<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name><home-page>http://www.hohlbein.net/</home-page><id>4803</id></author><book-title>Die T�chter der Drachen</book-title><annotation><p>Als Talianna noch ein Kind war, t�teten Drachen ihre Eltern und legten ihr Dorf in Schutt und Asche. Nun, fast zwanzig Jahre sp�ter, zieht sie in die Welt hinaus, um die grausamen Drachen zu finden � und Rache zu nehmen. Ihr Weg f�hrt sie durch eine zerstorte Welt, durch endlose W�sten und ausgetrocknete Meere, wo jeder Schritt t�dliche Gefahren birgt: Phantastische Lebewesen stellen sich ihr in den Weg, doch Talianna schreckt vor nichts und niemandem zur�ck. Bis sie den geheimnisumwitterten T�chtern des Drachen gegen�bersteht und erkennen mu�, da� auch sie nur eine kleine Rolle in dem gro�en Spiel der M�chte gespielt hat.</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Der Drachenzyklus" number="1"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><id>A9B9D702-5C30-4A40-981A-903EE6D5F2C0</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><year>1987</year></publish-info><custom-info info-type="librusec-id">381491</custom-info></description><body><section><title><p>Prolog</p></title><cite><p>Die Mauer ragte schwarz gegen den Nachthimmel auf, nicht mehr als ein Schatten, dessen Umrisse die Sterne ausl�schten, die wie kleine blankpalierte Augen am Firmament standen; ein finsteres Loch, das jemand in den Himmel gestanzt hatte. Sie war verbrannt.</p><p>Die Nacht roch nach Hitze. Nach warnem Stein und gl�hender Erde und anderen, unangenehmeren Dingen, die das Kind zu erkennen sich weigerte.</p><p>Manchmal trieb der Wind fette schwarze Qualmwolken �ber die zerbr�ckelte Krone der Mauer. Wenn sie an den Sternen vorbeizogen, dann war es f�r das Kind, als w�rden sie ihr zublinzeln, wie kleine, sehr weit entfernte, und sehr teilnahmslose Augen. Fr�her einmal waren diese Augen seine Freunde gewesen. Fr�her, als die Nacht noch sein Freund gewesen war. Jetzt hatte es keine Freunde mehr. Seine Freunde � aber auch seine Feinde � waren tot, gestorben in der flammenden H�lle, die die Mauer geschw�rzt hatte, zusammen mit der Stadt, der sie ein Versprechen auf Schutz gab, das sie nicht eingel�st hatte. Das Kind hatte Angst.</p><p>Zum ersten Mal in seinem Leben hatte es wirkliche Angst. Nicht die Angst vor der Dunkelheit, nicht die Angst vor den Dingen, die in den Geschichten der Erwachsenen erstanden und hinterher, wenn die Worte l�ngst verklungen waren, d�steres Leben gewannen und manchmal in seine Tr�ume gekrochen waren, nicht die Angst vor einem Tier, das bei�en und kratzen konnte, nicht die gestaltlose Angst, die nur Kinder kennen. Es hatte Angst vor etwas, wof�r in seinem bisher kaum zehn Jahre w�hrenden Leben nicht einmal Raum gewesen war, vor einem Wort, das sie gekannt, das aber keine wirkliche Bedeutung gehabt hatte: vor dem Tod.</p><p>Das M�dchen fror, w�hrend es so dastand und die brennende Stadt ansah, obwohl es noch immer hei� war. Seit es aus den Felsen gekrochen war, zwischen die es sich gepre�t hatte, zitternd, zuerst schreiend vor Angst und sp�ter lautlos in sich hineinschluchzend, mu�ten Stunden vergangen sein. Der Abend war jung gewesen, als es die Stadt verlassen hatte, und als sich das erste Grau der D�mmerung am Horizont zeigte begann, hatte es sich auf den R�ckweg gemacht, der nicht sehr weit war.</p><p>Der Tod war schneller gewesen.</p><p>Die Stadt hatte nicht sehr lange gebrannt, denn das Feuer war hei� gewesen, so ungeheuer hei�, da� sie seinen gl�henden Atem selbst auf der anderen Seite der gigantischen Mauer gesp�rt hatte, ja, selbst noch zwischen den zehnfach mannshohen Findlingen, in deren Schutz es gefl�chtet war, blind, halb wahnsinnig vor Angst und Verwirrung, wie ein Tier, das ganz instinktiv in ein Erdloch kriecht, wenn es die Gefahr sp�rt. Trotzdem hatte sie die grausame Hitze gef�hlt, die vom Himmel gefallen war. Alles, was in der Stadt brennen konnte, mu�te in den ersten Minuten zu Asche zerfallen sein.</p><p>Seitdem stand es hier, ein dunkelhaariges M�dchen von nicht einmal zehn Jahren, das noch nicht ganz begriffen hatte, da� es �ber Nacht zur Waise geworden war; mehr noch, zu einem Menschen, der vollkommen allein war, denn all seine Freunde, jedermann, den es gekannt oder gemocht oder auch gef�rchtet hatte, war tot.</p><p>Es gab keine �berlebenden au�er dem M�dchen. Der Tod hatte am einzigen Abend des Jahres zugeschlagen, an dem alle Bewohner der Stadt in ihren H�usern waren.</p><p>Nein � es gab keine �berlebenden. Es gab nur noch dieses M�dchen. Es war schlank, aber gut gen�hrt, in einem Kleid, das nur eines von vielen kostbaren Kleidungsst�cken gewesen war, die in seiner Kammer gehangen hatten; denn die Stadt, die vor ihm zu Asche zerfiel, war reich gewesen.</p><p>Es wu�te nicht, wie lange es schon so dastand und die geschw�rzte Stadtmauer angeblickt hatte, als es die Schritte h�rte.</p><p>Zuerst erstarrte es vor Schrecken; aber nur f�r einen Moment. Dann fuhr es herum, stie� einen kleinen, erleichterten Freudenschrei aus und lief den Hang hinunter auf die Gestalt zu, die aus der Nacht getreten war.</p><p>Aber es blieb schon bald wieder stehen, denn als es n�her kam, sah es, da� es eine Fremde war.</p><p>Die Frau geh�rte nicht zur Stadt. Sie war keine �berlebende wie es selbst. Sie war niemand, den das M�dchen jemals zuvor gesehen hatte. Auch ihre Kleidung war sonderbar � schwarzes, im farbenfressenden Dunkel der Nacht matt gl�nzendes Leder, das sich wie eine zweite, sehr eng anliegende Haut an ihren K�rper schmiegte. Sie war sehr gro�, und, soweit das M�dchen dies erkennen konnte, sehr sch�n, und ihre sonderbare Kleidung lie� erkennen, da� sie schlank, aber von jener drahtigen Sportlichkeit war, die gro�e Kraft und noch gr��ere Gewandtheit verriet. Das M�dchen konnte nicht sagen, wie alt sie war. Sie mochte drei�ig sein, aber genausogut auch f�nfzig oder mehr, und es machte auch keinen Unterschied; denn f�r das M�dchen, das mit seinen zehn Sommern noch nicht gelernt hatte, mit Lebensjahren zu rechnen und kr�merisch damit zu geizen, gab es ohnehin nur drei Altersgruppen, die von Belang waren: seine eigene, die der Erwachsenen, und die der Alten. Alt war die Frau nicht.</p><p>Sehr lange standen sich die beiden gegen�ber, das M�dchen starr vor Schrecken und hin und her gerissen zwischen der Angst und dem Impuls, einfach davonzurennen und sich in den Felsen zu verkriechen, die ihm schon einmal Schutz gew�hrt hatten, und dem immer st�rker werdenden Wunsch, das zu tun, was Kinder in einer Situation wie dieser wohl tun w�rden � zu dieser Fremden hin�berzulaufen und sich an ihre Brust zu werfen, sich einfach fallen zu lassen in dem sicheren Bewu�tsein, in der N�he einer Erwachsenen zu sein und damit unverwundbar. In Sicherheit.</p><p>Aber die Menschen in der verbrannten Stadt waren auch Erwachsene gewesen. Und sie waren tot. Zusammen mit ihren Kindern, die sich im letzten Moment noch an die Rocks�ume ihrer M�tter geklammert haben mochten. Und die Frau war eine Fremde.</p><p>Nach einer Ewigkeit brach die Fremde das Schweigen. Sie trat auf das M�dchen zu � nur einen Schritt, um es nicht zu erschrecken � lie� sich in die Hocke sinken und streckte die Hand aus. Das M�dchen blickte diese Hand an � sie steckte in einem schwarzen, hauteng anliegenden Handschuh � und sah dann ins Gesicht der Fremden. Es r�hrte sich nicht.</p><p>�Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Kind�, sagte die Frau. �Ich tue dir nichts.�</p><p>Das M�dchen antwortete noch immer nicht, aber es lief auch nicht davon, als die Fremde die Hand ein wenig weiter ausstreckte und es am Arm ergriff. Das Leder auf ihrer Haut war kalt und glatt und f�hlte sich sehr unangenehm an. Wie Schlangenhaut.</p><p>�Das war deine Stadt, nicht wahr?� sagte die Fremde. Das M�dchen nickte.</p><p>�Bist du... die einzige �berlebende?�</p><p>Wieder nickte das M�dchen. Es sp�rte, da� die Frau eine Antwort von ihm erwartete, aber es konnte nicht sprechen. Vielleicht w�rde es nie wieder sprechen k�nnen.</p><p>�Und jetzt bist du traurig�, sagte die Fremde. Diesmal war es keine Frage, sondern eine Feststellung, leise und sachlich, und nur mit einer ganz sachten Spur von Mitleid. �Du bist traurig und hast Angst und bist verzweifelt und zornig, und du w�rdest am liebsten ein Schwert nehmen und dich auf die Suche nach denen machen, die f�r das alles verantwortlich sind. Aber das wird nicht gehen. Du bist ein Kind.�</p><p>Sie stand auf, als h�tte sie damit alles gesagt, blickte einen Moment mit starrem Gesichtsausdruck zu der verkohlten Stadt hinauf und setzte sich dann neben dem M�dchen ins Gras.</p><p>�Setz dich, Kind�, sagte sie.</p><p>Das M�dchen gehorchte. Was sollte es anders tun? Es konnte nicht weglaufen, denn es gab nichts mehr, wohin es laufen konnte. Es hatte niemanden mehr. Vielleicht geh�rte es jetzt dieser Frau, wie etwas, das sie am Wegesrand gefunden hatte. Der Gedanke irritierte das M�dchen, aber er erschreckte es nicht sonderlich. Es war gut, jemandem zu geh�ren.</p><p>�Willst du mir nicht deinen Namen verraten, Kleines?�  fragte die Frau.</p><p>Das M�dchen sch�ttelte den Kopf. Es hatte ein bi�chen Angst, da� die Fremde dar�ber in Zorn geraten w�rde, aber sie l�chelte blo�, lehnte sich ein wenig zur�ck und st�tzte ihr K�rpergewicht mit den Ellbogen ab.</p><p>�Ich kann dich nur zu gut verstehen, mein Kind�, sagte sie leise, eigentlich mehr zu sich selbst gewandt. Ein sonderbar trauriges l�cheln huschte �ber ihre Z�ge, aber das M�dchen glaubte nicht, da� es seine Bedeutung wirklich verstand.</p><p>�Ich habe noch Zeit�, sagte die Fremde pl�tzlich. �Wenn du willst, erz�hle ich dir eine Geschichte.� Sie sah das M�dchen an, l�chelte. �Willst du?�</p><p>Das M�dchen nickte.</p></cite></section><section><title><p>1. Kapitel</p><p>Talianna</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Das Dorf lag in der Biegung des Flusses, ein St�ck schwarzer Kohle, das von einem silber-blau-gr�n gefleckten Band zu zwei Dritteln umschlungen wurde und w�hrend der letzten Jahre begonnen hatte, in die einzige Richtung zu wuchern, die ihm blieb.</p><p>Das hie� � nicht ganz.</p><p>Ein paar H�user, erbaut von besonders mutigen � oder besonders dummen � Menschen, ragten ein St�ck in den Flu� hinein, auf Stelzen stehend wie verschmorte fette St�rche mit zu vielen Beinen oder wie steinerne Schwalbennester unter die Biegung der zerborstenen Br�cke geklebt. Einstmals hatte es einen Namen gehabt, dieses stolze, reiche, verbrannte Dorf, das hei�t, sogar mehrere: Manche hatten es Laybary genannt, ein Wort aus der Sprache der Ureinwohner dieses Teiles der Welt, die hiergewesen waren, ehe die Menschen kamen und dessen Bedeutung niemand kannte. Andere � sp�ter � hatten es Gr�nau getauft: ein Name, der absolut nicht pa�te, aber h�bsch klang. Beide Namen waren im gleichen Ma�e verloren gegangen, in dem die Menschen hier am Flu� die Kraft zu entdecken begannen, die der gro�e silberne Strom mit sich brachte, und sie nutzten; im gleichen Ma�e, in dem die strohgedeckten H�tten schweren, steinernen H�usern mit schwarzen Schieferd�chern wichen, D�chern, �ber denen gewaltige rauchende Schlote die Geheimnisse verrieten, die unter ihnen schlummerten.</p><p>Als die Bewohner Lybarys oder Gr�naus damit begannen, Eisen zu machen, war die Stadt h��lich geworden, zu h��lich f�r einen so wohlklingenden Namen wie Lybary oder gar Gr�nau � <emphasis>gr�n</emphasis> waren schon bald allenfalls die Abw�sser, die aus den neuerdings kanalisierten H�usern in den Flu� str�mten; denn ihre Bewohner schmolzen nicht nur Eisen und Stahl und nach und nach andere Legierungen, sondern a�en und tranken und atmeten � freilich ohne es zu wissen � auch ein gut Teil dessen, was eigentlich in ihren Schmelztiegeln sein sollte. Wenn sie es �berhaupt wu�ten, scherten sie sich nicht darum; allenfalls wunderten sie sich vielleicht, da� die Alten im Dorf nicht mehr ganz so alt wurden wie fr�her, und da� es mehr Krankheiten gab. Aber die Stadt wurde reich, reich und h��lich und immer gr��er, und bald bekam sie einen neuen Namen: wer immer im Lande von ihr sprach, nannte sie Stahldorf, und irgendwann �bernahmen ihre Einwohner diesen Namen, wenn auch nicht f�r lange.</p><p>Er war verbrannt.</p><p>Zusammen mit der Stadt.</p><p>In einer einzigen Nacht voller schlagender schwarzer Schwingen und gellender Schreie und Feuer, das vom Himmel regnete und tausendmal hei�er war als die Glut der Essen unten auf der Erde, war er verkohlt, zu Asche und Staub und hei�em Schlamm geworden, den der Flu� forttrug, das Werk von drei Generationen dahin in einer einzigen Nacht. Die gro�en Quader aus rostrotem Roheisen waren ein letztes Mal geschmolzen, so da� sie jetzt �ber gro�en Teilen des Ruinendorfes ein Leichentuch aus por�ser Schlacke bildeten. Die Hoffnungen und Tr�ume von Reichtum und Macht waren verdampft wie die Gehirne, die sie getr�umt hatten, und das Gold, das �berreichlich gegen scharfgeschliffenen Stahl getauscht worden war, war in den H�nden seiner Besitzer weich geworden und zu Boden getropft wie schimmernde Tr�nen.</p><p>Zumindest hatte Stahldorf � das fr�her einmal Gr�nau und noch fr�her Lybary gehei�en hatte und das man morgen vielleicht Brandstadt nennen w�rde � ein Ende gefunden, das seinem kurzen Aufbl�hen angemessen gewesen war.</p><p>Die Vernichtung war vollkommen gewesen, eine schwarze G�tterfaust, die mit der Nacht gekommen war und deren Finger wei�gl�hende Narben in der Erde hinterlie�en. Das landeinw�rts, dem offenen Teil der Flu�schleife zugewandte Drittel der Stadt war vollkommen zerst�rt. Zertr�mmert, verbrannt und pulverisiert � vielleicht auch in umgekehrter Reihenfolge � bot es sich dar wie das flachgewalzte Innere eines Vulkanes. Wo die geschmolzene Eisendecke gerissen und die blo�e Erde sichtbar war, da war sie schwarz und schimmerte, zu Glas geworden.</p><p>Das zweite Drittel der Stadt bot einen vielleicht noch schlimmeren Anblick, denn die Zerst�rung war hier nicht so vollkommen. Wo die Verheerung so total war, da� sie ihre eigenen Spuren verdeckte, war auch nichts mehr, vor dem man erschrecken konnte.</p><p>Hier schon. Ein paar Mauern hatten dem Feuersturm standgehalten, hier und da durch die Laune des Zufalls ein Balken, der wie der Finger eines Ertrinkenden aus einem schwarzen Sumpf aufragte, ein Lagerschuppen, dessen Eckpfeiler und Zwischendecken dem Gewicht von Eisenbl�cken angemessen gewesen war und die dem Feuersturm standgehalten hatten, der Dach und W�nde fortblies. Wie zum b�sen Spott sogar ein Dach, auf dem noch die H�lfte eines Kamins stand, dessen Au�enseite jetzt so schwarz war wie die innere. Oder ein schwarzes Etwas, das wie ein zusammengekauerter Mensch aussah, die Arme �ber den Kopf geschlagen, aber g�nzlich mit Eisen bedeckt, wie eine schreckliche Skulptur. Im letzten Drittel der Stadt schlie�lich standen Ruinen, grau �berpudert mit Staub und Asche. Hier und da brannte es noch, und hier und da ragte ein Knochen aus der hei�en Asche. Die dem Land zugewandten Teile der Stadt hatten die schlimmste Wut des Feuersturms gebrochen, der mit den tief heranrasenden Bestien aus der Nacht gekommen war.</p><p>Hier war das Feuer nur noch Feuer gewesen, keine H�llenglut mehr, die Eisen verdampfte und Stahl zum Schmelzen brachte. Die Bewohner dieses Stadtteils � wie durch eine der kleinen Geh�ssigkeiten, die das Schicksal so gerne und reichlich verteilte, waren es die reichsten und angesehensten B�rger Stahldorfes gewesen � hatten nicht das Gl�ck gehabt, nicht mehr zu sp�ren. Sie hatten das Rauschen der gewaltigen schwarzen Schwingen geh�rt und die Flammen gesehen und die Schreie vernommen, die bald darauf zu ihren eigenen geworden waren. Der Damm aus H�usern, der die Springflut aus Feuer und Tod gebrochen hatte, hatte ihnen ein qualvolleres Ende beschert. Sie hatten ihr Sterben miterlebt. Manche hatten sogar noch Zeit gefunden, aus ihren H�usern zu rennen und in den Flu� zu springen, Rettung erhoffend in der kochenden Flut. Ihre Leichen mu�ten jetzt, als die Sonne aufging, schon Meilen entfernt sein.</p><p>Es gab auch �berlebende: in den Kellern, in den toten Winkeln unter schwarz gewordenen Fenster�ffnungen hinter m�chtigen Bl�cken von Roheisen und Stahl. Ein paar von ihnen hatten sogar noch die Kraft, nach jemandem zu schreien, der ein Messer nehmen und sie von ihren Leiden erl�sen m�ge. Aber nicht sehr viele. Das war es, was Talianna sah, als sie an diesem Morgen aus dem Wald trat und auf ihre Heimatstadt herabblickte.</p><p>Eine Hand ber�hrte ihre Schulter. Sie blickte auf. F�r einen Moment klammerte sie sich an den wahnsinnigen Gedanken, da� es ihre Mutter sein k�nne, die wie sie ein Versteck im Wald gefunden hatte und nun kam, um ihr zu sagen, da� alles in Ordnung und sie am Leben sei. Aber es war nicht das schmale, vom Alter und Eisenstaub grau gewordene Gesicht ihrer Mutter, in das sie blickte, es waren Gedelfis verh�rmte Z�ge, eingerahmt von wei�em Haar, in dem jetzt Schmutz und Tannengr�n und ein Rest von dem Morast klebte, in den er gest�rzt war, als er hinter ihr aus dem Stollen gekrochen war.</p><p>Nur seine Augen � das waren nicht die blinden Augen Gedelfis, die erloschen waren, ehe die Taliannas zum erstenmal einen Sonnenaufgang sahen, sondern die ihrer Mutter, dunkel und gro� und von winzigen F�ltchen umgeben, die davon kamen, da� sie so gerne lachte. Aber nur f�r einen Augenblick; dann wurden sie wieder zu den wei�en matten Kugeln, die in Gedelfis Gesicht gl�nzten. Und als Talianna den Kopf wandte und seine Hand anblickte, die schwer und narbig auf ihrer Schulter lag, sah sie, da� auch seine Fingern�gel blutig waren. </p><p>�Weine ruhig, Kind�, sagte der alte Mann � es klang wie die Stimme ihrer Mutter, aber mit der klaren, fast �berpr�zisen Aussprache, die sie von Gedelfi kannte. </p><p>�Weine ruhig�, sagte er noch einmal. �Es wird dir helfen.�</p><p>Talianna weinte nicht.</p><p>Aber nach einer Weile wandte sie sich gehorsam um, dem sanften Druck seiner alten Hand folgend, und ging neben ihm her den Hang hinab, �ber die mit Asche bedeckte Wiese und auf die in den Boden eingeschmolzene Grenze der Stadt zu, ein blinder Mann und ein Kind, das ihn f�hrte.</p><p>Aber in diesem Moment sah das Kind so wenig von dem Schrecken, der sich vor ihnen ausbreitete, wie er. Sie sah Drachenschwingen, die die Nacht peitschten. </p></section><section><title><p>2</p></title><p>Die Asche war noch warm, und der Boden darunter so hei�, da� sie es durch die d�nnen Sohlen der Sandalen hindurch sp�ren konnte. Ihre Schritte lie�en kleine graue Staubw�lkchen wie winzige Explosionen hochwirbeln, und in der Luft lag ein Geruch, den das M�dchen niemals im Leben wieder vollkommen vergessen sollte. Sie hatte den am schlimmsten zerst�rten Teil der Stadt umgangen, nicht aus Furcht oder Piet�t, sondern einfach der praktischen �berlegung, da� der alte Mann an ihrer Seite auf dem zu spiegelglattem Glas erstarrten Boden unter der Asche ausgleiten und sich verletzen mochte, und jetzt hatten sie den Flu� erreicht. Sein Wasser war warm. Grauer Dampf stieg von seiner Oberfl�che hoch und ber�hrte ihr Gesicht mit der unangenehmen Klebrigkeit von Spinnweben. Hier und da schienen sich kleine Nester von Glut und Hitze unter seiner Oberfl�che gehalten zu haben; denn an manchen Stellen kochte es regelrecht. Schwarze Schlieren tanzten auf den Wellen. Und manchmal trug die Str�mung formlose, dunkle Brocken heran; ab und zu auch etwas Gr��eres, das sie nicht erkennen konnte und wollte.</p><p>�Wo sind wir?�</p><p>Gedelfis Stimme klang br�chig; so morsch wie die d�nne Kruste, �ber die sie gingen, und ebenso in Gefahr, jeden Moment einzubrechen. Die Hand, die auf Taliannas Schulter lag, bewegte sich nicht, aber anders, als sie es gewohnt war, war ihr Griff beinahe schmerzhaft fest, nicht mehr leicht und freundlich.</p><p>So lange sie denken und laufen konnte, war es ihre Aufgabe gewesen, den blinden alten Mann zu f�hren, und die Ber�hrung seiner rissigen Haut war ihr so vertraut, als w�re es ein St�ck von ihr selbst. Aber immer war sein Griff sanft und irgendwie dankbar gewesen, weil sie es war, die ihn vor Schaden bewahrte und ihm die Augen ersetzte, die er nicht mehr hatte. Jetzt klammerte er sich an ihr fest; mit der verzweifelten Kraft eines Menschen, der wu�te, da� er in einen Abgrund st�rzen mu�te, wenn er seinen Halt loslie�. Es tat weh. </p><p>�Wo sind wir, Talianna?� fragte Gedelfi noch einmal, als sie nicht antwortete.</p><p>�Am Flu߫, sagte sie hastig. �Am...� Sie stockte, fuhr sich nerv�s mit der Zunge �ber die Lippen, die pl�tzlich rissig und hei� waren und schmerzten, und begann von neuem. �An der Stelle, an der das Waschhaus stand.�</p><p>�Ist es zerst�rt?�</p><p>Talianna sch�ttelte den Kopf. Ihr Haar glitt dabei �ber den Handr�cken des Alten, so da� er die Bewegung sp�rte. �Nein�, sagte sie. �Es ist fort.�</p><p>�Fort.� Gedelfi wiederholte das Wort mit dem sonderbaren Schmatzlaut, mit dem alte Menschen manchmal reden. Aber es war eher, als pr�fe er seinen Geschmack. </p><p>�Fort.�</p><p>Talianna nickte. Das Waschhaus, halb auf d�rren Stelzbeinen in den Flu� gebaut, so da� sich die Frauen auf seinen durchbrochenen Boden knien und ihre W�sche waschen konnten, war eines der wenigen nicht aus Stein erbauten H�user Stahldorfs gewesen, und so waren nicht einmal Ruinen geblieben. In der warmen Asche am Ufer waren noch die Schemen seines Grundrisses zu erkennen, und dicht unter den sprudelnden Fluten standen die abgesenkten St�mpfe seiner St�tzen, aber das war alles. Der Feuersturm mu�te es pulverisiert haben; vielleicht hatte er es wie ein trockenes Blatt zur G�nze angehoben und in der Luft zerrissen; vielleicht war es auch einfach in den Flu� gest�rzt und davongeschwemmt worden. Es blieb sich gleich.</p><p>Talianna verstand f�r einen Moment selbst nicht, warum sie das Schicksal dieser unbedeutenden Bretterbude so interessierte, bis sie begriff, da� da wohl irgend etwas in ihrem Bewu�tsein war, was nicht wollte, da� sie dar�ber nachdachte, was mit dem Rest der Stadt geschehen war. W�re sie allein gewesen, h�tte sie wohl sp�testens an dieser Stelle kehrt gemacht und die Stadt verlassen.</p><p>Aber sie war nicht allein. Gedelfi, dessen Auge sie war, war bei ihr, und hinter sich h�rte sie die Schritte und Stimmen der anderen, die nach und nach den H�gel herabgekommen waren. Den Blinden und sie mitgerechnet, waren sie elf, die sich in dem aufgelassenen Minenschacht verkrochen hatten, als der Feuerregen begann, elf von mehr als dreitausend. Ein j�mmerlicher Haufen Verlorener, zu dem nicht einmal mehr das Wort <emphasis>�berlebende</emphasis> gepa�t h�tte. �berleben bedeutet Weiterleben, und Weiterleben hie� vielleicht Hoffnung und ein neuer Anfang � oder wenigstens den Versuch dazu. Nichts von alledem war ihnen geblieben. Sie lebten, das war alles.</p><p>Erneut wunderte sich Talianna �ber sich selbst, �ber die Gedanken, die pl�tzlich in ihrem Kopf waren und die sie noch vor wenigen Stunden nicht einmal verstanden h�tte. Und mit der gleichen sonderbaren Klarheit, mit der sie sie jetzt begriff, begriff sie pl�tzlich auch, da� sie in der endlosen schwarzen Feuernacht im Bauche der Erde mehr verloren hatte als ihre Heimat und ihre Familie. Der fliegende Tod hatte sie verschont, aber sein Feuer hatte ihr etwas genommen, was sie noch gar nicht gehabt hatte, jedenfalls nicht genug, und was sie nun auch nicht mehr haben w�rde.</p><p>Sie war noch immer zehn Jahre alt und noch immer ein wenig zu d�nn und manchmal etwas linkisch in ihren Bewegungen und ihrer Art zu reden � aber sie war kein Kind mehr. Sie dachte an ihren Vater und ihre Mutter und Rosaro, ihren um zehn Jahre �lteren Bruder, an ihr Haus, das nicht zu den prachtvollsten der Stadt geh�rt hatte, aber auch ganz und gar nicht zu den kleinsten, an ihre Freunde und Spielkameraden, und sie empfand � nichts.</p><p>Voller Schrecken begriff sie, da� sie ihre F�higkeit zu trauern verloren hatte. Der Anblick der gesch�ndeten Stadt erf�llte sie mit Entsetzen, aber es war ein Schrecken, der eher dem Erstaunen dar�ber entsprang, da� eine solch totale Zerst�rung �berhaupt <emphasis>m�glich</emphasis> war. Wind kam auf und trug grauen Staub �ber den Flu�. Talianna hustete, hob die linke Hand vor das Gesicht und beschirmte damit ihre Augen. Den Staub vermochte sie auf diese Weise abzuwehren, den Brandgeruch und die furchtbare schmierige W�rme nicht. Pl�tzlich ekelte sie sich.</p><p>�Wie... sieht es aus?� sagte Gedelfi stockend. �Sag es mir, Talianna.�</p><p>Talianna gehorchte. Langsam, aber ohne zu stocken und mit �berraschend klarer, fester Stimme beschrieb sie dem Blinden, was sie sah, jede noch so winzige Einzelheit; angefangen von der kn�cheltiefen Staub- und Ascheschicht auf dem Boden �ber das verbrannte Mauerwerk, in das die Hitze bizarre Muster ge�tzt hatte, �ber die leeren Fenster und T�ren, die wie ausgebrannte Augenh�hlen auf sie herabstarrten und die Stra�en, die mit formlos zusammengeschmolzenen Dingen vollgestopft waren; das Wasser des Flusses, das jetzt schwarz war und brodelte und eine schreckliche Fracht mit sich trug, und die Br�cke, die wie ein ausgestreckter Arm �ber den Flu� f�hrte, erstaunlicherweise kaum besch�digt, bis zu der Stelle, an der sie zersplittert war, die geknickten Tragbalken und Streben gebrochenen Fingern gleich, die ins Leere griffen.</p><p>Gedelfi h�rte schweigend zu. Nicht einmal sein Atem ging schneller, w�hrend Talianna ihm all die unbeschreiblichen Schrecknisse beschrieb, die sie sah, mit der klaren, pr�zisen Wortwahl einer Erwachsenen und der grausamen Detailfreude einer Zehnj�hrigen.</p><p>Erst, als sie zu Ende gekommen war und schwieg, l�ste sich die Hand des Blinden von ihrer Schulter, und wie sie es immer tat, wenn sie Gedelfis Ber�hrung nicht mehr sp�rte, drehte sie sich zu ihm um und blickte ihn an.</p><p>Sie erschrak. Gedelfis Gesicht war ausdruckslos, aber es war jene Art von Beherrschtheit, hinter der sich pures Entsetzen verbarg. Seine H�nde zitterten ganz leicht. Mit einem Male kam er ihr alt vor, unendlich <emphasis>alt.</emphasis> Niemand hatte ihn jemals gefragt, wie alt er wirklich war � siebzig sicherlich, vielleicht aber auch achtzig Jahre oder mehr, und zum allerersten Male �berhaupt begann Talianna zu ahnen, was diese Zahl wirklich bedeutete.</p><p>�So schlimm?� murmelte er.</p><p>Sie nickte. Dann, als ihr einfiel, da� er die Bewegung nicht sp�rte, weil seine Hand nicht auf ihrer Schulter lag, sagte sie: �Ja. Es ist nichts mehr �brig. Das Dorf ist ausgel�scht.�</p><p>Gedelfi schauderte ein wenig � von ihnen allen hatte er als erster gewu�t, wie umfassend die Katastrophe war, die �ber das Dorf hereingebrochen sein mu�te. Denn w�hrend sie zitternd und schreiend vor Angst in der Schw�rze des Minenschachtes gelegen und nur ein dumpfes Grollen und Beben der Erde gesp�rt und dann und wann Laute geh�rt hatten, die zwar entsetzlich, aber ohne wirkliche Bedeutung gewesen waren, hatten ihm die �bersensiblen Sinne eines Blinden deutlich gesagt, was wirklich geschah.</p><p>Und dann, mit einiger Versp�tung, begriff Talianna, da� Gedelfis Schaudern <emphasis>ihr</emphasis> galt.</p><p>�Was ist das, Talianna?� fragte er. �Was geschieht mit dir?�</p><p>�Ich... verstehe nicht�, antwortete Talianna. �Was meinst du?�</p><p>Gedelfi antwortete nicht gleich. Er schwieg sogar eine ganze Weile, aber der Ausdruck von... <emphasis>Furcht?...</emphasis> auf seinen Z�gen blieb, als er weitersprach: �Da ist etwas in deiner Stimme, Kind. Etwas, das vor einer Stunde noch nicht da war. Es macht mir Angst.�</p><p>�Meine Eltern sind tot�, erinnerte Talianna. �Mein Heim ist verbrannt, meine Stadt ist zerst�rt, und fast alle, die ich gekannt habe, sind umgebracht worden.� Pl�tzlich bebte ihre Stimme vor Zorn, aber es war ein kalter, eisiger Zorn, der sie fast selbst ein bi�chen schaudern lie�. �Jemand ist hierhergekommen und hat all diese Leute umgebracht, und er hat alles vernichtet, was sie aufgebaut haben, und hat �� Ihre Stimme versagte, nicht vor Schmerz, sondern einfach, weil ihr die Worte fehlten, so schnell, wie sie sie hervorsprudeln wollte. Sie atmete h�rbar ein.</p><p>Gedelfi sch�ttelte den Kopf. Seine Augen waren weit und dunkel und genau auf ihr Gesicht gerichtet, fast, als k�nne er sie sehen. �So spricht kein Kind�, sagte er, sehr leise, aber auch sehr bestimmt.</p><p>Und pl�tzlich begann Talianna zu weinen: laut, krampfhaft und so heftig, da� ihr der Hals weh tat und ihren Beinen pl�tzlich die Kraft fehlte, sie weiter zu tragen. Sie sank auf die Knie, verbarg das Gesicht in den H�nden und schluchzte hemmungslos. Sie wu�te nicht warum, denn sie f�hlte noch immer keinen Schmerz, nicht einmal Trauer, aber sie konnte die Tr�nen auch nicht zur�ckhalten. Und aus dem gleichen, scheinbar nicht vorhandenen Grund, aus dem sie �berhaupt weinte, erleichterte es sie jetzt doch. Wenn auch nur ein ganz kleines bi�chen.</p><p>Gedelfi sank neben ihr in die Hocke, streckte tastend die Hand aus, um nach einem Halt zu suchen, und legte die andere auf ihre Schulter, in der gewohnten, warmen Art, nicht einmal in dem Versuch, sie zu tr�sten. Irgendwann versiegten ihre Tr�nen, aber sie blieb weiter so sitzen, und pl�tzlich, und wieder, ohne da� sie wu�te warum, fuhr sie herum, warf sich an die Brust des alten Mannes und klammerte sich mit aller Kraft an ihm fest.</p><p>�Warum haben sie das getan?� fl�sterte sie.</p><p>Gedelfis Hand ber�hrte ihr Haar, streichelte es sanft und fiel wieder auf ihre Schulter herab. �Ich wei� es nicht, mein Kind�, sagte er schlie�lich. �Manchmal geschehen Dinge aus Gr�nden, die wir nicht verstehen, und manchmal auch ohne Grund.�</p><p>�Aber es war so sinnlos!� protestierte Talianna. </p><p>�Nichts ist sinnlos�, widersprach der Alte. Er l�chelte, aber es war eigentlich nur ein Verziehen der Lippen, das ebensogut ein Ausdruck von Schmerz sein mochte. Oder Wut.</p><p>�Wei�t du, Talianna�, fuhr er fort, �wenn ich jetzt zehn Jahre j�nger w�re und mich noch f�r weise und erfahren halten w�rde, dann w�rde ich dir eine Menge Dinge sagen, die du nicht verstehen w�rdest. Ich k�nnte sagen, da� du nicht verzweifeln sollst oder stark sein mu�t, oder da� du schlie�lich am Leben bist und noch jung und eine gute Chance hast, noch gl�cklich zu werden.�</p><p>Er legte eine kleine Pause ein. Talianna grub den Kopf aus den Falten seines zerschlissenen Gewandes und sah zu ihm auf.</p><p>�Ich werde nichts von alledem sagen�, fuhr Gedelfi fort. </p><p>�Es w�re nicht wahr, wei�t du? Wenn du Trauer versp�rst, dann trauere ruhig, und wenn du verzweifelst, dann k�mpfe nicht dagegen.�</p><p>Talianna wischte sich mit dem Handr�cken die Tr�nen aus dem Gesicht. Ihre Nase lief. Sie zog sie hoch, angelte nach einem Zipfel ihres Kleides und schneuzte sich lautstark.</p><p>�Es ist sinnlos, dagegen zu k�mpfen�, fuhr Gedelfi fort, nach einer neuerlichen, langen Pause, als h�tte er Zeit gebraucht, sich die Worte zurechtzulegen, vielleicht auch neue Kraft zu sammeln. �Es ist das Schicksal, wei�t du? Es ist schrecklich und ungerecht und mag dir sinnlos erscheinen, aber es ist hunderttausendmal geschehen, seit es Menschen gibt, und es wird hunderttausend weitere Male geschehen, solange die menschliche Rasse besteht.�</p><p>Talianna verstand nicht, was Gedelfi meinte. Einen Moment lang �berlegte sie, ob in seinen Worten vielleicht ein Sinn verborgen war, den sie nicht erkannte. Aber vielleicht war er auch einfach nur alt und redete den Unsinn, den alte Menschen manchmal redeten; und mit der �berzeugungskraft, mit der sie es taten. Trotzdem fragte sie: �Warum tut es dann so weh, Gedelfi?� </p><p>�Weil es uns zeigt, da� wir verwundbar sind�, antwortete der Blinde. �Wei�t du, Kind, es ist so einfach, da� es vielleicht gerade deshalb die meisten niemals erkennen. Die Welt ist voller Ungl�ck, aber weil sie so gro� ist und es so viel Leid gibt �� Er lachte schrill. � � st��t der allergr��te Teil dieses Ungl�ckes nun einmal anderen zu. Und das macht uns stark.�</p><p>�Stark? Wieso?�</p><p>Gedelfi nickte. �Weil es anderen geschieht, und nicht dir. Du f�hlst dich sicher, weil du lebst, wenn neben dir ein anderer im Sumpf ertrinkt. Dein Haus kann nicht brennen, weil es das deines Nachbarn war, das der Blitz traf, und du bist auch gegen Verletzungen gefeit, weil nicht du, sondern dein Bruder von W�lfen angefallen und zerrissen worden ist. Nat�rlich�, f�gte er mit einem leisen, nicht sehr humorvollen Lachen hinzu, �wei�t du ganz genau, da� das nicht stimmt, denn du hast ja Verstand und kannst dir an deinen zehn Fingern abz�hlen, da� du irgendwann einmal an der Reihe bist. Und trotzdem glaubst du es nicht. Bis es dich dann trifft.� Er seufzte. <emphasis>�Das</emphasis> ist es, was weh tut, Kind. Es ist nicht Liebe, wenn sie an den Gr�bern ihrer erschlagenen M�nner weinen. Es ist Angst. Angst und Zorn, weil ihnen etwas weggenommen wurde. Du weinst um diese Stadt und deine Eltern und Freunde, und du denkst, es w�re Trauer, und solange du das denken willst, tu es ruhig. Aber es ist nicht wahr. Du weinst, weil sie dir weggenommen wurden. Weil man dir etwas genommen hat, das <emphasis>dir allein</emphasis> geh�rt hat, keinem sonst.�</p><p>�Ich habe meine Eltern geliebt�, widersprach Talianna heftig. Aber wieder sch�ttelte Gedelfi nur den Kopf. </p><p>�So etwas wie Liebe gibt es nicht�, sagte er leise. �Es gibt nur Eigennutz. Du kannst dich f�r einen Menschen, den du liebst, opfern, und viele haben es getan. Aber in Wahrheit tust du es doch nur, um dein Eigentum zu sch�tzen.�</p><p>Gedelfi sprach nicht weiter, sondern wandte den Kopf und starrte aus seinen erloschenen Augen zum Flu� hinab, und Talianna dachte sehr lange �ber das nach, was er ihr gesagt hatte. Sie ma�te sich nicht an, zu urteilen, ob er nun weise oder einfach nur zu alt war � aber seine Worte hatten irgend etwas in ihr ber�hrt, und vielleicht hatte <emphasis>sie</emphasis> pl�tzlich Angst vor <emphasis>ihm.</emphasis>  Sie war verwirrt. Und so hilflos und allein, wie es ein zehnj�hriges M�dchen nur sein konnte, dessen Welt vor wenigen Stunden in Feuer und Rauch aufgegangen war, im wortw�rtlichen Sinne. Und sie fragte sich, ob es sich lohnte, so alt wie Gedelfi zu werden, wenn <emphasis>dies</emphasis> die Erkenntnis war, die man aus einem achtzig Jahre w�hrenden Leben zog. Trotzdem kuschelte sie sich noch enger an Gedelfis Brust, denn trotz allem war sie noch immer ein zehnj�hriges M�dchen, dem nichts so viel Trost zu spenden vermochte wie die N�he eines Erwachsenen.</p><p>�Hast du gesehen, aus welcher Richtung sie kamen?�  fragte Gedelfi pl�tzlich.</p><p>Talianna nickte. �Von Norden�, antwortete sie.</p><p>�Norden.� Gedelfi wiederholte das Wort, als w�re es die Best�tigung von etwas, das er l�ngst gewu�t hatte. </p><p>�Waren es viele?�</p><p>Talianna sch�ttelte den Kopf. �Nein. Zehn... vielleicht zw�lf. Ich wei� es nicht. Es war zu dunkel. Ich... konnte nicht viel erkennen. Nur Schatten und dann das Feuer.�</p><p>Ihre Stimme versagte. Gedelfis Frage und ihre Antwort lie�en die Bilder vom vergangenen Abend wieder vor ihren Augen erscheinen wie bizarre Impressionen eines Geschehens, von dem sie nur einen Bruchteil erkannt hatte: die fliegenden Kolosse, die mit absurder Leichtigkeit tief �ber die H�gelkette herangesegelt gekommen waren, die Schwingen weit gespreizt und reglos wie die aberwitzig gro�er Mauersegler, dann ein ungeheuerliches Schlagen und Rauschen und schlie�lich Feuer, Feuer, <emphasis>Feuer</emphasis> �berall. Ein sengender Blitz, der auch nach ihr gestochen hatte, in irrsinnigem Zickzack auf sie zurasend und eine Spur wei� geschmolzener Erde vor dem Waldrand hinterlassend, ehe er abbrach, zehn Schritte vor ihr und schon so hei�, da� ihr sein Gluthauch Wimpern und Brauen versenkt hatte.</p><p>�Sonst hast du nichts gesehen?� fragte Gedelfi. Sie <emphasis>hatte</emphasis> etwas gesehen, und obwohl ihr die Erinnerung all den Schrecken und das Entsetzen brachten, die beim Anblick der verst�mmelten Stadt fehlten, zwang sie das Bild noch einmal mit Gewalt vor ihre Augen. Es w�re nicht n�tig gewesen, um Gedelfis Frage zu beantworten, und es tat nur weh. Aber es geh�rte einfach dazu. </p><p>�Es waren... Reiter auf den Drachen�, antwortete sie.</p><p>�Reiter�, wiederholte Gedelfi. In seiner Stimme war keine Spur von �berraschung oder Unglauben. �Bist du sicher?�</p><p>�Ganz sicher�, sagte Talianna.</p><p>�Also doch�, murmelte Gedelfi. Talianna verstand nicht, was er damit sagen wollte, aber es war etwas in seiner Stimme, was sie fr�steln lie�. Er atmete h�rbar ein. </p><p>�Sag es niemandem, Talianna�, fuhr er dann leise fort. </p><p>�H�rst du? Niemandem. Ganz gleich, was geschieht. Das Beste wird sein, du vergi�t es. Nicht nur f�r dich.�  Das Nicken, mit dem Talianna auf seinen Rat antwortete, war zum Teil eine L�ge. Die H�lfte seiner Bitte w�rde sie erf�llen. Die andere nicht. Niemals.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Nat�rlich kam der Schmerz doch, sp�ter. Mit jeder Sekunde, die verging, wurde er ein ganz kleines bi�chen heftiger, aber gleichzeitig � und ohne da� das eine das andere irgendwie beeintr�chtigt h�tte � nahm auch die bet�ubende Leere in ihrem Inneren zu. Der Tag verging, ohne da� sie hinterher genau zu sagen gewu�t h�tte, wie: Stunden, in denen sie reglos am Flu� sa� und mit starrem Blick ins Leere sah, wechselten mit solchen voller hemmungslos flie�ender Tr�nen und qualvollem Schluchzen und Weinen ab. Gedelfi sa� die ganze Zeit bei ihr, und obwohl ihr eine d�nne boshafte Stimme zufl�sterte, da� der Blinde, hilflos wie er war, ja gar keine andere Wahl hatte, redete sie sich ein, da� er geblieben war, um sie zu tr�sten.</p><p>Irgendwann wurde es dunkel, und kurz darauf glomm nicht sehr weit hinter ihr ein Feuer auf. Seltsamerweise war es das Prasseln der Flammen, das sie aus ihrer dumpfen Trauer ri�. Obwohl es ein Laut war, der sie mit Schrecken und neuer Panik h�tte erf�llen m�ssen, erzeugte er nur Gedanken an W�rme und Geborgenheit und Schutz in ihr.</p><p>Sie stand auf, nahm Gedelfi behutsam an der Hand und half dem alten Mann beim Aufstehen; ein Unterfangen, das gar nicht so einfach war, denn Gedelfis alte Knochen waren steif geworden vom stundenlangen Sitzen. Talianna war sicher, da� ihm die Bewegung gro�e Schmerzen bereitete, aber er erhob sich klaglos und folgte ihr, als sie auf das Feuer zuging, und die wenigen Schatten, die sich davor abzeichneten.</p><p>Es war sehr still; das Knacken und Bersten der brennenden Scheite klang sonderbar unwirklich, als w�re es der einzige Laut in einer Welt aus Stille. Niemand sprach, auch nicht, als Talianna und Gedelfi n�herkamen und sich schweigend in dem Kreis ersch�pfter Gestalten niederlie�en. W�hrend des Tages hatten sie alle auf ihre Weise auf das Unvorstellbare reagiert, das sie gesehen hatten: die einen mit Weinen und Wehklagen, andere mit Fl�chen und Verw�nschungen oder beidem, und eine Frau, deren Namen Talianna nicht kannte, war stundenlang durch die verkohlten Tr�mmer gestolpert und hatte den Namen ihres Mannes geschrien, bis einer der anderen sie mit einem Schlag ins Gesicht zum Verstummen gebracht hatte. Jetzt aber waren sie alle in br�tendes Schweigen verfallen. Talianna registrierte mit einer Art teilnahmslosem Entsetzen, da� sie noch immer nur elf waren, und mit einem Male war sie vollkommen sicher, da� sie auch nicht mehr werden w�rden. Die anderen, die in blindem Entsetzen aus der Stadt und in die Minen jenseits des Flusses geflohen waren, w�rden nicht mehr kommen. Der Tod mu�te sie auch in ihrem hundert Meter tief unter der Erde liegenden Versteck erreicht haben.  <emphasis>Mu�te? Beim Schlund � sie hatte die Feuers�ule gesehen, die aus dem Berg gebrochen war wie aus dem Herzen eines lavaspeienden Vulkans!</emphasis></p><p>Mit dem Abend stieg ein k�hler Hauch vom Flu� auf, und Talianna rutschte ein wenig n�her ans Feuer heran. Absurderweise mu�te sie daran denken, da� heute ein Feiertag gewesen war, der h�chste Feiertag Stahldorfs �berhaupt, und da� sie auch wenn es anders gekommen w�re jetzt um ein Feuer gesessen h�tten, nur nicht elf, sondern dreitausend, und nicht verstummt vor Entsetzen und Schmerz, sondern lachend und fr�hlich und viele von den Erwachsenen betrunken und ausgelassen.</p><p>Einen Moment lang fragte sie sich, ob es vielleicht eine besondere Ironie des Schicksals gewesen war, da� ihr dieser Tag das Leben gerettet hatte, ihr und den anderen. W�ren sie und Gedelfi und die neun anderen M�nner und Frauen nicht kurz vor Dunkelwerden noch einmal in den Wald hinaufgegangen, um D�mmerpilze f�r das gro�e Festessen am n�chsten Tag zu sammeln, w�ren auch sie jetzt tot. Und ganz pl�tzlich wu�te sie, da� es kein Zufall gewesen war.</p><p>Stahldorf war eine gewaltige Stadt gewesen � wenigstens f�r die Begriffe eines zehnj�hrigen Kindes wie Talianna � und es gab im ganzen Jahr wohl nur einen einzigen Abend, an dem alle ihre Einwohner in den H�usern waren, in dem sie ihre Arbeit in den Minen oder am Flu�, ihre Felder und Kohlemeiler im Wald verlie�en und gemeinsam das Mitsommerfest vorbereiteten.</p><p>Oh ja, dachte sie bitter. Sie hatten genau gewu�t, warum sie ausgerechnet an <emphasis>diesem</emphasis> Abend gekommen waren, diese gro�en finsteren Gestalten auf ihren gewaltigen Tieren.</p><p>Die Frau rechts neben Talianna bewegte sich. Sie sah auf, blickte Talianna und Gedelfi an und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. Sie sah aus wie jemand, der unvermittelt aus einem sehr tiefen Schlaf erwacht war. �Sie sind alle tot�, murmelte sie. Dann l�chelte sie, und ihre Augen funkelten wie die einer Wahnsinnigen. �Niemand lebt mehr. Sie sind alle tot.�  Talianna erkannte sie jetzt � es war die Frau, die geschlagen worden war, weil sie stundenlang den Namen ihres Mannes geschrieen hatte. Jetzt waren ihre Tr�nen versiegt. Ihre Stimme klang �berrascht und milde ver�rgert. �Sie sind selbst Schuld, nicht wahr? Sie haben es doch gewu�t, oder nicht?� Die Frage war an niemanden gerichtet, und niemand antwortete; trotzdem richtete sie sich pl�tzlich stocksteif auf, sah sich mit kleinen hektischen Bewegungen um und fragte noch einmal: �Sie wu�ten es doch, oder?�</p><p>�Halt endlich das Maul, Weib�, murmelte der Mann, der sie schon einmal zum Schweigen gebracht hatte. Talianna wu�te seinen Namen nicht, aber sie kannte ihn: in einer Stadt von dreitausend Seelen gab es kaum jemanden, den sie <emphasis>nicht</emphasis> gekannt h�tte. Er war H�ndler gewesen und hatte ein prachtvolles Haus am unteren Ende der Stra�e gehabt, dort, wo jetzt nur der por�se schwarze Ozean aus Eisen die Erde bedeckte. Talianna erinnerte sich, da� er immer sehr freundlich zu ihr gewesen war, und da� sie ihn gemocht hatte, wie man einen Fremden m�gen kann, den man nur vom Sehen kennt. Er war sehr gro�: ein Mann von fast zwei Metern, mit den H�nden eines Schmiedes und der sanften Stimme eines Priesters. Jetzt klang seine Stimme rauh, seine H�nde waren schwarz und blutig vom Graben in den Tr�mmern, und irgendeine d�stere Magie hatte ihn zur Statur eines gro�en, buckeligen Zwerges schrumpfen lassen.</p><p>�Aber sie hat recht�, sagte Gedelfi leise. �Und du wei�t es. Wir alle haben es gewu�t.�</p><p>Der Mann ballte zornig die F�uste und warf Gedelfi einen drohenden Blick zu, den der Alte nat�rlich nicht sehen konnte. �Du sollst schweigen!� sagte er drohend. </p><p>�Ich kann euer Gewinsel nicht mehr h�ren!�</p><p>Gedelfi verstummte tats�chlich, denn wenn er auch die drohende Geb�rde des Riesen nicht sehen konnte, h�rte er um so deutlicher den hysterischen Unterton in seinen Worten. Die Frau jedoch verstummte nicht, sondern begann im Gegenteil leise und sehr schrill zu kichern. �Wir haben es alle gewu�t, Aru�, sagte sie, und Talianna erinnerte sich jetzt, da� dies auch der Name war, den sie geschrieen hatte. Sie antwortete nicht auf die Worte des Riesen, sondern sprach mit ihrem toten Mann. �Es ist die Strafe der G�tter. Unsere Eltern haben es uns gesagt, so wie ihre Eltern es ihnen gesagt haben. Die Alten haben gewu�t, da� es geschehen w�rde.� </p><p>�Gewu�t!� Der Riese spie in die Flammen. �Dummes Geschw�tz. Die G�tter! Ha! Das waren ��</p><p>�Sie haben es gewu�t�, beharrte die Frau. �Und auch wir. Sie haben gewartet, weil ihre Geduld gro� ist, aber jetzt sind sie gekommen und haben uns bestraft.� </p><p>�Wenn du nicht gleich das Maul h�ltst, werde <emphasis>ich</emphasis> dich bestrafen, bl�des Weib�, sagte der Riese. Aber sein Zorn war aufgebraucht. Er sagte es in einer Art, die deutlich machte, da� er seine Drohung nicht wahrmachen w�rde. Talianna h�rte der bizarren Unterhaltung mit einer Mischung aus Neugier und Verwirrung zu. Irgendwie glaubte sie zu sp�ren, da� die Worte der Frau nicht nur das Gestammel einer Wahnsinnigen waren, sondern eine Wahrheit enthielt, von der sie bisher nichts gewu�t hatte.</p><p><emphasis>Die G�tter?</emphasis> dachte sie. Von welchen G�ttern sprach die Frau? Es gab Dutzende von G�ttern allein hier im Dorf, Tausende auf der ganzen Welt, und vielleicht hatte jeder Mensch, der �berhaupt lebte, seinen ganz pers�nlichen Gott.</p><p>Aber G�tter ritten nicht auf flammenden Drachen durch den Himmel.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Der n�chste Morgen fand sie auf einer Ebene aus erstarrtem Eisen stehend, die Augen rot vor M�digkeit, zitternd vor Schw�che, mit klopfendem Herzen und den Reitern entgegenblickend, die �ber den H�gel kamen. Im blassen Licht der Sonne, die erst zu einem Drittel �ber den Horizont gestiegen war, wirkten sie wie schwarze Scherenschnitte, zwei, drei Dutzend oder mehr, die sich den H�gel hinabbewegten und dabei auf breiter Front ausschw�rmten.</p><p>Sie war nicht allein, denn bis auf Gedelfi und die verr�ckt gewordene Frau waren ihr alle gefolgt, die ihren Schrei geh�rt hatten, um den M�nnern entgegenzueilen. Talianna hatte Angst. Es war ihr unm�glich, still zu stehen, denn der Boden unter ihren F��en war so hei�, da� ihre Sohlen schmerzten. Unter der Decke aus erstarrtem Eisen mu�te noch immer Glut sein, als w�re die Erde so tief verwundet, da� sie Feuer blutete. Etwas an diesen Reitern erschreckte sie, und ein Blick in die Gesichter der anderen zeigte ihr, da� sie mit diesem Gef�hl nicht allein war.</p><p>Nat�rlich hatten sie auf sie � oder jedenfalls M�nner <emphasis>wie</emphasis> sie � gewartet. Das ungeheure Feuer mu�te gesehen worden sein, und die Menschen w�rden von �berallher heibeistr�men, um zu helfen. Tats�chlich hatte sich mehr als einer w�hrend der Nacht schon gewundert, da� es so lange dauerte, bis Hilfe oder wenigstens die ersten Neugierigen eintrafen; denn die n�chstgelegene Stadt lag nur einen halben Tagesritt entfernt, und tats�chlich war der Weg von dort nach Stahldorf in dieser Nacht bereits mit den Leichen derer gepflastert, die sich aufgemacht hatten, um ihnen zu helfen. Aber das ahnten weder Talianna noch einer der anderen. Nein � sie sp�rten nur, da� irgend etwas an diesen Reitern nicht so war, wie es sein sollte.</p><p>Es waren sehr viele, und als sie n�her kamen, erkannte Talianna, da� nicht alle von ihnen menschliche Wesen waren, und l�ngst nicht alle auf Pferden ritten. Und auch ihre Art, sich der Stadt zu n�hern � auf breiter Front und langsamer, als es beim Anblick einer zerst�rten Stadt und einer Handvoll �berlebender zu erwarten w�re � erinnerte Talianna auf bedr�ckende Weise viel eher an den Anblick einer heranr�ckenden Armee als eines Hilfstrupps.</p><p>Keiner von ihnen r�hrte sich, w�hrend die Reiter n�herkamen. Etwa ein Dutzend von ihnen n�herte sich der kleinen Gruppe ver�ngstigter Menschen bis auf wenige Schritte und hielt an, w�hrend die �brigen in einer weit ausholenden Zangenbewegung die Stadt einzuschlie�en begannen. Die Pferde bewegten sich unruhig auf dem hei�en Boden. Ihre Reiter hatten M�he, sie im Zaum zu halten. Es roch ganz leicht nach hei� gewordenem Horn.</p><p>Talianna blickte mit klopfendem Herzen zu den Reitern empor. Die M�nner waren ausnahmslos gro� und von kr�ftiger Statur, und sie zweifelte nun nicht mehr daran, da� es eine Armee war, der sie gegen�berstanden; denn Kleidung und Waffen der Reiter waren nicht die einfacher Reisender, sondern die von Kriegern. Die meisten trugen lange Schwerter aus Bronze oder messerscharf geschnittenem Obsidian im G�rtel, andere �xte oder Keulen und so mancher eine Waffe, die sie nie zuvor gesehen hatte. Obwohl sie keine Uniformen trugen und ihre Kleider ein bunt zusammengew�rfeltes Sammelsurium aus Fellen und Leder und Stoff darstellte, �hnelten sie sich auf schwer in Worte zu fassende Weise. Irgend etwas war in ihren Gesichtern � selbst in denen der drei nicht-Menschen, die bei dem Dutzend Reiter war � das sie verband.</p><p>Talianna fr�stelte. Die M�nner machten ihr Angst. Und sie war nicht allein mit diesem Gef�hl, denn die acht Erwachsenen, die mit ihr hergekommen waren, um die Reiter zu begr��en, schwiegen so verbissen wie sie. Niemand sprach ein Wort der Erleichterung, niemand begann zu weinen oder eilte den M�nnern entgegen, um sie zu umarmen � nichts von dem, was Talianna erwartet hatte, geschah. Der Anblick des Dutzends waffenstarrender Reiter allein reichte aus, ihnen allen zu sagen, da� sie <emphasis>Feinden</emphasis> gegen�berstanden.</p><p>Schlie�lich war es einer der Fremden, der das Schweigen brach. �Was ist hier geschehen?� fragte er, mit einer Stimme, die in krassem Widerspruch zu seinem vernarbten Gesicht und seinen schwieligen F�usten stand. Sie klang sehr sanft, trotz des fordernden Tones, den er in seine Worte gelegt hatte.</p><p>Niemand antwortete. Der Reiter runzelte die Stirn, schwang sich mit einer �berraschend geschmeidigen Bewegung vom R�cken seines Pferdes und ma� das k�mmerliche H�ufchen angstzitternder �berlebender mit einem langen Blick.</p><p>Talianna sah jetzt, da� er nicht so gro� war, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte; was ihn so massig erscheinen lie�, war wohl eher der fellbesetzte Lederpanzer und der wuchtige Helm, den er trug. Aber er war sehr kr�ftig, und seine Bewegungen waren eindeutig die eines Mannes, der es gewohnt war, zu befehlen.</p><p>�Was hier geschehen ist, habe ich gefragt!� wiederholte er streng.</p><p>�Wir... sind �berfallen worden�, antwortete einer der M�nner. �Sie haben die Stadt niedergebrannt und alle get�tet.�</p><p>�Sie?� Eine schmale Falte kroch unter dem Rand des Helmes hervor und grub sich zwischen die Augen des Kriegers. �Wer? Wie ist dein Name, Bursche, und wo sind die anderen?�</p><p>�Mein... mein Name ist Joffrey, Herr�, stammelte der Mann. Er war bla� vor Furcht.</p><p>Der Krieger machte eine wegwerfende Handbewegung. �Spar dir den <emphasis>Herren�,</emphasis> sagte er grob. �Mein Name ist Hraban. Meine M�nner und ich �� Er machte eine Bewegung zu seinen Begleitern. � � sind S�ldner, auf dem Weg nach Osten. Wir haben geh�rt, da� es dort Arbeit f�r uns gibt. Aber dieser Teil des Landes liegt mit niemandem im Krieg. Ich mu� das wissen, oder?� Er sch�rzte die Lippen, als warte er auf eine Best�tigung, aber Joffrey schwieg weiter. �Wer also hat euch �berfallen, und wo sind die anderen?�</p><p>�Wir wissen es nicht, He... Hraban�, antwortete Joffrey stockend. �Sie kamen in der Nacht, und es... es ging alles so schnell. Wir hatten uns verborgen.� Der letzte Satz klang wie eine Entschuldigung.</p><p>Hraban starrte ihn an. �Was ist mit dir los, Kerl?�  fragte er scharf. �Wir haben das Feuer gesehen und sind geritten wie die Teufel, um euch zu helfen, und ihr bel�gt uns?� Seine Hand klatschte auf den G�rtel herab. Er war der einzige unter den M�nnern, der <emphasis>keine</emphasis> Waffe trug, aber die Geste allein war eindeutig genug. Und zumindest in Taliannas Augen war es gerade seine Waffenlosigkeit, die ihn viel bedrohlicher erscheinen lie� als die anderen.</p><p>�Ich l�ge nicht, Herr!� sagte Joffrey hastig, aber Hraban schnitt ihm mit einer zornigen Handbewegung das Wort ab.</p><p>�Du willst mir erz�hlen, irgend jemand h�tte <emphasis>das hier</emphasis>  angerichtet, ohne da� ihr gesehen h�ttet, wer?� meinte er mit einer Geste auf die zerst�rte Stadt. Joffrey senkte angstvoll den Blick, und Hraban fuhr mit einem zornigen Laut herum und wandte sich an die Frau rechts neben Talianna.</p><p>�Und du?� schnappte er. �Hast du auch dein Ged�chtnis verloren?�</p><p>�Nein, Herr�, antwortete die Frau fl�sternd. �Es ist nur, da�...�</p><p>�Es waren die Drachen�, sagte Talianna ruhig.</p><p>Hraban blinzelte, legte den Kopf auf die Seite, l�chelte fl�chtig und wurde sofort wieder ernst. �Wie hast du gesagt, Kind?�</p><p>Eine Hand legte sich auf Taliannas Schulter, und eine Stimme sagte: �H�rt nicht auf sie, Hraban. Sie ist ein dummes Kind. Der Schrecken hat ihr den Verstand verwirrt.�</p><p>�Mir scheint eher, sie ist die einzige von euch, die bei klarem Verstand geblieben ist�, grollte Hraban. �La�t sie reden.�</p><p>Er trat auf Talianna zu, lie� sich vor ihr in die Hocke sinken und legte die Hand auf ihre Schulter, eine Ber�hrung, die an die Gedelfis vom vergangenen Abend erinnerte. Obgleich Hrabans Finger nur ganz leicht auf ihr ruhten, sp�rte sie die gewaltige Kraft, die darin schlummerte. Sie suchte vergeblich in ihrem Inneren nach einem Anzeichen von Angst.</p><p>�Es waren die Drachen, Herr�, sagte sie noch einmal. </p><p>�Ich... ich habe sie gesehen, ganz deutlich. Sie kamen von Norden und... und sie haben Feuer gespuckt und alles zerst�rt.�</p><p>�Nun, alles nicht�, sagte Hraban l�chelnd. �Immerhin lebt ihr ja noch, und sicher auch noch andere.� Er l�chelte abermals, verlagerte sein K�rpergewicht ein wenig und richtete sich schlie�lich wieder auf. Mit einer abrupten Bewegung wandte er sich um und deutete auf einen seiner Begleiter. �Denon! Gib diesem undankbaren Gesindel zu essen und zu trinken und la� den Wundheiler kommen. Die M�nner sollen ihr Lager am Flu� aufschlagen. Ein St�ck stromaufw�rts, verstehst du? Ich will nicht, da� die Tiere wom�glich vergiftetes Wasser saufen.�</p><p>Der Angesprochene nickte, wendete sein Pferd und sprengte davon, w�hrend zwei, drei der anderen Krieger umst�ndlich von ihren Tieren stiegen und ihre Wasserschl�uche von den Sattelriemen l�sten, Auch Talianna �berwand den kleinen Rest von Angst, den sie noch vor diesen furchterregenden Gestalten versp�rte, und griff gierig zu, als ihr ein Wasserschlauch hingehalten wurde. Sie trank sehr viel, denn ihre Kehle war vom stundenlangen Weinen ausged�rrt, und kaum hatte sie den schlimmsten Durst gel�scht, da sp�rte sie, wie hungrig sie war. Aber sie wagte es nicht, nach Essen zu fragen, und schlie�lich hatte Hraban ja gesagt, da� Denon ihnen Nahrung bringen sollte.</p><p>�Komm her zu mir, Kind�, sagte Hraban, als sie ihren Durst gel�scht und den Wasserschlauch zur�ckgegeben hatte. Er l�chelte bei diesen Worten, aber Talianna z�gerte. Nerv�s blickte sie zu den anderen hin�ber, die gleich ihr das Wasser angenommen hatten und gierig tranken. Aber die Nervosit�t � nein, verbesserte sie sich in Gedanken: die <emphasis>Angst �</emphasis> auf ihren Z�gen war geblieben.</p><p>�Ich... wei� nicht�, sagte sie.</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment sah Hrabans Gesicht aus, als wolle er w�tend lospoltern, aber dann seufzte er nur, sch�ttelte den Kopf und drehte sich mit einem knappen Winken um. �Komm mit�, sagte er.</p><p>Talianna gehorchte, wenn auch erst nach einem abermaligen, sehr langen Z�gern. Sie entfernten sich ein gutes St�ck von den Reitern und den anderen, ehe Hraban stehenblieb und sich zu ihr umwandte. Wie zuvor lie� er sich in die Hocke gleiten, so da� ihre Gesichter auf gleicher H�he waren. Ein Sonnenstrahl lie� etwas an seinem Hals aufblitzen, und als Talianna genauer hinsah, erkannte sie, da� es ein roter Stein war, geformt wie eine blutige Tr�ne und von einem feinen Filigran aus Gold und Jade eingefa�t.</p><p>Hraban bemerkte ihren Blick. Mit spitzen Fingern hielt er den Stein hoch, soweit es das goldene Kettchen zulie�, an dem er befestigt war. �Gef�llt er dir?� fragte er.</p><p>Talianna nickte. �Ich habe noch nie etwas so Sch�nes gesehen�, bekannte sie.</p><p>�Er ist sehr wertvoll�, sagte Hraban leise. Dann lie� er den Stein wieder sinken und sah sie mit pl�tzlichem Ernst an. �Aber jetzt erz�hle. Und nur keine Angst � wir sind nicht eure Feinde, sondern wollen euch helfen.� Er bemerkte den flehenden Blick, den Talianna zu den anderen zur�ckwarf, und runzelte die Stirn, jetzt doch sichtlich ver�rgert. �Glaube blo� nicht, da� ich euch nicht verstehe�, sagte er. �Deine Leute haben alles verloren und sind fast umgebracht worden. Es w�re ja unnormal, wenn sie keine Angst h�tten, sich pl�tzlich einer Armee von Fremden gegen�ber zu sehen. Aber ich mu� wissen, was passiert ist. Wir sind nicht sehr viele, und die, die eure Stadt vernichtet haben, k�nnten zur�ckkommen. Das verstehst du doch, oder?�</p><p>Talianna nickte. �Es... es waren wirklich die Drachen�, sagte sie stockend. �Ich habe die Wahrheit gesagt, Herr.�</p><p>�Drachen.� Hraban schwieg einen Moment. �Ich habe davon geh�rt. Aber... die meisten sagen, da� es sie gar nicht gibt. Ich bin viel herumgekommen in der Welt, aber ich habe niemals einen gesehen. Und auch keiner meiner M�nner.�</p><p>�Aber es war so!� sagte Talianna �rgerlich. Sie f�hlte sich angegriffen, weil Hraban ihr so ganz offensichtlich nicht glaubte. �Ich sage die Wahrheit.�</p><p>�Drachen...� murmelte Hraban noch einmal, diesmal aber mit g�nzlich anderer Betonung. Der Blick seiner dunklen Augen glitt �ber die Ebene aus geschmolzenem Eisen und das, was von der Stadt �brig geblieben war. Schlie�lich nickte er. �Es ist schwer zu glauben. Aber ich habe niemals eine Zerst�rung wie diese hier gesehen. Keine Waffe, die ich kenne, k�nnte so etwas tun.� Einen Moment lang blickte er zu Boden, dann sah er Talianna wieder in die Augen. �Wie habt ihr �berlebt, wenn alles so schnell ging, wie dieser Joffrey sagt? Sind noch andere geflohen?�</p><p>�Niemand, Herr�, antwortete Talianna, die pl�tzlich wieder den Tr�nen nahe war. �Wir waren nicht hier, als es geschah, sondern oben im Wald.� Sie deutete auf die struppige Mauer aus schwarzen Tannen, eine halbe Meile �ber der Stadt. �Morgen... gestern war Mittsommerfest. Wir wollten D�mmerpilze sammeln, f�r das Essen, und der alte Gedelfi wei� die besten Stellen, um sie zu finden.�</p><p>�Und dann habt ihr euch im Wald versteckt?�</p><p>Talianna sch�ttelte heftig den Kopf. �Nicht im Wald. Ein paar haben es versucht, aber die Drachen haben sie gefunden.� Erneut deutete sie auf die gr�ne Mauer �ber der Stadt. Auch der Wald hatte Wunden. Wenn die Sonne vollends aufgegangen war, w�rde man sie sehen. </p><p>�Es gibt einen alten Bergwerksschacht.�</p><p>�Und der hat euch gesch�tzt?�</p><p>Talianna nickte.</p><p>�Dann gibt es doch sicher noch mehr von diesen Sch�chten.�</p><p>�Dr�ben, auf der anderen Seite des Flusses.� Talianna nickte. �Viele. Manche sind sehr tief.�</p><p>�Kannst du sie mir zeigen?� fragte Hraban, und f�gte hinzu: �Sp�ter. Wenn du gegessen und dich ausgeruht hast.�</p><p>�Warum wollt ihr das alles wissen, Herr?� fragte Talianna.</p><p>Hraban l�chelte. �Nun, wenn ihr �berlebt habt, warum dann nicht auch andere? W�re dir wohl bei dem Gedanken, da� sie jetzt vielleicht dort eingesperrt sind, m�glicherweise so versch�ttet, da� sie aus eigener Kraft nicht mehr herausk�men?� Er beantwortete seine eigene Frage mit einem Kopfsch�tteln und seufzte. �Na, das wird sich alles ergeben�, fuhr er fort. �Keine Angst mehr, Kleine. Meine M�nner und ich sind hier, und wir werden nach den �berlebenden suchen.� Er stand auf. �Aber jetzt sorgen wir erst einmal daf�r, da� du etwas Warmes zu Essen bekommst. Und der Wundscher wird sich deine H�nde ansehen. Komm jetzt.� Damit wandte er sich um und ging zu den anderen zur�ck, und nach einer Weile folgte ihm Talianna.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Etwas sp�ter brachte Hraban sie zu Gedelfi zur�ck, und ganz wie er versprochen hatte, brachten einige seiner M�nner zu Essen: trockenes Fladenbrot und ged�rrtes Fleisch, das so z�h war, da� man es nur schneiden und in kleinen St�ckchen kauen und dann ganz herunterschlucken konnte. Trotzdem kam es Talianna vor wie das K�stlichste, was sie jemals gegessen hatte; denn ihre letzte Mahlzeit lag einen Tag und zwei N�chte zur�ck. Auch die anderen machten sich gierig �ber die dargebotenen Lebensmittel her und tranken sogar von dem Wein, den ihnen Hrabans M�nner reichten. �berhaupt legte sich das Mi�trauen Hrabans Leuten gegen�ber merklich, vor allem, als die S�ldner eine halbe Meile stromaufw�rts ihr Lager aufzuschlagen begannen und kurz darauf ein kleiner, wei�haariger Mann zu ihnen kam, um nach ihren Wunden zu sehen und ihnen Medizin zu reichen. Mit Ausnahme Gedelfis war keiner unter ihnen, der nicht auf die eine oder andere Weise verletzt war, wenn auch nicht schwer. Aber auch ein abgebrochener Fingernagel konnte sich entz�nden und zum Verlust der Hand oder gleich des daranh�ngenden K�rpers f�hren, wenn er nicht behandelt wurde, wie der Wundscher l�chelnd erkl�rte.</p><p>W�hrend er und zwei schweigende Krieger aus Hrabans Begleitung sich um die �berlebenden k�mmerten, waren die anderen nicht unt�tig. Talianna sah, wie sie in kleinen Gruppen ausschw�rmten, um die Ruinen zu durchsuchen oder in den Wald eindrangen, den sie Hraban gezeigt hatte. Eine weitere, etwas gr��ere Gruppe versuchte gar, �ber die Br�cke zu gehen, gab das Vorhaben aber rasch auf, als die ausgegl�hte Konstruktion schon unter dem Gewicht des ersten Mannes bedrohlich zu �chzen begann. Sie gingen zur�ck und verschwanden wieder in ihrem Lager, und kurze Zeit sp�ter h�rte Talianna das dumpfe, regelm��ige Dr�hnen von Hammerschl�gen.</p><p>�Was ist das?� fragte Gedelfi. Er sah auf, legte den Kopf auf die Seite und lauschte einen Moment. Seit Talianna zur�ckgekommen und ihm berichtet hatte, was geschehen war, hatte er kein Wort gesagt. H�tte er sich nicht ab und zu schweigend bewegt oder beim Essen geschmatzt, h�tte sie glatt vergessen, da� es ihn �berhaupt noch gab.</p><p>Talianna blickte konzentriert zum Lager der S�ldner hin�ber, pre�te die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und strengte die Augen an. Sie war sich nicht ganz sicher. �Sie bauen etwas�, murmelte sie. �Ein Flo� � glaube ich.�</p><p>�Ein Flo�? Wozu?�</p><p>�Um �ber den Flu� zu kommen, alter Mann.�</p><p>Talianna fuhr erschrocken zusammen und herum, als sie Hrabans Stimme h�rte. Der Krieger war so lautlos n�hergekommen, da� sie ihn bis jetzt nicht einmal bemerkt hatte. �Die Br�cke ist zerst�rt. Siehst du das denn nicht?�</p><p>Gedelfi � der anders als Talianna nicht die geringste Spur von Schrecken oder auch nur �berraschung zeigte � wandte betont langsam den Kopf und blickte zu Hraban hoch. Auf dem Gesicht des S�ldners erschien ein betroffener Ausdruck, als er die matt gewordenen Augen Gedelfis sah.</p><p>�Du bist blind�, murmelte er. �Das wu�te ich nicht. Ich habe meinen Leuten Befehl gegeben, �ber den Flu� zu setzen und dr�ben in den W�ldern nach �berlebenden zu suchen. Vielleicht gibt es Verletzte, unten in den Minen, von denen das M�dchen erz�hlte.� Er setzte sich zu ihnen, beugte sich vor und schnitt einen schmalen Streifen D�rrfleisch ab, um darauf herumzukauen, aber sicher nicht aus Hunger.</p><p>�Wie geht es dir, Kind?� fragte er, wieder an Talianna gewandt. �Besser?�</p><p>Talianna nickte. �Danke. Das... Essen war sehr gut. Ich hatte Hunger.�</p><p>Hraban lachte, als h�tte sie einen Scherz gemacht, hob die Hand und zerstrubbelte ihr das Haar. �Du kannst noch mehr bekommen, wenn du willst�, sagte er. �Es schmeckt vielleicht nicht so gut wie das, was ihr gekocht habt, aber es macht satt und stark.�</p><p>Gedelfi blickte Hraban aus seinen erloschenen Augen an. Seine H�nde begannen mit einer Falte seines Gewandes zu spielen. �Ist das der Mann, von dem du erz�hlt hast, Talianna?� fragte er.</p><p>�Das bin ich�, antwortete Hraban an Taliannas Stelle. </p><p>�Was hat sie denn erz�hlt?�</p><p>�Da� M�nner gekommen sind, die uns helfen wollen�, antwortete Gedelfi. �Aber ich wei�, wer ihr wirklich seid.�</p><p>�So?� Hraban l�chelte noch immer, aber es war ein anderes L�cheln. Irgend etwas darin war erloschen, und daf�r war etwas Anderes, Lauerndes, hinzugekommen. </p><p>�Wei�t du das, alter Mann? Wer glaubst du, wer wir sind?�</p><p>�Ihr bringt den Tod�, sagte Gedelfi ernst. �Das wei� ich.�</p><p>Hraban l�chelte noch immer, aber jetzt sah es wirklich gequ�lt aus. Er widersprach dem Blinden nicht, aber er warf Talianna einen raschen Blick zu, der <emphasis>nimm-es-ihmnicht-�bel-was-geschehen-ist-war-zuviel-f�r-ihn</emphasis> sagte. Laut antwortete er: �Im Moment bringen wir euch nur Essen und unseren Wundscher, Alter. Und sp�ter bringen wir euch von hier fort.�</p><p>�Wohin?� fragte Talianna. Der Gedanke, von hier fortgehen zu sollen, erschreckte sie. Andererseits � was sollte sie noch hier? All ihre Leute waren tot, und es gab nichts mehr, was sie wieder aufbauen konnten, schon gar nicht f�r ein zehnj�hriges M�dchen und einen blinden Mann.</p><p>Hraban zuckte mit den Achseln und warf das angelutschte St�ck Fleisch in die Flammen. �Wir werden sehen�, sagte er. �Mit uns kommen k�nnt ihr nicht, aber irgendwo bringen wir euch schon unter. In einer anderen Stadt.� Abermals zuckte er mit den Achseln, dann stand er auf, wischte die H�nde an einem Zipfel seines schwarzen B�renfell-Umhanges sauber und sah Talianna erwartungsvoll an. �Willst du unser Lager sehen?�</p><p>Talianna wollte ganz eindeutig. Nachdem sie ihre Furcht verloren hatte, hatten die zum Teil bizarren Gestalten in Hrabans Begleitung rasch ihre Neugier erweckt. Aber sie z�gerte trotzdem, zu nicken.</p><p>�Geh ruhig, Talianna�, sagte Gedelfi, der ihr Schweigen richtig deutete. �Ich bin sicher hier. Und die anderen sind ja auch noch da.�</p><p>Talianna sprang auf und eilte an Hrabans Seite. Sie lie� es sogar zu, da� er sie bei der Hand nahm und neben sich herf�hrte, obgleich ihr eine solche Behandlung unter normalen Umst�nden als viel zu kindlich vorgekommen w�re.</p><p>�Wer ist dieser alte Mann?� erkundigte sich Hraban, w�hrend sie am Ufer entlang auf das Lager zugingen. </p><p>�Dein Gro�vater?�</p><p>Talianna verneinte. �Er ist kein Verwandter�, sagte sie. </p><p>�Wir sind...� Sie suchte einen Moment nach dem richtigen Wort und fand es nicht. �Er ist blind, wi�t Ihr?�  setzte sie schlie�lich von neuem an. �Und ich f�hre ihn. Ich sage ihm, was ich sehe, und er erz�hlt mir daf�r Geschichten. Manchmal�, f�gte sie hinzu.</p><p>Tats�chlich war es sicherlich ein Jahr her, wenn nicht l�nger, da� Gedelfi ihr das letzte Mal eine Geschichte erz�hlt hatte. Sie mochte seine Geschichten, auch wenn sie meistens d�ster waren und keinen guten Ausgang hatten. Fr�her einmal war Gedelfi bei allen Kindern und auch so manchen Erwachsenen � seiner Geschichten wegen sehr beliebt gewesen. Aber seit einer Weile erz�hlte er nichts mehr, und wenn Talianna es recht bedachte, war das nicht alles. Gedelfi war sonderbar geworden, in den letzten Monaten. Vielleicht, dachte sie, begann er allm�hlich <emphasis>wirklich</emphasis> alt zu werden. </p><p>�Was mag er damit gemeint haben � wir bringen den Tod?� fragte Hraban.</p><p>Talianna zuckte nur hilflos die Achseln. �Ich wei� nicht. Vielleicht ist er einfach alt.�</p><p>Hraban lachte. �Oh ja�, sagte er. �Und alte Leute reden oft Unsinn, wie? Aber manche behaupten, da� gerade die Alten die Wahrheit sagen.� Er lachte noch einmal, blieb pl�tzlich stehen und deutete auf das schwarz gewordene Skelett eines Hauses, das so schr�g dastand, da� es eigentlich l�ngst h�tte umkippen und in den Flu� st�rzen m�ssen. Die ihnen zugewandte Seite des Hauses war zusammengebrochen, so da� man in sein Inneres sehen konnte. Unter den Tr�mmern waren deutlich die gewaltige Esse und ein ganzes Sammelsurium von Ambossen, Schmiedeh�mmern und anderen Werkzeugen zu erkennen. �Ihr habt Eisen und Stahl gemacht, nicht wahr?�</p><p>Talianna nickte. �Und andere Dinge aus Metall.� </p><p>�Ihr auch?� Hraban sah ihr verwirrtes Stirnrunzeln und konkretisierte seine Frage: �Deine Leute, meine ich. Deine Familie.�</p><p>�Wir nicht.� Talianna sch�ttelte heftig den Kopf. </p><p>�Mein Vater hat... er war H�ndler. Wir haben Obst verkauft, Gem�se, auch ein paar Stoffe � alles was man so braucht, eben.� Sonderbar � warum hatte sie das Gef�hl, sich verteidigen zu m�ssen? Hrabans Frage war sicherlich nicht sehr taktvoll, bedachte man, da� sie ihre Familie vor nicht einmal zwei Tagen verloren hatte. Aber es fiel ihr schwer zu glauben, da� dieser zwar sehr finstere, aber freundliche Mann irgend etwas B�ses von ihr wollte.</p><p>Aber sie hatten das Lager jetzt erreicht, und was Talianna sah, lie� sie Gedelfis d�stere Worte auf der Stelle vergessen. Die S�ldner hatten einen langgezogenen Halbkreis aus Zelten am Flu�ufer errichtet, dahinter einen kleinen Pferch, in dem ihre Pferde angebunden waren. Und die gut drei�ig Krieger, die noch im Lager zur�ckgeblieben waren, stellten das bunteste Sammelsurium der verschiedensten V�lker und Wesen dar, das sich Talianna nur vorstellen konnte.</p><p>Die meisten � nicht alle � von ihnen waren menschlich, aber ihre zum Teil bizarren Kleider und Waffen schlugen Talianna fast sofort in ihren Bann. F�r die n�chste halbe Stunde war sie einfach nur ein zehnj�hriges Kind, das alles ganz genau wissen wollte und Tausende von Fragen hatte, die sie gar nicht alle auf einmal aussprechen konnte. Hraban erwies sich jedoch als geduldiger F�hrer � er zeigte ihr dieses und jenes, beantwortete ihr alle ihre Fragen und zeigte sich �u�erst verst�ndnisvoll, wenn sie etwas nicht gleich begriff. Talianna verga� sogar das entsetzliche Ungl�ck, das ihnen zugesto�en war, denn das Lager war f�r sie nicht mehr als ein gro�er, bunter Jahrmarkt, wenn auch hundertfach interessanter als der, der jedes Fr�hjahr in Stahldorf stattgefunden hatte.</p><p>Nicht alle Reittiere waren innerhalb des Pferches � ein gutes St�ck vom Lager entfernt hockten zwei riesige stachelige Kolosse, braun und schwarz und so gro�, da� Talianna im allerersten Moment einfach nicht glaubte, da� es lebende Wesen von dieser Gr��e � und vor allem Masse � �berhaupt g�be. Hraban l�chelte, als er sah, wie sie die beiden gepanzerten Giganten mit offenem Mund und runden Augen anstarrte, sagte aber nichts, bis sie ihn schlie�lich fragte, was um alles in der Welt <emphasis>das</emphasis> sei. </p><p>�Hornbestien�, antwortete der S�ldnerf�hrer. �Du hast noch nie davon geh�rt?�</p><p>Talianna brachte das Kunstst�ck fertig, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu sch�tteln. Sie hatte von diesen Tieren geh�rt, so wie sie von vielen Dingen und Wesen geh�rt hatte, die es gab; irgendwo. Sie hatte auch geh�rt, da� sie sehr gro� und unglaublich stark sein sollten, aber � <emphasis>das??</emphasis></p><p>�Willst du sie genauer sehen?� fragte Hraban freundlich. �Komm mit. Und keine Angst. Sie sind vollkommen harmlos. F�r uns�, f�gte er geheimnisvoll hinzu. Talianna hatte ganz entschieden Angst vor den beiden viereinhalb Meter hohen Kolossen, aber sie wagte es nicht, das in Hrabans Gegenwart zuzugeben. Trotzdem begann ihr Herz wie ein Hammerwerk zu rasen, als sie die Pferdekoppel umgingen und sich den beiden Giganten n�herten.</p><p>Ein scharfer Geruch, von dem Talianna noch nicht wu�te, ob er nun unangenehm war oder nicht, schlug ihnen entgegen, und als sie die beiden Tiere fast erreicht hatten, l�ste sich ein schwarzgr�ner Umri� aus dem Schatten der Giganten und wurde zu etwas, das Talianna fatal an eine aufrecht gehende, menschengro�e Kr�te erinnerte. Abrupt blieb sie stehen und lie� Hrabans Hand los. Diesmal gelang es ihr nicht mehr ganz, ihr Erschrecken zu verbergen.</p><p>Hraban lachte. �Keine Angst, Talianna�, sagte er. �Das ist nur Hrhon. Er und seine Gef�hrtin reiten diese kleinen Schmusetierchen.�</p><p>Talianna musterte Hrhon aufmerksam, trat aber vorsichtshalber einen halben Schritt hinter Hraban zur�ck. Das Wesen war nicht ganz so gro� wie ein normal gewachsener Mensch, daf�r aber so breit wie hoch. Der gr��te Teil seines K�rpers wurde von einem eng anliegenden, schimmernden Geflecht aus Bronzeschuppen bedeckt, und auf seinem flachen Sch�del sa� die l�cherliche Karikatur eines Helmes. Seine H�nde, die nur drei Finger und einen sonderbar deformierten Daumen hatten, waren ein gutes St�ck gr��er als Taliannas Kopf. Auf seinem R�cken hing ein gewaltiger braunschwarzer Schild, von dem Talianna beim besten Willen nicht sagen konnte, ob er nun zu seinem K�rper oder zu seiner Bewaffnung geh�rte, und sein Gesicht war eindeutig das einer Schildkr�te � flach und ohne Ohren oder Nase, mit dunklen Augen und einem sehr breiten, lippenlosen Maul.</p><p>�Hrhon ist ein Waga�, beantwortete Hraban ihre unausgesprochene Frage. �Er und Essk kommen aus dem Westen. Aus einem Land. von dem du wahrscheinlich noch nie geh�rt hast.�</p><p>Das Schildkr�tenwesen stie� einen zischelnden, hohen Laut aus, und Hraban antwortete mit einem �hnlich h�ngenden Ger�usch, auf das hin sich der Waga umwandte und mit komisch aussehenden Schritten davonging.</p><p>�Ihr k�nnt mit ihm reden?� fragte Talianna verwundert.</p><p>Hraban lachte, als h�tte sie einen Scherz gemacht. </p><p>�Aber nat�rlich. Er ist kein Tier, Kind, sondern ein denkendes Wesen � wie du und ich. Aber jetzt komm. Du wolltest die Hornbestien sehen.�</p><p>Im Grunde hatte Talianna gar keine Lust mehr, sich den Riesentieren noch weiter zu n�hern. Ganz gleich, was Hraban behauptete, sie hatte Angst vor den tonnenschweren Kolossen, die wie lebende Felsen vor ihr aufragten. Aber sie wagte es nicht, Hraban zu widersprechen.</p><p>Vorsichtig ging sie n�her an die Kolosse heran. Die beiden Hornbestien sahen ein bi�chen aus wie zu gro� geratene Igel, mit all ihren Stacheln und Panzerplatten, fand sie, und sie hatten geradezu l�cherlich kleine K�pfe. Sie schienen zu schlafen, und sie hatten sich dabei zusammengerollt wie gro�e Katzen und die Sch�del auf die beiden vorderen ihrer insgesamt sechs Beine gelegt. Talianna sah, da� sie eine sonderbare Konstruktion aus Leder und Holz auf dem R�cken trugen. S�ttel. Aber sie fragte sich vergeblich, wozu um alles in der Welt man derart riesige und sicher plumpe Reittiere brauchen konnte.</p><p>�Sie sind nicht plump�, beantwortete Hraban ihre entsprechende Frage. �Sie sehen vielleicht nicht so aus, aber sie laufen schneller als jedes Pferd, und sie rennen eine Woche, ohne anzuhalten, wenn es sein mu�. Und wozu man sie braucht?� Hraban grinste. �Zum Beispiel, um ein Stadttor einzurennen. Oder eine feindliche Armee niederzutrampeln.�</p><p>Seine Antwort machte Talianna betroffen, denn f�r einen Moment hatte sie vergessen, was Hraban wirklich war � n�mlich ein Mann, der sein Brot mit K�mpfen und T�ten verdiente. Sie sah ihn an, und obgleich er immer noch l�chelte, kam er ihr mit einem Male d�ster und finsterer vor als noch vor Augenblicken. Pl�tzlich hatte sie ein ganz kleines bi�chen Angst vor ihm.</p><p>Talianna hatte mit einem Male keine Lust mehr, die beiden Riesentiere zu betrachten, und als Hraban sie fragte, ob sie hinaufsteigen und einmal im Sattel sitzen wolle, lehnte sie ab.</p><p>Eine sonderbare Ern�chterung ergriff von ihr Besitz, als sie die wenigen Schritte ins Lager zur�ckgingen. Hraban bedeutete ihr mit einer knappen Geste, stehenzubleiben und auf ihn zu warten, dann trat er an den Flu� zu den M�nnern, die mit dem Bau eines einfachen Flo�es besch�ftigt waren, und redete eine Zeitlang mit ihnen; in einer Sprache, die Talianna nicht verstand. Eine Weile sah sie ihm dabei zu, dann sah sie sich abermals im Lager um, befolgte jedoch seinen Befehl, sich nicht von der Stelle zu r�hren. Hrabans Worte, die er sicherlich ohne die Absicht gesprochen hatte, sie zu erschrecken, hallten dumpf hinter ihrer Stirn nach, und mit einem Male erschien ihr alles, was sie sah, anders. Die Zelte und Kleider � und vor allem die Gestalten! � waren noch immer bunt und exotisch, aber jetzt kam ihr ihre Fremdheit viel eher erschreckend als interessant vor. Dann sah sie etwas, was sie <emphasis>wirklich</emphasis> erschreckte. Die Plane eines Zeltes, nicht sehr weit von Talianna entfernt, wurde mit einem Ruck beiseite geschlagen, und eine wahre Alptraumgestalt trat ins Freie. Im allerersten Moment glaubte Talianna, sich einem kleingewachsenen Mann in einer schwarzgl�nzenden R�stung gegen�berzustehen, aber die Illusion hielt nur eine halbe Sekunde, und als sie die Wahrheit begriff, konnte sie einen erschrockenen Schrei nicht mehr unterdr�cken.</p><p>Drei Schritte vor ihr stand der Urgro�vater aller K�fer. Er war eine Handspanne gr��er als sie und ging aufrecht auf vier seiner sechs Beine, was ihm eine absurde, stark nach vorne geneigte Haltung verlieh. Das schwarze Chitin seines Au�enskeletts gl�nzte wie sorgsam poliertes Eisen, und die Augen, gro� wie Taliannas F�uste, blickten mit der nur Insekten m�glichen desinteressierten Grausamkeit auf das vor Angst zitternde Menschenkind herab. Die gewaltigen, vielfach geknickten F�hler auf seinem Kopf bewegten sich ununterbrochen, und als das bizarre Wesen einen Schritt auf sie zutrat, vernahm Talianna ein leises Schaben und Rascheln, wie von trockenem Holz, das aneinanderrieb. Es war ein sehr unangenehmes Ger�usch.</p><p>Eine endlose Sekunde lang stand sie da und starrte das schwarze Ungeheuer an, dann fuhr sie herum, schlug die Hand vor den Mund und rannte los � direkt in Hrabans Arme hinein, der ihren Schrei geh�rt hatte und zur�ckgekommen war.</p><p>�Was ist los, Kind?� fragte er. �Du hast geschrieen.�  Talianna schlang die Arme so fest um Hrabans Hals, da� er keine Luft mehr bekam und ihren Griff mit sanfter Gewalt l�sen mu�te. Sie wollte antworten, aber der Schrecken schn�rte ihr noch immer die Kehle zu. </p><p>�Was hast du?� fragte Hraban noch einmal, dann l�chelte er pl�tzlich. �Oh, du hast dich erschrocken? Doch nicht vor Sixxa?� Er sch�ttelte den Kopf, stellte Talianna behutsam auf die F��e und drehte sie mit sanfter Gewalt herum, lie� die H�nde jedoch auf ihren Schultern liegen.</p><p>Der Riesenk�fer war nicht n�her gekommen, aber seine schrecklichen Augen starrten Talianna noch immer an, und sie begann noch st�rker zu zittern. Ein kleiner, gurgelnder Schrei kam �ber ihre Lippen.</p><p>�Sixxa ist v�llig harmlos�, sagte Hraban. �Hast du denn noch niemals einen Hornkopf gesehen?�</p><p>Talianna sch�ttelte heftig den Kopf, w�hrend sich das Rieseninsekt halb herumdrehte und ihr nun sein Profil zuwandte, fast, als wolle es ihr Gelegenheit geben, es in aller Ruhe zu studieren. Nicht, da� es von dieser Seite irgendwie <emphasis>sch�ner</emphasis> oder auch nur weniger unheimlich gewesen w�re. Alles an ihm war hart und schimmernd und wirkte irgendwie eckig; selbst die Augen, die faustgro�e Halbkugeln waren, jede einzelne aus tausenden winziger sechseckiger Facetten zusammengesetzt. Seine Bewegungen waren ruckhaft und unglaublich schnell. Sie erinnerten Talianna an die unheimlichen, absto�enden Bewegungen von Spinnen.</p><p>�Schickt... schickt es fort!� sagte sie. �Bitte!�  Hraban seufzte. �Aber er ist v�llig harmlos�, sagte er, scheinbar verst�ndnisvoll, aber trotzdem mit einer h�rbaren Spur von Ver�rgerung in der Stimme. Er schien kein sehr geduldiger Mann zu sein.</p><p>�Schickt es fort!� beharrte Talianna. �Es... es macht mir Angst.�</p><p>Hraban seufzte abermals, nahm aber dann die rechte Hand von Taliannas Schulter und gab dem K�ferwesen einen Wink. Die Antennen auf Sixxas Kopf zuckten hektisch; ein rasselnder, unangenehmer Laut kam aus seinem dreieckigen Insektenmaul. Aber es wandte sich gehorsam um und verschwand wieder in dem Zelt, aus dem es gekommen war. Als sich die Plane hob, erhaschte Talianna einen kurzen Blick in sein Inneres, und f�r einen Moment glaubte sie ruckhafte schwarze Bewegung zu sehen. Etwas glitzerte. Talianna sah rasch weg. Hraban l�ste auch die andere Hand von ihrer Schulter, drehte sie abermals herum und lie� sich wieder in die Hocke sinken. �Es tut mir leid, da� Sixxa dich so erschreckt hat�, sagte er. �Ich dachte, da� ihr die Hornk�pfe kennt. Sie sind wirklich harmlos, trotz ihres furchteinfl��enden Aussehens.� Er lachte. Es klang nicht ganz echt. �In unserem Lager sind viele von ihnen. Sie sind n�tzlich, und sehr treu. Manche von unseren Kindern reiten auf ihnen.�</p><p>Talianna hatte immer noch M�he, nicht vor Furcht einfach loszuweinen. Sie hatte niemals zuvor im Leben etwas Entsetzlicheres gesehen als das schwarze Alptraumwesen, das Hraban so harmlos als <emphasis>Hornkopf</emphasis>  bezeichnet hatte. Sie hatte auch niemals zuvor von aufrecht gehenden, intelligenten <emphasis>Insekten</emphasis> geh�rt. </p><p>�Sind... sind sie... nicht-Menschen?� fragte sie stockend.</p><p>Hraban runzelte die Stirn. �Eine gute Frage�, gestand er, �aber ich wei� es nicht. Manchmal kommt es mir fast so vor, aber...� Er stockte, blickte einen Moment lang an Talianna vorbei auf das Zelt, in dem der K�fer verschwunden war, dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein, ich glaube nicht. Sie sind nur Tiere, wenn auch sehr gelehrige Tiere. Ich glaube nicht, da� sie denken, so wie du oder ich.�</p><p>Der Gedanke beruhigte Talianna ein wenig. Das Schlimmste an Sixxa war vielleicht der Blick seiner Augen gewesen, schimmernder in allen Farben des Regenbogens, in denen eine b�se, <emphasis>absch�tzende</emphasis> Intelligenz gelauert zu haben schien. Die Vorstellung, da� dieses Monster intelligent sein k�nnte, erf�llte sie mit Grauen, obwohl sie selbst nicht zu sagen vermochte, warum.</p><p>Hraban stand wieder auf. Als er weitersprach, klang seine Stimme ver�ndert. �Ich glaube, es war ein bi�chen zu viel f�r dich, Talianna�, sagte er. �Ich bringe dich jetzt zur�ck zu deinem alten Mann, und du ruhst dich ein bi�chen aus. Wenn ich mit meiner Arbeit hier fertig bin, komme ich zu euch, und wir reden noch ein bi�chen. Einverstanden?�</p><p>Talianna nickte. Hraban brachte sie zu Gedelfi zur�ck, der schweigend und in unver�nderter Haltung vor dem fast heruntergebrannten Feuer hockte, als h�tte er sich die ganze Zeit �ber nicht bewegt. Er sah nicht einmal auf, als er Hrabans und Taliannas Schritte h�rte.</p><p>Und das Sonderbarste war: er fragte nicht mit einem einzigen Wort danach, was Talianna gesehen hatte. </p></section><section><title><p>6</p></title><p>Es wurde sehr hei�, als die Sonne h�herstieg, denn das Mittsommerfest, das ja gestern h�tte gefeiert werden sollen, lag wirklich auf dem hei�esten Tag des Sommers, wenngleich die Natur sich dem von Menschen geschaffenen Kalender auch in diesem Punkt nur in den allerwenigsten F�llen unterwarf. Aber zumindest war es die hei�este Zeit des Jahres, und das bedeutete selbst hier im Norden Mittagsstunden, in denen sich die Menschen kaum aus den H�usern trauten und auch die Arbeit ruhte, au�er in den Minen, in denen es immer Nacht und immer warm war. Hier drau�en jedoch, wo es keinen Schutz mehr gab, wurde es beinahe unertr�glich, schon lange bevor die Sonne den h�chsten Punkt ihrer ruhelosen Wanderung erreicht hatte, und Talianna und die anderen zogen sich in den Schatten einer Ruine zur�ck, auch wenn die unmittelbare N�he der geschw�rzten Mauern sie mit einem Unbehagen erf�llte, das fast schlimmer war als wirkliche Furcht.</p><p>Unterdessen schw�rmten Hrabans Krieger in weitem Umkreis aus, um nach weiteren �berlebenden der Katastrophe zu suchen. Das Flo� war nach weniger als einer Stunde fertig gewesen und seither drei- oder viermal �ber den Flu� gependelt, so da� die Suche auch dort dr�ben fortgesetzt werden konnte, vor allem in den Bergwerken, in denen Hraban noch immer Versch�ttete vermutete. Auch ein paar Stahld�rfler beteiligten sich an der Suche, wenngleich Hraban keinen Hehl daraus gemacht hatte, wie wenig ihm ihre Hilfe behagte. Aber sie blieb ohnehin ergebnislos. Die kleinen Gruppen, die Hraban losgeschickt hatte, kamen im Laufe des Tages eine nach der anderen zur�ck, und sie waren alle allein. Talianna begann endg�ltig zu begreifen, da� es keine �berlebenden gegeben hatte. Die Vernichtung war ebenso total wie sinnlos gewesen, und es war ja auch alles viel zu schnell gegangen. Auch sie und die anderen zehn verdankten ihr Leben ja schlie�lich nur einem Zufall. Zwanzig Meter weiter vom Waldrand entfernt und n�her an der Stadt w�ren auch sie get�tet worden. Wie Hraban versprochen hatte, kam er wieder zu ihr, wenn auch erst sp�t am Nachmittag und nicht, um zu essen. Er kam nicht allein: das Schildkr�tenwesen Hrhon war bei ihm, was die anderen �berlebenden dazu veranla�te, sich hastig ein St�ck zur�ckzuziehen oder zumindest mitten im Gespr�ch zu verstummen und den S�ldner und seinen bizarren Begleiter mit schlecht verhohlener Furcht anzustarren. Nur Talianna zeigte keine Angst; irgendwie glaubte sie zu sp�ren, da� die gr�ngeschuppte Gestalt wirklich so freundlich und harmlos war, wie Hraban behauptete. Au�erdem brauchte sie sich nur den schwarzen Riesenk�fer ins Ged�chtnis zur�ckzurufen, um Hrhon schon beinahe sch�n zu finden.</p><p>Hraban sah m�de aus, und seine Bewegungen hatten viel von ihrer Ruhe und Kraft verloren und waren jetzt fast fahrig. Seine Kleider waren voller Schmutz und schwarzem Ru�, und Talianna bemerkte einen schwarzen Kratzer auf seiner rechten Wange, der gerade erst zu bluten aufgeh�rt hatte, denn die Kruste darauf war noch sehr hell. Ohne ein Wort zu sagen, lie� er sich mit untergeschlagenen Beinen vor Talianna nieder, legte die H�nde auf die Knie und gab seinem reptilischen Begleiter mit einer Kopfbewegung zu verstehen, es ihm gleichzutun. Hrhon hockte sich umst�ndlich zu Boden, zog die Beine unter den Leib und sah nun wirklich aus wie eine Schildkr�te, die vor hundert Jahren vergessen hatte, mit dem Wachsen aufzuh�ren. Der Blick seiner dunklen Augen huschte unstet von Talianna zu Gedelfi und wieder zur�ck.</p><p>�Wer ist gekommen?� fragte Gedelfi pl�tzlich. Er sah auf, blickte so genau in Hrabans Richtung, als k�nne er ihn sehen, wandte pl�tzlich den Kopf und schn�ffelte h�r- und sichtbar. Nat�rlich, dachte Talianna. Er mu�te den Waga riechen. Selbst ihr war sein scharfer Reptiliengeruch nicht entgangen, als sie ihm das erste Mal begegnet war.</p><p>�Hraban�, antwortete Hraban an Taliannas Stelle. </p><p>�Und wer noch?� Gedelfi schn�ffelte erneut. �Etwas ist bei dir. Ein nicht-Mensch.�</p><p>Hraban nickte. �Hrhon�, sagte er. �Mein Leibw�chter. Er ist ein Waga. Die H�lfte meiner Krieger sind <emphasis>nicht-</emphasis>  Menschen. Hat Talianna dir nichts davon erz�hlt?� Bei diesen Worten sah er Talianna so fragend und gleichzeitig vorwurfsvoll an, da� sie unwillk�rlich die Arme hob und antwortete: �Er hat nicht gefragt.�</p><p>�So?� Hrabans Stirnrunzeln vertiefte sich. �Ist das wahr, alter Mann? Ich dachte immer, Blinde seien besonders begierig, alles zu erfahren, was geschieht.� </p><p>�Ich brauche nichts �ber euch zu erfahren�, erwiderte Gedelfi feindselig. �Ich wei�, wer ihr seid.�</p><p>Hraban seufzte, setzte zu einer scharfen Antwort an und belie� es dann bei einem neuerlichen Seufzen und einem unterst�tzenden Kopfsch�tteln. �Du glaubst also zu wissen, wer wir sind�, sagte er nur.</p><p>Gedelfi sch�rzte die Lippen. �Ich <emphasis>glaube</emphasis> es nicht�, antwortete er betont. �Ich wei� es.�</p><p>�Und woher?� fragte Hraban.</p><p>�Ich bin ein alter Mann�, erwiderte Gedelfi. �Ein sehr alter Mann, Hraban. Ich wei� Dinge, die heute nur noch wenige wissen. Ich wei�, welcher Macht ihr dient. Ich wu�te, da� ihr kommen w�rdet, wie die Aasgeier, um das zu vollenden, was die...� Er stockte einen Moment. �... was die anderen nicht vollbracht haben�, endete er schlie�lich. Talianna hatte das sehr sichere Gef�hl, da� er in Wahrheit etwas ganz anderes hatte sagen wollen.</p><p>Hraban ma� den Blinden mit einem sehr langen, forschenden Blick. �Du wu�test es also�, wiederholte er schlie�lich. Dann lachte er, setzte sich ein wenig auf und machte eine weit ausholende Armbewegung. �Das hier sieht mir aber nicht danach aus, als h�tte irgendwer hier <emphasis>gewu�t,</emphasis> was geschehen w�rde.�</p><p>Gedelfi schnaubte. �Sie waren Narren�, sagte er �berzeugt. �Ich habe sie gewarnt, und andere auch. Aber sie haben nicht auf uns geh�rt, und irgendwann habe ich nichts mehr gesagt.�</p><p>�Und gehofft, du k�nntest dich t�uschen�, f�gte Hraban hinzu.</p><p>Diesmal antwortete Gedelfi nicht sofort. �Nein�, sagte er endlich. �Eher, es k�nne noch lange genug gutgehen, da� ich es nicht mehr erleben mu�. Aber nun ist ja ohnehin alles vorbei. Ich werde sterben, noch ehe...�  Er stockte einen Moment, legte den Kopf in den Nacken und schlo� die Augen, und Talianna wu�te, da� er auf diese Weise versuchte, die W�rme der Sonne zu sp�ren und so ihre Stellung am Himmel zu erraten � etwas, das einem Sehenden schier unm�glich gewesen w�re, womit er Talianna und die anderen Kinder aber immer wieder verbl�fft hatte. �Noch ehe die Sonne untergeht�, sagte er dann.</p><p>�Was redest du f�r einen Unsinn?� fragte Talianna erschrocken. �Du wirst nicht sterben, Gedelfi. Du bist unverletzt, und ich gebe auf dich acht.� Instinktiv streckte sie die Hand nach der des alten Mannes aus, aber Gedelfi entzog ihr seine Finger. Talianna blickte verst�rt von ihm zu Hraban und wieder zur�ck.</p><p>�La� nur, Kind�, sagte er, kalt, ohne eine Spur von Trost oder Verst�ndnis, sondern fast agressiv. �Du meinst es gut, aber ich wei�, was geschehen wird. Wir alle werden sterben.�</p><p>�Was redest du nur!� fuhr Talianna auf. �Wir sind in Sicherheit, Gedelfi. Hrabans M�nner werden sich um uns k�mmern, und... und ich bin ja auch bei dir!�  Hilfesuchend wandte sie sich an den S�ldnerf�hrer. </p><p>�Sagt doch auch etwas, Hraban�, sagte sie.</p><p>Hraban blickte sie an, aber etwas war in seinen Augen, was Taliannas Schrecken eher noch sch�rte. �Das ist etwas, wor�ber ich mit dir reden mu߫, sagte er. Er deutete auf Gedelfi. �Du magst diesen alten Mann, nicht wahr? Und er braucht dich.�</p><p>�Ja�, antwortete Talianna zornig. Hrabans Art, �ber Gedelfi zu reden, machte sie zornig. Er sprach von dem Blinden wie von jemandem, der nicht h�ren konnte, da� man �ber ihn sprach. Sein Verhalten war zumindest unh�flich, wenn nicht verletzend. �Warum fragt Ihr?� </p><p>�Weil wir einen alten und noch dazu blinden Mann wie ihn nicht mitnehmen k�nnen�, erwiderte Hraban. </p><p>�Er w�re eine zu gro�e Last f�r uns. Ganz davon abgesehen, da� ihn das Leben, das wir f�hren, binnen einer Woche umbr�chte.�</p><p>�Ich... ich verstehe nicht�, murmelte Talianna. �Was meint Ihr damit � nicht mitnehmen? Wollt Ihr ihn denn hier zur�cklassen?�</p><p>Gedelfi schnaubte. �Er meint damit, da� ��</p><p>�Ich meine�, fiel ihm Hraban mit leicht erhobener Stimme und sehr rasch ins Wort, �da� ich nachgedacht habe, �ber dich und deine Leute, Talianna. Du sagst, deine Familie ist tot. Von diesen Leuten hier ist niemand mit dir verwandt?�</p><p>Talianna verneinte, und wieder blickte Hraban sie eine endlose Sekunde lang an. �Ich kann nicht bleiben�, fuhr er fort. �Ein Teil meiner Leute wird noch hierbleiben und tun, was zu tun ist, aber ich mu� fort, und zwar noch heute. Was w�rdest du davon halten, mit mir zu kommen?� fragte er dann geradeheraus.</p><p>�Mit... mit Euch kommen?� wiederholte Talianna verwirrt. �Wieso? Ich... ich meine... was... weshalb...� Sie begann zu stammeln, brach ab und sah beinahe flehend zu Gedelfi; aber nat�rlich bemerkte der Blinde ihren Blick nicht.</p><p>�Mit Euch kommen?� wiederholte sie schlie�lich noch einmal.</p><p>�Warum nicht?� sagte Hraban. �Was gibt es hier noch, was das Bleiben f�r dich lohnte. Niemand wird hierbleiben, und ein zehnj�hriges M�dchen ohne Verwandte oder Freunde hat kein sehr angenehmes Leben zu erwarten. Nicht in einem Land wie diesem. Au�erdem�, f�gte er mit einem entschuldigenden L�cheln hinzu, �mu� ich gestehen, da� du mir gef�llst. Ich hatte einmal eine Tochter, die dir sehr �hnlich war, in deinem Alter.� </p><p>�Oh�, murmelte Talianna betreten. �Das... das tut mir leid. Woran ist sie gestorben?�</p><p>Hraban lachte schallend. �Gestorben? An nichts. Sie lebt und erfreut sich bester Gesundheit, Kind. Aber sie hat einen haarigen Tagedieb aus dem S�den geheiratet und ein halbes Dutzend l�rmender B�lger mit ihm bekommen, und ich habe sie davongejagt.� Er beugte sich vor. �Also? H�ttest du Lust? Unser Leben ist sicher nicht so bequem und ruhig wie das, das du gewohnt bist, aber daf�r spannender. Ich kann dir eine Menge Dinge zeigen, von denen du bisher nicht einmal getr�umt hast.�</p><p>Einen Moment lang war Talianna ernsthaft in Versuchung, Hrabans Vorschlag anzunehmen, denn der Schmerz �ber den Verlust ihrer Familie und ihrer Heimat war noch zu frisch, als da� jene Phase bet�ubenden Kummers eingesetzt h�tte, in der einem jegliche Zukunft gleichg�ltig l��t und das Leben nicht mehr lebenswert erscheint. Au�erdem war sie zehn Jahre alt. Aber dann sch�ttelte sie doch den Kopf und r�ckte ein St�ck n�her an Gedelfi heran.</p><p>�Nein�, sagte sie. �Ich bleibe bei Gedelfi. Er braucht mich.�</p><p>Aber in diesem Moment geschah etwas Sonderbares. Der Blinde entzog ihr abermals seine Hand und schob sie gar ein St�ck von sich fort, und obgleich seine Augen seit zwei Jahrzehnten nur ewige Nacht gesehen hatten, wurde ihr Blick so stechend, da� selbst Hraban pl�tzlich unsicher wurde. �Du meinst das so, wie du es sagst�, sagte er.</p><p>Hraban nickte. �Ja. Ich mag das M�dchen. Wof�r h�lst du mich, Alter?�</p><p>�F�r das, was du bist�, antwortete Gedelfi. �Ein h�bsches Kind wie sie erzielt einen guten Preis auf dem Sklavenmarkt.�</p><p>Die Beleidigung lie� Hraban erbleichen. �Glaubst du, ich w�rde sie <emphasis>bitten,</emphasis> mitzukommen, wenn es so w�re?�  fuhr er auf. �Ich sehe niemanden, der mich daran hindern k�nnte, sie einfach mitzunehmen.� Er ballte die Faust und schlug sich wuchtig auf den Oberschenkel. </p><p>�Spring in den Schlund, Alter! Ich habe es nicht n�tig, mit einem alten Narren zu schachern.�</p><p>�Nein�, antwortete Gedelfi, mit einem Male wieder ganz ruhig. �Das hast du nicht, Hraban.� Er legte die Hand auf Taliannas Schulter und schob sie ein St�ck auf Hraban zu. �Nimm sie mit.�</p><p>Im allerersten Moment war Talianna so �berrascht, da� sie Gedelfi nur mit offenem Mund anstarrte. Dann ergriff sie Zorn. W�tend sch�ttelte sie seine Hand ab und rutschte noch ein St�ck weiter von ihm fort. Was fiel diesen beiden ein, wie um ein St�ck Eisen um sie zu feilschen?</p><p>�Ich werde nirgendwo hingehen!� protestierte sie. </p><p>�Ich ��</p><p>�Du wirst den Mund halten und tun, was ich dir sage!�  Gedelfis Stimme war so scharf und befehlend, wie sie es noch niemals zuvor erlebt hatte. Taliannas gerechter Zorn verrauchte so schnell, wie er gekommen war, und zur�ck blieben Unsicherheit und Verwirrung.</p><p>�Aber du... du brauchst mich!� sagte sie. �Was willst du ohne mich anfangen?�</p><p>�Ich brauche dich?� Gedelfi lachte abf�llig. �Was bildest du dir ein, du dummes Kind? Ich brauch dich ungef�hr so dringend wie einen Kropf, oder ein Geschw�r am Hintern.�</p><p>Ein Schlag ins Gesicht h�tte Talianna nicht h�rter treffen k�nnen. Entsetzt starrte sie Gedelfi an. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Aber wir... wir sind doch immer Freunde gewesen�, jammerte sie. �Ich habe dir doch immer geholfen, und du ��</p><p>�Geholfen?� Gedelfi machte ein abf�lliges Ger�usch. </p><p>�Auf die Nerven gegangen bist du mir, mit deinen dummen Fragen. Manchmal warst du ganz n�tzlich, das stimmt. Aber das hei�t nicht, da� ich dich noch l�nger ertragen mu�.�</p><p>Talianna begann zu weinen. Irgendwo in ihr war eine Stimme, die ihr zufl�sterte, da� Gedelfi sie absichtlich verletzte, um ihr die Entscheidung zu erleichtern, und sie wu�te einfach, da� es ganz und gar nicht so gewesen war, wie er behauptete. Aber dieses Wissen nutzte wenig. Seine Worte taten weh. Verdammt weh.</p><p>Und nach einer Weile stand sie ohne ein weiteres Wort auf und ging zu Hraban. Noch am gleichen Abend verlie�en sie das zerst�rte Dorf an der Flu�biegung f�r immer. </p></section></section><section><title><p>2. Kapitel</p><p>Der Turm</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Die Krell-Echse sprang so warnungslos aus ihrem Sandloch, da� selbst Hrhons �bermenschlich schnelle Reaktion zu sp�t kam. Der Waga stie� den schrillen Warnschrei seines Volkes aus, fuhr im Sattel herum und ri� seinen Dolch aus dem G�rtel. Die Waffe zischte dicht �ber den Hals von Tallys Reitpferd durch die Luft und grub sich mit einem dumpfen Ger�usch in den Sand, mit einer Kraft und Schnelligkeit geschleudert, die der einer Kanonenkugel kaum nachstand.</p><p>Die Krell-Echse traf sie nicht.</p><p>Tally ri� im letzten Moment die Arme vor das Gesicht, als sie den gefleckten Schatten auf sich zufliegen sah. Die Krell-Echse prallte gegen sie, klammerte sich mit allen acht Beinen an ihren Arm, ringelte den stahlbewehrten Schwanz um ihren Bizeps und versuchte ihr mit zwei Dutzend winziger, messerscharfer Krallen das Gesicht zu zerfetzen. Ein brennender Schmerz fuhr durch Tallys Hand, als sich die Kiefer des Miniatur-Monsters um ihren rechten Zeigefinger schlossen und nadelspitze Z�hnchen in ihre Haut eindrangen.</p><p>Sie fluchte ungehemmt, drehte das Gesicht von den wirbelnden Klauen weg und packte die Echse mit beiden H�nden. Das Tier stie� ein w�tendes Zischen aus, ver�nderte seine Farbe von Schwarzbraun zu einem grellen, lodernden Rot und l�ste den Schwanz von ihrem Arm, um mit seinem stachelbewehrten Ende nach ihren Augen zu schlagen.</p><p>Tally hielt das Tier so weit von sich fort, wie sie nur konnte, betrachtete es einen Augenblick lang mit einer Mischung aus Wut und gelindem Interesse und brach ihm dann mit einer raschen Bewegung das R�ckgrat. Die Krell-Echse zuckte noch einmal und erschlaffte pl�tzlich in ihren H�nden.</p><p>Tally lie� den Kadaver achtlos in den Sand fallen und sah w�tend zu Hrhon auf.</p><p>�Du bl�der Flachkopf!� schrie sie. �Kannst du nicht besser aufpassen? Um ein Haar h�ttest du mit deinem verdammten Dolch mein Pferd getroffen! Wozu nehme ich euch �berhaupt mit? Um mich aufzuschlitzen?�  Auf dem geschuppten Reptiliengesicht des Waga war keine Reaktion auf ihre Worte zu erkennen, � was nicht weiter verwunderlich war, dachte Tally mit einer Mischung aus Resignation und Zorn. Wenn man ein Gesicht wie ein f�nfzehn Jahre alter Stiefel hatte, den noch dazu ein Mann mit zu gro�en F��en getragen hatte, und das davon abgesehen nur aus Knochen und Panzerplatten bestand, war es schlechterdings unm�glich, darauf <emphasis>irgendeine</emphasis> Reaktion zu erkennen. Aber Hrhon zuckte sichtlich zusammen und senkte den Blick. Tallys Wutausbr�che waren selbst bei den Wagas bekannt und gef�rchtet. Es w�re nicht das erste Mal, da� sie Hrhon oder Essk absteigen und stundenlang durch den gl�henden W�stensand zu Fu� hinter sich hergehen lie�. Auf der der Sonne zugewandten Seite der Horntiere, selbstverst�ndlich.</p><p>Aber diesmal verzichtete sie auf die Bestrafung. Sie waren ihrem Ziel zu nahe, und sie waren zu lange unterwegs gewesen, um jetzt noch Zeit zu verschwenden. Au�erdem entsprang ihre Erregung wohl mehr dem Schrecken als wirklicher Angst. Krell-Echsen waren harmlos: gierige kleine Ungeheuer, die einfach alles angriffen, was sich in ihrer N�he bewegte, und dabei nur allzu leicht verga� er, da� sie nur wenig gr��er als eine normale M�nnerhand waren. Ihre einw�rts gebogenen Fangz�hne enthielten in winzigen Hohl�hren ein geradezu m�rderisches Gift, das im Bruchteil einer Sekunde zu Kr�mpfen und in weniger als einer Minute zum Tode f�hrte, allerdings einen kleinen Sch�nheitsfehler hatte: es wirkte nur auf Krell-Echsen. Tally hatte mehr als eines dieser angriffslustigen kleinen Mistviecher gesehen, das sich aus lauter Bl�dheit selbst gebissen und vergiftet hatte.</p><p>Nein � dachte sie sp�ttisch. Krell-Echsen waren eine glatte Fehlkonstruktion der Natur. Einzig die Tatsache, da� die Gehranw�ste einer der unwirtlichsten Flecken der Welt war und es hier so gut wie keine gr��eren Raubtiere gab, hatte sie bisher davor bewahrt, sich aus purer Dummheit selbst auszurotten.</p><p>Tally betrachtete das tote Reptil einen Herzschlag lang stirnrunzelnd und deutete dann mit einer w�tenden Kopfbewegung auf den flachen Trichter, den Hrhons Dolch in den Sand gegraben hatte.</p><p>�Nun steig schon ab und such deine Waffe�, sagte sie ungehalten. �Aber beeil dich gef�lligst. Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.�</p><p>Hrhons Horntier bewegte sich unruhig, als der Waga damit begann, seine Leibriemen zu l�sen. Tally konnte sich trotz allem eines fl�chtigen L�chelns nicht erwehren, als sie Hrhon bei seinen Vorbereitungen zusah. Wagas waren Kraftpakete; vierhundert Pfund Muskeln und Sehnen, die massive Eisenholzt�ren so spielend einrennen konnten, wie ein Mensch ein Blatt Papier zerrei�t, und deren Entschlossenheit im Kampf durch keine nennenswerte Gehirnmasse beeintr�chtigt wurde. Mit blo�en H�nden waren sie nicht zu besiegen, jedenfalls nicht von Menschen und auch kaum von irgendeinem anderen Wesen, das sie kannte. Aber sie bezahlten daf�r mit einer Tolpatschigkeit, die sie immer wieder zur Zielscheibe von Spott und Hohn werden lie�en.</p><p>Selbst Tally am�sierte es immer wieder, einem Waga beim Auf- und Absteigen auf sein Reittier zuzusehen, obwohl sie diesen Vorgang schon unz�hlige Male beobachtet hatte. Wagas waren so kurzbeinig, da� sie sich im Sattel festbinden mu�ten, um nicht bei der ersten unerwarteten Bewegung ihrer Horntiere aus vier Metern H�he in den Sand zu fallen.</p><p>W�hrend Hrhon damit fortfuhr, seine Leibriemen zu l�sen, trieb Tally ihr Pferd mit leisem Schenkeldruck aus dem Schatten des m�chtigen Horntieres heraus und trabte langsam den n�chsten D�nenhang hinauf. Das Tier wieherte unwillig, als die sengenden Strahlen der Sonne sein ungesch�tztes Fell trafen. Tally achtete normalerweise darauf, stets im Schatten der gewaltigen Horntiere zu bleiben, um die Leiber der beiden stachelbewehrten Ungeheuer wie lebende Schutzschilde zwischen sich und der sengenden Sonne zu haben, und sie sp�rte erst jetzt richtig, <emphasis>wie</emphasis> hei� es wirklich war. Der Wind strich wie eine warme, unangenehme Hand �ber ihren R�cken, und ihre Augen begannen beinahe sofort zu tr�nen, als sie aus dem Schatten heraus war. Sie bekam fast augenblicklich Durst.</p><p>Unter den Hufen ihres Pferdes wirbelten kleine Sandund Staubwolken auf, als sie den sanft ansteigenden Hang emporritt. Sie wu�te l�ngst nicht mehr, wie viele solcher gleichf�rmiger Sandd�nen sie schon �berwunden hatte, seit sie vor zwei Tagen in die W�ste Gehran eingedrungen war. Hunderte sicher, vielleicht Tausende. Sie hatte sie nicht gez�hlt. Als sie diesen Weg das erste Mal geritten war, vor zehn Jahren <emphasis>(waren es wirklich erst zehn Jahre? Es kam ihr l�nger vor. W�hrend dieser Zeit war so viel geschehen, so unendlich viel, und doch so wenig...),</emphasis> da hatte sie geglaubt, sich daran gew�hnen zu k�nnen. Aber das stimmte nicht. Die Gehran war etwas, an das man sich niemals gew�hnen konnte, weder sie noch irgendein anderes denkendes Wesen, das sie kannte. Sie war ein Ungeheuer, eine gro�e, schweigende Bestie, die auf eine Unachtsamkeit lauerte, einen winzigen Fehler, irgendeine Nachl�ssigkeit, um dann sofort und erbarmungslos zuzuschlagen. Kaum einer von denen, die sich zu weit hineinwagten, kam je wieder heraus. Und Tally wu�te, da� auch ihr � trotz allem � das gleiche Schicksal bevorstehen konnte, wenn sie auch nur einen Moment in ihrer Wachsamkeit nachlie�.</p><p>Sie war in Schwei� gebadet, als sie den H�gelkamm erreichte und das Pferd mit einem harten Ruck am Z�gel zum Stehen brachte. Auch sie war mit ihren Kr�ften am Ende. Sie h�tte es sich im Beisein ihrer beiden Leibw�chter niemals anmerken lassen, aber es gab im Moment kaum etwas, was sie sich sehnlicher gew�nscht h�tte als einen Schluck eiskaltes Wasser und einen k�hlen, schattigen Ort, an dem sie sich zum Schlafen niederlegen konnte. Tally rieb sich mit Daumen und Zeigefinger der Rechten �ber die Augen, blinzelte ein paarmal, um die Tr�nen fortzuzwinkern, und starrte konzentriert nach Norden. Die W�ste schien vor ihren Augen zu verschwimmen, und die hitzegeschw�ngerte Luft und das gleichf�rmige Auf und Ab der D�nen gaukelte ihr die Illusion von Bewegung und Leben vor, wo nichts au�er gl�hendem Sand und �de waren.</p><p>Aber sie wu�te genau, wonach sie zu suchen hatte, und nach einer Weile glaubte sie in n�rdlicher Richtung wirklich einen d�nnen, verschwommenen Schatten wahrzunehmen. Erneut fuhr sie sich mit der Hand �ber die Augen, aber das Bild wurde nicht klarer. Hitze und Ersch�pfung begannen ihren Preis zu fordern. Trotzdem war sie sich sicher, sich nicht get�uscht zu haben. Sie war diesen Weg zu oft geritten, um ihn noch zu verfehlen. Heute abend, sp�testens beim n�chsten Sonnenaufgang, w�rde sie da sein. <emphasis>(Und dann? Eine neue Entt�uschung? Nichts als ein weiteres Jahr voller Ha� und vergeblicher Hoffnung?)</emphasis>  Sie drehte sich halb im Sattel herum und sah zu den beiden Waga zur�ck. Hrhon hatte seinen Dolch mittlerweile ausgegraben und kletterte gerade ungeschickt auf den R�cken seines Tieres zur�ck. Da� die Hornbestie dabei in den beiden vorderen Beinpaaren einknickte, erleichterte ihm den Aufstieg nur unwesentlich. Das gr�nbraun geschuppte Reptilienwesen krabbelte wie eine zu gro� geratene arthritische Kr�te an der Flanke des Horntieres hinauf, wobei es Laute ausstie�, die an das Zischen eines leckenden Wasserkessels erinnerten.</p><p>Erneut stahl sich ein d�nnes L�cheln in Tallys Mundwinkel. Selbst auf sie wirkten die Waga manchmal wie tolpatschige Gnome aus einem Kinderm�rchen. Nur, wer eine dieser Bestien einmal im Kampf erlebt hatte, wu�te, <emphasis>wie</emphasis>  falsch dieser Eindruck war. Aber es gab nicht sehr viele Menschen, die dar�ber berichten konnten.</p><p>Tally wartete geduldig, bis Hrhon wieder im Sattel und fest verschn�rt war und die beiden Horntiere den H�gel hinaufgewalzt waren, � es gab keine andere Art, ihre Fortbewegungsweise auch nur ann�hernd zu beschreiben � dann lenkte sie ihr Pferd mit einer raschen Bewegung zur�ck in den Schatten der beiden Ungeheuer und sah zu Hrhon hinauf.</p><p>�Reizend, da� du schon fertig bist�, sagte sie. �Wenn es dem Herrn genehm ist, k�nnen wir jetzt vielleicht weiterreiten.�</p><p>Hrhon schien in seinem Sattel zusammenzuschrumpfen und wich ihrem Blick aus. Seine Hand schlo� sich unwillk�rlich um den Dolch, den er so m�hsam aus dem Sand ausgegraben und wieder in seinen G�rtel geschoben hatte. Es w�re f�r Tally ein Leichtes gewesen, selbst von ihrem Pferd zu steigen und Hrhons Waffe zu holen � und schneller w�re es auch noch gegangen. Aber der Gedanke war ihr nicht einmal gekommen. Nicht bei Wagas.</p><p>Sie wu�te, da� sie sich blindlings auf die beiden Reptilienwesen verlassen konnte. Ihre beiden Leibw�chter w�rden ohne Z�gern f�r sie in den Tod gehen, wenn sie es verlangte. Aber Wagas waren ein eigenartiges V�lkchen. Wo bei jedem anderen eine gesunde Kombination aus Strenge und Gro�mut angebracht war, da half bei ihnen nur unnachgiebige H�rte.</p><p>Besser, man schlug einen Waga zehnmal zu oft als einmal zu wenig.</p><p>Sie ritten weiter. Die Sonne sank langsam tiefer, aber es wurde trotzdem nicht merklich k�hler, und selbst, als die kurze D�mmerung hereinbrach und in ihrem Gefolge Dunkelheit wie ein gro�es schweigendes Tier �ber die W�ste kroch, schien noch immer eine Wolke unsichtbarer Hitze �ber dem Land zu liegen.</p><p>Als es vollends dunkel geworden war, begannen die beiden Horntiere zunehmend unruhiger zu werden, und Tally ritt ein St�ck voraus, um nicht durch den zuf�lligen Schlag eines Schwanzes f�nf Meter tief in den Sand hineingetrieben zu werden. Die Horntiere sahen schon bei Tage nicht besonders gut; nachts waren sie praktisch blind. Es kostete die beiden Wagas immer mehr M�he, ihre Reittiere �berhaupt zum Weitergehen zu bewegen. Schlie�lich zog Tally die Z�gel an und gab Hrhon und Essk das Zeichen zum Anhalten. Sie waren noch mindestens vier oder f�nf Meilen von ihrem Ziel entfernt, und Tally w�re gerne noch weiter geritten, denn sie waren ihrem Ziel zu nahe, als da� der Gedanke an die dazwischenliegende Entfernung ihre Ungeduld noch merklich d�mpfen konnte. Aber es hatte keinen Sinn, mehr von ihren Begleitern zu verlangen, als sie beim besten Willen zu geben imstande waren. Au�erdem mu�te sie am n�chsten Morgen ausgeruht und bei Kr�ften sein. Einige der Werwesen waren noch immer aktiv, selbst nach all der Zeit, und sie w�rde jedes bi�chen Kraft brauchen.</p><p>W�hrend Hrhon und Essk umst�ndlich aus den S�tteln stiegen und damit begannen, das Nachtlager vorzubereiten, ging Tally auf den Kamm der n�chstgelegenen D�ne hinauf. Hrhon wollte ihr folgen, aber sie scheuchte ihn mit einer unwilligen Handbewegung zur�ck. Sie wollte allein sein, wenigstens f�r eine Weile, allein mit sich und ihren Gedanken. Den Erinnerungen.</p><p>Erinnerungen, die sie immer wieder einholten, wenn sie hierher kam, als w�ren sie auf geheimnisvolle Weise in den braungelben Sandk�rnern gespeichert, wie im Idiotengehirn eines sabbernden Greises. Sie kamen immer. Jahr f�r Jahr; jedesmal. Es waren keine sch�nen Erinnerungen, aber die Bilder hatten sich so tief in ihr Ged�chtnis gebrannt, da� sie die Szene so plastisch und klar vor sich sah, als w�re es erst gestern geschehen, vor wenigen Augenblicken, gerade hinter der n�chsten D�ne, und nicht vor f�nfzehn Jahren und am anderen Ende der Welt.</p><p>Sie setzte sich in den noch immer hei�en Sand, zog die Beine an den K�rper und schlang die Arme um die Knie. Irgendwo vor ihr lag der Turm, unsichtbar und verborgen in der Schw�rze der Nacht, aber sie konnte ihn sp�ren. Wieder, wie jedesmal, wenn sie hierher kam, �berkam sie dieses seltsame Gef�hl; etwas, was sie nur hier versp�rte und das sie nur schwer beschreiben konnte: eine sonderbare Mischung aus Resignation und Entt�uschung und Hoffnung, Hoffnung, die gegen jede Logik war und wohl eher Trotz als irgendeiner anderen Regung entsprang.</p><p>F�r einen kurzen Moment glaubte sie den Turm fast zu sehen: einen m�chtigen, gezackten Schatten, der sich in noch tieferem Schwarz vor der Farbe des Nachthimmels abzeichnete und wie ein mahnender Zeigefinger in die Unendlichkeit wies. Es war hier gewesen, wo sie ihren gr��ten Sieg errungen hatte. Und ihre gr��te Niederlage. Aber Tally war kein Mensch, der eine Niederlage akzeptierte. Es hatte in ihrem Leben � in dem Leben, das sie seit f�nfzehn Jahren f�hrte, nicht in dem davor, aber das lag ohnehin so lange zur�ck, da� sie kaum mehr als verschwommene und wahrscheinlich falsche Erinnerungen daran hatte � nur zwei Dinge gegeben, vor denen sie sich gef�rchtet hatte: Die Drachen, und den Tod, und vielleicht waren sie beide ohnehin ein und dasselbe. Die Drachen waren nicht hier, und manche � die meisten � behaupteten, da� es sie gar nicht g�be, und den Tod... nun, die Frist, die ihr noch blieb, bis sie sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen mu�te, war noch lang, vorausgesetzt, da� ihr nichts Unerwartetes zustie� � wie ein vergifteter Pfeil zum Beispiel oder eine Schwertspitze. Aber dar�ber w�rde sie sich Gedanken machen, wenn die Zeit daf�r gekommen war.</p><p>Der Wind drehte sich f�r einen Augenblick und trug das dumpfe Grollen der Horntiere und ihren scharfen Raubtiergestank mit sich. Tally drehte nachdenklich den Kopf und sah zu den beiden Unget�men zur�ck. Sie standen, blind und ver�ngstigt, eng zusammengedr�ngt am jenseitigen Ende des D�nentales, aber sie wirkten selbst jetzt, nur als massige schwarze Schatten in der Nacht erkennbar, noch immer gewaltig und furchteinfl��end.</p><p>Der Anblick brachte Tally f�r kurze Zeit in die Wirklichkeit zur�ck. Sie wurde sich wieder v�llig der Tatsache bewu�t, wo sie war: an einem der unwirtlichsten und auch wohl t�dlichsten Flecken der Welt, einem Ort, der im Grunde aus nichts anderem als Leere bestand und gerade deshalb so gef�hrlich war. Abgesehen von einer kleinen Armee gab es nicht viel, was sie f�rchten mu�te, solange sie sich in Begleitung der beiden Waga und ihrer felsenfressenden Reittiere befand. Aber Durst und Hitze und Desorientierung waren etwas, wogegen reine K�rperkraft herzlich wenig nutzte. F�r einen ganz kurzen Moment wurde sie sich ihrer Lage wirklich bewu�t, und f�r diesen Moment hatte sie Angst. Aber nicht f�r lange. Jetzt, als sie ihrem K�rper gestattete zu ruhen, griff die M�digkeit auch nach ihrem Geist, aber es war eine angenehme, sehr wohltuende M�digkeit, und sie wehrte sich nicht dagegen.</p><p>Wieder sah sie nach Norden, und wieder entstand vor ihrem inneren Auge das Bild des Turmes, wenn es auch von der Erinnerung verf�lscht war, und Furcht und Ha� ihn f�r sie gr��er und finsterer erscheinen lie�en, als er war. Was sie allerdings durchaus realistisch sah � soweit man im Zusammenhang mit einem Gebilde wie dem Turm das Wort <emphasis>real</emphasis> �berhaupt benutzen konnte, waren ihre Aussichten, mit dem Leben davonzukommen. Im Jahr zuvor war sie um ein Haar get�tet worden, als sie versucht hatte, sich ihm zu n�hern. Und wenn es eines gab, was sie �ber diese verfluchte Ruine im Herzen der Gehran wu�te, dann, da� jeder Schritt auf sie zu doppelt so gef�hrlich wie der vorhergehende war.</p><p>Nein � sie konnte sich kein weiteres Versagen mehr leisten. Diesmal mu�te es gelingen, wenn nicht alles, was sie in den letzten zehn Jahren erreicht hatte, umsonst gewesen sein sollte. Es war ihre gr��te Niederlage gewesen, aber sie sp�rte, da� es in ihrer Macht lag, sie in ihren gr��ten Sieg umzuwandeln. Der Schl�ssel dazu lag vor ihr, zum Greifen nahe. Sie hatte es bisher nur einfach nicht geschafft, ihn aufzuheben.</p><p>Diesmal <emphasis>mu�te</emphasis> es gelingen. Sie sp�rte, da� ihr das Schicksal keine weitere Chance zugestehen w�rde. Lange Zeit sa� sie reglos auf dem H�gelkamm und starrte nach Norden, ehe sie endlich aufstand und zu Hrhon und Essk zur�ckging. Die beiden Wagas hatten ihr Zelt aufgebaut und ringsum einen flachen Sandwall aufgeschichtet, der Staubspinnen und Krell-Echsen zur�ckhalten w�rde, die dem Lager auf einem ihrer n�chtlichen Raubz�ge zu nahe kommen mochten. Daneben flackerte ein Feuer, �ber dem sich ein Bratspie� drehte. Der Duft des gebratenen Fleisches lie� Tally das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sie war hungrig, und sie sp�rte erst jetzt, <emphasis>wie</emphasis> hungrig. Tags�ber machte es die Hitze beinahe unm�glich, zu essen, aber jetzt machte ihr K�rper seine Bed�rfnisse sehr nachhaltig geltend. Sie setzte sich neben das Feuer, trank einen Schluck lauwarmes Wasser aus der Flasche, die ihr Essk reichte, und zog ihr Messer aus dem G�rtel. Es war die einzige Waffe, die sie trug, und auch sie diente mehr der Zierde, und wenn �berhaupt, dann nur dazu, <emphasis>gebratenes</emphasis> Fleisch zu schneiden, kein lebendes. Gegen eine Gefahr, der Hrhon und Essk nicht gewachsen waren, w�rden ihr auch Waffen nichts mehr nutzen.