nscht, Euer Gnaden�, sagte er zu dem K�ster.</p><p>�Ich sehe keine andere M�glichkeit�, erwiderte Gregor. �Nun gut, lass den Raubvogel los.�</p><p>Der Falkner verneigte sich ehrerbietig und l�ste die B�nder. Der Vogel flatterte zweimal mit den Schwingen w�hrend er noch auf dem Arm des Mannes sa�, dann stieg er in einem warmen Aufwind nach oben und machte sich auf den Weg nach Norden. Er stieg bis zur H�he der Geb�ude auf, welche die Stra�en zum Turm s�umten.</p><p>Ein Schatten fiel von oben herab, segelte �ber das Tor und die Stra�en der Stadt. Er war gr��er als ein Pferd und schoss hinter dem Falken durch die Luft, dann machte es ein schrecklich knirschendes Ger�usch, als er den Vogel zwischen seine Kiefer nahm und ihn im Flug verschluckte. Ein Schauer aus blutigen Federn fiel in kreisenden Bewegungen auf die Soldaten herab.</p><p>Von den Stra�en ert�nte ein vielstimmiges Keuchen.</p><p>Einen Augenblick sp�ter verdunkelte sich der Himmel vor �hnlichen Schatten.</p><p>An allen Seiten der Stadt erschienen gro�e Bestien �ber den H�usern und Gesch�ften, sie segelten mit gewaltigen, fledermausartigen Schwingen dahin. Ihre Bewegungen waren wie die von Schlangen, und sie hatten lange, stachlige Schw�nze, die im Flug hin und her droschen. Ihre Beine und Kiefer hingegen waren insektenartig, scharfkantig wie die der Pestheuschrecken, die zu ihren Ahnen geh�rten.</p><p>Auf jedem von ihnen sa� ein Reiter mit einem brennenden B�ndel aus Reisig, das mit Pech oder �l durchtr�nkt war.</p><p>Innerhalb weniger Sekunden hatten die Riedgrasd�cher einiger H�user Feuer gefangen und brannten lichterloh. Schwarzer Rauch stieg von ihnen auf, gefolgt von den Rufen der Zuschauer auf den gepflasterten Stra�en und den Entsetzensschreien all jener, die in den Geb�uden eingeschlossen waren.</p><p>�Was � was im Namen des All-Gottes geht hier vor?�, wollte Gregor mit bebender Stimme wissen und stellte sich vor Fynn.</p><p>�Bei allem n�tigen Respekt, Euer Gnaden, geht mir aus dem Weg, <emphasis>verdammt noch mal!�,</emphasis> br�llte ihn der Hauptmann der Wache an, dr�ckte den Priester zur Seite und eilte auf die Mauer zu. �Schie�t auf die Bestien!�, schrie er den Bogensch�tzen zu, die starr vor Entsetzen nach oben schauten.</p><p>Eine neue Salve brennender B�ndel fiel aus dem Himmel herab. Weitere D�cher brannten; die glitzernden wei�en Steinh�user, f�r die Sepulvarta ber�hmt war, gl�hten rosafarben im Feuerschein, w�hrend die D�cher und Wagen auf den Stra�en in Flammen aufgingen. Glimmende Asche regnete auf die entsetzten Massen herab.</p><p>�Zur Basilika!�, br�llte Fynn den Soldaten auf der Stra�e zu, doch seine Stimme ging im L�rm der Panik unter. Er zeigte erneut auf die verbl�fften Bogensch�tzen. �Schie�t auf die verdammten Biester!�</p><p>Einem der Bogensch�tzen gelang es schlie�lich, sein Entsetzen abzusch�tteln. Er zielte auf eine der fliegenden Eidechsen, die gerade auf einem benachbarten Dach landete. Er spannte den Bogen und schoss den Pfeil ab. Es war ein sauberer, heftiger Schuss, der das Tier in der Flanke knapp unterhalb des Fl�gels erwischte.</p><p>Der Pfeil prallte mit einem dumpfen Ger�usch ab; es war derselbe Laut, den er verursacht h�tte, wenn er auf einen Pflasterstein oder Ziegel getroffen w�re.</p><p><emphasis>Nun ist es aus mit uns,</emphasis> dachte Fynn. �Also gut�, sagte er und bem�hte sich, seine Stimme ruhig zu halten. �Schie� auf den Reiter.� Der zitternde Bogensch�tze gehorchte, ein weiterer sauberer Schuss traf eine Ritze in der R�stung des Mannes.</p><p>Der Reiter richtete sich abrupt auf und fiel schwer von seinem Tier auf die Stra�e unter ihm.</p><p>Der Hauptmann der Wache und der Bogensch�tze keuchten vor Freude auf. �Das ist es!�, rief Fynn aus. �So kriegen wir sie. Zielt auf die <emphasis>Reiter!�</emphasis></p><p>Die Bestie schien sie kurz anzustarren. Dann erhob sie sich, stieg mit einem gewaltigen Sprung ihrer insektenartigen Beine vom Dach auf, schoss hinunter in die Stra�e und schnappte gierig mit ihrem Schlangenkopf. Die Pilger, die sich in den Eing�ngen der brennenden H�user verkrochen hatten, schrien wie mit einer Stimme auf, als die Bestie mit ihren rasiermesserscharfen Kiefern eine fliehende Frau erwischte, ihr mit einem einzigen Biss das R�ckgrat zerschmetterte und dann mit der Beute im Maul einen gro�en Sprung in den Himmel hineintat.</p><p>Wahnsinn stieg herab auf die Stadt der Vernunft.</p><empty-line/><p>Fhremus beobachtete den ersten Angriff aus der Luft mit gro�er Zufriedenheit.</p><p>Er sah den Rauch, der aus dem Mittelpunkt der Stadt in den Himmel aufstieg; er war schwarz und �lig und stank nach Pech und brennendem Stroh. Eine Unmenge V�gel waren aufgestiegen; es waren nistende Schwalben und Tauben, die ihre Nester in den Giebeln der in Flammen stehenden H�user gebaut hatten. Aus der Stadt drangen laute Schreie der Angst und des Grauens �ber die Mauern.</p><p>Er wandte sich im Sattel um und schaute den Titan an, der stocksteif dastand, seit sie vor dem Stadttor eingetroffen waren.</p><p>�Bist du bereit, Faron?�, fragte er und war sich dabei nicht sicher, ob das Wesen �berhaupt wach und bei Bewusstsein war.</p><p>Die milchig-blauen Pupillen erschienen in den Steinaugen. Die gigantische Statue nickte mechanisch.</p><p>Fhremus schluckte und r�usperte sich. �Also gut. �ffne das Tor.�</p><p>Die riesige Statue reckte Arme und Beine und schritt allein vor.</p><p>Der Kommandant wandte sich an seine Adjutanten. �Auf mein Signal�, sagte er. Sie salutierten vor ihm und ritten zur�ck an die Spitze ihrer Kolonnen.</p><p>Das gesamte Heer sah zu, wie ihr Standartentr�ger sich dem gro�en Tor von Sepulvarta n�herte � dem Tor, das in den tausend Jahren, die es bereits in den Angeln hing, noch nie durchbrochen worden war.</p><empty-line/><p>�Schie�t! <emphasis>Verdammt noch mal,</emphasis> schie�t!�, schrie Fynn den Bogensch�tzen zu.</p><p>Die M�nner, denen noch �bel war von dem Luftangriff, vom Rauch und der gl�henden Asche, die von den H�usern in der Umgebung auf sie niederregnete, wandten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Riesen zu und schossen ihre Pfeile auf ihn ab.</p><p>Etwa die H�lfte der Geschosse fand ihr Ziel. Davon zerbrach wiederum ungef�hr die H�lfte; der Rest prallte von der gewaltigen Statue mit demselben dumpfen Laut ab wie zuvor von den fliegenden Bestien.</p><p>�G�tiger All-Gott�, fl�sterte Fynn. �Das kann doch nur ein Albtraum sein.�</p><p>Seine Worte wurden mit einem bet�ubenden L�rm beantwortet, als Stein auf Holz traf.</p><p>Die Bogensch�tzen legten neue Pfeile ein, schossen sie wieder ab � mit demselben Ergebnis. Jeder Pfeil, der den Steinmann traf, zerbrach oder prallte wirkungslos von ihm ab.</p><p>�Spart euch eure Pfeile�, warnte Fynn sie, w�hrend er �ber die Mauer auf die Streitmacht blickte, welche die Stadt umgab. �Sie bereiten sich darauf vor, das Tor zu erst�rmen. Bewahrt euch die Pfeile f�r die Ziele auf, bei denen sie etwas ausrichten k�nnen. Harrt so lange aus, wie die Pfeile reichen, und dann kippt ihr die Pfannen �ber jedem aus, der durch das Tor gehen will. Das wird m�glicherweise unsere letzte Waffe sein. Viel Gl�ck, M�nner � es war eine Freude, mit euch zu dienen.�</p><p>�Genau wie mit Euch�, ert�nte ein Chor aus zitternden Stimmen.</p><p>Die Mauer neben dem Tor erbebte, als ein weiterer Schlag das Holz traf und Splitter durch die Luft flogen. Fynn zwang sich zur Ruhe und blickte �ber die Mauer.</p><p>Der Steinriese rammte die Faust in das heilige Tor von Sepulvarta und hinterlie� tiefe L�cher im Holz. Dann riss er die uralten Baumst�mme entzwei, die aus Lebendigem Stein bestanden. Das Tor kreischte, als lebe es.</p><p>In der Ferne ert�nte eine Fanfare aus den Reihen der Sorbolder.</p><p>Die Bogensch�tzen hoben ihre Waffen und zielten auf die Frontlinie.</p><p>Mit einem Zischen schoss eine der fliegenden Bestien �ber die Mauer, schnappte nach einem der Sch�tzen und stie� dabei etliche andere in die Tiefe.</p><p>Das Tor schwang mit einem L�rm wie Donnerhall auf, der von den Bergen zur�ckgeworfen wurde.</p><p>Mit einem Aufschrei str�mten die Angreifer wie eine Flutwelle in die Stadt Sepulvarta, w�hrend die Sonne allm�hlich hinter dem Horizont verschwand.</p><subtitle>N�rdlich von Sepulvarta auf der Pilgerstrasse</subtitle><p>�Verdammt und zugen�ht!�</p><p>Entsetzt brachte Anborn sein Pferd zum Stehen. Die Streitkr�fte des B�ndnisses hinter ihm taten es ihm gleich.</p><p>Nachdem sie auf der Pilgerstra�e angehalten hatten, blieb dem Heer, das in gr��ter Eile zusammengestellt worden und so rasch wie m�glich zur heiligen Stadt geritten war, nichts anderes �brig, als von den auf der Stelle t�nzelnden Pferden aus auf den Anblick zu starren, der sich ihnen nun bot.</p><p>Rauch stieg von den T�rmen und D�chern der Stadt auf und verschmutzte den Himmel mit Asche und �ligem Ru�. Man konnte Flammen aus den D�chern schie�en sehen; ihr Widerschein spiegelte sich im gro�en Turm und erhellte den Nachthimmel meilenweit.</p><p>Im flackernden Schein dieser Feuer kreisten schwarze, gefl�gelte Bestien durch die dunstige Luft �ber der Stadt und stie�en bisweilen wie schnappende Nattern herab.</p><p>Selbst aus der Entfernung von f�nf oder mehr Meilen waren die Schreie zu h�ren, die die Nacht zerrissen.</p><p>�Marschall ��</p><p>�Schweigt!�, donnerte Anborn und regte sich auf seinem Pferd.</p><p>Der Patriarch, der an seiner Seite geritten war, hatte neben ihm angehalten. Sein gro�es, zerfurchtes Gesicht, das er halb unter einem b�uerlichen Umhang verborgen hatte, war genauso wei� wie die Zeremonialgew�nder, die er meist trug. �Was sind das f�r seltsame Wesen, die �ber die Stadt fliegen?�, fragte er mit ged�mpfter Stimme.</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, sagte Anborn, �aber ihre Gegenwart �ndert alles. Wir brauchen einen neuen Angriffsplan. Ich war nur darauf vorbereitet, eine einfache Belagerung zu durchbrechen, was uns m�glich gewesen w�re, obwohl wir in der Minderzahl sind. Aber bei einem Feind, der aus der <emphasis>Luft</emphasis> angreift ��</p><p>�Denkt nicht weiter dar�ber nach�, sagte der Patriarch mit st�rkerer Stimme. �Die Stadt ist verloren. Wenn wir uns jetzt einmischen, w�rden wir jeden Menschen in ihr und auch uns selbst zum Tode verurteilen.�</p><p>Anborns Augen flackerten vor Wut. �Ist das Eure Einsch�tzung als Feldherr?�, fragte er eisig.</p><p>Der Patriarch sch�ttelte den Kopf; auch in seinen Augen loderte ein grimmiges Feuer. �Das ist die Einsch�tzung des Rings der Weisheit�, erwiderte er. Er hielt die Hand hoch; der klare Stein im Ring gl�hte so heftig wie der Himmel �ber Sepulvarta. �Ich muss nun ins Exil gehen. Wenn ich die Stadt retten k�nnte, indem ich mich ausliefere, w�rde ich das tun. Aber das ist nicht die Absicht unserer Feinde. Sie haben lediglich die Grenze von Sorbold um die Ausdehnung meines Landes nach Norden verschoben.�</p><p>�In der Tat�, murmelte Anborn. �Und sie haben zweifellos vor, die Stadt als St�tzpunkt zur Eroberung der Krevensfelder zu benutzen.� Er zerrte an den Z�geln und achtete nicht auf das erschrockene Jammern seines Reittieres. �Dieses Gebiet ist so gro� und ungesch�tzt, dass wir es nicht verteidigen k�nnen. All die Leute in den Geh�ften und Siedlungen sind Kriegsfutter, wenn wir sie nicht sofort nach Roland evakuieren. Werft einen letzten Blick auf die Zitadelle, Euer Gnaden. Ich vermute, dieser Ort wird in Schutt und Asche liegen, wenn Ihr das n�chste Mal hier vorbeikommt. Und wenn sie den Turm in ihre Gewalt bringen, kann niemand vorhersehen, was sie damit machen werden.�</p><p>�Ich wei߫, meinte der Patriarch. �Das Grauen dieses Gedankens entzieht sich jeder Beschreibung.�</p><p>Anborn h�rte schon nicht mehr zu. Er hatte bereits sein Pferd gewendet, ritt an den Truppen entlang und br�llte Befehle zur Massenevakuierung.</p><empty-line/><p>Als nach einer Nacht der Pl�nderungen das Tageslicht hereinbrach, gebot Fhremus den Ausschreitungen Einhalt.</p><p>�Leert die Basilika und versiegelt sie�, befahl er. Minus salutierte vor ihm und gab das Kommando weiter. �Sie ist wahrlich eines der Wunder der bekannten Welt. Ich bin sicher, der Herrscher will nicht, dass sie st�rker besch�digt wird, als es zur Unterwerfung der Stadt n�tig ist.�</p><p>Er sah sich um und betrachtete die �berreste von Sepulvarta. Die historischen wei�en Geb�ude waren mit Ru� �berzogen; ganze Bereiche der Stadt, besonders die Pilgerst�tten, standen noch in Flammen, und auf den gepflasterten Stra�en lief das Blut in Str�men.</p><p>�Wo ist Faron?�, fragte er Trevnor.</p><p>Der Adjutant sch�ttelte den Kopf. �Ich habe ihn zuletzt bei den G�rten gesehen, Herr. Er hat die T�r zum Haus des Patriarchen aufgebrochen, wie es ihm befohlen war, aber dann ist er auf eigene Faust losgezogen; in all dem Rauch konnten wir ihm nicht folgen.�</p><p>�Der Patriarch ist noch immer nicht gefunden worden?�</p><p>�Nein, Herr. Und die Priester und Akolythen im Haus schw�ren, dass sie nicht wissen, wo er ist. Sie haben nicht einmal unter der Folter etwas ausgesagt.�</p><p>�Hmm. Nun gut, haltet weiterhin nach beiden Ausschau. Es gibt nur ein einziges Tor in der Stadtmauer, und Faron ist nicht dorthin zur�ckgekehrt, also muss er noch irgendwo hier drinnen stecken. Er ist so gro�, dass man ihn schlecht �bersehen kann. Ich bin sicher, dass wir ihn sehr bald finden werden.�</p><p>Fhremus� Gewissheit schwand kurz darauf, als ein Loch im n�rdlichen Teil der Stadtmauer entdeckt wurde, das wie von einer gewaltigen Hand gerissen worden war.</p><empty-line/><p>Als sich schlie�lich die Erde unter seinen F��en ausreichend abgek�hlt hatte, hielt Faron an.</p><p>Die Schlacht hatte ihm wenig bedeutet. Manchmal stellte Zerst�rung f�r ihn ein gro�es Vergn�gen dar, doch bei der Pl�nderung Sepulvartas hatte er es nicht empfunden. Faron wusste selbst nicht, warum das so gewesen war. Vielleicht war es die Knauserigkeit der Kommandanten und Soldaten gewesen, die ihm wie einem gro�en heidnischen oder animistischen Gott gefolgt waren und nicht erkannt hatten, dass dieser heidnische Gott einst ein zitterndes, gallertartiges, trauriges B�ndel blassen, sterbenden Fleisches gewesen war, bis Talquist ihn auf der Waage von Jierna Tal in diesem K�rper aus Lebendigem Stein eingeschlossen hatte. Faron hatte diese Verwandlung bestenfalls als Ironie des Schicksals empfunden, denn als Kind des D�monengeistes, das er war, steckte er nun in einer Gruft aus Lebendigem Stein, so wie einst sein Vater.</p><p>Ob er nun ein Titan war oder nicht, ob er ein Soldat von unbegreiflicher St�rke oder nur eine scheu�liche Jahrmarktsattraktion war, Faron vermisste seinen Vater schmerzlich. Trotz des Misshandlungen, die er von ihm erfahren hatte, hatte dieser Mann, in den der D�mon gefahren war, die meiste Zeit liebevoll f�r ihn gesorgt. Sp�ter in seinem Leben war dieser Mann der Seneschall genannt worden, doch zu fr�heren Zeiten war er als Michael, der Wind des Todes, bekannt gewesen. Er hatte den beeindruckten Faron mit Geschichten aus seiner Soldatenzeit erg�tzt und in ihm das Verlangen hervorgerufen, einen K�rper zu besitzen, mit dem er seinen Vater auf dessen Abenteuern begleiten und gemeinsam mit ihm so freudenvolle Dinge wie Morde und Pl�nderungen begehen konnte, doch die Natur war nicht freundlich zu ihm gewesen.</p><p>Nun aber, da er die vollkommene Gestalt f�r einen Soldaten angenommen hatte, war er allein und erhielt Befehle von M�nnern, die ihm gleichg�ltig waren und die er mit einem blo�en Gedanken zerschmettern konnte.</p><p>Irgendwo im Wind lag eine Spur dunklen Feuers. Faron wusste nicht, wieso er das bemerkte, doch in den Tiefen seines steinernen Innern regte sich etwas und rief ihn nach Norden; es war etwas, das er aus der Zeit kannte, bevor sein Leben so bitter geworden war.</p><p>Faron griff in den gro�en Lederg�rtel, den er um die H�fte trug und der einst das Zaumzeug eines Pferdegespanns gewesen war, und holte daraus unbeholfen die blaue Schuppe hervor.</p><p>Sie war sein Lieblingsgegenstand, denn sie erlaubte ihm, verborgene Dinge zu sehen oder solche, die sich in weiter Entfernung befanden. Auch liebte er das Bild, das darauf gezeichnet war. Eine Seite trug das Abbild eines klaren Auges, die andere das eines hinter Wolken verborgenen Auges, das seinen eigenen milchig-blauen glich.</p><p>Er konnte noch nichts erkennen, doch es befand sich so viel unsichtbare Asche in der Luft, dass die Schuppe vor heimlichem Leben summte, als er sie in n�rdliche Richtung hielt. Was immer dort war, es war noch so weit entfernt, dass er es nicht zu sehen vermochte, doch er konnte die Spur aufnehmen.</p><p>Und vielleicht jemanden seiner eigenen Art finden.</p><p>Faron hielt seinen ungeschlachten Kopf in jene Richtung, folgte dem schwachen Gewisper des b�sen Kreosots und lie� den L�rm und das Chaos der brennenden Stadt hinter sich.</p></section></section><section><title><p>III</p><p>Asche im Wind</p></title><section><title><p>31</p></title><subtitle>Kurimah Milani, Nordwestliches Yarim, im Schatten der Zahnfelsen</subtitle><p>Die Drachin streckte tr�ge die Klauen aus, schwelgte in Wohlgef�hl und dem Nachlassen der Schmerzen, die seit der Mondwende an ihr genagt hatten.</p><p>Mit der teilweisen Heilung ihres K�rpers ging gleicherma�en eine R�ckkehr ihrer Erinnerungsf�higkeit einher. Im Tiefschlaf tr�umte sie nun, und in diesen Tr�umen bewohnte sie nicht die Drachengestalt, die ihre gegenw�rtige Wirklichkeit darstellte, sondern sie war eine Frau, eine Herrin von sagenhafter Sch�nheit und Macht, die sie noch vor kurzer Zeit gewesen war.</p><p>Die Drachin streckte sich behaglich aus und genoss die Bewegungen ihrer zerrissenen Muskeln, w�hrend diese heilten. Sie erinnerte sich an ihre gl�cklichen Zeiten; es waren Erinnerungsblitze, die sie nicht verstand � die Echos von Kinderlachen gemeinsam mit zwei anderen Gestalten, die junge M�dchen wie sie selbst zu sein schienen und in einem unber�hrten Wald Fangen spielten. Kein Erwachsener, keine andere Person war zu sehen. Sie erinnerte sich nicht an ihre Schwestern und auch nicht an ihre Drachenmutter, die die drei am Fu� des Gro�en Wei�en Baumes zur�ckgelassen hatte, sondern nur an einen bitteren Geschmack im Mund, der unwesentlich war angesichts des Hasses, den sie f�r die Frau namens Rhapsody versp�rte. Doch sie erinnerte sich an das Lachen, an das Gef�hl von Freiheit und Einsamkeit in jenen Tagen, allerdings kaum an mehr.</p><p>Ihre Atemz�ge wurden umso tiefer, je leichter sie wurden. Das Bild der ausgelassenen Kinderspiele verblasste in ihrem Kopf, und sie sah sich als junge Frau allein auf einem Felsvorsprung �ber dem Strand, von wo aus einst ihre Mutter zuerst ihren Vater ersp�ht hatte, als er aus dem Meer gekommen war. Sie sah die Ankunft von Schiffen, sturmumtost und zerschmettert, die eines nach dem anderen vor den schrecklichen Winden an Land flohen. Die Menschen, die aus diesen Schiffen stiegen, glichen keinen, die sie bisher gesehen hatte. Einige waren gro� und blond, einige st�mmig und untersetzt, einige hatten nur die Gr��e von Kindern mit schmalen H�nden und gewaltigen Augen, die sich eher mit Blumen als mit Worten ausdr�ckten; es war eine riesige Bandbreite von Menschen mit allen m�glichen Hautfarben. Eines nach dem anderen entluden die Schiffe ihre lebenden Sch�tze. Atemlos schaute sie zu; ihr goldenes Gesicht mit den winzigen Furchen war zum ersten Mal in ihrem Leben feucht vor Tr�nen. <emphasis>Mein Schatz,</emphasis> dachte sie dann und wann und war der Liebe auf den ersten Blick so nahe wie nie zuvor.</p><p>Die anderen Erinnerungen, welche diese sch�nen verdr�ngen wollten, dr�ckte sie beiseite und zuckte unter den Schmerzen zusammen, die sie �hnlich wie die Metallsplitter verursachten, die noch in ihr steckten. <emphasis>Nein, nein,</emphasis> dachte sie benommen, verbannte alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf und kehrte in gl�cklichere Zeiten zur�ck. Sie sah Bilder von Festen am Meeresstrand, von fr�hlichen T�nzen und einer Zeremonie am Fu� des Gro�en Wei�en Baumes, in der sie �ber alle anderen erhoben und von dem lebendigen Schatz, an dessen Namen sie sich noch immer nicht erinnern konnte, Herrin genannt worden war. Es waren die Cymrer gewesen, die Fl�chtlinge der Ersten Flotte von der toten Insel Serendair.</p><p><emphasis>Ich will weiterschlafen,</emphasis> sann sie, reckte sich erneut und schwelgte in der Erinnerung an eine Zeit, in der sie nicht verabscheut, sondern hoch geachtet, gefeiert und begehrt worden war, statt ausgesto�en und ge�chtet.</p><p>Sie �ffnete den Mund, und wie schon zuvor tr�pfelte das fl�ssige Gold des s��en und heiligenden Sonnenscheins hinein. Das Feuer in ihr, das von den Feuersteinen herr�hrte, die alle Mitglieder ihrer Art im Magen hatten, k�hlte ab und verschaffte ihr eine traumlose Ruhe.</p><p>Zumindest f�r den Augenblick.</p><subtitle>In der W�ste im fernen Osten Yarims</subtitle><p>Die Stille wurde vom pl�tzlichen Schrei des Kindes und kurz darauf vom hallenden Schlag eines Lederhandschuhs gegen Haut unterbrochen.</p><p>Achmed z�gelte sein Pferd. Die empfindlichen Nervenenden in seiner Haut brannten unter diesem Ger�usch.</p><p>�Was ist denn <emphasis>jetzt</emphasis> los, Rhapsody?�, wollte er wissen und warf einen finsteren Blick �ber seine Schulter, w�hrend die cymrische Herrin ihren Nebelmantel ausbreitete. Auf ihrem windzerzausten Gesicht lag ein Ausdruck der Best�rzung. �Du hast ihn doch gerade eben erst gef�ttert. Dieser anspruchsvolle Balg wird immer mehr zum �rgernis. Noch ein einziger grundloser Schrei, und ich werde ihn auf einen Pferdedorn spie�en und den Aasfressern �berlassen.�</p><p>�Woher willst du wissen, dass es grundlos war?�, fragte Rhapsody und untersuchte das Kind.</p><p>Achmed schaute hin�ber zu Grunthor, der sich den Nacken rieb. �Was ist los?�</p><p>�Mich hat was gestochen�, murmelte der Riese.</p><p>�Vielleicht eine M�cke�, meinte Achmed. �Sie k�nnen ziemlich hinterh�ltig sein, obwohl man eigentlich glauben sollte, dass deine Bengard-Haut dich ziemlich unverwundbar macht.�</p><p>�Sollte man eigentlich glauben�, stimmte der Riese ihm zu und tastete noch immer seinen Hals ab, �aber das war kein kleiner Stich. War�n richtiger Biss. <emphasis>Autsch.</emphasis> Verdammt, <emphasis>autsch.�</emphasis></p><p>�Genau wie bei Meridion�, sagte Rhapsody. Sie zog den Stachel aus einem gro�en, roten Striemen am Bein des Kindes, fuhr mit dem Finger �ber die Wunde und w�rmte sie sanft mit ihrer Feuergabe, um die Schmerzen zu lindern.</p><p>In diesem Augenblick bemerkte Achmed das Summen. Er gab Grunthor ein Zeichen und hielt sein Pferd an. Damit tat er das, was seine gereizte Haut befahl. Er legte die Z�gel �ber Rhapsodys Arm und stieg ab. Das Summen leitete ihn �ber den Sand, bis er die Quelle gefunden hatte.</p><p>Einige kleine H�gel erhoben sich in der ansonsten undurchbrochenen Sandschicht, �ber denen ein paar Bienen schwebten, w�hrend sich andere in den Boden neben den H�geln bohrten.</p><p>�Ich habe deinen Angreifer gefunden, Grunthor�, sagte er, hockte sich nieder und untersuchte die H�gel, die wie gro�e Ameisenhaufen aussahen. �Soll ich dich r�chen? Wenn du willst, pinkle ich auf sie. Oder sollen wir weiterziehen?�</p><p>�Was machen Bienen hier drau�en in der W�ste?�, wunderte sich der riesige Bolg laut. �Gibt doch nichts f�r sie zu fressen hier, keine Blumen, keine anderen Gew�chse. Kein richtiges Wasser. Komisch.�</p><p>Achmed stieg wieder auf und ergriff die Z�gel. Er schnalzte dem Pferd zu, und sie verfielen erneut in einen sanften Galopp. Achtsam ritten sie �ber die steigenden und fallenden D�nen nach Osten, w�hrend die fernen Berge n�her zu kommen schienen. Ihr Rot und Purpur glimmerte am Horizont wie ein Versprechen von Schutz, den sie jedoch nicht vor der kommenden Nacht erreichen w�rden. Allm�hlich verblasste das Licht bereits, w�hrend die rote Sonne am Firmament sank. Der Wind frischte auf und trieb den Sand in gro�en, wirbelnden Staubs�ulen �ber die rissige Erde.</p><p>Sie waren nicht sehr weit gekommen, als Achmed erneut sein Pferd z�gelte. Diesmal griff er rasch nach Rhapsody, damit sie nicht nach vorn kippte. Grunthor hielt ein paar Schritte vor ihnen an und starrte dabei nach Osten.</p><p>�Zum Henker�, murmelte der Bolg-Kommandant. �Was is� denn <emphasis>das</emphasis> da?�</p><p>�Gute G�tter�, fl�sterte Rhapsody und zog den Nebelmantel enger zusammen, um das Kind zu beruhigen.</p><p>Achmed sagte nichts, starrte aber mit seinen verschiedenfarbigen Augen auf den Anblick vor ihnen.</p><p>Aus der scheinbar endlosen W�ste erhob sich ein zerfallener Turm, ein schr�g stehendes Minarett. Es schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und steckte im roten Sand, in dem sie seit Tagen keine Vegetation und keinerlei andere Anzeichen f�r Leben entdeckt hatten.</p><p>Um den Turm standen weitere, ihm �hnliche Ruinen, �berreste von Kuppeln und Mauern; sie stachen hervor, als ob sie wie Unkraut aus der Erde gezogen und dann weggeworfen worden w�ren. Die Ruinen waren von gewaltiger Gr��e, als w�ren die urspr�nglichen Bewohner dieser Stadt Riesen gewesen, oder es war nur die Stadt selbst, die so gewaltig gewesen war. Die Sonne brannte auf den Schutt herab, der in einem unheimlichen, schimmernden Glanz ergl�hte.</p><p>�Sind wir nicht schon vor Jahren hier vorbeigekommen, als wir mit den Sklavenkindern aus der Rabengilde von Yarim nach Ylorc zur�ckgekehrt sind?�, fragte Rhapsody. �Ich erinnere mich nicht, damals diese Ruinen gesehen zu haben.�</p><p>�Sie waren nicht hier�, stimmte Achmed ihr zu. Er starrte weiterhin auf die �berreste, die einst starke Mauern gewesen, nun aber kaum mehr als im Sand verstreute Steinquader waren. Irgendwo in der N�he wurde das Summen lauter, das er von den im Boden nistenden Bienen geh�rt hatte. �Diese Ruinen scheinen aus dem Sand aufgetaucht zu sein. Ich vermute, so etwas geschieht von Zeit zu Zeit, besonders wenn es ein Erdbeben oder eine andere St�rung in der Erdkruste gegeben hat. Der Grund hier weist viele Spalten auf � man kann die Risse in der Lehmschicht deutlich erkennen.� Er deutete auf einen gro�en Spalt, der n�rdlich von ihnen den sonnengebrannten Boden geteilt hatte und allm�hlich vom Wind wieder mit Sand gef�llt wurde.</p><p>�Kann mich nich� erinnern, k�rzlich Ersch�tterungen gesp�rt zu haben�, sagte Grunthor ernsthaft. Er zerrte wieder an seinen Z�geln und stieg ab. Der Sand auf dem roten Lehm spritzte in alle Richtungen davon, als er auf den Boden trat. �Sieht ziemlich frisch aus.� Er kniete nieder und legte die Hand auf den Boden. �Hier stimmt was nich�. Ist alles durcheinander geraten, wie bei einem Ungl�ck. Als ob der Ort geschlafen h�tte oder sogar tot gewesen w�re, schon bevor wir die alte Welt verlassen haben, und pl�tzlich wieder aufgewacht w�re.�</p><p>Rhapsody und Achmed tauschten einen raschen Blick aus. Das Erdenwissen, das Grunthor in sich aufgenommen hatte, als er durch das Feuer im Erdkern gegangen war, trog niemals. Rhapsody schaukelte das Kind, bis es wieder sanft eingeschlafen war, w�hrend Achmed den Horizont absuchte. Der Wind frischte auf; Rhapsody zog sich die Kapuze des Nebelmantels tiefer ins Gesicht, und Achmed senkte den Schleier gegen das Stechen des Sandes bis �ber die Augen.</p><p>�Selbst unsere Patrouillen am n�rdlichsten Rand unserer Grenze sind weiter als einen Tagesritt von hier entfernt�, sagte er schlie�lich. �Ich habe keine Ahnung, was hier los ist oder war, doch es scheint sich ein weiterer Sandsturm zusammenzubrauen. Entweder wir reiten sofort los und versuchen, dort dr�ben in den Bergen Unterschlupf zu finden, oder wir stellen uns ihm hier entgegen. Ich wei� aber nicht, ob ich an diesem Ort von einer Windhose �berrascht werden will.�</p><p>Grunthor zuckte die Achseln. �Ist doch egal�, sagte er und betrachtete die hoch aufragenden Mauerst�cke, die vor ihnen aus dem Sand ragten. �Sieht ziemlich solide aus. Die Tr�mmer werden standhalten. Geben bestimmt einen guten Schutz ab, falls ein Sandsturm kommt. Vor Einbruch der Nacht k�nnen wir sowieso nichts anderes mehr erreichen.� Er schaute hin�ber zu der Stelle, wo Rhapsody stand, klopfte Achmed auf die Schulter und zeigte dorthin. Der Bolg-K�nig drehte sich um.</p><p>Die cymrische Herrscherin war ein wenig nach S�den gegangen, als ob sie einem Ruf folgte, den nur sie h�ren konnte. W�hrend die beiden ihr zusahen, hockte sie sich hin und lauschte immer noch. Sie sahen, wie Rhapsody die Hand zwischen den aufgebauschten Falten des Nebelmantels hindurchstreckte und mit ihr �ber den Boden fuhr. Dann zog sie den Arm wieder in den Mantel zur�ck. Sie schaute hinunter auf das Kind und dann zu den beiden M�nnern.</p><p>�Wie geht es deinem Nacken, Grunthor?�, fragte sie.</p><p>Der Riese zuckte noch einmal die Achseln, griff sich dann an den Hals und betastete ihn. Ein Ausdruck des Erstaunens glitt �ber seine groben Gesichtsz�ge.</p><p>�So gut wie neu�, murmelte er.</p><p>Rhapsody stand auf und ging zu ihnen hin�ber. Sie blieb vor Achmed stehen, schob die Falten des Mantels auseinander und zeigte ihm das Bein ihres Kindes.</p><p>Der Striemen war verschwunden, als w�re er nie dagewesen.</p><p>Sie drehte sich wieder um und betrachtete die weite W�ste und die fernen Berge hinter ihnen und lauschte angestrengt.</p><p>�Was ist los?�, fragte Achmed.</p><p>�F�hlst du es nicht?�, fragte sie. �Hier gibt es eine sehr tiefe Schwingung, ein vibrierendes Lied, aber ich habe es vorhin wegen des Summens all der Bienen und des Heulens des Windes nicht geh�rt. Es ist ein uralter Ton; es handelt sich um die Note Lisele-ut, die zur Farbe Rot geh�rt.�</p><p>�Blutbewahrer�, sagte Achmed. �Es heilt?�</p><p>�Ja. Aber ich kann nicht ermessen, wie stark es ist. Es ist so tief, dass man es nicht h�ren kann; ich kann es nur f�hlen. Du auch, Grunthor?�</p><p>Der Sergeant-Major nickte zustimmend. �Wir sollten heute Nacht hier bleiben�, sagte er laut und sah Rhapsody zu, wie sie mit geschlossenen Augen weiter nach Norden ging und dem Ton folgte. Dann beugte er sich zu Achmed her�ber und sagte leise zu ihm:</p><p>�Sieh sie an, sieh dir ihr Gesicht an.�</p><p>Die beiden Bolg starrten Rhapsody an, wie sie es vor langer Zeit im Licht des Lagerfeuers getan hatten, als sie gerade von ihrer langen Reise durch den Bauch der Erde wieder an die Oberfl�che gekommen waren. Damals hatten sie die Auswirkungen des elementaren Feuers erkannt, das sie im Erdkern in sich aufgenommen hatte. Es war eine Reinigung von allen k�rperlichen Makeln gewesen, ein Erhellen von Augen und Haar, bis diese dieselbe W�rme wie das Element ausgestrahlt hatten. Ihr Anblick war hypnotisierend gewesen; es war so, als starre man in flackerndes Kaminfeuer.</p><p>Was sie nun sahen, war zwar anders, aber doch gleicherma�en unwiderstehlich. Die Frau, die mit ihnen von Haguefort losgeritten war, war fahl und blass, d�nn und matt von der schwierigen Niederkunft mit dem Drachenkind gewesen. Obwohl sie ihre Sch�nheit behalten hatte, war sie doch ein Schatten ihrer selbst gewesen � matt, kr�nkelnd und ohne die Lebenskraft, die fr�her so sehr ein Teil ihrer selbst gewesen war. Sie schien beinahe vertrocknet und blutleer, als ob die Geburt ihr jede gesunde Farbe geraubt h�tte.</p><p>Als sie nun aber nordw�rts ging, geleitet vom Lied der Erde, das sie an diesem Ort des endlosen Lehms und der gnadenlosen kalten Sonne sang, schien Rhapsody sich zu erholen, als sauge sie alle Farbe aus der Welt um sich herum auf. Das flachsfarbene Haar, das unter der Kapuze des Nebelmantels hervorlugte, wurde heller und wieder zum Gold fr�herer Tage, ihre bleiche Haut wurde rosiger und ihr Fleisch immer fester, je l�nger sie ging. Sogar in ihren Schritten lag nun eine gr��ere Kraft und in ihren Bewegungen mehr Energie.</p><p>W�hrend sie sich dem Riss in der Erde n�herte, kehrte der Sergeant zu den Pferden zur�ck.</p><p>�Was immer das hier f�r ein Ort ist, er scheint die Herrin zu heilen. Ich glaub, wir sollten hier lagern, bis es ihr was besser geht. Sie w�re ja vorhin beinahe ohnm�chtig geworden.�</p><p>Achmed sah zu, wie sie sich vor die Spalte kniete, und nickte. �In Ordnung�, rief er Grunthor zu. �Wir sollten uns eine gesch�tzte Stelle innerhalb der Ruinen suchen, wo wir nicht begraben werden, wenn noch ein Sandsturm hier durchfegt.� Dann ging er hin�ber zu der Stelle, an der Rhapsody kniete, und stand still da, w�hrend sie der Musik lauschte, die nur sie allein h�ren konnte.</p><p>Schlie�lich schaute sie auf. Ihr Gesicht leuchtete hell im Licht der untergehenden Sonne.</p><p>�Ich glaube, ich wei�, was das f�r ein Ort war�, sagte sie aufgeregt. Ihre Augen leuchteten so gr�n wie die Bl�tterbaldachine in Tyrian. �Erinnerst du dich daran, dass wir die Legende einer untergegangenen Stadt namens Kurimah Milani geh�rt haben, als wir in Yarim Paar waren und unter der Entudenin gebohrt haben, um der Provinz ihr Wasser wiederzugeben?�</p><p>Achmed l�chelte gequ�lt. �Nein. Als die Handwerker der Bolg in Yarim Paar waren, sind wir nicht gerade mit ausgesuchter H�flichkeit empfangen worden, und man hat uns auch keine Legenden mitgeteilt. Wir haben Tag und Nacht gebohrt, dabei Blut geschwitzt und das feindselige Starren sowie die Sp��e der Idioten ertragen, die wir einfach in der Hitze am Durst h�tten sterben lassen sollen. Du hingegen warst Gast dieses verr�ckten Herzogs Ihrman Karsrick, wenn ich mich recht erinnere. Ich nehme daher an, dass du Zeit hattest, Legenden und Sagen zu sammeln.� Er hielt inne, als er sah, wie sich ihre Miene verd�sterte, und erinnerte sich daran, dass nicht er, sondern sie es damals gewesen war, die sich f�r die bessere Unterbringung und Behandlung der Bolg-Arbeiter eingesetzt hatte. �Erz�hl mir die Geschichte.�</p><p>Rhapsody stand auf und hielt das Kind eng an sich gedr�ckt.</p><p>�Ich kenne nicht die ganze Geschichte; ich habe nur Bruchst�cke geh�rt. In der �ltesten Zeit, lange bevor die Cymrer zu diesem Kontinent kamen, gab es angeblich eine sagenumwobene Stadt namens Kurimah Milani irgendwo hier in der Gegend, im Windschatten der n�rdlichen Berge. Ich bin mir �ber den Ursprung des Namens nicht im Klaren, aber die Kl�nge, aus denen er zusammengesetzt ist, enthalten alle T�ne, die zur Heilung beitragen, so wie das rote Spektrum deines Lichtf�ngers. Ich habe Teile der Geschichte von den Shanouin-Priesterinnen geh�rt, dem Stamm der Brunnengr�ber, die allein in der Lage sind, im W�stenklima von Yarim Wasser aufzusp�ren. Die Shanouin stammen angeblich von den Einwohnern Kurimah Milanis ab, aber die Stadt ist schon vor so langer Zeit untergegangen, dass selbst die Shanouin nicht mehr wissen, ob das die Wahrheit oder nur eine Legende ist.</p><p>Ansonsten wei� ich nicht viel dar�ber, au�er dass es ein Ort mit hei�en, stark mineralhaltigen Quellen gewesen sein soll, die angeblich aus den Manganbergen gespeist wurden. Die Legenden besagen, dass diese hei�en Quellen Heilkr�fte und andere magische F�higkeiten f�r jene bereithielten, die das Gl�ck hatten, darin baden oder davon trinken zu k�nnen. Das ist alles; diese �berlieferungen sind so alt, dass niemand, der jetzt noch lebt, sich deutlicher an sie erinnern kann. Vielleicht war das alles nichts als ein Trugbild im Wind, eine Erfindung, die sich die W�stenbewohner in der hei�en Jahreszeit erz�hlt haben, wenn das Wasser knapp war und der Durst sie ein wenig wirr im Kopf gemacht hatte.</p><p>Aber irgendwo hier unten schwingt ein Lied von gewaltiger Macht, das von etwas ausgeht, was nur der All-Gott kennt. Es ist eine angenehme Melodie, tief und langsam, aber schneller als der Herzschlag der Erde, den wir geh�rt haben, als wir sie durchquerten, und dabei regelm��ig wie die Gezeiten des Meeres � was hier drau�en in der W�ste sehr seltsam ist. Die Macht schwingt im Boden. Kannst du sie sp�ren?�</p><p>Achmed hob seinen Schleier, damit sein Hautgewebe dem Wind ausgesetzt war, und zog den Handschuh von seiner linken Hand. Er hockte sich nieder und hielt die Hand �ber den Spalt.</p><p>�Ich kann es�, sagte er nach einem Augenblick.</p><p>�Dann sind das hier vielleicht die Ruinen dieses Ortes�, meinte Rhapsody. �Das ist bemerkenswert und m�glicherweise sehr n�tzlich. Ich glaube, Meridion braucht einen Windelwechsel.�</p><p>Der Bolg-K�nig zuckte zusammen, als. der Wind wieder zunahm und ihm in die Augen stach. Grunthor lief zu ihnen zur�ck, nachdem er die Pferde und Vorr�te sicher in den Ruinen verstaut hatte.