</p><p>Sie a�, trank noch mehr von dem schlecht schmeckenden Wasser, das noch aus der versandeten Quelle stammte, an der sie vor zwei Tagen vorbeigekommen waren, und befestigte die geleerte Wasserflasche sorgf�ltig wieder an ihrem Sattelzeug. Ihre Wasservorr�te waren so gut wie ersch�pft, aber beim Turm gab es eine Quelle, und das Wenige, was sie noch hatten, w�rde f�r den Rest des Weges reichen.</p><p>Eine Zeitlang blieb sie noch am Feuer sitzen und starrte in die lodernden Flammen. Dann kroch sie in ihr Zelt und streckte sich auf dem Lager aus Fellen und Decken aus, das die Waga f�r sie vorbereitet hatten. Aber sie lag noch lange mit offenen Augen in der Dunkelheit, ehe sie endlich Schlaf fand...</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Sie hatte einen Alptraum, ohne sich hinterher daran zu erinnern, <emphasis>was</emphasis> sie eigentlich getr�umt hatte; aber er war sehr realistisch gewesen, und selbst, als sie erwachte, glaubte sie sich f�r einen Moment noch in graue Spinnweben aus Furcht eingewoben und sah dunkle h��liche Dinge, die auf zu vielen Beinen auf sie zukrochen, mit kleinen, ruckhaften Bewegungen. Dann verschwand die Illusion, und zur�ck blieb ein �berraschend schwacher Hauch von Furcht, der aus den tiefsten Abgr�nden ihrer Seele emporwehte. Sie war in Schwei� gebadet. Ihr Herz schlug so rasch, da� es schmerzte, und sie zitterte am ganzen Leib.</p><p>Drau�en wurden stampfende Schritte laut. Die Plane vor dem Eingang wurde mit einem Ruck zuerst zur�ck und dann auseinander gerissen, und Essks ausdrucksloses Schildkr�tengesicht erschien zwischen den Zeltplanen.</p><p>�Isss habe Eusss sssreien geh�rt, Herrin�, sagte sie zischelnd. �Wasss issst gesssehen?�</p><p>Tally starrte die Waga eine halbe Sekunde lang verwirrt an. Dann sch�ttelte sie hastig den Kopf. �Es ist nichts�, sagte sie unwirsch. �Ein... b�ser Traum, mehr nicht. Du kannst wieder gehen.�</p><p>Die Waga schwieg, aber ihr Blick wanderte weiter mi�trauisch �ber den Zeltboden. Ihre gewaltigen Pranken waren halb ge�ffnet, als suche sie etwas, was sie packen und zerquetschen konnte.</p><p>�Es ist gut�, sagte Tally noch einmal, und etwas sch�rfer. �Geh!�</p><p>Essk zog sich hastig zur�ck, und Tally atmete erleichtert auf. Es hatte ihre gesamte Willenskraft beansprucht, nicht zu zittern und sich nichts von ihrem Schrecken anmerken zu lassen. Sie konnte es sich nicht leisten, Schw�che zu zeigen. Nicht vor den Wagas.</p><p>Aber der Traum war schlimm gewesen diesmal; schlimmer als sonst. Und vor allem <emphasis>eher.</emphasis> Wie immer beim ersten oder zweiten Mal hatte sie noch gewu�t, da� sie tr�umte, anders als sp�ter, wenn sie dem Turm n�her waren und sich die Erinnerungen mit der Wirklichkeit vermengten. Und trotzdem: es <emphasis>war</emphasis> schlimmer. Wie in einer bizarren Umkehr des zu Erwartenden wurden ihre Erinnerungen klarer, je mehr Zeit verging. Etwas grub und w�hlte in ihr, und es legte die Erinnerung an l�ngst Vergessenes rascher frei, als die Zeit sie verwischen konnte.</p><p>Sie ballte die F�uste, spannte jeden einzelnen Muskel in ihrem K�rper bis zum Zerrei�en an und atmete ein paarmal gezwungen tief ein und aus, dann schlo� sie die Augen und lauschte gebannt in sich hinein. Aber da war nichts. Nichts als die jetzt rasch verblassende Erinnerung an den Traum und ein grauer Schatten von Furcht, der sich wie ein schleichendes Gift in ihrer Seele eingenistet hatte und nur ganz allm�hlich wieder wich.</p><p>Die Sonne stand eine Handbreit �ber dem Horizont, als sie wenig sp�ter aus dem Zelt trat. Trotz der fr�hen Stunde war es bereits stickig und warm, und der Wind �bersch�ttete das Lager mit einem best�ndigen Hagel winziger rotbrauner bei�ender Sandk�rner.</p><p>Tally lief mit gesenktem Kopf zu ihrem Pferd hin�ber, kramte die Sandmaske aus ihrem Gep�ck und streifte sie hastig �ber. Das Atmen fiel ihr unter dem feinmaschigen, aber dicken Gewebe noch schwerer, aber der Himmel hatte im Westen eine tr�bgelbe, kr�nkliche F�rbung angenommen, und der Wind trug mit dem Sand noch einen anderen Geruch heran. Er lie� sich nicht beschreiben, denn er entsprach nichts, was es anderswo auf der Welt gab: eine Mischung aus verbrannter Erde und hei�er Luft, und doch nichts von alledem. Aber niemand, der ihn einmal wahrgenommen hatte, verga� ihn wieder. Es w�rde einen Sandsturm geben. Sehr bald sogar. Tally blinzelte einen Moment zum Himmel und rannte dann auf den D�nenkamm hinauf, den sie schon am vergangenen Abend als Aussichtsposten benutzt hatte. Der Turm war jetzt, im klaren hellen Licht des Morgens, sehr deutlich zu erkennen � ein schwarzer, ausgezackter Riesenfinger, der wie der Zeiger einer zernagten Sonnenuhr weit in den Himmel ragte, keine drei Meilen mehr entfernt. An seinem Fu� schien die Luft zu kochen, so da� sein unteres Drittel auch jetzt nicht klar zu erkennen war und sich st�ndig zu bewegen schien, als w�re er hinter einem unsichtbaren Wasserfall verborgen. Aber es war kein Wasser. Und es war auch nicht die Hitze, die die Luft dort flimmern lie�.</p><p>Tally dr�ngte den Gedanken mit Macht beiseite und sah wieder nach Westen. Sie war sich nicht sicher, aber es kam ihr vor, als w�re die gelbliche F�rbung des Himmels bereits st�rker geworden. Der Sandsturm kam rascher heran, als sie gedacht hatte.</p><p>Sie fuhr herum, rannte mit weit ausholenden Schritten den H�gel hinab und winkte die beiden Wagas zu sich heran.</p><p>�Ein Sandsturm zieht auf�, sagte sie mit einer erkl�renden Geste zum Himmel. �Wir lassen alles stehen und liegen und reiten sofort weiter.�</p><p>Hrhon und Essk nickten wortlos und eilten zu ihren Reittieren, so rasch es ihre kurzen Beine zulie�en. Die Hornbestien waren unruhig. Ihre m�chtigen Schw�nze peitschten nerv�s durch den Sand, die riesigen stachelbewehrten Sch�del waren witternd erhoben. Die beiden Ungeheuer sp�rten das Nahen des Sandsturms. Und sie schienen zu sp�ren, da� dieser Sturm etwas war, das selbst f�r sie gef�hrlich werden konnte.</p><p>Tally hatte noch keinen Sandsturm in der Gehran direkt erlebt. Niemand hatte das, jedenfalls niemand, der hinterher noch in der Lage gewesen w�re, dar�ber zu berichten. Aber sie hatte von den Gewalten dieser St�rme geh�rt, und sie hatte � auf einer Reise, die vier oder f�nf Jahre zur�cklag, die Reste eines Tieres gefunden, das sie nicht kannte � und auf das kennenzulernen sie auch keinen besonderen Wert legte, denn das Skelett war ungef�hr doppelt so gro� gewesen wie das einer Hornbestie � eines Tieres jedenfalls, das offensichtlich von einem solchen Sturm �berrascht worden war.</p><p>Selbst jetzt sp�rte sie noch etwas von dem damaligen Schrecken, wenn sie an den Anblick zur�ckdachte. Das Tier mu�te versucht haben, sich einzugraben, aber es hatte es nicht mehr ganz geschafft: die Teile seines K�rpers, die dem Sturm preisgegeben gewesen waren, waren sauber bis auf die Knochen abgeschliffen worden; Fleisch, Muskeln und Panzerplatten so sauber weggeschmirgelt und poliert wie die Knochen einer Eidechse, die einer halbverhungerten Ameisenarmee �ber den Weg gelaufen war.</p><p>Sie lief zu ihrem Pferd, sprang in den Sattel und blickte wieder nach Westen. Diesmal war sie sicher, da� sich die ungesunde gelbliche F�rbung des Himmels vertieft hatte. Und die Luft roch jetzt eindeutig brandig.</p><p>�Beeilt euch!� rief sie ungeduldig. Sie zwang ihr Pferd herum, ritt die wenigen Schritte zu den beiden Hornbestien hin�ber und sah nerv�s zu, wie Essk und Hrhon ungeschickt in die S�ttel kletterten und sich festzuschnallen begannen.</p><p>Tally wartete nicht, bis die beiden Wagas mit ihren Vorbereitungen zu Ende waren. Sie sah noch einmal nach Westen, beugte sich tief �ber den Hals ihres Pferdes und gab ihm die Sporen.</p><p>Das Tier schrie erschrocken auf und sprengte los, als die gezahnten Bronzer�der in seine Flanken bissen. Hinter ihr stie� Hrhons Hornbestie einen schrillen, trompetenden Angstschrei aus, der die W�ste zum Erzittern zu bringen schien. Tally sah nicht einmal zur�ck. Die beiden Wagas wu�ten, wo ihr Ziel lag, und sie kannten den Weg beinahe ebensogut wie Tally. Und die Hornbestien vermochten, wenn sie sich nur einmal in Bewegung gesetzt hatten, weitaus schneller zu laufen als ein Pferd. Der Wind nahm zu, und der Sand schlug jetzt mit schmerzhafter Wucht auf ihren K�rper ein; ein Bombardement von Tausenden und Abertausenden winziger hei�er Nadeln. Von weit her � aber n�her kommend � war ein dumpfes, vibrierendes Grollen zu h�ren, und der Himmel begann sich jetzt auch direkt �ber ihr mit erstem fahlem Gelb zu �berziehen. Das Pferd griff pl�tzlich von selbst schneller aus, und die braunen Sandd�nen der W�ste flogen nur so an ihnen vor�ber.</p><p>Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Es wurde hei�, unertr�glich hei�. Der Boden, �ber den das Pferd jagte, schien zu brennen. Der Sturm h�mmerte mit unsichtbaren F�usten auf sie ein. Ihre Haut war l�ngst wundgescheuert und blutig, wo sie nicht von Kleidern oder der Sandmaske gesch�tzt war, und ohne die Maske w�re sie l�ngst blind gewesen. Ihr Pferd schrie vor Schmerz und Angst und versuchte noch schneller zu laufen. Tally duckte sich noch tiefer �ber seinen Hals und blickte sich um. Der Himmel loderte in grellem Schwefelgelb, und irgendwo hinter ihnen, entsetzlich <emphasis>wenig</emphasis> weit entfernt, erhob sich eine schwarze Mauer, in der es immer wieder wetterleuchtete und blitzte. Die beiden Horntiere zeichneten sich nur noch als finstere Schatten davor ab; gigantische Monster, die um ihr Leben liefen und dabei vor Angst schrien.</p><p>Tally sah das Ungl�ck kommen, aber sie war unf�hig, etwas zu tun.</p><p>Eines der Tiere warf in panischer Angst den Kopf zur�ck und schrie. Sein Br�llen war selbst unter dem Toben des Sturmes noch deutlich zu vernehmen. Seine drei Beinpaare gerieten aus dem Takt, und der ungeheure Schwung, mit dem der zehn Tonnen schwere Kolo� vorw�rtspreschte, tat ein �briges. Das Tier verlor das Gleichgewicht, knickte mit den vorderen Beinpaaren ein und grub den gewaltigen Sch�del in den Sand. Hrhon wurde durch die ungeheure Wucht des Aufpralles nach vorne geschleudert; seine Leibriemen rissen. Er br�llte vor Angst, flog in hohem Bogen �ber den Sch�del der Hornbestie hinweg und landete fast zehn Meter weiter im Sand. Das Horntier stie� einen hohen, gequ�lten Schrei aus, als sein Genick unter dem Gewicht des nachschiebenden K�rpers brach. Es �berschlug sich, b�umte sich � l�ngst tot und nur noch ein B�ndel aus Muskeln und Nerven, das sinnlos gewordenen Reflexen gehorchte � noch einmal auf und sank dann zu Boden. Und in diesem Moment tat Tally etwas, was sie wohl selbst am meisten �berraschte: sie ri� ihr Pferd herum, dr�ngte das Tier gegen das Kreischen und Toben des Sturmes zur�ck und jagte auf Hrhon zu.</p><p>Der Waga stemmte sich schwerf�llig hoch, als sie neben ihm anlangte. Der Sturz konnte ihn kaum ernsthaft verletzt haben, aber er wirkte benommen. Trotz seiner gewaltigen K�rperkraft konnte er sich kaum gegen den Sturm halten. Er wankte und griff blind mit den H�nden ins Leere, um irgendwo Halt zu finden.</p><p>Tally sah sich gehetzt um. Die zweite Hornbestie st�rmte keine drei�ig Meter hinter ihr heran, eine lebende Lawine, wahnsinnig vor Angst, die alles niederwalzen w�rde, was sich ihr in den Weg stellte. Essk schlug verzweifelt mit den F�usten auf die empfindliche Stelle zwischen den H�rnern ein und br�llte aus Leibeskr�ften. Genausogut h�tte sie versuchen k�nnen, den Sturm mit blo�en H�nden aufzuhalten.</p><p>Aber Tally hatte keine Wahl, und sie dachte auch jetzt nicht bewu�t, sondern gehorchte blindlings den Reflexen, die an die Stelle ihres so gewohnten logischen Denkens getreten waren. Sie sprang aus dem Sattel, gab Hrhon einen Sto�, der ihn zur Seite und gegen das Pferd taumeln lie�, und dr�ckte ihm die Z�gel in die Hand. </p><p>�Reite!� schrie sie. �Reite um dein Leben!� Dann fuhr sie herum, schickte ein Sto�gebet zu s�mtlichen G�ttern, von denen sie je geh�rt hatte...</p><p>... und rannte geradewegs auf die heranrasende Hornbestie zu. Essk schrie gellend auf, als er erkannte, was Tally vorhatte. Noch einmal versuchte sie ihr Reittier herumzurei�en, aber das Unget�m reagierte auch jetzt nicht auf ihre verzweifelten Schreie und Hiebe. Das Horntier wuchs gro� und gigantisch �ber Tally hoch, f�llte pl�tzlich einen ganzen Abschnitt des Himmels aus und wurde immer noch gr��er. Seine gigantischen Beine h�mmerten mit unglaublicher Wucht auf den W�stenboden und lie�en Sand und Steine wie kleine t�dliche Geschosse davonspritzen. Und es war schnell. Unglaublich <emphasis>schnell.</emphasis></p><p>Tally wich im allerletzten Moment zur Seite aus, brachte sich mit einem verzweifelten Satz au�er Reichweite der wirbelnden Hufe, kam mit einer Rolle wieder auf die F��e und warf sich abermals herum. Ein St�ck des Himmels, eine Tonne schwer, dicker als ihr K�rper und mit armlangen Stacheln besetzt, zischte wie eine Sense dicht �ber ihr durch die Luft. Tallys H�nde griffen nach oben, glitten ab, packten noch einmal zu und bekamen einen Sattelriemen zu fassen.</p><p>Mit aller Kraft packte sie zu. Ein gr��licher Ruck schien ihr die Arme aus den Gelenken zu rei�en, dann folgte ein vibrierender Schmerz, der bis in ihren R�cken jagte und dort explodierte, L�hmung und furchtbare Taubheit hinterlassend. Sie schrie, als sie sp�rte, wie ihre Kr�fte erlahmten, aber der Sturm ri� ihr die Laute von den Lippen und trug sie davon.</p><p>Keuchend, halb besinnungslos vor Schmerz und Angst, klammerte sie sich fest und k�mpfte mit aller Macht darum, nicht das Bewu�tsein zu verlieren. Die Hornbestie preschte unbeeindruckt weiter, w�hrend Tally versuchte, sich an ihrer Flanke hochzuziehen und mit entsetzlicher Klarheit begriff, da� ihre Kr�fte dazu nicht mehr reichten.</p><p>Hilflos wurde sie mitgeschleift. Ihre Beine waren blutig, die Stiefel halb zerfetzt, und alles, was unterhalb ihrer Knie war, bestand nur noch aus Schmerz. Wie durch einen dichten, blutgetr�nkten Nebel sah sie, wie sich Hrhon schwerf�llig in den Sattel des Pferdes zog. Das Tier b�umte sich unter seinem Gewicht auf, aber der Sturm und die panische Angst trieben es weiter. Und dann war es vorbei.</p><p>Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, war der Sturm fort. Der Himmel flammte noch immer in grellem Schwefelgelb, und wo die W�ste sein sollte, erhob sich noch immer eine schwarze, brodelnde Wand, aber das unertr�gliche Heulen war verstummt, und die unsichtbaren H�mmer h�rten auf, auf ihren K�rper einzuschlagen. Die Hornbestie, wie ein gewaltiges lebendes Gescho� von ihrem eigenen Schwung vorw�rts getragen, rannte noch hundert, zweihundert Schritt weiter und kam dann bebend und stampfend zum Stehen.</p><p>Tallys Kr�fte versagten endg�ltig. Sie wollte ihren Halt loslassen, aber sie konnte es nicht, und als sie aufblickte, sah sie, da� Essk einen Teil ihrer Leibriemen zerrissen hatte und in fast grotesker Haltung schr�g im Sattel hing, sich nur noch mit einer Hand haltend und mit der anderen ihre beiden H�nde umklammernd, so fest, da� Blut zwischen ihren hornigen Fingern hervorquoll.</p><p>F�r einen Moment verlor sie das Bewu�tsein, denn das n�chste, was sie sp�rte, war der Griff kalter, unmenschlich starker H�nde, die sich fast behutsam unter ihren K�rper schoben, sie wie ein Spielzeug in die H�he hoben und ein St�ckweit von der unruhig stampfenden Hornbestie forttrugen. Behutsam wurde sie in den Sand gelegt. Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte es nicht: ihre Kehle war voller Sand. Sie hustete, drehte sich auf die Seite, als sie glaubte, sich erbrechen zu m�ssen, w�rgte aber nur ein paarmal trocken und kr�mmte sich im Sand. Ihr ganzer K�rper war ein einziger, zuckender Schmerz. Ihre H�nde waren von den beinharten Sattelriemen zerschnitten und von Essks kaum weniger harten Pranken gequetscht, die Haut an ihren Unterarmen war aufgerissen und blutig, wo sie an den Panzerplatten der Hornbestie entlanggescheuert war. Blut lief an ihren Armen herab und vermischte sich mit dem Schwei� und Schmutz auf ihrer Haut. Ihre Muskeln waren verkrampft und so hart, da� sie abermals vor Schmerz aufschrie, als sie versuchte, sich noch einmal zu bewegen.</p><p>�Ssstill. Isss hhhelfe Eusss�, zischelte eine Stimme an ihrem Ohr. Sie sah auf, blinzelte durch einen Schleier rosagef�rbter Tr�nen und erkannte Hrhons flaches, dunkelgr�n geschupptes Gesicht, das ausdruckslos auf sie herabblickte.</p><p>Tally raffte all ihre Kraft zusammen, versuchte sich in die H�he zu stemmen und kam tats�chlich in eine halbwegs sitzende Position � freilich nur, um gleich darauf in Hrhons Arme zu sinken, der sie auffing, als sie zur Seite kippte. �Du verdammter... Idiot�, fl�sterte sie m�hsam. �Wegen deiner Dummheit w�re ich fast gestorben. Geh mir... aus den Augen. Verschwinde, du... hirnloses Flachgesicht.�</p><p>Nat�rlich verschwand Hrhon nicht. Aber er l�ste behutsam die H�nde von ihren Schultern, lie� sie zur�cksinken und schaufelte nach kurzem �berlegen ein paar Handvoll Sand unter ihren Kopf, damit sie bequemer lag. Ein gigantischer Schatten wuchs �ber ihr auf, dann h�rte sie, wie Essk dem Horntier einen scharfen Befehl zuschrie und die wenigen Riemen, die sie noch hielten, schlichtweg entzweiri�, um von seinem R�cken zu springen.</p><p>Hrhon hielt seine Gef�hrtin mit einem schrillen Zuruf zur�ck, deutete nach Westen und gestikulierte mit beiden H�nden, wobei er einen Schwall heller, zischelnder T�ne h�ren lie�, die er f�r eine Sprache halten mochte. Essk antwortete im gleichen Dialekt, und pl�tzlich wurde Hrhons Stimme scharf und laut und befehlend.</p><p>Tally hatte M�he, nicht schon wieder das Bewu�tsein zu verlieren. Im gleichen Ma�e, in dem die Schmerzen in ihren H�nden und Armen abklangen, begannen ihre Beine zu schmerzen; zuerst nur die F��e, dann, einer rasch weiter vorr�ckenden flammenden Linie folgend, die Waden und bis hinauf �ber die Knie. �Was... ist mit dem Sturm?� fragte sie m�hsam. �Ist er vorbei?�  Hrhon versuchte ein menschliches Kopfsch�tteln nachzuahmen; etwas, was ihm nur teilweise gelang, weil er keinen Hals hatte, den er h�tte drehen k�nnen. </p><p>�Nhein�, zischelte er. �Er khommt sssur�ck. Esss issst nhur eine Phausssse. Whir sssind in Ghefahrrr.� </p><p>�Dann m�ssen wir... weiter�, st�hnte Tally mit zusammengebissenen Z�hnen. �Der... Turm, Hrhon. Schnell. Hilf mir auf... auf das Horntier!�</p><p>Aber wieder sch�ttelte der Waga nur Kopf und Schultern. �Kheine Ssseit mehrrr�, sagte er. �Esss issst nuhrrr eine Athempaussse. Der Sssturm wird kommen.</p><p>Sssehrrr ssslimm.�</p><p>Er wiederholte dieses absurde Kopf- und Schultersch�tteln, stand auf und fauchte einen Befehl, der Essk galt. Seine Gef�hrtin widersprach, aber Hrhon deutete w�tend nach Westen und wiederholte seinen Befehl, und diesmal widersprach die Waga nicht mehr. Mit einem schrillen Schrei zwang sie das Horntier, auf der Stelle kehrt zu machen, und ritt zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren.</p><p>Tally st�hnte vor Schmerz, als Hrhon sie vorsichtig aufhob und hinter dem stachelbewehrten Giganten herzustapfen begann. �Was hast du vor, du Narr?� keuchte sie. �Du l�ufst ja geradewegs auf den Sturm zu! Willst du uns umbringen?�</p><p>Hrhon antwortete nicht, sondern verdoppelte seine Anstrengungen nur noch, und er entwickelte dabei auf seinen kurzen Beinen sogar ein erstaunliches Tempo. Tally drehte m�hsam den Kopf und versuchte Essk und ihr Reittier in der brodelnden Schw�rze vor ihnen auszumachen, aber ihre Lider schienen mit einem Male mit Blei gef�llt und fielen immer wieder zu, und irgend etwas stimmte nicht mit ihrem Sehverm�gen: sie sah nur noch schemenhaft, daf�r hatten alle Dinge einen schwach leuchtenden Schatten, der ihre Konturen nachzeichnete. Aber sie erkannte zumindest, da� die Waga die Hornbestie geradewegs auf Hrhons Reittier zutrieb, das mit gebrochenem Genick dalag. Das Tier scheute, als sp�re es die Gefahr, auf die es zulief, aber Essk hatte es jetzt wieder v�llig unter Kontrolle. Schon nach Augenblicken erreichten sie den Kadaver des stacheligen Giganten und hielten an. Essk begann schrille pfeifende T�ne auszusto�en, und die Hornbestie lief ein paar Schritte r�ckw�rts, dann wieder vor, zur Seite, wieder zur�ck und wieder fort. Tally begriff nicht, was Essk dort tat. Es sah aus, als f�hrten Waga und Horntier einen bizarren, aberwitzigen Tanz auf.</p><p>Und dann hob Essk den Arm, sehr hoch und mit einer Bewegung, in der die ganze ungeheuerliche Kraft ihrer vierhundert Pfund lag. Metall blitzte in ihrer Faust. Die Waga stie� der Hornbestie den Dolch genau in die empfindliche Stelle zwischen ihren Augenh�rnern, der einzigen Stelle �berhaupt, an der ein Horntier verwundbar war. Das Ungeheuer br�llte, schleuderte Essk mit einem gewaltigen Zucken von seinem R�cken und in den Sand � und sank tot zu Boden. Sein droschkengro�er Sch�del krachte mit einem eigent�mlich hohl klingenden Laut auf den Schwanz von Hrhons Tier.</p><p>Und endlich begriff Tally, was der sonderbare Tanz bedeutete, zu dem Essk ihr Tier gezwungen hatte: die beiden toten Ungeheuer lagen nicht einfach nur tot nebeneinander, sondern genau so, da� sie mit ihren K�rpern einen gewaltigen Halbkreis bildeten, dessen geschlossene Seite der schwarzen Wand zugewandt war, die die Welt verschlungen hatte.</p><p>Als sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, heulte der Sturm wieder los. Und Hrhon begann zu rennen. </p></section><section><title><p>3</p></title><p>Irgendwann in der Nacht erwachte Tally f�r einen Augenblick. Sie hatte getr�umt, etwas Entsetzliches, unbeschreiblich Grauenhaftes, aber sie erinnerte sich nicht, was. Trotzdem sah sie f�r einen Moment graue Spinnf�den und dunkle, widerliche K�rper auf zu vielen Beinen, die �ber ihre Haut huschten. Sie hatte Angst. Der Sturm heulte noch immer mit ungebrochener Wucht und lie� die W�ste erzittern, und selbst durch die geschlossenen Lider hindurch sah sie die blauwei�en d�nnen Blitze, die seinen schwarzen Riesenleib durchzuckten, und den d�nnen sichelf�rmigen Kranz aus rotgl�hendem Horn, der sie und die beiden Wagas sch�tzte.</p><p>Sie hatte entsetzlichen Durst, aber ihr fehlte selbst die Kraft, sich mit der Zunge �ber die Lippen zu fahren, und sie wachte auch nicht <emphasis>wirklich</emphasis> auf. Es war, als gestatte ihr der Traum � der kein wirklicher Traum, sondern ein unbegreiflicher Teil der d�steren Magie des Turmes war � nur eine kleine Erholungspause. Vielleicht ben�tigte er auch einfach diese Zeit, ihre Erinnerungen zu sondieren und das Wichtigste herauszufiltern, denn wie immer erinnerte sie sich l�ngst nicht an <emphasis>alles,</emphasis> was in jener Nacht vor f�nfzehn Jahren geschehen war.</p><p>Die Kraft, die sie immer wieder zwang, jenen entsetzlichen Tag aufs Neue zu erleben, sorgte daf�r, da� der Schrecken geballt kam. In dem Kaleidoskop des Terrars, in das sie der Sandsturm geschleudert hatte, waren nur die schlimmsten Facetten vorhanden. Der unsichtbare Folterknecht in ihrem Geist w�rde nicht gestatten, da� sie sich durch die Erinnerung an endlose Stunden der Ruhe erholte; denn das Schicksal hatte an jenem Tag noch weit mehr f�r sie bereit gehalten � unter anderem die Erkenntnis, da� es eine Grenze f�r Dinge wie Entsetzen und Furcht nicht gab, sondern eine Steigerung immer m�glich war.</p><p>Dann schlief sie wieder ein. Und sie tr�umte weiter; Tr�ume von grauen Spinnf�den und gewaltigen ledernen Schwingen, die die Nacht peitschten, von einem Sturm, der sich zu einer entsetzlichen Grimasse formte und sie verh�hnte, von Hraban, dessen Augen pl�tzlich gro� und rund wurden und aus dessen Mund Blut kam.</p><p>Dann erwachte sie wirklich, und diesmal war es ein sehr langsamer, unendlich qualvoller Vorgang, nicht nur von peinigenden Visionen, sondern auch von durchaus realen k�rperlichen Schmerzen begleitet.</p><p>Zur�ck in der Gegenwart, war sie sich trotzdem im ersten Moment nicht sicher, ob sie nun wirklich erwacht war, oder ob sie nur eine besonders perfide Fortsetzung des Alptraumes erlebte. Ihr ganzer K�rper war ein einziger, brennender Schmerz, und sie hatte ganz entsetzlichen Durst. D�stere Farben bewegten sich vor ihren Augen. Jemand hatte einen Dolch in ihre Beine getrieben und drehte ihn ganz langsam und mit gro�em Genu� herum.</p><p>Dann ber�hrte eine Hand ihre Schulter, eine Hand, die so hart und kalt war wie Stahl, und in den wogenden Schleiern vor ihren Augen tauchte das Gesicht der h��lichsten Schildkr�te auf, die jemals geboren war. �brigens auch der gr��ten. Sie erkannte Essk.</p><p>�Durst�, murmelte sie. Schon diese kleine Bewegung reichte, ihre Lippen aufplatzen zu lassen. Warmes Blut lief an ihrem Kinn herab. Sie hob die Hand, um es fortzuwischen, aber die Waga dr�ckte ihren Arm mit sanfter Gewalt herunter, gab einen unidentifizierbaren Zischlaut von sich und hob Tallys Kopf und Oberk�rper an. Eine Schale wurde an ihre Lippen gesetzt, und sie schmeckte k�stliches, eiskaltes Wasser.</p><p>Sie trank so gierig, da� ihr �bel wurde. Danach g�nnte sie sich den Luxus, f�r endlose Augenblicke einfach mit geschlossenen Augen in Essks Arm zu liegen und beinahe gierig auf jede Regung ihres K�rpers zu lauschen. Ihr Magen und jedes einzelne Organ in seiner N�he revoltierte, und ihre Beine brannten noch immer wie Feuer, aber nach <emphasis>(Minuten? Stunden? Tagen?)</emphasis> einer Ewigkeit, in der sie keinen K�rper gehabt hatte, sondern hilflose Gefangene ihrer eigenen, qu�lenden Erinnerungen gewesen war, geno� sie dies alles beinahe.</p><p>Das Schlimme an den Tr�umen war, da� sie ganz genau wu�te, da� sie tr�umte; in jeder einzelnen Sekunde. Und da� sie auch wu�te, was kommen w�rde. Und hilflos dagegen war. Hraban hatte es ihr einmal erkl�rt, vor sehr langer Zeit: Nach dem Wahnsinn und den t�tenden Schatten und den Werwesen war dies die st�rkste Waffe des Turmes. <emphasis>Er t�tet dich mit deinen eigenen Erinnerungen.</emphasis> So mancher, der alle Fallen und Hindernisse �berwunden hatte, war als sabbernder Idiot zur�ckgekehrt, zerbrochen an den Schrecken, die ihm sein eigenes Unterbewu�tsein beschert hatte. Die W�ste war voll mit ihren Skeletten.</p><p>Ihre Hand glitt wie von selbst zwischen ihre Br�ste und tastete nach dem blutfarbenen Stein. Er war nicht mehr da.</p><p>Tally fuhr mit einem erschrockenen Laut hoch und brach in Essks Armen zusammen, als ihr prompt schwindelig wurde und der Schmerz in ihren Beinen zu neuer, lodernder Glut erwachte.</p><p>�Gansss ruhig�, zischelte die Waga. �Ihr ssseid in Sssicherheit.�</p><p>Tally schlug ihre Arme beiseite und fiel unsanft auf die Seite. Aber sie ignorierte den Schmerz � wenigstens versuchte sie es � und stemmte sich sofort wieder hoch. </p><p>�Wo ist... mein Stein, du bl�des Kr�tengesicht?�  pre�te sie zwischen zusammengepre�ten Z�hnen hervor.</p><p>Essk blickte sie einen Moment lang mit dem einzigen Ausdruck an, zu dem sie f�hig war � n�mlich keinem � dann wandte sie sich um und verschwand schlurfend in der Dunkelheit, w�hrend Tally mit einem nur halb unterdr�ckten Schmerzlaut vollends zur�cksank, sich aber schon nach Sekunden abermals in eine halb sitzende, halb liegende Stellung hochstemmte und an sich hinuntersah.</p><p>Der Stein war nicht das einzige, was verschwunden war. Die Waga hatte sie vollkommen entkleidet, w�hrend sie bewu�tlos gewesen war � was allerdings nicht hie�, da� sie nackt gewesen w�re. Ihre Haut war zu mehr als zwei Dritteln von sauber gewickelten, wei�en Verb�nden bedeckt, unter denen hier und da eine gr�ngraue, �belriechende Salbe hervorquoll. Bis zu den Knien hinauf waren die Verb�nde so dick, da� es aussah, als tr�ge sie Stiefel, und sie sp�rte erst jetzt, da� sich auch um ihren Kopf etwas K�hles, sehr Festes spannte. Sie sah aus wie eine Mumie, die man vergessen hatte einzugraben, dachte sie zornig.</p><p>Und das war lange nicht alles, was sich ver�ndert hatte. Ihr Verstand schien l�nger als ihr K�rper zu brauchen, um wach zu werden, denn sie bemerkte erst jetzt, da� sie nicht auf Sand oder einer Decke, sondern auf hartem Stein lag, und da� die Dunkelheit, die sie einh�llte, gemauert war, nicht das lichtfressende Schwarz des Sturmes. Und da� es sehr ruhig war. Das unertr�gliche Heulen und Wimmern war verstummt, und um sie herum herrschte jene hallende Stille, die das Innere eines gro�en Geb�udes oder einer H�hle verriet. <emphasis>Wo, beim Schlund, war sie?</emphasis></p><p>Essk kam zur�ck, begleitet von Hrhon, dessen Arme mit Kleidern beladen waren. In seiner rechten Hand glitzerte das kleine Goldkettchen mit ihrem Stein. Tally richtete sich auf, ri� die Kette an sich und streifte sie hastig �ber. Sie bezahlte die Bewegung mit einer neuen Welle brennender Schmerzen, die ihr diesmal sogar die Tr�nen in die Augen zwang, aber allein der Gedanke, ohne den Stein auch nur in der N�he des Turmes zu sein, trieb sie vor Entsetzen fast in den Wahnsinn.</p><p>�Was f�llt euch ein, ihr Narren?� st�hnte sie. �Ich lasse euch in euren Schalen kochen, wenn ihr den Stein auch nur noch einmal anr�hrt!�</p><p>�Verssseiht, Herrin�, sagte Hrhon kleinlaut. �Aber ihr wahrrrt sssehr krank. Wir musssten euch fffflegen.� </p><p>�So?� murmelte Tally. �Mu�tet ihr das?� Sie richtete sich auf � sehr vorsichtig � verbarg f�r einen Moment das Gesicht in den H�nden und wischte sich unauff�llig die Tr�nen fort, als sie die Finger herunternahm. �Aber wer hat euch erlaubt, mir den St-�</p><p>Sie verstummte mitten im Wort, als ihr Blick auf die Kleider fiel, die Hrhon gebracht und neben ihr abgelegt hatte. Verwirrt blickte sie den Waga an, st�tzte sich mit der linken Hand auf und griff mit der anderen nach den Kleidungsst�cken: Hemd und Hose aus dunkelbraunem, sehr kunstvoll gegerbtem Leder, dazu passende Stiefel und ein etwas zu breiter, mit schimmernden Pailletten besetzter G�rtel, an dem eine gutbest�ckte Schwertscheide hing. Es waren sehr gute, kostbare Kleider, die eines K�nigs oder F�rsten w�rdig gewesen w�ren. Und es waren ganz entschieden nicht <emphasis>ihre</emphasis> Kleider. </p><p>�Woher habt ihr das?� fragte sie verwirrt. �Und wo... wo sind wir hier �berhaupt?� Pl�tzlich erschrak sie; sehr heftig, als sie zum zweiten Mal begriff, da� sie nicht mehr im Schutz der toten Hornbestien in der W�ste lag. Einen Moment lang fragte sie sich mit einer Mischung aus-Entsetzen und Zorn, ob sie lange genug bewu�tlos gewesen war, da� die beiden Waga sie aus der W�ste herausgebracht haben konnten. Nein.</p><p>�Esss sssind noch mehr Kleider da�, antwortete Hrhon. �Oben.� Er deutete mit der Hand auf die unsichtbare Decke �ber seinem Kopf.</p><p>�Oben?� Tally starrte das gr�ngeschuppte Wesen verwirrt an. Einen Moment lang fragte sie sich allen ernstes, ob sie vielleicht noch immer drau�en in der W�ste lag, schon halb tot und fiebernd, und dies alles nur tr�umte. Aber die Schmerzen in ihren Beinen und das seidenweiche Leder zwischen ihren Fingern waren einfach zu real, um Teil eines Traumes zu sein.</p><p>�Wo sind wir hier?� wiederholte sie ihre Frage. </p><p>�Wohin habt ihr mich gebracht?�</p><p>Sie wu�te die Antwort, eine halbe Sekunde, ehe Hrhon sie gab. Trotzdem trafen sie die beiden Worte rnit der Wucht eines Peitschenhiebes.</p><p>�Im Turm�, sagte der Waga. �Dher Sssturm issst ssslimmer gheworden. Viel ssslimmer. Whir musssten es rissskiehren.�</p><p>�Im Turm?� Tally wiederholte das Wort, und sie sah den schwarzen Stein hinter Hrhon, der wie Glas gl�nzte, und sie wu�te, da� der Waga die Wahrheit sprach, aber sie weigerte sich auch, es zu glauben, einfach, weil es unm�glich war, <emphasis>un-m�g-lich,</emphasis> und sagte noch einmal: �Im <emphasis>Turm?!�</emphasis></p><p>�Unsss blieb kheine Whahl�, zischelte Hrhon. Pl�tzlich klang seine Stimme eindeutig verteidigend. �Ihr whahrt krahnk. Und der Sssturm wuhrde ihmmer heftigerrr. Essk und ich haben euch ghethragen.�</p><p>�Aber das... das ist unm�glich�, murmelte Tally hilflos. �Es... es waren drei Meilen, und der Sturm...�</p><p>�Wir hatten Gl�ck�, sagte Hrhon leise.</p><p>Aber vielleicht war es doch m�glich, dachte sie schockiert. Hrhon und Essk w�rden sie nicht bel�gen, schon gar nicht auf eine so dumme Art, die der Wahrheit keine zehn Sekunden standhalten konnte. M�glicherweise... ihre Gedanken begannen sich zu �berschlagen, m�glicherweise hatte der Sturm den magischen Verteidigungsg�rtel des Turmes au�er Kraft gesetzt. M�glicherweise hatte die Angst den Wagas auch genug Kraft gegeben, das Unm�gliche zu vollbringen. Und m�glicherweise war es auch einfach so, da� sie selbst durch ihre Bewu�tlosigkeit und die Tr�ume gesch�tzt gewesen war, w�hrend die beiden Wagas einfach zu d�mlich waren, um einer Halluzination zum Opfer zu fallen...</p><p>M�glicherweise war sie auch verr�ckt geworden.</p><p>Tally zog diese M�glichkeit einen Moment lang ernsthaft- in Betracht, denn der Wahnsinn war die heimt�ckischste Waffe des Turmes. Aber dar�ber nachzudenken, f�hrte zu nichts anderem als Kopfschmerzen, und das einzige, was ihr dabei klar wurde, war, da� ihr absolut <emphasis>nicht</emphasis> klar werden w�rde, ob sie nun noch bei Verstand war oder einer besonders gemeinen Halluzination erlag.</p><p>Sie stemmte sich hoch, und diesmal waren ihr die Schmerzen und die �belkeit wirklich egal, zumal Hrhon sofort zugriff und sie st�tzte. �Bring mich nach oben�, verlangte sie. �Ich will es sehen! Sofort!�</p><p>�Dasss wh�re nicht ghut�, widersprach Hrhon sch�chtern. �Ihr ssseid sssehr ssshwach, und der Wheg issst anssstrengend.�</p><p>�Dann tr�gst du mich eben, du kurzstirniges Fischgesicht!� br�llte Tally. �Ich will es sehen! Bring mich hinauf! Auf der Stelle!� Bei den letzten Worten versagte ihre Stimme, so da� sie eher m�hsam kr�chzte als schrie, aber Hrhon wagte es trotzdem nicht, ihr noch einmal zu widersprechen, sondern hob sie gehorsam auf die Arme. Tallys Herz begann wie wild zu h�mmern, als sie den Raum durchquerten und als die ersten Stufen einer breiten, sehr steil in die H�he f�hrenden Treppe unter Hrhons Stummelbeinen auftauchten. Am oberen Ende der Treppe schimmerte blasses Tageslicht, das sich auf den W�nden und den Stufen brach wie leuchtendes Wasser, so da� sie ein wenig mehr von ihrer Umgebung erkennen konnte als bisher. Es gab allerdings nicht viel mehr zu erkennen als schwarzen Stein; gewaltige quaderf�rmige Bl�cke, ohne erkennbaren M�rtel aufeinandergesetzt, die alle ein wenig schr�g aussahen, es aber bei genauerem Hinsehen doch nicht waren.</p><p>Tally fieberte vor Ungeduld, w�hrend Hrhon sich schnaubend die f�r seine Beine entschieden zu gro�en Stufen hinaufqu�lte. W�tend feuerte sie ihn zu gr��erer Anstrengung an, aber der Waga hatte die Grenzen seiner M�glichkeiten erreicht. F�r die vielleicht hundert Stufen brauchte er ann�hernd f�nf Minuten, und er schwankte w�hrend dieser Zeit mehr als einmal so stark, da� Tally ernsthaft bef�rchtete, sie w�rden nach hinten kippen und kopf�ber die Treppe wieder hinunterschlagen. Aber schlie�lich erreichten sie das obere Ende der Treppe, und das Licht, das von unten aus betrachtet kaum mehr als blasser Sternenschimmer gewesen war, wuchs zu solcher Intensit�t heran, da� Tally blinzelte und im ersten Moment fast �berhaupt nichts mehr sah.</p><p>Hastig hob sie die Hand vor die Augen, gab Hrhon mit Gesten zu verstehen, sie auf die F��e zu stellen, und klammerte sich an seiner Schulter fest, als der Boden unter ihr zu wanken begann. Ihre Augen gew�hnten sich nur langsam an das grelle, ungemilderte Tageslicht, und die W�rme und die trockene Luft, die �ber ihr zusammenschlugen, lie�en sie abermals schwindeln, Sie befanden sich im Inneren eines sehr gro�en, ann�hernd rund geformten Raumes, der vollkommen leer und aus dem gleichen, schwarzen Stein gemauert war wie der Treppenschacht. Aber ein ganzes Drittel seiner Wand war zusammengebrochen, und durch das gewaltige Loch drang das Licht der W�ste herein, noch verst�rkt durch den zu Glas geschmolzenen Boden des Todeskreises, der es wie ein Spiegel reflektierte. Tally blinzelte, zwang ihre Augen, trotz der unertr�glichen Lichtf�lle offen zu bleiben, und humpelte, mit beiden Armen auf die Schultern Hrhons und Essks gest�tzt wie auf zwei lebende Kr�cken, auf die Bresche zu.</p><p>Der Anblick verschlug ihr den Atem.</p><p>Unter ihr, f�nfzehn, zwanzig Meter tiefer und f�nfhundert Meter entfernt, breitete sich die W�ste aus wie ein endloser gelbbrauner Ozean, dessen Wogen vor einer Million Jahre erstarrt waren, die Luft dar�ber flirrend vor Hitze und hier und da aufgew�hlt von einer Sandhose oder einer Turbulenz � beides so sch�n wie t�dlich. Davor, bis zum Fu� des Turmes reichend, erstreckte sich ein Kreis vollkommen ebener, zu Glas erstarrter Erde. Dunkle L�cher mit hellen Kernen g�hnten in diesem Riesenspiegel wie eiterige Wunden, und hier und da war es dem Wind gelungen, ein wenig Sand auf der ansonsten makellosen Ebene abzuladen, der jetzt kleinere Br�der der gigantischen Riesenwogen drau�en in der W�ste bildete. Und links von ihr, von ihrem Standpunkt hinter der eingest�rzten Mauer nur zu einem kleinen Teil zu erkennen, erhob sich der Turm, eine gewaltige abgebrochene Nadel aus nachtschwarzem Stein, so hoch, da� er die Wolken aufgeschlitzt h�tte, h�tte es welche gegeben. Nichts von alledem war Tally fremd � sie hatte es zehnmal gesehen, und sie hatte sich jede noch so winzige Einzelheit schon bei ihrem allerersten Besuch hier am Ende der Welt eingepr�gt. Aber sie hatte es noch nie aus <emphasis>dieser</emphasis> Richtung gesehen.</p><p>�Es ist also wahr�, murmelte sie. Irgend etwas in ihr weigerte sich noch immer, es zu glauben. Sie f�hlte weder Triumph noch Freude, sondern nur eine dumpfe, fast schmerzhafte Benommenheit. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens hatte sie praktisch nur f�r diesen Augenblick gelebt. Jetzt, als er da war, f�hlte sie � nichts. Sie war bet�ubt.</p><p>�Esss war dhie einsssige M�glichkeit�, lispelte Hrhon neben ihr. Er sprach noch immer im Tonfall einer Entschuldigung, aber die Worte rissen Tally � zumindest teilweise � aus ihrer Bet�ubung. M�hsam wandte sie den Kopf, lie� Hrhons Schulter los und hielt sich statt dessen an einem Stein fest.</p><p>Der Boden hatte aufgeh�rt, unter ihr zu zittern, und der hei�e W�stenwind, der durch die gewaltige Bresche hereinfauchte und sich an der gegen�berliegenden Wand brach, hechelte sie langsam in die Wirklichkeit zur�ck. Pl�tzlich wurde sie sich der Tatsache bewu�t, da� sie vielleicht der erste lebende Mensch war, der dieses Geb�ude betreten hatte.</p><p>Aber sie sahen allesamt sehr wenig wie Eroberer aus. Jetzt, im hellen Tageslicht, sah sie, da� die Schuppenhaut der beiden Waga mit zahllosen, erst halb verkrusteten kleinen Wunden �bers�t waren. Ihre Panzer gl�nzten unnat�rlich, und an den R�ndern waren die normalerweise fingerdicken Knochenschalen ausgefranst und auf die St�rke von br�chigem Pergament abgeschliffen. Und auch sie selbst bot vielleicht nicht unbedingt den Anblick eines Menschen, der einen triumphalen Sieg errungen hatte � mehr tot als lebendig, eingewickelt wie eine Mumie, daf�r aber mit nacktem Hintern.</p><p>Sie l�chelte schmerzlich, wandte sich wieder der W�ste zu und versuchte die Richtung zu finden, aus der sie gekommen waren. Sie befanden sich nicht im eigentlichen Turm, sondern in dem kleineren, fast v�llig zerst�rten Geb�ude daneben, �ber dessen Sinn sie sich seit zehn Jahren vergeblich den Kopf zerbrochen hatte, und wenn sie das Bild noch richtig im Kopf hatte, das sich ihr von der D�ne aus geboten hatte, mu�te ihr letztes Nachtlager in ziemlich gerader Linie vor ihr liegen. Aber sie sah nichts mehr, obwohl der Blick hier in der W�ste sehr viel weiter reichte als anderswo. Nicht einmal die Skelette der beiden Hornbestien waren noch zu erkennen.</p><p>�Wir musssten esss tun�, fuhr Hrohn fort. �Dherrr SSSturmm Wwar...�</p><p>�Es ist gut, Hrhon�, unterbrach ihn Tally. �Es war richtig. Schlie�lich wollte ich ja hierher, oder?� Sie wandte sich wieder zu dem Waga um und l�chelte, wurde aber sofort wieder ernst. Hrhon stand in sonderbar geduckter Haltung da, einen halben Schritt von ihr zur�ckgewichen und die Arme ein ganz kleines bi�chen angewinkelt, und auch Essk hatte sich von ihr abgewandt und betrachtete mit gro�em Interesse ein nicht vorhandenes Bild auf der schwarzen Wand vor sich.</p><p>Und pl�tzlich begriff Tally, da� die beiden Wagas Angst hatten.</p><p>Aber nat�rlich, dachte sie. Ihr Vorhaben � nein, ihr <emphasis>fanatischer Wille �</emphasis> den Todesg�rtel zu �berwinden und diesen Turm zu erreichen, war in den letzten zehn Jahren so sehr zu einem Teil ihres Denkens geworden, da� sie manchmal verga�, wie wenig Hrhon oder Essk oder irgenein anderes denkendes Wesen davon wissen konnten. F�r die beiden Wagas waren ihre Besuche beim Turm � die sie vorher vielleicht schon zwanzigmal bei Hraban und f�nfzigmal bei seinen verschiedenen Vorg�ngern miterlebt hatten � stets gleich gewesen. Sie hatten sich dem Turm und dem Todeskreis gen�hert, um danach sofort wieder den R�ckweg anzutreten. Niemand hatte jemals versucht, wirklich hierher zu kommen. Die beiden Wagas zitterten innerlich vor Angst, denn f�r sie war das, was sie getan hatten, etwas Unvorstellbares gewesen. Sie hatten das Unber�hrbare ber�hrt und ein Gesetz gebrochen, das vielleicht so alt war wie diese Welt. </p><p>�Es ist gut, Hrhon�, sagte sie noch einmal, und jetzt so sanft, wie sie nur konnte. �Ihr habt mein Leben gerettet. Und dies hier.� Sie griff nach dem Blutstein an ihrem Hals. </p><p>�Ihr wi�t, wie wichtig es f�r die Sippe ist. Ihr mu�tet es tun. Ich danke euch daf�r.�</p><p>Soweit sich Tally erinnerte, war es das erste Mal �berhaupt, da� sie sich bei den beiden Wagas f�r <emphasis>irgend etwas</emphasis>  bedankte, und vermutlich hatte, von den Kindern einmal abgesehen, noch nie jemand in einem solchen Ton mit den beiden Reptilienwesen gesprochen. Aber Hrhons Furcht schwand kein bi�chen; ganz im Gegenteil. Trotz ihrer Worte wirkte er eher noch niedergeschlagener und schuldbewu�ter als zuvor.</p><p>�Da issst...�, sagte er z�gernd, �noch etwasss.� </p><p>�So?� Tally legte den Kopf schief. �Was?�</p><p>Hrhon druckste herum, bis Tally ihn bei der Schulter ergriff und noch einmal fragte. �Was, Hrhon?�</p><p>�Ich ssseige esss Euch�, zischte Hrhon. �Kommt.�  Tally blickte in die Richtung, in der sein ausgestreckter Arm wies.</p><p>Sie sah erst jetzt, da� es unmittelbar neben der T�r des Treppenschachtes einen zweiten, etwas gr��eren Durchgang gab, hinter dem ebenfalls helles Tageslicht schimmerte. Fragend runzelte sie die Stirn, drang aber nicht weiter in den Waga, sondern st�tzte sich wieder auf seine und Essks Schultern und humpelte mit ihrer Hilfe auf den Ausgang zu. Die T�r f�hrte in einen kurzen Gang, an dessen Ende ein rechteckiger Flecken brutal hellen Tageslichtes gloste. So schnell es die unsichtbaren Messer zulie�en, die in ihren Beinen w�hlten, durchquerte sie den Korridor und blickte neugierig ins Freie. Der Gang f�hrte auf einen gewaltigen, gut zwanzig Meter messenden Balkon hinaus, der wie ein Vogelnest an die Flanke des Bauwerks angeklebt war. Ein gefr��iger Riese hatte ein gutes Drittel und den allergr��ten Teil des brusthohen Steingel�nders abgebissen, und der �briggebliebene Rest war von einem Netzwerk von Rissen und L�chern durchzogen, aber immer noch stabil genug, ihr gemeinsames Gewicht zu tragen. Vom gegen�berliegenden Ende des Balkons aus f�hrte eine k�hn geschwungene Steintreppe zur Flanke des eigentlichen Turmes hinauf. Und auf ihren untersten Stufen lag der eigentliche Grund f�r Hrhons Furcht.</p><p>Er hatte ungef�hr die Gr��e eines zw�lfj�hrigen Kindes, war schwarz wie die Nacht und mu�te ein paar gr��enwahnsinnige Kakerlaken in seiner Ahnenreihe gehabt haben. Zwei seiner vier H�nde umklammerten den Griff eines Schwertes, was darauf schlie�en lie�, da� sein Charakter ungef�hr seinem Aussehen entsprochen hatte � bevor Hrhon ihm das Genick brach.</p><p>Daneben lag eine zweite, etwas kleinere Scheu�lichkeit, die ein paar Arme weniger hatte, deren jetzt in anderthalb Metern Entfernung liegende Mandibeln daf�r aber wohl selbst einem Waga Respekt einfl��en mochte, wenn er nicht gerade Hrhon oder Essk hie� und das Leben seiner Herrin verteidigte.</p><p>�Hornk�pfe?� murmelte Tally ungl�ubig. �Hier?� Sie blickte Hrhon an, starrte dann erneut auf die beiden toten Rieseninsekten hinab und versuchte vergeblich, eine halbwegs logische Erkl�rung f�r den unglaublichen Anblick zu finden. Einen Moment lang blickte sie hilflos auf den Todeskreis und die regelm��igen schwarzen L�cher herab. Sie verwarf den Gedanken so schnell wieder, wie er gekommen war. Es gab unter den Werwesen alle m�glichen � und eine ganze Menge unm�glicher � Kreaturen, aber keine Hornk�pfe. Schon gar keine, die hier heraufkommen konnten.</p><p>�Sssie habhen unsss anghegriffen�, verteidigte sich Hrhon. �Whir mussten sssie t�ten. �</p><p>�Das ist schon in Ordnung�, sagte Tally verwirrt � sie h�tte das Gleiche gesagt, wenn Hrhon die beiden Kreaturen v�llig grundlos get�tet h�tte, denn wenn es etwas auf der Welt gab, was sie beinahe so sehr ha�te wie die Drachen, dann waren es Hornk�pfe. �Aber wo sind sie hergekommen?�</p><p>Hrhon deutete auf die Treppe. �Ausss dem Thurm�, sagte er.</p><p>Tally starrte ihn an. �Aus dem <emphasis>Turm?�</emphasis></p><p>Der Waga versuchte zu nicken. �Sssusssammen mit diessser dha�, sagte er. Und damit deutete er auf eine dritte, etwas gr��ere Gestalt, die wie die beiden Horn k�pfe auf den Stufen der Treppe zusammengesunken und ebenso tot war wie sie.</p><p>Aber es war kein Hornkopf. Sie war nicht in Chitin gekleidet, sondern in schwarzbraunes Leder. In ihrer Hand lag kein Schwert, sondern eine bizarr geformte Waffe, die fast wie eine bizarr geformte kleine Armbrust ohne Bogen aussah und wie Silber gl�nzte, Und ihr Gesicht war nicht die starre Panzerfratze eines Hornkopfes, so wenig wie ihre Augen die glitzernden Facettenb�ndel eines Rieseninsektes waren, sondern die weit ge�ffneten, starren Augen eines allerh�chstens achtzehnj�hrigen, sehr h�bschen M�dchens.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Sie hatte ihre gerade zur�ckgewonnen Kr�fte eindeutig �bersch�tzt, denn was folgte, war ein abermaliger und gr�ndlicher Zusammenbruch, und es dauerte drei volle Tage, bis sie sich so weit erholt hatte, den Weg zum Turm zu wagen.</p><p>Hrhon und Essk hatten ihr in dieser Zeit alles erz�hlt, was seit ihrem Eintreffen hier geschehen war; und nicht nur ein-, sondern mindestens ein dutzendmal. Sie hatten unglaubliches Gl�ck gehabt, den Turm trotz des tobenden Sturmes zu erreichen, und Tallys erster Gedanke, da� sie ihr Hiersein den gleichen �berkochenden Naturgewalten verdankten, die sie fast umgebracht h�tten, schien sich zu best�tigen: die beiden Wagas hatten weder von den entsetzlichen Werwesen noch von den t�tenden Illusionen irgend etwas gesehen oder gesp�rt. Der Sandsturm, der sie auf den letzten zweihundertf�nfzig Metern gepackt und wie bizarre Schlittschuhl�ufer auf einem See aus Glas direkt bis an den Fu� der Ruine geschoben hatte, hatte die t�dliche Magie des Turmes besiegt.</p><p>Seine lebenden Bewohner nicht.</p><p>Die beiden Wagas hatten das schwarze Geb�ude umkreist und eine schmale Treppe gefunden, die auf der windabgewandten Seite zu einem Eingang hinauff�hrte, und sie hatten sogar unbehelligt den gesch�tzten Keller erreicht, in dem Tally drei Tage sp�ter aufgewacht war. Aber der Sturm hatte kaum ein wenig in seinem W�ten nachgelassen, als der erste Hornkopf in ihrem Unterschlupf erschien � ein gr�nschimmernder Haufen zermalmter Chitinplatten, den Essk ihr gezeigt hatte, und dessen Aussehen beim besten Willen nicht mehr erkennen lie�, zu welcher der vielen verschiedenen Insektenrassen er einmal geh�rt hatte. Er hatte Essk warnungslos angegriffen und war genauso warnungslos von ihr get�tet worden, aber nicht, ohne ihr einen sehr tiefen, noch immer nicht ganz verheilten Schnitt im Arm beizubringen. Trotzdem hatte sein heimt�ckischer Angriff ihnen wahrscheinlich allen dreien das Leben gerettet; denn als seine beiden mordlustigen Kameraden und ihre menschliche Begleiterin einige Stunden sp�ter auftauchten, um nach dem vermi�ten Riesenetwas zu suchen, sahen sie sich unvermittelt zwei sehr vorsichtigen und wahrscheinlich h�chst �bellaunigen Wagas gegen�ber. Das Ergebnis dieser Begegnung hatte Tally gesehen, drau�en auf den ersten Stufen der Br�cke.</p><p>Es tat Tally leid, da� auch das M�dchen get�tet worden war. Nicht aus Menschlichkeit oder Piet�t, denn die junge Frau geh�rte ganz eindeutig zu ihren Feinden; aber sie h�tte gerne mit ihr geredet. Es gab hunderttausend Fragen, auf die sie Antworten haben wollte, und sie h�tte sie bekommen, freiwillig oder auf andere Weise; Tally war da nicht besonders w�hlerisch. Aber die Wagas hatten wohl keine andere Wahl gehabt, als auch sie zu t�ten. Essk hatte ihr das kopfgro�e Loch gezeigt, das die sonderbare Waffe, die jetzt unter Tallys G�rtel steckte, in den massiven Stein der Wand geschlagen hatte.</p><p>Es war Abend, als sie wieder auf den halbzerst�rten Balkon hinaustrat, eine gute Stunde vor Sonnenuntergang � was bedeutete, da� es noch immer hei� war, aber nicht mehr unertr�glich.</p><p>Die schwarze, gel�nderlose Treppenbr�cke, die die beiden ungleichen Geb�ude miteinander verband, gl�nzte wie das R�ckgrat eines absurden Riesentieres unter dem schr�g einfallenden Rot der Abendsonne, und erst jetzt, beim zweiten Mal, sah Tally, wie lang sie war, und wie hoch. Der k�hn geschwungene Bogen �berspannte eine Strecke von einer guten halben Meile, und sein h�chster Punkt � der Eingang zum eigentlichen Turm � lag sicherlich hundertf�nfzig Meter �ber dem glasierten Boden des Todeskreises.</p><p>Tally war realistisch genug, ihre Grenzen zu erkennen � zumal sie sie wenige Tage zuvor auf recht drastische Weise vor Augen gef�hrt bekommen hatte. Sie w�rde den Weg einmal schaffen, ehe die Sonne unterging, aber kein zweites Mal. Die kommende Nacht w�rden sie dr�ben verbringen m�ssen. Aber w�hrend des gesamten Tages hatte ein so heftiger Wind geweht, da� sie es nicht gewagt hatte, auf diesen kaum anderthalb Meter breiten, gel�nderlosen Steg hinauszutreten. Und die Geduld, eine weitere Nacht zu warten (was sicherlich kl�ger gewesen w�re), brachte sie nicht mehr auf.</p><p>Ein niemals zuvor gekanntes Gruseln ergriff Tally, als sie mit �berm��ig gro�en Schritten an den beiden toten Hornk�pfen vorbeiging und sich dem Leichnam des M�dchens n�herte. Sie lag jetzt den sechsten Tag hier in der Sonnenglut, und sie sah nicht mehr halb so appetitlich aus wie zu Anfang. Die Hitze und die Luft, die hier oben so trocken war, da� sie zu knistern schien, wenn man sie ber�hrte, hatten ihren K�rper zumindest �u�erlich von den Spuren irgendwelchen Verfalles bewahrt, aber ihr Haar war zu schwarzem Stroh vertrocknet, und die Haut, die sich �ber einem ehemals sicher sehr attraktiven Gesicht spannte, sah aus wie gelbes Sandpapier. Auf ihren weit ge�ffneten, starren Augen lag Staub. Vielleicht, dachte Tally, w�rde sie noch in hundert Jahren so hier liegen. Hrhon war gn�dig genug gewesen, sie nicht zu verst�mmeln, sondern mit einem blitzschnellen Hieb zu t�ten, so da� sie keine �u�erlich sichtbaren Verletzungen aufwies. Und trotzdem erf�llte der Anblick Tally mit schierem Entsetzen.</p><p>Es war nicht der Umstand, da� sie tot war. Der Anblick des Todes in jeder nur vorstellbaren Form geh�rte seit f�nfzehn Jahren zu ihrem Leben wie die t�glichen Mahlzeiten und die niemals endenden Ritte und Heeresz�ge. Sie hatte mehr Tote gesehen als so mancher General einer gro�en Armee, und nur die allerwenigsten davon waren auf nat�rliche Art und Weise ums Leben gekommen. Sie hatte selbst get�tet, Menschen und nicht-Menschen, Hornk�pfe und Tiere, M�nner und Frauen, Alte und selbst Kinder: unz�hlige Male, manchmal nur durch ein Wort oder ein Schwei- . gen im richtigen Moment, manchmal mit eigener Hand. Mitleid? Irgendwann zwischen jenem schicksalsschweren Morgen vor f�nfzehn Jahren und heute hatte sie verlernt, was dieses Wort bedeutete. Nein � es war nicht der Anblick des Todes, der sie so hart traf und abermals stehenbleiben lie�.</p><p>Es war der Gedanke, da� sie ihrem Feind gegen�berstand. Einem ihrer Feinde. Und es spielte �berhaupt keine Rolle, da� er tot war.</p><p>Es waren Frauen wie diese hier gewesen, die die Drachen geritten hatten, gro�e, schlank gewachsene Frauen in braunen Lederanz�gen, die eng wie eine zweite Haut am Leib anlagen und in der Nacht schwarz ausgesehen hatten. W�re es nicht zu jung gewesen, dann h�tte das tote M�dchen auf der Treppe selbst bei ihnen gewesen sein k�nnen.</p><p>Zum ersten Mal, seit sie aufgewacht war, machte sich ein schwaches Gef�hl von Triumph in ihr breit, wenn auch nur f�r Augenblicke. Sie hatte sehr wenig Grund, zu jubilieren. Statt der Befriedigung, die der Anblick des toten M�dchens in ihr h�tte wachrufen sollen, machte sich eine d�stere Unruhe in ihr breit. Ohne, da� sie es genauer begr�nden konnte, hatte sie pl�tzlich das Gef�hl, nicht am Ende, sondern vielmehr am Anfang ihrer Suche zu sein.</p><p>Sie vertrieb den Gedanken, richtete sich wieder auf und begann vorsichtig die Treppe zu ersteigen. Die beiden Wagas folgten ihr in geringem Abstand. Es hatte Tally mehr als nur simple �berredung oder Bitten gekostet, Hrhon davon abzuhalten, hundert Schritte vor ihr zu gehen und den Weg nach Fallen oder einem m�glichen Hinterhalt abzusuchen. Aber es w�re irgendwie wie Gottesl�sterung gewesen, h�tte einer der beiden Wagas den Turm <emphasis>vor</emphasis> ihr betreten.</p><p>Vorsichtig gingen sie weiter, und schon nach kurzer Zeit verschwand jeder Gedanke an das, was sie auf der anderen Seite des Turmes antreffen mochten, aus Tallys Bewu�tsein; denn sie mu�te all ihre Konzentration aufwenden, um weiterzugehen. Was von unten betrachtet wie ein sanft geschwungener Bogen ausgesehen hatte, entpuppte sich bald als eine gewaltige Steigung, die all ihre Kraft verlangte, zumal die Stufen vom Wind glattgeschliffen und schl�pfrig wie Glas waren.</p><p>Die Tiefe schien sie zu sich herabsaugen zu wollen, und mit jedem Schritt, den sie weiter auf die Br�cke hinaustrat, hatte sie mehr das Gef�hl, die ganze gewaltige Konstruktion unter sich beben und zittern zu f�hlen. Sie war sich durchaus dar�ber im klaren, da� das unm�glich war, nichts als ein b�ser Streich, den ihr ihre Nerven spielten: der Stein war massiv wie ein Berg und regte sich um keinen Deut. Aber dieses Wissen nutzte verdammt wenig. Ein anderthalb Meter breiter Pfad ist so gut wie eine zehnfach so breite Landstra�e, wenn er �ber ebenes Gel�nde f�hrte. Waren unter ihm hundertf�nfzig Meter Nichts und dann t�dliches Glas, schrumpfte er auf magische Weise zu einem Faden zusammen.</p><p>W�ren die beiden Wagas und das tote M�dchen nicht hinter ihr gewesen, w�re Tally vielleicht umgekehrt, lange bevor sie auch nur die H�lfte der Strecke hinter sich gebracht h�tte. So aber qu�lte sie sich weiter, auch wenn jeder Schritt eine schiere Tortur war und zu allem �berflu� ihre Beine wieder zu schmerzen begannen. Sie brauchten eine Stunde, um das obere Ende der Treppe zu erreichen. Es gab hier oben einen zweiten, wenn auch sehr viel kleineren Balkon, �hnlich dem unten an der Ruine. Tally taumelte hinauf, entfernte sich noch ein paar Schritte von der Treppe und sank mit einem ersch�pften Seufzen auf die Knie. F�r einen Moment begann sich die W�ste vor ihren Augen zu drehen. Der Turm schien sich wie in einer grotesken Verneigung vor ihrer Leistung vorzubeugen und ebenso langsam wieder aufzurichten, und auf ihrer Zunge war pl�tzlich der bittere Geschmack warmer Kupfersp�ne. F�r die Dauer von drei, vier raschen Herzschl�gen blieb Tally reglos auf den Knien sitzen und rang nach Atem, ehe sie den Kopf hob und sich umsah. Im Westen begann die Nacht d�nne schwarze Finger in den Himmel zu krallen, und der Wind war sp�rbar k�hler geworden. Die Flanke des Turmes war wie eine schwarze Wand, die geradewegs in den Himmel hinauff�hrte.</p><p>Umnittelbar vor ihr war eine T�r. Sie bestand aus geschw�rztem Eisen, das der Wind so glattpoliert hatte, da� sich ihre knieende Gestalt verzerrt darin widerspiegelte, und hatte ungewohnte Proportionen. Sie war nicht ganz geschlossen, so da� Tally erkannte, wie stark sie war. Das Metall war so dick wie ihr Oberarm.</p><p>Der Anblick lie� sie Ersch�pfung und Schw�che vergessen. Sie stand auf, bedeutete Hrhon und Essk mit Gesten, dicht hinter ihr zu bleiben, und griff nerv�s nach der hemdartigen Waffe, die in ihrem G�rtel steckte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie zu benutzen war oder ob sie in der Hand eines anderen Menschen als ihres rechtm��igen Besitzers �berhaupt funktionierte oder sich gar � wie es bei magischen Waffen nicht einmal so selten war � gegen sie wenden w�rde, aber die Ber�hrung beruhigte sie ein wenig. Vorsichtig trat sie auf die T�r zu und streckte den Arm aus.</p><p>Die immense Masse hatte sie ein ebensolches Gewicht erwarten lassen, und sie griff kr�ftig zu. Aber die T�r bewegte sich nahezu schwerelos in ihren Angeln, und Tally verlor beinahe das Gleichgewicht, von ihrem eigenen Schwung nach hinten gerissen. Verwirrt blieb sie stehen, musterte die so seltsam gewichtslose T�r einen Moment unschl�ssig und ordnete die Frage dem ohnehin nicht kleinen Reservoir ungel�ster R�tsel in ihrem Ged�chtnis bei. Es gab Wichtigeres zu ergr�nden als das Geheimnis einer T�r.</p><p>Sie hatte Dunkelheit erwartet, aber das Innere des Turmes � zumindest der winzige Ausschnitt, den sie erkennen konnte � war von mildem gr�nen Licht erf�llt, das ein bi�chen mehr als Licht zu sein schien, denn Tally hatte ein schwer in Worte zu fassendes Empfinden von etwas Materiellem, in das sie eindrang, als sie durch die T�r schritt.</p><p>Ihr Herz h�mmerte wie wild. Feiner, klebriger Schwei� bedeckte ihr Gesicht und ihre Handfl�chen. Jeder einzelne Nerv in ihr war bis zum Zerrei�en gespannt. Ihre Augen waren weit und starr vor Anstrengung, den sonderbaren gr�nen Schimmer zu durchdringen. Tally war in diesem Moment nicht viel mehr als eine lebende Kampfmaschine, ein Ding aus f�nfzehn Jahren aufgespartem Ha� und hochtrainierten Reflexen. Ganz gleich, wer oder was ihr in diesem Moment gegen�bergetreten w�re, er oder es h�tte diese Begegnung mit dem Leben bezahlt.</p><p>Aber sie begegnete niemandem, und ihr erster Schritt in den Turm hinein war nichts als eine Entt�uschung. Tally hatte keine Vorstellung von dem gehabt, was sie antreffen w�rde � irgend etwas Gigantisches und Gef�hrliches vielleicht, und sicher etwas Magisches. Aber als sie nach wenigen Schritten stehenblieb und sich umsah, fand sie sich in einer nicht besonders gro�en, ann�hernd w�rfelf�rmigen Kammer, vollkommen leer bis auf das unheimliche, flie�ende Licht und mit einer kn�cheltiefen Staubschicht auf dem Boden. Verwirrt, aber immer noch auf alle nur denkbaren b�sen �berraschungen gefa�t, drehte sie sich einmal um ihre Achse und sah sich genauer um, ohne indes mehr zu entdecken als beim ersten Mal. Die Kammer war leer. Das einzige, was sie identifizierte, war die Quelle des sonderbaren Lichtes: es waren die W�nde und die Decke selbst, deren Stein die moosige Helligkeit ausstrahlte, wenn auch nicht �berall. Hier und da gab es gro�e, an Lepra erinnernde Flecken, an denen der Stein schwarz war, und auf dem Boden hatte der Staub das Leuchten erstickt.</p><p>W�hrend Tally sich noch umsah, kniete Essk nieder und untersuchte die Fu�spuren, die der Staub akribisch konserviert hatte. Es waren die Spuren von menschlichen F��en, aber auch die kleinerer, mit d�rren drahtigen Klauen versehener Insektenbeine. Sie f�hrten in gerader Linie zu einer von drei verschlossenen T�ren in der gegen�berliegenden Wand, und es waren die einzigen Spuren �berhaupt. Das M�dchen und die zwei � drei � Hornk�pfe mu�ten die ersten gewesen sein, die diesen Ausgang seit sehr langer Zeit benutzt hatten. Nun, dachte Tally sp�ttisch, sehr oft kam es wahrscheinlich auch nicht vor, da� ungebetene Besucher den Todesschirm um den Turm durchbrachen und sich im Gesindehaus einnisteten.</p><p>Sie wollte weitergehen, aber Hrhon hielt sie mit einer knappen Geste zur�ck und eilte an ihr vorbei. Diesmal widersprach Tally nicht. Schweigend sah sie zu, wie der Waga die beiden T�ren inspizierte, zu denen <emphasis>keine</emphasis> Spuren f�hrten, und vergeblich an den massiven Eisenplatten r�ttelte, ehe er sich schlie�lich dem dritten Durchgang zuwandte und ihn ohne sichtliche M�he aufschob. Dahinter kam ein schmaler, von dem gleichen unheimlichen Licht erf�llter Gang zum Vorschein. Tallys Blick vermochte ihm nur ein knappes Dutzend Schritte zu folgen, denn er f�hrte nicht nur leicht in die H�he, sondern war auch sanft nach rechts gebogen, offenbar der Kr�mmung des Turmes folgend. Wenn zwischen ihm und der �u�eren Begrenzung des Turmes nicht ein Hohlraum oder weitere, verborgene R�ume lagen, dachte Tally, dann mu�ten die W�nde des Turmes von einer enormen Dicke sein.</p><p>Abermals gebot sie Hrhon zur�ckzubleiben, trat mit klopfendem Herzen durch die T�r und in den Gang hinaus. Ein ganz leises Raunen trat an ihr Ohr, wie das Ger�usch von Wind, aber unendlich weit entfernt, und diesmal war sie sich nicht ganz sicher, ob sie sich das Zittern des Bodens unter ihren F��en wirklich nur einbildete.</p><p>Vor ihrem inneren Auge entstanden Visionen von aufschnappenden Fallt�ren, unter denen bodenlose Abgr�nde lauerten. Sie versuchte sie dorthin zur�ckzuscheuchen, wo sie hergekommen waren, nahm die Hand von der fremden Waffe und zog statt dessen ihren Dolch aus dem G�rtel � ein Zahnstocher gegen einen Drachen. Trotzdem f�hlte sie sich sp�rbar wohler, als sie das glatte Eisen des Dolchgriffes in der Hand sp�rte. </p></section><section><title><p>5</p></title><p>Der Weg nahm kein Ende. Tally verlor ihr Zeitgef�hl, irgendwo in einem der endlosen, nur ganz sanft gekr�mmten und fast unmerklich ansteigenden G�nge. Sie wu�te nicht mehr zu sagen, ob es eine Stunde war, wenige Augenblicke, oder eine Ewigkeit, die sie durch den Turm gingen. Das dumpfe Rauschen und Brausen begleitete sie, und manchmal glaubte sie einen leisen, aber sehr m�chtigen Rhythmus in diesem Ger�usch zu erkennen. In diesen Augenblicken erinnerte es sie an Atemz�ge, an das sehr langsame, m�chtige Atmen von irgend etwas Gigantischem.</p><p>Nat�rlich war es nicht da. Der Gang war leer, nur von Staub und dem sonderbaren leuchtenden Bewuchs erf�llt. Die W�nde str�mten einen unangenehmen Geruch aus, und die Luft schmeckte nach altem Eisen. Alle vier-, f�nfhundert Schritte gelangten sie an eine T�r, als h�tten die Erbauer dieses gewaltigen Turmes aus irgendeinem Grund daf�r sorgen wollen, den Gang in m�glichst viele voneinander unabh�ngige kleine Sektionen zu unterteilen.</p><p>Es gab auch noch andere T�ren, die ausnahmslos auf der linken Stollenseite lange und offensichtlich in R�ume hineinf�hrten, die in die W�nde des Turmes eingelassen waren, wie Luftblasen in Bernstein. Aber sie waren ausnahmslos verschlossen, und Tally sch�ttelte hastig den Kopf, als Hrhon sich erbot, eine davon aufzubrechen. Sie waren Eindringlinge und keine willkommenen G�ste. Vielleicht war es besser, wenn sie nicht mehr L�rm machten, als unbedingt n�tig war.</p><p>Dann fanden sie die zweite Tote.</p><p>Sie waren durch eine weitere T�r getreten, wie immer Hrhon als erster, gefolgt von Tally und Essk, die den Abschlu� bildete, aber statt des erwarteten Schneckenganges erhob sich vor ihnen eine schier endlose, sehr steil in die H�he f�hrende Treppe.</p><p>Auf den untersten Stufen lag eine Frau.</p><p>Tally fuhr �berrascht zusammen und wollte sich an Hrhron vorbeidr�ngen, aber der Waga schob sie einfach zur�ck, zischelte irgend etwas, das Tally nicht verstand, und war mit zwei, drei �berraschend gehenden Schritten bei der reglosen Gestalt, um sie rasch, aber sehr gr�ndlich zu untersuchen � etwas, das ganz und gar �berfl�ssig war, wie Tally befand. Wenn sie jemals eine Tote gesehen hatte, dann <emphasis>diese.</emphasis> Trotzdem wartete sie geduldig, bis Hrhon sich mit einem zufriedenen Zischeln aufrichtete und ihr mit Gesten zu verstehen gab, da� keine Gefahr mehr bestand.</p><p>Ihr Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen, als sie selbst neben der Toten niederkniete. Die Frau war wesentlich �lter als das tote M�dchen drau�en auf der Br�cke, alt genug, um ihre Mutter sein zu k�nnen. Ihr Haar, das sehr kurz geschnitten war, begann bereits grau zu werden, und ihr im Tode bleich gewordenes Gesicht war von tiefen Linien durchzogen, ohne dadurch direkt h��lich zu wirken. In ihren erloschenen Augen schien noch ein Ausdruck ungl�ubigen Schreckens zu stehen. Ihre rechte Hand umklammerte die gleiche sonderbar geformte Waffe, wie sie Tally bei der Toten drau�en gesehen und an sich genommen hatte. Der Leichnam verstr�mte einen ganz sachten, aber unangenehmen Geruch. Unter dem Kopf war ein h��licher braunroter Fleck, ebenso wie auf der Stufe dar�ber, und der n�chsten und �bern�chsten.</p><p>Tallys Blick folgte der eingetrockneten Blutspur, bis sie sich im gr�nen Dunst des Ganges verlor. Es war nicht sehr schwer zu erraten, was geschehen war: die Frau und das junge M�dchen drau�en hatten offensichtlich zusammengeh�rt, aber w�hrend das M�dchen und die Hornk�pfe herausgekommen waren, um nach den unwillkommenen Besuchern zu sehen, war diese Frau zur�ckgelaufen, um � ja, um was zu tun? dachte Tally. Instinktiv irrte ihr Blick zum oberen Ende der Treppe. Sie sah nur gr�nes Licht, in dem sich die Stufen wie in leuchtender S�ure aufzul�sen begannen. Nun, gleich wie � sie hatte es wohl ein wenig <emphasis>zu</emphasis> eilig gehabt, denn sie mu�te auf der Treppe ausgeglitten sein und sich den Sch�del eingeschlagen haben. H�tte es noch eines Beweises f�r diese Theorie bedurft, w�re es allein der Leichengeruch gewesen. Die Tote lag schon eine geraume Weile hier. Sie stand auf, winkte Essk, an ihre Seite zu treten und setzte den Fu� auf die erste Treppenstufe, aber wieder, hielt Hrhon sie zur�ck. �Vorssssicht�, zischelte er. �Esss k�nnen noch mehhhr da ssseinnn.�</p><p>�Unsinn�, sagte Tally unwillig. �Die beiden waren allein, Flachkopf! W�re es anders, w�ren wir wohl kaum noch am Leben, oder?�</p><p>Hrhon widersprach nicht, aber Tally wu�te selbst, da� ihre Worte wohl mehr ihrer eigenen Beruhigung galten. Der Gedankengang mochte durchaus logisch sein � aber was war Logik in dieser Welt, die zur H�lfte von einem willk�rlichen Schicksal und zur anderen H�lfte von Zauberei bestimmt wurde? Sie hatten keinerlei Beweise, da� am oberen Ende dieser Treppe nicht eine ganze Armee zangenbewehrter Hornk�pfe auf sie wartete. Oder Schlimmeres. Aber es gab auch nur eine M�glichkeit, es herauszufinden.</p><p>�Dann lassst mich wenigssstensss vorausssgehennn�, sagte Hrhon.</p><p>Tally dachte einen Moment ernsthaft �ber seinen Vorschlag nach. Der Gedanke, einen lebenden Schutzschild aus Panzerplatten und Knochen vor sich zu haben, war verlockend � der, unter vierhundert Pfund der gleichen Panzerplatten und Knochen begraben zu werden, sollte Hrhon angegriffen werden und st�rzen, weniger.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, scheuchte den Waga mit einer befehlenden Geste zur Seite und ging los.</p><p>Die Treppe schien endlos zu sein. Schon nach wenigen Augenblicken begannen ihr Ende und die Tote in gr�nem Dunst zu verschwinden, w�hrend die leuchtende Wand �ber Tally und den beiden Wagas im Tempo ihrer eigenen Schritte vor ihnen zur�ckwich. Es war ein unheimliches Gef�hl, das Tally sehr nerv�s machte � sie sah nicht, wohin sie gingen, und in ihrem Kopf nistete sich der b�sartige Gedanke ein, da� diese Treppe geradewegs in die Unendlichkeit f�hren w�rde und sie so lange laufen konnten, bis sie vor Ersch�pfung und Durst einfach starben, ohne jemals irgendwo anzukommen.</p><p>Nat�rlich wu�te sie auch, da� das Unsinn war, aber dieses Wissen nutzte ihr herzlich wenig. Es war enervierend, irgendwo hin zu gehen, ohne zu wissen, wo und was dieses <emphasis>umhin</emphasis> war.</p><p>Schlie�lich blieb sie stehen und sah nerv�s zu den beiden Wagas zur�ck. �Dieses Leuchten macht mich nerv�s�, gestand sie. �Es ist... unheimlich.�</p><p>Hrhon versuchte sein Schildkr�tengesicht zu einem L�cheln zu verziehen, was nat�rlich mi�lang. �Esss ist nichtsss Uuunheimlichesss�, sagte er. �Nhur leuchtende Ffflanzen. Esss gibt viele davon, da, wo wir herkommen. �</p><p>Tally blickte den Waga verwirrt an. Die Erkl�rung war so simpel und einleuchtend, da� sie sich fragte, warum, beim Schlund, sie noch nicht selbst darauf gekommen war � schlie�lich hatte sie oft genug von leuchtenden Pflanzen geh�rt, wenn sie auch noch keine gesehen hatte. Sie sollte sich angew�hnen, die Dinge n�chterner zu betrachten. Es konnte durchaus gef�hrlich werden, wenn sie mehr in dieses sonderbare Bauwerk hineinlas, als gut war.</p><p>Sie gingen weiter. Tally begann die Stufen zu z�hlen, die sie emporstieg, kam irgendwann aus dem Rhythmus und begann von vorne. Als sie zum zweiten Male bei dreihundert angekommen war, sch�lte sich �ber ihnen der wuchtige Umri� einer T�r aus dem gr�nen Dunst. Anders als alle, durch die sie bisher gegangen waren, stand sie halb offen, und dahinter h�rte das gr�ne Licht auf.</p><p>Tally ging schneller, blieb aber auf der vorletzten Stufe stehen und gab Hrhon nun doch ein Zeichen, vorauszugehen. Der Waga senkte kampflustig die Schultern, st�rmte ohne viel Federlesens durch die T�r und polterte eine Weile in der Dunkelheit dahinter herum, ehe er zur�ckkam und auffordernd winkte.</p><p>�Allesss in Ohrdnuhng�, zischelte er.</p><p>Tally und Essk folgten ihm.</p><p>Sie fanden sich in einem gro�en, ann�hernd w�rfelf�rmigen Raum wieder, der bis auf den allgegenw�rtigen Staub vollkommen leer war, und nicht ganz so dunkel, wie Tally im ersten Augenblick angenommen hatte. Durch schmale, hoch unter der Decke angebrachte Schlitze sickerten gelbrote Streifen von Sonnenlicht herein. Jetzt erst fiel Tally auf, da� die Treppe in gerader Linie nach oben gef�hrt hatte, nicht gekr�mmt wie die G�nge zuvor. Ohne es zu merken, waren sie der �u�eren Begrenzung der Turmwand n�her gekommen.</p><p>Neugierig sah sie sich um. Nicht, da� es viel zu sehen gegeben h�tte � der Boden war ein verwirrendes Muster von Spuren, und zehn Meter �ber ihren K�pfen wob das Sonnenlicht ein Netz aus flirrenden Rechtecken in die Luft, das war alles. Trotzdem versp�rte Tally eine immer st�rker werdende Erregung. Was immer das Geheimnis dieses Turmes war � <emphasis>wenn</emphasis> es eines gab �, sie n�herten sich ihm.</p><p>Auch diesmal widersprach Tally nicht, als sich Hrhon an ihr vorbeischob und auf die offenstehende T�r am Ende der Kammer zustapfte. Der Waga bewegte sich sehr vorsichtig, noch langsamer und scheinbar beh�biger als gewohnt. Seine kurzen Arme pendelten lose neben dem massigen Leib, die vierfingrigen H�nde waren zu Klauen ge�ffnet.</p><p>Ganz pl�tzlich versp�rte Tally ein heftiges Gef�hl von Sicherheit, diese beiden lebenden Kampfmaschinen in ihrer N�he zu wissen. Es gab nicht viel, was einem zusto�en konnte, mit zwei ausgewachsenen Wagas als Leibw�chtern � sah man von zangenbewehrten Hornk�pfen und Waffen ab, die faustgro�e L�cher in massiven Stein schlagen konnten, wie eine d�nne b�se Stimme hinter ihrer Stirn fl�sterte.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken �rgerlich, aber ganz gelang es ihr nicht. Ihre Nervosit�t stieg. Vorhin, als sie zwischen den beiden Wagas dem gewundenen Gang gefolgt war, hatte sie fast so etwas wie Entt�uschung versp�rt � nein, Ern�chterung. Nach zehn Jahren vergeblicher Anstrengungen und M�he, zehn Jahren immer wieder aufs neue gesch�pfter � und immer wieder aufs neue entt�uschter � Hoffnungen, war ihr pl�tzlich alles so profan erschienen. Das gro�e Geheimnis, dessen L�sung sie ihr Leben gewidmet hatte, sollte nur aus einem leeren Turm bestehen? Aber dieses Gef�hl war vergangen, im gleichen Moment, in dem sie die Tote gefunden hatten. Und jetzt begann allm�hlich etwas in ihr emporzukriechen, das sie auf sehr unangenehme Weise an Furcht erinnerte.</p><p>Vielleicht war es nur Erregung, die ganz normale Erregung, endlich am Ziel zu sein; vielleicht hatte sie auch einfach nur die Leistungsf�higkeit ihres K�rpers �bersch�tzt, denn schlie�lich war es noch nicht lange her, da� sie fast gestorben w�re, aber gleich, was es nun war � die Symptome waren eindeutig die von Furcht: ihre Handfl�chen wurden feucht, ihre Knie begannen ganz leicht zu zittern, und pl�tzlich hatte sie das Gef�hl, von unsichtbaren Augen beobachtet und angestarrt zu werden, aus allen Richtungen zugleich.</p><p>M�glicherweise war es auch mehr als nur ein <emphasis>Gef�hl,</emphasis>  denn Hrhon blieb stehen, noch ehe er die T�r vollends durchschritten hatte, hob den linken Arm, zum Zeichen, da� sie und Essk zur�ckbleiben sollten, und drehte sich schwerf�llig nach rechts und links. Tally konnte sehen, wie sich seine kurzsichtigen Augen zu schmalen Schlitzen zusammenzogen, als er versuchte, in der fast vollkommenen Dunkelheit jenseits der T�r etwas zu erkennen.</p><p>�Was ist?� fragte sie.</p><p>Hrhon versuchte ein Schulterzucken zu imitieren. �Ich weisss nicht�, sagte er. �Irgend etwass ssstimmt nicht...� Er schn�ffelte h�rbar. �Esss ssstinkt nach Hornk�pfen.�</p><p>�Das ist kein Wunder�, antwortete Tally nerv�s. </p><p>�Schlie�lich waren sie hier, oder? Geh weiter.�  Hrhon gehorchte. Schwerf�llig setzte er sich in Bewegung und machte einen Schritt in die Dunkelheit hinein. Um ein Haar w�re es sein letzter gewesen.</p><p>Etwas Gro�es, Glitzerndes bewegte sich in der Schw�rze vor ihm, ein heller, schleifender Laut war zu h�ren, und pl�tzlich schien die Dunkelheit selbst zu erwachen und sich mit f�nfundzwanzig Armen und Beinen und der gleichen Anzahl m�rderisch schnappender Mandibeln auf den Waga zu st�rzen.</p><p>Der Anprall war so gewaltig, da� Hrhon zu Boden ging. Tally sprang mit einem erschrockenen Keuchen zur Seite, als der Waga fast genau dort niederkrachte, wo sie stand, ein halb erschrockenes, halb w�tendes Zischeln aussto�end und mit beiden F�usten auf das schwarze Chitinb�ndel einschlagend, das ihn umklammert hatte. Es war Tally unm�glich, zu sagen, <emphasis>was</emphasis> es war, das Hrhon angegriffen hatte � die Kreatur war ein gutes St�ck gr��er als er, aber nicht einmal halb so massig, machte diesen Mangel jedoch mit einer Unzahl langer, stacheliger Gliedma�en und einem Paar schon fast grotesk gro�er Bei�zangen wett, mit denen es Hrhons Hals abzuknipsen versuchte.</p><p>M�glicherweise w�re es ihm sogar gelungen; gro� genug dazu waren die Mandibeln jedenfalls. Aber Hrhon reagierte ganz instinktiv auf die gleiche Weise, auf die sich seine Vorfahren schon vor etlichen hundert Millionen Jahren ihrer Gegner erwehrt hatten � blitzartig zog er Kopf und Glieder in seinen Panzer zur�ck, so da� die schrecklichen Scheren des Insektes auf stahlhartes Horn krachten statt auf Fleisch. Ein St�ck davon brach ab, und der Hornkopf fuhr mit einem w�tenden Pfeifen zur�ck. Eine Sekunde sp�ter war Essk �ber ihm, ri� ihn mit einer fast spielerischen Bewegung von ihrem Gef�hrten herunter und warf ihn kurzerhand gegen die Wand. Der Laut, mit dem sein schwarzgl�nzender Chitinpanzer gegen den Stein prallte, lie� Tally innerlich erschauern. Aber der Kampf war noch nicht vor�ber. Der Hornkopf st�rzte zwar, und er blieb auch einen Moment benommen liegen, aber nur, um sich dann j�h in ein wirbelndes B�ndel aus Gliedma�en und t�dlichem Horn zu verwandeln, das mit schier unglaublicher Geschwindigkeit wieder auf den Beinen war und angriff.</p><p>Und diesmal galt sein Angriff nicht den beiden Wagas, sondern Tally, die er instinktiv als die wichtigste Gegnerin erkannt haben mu�te. Tally sprang zur�ck, beide H�nde �ber den Kopf geschlagen und den Hals eingezogen, so gut sie konnte, denn sie wu�te nur zu gut, auf welche Weise Hornk�pfe normalerweise angriffen. Ihre Bewegung war sehr schnell; es war nicht das erste Mal, da� sie mit einem Hornkopf unterschiedlicher Meinung war, was ihre Lebenserwartung anging.</p><p>Trotzdem h�tte sie keine Chance gehabt, w�hre Hrhon nicht gewesen. Aber der Waga bewegte sich pl�tzlich mit einer Behendigkeit, die wohl auch der Hornkopf ihm nicht zugetraut h�tte � und Tally schon gar nicht. Als das Rieseninsekt an ihm vorbeiraste, fuhr er hoch und herum und lie� seine Faust auf seinen Panzer herunterkrachen. Der Schlag war auf den h��lichen Sch�del gezielt, traf aber statt dessen seinen Hinterleib. Diesmal zerbrach der Chitinpanzer des Ungeheuers mit einem h�rbaren Knirschen.</p><p>Das Ungeheuer stie� einen kl�glichen Laut aus, torkelte einen halben Schritt an Tally vorbei und fiel wimmernd zu Boden. Seine gewaltigen Scheren schnappten in hifloser Wut.</p><p>Essk packte den Hornkopf und �ffnete seinen Panzer an einer Stelle, die nicht daf�r vorgesehen war. Aus den schrillen Schreien des Rieseninsektes wurde ein gurgelnder Laut. Eine z�he, gelbe Fl�ssigkeit quoll aus seinem Maul. Seine Glieder zuckten noch einmal, dann erschlaffte es in den gewaltigen Pranken der Waga. Trotzdem schmetterte Essk ihm die Faust noch zweimal mit aller Kraft zwischen die Augen, ehe sie ihn fallen lie� und mit einem zufriedenen Zischeln zur�cktrat und sich umwandte. �Allesss in Ohrdnhung?� fragte sie. Tally begriff im ersten Moment nicht einmal, da� die Worte ihr galten. Erst, als Essk sie fast sch�chtern an der Schulter ber�hrte und ihre Frage wiederholte, ri� sie ihren Blick von dem verst�mmelten Insekt los und nickte. �Mir ist nichts passiert�, sagte sie. Sie wandte sich an Hrhon. �Aber was ist mit dir?�</p><p>�Nichtsss�, erwiderte Hrhon. �Esss war nhurrr die �berasssung.�</p><p>Tally blickte auf den zermalmten Hornkopf herunter und glaubte ihm. Das Ungeheuer mu�te selbst sie um einen guten Meter �berragen, wenn es aufrecht stand, und sie wu�te, wie stark Insekten waren. Trotzdem konnte man seinen Angriff auf den Waga nur als glatten Selbstmord bezeichnen.</p><p>Mit aller Macht dr�ngte sie ihren Widerwillen zur�ck, n�herte sich dem toten Ungeheuer und ging dicht vor ihm in die Hocke. Ein eisiger Schauer lief �ber ihren R�cken, als sie die entsetzlichen Bei�zangen sah, die dicht unter dem dreieckigen Insektenmaul aus seinem Sch�del wuchsen. Sie waren kr�ftig genug, einem erwachsenen Mann den Oberschenkel durchzubei�en. Und als w�re dies allein noch nicht genug, verf�gte das Ungeheuer �ber ein ganzes Arsenal weiterer nat�rlicher Waffen � angefangen von seinen gewaltigen, dornenbewehrten Sprungbeinen �ber ein paar Dutzend dolchspitzer Stacheln auf seinem R�cken bis hin zu seinem vorderen Beinpaar, mehrfach untergliedert und mit einem Chitinpanzer versehen, der zu einer Art nat�rlicher Axt zusammengewachsen war.</p><p>�Was, beim Schlund ist das?� murmelte sie.</p><p>Sie hatte nicht damit gerechnet, aber sie bekam eine Antwort.</p><p>�Eine Beterin�, sagte Essk. �Sssehr ghef�hrlich. Iss dachte, sssie wh�ren ausssgessstorben.�</p><p>�Eine... Beterin?� wiederholte Tally verwirrt. Sie hatte von diesen Tieren <emphasis>(Tieren? Etwas in ihr str�ubte sich dagegen, dieses Ding wirklich mit dem Wort Tier zu bezeichnen.)</emphasis> geh�rt, aber auch sie hatte nicht gewu�t, da� es sie wirklich noch <emphasis>gab.</emphasis> Beterinnen, das waren <emphasis>irgendwelche</emphasis>  Ungeheuer, die in <emphasis>irgendeinem</emphasis> Teil der Welt <emphasis>irgendwann einmal</emphasis> gelebt hatten. Sie vor sich zu sehen, erf�llte sie mit Entsetzen, ganz egal, ob sie nun tot war oder nicht. Und trotzdem wu�te sie, da� Essk recht hatte � bei genauem Hinsehen war sogar noch eine �hnlichkeit zwischen diesem horngepanzerten Ungeheuer und einer Gottesanbeterin zu erkennen, wie Tally sie kannte � wenn auch einer, die etliche zehn Arme zuviel hatte und ganz eindeutig an Gr��enwahn litt. Aber es <emphasis>war</emphasis> eine Beterin � der langgestreckte, vielfach gegliederte Leib, der entsetzliche dreieckige Sch�del, die m�chtigen Vorderl�ufe, das alles war unverkennbar.</p><p>�Du h�ttest sie nicht t�ten sollen�, sagte sie. �Sie h�tte uns wertvolle Ausk�nfte geben k�nnen.� Aber der Tadel in der Stimme war nicht echt. Wie die beiden Wagas wu�te sie nur zu genau, da� Hornk�pfe durch absolut nichts auf der Welt zu irgend etwas zu zwingen waren, schon gar nicht durch Gewalt oder Folter, und weder Hrhon noch Essk reagierten auch in irgendeiner Weise auf ihre Worte. Als sie sich nach einer Weile aufrichtete und umdrehte, war Hrhon bereits verschwunden, w�hrend seine Gef�hrtin ein St�ck vor und neben der T�r Aufstellung genommen hatte, den Kopf halb in den Panzer zur�ckgezogen und die H�nde kampfbereit erhoben.</p><p>Aber es erfolgte kein weiterer Angriff mehr. Die Beterin war die letzte, t�dliche �berraschung, die der Turm f�r sie bereitgehalten hatte � wenigstens f�r diesen Tag. Hrhon kam schon nach wenigen Augenblicken zur�ck und machte ein beruhigendes Zeichen mit der Hand. Er bestand nicht einmal mehr darauf, vor ihr herzugehen, als sie durch die T�r trat.</p><p>Das erste, was ihr auffiel, war das Ger�usch: das gleiche dumpfe Brausen und Rauschen, das sie den gesamten Weg hier herauf begleitet hatte, aber ungleich lauter und machtvoller, so m�chtig, da� sie meinte, den Boden unter ihren F��en in seinem Rhythmus vibrieren zu f�hlen, und abermals an ein urgewaltiges Atmen denken mu�te. Dann sp�rte sie den Luftzug, ganz sacht, wie das Streicheln einer k�hlen Hand auf der Haut. Er kam von rechts, aus dem Turminneren, und als sie sich in diese Richtung wandte, sah sie einen ganz schwachen Lichtschimmer.</p><p>Behutsam bewegte sie sich darauf zu und gelangte an eine weitere nicht g�nzlich geschlossene T�r. Ihre Finger zitterten, als sie die Hand danach ausstreckte und sie �ffnete, obgleich kein Grund zur Furcht mehr bestand; denn Hrhon war vor ihr hiergewesen und hatte zweifellos auch den angrenzenden Raum gr�ndlich nach Gefahren durchsucht.</p><p>Der Geruch verriet ihr, was sie erwartete, noch bevor sie die T�r g�nzlich ge�ffnet und ihre Augen sich an das unerwartet helle Licht dahinter gew�hnt hatten. Die Kammer war klein, leer bis auf ein paar Haufen halbverfaultes Stroh und einen �belriechenden Abortbeh�lter, und sie stank zum Erbrechen nach Hornk�pfen. Durch ein mannshohes, aber sehr schmales Fenster in der Wand fiel Tageslicht herein, und in der Ecke neben der T�r faulte irgend etwas vor sich hin, das sich Tally lieber nicht genauer besah, von dem sie aber stark annahm, da� es die Lebensmittelration der Kampfinsekten gewesen war. In einem eisernen Halter unterhalb des Fensters stak ein ganzes Sammelsurium der widerlichsten Waffen, die sie jemals zu Gesicht bekommen hatte � h��liche Dinge mit zu vielen Schneiden und gemein gebogenen Widerhaken, wie sie nur Hornk�pfe zu handhaben wu�ten, ohne sich dabei selbst in St�cke zu schneiden (obwohl sie sich fragte, wozu, beim Schlund, ein Ding wie das, das Hrhon angegriffen hatte, wohl eine <emphasis>Waffe</emphasis> brauchte...), und durch eine zweite, etwas niedrigere T�r in der gegen�berliegenden Wand fauchte ein brausender Windzug herein. Tally sah all das mit einem einzigen, raschen Blick, dann ging sie weiter, ehe der s��liche Insektengeruch ihr vollends den Magen umdrehen konnte, und betrat den angrenzenden Raum.</p><p>�berrascht blieb sie stehen.</p><p>Sie wu�te nicht, was � oder ob �berhaupt irgend etwas � sie erwartet hatte; aber auf jeden Fall nicht <emphasis>das.</emphasis>  Vor ihr lag ein hoher, sehr freundlich ausgestatteter Raum, dessen W�nde aus dem allgegenw�rtigen schwarzen Stein des Turmes bestanden, aber mit Vorh�ngen und Teppichen und da und dort sogar einem Bild drapiert waren. Ein kn�cheltiefer, sehr weicher Teppich bedeckte den Boden und nahm ihm seine K�lte und hier und da standen wenige, aber mit gro�em Geschmack ausgesuchte, M�bel: ein Tisch, darum vier kleine geschnitzte St�hle mit halbhohen Lehnen, eine Art Diwan, auf dem seidene Kissen und Felldecken lagen, ein zierliches Schr�nkchen, hinter dessen gl�sernen T�ren Trinkgef��e und Teller s�uberlich aufgestellt waren. Auch hier gab es eines jener gro�en, eigent�mlich geformten Fenster, aber im Gegensatz zu dem im Quartier der Hornk�pfe war es mit leicht gef�rbtem Glas gef�llt, so da� zwar Licht, aber keine K�lte hereindringen konnte. Auf dem Tisch herrschte ein wenig Unordnung: einer der beiden Becher, die darauf standen, war umgefallen, und sein Inhalt zu einem h��lichen klebrigen Fleck eingetrocknet; daneben stand ein Teller mit einer erst halb beendeten Mahlzeit, die bereits Schimmel ansetzte. Trotzdem verriet das Zimmer Tally sofort die Hand einer Frau, die es ausgestattet hatte. Genauer gesagt, zweier Frauen, die hier gelebt hatten.</p><p>Das dumpfe Brausen war noch immer zu h�ren, und der Luftzug war zum Sturm angewachsen, der mit ihrem Haar spielte und sie blinzeln lie�, als sie hineinsah. Wie in allen R�umen, die sie bisher durchquert hatte, gab es auch hier eine zweite T�r, genau in der gegen�berliegenden Seite; Tally vermutete, da� die Kammer auf die gleiche Weise wie der Schneckenhausgang angeordnet waren, nicht wie die R�ume eines Hauses in willk�rlicher Unordnung, sondern immer eine hinter der anderen, so da� eine Fortsetzung der nach oben f�hrenden Spirale entstand. Aber sehr weit konnte sie nicht mehr f�hren, denn wenn ihr Zeitgef�hl auch l�ngst durcheinandergeraten war, so wu�te sie doch, da� sie die Spitze der steinernen Riesennadel fast erreicht haben mu�ten. Der Wind leitete sie, als sie den Raum durchquerte. Das Zimmer dahinter �hnelte dem ersten, nur da� es ein wenig unordentlicher war und einer der beiden Frauen als Schlafgemach gedient haben mu�te, denn es gab ein gro�es, mit Seide bezogenes Bett und einen niedrigen Schrank, dessen T�ren offen standen, so da� sie erkennen konnte, da� er Kleider enthielt. Aber der Windzug kam nun nicht mehr von vorne, obgleich es dort eine weitere T�r gab, sondern bauschte einen schweren blauen Samtvorhang, der den gr��ten Teil der rechts liegenden Wand einnahm.</p><p>Tally runzelte verwundert die Stirn. Wenn sie nun nicht auch noch ihr Orientierungsverm�gen verloren hatte, dann f�hrte der Weg nach rechts tiefer in den Turm <emphasis>hinein �</emphasis> wo um alles in der Welt kam dieser Sturmwind her?</p><p>Sie hob die Hand, um den Vorhang kurzerhand herunter zu rei�en, besann sich dann aber eines Besseren und schob ihn beinahe vorsichtig zur Seite.</p><p>Grelles Sonnenlicht blendete sie. Sie hob die Hand, blinzelte, senkte ein wenig den Kopf und trat mit einem raschen Schritt vollends durch den Vorhang hindurch. Der Sturm schlug mit eisigen Krallen auf ihr Gesicht ein und trieb ihr die Tr�nen in die Augen. Das Rauschen des Windes steigerte sich zu einem ungeheuren Toben und L�rmen. Unter ihren F��en war pl�tzlich kein Teppich mehr, sondern wieder harter, ganz sacht vibrierender schwarzer Stein. Wenige Schritte vor ihr erhob sich eine schmiedeeiserne Br�stung. Tally begriff pl�tzlich, da� sie sich nicht mehr auf festem Boden, sondern auf einem schmalen Balkon befand.</p><p>Und darunter g�hnte das Nichts.</p><p>Vielleicht war es ganz gut, da� ihr die ungewohnte Helligkeit im ersten Moment die Tr�nen in die Augen trieb, denn so blieb ihr ein wenig Zeit, sich an den unglaublichen Anblick zu gew�hnen. Trotzdem dauerte es lange, bis sie wirklich begriff.</p><p>Sie befand sich dicht unterhalb der Turmspitze, und sie konnte dies mit solcher Sicherheit sagen, weil es diese Spitze nicht gab: vielleicht f�nfzig Meter �ber ihr h�rte der Turm einfach auf, einer ungleichm��igen, schr�gen Linie folgend, die bewies, da� dieses Ende nicht so gebaut, sondern gewaltsam abgebrochen war. Das grelle Licht der W�stensonne str�mte ungehindert in den Turm, und was es enth�llte, lie� Tallys Atem stocken, und nicht nur im �bertragenem, sondern im h�chst realen Sinne des Wortes.</p><p>Der Turm war leer, und im Grunde war er nicht viel mehr als eine gewaltige, sich nach oben hin verj�ngende R�hre, eine Meile hoch und dreimal so tief in die Erde hinabreichend, ehe sie sich im Dunst der Entfernung verlor. Der Balkon, auf dem sie stand, geh�rte zu einem ungleichm��ig geformten, steinernen Wulst, der wie ein Schwalbennest an ihre innere Wandung geklebt war und sich auch noch ein St�ck nach oben hin fortsetzte, ehe er in einem Wust von zermalmtem, halb geschmolzenem Stein endete.</p><p>Tallys Gedanken �berschlugen sich. Sie verstand nicht, was sie sah, und noch viel weniger verstand sie, welchen Sinn dieses unglaubliche <emphasis>Ding</emphasis> um alles in der Welt haben sollte. Ein Gef�hl dumpfer Entt�uschung begann in ihr zu erwachen und wurde allm�hlich st�rker. Sollte sie wirklich die letzten f�nfzehn Jahre ihres Lebens einzig dazu geopfert haben, <emphasis>dies hier</emphasis> zu finden? Verst�rt sah sie nach rechts und links, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen, um die Tr�nen fortzuwischen, die ihr das Sonnenlicht hineingetrieben hatte, und trat n�her an die eiserne Br�stung heran. Der Sturm zerrte mit Urgewalt an ihrem Haar und ihren Schultern, als sie sich dar�ber beugte und in die Tiefe sah, und im ersten Moment wurde ihr schwindelig; denn der Abgrund unter ihr war im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos. Ihr allererster Eindruck war richtig gewesen: der hohle Turm ragte tief, unendlich tief in den W�stenboden hinein. Vielleicht war er auch nur der Zugang zu einer gewaltigen H�hle, die sich unter dem erstarrten Sandmeer der Gehran erstreckte. Aber sie verstand noch immer nicht, welchem Zweck er diente.</p><p>Tally schlo� f�r einen Moment die Augen, versuchte an gar nichts zu denken und blickte noch einmal in die Tiefe.</p><p>Die Innenwand des Turmes war nicht so glatt, wie sie im ersten Moment geglaubt hatte � es gab zahllose unterschiedlich gro�e und unterschiedlich geformte Ausw�chse, und mehrere davon waren mit Balkonen der gleichen Art versehen wie dem, auf dem sie selbst stand. Zwischen ihnen spannten sich schwarze Lavaw�lste wie steinerne Adern � die Schneckenhausg�nge, die in scheinbar willk�rlichem Hin und Her nach oben und unten f�hrten und sich hier und da ber�hrten, sich aber nicht direkt zu kreuzen schienen; denn wo sie zusammentrafen, krochen sie wie steinerne W�rme �bereinander und bildeten manchmal dicke, irgendwie krankhaft wirkende W�lste. Wie Geschw�re auf der Innenseite einer ungeheuerlichen Ader, dachte Tally.</p><p>�berhaupt war dies von allem der st�rkste Eindruck: obwohl sie den harten Stein unter ihren F��en sah und stundenlang dar�bergeschritten war, wirkte nichts hier k�nstlich, nichts sah aus, als w�re es irgendwie <emphasis>gemacht</emphasis>  worden. Das ganze gigantische Bauwerk wirkte wie gewachsen. Selbst die eiserne Br�stung, auf der sie lehnte, vermochte diesen Eindruck nicht zu st�ren. Aber was <emphasis>war</emphasis> es? Was...</p><p>Die Erkenntnis traf sie wie ein Fausthieb.</p><p>Es war, als tr�te sie ein zweites Mal auf den Balkon hinaus, aber diesmal mit offenen, sehenden Augen. Mit einem Male war alles ganz klar, ergab einen Sinn � den einzigen Sinn, den es �berhaupt geben <emphasis>konnte.</emphasis> Und mit einem Male schien ihr jeder Quadratzentimeter ihrer Umgebung die Wahrheit entgegenzuschreien: dieser gigantische, leere Turm, selbst hier oben an seiner engsten Stelle noch Hunderte von Metern messend, die ungeheuerliche Tiefe, aus der ein Luftstrom wie ein nie endender Orkan emporbrauste, dieser einsamste aller Flecken, den es auf der Welt gab, der vielfach gestaffelte Todeskreis, der ihn umgab, dies alles konnte nur eine einzige Erkl�rung haben.</p><p>Und sie wu�te sie, im gleichen Moment, in dem sie den Sturm, der aus der Erde emporbrauste, zum ersten Male bewu�t wahrnahm. Und den Gestank, den er mit sich brachte.</p><p>Drachengestank.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Sie blieb l�nger als eine Stunde auf dem kleinen Balkon am Rande des Nichts stehen, ohne es �berhaupt zu merken. Sie war wie gel�hmt, nicht nur k�rperlich, sondern auch geistig. Ihre Gedanken drehten sich im Kreise, immer und immer und immer wieder, ohne da� sie imstande war, ihren Flu� zu �ndern, und sie wu�te hinterher nicht mehr, <emphasis>was</emphasis> sie nun wirklich gedacht hatte, in all dieser Zeit. Tally konnte nicht in Worte fassen, was sie sp�rte, weil es etwas Neues war, etwas, wof�r sie keine Worte hatte, eine Mischung zwischen Entsetzen und Schrecken und Erleichterung und Schmerz und anderen, fremden Gef�hlen. Sie war entt�uscht, so entt�uscht und � ja: <emphasis>gedem�tigt �</emphasis> wie niemals zuvor in ihrem Leben, und sie hatte allen Grund dazu. Sie f�hlte sich wie ein Mensch, der das eigentlich Unm�gliche vollbracht hatte, nur um festzustellen, da� es nichts war: sie hatte einen Berg erstiegen, der als unbesteigbar galt, und auf dem Gipfel angelangt erkannt, da� es in Wahrheit nichts als ein kleiner H�gel war, hinter dem sich das eigentliche Gebirge erhob.</p><p><emphasis>Wozu das alles?</emphasis> dachte sie matt. Bitterkeit begann in ihr aufzusteigen, und f�r einen Moment kam ihr der Gedanke, da� all dies, die W�ste mit ihren tausendf�ltigen Fallen und Gefahren, der Turm mit seinen t�dlichen W�chtern, nur zu dem einen Zweck errichtet worden sei, Narren wie ihr vor Augen zu f�hren, wie dumm und machtlos sie waren.</p><p>Aber nat�rlich war dies vollkommener Unsinn. Tatsache war, da� dieser Turm nichts als der erste Schritt war, die erste Stufe einer Treppe, deren L�nge sie nicht einmal zu ahnen imstande war, und an deren Ende das wahre Geheimnis der Drachenreiterinnen wartete.</p><p>Der Entt�uschung folgte ein Gef�hl der Leere, aber es hielt nicht lange an; denn Tally w�re nicht Tally gewesen, h�tte sie nicht gleichzeitig eine noch dumpfe, aber rasch wachsende Entschlossenheit gesp�rt, auch die n�chste Stufe des Geheimnisses zu erklimmen, und die n�chste und n�chste und n�chste, f�r den Rest ihres Lebens, wenn es sein mu�te.</p><p>Irgendwie ern�chterte sie dieser Gedanke. Der Schmerz in ihrem Inneren sank zu einem dumpfen Druck herab, und mit einem Male wurde sie sich ihrer Umgebung wieder bewu�t: sie sp�rte den eisigen Wind, der ihre Finger und ihr Gesicht allm�hlich taub werden lie�, und das Sengen der Sonne, die ihre nackten Schultern verbrannte. Nach einem letzten, sehr langen Blick in den Abgrund wandte sie sich um und trat in die Kammer zur�ck.</p><p>Die beiden Wagas erwarteten sie. Hrhon hatte es sich auf dem Teppich bequem gemacht und Kopf und Glieder in seinen Panzer zur�ckgezogen, um auf die typische Art seines Volkes zu schlafen, w�hrend Essk unstet auf und ab ging. Tally sah, da� sie den Raum durchsucht hatte, auf die sehr direkte und sehr wirksame Weise, auf die Wagas alles tun: das Zimmer war vollkommen verw�stet. Aber obwohl der Anblick die Frau in ihr �rgerte, beruhigte er die Kriegerin in ihr: sie konnte jetzt sicher sein, da� es hier keine verborgenen Fallen mehr gab. Sie bezweifelte allerdings auch, da� es jemals welche gegeben hatte. Die beiden Frauen und ihre chitintragenden W�chter mu�ten sich vollkommen sicher gef�hlt haben. W�re es nicht so gewesen, h�tten sie und die beiden Wagas den Turm niemals lebend erreicht. Dieser Turm war allein durch seine Konstruktion schon eine Festung, die zwei oder drei beherzte K�mpfer gegen ein ganzes Heer halten konnten, wenn es sein mu�te. Tally f�hlte sich sonderbar bei dem Gedanken, da� Hrhon, Essk und sie wahrscheinlich die ersten lebenden Wesen waren, die diesen Turm gegen den Willen seiner Erbauer betreten hatten. Es war kein Triumph in diesem Gef�hl � sie hatten Gl�ck gehabt, das war alles, eine unglaubliche Kombination von Zufall, Gl�ck und sicherlich auch Mut und Kraft der Waga.</p><p>�Wasss sssollen wir thuhn?� drang Essks Stimme in ihre Gedanken. �Gehen wir sssur�hck?�</p><p>Tally �berlegte einen Moment, dann sch�ttelte sie den Kopf, schenkte der Waga ein m�des L�cheln und lie� sich mit einem ersch�pften Seufzer auf dem nieder, was Essk vom Bett �briggelassen hatte. �Nein�, sagte sie. </p><p>�Wir bleiben.�</p><p>Essk widersprach nicht, und Tally glaubte sogar so etwas wie Zustimmung auf ihrem starren Schildkr�tengesicht zu erkennen. Sie begriff, da� selbst die beiden Waga an den Grenzen ihrer Kraft angelangt waren. Sie hatten die Hauptlast der M�hen und Anstrengungen getragen, die die letzten Tage gebracht hatten. Essks Frage war wohl nur rhetorischer Natur gewesen. Es war zu sp�t, noch an diesem Tage zur�ckzugehen; denn obwohl der Himmel �ber dem Turm noch immer in Flammen zu stehen schien, w�rde die Sonne in einer Stunde untergehen.</p><p>�berdies gab es keinen Grund, �berhaupt zur�ckzugehen. Sie konnten die Nacht ebensogut hier verbringen wie in dem Keller im Nebengeb�ude, und etwas in Tally weigerte sich auch, jetzt einfach kehrtzumachen, ohne das Geheimnis des Turmes wirklich gel�st zu haben. M�de lie� sie sich in die seidenen Kissen zur�cksinken, schlo� die Augen und g�hnte herzhaft. Ihre Beine schienen mit einem Male mit Blei gef�llt zu sein, und jetzt, als die Anspannung von ihr abzufallen begann, machten sich M�digkeit und Schw�che auf wohltuende Weise in ihr breit.</p><p>�Ihr habt alles gr�ndlich durchsucht?� murmelte sie, schon halb eingeschlafen.</p><p>�Sssicher�, zischelte Essk. �Ihr k�nnt beruuuhigt ssslafen, Herrin.�</p><p>Und genau das tat Tally auch.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Ihre Geduld wurde auf keine sehr harte Probe mehr gestellt. Nach zehn Jahren hatte das Schicksal endlich ein Einsehen mit ihr; ja, sie mu�te nicht einmal mehr zehn Tage warten, sondern wenig mehr als einen und ein paar Stunden. Aber nat�rlich wu�te sie das nicht, als sie am n�chsten Morgen erwachte, und als Essk sie beinahe sanft an der Schulter ber�hrte und sch�ttelte � zumindest <emphasis>sanft</emphasis> f�r die Begriffe einer Waga �, fuhr sie mit einer hastigen Bewegung hoch und griff ganz instinktiv nach ihrem Schwert. Erst dann begriff sie vollends, wo sie war. Unwillig schlug sie Essks Hand beiseite, setzte sich mit einem Ruck auf und verlor in den weichen Kissen prompt die Balance. Essk machte eine Bewegung, als wollte sie sie auffangen, besann sich im letzten Moment eines Besseren und zog die Hand hastig wieder zur�ck; m�glicherweise aus Furcht, sie zu verlieren.</p><p>Tally schenkte ihr einen b�sem Blick, richtete sich m�hsam auf und sah sich nach irgend etwas um, worauf sie ihren Zorn entladen konnte.</p><p>Sie fand es in Gestalt des zweiten Waga, der in diesem Augenblick durch die turmaufw�rts f�hrende T�r hereinkam, beide Arme mit Waffen und allerlei Ger�tschaften beladen und h�rbar schnaufend vor Anstrengung � was allerdings kaum auf das Gewicht seiner Last, sondern wohl eher auf die Treppenstufen zur�ckzuf�hren war, die er sich auf seinen unbeholfenen Beinen hinauf- und wieder hinabgequ�lt hatte.</p><p>Normalerweise h�tte der Anblick Tally am�siert. Aber sie hatte auf den ungewohnt weichen Kissen schlecht geschlafen, und nat�rlich hatte sie getr�umt, und nicht unbedingt etwas, woran sie sich gerne erinnerte. </p><p>�Was, beim Schlund, treibst du da, du Fischgesicht?�  fauchte sie. �Wer hat dir befohlen, den Turm zu pl�ndern?�</p><p>Hrhon sah sie eindeutig betroffen an, lud seine Last auf das kleine Tischchen neben der T�r ab und breitete verlegen die Arme aus. �Isss dachte... �, begann er, wurde aber sofort von Tally unterbrochen:</p><p>�Genau das ist dein Fehler, Hrhon�, sagte sie �bellaunig. �Ist dir schon einmal aufgefallen, da� jeder Satz, den du mit den Worten: <emphasis>ich dachte</emphasis> beginnst, in einer Katastrophe endet?�</p><p>Hrhon war klug genug, nicht darauf zu antworten, und Tally wischte sich mit einer fahrigen Geste endg�ltig den letzten Schlaf aus den Augen und trat an ihm vorbei an den Tisch, um seine Beute zu begutachten.</p><p>Es handelte sich zum allergr��ten Teil um Waffen � Schwerter, Dolche, B�gen und ein paar Tally unbekannte, aber sehr unangenehm aussehende Dinge, die sie nicht einmal in die Hand h�tte nehmen k�nnen, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Finger zu verlieren. Aber es gab auch zwei der kleineren, fremdartigen Waffen, wie sie die beiden toten Frauen getragen hatten, und etwas, das wie ein Blasrohr aussah, dessen hinteres Ende mit einer St�tze versehen war, welche sich genau ihrer Schulter anpa�te. Tally dachte an das kopfgro�e Loch, das die Waffe der Fremden unten im Nebenhaus in die Mauer geschlagen hatte, und legte das Rohr vorsichtig wieder aus der Hand.</p><p>�Woher hast du das alles?� fragte sie.</p><p>�Esss gibt eine Waffenkammer�, antwortete Hrhon. </p><p>�Dha issst nhoch mehrrr.�</p><p>Seine Worte �berraschten Tally nicht sehr. Auch, wenn nur ein winziger Teil wirklich bewohnbar war � der Turm war gigantisch; gro� genug, Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen zu beherbergen � warum also sollte es nicht auch Waffen f�r Hunderte von Menschen geben? Aber sie erschreckten sie; denn es erschien ihr ziemlich sinnlos, all diese Waffen hier anzuh�ufen, wenn sie niemals benutzt werden sollten. M�glicherweise � nur m�glicherweise, aber allein der Gedanke lie� sie fr�steln � war es wirklich nur ein Zufall, da� sie den Turm so leer vorgefunden hatten. Und m�glicherweise befanden sich die Besitzer all dieser stechenden und schneidenden Scheu�lichkeiten bereits auf dem Weg hierher...</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken, drehte sich mit einem Ruck vom Tisch weg und befahl Hrhon, ihr die Waffenkammer zu zeigen.</p><p>Der Waga hatte nicht �bertrieben � die Waffenkammer war gro� genug, eine ganze Armee auszur�sten, und nur sehr wenig von dem, was sie enthielt, war in schlechtem Zustand. Nat�rlich war es m�glich, da� die beiden Frauen oder die Hornk�pfe diese Arbeit getan hatten, schon um sich die Zeit zu vertreiben, aber das hielt Tally f�r nicht sehr wahrscheinlich. Aber sie behielt ihre Bef�rchtungen � zumindest im Moment noch � f�r sich, und befahl Hrhon knapp, ihr den Rest der Zimmer zu zeigen, die die beiden Frauen und ihre Kampfinsekten bewohnt hatten.</p><p>Es waren mehr, als sie erwartet hatte; im Inneren des steinernen Schwalbennestes verbarg sich ein wahres Labyrinth von R�umen � drei, vielleicht vier Dutzend Kammern unterschiedlicher Gr��e, von denen die meisten leer standen und seit endlosen Jahren nicht mehr benutzt worden waren, wie die dicke Staubschicht auf dem Boden bewies, aber der verbliebene Rest war noch immer gewaltig, und er war mit einem Luxus und �berflu� ausgestattet, wie ihn Tally nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Sie wurde es bald m�de, all die Reicht�mer und Kostbarkeiten zu z�hlen, die sie sah, und die fremdartigen Dinge und Ger�tschaften zu bestaunen, die sie niemals zuvor erblickt hatte und deren Sinn ihr verborgen blieb. Nur eines war ihr schon nach kurzer Zeit klar: die beiden Frauen hatten wie die K�nige hier gelebt � und sie waren nicht allein gewesen, jedenfalls nicht immer. Au�er den Schlafzimmern der beiden Frauen gab es noch ein halbes Dutzend weiterer, kostbar ausgestatteter Gem�cher, die Spuren h�ufiger Benutzung zeigten, und Kleider in den unterschiedlichsten Gr��en, die weder dem M�dchen noch der �lteren Frau gepa�t haben konnten.</p><p>Nur eines fand sie nicht, so intensiv sie danach suchte � einen Hinweis auf die Herkunft der beiden Frauen. Sie fand Karten � Hunderte von Karten, s�uberlich zusammengerollt und in einem deckenhohen Regal aufbewahrt �, Karten von L�ndern und St�dten, die sie kannte, anderen, von denen sie geh�rt hatte und sehr vielen, auf die keines von beiden zutraf. Aber was nutzten ihr die genauesten Karten, wenn sie nicht wu�te, was sie zeigten, und die ausf�hrlichsten und besten B�cher � von denen es gleich Tausende gab � wenn sie allesamt in einer Sprache abgefa�t waren, die sie nicht lesen konnte? Tallys Entt�uschung nahm zu, je mehr Zeit sie damit verbrachte, die Zimmer zu durchsuchen, und zugleich wuchs auch ihr Zorn. Sie f�hlte sich genarrt. Wozu hatte sie all dies auf sich genommen, wenn sie jetzt nichts mit dem Preis ihrer M�hen anfangen konnte?</p><p>Es wurde Mittag, bis sie die R�umlichkeiten auch nur fl�chtig durchsucht hatten, und die Sonne hatte den Zenit bereits �berschritten und die zweite H�lfte ihrer Tageswanderung begonnen, als sie die Plattform an ihrem oberen Ende erreichten.</p><p>Tally z�gerte unmerklich, das steinerne gut zehn mal f�nfzehn Schritte messende Rechteck zu getreten; denn anders als auf dem kleinen Balkon im Turminneren gab es hier kein Gel�nder, sondern nur eine willk�rlich gezogene Kante, hinter der ein meilentiefer Abgrund lauerte. W�ren die beiden Wagas nicht gewesen, und das absurde Gef�hl, in ihrer Gegenwart keine Schw�che zeigen zu d�rfen, h�tte sie wahrscheinlich auf der Stelle kehrt gemacht. Der Wind zerrte hier oben mit Macht an ihr, und f�r einen Moment hatte Tally das Gef�hl, den ganzen gigantischen Turm wie ein d�nnes Schilfrohr unter ihren F��en schwanken zu sp�ren.</p><p>Hrhon deutete auf eine gut mannshohe Konstruktion, die aus der Mitte der Plattform herauswuchs und das Sonnenlicht reflektierte. �Dhass habhe isss entdeckt�, lispelte er. �Abher isss weisss nichht, wasss esss issst.�  Tally sah den Waga fragend an, runzelte die Stirn und n�herte sich dem sonderbaren Gebilde vorsichtig; so vorsichtig, wie man sich in einer feindseligen Umgebung nun einmal einem Ding n�herte, von dem man nicht wu�te, was es war, das aber � gelinde ausgedr�ckt <emphasis>- sonderbar</emphasis> aussah.</p><p>Das Gebilde war etwas gr��er als ein normal gewachsener Mann und stand auf drei l�cherlich d�nnen, mehrfach untergliederten Storchenbeinen aus Metall. Auf den allerersten Blick erinnerte es Tally an eine flache Sch�ssel, die auf die Kante gestellt worden war, nur da� ihre Innenseite nicht glatt war, sondern aus Tausenden und Abertausenden kleiner dreieckiger Spiegelscherben bestand, die man so angeordnet hatte, da� sie das Sonnenlicht einfingen und auf einen ganz bestimmten Punkt konzentrierten.</p><p>Tally hatte etwas �hnliches sogar schon einmal gesehen, auch wenn es sehr sehr lange her war: mehr als f�nfzehn Jahre, in Stahldorf, ihrem Geburtsort. Damals hatte einer der M�nner versucht, einen Spiegel zu bauen, mit dem er das Sonnenlicht b�ndeln konnte, um auf diese Weise genug Hitze zu erzeugen, Eisen zu schmelzen. Das einzige Ergebnis seiner Bem�hungen waren genug Brandblasen f�r den Rest seines Lebens gewesen, und der Umstand, da� die ganze Stadt �ber ihn gelacht hatte � aber die Konstruktion damals hatte dieser hier doch sehr ge�hnelt, nur da� das Gebilde, das Tally jetzt betrachtete, viel graziler und gleichzeitig perfekter aussah. Aber wozu mochte es dienen?</p><p>Vorsichtig umrundete Tally das st�hlerne Dreibein, hob die Hand und fuhr sacht mit den Fingerspitzen �ber die Spiegelfl�che. Sie f�hlte sich kalt an, obwohl die Sonne mit Macht vom Himmel schien und ihre Augen allein vom Hinsehen schmerzten. Tally �berlegte einen Moment, dann gebot sie Hrhon und Essk mit einer knappen Geste, zur�ckzubleiben, und zog ihren Dolch aus dem G�rtel. Sie ri� ein St�ck aus dem Verband, der ihren Oberschenkel zierte, wickelte den Stoff locker um die Klinge und f�hrte die Waffe am ausgestreckten Arm vor dem Spiegel entlang.</p><p>�Wasss thut Ihr?�erkundigte sich Essk.</p><p>Tally l�chelte. �Pa� auf�, sagte sie. �Gleich beginnt der Stoff zu brennen!�</p><p>Essk stie� ein verwundertes Zischeln aus und kam neugierig n�her, und auch Hrhon trippelte ungeschickt um den Riesenspiegel herum und beugte sich vor. Nichts geschah. Tally f�hrte den Dolch mit langsamen Kreisbewegungen vor dem gesamten Spiegel entlang, an jeder nur m�glichen Stelle, an der das Sonnenlicht geb�ndelt werden konnte, aber der Stoff begann nicht einmal zu qualmen, geschweige denn zu brennen. Hrhon und Essk waren klug genug, keinen Laut von sich zu geben, aber Tally entgingen die bezeichnenden Blicke keineswegs, die sie sich zuwarfen, und aus ihrer anf�nglichen Entt�uschung wurde �rger, dann Wut. Zornig warf sie den Dolch zu Boden, hob die Hand und f�hrte die Finger vor dem Spiegel entlang.</p><p>Nichts. Sie sp�rte nicht einmal W�rme, obwohl der Spiegel ganz genau auf die Sonne ausgerichtet war. </p><p>�Dha issst ein Sssatten�, sagte Essk pl�tzlich. Tally sah auf, blickte die Waga ver�rgert an und lie� die Hand sinken. �Wo?�</p><p>Essk deutete nach Westen, in die W�ste hinaus. �Dort�, antwortete sie. �Jessstisster fhort. Ahber gherade whar ein Sssatten dha.�</p><p>Tally blickte einen Moment lang in die W�ste hinaus. Sie konnte nichts anderes sehen als die endlosen braungelben Sandwogender Gehran, aber sie wu�te, da� Essk sich nicht get�uscht hatte. Wenn sie behauptete, einen Schatten gesehen zu haben, dann <emphasis>hatte</emphasis> sie einen Schatten gesehen. Tallys �rger machte von einer Sekunde auf die andere Erregung Platz. �Was war es?� fragte sie. �Ein Reiter?�  Essk versuchte ein Kopfsch�tteln zu imitieren und verlor dabei fast das Gleichgewicht. �Nein�, sagte sie. �Etwasss Grosssesss. Sssehr gros.�</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde sah Tally gigantische Schwingen, auf denen der Tod ritt. Aber wirklich nur f�r eine Sekunde � die beiden Wagas wu�ten zehnmal besser als sie, wie die Drachen aussahen.</p><p>�Esss verssschwand, alsss Ihr...� begann Essk, brach dann pl�tzlich ab und hob m�hsam den Arm in Kopfh�he. Ihre dreifingrige Hand huschte ungeschickt �ber den Spiegel.</p><p>F�nf Meilen westlich des Turms erschien ein gigantisches finsteres Etwas �ber der W�ste.</p><p>�Beim Schlund!� keuchte Tally. �Was...�</p><p>Essk lie� die Hand sinken, stie� einen zischelnden, verwunderten Laut aus und hob abermals den Arm. Wieder erschien der Schatten �ber der W�ste, riesig, schwarz, zitternd und mit verschwommenen R�ndern, die zu pulsieren schienen � aber es war eindeutig der Schatten einer Hand; einer gigantischen, dreifingrigen Hand, so kompakt und plump, da� sie beinahe verkr�ppelt wirkte.</p><p>Tally fuhr herum, stie� Essk grob beiseite und hob selbst noch einmal die Hand vor den Spiegel.</p><p>Ihr Schatten erschien f�nf Meilen weiter im Westen, zehntausendfach vergr��ert und flackernd, ein gigantischer D�mon, der aus dem Nichts kam und selbst einen Schatten warf, der wie eine riesige f�nfbeinige Spinne �ber die D�nent�ler und �k�mme kroch, eine Meile gro�. Und pl�tzlich begriff Tally.</p><p>Eine Sekunde lang l�hmte sie der Gedanke, denn wenn ihre Vermutung stimmte, dann...</p><p>Langsam, ganz langsam, als m�sse sie gegen einen unsichtbaren z�hen Widerstand ank�mpfen, lie� sie die Hand sinken, sah dem Erl�schen des Riesenschattens zu und drehte sich zu Hrhon um.</p><p>�Die Karten�, sagte sie. �Geh hinunter und hol' mir ein paar von den Karten, Hrhon. Schnell.�</p><p>Das Sprechen fiel ihr schwer. Ihr Verdacht war kein Verdacht mehr, sondern Gewi�heit � es war alles so klar und einleuchtend, da� es einfach keine andere Erkl�rung geben konnte. Aber etwas in ihr weigerte sich einfach, sie als wahr anzuerkennen, denn wenn sie es t�te, m��te sie gleichzeitig zugeben, da� alles noch viel sinnloser gewesen war, als sie bisher geglaubt hatte.</p><p>W�hrend sie darauf wartete, da� Hrhon zur�ckkehrte, untersuchte sie die Spiegelkonstruktion eingehender. Es gab eine Menge Dinge, die sie nicht verstand � Dutzende von Schrauben und Hebeln, mit denen der Spiegel in jede nur denkbare Richtung und Lage gedreht werden konnte, und sehr dicke Glasscheiben, die auf sonderbare Weise geschliffen waren, so da� sie alles verzerrten, was dahinter lag. Unmittelbar unter und vor dem Spiegel selbst gab es eine Art kleines Tischchen, das aus zwei metergro�en Kristallscheiben bestand, zwischen denen ein fingerbreiter Spalt war. Vorsichtig nahm sie ihren Dolch, schob die Klinge zwischen die beiden Scheiben und blickte nach Westen. Irgend etwas Riesiges, Finsteres huschte �ber die D�nen und verschwand, als sie die Waffe hastig zur�ckzog.</p><p>�Wasss isst dass, Herrin?� erkundigte sich Essk neugierig. �Sssauberei?�</p><p>Tally sch�ttelte zornig den Kopf. �Nein� sagte sie. </p><p>�Etwas, das schlimmer ist, Essk.�</p><p>W�tend stand sie auf, schob den Dolch in den G�rtel zur�ck und sah sich ungeduldig nach Hrhon um. �Warte, bis Hrhon kommt�, sagte sie. �Dann zeige ich es dir.�  Aber anders als gewohnt nahm Essk ihren Befehl nicht stumm hin, sondern wich ein ganz kleines St�ck von der Spiegelkonstruktion zur�ck. �Esss ghef�llt mir nissst�, zischelte sie. �B�ssse Magie.�</p><p>�Es ist keine Zauberei, du Flachkopf�, sagte Tally �rgerlich. Sie mu�te sich mit aller Macht beherrschen, ihren Zorn nicht auf die Wagas abzuladen. Der Gedanke an das, was sie vor sich hatte � und das, was es <emphasis>bedeutete!</emphasis></p><p>- trieb sie fast in den Wahnsinn.</p><p>Aber Essk beharrte auf ihrem Standpunkt. �B�ssse Magie�, behauptete sie. �Isss sph�re esss. Esss mhacht mir Angssst. Nhur Magie macht Angssst.�</p><p>Tally wollte auffahren, blickte die Waga aber statt dessen nur mit einer Mischung aus Zorn und Betroffenheit an. Essk redete Unsinn � diese <emphasis>was-immer-es-war</emphasis> hatte ganz eindeutig nichts mit Magie zu tun. Und doch hatte sie vielleicht recht. Wenn auch auf eine g�nzlich andere Art, als sie selbst ahnen mochte.</p><p>Es dauerte lange, bis Hrhon zur�ckkam. Tally bedauerte fast, nicht selbst hinuntergegangen zu sein, um die Karten zu holen; denn selbst ein Waga, der rannte, bewegte sich noch zu <emphasis>langsam.</emphasis> Zugleich aber hatte sie fast Angst vor dem Moment, in dem er zur�ckkam; denn wenn sich ihr Verdacht best�tigte, wenn sie sich selbst <emphasis>bewies,</emphasis> da� sie recht hatte, wie sollte sie dann noch leugnen, was nicht wahr sein durfte?</p><p>Als der Waga schlie�lich kam, beide Arme mit den s�uberlich zusammengerollten Karten beladen, z�gerte sie fast, ihm seine Last abzunehmen. Ihre Finger zitterten vor Aufregung, als sie eine der Pergamentrollen an sich nahm und das d�nne Lederband l�ste, mit dem es verknotet war.</p><p>Vorhin, als sie diese Karten zum ersten Male in H�nden gehalten hatte, waren sie ihr fast sinnlos erschienen, aber pl�tzlich bekam alles, was ihr so sonderbar vorgekommen war, eine entsetzliche Bedeutung: das Pergament, das so d�nn war, da� das Licht hindurch schien, die verwirrenden Linien und Umrisse, mit d�nnen, zitterig wirkenden, blutroten Strichen gemalt, die fremdartigen Schriftzeichen und Symbole...</p><p>Sie dr�ngte das Entsetzen zur�ck, das von ihr Besitz ergreifen wollte, wandte sich mit einem Ruck um und schob die Karte zwischen die beiden Glasplatten. Drau�en �ber der W�ste erschien ihr Spiegelbild, zehntausendfach vergr��ert, und mit einem Male waren die Linien nicht mehr zitterig und unsicher, sondern Flammen, haushohe, lodernd-rote Flammen, mit denen die G�tter ihre Befehle an den Himmel schrieben, waren winzige Punkte Flecke zu Bergen und St�dten geworden, kaum wahrnehmbare Linien zu flammenden K�sten, die Schriftzeichen, die ihr so fremd und gleichzeitig bekannt erschienen waren, spiegelbildlich verkehrt, Worte in Flammenschrift.</p><p><emphasis>L�ge!