</p><p>�Netter Ort, und so windgesch�tzt�, sagte er fr�hlich. �Na los, Herrin, ich hab dir und dem Kleinen ein Pl�tzchen vorbereitet. Da solltet ihr vor dem Wind sicher sein, zumindest im Wesentlichen.�</p><p>Der Bolg-K�nig deutete auf den Boden.</p><p>�Grunthor, kannst du mir sagen, was hier unten liegt? Ist da nur Sand und Lehm, so weit du sp�ren kannst, oder gibt es noch andere Schichten? Liegt dort unten vielleicht eine Stadt?�</p><p>Der Sergeant-Major ging zum Rand des Spaltes, lie� sich dort nieder und untersuchte den Boden. �Vielleicht die Ruinen von �ner Stadt�, erwiderte er. �Kann ich nich genau sagen � da ist was ganz M�chtiges zwischen, das ziemlichen L�rm macht und alles �bert�nt, was die Erde sagt. Da unten scheint �ne Menge Schutt zu sein, aber das ist alles, was ich sagen kann. Wir k�nnten nat�rlich nachsehen gehen. Da ist �n gro�er, breiter Tunnel direkt unter diesem Spalt. Wir k�nnten da runtergehn. Das haben wir schlie�lich schon mal gemacht.�</p><p>Rhapsody erschauerte. �Bitte erinnere mich nicht daran. Dann werden die Albtr�ume nur noch schlimmer. Wir sollten bei den Pferden zwischen den Ruinen Unterschlupf suchen.�</p><p>�Ich hol �ne Windel und die restlichen Vorr�te�, sagte Grunthor und lief zur�ck zu den Ruinen.</p><p>�Willst du nicht wissen, was unter dem Sand steckt?�, fragte Achmed, w�hrend sie warteten.</p><p>�Nein. Ich will nach Ylorc gehen, aus dem Wind herauskommen und mit der Arbeit an deinem verdammten Lichtf�nger beginnen. Ich brauche keine Erinnerungen an unsere Reise entlang der Axis Mundi, vielen Dank.</p><p>Ich bin eine Lirin. Wir geh�ren nicht unter die Erde, und das wei�t du sehr genau.�</p><p>�Also bitte, du hast doch gesagt, du freust dich auf deine R�ckkehr nach Elysian, und das liegt auch unter der Erde�, meinte Achmed gereizt. �Wo ist da der Unterschied? Wie kann eine Benennerin sich die M�glichkeit entgehen lassen, eine der gr��ten Entdeckungen in der bekannten Welt zu machen? Wenn das hier wirklich Kurimah Milani ist, willst du es dann jemand anderem �berlassen?�</p><p>�Jawoll�, meinte Grunthor, w�hrend er ihr Gep�ck vor ihr fallen lie�. �Ich frag mich, was wohl Talquist mit diesem Ort anstellen w�rde.�</p><p>�Ich will nicht das Kind in Gefahr bringen, nur weil ��</p><p>�Es kann nicht gef�hrlicher sein, als gut sichtbar in der W�ste herumzulaufen, vor allem, da bald die Nacht hereinbricht�, sagte Achmed.</p><p>�Es k�nnte sogar <emphasis>viel</emphasis> ungef�hrlicher sein�, sagte Grunthor ernst. �Sieh mal hinter dich.�</p><p>Rhapsody und Achmed drehten sich gleichzeitig um. Der sandige Wind schlug ihnen ins Gesicht. Von Westen n�herte sich eine hohe Wand aus Staub und trieb die abgestorbenen Str�ucher vor sich her, die in der weiten roten Lehmw�ste vertrocknet waren; seine Kraft nahm mit jeder Sekunde zu.</p><p>Grunthor sprang in den Spalt und fegte den Sand von der Stelle weg, wo er den Beginn eines Tunnel vermutet hatte.</p><p>�Beeilt euch�, sagte er. �Kann den verdammten Sand nicht lange zur�ckhalten. Ich h�tte lieber guten alten bolgischen Basalt.�</p><p>Achmed kletterte in die Spalte, kauerte sich hinein und kaum einen Augenblick sp�ter wieder daraus hervor.</p><p>�Es ist in Ordnung, Rhapsody. Die Decke ist hoch, und es scheint so etwas wie eine Kammer oder H�hle zu sein. Wir k�nnen darin bleiben, bis der Sandsturm abgezogen ist, und uns dann wieder auf den Weg machen.�</p><p>Die cymrische Herrin seufzte auf und kletterte hinter ihm in die Erde, gefolgt von Grunthor. Sie betraten einen Ort gewaltiger, endloser Dunkelheit.</p><p>Als der Sandsturm herannahte, folgte ihnen leise ein Schatten in die Tiefe.</p></section><section><title><p>32</p></title><p>�Grunthor, kannst du mich in der Dunkelheit sehen?�</p><p>�Ja, allerdings, Herrin.�</p><p>�Kannst du mir dann vielleicht mein B�ndel und ein Licht geben?�</p><p>�Na klar.�</p><p>Ein kaltes blaues Licht erschien und warf einen schimmernden Glanz auf den Mund des Tunnels. Die drei Gef�hrten sahen sich um.</p><p>Sie befanden sich in einem Korridor mit glatten W�nden, der aus uraltem Lehm geformt war. In die halbrunden W�nde waren lange, tiefe Furchen eingegraben. Das Licht der Kugel wurde von den W�nden zur�ckgeworfen und glitzerte in der Finsternis in demselben unheimlichen Licht wie die zerfallenen Mauern und T�rme an der Oberfl�che. Eine k�hle Brise blies aus der D�sternis am Ende des Korridors herbei.</p><p>�Scheint so etwas wie ein Kanal zu sein�, sagte Achmed. Grunthor nickte zustimmend. �Vielleicht der Teil eines Abwassersystems.�</p><p>Rhapsody zog ihren Mantel aus und wickelte das Kind hinein.</p><p>�Wunderbar�, murmelte sie, w�hrend sie ihr Gep�ck durchst�berte. �Warum betreten wir eine Stadt eigentlich immer durch die Kan�le? Wenn ich mich recht erinnere, sind wir so auch ins Bolgland gekommen.�</p><p>�Ich finde es ziemlich angemessen, wenn man bedenkt, was du in letzter Zeit so getrieben hast�, meinte Achmed giftig, w�hrend das Kind leise gurrte. �Gute G�tter, Rhapsody, bist du sicher, dass du ihn nicht mit Schwefel f�tterst?�</p><p>�Ziemlich sicher�, erwiderte sie und sah in der Dunkelheit l�chelnd auf das Kind herab. Im Glimmern der kalten Lichtkugel waren sein Haar und seine Haut beinahe durchscheinend; die winzigen senkrechten Pupillen in seinen klaren Augen glitzerten. Sie k�sste ihn auf den kleinen Bauch und wickelte ihn rasch, w�hrend der Wind an ihnen vorbeiheulte und im Tunneleingang sowie um diesen herum kreischte.</p><p>�Gute Sache, dass du deine Angst vor dem Untergrund rechtzeitig �berwunden hast�, sagte Grunthor und schaute nach drau�en. �Das ist �n starker Sturm, so stark wie der letzte. Hoffe, die Pferde werden nicht unter dem Sand begraben. Bin froh, dass ich die Vorr�te hergebracht hab.�</p><p>Rhapsody trat �ber die Furchen im Tunnelboden, wiegte dabei Meridion im Mantel und setzte sich mit dem R�cken gegen die Wand. Achmed und Grunthor wandten sich ab, als sie das Kind stillte, und beobachteten den gewaltigen Sandsturm vor dem Tunnel. Sie lauschten dem harten Kreischen des Windes und den leisen Ger�uschen, die das Kind machte, bis beides allm�hlich verstummte.</p><p>Als der Sturm anscheinend vor�bergezogen war, wuchtete sich Grunthor aus dem Tunnel und schaute sich um. �Die Spalte hat sich ein bisschen gef�llt�, berichtete er, als er zur�ckkehrte. �Muss sie vielleicht freilegen, wenn wir gehen.�</p><p>Der Bolg-K�nig nickte, drehte sich um und ging an Rhapsody vorbei den Kanal entlang in die immer noch st�rmische Finsternis. Er gab den anderen ein Zeichen.</p><p>�Da ist eine gro�e �ffnung in der Decke am Tunnelende, wo der Wind herkommt. Bringt das Licht mit, damit wir uns ein wenig umsehen k�nnen, bevor wir das Nachtlager aufschlagen.�</p><p>Grunthor reichte Rhapsody seine gewaltige Hand und half ihr auf die Beine, dann nahm er die Lichtkugel, und sie folgten dem Bolg-K�nig den Kanal entlang bis zum Ende des Tunnels, wo eine dunkle �ffnung g�hnte.</p><p>Als sie sich ihr n�herten, zuckten sowohl Rhapsody als auch Achmed zur�ck. Ein Brummen von gewaltiger Lautst�rke drang daraus hervor und schlug ihnen gegen Haut und Ohren. Es war nicht das tiefe, langsame Lied, das Rhapsody beschrieben hatte, sondern eher ein misst�nendes Summen.</p><p>Rhapsodys Augen funkelten nerv�s im kalten Licht. �Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, Achmed�, fl�sterte sie. �St�rt dich dieses andauernde Brummen denn nicht?�</p><p>�Dein andauerndes Brummen st�rt mich schon seit vierzehnhundert Jahren�, gab er zur�ck. �Ich werd�s �berleben. Es ist besser, wenn wir wissen, was es ist, als wenn wir davon �berrascht w�rden. Bleib hier. Grunthor, gib mir das Licht. Vorsicht, von hier ab sind �lige Pf�tzen auf dem Boden.�</p><p>Der blau-wei�e Ball wurde weitergereicht. Der Bolg-K�nig trat an die �ffnung, wobei er den Lachen auf dem Boden auswich, und hielt das Licht �ber sich. Er beugte sich vor und schaute sich um.</p><p>�Nun, das erkl�rt die Bienen�, sagte er schlie�lich.</p><p>Rhapsody und Grunthor tauschten einen raschen Blick aus und gesellten sich dann zu ihm.</p><p>Hinter dem Loch befand sich eine gewaltige H�hle. Es handelte sich um die �berreste dessen, was einmal ein riesiges �ffentliches Bad gewesen sein mochte. Gigantische, mit glitzerndem Perlmutt belegte Steins�ulen trugen die �berreste der Decke, die fr�her einmal mit au�ergew�hnlichen Fresken bemalt gewesen war. Verschlungene Mosaiken aus gebranntem Glas bedeckten die W�nde; ihre Farben waren noch immer leuchtend, wenn auch teilweise mit Ru� beschmiert. Besonders das Rot strahlte hell, sogar in dem kalten blauen Licht. Es war schwer, viel vom Boden zu erkennen, denn er war in den Schatten hinter der Reichweite des Lichts verborgen. Deutlich waren jedoch die Reste eines Bew�sserungssystems zu sehen, die von dem Kanal wegf�hrten. Ausgedehnte, von farbigen Kacheln ges�umte Gr�ben f�hrten zu schon seit langem trockenen Springbrunnen, in denen sich eine Reihe von Steinsitzen befand. Eine gewaltige, an einem Ende zerschmetterte Kuppeldecke reichte bis in die Finsternis. Das Tr�pfeln von Wasser war neben dem Brummen zu h�ren, das hinter der �ffnung zu einem wahren Br�llen anschwoll.</p><p>Auf den W�nden und S�ulen wuchsen am Rand des Lichtkegels Ausst�lpungen von allen Gr��en; dicke Schimmelsporen und Pilzkulturen �berzogen ganze Fresken. Weiter oben erstreckte sich �ber die Decke etwas, das wie massive Stalaktiten aussah; es waren lange, herabh�ngende Gebilde, die an Fangz�hne in einem gewaltigen Maul erinnerten. Um diese Stalaktiten schw�rmten Bienen � mehr Bienen, als ihr Auge aufnehmen konnte.</p><p>Das Brummen des gewaltigen Schwarms war so laut wie Donner, der in den Bergen hallt. Die Stalaktiten waren lediglich der �u�erste Rand davon. Der Rest war durch Sand und Bienenspeichel w�hrend zweier Jahrtausende zementiert worden und breitete sich bedrohlich �ber die Decke bis hinter die Reichweite der Lichtkugel aus. In der N�he des Lochs in der Decke war der Bienenstock zerschmettert. Aus zerbrochenen Waben tropften Wachs und Honig auf den Boden, umkreist von Zehntausenden aufgeregter, w�tender Insekten. Ihre Schwingungen fuhren �ber Achmeds Haut und setzten sie in Brand. Rhapsody barg ihr Kind tiefer in den Falten des Nebelmantels und bem�hte sich, mit dem Arm beide Ohren zu bedecken.</p><p>�Na gut, Herrin, vielleicht sind wir drau�en wirklich sicherer�, fl�sterte Grunthor.</p><p>�Keinen weiteren Laut!�, warnte Achmed mit leiser Stimme. �Wenn du sie erschreckst, werden sie auf uns zuschw�rmen, und wir k�nnen ihnen nicht davonlaufen.�</p><p><emphasis>Da kannst auch mir nicht davonlaufen, Ysk.</emphasis></p><p>Die Worte krochen �ber Achmeds Haut und hallten in seinem Blut wider. Obwohl kein Laut seine Ohren erreichte, h�rte er sie so deutlich, als ob sie dicht neben ihm ausgesprochen worden w�ren. Fast unmerklich drehte er sich ein wenig, weil er hinter sich schauen wollte.</p><p><emphasis>Beweg dich nicht.</emphasis></p><p>Der Befehl kratzte �ber die Innenseiten seiner Augenlider. Der Bolg-K�nig zuckte vor Schmerzen zusammen. In diesen Worten lag etwas Vertrautes, eine unausgesprochene und tonlose Mitteilung, die durch sein Hautgewebe �bertragen wurde und f�r seine oder andere Ohren unh�rbar war. So war er bisher nur zweimal in seinem Leben angesprochen worden, einmal von seinem Lehrer in der alten Welt, Pater Halphaison, und das zweite Mal von der Gro�mutter, der alten Frau, die das Schlafende Kind bewachte, doch sie beide hatten ihm nicht solch rohe Gewalt und solche Schmerzen aufgezwungen. Die Worte wurden in keiner Sprache, sondern nur sinnenhaft mitgeteilt.</p><p><emphasis>Sag ihnen, sie sollen hineingehen.</emphasis></p><p>Achmed schluckte. Es war, als w�rde mit jedem Befehl ein weiterer unsichtbarer Faden um ihn herum gesponnen, der ihm seine Bewegungsfreiheit nahm. Er sog die Luft ein und versuchte seinen <emphasis>Kirai</emphasis> zu entfesseln, da er sich von seinen Suchschwingungen Aufschluss �ber den Sprecher erhoffte, doch der Atem blieb ihm in der Kehle stecken.</p><p>�Rhapsody�, sagte er auf Alt-Cymrisch, �tritt zur Seite und geh aus dem Kanal heraus. Du auch, Grunthor.�</p><p>Die cymrische Herrscherin, die zu seiner Rechten stand und gerade versuchte, die Schwingungen des Bienenschwarms aufzunehmen und einen Komplement�rton dazu zu finden, sah ihn von der Seite an und gehorchte, als sie seine ernste Miene bemerkte. Sie trat rechts neben die �ffnung.</p><p>Grunthor zu seiner Linken tat ebenfalls, was Achmed gesagt hatte, doch als er vor dem Bolg-K�nig herging, schaute er den Kanal hinter ihm entlang und verlangsamte seine Schritte. Der Schatten eines Mannes stand unmittelbar hinter Achmed, kaum einen Atemhauch entfernt. Er war in Dunkelheit geh�llt. Grunthor ging weiter, doch verstohlen griff er nach seinem Wurfmesser im G�rtel.</p><p>Pl�tzlich erstarb die Brise, die den Kanal entlanggeweht und von Millionen kleiner Fl�gel verursacht worden war. Die Luft im Tunnel entwich. Die beiden Bolg rangen nach Atem, als ihnen sogar die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Grunthors Hand wanderte zu seiner Kehle, doch Achmed r�hrte sich nicht. Seine Adern an Hals und Stirn dehnten sich.</p><p>Rhapsody wandte sich um, sah ihre beiden Freunde in Not und eilte entsetzt zur�ck zur �ffnung. Eine Stimme, die diesmal deutlich h�rbar war, sprach in leisem Tonfall, der durch das Brummen des Schwarms drang.</p><p>�Bleibt stehen, Herrin, es sei denn, Ihr wollt, dass Eurem Kind dasselbe zust��t.�</p><p>Die Kugel aus kaltem Licht fiel aus den H�nden des Bolg-K�nigs und prallte dumpf auf den Boden. Rhapsody erstarrte und zog den Mantel sowie ihr Kind enger an sich, w�hrend die beiden Bolg auf die Knie sanken und gegen die Bewusstlosigkeit ank�mpften.</p><p>�Aufh�ren, bitte�, fl�sterte sie in demselben Tonfall, dessen sich auch die Stimme bedient hatte.</p><p><emphasis>Schweigt.</emphasis> Der Befehl stach ihr in die Ohren. Rhapsody presste die Z�hne zusammen und lehnte sich gegen die Wand. In tiefstem Grauen sah sie zu, wie ihre beiden Freunde nach vorn fielen, Achmed zuerst, dann der riesige Sergeant-Major. Die Augen quollen ihnen aus den H�hlen, und ihre Gesichter leuchteten purpurfarben im schwindenden kalten Licht.</p><p>Sie k�mpfte gegen die Tr�nen an und sp�rte, wie Hass gleich einem Feuerstrom durch ihre Adern rann, als Grunthors K�rper schlie�lich erschlaffte. Achmed war mit dem Gesicht in ihre Richtung gefallen und sah sie an. Er versuchte, sie ermunternd anzul�cheln, aber es gelang ihm kaum. Rhapsody glaubte jedoch, ihn blinzeln gesehen zu haben.</p><p>Dann wurde auch sein Gesicht schlaff.</p><p>Ein Schatten kam heran und fiel im blauen Licht �ber die K�rper. Rhapsody r�hrte sich nicht, als eine langknochige und d�nne Hand aus einem Gewand hervorgestreckt wurde, Achmed packte und ihn auf die Beine und au�er Sichtweite zog. pl�tzlich frischte die Brise wieder auf. Sie hatte Rhapsody die ganze Zeit umweht, doch nun fuhr sie auch durch Grunthors �lige Haare und seinen Umhang, der sich �ber dem R�cken des Riesen aufbauschte. Nach einem Augenblick regte sich der Bolg leicht, dann hustete er.</p><empty-line/><p>Achmed kam kurz darauf zu sich. In seinem Kopf pochte es. Benommen starrte er auf zwei Nadelspitzen aus Licht unter einer dunklen Kapuze. Die Gestalt, die ihn gepackt hielt, sah ihn kurz an, lie� ihn dann zu Boden fallen und nahm ihre Kapuze ab.</p><p>In dem ungewissen Licht sah Achmed Gesichtsz�ge, die er sofort wieder erkannte, und doch hatte er sie in dieser Form noch nie gesehen. Der Mann, der da vor ihm stand, war d�nn wie ein Wispern, gr��er als Achmed, hatte breite Schultern und sehnige H�nde, und seine Haut war �berall von blo�liegenden Adern durchzogen, was ihr eine seltsame Zweifarbigkeit verlieh. Sein Kopf war glatt und kahl und verj�ngte sich von der Stirn zum kantigen Kiefer. Die Augen waren schwarz wie Tinte, hatten keine sichtbare Iris und wurden von silbernen Pupillen geteilt. In sie zu schauen, war wie innerhalb eines dunklen Raumes in einen Spiegel zu blicken.</p><p>Ein Dhrakier. Ein Vollblut.</p><p>Aber einer, der sich sehr von denen unterschied, die Achmed bisher gesehen hatte.</p><p><emphasis>Steh auf und tritt ein,</emphasis> befahl der Mann. Diesmal verursachte das Kommando keine Schmerzen, sondern trommelte kurz und knapp gegen seine Haut. Achmed gehorchte. Langsam erhob er sich und erlaubte seinem K�rper, sich zu strecken, bis er ganz aufrecht stand. Er taumelte durch die �ffnung, neben der Grunthor lag, und sch�ttelte diesen, bis der Riese erzitterte und nach Atem rang. Dann half Achmed ihm, sich aufzusetzen.</p><p>�Was, zum �?�</p><p>�Psst�, warnte ihn der Bolg-K�nig. Grunthor richtete den Blick auf die Gestalt, die vor ihnen stand, und wirbelte dann zu Rhapsody herum, die noch immer gegen die Kavernenwand gelehnt stand. Sie keuchte, hatte ihr Kind fest in den Nebelumhang gewickelt und dr�ckte es an sich. �Kannst du stehen?�</p><p>�Nat�rlich kann ich stehen�, murmelte der Sergeant-Major. �Ist nur �ne Frage der Zeit, bis ich so weit bin.�</p><p>�Steh auf und tritt herein�, sagte der Dhrakier in seiner h�rbaren, rauen Stimme. Es war dieselbe sandige Stimme, mit der auch Achmed sprach. �Jeden Moment, den ihr z�gert, k�nnte die Bestie erwachen.�</p><p>�Die Bestie?�, fl�sterte Rhapsody, w�hrend die drei M�nner auf sie zukamen.</p><p>Der d�nne, kahlk�pfige Mann nahm die Lichtkugel auf, gab sie ihr und deutete ungeduldig auf das Innere der H�hle. Achmed nickte. Rhapsody drehte sich um und geleitete die drei durch eine nach unten f�hrende Rinne, die einmal einer der Kan�le des Bew�sserungssystems gewesen war. Sorgf�ltig achtete sie darauf, dass sie den Schimmelflecken und den zerbrochenen Teilen des Bienenstocks, die an den W�nden bis auf den Boden der Kaverne hingen, nicht zu nahe kam.</p><p>Sie gingen unter langen F�den tropfenden Honigs dahin und versuchten jeden Kontakt mit ihnen zu vermeiden. Die z�hen F�den dehnten sich aus, wenn abermals ein schwerer Tropfen gefallen war, zogen sich wieder zusammen und vergossen den n�chsten goldenen Schatz �ber dem, was einmal ein Wasserlauf gewesen war. Die Luft um sie herum war durch unz�hlige Schwingen und den schweren Klang des Brummens in Aufruhr gebracht, der alle anderen Ger�usche �bert�nte.</p><p>Schlie�lich kamen sie zu einem gro�en Bassin, das einmal ein gewaltiges Bad mit Sitzen aus gebrannten Ziegeln gewesen war, durch welches langsam ein pl�tscherndes Rinnsal um Hindernisse aus zerborstenen Statuen und zerfallenen Mauern herumfloss. Der Mann in der Robe blieb neben dem Rinnsal stehen und deutete darauf.</p><p>�Trinkt�, sagte er zu Achmed und Grunthor. �Es wird euch heilen.�</p><p>�Mir geht�s gut, danke�, murmelte der riesige Bolg. �Ich f�hl mich blo� �n bisschen schwindlig.�</p><p>Der Dhrakier schnaubte und schaute den Bolg-K�nig an. �Und du?�</p><p>Achmed sagte nichts.</p><p>Der Dhrakier beobachtete ihn noch einen Augenblick, dann hockte er sich bei dem Rinnsal nieder, sch�pfte mit der Hand ein wenig Wasser und trank es. �Wie du willst�, sagte er. Er drehte sich um und ging hin�ber zu einer gesch�tzten Nische mit blauen Marmorw�nden, in der sich vermutlich die Badenden entkleidet hatten, bevor sie in die Heilb�der gestiegen waren. Der Bolg folgte ihm, doch Rhapsody blieb neben dem Gew�sser und lauschte ihm, w�hrend es �ber den Boden floss. Es war ein musikalischer Laut, �hnlich dem Lied, das sie geh�rt hatte, als sie noch an der Erdoberfl�che gewesen waren. Sie kniete nieder, wobei sie noch immer ihren Nebelumhang festhielt, setzte ihr Gep�ck ab und suchte darin herum. Schlie�lich holte sie eine leere Wasserflasche hervor, die sie rasch mit einer Hand f�llte, verschloss und wieder in ihre Tasche steckte. Sie ging zu den M�nnern in der Nische, die einer der wenigen Orte in dem riesigen Gew�lbe war, welchen die Bienen noch nicht besetzt hatten, vermutlich weil die blauen Marmorw�nde zu glatt f�r sie waren. In der Abgeschiedenheit dieses Ortes schienen alle Ger�usche wie das Pfeifen des Windes oder das Summen der Bienen ausgeblendet zu sein.</p><p>Achmed wandte sich an den Dhrakier. �Warum bist du hier? Was willst du?�</p><p>Der alte Mann sah ihn ohne Groll an, als sch�tze er seinen Wert f�r den Markt ab. Schlie�lich sagte er mit einer Stimme, die so tonlos wie der Wind in der Kaverne war:</p><p>�Ich habe eine Aufgabe f�r dich.�</p><p>Der Bolg-K�nig lachte leise. �Du bist hergekommen, um mir eine Aufgabe zu erteilen? Wieso glaubst du, dass das m�glich ist? Bist du wirklich der Ansicht, dass du mich zur Mitarbeit bewegen kannst, indem du mich zu erw�rgen versuchst?�</p><p>Die dunklen Augen verengten sich.</p><p>�Du bist von unserem Blut und f�hlst trotzdem nicht den Ruf der Uranf�nglichen Jagd?�</p><p>Auch Achmed kniff nun die Augen zusammen.</p><p>�Ich f�hle ihn�, sagte er m�rrisch. �Ich habe diesen Ruf mehr als einmal beantwortet und habe mehr als einen scheu�lichen F�dor-Geist zur�ck in die tiefe Kammer der Unterwelt oder in den �ther geschickt. Aber ich verstehe noch immer nicht, warum du glaubst, du kannst mich und meine Leute angreifen und beinahe erw�rgen und dann von mir erwarten, dass ich von dir eine Aufgabe annehme, als w�re ich ein Botenjunge. Ich habe meine eigenen Ansichten dar�ber, wie ich meine Zeit verbringe, um meine sonstigen Verpflichtungen erst gar nicht zu erw�hnen � und keine davon bezieht sich darauf, von jemandem eine Aufgabe anzunehmen, und schon gar nicht von <emphasis>dir.�</emphasis> Seine Stimme war voller Hass, und das letzte Wort hallte laut in der Nische wider.</p><p>Der alte Dhrakier sagte nichts, sondern stand nur schweigend da und beobachtete Achmed sorgf�ltig. Schlie�lich deutete er auf die Stelle in der Decke, wo die Mauern und der Bienenstock zerst�rt waren.</p><p>�Hinter dieser Wand befindet sich ein <emphasis>Wyrmril,</emphasis> eine Bestie, die vor kurzem hergekommen ist und sich Heilung von einem Ort erhoffte, der nichts als eine Erinnerung ist. Sie schl�ft jetzt � ihr Feuer ist an einem �berma� von Honig und s��em Wasser erstickt �, doch jeder Laut, jede Ablenkung k�nnte sie wecken.�</p><p>�O Gottchen�, meinte Grunthor leise. �Anwyn. Hab mich schon gefragt, wohin das alte Biest geflohen ist.�</p><p>�Ihr m�gt euch dazu in der Lage sehen, es mit ihr aufzunehmen, aber was ist mit Eurem Kind, Herrscherin? Kann es den Drachenatem �berleben?� Der Dhrakier schaute hoch zu dem ausgedehnten Bienenstock, der die gesamte Decke der gewaltigen H�hle �berzogen hatte. �Doch von den Bienen geht f�r euch noch gr��ere Gefahr aus, auch wenn es ihr L�rm ist, der euch am Leben erh�lt, denn die Bewegungen ihrer Fl�gel verbergen eure Gegenwart vor der Drachin�, bemerkte er fast beil�ufig. �Als Kurimah noch eine Heimstatt des Heil-Wesens war, wurden die Vorfahren dieser Bienen als Gefangene gehalten und von einem Gefolgsmann des Erbauers dieser Stadt wegen ihres Honigs gez�chtet, der zu Medizin und sanften Salben verarbeitet wurde. Sie sind die einzigen Wesen, welche die Vernichtung der Stadt �berlebt haben.� Sein nachdenklicher Blick richtete sich wieder auf die drei. �Damals m�gen sie harmlos gewesen sein, doch jetzt k�nnten sie uns in Windeseile t�ten � und wie unsere eigene Art sind sie eines Geistes und k�nnen still im ganzen Schwarm miteinander in Verbindung treten, als w�ren sie ein einziges Wesen. Falls sie ausschw�rmen und uns angreifen sollten, w�rden unsere toten K�rper wie in Wein getr�nkte Feigen anschwellen, bevor sie platzen, und die Bienen w�rden sich von unseren Leichnamen n�hren.�</p><p>�Bitte erspar dir weitere Beschreibungen�, warf Rhapsody ein. �Ich glaube, wir haben verstanden.�</p><p>Der Dhrakier l�chelte kalt und sprach wieder zu Achmed. �Das hier ist der einzige Ort auf der ganzen Welt, an dem diese Spezies von Bienen lebt. Sie wurden aus der alten Welt hergebracht, von einem Ort, den es nicht mehr gibt, und w�hrend der Jahrhunderte sind sie gewachsen und einzigartig geworden. Wenn jemand in diese Gew�lbe hinabsteigen sollte, mit einem Flammenwerfer vielleicht, k�nnte er alle Bienen dieser Art auf einen Schlag vom Antlitz der Erde tilgen.� Seine Stimme wurde noch tonloser und leiser. �Genauso verh�lt es sich mit einem anderen Gew�lbe.�</p><p>�Du sprichst in R�tseln�, sagte Achmed d�ster. �Vielleicht habe ich vergessen zu erw�hnen, dass ich R�tsel hasse. Was willst du?�</p><p>Der Dhrakier schenkte ihm einen stechenden Blick. �Ich bin gekommen, um dich zur Jagd zu f�hren, an der du schon seit langem h�ttest teilnehmen sollen. Du wirst gebraucht, Ysk. Die Zeit wird knapp.�</p><p>Ein sarkastisches L�cheln kroch �ber das Gesicht des Bolg-K�nigs. �Und wieder redest du mich mit dem Namen an, der mir verliehen wurde, als man vor mir ausspuckte, und der so schm�hlich und absto�end ist, wie ein Name nur sein kann. Warum sollte ich dir helfen? Ich habe meine eigene Verantwortung und muss meine eigenen Lasten tragen. Ein ganzes K�nigreich erfordert meine Aufmerksamkeit.�</p><p>�Ja�, sagte der Mann mit dem kantigen Kiefer. �Du bist der M�rderk�nig, wie ich geh�rt habe. Ich habe dich mit dem einzigen Namen gerufen, den ich f�r dich hatte, auch wenn du ihn schon vor langer Zeit abgestreift hast, weil derjenige, den du danach erhalten hast � der Bruder �, es dir erlaubte, im Wind nicht mehr aufsp�rbar zu sein.�</p><p>�Das war der Sinn, der dahinter steckte.�</p><p>�Mein ganzes Leben lang habe ich nach dir gesucht�, sagte der Dhrakier. �Ich kannte dich schon, bevor du geboren wurdest; so ist es bei allen Br�dern.� Seine Stimme wurde sanfter, als ob der Wind den Sand in ihr fortgetrieben h�tte. �Die <emphasis>Zherenditck,</emphasis> die an der Jagd teilnehmen und die Oberwelt auf der Suche nach den F�dor durchstreifen, haben ein gemeinsames Band, das Raum und Zeit �bersteigt. Sie sind eines Geistes, und so wissen alle, was einem von ihnen zust��t. Aber du bist kein <emphasis>Zherenditck,</emphasis> du bist ein <emphasis>Dhisrik,</emphasis> einer der Ungez�hlten, ein Dhrakier, der keine Blutsbande zur Kolonie hat und daher au�erhalb des gemeinsamen Geistes steht. Du begreifst das Band zwischen uns nicht, was sehr seltsam f�r jemanden ist, der in <emphasis>Bruder f�r alle, doch keinem gleich</emphasis> umbenannt wurde. Du hast Blutsverwandte, Ysk � oder wie immer du jetzt genannt werden willst �, Blutsbr�der, die seit deiner Geburt den Wind nach dir durchst�bern. Deine Mutter war eine von uns, eine der Gefangenen. Wir haben deine Empf�ngnis beobachtet, sie erfahren, sie genauso durchlitten wie deine Mutter, wenn auch nicht in derselben St�rke.</p><p>Wir suchten umsonst all die Jahre und auf der ganzen weiten Welt. Du warst unauffindbar. Dann, als einer der anderen <emphasis>Dhisrik,</emphasis> Halphasion, uns die Nachricht schickte, du seiest bei ihm aufgenommen, umbenannt, ausgebildet und deiner dhrakischen Abstammung und des damit eingehergehenden Blutpaktes bewusst gemacht worden, warteten wir darauf, dass du zu uns kommst und an der Uranf�nglichen Jagd teilnimmst. Aber du hast dich trotz des tiefen Rufs in deinem Blut nicht dazu gezwungen gef�hlt, obwohl du ihn geh�rt und seine Macht bei deiner Umbenennung eingesetzt haben magst. Stattdessen hast du einer leichteren Stimme gelauscht, einem Ruf aus der oberen Welt, der dich zu den Belangen der irdischen Menschen hingezogen hat � zu Macht, Bequemlichkeit, Freundschaft, Sicherheit. Wer wei�, welche Freuden und Verbindlichkeiten dich von dem fortgelockt haben, was uranf�nglich in dir ist, und dir erlaubt haben, das Unleugbare zu leugnen. Es ekelt mich an, daran zu denken, dass so etwas bei einem von uns m�glich ist. Ich habe dir die Atemluft genommen, weil ich sehen wollte, ob auch die letzte Obsz�nit�t m�glich ist � ob einer der Br�der zum Gastk�rper f�r einen F�dor geworden ist. Ich freue mich, dass dem nicht so ist und kein verdorbener Geist versucht hat, mich anzubetteln oder zu beschwatzen oder in einen anderen K�rper zu schl�pfen, als du dem Tode nahe warst. Aber ich muss gestehen, dass es mich nicht �berrascht h�tte, wenn dies geschehen w�re, da du das Unleugbare geleugnet und dem, was in deinen Adern kreist, keine Beachtung geschenkt hast. Vielleicht haben dich die Firbolg richtig benannt. Es liegt etwas Scheu�liches in einem Bruder, der die Nadeln in seinen Adern sp�rt, das Brennen auf der Haut und das Rasen des Blutes kennt, das unsere B�rde ist, und der trotzdem nicht an der Jagd teilnimmt.</p><p>So bin ich hergekommen, um dies herauszufinden, M�rderk�nig: ob du mehr K�nig oder mehr M�rder bist.�</p><p>Achmeds Gesicht war eine Maske der Gelassenheit, doch seine verschiedenfarbigen Augen leuchteten mit einer Intensit�t, die Rhapsody Angst machte.</p><p>Seine Antwort ging in einem pl�tzlichen Schrei aus dem Nebelmantel in ihren Armen unter. Der Laut durchdrang den L�rm der Bienen, �bert�nte das Pl�tschern des Rinnsals und hallte in den Ruinen des Bades wider.</p><p>Alle drei M�nner fuhren zusammen. Rhapsody riss vor Entsetzen die Augen auf. Sie schaukelte das B�ndel, griff zwischen die Falten des Mantels und versuchte, das Kind zu beruhigen, doch das Schreien wurde nur noch heftiger und ging in ein hohes Kreischen �ber, das lauter denn je zuvor war.</p><p>�Meridion, Meridion, psst, nein, nein�, fl�sterte sie und unternahm den nutzlosen Versuch, ihrem Kind die Brust zu geben. �Gute G�tter, bitte nicht, du weckst die Drachin auf.� Aber das Kind kreischte weiter; sein klagendes Geschrei brach sich an den W�nden der H�hle und legte sich �ber das tiefe Summen.</p><p>Denn im Gegensatz zu seiner Mutter wusste das Kind bereits, dass die Drachin erwacht war.</p></section><section><title><p>33</p></title><p>Die Drachin hatte bereits das Bewusstsein wiedererlangt, bevor sie ihren Namen h�rte.</p><p>In ihrem leichten Schlaf waren die Tr�ume, in denen sie anfangs geschwelgt hatte, immer trostloser geworden. Obwohl es Augenblicke des Feierns und Beifalls in ihrem Leben gegeben hatte, waren es doch nur wenige und weit auseinander liegende gewesen, wenn man sie mit den Jahrhunderten des Misstrauens, der T�uschung, Ablehnung, Intrigen, Kriege, Morde und Sch�ndungen verglich, die schlie�lich zu weiteren Jahrhunderten der Verbannung, des Exils und der Einsamkeit gef�hrt hatten. Bald waren die gl�cklichen Erinnerungen aufgebraucht und so oft wiederholt, dass sie keinen Trost mehr zu spenden vermochten.</p><p>Sie zuckte im Schlaf und k�mpfte darum, die unangenehmen Gedanken im Zaum zu halten, doch allm�hlich versammelten sie sich vor den Toren ihres Geistes wie Rebellenhorden, die auf Eroberung aus waren.</p><p>Der Honig und das Wachs, die sie in dem Glauben verschlungen hatte, es handele sich dabei um heilenden Sonnenschein, klumpten in ihrem Magen, �berzogen ihre Kehle und w�rgten sie. Die Bienen, die sie angegriffen hatten, hatten ihrer festen Haut nur geringen Schaden zugef�gt; sie versp�rte dort keine Schmerzen, aber die Stiche, die in ihre Augen gedrungen waren, hatten diese anschwellen lassen und verursachten in ihr aufs Neue brennende Wut.</p><p>Als daher der Name ausgesprochen wurde, wenn auch weit entfernt in einer anderen Kammer des Bades, drang er ihr sofort ans Ohr und klang wie eine Zimbel in ihrem Hirn.</p><p><emphasis>Rhapsody, tritt zur Seite und geh aus dem Kanal heraus.</emphasis></p><p>Die wunden Augen der Bestie �ffneten sich weit in der Dunkelheit des zerst�rten Bades und warfen ein unheimliches blaues Licht in die Finsternis.</p><p><emphasis>Rhapsody.</emphasis></p><p>Zuerst war das Erwachen ein Kampf. Ihr Geist, in dem der Name der verhassten Frau summte, fing Feuer und brummte vor heftiger Energie, doch der K�rper, der von innen durch die Scherben zerrissen worden war, die noch in ihm stecken, reagierte nur langsam; er brauchte weiterhin Ruhe und Heilung. Die Drachin nahm all ihre Willenskraft zusammen und erhielt allm�hlich die Gewalt �ber ihre Glieder zur�ck. Sie streckte die Beine und Unterarme, dann die Klauen, bis sich ihre Muskeln im s��en Schmerz kontrollierter Bewegungen anspannten.</p><p>Sie reckte sich langsam; es war nicht die tr�ge Bewegung von Muskeln und Knochen, die sie zuvor in ihrer Apathie so angenehm und geschmeidig gefunden hatte, sondern die vorsichtig abgemessene Wiederbelebung eines schlafenden K�rpers. Gleichzeitig lauschte sie angestrengt und hoffte den Namen wieder zu h�ren oder ein Anzeichen f�r den Aufenthaltsort dieser Frau herauszufinden. Dieser Ort alter Magie mit seinem leisen, fortdauernden Gesang des Heilens und das d�monische Summen des Schwarms verwirrten sie; es gab keine M�glichkeit f�r ihre inneren Sinne, die Ruinen abzusuchen.</p><p>Sie w�rde es mit ihren eigenen Augen tun m�ssen.</p><p>Als sie schlie�lich der Ansicht war, dass ihr K�rper wieder so gut wie m�glich funktionierte, glitt sie zur�ck in das Flussbett und begab sich zu dem Loch, das sie in der H�hle hinterlassen hatte. Ihre gespaltene Zunge schmeckte die Luft; sie versuchte, die letzten Reste des s��en Honigs loszuwerden und durch eine viel verlockendere Geschmackserfahrung zu ersetzen.</p><p>Durch Blut und Knochen, gew�rzt mit Hass.</p><empty-line/><p>Die drei M�nner erstarrten nur ganz kurz.</p><p>Eine Sekunde sp�ter befanden sie sich bereits wieder in Bewegung. Der Dhrakier, der sich anscheinend in den Ruinen gut auskannte, �bernahm die F�hrung, lief an zerbrochenen Vasen und Urnen vorbei, die fr�her einmal Heilwasser und lindernde �le enthalten hatten, und bahnte den anderen einen Pfad, so gut es ihm eben m�glich war. Achmed nahm Rhapsody die Lichtkugel aus der Hand und folgte ihm. Er erhellte den Pfad, w�hrend Grunthor Rhapsody und ihr Kind packte und die beiden trug, denn seine Schritte waren mehr als doppelt so lang wie ihre.</p><p>Vorsichtig hasteten sie �ber den Boden des uralten Bades, sprangen den verstreuten Ruinen aus dem Weg oder duckten sich unter ihnen hindurch, kamen an gewaltigen Statuen l�chelnder, gewandeter Damen vorbei, welche ihre H�nde in segnender Geste ausgestreckt hatten, umrundeten die Bruchst�cke von Liegen f�r Sonnenb�der unter dem W�stenhimmel und gelangten schlie�lich zu dem Kanal, durch den sie hergefunden hatten. Sofort stiegen sie den Tunnel hoch.</p><p>Als sie ihn zur H�lfte durchschritten hatten, brach die Bestie durch das Loch im zerst�rten Gew�lbe und stie� ein Br�llen voll bei�enden Hasses aus, der sogar Glas zum Schmelzen h�tte bringen k�nnen.</p><p>Die Kuppel des Gew�lbes erbebte, und Sand und Kies regneten herab, gefolgt von Teilen des Bienenstocks, die an der Decke geklebt hatten.</p><p>Rhapsody dr�ckte den Kopf gegen Grunthors Brust und zog Meridion so eng wie m�glich unter ihr Kinn. Sie hoffte, seinen Kopf auf diese Weise vor den fallenden Tr�mmern zu sch�tzen. Das gewaltige Herz des Riesen schlug wie Donnerhall, als er den Kanal hinauflief. Sie schloss die Augen und bem�hte sich, das Kind mit ihrem eigenen K�rper abzuschirmen.</p><p>In diesem Augenblick brach der gesamte Stock auseinander und sandte einen schwarzen Schauer von Bienen aus, der so dicht wie die Staubmauer eines nahenden Sandsturms war. Die Tiere wirbelten aufgestachelt in alle Richtungen; das tiefe Brummen wurde zu einem w�tenden Schrei, der rasch an Lautst�rke, Tonh�he und Wut zunahm.</p><p>In diesem Moment blieb der Dhrakier pl�tzlich stehen. Er beugte sich �ber den Kanalrand und bedeutete Achmed, dieser solle sich n�her an die Wand begeben. Der Bolg-K�nig gehorchte. Er hielt das Licht hoch, damit Grunthor etwas sehen konnte, und suchte Schutz in dem Schleusenkanal, als eine Welle w�tender Insekten auf sie zuschoss.</p><p>Rhapsody h�rte das st�rker werdende Summen, ergriff den Saum des Nebelmantels, bedeckte damit die Seite von Grunthors Gesicht, das dem Kanal zugewandt war, und hielt das Gewebe wie ein Zelt �ber sie. Der Riese brachte den letzten Teil des Kanals hinter sich, huschte in die Schleuse und setzte Rhapsody sanft ab.</p><p>�Sch�tzte dich�, sagte er dr�ngend. �Wirf das Ding �ber dich selbst.�</p><p>Achmed beobachtete den Aufruhr des Schwarms. Schwarze Trauben von Insekten wirbelten w�tend umher, ihre Ver�rgerung gipfelte in einem anschwellenden Schrei. Er drehte sich um und sah, dass der Dhrakier noch am Eingang des Kanals stand. Er hatte die Augen geschlossen, seine lange, knochige Hand gehoben und die Innenfl�che der H�hle zugedreht. Er sang etwas und wiederholte immer wieder ein bestimmtes Lied. Die Worte ergaben keinen Sinn f�r Achmed; in seinen Ohren klangen sie wie eine andauernd gleiche Abfolge von Summen und Zischen. Doch in seinem tiefsten Inneren wusste er, was der Mann sang.</p><p><emphasis>Feind. Feind. Feind.</emphasis></p><p>Er wusste auch, dass der Dhrakier auf diese Weise die Bienen auf die Drachin lenkte. Er kannte die Art und Weise, wie ein Ameisenhaufen oder ein Bienenschwarm untereinander in Verbindung trat.</p><p>Einen Augenblick sp�ter erwies sich seine Vermutung als richtig. Der Insektenzyklon legte seine ziellose Wut ab und flog wie mit einem gemeinsamen Vorsatz auf die Bestie zu, bedeckte sie vom Maul bis zum Stachel an ihrem Schwanz und �berzog auch ihre Fl�gel, bis diese ganz schwarz waren.</p><p>Die entsetzte Drachin geriet ins Taumeln und wand sich, als die Stacheln wieder ihre Augen trafen. Geblendet stie� sie ein R�hren der Wut aus, dann bahnte sie sich einen Weg zu dem tr�pfelnden Rinnsal, wobei sie heftig gegen den Schwarm ank�mpfte.</p><p>Der Dhrakier �ffnete die Augen und wandte sich an Achmed.</p><p>�Lauft�, sagte er mit seiner tiefen, sandigen Stimme. �Sie wird nur einen Moment lang abgelenkt sein.�</p><p>Der Bolg-K�nig drehte sich um und floh durch die �ffnung und die Schleuse hinauf, wo Grunthor mit heftigen Bewegungen dort einen Tunnel grub, wo der Sandsturm die Spalte zugeweht hatte. Einen Augenblick sp�ter befand sich der Dhrakier hinter ihm. Seine Schritte waren im widerhallenden Kreischen der Drachin unh�rbar gewesen, das nun noch lauter wurde und n�her kam.</p><p>�Bedeck dich und das Kind, Rhapsody. Ich werd dich gleich durchschieben�, sagte Grunthor und schnappte vor Ersch�pfung nach Luft. Rhapsody betrachtete ihr Kind, das seit dem Schrei wieder ruhig war, zog sich das Ende des Nebelmantels, das noch auf Grunthor lag, �ber den Kopf und nickte. Sie war bereit. Der riesige Bolg packte sie und dr�ckte sie durch die letzte Sandschicht. Sie taumelte hinaus in die D�mmerung und den W�stenwind; ein d�nner zunehmender Mond hing drohend am Himmel �ber ihnen.</p><p>�Zu den Pferden!�, rief der Sergeant und tauchte einen Augenblick sp�ter hinter ihr auf. Rhapsody gehorchte. Sie schob den Mantel zur�ck, hielt den Kopf gesenkt und rannte so schnell wie m�glich auf die Ruinen zu. Das Herz h�mmerte ihr in der Brust, w�hrend sie versuchte, unter allen Umst�nden ihr Kind festzuhalten.</p><p>Der Bolg-K�nig und der Dhrakier kamen gerade aus der Spalte hervor, als der Kanal explodierte.</p><p>Eine Woge aus w�tenden, wie wahnsinnig herumwirbelnden Bienen umkreiste den Kopf der Drachin, w�hrend sie in den Tunnel sprang und dabei dessen W�nde zerst�rte. Die Drachin spie immer wieder Feuer, das jedoch meist kaum mehr als Rauch war, denn die Feuersteine in ihrem Magen waren durch den Honig und das s��e Wasser eingelullt. Mit ausgestreckten Krallen hastete sie auf den Dhrakier zu, w�hrend dieser aus der Schleuse stieg, und heulte ihm Drohungen in der Drachensprache hinterher, die nicht einmal sie selbst verstand.</p><p>Grunthor hatte Rhapsody beinahe eingeholt, als Achmed und der Dhrakier aus der Spalte hervorkamen und ihnen �ber die rissigen Lehmd�nen in das verd�mmernde Tageslicht folgten. Der W�stenwind erschuf kleine Sandwirbel �berall um sie herum, die den Horizont verdeckten.</p><p>�Ihr werdet niemals auf den Pferden fliehen k�nnen, selbst wenn ihr sie erreicht�, meinte der Dhrakier, w�hrend sie liefen. �Sie wird uns alle versengen, vor allem da sie fliegen kann. Wir k�nnen ihr nicht entkommen.�</p><p>Achmed blieb schwer atmend stehen und nickte. Er holte die Cwellan hervor und lud sie mit drei hauchd�nnen Stahlscheiben.</p><p>Der Dhrakier hielt ebenfalls inne, wandte sich aber dem Sandsturm zu und begann wieder mit seinem Gesang. Er w�rgte, als der Sand ihm in Mund und Nase fuhr. Sein Mantel umflatterte ihn, doch da, wo er stand, erstarb der Wind allm�hlich. Er war nun still wie eine S�ule aus Luft, ein Auge im wirbelnden Hurrikan.</p><p>Pl�tzlich wurde die Erde in einem entsetzlichen Ausbruch von Steinen und Sand auseinander gerissen, als die Bestie aus der Spalte auftauchte; ihr massiger K�rper zerschmetterte den Boden um die Schleuse. Sie hustete roten Schleim und stie� zusammen mit ihrem widerlichen Feuer tote Bienen aus. Ihr gro�er Schwanz peitschte �ber den Sand und schlug blind nach allem, was in ihrer Reichweite war.</p><p>Dann entfaltete sie ihre Fl�gel. Der verkr�ppelte heilte allm�hlich, aber er war schwarz vor Bienen. Dennoch versuchte sie sich in die Luft zu erheben.</p><empty-line/><p>Rhapsody hielt auf dem Kamm der D�ne an, welche die Ruinen �berblickte.</p><p>�Wo sind die Pferde?�, rief sie ersch�pft Grunthor zu.</p><p>Der Sergeant-Major beschirmte die Augen mit den H�nden.</p><p>�Kann sie nicht sehen�, rief er durch das Kreischen des Windes. �Sind entweder im Sand begraben oder weggelaufen. Hab sie nicht angebunden � f�r den Fall, dass wir nicht zur�ckkommen. Duck dich.�</p><p>Rhapsody hockte sich hin und hielt das strampelnde B�ndel in ihren Armen, als ein gewaltiger Schatten �ber ihrem Kopf dahinglitt und auf einem zerfallenen Turm einige hundert Fu� entfernt landete. Von der Spitze aus sah sich die Bestie um, suchte den Horizont ab, und ihre b�swilligen Absichten waren sogar aus der Ferne deutlich zu erkennen.</p><p>�Zur�ck in deinen Mantel!�, rief Achmed. �Sie sucht <emphasis>dich!�</emphasis> Er zielte mit der Cwellan auf das Biest, doch der peitschende W�stenwind und die Dunkelheit h�llten es ein und machten einen Schuss schwierig.</p><p>�Ich � kann � nicht�, keuchte Rhapsody, w�hrend sie darum k�mpfte, mit ihrem Kind auf dem Arm im Sturm das Gleichgewicht zu behalten. �Es k�nnte � Meridion � enth�llen ��</p><p><emphasis>Kommt.</emphasis> Jeder der drei h�rte das Wort in seinen Ohren. Es war ein kreischendes Kommando hinter ihnen.</p><p>Sie drehten sich um und sahen den Dhrakier, der noch immer die H�nde hochhielt. Vor ihm war die Luft windstill; es war eine Flaute inmitten der wirbelnden Str�mungen � wie eine T�r in der Luft.</p><p><emphasis>Beeilt euch. Die Bestie kommt.</emphasis></p><p>Grunthor und Rhapsody rannten gleichzeitig auf die T�r im Wind zu. Achmed behielt weiterhin die Bestie in der Ferne im Blick, w�hrend der Dhrakier die T�r offen hielt.</p><p><emphasis>Komm, M�rderk�nig. Du bist am n�chsten.</emphasis></p><p>In diesem Augenblick bemerkte die Drachin die Bewegungen auf der windabgewandten Seite der Ruinen. Sie stie� einen d�nnen Feuerstrahl aus, der von den Zinnen herunter in den Boden fuhr und dort die sp�rliche Vegetation in Brand setzte. Entsetztes Kreischen zerriss die Nacht, als die Pferde Feuer fingen. Ihre Schmerzensschreie hallten durch die W�ste.</p><p>Ein schrecklicher Gestank durchwob die Luft; ein Geruch nach Schwefel und brennendem Fleisch. Die Drachin b�umte sich auf und br�llte vor Entt�uschung, dann bemerkte sie eine weitere Bewegung. Noch immer behindert durch ihren zerrissenen Fl�gel, sprang sie auf und glitt zu einer niedrigeren Ruine hinunter, zu einer geborstenen Kuppel mit Bogenfenstern, und richtete den Blick auf die vier menschlichen Gestalten, die im letzten Licht der untergehenden Sonne in den Wind hineinrannten.</p><p>�Mach eine Finte nach rechts, Grunthor!�, rief Achmed, dann feuerte er die Cwellan ab. Die Bestie prallte zur�ck und sog die Luft ein. Ein tiefes, schreckliches Rasseln in ihrer Brust hallte �ber die W�stenebene.</p><p>Der Schuss hatte sie am Fl�gel erwischt, gerade als der Dhrakier den Bolg-K�nig packte und durch die T�r im Wind zerrte. Die Drachin war aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte auf die Kuppel zu und stie� den Atem aus. Diesmal versengte eine gr��ere Welle aus Hitze und Licht den Boden. Der Perlmutt�berzug der Ruinen schimmerte wie im Glanz von Millionen Kerzen auf.</p><p>Der riesige Bolg griff nach Rhapsody, wurde aber selbst pl�tzlich in den wirbelnden Abgrund des Windes gezerrt, gefolgt von dem Dhrakier. Die cymrische Herrscherin bildete die Nachhut und erreichte die T�r gerade noch rechtzeitig, um nicht von den Flammen des Drachenatems eingeh�llt zu werden. Ihr goldenes Haar wirkte wie eine brennende Fackel, als das Feuer auf sie zuschoss, ihr aber nichts mehr anhaben konnte. Sie sprang nach drinnen.</p><p>Die Windt�r schloss sich und lie� die Drachin allein in der Dunkelheit der Ruinen.</p><empty-line/><p>Das Einzige, was die drei Gef�hrten sehen konnten, bevor sich die T�r im Wind wieder �ffnete, war der Ausblick von hoher Warte �ber die W�stenebene, die in einen starken, von Sand durchsetzten Luftstrom geh�llt war, der nach S�dost fegte und den W�stensand vor sich hertrieb. Dann verdunkelte sich der Anblick im R�hren des W�stenwindes und dem Wirbeln einer ungeheuren Kraft, die sie entlang der anschwellenden und absteigenden Schallwellen trug, bis schlie�lich vollkommene S�lle einsetzte.</p><p>Als die Brise, die sie fortgetragen hatte, erstarb, standen die vier an der Basis einer h�gelartigen D�ne, die jenen glich, �ber die sie auf dem Weg zu den Ruinen geritten waren. Die Berge in der Ferne waren noch da, aber sie waren n�her ger�ckt. Die drei Gef�hrten und der Dhrakier hatten beinahe schon die Steppe vor den Oberen Zahnfelsen erreicht.</p><p>Achmed drehte sich um und sah, wie Grunthor den Kopf sch�ttelte, als ob er das Kreischen des Windes oder den Sand aus seinen Ohren vertreiben wollte; dann schaute er hin�ber zu Rhapsody.</p><p>Ihr Gesicht war so bleich wie der aufgehende Mond, und in ihren Armen hielt sie die Asche des Nebelmantels.</p><p>Und sonst nichts.</p></section><section><title><p>34</p></title><p>�Also, das war ja �n netter Trick�, sagte Grunthor zu dem Dhrakier, w�hrend er sich immer noch den Sand aus den Ohren pulte. �Bin selbst schon mal auf dem Wind gereist, aber nur als �� Er verstummte, als er Achmeds Miene sah, dann drehte er sich um und blickte Rhapsody an, die auf die Asche in ihren Armen herunterstarrte.</p><p>Einen Moment lang konnte er nichts mehr sagen. Der Blick in Rhapsodys Gesicht war wie der Blick auf das Ende der Welt. Als ihm schlie�lich wieder Worte �ber die aufgeworfenen Lippen drangen, waren sie sehr sanft.</p><p>�Was ist denn das, Prinzessin? Wo ist der kleine Prinz?�</p><p>Achmed warf ihm einen giftigen Blick zu.</p><p>Die cymrische Herrscherin stand stocksteif da und hielt den Atem an. Als der Schock abklang, sah sie sich rasch um. Ihre Arme zuckten, und die �berreste des Mantels glitten sanft zu Boden wie schwarzer Schnee. Ihre Augen nahmen einen wahnsinnigen Glanz an; das Funkeln der Panik in ihnen war beinahe unertr�glich.</p><p>�Wir � wir m�ssen zur�ckgehen�, stammelte sie, drehte sich um und suchte den Boden ab. �Ich muss � ich muss ihn fallen gelassen haben. Bitte � � � �ffne die T�r wieder � bitte � wir m�ssen zur�ck ��</p><p>�Rhapsody.� Achmeds Stimme war ganz ruhig. �Komm her.�</p><p>Aber die cymrische Herrin h�rte ihn nicht. Das Herz schlug ihr bis zu den Ohren und drohte zu zerspringen. Die Zeit schien f�r sie zum Stillstand gekommen zu sein. Benommen hockte sie sich auf den Boden und st�berte mit den H�nden nach etwas Festem in der Asche, doch da war nichts, nur verbrannte Gewebefetzen und Ru�.</p><p>Schlie�lich sah sie auf.</p><p>�Achmed�, sagte sie leise, �wo ist mein Kind?�</p><p>Der Bolg-K�nig streckte ihr die Hand entgegen.</p><p>�Steh auf�, sagte er sanft.</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf und tastete in der Dunkelheit erneut auf dem Boden herum.</p><p>�Nein, nein, er muss hier irgendwo sein � er � Achmed, hilf mir, mein Kind zu finden.�</p><p>�Rhapsody ��</p><p>�Verdammt, <emphasis>hilf</emphasis> mir � er ist bestimmt hier irgendwo � ich habe ihn doch ganz fest gehalten, Achmed. Bitte hilf mir, ihn zu finden ��</p><p>Der Bolg-K�nig hockte sich vor sie, w�hrend sich die anderen beiden M�nner ansahen. Achmed beobachtete sie schweigend, wie sie auf dem Boden kniete und hilflos mit den H�nden in allen Richtungen �ber die Erde fuhr, bis sie sich schlie�lich wieder ihm zuwandte. Dann brach sie vor den Augen der M�nner zusammen. Achmed fing sie auf, als sie in seine Arme fiel.</p><p>�Nein�, fl�sterte sie. �Bitte, nein.�</p><p>Achmed sagte nichts, sondern fuhr unbeholfen mit seiner knochigen Hand �ber ihr gl�nzendes Haar. Er hielt sie fest, als sie zu zittern begann, dann wurde sie pl�tzlich wieder still und schaute auf in sein Gesicht.</p><p>Ihre Wangen waren tr�nennass und ihre Augen geweitet vor Entsetzen.</p><p>Dann schaute sie hinunter auf ihren Bauch.</p><p>Der sich zwischen ihnen w�lbte.</p><p>Rhapsody fuhr sich mit der Hand �ber den Bauch, der nun gedehnt und geschwollen war. Ihr Blick verschwamm.</p><p>�Das ist unm�glich�, murmelte sie.</p><p>Achmed zog die Brauen zusammen. Er stand auf und zog sie mit sich hoch.</p><p>�Wo ist das Licht?�</p><p>Grunthor lief zu ihnen und �bergab Achmed die Lichtkugel. �Hast sie vor der Schleuse fallen lassen.�</p><p>Achmed hielt die Lichtquelle �ber Rhapsody. Die W�lbung ihres Leibes war nicht zu �bersehen. Zu seinem tiefsten Entsetzen glaubte er einen Augenblick sp�ter, dort eine Bewegung zu bemerken.</p><p>Verbl�ffung und Erleichterung flogen �ber Rhapsodys Gesicht. �Er tritt aus. Ich sp�re, wie er austritt.�</p><p>�Mir wird �bel�, sagte Achmed.</p><p>�Na, seht euch das mal an�, meinte Grunthor, der h�chst erfreut klang. �Der kleine Bengel hat �nen sicheren Platz gefunden. Wie hat er das blo� hingekriegt?�</p><p>��Geboren frei von den Fesseln der Zeit� , sagte Rhapsody. �Vielleicht bedeutet das, dass er in jede Zeit gehen kann, die er kennt � und das ist die einzige andere Zeit, die er bisher kennen gelernt hat.�</p><p>Achmed seufzte; im scharfen Aussto�en des Atems war deutlich seine Ver�rgerung zu sp�ren.</p><p>�Das war ja wohl zu erwarten. Die Geschichte ist voller junger M�nner, die nicht widerstehen konnten, so lange wie m�glich in Rhapsody zu stecken.�</p><p>�Nun, das war nicht nett von dir�, tadelte Grunthor ihn. �Du sprichst schlie�lich von einer Mutter. Wie lautet jetzt der Plan?� Er sah sich in der Dunkelheit nach dem Dhrakier um, doch der Mann war nirgendwo zu sehen. �Und wo ist dein Freund?�</p><p><emphasis>Er steht hinter dir und h�lt die T�r auf.</emphasis></p><p><emphasis>Warum bist du noch hier?,</emphasis> wollte Achmed in der stummen Sprache seiner Art von der Dunkelheit wissen. <emphasis>Es tut mir leid, dich zu entt�uschen, doch ich kann und werde mich nicht an deiner endlosen Suche nach den F�dor beteiligen. Aber wenn ich einem begegne, kannst da sicher sein, dass ich das Ritual kenne und freudig alles tun werde, um ihn zu vernichten. Bist du jetzt zufrieden?</emphasis></p><p><emphasis>Nein. Es gibt vieles, was du noch nicht wei�t.</emphasis></p><p><emphasis>Ich nehme an, das wird immer so sein,</emphasis> antwortete Achmed. <emphasis>Aber nun muss ich erst einmal in mein K�nigreich zur�ckkehren und Vorbereitungen treffen. Wir d�rfen hier keine Zeit mehr verschwenden. Wir haben die Pferde verloren und befinden uns zehn Tagesm�rsche vom n�chsten Au�enposten in den n�rdlichen Zahnfelsen entfernt. Du solltest dich also auf den Weg machen. Ich w�nsche dir viel Gl�ck bei deiner Suche. Es tut mir leid, dass ich dich nach so langer Zeit entt�uschen muss.</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde dich begleiten,</emphasis> sagte die unh�rbare Stimme. <emphasis>Ich werde dir die T�ren im Wind �ffnen, auf dass deine Reise schnell vor�ber sein wird. Und ich werde dir von dem Gef�ngnis und der tiefen Kammer der Unterwelt erz�hlen. Und von deiner Mutter.</emphasis></p><p>Achmed dachte einen Moment lang nach. <emphasis>Ich will dir nicht verpflichtet sein,</emphasis> antwortete der Bolg-K�nig schlie�lich. <emphasis>Ich bewache das Schlafende Kind, und ich werde mich weder bedrohen noch beschwatzen lassen, es nicht mehr zu besch�tzen, auch nicht f�r eine so w�rdige Angelegenheit wie die Uranf�ngliche Jagd. Wir k�nnen gern gemeinsam reisen, und ich werde mir anh�ren, was du zu sagen hast. Aber danach wirst du wieder der M�rder sein und ich der K�nig. Wenn du einverstanden bist, ist das nun unsere Abmachung.</emphasis></p><p>Der Wind umtoste ihn und trieb ihm Sand in die Augen. Die Sterne blinkten hell �ber ihm, w�hrend er auf eine Antwort wartete. Schlie�lich kam sie.</p><p><emphasis>Einverstanden.</emphasis> Der Dhrakier �ffnete eine weitere T�r im Wind, hinter der wirbelnde Luftstr�mungen zu sehen waren. <emphasis>Ich bin Roth, und so kannst du mich nennen.</emphasis></p></section></section><section><title><p>IV</p><p>Der Sturm braut sich zusammen</p></title><section><title><p>35</p></title><subtitle>Golgarn</subtitle><p><emphasis>Alle Eroberungskriege haben denselben Vater,</emphasis> lautete ein Sprichwort bei dem W�stenstamm der Bengard. <emphasis>Es ist der Hunger. Er und seine Enkel � Lust, Gier, Wut, Rache � sind alle aus demselben Sand geformt.</emphasis></p><p>Wenn jemand die Abstammung des Krieges kannte, dann waren es die Bengard. Sie waren gro�e, �lh�utige, kriegerische M�nner und Frauen von gewaltiger Gr��e und beachtlichem Umfang, deren Eroberungskriege in der bekannten Welt ohnegleichen waren, und sie hegten den festen und tiefen Glauben, dass Krieg nicht, nur unvermeidlich, sondern auch n�tig und n�tzlich war. In ihrer andauernden Alarmbereitschaft und dem Willen, aus fast jedem Grund zu k�mpfen, lag etwas beinahe Heiliges, das von dieser Kultur mit ihren begrenzten Rohstoffen und dem kargen Land �ber alles andere gesch�tzt und bewundert wurde. Es war nicht Kampf um des Kampfes willen, sondern eher Kriegsbereitschaft, sei es zum Angriff oder zur Verteidigung, was sie bei einem Ausbruch von Frieden in die Gladiatorenarena trieb.</p><p>Und die Tatsache, dass sie einen Kampf auf Leben und Tod als ziemlich spa�ig ansahen.</p><p>Doch eines hatten die Bengard nie begriffen: W�hrend der Vater des Krieges der Hunger war, so war dessen Mutter zuweilen die Angst.</p><p>Mehr als alles andere f�rchtete Beliac, bei lebendigem Leibe gefressen zu werden. In wachem Zustand verbannte er diese Angst in die Tiefen seines Unterbewusstseins.</p><p>In einer anderen Situation und bei einem anderen Mann h�tte man diese Angst f�r noch irrationaler als viele andere halten k�nnen. W�hrend Angst ein Kobold war, der sich in den schwarzen Schl�nden des Geistes aufhielt und im hellen Tageslicht keine Existenzberechtigung mehr hatte, war die Furcht, lebendig verspeist zu werden, eher seltsam angesichts der �blichen �ngste � der Angst vor der Dunkelheit oder dem Eingeschlossensein, vor Reptilien oder Spinnen, vor der H�he oder dem Scheintod. Wenn es jemand anderes als Beliac gewesen w�re, h�tte man die Angst davor, dass ihm bei lebendigem Leibe das Fleisch abgenagt und vor seinen Augen heruntergeschluckt werde, durchaus als verr�ckt bezeichnen k�nnen.</p><p>Doch Beliac hatte einen besseren Grund als die meisten, sich vor einer solchen M�glichkeit zu f�rchten.</p><p>Beliac war der K�nig von Golgarn, der ans Meer grenzenden Nation im S�dosten hinter den Manteiden, den Bergen, die auch als Zahnfelsen bekannt waren.</p><p>Und seine Nachbarn im Norden waren die Firbolg.</p><p>Im Vergleich zu den anderen Monarchen auf dem Kontinent war Beliac schon lange K�nig von Golgarn. Er hatte den Thron seiner friedfertigen Nation vor mehr als einem Vierteljahrhundert bestiegen, und seine Regentschaft war angenehm gewesen. Sein f�nfundzwanzigj�hriges Jubil�um war von der Bev�lkerung mit einem gro�en Fest gefeiert worden. Die Berge, die f�r den Handel nach Norden ein gro�es Hindernis darstellten, waren zugleich sein gr��ter Schutz, und in Anbetracht der Legenden �ber das Volk, das auf der anderen Seite der Berge lebte, war er f�r diese Barriere sehr dankbar.</p><p>Dennoch erinnerte er sich genau an all die Geschichten des Grauens, die ihm in seiner Kindheit von seinen Kinderm�dchen und Spielgef�hrten erz�hlt worden waren. Es waren Geschichten von pl�ndernden und mordenden Ungeheuern, welche wie Ziegen auf H�nden und F��en durch das Gebirge huschten und nach Beute in Form von menschlichen Kindern suchten. Als er �lter geworden war und die Geschichte des Kontinents studiert hatte, war ihm bewusst geworden, dass diese Schreckensgeschichten einen wahren Kern besa�en und die Firbolg in der Tat eine kannibalische Rasse waren, geh�rtet durch die Eroberungen aller L�nder, in denen sie je gewohnt hatten. Sie hatten von jeder Kultur etwas aufgenommen, mit der sie in Ber�hrung gekommen waren. Sie waren halbmenschliche Ratten, und wie die Ratten taten sie alles, was f�r ihr �berleben erforderlich war � einschlie�lich des Verspeisens ihrer Feinde.</p><p>Es spielte keine Rolle, dass Beliac noch nie einen Firbolg gesehen hatte. Es war gleicherma�en egal, dass bisher keiner seiner Ratgeber oder Verb�ndeten einem begegnet war. Die Firbolg hatten die Bergstadt Canrif in den n�rdlichen Manteiden eingenommen, was gegen Ende des Cymrischen Krieges etwa dreihundert Jahre vor der Regentschaft von Beliacs Vater geschehen war, und seitdem lebten sie dort, jagten gelegentlich Bergziegen, verirrtes Wild und sich selbst. Die Bewohner von Golgarn hatten von ihnen bisher keine �berf�lle und Gewaltt�tigkeiten erdulden m�ssen.</p><p>Aber das war gleichg�ltig.</p><p>Beliac hatte wie jeder andere Junge in seinem K�nigreich als Kind die Geschichten �ber heimliche Angriffe zur Nachtzeit geh�rt, wenn die Bolg durch die Fenster der Kinder kletterten, Neugeborene aus den Wiegen stahlen und sie unter dem Ger�usch mahlender Kiefer und schmatzender Lippen in die Nacht hinaustrugen. Den Legenden zufolge wurden die Kinder st�ckweise verspeist. Es hie�, die Bolg dr�ckten ihnen ein Kissen auf das Gesicht, um sicherzustellen, dass sie keinen Laut von sich gaben, w�hrend die Ungeheuer die Kleinen aus Golgarn von den F��en an nach oben hin verschlangen. Beliac hatte im Alter von acht Sommern die Angewohnheit seiner Freunde angenommen und es vermieden, auf einem Kissen oder ohne Schuhe zu schlafen.</p><p>Als er zum Mann herangereift war, hatte er allm�hlich erkannt, dass diese Geschichten L�gen waren, Legenden wie jene von den Gespenstern und Ungeheuern, welche sich die Kinder gern gegenseitig erz�hlten, um einander zu erschrecken. Dennoch war etwas tief in ihn gepflanzt worden, irgendwo zwischen Verstand und Unvernunft. Im Gegensatz zu den anderen Kindern war er im Bewusstsein der Verantwortung f�r ein ganzes Reich erzogen worden, das er einmal w�rde besch�tzen m�ssen, und diese Verantwortung hatte er nie absch�tteln k�nnen. Es war ihm nicht gelungen, dieses Grauen zu �berwinden, auch wenn er nerv�s dar�ber lachte und versuchte, es aus seinem Bewusstsein zu verdr�ngen.</p><p>Es war eine pers�nliche Schw�che, die er vor vielen Jahren einmal unbedachterweise w�hrend eines Essens, das von den Weingeistern Argauts begleitet worden war, einem seiner Freunde gegen�ber erw�hnt hatte.</p><p>Einem Kaufmann namens Talquist.</p><p>Die Rabengilde von Yarim hatte schon immer einen weiblichen Gildenmeister gehabt.</p><p>Niemand wusste genau, warum das so war. Die meisten Gilden in der Unterwelt der organisierten Diebe und M�rder wurden von einem Meister gef�hrt, dessen St�rke und Unbarmherzigkeit immer wieder auf die Probe gestellt wurde, bis er endlich unumschr�nkt herrschen konnte. Unterst�tzt wurde er dabei von einer ganzen Kohorte �hnlich starker Handlanger und Lakaien. Es war dasselbe System wie in den Pal�sten, Kasernen und Handelsh�usern der ganzen Welt, doch oft fiel man sich nicht so sehr in den R�cken wie dort. Diebe und M�rder wussten im Gegensatz zu K�nigen, Soldaten und H�ndlern, wann sie sich zur�ckziehen mussten.</p><p>Aber in der Rabengilde von Yarim war es anders. Im Gegensatz zu allen Brudergilden auf der ganzen Welt befand sie sich von Anfang an im st�hlernen Griff einer Reihe von Frauen. Daher war sie nicht nur die am besten organisierte aller bekannten Gilden und hielt die gesamte Macht der Hauptstadt Yarim Paar unter strenger Kontrolle, sondern sie war auch die gnadenloseste, und rachs�chtigste.</p><p>Die M�tter der Gilde hatten seit jeher die Notwendigkeit erkannt, sich einen gro�en Teil der Industrie in der Stadt anzueignen � in Yarim Paar handelte es sich hierbei um eine gewaltige Ziegelbrennerei �, sodass die sch�ndlicheren Aspekte der Gildengesch�fte nur Nebenerwerb und Mittel waren, die Oberherrschaft zu behalten. Die Gilde arbeitete �ffentlich, und sogar der Herzog der Provinz wagte es nicht, sie in ihren T�tigkeiten zu behindern. Einer seiner Vorfahren war so dumm gewesen, dies zu versuchen, und daraufhin w�re die dynastische Linie fast untergegangen.</p><p>Daher zeigten die Mitglieder der Rabengilde eine beinahe religi�se Hingabe an ihre Gildenmeisterin. Esten die gegenw�rtige Meisterin, wurde wie eine G�ttin verehrt, seit Dranth, der Kronprinz der Gilde, mit angesehen hatte, wie sie im Alter von acht Sommern einen Soldaten in einer Hintergasse ausgeweidet hatte. Sie war schnell zu einer alles beherrschenden Frau geworden und hatte w�hrend ihres gesamten Erwachsenenlebens die Gilde, die Stadt und einen gro�en Teil der Provinz Yarim in ihrem gnadenlosen Griff gehalten. Die Rabengilde herrschte unangefochten auf dem Schwarzmarkt, bei Diebstahl, Mord und einer Reihe noch grausamerer Verbrechen und erhob ihre Schrecklichkeiten zur reinen Kunstform.</p><p>Doch die Gildenmeisterin war erst k�rzlich und v�llig unerwartet vom General des Bolg-K�nigs ermordet worden.</p><p>Die Gilde litt noch immer unter dem Schock, den sie erfahren hatte, als man ihr in einer Lederkiste den vom Rumpf abgetrennten und nachl�ssig in Pergament eingewickelten Kopf der Meisterin �bersandt hatte. Der ewig w�hrende Bluteid, den alle Mitglieder daraufhin gegen die M�nner geschworen hatten, die nun ihre Feinde waren � Achmed die Schlange, der K�nig von Ylorc, und sein Milit�rkommandant, Estens M�rder �, war das dunkelste Racheversprechen, das je erkl�rt worden war. Wenn die Gilde auf ihrem Geheimtreffen zur Planung sch�ndlicher Verbrechen gewusst h�tte, dass dieser K�nig, sein Sergeant und die cymrische Herrscherin verstohlen �ber den roten Lehm und Sand der offenen W�ste dieser Provinz liefen, dann h�tte sich die Gildenhalle wie ein platzendes Herz pl�tzlich entleert, und Blut w�re auf den W�stensand geflossen, bis er schwarz geworden w�re.</p><p>Doch die Gilde wusste nichts vom Weg der drei durch ihr Gebiet.</p><p>Und die Anf�hrer der Gilde befanden sich nicht in Yarim. Sie waren in Golgarn. Keiner von ihnen hatte je zuvor diese Nation bereist, doch sie suchten dort ihre Brudergilde in den dunkleren Stra�en der Hafenstadt auf.</p><empty-line/><p>Dranth, der Kronprinz der Gilde, blieb angeekelt vor einer schmutzigen Taverne in einer Seitenstra�e des Seemannsviertels stehen und wandte sich an Yabrith, einen der f�hrenden Gildenm�nner, einen Dieb, M�rder und Schl�ger. Der Ausdruck der Ver�rgerung machte Dranths hohlwangiges Gesicht noch be�ngstigender.</p><p>�Was f�r ein Gesch�ft betreibt dieser so genannte Spinnenhaufen?�, fragte er ver�chtlich. �Das hier ist schon der dritte Ort, und alle sind verlassen. Proletarier! Diese Gilde besitzt nicht einmal eine richtige Halle. Ich kann einfach nicht glauben, dass Esten mit ihnen etwas zu tun hatte. Sie sind nichts anderes als Stra�enratten, die von einem Loch ins n�chste huschen, wenn sie wieder einmal aufgescheucht wurden. Es besch�mt mich, dass wir entfernt denselben Beruf haben.�</p><p>Yabrith schaute sich nerv�s in der Gasse um. �Man kann sich nie sicher sein, Herr. Vielleicht sollten wir erst den letzten der Orte �berpr�fen, die man uns genannt hat, oder?�</p><p>�Uns bleibt wohl nichts anderes �brig�, stimmte Dranth ihm zu. Er zog sich die Kapuze seines Mantels enger um den Kopf, ging die Gasse hinauf zum Kai und suchte nach dem Zeichen eines Schmieds, dem Fass mit dem roten Reifen darum.</p><p>Der Wind, der vom Meer her blies, war frisch und salzig, ganz anders als die hei�en Brisen voller Sand und der Rauch aus der Ziegelei, an die sie gew�hnt waren. Als die beiden M�nner die Stra�enecke umrundeten stemmten sie sich gegen den Wind, der nun nach fauligen F�ssern und Fisch sowie nach Pech und verrottendem Holz stank.</p><p>Der Hafen von Golgarn war f�r eine so kleine Nation von beeindruckender Gr��e; seine siebenhundert Kais und Docks waren zu jeder Jahreszeit voll besetzt. Golgarns Marine hatte ihren eigenen Au�enhafen, durch den alle Handels- und Kriegsschiffe fahren mussten und der die Docks davor bewahrte, zu einem Zufluchtsort f�r illegalen Handel zu werden. Der Haupterwerb des Landes war der Handel, denn es besa� einen der �stlichsten gesch�tzten H�fen der bekannten Welt, der zu weit von Sorbolds Skelettk�ste entfernt war, um in Konkurrenz zu ihr zu treten. Der zweitgr��te Erwerbszweig war die diesen Handel unterst�tzende Gastfreundschaft. Tavernen, Herbergen und Wirtschaften jeder Art s�umten die Stra�en, die vom Wasser wegf�hrten, und k�mmerten sich um alle m�glichen Bed�rfnisse ihrer seefahrenden Kundschaft.</p><p>Der �stlichste Teil der Stadt, der unter dem Namen Juwelenstra�en bekannt war, war der eleganteste; er hatte wundersch�ne Wirtsh�user, teure Speiselokale und gut ausgestattete L�den, die mit allen m�glich Waren aus der bekannten Welt sowie mit den Erzeugnissen der ber�hmtesten Weber und Goldschmiede Golgarns handelten, welche die au�ergew�hnlich weiche Wolle der heimischen Bergschafe und die Saphire, Rubine und Turmaline aus den Minen in den Bergen verarbeiteten.</p><p>Je weiter man von den Juwelenstra�en wegging, desto schlichter wurden die Angebote. Der Mittelpunkt der Stadt, der um ein riesiges Wohnheim mit dem Namen <emphasis>Seemannsrast</emphasis> herumgebaut war, war ein sauberes, freundliches Gebiet mit vielen Gastst�tten und L�den f�r die Arbeiter und Arbeiterinnen der Stadt und f�r all jene, welche zur See fuhren und eine ruhige, friedliche Nacht verbringen wollten, bevor sie wieder ausliefen.</p><p>Weiter im Westen, bei den weniger besuchten Piers und den Fischerd�rfern, waren die L�den und Bierh�user heruntergekommener. Hier zogen die �rmeren S�hne Golgarns schon seit unvordenklichen Zeiten den Lebensunterhalt f�r sich und ihre Familien aus dem Wasser. In diesen Stadtteilen war das Leben rauer, die Polizei weniger sichtbar, doch die Marinesoldaten und die bewaffnete K�stenwache waren niemals allzu weit entfernt. Der Handel �bers Meer zog auch unangenehme Elemente an, und so hatte Golgarn eine der am besten ausger�steten Seestreitkr�fte der bekannten Welt, nicht um einen Seekrieg zu f�hren oder mit ihren Armadas andere Hafenst�dte zu bedrohen, sondern um Piraten und anderen Abschaum des Meeres fernzuhalten, der die K�stennationen als Beute ansah.</p><p>Als Dranth und Yabrith im verd�mmernden Nachmittagslicht �ber die Kaianlagen gingen, suchten sie �ber ihren K�pfen nach dem Zeichen eines Schmieds. Bald wurde es deutlich, dass die Luft �ber den Fischr�ucherbuden eine andere Farbe hatte als �ber den Gesch�ften, die dauerhaftere G�ter verkauften; also verlie�en sie die Stra�en in unmittelbarer Hafenn�he und begaben sich tiefer in den westlichen Distrikt hinein, wo schmale Gassen zwischen geschw�rzten Steingeb�uden verliefen, deren L�den und Treppen zum gr��ten Teil zerfallen oder in der salzigen Luft verrottet waren.</p><p>Vor einem solchen Haus, dessen Ladenfront wie ein g�hnendes Maul ge�ffnet war, befand sich ein Fass mit einem roten Metallreifen darum. Bei�ender schwarzer Rauch stieg aus dem breiten Kamin und quoll auch aus der Front des kleinen Hauses, wodurch die �ffnung zur Stra�e hin noch mehr wie ein d�monischer Mund aussah. Ein harsches, tiefes Rasseln drang aus dem Laden.</p><p>�Das ist die letzte Adresse�, fl�sterte Yabrith.</p><p>Dranth schlenderte zur T�r, f�chelte den Rauch beiseite und schaute hinein.</p><p>Ein schwerer Mann mit muskul�sen Armen und einem vorstehenden Bauch schlug mit einem enormen Vorschlaghammer auf einen Amboss und brachte einen rot gl�henden eisernen Reif in Form. Sein beinahe haarloser Kopf wurde von einem schneewei�en Kranz gekr�nt, dem einzigen Teil von ihm, der zumindest ann�hernd hell war, so sehr war er mit Ru� bedeckt. Sein Gesicht gl�nzte rot in der Hitze des Schmelzfeuers, und er grunzte bei jedem Hammerschlag auf. Drei d�rre Jungen wechselten sich an einem alten, zerknitterten Blasebalg ab.</p><p>Dranth unterdr�ckte sein Missfallen und trat durch den Rauch.</p><p>�Jan Burgett?�</p><p>Der Mann am Amboss schaute auf. Er schlug noch zweimal kurz auf den Reif ein und legte dann den Hammer neben den Amboss.</p><p>�Wer will das wissen?�</p><p>�Ich �berbringe dir Gr��e von meiner Kusine in den Bergen�, antwortete Dranth. Das war eine Parole, die nur jene kannten, die mit den dunkelsten Geheimnissen der Gilde vertraut waren.</p><p>Der schwere Mann atmete tief ein und d�mpfte das Feuer. Er drehte sich um und br�llte �ber seine Schulter: �Taffi! Komm her und k�mmere dich um den Amboss. Ihr Lehrlinge, macht weiter mit dem Blasebalg.�</p><p>Ein dicker, schwarzhaariger Mann mit wieselartigem Gesicht tauchte aus dem hinteren Bereich des Raumes auf. Der schwere Mann nahm seine Ledersch�rze ab und warf sie ihm zu, dann wischte er sich die H�nde an der Hose ab und kam her�ber zu Dranth und Yabrith.</p><p>�Hat deine Kusine auch einen Namen?�, fragte er.</p><p>�Ja�, antwortete Dranth. �Sie hei�t Esten.�</p><p>�Hmmm�, meinte der Mann. �Dann glaube ich, dass ich Jan B�rgert bin. Was wollt ihr Herren von mir?�</p><p>�Ich will dir ein Gesch�ft vorschlagen�, sagte Dranth.</p><p>Der Mann grinste breit. �Hat dein Pferd ein Hufeisen verloren?�</p><p>�Ja�, sagte Dranth mit bei�ender Sch�rfe. �Genau das.�</p><p>Der breite Mann kicherte, nickte Taffi zu und bedeutete den beiden M�nnern, ihm zu folgen.</p><p>Er f�hrte sie schweigend aus der von Rauch erf�llten Schmiede und durch die schmale Gasse zur�ck zum Kai. Dranth und Yabrith waren solches Schweigen gew�hnt.</p><p>Sie folgten ihm an bauf�lligen H�tten und Rasth�usern vorbei, an Tavernen und Herbergen, bis sie schlie�lich zum Wasser kamen. Der Mann, der sich Jan Burgett nannte, pfiff fr�hlich, w�hrend sie sich dem Kai n�herten, und ging geradewegs auf ein langes Dock am westlichen Ende der Stadt zu, das bereits mitten im Fischerdorf lag.</p><p>Die Nacht brach herein, und niemand schenkte ihnen Aufmerksamkeit. Dutzende Fischer kamen, entluden ihren zweiten Fang des Tages, leerten die Ausbeute ihrer Muschelfallen und Hummert�pfe in Wagen und Pferdekarren, die entlang des Kais standen, und begossen die Schalentiere mit Meerwasser. Was um sie herum vor sich ging, beachteten sie nicht. Die Unruhe dieser abendlichen T�tigkeiten war so ansteckend, dass niemand bemerkte, wie die drei M�nner vor�bergingen.</p><p>Dranth und Yabrith wechselten einen raschen Blick, als der Schmied auf die lange Pier stieg und auf deren Ende zuging. Keiner von beiden war je auf dem Wasser gewesen, keiner hatte je zuvor das Meer gesehen, doch Dranth hatte Eis in den Adern, und Yabrith hatte so viel Angst vor Dranth, dass er ihm nichts verweigern konnte. Nach ganz kurzem Z�gern betraten beide behutsam die schwankende Pier und folgten dem schweren Mann bis ans Ende.</p><p>W�hrend sie dahingingen, beobachteten sie beunruhigt, wie der Mann sich umdrehte und �ber das Wasser schritt � so schien es jedenfalls. Doch als sie das Ende der Pier erreicht hatten, sahen sie, dass er in einem kleinen Boot stand und soeben ein zusammengerolltes Seil von den rauen Planken warf, die als Sitze dienten. Der Mann schaute zu ihnen hoch und grinste.</p><p>�Kommt an Bord, meine Herren�, sagte er.</p><p>�Wohin fahren wir?�, wollte Dranth wissen, dessen dunkle Augen nerv�s Pier und Wasser absuchten.</p><p>Der Schmied zuckte die Schultern. �Ich dachte, ihr wollt Jan Burgett sehen�, meinte er fr�hlich. �Mein Fehler � ich w�nsche euch noch einen sch�nen Tag.�</p><p>Dranth stie� laut die Luft aus und sah in Richtung des offenen Meeres. In der Ferne erkannte er einige Boote mittlerer Gr��e, die zwar weit drau�en, aber noch innerhalb des Hafengel�ndes vor Anker lagen. Er musste zugeben, dass ein solcher Ort ein ausgezeichneter Schlupfwinkel f�r ein Unternehmen wie den Spinnenhaufen darstellte. Es war ein bewegliches Versteck, das an allen Seiten von Wasser umgeben war, und es bestand kaum die Gefahr, dass man belauscht wurde.</p><p>Die beiden W�stenbewohner rissen sich zusammen und stiegen in das Ruderboot. Yabrith stolperte und fiel auf die Knie, als das Boot unter ihm schaukelte, was den Schmied sehr erheiterte. Er bot Dranth seine Hand an, doch der Gildenprinz sch�ttelte den Kopf und kletterte vorsichtig hinunter. Dabei verursachte er nur ein sehr geringes Schwanken. Er setzte sich auf die glitschige Planke, schluckte seinen Ekel herunter und versuchte sich nicht von dem Geruch �berw�ltigen zu lassen.