</emphasis> h�mmerten ihre Gedanken. <emphasis>Alles war L�ge! Von Anfang an! Sie hatten sie belogen! Sie hatten Hraban belogen, seine Vorg�nger, sie selbst. L�ge, L�ge, L�ge! Es gab keine G�tter. Es hatte sie niemals gegeben. Es gab nur diesen Betrug, eine gigantische, ungeheuerliche L�ge, einen Betrug an einer ganzen Welt, der so zynisch war, da� sich etwas in Tally selbst jetzt noch weigerte, ihn als wahr zu akzeptieren.</emphasis>  Die Erkenntnis traf sie mit einer solchen Wucht, da� sie schwankte und haltsuchend nach dem Spiegel griff. Eine schwarze Spinne huschte �ber die Flammenschrift der G�tter drau�en in der W�ste und l�schte sie aus. Und irgend etwas geschah mit Tally, in diesem Moment. Was sie f�r Entsetzen gehalten hatte, war in Wahrheit Zorn, ein so hei�er, w�tender Zorn, da� sie ihn als echten k�rperlichen Schmerz sp�rte, wie einen Krampf, der jede einzelne Faser ihres K�rpers zusammenzog. Sie schrie auf, ri� das Schwert aus dem G�rtel und schwang die Waffe mit beiden H�nden �ber dem Kopf. Hrhon und Essk brachten sich mit grotesk anmutenden H�pfern in Sicherheit, als die Klinge mit furchtbarer Wucht auf die Spiegelkonstruktion herunterkrachte.</p><p>Das Gebilde zerbarst schon beim ersten Hieb, aber Tally schlug weiter und weiter auf seine �berreste ein, immer und immer wieder, bis das st�hlerne Dreibein verbogen und zerbrochen vor ihr lag und von dem Spiegel nichts mehr �brig war als zahllose Splitter, wie glitzernde Tr�nen auf der Plattform verteilt. Aber selbst dann tobte Tally noch weiter, bis sie einfach nicht mehr die Kraft hatte, das Schwert zu heben, und ersch�pft auf die Knie sank.</p><p>Sie sp�rte kaum mehr, wie Hrhon sie nach einer Weile fast sanft am Arm in die H�he zog und zur�ck in den Turm f�hrte.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>�Eine <emphasis>Maschine!�</emphasis> Tally ballte in hilflosem Zorn die Faust, schlug sich in die ge�ffnete Linke und sprang auf. Pl�tzlich hatte sie das Bed�rfnis, irgend etwas zu zerst�ren; etwas zu packen und zu zerschlagen, irgend etwas, das <emphasis>ihnen geh�rte, und am liebsten einen von ihnen</emphasis> selbst, wer immer <emphasis>sie</emphasis> sein mochten. Zornig fuhr sie herum und versetzte dem Stuhl, auf dem sie gerade noch gesessen hatte, einen so wuchtigen Tritt, da� er quer durch die Kammer flog und an der gegen�berliegenden Wand zerbrach. Ihre Wut sank dadurch um keinen Deut; ganz im Gegenteil f�hlte sie sich eher noch hilfloser � und zorniger � als zuvor.</p><p>Es war dunkel geworden. Tally hatte den Rest des Tages im Inneren des Turmes verbracht, zum Teil mit dumpfem vor-sich-Hinbr�ten und zum Teil mit etwas, das ihrem Naturell weitaus mehr entsprach: mit Toben. Selbst die beiden Wagas, die ihre Wutanf�lle seit mehr als einem Jahrzehnt gewohnt waren, hatten viel von ihrer stoischen Ruhe verloren und wurden zusehends nerv�ser. Vor einer Weile hatte Hrhon den Raum verlassen, um � wie er gesagt hatte � oben auf dem Turm nach dem Rechten zu sehen. Tally wu�te nicht, was es dort oben au�er dem Nachthimmel zu sehen gab, aber sie wu�te auch, da� es nur eine Ausflucht des Waga war � nein, in Wahrheit hatte sich Hrhon zur�ckgezogen, weil er sie noch niemals in einem Zustand wie jetzt erlebt hatte. Genau genommen hatte das niemand, nicht einmal Tally selbst, und h�tte sie noch genug Selbstbeherrschung besessen, es �berhaupt zur Kenntnis zu nehmen, w�re sie wahrscheinlich vor sich selbst erschrocken.</p><p>Aber sie konnte nicht anders als <emphasis>so</emphasis> reagieren, zum einen, weil sie nicht Tally gewesen w�re, h�tte sie ihrem Zorn nicht Luft gemacht, und zum anderen, weil sie wahrscheinlich den Verstand verloren h�tte, h�tte sie sich ruhig hingesetzt und �ber die Konsequenzen ihres Fundes nachgedacht.</p><p>Eine <emphasis>Maschine!</emphasis> Die G�tterschrift am Himmel war nichts als das Werk einer <emphasis>Maschine</emphasis> gewesen! Wieder sp�rte sie Wut, eine unbezwingbare, kochende Wut, zum vielleicht hundertsten Male, seit sie den Spiegel entdeckt hatten, aber so hei� wie beim allerersten Mal. Diesmal war es der Tisch, den sie zerschlug.</p><p>�Wenn Ihr ssso wheithermacht�, sagte Essk, �wherdet Ihr auhf dem Bodhen ssslafen m�ssen.�</p><p>Tally fuhr herum, die Hand gehoben, um die Waga zu schlagen. Aber sie f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, als sie begriff, da� Essks Worte nicht sp�ttisch gemeint waren. Sie wu�te nicht, ob ein Waga �berhaupt wu�te, was das Wort Humor oder gar Sarkasmus �berhaupt bedeutete � Essk jedenfalls meinte genau das, was sie sagte, und sie hatte recht damit. W�tend lie� sie den Arm sinken, drehte sich herum und versetzte den �berresten des Tisches einen Tritt.</p><p>�Issst esss ssso ssslimm?� lispelte Essk.</p><p>�Schliaun?� Tally schnaubte. �Schlimm?� wiederholte sie. Essks Frage kam reichlich sp�t � nach Stunden, die sie nichts anderes getan hatte, als zu Toben und Schreien. Au�erdem wu�te sie keine wirkliche Antwort darauf. War es <emphasis>schlimm?</emphasis> Nein, schlimm nicht. Es war... es war unvorstellbar. Es war grausam und h�hnisch und zynischer als alles, was sie sich vorstellen konnte. Und wer immer daf�r verantwortlich war, er w�rde daf�r bezahlen.</p><p>�Es war eine Maschine, Essk�, sagte sie schlie�lich. </p><p>�Begreifst du nicht? Hrabans G�tterschrift war nichts als das Werk eines albernen Spiegels!�</p><p>�Ich weisss�, lispelte die Waga. �B�ssse Magie.� </p><p>�Nenn es, wie du willst, du Fischgesicht, aber es war eine Maschine�, fauchte Tally. �Begreifst du nicht, was das bedeutet? Dieses... dieses Ding. Dieser verdammte Turm hier. Diese Waffe!� Sie lie� die Hand auf die Waffe der Toten klatschen, die sie noch immer im G�rtel trug. Welche N�rrin war sie doch gewesen! dachte sie. Schon der Anblick dieses schrecklichen Dinges, das wie ein Kinderspielzeug aussah und kopfgro�e L�cher in massiven Fels brannte, h�tte ihr die Augen �ffnen m�ssen. </p><p>�Wasss issst ssso ssslimm dharhan?� fragte Essk ruhig. </p><p>�Was daran schlimm ist?� Tally unterdr�ckte im letzten Moment einen Schrei. �Begreifst du das wirklich nicht, Essk?� fragte sie. Erregt trat sie auf Essk zu, packte sie bei den Schultern und versuchte vergeblich, ihre vierhundert Pfund zu sch�tteln. �Sie... sie haben meine Stadt niedergebrannt, weil wir Stahl geschmolzen haben! Wir haben St�dte vernichtet, weil ihre Menschen eine harmlose Wasserm�hle bauten, nur um etwas weniger Arbeit zu haben! Wir haben ganze V�lker ausgel�scht, weil sie <emphasis>Maschinen</emphasis> gebaut haben! Seit... seit zehn Jahren bin ich eure F�hrerin, und seit zehn Jahren sorge ich daf�r, da� auf dieser Welt niemals <emphasis>Maschinen</emphasis>  erfunden werden! Und die, f�r die ich es tue, benutzen sie selbst!�</p><p>Bei den letzten Worten hatte sie wieder geschrien, aber die Waga schien ihren Zorn gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Zumindest verstand sie ihn nicht. �Dasss issst logisch�, antwortete sie ruhig. �Sssie thun esss, weil sssie sssie f�rchten. Und man f�rchtet nichtsss, dasss man nicht khennt.�</p><p>�Nat�rlich!� fauchte Tally. �Aber ich...� Sie brach mitten im Wort ab, starrte die Waga mit gro�en Augen an und trat einen halben Schritt zur�ck. �Was... was hast du gesagt?� murmelte sie.</p><p>�Dasss sssie sssie f�rchten�, wiederholte Essk. </p><p>�Und man f�rchtet nichts, was man nicht kennt�, f�gte Tally leise hinzu. F�r einen Moment wich ihr Zorn einer tiefen, mit Entsetzen gepaarten Verwirrung. </p><p>�Du... du hast es gewu�t�, murmelte sie.</p><p>�Nicht gewussst�, antwortete Essk. �Aber gheahnt. Esss issst logisch.�</p><p>�Aber... aber warum hast du niemals... niemals etwas gesagt?� stammelte Tally. �Oder Hrhon?�</p><p>�Ihr habt nicht ghefragt�, antwortete Essk ruhig. Tally starrte sie an. Sie wollte irgend etwas sagen, etwas tun � aber sie konnte es nicht. Seit f�nfzehn Jahren kannte sie die beiden Wagas, aber sie hatte tats�chlich niemals auch nur ein pers�nliches Wort mit ihnen gewechselt, zumindest nicht mehr seit der Zeit, seit sie Hrabans Frau und wenig sp�ter seine Witwe und Nachfolgerin geworden war. F�r sie � wie f�r �brigens alle anderen Mitglieder der Sippe auch � waren die beiden Wagas nur gro�e, sehr zuverl�ssige und sehr starke Diener gewesen, im Grunde selbst nicht viel mehr als Maschinen, auf die man sich verlie�, denen man aber keine eigene Pers�nlichkeit zubilligte.</p><p>Tally hatte pl�tzlich ein starkes Gef�hl von Scham. W�re der Sandsturm nicht gewesen, dann w�rde sie Essk und Hrhon noch jetzt als nichts anderes als Sklaven behandeln. Sie fragte sich, wie viel Dinge noch so offensichtlich vor ihrer Nase herumliegen mochten, ohne da� sie sie bisher auch nur bemerkt hatte.</p><p>�Und es war euch... egal?� fragte sie stockend. �All die Toten, all die verw�steten St�dte und L�nder... das alles war euch gleich? �</p><p>�Esss isst Euer Krieg�, antwortete Essk gleichm�tig. </p><p>�Nhur Mensssen bauen Masssinen. Und nhur Mensssen th�ten Mensssen ohne Grund.�</p><p>Tally starrte sie betroffen an. Und pl�tzlich war <emphasis>sie</emphasis> es, die sich als die Unterlegene vorkam. Aus den Worten der Waga sprach eine solche Weisheit, da� sie sich f�r einen Moment allen Ernstes fragte, wer von ihnen nun das Tier und wer die �berlegene Rasse der Sch�pfung war. Aber dann meldete sich in ihr wieder die alte Tally und machte ihr klar, da� sie mit einer fischgesichtigen Waga sprach, die vor ein paar hundert Jahren aus einem Bau gekrochen und im Schlamm aufgewachsen war, bis sie auf Menschen traf, die ihr Sprechen und Denken beigebracht hatten. Essk war uralt und hatte vor Tally Hraban und vor Hraban schon einem Dutzend anderen gedient, und wahrscheinlich hatte sie diesen Unsinn irgendwann einmal aufgeschnappt und sich gemerkt, um ihn im richtigen Moment anzubringen.</p><p>Hrhons R�ckkehr bewahrte Essk vor der verletzenden Antwort, die Tally auf der Zunge lag. Der Waga polterte lautstark die Treppe herunter, und obwohl sein Gesicht weiterhin ausdruckslos wie ein alter Schuh blieb, sp�rte Tally sofort die Erregung, die von ihm Besitz ergriffen hatte. �Jhemand khommt!� keuchte er.</p><p>�Jemand?� Tallys Hand glitt zum Schwert, ohne da� sie es auch nur bemerkte. �Wer? Wo?�</p><p>Hrhon machte eine ungeschickte Geste nach oben. </p><p>�Dort. Drei. Vhielleicht vhier. Ich khonnte nicht ghenau sssehen, was...�</p><p>Tally h�rte nicht mehr, <emphasis>was</emphasis> Hrhon nicht genau hatte sehen k�nnen, denn sie war bereits an ihm vorbei,und rannte, immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf.</p><p>Keuchend erreichte sie die kleine Plattform am abgebrochenen oberen Ende des Turmes, blieb stehen und richtete den Blick nach Norden.</p><p>Es waren drei. Sie waren noch weit entfernt, zahllose Meilen, und so hoch, da� sie nur als winzige dunkle Punkte vor dem nicht ganz so dunklen Blau des Nachthimmels auszumachen waren, und auch das eigentlich nur, weil sie sich bewegten. Das Schlagen ihrer gigantischen schwarzen Schwingen war nicht mehr als ein Flackern, das dumpfe Rauschen und der durchdringende Drachengestank existierten nur in Tallys Phantasie, und die kr�chzenden Schreie, die sie zu h�ren glaubte, waren ihre eigenen, keuchenden Atemz�ge.</p><p>Sie kamen! Sie w�rde sie <emphasis>sehen,</emphasis> nicht als verschwommene Schatten in der Nacht, nicht als schwarze Drohung, die nur zu ahnen und nicht wirklich zu erkennen war, sondern unmittelbar. Sie w�rde einer von ihnen gegen�berstehen, Auge in Auge.</p><p>Tallys Handfl�chen wurden feucht vor Schwei�. Ihr Herz schlug pl�tzlich sehr langsam, aber so schwer wie ein Hammerwerk. Wieder glitt ihre Hand zum Schwert und schmiegte sich um den lederumwickelten Griff, aber diesmal war es, als m�sse sie sich daran festhalten, um nicht vollends die Verbindung zur Wirklichkeit zu verlieren. F�r einen Moment begannen die Umrisse der drei Drachen vor ihren Augen zu verschwimmen. Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet? Jahre? Zehn Jahre mindestens, seit dem Tage, an dem Hraban sie das erste Mal mit hierher in die W�ste genommen und sie das Geheimnis der Flammenschrift kennengelernt hatte. Aber in Wahrheit war es wohl weit mehr. Im Grunde hatte sie jede Sekunde der letzten f�nfzehn Jahre auf diesen Augenblick gewartet, jeden Atemzug, den sie getan hatte, seit jener Nacht, als sie aus dem Wald trat und die verbrannte Stadt ihrer Kindheit unter sich liegen sah. Im Grunde war keine Sekunde in all diesen Jahren vergangen, in der sie nicht f�r ihre Rache gelebt hatte. Und jetzt w�rde sie sie vollziehen.</p><p>Einer der beiden Wagas trat schnaubend hinter ihr auf die Plattform, und als sie sich umwandte, erkannte sie Hrhon. In der Dunkelheit war er nicht mehr als ein massiger schwarzer Schatten, in dem nur die Augen von glitzerndem Leben erf�llt waren. Aber sein Erscheinen ri� Tally abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. Pl�tzlich wurde sie sich des eigenen Umstandes bewu�t, da� vielleicht mehr dazu geh�rte, Rache zu nehmen, als dazustehen und zu warten, da� ihre Feinde eintrafen � wie zum Beispiel die Kleinigkeit, dieses Eintreffen auch zu �berleben...</p><p>�Zur�ck�, befahl sie grob. �Wir m�ssen uns irgendwo verstecken. Rasch jetzt � sie werden gleich da sein.�  Hrhon gehorchte schweigend, aber bevor er sich umdrehte, warf er noch einen letzten Blick auf die drei gigantischen schwarzen Schatten am Himmel, die sich dem Turm n�herten. Tally war sich der Tatsache durchaus bewu�t, da� es vollkommen unm�glich war � aber f�r einen kurzen Moment war sie vollkommen sicher, auf dem Gesicht des Waga einen Ausdruck nackter Angst zu sehen.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken, gab Hrhon einen unsanften Sto� in den R�cken und hetzte hinter ihm die Treppe hinunter.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Sie waren wieder im Balkonzimmer, dem vorletzten vor dem Quartier der Hornk�pfe. Tally sah sich unschl�ssig um. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, sich einfach unter dem Bett zu verkriechen und die beiden Wagas hinter dem Vorhang zu postieren, aber sie verwarf die Idee so schnell wieder, wie sie ihr gekommen war. Es hatte keinen gro�en Sinn, Fallen zu stellen, wenn sie nicht einmal wu�te, mit wie vielen Feinden sie zu rechnen hatten. Die Drachen waren gro� genug, ein halbes Dutzend Reiter zu tragen � pro Tier. Aber es mochte ebensogut nur einer sein. Nein � sie mu�ten erst wissen, mit wem sie es �berhaupt zu tun hatten, ehe sie �berlegen konnten, wie sie vorgingen.</p><p>Aber das war leichter gesagt als getan; denn obgleich es mehrere Dutzend Kammern und Zimmer gab, waren die meisten davon leer, und auch die bewohnten Teile des Quartiers boten wenige M�glichkeiten, einen Menschen und zwei Wagas zu verbergen, sah man von so intelligenten Verstecken wie Kleiderschr�nken und Vorh�ngen ab, hinter denen die Neuank�mmlinge garantiert sofort nachsehen w�rden. Sie h�tten schon blind und vollkommen schwachsinnig zugleich sein m�ssen, um nicht zu bemerken, da� hier irgend etwas nicht so war, wie es sein sollte � ganz abgesehen davon, da� die beiden rechtm��igen Bewohnerinnen des Turmes nicht da waren, mu�te ihnen der zerst�rte Spiegel oben auf der Plattform auffallen, noch bevor sie landeten. Tally verfluchte sich im Nachhinein f�r ihre eigene Unbeherrschtheit, den Spiegel zerschlagen zu haben. Aber jetzt war es zu sp�t, den Fehler wiedergutzumachen; ihnen blieben noch zehn Minuten, allerh�chstens.</p><p>Tally warf einen raschen, nerv�sen Blick zur T�r, schob das Schwert in den G�rtel zur�ck, das sie ganz instinktiv gezogen hatte, und schlug den schweren Samtvorhang zur Seite, der den Durchgang zum Balkon verbarg. Der Wind schlug ihr wie eine eisige Kralle ins Gesicht und lie� sie blinzeln. Jetzt, mitten in der Nacht, wirkte das Innere des Turmes wie ein bodenloser Schlund, der nur darauf wartete, da� sie ihm zu nahe kam und an dessen Grund etwas namenlos B�ses, K�rperloses lauerte.</p><p>Trotzdem trat sie nach kurzem Z�gern ganz an das Gel�nder heran, legte die H�nde auf das kalte Eisen und beugte sich vor, so weit sie konnte. Der Sog des Abgrundes wurde st�rker. F�r einen Moment mu�te sie all ihre Willenskraft aufbieten, um ihm nicht einfach nachzugeben und sich nach vorne fallen zu lassen.</p><p>Es war schwer, in der herrschenden Dunkelheit �berhaupt etwas zu erkennen, aber nachdem sich ihre Augen einmal an das schwache Licht gew�hnt hatten, sah sie genau das, was zu sehen sie gehofft hatte: der Balkon war nicht als freitragende Konstruktion gebaut, sondern wurde von drei m�chtigen, schr�g aus der Wand ragenden Balken gest�tzt. Und mit einigem Geschick mu�te es m�glich sein, �ber die Br�stung zu klettern und auf diesen Balken sicheren Halt zu finden.</p><p>Sie richtete sich auf, winkte Hrhon und Essk zu sich und erkl�rte ihnen ihren Plan. Hrhon schwieg, wie fast immer, wenn sie ihm einen Befehl erteilte, w�hrend seine Gef�hrtin sichtlich erschrocken zusammenfuhr und einen zischelnden Laut von sich gab.</p><p>�Ich wei�, da� es gef�hrlich ist�, sagte Tally. �Aber es ist die einzige M�glichkeit. Wenn sie euch beide hier finden, k�nnen sie sich den Rest der Geschichte an den Fingern einer Hand abz�hlen. Ihr versteckt euch hier, bis ich euch rufe.�</p><p>�Uhnd Ihr, Herrin?� fragte Hrhon.</p><p>�Ich werde sie hier erwarten�, antwortete Tally. �Ich bin allein und stelle keine unmittelbare Gefahr f�r sie dar. Vielleicht erfahre ich auf diese Weise mehr, als wenn wir gleich �ber sie herfallen.�</p><p>�Ein ghuter Plan�, stimmte Hrhon nach kurzem �berlegen zu. �Abher ghefh�rlich.�</p><p>Tally warf einen schr�gen Blick auf das Balkongitter und fragte sich, wie Hrhons Worte wohl wirklich gemeint waren. Selbst f�r einen geschickten Kletterer wie sie war es nicht ohne Risiko, �ber die Br�stung zu steigen und sich auf den Balken festzuklammern � f�r ein Wesen wie Hrhon grenzte es an Selbstmord. Tally schalt sich in Gedanken eine N�rrin, die Zeit nicht genutzt zu haben, sich nach einem besseren Versteck umzusehen.</p><p>�Schnell jetzt�, sagte sie, ohne direkt auf Hrhons Worte einzugehen. �Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.�  Hrhon z�gerte noch einmal � wenn auch fast unmerklich � stie� ein resignierendes Grunzen aus und begann schnaubend und keuchend �ber die Br�stung zu steigen. Der Balkon �chzte unter seinem Gewicht, und Tally sah, wie sich das zollstarke Eisen des Gitters verbog, als Hrhon dar�ber kletterte und mit entnervender Langsamkeit damit begann, sich Hand �ber Hand in die Tiefe zu hangeln.</p><p>Es wurde zu einen Wettlauf gegen die Zeit. Sie gewannen ihn, wenn auch so knapp, wie es �berhaupt nur denkbar war � nach Hrhon stieg auch Essk �ber die Br�stung, aber ihr flaches Echsengesicht war kaum am unteren Rand des Gitters verschwunden, als der erste der drei gigantischen schwarzen Schatten �ber dem Turm erschien.</p><p>Tally trat mit einem hastigen Schritt zur�ck und sp�hte durch einen Spalt im Vorhang nach oben. Sie sah auf diese Weise nur noch einen handbreiten Ausschnitt des Himmels, aber sie wu�te nicht, wie es um die Sehkraft der Drachen bestellt war � schlie�lich waren es Nachttiere � und wollte nicht das Risiko eingehen, vorzeitig entdeckt zu werden.</p><p>Und sie sah auch genug. Der gigantische Schatten, der den Himmel verdunkelt hatte, verschwand wieder, aber nur, um gleich darauf von einem zweiten, wom�glich noch gr��eren, finsteren Etwas abgel�st zu werden, das den Himmel und die Sterne ausl�schte und sich tiefer und tiefer auf die Turmspitze herabsenkte, bis Tally den Eindruck hatte, eine Glocke aus geronnener Schw�rze habe sich �ber die W�ste gest�lpt. Rote, im Verh�ltnis zur K�rpergr��e des Tieres l�cherlich kleine Augen blinzelten zu ihr herab; die drei Reiter, die im Nacken des fliegenden Ungeheuers hockten, sahen aus wie Spielzeuge. Der Drache sank tiefer, schlug einmal fast gem�chlich mit seinen gigantischen Fl�geln und gewann noch einmal kurz an H�he, ehe er vollends auf den Turm herabsank.</p><p>Das ganze, ungeheuerliche Geb�ude erbebte, als sich das Monstrum auf seiner Spitze niederlie�, halb aufgerichtet, die Schwingen wie eine zu gro� geratene Fledermaus an den K�rper gefaltet und den Hals fast grotesk vorgebeugt, damit seine Reiter nicht den Halt verloren und sich eine Meile tiefer die eigenen H�lse brachen. Es war ungeheuerlich. Tally sah nur Schatten, schwarze Umrisse, gegen das Samtblau des Himmels, aber vielleicht machte gerade das den Anblick nur um so eindrucksvoller. Nach dem ersten Drachen landete der zweite, trotz seiner jede Vorstellung sprengenden Gr��e fast grazi�s und kurz darauf � sie sah es nicht, aber sie sp�rte, wie der Turm unter ihren F��en ein drittes Mal ganz sacht erzitterte � das letzte Tier.</p><p>Ein schwer in Worte zu fassendes Gef�hl von Ehrfurcht ergriff von Tally Besitz, trotz ihres Zornes und all des aufgestauten Hasses von mehr als anderthalb Jahrzehnten. Es war das erste Mal, da� sie die Drachen aus solcher N�he sah, und trotz allem war alles, was sie empfand, Bewunderung, ein Schaudern angesichts der ungeheuerlichen Macht, die diese Tiere ausstrahlten, aber auch ihrer Sch�nheit und Grazie.</p><p>Tally hatte viele gro�e Tiere gesehen � und einige davon waren wirklich <emphasis>gro�</emphasis> gewesen � aber keines davon hatte auch nur ann�hernd die Gr��e dieser drei Drachen. Und es war nichts Plumpes oder gar Schwerf�lliges an diesen schwarzgeschuppten Riesen; ganz im Gegenteil. Trotz ihrer Gr��e wirkten sie grazi�s, majest�tisch und... ja, irgendwie leicht, wie sie so dahockten, leicht nach vorne gebeugt, manchmal die Fl�gel bewegend, um auf dem schmalen Grat die Balance zu halten, wie �bergro�e Raben, die auf einem Dachfirst sa�en und ihr Gefieder sch�ttelten.</p><p>Nacheinander begannen die Reiter abzusteigen. Ihre Bewegungen wirkten grotesk; fast wie die von Ameisen, die �ber den R�cken eines Giganten krabbelten, und trotz der gro�en Entfernung konnte Tally die Unsicherheit und Vorsicht erkennen, die ihnen innewohnte. Und dann geschah etwas, womit Tally fast gerechnet hatte, und das sie doch zutiefst erschreckte: kaum waren die Reiter vom R�cken des ersten Drachen heruntergestiegen, spreizte das Ungeheuer die Fl�gel, lie� sich nach vorne kippen � und st�rzte senkrecht in den Turm hinab; ein schwarzer Kolo�, dessen nur halb aufgespannten Schwingen um ein Haar die W�nde ber�hrten.</p><p>Der Sturmwind, der dem Kolo� hinterherfauchte, trieb Tally zur�ck ins Zimmer. Sie taumelte ein paar Schritte zur�ck, hob sch�tzend die H�nde vors Gesicht und kr�mmte sich, als der schwere Samtvorhang wie eine �bergro�e Hand nach ihr schlug. Dann kam sie endlich auf die Idee, zur Seite zu treten � und keinen Moment zu fr�h, wie sich zeigte, denn kaum war der Luftsog ein wenig schw�cher geworden, st�rzte der zweite Drache in den Turm hinab, jetzt nicht mehr als eine Faust aus Schw�rze, die vor dem Balkon vorbeirauschte.</p><p>Voller Schrecken dachte sie an Hrhon und Essk, die dem heulenden Luftsog schutzlos ausgeliefert waren. Aber sie wagte es nicht, noch einmal hinauszugehen und nach den beiden Wagas zu sehen.</p><p>Statt dessen drehte sie sich herum, ging nach kurzem �berlegen zu dem verw�steten Bett und kuschelte sich an sein Kopfende. Sie zog die Knie an den K�rper, zog ein St�ck der zerfetzten Decke �ber die Beine und legte das Schwert griffbereit neben sich, die Hand auf der ledernen Scheide. Den Kopf lehnte sie in einer bewu�t unbequemen Stellung an den Bettpfosten; ganz die Haltung eines Menschen, der sich nur ein wenig hatte ausruhen wollen und dabei unversehens eingeschlafen war. Sie wartete. Und sie betete zu allen G�ttern, die sie kannte � und vorsichtshalber auch gleich zu allen, von denen sie noch nie geh�rt hatte �, da� ihre Rechnung aufgehen und die Drachenreiter sie nicht gleich t�ten, sondern erst mit ihr reden w�rden.</p><p>Nach einer Weile h�rte sie Schritte, dann Stimmen: die Stimmen von zwei, m�glicherweise auch drei Menschen, die sich in einer ihr unbekannten Sprache unterhielten, und die Schritte harter Stiefelsohlen auf Stein; dazwischen ein helles, unangenehmes Schleifen und Rascheln, als krabbelten eine Million Spinnen �ber eine gewaltige Glasscheibe. Tallys Herz begann zu jagen. Pl�tzlich hatte sie Angst, ganz entsetzliche Angst. Und pl�tzlich fielen ihr mindestens tausend verschiedene Gr�nde ein, aus denen ihr Plan gar nicht aufgehen <emphasis>konnte.</emphasis></p><p>Aber es war zu sp�t. Die Stimmen und Schritte kamen n�her, brachen pl�tzlich ab � und dann h�rte Tally einen �berraschten Schrei, dicht gefolgt von einem Laut, den sie nur zu gut kannte: dem hellen Sirren, mit dem ein Schwert aus der Scheide glitt.</p><p>Es kostete sie all ihre �berwindung, nicht mit einem blitzschnellen Satz auf- und herumzufahren, sondern so zu tun, als wache sie in diesem Augenblick auf und w�re noch benommen vom Schlaf. Unsicher hob sie die linke Hand, fuhr sich damit �ber die Augen und drehte gleichzeitig den Kopf.</p><p>Das erste, was sie sah, war eine Schwertspitze, die genau auf ihr Gesicht deutete, dann eine zweite, die sich ihrer Brust bis auf wenige Zentimeter gen�hert hatte und dicht �ber ihrem Herzen verharrte. Die dritte Frau hatte einer jener seltsamen kleinen Waffen gezogen und zielte damit auf ihre Stirn. Tally sah, da� im Griffst�ck der Waffe ein winziges rotes Licht glomm.</p><p>�Wer bist du?� fragte eine herrische Stimme. �Was tust du hier, und was ist hier geschehen?�</p><p>Tally w�re nicht einmal dazu gekommen, zu antworten, wenn sie es gewollt h�tte, denn im gleichen Augenblick wurde eines der Schwerter gesenkt, und eine Hand packte sie an der Schulter und ri� sie grob in die H�he. Sie strauchelte, prallte unsicher gegen die Wand und glitt aus, aber die gleiche Hand, die sie zuvor gesto�en hatte, fing sie nun auf � wenn auch nur, um sie abermals gegen die Wand zu sto�en und gleich darauf in Form einer kr�ftigen Ohrfeige auf ihre linke Wange zu klatschen.</p><p>�Wer du bist, habe ich gefragt!�</p><p>Tally hob angstvoll die H�nde vor das Gesicht. Alles war so schnell gegangen, da� sie erst jetzt richtig sah, mit wem sie es zu tun hatte: es waren drei Frauen, alle etwa gleich gro�, etwa im gleichen Alter und auf die gleiche Weise gekleidet � in schwarzes, nahezu hauteng anliegendes Leder, das ihre K�rper fast v�llig einh�llte und nur einen handgro�en Ausschnitt ihrer Gesichter freilie�. Aus einer dieser Ausschnitte funkelten sie nun ein Paar schwarzer, sehr zorniger Augen an.</p><p>�Ich habe dich gefragt, wer du bist!� Wieder hob sich die schwarzbehandschuhte Hand, um sie zu schlagen, aber diesmal wurde die Fremde von einer der beiden anderen Frauen zur�ckgehalten.</p><p>�La� sie, Maya�, sagte sie scharf. �Wir kl�ren das sp�ter. Zuerst m�ssen wir herausfinden, was hier geschehen ist.�</p><p>Sie unterstrich ihre Worte mit einer befehlenden, schnellen Geste, drehte sich herum und hob die linke Hand vor die Lippen, um einen schrillen, tr�llernden Laut zu produzieren. Einen Augenblick sp�ter traten vier gewaltige Hornk�pfe in den Raum, alle vier hoch beladen mit S�cken und schweren, in Tuch eingeschlagenen B�ndeln.</p><p>Tally schrie vor Schrecken auf, als sie die Ungeheuer sah. Zwei von ihnen waren Ameisenabk�mmlinge, wie sie an den kr�ftigen, dreifach gegliederten K�rpern und den gro�en Augen erkannte, in denen eine t�ckische Intelligenz zu schlummern schien. Die dritte war eine jener gigantischen Beterinnen, wie sie Hrhon und Essk am Vortage get�tet hatten. Das vierte Ungeheuer schlie�lich geh�rte einer Spezies an, wie es Tally noch niemals zuvor gesehen hatte. Es war ihr unm�glich, das gepanzerte, vielgliedrige Ding auch nur ann�hernd zu beschreiben � aber es war so gro�, da� es M�he hatte, sich geduckt und schr�g gehend durch die T�r zu schieben, und schien nur aus Panzerplatten und Dornen zu bestehen. Tally dankte im Stillen den G�ttern, da� sie am vergangenen Abend nicht auf eines <emphasis>dieser</emphasis> Ungeheuer gesto�en waren � nach einem Zusammenprall mit dieser Bestie mu�ten selbst die beiden Wagas aussehen, als w�ren sie nach f�nf Meilen Anlauf in einen Riesenkaktus gerannt. Sie merkte sich die Bestie als denjenigen ihrer Gegner vor, die sie zuerst t�ten w�rde.</p><p>Die Frau, bei der es sich offensichtlich um die Anf�hrerin der Gruppe handelte, wechselte eine Folge schneller, pfeifender Klick- und Schnalzlaute mit den Hornk�pfen und deutete dabei abwechselnd auf Tally, sich selbst und den nach unten f�hrenden Durchgang. Die Blicke des Rieseninsektes hefteten sich f�r einen kurzen Moment auf Tallys Gesicht, und obwohl es wenig mehr als eine Sekunde dauerte, war es doch das Unangenehmste, was sie jemals erlebt hatte � und das Erschreckendste. Es war kein Tier.</p><p>Tally war zahllosen Hornk�pfen begegnet, seit sie bei Hraban und der Sippe lebte, und manche davon hatten dieses Scheusal an bizarrem Aussehen noch in den Schatten gestellt � aber sie alle waren <emphasis>Tiere</emphasis> gewesen, stumpfsinnige Kreaturen, die kaum einen eigenen Willen besa�en und nicht zu bewu�tem Denken in der Lage waren. Dieser Hornkopf war anders.</p><p>Seine faustgro�en Facettenaugen waren ausdruckslos und starr wie die aller Insekten, und doch sp�rte Tally mit unersch�tterlicher Gewi�heit, da� sie einem <emphasis>denkenden</emphasis>  Wesen gegen�berstand, keinem zu gro� geratenen Insekt, dessen Gehirn vergessen hatte, mit dem K�rper mitzuwachsen.</p><p>Es war ihr unm�glich, sich dem Blick dieser Augen zu entziehen. Die starren, in allen Farben des Regenbogens funkelnden kristallenen Halbkugeln l�hmten sie, und es war etwas... saugendes in ihrem Blick, etwas, als griffe eine unsichtbare Kralle blitzartig in Tallys Kopf und drehte das Unterste ihrer Gedanken zuoberst. F�r den Bruchteil einer Sekunde hatte Tally die entsetzliche Vorstellung, da� das Ungeheuer ein nat�rlicher Telepath sein k�nne, und da� ihr Plan im gleichen Moment zum Scheitern verurteilt war, in dem es sie ansah.</p><p>Aber dann l�ste sich der Blick dieser entsetzlichen Kristallaugen von ihr, und der schwarzgl�nzende Gigant wandte sich wieder um und beugte sich zu der Menschenfrau herab, die ihm Befehle erteilte. Tally atmete erleichtert auf. Ihre Knie zitterten so heftig, da� sie sich gegen die Wand lehnen mu�te, gegen die Maya sie gesto�en hatte.</p><p>�Du bewachst sie!� befahl die Frau Maya. �Wir sehen uns ein wenig um. Und kein Wort!�</p><p>Maya nickte, wenn Tally ihr auch ansah, da� ihr zumindest der zweite Teil des Befehles nicht sonderlich behagte. Das zornige Funkeln in ihren Augen war etwas, was Tally nur zu gut kannte; statt sie einfach nur zu bewachen, h�tte Maya wohl nichts lieber getan, als die Antworten auf ihre Fragen aus ihr herauszupr�geln. Aber sie widersprach mit keinem Wort, sondern trat nur einen Schritt zur�ck, tauschte das Schwert in ihrer Hand gegen eine der kleinen Waffen und durchbohrte Tally mit Blicken, w�hrend die beiden anderen Frauen und die Hornk�pfe die Kammer wieder verlie�en � eine in der Richtung, aus der sie gekommen waren, die andere durch die turmabw�rts f�hrende T�r. Ihre Schritte verklangen rasch auf dem steinernen Boden. </p><p>�Wer... wer seid Ihr, Herrin?� fragte Tally, nachdem sie allein waren. Ihre Stimme zitterte vor Aufregung, was Maya mit Sicherheit f�r Angst halten w�rde. Tally war es nur recht � letztendlich spielte sie die Ahnungslose, die im Schlaf �berrascht worden war und noch gar nicht so recht begriff, wie ihr geschah. �Seid Ihr... geh�rt Ihr zu denen, die diesen Turm...�</p><p>�Halt den Mund�, unterbrach sie Maya grob. �Wir reden, wenn Lyss zur�ck ist. Bis dahin hast du Zeit, dir ein paar plausible Erkl�rungen f�r das hier...� Sie machte eine weit ausholende Bewegung mit der freien Hand, �... einfallen zu lassen.�</p><p>Tally verstummte gehorsam. Maya schien geh�rigen Respekt vor dieser Lyss zu haben, wenn sie ihre Befehle selbst dann befolgte, wenn diese nicht dabei war. Zweifellos war Lyss die F�hrerin der kleinen Gruppe, und da� sie Maya daran gehindert hatte, Tally zu schlagen, hie� noch lange nicht, da� sie die Sanftm�tigere von beiden war. Tally �berlegte einen Augenblick, was <emphasis>sie</emphasis> wohl mit jemandem tun w�rde, den sie umgekehrt in ihrem Haus vorfinden w�rde, noch dazu, wenn dieses gr�ndlich verw�stet und alle seine Bewohner erschlagen worden waren. Das Ergebnis, zu dem sie kam, gefiel ihr nicht sonderlich. Maya wich einen weiteren Schritt zur�ck, lie� sich auf die Bettkante sinken und st�tzte sich bequem mit dem linken Arm in den weichen Kissen ab. Die Waffe in ihrer anderen Hand blieb dabei weiter auf Tallys Gesicht gerichtet; ihr Daumen strich nerv�s �ber das kleine Licht in ihrem Griff, so da� es zu blinzeln schien wie ein winziges m�des Auge.</p><p>Nicht, da� es ihr im Ernstfall viel genutzt h�tte, dachte Tally sp�ttisch. Maya sa� weniger als zwei Schritte entfernt, und in einer sehr unvorteilhaften Haltung. Eine blitzschnelle Drehung, ein Tritt, und sie w�rde dieser schwarz�ugigen Sch�nheit den Lauf ihrer eigenen Waffe zwischen die Z�hne oder sonst wohin schieben, ehe sie �berhaupt begriff, wie ihr geschah. Nat�rlich tat sie es nicht � sie hatte dieses Risiko nicht auf sich genommen, um die drei Drachenreiterinnen zu t�ten � wenigstens jetzt noch nicht � sondern um an Informationen zu kommen. Aber allein das Wissen, es tun zu k�nnen, wenn sie es wollte, gab ihr einen guten Teil ihrer gewohnten Selbstsicherheit zur�ck.</p><p>Die Beterin und der schwarze Kolo� waren ein Problem, die drei Frauen nicht. Sie verlie�en sich zu sehr auf die �berlegene Macht ihrer Waffen, und das war etwas, was Tally kannte. Sie hatte eine Menge M�nner und Frauen beerdigt, die diesen Fehler begangen hatten. Sie versuchte nicht mehr, ein Gespr�ch mit Maya zu beginnen, aber sie nutzte die Zeit, sich ihr Gegen�ber zum erstenmal in Ruhe zu betrachten. Von Mayas Gesicht war nicht viel zu erkennen � die schwarze Kappe, die ihren Kopf bedeckte und nahtlos in die Schultern ihres Anzuges �berging, gab ihren Z�gen etwas Nonnenhaftes und machte es au�erdem fast unm�glich, ihr Alter zu sch�tzen. Aber sie hatte jene ganz bestimmte Art zu sprechen, die den Menschen verriet, der Befehle zu erteilen gewohnt war, und in ihrem Blick lag eine Spur von Grausamkeit. Ihre Haut war sehr bleich, und ihre Lippen hatten einen ganz leichten Stich ins Bl�uliche. Es mu�te sehr kalt gewesen sein, dort oben am Himmel.</p><p>Das Sonderbarste an ihr aber war die Kleidung. Der schwarzgl�nzende Anzug schien aus einem einzigen St�ck gefertigt zu sein und bedeckte ihren K�rper von den Zehenspitzen bis zum Scheitel. Um ihre H�ften spannte sich ein breiter G�rtel, in dem ihr Schwert und die kleine Waffe gesteckt hatten und an dem zahllose kleine Taschen und Schnallen befestigt waren. Vor ihrer Brust hing etwas, das Tally entfernt an eine Sandmaske erinnerte, nur da� sie das ganze Gesicht Mayas bedecken mu�te, denn ihr oberstes Drittel bestand aus sorgf�ltig geschliffenem Glas.</p><p>�Nun?� fragte Maya pl�tzlich. �Bist du zufrieden mit dem, was du siehst?�</p><p>�Ich... ich verstehe nicht, was Ihr meint, Herrin�, antwortete Tally sch�chtern. Sie versuchte zu l�cheln. </p><p>�Verzeiht, wenn ich Euch angestarrt habe. Aber...� </p><p>�Ach, halt endlich den Mund�, unterbrach sie Maya. </p><p>�Und h�r auf, mich unentwegt anzuglotzen. Du...� Sie stockte. Ihre Augen wurden gro� vor Schrecken, als ihr Blick auf etwas in Tallys G�rtel fiel. Pl�tzlich sprang sie auf, war mit einem Satz bei ihr und pre�te ihr drohend die Waffe gegen den Hals, w�hrend sie Tally mit der Linken die Waffe aus dem G�rtel ri�. Tally verfluchte sich in Gedanken daf�r, das nutzlose Ding nicht liegengelassen oder wenigstens gut versteckt zu haben. Sie hatte sie schlichtweg vergessen � ein Fehler, der ihr jetzt m�glicherweise das Leben kostete.</p><p>�Verdammt noch mal, woher hast du das?� schrie sie. </p><p>�Antworte, du Mistst�ck, oder ich schie�e dir den Sch�del herunter!� Sie versetzte Tally eine schallende Ohrfeige, sprang zur�ck und richtete den Lauf der Waffe auf ihr linkes Auge. �Rede!� sagte sie w�tend.</p><p>�Es w�re ziemlich dumm, jetzt abzudr�cken, Maya�, sagte eine Stimme hinter ihr. �Aus dieser Entfernung �berlebst du es wahrscheinlich selbst nicht.�</p><p>Maya fuhr betroffen zusammen, drehte sich halb herum und machte eine kleine erschrockene Bewegung, als sie Lyss erkannte, die zur�ckgekommen war. Sie wollte etwas sagen, aber Lyss schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab und kam n�her.</p><p>�Ich dachte, ich h�tte befohlen, nicht mit ihr zu reden�, sagte sie l�chelnd. �Oder wollte ich es nur und habe es vergessen?�</p><p>Lyss schluckte sichtbar. �Ihr... hattet es befohlen, Gebieterin�, sagte sie dem�tig. �Aber ich habe <emphasis>das hier</emphasis>  bei ihr gefunden!� Sie deutete anklagend auf Tally und hielt Lyss gleichzeitig die Waffe hin, die sie ihr abgenommen hatte. Lyss betrachtete die Waffe einen Moment lang schweigend, scheuchte Maya mit einer unwilligen Geste zur Seite und trat bis auf zwei Schritte an Tally heran.</p><p>�Stimmt das?� fragte sie. Sie l�chelte. Ihre Stimme hatte einen fast freundlichen Klang. Aber es war eine Freundlichkeit, hinter der sich unbarmherzige H�rte verbarg. Sie l�chelte, aber ihre Augen blickten kalt und hart wie Kugeln aus kunstvoll bemaltem Glas.</p><p>Tally nickte.</p><p>�Woher hast du es, Kind?� fragte Lyss. Sie l�chelte noch immer.</p><p>�Gefunden�, antwortete Tally.</p><p>Lyss schlug sie; so hart, da� ihr Kopf gegen die Wand prallte und der Schmerz farbige Punkte vor ihren Augen flimmern lie�. �Bitte! � keuchte sie. �Es... es ist wahr, Herrin! Ich habe sie gefunden und eingesteckt, ohne... ohne zu wissen, was es ist.�</p><p>Lyss runzelte die Stirn, hob die Hand, wie um sie abermals zu schlagen, tat es aber dann nicht, sondern trat mit einem h�rbaren Seufzen zur�ck und schob die schwarze Lederkappe nach hinten. Darunter kamen kurzgeschnittenes rotes Haar und das Gesicht einer vielleicht vierzigj�hrigen, sehr energisch aussehenden Frau zum Vorschein. Einen Moment lang sah sie Tally noch durchdringend an, dann sch�ttelte sie den Kopf, seufzte abermals, und fuhr sich m�de mit beiden H�nden durch das Gesicht. �So geht das nicht�, sagte sie. �Wir sollten uns ausf�hrlicher unterhalten. Aber du mu�t mir die Wahrheit sagen.�</p><p>�Ich l�ge nicht�, antwortete Tally. �Ich sage Euch alles, was Ihr wollt, Herrin, aber...�</p><p>�Oh, das ist gar nicht n�tig�, unterbrach sie Lyss. �Die Wahrheit reicht schon, Kindchen. Was ist hier geschehen? Und vor allem � wie kommst du hierher?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Tally. �Ich... ich bin vor dem Sturm geflohen, aber als ich kam, war bereits alles so, wie Ihr seht.�</p><p>�Sie l�gt!� behauptete Maya. �Sie hat Farins Waffe, Lyss! Frag sie, woher sie sie hat.�</p><p>Lyss nickte. �Du hast es geh�rt�, sagte sie freundlich. </p><p>�Also?� Sie hob die Hand, in der sie noch immer die Waffe hielt. �Dieses Ding geh�rt Farin, einer von uns. Sie wird sie dir kaum freiwillig gegeben haben.�</p><p>Tally z�gerte absichtlich, zu antworten. Sie war nerv�s, und sie war sich durchaus dar�ber im klaren, da� ihre n�chsten Worte �ber ihr Leben entscheiden konnten. Wenn sie log, und Lyss es merkte, w�rde sie sie t�ten, auf der Stelle. �Eine... eine Frau wie Ihr?� fragte sie stockend. �Nur j�nger? Mit... mit dunklem Haar?� </p><p>�Du kennst sie also�, sagte Lyss. Ihre Stimme klang schon ein ganz kleines bi�chen k�lter.</p><p>Tally nickte. �Sie... sie ist tot�, sagte sie.</p><p>Maya stie� ein erschrockenes Keuchen aus und wollte auf sie zutreten, aber wieder hielt Lyss sie zur�ck. </p><p>�Tot?� wiederholte sie. �Was ist passiert?�</p><p>�Das wei� ich nicht, Herrin�, antwortete Tally. �Sie liegt drau�en, auf der Treppe, die zum Turm f�hrt. Zusammen mit... mit ein paar Hornk�pfen. Jemand hat sie erschlagen. Aber ich wei� nicht, wer es war. Ich schw�re es Euch, Herrin!�</p><p>�Sie l�gt!� behauptete Maya. �Sie hat sie erschlagen! La� mich f�nf Minuten mit ihr allein, und sie wird die Wahrheit sagen!�</p><p>Lyss machte sich nicht einmal die M�he sie anzusehen. �Du bist eine N�rrin, Maya�, sagte sie kalt. �Drau�en. im Gang liegt die Beterin � oder das, was noch von ihr �brig ist. Und die anderen Zimmer sehen kaum anders aus als dieses hier. Jemand hat hier sehr gr�ndliche Arbeit geleistet, und es war nicht dieses M�dchen. Glaubst du wirklich, dieses Kind h�tte die Kraft, unsere Schwestern zu t�ten � und die Kampfinsekten dazu? Nein.� Sie lachte, sch�ttelte heftig den Kopf und sah Tally kalt an. �Aber eine L�gnerin ist sie trotzdem�, fuhr sie in unver�ndertem Ton fort. �Sie spielt uns die Unschuld vor, die vor Angst zittert, aber das ist sie nicht. Nicht wahr, Kindchen?�</p><p>Tally schwieg.</p><p>�Wie ist dein Name, Kindchen?� fragte Lyss.</p><p>�Tally�, sagte Tally.</p><p>�Tally...� Lyss wiederholte den Namen, als versuche sie ihm einen vertrauten Klang abzugewinnen, sch�ttelte den Kopf und starrte einen Moment lang an Tally vorbei ins Leere. �Und <emphasis>wer</emphasis> bist du?� fragte sie schlie�lich. Tally atmete innerlich auf. Der gef�hrliche Moment war vorbei � sie wu�te, da� Lyss sie jetzt nicht mehr t�ten w�rde; jedenfalls nicht, bevor sie nicht alles von ihr erfahren hatte, was sie wissen wollte.</p><p>�Ich bin Hrabans Frau�, antwortete sie. �Hraban, von der Conden-Sippe. Ich bin hier, um die Befehle der G�tter zu holen.�</p><p>Auf Lyss' Gesicht war keinerlei Reaktion zu erkennen, aber in Mayas Augen blitzte es abermals w�tend auf. </p><p>�Hrabans Frau!� wiederholte sie. �Seit wann schickt der Kriegsherr von Conden sein <emphasis>Weib,</emphasis> um seine Arbeit zu tun?�</p><p>Die Art, auf die sie das Wort <emphasis>Weib</emphasis> aussprach, mi�fiel Tally � vor allem angesichts des Umstandes, da� sie selbst eine Frau war. Aus Mayas Mund h�rte es sich an wie eine Beschimpfung. Trotzdem blieb sie �u�erlich ruhig, als sie antwortete:</p><p>�Seit er tot ist, Herrin.�</p><p>�Tot?� Lyss verbarg ihre �berraschung nicht. �Hraban ist tot? Seit wann? Was ist ihm zugesto�en?�</p><p>�Er starb vor f�nf Jahren�, antwortete Tally. �Er st�rzte vom Pferd und brach sich das Bein. Es... es war auf dem R�ckweg zur Sippe, noch halb in der W�ste, und ehe wir das Lager erreichten, bekam er Wundbrand und starb nach wenigen Tagen.� Das war nicht ganz die Wahrheit � Hraban war weder vom Pferd gefallen, noch an Wundbrand gestorben, und was ihm zugesto�en war, war Tallys Schwertspitze, aber die Geschichte klang �berzeugend genug, Lyss' Mi�trauen wenigstens f�r den Moment zu d�mpfen, denn sie machte eine ungeduldige Handbewegung und sagte: �Weiter.�</p><p>�Ich war die einzige, die mit dem Blutstein reden konnte�, fuhr Tally fort. Ihre Hand suchte den tropfenf�rmigen Rubin an ihrem Hals und schmiegte sich darum. Lyss' Blicke folgten der Bewegung, ehe sie sich wieder auf ihr Gesicht hefteten. �Hraban hatte nie nach einem Nachfolger gesucht. Er war noch jung, und... und es gab wohl nicht viele, die das Talent hatten. Er sagte immer, es w�re schwer, jemanden zu finden, der sein Vertrauen verdiente und gleichzeitig die Magie der Steine beherrschte. Nur ich verstand ein wenig davon.�  Auch das war nicht unbedingt die Wahrheit � tats�chlich hatte es im Laufe der Jahre ein gutes halbes Dutzend M�nner und Frauen im Lager gegeben, die das Pech hatten, die Kr�fte des Blutrubins lenken zu k�nnen. Und tats�chlich schien diese Erkl�rung Lyss nicht vollends zu �berzeugen, denn ihr Stirnrunzeln wurde etwas tiefer, so da� Tally hastig hinzusetzte: �Und ich war die einzige, die den Weg kannte. Hraban hat mich immer mitgenommen, wenn er in die W�ste ging.�</p><p>�Sie l�gt!� sagte Maya zornig. �Ein Kind als Anf�hrer der Conden-Sippe. Sie kann damals noch nicht zwanzig gewesen sein!�</p><p>�Warum nicht?� sagte Lyss nachdenklich. �Immerhin war sie seine Frau. Wem soll er vertrauen, wenn nicht seinem eigenen Weib? Aber erz�hle weiter, Tally � du hast also seine Stelle eingenommen und bist hierher gekommen, um der Sippe unsere Befehle zu �berbringen. Aber wie kommst du hierher? Hat dir Hraban niemals gesagt, da� es verboten ist, sich dem Turm zu n�hern?�</p><p>�Doch�, antwortete Tally hastig. �Er hat mir alles gezeigt. Die Fallen und die Gedankensperren und... und er hat von Wesen gesprochen, die den Turm bewachen, schrecklichen Werwesen, die alles t�ten, was sich bewegt.</p><p>�Nun, alles offensichtlich nicht�, sagte Lyss am�siert. </p><p>�Du bist hier, oder?�</p><p>�Es... war der Sturm, Herrin�, antwortete Tally nerv�s.</p><p>�Ach � und der hat dich hergeweht, wie?� fragte Lyss sp�ttisch.</p><p>�Ja�, antwortete Tally. Lyss runzelte ver�rgert die Stirn, sagte aber nichts, und Tally fuhr fort: �Ich geriet in einen Sandsturm � den schlimmsten, den ich jemals erlebt habe. Ich bin einfach geflohen, Herrin. Mein Pferd st�rzte, und ich rannte zu Fu� weiter und kam hierher. Das ist die Wahrheit, Herrin!�</p><p>�Unm�glich!� behauptete Maya. �Die Gedankensperren...�</p><p>�Es k�nnte sein�, unterbrach sie Lyss, ohne den Blick von Tally zu nehmen. �Wenn sie vor Angst halb wahnsinnig war, k�nnte es sein. Es ist unwahrscheinlich, aber m�glich. �</p><p>�Und die Werwesen?� fragte Maya zornig.</p><p>�Ich habe keine gesehen�, antwortete Tally. �Der Sturm war entsetzlich. Ich... ich bin einfach blindlings losgestolpert, und pl�tzlich war ich in einem Geb�ude, das halb vom Sand zugeweht war. Ich habe mich darin verkrochen, bis der Sturm nachlie�.�</p><p>Lyss blickte sie sehr lange und sehr nachdenklich an. Tally h�tte in diesem Moment ihre rechte Hand daf�r gegeben, ihre Gedanken lesen zu k�nnen � obwohl es auf der anderen Seite nicht einmal so schwer war, sie zu erraten. Lyss traute ihr nicht, aber sie konnte ihre Geschichte auch nicht direkt widerlegen. Und vor allem wollte sie wissen, was <emphasis>wirklich</emphasis> geschehen war. </p><p>�Es k�nnte so gewesen sein�, sagte die Drachenreiterin nach einer Weile. �Es ist unwahrscheinlich, aber es k�nnte sein. Es war der schlimmste Sturm seit Jahrzehnten, Maya. Der Verteidigungsg�rtel ist schon einmal zusammengebrochen, w�hrend eines Sturmes. Trotzdem glaube ich ihr nicht.�</p><p>�Aber ich sage die Wahrheit! � sagte Tally verzweifelt. Sie mu�te ihre Angst jetzt nicht einmal mehr spielen. �Es war so. Als... als der Sturm nachlie�, kam ich heraus und fand die erschlagenen Hornk�pfe und die beiden toten Frauen, und...�</p><p>�Die <emphasis>beiden</emphasis> Toten?� fiel ihr Maya ins Wort. �Willst du damit sagen, Tionn w�re ebenfalls tot?�</p><p>�Was hast du erwartet?� sagte Lyss leise. �Sie w�re hier, wenn sie noch am Leben w�re.� Sie lachte ganz leise. �Jemand hat den Sturm ausgenutzt, die Sperren zu durchbrechen und hier alles kurz und klein zu schlagen. Und ich werde herausfinden, wer es ist.�</p><p>�Vielleicht eine der anderen Sippen?� sagte Maya. </p><p>�Die Ancen-Leute sind in den letzten Jahren aufs�ssig geworden. M�glicherweise...�</p><p>�M�glicherweise�, unterbrach sie Lyss, �vertun wir unsere Zeit mit nutzlosen Vermutungen und Spekulationen, w�hrend Tionns und Farins M�rder noch ganz in der N�he sind. Der Sturm war vor f�nf Tagen. Sie k�nnen die W�ste noch nicht wieder verlassen haben.�  Sie �berlegte einen Moment, dann drehte sie sich mit einem Ruck um und wies mit einer herrischen Geste auf einen der Hornk�pfe. �Geh und suche Vakk�, befahl sie. </p><p>�Er soll herkommen. Wir wollen sehen, was an der Geschichte unserer kleinen Freundin hier wahr ist, und was nicht.� Bei diesen Worten sah sie Tally auf eine sehr unangenehme, beinahe zynische Weise an, und auch in Mayas Augen glomm wieder dieses b�se, grausame L�cheln auf. Tallys Angst wuchs. Sehns�chtig blickte sie auf den Vorhang, hinter dem sich der Balkon verbarg. Sie hoffte inst�ndig, da� Hrhon und Essk h�rten, was hier gesprochen wurde, denn sie selbst hatte keine M�glichkeit, sie zu warnen oder gar um Hilfe zu rufen. Die beiden Wagas waren verloren, wenn die drei Frauen sie in ihrem Versteck unter dem Balkon entdeckten. Selbst ein Kind konnte sie kurzerhand in die Tiefe sto�en, w�hrend sie versuchten, �ber die Balkonbr�stung zu steigen, schwerf�llig, wie sie waren.</p><p>Lyss bemerkte ihren Blick, wandte sich stirnrunzelnd um und schlug mit einem Ruck den Vorhang beiseite. Tallys Herz machte einen schmerzhaften Sprung und schien in ihrer Kehle zu einem pulsierenden Knoten zu gefrieren, als sie sah, wie die Drachenreiterin mit einem Schritt auf den Balkon hinaustrat, einen Moment lang in die Tiefe blickte und sich dann vorbeugte, beide H�nde auf dem Gitter abgest�tzt.</p><p>�Ich sage die Wahrheit, Herrin�, sagte sie hastig und zum wiederholten Male. �Ich fand diesen Turm so vor. Alles war verw�stet.�</p><p>�Und warum bist du dann geblieben?� fragte Lyss. Sie drehte sich wieder um, trat jedoch nicht von dem Balkon herunter, sondern lehnte sich mit vor der Brust verschr�nkten Armen gegen die Br�stung. Den eisigen Wind, der aus der Tiefe emporfauchte, schien sie nicht einmal zu sp�ren. Die Entfernung und die Dunkelheit, vor der sie stand, lie�en sie zu einem flachen finsteren Schatten werden, beinahe noch bedrohlicher als bisher. </p><p>�Ich... ich wei� es nicht, Herrin�, stammelte Tally. </p><p>�Ich hatte Angst, da� Ihr mich f�r die Schuldige halten w�rdet. Und ich war verletzt, und... und...�</p><p>�Und au�erdem ein bi�chen neugierig, nicht?� sagte Lyss sp�ttisch, als sie nicht weitersprach. �Nun, was das angeht, kann ich dich sogar verstehen, Kind. Die Gelegenheit, hier ein bi�chen herumzuschn�ffeln und vielleicht sogar die G�tter selbst zu sehen, h�tte ich mir auch nicht entgehen lassen.� Sie lachte leise, kam nun doch wieder n�her und sah Tally absch�tzend an. �Ich werde nicht schlau aus dir, Tally. Du erz�hlst eine Geschichte, die sehr unwahrscheinlich klingt, aber trotzdem wahr sein k�nnte. Und trotzdem sagt mir etwas, da� es besser w�re, dir nicht zu glauben. Aber wir werden es herausfinden, Sch�tzchen. Sobald Vakk zur�ck ist. Wenn du die Wahrheit gesagt hast, hast du nichts zu bef�rchten. Wenn nicht, w�re es besser, du redest jetzt. Vakk hat gewisse... Methoden, Wahrheit von L�ge zu unterscheiden.�</p><p>�Vakk ist der... der Hornkopf, der bei Euch ist?�  fragte Tally stockend.</p><p>Lyss zog eine Grimasse. �Ja. Aber ich w�rde das nicht sagen, wenn er es h�rt. Er mag es nicht, wenn man ihn so nennt. Also?�</p><p>Tally schwieg. Sie glaubte zu sp�ren, da� Lyss' Worte mehr als eine leere Drohung waren, und sie hatte das entsetzliche Gef�hl nicht vergessen, das sie �berkommen hatte, als der Hornkopf sie das erste Mal anblickte. Trotzdem sch�ttelte sie nur den Kopf.</p><p>�Wie du willst�, sagte Lyss achselzuckend. �In wenigen Minuten wissen wir ohnehin, ob du l�gst oder nicht.� Sie wandte sich an Maya. �Ruf deinen Drachen�, sagte sie. �Wenn sie die Wahrheit sagt und es wirklich Krieger einer anderen Sippe waren, die Tionn und Farin t�teten, will ich sie haben. Sie k�nnen noch nicht sehr weit sein. Es gibt im Umkreis von f�nf oder sechs Tagesreisen nichts, wo sie sich verstecken k�nnten.� </p><p>�Der Sturm wird alle Spuren verwischt haben�, gab Maya zu bedenken, aber Lyss fegte ihre Worte mit einer unwilligen Bewegung zur Seite. �Du machst dich startbereit�, sagte sie noch einmal. �Wenn es Krieger aus Ancen waren, brennen wir dieses verdammte Rattennest nieder. Aber ich will einen Beweis.�</p><p>Maya schien abermals widersprechen zu wollen, belie� es aber dann bei einem gehorsamen Kopfnicken und entfernte sich durch die turmabw�rts f�hrende T�r. Die Beterin folgte ihr, und Tally blieb mit Lyss und der riesigen Ameise allein zur�ck. Vielleicht, �berlegte sie, w�re jetzt der Augenblick gekommen, anzugreifen. Der Hornkopf war kein Problem... Tally kannte diese mannsgro�en Ameisen gut genug, um zu wissen, wo ihr verwundbarer Punkt war. Sie waren stark genug, ein Pferd in St�cke zu rei�en, aber ihr Hals und die Einschn�rung in ihrer K�rpermitte waren so l�cherlich d�nn, da� ein kr�ftiger Schwerthieb reichte, sie in zwei Teile zu spalten. Und ihre Waffe lag nur zwei Schritte von ihr entfernt.</p><p>Aber sie z�gerte zu lange. Der einzige Moment, in dem ein Angriff Erfolg h�tte haben k�nnen � n�mlich der, in dem Lyss sich umwandte und Maya und der Beterin nachsah � ging ungenutzt vor�ber, und schon einen Moment sp�ter drehte sich Lyss wieder herum und richtete den Lauf ihrer Waffe auf Tally.</p><p>�Darf ich... mich setzen?� fragte Tally sch�chtern. Sie deutete auf das Bett.</p><p>Lyss nickte, trat jedoch mit einem raschen Schritt vor und fegte das Schwert mit einem Fu�tritt von dannen, ehe sie eine auffordernde Handbewegung machte.</p><p>�Sicher�, sagte sie. �Hast du Angst?�</p><p>Tally nickte, lie� sich auf das Bett sinken und versuchte eine Stellung einzunehmen, die gel�st wirkte, in der sie aber notfalls blitzschnell vorspringen konnte. Es gelang ihr nicht ganz. Lyss war eine aufmerksame Beobachterin. Wenn sie ihr ohnehin vorhandenes Mi�trauen noch weiter sch�rte, hatte sie vollends verspielt. </p><p>�Vor den Hornk�pfen, ja�, antwortete sie mit einiger Versp�tung. �Vor euch nicht.�</p><p>Lyss l�chelte d�nn und ma� die Riesenameise mit einem undeutbaren Blick. �Gibt es sie nicht, dort, wo du herkommst?�</p><p>�Nicht solche�, erwiderte Tally wahrheitsgem��. </p><p>�Unsere Hornk�pfe sind dumme Kreaturen. Tiere, die nur zum Arbeiten und K�mpfen gut sind. Dieses... Ungeheuer, das bei Euch ist � Vakk. Er ist ein <emphasis>nicht-</emphasis>  Mensch, nicht wahr?�</p><p>�Wenn du damit meinst, da� er ein denkendes Wesen ist, hast du recht�, antwortete Lyss mit erstaunlicher Offenheit. �Er ist nicht so intelligent wie ein Mensch, aber er ist auch kein Tier. Und er ist sehr n�tzlich.�</p><p>Tally �berh�rte die Drohung, die in Lyss' letzten Worten mitschwang, keineswegs. Ihr Gedanken arbeiteten wie rasend.</p><p>Wie lange war es her, da� Lyss die Ameise fortgeschickt hatte, nach ihrer Begleiterin und Vakk zu rufen? Sicher erst wenige Minuten. Aber das Geb�ude war nicht so furchtbar gro�, da� ihr noch viel Zeit blieb, irgend etwas zu unternehmen. Tally hatte l�ngst begriffen, da� ihr Plan fehlgeschlagen war, sich in das Vertrauen der drei Drachenreiterinnen zu schleichen und so die Informationen zu erlangen, die sie brauchte. Das einzige, was ihr jetzt noch � vielleicht � m�glich war, war irgendwie am Leben zu bleiben.</p><p>�Darf ich Euch eine Frage stellen?� sagte sie.</p><p>Lyss nickte. �Sicher.�</p><p>�Diese Ancen-Leute, von denen ihr gesprochen habt�, sagte Tally z�gernd. �Wer sind sie? Ich habe noch nie von einem Volk dieses Namens geh�rt.�</p><p>�Eine Sippe wie die deine�, antwortete Lyss bereitwillig.</p><p>�Gibt es denn mehr?�</p><p>Lyss lachte leise, aber jetzt klang der Spott darin fast gutm�tig. �Nat�rlich�, sagte sie. �Hast du wirklich gedacht, eure Sippe w�re die einzige?� Sie machte eine Bewegung, die den ganzen Turm einschlo�. �Dies alles hier w�re wohl etwas zu aufwendig, um einem Narren wie Hraban ein wenig Hokuspokus vorzumachen, nicht wahr? Und die Welt ist ein bi�chen zu gro�, um von einer dreihundert K�pfe z�hlenden Horde aus Gesindel und M�rdern beherrscht zu werden. Aber das wirst du alles noch genauer erfahren, wenn sich herausstellen sollte, da� du die Wahrheit sagst.�</p><p>�Dann werdet Ihr mich nicht t�ten?�</p><p>�Wenn du gelogen hast, ja�, antwortete Lyss. �Sonst nicht. Aber du kannst auch nicht zur�ck zu deiner Sippe, das wirst du einsehen. Nicht nach allem, was du hier gesehen hast. Ich denke, wir nehmen dich einfach mit.� </p><p>�Mit zu... euch?� keuchte Tally. �Mit dorthin, wo ihr herkommt, Ihr und die anderen'?�</p><p>Lyss nickte. In ihren Augen stand ein am�siertes Funkeln. �Warum nicht? Es w�re unsinnig, dich zu t�ten, wenn deine Geschichte der Wahrheit entspricht. Aber du kannst auch nicht zur�ck zu deinen Leuten, das wirst du verstehen. Es wird dir gefallen, Tally. Bei uns als Sklavin zu dienen ist immer noch tausendmal besser als die K�nigin dieser Barbaren zu sein.�</p><p>Tallys Blick richtete sich sehns�chtig auf den schmalen Balkon hinter Lyss. Wenn sie doch nur eine M�glichkeit h�tte, Hrhon und Essk zu Hilfe zu rufen. Zusammen � und mit dem Vorteil der �berraschung auf ihrer Seite � h�tten sie vielleicht sogar eine Chance, Vakk zu besiegen, den gigantischen Hornkopf.</p><p>Sie stand auf, machte einen Schritt in Lyss' Richtung und deutete sch�chtern auf den Balkon. �Die Drachen, Herrin�, sagte sie. �Kann ich sie sehen?�</p><p>�Das wirst du fr�h genug, wenn sich deine Geschichte als wahr erweisen sollte�, antwortete Lyss grob. Ihre Augen wurden schmal. �Woher wei�t du �berhaupt, da� sie dort unten sind?�</p><p>�Ich war lange hier, Gebieterin�, antwortete Tally. �Ich habe mich umgesehen. Der Turm steht �ber einer H�hle, nicht war?�</p><p>Lyss nickte widerwillig. �Du bist eine gute Beobachterin, Tally�, sagte sie. �Ich denke, du kannst uns von Nutzen sein � falls wir dich mitnehmen sollten. Hast du schon einmal einen Drachen gesehen? Aus der N�he, meine ich.�</p><p>Tally verneinte. �Aber ich w�rde es gerne�, sagte sie. Ehe Lyss es verhindern konnte, trat sie an ihr und der Ameise vorbei auf den schmalen Balkon hinaus, legte die H�nde auf die Br�stung und beugte sich vor, so weit sie konnte. Etwas Dunkles, gr�nbraun Geschupptes glitzerte unter ihr und verschwand mit einer hastigen Bewegung. �Wenn Maya ihr Tier heraufholt, m��te man es sehen k�nnen.�</p><p>�Komm da weg!� befahl Lyss scharf, aber Tally tat so, als h�tte sie ihren Befehl gar nicht geh�rt, und spielte weiter die Aufgeregte. Statt zu gehorchen, beugte sie sich noch weiter vor, so da� sie nur noch auf den Zehenspitzen stand und gerade noch die Balance halten konnte.</p><p>�Bitte, Herrin�, sagte sie. �Nur ein einziger Blick! Seit ich ein Kind bin, w�nsche ich mir, einen Drachen aus der N�he zu sehen!�</p><p>Ein flaches Gesicht erschien unter ihr; schmale glitzernde Reptilienaugen blickten fragend zu ihr herauf. Tally zog eine Grimasse, versuchte Essk mit den Augen einen Wink zu geben und ging sogar das Risiko ein, f�r einen Moment die linke Hand von ihrem Halt zu l�sen und sich mit Zeige- und Mittelfinger bezeichnend �ber die Kehle zu fahren. Sie beendete die Bewegung damit, da� sie die Hand zur Stirn hob und sich das Haar aus dem Gesicht strich, mit dem der Wind spielte.</p><p>Sie konnte nicht erkennen, ob der Waga ihre Geste verstanden hatte, denn sein Gesicht verschmolz wieder mit den Schatten, und eine Sekunde sp�ter war Lyss bei ihr und ri� sie grob an der Schulter zur�ck. Tally stolperte ein St�ckweit r�cklings, griff haltsuchend um sich und bekam einen Zipfel der schweren Samtgardine zu fassen, die den Balkon abtrennte. Hastig klammerte sie sich daran fest, fand ihr Gleichgewicht wieder und schlo� den Vorhang wie durch Zufall. �Verzeiht, Gebieterin�, sagte sie dem�tig. �Ich wollte nur...�</p><p>�Ich wei�, was du wolltest�, unterbrach sie Lyss ungehalten. �Ich denke, du mu�t noch eine Menge lernen, mein Kind. Gehorchen, zum Beispiel. Geh jetzt zur�ck und setz dich wieder.�</p><p>Diesmal gehorchte Tally sofort; allein, um Lyss' Mi�trauen nicht noch weiter zu sch�ren. Sie war sich des Risikos durchaus im klaren, da� sie eingegangen war. Aber sie hatte keine Wahl. Und tats�chlich schien Lyss ihr Benehmen ihrer Angst und Nervosit�t zuzuschreiben; denn sie verzichtete darauf, noch einmal auf den Balkon zur�ckzugehen, sondern wandte sich ganz im Gegenteil noch einmal um und schlo� auch die letzten Falten des Vorhanges, um den eisigen Zugwind auszusperren.</p><p>Als sie damit fertig war, wurden in dem aufw�rts f�hrenden Gang die schleifenden Schritte chitingepanzerter F��e laut, und wenige Augenblicke sp�ter erschienen die beiden Hornk�pfe und die dritte Drachenreiterin, deren Namen Tally noch nicht kannte. Rasch trat sie auf Lyss zu, verbeugte sich dem�tig und sagte: �Ihr habt mich rufen lassen, Gebieterin?�</p><p>Lyss ignorierte sie einfach. Statt dessen trat sie auf Vakk zu, deutete auf ihn, dann auf Tally und schlie�lich wieder auf ihn und gab wieder einen jener sonderbar hohen Pfeiflaute ab, offensichtlich ein Wort in der Sprache dieser entsetzlichen Kreatur.</p><p>Der Hornkopf kippte seinen ganzen gewaltigen K�rper nach vorne, um ein menschliches Nicken zu imitieren, trat an Lyss vorbei und blieb dicht vor Tally stehen. Der Blick seiner ausdruckslosen Facettenaugen richtete sich auf ihr Gesicht, und obwohl sie diesmal gewarnt war und ihm auswich, begann sie sich fast sofort wieder unwohl zu f�hlen.</p><p>Erst jetzt, als sie ihm kaum auf Armesl�nge gegen�berstand, sah sie, <emphasis>wie</emphasis> gro� und massig der Hornkopf wirklich war. Sein gewaltiger K�ferleib mu�te eine Tonne wiegen. Die riesigen Bei�zangen, die wie eine barbarische Krone hoch �ber seinen geh�rnten Sch�del hinausragten, streiften fast die Decke des Raumes. Jedes einzelne seiner sechs Beine war so dick wie Tallys Oberschenkel, und mit stahlhartem Chitin gepanzert. Aus den Enden seiner beiden Beinpaare wuchsen H�nde, jede mit mindestens zehn Fingern und drei Daumen, wovon die beiden oberen kr�ftig und sehr gro�, die unteren H�nde beinahe zart, daf�r aber sehr geschickt, wirkten. Sein R�ckenpanzer zitterte ganz leicht, und Tally sah jetzt, da� er in der Mitte gespalten war. Darunter gl�nzte das filigrane Gespinst durchsichtiger K�ferfl�gel. Die Chitinplatten, die sie bedeckten, waren so dick wie Tallys Daumen.</p><p>�Also�, sagte Lyss befehlend. �Jetzt erz�hle.�</p><p>Tally gab sich alle M�he, dem Blick des Riesenk�fers auszuweichen, als sie zu ihr aufsah. �Was... soll ich erz�hlen Gebieterin?� fragte sie stockend.</p><p>Ein Schatten huschte �ber Lyss' Gesicht. �Deine Geschichte, Tally�, antwortete sie unwillig. �Das, was du uns vorhin erz�hlt hast. Oder hast du sie schon vergessen?� Sie l�chelte b�se, schob ihre Waffe in den G�rtel zur�ck und kam n�her, blieb aber ein St�ck hinter und neben Vakk stehen.</p><p>�Aber das... das habe ich doch schon�, stammelte Tally. �Ich habe Euch alles gesagt, was ich wei�!� </p><p>�Dann tu' es noch einmal�, fauchte Lyss ungeduldig. Sie deutete auf Vakk. �Ich m�chte es noch einmal h�ren, verstehst du? Von Anfang an. Er wird erkennen, ob du die Wahrheit sagst.�</p><p>Tally fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Ihre H�nde wurden feucht vor Schwei�, und ihr Gaumen war mit einem Male zu trocken, da� sie kaum mehr sprechen konnte. Ihre Gedanken �berschlugen sich schier. Etwas in ihr hatte sich bisher noch immer an die Hoffnung geklammert, da� Lyss sie schlichtweg get�uscht hatte, um sie aus der Reserve zu locken, aber jetzt wu�te sie, da� das nicht stimmte. Vakk war sicherlich kein Telepath, der in ihren Gedanken lesen konnte wie in einem offenen Buch, aber Lyss schien sehr sicher zu sein, da� er L�ge und Wahrheit zu unterscheiden vermochte. Und das Ergebnis blieb sich � zumindest f�r Tally � gleich. Ihre Lage war verzweifelt. Selbst, wenn sie eine Waffe gehabt h�tte � sie bezweifelte, da� ein normales Schwert �berhaupt in der Lage war, diesem Monstrum mehr als einen harmlosen Kratzer beizubringen. <emphasis>Wo blieben die Wagas?</emphasis></p><p>�Was ist?� fragte Lyss scharf. �Hast du deine Zunge verschluckt, oder �berlegst du dir eine neue L�ge? � </p><p>�Ich... ich habe nicht gelogen, Gebieterin�, stammelte Tally. Sie deutete auf Vakk. Ihr Hand zitterte. �Aber er macht mir Angst. Schickt ihn fort, bitte.�</p><p>Lyss' Augen wurden schmal. Aber dann hob sie zu Tallys �berraschung die Hand und machte eine knappe, befehlende Geste. �Geh ein St�ck zur�ck, Vakk�, sagte sie.</p><p>Der Hornkopf gehorchte tats�chlich. Schlurfend bewegte er sich r�ckw�rts, bis sein gekr�mmter R�ckenschild fast gegen den Vorhang stie�, und blieb wieder stehen. Tally sah, wie sich die Falten des blauen Samtstoffes ganz sacht bewegten. Fast, als bausche sie der Wind.</p><p>Aber nur fast.</p><p>�Bist du jetzt zufrieden?� fragte Lyss ungeduldig. Tally nickte. �Danke. Verzeiht, Herrin, aber er... er sieht so schrecklich aus. Ich habe Angst vor ihm. � </p><p>�Jetzt rede�, befahl Lyss unwirsch. �Erz�hle alles noch einmal. Genau so, wie du es Maya und mir erz�hlt hast.�  Tally gehorchte. Sie begann mit ihrem Namen und der Tatsache, da� sie Hrabans Frau und seine Nachfolgerin war, berichtete dann von dem Sandsturm und davon, da� sie sich in diesem Turm gerettet hatte, ohne selbst genau sagen zu k�nnen, <emphasis>wie</emphasis> es ihr gelungen war, die mannigfaltigen Sperren zu �berwinden, die ihn umgaben. Nichts von dem, was sie sagte, war direkt gelogen, aber sie bildete sich trotzdem nicht ein, Vakk auf diese Weise lange Zeit narren zu k�nnen. Alles, was sie brauchte, war ein wenig Zeit. Nerv�s blickte sie zu Vakk hoch. Der Blick seiner gl�sernen Augen war ausdruckslos wie immer, aber seine kleinen H�nde hoben und senkten sich nerv�s, und manchmal drang ein knisternder Laut unter seinem Panzer hervor, wenn sich die H�gel darunter bewegten.</p><p>Als sie bei der Stelle ihrer Erz�hlung angekommen war, an der sie den eigentlichen Turm betrat, unterbrach sie Lyss. �Du hast also alles ganz genau so vorgefunden, wie es jetzt ist?� sagte sie lauernd. �Dies alles hier war bereits verw�stet, ehe du kamst?�</p><p>Tally warf einen nerv�sen Blick auf Vakk, ehe sie nickte. �Ja, Herrin�, sagte sie.</p><p>Vakk hob eine seiner zahlreichen H�nde. �Hschieee hlh����kt�, hauchte er.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Tally begriff, da� dieses entsetzliche Wesen <emphasis>gesprochen</emphasis> hatte � seine Stimme war nicht mehr als ein Fl�stern, l�cherlich angesichts seiner gewaltigen Gr��e, und seine Worte derart verzerrt, da� Tally sie eher erriet, als sie sie verstand. Aber sie sah, wie Lyss erbleichte. Ihre Hand n�herte sich erneut der f�rchterlichen Waffe in ihrem G�rtel.</p><p>�Du l�gst!� wiederholte sie Vakks Worte.</p><p>�Stimmt�, antwortet Tally. Dann sprang sie.</p><p>Ihr Angriff mu�te so ziemlich das Letzte gewesen sein, womit Lyss gerechnet hatte, denn sie machte nicht die leiseste Bewegung, ihr auszuweichen, sondern stand wie versteinert da, bis Tally gegen sie prallte und sie von den F��en ri�. Hinter ihr erscholl ein schriller, keuchender Schrei, und noch w�hrend sie zusammen mit Lyss zu Boden st�rzte, sah sie, wie der riesige Samtvorhang pl�tzlich zu bizarrem Leben zu erwachen schien und sich wie ein Netz auf Vakk herabsenkte. Dann erwachte Lyss endlich aus ihrer Erstarrung, und f�r die n�chsten Augenblicke hatte Tally anderes zu tun, als auf Vakk und die beiden Wagas zu achten.</p><p>Sie sp�rte gleich, da� sie viel st�rker und geschickter war als die Drachenreiterin. Aber Lyss wehrte sich mit der Kraft und Wut einer Wildkatze. Tallys Knie nagelte ihre rechte Hand an den Boden, so da� sie ihre Waffe nicht ziehen konnte, aber ihre andere Hand schlug und kratzte nach ihrem Gesicht, w�hrend sie wie von Sinnen mit den Beinen strampelte und ihr immer wieder die Knie in den R�cken stie�.</p><p>Tally versetzte ihr einen Faustschlag gegen die Schl�fe. Lyss b�umte sich auf, schrie vor Schmerz und erschlaffte pl�tzlich.</p><p>Aber sie hatte die dritte Drachenreiterin vergessen. Tally sah einen Schatten auf sich zurasen, zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und hob sch�tzend die Hand vor das Gesicht. Trotzdem traf sie der Tritt mit solcher Wucht, da� sie von Lyss' Brust herunterkippte und haltlos �ber den Boden rollte. Die Frau in der schwarzen Lederbekleidung setzte ihr nach, trat abermals nach ihrem Gesicht und stie� ein �berraschtes Keuchen aus, als Tally ihren Fu� packte und so wuchtig herumdrehte, da� sie nun ihrerseits das Gleichgewicht verlor. Noch im Fallen versuchte sie ihre Waffe zu ziehen, aber Tally lie� ihr keine Chance. Blitzschnell packte sie ihre Hand, verdrehte sie und brach ihr mit einem harten Ruck den Arm.</p><p>Das Gesicht der jungen Frau verzente sich vor Schmerz. Sie kr�mmte sich und begann zu wimmern.</p><p>Tally drehte sie grob auf den R�cken, schlug ihr die Faust unter das Kinn und hob in der gleichen Bewegung die Waffe auf, die sie fallengelassen hatte. Ihr Daumen senkte sich auf das rote D�monenauge in ihrem Griff. Sie hatte sehr genau hingesehen, wie die Drachenreiterinnen ihre Waffen handhabten.</p><p>Aber es war nicht n�tig, sie zu benutzen. Die beiden Riesenameisen standen einfach bl�de da und glotzten; denn schlie�lich hatte ihnen niemand gesagt, da� sie in den Kampf eingreifen sollten. Und als Tally sich herumdrehte, waren Hrhon und Essk gerade dabei, ein zappelndes blaues Riesenpaket �ber die Balkonbr�stung zu hieven, was offensichtlich ihre gesamte Kraft in Anspruch nahm. Vakk wehrte sich verzweifelt, aber der Vorhang pre�te seine Glieder erbarmungslos zusammen, und selbst seine gewaltigen Kr�fte schienen nicht auszureichen, den schweren Samtstoff zu zerrei�en. Nur eine seiner kleinen, vielfingrigen H�nde ragte zwischen den blauen Falten hervor und versuchte, sich an der Balkonbr�stung festzuhalten. Hrhon schlug so wuchtig mit der Faust zu, da� f�nf oder sechs der winzigen Klauen abbrachen.</p><p>Tally drehte sich wieder herum und sah auf Lyss herab. Die Drachenreiterin war bei Bewu�tsein, schien aber nicht die Kraft zu haben, sich zu erheben; denn als sie es versuchte, knickten ihre Arme unter ihrem K�rpergewicht ein. Sie fiel auf das Gesicht und schlug sich die Lippen blutig. Ein leises, qualvolles St�hnen drang aus ihrer Brust.</p><p>�Steh auf!� befahl Tally kalt.</p><p>Lyss st�hnte erneut, stemmte sich m�hsam auf Knie und Ellbogen hoch und sah sie ha�erf�llt an. Ein d�nner Blutfaden sickerte aus ihrer aufgeplatzten Lippe und zog eine rote Spur �ber ihr Kinn. �Spring in den Schlund, du Mistst�ck�, st�hnte sie.</p><p>Tally l�chelte d�nn, packte mit der linken Hand ihr Haar, ri� ihren Kopf in den Nacken und schlug ihr den Lauf der Waffe ins Gesicht. Lyss schrie vor Schmerz, st�rzte abermals zu Boden und verbarg das Gesicht zwischen den H�nden.</p><p>�Steh auf!� sagte Tally noch einmal.</p><p>Dieses Mal gehorchte Lyss. St�hnend stemmte sie sich auf die Knie, blieb einen Moment reglos sitzen und stand vollends auf, als Tally drohend die Hand hob. Ihr Gesicht begann bereits anzuschwellen, wo sie Tallys Schlag getroffen hatte. Aber der Ausdruck in ihren Augen war keine Furcht, sondern Ha�, ein so hei�er, ungez�gelter Ha�, da� Tally innerlich erschauerte. �Das wirst du bereuen, du Mistst�ck!� sagte sie. �Ich werde dich vernichten. Ich werde deine ganze Sippe ausl�schen und...�</p><p>Tally schlug noch einmal zu. Lyss kr�mmte sich st�hnend, schlug die H�nde gegen den Leib und sank ganz langsam vor Tally auf die Knie. Ihr Gesicht wurde noch bleicher, als es ohnehin schon war.</p><p>�Nun?� sagte Tally freundlich. �Soll ich weitermachen, oder ziehst du es vor, mir auf meine Fragen zu antworten?�</p><p>�Du kannst mich erschlagen, wenn du willst�, st�hnte Lyss. �Von mir erf�hrst du nichts.�</p><p>Im gleichen Moment erscholl hinter Tally ein schrilles, unglaublich zorniges Pfeifen, und nahezu gleichzeitig schrien auch Hrhon und Essk erschrocken auf. Tally fuhr herum � und erstarrte einen Moment lang vor Schrecken.</p><p>Ein gigantisches, schwarzgl�nzendes Etwas st�rzte sich auf den Balkon herab, getragen von einem doppelten Paar l�cherlich kleiner K�ferfl�gel und mit weit ausgebreiteten Armen und gierig ge�ffneten Zangen. Die faustgro�en Facettenaugen Vakks flammten vor Wut, und aus seinem dreieckigen Insektenmaul drangen pfeifende, schrille T�ne, so hoch, da� sie in Tallys Ohren schmerzten.</p><p>Einzig seine eigene Gr��e hinderte den Hornkopf daran, wie ein lebendes Gescho� direkt in den Raum hineinzurasen und sofort �ber die beiden Wagas und Tally herzufallen. Der Balkon erbebte wie unter einem Hammerschlag, als der gigantische Hornkopf landete und ungeschickt gegen die Wand prallte. Hrhon nutzte den Augenblick, sich mit geballten F�usten auf ihn zu st�rzen, aber Vakk traf ihn noch im Fallen mit einer seiner gewaltigen F�uste; der Waga taumelte wie unter einem Tritt einer Hornbestie zur�ck und fiel auf den R�cken.</p><p>Ein harter Schlag traf Tallys Handgelenk und l�hmte es. Sie schrie auf, lie� die Waffe fallen und konnte gerade noch die Hand hochrei�en, um zu verhindern, da� Lyss' Fausthieb ihr Gesicht traf. Trotzdem lie� der Hieb sie zur�cktaumeln und das Gleichgewicht verlieren. Sie fiel ungeschickt auf die Knie, registrierte verwundert, da� Lyss die Gelegenheit nicht nutzte, ihr nachzusetzen und sie vollends kampfunf�hig zu machen, und begriff beinahe zu sp�t, was dieses Z�gern bedeutete.</p><p>Sie reagierte im letzten Augenblick auf den Angriff des Ameisenabk�mmlings, der mit gierig schnappenden Mandibeln auf sie zust�rzte. Blitzschnell duckte sie sich unter den gewaltigen Bei�zangen hindurch, schlug zwei seiner vier Arme beiseite und brach sich fast die Hand, als ihre Faust auf den stahlharten Panzer des Hornkopfes krachte. Dann f�hlte sie sich von f�nf oder sechs unmenschlich starken H�nden gleichzeitig gepackt und zu Boden gerungen. Ein paar armlanger, rostbrauner Mandibeln schnappte vor ihrem Gesicht auseinander und zuckte auf ihren Hals herab.</p><p>Der Hornkopf f�hrte die Bewegung nie zu Ende. Ein braungr�n gefleckter Gigant erschien �ber ihm, bog seine Zangen ohne sichtliche Anstrengung auseinander und schlug ihm mit einem einzigen w�tenden Hieb den Sch�del ein. Einen Sekundenbruchteil sp�ter wirbelte Hrhon herum, packte auch den zweiten Hornkopf und warf ihn kurzerhand gegen die Wand. Das Brechen seines Chitinpanzers klang wie splitterndes Glas in Tallys Ohren.</p><p>Aber es war noch nicht vorbei. Hrhon fuhr herum und jagte br�llend vor Wut zu Essk zur�ck, die in ein verzweifeltes Handgemenge mit Vakk verstrickt war, und als Tally sich endlich unter dem toten Hornkopf hervorgearbeitet hatte, war Lyss ein paar Schritte entfernt auf die Knie gefallen und gerade im Begriff, ihre Waffe aufzuheben. Die Entfernung zwischen ihr und Tally betrug nicht einmal drei Schritte � aber Tally wu�te, da� sie es nicht schaffen w�rde.</p><p>Es war nicht mehr die Frau in ihr, die reagierte, sondern nur noch die Kriegerin. Ohne wirklich zu denken, lie� sie sich zur Seite fallen, rollte auf die verwundete Drachenreiterin zu und �ber sie hinweg. Ihr Hand fand den Dolch im G�rtel der Bewu�tlosen und ri� ihn heraus.</p><p>Lyss und sie kamen im gleichen Moment auf die Knie. Und Lyss feuerte ihre Waffe im selben Moment ab, in dem Tally den Dolch schleuderte.</p><p>Es ging unglaublich schnell, und es war entsetzlich. Tally sah keinen Blitz, sie h�rte nichts, sp�rte nichts � und doch war es, als jage eine unsichtbare Riesenfaust an ihr vorbei, so dicht und mit solch ungeheuerlicher Gewalt, da� sie ihren Luftzug wie einen Hieb sp�rte. Aber die G�tterfaust traf nicht sie, sondern die Drachenreiterin.</p><p>Der K�rper der Bewu�tlosen wurde in die H�he und herumgerissen. Blaue Flammen huschten wie Elmsfeuer durch ihr Haar, schlugen Funken aus ihren Augen und den Fingerspitzen und huschten auf winzigen flammenden F��chen �ber die Metallteile ihrer Ausr�stung, und pl�tzlich begann sich ihre Haut zu kr�useln, schmolz wie Wachs unter der Glut der Sonne und wurde braun. Bei�ender Qualm stieg von ihrem Haar und dem schmelzenden Leder ihrer Kleidung auf.</p><p>Tally wandte mit einem Schreckenslaut den Blick, spannte instinktiv jeden Muskel im Leib und wartete darauf, da� Lyss ihre schreckliche Waffe ein zweites Mal abfeuerte, um auch sie zu t�ten.</p><p>Aber Lyss scho� nicht mehr. Lyss war tot. Tallys Dolch hatte ihre Kehle durchbohrt und sie auf der Stelle get�tet. F�r die Dauer eines einzelnen, qu�lend schweren Herzschlags blieb Tally einfach so auf den Knien hocken, reglos, unf�hig, sich zu bewegen, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen oder irgend etwas anderes zu empfinden als pures Entsetzen. Sie hatte den Tod in tausendfacher Gestalt erlebt und selbst gebracht, aber sie hatte niemals ein solches Grauen versp�rt wie in diesem Moment. Der Gedanke, da� Menschen eine solche Waffe erfinden und gegen <emphasis>Menschen</emphasis> verwenden sollten, raubte ihr fast den Verstand.</p><p>Ein schrilles Kreischen hinter ihrem R�cken ri� sie in die Wirklichkeit zur�ck, und was sie sah, fegte auch den letzten Rest von Benommenheit beiseite.</p><p>Die beiden Wagas waren in einen gnadenlosen Kampf mit dem gewaltigen Hornkopf verwickelt. Und es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnten. Vakk hatte Essk mit seinen gewaltigen Scheren gepackt und in die H�he gerissen, w�hrend Hrhon sich seinerseits auf dem riesigen R�ckenpanzer des Hornkopfes festklammerte und mit beiden F�usten auf seinen Sch�del einh�mmerte.</p><p>Trotz des ungeheuren Gewichts der beiden Wags stand Vakk noch immer aufrecht auf seinen Beinen, und wenn er Hrhons Hiebe �berhaupt sp�rte, so ignorierte er sie. Seine riesigen Bei�zangen hielten Essk unbarmherzig gepackt, w�hrend seine H�nde in die L�cken ihrer Panzerung stocherten, in die sie ganz instinktiv Kopf und Arme zur�ckgezogen hatte. Hrhon schrie vor Wut und Angst und lie� seine Faust immer und immer wieder auf den gepanzerten Sch�del des Rieseninsekts herunterkrachen. Es klang, als schl�ge ein gigantischer Hammer auf einen noch gigantischeren Ambo�. Aber Vakk wankte nicht einmal.</p><p>Tally sprang hastig auf die F��e, lief quer durch den Raum, um ihr Schwert aufzuheben, und st�rmte auf den Hornkopf zu. Sie schwang die Waffe mit beiden H�nden, spannte jeden einzelnen Muskel bis zum Zerrei�en an und lie� die Klinge mit aller Gewalt auf den schwarzen Chitinpanzer des K�fers herunterkrachen.</p><p>Die Klinge brach ab.</p><p>Ein entsetzlicher Schmerz zuckte durch Tallys Arme bis in die Schultern hinauf und l�hmte sie. Sie taumelte zur�ck, lie� den nutzlosen Schwertgriff fallen und versuchte sich mit einem Satz in Sicherheit zu bringen, als Vakk mit einer w�tenden Bewegung nach ihr schlug. Sie schaffte es nicht ganz. Die Faust des Hornkopfes streifte ihren R�cken, und schon diese eine, beinahe fl�chtige Ber�hrung reichte, Tally haltlos vier, f�nf Schritte weit vorw�rts taumeln und der L�nge nach hinschlagen zu lassen. Einen Moment lang blieb sie benommen liegen, dann stemmte sie sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf die Knie und drehte sich herum. Sie sah, wie Essk starb.</p><p>Vakk b�umte sich mit einem w�tenden Zischen auf, sch�ttelte Hrhon wie ein l�stiges Insekt von seinem R�cken herunter und schlug mit allen vier Armen auf Essks R�ckenpanzer. Gleichzeitig schlossen sich seine gewaltigen Zangen mit erbarmungsloser Kraft.</p><p>Essks R�ckenschild zerbrach. Ein schriller, �berschnappender Schrei drang aus dem Panzer der Waga, dann tauchte ihr Kopf zwischen den gr�nbraunen Schuppen auf, das Gesicht verzerrt vor Schrecken und Qual; dunkles Echsenblut tropfte aus ihrem Maul. Vakk zertr�mmerte ihr mit einem einzigen Hieb seiner gewaltigen Scheren den Sch�del.</p><p>Und im gleichen Moment schien auch in Tally irgend etwas zu zerbrechen. Sie h�rte den entsetzlichen Laut, mit dem Essks Sch�deldecke zersplitterte, und f�r einen kurzen, unendlich kurzen Moment glaubte sie den Schmerz der Waga wie ihren eigenen zu sp�ren. Sie schrie auf, fiel ein zweites Mal auf die Ellbogen herab und sp�rte etwas Kleines, sehr Kaltes zwischen den Fingern, ein bizarres schwarzes Ding mit einem rotleuchtenden D�monenauge an der Seite.</p><p>Irgend etwas geschah mit ihr, etwas Furchtbares, das vor f�nfzehn Jahren begonnen hatte und erst jetzt zum Abschlu� kam. Sie dachte nicht mehr. Sie bestand nur noch aus einem ungeheuren, jedes andere Gef�hl hinwegfegenden Ha�. Ihre Hand schlo� sich um die Waffe, hob sie, richtete sie auf den tobenden Giganten, der sich mit grotesk langsam wirkenden Bewegungen herumdrehte, ihr Finger glitt �ber das kalte glatte Metall des Griffes, verharrte einen Sekundenbruchteil �ber dem roten Teufelslicht und senkte sich.</p><p>Tally f�hlte nur ein ganz sachtes Vibrieren, als sich die Waffe entlud. Aber wie zuvor war die Wirkung entsetzlicher als alles, was sie jemals erlebt hatte.</p><p>Vakk wurde von einer unsichtbaren D�monenfaust getroffen und gegen die Wand geschleudert. Seine Panzerplatten zerbrachen wie Glas. Eines seiner Facettenaugen erlosch, von einer unsichtbaren Faust getroffen und zermalmt; gelbes Insektenblut besudelte sein Gesicht. Er fiel nicht, sondern stand einfach da, reglos, nur ganz leicht zitternd, sein einzelnes, sehendes Auge auf Tally gerichtet, die Arme weit gespreizt, wie eine �berlebensgro�e Statue. Tally scho� ein zweites Mal.</p><p>Vakks Brustpanzer zersplitterte wie unter einem Hammerschlag. Einer seiner Arme brach ab und flog davon, und pl�tzlich durchzog ein Spinnennetz aus Tausenden feinver�stelter Risse und Spr�nge durch seinen tonnenf�rmigen Leib. Gelbes Insektenblut quoll wie z�hfl�ssiger Honig aus seinem Maul.</p><p>Er war tot, noch ehe er nach vorne kippte und auf dem Boden aufschlug, aber Tally scho� noch einmal, und noch einmal und noch einmal, bis der gigantische Hornkopf nichts mehr war als ein schwarzgelber, brodelnder Haufen aus zerfetztem Fleisch und zerborstenen Panzerplatten. Aber selbst dann feuerte sie weiter; ein, vielleicht zwei dutzend Mal, bis die Waffe in ihrer Hand nur noch ein protestierendes Summen ausstie� und das rote D�monenauge zu flackern begann. Erst dann lie� sie den Arm sinken, hob die linke Hand vor das Gesicht und schlo� die Augen.</p><p>Sie f�hlte... nichts. Eine Leere, die entsetzlicher als der Ha� zuvor, schlimmer als die Angst war. Dann Entsetzen, ein unendlich tiefes, kaltes Grauen vor sich selbst, vor dem Ungeheuer, in das sie sich f�r Augenblicke verwandelt hatte, dem Blutrausch, der sie �berkommen hatte. Sie hatte get�tet, aber zum allerersten Mal in ihrem Leben hatte es ihr <emphasis>Freude</emphasis> bereitet, keine Befriedigung, wie bei Hraban, keinen Triumph, wie in den unz�hligen Schlachten und Zweik�mpfen, die sie bestanden hatte, sondern <emphasis>Freude.</emphasis> Und sie wu�te, da� es keine Rolle spielte, da� es ein Hornkopf gewesen war. In diesem Moment h�tte sie auch Lyss oder eine der beiden anderen Frauen erbarmungslos � und mit dem gleichen furchtbaren Gef�hl � get�tet.</p><p>Pl�tzlich war ihr kalt. Und sie ekelte sich vor sich selbst. Angewidert schleuderte sie die Waffe von sich, stand auf und blieb einen Moment reglos mit geballten F�usten und geschlossenen Augen stehen, bis ihre H�nde und Knie aufgeh�rt hatten, haltlos zu zittern. Hrhon hockte neben Essks Leichnam, reglos und in unnat�rlich verkrampfter Haltung, als sie neben ihn trat. Im ersten Moment glaubte sie, er w�re verletzt. Aber dann sah sie, wie seine Hand in einer unglaublich sanften Bewegung �ber Essks zerst�rtes Gesicht glitt und ihre Lider schlo�, und sie begriff, da� Hrhons Schmerz nicht k�rperlicher Art war.</p><p>Ein Gef�hl sonderbarer W�rme durchstr�mte sie. Es war absurd, und es war unglaublich grausam � aber genau das war es, was Tally in diesem Moment sp�rte: ein Gef�hl von Freundschaft und Verbundenheit mit dem Waga, wie sie es niemals zuvor irgendeinem anderen lebenden Wesen gegen�ber empfunden hatte. Sie sp�rte Hrhons Schmerz, den furchtbaren Verlust, den er erlitten hatte, und sie teilte ihn, und trotzdem �berkam sie eine tiefe Erleichterung, als sie begriff, da� Hrhon unter der Maske der unbesiegbaren Kampfmaschine ein f�hlendes Wesen wie sie war. Sie h�tte es in diesem Moment nicht ertragen, w�re es anders gewesen.</p><p>Sicherlich zehn Minuten stand sie einfach so da, blickte auf Hrhon und die tote Essk herab und schwieg, bis Hrhon ihre N�he sp�rte und schwerf�llig zu ihr emporblickte. Sein Gesicht war ausdruckslos wie immer, aber in seinen Augen schimmerten Tr�nen. Sie hatte bis zu diesem Moment nicht einmal gewu�t, da� Wagas weinen konnten.</p><p>�Es... es tut mir leid, Hrhon�, sagte sie ganz leise. Hrhon schwieg.</p><p>�Du hast sie geliebt, nicht wahr?� Tally lie� sich neben dem Waga auf die Knie sinken und ber�hrte seinen Schulterpanzer.</p><p>�Sssie whar meine Ghef�hrin�, antwortete Hrhon. In seiner Stimme war ein Klang, den Tally niemals zuvor darin geh�rt hatte.</p><p>�Deine Gef�hrtin.� Tally versuchte zu l�cheln, aber sie sp�rte selbst, da� eine Grimasse daraus wurde. </p><p>�Gro�er Gott, Hrhon, du hast sie geliebt. Geliebt wie ein Mann eine Frau liebt, ein Mensch einen Menschen. Und ich habe euch f�r <emphasis>Tiere</emphasis> gehalten. All die Jahre hindurch.� Sie senkte besch�mt den Blick. Hrhon antwortete nicht, aber vielleicht war es gerade das, was es so schlimm machte.</p><p>�Es tut mir so leid�, fl�sterte sie.</p><p>�Dasss bhraucht esss nissst�, antwortete Hrhon. </p><p>�Sssie ssstarb im Khampf. Ein ghuter Tod fh�r eine Waga.�</p><p>�Ein sinnloser Tod�, sagte Tally leise. �Es war alles umsonst, Hrhon. Ich habe euch hierher gef�hrt und Essk damit umgebracht, und es hatte nicht einmal einen Sinn.�</p><p>�Sssie sssind tot�, sagte Hrhon mit einer Geste auf die beiden Drachenreiterinnen.</p><p>�Aber ich bin nicht gekommen, um sie zu t�ten�, antwortete Tally. �Ich wollte Informationen von ihnen. Ich wollte wissen, woher sie kommen. Warum sie tun, was sie tun.�</p><p>�Warum?� wiederholte Hrhon. �Warum whollt ihr dasss wisssen, Herrin?�</p><p>�Weil ich sie hasse, Hrhon�, antwortete Tally. �Sie haben mein Volk get�tet. Sie haben meine Familie vernichtet und meine Stadt ausgel�scht, so wie sie Hunderte von St�dten in Dutzenden von L�ndern verbrannt haben. Ich hasse sie. Ich... ich kam hierher, um ihr Geheimnis zu ergr�nden. Ich wollte wissen, wer sie waren, und woher sie kamen.�</p><p>�Um sssie sssu sssuchen und aussszul�sssen�, vermutete Hrhon. Tally nickte. Es war m�glich, da� sie damit ihr eigenes Todesurteil aussprach, und sie wu�te es, denn Hrhon geh�rte zur Sippe, nicht zu ihr. Aber es war ihr gleich. Sie h�tte sich nicht einmal gewehrt, h�tte Hrhon sie in diesem Moment angegriffen.</p><p>�Ihr m�ssst sssie sssehr hasssen�, fuhr Hrhon fort, sehr leise, und sehr ernst.</p><p>�Mit jeder Faser meiner Seele�, antwortete Tally. �Ich lebe nur daf�r, sie zu vernichten, Hrhon.� Ihre Stimme wurde hart. �Das ist der Grund, aus dem ich all dies getan habe. Aus dem ich Hraban gefolgt bin und ihn geheiratet habe. Aus dem ich die Anf�hrerin einer Sippe von M�rdern und Gesindel wurde, die durch die Welt zieht und die t�tet, die die Drachen �bersehen haben. Und es war alles umsonst.�</p><p>�Ssseid Ihr sssicher?� fragte Hrhon.</p><p>�Sie sind tot, oder? Tote reden nicht.�</p><p>�Eine lebt noch�, erinnerte Hrhon ruhig. �Sssie weiss nicht, wasss gesssehen issst�, fuhr Hrhon fort. �Whir wherden sssie �hberw�lthigen. Sssie whird reden.� </p><p>�Und wenn nicht?� fragte Tally.</p><p>�Sssie whird�, behauptete Hrhon. ��hberlassst sssie mhir, und ihr wheerdet erfharhen, wasss ihr wisssen wollt.�</p><p>Tally schwieg einen Moment. Der Gedanke, Maya � auch wenn sie zu ihren erkl�rten Todfeinden geh�rte � einem zornigen Waga auszuliefern, erf�llte sie mit Schaudern. Aber dann blickte sie in Essks zerst�rtes Gesicht, und sie begriff, da� dies die Bedingung war. Ohne da� es einer von ihnen mit nur einem Wort aussprechen mu�te, war es eine Vereinbarung. Hrhon w�rde auch weiterhin bei ihr bleiben, so, wie er ihr mit seiner unersch�tterlichen Ruhe und seiner ungeheuren Kraft stets geholfen hatte, aber der Preis daf�r war Maya. Tally begann zu ahnen, da� ihr der Waga im innersten wohl sehr viel �hnlicher war, als sie bisher f�r m�glich gehalten hatte.</p><p>�Sie werden erfahren, was hier geschehen ist�, sagte sie leise.</p><p>Hrhon schwieg.</p><p>�Du kannst nicht zur�ck zur Sippe, Hrhon�, fuhr Tally fort. �Sie werden sie ausl�schen. Sie werden Conden verbrennen.�</p><p>Hrhon schwieg noch immer, und auch Tally sagte jetzt nichts mehr.</p><p>Eine Stunde sp�ter kehrten Maya und die Beterin zur�ck. Tally erscho� den Hornkopf mit Lyss' Waffe und lie� Hrhon mit Maya allein, um auf die Plattform am oberen Ende des Turmes hinaufzugehen. Sie fragte niemals, was er getan hatte, aber als die Sonne aufging und die erstarrten D�nen der Gehran mit Blut zu �bersch�tten begann, kam der Waga zu ihr herauf. Seine H�nde waren voller Blut, und es war nicht sein eigenes. </p><p>�Hat sie gesprochen?� fragte Tally, ohne ihn anzusehen.</p><p>Der Waga machte eine zustimmende Handbewegung.</p><p>�Isss weisss, whoher sssie khommen.�</p><p>Tally stand auf. Es war noch kalt, und ihre Glieder f�hlten sich klamm und steif an. Fr�stelnd rieb sie die H�nde aneinander, trat ganz dicht an den Rand der Plattform heran und blickte in die Tiefe. Die K�lte nahm zu, obwohl die Sonne rasch h�her stieg, aber es war eine K�lte, die eher aus ihr selbst zu kommen schien. Es war sonderbar � f�nfzehn Jahre lang hatte sie von diesem Moment getr�umt, und sie h�tte Triumph versp�ren m�ssen. Aber er kam nicht. Ganz im Gegenteil hatte sie beinahe Angst davor, endlich die Antwort auf die Frage zu bekommen, deren L�sung sie ihr Leben verschrieben hatte.</p><p>Es dauerte lange, bis sie fragte, woher die Drachen kamen.</p><p>Hrhon sagte es ihr.</p><p><emphasis>Die Frau hatte aufgeh�rt zu reden, aber das M�dchen merkte es im ersten Moment gar nicht. Sie war m�de. Die Nacht war weit fortgeschritten � dem Morgen schon n�her als der Mitternacht, und trotz allem, was es geh�rt und erlebt hatte, verlangte ihr K�rper sein Recht. Das Kind war m�de, und gleichzeitig hatte es eine fast panikartige Angst davor, einzuschlafen. Es hatte Angst, es k�nnte aufwachen und allein sein. Die fremde Frau mit den dunklen Haaren und der sanften Stimme, die so faszinierend zu erz�hlen wu�te, war jetzt alles, was es noch hatte.</emphasis></p><p><emphasis>�Bist du m�de, Kind?� fragte die Frau.</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen sch�ttelte den Kopf, dann bemerkte es den zweifelnden Blick und l�chelte verlegen. Nur noch mit M�he unterdr�ckte es ein G�hnen. �Ja�, gestand es. �Aber ich will nicht schlafen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Du kannst es ruhig�, sagte die Frau. �Ich werde aufpassen, da� dir nichts geschieht.�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen sch�ttelte beinahe erschrocken den Kopf. �Nein�, sagte es hastig. �Ich will nicht schlafen.� Es z�gerte einen Moment, dann: �Ist... Tallys Geschichte damit zu Ende?�</emphasis></p><p><emphasis>Ihre Frage schien die Fremde zu am�sieren, denn sie lachte leise. �O nein�, sagte sie. Wieder � wie schon mehrere Male zuvor � legte sie den Kopf in den Nacken und blickte in den Himmel, und das M�dchen war jetzt sicher, da� sie es tat, weil sie etwas ganz Bestimmtes suchte oder auf etwas wartete. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, auf was. Aus dem Himmel kamen nur die Drachen und der Tod.</emphasis></p><p><emphasis>�Soll ich weitererz�hlen?� fragte die Frau.</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen nickte.</emphasis></p><p><emphasis>�Dann h�r zu�, sagte die Frau. �Es kam genau so, wie Tally geglaubt hatte. Nat�rlich erfuhren die Herren der Drachen, was in jener Nacht im Turm geschehen war, und sie �bten furchtbare Rache. Tally und Hrhon gingen nicht zur�ck nach Conden, aber sp�ter h�rten sie, da� die Drachen gekommen waren, kaum einen Monat nach ihrer Flucht, und die gesamte Sippe ausgel�scht hatten.�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen schauderte. Es erschien ihr ungerecht, da� so viele hatten sterben m�ssen, nur um der Rache einer einzelnen Frau wegen. Aber dann rief sie sich ins Ged�chtnis zur�ck, da� es ja schlie�lich nur eine Geschichte war, die die Frau erz�hlte. Sie war schon lange sicher, da� es nichts anderes sein konnte.</emphasis></p><p><emphasis>�Und Tally?� fragte sie.</emphasis></p><p><emphasis>�Sie und Hrhon machten sich auf die Suche�, antwortete die Frau. �Sie wu�ten nun, woher die Drachen kamen. Aber der Weg war weit und voller Gefahren, und die meisten, die sie fragten, behaupteten, da� es ohnehin unm�glich w�re, ihn zu gehen. So suchten sie jemanden, der ihn schon einmal gegangen war. �</emphasis></p></section></section><section><title><p>3. Kapitel</p><p>Schelfheim</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Selbst aus einer Entfernung von mehreren Meilen betrachtet wirkte die Stadt imposant. Dabei war keines ihrer Geb�ude h�her als drei Stockwerke, und selbst die T�rme, von denen sich gleich mehrere Dutzend �ber die geneigte Stadtmauer erhoben, verdienten diesen Namen kaum; eigentlich waren es nur buckelige Warzen auf dem steinernen Damm, der Schelfheim umg�rtete. Die Stadt war auf weichem, sandigem Grund erbaut, der keine schweren Geb�ude trug. Aber was ihr an H�he fehlte, machte Schelfheim an Ausdehnung wett � der Durchmesser der Stadtmauer mu�te gute f�nf Meilen betragen, und sie umschlo� nur einen Bruchteil der wirklichen Stadt.</p><p>Schelfheim war vielleicht die einzige Stadt auf der Welt, deren Wehrmauer hinter einem Wall von H�usern lag, statt umgekehrt. Aber das Gewirr aus Stra�en und Geb�uden und Pl�tzen hatte irgendwann vor hundert oder mehr Jahren damit begonnen, den steinernen G�rtel zu �berwuchern, den seine Erbauer zum Schutz gegen einen Feind errichtet hatten, der niemals gekommen war, und sich in alle Richtungen ausgebreitet. Jetzt bedeckte es ein Gebiet von sicherlich hundertf�nfzig Quadratmeilen. Ausdehnung. Es war die gr��te Stadt, die Tally jemals gesehen hatte, vielleicht die gr��te, die es �berhaupt gab. Aber dadurch, da� nichts in ihr h�her als zehn Meter war, wirkte sie auf den ersten Blick wie ein flachgewalzter Pfannkuchen und auf den zweiten Blick eigentlich eher erschreckend als majest�tisch. Etwas an dieser Stadt st�rte sie.</p><p>Tally �berlegte einen Moment, ob es vielleicht ihre Lage war: Schelfheim war auf dem n�rdlichsten St�ck Norden erbaut worden, das es �berhaupt gab. Von ihrem jenseitigen Ende aus mu�te man fast in den Schlund spucken k�nnen. Ganz abgesehen von ihrer angeborenen Abneigung gegen St�dte und zu viele Menschen war es kein Ort, an dem sie gerne gelebt h�tte � eigentlich ein Ort, von dem sie sich �berhaupt nicht vorstellen konnte, da� dort <emphasis>irgend jemand</emphasis> gerne lebte. Aber die N�he der H�lle hat die Menschen schon von jeher fasziniert � vorausgesetzt, sie war nicht so nahe, da� sie <emphasis>wirklich</emphasis> gef�hrlich werden konnte. Sie hatten die Pferde auf dem letzten Felsenkamm anhalten lassen. Tally sp�rte, wie der Rappe vor Ersch�pfung zitterte. Der Ritt war lang gewesen und �beraus anstrengend. Sie hatten den schweren, aber sehr viel k�rzeren Weg durch die Berge genommen und darauf gebaut, da� der Fr�hling schneller sein w�rde als sie � was ein Irrtum gewesen war. Schon am Abend des zweiten Tages waren sie in heftiges Schneetreiben geraten, das bald zu einem Sturm angewachsen war, der sie drei Tage in einer Felsenh�hle festgehalten hatte. Tally schauderte noch jetzt, wenn sie daran zur�ckdachte. Sie hatten das Packpferd geschlachtet und gegessen und alles verbrannt, was brennbar war; ihre ohnehin schmale Habe war auf das zusammengeschmolzen, was sie am Leib trugen. Und trotzdem w�ren sie um ein Haar erfroren. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren hatten sie Hrhons Kr�fte im Stich gelassen, denn der Waga war ein Kaltbl�ter und hilfloser als sie. Anders als gewohnt hatte <emphasis>sie</emphasis> daf�r sorgen m�ssen, da� <emphasis>er</emphasis> nicht starb. H�tte der Sturm noch einen Tag l�nger angehalten...</p><p>Tally verscheuchte den Gedanken, strich ein wenig pulverigen Schnee aus der M�hne ihres Pferdes und t�tschelte dem Tier geistesabwesend den Hals. Das Fell des Rappen dampfte vor K�lte; sein Schwei� roch schlecht. Sie konnte von Gl�ck sagen, wenn das Tier noch bis Schelfheim durchhielt, wo sie es gegen ein neues eintauschen konnte. Und Hrhons Pferd...</p><p>Sie drehte sich halb im Sattel herum und blickte zu dem Waga zur�ck, der in unnachahmlich grotesker Haltung auf dem R�cken seines Kleppers hockte � einen anderen Namen verdiente die Schindm�hre wirklich nicht. Der H�ndler, dem sie es f�r einen Wucherpreis abgekauft hatte, mu�te sie insgeheim f�r v�llig �bergeschnappt gehalten haben, f�r ein solches Pferd auch nur einen roten Heller auszugeben. Es war nicht nur h��lich, sondern auch halb lahm und bewegte sich selbst im Galopp nicht sehr viel schneller als ein Spazierg�nger. Aber es war das mit Abstand gr��te Pferd gewesen, das sie hatten finden k�nnen, und bisher das einzige, das Hrhons Gewicht l�nger als zwei Tage ertragen hatte, ohne tot unter ihm zusammenzubrechen.</p><p>�Issst esss nhoch wheit?� fragte Hrhon, als er ihren Blick bemerkte.</p><p>Tally sch�ttelte den Kopf, wodurch etwas Schnee aus ihrem Haar fiel und unter ihren Kragen rutschte. Eine Welle prickelnder K�lte breitete sich zwischen ihren Schulterbl�ttern aus. �Ein paar Meilen noch�, sagte sie. </p><p>�Mit etwas Gl�ck erreichen wir die Stadt noch vor Sonnenuntergang.�</p><p>Hrhon antwortete nicht, und Tally war auch nicht sicher, ob er ihre Worte �berhaupt verstanden hatte. Sie sprach es niemals aus, und sie gab sich auch alle M�he, es sich nicht anmerken zu lassen � aber Hrhon bereitete ihr in den letzten Monaten Sorgen.</p><p>Sie hatte ihn und Essk in einem Land kennengelernt, in dem es niemals Winter gab, und obwohl sie gewu�t hatte, da� er ein Kaltbl�ter war, hatte sie niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, bis sie in den Norden gezogen waren, fort vom �quator und hinein in den weitaus gr��eren Rest der Welt, in dem der Unterschied zwischen Sommer und Winter nicht nur an der Anzahl der Regentage gemessen wurde.</p><p>Dreimal in den vergangenen vier Monaten hatte sie geglaubt, da� Hrhon sterben w�rde, und einmal war er in eine Starre verfallen, aus der er fast eine Woche lang nicht aufgewacht war. Selbst jetzt, als das schlimmste hinter ihnen lag und die Temperaturen nur noch selten unter den Gefrierpunkt fielen, wirkte der Waga apathisch. Er schlief fast ununterbrochen, auch wenn sie ritten.</p><p>Sie verjagte auch diesen Gedanken, gab Hrhon ein Zeichen, weiterzureiten und trabte vor ihm den gewundenen Weg hinab. In Schelfheim w�rden sie ein Zimmer mit einem Kamin und einem guten Feuer nehmen, auch wenn es ihr letztes Geld verschlingen w�rde, und Hrhon auftauen. Auch sie sehnte sich nach einem weichen Bett und einer Nacht, in der sie nicht ein halbes dutzendmal aufwachte und glaubte, erfrieren zu m�ssen.</p><p>Nach einer Weile erreichten sie die Klippe � ein zerborstener, nahezu lotrecht abfallender Felsensturz, der eine gute Viertelmeile in die Tiefe f�hrte. Sehr weit entfernt in westlicher Richtung erkannte Tally das filigrane Gespinst einer Br�cke, die in k�hn geschwungenem Bogen zum Schelf hinabging, aber der Gedanke, dort hin�berzureiten, behagte ihr nicht � es waren f�nf oder sechs Meilen, mindestens, und Hrhon und sie waren noch immer Gejagte. Br�cken waren Orte, an denen man sich nur schlecht verstecken konnte, und an denen es auf der anderen Seite immer neugierige Augen gab, die zu viel sahen.</p><p>Tally war ein wandelnder Schatz f�r den, der sie erkannte. Nach den letzten Informationen, die sie hatte, betrug die Belohnung, die auf ihren Kopf ausgesetzt war, mittlerweile tausend Goldst�cke. Dem Mann, von dem sie dieses Wissen hatte, hatte seine Entdeckung allerdings kein Geld, daf�r aber zwei gebrochene Arme eingebracht.</p><p>Nein � sie w�rde nicht zu dieser Br�cke reiten. W�re sie allein gewesen, w�re sie vielleicht einfach die Klippe hinuntergestiegen; denn die Wand war zwar hoch und fast senkrecht, aber so zerkl�ftet, da� selbst ein Kind an ihr hinabklettern konnte. Ein vor K�lte halb erstarrter Waga jedoch nicht. Nun, es gab andere Wege hinunter auf das Schelf � und Tally wu�te auch, wo sie zu finden waren.</p><p>Statt nach Westen, der Br�cke zu, wandten sie sich in die entgegengesetzte Richtung. Es begann wieder zu schneien, pulverfeiner trockener wei�er Schnee, der wie Dampf im Wind tanzte und unter ihre Kleider, in ihre Augen und die Nase kroch und sie zum Niesen reizte. L�nger als eine Stunde ritten sie durch eine Welt, die in jeder Richtung nur drei Schritte gro� war und dann in wirbelnden wei�en Schwaden endete. Es wurde sehr kalt, und Tally sah jetzt immer h�ufiger besorgt zu Hrhon zur�ck, der in verkrampfter Haltung auf dem Pferd hockte und sicher schon l�ngst heruntergefallen w�re, h�tte er sich nicht im Sattel festgebunden. Endlich lie� das Schneetreiben ein wenig nach, und kurz darauf fand sie die Stelle, die ihr der Mann auf der anderen Seite der Berge beschrieben hatte � einen gewaltigen, steinernen Bogen, der in k�hnem Winkel weit �ber die Klippe hinausreichte, wie eine Br�cke, die irgendwann einmal abgebrochen war. Tally hatte bis zum letzten Moment nicht gewu�t, ob ihr der Mann nun die Wahrheit gesagt oder einfach nur ihr Geld genommen und darauf vertraut hatte, da� sie ja sowieso nicht wiederkommen und ihn zur Rechenschaft ziehen w�rde. Aber der Felsenbogen war da, und nach kurzem Suchen entdeckte sie auch den H�hleneingang, genau an der Stelle, die ihr beschrieben worden war.</p><p>Sie lenkte ihr Pferd in den Windschatten eines Felsens, wartete, bis Hrhon neben ihr angelangt war und boxte ihn gegen die Schulter, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Waga blinzelte aus tr�be gewordenen Augen zu ihr herauf.</p><p>�Du wartest hier�, befahl Tally. �Ich gehe nachsehen. Wenn du irgend etwas Verd�chtiges bemerkst, dann rufe.�</p><p>Hrhon machte eine zustimmende Handbewegung, aber Tally war klar, da� sie ebensogut mit seinem Pferd h�tte reden k�nnen. Trotzdem l�chelte sie aufmunternd, schwang sich mit einer kraftvollen Bewegung aus dem Sattel und landete um ein Haar auf der Nase, als ihre vom langen Reiten und der K�lte verkrampften Oberschenkel mit heftigen Schmerzen auf die Bewegung reagierten. Sie bi� die Z�hne zusammen, schlug den pelzgef�tterten Mantel zur�ck und zog vorsichtshalber ihr Schwert aus dem G�rtel, ehe sie geduckt in die H�hle trat.</p><p>W�rme und der Geruch nach Menschen und Abf�llen schlugen ihr entgegen. Im ersten Moment sah sie nichts; denn ihre Augen waren an Sand und eisverkrusteten Fels und Schnee gew�hnt. Sie blieb stehen, tastete sich mit der Linken an der rauhen Felswand entlang und lauschte gebannt.</p><p>Aus dem Hintergrund der H�hle drangen Ger�usche an ihr Ohr, die nicht hierher geh�rten, die sie aber nicht identifizieren konnte. Dann h�rte sie Schritte, und aus den ineinander verwobenen Schatten der H�hle sch�lte sich eine menschliche Gestalt. In ihrer rechten Hand blitzte Metall.</p><p>�Wer da?� fragte eine Stimme. Die sonderbare Akustik der H�hle verzerrte sie, aber Tally h�rte trotzdem, da� sie einem Mann geh�ren mu�te � und keinem, den sie m�gen w�rde, wenn er so war, wie seine Stimme klang. </p><p>�Ich suche Weller�, antwortete sie. �Bist du Weller? � </p><p>�Weller?� Der Schatten blieb stehen. Das Blitzen von Metall in seiner Hand glitt ein St�ck in die H�he. Tally spannte sich. �Hier gibt es keinen Weller�, fuhr die Stimme fort. �Wer soll das sein?�</p><p>�Ein Idiot, der meine Zeit mit dummen Spielchen verplempert�, antwortete Tally grob. �Ich soll dir Gr��e von Sagor ausrichten, Weller. Er sagte, wenn ich einen Weg auf den Schelf hinab suche, der schnell und sicher ist, w�re ich bei dir richtig.�</p><p>Der Schatten bewegte sich nicht mehr, aber er antwortete auch nicht, und Tally f�gte hinzu: �Ich habe Geld.� </p><p>�Ich kann dich hinunterbringen�, sagte Weller. �Aber es ist teuer. Drei Goldheller. Hast du ein Pferd?� </p><p>�Zwei�, antwortete Tally. �Und einen Begleiter. Er wartet drau�en.�</p><p>�Dann acht�, sagte Weller.</p><p>�Acht?� Tally �chzte. �Du hast niemals rechnen gelernt, wie? Zweimal drei ist nicht ��</p><p>�Neun�, unterbrach sie Weller. �Und wenn du noch lange versuchst, zu feilschen, zehn. Oder sagen wir gleich zehn. Das rechnet sich besser.�</p><p>Tally schluckte die w�tende Antwort herunter, die ihr auf der Zunge lag, denn sie hatte das sichere Gef�hl, da� Weller dieses Spielchen nach Belieben weiterf�hren w�rde, bis seine Forderung eine H�he erreichte, f�r die sie die Br�cke kaufen konnte.</p><p>�Das ist ein stolzer Preis�, sagte sie vorsichtig. �Der Br�ckenzoll betr�gt nur einen halben Heller � f�r zwei Reiter.�</p><p>�Wer zu mir kommt, hat seine Gr�nde, die Br�cke nicht zu benutzen�, erwiderte Weller gelassen. �Ich zwinge dich nicht. Dreh um und reite hin.�</p><p>Er zuckte die Achseln, kam n�her und schob das rostige Schwert in den G�rtel, das er bisher in der Hand gehalten hatte. Tally konnte jetzt sein Gesicht erkennen, und sie sah, da� ihr erster Eindruck richtig gewesen war � Weller war ein sehr kr�ftiger, vielleicht f�nfzigj�hriger Mann mit grau gewordenem Haar und kleinen, unangenehm stechenden Augen. Sein Gesicht sah aus, als h�tte vor Jahren einmal jemand versucht, es in zwei Teile zu schneiden. Da� er dazu einen ungepflegten schwarzen Vollbart trug, vermochte die Narbe nicht zu verbergen, lie� ihn aber noch wilder und unsympathischer erscheinen � ein Eindruck, vermutete Tally, den er nach Kr�ften pflegte. Er war ein Riese. Selbst unter dem fellgef�tterten Wams, das er trug, zeichneten sich seine Muskeln noch deutlicher ab. Aber er mu�te so stark sein, f�r die Arbeit, die er tat.</p><p>Einen Moment lang musterte er Tally durchdringend, dann nickte er und verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse, die er f�r ein L�cheln halten mochte. �Gut�, sagte er. �Also zehn. Daf�r bekommst du und dein Begleiter noch eine warme Suppe und einen Platz an meinem Feuer. Du siehst aus, als k�nntest du beides gebrauchen.�</p><p>Tally �berlegte einen Moment. Wellers Angebot klang verlockend. Es war Tage her, da� sie das letzte Mal etwas Warmes zu Essen bekommen hatte. Aber dann sch�ttelte sie den Kopf. �Ich mu� gleich weiter�, sagte sie. �Wir wollen Schelfheim erreichen, ehe es dunkel wird.� </p><p>�Daraus wird nichts�, erwiderte Weller ruhig. �In einer Stunde kommt die Nachmittagspatrouille an der Klippe vorbei. Ich nehme nicht an, da� du den Reitern der Garde begegnen willst.�</p><p>�Nicht unbedingt�, antwortete Tally. Und warum auch nicht? f�gte sie in Gedanken hinzu. Sie hatten zehn Monate gebraucht, um herauszufinden, da� es dieses Stadt �berhaupt gab, und weitere vier, um sie zu erreichen. Welche Rolle spielten da noch ein paar Stunden? </p><p>�Dann geh und hol deinen Begleiter und die Pferde�, sagte Weller. �Es ist nicht gut, wenn sie zu lange drau�en herumstehen. Ich werde derweil das Feuer entz�nden.�  Ohne ein weiteres Wort drehte er sich herum und verschmolz wieder mit den Schatten der H�hle, und auch Tally ging den Weg zur�ck, den sie gekommen war, um Hrhon zu holen.</p><p>Der Waga war nicht wieder eingeschlafen, wie sie bef�rchtet hatte, sondern aus dem Sattel gestiegen und schlurfte im Kreis herum, um sich Bewegung zu verschaffen. Als er ihre Schritte h�rte, blieb er stehen und drehte sich schwerf�llig zu ihr herum. Auf seinem flachen Schildkr�tengesicht glitzerte Eis.</p><p>Tally erwartete instinktiv, seinen Atem vor dem Gesicht als grauen Dampf zu erblicken, aber sie sah nichts. Die Luft in Hrhons Lungen war so kalt wie die, die sie umgab. Obwohl sie den Anblick gewohnt war, lie� sie der Gedanke schaudern. Zum wiederholten Male fragte sie sich, was es f�r ein Gef�hl sein mu�te, wenn das Leben ganz langsam, aber unbarmherzig, im eigenen K�rper erlosch.</p><p>�Es ist in Ordnung�, sagte sie. �Sagor hat die Wahrheit gesagt. Nimm die Pferde und komm.�</p><p>Hrhon griff gehorsam nach den Z�geln und f�hrte die Pferde hinter ihr in den H�hleneingang. Der Rappe scheute, als der Waga ihn in das finstere Loch zerrte, und Tally mu�te sich mit einem hastigen Satz in Sicherheit bringen, um nicht von seinen wirbelnden Hufen getroffen zu werden. Aber dann schienen die Tiere die W�rme zu sp�ren, die aus dem Berg drang, und wehrten sich nicht mehr.</p><p>Der Stollen f�hrte �berraschend tief in die Erde hinein. Tally sch�tzte, da� sie sich sicherlich eine halbe Meile weit von der Klippe entfernt hatten, ehe vor ihnen endlich die rote Glut eines Feuers sichtbar wurde. Die Luft war hier von einem unangenehmen, scharfen Geruch erf�llt, den sie nicht einordnen konnte, aber anheimelnd warm, und unter ihren Stiefeln knirschte jetzt kein Eis mehr, sondern nur noch das lose Ger�ll, das den H�hlenboden bedeckte.</p><p>Sie gab Hrhon ein Zeichen, zur�ckzubleiben, ging ein wenig schneller und fand sich nach zwei, drei Dutzend Schritten in einer gewaltigen felsigen Kuppel wieder, in deren W�nde zahllose weitere G�nge m�ndeten. Pl�tzlich begriff sie, da� sie sich in einem aufgelassenen Bergwerk befand. Das rote Licht, das sie gesehen hatte, kam nicht nur von Wellers Feuer, sondern auch von mindestens einem Dutzend Fackeln, die in eisernen Haltern an den W�nden befestigt waren. Ihre Schritte erzeugten lang nachhallende, unheimlich verzerrte Echos unter der hohen Decke.</p><p>Weller wandte sich zu ihr um, als er sie h�rte, und deutete mit einer Kopfbewegung auf einen eisernen Kessel, der �ber dem Feuer hing. �Die Suppe ist gleich so weit�, sagte er. �Ich habe immer einen Vorrat davon bereit, vor allem im Winter, wenn �� Er brach mitten im Wort ab, starrte aus gro� werdenden Augen an Tally vorbei und klappte den Unterkiefer herunter, als er Hrhon erkannte.</p><p>�He!� keuchte er. �Das... das war nicht vereinbart.� </p><p><emphasis>�Was</emphasis> war nicht vereinbart?� fragte Tally, perfekt die Ahnungslose spielend.</p><p>�Der... der Kerl da!� stammelte Weller. Seine ausgestreckte Hand deutete anklagend auf Hrhon. �Den fahre ich nicht! Der Bursche wiegt mindestens seine dreihundert Pfund!�</p><p>�Eher vierhundert�, verbesserte ihn Tally l�chelnd. </p><p>�Und ich dachte, wir w�ren uns �ber den Preis einig?� </p><p>�Du hast nicht gesagt, da� dein Begleiter ein Fischgesicht ist!� antwortete Weller zornig. �Der Kerl kann von mir aus die Klippe hinunter springen. Mit mir f�hrt er nicht!� </p><p>�Das solltest du dir �berlegen�, sagte Tally. �Wir waren uns einig, und genau das habe ich Hrhon gesagt. Wenn er jetzt h�rt, da� du ihn nicht f�hrst, k�nnte er denken; da� du uns betr�gen willst. Er wird sehr w�tend, wenn man ihn betr�gt. Hast du schon einmal einen w�tenden Waga erlebt, Weller?� f�gte sie l�chelnd hinzu.</p><p>Weller starrte sie aus flammenden Augen an, war aber klug genug, nicht mehr zu widersprechen, sondern ballte nur die F�uste und stapfte zu seinem Feuer zur�ck. �Es war nicht vereinbart�, maulte er, w�hrend er zornig in seiner Suppe r�hrte. �Das kostet den doppelten Preis � wenn ich es �berhaupt tue!�</p><p>�Du wirst es tun� versprach Tally. �Und den doppelten Preis zahle ich doch sowieso schon, oder nicht?� Sie schlug ihren Mantel zur�ck, trat an das Feuer heran und hielt die H�nde so dicht�ber die Flammen, wie es gerade nochging, ohne sie sich zu verbrennen. Weller fuhr fort, heftig in seiner Suppe zu r�hren, wobei er Tally und Hrhon abwechselnd w�tende Blicke zuwarf. Aber Tally wu�te, da� er nicht mehr widersprechen w�rde. Sie hatte oft genug erlebt, wie der Anblick eines Waga auf einen Menschen wirkte.</p><p>Eine Weile sa� sie einfach stumm vor dem Feuer, rieb die H�nde aneinander und geno� das Gef�hl, das Leben prickelnd in ihren K�rper zur�ckkehren zu sp�ren. Sie merkte erst jetzt, wie kalt es auch hier drinnen war: ihr Atem erschien als unregelm��ige Folge grauer Dampfwolken vor ihrem Gesicht, und ihre Muskeln schmerzten, jetzt, als sie sich langsam entspannte.</p><p>�Ihr seid Betr�ger�, sagte Weller pl�tzlich.</p><p>�M�glich.� Tally zuckte mit den Schultern. �Dann passen wir zusammen, nicht wahr? Wie viele unbedarfte Reisende hast du schon �ber's Ohr gehauen, Weller? Es sieht so aus, als w�rst du je an der Reihe. Merk dir f�r die Zukunft, da� du dir deine Fahrg�ste erst ansiehst, ehe du den Preis ausmachst.�</p><p>Weller h�rte auf, wie besessen in der Suppe zu r�hren, starrte sie einen Moment lang verdutzt an � und begann schallend zu lachen. �Du gef�llst mir�, sagte er. �Wer wei�, vielleicht ist der Spa� ein bi�chen Schwei�arbeit wert. Woher kommt ihr?�</p><p>Tally deutete in die Richtung, in der sie S�den vermutete. �Dorther.�</p><p>Weller blinzelte. �Und wenn ich jetzt frage, wohin ihr wollt, wirst du vermutlich antworten ��</p><p>Tally deutete mit dem Daumen �ber die Schulter und nickte. �Dorthin, richtig.�</p><p>Weller seufzte. �Nun gut, warum frage ich auch. Geht mich nichts an, oder?� Er b�ckte sich, hob zwei verbeulte Blechteller vom Boden auf und f�llte sie mit der dampfenden Suppe. �Hier, das wird euch guttun.�</p><p>Tally griff nach dem Teller und begann gierig zu essen. Die Suppe schmeckte nach nichts, aber sie war warm, und sowohl Tally als auch Hrhon verlangten einen Nachschlag, den Weller ihnen auch gab. Anschlie�end kuschelten sie sich nebeneinander ans Feuer, und pl�tzlich wurde Tally m�de. Sie mu�te mit aller Macht gegen den Schlaf ank�mpfen, der sie �bermannen wollte. </p><p>�Was sucht ihr in Schelfheim?� fragte Weller nach einer Weile.</p><p>Tally hob m�hsam den Kopf und blinzelte zu ihm auf. </p><p>�Jemanden, der uns nicht mit neugierigen Fragen auf die Nerven f�llt�, sagte sie matt.</p><p>Weller zog eine Grimasse. �Ich habe einen Grund, zu fragen�, sagte er. �Es gibt eine Menge neugieriger Augen und Ohren in der Stadt. Du k�nntest an den Falschen geraten, wenn du zu viele Fragen stellst. M�glicherweise findest du dich vor dem Stadthalter wieder...� Er seufzte. �Wenn du Informationen brauchst, kannst du sie von mir bekommen.�</p><p>�Und wer sagt mir, da� du uns nicht verr�tst?�</p><p>Weller grinste. �Niemand. Au�er der Tatsache vielleicht, da� ich davon lebe, verschwiegen zu sein.� Er z�gerte einen ganz kurzen Moment. �Du bist Tally.�  Tally setzte sich kerzengerade auf. Ihre M�digkeit verflog schlagartig. �Woher wei�t du das?� fragte sie. </p><p>�Das war nicht besonders schwer zu erraten�, antwortete Weller. Er deutete auf Hrhon, der zusammengekauert vor dem Feuer hockte und stumpfsinnig in die Flammen blinzelte. �Eine rabiate Amazone, die mit einem Waga durch die Lande zieht und neugierige Fragen stellt...� Er zuckte die Achseln. �Die Beschreibung pa�t, findest du nicht? Du bist eine ber�hmte Frau, Tally.�</p><p>�Und eine wertvolle�, f�gte Tally hinzu. Ihre Hand glitt zum Schwert.</p><p>Aber Wellers Grinsen wurde nur noch breiter. �Du entt�uschst mich, Tally�, sagte er. �Ich h�tte das zehnfache der Belohnung einstecken k�nnen, die auf deinen Kopf steht, h�tte ich all die verraten, die zu mir gekommen sind.�</p><p>�Irgendwann ist immer das erste Mal�, erwiderte Tally. Ihr Blick glitt aufmerksam �ber Wellers Gestalt. Auch seine Hand lag auf dem Schwert, aber nicht in drohender Weise. Es war nur ein Reflex, als Antwort auf ihre Bewegung. </p><p>�Ich kann euch von Nutzen sein�, fuhr Weller fort. �Sagt mir, wen oder was ihr sucht, in Schelfheim, und ich bringe euch hin.�</p><p>Tally dachte einen Moment ernsthaft �ber seinen Vorschlag nach, sch�ttelte aber dann den Kopf. Die Verlockung, einen F�hrer zu haben, war gro�. Aber sie waren bis jetzt allein gewesen, und ihre innere Stimme riet ihr, auch weiterhin nicht von dieser Taktik abzuweichen.</p><p>�Du bist mir zu teuer�, sagte sie. �Selbst, wenn ich dir vertrauen w�rde, k�nnte ich mir deine Dienste nicht leisten.�</p><p>�Womit wir beim Geld w�ren.� Weller stakste steifbeinig um das Feuer herum und streckte die linke Hand aus. </p><p>�Du schuldest mir zehn Goldst�cke. �</p><p>Tally seufzte, griff aber unter ihren Mantel und zog die Geldb�rse hervor. Sorgsam z�hlte sie zehn Goldheller ab, lie� sie in Wellers ausgestreckte Hand fallen und knotete die B�rse wieder zu. Ihre Barschaft war jetzt auf vier Goldheller und ein paar kleinere M�nzen zusammengeschmolzen; in einer Stadt wie Schelfheim gerade genug f�r eine �bernachtung und eine drittklassige Mahlzeit. Aber sie hatte auch nicht vor, lange in Schelfheim zu bleiben. Wenn sie Gl�ck hatten und den Mann, den sie suchten schnell genug fanden � vorausgesetzt, es gab ihn �berhaupt � vielleicht nicht einmal einen Tag. Tally hatte St�dte nie gemocht, und Schelfheim � obwohl sie es bisher nur von weitem gesehen hatte � w�rde sie garantiert noch weniger m�gen. Allein der Gedanke, in diesen kochenden Pfuhl voller Menschen und L�rm und Gestank hineingehen zu sollen, bereitete ihr k�rperliches Unbehagen.</p><p>Wellers Blicke waren ihren Bewegungen aufmerksam gefolgt. Jetzt seufzte er, lie� seinen Lohn achtlos in der Kitteltasche verschwinden und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen nieder. �Du hast wirklich nicht viel Geld�, sagte er.</p><p>�Ich brauche keines�, erwiderte Tally ausweichend. </p><p>�Hier schon.� Weller machte eine bestimmende Handbewegung, als Tally widersprechen wollte. �Du kommst aus dem S�den, Kindchen�, fuhr er fort. �Dort mag das alles stimmen. Aber Schelfheim ist anders. Ohne gen�gend Geld bist du hier verloren. Aber ich will nicht so sein � jemand, der von den T�chtern des Drachen gesucht wird, verdient es, ein wenig Hilfe geschenkt zu bekommen. Also: eine Frage hast du frei.�</p><p>�Die T�chter des Drachen?� Tally starrte Weller ungl�ubig an. �Woher hast du diesen Namen?�</p><p>�Ist das die Frage? � Weller grinste.</p><p>Allerdings nicht sehr lange, denn Tally beugte sich blitzschnell vor, ergriff ihn am Kragen und zerrte ihn mit solcher Kraft zu sich herab, da� er fast das Gleichgewicht verlor. �Woher du diesen Namen hast, will ich wissen!� </p><p>�Beim Schlund, la� mich los!� keuschte Weller. Vergeblich versuchte er, Tallys Griff zu sprengen, erreichte damit aber nur, da� sie nun auch noch die andere Hand in sein Wams krallte und ihm fast vollends den Atem abschn�rte. �Ich antworte ja, aber wie kann ich das, wenn du mich erw�rgst?�</p><p>Tally lie� widerstrebend sein Wams los, starrte ihn aber weiter drohend an. Weller richtete sich keuchend wieder auf, fuhr sich mit der Linken �ber die Kehle und senkte die andere Hand auf das Schwert.</p><p>Tally sch�ttelte ganz sacht den Kopf. �Versuch es nicht�, sagte sie.</p><p>�Die Beschreibung, die man mir gegeben hat, stimmt wirklich�, murrte Weller. �Du <emphasis>bist</emphasis> rabiat.�</p><p>�Ich glaube, ich habe dir eine Frage gestellt�, erinnerte Tally. Weller starrte sie finster an, kroch ein kleines St�ck von ihr zur�ck und strich abermals mit den Fingern �ber seine mi�handelte Kehle.</p><p>�Sie sind die wahren Herren von Schelfheim�, antwortete er unwillig. �Der Stadthalter und seine Soldaten gehorchen ihnen, auch wenn sie es nicht zugeben wollen.�</p><p>�Wieso T�chter des Drachen?� fragte Tally.</p><p>�Wieso Tally?� erwiderte Weller b�se. �Sie nennen sich eben so. Und sie haben ganz entschieden etwas gegen dich und deinen Freund da. Was glaubst du, woher die Belohnung stammt, die auf deinen Kopf ausgesetzt ist?� Er fluchte. �Ich wei� gar nicht, warum ich mich mit dir abgebe. Ich h�tte dich gleich zum Teufel jagen sollen.� Er stand auf und stie� w�tend mit dem Fu� ins Feuer, da� die Funken flogen. �Kommt jetzt. Es ist Zeit.�</p><p>Die Stunde, von der er zuvor gesprochen hatte, war noch lange nicht verstrichen, aber Tally gehorchte trotzdem. Ihre Gedanken kreisten wie wild um den Namen, den Weller genannt hatte.</p><p><emphasis>Die T�chter des Drachen...</emphasis></p><p>Es konnte Zufall sein, aber wenn, dann war es ein so gro�er Zufall, da� es ihr schwer fiel, ihn zu akzeptieren. Auf der anderen Seite erschien es ihr unglaublich, da� sie in solcher Offenheit auftreten sollten. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Pl�tzlich konnte sie es kaum mehr erwarten, nach Schelfheim zu kommen. Vielleicht war sie ihrem Ziel n�her, als sie geahnt hatte.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Aber bevor es so weit war, wartete noch ein geh�riger Fu�marsch auf sie. Weller verlie� die H�hle durch einen der Stollen, die in ihre W�nde m�ndeten, und f�r eine gute halbe Stunde f�hrte er sie durch ein wahres Labyrinth finsterer, sich kreuzender G�nge und schr�ger Rampen, die mal nach oben, mal abw�rts f�hrten. Sie kam nicht dazu, Weller eine weitere Frage zu stellen, denn er ging so weit und so rasch vor ihnen, da� Tally und Hrhon M�he hatten, �berhaupt mit ihm Schritt zu halten, zumal sie noch die Pferde mit sich f�hren mu�ten, denen es gar nicht gefiel, durch pechschwarze Tunnel gezwungen zu werden. Schlie�lich endete der Marsch in einer zweiten, allerdings sehr viel kleineren Kuppelh�hle.</p><p>Der Geruch warnte sie, Augenblicke, bevor sie hinter Weller aus dem Gang trat. Und trotzdem w�re es um ein Haar zur Katastrophe gekommen. Sie sp�rte die Bewegung, eine halbe Sekunde, bevor Hrhon ein w�tendes Zischen ausstie� und sie kurzerhand zur Seite schob; so wuchtig, da� sie gegen die Wand prallte und auf die Knie herabfiel. Weller lie� ein �berraschtes Keuchen h�ren, aber der Waga rannte ihn einfach nieder und st�rzte sich mit drohend erhobenen F�usten auf das schwarzgl�nzende Chitinb�ndel, das ihm aus seinen starren Facettenaugen entgegenblickte und gar nicht begriff, wie ihm geschah.</p><p>�Hrhon � nicht!� rief Tally verzweifelt. �H�r auf!�  Sie konnte nicht genau erkennen, ob Hrhon ihre Worte �berhaupt geh�rt hatte, aber einen Augenblick sp�ter h�rte sie ein dumpfes, berstendes Ger�usch, dem ein pfeifender Schmerzlaut folgte, und die Schatten des Waga und des Hornkopfes verschmolzen zu einem unentwirrbaren B�ndel wirbelnder Glieder.</p><p><emphasis>�Hrhon! Zur�ck!�</emphasis> schrie Tally. Sie sprang auf, stie� Weller, der sich gerade aufrappeln wollte, ein zweites Mal zu Boden, und versuchte Hrhon von seinem Opfer wegzurei�en.</p><p>Nat�rlich reichte ihre Kraft nicht aus, den Waga auch nur aufzuhalten, aber ihr Eingreifen brachte ihn wenigstens so weit zur Vernunft, da� er aufh�rte, seine geballte Faust immer wieder auf den hornigen Sch�del der Termite herunterkrachen zu lassen. Allerdings lie� er den Hornkopf auch nicht los, sondern pre�te ihn weiter zu Boden, wobei er ohne sichtliche Anstrengung seine gewaltigen Bei�zangen auseinanderbog.</p><p>�Verdammt, ist das eure Art, Dankbarkeit zu zeigen?�  fragte Weller.</p><p>Tally ignorierte ihn. �Bitte, Hrhon, la� ihn los�, sagte sie. �Er geh�rt nicht zu ihnen.�</p><p>Hrhon z�gerte. Seine geballte Faust schwebte noch immer �ber dem Sch�del des Hornkopfes, und das tr�be Glitzern seiner Augen hatte flammendem Ha� Platz gemacht. Seine Lippen zitterten. Dann, ganz pl�tzlich, war es, als erwache er unversehens aus einem tiefen Schlaf. Verwirrt starrte er auf den Hornkopf herab, stand mit einem Ruck auf und wich zwei, drei Schritte zur�ck. Auch der Hornkopf erhob sich taumelnd auf seine sechs Beine und kroch ein St�ckweit davon.</p><p>�Was soll das?� beschwerte sich Weller. W�tend trat er neben Tally, ri� sie am Arm herum und zog die Hand hastig wieder zur�ck, als Hrhon ein drohendes Zischen h�ren lie�.</p><p>�Verzeiht meinem Freund�, sagte Tally, betont ruhig. </p><p>�Er mag Hornk�pfe nicht. Sie haben seine Frau get�tet�, f�gte sie hinzu. Sie war verwirrt. Sie verstand und teilte Hrhons Ha� auf die insektioden Kreaturen, aber sie hatte ihn noch niemals so unbeherrscht wie jetzt erlebt. �Es tut mir leid.�</p><p>�Leid?� Weller spie aus. �Beim Schlund, wenn das deine Freunde sind, m�chte ich nicht deine Feinde kennenlernen, Tally! Du wirst nicht weit kommen, wenn er auf jeden Hornkopf losgeht, den er sieht. Es wimmelt in Schelfheim n�mlich von ihnen.�</p><p>�Ich sagte, es tut mir leid�, erwiderte Tally scharf. </p><p>�Hrhon hat die Beherrschung verloren. Der Winter macht ihm zu schaffen. Aber es wird nicht noch einmal geschehen. Und du h�ttest uns warnen k�nnen.�</p><p>�Warnen?� Weller schrie fast. �Wovor? Da� ich Arbeiter besch�ftige? Du bist wirklich verr�ckt, Tally. Ich bin froh, wenn ich euch beide Irre los bin.� W�tend fuhr er herum und klatschte in die H�nde. Ein zweiter, dritter und vierter Hornkopf krochen schwerf�llig in die H�hle, jeder einzelne ein wahrer Gigant, dessen blo�er Anblick Tally schaudern lie�.</p><p>Sie sah zu Hrhon hin�ber. Der Waga war ein St�ck zur�ckgewichen und musterte die Hornk�pfe voller schweigendem Ha�. Er wirkte kein bi�chen bedr�ckt oder schuldbewu�t, dachte Tally besorgt. Ganz im Gegenteil � sie hatte das sichere Gef�hl, da� er sich sehr beherrschte, um nicht ein zweites Mal auf die Hornk�pfe loszugehen.</p><p>�Was ist in dich gefahren?� fragte sie, so leise, da� Weller die Worte nicht h�ren konnte. �Es sind ganz normale Hornk�pfe! Bist du von Sinnen?�</p><p>�Etwasss ssstimmt nissst mhit ihnen�, behauptete Hrhon. �Sssie hasssen unsss.�</p><p>�Sie...?� Tally blickte verwirrt auf die vier gigantischen Termiten herab. Der Anblick der chitingepanzerten Ungeheuer bereitete ihr Unbehagen, aber das war normal. Trotzdem war sie f�r einen Moment nicht sehr sicher, da� Hrhons Behauptung nur seiner M�digkeit zuzuschreiben war.</p><p>�Unsinn�, sagte sie. �Du wirst dich beherrschen, verstanden?�</p><p>�Whie ihr bhefhelt, Herrin�, sagte Hrhon � allerdings in einem Ton, der seine Worte L�gen strafte. Seine gewaltigen Pranken bewegten sich, ohne da� er es auch nur merkte. Tally warf ihm einen letzten, mahnenden Blick zu, wandte sich wieder an Weller und deutete auf die Hornk�pfe herab. �Wozu brauchst du diese Kreaturen?�</p><p>�Um Verr�ckte wie euch nach unten zu bringen�, antwortete Weller mit einem b�sen Blick auf Hrhon. Er schnippte mit den Fingern, woraufhin sich einer der Hornk�pfe in Bewegung setzte und schwerf�llig auf ein vielleicht drei Meter messendes, kreisrundes Loch zukroch, das im Boden g�hnte.</p><p>Tally sah erst jetzt, da� sich dar�ber eine komplizierte, aus zahlreichen Stangen und Zahnr�dern und Rollen bestehende Konstruktion erhob, von der eine armdicke Kette in die Tiefe f�hrte. Der Hornkopf griff geschickt mit seinen gewaltigen Zangen nach einem Hebel und begann ihn wie einen Pumpenschwengel auf und ab zu bewegen. Ein Teil des verwirrenden R�derwerkes setzte sich in Bewegung. Die Kette spannte sich. Ein �chzendes Klirren drang aus der Tiefe des Schachtes.</p><p>�Das ist also dein kleines Geheimnis�, sagte sie sp�ttisch. �Ein Aufzug. Vermutlich �briggeblieben, als man diese Mine aufgab.�</p><p>�Vermutlich�, knurrte Weller. �Aber er funktioniert nur, wenn jemand da ist, der den Hebel bedient, wei�t du?�</p><p>Tally tat so, als h�tte sie die Spitze �berh�rt, trat an den Rand des Schachtes und beugte sich vor, um in die Tiefe zu sehen. Unter ihr, <emphasis>sehr</emphasis> tief unter ihr, bewegte sich ein glitzerndes Etwas durch den Schacht. Der Anblick lie� sie schwindeln. Sie mu�ten sich in die H�he bewegt haben, statt nach unten, wie sie bisher angenommen hatte. Der Schacht war mindestens eine Meile tief. Hastig trat sie ein St�ck zur�ck.</p><p>�Ist es stabil genug, Hrhon und die Pferde und mich zu tragen?� fragte sie.</p><p>�Keine Ahnung�, sagte Weller �rgerlich. �Der Waga wird allein fahren. Zuerst sind die Pferde dran, dann du.� Er spie zornig aus. �Bei diesem Handel zahle ich drauf!�</p><p><emphasis>Oh ja,</emphasis> dachte Tally sp�ttisch. <emphasis>Und du wei�t noch gar nicht, wie sehr, mein Lieber.</emphasis> Aber sie sagte vorsichtshalber nichts mehr, sondern wartete geduldig, bis der Hornkopf den Aufzug zu ihnen heraufgebracht hatte, was eine gute Viertelstunde in Anspruch nahm. Sie nutzte die Zeit, sich Wellers Maschine in aller Ruhe anzusehen.</p><p>Tally hatte zwar nicht das mindeste technische Verst�ndnis, aber sie erkannte doch, da� es sich um eine echt komplizierte Konstruktion handelte; etwas, das weit �ber Rad und Hebel hinausging, die einzigen technischen Hilfmittel, die die G�tter erlaubten. Die Kabine des Aufzuges selbst, die nach einer Weile schaukelnd und �chzend aus dem Schacht auftauchte, bestand zur G�nze aus Metall, das uralt sein mu�te, aber nicht die geringste Spur von Rost zeigte.</p><p>�Das da kann dir den Hals kosten, wei�t du das?�  fragte sie.</p><p>�So?� Weller blickte provozierend an ihr vorbei. </p><p>�Du verst��t gegen die Gesetze der G�tter�, sagte Tally. �Wenn sie herausfinden, was du hier tust, dann t�ten sie dich.�</p><p>�Da wo du herkommst, vielleicht. Hier nicht. Unsere G�tter sind weniger schlimm. Aber wozu brauche ich G�tter, wenn ich Kunden wie euch habe?� murrte Weller. Mit einer herrischen Bewegung scheuchte er den Hornkopf vom Rand des Schachtes weg, trat an den eisernen K�fig und stie� die T�r auf. �Mach schnell�, sagte er. �Ich bin froh, wenn ich euch los bin.�  Tally r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Was ist?� fragte Weller zornig. �Willst du hier �bernachten?�</p><p>�Nein�, antwortete Tally. �Aber ich habe es mir anders �berlegt. Deine Gesellschaft bereitet mir solches Vergn�gen, da� ich sie noch ein wenig genie�en m�chte. Hrhon wird als erster fahren.� Sie l�chelte zuckers��. �Immerhin ist er der schwerste von uns, nicht? Und wir wollen nicht, da� deine Freunde ihn vor lauter Ersch�pfung etwa fallen lassen.�</p><p>Weller pre�te w�tend die Lippen aufeinander, aber er widersprach nicht, sondern sah schweigend zu, wie der Waga in den metallenen Korb kletterte und die T�r hinter sich zuzog. Auf einen weiteren Wink Wellers hin krochen die Hornk�pfe an die Maschine und griffen mit klickenden Zangen nach Hebeln, die Dinge taten, die Tally nicht verstand. �chzend und st�hnend setzte sich die Kabine wieder in Bewegung und verschwand ganz langsam in der Tiefe.</p><p>�Du bist ein verdammt mi�trauisches Weib�, sagte Weller. �Du w�rdest nicht einmal deiner eigenen Mutter trauen, wie?�</p><p>Tally antwortete nicht. Sie war ein weiteres St�ck zur�ckgewichen und sah aufmerksam zu, wie die riesigen Termiten Wellers Maschine bedienten.</p><p>Sie hatte Hrhons Worte nicht vergessen, und etwas in ihr sagte ihr, da� sie nicht nur seinem Ha� auf die Hornk�pfe und seiner Ersch�pfung zuzuschreiben waren. M�glicherweise sah sie auch nur Gespenster � wenn man zu lange gejagt wurde, begann man vielleicht hinter jedem Schatten einen Feind und in jeder unbedachten Bemerkung einen Verrat zu wittern. Trotzdem lie� sie die Hand auf dem Schwert liegen und behielt Weller und seine vier Arbeiter aufmerksam im Auge, bis sich die Kette mit einem Ruck entspannte und sie wu�te, da� Hrhon heil unten angelangt war.</p><p>Eine weitere Viertelstunde verging, ehe die Kabine ein zweites Mal �ber dem Rand des Schachtes auftauchte. Weller ri� w�tend die T�r auf, noch ehe sie vollends zur Ruhe gekommen war. �Jetzt die Pferde und du�, sagte er.</p><p>Tally sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>Weller wurde noch bleicher, als er ohnehin war. </p><p>�Was... was soll das?� fragte er. �Glaubst du, ich h�tte meine Zeit gestohlen?�</p><p>�Nein, aber ergaunert.� Tally trat einen Schritt auf ihn zu und zog mit einer fast gem�chlichen Bewegung das Schwert. �Aber vielleicht hast du recht. Deine hornigen Freunde scheinen kr�ftig genug, uns beide halten zu k�nnen.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Weller begriff. �Uns?�  wiederholte er.</p><p>�Uns.� Tallys Schwert bewegte sich ein wenig nach oben und deutete nun genau auf seine Kehle. �Du wirst mich begleiten, Weller.�</p><p>�Das... das war nicht vereinbart�, stammelte Weller. </p><p>�M�glich. Dann �ndere ich unsere Vereinbarung jetzt. Vorw�rts!� Sie unterstrich ihre Worte mit einer drohenden Bewegung, die Weller r�cklings in den Gitterk�fig hineinstolpern lie�, folgte ihm mit einem raschen Schritt und zog die T�r hinter sich zu.</p><p>�Und die Pferde?� fragte Weller nerv�s. Sein Blick irrte unstet zwischen Tallys Gesicht und der Spitze ihres Schwertes hin und her.</p><p>�Du kannst sie behalten�, antwortete Tally. �Als Dreingabe, f�r die Mehrarbeit, meinetwegen. Los jetzt � oder traust du deinen eigenen Freunden nicht mehr?�  Weller schluckte sicht- und h�rbar, widersprach aber jetzt nicht mehr, sondern klatschte zweimal hintereinander in die H�nde. Schaukelnd und klirrend setzte sich der Aufzug in Bewegung.</p><p>Kurz, bevor die Kabine vollends in den Schacht sank und die Dunkelheit �ber ihnen zusammenschlug, sah Tally noch einmal zu den Hornk�pfen auf, die mit ihren gewaltigen K�rperkr�ften Wellers Maschine bedienten, und f�r einen ganz kurzen Moment blickte sie genau in das glatte Horngesicht eines der Ungeheuer.</p><p>Was sie sah, lie� sie schaudern. Die faustgro�en Facettenaugen des Hornkopfes waren ausdruckslos wie geschliffene Halbkugeln aus Glas � und doch... Etwas war an diesen Hornk�pfen anders als an allen, denen sie bisher begegnet war. Sie wu�te nicht was, und ein Teil von ihr versuchte immer noch, sie davon zu �berzeugen, da� sie sich von Hrhons Hysterie anstecken lie�. Aber sie war trotzdem �berzeugt, da� mit diesen Hornk�pfen etwas nicht stimmte.</p><p>Die Fahrt in die Tiefe schien endlos zu dauern. Der Gitterkorb schaukelte und schwankte wie ein kleines Boot auf st�rmischer See, und mehr als einmal krachte er mit solcher Wucht gegen die Wand, da� Tally fast das Gleichgewicht verlor. Weller wurde zu einem verschwommenen Schatten zwei Schritte vor ihr, und es wurde best�ndig dunkler, obwohl tief unter ihnen ein heller Fleck von Tageslicht schimmerte.</p><p>�Du bist ein verdammt mi�trauisches Weib�, sagte Weller nach einer Weile. Tally konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen, aber seine Stimme klang eher beleidigt als wirklich zornig.</p><p>�Ich habe genug bezahlt, um es sein zu d�rfen�, erwiderte sie. �Au�erdem lebe ich noch. Das w�re nicht so, w�re ich nicht so mi�trauisch.�</p><p>Weller lachte leise. �Ich werde nicht schlau aus dir, Tally�, sagte er. �Was hast du vor, wenn wir unten sind? Willst du mich erschlagen?�</p><p>�Du wirst uns begleiten�, erwiderte Tally. �Nicht sehr weit. Nur bis wir in der Stadt sind.�</p><p>�Das w�rde euch wenig nutzen�, sagte Weller.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Du hast noch nie eine wirklich gro�e Stadt gesehen, wie?� vermutete Weller. �Schelfheim ist gro�, und damit meine ich wirklich <emphasis>gro�,</emphasis> Tally. Ihr braucht einen F�hrer, oder ihr seid verloren. Wohin wollt ihr �berhaupt?� </p><p>�Wir suchen jemanden�, antwortete Tally nach kurzem Z�gern.</p><p>�Oh.� Weller kicherte. �Nun, dann seid ihr in Schelfheim richtig. Es gibt einige hundertausend <emphasis>jemands</emphasis> in der Stadt. Wei�t du seinen Namen?�</p><p>Tally nickte. Dann fiel ihr ein, da� Weller die Bewegung in der Dunkelheit ja nicht sehen konnte, und sie sagte: �Ja. Er hei�t Karan.�</p><p>�Karan, der Verr�ckte?� Weller keuchte. �Wenn du ihn finden willst, w�nsche ich dir viel Spa�. Das ist fast unm�glich, ohne jemanden, der euch durch die Stadt f�hrt.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Weil er im Norden wohnt, und das ist eine Gegend, in die sich nicht einmal die Stadtgarde wagt. Es wimmelt dort von Gesindel und Halsabschneidern, die dir f�r einen roten Heller den Hals umdrehen.�</p><p>�Kennst du ihn denn?� fragte Tally harmlos.</p><p>�Karan?� Weller schnaubte. �Sicher. Aber du �� Er brach ab, und trotz der pechschwarzen Finsternis glaubte Tally seine vorwurfsvollen Blicke direkt zu sp�ren. �Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht�, gestand er nach einer Weile. �Jetzt wirst du darauf bestehen, da� ich dich hinf�hre.�</p><p>�Ja�, sagte Tally ruhig. �Das werde ich wohl.�</p><p>Weller schnaubte. �Verdammt, ich werde nicht schlau aus dir, Tally�, sagte er. �Ich wei� nicht, ob ich dich verfluchen oder deine Gerissenheit bewundern soll. Du w�rst ein w�rdiger Partner f�r mich. Aber du bist dabei, mich zu ruinieren, ist dir das klar? Wer ersetzt mir den Verdienstausfall, w�hrend ich den Fremdenf�hrer f�r dich spiele?�</p><p>�Ich werde dich entsch�digen�, antwortete Tally. �Du kannst uns ja bei der Stadtgarde verraten, sobald wir fort sind. Sie werden zwar keine Belohnung f�r jemanden bezahlen, den sie nicht haben, aber ein Mann wie du lebt ja wohl davon, gute Beziehungen zu den M�chtigen zu pflegen � oder?�</p><p>Weller antwortete nicht; aber er tat es auf eine sehr bezeichnende Weise.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Es wurde Nacht, ehe sie die Stadt erreichten. Der Schacht endete zwar in einer gewaltigen H�hle, deren n�rdliche Wand zusammengebrochen war, so da� der Schelf vor ihnen lag und sie nur wenige Schritte zu gehen brauchten, um ins Freie zu gelangen. Aber was von oben aus betrachtet wie ein schmaler Sandstreifen ausgesehen hatte, der die Klippe von den ersten H�usern der Stadt trennte, erwies sich in Wahrheit als ein St�ck von gut zwei Meilen, das zudem so unwegsam und so mit Felstr�mmern und wucherndem Gestr�pp �bers�t war, da� das Gehen zu einer reinen Qual wurde.</p><p>Tally war dennoch froh �ber die Umst�nde; denn nur so hatten sie �berhaupt eine Chance, die Stadt ungesehen zu erreichen � was ihn nach dem Gespr�ch mit Weller wichtiger denn je erschien. Sie war besorgt, weitaus st�rker, als sie sich anmerken lie�. Sie hatte gewu�t, da� Hrhon und sie gejagt wurden � so wie tausend andere aus tausend anderen Gr�nden. Trotzdem war sie schockiert, da� ein Mann wie Weller sie und Hrhon auf den ersten Blick erkannt hatte.</p><p>Dann n�herten sie sich der Stadt, und Tallys Aufmerksamkeit wurde von anderen Dingen in Anspruch genommen. Es gab keine Stadtgrenze im eigentlichen Sinn: zwischen den Tr�mmern und dem Unrat, von dem sich ganze Berge auf dem grau gewordenen Sand des Schelfs erhoben, tauchten j�h die ersten H�tten auf, klein und sch�big und aus dem M�ll erschaffen, auf dem sie erbaut waren, und das dumpfe Raunen und Brausen der Stadt, das im Laufe der letzten Stunde best�ndig n�her gekommen war, wich dem Klang einzelner Stimmen, schrillem Gel�chter und Schreien, dem Kreischen von Kindern und klingenden Hammerschl�gen. Weller, der bisher so weit vorausgegangen war, wie Tally es gerade noch zulie�, blieb stehen und wartete, da� sie und der Waga zu ihm aufschlossen.</p><p>�Besser, wir bleiben von jetzt an dicht beisammen�, sagte er. Tally wu�te nicht, ob sie den Ausdruck, auf seinem Gesicht richtig deutete � aber der Klang seiner Stimme verriet Furcht. �Das hier ist eine �ble Gegend. Schon so mancher, der hierher gegangen ist, ist nicht wieder zur�ckgekommen.�</p><p>Tally blieb stehen, sah kurz zur Klippe zur�ck, die zu einem schmalen schwarzen Strich vor dem Nachthimmel geworden war, und blickte ihn nachdenklich an. �Trifft das auch auf deine Kunden zu?� fragte sie.</p><p>Weller zuckte gleichm�tig mit den Schultern. �Ich habe nie behauptet, da� der Weg sicher sei, oder? �  Tally antwortete nicht. Es hatte nicht viel Sinn, sich mit Weller zu streiten, und im Grunde konnte sie ihm nur dankbar f�r die Warnung sein. Wer immer die Menschen waren, die hier lebten � sie waren auf jeden Fall eher <emphasis>seine</emphasis> als <emphasis>ihre</emphasis> Freunde. �Gehen wir weiter.�  Sie begriff bald, was Weller gemeint hatte. Die Abfallh�tten, zuerst nur einige wenige und klein, nahmen an Zahl und Gr��e zu, und schon nach wenigen Dutzend Schritten bewegten sie sich durch eine regelrechte Stadt, erbaut aus Abf�llen und errichtet auf Bergen von M�ll. Die Luft stank entsetzlich, und Tally begann sich am ganzen Leib klebrig und besudelt zu f�hlen. Dabei herrschte noch immer Winter; wo der Boden nicht von zahllosen F��en zu klebrigem Morast zertrampelt worden war, lag Schnee. Tally fragte sich, wie es hier im Sommer sein mochte. Schon jetzt hatte sie das Gef�hl, kaum mehr richtig atmen zu k�nnen.</p><p>Und so wie dieser Teil Schelfheims waren seine Bewohner. Die Dunkelheit verbarg die meisten vor ihren Blicken oder lie� sie zu flachen Schatten werden, die angstvoll davonhuschten, wenn Tally, Weller, und der Waga n�her kamen, aber das wenige, <emphasis>was</emphasis> sie sah, lie� sie schaudern. Es waren Menschen � meistens jedenfalls � aber sie waren so schmutzig und heruntergekommen wie die H�user, in denen sie lebten: ausgemergelt, blasse Kreaturen, in Lumpen gekleidet und mit hungrigen Augen, die sie voller Gier anstarrten. Und nach einer Weile bemerkte Tally, da� sie verfolgt wurden.</p><p>Die Verfolger waren geschickt, und wahrscheinlich war es nur Tallys Leben als Gejagte zuzuschreiben, da� sie es �berhaupt sp�rte � niemand kam ihnen nahe, aber die Schatten, die am Rande ihres Gesichtsfeldes entlanghuschten, nahmen zu, und etwas �nderte sich im wispernden Chor der Stimmen, der ihnen folgte. Tally konnte die Drohung, die pl�tzlich �ber ihnen schwebte, beinahe anfassen.</p><p>�Was ist das hier, Weller?� fragte sie. Ganz instinktiv trat sie ein St�ck n�her an ihn und den Waga heran. Ihre Hand glitt unter den Mantel und schmiegte sich um den Schwertgriff. Ihre Erfahrung als Kriegerin sagte ihr, da� ihr die Waffe herzlich wenig nutzen w�rde � sie waren von Dutzenden, wenn nicht von Hunderten der huschenden schwarzen Gestalten umgeben. Aber die Ber�hrung des kalten Stahls tat gut.</p><p>�Der Teil von Schelfheim, den Fremde normalerweise nicht zu Gesicht bekommen�, antwortete Weller. �La� blo� deine Waffe stecken, oder wir sind tot, ehe du Zeit findest, ein letztes Gebet zu sprechen.�</p><p>�Verdammt, wohin hast du uns gef�hrt?� fauchte Tally. �Enden alle deine Kunden hier?�</p><p>�Manche�, gestand Weller unger�hrt. �Das hier ist die Vorstadt. Eine Menge Menschen und nicht-Menschen kommen nach Schelfheim, um ihr Gl�ck zu machen. Manchen gelingt es, manchen nicht. Die, die Pech haben, enden hier.� Er wandte im Gehen den Kopf und grinste Tally beinahe unversch�mt an. �Ich habe dir geraten, die Br�cke zu benutzen, oder?� Seine Hand wies nach Westen, und als Tallys Blick der Bewegung folgte, sah sie eine Kette winziger roter Lichter, die sich schr�g �ber den Himmel spannte und irgendwo vor ihnen mit der Stadt verschmolz. �Das hier ist das Reich der Klorschas. Der Slam. Mit etwas Gl�ck lassen sie uns durch. �</p><p>�Und mit etwas weniger Gl�ck?�</p><p>�Bringen sie uns um�, sagte Weller unger�hrt. �Deine Kleidung f�llt auf. Du siehst verm�gender aus, als du bist. Aber meistens verlangen sie nur einen Wegezoll.� </p><p>�Na, dann kann ich nur hoffen, da� du deine B�rse eingesteckt hast, Weller�, sagte Tally. Weller blinzelte, starrte sie einen Moment mit offenem Mund an und entschied, da� es kl�ger war, das Gespr�ch nicht fortzusetzen.</p><p>Er h�tte auch nicht sehr viel Gelegenheit dazu gehabt; denn der Kreis aus Schatten, der sie umgab, zog sich immer enger zusammen, und nach wenigen Dutzend weiterer Schritte geschah das, was Tally insgeheim schon l�ngst bef�rchtet hatte: sie bogen in eine schlammige Gasse, die von fensterlosen, aus Stein und Holz errichteten H�usern ges�umt wurden � und Weller blieb so abrupt stehen, da� Hrhon beinahe in ihn hineinrannte. Vor ihnen ging der Weg nicht weiter. Ein gutes Dutzend zerlumpter, ausnahmslos sehr gro�er Gestalten blockierte die Gasse, angef�hrt von einem wahren Riesen, der sich l�ssig auf eine fast mannsgro�e Keule st�tzte. Sein Gesicht sah aus, als w�re es vor nicht langer Zeit mit genau dieser Keule kollidiert � was ihn nicht etwas h��licher als die meisten seiner Begleiter machte. Tallys Hand schlo� sich etwas fester um den Schwertgriff.</p><p>�Wer ist das?� fl�sterte sie.</p><p>�Braku�, antwortete Weller. �Der Schlimmste von allen. Beim Schlund, das h�tte nicht passieren d�rfen.� </p><p>�Was ist so schlimm an ihm?�</p><p>�Er ha�t mich�, antwortete Weller nerv�s. �Er hat mir den Tod geschworen. Und bisher hat er sein Wort immer gehalten.�</p><p>�Warum?� fragte Tally. �Hast du einmal Gesch�fte mit ihm gemacht?�</p><p>Weller grinste gequ�lt. �Ja. Aber ich schw�re, da� es ganz ehrlich zuging. Nur geh�rt Braku zu denen, die sich �bervorteilt f�hlen, wenn sie ihren Partner nicht betr�gen k�nnen.�</p><p>�Wenn ihr fertig seid, w�re es wirklich gro�z�gig, w�rdet ihr mit einen Teil eurer kostbaren Aufmerksamkeit schenken�, mischte sich eine dr�hnende Stimme ein. </p><p>�Falls ich die Herrschaften nicht bei einer wichtigen gesch�ftlichen Unterredung st�re, hei�t das.�</p><p>Weller erbleichte noch weiter, gebot Tally aber mit einer hastigen Geste, sich nicht einzumischen, und trat den Klorschas einen Schritt entgegen. Braku musterte ihn k�hl, aber in seinen Augen stand ein Glitzern, das Tally gar nicht gefiel. In Gedanken wog sie ihre Chancen ab, mit einem raschen Schritt bei ihm zu sein und ihm den Kopf von seinem schmutzigen Hals zu schlagen. Das Ergebnis, zu dem sie kam, besserte ihre Laune nicht wesentlich.</p><p>�Sch�n, dich zu sehen�, sagte Braku grinsend, als Weller n�her kam. �Ich nehme an, du bist hier, um dich mit mir auszus�hnen, wie? � Er lachte, setzte seine gewaltige K�rperf�lle in Bewegung und walzte ein St�ck auf Weller zu. Die Keule schwang er sich dabei �ber die Schulter, als w�re sie gewichtslos. �Ich habe dich lange vermi�t, mein Freund. Was ist los � gehen deine Gesch�fte so schlecht? Und was sind das f�r Galgenv�gel, die du da bei dir hast?�</p><p>�Sssoll isss ihm dhehn Kopf ahbreisssen?� fragte Hrhon ruhig.</p><p>Tally fuhr erschrocken zusammen. Hrhon hatte so laut gesprochen, da� Braku schon taub sein mu�te, um seine Worte nicht zu verstehen, und tats�chlich sah er auch auf und musterte Hrhon mit einem sehr sonderbaren, halb absch�tzenden, halb beinahe mitleidigen Blick. Auf seinen Z�gen erschien ein Ausdruck schlecht geschauspielter �berraschung.</p><p>�Oha�, sagte er. �Das Ding kann ja sprechen.� Er schob Weller mit einer achtlosen Bewegung zur Seite, wechselte seine Keule von der rechten auf die linke Schulter und kam mit gem�chlichen Schritten n�her. Tally sah jetzt, da� er tats�chlich ein St�ck gr��er war als Hrhon. Au�erdem stank er zum Gotterbarmen.</p><p>Zwei Schritte vor dem Waga und ihr blieb er stehen, machte eine �bertrieben tiefe Verbeugung und rammte seine Keule in den Boden, um sich wieder darauf zu st�tzen. Gestattet die Frage, wer Ihr seid, edle Frau�, fragte er sp�ttisch.</p><p>Tally blickte nerv�s zu Weller, ehe sie antwortete. </p><p>�Jemand, der nichts mit eurem Streit zu tun hat, Braku�, sagte sie. Ihre Stimme war nicht ganz so fest, wie ihr lieb gewesen w�re. �Und der auch nichts damit zu tun haben will. Mein Begleiter und ich wollen nur in die Stadt, das ist alles.�</p><p>Etwas an ihren Worten schien die Klorschas �ber die Ma�en zu am�sieren, denn die ganze Bande brach ihn dr�hnendes Gel�chter aus, bis Braku mit einer herrischen Handbewegung f�r Ruhe sorgte. �Oh, ihr wollt also <emphasis>nur</emphasis> in die Stadt�, sagte er grinsend. �Soso. Und da habt ihr euch der F�hrung Wellers anvertraut. Das war nicht sehr schlau. Er ist hier nicht besonders beliebt, mu�t du wissen, S��e.�</p><p>�Sssoll isss, oder sssoll isss nissst?� fragte Hrhon. Braku runzelte die Stirn, blickte einen Moment auf den Waga herab und seufzte h�rbar. �Dein Begleiter vergi�t seine guten Manieren, wei�t du das?� fragte er. Die Worte galten Tally, aber er sah Hrhon dabei unverwandt an.</p><p>�Still jetzt, Hrhon�, sagte Tally hastig. Zu Braku gewandt, fuhr sie fort: �Verzeiht meinem Begleiter, Braku. Wir sind fremd hier und kennen weder Eure Sitten noch Eure Gebr�uche. Wenn wir Euer Gebiet verletzt haben, dann tut es uns leid.�</p><p>�Das habt ihr tats�chlich�, sagte Braku unger�hrt. </p><p>�Aber mit einer Entschuldigung ist es nicht abgetan, f�rchte ich.�</p><p>Tally nickte. �Ich wei�. Weller... informierte mich, da� Ihr Wegezoll verlangt.�</p><p>�So, hat er das?�</p><p>Tally nahm die Hand vom Schwert, griff statt dessen unter den G�rtel und zog die Geldb�rse heraus. �Das ist alles, was wir haben�, sagte sie, w�hrend sie Braku den schmal gewordenen Lederbeutel aush�ndigte. �Nehmt es und la�t uns in Frieden ziehen.�</p><p>Der Klorscha ri� ihr den Beutel aus der Hand und schob ihn in eine Tasche seines Mantels. Er machte sich nicht einmal die M�he, hineinzusehen. �Das ist gro�z�gig�, sagte er sp�ttisch. �Aber ich f�rchte, es reicht nicht ganz.� </p><p>�Mehr haben wir nicht�, antwortete Tally. �Ihr k�nnt es nat�rlich auf einen Kampf ankommen lassen, und wahrscheinlich w�rdet ihr ihn auch gewinnen. Aber mehr als das, was ihr schon habt, w�rdet ihr nicht erbeuten, und wahrscheinlich w�rden ein paar von euch dabei sterben. Du als erster�, f�gte sie l�chelnd hinzu. Gleichzeitig kroch ihre Hand wieder unter den Mantel, aber dieses Mal nicht zum Schwert, sondern zur anderen Seite ihres G�rtels. Sie hatte die entsetzliche Waffe, die sie den Drachenreiterinnen abgenommen hatte, niemals gegen Menschen eingesetzt, und sie hatte sich geschworen, es niemals zu tun � aber wozu waren gute Vors�tze da, wenn nicht, um gebrochen zu werden?</p><p>Braku starrte sie mit offenem Mund an und schien nicht genau zu wissen, ob er nun w�tend werden oder abermals in Gel�chter ausbrechen sollte, �Du hast Mut�, sagte er schlie�lich. �Das gef�llt mir. Aber dein Ton pa�t mir nicht, Kleines.�</p><p>Tally schwieg. Sie wu�te, da� sie Braku nicht zu sehr provozieren durfte � wenn er glaubte, vor seinen Leuten das Gesicht zu verlieren, dann hatte er keine andere Wahl mehr, als sie zu t�ten.</p><p>�Du hast also kein Geld�, fuhr Braku fort. Seine Augen wurden schmal. �Das ist bedauerlich. Aber wenn ich dich recht betrachte, dann gibt es vielleicht noch eine andere M�glichkeit, wie du bezahlen kannst.� Er kicherte anz�glich, hob den Arm und streckte die Hand nach Tally aus. Hrhon zischte drohend, und Braku f�hrte die Bewegung nicht zu Ende.</p><p>�Tu es nicht�, sagte Tally ruhig. �Hrhon w�rde dich in St�cke rei�en.�</p><p>Es wurde still. Brakus M�nner hatten jedes Wort geh�rt, und Tally sah, wie die Mauer aus zerlumpten Gestalten ganz langsam n�her kam. Und auch hinter ihr waren jetzt Ger�usche. Sie waren eingekreist.</p><p>�Du machst es mir wirklich schwer, Kindchen�, sagte Braku drohend. �M�glicherweise h�tte ich mich damit zufrieden gegeben, diesen Lumpen da in St�cke zu hacken und mich ein paar Stunden mit dir zu am�sieren.�</p><p>�Glaub ihm nicht�, sagte Weller. �Er wird uns alle umbringen!�</p><p>Braku drehte betont langsam den Kopf. �Wer spricht von umbringen?� fragte er ruhig. �Vielleicht reicht es mir ja, dir die H�nde abzuschneiden und sie dich fressen zu lassen. Oder ich steche dir die Augen aus und ��  Irgend etwas zischte dicht �ber Tallys Kopf durch die Luft, ri� eine d�nne, blutige Spur in Brakus Gesicht und bohrte sich mit einem dumpfen Schlag in die Brust des hinter ihm stehenden Mannes. Der Klorscha keuchte, taumelte einen halben Schritt zur�ck und brach in die Knie. Seine H�nde umklammerten den gefiederten Bolzen, der aus seiner Brust ragte.</p><p><emphasis>�Die Garde!�</emphasis> br�llte jemand.</p><p>In der schmalen Gasse brach die H�lle los. Pl�tzlich war die Luft voller sirrender, t�dlicher Geschosse, und ebenso pl�tzlich begannen Brakus M�nner durcheinanderzuschreien und �laufen. Ein zweiter und dritter Klorscha fielen, und irgend etwas sirrte mit einem ekelhaften Ger�usch an Tallys Ohr vorbei und schlug Funken aus der Wand, vor der sie stand.</p><p>Tally lie� sich blitzartig zur Seite fallen, kam mit einer Rolle wieder auf die F��e und sah gerade noch, wie Braku seine Keule hochri� und mit einem urgewaltigen Schrei auf ein schwarzes, geh�rntes Etwas losging, das wie ein D�mon aus der Nacht aufgetaucht war.</p><p>Er f�hrte den Hieb niemals zu Ende. Ein ganzes Dutzend Pfeile und Bolzen senkte sich mit t�dlicher Pr�zision auf ihn herab. Und pl�tzlich machte der gewaltige Vorderlauf der Beterin eine blitzartige, schnappende Bewegung, und Braku war nur noch ein kopfloser Torso, der mit einer grotesk langsamen Bewegung nach hinten kippte. Dann richtete sich der Blick der faustgro�en Facettenaugen auf Tally.</p><p>Hinter der ersten Beterin erschienen die h��lichen Sch�del weiterer Hornk�pfe, groteskerweise von kleinen, albern aussehenden Helmen aus gl�nzendem Metall gekr�nt, und auch vom anderen Ende der Gasse erscholl das helle, widerw�rtige Pfeifen der Rieseninsekten. Tally wich mit einem hastigen Schritt bis zur Wand zur�ck, duckte sich unter einem Pfeil hindurch und zerrte verzweifelt das Schwert aus dem G�rtel.</p><p>Die Klinge prallte funkenspr�hend gegen den gewaltigen Schlagarm der Beterin. Der Hieb verfehlte sein Ziel, und Tallys Kopf blieb, wo er war, aber die Wucht des Schlages lie� Tally auch zur�cktaumeln und auf die Knie herabsinken. Ihre Hand war gel�hmt. Sie hielt das Schwert noch fest, aber sie hatte nicht mehr die Kraft, es zu heben.</p><p>Wieder einmal war es Hrhon, der sie rettete. Der Waga sprang mit einem gewaltigen Satz auf den R�cken der Beterin, verschr�nkte die F�uste �ber dem Kopf und lie� sie mit f�rchterlicher Wucht in den Nacken des Rieseninsektes krachen. Einen Sekundenbruchteil stand der Hornkopf einfach da wie ein groteskes Pferd, auf dessen R�cken ein noch groteskerer Reiter hockte. Dann gaben seine d�rren Beine nach, und Hrhon kugelte hilflos davon, w�hrend die Beterin zusammenbrach und Tally dabei halbwegs unter sich begrub.</p><p>Als sie es geschafft hatte, sich unter dem reglosen Rieseninsekt hervorzuarbeiten, hatte sich die Gasse in einen Hexenkessel verwandelt. Die Klorschas, die nicht bereits dem ersten Pfeilhagel zum Opfer gefallen waren, wehrten sich verzweifelt und mit erstaunlicher Behendigkeit gegen die Hornk�pfe, aber es war ein aussichtsloser Kampf. Die Beterinnen w�teten wie die Berserker unter den zerlumpten Gestalten, und ihr gewaltiger Chitinpanzer machte sie so gut wie unverwundbar. So gnadenlos der Kampf gef�hrt wurde, er konnte nur noch Augenblicke dauern. Von Brakus Streitmacht war nicht einmal mehr die H�lfte am Leben � und von beiden Seiten der Gasse n�herten sich immer mehr der gigantischen Kampfinsekten!</p><p>Tally arbeitete sich keuchend in die H�he, schob das Schwert in den G�rtel zur�ck, zog statt dessen Mayas Waffe und schickte ein Sto�gebet zum Himmel, da� sie sie nicht im Stich lassen w�rde.</p><p>Tally machte sich nichts vor � trotz dieser entsetzlichen Waffe waren ihre Chancen, die Gasse lebend zu verlassen, erb�rmlich. Von der Garde, deren Name eine der Klorschas geschrien hatte, war keine Spur zu sehen, aber Tally h�tte in diesem Moment liebend gerne eine Hundertschaft der Schelfheim-Krieger gegen die zwei Dutzend Rieseninsekten eingetauscht, die von beiden Seiten auf sie eindrangen.</p><p>Im Grunde war es ein Zufall, der sie rettete. Die Mauer aus Klorschas, die den Hornk�pfen bisher noch erbittert Widerstand geleistet hatten, zerbrach endg�ltig, und pl�tzlich sah sich Tally gleich zwei der gigantischen schwarzen Scheusale gegen�ber. Sie scho�, sprang hastig zur Seite und feuerte wieder, als die zweite Beterin mit schnappenden F�ngen auf sie eindrang. Diesmal traf sie ihr Ziel nicht ganz � einer der gewaltigen Keulenarme der Beterin wurde pulverisiert, aber hinter dem Hornkopf flammte die Wand auf und spie einen Regen aus Glut und brennendem Holz in die Gasse. Ein handbreiter Ri� spaltete das Haus vom Dach bis zu den Grundfesten.</p><p>�Hrhon!� schrie Tally. �Weller! Zu mir!� Sie wirbelte herum, setzte �ber ein brennendes Etwas aus schwarzem Horn hinweg und scho� noch einmal; jetzt nicht mehr auf einen Hornkopf, sondern gezielt auf das Haus. Die Wand zerplatzte wie unter einem Hammerschlag. Grellwei�e Flammen schossen in die H�he und verwandelten die Gasse in eine zuckende H�lle aus ineinanderflie�enden Schatten. Tally hetzte weiter, atmete noch einmal tief ein � und sprang mit einem gewaltigen Satz durch die Flammenwand.</p><p>Hitze, ungeheuere, unvorstellbar schreckliche Hitze h�llte sie ein. Die Luft in ihren Lungen schien zu kochender Lava zu gerinnen. Etwas schrammte schmerzhaft an ihren Rippen entlang, ein St�ck gl�hendes Holz versengte ihr Haar. Sie sah einen Schatten auf sich zurasen, versuchte sich instinktiv abzurollen und prellte mit entsetzlicher Wucht gegen einen stehengebliebenen Mauerrest.</p><p>Der Aufprall raubte ihr fast das Bewu�tsein. Tally blieb einen Moment benommen liegen, dann stemmte sie sich hoch, fegte hastig die Glut beiseite, die auf ihr Haar und ihren Mantel heruntergefallen war, und sah sich um. Sie befand sich inmitten eines Flammenmeeres. Die Drachenwaffe hatte nicht nur die Wand des Hauses pulverisiert, sondern auch hier drinnen alles kurz und klein geschlagen und in Brand gesetzt, was nur brennen konnte. Die Hitze war unertr�glich, obwohl der Brand erst seit Sekunden w�tete. Ein verkr�mmter K�rper lag dicht neben ihr, bis zur Unkenntlichkeit veschmort, aber noch im Tode eine gewaltige Axt umklammernd, und vor dem mannshohen Loch in der Wand rangen Schatten miteinander.</p><p>Sie stemmte sich hoch, schlug die Flammen aus, die an einem Zipfel ihres Umhanges leckten, und hob sch�tzend die linke Hand vor das Gesicht, w�hrend sie tiefer in den verw�steten Raum hineinstolperte. Sie konnte kaum mehr sehen. Das Feuer, das die unsichtbaren Blitze der Drachenwaffe entfacht hatten, brannte viel heller und hei�er als irgendein anderes Feuer, da� sie jemals erlebt hatte. Und es griff mit phantastischer Schnelligkeit um sich.</p><p>Bei�ender, blauer Rauch verpestete die Luft. Gl�hende Holzsplitter und Flammen regneten von der Decke, und als sie sich der gegen�berliegenden T�r n�herte, brach sie durch die morschen Dielen. H�tte es einen Keller unter dem Haus gegeben, h�tte sie sich vermutlich zu Tode gest�rzt; so aber brach sie nur bis an die Knie ein und fand auf einem widerlich schwammigen Boden Halt. Hastig befreite sie sich, trat mit einer w�tenden Bewegung die T�r ein und scho� blindlings ihre Waffe ab. Irgendwo auf der anderen Seite explodierte etwas. Grelles Licht und kleine, gelborangene Flammenzungen schlugen ihr entgegen, als sie die Reste der T�r mit der Schulter beiseitestie�.</p><p>Vor ihr erstreckte sich ein niedriger, fensterloser Gang, der bis vor wenigen Sekunden am Fu� einer h�lzernen Treppe geendet hatte. Jetzt ragten nur noch die obersten vier oder f�nf Stufen zerfetzt und brennend aus der Decke, und wo die Wand gewesen war, g�hnte ein gewaltiges Loch mit gl�henden R�ndern. Dahinter war eine weitere schmale Gasse zum Vorschein gekommen. Brennende Tr�mmerst�cke und gl�hender Stein bildeten ein bizarres Muster auf dem schlammigen Boden.</p><p>Tally drehte sich herum, als sie ein Ger�usch h�rte, das nicht in das Prasseln der Flammen geh�rte. Sie sah das Glitzern von Horn, hob ihre Waffe und erkannte im allerletzten Moment Hrhon, der ungeschickt durch die Bresche im Mauerwerk hereinkroch. In der rechten Hand hielt er den abgerissenen Arm einer Beterin, seine andere Pranke zerrte ein zappelndes Etwas hinter sich her, das Tally erst nach Augenblicken als einen arg ramponierten Weller erkannte.</p><p>Flammen und brennendes Holz regneten auf die beiden herab. Hrhon sp�rte es wahrscheinlich nicht einmal, aber Weller schrie vor Schmerz, als ein wei�gl�hender Span sein Gesicht traf. Winzige, rote Fl�mmchen begannen aus seinem Bart zu z�ngeln. Mit einem Satz war Tally bei ihm, schlug die Flammen mit den H�nden aus und half ihm auf die F��e.</p><p>�Schaff ihn raus!� schrie sie. �Schnell!�</p><p>Gleichzeitig versetzte sie Weller einen Sto�, der ihn meterweit durch den brennenden Raum taumeln lie�, sprang zur Seite, um einem Hagel brennender Balken und spr�hender Funken auszuweichen, und sah einen gigantischen hornk�pfigen Umri� in der Mauerbresche auftauchen. Instinktiv ri� sie ihre Waffe hoch und scho�. Der unsichtbare Blitz traf die Beterin, zerfetzte zwei ihrer Beine und zermalmte ein Drittel ihres Hinterleibes, aber das Insekt rast weiter auf sie zu, wie ein lebendes Gescho� vom Schwung seiner eigenen Bewegung vorw�rts gerissen. Seine gewaltige Klaue zuckte im Todeskampf, traf Tallys Arm und schmetterte ihr die Waffe aus der Hand.</p><p>Sie fiel, sp�rte eine Woge entsetzlicher Hitze durch ihren linken Arm rasen und sprang verzweifelt wieder auf die F��e. Ihr Mantel brannte. Sie ri� ihn herunter, schlug mit der blo�en Hand die Flammen aus, die an ihrem Wams leckten, und taumelte in die Richtung, in der Hrhons Schatten wie ein flacher Scherenschnitt hinter den Flammen tanzte.</p><p>Schmerz und Hitze trieben ihr die Tr�nen in die Augen. Halb blind hetzte sie durch das brennende Zimmer, prallte unsanft gegen den T�rrahmen und f�hlte sich pl�tzlich von einer unmenschlich starken Hand gepackt und vorw�rts gerissen.</p><p>Auch der Korridor stand in hellen Flammen. Das Feuer hatte die Decke erreicht und das Gemisch aus Lehm und Stroh in Brand gesetzt, aus dem sie gemacht war. Der Boden schwelte, und die Luft war so hei�, da� Tally vor Schmerz aufschrie, als sie zu atmen versuchte.</p><p>Hrhon warf sie sich kurzerhand �ber die Schulter, versuchte mit der Hand ihr Gesicht vor den Flammen zu sch�tzen und rannte auf seinen kurzen Beinen los, so schnell er nur konnte.</p><p>Es war nicht sehr schnell.</p><p>Er brauchte zehn Sekunden, um den nur wenige Schritte messenden Gang zu durchqueren, und h�tte er weitere zehn Sekunden gebraucht, h�tte er nur noch eine Leiche ins Freie geschafft. Tally konnte nicht mehr atmen. Die Hitze hatte ihre Kehle verbrannt, und der erstickende Rauch fra� in ihren Lungen wie S�ure. Ihr Gesicht und ihre H�nde f�hlten sich an wie eine einzige, schmerzende Wunde. Als Hrhon sie behutsam von der Schulter lud und auf die F��e stellte, wankte sie vor Schw�che und w�re gest�rzt, wenn der Waga nicht rasch zugegriffen und sie gest�tzt h�tte.</p><p>�Sssoll isss disss thraghen?� fragte Hrhon.</p><p>Tally sch�ttelte m�hsam den Kopf. Allein die Vorstellung, ihre schmerzenden Muskeln auch nur noch zu einem einzigen Schritt zu zwingen, bereitete ihr �belkeit. Aber Hrhon war einfach zu langsam. �Wo... wo ist Weller?� keuchte sie.</p><p>�Hier, verdammt noch mal. Oder das, was ihr von mir �brig gelassen habt!�</p><p>Tally lie� Hrhons Schulter los und drehte sich um. Weller hockte wenige Schritte hinter ihr auf den Knien, die linke Hand gegen sein verbranntes Gesicht gepre�t. Sein Wams wies zahllose Brandflecken auf, an einer Stelle schwelte es sogar noch. Aber der Ausdruck in seinen Augen war eindeutig Wut.</p><p>St�hnend stemmte er sich in die H�he, taumelte auf Tally und den Waga zu und deutete die Stra�e hinab, ohne die Hand vom Gesicht zu nehmen. �Weg hier!�  keuchte er. �Bevor der ganze Misthaufen in Flammen aufgeht. Das Feuer greift um sich.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Tally. �Das war der Sinn der Sache. Ich denke, die haben jetzt anderes zu tun, als uns zu jagen.�</p><p>Wellers Augen flammten vor Zorn. �Ja!� br�llte er. </p><p>�N�mlich dasselbe wie wir, du dumme Kuh � am Leben zu bleiben! Wei�t du �berhaupt, was ein Feuer hier bedeutet?� Er ballte zornig die Faust und beantwortete seine Frage gleich selbst. �Nat�rlich nicht. Aber du wirst es gleich merken.�</p><p>Er sollte recht behalten.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Das Feuer folgte ihnen. Die Flammen mu�ten in den aus Holz und Abf�llen errichteten H�usern �berreichlich Nahrung finden; denn schon nach Minuten hatte nicht nur das Haus in Flammen gestanden, durch das sie geflohen waren, sondern die gesamte Gasse brannte so lichterloh, da� Tally bezweifelte, ob es einem der Hornk�pfe � oder gar einem von Brakus M�nnern � gelang, aus der flammenden H�lle zu entkommen, in die sich die schmale Gasse verwandelt haben mu�te. Und das Feuer hatte nicht am Ende der Stra�e Halt gemacht, sondern griff weiter um sich. Rasend schnell.</p><p>Schon nach Minuten lohte der Himmel �ber der Slamstadt in d�sterem, drohendem Rot, und als Tally �ber die Schulter zur�cksah, glaubte sie einen flammenspeienden Vulkan zu erblicken, dort wo das Haus gestanden hatte. Das Feuer scho� drei�ig, vierzig Meter weit br�llend in die H�he, f�cherte zu einem wabernden Pilz auseinander und fiel wieder zur Erde, um weitere D�cher in Brand zu setzen. Hier und da schossen fauchende blaue Gasfackeln aus dem Boden.</p><p>�Bei allen G�ttern, was geschieht hier?� schrie Tally �ber das Br�llen der Flammen hinweg.</p><p>�Was denkst du, was das hier ist?� schrie Weller zur�ck. �Der ganze Slam ist auf einem einzigen gro�en M�llhaufen errichtet worden. Das Zeug brennt wie Zunder.� Er gestikulierte heftig mit der freien Hand. �Lauft schneller. Es ist nicht mehr weit! Noch eine halbe Meile!�  Tally fragte ihn nicht, bis wohin es noch eine halbe Meile war, sondern sparte sich ihren Atem auf, um schneller zu laufen. Sie f�hlte sich ersch�pft und ausgelaugt wie selten zuvor in ihrem Leben, aber die Angst gab ihr zus�tzliche Kr�fte. Und selbst Hrhon, der normalerweise M�he hatte, mit einem Spazierg�nger mitzuhalten, entwickelte ein erstaunliches Tempo.</p><p>Trotzdem schmolz ihr Vorsprung ganz allm�hlich zusammen. Hitze und L�rm und bei�ender Qualm folgten ihnen, und schon bald begann die Luft in Tallys Lungen abermals schmerzhaft hei� zu werden. Rings um sie herum waren pl�tzlich Hunderte, wenn nicht Tausende von Gestalten � M�nner, Frauen und Kinder, einer so zerlumpt wie der andere, eine panische Flucht, die wie eine Woge aus Leiber nach Norden dr�ngte und Tally einfach mit sich ri�. W�re Hrhon nicht wie ein lebender Fels hinter ihnen hergestampft, w�ren sie schon in den ersten Augenblicken getrennt oder schlichtweg niedergetrampelt worden.</p><p>Pl�tzlich h�rte das Labyrinth aus schlammigen Gassen und Pl�tzen wie abgeschnitten auf, und vor ihnen lag ein vollkommen ebener, sicherlich eine halbe Meile breiter Sandstreifen, an dessen gegen�berliegendem Rand sich die ersten H�user Schelfheims erhoben, eine ungeheuerliche Masse von neben-, �ber- und ineinandergeschachtelten Geb�uden, von der Nacht zu einer schwarzen Klippe verschmolzen. Der Widerschein des Feuers schien sie mit Blut zu �bergie�en.</p><p>Und er zeigte Tally auch die gewaltige Masse schwerbewaffneter Hornk�pfe, die hundert Schritte vor den ersten H�usern eine undurchdringliche Kette bildeten! Sie schrie vor Schrecken auf und versuchte stehenzubleiben, aber sie wurde einfach mitgerissen. Nicht einmal mehr Hrhons Titanenkr�fte reichten mehr aus, dem Sog des au�er Rand und Band geratenen Mobs zu widerstehen.</p><p>Br�llend und tobend wie ein angreifendes Heer raste die Menschenmenge auf die Absperrkette aus Hornk�pfen zu. Tally sah voller Entsetzen, da� die Rieseninsekten zwar zur�ckwichen, aber nicht sehr schnell, und da� sie ihre Speere und Schwerter senkten. Dann prallte die vorderste Reihe der in Panik geratenen Menge gegen die Kampfinsekten.</p><p>Es mu�ten Hunderte sein, die im ersten Augenblick starben, aber aus dem brennenden Slam str�mten noch immer Tausende herbei. Die Absperrkette der Hornk�pfe brach schon unter dem ersten Ansturm zusammen. Die gewaltigen Kampfinsekten wurden zerfetzt, erschlagen und zu Tode getrampelt, ebenso wie jeder, der das Pech hatte, in diesem rasenden Mob nicht schnell genug zu sein oder zu stolpern. Auch Tally, Weller und Hrhon wurden mitgerissen, ohne auch nur die geringste Chance zu haben, ihr Tempo oder auch nur ihre Richtung bestimmen zu k�nnen.</p><p>Tally wu�te hinterher nicht mehr, <emphasis>wie</emphasis> es ihnen gelungen war, in dieser Stampede zusammenzubleiben; wahrscheinlich war es schlichtweg ein Wunder. Irgendwann hatten sie die Schneise �berquert und fanden sich pl�tzlich wieder auf einer Stra�e, wenn auch einer g�nzlich anderen als die, die sie bisher gesehen hatte � der Boden unter ihren F��en war aus Stein, und die Geb�ude waren nicht aus Abf�llen erbaut, sondern aus wuchtigen Felsbrocken, die sauber behauen worden waren. Trotz der Panik, die l�ngst auch von Tally Besitz ergriffen hatte, registrierte sie, da� die H�user allesamt kleinen trutzigen Festungen glichen � es gab kein Fenster ohne Gitter, kein Dach ohne eine stachelige Krone aus dolchspitzen Eisenst�ben, keine T�r, die nicht wuchtig genug schien, dem Ansturm eines Horntieres Stand zu halten.</p><p>Ganz allm�hlich verlor der Vormarsch der Menge an Schwung, aber das Schreien und Toben lie� nicht nach � ganz im Gegenteil. Mit einem Male war ein neuer Ton im �berschnappenden Chor der Menschenmenge, ein Ton, den Tally nur zu gut kannte.</p><p>Es ging ganz schnell � aus der panikerf�llten Flucht der Klorschas wurde das Gegenteil: ein Angriff. Pl�tzlich begriff Tally, warum die Hornk�pfe auf solch selbstm�rderische Art versucht hatten, die Menge aufzuhalten, warum die H�user hier Festungen glichen und welchem Zweck der halbmeilentiefe freie Streifen zwischen Schelfheim und der Slamstadt dienten. Selbst ihr, die geglaubt hatte, jede nur denkbare Spielart von Gewalt und Kampf zu kennen, fiel es im ersten Moment schwer, zu glauben, was sie sah � aber die M�nner und Frauen, die vor Sekunden noch um ihr Leben gerannt waren, begannen einen Augenblick sp�ter, die H�user anzugreifen! Zu Dutzenden versuchten sie, T�ren einzurennen, zerrten an den eisernen Fenstergittern oder bildeten lebende Leitern, um die Hausd�cher zu erklettern. Einige der niedrigen Geb�ude verschwanden regelrecht unter einer Woge zerlumpter Gestalten. Das Splittern von Holz und Glas und gellender Kampfl�rm mischten sich in das Schreien der Menge.</p><p>Hier und da erschienen schattenhafte Gestalten auf den D�chern, die mit langen Stangen die Kletterer zur�ckstie�en oder wahllos Pfeile und Bolzen in die Menge hinabschossen, aber sie wurden hinweggefegt, ebenso wie die Hornk�pfe zuvor. Binnen weniger als einer Minute war die erste H�userreihe �berflutet � und der johlende Mob raste weiter.</p><p>Eine Hand ergriff sie grob an der Schulter und ri� sie zur�ck. Sie fuhr herum, senkte die Hand auf das Schwert und erkannte Weller, der grimassenschneidend auf eine schmale Gasse zur Rechten deutete und irgend etwas schrie, was im Kreischen der Menschenmenge unterging. Aber Tally verstand auch so, was er meinte. Sie nickte, bedeutete Hrhon mit einer hastigen Geste, ihnen zu folgen, und k�mpfte sich mit F�usten, Knien und Ellbogen hinter Weller her.</p><p>Der Angriff der Klorschas erreichte seinen H�hepunkt, als sie hinter Weller in die Gasse stolperte. Eine zerlumpte Gestalt sprang ihnen entgegen. Weller schlug den Mann nieder, zog sein Schwert und t�tete einen zweiten Klorscha, der ihn anspringen wollte. Dann erschien Hrhons gigantische Gestalt hinter ihnen in der Gasse, und allein sein Anblick reichte, die restlichen Pl�nderer Hals �ber Kopf die Flucht ergreifen zu lassen. </p><p>�Wohin jetzt?� fragte sie schweratmend.</p><p>Weller sah sich einen Augenblick gehetzt um, deutete dann auf eine Stelle am Fu�e der gegen�berliegenden Wand und winkte Hrhon zu sich heran. �Hilf mir!� sagte er. �Schnell. Und du h�ltst uns den R�cken frei, Tally!�  Tally konnte nicht genau erkennen, was Hrhon und er taten � Weller kniete nieder und machte sich an irgend etwas am Boden zu schaffen, dann sah sie, wie Hrhon zugriff und sich mit aller Gewalt gegen einen Widerstand stemmte. Ein entsetzliches Quietschen erscholl, und pl�tzlich g�hnte ein metergro�es Loch im Boden, wo zuvor noch scheinbar massiver Stein gewesen war.</p><p>�Schnell!� Weller deutete hastig auf die ausgetretenen Stufen, die unter der Fallt�r zum Vorschein gekommen waren, sprang selbst als erster in die Tiefe und gestikulierte Tally ungeduldig, ihm zu folgen.</p><p>Ein Blick �ber die Schulter zur�ck lie� Tallys letzte Hemmungen verschwinden, Weller in die unbekannte Tiefe zu folgen. Auf der Stra�e tobte eine Schlacht. Mindestens zwei der Steinh�user standen in Flammen, und das Klirren der Schwerter war jetzt fast lauter als das Br�llen der Klorschas. �ber den K�pfen der Zerlumpten tanzten gewaltige, hornige Sch�del. Die Stadtgarde hatte offensichtlich Verst�rkung bekommen. Tally wandte sich hastig um, folgte Weller und fand sich unversehens in einem winzigen, kaum zwei Meter im Quadrat messenden Raum wieder, dessen Decke so niedrig war, da� sie nur geb�ckt stehen konnte. Sie hatte einen Stollen oder einen geheimen Keller erwartet, aber es gab nur diesen Verschlag � einen flachgedr�ckten W�rfel, gerade gro� genug f�r einen, allerh�chstens zwei Menschen; offensichtlich eine Art Fluchtkeller, der genau zu dem Zweck angelegt worden war, zu dem sie ihn benutzten; sich im Augenblick der h�chsten Gefahr zu verkriechen und einfach zu hoffen, da� man nicht entdeckt wurde.</p><p>Und er war ganz entschieden <emphasis>nicht</emphasis> gro� genug f�r zwei erwachsene Menschen und einen Waga. Als sich Hrhon schnaubend die kurze Treppe hinunterqu�lte und die eiserne Klappe �ber sich zuschlagen lie�, wurde es unertr�glich eng.</p><p>�Verdammtes Froschgesicht!� br�llte Weller. �Wer hat gesagt, da� du herunterkommen sollst? Hier ist nur Platz f�r zwei! �</p><p>�Dhann geh dhoch rausss�, antwortete Hrhon unger�hrt.</p><p>�Oh ihr G�tter, was habe ich getan, mit euch Verr�ckten geschlagen zu sein!� beschwerte sich Weller. �Wir werden hier unten ersticken, wenn uns diese zu gro� geratene Schildkr�te nicht vorher erdr�ckt! Sag ihm, da� er rausgehen soll, Tally!�</p><p>�Halt endlich den Mund, Weller�, sagte Tally scharf. Sie versuchte vergeblich, in eine halbwegs bequeme Lage zu rutschen � alles, was sie erreichte war, sich den Fu� unter Hrhons Panzer einzuklemmen und den Handr�cken blutig zu sch�rfen. �Verrate uns lieber, wie lange wir in diesem Grab sitzen sollen.�</p><p>�Woher beim Schlund soll ich das wissen�, fauchte Weller. Er bewegte sich, wodurch sein Knie noch ein wenig tiefer in Tallys Magengrube hineingetrieben wurde, als es ohnehin schon war. Sie unterdr�ckte im letzten Moment ein St�hnen. �Manchmal dauert es Stunden, bis sie sie zur�cktreiben. Manchmal auch Tage.� </p><p><emphasis>Tage?</emphasis> dachte Tally entsetzt. Pl�tzlich erschienen ihr Wellers Bef�rchtungen, ersticken oder von Hrhon schlichtweg erdr�ckt werden zu k�nnen, nicht mehr ganz so l�cherlich wie vor Augenblicken. Sie w�rde es weder Tage noch Stunden hier drinnen aushalten. Schon jetzt hatte sie das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen. Und es war nicht nur Einbildung.</p><p>�Verdammt, wir m�ssen hier raus!� sagte sie. In ihrer Stimme war ein Unterton von Panik, der sie selbst erschreckte. Sie hatte niemals an Klaustrophobie gelitten � aber sie war auch noch nie in einem zwei mal anderthalb Schritte messenden W�rfel mit einem Mann und einem vierhundert Pfund schweren Waga eingepfercht gewesen. �Weller � gibt es keinen anderen Weg hier heraus?�</p><p>�Nein�, antwortete Weller. �Das hei�t...� Er stockte. Tally sp�rte, wie er versuchte, sich herumzudrehen. Eine rauhe, nach Schwei� riechende Hand tastete �ber ihre Brust, grabschte nach ihrem Gesicht und fuhr scharrend �ber die Wand, an der ihr Kopf lehnte. Weller atmete h�rbar ein.</p><p>�Wir haben Gl�ck�, sagte er. �Vielleicht. Die Wand hier besteht nur aus Lehmziegeln. Dahinter mu� ein Keller liegen. Wenn dein plattgesichtiger Freund sie einrammen kann, kommen wir vielleicht raus.�</p><p>�Khein Phroblem�, sagte Hrhon. Eine gewaltige Pranke glitt �ber Tallys Schulter und tastete pr�fend �ber die Steine. �Isss khann nisst risstihg ausssholen, aber esss musss ghehen. Nimm den Khopf nach rhechts, Tally.�</p><p>�Rechts f�r mich oder f�r dich?� fragte Tally hastig. Hrhon schwieg einen Moment, dann ber�hrte seine Hand Tallys Gesicht ein zweites Mal und dr�ckte ihren Kopf nach links, so weit, da� sie glaubte, ihr Genick w�rde brechen. Ihr Herz begann wie wild zu h�mmern. Sie vertraute Hrhon blind, aber der Verschlag war verflucht eng, und wenn er nicht ganz genau zielte... </p><p>�Vorsssicht! �</p><p>Tally fand kaum noch Zeit, erschrocken den Atem anzuhalten, ehe Hrhons Faust mit ungeheurer Wucht gegen die Mauer prallte.</p><p>Die gesamte Wand erzitterte. Tally sp�rte die Wucht des Hiebes, als h�tte er sie selbst getroffen. Ein dumpfes, fast wie das St�hnen eines Tieres klingendes Knirschen drang aus der Lehmziegelwand, und dann war pl�tzlich nichts mehr da, wogegen sich Tally st�tzen konnte.</p><p>Erschrocken griff sie um sich, bekam Wellers Haarschopf zu fassen � und ri� ihn mit sich, als sie in den drei Meter tiefer gelegenen Kellerraum hinabpurzelte. Der Aufprall war weniger hart, als Tally bef�rchtet hatte. Sie �berschlug sich einmal in der Luft, prallte auf etwas Weiches, Nachgiebiges und h�rte einen erstickten Schrei, ehe sie begriff, da� es Weller war, der ihren Sturz ged�mpft hatte. Hastig rappelte sie sich hoch, nahm den Fu� aus seinem Gesicht und tastete im Dunkeln umher, bis ihre H�nde auf Widerstand stie�en. Hinter ihr waren Ger�usche: ein schmerzhaftes Keuchen, dann das dumpfe Poltern und L�rmen eines Menschen, der blind umherstolperte. �Bewegt euch nicht�, sagte Weller. �Irgendwo hier mu� eine Fackel sein. Wartet.�</p><p>Tally gehorchte, und tats�chlich glomm schon nach wenigen Augenblicken in der Dunkelheit hinter ihr ein winziger roter Funke auf, der rasch zum lodernden Licht einer Pechfackel heranwuchs. Im Widerschein der zuckenden Flammen erkannte sie, da� sie sich tats�chlich in einem mit allerlei Unrat und Ger�mpel vollgestopftem Keller befanden. Die Luft war voller Staub, und es roch durchdringend nach schlecht gewordenem Obst.</p><p>Hrhon hockte wenige Schritte neben ihr zwischen den �berresten eines Weinfasses, das er mit seinem K�rpergewicht zermalmt hatte. Er wirkte ein bi�chen benommen. Tally sah, da� seine rechte Hand blutete.</p><p>Weller trat auf sie zu, dr�ckte ihr die Fackel in die Hand und deutete auf das fast mannsgro�e Loch, das Hrhon in die Wand gebrochen hatte. �Leuchte mir�, sagte er. �Und kein �berfl�ssiges Wort. Wenn wir entdeckt werden, ist es aus.�</p><p>Ehe Tally ihrer Verwirrung Audruck verleihen konnte, kletterte er wieder zu dem kleinen Verschlag hinauf, zw�ngte sich �chzend durch die Mauerbresche und hob etwas vom Boden auf. Tally hob ihre Fackel etwas h�her und stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu erkennen, was er tat. Weller hatte eine daumendicke Eisenstange zur Hand genommen, die er jetzt durch eine entsprechende �se in der Metallklappe schob, die ihr Versteck verschlo�, und so verkantete, da� es unm�glich war, die Klappe von au�en zu �ffnen. Trotzdem r�ttelte er noch einmal pr�fend daran, ehe er sich mit einem zufriedenen Nicken umwandte und wieder zu Tally hinabsprang. </p><p>�Aus dieser Richtung folgt uns jedenfalls niemand mehr�, sagte er. �Jetzt bete, da� die Garde hier ist, ehe das Haus f�llt.� Er deutete zur T�r. �Mir ist nicht sehr wohl dabei, aber wir sollten uns drau�en umsehen. M�glicherweise brauchen wir einen Weg, auf dem wir so schnell verschwinden k�nnen, wie wir gekommen sind.� </p><p>�Du kennst das Haus nicht?� fragte Tally verwirrt. Weller blickte sie stirnrunzelnd an. �Was bringt dich auf diese Idee? Der Fluchtbunker?� Tally nickte, und Weller fuhr mit einem resignierenden Achselzucken fort: </p><p>�Du kommst wirklich aus der W�ste, wie? Fast jedes Haus in Schelfheim hat einen solchen Keller. Es ist manchmal wichtig, schnell den Kopf einziehen zu k�nnen. Vor allem hier. Der Stadtrand ist eine ungesunde Gegend.�</p><p>Wie um seine Worte zu beweisen, erzitterte das Geb�ude �ber ihren K�pfen in diesem Moment unter einem ungeheuren Schlag. Tally fuhr erschrocken herum und sah, wie irgend etwas mit solcher Kraft am Deckel des Fluchtbunkers zerrte, da� sich die Eisenstange wie weiches Kupfer durchbog. Aber er hielt, und Augenblicke sp�ter h�rte das R�tteln und Zerren auf. Aber Tally war pl�tzlich ganz froh, als Weller abermals vorschlug, den Keller zu verlassen und sich im Haus umzusehen.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Sie verfolgten das Ende des Dramas vom Dach aus. Das Geb�ude hatte leergestanden, wie sie nach einer kurzen, aber gr�ndlichen Untersuchung festgestellt hatten; ein Zufall, der nicht ganz so gro� war, wie Tally im ersten Moment angenommen hatte.</p><p>Weller hatte ihr erkl�rt, da� jeder, der seine f�nf Sinne noch beisammen hatte, geflohen war, kaum da� die ersten Flammen aus dem Slam z�ngelten. Die Bewohner der H�user, um die gek�mpft wurde, waren entweder zu langsam oder zu dumm gewesen, der Aufforderung der Stadtgarde Folge zu leisten und die Beine � oder was immer sie benutzten, um sich fortzubewegen � in die Hand zu nehmen und sich tiefer in die Stadt zur�ckzuziehen, wo sie in Sicherheit waren. Und er war �berzeugt, da� die rechtm��igen Besitzer dieses Hauses nicht vor dem n�chsten Sonnenaufgang zur�ckkehren w�rden.</p><p>Tally hatte nur ein einziges Mal auf die Stra�e hinuntersehen m�ssen, um ihm zu glauben.</p><p>Rings um sie herum tobte eine Schlacht. Die Klorschas hatten weitere Verst�rkung bekommen, und Tally sch�tzte, da� ihre Zahl auf mindestens vier- oder f�nftausend angewachsen war. Aber auch aus der Stadt str�mten immer mehr Krieger herbei � Hornk�pfe, aber jetzt auch Menschen und nicht-Menschen, die den pl�ndernden Mob gnadenlos angriffen.</p><p>Es war zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen, aber das Wenige, was Tally sah, lie� sie erschauern. Es war kein Kampf, sondern ein entsetzliches Gemetzel, bei dem es der Stadtgarde l�ngst nicht mehr darauf ankam, die Klorschas zur�ckzudr�ngen. Immer wieder sah sie, wie kleinere oder auch gr��ere Gruppen der Klorschas von den Kampfinsekten der Stadtgarde eingeschlossen und bis auf den letzten Mann niedergemacht wurden. Aber auch die Klorschas wehrten sich mit erstaunlichem Erfolg. Mehr als eine Beterin � die die Hauptmacht der Verteidiger stellten � wurde vor Tallys Augen �berrannt und regelrecht in St�cke gerissen, trotz ihrer ungeheuerlichen K�rperkr�fte. Die Slambewohner schienen eine gewisse �bung darin zu haben, mit den gepanzerten Ungeheuern fertig zu werden.</p><p>Trotzdem bestand am Ausgang des Kampfes von vornherein kein Zweifel. Die Klorschas wurden zur�ckgetrieben, sehr langsam, aber unbarmherzig. Das Haus, in dem sie Zuflucht gesucht hatten, hatte im Zentrum des Kampfes gelegen, aber schon nach einer Stunde bewegte sich die Front der Hornk�pfe wieder nach S�den. Und aus der Stadt str�mten mehr und mehr der gigantischen Kreaturen herbei.</p><p>Schlie�lich wurde es Tally einfach m�de, dem Kampf zuzusehen. Es ging bereits auf den Morgen zu, aber der Wind hatte sich gedreht, und mit dem Brandgeruch verschwand auch die W�rme, die bisher aus der brennenden Abfallstadt her�bergeweht war. Tally zog fr�stelnd den Mantelkragen enger zusammen, verbarg die H�nde unter den Achselh�hlen und trat auf der Stelle, um gegen die l�hmende K�lte anzuk�mpfen, die in ihren Beinen emporkriechen wollte. Sie war m�de; eine Nacht ohne Schlaf und die stundenlange Flucht durch die Slamstadt forderten ihren Preis.</p><p>Sicher w�re es kl�ger gewesen, hinunterzugehen und wenigstens noch eine oder zwei Stunden zu schlafen; was Wellers Worten zufolge ohne Risiko m�glich gewesen w�re. Aber irgend etwas in ihr str�ubte sich gegen den Gedanken, sich jetzt hinzulegen, als w�re nichts geschehen. Was sie sah, machte ihr mehr zu schaffen, als sie sich selbst eingestehen wollte.</p><p>Es war nicht nur der Kampf. Schlimmer war der Gedanke, da� alles, was sie sah, zumindest indirekt ihre Schuld war. Sie hatte gehofft, da� sich das Feuer ausbreitete, schon, um den Korschas � und auch der hornk�pfigen Garde von Schelfheim � genug Besch�ftigung zu verschaffen, die Jagd auf sie und Hrhon f�r eine Weile zu vergessen. Aber <emphasis>das</emphasis> hatte sie nicht gewollt.</p><p>Schritte drangen in ihre Gedanken. M�de drehte sie sich herum, blickte in Wellers bleiches Gesicht und wandte sich wieder der brennenden Stadt zu. Trotz des eisigen Windes sp�rte sie die Hitze der Flammen wie eine gl�hende Hand auf ihrer Haut. Die Berge und die Klippe waren hinter einer wabernden schwarzen Wand verschwunden, als h�tte das Feuer die Welt dort einfach ausgel�scht.</p><p>�Warum schl�fst du nicht?� fragte Weller, nachdem er neben sie getreten und ebenfalls eine Weile schweigend auf das entsetzliche Schauspiel herabgeblickt hatte. �Bis zu Karans Haus ist es noch eine sch�ne Strecke. Du wirst deine Kr�fte brauchen.�</p><p>Die Flammen spiegelten sich wie kleine rote Funken in seinen Augen. Er war bleich, und in seiner Stimme war ein neuer, sehr m�der Ton, der nicht so recht zu seiner h�nenhaften Erscheinung passen wollte. Anders als Tally hatte er sich auf eines der leerstehenden Betten gelegt, nachdem sie das Haus erreicht hatten. Aber auch er schien keinen Schlaf gefunden zu haben. Wahrscheinlich hatte er Schmerzen � eine Seite seines Bartes war verschwunden, die Haut darunter rot und angeschwollen. Keine Verletzung, die wirklich gef�hrlich war. Aber Tally wu�te, wie sehr gerade leichtere Verbrennungen weh taten.</p><p>�Du machts dir Vorw�rfe, wie?� fragte Weller, als Tally nicht auf seine Worte reagierte. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Mauer aus Hitze und Licht, eine halbe Meile vor ihnen. Kleine, wie Scherenschnitte wirkende Gestalten huschten vor der Flammenwand auf und ab. �Deshalb.�</p><p>�Sollte ich?� fragte Tally knapp.</p><p>Weller sch�ttelte den Kopf. �Nein. Es ist nicht das erste Mal, wei�t du? Dieser M�llhaufen brennt jedes Jahr mindestens einmal bis auf die Grundmauern ab. In ein paar Wochen haben sie alles wieder aufgebaut.� Er seufzte, fast, als t�te es ihm leid. �Nun mach dich nicht selbst verr�ckt, Tally. Du hattest keine Wahl. H�ttest du den Brand nicht gelegt, w�ren wir jetzt tot. Oder Schlimmeres. Um diesen Dreckhaufen da ist es nicht schade.�</p><p>�Und die Menschen, die dort gelebt haben?�</p><p>�Die Klorschas?� Weller lachte b�se. �Keine Sorge � wenn sie etwas k�nnen, dann ist es fortlaufen. Die meisten werden es �berleben.�</p><p>�Das klingt, als w�rdest du es bedauern�, sagte Tally. </p><p>�Sie sind Abschaum�, antwortete Weller hart. �Es ist um keinen von ihnen schade. Dort unten lebt niemand, der nicht mindestens ein Menschenleben auf dem Gewissen hat. Du hast Braku erlebt. Er und seine Dreckskerle waren zwar die Schlimmsten von allen, aber die anderen sind auch nicht viel besser. Der Stadthalter von Schelfheim w�rde dir einen Orden verleihen, wenn er w��te, da� du den Brand gelegt hast.�</p><p>�Auch f�r das hier? � Tally deutete nach unten. Die Stra�e lag wie eine schwarze Schlucht unter den H�usern. Aber Tally mu�te die Toten nicht sehen, um zu wissen, da� sie da waren.</p><p>Weller lachte hart. �Was bist du?� fragte er. �Naiv oder nur blind? Warum glaubst du wohl, ist der Stadtrand von Schelfheim eine einzige Festung. Diese Bastarde versuchen immer wieder, die Stadt anzugreifen. Es war schon schlimmer als dieses Mal. Vor zwei Jahren haben sie es geschafft, die Garde zu �berrennen und bis in die Stadtmitte vorzudringen.�</p><p>Er sch�ttelte drohend die Faust gegen den Halbkreis aus Flammen, der die Stadt einschlo�. �Sie sind eine Pest�, fuhr er fort. �Und sie vermehren sich wie die Karnickel. Wenn nicht ab und zu ein paar von ihnen erschlagen w�rden, w�rde sie Schelfheim einfach �berfluten.�</p><p>Tally verbi� sich die zornige Antwort, die ihr auf den Lippen lag. Weller begann sich in Rage zu reden, und wahrscheinlich war er ohnehin taub f�r alle Argumente, die sie vorbringen w�rde.</p><p>�Und jetzt genug�, fuhr Weller fort. �Ich bin nicht hier, um mit dir �ber dieses Gesindel zu reden.�</p><p>�Sondern?� fragte Tally.</p><p>Anstelle einer direkten Antwort drehte sich Weller herum und deutete nach Norden. �Deshalb.�</p><p>Tallys Blick folgte seiner Bewegung. Sie waren der Stadt jetzt sehr nahe, aber es war noch nicht vollends hell geworden, und alles, was sie im blassen Licht der D�mmerung erkennen konnte, war eine gewaltige Massierung finsterer Schatten und gedrungener Umrisse, ein steinernes Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte. Die Br�nde, die auch in ihrer unmittelbaren N�he noch tobten, lie�en die Dunkelheit im Norden noch tiefer erscheinen.</p><p>�Es ist ein guter Tagesmarsch bis in den Norden�, sagte Weller. �Schelfheim ist gro�.�</p><p>�Und du hast keine Lust, uns zu begleiten�, vermutete Tally. Sie l�chelte m�de. �Erkl�r mir den Weg, und du bist frei.�</p><p>Weller starrte sie an. �Ist das... dein Ernst?� fragte er ungl�ubig.</p><p>Tally nickte. �Ja. Ich h�tte dich niemals zwingen d�rfen, mitzukommen. Es tut mir leid.�</p><p><emphasis>�Leid?�</emphasis> Weller �chzte. �Du bist von Sinnen, Tally. Ohne meine Hilfe w�ren du und dein geschuppter Freund nicht einmal bis hierher gekommen!�</p><p>�So?� Tally war in diesem Punkt etwas anderer Auffassung, und sie sagte es Weller: �Ohne deine Hilfe w�ren wir vielleicht niemals von Braku und seinen Klorschas aufgehalten worden, meinst du nicht?�</p><p>�Unsinn�, behauptete Weller. �Das mit Braku war ein dummer Zufall. Aber es gibt noch mehr Gefahren im Slam als Braku. In Schelfheim �brigens auch. Allein seid ihr verloren, glaube mir.�</p><p>�Und jetzt willst du mir deine F�hrung anbieten?�  vermutete Tally. �Warum?�</p><p>Weller zuckte mit den Achseln. �Vielleicht gef�llst du mir�, sagte er anz�glich. �Au�erdem kann ich ohnehin nicht zur�ck, solange hier noch der Teufel los ist.� Er grinste, trat einen Schritt auf sie zu und blieb abrupt wieder stehen, als Tally drohend die Hand hob.</p><p>�Warum willst du wirklich mitkommen?� fragte Tally. </p><p>�Vielleicht aus Neugier�, antwortete Weller. �Wei�t du, als ich dich gestern das erste Mal gesehen habe, habe ich mich gefragt, was an dir so Besonderes sein mag, da� die halbe Welt dich sucht. � Er machte eine vage Geste auf die brennende Stadt hinab. �Ich beginne es zu begreifen.�</p><p>�Ich wollte das nicht�, antwortete Tally unerwartet scharf. �H�tte ich geahnt, was passieren wird, h�tte ich es nicht getan.�</p><p>�Und dich lieber umbringen lassen?� Weller schnaubte. �Mach dir nichts vor, Tally � wenn die Garde nicht zuf�llig aufgetaucht w�re, h�tte Braku uns alle umgebracht. Wenigstens h�tte er es versucht. Obwohl ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher bin, da� es ihm gelungen w�re.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf Tallys G�rtel. �Diese Waffe, die du da hast � woher stammt sie?�</p><p>�Ich habe sie nicht mehr�, sagte Tally. �Ich... habe sie verloren, als ich noch einmal zur�ckgegangen bin, um Hrhon und dich zu holen.�</p><p>�Oh�, machte Weller entt�uscht. �Das ist schade. Sie h�tte uns noch von Nutzen sein k�nnen. Au�erdem h�tte ich sie dir gerne abgekauft.�</p><p>Tally l�chelte matt. �Was bringt dich auf die Idee, da� ich sie verkauft h�tte?�</p><p>�Der Umstand, da� ich Leute kenne, die ein Verm�gen daf�r bezahlen w�rden�, erwiderte Weller ernst. </p><p>�Ich habe dir schon einmal gesagt, da� ich kein Geld brauche�, erwiderte Tally, aber Weller lie� ihre Worte nicht gelten, sondern machte eine heftige Handbewegung und sagte: �Du wei�t ja nicht, was du sprichst, dummes Weib. Du kommst aus dem S�den, und da gelten andere Gesetze. Dies hier ist die Zivilisation, und ohne Geld kommst du dich hier nicht einmal in Ehren beerdigen lassen. Wenn du zu Karan willst � und vor allem, wenn du etwas <emphasis>von ihm</emphasis> willst, brauchst du Geld. Viel Geld. Hast du irgend etwas, das du verkaufen k�nntest?�</p><p>Tally sch�ttelte den Kopf, ohne auch nur eine Sekunde �ber Wellers Worte nachzudenken. Es war so, wie sie gesagt hatte � sie hatte niemals Geld gebraucht, und alles von Wert, was sie jetzt noch besa�, waren das Schwert an ihrer Seite � und die vier anderen Drachenwaffen, die sich wohlversteckt in dem Ledersack befanden, der auf Hrhons R�cken geschnallt war. Aber sie h�tte sich eher die linke Hand abhacken lassen, ehe sie eine solche Waffe einem Mann wie Weller gegeben h�tte. Wieder sah sie Weller mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an, dann runzelte er pl�tzlich die Stirn, hob die Hand und deutete auf den Blutstein, der an einer d�nnen Kette an ihrem Hals hing. �Was ist das?� fragte er.</p><p>Tally legte ganz instinktiv die Hand auf den Stein. </p><p>�Nichts�, sagte sie hastig. �Jedenfalls nichts, was ich verkaufen k�nnte.�</p><p>�Er sieht wertvoll aus�, sagte Weller stur.</p><p>�Das mag sein. Aber ich verkaufe ihn nicht.�</p><p>Etwas im Klang ihrer Stimme schien Weller davon zu �berzeugen, da� es wenig Sinn hatte, weiter in sie zu dringen. Er seufzte nur, drehte sich wieder um und starrte nach S�den.</p><p>�Dann wird es schwer�, murmelte er. �Wir brauchen einen Tr�ger, um in den Norden zu kommen. Und nach dem hier �� Er deutete in die Tiefe. � � wird es in der Stadt von Soldaten und Patrouillen wimmeln.�</p><p>�Und?� fragte Tally.</p><p>Weller verdrehte in komisch gespieltem Entsetzen die Augen. �Ihr G�tter, woher kommt dieses Weib?� st�hnte er. �Wir brauchen Geld, um sie zu bestechen. Viel Geld, f�rchte ich. Und auch Karan wird seinen Teil verlangen. Ich kenne ihn. Er ist ein gieriger alter Kauz. Wenn du ihn nicht bezahlst, sagt er dir nicht einmal, wie sp�t es ist.�  Tally schwieg einen Moment, dann seufzte sie, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und sagte: �Vielleicht ist es doch besser, wenn wir uns trennen,�</p><p>�Warum?� fragte Weller scharf. �Hast du Angst, ich k�nnte dir helfen?�</p><p>�Du komplizierst alles�, antwortete Tally unger�hrt. </p><p>�Bisher sind Hrhon und ich ganz gut allein zurecht gekommen, wei�t du?�</p><p>�Bisher wart ihr auch nicht in Schelfheim�, antwortete Weller �rgerlich. �Beim Schlund, sieh doch endlich ein, da� ich dir helfen will, M�dchen! Du und dein Schildkr�tenfreund, ihr seid bisher vielleicht ganz gut allein zurecht gekommen � drau�en in eurer W�ste. Aber das hier ist die Zivilisation. Hier gelten andere Gesetze.� </p><p>�Ich wei߫, antwortete Tally leise. �Aber sie gefallen dir nicht.�</p><p>�Mir auch nicht�, versetzte Weller grob. �Aber sie sind nun mal so. Willst du nun meine Hilfe oder nicht?� </p><p>�Ich kann sie nicht bezahlen.�</p><p>�Das brauchst du nicht. Ich bringe euch zu Karan, und was an Unkosten entsteht, werde ich schon irgendwie auftreiben.� Er grinste. �Ich bin Gesch�ftsmann. Manchmal mu� man Spesen in Kauf nehmen.�</p><p>�Und wo liegt dein Gewinn?� fragte Tally lauernd. </p><p>�Du bist ein Feind der T�chter des Drachen, oder?�  Wellers Grinsen wurde noch breiter. �Alles, was ihnen schadet, nutzt mir. Ich lebe von Informationen. Au�erdem�, f�gte er hinzu, �gef�llst du mir. Du bist eine h�bsche Frau.�</p><p>Tally sch�rzte geringsch�tzig die Lippen. �Ich wei�, Weller. Aber wenn du das denkst, was ich annehme, dann schlag es dir aus dem Kopf � oder ich tue es.�  Sie sah Weller scharf an, und trotz der halb scherzhaften Wahl ihrer Worte mu�te etwas in ihrem Klang gewesen sein, das sein Grinsen gefrieren lie�. Fast ohne es selbst zu merken, wich er ein kleines St�ck vor ihr zur�ck, bis er gegen die steinerne Br�stung des Daches stie�. Als er weitersprach, klang seine Stimme merklich k�lter, und es war sicher kein Zufall, da� er abrupt das Thema wechselte:</p><p>�Da ist noch etwas, Tally. Du und dein Waga-Freund, ihr seid zu auff�llig. Auf eure K�pfe steht eine Menge Geld. Jeder kleine Spitzel in Schelfheim hat eure Beschreibung. So, wie ihr ausseht, kommt ihr keine zwei Meilen weit.�</p><p>�Und was schl�gst du vor?� fragte Tally zornig. �Soll ich Hrhon schwarz anmalen und als Hornkopf verkleiden oder mir einen Bart wachsen lassen?�</p><p>Weller reagierte nicht auf ihren Sarkasmus. �Zuallererst einmal gibst du mir dein Schwert�, sagte er ernst. </p><p>�Hier in Schelfheim tragen Frauen keine Waffen, au�er sie geh�ren zur Garde oder den T�chtern des Drachen. Und du brauchst andere Kleider. Unten im Haus sind R�cke und M�ntel, die dir passen m��ten. Und wir m�ssen dein Haar verbergen.�</p><p>�Was ist so auff�llig daran?� fragte Tally.</p><p>�Es ist zu lang�, erwiderte Weller. �Seit ein paar Jahren ist es Mode geworden, da� die Weiber hier das Haar k�rzer tragen als die M�nner. Manche scheren sich sogar die Sch�del.�</p><p>�Alle?�</p><p>�Nat�rlich <emphasis>nicht</emphasis> alle�, sagte Weller ungeduldig. �Aber viele, und alle, die etwas auf sich halten. Aber wir m�ssen vorsichtig sein. Je weniger du auff�llst, desto besser. Die Stadtgarde wird herumschwirren wie ein Bienenschwarm, und sich jeden sehr gr�ndlich ansehen, der aus dem S�den kommt. Und wenn <emphasis>ich</emphasis> wei�, da� eine gewisse Kriegerin und eine flachgesichtige Riesenschildkr�te gesucht werden, wissen sie es bestimmt. Du mu�t dich von Hrhon trennen.�</p><p>�Niemals�, widersprach Tally impulsiv, aber Weller schien mit dieser Reaktion gerechnet zu haben, denn er hob beschwichtigend die Hand, noch bevor sie das Wort vollends ausgesprochen hatte, und f�gte hinzu: �Nat�rlich nur f�r eine Weile. Ihr k�nnt auf keinen Fall zusammen gehen. Es gibt ein paar Wagas in der Stadt � nicht sehr viele, aber doch nicht so wenige, da� sein Anblick allzu gro�es Aufsehen erregen w�rde. Wir machen einen Ort aus, an dem ihr euch treffen k�nnt.� Er l�chelte. �Die Idee stammt �brigens von Hrhon. Ich habe mit ihm gesprochen, ehe ich heraufgekommen bin.�</p><p>Tally z�gerte einen Moment zu antworten. Alles in ihr str�ubte sich ganz instinktiv gegen die Vorstellung, sich von Hrhon zu trennen, und sei es nur f�r wenige Stunden. Aber wahrscheinlich hatte Weller recht. Immerhin hatte er praktisch auf den ersten Blick gewu�t, wen er vor sich hatte.</p><p>H�tte sie ihn nur ein wenig l�nger gekannt, w�re es ihr nicht so schwer gefallen, ihm zu trauen. Aber so wenig, wie Weller aus ihr schlau wurde, so wenig wu�te sie wirklich, woran sie mit ihm war. Sie hatte gelernt, jeden Fremden zuerst einmal als Feind einzustufen, und mehr als einmal in den letzten vierzehn Monaten hatte ihr dies das Leben gerettet. Aber sie hatte auch l�ngst begriffen, da� Weller in Wahrheit alles andere als der kleine Gauner war, als der zu erscheinen er sich M�he gab. Und irgendwann <emphasis>mu�te</emphasis> sie schlie�lich damit anfangen, einem Fremden zu trauen...</p><p>Schweren Herzens nickte sie. �Gut, Weller. Ich traue dir. Aber wenn du mich hintergehst ��</p><p>�Schneidest du mir die Kehle durch und machst aus meiner Zunge eine Krawatte, ich wei߫, unterbrach sie Weller. Er seufzte. �Wei�t du was, Tally? Ich glaube, wir werden noch gute Freunde. Vorausgesetzt, wir bleiben lange genug am Leben.�</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Tally kam sich reichlich albern vor in den Kleidern, die Weller f�r sie herausgesucht hatte. Die Kleiderkammer des Hauses war gut gef�llt gewesen; trotz seiner exponierten Lage mu�ten seine Besitzer sehr wohlhabend sein. Tally hatte noch nie jemanden getroffen, der mehr als f�nf oder sechs Kleider und allenfalls noch ein besonders prachtvolles Festgewand besa�, aber hier gab es gleich Dutzende, und wie Weller erkl�rte, war an dieser Tatsache nichts Besonderes. Schelfheim war eine reiche Stadt, in der reiche Menschen wohnten.</p><p>Aber trotz der gro�en Auswahl hatte Tally nichts gefunden, was ihr zusagte. Mit Ausnahme eines schweren wollenen Mantels � den Weller ihr jedoch sofort aus der Hand ri� und erkl�rte, so etwas w�rde h�chstens eine K�chenmagd tragen, und er verst�nde �berdies gar nicht, wie er sich in die Kleiderkammer verirrt hatte � waren die R�cke, M�ntel und Kleider allesamt d�nne, zum Teil beinahe durchsichtige Fetzchen, derartig mit Borden, Spitzen, Pailletten, Puff�rmeln und unbequemen hochgesteckten Kragen besetzt, da� es unm�glich schien, sich vern�nftig darin zu bewegen.</p><p>Als sie schlie�lich neben Weller das Haus verlie�, trug sie ein d�nnes blauseidenes Nichts, das unter dem Mantel unentwegt raschelte und knisterte und sie bei jedem Schritt behinderte, dazu ein goldbesticktes Kopftuch, das ihr Haar verbarg, und Schuhe, die ein Alptraum waren � die Abs�tze waren so hoch wie ihr kleiner Finger und wenig dicker als eine Nadel; wenn sie versuchen sollte, damit auch nur einen Schritt zu rennen, mu�te sie unweigerlich auf die Nase fallen. Tally fragte sich vergeblich, was Menschen dazu bringen mochte, sich auf derart unpraktische Weise zu kleiden.</p><p>Die Stra�en waren voller Toter, als sie das Haus verlie�en. Es war hell geworden; denn Weller hatte darauf bestanden, da� sie warteten, bis die Sonne vollends aufgegangen war, um nicht nur aus Versehen von der Garde f�r versprengte �berlebende des Pl�ndererheeres gehalten und kurzerhand niedergemacht zu werden. Mit Anbruch des Tages schien die schlimmste Wut des Feuers gebrochen zu sein; aber vielleicht war das auch nur eine T�uschung, weil das Licht der Morgensonne die Glut der tobenden Br�nde zu �berstrahlen begann. Schelfheim war jetzt vollends von einem Halbkreis aus wei�er und roter Glut und schwarzem Qualm eingeschlossen, und manchmal h�rte man noch Kampfl�rm mit dem Wind heranwehen.</p><p>Tally versuchte, die Bilder zu verdr�ngen, die ihre Phantasie zu den Lauten erschuf, aber ganz gelang es ihr nicht � kurz, bevor sie das Haus verlassen hatten, war sie noch einmal auf das Dach hinaufgegangen und hatte nach Westen geblickt, und was sie gesehen hatte, hatte sie schlichtweg mit Entsetzen erf�llt. Die Klorschas waren zur�ckgedr�ngt worden, aber die Garde gab sich nicht damit zufrieden, sie aus der Stadt zu scheuchen, sondern versuchte die Slambewohner in die Flammen zur�ckzujagen; auf dem schmalen unbebauten Streifen zwischen Schelfheim und dem Slam tobte eine Schlacht, die von beispielloser H�rte war.</p><p>Tally ma�te sich kein Urteil an; sie war eine Fremde in dieser Welt und wu�te nichts von ihren Regeln und Gesetzen. Aber sie empfand ein tiefes, l�hmendes Entsetzen, das mit jedem Augenblick schlimmer wurde. Und sie f�hlte sich einsam. Erst jetzt, als sie das Haus verlassen hatten und sich nach Norden bewegten, begriff sie wirklich, wie sehr sie sich Weller ausgeliefert hatte. Hrhon fehlte ihr. Sie war waffenlos und allein, und sie f�hlte sich verloren. Wer sagte ihr, da� dies alles nicht ein raffiniert eingef�delter Plan Wellers war, sie von dem Waga zu trennen und die Belohnung einzustreichen, die auf ihren Kopf stand? Tausend Goldheller waren ein Verm�gen, selbst in einer Stadt wie dieser.</p><p>Die Gelegenheit, Wellers Loyalit�t auf die Probe zu stellen, kam schneller, als ihr lieb war. Sie waren kaum eine Meile gegangen � in den Folterschuhen, die Tally trug, schienen es allerdings eher zehn zu sein �, als sie auf die erste Patrouille stie�en: eine Gruppe waffenstarrender Hornk�pfe, die von einem dunkelhaarigen Mann in der gelben Uniform der Stadtgarde angef�hrt wurde. Tally stockte unwillk�rlich der Schritt. Ihre Hand glitt dorthin, wo das Schwert sein sollte, und ertastete nur nutzlosen blauen Stoff. F�r eine Sekunde war sie nahe daran, einfach herumzufahren und zu rennen, so schnell sie nur konnte. Ihr Herz begann zu rasen.</p><p>�Ruhig�, sagte Weller halblaut. �Ich regele das.�  Er hob gr��end die Hand, trat dem Soldaten entgegen und deutete eine Verbeugung an. �Gut, da� wir euch treffen�, sagte er, ehe der Krieger auch nur Gelegenheit zu einem Wort fand. �Sind die Stra�en von hier ab sicher?�</p><p>Der Soldat blickte ihn schweigend an, drehte betont langsam den Kopf und sah einen Moment schweigend in Tallys Gesicht. Ein fragender Ausdruck erschien in seinen Augen � nicht unbedingt Mi�trauen, aber auch ganz und gar keine Sorglosigkeit. Der Mann schien seine Aufgabe ernster zu nehmen, als Weller annehmen mochte, dachte Tally.</p><p>�Wer seid ihr?� fragte er grob. �Zeigt eure Ausweise.�  Weller �chzte. �Ausweise? Bist du von Sinnen, Kerl? Wir sind froh, da� wir unsere nackte Haut gerettet haben! Unser Haus ist niedergebrannt, und um ein Haar h�tte diese verlauste Bande meine Schwester und mich umgebracht.� Er deutete erregt auf Tally. �Sieh dir das arme Ding an! Sie ist noch immer halb verr�ckt vor Angst!�</p><p>�So?� sagte der Krieger kalt. Er kam n�her, schob Weller einfach zur Seite und blieb einen halben Schritt vor Tally stehen. Einer der riesigen Hornk�pfe folgte ihm. Ein unangnehmer, metallischer Geschmack breitete sich auf Tallys Zunge aus, als sie dem Blick der gewaltigen Facettenaugen begegnete. Wenn dieses Ungeheuer �ber die gleichen F�higkeiten verf�gte wie Vakk...</p><p>Aber dann drehte der Hornkopf den Sch�del und blickte ausdruckslos auf Weller herab. Eine seiner zahllosen H�nde begann mit einem mehrschneidigen Schwert zu spielen, das er im G�rtel trug.</p><p>�Wie lange braucht ihr noch, um dieses Pack dorthin zur�ckzutreiben, wo es herkommt?� fuhr Weller erregt fort. �Ich werde mich beim Stadtrat beschweren! Was sind das f�r Zeiten, in denen man nicht einmal auf die Stra�e gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, erschlagen zu werden?�</p><p>Der Krieger seufzte, bedachte Weller mit einem fast mitleidvollen L�cheln und trat kopfsch�ttelnd zur Seite. </p><p>�Ihr k�nnte passieren�, sagte er. �Aber du solltest zum n�chsten B�ro des Magistrats gehen und f�r dich und deine Schwester neue Passierscheine beantragen. Es wird eine Weile dauern, bis ihr in euer Haus zur�ck k�nnt.�</p><p>Weller starrte ihn noch einen Moment lang b�se an, dann ergriff er Tally bei der Hand und zog sie grob mit sich. Die Mauer der Hornk�pfe teilte sich, um sie passieren zu lassen, und schlo� sich hinter ihnen wieder. </p><p>�Das war knapp, wie?� fragte Tally, als sie au�er H�rweite waren.</p><p>Weller grinste. �Ach was. Wir haben Gl�ck � an Tagen wie heute haben sie einfach nicht genug Leute, jeden gr�ndlich zu kontrollieren, der in die Stadt hinein will. Wenn sie einen Leser dabeigehabt h�tten...�</p><p>�Was?� fragte Tally.</p><p>�Einen Leser�, wiederholte Weller. �Es gibt Hornk�pfe, die sofort erkennen, wenn du l�gst. Aber sie haben nicht viele davon � den G�ttern sei Dank. Mit ein bi�chen Gl�ck... �</p><p>Er brach mitten im Wort ab, starrte Tally einen Herzschlag lang aus gro�en Augen an und begann pl�tzlich zu grinsen wie ein Schuljunge, dem ein besonders boshafter Scherz gelungen war. �Beim Schlund, dieser Hohlkopf hat mich auf eine Idee gebracht�, fuhr er dann fort. </p><p>�Mit etwas Gl�ck sind wir schneller bei Karan, als ich bisher gedacht habe.�</p><p>�Was hast du vor?� fragte Tally mi�trauisch.</p><p>Aber Weller schien ihre Frage gar nicht geh�rt zu haben. Pl�tzlich sah er sich hektisch nach allen Seiten um, gestikulierte ihr gleichzeitig, still zu sein, und deutete schlie�lich nach links. �Dort entlang�, sagte er aufgeregt. �Wenn ich mich richtig entsinne, hei�t das. Es ist lange her, da� ich hier war...�</p><p>�Was, beim Schlund, hast du vor?� fragte Tally �rgerlich. Sie hatte das ungute Gef�hl, da� ihr das, was Weller mit seinen geheimnisvollen Andeutungen meinte, nicht gefallen w�rde.</p><p>Weller antwortete auch diesmal nicht, aber sein Grinsen wurde noch breiter. �La� dich �berraschen, Tally�, sagte er feixend. �In ein paar Minuten sind wir alle Sorgen los � mit etwas Gl�ck.�</p><p>�Und mit etwas weniger Gl�ck?� fragte Tally mi�trauisch.</p><p>�Sind wir tot�, erwiderte Weller. �Aber keine Sorge � ich habe das Gl�ck gepachtet. Und jetzt schweig. Die Frauen in Schelfheim streiten sich nicht auf der Stra�e mit M�nnern. Komm.� Er wies mit einer Kopfbewegung nach links, wo eine etwas schmalere, aber ebenfalls sauber gepflasterte Stra�e im rechten Winkel abzweigte, und ging los, ehe sie Gelegenheit fand, abermals zu widersprechen.</p><p>Sie waren nicht mehr allein auf den Stra�en, jetzt, nachdem sie die Sperre hinter sich hatten. Immer mehr Menschen kamen ihnen entgegen, manche in heller Aufregung, die meisten aber so ruhig und gelassen, als w�re nichts Au�ergew�hnliches geschehen. Hier und da standen M�nner in kleinen Gruppen auf der Stra�e, um erregt miteinander zu diskutieren, und Tally sah auch M�nner und Frauen, die auf die Hausd�cher gestiegen waren, um das schreckliche Schauspiel von dort aus zu beobachten. Der Gro�teil der Schelfheimer jedoch schien von dem Brand und der Schlacht, die kaum ein Dutzend Stra�enz�ge weiter tobte, keinerlei Notiz zu nehmen. Trotzdem waren sie bald so sehr von Menschen umgeben, da� Tally es nicht wagte, Weller noch einmal zu fragen, was er vorhatte. So schluckte sie ihren �rger herunter, senkte ein wenig den Blick und folgte ihm in zwei Schritten Abstand, wie er es ihr gesagt hatte. Ihre Umgebung begann sich zu ver�ndern, je weiter sie in die Stadt eindrangen. Hatten zuerst noch die wuchtigen, festungs�hnlichen Quaderbaue vorgeherrscht, wie Tally sie am Stadtrand gesehen hatte, so wurden die H�user nun rasch normaler � schon nach weniger als einer Viertelstunde hatte sie zum ersten Male das Gef�hl, wirklich in einer Stadt zu sein, und nicht in einer zu gro� geratenen Festung. Sie sahen noch immer sehr viele Uniformen, und mehr als einmal tauchte der h��liche Sch�del eines Hornkopfes �ber der Menschenmenge auf, aber niemals kam ihnen einer der Krieger auch nur nahe.</p><p>Sie �berquerten einen gro�en, sauber gepflasterten Platz, der von einer Unzahl kleiner, zur Stra�e hin offenen L�den ges�umt wurde. Trotz der noch fr�hen Stunde herrschte bereits ein reges Treiben; vor mehreren L�den prisen H�ndler marktschreierisch ihre Waren an, auf einem eigens daf�r abgez�unten Teil des Platzes spielten Kinder, und vor einem Haus auf der gegen�berliegenden Seite hatte sich eine regelrechte Menschentraube gebildet, die ein halbes Dutzend gelb uniformierter Stadtgardisten vergebens in irgendeine Ordnung zu bringen versuchte. Tally registrierte besorgt, da� Weller geradewegs auf dieses Geb�ude zuhielt.</p><p>�Was hast du vor?� fragte sie noch einmal � und diesmal so laut, da� Weller die Worte deutlich h�rte, obwohl er noch immer zwei Schritte vor ihr ging. Es war ihr jetzt auch gleich, da� er vielleicht nicht der einzige war, der sie h�rte.</p><p>Ihre Taktik hatte Erfolg � Weller blieb tats�chlich stehen, blickte sie zornig an und sch�ttelte rasch und warnend den Kopf. �Nicht so laut!� sagte er erschrocken. </p><p>�Willst du, da� die ganze Stadt zuh�rt?� Er seufzte, wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte, und wies mit einer Kopfbewegung auf das Geb�ude vor ihnen. </p><p>�Dieser Narr hat mich auf die einzig wirklich gute Idee gebracht�, sagte er. �Das da ist die Bezirkskommandatur.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Tally begriff. �Du willst ... �</p><p>�Uns Passierscheine besorgen, ganz recht�, unterbrach sie Weller feixend. �Was sonst? Unser Haus ist niedergebrannt, zusammen mit all unserer Habe und unseren P�ssen. Wenn man uns ohne g�ltige Ausweise anh�lt, gibt es �rger.�</p><p>�Du bist verr�ckt� keuchte Tally.</p><p>�Ganz im Gegenteil�, sagte Weller, pl�tzlich sehr ernst. �Du kennst diese Stadt nicht, Tally. Es ist fast unm�glich sie zu durchqueren, ohne ein halbes dutzendmal angehalten und kontrolliert zu werden. Mit einem g�ltigen Passierschein k�nnen wir einen Tr�ger mieten und ganz offiziell zum Hafen reisen. Wir sind dort, ehe es Mittag wird.� Er sah sie scharf an. �Wenn du lieber Haschmich mit der Garde spielen willst, dann sag es jetzt. Ich gehe jedenfalls jetzt dort hinein und besorge uns Ausweise.�</p><p>Tally wollte ganz impulsiv widersprechen � aber dann kam ihr Wellers Idee pl�tzlich gar nicht mehr so verr�ckt vor. Sie war riskant, sicher � aber war nicht allein ihr Hiersein schon ein Risiko? Und m�glicherweise hatte er recht; sie hatte die brennenden H�user gesehen. Widerstrebend nickte sie. �Gut�, sagte sie. �Aber verlang nicht von mir, da� ich mit dir dort hineingehe.� Sie wies auf den wuchtigen Lehmziegelbau, �ber dessen Eingang das Emblem der Kommandatur prangte. Den Gardisten war es mittlerweile gelungen, die zwei oder drei Dutzend erregten B�rger davor wenigstens zu einer Schlange zu formieren. Einige von ihnen trugen hastig angelegte Verb�nde, und ein Mann mittleren Alters war so �bel verwundet, da� er sich auf seine Begleiterin st�tzen mu�te.</p><p>Weller �berlegte einen Moment. Dann nickte er. �Gut. Meinetwegen bleib hier. Aber geh nicht fort.�</p><p>�Ich werde mich ein wenig umsehen�, sagte Tally. Weller seufzte. Aber er schien einzusehen, wie wenig Sinn es hatte, Tally irgend etwas befehlen zu wollen; denn er zuckte nur resignierend die Achseln und seufzte abermals.</p><p>�Wie du willst. Aber sprich mit niemandem. Und bleib in der N�he.� Er schien noch mehr sagen zu wollen, belie� es aber dann bei einem dritten, gequ�lt klingenden Seufzen, und drehte sich herum, um mit schnellen Schritten auf einen der Gardesoldaten zuzugehen. Tally sah, wie er einen Moment mit ihm sprach und dabei erregt auf sich selbst und sie deutete. Der Posten blickte neugierig in ihre Richtung und sch�ttelte den Kopf. Wellers Hand verschwand f�r einen Moment unter seinem G�rtel; als sie wieder auftauchte, wechselte eine blitzende Silberm�nze ihren Besitzer. Diesmal nickte der Soldat auf Wellers Worte, nahm ihn beim Arm und f�hrte ihn an der Schlange der Wartenden vorbei in das Geb�ude. B�se Blicke und Verw�nschungen folgten ihm, und der verwundete Mann sch�ttelte sogar seine Faust hinter ihm her.</p><p>Tally drehte sich rasch herum und ging ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung. Sie hatte keine Lust, als Zielscheibe f�r den Zorn zu dienen, der Weller galt � und sie wollte die Zeit nutzen, sich ein wenig umzusehen. Sie war noch niemals in einer Stadt wie Schelfheim gewesen, und es gab viel hier, was ihre Neugier erregte � und manches, was von Nutzen sein mochte.</p><p>Unschl�ssig sah sie sich um, wandte sich schlie�lich wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und schlenderte gem�chlich an den Auslagen der Gesch�fte entlang, die den Platz s�umten.</p><p>Es gab buchst�blich alles � zumindest alles, was sich Tally vorstellen konnte, und noch eine ganze Menge mehr. Angefangen von Lebensmitteln �ber Kleider und Waffen und Dinge des t�glichen Lebens boten die Gesch�fte alles feil, was sich nur f�r Geld kaufen und verkaufen lie�. Tally blieb immer wieder stehen, um all die sonderbaren und zum Teil f�r sie unverst�ndlichen Dinge zu begutachten, nahm hier und da sogar etwas zur Hand, entfernte sich jedoch immer rasch, wenn einer der H�ndler auf sie zutrat und sie in ein Gespr�ch verwickeln wollte.</p><p>Sie hatte Lust, etwas zu kaufen, einfach so, und sie hatte ein wenig Geld, denn gottlob hatten die Leute, deren Haus sie gepl�ndert hatten, nicht mehr die Zeit gefunden, ihre Schatztruhe mitzunehmen. Es waren keine Reicht�mer, die sie gefunden hatten, aber genug, ihr Ziel zu erreichen � wie Weller gesagt hatte � und noch ein bi�chen mehr. Tally hielt die Handvoll M�nzen, die sie in einem kleinen Lederbeutel unter ihrem Cape trug, f�r ein kleines Verm�gen, aber Weller w�re wahrscheinlich nicht einmal zufrieden gewesen, wenn er einen faustgro�en Goldklumpen gefunden h�tte.</p><p>Sie blieb vor einem Laden stehen, der Kleider und allerlei anderen Ramsch feilbot, auf einem kleinen, ein wenig abseits stehenden Tischchen aber auch Waffen � zierliche Dolche, ein Bogen, der allenfalls als Spielzeug gut war und beim ersten ernstgemeinten Spannen zerbrechen mu�te, einen etwas zu klein geratenen Morgenstern, dessen Kette als Ausgleich zu lang war, so da� sich der, der ihn benutzte, allenfalls selbst den Sch�del einschlagen w�rde... Ramsch, der h�bsch aussah, aber zu nichts nutze war. Trotzdem nahm sie bed�chtig jedes einzelne St�ck zur Hand und begutachtete es eingehend. So lange, bis ein Schatten �ber sie fiel und sie ein leises R�uspern h�rte.</p><p>Erschrocken sah sie auf und blickte ins Gesicht des H�ndlers, der aus seinem Laden getreten war und aus guten zweieinhalb Metern H�he auf sie herabblickte. Im ersten Moment hielt sie ihn f�r einen Menschen, aber dann sah sie die spitzen, einw�rts gebogenen Fangz�hne, die sich �ber seine Unterlippe zogen, und die mit d�nnen H�rchen bewachsenen Pinselohren.</p><p>�Du interessierst dich f�r Waffen, Kind?� Seine Stimme war sehr leise f�r einen Mann seiner Gr��e, aber sie hatte einen so angenehmen, weichen Klang, da� Tally sofort einen Teil ihres instinktiven Mi�trauens verlor. Sie nickte, erinnerte sich daran, was Weller �ber die Frauen in Schelfheim gesagt hatte, und sch�ttelte hastig den Kopf.</p><p>Der Blick der geschlitzten Katzenaugen verharrte einen Moment auf ihrem Gesicht und streifte dann den silbernen Zierdolch, den sie in der Hand hielt. Beinahe schuldbewu�t legte Tally die Waffe zur�ck und wollte gehen, aber der Riese hielt sie mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Warte doch�, sagte er. �Du hast recht � das da ist Tand. Ich habe etwas Besseres f�r dich. F�r wen soll die Waffe sein? F�r deinen Mann?�</p><p>�Meinen... Bruder�, sagte Tally hastig. �Ich will ihn �berraschen. Aber er kennt sich mit Waffen aus. Ich nicht�, f�gte sie mit einem entschuldigenden L�cheln hinzu.</p><p>�Dann habe ich genau das Richtig f�r dich�, sagte der H�ndler. �Warte hier. Ich bin gleich zur�ck.�</p><p>Er drehte sich herum und verschwand mit gewaltigen Schritten im Inneren seines Ladens, wo Tally ihn lautstark rumoren h�rte. Es w�re ihr ein Leichtes gewesen, jetzt einfach zu gehen � aber damit h�tte sie eher noch mehr Aufsehen erregt; und die Worte des Riesen hatten ihre Neugier geweckt. Sie wollte einfach wissen, ob er ein ehrlicher Mann war oder ein Gauner, der die Unwissenheit einer Frau nutzen wollte, um ein gutes Gesch�ft zu machen.</p><p>Nach einer Weile kam der Katzer wieder, ein armlanges, in wei�e T�cher eingeschlagenes B�ndel auf beiden Armen tragend. Mit einem fast verschw�rerischen L�cheln legte er es vor ihr ab und machte eine einladende Geste, es zu �ffnen.</p><p>Tally gehorchte. Unter dem wei�en Leinen kam ein prachtvolles, beidseitig geschliffenes Schwert zum Vorschein.</p><p>Es war eine prachtvolle Arbeit � die Klinge war so lang wie ihr Arm und mit filigranen Verzierungen versehen, wohingegen ihr Griff beinahe einfach wirkte, aber eine sehr sonderbare Form hatte. Bewundernd nahm sie die Klinge auf, wog sie einen Moment pr�fend in der Hand und stellte fest, da� sie ihr Gewicht kaum f�hlte. Sie war perfekt ausgewogen. Wenn die G�te ihres Stahles hielt, was sein Aussehen versprach, mu�te es eine phantastische Klinge sein; zehnmal besser als das Schwert, das sie Weller in Aufbewahrung gegeben hatte.</p><p>�Gef�llt es dir?� fragte der Katzer.</p><p>Tally nickte heftig. �Es ist wundersch�n�, sagte sie. </p><p>�Was kostet es?�</p><p>�Zehn Goldheller�, antwortete der Katzer, �und das ist geschenkt.�</p><p>Einen Moment lang war Tally ernsthaft in Versuchung, das Schwert zu kaufen. Sie hatte mehr als die Summe, die der H�ndler forderte, und die Klinge war diesen l�cherlichen Betrag allemal wert. Aber dann dachte sie daran, was Weller sagen w�rde, wenn sie ihn mit einem neu gekauften Schwert im G�rtel begr��te, und legte die Klinge mit einem bedauernden Kopfsch�tteln wieder zur�ck. Sie erweckte schon viel zu viel Aufsehen allein damit, �berhaupt hier zu stehen.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie. �Aber das ist mir zu teuer.� </p><p>�Sie ist es aber wert, M�dchen�, sagte eine Stimme hinter ihr.</p><p>Tally fuhr zusammen, sah auf und erkannte den Schrecken im Gesicht des Katzers, ehe sie sich zu der Sprecherin herumdrehte. Wie durch Zufall lie� sie das Schwert w�hrend der Bewegung nicht los.</p><p>Hinter ihr standen zwei dunkelhaarige, in M�ntel aus erdbraunem Leder gekleidete Frauen, die eine, die gesprochen hatte, alt genug, ihre Mutter sein zu k�nnen, die andere ein junges Ding, das sie mit einer Mischung aus Hochmut und Ungeduld ansah.</p><p>�Du kannst mir glauben�, fuhr die Frau mit einem gutm�tigen L�cheln fort. �Eine Waffe wie diese sieht man nicht alle Tage. Sie ist mindestens das zehnfache dessen wert, was dieser Halsabschneider daf�r verlangt.�</p><p>Sie l�chelte, nahm Tally das Schwert aus der Hand und machte einen spielerischen Ausfall gegen den Katzer, den dieser mit einem erschrockenen Fauchen und einem hastigen Satz nach hinten beantwortete. Tally sah, wie geschmeidig und schnell ihre Bewegungen waren. Es war nicht das erste Mal, da� sie ein Schwert in der Hand hatte. Aus reiner Gewohnheit �berlegte sie, ob sie die dunkelhaarige Frau besiegen k�nnte; aber sie kam zu keinem eindeutigen Ergebnis.</p><p>�Wahrscheinlich hat er sie irgendwo gestohlen und wei� selbst nicht, was er da hat�, fuhr die Frau fort. �Ein Schwert aus Lakamar bringt auf dem Markt allemal seine f�nfundzwanzig Goldheller. Zehn ist geschenkt. Wenn du es nicht kaufst, dann nehme ich es.� Sie lachte, legte das Schwert fast behutsam wieder zur�ck und sah Tally aufmerksam an. �Wie ist dein Name, Kind?� fragte sie. </p><p>�Nora, Herrin�, antwortete Tally. Weller und sie hatten sich auf diesen Namen geeinigt, sollten sie aufgehalten werden. �Ihr k�nnt die Klinge haben, wenn Ihr wollt. Ich verstehe nichts davon, und mein Bruder hat schon ein Schwert.�</p><p>�Du bist nicht von hier, wie?� fuhr die Dunkelhaarige fort. �Woher kommst du? Einen Dialekt wie deinen habe ich noch nie geh�rt?� Sie l�chelte bei diesen Worten, aber Tally begann ein ganzes L�utwerk von Alarmglocken zu dr�hnen. Die Frau hatte sich perfekt unter Kontrolle, aber in den Augen ihrer j�ngeren Begleiterin stand ein unverholenes Mi�trauen.</p><p>�Aus dem Westen, Herrin�, antwortete sie wahrheitsgem��. �H�rt man es so deutlich?�</p><p>�Wenn man darauf achtet, ja. Aus dem Westen, sagst du?�</p><p>�Ja�, antwortete Tally, und f�gte hastig und in bewu�t �bertrieben geschauspielertem, vorwurfsvollem Ton hinzu: �Aber ich wollte, ich w�re nicht gekommen. Ich war kaum hier, da wurde das Haus meines Bruders niedergebrannt und wir �berfallen. Um ein Haar w�ren wir umgebracht worden. Und dann mu�te ich stundenlang in einem finsteren stickigen Loch hocken bleiben, bis die Soldaten dieses Gesindel endlich vertrieben hatte.�</p><p>Die Frau schwieg, aber ihr Blick wurde durchdringend. Tally hatte das unbehagliche Gef�hl, ein wenig zu viel des Guten getan zu haben. Aber sie war niemals eine gute Schauspielerin gewesen. Sie �berlegte, ob sie schnell genug war, das Schwert an sich zu rei�en und die beiden Frauen zu t�ten, wenn es sein mu�te.</p><p>�Wo ist dein Bruder jetzt?� fragte die Dunkelhaarige schlie�lich.</p><p>Tally deutete �ber den Platz. �In der Kommandatur. Er sagt, wir brauchen Passierscheine, um in den Norden zu kommen.�</p><p>�In den Norden? Was wollt ihr da?� Die Frage war in so scharfem Ton gestellt, da� Tally jetzt <emphasis>sicher</emphasis> war, einen Fehler begangen zu haben.</p><p>�Mein... Bruder kennt dort jemanden�, antwortete sie nerv�s. �Wir brauchen einen Ort zum Schlafen. Und das Haus mu� wieder aufgebaut werden, und die Gesch�fte sollen weitergehen, sagt mein Bruder.�  Die Augen der Frau wurden schmal. �Ihr seid ausgebrannt�, sagte sie. �Ihr habt nichts mehr, nicht einmal mehr einen Ort zum Schlafen, und du willst ein <emphasis>Schwert</emphasis>  kaufen?�</p><p>�Mein... mein Bruder war so traurig�, stotterte Tally. </p><p>�Und da dachte ich, ich k�nnte ihn aufheitern. Er mag Waffen.�</p><p>�Was verschwenden wir unsere Zeit mit dieser N�rrin, Jandhi?� fragte die j�ngere Frau �rgerlich. �Sie ist dumm, wie alle Westler.�</p><p>�Schweig, Nirl�, sagte die �ltere Frau scharf. �Das Kind ist v�llig verst�rt, siehst du das nicht?� Sie wandte sich wieder an Tally und l�chelte. �Vielleicht hast du sogar recht�, sagte sie. �Wir werden das Schwert mitnehmen. Wenn sich dein Bruder auf Waffen versteht, wird er sich freuen.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Kein aber�, unterbrach sie Jandhi. �Ich bin sicher, unser diebischer Freund wird sich freuen, dir die Klinge als Geschenk zu �berlassen, nicht wahr?�</p><p>Ihre letzten Worte galten dem Katzer, der dem Gespr�ch mit st�ndig wachsender Nervosit�t gefolgt war. Jetzt nickte er fast �berhastet, griff mit zitternden H�nden nach dem Schwert und hielt es Tally hin. Aber bevor sie danach greifen konnte, nahm ihm Jandhi die Waffe aus der Hand.</p><p>�Ich begleite dich zu deinem Bruder�, sagte sie. �Es treibt sich allerhand Gesindel auf den Stra�en herum, vor allem an einem Tag wie heute. Jeder Mann der Garde ist im Einsatz, um die Klorschas zur�ckzujagen, mu�t du wissen.�</p><p>Sie l�chelte abermals und machte eine einladende Handbewegung. �Komm�, sagte sie, als Tally z�gerte. </p><p>�Du kannst mir glauben � es ist sicherer f�r dich, nicht allein zu sein.�</p><p>Tally setzte sich widerstrebend in Bewegung. Sie blieb �u�erlich ruhig, und sie war fast selbst erstaunt dar�ber, aber hinter ihrer Stirn tobte ein wahres Chaos. Jandhi gab sich nicht einmal sonderliche M�he, die Tatsache zu verbergen, da� sie ihr kein Wort glaubte. Sie wu�te nicht, wer diese beiden ungleichen Frauen waren, aber sie mu�ten sehr m�chtig sein, den Reaktionen des Katzers nach zu schlie�en. Und sie hatte keinen gro�en Hehl daraus gemacht, da� ihr Vorschlag, Tally zu begleiten, nichts anderes als ein <emphasis>Befehl</emphasis> war. Tally w�re nicht �berrascht gewesen, wenn Jandhi sie geradewegs dem n�chsten Posten der Stadtgarde �bergeben h�tte.</p><p>Aber sie tat es nicht. Statt dessen geleitete sie sie zur T�r der Kommandatur, genau wie sie gesagt hatte, scheuchte den Posten mit einer nachl�ssigen Geste aus dem Weg und machte erneut eine auffordernde Geste, als Tally abermals z�gerte, ihr zu folgen.</p><p>Es war dunkel im Geb�ude, denn die wenigen Fenster, die es gab, waren nicht breiter als eine Hand und zus�tzlich vergittert, und es stank nach zu vielen Menschen und zu wenig Sauberkeit. <emphasis>Eine Falle,</emphasis> dachte Tally. <emphasis>Dieses Haus war ein Gef�ngnis ader eine Falle oder beides �</emphasis> und sie war dabei, sehenden Auges hineinzulaufen!</p><p>Etwas von ihrer Nervosit�t mu�te sich deutlich auf ihrem Gesicht wiederspiegeln, denn Jandhi blieb pl�tzlich stehen und schenkte ihr ein neuerliches, beinahe m�tterliches L�cheln. �Du mu�t keine Angst haben�, sagte sie. �Wir werden deinen Bruder finden, und dann k�nnt ihr weiter.�</p><p>Sie gingen weiter, �berwanden eine kurze Treppe mit ungleichm��igen Stufen und standen pl�tzlich vor einer verschlossenen T�r, die von gleich zwei Kriegern in den gelben M�nteln der Stadtgarde bewacht wurden. Jandhi scheuchte auch sie aus dem Weg, stie� die T�r auf und zog Tally einfach mit sich.</p><p>Sie fanden sich in einem gro�en, muffig riechenden Zimmer wieder, dessen W�nde bis unter die Decke mit h�lzernen Regalen bedeckt waren, in welchen sich buchst�blich Tausende von Folianten und Pergamentrollen befanden. An einem gewaltigen, mit Bergen von Papier bedeckten Tisch hockte ein dunkelhaariger Mann unbestimmbaren Alters, der bei ihrem r�den Eintreten zornig aufsah.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Dann wurde der Zorn in seinem Blick zu Erschrecken. Er stand so hastig auf, da� sein Stuhl ein St�ck nach hinten schlitterte und umzukippen drohte.</p><p>Und er war nicht der einzige, der bei ihrem Anblick erschrak. Auch Weller, der ihnen den R�cken zugekehrt hatte und sich nur ganz langsam herumdrehte, wurde bleich. Sein Unterkiefer sackte herab. Der Blick, mit dem er zuerst Tally und dann ihre beiden Begleiterinnen ma�, war eindeutig entsetzt.</p><p>Jandhi deutete auf Weller. �Ist das dein Bruder, Kind?�  fragte sie.</p><p>Tally nickte.</p><p>�Dann sind wir hier richtig�, fuhr Jandhi fort. Sie lie� endlich Tallys Hand los, ging mit zwei raschen Schritten um den Tisch herum und sah Weller vorwurfsvoll an. </p><p>�Du bist leichtsinnig, deine Schwester allein drau�en herumlaufen zu lassen, wei�t du das?� sagte sie. �Einem Kind wie ihr, und noch dazu einem, das fremd in der Stadt ist, kann hier alles m�gliche zusto�en. Man sollte dich f�r deinen Leichtsinn bestrafen.� Sie sch�ttelte tadelnd den Kopf, machte eine unwillige Geste, als Weller widersprechen wollte, und wandte sich an den Mann auf der anderen Seite des Tisches. �Gibt es Schwierigkeiten, Kommandant?�</p><p>�Nein�, antwortete der Mann hastig. �Das hei�t... doch.�</p><p>�Was denn nun?� Jandhi runzelte unwillig die Stirn. </p><p>�Wo ist das Problem � diese beiden sind von den Klorschas aus ihrem Haus vertrieben worden und brauchen Passierscheine, um zu ihren Verwandten in den Norden zu kommen.�</p><p>�Das... das stimmt schon�, antwortete der Mann. Er wurde immer nerv�ser. �Jedenfalls ist es das, was der Bursche da �� Er deutete auf Weller. � � behauptet. Aber so einfach ist das nicht. Ich mu� erst sehen, ob �� </p><p>�Wie w�re es�, unterbrach ihn Jandhi scharf, �wenn du einmal hinausgehen und auf die Stra�e blicken w�rdest, Kerl? Vor deiner Kommandantur stehen noch drei Dutzend andere, die das gleiche Problem haben. Ein paar von ihnen sind verletzt. Wie w�rde es dir gefallen, wenn deine Vorgesetzten erf�hren, da� du die Leute, von deren Steuern sie leben, stundenlang warten l��t?�  Der Mann schrumpfte ein St�ck in sich zusammen. </p><p>�Aber... aber meine Vorschriften sagen ��</p><p>�Vergi� deine Vorschriften, Kerl!� Jandhi geriet sichtlich in Rage. �Gib den beiden einen Passierschein, und zwar auf der Stelle!�</p><p>�Wie Ihr befehlt, Herrin. �</p><p>Jandhi schnaubte. �In der Tat, ich befehle es.� Zornig wandte sie sich wieder an Tally. �Diese Narren! Eines Tages werden die Klorschas ganz Schelfheim �berrennen, und die Leute werden es nicht einmal merken, weil sie die Nasen nicht aus ihren Gesetzb�chern bekommen!� Sie seufzte, beugte sich ungeduldig vor und st�tzte sich auf der Tischkante ab, w�hrend der Kommandant hastig eine Schreibfeder nahm und einige Zeilen auf ein St�ck Pergament kritzelte. Jandhi ri� es ihm aus den H�nden, kaum da� er Zeit gefunden hatte, sein Siegel darunter zu setzen, faltete es achtlos in der Mitte zusammen und gab es Weller.</p><p>�Hier�, sagte sie. �Nimm. Und denk in Zukunft daran, deine Schwester nicht mehr allein zu lassen.�</p><p>Weller nickte. Sein Blick flackerte wie der eines Wahnsinnigen. Feiner Schwei� perlte auf seiner Stirn. �Das ist... sehr freundlich von Euch, Herrin�, stammelte er. </p><p>�Ich... ich danke Euch.�</p><p>Jandhi machte eine ungeduldige Handbewegung.</p><p>�Bedank dich bei deiner Schwester�, erwiderte sie grob. </p><p>�Ich helfe ihr, nicht dir. Im Grunde hast du es nicht besser verdient, Kerl. Predigen wir nicht seit Jahren, da� ihr die H�user im Westen aufgeben und die Stra�en zumauern sollt? Aber Narren wie du sind ja nicht zur Vernunft zu bringen, scheint mir. Nora erz�hlt, du willst das Haus wieder aufbauen? Stimmt das?�</p><p>Weller tauschte einen raschen, sehr nerv�sen Blick mit Tally. �Ich... denke dar�ber nach�, gestand er z�gernd. �Mein Gesch�ft ist hier im Westen, und �� </p><p>�Dein Gesch�ft nutzt dir nichts, wenn man dir die Kehle durchgeschnitten hat�, unterbrach ihn Jandhi grob. �Jetzt bring erst mal dieses Kind in Sicherheit, und dann �berlege dir gut, wo du deinen Handel wieder aufbauen willst. Es ist m�glich, da� wir es eines Tages leid sind, das Leben guter Krieger zu verschwenden, um Narren wie dich zu retten.�</p><p>�Ich werde dar�ber nachdenken�, sagte Weller hastig. </p><p>�Und ich... ich danke Euch. Auch im Namen meiner Schwester.�</p><p>�Schon gut�, murrte Jandhi. �Jetzt geh. Zwei Stra�en s�dlich findest du einen Tr�gerstand. Sag dem Verleiher, da� Jandhi dich schickt, dann wirst du das erste Tier bekommen, das frei ist.