</p><p>Der Schmied nahm am anderen Ende des kleinen Bootes Platz, steckte die Ruder in die Riemendollen und ruderte auf die anderen Boote zu.</p><p>W�hrend der ganzen Fahrt versuchten Dranth und Yabrith, den Inhalt ihrer M�gen bei sich zu behalten. Wasser war ein wertvolles und seltenes Gut in Yarim; daher waren der Anblick des endlosen Meeres und der dazu geh�rige Geruch sowie die Bewegungen �berw�ltigend. Als das kleine Boot die anderen erreicht hatte, waren beide M�nner zur offensichtlichen Freude des Schmieds gr�n im Gesicht. Der Mann ruderte weiter, bis sie den Rand der Ansammlung von Schiffen erreicht hatten, wo Kabinenkutter und muschelverkrustete Schleppnetzfischer anmutig auf den Wellen schaukelten.</p><p>Als sie n�her kamen, pfiff der Schmied eine fr�hliche Melodie, die durch das Ger�usch der pl�tschernden Wellen drang, welche gegen die Bootsr�mpfe schlugen. Allm�hlich sank die Sonne hinter den Rand der Welt und tauchte das Meer in ein rotes Licht, das nun einem gekr�uselten Teich aus Blut �hnelte.</p><p>Kurz darauf erschien ein kleiner runder Mann mit einer dunkelblauen Kappe und Jacke an Deck des n�chstgelegenen Schiffes. Mit den H�nden in den Hosentaschen stand er da und beobachtete das herannahende Ruderboot.</p><p>Als es schlie�lich l�ngsseits gekommen war, sicherte der Schmied die Ruder und stand auf. Er ergriff das Seil und warf es dem runden Mann zu, der es mit einer so raschen Bewegung auffing, dass Dranth nicht einmal gesehen hatte, wie er die H�nde aus den Hosentaschen genommen hatte. Die beiden M�nner aus Golgarn vert�uten das Boot an den Halterungen des anderen Schiffes; dann stieg der Schmied mit leichten Bewegungen aus und kam an Deck. Er drehte sich um und bedeutete Dranth und Yabrith, ihm zu folgen.</p><p>Die beiden yarimesischen M�rder schauten einander an.</p><p>�Kommt ihr?�, fragte der Schmied geduldig.</p><p>Dranth erhob sich langsam und trat vorsichtig �ber das Dollbord, wobei er versuchte, nicht hinunter auf das gr�ne Meer zu schauen, das zwischen den beiden Booten lauerte. Er trat an Deck und glitt auf der salzigen Gischt aus, doch es gelang ihm, das Gleichgewicht wieder zu finden. Rasch drehte er sich um und zog Yabrith hin�ber, dann deutete er ungeduldig auf den Schmied, der kichernd hinter dem Bug des Schiffes verschwand.</p><p>Die beiden M�nner aus Yarim folgten ihm rasch. Als sie ebenfalls den Bug umrundet hatten, stellten sie fest, dass sie auf einen ganzen Korridor aus Booten starrten, die Nase an Nase lagen und sanft auf den Wellen schaukelten. W�hrend einige dieser Boote offene Skiffe waren, handelte es sich bei den meisten um Schleppnetzfischer und Hausboote mit dunklen Kaj�ten, in denen Lichter unheilverk�ndend flackerten.</p><p>Der Schmied erschien wieder, sechs Boote entfernt.</p><p>�Kommt ihr Herren zurecht?�, fragte er f�rsorglich. �Oder habt ihr vor, zur�ckzuschwimmen?� Er lachte laut auf und verschwand in der Schw�rze des Hausbootes.</p><p>Dranth und Yabrith holten gleichzeitig tief Luft und bahnten sich langsam und vorsichtig einen Weg zwischen den Vert�uungen entlang, w�hrend das rote Licht auf dem Meer allm�hlich zum Grau der herannahenden Nacht verblasste.</p></section><section><title><p>36</p></title><p>In der dunklen Kaj�te vor ihnen brannte eine Kerze.</p><p>Dranth sp�hte in das Innere.</p><p>�Kommt doch bitte herein. Es ist unh�flich, in der T�r stehen zu bleiben.�</p><p>Die Stimme war vollt�nend und tief, aber sie hatte etwas Messerscharfes an sich. K�rperlos drang sie aus der Schw�rze der Kaj�te. Dranth suchte nach ihrem Ursprung, doch die Schatten waren zu dicht und bewegten sich andauernd unter dem Schaukeln des Bootes. Er riss sich zusammen und trat durch die �ffnung.</p><p>In dem kleinen, offenen Raum flammten weitere Kerzen auf. Dranth, dem solche Versammlungstaktiken nicht fremd waren, blieb ruhig und wartete darauf, dass die Beleuchtung die Schatten vertrieb. Er sah Schemen in den Ecken; sie waren so weit von den Kerzen entfernt, dass er sie nicht genau erkennen konnte, doch sie waren nahe genug, um ihre Anzahl deutlich werden zu lassen. Den Umrissen zufolge war einer von ihnen der Schmied. Dranth sch�tzte, dass sich zus�tzlich zu ihm und Yabrith, der noch in der T�r stand, acht Personen im Raum befanden. Er schnippte mit den Fingern, und sein Handlanger trat ein.</p><p>Die flackernde Kerze, die schon die ganze Zeit �ber gebrannt hatte, ergl�hte heller, als weitere Dochte an ihr entz�ndet wurden. Dranth sah, dass ein schmaler Mann mit roten Haaren und d�nnen, scharfen Gesichtsz�gen dies erledigte. Seine Augen waren riesig und eulenhaft, sie glommen wie Leuchtfeuer in der Finsternis. Als sich das Licht im Raum ausbreitete, erkannte er, dass der Mann drahtig und nicht sonderlich gro� war. Seine blasse Haut war von der Sonne gegerbt und faltig vor Alter und vielleicht auch vor �berm��ig genossenem Alkohol.</p><p>�Und wer besucht uns an diesem sch�nen Abend?�, fragte der rothaarige Mann.</p><p>�Dranth von der Rabengilde�, antwortete der Kronprinz. �Ich komme unter der Schutzherrschaft des Goldenen Ma�es.�</p><p>Einige der dunklen Gestalten im Raum tauschten Blicke aus, doch der Rothaarige nickte blo�. Diese Parole war nur den Gildenhierarchen bekannt, seien es Kaufleute, Handwerker oder Diebe. Dranth hatte sie benutzt, um best�tigt zu bekommen, was er bereits vermutet hatte. Der Mann am Tisch war der Anf�hrer des Spinnenhaufens.</p><p>�Ist das so, Dranth von der Rabengilde?�, fragte der Rothaarige beil�ufig. �Und was willst du?�</p><p>�Ich suche Jan Burgett.�</p><p>�Du hast ihn gefunden�, meinte der Mann. �Und welchem Umstand verdanke ich das Vergn�gen deines Besuchs? Das ist das erste Mal, dass einer aus deiner Gilde pers�nlich herkommt. F�r gew�hnlich haben wir uns mit eurer Herrin durch Brieftauben unterhalten.�</p><p>Dranths dunkle Augen nahmen in dem Zwielicht einen Ausdruck der Ungeduld an.</p><p>�Ich muss dir einen Vorschlag machen, der zu wichtig ist, um ihn einem Boten anzuvertrauen.�</p><p>�Ach, wirklich?�, meinte der Mann, der sich Jan B�rgert nannte, belustigt. �Wir f�hlen uns nat�rlich geehrt. Was ist das denn f�r ein bedeutsamer Vorschlag? Und warum ist eure Herrin nicht pers�nlich hergekommen, wenn er so wichtig ist?� Er deutete auf zwei St�hle vor dem Tisch. �Bitte setzt euch. Ihr seht etwas gr�n im Gesicht aus.�</p><p>Dranth wusste nicht, ob der Gildenmeister ihn auf die Probe stellen wollte oder ob die Nachricht die fernen Ufer Golgarns noch nicht erreicht hatte, doch er entschied, dass angesichts der Entfernung kaum ein Risiko bestand, wenn er die Wahrheit sagte. Und angesichts der Flaschen mit Gift, die er an seinem K�rper versteckt hatte und gegen das er und Yabrith immun waren, das aber bei einem Angriff auf ihn sofort zum Einsatz kommen w�rde.</p><p>Er setzte sich und bedeutete Yabrith durch ein Nicken, dasselbe zu tun.</p><p>�Esten ist tot. Sie wurde ermordet�, sagte er nur. Die Worte waren hart f�r ihn. Beim Gedanken an das, was geschehen war, fra� immer noch der Schmerz in seinen Eingeweiden. �Ich spreche jetzt f�r die Gilde.�</p><p>Die Schatten im Raum tauschten erneut Blicke aus. Aus einer Ecke drang sogar ein Laut des Erstaunens, wie Dranth mit Befriedigung feststellte. Der Ruf seiner Herrin war allgemein bekannt.</p><p>Und das zu Recht.</p><p>Nur der Rothaarige schien unbeeindruckt zu sein.</p><p>�Es tut mir leid, das zu h�ren�, sagte Burgett. �Wie lautet dein Vorschlag?�</p><p>Dranth verschr�nkte die H�nde auf dem Tisch vor sich. �Ich brauche deine Hilfe dabei, einige Informationen zu s�en, die f�r einen Freund von mir wichtig sind�, sagte er geradeheraus. �Es ist eine einfache Aufgabe, und sie ist leicht zu erledigen, besonders wenn man die Neigung des Spinnenhaufens in Betracht zieht, andauernd sein Hauptquartier zu verlagern.�</p><p>B�rgert grinste breit und enth�llte dabei bemerkenswert wei�e Z�hne.</p><p>�Ja, so sind wir wirklich�, sagte er. �Wie unsere Namensvettern. Ich vermute, du hast schon einmal Dockspinnen oder vielleicht ihre in der W�ste wohnenden Vettern gesehen, die mit einzigartiger Kunstfertigkeit ihre Netze in Traufen oder zwischen Zaunpf�hlen oder um Pylone spinnen. Dann kommt jemand mit einem Besen oder einem St�ck Stoff und zerst�rt diese wundervolle Sch�pfung mit einem einzigen Wisch, aber am n�chsten Morgen ist das Netz wieder da, entweder an derselben Stelle oder an einer anderen, aber genauso gro�artig.�</p><p>�Ich glaube, das habe ich schon gesehen�, sagte Dranth nur.</p><p>�So ist es auch mit unserer Gilde. Im Gegensatz zu deiner, die, wie ich h�re, dank eures schwachen Provinzf�rsten ganz offen operiert, sind wir eine arme Bande, die unter dem Druck der Krone steht. Wegen all dem Handel im Hafen von Golgarn ist jede zweite verdammte Person auf der Stra�e ein Soldat oder ein Marineinfanterist, der dazu ausgebildet ist, gegen Piraten und andere Verbrecher des Meeres zu k�mpfen. Um es kurz zu machen, Dranth, Golgarn wimmelt vor Gesetzesh�tern. Da bleibt einer Gilde, die etwas auf sich h�lt, nichts anderes �brig, als im Schatten zu operieren und sich anzupassen.�</p><p>�Das verstehe ich�, sagte Dranth. �Und wenn ihr einverstanden seid, mir zu helfen, kann ich euch vielleicht dabei helfen, diese Lage zu �ndern.�</p><p>Die schattenhaften Gestalten sahen einander an.</p><p>�Tats�chlich?�, fragte Jan Burgett. �Das ist ein gro�es Wort. Teile uns die Einzelheiten deines Vorschlags mit.�</p><p>Dranth lehnte sich zur�ck. Er griff in seinen Umhang und zog ein in Leder eingewickeltes P�ckchen heraus.</p><p>�Ihr werdet euch wieder bei einem eurer fr�heren Pfosten oder Pylone treffen � an einem Ort, der fr�her schon einmal durchsucht wurde und als euer Treffpunkt bekannt ist und wo euer sprichw�rtliches Spinnennetz weggewischt worden ist. Es ist egal, wo das ist, solange die Krone diesen Ort kennt. Ihr werdet daf�r sorgen, dass sie davon erf�hrt � und sie wird ihn abermals st�rmen. Wenn sie das tut, habt ihr euch nat�rlich schon in alle Winde zerstreut, aber sie werden verschiedene Beutest�cke, vielleicht auch Waffen, Schmuggelwaren und vor allem diese Dokumente hier finden.�</p><p>�Und wenn ich diese Dokumente lesen k�nnte, was w�rde ich aus ihnen erfahren?�</p><p>Das Boot schwankte st�rker, und Dranth drehte es den Magen um. Die M�nner des Spinnenhaufens schienen es nicht zu bemerken.</p><p>�Es sind Karten�, sagte er. �Karten von Tunneln f�nf Meilen hinter Golgarns nordwestlicher Grenze, wo die Firbolg lagern und sich zum Angriff sammeln.�</p><p>Der einzige Laut im Raum waren das Knirschen des Schiffes und das Pl�tschern der Wellen.</p><p>Dann lachten die Schatten wie ein Mann auf.</p><p>�Die Firbolg?�, meinte Jan Burgett ungl�ubig. �Bist du sicher, dass sie sich nicht auch noch mit den Kobolden und den Trollen verb�ndet haben?�</p><p>Dranth erwiderte das Lachen nicht.</p><p>�Ich versichere dir, Burgett, dass euer K�nig ein solches Lager in den Bergen finden wird, wenn er seine Sp�her losschickt, um den Wahrheitsgehalt dieser Dokumente zu �berpr�fen � und das wird er tun.�</p><p>�Wird er das?�</p><p>�Ja, das wird er. Schlechte sanit�re Einrichtungen, Knochen vor den H�hleneing�ngen, das ganze Albtraumszenario � auch wenn ihr und ich wissen, dass das Ganze l�cherlich ist. Es hat mich einiges gekostet, das alles aufzubauen, aber es ist beeindruckend realistisch.�</p><p>Der Rothaarige l�chelte und runzelte gleichzeitig die Stirn. Dann verschr�nkte er die Finger ineinander und legte die H�nde auf seinen Bauch.</p><p>�Also gut, ich bin beeindruckt. Aber was f�r ein Gewinn liegt f�r dich � und f�r mich � darin, Beliac davon zu �berzeugen, dass die Bolg sich in den Bergen vor Langswerth sammeln?�</p><p>�Es ist ein Ablenkungsman�ver�, erkl�rte Dranth. �Beliac wird �ber die Vorstellung, dass Golgarn ein Fressen f�r die Firbolg wird, in Panik geraten. Und da er nicht die Landstreitkr�fte hat, um etwas dagegen zu unternehmen, wird er sich an einen Verb�ndeten wenden, der diese Heere besitzt. Im Gegenzug wird er seine Seestreitkr�fte und das traurige kleine Heer, das er hat, jenem Verb�ndeten zur Verf�gung stellen, wenn er nur vor den gro�en, b�sen Firbolg gerettet wird � die sich �berhaupt nicht daf�r interessieren, ob ihr oder wir leben oder sterben. F�r euch bedeutet das, dass die Allgegenwart des Milit�rs vorbei ist. Sobald die M�nner von Golgarn in den kommenden Krieg ziehen, k�nnt ihr aus den Schatten ans Licht kriechen und werdet auf viele ungesch�tzte Zivilisten und Besucher eures sch�nen Landes treffen, die nicht l�nger den gewohnten Schutz genie�en. Die Schiffe will ich dabei erst gar nicht erw�hnen. Ihr k�nnt eure T�tigkeit aus der Schattenzone herausholen und tun, was immer euch beliebt. Und mein vorhin genannter Freund der zuf�llig der Verb�ndete ist, an den sich Beliac wenden wird, wird die Unterst�tzung erhalten, die er f�r seinen Krieg unbedingt braucht.�</p><p>Burgett stie� verwundert die Luft aus. �Und was springt f�r dich dabei heraus?�</p><p>Ein feines L�cheln durchbrach schlie�lich Dranths steinerne Miene.</p><p>�Die Rabengilde wird das erhalten, was sie am meisten begehrt � Rache an denjenigen, deren Taten mir zu meiner Stellung verholfen haben.�</p><p>Die eulenartigen Augen funkelten vor Neugier.</p><p>�Sehr gut�, sagte der Rothaarige; seine tiefe Stimme klang sanft und vollt�nend. �Ich nehme deinen Vorschlag an, Dranth von der Rabengilde. Geh zur�ck zum Kai � folge dem Mann, mit dem du hergekommen bist � und geh allein in der Nacht zu einer Herberge im Windschatten des n�rdlichen Stadttores. Du wirst den Ort an den Brandmalen drau�en und an dem wei�en Stroh seines Dachs erkennen. Nimm die Seitent�r und bitte die Frau hinter dem Tresen, sie m�ge ihren Mann herausschicken, weil du mit ihm reden willst. Sag ihm, du willst einen Karrengaul kaufen, und gib ihm deine Papiere. Du kannst sicher sein, dass man sie so auffinden wird, wie du es dir erhoffst.�</p><p>�Und wie lautet der Name des Mannes, den ich suche?�, fragte Dranth, w�hrend er vom Tisch aufstand und fest mit beiden Beinen auftrat. �Nur f�r den Fall, dass es am Tresen der Herberge mehr als eine Frau mit einem Mann gibt.�</p><p>Die perlenartigen Z�hne schimmerten wei� in der Dunkelheit der Kaj�te.</p><p>�Nun, sein Name lautet nat�rlich Jan Burgett.�</p><p>Nachdem die Herberge durchsucht worden war, landeten die Papiere in Windeseile auf Beliacs Schreibtisch.</p><p>Der K�nig befand sich beim Fr�hst�ck und s��te gerade seinen Haferbrei mit Zuckersirup, als der Bote eintraf, den der �beraus t�chtige Kommandant der Stadtpolizeibrigade losgeschickt hatte.</p><p>Der K�nig �ffnete das P�ckchen des Kommandanten, las den Inhalt und spuckte das Fr�hst�ck �ber die ganze L�nge des Tisches aus. Die K�nigin von Golgarn, die ihm gegen�ber sa�, stand angeekelt von ihrem Stuhl auf, w�hrend seine erwachsenen Kinder ein Lachen unterdr�ckten.</p><p>Sofort wurden Sp�her losgeschickt, wie Dranth vorhergesagt hatte. Als sie die Bergp�sse im Nordwesten der Pr�fektur Langswerth betraten, bot sich ihnen ein Anblick, der schon seit tausend oder mehr Jahren in den Bereich des Albtraums verbannt war.</p><p>Vom Beginn des ersten Passes bis zum Gipfel des H�gels, hinter dem das Reich der Berge begann, erstreckte sich ein aus menschlichen Knochen gebildeter Pfad, der von sorgf�ltig eingerammten Pfl�cken flankiert wurde.</p><p>Auf jedem dieser Pfl�cke steckte ein menschlicher Kopf in den verschiedensten Stadien der Verwesung.</p><p>Der Gestank des Lagerplatzes, der von unterschiedlichen ekelhaften Quellen herr�hrte, war so �berw�ltigend, dass zwei der vier Sp�her sofort umdrehten und sich �bergaben. Die beiden unerschrockeneren, die etwas st�rkere M�gen hatten, wagten sich in den Schutz der B�ume neben dem Pfad und gingen weiter, bis sie eine Stelle erreichten, wo sie durch ein Fernglas das Lager selbst beobachten konnten.</p><p>Eine Reihe von H�hlen, die von unten aus nicht sichtbar gewesen waren, wurden von gro�en, menschen�hnlichen Kreaturen bewacht. Sie waren zottig und mit Schmutz �berzogen und waren damit besch�ftigt, grausam aussehende Waffen zu sch�rfen und Katapulte mit Armen aufzustellen, die mit Leichtigkeit Gewichte von zweihundert Steinen oder mehr heben konnten. Sie schienen mit ihren Waffen auf den Bergp�ssen den Abwehrkampf zu �ben, doch es gab auch Anzeichen daf�r, dass sie weiter oben in den Bergen �hnliche Lager errichtet hatten, von denen aus die Stadt nicht nur sichtbar, sondern auch in Reichweite war.</p><empty-line/><p>Dranth und Yabrith blieben in Golgarn und bezogen Zimmer in der wunderbaren Herberge <emphasis>Zur Seeherzogin</emphasis> im Herzen der Juwelenstra�en. Sie genossen die gute K�che der Hafenstadt, einschlie�lich der neuen Erfahrung der Meeresfr�chte, die ganz nach Dranths Geschmack waren, wie er feststellen konnte. Yabrith litt noch unter dem Geruch der See und vermochte nichts Anspruchsvolleres als Fischeintopf herunterzubekommen.</p><p>Es war nur eine Sache von Tagen, bis die Nachricht den Palast erreicht hatte. Zwar waren beide M�nner nicht an den Gespr�chen des K�nigs mit seinen Sp�hern beteiligt, aber an deren Ausgang konnte kein Zweifel herrschen.</p><p>Sie sa�en eines sch�nen Morgens auf der Terrasse der <emphasis>Seeherzogin,</emphasis> als eine Kutsche der k�niglichen Post durch die gut gepflasterten Stra�en klapperte. Der Fahrer trieb die Pferde unbarmherzig an, damit er die ablaufende Flut nicht verpasste.</p><p>�Was wird die Botschaft, die er bei sich hat, wohl sagen?�, fragte Yabrith m��ig und pulte sich mit einem Elfenbeinstocher die Wurstreste aus den Z�hnen, w�hrend sie zusahen, wie der Fahrer einem Soldaten bei den Docks ein versiegeltes P�ckchen �bergab.</p><p>�Ich habe nicht die leiseste Ahnung�, meinte Dranth und faltete seine Serviette zusammen. �Aber irgendetwas sagt mir, dass es f�r uns an der Zeit sein k�nnte, nach Hause zur�ckzukehren. Ich habe die Gastfreundschaft des Jan Burgett jetzt lange genug ertragen.�</p></section><section><title><p>37</p></title><subtitle>Kraldurge, Ylorc Bolglande</subtitle><p>Tief im alten cymrischen Land, hinter der wei�en Heide jenseits des Tales und gesch�tzt durch einen hohen inneren Kreis aus Felsformationen, lag Kraldurge, das Reich der Geister. Es war der einzige Ort, den kein Bolg betrat. Seinem �u�eren Anschein nach war er absto�end und trostlos.</p><p>Welche schreckliche Trag�die sich hier abgespielt hatte, war aus den Legenden nicht mehr deutlich zu ersehen, doch sie war so verheerend gewesen, dass sie eine dauernde Narbe im Andenken der Firbolg hinterlassen hatte, die in diesen Bergen lebten. Nur in widerstrebendem Fl�stern sprachen sie von Knochenfeldern und wandelnden D�monen, die jede Kreatur verzehrten, welche das Ungl�ck hatte, ihre Wege zu kreuzen; und sie erz�hlten von Blut, das aus dem Boden aufstieg, und von Winden, die jeden entz�ndeten, den sie auf der Ebene erwischten.</p><p>Es war auch der Ort, der den Anfang der L�nder bezeichnete, welche der Ersten Frau ihres K�nigs geh�rten, wie die Firbolg Rhapsody nannten. Das war ein noch besserer Grund, sich dieser Gegend nicht einmal zu n�hern.</p><p>In einem Kreis von W�chtersteinen, die sich hoch in die Berge um sie herum reckten, lag eine mit Blumen �bers�te Wiese, welche Rhapsody bei ihrem ersten Besuch an diesem Ort gepflanzt und um die sich w�hrend ihrer Abwesenheit niemand mehr gek�mmert hatte. Im Mittelpunkt der Wiese befand sich eine h�gel�hnliche Erhebung, der Rhapsody damals wegen der au�erordentlichen Schwingungen, die sie dort vorgefunden hatte, besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Es war etwas zutiefst Trauriges und �berw�ltigend Beunruhigendes an dem verborgenen Tal, doch besonders traf das auf die Spitze des H�gels zu. Aus diesem Grund hatte Rhapsody sie mit wilden Stiefm�tterchen bepflanzt, welche die Lirin in der alten Welt auf Gr�bern und Schlachtfeldern ausges�t hatten. Sie waren ein Zeichen der Trauer und Vers�hnung, vor allem aber des Beileids. Damals hatte sie nicht gewusst � und sie wusste es auch heute noch nicht �, wof�r sie sich mit dieser Geste zu entschuldigen versucht hatte und was in der fernen Geschichte des traurigen, windgepeitschten Ortes geschehen war, weswegen der Boden noch immer in Schmerzen schrie, doch es musste so entsetzlich und so unendlich falsch gewesen sein, dass nichts anderes mehr getan werden konnte au�er der sanften Gabe von Blumen und einem tr�stenden Lied in der Hoffnung, die Erde k�nnte dadurch wenigstens ein bisschen zur Ruhe kommen.</p><p>Der Ruf Kraldurges, ein Spielplatz der D�monen und anderer Vorboten des B�sen zu sein, r�hrte teilweise von seiner geologischen Beschaffenheit her. Jeder, der durch den Kreis der W�chterfelsen schritt, fand sich in einer tiefen Schlucht wieder, die von hoch aufragenden Klippen umgeben wurde. Es war unm�glich, dort herumzugehen, ohne dass die Schritte von den Schluchtw�nden widerhallten und gewaltig verst�rkt wurden. Auf diese Weise wurde alles, was sich innerhalb der Felsen befand, fr�hzeitig gewarnt, was in den Bolglanden immer sehr gef�hrlich war, die schon seit vielen Jahren von hungrigen halbmenschlichen Wesen auf der Suche nach Beute durchstreift wurden.</p><p>Die Schlucht, welche die Wiese verbarg, war so tief, dass der Wind kaum je bis auf ihren Grund hinabreichte. Er heulte um die hoch aufragenden Felsspitzen und erschuf ein trauervolles Jammern. Selbst der tapferste Bolg oder der gelehrteste Mensch konnten diesen L�rm zuweilen f�r das Kreischen der D�monen halten. Trotz der nat�rlichen Erkl�rung des Lautes lag �ber dem Ort ein Gef�hl tiefster Traurigkeit, �berw�ltigenden Kummers und gr��ter Wut.</p><p>In ihrer Zeit als Herzogin dieser L�ndereien hatte sich Rhapsody gefragt, ob Kraldurge nicht vielleicht ein vergessener Begr�bnisplatz aus den fr�hesten Tagen des Cymrischen Krieges war. Er wurde nicht in den Manuskripten in Gwylliams riesiger und beeindruckender Bibliothek erw�hnt, deren Schriftrollen und B�cher einen gro�en Teil der Weisheit der Welt enthielten und die sie bei der Entdeckung dieses Ortes vor vier Jahren gefunden hatten. Die Gabe der Friedensblumen schien etwas bewirkt zu haben. Obwohl der Wind weiterhin um die Bergspitzen heulte und schrie und die Schlucht mit unheimlichen, beunruhigenden Lauten erf�llte, erweckte der Boden den Anschein, als schlafe er friedlich, auch wenn er nicht wirklich Frieden gefunden hatte.</p><p>Oder er hatte Frieden gefunden, bevor die Drachin gekommen war.</p><p>Der Wind jammerte hoch �ber der Schlucht und war noch beladen mit den Eiskristallen des weichenden Winters, als sich die letzte T�r ihrer Reise �ffnete. Rath trat hinaus in das Tal und machte dann Platz, damit die anderen drei Reisenden die Brise verlassen konnten.</p><p>Rhapsody kam als Letzte heraus. Die R�ckkehr des Kindes in ihren Bauch hatte viele der Symptome zur�ckgeholt, die sie w�hrend ihrer Schwangerschaft erfahren hatte: Die �belkeit und Benommenheit und vor allem der verschwimmende Blick verschafften ihr ein Gef�hl der Unsicherheit, das viel st�rker war als bei den beiden Bolg w�hrend ihrer Reise im Wind. Sie sp�rte ein pl�tzliches, ungew�hnliches Schweigen der drei M�nner. Niemand wollte der Erste sein, der etwas sagte. Sie erkannte den Grund daf�r nicht.</p><p>�Was ist los?�, fragte sie. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Das kommt darauf an, was du unter �alles in Ordnung� verstehst�, erwiderte Achmed, drehte sich langsam um und betrachtete die Zerst�rungen vor sich.</p><p>Die Felsw�nde waren bis beinahe in die Spitzen versengt. Der Boden, von dem Rhapsody geglaubt hatte, er enthalte die Gebeine der Soldaten, die im Cymrischen Krieg gek�mpft hatten und gestorben waren, oder vielleicht die noch �lteren K�rper jener Seelen, die nach der Ankunft der Dritten Flotte in Canrif verhungert oder krank geworden waren, war von einer Seite der Wiese bis zur anderen aufgerissen.</p><p>�Sieht nicht so aus wie beim letzten Mal, als du hier warst, Rhapsody�, meinte Grunthor. �Der neue Mieter ist �n bisschen unordentlicher als du.�</p><p>�Der neue Mieter�, fragte Rhapsody heiter und versuchte, einen klaren Blick zu bekommen. �Was f�r ein neuer Mieter? Wem hast du denn mein Land vermietet, Achmed? Ich dachte, du w�rdest es f�r mich bis in alle Ewigkeit bereithalten. Das habe ich schlie�lich verdient.�</p><p>�Nun, ich w�rde sagen, es ist eher ein unrechtm��iger Siedler als ein Mieter�, antwortete Achmed und suchte nach dem Weg hinunter in die verborgene Grotte, die als Elysian bekannt war. Er fand ihn einen Augenblick sp�ter in einem Haufen von Felsen und Rasenst�cken, welche die Drachin auf ihrem Weg umgest�rzt und herausgerissen hatte. Urspr�nglich war der Zugang in einer Nische versteckt gewesen, die immer im Schatten lag und so gut gesch�tzt war, dass Achmed beim ersten Mal lange gebraucht hatte, um sie zu finden. �Ich wei� nicht, ob du in die Grotte hinuntersteigen kannst, Rhapsody. Vielleicht ist es das Beste, wenn du in die Stadt mitkommst und dich im Berg einquartierst.�</p><p>Rhapsody erkannte seinen Tonfall. �Was ist es, das du mir nicht sagen willst, Achmed?�, fragte sie scharf, drehte sich wieder um und versuchte, ihre Umgebung deutlicher zu erkennen.</p><p>�Wie immer h�rst du auf das, was ich dir nicht sage, anstatt auf das, was ich sage.�</p><p>�Das liegt daran, dass das, was du nicht sagst, immer das Wichtigere ist. Berichte mir, was ist hier passiert?�</p><p>Der Bolg-K�nig seufzte. �Bevor Anwyn uns im Wald beim Nest ihrer Mutter gefunden hat, hat sie offensichtlich hier nach dir gesucht�, sagte er. �Grunthor und ich haben keine Ahnung, ob sie sich an diesen Ort aus der Schlacht am Gerichtshof erinnert oder ob etwas aus der Vergangenheit sie hierher gerufen hat. Ich wusste erst, dass sie in die Bolglande gekommen war, nachdem wir unsere Reise wieder aufgenommen hatten. Anscheinend hat es ihr nicht gefallen, dass dein Duft nun an ihrer H�tte klebte, oder vielleicht hat ihr die Art und Weise nicht gefallen, wie du sie umdekoriert hast. Wie dem auch sei, ich nehme an, dass sie die Grotte oder zumindest das Haus auf der Insel inmitten des Sees zerst�rt hat. Es hat keinen Sinn, jetzt dorthin zu gehen, Rhapsody. Die H�hlendecke ist m�glicherweise instabil geworden. Es ist nicht sicher da unten, und ich habe deinem h�llischen Gemahl versprochen, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um dich zu besch�tzen. Dieser Ort war wegen des starken Windes ein gutes Ziel, aber wir haben keinen Grund, hier zu bleiben.�</p><p>Die M�nner sahen zu, wie sich die cymrische Herrscherin umdrehte und noch immer darum k�mpfte, ein klares Bild von dem Ort zu bekommen, den sie als ersten betreten hatten, als sie damals in die Bolglande gekommen waren. Sie streckte die Arme vor und ging dorthin, wo der Zugang gewesen war, dann tastete sie auf den Felsen herum. Schlie�lich drehte sie sich wieder um; ihr Gesicht war schmerzverzerrt.</p><p>�Die �ffnung ist noch da, Achmed�, sagte sie. �Bitte, ich will die Grotte sehen. Ich muss wissen, was mit meinem Haus passiert ist.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass das �ne gute Idee ist, Rhapsody�, sagte Grunthor sanft.</p><p>�Bist du auch der Meinung, dass die H�hle einsturzgef�hrdet ist?�</p><p>�Nein�, sagte der Sergeant-Major, der sie nicht anl�gen wollte. �Nichts au�er einem Erdbeben kann sie zerst�ren. Die H�hle ist ziemlich solide, und der See ist noch da. Aber von deinem Haus ist nichts �brig, zumindest nichts, was der Erw�hnung wert w�re.�</p><p>�Bist du sicher?�, bedr�ngte Rhapsody ihn und betastete wieder die Felsen. �Meine Instrumente, meine Kleider? Hat nichts �berlebt?�</p><p>�Nichts, was ich gesehen h�tte�, sagte der riesige Bolg. �Ich bin nat�rlich nicht zur Insel rausgerudert weil ich Teile vom Haus �berall im See hab rumschwimmen sehen. Wenn du irgendwann mal zur�ckkommen und sehen willst, was man vielleicht noch retten k�nnte, dann geh ich gern mit dir. Aber jetzt sollten wir dich sicher in den Bergen abliefern. Es ist sch�n, dich wieder bei uns zu haben, Rhapsody.�</p><p>�Willst du da unten nach etwas Besonderem suchen?�, fragte Achmed ungeduldig. �Was immer du haben willst, kannst du auch innerhalb der Mauern von Canrif bekommen.�</p><p>Rhapsody seufzte und ging zur�ck zu ihnen, wobei sie ihre Hand gegen den geschwollenen Bauch dr�ckte.</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte sie. �Aber wir k�nnen gehen, wenn du willst. Es gab da ein Benenner-Kleid, das von den drei Br�dern, von Meridions Gro�vater und seinem Gro�onkel getragen wurde. Es war ein Familienerbst�ck, und ich dachte, es w�re vielleicht sch�n f�r ihn, es zu tragen, wenn wir die Zeit f�r eine richtige Benennungsfeier finden.�</p><p>Achmed schnaubte und schritt zum Rand der Wiese.</p><p>�Vielleicht solltest du erst einmal abwarten, ob er �berhaupt noch einmal geboren werden will�, sagte er und folgte dem Pfad von Kraldurge fort. �Wenn ich die Prophezeiung richtig verstanden habe, unterliegt er nicht den Launen der Zeit. Du k�nntest ihn also in dir herumtragen, bis er seinen achtzehnten Geburtstag erreicht hat oder sogar noch �lter ist.�</p><p>�In Ordnung�, meinte Rhapsody br�sk und beachtete ihn nicht weiter. �Wir gehen nach Canrif. Nun, da ich wieder schwanger bin, brauche ich unbedingt eine Privatsph�re.�</p><p>Rath war von Canrif h�chst �berrascht.</p><p>Seit Jahrhunderten hatte er nicht mehr die Gelegenheit gehabt, in den Bergen umherzugehen. Das war selbst f�r jemanden von seinem hohen Alter eine lange Zeitspanne. Damals war er einem D�mon namens Vrrinax auf der Spur gewesen, einem F�dor mit �berm��iger Geduld, der Zuflucht in dem letzten der Schiffe aus der Dritten Cymrischen Flotte gesucht hatte und so schwach gewesen war, dass er keinen anderen Wirt als einen kr�nklichen Kabinenjungen hatte finden k�nnen. Der D�mon hatte abgewartet, war allm�hlich st�rker geworden und in immer kr�ftigere Wirte geschl�pft, bis er gelernt hatte, sich so gut zu verbergen, dass Rath gebeten worden war, auf die Jagd nach ihm zu gehen.</p><p>Rath war bescheiden und hatte Achmed nicht mitgeteilt, dass er der beste J�ger unter den Br�dern war.</p><p>Kurz: er war selbst ein M�rderk�nig.</p><p>Er konnte noch immer das Wesen des D�mons riechen, als er durch die Hallen der unterirdischen Stadt schritt, welche die Cymrer Canrif genannt hatten, was in ihrer inzwischen ausgestorbenen Sprache �Jahrhundert� bedeutete. Es war schon sehr lange her, doch ein paar Spuren des B�sen verblieben immer in den Steinen, dem Wasser und dem Holz, wenn gro�es Unrecht oder schreckliche Untaten begangen worden waren.</p><p>So etwas war hier geschehen. Selbst der Firbolg-K�nig bemerkte es nicht, als er durch die Flure des Palasts ging, doch Rath machte es beinahe krank vor Ekel. Nur die cymrische Herrin vermied den Ort, an dem das B�se seinen Ausgang genommen hatte, als ob sie dort eine Vision gehabt oder von den Spuren der Erinnerung heimgesucht worden w�re.</p><p>Was Rath die gr��ten Sorgen bereitete, war der Mangel an Achmeds artgebundener Erinnerung. W�hrend die cymrische Herrscherin und der Sergeant eine solche kaum haben konnten, trugen diejenigen von dhrakischem Gebl�t den Geruch des Blutes von jeder Bestie in sich, die sie get�tet hatten.</p><p>Und Achmed hatte zwei in relativ kurzer Zeit abgeschlachtet.</p><p>Es verhie� nichts Gutes, dass der M�rderk�nig innerhalb der Mauern eines solchen Ortes ruhig schlafen konnte � eines Ortes, an dem das Blut eines F�dor, der unter seinen H�nden gestorben war, noch in den W�nden und dem Boden vibrierte.</p><p>Er folgte seinen Gastgebern still, w�hrend diese ihren T�tigkeiten nachgingen, von dem Korridor, an dem seine Gem�cher lagen, zur Halle au�erhalb des Gipfels des Gurgus, wo der Lichtf�nger neu erbaut wurde, und sogar bis zu dem Aussichtspunkt, von dem aus man einen �berblick �ber die unterirdische Stadt hatte, die noch immer im Wiederaufbau begriffen war. �berall sah er Handwerker und Soldaten, Archonten, Lehrer und Steinmetzen, die allesamt daran arbeiteten, das wiederzuerrichten, was einmal die Vision eines K�nigs gewesen war. Es war f�r Rath deutlich zu sehen, dass die Bolg die Vision eines anderen K�nigs waren, eines K�nigs, der sich als Baumeister eines Volkes ansah und nicht als der einer Bergfestung. Das war ein edles Ziel in den Augen eines Menschen, aber nichts als eine Ablenkung f�r jemanden, der ein noch gr��erer J�ger als Rath sein k�nnte.</p><p>Er w�rde ihn aufmerksam beobachten.</p><empty-line/><p>Als die beiden Bolg zusammen mit Rhapsody und Rath den Raum am Fu� des Gurgus betraten, kam sofort ein gro�er junger Mann mit einem Vollbart und dunklem Haupthaar auf die cymrische Herrscherin zu und grinste sie breit an.</p><p>�Hallo, Rhapsody�, sagte er. �Willkommen; es ist sehr sch�n, dich zu sehen.�</p><p>Rhapsody sah ihn verwirrt an. �Entschuldigung�, sagte sie, �aber kenne ich dich?�</p><p>Die beiden Bolg und der b�rtige junge Mann lachten.</p><p>�Erinnerst du dich nicht mehr an Omet?�, fragte Achmed sp�ttisch. �Du warst doch diejenige, die darauf bestanden hat, ihn aus den Brenn�fen der Rabengilde zu retten.�</p><p>Rhapsodys hellgr�ne Augen �ffneten sich weit vor Erstaunen. �Omet?�, fragte sie verdutzt. �Du bist doppelt so gro� wie damals, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe. Warst du da nicht kahlk�pfig?�</p><p>�Allerdings�, antwortete der junge Mann freundlich. �Aber es war hei� in Estens Ziegelei, und hier im Berg ist es kalt.�</p><p>�Omet hat die Oberaufsicht �ber die H�rtung des Glases und den Bau des Lichtf�ngers�, sagte Achmed. �Er ist einer der wenigen Handwerker, dem ich erlaube, allein in diesem Raum zu sein.� Er verstummte. Omet war bei der Explosion, die den Gipfel des Gurgus ersch�ttert hatte, schwer verwundet worden, und es war das rote Spektrum des Lichtf�ngers gewesen, das ihm das Leben gerettet hatte.</p><p>Rhapsody umarmte den jungen Mann warmherzig. �Ich freue mich so sehr, dich wieder zu sehen�, sagte sie.</p><p>�Nun, du warst es, die mir gesagt hat, ich solle meinen Namen in den Berg einmei�eln, damit die Geschichte ihn sehen kann�, sagte Omet l�chelnd. �Ich tue nur, was du mir geraten hast.�</p><p>Rhapsody schaute sich um. Von der Explosion war nichts mehr zu sehen; der Raum war wiederhergerichtet worden, als w�re nichts geschehen. Eine h�lzerne Kuppel bildete die Decke des Turms, unter der sie farbiges Glas aller Schattierungen erkennen konnte.</p><p>�Ich freue mich darauf, dass du mir zeigst, was du vollbracht hast�, sagte sie.</p><p>Sie schaute hinter sich und sah, wie Rath unter der Kuppeldecke stand und hoch zu dem Kreis aus Glas starrte. �Alles in Ordnung?�</p><p>Der Dhrakier nickte. �Ich habe so etwas schon einmal gesehen�, sagte er, w�hrend er weiterhin die Decke anstarrte. �Es war an einem Ort, an dem ich die Prophezeiung des Kartenspiels kennen gelernt habe.�</p><p>Der Bolg-K�nig neigte den Kopf.</p><p>�W�rdest du das bitte weiter ausf�hren?�</p><p>Schlie�lich wandte der Dhrakier den schwarzen Blick ab und sah Achmed an.</p><p>�Kennst du nicht die Prophezeiung des Kartenspiels?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie lautet so: �Das, was gestohlen ward, wird freiwillig gegeben werden. Das, was freiwillig gegeben ward, wird gestohlen werden.�</p><p>�Das hat f�r mich keine Bedeutung�, sagte Achmed m�rrisch.</p><p>Rath atmete tief ein.</p><p>�Ich werde dir die Geschichte erz�hlen. Dann wei�t du, wogegen du k�mpfst.�</p></section><section><title><p>38</p></title><p>�In der Vorzeit wurde von den vier verbliebenen uranf�nglichen Rassen, die aus den Elementen geboren waren, ein gro�er Kampf gegen die F�dor gef�hrt�, begann Rath. �Unsere Rasse, die Br�der, die unter den Menschen als die Blutsverwandten bekannt ist, tat sich zusammen mit den Serenel, den Mythlinus und den Wyrmril, welche die Menschen Drachen nennen. Es wurde bef�rchtet, dass die ungeb�ndigte Zerst�rungskraft der F�dor die Welt vernichten w�rde, wenn sich diese vier Rassen, die in Abgeschiedenheit lebten und einander nicht vertrauten, nicht zusammenschlossen und etwas opferten, was ihnen h�chst wertvoll war.