�</p><p>Weller nickte abermals, drehte sich mit einer fahrigen Bewegung herum und lief so schnell aus dem Zimmer, da� es fast einer Flucht gleichkam. Seine Angst war nicht mehr zu �bersehen.</p><p>Tally z�gerte, ihm zu folgen. Alles in ihr schrie danach, aus der N�he dieser beiden geheimnisvollen Frauen zu verschwinden, von denen sie immer noch nicht wu�te, wer sie waren, die aber �ber eine ungeheure Macht zu verf�gen schienen. Gleichzeitig hatte sie das Gef�hl, da� es ungeheuer wichtig war, mehr �ber sie zu erfahren. </p><p>�Geh ruhig, Kind�, sagte Jandhi, die ihr Z�gern wohl falsch deutete. �Wenn dein Bruder tut, was ich sage, seid ihr in wenigen Stunden bei euren Verwandten.� </p><p>�Danke, Herrin�, sagte Tally. �Ich... ich wei� gar nicht, wie ich Euch ��</p><p>�Du brauchst mir nicht zu danken�, unterbrach sie Jandhi. �Es ist unsere Aufgabe, f�r Ordnung zu sorgen, oder? Und nun geh. Wer wei� � vielleicht sehen wir uns wieder. Wo im Norden wohnen eure Verwandten? � </p><p>�Ich wei� nicht genau�, sagte Tally, was der Wahrheit entsprach. �Irgendwo am... am Hafen, sagte Weller.� </p><p>�Am Hafen?� Zwischen Jandhis Augen entstand eine steile Falte. �Keine gute Gegend. Aber sie pa�t zu deinem Bruder.�</p><p>Sie beendete das Gespr�ch mit einer bestimmenden Geste, l�chelte aber noch einmal, als sich Tally r�ckw�rts gehend aus dem Zimmer entfernte. Erst, als die T�r hinter ihr zuschlug, wagte es Tally, sich wieder aufzurichten und erleichtert aufzuatmen. Obwohl eigentlich nichts Besonderes passiert war, hatte sie das bestimmte Gef�hl, mit knapper Not einer entsetzlichen Gefahr entronnen zu sein.</p><p>Weller hatte das Geb�ude bereits verlassen und wartete auf der Stra�e auf sie, ein St�ck abseits der Schlange, und noch immer bleich wie Kalk vor Schrecken. Aber in seinen Augen flammte es zornig auf, als Tally an den Wachen vorbei aus der T�r trat und auf ihn zuging.</p><p>�Bist du wahnsinnig geworden?� fauchte er. �Habe ich dir nicht gesagt, du sollst mit niemandem sprechen? Und du ��</p><p>�Sie haben mich angesprochen�, unterbrach ihn Tally. </p><p>�Was sollte ich tun?�</p><p>�Oh verdammt, du bist ja noch verr�ckter, als ich geglaubt habe!� Weller keuchte, als litte er Schmerzen. </p><p>�Wei�t du �berhaupt, wer das war?�</p><p>Tally nickte. �Jandhi�, sagte sie. �Das war der Name, mit dem sie ihre Begleiterin ansprach.�</p><p>�Jandhi, ja�, schnaubte Weller w�tend. �Jandhi san Sar, die heilige Mutter der <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> in Schelfheim. Die Frau, die ihre rechte Hand opfern w�rde, um dich in die Finger zu bekommen!�</p><p>Tally erschrak nicht einmal sehr. Sie hatte geahnt, da� es mit Jandhi und Nirl etwas Besonderes auf sich hatte, und ein Teil von ihr hatte wohl auch gesp�rt, da� diese Frau mehr als nur irgendeine einflu�reiche Pers�nlichkeit Schelfheims war. Trotzdem sp�rte sie, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Unter dem Kleid begannen ihre Knie ein wenig zu zittern. �Die... <emphasis>T�chter des Drachen?�</emphasis>  wiederholte sie unsicher.</p><p>Weller grinste b�se. �Ja � und jetzt frag' mich, warum ich so erschrocken war. Beim Schlund � ich habe mich schon auf dem Schafott gesehen, als du mit den beiden hereingekommen bist.�</p><p>�Na, dann sind wir ja quitt�, sagte Tally spitz. Ihr Schrecken schlug in Zorn auf Weller um. �Deine Idee, einfach so in die Kommandantur zu spazieren und dir einen Passierschein geben zu lassen, war ja wohl auch nicht so gut.�</p><p>�Unsinn!� fauchte Weller. �Ich war dabei, mit diesem Narren �ber die H�he des Bestechungsgeldes zu verhandeln, als du hereingeplatzt bist. Jetzt ist er zornig und wird uns �rger machen, wo er nur kann.�</p><p>Tally sah ihn scharf an. Sie wu�te nicht, ob Wellers Behauptung nun eine L�ge war oder der Wahrheit entsprach. Vielleicht vertrug er es einfach nicht, da� sie recht hatte; der Typ dazu schien er zu sein.</p><p>�Ein Grund mehr, zu tun, was Jandhi vorgeschlagen hat�, sagte sie schlie�lich. �Du wei�t, wo dieser Tr�gerstand ist?�</p><p>Weller nickte w�tend, drehte sich auf der Stelle herum und wollte losst�rmen. Aber sie hatten noch keine drei Schritte getan, als hinter ihnen eine helle Stimme rief: </p><p>�Nora, Weller! Wartet!�</p><p>Als Tally sich herumdrehte, erkannte sie Jandhi, die mit weit ausgreifenden Schritten auf sie zueilte. Von ihrer j�ngeren Begleiterin war keine Spur zu sehen, aber hinter ihr traten gleich f�nf Soldaten aus dem Haus und scheuchten die Wartenden beiseite.</p><p>�Das ist das Ende�, fl�sterte Weller. �Sie hat endlich gemerkt, wer du bist. Warum habe ich dich nicht in den Schacht geworfen, ich Narr!�</p><p>Tally ignorierte seine Worte. Gebannt blickte sie Jandhi entgegen, die beinahe im Laufschritt auf sie und Weller zukam, dicht gefolgt von den Kriegern der Stadtwache. Sie wu�te, da� ihre Chancen praktisch gleich null waren, einen Kampf mit diesen M�nnern zu bestehen, waffenlos und in der unpraktischen Kleidung, die sie trug. Trotzdem spannte sie die Muskeln. Wenn sie schon sterben mu�te, w�rde sie wenigstens einen oder zwei von ihnen mitnehmen � und Jandhi zuallererst.</p><p>�Gut, da� ihr noch da seid�, sagte Jandhi. �Du hast etwas vergessen, Kind. Hier!� Sie griff unter ihren Mantel. Als sie die Hand wieder hervorzog, blitzte das gewaltige Silberschwert des Katzers darin.</p><p>Weller erbleichte noch ein bi�chen mehr, als er die Klinge sah, und wie zur Antwort blitzte es in Jandhis Augen sp�ttisch auf. �Das ist f�r dich�, sagte sie, hielt die Klinge aber Tally hin, die z�gernd und mit zitternden Fingern danach griff.</p><p>�F�r... mich?� wiederholte Weller.</p><p>�Bedank dich bei deiner Schwester�, sagte Jandhi. �Sie hat es gekauft, um dir eine Freude zu machen. Dabei h�ttest du es eher verdient, da� man dir das Ding �ber den Sch�del schl�gt.� Sie lachte, trat einen Schritt zur�ck und ma� Weller mit einem sehr strengen Blick.</p><p>�Behandle das Kind gut, Weller�, sagte sie. �Ich werde mich nach euch erkundigen. Und wenn ich h�re, da� Nora ein Leid geschehen ist, ziehe ich dich pers�nlich zur Verantwortung.�</p><p>Damit ging sie. Aber Weller starrte noch lange Zeit mit offenem Mund in die Richtung, in der sie verschwunden war.</p><p>Er sprach kein Wort mehr mit Tally, bis sie den Tr�gerstand erreicht hatten.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Der Tr�ger war eine �berraschung. Tally hatte mit einem Wagen gerechnet, vielleicht einer Art Rikscha, wie sie in den kleineren St�dten im Westen benutzt wurden, durch die sie gekommen war; nach allem, was sie bisher in Schelfheim erlebt hatte, vielleicht sogar mit einer Maschine � denn wo die G�tter selbst regierten, da schienen sie es mit ihren eigenen Gesetzen nicht ganz so ernst zu nehmen. Aber er war nichts von alledem. Es war ein Hornkopf, ein gigantisches K�ferding, zwei Meter hoch und fast doppelt so lang, mit sechs spinnenartig geknickten Beinen und einem h��lichen, stachelgekr�nten Sch�del.</p><p>Tally blieb erschrocken stehen, als sie sich durch die Menschentraube gek�mpft hatten, die den Tr�gerstand umlagerte, und sie das Ungeheuer erblickte. Ihr instinktiver Widerwille gegen Hornk�pfe wurde f�r einen Moment so �berm�chtig, da� sie um ein Haar herumgefahren und schlichtweg davongelaufen w�re. Vielleicht h�tte sie es sogar getan, w�re sie nicht derart in der Menschenmenge eingekeilt gewesen, da� sie sich gar nicht mehr bewegen konnte.</p><p>Weller befahl ihr �berfl�ssigerweise, stehenzubleiben und auf ihn zu warten, zog den Passierschein unter dem Wams hervor und ging auf den Tr�gerf�hrer zu, der ihm feindselig entgegenblickte.</p><p>Tally konnte nicht h�ren, was sie sprachen, aber Jandhis Name schien auch hier Wunder zu wirken. Der F�hrer erbleichte sichtlich, starrte Weller eine Sekunde lang mit einer Mischung aus Ha� und Furcht an und fuhr dann auf dem Absatz herum. Weller winkte ihr ungeduldig, neben ihn zu treten.</p><p>Tally wollte gehorchen, aber eine Hand hielt sie am Arm zur�ck. �rgerlich fuhr sie herum, blickte in ein breitfl�chiges, vor Zorn ger�tetes Gesicht und erinnerte sich im letzten Moment daran, da� sie die verschreckte kleine Schwester eines verweichlichten St�dters spielte. Der Mann, der sie und Weller abwechselnd w�tend anstarrte behielt seine Z�hne.</p><p>�Was soll das?� ereiferte er sich. �Wir stehen seit Stunden hier! Was f�llt euch Pack ein, euch vorzudr�ngen?�</p><p>�Fragt meinen Bruder, Herr�, antwortete Tally kleinlaut. �Er hat ein St�ck Papier. Ich wei� nichts davon.�  Der Mann schnaubte, lie� ihren Arm los, versetzte ihr aber in der gleichen Bewegung einen Sto�, der sie geradewegs in Wellers Arm taumeln lie�. �Das werden wir sehen!� br�llte er. �Es geht hier der Reihe nach, oder ��  Er brach mitten im Satz ab, wurde bleich und starrte aus hervorquellenden Augen auf die Schwertspitze, mit der Weller ihn in die Nase piekste.</p><p>�Wenn du �rger suchst, Kerl�, sagte Weller l�chelnd, �dann kannst du ihn haben. Oder vergreifst du dich prinzipiell nur an wehrlosen Frauen?�</p><p>Der Bursche schluckte ein paarmal. Aber er schien nicht ganz so feige zu sein, wie Weller annahm, denn er wich zwar einen Schritt zur�ck, hob aber gleich darauf wieder zornig die F�uste. �Damit kommt ihr nicht durch!� sagte er. �Wir alle warten seit Stunden auf einen Tr�ger! Ihr habe euch in der Reihe anzustellen wie alle!�  Weller kam nicht dazu, zu antworten, denn in diesem Moment kam der F�hrer zur�ck, schlug sein Schwert mit der flachen Hand herunter und baute sich drohend zwischen ihm und dem Mann auf, der Tally gesto�en hatte. </p><p>�Was geht hier vor?� fragte er. �Ich dulde keinen Streit an meinem Stand.�</p><p>�Wieso l��t du sie vor?� beschwerte sich der Schelfheimer. �Wir alle warten seit Ewigkeiten hier, und jetzt �� </p><p>�Und jetzt kommt einer, der in Jandhis Namen spricht�, unterbrach ihn der F�hrer. �Was soll ich machen? Ihn zur�ckschicken und meine Lizenz verlieren, Kerl?�</p><p>Er spie �rgerlich aus, aber Tally hatte das Gef�hl, da� diese Geste wohl eher ihr und Weller galt als dem Mann. </p><p>�Du hast die Wahl�, fuhr er fort. �Du kannst dich einige Augenblicke l�nger gedulden, oder es darauf ankommen lassen, da� diese beiden mit der Garde wiederkommen und meinen Laden dichtmachen. Dann kannst du zu Fu� gehen � ist dir das lieber?�</p><p>Der Mann widersprach nicht mehr. Aber sein Zorn war keineswegs verflogen � und er war nicht der einzige, der Weller und Tally voller kaum mehr verhohlenem Ha� anstarrte. Wohin sie auch sah, blickte sie in zornger�tete Gesichter. Hier und da wurden sogar F�uste gesch�ttelt. Verw�nschungen wurden laut. Einige galten Weller und ihr, anderen den T�chtern des Drachen oder der Stadtgarde.</p><p>�Komm�, sagte Weller halblaut. �Besser, wir verschwinden, ehe dieser T�lpel etwas tut, was er sp�ter bedauert.�</p><p>Sie n�herten sich dem Tr�ger. Wieder stockten Tallys Schritte, und noch einmal wurde ihre instinktive Angst vor dem gepanzerten Ungeheuer fast �berm�chtig. Pl�tzlich war sie froh, da� Hrhon nicht bei ihnen war. Sie war sicher, da� es zu einem Ungl�ck gekommen w�re, h�tte der Waga <emphasis>diese</emphasis> Kreatur gesehen.</p><p>Auf ein Zeichen des F�hrers hin knickte der Hornkopf in den vorderen beiden Beinpaaren ein und �ffnete seinen R�ckensch�ld. Tally sah, da� die zarten Fl�gel darunter beschnitten waren, so da� er nicht mehr fliegen konnte. Der Chitinpanzer selbst war sehr sonderbar geformt � im ersten Moment dachte sie, er w�re ebenfalls verst�mmelt, aber dann erkannte sie, da� er zu einer Art nat�rlichem Sattel umgeformt war; nicht durch den Eingriff von Messern oder anderen Werkzeugen, sondem durch sorgsame Zuchtauswahl. Der Hornkopf war eine gezielte Mutation. Und nicht nur in einer Hinsicht, wie sie Augenblicke sp�ter erkannte.</p><p>�Wohin wollt ihr?� fragte der F�hrer �bellaunig. </p><p>�Zum Hafen�, antwortete Weller. �Zur kleinen Schleuse. Das n�rdliche Ufer. �</p><p>W�hrend Tally unsicher auf den halb ge�ffneten R�ckenschild des Tr�gers hinaufkletterte, begann der F�hrer mit den Fingerspitzen �ber den Sch�del des Hornkopfs zu fahren. Seine H�nde bewegten sich dabei schnell und geschickt wie die eines K�nstlers, der ein empfindliches Instrument spielt; mal zog er schnelle, zitterige Linien, mal tippte er nur mit den Fingerspitzen auf das schwarze Chitin, zum Abschlu� pre�te er die Handfl�che auf das dreieckige Insektenmaul des Scheusales.</p><p>�Was tut er da?� fragte Tally halblaut.</p><p>Weller machte eine erschrockene Bewegung, still zu sein, beugte sich aber trotzdem zu ihr her�ber und antwortete: �Er sagt ihm, wohin er uns bringen soll. Wenn er fertig ist, gibt es nichts, was den Tr�ger noch vom Weg abbringen k�nnte. Aber still jetzt. Du stellst zu viele dumme Fragen.�</p><p>Der F�hrer war mittlerweile fertig geworden und ein St�ck zur�ckgetreten. Einen Moment lang verharrte der Tr�ger noch in seiner reglosen, nach vorne gebeugten Haltung. Dann richtete er sich wieder auf, hob den Kopf und spreizte die Fl�geldecken noch weiter auseinander, bis sie im rechten Winkel vom K�rper abstanden und er seine beiden Fahrg�ste in der Balance hatte. Tally und Weller sa�en nun schr�g hinter seinem stacheligen Sch�del, sicher gehalten von den nat�rlichen Vertiefungen seines Panzersattels, w�hrend ihre Beine frei in der Luft baumelten.</p><p>Tally begann sich unwohl zu f�hlen. Au�erdem kam sie sich l�cherlich vor, auf den auseinandergeklappten Fl�geldecken eines Riesenk�fers zu hocken wie ein Korb voller Fr�chte neben dem R�cken eines Lastesels. Weller ergriff mit der linken Hand eines der gebogenen Sch�delh�rner des Tr�gers und bedeutete ihr mit Blicken, es ihm gleichzutun. Tally gehorchte, und kaum hatte sie das Horn aus schwarzem Chitin ber�hrt, da setzte sich der Hornkopf in Bewegung, langsam und schaukelnd wie ein �berladenes Kamel zuerst, dann, als er aus der Menschenmenge heraus war und seine Beine in den gewohnten Takt gefunden hatten, mit erstaunlichem Tempo. Tally versp�rte ein leises Ekelgef�hl. Die Art, in der sich die Beine des Hornkopfes bewegten, erinnerten sie stark an das Laufen einer Spinne. Nach wenigen Augenblicken erreichten sie eine breitere, von zweigeschossigen steinernen H�usern ges�umte Stra�e. Tally sah, da� in ihrer Mitte ein doppelter, gut dreifach mannsbreiter Streifen dunklerer Steine in das Stra�enpflaster eingelassen war, auf dem sich zahlreiche Tr�gerinsekten bewegten � und zwar in einer Ordnung, die sie �berraschte. Das hektische Hin und Her der K�fer wirkte chaotisch, aber es war das Gegenteil: alle Tr�ger, die sich nach Norden bewegten, hielten sich auf dem linken Streifen w�hrend die westw�rts eilenden � es waren erheblich weniger � die rechte Stra�enseite benutzten. Niemals ber�hrten sich die Insekten dabei, auch wenn es so aussah, als m��ten sie mit ihren weit auseinandergeklappten Fl�geldecken die Stra�e leerfegen wie mit Sensen.</p><p>Ihr eigener Tr�ger wartete reglos, bis er eine L�cke in dem schwarzen Strom der Insekten ersp�hte, flitzte mit erstaunlicher Behendigkeit los und reihte sich ein. Tally h�tte sich gerne mit Weller unterhalten, denn es gab buchst�blich Tausende von Dingen, die sie sah und nicht verstand, aber das Klicken und Knistern und Rascheln der wirbelnden Insektenbeine schwoll zu einem derartigen L�rm an, da� sie h�tten schreien m�ssen, um sich zu verst�ndigen. Die H�user flogen nur so an ihnen vor�ber. Wenn sie ihre Geschwindigkeit beibehielten, sch�lzte Tally, dann mu�ten sie die knapp zwanzig Meilen bis zum Hafen in weniger als zwei Stunden zur�ckgelegt haben.</p><p>Aus den zwei Stunden wurden vier, denn die Stra�en, die der Tr�ger nahm, waren nicht immer so breit wie diese, und mehrmals stockte der klickende Fu� der schwarzen Riesenk�fer, wenn sie an Stellen kamen, an denen sich die Stra�en kreuzten. Einmal mu�ten sie eine geschlagene halbe Stunde warten, weil ein St�ck vor ihnen einer der Riesenk�fer von der Bahn abgekommen und wie ein lebendes Gescho� in den entgegengesetzten Laufstrom hineingerast war, was ein heilloses Chaos hervorgerufen hatte. Soweit Tally erkennen konnte, hatte es Verletzte, vielleicht sogar Tote unter den M�nnern und Frauen gegeben, die unsanft von den R�cken ihrer Lasttiere heruntergeschleudert worden waren. Als sie sich ihrem Ziel zu n�hern begannen, h�rte Tally ein dumpfes, an- und abschwellendes Rauschen. Zu Anfang war es so leise, da� es fast im Klicken und Rasseln des Insektenstromes unterging. Aber es schwoll an, bis es das Chitinwispern der Tr�ger zu �bert�nen begann, und nach einer Weile glaubte sie, den Boden unter den F��en ihres Tieres im Rhythmus dieses Ger�usches zittern zu f�hlen.</p><p>�Was ist das, Weller?� schrie sie �ber den L�rm hinweg.</p><p>Weller drehte sich schwerf�llig im Sattel herum. </p><p>�Was?� antwortete er schreiend. �Dieser L�rm?� Tally nickte, und Weller fuhr mit einer vagen Geste nach Norden hin fort: �Der Hafen. Mach dich auf eine �berraschung gefa�t! Und stell zum Teufel noch mal nicht so viele dumme Fragen. Wir fallen auf!�</p><p>Tally verbi� sich die w�tende Antwort, die ihr auf der Zunge lag � schon allein, weil sie mit vollem Stimmaufwand h�tte schreien m�ssen, um sie hervorzubringen. Nach allem, was sie bisher mit Weller erlebt hatte, schien er h�chst sonderbare Vorstellungen von der Bedeutung des Wortes <emphasis>unauff�llig</emphasis> zu haben. Aber wenige Augenblicke sp�ter bog der Tr�ger in eine schmale Seitenstra�e ein, und was Tally sah, lie� sie ihre Ver�rgerung im Moment vergessen, denn unter ihnen lag der Hafen von Schelfheim.</p><p>Sie hatte sich bisher niemals Gedanken �ber die Bedeutung des Wortes <emphasis>Hafen</emphasis> gemacht; irgendwie hatten sich die beiden Vorstellungen, da� Schelfheim am Schlund lag und da� Wasser prinzipiell das Bestreben hatte, bergab zu flie�en, in Tallys Bewu�tsein nicht zu der Unm�glichkeit vereint, die sie darstellten. Bis jetzt. Unter ihnen lag der Flu�, ein glitzerndes, eine halbe Meile breites Band, das wie mit einem ungeheuerlichen Lineal gezogen gerade nach Westen verlief, bis es sich im H�usermeer der Stadt verlor. Ein halbes Dutzend gewaltiger Br�cken �berspannte den Flu�. Seine Ufer waren gemauert, schr�g abfallende, gr�nverkrustete D�mme, unter denen das Wasser mit unglaublicher Geschwindigkeit dahinscho�. Das dumpfe Donnern und Dr�hnen, das sie h�rte, �berraschte sie jetzt nicht mehr, denn sie blickte geradewegs in den gigantischsten Wasserfall, den sie jemals gesehen hatte.</p><p>Sie waren dem Schlund jetzt sehr nahe, und eine Viertelmeile unter ihnen scho� das Wasser des Flusses sch�umend und und donnernd ins Nichts, ein br�llender Strom, der mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles in die gro�e Leere hinausraste und zu wei�glitzerndem Schaum wurde, ehe er seinen meilentiefen Sturz begann. Der Boden unter den F��en ihres Reittieres zitterte jetzt wirklich, und die Luft war so voller Feuchtigkeit, da� ihre Kleider schon nach Augenblicken dunkel und schwer zu werden begannen. Wasser sammelte sich in winzigen glitzernden Tr�pfchen auf dem Chitinpanzer des Tr�gers.</p><p>Tally bemerkte es nicht einmal. Wie gebannt starrte sie auf das unglaubliche Bild, das sich ihr bot.</p><p>Der Flu� hatte sich im Laufe der Jahrhunderttausende ein St�ckweit ins Land hineingefressen, so da� der Wasserfall praktisch innerhalb der Stadt lag. Die Glocke aus spr�hender Gischt mu�te eine halbe Meile hoch sein, ein Bereich immerw�hrender Feuchtigkeit und nie endenden, entsetzlichen L�rms, in dem trotzdem H�user und Stra�en entstanden waren, von denen sich manche bis auf wenige Schritte an den Rand des Abgrundes herangetastet hatten.</p><p>Tally schauderte. Ein Gef�hl eisiger K�lte durchflutete sie, und ganz pl�tzlich hatte sie Angst, panische Angst. Es war das erste Mal, da� sie den Schlund <emphasis>sah,</emphasis> wirklich sah, so nahe, da� sie nur noch wenige hundert Schritte h�tte tun m�ssen, um ihn zu erreichen. Und obwohl ihr Leben in den letzten vierzehn Monaten keinem anderen Ziel mehr gedient hatte als genau diesen Schlund zu erreichen, entsetzte sie sein Anblick zutiefst. Vor ihr lag der Rand der Welt, das gro�e Nichts, die Leere, aus der alles Leben kam und in die es zur�ckkehrte, ein Abgrund, Meilen um Meilen um Meilen tief, und mit nichts anderem als <emphasis>nichts</emphasis> gef�llt. Wo Land sein sollte, erstreckte sich eine ungeheuerliche, blaugr�n gemusterte Ein�de, so entsetzlich, so unbeschreiblich <emphasis>tief</emphasis> unter der Klippe liegend, da� selbst das Wasser Stunden brauchen mu�te, es in seinem Sturz zu erreichen.</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment war Tally sicher, da� Maya gelogen hatte. Es war unm�glich, da� dort unten <emphasis>irgend etwas</emphasis> existierte, und wenn, war es noch unm�glicher, da� irgend etwas den Weg hinauf aus dieser Tiefe schaffte. Nicht einmal ein Drache.</p><p>Dann bewegte sich der Tr�ger in eine weitere Gasse hinein, und mit dem unmittelbaren Anblick des Schlundes verschwand auch die Angst, mit dem er sie erf�llt hatte. Tally atmete h�rbar auf. Der feine Spr�hregen des Wasserfalles hatte sie bis auf die Haut durchn��t, und pl�tzlich sp�rte sie, wie kalt es geworden war. Sie zitterte am ganzen Leib. Aber sie versuchte tapfer, sich einzureden, da� es wirklich nur an der K�lte und der alles durchdringenden Feuchtigkeit lag. Mit aller Macht k�mpfte sie ihre Furcht nieder und versuchte, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren.</p><p>Sie n�herten sich jetzt dem eigentlichen Hafen, einem komplizierten System hintereinandergestaffelter riesiger Becken, deren Staumauern die Str�mung des Flusses schrittweise brachen, bis sie weit genug geb�ndigt war, nicht jedes Schiff wie ein Spielzeug zu zermalmen. Trotzdem waren die Schiffe, die auf den Wellen schaukelten, mit gewaltigen Ketten und Tauen gesichert. Die gemauerten Ufer waren hier mit einem komplizierten System aus stacheligen R�dern und Ketten �bers�t, das sich so weit in den Westen zog, wie Tally sehen konnte.</p><p>Sie fragte Weller nach dem Sinn dieser Konstruktion, und er erkl�rte ihn ihr: Schiffe, die nach Schelfheim fuhren, konnten sich der Str�mung �berlassen, bis sie in einem der Hafenbecken aufgefangen wurden, w�hrend das Fahren in s�dlicher Richtung weitaus schwieriger war. Segel oder Ruder und auch beides zusammen hatten keine Chance gegen den Sog der Str�mung, so da� Schiffe, die Schelfheim wieder verlassen wollten, gezogen werden mu�ten, und zwar mehrere Meilen landeinw�rts, bis weit hin�ber �ber die Klippe, die den Schelf vom eigentlichen Land trennten, Wellers Erkl�rung erf�llte Tally mit Staunen, aber auch mit einer tiefen, j�h aufflammenden Wut. Sie hatte St�dte verbrannt, deren Bewohner so leichtsinnig gewesen waren, einen Flaschenzug zu erfinden. Und in dieser Stadt, die unter dem Befehl der Drachenreiterinnen stand, sah sie Maschinen, die an ein Wunder grenzten. Irgendwie holte diese Erkenntnis Tally in die Wirklichkeit zur�ck. Die Ehrfurcht, mit der sie der Anblick des Schlundes erf�llt hatte, verkroch sich in einen entlegenen Winkel ihres Bewu�tseins, und ganz pl�tzlich wurde sie sich wieder des Grundes bewu�t, aus dem sie �berhaupt hier war.</p><p>Aber sie hatten ihr Ziel jetzt auch fast erreicht. Der Tr�ger trippelte ungeschickt eine gewundene Treppe hinab, n�herte sich dem Rand eines der gewaltigen Hafenbecken und hielt pl�tzlich an. Weller sprang mit einer geschmeidigen Bewegung von seinem Panzer herunter, duckte sich unter seinem Sch�del hindurch und streckte die Arme aus, um Tally beim Absteigen zu helfen.</p><p>Tally ignorierte ihn, stieg umst�ndlich von ihrem Sitz herab und trat ein paar Schritte auf der Stelle, um ihre vom langen reglosen Sitzen steif gewordenen Muskeln zu durchbluten. �Wo ist Karans Haus?� fragte sie. Weller zog eine Grimasse. �Hier nicht�, antwortete er. </p><p>�Wir haben noch einen kleinen Spaziergang vor uns � nicht lang. Drei, vielleicht vier Stunden.�</p><p>Tally starrte ihn w�tend an. �Was soll das?� fragte sie. </p><p>�Wenn ich einen Fremdenf�hrer gebraucht h�tte, der mir die Sehensw�rdigkeiten von Schelfheim zeigt, h�tte ich einen engagiert, Weller. Warum hast du uns hierher bringen lassen, wenn Karan drei Stunden entfernt wohnt?�</p><p>�Deshalb.� Weller deutete mit einer Kopfbewegung auf den Tr�ger, der jetzt schwerf�llig seine Fl�geldecken zusammnenfaltete und sich auf der Stelle zu drehen begann. �Ich traue deiner Freundin Jandhi nicht, wei�t du? Diese Biester sind zwar strohdumm, aber sie merken sich jeden Weg, den sie einmal gegangen sind. Wenn er zur�ck ist, braucht Jandhi nur auf seinen R�cken zu steigen, und er f�hrt sie hierher.� Er grinste. �Aber bis dahin sind wir l�ngst Meilen entfernt.�</p><p>�Und Hrhon?� fragte Tally. �Wir wollten uns hier mit ihm treffen.�</p><p>�Er kann fr�hestens beim Sonnenuntergang hier sein�, antwortete Weller ungeduldig. �Er ist ein Waga, vergi� das nicht. Nicht-Menschen bekommen keine Tr�ger in Schelfheim. Er mu� wohl oder �bel laufen. Aber wir sollten die Zeit nutzen, zu Karan zu gehen und mit ihm zu reden. Wenn wir ihn finden, hei�t das.�</p><p>Tally starrte ihn w�tend an, aber sein Grinsen verriet ihr, da� er zumindest den letzten Satz nur gesagt hatte, um sie zu reizen. So schwieg sie und trat nur finsteren Blickes neben ihn, als er sich umwandte und in die Richtung zu gehen begann, aus der sie gerade gekommen waren.</p><p>Sie konnte Wellers Vorsicht sogar verstehen � auch ihr war die Freundlichkeit, mit der Jandhi sie behandelt hatte, noch immer ein R�tsel, und es h�tte sie keineswegs �berrascht, wenn Weller recht gehabt h�tte und dies alles wirklich nur eine geschickt aufgestellte Falle war, in der sie und Hrhon sich fangen sollten. Trotzdem nahm ihre Ver�rgerung noch zu; denn sie gingen mindestens eine Meile auf genau dem Weg zur�ck, den der Tr�ger sie hergebracht hatte, ehe sie schlie�lich nach Norden abbogen und sich wieder dem Schlund n�herten. Tally fragte sich, warum sie nicht einfach vom R�cken des Tieres gesprungen waren, als sie an dieser Stelle vorbeikamen, und sie stellte die gleiche Frage Weller, der sie aber nur als sei sie nicht ganz richtig im Kopf, anstarrte, und es vorzog, gar nicht zu antworten. Je weiter sie sich vom Hafen entfernten, desto zahlreicher wurden die Menschen, denen sie begegneten. Wenn sich die H�user in der N�he des Wasserfalles auch aus reiner Platznot bis an den Abgrund herangeschoben hatten, so spielte sich das Leben dort doch zum allergr��ten Teil hinter ihren Mauern ab � wer hatte schon Lust, dachte Tally, bei jedem Atemzug Wasser zu atmen und st�ndig das Gef�hl zu haben, sich auf den Grund eines besonders d�nnfl�ssigen Meeres verirrt zu haben. Zwei Meilen westlich des Hafens war dies anders. Zwar �bert�nte das Grollen und Dr�hnen des Wasserfalls auch hier jeden anderen Laut, und wenn sie sich darauf konzentrierte, so konnte sie auch hier noch das Zittern und Beben des Bodens sp�ren, aber die Stra�en waren doch wieder voller Leben. Weller wurde immer schweigsamer, je weiter sie in diesen Teil der Stadt eindrangen, und er ging jetzt dichter neben ihr.</p><p>Tally konnte ihn gut verstehen. Was sie sah, erschreckte die Frau in ihr, und es lie� die Kriegerin vorsichtiger werden. Die H�user waren hier allesamt alt und grau und so schmutzig, da� der Slam dagegen wie eine gepflegte Parklandschaft wirken mu�te, und manche Stra�en waren so mit Abf�llen �bers�t, da� sie �ber Berge von M�ll und Unrat steigen mu�ten, wollten sie nicht gro�e Umwege in Kauf nehmen. Es gab fast ebensoviele Ratten wie Menschen � und beinahe keine Frauen.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis Tally dieser Umstand auffiel, und eigentlich waren es auch eher die teils verwunderten, teils aber auch eindeutig gierigen Blicke, die ihr folgten, die sie �berhaupt darauf aufmerksam werden lie�, da� hier fast nur M�nner zu sehen waren. Von den beiden einzigen Frauen, die ihnen in den gut zwei Stunden ihres Marsches begegnete, war die eine uralt, eine Greisin, die sich schwer auf einen Stock st�tzte und trotzdem kaum vorw�rts kam, die andere etwa in Tallys Alter, aber in M�nnerkleidung geh�llt und bis an die Z�hne bewaffnet. Ihr Gesicht war vernarbt und fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie glaubte pl�tzlich besser zu verstehen, warum Weller sie gewarnt hatte, in dieser Stadt offen sichtbar eine Waffe zu tragen.</p><p>Und sie sehnte sich jetzt mehr denn je danach zur�ck. Als sie nach einer Weile von der belebten Hauptstra�e abbogen und eine Abk�rzung durch eine kaum meterbreite Gasse nahmen, befahl sie Weller mit einer Geste stehenzubleiben.</p><p>�Mein Schwert�, sagte sie.</p><p>Weller z�gerte. �Du erregst auch so schon genug Aufsehen�, sagte er, �Ich halte es f�r keine gute Idee, wenn du einen Waffe tr�gst.�</p><p>�Ich schon�, erwiderte Tally kurz angebunden.</p><p>�Au�erdem werde ich es unter dem Mantel verstecken. Aber diese Gegend gef�llt mir nicht. Hier l�uft zu viel Kroppzeug herum.�</p><p>Weller lachte. �Dann warte, bis wir in der Altstadt sind�, sagte er, griff aber gehorsam unter sein Cape und zog Tallys Schwert hervor. Sie sch�ttelte den Kopf, als er ihr die Klinge reichen wollte.</p><p>�Das andere�, sagte sie. �Das, das ich dem Katzer abgekauft habe. Das da kannst du behalten.�</p><p>Weller gab sich keine M�he, seine Entt�uschung zu verhehlen. �Sagtest du nicht irgend etwas von einem Geschenk f�r mich?� fragte er sch�chtern.</p><p>�Jandhi hat das gesagt, nicht ich�, verbesserte ihn Tally. �Geh zur�ck und beschwer dich bei ihr.�</p><p>Weller l�chelte gequ�lt, zog die Silberklinge unter dem Umhang hervor und sah stirnrunzelnd zu, wie sie es in den Waffengurt schob und beides umband. Ihr eigenes, altes Schwert hielt sie ihm hin. Weller sch�ttelte den Kopf, und Tally warf die Klinge achtlos zu Boden. Sie schlo� ihren Mantel sorgf�ltig wieder, tastete durch den schweren Stoff nach der Waffe und r�ckte sie zurecht, so da� sie sie mit einem Griff ziehen konnte, der Stahl sich aber nicht zu deutlich unter dem Mantel abzeichnete. </p><p>�Ich halte das f�r keine gute Idee�, sagte er noch einmal. �F�r eine Klinge wie die da schneidet man dir hier die Kehle durch.�</p><p>�Nicht, wenn ich sie in der Hand habe�, sagte Tally trocken. Sie wollte weitergehen, blieb aber nach einem halben Schritt abermals stehen und schl�pfte aus den Folterschuhen, die sie bisher tapfer getragen hatte. Der Stein unter ihren F��en f�hlte sich eisig an. Ihre Fu�sohlen begannen fast sofort vor K�lte zu prickeln. Aber zum ersten Mal seit Stunden hatte sie wieder das Gef�hl, sicher auf ihren eigenen F��en zu stehen.</p><p>Weller seufzte. �Es hat wohl wenig Sinn, dich davon abhalten zu wollen, wie?�</p><p>�Sehr wenig�, antwortete Tally. �Au�erdem habe ich den Eindruck, da� ich sowieso auffalle. Also will ich mich wenigstens wehren k�nnen, wenn es sein mu�.�  Sie sah Weller auffordernd an. �Wie weit ist es noch?� </p><p>�Nicht sehr weit�, antwortete Weller. �Allerdings wei� ich nicht genau, wo ich ihn finde. Aber ich kenne jemanden, der uns hinf�hren wird�, f�gte er hastig hinzu, als Tally �rgerlich die Brauen zusammenzog.</p><p>Sie gingen weiter. Die K�lte kroch eisig in Tallys nackten Beinen empor, und pl�tzlich hatte sie das Gef�hl, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen. Die Gasse schien sich rings um sie herum zusammenzuziehen, wie ein steinernes Maul, das sie verschlingen wollte. Aber das vertraute Gewicht der Waffe an ihrer Seite beruhigte sie. Und � Tally wu�te nicht, warum, aber sie war absolut sicher � sie hatte das ungute Gef�hl, da� sie sie brauchen w�rde.</p><p>Sehr bald.</p><p><emphasis>Das M�dchen war eingeschlafen. Die sanfte, sehr leise Stimme der fremden Frau hatte es sacht hin�bergeschaukelt ins dunkle Reich des Schlafes, und als es aufschrack und � halb erschrokken, halb erleichtert, sich nicht allein wiederzufinden, wie es im allerersten Moment bef�rchtet hatte � in ihr Gesicht blickte, sp�rte es, da� es sehr lange geschlafen haben mu�te. Im Osten begann der Himmel bereits grau zu werden; die Nacht war zu Ende. Die Geschichte der Frau noch nicht, das sp�rte es ganz genau, denn obwohl es nur eine ausgedachte Geschichte war, die die dunkelhaarige Fremde sich zweifellos im gleichen Moment einfallen lie�, in dem sie sie dem M�dchen erz�hlte, hatte sie einen Anfang gehabt und eine Fortsetzung, und sie mu�te ein Ende haben.</emphasis></p><p><emphasis>Da� sie nicht wahr war, st�rte das M�dchen nicht sehr; ganz im Gegenteil � w�re sie wahr gewesen, h�tten sie all die sonderbaren und fremdartigen Dinge sicherlich erschreckt. So aber erweckten sie nur sein Interesse, und erf�llten es allenfalls mit einem schwachen, eher mohligen Schaudern. Und sie halb ihm zu vergessen. Die Stadt brannte noch immer, obwohl es hinter den geschw�rzten Mauern eigentlich lange nichts mehr geben konnte, was noch zu verbrennen war. Aber dann und wann trug der Wind noch immer den ru�igen Geruch des Todes heran, und der Himmel �ber der Stadt lohte rot.</emphasis></p><p><emphasis>Hastig wandte das M�dchen den Blick. Es wollte nicht erinnert werden. Es wu�te, da� der Schmerz kommen w�rde, so wie er Talianna eingeholt hatte, das M�dchen aus der Geschichte der Fremden. Aber es f�hlte sich noch nicht stark genug, ihn zu ertragen.</emphasis></p><p><emphasis>Sie setzte sich auf, zog fr�stelnd die Knie an den K�rper und rieb mit den H�nden �ber ihre nackten Oberarme. Der Morgen war kalt.</emphasis></p><p><emphasis>Nach einer Weile stand die fremde Frau auf, l�ste ihren Mantel von den Schultern und legte ihn dem M�dchen �ber. Das Kind bedankte sich mit einem scheuen L�cheln und kuschelte sich eng in das wollene Kleidungsst�ck.</emphasis></p><p><emphasis>�Hat sie Karan gefunden?� fragte es.</emphasis></p><p><emphasis>�Tally?� Die Fremde nickte. �Oh ja. Ihn und andere.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und hat er getan, was sie von ihm wollte.�</emphasis></p><p><emphasis>Die dunkelhaarige Frau l�chelte. �Sicher. Wenn auch auf andere Weise, als Tally sich vorgestellt hatte. Aber die Geschichte ist noch lang. Und du bist m�de. Schlaf ein wenig. Ich werde auf dich aufpassen.�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen sch�ttelte fast erschrocken den Kopf. Es wollte nicht schlafen. Wenn es schlief, w�rden die Tr�ume kommen. Es ha�te Angst. �Rede weiter�, sagte es. �Bitte. Was geschah mit Hrhon und Weller?�</emphasis></p><p><emphasis>Die Fremde z�gerte. Aber dann setzte sie sich wieder auf den Felsen, auf dem sie die ganze Nacht gehockt hatte, st�tzte die Ellbogen auf die Oberschenkel und beugte sich leicht vor, ehe sie zu erz�hlen begann.</emphasis></p><p><emphasis>�Sie brauchten l�nger, Karan zu finden, als Weller geglaubt hatte. Bald wurde es wieder dunkel, und Tally, die nun schon seit zwei Tagen und einer Nacht nicht geschlafen hatte, wurde sehr m�de, und au�erdem hatte sie Angst, wie du dir sicher vorstellen kannst. Also schlug Weller vor, da� er sich allein auf die Suche nach Karan machen wolle, w�hrend Tally in einem Gasthaus auf ihn wartete...</emphasis></p></section></section><section><title><p>4. Kapitel</p><p>Karan</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Sie war so m�de, da� es ihr schwerfiel, dem Treiben in der Sch�nke die geb�hrende Aufmerksamkeit zu zollen. Weller hatte sie gewarnt, hier hinein zu gehen, selbst in Begleitung, und erst recht, allein hier zu bleiben, aber sie hatte auf die eine Warnung so wenig geh�rt wie auf die andere. Sie hatte zwei Tage und eine Nacht nicht geschlafen, hatte eine mittlere Schlacht miterlebt, um ihr Leben k�mpfen und stundenlang vor einem Feuer davonlaufen m�ssen � mehr, als selbst jemand mit ihrer nicht unbetr�chtlichen Kondition so einfach wegstecken konnte, ohne daf�r fr�her oder sp�ter zahlen zu m�ssen. Sie wollte einfach ausruhen, und ein Ort wie dieser schien ihr noch immer geeigneter als die Stra�e; denn zumindest in diesem Punkt hatte sie Weller uneingeschr�nkt recht geben m�ssen: der Norden Schelfheims war eine Gegend, in der selbst sie es sich gr�ndlich �berlegte, nach Dunkelwerden allein auf die Stra�e hinauszutreten.</p><p>Nicht, da� dieses Gasthaus sehr viel vertrauenerweckender gewesen w�re. Der Raum war zu klein, zu niedrig und zu schlecht bel�ftet, um mehr als ein stickiges Loch sein zu k�nnen, und das Dutzend zerlumpter Gestalten, das an der Theke heruml�mmelte und sich mit billigem Fusel der einzigen Sorte vollaufen lie�, die der Wirt feilbot, h�tte geradewegs aus den Bleiminen von Curan entsprungen sein k�nnen. Aber hier hatte sie ihre Umgebung wenigstens im Auge, und sie hatte einen Platz in der hintersten Ecke der Kaschemme gew�hlt, so da� sie vor einem Angriff aus dem Hinterhalt sicher war. Andererseits glaubte sie nicht, da� die Gefahr ganz so gro� war, wie Weller behauptete. Sie war oft genug auch in Gegenden wie dieser gewesen, um zu wissen, nach welchen Spielregeln das Leben hier ablief. Selbst in einer Gesellschaft aus Verbrechern lief nicht jeder zweite herum und schnitt seinem Nachbarn aus purem �bermut die Kehle durch. Es gab ein paar sehr einfache Regeln, am Leben zu bleiben und �berfl�ssigen �rger zu vermeiden, und Tally bildete sich ein, sie zu beherrschen.</p><p>Eine von diesen Regeln lautete, sich in nichts einzumischen, was einen nichts anging � was praktisch <emphasis>alles</emphasis> war � die andere, sich immer einen Fluchtweg offenzuhalten und als erster zuzuschlagen, wenn es schon sein mu�te. Auch was dies anging, hatte Tally vorgesorgt: das einzige Fenster der Kaschemme lag nur knapp zwei Schritte neben ihr, und sie hatte das Schwert gezogen und unter dem Tisch quer �ber ihre Beine gelegt.</p><p>Der Wirt kam, trug den Becher mit schal gewordenem Bier fort, der vor ihr auf dem Tisch stand, und knallte ihr einen neuen Tonkrug hin. Eine schmierige, fette Hand mit zu kurzen Fingern streckte sich aus; Tally griff in ihren Beutel, nahm eine kleine Kupferm�nze heraus und lie� sie hineinfallen. Der Wirt antwortete mit einem Grunzen und entfernte sich.</p><p>Tally blickte ihm finster nach. Sie verabscheute Neppmethoden wie diese im allgemeinen, und sie lie� normalerweise keine Gelegenheit aus, dies sehr deutlich klarzumachen (im Zweifelsfalle mit einem Fausthieb oder einem Tritt), aber sie war einfach zu m�de, sich wegen einer solchen Kleinigkeit zu ereifern � und sie hatte Wellers Warnung keineswegs vergessen. Sie war eine Frau, und sie war allein, und beides war nicht unbedingt dazu angetan, ihre Position sicherer zu machen. Das Ger�usch der T�r lie� sie aufsehen. Ein halbes Dutzend ausnahmslos hochgewachsener, abenteuerlich gekleideter Burschen betrat das Lokal, gefolgt von einer etwas kleineren, dunkelhaarigen Gestalt in einem bodenlangen schwarzen Cape. Tally hob gelangweilt ihr Bier, stockte pl�tzlich mitten in der Bewegung und sah noch einmal und etwas genauer hin.</p><p>Sie hatte sich nicht get�uscht; die Gestalt in dem schwarzen Mantel war eine Frau, und sie hatte sie schon einmal gesehen; vor nicht einmal einer Stunde, es war die Amazone mit dem Narbengesicht. Tallys M�digkeit machte vagem Schrecken und einer kribbelnden Anspannung Platz. Sie fragte sich, ob es Zufall war, da� die Frau ausgerechnet hier auftauchte. Schelfheim war eigentlich zu gro� f�r ein solch zuf�lliges Wiedersehen.</p><p>Aber vielleicht hatte sie die unabh�ngige Flucht, auf der sie sich seit mehr als einem Jahr befand, auch schon ein wenig dem Verfolgungswahn nahegebracht. Aber gleich, ob Zufall oder nicht � das M�dchen mit dem Narbengesicht hatte schon bei ihrem ersten, fl�chtigen Zusammentreffen Tallys Neugier geweckt, sie beschlo�, die Gelegenheit zu nutzen, sich eine typische Einwohnerin Schelfheims aus der N�he zu besehen. Fast behutsam stellte sie ihren Krug auf den Tisch zur�ck, zog das Kopftuch noch ein wenig tiefer in die Stirn und versuchte, m�glichst unauff�llig auszusehen, w�hrend sie die Amazone gleichzeitig aufmerksam musterte.</p><p>Die dunkelhaarige Frau war an die Theke getreten und hatte ein Getr�nk bestellt, und obwohl sie ein gutes St�ck kleiner als die M�nner neben ihr � und zudem eine Frau � war, fiel Tally sofort auf, da� sie mit sichtlichem Respekt behandelt wurde. In den Blicken des Wirtes zum Beispiel erkannte sie eindeutig Angst, als er auf sie zutrat und das Bier vor ihr abstellte. Und er tat es weitaus h�flicher, als er Tally bedient hatte.</p><p>Tally blickte nerv�s zur T�r. Weller hatte versprochen, in l�ngstens einer Stunde zur�ckzusein, egal ob er Karan nun fand oder nicht. Wenn ihr Zeitgef�hl nicht vollends durcheinandergeraten war, mu�te diese Frist l�ngst verstrichen sein. Aber von Weller war noch keine Spur. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, das Gasthaus zu verlassen und auf eigene Faust nach Karan zu suchen, sah aber rasch ein, wie wenig sinnvoll ein solches Unterfangen war. Wenn Weller Karan nicht fand, hatte sie als Fremde schon gar keine Chance, daf�r aber gute Aussichten, auch noch ihn zu verlieren und sich pl�tzlich ganz allein wiederzufinden.</p><p>Tally registrierte �berrascht, wie sehr sie dieser Gedanke erschreckte. Sie war wenig l�nger als vierundzwanzig Stunden mit Weller zusammen, und doch hatte sie sich bereits an seine Gegenwart gew�hnt � obwohl sie sich immer noch nicht vollkommen sicher war, ob sie ihm nun traute oder nicht. Vielleicht war sie wirklich zu lange allein gewesen.</p><p>Statt zu gehen, hob sie den Arm und winkte den Wirt herbei, legte aber rasch die Hand auf ihren erst halb geleerten Krug. Das Bier schmeckte nicht nur wie Pferdepisse, es enthielt auch mehr Alkohol, als im Moment f�r Tally gut war. Das letzte, was sie sich im Moment leisten konnte war, sich zu betrinken.</p><p>�Was hast du zu essen?� fragte sie.</p><p>�Braten�, antwortete der Wirt. �Und frisches Gem�se. Aber die K�che ist zu.�</p><p>�Dann mach sie wieder auf�, sagte Tally grob. �Ich bezahle.�</p><p>�Nichts zu machen�, antwortete der Wirt. �H�ttest eher kommen m�ssen. Aber ich wei� nicht, ob du �berhaupt ��</p><p>Eine schmale, aber sehr kr�ftige Hand legte sich auf seine Schulter und dr�ckte zu, und der Wirt verstummte mitten im Worte. Tally sah, wie sein Gesicht unter der Kruste aus Schmutz erbleichte. Hinter ihm stand die dunkelhaarige Frau. Die Narben in ihrem Gesicht lie�en ihr L�cheln zu einer Grimasse werden.</p><p>�Mach keinen �rger, Sverd, und bring der Kleinen etwas zu essen�, sagte sie ruhig. �Und mir auch. Ich bin ebenfalls hungrig.�</p><p>Sverd nickte hastig. Sein Blick irrte unstet zwischen Tally und der dunkelhaarigen Fremden hin und her, und Tally hatte das Gef�hl, da� er etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Aber statt dessen nickte er nur noch einmal � und noch hastiger � trat einen Schritt herum und st�rmte fluchtartig davon.</p><p>Tally blickte die junge Frau aufmerksam an. Jetzt, als sie sie aus der N�he sah, erkannte sie, da� sie noch j�nger war, als sie bisher angenommen hatte � keine zwanzig Jahre, ein wenig kleiner als sie, aber von sehr kr�ftigem Wuchs. Ihr Haar fiel lang und glatt bis auf den R�cken heran und hatte die Farbe gl�nzenden Rabengefieders, bis auf eine handbreite, schlohwei�e Str�hne, die �ber ihrer linken Schl�fe begann und sich bis zum Scheitel hinaufzog. Ihr Gesicht mu�te einmal sehr sch�n gewesen sein � bis jemand S�ure hineingesch�ttet oder es verbrannt hatte.</p><p>�Gef�llt dir, was du siehst?� fragte sie scharf. Tally schrak schuldbewu�t zusammen, als ihr klar wurde, da� sie die Fremde angestarrt hatte. �Verzeih�, sagte sie hastig. �Ich... ich wollte dich nicht verletzen. Danke.�</p><p>�Schon gut.� Die Schwarzhaarige machte eine herrische Handbewegung. �Ich wei�, da� ich keine Sch�nheit bin. Ich bin Angella. Und du?�</p><p>�Nora�, antwortete Tally, eine halbe Sekunde, ehe sie ganz automatisch ihren wirklichen Namen nennen konnte und in einem Ton, der selbst dem D�mmsten klar machen mu�te, da� dies ganz eindeutig <emphasis>nicht</emphasis> ihr wirklicher Name war. Angella runzelte auch prompt die Stirn, belie� es aber dann bei einem Achselzucken, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich rittlings darauf. �Du bist h�bsch�, sagte sie, w�hrend sie die Arme auf die R�ckenlehne legte.</p><p>Tally l�chelte. �Danke.�</p><p>�Was tust du in einer Gegend wie dieser?� fuhr Angella fort.</p><p>Tally antwortete nicht gleich. Sie sah Angella aufmerksam an, aber ihr entging auch keineswegs, da� sie nicht die einzige war. Die M�nner, die in Angellas Begleitung gekommen waren, hatten ihr Gespr�ch unterbrochen und blickten gebannt zu ihnen her�ber. Tally hatte pl�tzlich ein sehr ungutes Gef�hl. �Ich... warte auf meinen Bruder�, antwortete sie, nach einer geraumen Weile und stockend, wie jemand, der nur mit M�he seine Angst unterdr�ckte.</p><p>�Dein Bruder?� wiederholte Angella. �Der Mann, der vorhin mit dir zusammen war?� Tally nickte, und Angella fuhr fort: �Er mu� verr�ckt sein, dich allein in dieser Kaschemme zur�ckzulassen. Das hier ist eine �ble Gegend, wei� er das denn nicht?�</p><p>Tally nickte und sch�ttelte gleich darauf den Kopf. Ihre rechte Hand n�herte sich unter dem Tisch dem Schwertgriff. Dieses M�dchen war nicht nur hier, um mit ihr zu reden, das sp�rte sie.</p><p>�Sieh dir die Burschen nur an�, fuhr Angella mit einer Kopfbewegung hinter sich fort. �Das sind noch die Harmlosesten von denen, die hier herumlaufen. Einem kleinen M�dchen wie dir kann hier wei�-Gott-was zusto�en, wenn es allein ist.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, sagte Tally ruhig. �Ich tue niemandem etwas, warum sollte also mir jemand etwas antun wollen?�</p><p>Angella lachte schallend. �Bist du so naiv, oder willst du mich auf den Arm nehmen, Nora?� fragte sie. �Du bist hier schneller tot, als du deinen falschen Namen buchstabieren kannst � wenn du niemanden hast, der auf dich aufpa�t, hei�t das. Aber den hast du ja nun�, f�gte sie nach einer winzigen Pause hinzu.</p><p>Tally tat ihr nicht den Gefallen, sie zu fragen, wie ihre Worte gemeint waren, sondern sah sie nur weiter mit gespieltem Unverst�ndnis an.</p><p>�Du gef�llst mir�, fuhr Angella fort, als sie auch nach weiteren Sekunden nicht reagierte. �Ich denke, ich werde auf dich aufpassen, bis dein Bruder zur�ck ist. Aber das kann dauern, vor allem in einer Gegend wie dieser.� Sie l�chelte, streckte den Arm aus und legte die Hand unter Tallys Kinn. �Ich w��te etwas, womit wir uns die Wartezeit vertreiben k�nnten, Liebes.�</p><p>Tally schlug ihre Hand beiseite. Angellas Augen verdunkelten sich vor Zorn, und Tally sah, wie ihre Rechte zum Schwert zuckte; gleichzeitig spannte sich das halbe Dutzend Gestalten, das mit ihr hereingekommen war, und mit einem Male war es sehr still.</p><p>Aber Angella f�hrte die begonnene Bewegung nicht zu Ende, sondern atmete nur h�rbar ein, starrte Tally noch einen Herzschlag lang eisig an und stand dann mit einer so heftigen Bewegung auf, da� ihr Stuhl umschlug. Tally konnte die Spannung beinahe sehen, die sich mit einem Male in der Gaststube ausbreitete.</p><p>Aber der gef�hrliche Moment ging vor�ber, ohne da� irgend etwas geschah. Angella trat zu ihren Begleitern an die Theke zur�ck, deutete mit einer komplizierten Handbewegung auf Tally und sagte ein Wort, das Tally nicht verstand, unter den zerlumpten Gestalten aber ein gr�hlendes Gel�chter ausl�ste. Mit einer herrischen Geste bestellte sie ein weiteres Bier und leerte den Krug mit einem einzigen, gewaltigen Zug.</p><p>Tally atmete erleichtert auf. Sie hatte keine Angst gehabt � nicht vor diesem Kind � aber sie war nicht hier, um sich in eine Wirtshausschl�gerei verwickeln zu lassen. Au�erdem war Angella nicht allein.</p><p>Wo blieb nur Weller?</p><p>Nach einer Weile kam der Wirt und brachte einen Teller mit halbverbranntem Fleisch und einer h�lzernen Sch�ssel mit der unappetitlichen Pampe, von der er behauptet hatte, es sei frisches Gem�se. Unfreundlich knallte er beides vor Tally auf den Tisch, streckte die Hand aus und verlangte einen Silberheller.</p><p>�Besser du tust, was sie von dir verlangt, Kind�, raunte er ihr zu, als sie die M�nze in seine Hand fallen lie�. �Du wei�t nicht, wer diese Frau ist.�</p><p>Tally schwieg � schon, um dem Wirt nicht als Dank f�r seine Warnung �rger zu machen. Aber seine Worte hatten das ungute Gef�hl in ihr noch verst�rkt. Nein � sie war jetzt ziemlich sicher, da� Angella sie nicht so ohne weiteres gehen lassen w�rde. Und sie konnte nicht ewig hier sitzen bleiben. Wenn Weller nicht kam, bis sie ihr Mahl beendet hatte, w�rde sie sich auf die Suche nach ihm machen � schlimmstenfalls �ber Angellas Leiche.</p><p>Sie a� schweigend, sp�lte den schlechten Geschmack, den das Essen auf ihrer Zunge hinterlie�, mit dem Rest Bier in ihrem Becher herab und verbarg das Schwert unter ihrem Mantel, ehe sie aufstand und ohne sichtliche Hast auf die Theke zuging. Angella blickte bei ihrer Ann�herung erwartungsvoll auf, sagte aber nichts, und auch ihre Begleiter traten schweigend zur Seite, um Tally Platz zu machen.</p><p>�Mein Bruder versp�tet sich wohl�, sagte sie, an den Wirt gewandt. �Ich werde mich allein auf den Weg machen, um nach unserem Freund zu suchen. Sollte er noch kommen, richtet ihm aus, wir treffen uns dort.� </p><p>�Du solltest nicht allein hinausgehen, Nora�, sagte Angella freundlich. �Die Stra�en sind gef�hrlich. Darf ich dir meinen Schutz anbieten?�</p><p>Tally ignorierte sie, nickte dem Wirt gr��end zu und wandte sich zur T�r. Alle ihre Sinne waren bis zum Zerrei�en angespannt. Sie wirkte �u�erlich weiter ruhig, aber ihr entging nicht der mindeste Laut in ihrer Umgebung. Und es waren Ger�usche, die B�nde sprachen. Als sie die T�r fast erreicht hatte, vertrat ihr einer von Angellas Begleitern den Weg. �Hast du nicht geh�rt, was Angella gesagt hat?� fragte er grinsend.</p><p>Tally nickte. �Doch�, sagte sie. �Aber ich denke, ich komme ganz gut allein zurecht. Gib den Weg frei � bitte.�</p><p>Das Grinsen des Burschen wurde noch breiter. �Und wenn nicht?� fragte er. Hinter Tally waren Schritte. Das Gef�hl von mindestens zwei, vielleicht drei M�nnern, die sich ihr n�herten. In den Aug�pfeln des Burschen vor ihr spiegelte sich das Blitzen von Metall.</p><p>�Du solltest besser tun, was Angella vorschl�gt�, fuhr er fort. �Es sei denn, du legst Wert darauf, da� ich dich vom Hals bis zu deinem h�bschen Hintern aufschneide, Sch�tzchen. Nun?�</p><p>Tally zuckte die Achseln. �Warum eigentlich nicht?�  Sie schlug zu, ehe der Mann �berhaupt begriff, was sie tat.</p><p>Ihre Handkante traf seinen Kehlkopf mit t�dlicher Pr�zision und zermalmte ihn. Gleichzeitig fuhr sie herum, ri� das Schwert unter dem Mantel hervor und verschaffte sich mit einem gewaltigen, beidh�ndig gef�hrten Hieb Luft. Sie traf nicht und hatte es auch nicht gewollt, aber die beiden Kerle, die sich in ihren R�cken geschlichen hatten, brachten sich mit grotesken H�pfern in Sicherheit, und auch Angella selbst, die nur wenig hinter ihnen stand, prallte mitten im Schritt zur�ck.</p><p>Aber der Schock �ber Tallys j�he Verwandlung hielt nur einen Bruchteil eines Herzschlages an; dann verzerrte sich das Gesicht des einen Burschen vor Ha�, er schrie auf, ri� ein schartiges, aber daf�r um so l�ngeres Schwert in die H�he und drang mit einem gellenden Schrei auf sie ein.</p><p>Tally wich dem ersten Hieb aus, trat einen halben Schritt zur Seite und ri� ihre Klinge hoch, als der Mann das zweite Mal zuschlug. Die Schwerter prallten funkenspr�hend gegeneinander. Tallys Klinge rutschte an der des Angreifers herab, prallte gegen ihren Handschutz, federte zur�ck und beschrieb einen unglaublich engen, rasend schnellen Halbkreis, und pl�tzlich flog das Schwert des anderen im hohen Bogen davon. Zusammen mit der Hand, die es gehalten hatte.</p><p>Diesmal hielt das entsetzliche Schweigen l�nger an. Der Bursche dessen Hand sie abgeschlagen hatte, starrte aus hervorquellenden Augen auf seinen blutenden Armstumpf. Kleine, kr�chzende Laute drangen aus seinem Mund. Dann schrie er auf � nur ein einziges Mal und nicht sehr laut � umklammerte den Armstumpf mit der anderen Hand und brach wie vom Blitz getroffen zusammen.</p><p>Tally wechselte ihr Schwert blitzschnell von der rechten in die linke Hand und wieder zur�ck, schlug ihren Mantel vollends beiseite und machte eine drohende, halbkreisf�rmige Bewegung mit der Waffe. �Noch jemand?� fragte sie leise.</p><p>Keiner der vier Burschen reagierte, die ihr noch gegen�berstanden, und auch Angella selbst blickte sie nur mit einer Mischung aus Unglauben und langsam aufkeimender Wut an. Tally ihrerseits f�hlte sich nicht halb so sicher, wie sie mit ihren Worten glauben machen wollte. Sie rechnete sich keine Chancen aus, es wirklich mit f�nf Gegnern gleichzeitig aufnehmen zu k�nnen � nicht hier drinnen und so ersch�pft und m�de, wie sie war. Und nicht jetzt, wo Angella und ihre Begleiter wu�ten, da� sie es nicht mit der wehrlosen dummen Gans zu tun hatten, f�r die sie sie bisher gehalten haben mochten. Aber wenn sie auch nur eine Spur von Schw�che oder Furcht zeigte, war es aus.</p><p>Pl�tzlich l�chelte Angella, wenn auch auf eine Art, die Tally einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. </p><p>�Sieh an�, sagte sie. �Eine Schwester im Geiste, wie? Warum hast du das nicht gleich gesagt, Norasch�tzchen?� Ganz langsam zog sie ihr Schwert aus dem G�rtel, scheuchte mit einer Handbewegung die M�nner zur�ck, die damit begonnen hatten, einen Halbkreis um Tally zu bilden, und hob den Arm. Einer ihrer M�nner trat herbei und befestigte einen runden, nur tellergro�en Schild an ihrer freien Hand.</p><p>�Schade�, sagte sie l�chelnd. �Ich hatte eigentlich vor, mich auf andere Weise mit dir zu am�sieren, Sch�tzchen. Aber bitte � wie du willst.�</p><p>Tally wich einen weiteren Schritt zur�ck, bis sie mit dem R�cken gegen die Wand stie�. Angella folgte ihr, machte aber noch keine Anstalten, anzugreifen.</p><p>�Ich habe keinen Streit mit dir, Angella�, sagte Tally. </p><p>�Wenn du mich gehen l��t, ist die Sache erledigt. Ich will dich nicht t�ten.�</p><p>Angella sch�ttelte den Kopf. �Daraus wird nichts. Du hast zwei meiner M�nner erledigt. Ich kann dich nicht gehen lassen.�</p><p>Ihr Angriff kam so schnell, da� Tally ihn kaum sah. Angellas Schwert zuckte in einer unglaublich raschen, schl�ngelnden Bewegung vor, unterlief ihre Deckung und zog eine flammende Spur aus Schmerz �ber ihren Oberschenkel; gleichzeitig schlug sie mit dem Schild nach Tallys Kopf und zwang sie so, in genau die Richtung zur�ckzuweichen, in der sie sie haben wollte � fort von der T�r und auf die Theke und ihre Begleiter zu, die zweifellos nur darauf warteten, Tally in den R�cken zu fallen.</p><p>Der zweite Hieb traf sie in den Oberarm; nicht sehr tief, aber so schmerzhaft, da� sie aufschrie und um ein Haar das Gleichgewicht verlor. Angella heulte triumphierend auf, setzte ihr nach und fiel auf ein Knie herab, als Tally nicht weiter zur�ckwich, sondern ihr im Gegenteil entgegensprang und ihr mit aller Kraft vors Schienbein trat. Trotzdem besa� sie noch genug Geistesgegenwart, den linken Arm hochzurei�en und Tallys nachgesetzten Schwerthieb aufzufangen. Der Hieb war so gewaltig, da� der kleine Metallschild in zwei Teile zerbrach. Angella fiel mit einem schrillen Schmerzlaut auf die Seite und pre�te den Arm gegen den Leib.</p><p>Aber Tally blieb keine Zeit, auch nur so etwas wie Triumph zu empfinden, denn statt Angella griffen nun die vier Kerle an, die in ihrer Begleitung waren. Und sie taten Tally nicht noch einmal den Gefallen, sie zu untersch�tzen.</p><p>Der Kampf war aussichtslos. Ihre Klinge war den schartigen Waffen der Angreifer �berlegen, und sie war zweifellos auch die bessere Schwertk�mpferin � aber sie waren zu viert, und der Begriff <emphasis>Fairne�</emphasis> schien in ihrem Wortschatz nicht vorzukommen. Tally wehrte sich verbissen, konnte aber nicht verhindern, da� sie mehrmals getroffen wurde, und wenn die Wunden auch nicht schwer waren, so behinderten sie sie doch merklich. Schon nach wenigen Augenblicken wurde sie zur�ckgedr�ngt, bis sie mit dem R�cken gegen die niedrige Theke stie� und es nichts mehr gab, wohin sie sich zur�ckziehen konnte. Sie h�tte wohl kaum die n�chsten zehn Sekunden �berlebt, h�tte sich nicht Angella in diesem Moment mit schmerzverzerrtem Gesicht aufgerichtet und ihren M�nnern zugeschrien, sie lebend zu fangen. Die Angreifer z�gerten einen winzigen Moment � und Tally nutzte die Chance. Blitzschnell trat sie einem der Burschen die Beine unter dem Leib weg, stie� sich in der gleichen Bewegung nach hinten und rollte �ber die niedrige Theke.</p><p>Ein Schwert h�mmerte in das morsche Holz und verfehlte sie. Dann st�rzte sie auf der anderen Seite der Theke herab, rollte herum und sah einen Schatten �ber sich aufragen. Blindlings stie� sie die Klinge nach oben, traf auf Widerstand und h�rte einen gurgelnden Schrei. Als sie sich aufrichtete, brach einer der vier Angreifer mit durchschnittener Kehle zusammen.</p><p>Die drei anderen versuchten gleichzeitig, �ber die Theke zu springen. Tally packte den mittleren Burschen beim Schopf, knallte sein Gesicht wuchtig auf das harte Holz und sprang �ber seinen R�cken hinweg � und um ein Haar in Angellas Schwert hinein.</p><p>Die junge Frau hatte sich taumelnd aufgerichtet. Ihr Gesicht war aschfahl, und ihr linker Arm schien gebrochen zu sein, denn er hing nutzlos herab, und ihr Mund war vor Schmerz zu einem d�nnen blutleeren Strich geworden. Aber ihre Augen flammten vor Ha�, und schon ihr erster Hieb bewies Tally, da� sie h�chstens noch gef�hrlicher geworden war.</p><p>Angella griff r�cksichtslos an. Ihre Hiebe kamen so schnell und kraftvoll, da� Tally pl�tzlich alle H�nde voll zu tun hatte, nicht getroffen zu werden und an ein Zur�ckschlagen nicht einmal denken konnte. Und die Ger�usche hinter ihr bewiesen sehr deutlich, da� die drei Halsabschneider bereits dabei waren, erneut �ber die Theke zu klettern und ihr in den R�cken zu fallen. Tally setzte alles auf eine Karte. Als Angella das n�chste Mal zu einem Hieb ausholte, fing sie das Schwert nicht mit der eigenen Klinge auf, sondern drehte sich blitzschnell zur Seite, sp�rte einen entsetzlichen, rei�enden Schmerz in der Schulter und stie� gleichzeitig zu. Angella keuchte. Ihre Augen wurden dunkel vor Schmerz. Eine halbe Sekunde lang stand sie einfach reglos da und starrte auf das Schwert, das ihre Brust dicht unterhalb des Herzens durchbohrt hatte. Dann taumelte sie zur�ck, fiel auf die Knie herab und pre�te beide H�nde gegen den Leib. Dunkles Blut sickerte zwischen ihren Fingern hindurch.</p><p>Tally h�rte einen gellenden Schrei hinter sich, dann das Zischen einer Waffe. Sie federte zur Seite, setzte mit einem gewaltigen Sprung �ber Angella hinweg und rannte auf die T�r zu. Ein Dolch flog an ihr vorbei, bohrte sich in die T�r und blieb zitternd stecken. Tally fuhr mitten in der Bewegung herum, prallte gegen den Mann, der sie einzuholen versuchte, und rannte ihn kurzerhand nieder. Mit zwei, drei gewaltigen Schritten lief sie auf das Fenster zu, stie� sich mit aller Kraft ab und sprang. Inmitten eines wahren Hagels aus Glas- und Holzsplittern landete sie auf der Stra�e, rollte �ber die Schulter ab und schrie vor Schmerz, als die Wunde, die ihr Angellas Schwert geschlagen hatte, noch weiter aufri�. Trotzdem gelang es ihr irgendwie, auf die F��e zu kommen. Taumelnd erreichte sie die gegen�berliegende Wand der schmalen Gasse, auf der sie gelandet war, lie� sich dagegenfallen und schlo� f�r eine Sekunde die Augen. Der Schmerz in ihrer Schulter wurde fast unertr�glich. Ihr schwindelte, und in ihrem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus.</p><p>Aber ihr blieb keine Zeit, der Schw�che nachzugeben. Der L�rm aus dem Gasthaus nahm zu. Irgend jemand begann mit schriller, �berschnappender Stimme zu schreien: �Sie hat Angella umgebracht!� und als sie die Augen �ffnete, sah sie einen massigen Schatten, der ungeschickt durch das zerborstene Fenster zu klettern versuchte.</p><p>Tally atmete noch einmal tief ein, stie� sich von der Wand ab und begann wie von Furien gehetzt zu rennen. </p></section><section><title><p>2</p></title><p>Es war pures Gl�ck, das sie die n�chsten Stunden �berleben lie�. Tally rannte blindlings los, bis sie einfach nicht mehr weiter konnte. Eine Zeitlang waren noch die Schritte ihrer Verfolger hinter ihr, aber irgendwie gelang es ihr, sie abzusch�tteln, und irgendwie gelang es ihr sogar, nicht vollends die Orientierung zu verlieren und zumindest die Richtung beizubehalten, in der Weller Karan vermutete � Norden. Aber schlie�lich wurden Schw�che und �belkeit so stark, da� sie st�rzte und minutenlang einfach dort liegenblieb, wo sie war. Sie war in diesen Augenblicken so hilflos wie niemals zuvor, aber wieder hatte sie Gl�ck: die Gasse, in der sie sich befand, war menschenleer, und das einzige Leben, das sich regte, war eine halbverhungerte Katze, die Tallys Gesicht beschn�ffelte und sich trollte, als das Kitzeln ihrer Barthaare die junge Frau st�hnen, die Augen �ffnen und sich umsehen lie�.</p><p>Es war sehr kalt geworden. Es mu�te Mitternacht sein, wenn nicht sp�ter, und der Himmel hatte sich wieder mit Wolken bezogen. Weit im Norden �ber dem Schlund fiel Schnee, und ein eisiger Wind wehte durch die Stra�en. Tallys Beine f�hlten sich abgestorben und taub vor K�lte an. Als sie aufstehen wollte, gelang es ihr nicht sofort; sie fiel mit einem Schmerzlaut wieder auf die Knie herab, blieb einen weiteren Moment hocken und raffte das bi�chen Kraft zusammen, das sie noch in ihrem geschundenen K�rper fand, ehe sie sich mit zusammengebissenen Z�hnen wieder in die H�he stemmte.</p><p>Die Gasse umgab sie wie eine Schlucht aus Schw�rze. F�r einen Moment drohte sie vollends die Orientierung zu verlieren; sie wu�te nicht einmal mehr, in welcher Richtung Norden lag. Dann kl�rte sich ihr Blick ein klein wenig, und sie ging los.</p><p>Zum erstenmal, seit sie die Gaststube verlassen hatte, nahm sie ihre Umgebung bewu�t wahr; zumindest das, was die Dunkelheit sie sehen lie�. Es war wenig genug: Schelfheim hatte sich in eine schweigende Herde buckeliger schwarzer Schatten verwandelt, zwischen denen sich manchmal etwas zu bewegen schien, aber stets verschwand, wenn sie genauer hinsah.</p><p>Es wurde auch nicht besser, als sie die Gasse verlie� und auf den kleinen, halbrunden Platz hinaustrat, auf den sie m�ndete. Die H�user � manche von ihnen schienen auf sonderbare Weise schr�g dazustehen, als h�tte der Boden begonnen, sie aufzusaugen � lagen dunkel da; nur hier und da sickerte ein wenig Licht durch vorgelegte L�den oder unter einer T�r hindurch. Aber Tally verwarf den Gedanken, an eine dieser T�ren zu klopfen und um Hilfe zu bitten, beinahe ebenso rasch wieder, wie er ihr gekommen war. Ihr Bedarf an Begegnungen mit den Bewohnern dieses Stadtteiles war f�rs erste mehr als gedeckt.</p><p>Aber sie brauchte Hilfe. Allein hatte sie nicht die mindeste Chance, Karan zu finden.</p><p>Wieder blieb sie stehen, lehnte sich ersch�pft gegen eine Wand und schlo� f�r einen Moment die Augen. M�digkeit und Schw�che wollten sie erneut �bermannen, aber diesmal gab sie ihnen nicht nach. Sie wartete nur, bis das Zittern ihrer H�nde und Knie halbwegs aufgeh�rt hatte, dann �ffnete sie ihren Mantel, streifte das Kleidungsst�ck ab und begann schmale Streifen aus dem Saum ihres Kleides zu rei�en.</p><p>Sorgf�ltig verband sie all die kleineren und gr��eren Wunden, die sie davongetragen hatte, und umwickelte zum Schlu� auch ihre nackten F��e mit zusammengedrehten Stoffstreifen � alles andere als ein Ersatz f�r Schuhe, aber immerhin ein gewisser Schutz vor der K�lte. Schlie�lich streifte sie ihren Mantel wieder �ber, legte den linken Arm in die provisorische Schlinge, die sie geknotet hatte, und ging weiter.</p><p>Eine Stunde sp�ter erreichte sie den Rand der Welt. Die Stra�e h�rte so j�h auf, da� Tally mit einem erschrockenen Laut zur�ckprallte. Es gab keine Mauer, kein Gel�nder, keine irgendwie geartete Warnung: wo sie stand, war der eiskalte glatte Fels des Kopfsteinpflasters, und zwei Schritte weiter g�hnte das Nichts, ein f�nf oder auch f�nfzig Meilen tiefer Abgrund, der schon nach wenigen Schritten mit der Nacht verschmolz.</p><p>Tally starrte mit klopfendem Herzen in die Leere hinaus. Das also war der Schlund, das gro�e Nichts, die Klippe, an der die Welt aufh�rte. Sie hatte ihn schon einmal gesehen, am Morgen desselben Tages, vom R�cken des Tr�gers aus, aber selbst da hatte noch eine halbe Meile zwischen ihr und dieser Alptraumklippe gelegen. Sie war sicher gewesen; der Schlund ein Alptraum, der entsetzlich, aber ungef�hrlich war. Jetzt war sie ihm ganz nahe.</p><p>Sie sp�rte den Sog der Tiefe, das Zittern der Milliarden Tonnen Fels unter ihren F��en, an denen der Wind und die Ewigkeit zerrten, und das leise, verlockende Wispern am Grund ihrer Seele... Fast ohne es selbst zu merken, ging sie die zwei Schritte bis zur Klippe und blieb erst stehen, als vor ihren nackten Zehen nichts mehr war. Unter ihr lag Schw�rze, eine so tiefe, allumfassende Schw�rze, wie sie sie niemals zuvor erblickt hatte. Etwas schien sich in dieser Dunkelheit zu bewegen, ein gewaltiger Strudel aus Nichts, der sich schwarz auf noch dunklerem Hintergrund drehte, der lockte und rief...</p><p>�Ich w�rde das nicht tun�, sagte eine Stimme hinter ihr. Tally fuhr erschrocken zusammen, wurde sich pl�tzlich der Gefahr bewu�t, in der sie sich befand, und trat hastig einen Schritt von der Klippe zur�ck. Erst dann drehte sie sich herum. Unter dem Mantel tastete ihre Hand nach dem Schwert. Aber sie sp�rte, da� sie einen weiteren Kampf jetzt nicht mehr durchstehen w�rde.</p><p>�Wer... ist da?� fragte sie stockend.</p><p>Ein dunkler, nicht sehr gro�er Umri� l�ste sich aus den Schatten der H�user. Tally erkannte hellblondes, kurzgeschnittenes Haar, ein Paar dunkler, durchaus freundlicher Augen, eine Hand, die lose auf einem Schwert lag. </p><p>�Du brauchst keine Angst zu haben�, sagte der Fremde. Er lachte leise. �Aber ich glaube, du hast sowieso vor nichts mehr Angst, wie?�</p><p>Tally verstand nicht, was die Worte des Fremden bedeuteten. Aber sie glaubte zu sp�ren, da� er wirklich nichts �bles wollte.</p><p>�Es geht mich zwar nichts an�, fuhr er fort, �aber wenn du meine Meinung h�ren willst, w�re es falsch.� Er machte eine Kopfbewegung auf den Schlund. �Und es ist nicht einmal so leicht, wie die meisten glauben. Der Sturz dauert sehr, sehr lange.�</p><p>Endlich begriff Tally. Aus irgendeinem Grunde war der Fremde wohl der Ansicht, sie w�re hierher gekommen, um in den Schlund zu springen � in einer Stadt wie Schelfheim sicherlich eine sehr beliebte Methode, seinem Leben ein Ende zu bereiten.</p><p>�Du t�uschst dich�, sagte sie. �Ich... ich bin nicht hier, um zu springen.�</p><p>Einen Moment lang blickt der Fremde sie durchdringend an, dann begann er zu l�cheln. �Dann habe ich mich blamiert�, sagte er verlegen. �Die meisten kommen hierher, um zu springen, wei�t du?�</p><p>Er kam n�her, blieb wieder stehen, als Tally erschrocken zusammenfuhr, und deutete auf den Arm, den sie in der Schlinge trug. �Was ist passiert? Hat dich dein Mann geschlagen und auf die Stra�e hinausgejagt, oder bist du �berfallen worden?�</p><p>�Ich habe keinen Mann�, antwortete Tally ausweichend.</p><p>�Dann solltest du nicht allein in dieser Gegend herumlaufen�, fuhr der andere fort. �Nicht, wenn du wirklich am Leben bleiben willst. Hast du einen Platz zum Schlafen?�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe mich verirrt�, gestand Tally. �Ich suche jemanden.�</p><p>�Und wen?� Der Fremde l�chelte, als Tally z�gerte, zu antworten. �Wahrscheinlich hast du Grund, mi�trauisch zu sein�, sagte er. �Aber ich kenne mich hier aus. Wenn dein Freund hier im Norden lebt, kenne ich ihn.� </p><p>�Karan�, antwortete Tally. �Sein Name ist Karan.� </p><p>�Karan?� Der Blonde runzelte verwundert die Stirn. Pl�tzlich glaubte Tally so etwas wie Mi�trauen in seinem Blick zu erkennen. �Karan ist ein Freund von dir?� </p><p>�Eher der Freund eines Freundes�, antwortete Tally ausweichend. �Oder sagen wir: der Bekannte eines Bekannten. Wir wollten uns bei ihm treffen. Wei�t du, wo er zu finden ist?�</p><p>Der andere nickte. �Sicher. Es ist nicht einmal weit. Ich bringe dich hin.�</p><p>Tally z�gerte. �Es... es reicht, wenn du mir den Weg beschreibst�, sagte sie.</p><p>�Nichts leichter als das�, antwortete der andere grinsend. �Du gehst zwei Stunden nach S�den, biegst am hungrigen L�wen nach rechts ab, gehst durch das Gebiet der Haie, bis du auf Olannorys Hehlerei triffst, dann �ber den Platz des Roten Feuers und ��</p><p>�In Ordnung�, unterbrach ihn Tally. �F�hre mich hin. Aber ich kann dich nicht bezahlen.�</p><p>�Das brauchst du auch nicht�, sagte der Blonde. Er grinste. �Eigentlich bin ich Stra�enr�uber, wei�t du? Tags�ber schneide ich den Leuten die Kehle durch. Aber ab und zu macht es mir Spa�, eine gute Tat zu tun.�  Tally war nicht sicher, ob die Worte des Blonden tats�chlich so scherzhaft gemeint waren, wie sie klangen. Aber sie fragte ihn auch nicht danach. Sie war einfach froh, in dieser Stadt voller Wahnsinniger und M�rder auf einen Menschen getroffen zu sein, der freundlich zu ihr war.</p><p>Sie sprachen sehr wenig, w�hrend sie sich wieder vom Schlund entfernten, obwohl Tally zu sp�ren glaubte, da� ihr vermeintlicher Retter vor Neugier schier aus den N�hten platzte. Aber ihr fielen auch die raschen, nerv�sen Blicke auf, die er immer wieder in die Runde warf, und die Art, auf die er die Hand auf dem Schwert ruhen lie�. Das Viertel, durch das sie sich bewegten, schien nicht halb so harmlos zu sein, wie es wirkte.</p><p>Aber sie erreichten unbehelligt den Platz, von dem er gesprochen hatte, und kurz darauf erneut den Schlund. Tally begriff, da� sie einen Halbkreis geschlagen hatten. Aber der Rand der Welt unterschied sich hier doch gewaltig von dem, an dem sie zusammengetroffen waren. Hier <emphasis>gab</emphasis> es eine Mauer, zwar nur brusthoch, aber beinahe ebenso dick, und zwischen ihr und den letzten H�usern lag ein gut zehn Schritte breiter unbebauter Streifen kopfsteingepflasterten Bodens. Sie fragte den Mann nach dem Grund des gewaltigen Umweges, den sie gemacht hatten.</p><p>�Die Gegend dort hinten ist nicht sicher�, antwortete er. �Es ist das Gebiet der Geier.�</p><p>�Geier?�</p><p>�Du bist nicht aus Schelfheim, wie?� Er l�chelte verzeihend. �Eine Stra�enbande. Die meisten sind noch Kinder, aber das macht sie nicht weniger gef�hrlich. Ich hatte meine Gr�nde, anzunehmen, da� du springen wolltest. Die Stelle dort ist so beliebt, da� die Selbstm�rder manchmal Schlange stehen m�ssen�, fuhr er mit einem leisen Lachen fort. �Die Geier haben sich auf sie eingestellt, wei�t du? Sie lauern ihnen auf und pl�ndern sie aus, ehe sie springen k�nnen.�</p><p>�Und wer gar nicht springen wollte, dem helfen sie nach, wie?� vermutete Tally.</p><p>Der Blonde grinste. �Manchmal. Aber hier sind wir sicher. Und es ist nicht mehr sehr weit bis zu Karans Haus. Bist du schwindelfrei?�</p><p>Tally blickte ihn verwundert an, ehe sie bemerkte, da� seine Hand auf eine gut meterbreite L�cke in der Mauer wies, nur noch wenige Schritte vor ihnen. �Du willst... dort hinunter?� fragte sie ungl�ubig.</p><p>�Ich nicht. Aber du � wenn du wirklich zu Karan willst, hei�t das.�</p><p>Tally antwortete nicht. Statt dessen trat sie mit einem raschen Schritt an die Mauer heran, beugte sich vor und blickte aus angestrengt zusammengepre�ten Augen in die Tiefe. Die Dunkelheit war hier nicht weniger umfassend als weiter im Westen, aber sie erkannte trotzdem den schmalen, aus Holz und Tauen gebauten Steg, der unter ihr schr�g in die Tiefe f�hrte. An seinem Ende erhob sich ein massiges Etwas aus der Schw�rze. </p><p>�Karan ist ein komischer Kauz�, erkl�rte ihr Begleiter. </p><p>�Er lebt tats�chlich dort unten. Er behauptet, es w�re der einzige Ort auf der Welt, an dem er sich sicher f�hlt. Also?�</p><p>Tally z�gerte. Allein der Gedanke, auf den schwankenden Steg hinauszutreten, erf�llte sie mit �belkeit. Aber sie hatte keine gro�e Wahl, wenn sie Weller wiedersehen wollte. Sie nickte.</p><p>Der Weg nach unten war ein Alptraum. Der Steg war noch schmaler, als sie geglaubt hatte. Die h�lzernen Stufen waren feucht geworden und so schl�pfrig wie Eis. Ein straffgespanntes, allerdings kaum fingerdickes Tau erf�llte die Funktion eines Gel�nders, aber als Tally sich daran festhalten wollte, begann die gesamte Konstruktion zu zittern und schwanken, so da� sie die Hand hastig zur�ckzog und sich statt dessen gegen die Felswand pre�te.</p><p>Sie hatte behauptet, schwindelfrei zu sein, und bisher hatte das auch gestimmt � aber bisher war sie auch niemals an einem f�nf Meilen tiefen Abgrund entlangbalanciert. Die Schw�rze unter ihr begann sich zu drehen. Ihr wurde �bel. Voller Neid blickte sie auf ihren F�hrer hinab, der sich mit geradezu unversch�mter Sicherheit auf dem schwankenden Steg bewegte.</p><p>Aber schlie�lich hatten sie es geschafft. Vor Tally ragte pl�tzlich eine graue, schr�g nach au�en geneigte Wand auf, in der sich eine T�r �ffnete. Ihr Begleiter trat rasch hindurch, drehte sich herum und zog Tally mit einer kraftvollen Bewegung zu sich. Tally atmete h�rbar auf, als unter ihren F��en wieder massiver Stein war. Die Vorstellung, da� sich unter diesem Stein nichts mehr befand, versuchte sie zu verdr�ngen.</p><p>�Willkommen in Karans Haus�, sagte der Blonde.</p><p>Tally sah ihn verwirrt an. �Bist du... Karan?� fragte sie.</p><p>�Ich?� Der junge Mann sch�ttelte heftig den Kopf. </p><p>�Gott bewahre, nein! Mein Name ist Jan. Aber ich kenne ihn sehr gut. Willst du gleich zu ihm, oder willst du erst einen Moment ausruhen? Du siehst ersch�pft aus.� </p><p>�Gleich�, sagte Tally, machte einen Schritt, fiel ersch�pft auf die Knie herab und f�gte hinzu: �Sobald ich mich erholt habe. Beim Schlund, wie kann ein Mensch hier leben?�</p><p>�Es ist sicherer als oben�, antwortete Jan l�chelnd. </p><p>�Und so, wie du aussiehst, solltest du das wissen. Du bist Tally, nicht wahr?�</p><p>�Woher wei�t du das?� entfuhr es Tally.</p><p>�Weil ich dich gesucht habe�, antwortete Jan. �Als ich h�rte, da� dieser Idiot Weller dich im <emphasis>Gr�nen Frosch</emphasis>  zur�ckgelassen hat, habe ich mich auf den Weg gemacht. Nach dem, was ich dort gesehen habe, dachte ich schon, ich k�me zu sp�t.� Er beugte sich vor, half ihr auf die F��e und blickte sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge an. �Wei�t du eigentlich, wen du da erledigt hast?� fragte er.</p><p>Tally sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte sie. �Und es interessiert mich auch nicht. Bring mich zu Karan.�  Jan z�gerte, zuckte aber dann nur die Achseln und wies mit einer einladenden Geste hinter sich, wo eine weitere, diesmal allerdings aus massivem Stein gebaute Treppe in die Tiefe f�hrte. An ihrem Ende glomm warmes gelbes Licht, und als Tally der Einladung folgte und die Stufen hinabging, f�hlte sie die prickelnde Ber�hrung angenehm warmer Luft.</p><p>Weller und Karan sa�en an einem Tisch und debattierten erregt, als Tally den Raum betrat. Karan � wenigstens vermutete sie, da� der verkr�ppelte Alte Karan war � reagierte �berhaupt nicht, aber Weller sprang auf, starrte sie einen Moment betroffen an und kam dann mit hastigen Schritten auf sie zu. �Tally!� keuchte er. �Was tust du hier? Du solltest auf mich warten! Bist du lebensm�de?�</p><p>�Das w�re sie wohl, h�tte sie getan, was du verlangt hast, du Idiot�, sagte Jan kalt. �Wenn ich sie nicht gefunden h�tte, w�re sie jetzt wahrscheinlich tot.�</p><p>Weller setzte zu einer w�tenden Entgegnung an. Aber dann wich der Zorn in seinem Blick j�hem Erschrecken, als er Tallys bandagierten Arm sah, und den erbarmungsw�rdigen Zustand, in dem sie sich befand. �Was ist passiert?� fragte er.</p><p>�Nichts�, murmelte Tally. Pl�tzlich sp�rte sie die W�rme �berdeutlich, beinahe schon unangenehm. Das Haus schien unter ihren F��en zu wanken. M�digkeit schlug wie eine l�hmende Woge �ber ihr zusammen. Sie f�hlte, da� ihr gleich �bel werden w�rde. �Eine kleine... Meinungsverschiedenheit, mehr nicht.� </p><p>�Sie hat Angella und drei ihrer M�nner erschlagen�, sagte Jan ruhig.</p><p>Zum erstenmal, seit sie das Zimmer betreten hatten, zeigte nun auch Karan eine Reaktion: in seinem Blick erschien ein Ausdruck von Unglauben, dann schierem Entsetzen, und auch Weller erbleichte noch weiter. Aber Tally registrierte all dies nur noch am Rande. Pl�tzlich f�hlte sie sich nur noch schwach und m�de. Jan konnte gerade noch hinzuspringen und sie auffangen, als sie das Bewu�tsein verlor.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Sie verschlief die Nacht, den n�chsten Tag und die darauffolgende Nacht, und h�tte Weller sie nicht schlie�lich geweckt, h�tte sie wahrscheinlich auch noch den n�chsten Tag mit Schlafen zugebracht. Und trotzdem f�hlte sie sich nur m�de, als sie erwachte, und fast noch erschlagener als zuvor.</p><p>Es fiel ihr schwer, sich auf alles zu besinnen, was geschehen war, und als Weller sie ansprach, reagierte sie nur mit einem gereizten Knurren, das ihn davon abhielt, sie abermals in ein Gespr�ch verwickeln zu wollen. �bellaunig fragte sie ihn nach einer Waschgelegenheit, tastete sich auf unsicheren Beinen hinter ihm her und verbrachte fast eine halbe Stunde damit, Gesicht und Handgelenke immer wieder in das eiskalte Wasser zu tauchen, bis die Benommenheit ganz allm�hlich zu weichen begann.</p><p>Jemand hatte ihre Wunden versorgt, w�hrend sie geschlafen hatte. Die meisten waren ohnehin nur Kratzer gewesen, die in wenigen Tagen von selbst verheilt sein w�rden, nur der Schnitt in ihrer Schulter mu�te sehr tief sein, denn sie konnte den Arm kaum bewegen, und wenn, dann nur unter erheblichen Schmerzen.</p><p>Der Anblick des straffen, sehr sauberen Verbandes weckte die Erinnerungen, und je weiter sich die Benommenheit, die von zu langem Schlaf herr�hrte, von ihrem Bewu�tsein hob, desto mehr besann sie sich darauf, was geschehen war. Die Erinnerungen erf�llten sie nicht unbedingt mit Wohlbehagen � sicher, sie lebte und war als Siegerin aus dem Kampf hervorgegangen, aber sie hatte alles andere als eine gute Figur gemacht. Um ein Haar w�re sie von einem <emphasis>Kind</emphasis>  erschlagen worden.</p><p>Tally beendete ihre Morgentoilette, sah sich nach irgend etwas um, das sie anziehen konnte, und gewahrte zu ihrer gro�en Freude ihre eigenen, sauber gewaschenen Kleider auf einem Hocker gleich neben der T�r. Rasch zog sie sich an, zw�ngte ihre noch immer geschwollenen F��e in die Stiefel und band den Waffengurt um. Zum ersten Mal seit Tagen f�hlte sie sich nicht mehr schutzlos und nackt.</p><p>Das Haus war sehr still, als sie die kleine Waschhaube verlie� und sich auf die Suche nach Weller und Karan machte. Das Zimmer, in dem sie aufgewacht war, hatte kein Fenster, sondern nur einen verglasten runden Lichtschacht unter der Decke, aber als sie es durchquerte und die nach oben f�hrende Treppe hinaufstieg, sah sie eine Art Schie�scharte, dreieckig und an der breitesten Stelle kaum breiter als ihre Hand. Neugierig blieb sie stehen und blickte hinaus.</p><p>Eine Sekunde sp�ter w�nschte sie sich, es nicht getan zu haben.</p><p>Unter ihr war � nichts.</p><p>Ihr Erinnerungsverm�gen schien noch nicht vollends wiederhergestellt zu sein, denn sie besann sich erst jetzt darauf, auf welch abenteuerliche Weise sie Karans Haus erreicht hatte � das Haus, das wie ein Schwalbennest an die Klippe geklebt war, zehn Meter unter ihrer oberen und vermutlich ebensoviel <emphasis>Meilen</emphasis> �ber ihrer unteren Kante.</p><p>Tally schwindelte, als sie auf die gigantische blauwei�e Ein�de unter sich hinabblickte. Das Wetter hatte aufgeklart, und es war Tag, aber sie sah trotzdem kaum mehr als in der Nacht. Irgendwo, unendlich tief unter ihr, war etwas, etwas Gr�nes und Blaues und Wei�es, aber sie konnte nicht sagen, was. Daf�r hatte sie pl�tzlich erneut das Gef�hl, den Boden unter ihren F��en schwanken zu f�hlen.</p><p>Hastig trat sie vom Fenster zur�ck, fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht und ging weiter. Ihre Knie zitterten.</p><p>Karan und Weller erwarteten sie in dem Zimmer, in dem sie sie auch das erste Mal angetroffen hatte. Im Kamin prasselte ein behagliches Feuer, und der Tisch war reich gedeckt. Das benutzte Geschirr vor Weller und dem alten Mann verriet, da� die beiden mit dem Fr�hst�ck nicht auf sie gewartet hatten, aber der Anblick der Speisen lie� Tally auch sp�ren, wie hungrig sie war. Ohne gro�e Umst�nde setzte sie sich, zog einen Teller und die Brotschale heran und begann zu essen. Weller beobachtete sie stirnrunzelnd, w�hrend Karan mit ausdrucksloser Mine an ihr vorbei durch das gro�e Fenster blickte, unter dem sich der Schlund ausbreitete. Tally blickte ganz bewu�t <emphasis>nicht</emphasis> in die gleiche Richtung. Es vergingen gute zehn Minuten, bis sie ihren �rgsten Hunger gestillt hatte und den Teller zur�ckschob. Weller beobachtete sie noch immer, und auch Karan hatte den Blick endlich vom Fenster losgerissen und blickte sie an. Zum erstenmal sah Tally den alten Mann wirklich aus der N�he.</p><p>Sie revidierte ihre Meinung, was sein Alter anging, um etliche Jahre nach unten. Karan war alt � sicherlich f�nfzig Jahre � aber sein Gesicht war so wettergegerbt und von Runzeln und tief eingegrabenen Linien durchzogen, da� er auf den ersten Blick viel �lter wirkte. Er schien ein sehr harter Mann zu sein, ohne dadurch unsympathisch zu wirken. Auf seinem Kopf waren nur noch wenige, sp�rliche Haare, aber daf�r trug er einen um so gewaltigeren Bart. Au�erdem hatte er Segelohren. </p><p>�Hat es geschmeckt?� fragte er, als Tally keine Anstalten machte, das Gespr�ch zu er�ffnen, sondern ihn nur unverbl�mt anstarrte.</p><p>Tally nickte. �Es war sehr gut. Entschuldige, wenn ich unh�flich war. Aber ich war sehr hungrig. Du bist Karan?�</p><p>Karan machte eine weit ausholende Handbewegung. </p><p>�Du hast Karans Haus gesucht und es gefunden�, sagte er. �Du hast in seinem Bett geschlafen, hast sein Essen gegessen und w�rmst dich an seinem Feuer. Also bin ich Karan.�</p><p>Tally blinzelte.</p><p>�Mach dir nichts draus�, sagte Weller. �Er spricht immer so komisch. Habe ich dir schon gesagt, da� er verr�ckt ist?�</p><p>Karan schenkte ihm einen b�sen Blick und wandte sich wieder an Tally. �Dieser Narr da sagt, du und dein Waga habt mich gesucht?�</p><p>�Hrhon?� entfuhr es Tally. �Hrhon ist hier? Wo?�  Ganz instinktiv sah sie sich um, aber nat�rlich war der Waga nicht hier im Zimmer.</p><p>�Nicht hier�, sagte Karan kopfsch�ttelnd. �Kein Schildkr�tengesicht betritt mein Haus. Aber er war da und wird wiederkommen, wenn ich nach ihm rufe.�  Weller warf ihr einen warnenden Blick zu � der Karan keineswegs entging � und Tally schluckte die w�tende Antwort herunter, die ihr auf der Zunge lag. �Zuerst einmal m�chte ich mich f�r deine Hilfe bedanken, Karan�, sagte sie. �Ohne dich und den jungen Mann ��</p><p>�Jan�, unterbrach sie Karan. �Er ist Karans Sohn, und sein Name ist Jan.�</p><p>�Ohne dich und Jan�, fuhr Tally fort, �w�re ich jetzt vielleicht tot.�</p><p>�Nicht vielleicht�, korrigierte sie Karan. �Ganz bestimmt. Und Schuld daran ist dieser Narr da. Selbst ein Kind wei�, da� man kein M�dchen allein l��t, in Angellas Gebiet.�</p><p>�Angella�, wiederholte Tally nachdenklich. �Das M�dchen mit dem Narbengesicht, das ich get�tet habe. Wer war sie?�</p><p>�Frage Karan lieber, wer sie <emphasis>ist�,</emphasis> sagte Karan. Tally seufzte. Karans Art, von sich selbst in der dritten Person zu reden, begann ihr auf die Nerven zu gehen. Erst dann begriff sie, was seine Worte bedeuteten.</p><p>�Sie... lebt?� fragte sie zweifelnd.</p><p>Karan nickte. �Und sie tobt vor Wut. Du hast sie erniedrigt, M�dchen, und du hast sie besiegt, vor den Augen ihrer eigenen Leute. Das kann sie nicht hinnehmen. Sie wird dich t�ten.�</p><p>�Wer ist diese Frau?� fragte Tally, an Weller gewandt. Weller seufzte. �Die weibliche Ausf�hrung von Braku�, antwortete er. �Nur zehnmal so schlimm. Sie t�tet aus reinem Spa�, wei�t du? Selbst die Garde hat Angst vor ihr. Der Stadthalter fragt sie um Erlaubnis, wenn er oder seine Leute hier in den Norden m�ssen. Und er bekommt sie nicht immer. Sie ist so etwas wie die unumschr�nkte Herrscherin �ber den Norden Schelfheims.�</p><p>�Aber sie ist ein Kind!� sagte Tally.</p><p>Karan schnaubte. �Dasselbe w�rde mancher auch von dir behaupten, wenn er dich s�he, Tally.�</p><p>�Tally?� Tally wandte vorwurfsvoll den Blick. �Du hast ihm verraten, wer ich bin?�</p><p>�Das war nicht n�tig�, verteidigte sich Weller. �Er wu�te es bereits. Beim Schlund, die halbe Stadt wei�, da� du auf dem Wege hierher bist.�</p><p>�Aber keiner wei�, da� du Karan gesucht hast�, sagte Karan. �Auch Angella nicht. Du bist in Sicherheit, solange du das Haus nicht verl��t. Aber Weller hat recht � sie suchen dich. Dich und deinen Begleiter, den Waga. Was suchst du hier?�</p><p>�Dich�, antwortete Tally. �Ich habe von dir geh�rt, Karan. Ein Mann namens Sagor nannte mir deinen Namen.�</p><p>�Du suchst Karan, du hast Karan gefunden�, deklamierte Karan. �Also sage, was du von ihm willst.�  Tally z�gerte. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, um nur hierher <emphasis>zu</emphasis> kommen, erschien es ihr beinahe zu einfach. �Ich... das hei�t, wir�, begann sie, �Hrhon und ich, brauchen deine Hilfe.�</p><p>�Wobei braucht ihr Karans Hilfe?� fragte Karan. </p><p>�Braucht ihr Waffen? Rauschgift? Gedungene M�rder oder falsche Papiere? Sprich ruhig. Wenn der Preis stimmt, dann gibt es nichts, was Karan nicht besorgen kann.�</p><p>�Ich brauche nichts von alledem�, sagte Tally z�gernd. Nerv�s blickte sie erst Weller, dann Karan an, stand schlie�lich auf und trat ans Fenster. Aber sie blickte nicht in den Schlund hinab, sondern in den Himmel, der sich wie eine gigantische blaue Kuppel dar�ber spannte. Trotzdem glaubte sie die N�he des riesigen Abgrundes zu sp�ren. Ganz leicht wurde ihr schwindelig.</p><p>�Ich habe lange nach einem Mann wie dir gesucht, Karan�, begann sie vorsichtig. Sie war nerv�s. Sie wu�te, wie wichtig die n�chsten Worte waren. Aber sie hatte niemals gelernt, mit Worten umzugehen.</p><p>Mit einem Ruck drehte sie sich herum, ohne auf den stechenden Schmerz in ihrer Schulter zu achten, verschr�nkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen das glatte Glas des Fensters. �Wir brauchen einen F�hrer, Karan�, sagte sie. �Einen Mann, der Hrhon und mich dort hinunter bringt. Man sagte mir, du w�rest der einzige, der das kann.�</p><p>Wellers Unterkiefer klappte herunter, aber Karans Gesicht blieb ausdruckslos. Nicht einmal in seinen Augen war so etwas wie �berraschung zu erkennen. Er mu�te wohl geahnt haben, warum Tally wirklich hier war.</p><p>�Nein�, sagte er ruhig.</p><p>Tally seufzte. Sie hatte geahnt, da� die Schwierigkeiten jetzt erst wirklich begannen. �Du hast es schon einmal getan�, sagte sie.</p><p>�Karan ist nicht der einzige.�</p><p>�Aber du bist der einzige, der zur�ckgekommen ist�, beharrte Tally.</p><p>�Und wenn? Es bleibt bei Karans nein.�</p><p>�Du wei�t ja noch gar nicht, was ich dir biete, Karan�, sagte Tally. �Und warum ich es will.�</p><p>�Warum du es willst, ist deine Sache�, sagte Karan. </p><p>�Und was kannst du Karan bieten, was er nicht h�tte? Er hat ein Haus, er hat Geld und er hat einen Sohn. Und er lebt. Wenn er mit dir dort hinunterginge, w�rde er sterben.�</p><p>�Du hast es schon einmal �berlebt.�</p><p>�Karan hatte Gl�ck�, sagte Karan ruhig. �Und etwas von ihm ist gestorben, dort unten. Auch von dir w�rde etwas sterben, gingen wir dorthin. Willst du das?� </p><p>�Ich ��</p><p>�Du�, unterbrach sie Karan, �bist nicht die erste, die mit dieser Bitte zu Karan kommt. Viele haben ihn gebeten, viele haben ihm Geld geboten, sehr sehr viel Geld, und manche haben ihn bedroht. Keinen hat er hinuntergef�hrt. Er kann dir den Weg beschreiben, aber das kostet Geld.�</p><p>�Verdammt noch mal das k�nnen andere auch�, sagte Tally heftig. �Ich habe tausend idiotische Ratschl�ge bekommen, Karan, angefangen von dem, einfach zu springen bis zu dem, mir Fl�gel wachsen zu lassen. Ich brauche jemanden, der schon einmal dort war. Jemanden, der sich dort unten auskennt. Der mich zu meinem Ziel f�hren kann! Verr�ckte, die versucht haben, den Schlund zu erkunden, gibt es genug. Aber du bist der einzige, der zur�ckgekommen ist! Es ist wichtig f�r mich, Karan! Wichtiger als mein Leben!�</p><p>�Nein�, beharrte Karan. Er stand auf. �Du kannst dir deinen Atem sparen, Tally. Niemand wird Karan bewegen, jemals wieder dort hinunterzugehen. Und wenn du ihn weiter bedr�ngst, dann wird er dich bitten m�ssen, sein Haus zu verlassen.� Damit wandte er sich um und verlie� den Raum so schnell, da� Tally nicht einmal Gelegenheit fand, ihn zur�ckzurufen.</p><p>W�tend starrte sie ihm nach. Sie hatte geahnt, da� es schwer werden w�rde � aber jetzt hatte sie das Gef�hl, da� es schlichtweg unm�glich war. Karan geh�rte ganz eindeutig nicht zu den Menschen, die sich durch irgend etwas umstimmen lie�en.</p><p>�Das ist dein Ernst, wie?� murmelte Weller verst�rt. </p><p>�Du... du willst wirklich dort hinunter? <emphasis>Deshalb</emphasis> hast du Karan gesucht?� Er stand auf, kam auf sie zu und blieb wieder stehen, als Tally ihn zornig anstarrte. </p><p>�Du... du bist v�llig verr�ckt!� fuhr er fort. �H�ttest du mir gesagt, was du von ihm willst, dann h�tten wir uns das alles sparen k�nnen! Karan hat schon Hunderte abgewiesen, die mit der gleichen Bitte zu ihm kamen!�</p><p>�Aber ich <emphasis>mu�</emphasis> dort hinunter�, beharrte Tally. Sie war w�tend. Und sie war sich des Umstandes durchaus bewu�t, da� sie sich wie ein st�rrisches Kind benahm, das seinen Willen nicht durchsetzen konnte.</p><p>�Und warum?� fragte Weller.</p><p>�Das geht dich nichts an.�</p><p>�Oh doch, das tut es!� behauptete Weller aufgebracht. �Immerhin hast du mich gezwungen, dich zu begleiten. Um ein Haar w�re ich umgebracht worden, und ob ich jemals lebend hier herauskomme, wei� ich noch immer nicht.� Er zog eine Grimasse. �Was immer du dort unten suchst, es ist nicht da�, sagte er mit einer Geste aus dem Fenster. �Glaube mir, Tally, dort unten ist nichts als der Tod.�</p><p>�Warst du dort?� fragte Tally spitz.</p><p>�Nein�, antwortete Weller w�tend. �Niemand war da, au�er Karan vielleicht, und auch nur vielleicht.� </p><p>�Du glaubst ihm nicht?�</p><p>Weller hob w�tend die Schultern. �Was wei� ich. Er kann eine Menge behaupten, wenn niemand da ist, der das Gegenteil beweisen kann. Aber selbst wenn � er wird dich nicht hinunterbringen.�</p><p>�Ich k�nnte ihn zwingen�, sagte Tally.</p><p>�Du redest Unsinn�, schnaubte Weller. �Du kannst ihn zu einer ganzen Menge zwingen, aber nicht <emphasis>dazu.�</emphasis></p><p>�Bist du sicher?� fragte Tally b�se.</p><p>�Ganz sicher�, sagte Weller. �Und das wei�t du ganz genau. Willst du wirklich in die H�lle gehen, mit einem F�hrer, dem du nicht trauen kannst?�</p><p>Tally starrte ihn an. �u�erlich wirkte sie ruhig, aber das war f�r jemanden, der sie kannte, allerh�chstens ein Alarmzeichen. Hinter der Maske aus Gelassenheit und Ruhe brodelte es. Beim Schlund � sie war nicht hierhergekommen, um sich mit einem Nein abspeisen zu lassen, einfach so, weil ein alter Mann zu stur war, sie �berhaupt anzuh�ren.</p><p>�Sieh ein, da� es keinen Sinn hat, Tally�, fuhr Weller fort, der ihr Schweigen so falsch deutete, wie es nur ging. </p><p>�Ich kenne Karan. Wenn er einmal nein sagt, bleibt es dabei. Keine Macht der Welt kann ihn umstimmen. Und wenn du ihn ver�rgerst�, f�gte er hinzu, �wird er uns rauswerfen. �Du ��</p><p>Aber Tally h�rte schon gar nicht mehr zu. Sie fuhr w�tend herum, stapfte aus dem Raum und ging in das Zimmer zur�ck, in dem sie geschlafen hatte.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Es dauerte nicht lange, bis Karan zu ihr kam. Tally hatte halbwegs damit gerechnet, halbwegs hatte sie es aber auch bef�rchtet; denn sie ahnte, da� es kaum m�glich war, den alten Sonderling umzustimmen. Trotzdem empfing sie ihn so freundlich, wie sie konnte � was angesichts ihrer momentanen Verfassung nicht sonderlich freundlich war.</p><p>�Du bist entt�uscht�, begann Karan das Gespr�ch, �weil Karan dir deinen Wunsch nicht erf�llt.�</p><p>Tally schwieg. Sie hatte das bestimmte Gef�hl, da� der Alte nicht nur gekommen war, um ein paar Belanglosigkeiten mit ihr auszutauschen. Er war nicht der Typ, der um des Reden willens redete. Aufmerksam sah sie ihn an.</p><p>�Du wei�t nicht, was du von Karan verlangst.�</p><p>�Doch�, widersprach Tally. �Ich wei� es. Aber es ist wichtig f�r mich.�</p><p>�Wichtig?� Karan l�chelte auf eigent�mliche Art. </p><p>�Wichtiger als dein Leben?�</p><p>�Ja�, antwortete Tally, so impulsiv, da� Karan sie einen Moment fast erschrocken anstarrte, ehe er abermals l�chelte, diesmal aber sehr d�nn und fast traurig. </p><p>�Du bist ein Kind�, sagte er. �Eine Frau, und trotzdem ein Kind. Dein Leben hat noch nicht einmal richtig begonnen, und du willst es wegwerfen. Warum? Was treibt dich?� Er seufzte, drehte sich auf der Stelle herum und machte eine einladende Geste mit der Linken. </p><p>�Komm mit, dummes Kind. Karan will dir etwas zeigen.�</p><p>Widerstrebend stand Tally auf und folgte dem Alten. Sie gingen die Treppe hinunter und durchquerten das Kaminzimmer, in dem sie zuvor miteinander gesprochen hatten. Von Weller war keine Spur mehr zu sehen, und auch Jan, Karans Sohn, lie� sich nicht blicken. �berhaupt war das Haus sehr still, dachte Tally. Sie wu�te nicht, warum, aber die Vorstellung, mit dem halbverr�ckten Alten allein in diesem Haus �ber dem Nichts zu sein, erf�llte sie mit Unbehagen.</p><p>Karan trat an das gro�e Fenster, tat etwas, das Tally nicht genau erkannte, und pl�tzlich glitt ein Teil der mannshohen Glasscheibe mit einem kaum h�rbaren Summen zur Seite. Dahinter kam ein kaum meterbreiter, von einer zierlichen schmiedeeisernen Br�stung begrenzter Balkon zum Vorschein. Karan trat mit einem raschen Schritt hinaus, l�chelte ihr zu und wiederholte seine auffordernde Handbewegung.</p><p>Tally z�gerte. Ihr Herz begann zu h�mmern. Unter dem Balkon lag der Schlund. Das absolute Nichts. Ein Meilen tiefer Abgrund.</p><p>�Was hast du?� fragte Karan sp�ttisch. �Angst? Noch vor Stundenfrist hast du Karan gebeten, dich dort hinunterzubringen. Und jetzt hast du Angst davor, den Schlund auch nur zu betrachten.� Er sch�ttelte den Kopf. </p><p>�Du <emphasis>bist</emphasis> ein Kind�, beharrte er.</p><p>Seine Worte �rgerten Tally so sehr, da� sie mit einem zornigen Schritt neben ihn trat und die H�nde auf das Gel�nder legte � und genau das sollten sie ja wohl auch. Tally schwindelte, als sie so unversehens in den Abgrund hinabblickte; gleichzeitig wurde sie sich des Umstandes bewu�t, da� sie sich wahrhaftig wie ein Kind benahm. Karan spielte mit ihr, und es bereitete ihm nicht einmal besondere M�he.</p><p>�Du bist also Tally�, sagte Karan leise. �Die Frau, die von den <emphasis>T�chtern des Drachen</emphasis> und jedem Halsabschneider und M�rder im Lande gesucht wird. Auf deinen Kopf steht ein Verm�gen, wei�t du das?�</p><p>�Ich w�re kaum noch am Leben, wenn ich es nicht w��te�, antwortete Tally scharf. �Was willst du? Mir erkl�ren, da� ich in Gefahr bin?�</p><p>�Mit dir reden�, antwortete Karan ruhig. �Du bist nicht die erste, die mit diesem Wunsch zu Karan kommt. Die anderen habe ich fortgeschickt, ohne zu fragen. Du interessierst mich.�</p><p>�Welche Ehre�, murmelte Tally b�se. �Vielleicht interessiere ich dich ja so sehr, da� du ihn mir erf�llst.�  Karan blieb ernst. �Du willst es wirklich�, sagte er leise. �Du willst dort hinunter.� Er deutete in das gigantisch saugende Nichts herab, ohne den Blick von Tally zu wenden. �Du hast all dies nur auf dich genommen, um zu sterben.�</p><p>�Nein�, antwortete Tally heftig. �Ich will dort hinunter, aber lebend. Und dazu brauche ich dich.�</p><p>�Es ist dasselbe�, erwiderte Karan ruhig. �Der Schlund ist der Tod.�</p><p>�Du bist der lebende Beweis, da� es nicht so ist�, sagte Tally erregt. Sie sp�rte, da� sie schon wieder dabei war, die Beherrschung zu verlieren, aber es war ihr gleich. Wenn es sein mu�te, w�rde sie Karan zwingen, ihr zu helfen. �Ich mu� dort hinunter, Karan, egal, wie, und �� </p><p>�Warum?� unterbrach sie Karan ruhig. �Was glaubst du, dort zu finden, Tally? Ruhm?� Er sch�ttelte den Kopf. �Sieh Karan an. Er war dort, aber er hat keinen Ruhm gefunden. Reichtum?� Wider sch�ttelte er den Kopf. �Dort unten gibt es nichts von Wert. Nichts, was du mitnehmen k�nntest. Abenteuer?� Zum dritten Male das Kopfsch�tteln. Tally hatte pl�tzlich den sicheren Eindruck, da� Karan genau diese Worte mit genau diesen Gesten schon tausendmal gesprochen hatte, und an genau dieser Stelle. Eine einstudierte Szene, die er allen Narren vorspielte, die hierherkamen. �Es gibt keine Abenteuer dort unten. Nur den Tod. Was also treibt dich?�</p><p>�Nichts, was dich etwas anginge�, erwiderte Tally zottlig.</p><p>Karan lachte. �Du verlangst von Karan, da� er dich dort hinunterf�hrt, und meinst, es ginge ihn nichts an, warum?�</p><p>�Wirst du es tun, wenn ich es dir sage?� fragte Tally. Karan verneinte. �Aber vielleicht hilft er dir anders�, f�gte er hinzu. �Du wirst hinuntergehen, ob mit oder ohne Karans Hilfe. Und er wei� viel. Aber er gibt sein Wissen nicht jedem preis. Was also suchst du dort, wenn nicht den Tod?�</p><p>�Den Tod schon�, antwortete Tally leise. �Aber nicht meinen.� Fast erschrak sie selbst �ber ihre Worte. Sie hatte ihr Geheimnis bisher mit niemandem geteilt, und sie hatte bei ihrem Leben geschworen, es auch nicht zu tun. Aber sie hatte das sichere Gef�hl, da� Karan eine L�ge erkennen w�rde.</p><p>�Rache also�, sagte Karan. Er sch�ttelte den Kopf, seufzte. �Wen haben sie get�tet?� fragte er. �Deinen Liebsten? Deine Eltern? Deine Familie?�</p><p>�Alle�, antwortete Tally heftig.</p><p>�Und sie sind dort unten?�</p><p>�Ich denke, du kennst den Schlund?� fragte Tally mi�trauisch.</p><p>Karan l�chelte. �O Kind�, sagte er, �wie kann ein Mann <emphasis>das da</emphasis> kennen?� Wieder deutete er in das Nichts hinab, drehte sich aber diesmal herum und st�tzte sich schwer mit den Unterarmen auf das eiserne Gel�nder. </p><p>�Karan war dort, aber was er gesehen hat, war nur ein kleiner Teil der Ewigkeit. Selbst wenn er dich hinabf�hrte, k�nntest du dein Leben lang suchen, ohne zu finden. Was wei�t du �ber den Schlund?�</p><p>Tally schwieg einen Moment. Sie wu�te eine Menge �ber das gro�e Nichts hinter der Welt � eine Menge Unsinn. Konkret gab es niemanden, der zu sagen wu�te, was sich unter der blauwei�gr�n gemusterten Decke tief unter ihnen verbarg. Au�er Karan vielleicht.</p><p>�Nichts�, sagte sie leise.</p><p>�Dann wei�t du so viel wie alle�, l�chelte Karan. </p><p>�Karan wird dich nicht hinabf�hren, aber er wird dir vom Schlund erz�hlen � wenn du willst. Willst du?�  Seltsamerweise z�gerte Tally. Sie brannte darauf, das gro�e Geheimnis zu l�ften, das zum Greifen nahe vor ihr lag � und gleichzeitig hatte sie Angst davor. Vielleicht war es die Angst, da� aus dem Traum j�h ein Alptraum werden konnte, da� sie erkennen mu�te...</p><p>Ja, dachte sie, das war es. Sie hatte Angst, da� Karan sie �berzeugte. Was, wenn er ihr bewies, da� es unm�glich war, dort hinunter zu gehen?</p><p>Trotzdem nickte sie nach einer Weile.</p><p>�Dann sieh hinab�, sagte Karan. �Sieh hinab und sp�re die Weite.�</p><p>Tally gehorchte, obgleich sie nicht so ganz begriff, was Karan �berhaupt meinte. Die Vorstellung, sich von einem verr�ckten alten Mann zum Narren machen zu lassen, gefiel ihr nicht. Aber welche Wahl hatte sie schon?</p><p>Und nach einer Weile glaubte sie sogar zu sp�ren, was Karan meinen mochte. Sie sp�rte nichts von Weite und Erhabenheit und Ehrfurcht, nichts von alledem, was Karan von ihr erwarten mochte, aber zum erstenmal in ihrem Leben blickte sie wirklich in die Unendlichkeit hinab. Es gab keinen Horizont, ja, es war, als l�sten sich nach einer Weile alle bekannten Begriffe auf. Es gab kein Hier oder Dort, kein Oben, Unten, Rechts oder Links � der Schlund war einfach da, und er war gewaltig. Richtungen spielten keine Rolle, wenn es nichts gab, was sie begrenzte.</p><p>�Was wei�t du �ber die Geschichte unserer Welt?�  fragte Karan nach einer Weile.</p><p>�Nicht viel�, erwiderte Tally. Es fiel ihr schwer zu sprechen. Der Anblick der ungeheuerlichen Weite unter ihr l�hmte sie. Sie sah eine ungeheuerliche, wei�getupfte Masse, tief, unglaublich <emphasis>tief</emphasis> unter sich, und noch tiefer darunter etwas Gr�nes und Blaues und Braunes. <emphasis>Was war das?</emphasis> dachte sie entsetzt.</p><p>�Sie ist alt, Kind�, fuhr Karan fort, mit leiser, fast tonloser Stimme, als f�hre er Selbstgespr�che. Wahrscheinlich tat er es. �Sie war schon alt, als der Mensch noch ein Gedanke in der Unendlichkeit war. Manche behaupten, da� sie stirbt, und da� wir die letzten sind, denen sie Heimat ist. Fr�her einmal, vor undenklichen Zeiten, war sie reich und fruchtbar, ein Paradies, das allen Wesen Raum bot. Es gab reiche L�nder, fruchtbare Ebene, gr��er, als du dir vorstellen kannst, und Meere, so gewaltig, da� ein Schiff ein Jahr lang segeln konnte, ohne auf Land zu sto�en.� Er deutete nach unten. �Der Schlund war fr�her ein Meer.�</p><p>Tally sah ihn zweifelnd an. Der Schlund � ein <emphasis>Meer?</emphasis>  Sie kannte Meere � den �stlichen Salzsee, der so gro� war, da� ein Mann in einem Ruderboot zehn Tage brauchte, um ihn zu �berqueren, das gro�e Meer im Westen mit seinen schwimmenden St�dten � aber der <emphasis>Schlund?!</emphasis> Unm�glich.</p><p>�Du glaubst Karan nicht�, sagte der Alte. �Und doch war es so. Einstmal war all dies dort Wasser, eine so ungeheuerliche Menge von Wasser, da� niemand sie sich vorzustellen vermag. Karan wei� nicht, ob es Schelfheim damals schon gab, doch wenn, so lag es nicht an der Klippe, sondern war ein Hafen, in den Schiffe einliefen und nach Norden segelten. Dies alles war gef�llt mit Wasser, und der Schlund, die H�lle, war der Grund eines Meeres.�</p><p>Tally schwindelte allein bei der Vorstellung, aber sie hatte auch keinen triftigen Grund, Karans Worte zu bezweifeln. Im Gegenteil � jetzt, als er es ihr einmal gesagt hatte, klangen sie fast einleuchtend. Was nicht hie�, da� Tally es etwa schon wirklich <emphasis>begriffen</emphasis> h�tte. Die Vorstellung sprengte einfach ihre Phantasie, �Aber wo... wo ist es hin?� murmelte sie. �Ich meine, wenn... wenn du die Wahrheit sagst, wohin ist all dieses Wasser verschwunden? Es kann doch nicht ausgetrocknet sein!�</p><p>�Das wei� niemand�, antwortete Karan. �Manche sagen, es ist einfach verschwunden, so wie ein See austrocknet, in einem hei�en Jahr. Andere behaupten, die Menschen h�tten die G�tter gefrevelt, und sie h�tten ihnen zur Strafe das Wasser genommen. Wieder andere sagen, der Mensch h�tte nach den Sternen gegriffen und ihre Macht entfesselt, so lange, bis er ihr selbst nicht mehr Herr geworden w�re. Wer will sagen, was nun stimmt? Karan kann es nicht.� Er lachte leise. �Manche behaupten gar, es w�re noch da, nur tief unter dem Boden des einstigen Meeres, gefangen in gewaltigen H�hlen, die aufbrachen, als der Mensch nach verbotenem Wissen griff.�</p><p>�Und was ist wirklich dort unten?� fragte Tally leise. </p><p>�Die H�lle�, antwortete Karan. �Oder das Paradies.�  Tally sah ihn fragend an.</p><p>�Es gibt sie noch, diese Welt, von der Karan gesprochen hat�, fuhr Karan fort. �Eine Welt voller Leben. Siehst du das Gr�n?�</p><p>Tally nickte.</p><p>�Es ist Leben�, sagte Karan. �Ein Leben, wie du es dir nicht einmal vorzustellen vermagst. Aber es ist gef�hrlich. Es ist b�se, und es t�tet dich, noch ehe du es bemerkst. Es gibt W�lder dort unten, gr��er als unsere Welt, und so dicht, da� das Licht der Sonne nicht den Boden erreicht.�</p><p>�Dann warst du wirklich dort�, murmelte Tally.</p><p>Karan l�chelte. �Hast du daran gezweifelt?� fragte er, beinahe sanft. �Karan war dort, aber er hat geschworen, es nie wieder zu tun. F�r nichts auf der Welt.� </p><p>�War es so schlimm?� fragte Tally.</p><p>�So sch�n�, erwiderte Karan ernst. �Es ist das Paradies, Tally. Aber Karan kann nicht darin leben, so wenig wie du oder irgendein anderer. Und es ist die H�lle, wenn du es siehst, und niemals erreichen kannst.� </p><p>�Lebst du deshalb hier?� fragte Tally. Karan nickte. </p><p>�Dann beneide ich dich nicht um dein Leben�, fuhr Tally fort. �Es mu�... schrecklich sein.�</p><p>�Manchmal�, gestand Karan. �Und doch kann Karan nirgendwo anders leben als hier. Irgendwann, wenn seine Zeit gekommen ist, wird er sein Ende hier finden.�</p><p>Tally wollte antworten, aber irgend etwas hielt sie zur�ck. Sie hatte zu viel erfahren in den letzten Minuten, zu viel, was sie noch gar nicht begriff, um mit Karan reden zu k�nnen. Ihr schwindelte, aber es war jetzt nicht mehr allein die ungeheuerliche H�he, die sie schwindeln lie�. Sie hatte in wenigen Minuten mehr �ber die Geschichte dieser Welt erfahren als in den f�nfundzwanzig Jahren ihres Lebens zuvor.</p><p>�Wie... wie tief ist es?� fragte sie � nicht aus wirkligern Interesse, sondern nur, um �berhaupt irgend etwas zu sagen, das entsetzliche Schweigen des Abgrundes zu brechen.</p><p>�Unendlich tief�, erwiderte Karan. �Viele haben versucht, die Klippe hinabzusteigen. Es gibt Wege nach unten. Aber alle f�hren ins Nichts. Manche sind zur�ckgekehrt, nach einer Woche in der Wand, aber die meisten nicht. Sie sind tot.�</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte Tally. �Wer sagt dir, da� sie nicht unten angekommen sind?� Sie sprach schnell, und eine Spur zu laut. Ihre Worte waren im Tonfall der Verteidigung vorgebracht, die sie auch waren.</p><p>�Wo ist der Unterschied?� fragte Karan sanft. �Der Schlund t�tet dich. Du steigst zehn Tage in die Tiefe und kommst an eine Stelle, an der es nicht weiter geht, aber du kannst nicht mehr zur�ck, weil deine Kr�fte nicht reichen. Oder du st�rzt ab, wenn der Fels bricht. Oder du erreichst den Boden, und der Schlund t�tet dich erst dort.� Er machte eine vage Handbewegung. �Und jetzt sag Karan, was du dort unten suchst, wenn nicht den Tod.�</p><p>�Aber du bist zur�ckgekommen!� begehrte Tally auf. </p><p>�Du kennst den Weg! Du kannst ihn mir zeigen!�</p><p>Karan schwieg.</p><p>Und auch Tally sagte nichts mehr, sondern warf nur einen letzten, sehr langen Blick auf die blauwei�e Unendlichkeit unter dem Fenster und ging mit h�ngenden Schultern zur�ck zu ihrem Zimmer, um ihre wenigen Habseligkeiten zu holen. Der dumpfe Schmerz erst halb begriffener Entt�uschung w�hlte in ihr.</p><p>Aber sie erreichte ihr Zimmer nicht. Auf halber Strecke h�rte sie ein sonderbares, halb wimmerndes, halb seufzendes Ger�usch, blieb alarmiert stehen und blickte sich um.</p><p>Im ersten Moment fiel ihr nichts Au�ergew�hnliches auf, aber dann h�rte sie den seufzenden Laut erneut, und als sie in die Richtung blickte, aus der er kam, sah sie, da� ein Teil der vermeintlich massiven Wand zur Rechten in Wahrheit von einem Vorhang gebildet wurde, straff gespannt und von der Farbe der Felsen, so da� er bei fl�chtigem Hinsehen nicht auffiel.</p><p>Neugierig � aber auch ein bi�chen beunruhigt � trat sie hinzu, streckte behutsam die Hand aus und schlug den Stoff beiseite. Dahinter kam ein kaum einen Meter im Quadrat messender, halbhoher Verschlag zum Vorschein.</p><p>Was Tally sah, erschreckte sie zutiefst.</p><p>Im ersten Moment glaubte sie, es w�re ein Mensch, aber das konnte nicht stimmen � seine Proportionen waren falsch, und er war zu klein f�r den gewaltigen, aufgedunsenen Sch�del. Die Haut der Kreatur war grau, ein sehr helles, unangenehmes Grau, wie Leichenhaut, und die Glieder geradezu absurd d�nn. Das Wesen war nackt, und Karan oder Jan hatten es mit d�nnen ledernen Riemen so festgebunden, da� es sich kaum zu r�hren vermochte. Sein Kopf ruhte in einem regelrechten Netz von d�nnen B�ndern, und seine Arme waren so gebunden, da� es sie bewegen, sein Gesicht aber nicht damit erreichen konnte.</p><p>Tally unterdr�ckte den Ekel, den der Anblick in ihr wachrief, sah hastig den Gang hinab und schlug den Vorhang vollends beiseite, als sie erkannte, da� sie noch allein war.</p><p>Z�gernd trat sie vollends in den Verschlag hinein und lie� sich vor der bedauernswerten Kreatur in die Hocke sinken, wobei sie allerdings sorgsam darauf achtete, nicht in die Reichweite der d�rren H�nde zu geraten. Karan mochte seine Gr�nde haben, das Wesen so zu fesseln.</p><p>�Wer bist du?� fragte sie schaudernd.</p><p>Sie hatte selbst kaum damit gerechnet � aber sie bekam Antwort. Irgendwo in der teigigen Masse, die das Gesicht des Wesens darstellte, �ffnete sich ein Paar erstaunlich gro�er, klarer Augen. Der d�nne Mund verzog sich zu einem Idiotenl�cheln.</p><p>�Beit�, sagte der Kr�ppel. Seine Stimme war �berraschend klar.</p><p>�Beit?� wiederholte Tally. �Ist das dein Name?�  Das Ding antwortete nicht. Seine Augen schlossen sich wieder.</p><p>�Was tust du hier, Beit?� fragte Tally. �H�lt Karan dich gefangen? Warum?�</p><p>Keine Antwort. Tally seufzte, steckte die Hand aus, wie um den Kr�ppel zu ber�hren, tat es aber dann doch nicht, weil ihre der Gedanke, diese grauwei�e Leichenhaut unter den Fingern zu sp�ren, beinahe k�rperliche �belkeit bereitete. �Warum antwortest du nicht?� fragte sie. �Ich bin nicht dein Feind.�</p><p>Beit starrte sie an, l�chelte erneut sein Idiotenl�cheln und begann zu sabbern. Schaumiger Speichel rann an seinem Kinn herab. Tally versuchte das, Ekelgef�hl zu ignorieren, das der Anblick in ihr hervorrief.</p><p>�Du kannst Vertrauen zu mir haben, Beit�, sagte sie. Vielleicht handelte es sich bei Beit wirklich um einen Schwachsinnigen, �berlegte sie. Sie hatte nicht viel Erfahrung im Umgang mit Idioten, aber sie glaubte sich zu erinnern, da� man die gr��ten Aussichten auf Erfolg hatte, wenn man mit ihnen sprach wie mit einem sehr kleinen Kind.</p><p>�Sag mir, warum Karan dich gefangen h�lt�, fuhr sie fort, so ruhig sie konnte und mit dem freundlichsten L�cheln, das sie aufzubringen imstande war. �Ich kann dir vielleicht helfen.�</p><p>Beit grinste bl�d.</p><p>�Wie alt bist du, Beit?� fragte Tally.</p><p>�Siebenunddrei�ig Jahre, neun Monate und vier Tage�, antwortete der Kr�ppel.</p><p>Tally starrte ihn mit offenem Mund an. �Du kannst also doch sprechen�, sagte sie schlie�lich. �Und du verstehst, was ich sage. Warum antwortest du nicht?�  Beit schwieg. Seine gro�en, dunklen Augen musterten sie voller Leere. Tally war nicht sicher, ob der Schwachsinnige sie �berhaupt wahrnahm.</p><p>�Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben�, fuhr sie schlie�lich fort. �Im Gegenteil.� Sie l�chelte erneut, dr�ngte ihren Widerwillen mit aller Macht zur�ck und strich mit den Fingerspitzen �ber Beits Sch�del. Die Ber�hrung zeigte nicht die mindeste Reaktion auf seinem Gesicht. Seine Haut war kalt wie Stein und schien sehr d�nn zu sein. Tally konnte den raschen Schlag seines Herzens darunter sp�ren.</p><p>�Wenn ich nur w��te, wie ich mit dir reden kann�, murmelte sie, mehr zu sich selbst gewandt. �Du scheinst mich zu verstehen, aber du antwortest nicht.�</p><p>�Er antwortet nur auf direkte Fragen�, sagte eine Stimme hinter ihr.</p><p>Tally fuhr so abrupt herum und in die H�he, da� sie sich an der Decke des niedrigen Verschlages den Sch�del anstie�, fluchte ungehemmt und trat so hastig wieder auf den Gang hinaus, da� Jan unwillk�rlich einen Schritt zur�ckwich. Trotzdem l�chelte er am�siert, als sie die Hand an den Sch�del hob und die schmerzende Stelle rieb.</p><p>�Was ist das dort drinnen?� fragte sie gereizt. �Karans und dein finsteres Geheimnis? Ein verkr�ppelter unehelicher Sohn, den er vor aller Welt versteckt?�</p><p>Jan wirkte ehrlich verbl�fft. Dann begann er zu lachen, so laut und schallend, da� Tally ihn nun ihrerseits verbl�fft anstarrte. �Hast du denn noch nie einen Erinnerer gesehen?� fragte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte und halbwegs zu Atem gekommen war.</p><p>�Einen... <emphasis>Erinnerer?�</emphasis> Tally drehte sich verbl�fft herum, starrte auf den verkr�ppelten Zwerg herab und sah dann wieder Jan an. �Nein�, gestand sie. �Nicht so einen.�</p><p>�Beit ist einer der besten�, behauptete Jan. �Und bevor du fragst � wir binden ihn nicht aus Grausamkeit fest, sondern zu seinem eigenen Schutz. Der, den wir vorher hatten, hat sich eines Tages die Augen ausgekratzt und ist gestorben, einfach so.� Er seufzte, ging vor Beit in die Hocke und legte die Hand auf seine Schulter. Mit der anderen deutete er auf Tally.</p><p>�Das ist Tally, Beit�, sagte er. �Sieh sie dir an. Sie ist unser Gast und hat Zugang zu allen Informationen, die nicht ausdr�cklich als geheim gekennzeichnet sind. Registrieren und best�tigen.�</p><p>�Tally�, wiederholte Beit. �Gast des Hauses mit Zugang zu allen nicht geheimen Informationen. Registriert und best�tigt.�</p><p>�Gut�, sagte Jan. �Ihre Anwesenheit hier ist geheim. Registrieren.�</p><p>�Registriert�, sagte Beit.</p><p>Jan nickte zufrieden, stand wieder auf und wandte sich um. L�chelnd trat er zur Seite und wies mit einer einladenden Handbewegung auf den Kr�ppel. �Frag ihn etwas�, sagte er. �Sein Wissen wird dich �berraschen.�  Tally war der kurzen Unterhaltung zwischen ihm und dem Erinnerer mit wachsender Verbl�ffung gefolgt. Es fiel ihr schwer, zu glauben, was sie sah. Nat�rlich wu�te sie, da� es so etwas wie Erinnerer gab; aber sie hatte niemals einen gesehen. Sie hatte nicht gewu�t, wie entsetzlich sie waren.</p><p>Jan, der ihr Z�gern falsch deutete, l�chelte erneut und wandte sich wieder an den Kr�ppel. �Schelfheim�, sagte er. �Kurzbeschreibung und Einwohnerzahl. Antwort.� </p><p>�Schelfheim�, antwortete Beit mit seiner vollt�nenden, angenehmen Stimme. Gr��te Stadt des n�rdlichen Schelfs. Untersteht dem Kommando der T�chter des Drachen. Einwohnerzahl offiziell zweihundertundf�nfzigtausend,,gesch�tzte realistische Zahl jedoch-fast doppelt so hoch. Zentraler Handelsknotenpunkt f�r �� </p><p>�Abbruch�, sagte Jan scharf. Beit verstummte.</p><p>�Der Schelf�, sagte Jan. �Allgemeiner Abri�. Antwort.�</p><p>�Schelf�, antwortete Beit. �Gr��tenteils unfruchtbarer, aber dichtbesiedelter sandiger Streifen, zwischen dem Hochland und dem sogenannten Schlund gelegen.</p><p>Seine Breite schwankt zwischen f�nf Meilen im Norden und hundertf�nfzig Meilen im S�den. Gr��te Stadt ist Schelfheim. Regierungs ��</p><p>�Aufh�ren!� keuchte Tally, aber Beit fuhr fort: � bereiche der der drei gro�en Reiche des Hochlandes �berschneiden sich im ��</p><p>�Abbruch�, befahl Jan hart. Beit verstummte mitten im Wort.</p><p>�Er reagiert nur auf bestimmte Worte�, sagte Jan l�chelnd. �Du mu�t sie dir merken, wenn du...� Er sprach nicht weiter, sondern runzelte die Stirn, als er sah, wie bleich Tally geworden war.</p><p>�Was hast du?� fragte er. �Erschreckt dich sein Anblick so sehr? Er ist harmlos, glaube ich. Und sehr n�tzlich. Du m��test f�nf H�user wie diese von oben bis unten mit B�chern f�llen, um nur die H�lfte des Wissens anzuh�ufen, das er im Kopf hat.�</p><p>�Das... das ist entsetzlich�, stammelte Tally. F�r einen Moment drohte der Ekel sie vollends zu �bermannen. Sie mu�te all ihre Kraft aufwenden, dem Anblick Breits �berhaupt noch stand zu halten. Sie hatte Schrecklicheres gesehen: Bestien, bei deren blo�em Anblick andere schreiend davongelaufen w�ren, und Menschen, die schlimmer verkr�ppelt waren. Aber das...</p><p>�Was ist entsetzlich?� fragte Jan verwirrt.</p><p>�Dieses... dieses Ding�, antwortete Tally mit einer Geste auf den Erinnerer. �Es ist unmenschlich, Jan.� </p><p>�Unmenschlich?� Jans Unverstehen war nicht gespielt. �Was soll das hei�en, Tally? Er <emphasis>ist</emphasis> kein Mensch.�</p><p>�Was dann?� fragte Tally heftig. �Eine Maschine?�  Sie machte eine zornige Handbewegung. �Er ist ein lebendes Wesen, Jan. Es ist grausam, ihn so zu behandeln.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Jan. �Er bekommt zu Essen, und wir binden ihn nur zu seinem eigenen Schutz. Diese Kreaturen sind dumm. Sie haben ein phantastisches Ged�chtnis, aber sie sind dumm wie Steine.� Er kam einen Schritt auf sie zu und blieb wieder stehen, als Tally instinktiv um die gleiche Strecke zur�ckwich. </p><p>�Ich sage dir die Wahrheit�, versicherte er. �Glaube mir. Beit ist kein lebendes Wesen, das dein Mitleid verdiente. Ebensogut k�nntest du Mitleid mit einem Hornkopf haben.�</p><p>�Das ist etwas anderes�, widersprach Tally. �Er... er ist ein Mensch. Oder war es wenigstens einmal, ehe ihr... <emphasis>das da</emphasis> aus ihm gemacht habt!�</p><p>�Das ist er nicht�, widersprach Jan, nun schon etwas heftiger. �Glaube mir, der Unterschied zwischen ihm und einem Hornkopf ist nicht so gro�, wie du denkst. Sie sind gro�e, dumme Tiere, die zum K�mpfen und Arbeiten geschaffen worden sind, und er ist nichts anderes. Sein Aussehen erschreckt dich vielleicht, aber es t�uscht. Er atmet, und er i�t, aber das ist auch alles, was an ihm lebt. Er denkt nicht. Er erinnert sich, das ist alles.�  Tally antwortete nicht mehr, sondern drehte sich nach einem letzten, von Entsetzen erf�llten Blick herum und lief davon, so schnell sie konnte.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Eine Stunde nach ihrem Gespr�ch mit Jan rief sie Karan zum Essen. Tally z�gerte zuerst, �berhaupt auf die Einladung zu reagieren; aber sie sah sehr schnell ein, da� es niemandem etwas brachte, wenn sie sich wie ein st�rrisches Kind benahm und schmollend in ihrem Zimmer blieb; ihr selbst am allerwenigsten. Au�erdem hatte sie schlicht und einfach Hunger. So stand sie nach einer Weile auf und ging hinab ins Kaminzimmer, wo Karan und sein Sohn bereits auf sie warteten.</p><p>Weller fehlte, und als Tally sich setzte, fiel ihr auch auf, da� nur drei Gedecke aufgetragen waren. Auf ihre entsprechende Frage hin erkl�rte Karan einsilbig, da� er sich verabschiedet habe, um zu seinem Versteck in der Klippe zur�ckzukehren. Tally kam diese Antwort ein wenig sonderbar vor, nach allem, und auch Jan sah einen Moment auf, als wolle er etwas ganz anderes sagen, belie� es dann aber bei einem wortlosen Achselzucken und konzentrierte sich wieder ganz auf sein Essen. Der Himmel �ber dem Schlund begann sich dunkel zu f�rben, w�hrend sie a�en, und nach einer Weile begann es tief unter ihnen zu wetterleuchten; Tally glaubte ein sehr weit entferntes, aber auch sehr machtvolles Grollen zu h�ren. Wenn Karan die Wahrheit gesagt hatte, dachte sie schaudernd, dann mu�ten die wei�en Flecken dort unten, die sich jetzt grau gef�rbt hatten, Wolken sein. Die Vorstellung, sich eine oder auch mehrere Meilen <emphasis>�ber</emphasis>  einem Gewitter zu befinden wie ein bizarrer Gott auf einem noch bizarreren Thron, lie� sie schaudern. </p><p>�Du hast nachgedacht �ber das, was dir Karan gesagt hat�, sagte Karan pl�tzlich.</p><p>Tally fuhr erschrocken zusammen und begriff, da� sie in die Leere hinausgestarrt hatte, ohne es �berhaupt zu bemerken. Sehr lange. Sie nickte.</p><p>�Aber du willst noch immer gehen�, fuhr Karan fort. Tally nickte abermals, schwieg aber weiter.</p><p>�Auch Karan hat nachgedacht�, sagte Karan pl�tzlich. </p><p>��ber das, was du ihm gesagt hast. Und �ber das, was ihm sein Sohn berichtete.�</p><p>Tally sah mit einer Mischung aus Schrecken und Zorn zu Jan hin�ber. Sie hatte keinen Grund � schlie�lich war es nur nat�rlich, da� Jan seinem Vater von dem Zwischenfall vor Beits Quartier erz�hlt hatte � aber sie nahm es ihm �bel wie eine pers�nliche Beleidigung. Es war ihr peinlich, ohne da� sie selbst sagen konnte, warum. </p><p>�Du bist fremd in dieser Welt�, fuhr Karan fort, als sie keinerlei Anstalten machte, das Gespr�ch von sich aus fortzusetzen. �Du kommst aus dem S�den, aus den L�ndern jenseits der gro�en W�ste. Der Schelf ist eine fremde Welt f�r dich. Du verstehst nichts. Du begreifst nichts. Alles erschreckt dich. Dabei ist er ein St�ck deiner Welt. Wenn du nicht einmal hier leben kannst, wie kannst du es dann im Schlund?�</p><p>Tally sah ihn scharf an, schwieg aber weiter.</p><p>�Aus diesem Grund�, sagte Karan, �hat Karan beschlossen, dir nicht zu helfen. Er wird dir den Weg nicht zeigen. Es w�re dein Tod.�</p><p>�Und wenn ich dich zwinge?� fragte Tally ruhig. Jan spannte sich, aber sein Vater brachte ihn mit einer raschen, fast nicht wahrnehmbaren Bewegung zur Ruhe. </p><p>�Wie?� fragte er.</p><p>�Ich k�nnte dich t�ten, wenn du es nicht tust�, sagte Tally.</p><p>Karan l�chelte. �Nein�, sagte er. �Das w�rdest du nicht tun.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Karan ist sicher�, antwortete Karan. �So sicher, da� er dich bittet, noch einige Tage hier bei ihm zu bleiben.� </p><p>�Warum sollte ich das tun?� fragte Tally zornig. �Ich habe genug Zeit verloren.�</p><p>�Um dich zu erholen�, antwortete Karan. �Dein K�rper braucht Ruhe. Und du wei�t viele Dinge, die Karan interessieren. Du k�nntest mit ihm reden. Er lebt von Informationen.�</p><p>Tally dachte an das leichenh�utige, sabbernde Ding drau�en in seinem Verschlag. Ganz leicht wurde ihr �bel. Oh ja, sie konnte sich vorstellen, da� Karan von Informationen lebte. Jetzt, wo sie wu�te, wo er sie unterbrachte.</p><p>�Er bezahlt gut�, fuhr Karan fort. �Wissen gegen Wissen.�</p><p>�Wissen gegen Wissen?� Tally schnaubte. �Was k�nntest du mir bieten, alter Mann? Das, was ich von dir will ��</p><p>�Kein Wissen �ber den Schlund�, unterbrach sie Karan. �Doch sonst alles. Viel, was wertvoll f�r dich sein kann. Bedenke, wie Jan dich fand. Fast w�rest du gestorben, aus reiner Unwissenheit. Vielleicht ist Karans Sohn das n�chste Mal nicht da, um dir beizustehen. Der Weg zur�ck in deine Heimat ist weit und voller Gefahren. Karan kennt andere Wege.�</p><p>Tally �berlegte einen Moment. Ganz impulsiv hatte sie eher Lust, Karan den Rest ihrer Mahlzeit ins Gesicht zu sch�tten, als ein <emphasis>Gesch�ft</emphasis> mit ihm einzugehen. Aber sie <emphasis>brauchte</emphasis> ihn, ihn und sein Wissen. Und er hatte recht. Ohne Jan w�re sie vielleicht so lange ziellos durch die Stadt geirrt, bis Angellas M�nner sie geschnappt und get�tet h�tten. Im Grunde, dachte sie niedergeschlagen, war ihre Reise nach Schelfheim zu einem Fiasko geworden, einer Flucht, die in der ersten Minute begonnen und bis jetzt nicht wirklich aufgeh�rt hatte, und... </p><p>... und pl�tzlich wu�te sie, was sie tun mu�te. Der Gedanke �berfiel sie mit solcher Wucht, da� sie an sich halten mu�te, ihn nicht vor lauter Verbl�ffung gleich auf der Stelle laut auszusprechen. Oder zu hastig in die Tat umzusetzen. Und er war so einleuchtend, da� sie sich fragte, warum beim Schlund sie zwei volle Tage gebraucht hatte, darauf zu kommen.</p><p>Gezwungen ruhig wandte sie sich an Jan. �Dieses M�dchen�, begann sie. �Angella...�</p><p>Jan sah auf. �M�dchen?� fragte er mit gerunzelter Stirn. �Ich w��te eine Menge Bezeichnungen, die besser auf sie passen.�</p><p>Tally schnitt ihm das Wort mit einer ungeduldigen Geste der Hand ab. �Sie lebt�, sagte sie. �Stimmt das?�  Jan nickte. Er wirkte betr�bt. �Ich f�rchte, ja�, antwortete er. �Du h�ttest gr�ndlicher zusto�en sollen; am besten ein dutzendmal. Mein Vater hat vollkommen recht � du bist tot, wenn du dieses Haus verl��t. Angellas M�nner durchsuchen die ganze Stadt. Und wenn sie dich finden, wirst du dir w�nschen, niemals geboren zu sein.�</p><p>�Ich kann nicht hierbleiben, bis sie an Altersschw�che stirbt�, sagte Tally.</p><p>�Nat�rlich nicht. Die Aufregung wird sich legen. Wahrscheinlich schon in ein paar Tagen. Aber im Moment w�re es gef�hrlich f�r dich, dich drau�en sehen zu lassen. F�r uns �brigens auch�, f�gte er hinzu. �Sie ist nachtragend, wei�t du? Wenn sie erf�hrt, da� wir dir geholfen haben...� Er sprach nicht weiter, sondern fuhr sich bezeichnend mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang und grinste.</p><p>Tally tat so, als d�chte sie einen Moment lang angestrengt nach. Dann nickte sie. �Vielleicht habt ihr recht�, sagte sie. �Aber ich bin nicht allein. Hrhon wird nerv�s werden, wenn er nichts von mir h�rt.� Karan schwieg, und Tally f�gte hinzu: �Er k�nnte beginnen, sich Sorgen um mich zu machen. Oder gar glauben, da� ich in Gefahr bin. Hast du schon einmal einen w�tenden Waga erlebt, Karan?�</p><p>�Kein Fischgesicht betritt Karans Haus�, sagte der Alte.</p><p>�Das ist auch nicht n�tig�, sagte Tally rasch. �Vielleicht k�nnte Jan ihm eine Nachricht �berbringen?�</p><p>�Warum nicht?� Jan zuckte die Achseln. �Ich wei� nicht genau, wo er ist, aber ich werde ihn finden. Wagas sind selten hier. Sie fallen auf. Was soll ich ihm sagen?� </p><p>�Es w�rde nicht viel nutzen, ihm etwas zu <emphasis>sagen�,</emphasis>  sagte Tally. Sie z�gerte einen ganz kurzen Moment. Karan war nicht dumm. Sie mu�te vorsichtig sein. Ein falsches Wort, und sie verspielte ihre letzte Chance. �Er w�rde denken, du l�gst�, fuhr sie fort. �Er w�rde dir nicht glauben. �Ich... mu� beweisen, da� es mir wirklich gut geht.�</p><p>�Und wie?� Jan sah sie an, sehr aufmerksam, aber ohne die geringste Spur von Mi�trauen.</p><p>�Ich werde dir eine schriftliche Nachricht f�r ihn mitgeben�, sagte Tally. �Nur ein paar Zeilen, die beweisen, da� ich lebe und nicht gefangen gehalten werde. Und es w�re gut, wenn du sie ihm bald bringst�, f�gte sie hinzu. </p><p>�Bevor er auf die Idee kommt, selbst hierherzukommen und nachzusehen, wie es mir geht.�</p><p>Jan stand auf. �Ich hole Papier und Feder�, sagte er. </p></section><section><title><p>6</p></title><p>Tally verschlief den halben Nachmittag, aber als sie erwachte � es begann bereits dunkler zu werden �, f�hlte sie sich m�der als zuvor. All die kleinen Verletzungen und Wunden aus dem Kampf mit Angella und ihren M�nnern (und vor allem die, die sie sich selbst beim Sprung durch das Fenster zugezogen hatte � es waren mehr) schmerzten jetzt heftiger als am Vortage. Sie konnte ihren Arm kaum bewegen. Als sie aufstand und zu Karan und seinem Sohn zur�ckging, f�hlte sie sich wie eine alte Frau.</p><p>Karan hatte recht gehabt, dachte sie matt. Es w�rde noch Tage dauern, ehe sie sich auch nur halbwegs wieder erholt hatte. Einen zweiten Kampf wie den mit Angella w�rde sie nicht durchstehen.</p><p>Das Abendessen verlief so einsilbig wie das zum Mittag. Jan war nicht da, und Karan, der ganz genau zu sp�ren schien, wie wenig Tally nach Reden zumute war, bem�hte sich nach Kr�ften, sie zu ignorieren. Als sie fertig waren, verlie� er wortlos das Zimmer, und Tally war allein.</p><p>Die Dunkelheit kroch in den Raum. Es war das erste Mal, da� Tally einen Sonnenuntergang �ber dem Schlund beobachtete, und es war ein grandioser Anblick: grandios, aber auch erschreckend, weil er ihr deutlich machte, wie winzig und unwichtig sie war.</p><p>Die Wolken, �ber denen Karans Haus schwebte, begannen sich ganz allm�hlich grau, dann schwarz zu f�rben. Tally konnte beobachten, wie das Licht erlosch, f�nf oder mehr Meilen unter ihnen, w�hrend der Himmel dar�ber noch von strahlendem Blau war. F�nf Meilen unter ihr, in der Welt unter der Welt, unter einem Himmel, der seinerseits von einem zweiten Himmel �berspannt wurde, war bereits Nacht.</p><p>Die Vorstellung verwirrte Tally. Sie hatte das, was Karan ihr erz�hlt hatte, l�ngst noch nicht in letzter Konsequenz begriffen, und vielleicht w�rde sie es niemals. Sie fragte sich, ob es dort unten denkendes Leben gab, und wenn ja, ob es die Titanenklippe, die seine Welt an allen Seiten umschlo�, wohl mit der gleichen Ehrfurcht betrachtete wie die Bewohner des Hochlandes den Schlund.</p><p>Die Vorstellung lie� sie schwindeln � eine Wand, die eine ganze Welt umschlo�, an allen Seiten, so hoch, da� der Blick ihr Ende nicht erreichen konnte. Sie kam sich klein vor, vollkommen unwichtig. Was sie tun wollte, war so l�cherlich. Welche Rolle spielte es, ob sie lebte oder nicht?</p><p>Sie sp�rte einen schwachen Anflug von Zorn; denn sie begriff, da� Karan ihr wohl all dies aus genau jenem Grund erz�hlt hatte: damit sie diese Gedanken dachte und vielleicht in letzter Konsequenz von ihren Pl�nen ablie�.</p><p>Sie stand auf. Sie war m�de genug, sich auf der Stelle wieder niederlegen und weiterschlafen zu k�nnen, aber sie wollte es nicht. Zeit war kostbar.</p><p>Auf der anderen Seite � was konnte sie tun? Hier herumsitzen und sich selbst zerfleischen? Oder mit Karan reden, was nichts weiter als neuerliche Entt�uschung einbringen mu�te?</p><p>Dann fiel ihr ein, da� es noch jemanden gab, mit dem sie reden konnte. Auch diese Vorstellung erf�llte sie nicht unbedingt mit Freude, aber vielleicht war es besser, als hier zu sitzen und zu warten, bis Karans Gift wirkte. Sie stand auf, ging zu Beit zur�ck und starrte den verkr�ppelten Erinnerer fast f�nf Minuten lang wortlos an, ehe sie sich so weit �berwinden konnte, auf ihn zuzutreten und die Hand auf seine Schulter zu legen, wie sie es bei Jan gesehen hatte.</p><p>Die Augen des Erinnerers �ffneten sich langsam. Sein Gesicht verzog sich zu dem schon bekannten, schrecklichen Idiotenl�cheln, aber sein Blick blieb klar. </p><p>�Ich bin Tally�, sagte Tally. �Du erkennst mich? Antwort.�</p><p>�Tally�, wiederholte Beit. �Frageberechtigt bei allen Informationen, die nicht ausdr�cklich dem Bereich <emphasis>geheim</emphasis>  unterliegen.�</p><p>Tally schauderte. Beits Art zu sprechen entsetzte sie. Sie hatte das Gef�hl, mit einer Maschine zu reden. Aber vor ihr sa� ein lebender Mensch. Trotzdem schob sie ihre Hemmungen beiseite, setzte sich etwas bequemer hin und begann:</p><p>�Der Schlund, Beit. Alle Informationen. Antwort.� </p><p>�Informationen unterliegen zum Teil der Geheimhaltung�, antwortete Beit.</p><p>�Dann die, die du herausgeben darfst�, sagte Tally. Als Beit nicht reagierte, f�gte sie hinzu: �Antwort.� </p><p>�Der Schlund�, begann Beit. �Volkst�mlicher Begriff f�r den Rand des ehemaligen Kontinentalschelfs. Mittlere H�he dreieinhalb Meilen, gr��te bekannte Tiefe sieben Meilen. Auf seinem...�</p><p>Und Beit erz�hlte. Er sprach eine Stunde lang, ohne zu stocken, und das allermeiste von dem, was Tally h�rte, bestand aus unverst�ndlichen Zahlen und Begriffen. Begriffen aus einer Wissenschaft, die so tot war wie die V�lker, denen sie gedient hatte, Zahlen aus einer Mathematik, von der Tally niemals geh�rt hatte. Sie verstand wenig, nichts von den Daten und Ma�en, die Beit hervorsprudelte, und wenig von den Fakten; noch viel weniger von dem, was sich aus dem Geh�rten ergeben mochte. Aber <emphasis>was</emphasis> sie verstand, erschreckte sie zutiefst. Vielleicht, weil es so <emphasis>viel</emphasis> war. F�r sie � wie f�r fast alle Menschen und nicht-Menschen � war der Schlund ein Geheimnis, das gr��te und d�sterste Mysterium der Welt. Die H�lle. Niemand wu�te etwas dar�ber.</p><p>Aber das Wissen war <emphasis>da.</emphasis> Und es war nicht einmal geheim. Jan hatte Beit ja in ihrem Beisein verboten, ihr irgendwelche Geheimnisse anzuvertrauen, und Tally hatte es nicht vergessen. Das war es, was sie am meisten entsetzte: das Gro�e Geheimnis war keines. Es lag da, offen und f�r jedermann greifbar � und doch schien es, als interessiere sich niemand wirklich daf�r.</p><p>L�nger als eine Stunde h�rte Tally dem Erinnerer zu, und selbst als sie sich schlie�lich erhob und Beit mit einem scharfen �Abbruch� zum Verstummen brachte, schien er noch lange nicht am Ende seines Wissens angekommen zu sein.</p><p>Aufs tiefste verwirrt zog sie sich in ihr Zimmer zur�ck und legte sich angezogen aufs Bett. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang, hatte in ihrem kurzen Brief an Hrhon gestanden. Sie hatte keine M�glichkeit, die Zeit zu messen � was ihr wie eine Stunde vorgekommen war, mochte viel l�nger, aber auch viel k�rzer sein. Aber so oder so konnte nicht mehr allzuviel Zeit vergehen, bis der Waga kam.</p><p>Tally l�chelte in stummer Vorfreude auf die unangenehme �berraschung, die sie sich f�r Karan und seinen Sohn ausgedacht hatte. Die <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> waren nicht die einzigen, die sich auf das Spinnen von Intrigen verstanden.</p><p>Aber als dann pl�tzlich unter ihr im Haus L�rm laut wurde, da war es nicht der Waga, der kam, sondern Weller. Sie erkannte seine Stimme, noch ehe sie die Treppe hinunter und ins Kaminzimmer geeilt war, und obwohl sie die Worte nicht verstand, sp�rte sie doch die Aufregung, die aus ihnen sprach.</p><p>Als sie ins Zimmer trat, verstummte Weller mitten im Wort und sah sie mit einer sonderbaren Mischung aus Zorn und Schrecken an. Sein Gesicht gl�nzte vor Schwei�, und sein Atem ging sehr schnell. Tally begriff, da� er �ber eine lange Strecke hinweg gelaufen sein mu�te.</p><p>Ganz instinktiv sah sie auch Jan und dessen Vater an. Karans Gesicht wirkte wie eine Maske aus Falten und grauem Stein, wie immer, aber auf Jans Z�gen war deutliche Best�rzung abzulesen; wenn auch keine Sorge oder gar Angst. Welche Botschaft Weller auch immer brachte, dachte Tally, sie hatte Karan und seinen Sohn �berrascht, aber nicht erschreckt.</p><p>�Was ist geschehen�, begann sie �bergangslos.</p><p>�Das fragst du?� Weller schnaubte. �Die halbe Stadt steht Kopf�, fuhr er zornig fort. �Deinetwegen. Sie suchen dich �berall. Die Belohnung ist verdoppelt worden. Jandhi selbst leitet die Suchtrupps.�</p><p>�Und deshalb bist du zur�ckgekommen?� fragte Tally sp�ttisch. �Willst du dir die Belohnung verdienen, oder mich warnen? Das eine ist nicht m�glich, das andere nicht n�tig.�</p><p>Weller machte eine �rgerliche Handbewegung. �H�r endlich auf, die Naive zu spielen�, sagte er. �Ich...� Er brach ab, seufzte, und lie� sich schwer auf einen Stuhl sinken. Auf einen Wink Karans hin brachte Jan ihm einen Becher Wein, den er mit tiefen, gierigen Z�gen leerte. Erst dann sprach er weiter.</p><p>�Es ist schlimmer, als du denkst, Tally�, sagte er ernst. </p><p>�Sie wissen alles. Ich mietete mir einen Tr�ger, um zur�ckzureiten, aber ich bin nicht einmal bis zur H�lfte gekommen. Sie suchen dich � und sie suchen auch mich. �</p><p>Es dauert einen Moment, bis Tally begriff. �Dich?�  vergewisserte sie sich.</p><p>Weller nickte. �Ja. Ich habe einen Vertrauten in der Garde, der mir alles erz�hlt hat. W�re er nicht gewesen, w�re ich ihnen direkt ins offene Messer gelaufen. Sie haben die Br�cke abgeriegelt, und eine ganze Hundertschaft Gardisten hat meine H�hle oben in der Klippe besetzt.�</p><p>�Aber wie ��, begann Jan, wurde aber sofort wieder von Weller unterbrochen.</p><p>�Ich bin noch nicht fertig, Jan. Sie wissen alles. Wenn mein Freund nicht gelogen hat � und warum sollte er? </p><p>- dann wu�ten sie, da� wir kommen, noch bevor wir Schelfheim auch nur erreichten.�</p><p>Tally sah ihn ungl�ubig an, aber Weller nickte nur, um seine Worte zu bekr�ftigen. �Sie kennen dich, sie kennen Hrhon, und sie wissen von mir�, sagte er noch einmal. </p><p>�Frag' mich nicht, woher, aber sie wissen alles.� Er grinste schief. �Es war kein Zufall, da� die Stadtgarde auftauchte, als Barok und seine Klorschas uns gestellt hatten, Tally. Sie haben auf uns gewartet. W�re das Feuer nicht ausgebrochen, w�ren wir nicht einmal in die Stadt hineingekommen. Wenn ich nur w��te, wie sie es erfahren haben.�</p><p>�Das kann ich dir beantworten�, murmelte Tally. Weller blinzelte �berrascht, aber Tally nickte abermals. Es war so klar, da� sie sich fragte, warum sie nicht schon vor Tagen von selbst darauf gekommen war. �Hrhon hatte recht�, sagte sie. �Erinnerst du dich, wie er reagiert hat, in deiner H�hle?�</p><p>Weller nickte verwirrt. Gleich darauf sch�ttelte er den Kopf. �Wieso?�</p><p>�Deine Hornk�pfe�, erkl�rte Tally. �Er sagte, irgend etwas stimme nicht mit ihnen. Du hast ihm nicht geglaubt, und ich auch nicht. Aber es ist die einzige Erkl�rung. Niemand wu�te, da� wir zu dir wollten, und niemand wu�te, wann wir Schelfheim erreichen w�rden, nicht einmal ich selbst. Au�er dir und mir wu�ten es nur die Termiten.�</p><p>�Aber das ist doch Unsinn�, sagte Weller. �Sie sind Tiere. Du sprichst von ihnen, als w�ren es denkende Wesen.�</p><p>�Manche Hornk�pfe sind es�, sagte Tally.</p><p>Weller machte eine �rgerliche Handbewegung. �Das mag sein, aber nicht sie. Sie sind Tiere. Strohdumme Tiere.�</p><p>�Die man dressieren kann, nicht wahr?�</p><p>Diesmal war Wellers Selbstsicherheit nur noch gespielt, und noch dazu schlecht. �Sie arbeiten seit zehn Jahren f�r mich�, sagte er gepre�t. �Es ist... unm�glich, da� ich nichts gemerkt haben sollte.�</p><p>�Hast du selbst mir nicht erz�hlt, da� nicht alle deine G�ste in Schelfheim ankommen?� fragte Tally. �Wer wei� � vielleicht ist es kein so gro�er Zufall, wie du glaubst. M�glicherweise hat der Stadthalter das Netz weit genug gelassen, nur die wirklich gro�en Fische zu fangen.� </p><p>�Es ist trotzdem Unsinn�, beharrte Weller. �Selbst, wenn du recht h�ttest � sie h�tte niemals vor uns in der Stadt sein k�nnen. Der einzige Weg au�er dem, den wir gegangen sind, ist dreimal so lang. Und sie sind langsam.�</p><p>�Wer sagt, da� sie in die Stadt gehen mu�ten?� sagte Karan leise. �Karan hat von Hornk�pfen geh�rt, die Gedanken lesen.�</p><p>�Das stimmt�, best�tigte Jan ernst. �Sie sind selten, aber es gibt Telepathen unter ihnen. Gezielte Mutationen. Die Feldherren des Ostens setzen sie ein, Nachrichten in Sekundenschnelle �ber gewaltige Entfernungen hinweg zu �bermitteln.�</p><p>�Dann wissen sie alles�, murmelte Weller niedergeschlagen. �Du wei�t, was das hei�t? Ich kann nicht mehr zur�ck. Sieht so aus, als h�ttest du einen neuen Verb�ndeten, Tally. In Schelfheim kann ich mich nicht mehr sehen lassen.� Er blickte zu Karan auf. �Du wirst drei in den Schlund hinabf�hren m�ssen, Karan.�</p><p>�Karan f�hrt niemanden in den Schlund�, sagte Karan ruhig.</p><p>Tally schnaubte. �Bist du so stur, oder verstehst du einfach nicht, Karan? Wenn sie alles wissen, dann wissen sie auch, da� ich hier bin. Auch du bist nicht mehr sicher.�</p><p>�Niemand wird Karan etwas zuleide tun�, beharrte Karan. �Du wirst gehen.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Tally rasch. �Aber ich w�rde mich nicht darauf verlassen, da� sie dann das Interesse an dir verlieren, Karan. Du ��</p><p>�Spar dir deinen Atem�, unterbrach sie Jan.</p><p>Tally fuhr �rgerlich herum. �Was soll das hei�en?�  fauchte sie. �Ich versuche dir und deinem sturen alten Vater das Leben zu retten, und du ��</p><p>�Du versuchst uns hereinzulegen�, sagte Jan, beinahe freundlich. Er kam auf sie zu, griff unter sein Wams und zog ein zusammengefaltetes St�ck Papier hervor. Tally erkannte es als die Botschaft, die sie f�r Hrhon aufgeschrieben hatte.</p><p>�Du hast sie ihm nicht gebracht?� fragte sie verwirrt. </p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Jan unger�hrt. �Nicht, nachdem ich sie gelesen habe.� Pl�tzlich verdunkelte sich sein jugendlich glattes Antlitz vor Zorn. �F�r wie dumm h�ltst du uns, Tally? Ich wurde schon mi�trauisch, als du nach Papier und Tinte fragtest. Aber als du in einer Sprache zu schreiben begannst, die niemand im Umkreis von tausend Tagesritten lesen kann, wu�te ich Bescheid.� Er deutete eine sp�ttische Verbeugung an. </p><p>�Mein Kompliment, Tally. Der Plan war nicht schlecht. Niemand hier beherrscht die Schriftsprache der Waga. Du mu�t lange gebraucht haben, sie zu lernen.�</p><p>�Niemand au�er dir, nicht?� sagte Tally eisig.</p><p>Jan verneinte. �O nein. Aber du hast Beit vergessen. Er kann sie.� Er zuckte die Achseln und kn�llte das Pergament zu einem Ball zusammen. �Ich lie� sie mir von ihm �bersetzen, ehe ich ging�, sagte er. �Wie gesagt � mein Kompliment. M�glicherweise w�ren Vater und ich sogar darauf hereingefallen, wenn dein schuppengesichtiger Freund in ein paar Minuten hier aufgetaucht und von Soldaten erz�hlt h�tte, die ihn verfolgen.�</p><p>Karan starrte sie an. Tally hielt seinem Blick einen Moment lang stand, dann fuhr sie �rgerlich herum und schlug mit der Faust auf den Tisch. �Verdammt, begreift ihr denn nicht?� schrie sie. �Wenn Jandhi Hornk�pfe in ihrem Dienst hat, die Gedanken lesen k�nnen, wei� sie wirklich, wo ich bin! Und da� ihr mir geholfen habt!� </p><p>�Wenn, ja�, best�tigte Karan unger�hrt. �Aber das hat sie nicht. W�re es so, w�re sie l�ngst hier. Du vergi�t, da� du seit drei Tagen Karans Gast bist.� Er hob rasch die Hand, als Tally auffahren wollte. ��berlege selbst, Tally � Weller hat Karan erz�hlt, wie du mit Jandhi zusammengetroffen bist. Sie wird Verdacht gesch�pft haben, doch w�re dieser Verdacht Gewi�heit gewesen, w�ret ihr niemals hierher gekommen.�</p><p>Er sch�ttelte abermals den Kopf, um seine Worte zu bekr�ftigen. �Karan nimmt dir den Versuch nicht �bel, ihn zu �berlisten�, sagte er ernst. �Er w�re �berrascht, h�ttest du es nicht getan, denn er wei�, da� dir viel daran liegt, in den Schlund zu gehen. Doch du kannst nicht hier bleiben. Wenn es die <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> pers�nlich sind, die dich suchen, so werden sie hierher kommen, fr�her oder sp�ter, und in einem hast du recht � es w�re um Karan geschehen, f�nden sie dich bei ihm. Bist du nicht da, ist er nicht in Gefahr.�</p><p>�Ich hoffe, du t�uschst dich nicht�, sagte Tally, sehr scharf, aber ohne die mindeste Spur einer Drohung. </p><p>�Was soll geschehen?� fragte Karan ruhig. �Sie werden kommen und nach dir fragen, und Karan wird sagen, was war � da� eine verletzte Frau bei ihm war und um Hilfe bat. Er wird sagen, da� sie ihn bat, sie in den Schlund zu f�hren, und da� er ihre Bitte abschlug. Sie werden wieder gehen.� </p><p>�Und... wir?� fragte Weller.</p><p>�Karan kennt Wege aus der Stadt, die selbst den <emphasis>T�chtern des Drachen</emphasis> verborgen sind�, erwiderte Karan ernst. �Er wird euch einen davon zeigen. �Ihr werdet in Sicherheit sein, lange bevor sie kommen.�</p><p>�Sie werden dich t�ten, Karan�, sagte Tally ernst. </p><p>�Glaube mir. Du kannst sie nicht bel�gen. Sie... sie haben Hornk�pfe, die das merken. Ich selbst bin einem solchen Wesen begegnet.�</p><p>Aber Karan schien ihre Worte nicht zu h�ren. Entschieden sch�ttelte er den Kopf. �Nein�, sagte er. �Du wirst gehen und dein Freund auch. Es bleibt euch �berlassen, ob ihr Karans Hilfe annehmen wollt. Aber gehen werdet ihr. Jetzt.�</p><p>Tally pre�te w�tend die Lippen aufeinander. Sie wu�te, da� ihre letzte Chance dahin war, die letzte M�glichkeit, Karan zu �berzeugen, schlimmstenfalls zu zwingen, wenn sie auch selbst nicht wu�te, wie. Aber nicht einmal mehr dieser letzte Ausweg war ihr geblieben.</p><p>Tally tauschte einen fast verzweifelten Blick mit Weller. Aber auch er war so ratlos wie sie. Zum erstenmal, seit sie zusammengetroffen waren, glaubte sie <emphasis>wirklich</emphasis> Angst in einem Blick zu erkennen.</p><p>Sie wollte noch etwas sagen, sich in einem letzten, verzweifelten Versuch an Karan wenden, von dem sie schon vorher wu�te, da� es vergebens sein w�rde, aber in diesem Moment erscholl �ber ihren K�pfen ein splitterndes Krachen und Bersten, und Augenblicke sp�ter h�rten sie schwere, polternde Schritte die Treppe hinunterkommen.</p><p>Karan r�hrte sich nicht, aber Jan und Weller fuhren wie ein Mann herum und griffen nach ihren Waffen, und auch Tally legte die Hand auf das Schwert, w�hrend sie sich zur T�r wandte.</p><p>Einen Augenblick sp�ter erschien ein vierhundert Pfund schweres Paket aus Muskeln und Panzerplatten am Ende der Treppe, walzte wie eine lebende Lawine auf Tally zu und begann hektisch mit den Armen zu wedeln, noch ehe sie vollends zum Stehen gekommen war.</p><p>�Hrhon!� rief Tally �berrascht. �Was ��</p><p>�Ghefahr!� unterbrach sie der Waga. �Du mussst fliehehn! Sssie khommen!�</p><p>�Was tut dieses Ding in Karans Haus?� fragte Karan scharf. �Schick es fort, Tally! Karan befiehlt es!� </p><p>�Gut gespielt�, f�gte Weller hinzu. �Kompliment, Waga.�</p><p>Tally seufzte nur.</p><p>Hrhon starrte sie der Reihe nach aus seinen kleinen, ausdruckslosen Schildkr�tenaugen an. �Ssseid ihr ahllhe vohn Sssinnen?� lispelte er. �Ihr ssseid ihn Gehefhar! In whenigen Augenblicken isst die Ssstadtgarde hier: Isss konnte sssie nissst aufhhalten. Esss sind sssu vhiele!� </p><p>�Spar dir deinen Atem, Hrhon�, sagte Tally l�chelnd. </p><p>�Karan hat den Schwindel durchschaut. Er �� Sie verstummte mitten im Wort, starrte Hrhon einen Herzschlag lang verst�rt an und fuhr dann mit einem Ruck um. </p><p>�Was soll das hei�en, Jan?� fragte sie. �Ich denke, du hast ihm meine Nachricht nicht gebracht?!�</p><p>Jan antwortete nicht. Statt dessen blickte er verdutzt von dem Waga auf das zu einem Ball zusammengekn�llte Pergament, das er noch immer in der linken Faust hielt, und wieder zur�ck.</p><p>�Whiessso Ssswindedl?� zischelte Hrhon aufgeregt. </p><p>�Versssteht ihr dhenn nhicht? Sssie kohmmen!�</p><p>�Beim Schlund, ich glaube, das Fischgesicht spricht die Wahrheit�, fl�sterte Weller. Er war noch blasser geworden.</p><p>Und wie, um seine Worte zu unterstreichen, erscholl in diesem Moment zum zweiten Mal ein ungeheueres Krachen und Bersten vom oberen Ende der Treppe. Kalk und Staub und Steintr�mmer polterten die Stufen herunter, gefolgt von einem schwarzen Alptraum aus schnappenden Kiefern und wie rasend wirbelnden Beinen. Es war Hrhon, der der T�r am n�chsten stand, und es war auch Hrhon, der als erster reagierte. Mit einer Schnelligkeit, die selbst Tally verbl�ffte, fuhr er herum, st�rmte dem Hornkopf entgegen und hob die Arme. Seine Faust fuhr mit vernichtender Kraft zwischen den zuschnappenden Mandibeln des Rieseninsekts hindurch, krachte auf seinen Sch�del und zertr�mmerte ihn. Der Hornkopf schlitterte noch ein St�ck weiter, getragen vom Schwung seiner eigenen Bewegung, und brach tot in der T�r zusammen. Sein riesiger, schwarzgl�nzender Panzerleib ragte halb ins Zimmer hinein und blockierte den Durchgang. Aber nicht weit genug, da� Tally und die anderen nicht die schwarzgl�nzenden Ungeheuer erkennen konnten, die hinter ihm herangelaufen kamen. Weller fluchte ungehemmt, zog unsinnigerweise sein Schwert aus dem G�rtel und wich r�ckw�rts gehend bis zur gegen�berliegenden Wand zur�ck. Auch Jan zog seine Waffe, w�hrend sein Vater weiter reglos stehenblieb. Nicht einmal auf seinem Gesicht zeigte sich irgendeine Reaktion auf den pl�tzlichen �berfall.</p><p>Aus dem Treppenschacht erscholl ein schriller, pfeifender Laut, und irgend etwas Schwarzes, Gl�nzendes, versuchte �ber den toten Hornkopf hinwegzukriechen und sich durch den schmalen Spalt zu zw�ngen, der zwischen seinem R�cken und der Decke blieb. Hrhon wartete, bis der Hornkopf wie ein Korken im Flaschenhals in der L�cke steckte. Dann erschlug er ihn. Aber Tally und die anderen wu�ten sehr wohl, da� sie nur Sekunden gewonnen hatten. Der kurze Blick, den sie in den Schacht hineingeworfen hatten, hatte gezeigt, da� er von Chitin erf�llt war.</p><p>Ein harter Ruck ging durch den Leib des erschlagenen Hornkopfes. Die erschlafften Antennen des Rieseninsektes erzeugten raschelnde, unangenehme Ger�usche auf dem steinernen Boden, als der Kadaver ein St�ckweit nach hinten gezerrt wurde.</p><p>�Halt sie auf, Hrhon!�, befahl Tally hastig. W�hrend Hrhon mit einem kampflustigen Zischeln nach dem Sch�del des toten Hornkopfes griff und sich mit aller Macht dagegenstemmte, wandte sich Tally an Karan: </p><p>�Gibt es noch einen Ausgang aus diesem Haus?�</p><p>Karan nickte. �Einen geheimen Gang direkt in die Wand hinein. Aber sie werden ihn finden. Es sei denn...�</p><p>�Es sei denn was?� fragte Tally ungeduldig, als Karan nicht weitersprach.</p><p>Aber der Alte antwortete nicht, sondern drehte sich mit einem Ruck herum und wies auf einen Vorhang, dicht neben der Stelle, an der Weller versuchte, sich in den gewachsenen Felsen hineinzupressen. �Dort entlang. Und schnell�, befahl er.</p><p>Die beiden letzten Worte w�ren kaum mehr n�tig gewesen � Weller hatte den Vorhang bereits zur Seite gerissen und st�rmte hindurch, noch bevor Karan sie vollends zu Ende sprechen konnte. Und auch Karan selbst und sein Sohn folgten ihm mit gro�er Hast, w�hrend sich Tally noch einmal zu Hrhon herumdrehte. Der Anblick war beinahe l�cherlich � der Waga stemmte sich mit aller Kraft in den Boden und versuchte, den Kadaver des Hornkopfes festzuhalten, an dem unsichtbare Gewalten zerrten. Der Chitinpanzer des Rieseninsekts �chzte h�rbar. Es konnte nur noch Augenblicke dauern, dachte Tally, bis das bizarre Tauziehen beendet war � einfach, weil der Hornkopf in St�cke gebrochen war.</p><p>�Hrhon!� befahl sie scharf. �Hierher!�</p><p>Der Waga gehorchte sofort. Der tote Hornkopf rutschte ein gutes St�ck zur�ck und kam wieder zur Ruhe, zitternd und bebend, als w�re mit einem Male wieder Leben in ihm. Tally wechselte ihr Schwert von der Rechten in die Linke und streckte fordernd die freie Hand aus. Hrhon verstand sofort. Seine Linke verschwand in seinem Panzer, etwas knisterte, und Augenblicke sp�ter kam die Pranke des Waga erneut zum Vorschein. Aber die war nicht mehr leer, sondern hielt nun eine der schrecklichen Drachenwaffen, die sie im Turm erbeutet hatten.</p><p>Obwohl im Moment nichts so kostbar war wie Zeit, z�gerte Tally sichtlich, danach zu greifen. Sie war sich der Gefahr durchaus bewu�t, die sie einging, benutzte sie diese Waffe. Bei dem Kampf im Slum war das Risiko gering gewesen, und sie hatte nicht gewu�t, gegen wen sie k�mpfte. Jetzt aber... sie w�rde den Kampf auf ein neues Niveau ziehen, wenn sie Jandhi zeigte, mit welch harten Bandagen sie zu k�mpfen bereit war.</p><p>Aber dann schob sie die Bedenken beiseite, gebot Hrhon mit einer Kopfbewegung, den beiden anderen zu folgen, und richtete die Waffe auf den Treppenschacht.</p><p>Der Hornkopf blockierte den Eingang noch immer, aber �ber seinen R�cken hinweg tasteten bereits armdicke gl�nzende Dinge, und pl�tzlich erscholl ein f�rchterliches, mahlendes Ger�usch; der Sch�del des Hornkopfes brach ab und kollerte ein St�ckweit auf Tally zu, und �ber seinen zerborstenen Panzer hinweg krabbelte eine zwei Meter lange, spinnen�hnliche Scheu�lichkeit, bewaffnet mit gleich drei Schwertern und Mordlust in den Augen. Tally dr�ckte ab.</p><p>Der Hornkopf verschwand, und mit ihm die T�r. Eine br�llende, wei�gl�hende Feuerzunge scho� in den Treppenschacht hinauf, versengte alles, was lebte, und lie� Stein knackend zerspringen. Das kampflustige Pfeifen der Hornk�pfe wandelte sich in einen Chor schriller Todesschreie.</p><p>Tally feuerte noch einmal, fuhr herum und st�rmte hinter den anderen her. Der Boden unter ihren F��en zitterte. Eine unsichtbare Hitzewelle folgte ihr, versengte ihren R�cken und lie� den Vorhang auflodern. Das Halbdunkel um sie herum wurde vom zuckenden Rot j�h aufflammender Br�nde vertrieben.</p><p>Der Gang endete nach weniger als einem Dutzend Schritten vor einem niedrigen, mit einer gewaltigen Metallplatte verschlossenen Durchgang. Von Weller und Jan war keine Spur mehr, aber Karan und der Waga erwarteten sie neben dem Fluchttunnel. Zum erstenmal, seit sie Karan kennengelernt hatte, war seine Selbstsicherheit ersch�ttert. Sein Blick flackerte, als er die Waffe in ihrer Hand sah.</p><p>�Tut mir leid�, sagte Tally l�chelnd. �Ich mu�te dein Haus ein wenig ansengen. Aber die Typen werden allm�hlich l�stig.�</p><p>Karan blieb ernst. �Das macht nichts�, sagte er, und es h�rte sich an, als meinte er es auch so. Er deutete auf den Stollen. �Geht dort hinein und lauft bis zur ersten Biegung. Dort wartet ihr auf Karan.�</p><p>Tally wollte widersprechen, zuckte aber dann nur mit den Achseln und duckte sich hinter Hrhon in den niedrigen Gang. Irgendwo vor ihnen glomm das tr�be Auge einer Fackel, aber der Gang w�re auch sonst nicht dunkel gewesen � an den W�nden fluoreszierten die gleichen leuchtenden Schmierpflanzen, wie sie sie im Turm in der W�ste gesehen hatten. Tallys Hochachtung vor Karan stieg.</p><p>So schnell sie konnten, hielten sie auf die Fackel zu. Der Gang erweiterte sich nach wenigen Schritten, so da� auch Hrhon aufrecht gehen konnte und sie schneller vorankamen. Nach wenigen Augenblicken schlossen sie zu Jan und Weller auf, die vor der Gangbiegung halt gemacht hatten.</p><p>�Was ist passiert?� empfing sie Weller. �Wo ist Karan, und �� Er verstummte. Seine Augen wurden gro�, als er die Waffe in Tallys Hand sah.</p><p>�Du... du hast mich belogen!� sagte er vorwurfsvoll. </p><p>�Habe ich das?�</p><p>Weller deutete auf Tallys Hand. �Du hast behauptet, du h�ttest sie verloren!� sagte er.</p><p>�Das stimmt auch�, erwiderte Tally unger�hrt. �Du hast mich niemals gefragt, ob ich noch eine zweite besitze, oder?�</p><p>Weller schluckte h�rbar, starrte Tally finster an und atmete tief ein, belie� es aber dann bei einem resignierenden Seufzen. �Hast du noch mehr solcher �berraschungen auf Lager?� fragte er.</p><p>Tally nickte. �Ja. Aber wenn ich sie dir verriete, w�ren es keine �berraschungen mehr, oder?� Sie l�chelte kalt, drehte sich mit einem Ruck herum und sah zu Karan zur�ck, der nun ebenfalls nachkam; schnell, aber ohne zu rennen.</p><p>�Was hast du getan?� fragte sie.</p><p>�Nichts�, antwortete Karan. �Noch nichts. Aber sie werden Karans Haus nicht ungestraft angegriffen haben, das schw�rt er. Kommt mit. Karan braucht eure Hilfe.�</p><p>Sie gingen weiter. Der Gang f�hrte f�r zehn, zw�lf Schritte schr�g nach oben und endete j�h vor einer nur drei Stufen z�hlenden Treppe, hinter der sich eine weitere, aus massivem Eisen errichtete T�r erhob. Karan l�ste einen kompliziert aussehenden Schl�ssel vom G�rtel, sperrte das Schlo� auf und winkte ihnen ungeduldig, nachzukommen.</p><p>Tally hatte mit einer Fortsetzung des Stollens gerechnet, vielleicht mit einem Kellerraum, einer Treppe � aber die T�r f�hrte ins Freie hinaus. �ber ihren K�pfen und an beiden Seiten erhob sich der in der Nacht schwarze Fels der Klippe, aber vor ihnen, nur ein halbes Dutzend Schritte entfernt, war das Nichts. Sie standen in einer nach Norden offenen H�hle.</p><p>Tally schauderte. <emphasis>Was hatte Karan vor?</emphasis></p><p>Aber der Alte gab ihr keine Gelegenheit, ihre Sorge in irgendeine Frage zu kleiden. Hastig schlurfte er zum Rand der Felsplatte, lie� sich auf ein Knie herabsinken und winkte Tally befehlend, ihm zu folgen. Mit klopfendem Herzen gehorchte sie.</p><p>Der Anblick war so, wie sie erwartet hatte � nur hundertfach schlimmer. Sie kniete �ber dem Nichts, aber anders als auf Karans Balkon gab es hier kein sch�tzendes Gel�nder. Direkt unter ihr g�hnte der Schlund. Zum allerersten Male in ihrem Leben begriff sie die wahre Bedeutung dieses Namens.</p><p>�Sieh!� Karans Hand wies schr�g nach unten. Mit wild h�mmerndem Herzen beugte sich Tally weiter vor und erkannte, da� sie sich nur wenige Meter oberhalb seines Hauses befanden. In der Schw�rze der Nacht wirkte es mehr denn je wie ein Schwalbennest, das direkt an den Felsen geklebt worden war.</p><p>�Sie haben es gewagt�, sagte Karan. Seine Stimme bebte. �Sie haben das heilige Gesetz der Gastfreundschaft gebrochen, das in Karans Haus gilt. Sie werden daf�r bezahlen.�</p><p>Tally sah den Alten verwirrt an. Was sie in Karans Stimme geh�rt hatte, war eindeutig <emphasis>Ha� �</emphasis> ein Gef�hl, das sie ihm bis zu diesem Augenblick nicht einmal zugetraut hatte. Und doch konnte sie ihn verstehen, als sie abermals zum Haus hinabsah. Durch die Fenster lohte roter Flammenschein, und davor bewegten sich Schatten. Sehr viele, sehr schwarze Schatten. Das Klicken und Rascheln horngepanzerter Glieder war selbst hier oben deutlich zu vernehmen.</p><p>Karan stand auf und ging mit zwei schnellen Schritten zur rechten Wand der H�hle. Tally sah erst jetzt, da� dort ein gewaltiger, eiserner Hebel aus dem Fels ragte. </p><p>�Waga!� befahl Karan scharf. �Hilf mir!�</p><p>Hrhon sah sie fragend an. Tally nickte. Schwerf�llig ging Hrhon auf Karan zu, dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt zur�ck und legte seine m�chtigen Pranken auf den Hebel, bewegte ihn aber noch nicht.</p><p>�Was tust du, Karan?� fragte Tally.</p><p>�Karan tut, was Karan tun mu߫, antwortete der Alte entschlossen. �Sie brechen die uralten Gesetze. Sie wollen Krieg. Sie werden ihn bekommen. Zieh den Hebel, Waga!�</p><p>Hrhon gehorchte. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich. Der Hebel �chzte h�rbar, verbog sich knirschend � und senkte sich mit einem Ruck nach unten.</p><p>Im ersten Moment geschah nichts. Dann glaubte Tally, irgendwo tief unter ihren F��en ein m�chtiges Knirschen und Rumoren zu h�ren, und pl�tzlich begann der buckelige Umri� des Hauses vor ihren Augen zu verschwimmen. Holz splitterte. Irgendwo zerbrach etwas, und die Nacht sog die Tr�mmer des schmalen Stegs auf, der zu Karans Haus f�hrte.</p><p>Dann st�rzte das gesamte Geb�ude ab.</p><p>Es ging sehr schnell, und beinahe lautlos, aber Tally sah alles mit phantastischer Klarheit. Karans Haus zerbrach wie ein Ei, das von einem Faustschlag getroffen wird. Gewaltige St�cke l�sten sich aus seinen W�nden, dann beugte sich seine gesamte westliche H�lfte grotesk langsam zur Seite, kippte in den Schlund und zerbrach in Tausende einzelner Tr�mmerst�cke, ehe es vollends in der Nacht verschwand.</p><p>Irgendwo zwischen den Tr�mmern des verbliebenen Restes blitzte es auf. Ein kurzer, sonderbar trockener Knall wehte zu Tally empor, und pl�tzlich quoll eine Wolke aus Feuer und Rauch und zerfetzten Chitinleibern und Tr�mmern aus der Klippe. Ein ungeheuerliches Donnern erscholl, das noch am anderen Ende Schelfheims zu h�ren sein mu�te.</p><p>Als es verklang, war von Karans schwebendem Haus keine Spur mehr geblieben. Wo es gewesen war, g�hnte ein gewaltiges, schwarzverkohltes Loch in der Felswand. Tally stand langsam auf und drehte sich herum. Es war zu dunkel, als da� sie die anderen deutlicher denn als schwarze Schatten erkennen konnte, aber sie sp�rte den Schrecken, den Weller empfand, und die Betroffenheit, die von Jan Besitz ergriffen hatte. Unter ihnen war mehr zerst�rt worden als ein Haus. Viel mehr.</p><p>�Und nun?� fragte sie schlie�lich.</p><p>�Weiter�, antwortete Karan. �Dieser Ort ist nicht sicher. Sie werden nach euch und Karan suchen. Sie werden merken, da� ihr und er noch leben. Aber wir werden nicht mehr da sein. Karan bringt euch an einen Ort, an dem ihr sicher seid.�</p><p>Tally seufzte. �Ich wei� nicht, ob es mich freut, recht behalten zu haben, Karan�, sagte sie, leise und mit ehrlichem Bedauern. �Aber jetzt wirst du uns helfen m�ssen. Von Moment an jagen sie nicht nur mich, sondern uns alle.�</p><p>Karan schwieg.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Wie Karan versprochen hatte, f�hrte er sie auf verborgenen Wegen tiefer in die Stadt hinein. Als sie eine oder auch zwei Stunden sp�ter, das wu�te Tally nicht zu sagen, wieder ans Tages- bzw. Mondlicht heraustraten, da war nicht nur Tally zum Umfallen ersch�pft. Auch die anderen wankten, und selbst Hrhon bewegte sich schleppender als gewohnt. Ihn, der die Geschicklichkeit nicht unbedingt gepachtet hatte, mu�te das Gehen in den meistens nur halbhohen G�ngen und Stollen besonders viel Kraft gekostet haben. Und Tally wu�te nicht, was er in den Tagen zuvor durchgemacht hatte. Pl�tzlich sp�rte sie, wie sehr ihr der Waga gefehlt hatte. Sie kamen am n�rdlichen Ende eines gro�en, halbrunden Platzes heraus. Die Nacht war still, und selbst das Donnern des Wasserfalles war nicht mehr zu h�ren. Sie mu�ten sich ein geh�riges St�ck vom Schlund entfernt haben. Es war sehr kalt. Das Kopfsteinpflaster gl�nzte vor N�sse, und in der Luft lag noch der Geruch von Regen.</p><p>�Scheint alles ruhig zu sein�, murmelte Weller. Er war der erste, der das nur von heftigen Atemz�gen untermalte Schweigen brach, und seine Stimme klang matt und ersch�pft. �Wo sind wir?�</p><p>�Nicht weit vom Hafen entfernt�, antwortete Jan. �Der Wind steht gegen uns�, f�gte er hinzu, als er Wellers fragenden Blick bemerkte. �Deshalb h�rt man nichts. Wir haben Freunde hier in der Gegend.� Er sah seinen Vater erlaubnisheischend an, und Tally bemerkte, da� Karan fast unmerklich nickte, ehe Jan fortfuhr: �Wir werden bei ihnen Unterschlupf suchen, wenigstens f�r den Rest der Nacht. Der Weg aus der Stadt heraus ist zu weit. Wir m�ssen im Vollbesitz unserer Kr�fte sein.�</p><p>Tally wollte eine Frage stellen, aber Karan drehte sich rasch um und begann den Platz zu �berqueren, so da� sie ihm folgen mu�ten, ob sie wollten oder nicht. Mit Ausnahme Karans hatten sie alle ihre Waffen gezogen. Es war sehr still, aber Tally hatte ja am eigenen Leibe erfahren, wie t�uschend gerade diese Art der Stille sein konnte.</p><p>Nach einer Weile fiel ihr auf, wie sonderbar die Schatten der H�user aussahen, zwischen denen sie sich bewegten � manche von ihnen waren absurd niedrig, so da� die untere Fensterreihe fast den Boden ber�hrte, einige schienen gar schr�g zu stehen. Sie fragte Weller danach.</p><p>�Das hier ist die Altstadt Schelfheims�, erkl�rte Weller. </p><p>�Die <emphasis>wirkliche</emphasis> Altstadt. Die Leute, die damals hierher kamen, wu�ten nichts von dem Grund, auf den sie bauten.�</p><p>Tally sah ihn fragend an.</p><p>�Die H�user waren zu schwer�, f�gte Weller l�chelnd hinzu. �Sie versanken im Boden. Ganz langsam. Manche st�rzten ein, aber die meisten sackten einfach in die Tiefe.� Er machte eine rasche Handbewegung nach unten. �Es gibt H�user hier, die f�nf Stockwerke weit in den Boden hinabreichen. Manchmal bauen sie einfach eine Etage obendrauf, bevor sie die unterste aufgeben. Verr�ckt, nicht?�</p><p>Tally fand die Vorstellung eher erschreckend, aber Karan hinderte sie daran, ihre Gef�hle in Worte zu kleiden, indem er Weller und sie anherrschte, gef�lligst ruhig zu sein. Schuldbewu�t verstummten sie.</p><p>Nach einer Weile blieben sie stehen. Karan sah sich aufmerksam nach allen Seiten um, ehe er an eines der dunkel daliegenden H�user trat und gegen die T�r klopfte. Er mu�te sehr lange klopfen und immer lauter, ehe irgendeine Reaktion erfolgte � zum Schlu� h�mmerte er mit der Faust gegen die T�r, da� Tally fast glaubte, er wolle sie einschlagen. Aber endlich glomm in dem schmalen Sehschlitz im Holz ein tr�bgelbes Licht auf, und Augenblicke sp�ter lugte ein b�rtiges Gesicht von schwer zu sch�tzendem Alter zu ihnen heraus. </p><p>�Karan!� Der Schrecken, der in diesem einen Wort lag, war nicht zu �berh�ren. Trotzdem polterte ein Riegel, und Sekunden sp�ter schwang die T�r auf. Karan trat ohne ein Wort an dem Mann vorbei, winkte ihnen, ihm zu folgen, und legte eigenh�ndig den Riegel wieder vor, nachdem der letzte das Haus betreten hatte.</p><p>Tally sah sich rasch um. Der schmale Korridor, in dem sie standen, bot nicht viel Interessantes � eine T�r an seinem Ende, eine Treppe nach oben, eine zweite, die in die Tiefe f�hrte. Interessanter war schon der Mann, der ihnen aufgetan hatte: er war ein Riese, noch gr��er als Weller und von massigem K�rperbau, der sich aber so krumm hielt, da� sich sein Gesicht fast auf gleicher H�he mit dem Tallys befand. Seine Augen flackerten vor Angst.</p><p>�Was tust du hier, Karan?� stammelte er. �Und wer sind diese Leute?� Er deutete nerv�s auf Tally, Weller und Hrhon.</p><p>�Freunde von Karan�, antwortete Karan. �Sie und er brauchen deine Hilfe.�</p><p>�Das geht nicht.� Die Worte des Riesen kamen zu schnell, als da� er dar�ber nachgedacht haben konnte. Tally begriff, da� ihn ihr Auftauchen nicht �berraschte, sondern da� er es im Gegenteil bef�rchtet hatte. Als er begriff, was er selbst gesagt hatte, l�chelte er verlegen. </p><p>�Sie suchen euch�, f�gte er hinzu, in etwas leiserem Tonfall. ��berall. Sie waren auch schon hier. Und sie werden wiederkommen.� Er seufzte. �Aber gut, kommt erst einmal herein. Eine Mahlzeit und eine kurze Rast sind ja auch nicht schlecht, oder?�</p><p>Karan schwieg, und auch der Riese sprach nicht weiter, sondern drehte sich �berhastet herum und schlurfte geb�ckt auf die nach unten f�hrende Treppe zu.</p><p>�Wer ist das?� wandte sich Tally an Jan, w�hrend sie dem Riesen folgten.</p><p>�Ein Freund meines Vaters�, erwiderte Jan. Er wirkte erschreckt. �Ein sehr guter Freund. Karan hat ihm und seiner gesamten Familie einmal das Leben gerettet.� Er sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Es mu� schlimmer sein, als ich bisher annahm.�</p><p>Ihr F�hrer wandte sich im Gehen um und sah schuldbewu�t zu ihnen zur�ck; er hatte jedes Wort geh�rt. Und auch Karan sah seinen Sohn strafend an.</p><p>�Still�, sagte er. �Was Karan mit seinen Freunden zu regeln hat, das bereinigt er selbst.�</p><p>Sie erreichten das Ende der Treppe, traten jedoch nicht auf den sich anschlie�enden Korridor hinaus, sondern nahmen eine zweite, schlie�lich eine dritte, steil nach unten f�hrende Treppe in Angriff. Tally sch�tzte, da� sie sich gute f�nfzehn Meter unter dem Niveau Schelfheims befinden mu�ten, als die h�lzernen Stufen endlich aufh�rten. Vor ihnen lag ein sehr niedriger, von blakenden Fackeln erhellter Gang, von dem zahlreiche T�ren abzweigten.</p><p>Ihr F�hrer z�gerte wieder, dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf eine der T�ren, trat hindurch und steckte seine Fackel in einen eisernen Halter, der neben der T�r an der Wand angebracht war.</p><p>Tally sah sich neugierig um. Das Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet: ein Tisch und eine Anzahl niedriger h�lzerner Hocker bildeten zusammen mit einer gewaltigen Truhe die gesamte M�blierung. An der westlichen Seite gab es ein Fenster, aus dem vor hundert Jahren das Glas herausgefallen war. Dahinter lag der steinhart zusammengebackene, wei�e Sand des Schelfs. Der Raum war so niedrig wie der Gang drau�en � sie verstand jetzt, warum der Riese sich so krumm hielt, denn die Decke war kaum hoch genug, da� sie selbst aufrecht stehen konnte. Ganz instinktiv fragte sie sich, was das f�r ein Leben sein mu�te, wie ein Molch in einer H�hle hier unten zu vegetieren. Die Vorstellung lie� sie schaudern.</p><p>�Wartet hier�, sagte der Riese. �Ich hole Wein und Brot.�</p><p>Karan nickte, und ihr F�hrer entfernte sich so hastig, da� jedem klar sein mu�te, wie froh er war, aus ihrer N�he zu verschwinden.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, sagte Jan, kaum da� die T�r hinter ihm zugefallen war. �Nors ist dein treuester Verb�ndeter. Er w�rde sein Leben opfern, um deines zu retten.�</p><p>Karan, dem die Worte galten, nickte. �Er hat Angst�, sagte er. �Karan liest gro�e Furcht in seiner Seele.� Sein Blick suchte den Tallys. �Du hast m�chtige Feinde, Tally.�</p><p>�Ich f�rchte, nicht nur ich�, sagte Tally. �Oh verdammt, Karan, das wollte ich nicht. H�tte ich geahnt, da� ich euch alle mit ins Verderben rei�e...�</p><p>�Dann w�rst du trotzdem gekommen�, unterbrach sie Karan. �Du �bersch�tzt dich. Es liegt nicht in deiner Macht, irgend etwas zu tun oder zu �ndern, was das Schicksal anders entschieden hat. Alles kommt, wie es kommen mu�. Wir sind nur Werkzeuge. Kann das Beil sich weigern, den Baum zu spalten?�</p><p>�Manchmal�, sagte Tally ernst, �f�hrt es in das Bein dessen, der es schwingt.�</p><p>�Nur wenn er ungeschickt ist.� Karan machte eine abschlie�ende Geste. �Wir w�rden auch nicht hier bleiben, wenn Nors es uns anb�te�, fuhr er in ver�ndertem Tonfall fort. �Eine Stunde Rast, vielleicht auch zwei, und ein wenig Nahrung, das ist alles, was Karan von ihm verlangt.� Er drehte sich herum, nahm auf einem der unbequemen Hocker Platz und sah demonstrativ zu Boden.</p><p>Nach einer Weile kam Nors zur�ck. Er war nicht mehr allein, sondern befand sich in Begleitung einer �ltlichen, ebenfalls sehr hochgewachsenen Frau, die sich so krumm wie er hielt. Die beiden trugen Wein und Brot und sogar ein Tablett mit rohem Fleisch auf, das sie Hrhon vorsetzten. Dann zog sich die Frau zur�ck, w�hrend sich Nors mit vor der Brust verschr�nkten Armen gegen die T�r lehnte und ihnen stumm beim Essen zusah.</p><p>Tally brannten tausend Fragen auf der Zunge. Aber sie hatte das sehr sichere Gef�hl, da� es besser war, Karan reden zu lassen. Nors hatte Angst. Panische Angst. Karan tunkte sein letztes St�ck Brot in eine Schale mit kalter, nach Tallys Meinung widerw�rtig schmeckender So�e, kaute beides mit sichtlichem Genu� durch und fuhr sich mit der Hand �ber den Mund, ehe er sich wieder an Nors wandte.</p><p>�Nun erz�hle, Freund�, begann er. �Was ist geschehen, da� du solche Angst hast, Karan die Freundschaft zu verweigern, auf die er Anspruch hat?�</p><p>Nors l�chelte nerv�s. �Du... du hast nichts geh�rt?� </p><p>�Karan hatte anderes zu tun, als zu h�ren�, erwiderte Karan l�chelnd. �Er wurde angegriffen und mu�te fliehen. Sie haben die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft gebrochen.�</p><p>�Sie werden noch etwas ganz anderes brechen, wenn sie dich in ihrer Begleitung finden.� Nors deutete anklagend auf Tally. �Zum Beispiel deinen Hals, Karan. Sie suchen euch �berall.�</p><p>Tally spannte sich, aber Jan legte ihr rasch und beruhigend die Hand auf den Unterarm. Tally schwieg.</p><p>�Erz�hle�, sagte Karan noch einmal.</p><p>�Sie durchsuchen die ganze Stadt�, sagte Nors. �M�nner der Garde, und diese verdammten Hornk�pfe.� </p><p>�Unm�glich!� behauptete Weller. �Das w�rden sie nicht wagen! Keiner von ihnen w�rde lebend hier herauskommen!�</p><p>�Und wenn ich dir sage, da� zwei dieser Speichellecker vor Stundenfrist bei mir waren, und nach Karan und euch gefragt haben?� sagte Nors. W�tend pre�te er die Lippen aufeinander, sah Karan an und deutete mit einer Geste auf Tally und Hrhon. �Kann man ihnen trauen?� </p><p>�Sprich�, sagte Karan ruhig.</p><p>�Gut.� Nors blickte noch einmal nerv�s zu Tally. </p><p>�Ich... soll dir folgendes ausrichten: die <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> hegen keine Feindschaft gegen dich und deinen Sohn. Was in deinem Haus geschehen ist, soll vergessen sein. Sie sind sogar bereit, Wiedergutmachung zu leisten � wenn du sie auslieferst.� Er deutete wieder auf Tally. </p><p>�Die Frau und den Waga. Weller interessiert sie nicht.� </p><p>�L�cherlich�, sagte Jan. Karan aber schwieg, wie Tally sehr wohl registrierte.</p><p>�Sie erz�hlen es jedem�, fuhr Nors fort. �Und sie sind �berall. Ihr m��t vorsichtig sein, wenn ihr weitergeht. Die Stadt ist nicht mehr sicher. Wo du hinblickst, sind Soldaten und Hornk�pfe. Im Westen wird gek�mpft�, f�gte er nach einer sekundenlangen Pause hinzu. </p><p>�Gek�mpft?� Weller runzelte die Stirn.</p><p>�Ein paar der Stra�enbanden haben die Garde angegriffen�, best�tigte Nors. �Die Garde hat gro�e Verluste, aber sie r�cken weiter vor. Es hei�t, der Stadtkommandant h�tte sich geweigert, seine Krieger hierher zu schicken, aber Jandhi habe ihn gezwungen.�</p><p>�Dann bleibt Karan nur noch ein Weg�, murmelte Karan.</p><p>Tally sah ihn aufmerksam an. �Und welcher?�</p><p>�Es geht nicht um ihn�, sagte Karan anstelle einer direkten Antwort. �Es geht um seine Freunde, um diese Stadt. Hier im Norden herrschte Frieden, seit langer Zeit.�</p><p>�Den Eindruck hatte ich nicht�, sagte Tally s�uerlich und hob die Hand zu ihrer schmerzenden Schulter. </p><p>�Ein blutiger Frieden vielleicht, mit grausamen Regeln, aber trotzdem Frieden�, beharrte Karan. �Dein Auftauchen hat ihn beendet.� Er sch�ttelte traurig den Kopf. �Du ziehst eine Spur von Blut hinter dir her, Tally. Karans Freunde werden sterben, vielleicht wird diese Stadt zerst�rt. �</p><p>�Du �bertreibst.�</p><p>�Nein.� Weller sch�ttelte heftig den Kopf. �Hast du vergessen, was ich dir �ber den Norden der Stadt erz�hlt habe, Tally? Dies hier ist Schelfheim, aber nicht das Schelfheim der M�chtigen. Hier regieren andere. Der Stadthalter hat hier so wenig zu sagen wie du oder ich. Wenn er seine Krieger hierher schickt, ist das keine normale Patrouille, sondern Krieg. Die Banden werden es nicht hinnehmen. M�glicherweise schlagen sie zur�ck und legen das sch�ne piekfeine Schelfheim des Stadthalters ein wenig in Schutt und Asche.�</p><p>�Und alles meinetwegen, nicht wahr?� sagte Tally zornig. �Das soll es doch bedeuten, oder?�</p><p>�Das soll es�, sagte Karan an Wellers Stelle. �Aber es bedeutet nicht, da� Karan dich verr�t. Du warst nur der Ausl�ser. Gebrochen haben andere die Regeln.�</p><p>�Und was wirst du tun?� fragte Tally leise.</p><p>�Was die M�chtigen wollen�, antwortete Karan. �Karan wird ihnen sagen, wo du zu finden bist. Aber du wirst nicht mehr da sein.�</p><p>Tallys Hand kroch zum Schwert, aber Karan l�chelte nur, als er die Bewegung sah. �Nicht, was du denkst, dummes Kind�, sagte er milde. �Karan hat geschworen, es nicht zu tun, doch jetzt bleibt ihm keine Wahl. Er wird dir den Weg zeigen, den du gehen mu�t.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Tally begriff. Dann sprang sie vor lauter Erregung auf. �Der Schlund!� keuchte sie. </p><p>�Du bringst uns hinunter?�</p><p>�Nein�, sagte Karan ruhig. �Aber Karan wird euch zeigen, wie ihr dorthin kommt. Ihr braucht keinen F�hrer. Sein Geheimnis ist nur, wie es zu tun ist, nicht, es zu tun.� </p><p>�Sprich nicht in R�tseln, alter Mann�, sagte Tally drohend.</p><p>�Es sind keine R�tsel.� Karan l�chelte. �Noch ehe die Nacht zu Ende ist, wirst du wissen, was Karan meint. Er wird euch nicht begleiten, aber er wird dir zeigen, was zu tun ist.� Er seufzte, brach noch ein kleines St�ck Brot ab und f�hrte es zum Mund, bi� aber nicht hinein.</p><p>�Du wirst viel Mut brauchen, M�dchen�, sagte er. </p><p>�Den habe ich.�</p><p>Aber ganz sicher war sie pl�tzlich nicht mehr. Ganz und gar nicht.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Wieder waren sie unterwegs, nach Norden und damit in gerader Linie zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nach Tallys Zeitgef�hl mu�te es Mitternacht sein, aber sicher war sie da nicht: seit sie diese Stadt voller Wahnsinniger betreten hatte, lebte sie nicht mehr nach dem gewohnten Rhythmus. Ihre innere Uhr war ebenso durcheinandergeraten, wie ihre Gef�hle es waren. Der Himmel war nicht zu sehen. Es regnete zwar nicht mehr, aber die Wolken waren schwarz und dicht, wie F�uste, die sich �ber den D�chern der Stadt ballten und den Mond und die Sterne verbargen. Tally w�re auch nicht erstaunt gewesen, w�re in diesem Moment die D�mmerung hereingebrochen. Trotzdem ihr Zeitgef�hl war durcheinander, aber wenn sie noch auf ihre Sch�tzung vertrauen konnte, so mu�te es Mitternacht sein. Eine gute Zeit, zur H�lle zu fahren, dachte sie sarkastisch.</p><p>�Wohin gehen wir?� fragte sie.</p><p>�Zur�ck zum Hafen.� Jan antwortete, ohne sie anzusehen. Sein Gesicht war angespannt. M�digkeit kennzeichnete seine Bewegungen. �Mein Vater besitzt einen Schuppen am mittleren Becken. Dort findet ihr alles, was ihr braucht.�</p><p>Tally registrierte sehr deutlich, da� er <emphasis>ihr</emphasis> gesagt hatte, nicht <emphasis>wir.</emphasis> Aber welche Rolle spielte es schon, ob sie allein ging oder in Karans Begleitung? Wahrscheinlich w�ren der verr�ckte Alte und sein kaum weniger beschr�nkter Sohn nur eine Last f�r Hrhon und sie, wenngleich auf der anderen Seite ihre Kenntnisse unten im Schlund von enormer Wichtigkeit sein mochten. Aber sie hatte ohnehin das Gef�hl, da� sie l�ngst keinen Einflu� mehr auf die Geschehnisse hatte.</p><p>�Der Weg in den Schlund f�hrt �ber den Flu�?� fragte Weller stirnrunzelnd.</p><p>�Nur ein kurzes St�ck�, erwiderte Jan. �Aber im Schuppen ist alles, war ihr braucht. Die Ausr�stung ist sehr umfangreich. Unser Haus w�re zu klein, sie aufzunehmen.�</p><p><emphasis>Ausr�stung?</emphasis> Das war interessant. Jans Bemerkung best�tigt zwar ihren Verdacht nicht, aber sie war ein weiteres St�ck des Puzzlespiels, das sie seit Tagen vergeblich zu l�sen versuchte: n�mlich die Frage, <emphasis>wie</emphasis> Karan diese Wahnsinnsklippe �berwinden wollte. Da� Klettern unm�glich war, hatte er ihr ja praktisch schon best�tigt. Aber wie dann?</p><p>Sie verschob die L�sung dieses Problems auf sp�ter, schlo� mit wenigen raschen Schritten zu Hrhon auf, der die Spitze der kleinen Kolonne bildete, wobei er immer wieder stehenblieb und fragend zu Karan zur�ckblickte. Hrhon blickte sie ausdruckslos an, aber f�r einen kurzen Moment glaubt Tally trotzdem, so etwas wie Freude in seinen Augen zu erkennen. Auch, wenn sie wu�te, da� es unm�glich war, versuchte sie sich es zumindest einzureden.</p><p>Eine weitere halbe Stunde marschierten sie schweigend nach Norden zur�ck. Das dumpfe Grollen des Wasserfalls nahm allm�hlich an Macht zu. Die Luft schmeckte feucht. Einmal glaubte Tally Kampfl�rm zu h�ren, aber der Wind drehte sich und trug das Ger�usch davon, ehe sie sicher sein konnte, und ein andermal sah sie deutlich Feuerschein �ber den D�chern im Westen aufflammen � ein kurzer, blendendheller Blitz, wie ihn nur ein Ding auf der Welt verursachen konnte, das sie kannte. Instinktiv glitt ihre Hand zum G�rtel und schmiegte sich um die so harmlos aussehende Waffe. Karan hatte recht, dachte sie bitter: sie hatte mit ihrer Ankunft hier Dinge in Bewegung gesetzt, die sie l�ngst nicht mehr aufhalten konnte.</p><p>Und sie war keineswegs unverwundbar, wie sie wenig sp�ter auf sehr drastische Weise erfahren sollte. Sie hatten sich dem Hafen so weit gen�hert, da� das Tosen des Wasserfalls eine normale Unterhaltung bereits unm�glich machte und der Boden unter ihren F��en zitterte. Die wenigen Menschen, die ihnen unterwegs begegnet waren, waren entweder so in Eile gewesen, da� sie keinerlei Notiz von ihnen genommen hatten, oder in heller Panik davongelaufen, als sie die vier bewaffneten Menschen und ihren gepanzerten Begleiter sahen, der zwar keinerlei Waffe trug, aber eine <emphasis>war.</emphasis> Doch ganz pl�tzlich hatte Tally das Gef�hl � nein, nicht Gef�hl. Die <emphasis>Gewi�heit �</emphasis> beobachtet zu werden. Abrupt blieb sie stehen.</p><p>�Was ist los?� fragte Weller. �Warum gehst du nicht weiter?�</p><p>Tally zuckte zur Antwort mit den Achseln, zog das Schwert unter dem Mantel hervor und lie� den Blick ihrer angestrengt zusammengepre�ten Augen �ber die H�userreihe zur Rechten gleiten. Nichts. Nur Schatten. Und doch...</p><p>�Ich wei� nicht�, murmelte sie. �Ich... ich glaube, jemand beobachtet uns.�</p><p>�Nissst jhemahnd�, zischte Hrhon. �Vhielhe. Sssehn. Vhielleissst f�nfssehn.�</p><p>Tally blickte den Waga mit einer Mischung aus Schrecken und �rger an. �Bist du sicher?�</p><p>�Nhein�, antwortete Hrhon ruhig. �Esss kh�hnnen auch ssswansssig sssein.�</p><p>Weller erbleichte vor Schrecken, aber Tally schnitt ihm mit einer raschen Geste das Wort ab. �Wie lange schon?�  fragte sie. Sie zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit von Hrhons Worten. Wenn ein Waga sagte, da� sie verfolgt wurden, dann <emphasis>wurden</emphasis> sie verfolgt.</p><p>�Eine Wheile�, antwortete Hrhon. �Ssssie khommen nissst nh�her.�</p><p>�Eine Weile�, murmelte Tally besorgt. �Und sie kommen nicht n�her. Was bedeutet das?� Sie sah Karan an. </p><p>�Jandhis Leute? Oder Angella?�</p><p>�Was ist dir lieber?� fragte Karan. Tally verzichtete auf eine Antwort, tauschte aber vorsichtshalber das Schwert gegen die Drachenwaffe. Sie war sich dar�ber im klaren, da� selbst dieses entsetzliche Ding ihr nicht helfen w�rde, wenn es wirklich die <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> waren, die sie verfolgten. Aber ihr Gewicht beruhigte sie. Seltsam, dachte sie. Noch vor wenigen Tagen erst hatte sie sich geschworen, die Waffe <emphasis>niemals</emphasis> gegen Menschen zu verwenden. Jetzt fieberte sie fast danach, den kurzen Lauf auf Jandhi zu richten und abzudr�cken. </p><p>�Wenn es Jandhi ist, frage ich mich, wie sie so schnell unsere Spur aufnehmen konnte�, murmelte Weller. Er sah Karan an. �Kann es sein, da� dein Freund �� </p><p>�Karans Freunde sind keine Verr�ter�, unterbrach ihn Karan scharf. �Und selbst wenn�, f�gte Jan hinzu, �k�nnte er nichts sagen. Niemand au�er mir und Karan selbst wei� von dem Lagerhaus.� Er machte eine �rgerliche Handbewegung. �Wenn wir noch lange hier herumstehen und reden, finden wir sicher heraus, wer uns verfolgt. Beeilt euch � es ist nicht mehr weit.�  Tats�chlich lagen die f�nf hintereinandergestaffelten Hafenbecken Schelfheims unter ihnen, als sie die n�chste Gasse durchquert hatten. Das Donnern des Wasserfalls, der weniger als eine halbe Meile n�rdlich �ber die Kante der Welt hinausscho�, machte eine Unterhaltung unm�glich, wenn sie nicht schreien wollten, aber Jan deutete mit dem Arm nach links, auf das kleinste, unmittelbar hinter der Klippe gelegene Becken. Tally konnte in der Dunkelheit keine Einzelheiten ausmachen, aber sie glaubte sich zu erinnern, da� es ein gewaltiges Schleusentor in der Zyklopenmauer gab, die dem Wasser seine Wucht nahm. Jetzt erblickte sie auf der landeinw�rts gewandten Seite des Beckens nichts als eine kompakte, finstere Masse. Wenn Karan sie mit einem Boot aus Schelfheim herausschaffen wollte, mu�te jemand die Schleuse �ffnen. Aber wie?</p><p>Sie bekam keine Gelegenheit, ihre Frage in Worte zu kleiden, denn Karan f�hrte sie in raschem Tempo weiter � eine gewundene, vom Spritzwasser schl�pfrig gewordene Steintreppe hinab, �ber einen kurzen Steg und eine weitere Treppe, die direkt zum Becken herunter f�hrte, dann ein St�ckweit auf den Schlund zu, bis sie auf der Krone der Staumauer entlangliefen. Der Felsen unter ihren F��en zitterte und bebte unter den Hammerschl�gen des Wassers.</p><p>Der Wasserspiegel lag gut vier Meter unter ihnen; trotzdem spritzte die Gischt so hoch, da� Tally und die anderen schon nach wenigen Schritten bis auf die Haut durchn��t waren. Sie vermied es krampfhaft, in die Tiefe zu blicken. Trotz der Dunkelheit war das Wasser wei�, so gewaltig war der Sog, der es gegen den Damm trieb. Ein Fehltritt, dachte sie schaudernd, und sie hatte keine Zeit mehr, zu ertrinken. Wer in diesen Strudel geriet, mu�te auf der Stelle zermalmt werden.</p><p>Aber sie erreichten unbehelligt das gegen�berliegende Ufer des Beckens. Tally blieb stehen, um einen Moment Atem zu sch�pfen, aber Karan trieb sie unbarmherzig weiter. Das Tosen des Wassers war hier so gewaltig, da� sie sich nicht einmal mehr schreiend verst�ndigen konnten, aber sein hastiges Gestikulieren war eindeutig genug.</p><p>Eine Reihe flacher, aus Stein gebauter Lagerh�user tauchte vor ihnen auf, eingeh�llt in spr�hende Gischt und ganz offensichtlich sehr alt. Manche von ihnen waren nicht mehr als Ruinen, andere standen leer. Die gro�en, weit offenstehenden T�ren erinnerten Tally in der Dunkelheit an aufgerissene M�uler.</p><p>Das Laufen fiel ihr jetzt immer schwerer. Die Luft war so mit Feuchtigkeit geschw�ngert, da� ihre Kleider wie Zentnerlasten an ihr zerrten und sie das Gef�hl hatte, Wasser zu atmen. Mehr als einmal glitt sie auf dem schl�pfrigen Stein aus und k�mpfte mit grotesk h�pfenden Schritten um ihr Gleichgewicht. Aber Karan g�nnte ihnen nicht die geringste Pause, sondern lief im Gegenteil eher noch schneller. Tally begann sich zu fragen, woher dieser alte Mann die Kraft nahm, nicht einfach auf der Stelle zusammenzubrechen.</p><p>Schlie�lich wurde auch er langsamer � wenn auch nicht vor Ersch�pfung, sondern weil sie ihr Ziel erreicht hatten.</p><p>Es war ein kleiner, halb �ber die Kante des Hafenbeckens hinausgebauter Schuppen, zum Wasser hin nicht aus Stein, sondern aus Holz erbaut und irgendwo in der Tiefe mit den sch�umenden Fluten verschmelzend: eine raffinierte Mischung aus Schuppen und Bootshaus, wie Tally beim N�herkommen feststellte.</p><p>Karan eilte zu einer schmalen Seitent�r, nestelte einen Moment lang am Schlo� herum und stie� die T�r auf. Er selbst verschwand als erster im Haus, hantierte einen Moment lautstark im Dunkeln herum und tauchte schlie�lich wieder auf, eine Fackel in der Hand, die nicht richtig brannte und mehr Ru� und Gestank als Helligkeit verbreitete. Es schien in diesem Teil der Stadt nichts zu geben, was sich <emphasis>nicht</emphasis> mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. </p><p>�Kommt!� sagte er ungeduldig. �Tally und Weller! Der Waga soll Wache halten.�</p><p>Hrhon gehorchte wortlos. W�hrend sich Weller und Tally an Karan vorbei in den Schupppen zw�ngten, ging er ein St�ckweit den Weg zur�ck und verschmolz mit den Schatten eines Lagerhauses. Nur Jan r�hrte sich nicht, sondern sah seinen Vater fragend an.</p><p>Karan erwiderte seinen Blick. Sehr lange, sehr ernst und sehr nachdenklich.</p><p>�Eine halbe Stunde�, sagte er schlie�lich. �Nicht fr�her.�</p><p>�Kein Zeichen?� Jan klang besorgt.</p><p>�Kein Zeichen. Genau in einer halben Stunde.�</p><p>Jan nickte, drehte sich herum und verschwand im Laufschritt in der Dunkelheit, w�hrend Karan seine Fackel senkte und zu Tally und Weller in den Schuppen trat. Bei�ender Qualm und der Gestank brennenden feuchten Holzes stieg ihnen in die Nasen. Wesentlich heller wurde es nicht.</p><p>�Was war das f�r eine Geheimsprache, Karan?� fragte Weller mi�trauisch. �Wo ist Jan hingegangen?�</p><p>�Jemand mu� die Schleuse �ffnen, oder?� fragte Karan ruhig. �Es sei denn, du willst das Boot �ber die Mauer heben.�</p><p>�Was f�r ein Boot?� fragte Tally rasch, ehe Weller vollends auffahren konnte. �Wohin fahren wir?�</p><p>�Wir nirgendwohin�, erwiderte Karan. �Du und dein Freund und �� Er deutete auf Weller. � � er, wenn er will. Karan wird euch sagen, was ihr zu tun habt. Es ist leicht.�</p><p>�So leicht, da� es au�er dir noch keiner geschafft hat, wie?� fragte Weller mi�trauisch.</p><p>�Weil es niemand wei߫, sagte Karan. �Jetzt kommt. Die Zeit ist knapp bemessen. Wir haben viel zu tun.� </p><p>�Und was?� Weller r�hrte sich nicht von der Stelle. </p><p>�Ihr m��t das Boot beladen�, antwortete Karan. �Hinter euch sind Fackeln. Entz�ndet so viele, wie ihr k�nnt.�  Weller wollte abermals widersprechen, aber Tally versetzte ihm einen so derben Sto� mit dem Ellbogen, da� aus seinem geplanten Protest ein ersticktes Keuchen wurde. Karan l�chelte fl�chtig, gab ihr seine eigene Fackel und verschwand in der Dunkelheit.</p><p>Schweigend taten sie, was Karan ihnen befohlen hatte. Tally entz�ndete ein gutes Dutzend Pechfackeln, die Weller in gro�e, in Kopfh�he an der Wand befestigten Halterungen steckte, und nach einer Weile wich die erstickende Schw�rze einem schattenerf�llten Halbdunkel, in dem sie zwar noch immer nicht richtig sehen, ihre Umgebung aber halbwegs erraten konnten.</p><p>Der Schuppen bestand aus einem einzigen, gewaltigen Raum, und er war zu mehr als vier F�nfteln mit Wasser gef�llt. Tally und Weller standen auf einem kaum drei Schritte messenden gemauerten Streifen, unter dem das Wasser des Hafenbeckens sprudelte. Selbst hier drinnen schien es noch zu kochen. Das kleine, sonderbar schlank geformte Boote, das in der Mitte des Beckens lag, h�pfte wild auf und ab. Irgend etwas Gro�es, Helles bewegte sich unter Wasser.</p><p>Als sie alle Fackeln entz�ndet hatten, deutete Karan auf eine Anzahl gro�er, in Segeltuch eingeschlagene und sehr schwer aussehender B�ndel, die am Ufer aufgestapelt waren. �Bringt sie an Bord�, sagte er.</p><p>Weller runzelte die Stirn und deutete auf das Boot. </p><p>�Und wie?� Das kleine Schiffchen � es war nicht sehr viel gr��er als ein Kanu und schien kaum lang genug, drei oder vier Passagieren Platz zu bieten � lag genau in der Mitte des kleinen Beckens: das Heck war gute f�nf Meter vom Ufer entfernt. Und das Wasser brodelte selbst hier drinnen so, da� an ein Schwimmen nicht einmal zu denken war.</p><p>Statt einer Antwort hob Karan selbst eines der kleineren B�ndel an, warf es sich �ber die Schulter � und trat mit einem entschlossenen Schritt ins Wasser hinab. Er ging nicht unter.</p><p>Seine Beine versanken bis �ber die Waden hinab im Wasser, und Tally konnte sehen, welche M�he es ihm bereitete, gegen den enormen Sog des Wassers anzuk�mpfen, aber er ging nicht unter. Irgend etwas war dicht unter der Wasseroberfl�che. Wieder sah sie einen gewaltigen hellen Umri� durch den spritzenden Schaum blitzen. Wie ein Segel, dachte sie, das unter Wasser gespannt war. Oder ein Ausleger. Aber wenn, dann . einer von gewaltigen Ausma�en. Mitsamt den unter Wasser liegenden Teilen mu�te das Boot das ganze Becken einnehmen.</p><p>Eine sehr ungute Ahnung stieg in ihr auf, wozu ein Boot mit solch gewaltigen Auslegern gut sein mochte, aber sie vertrieb sie, bevor sie zur Gewi�heit werden konnte. Entschlossen b�ckte sie sich nach einem der B�ndel, hob es �chzend auf die Schultern und sprang zu Karan ins Wasser hinab.</p><p>Es war ein Schock. Wie der Alte zuvor sank sie nur bis dicht �ber die Waden ein, aber unter ihren F��en war kein fester Boden, sondern etwas zwar Hartes, aber Schwankendes, auf und ab H�pfendes, das sie wie ein bockendes Pferd abzuwerfen versuchte, und das Wasser war eisig. Mit unsichtbaren Krallen ri� und zerrte es an ihren Beinen. Es kostete sie all ihre Kraft, die kaum f�nf Meter bis zu Karans Boot zur�ckzulegen. Sie fiel mehr hinein, als sie ging.</p><p>Trotzdem registrierte sie, da� der Rumpf des sonderbaren Schiffchens aus einem Holz erbaut war, das sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es schien unglaublich leicht zu sein und sehr d�nn; eher eine Art straffgespannter, steifer Stoff als Holz. Sie fragte sich vergeblich, wie ein solches Spielzeug gegen die Str�mung des Flusses ank�mpfen sollte, ohne zu zerbrechen. Aber sie verschob auch diese Frage auf sp�ter, ging unsicher zum Ufer zur�ck und lud sich das n�chste B�ndel auf die Schulter.</p><p>Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Boot auf diese Weise beladen war � Weller und sie gingen jeweils dreimal zum Ufer und zur�ck. Als sie fertig waren, war der schmale Innenraum des Kanus so vollgestopft, da� sich Tally fragte, wo um alles in der Welt noch drei Passagiere darin Platz nehmen sollten.</p><p>�Und jetzt?� fragte sie schweratmend.</p><p>�Das Tor, �ffnet es.� Karan deutete auf eine komplizierte Anordnung aus Ketten und Rollen, die an der Wand befestigt war. Tally hatte keine Ahnung, wie der Mechanismus funktionierte, aber Weller trat ohne zu z�gern hinzu, zerrte an einer herabh�ngenden Kette und befahl ihr mit einer Kopfbewegung, ihm zu helfen. Irgendwo unter der Decke begann etwas ganz entsetzlich zu quietschen und klirren.</p><p>Es kostete ihre gesamte Kraft, die h�lzernen Tore gegen den Druck des Wassers zu �ffnen; denn Karans Mechanismus war offensichtlich seit Jahren nicht mehr benutzt worden und eingerostet. Trotzdem schwangen die deckenhohen Tore ganz langsam nach au�en. Tr�bes Mondlicht str�mte herein und vermischte sich mit dem d�steren Rot ihrer Fackeln. Das Hafenbecken lag wie ein Bottich mit kochendem Teer vor ihnen.</p><p>�Das gen�gt�, sagte Karan schlie�lich. �Jetzt kommt her. Karan mu� euch erkl�ren, was ihr zu tun habt.� </p><p>�Das wird kaum mehr n�tig sein, mein Freund�, sagte eine Stimme aus der Dunkelheit. Tally kannte diese Stimme. Sie hatte sie nur einmal in ihrem Leben geh�rt, aber sie w�rde sie niemals vergessen. Sie klang ruhig, beinahe erheitert, und sie behielt diesen fast freundlichen Ton auch bei, als sie hinzuf�gte: �Und dir, Tally, w�rde ich raten, die Hand vom Laser zu nehmen, wenn du noch ein paar Sekunden leben willst.�</p><p>Tally erstarrte mitten in der Bewegung. Ihre Finger waren nur noch Millimeter vom Griff der Drachenwaffe (wie hatte Jandhi sie genannt? <emphasis>Laser?)</emphasis> entfernt, aber sie wu�te, da� sie trotzdem keine Gelegenheit haben w�rde, sie zu ziehen. Bisher hatte sie es f�r dummes Gerede gehalten, aber es stimmte tats�chlich � man <emphasis>sp�rte es,</emphasis> wenn der Lauf einer Waffe auf seinen R�cken deutete.</p><p>Ganz langsam drehte sich sich herum, nahm die H�nde in Schulterh�he und sah zu der in schwarzes Leder gekleideten Gestalt hoch. Jandhi l�chelte. Der rote Kristall im Griff ihrer Waffe funkelte wie ein gieriges D�monenauge. Karans Daumen schwebte dicht dar�ber.</p><p>�Habe ich dir nicht gesagt, da� wir uns wiedersehen, Sch�tzchen?� fragte sie. Ihr L�cheln wurde noch freundlicher, aber ihre Augen blieben kalt dabei. �Ich halte mein Wort immer, wei�t du.�</p><p>Tally schwieg. Was h�tte sie schon sagen k�nnen! Sie hatte das Bed�rfnis, vor lauter Entt�uschung und Zorn einfach loszuheulen, aber dazu war sie zu stolz. Dabei war sie nicht einmal erschrocken. Irgendwie hatte sie damit gerechnet. Trotz allem war es zu glatt gegangen, bisher.</p><p>�Wie hast du mich gefunden?� fragte sie schlie�lich. </p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, antwortete Jandhi. </p><p>�Aber ich erz�hle sie dir. Sp�ter. Jetzt komm her. Und ganz langsam.�</p><p>Tally gehorchte. Sie sp�rte, da� Jandhi sie nicht t�ten wollte � nicht jetzt � aber sie war ebenso sicher, da� sie es tun w�rde, wenn sie sie dazu zwang.</p><p>�Den Laser�, verlangte Jandhi.</p><p>Ganz langsam senkte Tally die Hand zum G�rtel, zog die Waffe hervor und reichte sie Jandhi. Aber die Drachentochter machte keinerlei Anstalten, danach zu greifen, sondern sch�ttelte nur den Kopf. �Wirf ihn zu Boden�, sagte sie. �Ich habe geh�rt, da� es gef�hrlich ist, dir zu nahe zu kommen.�</p><p>Sie lachte leise, wartete, bis Tally die Waffe zu Boden gelegt und auf ein Zeichen von ihr hin mit dem Fu� davongeschossen hatte, dann wich sie mit ein paar schnellen Schritten bis zur r�ckw�rtigen Wand zur�ck und l�ste einen kleinen, rechteckigen Gegenstand vom G�rtel. Tally sah, wie sie ihn zum Mund f�hrte und hineinsprach.</p><p>�Und jetzt?� fragte sie. �Was hast du jetzt vor, Jandhi? Willst du mich umbringen?�</p><p>�Nein�, antwortete Jandhi unger�hrt. �Wenigstens jetzt noch nicht. Aber du wirst mich begleiten, und dein schuppiger Freund drau�en auch. Wir werden daf�r sorgen, da� du nicht noch mehr Schaden anrichtest, als du bereits getan hast.� Sie machte eine Handbewegung, deren Bedeutung Tally nicht kannte. �W�ren wir nicht Feinde, w�rde ich dir meine Hochachtung ausdr�cken, Kindchen. So viel �rger wie du hat uns noch niemand bereitet.�</p><p>�Uns?� fragte Tally. �Wer ist das?�</p><p>Jandhi lachte. �Nicht doch�, sagte sie. �Du wirst Gelegenheit genug bekommen, Fragen zu stellen. Und wer wei�, vielleicht beanworte ich sie sogar. Aber nicht jetzt. Ich mag keine melodramatischen Szenen, wei�t du?� </p><p>�La� wenigstens Karan gehen�, sagte Tally. �Und Weller. Sie haben nichts mit unserem Streit zu tun.� </p><p>�Wie edel�, sagte Jandhi sp�ttisch. �Aber leider ein wenig zu sp�t.� F�r einen Moment sah sie Karan an, der noch immer im Wasser stand, wandte ihre Aufmerksamkeit aber wieder Tally zu, ehe diese den Augenblick ausnutzen und sich auf sie st�rzen konnte.</p><p>�Nein�, sagte sie noch einmal. �Daraus wird nichts, f�rchte ich. Die beiden stecken zu tief drinnen in der Sache.�</p><p>�Dann willst du sie auch umbringen?�</p><p>�Umbringen?� Jandhi runzelte die Stirn, als h�tte sie etwas vollkommen Unsinniges gefragt. �Wer spricht vom T�ten, Talianna? Nein, nein � sie werden mich begleiten, und f�r eine Weile bei uns bleiben, das ist alles. Wenn sie zur�ck kommen, werden sie loyale Untertanen sein, mein Wort darauf.� Ihr Blick wurde hart. �Und jetzt Schlu�. In wenigen Minuten wird Nil mit ein paar M�nnern hier sein, und dann hat...�  Sie brach ab, als vor der T�r Schritte laut wurden, runzelte fl�chtig die Stirn und drehte sich kurz herum, ohne Tally jedoch l�nger als eine halbe Sekunde aus den Augen zu lassen. Ein hochgewachsener Schatten war unter dem Eingang erschienen, gefolgt von einem zweiten und dritten, die sich langsam auf sie zubewegten. </p><p>�Nil!� sagte sie �berrascht. �Ihr seid schneller, als...�  Der Schatten trat ins Licht der Fackeln hinein und wurde zu einer schlanken, schwarzhaarigen Frau mit einem Gesicht aus Narben.</p><p>�Als was?� fragte Angella belustigt.</p><p>Jandhi starrte sie an. �Du?� murmelte sie. �Was... was tust du hier?�</p><p>�Oh, das gleiche wollt ich dich gerade fragen�, erwiderte Angella ruhig. Langsam trat sie auf Jandhi zu, dr�ckte den Lauf ihrer Waffe herunter, als handele es sich um ein harmloses Kinderspielzeug, und deutete mit der Linken auf Tally. �Du hast da etwas, das mir geh�rt�, sagte sie ruhig. �Vielen Dank, da� du es aufgehoben hast. Aber nun bin ich ja da. Du kannst gehen, Jandhi.�  Jandhi wurde bleich. Angellas Worte klangen fast harmlos, aber sie waren es nicht. Es gab etwas, was ihnen geh�rigen Nachdruck verlieh � das gute Dutzend Bewaffneter, das hinter Angella in den Schuppen dr�ngte n�mlich.</p><p>Aber Jandhis Unsicherheit w�hrte nur einen Moment. Dann blitzte es in ihren Augen zornig auf. Sie schlug Angellas Hand beiseite, wich zwei, drei Schritte vor ihr zur�ck und hob drohend die Waffe.</p><p>�Was f�llt dir ein?� fauchte sie. �Das hier geht dich nichts an! Verschwinde auf der Stelle!�</p><p>Es war sehr schwer, auf Jandhis vernarbten Z�gen irgendeine Regung zu erkennen, aber f�r einen Moment war Tally fast sicher, einen Ausdruck abgrundtiefen Hasses in ihren Augen zu sehen. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.</p><p>�Verzeiht, edle Herrin�, sagte sie sp�ttisch. �Aber Ihr t�uscht Euch. Das hier geht mich sehr wohl etwas an. Mu� ich dich wirklich daran erinnern, da� du hier in meinem Gebiet bist, Jandhi? Ich dachte, wir h�tten eine Abmachung.�</p><p>Sie seufzte. Tally sah jetzt, da� sie sich nicht mit der gewohnten Geschmeidigkeit bewegte. Die Haltung, in der sie dastand, wirkte ein ganz kleines bi�chen verkrampft. Dann fiel ihr wieder ein, wie tief der Stich gewesen war, den sie ihr versetzt hatte. Eigentlich grenzte es an ein Wunder, da� sie �berhaupt die Kraft aufbrachte, zu stehen.</p><p>�Ich warne dich, Angella�, sagte Jandhi leise. �Ich habe dich und dein Gesindel bisher stillschweigend geduldet, aber du solltest den Bogen nicht �berspannen.�</p><p>�Sonst?� fragte Angella sp�ttisch. �S�tze, wie der, den du gerade gesprochen hast, pflegen mit einem &gt;... sonst wird dies oder das passieren&lt; zu enden.�</p><p>�Meine Leute werden gleich hier sein�, sagte Jandhi gepre�t. Sie hatte jetzt eindeutig Angst. �Wenn du verschwunden bist, ehe sie auftauchen, vergesse ich den Zwischenfall.�</p><p>�Deine Leute, so?� Angella kicherte b�se, �Falls du diese Narren von der Stadtgarde meinst�, sagte sie beinahe freundlich, �kannst du lange warten. Was von deiner sogenannten Armee noch lebt, versucht gerade verzweifelt sein Leben zu retten. Ich habe dich gewarnt, Jandhi, hierherzukommen. Es ist gut m�glich, da� ich deinen Besuch erwidere.�</p><p>�Verzeihung, wenn ich mich einmische�, sagte Tally. </p><p>�H�ttet ihr etwas dagegen, wenn ich gehe, w�hrend ihr euch streitet, wer mich nun umbringen darf?� Sie l�chelte, nahm die H�nde herunter und trat einen halben Schritt auf den Laser zu, den sie fallengelassen hatte. Jandhi warf ihr einen ha�erf�llten Blick zu, w�hrend Angella ganz leise lachte � und die Waffe mit einem fast beil�ufigen Tritt ins Wasser bef�rderte.</p><p>Tally blickte ihr entt�uscht nach, sah Angella an und hob resignierend die Schultern. �Nichts f�r ungut. Ich habe es versucht.�</p><p>�Das ist dein Fehler, Tally�, sagte Angella kalt. �Du versuchst zu viel.�</p><p>�Stimmt�, antwortete Tally. �Ich h�tte nicht nur versuchen sollen, dich umzubringen; ich h�tte das Schwert besser noch zweimal herumgedreht.�</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment entgleisten Angellas Gesichtsz�ge. Sie hob die Hand, als wolle sie Tally schlagen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende. Statt dessen wandte sie sich mit einem Ruck zu einem ihrer Begleiter um. �Bringt den Waga!� befahl sie. �Und dann ers�uft dieses Vieh vor ihren Augen.�</p><p>�Ich warne dich noch einmal�, sagte Jandhi. Ihre Stimme bebte vor Aufregung. �Diese beiden geh�ren uns.�</p><p>Angella reagierte gar nicht, und auch Tally schenkte Jandhi nur einen beinahe mitleidigen Blick. Sie hatte �berhaupt keine Angst, was sie selbst ein wenig verwunderte � vielleicht, weil die Situation einfach zu absurd war.</p><p>�Es geht hier nicht mehr um deine Rache, Angella�, sagte Jandhi erregt. �Ich wei� nicht, was Tally dir angetan hat, aber du begehst einen schweren Fehler, wenn du sie nicht auslieferst.�</p><p>Ihre Hand kroch zum G�rtel, n�herte sich dem kleinen, rechteckigen Kasten, in den sie hineingesprochen hatte. Ihr Daumen dr�ckte eine winzige Vertiefung auf seiner Oberfl�che. Ein kleines, gr�nes Licht begann an seiner Schmalseite zu leuchten. Jandhi deckte es hastig mit der Hand ab.</p><p>�Du hast Tally gefangengenommen, und mich dazu�, fuhr Jandhi fort, sehr laut und mit sonderbar �bertriebener Betonung. �Wir sind in Karans Lagerschuppen und deine Geiseln. Du kannst L�segeld von mir haben, wenn du willst. Aber selbst das Dutzend Leute, das du bei dir hast, wird dich ��</p><p>�Was tust du da?� unterbrach sie Angella zornig. Jandhi verstummte mitten im Wort, l�chelte verlegen und dr�ckte ein zweites Mal auf ihren sonderbaren Kasten. Tally sah, wie das gr�ne Licht unter ihren Fingern erlosch. �Nichts�, sagte sie mit gespielter Niedergeschlagenheit. �Ich dachte nur, ich appelliere ein letztes Mal an deine Vernunft. Aber es scheint sinnlos zu sein.�  Tallys Gedanken �berschlugen sich. Was hatte Jandhi getan? Sie hatte in diesen Kasten hineingesprochen, bevor Angella und ihre Leute aufgetaucht waren, aber was hatte sie <emphasis>jetzt</emphasis> getan?</p><p>Sie fing einen fast beschw�renden Blick Jandhis auf und sah rasch in eine andere Richtung. Was immer geschah � in Jandhis Gewalt w�rde sie wengistens am Leben bleiben, und solange sie lebte, konnte die k�mpfen oder fliehen. Angella w�rde sie umbringen. Sehr langsam.</p><p>Zwei von Angellas M�nnern brachten Hrhon herein. Der Waga war mit Ketten gebunden, und �ber seiner linken Schl�fe war seine Haut aufgeplatzt. Einer seiner Begleiter hatte einen Dolch an seinen Hals gesetzt und so verkantet, da� sich Hrhon selbst die Kehle aufschlitzen mu�te, wenn er versuchte, den Sch�del in den Panzer zur�ckzuziehen.</p><p>Der Anblick erf�llte Tally mit j�hem Entsetzen. Sie schrie auf, stie� Angella beiseite und st�rmte auf den Waga zu, ohne auf das Dutzend Waffen zu achten, das sich ihr drohend entgegenreckte. Aus den Augenwinkel sah sie, wie zwei von Angellas M�nnern auf sie zust�rzen wollten und Angella selbst sie mit einer raschen Geste zur�ckrief. Das M�dchen mit dem Narbengesicht geno� offensichtlich jede einzelne Sekunde. Tally verl�ngerte die Liste der Dinge, die sie ihr antun w�rde, in Gedanken um einige Punkte.</p><p>�Hrhon!� rief sie entsetzt. �Gro�er Gott, was haben sie dir getan?�</p><p>Angellas M�nner stie�en den Waga grob zu Boden. Hrhon fiel, w�lzte sich schwerf�llig herum und stie� ein tiefes, schmerzerf�lltes St�hnen aus. Dunkles Echsenblut sickerte aus seinem Panzer. �Esss issst... nichtsss�, st�hnte er. Seine Stimme war viel tiefer als gewohnt, und es war ein Klang darin, der Tally frieren lie�. Die Vorstellung, da� Hrhon sterben konnte, erf�llte sie mit Panik.</p><p>Hastig kniete sie neben ihm nieder, versuchte vergeblich, seine vierhundert Pfund herumzudrehen und legte schlie�lich die Hand auf seine flache Stirn. Hrhons Schuppenhaut f�hlte sich hei� und trocken an. �Was haben sie dir getan?� murmelte sie noch einmal. Pl�tzlich erf�llte sie hei�er, kaum mehr zu b�ndiger Zorn. Aus schmalen Augenschlitzen sah sie zu Angella auf. </p><p>�Du Bestie!� zischte sie. �Daf�r wirst du bezahlen.� </p><p>�So?� Angella l�chelte. �Habe ich deinem Scho�h�ndchen weh getan? Aber keine Sorge � er wird bald von seinen Leiden erl�st sein. Packt ihn!� Die letzten Worte galten den beiden M�nnern, die den Waga hereingebracht hatten.</p><p>Die beiden wollten gehorchen, aber Tally fuhr mit einer so w�tenden Bewegung herum, da� sie mitten im Schritt stockten und unsicher zu Angella aufsahen. </p><p>�Einen Augenblick noch, Angella�, sagte Tally. �Ich bitte dich. Er ist mein Freund.� Ihr Gaumen war trocken vor Aufregung. Sie konnte kaum sprechen. Ihre Chancen standen eins zu tausend, das wu�te sie. Aber sie hatte keine Wahl.</p><p>Und zu ihrer eigenen �berraschung nickte Angella nach ein paar Sekunden. In ihren Augen blitzte es sp�ttisch.</p><p>�Wie r�hrend�, sagte sie. �Aber bitte � nimm Abschied von deinem <emphasis>Freund.</emphasis> Es ist ja nicht f�r lange � falls du an ein Leben nach dem Tode glaubst, hei�t das.�</p><p>Tally schluckte die Bemerkung herunter, die ihr auf der Zunge lag. Sie hatte so erb�rmlich wenig Zeit, da� sie es sich nicht leisten konnte, auch nur eine einzige Sekunde davon zu verschwenden.</p><p>�Es... es tut mir so unendlich leid, Hrhon�, sagte sie, leise, aber nicht so leise, da� Angella die Worte nicht h�ren konnte. �Ich wollte noch so viel mit dir erleben. Und jetzt endet es so.�</p><p>Hrhon blickte sie an. Seine Augen waren tr�b vor Schmerz. Verstand er sie? Sie betete, da� sein Geist nicht bereits so umnebelt war, da� er nicht begriff.</p><p>�Wir werden uns wiedersehen, mein Freund�, sagte sie l�chelnd. �In einer anderen Welt. Und du gehst nicht allein. Hast du noch die beiden Andenken, die wir aus dem Turm mitgebracht haben?�</p><p>Angella sog h�rbar die Luft ein und fuhr auf der Stelle herum. Sie hatte begriffen.</p><p>Aber so schnell sie war � Hrhon war schneller.</p><p>Seine Arme verschwanden mit einem scharrenden Laut im Inneren seines �bergro�en Schildkr�tenpanzers. Und als sie wieder auftauchten, hielt er in jeder Hand eine der kleinen t�dlichen Drachenwaffen.</p><p>Angella schrie zornig auf und griff zum Schwert, und neben Tally war pl�tzlich eine rasche, erschrockene Bewegung. Ein Schwert blitzte.</p><p>Tally lie� sich zur Seite fallen, trat dem Mann gezielt in den Leib und warf sich abermals herum, als er zusammenbrach. Sie versuchte gar nicht erst, aufzuspringen, denn sie wu�te, da� sie im gleichen Moment von einem halben Dutzend Klingen durchbohrt sein w�rde, sondern lie� sich nach hinten kippen, Hrhons gewaltigen Panzer als Deckung �ber sich, richtete die beiden Waffen auf Angella und die M�nner neben ihr und stie� einen schrillen, unartikulierten Schrei aus.</p><p>Angella erstarrte mit einer Pl�tzlichkeit, die mehr als alle Worte deutlich machten, da� sie die Wirkung der Laserwaffen nur zu gut kannte. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Ha� und Wut. Aber sie stand starr wie eine Statue. Nur in ihren Augen war noch Leben.</p><p>�Wenn ich du w�re, Angella�, sagte Tally gezwungen ruhig, �w�rde ich meinen M�nnern befehlen, die Waffen zu senken.� Sie wedelte drohend mit einem der beiden Laser. �Wahrscheinlich k�nnen sie mich umbringen, ehe ich <emphasis>Hallo</emphasis> sagen kann�, fuhr sie fort. �Aber ich bin sicher, ich kann vorher noch abdr�cken.�</p><p>Angella schwieg verbissen. Ihre Zungenspitze fuhr nerv�s �ber ihre Lippen. Tally konnte direkt sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.</p><p>�Ich w�rde tun, was sie sagt�, sagte Jandhi ruhig. �Sie schie�t, Angella. Sie hat nicht mehr viel zu verlieren, wei�t du?�</p><p>�Du kommst nie hier heraus�, sagte Angella gepre�t. </p><p>�Auch mit diesen Dingern nicht.�</p><p>�M�glich�, antwortete Tally. �Aber du auch nicht. Also?�</p><p>Wieder vergingen endlose Sekunden, in denen Angella sie nur voller stummem Ha� anstarrte. Dann nickte sie. Tally sah, wie schwer ihr die Bewegung fiel. </p><p>�Gut�, sagte sie. �Aber wenn du �berhaupt noch eine Chance hattest, am Leben zu bleiben, hast du sie gerade verspielt, Liebling.�</p><p>Tally ignorierte sie, �Was ist hinter mir, Weller?� fragte sie.</p><p>�Ein Kerl mit einer Axt�, antwortete Weller ruhig. �Soll ich sie ihm in den Hals schieben?�</p><p>Tally unterdr�ckte ein L�cheln. �Nein�, sagte sie. </p><p>�Aber wenn er sie nicht sofort wegwirft, hackst du ihm ein paar Zehen damit ab.�</p><p>Hinter ihr klirrte Metall auf Stein.</p><p>�Du kannst aufstehen�, sagte Weller.</p><p>Ganz vorsichtig erhob sich Tally; nicht ohne vorher einen raschen Blick in die Runde geworfen zu haben. Was sie sah, gefiel ihr nicht � Angellas M�nner standen allesamt wie zur Salzs�ule erstarrt da. Manche von ihnen hatten noch immer die Waffen erhoben, aber niemand schien ernsthaft den Gedanken zu erw�gen, sich auf sie oder Weller zu st�rzen. Dabei hatte Tally weitaus mehr den Eindruck, da� es Sorge um das Leben ihrer Anf�hrerin war als Angst vor den Waffen, die sie in H�nden hielt.</p><p>Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf ein Schwert, das einer der M�nner fallengelassen hatte. Weller verstand den Wink und hob die Waffe auf. Tally wich ein paar Schritte zum Beckenrand zur�ck, drehte sich halb im Kreis und musterte das Dutzend Bewaffneter finster. Ihr R�cken war frei, und abgesehen von der Stelle, an der Hrhon sich schwerf�llig zu erheben versuchte, hatte sie freies Schu�feld. Trotzdem f�hlte sie sich alles andere als sicher.</p><p>�Weller, Hrhon � ins Boot!� befahl sie scharf.</p><p>Weller sprang auf den unsichtbaren Widerstand unter der Wasseroberfl�che herab, ehe sie die Worte vollends ausgesprochen hatte, w�hrend der Waga nur langsam und schwankend auf die F��e kam. Er mu�te schlimmer verletzt sein, dachte Tally besorgt, als sie bisher angenommen hatte.</p><p>Angella folgte den Bewegungen des Waga aus Augen, die vor Ha� spr�hten. �Mistvieh, sagte sie halblaut. </p><p>�Das zahle ich dir heim.�</p><p>�Dazu wirst du keine Gelegenheit mehr haben, Angellaliebling�, sagte Tally freundlich. �Ich glaube nicht, da� wir uns wiedersehen.� Sie l�chelte und deutete auf Hrhon. �Manchmal ist es ganz praktisch, eine lebende Waffenkammer bei sich zu haben, nicht?�</p><p>�Ja�, fauchte Angella. �Das n�chste Mal schneide ich seinen Panzer auf und sehe nach, was darunter ist.� Sie ballte zornig die Faust. �Du kommst hier nicht heraus. Meine M�nner haben den Schuppen umstellt. Und selbst wenn, kommst du nicht aus der Stadt.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte Tally l�chelnd. �Auf jeden Fall �� Sie brach ab, als sich Hrhon nicht neben ihr ins Wasser plumpsen lie� und die ganze unter der Wasserobefl�che verborgene Konstruktion zu zittern und beben begann. Karan stie� ein erschrockenes Keuchen aus. </p><p>�Heda!� rief er. �Das geht nicht. F�r solche Lasten ist das Boot nicht ausgelegt.�</p><p>�Dann mach' es leichter�, antwortete Tally lakonisch. </p><p>�Wirf ein paar der S�cke �ber Bord.� Karan wollte abermals widersprechen, aber Tally schnitt ihm mit einer w�tenden Bewegung das Wort ab und richtete wie durch Zufall einen der beiden Laser auf ihn. �Beeil' dich lieber�, sagte sie.</p><p>Karan pre�te die Lippen aufeinander, tat aber, was sie ihm befohlen hatte.</p><p>�Angella hat recht�, sagte Jandhi pl�tzlich. �Du hast keine Chance, ihren M�nnern zu entkommen. Bleib hier, bis meine Krieger hier sind, dann bist du sicher.� </p><p>�Wie in Abrahams Scho�, wie?� fragte Tally sp�ttisch. </p><p>�Jedenfalls werde ich dich nicht zu Tode foltern lassen�, erwiderte Jandhi ernst.</p><p>Tally antwortete gar nicht, sondern sah ungeduldig zu Karan zur�ck, der bereits einen der schweren Leinens�cke �ber Bord geworfen hatte und sich mit einem zweiten abqu�lte. Hrhon hatte das kleine Boot mittlerweile ebenfalls erreicht, machte aber keine Anstalten, Karan zu helfen. Er hatte kaum mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>�Du schie�t ja doch nicht�, sagte Angella pl�tzlich. In ihren Augen erschien ein warnendes Funkeln. �Wenn du diese Waffe hier drinnen abfeuerst, stirbst du auch.� </p><p>�M�glich�, erwiderte Tally lakonisch. �Aber nicht allein. Ich war schon immer ein geselliger Mensch, wei�t du?� Sie lachte hart. �Und ich schw�re dir, da� du vor mit stirbst, Angella.�</p><p>�Gib auf, Tally�, sagte nun auch Jandhi. �Angella hat recht � du hast keine Chance. In ein paar Minuten sind Nil und meine Krieger hier. Dann bist du in Sicherheit! </p><p>�In ein paar Minuten?� wiederholte Tally. Sie wandte sich an Karan und Weller. �Ihr habt es geh�rt. Beeilt euch lieber.�</p><p>Wellers Bewegungen wurden eindeutig hastiger, w�hrend Karan sie nur voller stummer Wut anstarrte und sich in das Boot hinabbeugte. Einen Moment lang hantierte er schnaubend darin herum, dann hob er ein gewaltiges, spitzes Dreieck aus Holz hervor, drehte sich herum und balancierte, unter seiner Last schwankend, zum Heck des Schiffes und dar�ber hinaus.</p><p>Es war ein fast absurder Anblick � in der herrschenden Dunkelheit sah es wirklich so aus, als wandele er �ber das Wasser. Erst als er die kleine Kaimauer fast erreicht hatte, blieb er stehen, setzte das h�lzerne Dreieck vorsichtig ab, wobei er sein Gewicht mit dem Knie st�tzte, und patschte eine Weile mit der Hand im Wasser herum, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Tally sah jetzt, da� sich am unteren Ende des Dreiecks ein h�lzerner Zapfen befand, den er offensichtlich unter Wasser in eine dazu geschaffene Vertiefung einpa�te. </p><p>�Was ist das?� fragte Tally, wobei sie Karans Konstruktion mit einer Mischung aus Staunen und Mi�trauen musterte. Seine �u�ere Form erinnerte sie vage an eine Haifischflosse.</p><p>�Das Ruder�, knurrte Karan.</p><p>�Ruder?� Tally schwieg einen Moment. Dann sagte sie: </p><p>�Verzeih, wenn ich eine dumme Frage stelle, Karan � aber m��te es nicht eigentlich <emphasis>unter</emphasis> Wasser sein?� </p><p>�Das hier nicht�, knurrte Karan.</p><p>Tally seufzte, ging aber nicht weiter auf Karans Worte ein. �Bist du fertig?� fragte sie nur.</p><p>Karan nickte abgehackt. �Ja. Geh ins Boot, damit Karan dir zeigen kann, wie es zu steuern ist.�</p><p>Tally sch�ttelte den Kopf. �Das wird nicht n�tig sein�, sagte sie. �Karan wird es n�mlich selbst steuern, wei� du?�</p><p>Karan ri� erschrocken die Augen auf. �Du ��</p><p>�Du t�uschst dich�, unterbrach ihn Tally hart, �wenn du denkst, ich lasse dich hier zur�ck. Angella w�rde dich in St�cke schneiden. Ganz langsam.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Angella ha�erf�llt. �Aber nicht halb so langsam wie dich, du Mistst�ck. In einer Stunde habe ich dich. Sp�testens.� Sie spie aus. �Selbst, wenn du hier herauskommst, nutzt dir das nichts. Meine M�nner haben das gesamte Becken umstellt.�</p><p>Tally schwieg einen Moment. Sie glaubte nicht, da� Angella die Wahrheit sagte � schlie�lich hatte sie nicht damit rechnen k�nnen, sich urpl�tzlich in Tallys Gefangenschaft zu finden, statt umgekehrt. Andererseits w�re Angella sicherlich nie zu dem geworden, was sie war, wenn sie so leicht zu �bert�lpeln w�re. Vielleicht war es besser, vorsichtig zu sein.</p><p>�Du hast recht, Angella�, sagte sie. �Es w�rde mir wohl nicht viel nutzen, hier herauszukommen. Allein. Deshalb wirst du uns begleiten.�</p><p>Angella erbleichte, r�hrte sich aber nicht von der Stelle. �Das ist nicht dein Ernst�, keuchte sie. </p><p>�Und ob�, best�tigte Tally. �Aber ich verspreche dir, dich unversehrt wieder laufen zu lassen � wenn deine M�nner vern�nftig sind und nichts tun, was du bereuen m��test, hei�t das. Komm jetzt!�</p><p>Sie unterstrich ihre Worte mit einer befehlenden Geste, und diesmal gehorchte Angella. Ihr Gesicht war wie Stein, als sie behutsam ins Wasser herabstieg und dicht neben Tally auf den schwankenden Bootsrumpf zuging.</p><p>�Du bist wahnsinnig!� keuchte Karan. �Das Boot wird zerbrechen! Solche Lasten h�lt es nicht aus.�</p><p>�Es wird es m�ssen�, sagte Tally unger�hrt. �Oder wir sind alle tot.� R�ckw�rts gehend wich sie vom Ufer zur�ck, bis sie die gew�lbte Wandung des eigentlichen Bootes hinter sich sp�rte. Etwas platschte h�rbar. Offensichtlich hatte Weller oder Hrhon einen weiteren Sack �ber Bord geworfen, um Platz f�r ihre Gefangene zu schaffen.</p><p>Tally sah rasch hinter sich. Angella war ins Boot geklettert und sa� direkt zwischen Weller und Hrhon. Die gewaltigen Pranken des Waga lagen wie in einer vertrauten Geste auf ihren Schultern. Tally war jetzt sicher, da� Angella ihnen keine Schwierigkeiten bereiten w�rde. Sie mu�te wissen, da� Hrhon ihr Genick wie einen d�nnen Ast brechen konnte; selbst in seinem momentanen Zustand.</p><p>Sie wartete, bis auch Karan � wenn auch mit sichtlichem Widerwillen � an Bord geklettert war, dann zw�ngte sie sich selbst auf den letzten, verbliebenen Platz, der normalerweise kaum mehr f�r ein Kind ausgereicht h�tte.</p><p>�Los jetzt�, befahl sie.</p><p>Karan z�gerte noch immer. �Du bringst uns alle um�, behauptete er. �Es wird zerbrechen!�</p><p>�Wenn wir hierbleiben, sterben wir garantiert�, antwortete Tally ernst. �Und wahrscheinlich auf wesentlich unangenehmere Art.� Gegen ihre �berzeugung l�chelte sie pl�tzlich. �Mach schon. Wir werden es schaffen. Ich sp�re es.�</p><p>Karan schnaubte, drehte sich aber mit einem Ruck um und griff nach einem von drei unterschiedlich gro�en Hebeln, die vor ihm aus der Bootswand ragten.</p><p>Ein harter Schlag ging durch das Schiffchen. Dicht unter der Wasseroberfl�che zerri� ein Tau mit solcher Pl�tzlichkeit, da� sein zerfetztes Ende wie eine Schlange aus dem Wasser hervorbrach und nach den M�nnern auf der Mauer hieb.</p><p>Das Boot scho� wie ein Pfeil aus dem Schuppen.</p><p>Und dann brach schier die H�lle los.</p><p>Drinnen in Karans Bootshaus war das Wasser fast still gewesen; seine Mauern hatten die gr��te Wucht der Str�mung gebrochen. Hier drau�en aber war das winzige Boot den tobenden Gewalten schutzlos ausgeliefert. Eine Reihe harter, unglaublich <emphasis>harter</emphasis> Schl�ge traf seinen Rumpf und sch�ttelte seine Insassen durch. Gischt spritzte meterhoch und �bersch�ttete Tally mit eisiger K�lte. Hastig lie� sie die Waffen sinken und klammerte sich am d�nnen Holz des Rumpfes fest. Trotzdem hatte sie das Gef�hl, jeden Moment im hohen Bogen ins Wasser katapultiert werden zu m�ssen. Das Schiff bockte und stampfte wie ein durchgehendes Pferd. Ein tiefes, beinahe schmerzhaft klingendes �chzen drang aus dem unter Wasser liegenden Teil des Schiffes. Karan begann zu schreien.</p><p>Tally war fast blind. Himmel und Wasser verschwanden hinter einer Mauer aus spr�hender wei�er Gischt; trotzdem erkannte sie noch, da� sie sich mit geradezu phantastischer Geschwindigkeit vom Schuppen entfernten � und geradewegs auf die Staumauer zuschossen! </p><p>�Wo sind die Ruder!� br�llte sie. �Karan, zum Teufel � wie lenkt man dieses Ding!�</p><p>��berhaupt nicht�, schrie Karan zur�ck. �Halt dich fest und bete, da� Jan die Schleuse �ffnet, ehe wir an der Wand zerschellen!�</p><p>Tally betete nicht, aber sie versuchte verzweifelt, durch den Schleier aus spr�hender wei�er Gischt hindurchzusehen. F�r einen Moment glaubte sie, winzige hastende Gestalten am Ufer zu erkennen, die sich flu�aufw�rts bewegten, auf die Wehrmauer zu, die sie durchqueren mu�ten. Angellas M�nner. Selbst, wenn es Jan gelang, die Schleuse zu �ffnen � sie w�rden sich hindurchk�mpfen m�ssen.</p><p>Wenn sie dann noch lebten � denn das Boot schaukelte und bockte jetzt immer mehr. Tally konnte die d�nnen Spanten unter ihrem K�rper �chzen h�ren. Noch drei, vier dieser entsetzlichen Ersch�tterungen, dachte sie, und das Schiff w�rde wirklich zerbrechen. Das Knirschen des �berlasteten Rumpfes h�rte sich an wie Schmerzensschreie.</p><p>Aber sie sah auch, da� sie sich jetzt nicht mehr in gerader Linie auf die dem Schlund zugewandte Seite des Beckens zubewegten, sondern eine sehr langgezogene Spirale begonnen hatten.</p><p>Und sie begriff beinahe zu sp�t, was diese j�he Kurs�nderung bedeutete...</p><p>Das Boot jagte mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles in den Strudel hinein, tauchte f�r eine endlose, schreckliche Sekunde vollends unter und brach sch�umend wieder aus dem Wasser hervor.</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment hatte Tally den Eindruck, zwei gigantische wei�e Dinge zu sehen, die zu beiden Seiten des Rumpfes aus dem Schiff ragten, absurde Konstruktionen wie h�lzerne Segel, riesig und spitz zulaufend, aber unsinnigerweise so angebracht, da� sie normalerweise unter der Wasseroberfl�che liegen mu�ten. Aber sie hatte Augen und Mund voller Wasser und war viel zu sehr damit besch�ftigt, nach Atem zu ringen, um richtig hinsehen zu k�nnen, und im n�chsten Moment klatschte das Schiff mit einem so ungeheuerlichen Schlag ins Wasser zur�ck, da� sie mit dem Kopf gegen die Bordwand prallte und sekundenlang benommen hocken blieb.</p><p>�Die Schleuse!� schrie Karan. �Sie geht auf! Jan hat es geschafft. <emphasis>Sie geht auf!�</emphasis></p><p>Tally stemmte sich m�hsam hoch und blickte nach S�den. Die Mauer des Hafenbeckens lag weiter wie ein fett gemalter Tuschestrich vor ihr. Schatten bewegten sie darauf, Metall blitzte, aber sie konnte nicht die mindeste L�cke in der nachtschwarzen Barriere erblicken, die zwischen ihnen und der Freiheit lag.</p><p>Dann begann sich das Boot zu bewegen. Und es waren keine willk�rlichen wilden St��e mehr, sondern ein fast sanftes Drehen, als es von einer neuen, sehr machtvollen Str�mung gepackt wurde...</p><p>... und den spitzen Bug nach Norden richtete.</p><p>Direkt auf den Schlund.</p><p>Tally schrie in heller Panik auf, als sie begriff. Wo Sekunden zuvor noch das gewaltige eiserne Schleusentor gewesen war, g�hnte eine L�cke, aus der Entfernung betrachtet nicht breiter als ihre Hand, und mit hoch aufschie�endem, gischtenden Wasser gef�llt. Aber sie wurde breiter, im gleichen Ma�e, in dem die Geschwindigkeit ihres Schiffes zunahm.</p><p>Und dahinter lag der Wasserfall, eine Glocke aus spr�hendem Nebel und Donner, die Kante der Welt, �ber die der Flu� hinausscho�, um sich in der Leere zu verlieren. </p><p>�Dieser Idiot!� br�llte Weller. �Er hat das falsche Tor ge�ffnet!�</p><p>Tally wollte antworten, aber sie konnte es nicht. Sie war gel�hmt. Der Anblick paralysierte sie, l�hmte ihren K�rper, ihre Gedanken, ihre Seele. Das Boot scho�, schneller und schneller werdend, auf die sich �ffnende Schleuse zu, und pl�tzlich begann Karan wie besessen an seinen Hebeln zu zerren und zu rei�en. Immer weiter und weiter stieg ihre Geschwindigkeit. Die Schleuse jagte auf sie zu, wuchs von einer handbreiten Spalte zu einem gewaltigen klaffenden Maul und nahm f�r einen unendlich kurzen Moment die gesamte Welt ein.</p><p>Dann waren sie hindurch, und vor ihnen lag nichts mehr als eine halbe Meile Wasser, das so schnell dahinscho�, da� es zu Glas zu werden schien. Gischt und Donner blieben hinter ihnen zur�ck. Das Boot beschleunigte noch weiter, wurde schneller und schneller und schneller und schien sich schlie�lich gar ein St�ckweit aus dem Wasser zu herauszuheben.</p><p>�Festhalten!� br�llte Karan.</p><p>Seine Worte gingen im urgewaltigen Tosen des Wasserfalles unter. Das Schiff scho� mit der Schnelligkeit eines Pfeiles in die Glocke aus spr�hendem Wasser und L�rm hinein, jagte auf den Rand der Welt zu und ritt noch einen Moment auf dem glitzernden Strom, der f�nfzig, hundert Meter weit ins Nichts hinausf�hrte, ehe er sich senkte und zu feuchtem Staub wurde, der f�nf Meilen weit in die Tiefe st�rzte.</p><p>Dann war unter ihnen nichts mehr. Die Zeit schien stehenzubleiben. Tally sah winzige, glitzernde Wassertropfen, die schwerelos in der Luft zu schweben schienen, den gewaltigen donnernden Strom, der sie hinausgerissen hatte, die Klippe, die pl�tzlich nicht mehr vor, sondern f�r einen unendlich kurzen Moment neben und dann hinter ihnen lag, und dann...</p><p>... und dann begann sich der Bug des Schiffes langsam zu senken.</p><p>Und der Sturz in die H�lle begann.</p><p><emphasis>�Dann hat sie also auch Karan und den anderen den Tod gebracht.� Die Stimme des M�dchens bebte vor Schrecken. Es war hell geworden, und das Kind war m�de, so m�de wie niemals zuvor in seinem Leben, aber die Worte der dunkelhaarigen Fremden hatten es so in Bann geschlagen, da� es jetzt einfach unm�glich war, einzuschlafen. Gleich, wie lange es dauerte, sie wollte sie zu Ende h�ren.</emphasis></p><p><emphasis>Nach einer Weile nickte die Frau, gleichzeitig sch�ttelte sie den Kopf. �Ja. Aber erst sp�ter.�</emphasis></p><p><emphasis>�Sp�ter?� Das M�dchen begriff nur z�gernd, da� die Geschichte noch nicht zu Ende war. Gleichzeitig war es erleichtert.</emphasis></p><p><emphasis>�Viel sp�ter�, antwortete die Fremde. Sie l�chelte, sah wieder</emphasis></p><p><emphasis>- wie zahllose Male zuvor im Laufe dieser Nacht � zum Himmel empor und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. Auch sie wirkte jetzt m�de. Ihre Art zu sprechen, war in den letzten Stunden schleppender geworden. Ihre Stimme klang matt. Aber das L�cheln in ihren Augen war so sanft und warm wie zu Anfang.</emphasis></p><p><emphasis>�Ihre Geschichte k�nnte jetzt zu Ende sein�, sagte sie leise.</emphasis></p><p><emphasis>�M�chtest du das?�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen �berlegte nur einen Sekundenbruchteil, dann sch�ttelte es so heftig den Kopf, da� seine Haare flogen. Es wollte ganz entschieden</emphasis> nicht, <emphasis>da� Tallys Geschichte jetzt zu Ende war; zum einen, weil es ein Kind war, und es auf die Fortsetzung der Erz�hlung brannte. Aber da gab es noch einen anderen, sehr viel wichtigeren Grund, den es selbst in dieser Klarheit nicht begriff, aber sehr deutlich sp�rte. Ja, es hatte direkt Angst davor, da� die Fremde nun sagen k�nne, Tally und die anderen h�tten sich zu Tode gest�rzt. Es w�re eine Ende, sicher, aber kein befriedigendes. Nach der Meinung des Kindes brauchte jede Geschichte ein Ende, nicht unbedingt ein gutes, aber einen Abschlu�. Eine Geschichte wie die Tallys durfte nicht so enden, denn das h�tte nichts anderes bedeutet, als da� sie</emphasis>  wahr <emphasis>war. Geschichten, die man sich ausdachte, endeten anders; nur die Wirklichkeit war grausam genug, eine jahrzehntelange Anstrengung zu einem Witz herabzusetzen. Zum ersten Mal, seit das M�dchen der Fremden zuh�rte, bekam sie Angst, da� Tallys Abenteuer mehr als eine Geschichte sein konnten.</emphasis></p><p><emphasis>�Sie haben den Schlund erreicht?� fragte das M�dchen. Seine Stimme bebte vor Angst.</emphasis></p><p><emphasis>Die Fremde nickte. �Das haben sie, Kind. Und mehr. Sie haben gefunden, wonach Tally gesucht hatte, all die Zeit.�</emphasis></p><p><emphasis>�Aber wie?� fragte das M�dchen. �Der Abgrund war f�nf Meilen tief!�</emphasis></p><p><emphasis>�Sicher.� Zur Entt�uschung des Kindes sprach die Fremde nicht weiter, sondern stand auf, reckte ihre vom langen Sitzen steif gewordenen Glieder und g�hnte ungeniert, ohne die Hand vor den Mund zu heben. Ihr Benehmen war dem Kind peinlich. Ihre Mutter h�tte sie f�r ein solches Betragen gescholten, und nun tat diese Frau genau das, was ihr, dem Kind, bei Strafe verboten war.</emphasis></p><p><emphasis>�Erz�hl mir, wie es weiterging.�</emphasis></p><p><emphasis>Die Frau nickte. Ihr Gesicht wirkte grau vor M�digkeit. Das M�dchen glaubte zu sp�ren, da� sie Angst hatte. �Sicher�, sagte sie. �Aber nicht hier!� Sie sah sich suchend um, blickte abermals in den Himmel und deutete schlie�lich auf den kleinen Buchenhain, der sich zwei Meilen entfernt erhob.</emphasis></p><p><emphasis>�La� uns dorthin gehen�, sagte sie. �Der Tag wird hei�. Vielleicht finden wir dort dr�ben ein wenig Schatten und Wasser.�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen stand gehorsam auf, und w�hrend sie Seite an Seite den grasbewachsenen Hang hinabgingen, begann die Frau wieder zu erz�hlen:</emphasis></p><p><emphasis>�Im ersten Moment waren alle starr vor Schreck. Wahrscheinlich dachten sie an den Tod, jeder auf seine Weise, und Tally tat es ganz bestimmt. Der Sturz schien endlos zu dauern, und...</emphasis></p></section></section><section><title><p>5. Kapitel</p><p>Der Schlund</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Tally schrie. Der Wind ri� ihr die Laute von den Lippen, aber sie schrie weiter, bis ihre Kehle vor Schmerzen zu zerrei�en schien. Ihr Herz jagte. Ihre Finger krallten sich mit solcher Macht in den Bootsrumpf, da� ihre N�gel brachen. Blut lief an ihren H�nden herab. Sie merkte es nicht einmal.</p><p>Das Boot wurde schneller und schneller. Himmel und Erde drehten sich um sie herum; kippten nach rechts und links und oben und unten, wie in einem irrsinnigen Tanz. Die Klippe war ein Schatten in schmutzigem Grau, halb aufgel�st hinter einem Vorhang aus spr�hendem Wasser, dann nur noch ein Schemen; dann nichts mehr. Schw�rze h�llte sie ein, nur durchbrochen vom Schreien der anderen und ihren verzweifelten, sinnlosen Bewegungen. Unter ihnen war das Nichts, ein entsetzlicher, f�nf Meilen tiefer Abgrund, in den sie st�rzten, schnell und ohne eine Chance, den Fall aufzuhalten.</p><p>Panik �bermannte sie. Sie h�rte Karan etwas rufen, ohne die Worte verstehen zu k�nnen, h�rte Hrhons helles, angstvolles Zischen und sp�rte, wie Angella in ihren H�nden zu zappeln begann. Ihre H�nde glitten in einer Bewegung blinder Furcht an Tallys Gesicht empor und krallten sich in ihre Haut. Blut lief Tally in die Augen. Ein scharfer Schmerz scho� durch ihre linke Schl�fe.</p><p>Blindlings schlug sie mit der flachen Hand zu. Angella keuchte, suchte nun gezielt mit den Fingern�geln nach Tallys Augen und handelte sich einen zweiten, weit h�rteren Schlag ein. Sie erschlaffte, sackte nach hinten und fiel schwer gegen Tally.</p><p><emphasis>Wie lange dauerte dieser entsetzliche Sturz?</emphasis> dachte Tally. Sie hatte das Gef�hl, schnell wie ein Pfeil in die Tiefe zu jagen, aber ihr bizarres Gef�hrt wurde immer noch schneller. Der Wind schnitt wie mit Messern in ihre Augen. Sie konnte kaum mehr atmen.</p><p>Und endlich begriff sie, da� sie nicht fielen.</p><p>Sie st�rzten, aber sie <emphasis>fielen</emphasis> nicht. Das Boot � das alles war, nur kein <emphasis>Boot!,</emphasis> dachte Tally entsetzt � war von der Wucht der Str�mung getragen ins Nichts hinausgeschossen, aber wo der Sturz beginnen sollte, schlo� sich ein j�hes, aber lange nicht lotrechtes Gleiten an.</p><p>Das Br�llen des Wasserfalles blieb hinter ihnen zur�ck, aber daf�r h�llten sie das Heulen des Windes und eisige K�lte ein, und ein hoher, pfeifender Laut, wie ihn Tally noch niemals zuvor in ihrem Leben geh�rt hatte. Trotzdem erinnerte er sie an etwas. Sie wu�te nur nicht, woran.</p><p>Und pl�tzlich wurde es hell. Ihr bizarres Gef�hrt glitt, wie ein Vogel mit reglos ausgestreckten Schwingen auf dem Wind reitend, aus dem Schatten der Klippe heraus, und Sternenschein h�llte es ein. Es war nur ein Schimmer von Licht, aber nach der absoluten Dunkelheit zuvor glaubte Tally doch erstaunlich viele Einzelheiten zu erkennen. Vielleicht arbeiteten ihre Sinne auch nur mit gr��erer Sch�rfe, wie es oft in Momenten extremer Gefahr geschah.</p><p>Was sie sah, lie� sie an ihrem Verstand zweifeln � so heftig, da� sie f�r einen Moment die M�glichkeit ernsthaft in Erw�gung zog, in Wahrheit l�ngst tot zu sein und dies alles nicht wirklich zu erleben. Aber es war wahr: <emphasis>Sie schwebten!!!