</p><p>Bevor die Schlacht begann, gelang es den F�dor, eines der ersten sechs Eier zu stehlen, die von der Stammmutter der Drachen gelegt worden waren, die gleichzeitig der Stammvater der Rasse war. Dieses Ei versteckten sie in den Eingeweiden der Erde jenseits des Feuerkerns, wo niemand es finden konnte. Der Wyrmling, der diesem Ei entsprang, war bei dem Drachenvolk als das Erste Kind bekannt. Die F�dor nahmen diesem Wyrmling die W�rme, lie�en es ungeboren wachsen, pervertierten es und f�tterten es mit der Erde selbst, bis seine Masse zu einem wesentlichen Teil der Welt geworden war.�</p><p>�Wir haben es gesehen�, sagte Achmed. �Es schl�ft noch immer. Rhapsody hat ein Lied endlosen Wechsels um es herum gewoben, ein Muster aus Verwirrung, von dem sie hofft, dass es jede Nennung seines Namens unh�rbar macht.�</p><p>Die fl�ssige Schw�rze in Raths Augen glitzerte. �Hoffen wir, dass ihr recht habt. Von diesem Schlafenden Kind ernteten die F�dor sieben wertvolle Schuppen und nahmen auch die beiden, die seine blinden Augen sch�tzten. Weil die Drachen die Kr�fte aller anderen Elemente besitzen, stecken in diesen Schuppen die Macht des gesamten Farbspektrums sowie die Lichtschwingungen und T�ne, aus denen die Magie des Universums zusammengesetzt ist. Jede einzelne Farbe der sieben Schuppen hat eine bestimmte Macht, die an ihre Wellenl�nge gebunden ist, und einen bestimmten Ton; diese beiden Eigenschaften sind die sichtbaren und h�rbaren Manifestationen jener Schwingungen. Wie deine Benennerin dir sagen kann, gibt es viele weitere Manifestationen, die weder sichtbar noch h�rbar sind. Das wei�t du auch selbst, Bolg-K�nig � du kannst sie jeden langen Tag in deinem Hautgewebe sp�ren.</p><p>Daher waren die F�dor in der Lage, mit diesen Drachenschuppen die materielle Welt zu beeinflussen, von der sie sonst kein Teil gewesen w�ren, denn sie besitzen keine Gestalt und sind unk�rperlich. So aber haben sie die Kontrolle �ber das komplette Spektrum der sieben Farben sowie �ber die zwei m�chtigsten Gegens�tze, die sie aus den Augen des Wyrmlings geholt haben: Schwarz, das die Leere darstellt, und Wei�, welches das Leben bedeutet. Sie haben diese Kr�fte zur Vernichtung, zum Wahrsagen, zu Vulkanausbr�chen, Blutvergie�en, W�rmediebstahl und anderen Missetaten in der materiellen Welt eingesetzt.</p><p>Aus diesem Grund haben sich die �brigen uranf�nglichen V�lker im Kampf gegen die F�dor zusammengetan. Die Geschichte stellt es so dar, als w�re es ein offensichtlicher Konflikt gewesen, doch ich kann euch versichern, dass das nicht der Fall war. Zwar mag es f�r euch so erscheinen, als ob sich die Elemente des Sternenlichts, der Erde, des Wassers und des Windes im Gegensatz zum Feuer bef�nden, doch in Wirklichkeit waren sie urspr�nglich nicht getrennt, sondern sind alle miteinander verwandt. Diese Entscheidung zum Kampf wurde daher unter Schmerzen und nicht im Triumph oder mit der Absicht der Unterwerfung getroffen. Der Pakt, durch den all das, was der Erde W�rme und Licht brachte, aus ihr entfernt werden sollte, verdammte diese Rasse dazu, weniger zu sein, als sie dem Willen des Sch�pfers nach h�tte sein k�nnen. Doch es blieb nichts anderes �brig, und am Ende waren wir alle �rmer. Dies sind vergessene �berlieferungen, welche die Geschichte und sogar einige, die sie durchlebt haben, inzwischen vergessen haben.</p><p>Als die Entscheidung endlich getroffen war, bedeutete dies, dass von den vier verbleibenden Rassen schreckliche Opfer abverlangt werden w�rden. Du wei�t, was unsere Rasse daf�r geopfert hat, Bolg-K�nig. Die S�hne des Windes besa�en die einzigartige F�higkeit, die Bewegungen alles Unk�rperlichen aufzusp�ren, und so wurde entschieden, dass der Stamm der Blutsverwandten, der auch als die Dhrakier bekannt war, als Gef�ngnisw�rter dienen sollte. Dazu musste er sein Band mit dem Wind l�sen und die F�higkeit aufgeben, die Oberwelt zu durchstreifen. Stattdessen war es seine Aufgabe, die Tiefe Kammer zu bewachen. Die Dhrakier verlie�en den Wind, der ihr Vater war, und begaben sich f�r immer in das schwarze und luftlose Innere der Erde, in einen seelenlosen, leblosen Bereich der Welt, um diese vor denen zu sch�tzen, die sie in Flammen setzen konnte.</p><p>Die Drachen gaben den gr��ten Teil des verbliebenen Lebendigen Steines der Erde, ihren wertvollsten Schatz, f�r die Errichtung der Kammer, in welche die F�dor eingeschlossen werden sollten. Im Verlauf der Schlacht und der anschlie�enden Einkerkerung der F�dor wurden den D�monen die Schuppen abgenommen. Der Stammwyrm war entsetzt �ber die Entweihung seines Kindes und zog sich sieben �hnliche Schuppen aus der Haut, damit sie den ersten sieben beigegeben und ihre zerst�rerische Macht mit den positiven Eigenschaften derselben Schwingungen verbunden wurden, also der h�here Halbton zum niedrigeren kam. Im Verlauf der Schlacht opferte der Stammwyrm sein Leben, indem er das zerbrechliche Gef�ngnis mit seinem Leib umgab und dabei an sein Ende kam. Dadurch wurde er zur Ummantelung der Kammer, wurde leblos und verlor alles Wissen, das die D�monen f�r sich h�tten nutzen k�nnen. Die sieben farbigen Schuppen wurden von den Seren, die in diesem Kampf den Oberbefehl f�hrten, im Feuerkern der Erde mit jenen verschmolzen, die der Stammwyrm gegeben hatte. Diese Reihe von Schuppen mitsamt der wei�en und schwarzen wurden sp�ter das Gestohlene Kartenspiel genannt.</p><p>Die verbliebenen Eier wurden ausgebr�tet und brachten die F�nf T�chter hervor, die bei den Wyrmril als die W�chterinnen bekannt sind, die weiblichen Drachen, von denen jede einen der Weltenb�ume besch�tzte, die an den Orten wuchsen, wo die f�nf Elemente zum ersten Mal auf der Welt erschienen waren. Damit die Macht des Gestohlenen Kartenspiels gebrochen w�rde, erhielt jede dieser Drachinnen eine der Schuppen, die einst Teil sowohl ihrer Schwester als auch ihres Stammwyrms gewesen waren. Die anderen vier Schuppen wurden in die Obhut anderer Wesen in verschiedenen Teilen der Welt gegeben, damit sie so weit wie m�glich voneinander entfernt waren. Das ist das, worauf sich die Prophezeiung des Kartenspiels bezieht: <emphasis>Das, was gestohlen ward, wird freiwillig gegeben werden.�</emphasis></p><p>Die drei tauschten einen raschen Blick aus.</p><p>�Glaubst du, dass Elynsynos noch eine solche Schuppe besessen hat, als sie � bis jetzt?�, fragte Rhapsody nerv�s.</p><p>�Das hoffe ich doch�, meinte Rath. �Ansonsten w�re sie in anderen H�nden, und nur eine einzige Schuppe aus dem Gestohlenen Spiel im Besitz eines b�sen Wesens k�nnte bereits das Ende der Welt herbeif�hren.�</p><p>�Klasse�, murmelte Grunthor. �Echt klasse.�</p><p>�Alles ging gut w�hrend des Endes der Vorzeit und bis in das Erste Zeitalter hinein�, fuhr Rath fort, �bis zu dem Tag, an dem ein Stern auf die Erde fiel und die Tiefe Kammer zerschmetterte. Einige F�dor entkamen und stiegen in die Oberwelt auf, gejagt von ihren dhrakischen Bewachern, w�hrend andere Mitglieder der vier uranf�nglichen Rassen die �brigen F�dor in Gefangenschaft zu halten und die Kammer wieder zu schlie�en versuchten. Viele Drachen gaben eine Schuppe als eine Art Sicherung, als die Kammer wieder versiegelt wurde. Diese Schuppen besa�en auch die Macht des Farbspektrums, und obwohl sie nicht so kraftvoll wie die Schuppen des Ersten Kindes waren, so waren sie doch stark genug, die verbliebenen F�dor im Zaum zu halten, w�hrend ihr Gef�ngnis wiedererrichtet wurde. Ich wei� nicht genau, wie viele Drachen eine Schuppe abgaben, aber es waren mindestens dreiundvierzig, welche die Reparatur unbesch�digt �berstanden hatten. Diese Schuppen wurden wieder eingesammelt, und die Drachen lie�en sie in der Obhut der serenischen Anf�hrer, die den Kampf befehligt hatten, falls die Kammer irgendwann noch einmal gesichert werden m�sste.</p><p>Die F�dor, die in die Oberwelt entkommen waren, suchten nach dem Gestohlenen Spiel und hofften, alle Karten zusammenzubekommen, weil die Reihe von T�nen, die es hervorbrachte, der Wahre Name des Ersten Kindes war und die Bestie zum Erwachen bringen w�rde, wenn er laut �ausgesprochen� wird. Au�erdem suchten sie verzweifelt die schwarze Schuppe, da sie der Schl�ssel zur �ffnung der Kammer ist und ihre Kameraden befreien k�nnte. Wegen der Jagd, die die Dhrakier auf sie machten, konnten sie jedoch nur an eine einzige Schuppe herankommen, die ein F�dor, der sich einen menschlichen Wirt genommen hatte, entdeckt hatte.</p><p>Ich habe das Fl�stern deines alten Namens geh�rt, Ysk, als ich nach einem F�dor des j�ngeren Pantheons suchte. Ich war auf der Jagd nach einem D�mon namens Krisaar, einem frechen und anma�enden F�dor, der noch mehr als die �brigen Angeh�rigen seiner Art der Beherrschung bedurfte, f�r die diese Wesen nicht gerade ber�hmt sind. Er �berlebte die Vernichtung der Insel Serendair, indem er einen Pakt mit einem ihm �hnlichen Soldaten einging und ihm ewiges Leben f�r seine Wirtst�tigkeit schenkte. Meines Wissens ist dies das einzige Mal in der Geschichte der bekannten Welt, wo ein menschliches Wesen freiwillig einen F�dor in sich aufgenommen hat.�</p><p>�Der Atemverschwender�, sagte Grunthor.</p><p>�Michael�, fl�sterte Rhapsody; es war, als hinterlasse bereits der Name allein einen schlechten Geschmack in ihrem Mund.</p><p>�Die anderen Schuppen, die von den Drachen zur Versiegelung der Tiefen Kammer gespendet worden waren, wurden als das Geschenkte Kartenspiel bekannt. Es wurde von den Seren viele Generationen hindurch aufbewahrt; die Macht der Schuppen wurde von den serenischen Sehern und Benennern beschrieben, die sie lesen konnten. Ungl�cklicherweise kamen sie irgendwann im zweiten Zeitalter in den Besitz einer serenischen Benennerin, die sie katalogisierte. Diese Frau � sie hie� Ave � wurde ein Opfer der einzelnen silbernen Schuppe, des Gefallenen Mondes, der ein Spiegel mit endlosen Reflexionen war und ihren Blick auf die Welt vollkommen verzerrte. Sie behandelte die Schuppen auf eine Weise, die aus ihnen Wahrsagekarten und Karten der Kraft machte, und versteckte sie in ihrem Stamm, wo sie. immer nur in der Hand eines einzigen Lesers blieben. Dieselbe Prophezeiung bezeichnet dies so: <emphasis>Das, was freiwillig gegeben ward, wird gestohlen werden.�</emphasis></p><p>�Daran erinnere ich mich undeutlich aus der alten Welt�, sagte Achmed. �In der Verschlossenen Stadt Kingsten gab es auf dem Diebsmarkt, der seinesgleichen sucht, eine solche Seren-Frau. Es war fast unm�glich, sie zu finden, wenn man sie suchte, aber wenn man sie nicht suchte, traf man vielleicht zuf�llig in einer Bude oder hinter einem Zelt auf sie. Dann bot sie einem gegen Gold ihre Wahrsagek�nste aus einem Kartenspiel an.�</p><p>�Hast du dir je die Zukunft voraussagen lassen?�, fragte Rhapsody.</p><p>Achmed deutete ungeduldig auf Rath. �Erz�hle weiter�, sagte er und beachtete Rhapsody nicht.</p><p>�Nach vielen Jahrhunderten traf ein Forscher und Historiker der Nain Sharra, die letzte der gro�en Leserinnen, die ihm alles �ber das Spiel sagte. Es wurde f�r ihn zur Besessenheit, die Schuppen in seine Hand zu bekommen und den Drachen zur�ckzugeben, die sie gespendet hatten; daf�r wollte er von jedem eine Geschichte f�r das Buch erhalten, das er schrieb. Andere Schuppen aber blieben �ber die ganze Welt verstreut und waren versteckt, benutzt oder zerst�rt worden oder in die H�nde von Leuten gefallen, die einige von ihnen wieder zusammenf�hrten � zu schrecklichen Zwecken. Eine solche Person war der D�monenwirt, von dem ich euch vorhin erz�hlt habe und den ihr Michael nennt. Das Kind, das er mit einer Seren hatte, erbte angeblich die Macht ihres Stammes, die Schuppen zu lesen. Falls dieses Kind noch lebt, k�nnten jene Teile des Spiels, die sich noch in der Welt befinden, zu unvorstellbaren Schreckenstaten missbraucht werden.�</p><p>�Vermutlich ruhen sie auf dem Grund des Meeres�, sagte Achmed.</p><p>�Das w�re sch�n�, meinte Rath dunkel. �Aber nach meiner Erfahrung verschwinden diese Schuppen niemals still und leise. Sie scheinen die bemerkenswerte F�higkeit zu haben, dort zu bleiben, wo sie den meisten Schaden und die gr��te Zerst�rung anrichten k�nnen, als ob der Makel der F�dor noch an ihnen haftete.�</p><p>�Wie sehen sie denn aus?�, fragte Grunthor. �Damit wir sie erkennen, wenn sie uns �ber�n Weg laufen.�</p><p>�Die Schuppen sind unterschiedlich gro߫, sagte Rath. �Alle sind oval und die meisten an den R�ndern leicht ausgefranst. Sie scheinen grau oder farblos zu sein, bis man sie dreht oder ans Licht h�lt; dann kann man ihre Farbe erkennen. Oft erscheinen sie wie ein Prisma und zeigen so all das Wissen, das in ihnen steckt.</p><p>Ich habe nie eine der Karten des Gestohlenen Spiels gesehen. Sie galten als zu heilig und schrecklich, um von anderen als denjenigen gesehen werden zu d�rfen, welche die F�dor bewachten. Man hat mir und den anderen Br�dern allerdings die Symbolik jeder einzelnen Schuppe erkl�rt, damit wir sie erkennen k�nnen, wenn wir bei einer unserer Reisen auf sie sto�en sollten. Die wei�e Schuppe, eine der beiden m�chtigsten und furchtbarsten des Gestohlenen Spiels, tr�gt angeblich kein in sie eingeritztes Bild. Sie stellt das Leben oder die Sch�pfung dar und wird von vielen als Abbild von Gottes Antlitz angesehen. Ihr Gegenpart, die schwarze Schuppe, ist mit dem Bild eines Schl�ssels geschm�ckt, dem entsetzlichen Symbol ihrer Macht, die Kammer selbst zu �ffnen. Sie bedeutet die Leere oder Vernichtung. Wie ihr euch vorstellen k�nnt, hat sie die Macht, beides in unvorstellbarem Ausma� herbeizurufen.</p><p>Der Rest der Schuppen folgt dem Muster der Lichtpalette und bezieht sich auf die M�chte, die ihr bereits kennt. Die rote Schuppe hat einen Tropfen Blut in sich, die orangefarbene Flammen, die gelbe das Bild der aufgehenden oder sinkenden Sonne, je nachdem ob es die konkave Schuppe ist, die aus der Haut des Ersten Kindes stammt, oder die konvexe, die der Welt von ihrem Ahn geschenkt wurde. Die gr�ne Schuppe zeigt ein Abbild der Erde, entweder klar oder vernebelt, so wie die blaue Schuppe, die das Bild eines Auges tr�gt, welches von Wolken umgeben oder von ihnen verdeckt ist. Die indigoblaue Schuppe, von der am wenigsten bekannt ist birgt angeblich das Bild eines Kometen, der in den alten �berlieferungen eine �beraus wichtige Ver�nderung bedeutet. Daher r�hrt ihre Bezeichnung als <emphasis>Nachtabwehrer</emphasis> oder <emphasis>Nachtbringer,</emphasis> was ihre F�higkeit andeutet, ungeheuerliche Ver�nderungen entweder zu bringen oder zu verhindern.�</p><p>�Ich glaube, genau diese h�tte ich jetzt gern�, meinte Rhapsody.</p><p>�Wohl kaum�, erwiderte Rath trocken. �Die Macht, die in diesen Schuppen existiert, kann auch jene verletzen, denen es darum geht, die Erde zu retten. Die Geschichte ist voll von Berichten �ber Leute mit guten Absichten, die durch die Macht dieser Schuppen in die Irre gef�hrt wurden.</p><p>Und schlie�lich ist da noch die violette Schuppe. Auf ihr ist angeblich das Abbild des Throns zu sehen, und sie ist die einzige Schuppe, die nur eine Seite hat. Obwohl der Stammwyrm sieben Schuppen spendete, hat jene letzte Note im Spektrum aus unbekannten Gr�nden nur einen Ton, ist also weder ein hoher noch ein tiefer Halbton. Sie ist bekannt als �der Neuanfang�. Ich wei� es nicht mit Sicherheit, aber ich vermute, dass jeder, der entweder unerwartet oder auf unerkl�rliche Weise an die Macht gelangt, die Kontrolle �ber diese Schuppe besitzt oder wenigstens ihre Macht zu seinen Zwecken einsetzen konnte.�</p><p>Die drei stie�en gleichzeitig die Luft aus.</p><p>�Talquist vielleicht�, sagte Achmed.</p><p>�Hoffentlich nicht�, meinte Rath.</p><p>�Und das Geschenkte Spiel?�, fragte Rhapsody. �Bist du je auf eine Schuppe gesto�en, die daraus stammt?�</p><p>Der Dhrakier sch�ttelte den Kopf. �Ich habe einige von ihnen gesehen�, sagte er, �aber das war, bevor die serenischen Leser sie missbraucht haben. Die einzige silberne war die des Gefallenen Mondes, deren falsche Anwendung es Ave erlaubte, sie �berhaupt erst zu entweihen. Ich glaube, es gab je eine Schuppe f�r jeden der f�nf B�ume, die am Geburtsort der Zeit wuchsen: Sagia, der Baum der Sterne, der nun aus der Welt verschwunden ist; Ashra, der Baum des reinen elementaren Feuers; Eucos, auch bekannt als Wolkenf�nger, der Baum der lebenden Luft; Frothta, der Baum des Wassers, der unter dem Meer w�chst; und nat�rlich der Gro�e Wei�e Baum. Vielleicht existiert sogar eine f�r Blutdorn, den b�sen, rankenartigen Dornbaum, dessen Wurzeln von der Tiefen Kammer ausgehen. Es gibt noch andere, aber ich kenne nur wenige davon: die Vergessene Stadt, die Endlosen Berge, das Goldene Ma�, der Geschmolzene Fluss, die Zerbrochene Tafel, die Diebsk�nigin, das Kind, der Atem, das Sendschreiben, die Zeitenscheren. Diese kenne ich nur, weil ich einmal Abschnitte aus dem <emphasis>Buch allen menschlichen Wissens</emphasis> gelesen habe, das von dem Historiker der Nain stammt, den ich vorhin erw�hnte. Ich glaube, es ging vor Jahrhunderten auf dem Meer verloren. Es war mit der Dritten Cymrischen Flotte an das Ufer dieser Welt gelangt, wurde aber beim Schiffbruch vernichtet.</p><p>Dieses neue Wesen, das ihr Michael nennt�, fuhr Rath fort, �dieser Mensch und D�mon stieg zu gro�er weltlicher Macht auf, w�hrend die Jahrhunderte vergingen, und er wurde schlie�lich zum Baron von Argaut, einer der m�chtigsten Pers�nlichkeiten im Schiffshandel auf der anderen Seite des gro�en Zentralmeeres. Er war es, dem ich gefolgt bin, wodurch ich an diesen Ort hier kam.</p><p>Es ist ihm immer wieder gelungen, mir zu entkommen, indem er sich in der N�he des Wassers aufhielt, was, wie jeder Dhrakier euch sagen kann, der Fluch unserer Existenz ist, wenn wir auf der Jagd sind. Seine Strategie war erfolgreich. W�hrend er im hellen Tageslicht und vor dem Angesicht der ganzen Welt arbeitete, sch�tzte ihn seine dauernde N�he zum Wasser vor meinem <emphasis>Kimi.</emphasis></p><p>An diesem besonderen Mitglied des J�ngeren Pantheons ist bemerkenswert, dass er schwach ist und Kontrolle braucht, die er �ber sich selbst nicht aus�ben kann. Ob das seine menschliche oder seine d�monische Schw�che ist, kann ich nicht sagen, denn der Mann, den er sich zum Wirt ausgesucht hat, leidet an derselben Schw�che.� Rhapsody erschauerte, denn sie war das Opfer dieser Schw�che gewesen.</p><p>�Seine Unzul�nglichkeiten nahmen gelegentlich die Gestalt von Fleischeslust an und gipfelten im schrecklichsten all seiner Eroberungsfeldz�ge, n�mlich bei einer serenischen Frau von uraltem Gebl�t, die von der Insel an das Ufer Argauts geflohen war, um der Sintflut zu entgehen. W�hrend sich die meisten F�dor niemals fortpflanzen, weil es sie ihrer Kraft beraubt und ihre Seelen bricht � oder was immer sie an Stelle von Seelen haben �, konnte der Wirt dieses D�mons der Gelegenheit nicht widerstehen, die Frau zu sch�nden und sie zu schw�ngern, wobei er vermutlich auch noch gro�en Gefallen daran fand, die einzige Weisheit zu beflecken, die �lter war als seine eigene des schwarzen Feuers, n�mlich den �ther. Das Ergebnis war eine unglaubliche Missgeburt, ein Wesen, das unter dem Namen Faorina bekannt war � ein denaturierter F�dor. Von ihnen gibt es nur sehr wenige auf der Welt, nicht nur weil die D�monen auf ihre Macht eifers�chtig sind, sondern auch weil diese Wesen �blicherweise nicht lange leben. Unangenehmerweise war die Frau, die dieses Kind zur Welt brachte und dabei starb, eine Leserin, eine aus dem Stamm der serenischen Priesterinnen, die mit dem Schutz und der Deutung der Schuppen beauftragt waren. Falls sie einige davon aus der alten Welt mitgebracht hatte, bevor diese in den Wellen versank, dann sind diese Schuppen in die H�nde des Mannes gefallen, der sie vergewaltigt hat. Und von ihrem Kind nimmt man an, dass es die F�higkeit geerbt hat, sie zu lesen.</p><p>Ich glaube, dieser Mann hat eine blaue Schuppe benutzt, vielleicht sogar die des Gestohlenen Spiels, um sich vor den J�gern des Windes zu verstecken. Einen Moment lang hatte ich sein Zeichen, seine Schwingung geschmeckt; sie kam von diesem Ort hier. Es war, als h�tte er die Schuppe f�r kurze Zeit verloren. Doch nun bemerke ich nichts mehr von ihm. Eines solltest du wissen, Bolg-K�nig. Als ich auf der Suche nach ihm hergekommen bin, musste ich mir einen Weg durch eine Armada von Schiffen aller Typen bahnen: Piratenschiffe, Kaufmannsschiffe, sogar Kriegsschiffe, die sich zu einer gro�en Blockade au�er Sichtweite der K�ste vor dem Westufer deines Kontinents zusammengefunden haben. Ich habe den verdammten Ozean in kaum mehr als einem Ruderboot �berqueren m�ssen, damit ich ihnen nicht auffalle. Aber sie versammelt sich eindeutig. Der Baron von Argaut hat eine beeindruckende Flotte von Handelsschiffen, die er nur erhalten konnte, indem er mit den Piraten gemeinsame Sache macht.� Er hielt inne; der Ausdruck des Entsetzens auf Rhapsodys Gesicht hatte ihn kurz zum Verstummen gebracht.</p><p>�Falls also tats�chlich derjenige, den ihr Michael, den Wind des Todes, nennt, einige der Schuppen mit in dieses Land hier gebracht hat und falls sie die Welle �berlebt haben, die ihn von der Oberwelt in die Tiefen des Meeres gerissen hat, falls sie sich also jetzt durch eine verr�ckte Laune des Schicksals in den H�nden eurer Feinde befinden sollten, k�mpft ihr nicht nur gegen Gier und Machtlust an, die seit Anbeginn der Zeit in allen Menschen stecken, sondern auch gegen einen viel tieferen, b�sartigeren, gierigeren und t�dlicheren Hass und eine zerst�rerische uranf�ngliche Kraft, die zum Beginn der Zeiten geboren wurde und gegen die es keinerlei Gegenmittel und nichts gibt, womit man sie beschwichtigen k�nnte.</p><p>Und wenn das so ist, dann w�rde ich sagen, dass diese Aufgabe wie f�r euch geschaffen ist.�</p></section><section><title><p>39</p></title><subtitle>Eine Kammer im Thronraum, Canrif Ylorc</subtitle><p>Trug war der Archont, der als �die Stimme� bekannt war.</p><p>Die Bolg waren eine neu entstandene Art, halbmenschlich und sowohl primitiv als auch unverw�stlich. In der Zeit, seit der Achmed ihr K�nig war, hatten sie sich von Aasfressern und Kannibalen, die in den zerkl�fteten Felsgipfeln ihrer Heimat ein karges Leben f�hrten, zu einer aufstrebenden Nation von Waffenschmieden, Bauern, Zimmerleuten, Handwerkern und Webern dehnbarer Schiffsnetze und feiner Damenunterw�sche entwickelt. Es war ein seltsames Gemisch aus Handelsg�tern � ein Handel, der auf vern�nftige Weise die Sch�tze ihres K�nigreichs aus Bergen, Schluchten und W�ldern mit einzigartigem bl�ulichem Holz ausbeutete sowie uralten Weing�rten, die in der cymrischen �ra angepflanzt und erst vor kurzer Zeit wiederhergestellt worden waren und nun feinsten Wein hervorbrachten.</p><p>Achmeds Vision erforderte mehr Unterst�tzung in der F�hrung des Landes, als er und Grunthor allein leisten konnten, besonders jetzt, da Rhapsody hergekommen war und einerseits zwar mehr Schutz f�r die Bolg und das schlafende Erdenkind forderte, andererseits aber den gr��ten Teil ihrer Zeit damit verbrachte, sich um das lirinische K�nigreich sowie ihre Pflichten als Herrscherin der Cymrer zu k�mmern. Daher hatten die drei gewisse Bolg-Kinder ausgew�hlt, die als besonders klug oder begabt galten � die meisten von ihnen waren Waisen �, die nun auf bestimmten Gebieten ausgebildet wurden, damit sie das Wachstum des K�nigreiches unterst�tzten.</p><p>Trug war ein solcher Junge. Wie die meisten seiner Art sprach er seine innersten Gedanken nur selten aus. Im Gegensatz zu seinen Mitb�rgern bestand Trugs Ausbildung darin, zum Sprechen bef�higt zu sein. Was er jedoch sagte, waren die Gedanken des Bolg-K�nigs, sowohl innerhalb des Berges als auch au�erhalb. Es war seine Bestimmung, als Stimme ausgebildet zu werden, als Archont, von dem K�nig Achmed erwartete, dass er das Reden f�r die Bolglande besorgte, sowohl offiziell als auch insgeheim. Ihm oblag �berdies der Unterhalt der vielen Meilen von Sprachr�hren, die durch die Berge liefen und noch aus dem cymrischen Zeitalter stammten. Seine Ausbildung hatte in seiner Kindheit begonnen, vor sieben Jahren. Sehr jung war er von Rhapsody ausgew�hlt worden, weil er die f�r seine Aufgabe n�tigen Eigenschaften besa�, und systematisch hatte man ihn mit Sprachwissenschaft, der Kunde der Geheimschriften, Anatomie und tausend anderen Studienf�chern der m�ndlichen und sonstigen Mitteilungskunde vertraut gemacht. Vor mehr als einem Jahr war er als w�rdig erachtet worden, die Aufsicht �ber den Briefvogelschlag mit seiner gro�en Anzahl von Botentieren zu erhalten und auch den berittenen Boten vorzustehen, die mit den Postkarawanen ritten. Kurz danach hatte er die Verantwortung f�r K�nig Achmeds Netzwerk von Botschaftern und Spionen �bertragen bekommen.</p><p>Nun war er einer von Achmeds gesch�tztesten Archonten. Wenn daher seine Stimme durch die Sprechr�hre in das Planungszimmer des Bolg-K�nigs innerhalb des Thronssaales vom Canrif drang, wurde sie fast immer sofort in dem rauen Ton beantwortet, den die Bolg so gut kannten und so sehr f�rchteten.</p><p>�Euer Majest�t?�</p><p>Achmed, Grunthor und Rhapsody sahen einander �berrascht an. Trug hatte eine formelle Anrede gew�hlt, die normalerweise andeutete, dass jemand von au�erhalb der Berge eingetroffen war.</p><p>�Was ist los?�, wollte Achmed wissen.</p><p>�Hier ist ein Besucher f�r Euch, Herr�, antwortete die d�nne, unangenehme Stimme.</p><p>�Wer immer es ist, sag ihm, er soll sich fortscheren�, gab Achmed zur�ck;. Seit sie nach Canrif zur�ckgekehrt waren, hatten sie in der Abgeschiedenheit des Hinterzimmers �ber Pl�nen gebr�tet, und die Stimmung des K�nigs war inzwischen �beraus schlecht.</p><p>�Er ist schon seit einiger Zeit hier, Herr.� Trugs Stimme hallte durch das Rohr, und kurz darauf folgte ihr eine andere Stimme.</p><p>�Sag dem Bastard, dass ich ihn sofort sprechen muss�, ert�nte es. Die Stimme klang zwar bekannt, war aber nicht sofort zuzuordnen. �Ich warte jetzt schon mehr als zwei Wochen an diesem verdammten Ort und werde keinen Moment l�nger hier bleiben.�</p><p>Achmed schloss das Sprachrohr. �Was glaubt ihr, wer ist das?�, fragte er.</p><p>Rhapsody hatte mit gerunzelter Stirn gelauscht. �Das klingt ein wenig nach Faedryth, dem Nain-K�nig�, meinte sie unsicher. �Aber was sollte der hier zu suchen haben?�</p><p>Achmed �ffnete das Rohr wieder. �Sag diesem ekelhaften Warzenschwein, dass er von mir aus noch mal zwei Wochen warten kann�, meinte er m�rrisch. �Oder auch den ganzen Rest seines unnat�rlich langen Lebens. Ich bin besch�ftigt.�</p><p>Eine Reihe h�sslicher Worte, gesprochen mit gutturaler Stimme und in einer unbekannten Sprache, rumpelte zur Antwort durch das Rohr.</p><p>Rhapsody nickte. �Ja, das sind Nain-Fl�che�, sagte sie. �Vermutlich ist es Faedryth.�</p><p>�Was will der hier?�, fragte Grunthor. �Sein K�nigreich liegt doch mehr als zwei Wochen weg und ist auf dem normalen Landweg nich� erreichbar. Ich erinner� mich an nichts, weswegen er Grund h�tte, in dieser Gegend zu sein.�</p><p>�Ich sch�tze diese Nain gar nicht�, sagte Achmed und studierte die Pergamentrolle vor ihm. �Als sie zum Konzil im Gerichtshof hier waren, haben sie viermal so viel wie die anderen V�lker verspeist. Ich bin nun endlich nach Hause gekommen und habe keine Lust, jetzt gleich einen schleimigen T�lpel wie Faedryth zu bewirten.�</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen?�, meinte Rhapsody. �Faedryth ist dein und mein Verb�ndeter. Jetzt ist nicht die Zeit, unfreundlich zu Mitgliedern des B�ndnisses zu sein, besonders nicht zu denjenigen, die dir keinen Schaden zuf�gen und dich nicht beleidigen. Wenn �brigens H�flichkeit ein Erfordernis bei Staatsbesuchen in unserem Reich w�re, dann h�tte <emphasis>dich</emphasis> noch niemand empfangen.� Sie dr�ckte ihn vom Sprachrohr fort. �Schick Seine Majest�t sofort herauf, Trug.�</p><p>Achmed sah sie b�se an und kehrte zum Plan des Lichtf�ngers zur�ck, den Rhapsody gezeichnet hatte.</p><p>Nach erstaunlich langer Zeit erschien der Archont mit dem Nain-K�nig im Schlepptau. Die beiden Bolg beachteten ihn nicht, doch Rhapsody stand sofort auf und ging quer durch den Thronsaal, der vor mehr als tausend Jahren in der Bl�te des Kunsthandwerks in Gwylliams Reich entstanden war. Er war reich mit Mosaiken geschm�ckt und mit den feinsten Marmorplatten aus den Manteiden verkleidet.</p><p>�Euer Majest�t�, sagte sie freundlich, �welch eine Freude, Euch zu sehen! Welchem Umstand verdanken wir die Ehre Eures Besuchs?�</p><p>Die gewaltige Wut, die sich in die Stirn des Nain-K�nigs eingegraben hatte, wich ein wenig in Rhapsodys Gegenwart.</p><p>�Ich hatte nicht erwartet, Euch hier anzutreffen, Herrin�, sagte Faedryth. Er trug lederne Kleidung und Stiefel, die von h�chstem handwerklichem K�nnen zeugten, hatte aber keine Insignien seines Rangs angelegt. Sein wunderbarer Bart zeigte Anzeichen von Vernachl�ssigung und weiter Reise, und in seinen H�nden hielt er in festem Griff einen samtenen Sack. �Ich war der Meinung, Ihr w�ret sicherlich in dem neuen Heim, von dem Euer Gemahl mir geschrieben hat. Wisst Ihr, er suchte meinen Rat im Hinblick auf das Festungswerk.�</p><p>�Ja, in der Tat. Er beharrte darauf, dass die Fallen und Verteidigungsanlagen der Nain es sehr sicher machen w�rden.�</p><p>�Zweifellos�, stimmte Faedryth. �Und dennoch finde ich Euch hier, im Land eines Mannes von zweifelhafter Weisheit, anstatt in der Sicherheit des Heims Eures Gemahls.� Er warf einen Blick auf ihren vorgew�lbten Bauch. �Ich entbiete Euch sowohl meine Gl�ckw�nsche als auch mein Mitgef�hl, da ich selbst Vater bin, Herrin. Ich hatte nicht geh�rt, dass Ihr guter Hoffnung seid.�</p><p>Rhapsody r�usperte sich. �Ja�, sagte sie.</p><p>�Nun denn, ich schlage vor, dass Ihr Euch sofort zur Hohen Warte begebt. Zu dieser Zeit ist hier kein Kind und auch niemand sonst sicher, der von irgendeinem Wert ist.�</p><p>�Was schwatzt Ihr da f�r einen Mist?�, meinte Achmed ver�rgert. �Ich habe Euch nicht eingeladen. Ihr seid ohne einen guten Grund f�r Eure Gegenwart nicht willkommen, und doch seid Ihr hier und beleidigt mich. Was wollt Ihr?�</p><p>Faedryth be�ugte den Archonten. �Schickt Euren Diener weg�, sagte er ruhig.</p><p>Achmed schaute nicht einmal auf, sondern gab Trug mit dem Kopf das Zeichen, zu gehorchen. Trug h�stelte h�flich und verlie� den Raum, wobei er sehr erleichtert aussah.</p><p>�In Ordnung, was also wollt Ihr?�, fragte der Bolg-K�nig erneut. �Oder braucht Ihr zuerst ein hei�es Bad und ein paar Kekse?�</p><p>Faedryth bl�hte die N�stern und runzelte erneut die Stirn.</p><p>�Eure Anma�ung ist genau der Grund daf�r, dass ich hier bin�, sagte er. �Noch einmal, Ihr geht mit Kr�ften um, die Ihr nicht versteht, doch das h�lt Euch nicht auf, ja es veranlasst Euch nicht einmal dazu, Eure Pl�ne zu �berdenken. Ich muss allerdings sagen, dass mich das nicht �berrascht, jedenfalls nicht in Eurem Fall.� Er drehte sich um und sah Rhapsody an. �In Anbetracht Eurer Ausbildung und Berufung, Herrin, muss ich jedoch gestehen, dass ich entsetzt bin, Euch an einem so gef�hrlichen und unratsamen Vorhaben beteiligt zu sehen.�</p><p>Achmed rollte die Augen. �Nicht das schon wieder�, sagte er. �Habe ich nicht Euren Botschafter vor ein paar Monaten hinausgeworfen, als er mir genau diese Forderung von Euch �berbrachte? Ich glaube, ich war in meiner Antwort ziemlich eindeutig. Ich habe ihm befohlen, sie Euch in deutlichen Worten zu �berbringen, und wenn ich mich recht erinnere, war sie ziemlich klar ausgedr�ckt. Dennoch seid Ihr nun hier, in meinem Land und ohne meine Einladung. Geht, Faedryth. Ich finde Eure Sorge bestenfalls unaufrichtig und schlimmstenfalls scheinheilig, wenn man bedenkt, dass Ihr denselben Apparat gebaut habt, den ich Eurer Meinung nach nicht zusammensetzen darf.�</p><p>�Ihr seid ein �berheblicher Pferdearsch�, gab Faedryth w�tend zur�ck. �Ja, ich habe das urspr�ngliche Ger�t gebaut, von dem Ihr sprecht. Es wurde von einem Mann entworfen, der mehr Genie in seinen abgeschnittenen Zehenn�geln hatte, als Ihr in Eurem ganzen K�nigreich finden k�nnt, selbst wenn die cymrische Herrscherin gerade hier ist. Dennoch war es eine unkluge Sache. Ihr begreift nicht die Risiken, die Ihr eingeht. Wenn nur Euer verdammtes K�nigreich auf dem Spiel st�nde, k�nntet Ihr es meinetwegen in die Luft blasen, zusammen mit Eurer ganzen elenden Bev�lkerung. Aber leider kann Eure Dummheit und Unvernunft den Untergang f�r uns alle bedeuten � f�r uns alle! Und ich habe nicht vor, das mit anzusehen.�</p><p>�Er lebe hoch!�, erwiderte der Bolg-K�nig. �Im Gegenteil zu dem, was Ihr glaubt, Faedryth, habe ich ebenfalls nicht vor, das mit anzusehen.�</p><p>�Es ist genau dieser Glaube, zu wissen, was Ihr tut, der Euch so gef�hrlich macht, Achmed�, sagte Faedryth. �Das �berrascht mich eigentlich nicht.� Er wandte sich an Rhapsody. �Und was Euch angeht, Herrin, so bin ich entt�uscht, feststellen zu m�ssen, dass Ihr an dieser Sache beteiligt seid. Ich hatte geglaubt, Ihr w�sstet es besser.�</p><p>�Ich bin hier, um diesem Projekt mein Wissen zur Verf�gung zu stellen, und hoffe, damit seinen Erfolg zu garantieren�, meinte Rhapsody. �Und, ehrlich gesagt, Euer Majest�t, f�hle ich mich von Euren Vermutungen �ber den Bolg-K�nig und mich beleidigt. Wir m�gen zwar alle grob zueinander sein, aber wir sind immer noch Verb�ndete.�</p><p>Faedryth seufzte und sah pl�tzlich �lter aus, als er in Wirklichkeit war.</p><p>�Bitte denkt noch einmal dar�ber nach�, sagte er mit sanfterer Stimme. �Ihr wisst nicht, welches Risiko Ihr eingeht.�</p><p>Endlich schaute Achmed auf. Er warf den Federkiel, mit dem er Bemerkungen neben Rhapsodys Zeichnungen geschrieben hatte, auf den Tisch und ging hin�ber zu dem viel kleineren Mann. Er schaute hinunter auf das breite Gesicht des Nain-K�nigs, betrachtete es f�r einen Augenblick und senkte dann den Schleier, der seine Nase und seinen Mund vor den stechenden Schwingungen der Welt abschirmte.</p><p>�H�r mir zu�, sagte er abf�llig. <emphasis>�Du</emphasis> w�sstest nicht einmal, dass ich den Lichtf�nger erneuere, wenn du nicht selbst einen h�ttest, mit dem du unser Land ausspionierst. Ich wei� zwei Dinge viel besser als du, Faedryth. Erstens ist mir im Gegensatz zu dir klar, wie diese Magie funktioniert, oder wenigstens hat Rhapsody eine Ahnung davon. Mir ist bewusst, dass das Ger�t, welches <emphasis>du</emphasis> besitzt, das Schlafende Kind, das in der Erde liegt, aufzuwecken droht.� Er l�chelte schwach, als er den Ausdruck der �berraschung auf dem Gesicht des Nain-K�nigs sah. �Ja, <emphasis>Majest�t,</emphasis> im Gegensatz zu dem, was du glaubst, gibt es andere auf dieser Welt, die die �berlieferungen genauso gut wie du kennen, wenn nicht gar besser. Wenn ich nicht die Notwendigkeit versp�ren w�rde, die Macht dieses Apparates zu meiner Verf�gung zu haben, damit ich etwas ansonsten Unumkehrbares verhindern kann, w�re ich nie auf den Gedanken gekommen, damit meine Zeit zu verschwenden. Schlie�lich gibt es noch viele unschuldige Menschend�rfer zu �berfallen und so viele fette, entz�ckende Kinder zu fressen.</p><p>Zweitens habe ich tats�chlich das gesehen, was du zu wecken bef�rchtest, Faedryth � <emphasis>mit meinen eigenen Augen habe ich es gesehen.</emphasis> Und wenn du glaubst, dass dein k�mmerlicher Umgang mit M�chten, die du nicht verstehst, gerechtfertigt ist, dann erlaube mir, dich zu korrigieren. Die Nain w�ren die ersten, die verschlungen werden, falls das Schlafende Kind erwachen sollte: Es wird aus den Tiefen der Erde unter den Bergen aufsteigen, der Hitze des Feuerflusses folgen und dabei zuerst jedermann in deinem K�nigreich verschlucken, bevor es den Rest der Welt verzehrt. Du kannst mir vertrauen, wenn ich sage, dass ich in dieser Angelegenheit nicht auf deine Weisheit, sondern auf meine eigene h�re. Und nun verschwinde aus meinen Bergen und geh zur�ck in deine eigenen. Wir brauchen deinen Rat hier nicht.�</p><p>Der Nain-K�nig starrte ihn mit unverh�lltem Erstaunen an, das einen Augenblick sp�ter zu schwarzer Wut zerschmolz. Er ging hin�ber zu Rhapsody und dr�ckte ihr den samtenen Sack in die H�nde.</p><p>�Ich muss sagen, Herrin, dass die abscheuliche Grobheit Eures Freundes mich nicht im Geringsten schockiert, wohl aber bin ich entsetzt �ber Euch. Wenn irgendjemand die Gefahren kennt, die sich beim Spiel mit dem uranf�nglichen Wissen ergeben, dann doch wohl eine lirinische Benennerin.�</p><p>�Noch einmal: Niemand spielt hier mit etwas, Euer Majest�t�, sagte Rhapsody. �Ich entschuldige mich f�r Achmeds Unh�flichkeit. Aber angesichts dessen, was sich gerade ereignet, gibt es keine Grenzen der gew�hnlichen Diskretion mehr. Wir brauchen jedes Mittel, das uns zur Verf�gung steht, um die Berge und jene zu sch�tzen, die in ihnen leben, sowie auch alle anderen Mitglieder des B�ndnisses. Sorbold giert nach Krieg, und die heilige Stadt Sepulvarta scheint bereits in seinen Klauen zu sein. Ich hoffe, Ihr werdet uns beistehen, wenn die Zeit gekommen ist und Ihr gebraucht werdet.�</p><p>�Ich vermute, heute habt Ihr mich zum letzten Mal gesehen, Herrin�, sagte der Nain-K�nig verbittert. �Wir haben uns wegen der Selbstsucht und Dummheit eines m�nnlichen und eines weiblichen Herrschers, die an diesem Ort hier regiert haben, schon einmal in unser Land zur�ckgezogen. Ich hatte gehofft, dass eine solche Situation nie wieder eintreten w�rde, doch leider scheint sich die Geschichte zu wiederholen. M�get Ihr durch Euren Versuch, die Vernichtung abzuwenden, nicht dieselbe herbeif�hren.�</p><p>Er drehte sich auf dem Absatz um, schritt aus dem Thronsaal und schlug die gro�e T�r hinter sich zu.</p><p>Der L�rm hallte durch den Raum und l�ste den Staub von den S�ulen, welche die Decke trugen.</p><p>�Was ist in dem Sack?�, fragte Grunthor, nachdem es wieder still geworden war.</p><p>Rhapsody l�ste den Riemen und �ffnete den Sack. Darin befand sich ein kleines K�stchen aus purem Gold. Sie hob den Deckel und stellte fest, dass es mit schwarzem Elfenbein ausgekleidet war, einer toten Gesteinsformation, die angeblich allen Methoden des Hellsehens widerstand.</p><p>Darin lag ein einzelnes St�ck aus br�chigem, hauchd�nnem und durchscheinendem Material. Sanft nahm sie es in die Hand und f�hlte sich pl�tzlich, als w�re die Welt um sie herum an ihr Ende gekommen.</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, sagte sie.</p></section><section><title><p>40</p></title><p>Der letzte Ort, an den Achmed den Dhrakier mitnahm, waren die Ruinen des Loritoriums, des unvollendeten Ortes, an dem Gwylliam die Artefakte des uralten Wissens aus seiner Sammlung hatte aufbewahren wollen. Es war tief im Bauch der Berge am Ende eines Tunnels erbaut worden, dessen einziger Zugang sich in den Gem�chern des Bolg-K�nigs befand.</p><p>Der Grund daf�r bestand in dem Altar aus Lebendigem Stein in der Mitte des unvollendeten Raumes, auf dem das Schlafende Kind lag, das mittlere Kind aus der Prophezeiung.</p><p>Er und Rath standen �ber seinem Katafalk und schauten auf es hinunter. Das Wesen war so gro� wie ein erwachsener Mensch, hatte das Gesicht eines Kindes und eine kalte, graue, wie poliert wirkende Haut, als w�re es aus Stein gemei�elt. Wenn da nicht sein langsamer Atem gewesen w�re, h�tte man wirklich glauben k�nnen, es w�re eine Statue.</p><p>Unter der Oberfl�che der hauchd�nnen Haut war das Fleisch dunkler und zeigte matte Schattierungen aus Braun und Gr�n, aus Purpur und Dunkelrot, die wie d�nne F�den aus farbigem Ton ineinander verschlungen waren. Seine Z�ge waren sowohl grob als auch glatt, als ob das Gesicht zuerst mit stumpfen Werkzeugen gemei�elt und dann sorgf�ltig ein ganzes Leben lang poliert worden w�re. Unter der derben Stirn befanden sich Brauen und Wimpern, die wie aus trockenen Grashalmen gewirkt zu sein schienen und zu dem langen, k�rnigen Haar passten. Im schwachen Licht glichen die Locken Weizen oder gebleichtem Steppengras; sie waren zu einer gleichm��igen L�nge geschnitten und zu zarten Z�pfen geflochten worden. Die Haarwurzeln an der Kopfhaut waren gr�n wie das Gras im Vorfr�hling.</p><p>Achmed erinnerte sich daran, wie er dieses Kind zum ersten Mal gesehen hatte und was die Frau, die sich um es gek�mmert hatte � die letzte �berlebende einer nahen dhrakischen Kolonie, die <emphasis>Gro�mutter</emphasis> genannt worden war �, ihm �ber es berichtet hatte.</p><p><emphasis>Sie ist ein Kind der Erde, geformt aus Lebendigem Stein. Bei Tage und bei Nacht, zu allen Jahreszeiten schl�ft sie. Sie war schon vor meiner Geburt hier. Ich bin verpflichtet, sie zu bewachen, bis der Tod mich holt. So muss es auch bei dir sein.</emphasis></p><p>Er hatte sich diese Worte zu Herzen genommen, vermutlich mehr als alles andere in seinem Leben.</p><p>�Sie ist viel kleiner und sieht kr�nker aus als bei meinem letzten Besuch hier�, sagte Rath.</p><p>�Der Herrscherbastard, den es nach Krieg gel�stet, hat den letzten verbliebenen Lebendigen Stein in einer Basilika in Sorbold namens Terreanfor geerntet.� Rath nickte; er kannte den Ort gut. �Vielleicht fordert das einen Tribut von ihr.�</p><p>Rath nickte erneut und schwieg weiter. Er folgte dem Bolg-K�nig zur�ck in den oberen Berg zu einem hochgelegenen Tunnel, der die gewaltige Schlucht �berblickte, welche den Hauptteil Canrifs von der verdorrten Heide trennte.</p><p>Der Wind heulte durch den Tunnel und sang ein Klagelied. Der Bolg-K�nig und Rath setzten sich auf den Boden bei der �ffnung des Schachtes, schauten nach Westen und beobachteten, wie die Sonne ihr Licht blutgleich �ber das Vorgebirge, die Steppe und die weiten Krevensfelder ergoss.</p><p>Schweigend sa�en sie da und erwarteten den Sonnenuntergang, bis Achmed schlie�lich sprach.</p><p>�Erz�hle mir von den F�dor und denjenigen, die sie bewachen�, sagte er. �Ich wei� nur das, was Pater Halphasion mir beigebracht hat. Aber da er nicht an der Jagd teilnahm, konnte er mir nur sehr wenig sagen, also habe ich den Blutdurst in meinen Adern mein ganzes Leben lang verst�ndnislos mit mir herumgeschleppt.�</p><p>Rath schaute hinunter in die zerkl�ftete Schlucht, in der tiefe Spalten die Reste des Sonnenlichts eingefangen hatten.</p><p>�Es gibt zwei Gruppen von Bestien: das �ltere Pantheon und das J�ngere. Sie sind nichts gesichtslos, sondern haben jeder eine einzigartige Pers�nlichkeit. Jeder hat St�rken, gegen die man sich wappnen muss, und Schw�chen, die man sich zunutze machen kann. Wir kennen jeden Einzelnen, denn sie alle leben schon seit der D�mmerung der Sch�pfung � und sie haben sich nicht fortgepflanzt, zumindest zum gr��ten Teil nicht.</p><p>Die D�monen des �lteren Pantheons wurden aus dem Feuer geboren, das w�hrend der Sch�pfung auf der Oberfl�che der Erde brannte. Die des J�ngeren Pantheons stammen aus den Flammen, die kurz danach in den Erdkern herabgesunken sind. Die J�ngeren sind b�sartiger, denn sie kennen nur das befleckte Feuer, das Element, welches zerst�rt und verzehrt. Die �lteren hingegen hatten Zugang zu einem anderen Weg, den sie jedoch nicht gew�hlt haben. Bei ihrer Zeugung sahen sie den Himmel, die Sterne, das Universum und seine Unendlichkeit, aber sie zogen es vor, das reiche Leben um sie herum zu verachten, und warfen sich stattdessen auf die Leere. Sie wussten um die sch�pferische und positive Kraft des Feuers � um die W�rme, das Licht, das Schmelzen von Stahl, das Kochen von Nahrung und das Ausbrennen von Krankheiten �, doch sie schenkten all dem keine Beachtung und benutzen es nur, um zu qu�len und zu zerst�ren. Diese freiwillige Wahl ist der Grund daf�r, dass das �ltere Pantheon als so viel schlimmer angesehen wird.</p><p>Das �ltere Pantheon hat das Ei des Stammwyrms gestohlen, das J�ngere die Schuppen. Beide sind b�se, habgierig und wollen Vernichtung um jeden Preis; so steht es um jene, welche die Leere anbeten. Es ist ihnen egal, dass ihre Taten auch den Untergang ihrer eigenen Rasse herbeif�hren werden. Unsere Hoffnung ist lediglich, dass wir ihnen dabei helfen, ohne dass sie uns und den Rest der Welt mit sich rei�en.�</p><p>Achmed nickte und schwieg f�r lange Zeit. Als er schlie�lich sprach, lag in seiner Stimme weder die �bliche Anma�ung noch die gew�hnliche Sch�rfe.</p><p>�In den Ruinen von Kurimah Milani hast du gesagt, ein Mann k�nnte jedes lebende Exemplar des Bienenschwarms vernichten, wenn er mit einem Feuer in ihre H�hle geht. Dann hast du darauf angespielt, dass es sich mit einer anderen H�hle genauso verhielte. Ich sagte dir, dass ich R�tsel verabscheue. Sag es offen heraus: Was willst du von mir?�</p><p>Rath sah ihn an und schaute dann wieder �ber die tiefe Schlucht zu der Stelle, wo das Licht der untergehenden Sonne die verdorrte Heide in den Farben des Feuers badete.</p><p>�Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass du f�r die Bolg ein verdorbenes und unsauberes Halbblut unter Bastarden warst, das in ihren Augen nur wenig wert war. Wegen der Wunden aus deiner Vergangenheit hast du angenommen, dass das Blut deines unbekannten Vaters dich auch der Wertsch�tzung der Blutsverwandten beraubt h�tte, aber ich sage dir � und der Wind ist mein Zeuge �, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein k�nnte. F�r die W�chter und all die Br�der, die dich seit deiner Zeugung gesucht haben, bist du ein ganz besonderes Wesen und ein wertvolles Geschenk f�r unsere Art. Du bist es, der schlie�lich die Waage zu unseren Gunsten ausschlagen lassen k�nnte. Wir haben nicht nach dir gesucht, um dich zu foltern oder zu missbrauchen oder gar die Art von deinem Blut zu reinigen, sondern weil wir dich brauchen. Du bist im wahrsten Sinne des Wortes unsere letzte Hoffnung.� Rath l�chelte, als er den Ausdruck v�lligen Unglaubens auf Achmeds Gesicht sah.</p><p>�Du allein bist geboren von Wind und Erde, Bolg-K�nig�, fuhr er fort. �W�hrend wir bei unserer endlosen Wache die Tunnel und Schluchten der Unterwelt durchschreiten, sind wir doch Fremde dort � und das wissen die D�monen genau. Sie begreifen, was unser Opfer uns kostet und wie sehr der Wind in unserem Blut es hasst, in der Erde gefangen zu sein, f�r immer getrennt vom Element der Luft. Selbst in ihrem Gef�ngnis lachen sie uns noch aus, denn wir sind in jeder Hinsicht genauso Gefangene wie sie.</p><p>Doch in deinem Blut ist die Erde so stark wie der Wind. Du besitzt ein uranf�ngliches Band zu ihr, das weder die Blutsverwandten noch die Unausgesprochenen haben. Du hast dort Macht und eine k�rperliche Gestalt, die vom Element der Erde besch�tzt wird, das dir von deinem Vater geschenkt wurde. Du w�rdest vom Lebendigen Stein der Tiefen Kammer geleitet, falls du dich entscheiden solltest, sie zu betreten.�</p><p>Achmed sp�rte, wie sich ihm die Kehle zuschn�rte. Tief in seinem Blut reizten die Worte ihn; sie n�hrten den dunklen Hass seines Volkes, den er auf sich trug. Doch noch behielt Unsicherheit die Oberhand.</p><p>�Ich bin kein W�chter�, sagte er. �Ich bin nur zur H�lfte vom Blut der Br�der � und was die andere H�lfte in mir ausmacht, hat mich erzogen, wenn man das, was ich genossen habe, �berhaupt so nennen kann. Ich kenne eure �berlieferungen und Prophezeiungen nicht und nicht eure Geschichte. Meine F�higkeiten sind begrenzt und schwach. Wenn ich eine Blutgabe erhalten habe, die es mir erlaubt, den Herzschlag jedes Wesens aufzusp�ren, das von derselben Erde stammt wie ich, dann ist das nur eine Gabe der Oberwelt. Jedes Mal, wenn ich einem aus dem Pantheon gegen�berstand, brauchte ich Hilfe, um meine Aufgabe zu vollenden. Ohne diesen Beistand w�re ich jetzt entweder tot oder selbst besessen.�</p><p>Die silbernen Pupillen von Raths Augen dehnten sich, als das Licht �ber der Steppe verblasste. Er richtete den Blick auf Achmed, als wolle er seinen Worten zus�tzliches Gewicht verleihen, und sagte:</p><p>�Was du nicht wei�t, ist dieses: Du k�nntest allein durch die Tiefe Kammer gehen, und wenn du an ihr Ende k�mest, w�rde in der Stille nur dein gefl�sterter Name hallen.�</p><p>�Ich glaube, du �bersch�tzt meine F�higkeiten als M�rder�, erwiderte Achmed. �Die Antwort auf die Frage, die du mir in der H�hle gestellt hast, lautet so: Obwohl es nicht immer so war, bin ich jetzt eher K�nig als M�rder. Meine urspr�ngliche Aufgabe ist es, das Erdenkind und die Erde zu besch�tzen, nicht um der alten Feindschaft mit den F�dor, sondern um ihrer selbst und um derer willen, die auf ihr leben. Und auch um meiner eigenen selbsts�chtigen Ziele willen. Es ist, wie du vorhin gesagt hast, ein oberweltlicher Ruf. Also bin ich ein K�nig, obwohl du mich nicht als solchen ans�hest, wenn du mich besser kennen w�rdest.�</p><p>Der dhrakische J�ger sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es steht mir nicht zu, dich zu beurteilen. Du bewachst das Schlafende Kind. Ein K�nig mit Voraussicht, aber ohne Mut und Gnade h�tte es zerschmettert, ihm die Rippen gebrochen und alle m�glichen Schl�ssel zerst�rt. Dann w�rde niemand mehr die T�r durchschreiten k�nnen. Nein, welchen Ruf du auch immer haben m�chtest, ich wei�, was f�r ein K�nig du bist.�</p><p>�Erz�hle mir vom �lteren Pantheon�, bat Achmed, den inzwischen die Neugier gepackt hatte. �Was wei�t du �ber die �ltesten F�dor? Wie lauten die Namen derer, die du jagst?�</p><p>Rath zog einen kleinen Dolch aus der Kalbslederscheide und fuhr mit ihm nachl�ssig �ber die Tunnelwand. �Den ganzen Namen zu sagen, ist selten m�glich. Es w�re, als ob man einen Wasserfall bezeichnen m�chte, indem man seinen Rhythmus nachahmt, bis man diesen von jedem anderen Wasserfall unterscheiden kann. Wie lange w�rde das dauern? Den ganzen Fr�hling? Ein Jahr? Diese Rasse ist nicht durch die Bewegung der Zunge gebunden und auch nicht durch den Ablauf der Zeit. Sie wurde sozusagen ganz geboren. Ihr Wachstum h�ngt nicht von den Jahren, sondern vom Brennstoff ab; ihre Erfahrung und St�rke bemisst sich nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Seelen.</p><p>Dennoch m�ssen wir sie benennen, um sie zu rufen, zu fangen und zu z�hlen. Es gibt nur wenige von uns, die allm�hlich mit der Liste zurechtkommen. Ich werde dir so viel von den Namen verraten, dass es in deine Ohren dringt, aber f�r den Wind wird es nicht reichen. Hrarfa ist einer derjenigen, die ich suche. Sie ist eine wispernde Flamme, wie Weihrauch, manchmal schwelt sie, ist mehr Geruch als Flamme, wie ein Leuchtfeuer oder bisweilen auch ein Irrlicht, das mit falschen Versprechungen lockt. Sie ist die L�gnerin aller L�gner.</p><p>Dann ist da Hnaf, der Spuckende, beinahe Nasse, der sich in der N�he des Wassers heimisch f�hlt, sich bei ihm versteckt und vorgibt, fast erloschen zu sein. Dem geringen Wissen zufolge, das wir �ber die Insassen der Tiefen Kammer haben, misstraut ihm sogar seine eigene Art, denn er ist von einer niedrigen Boshaftigkeit besessen. Der Ausgesto�ene der Ausgesto�enen.</p><p>Einige verfolgen wir anhand der menschlichen H�llen, die sie zur�cklassen. Der gierige Ricken lauert am Rande des Waldes ahnungslosen kleinen Leuten auf, klein sowohl an Gestalt als auch an Geist. Dieses Wesen � wir kennen sein Geschlecht nicht � zieht es vor, so viele Menschen wie m�glich zu verzehren: Bauern, Hausm�tterchen, beschr�nkte Arbeiter. Es nimmt sich keine wertvollen Opfer und m�stet sich nicht an Ehrgeiz und Angst. Es ist der Vielfra�.</p><p>Einige sind keck, sogar tapfer und haben das Bannritual �berlebt. Die J�ger des Gef�ngnisses gewinnen nicht immer. Wie die Bolg oder die Menschen reden die F�dor in der Stunde ihres Untergangs. Manche knurren, manche betteln, manche versuchen zu handeln, einige weinen sogar. Doch man darf sich von ihnen nicht t�uschen lassen. Du bist ein Narr, wenn du glaubst, dass sie so denken und f�hlen wie du. Jeder Einzelne ist anders, wie ein Dorf aus Kerzen oder ein Hang aus Feuerzungen. Das ist alles, was sie mit uns gemein haben: Sie betteln, sie handeln, sie weinen, weil sie uns schon so lange jagen, weil sie uns gesehen haben � weil sie <emphasis>in uns</emphasis> gewesen sind. Sie kennen diese Schl�ssel zur menschlichen Seele und manipulieren sie, doch sie selbst sind immun gegen solche Gnadenersuche. Und manchmal waren ihre T�uschungen erfolgreich, sogar bei den W�chtern.</p><p>Au�er ihnen haben nur wenige die Gabe, die F�dor zu sehen, denn ihre Natur ist die des Versteckens, wie bei uns. Der Nain-K�nig hat Linsen geschliffen, um das zu sehen, was verborgen ist, doch keine hat sich als wirksam dabei erwiesen, etwas zu entdecken oder vorherzusagen. Ich glaube, es wird nicht lange dauern, dass er sich w�nscht, einen F�dor einzufangen, damit er ihn studieren kann. Der Nain-K�nig ist gro� und gelehrt und sehr alt, und er wird auf dieses Wesen starren, dass nicht eigentlich ein Wesen ist, sondern nur ein Ding, und er wird nicht erkennen, dass es ihn ebenfalls anstarrt.�</p><p>�Er ist ein Narr�, sagte Achmed. �Und er wird den Wyrm eher wecken als ich.�</p><p>Rath sch�ttelte den Kopf. �Er ist ein Verb�ndeter, und in dieser Schlacht wirst du jeden Verb�ndeten aus der Oberwelt brauchen, den du bekommen kannst. Es war ein Fehler, ihn zur�ckzuweisen, Bolg-K�nig. Du ertr�gst ihn besser als deinen n�rrischen Verb�ndeten denn als deinen weisen Feind.�</p><p>�Er w�rde den Bolg in Zeiten der Not nie beistehen. Es s�he den Nain �hnlich, sich einfach in ihre Berge zur�ckzuziehen und dort auszuharren, selbst wenn der Rest der Welt auseinander f�llt. So war es am Ende des Cymrischen Krieges, und so wird es auch jetzt wieder sein. Es ist also egal, ob er mein Verb�ndeter oder mein Feind ist. Er wird auf dieselbe eigens�chtige, sich abgrenzende Art und Weise wie immer handeln. <emphasis>Er</emphasis> ist halt so eine Art K�nig. Und wenn er der Meinung ist, dass er sein Volk so am besten sch�tzt, dann kann ich es ihm nicht verdenken � aber ich muss nicht auch noch seine d�mlichen Forderungen erf�llen.�</p><p>Rath zuckte die Schultern. �Entweder du bist ein M�rder, oder du bist ein K�nig�, sagte er, schloss die Augen und genoss es, wie der Wind �ber sein Gesicht fuhr. �Ein K�nig muss solche Dinge erdulden, ein M�rder nicht.� Achmed schwieg darauf.</p><p>Als die Brise auffrischte, �ffnete der Dhrakier aus Gewohnheit den Mund und sang seine Liste heraus.</p><p><emphasis>Hrarfa, Fraax, Sistha, Hnaf, Ricken.</emphasis></p><p>Der Wind drehte sich und blies nun von Norden.</p><p>Raths Mund war von Feuer erf�llt, in seiner Kehle brannte �tzendes Blut.</p><p>Er hatte die Spur eines F�dor aus dem �lteren Pantheon aufgeschnappt.</p><p><emphasis>Hrarfa,</emphasis> fl�sterte er. Das Wort sank ihm bis ins Herz und verankerte sich in seinen Blutgef��en.</p><p>Nun schlug es im Rhythmus eines anderen Herzen, das weit entfernt war.</p><p>Rath taumelte auf die Beine; sein Gesicht war vor Erregung und Schmerz verzerrt.</p><p>�Hast du eine Spur gefunden?�</p><p>Der Dhrakier nickte.</p><p>�Ich werde mit dir gehen.�</p><p>Rath sch�ttelte den Kopf. �Bleib hier�, sagte er unter gro�en M�hen. �Bewache das � Erdenkind. Es k�nnte ein Ablenkungsman�ver sein. Es ist meine Aufgabe, dieser Spur zu folgen.�</p><p>Die Nadeln trieben bereits hei� durch Achmeds Adern und fl�sterten dabei Worte des Hasses. Widerstrebend nickte er.</p><p>�Das Gl�ck sei mit dir�, sagte er, als Rath den Tunnel hinunterging.</p><p>Rath blieb stehen und blickte �ber die Schulter.</p><p>�Ich werde dir die Geschichte dieser Jagd mitbringen, falls ich noch lange genug leben sollte, um sie erz�hlen zu k�nnen�, sagte er.</p><p>Dann verschwand er im Wind.</p></section><section><title><p>41</p></title><subtitle>Unter den Mauern der Hohen Warte, n�rdliches Navarne, in der N�he der Provinz Bethania</subtitle><p>Der Tag war lang und fruchtlos gewesen. Ashe hatte Kopfschmerzen von den Berichten �ber die Zerst�rungen in Sepulvarta, dem Zusammenprall der Soldaten im Verlauf der Evakuierung der Krevensfelder und von dem Streit der Herz�ge �ber die Zuteilung von Reserven f�r die Verteidigung der verschiedenen Provinzen. Die erneute Zusammenkunft der Herz�ge in dieser Festung hatte nichts dazu beigetragen, ihre Streitsucht zu mildern, wie Ashe es eigentlich gehofft hatte. Er war so lange wie m�glich so geduldig wie m�glich gewesen, bis er schlie�lich das Gef�hl hatte, dass der dumpfe Schmerz in seinem Kopf diesen bald spalten w�rde.</p><p>�Wir werden morgen fr�h wieder zusammenkommen�, hatte er hinter einem gewaltigen Papierstapel auf seinem Schreibtisch zu dem Konzil der Herz�ge gesagt. Sein Tonfall hatte bewirkt, dass sie sich rasch zur�ckgezogen hatten � alle au�er Tristan Steward, der in der gro�en Bibliothek zur�ckgeblieben war.</p><p>�Du k�nntest ein Glas Branntwein vertragen, mein Freund�, sagte Tristan, �und auch etwas zu essen. Wenn ein Heer nur mit vollem Magen marschiert, dann sollte gerade der Kommandant den seinen nicht vernachl�ssigen. Ich werde dir etwas heraufbringen lassen.�</p><p>Er ging zur Anrichte und holte ein schweres Kristallglas heraus, in das er drei Fingerbreit einer klaren, bernsteinfarbenen Fl�ssigkeit eingoss, einen Honigbranntwein aus der Provinz Canderre, die in der ganzen Welt f�r ihre ausgezeichneten Getr�nke und anderen Luxusg�ter bekannt war. Er goss auch sich selbst ein Glas ein und gab das erste dem cymrischen Herrscher.</p><p>Ashe winkte ihn fort.</p><p>�Nein, vielen Dank�, sagte er. �Ich bin nicht hungrig.�</p><p>�Aber du musst durstig sein�, bedr�ngte Tristan Steward ihn. �Du hast fast den ganzen Tag alberne Fragen beantwortet, Gwydion. Sogar der cymrische Herrscher hat eine Unterbrechung von den andauernden Kriegsvorbereitungen verdient.� Er stellte das Glas auf den Tisch vor Ashe, der den Kopf auf den Unterarm gelegt hatte. �Ich �berlasse dich jetzt deinen Gedanken. Sorge daf�r, dass du etwas Schlaf bekommst. Gute Nacht.�</p><p>�Vielen Dank�, murmelte Ashe, als sich die T�r hinter ihm schloss. Er starrte in den Feuerschein, der in seinem bauchigen Glas tanzte. Es lag etwas Beeindruckendes darin, wie die goldene Fl�ssigkeit das Licht einfing und es in den warmen Farben des Feuers brach. Alles, was mit Feuer zu tun hatte, erinnerte ihn wie immer schmerzhaft an Rhapsody.</p><p>Gegen sein besseres Wissen nahm er das Glas in die Hand und erlaubte es den Alkohold�mpfen, ihm in die Nase zu steigen. Sie stachen ihm in die Nebenh�hlen und w�rmten sie sogleich. Er trank einen Schluck. Die Fl�ssigkeit war weich wie Seide und warm; sie erf�llte seinen Mund mit einem herrlichen Geschmack und seine Nase mit einem reichen Duft. Er hatte es Tristan Steward zu verdanken, dass er dieses Getr�nk kannte.</p><p>Abermals wurde leise die T�r ge�ffnet. Ashe drehte sich um und warf einen Blick �ber die Schulter.</p><p>Rhapsody war wieder da. Diesmal trug sie nicht ihre Reisekleidung, sondern ein hauchd�nnes Gewand aus wei�er Seide. Er erkannte die vom Feuer erleuchteten Umrisse ihrer schlanken Beine; die reizvollen Kurven ihres K�rpers waren schattenhaft durch den d�nnen Stoff zu sehen und liefen auf die schwellenden Br�ste zu, �ber denen die nackte Haut ihrer Kehle schimmerte.</p><p><emphasis>Ich vermisse dich,</emphasis> sagte sie mit zugleich sanfter und rauchiger Stimme.</p><p>Ashe nahm noch einen Schluck von der brennenden Fl�ssigkeit.</p><p>�Geh weg�, murmelte er. �Du bist ein Trugbild meiner Einbildung. Oder ein Zeichen f�r meinen beginnenden Wahnsinn. Geh weg.�</p><p>L�chelnd kam sie auf ihn zu; das Seidenkleid wisperte um ihre nackten F��e.</p><p><emphasis>Ich bin kein Trugbild,</emphasis> sagte sie, beugte sich zu ihm herunter und erf�llte seine Nase mit der W�rme ihres Duftes. <emphasis>Nicht, solange ich in deinem Herzen bin.</emphasis></p><p>Ashe war ersch�pft davon, den einsamen und ersch�pften Drachen in sich im Zaum zu halten. Er streckte die Hand aus, eine Soldatenhand, schwielig und faltig von der Schlacht und dem Schwertgriff, und legte sie zitternd auf die glatte W�lbung ihres Nackens. Ihre Haut war warm und weich, ihr Atem ging schneller unter seiner Ber�hrung.</p><p>�Du bist nicht wirklich�, sagte er leise. �Auch wenn der All-Gott wei�, dass ich wollte, du w�rest es.�</p><p><emphasis>Ich kann es sein,</emphasis> antwortete sie fl�sternd.</p><p>Ashe schaute weg. Er schloss die Augen, legte wieder die Stirn auf den Unterarm und erlaubte es den D�nsten des Branntweins, in sein Hirn zu dringen, w�hrend der Drachensinn in ihm die Gestalt des Traumes, der neben ihm wartete, deutlich wahrnahm.</p><p>Er sp�rte die W�rme von Lippen auf seinem Hals, das Kitzeln und den s��en Duft von frisch gewaschenem Haar, die schmerzhafte Verf�gbarkeit, die Willigkeit, das Verlangen.</p><p>Dann drehte er rasch den Kopf um und �ffnete die Augen.</p><p>Das Kammerm�dchen war wieder da und schaute ihn mit demselben L�cheln an, das vor einem Moment noch auf dem Gesicht seiner Frau gewesen war.</p><p>�Warum bist du hier, Portia?�, fragte er sto�weise. �Was willst du von mir?�</p><p>�Dasselbe, was Ihr von mir wollt.� Der Ton ihrer Stimme war beinahe magisch einladend und brachte alle Nerven in seinem K�rper zum Schwingen.</p><p>Ashe schob ruckartig seinen Stuhl zur�ck und schlug mit den H�nden auf den Tisch vor ihm.</p><p>�Was machst du da?�, rief er. �Warum bist du immer da, wenn mein Verstand in Tr�mmern liegt? Oder liegt er in Tr�mmern, weil du da bist?� Der cymrische Herrscher packte seine eigenen Haare und riss daran. �Was f�r ein heimt�ckisches Spiel spielst du mit mir, Portia?�</p><p>Die Augen der jungen Frau f�llten sich mit Tr�nen.</p><p>�Herr, ich ��</p><p>Der Drache in seinem Blut explodierte vor Wut.</p><p>�Genug! Genug!�, br�llte Ashe. W�tend schleuderte er die Papiere vor sich vom Tisch und verspritzte dabei den Inhalt des Tintenfasses auf dem dicken Teppich. �Geh weg von hier! Geh zur�ck nach Bethania � oder woher du auch immer gekommen sein magst. Wende deine b�sen Listen bei Tristan Steward an, klettere doch in sein Bett. Vielleicht wird er deinen Verf�hrungsk�nsten erliegen � ich jedenfalls werde es nicht. Glaubst du, ich k�nnte dich nicht von meiner Frau unterscheiden? Glaubst du, du k�nntest mich in meinem Elend verf�hren und all das betr�gen, was ich f�r heilig halte? Du verdammtes Biest!� Der Drache in seinem Blut tobte, und die Worte sowie die Stimme, die sie aussprach, klangen in seinen Ohren wie die eines Wahnsinnigen.</p><p>Die Kammermaid brach in Tr�nen aus und erbebte unter ihren Schluchzern.</p><p>�Herr, ich wollte nie ��</p><p>Doch der Drache in Ashes Seele raste so in seinem Blut, dass es ihm in den Adern brannte.</p><p>�Sei still!�, knurrte er mit einer Stimme, die eher das Br�llen eines Tieres war. <emphasis>�Sei still!</emphasis> Verlass mein Haus. Ich will, dass du noch heute Nacht gehst � sofort! Nimm mit, was dir geh�rt, und geh. Lass mich allein und kehre niemals zur�ck. Ich will dich nie wieder sehen. Ich wei� nicht, welche Kniffe du anwendest, aber wenn du nicht sofort gehst, kann ich f�r deine Sicherheit hier nicht mehr garantieren. Pack all das zusammen, was du mitgebracht hast � deine Essenzen und alles andere, was dir geh�rt. Geh. Geh mir aus den Augen. Geh weg von hier!� Er taumelte blindlings zu den Sprachrohren und rief nach dem Kammerherrn.</p><p>�Gerald! Gerald Owen! Komm sofort her und befreie mich von diesem Ungeheuer!�</p><p>Das Kammerm�dchen starrte ihn noch einen Moment lang verbl�fft an, vergrub dann das Gesicht in den H�nden und rannte laut heulend aus dem Zimmer.</p><p>Als sie fort war, schien etwas in der Luft um Ashe herum zu zerspringen. Der cymrische Herrscher wusste nicht, ob es ein Zauber war, eine Falle wie ein unsichtbares Spinnennetz, das von b�sen M�chten gewoben worden war, um ihn seiner geistigen Gesundheit zu berauben.</p><p>Oder es war das Zerspringen gerade dieser geistigen Gesundheit.</p><p>Ashe sp�rte jeden klappernden Schritt, als Portia die Treppe hinunterlief; und die Nerven seiner Haut nahmen das Schlagen jeder T�r auf ihrem Weg nach drau�en wahr. Er war seltsam dankbar daf�r, dass ihr Jammer so schnell vergangen zu sein schien. Ihre Ruhe war fast sofort zur�ckgekehrt, denn ihr Herz schlug wieder in normalem Rhythmus, ihr Atem ging langsamer, und besonnen packte sie rasch ihre Sachen und schoss dann durch die Hintert�r in die Nacht hinaus, ohne darauf zu warten, dass ihr der Kammerherr den Weg nach drau�en zeigte. Er schloss die Augen und hoffte, dass dieselbe Ruhe nun auch wieder zu ihm zur�ckkehren w�rde. Er beobachtete Portias Fortgang, bis er ihre Gegenwart auf seinen L�ndereien nicht mehr sp�rte und nicht l�nger den Duft von Vanille und s��er Seife, von Holzrauch und Wiesenblumen in den oberen Bereichen seiner Nebenh�hlen roch. Er bemerkte nicht, wie stark seine H�nde zitterten oder wie schnell sein Herz schlug. Als der Kammerherr in einem ruhigeren Augenblick zu ihm kam, bereute Ashe bereits seinen Wutanfall und wurde von Reue sowie dem Verlangen gequ�lt, seine Tat wieder gutzumachen.</p><p>Er erkannte, dass er beinahe einen Fehler begangen h�tte, der ihn mehr als die ganze Welt gekostet h�tte.</p><empty-line/><p>Portia rannte hinaus in die Nacht. Zwar klopfte ihr Herz wild, doch sie besa� die Ruhe von jemandem, der schon viele solcher Vertreibungen �berlebt hatte.</p><p>Sie wanderte unter dem Mond die kalten Pfade des Waldes entlang, bis sie zu einem schattigen Tal kam, in dem die knospenden Bl�tter in all dem geisterhaften Leuchten um sie herum schwarze, spitzenartige Schatten auf den Boden warfen.</p><p>Sie bebte unter der K�lte; ihr K�rper war nie gut gepolstert gewesen, und die K�hle der Nachtluft sank in ihre Haut ein und lie� sie erzittern.</p><p><emphasis>Er wird mir nachlaufen,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Er bereut schon, was er getan hat, und wenn die Gewissensbisse ihn �berw�ltigen, wird er in die Nacht hinauslaufen und mich suchen.</emphasis></p><p><emphasis>Und wird mich wieder in sein Haus bringen.</emphasis></p><p><emphasis>Heute Nacht wird es endlich vollzogen werden,</emphasis> dachte sie freudig und rieb sich frierend die Arme. <emphasis>Heute Nacht wird er mich in seine Arme nehmen und zu seinem Bett tragen. Ich werde ihn ganz besitzen. Ich werde ihn bis auf die h�chsten Klippen der Lust reiten, und w�hrend er sich in mich bohrt, werde ich mich in seine Seele bohren. Ich bin vielleicht nicht in der Lage, den Schatten seiner Frau zu vertreiben, aber sie wird mich in ihm finden, wenn sie zur�ckkehrt.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann wird alles beginnen.</emphasis></p><empty-line/><p>Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ihn Gewissensbisse beschlichen und sich in ihm festsetzten.</p><p>Ashe stand vom Tisch auf und ging wieder zum Sprachrohr.</p><p>�Komm, Owen�, rief er seinen Kammerherrn. �Ich bin ein Esel gewesen. Ich wollte sie nicht allein und ohne Schutz in die Nacht hinausschicken. Sattle mein Pferd. Wir m�ssen sie finden und herbringen. Und dann soll Tristan daf�r sorgen, dass er sie mitnimmt, wenn er morgen nach Bethania zur�ckkehrt.�</p></section><section><title><p>42</p></title><subtitle>Die Hallen von Canrif Ylorc</subtitle><p>Wie Ashe vorhergesagt hatte, kehrten die Albtr�ume tats�chlich zur�ck.</p><p>W�hrend der Reise hatte Rhapsody sie kaum wahrgenommen. Zu vieles hatte sie besch�ftigt, w�hrend sie, Achmed und Grunthor in gro�er Eile nach Westen und in die W�ste hinausgeritten waren. Als sie mit ihrem Kind im Schlepptau die sch�tzenden Arme ihres Mannes verlassen hatte, war die Angst vor den Augen, die �ber und unter der Erde nach ihrem Kind suchten, f�r sie albtraumhaft genug gewesen. Schlechte Tr�ume hatte sie in dieser Zeit kaum bemerkt; die Wirklichkeit war noch schlimmer gewesen.</p><p>Als sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, hatten Rhapsody und Meridion an Grunthors massiger Brust geschlafen, genau wie damals, als sie entlang der Wurzel durch den Bauch der Erde gereist waren. In jener Zeit waren die schlechten Tr�ume besonders lebhaft gewesen, doch wenn auch Grunthor nicht in der Lage gewesen war, sie wie Ashe oder Elynsynos v�llig zu verscheuchen, so hatte er doch wenigstens eine breite, raue Oberfl�che abgegeben, auf der sie erstaunlich warm und bequem hatte schlafen k�nnen. Auch war er recht gut darin gewesen, sie von ihren Tr�umen abzulenken und w�hrend des Grauens der Nacht mit ihr zu reden, wenn er der Meinung gewesen war, dass er sie wecken musste. Dieses Geschick hatte er auch heute noch nicht verloren, und besonders hatte er es genossen, das winzige Kind zu wiegen und sich mit ihm einzurollen.</p><p>Doch nun war das Kind fort, und sie waren zur�ck in Ylorc bei den Firbolg, die sie misstrauisch wie jemanden be�ugten, der weggegangen war und sie allein zur�ckgelassen hatte, oder wie eine K�nigshure oder einfach nur wie ein leckeres Essen.</p><p>Rhapsody war wieder allein.</p><p>Sie regte sich zwischen den Leinenlaken, die das gro�e Bett in ihrer stillen Kammer in den inneren Hallen Canrifs bedeckten. Es hatte ihr nie besonders gefallen, in den kalten Bergen zu sein, und in der Zeit, die sie damals im Bolgland verbracht hatte, war sie meistens in Elysian gewesen, in dem kleinen Haus, das einst Gwylliam f�r Anwyn erbaut hatte, als sie noch ineinander verliebt gewesen waren oder dies zumindest vorgegeben hatten.</p><p>Rhapsody rollte sich im Schlaf auf die andere Seite und seufzte sto�weise. Sie vermisste das kleine Haus auf der Insel mitten im unterirdischen See. Es war ein Ort verborgener Magie, an dem sie sich zum ersten Mal sicher gef�hlt hatte, seit sie in die neue Welt gekommen war. Dort hatten sie und Ashe sich ineinander verliebt, oder zumindest hatten sie sich zum ersten Mal ihre Gef�hle f�reinander eingestanden. Sie hatten einen kurzen, aber wundervollen Fr�hling dort verbracht, die purpurfarbenen kristallinen H�hlen erforscht, und sie waren im dunklen Wasser geschwommen, unter dessen Oberfl�che fadenartige Steinformationen und Unterwasserstalagmiten traumhafte Kathedralen aus ged�mpften Farben gebildet hatten. In das Firmament der H�hle waren sorgf�ltig Dutzende L�cher gebohrt, durch welche die Strahlen des Sonnenlichts hindurchfielen und das Anlegen von G�rten m�glich machten. Rhapsody hatte viele gl�ckliche Stunden damit verbracht, sich um die jungen B�ume zu k�mmern, Blumen und Kr�uter zu pflanzen und ihre Kindheit erneut zu durchleben, die sie in einer einfacheren Zeit auf einem Geh�ft inmitten der Weiten Marschen von Serendair verbracht hatte.</p><p>Nun, da sie wieder einmal allein und ver�ngstigt in der Dunkelheit von Ylorc steckte, war sie wehrlos gegen die D�monen der Nacht, die in ihrem Kopf hausten. So lange sie sich erinnern konnte, war sie hellsichtig gewesen und hatte die Zukunft und manchmal auch die Vergangenheit in ihren Tr�umen gesehen, und deshalb bet�ubte sie sich nicht oder nahm Kr�uter, die ihren Schlaf so tief gemacht h�tten, dass ihr Verstand nicht verarbeiten konnte, was sie im Traum sah, denn sie wollte nichts Wichtiges verpassen und unbedingt wissen, ob diejenigen, die sie liebte, in Sicherheit waren.</p><p>Also gab sie sich den Tr�umen hin � den schrecklichen Anblicken brennender Schiffe in einem Hafen, der in Flammen stand; den Bildern von entsetzten Einwohnern, die vor Soldaten davonliefen, welche vom Pferd aus mit Schwertern angriffen; den gro�en gefl�gelten Umrissen, die durch den Nachthimmel schossen und feurigen Tod auf die Riedgrasd�cher der H�user unter ihnen regnen lie�en.</p><p>Doch haupts�chlich tr�umte sie von Ashe.</p><p>Die meisten dieser Tr�ume waren erschreckend, es sei denn, sie setzte ihre F�higkeiten als S�ngerin ein und griff durch die Wellen der Zeit mit der Musik nach ihm, die sie studiert hatte. Nacht f�r Nacht sah sie ihn in ihrem Schlaf, frierend und wandernd, manchmal in den Wellen des Meeres treibend, verloren ohne die Familie, die so wichtig f�r ihn war und die der Drache in ihm als sein Eigentum ansah. Selbst Hunderte von Meilen entfernt sp�rte sie die Entwicklung im Geist ihres Gemahls, als der Drache in seiner Seele an die Oberfl�che stieg, w�hrend der gebrochene Mensch in die Schatten zur�ckwich.</p><p>Jede Nacht weinte sie, lag oft lange in ersch�pfter Bet�ubung wach, bis schlie�lich der Morgen kam und es Zeit wurde, wieder zu ihrer Arbeit am Lichtf�nger zur�ckzukehren.</p><p>In einer besonders grausamen Nacht tr�umte sie von ihrem alten Zuhause in Myrfeld in den Weiten Marschen, wo sie und der Junge, den sie Sam genannt hatte, sich unter dem Sternenhimmel, unter einem Weidenbaum und an einem Wiesenbach ineinander verliebt hatten. Die Weide, der Bach und der Baum waren in ihrem Traum noch da, doch im serenischen Krieg zu schwarzer Asche verbrannt. Die Knochen derer, die sie liebte, lagen verstreut auf dem Feld umher, und zu ihren F��en sah sie ein winziges Skelett, dessen Sch�del mit den �berresten flachsfarbener Locken geschm�ckt war.</p><p>Rhapsody weinte so sehr, als wollte sie sich von allen Tr�nen leeren.</p><p>Und dann, als sich ihr Hirn mit Anblicken des Grauens und der Verw�stung vollsog, sp�rte sie eine leise musikalische Schwingung um sich herum, die ihre Ohren mit sanften T�nen erf�llte und ihre Tr�ume in die dunkelsten Ecken ihres Kopfes zur�ckscheuchte. Es war, als h�tte sich in ihrer Seele ein Fenster ge�ffnet, welches den Sonnenschein hereinlie�. Sie erkannte die Schwingung.</p><p>Sie ging von den beiden Drachen aus, die sie in ihrem Leben geliebt hatte � von ihrem Gemahl und von Elynsynos.