</emphasis></p><p>Das Boot st�rzte nicht, sondern ritt auf dem Wind, steil nach vorne und zugleich ein wenig zur Seite geneigt, bockend und sch�ttelnd wie ein richtiges Boot auf einem richtigen, mit Wasser gef�lltem See. Und trotzdem war es schwerelos, einem Papiersegler gleich, wie ihn sich Kinder bauten, aber zehn Meter lang und aus Holz � eine vollkommene Unm�glichkeit, die jeder Logik eine lange Nase drehte und sich einfach weigerte, abzust�rzen, wie es sich geh�rte. Sie <emphasis>schwebten! SIE SCHWEBTEN!!!</emphasis></p><p>Obwohl sie vor Angst und Entsetzen schier den Verstand zu verlieren drohte, zwang sie sich, Angellas regloses Gewicht nach vorne zu schieben und an ihr vorbei nach rechts zu sehen. Im schwachen Licht der Sterne sah sie zum ersten Male das, was sie f�r ein Schiff gehalten hatte.</p><p>Es war kein Schiff. Es war nichts, was sie jemals gesehen h�tte. Es war eine gigantische, im Sternenlicht knochenwei� gl�nzende Konstruktion aus Holz und Metall und d�nnen Seilen, die so straff gespannt waren, da� sie sangen.</p><p>Der Bootsrumpf war nur ein winziger Teil des sinnverdrehenden Dings, ein schmaler, spitz zulaufender Zylinder, dessen oberes Drittel weggeschnitten worden war, und der zwischen zwei gigantische, unregelm��ige Dreiecke aus Holz eingebettet war, jedes mindestens f�nfzehn Meter lang, dabei aber nicht viel st�rker als ihr Arm. Das ganze unm�gliche Etwas erinnerte sie an eine gigantische Pfeilspitze.</p><p>Und es flog.</p><p>Es war unm�glich, aber es flog.</p><p>�Karan!� schrie sie �ber das Heulen des Windes hinweg. �Was ist das?�</p><p>Karan reagierte nicht. Wahrscheinlich hatte er ihre Worte gar nicht geh�rt; vielleicht hatte er auch keine Zeit zu antworten. Tally erkannte ihn nur als dunklen, formlos wirkenden Schatten vor sich, zusammengekauert und mit beiden H�nden an einem der Hebel zerrend, die vor ihm aus dem Boden ragten.</p><p>Weller, der direkt hinter ihm sa�, wimmerte vor Angst und hatte sich zu einem Ball zusammengerollt, der halb unter Hrhon begraben lag. Der Waga hatte Kopf und Gliedma�en in seinen Panzer zur�ckgezogen und sah nun wirklich aus wie eine �bergro�e Schildkr�te. Die einzige, die au�er Tally noch einen halbwegs klaren Kopf behalten zu haben schien, war Angella; denn sie hatte sich wieder aufgerichtet und blickte an Tally vorbei in die Tiefe. Vielleicht hatte sie Tallys Schlag auch nur halb bet�ubt. Ihre Augen waren glasig. Blut lief aus ihrer aufgeplatzten Lippe.</p><p>�Wir sind zu schwer!� schrie Karan pl�tzlich. F�r einen ganz kurzen Moment drehte er den Kopf, und Tally sah die Furcht in seinen Augen. �Wir st�rzen!� Verzweifelt begann er an seinem Hebel zu zerren, wobei er sich mit beiden Beinen gegen den Boden stemmte, um mehr Kraft zu haben. F�r einen winzigen Moment glaubte Tally, den Bug des Schiffes sich heben zu sehen. Die Sterne �ber ihr tanzten.</p><p>�Werft Ballast ab!� br�llte Karan. �Werft alles �ber Bord, was ihr k�nnt, oder wir zerschellen!�</p><p>Aber Tally h�tte nicht einmal reagieren k�nnen, werm sie es gewollt h�tte. Das Boot war hoffnungslos �berf�llt; von der H�fte abw�rts war sie eingeklemmt. Das einzige, was sie �ber Bord h�tte werfen k�nnen, w�re Angella gewesen...</p><p>�Bei den D�monen der Tiefe � werft irgend etwas hinaus!!� br�llte Karan mit �berschnappender Stimme. </p><p><emphasis>�Wir sind zu schwer!�</emphasis> Diesmal <emphasis>war</emphasis> der Ton in seiner Stimme Panik.</p><p>Wieder einmal war es Hrhon, der sie rettete. Der Waga steckte vorsichtig den Kopf aus seinem Panzer, sah Karan einen Moment lang ausdruckslos an � und stemmte sich mit ungeheurer Kraft in die H�he. Das zerbrechliche Boot erbebte wie unter einem Hammerschlag. Hrhon wankte wild hin und her, durch die j�he Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht. Karan br�llte irgend etwas, und Hrhon griff fester zu. Das fliegende Boot h�rte auf zu taumeln.</p><p>�Die S�cke, Weller!�</p><p>Weller reagierte nicht. Karan fluchte und versetzte ihm einen derben Tritt in die Rippen, und der Schmerz trieb ihn hoch. Mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht zerrte er einen der schweren Leinens�cke unter Hrhons K�rper hervor, wuchtete ihn hoch und warf ihn aus dem Boot. Mit einem dumpfen Laut prallte er auf die h�lzerne Schwinge, schlitterte nach hinten und verschwand in die Tiefe. Tally versuchte seinen Sturz zu verfolgen, aber er verschwand in der Dunkelheit, lange ehe er auf dem Boden aufschlug. </p><p>�Mehr!� schrie Karan. �Alle! Werft sie alle hinaus!� </p><p>�Aber wir brauchen die Ausr�stung!� rief Tally. �Du hast selbst gesagt ��</p><p>�Wenn wir nicht leichter werden, brauchen wir �berhaupt nichts mehr!� unterbrach sie Karan. �Hilf ihm!�  Tally wu�te hinterher selbst nicht mehr, wie sie es geschafft hatte � in der Enge des Bootes schien es unm�glich, auch nur einen Finger zu r�hren; geschweige denn, die fast mannsgro�en Leinens�cke herauszuheben. Aber irgendwie gelang es Weller und ihr, die Gep�ckst�cke eines nach dem anderen unter ihren K�rpern hervorzuzerren und in die Tiefe zu werfen. Und schlie�lich war nichts mehr da, was sie abwerfen konnten.</p><p>�Wir sind immer noch zu schnell!� br�llte Karan. In seiner Stimme war nun ein deutlicher Unterton von Panik. </p><p>�Der Gleiter ist �berladen! Er ist f�r zwei gebaut, und wir sind f�nf � sechs, wenn Karan dieses Ungeheuer doppelt z�hlt!� Er wies mit einer Kopfbewegung auf Hrhon. �Wir werden abst�rzen!�</p><p>�Aber... aber das... das tun wir doch schon!� stammelte Weller. �Wir werden sterben! Wir... wir �� </p><p>�Halt endlich das Maul, du Idiot�, unterbrach ihn Angella. �Hast du immer noch nicht begriffen, da� wir fliegen?� Sie st�hnte, hob die Hand an die aufgeplatzte Lippe und betrachtete einen Moment lang das Blut, das pl�tzlich auf ihren Fingern war. Dann starrte sie Tally an. </p><p>�Das zahle ich dir heim, Sch�tzchen�, sagte sie drohend. Tally sah sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Zorn an. Zorn, da�Angella nicht einmal in diesem Moment aus ihrer Haut herauskonnte, und Verwirrung �ber das, was sie zu Weller gesagt hatte.</p><p>�Fliegen?� murmelte sie verst�rt. �Aber das ist... unm�glich...�</p><p>�So?� Angella schnaubte ver�chtlich. �Dann spring doch �ber Bord. Vielleicht haben wir dann eine Chance.�  Tally ignorierte ihre Worte. Einen Moment lang starrte sie Karan an, dann drehte sie sich herum, so weit es die Enge des Bootes zulie�.</p><p>�Karan, was... was ist das?� stammelte sie. �Was ist das f�r ein Ding?!�</p><p>�Sssauberei�, zischelte Hrhon. �Whirhr sssind verlhohren! Dasss issst Sssauberei!�</p><p>�Es ist ein Gleiter, und keine Zauberei, du bl�des Fischgesicht!� schrie Karan zur�ck. �Und zwar einer, mit dem Karan und ihr sich die H�lse brechen werden! Wir sind noch immer zu schwer!�</p><p>Aber entgegen seiner Worte hatte ihr rasender Sturz schon viel an Schnelligkeit verloren. Aus dem j�hen indie-Tiefe-Schie�en war ein zwar noch immer schnelles, aber nicht mehr sehr steiles Gleiten geworden. Tally konnte sp�ren, wie das bizarre Gef�hrt auf dem Wind ritt, wie ein Stein, der flach �ber das Wasser geschleudert worden war. Mit klopfendem Herzen beugte sie sich nach rechts und starrte in die Tiefe.</p><p>Einen Moment lang glaubte sie ein machtvolles, d�steres Wogen und Schweben unter sich wahrzunehmen. Dann begriff sie, da� es nur ihre eigene Angst war, die ihr Dinge vorgaukelte, die nicht da waren. Wenn es unter ihnen �berhaupt so etwas wie einen Boden gab, so war er noch unsichtbar.</p><p>�Kannst du dieses Ding steuern?� fragte sie.</p><p>�Ein wenig�, antwortete Karan. Seine Stimme klang gepre�t. Trotz des eisigen Windes war sein Gesicht voller Schwei�. Die Anstrengung, den (wie hatte er das Ding genannt? <emphasis>Gleiter</emphasis>?) Gleiter zu lenken, mu�te alles von ihm verlangen.</p><p>�Dann steuere es nach Norden!� sagte Tally. �Hundertf�nfzig Meilen nach Norden, und ��</p><p>�Hundertf�nfzig Meilen?� Karan lachte schrill. �Du bist von Sinnen! Karan ist froh, wenn er <emphasis>f�nfzehn</emphasis> Meilen weit kommt! Au�erdem ist es gleich, wie weit er fliegt, bevor er an den B�umen zerschellt! Der Gleiter ist zu schnell!� </p><p>�Aber wir fliegen doch!� antwortete Tally.</p><p>�Und?� schrie Karan zur�ck. �Was hei�t das? Hast du schon einmal auf einem durchgehenden Pferd gesessen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Wie bist du abgestiegen?� fragte Karan.</p><p>Tally antwortete vorsichtshalber nicht.</p><p>Eine Zeitlang jagten sie schweigend dahin, und Tally versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen, das hinter ihrer Stirn tobte. Ein wenig zweifelte sie immer noch an ihrem Verstand, aber andererseits � sie hatte Frauen gesehen, die auf f�nfzig Meter gro�en Drachen ritten, war intelligenten Insekten begegnet, die ihre Gedanken lasen, hatte eine Waffe erbeutet, deren Feuer hei�er war als das der Sonne � warum also sollten sie nicht fliegen? Sah man davon ab, da� es unm�glich war, sprach nichts dagegen ...</p><p>Tally beschlo�, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Statt dessen drehte sie sich m�hsam herum und blickte in die Richtung zur�ck, in der die Klippe liegen mu�te. Die h�lzerne Haifischflosse des nach oben deutenden Ruders schnitt die Welt hinter ihr in zwei Teile. Tally sah jetzt, da� sie sich bewegte, wie eine wirkliche Fischflosse manchmal nach rechts, manchmal nach links schwenkte, und jedesmal machte das fliegende Gef�hrt die Bewegung mit. Unbeschadet seiner eigenen Worte schien es Karan doch gelungen zu sein, den Gleiter irgendwie unter Kontrolle zu bringen.</p><p>Dahinter lag die K�ste. Die Klippe selbst war unsichtbar, nur ein dunklerer Schatten vor dem Schwarz der Nacht. Aber sie konnte die Stadt sehen, wie ein Diadem aus tausend mal tausend mal tausend Lichtern, das �ber einen gewaltigen Bereich der K�ste verstreut war. Seltsamerweise lag sie <emphasis>unter</emphasis> ihnen...</p><p>Eine geraume Weile verging, bis Tally klar wurde, was diese Beobachtung bedeutete.</p><p>�Wir... wir steigen!� rief sie aus. �Karan � wir steigen nach oben!�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Karan. �Es gibt starke Aufwinde hier an der K�ste. Das ist es nicht, was Karan Sorge macht!�</p><p>�Wasss sssonst?� wisperte Hrhon.</p><p>Karan wies mit einer Kopfbewegung auf die schwarze Wand, in die sie hineinschossen. �Der Gleiter ist zu schnell. Karan wird ihn nicht landen k�nnen, ohne da� er zerbricht!�</p><p>Tally wollte etwas darauf antworten, doch in diesem Moment traf ein harter Schlag den Gleiter. Die gewaltigen Schwingen �chzten wie unter einem Hieb. Tally wurde nach vorne geschleudert, prallte heftig gegen Angellas Gesicht und schmeckte Blut, als sie sich auf die Zunge bi�.</p><p>Dann �berschlugen sie sich.</p><p>Tallys Herz blieb stehen, als das ganze, gewaltige Gef�hrt eine Drehung um seine eigene Achse machte, einen entsetzlich endlosen Sekundenbruchteil lang kopf�ber durch die Luft scho� und sich mit qu�lender Langsamkeit wieder aufrichtete.</p><p>Als sie die Augen wieder �ffnete, waren der Himmel und der schreckliche schwarze Abgrund unter ihnen verschwunden. Der Gleiter scho� durch eine wogende Unendlichkeit. Flockiger grauer Nebel wich mit der gleichen Geschwindigkeit vor ihnen zur�ck, in der sie hindurchjagten. Pl�tzlich wurde es kalt, entsetzlich kalt. Ein feuchter, prickelnd-kalter Film legte sich auf Tallys Gesicht und H�nde. Das wei�e Holz des Gleiters begann zu gl�nzen, als w�re es lackiert.</p><p>�Die Wolken!� schrie Karan. �Haltet euch fest. Es ist nicht mehr weit!�</p><p>Als w�re sein Ruf ein Stichwort gewesen, tauchte der Gleiter durch die Wolkendecke hindurch, und unter ihnen lag eine gewaltige, schwarz-braun-gr�n gemusterte Ebene, eine Landschaft aus Farben, die so schnell ineinanderflossen, da� Tally zum ersten Mal eine Vorstellung von der unglaublichen Geschwindigkeit bekam, mit der sie sich fortbewegten. Pl�tzlich verstand sie Karans Angst.</p><p>Der Gleiter glitt in einem flachen Bogen nach unten, jagte einen Moment lang waagerecht dahin und scho� dann wieder in die H�he, auf die brodelnde wei�graue Wolkendecke zu. Aber kurz, bevor er sie erreichte, senkte sich seine spitze Nase wieder. Die riesigen h�lzernen Schwingen �chzten, als Karan den Hebel mit aller Kraft an sich heranzog. Tally konnte h�ren, wie sich das Haifischruder hinter ihr bewegte. Das Holz st�hnte, als litte es Schmerzen.</p><p>Wieder glitten sie nach unten, etwas weiter als beim ersten Mal, und wieder nahm ihre Geschwindigkeit zu. Aber wieder ri� Karan das bizarre Gef�hrt in die H�he, und wieder herab, und wieder hoch...</p><p>Tally glaubte zu verstehen, warum Karan das tat. Sie kamen dem braunschwarzen Etwas unter ihnen jedesmal ein St�ck n�her, aber mit jeder Steigung sank ihr Tempo auch etwas mehr, als bei Sturz in die Tiefe zunahm. Karan versuchte offensichtlich, die Geschwindigkeit des Gleiters auf diese Weise allm�hlich zu vermindern. Mehr als eine halbe Stunde mu�te auf diese Weise vergehen. Keiner von ihnen sprach; selbst Angella starrte Tally nur voller Zorn an. Und ganz allm�hlich kamen sie tiefer. Trotz der geschlossenen Wolkendecke, unter der sie dahinjagten, war es hell, sogar heller als oben im Licht der Sterne, als leuchteten die Wolken aus sich heraus, so da� Tally erkennen konnte, was unter ihnen war.</p><p>Es war Wald.</p><p>Ein gigantischer, kompakter Wald, der so dicht war, da� der Gleiter �ber einen Ozean aus Schwarz und Gr�n dahinzuschie�en schien. Tally fragte sich, wie tief der eigentliche Boden noch unter diesem Bl�tterdach liegen mochte.</p><p>Pl�tzlich schrie Angella auf, hob den Arm und deutete mit schreckgeweiteten Augen auf einen Punkt irgendwo hinter und �ber ihr. Tally fuhr herum...</p><p>... und erstarrte vor Schrecken.</p><p>Sie hatte es immer f�r eine blo�e Redensart gehalten � aber in diesem Moment sp�rte sie die eisige Hand ganz real, die nach ihrem Herzen griff.</p><p>�ber ihnen teilte sich der Himmel, Und aus der brodelnden Wolkendecke hervor senkte sich die Nacht auf den Gleiter herab.</p><p>Sie tat es in Gestalt einer gigantischen, fliegenden Kreatur, einem ungeheuerlichen Scheusal aus geronnenener Schw�rze und fleischgewordener Bosheit, einem Ungeheuer, f�nfzig Meter lang und mit riesigen, schlagenden Lederschwingen, Ha� in den Augen und loderndes Feuer in dem gewaltigen, halb ge�ffneten Maul.</p><p>Der Drache scho� mit der Schnelligkeit eines st�rzenden Felsens auf den Gleiter herunter, verfehlte ihn um wenige Meter und fing seinen Sturz mit geradzu spielerischer Leichtigkeit ab. Seine riesigen Krallen hatten das zerbrechliche Fahrzeug verfehlt � aber der Sturmwind seiner Schwingen traf es wie ein Hammerschlag.</p><p>Tally schrie auf, als der Gleiter j�h zur Seite kippte, einen Moment lang in schier unm�glicher Schr�glage in der Luft hing und dann zu trudeln begann. Wolken und Wald begannen einen irrsinnigen Tanz rings um sie herum aufzuf�hren. Etwas Schwarzes, Gigantisches, huschte durch ihr Blickfeld und verschwand wieder. F�r einen winzigen Moment glaubte sie den Blick eines t�ckischen, absurd kleinen Augenpaares aufzufangen. Dann kippte der Gleiter zur anderen Seite, richtete sich schwerf�llig wieder auf und sackte mit einem entsetzlichen Schlag durch, hundert, hundertf�nfzig Meter senkrecht nach unten wie ein Stein, bis Karan das Gef�hrt wieder unter seine Kontrolle zwang. Tally wurde nach vorne geschleudert, prallte zum zweitenmal unsanft gegen Angellas Gesicht und st�hnte vor Schmerz, als sich der Bootsrand in ihre Rippen bohrte.</p><p>Als sie das Gesicht aus Angellas Haaren nahm, war der Drache �ber ihnen. Wie ein D�mon aus einem Alptraum glitt er �ber und ein St�ck hinter dem Gleiter dahin, eine schwarzgeschuppte Bestie, gl�nzend wie lackiertes Leder, die beiden Reiterinnen in seinem Nacken zur L�cherlichkeit zusammengeschrumpft. Der Gleiter tanzte auf dem Wind wie ein Boot im Orkan, als das Ungeheuer mit den Fl�geln schlug.</p><p>�Karan!� br�llte Tally. �Tu etwas!�</p><p>Sie hatte selbst nicht damit gerechnet � aber Karan reagierte tats�chlich. Als die gigantischen Schwingen des Drachen das n�chste Mal die Luft peitschten, sackte der Gleiter nicht mehr nach unten, sondern schwang sich wie ein bizarrer h�lzerner Vogel auf die Sturmwoge, machte einen gewaltigen Satz nach vorne und oben und scho� dicht vor dem schuppigen Kopf des Ungeheuers in die H�he.</p><p>Ein zorniger, unglaublich lauter Schrei marterte Tallys Ohren. F�r eine unendlich kurzen, aber auch unendlich schrecklichen Moment befanden sie sich auf gleicher H�he mit dem droschkengro�en Sch�del der Bestie. Tally sp�rte Hitze; einen Gestank wie nach Schwefel und brennendem Fleisch und F�ulnis, sah die winzigen t�ckischen Augen des Ungeheuers und seine um so gr��eren Z�hne, spitz und schwarz wie geschliffene Kohlen. Und dann kam das Feuer.</p><p>Es ging so schnell, da� Tally nicht sah, was der Drache tat, obwohl sie f�r den Bruchteil einer Sekunde direkt in sein zornig aufgerissenes Maul blickte. Von einer Sekunde auf die andere wich die Nacht einer glei�enden, verzehrenden Lohe. Hitze, ungeheure, qu�lende Hitze streichelte Tallys Gesicht wie eine gl�hende Hand. Sie h�rte Angella und Karan schreien, schrie selbst vor Schmerz und versuchte die H�nde vor das Gesicht zu heben, roch das brennende Holz des Gleiters und den entsetzlichen Gestank verschmorender Haare. Der Gleiter kippte haltlos zur Seite. Pl�tzlich war der Himmel �ber ihnen voller Licht und br�llendem, verzehrendem Feuer. Die Wolken selbst schienen in Flammen zu stehen. Karans Haar brannte. Angella kr�mmte sich vor Schmerz, und Weller war abermals in sich zusammengesunken, hatte beide H�nde vor das Gesicht geschlagen. Sein Hemd schwelte.</p><p>Wieder zerri� das w�tende Schreien des Drachen die Luft. Und Tally reagierte, ohne zu denken. Ihre H�nde glitten ohne ihr Zutun zum G�rtel, fanden das k�hle, schwere Metall und schlossen sich darum. Der riesige Sch�del des Drachen hob und senkte sich �ber ihnen, klaffte auseinander...</p><p>... und Tally war den Bruchteil eines Herzschlages schneller. Ein d�nner, aber unertr�glich glei�ender Blitz stach in die Nacht hinaus, fra� eine rauchende Spur in den schwarzgeschuppten Hals der Bestie und explodierte in seiner Schulter.</p><p>Die rechte Schwinge des Ungeheuers verwandelte sich in eine Flamme. F�r einen unendlich kurzen Moment glaubte Tally das riesige, an eine �bergro�e Fledermaus erinnernde Knochenger�st des Ungeheuers unter der schwarzen Lederhaut zu erkennen, nachgezeichnet in wei� und rot gl�henden Linien, dann flammte der schiffsgro�e Fl�gel des Monsters auf.</p><p>Der Schrei des Drachen war voller entsetzlichem Schmerz, und seine eigene, tausendmal hei�ere Flammenzunge scho� weit an dem Gleiter vorbei. Die Druckwelle warf das winzige Gef�hrt herum wie eine unsichtbare Keule, aber Tally sah trotzdem, wie sich der Drache in irrsingem Schmerz kr�mmte, die brennende Schwinge auf und nieder schlagend, wie die beiden Reitergestalten in seinem Nacken pl�tzlich ihren Halt verloren und st�rzten, die eine hinein in den Teppich aus Feuer, die andere herab in die Tiefe, die sie verschlang. F�r einen winzigen Moment glaubte sie sogar die gellenden Schreie der Sterbenden zu h�ren.</p><p>Dann begannen das Ungeheuer und der von Menschenhand geschaffene Vogel gleichzeitig in die Tiefe zu rasen. Tally sah nicht, wer das t�dliche Rennen gewann. Der Wald sprang auf sie zu, schnell, <emphasis>viel zu schnell,</emphasis> war ihr letzter Gedanke... Dann traf eine Riesenfaust den Gleiter und zerschmetterte ihn in der Luft.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Es war noch immer Nacht, als sie erwachte. Zumindest war es dunkel. Die verr�cktesten Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Erleichterung, noch am Leben zu sein, fast unmittelbar gefolgt von der durch und durch realen Angst, da� es vielleicht gar nicht so w�re und die Schw�rze, in der sie sich wiederfand, die des Todes sei. Dann sp�rte sie Schmerz: einen bet�ubenden Druck auf ihre gesamte rechte K�rperh�lfte und den Geschmack von Blut im Mund. Sie war also noch am Leben. Tote sp�ren keinen Schmerz � wenigstens hoffte sie es.</p><p>Sie glaubte Bilder zu sehen, v�llig absurde Bilder, die trotzdem etwas erschreckend Reales hatten: sie sah einen brennenden Himmel, aus dem brennende Dinge st�rzten: ein Drache, ein zweiter, h�lzerner Vogel, dann ihr eigenes Gesicht, ins Absurde vergr��ert, Flammen in den Augen. Eine Stimme rief ihren Namen. Wellers Stimme.</p><p>Sie st�hnte. Der Schmerz in ihrer Seite wurde st�rker. Pl�tzlich hatte sie Angst, blind zu sein, denn sie sah noch immer nichts, obwohl sie die Augen weit aufgerissen hatte. �ber ihr war nicht einfach nur Dunkelheit, sondern <emphasis>absolute Schw�rze,</emphasis> eine Dunkelheit, die tiefer zu sein schien als die blo�e Abwesenheit von Licht. St�hnend hob sie die Hand, tastete �ber ihr Gesicht und stellte fest, da� dort weder ein Verband noch sonst etwas war, was sie am Sehen hinderte.</p><p>�Keine Sorge, Tally. Du bist nicht blind. Es ist so dunkel hier.�</p><p>Die Stimme war dicht neben ihrem linken Ohr, und nach kurzem Nachdenken erkannte sie sie auch. Sie geh�rte Karan. Aber etwas war mit ihrem Kopf nicht in Ordnung. Jetzt, als sie es versuchte, sp�rte sie, wie schwer es ihr fiel, sich zu erinnern. Nicht unm�glich, aber sehr schwer. Es gelang ihr nicht, zu Karans Stimme und Namen das passende Gesicht zu assoziieren. Als sie es versuchte, sah sie nur Flammen.</p><p>�Karan...?� murmelte sie. Ihre eigene Stimme klang fremd. Ged�mpft und ohne die fast unh�rbaren Echos, die ihren Klang sonst begleiteten; ganz gleich, wo man war. Es war, als spr�che sie in eine Mauer aus Watte hinein. Umst�ndlich versuchte sie sich aufzusetzen, sp�rte, wie der Boden unter ihr zu zittern begann und lie� sich hastig wieder zur�cksinken.</p><p>�Karan?� wiederholte sie. �Bist du auch da?�</p><p>�Karan ist hier�, antwortete Karan. �Und auch dein Waga.�</p><p>�Hrhon? Bist du verletzt?�</p><p>�Nhissst ssslimm�, zischelte der Waga. �Nhur ein paar Krassser.�</p><p>�Gut.� Tally empfand eine rasche, heftige Erleichterung. Dann fiel ihr wieder ein, was Karan gesagt hatte. </p><p>�Kannst du Gedanken lesen?� fragte sie.</p><p>Karan lachte leise. �Nein. Aber die anderen haben Karan die gleiche Frage gestellt, als sie erwachten. Und auch er selbst, als er das erste Mal hier war. Keine Sorge. In einer Stunde geht die Sonne auf. Dann wirst du sehen.�</p><p>Tally st�hnte. Der Blutgeschmack in ihrem Mund wurde st�rker. Vorsichtig tastete sie mit der Zungenspitze nach seiner Quelle und sp�rte einen j�hen, stechenden Schmerz. Einer ihrer Backenz�hne fehlte. Ihr Gesicht f�hlte sich geschwollen an.</p><p>�Was ist geschehen?� murmelte sie. Die Schw�rze �ber ihr begann sich zu drehen. Ihr wurde �bel. �Wo sind die anderen? Wo zum Teufel sind wir?�</p><p>�Geschehen ist, was Karan prophezeite�, antwortete Karan. �Der Gleiter war zu schwer. Er ist abgest�rzt, ohne da� Karan etwas dagegen tun konnte.� Er seufzte. Irgendwie, fand Tally, klang es wie ein Lachen. �Und du bist, wohin Karan dich bringen sollte. Im Schlund. Du wirst es bereuen�, f�gte er hinzu.</p><p>Tally ignorierte den letzten Teil seiner Antwort. Ganz vorsichtig drehte sie sich in die Richtung, aus der seine Stimme kam, tastete mit den Fingerspitzen �ber den Boden und f�hlte federnden, feuchtwarmen Widerstand. Aus einem Grund, den Tally selbst nicht in Worte zu fassen vermochte, f�hlte er sich unangenehm an. Weich und pelzig, fast, als l�ge sie auf dem R�cken einer gigantischen Spinne. Trotzdem gelang es ihr diesmal, sich in eine halb sitzende Lage hochzustemmen, als sie es versuchte. Es war sehr warm. Die Luft roch... sonderbar. Nach Wald und Leben und noch etwas, das sie nicht kannte. Aber was immer es war, es machte ihr Angst.</p><p>�Der Drache�, murmelte sie. �Was ist mit ihm?�</p><p>Karan antwortete nicht. Es war auch nicht n�tig, denn im Grund war ihre Frage �berfl�ssig gewesen. Sie hatten alle gesehen, wie er abgest�rzt war.</p><p>�Wieso ist es so dunkel?� fragte sie nerv�s.</p><p>Karan bewegte sich irgendwo in der Dunkelheit links neben ihr. Sie konnte ihn nicht sehen, aber die Ger�usche verrieten ihr, da� er sich wie sie aufsetzte und den Arm hob, wie um eine weit ausgreifende Bewegung zu machen. Die Ger�usche waren so deutlich, da� sie f�r einen Moment fast glaubte, ihn sehen zu k�nnen. </p><p>�Du bist im Schlund�, sagte er, als w�re dies Antwort genug. �Der Gleiter hat den Wipfel durchbrochen und ist gest�rzt. Karan f�rchtet, sehr tief.� Tally h�rte das Schaudern in seiner Stimme. �Vielleicht bis zu seinem Grund.�</p><p>�Da wollte ich doch hin, oder?� fragte sie.</p><p>�Nein�, antwortete Karan. <emphasis>�Dorthin</emphasis> wolltest du nicht. Aber Karan wei� nicht, ob es wirklich so ist. Die Dunkelheit macht ihm Sorgen.�</p><p>�Und wieso?� Tally versuchte sich zu bewegen. Sofort begann der Boden unter ihr st�rker zu zittern. Sie erstarrte wieder.</p><p>�Du solltest nicht reden�, sagte Karan ernst. � �Der Schlund hat Bewohner, die gute Augen haben, aber schlechte Ohren. Und solche, die schlechte Augen haben, aber scharfe Ohren. Der Aufprall des Gleiters hat alles Leben verjagt, aber es kann wiederkommen.� </p><p>�Und die anderen?� fragte Tally, Karans Warnung bewu�t ignorierend. �Was ist mit ihnen?�</p><p>�Weller ist tot�, antwortete Karan. In seiner Stimme war nicht die geringste Spur von Mitleid. �Und auch Karan und du und Angella werden sterben. Der Waga mag eine Chance haben. Er ist stark.�</p><p>�Tot?� murmelte Tally. �Weller � tot?� Aber das war unm�glich! Sie hatte seine Stimme geh�rt!</p><p>�Er mu� es sein�, antwortete Karan. �Er wurde aus dem Gleiter geschleudert, als er zerbrach. Du, Angella und der Waga und Karan selbst hatten Gl�ck, aber er fiel hinaus. Wenn der Sturz ihn nicht get�tet hat, so wird er sterben, ehe es hell ist.�</p><p>�Dann hast du nicht gesehen, wie er starb?� vergewisserte sich Tally. Sie empfand eine absurde Erleichterung. Wahrscheinlich war es kindisch � aber solange sie Wellers Leiche nicht mit eigenen Augen sah, konnte sie sich wenigsten einreden, da� er noch am Leben war. Pl�tzlich sp�rte sie, da� sie Weller mehr mochte, als sie bisher zuzugeben bereit gewesen war.</p><p>�Nein�, antwortete Karan. �Aber du kannst Karans Worten glauben � der Schlund t�tet jeden, der zu tief in ihn eindringt. Auch uns.�</p><p>�Wenn der Kerl nicht bald aufh�rt, vom Tod zu reden, nehme ich seinem verdammten Schlund die Arbeit ab�, mischte sich eine Stimme aus der Dunkelheit heraus ein, Tally sah auf und versuchte die Richtung zu erkennen, aus der Angellas Stimme gekommen war. Es gelang ihr nicht. Die sonderbare, schallschluckende Akustik ihrer Umgebung machte es fast unm�glich, irgendeine Richtung zu bestimmen.</p><p>�Angella?� fragte sie.</p><p>Ein sp�ttisches Lachen antwortete ihr. �Wer denn sonst? Erwartest du noch G�ste?�</p><p>�Ihr solltet still sein�, sagte Karan noch einmal. �Es ist nicht gut, hier zu viel zu reden.�</p><p>�Ach, halt das Maul�, sagte Angella grob. �Verrat uns lieber, was das hier ist.� Tally h�rte Ger�usche, noch immer, ohne ihre genaue Quelle bestimmen zu k�nnen, aber mit einem Male war Angellas Stimme sehr viel n�her. Dann hatte sie das intensive Gef�hl eines K�rpers, der dicht hinter ihr war. Es war erstaunlich, dachte sie, wie rasch andere Sinne einsprangen, wenn einer ausfiel.</p><p>�Unser kleiner Liebling wird uns schon heraushauen, mit seiner Wunderwaffe, nicht wahr, Tallysch�tzchen?�  fuhr Angella fort. �Wei� du, wenn wir nicht schon so gut wie tot w�ren, k�me ich jetzt glatt in Versuchung, dich umzubringen.�</p><p>Tally blickte in die Richtung, in der sie Angella sp�rte. </p><p>�Was mu� noch passieren, damit du endlich Vernunft annimmst?� fragte sie �rgerlich.</p><p>Angella lachte leise, und obwohl es ein sehr abf�lliges, ja, bewu�t kaltes Lachen war, war es ein Laut, der Tally auf sonderbare Weise gut tat. �Aber ich bin doch vern�nftig�, sagte sie. �Wenn das nicht so w�re, w�rst du jetzt tot, Liebling.�</p><p>�So?� fragte Tally sp�ttisch.</p><p>Sie h�rte, wie Angella nickte. �Ich h�tte dir dein h�bsches Lockenk�pfchen von den Schultern schneiden k�nnen, wenn ich gewollt h�tte. Frag Karan, wer von uns als erster wach war.�</p><p>�Sssie sssagt die Whahrheit, Herrin�, wisperte Hrhon auf der anderen Seite der Dunkelheit. �Sssie whar esss, die Eusss ausss dem Ghleiter ssserrte. Kharan uhnd isss waren unter dhem Whrack eingheklemmt.�</p><p>�Stimmt das?� entfuhr es Tally.</p><p>�Es ist die Wahrheit�, antwortete Karan.</p><p>�Ich... danke dir�, sagte Tally z�gernd. Sie war verwirrt. Da� Angella ihr bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Kehle durchschnitt, konnte sie sich vorstellen. Aber da� sie ihr das Leben rettete...? Angella zuckte h�rbar die Achseln. �Vergi� es�, sagte sie, w�hrend sie sich neben Tally auf den Boden hockte. </p><p>�Ich wei� selbst nicht genau, warum ich es getan habe. Wahrscheinlich�, f�gte sie nach sekundenlangem Z�gern hinzu, �weil es mir zu schnell gegangen w�re. Ich will dich leiden sehen, S��e.�</p><p>�H�r endlich auf�, murmelte Tally. Aber in ihrer Stimme war kein echter Zorn mehr. Eigentlich zum erstenmal, seit sie Angella kennengelernt hatte, kam ihr zu Bewu�tsein, wie jung das M�dchen mit dem Narbengesicht noch war � nicht viel mehr als ein Kind. Ein m�rderisches Kind vielleicht, aber trotzdem ein Kind. M�glicherweise hatte sie das Recht, so zu reagieren, einfach durch ihre Jugend. �Was ist das hier?� fragte sie, wieder an Karan gewandt. �Wenn wir uns schon nicht bewegen k�nnen, solange es dunkel ist, sollten wir die Zeit nutzen. Erkl�r uns, wo wir sind.�</p><p>�Im Schlund�, murmelte Karan niedergeschlagen.</p><p>Offenbar hatte er es aufgegeben, Tally und Angella zum Schweigen zu ermahnen. Trotzdem war in seiner Stimme ein Klang, der Tally alarmierte, obwohl sie ihn nicht einordnen konnte. �Karan wei� nicht genau, wo der Gleiter abst�rzte. Der Flug war sehr schnell. Und er hat die Richtung verloren, als der Drache angriff.� </p><p>�Aber du findest sie wieder?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Karan. �Sobald es hell ist. Wenn wir dann noch leben.�</p><p>Tally seufzte. Ein ganz kleines bi�chen konnte sie Angella fast verstehen. Auch ihr begann Karans unabl�ssiges Gerede von Tod und Sterben allm�hlich auf die Nerven zu gehen. Aber wahrscheinlich war es einfach seine Art, mit der Angst fertig zu werden.</p><p>�Sobald es hell ist�, sagte sie, �suchen wir Weller. Vielleicht lebt er noch.�</p><p>�Unm�glich!� widersprach Karan. �Selbst, wenn �� </p><p>�Der Wald hat unseren Aufprall ged�mpft, oder?�  unterbrach ihn Tally. �Warum soll er nicht ebensogut Weller aufgefangen haben?�</p><p>�Du kennst diesen Wald nicht�, sagte Karan. �Karan kennt ihn. Er wei�, wovon er spricht.�</p><p>�Gut�, sagte Tally. �Dann wird uns Karan ja auch helfen k�nnen, Weller wiederzufinden.�</p><p>Angella lachte leise. �Habe ich dir schon gesagt, da� du mir gef�llst, Tallysch�tzchen?�</p><p>�Ja�, grollte Tally. �Und wenn du mich noch einmal Tallysch�tzchen oder Liebling oder Kleines nennst, befehle ich Hrhon, dir s�mtliche Z�hne einzuschlagen, Angellaliebling.�</p><p>Angella lachte erneut, sagte aber nichts mehr, und Tally wandte sich wieder an Karan. �Also? Was ist das hier? Wieso ist es so dunkel?�</p><p>�Der Wald�, antwortete Karan. �Er ist sehr dicht. An seinem Grunde herrscht immer Nacht. Doch ihr seid nicht dort.�</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte Angella. �Kannst du im Dunkeln sehen wie eine Katze?�</p><p>�Das kann Karan nicht�, erwiderte Karan beleidigt. </p><p>�Aber er kennt den Wald. Es gibt den Wipfel, das Dazwischen und den Boden. Der Boden t�tet.�</p><p>�Die anderen Teile nicht?� fragte Angella sp�ttisch. </p><p>�Nicht so schnell�, erwiderte Karan ernst. �Manchmal wenigstens. Der Boden t�tet sofort. Nichts lebt dort.� </p><p>�Gar nichts?� fragte Angella. �Auch nicht das, was t�tet?� Sie lachte, bewegte sich im Dunkeln und stie� einen halblauten, erschrockenen Ruf aus. Ein dumpfes Knistern und Brechen war zu h�ren, dann die Ger�usche von etwas Schwerem, das in die Tiefe st�rzte und dabei unentwegt gegen Holz und Blattwerk schlug.</p><p>�Angella?� fragte Tally erschrocken.</p><p>�Ich bin noch da�, antwortete Angella. Ihre Stimme klang gepre�t. �Keine verfr�hte Freude, Tally. So schnell wirst du mich nicht los.�</p><p>�Damit w�re die Frage beantwortet, wo wir sind�, sagte Tally ruhig. �Wir ��</p><p>�Sss!� zischte Hrhon. �Etwasss khohmmt!�</p><p>Sie erstarrten zur Reglosigkeit. Tally lauschte gebannt. Im ersten Moment h�rte sie nichts au�er dem dumpfen Rauschen ihres eigenen Blutes und den schnellen Atemz�gen der drei anderen, aber sie wu�te, da� der Waga �ber viel sch�rfere Sinne verf�gte als ein Mensch, und verhielt sich weiterhin ruhig. Und nach einer Weile h�rte sie es auch: Irgend etwas kroch durch die Baumwipfel. Etwas Gro�es, etwas sehr, sehr Schweres, das sich r�cksichtslos Bahn brach, dem Splittern von Holz nach zu schlie�en.</p><p>Ihr Herz begann zu h�mmern. Der Boden, auf dem sie hockte, vibrierte jetzt ganz sacht, und obwohl sie sich gegen die Erkenntnis zu wehren versuchte, mu�te sie nach einer Weile gestehen, da� er im Rhythmus der Schritte � oder was immer es war � erzitterte.</p><p>Das unsichtbare Ding kam n�her. Das Splittern wuchs zu einem ungeheuren Bersten und Krachen an, als walze eine ganze Armee von Hornbestien neben ihnen durch den Wald, und pl�tzlich sp�rte Tally einen scharfen, unendlich fremden Geruch, der bald so intensiv wurde, da� er zur �belkeit reizte.</p><p>�Ein L�ufer!� keuchte Karan pl�tzlich. �Bei allen D�monen der Tie ��</p><p>Der Rest seiner Worte ging in einem urgewaltigen Splittern und Bersten unter. Tally f�hlte sich wie von einer unsichtbaren Faust gepackt und in die H�he gerissen. Dann streifte irgend etwas, das mindestens so gro� sein mu�te wie die Klippe den Baum, kippte ihn halb um und �berlegte es sich im letzten Moment anders. Der Boden tief unter ihnen zitterte, und Tally sp�rte das machtvolle Aufstampfen von mindestens einem Dutzend Beinen.</p><p>Aber sie hatte noch einmal Gl�ck. Nach einer Ewigkeit, die in Wahrheit wohl nur Sekunden gedauert hatte, wurde das Bersten und Krachen leiser; die Welt h�rte auf, wie betrunken auf und ab zu schwanken. Trotzdem blieb Tally, an den erstbesten Halt geklammert und zur Reglosigkeit erstarrt, noch eine geraume Weile sitzen, ehe sie es wagte, wenigstens den Kopf zu heben. </p><p>�Hrhon?� fragte sie. �Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja�, antwortete Hrhon � mit einer Stimme, die verriet, da� ganz und gar <emphasis>nichts</emphasis> in Ordnung war. </p><p>�Karan?�</p><p>�Karan lebt noch�, antwortete Karan. �Aber es war nur Gl�ck.�</p><p>�Gut�, sagte Tally erleichtert. �Was... was war das, um Himmels willen?�</p><p>�Ein L�ufer�, antwortete die Stimme aus der Dunkelheit. �Der gr��te Bewohner des Schlundes, den Karan kennt. Er und ihr hattet Gl�ck. Sie sind gef�hrlich und b�se, aber Menschen sind zu klein, eine lohnende Beute f�r sie zu sein.�</p><p>�Oh�, sagte Tally nur.</p><p>�Danke, ich lebe auch noch�, meldete sich Angella. </p><p>�Eure Sorge ist r�hrend, aber unbegr�ndet.�</p><p>�Wovon leben die L�ufer, wenn ein Mensch als Beute f�r sie zu klein ist?� fragte Tally vorsichtig. </p><p>�Von anderen Wesen�, antwortete Karan. �Solchen, die Menschen sehr wohl fressen. Und die gute Ohren haben.�</p><p>�Oh�, sagte Tally noch einmal. Und das war das letzte Wort, das sie oder einer der anderen f�r eine geraume Weile sprach.</p><p>Trotzdem wurde es nicht still. Das Splittern und Bersten des L�ufers war noch lange zu h�ren, und auch der Wald war nicht still � �ber ihnen, in den unsichtbaren Wipfeln, rauschte der Wind, und auch aus der Tiefe drang ein ged�mpftes, unabl�ssiges Murmeln und Fl�stern zu ihnen herauf... Es war ein unheimlicher, angstmachender Laut. Wenn Tally lange genug hinh�rte, dann glaubte sie fast so etwas wie ein wirkliches Fl�stern darin zu erkennen. Eine Stimme, die ihr auf entsetzliche Weise gleicherma�en fremd wie sehr vertraut erschien � und die ihren Namen zu fl�stern schien.</p><p>Nat�rlich war das Unsinn, wie sie sehr wohl wu�te. Es war nur ihre eigene Angst, die sie Dinge h�ren lie�, die nicht da waren. Sie verscheuchte die Vorstellung endg�ltig, zog die Knie an den K�rper und unterdr�ckte ein Schaudern. Ihr war kalt, obwohl der sonderbar weiche Boden unter ihr eine angenehme W�rme ausstrahlte. Fast, ohne es selbst zu merken, rutschte sie ein St�ckchen n�her an Angella heran, bis ihre Schulter deren Brust ber�hrte.</p><p>Angella lachte leise. �Angst, Liebling?�</p><p>�Ja�, gestand Tally. Die Ver�rgerung, mit der sie Angellas Worte erf�llen sollten, kam nicht. �Du etwa nicht?�</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete Angella. �Noch nicht.�  Sie seufzte. �Ich glaube, ich sollte Angst haben. Aber ich habe mich noch nicht entschieden, vor wem ich mehr Angst habe � vor dem Schlund oder dir.�</p><p>�Ich bin nicht dein Feind�, antwortete Tally. �W�re es nach mir gegangen, h�tten wir keinen Streit.�</p><p>�Manchmal kommt es eben anders�, sagte Angella achselzuckend. �Nicht? Du bist eine gef�hrliche Frau, Tally. Und du hast noch gef�hrlichere Feinde.� Tally sp�rte, wie sie den Kopf sch�ttelte. Sie seufzte. �Woher kennst du Jandhi?�</p><p>�Ich kenne sie nicht�, erwiderte Tally.</p><p>�Dann frage ich mich, warum sie so scharf darauf war, dich mitzunehmen.�</p><p>�Vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem du mich t�ten wolltest?� schlug Tally vor.</p><p>Angella lachte erneut, aber es klang nicht sehr am�siert. �Wohl kaum.�</p><p>�Es tut mir leid, da� ich dich da mit hineingezogen habe�, sagte Tally unvermittelt. Im ersten Moment wu�te sie selbst nicht, warum sie es tat � aber irgendwie erschien es ihr mit einem Male wichtig, Angella dies zu sagen. Und es war ehrlich gemeint.</p><p>�Hineingezogen ist wohl der richtige Ausdruck�, sagte Angella am�siert. �Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber mach' dir nichts draus. Ich lebe noch, oder? Und ich habe mir schon lange einmal gew�nscht hierherzukommen.� </p><p>�Du wirst nie wieder nach Schelfheim zur�ck k�nnen�, sagte Tally. �Selbst nicht, wenn wir das hier �berleben sollten.�</p><p>�Das macht nichts�, erwiderte Angella. �Das Leben dort begann sowieso allm�hlich langweilig zu werden. Fr�her oder sp�ter h�tte mich Jandhi wahrscheinlich erledigen lassen. Sie duldet niemanden in ihrer Stadt, der zu m�chtig ist. Warum ist sie hinter dir her?�</p><p>Die Frage kam so schnell und in so beil�ufigem Ton, da� Tally um ein Haar ganz automatisch geantwortet h�tte. </p><p>�Das... ist eine lange Geschichte�, sagte sie ausweichend.</p><p>�Wir haben viel Zeit.�</p><p>Tally schwieg, und Angella besa� genug Gesp�r, die Frage kein zweites Mal zu stellen.</p><p>Sie versanken wieder in dumpfes Schweigen, das nur dann und wann unterbrochen wurde, wenn sich einer von ihnen bewegte. Sie alle sehnten den Tag herbei, aber als er dann kam, war er vor allem eine Entt�uschung.</p><p>Was Tally sah, war fremdartig und bizarr und erschreckend, aber es war nichts von alledem, was sie erwartet hatte. Es war im Grunde �berhaupt nichts: ein verwaschenes Konglomerat blasser Farben und nur angedeuteter Umrisse, in das ein winziger Ausschnitt der Welt eingebettet war. Vielleicht, �berlegte sie, war es mit dem Schlund wie mit vielen wirklichen gro�en Geheimnissen � sie verloren ihren Zauber, wenn man sie l�ftete.</p><p>Die D�mmerung kam sehr schnell, aber sie nahm kein Ende, und kurz darauf begann es zu regnen: zwei Dinge, die Tally kannte, die aber hier unten, f�nf Meilen n�her an der H�lle, eine v�llig neue Bedeutung bekamen. Die absolute Finsternis, in der Tally erwacht war, wich einem sonderbaren, graugr�nen Halblicht, das nur Dinge genau erkennen lie�, die nicht mehr zwei oder drei Meter entfernt lagen. Alles Dahinterliegende war verschwommen, gro�e finstere Umrisse mit halb aufgel�sten Konturen, unwirklich und drohend zugleich. Und auch der Regen, der fast gleichzeitig mit dem Tag begann, war sonderbar: fein wie spr�hender Nebel und so warm, da� Tally seine Ber�hrung kaum sp�rte, ehe sie bis auf die Haut durchn��t war. Zusammen mit dem unwirklichen graugr�nen Licht gab er ihr das Gef�hl, sich unter Wasser zu befinden.</p><p>Mit einer m�den Bewegung strich sie sich eine Str�hne ihres na� gewordenen Haares aus dem Gesicht, drehte sich halb herum und sah Karan an. Er hockte nur wenige Meter neben ihr, halb gegen den Stamm eines Baumes gelehnt, der so absurd gro� war, da� Tally erst gar nicht versuchte, seinen Umfang zu sch�tzen. Trotzdem konnte sie sein Gesicht nicht richtig erkennen. Es war nur ein hellerer Schatten in dem wogenden Etwas, in dem sich die Wirklichkeit aufzul�sen begann. Er war verletzt, aber das waren sie alle � Kratzer, die jeder f�r sich genommen nicht gef�hrlich waren, aber an ihren Kr�ften zehren w�rden.</p><p>�Wann k�nnen wir weiter?� fragte sie.</p><p>Karan schrak sichtlich zusammen, und auch Angella, die ein St�ck neben ihm hockte, blickte Tally fast erschrocken an, und Tally f�gte hinzu: �Ich meine, wann wird es endlich hell! Ich habe keine Lust, hier zu �berwintern, wei�t du?�</p><p>�Es ist hell�, antwortete Karan knapp.</p><p>Tally blinzelte. �Willst du sagen, da� das alles ist?�  fragte sie ungl�ubig. Sie deutete nach oben. Wo der Himmel sein sollte, erstreckte sich eine geschlossene Decke aus wucherndem Gr�n und Braun. Kein Himmel. Nicht das kleinste St�ckchen Himmel, dachte sie schaudernd.</p><p>�Es wird nicht heller?� vergewisserte sie sich. </p><p>�Nicht hier�, antwortete Karan. �Vielleicht sp�ter, wenn Karan eine Lichtung oder eine Schneise findet. Hier nicht. Dies hier ist das Dazwischen, von dem Karan erz�hlt hat. Weiter unten ist ewige Nacht. Im Wipfel herrscht Tag.�</p><p>�Dann sollten wir versuchen, in den Wipfel hinaufzukommen�, schlug Angella vor.</p><p>�Und zu sterben?� fragte Karan matt.</p><p>Angella gab einen �rgerlichen Laut von sich. �Hast du nicht vor weniger als einer Stunde behauptet, nur der Boden w�re t�dlich?� fauchte sie.</p><p>�Der Schlund t�tet �berall�, erwiderte Karan unger�hrt. �Aber an manchen Stellen t�tet er schneller.� Er stand auf. Tally bemerkte, wie unsicher und langsam seine Bewegungen waren.</p><p>Auch Tally stand auf, machte einen Schritt in Karans Richtung und blieb sehr abrupt wieder stehen, als sie sah, <emphasis>worauf</emphasis> sie �berhaupt ging. F�r einen Moment sehnte sie die Dunkelheit fast zur�ck.</p><p>Der Boden war kein Boden, sondern ein erschreckend d�nnes Geflecht von �sten, ineinandergewachsenen Luftwurzeln und Bl�ttern, ein riesiges Netz, das fest genug gewesen war, den st�rzenden Gleiter aufzufangen, in dem aber gewaltige L�cher g�hnten. Sie mu�ten ein ganzes Batallion erstklassiger Schutzengel auf ihrer Seite gehabt haben, da� w�hrend der Nacht keiner von ihnen in eine dieser Fallgruben gestolpert und in die Tiefe gest�rzt war.</p><p>�Kommt her�, sagte Karan m�de. �Karan zeigt euch einen sicheren Weg. Es ist nicht so gef�hrlich, wie es aussieht.� Er versuchte sogar zu l�cheln, aber es gelang ihm nicht ganz. Als Tally n�her kam, sah sie, da� sein Gesicht grau geworden war. Dann fiel ihr auf, wie unnat�rlich er den linken Arm hielt.</p><p>�Was ist mit dir?� fragte sie erschrocken. �Du bist verletzt!�</p><p>�Das ist nichts�, antwortete Karan. �Es wird heilen. Jetzt kommt und folgt Karan.�</p><p>Er wollte sich umwenden und davongehen, aber Angella vertrat ihm rasch den Weg, ri� ihn grob an der Schulter herum und griff nach seinem Arm. Karan keuchte vor Schmerz, als sie sein Handgelenk ber�hrte. </p><p>�Der Arm ist gebrochen�, stellte Angella fest. �Und du sagst, das ist nichts?� Sie sah Karan vorwurfsvoll an und sch�ttelte den Kopf. �Hier unten kann dieses <emphasis>nichts</emphasis> deinen Tod bedeuten, alter Mann.�</p><p>�Karan wu�te, da� er sterben wird, wenn er hierher zur�ckkehrt�, antwortete Karan, sehr leise, aber mit sehr gro�em Ernst. �Es spielt keine Rolle. Vielleicht... vielleicht ist es sogar gut so. Und nun kommt, ehe ihr zu Beute werdet.�</p><p>Er l�ste seinen Arm mit sanfter Gewalt aus Angellas Griff, sah sich suchend um und deutete in die Richtung, in der sich der zerschmetterte Gleiter als wei�er Schemen in der ewigen D�mmerung erhob. �Dorthin.�</p><p>�Was ist dort?� fragte Tally.</p><p>�Norden.� Karan nickte, um seine Worte zu bekr�ftigen. �Du wolltest nach Norden, oder?�</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte Angella mi�trauisch. �Es kann genausogut S�den sein, oder Westen oder Osten.�</p><p>�Es <emphasis>ist</emphasis> Norden�, beharrte Karan. �Karan wei� es. Er wird vorausgehen. Folgt ihm in zehn Schritten Abstand. Und du, Tally, h�ltst deine Waffe bereit.�</p><p>Wieder wollte er losgehen, aber diesmal war es Tally, die ihn zur�ckhielt. �Einen Moment noch, Karan�, sagte sie. �Was soll das? Wir hatten vereinbart, Weller zu suchen, und ��</p><p>�Niemand hat das vereinbart�, unterbrach sie Karan. </p><p>�Du hast es gesagt, aber es ist unm�glich.�</p><p>Er blickte sie einen Moment ernst an, aber etwas in ihrem Gesicht schien ihm zu sagen, da� sich Tally mit dieser Erkl�rung allein nicht zufrieden geben w�rde; denn nach einem weiteren Augenblick seufzte er, wandte sich um und ging an Tally vorbei bis zu einer der gewaltigen L�cken im Netzboden. �Komm.�</p><p>Tally z�gerte. Allein die Airstellung, sich dem gewaltigen Schlund zu n�hern, erf�llte sie mit Entsetzen. Dann �berwand sie ihre Furcht und trat, wenn auch sehr vorsichtig, neben ihn. Angella und Hrhon folgten ihr. Ein Schwall feuchtwarmer, nach F�ulnis riechender Luft schlug ihnen entgegen. Unter ihnen, entsetzlich <emphasis>tief</emphasis>  unter dem Netz, glitzerte schwarzer, sumpfiger Boden, eine schier unendliche Ebene wie aus geschmolzenem Teer, auf der sich nur hier und da ein verirrter Lichtstrahl brach.</p><p>Tally sch�tzte, da� sie mindestens hundert Meter hoch waren. Es war ein bizarrer Anblick: sie standen buchst�blich im Nichts, achtzig oder mehr Mannesl�ngen �ber dem Boden, im Herzen eines ungeheuerlichen, vor Leben schier �berquellenden Waldes � aber unten ihnen war nichts. Nichts als eine Kathedrale aus Schw�rze, in der die blattlosen St�mme der Riesenb�ume wie titanische St�tzpfeiler aufragten. Das Leben hatte den Waldboden geflohen und sich auf eine zweite, h�her � und sicherer � gelegene Ebene zur�ckgezogen. Der Anblick war unglaublich niederschmetternd. Unter ihnen war Wald, der Urquell allen Lebens, aber etwas hatte ihn in das genaue Gegenteil davon verwandelt.</p><p>�Gro�er Gott�, murmelte Angella. �Wie hoch sind diese B�ume, Karan?�</p><p>�Sehr hoch�, antwortete Karan. ��ber euch noch einmal so hoch wie unter euch. Dort unten ist der Tod, Angella. Wenn Weller dort hinabgest�rzt ist, lebt er nicht mehr. Nichts lebt dort unten.�</p><p>Angella schauderte sichtlich, beugte sich aber trotzdem neugierig vor und blinzelte in die Tiefe hinab. �Was ist das?� murmelte sie. �Ein Sumpf?�</p><p>Karan nickte. �Auch das�, sagte er. �Karan war nur ein einziges Mal dort unten, und er hat...� Er z�gerte, sehr lange, und als er weitersprach, hatte Tally das sichere Gef�hl, da� er in Wahrheit etwas ganz anderes hatte sagen wollen. �Er hat gro�es Gl�ck gehabt, davonzukommen. Nichts lebt dort unten, au�er den L�ufern und den B�umen.� Er sah Tally an. �Weller ist tot. Und auch du wirst sterben, wenn du ihn suchen willst, dort unten.�</p><p>Tally schwieg. Trotz der schw�len W�rme, die sie einh�llte, fror sie pl�tzlich wieder. Ein schlechter Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Ganz langsam stand sie auf, drehte sich herum und starrte den zertr�mmerten Gleiter an. Das Gef�hrt hing mit zerborstenen Schwingen zwischen den �sten, gefangen von dem ungeheuerlichen Netz, auf das sich das Leben zur�ckgezogen hatte, und fast bis zur Unkenntlichkeit zerst�rt. Das Heck mit dem bizarren Ruder war verkohlt. In diesem Moment kam es Tally mehr denn je wie ein Symbol vor � ein Symbol f�r das Unglaubliche, das sie geschafft hatten. Und die Sinnlosigkeit dessen, was sie noch tun wollten. F�r einen Moment, einen winzigen Moment nur, war sie nahe daran, einfach aufzugeben. Dann regte sich ihr alter Trotz wieder in ihr. Sie l�chelte. �Geh voraus�, sagte sie.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Zeit hatte keine Bedeutung in der graugr�nen D�mmerung des Dazwischen. Hinterher begriff Tally, da� es Stunden gewesen sein mu�ten, die sie Karan �ber den schmalen Grat zwischen Tag und Nacht gefolgt waren, aber w�hrend sie es tat, schien die Zeit einfach stehenzubleiben. Jeder Schritt war m�hsamer als der vorangegangene, und es spielte keine Rolle, wie viele sie taten � ihre Umgebung war immer gleich, ein d�nnes, schwankendes Netz auf halbem Wege zwischen Himmel und H�lle. Der Regen h�rte nicht auf.</p><p>Zumindest gew�hnte sie sich allm�hlich an die unheimliche Beleuchtung, so da� sie nach einer Weile mehr Einzelheiten erkennen konnte. Die Zwischenetage des Waldes war nicht so bar jeden Lebens, wie sie bei Tagwerden gedacht hatte � wohin sie auch blickte, huschte und bewegte es sich; es gab gro�e, knorrige Nester voller gepanzerter Insekten, kleine pelzige Etwasse, um die Karan einen respektvollen Bogen schlug, und Kreaturen, die halb Pflanze, halb Tier zu sein schienen.</p><p>Einmal begegnete ihnen etwas, das wie ein Hornkopf aussah, nur gr��er, bizarrer und sehr viel wilder. Aber Karan hob nur beruhigend die Hand und ging einfach an ihm vor�ber, und nach kurzem Z�gern folgten ihm auch Tally und Angella. Das Rieseninsekt hockte einfach reglos da und starrte ihnen nach.</p><p>Doch es gab auch Stellen, an denen Karans Nervosit�t zu purer Angst wurde � so gerieten sie einmal in einen Bereich des Dazwischen, in dem die Zwischenr�ume zwischen den B�umen von gro�en, silbern gl�nzenden Netzwerken ausgef�llt waren; Spinnennetze, die keine Bewohner hatten, Karan aber mit un�bersehbarem Entsetzen erf�llten. Weder Tally noch Angella widersprachen, als er sie hastig aufforderte, kehrt zu machen und den Weg zur�ckzugehen, den sie gekommen waren.</p><p>Nicht immer bewegten sie sich �ber das Netz. Manchmal g�hnten gewaltige L�cher in dem h�ngenden Boden, so da� sie �ber die vom Regen glitschig gewordenen �ste der Riesenb�ume balancieren mu�ten, was vor allem Hrhon vor gro�e Probleme stellte. Und mehr als einmal waren sie gezwungen, umzukehren und zur�ckzugehen, um un�berwindbare Abgr�nde zu umgehen.</p><p>Gegen Mittag � Tally <emphasis>vermutete</emphasis> zumindest, da� es Mittag sein mu�te � rasteten sie. Sie hatten keinerlei Nahrungsmittel, aber das Wasser, das noch immer unabl�ssig aus dem lebenden Himmel �ber ihnen str�mte, stillte zumindest ihren Durst. Angella fragte Karan, ob es jagdbares Wild im Schlund g�be. Karan antwortete nicht einmal darauf. Nach einer Stunde gingen sie weiter.</p><p>Kurz darauf wurde es vor ihnen hell. In die dunkelgr�ne D�mmerung mischte sich ein erster Schimmer von Sonnenlicht, und Karan blieb pl�tzlich stehen. Er sagte nichts, hob aber mahnend die Hand, als Angella und Tally zu ihm aufschlossen. Der Ausdruck auf seinen Z�gen war sehr besorgt.</p><p>�La�t den Waga vorausgehen�, befahl er.</p><p>Tally wollte widersprechen, aber Hrhon schien ohnehin nur auf dieses Stichwort gewartet zu haben. Mit einer fast beil�ufigen Bewegung schob er Karan zur Seite und balancierte �ber den schwankenden Boden los. Augenblicke sp�ter hatte ihn das Dickicht verschluckt.</p><p>�Was ist dort vorne?� fragte Tally. �Eine Lichtung?� </p><p>�M�glicherweise�, erwiderte Karan. Er sah sie nicht an. �Aber Licht bedeutet Gefahr. Wartet, bis der Waga zur�ck ist.�</p><p>Ihre Geduld wurde auf keine sehr harte Probe gestellt. Schon nach wenigen Augenblicken tauchte Hrhon wieder aus dem gr�nverschlungenen Dickicht auf, erregt mit beiden Armen wedelnd und so schnell, wie es seine kurzen Beine und der schwankende Boden zulie�en. </p><p>�Kohmmt!� zischte er. �Sssnell!� Er fuhr mitten im Schritt herum, wedelte wieder ungeduldig mit den Armen und lief los, noch ehe Tally und Angella ihn ganz eingeholt hatten. Und kaum eine Minute sp�ter sahen sie, was der Grund f�r Hrhons Erregung war:</p><p>Der Wald lichtete sich st�rker, und nach weniger als zwei Dutzend Schritten erreichten sie eine Stelle, an der der Himmel sichtbar war. Aber Tally sah schon auf den zweiten Blick, da� es keine nat�rlich entstandene Lichtung war � etwas hatte das gewaltige Bl�tterdach durchschlagen, �ste und Baumst�mme geknickt und ein ungeheuerliches, fast kreisrundes Loch in den Wald gestanzt, ehe es hundert Meter unter ihnen zerschmettert war. Es war der Drache.</p><p>Das Ungeheuer mu�te mit der Gewalt eines vom Himmel st�rzenden Sternes in den Dschungel gefallen sein. Sein K�rper war fast bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt, zerfetzt und zerbrochen und von abgebrochenen �sten durchbohrt wie von riesigen Pfeilen. Eine seiner Schwingen war verschwunden, das l�cherlich d�rre, brandgeschw�rzte Knochenger�st, verdreht, aber wie durch ein Wunder noch in einem St�ck, wie eine Skeletthand �ber den Boden ausgebreitet. �berall in den B�umen hingen gewaltige, schwarze Hautfetzen. Selbst nach all der Zeit roch die Luft noch verbrannt.</p><p>Tally schauderte. Sie h�tte Triumph empfinden m�ssen beim Anblick des toten Kolosses. Absurderweise war alles, was sie sp�rte, Angst.</p><p>Und Mitleid. Sie verstand ihre Gef�hle selbst nicht, und ihre Verwirrung wuchs noch, als sie sich ihrer vollends bewu�t wurde: sie hatte allen Grund, diese Ungeheuer zu hassen, und doch tat ihr der erschlagene Titan unter ihr einfach nur leid.</p><p>Eine Hand ber�hrte sie an der Schulter. Erschrocken senkte sie die Hand zum G�rtel und fuhr herum, erkannte im letzten Moment Karan und entspannte sich sichtlich.</p><p>�Das solltest du nicht tun�, sagte sie kopfsch�ttelnd. </p><p>�Meine Nerven sind nicht mehr die besten, wei�t du?� </p><p>�Geht vom Waldrand zur�ck�, antwortete Karan. �Es ist gef�hrlich.�</p><p>Tally sah ihn fragend an, und Karan hob die Hand und deutete nach oben. Tallys Blick folgte der Bewegung. Und einen Moment sp�ter begriff sie, wie Karans Worte gemeint gewesen waren.</p><p>Es war nicht so, da� sie irgendwelche Einzelheiten erkannte; �ber ihnen spannte sich der Himmel in einem nach Stunden endloser D�mmerung fast schmerzhaft intensivem Blau, das das Bl�ttergewirr darunter dunkler erscheinen lie�, als es war. Tally sah jetzt, da� der Wipfelbereich des Waldes eine St�rke von gut siebzig, achtzig Metern haben mu�te � <emphasis>und er war voller Bewegung.</emphasis></p><p>Nichts war wirklich zu erkennen, nichts einzeln auszumachen. �berall huschte und zuckte es, flitzten kleine und gro�e K�rper hin und her, schnappten rasiermesserscharfe F�nge oder klebrige Zungen, schlossen sich t�dliche Bl�ten um ahnungslose Opfer...</p><p>Tally stand fast f�nf Minuten vollkommen reglos da und blickte in die H�he, ohne auch nur einen einzigen Bewohner dieses t�dlichen Waldes <emphasis>wirklich</emphasis> zu erkennen. Aber sie begriff, da� dieser Wald kein Wald war, sondern nichts anderes, als ein einziger gro�er Magen � das Leben rings um sie herum war ein unabl�ssiges Fressen und Gefressen werden, eine Orgie des T�tens, in der es aus irgendeinem Grunde eine sehr schmale, ruhige Zone gab, in der sie standen.</p><p>�Begreifst du nun?� fragte Karan, als sie sich endlich wieder von dem bizarren Anblick l�ste.</p><p>Tally nickte.</p><p>�Aber ich nicht�, sagte Angella. Karan und Tally sahen sie fragend an, und Angella deutete mit einer fast zornigen Kopfbewegung in die Tiefe. �Du hast behauptet, dort unten w�re kein Leben�, fuhr sie fort. �Dann erkl�r' mir, was <emphasis>das</emphasis> ist.�</p><p>Als Tally auf den Drachen herabsah, begriff sie, was Angella meinte. Sie war absolut sicher, da� das tote Ungeheuer vor wenigen Minuten noch vollkommen reglos dagelegen hatte. Jetzt hatte sich der Anblick vollkommen ver�ndert.</p><p>Der Drache <emphasis>bewegte sich.</emphasis> Genauer gesagt, dachte Tally schaudernd � <emphasis>etwas ihn ihm</emphasis> bewegte sich, kroch unter seiner Haut entlang, lie� l�ngst erstarrte Muskeln noch einmal zucken, das gewaltige Maul sich noch einmal �ffnen und wieder schlie�en...</p><p>Angeekelt wandte sie sich ab.</p><p>�Das ist kein Leben�, sagte Karan ruhig. �Es sieht nur so aus.�</p><p>�So?� Angellas Stimme war sehr scharf. Sie sah jetzt wieder aus wie ein zorniges Kind. �Dann erkl�r mir, was es ist. Wovor ��</p><p>�Karan kann dir nichts erkl�ren, was er selbst nicht wei߫, unterbrach sie Karan hart. �Du kannst hierbleiben, wenn du willst. Karan jedenfalls wird gehen. Er kennt einen Ort, nicht weit von hier, wo ihr sicher seid.�  Er wollte sich umdrehen und gehen, aber Angella ri� ihn grob zur�ck. Karans Lippen zuckten vor Schmerz, als sie seinen gebrochenen Arm ber�hrte.</p><p>�Du wirst jetzt stehenbleiben und antworten!� schrie sie. �Du ��</p><p>Tally schlug ihre Hand herunter. �La� das!� sagte sie warnend. �Wir haben andere Sorgen, als uns gegenseitig an die Kehle zu gehen!� Sie sch�ttelte den Kopf, seufzte, und f�gte etwas ruhiger hinzu: �Was ist los mit dir? Warum bist du so aggressiv? Hast du Angst?�</p><p>Angella schnaubte. �Warum fragst du das nicht Karan?� Sie machte eine �rgerliche Handbewegung. </p><p>�Was bist du, Liebling? Einfach nur naiv, oder auch dumm? Du hast diesen verdammten Wald gesehen, oder?�</p><p>�Und?� fragte Tally. Sie verstand in diesem Moment wirklich nicht, worauf Angella hinauswollte.</p><p>�Und?� �ffte Angella ihre Frage nach und zog eine Grimasse. �Und? Und? Zum Teufel, Tally, dieser Wald ist kein Wald, sondern ein einziges gro�es Maul, das nichts anderes tut als Fressen.�</p><p>�Das ist mir aufgefallen�, sagte Tally �rgerlich. </p><p>�Und mir ist aufgefallen, da� wir noch leben�, erwiderte Angella. �Findest du es nicht auch komisch, da� wir seit einem halben Tag durch diese H�lle marschieren und noch nicht einmal von einer M�cke gestochen worden sind?� Sie spie aus, trat ein St�ck zur�ck und funkelte Karan zornig an. �Irgend etwas stimmt hier nicht!�  behauptete sie. �Entweder mit diesem Wald, oder mit unserem sogenannten F�hrer!�</p><p>�W�re es dir lieber, wir w�ren schon aufgefressen worden?� fragte Tally. Aber der sp�ttische Ton, den ihre Worte verlangten, wollte ihr nicht recht gelingen. Angellas Worte hatten sie mehr getroffen, als sie zugeben wollte � f�r einen Moment fragte sie sich, wieso sie selbst nicht schon l�ngst auf den gleichen Gedanken gekommen war.</p><p>�Dann w��te ich wenigstens, woran wir sind�, murrte Angella. �Ach zum Teufel, h�tte ich dich doch nie getroffen. Oder dir gleich die Kehle durchgeschnitten�, f�gte sie b�se hinzu.</p><p>�Du hast es versucht, oder?� erwiderte Tally.</p><p>Angella zog eine Grimasse, fuhr auf der Stelle herum und entfernte sich ein paar Schritte, blieb aber stehen, ehe sie vollends au�er Sicht kommen konnte.</p><p>�Es... tut mir leid�, sagte Tally langsam, zu Karan gewandt. �Sie ist nerv�s.�</p><p>Karan nickte. �Aber sie hat recht�, sagte er. �Karan hat sich schon gefragt, wie lange es dauert, bis ihr es merkt.�  Er versuchte zu l�cheln, aber irgendwie gelang es ihm nicht richtig. �Auch Karan hat sich diese Frage gestellt, beim ersten Mal. Und auch er hat keine Antwort gefunden.� Er machte ein weit ausholende Handbewegung. </p><p>�Dieser Bereich des Waldes ist sicher. Frag Karan nicht, warum es so ist. Es ist einfach so.�</p><p>Er log. Tally konnte nicht sagen wieso, aber sie wu�te mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� er log, im gleichen Moment, in dem sie die Worte h�rte. Er log, oder zumindest verschwieg er ihr etwas, etwas Wichtiges.</p><p>Aber sie sprach nichts von alledem aus, sondern zwang sich zu einem neuerlichen, um Vergebung heischenden L�cheln. Dann deutete sie auf Karans Arm. </p><p>�Tut es sehr weh?�</p><p>�Ja�, sagte Karan. �Aber Schmerz bedeutet nichts. Er ist gut. Er sagt uns, da� wir leben.�</p><p>�Du solltest Hrhon nach deinem Arm sehen lassen�, sagte Tally. �Er versteht sich auf das Versorgen von Wunden.� Sie l�chelte. �Mich hat er schon mehr als einmal zusammengeflickt.�</p><p>�Das ist nicht n�tig.� Karan wich ein ganz kleines St�ck von ihr zur�ck und legte die Hand auf den verletzten Arm. �Karan wird sterben, so oder so. Aber vorher wird er euch hier herausbringen.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Tally gereizt. �H�r endlich auf, von nichts anderem als dem Tod zu reden, du alter Schwachkopf. Wir schaffen es schon.�</p><p>Sie f�hlte sich hilflos. Ihre Gereiztheit war nicht echt, sondern nur Ausdruck der tiefen Betroffenheit, mit der sie Karans Worte erf�llte. Und er schien es zu sp�ren, denn als Antwort auf ihre scharfen Worte l�chelte er pl�tzlich.</p><p>�Was schreckt dich so an dem Gedanken, sterben zu m�ssen?� fragte er. �Karan hat es immer gewu�t. Er wu�te, da� er den Tod finden w�rde, wenn er hierher zur�ckkehrt. Er ist dem Schlund einmal entwischt, aber niemand bekommt eine zweite Chance.�</p><p>�Hast du... dich deshalb geweigert, uns zu f�hren?�  fragte Tally.</p><p>Karan nickte. �Euch und andere, ja. Aber du mu�t dir nichts vorwerfen � es ist gut, so wie es gekommen ist.� </p><p>�Was ist gut daran, zu sterben?�</p><p>�Manchmal ist es besser�, erwiderte Karan. �Du wirst Karans Worte verstehen, wenn du gelernt hast, den Schlund zu verstehen, Tally. Du ��</p><p>Angella stie� einen erschrockenen Laut aus.</p><p>Tally fuhr herum, die linke Hand auf dem Schwert, die andere auf dem Griff des Lasers. Aber es gab nichts, wogegen sie die eine oder andere Waffe h�tte ziehen k�nnen. Keines von all den Alptraummonstern, deren Bilder ihre �berreizte Phantasie ihr in dem Sekundenbruchteil vorgaukelte, ehe sie sich zu Angella herumgedreht hatte, war wirklich da � das M�dchen mit dem Narbengesicht stand da, die rechte Hand ausgestreckt und auf den toten Drachen gerichtet. Ihre Lippen zitterten.</p><p>�Was ist los?� fragte Tally alarmiert. Angella reagierte nicht, sondern starrte weiter in die Tiefe. Ihre Augen waren unnat�rlich weit und dunkel vor Furcht.</p><p>�Verdammt noch mal � was ist passiert?!� schrie Tally. W�tend trat sie auf Angella zu und ri� sie an der Schulter herum. �Rede!� befahl sie.</p><p>�Es... es war...� Angella atmete h�rbar ein, streifte Tallys Hand ab und suchte Zuflucht in einem unsicheren L�cheln. �F�r... f�r einen Moment dachte ich, ich h�tte etwas gesehen� sagte sie.</p><p>�Etwas?� Tally hob zweifelnd die linke Augenbraue. Wenn Angella vor Schrecken die Beherrschung verlor und aufschrie, dann hatte sie ganz entschieden mehr als <emphasis>etwas</emphasis> gesehen. �Zum Teufel, Angella � was hast du gesehen?� fragte sie scharf. �Was war es?�</p><p>�Ich... ich dachte, es w�re... Weller�, stammelte Angella.</p><p>�Weller?� Tally keuchte vor Unglauben. �Dort unten?�  Angella nickte und sch�ttelte gleichzeitig den Kopf. </p><p>�Ich mu� mich get�uscht haben�, sagte sie, eine Spur zu hastig. �Ich... ich dachte, er w�re es, aber gleichzeitig war es...�</p><p>Sie brach ab, atmete h�rbar ein und blickte unsicher an Tally vorbei nach unten. �Es war entsetzlich�, fl�sterte sie. �Es war Weller, und gleichzeitig war es etwas... etwas anderes.�</p><p>�Das ist unm�glich!� mischte sich Karan ein. �Vollkommen ausgeschlossen! Dort unten lebt nichts.� </p><p>�Woher willst du das wissen?� Tally fuhr herum und starrte Karan an. �Ich denke, du warst niemals dort?� </p><p>�Karan wei� es�, beharrte Karan. �Weller kann nicht mehr am Leben sein. Er wurde aus dem Gleiter geschleudert. Wenn ihn das Feuer des Drachen nicht get�tet hat, so hat es der Sturz getan. Ihr seid Meilen von der Absturzstelle entfernt. Wie soll er hierherkommen? Er mu� tot sein. Und wenn nicht, so w�re es besser f�r ihn, er w�re tot.�</p><p>�Jetzt reicht es�, sagte Tally, sehr leise, aber voller Wut. �Vielleicht habe ich mich geirrt, als ich dich vorhin in Schutz genommen habe. Gestern wu�test du noch, da� dort unten nichts lebt. Jetzt lebt er vielleicht, aber es w�re besser f�r ihn, er w�re tot!� Sie trat drohend auf Karan zu. �Welches Spiel spielst du mit uns, Karan? <emphasis>Was ist dort unten?�</emphasis></p><p>�Der Tod�, sagte Karan. �Nicht der Tod, wie du oder Angella ihn kennen, Tally. Etwas, das tausendmal schlimmer ist.�</p><p>�Das reicht mir nicht�, sagte Tally. �Ich will jetzt eine klare Antwort von dir, Karan. Sag mir, was dort unten ist, oder ich schw�re dir, da� ich hinuntergehen und nachsehen werde. Und du wirst mich begleiten.�</p><p>�Niemals!�</p><p>Tally hob schweigend die Hand, und Hrhon trat mit einem raschen Schritt hinter Karan und legte eine seiner m�chtigen Pranken auf seine Schultern.</p><p>�Niemals!� beharrte Karan. Seine Stimme zitterte, und sein Blick flackerte vor Angst. Aber es war nicht die Angst vor Hrhon, das begriff Tally pl�tzlich. Ganz gleich, was der Waga ihm antun mochte, es konnte nicht ann�hernd so schlimm sein wie das, was dort unten auf sie lauerte.</p><p>�H�rt auf!� sagte Angella pl�tzlich.</p><p>Tally starrte sie w�tend an. �Misch dich nicht ein!�  sagte sie. �Ich ��</p><p>�Vielleicht wirfst du einmal einen Blick nach oben�, unterbrach sie Angella, �bevor du etwas sagst, was dir sp�ter leid tut.�</p><p>Tally starrte sie eine Sekunde lang verwirrt an, hob aber den Blick und sah in den kreisrunden Flecken blauen Himmels hinauf, der �ber dem Wald sichtbar geworden war.</p><p>Er war nicht mehr leer. Auf dem strahlenden Azurblau waren eine Anzahl wei�er, wie hingetupft wirkender Wolken erschienen. Und dar�ber, sehr hoch dar�ber, aber nicht so hoch, da� sie nicht mehr sichtbar gewesen w�ren, kreisten drei gewaltige, nachtschwarze Drachen. </p><p>�Das... das ist doch unm�glich�, wisperte Tally. Der Anblick l�hmte sie. �Das... das kann nicht sein... Sie <emphasis>k�nnen</emphasis> nicht wissen, da� wir hier sind!�</p><p>�Das wissen sie auch nicht�, sagte Angella nachdenklich. Sie deutete nach unten, auf den toten Drachen, und sie tat es, ohne hinabzusehen, wie Tally sehr wohl registrierte. �Sie suchen das da!�</p><p>�Du hast recht...� Tally nickte � eigentlich gegen ihre �berzeugung � fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und deutete in den Wald zur�ck. </p><p>�La�t uns verschwinden, ehe sie uns wirklich sehen k�nnen.�</p><p>Hastig wichen sie in die Deckung des Waldes zur�ck, weit genug, um von den Reitern, die zweifellos auf den R�cken der drei Drachen sa�en, nicht mehr gesehen werden zu k�nnen, aber noch nicht ganz bis in den Bereich ewiger D�mmerung hinein.</p><p>�Und jetzt?� fragte sie.</p><p>Karan deutete in die gr�ngraue D�mmerung hinein. </p><p>�Nach Norden. Karan wei� einen sicheren Platz f�r die Nacht.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort gingen sie los.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Karans <emphasis>sicherer Platz</emphasis> f�r die Nacht war ein Alptraum. Stunde um Stunde waren sie durch das schwindelndmachende Halblicht der D�mmerungszone gelaufen. Mal waren sie �ber titanische �ste balanciert, mal hatten sie sich an j�h aufklaffenden Abgr�nden entlanggetastet; die meiste Zeit jedoch waren sie �ber das gewaltige Netz aus Pflanzenfasern und Gestr�pp gegangen, das sich hundert Meter �ber dem Boden spannte, einem zweiten, nach oben verlegten Waldboden gleich, eingeh�llt von unheimlichem Licht und Stille und dem best�ndig str�menden Regen. Bald schien es Tally, als k�nne sie sich schon gar nicht mehr erinnern, wie es war, <emphasis>nicht</emphasis> bis auf die Haut durchn��t zu sein und zu frieren. Aber ganz, wie Karan es prophezeit hatte, h�rte der Regen nicht auf, sondern fiel unabl�ssig, bis es dunkel wurde.</p><p>Mit dem letzten Licht des Tages schlie�lich erreichten sie den verbrannten Baum. Obwohl es oben �ber dem Wald bereits d�mmerte, wurde es vor ihnen noch einmal heller; denn das Bl�tterdach des Wipfels war hier nicht so vollends geschlossen wie anderswo � das geschw�rzte Skelett des Riesenbaumes ragte wie eine vielfingrige Knochenhand in den Himmel hinauf. Sein Stamm, der den Durchmesser eines Hauses hatte, gl�nzte vor Feuchtigkeit wie poliertes schwarzes Eisen, und allein sein Anblick lie� Tally einen Moment im Schritt verharren. Er wirkte... <emphasis>b�se.</emphasis></p><p>Es war nicht einfach nur ein toter Baum, dachte Tally schaudernd. Irgendwann einmal vor einem oder auch hundert Jahren mu�te ihn der Blitz getroffen und gespalten haben, und irgend etwas war mit ihm geschehen, was die R�ckkehr des Lebens nachhaltig verhinderte. Auf der borkigen Rinde aus zu Stein gewordenem Holz war nicht der winzigste Flecken Moos zu sehen; keine der Millionen Parasitenpflanzen, die auf den anderen St�mmen wucherten; nichts. Der Baum war tot, und er war so nachhaltig tot, da� alles Leben seine N�he zu fliehen schien. Selbst das Netzwerk des Dazwischen war unterbrochen. Der Baum stand inmitten des Waldes wie ein zerbrochener Riesenspeer, der in den Boden gerammt worden war. Und er war Teil jenes entsetzlichen nichtWaldes dort tief unter ihnen. Den Hauch des abgrundtief B�sen, den sie gesp�rt hatte, als Karan ihr das erste Mal den Boden zeigte, f�hlte sie auch jetzt. Wie einen Pesthauch, den das schwarze Monstrum ausstrahlte.</p><p>Im Nachhinein erschien es Tally wie ein Wunder, da� sie alle die waghalsige Kletterei unbeschadet �berstanden hatten, die n�tig gewesen war, die letzten Meter zu �berwinden. Nicht, da� sie auch nur noch einen einzigen Gedanken daran verschwendet h�tte, als sie es geschafft hatten... Ihre Aufmerksamkeit wurde voll von dem in Anspruch genommen, was sie in seinem Inneren erwartete ...</p><p>Sie war nicht sehr �berrascht, den Baum hohl vorzufinden.</p><p>Hohl � nicht leer.</p><p>Nur wenig mehr als einen Meter unter der Stelle, an der Karan sie durch den zerborstenen Stamm f�hrte, spannte sich ein gewaltiges, silbernwei�es Spinnennetz. Seine F�den waren absurd d�nn, verglichen mit der ungeheuerlichen Gr��e des Gebildes � Tally sch�tzte seinen Durchmesser auf gut zwanzig Meter �, nicht sehr viel st�rker als normale Spinnweben. Aber es waren Millarden.</p><p>�Wenn... das ein Witz sein sollte, war es kein Guter, Karan�, sagte Angella. Ihre Stimme zitterte vor Ekel. </p><p>�Was soll das?�</p><p>�Es ist ein sicherer Platz�, beharrte Karan. �Geht hinein � keine Sorge, es ist fest genug, selbst den Waga zu tragen.�</p><p>Angella keuchte. �Hinein?� wiederholte sie ungl�ubig. Ihre Stimme wurde schrill. �Du bist v�llig �bergeschnappt, was?�</p><p>�Du brauchst keine Angst zu haben�, sagte Karan ruhig. �Die Wesen, die es geschaffen haben, sind fort.� </p><p>�Es sieht ziemlich neu aus�, sagte Tally. Auch sie mu�te all ihre Beherrschung aufbieten, um wenigstens �u�erlich ruhig zu erscheinen. Die Vorstellung, dieses ungeheuerliche Spinnennetz zu ber�hren, erf�llte sie mit unbeschreiblichem Ekel. Ihre Augen begannen sich allm�hlich an das schwache Licht hier drinnen zu gew�hnen, und sie sah zahllose, in helle Spinnenseide eingeschlossene Kokons unterschiedlicher Gr��e. Beute. In manchen von ihnen bewegte sich etwas. Das Gef�hl von Ekel in Tallys Magen steigerte sich zu echter k�rperlicher �belkeit. Sauer schmeckender Speichel sammelte sich unter ihrer Zunge.</p><p>�Sie sind fort�, beharrte Karan. �Sie werden nicht kommen, solange wir hier sind.�</p><p>Tally sah ihn zweifelnd an. Karan l�chelte aufmunternd � und sprang mit einem Satz auf das Netz herunter! Ein Laut wie von einer ungeheuer gro�en, gl�sernen Harfe erklang; Augenblicke sp�ter antwortete ein Echo aus der unsichtbaren Tiefe. Aber das Netz, so zerbrechlich es aussah, hielt.</p><p>�Kommt schon�, sagte Karan auffordernd. �Es ist wirklich sicher hier!�</p><p>Tally bezweifelte das nicht einmal. Aber sie h�tte sich im Moment wohl eher den rechten Arm abhacken lassen, als dieses widerw�rtige Netz auch nur zu ber�hren. </p><p>�Jemand sollte Wache halten�, sagte sie.</p><p>Karan sah sie nur schweigend an, w�hrend Angella h�rbar die Luft ausstie�. �Und dieser Jemand bist nat�rlich du�, sagte sie.</p><p>�Wer sonst?� Tally drehte sich abrupt herum und ging wieder ins Freie. Sie sp�rte echte k�rperliche Erleichterung, aus der N�he des Netzes verschwinden zu konnen. Au�erdem hatte sie keine Lust, sich mit Angella zu streiten.</p><p>Es war vollends dunkel geworden, als sie ins Freie hinaustrat. Der Himmel �ber dem Wald war schwarz und leer, und es wurde empfindlich kalt. Tally rieb sich schaudernd die Oberarme mit den H�nden, suchte sich eine windgesch�tzte Ecke in dem Gewirr aus versteinerten �sten und hockte sich hin. Zumindest hatte der Regen aufgeh�rt.</p><p>Tally war m�de, so m�de, da� es ihr schwer fiel, die Augen offen zu halten; sie war sich dar�ber im Klaren, da� sie kaum mehr in der Lage sein w�rde, wirklich zu wachen. Die Anstrengungen des vergangenen Tages forderten ihren Preis; jetzt, wo sie zur Ruhe kam. Aber sie wehrte sich auch nicht dagegen. Zum einen hatte es mit Sicherheit keinen Sinn, und zum anderen... nun, sie <emphasis>wollte</emphasis> auch nicht mehr.</p><p>Zum ersten Male in ihrem Leben war Tally des K�mpfens wirklich m�de. H�tte sich in diesem Augenblick die Dunkelheit vor ihr geteilt und Jandhi oder eine der anderen Drachent�chter w�re hervorgetreten, sie h�tte sich nicht mehr gewehrt. Es war ein Gef�hl, das ihr fremd war, gegen das sie aber nicht anzuk�mpfen versuchte. Vielleicht der Einflu� des Schlundes.</p><p>�Tally...�</p><p>Tally sah auf; verwirrt, �berrascht, aber auch alarmiert. Ganz automatisch kroch ihre Hand zum G�rtel und schmiegte sich um den Schwertgriff. Ihr Herz begann zu h�mmern. Sie hatte ganz deutlich geh�rt, da� jemand ihren Namen gerufen hatte � aber sie war allein. Sehr vorsichtig stand sie auf, zog das Schwert aus dem G�rtel und sah sich noch einmal aufmerksamer um. Nein � Angella, Karan und Hrhon waren noch im Inneren des Baumes. Sie hatte den Eingang im Auge, dort, wo sie sa�, und wenn sie auch halb eingeschlafen gewesen war, h�tte sie doch gemerkt, w�re jemand herausgetreten... Einen Moment lang erwog sie die M�glichkeit, einem Trug zum Opfer gefallen zu sein, verwarf sie aber beinahe sofort wieder � nicht zuletzt, weil sie die Stimme in diesem Augenblick noch einmal h�rte: dumpf, sehr weit entfernt, aber auch sehr deutlich: <emphasis>�Taaalllyyy...�</emphasis>  Dann sah sie den Schatten.</p><p>Mit einer blitzartigen Bewegung wirbelte sie herum, hob das Schwert � und erstarrte.</p><p>�Du bist lebensm�de, wie?� fauchte sie, gleicherma�en erschrocken wie erleichtert. Fast unmittelbar darauf kam der Zorn. �Willst du, da� ich dir den Sch�del spalte, oder warum schleichst du dich an mich an?�</p><p>Angella l�chelte d�nn. �Ich habe mich auf deine guten Reaktionen verlassen�, sagte sie. �Warum so nerv�s?�  Tally atmete h�rbar aus. Ganz langsam senkte sie das Schwert, sah Angella noch einen Moment kopfsch�ttelnd an und stie� die Waffe dann mit einem unn�tig harten Ruck in den G�rtel zur�ck. �Dieser verdammte Wald macht mich verr�ckt�, murmelte sie. �Zum Teufel � was suchst du hier?�</p><p>�Dasselbe wie du�, erwiderte Angella. �Auch ich finde den Gedanken nicht erbaulich, in einem Spinnennetz zu schlafen.� Sie hockte sich mit untergeschlagenen Beinen hin.</p><p>Nach sekundenlangen Z�gern tat es Tally ihr gleich. </p><p>�Hast du Angst, die Spinnen k�nnten zur�ckkehren?� </p><p>�Nein.� Die Antwort kam so schnell, da� Tally begriff, da� Angella nur auf diese Frage gewartet hatte. �Karan sagt die Wahrheit. Und gerade das ist es, was mir Sorge bereitet. Irgend etwas stimmt nicht mit diesem verdammten Wald. Und mit Karan.�</p><p>�Fang nicht schon wieder an�, seufzte Tally.</p><p>�Warum nicht?� Angella runzelte �rgerlich die Stirn. </p><p>�Du wei�t so gut wie ich, da� Karan uns irgend etwas verschweigt? Zum Teufel, dieser ganze verdammte Wald ist eine H�lle, und wir wandern gem�tlich hindurch, ohne auch nur von einem Moskito gestochen zu werden! Und du willst mir erkl�ren, das w�re ganz in Ordnung so?�</p><p>�Vielleicht fliehen sie vor uns.�</p><p>�Ja, weil wir so unappetitlich aussehen�, sagte Angella b�se. �Zum Teufel, Tally, ich habe Verst�ndnis daf�r, wenn du Karan in Schutz nimmst, aber ich habe mir dieses Netz dort drinnen angesehen.� Sie wies mit einer �rgerlichen Kopfbewegung auf den gespaltenen Baum. </p><p>�Es ist v�llig intakt. In einigen Kokons ist noch <emphasis>lebende</emphasis>  Beute! Die Biester, die es gebaut haben, sind vor allerh�chstens einer halben Stunde verschwunden! Irgend etwas sch�tzt uns!�</p><p>�Und du denkst, es w�re Karan.�</p><p>�Ich bin es jedenfalls nicht�, fauchte Angella. Tally blickte sie schweigend an. Angellas Erregung �rgerte sie, aber nur ein bi�chen. Und im Grunde wu�te sie sehr wohl, da� sie recht hatte � auch sie hatte l�ngst begriffen, da� es ganz und gar kein Zufall sein konnte, da� sie bisher nicht ein einziges Mal angegriffen worden waren. Jegliches Leben in diesem Wald schien ihnen aus dem Weg zu gehen.</p><p>�Wir sind nerv�s�, murmelte sie. �Wahrscheinlich hat alles eine ganz normale Begr�ndung, Angella. Aber nach dem, was passiert ist, ist es kein Wunder, wenn wir anfangen, Gespenster zu sehen.� Sie lachte unsicher. </p><p>�Kurz, bevor du gekommen bist, habe ich mir eingebildet, jemanden meinen Namen rufen zu h�ren.�</p><p>�Das war keine Einbildung�, erwiderte Angella.</p><p>Tally starrte sie an. �Das war ��</p><p>�Ich habe es auch geh�rt�, best�tigte Angella. �Und Hrhon und Karan auch. Karan hat nur so getan, als w�re nichts, und dein Waga ist zur�ckgeblieben, weil ich ihn gebeten habe, ein Auge auf unseren Freund zu werfen.�  Sie nickte grimmig, um ihre Worte zu unterstreichen. Gleichzeitig begann sie ganz d�nn zu l�cheln, als sie sah, mit welchem Schrecken ihre Worte Tally erhielten. </p><p>�Und du hast auch... die Stimme erkannt?� fragte Tally z�gernd.</p><p>�Ebenso wie du, Liebling�, best�tigte Angella. �Es war Weller. Aber der ist ja tot, nicht wahr?�</p><p>Tallys H�nde begannen zu zittern. Ihr Blick bohrte sich in die Dunkelheit, die sich wie ein schwarzer Vorhang �ber den Wald gesenkt. F�r einen Moment gaukelten ihre �berreizten Nerven ihr Dinge vor, die nicht da waren. Schatten und huschende, pelzige Bewegung. Aber irgend etwas <emphasis>war</emphasis> dort. Es war unsichtbar, aber real. Fast greifbar.</p><p>�Du hast ihn doch auch gesehen, heute mittag.:</p><p>Angella schwieg einen Moment. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Nein. Ich habe... irgend etwas gesehen.� </p><p>�Was?�</p><p>�Ach verdammt, ich wei� es nicht . Ein... Ding mit Wellers Gesicht. Aber es war kein Mensch. Es war...�  Sie brach ab, hob in hilflosem Zorn die Hand und lie� sie auf ihren Oberschenkel klatschen. �Ach zum Teufel, ich wei� nicht, was es war. Dieser ganze verdammte Wald ist verhext. Ich bin froh, wenn wir endlich hinaus sind.�  Sie sah Tally scharf an. �Wohin gehen wir �berhaupt?� </p><p>�Nach Norden�, antwortete Tally ausweichend.</p><p>�Wenigstens hoffe ich es.�</p><p>�Und was ist im Norden?�</p><p>Tally z�gerte. Irgend etwas � eine Art innere Stimme vielleicht � riet ihr davon ab, Angella mehr zu erz�hlen, als sie ohnehin schon wu�te. Auf der anderen Seite sehnte sie sich einfach danach, mit einem Menschen zu reden.</p><p>�Die Drachen�, sagte sie schlie�lich. �Die Heimat der Drachen, Angella.�</p><p>�Hier � im Schlund?�</p><p>Angellas Zweifel war un�berh�rbar.</p><p>�Auf einer Felseninsel, die so hoch wie der Schelf aus dem Schlund aufragt, hundertf�nfzig Meilen von hier�, best�tigte Tally.</p><p>�Woher willst du das wissen?�</p><p>�Ich wei� es eben�, fauchte Tally. �Verdammt, du h�ttest dich nicht einmischen sollen, Angella. Ich wollte nicht, da� du mitkommst. Jetzt ist es zu sp�t. Du ��  Sie verstummte, als Angella warnend die Hand hob. Auch sie hatte das Ger�usch geh�rt � nicht sehr laut, aber deutlich. Und es war... falsch. Es pa�te nicht in die Ger�uschkulisse des Waldes.</p><p>Eine Sekunde sp�ter h�rte sie es erneut. Sie stand auf. Ihre Hand glitt zum Schwert, l�ste sich nach sekundenlangem Z�gern wieder von seinem Griff und schmiegte sich um den Griff des Lasers.</p><p>�Geh hinein und hole Hrhon und Karan�, sagte sie. </p><p>�Schnell.�</p><p>Angella widersprach nicht. Schnell und lautlos wie ein Schatten verschwand sie im Inneren des Baumes. Tally selbst huschte ein St�ckweit zur Seite, bis sie in Deckung eines mannsdicken verbrannten Astes stand. Sie lauschte. Das Ger�usch wiederholte sich nicht, aber irgend etwas hatte sich ver�ndert.</p><p>Dann wu�te sie, was es war: Seit sie in diesem Wald erwacht war, war seine Ger�uschkulisse gleich geblieben � ein unabl�ssiges, aber fast gleichm��iges L�rmen und Toben, aus Tausenden von einzeln nicht wahrnehmbaren Lauten zusammengef�gt, das den Kreis von Stille belagerte, der sie umgab. Jetzt war etwas da, das diesen Herzschlag des Schlundes st�rte: ein Quell hektischer Unruhe, nicht sehr weit entfernt, als...</p><p>... ja, als w�re etwas in den Wald eingedrungen, das nicht hineingeh�rte.</p><p>Angella kam zur�ck, dicht gefolgt von Hrhon und Karan.</p><p>�Jhemahnd khohmmt�, zischelte Hrhon, nachdem er kaum eine Sekunde lang mit schr�ggehaltenem Kopf gelauscht hatte.</p><p>�Das ist unm�glich!� widersprach Karan. Seine Stimme klang fast erschrocken. �Sie w�rden es nicht wagen, uns �� Tally brachte ihn mit einer herrischen Geste zum Verstummen. �Geh und sieh nach, Hrhon�, befahl sie. �Aber sei vorsichtig. Ganz gleich, wer es ist, geh kein Risiko ein, h�rst du?�</p><p>Hrhon versuchte ein Nicken nachzuahmen, schob sich an ihr vorbei und balancierte auf den Waldrand zu. Tally blickte ihm schweigend nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckt hatte. Das L�rmen und Toben in der Nacht hielt weiter an. Es kam nicht n�her.</p><p>�Deine Freundin aus der Stadt?� erkundigte sich Angella beil�ufig.</p><p>Tally sah sie �rgerlich an. �Woher soll ich das wissen?�  schnappte sie. Angella setzte zu einer scharfen Antwort an, belie� es aber dann bei einem Seufzen und starrte an Tally vorbei in die Richtung, in der Hrhon verschwunden war.</p><p>Es dauerte fast zehn Minuten, bis der Waga zur�ckkam, und in dieser Zeit sprach keiner von ihnen ein Wort. Endlich tauchte Hrhons buckeliger Schatten wieder aus der Nacht auf. Aber er kam nicht ganz heran, sondern blieb auf dem vibrierenden Wurzelnetz stehen und hob winkend den rechten Arm.</p><p>�Khohmmt rhasss!!� rief er.</p><p>�Geht nicht!� rief Karan erschrocken aus. �Es ist gef�hrlich! Ihr werdet sterben, wenn ihr allein in den Wald geht!�</p><p>�So?� Angella l�chelte b�se. �Wei�t du was, Karan � ich glaube dir sogar.�</p><p>�Ich auch�, f�gte Tally hinzu. �Und das ist auch der Grund, aus dem Karan uns begleiten wird, nicht wahr, Angella?�</p><p>�Genau�, sagte Angella.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>�Da!� Hrhons hornige Klaue bog einen dornengespickten Zweig beiseite und deutete gleichzeitig mit zwei ausgestreckten Fingern nach vorne. Tally kniff angestrengt die Lider zusammen. Es fiel ihr immer noch schwer, in der fast vollkommenen Dunkelheit unter dem Wipfeldach zu sehen, obwohl ihre Augen Zeit genug gehabt hatten, sich an das schwache Licht zu gew�hnen. Und doch hatte sie selbst jetzt noch M�he, die drei in flie�endes Schwarz gekleideten Gestalten als das er erkennen, was sie waren.</p><p>�Das ist doch nicht m�glich!� fl�sterte Angella, die neben sie getreten war. Sie sch�ttelte den Kopf, sah erst Tally, dann Hrhon und dann die drei schwarzgl�nzenden Gestalten an und sch�ttelte abermals den Kopf. �Das ist vollkommen ausgeschlossen.�</p><p>Tally schwieg. Angella sprach nur aus, was sie alle � ausgenommen vielleicht Karan � dachten: es war vollkommen ausgeschlossen, da� Jandhis H�scher ihre Spur in diesem Wald aufgenommen haben sollten.</p><p>Selbst, wenn die Reiter auf den drei Drachen, die sie am Mittag gesehen hatte, sie entdeckt haben sollten � es war einfach unm�glich, jemanden in diesem Gewirr aus Bl�ttern und Gestr�pp aufzusp�ren.</p><p>Und doch war es geschehen.</p><p>Zwei der drei Gestalten dort vor ihr waren Hornk�pfe; gro�e, selbst hinter dem Schleier der Nacht noch abrundtief h��liche Kreaturen. Die dritte war eine Frau, nicht sehr viel �lter als Angella und in das lederne Schwarz der T�chter des Drachen geh�llt.</p><p>Und ebenso tot wie die Hornk�pfe.</p><p>Tally stand vorsichtig auf, bedeutete Angella und Karan mit Gesten, zur�ckzubleiben, und n�herte sich den drei schwarzgekleideten Gestalten. Verwesungsgeruch schlug ihr entgegen, der Gestank von Blut und Tod. Ihr Herz begann vor Erregung fast schmerzhaft zu h�mmern.</p><p>Die drei Toten standen aufrecht da, mitten in der Bewegung erstarrt wie bizarre lebensgro�e Statuen, gehalten von einem jener d�nnen silbergrauen Netze, die Karan am Tage zuvor mit solchem Entsetzen erf�llt hatten. Tally warf nur einen raschen Blick dorthin, wo das Gesicht der Drachentochter sein sollte, und sah hastig wieder weg.</p><p>Aber auch die beiden Hornk�pfe boten keinen wesentlich erfreulicheren Anblick: der Chitinpanzer des einen war geborsten, aber darunter war nichts mehr. Irgendetwas hatte ihn regelrecht leergefressen, so s�uberlich, da� nicht einmal ein Tropfen Blut zu sehen war. Der Brustschild des dritten Kampfinsektes war von Millionen nadelfeiner Einstiche �bers�t. Darunter schien sich etwas zu bewegen.</p><p>�Das ging schnell�, murmelte Angella neben ihr. Nat�rlich war sie <emphasis>nicht</emphasis> zur�ckgeblieben, ebensowenig wie Karan. �Da hat jemand gr�ndliche Arbeit geleistet.� Sie sah sich mit routiniertem Blick um. �Kein Kampf�, stellte sie fest. �Sie m�ssen in Sekunden tot gewesen sein.�</p><p>�Ich frage mich, was sie hier gesucht haben�, murmelte Tally. Sie f�hlte sich unwohl, nicht nur durch den blo�en Anblick der drei Toten. Angella hatte recht � es gab nicht die geringsten Spuren eines Kampfes. Die drei Eindringlinge mu�ten binnen Sekunden gestorben sein.</p><p>�Das ist eine ziemlich dumme Frage�, sagte Angella. </p><p>�Dich. Genauer gesagt � uns.� Sie seufzte. �Aber woher wissen sie, wo wir sind?�</p><p>Aber darauf wu�te Tally ebensowenig eine Antwort wie sie selbst.</p><p>Schaudernd sah sie sich um. Die Nacht war sehr dunkel, aber durch eine L�cke im Bl�tterdach fiel ein wenig blasser Sternenschein herein, so da� sie erkennen konnten, auf welchem Wege die junge Frau und ihre beiden Begleiter hergekommen waren: die Hand des toten M�dchens umklammerte noch immer den Griff des Lasers, mit dem sie die Bresche in das Ge�st des Wipfelwaldes geschnitten hatte. Sie war nicht einmal mehr dazu gekommen, die Waffe abzuschalten. Das rote Licht in ihrem Griff funkelte wie ein blutiges Auge.</p><p>�Diese drei sind bestimmt nicht allein gekommen�, vermutete Angella. Sie entdeckte die Waffe in der Hand der Toten, runzelte �berrascht die Stirn und trat auf sie zu. </p><p>�Nicht�, sagte Karan hastig. �Du bist tot, wenn du sie ber�hrst.�</p><p>Angella erstarrte mitten im Schritt. Ihr Blick irrte zwischen Karans Gesicht und der aufrecht stehenden Toten hin und her. Mi�trauen und Schrecken spiegelten sich auf ihrem verbrannten Gesicht. Das Netz war nicht mehr als ein hauchzartes, graues Gespinst. Es sah so harmlos aus. Aber es umh�llte drei Tote, und zumindest zwei davon geh�rten zu gef�rchtesten K�mpfern, die es auf der Welt gab.</p><p>�Glaubst du nicht, da� du uns allm�hlich eine Erkl�rung schuldig bist?� fragte Angella.</p><p>�Karan kann nichts erkl�ren, was er selbst nicht versteht�, antwortete Karan ruhig. Er sch�ttelte den Kopf.� </p><p>�Wenn sie versuchen, euch selbst hierher zu folgen, werden sie alle sterben. Das ist alles, was er wei�.�  Pl�tzlich stockte er, legte den Kopf auf die Seite, wie um zu lauschen, und hob mahnend die Hand, als Angella weitersprechen wollte.</p><p>Dann h�rten Tally und die anderen es auch: ein leises, metallisches Knistern, das sich in die Laute der Nacht gemischt hatte. Dann Stimmen, wie von weit, sehr seit her, von einem Ger�usch wie von ferner Meeresbrandung �berlagert. Und pl�tzlich ihr Name. Jemand rief ganz deutlich ihren Namen!</p><p>�Was ist das?� murmelte Angella. �Das... das ist Zauberei!�</p><p>Tally brachte sie mit einer �rgerlichen Geste zum Schweigen. Die Stimmen und Ger�usche hielten an, und jetzt erkannte sie auch die Richtung, aus der sie kamen. Es war keine Zauberei, wie Angella glaubte, aber vielleicht etwas, das schlimmer war. Der Ursprung der Ger�usche war ein kleines, rechteckiges schwarzes K�stchen im G�rtel der Toten, auf dessen Schmalseite ein gr�nes Licht aufgeflammt war. Tally streckte die Hand danach aus, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, als ihr Karans Warnung einfiel.</p><p>Unschl�ssig betrachtete sie das K�stchen. Es glich dem sonderbaren Ding, in das Jandhi hineingesprochen hatte, als Angella sie und Tally im Schuppen �berraschte. Und mit einiger Phantasie konnte man aus den verzerrten, von knisternden und pfeifenden Lauten halb �berlagerten Worten auch Jandhis Stimme heraush�ren.</p><p>�Talianna, melde dich endlich! Ich wei�, da� du in der N�he bist.�</p><p>�Das ist Zauberei!� beharrte Angella. Ihre Hand senkte sich auf das Schwert. �Sie kann uns nicht sehen! Niemand kann wissen, da� wir hier sind!�</p><p>�Sie schon�, antwortete Tally. Sie war nicht einmal besonders erschrocken. Mit der Spitze ihres Schwertes deutete sie auf den sprechenden Kasten im G�rtel der Toten. �Ein �hnliches Ding habe ich bei Jandhi gesehen.� </p><p>�Du wirst bald �berhaupt nichts mehr sehen, wenn du nicht antwortest, Tally!� drang die Stimme aus dem Kasten.</p><p>Angella stie� einen kr�chzenden Laut aus und sprang ganz instinktiv zwei, drei Schritte zur�ck, w�hrend Tally den sonderbaren Apparat nur mit milder Verwunderung musterte. Offensichtlich �bertrug er nicht nur Jandhis Stimme, sondern h�rte auch jedes gesprochene Wort in einiger Umgebung.</p><p>�Jandhi?� fragte sie.</p><p>�Nett, da� du dich noch an mich erinnerst�, antwortete der Kasten mit Jandhis Stimme. �Wo bist du?�  Tally lachte unsicher. �Eine gute Frage. Ich denke, du wei�t es?�</p><p>Jandhi schnaubte �rgerlich. �Was ist mit Kehla? Ist sie tot?�</p><p>�Wenn du das M�dchen mit den beiden Hornk�pfen meinst, das du hergeschickt hast � ja�, antwortete Tally. </p><p>�Hast du sie umgebracht?�</p><p>�Das war nicht n�tig. Du schickst deine Leute in den Tod, Jandhi. Gib endlich auf.�</p><p>�Seltsam�, antwortete Jandhi. �Dasselbe wollte ich dir auch gerade raten. Das Versteckspiel mit dir kommt mich allm�hlich zu teuer. Ich habe mehr Leute bei der Jagd auf dich verloren als in den vergangen zwei Jahren beim Kampf gegen Angellas Halsabschneider. Gib auf.� </p><p>�Und wenn nicht?� fragte Tally.</p><p>�Dann t�te ich dich�, antwortete Jandhi. �Ich habe den Auftrag, dich unsch�dlich zu machen, ganz egal, wie. Ich wollte dich lebend fangen, aber du l��t mir keine Wahl. Ich gebe dir noch genau f�nf Minuten, dich zu ergeben. Kommt nach oben. Wir werden euch aufnehmen.�</p><p>Irgend etwas bewegte sich �ber dem Wald; etwas ungeheuer Gro�es und Finsteres, das die L�cke im Bl�tterdach f�r den Bruchteil eines Herzschlages verdunkelte. Und dann begriff Tally...</p><p>�Um Himmels willen!� schrie sie. �Weg! <emphasis>WEG HIER!�</emphasis>  Ein sanftes, d�ster-rotes Gl�hen vertrieb die Schw�rze der Nacht, als sie herumfuhr und davonst�rzte, Angella und Karan einfach mit sich zerrend. Mit jedem Schritt, den sie taten, nahm es an Leuchtkraft und Gewalt zu, steigerte sich zu Orangerot, dann zu Gelb...</p><p>Die Zeit schien stehenzubleiben. Tally rannte wie von Furien gehetzt, blindlings, nur fort, fort von den drei Toten und dem sprechenden Kasten, die zu einer m�rderischen Falle geworden waren. Aber das Licht und die Hitze folgten ihnen, schneller, viel schneller, als sie zu laufen vermochten. Eine br�llende Feuerwolke stie� durch das Bl�tterdach des Schlundwaldes, loderndhei�er Drachenatem, der Holz und Blattwerk und alles Leben versengte und in Sekundenbruchteilen zu Asche verbrannte.</p><p>Eine gl�hende Hand schien ihren R�cken zu streicheln. Tally schrie vor Schmerz auf, lie� Angellas Hand los und fiel. Die Luft kochte. Unsichtbares Feuer verbrannte ihre Lungen, als sie zu atmen versuchte. Durch einen Schleier aus Tr�nen sah sie, wie die Flammenwolke tiefer in den Wald hinabstie�. Die Gestalten der beiden Hornk�pfe und des M�dchens l�sten sich auf, zerfielen zu Asche. Die Hitze war unbeschreiblich. Flammen z�ngelten aus dem Bodennetz, leckten knisternd aus Baumst�mmen und Ge�st und versengten Blattwerk und Bl�ten.</p><p>Angella ri� sie in die H�he. Ihr Haar schwelte. Ihr Gesicht war verzerrt, und Tally sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als sie irgend etwas schrie. Die Worte gingen im Br�llen der Flammen unter. Angella versetzte ihr einen Sto�, der sie weitertaumeln lie�, fuhr noch einmal herum und ri� Karan vom Boden hoch.</p><p>Hinter ihnen begann das Netz zu zerfallen. Mit einem Ger�usch wie von Peitschenhieben zersprangen die fingerdicken Pflanzenfasern. Der Brand breitete sich aus. Die Nacht verwandelte sich in eine H�lle aus Hitze und L�rm und zuckenden roten und gelben Lichtblitzen. Und es begann erst.</p><p>Dem ersten Flammenstrahl folgte ein zweiter. Er war nicht so gut gezielt wie der erste und traf weit von ihnen entfernt in das Wipfeldach, aber der Wald erbebte wie unter einem Hammerschlag; dem Krachen und Bersten des Feuers folgte ein schriller Chor panikerf�llter Tierstimmen. Grellrotes Licht tauchte den Himmel in Blut. </p><p>�Sie... sie verbrennen den ganzen Wald!� schrie Angella �ber das Br�llen der Flammen hinweg. �Das war eine Falle, Tally!�</p><p>Tallys Antwort ging im Br�llen einer dritten, diesmal sehr viel n�heren Explosion unter. F�r einen Moment glaubte sie, den gesamten Wald unter ihren F��en erbeben zu f�hlen. Eine unsichtbare warme Hand streichelte ihr Gesicht.</p><p>Gehetzt sah sie sich um. Wo die Nacht nicht von Hammenschein durchbrochen wurde, war die Dunkelheit vollkommen. �Karan! Wir m�ssen hier weg! Gibt es ein Versteck? Irgend etwas, wo wir sicher sind?�  Wie zur Antwort senkte sich zum vierten Male das Feuer der Drachen auf den Wald. Irgendwo, nicht sehr weit von ihnen entfernt, flammte ein Baum vom Wipfel bis zu den Wurzeln hinab auf und brannte sich f�r einen Moment als br�llende Feuers�ule in die Nacht, ehe er zerbrach. Angella hatte recht, dachte Tally entsetzt. Jandhi schien entschlossen zu sein, den gesamten Wald niederzubrennen!</p><p>�Dorthin!� Tally deutete in die Richtung, in der die beiden ersten Blitze in den Wald geschlagen waren, und rannte los, ohne den anderen Gelegenheit zum Widerspruch zu geben. Es war der schiere Wahnsinn � der Wald brannte, und das Feuer nahm zu, in der Richtung, in der sie lief. Und doch war es wahrscheinlich ihre einzige Chance.</p><p>Jandhi <emphasis>konnte</emphasis> nicht wissen, wo sie waren. Vermutlich hatte sie mit ziemlicher Genauigkeit gewu�t, wo das sonderbare Sprechger�t war, und es anvisiert � und das war wohl auch der einzige Grund, aus dem sie mit Tally gesprochen hatte. Jetzt lie� sie ihre Drachen offensichtlich wahllos Feuer in den Wald speien.</p><p>Sie lief etwas langsamer, um Karan und vor allem Hrhon Gelegenheit zu geben, zu ihr aufzuschlie�en. Die Nacht war mittlerweile vollends einem unruhigen Flackern oder Rot und Orange gewichen. Der Wald war in Panik. �berall brannte es. Schatten huschten hin und her. Etwas Gro�es, Stacheliges streifte Tallys Wade und verschwand in kopfloser Flucht in der Nacht. Ein Blatt klatschte wie eine gro�e nasse Hand in ihr Gesicht. Sie schlug es zur Seite, sprang �ber ein mannsbreites Loch im Netz hinweg und kam federnd auf. Ein brennender Ast l�ste sich aus dem Wipfeldach �ber ihren K�pfen, prallte dicht neben Angella auf und setzte den Boden in Brand. Angella versuchte die Flammen auszutreten, aber es gelang ihr nicht.</p><p>�Sinnlos!� keuchte Tally. �Karan! Der hohle Baum � wei�t du die Richtung?�</p><p>Karan nickte, und Tally versetzte ihm einen Sto� zwischen die Schultern, der ihn in die Richtung stolpern lie�, in die er gedeutet hatte.</p><p>Es war ein Wettlauf gegen den Tod, und noch bevor sie die halbe Strecke zur�ckgelegt hatten, begriff Tally, da� sie ihn verlieren w�rden. Die Drachen fuhren fort, Feuer in den Wald zu speien, und sie taten es nicht so wahllos, wie sie im ersten Augenblick angenommen hatte. Die Flammen folgten ihnen, nicht sehr gut gezielt, aber zu dicht, als da� es blo�er Zufall sein konnte. Zwei- oder dreimal entgingen Tally und die anderen dem H�llenfeuer nur um Haaresbreite. Die Hitze stieg, bis sie kaum mehr atmen konnten.</p><p>Und dann, ganz pl�tzlich, h�rte es auf. Der Wald brannte weiter, denn das H�llenfeuer der Drachen mu�te buchst�blich Hunderte von einzelnen Br�nden entfacht haben, und das Feuer griff nun auch von selbst um sich, aber aus dem Himmel regneten keine weiteren Flammen mehr.</p><p>Tally blieb schwer atmend stehen. Ihre Hand spielte nerv�s mit dem Laser, den sie gezogen hatte. Der unsichtbare Schutzwall, der sie bisher umgeben hatte, war zerbrochen. Auch in ihrer unmittelbaren N�he kroch und huschte und krabbelte es jetzt �berall; Kreaturen, wie sie Tally noch nie zuvor im Leben gesehen hatte und die nur eine einzige Gemeinsamkeit zu haben schienen � sie waren ausnahmslos h��lich, und schienen ausnahmslos nur aus Z�hnen und Krallen zu bestehen. Trotzdem kam ihnen keiner dieser m�rderischen Waldbewohner wirklich nahe, und wenn, dann nur durch Zufall. Die Angst vor dem Feuer war st�rker als Hunger und Jagdinstinkt. Sie befanden sich inmitten einer gewaltigen, panikerf�llten Flucht.</p><p>Karan deutete nach vorne. �Dort entlang. Es ist nicht mehr weit.�</p><p>Sie hasteten weiter. Ein brennender Baum verwehrte ihnen den Weg. Sie umgingen ihn, balancierten �ber schwelende �ste und unter einem Baldachin aus Flammen dahin, vorbei an gewaltigen, rauchenden L�chern, die pl�tzlich im Boden entstanden waren...</p><p>Tally erinnerte sich hinterher nicht mehr an alle Einzelheiten ihrer bizarren Flucht. Obwohl die Drachen aufgeh�rt hatten, Flammen zu speien, nahm das Feuer zu, Jandhis Angriff hatte einen Waldbrand verursacht, der vielleicht den gesamten Schlund erfassen mochte, zumindest aber den Teil des Waldes, in dem sie waren. Aber ihre allerschlimmsten Bef�rchtungen bewahrheiteten sich nicht � der hohle Baum stand noch, und er schien sogar unversehrt zu sein. Seine nackten, zu Stein gewordenen �ste streckten sich wie eine verkohlte Kralle mit zu vielen Fingern in den Himmel.</p><p>Tally erstarrte, als sie die Drachen sah.</p><p>Es waren unglaublich viele... zwanzig, drei�ig, vielleicht f�nfzig der titanischen schwarzen Kreaturen, die wie ein Schwarm �bergro�er h��licher Kr�hen �ber dem Wald kreisten. Dann und wann stie� eines der schwarzen Ungeheuer herab, wie ein Adler, der eine Beute ersp�hte. Aber das gef�rchtete Feuer blieb aus, und die Drachen war zu hoch und zu weit entfernt, als das Tally erkennen konnte, was sie wirklich taten.</p><p>�Bei den D�monen der Tiefe, Tally � wer bist du eigentlich?� fl�sterte Angella. Ihre Stimme klang eher ehrfurchtsvoll als erschrocken. �Was hast du getan, da� sie dich mit all ihrer Macht verfolgen.�</p><p>�Das beginne ich mich allm�hlich selbst zu fragen�, murmelte Tally. �Vielleicht... nimmt es mir Jandhi einfach nur �bel, da� ich sie blamiert habe.�</p><p>Sie lachte, aber es klang nicht sehr echt, und Angella antwortete gar nicht darauf. Statt dessen blickte sie konzentriert zu den kreisenden Drachen hinauf.</p><p>�Irgend etwas geht dort vor�, murmelte sie. �Sie... gro�er Gott! Schaut euch das an!�</p><p>Tally und Karan erkannten im gleichen Moment, was Angella gemeint hatte. Von den riesigen, dreieckigen Schatten der Drachen begannen sich winzige dunkle Punkte zu l�sen; schwarzer Regen, der absurd langsam in die Tiefe fiel und dabei auseinanderf�cherte. </p><p>�Hornk�pfe...�. murmelte Angella. �Verdammter Dreck, Tally � das sind Hornk�pfe! Hunderte!�</p><p>Tally antwortete nicht, aber sie wu�te, da� Angella nur zu recht hatte. Warum hatte sie diese M�glichkeit nicht selbst in Betracht gezogen, verdammte N�rrin, die sie war?! Der schwarze Regen war mittlerweile tief genug gefallen, da� sie die gro�en, mattgl�nzenden Chitink�rper erkennen konnte, aus denen er in Wahrheit bestand � eine Armee ins Absurde vergr��erter, fliegender K�fer, die sich auf den brennenden Wald herabsenkte, blitzenden Stahl in den H�nden.</p><p>Pl�tzlich begriff sie, da� Jandhi nicht ernsthaft erwartet hatte, sie und die anderen zu verbrennen � das Feuer hatte nur dem Zweck gedient, alles Leben aus dem Wipfelwald zu vertreiben. Jandhi hatte aus dem Schicksal ihrer Kriegerin und der beiden Hornk�pfe gelernt. </p><p>�Auf jeden Fall nehme ich noch ein paar von diesen Bestien mit�, versprach Angella. �Lebend bekommen sie uns nicht.�</p><p>�Sie bekommen uns �berhaupt nicht�, antwortete Tally. Ihre Stimme klang matt, gleichzeitig sehr entschlossen. Sie erschrak selbst, als sie ihren Klang h�rte. </p><p>�Nein?� Angella lachte bitter. �Dann verrate mir, wohin wir noch fliehen sollen!� W�tend hob sie den Arm und machte eine weit ausholende Bewegung. Der Wald brannte, in welche Richtung sie auch wies. Das Feuer der Drachen hatte einen meilenbreiten Ring in den Wipfel gebrannt.</p><p>�Eine Richtung gibt es noch.� Tally drehte sich langsam herum und wies erst auf Karan, dann nach unten. </p><p>�Du kennst den Weg.�</p><p>�Nein!� sagte Karan. Es klang wie ein Schrei.</p><p>Tally l�chelte. Ganz langsam hob sie den Laser, richtete den Lauf auf Karans Stirn und senkte den Daumen auf das rote Auge in seinem Griff.</p><p>F�r die Dauer von zwei, drei endlosen schweren Herzschl�gen starrte Karan sie nur an. Und irgend etwas in ihrem Blick schien in davon zu �berzeugen, da� sie es ernst meinte.</p><p>�Du wei�t nicht, was du tust�, sagte er.</p><p>Tally schwieg. Und nach einigen weiteren Sekunden drehte sich Karan w�tend herum und deutete auf den versteinerten Baum. �Folgt mir.�</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Der Abstieg hatte nicht einmal sehr lange gedauert. Karan hatte sie ein St�ckweit zur�ck in den Wald gef�hrt, bis sie eine Stelle erreichten, an der einer der Baumgiganten gest�rzt war, vom Blitz, vielleicht auch von einer der gigantischen L�ufer-Kreaturen gef�llt, deren Schritte sie in der ersten Nacht so in Furcht versetzt hatten. Der Baum war nicht vollends niedergebrochen: seine �ste hatten sich im Gewirr des Wipfelwaldes verfangen, so da� sie �ber den Stamm wie �ber eine schr�ge, mit einiger Vorsicht aber durchaus begehbare Rampe nach unten gelangen konnten.</p><p>Tally sah sich schaudernd um. �ber ihren K�pfen brannte es noch immer. Der Himmel �ber dem Wald loderte noch immer rot im Widerschein der Flammen. Hier unten aber, hundert Meter unter der Ebene, auf die sich das Leben auf der Flucht vor dem namenlosen Schrecken des Schlundes zur�ckgezogen hatte, herrschte ein sonderbares, dunkelgraues Licht, das Tally mit Unbehagen erf�llte; einem fast k�rperlichen Unwohlsein, gegen das sie wehrlos war. Je intensiver sie versuchte, sich dagegen zu wehren, desto st�rker schien es im Gegenteil zu werden. Es war ein Licht, das an Krankheit und F�ulnis erinnerte.</p><p>Sie hatte Angst.</p><p>Noch hatten sie den eigentlichen Boden nicht erreicht � Karan hatte angehalten, als der schwarze Sumpf des Grundes noch zwei, drei Schritte unter ihnen lag, und niemand, auch Angella nicht, hatte ihn zum Weitergehen gedr�ngt. Pl�tzlich verstanden sie alle, wovor Karan solch panische Angst hatte, Es waren keine Ungeheuer, keines der tausend gefr��igen Monster; die dieser Wald beherbergen mochte � es war der Wald selbst.</p><p>Was Tally oben, beim Anblick des versteinerten Baumes, schon einmal und nur sehr fl�chtig gesp�rt hatte, das f�hlte sie hier hunderttausendmal heftiger. Das B�se. Der Sumpf lag schwarz und tot und glatt wie ein Meer aus erstarrtem Pech unter ihnen, aber sie sp�rte das finstere, durch und durch <emphasis>b�se</emphasis> Etwas, das seine tr�gerisch glatte Oberfl�che verbarg, ein Etwas, f�r das es keine Begriffe in der menschlichen Sprache gab, ein Ding jenseits ihrer Vorstellungskraft, finster und lauernd und b�se... Wenn es so etwas wie negatives Leben gab, dachte sie fr�stelnd, dann war es <emphasis>das hier.</emphasis></p><p>Angella ber�hrte sie sacht an der Schulter und deutete nach rechts. Tallys blick folgte der Geste. Sie sah, da� der Boden nicht so leer war, wie Karan ihnen hatte glauben machen wollen: in einiger Entfernung erhoben sich eine Anzahl �bermannshoher, bleicher Gebilde aus dem schwarzen Morast, Dinge von schwer zu erfassender Form, die sie erst nach einiger Zeit als gigantische Pilzgew�chse zu identifizieren glaubte. Das unheimliche, <emphasis>kranke</emphasis> Licht, das diese bizarre Welt unter dem Wald erhellte, kam von diesen Gebilden. Irgend etwas bewegte sich im bleichen Schein der Verwesung.</p><p>�Schaut nicht hin�, fl�sterte Karan, dem ihre Blicke nicht entgangen waren. �Es mag sein, da� ihr Dinge seht, die nicht gut sind.�</p><p>Weder Tally noch Angella widersprachen. Beinahe hastig sahen sie weg. Tally hatte nur noch Angst. </p><p>�Wie... geht es weiter?� fragte Angella mit zitternder Stimme. Ihre Hand schmiegte sich so fest um den Schwertgriff, da� ihre Kn�chel knackten. Es war eine Geste ohne jede Bedeutung. Gegen die Gefahren, die hier unten auf sie lauern mochten, waren ihre Waffen wirkungslos.</p><p>�Es gibt... Wege durch den Sumpf�, murmelte Karan. �Aber sie sind gef�hrlich. Ein falscher Schritt...�</p><p>Er seufzte, drehte sich zu Tally herum und blickte nach oben. Der Wald und das gewaltige Netz schwebten wie ein geronnener schwarzer Himmel �ber ihnen, ein Netz aus Finsternis und braunen und gr�nen Str�ngen, durch dessen L�cken d�sterroter Hammenschein wie Blut tropfte.</p><p>�Und wenn wir hier bleiben?� schlug Tally vor. Sie deutete nach unten, auf den gewaltigen Baumstamm, auf dem sie standen. �Vielleicht finden sie uns nicht.�  Karan sch�ttelte den Kopf. �Sie werden es nicht wagen, Karan und euch hierher zu folgen�, sagte er. </p><p>�Aber hier zu verweilen, bedeutet den Tod. Ihr seid schon zu lange an einem Fleck. Nur Bewegung kann euch retten.�</p><p>Er atmete h�rbar aus, drehte sich wieder herum und blickte konzentriert nach unten. Dann deutete er nach links, hinein in das schattenerf�llte graue Licht, das wie Nebel �ber dem Sumpf hing.</p><p>�Dort entlang. Folgt Karan. Geht genau in seiner Spur. Weicht nicht davon ab, was immer auch geschehen sollte!�</p><p>�Und wenn Karan einen Fehltritt macht?� fragte Angella nerv�s.</p><p>�Dann sterbt ihr mit ihm�, antwortete Karan ruhig. </p><p>�Kommt!�</p><p>Alles in Tally schien sich wie in einem entsetzlichen Krampf zusammenzuziehen, als erst Karan und dann Angella auf den Boden heruntersprangen und die Reihe an sie kam, ihnen zu folgen. Es war nicht nur einfache Angst � es war, als wehre sich ihr K�rper ganz eigenst�ndig dagegen, dem unsichtbaren finsteren <emphasis>Etwas</emphasis> auch nur nahe zu kommen, als k�mpfe irgend etwas in ihrer Natur gegen das nicht-Leben an, dem sie sich n�herten. Sie war Feuer, das ins Wasser getaucht werden sollte und dies sp�rte. Als sie den Boden ber�hrte und bis �ber die Kn�chel in die widerw�rtige weiche Masse einsank, h�tte sie am liebsten geschrieen.</p><p>�Rasch jetzt!� befahl Karan. Seine Stimme war schrill und drohte �berzukippen. Im bleichen Licht der Faulpilze sah sein Gesicht aus wie das eines Toten. Tally h�rte, wie Hrhon hinter ihr auf den Boden herabsprang, aber sie hatte nicht den Mut, sich herumzudrehen. Angst sa� ihr wie eine unsichtbare fette Spinne im Nacken. Es war wie in einem jener entsetzlichen Alptr�ume, in denen sie rannte und rannte und rannte und doch genau wu�te, da� sie den namenlosen Schrecken nicht absch�tteln konnte, der sie verfolgte; einen Schrecken zudem, der sie einholen w�rde, im gleichen Moment, in dem sie sich herumdrehte und ihm ins Angesicht sah.</p><p>Sie rannten. Karan hetzte in scheinbar sinnlosem Zickzack vor ihnen her, hakenschlagend und manchmal fast grotesk aussehende S�tze und H�pfer vollf�hrend; Bewegungen, die Tally unter anderen Umst�nden zum Lachen getrieben h�tten, ihre Angst aber jetzt nur noch sch�rten.</p><p>Eine weitere Ansammlung der formlosen grauwei�en Riesenpilze tauchte vor ihnen auf, dazwischen ein Gespinst aus d�nnen, totenwei�en F�den. Karan hielt direkt darauf zu, wich erst im letzten Moment zur Seite und rannte noch schneller. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt. Torkelnd und durch den morastigen Boden, der sich bei jedem Schritt saugend um seine Kn�chel schlo�, zu einer grotesken vorgebeugten Haltung gezwungen, hielt er auf einen der gewaltigen Baumst�mme zu, die aus dem Sumpf emporwuchsen. Erst, als sie ihm ganz nahe waren, erkannte Tally die knorrigen schwarzen Wurzeln, die den ansonsten wie glattpoliert aussehenden Stamm umgaben � Karans Ziel.</p><p>Schweratmend erreichte er den Stamm, zog sich hastig auf das Wurzelgeflecht hinauf und gestikulierte ihnen, ihm zu folgen. Tally und Angella erreichten den Baum fast gleichzeitig, w�hrend Hrhon, der ohnehin ein St�ck zur�ckgefallen war, erhebliche M�he hatte, das Geflecht aus Wurzeln und zu Stein erstarrtem Holz zu erklimmen. </p><p>�Sind wir hier sicher?� fragte Angella.</p><p>Karan sch�ttelte den Kopf. �Es gibt keinen sicheren Platz hier�, sagte er. �Ihr m��t Kr�fte sammeln. Der Weg wird schwieriger.�</p><p>�Whiessso?� fragte Hrhon.</p><p>�Er wird jedes Mal schwieriger�, antwortete Karan. Selbst diesen wenigen Worten war deutlich anzuh�ren, welche �berwindung es ihn kostete, �berhaupt zu sprechen. �Sprecht nicht. Spart eure Kr�fte.�</p><p>�Wohin f�hrst du uns?� wollte Angella wissen.</p><p>�Hinauf�, erwiderte Karan unwillig. �Karan bringt euch wieder nach oben, in sicherer Entfernung zu Jandhi und ihren Drachen. Wenn ihm Zeit genug bleibt, hei�t das. Weiter jetzt!�</p><p>Und damit st�rmte er weiter, noch deutlich und nerv�ser, mit noch mehr Angst als beim ersten Mal. Wieder rannten sie im Zickzack durch den Sumpf, Karans scheinbar sinnlos gew�hltem Weg folgend und getrieben von einer an Panik grenzenden Furcht, die keinen sichtbaren Grund hatte, aber von Augenblick zu Augenblick schlimmer wurde. Und wieder waren es nur wenige hundert Schritte bis zum n�chsten Baum, dessen Wurzeln wie eine Insel aus dem Sumpf aufragten und ihnen f�r Augenblicke wenigstens das Gef�hl gaben, sicheren Boden unter den F��en zu haben.</p><p>Auf diese Weise ging es weiter. Karan rannte im Zickzack von Baum zu Baum, und jedes Mal, wenn sie ihren Weg fortsetzen, schien es schwieriger zu werden. Und da war noch etwas. Tally bemerkte es im ersten Moment nicht einmal, denn die Angst w�hlte wie ein entsetzlicher Schmerz in ihren Gedanken � aber das Vorw�rtskommen wurde nicht nur <emphasis>scheinbar</emphasis> schwieriger, sondern ganz konkret...</p><p>Waren ihre Beine w�hrend der ersten Minuten nur bis zu den Kn�cheln in den klebrigen Sumpf eingesunken, so versackte sie bald bei jedem Schritt bis an die Waden, dann dar�ber hinaus, schlie�lich bis fast an die Knie, so da� jeder einzelne Schritt mehr Kraft kostete als der Vorhergehende. <emphasis>Und irgend etwas n�herte sich ihnen...</emphasis>  Es war mehr als ein blo�es Gef�hl, mehr als ein weiterer Schrecken, mit dem sie ihre eigene Angst narrte � es war das absolut sichere Wissen, ein heftiger und schlimmer werdendes Gef�hl der N�he, der N�he von etwas Gigantischem, absolut Entsetzlichem, das unter dem Sumpf herankroch, langsam, aber unbarmherzig, fast im gleichen Tempo wie sie selbst, aber eben nur fast... Und sie war nicht allein mit dieser Furcht.</p><p>Auch Angellas Gesicht war vor Entsetzen verzerrt, und die Blicke, die Karan in immer k�rzerem Abstand nach rechts und links warf, sprachen B�nde. Sie hatten das Ungeheuer geweckt, das diesen entsetzlichen Nachtwald beherrschte, das begriff Tally pl�tzlich, und es kam n�her.</p><p>�Wie weit... ist es noch?� keuchte Tally, als sie wieder eine der kurzen, beinahe schon kr�ftezehrenden Pausen einlegten.</p><p>Karan blickte nach oben. Der lebende Himmel �ber ihnen loderte noch immer im d�steren Rot der Br�nde, aber die Wut des Feuers hatte merklich nachgelassen; sie hatten den Bereich, �ber dem die Drachen kreisten, fast �berwunden.</p><p>�Nicht mehr weit�, sagte Karan schlie�lich. �Sobald Karan eine Stelle findet, an der der Aufstieg m�glich ist, m��t ihr es riskieren. Ihr seid schon viel zu lange hier!�  Tally sah sich voller Angst um. Sie war nicht sicher, ob es wirklich das war oder ob sie nur einer weiteren Halluzination erlag � aber seit einer Weile schon glaubte sie eine schwere, wellenf�rmige Bewegung wahrzunehmen, die durch den schwarzen Morast lief, ein schwerf�lliges Heben und Senken, das sie auf entsetzliche Weise an die Atemz�ge eines gigantischen Lebewesens erinnerte... Sie sahen es alle im gleichen Moment: etwas Massiges, mehr als Mannsgro�es n�herte sich ihnen, schwebend und geschwind und in fast l�cherlichem Zickzack dem willk�rlichen Kurs folgend, den Karan eingeschlagen hatte. Und es war nicht allein.</p><p>�Jandhi!� keuchte Angella. �Das sind Jandhis H�scher!�</p><p>Es war l�cherlich � aber in diesem Moment empfand Tally nichts anderes als Erleichterung. Das riesige Etwas, das dort wie ein zu gro� geratener K�fer herangetorkelt kam, war nichts anderes als ein gewaltiger, schwarzgl�nzender Hornkopf, ein zwei Meter langes Fluginsekt, �ber dessen auseinanderklaffendem R�ckschild filigrane Insektenfl�gel schlugen. Nicht der namenlose Schrecken des Schlundes.</p><p>�Aber das ist unm�glich!� Karan schrie vor Entsetzen. </p><p>�Sie k�nnen Karans Spur nicht gefolgt sein!�</p><p>Seine Stimme schallte weit durch die umheimliche Stille des Sumpfes, und der h��liche Sch�del des Hornkopfes flog mit einem Ruck herum. Seine kleinen, ausdruckslosen Facettenaugen richteten sich auf die drei Menschen und den Waga, die wie Gestrandete auf einer Insel auf der Baumwurzel sa�en.</p><p>Hinter dem Hornkopf wuchsen die Schatten von weiteren fliegenden Rieseninsekten heran. Einige von ihnen wirkten buckelig und mi�gestaltet, bis Tally erkannte, da� auf ihren R�cken Reiterinnen hockten. Es waren sehr viele � zwanzig, drei�ig, vielleicht noch mehr. Und die Dunkelheit spie immer noch mehr und mehr aus. </p><p>�Das war's dann wohl�, sagte Angella leise. Ihr Blick streifte Tallys Hand, die ganz automatisch zum G�rtel gekrochen war. Sie sch�ttelte sanft den Kopf, und Tally zog die Hand zur�ck.</p><p>�Whenn isss sssie angreife�, zischelte Hrhon, �habht ihr vielleissst eine Sssanssse...�</p><p>�Nein!� Karan keuchte vor Schrecken. �R�hrt euch nicht. Vielleicht... vielleicht ist das die Rettung.�  Tally sah ihn �berrascht an. Aber sie fragte ihn nicht nach der Bedeutung seiner Worte, denn die Armee der fliegenden Hornk�pfe war fast heran. Kurz, bevor das erste Ungeheuer sie erreichte, schwenkte es zur Seite, wobei es gleichzeitig langsamer wurde. Seine durchsichtigen Fl�gel schlugen wie rasend, um den tonnenschweren K�rper in der Luft zu halten. Ein unangenehmes, vibrierendes Summen erf�llte die Luft, als mehr und mehr der schwarzgepanzerten Giganten herankamen und scheinbar schwerelos in der Luft verharrten. Nach kaum einer halben Minute sahen sich Tally und die anderen einem lebenden Wall aus Chitin und drohend ge�ffneten Mandibeln gegen�ber.