</p><p>Obwohl sie sehr ersch�pft war, bem�hte sich Rhapsody aufzuwachen. <emphasis>Es kann nicht Ashe sein,</emphasis> dachte sie benommen und k�mpfte gegen die dunklen Spinnweben des Schlafes an. <emphasis>Ich wei�, dass er nicht hier ist, aber ich sp�re das Lied, mit dem er immer wieder meine Tr�ume verscheucht und mich in traumlosen, erholsamen Schlaf zur�ckversetzt hat. Es muss Elynsynos sein; sie ist hier irgendwo, und sie lebt.</emphasis></p><p>Sie k�mpfte gegen die Schwere ihrer Lider an, versuchte die Schwingung zu finden, �ffnete die Augen und sah sich nach der Drachin um, die ihre Albtr�ume fortgejagt hatte.</p><p>Auf der Bettdecke neben ihr bemerkte sie zwei winzige, blinzelnde blaue Augen, deren senkrechte Pupillen sich in der Dunkelheit ausdehnten und sie eingehend ansahen. Porzellanh�nde und -f��e fuhren durch die Luft, und ein leises Gurren drang aus einem Kopf, der von flachsblondem Haar bekr�nt wurde.</p><p>Ihr Kind.</p><p>Rhapsodys H�nde wanderten sofort zu ihrem Bauch, der sich unter ihren Handfl�chen wieder flach anf�hlte. Tr�nen liefen ihr die Wangen herunter, als sie sanft die H�nde ausstreckte und die weiche Haut von Meridions Wange streichelte. Sie schob die H�nde vorsichtig unter ihn, legte die Lippen auf die Biegung seines Halses und k�sste ihn dankbar wieder und wieder.</p><p>Meridion lag auf dem Laken, starrte sie in der Dunkelheit an und blinzelte.</p><p>�Ich h�tte es wissen sollen�, murmelte Rhapsody und l�chelte ihren Sohn an. �Ich wusste, dass du zur�ckkommen w�rdest. Ich wusste nur nicht, dass du schon die Macht der Drachen besitzt, Tr�ume zu verscheuchen. Meine G�te, du bist vielleicht ein besonderer Junge.�</p><p>Das Kind gluckste.</p></section><section><title><p>43</p></title><subtitle>Im N�rdlichen Gwynwald hinter dem Tar�afel</subtitle><p>Wenn Melisande nicht zweihundert Waldl�ufer aufsitzen und in den Wald um sie herum reiten gesehen h�tte, und wenn sie nicht beobachtet h�tte, wie weitere f�nfhundert zu Fu� in dem dichten Wald hinter ihnen verschwanden, dann w�re sie niemals auf den Gedanken gekommen, dass sie und Gavin nicht mutterseelenallein auf ihrer Reise waren.</p><p>Die berittenen M�nner, die sie in den letzten Wochen vom Kreis aus begleitet hatten, waren kurz nach der Durchquerung des Tar�afel in zwei Hauptrichtungen aufgebrochen. Nun ritten sie nach Norden und Westen mit der aufgehenden Sonne im R�cken zum �u�ersten Rand des Drachenlandes. Der F�rbitter hatte ihr erkl�rt, dass nur diejenigen Sp�her, die den weitesten Weg hatten, weiterhin reiten w�rden. Die Waldl�ufer waren viel schneller und leiser, wenn sie zu Fu� durch die Schluchten mit unber�hrtem Wald reisten, die Elynsynos� Land umgaben. Auf seinem Gesicht hatte sich nicht das schw�chste L�cheln abgezeichnet, als er weiterhin erkl�rt hatte, dass die Waldl�ufer einen Drachen nicht mit Pferdefleisch in Versuchung f�hren wollten, es sei denn, die Entfernung machte es unumg�nglich. Die junge Herrin von Navarne hatte von ihrem Pferd aus, einer st�mmigen, grau gescheckten Waldstute, seinen Erkl�rungen gelauscht.</p><p>�Warum reiten wir dann, wenn der Weg zu Fu� leichter ist?�, hatte sie gefragt.</p><p>Nun hatte der b�rtige F�hrer der Filiden gel�chelt. �Haltet Ihr Euch neben all Euren anderen Fertigkeiten auch noch f�r eine Waldl�uferin, Herrin Melisande von Navarne?� Er hatte sich rasch abgewandt, als ihr Gesicht die Farbe gewechselt hatte, doch die Sanftheit seiner Stimme hatte ihre Eitelkeit nicht vernichtet, auch wenn sie beinahe an ihrer eigenen Dummheit erstickt w�re.</p><p>Sobald Gavins Truppe au�er Sichtweite war, stieg der F�rbitter auf sein eigenes Pferd, einen lirinischen Rotschimmel, der ihm als Tributleistung von den tyrianischen Grenzwachen gegeben worden war. Er ergriff die Z�gel von Melisandes Stute und ritt langsam in den Wald hinein. Zuerst hielt sich Melisande am Zaumzeug ihres Reittieres fest, doch bald erkannte sie, dass die ruhigen Leitt�ne des F�rbitters die Pferde um Reisighaufen und tiefere L�cher im moosigen Waldboden herum f�hrten und f�r einen leidlich gleichm��igen Ritt sorgten.</p><p>Schweigend reisten sie nach Nordwesten und folgten dem Pfad der Sonne, die durch die knospenden Bl�tter des uralten Waldes schien und zarte Schatten auf den Grund vor ihnen warf. Melisande bem�hte sich, im Sattel wach zu bleiben. Zu der Ersch�pfung infolge ihrer Mission kam ein traumhaftes, einlullendes Gef�hl hinzu, dass sie umso fester umh�llte, je tiefer sie in den Wald eindrangen. Ihre Augenlider wurden schwer, als die Sonne im Himmelsgew�lbe niederstieg, und beim Einsetzen der D�mmerung war sie eingeschlafen und wurde nur noch von den h�rtesten St��en f�r kurze Zeit wieder wach. Sie ergab sich ganz der Empfindung, die gesamte umhertaumelnde Welt zu reiten, war wehrlos gegen die Macht dieser Bewegung und legte schlie�lich das Kinn auf die Brust. Den gr��ten Teil der Strecke d�ste sie vor sich hin, w�hrend Gavins geschickte Hand und das sanfte Pferd sie leiteten.</p><p>Sie tr�umte gerade von ihrer Mutter, oder wenigstens von einer Frau, die wie das Gem�lde ihrer Mutter �ber dem Kamin in der Bibliothek ihres Vaters aussah, als sie sp�rte, dass sich die Welt nicht mehr drehte. Ruckartig erwachte Melisande. Das Licht war aus dem Himmel verschwunden und hinterlie� nur eine Andeutung von Aquamarinblau, das durch die Bl�tter im Westen sp�hte, w�hrend Wolken �ber das dunkle Firmament hoch �ber ihr zogen.</p><p>Sie sah sich nach dem F�rbitter um und erkannte sein Pferd einige Fu� hinter ihrem eigenen, doch der Sattel des Rotschimmels war leer.</p><p>�Gavin?�, rief sie ged�mpft; ihre Stimme zitterte ein wenig.</p><p>Ein leiser Vogelruf, der sich mit den �brigen Nachtlauten im Wald vermischte, antwortete ihr. Melisande wusste sofort, dass der F�rbitter diesen Laut ausgesto�en hatte, und war beruhigt, doch sie beugte sich noch immer im Sattel vor und sp�hte in dem Versuch, ihn auszumachen, in die dichter werdenden Waldschatten.</p><p>Der F�rbitter trat aus der Finsternis hinter dem Pferd.</p><p>�Ihr habt wirklich einen schrecklichen Richtungssinn, Melisande�, sagte er freundlich. Er streckte die Hand aus, um ihr vom Pferd zu helfen.</p><p>�Machen wir hier Pause?�, fragte Melisande.</p><p>�Nicht hier, sondern etwas weiter n�rdlich, noch ungef�hr zweihundert Schritte. Dort gibt es einen von einer Quelle gespeisten Elfenteich, aus dem die Pferde trinken k�nnen.�</p><p>Melisande nickte, ergriff die Z�gel ihres Pferdes und machte sich bereit, Gavin zu Fu� zu folgen.</p><p>Aus der Ferne drang ein trauriges Jammern durch den Wind. Es war ein hoher, dunkler Ton, der f�r einen Moment unver�ndert blieb und dann die Tonleiter hinabfiel, bis er verstummte.</p><p>Das Haar im Nacken des M�dchens war pl�tzlich feucht, und ein kaltes Zittern durchlief seinen K�rper. Es versteifte sich, genau wie das Pferd, das es am Z�gel f�hrte.</p><p>Gavin drehte sich nicht um. �Habt keine Angst�, sagte er leise. �Geht einfach weiter und bleibt dicht hinter mir.�</p><p>Ein Chor wie von Tierstimmen flog auf dem Wind herbei und jammerte eine misst�nende Antwort. Sie schienen n�her als die erste Stimme zu sein � oder lauter.</p><p>�W�lfe?�, fl�sterte Melisande. Von ihrem Kinderm�dchen hatte sie d�stere Geschichten �ber diese Tiere geh�rt, und sie hatte zugeh�rt, wie sich die Dienerschaft mit ged�mpften Stimmen �ber sie unterhalten hatte, obwohl Melisande da schon l�ngst im Bett h�tte sein sollen.</p><p>Sie h�rte den F�rbitter vor ihr leise lachen.</p><p>�Es ist nichts so Dramatisches�, erwiderte er mit noch immer leiser Stimme, doch sie war nun st�rker geworden. �Das sind Kojoten. Vielleicht auch wilde Hunde oder Halbblute.�</p><p>�Ist das nicht dasselbe?�</p><p>�Keineswegs. Ein einzelner Wolf bel�stigt nur selten einen Menschen, aber in Rudeln sind sie gef�hrlich, denn sie haben eine starke Rangordnung und einen ausgepr�gten Gemeinschaftssinn. Wenn man allein von W�lfen umringt wird, schwebt man in gro�er Gefahr. Kojoten sind zumeist Feiglinge; sie sind Aasfresser ohne Gruppenverhalten, und sie sind kleiner und schw�cher als W�lfe und jagen h�chstens Hasen und Maulw�rfe oder fressen das, was andere J�ger �brig gelassen haben. Wenn Ihr einen Spazierstock habt � oder in Begleitung eines Erwachsenen seid, der einen hat, kann Euch nichts geschehen. Habt keine Angst, Herrin Melisande Navarne.� Der F�rbitter blieb vor einem schwarzen, tiefen Waldteich stehen, dessen R�nder von kleinen Wasserlilien ges�umt waren.</p><p>�Schnallt Eure Bettrolle ab, w�hrend ich Feuer mache�, befahl er, als die beiden Pferde vortraten, sich beugten und tranken. Melisande versp�rte pl�tzlich ebenfalls Durst und wollte dem Beispiel der Tiere folgen. Sie tauchte die Hand in das Wasser, hob sie an die Lippen, doch Gavin sch�ttelte den Kopf. �Das w�rde ich Euch nicht raten, es sei denn, Ihr m�chtet eine Hand voll Froschlaich oder, besser noch, Kaulquappen schlucken.� Er schnaubte erheitert, als das M�dchen angeekelt wegsprang, ausspuckte und sich die Hand abwischte.</p><p>�Warum hei�t dieser T�mpel <emphasis>Elfenteich?�,</emphasis> fragte sie, w�hrend sie die dicke Matte auf dem moosigen Grund ausbreitete. Neugier hatte den Ekel abgel�st.</p><p>Der F�rbitter war gerade dabei, das Feuer aufzuschichten.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte er. �Ich glaube, so hei�en alle kleinen, von einer Quelle gespeisten Teiche. Ich habe nie danach gefragt.�</p><p>Melisande setzte sich auf ihre ausgebreitete Bettrolle.</p><p><emphasis>�Ihr</emphasis> wisst das nicht? Ihr seid der F�rbitter der Filiden, der oberste Naturpriester der ganzen Welt und W�chter aller heiligen W�lder, oder? Ich dachte, Ihr wisst alles �ber Elfen, Naturgeister und diese magischen Sachen. Wenn Ihr es wissen wolltet, wen w�rdet Ihr denn fragen?�</p><p><emphasis>�Vingka�,</emphasis> sagte der F�rbitter zu dem kleinen B�ndel aus Reisig und trockenem Gras. Das Holz entz�ndete sich, und Flammen leckten hoch. Gavin drehte sich zu dem M�dchen, dessen Augen weit aufgerissen waren, und betrachtete es nachdenklich. �Nun, das ist eine gute Frage�, gab er zu. �Ich wei� es wirklich nicht. Ich vermute, ich h�tte Llauron fragen k�nnen, wenn ich daran gedacht h�tte, aber leider war keine Zeit dazu. Ich habe nicht als sein Tanist gedient und hatte daher nicht viel Zeit, alles von ihm zu lernen, was man f�r das Amt des F�rbitters wissen muss.�</p><p>Melisande �ffnete ihren Wasserschlauch. �Habt Ihr je Elfen bei einem Elfenteich gesehen?�, fragte sie, bevor sie trank.</p><p>Der F�rbitter sch�ttelte den Kopf. �Ich bin nicht sicher, ob es sie noch gibt, auch wenn alte Cymrer, die ich sehr respektiere, mir berichtet haben, dass sie vor langer Zeit da waren, bevor die Magie in der Welt gestorben ist.�</p><p>Melisande nahm noch einen Schluck, trocknete sich die Lippen und verschloss den Schlauch wieder. �Ich w�rde nicht sagen, dass die Magie tot ist, wenn man bedenkt, dass Ihr und Rhapsody mit einem einzigen Wort Holz in Brand setzen k�nnt.�</p><p>Erneut sch�ttelte Gavin den Kopf. �Einige Leute m�gen das Magie nennen, aber eigentlich ist es nur elementares Wissen � eine Kraft, die aus den Tagen der Weltensch�pfung �brig geblieben ist�, sagte er ernsthaft. �Magie war verwickelter. Sie war aus elementarer �berlieferung gebildet, aber sie ben�tigte eine gewisse Atmosph�re, in der sie �berleben konnte. Als die Schwester des Gro�en Wei�en Baumes, die uralte Eiche, die unter dem Namen Sagia bekannt war, zusammen mit der Insel Serendair zerst�rt wurde, aus der unser beider Vorfahren kamen, hat dies viel Magie aus der Welt genommen, Herrin Melisande von Navarne. Jetzt ist die Welt ein dunklerer Ort als damals, und sie wird immer noch dunkler.� Er betrachtete das Kind in den Flammenschatten. �Aber angesichts dessen, was Ihr in Eurem Leben schon durchgemacht habt, muss ich Euch das wohl nicht sagen.�</p><p>Melisande atmete tief ein, stie� die Luft langsam wieder aus und dachte nach. �Mein Vater hat das nicht geglaubt�, sagte sie schlie�lich. �Er glaubte an Elfen und Magie, an Ehre und Ritterlichkeit und daran, dass man sich an die Ideale der glorreicheren Zeiten halten soll, denn wenn man das tut, kehren sie eines Tages zur�ck. Ich glaube, das war der Grund daf�r, warum er sich so sehr um sein cymrisches Museum gek�mmert hat. Ich habe ihm dabei geholfen, die Statuen zu polieren und die Ausstellungsst�cke abzustauben, und dabei hat er mir von der gro�en Zeit der Luminaria erz�hlt, des Zeitalters der Vernunft, als die Cymrer gewaltige St�dte und Kathedralen errichteten und gro�e Fortschritte in Wissenschaft, Musik und Literatur erzielten. Er war stets der Meinung, dass wir diese Zeiten zur�ckholen k�nnen, wenn wir die Erinnerung an sie aufrechterhalten.�</p><p>Gavin lehnte sich gegen einen Baum, w�hrend die Pferde von dem Teich zur�ckwichen.</p><p>�Euer Vater war ein gro�er Mann, Melisande von Navarne�, sagte er leise und ohne eine Spur von Sarkasmus. �M�ge er hinter dem Schleier in Frieden ruhen.�</p><p>Ein weiterer Chor aus unheimlichem Geheul durchbrach die Stille, nun war er viel n�her als vorhin.</p><p>Als der F�rbitter aufstand, rutschte Melisande vom Feuer weg und erhob sich mit einer raschen, geschmeidigen Bewegung.</p><p>�Steigt auf Euer Pferd�, sagte Gavin, ergriff die Z�gel der Stute und hielt sie still. Melisande gehorchte, tastete nach dem Sattelknauf, und der F�rbitter schob sie rasch hoch. Dann gab er ihr seinen Stab. �Haltet ihn fest. Ihr werdet ihn nicht brauchen, aber Ihr werdet Euch besser mit ihm f�hlen.�</p><p>Dann drehte er sich um und ging vom Feuer weg. Die Schatten schienen sich aufzutun und ihn zu verschlucken.</p><p>Melisande wartete auf ihrem Pferd und hielt den Stab nerv�s gepackt. <emphasis>Nun,</emphasis> dachte sie wehm�tig, <emphasis>du wolltest doch Verantwortung �bernehmen und Abenteuer erleben, du dumme Gans. Wie gef�llt es dir?</emphasis> Sie schaute sich in dem Tal um, in dem Gavin das Lager aufgeschlagen hatte, und glaubte funkelnde Augen in der Dunkelheit hinter dem Rand des Feuerscheins zu sehen.</p><p>Ein weiteres Heulen brach pl�tzlich ab, und aus der Ferne h�rte sie die ged�mpften Laute knackender Zweige und ein Rascheln von Bl�ttern, das nicht vom Wind herr�hrte. Der Mond brach durch die Wolken �ber dem Bl�tterdach und goss silbernes Licht �ber die B�ume. Sie ergl�nzten unheimlich, und ihre noch nackten �ste zuckten bedrohlich in der D�sternis.</p><p>Melisande unterdr�ckte ihren Drang, nach dem F�rbitter zu rufen, und wartete.</p><p>Der Wind wisperte durch das Tal, fuhr durch das Gras und die frisch aus der Knospe gekommenen Bl�tter; das Feuer zitterte und knisterte.</p><p>Endlich erschien der F�rbitter am Rande des Tales. Wie immer verursachte er keinen Laut auf seinem Weg, doch seine Miene war grimmig und sein K�rper angespannter als vorhin.</p><p>�Was ist los?�, fragte Melisande. Ihre Stimme war kaum mehr als ein ersticktes Fl�stern. �Wohin sind die Kojoten verschwunden?�</p><p>Der F�rbitter betrat wieder den Kreis des Feuerscheins.</p><p>�Ich habe sie vertrieben�, sagte er. �Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir aufbrechen sollten.�</p><p>�Warum? Wenn sie weg sind, k�nnen wir doch bis zum Morgen warten, oder?�</p><p>Gavin seufzte. �Das zweite Heulen, das Ihr geh�rt habt, kam von einer anderen Meute, die die erste vor unserer Gegenwart gewarnt hat�, sagte er ernst. �Das erste Heulen war ein Ruf, zur Nahrung zu kommen. Sie haben sich an etwas die B�uche vollgeschlagen, das wie der Leichnam einer Frau aussieht; es ist schwer zu sagen. Sie ist unkenntlich.�</p><p>In Melisandes Ohren rauschte es pl�tzlich.</p><p>�Ihr habt doch gesagt, dass Kojoten Menschen normalerweise nichts tun, besonders nicht Erwachsenen.�</p><p>�Das tun sie auch nicht�, sagte der F�rbitter. �Ich glaube nicht, dass sie die Frau get�tet haben. Seltsam � nicht einmal die Waldl�ufer, die den heiligen Gwynwald s�dlich von hier durchstreifen, w�rden dieses Land betreten. Ich frage mich, was die Frau hier gemacht hat, denn dieser Ort ist heilig seit Anbeginn der Zeit.�</p><p>�O nein�, fl�sterte Melisande. �O nein.� Der F�rbitter senkte den Blick und sah sie an. �Ich � ich habe etwas vergessen, das ich Euch von Rhapsody sagen sollte.�</p><p>�Und worum handelt es sich?�</p><p>Melisande k�mpfte gegen die Tr�nen. �Ich sollte Euch sagen, dass die Waldl�ufer die W�lder nach einer vermissten Firbolg-Hebamme namens Krinsel absuchen sollen, und falls sie auf sie treffen, soll sie mit Respekt behandelt und sicher zu einer Karawane nach Ylorc gebracht werden. Aber ich � ich habe das in all der Aufregung vergessen.� Sie zitterte so heftig, dass Gavin rasch die Arme ausstreckte und sie von ihrem Pferd hob, das inzwischen ungeduldig an Ort und Stelle t�nzelte.</p><p>�Ist schon in Ordnung�, sagte er bes�nftigend, oder zumindest sollte es der Versuch einer Bes�nftigung sein. �Jetzt habt Ihr es mir gesagt. Wir werden auf dem Weg zum Drachennest nach ihr Ausschau halten.�</p><p>�Aber was ist, wenn diejenigen Waldl�ufer, die als Erste aufgebrochen sind, ihr begegnet sind und sie umgebracht haben, weil sie nicht wussten, dass sie ihr nichts antun sollten?�, beharrte Melisande.</p><p>�Waldl�ufer sind dazu ausgebildet, Wanderer zu begleiten und zu besch�tzen und nicht, sie umzubringen, es sei denn, sie werden bedroht�, erkl�rte der F�rbitter. �Wenn sie auf eine Bolg-Frau gesto�en w�ren, die sich in den W�ldern verirrt hat, dann h�tten sie mir dar�ber Bericht erstattet und sie zur�ck in den Kreis gebracht. Auf keinen Fall h�tten sie einen Leichnam f�r die Aasfresser zur�ckgelassen; das widerspricht jeder filidischen Gewohnheit. Sie w�re verbrannt worden. Ich wei� nicht, was dieser Frau zugesto�en ist, falls es sich bei ihr tats�chlich um Eure vermisste Bolg-Hebamme handelt, aber ich wei�, dass ihr Schicksal kein anderes gewesen w�re, wenn Ihr fr�her von ihr berichtet h�ttet. Sucht nicht nach Gr�nden, um Euch Sorgen zu machen, Herrin Melisande von Navarne. Ihr werdet noch mehr als genug davon bekommen, wenn wir uns der Drachenh�hle n�hern. Kommt jetzt. Da vorn ist ein Dickicht, in dem wir die Nacht in Sicherheit und ann�hernder Ruhe, wenn auch nicht in Frieden verbringen k�nnen.�</p><p>Das M�dchen nickte und erlaubte dem Waldl�ufer, es von dem Elfenteich wegzuf�hren, dessen dunkles Wasser die dahineilenden Wolken vor dem schimmernden Mond widerspiegelten.</p></section><section><title><p>44</p></title><subtitle>Hinter den Mauern der Hohen Warte, N�rdliches Navarne in der N�he der Provinz Bethania</subtitle><p>Als Rath das Tal erreichte, brannte seine Kehle unter dem bei�enden Geschmack �tzenden Blutes.</p><p>Vorsichtig glitt er durch die Schatten und folgte dem Summen in seiner Kehle und seinen Nebenh�hlen sowie dem Gef�hl, als w�rden Nadeln durch seine Adern treiben. Rath bezwang seinen angeborenen Hass, unter dem er die Z�hne zusammenbiss und sein Herz wie wild raste, und konzentrierte sich stattdessen auf das d�monische Fl�stern des Namens, das im Wind knapp au�erhalb seiner Sichtweite schwebte. Jeder Schritt, bei dem sein Herz zehn Schl�ge tat, brachte ihn seinem Ziel n�her. Rath bem�hte sich, ruhig zu bleiben. Nach einer so langen Reise und so vielen Jahrhunderten der Verfolgung w�re es eine Katastrophe, die Bestie in diesem Moment zu verlieren, wenn sie sich schon fast in seiner Reichweite befand.</p><p>Seine nachtsichtigen Augen erkannten etwas am Rande seines Blickfeldes. Etwas hing am Ende des d�nnen Klangfadens, das b�se im Mondlicht glitzerte und zwischen den Zweigen wie ein Spinnengewebe hing, fl�chtig und t�dlich. Selbst die Gefahr, zu der dieser Faden f�hrte, hielt Rath nicht davon ab, einen Atemzug lang seine wunderbare Sch�nheit zu betrachten. Es war der sichtbar gewordene <emphasis>Kirai,</emphasis> die unzerrei�bare Verbindung zwischen seinem ererbten Windwissen und dem schwarzen Feuer des F�dor.</p><p><emphasis>Nur noch wenige Schritte,</emphasis> dachte er. <emphasis>Langsam.</emphasis></p><p>Tausendj�hrige Erfahrung hatte ihn gelehrt, niemals den Wirt des D�mons, den er suchte, vorauszuahnen. Er hatte F�dor aufgesp�rt, die sich an ganz unterschiedliche M�nner, Frauen und Kinder geklammert hatten. Rath hatte keine Angst vor der Gestalt, die das Ungeheuer angenommen hatte. Er hatte unbeteiligt zugesehen, wie die K�pfe der Kleinkinder, in denen sich die Bestien versteckt hatten, am Ende des Rituals explodierten, denn Rath lie� sich nicht beeinflussen. Doch er war neugierig. Er schloss die Augen und schmeckte den Wind auf seiner Zunge.</p><p><emphasis>Hrarfa.</emphasis></p><p>Der Name erklang klar wie eine Glocke in seinen Nebenh�hlen. Sein Herz und das des D�monenwirtes schlugen in vollkommenem Gleichklang.</p><p>Rath war sich sicher, dass er seine Beute gefunden hatte. Er schlug die Augen wieder auf und n�herte sich still dem kleinen Tal.</p><p>Im Mondlicht stand eine Frau mit dem R�cken zu ihm; ihr langes Haar gl�nzte in Wellen aus dunklem Silber. Sie reckte sich l�ssig im Mondschein, fuhr sich mit den H�nden �ber die Schultern und durch die Haare. Es war ein langsamer, sinnlicher Tanz, als wolle sie das himmlische Licht in sich aufnehmen. Rath sog die Luft ein. Den wenigen Geschichten zufolge, die �ber die Wirte dieses D�mons bekannt waren, lie� sich Hrarfa selten in weiblicher Gestalt blicken, die eigentlich dem Wesen des k�rperlosen D�mons am n�chsten kam.</p><p>Er sah es als gl�ckliches Zeichen an, dass das Wesen angemessen sterben wollte.</p><empty-line/><p>Portia l�chelte. Im bleichen Licht des zunehmenden Mondes hatte sie nichts geh�rt und nichts gesehen. Nichts als Schatten bewegten sich in dem dunklen Tal; dennoch sp�rte sie eine Gegenwart. Der Wind hatte aufgefrischt und umschmeichelte ihre menschliche Gestalt wie ein Geliebter, wisperte mit fl�chtigen K�ssen �ber ihre Haut und spielte in ihren Haaren.</p><p>Das frei werdende Feuer in ihrem giftigen Geist knisterte vor Freude sowohl �ber das erotische Gef�hl, das der Wind auf ihrer Haut verursachte, als auch dar�ber, dass sie ihre Falle erfolgreich aufgestellt hatte. Im Gegensatz zu vielen ihrer Br�der, welche die menschliche Gestalt als eine widerliche Notwendigkeit f�r das �berleben in der Oberwelt ansahen, hatte sie die Gel�ste, die ihre fleischliche H�lle ihr verschafften, als ein Wunder kennen gelernt, das sie sowohl genoss als auch begehrte. In der Beherrschung eines Wirtes, in der Verfolgung und Ergreifung eines neuen K�rpers lag eine gro�e Lust, und es war ein wunderbares Vergn�gen, den urspr�nglichen Eigent�mer besonders schmerzhaft zu verschlingen, was sie wie nichts sonst erregte und ihr das Gef�hl gab, lebendig zu sein. Au�erdem verschafften ihr die Wirtsk�rper die beruhigende Empfindung, fest und wirklich zu sein, was der nat�rlichen Unsicherheit des Seins, die der Fluch eines jeden F�dor war, so sehr widersprach.</p><p>Sie war schon immer risikofreudig und wagemutiger als ihre Mitfl�chtlinge aus der Tiefen Kammer gewesen. Viele der Unausgesprochenen, wie die Drachen ihre Art genannt hatten, hatten die Geduld entdeckt, als sie auf der Flucht aus ihrem ewigen Gef�ngnis in die Oberwelt gekommen waren. Sie war ein Wesenszug, der f�r die Kinder des dunklen Feuers neu war. So war es ihnen gelungen, w�hrend der Jahrtausende langsam ganze Reiche zu errichten, indem sie die Wirte benutzt hatten, wie die Menschen Schachfiguren benutzten. Dabei hatten sie gehofft, dass die Macht, die sie in der materiellen Welt ansammelten, es ihnen irgendwann erm�glichen w�rde, die Rippe des Erdenkindes oder einen anderen Weg zu finden, wie sie ihre Gef�hrten befreien konnten.</p><p>Aber sie war anders. Sie hatte berauschende Erregung in der Lockung, der Ver�nderung, der T�uschung gefunden und immer wieder arglose Menschen in ihre F�nge gelockt und ihre Eigenarten und Lebensweisen bis hin zu dem Muster ihrer Atemz�ge untersucht, sie dann in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit gefangen, ihre Seelen verw�stet und ihre K�rper �bernommen.</p><p>Einmal hatte sie die Gestalt eines jungen Liringlas-Sternens�ngers angenommen. Das war vor mehreren Jahrtausenden und eine ganze Welt weit weg gewesen, und so hatte sie ein wenig von der Wissenschaft der Namen gelernt. Sie hatte sein Wissen gut eingesetzt, bevor sie seinen nutzlos gewordenen K�rper gegen einen interessanteren ausgetauscht hatte. Daher wusste sie, wie sie ihre Schwingungen und das Bild, das ihre menschliche Gestalt vermittelte, nach ihrem Belieben ver�ndern konnte.</p><p>Au�erdem hatte sie viel �ber die verwickelte m�nnliche Lust erfahren, was sie auf beiden Seiten des Bettes zu ihrem Vorteil hatte einsetzen k�nnen.</p><p>Dies hatte schlie�lich zur Eroberung einer jungen Frau in Manosse gef�hrt, die zur Ersten Generation der Cymrer geh�rte und deren K�rper nicht den Verheerungen des Alters oder der mit dem Alter einhergehenden Krankheiten unterworfen war. Sie war scheinbar unsterblich, wie der Rest der Fl�chtlinge von der Insel Serendair. Sie selbst hatte den Namen des M�dchens gemocht � Portia �, denn er klang �hnlich wie ihr eigener, und die zus�tzliche Macht, die in dem geschmeidigen K�rper und der Sch�nheit der jungen Frau lag, erm�glichte es ihr, dumme junge M�nner allein durch die Kraft ihrer woll�stigen Sexualit�t zu bet�ren. Au�erdem steckte eine gewisse Ironie darin, eine Cymrerin zu verschlingen. Wie die F�dor, so waren auch die Cymrer eine Rasse von Verbannten, die endlos lange �ber die Vertreibung aus ihrer Heimat br�ten konnten.</p><p>Es passte vollkommen.</p><p>Daher war es nicht mehr n�tig gewesen, den Wirtsk�rper auszutauschen.</p><p>Doch manchmal tauchte einer auf, der sich als unwiderstehlich herausstellte.</p><p>Der cymrische Herrscher war eine solche Versuchung. Portia leckte sich die Lippen, die unter der Hitze der Vorfreude und dem Kuss des Windes pl�tzlich trocken geworden waren. Obwohl sie in einer weiblichen Gestalt steckte, versp�rte sie nicht die k�rperlichen Bed�rfnisse einer Frau und daher auch nicht das brennende Verlangen und die Anziehung des Fleisches, so wie eine menschliche Frau sie f�hlen w�rde. Ihr gel�stete es nach der Macht, die sie im Liebesakt mit m�chtigen M�nnern erhielt. Die Hingabe ihrer Partner im Rausch der Leidenschaft hatte die Essenz ihres Seins gen�hrt, und die Verwundbarkeit der M�nner sowie ihre Offenheit f�r Portias Herrschaft verursachten ihr orgiastische Gef�hle. Wenn ein Mann in ihren K�rper stie�, dann lag seine Seele offen und nackt da.</p><p>Nicht nur dann hatte sie Zugang zu den Seelen und konnte deren Innerstes schl�rfen und all das, was an uranf�nglicher, elementarer Macht darin steckte, in sich aufnehmen, sondern sie war auch in der Lage, diese verwundbaren Seelen an eine krumme Ranke des Blutdorns zu binden, des entarteten Sch�sslings von Ashra, dem Baum des elementaren Feuers, der im Innern der Tiefen Kammer wuchs.</p><p>Das war jedem Mitglied des �lteren Pantheons m�glich.</p><p>Langsam fuhr sie sich mit den H�nden durch die Haare, hob die Br�ste in den Wind, der die Warzen durch den d�nnen Stoff ihres Hemdes liebkoste, und seufzte gl�cklich. Sie h�rte ihren Namen im Wind; sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der cymrische Herrscher sie gefunden hatte. Und nun war ihre Beute eingetroffen. Sie f�hlte seine Gegenwart, auch wenn sie ihn noch nicht sah.</p><p>Der Baum des Blutes hatte schon einmal die Seele Gwydions von Manosse gekostet. Ein anderer ihrer Art aus dem J�ngeren Pantheon hatte vor einigen Jahrzehnten ein St�ck davon herausrei�en k�nnen und damit Experimente angestellt; er hatte einen K�rper aus Eis und dem Blut gesch�ndeter Kinder geformt und ihn zur Zeugung von Nachkommen benutzt, ohne dabei seine eigene Seele einsetzen zu m�ssen. Dies hatten bereits andere F�dor versucht, aber bisher war es niemandem gelungen. Der Blutdorn hatte im Geschmack von Gwydions Innerstem geschwelgt und w�re beinahe in der Lage gewesen, damit das Schlafende Kind zu finden und zu unterjochen.</p><p>Sobald sie diesen K�rper als neuen Wirt genommen hatte, w�rde der Unheilige Baum wieder gen�hrt werden.</p><p>Der Wind frischte ein wenig auf, fuhr ihr �ber Nacken und Arme und spielte mit ihren langen, dunklen Locken.</p><p>Portias L�cheln wurde im Licht des Mondes heller. Angesichts ihrer eigenen Uners�ttlichkeit konnte sie ein Kichern nicht unterdr�cken. Das war einer der Z�ge, die der armselige Tristan Steward an ihr so geliebt hatte. Die meisten F�dor, deren Macht mit der ihren vergleichbar war, h�tten Gwydion von Manosse als den gr��tm�glichen Gewinn angesehen, doch sie wollte mehr � wie immer.</p><p>Sie wollte seine Frau haben.</p><p>Es war etwas Verhexendes an der cymrischen Herrscherin, das Portia sowohl verwirrte als auch faszinierte. Den Grund daf�r hatte sie sofort erkannt. Die erhabene Sch�nheit, welche das einfache Volk, das Rhapsody die Treue geschworen hatte, so begeisterte, war nichts anderes als ein innerer Kern aus elementarem Feuer, der in ihr brannte und den sie aus einer uralten Quelle aufgenommen haben musste. Im Gegensatz zum dunklen Feuer der Tiefen Kammer, aus dem die F�dor ihre Macht zogen, war das Element im K�rper der cymrischen Herrin rein und unber�hrt von allem B�sen.</p><p>Und daher war es eine Herausforderung.</p><p>Bei diesem Gedanken erbebte das Fleisch zwischen Portias Schenkeln. Gewisse Akte der Sch�ndung waren un�bertrefflich in ihrer Gro�artigkeit, wie das Verderben eines Kindes oder die Vergewaltigung einer Jungfrau. Dieses Gef�hl der Zerst�rung von Unschuld entzog sich jeder Beschreibung und �bertraf alles andere. Die Gelegenheit, eine Quelle reinen Feuers zu nehmen und sie zu verzerren, zu besch�digen und zu vergiften, bis auch sie derselben Leere diente wie die F�dor, war zu gut, um sie ungenutzt zu lassen. Sie versuchte tief einzuatmen, doch es gelang ihr nicht.</p><p><emphasis>Ich werde dich bekommen, Herrin,</emphasis> dachte sie erregt. <emphasis>Ich werde dich im K�rper deines Gemahls haben. Ich werde mich von deiner Leidenschaft und Hingabe n�hren. Und wenn du offen f�r ihn bist, verwundbar in deiner krank machenden Liebe, dann werde ich dir die Seele nehmen und deinen K�rper zu dem meinen machen. Aber vorher werde ich dir mit seiner Stimme sagen, was geschieht, sodass ich mich an deinem Entsetzen erfreuen kann � wenigstens f�r einen Augenblick.</emphasis></p><p><emphasis>Und w�hrend ich deine Seele esse, werde ich dir dein Feuer nehmen. Doch zuerst nehme ich dir deinen Gemahl.</emphasis></p><p>Ihre Erregung erreichte den H�hepunkt. Sie durfte ihre n�chste Eroberung nicht l�nger warten lassen.</p><empty-line/><p>Die Frau im dunklen Tal drehte sich langsam um; ihre Augen glitzerten im Mondlicht.</p><p>�Ich habe gewusst, dass du mir nachkommen wirst�, sagte sie sanft. �Ich wusste, dass du mich nicht einfach gehen lassen kannst.�</p><p>Der Wind wurde noch st�rker und liebkoste ihre Haare. Zun�chst war es still im Tal. Dann ert�nte eine Stimme. Es war nicht der warme Bariton, den sie erwartet hatte, sondern eine matte, tonlose Stimme, die in ihren Ohren vibrierte, aber im Wind nicht h�rbar war.</p><p><emphasis>Alle von deiner Art sollten dasselbe Wissen haben, Hrarfa. So ist es seit dem Beginn der Zeit gewesen, und so wird es bleiben, bis jeder von euch ausgel�scht und wie eine Kerzenflamme unter Asche begraben ist.</emphasis></p><p>Portia h�rte diese Worte tief in ihrem Inneren widerhallen.</p><p>Eine alte, alles verzehrende Angst stieg in ihr auf und breitete sich aus wie Flammen auf einem Baum. Sie drehte sich um und wollte weglaufen, doch vor ihr bewegte sich die Dunkelheit so nah, als w�re es ihr eigener Schatten.</p><p>Eine Gestalt in diesem Schatten streckte ihr die Hand mit aufgerichteter Innenfl�che entgegen.</p><p><emphasis>Zhvet,</emphasis> sagte sie. Halt.</p><p>Pl�tzlich erstarb der Wind um Portia. Alle Laute, alle Luft schienen aus dem Tal zu weichen und lie�en sie atemlos und keuchend zur�ck. Panik stieg in ihr auf und �berrannte sie. Alle ihrer Art kannten diesen Augenblick und f�rchteten ihn beinahe seit Anbeginn der Zeit. Wie viele der Fl�chtlinge aus der Tiefen Kammer hatte auch sie nicht mehr an diese M�glichkeit geglaubt, besonders nicht nach den Ausschreitungen und K�mpfen gegen die Dhrakier, welche die J�ger fast vom Antlitz der Erde getilgt h�tten.</p><p>Doch nun war die Zeit gekommen, und sie war von jemandem gefangen worden, der ihren Namen kannte.</p><empty-line/><p>Rath atmete erneut tief ein und erlaubte seinem Hautgewebe, sich zu entspannen. Er zog an dem erstbesten Faden des Windnetzes, das er aus der unsichtbaren Seide des <emphasis>Kirai</emphasis> gewoben hatte. Der K�rper des D�mons zuckte zusammen, erzitterte und erstarrte, wie er mit Befriedigung feststellte.</p><p>Langsam spreizte er die Finger und begann mit seinem Gesang.</p><p><emphasis>Bien,</emphasis> sang er mit der unh�rbaren, summenden Stimme seiner ersten Kehle. Es war der Name des Nordwindes, des st�rksten der vier und desjenigen, der am einfachsten zu finden war. Der Wind reagierte sofort, wie er es immer f�r Rath tat, und wickelte sich eng um dessen Zeigefinger; dann verankerte er sich in der ersten Kammer von Raths Herzen.</p><p>�Nein�, fl�sterte die Frau, die noch immer stocksteif dastand. Rath sah, wie ihre Blicke hin und her schossen. �Nein.�</p><p>Er hatte nicht erwartet, dass ein F�dor aus dem �lteren Pantheon ihn anbetteln w�rde. Seiner Erfahrung nach waren die �lteren und m�chtigeren D�monen gelassen oder w�tend, aber f�r gew�hnlich schweigsam oder angesichts ihrer bevorstehenden Vernichtung eher drohend als unterw�rfig.</p><p>Er erinnerte sich an ihre Neigung zur T�uschung, machte seinen Geist frei und kehrte in einen Zustand der inneren Ruhe zur�ck.</p><p><emphasis>Jahne,</emphasis> fl�sterte er durch die �ffnung in seiner zweiten Kehle. Das war der Ruf des S�dwindes, des best�ndigsten und ausdauerndsten der Winde. Rath sp�rte seine Antwort sowohl an seinem Finger als auch in seiner Brust, wo sich der Wind in der zweiten Kammer seines Herzens verknotete.</p><p>Die Frau kreischte auf. Es war nicht das harsche, schrille Schreien eines w�tenden F�dor, sondern das herzzerrei�ende Jammern menschlicher Verzweiflung, die allerdings auf Rath keinen Eindruck machte.</p><p>�Bitte�, flehte sie. Ihre Augen wurden vor Angst und vor dem Druck, der sich in ihrem Sch�del aufbaute, immer gr��er. �Hab � Mitleid. Ich wei� vieles, was � wertvoll ist ��</p><p>Rath h�rte nicht einmal ihre Worte. Sein ganzes Sein war nur auf das Ziel gerichtet, und jeder Laut und alle Wut verschwanden im schattenhaften Zwielicht am Rande seines Bewusstseins. �brig blieben nur die reinen, klingenden T�ne der Winde, die auf seinen Ruf antworteten. Er war zufrieden mit der Reinheit der ersten beiden und rief den dritten Wind herbei, den Wind der Gerechtigkeit, der aus Westen blies.</p><p><emphasis>Lenk.</emphasis></p><p>�Ich � ich wei�, wo � andere sind�, fl�sterte die Frau. Unter der Anstrengung des Sprechens verzerrten sich die Adern an ihrem Hals auf groteske Weise. �Ich � werde es � dir sagen ��</p><p>Eingesponnen in die Finsternis seines Rituals, rief Rath den letzten Wind, den Ostwind, und wartete geduldig darauf, dass die spielerische Brise durch das Tal blies. Schlie�lich kam sie, wickelte sich um seinen Ringfinger und setzte sich in der letzten Kammer seines Herzens fest, das nun unregelm��ig unter den wechselhaften Winden schlug.</p><p><emphasis>Thas.</emphasis> Der Wind des Morgens, der Wind des Todes.</p><p>Die Luftstr�mungen hingen wie Spinnwebf�den wartend an seinen Fingerspitzen und waren fest verankert in seinen Herzklappen. Wenn er das zweite Netz auswarf und an das Ende des Rituals kam, w�rde er verwundbar sein. Selbst wenn er es wollte, konnte er jedoch nicht aufh�ren, bis der Wirtsk�rper und der Geist des F�dor tot waren, denn sonst w�rde sein Herz in der Brust platzen.</p><p>Rath �ffnete die Augen und sah der entsetzten Bestie in die Augen. Die Frau, die Hrarfas letzter Wirt gewesen war, war sehr sch�n gewesen; sie hatte gro�e, dunkle Augen, die das Licht glitzernd widerspiegelten. Diese Augen waren nun mit Tr�nen gef�llt, und er h�tte fast glauben k�nnen, dass sie von wirklichen Gef�hlen herr�hrten.</p><p>Fast.</p><p>Rath ballte die Faust.</p><p>Die Frau zuckte erneut zusammen, stand aber immer noch starr an derselben Stelle.</p><p>Mit einer flie�enden Bewegung warf er das an seiner Hand und in seinem Herzen verankerte Netz aus den miteinander verwobenen Winden �ber den D�mon und zog mit aller Kraft.</p><p>Der D�mon kreischte wieder auf, diesmal mit einer uralten Stimme, die an Raths Ohren kratzte wie N�gel auf Fleisch. Das liebliche Gesicht verzerrte sich zu etwas Dunklem und Scheu�lichem; aus den schwarzen Augen blitzte Hass, der schon beinahe greifbar war. Rauch stieg um die Gestalt herum auf, w�hrend die Winde sie mit einem undurchdringlichen K�fig umgaben, ihr immer n�her kamen und sich mit der Macht eines Wirbelsturms gegen sie dr�ckten.</p><p>Rath atmete tief ein. Das Bannritual hatte seinen H�hepunkt erreicht.</p><p>Es war an der Zeit, das Netz zu kappen.</p><p>Er �ffnete den Mund ein wenig weiter, sog die Luft durch alle vier Kehlen�ffnungen ein und stie� durch sie je einen einzelnen, gleichm��igen Ton aus. Mit einem Geschick, das von ungez�hlten Jagden herr�hrte, erzeugte Rath mit der Stimmritze tief in seiner Kehle ein klickendes Ger�usch.</p><p>Ein harscher f�nfter Ton durchschnitt die Gleichm��igkeit der vier anderen.</p><p>Die Winde kreischten schrill um die Bestie; sie fuhren durch das Tal und brachten die B�ume zum Erzittern.</p><p>Rath sp�rte, wie die Windf�den an seinen Fingern schlaff wurden. Rasch schnalzte er mit der Zunge, schnitt mit dem Ger�usch die Enden des Windk�figs ab und erlaubte dem ersten Netz, sich aufzul�sen. Dann spannte er den Daumen und zog das Windnetz fest um den tobenden Geist.</p><p>Das Herz klopfte ihm gegen den Brustkorb. Nun, da die Bestie gefesselt war und nicht mehr entkommen konnte, begann er mit dem letzten Gesang, der sich zu einem m�chtigen Crescendo entwickeln und zusammen mit den Schwingungen der untereinander verbundenen Herzen dazu f�hren w�rde, dass der Blutfluss im Wirtsk�rper seine Richtung �nderte und in den Kopf floss, bis dieser platzte.</p><p>Die Luft im Tal wurde in den Mahlstrom des Windgewebes gesaugt, das um das Ungeheuer aus der Vorzeit wirbelte.</p><p>Wut verzerrte das Gesicht der Frau zu einer Maske aus noch gr��erem Hass. Sie zog eine Grimasse des Schmerzes und versuchte Fl�che auszusto�en, doch ihre Pupillen hatten sich bereits ausgedehnt und die Gr��e der Iris angenommen, und die Stirn zeigte tiefe Falten der Qual.</p><p>Rath hielt ihrem durchdringenden Blick stand. Er h�rte im anschwellenden L�rm des kurz bevorstehenden Todes die uralten Rufe seiner lebenden und toten Br�der, die sich ungehindert von Raum und Zeit zu ihm gesellten und mit ihren Stimmen den Gesang verst�rkten.</p><p>Auch wenn der H�hepunkt des Bannrituals den J�ger verwundbar machte, wenn sein Herz im Gleichklang mit dem reinen B�sen schlug, lag doch Trost in dem Zusammengeh�rigkeitsgef�hl, das sich aus der gemeinsamen Sache ergab, der sich seine Rasse seit Tausenden von Jahren verschworen hatte.</p><p>Er stand so sehr im Bann, dass er nicht h�rte, wie die Zweige unter dem Schritt von jemandem knackten, der soeben das Tal betreten hatte.</p></section><section><title><p>45</p></title><p>Der Mond schimmerte silbern auf den offenen Feldern und erhellte den Pfad.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir, Owen?�, rief Ashe dem alten Kammerherrn zu, als sie die Pferde am Weg zur�ckgelassen hatten und sich einen Weg durch das Gras am Rande des Tals bahnten.</p><p>�Ja, Herr�, antwortete Gerald Owen schnaubend. �Ich meine nur, dass dieses Flittchen sich vermutlich in der Festung versteckt hat und jetzt f�r die Soldaten die Beine breit ��</p><p>�H�r auf damit.� Der cymrische Herrscher blieb gerade lange genug stehen, um eine Buche zu untersuchen, an der ein Zweig abgebrochen war; der Saft rann noch aus der frischen Bruchstelle. �Sie hat nichts getan, Owen; sie hat mich nur an Dinge erinnert, die �ber meinen Verstand gehen. Es war falsch, sie in einem solchen Zustand fortzuschicken. Bald wird noch genug Blut an meinen H�nden kleben. Ich will diesen Krieg nicht mit dem Tod einer unschuldigen Dienerin beginnen.�</p><p>�Ihr Blut klebt � an Tristan Stewards � H�nden�, erwiderte Owen, der sich keuchend bem�hte, zu Ashe aufzuschlie�en. �Er h�tte sie � mitnehmen sollen, als wir zur � Hohen Warte gegangen sind. Sie wurde nicht mehr � gebraucht.�</p><p>�Mit etwas Gl�ck wird ihr Blut in den Adern bleiben, wenn wir sie schnell genug finden�, sagte Ashe. �Beeil dich, Owen. Ich muss bald zur�ckkehren.�</p><p>�Ich wei�, Herr, ich wei�.� Owen verdoppelte seine Geschwindigkeit und lie� den cymrischen Herrscher nicht aus den Augen, w�hrend dieser durch das Tal schritt. Sein Haar gl�nzte silbrig-rot und metallisch im Licht des blutigen Mondes.</p><p>Ashe blieb unvermittelt stehen; der Drache in seinem Blut war entflammt.</p><p>In nicht allzu weiter Ferne h�rten sie Kampfesl�rm. Ein zischendes Jammern kratzte und schlug wie N�gel �ber das Trommelfell. Die beiden M�nner fassten sich mit der Hand an die Stirn, als der Druck im Kopf stieg und zu einem pl�tzlichen, scharfen Schmerz wurde. Ein Wirbelsturm aus alter und t�dlicher Macht sog alle Energie aus der Luft in ihrer N�he.</p><p>Der Herr der Cymrer zog sein Schwert und rannte durch das Tal. Der Wald erstrahlte in pulsierendem, blauem Licht.</p><empty-line/><p>Rath bemerkte den hinter ihm aufragenden Schatten erst, als dieser das Mondlicht verdunkelte, das eben noch seine Strahlen vor ihm auf den Boden des Tals geworfen hatte. Er war sich des Gesangs kaum mehr bewusst. Aus allen Enden der Erde wisperten die Stimmen der W�chter in uralten Melodien. Es war das raue Brummen des gemeinsamen Geistes, der seine Macht dem alten Ritual hinzuf�gte. Einen Augenblick lang schien sich die Welt nicht mehr zu drehen. So war es immer, wenn einer der Bewohner der Tiefen Kammer kurz vor seiner Ausl�schung stand und nichts mehr hinterlie�, was die Welt beflecken konnte.</p><p>Die Bestie vor ihm befand sich in ihrem Todeskampf. Er sah, wie die verzehrende Dunkelheit ihres Geistes vergeblich darum k�mpfte, den K�rper der Frau zu verlassen, den sie seit vielen Jahren bewohnt hatte. Obwohl sie nichts mehr gegen ihren drohenden Untergang tun konnte, war ihr Hass immer noch so brennend wie S�ure, und sie zischte und gurgelte vor Wut, w�hrend sie sich am Boden wand und ihr das Blut aus den Augen floss, die sie mit boshaften Blick auf ihn gerichtet hatte.</p><p>Bei�ender Rauch, der den Gestank der Tiefen Kammer verstr�mte, drang aus der Brust des D�mons. Die Augen der Frau quollen hervor, als sich das Blut in ihrem Hirn sammelte, und ihr R�cken kr�mmte sich, als die Adern platzten.</p><p>Pl�tzlich wurde die Luft so trocken, dass sie beinahe knisterte, und die Hitze des b�sartigen Wesens durchfuhr sie., als dieses von seinen irdischen Banden gel�st wurde. Der Rauch, der aus Portias zerrissener Brust aufgestiegen war, wirbelte nun w�tend umher und zersetzte sich, als die Bestie zu ihrer verwundbaren, nicht-k�rperlichen Gestalt zur�ckkehrte und im Griff des dhrakischen Windnetzes keuchte und bebte.</p><p>Der K�rper sank schlaff und leblos zu Boden.</p><p>Rath sp�rte, wie die Frau fiel; er sp�rte das Zerren und Zucken in seiner Hand und seinem Herzen, als die unsichtbaren F�den, die ihr Herz mit dem seinen verbanden, mit jedem Atemzug schw�cher wurden; es war, als wehre sich ein Fisch gegen eine Angelleine. Er wusste, dass die Bestie noch einige Augenblicke weiterk�mpfen w�rde. Da Hrarfa aus dem �lteren Pantheon stammte, war sie viel st�rker als die D�monen, die er in letzter Zeit vernichtet hatte.</p><p>Unter jeder Zuckung und jedem Versuch, dem Tod zu entkommen, krampfte sich Raths Herz zusammen. Die unzerbrechlichen Bande des Windes, die sie beide vereinten, verliefen durch seine Adern, und jedes Zerren an ihnen war wie ein Messerstich in seine Brust. Doch Rath hatte schon Schlimmeres durchgemacht, und seltsamerweise stimmte der Schmerz ihn froh und tat seinem Herzen gut. Jedes neue Zusammenziehen war schw�cher als das vorangegangene; das war ein sicheres Zeichen daf�r, dass der Geist bald dem K�rper in den Tod und die Ausl�schung folgen w�rde.</p><p>Er war so versunken in den Bann des Augenblicks, in die Wichtigkeit dieses Ereignisses und die Freude �ber das Ende einer jahrtausendelangen Suche, dass er den Fremden im Tal nicht bemerkte.</p><p>Bis ihn der Schlag im R�cken mit der Wucht einer Lanze im vollen Flug traf und ihm die H�lfte seiner Rippen brach. Er wurde durch das Tal geschleudert und schlug mit dem Kopf gegen eine Buche.</p><p>Der Schock bewirkte, dass er bei Bewusstsein blieb � zumindest vorerst.</p><empty-line/><p>Faron stand einen Moment lang still da und beobachtete, wie der Mann in der Robe, den er soeben fortgesto�en hatte, gleich einem Kleiderhaufen zu Boden fiel.</p><p>Es war der Geruch, der ihn an diesen Ort gef�hrt hatte � ein trockenes Brennen in der Luft, das ihn an seinen Vater erinnert hatte, der im Meer ertrunken war. Er war dem Geruch in dieses Tal gefolgt und hatte hier etwas gesehen, das er nicht verstand. Er hatte lediglich gesp�rt, dass ihn das, was hier vor sich ging, an den Verlust seines Vaters erinnerte.</p><p>Einen Verlust, den er noch immer nicht begreifen und auf keinen Fall akzeptieren konnte.</p><p>Der Mann war sehr schm�chtig gewesen, und Faron hatte ihn mit kaum mehr als einer beil�ufigen Bewegung fortgeschleudert. Nun sah er sich in dem Tal um, erkannte aber nichts.</p><p><emphasis>Hilf mir! Bitte.</emphasis></p><p>Die Stimmte kratzte in seinen Ohren. Der Steintitan bewegte langsam den Kopf von einer Seite zur anderen und erkannte den Klang wieder. Es war dasselbe verzweifelte Schmeicheln, das er manchmal in der N�he des Barons von Argaut sp�ren, aber nicht h�ren konnte � jenes Mannes, den die Welt einst als Michael, den Wind des Todes, gekannt hatte.</p><p>Doch diese Stimme hier war eindeutig weiblich.</p><p>Farons Verstand war zu primitiv, zu sehr in Mitleidenschaft gezogen durch Geburt, Wiedergeburt und die gegenw�rtigen Umst�nde, um begreifen zu k�nnen, was hier geschah. Etwas tief in seinem Innern riet ihm wegzulaufen; es war ein fast versch�tteter Sinn f�r Selbstschutz, den ihm seine schon lange tote Mutter vererbt hatte, doch zugleich war an der Stimme etwas Vertrautes, etwas Verzauberndes, das bis in sein Innerstes drang.</p><p><emphasis>Bitte � gew�hre mir Unterschlupf. Ich sterbe.</emphasis></p><p>Faron drehte sich um und wollte das Tal verlassen.</p><p><emphasis>Bitte.</emphasis> Die Stimme verblasste, und ihr Tonfall wurde noch verzweifelter. Du <emphasis>und ich, wir sind miteinander verwandt. In dir ist dunkles Feuer. Wir sind verwandt. Ich werde dich n�hren und dich lehren. Bitte lass mich nicht sterben. Gib mir Schutz, nimm mich auf.</emphasis></p><p>Faron blieb stehen. Die Worte waren zwar die einer rasend Verzweifelten, aber es lag eine Wahrheit in ihnen, die er nicht verleugnen konnte. Die Vorstellung, mit irgendjemandem verwandt zu sein, hatte er schon seit langem aufgegeben, doch jetzt z�gerte er bei dem Gedanken, dass er vielleicht doch zu jemandem geh�rte, Teil einer Familie und nicht allein auf der Welt war. Er war wie ein Kind, das sich danach sehnt, das Feuer zu ber�hren, obwohl es wei�, dass es sich daran verbrennen wird.</p><p><emphasis>Bitte.</emphasis></p><p>Er hatte seinen Vater gegen den D�mon k�mpfen sehen, den er vor langer Zeit aufgenommen hatte. Dieser D�mon war genauso Farons Erzeuger, wie es sein Vater war, auch wenn der eine den K�rper und der andere den Geist geschaffen hatte.</p><p>Es war eine scheu�liche �bereinkunft.</p><p>Und dennoch hatte sie den Mann, den er als Einzigen unter allen Menschen der Welt liebte, die ganze Zeit �ber am Leben erhalten.</p><p>Und ihm eine unvorstellbare Macht verliehen.</p><p><emphasis>Gemeinsam w�ren wir unbesiegbar,</emphasis> fl�sterte die Stimme, die in ihren letzten Momenten leicht wie die Luft war. <emphasis>Ich kenne so viele Winkel der Welt und so viele Geheimnisse. Bitte, bitte, vertrau mir. Beherberge mich.</emphasis></p><p>Wenn Faron ein Mann aus Fleisch und Blut gewesen w�re, h�tte er ihre Stimme vielleicht als verf�hrerisch empfunden. Obwohl der D�mon gerade im �ther verschwand, war die Stimme rau und auf eine Weise verlockend, welche das tiefste Dr�ngen in ihm ansprach: das Verlangen nach Gemeinschaft und Macht.</p><p>Nach einer Identit�t, die dar�ber hinausging, Michaels Kind und Werkzeug und Talquists Seher und Spielzeug zu sein.</p><p>Also nickte der Titan zustimmend und beantwortete die Bitte mit einer innerlichen Hingabe. Dabei wusste er genau, dass die Kreatur, die er in die H�lle seines K�rpers einlassen wollte, ihn ohne zu z�gern vollst�ndig beherrschen w�rde.</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> stimmte er zu. <emphasis>Komm in mich.</emphasis></p><p>Pl�tzlich wurde es in dem Tal w�rmer. Im selben Augenblick gewann die Luft an Hitze und Macht.</p><p>Zum zweiten Mal in der Geschichte der Welt ergab sich ein Wesen freiwillig einem Unausgesprochenen.</p><p>Die Luft knisterte beinahe, als sich die uranf�ngliche Erde mit dem dunklen Feuer des D�mons und dem �ther verband, der im Blut von Farons serenischer Mutter gewesen war. All dies verschmolz nun in der Statue aus Lebendigem Stein.</p><p>Der D�mon kreischte freudig hinter Farons Ohren auf, als er seinesgleichen erkannte � die Saat des befleckten Feuers, die er von seinem Vater erhalten hatte. <emphasis>Mit deinen und meinen Kr�ften sind wir wahrhaft gottgleich,</emphasis> fl�sterte das Wesen und erfreute sich dabei an der Festigkeit des steinernen Fleisches sowie an dem Funken der �therischen Magie. <emphasis>Wir allein haben die Macht, das Schlafende Kind zu finden und an uns zu bringen � und dann wird die Tiefe Kammer ge�ffnet werden.</emphasis></p><p>Die Stimme wurde zu einem beinahe m�tterlichen Gurren.</p><p><emphasis>Und die ganze Welt wird unter deinen F��en brennen � mein Kind.</emphasis></p><p>Die Ver�nderlichkeit des D�mons und seine angeborene Macht, Gestalt und Aussehen zu ver�ndern, kreisten durch den titanischen K�rper und verfeinerten seine Erscheinung. Die milchigen Augen, die fr�her in dem grob behauenen Gesicht fehl am Platz gewirkt hatten, wurden sch�rfer, lebendiger und klarer, und es wuchsen ihnen Lider, die es ihm erlaubten, zu blinzeln und den Staub abzuwehren. Die H�nde wurden l�nger, die rauen Kanten glatter, genau wie die Stelle in der Handfl�che, aus der das Steinschwert abgerissen worden war und die nun wie schwielige Haut aussah. In jedem Finger bildeten sich Kn�chel, und jeder Kn�chel wurde von einer Reihe winziger Furchen in der glatten irdenen Haut eingerahmt. Die Wirbel aus Lehm, die einmal das Haar angedeutet hatten, wurden l�nger und schwerer, und bald war jede einzelne Str�hne deutlich zu erkennen. Die Muskeln an Schultern, Oberk�rper, Genitalien und Beinen traten hervor und wurden l�nger, bis sie wie menschliches Gewebe erschienen und pulsierten, als w�ren sie lebendig.</p><p>Faron hob die Hand hoch zum Mond, badete im Licht, schwelgte in dem Gef�hl des Windes, der �ber die feinen irdenen Haare auf der glatten Haut seiner Steinarme blies.</p><p>Ein abgerissenes Keuchen auf der anderen Seite des kleinen Tals erregte seine Aufmerksamkeit.</p><p>Der Riese drehte sich zu der Stelle um, an welcher der Mann, den er fortgesto�en hatte, aufgeschlagen war. Er lag noch auf der Seite, hielt sich die Brust fest und hob eine zitternde, sehnige Hand in die Brise, welche die frischen Bl�tter und die B�sche des Unterholzes zum Rascheln brachte.</p><p>Er h�rte, wie sich jemand hinter ihm n�herte.</p><p><emphasis>Es kommt jemand,</emphasis> warnte ihn die Stimme des D�mons. <emphasis>Bring den Dhrakier um; danach sollten wir von hier verschwinden.</emphasis></p><p>Faron eilte durch das Tal.</p><empty-line/><p>Rath lag reglos da und rang nach Atem. Im hinteren Teil seiner Kehle sp�rte er das Zischen der Luft, die aus seiner durchstochenen Lunge aufstieg. Er k�mpfte darum, nicht das Bewusstsein zu verlieren, und sang leise in den Wind einen Bericht an die J�ger �ber das, was er gesehen hatte. Er wusste, dass w�hrend der ganzen Zeit ihres Lebens in der Oberwelt noch nie dringendere Nachrichten abgesandt worden waren.</p><p>Eine g�nstige Brise fing die Worte auf und trug sie nach oben in den Himmel, wo sie die ganze weite Welt umkreisen und ihre Schreckensbotschaft jedem �bermitteln w�rde, der sie h�ren konnte.</p><p>Die vulkanblauen Augen des Titanen sahen ihn an. Ein Licht der B�sartigkeit brannte nun in ihnen, und sie erstrahlten im Widerschein des Mondes. Sie hatten einen roten Blutrand, der gelegentlich die d�monische Besessenheit anzeigte.</p><p>Und dann kam er auf Rath zu.</p><p>Rath streckte die zitternde Hand hoch.</p><p>Seit seiner Ankunft in den Wyrmlanden hatten die Luftstr�mungen ihn verwirrt, doch nun blies ein wohlwollender Wind durch das Tal; es war ein starker, warmer Aufwind, der eine noch heftigere B� mit sich brachte. <emphasis>Vielen Dank,</emphasis> dachte er, w�hrend sich der Titan zu ihm niederbeugte.</p><p>Als er Rath beinahe erreicht hatte, verschwand dieser pl�tzlich.</p><empty-line/><p>Das Ger�usch brechender Zweige und das Pulsieren blauen Lichtes erf�llten nun das Tal im Wald unter dem Mond.</p><p>Ashe erstarrte. Die Trockenheit der Luft war unverkennbar; wie statische Energie steckte sie in jeder Luftstr�mung. Gro�e Macht war hier ausge�bt worden, uranf�ngliche, elementare Macht. Der Drache in seinem Blut sp�rte sie und wich vor ihrer St�rke zur�ck.</p><p>Doch es gab hier nichts zu sehen, keinen verbrannten Boden, keine versengten B�ume, keine Erdbewegungen oder Anzeichen von Zerst�rung. Eine Brise blies sanft durch das Tal und brachte die jungen Bl�tter zum Rascheln, die in diesen fr�hen Fr�hlingstagen gerade gro� genug waren, um an den Zweigen zu flattern.</p><p>Ashe verlangsamte seine Schritte. Es schien ihm, als habe diese unschuldige Szenerie etwas Besudeltes an sich, einen Geruch der B�sartigkeit oder der t�dlichen Absichten, doch schlie�lich roch f�r ihn allm�hlich die ganze Welt so.</p><p>Ein Prickeln lief ihm den Nacken herunter und �ber die ganze Haut. Sein Drachensinn trieb ihn voran und warnte ihn vor dem, was er gleich entdecken w�rde.</p><p>Tiefer im Tal lag der K�rper einer Frau. Sie war zusammengerollt, als schlafe sie.</p><p>Der cymrische Herrscher stie� bedr�ckt die Luft aus und trat an ihre Seite.</p><p>�Portia�, sagte er sto�weise. Er kauerte sich nieder und legte die Hand auf ihren Hals, doch das war nur ein Versuch, das nicht wahrhaben zu wollen, was er bereits wusste. Da war kein Atem mehr, kein Herzschlag, kein Anzeichen von Leben. Es war sogar, als h�tte sie nie gelebt. Ihre Haut war so kalt wie Marmor, ihr K�rper war im Todeskrampf erstarrt.</p><p>Auf ihrer Wange befand sich eine erfrorene blutige Tr�ne.</p><p>�Herr ��</p><p>�Sei still, Owen. Erspare mir dein Mitleid; ich habe es nicht verdient. Der Fluch meiner Familie war schon immer ihr hitziges Temperament, ihr Mangel an Selbstbeherrschung, und ich bin nur der j�ngste Spross, der unsere gemeinschaftliche Seele mit der Vernichtung eines unschuldigen Lebens noch mehr besudelt hat.� Ashe zog seinen Mantel aus und legte ihn sanft �ber sie, als w�re er ein Laken. �Mein Vater w�rde das zweifellos als eine Ironie des Schicksals ansehen. All die Jahre, w�hrend denen ich unerkannt �ber die Erde gewandert bin, mich vor den Augen der Menschen versteckt und keinerlei Macht oder Autorit�t gehabt habe, habe ich ihn wegen seiner Entscheidungen verdammt, denn er hat absichtlich anderen Menschen Leid zugef�gt, nur weil er seine Ziele erreichen wollte, die wiederum der gro�en, guten Sache dienen sollten. Und nun, da ich es bin, der die Verantwortung f�r das B�ndnis �bernommen hat, habe ich den bevorstehenden grausamen und verheerenden Krieg damit begonnen, dass ich das Blut einer unschuldigen Untertanin vergossen habe.�</p><p>�Unschuldige Untertanen sterben andauernd im Krieg, Herr�, sagte Gerald Owen barsch. �Vergebt mir meine Unversch�mtheit, aber Ihr wart an so vielen Konflikten beteiligt, dass Ihr das sehr wohl wisst. Ihr habt genug Schlachten geschlagen, um daran gew�hnt zu sein. Ihr wart derjenige, der uns gesagt hat, dass das Kommende uns alle ver�ndern wird. Glaubtet Ihr wirklich, dass Euch das nicht ebenfalls betrifft?�</p><p>Ashe starrte immer noch auf das Gesicht der toten Frau, als Wolken vor dem Mond vorbeizogen und Schatten dar�ber warfen.</p><p>Gerald Owen hockte sich auf den Boden. �Kommt, wir m�ssen zur Hohen Warte zur�ckkehren. Ich trage das M�dchen.�</p><p>�Nein�, sagte Ashe. �Das werde ich selbst tun.� Er nahm den Leichnam in seine Arme und trug ihn zur�ck zu den Pferden. Dann legte er ihn vor sich auf den Sattel, und sie ritten nach Hause.</p><p>Tief in seinem Inneren empfand er neben der Trauer und dem Schuldgef�hl, die ihn zu verzehren drohten, ein unmissverst�ndliches und unleugbares Gef�hl der Erleichterung.</p></section><section><title><p>46</p></title><subtitle>Palast von Jierna Tal</subtitle><p>Das wilde Schellen der Glocken aus der fernen Kaserne, das von den T�rmen Jierna Tals aufgenommen wurde, riss Talquist aus seinem Schlaf.</p><p>Die Glocken der Kasernen entlang der Grenze schlugen seit der Invasion regelm��ig tags und nachts bei jedem Wachwechsel oder k�ndeten ankommende und ausr�ckende Truppen und Divisionen an. Bisher hatte er sie kaum bemerkt. Doch dieses Gel�ut war anders; in ihm lag eine Dringlichkeit und Beharrlichkeit, die wie ein b�ses Vorzeichen wirkte und den zuk�nftigen Herrscher in Angst und Schrecken versetzte.</p><p>Talquist erhob sich von seinem dick mit Seidenlaken ausgelegten Bett und kleidete sich an. Dann trat er hinaus auf den Balkon und schaute �ber die dunklen Stra�en von Jierna�sid, die im Laternenlicht und den unz�hligen Fackeln der Patrouillen schimmerten. Der Rauch aus den Gie�ereien quoll auf der anderen Seite der Stadt in den Nachthimmel und schwebte wie tausend Gespenster in der Luft, bis ein Wind ihn in die W�ste trieb.</p><p>�Warum l�uten die Glocken?�, wollte er von einer der Wachen wissen, die hier stationiert waren. �Geh und finde es heraus.� Der Soldat verneigte sich und eilte die innere Treppe hinunter.</p><p>Einige qualvoll lange Minuten sp�ter kam er zur�ck.</p><p>�Der Titan kehrt zur�ck, Herr�, sagte er.</p><p>Der Herrscher zog die Augenbrauen hoch und runzelte best�rzt die Stirn. Er schaute �ber die Balkonbr�stung auf die Hauptstra�e tief unter ihm, wo sich allm�hlich ein L�rm wie damals erhob, als Faron erstmals an den Ort seiner Belebung auf der gro�en Schale der Waage zur�ckgekehrt war. Damals war es ein L�rm des Entsetzens und der Panik gewesen, als die titanische Statue die Stra�e entlanggetorkelt war, dabei Ochsenkarren zerschmettert und alles, was ihr im Weg gewesen war, vernichtet hatte, vor allem jene Soldaten, die versucht hatten, sie aufzuhalten, bevor sie Jierna Tal erreichen konnte.</p><p>Diesmal war der L�rm ged�mpft und wirr, aber nicht so aufgeregt.</p><p>Die Kommandanten hatten anscheinend mehr Licht befohlen, denn pl�tzlich loderten die Signalfeuer am Ende der Stra�e empor und warfen Lichtteiche auf das Pflaster.</p><p>Tats�chlich n�herte sich der Titan; er warf einen gewaltigen, verzerrten Schatten auf die Geb�ude, w�hrend die Statue immer n�her kam.</p><p>Irgendwie war Farons Schritt anders geworden. Im Gegensatz zu der torkelnden Statue, die sich gewaltsam einen Weg durch die Stra�en gebahnt hatte, waren Farons Bewegungen nun abgemessen und gleichm��ig. Er ging langsam und aufrecht und verriet eine K�rperbeherrschung, die Talquist fr�her nicht bei ihm wahrgenommen hatte. Er schlenderte mitten auf der Hauptstra�e dahin, beachtete weder die Truppen noch die Wagen und n�herte sich Jierna Tal auf eine Weise, die bei einem Wesen mit weniger Macht und Kraft nicht einmal bedrohlich erschienen w�re.</p><p>Talquist kniff die Augen zusammen. Der Kaufmann in ihm war misstrauisch. Schon oft hatte er M�nner mit einem Dolch hinter dem R�cken gesehen, die dahergekommen waren, als w�ren sie vollkommen sorglos. Daher fand er es immer verd�chtig, wenn Situationen, die eigentlich bedrohlich wirken sollten, so harmlos erschienen. Der Schatten des Riesen n�herte sich weiter in der Dunkelheit und sprang sodann ins Licht der Flammen, w�hrend die Soldaten der Stadtwache in der Gosse standen und leise miteinander fl�sterten.</p><p>Als die lebende Statue schlie�lich das Tor in der Palastmauer erreicht hatte, hielt sie inne und hob den Blick zum Balkon, auf dem Talquist stand.</p><p>Der Herrscher hielt den Atem an.</p><p>Mit der Unterw�rfigkeit einer K�chenmagd verneigte sich die Statue; die Arme hatte sie an die Seiten gelegt.</p><p>Talquist stie� die Luft wieder aus. Er gab der Wache auf dem Balkon der Bibliothek unterhalb seiner Gem�cher ein Zeichen.</p><p>�Erteile den Befehl, dass man ihn sofort hereinl�sst�, sagte er.</p><p>Er wandte sich vom Fenster ab und lauschte dem Gemurmel, das bald erstarb, als das Fallgitter gehoben wurde, das Holz knirschte, die Ketten rasselten und das Gitter schlie�lich wieder gesenkt wurde.</p><p>Talquist zwang sich zur Ruhe, w�hrend die Minuten verstrichen. Er setzte sich in seinen gro�en Walnussstuhl, der einer der ersten Gegenst�nde war, welche er aus Manosse importiert hatte, nachdem er die Handelsflotte �bernommen hatte, und beobachtete sich im Spiegel am anderen Ende des Zimmers.</p><p><emphasis>Ich sehe k�niglich aus,</emphasis> entschied er. <emphasis>Und nerv�s.</emphasis></p><p>Die schweren Schritte donnerten �ber den Stein der inneren Treppe. Talquist schluckte.</p><p>Er umfasste die Armlehnen des Stuhls, als die laut hallenden Schritte n�her kamen, und zwang sich, ruhig zu atmen.</p><p>Schlie�lich erschien Faron auf der Schwelle am oberen Ende der Treppe. Er warf einen raschen Blick hin�ber zu den Wachen auf dem Balkon und deutete dann die Treppe hinunter.</p><p>Der Herrscher �berlegte kurz, ob er sie noch brauchte. Schlie�lich nickte er.</p><p>�Lasst uns allein�, sagte er.</p><p>Die Wachen gehorchten unverz�glich.</p><p>�Ich freue mich, dass du zur�ckgekehrt bist�, sagte er sanft. Die jahrelange Erfahrung mit gesch�ftlichen Verhandlungen in angespannten Situationen halfen ihm dabei, ruhig zu klingen. �Ich hatte schon bef�rchtet, du h�ttest dich verirrt oder w�rest sogar gefangen genommen worden.�</p><p>Die Muskeln im Gesicht des steinernen Titanen verzogen sich zu etwas, das bei einem lebendigen Menschen ein trockenes L�cheln gewesen w�re.</p><p><emphasis>Bitte,</emphasis> sagte er. Das Wort troff vor Ironie.</p><p>Die schwarzen Brauen des Herrschers hoben sich bis zu seinem Haaransatz. Rasch stand er auf und betrachtete den Riesen eingehender. Er bemerkte Einzelheiten, die er an der grob behauenen Statue des alten Soldaten, die er in der Basilika abgeerntet hatte, nicht wahrgenommen hatte. Jetzt erkannte er Augenbrauen, Lider und Wimpern, deutlich hervortretende Gelenke und Finger. Das fr�her so primitiv gewesene Abbild eines eingeborenen namenlosen Kriegers war zu einem gigantischen Mann geworden, einem Soldaten von titanischen Ausma�en � beinahe zu einem belebten Gott.</p><p>Und obwohl er nicht den Mund bewegte, konnte er sprechen.</p><p>Die Stimme widersprach seiner Erscheinung. Es war nicht der tiefe Bass oder das donnernde R�hren, das man seinem �u�eren Bild nach erwartet h�tte, sondern Farons Stimme war harsch und hoch und hatte etwas Knisterndes an sich. In ihr war der Widerhall anderer Stimmen zu h�ren, von denen einige tief und sanft, andere wiederum kreischend waren, und sie alle brummten vor frei werdender, unheilverk�ndender Macht, unter der sich Talquists Nackenhaare vor Furcht aufstellten.</p><p>�Was � was hast du denn jetzt vor, Faron?�, fragte er. �Als ich h�rte, dass du die Schlacht bei Sepulvarta verlassen hast, dachte ich, du h�ttest vielleicht keine Lust mehr, das Heer zu f�hren.�</p><p><emphasis>Richtig.</emphasis></p><p>�Warum bist du denn zur�ckgekommen?� Talquist biss die Z�hne zusammen. Es gab keinen Ort, an den er fliehen konnte.</p><p><emphasis>Ich w�nsche unsere Verbindung f�rs Erste weiterzuf�hren,</emphasis> sagte die Statue in ihrer harschen Stimme. <emphasis>Aber zu meinen eigenen Bedingungen.</emphasis></p><p>Pl�tzlich entspannte sich Talquist. Seine langen Erfahrungen als Kaufmann sagten ihm, dass es nun um einen Handel ging, der f�r beide Seiten vorteilhaft sein w�rde.</p><p>�In Ordnung�, sagte er. �Was sind deine Bedingungen?�</p><p>Die Statue sah ihm in die Augen und sch�tzte ihn ab.</p><p><emphasis>Ich werde dein Heer anf�hren. Wir werden den Mittleren Kontinent bis zu den n�rdlichen Bereichen der Zahnfelsen erobern. Das ganze Land wird dir geh�ren � aber ich verlange eine besondere Bezahlung.</emphasis></p><p>�Nat�rlich�, sagte Talquist rasch. �Was soll das f�r eine Bezahlung sein?�</p><p><emphasis>Wie du, so will auch ich ein Kind haben � ein Kind, das in den Bergen schl�ft. Dieses Kind will ich haben � und die Schuppen. Alle.</emphasis></p><p>Die Kehle des Herrschers zog sich zusammen.</p><p>�Ich � ich habe dir nie den Zugang zu deinen Schuppen verwehrt, Faron�, sagte er schnell. �Oder zu meinen.�</p><p>Die blauen Augen des Titanen gl�nzten heller.</p><p><emphasis>Sie werden</emphasis> alle <emphasis>mir geh�ren, Herrscher. Auf die eine oder andere Weise.</emphasis></p><p>Talquist atmete tief ein. Die Drohung in der scharfen Stimme war unmissverst�ndlich.</p><p>Der Gedanke daran, die violette Schuppe aufzugeben, der er seine Macht und den Thron zu verdanken hatte, war beinahe zu schmerzhaft f�r ihn. Auch der Umstand, dass der Titan ihm daf�r die Erf�llung des wichtigsten Teils seines gro�en Planes anbot, war nur ein schwacher Trost. Dieses alte Bruchst�ck eines Drachenschildes hatte sich regelrecht in seiner Seele verankert und war ihm von dem Moment an, als er es im Sand und Nebel der Skelettk�ste unter den Schiffs�berresten aus der Dritten Cymrischen Flotte gefunden hatte, fast jede Nacht in seinen Tr�umen erschienen. Er hatte einen gro�en Teil seines Lebens damit verbracht herauszufinden, worum es sich bei diesem Gegenstand handelte und wozu er in der Lage war. Daf�r war er bei Kapit�nen und Minenarbeitern, bei Kaufleuten und Priestern in die Lehre gegangen. All diese untergeordneten T�tigkeiten hatten sich schlie�lich ausgezahlt.</p><p>Doch wenn er die Schuppe nun unbedingt behalten wollte, w�rde Faron ihn an Ort und Stelle zu Brei zertreten.</p><p>Es schien ein geringer Preis f�r die Erf�llung all seiner W�nsche zu sein.</p><p>Der Kaufmann schaute dem Riesen tief in die Augen, ging dann in seine Geheimkammer und kehrte einen Augenblick sp�ter mit der in Samt eingewickelten Schuppe zur�ck. Er ging zu Faron hin�ber und streckte die Hand aus.</p><p>�Abgemacht�, sagte er.</p><p>Der Titan l�chelte.</p><p>In diesem Augenblick glaubte Talquist, ein Rumpeln im Getriebe der sich unabl�ssig drehenden Welt zu h�ren.</p></section><section><title><p>47</p></title><subtitle>Der Gipfel des Gurgus</subtitle><p>�Ihr m�sst bedenken�, sagte Rhapsody, w�hrend sie das Pergamentblatt auf dem Tisch vor Achmed, Grunthor und Omet ausrollte, �dass das Spektrum der unteren Mitte, also die gr�nen und blauen Abschnitte <emphasis>Kurh-fa</emphasis> und <emphasis>Brige-sol,</emphasis> harmloser in ihrer Machtentfaltung sind. Sie �ndern weniger an der Wirklichkeit der Welt, so wie sie ist. Das ist unter anderem so, weil sie wegen der Wellenl�nge des Lichts ein Lied aussenden, das am l�ngsten von allen anh�lt. Der Grund daf�r liegt darin, dass viel von dem blauen Spektrum im Widerschein des Himmels gegenw�rtig ist. Daher sind die Liringlas so sehr an diesen Teil der �berlieferungen gebunden und verehren den Himmel zutiefst. Sie wissen, dass das Blau der Schl�ssel zum gesamten Rest des Spektrums ist. Da die urspr�ngliche Macht des Lichtf�ngers im Wahrsagen und in der Verdunkelung lag, w�re es vielleicht am sichersten, diesen Teil zuerst auszuprobieren. Die Gefahr ist nicht so gro� wie bei den anderen, zumindest was die uranf�nglichen Kr�fte angeht.�</p><p>�Allerdings�, stimmte Achmed ihr zu. �Aber die nachfolgenden Kr�fte k�nnten sogar noch gef�hrlicher sein.�</p><p>�Ich bin noch nicht so weit, mit den Teilen der zweiten oder dritten Ordnung herumzuexperimentieren�, sagte Rhapsody ernst. �Die Konsequenzen eines falschen Gebrauchs sind un�bersehbar. Wenn du aber sehen willst, wie das blaue Spektrum wirkt, und neugierige Augen besser als bisher aussperrst, k�nnte ich vielleicht einen Versuch wagen. Es ist nicht gefahrlos � das ist nichts bei diesem Apparat. Aber diese Farbe ist die sicherste, die wir besitzen. Es ist ein bisschen so, als lie�e man statt des Kopfes nur die Hand ungesch�tzt, wenn man eine L�wenh�hle betritt.�</p><p><emphasis>Bolg-K�nig.</emphasis></p><p>Achmed erstarrte. Die Stimme in seinem Ohr war leise und angespannt.</p><p><emphasis>Ich bin im Durchgangstunnel.</emphasis> Der Wind schwieg f�r einen Augenblick, dann brauste er wieder in Achmeds Ohren; diesmal jedoch war die Stimme schw�cher. <emphasis>Komm.</emphasis></p><p>Achmed war aufgesprungen, noch bevor Rhapsody blinzeln konnte. Sie und Grunthor folgten ihm aus dem Berggipfel und �ber die �u�eren Verteidigungsanlagen von Canrif, welche die Schlucht �berblickten, die die Stadt von der verdorrten Heide trennte.</p><p>In dem Tunnel wartete Rath. Er kauerte auf dem Boden, hatte die Arme um sich geschlungen und rang m�hsam nach Atem. Sein K�pf gl�nzte vor Schwei�; seine Haut wirkte fahl im schwachen Licht der Fackeln hinter dem Tunnel.</p><p>�Die � Nachrichten, die ich bringe � k�nnten nicht � schlechter sein�, sagte der Dhrakier und keuchte bei jedem Atemzug auf. �Die W�chter � wissen es schon � aber du � konntest mich � nicht h�ren ��</p><p>�Sag es mir�, befahl Achmed ihm, w�hrend sich Rhapsody neben Rath kniete und ihm das Hemd �ffnete.</p><p>Der Dhrakier versuchte sie fortzuscheuchen. �Ich habe � den Wirt der Bestie � gefunden und hatte � sie im Bann, aber � ich wurde � unterbrochen ��</p><p>�Von wem?�, fragte der Bolg-K�nig. �Wer h�tte dieses Gebiet bei all der Macht in der Luft �berhaupt betreten k�nnen?�</p><p>�Ein � Mann aus � Lebendigem Stein�, fl�sterte Rath, w�hrend die cymrische Herrscherin langsam ein Lied der Heilung sang, das bei all jenen half, die auf dem Schlachtfeld dem Tode nahe waren. �Titanisch � und f�hig � aus eigener Kraft � zu gehen. Der D�mon � ist entkommen � und hat einen neuen � Wirt in ihm gefunden. Und er ist � unverwundbar.�</p><p>Die beiden Bolg schauten sich an, w�hrend Rhapsody mit ihrem Lied fortfuhr.</p><p>�Wir m�ssen das Risiko wohl eher als geplant eingehen�, sagte Achmed schlie�lich. �Es ist unabdingbar, dass wir das blaue Spektrum ausprobieren. Morgen fr�h werden die ersten Sonnenstrahlen auf die Scheibe des Blutretters fallen. Ich nehme an, du bist damit einverstanden, Rhapsody?�</p><p>Sie sah die beiden an und nickte bed�chtig.</p><p>�Grunthor, bring ihn zum Lichtf�nger�, befahl Achmed. Er drehte sich um und wollte gehen, doch Rath packte den Saum seiner Robe und zerrte ihn wieder zur�ck.</p><p>�H�r mich an�, fl�sterte der Dhrakier, in dessen Augen Feuer brannten. �Du hast � keine andere Wahl mehr. Jemand muss � diesen Riesen � umbringen. Das �bersteigt � die F�higkeiten � der W�chter. Sonst kannst du � nicht K�nig bleiben ��</p><p>Achmed riss seine Robe aus dem schw�cher werdenden Griff des Dhrakiers.</p><p>�Das siehst du falsch, Rath�, sagte er barsch. �Ich werde so lange K�nig bleiben, wie es mir passt. Ich kann nur wenigem zustimmen, was Ashe je gesagt hat, doch er hat recht, wenn er der Meinung ist, dass ein K�nig standhalten und sein Land verteidigen muss, bis es f�r ihn keine andere M�glichkeit mehr gibt, als zu gehen. Was auch immer drau�en in der Welt geschieht, ich werde hier bleiben. Ich muss ein Kind bewachen, und auch wenn ich nichts anderes sein sollte, so bin ich doch die letzte Bastion in diesem Kampf.</p><p>Aber�, fuhr er fort, w�hrend der Sergeant-Major Rath vom Boden aufhob, �da nun der F�dor sich entschlossen hat, einen Wirt zu nehmen, der aus Lebendigem Stein, also aus elementarer <emphasis>Erde</emphasis> besteht, habe ich zuf�llig einen M�rder zur Hand, der f�r diese Aufgabe wie geschaffen ist.�</p><p>Grunthor grinste ungeheuer breit.</p><p>�Klasse! Dabei ist noch nich� mal mein Geburtstag. Vielen Dank!�</p><p>Er ging den Tunnel hinunter und pfiff dabei eine fr�hliche Melodie.</p></section></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Ich m�chte meiner Lektorin Anna Genoese f�r ihre Geduld und Weitsicht sowie meiner Familie f�r ihre Unterst�tzung und Liebe meinen herzlichen Dank aussprechen.</p></section></body><binary id="cover" 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