</p><p>Dann teilte sich der schwankende Wall, um einem besonders gro�en Exemplar der fliegenden Hornk�pfe Platz zu machen. In seinen faustgro�en Kristallaugen schien eine boshafte Intelligenz zu schlummern, und sein Panzer war mit leuchtenden roten und gr�nen Streifen verziert. Auf seinem R�cken sa� eine menschliche Gestalt.</p><p>Tally spannte sich. Das Gesicht der Insektenreiterin war hinter dem geschlossenen Visier ihres Helmes verborgen, so da� sie sie nicht erkennen konnte. Aber sie war zu gro�, um Jandhi zu sein. Tallys Hand kroch zur Waffe.</p><p>Die Fremde machte eine fast beil�ufige, aber sehr schnelle Bewegung, und einer der Hornk�pfe scho� vor. Seine Mandibeln schnappten Zentimeter vor Tallys Gesicht in der Luft zusammen. Tally zog die Hand rasch zur�ck. Der Sumpf unter dem Halbkreis aus schwebenden Hornk�pfen begann Wellen zu schlagen.</p><p>�Ich sehe, du bist vern�nftig�, sagte die Fremde. Ihre Stimme klang sehr unangenehm, denn der geschlossene Helm verzerrte sie. �Du bist Tally.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Du hast uns viel �rger gemacht�, fuhr die Fremde fort. �Aber damit ist es jetzt vorbei. Steig auf!�  Wieder hob sie die Hand. Ein zweiter buntbemalter Riesenk�fer schwebte herbei und n�herte sich torkelnd der Wurzelinsel. Auf seinem R�cken war ein lederner Sattel befestigt.</p><p>�Was ist mit... mit meinen Freunden?� fragte Tally, ohne sich von der Stelle zu r�hren.</p><p>�Was soll mit ihnen sein?� Die Fremde lachte leise. </p><p>�Wir wollen nur dich. Mit den anderen haben wir keinen Streit. Sie k�nnen gehen.�</p><p>�Ihr wollt sie hier zur�cklassen?� Tally ballte in hilflosem Zorn die Faust. �Das bedeutet ihren Tod!�</p><p>�Niemand hat euch gebeten hierherzukommen�, erwiderte die Fremde unwillig. �M�glicherweise sterben sie, m�glicherweise auch nicht.�</p><p>�Rede weiter�, wisperte Karans Stimme an Tallys Ohr. </p><p>�Nur ein paar Augenblicke noch!�</p><p>�Ich gehe nicht ohne die anderen!� beharrte Tally. Irgend etwas Gigantisches, Formloses kroch unter dem Sumpf heran. Hier und da glitzerte fauliges Wei� unter dem Schwarz des Morastes. �Richte Jandhi aus, wenn sie mich haben will, mu� sie uns schon alle hier herausholen.�  Die Frau mit der schwarzen Gesichtsmaske stie� einen w�tenden Laut aus und beugte sich im Sattel vor. Ihr Fluginsekt taumelte, als sie das Gewicht verlagerte. Eines seiner Beine ber�hrte den Sumpf.</p><p>�Du mi�verstehst deine Lage, Tally!� sagte sie w�tend. </p><p>�Du hast nichts zu fordern! Ich gebe dir noch zehn Sekunden, dann erschie�e ich deine Freunde � vielleicht kommst du dann mit!� Sie zog eine Laserwaffe aus dem G�rtel und legte auf Karan an, um ihren Worten den geh�rigen Nachdruck zu verleihen.</p><p>Es war die letzte Bewegung ihres Lebens.</p><p>Angella schleuderte ein Messer. Die Klinge zuckte wie ein verschwommener silberner Blitz durch die Luft, traf das Handgelenk der Fremden und durchbohrte es. Die Frau schrie vor Schmerz und Schrecken auf, kippte nach hinten und fiel mithaltlos rudernden Armen in den Sumpf. Der schwarze Morast begann zu brodeln wie S�ure, in die man Wasser gesch�ttet hatte. Einen Moment lang ragten H�nde und Schultern der Fremden noch aus dem Sumpf hervor, dann war es, als packe sie eine unsichtbare Faust und zerre sie mit einem Ruck in die Tiefe. F�r eine Sekunde schlo� sich die schwarze Masse wie ein Leichentuch �ber ihr, dann...</p><p>Der Sumpf schien an einem Dutzend Stellen gleichzeitig zu explodieren. Klebriger schwarzer Morast scho� zehn, f�nfzehn Meter weit in die Luft, traf die fliegenden Insekten und schleuderte sie wie Spielzeuge herum. Und aus dem Sumpf brach...</p><p>Etwas <emphasis>Entsetzliches.</emphasis></p><p>Obwohl Tally jede Einzelheit mit geradezu phantastischer Klarheit sah, konnte sie sich hinterher nicht mehr erinnern, was sie <emphasis>wirklich</emphasis> gesehen hatte.</p><p>Es war, als weigere sich etwas in ihr, das grauenerregende Bild als wahr zu akzeptieren, weil es etwas war, das ihren Verstand zerbrechen mu�te, h�tte sie es wirklich erkannt.</p><p>Es war gigantisch. Ein riesiges, bleiches Etwas mit Gesichtern und M�ndern und peitschenden Tentakeln, bleich wie faulendes Fleisch und t�dlich, ein wei�es Gewimmel wie �bergro�e Maden, gleichzeitig ein K�rper, Arme, rei�ende F�nge und matte blinde Augen. D�nne, peitschende Tentakel schossen aus dem Sumpf, trafen die fliegenden Insekten und umschlangen sie, zerfetzten filigrane Fl�gel, zerrissen und zerbrachen Panzerplatten und Glieder und zerrten in die Tiefe, was sie nicht in der Luft zerbrechen konnten. Noch immer scho� Schlamm in die H�he, und immer mehr und mehr der widerw�rtigen wei�en Madenw�rmer b�umten sich auf, griffen mit schnappenden M�ulern nach den Hornk�pfen und ihren Reiterinnen, t�teten, zerfetzten, zerrten in die Tiefe... </p><p><emphasis>�Lauft!�</emphasis> schrie Karan mit �berschnappender Stimme. Wie von Sinnen rannten sie los. Hinter ihnen kochte der Sumpf. Die unheimliche Stille war einem Chor gellender Schreie und entsetzlicher, splitternder Laute gewichen. Schwarzer Schlamm regnete vom Himmel, und als Tally von der Wurzel heruntersprang und bis an die Knie einsank, sp�rte sie schrecklichen, schleimig-weichen Widerstand unter den F��en. Etwas Helles, D�nnes zuckte aus dem Boden und wickelte sich um ihren Arm. Mit der Kraft der Verzweiflung zerfetzte sie es, streifte das zappelnde Ende angeekelt ab und hetzte weiter.</p><p>Trotz des entsetzlichen Gemetzels, dessen Zeuge sie waren, blieben sie fast unbehelligt. Die furchtbaren Angreifer schienen sich � aus einem Grund, �ber den Tally gar nicht erst nachzudenken wagte � einzig auf die Hornk�pfe und ihre Reiterinnen zu konzentrieren. Trotzdem rannte Karan wie von Furien gehetzt, und auch Tally und Angella stolperten durch den klebrigen Morast, so schnell sie nur konnten. Selbst Hrhon, der normalerweise schon M�he hatte, mit einem normal gehenden Menschen Schritt zu halten, fiel nicht merklich zur�ck. Tally warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck, und was sie sah, lie� sie ihr Tempo noch mehr steigern. Der Morast kochte. Das stumpfe Schwarz war zu einem brodelnden Muster aus Schwarz und fauligem Wei� und widerw�rtigen, sich windenden madenartigen K�rpern geworden, aus dem buchst�blich Tausende von d�nnen, peitschenden Tentakeln hervorwuchsen, ein zitternder Wald, der die Hornk�pfe verschlang. Nur den allerwenigsten der fliegenden Insekten war die Flucht gelungen. Tally sah eines der Ungeheuer torkelnd durch die Luft schie�en; in seinem Nacken etwas Gro�es, Wei�es, das sich in seinen Leib hineinfra�.</p><p>�Dort vorne!� Karan deutete auf einen verschwommenen Umri�, der sich vor ihnen aus dem bleichen Licht zu sch�len begann. Nach einigen Sekunden erkannte Tally, da� es ein Baum war, niedergest�rzt und vom Wipfelwald gehalten wie der, �ber den sie heruntergekommen waren, nur sehr viel �lter und von F�ulnis und Verwesung schon beinahe zerfressen.</p><p>Der Anblick gab ihr noch einmal neue Kraft. Keuchend stolperte sie weiter, erreichte die ersten Ausl�ufer der Wurzeln und zog sich daran in die H�he. Etwas Kleines, Wei�es ber�hrte ihre Hand und huschte lautlos davon. Irgend etwas ber�hrte ihre Wade. Tally schrie auf wie unter Schmerzen, griff mit beiden H�nden zu und zog sich mit letzter Kraft in die H�he.</p><p>Aber sie waren noch nicht in Sicherheit. Der Stamm f�hrte in steilem Winkel nach oben, und Rinde und Holz waren so morsch, da� sie bei jedem zweiten Schritt einzubrechen drohten. Trotzdem gestattete ihnen Karan keine Rast, sondern hetzte unbarmherzig weiter, bis der Sumpf zehn, zw�lf Meter unter ihnen lag. Erst dann blieb er stehen, drehte sich schweratmend um und sank ersch�pft auf die Knie.</p><p>�Sind wir... in... Sicherheit?� fragte Angella schweratmend.</p><p>�Noch nicht�, st�hnte Karan. Er wollte sich aufrichten, hatte aber nicht mehr die Kraft dazu und sank wieder auf H�nde und Knie herab. �Aber Karan wird... es merken, wenn... wenn ein Angriff erfolgt. Ruht euch... einen Moment aus.�</p><p>Tally schwindelte. Sie hatte auf den wenigen Schritten hierher alles gegeben, was sie geben konnte. Ihr K�rper war ausgepumpt, leer, aller Kraft beraubt. Und den anderen erging es nicht besser. Selbst Hrhons Schuppengesicht wirkte grau vor Anstrengung. Trotzdem stemmte sie sich mit letzter Kraft in die H�he, kroch auf Karan zu und ergriff ihn an der Schulter.</p><p>�Was ist das hier, Karan?� st�hnte sie. Selbst diese wenigen Worte bereiteten ihr M�he. �Was bedeutet das alles! Ich will jetzt endlich eine Antwort!�</p><p>�Sp�ter.� Karan versuchte ihre Hand abzustreifen, aber seine Kraft reichte nicht. �Karan wird euch alles erkl�ren, aber nicht �� Er stockte. Seine Augen wurden rund vor Entsetzen, w�hrend sein Blick an Tally vorbei in die Tiefe fiel.</p><p>Tally schrie auf, als sie sich herumdrehte.</p><p>Nur wenige Schritte neben dem Baumstamm ragte eine Anzahl der fahlen Riesenpilze aus dem Boden, und zwischen ihnen, bis zur Taille im schwarzen Morast versunken und mit schmerzverzerrtem Gesicht, stand...</p><p><emphasis>�Weller!�</emphasis></p><p>Angellas Schrei und Tallys Bewegung waren eines. Von einer Sekunde auf die andere waren alle Furcht und Ersch�pfung vergessen. Nur noch mit einem winzigen Teil ihres Bewu�tseins registrierte sie, wie Karan ebenfalls aufschrie und sie festzuhalten versuchte, dann war sie herum und sprang blindlings in die Tiefe.</p><p>Der weiche Morast d�mpfte ihren Sturz. Sie fiel, kam, von ihrem eigenen Schwung nach vorne gerissen, wieder auf die F��e und taumelte auf Weller zu. �ber ihr begann Karan schrill und wie unter Folterqualen zu schreien; sie verstand die Worte nicht, und h�tte sie sie verstanden, sie h�tte nicht darauf reagieren k�nnen. Ein winziger Teil ihres logischen Denkens funktionierte noch � ein Teil, der ihr zufl�sterte, da� das, was sie zu sehen glaubte, vollkommen unm�glich war � sie waren Meilen von der Absturzstelle entfernt. Weller konnte den Sturz nicht �berlebt haben, und wenn doch, so war es unm�glich, ihn <emphasis>hier</emphasis> wiederzusehen.</p><p>Aber sie stolperte blindlings weiter, unf�hig, auf Karans Schreie und die dr�ngende Stimme in ihrem Innern zu h�ren. F�r einen Moment verlor sie Weller aus dem Blick und sah nur noch die gewaltigen bleichen Pilze. Der Boden dazwischen kochte. Etwas Schlankes, Massiges wie eine faulende wei�e Schlange bewegte sich darin, ein faustgro�es blindes Auge starrte sie an. Dann sah sie Weller wieder. Er war etwas weiter in den Boden eingesunken, sein Gesicht verzerrt vor namenlosem Grauen. Und er schrie: hohe, entsetzliche T�ne, wie sie eine menschliche Kehle kaum hervorbringen konnte und die sie doch verstand.</p><p>Er schrie ihren Namen. <emphasis>�Tally!�</emphasis> br�llte er. <emphasis>�Um Gottes Willen, hilf mir! so hilf mir doch!�</emphasis></p><p>Und dann sah sie, was es wirklich war.</p><p>Es war Weller � oder wenigstens etwas, das wie Weller aussah, eine Weller-Kopie aus weichem Brei, perfekt bis zur Brust und den Ellbogen hinab, darunter aus der Form geraten, zerlaufend, flie�end... Seine H�nde waren bereits verschwunden, die Unterarme l�sten sich auf wie Wachs, das in der Sonnenglut schmolz und in z�hen F�den zu Boden tropfte, dann begann sich seine Brust aufzul�sen. Hals und Schultern sanken ein, und mit einem Mal begann sein Gesicht Blasen zu schlagen. Augen und Nase verschwanden, krochen auf entsetzliche Weise in die flacher werdende Stirn zur�ck, nur noch der Mund war da, ein zerfranstes, aufgerissenes Loch, aus dem diese schreckliche Stimme noch immer ihren Namen br�llte: <emphasis>�Hilf mir! Tally, so hilf mir doch!!!!�</emphasis>  Tally stand noch immer da und schrie, als Hrhon und Angella neben ihr anlangten. In blinder Panik schlug sie um sich, h�rte Angella st�rzen und f�hlte sich pl�tzlich von Hrhons �bermenschlich starken H�nden gepackt. Wie von Sinnen trat sie zu, h�mmerte mit den F�usten auf Hrhons Sch�del ein und versuchte sogar an ihre Waffe zu kommen.</p><p>Angella entwand ihr den Laser, holte aus und versetzte ihr einen Schlag mit der flachen Hand, der sie halb besinnungslos in sich zusammensinken lie�. Aber sie schrie immer noch weiter, b�umte sich mit aller Kraft gegen Hrhons Griff auf, versuchte ihm die Augen auszukratzen und trat nach Angella.</p><p>Wie in einer entsetzlichen Vision, auf die sie selbst keinen Einflu� hatte, h�rte sie sich schreien, ununterbrochen Wellers Namen rufend, und als Antwort noch immer das hohe, schrille Kreischen des Weller-Dinges, Laute, die nichts mehr mit einer menschlichen Stimme gemein hatten und die doch ihren Namen br�llten, erf�llt von einer Furcht, die die Grenzen des Vorstellbaren sprengte.</p><p>Dann brach ein peitschendes wei�es Etwas aus dem Sumpf, unmittelbar neben Hrhon. Schwarzer Morast besudelte sie; ein nur kleinfingerstarker, aber ungemein kr�ftiger Strang wickelte sich wie eine Peitschenschnur um Hrhons K�rper. Der Waga br�llte vor Zorn und Schmerz und versuchte ihn zu zerrei�en, aber selbst seine ungeheuerlichen Kr�fte versagten. Neben ihr schrie Angella wie unter Schmerzen auf, hob den Laser und versuchte vergeblich, die Waffe einzuschalten. Auch zwischen ihren F��en zerbarst der Sumpf. Ein ganzes Gespinst wei�er, glitzernder F�den scho� in die H�he, wickelte sich um Angellas Arme, ihre Schultern, . und ihren K�rper, legte sich wie ein klebriges Gespinst �ber ihr Gesicht und erstickte ihre Schreie. Tally sp�rte, wie sich Hrhon noch einmal aufb�umte und mit aller Gewalt an dem entsetzlichen Geflecht zerrte, das ihn in die Tiefe rei�en wollte.</p><p>Und pl�tzlich war Karan da. Blindlings und ohne auf die Gefahr zu achten, in die er sich selbst begab, sprang er zu ihnen herab, warf sich mit einem Schrei auf Angella und begann das erstickende Wurzelgeflecht von ihrem Gesicht herunterzuzerren.</p><p>Was Hrhon mit seinen �bermenschlichen Kr�ften nicht geschafft hatte � ihm gelang es. Die wei�en F�den zerrissen wie Spinnweben. Pl�tzlich war Angellas Gesicht wieder frei; sie konnte atmen. Karan zerrte und ri� weiter, befreite auch ihre Schultern und Arme und hielt pl�tzlich den Laser in der Hand.</p><p>Ein d�nner, unertr�glich glei�ender Blitz fuhr aus der Waffe und brannte ein rauchendes Loch in den Boden, nur wenige Handbreit vor Angellas F��en.</p><p>Tally glaubte das qualvolle Zusammenziehen des unglaublichen Wesens wie einen eigenen Schmerz zu f�hlen. Mit einem Male waren sie frei. Die d�nnen Str�nge, die Hrhon und sie gepackt und in den Boden hinabzuziehen versucht hatten, fielen kraftlos herab. Hrhon stie� einen erleichterten Schrei aus und st�rmte los, w�hrend Karan hinter ihnen herumfuhr und Angella in die H�he ri�, mit einer Kraft, die er einfach nicht haben konnte.</p><p>Sie erreichten den Baumstamm. Hrhon warf sie wie eine leblose Last auf das morsche Holz hinauf, fuhr noch einmal herum und streckte die Pranken aus, um Karan und Angella zu helfen.</p><p>Aber Tally registrierte all dies nur mit einem winzigen Teil ihres Bewu�tseins. Sie war fast besinnungslos, und fast wahnsinnig vor Angst � und sie h�rte noch immer Wellers entsetzliche Schreie.</p><p>Die Alptraumgestalt war l�ngst verschwunden, eins geworden mit dem gigantischen protoplasmischen Ungeheuer, das sich unter dem schwarzen Sumpf des Bodens verbarg, aber Tally sah sie noch immer. Wohin sie auch blickte, glaubte sie das f�rchterliche, zerlaufende Gesicht zu erkennen, den hilflos aufgerissenen Mund, aus dem gellende Hilfeschreie drangen. Sie war nicht mehr Herrin ihres Willens. W�hrend Hrhon sich abm�hte, Karan und Angella auf die rettende Insel hinaufzuzerren, stemmte sie sich hoch, kroch auf H�nden und Knien zur�ck, zur�ck zum Sumpf, zu Weller, den sie retten mu�te, der ein Recht darauf hatte, gerettet zu werden, von ihr gerettet zu werden, denn sie war es gewesen, die ihn hierhergebracht hatte, die...</p><p>Sie sah Hrhon �ber sich aufragen, versuchte ihn beiseitezusto�en und sp�rte nur noch, wie seine gewaltige Pranke sie beinahe sanft im Nacken ber�hrte.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Es war hell, als sie erwachte. Sie sp�rte, da� sie nur Minuten ohne Bewu�tsein gewesen sein konnte. Unter ihr war der schuppige Panzer Hrhons, der sie trug, auf ihrem R�cken seine Hand. Ihr Herz jagte, als w�re sie um ihr Leben gerannt, und sie erinnerte sich vage an einen Traum, einen entsetzlichen, nicht enden wollenden Traum, der Stunden gedauert zu haben schien, obwohl sie mit einem anderen, klar gebliebenen Teil ihres Bewu�tseins begriff, da� sie nur Augenblicke ohne Bewu�tsein gewesen war, ein Traum, in dem sie selbst ein Rolle spielte, und eine f�rchterliche Kreatur, die Weller war und doch nicht Weller, und die...</p><p>Die Erkenntnis, da� es kein Traum war, lie� sie aufschreien. Sie fuhr hoch, schlug in blinder Furcht um sich und sp�rte, wie ihre Handgelenke gepackt und festgehalten wurden. Die Dunkelheit �ber ihr zersplitterte zu einem zackigen Muster aus Schwarz und Gr�n und loderndem Rot, als Hrhon sie wenig sanft von der Schulter hob und zu Boden legte.</p><p>In ihren Ohren war noch immer der gellende Schrei der Weller-Kreatur, seine Hilferufe, die sich unausl�schlich tief in ihre Seele gebrannt hatten, zu tief, als da� sie sie jemals wieder vergessen konnte. Sie schrie, b�umte sich auf und sp�rte, wie eine Hand in ihr Gesicht klatschte. Der Schmerz war seltsam irreal.</p><p>M�hsam �ffnete sie die Augen. Es war noch immer Nacht. Das Licht kam von den Br�nden, die irgendwo, nicht mehr sehr weit �ber ihnen, den Himmel verzehrten. Dann erkannte sie Angella.</p><p>�Nimmst du freiwillig Vernunft an, oder mu� ich sie dir einpr�geln?� fragte Angella. Sie l�chelte, aber ihr Blick war sehr ernst.</p><p>Tally nickte m�hsam. Ihre Wange brannte, wo sie Angellas Hand getroffen hatte. �La�... mich los�, sagte sie. �Ich bin in Ordnung.� Das Reden fiel ihr schwer. Da war etwas gewesen, in ihrem Traum oder dem entsetzlichen Erlebnis, das sie f�r einen Traum gehalten hatte. Sie wu�te nicht mehr, was es war, aber es war wichtig gewesen. Lebenswichtig. Eine Erkenntnis. Ein j�hes Wissen, das alles erkl�rte. Aber es war verschwunden. Und je mehr sie versuchte, es zur�ckzuzwingen, desto rascher schien es ihr zu entgleiten.</p><p>Angella schien ihr nicht zu glauben, denn sie lockerte den Griff um ihre Handgelenke zwar ein wenig, lie� aber noch nicht los. �Wie f�hlst du dich?�</p><p>�Gut, verdammt noch mal.� Tally ri� sich �rgerlich los, setzte sich vollends auf und sah sich um.</p><p>Im ersten Moment erkannte sie nichts als Schw�rze, durchzuckt von roten und dunkelgelben Blitzen aus Licht. Dann begriff sie, da� der zerbrochene Himmel. �ber ihr das gewaltige Netz war, das Karan das Dazwischen genannt hatte.</p><p>Aber das Licht war nicht das sinnverwirrende gr�ngraue Halblicht der D�mmerungszone, sondern flackernder Feuerschein, der durch L�cken und rauchende L�cher in der Pflanzendecke fiel. Es gab sehr viele solcher L�cken, wie Tally mit einem raschen Blick feststellte. Das Bl�tterdach �ber ihnen war zerfetzt. Bl�tter und Pflanzen hingen als verkohlte Str�nke von den geschw�rzten St�mmen der Riesenb�ume. Hier und da tropfte fl�ssiges Feuer in die Tiefe wie brennender Regen. Die Luft roch verbrannt. Sie waren nicht mehr weit von der Stelle entfernt, an der sie in die Unterwelt herabgestiegen waren.</p><p>�Was ist passiert?� fragte sie m�hsam.</p><p>Angella zuckte mit den Schultern. �Karan hat uns rausgebracht�, antwortete sie. �Was sonst?� Ein �rgerliches Stirnrunzeln huschte �ber den nicht verbrannten Teil ihres Gesichts. �W�re es anders, w�rst du kaum noch in der Lage, eine derartig dumme Frage zu stellen.� </p><p>�Zum Teufel, das meine ich nicht�, fauchte Tally. </p><p>�Was ist mit den Hornk�pfen und Karan?�</p><p>�Komm, komm, Tally�, sagte Angella �rgerlich. �Du warst ein paar Sekunden weggetreten, keine zehn Tage � also was soll das? Deine hornigen Freunde sind tot � wenigstens hoffe ich es. Und was Karan angeht � frag ihn selbst. Seit wir hier sind, schweigt er wie ein Grab. Er will nur mit dir reden.� Sie deutete mit einer w�tenden Geste �ber die Schulter zur�ck auf Karan, der mit untergeschlagenen Beinen dahockte und ins Leere starrte. Tally stand auf. Im ersten Moment schwindelte ihr. Die Tiefe unter ihr schien zu locken, und da war die Stimme... Wellers Stimme, zu einem entsetzlichen, kreischenden Etwas verzerrt, das tief in ihrer Seele w�hlte und grub...</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte sie.</p><p>Karan hob m�de den Blick. In seinen Augen stand ein Ausdruck von vagen Schmerz. Er nickte. �Du verlangst jetzt sicher eine Erkl�rung von Karan�, sagte er. </p><p>�Es w�re an der Zeit, meinst du nicht?� fauchte Angella.</p><p>Tally hob �rgerlich die Hand und gab ihr ein Zeichen, zu schweigen. �Was war das?� fragte sie. �Dieses... dieses <emphasis>Ding,</emphasis> Karan?� Selbst die blo�e Erinnerung an ihr schreckliches Erlebnis bereitete ihr fast k�rperliche �belkeit.</p><p>�Nichts�, antwortete Karan ausweichend. Er sah Tally nicht an. �Nur ein Trugbild. Einer der zahllosen Schrecken, mit denen der Schlund seine Opfer narrt.�</p><p>Aber sie sp�rte, da� er log, und Karan mu�te seinerseits sp�ren, da� es so war, denn er wich ihrem Blick noch immer aus. �Nur ein Trugbild, Tally�, sagte er noch einmal.</p><p>�Warum hattest du dann solche Angst davor?� fragte sie. �Was ist das dort unten, Karan? Die... die Ungeheuer, die die Hornk�pfe vernichtet haben � was sind sie?�</p><p>Wieder hatte sie das deutliche Gef�hl, da� Karan nach einer Ausflucht suchte, nach irgendeiner plausiblen, aber <emphasis>falschen</emphasis> Erkl�rung f�r das Entsetzliche, das sie erlebt hatten. Dann l�chelte er pl�tzlich; rasch und voller Schmerz und Resignation. Einen Moment lang sah er sie an, dann stand er auf, drehte sich halb herum und deutete nach oben.</p><p>�Ihr m��t fort�, sagte er. �Eure Feinde sind noch in der N�he, Karan kann sie sp�ren.�</p><p>�Das ist keine Antwort!� fauchte Angella. Aber Karan reagierte gar nicht auf ihre Worte, sondern deutete nur abermals nach oben, legte den Finger auf die Lippen und bedeutete ihnen mit Grimassen, still zu sein. Widerwillig � und eigentlich nur aus dem einzigen Grund, da� sie gar keine andere Wahl hatte � folgte ihm Tally, als er weiterging. Er ging vorsichtig und stark nach vorne gebeugt, wie ein Mann, der gegen einen unsichtbaren Sturmwind ank�mpfte.</p><p>Es wurde ein wenig heller, als sie das Netz durchstie�en, aber es war noch immer nicht das Licht des Tages, sondern flackernder Feuerschein. Wie Tally bef�rchtet hatte, hatte der Brand um sich gegriffen. Mit dem n�chsten Regen w�rde er erl�schen, aber zumindest jetzt noch brannte der Wipfelwald �berall. Die Luft schmeckte bitter und nach Rauch. Ein unglaublicher L�rm schlug �ber ihnen zusammen.</p><p>Karan blieb stehen, sah sich einen Moment lang unschl�ssig um und deutete dann in die Richtung, in der das Muster aus Rot und Orange nicht ganz so dicht war. </p><p>�Dort entlang!�</p><p>Tally warf einen letzten Blick in die Tiefe, ehe sie losging. Sie schauderte. Unter ihr war nichts. Das bleiche Totenlicht des Schlundes war verschwunden, als w�re es nur f�r sie sichtbar, die ohnehin in seine unsichtbaren F�nge gerieten, aber sie sp�rte die Verlockung, das lautlose Wispern in ihrem Innern, die Stimme Wellers, die sie nie, nie wieder vergessen w�rde. Sie war es gewesen, die ihn hierhergebracht hatte, die die Schuld an seinem Tod (Tod? Nein � etwas tausendfach Schlimmeres!) trug. Diesmal kostete es sie ungeheure �berwindung, den Gedanken zur�ckzudr�ngen und sich Karan und den beiden anderen anzuschlie�en.</p><p>Es war wie eine getreuliche Fortsetzung des Alptraumes, der mit dem Abend seinen Anfang genommen hatte. Der Wald brannte an zahllosen Stellen. Dann und wann regnete Feuer aus dem Wipfelwald �ber ihren K�pfen, und mehr als einmal mu�te Karan umkehren, weil es den Weg, den er kannte, nicht mehr gab. Sie marschierten eine halbe Stunde lang durch eine H�lle aus flackerndem Licht und Hitze und Feuer, das j�h vom Himmel fiel, aus Rauch und unbeschreiblichem L�rm, und sie legten in dieser Zeit nicht mehr als eine Meile zur�ck; vielleicht weniger, denn mehr als einmal mu�ten sie gro�e Umwege in Kauf nehmen.</p><p>Pl�tzlich blieb Karan stehen, hob warnend die Hand und deutete mit der anderen auf eine Stelle dicht vor ihnen.</p><p>�Was ist?� fragte Tally.</p><p>Karan zuckte die Achseln, bedeutete ihnen mit Gesten, zur�ckzubleiben, und ging allein weiter, sehr viel vorsichtiger als bisher. Trotz seiner Warnung folgten ihm Tally und Angella, w�hrend Hrhon ein St�ck zur�ckblieb, um ihren R�cken zu decken.</p><p>Tally versp�rte einen eisigen Schauer von Furcht und Ekel, als sie sah, was Karan entdeckt hatte.</p><p>Es war ein Hornkopf; eine der gigantischen fliegenden K�ferkreaturen, denen sie um ein Haar zum Opfer gefallen w�ren. Er war tot. Ein Teil seines R�ckenpanzers war weggerissen, das verwundbare H�gelgespinst darunter zerfetzt und wie verbrannt. Etwas Wei�es, Formloses hatte sich in das verwundbare Fleisch darunter gefressen.</p><p>Dann sah sie die verkr�mmte Gestalt, die neben dem Rieseninsekt lag.</p><p>Ganz instinktiv blieb sie stehen. Die Frau war tot, <emphasis>mu�te</emphasis> tot sein, so, wie sie zwischen den geschw�rzten �sten lag, mit unnat�rlich verrenkten Gliedern, �ber und �ber mit ihrem eigenen und dem Blut des Hornkopfes besudelt, aber Tallys Instinkte waren st�rker als ihr logisches Denken. Sie blieb stehen, trat ein winziges St�ck zur Seite und senkte die Hand zum G�rtel, wo der Laser sein sollte. Erst dann fiel ihr ein, da� Angella ihr die Waffe fortgenommen hatte � und danach Karan. </p><p>�Nicht�, sagte Karan warnend. �Geht nicht n�her.�  Auch er schien die Gefahr zu sp�ren, die die tote Drachenreiterin wie ein �bler Geruch umgab.</p><p>Nicht so Angella. Sie schnaubte abf�llig, trat an Tally vorbei und kniete neben der Toten nieder. Mit einer groben Bewegung drehte sie sie auf den R�cken.</p><p>Die Hand der Toten bewegte sich. Ein winziges, rotes D�monenauge starrte Angella an.</p><p>Tally reagierte, ohne zu denken. Mit weit ausgebreiteten Armen warf sie sich vor, umschlang Angellas Taille und ri� sie zu Boden. Gleichzeitig stie�-ihr Fu� nach der Hand der Drachenreiterin. Sie traf, aber nicht richtig; der Laser prallte zur�ck, wurde seiner Besitzerin aber nicht aus der Hand geschleudert, sondern entlud sich mit einem peitschenden Knall.</p><p>Es ging unglaublich schnell, aber Tally sah jedes noch so winzige Detail mit entsetzlicher Klarheit.</p><p>Gleichzeitig schien sich die Luft in einen z�hen Sirup zu verwandeln, der ihre Glieder daran hinderte, sich mit der gewohnten Schnelligkeit zu bewegen. Sie war hilflos, nur noch Zuschauerin des Entsetzlichen, das geschah: Der Blitz fuhr kaum eine Handbreit an ihrem R�cken vorbei, sengte eine flammende Spur in den Wald und explodierte in Karans Schulter. Karans rechter Arm flammte auf wie eine Fackel. Feuer sprang auf sein Gesicht �ber, ergriff sein Haar und sein Hemd, pl�tzlich verstummten seine Schreie; ein Mantel aus wei�roten Flammen h�llte ihn ein. Er taumelte, blieb einen Moment reglos stehen, in grotesker, vorgebeugter Haltung, als wehre sich etwas in ihm noch mit verzweifelter Kraft, dann brach er zusammen.</p><p>Angella schrie auf, stie� Tally zur�ck und warf sich auf die Drachenreiterin. Ein Dolch blitzte in ihrer Hand. Ihr Gesicht war verzerrt vor Ha�.</p><p>�Nicht!� schrie Tally. �Tu es nicht, Angella!�</p><p>Aber es war zu sp�t. Der Laser in der Hand der Sterbenden bewegte sich, aber Angella war schneller. Mit einem Tritt fegte sie die Waffe beiseite, hob den Arm und stie� zu, einmal, zweimal, dreimal, wie in einem schrecklichen Blutrausch gefangen, immer und immer wieder, bis Tally endlich �ber ihr war und ihren Arm zur�ckri�.</p><p>Angella versuchte auch nach ihr zu stechen. Tally wich dem Dolch aus, packte ihr Handgelenk und verdrehte es, bis sie die Waffe fallen lie�. Dann versetzte sie ihr eine schallende Ohrfeige.</p><p>�Verdammte N�rrin?� schrie sie. �Was ist in dich gefahren?!� Sie schlug ein zweites Mal zu � diesmal nicht mehr, weil es n�tig war, sondern schlicht und einfach, weil sie etwas brauchte, an dem sie ihre Wut auslassen konnte �, zerrte Angella grob von der Brust der Toten herunter und versetzte ihr einen Sto�, der sie abermals zu Boden fallen lie�. �Du verdammte N�rrin!�  schrie sie, au�er sich vor Zorn. �Warum hast du sie umgebracht! Sie h�tte uns wertvolle Informationen geben k�nnen. Sie ��</p><p>Sie sprach nicht weiter, als sie den Ausdruck in Angellas Gesicht sah.</p><p>Angella war totenbleich geworden. Der Abdruck von Tallys Hand zeichnete sich rot auf ihrer Wange ab. Ihr Mund stand halb offen, wie zu einem Schrei, und ihre Augen schienen vor Entsetzen schier aus den H�hlen quellen zu wollen. �Ka... ran!� stammelte sie.</p><p>Tally drehte sich herum.</p><p>Das erste, was sie sah, war Hrhon, und obwohl sie ihn nur f�r den Bruchteil einer Sekunde anblickte, begriff sie doch, da� sie den Waga zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich fassungslos sah, erstarrt vor ungl�ubigem Schrecken und gesch�ttelt vor Angst.</p><p>Dann sah sie Karan.</p><p>Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Und es war unm�glich.</p><p>Sie hatte <emphasis>gesehen,</emphasis> wie der Laserblitz Karan traf. Sie wu�te, welche Verheerung diese schreckliche Waffe ausrichten konnte, und sie hatte <emphasis>gesehen,</emphasis> wie sein K�rper wie ein St�ck trockener Holzkohle ausgeflammt war. Gro�er Gott, sie hatte es <emphasis>GESEHEN!</emphasis></p><p>Aber er war nicht tot.</p><p>Karan hockte, mit verzerrtem Gesicht und stierem Blick zwar, aber <emphasis>unverletzt,</emphasis> auf den Boden, den rechten Arm gegen den Leib gepre�t. Sein Wams war zu Asche verkohlt, aber die Haut darunter war glatt und unversehrt, rosig wie die eines Neugeborenen, ohne die winzigste Wunde, ohne die allergeringste Spur der H�llenglut, die sie vor Tallys Augen versengt hatte.</p><p>Und dann, endlich, begriff sie.</p><p>Alle Angst fiel von ihr ab. Pl�tzlich hatte sie keine Furcht mehr, allein, weil sie begriff, da� das Geheimnis, dem sie gegen�berstand, zu gro� war, als da� sie irgendwelche menschlichen Gef�hle als Ma�stab anlegen konnte. Sie... schauderte. Die Tiefe der Erkenntnis, die sie �berfiel, lie� irgend etwas in ihr beinahe ehrf�rchtig erzittern. Es fiel ihr selbst schwer, zu sprechen. </p><p>�Das also war es�, murmelte sie.</p><p>Karan nickte. Er stand auf. Sein Arm, der vor Tallys Augen zu schwarzer Schlacke geworden war, hob sich, unversehrt, glatt neugeboren. Nein � <emphasis>neugeschaffen,</emphasis> verbesserte sie sich in Gedanken. Was f�r eine N�rrin war sie doch gewesen, es nicht schon vorher zu merken. </p><p>�Was... was bedeutete das?� stammelte Angella.</p><p>Ihre Stimme war schrill. Zitterte. Tally h�rte den Ton beginnender Hysterie darin. �Was bedeutet das, Tally?�  kreischte sie.</p><p>�Schweig�, sagte Karan sanft. �Deine Angst ist verst�ndlich, aber unbegr�ndet. Karan ist nicht euer Feind. Er wird euch hier herausbringen, wie er es versprochen hat.� Er stockte einen fast unmerklichen Moment. �Er wird euch einen Weg zeigen, auf dem ihr aus dem Wald herauskommt. Aber zuvor wird er deine Frage beantworten, Tally.� Er seufzte. Als er weitersprach, klang seine Stimme ver�ndert. Flach und tonlos wie die eines Mannes, der in Trance sprach.</p><p>�Das dort unten ist der Schlund, Tally�, sagte er. Seine Hand wies nach unten, auf das unsichtbare, schlingende Etwas unter dem Netz. Zum ersten Male glaubte Tally zu begreifen, wie wahr der Name war, den die Menschen der Welt unter der Welt gegeben hatten. �Das Leben.� </p><p>�Leben?� Angella �chzte. �Ich hatte einen eher gegenteiligen Eindruck, Karan.�</p><p>�Es ist das Leben�, beharrte Karan. �Leben in seiner reinsten, urspr�nglichsten Form.� Er wandte sich wieder an Tally. �Karan hat dir einmal die Geschichte den Schlundes erz�hlt, Tally, den kleinen Teil davon, den er selber kennt, und der weiterzugeben ihm erlaubt ist. Dies alles hier war einmal ein Meer, ein Ozean, der den gr��ten Teil dieser Welt umspannte. Alles Leben begann in ihm, und hier wird noch Leben sein, wenn der Rest dieses Planeten l�ngst zu einer toten Staubkugel geworden ist. Es war immer hier, es ist hier, und es wird immer hier sein. Es ist die gro�e Mutter, G�a, der Ursprung allen Lebens.�</p><p>�Die gro�e Mutter?� Angella lachte bitter. �Eine ziemlich rabiate Mutter, findest du nicht?� Ihre Stimme schwankte immer st�rker. Tally begriff, da� sie kurz davor war, schlichtweg den Verstand zu verlieren. </p><p>�Du verstehst noch immer nicht�, antwortete Karan. </p><p>�Der Schlund ist kein Wesen wie du oder Tally oder selbst der Waga hier. Er denkt nicht. Er f�hlt nicht. Er lebt. Das ist alles.�</p><p>�Und deshalb t�tet er?�</p><p>�Der Sinn des Lebens ist das Leben, sonst nichts�, erwiderte Karan beinahe sanft. �Dinge wie gut und b�se sind Erfindungen der Menschen. Der Schlund kennt diese Gef�hle nicht. Sie hindern nur und nutzen nicht. Der Schlund ist Leben, in absoluter Perfektion. Nichts kann ihn vernichten. Er kennt keine Schmerzen. Keine Skrupel. Kein Gewissen.�</p><p>�Dann ist er nicht mehr als ein Plasmaklumpen�, sagte Angella. Sie wimmerte leise. Tally blickte rasch zu ihr zur�ck und sah, da� ihr Gesicht noch immer verzerrt war. Ihr Blick flackerte. Sie sprach, ohne wirklich zu wissen, was sie sagte. Ihre H�nde vollf�hrten kleine, eigenst�ndige Bewegungen. �Nicht mehr als ein Ding, das fri�t und sich fortpflanzt.�</p><p>�Und damit den Sinn des Lebens erf�llt�, beharrte Karan. Er l�chelte milde. �Du verstehst nicht, Angella � und wie k�nntest du auch? Niemand, der den Schlund nicht so kennengelernt hat wie Karan, kann begreifen, was er ist.�</p><p>�Du wei�t es�, sagte Tally. Pl�tzlich war ihr kalt. Entsetzlich kalt. Sie trat dicht an Karan heran und versuchte zu l�cheln, aber der blo�e Gedanke an das, dem sie <emphasis>wirklich</emphasis> gegen�berstand, lie� es zu einer Grimasse werden. �Deshalb also hattest du solche Angst davor, hierher zur�ckzukehren�, fuhr sie fort.</p><p>Karan nickte. �Ja. Aber diese Angst war falsch, das wei� Karan jetzt. Er h�tte schon viel fr�her zur�ckkehren sollen. Er dankt dir, da� du ihn gezwungen hast, es zu tun.�</p><p>�Was zum Teufel redet ihr da?� fragte Angella. Sie sah abwechselnd Tally und Karan an. �Was soll dieser Unsinn bedeuten?�</p><p>�Es ist kein Unsinn.� Tally antwortete, ohne den Blick von Karans Gesicht zu nehmen. In den Augen des alten Mannes stand ein Ausdruck, der sie schaudern lie�. Es war Schmerz, Furcht, sicher, aber auch... ja � aber auch Gl�ck. Gl�ck und Erleichterung. �Du hast gefragt, wie es kommt, da� wir von keinem Bewohner dieses Waldes angegriffen worden sind, Angella�, fuhr sie fort, aber noch immer, ohne sie anzusehen. �Du hast vermutet, da� es Karan ist, der uns sch�tzt, nicht wahr? Aber wir wu�ten nicht, wie er es getan hat.�</p><p>�Und du wei�t es jetzt?� Angella klang unsicher. Tally nickte. �Ja. Sie f�rchten ihn, weil sie den Schlund f�rchten, nicht wahr, Karan? Und weil er ein Teil davon ist.�</p><p>Ganz langsam zog sie ihr Messer aus dem G�rtel, setzte die Spitze auf Karans Unterarm und sah ihn fragend an. Karan nickte.</p><p>�Was tust du?� rief Angella erschrocken.</p><p>Aber Tally antwortete nicht. Statt dessen f�hrte sie die Messerklinge in einem raschen, aufw�rts gerichteten Bogen �ber Karans Arm. Seine Haut klaffte auseinander. Karan zuckte nicht einmal mit den Wimpern.</p><p>Die Wunde blutete nicht.</p><p>Und darunter kam keinlebendes Fleisch zum Vorschein, sondern eine wei�liche, gl�nzende Masse aus Millionen und Abermillionen mikroskopisch feiner, ineinandergesponnener F�den, menschliche Knochen und Venen und Muskeln nachahmend.</p><p>Angella keuchte. Ihre Augen weiten sich entsetzt. </p><p>�Was...�, stammelte sie.</p><p>�Du brauchst keine Angst zu haben�, sagte Karan milde. </p><p>�Karan ist nicht euer Feind.�</p><p>�Und du?� fragte Tally.</p><p>�Ich bin ein Teil von ihm�, erwiderte Karan. �So wie Karan ein Teil von mir ist. Er wird zur�ckkehren, jetzt, wo er den Ruf der Urmutter vernommen hat, aber noch bleibt ihm ein wenig Zeit. Und er wird euch hier herausbringen, zum Dank, da� ihr ihm geholfen habt, dorthin zur�ckzukehren, wo er hingeh�rt.�</p><p>�Du... du willst doch nicht etwa diesem Ungeheuer trauen?� keuchte Angella. �Hast du vergessen, was es mit den Hornk�pfen gemacht hat? Hast du... hast du Weller schon vergessen?�</p><p>�Auch Weller ist Teil des Schlundes geworden�, antwortete Karan an Tallys Stelle. �Dein Mitgef�hl ist verst�ndlich, Angella, doch unbegr�ndet. Er ist gl�cklich, dort, wo er jetzt ist.� Er z�gerte. Dann: �Auch ihr solltet Karan folgen. Ihr w�ret aller Schmerzen und Sorgen ledig.� Er l�chelte, sch�ttelte den Kopf und beantwortete seine Frage selbst. �Aber ihr werdet es nicht tun. Auch Karan h�tte es nicht getan, bevor ihr ihm die Augen ge�ffnet habt. Der Teil von euch, der Mensch ist, ist noch zu stark in euch.�</p><p>�Aber Weller hat... hat mich gerufen!� sagte Tally verst�rt. �Er hat um Hilfe geschrien, Karan. Er leidet!�  Karan l�chelte. Die Wunde auf seinem Arm begann sich zu schlie�en. �Nur ein Teil von ihm. Schmerz und Leid sind Bestandteile des menschlichen Lebens, Tally. Sie werden vergehen, wie sein K�rper verging. Er wird gl�cklich sein.�</p><p>Er log. Tally hatte Wellers Schreie geh�rt, das entsetzliche Flehen und Rufen in der Nacht zuvor. Sie hatte die Furcht in seinen Augen gesehen, das namenlose Entsetzen im Blick jenes <emphasis>Dinges,</emphasis> in das er sich verwandelt hatte. Karan log, wenigstens in diesem Punkt und vielleicht nicht einmal bewu�t. Aber sie sprach nichts davon aus, sondern starrte ihn nur weiter an.</p><p>Etwas geschah mit ihm, erkannte Tally schaudernd. Karans Gesicht begann sich zu ver�ndern. Die Falten und Linien, die die Jahrzehnte hineingegraben hatten, gl�tteten sich zusehends; seine Haut wurde heller. Er wurde nicht etwa j�nger, aber irgend etwas schien seine Pers�nlichkeit zu verwischen. Karan verwandelte sich nicht in ein Monster, wie Weller zuvor; er blieb Mensch, wenigstens �u�erlich. Aber er war nur noch Mensch, eine blo�e Erscheinungsform, ohne Pers�nlichkeit, ohne Individualit�t, eine willk�rliche Form, die das Leben gew�hlt hatte. Pl�tzlich glaubte Tally zu sp�ren, welch ungeheure Anstrengung es ihn gekostet haben mu�te, diese Erscheinung all die Zeit hindurch aufrecht zu erhalten.</p><p>�Wohin bringst du uns?� fragte sie. Ihre Stimme brach fast.</p><p>Abermals deutete Karan nach Norden. �Hinaus aus dem Wald. Dorthin, wo dein Ziel ist, Tally.�</p><p>�Und die Drachen?�</p><p>�Sie werden euch nicht folgen�, antwortete Karan. </p><p>�Nicht auf dem Weg, auf dem Karan euch f�hren wird.�  Seine Hand deutete nach unten. Er l�chelte rasch, als er Tallys und Angellas Erschrecken bemerkte. �Keine Sorge�, sagte er. �Karan wird euch sch�tzen, so, wie er euch vor den Gefahren des Waldes besch�tzte.�</p><p>�Vorhin konntest du das noch nicht�, sagte Angella mi�trauisch.</p><p>�Es war der Mensch Karan, der euch nicht sch�tzen konnte�, antwortete Karan. �Seine Furcht war zu gro�. Sein Drang nach dem, was er f�r Leben hielt, machte ihn blind. Er f�rchtete, und das machte ihn schwach. Jetzt f�rchtet sich Karan nicht mehr. Aber er ist auch noch genug Mensch, euch zu besch�tzen. Wenn auch nicht mehr f�r lange Zeit.�</p><p>�Und... f�r wie lange?�</p><p>�Lange genug�, antwortete Karan. Sein Gesicht war verschwunden; eine ebene Fl�che, aus der heraus zwei blinde Augen Tally und Angella anstarrten. �Kommt.� </p><p><emphasis>Es war die Tatsache, da� die Frau aufgeh�rt hatte zu reden, die das M�dchen weckte. Es war eingeschlafen, nicht zum erstenmal in dieser Nacht, und nicht zum letztenmal � aber das wurde ihm eigentlich erst jetzt (und mit Schrecken gemischter Verwirrung) klar � hatte die Frau weitergesprochen, war in ihrer Erz�hlung von Tally und ihren Abenteuern fortgefahren, und sie hatte die Worte verstanden, obwohl sie schlief. Vielleicht besser.</emphasis></p><p><emphasis>Es war ein sehr sonderbares Gef�hl, dachte das M�dchen. Als erinnere es sich an einen Traum, nur da� es ein Traum von ungemeiner Klarheit war. Die Worte der dunkelhaarigen Frau waren von einer Eindringlichkeit, die es dem Kind immer schwerer werden lie�, sie als blo�e Geschichte abzutun, obwohl gerade der letzte Teil so phantastisch war, da� er nun wirklich nichts anderes mehr sein konnte.</emphasis></p><p><emphasis>M�de setzte es sich auf, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger �ber die Augen und sah erst die Frau an, dann blickte es in die Richtung, in der die Stadt lag. Der Wald verbarg sie vor ihren Blicken, aber der Himmel war voller Rauch. Die Stadt schwelte noch immer.</emphasis></p><p><emphasis>�Ist die Geschichte jetzt vorbei?� fragte es.</emphasis></p><p><emphasis>�M�chtest du, da� sie vorbei ist?� erwiderte die Frau. Eigentlich wollte das M�dchen das nicht. Es wollte nach Hause � nicht, da� es nicht gewu�t h�tte, da� sein Zuhause nur noch ein Haufen rauchender Tr�mmer und ausgegl�hter Steine war, aber das war ihm in diesem Moment gleich. Es war m�de und verschreckt und hatte Hunger und Durst und wollte einfach nach Hause � aber gleichzeitig war es auch begierig darauf, das Ende von Tallys Abenteuern zu erfahren. Es w�nsche sich, die Geschichte w�rde nicht mehr lange dauern. Als es aufsah, um genau dies der Frau zu sagen, sah es, da� die Fremde wieder in den Himmel blickte, und diesmal hatte sie ihre Z�ge nicht ganz so perfekt unter Kontrolle wie bisher: das M�dchen erkannte Ungeduld darauf, aber auch eine ganz sachte Spur von Angst.</emphasis></p><p><emphasis>�Erz�hl weiter�, bat es schlie�lich. �Aber ich...� Es stockte. Die Frau sah es an, l�chelte. �Ja?�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich habe Hunger�, sagte das M�dchen.</emphasis></p><p><emphasis>�Ich wei�.� Die Fremde seufzte. �Aber ich habe nichts. Soll ich ein paar Beeren f�r dich sammeln?�</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen sch�ttelte rasch den Kopf. Die Beeren hier im Wald waren gr��tenteils giftig, das wu�te es von seinen Eltern.</emphasis></p><p><emphasis>�Es wird nicht mehr lange dauern�, versprach die Frau.</emphasis></p><p><emphasis>�Bald bekommst du zu essen, Aber die Zeit reicht noch, dir die Geschichte von Tally und den anderen zu Ende zu erz�hlen. Und es ist sehr wichtig, da� du zuh�rst � verstehst du?�  Das Kind verstand nicht, aber es nickte trotzdem.</emphasis></p><p><emphasis>�Hat Karan sein Wort gehalten?� fragte es.</emphasis></p><p><emphasis>�Nat�rlich, Dummchen�, sagte die Frau l�chelnd. �Sonst k�nnte ich kaum weitererz�hlen, nicht wahr?� Sie lachte leise, als sie sah, wie das M�dchen betroffen den Blick senkte, streckte die Hand aus und strich ihr �ber das Haar. �Er brachte Tally und Hrhon und auch Angella aus dem Wald heraus. Der Weg war sehr weit � sie brauchten mehr als vier Tage, ihn zur�ckzulegen � und so entsetzlich, da� ich dir diesen Teil der Geschichte nicht erz�hlen kann, denn du w�rdest mir nicht glauben. Aber schlie�lich erreichten sie den Rand des Waldes, und vor ihnen lag das, wonach Tally so unendlich lange gesucht hatte...</emphasis></p></section></section><section><title><p>6. Kapitel</p><p>Der Drachenfels</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Der Drachenfels. Vor ihnen lag, wonach sie so lange gesucht hatte, f�nfzehn � nein, mittlerweile beinahe schon siebzehn endlose Jahre ihres Leben. Der Drachenfels ...</p><p>Mehr als einmal in den letzten Tagen hatte sie ernsthaft daran zu zweifeln begonnen, da� sie ihn jemals erreichen w�rde. Trotz Karans F�hrung und Schutz hatte der Marsch das Letzte von ihnen verlangt, nicht nur in k�rperlicher, sondern auch und eigentlich viel mehr in psychischer Hinsicht. Karan hatte Wort gehalten; sie waren nicht angegriffen, ja, nicht einmal bel�stigt worden. Aber sie hatten das Ungeheuer geweckt, und es war in ihrer N�he gewesen, die ganze Zeit �ber. Es war noch da.</p><p>Tally vertrieb die Erinnerungen an die letzten Tage, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen und blickte nach Norden, wo der Fels wie eine gigantische schwarzbraune Nadel in den Himmel stie�. Es fiel ihr schwer, seine H�he zu sch�tzen, weil es von einer bestimmten Gr��e an aufw�rts einfach nicht mehr m�glich war, so etwas zu tun. Und der Drachenfels hatte diese Gr��e eindeutig. Es war kein Fels, sonder ein Berg, an der Basis mindestens zwei Meilen durchmessend und drei-, wenn nicht viermal so hoch. Fr�her, als der Schlund noch ein Meer und voller Wasser gewesen war, mu�te er eine Insel gewesen sein, und das bedeutete, da� er mindestens die H�he der Klippe hatte. Vielleicht auch sehr viel mehr, denn der Boden �ber den sie sich bewegten, war w�hrend der letzten Tage best�ndig abgefallen.</p><p>�Ist er das?� fragte Angella. Wie Tally war sie aus dem Wald getreten und eine geraume Weile einfach schweigend stehengeblieben, um den titanischen Felsen anzustarren. Tally nickte, und Angella fuhr mit unver�nderter Stimme fort: �Ich wu�te immer, da� du verr�ckt bist. Aber ich wu�te nicht, wie schlimm es war.�</p><p>Sie seufzte, wandte noch einmal den Blick, um zum Wald zur�ckzusehen, und sch�ttelte in �bertrieben gespielter Resignation den Kopf. Sie sah m�de aus, und wenn sie so m�de war, wie Tally sich f�hlte, dann mu�te sie <emphasis>sehr</emphasis>  m�de sein.</p><p>�Gehen wir weiter�, befahl Tally. Die Sonne stand bereits tief, in einer Stunde w�rde es Nacht werden. Und Tally wollte bis dahin m�glichst weit vom Wald und seinem schrecklichen Beherrscher entfernt sein. Karan hatte bisher Wort gehalten, und es gab keinen Grund, anzunehmen, da� er es nicht auch weiter tun w�rde � aber sie sp�rte die N�he des Ungeheuers noch immer wie eine erdr�ckende Last, und Angella und auch Hrhon erging es nicht anders. Keiner der beiden widersprach, als sie weitergingen.</p><p>Vor ihnen breitete sich eine Landschaft aus, wie sie �der nicht einmal in der gro�en W�ste gewesen war, in der Tallys Suche begonnen hatte. Es gab keine Spur von Leben � nur harten, von Millionen und Millionen und Millionen Jahren geduldiger Erosion zerschundenen Fels, phantastisch zackige Formen bildend, zwischen denen sich hier und da kleine, tr�gerisch glatte Nester von wei�em Sand gebildet hatten. Karan hatte sie vor diesen Sandfl�chen gewarnt, wie vor so vielem, was sie erwarten mochte. Es <emphasis>gab</emphasis> einen Unterschied zwischen dieser Wildnis und den W�sten, die Tally kannte � beide waren gleich t�dlich, aber die Gefahren des Schlundes waren viel direkterer Art.</p><p>Trotzdem verschwendete Tally kaum mehr als einen fl�chtigen Gedanken daran. Sie waren viel zu weit gekommen, um sich jetzt noch aufhalten zu lassen. Eine halbe Stunde lang marschierten sie schweigend dahin, ersch�pft, viel zu m�de, um miteinander zu sprechen oder auch nur zur�ckzublicken. Hitze lag wie ein flimmernder Schleier �ber der Steinw�ste, und schon bald meldete sich der Durst wieder, der wie sein Bruder, der Hunger, in den letzten Tagen zu einem treuen Begleiter geworden war. Sie hatten wenig Wasser gefunden, kleine, �lig schimmernde Pf�tzen, deren blo�er Anblick ihnen die M�gen herumgedreht hatte, aber keine Nahrung, und f�nf Tage Hunger begannen ihren Preis zu fordern. Tally geriet jetzt schon bei kleineren Anstrengungen au�er Atem, und oft wurde ihr �bel. Sie fragte sich, wie sie den Aufstieg schaffen wollten, ersch�pft und schwach, wie sie waren.</p><p>Als es zu d�mmern begann, war der Drachenfels noch nicht n�her gekommen. Der Himmel �ber ihnen �berzog sich mit Rot, dann mit Grau, das rasch und lautlos wie ein Tintenfleck in holzigem Papier �ber das Firmament kroch, und gleichzeitig wurde es kalt. Die Schatten zwischen den Felsen f�rbten sich schwarz.</p><p>�Whir sssollten rasssten�, sagte Hrhon. �Vhergessst nissst, wasss Kharan gesssagt hat.�</p><p>Tally nickte m�de. Wie konnte sie? Karan hatte von Abgr�nden gesprochen, die j�h zwischen den Felsen aufklafften, und von gef�hrlichen Dingen, die darin hausten, nicht so t�dlich wie der Schlund, aber t�dlich genug f�r drei Wahnsinnige wie sie, die sich einbildeten, die Welt auf den Kopf stellen zu k�nnen. Beinahe wahllos deutete sie auf eine Ansammlung m�chtiger grauer Felsbrocken, die wenige Schritte neben ihrem Weg aufragten.</p><p>�Dort.�</p><p>Auf den letzten Metern lie�en ihre Kr�fte rapide nach, als schw�nde mit dem Tageslicht auch die Energie aus ihren K�rpern. Hrhon mu�te Tally st�tzen, damit sie auf dem unebenen Boden nicht fiel und sich verletzte, und auch Angella taumelte mehr in den Schutz der Steine, als sie ging.</p><p>Als sie sie endlich erreicht hatten, brach die Nacht herein.</p><p>Es war ein bizarrer Anblick: Der Schatten der Klippe, nun mehr als hunderf�nfzig Meilen lang, wanderte wie eine Mauer aus Schw�rze �ber das Land, verschlang den Wald, das l�cherliche kurze St�ck freien Gel�ndes, das sie bisher zur�ckgelegt hatten, und schlie�lich auch ihr Versteck. Es wurde so dunkel, da� sie selbst Hrhon nur noch als verschwommenen Schatten erkennen konnte, obwohl er unmittelbar neben ihr sa�.</p><p>Eine Zeitlang sa�en sie einfach reglos da, still, jede f�r sich in seine eigenen, d�steren Gedanken versunken. Tally h�tte erleichert sein m�ssen, denn das Allerschlimmste lag hinter ihnen; die gr��te Gefahr, die diese Welt bieten konnte, war �berwunden. Aber sie sp�rte nichts als Mutlosigkeit.</p><p>Schlie�lich war es Angella, die das Schweigen brach. </p><p>�Wir sollten Wachen aufstellen�, sagte sie matt. Wie zur Antwort erscholl aus der Nacht ein schrilles, mi�t�nendes Kreischen, noch sehr weit entfernt, aber unzweifelhaft von etwas sehr Gro�em ausgesto�en.</p><p>�berhaupt war die Nacht nicht still: �berall raschelte und polterte es, da waren Ger�usche wie Schritte, etwa, das sie an das Schleifen schwerer horniger K�rper auf hartem Fels erinnerte, und andere Laute, von denen sie gar nicht wissen wollte, was sie wirklich bedeuteten. Tally versuchte sich einzureden, da� es nur der Wind war, der sie narrte.</p><p>�Dasss mache isss�, erbot sich Hrhon. Tally h�rte, wie er aufstand und sich entfernte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Hrhon war ungeheuer z�h � f�nfzigmal so stark wie ein Mensch und sicher auch ebenso leistungsf�hig, aber er hatte � wie so oft � die Hauptlast der letzten Tage getragen; im wahrsten Sinne des Wortes. Mehr als einmal hatte er Angella und sie �ber Meilen hinweg auf der Schulter getragen, wenn ihre Kr�fte versagten und ihre Beine sich einfach weigerten, sich immer wieder aus dem klebrigen Sumpf zu l�sen. Er hatte sie getragen, wenn sie schlafen wollten, oder wenn Karan � ohne einen Grund daf�r anzugeben � pl�tzlich darauf bestand, einen bestimmten Ort sehr schnell wieder zu verlassen. Auch ein Waga brauchte von Zeit zu Zeit Ruhe, um sich zu erholen. Sie w�rde ihn umbringen, wenn sie ihn weiterhin so unbarmherzig antrieb. Aber sie war viel zu m�de, um der Stimme ihres Gewissens nachzugeben.</p><p>�Weck mich in zwei Stunden!� rief Angella ihm nach. </p><p>�Ich l�se dich dann ab. Oder besser in drei.�</p><p>Hrhon zischelte eine Antwort und verschwand vollends in der Nacht. Die Ger�usche der W�ste verschluckten seine Schritte.</p><p>�Immer noch die starke Angella, wie?� fragte Tally sp�ttisch. �Hast du immer noch nicht genug? Oder kannst du einfach nicht anders?� Sie verstand selbst nicht genau warum sie das sagte � es w�re an <emphasis>ihr</emphasis> gewesen, so zu reagieren. Vielleicht war sie einfach in der Lage eines verwundeten Tieres, das Schmerzen litt und wild um sich bi�; selbst in die Hand, die sie streicheln wollte. </p><p>�Du hast recht�, antwortete Angella. Ihre Stimme klang sehr ernst. �Ich kann wirklich nicht anders. Es ist nicht meine Art, die im Stich zu lassen, die mir geholfen haben.�</p><p>Tally fuhr zusammen wie unter einem Hieb. Angellas Worte taten weh, sehr weh. Und Angella schien zu sp�ren, <emphasis>wie</emphasis> sehr sie sie getroffen hatte, denn Tally h�rte, wie sie sich in der Dunkelheit bewegte und ein St�ck auf sie zukroch. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme sehr viel n�her.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie. �Das wollte ich nicht.� </p><p>�Ich auch nicht.� Tally l�chelte, obwohl sie wu�te, da� Angella es nicht sehen konnte.</p><p>�Was?�</p><p>�Das vorhin. Du hast vollkommen recht � Hrhon ist am Ende. Ich mu� ihn ein wenig schonen.�</p><p>Angella lachte leise. �Wozu? Bildest du dir wirklich ein, einer von uns k�me lebend hier heraus? Das schafft niemand.�</p><p>�Karan hat es geschafft�, erinnerte Tally.</p><p>�Karan!� Angella schnaubte abf�llig. �Karan war ein... ein <emphasis>Ding,</emphasis> kein Mensch mehr. Und er hatte seinen verdammten Gleiter.� Tally h�rte, wie sie heftig den Kopf sch�ttelte, dann hob sie den Arm und deutete in die Richtung, in der der Drachenfels hinter der Nacht aufragte. �Du willst dort hinauf? Das schafft niemand!� </p><p>�Warum bleibst du dann bei mir?� fragte Tally matt. Sie hatte keine Lust, zu streiten, schon gar nicht mit Angella.</p><p>�Eine gute Frage�, erwiderte Angella b�se. �Vielleicht, weil ich sehen will, wie du endlich krepierst, Sch�tzchen.�</p><p>�Das h�ttest du einfacher haben k�nnen�, sagte Tally b�se. Sie drehte sich mit einem Ruck herum, legte den Kopf gegen den noch warmen Fels und schlo� die Augen. �La� micht jetzt in Ruhe�, fuhr sie fort. �Ich will schlafen. Du kannst mich drei Stunden vor Sonnenaufgang wecken. Oder besser zwei.�</p><p>Angella schnaubte eine Antwort, die Tally nicht verstand, und kroch wieder zu ihrem Platz zur�ck.</p><p>Aber Tally schlief nicht. Sie war m�de wie niemals zuvor in ihrem Leben, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Es war zu viel, was ihr durch den Kopf ging, und es waren Dinge, die sie um so mehr erschreckten, weil sie keine Erkl�rung daf�r hatte. Angella und sie hatten nicht dar�ber gesprochen � weil sie w�hrend der letzten vier Tage kaum dazu gekommen waren, mehr als ein Dutzend Wort miteinander zu wechseln � aber sie beide wu�ten, da� Karan ihnen nicht die Wahrheit gesagt hatte. Er hatte nicht gelogen, denn das hatte er nicht n�tig gehabt, aber er hatte ihnen lange nicht alles gesagt. Sie hatte Wellers Schreie geh�rt und das namenlose Entsetzten darin, und irgend etwas in ihr hatte <emphasis>gesp�rt,</emphasis>  wie sehr er litt. Karan hatte nicht mehr getan, als einen winzigen Zipfel des Geheimnisses vor ihren Augen zu l�ften und die Decke wieder fallen zu lassen, lange bevor sie wirklich einen Blick darunter werfen konnten. Und trotzdem hatte das winzige bi�chen, das sie erblickte, Tally bis auf den Grund ihrer Seele erschauern lassen. Und das Ungeheuer war noch da. Tally hatte keinen Beweis daf�r, aber den brauchte sie auch nicht. Das Monster war erwacht, und es war da, belauerte sie, starrte sie mit unsichtbaren Augen aus der Dunkelheit heraus an, wartete... worauf?</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Sie mu�te wohl doch eingeschlafen sein, denn das n�chste, was sie wahrnahm, war Hrhons Hand, die unsanft an ihrer Schulter r�ttelte. Erschrocken fuhr sie hoch und senkte die Hand zur Waffe.</p><p>�Nissst!� zischelte Hrhon. �Isss bin esss!�</p><p>�Was ist los?� murmelte Tally schlaftrunken. �Du solltest das nicht tun. Ich k�nnte dich erschie�en, wei�t du?� </p><p>�Wasser�, antwortete Hrhon. �Isss habe Wassser gefunden!�</p><p>Tally sprang so schnell auf die F��e, da� ihr schwindelig wurde und sie sich an Hrhons Schulter festhalten mu�te.</p><p>�Wasser? Wo?�</p><p>Hrhon machte eine vage Geste in die Dunkelheit hinein.</p><p>�Nissst sssehr weit. Kohmmt!�</p><p>Sie weckten Angella und eilten los. Wie Hrhon gesagt hatte, war es wirklich nicht sehr weit � drei, vielleicht vier Dutzend Schritte, f�r die sie allerdings eine geraume Zeit brauchten, denn selbst Hrhon tastete sich wie ein Blinder mit weit ausgestreckten Armen durch die pechschwarze Nacht. Dann umrundeten sie einen gewaltigen kugelf�rmigen Felsen, und vor ihnen lag ein flacher See, wie ein matt gewordener Spiegel im Sternenlich gl�nzend. Angella schrie erleichert auf, stie� Tally einfach beiseite und rannte los. Mit einem zweiten, erleichterten Schrei fiel sie auf die Knie, beugte das Gesicht zum Wasser herab und begann mit gro�en, gierigen Schlucken zu trinken. Eine Sekunde sp�ter fuhr sie hoch, spie das Wasser w�rgend wieder aus und prallte zur�ck, als w�re sie von einem giftigen Insekt gestochen worden.</p><p>�Was ist los?� rief Tally erschrocken. �Was hast du?�  Angella drehte sich herum. Ihr Gesicht war vor Ekel verzerrt. �Das Wasser...�, murmelte sie. �Es ist...�  Tally h�rte gar nicht mehr hin, sondern kniete am Rande des Sees nieder, sch�pfte eine Handvoll Wasser und roch daran, ehe sie vorsichtig und nur mit der Zungenspitze kostete.</p><p>�Es schmeckt... salzig!�</p><p>�Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts�, maulte Angella. �In der Br�he kann man h�chstens Fleisch einp�keln. Wenn du es trinkst, dann wirst du sterben!�  Tally blickte mit einer Mischung aus Zorn und Entt�schung auf den See hinab. Sie brauchten so dringend Wasser. Und der Anblick der gl�nzenden flachen Ebene lie� ihren Durst zu schierer Raserei aufkommen. </p><p>�Whir kh�nnten esss abkhochen�, schlug Hrhon vor. </p><p>�Oh, ja�, sagte Angella w�tend. �Eine wirklich gute Idee. Wir nehmen einfach ein paar Felsen und stecken sie in Brand, und schon haben wir das sch�nste Feuer, nicht wahr?� Sie schnaubte, stie� w�tend mit dem Fu� in den Boden, da� der Sand hochspritzte und ins Wasser klatschte, und fuhr herum. Eine Sekunde sp�ter verengten sich ihre Augen. Ihre Hand senkte sich auf die Waffe herab, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>�Was hast du�, fragte Tally.</p><p>Angella z�gerte zu antworten. Schlie�lich sch�ttelte sie unwillig den Kopf. �Nichts�, sagte sie. �Ich dachte, ich h�tte etwas gesehen. Ich mu� mich get�uscht haben.�  Sie seufzte. �La�t uns zur�ckgehen. Wenn wir schon kein Wasser finden, sollten wir wenigstens schlafen.� </p><p>�Esss w�re bessser, wheitersssugehen�, sagte Hrhon. </p><p>�Ihr habt ssswei Ssstunden gessschlafen.�</p><p>�Oh, phantstisch�, antwortete Angella w�tend. �Deshalb f�hle ich mich wie neugeboren.�</p><p>Tally blieb ernst. �Hrhon hat vollkommen recht�, sagte sie. �Du hast keine gro�e W�stenerfahrung, wie?� </p><p>�Warum?� fragte Angella feindselig.</p><p>�Weil du dann w��test, da� es besser ist, tags�ber zu schlafen und nachts zu gehen.� Sie deutete nach Norden. Ihre Augen hatten sich weit genug an die Dunkelheit gew�hnt, sie den Drachenfels wie eine S�ule aus erstarrter Dunkelheit in der Nacht erkennen zu lassen. </p><p>�Es sind drei Tagesm�rsche bis dorthin; mindestens. Und es wird sehr hei� hier, tags�ber.�</p><p>Angella schwieg einen Moment. �Ohne Wasser halten wir das sowieso nicht durch�, murmelte sie.</p><p>Tally seufzte. �Ich frage mich, wie du es geschafft hast, dir halb Schelfheim unter den Nagel zu rei�en, wenn du so leicht aufgibst.�</p><p>�Leicht?� Angella �chzte. �Du machst Witze, wie? Wir...�</p><p>�Ssstill!� zischte Hrhon.</p><p>Angella verstummte auf der Stelle und sah den Waga erschrocken an. �Was ist?�</p><p>�Jemand issst in der Nh�he�, fl�sterte Hrhon. �Drachen!�</p><p>�Drachen?� Angella zog nun doch ihre Waffe und sah sich wild um. �Wo? Ich h�re nichts.�</p><p>�Hrhon kann sie sp�ren�, widersprach Tally. Auch sie zog ihren Laser und schaltet ihn ein, achtete aber sorgsam darauf, das rote Licht in seinem Griff mit der Hand abzudecken. Sie wu�te, wie weit auch ein kleines Licht in der Dunkelheit zu sehen war.</p><p>�Aber das ist v�llig ausgeschlossen!� widersprach Angella. �Woher sollen sie wissen, wo wir sind?� </p><p>�Vielleisst hahben ssie auf unsss ghewartet?� schlug Hrhon vor.</p><p>Tally nickte zustimmend. �Hast du vergessen, wie leicht sie uns im Wald gefunden haben? Ich traue dieser Jandhi alles zu.�</p><p>�Sie m��te zaubern k�nnen, um unsere Spur jetzt noch aufzunehmen�, sagte Angella.</p><p>�Vielleicht auch das.� Tally machte eine hastige Bewegung, zu schweigen, deutete in die Richtung zur�ck, in der ihr improvisiertes Nachtlager lag, und huschte los, Hrhons breiten R�cken als lebende Deckung vor sich. Ihre Hand schlo� sich so fest um den Laser, wie sie nur konnte.</p><p>Hrhon, Angella und sie waren jetzt alle drei mit den schrecklichen Drachenwaffen ausger�stet; denn Tally hatte sich schweren Herzens entschlossen, Angella die Waffe der get�teten Insektenreiterin zu �berlassen. Jetzt fragte sie sich, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war. Nach einer Weile blieb Hrhon wieder stehen, hob die linke Hand und legte die andere auf die Lippen. Und diesmal h�rte auch Tally die Ger�usche � Laute, die nicht in den Gesang der Nacht pa�ten: das Schleifen von Metall, Schritte, schlie�lich sogar Stimmen, ohne da� sie die Worte verstehen konnte.</p><p>Dann sah sie das Licht.</p><p>Es war ein sehr sonderbares, ungewohnt wei�es Licht � ein d�nner, sehr wei�er Strahl, der hinter den Felsen auftauchte und einen Moment lang wie ein leuchtender Finger �ber den Himmel glitt, ehe er sich wieder senkte und unsichtbar wurde. Eine Stimme bellte einen scharfen Befehl.</p><p>�Vorsichtig jetzt!� befahl Tally im Fl�sterton. �Keinen Laut. Und � Angella?�</p><p>Angella antwortete nicht, aber sie war stehengeblieben und sah Tally fragend an. �Keine Dummheiten diesmal�, sagte Tally. �Ich will kein Gemetzel.�</p><p>Sie schlichen weiter. Der Weg zur�ck zu ihrem Lagerplatz kam Tally weiter vor als der zum See hinab, aber das mochte an ihrer Aufregung liegen; m�glicherweise machte Hrhon auch einen Umweg, um sich den Drachenreiterinnen von der entgegengesetzten Seite zu n�hern.</p><p>Sie sahen das Licht kein zweites Mal, aber die Stimmen und das Ger�usch von Schritten leiteten sie: es waren die Schritte von mindestens zwei, wahrscheinlich aber mehr Frauen, dazwischen das hohe, mi�t�nende Pfeifen eines Hornkopfes.</p><p>Dann lag das nat�rlich gewachsene Felsenfort wieder vor ihnen, und Tally sah zum zweiten Male dieses sonderbare Licht. Sie konnte jetzt auch seine Quelle ausmachen � es war eine Lampe, die die Drachenreiterinnen mitgebracht hatten, eines von ihren technischen Zauberdingen, nicht gr��er als eine Sturmlaterne, wie sie Tally kannte, aber hundertmal st�rker. In ihrem kalkwei�en, beinahe schattenlosen Licht waren deutlich die Gestalten zweier hochgewachsener, dunkel gekleideter Frauen auszumachen, die dabei waren, den Lagerplatz gr�ndlich zu untersuchen.</p><p>Dabei gab es nicht viel, was der Untersuchung wert gewesen w�re � Tally hatte ihren Mantel zur�ckgelassen, und den G�rtel mit dem Schwert, Angella ihren Umhang, sonst nichts.</p><p>�Ghreifen whir sssie an?� fl�sterte Hrhon.</p><p>Tally sch�ttelte hastig den Kopf, dann fiel ihr ein, Hrhon die Bewegung schwerlich sehen konnte. �Nein�, fl�sterte sie. �Nicht, bevor wir wissen, wie viele es wirklich sind.�</p><p>�Zwei�, sagte Angella. �Sieh nach rechts � es sind zwei Hornk�pfe.�</p><p>Tally blickte konzentriert in die angegebene Richtung. Am Rand des scharf abgegrenzten hellen Kreises, den die Lampe in die Nacht brannte, hockten zwei der gewaltigen fliegenden Hornk�pfe, gesattelt und mit d�nnen Ketten aneinandergebunden, damit sie ihren Besitzerinnen nicht davonfliegen und sie in der W�ste zur�cklassen konnten. Und so gro� die Bestien auch waren; Tally bezweifelte, da� sie mehr als einen Reiter tragen konnten. Trotzdem sch�ttelte sie den Kopf. Die Dunkelheit dahinter konnte hundert weitere Ungeheuer verbergen, ohne da� sie sie auch nur sahen � und es gab auch gar keinen Grund, die beiden Frauen anzugreifen. Da� sie hier waren, <emphasis>konnte</emphasis> Zufall sein, wenn auch ein verdammt gro�er. Und auch ein Kundschafter, der nicht zur�ckehrte, konnte eine Nachricht bringen, Als sie sich herumdrehte, um Angella ihre �berlegungen mitzuteilen, war der Felsen neben ihr leer. Tally fluchte, sprang in die H�he und war mit einem Schritt neben Hrhon. �Wo ist Angella?�</p><p>�Isss weisss nisst�, zischelte Hrhon. �Isss dachte, sssie wh�re bei Eusss!�</p><p>�Oh verdammt!� murmelte Tally. �Diese N�rrin wird uns noch alle umbringen.� Sie machte eine befehlende Geste. �Such sie! Schlag sie nieder, wenn es sein mu�, aber bring sie zur�ck, ehe sie noch mehr Unheil anrichtet!�</p><p>Der Waga verschwand lautlos in der Dunkelheit, w�hrend Tally wieder zu den Felsen zur�ckhuschte, aus deren Deckung heraus sie die beiden Drachenreiterinnen beobachtet hatte. Im stillen verfluchte sie sich daf�r, nicht besser auf Angella achtgegeben zu haben. Trotz allem war sie nichts als ein dummes Kind, das sich selbst und auch sie und Hrhon mit seiner Dickk�pfigkeit in Gefahr bringen w�rde.</p><p>Mit klopfendem Herzen blickte sie zu den beiden Frauen hin�ber. Sie waren auf die Tally schon sattsam bekannte Art gekleidet � in schwarzes, hauteng anliegendes Leder, dazu mit Helmen, die bei heruntergeklapptem Visier auch ihre Gesichter bis auf den letzten Quadratmillimeter bedeckten. Selbst die Augen waren gesch�tzt hinter zwei kleinen, oval geformten dunklen Gl�sern, was ihnen selbst etwas Insektenhaftes gab. Wahrscheinlich war diese Art von Kleidung n�tig, damit sie die enorme K�lte ertrugen, die meilenhoch in der Luft auf den R�cken ihrer Flugtiere herrschte. Die beiden bewegten sich unruhig. Tally sah, wie eine von ihnen in einen jener kleinen K�sten sprach, die sie bereits kannte, w�hrend die andere nerv�s im Kreis ging und dabei mit etwas spielte, was wie eine vergr��erte Ausgabe der kleinen Laser aussah. Von Angella war keine Spur zu entdecken.</p><p>Irgendwo links von Tally bewegte sich etwas. Ein heller Schemen huschte durch die Nacht und verschwand wieder. Ein Stein kollerte.</p><p>Tallys Herz schien mit einem gewaltigen Satz direkt bis in ihre Kehle hinaufzuh�pfen und dort schneller und ungleichm��ig weiterzuh�mmern. Konzentriert starrte sie in die Richtung, in der sie die Bewegung wahrgenommen hatte. Sie sah nichts mehr, aber sie war vollkommen sicher, sich nicht get�uscht zu haben. Nat�rlich konnte es ein Tier gewesen sein, aber andererseits...</p><p>Sie blickte noch einmal sichernd zu den beiden Frauen hin�ber, sah, da� sie sich nicht von der Stelle ger�hrt hatten, und huschte davon. Ihre Knie schrammten im Dunkeln schmerzhaft �ber rauhen Fels, und pl�tzlich war unter ihren F��en nichts mehr. Tally fiel, unterdr�ckte im letzten Moment einen erschrockenen Aufschrei und landete ungeschickt auf H�nden und F��en. Weicher, staubfeiner Sand d�mpfte ihren Aufprall. Sie rollte herum, sprang gedankenschnell wieder in die H�he und hob ganz instinktiv die Waffe, als sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm.</p><p>Was immer es war � es war verschwunden, ehe sie es genau erkennen konnte. Wieder sah sie nur einen hellen Schemen, etwas von der Gr��e und den ungef�hren Proportionen eines Menschen. Und wieder war es verschwunden, ehe ihr Blick es erfassen und festhalten konnte.</p><p>Aber etwas blieb. Ein leichtes Glitzern wie von Sternenlicht, das sich auf etwas Gl�nzendem brach, auf etwas, das...</p><p>Etwas, das fl�ssig war und unbeschreiblich s�� roch...</p><p>Diesmal gelang es Tally nicht mehr ganz, einen erleicherten Aufschrei zu unterdr�cken. Mit einem Satz war sie neben dem T�mpel, tauchte die H�nde hinein und kostete hastig von dem eiskalten Wasser.</p><p>Es war nicht salzig. Es war s�� und kalt und klar wie frisches Quellwasser. Es <emphasis>war</emphasis> Quellwasser!</p><p>Tally lie� ihre Waffe fallen, beugte sich vor und tauchte das Gesicht in den T�mpel. Sie trank, bis ihre Lungen zu platzen drohten und sie sich aufrichten mu�te, um zu atmen, aber auch dann sch�pfte sie mit beiden H�nden weiter Wasser, sch�ttete es sich �ber Gesicht und Hals und h�rte erst auf, bis sie bis auf die Haut durchn��t war und am ganzen Leib vor K�lte zitterte.</p><p>Als sie die Augen �ffnete, fiel ihr Blick direkt auf das Wasser. Die Oberfl�che der kleinen Pf�tze war in Aufruhr; winzige Wellen huschten �ber den kaum metergro�en T�mpel und gaben ihm das Aussehen eines zerbrochenen Spiegels. Und trotzdem konnte sie die menschliche Gestalt deutlich erkennen, die sich darauf wiederspiegelte...</p><p>Tally lie� sich einfach zur Seite fallen. Blitzschnell rollte sie herum, raffte den Laser auf und war im Bruchteil einer Sekunde wieder auf den Knien.</p><p>Vor ihr war nichts.</p><p>Die Nacht war so leer wie eh und je, und auf dem T�mpel spiegelte sich nichts weiter als das blasse Licht der Sterne. <emphasis>Aber sie war doch nicht verr�ckt!!</emphasis>  Oder?</p><p>Tally zog auch diese M�glichkeit einen Moment lang ernsthaft in Betracht � sie war oft genug in der W�ste gewesen, um zu wissen, wie schnell Hitze und Durst die Sinne verwirren konnten, auch und vielleicht gerade die jener, die sich sicher w�hnten. Aber was sie gesehen hatte, war keine Halluzination gewesen, sondern Tatsache: f�r einen unendlich kurzen Moment hatte sie ganz deutlich eine menschliche Gestalt gesehen. Sie hatte sogar das Gesicht erkannt, und Ein blauwei�er Blitz von ungeheurer Leuchtkraft stie� hinter ihr in den Himmel hinauf. F�r den Bruchteil eines Herzschlages wurde die Welt vor ihren Augen zu einem grellen Negativ in abgrundtiefem Schwarz und unertr�glich glei�endem Licht, und pl�tzlich h�rte sie einen Schrei von solchem Entsetzen, da� sich etwas in ihr schmerzhaft zusammenzuziehen schien. Dann erlosch das Licht, und eine halbe Sekunde sp�ter auch der Schrei. Aber die Stille, die ihm folgte, war beinahe noch schlimmer...</p><p>Tally rannte los. Sie gab sich jetzt keine M�he mehr, leise zu sein; das Versteckspiel war ziemlich sinnlos geworden. Trotzdem kam sie kaum von der Stelle. Sie war beinahe blind. Nach den grellwei�en Lichtblitzen erschien die Nacht doppelt dunkel; mehr als einmal stolperte sie und fiel. Selbst als sie � nach nur wenigen Augenblicken � wieder das Licht der Zauberlampe vor sich sah, erkannte sie im ersten Moment nicht mehr als Schatten, die sich einzig von den Felsen unterschieden, weil sich zwei davon bewegten.</p><p>Trotzdem erkannte sie genug. Ihre schlimmsten Bef�rchtungen waren nicht wahr geworden � sie waren �bertroffen. Das kleine, aus Felsen und Sand gebildete Halbrund hatte sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Die beiden Frauen waren tot. Die H�nde der J�ngeren umklammerten noch immer den Schaft der gewaltigen Laserwaffe, deren Blitz die Nacht zerrissen hatte, aber Tally erkannte sie nur noch an diesen H�nden: Schultern und Kopf waren verschwunden, nicht zermalmt oder verbrannt, sondern einfach nicht mehr da. Die Wunde blutete nicht einmal stark.</p><p>Ihre �ltere Begleiterin lag nur wenige Schritte neben ihr auf dem Bauch, die H�nde in den weichen Sand gegraben, als h�tte sie noch im Tode versucht, sich irgendwo zu verstecken, mit so unnat�rlich verrenkten Gliedern, da� sie einfach tot sein mu�te. Angella kniete �ber ihr, den Dolch in der linken Hand. Mit der anderen durchsuchte sie die Taschen der Toten.</p><p>Rote Schleier von Wut vernebelten Tallys Blick. Sie war mit einem einzigen Schritt bei ihr, krallte die Hand in ihr Haar und ri� sie so grob in die H�he, da� Angella vor Schmerz aufschrie und ganz instinktiv das Messer hob. Tally schlug es ihr aus den Fingern, gab ihr einen Sto� vor die Brust und versetzte ihr mit der anderen Hand eine schallende Ohrfeige; so fest, da� ihre eigene Hand brannte. Aber ihre Wut legte sich nicht; ganz im Gegenteil. Mit einem Male hatte sie zu nichts mehr Lust, als Angellas Hals zwischen die H�nde zu nehmen und einfach zuzudr�cken.</p><p>�Verdammte N�rrin!� schrie sie mit �berschnappender Stimme. �Bist du einfach nur dumm, oder ist dein bi�chen Gehirn schon so krank, da� du nicht mehr wei�t, was du tust?� Angella wollte sich schon hochstemmen, aber Tally sprang auf sie zu, versetzte ihr eine zweite Ohrfeige und gab ihr einen Sto�, der sie vollends zu Boden schleuderte. �Ich hatte befohlen ��</p><p>�Sssie war esss nissst�, unterbrach sie Hrhon.</p><p>Tally erstarrt f�r einen Moment. Ihre Hand, schon zu einem dritten Schlag erhoben, verharrte reglos in der Luft, als sie sich zu dem Waga umwandte. �Was... hast du gesagt?�</p><p>�Da� ich es nicht war!� fauchte Angella. Sie hatte sich wieder gefangen und starrte Tally aus Augen an, in denen die schiere Mordlust blitzte. Die linke Hand hatte sie auf ihre schmerzende Wange gepre�t.</p><p>�Was... was soll das hei�en?� stammelte Tally. �Du ...�</p><p>�Ich habe diese beiden nicht umgebracht�, unterbrach sie Angella zornig. �Ich wollte es, verdammt noch mal, ja, und ich h�tte es getan, wenn diese d�mliche Riesenschildkr�te mich nicht daran gehindert h�tte, aber ich habe sie nicht anger�hrt. Hrhon und ich waren mindestens f�nfzig Meter entfernt, als wir den Schrei h�rten.� Sie stemmte sich hoch, trat einen Schritt auf Tally zu und legte den Kopf schr�g. �Was ist mit dir passiert? Hast du Wasser gefunden?�</p><p>Tally ignorierte ihre Frage. Verwirrt wandte sie sich an den Waga. �Ist das... wahr?�</p><p>Hrhon versuchte ein Nicken nachzuahmen. �Esss stimmt�, sagte er. �Isss habhe sssie eingheholt, ehe sssie herkham. Dhann habhen wir den Sssrei gheh�rt.�</p><p>�Aber wenn du es nicht warst, wer...� Tally brach verwirrt ab, blickte Angella noch einen Moment lang mi�trauisch an, dann drehte sie sich herum und kniete neben der Toten nieder, deren Taschen Angella gerade durchsucht hatte. Mit einem entschlossenen Ruck drehte sie sie herum.</p><p>Eine Sekunde sp�ter w�nschte sie sich, sie h�tte es nicht getan.</p><p>�Oh�, murmelte sie. Ihre H�nde begannen zu zittern. Ein bitterer, schmerzender Klumpen war pl�tzlich in ihrem Hals. Sie stand auf, schlo� f�r einen Moment die Augen und versuchte, die immer schlimmer werdende �belkeit zur�ckzudr�ngen, die aus ihrem Magen hochstieg. Mit einem Male hatte sie das Gef�hl, Blut zu schmecken.</p><p>�Gro�er Gott!� fl�sterte Angella. �Was ist hier geschehen?! �</p><p>�Ich... ich wei� es nicht�, sagte Tally. �Aber ich glaube dir, da� du es nicht warst.�</p><p>�Oh, vielen Dank�, fauchte Angella. Auch sie war bla� geworden, hatte sich aber deutlich besser in der Gewalt als Tally. �Ich nehme deine Entschuldigung an. Und wenn dir wieder einmal danach ist, jemanden zu ohrfeigen, komm einfach zu mir.�</p><p>�Aber wenn... wenn du es nicht warst � wer dann?�  fragte Tally verst�rt. �Habt ihr irgend etwas gesehen � oder geh�rt?�</p><p>Angella sch�ttelte �rgerlich den Kopf, b�ckte sich nach ihrem Dolch und schob ihn mit einem unn�tig harten Ruck in den G�rtel. �Vielleicht ein Tier�, vermutete sie. </p><p>�Karan hat uns vor Raubtieren gewarnt, oder?�</p><p>�Ein Tier?� Tally zwang sich, noch einmal auf die Tote herabzusehen. Beinahe sofort wurde ihr wieder �bel. �Ich kann mir kein Tier vorstellen, das <emphasis>so etwas</emphasis> anrichten k�nnte.�</p><p>�Ich schon�, erwiderte Angella. �Ich kenne sogar ein paar.�</p><p>�Aber ein Ungeheuer von dieser Gr��e m��te Spuren hinterlassen!� Tally deutete auf den Boden. Der Sand war von ihren und den Schritten der beiden Drachenreiterinnen aufgew�hlt � aber es waren nur die Spuren menschlicher F��e, die sie sah. Und pl�tzlich war die Angst da. Von einer Sekunde auf die andere bildete sich Tally ein, angestarrt zu werden, belauert von unsichtbaren, gierigen Augen. Und waren da nicht Schritte in der Stille? Sie verscheuchte den Gedanken.</p><p>�Vielleicht ist es geflogen�, murmelte Angella. Aber auch sie wirkte pl�tzlich verunsichert.</p><p>�Das h�tten wir gesehen.� Tally sch�ttelte entschieden den Kopf. Dann fiel ihr etwas auf. �Die Hornk�pfe!�  sagte sie.</p><p>Angella blickte verst�rt zu den beiden gigantischen Fluginsekten hin�ber. Sie hatten sich nicht ger�hrt, sonder standen einfach reglos da, aneinandergebunden und mit teilnahmelos glitzernden Facettenaugen. �Was soll damit sein?�</p><p>�Sssie lheben�, sagte Hrhon.</p><p>�Genau!� Tally nickte heftig. �Wenn das hier ein Raubtier war, warum hat es sie dann nicht auch get�tet?�  Angella sah sie und Waga einen Moment lang betroffen an, dann machte sie eine �rgerliche Handbewegung. </p><p>�Ach verdammt, woher soll ich das wissen?� fauchte sie. </p><p>�Und es interessiert mich auch nicht, zum Teufel. Wir sollten machen, da� wir hier wegkommen, bevor das, was diese beiden get�tet hat zur�ckkommt, um sich noch einen Nachschlag zu holen.�</p><p>Es war seltsam � aber Tally wu�te ganz genau, da� diese Gefahr nicht bestand. Der Anblick der beiden entsetzlich verst�mmelten Leichname vor ihr erf�llte sie mit Ekel und Entsetzen, aber sie wu�te mit unersch�tterlicher Gewi�heit, da� weder Angella noch sie oder Waga in Gefahr waren. Wer oder was auch immer hiergewesen war, er hatte ganz gezielt die beiden Drachenreiterinnen ausgeschaltet, mit einer K�lte und Pr�zision, die Tally schaudern lie�.</p><p>Trotzdem nickte sie nach einer Weile. �Du hast recht�, sagte sie. �Verschwinden wir von hier. Ich habe eine Quelle gefunden, nur ein paar Schritte von hier. Mit Trinkwasser.� Sie deutete auf die beiden Hornk�pfe. </p><p>�Seht zu, da� ihr irgend etwas findet, worin wir Wasser abf�llen k�nnen. Es sind zwei Tagesm�rsche bis zum Berg. Mindestens.�</p><p>Angella starrte sie einen Moment lang feindselig an, ging dann aber gehorsam zu den beiden riesigen Fluginsekten hin�ber und begann die Ausr�stung der beiden Frauen zu durchsuchen, w�hrend Tally ihren Widerwillen abermals niederk�mpfte und noch einmal neben der Toten niederkniete.</p><p>Sie f�hrte zu Ende, was Angella begonnen hatte � sie durchsuchte ihre Taschen, l�ste schlie�lich sogar ihren G�rtel und �ffnete die zahllosen Schnallen und T�schchen, die darin eingearbeitet waren. Sie fand eine Menge sonderbarer Dinge � die meistens davon v�llig fremdartig und einige von durchaus gef�hrlichem Aussehen � aber nicht, wonach sie eigentlich suchte. Aber das mochte daran liegen, da� sie selbst keine sehr klare Vorstellung davon hatte, was es war...</p><p>Sie warf alles, was sie fand, auf einen Haufen, ging schlie�lich auch zu der zweiten Toten hin�ber und leerte auch ihre Taschen. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, die riesige Laserwaffe an sich zu nehmen. Die Vorstellung war verlockend � schon die kleinen, handlichen Laser, mit denen Angella, Hrhon und sie bewaffnet waren, versetzte sie in die Lage, es mit einer kleinen Armee aufzunehmen � um wieviel furchtbarer mu�te die Wirkung dieser gewaltigen Waffe sein? Trotzdem legte sie das Gewehr nach kurzem Z�gern wieder aus der Hand. Sein Schaft war mit einer Unzahl von Kn�pfen, Skalen und kleinen leuchtenden Augen �bers�t; Tally hatte keine Ahnung, wie diese Waffe zu handhaben war. Und keine besondere Lust, sich die Beine wegzubrennen, w�hrend sie versuchte, es herauszufinden ...</p><p>�Ich bin fertig!� Angella kam zur�ck, zwei an ledernen Riemen befestigte Feldflaschen in der rechten und einen dritten, etwas gr��eren Beh�lter in der anderen Hand. </p><p>�Das ist alles, was ich gefunden habe�, sagte sie. �Die beiden Flaschen sind voll.�</p><p>�Dann trinkt sie aus�, befahl Tally, gleichzeitig an Angella wie an den Waga gewandt. �Trinkt, so viel ihr k�nnt. Wir f�llen sie an der Quelle auf.�</p><p>Angella zuckte die Achseln, schraubte jedoch sofort den Verschlu� der einen Feldflasche auf und warf Hrhon die zweite zu.</p><p>�Was suchst du eigentlich?� fragte sie, nachdem sie ihren Durst gestillt und sich den Rest des Wassers �ber Gesicht und Hals gesch�ttet hatte.</p><p>�Ich wei� es selbst nicht genau�, gestand Tally. Sie seufzte, stand auf und blickte mit einer Mischung aus Resignation und Zorn auf das Sammelsurium unverst�ndlicher Dinge herunter, das sie aus den Taschen der beiden Toten genommen hatte. �Ich beginne mich nur zu fragen, ob es wirklich Zufall ist, da� sie uns immer wieder aufsp�ren.�</p><p>Angella zog eine Grimasse. �Komisch�, sagte sie. �Ich erinnere mich schwach, vor einer halben Stunde den gleichen Verdacht ge�u�ert zu haben. Blo� hast du mich da niedergebr�llt.�</p><p>Sie schraubte die Flasche wieder zu und kam mit fast gem�chlichen Schritten n�her. Ihr Blick huschte �ber die Laserwaffe, die Tally achtlos zur Seite geworfen hatte. Aber sie ging mit keinem Wort darauf ein. �Und du denkst, du findest die Antwort...� Sie stockte. Ein verbl�ffter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. </p><p>�Ich Idiot�, murmelte Angella. �Oh verdammt, ich glaube ich habe die Ohrfeige verdient, die du mir gegeben hast � wenigstens die erste!�</p><p>�Wovon zum Teufel redest du?� fragte Tally �rgerlich. </p><p>�Von Jandhi!� erwiderte Angella. �Du hast sie schon einmal getroffen, nicht wahr? Ich meine, vor dem Lagerhaus?�</p><p>�Einmal�, sagte Tally. �Aber das war, bevor sie wu�te wer ��</p><p>�Und sie hat dir irgend etwas gegeben?� Angella war nicht mehr zu bremsen.</p><p>�Gegeben?� Tally �berlegte einen Moment angestrengt, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Nein�, sagte sie. </p><p>�Aber es mu� so gewesen sein!� beharrte Angella. </p><p>�Denk nach, Tally � hast du irgend etwas mitgenommen, aus Schelfheim?�</p><p>�Nein!� antwortete Tally, in fast zornigem Ton. </p><p>�Nichts au�er diesem Schwert da.� Sie deutete auf die Waffe, die neben Angellas Mantel im Sand lag. �Aber die habe ich...�</p><p>�Ja?� fragte Angella, als Tally nicht weitersprach, sondern sie nur betroffen anstarrte. �Woher hast du sie?� </p><p>�Gekauft�, murmelte Tally. �Von einem Katzer.</p><p>Aber...�</p><p>�Aber Jandhi war dabei�, f�hrte Angella den Satz zu Ende. �Nicht wahr? Diese Schlampe! Dieses heimt�ckische Mistst�ck! Ich h�tte ihr den Hals durchschneiden sollen!� W�tend b�ckte sie sich, hob den Waffengurt auf und zog das Schwert aus der ledernen H�lle. Einen Moment lang bewegte sie es unschl�ssig in H�nden, dann drehte sie es herum und rammte die Klinge fast bis zur H�lfte in den Boden.</p><p>�Was tust du da?� erkundigte sich Tally. �Sei vorsichtig. Es ist ein verdammt gutes Schwert!�</p><p>�Oh ja!� antwortete Angella. �Du wirst dich gleich wundern, wie gut. Mein Wort, Tally, das Ding hat noch ungeahnte verborgene Qualit�ten! Hrhon � hilf mir!�  Der Waga kam mit wiegenden Schritten herbei und sah Angella fragend an. �Halt die Klinge fest!� befahl sie. </p><p>�Mit beiden H�nden!�</p><p>Hrhon z�gerte. Erst, als Tally fast unmerklich nickte, kniete er nieder und legte beide H�nde um das doppelseitig geschliffene Heft. Angella ergriff den Schwertknauf, konzentrierte sich einen Moment und begann mit aller Kraft daran zu drehen.</p><p>Ein helles Knacken ert�nte, und pl�tzlich l�ste sich der Schwertgriff. Unter dem eingefetteten Leder kam ein sorgsam geschnittenes, sehr feines Gewinde zum Vorschein. Angella schnaubte triumphierend, spannte noch einmal die Muskeln an und l�ste mit einem weiteren Ruck den gesamten Griff von der Klinge. �Ich wu�te es!�  sagte sie. �Diese verdammte Hexe! Sieh dir das an, Tally!�</p><p>Tally trat gehorsam n�her, beugte sich neugierig vor � und verzog angewidert das Gesicht.</p><p>Der Schwertgriff war hohl, aber nicht leer. In dem kleinen Zylinder aus Metall bewegte sich etwas, das Tally verd�chtig an eine Ansammlung widerlicher wei�er Maden erinnerte, schleimige, nur daumennagelgro�e Kreaturen, die einen entsetzlichen Geruch verstr�mten. </p><p>�Was ist das?� fragte sie angewidert.</p><p>�Der Grund, aus dem Jandhi immer so genau wu�te, wo wir zu finden waren�, antwortete Angella. �Oh verdammt, ich h�tte es gleich merken m�ssen! Sp�testens, als sie uns in den Sumpf gefolgt sind!� Sie bewegte den abgeschraubten Schwertgriff w�tend in der Hand. </p><p>�Wei�t du, was das ist, Tally? Nein? Diese niedlichen kleinen Dinger sind Sandmaden! <emphasis>Weibliche</emphasis> Sandmaden!� </p><p>�Ach�, sagte Tally.</p><p>�Du hast noch nie davon geh�rt?� Tally sch�ttelte den Kopf, und Angella fuhr, noch immer mit zornbebender Stimme, fort: �Sie sind v�llig harmlos, wei�t du, aber es sind sehr n�tzliche kleine Biester. Ihre M�nnchen n�mlich k�nnen fliegen, und obwohl sie praktisch kein Gehirn haben, sind sie sehr treu. Sie f�hren eine regelrechte Ehe, wei�t du? Ein Sandmadenp�rchen, das einmal zusammengefunden hat, trennt sich niemals wieder. �</p><p>�Verdammt noch mal, was soll das?� fauchte Tally ungeduldig. �Wenn ich einen Vortrag in Biologie brauche, gehe ich zu einem Scholaren!�</p><p>�Das h�ttest du besser getan, bevor du dich mit Jandhi eingelassen hast�, versetzte Angella b�se. �Diese widerlichen kleinen Biester hier sind n�mlich nicht nur treu, sondern �u�erst anh�nglich. Ein M�nnchen wittert sein Weibchen auf zehn Meilen Entfernung.� Sie lachte hart. </p><p>�Na, d�mmert es dir? Alles, was Jandhi zu tun brauchte, war dir diese Maden unterzuschieben und die dazu passenden M�nnchen in einen Glaskasten zu setzen, um...�</p><p>�Um immer genau die Richtung zu wissen, in der sie suchen mu�te�, murmelte Tally. Sie starrte abwechselnd Angella und den hohlen Schwertgriff an. �Das ist...� </p><p>�Das ist typisch f�r Jandhi�, fiel ihr Angella ins Wort. </p><p>�Du solltest diese Hexe niemals untersch�tzen, Liebling. Sie mu� schon damals geahnt haben, da� mit dir irgend etwas nicht stimmt, Tallyliebling. Aber ich gebe zu, da� nicht einmal ich <emphasis>damit</emphasis> gerechnet habe.� Sie sch�ttelte w�tend den Kopf und setzte dazu an, die Maden aus ihrer H�lle heraus auf den Boden zu sch�tteln, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>�Worauf wartest du?� fragte Tally. �Bring' sie um!�  Angella grinste. �Ich glaube, ich habe eine bessere Idee. Gib mir das Schwert.�</p><p>Tally reichte ihr gehorsam die Schwertklinge. Angella schraubte die Waffe vorsichtig wieder zusammen, �berzeugte sich davon, da� der Griff wieder fest an seinem Platz sa�, und wandte sich zu den beiden Hornk�pfen um. Einen Moment lang blickte sie die beiden Tiere absch�tzend an, dann hob sie das Schwert und stie� die Klinge fast bis ans Heft in den gepanzerten Sch�del des kleineren der beiden Insektenwesen. Der Hornkopf b�umte sich mit einem schrillen Pfeifton auf und starb. </p><p>�Was hast du vor?� fragte Tally.</p><p>Angellas Grinsen wurde noch breiter. �Eine kleine Retourkutsche�, sagte sie. �Hrhon, hilf mir! Halt das Biest fest.�</p><p>Sie wartete, bis der Waga herangekommen war und die Z�gel des Fluginsektes ergriffen hatte, dann b�ckte sie sich, durchtrennte mit einem raschen Schnitt die Fesseln, die es mit dem Kadaver des zweiten Hornkopfes verbanden, und richtete sich wieder auf. Sorgsam befestigte sie Tallys Schwert am Sattelzeug des bizarren Flugtieres, trat einen halben Schritt zur�ck und zog den Dolch aus dem G�rtel. �Kannst du ihn halten, wenn ich ihm die Augen aussteche?� fragte sie.</p><p>Tally keuchte, aber sie kam nicht mehr dazu, Angella zur�ckzuhalten. Hrhon knurrte zustimmend, und Angellas Hand machte eine blitzschnelle Bewegung zum Sch�del des Hornkopfes hin. Die beiden Facettenaugen erloschen wie Kerzenflammen im Wind.</p><p>Der Hornkopf begann zu toben. Schwarzes Insektenblut besudelte Angella, die sich mit einem fast komisch anmutenden H�pfen in Sicherheit brachte. Der Panzer des Riesenk�fers klappte auseinander. Eine der beiden H�lften traf Hrhon wie ein Hammer aus Chitin und schleuderte ihn zu Boden; dann entfaltete sich ein Paar gigantischer, halbdurchsichtiger K�ferfl�gel �ber dem buckeligen Leib.</p><p>Tally zog hastig den Kopf ein, als das Insekt taumelnd in die H�he scho�, halb wahnsinnig vor Schmerz und Angst. Mit ungeheurer Wucht krachte es gegen den Felsen, taumelte ein St�ck zur�ck und herab und fing sich wieder. Sekunden sp�ter war es in der Nacht verschwunden.</p><p>�Was, zum Teufel, sollte das?� fragte Tally kalt, als sich Angella aufrichtete und damit begann, Sand aus ihrem Haar zu sch�tteln.</p><p>�Ein freundlicher Gru� an Jandhi�, antwortete Angella grinsend. �Diese Hornk�pfe sind verdammt z�h, wei�t du? Er ist jetzt zwar blind, aber mit ein wenig Gl�ck wird es noch Tage dauern, bis er stirbt.� Sie lachte leise. �Ich g�be deine rechte Hand daf�r, Jandhis Gesicht zu sehen, wenn sie ihn endlich eingeholt hat.�</p><p>Tally antwortete nicht. Aber sie dachte noch sehr lange dar�ber nach, ob Angella sich wirklich versprochen hatte, als sie sagte: <emphasis>deine</emphasis> rechte Hand...</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Aus den zwei Tagen, die Tally f�r den Weg zum Drachenfels veranschlagt hatte, wurden f�nf, denn der Berg war zum einen sehr viel weiter entfernt, als sie geglaubt hatte, und sie kamen zum anderen sehr viel langsamer voran, als sie gef�rchtet hatte. Sie marschierten nur nachts, was zwar m�hsam und nicht ganz ungef�hrlich war; denn die Steinw�ste entpuppte sich als gigantisches Labyrinth aus j�h aufklaffenden Abgr�nden und bodenlosen Spalten. Trotzdem w�re es unm�glich gewesen, bei Tageslicht zu marschieren. Es wurde nicht ann�hernd so hei�, wie Tally bef�rchtet hatte � aber der Himmel �ber dem Schlund war voller Drachen. Angellas Plan schien nicht aufgegangen zu sein. Schon am ersten Morgen sahen sie einen der gewaltigen, dreieckigen Schatten am Himmel kreisen, und der Tag war noch nicht zur H�lfte vorbei, als mehr und mehr der riesigen Tiere �ber ihnen erschienen � zu viele, <emphasis>viel zu viele,</emphasis> als da� es Zufall oder blo�e Routine sein konnte. Tally z�hlte mehr als zwei Dutzend der titanischen Flugechsen, die in unregelm��igen Spiralen �ber der W�ste kreisten, manchmal reglos zu verharren schienen, manchmal aber auch so tief auf das Labyrinth aus Felsen und Abgr�nden herabstie�en, da� sie die schwarzgekleideten Gestalten auf ihren R�cken erkennen konnte.</p><p>Keiner von ihnen sprach es aus, aber es war klar, was diese pl�tzliche �nderung in Jandhis Taktik bedeutete: sie suchte sie. Sie, Angella und Hrhon, aber vor allem sie. Und Tally verstand allm�hlich selbst nicht mehr, warum.</p><p>Sicher � sie hatte Jandhi gedem�tigt, mehr als einmal, und sie hatte wahrscheinlich mehr ihrer Kriegerinnen get�tet als alle Klorschas und Banditen Schelfheims zusammen � und doch war nichts davon Grund genug, einen derartigen Aufwand zu rechtfertigen. Nicht, wenn man bedachte, da� Jandhi ja im Grunde nichts anderes zu tun brauchte, als abzuwarten, bis Tally ganz von selbst zu ihr kam...</p><p>Aber auch auf diese Frage fand sie � wie auf so viele � keine Antwort. Und schon bald dachte sie auch nicht mehr dar�ber nach, denn sie brauchte jedes bi�chen Kraft, das sie aufbringen konnte, um am Leben zu bleiben.</p><p>Das Gel�nde wurde schwieriger, mit beinahe jedem Meter, den sie weiter nach Norden kamen. Das Netzwerk aus Rissen und Schr�nden, das den Boden durchzog, wurde dichter, und gleichzeitig nahmen die Felsen ab � ein Umstand, der besonders tags�ber nicht nur l�stig, sondern lebensgef�hrlich war; denn die Drachen kreisten ununterbrochen am Himmel, und es wurde immer schwieriger, ein Versteck zu finden.</p><p>Aber zumindest in einem Punkt hatten sie Gl�ck: keines der zahllosen Raubtiere, vor denen Karan sie gewarnt hatte, griff sie an, ja, sie sahen nicht einmal etwas Lebendes, mit Ausnahme einer riesigen Kreatur, die an einen aufrecht gehenden Haifisch erinnerte, aber hastig die Flucht ergriff, als Hhron einen Stein nach ihr schleuderte.</p><p>Und sie waren nicht allein. Tally sprach mit keinem der beiden anderen dar�ber, aber sie sp�rte es �berdeutlich, und sie war sicher, da� zumindest Hrhon es ebenfalls f�hlte: etwas folgte ihnen. Es war kein Zufall, da� die r�uberischen Bewohner des Schlundes sie mieden, so wenig, wie es Zufall gewesen war, da� sie den Wipfelwald so vollkommen unbehelligt durchquert hatten. Irgend etwas war in ihrer N�he, etwas, das sie sch�tzte. Und zugleich bedrohte.</p><p>Am Morgen der f�nften Nacht, die sie sich durch den Schlund geschleppt hatten, lag der Drachenfels vor ihnen.</p><p>Es war kein Berg, wie ihn Tally jemals zuvor gesehen hatte, sondern ein Alptraum: ein schwarz und tiefdunkelgr�n marmorierter Riesenspeer, den ein tobs�chtiger Gott in den Boden gerammt haben mu�te, lotrecht aufsteigend und f�nf, sechs, vielleicht noch mehr Meilen hoch. Es gab kein sanftes Ansteigen des Bodens, keine H�nge, sondern nur den Schlund und dahinter den Berg, gerade wie eine Wand in den Himmel ragend und so hoch, da� Tally schwindelte, als sie den Kopf in den Nacken legte, um zu seinem Gipfel hinaufzusehen. </p><p>�Unm�glich�, sagte Angella. Ihre Stimme war sehr ruhig; matt. Die Anstrengungen der letzten N�chte klangen in jeder Silbe mit. Und ihre Worte waren frei von jeder Bitterkeit oder gar von Vorwurf. Es war einfach eine Feststellung. Aber es gab keinen Widerspruch dagegen. Und Tally wu�te, da� sie recht hatte. Es <emphasis>war</emphasis> unm�glich. Niemand, der keine Fl�gel hatte konnte diesen Berg besteigen.</p><p>Tally f�hlte... nichts.</p><p>Es war sonderbar � sie h�tte entt�uscht sein m�ssen, verzweifelt, zornig... aber sie sp�rte nichts von alledem. Allenfalls ein nicht einmal sehr starkes Gef�hl von Resignation, eine ganz sanfte, aber nicht sehr unerwartete Entt�uschung. Sie hatte einen Drachen get�tet. Sie hatte der Macht die Stirn geboten, die �ber diese Welt herrschte, l�nger, als die Geschichte der V�lker zur�ckreichte, sie hatte dem gr��lichsten Ungeheuer, das die G�tter jemals ersonnen hatten, � dem Schlund � ein Schnippchen geschlagen. Aber dieser Berg besiegte sie. Einfach dadurch, da� er da war.</p><p>Und doch sp�rte sie, da� es richtig war.</p><p>Vielleicht... ja, dachte sie matt, vielleicht war das der Grund, aus dem sie so unbeteiligt schien. Die Erkenntnis, da� Angella und sie an diesem Berg scheitern mu�ten, kam nicht �berraschend. Sie hatten ihn gesehen, w�hrend der letzten f�nf N�chte, ein ganz allm�hlich gr��er werdender Schatten vor dem Nachthimmel, und irgendwie war es � jetzt � als h�tte etwas in ihr die ganze Zeit �ber gewu�t, wie unm�glich es war, ihn zu ersteigen.</p><p>Es war wie ein Stein, der noch gefehlt hatte, das Mosaik vollends zusammenzuf�gen, und der nur so und nicht anders sein konnte, sollte er passen. Der Endpunkt einer Entwicklung, die irgendwann einmal ihren Anfang genommen hatte und ihren H�nden l�ngst entglitten war. Vielleicht hatte sie niemals wirklich Einflu� darauf gehabt. Zum erstenmal, seit sie vor so unendlich langer Zeit als Kind aus dem Wald getreten war und ihre Heimatstadt in Tr�mmern unter sich liegen gesehen hatte, fragte sie sich, ob sie vielleicht nicht in Wahrheit nur ein Werkzeug war, das Werkzeug einer h�heren, durch und durch grausamen Macht, auf deren Entscheidungen sie keinen Einflu� hatte.</p><p>�Unm�glich!� sagte Angella noch einmal. �Das... das schaffen wir nicht! Niemand schafft das!�</p><p>Tally schwieg. Sie sp�rte, da� Angella auf eine Antwort wartete, darauf wartete, da� sie irgend etwas sagte, <emphasis>irgend etwas,</emphasis> aber es gab nichts, was sie sagen konnte. Sie waren am Ende ihres Weges angelangt. Vielleicht war dies eine jener Geschichten, dachte sie, die nicht gut endeten. Eine jener Geschichte, die niemand weitererz�hlen w�rde, weil die Helden am Ende nicht siegten, sondern den Tod fanden, nur ein paar Narren mehr, die sich eingebildet hatten, dem Schicksal eine lange Nase drehen zu k�nnen.</p><p>Sie blickte den Berg an, dann den Himmel, der sich ganz allm�hlich rot zu f�rben begann, und dann den Berggipfel. In wenigen Augenblicken w�rden die Drachen ausschw�rmen. Es w�re leicht, dachte sie. Sie brauchten nichts anderes zu tu als einfach dazustehen und zu warten, bis sie sie sahen. Vielleicht w�rde der Tod im Feuer der Drachen entsetzlich sein, aber er w�rde nicht lange dauern. Ein kurzer Augenblick furchtbarer Hitze, vielleicht � und auch das nur <emphasis>vielleicht �</emphasis> ein kurzer Schmerz. Und nichts mehr.</p><p>Aber es w�re falsch. Irgend etwas fehlte noch. Dies alles war nicht sinnlos gewesen, das sp�rte sie, sondern Teil eines sorgsam ausgekl�ngelten Planes. Und sein Ziel war <emphasis>nicht</emphasis> ihr Tod. Wenigstens noch nicht jetzt. Die L�sung, die endg�ltige Erkl�rung, war da, ganz dicht unter ihren Gedanken, aber ihrem Zugriff noch entzogen, wie ein noch ungeborenes Kind.</p><p>Und dann wu�te sie, was zu tun war.</p><p>Ganz langsam zog sie den Laser aus dem G�rtel, schaltete die Waffe ein und richtete sie auf den Berg. Angella erbleichte Schrecken. �Was tust du?� keuchte sie. �Du wirst alles verderben? <emphasis>Tally! NEIN!!!�</emphasis>  Tallys Finger verharrte ein winziges St�ck �ber dem Ausl�ser. Eine Waffe vibrierte in ihrer Hand; sie sp�rte die Energie, die darauf wartete, entfesselt zu werden, das Dr�ngen in ihrem Inneren, es zu tun, es <emphasis>endlich</emphasis> zu Ende zu bringen, die unh�rbare, aber dr�ngende Stimme, die ihr zufl�sterte, da� Angella und der Waga unwichtig waren. Ihr Leben z�hlte so wenig wie das Tallys, wie das irgendeines der zahllosen anderen lebenden Wesen, die sie ausgel�scht hatte, um hierher zu kommen. Sie war hier, und sie wu�te jetzt, wie sie ihre Rache vollziehen konnte, eine Rache, die tausendmal schrecklicher war, als sich Jandhi und ihre Schwester auch nur vorstellen konnten.</p><p>Und trotzdem z�gerte sie noch.</p><p>�Geh�, sagte sie leise.</p><p>Angella starrte sie an. �Was... was hast du gesagt?� </p><p>�Geh�, wiederholte Tally. �Und auch du, Hrhon � ihr k�nnt gehen. Was jetzt kommt, geht nur noch mich an.�  Angella starrte die Waffe in Tallys Hand an, dann sie selbst. �Du... du willst...�</p><p>�Ich will nicht�, unterbrach sie Tally, sehr leise, aber in einem Ton, der es Angella unm�glich machte, zu widersprechen. �Ich mu�. Ich werde tun, was n�tig ist. Ich mu�t dort hinauf, und es gibt nur einen Weg, dies zu tun.�</p><p>�Als Jandhis Gefangene?� Angella lachte, aber es war wohl eher ein Schrei. �Das h�ttest du leichter haben k�nnen!�</p><p>Tally antwortete nicht. Wie sollte sie Angella erkl�ren, da� es nur diesen und keinen anderen Weg gegeben hatte? Wie sollte sie etwas erkl�ren, das sie selbst zwar wu�te, aber nicht verstand? Wortlos sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>Angella trat einen Schritt auf sie zu und blieb stehen, als Hrhon drohend die H�nde hob. �Du... du bist wahnsinnig!� keuchte sie. �Ich bitte dich, Tally � �berlege, was du tust! Sie werden dich umbringen!�</p><p>�Wahrscheinlich�, antwortete Tally. �Aber zuerst werden sie mich dort hinaufbringen. Alles andere z�hlt nicht.�</p><p><emphasis>�Verdammt noch mal, bist du nur hierhergekommen, um zu sterben?�</emphasis> br�llte Angella. Pl�tzlich duckte sie sich unter Hrhons Arm hindurch, sprang auf Tally zu und versuchte ihre Hand herunterzuschlagen. Hrhon packte sie im Nacken, ri� sie zur�ck und schleuderte sie zu Boden.</p><p>�La� sie�, sagte Tally sanft. Sie l�chelte, senkte den Laser noch einmal und deutete mit der anderen Hand nach S�den, zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren. �Geh, Angella�, sagte sie. �Es ist vorbei. F�r dich, und auch f�r Hrhon.�</p><p>�Gehen?� Angella stand auf, hob die H�nde und f�hrte die Bewegung nicht zu Ende. Tally hatte selten zuvor einen Ausdruck gr��erer Hilflosigkeit im Gesicht eines Menschen gesehen. �Aber... aber wohin denn?�</p><p>�Euch wird nichts geschehen�, sagte Tally. �Geht zur�ck zur Klippe. Ihr werdet einen Weg hinauf finden, ich bin sicher. Jandhi wird euch nicht mehr behelligen. Sie will nur mich.�</p><p>�Und du willst sie�, stellte Angella fest. Pl�tzlich war ihr Zorn wie weggeblasen. Auf eine v�llig andere, aber ebenso erschreckende Art wirkte sie so kalt und entschlossen wie Tally. �Und wenn ich bleibe?� Sie sah Tally herausfordernd an.</p><p>�Dann wirst du sterben�, antwortete Tally. �Willst du das?�</p><p>�Du willst es doch auch, oder?� Angella ballte die Faust. �Du bist nicht die einzige, die glaubt, ein Recht auf Jandhis Kopf zu haben, Tallyliebling. Ich wei� nicht, was sie dir getan haben, aber ich wei�, was sie mir getan haben, und ich gehe nicht hier fort, als w�re nichts geschehen, ohne da� irgend jemand daf�r bezahlt hat. Du hast kein Monopol auf Ha�, Liebling.�  Tally schwieg endlose Sekunden. Sie sp�rte, da� es Angella ernst war; zum erstenmal, seit sie sich kennengelernt hatten, hatte sie das Gef�hl, einer erwachsenen Frau gegen�berzustehen, keinem dummen Kind.</p><p>�Du meinst es ernst�, sagte sie.</p><p>Angella hob die Hand und deutete auf ihr verbranntes Gesicht. �Du hast mich niemals gefragt, woher ich das hier habe�, sagte sie leise. �Ich war einmal so sch�n wie du, Tally. Aber Jandhi hat daf�r gesorgt, da� ich zu einem Monstrum wurde. Und jetzt sag noch einmal, ich soll gehen.�</p><p>Tally sagte es nicht. Statt dessen wandte sie sich an Hrhon und sah den Waga sehr lange und sehr ernst an. Sie sagte kein Wort, aber der Waga verstand die Frage trotzdem.</p><p>�Sssie habhen Essk gheth�htet�, zischte er.</p><p>Es war entschieden. Und aus einem Grund, den Tally selbst nicht verstand, war sie sehr froh. Von allem hatte sie der Gedanke, allein dort hinaufgehen zu m�ssen, vielleicht am meisten geschreckt. Es war dumm und unlogisch � aber es <emphasis>war</emphasis> ein Unterschied, ob man allein starb oder mit Freunden.</p><p>Sie sagte nichts mehr, sondern hob zum zweitenmal den Laser und dr�ckte ab.</p><p>Ein d�nner, schmerzhaft greller Lichtstrahl sengte eine blendendwei�e Narbe in die Nacht und explodierte an der Flanke des Drachenfels. Selbst �ber eine Entfernung von fast einer Meile konnte sie sehen, wie der Stein in dunklem Rot aufgl�hte und sich kleine Tropfen geschmolzenen Felsens wie gl�hende Leuchtk�ferchen l�sten und in die Tiefe st�rzten. Sie verl�schten, lange bevor sie den Boden erreichten.</p><p>Tally scho� ein zweites Mal, und ein drittes und viertes und f�nftes und sechstes Mal, immer und immer wieder, bis die Waffe in ihrer Hand �berhitzt war und nur noch ein protestierendes Summen ausstie�. Dann lie� sie die Waffe einfach fallen, drehte sich herum und hob abwehrend die Hand, als Angella neben sie trat.</p><p>�Bleibt hier�, sagte sie. �Und wehrt euch nicht, wenn sie kommen.�</p><p>�Wohin gehst du?� fragte Angella.</p><p>�Nicht sehr weit.� Tally l�chelte, wandte sich an Hrhon und deutete erst auf ihn, dann auf Angella. �Gib acht, da� sie mir nicht folgt�, sagte sie. �Ich bin bald zur�ck.�</p><p>Sie ging, ehe Angella eine weitere Frage stellen konnte. Ihre Zeit lief ab. Wahrscheinlich blieben ihnen jetzt nur noch Minuten.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>�ber dem ausgetrockneten Ozean d�mmerte der Morgen, aber hier unten, auf seinem Grunde, war die Nacht noch immer tief genug, Angella und Hrhon schon nach wenigen Schritten zu verschlucken. Tally wu�te nicht, wie weit sie ging, aber sie sp�rte, da� es nicht sehr weit sein konnte. Sie waren in ihrer N�he, und sie mu�ten so gut wie sie selbst wissen, wie wenig Zeit ihnen blieb; nur wenige Minuten, bis Jandhi und ihre Drachen kamen. Aber die Zeit w�rde reichen. Was Tally verstehen konnte, wu�te sie jetzt, und was es dar�ber hinaus noch gab, konnte sie nicht verstehen. Es gab nichts zu erkl�ren. Eine tiefe, unnat�rliche Ruhe hatte von ihr Besitz ergriffen, eine Art von psychischer L�hmung, die ihren Ursprung nicht in ihr selbst hatte, sondern von au�en kam.</p><p>Trotzdem begann ihr Herz vor Schrecken zu h�mmern, als sie die beiden Schemen vor sich sah. Sie blieb stehen. Ganz instinktiv blickte sie noch einmal nach oben, zum Gipfel des Drachenfelsens empor. Aber der Himmel war noch leer.</p><p>�Du hast dich also entschieden.�</p><p>Es war der gr��ere der beiden Schemen, der sprach. Er bewegte sich, kam auf eine f�rchterliche, mit Worten nicht zu beschreibende Weise auf sie zu und erstarrte wieder zur Reglosigkeit, als er sp�rte, wie sehr sein Anblick Tally erschreckte. Sein Gesicht war das Wellers, und gleichzeitig das etwas von anderem, etwas unbeschreiblich <emphasis>Fremdem,</emphasis> Entsetzlichem, dessen blo�er Anblick Tally aufst�hnen lie�.</p><p>Es war Weller � der gleiche Weller, der sie in jener Nacht vor f�nf Tagen zum Wasser gef�hrt hatte, der die beiden Drachenreiterinnen get�tet und sie und die beiden anderen sicher hierher gef�hrt hatte. Gleichzeitig war es eine boshafte Karikatur Wellers, ein entsetzliches Ding, �berlebensgro�, breiig, aufgequollen, hier und da zerlaufen wie weiches Wachs in der Sonne, eingesponnen in ein bleiches, pulsierendes Netz wie aus Spinnseide, nur viel feiner, und <emphasis>lebend...</emphasis></p><p>�Warum?� fragte sie einfach.</p><p>�Es gibt kein Warum�, antwortete Weller. �Sie und wir sind Feinde. Wir waren es immer. Du wei�t, was getan werden mu�.�</p><p>Tally nickte. Pl�tzlich war ihr kalt. Was, dachte sie, wenn sie das Feuer mit einem Vulkanausbruch l�schte? Vielleicht brachte sie einen zweiten, sehr viel gr��eren Schrecken auf die Welt. Dann l�chelte sie �ber ihre eigenen Gedanken. Es war nur der Mensch in ihr, der diese Furcht sp�rte, das alberne dumme Wesen, das sich einbildete, seine Existenz w�re irgendwie wichtig. </p><p>�Du hast gew�hlt?� fragte Weller. Auch die zweite Kreatur bewegte sich jetzt, kam n�her. Im ersten Moment war ihr Gesicht nicht mehr als eine glatte, totenbleiche Fl�che, dann bildeten sich Mund, Nase und Augen. Karan. Tally sah weg.</p><p>�Ich habe gew�hlt�, sagte sie.</p><p>�Und wer soll es sein?� Das Etwas, das einmal Weller gewesen war, kam n�her. Tally schauderte. Widerwillen ergriff sie, ein unbeschreiblicher Ekel, auch nur in der N�he dieses entsetzlichen Dinges zu sein, das alles war, nur nicht mehr Weller.</p><p>�Warum ich?� st�hnte sie, wie unter Schmerzen.</p><p>�Warum nicht Karan oder... oder einer der anderen, die vor mir hierher kamen?�</p><p>�Karan war unser Bote�, erwiderte das Weller-Ding. </p><p>�Und du, weil du da warst. Wir haben auf dich gewartet, sehr lange. Auf jemanden wie dich. Alle anderen waren Narren, die gescheitert w�ren.�</p><p>Tally erschrak, als sie begriff, was die Worte der Kreatur bedeuteten. �Dann... dann h�tte ich es auch...� </p><p>�Ohne unsere Hilfe geschafft?� Weller sch�ttelte den Kopf. Das wei�e Gespinst, das ihn umgab, raschelte wie ein Totenhemd. �Nein. Vielleicht bis hierher. Vielleicht. Doch nicht weiter.�</p><p>Er schwieg einen Moment. Dann deutete seine schreckliche fingerlose Hand in den Himmel. Tallys Blick folgte der Geste. Sie sah den titanischen dreieckigen Schatten, der sich von der Spitze des Drachenfelsens l�ste und in die Tiefe zu gleiten begann, dann einen zweiten, dritten...</p><p>�Uns bleibt nicht mehr viel Zeit�, sagte Weller. �Du hast dich entschieden? Wer von beiden? Angella, oder Hrhon?�</p><p>�Keiner�, sagte Tally.</p><p>Das entsetzliche Ding kroch und glitt ein weiteres St�ck auf sie zu. Seine H�nde waren jetzt nicht mehr weit von ihrem Gesicht entfernt. Tally unterdr�ckte nur noch mit letzter Kraft den Impuls, sich einfach herumzudrehen und davon zulaufen.</p><p>�Du wei�t, da� wir ein Opfer verlangen�, sagte Weller. </p><p>�Nur so kann deine Rache vollzogen werden. Wer also? Die Frau oder der Waga.�</p><p>�Keine von beiden�, sagte Tally noch einmal. Gro�er Gott, warum fiel es ihr so schwer, zu sprechen? </p><p>�Dann willst du...?�</p><p>�Mich�, sagte Tally. �Nehmt mich!�</p><p>Und sie nahmen sie.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Die beiden Drachen landeten, als sie zu Angella und Hrhon zur�ckkam. Der Waga hatte sich hinter einen Felsen geduckt und Angella an sich gepre�t; er hielt die Beine leicht gespreizt, um festen Stand zu haben, und hatte den Kopf fast zur G�nze in seinen Panzer zur�ckgezogen. Trotzdem schwankte er als die beiden gigantischen Kreaturen weniger als zwanzig Schritte neben ihm den Boden ber�hrten.</p><p>Die Erde bebte. F�r einen Moment schien die Nacht zur�ckzukehren, als die Drachen ein letztes Mal ihre gigantischen Schwingen entfalteten, und der k�nstliche Sturmwind trieb auch Tally noch einmal zwischen die Felsen zur�ck, in deren Schutz sie stehengeblieben war, um Jandhis Ankunft zu beobachten. Staub und kleine Kiesel �bersch�tteten sie wie Hagel. Die Luft war erf�llt vom Reptiliengestank der Drachen.</p><p>Tally drehte das Gesicht aus dem Sturm, hob sch�tzend die Hand �ber den Kopf und blinzelte aus zusammengepre�ten Augen zum Himmel hinaus. �ber ihr, so dicht, da� sie fast meinte, sie mit dem ausgestreckten Arm ber�hren zu k�nnen, kreisten zwei weitere Drachen, und eine oder anderthalb Meilen dar�ber ein weiteres Paar der gefl�gelten Reptilien. Jandhi �berlie� nichts mehr dem Zufall. Gut.</p><p>Geduldig wartete sie, bis die beiden Drachen zur Ruhe gekommen waren; gro�en h��lichen V�geln gleich, die sich noch einen Moment unruhig auf der Stelle bewegten, ehe sich ihre schuppigen H�lse senkten, um den Reiterinnen das Absteigen zu erm�glichen.</p><p>Es ging trotz allem sehr schnell � auf jedem der beiden Drachen sa�en fast ein Dutzend von Jandhis schwarzgekleideten Kriegerinnen, und Tally mu�te ihre Bewegungen nicht l�nger als einen Herzschlag beobachten, um zu erkennen, da� sie es diesmal nicht mit Kindern wie Nil zu tun hatten, sondern mit Elitetruppen; Frauen, deren Bewegungen so schnell und pr�zise wie die von Maschinen waren. Jandhis Garde, wenn sie so etwas hatte, dachte Tally sp�ttisch.</p><p>Sie bewegte sich nicht. Die Drachenreiterinnen schw�rmten rasch und beinahe lautlos aus und bildeten einen doppelten, zur W�ste hin offenen Kreis, in dessen Zentrum sich Angella und Hrhon befanden. Vier oder f�nf der schlanken Gestalten traten auf sie selbst zu, sehr langsam, vorsichtig und mit angelegten Waffen.</p><p>Die Gesichter der Kriegerinnen waren hinter den heruntergeklappten Visieren ihrer Helme verborgen, so da� sie den Ausdruck darauf nicht erkennen konnte � aber Tally sp�rte die Nervosit�t der f�nf Kriegerinnen. Mit einem leisen Gef�hl der Beunruhigung kam ihr zu Bewu�tsein, da� sie nicht irgendwer war. Sie hatte eine Spur von Blut aus jenem verfluchten Turm in der Gehran-W�ste bis hierher gezogen. Die blo�e Erw�hnung ihres Namens mu�te diese Frauen mit Furcht oder Ha� oder beidem erf�llen.</p><p>Sehr vorsichtig senkte sie die H�nde, trat den Kriegerinnen einen Schritt entgegen und blieb wieder stehen, als sich eine Waffe drohend auf ihr Gesicht richtete. </p><p>�Keine Angst�, sagte sie. �Wir geben auf.�</p><p>Wenn die Kriegerinnen ihre Worte �berhaupt h�ren, so reagierten sie nicht darauf. Vier von ihnen bildeten einen Kreis um Tally, die Waffen im Anschlag, aber so haltend, da� sie sich nicht gegenseitig treffen konnten, w�hrend die f�nfte um sie herumtrat und sie rasch und sehr gr�ndlich durchsuchte. Sie fand nichts. Tallys Dolch � die einzige Waffe, die sie noch bei sich getragen hatte � lag irgendwo drau�en in der W�ste.</p><p>Trotzdem wurden ihre H�nde auf den R�cken gebunden; so fest, da� es schmerzte und Tally schon nach Sekunden f�hlte, wie ihr das Blut abgeschn�rt wurde. Erst dann traten zwei ihrer vier Bewacherinnen zur Seite; sie bekam einen groben Sto� in den R�cken, dann griffen schlanke, aber sehr kr�ftige H�nde unter ihre Achseln. Sie wurde mehr auf Angella und Hrhon zugeschleift, als sie aus eigener Kraft ging.</p><p>Angella blickte ihr aus vor Schrecken geweiteten Augen entgegen. Sie war gebunden wie Tally, und auch neben ihr standen zwei der gesichtslosen schwarzen Kriegerinnen, w�hrend Hrhon ein St�ck zur Seite gef�hrt worden war. Er war nicht gebunden � Jandhis Kriegerinnen schienen zu wissen, wie wenig Zweck es hatte, einen Waga fesseln zu wollen � aber die L�ufe eines Dutzends Laserwaffen waren auf ihn gerichtet. Tally betete lautlos, da� Hrhon nicht die Nerven verlieren und einen Fehler machen w�rde.</p><p>�Was geschieht jetzt, Tally?� fragte Angella. �Wir ��  Eine ihrer beiden Bewacherinnen versetzte ihr einen Kolbensto�, der sie st�hnend in die Knie brechen lie�. </p><p>�Nicht sprechen!�</p><p>�Was soll das?!� fragte Tally scharf. �Wir haben uns ergeben!�</p><p>Ein zweiter Kolbenhieb traf nun auch ihre Rippen; nicht halb so fest wie der, den Angella bekommen hatte, aber heftig genug, ihr die Luft aus den Lungen zu treiben. �Schweigt!� sagte eine harte Stimme. �Niemand spricht, bis Jandhi kommt.�</p><p>Angella stemmte sich st�hnend in die H�he. Ihr Gesicht zuckte vor Schmerz, aber in ihren Augen flammte schon wieder diese unbez�hmbare Wut, die Tally so sehr an ihr kannte und f�rchtete. Pl�tzlich war sie sehr froh, da� Angella gefesselt war. �Daf�r bringe ich dich um, Sch�tzchen�, st�hnte diese. �Mein Wort darauf!�</p><p>Die Frau neben ihr hob das Gewehr, schlug aber nicht noch einmal zu, sondern belie� es bei einer warnenden Bewegung. Angella starrte sie ha�erf�llt an. In ihrem Gesicht arbeitete es. Tally sah, wie sich ihre Muskeln spannten, als sie vergeblich versuchte, die Fesseln zu sprengen.</p><p>�Nicht, Angella�, sagte sie rasch. �Keine Angst � sie werden dir nichts tun. Ich bin es, die sie wollen.�  In Angellas Augen blitzte es abermals auf. Aber sie war klug genug, ihre Bewacherin nicht weiter zu reizen, sondern sich nur mit einem w�tenden Ruck herumzudrehen.</p><p>Und auch Tally schwieg. Sie versp�rte eine absurde Erleichterung. Der gef�hrliche Moment war vor�ber, das wu�te sie. Jandhis Kriegerinnen w�rden sie nicht t�ten, jedenfalls nicht jetzt. Aber sie hatten nicht mehr viel Zeit. Wellers <emphasis>(Wellers??!)</emphasis> letzte Worte waren noch deutlich in ihrem Ohr: <emphasis>Dir bleibt nicht viel Zeit, Talianna. Wenig mehr als zw�lf Stunden. Wir k�nnen dich sch�tzen, bis die Sonne untergeht. Nicht l�nger.</emphasis></p><p>Zw�lf Stunden... dachte sie. Eine erb�rmlich kurze Zeit � und doch genug, f�r das, was sie tun mu�te. Sie f�hlte sich sonderbar. Sie war noch nicht alt genug, um sich wirklich ernsthaft mit dem Gedanken an den Tod auseinandergesetzt zu haben, aber nat�rlich <emphasis>hatte</emphasis> sie dar�ber nachgedacht, dann und wann. Sie erinnerte sich, einmal � in einem Gespr�ch, dessen Anla� und dessen Beteiligte sie vergessen hatte � �ber die Frage diskutiert zu haben, was sie tun w�rde, w��te sie genau, da� sie nur noch eine festgelegte Spanne Zeit zu leben h�tte. Sie erinnerte sich, eine Menge interessanter � und auch kluger � Gedanken zu diesem Thema geh�rt zu haben, damals. Aber jetzt <emphasis>war</emphasis> sie in dieser Situation, und sie f�hlte nichts von alledem, was sie geglaubt hatte. Nicht einmal Angst.</p><p>Einen Moment lang lauschte sie in sich hinein, aber da war nichts: Ihr Herz schlug sehr schnell und gleichm��ig, unter ihrem rechten Knie pochte ein leichter Schmerz, wo sie im Dunkeln gegen einen Felsen geprallt war, und ihre Rippen waren taub, wo sie der Kolbensto� getroffen hatte. Aber wo die Angst in ihrem Leib w�hlen sollte, war nichts als eine tiefe, sonderbar wohltuende Leere. Vielleicht war dies schon ein Teil des Schutzes, von dem Weller gesprochen hatte.</p><p>Ein gigantischer Schatten legte sich �ber die W�ste und lie� Tally aus ihren Gedanken auffahren. Sie sah nach oben und erblickte einen weiteren Drachen, ein besonders gro�es, nachtschwarzes Tier, das in steilem Winkel aus dem Himmel geschossen kam und seinen Sturz erst dicht �ber dem Boden abfing. In seinem Nacken sa� eine einzelne Reiterin, gekleidet in das allgegenw�rtige Schwarz der T�chter des Drachen, aber ohne Helm, so da� ihr Haar frei im Wind flatterte. Der Sturmwind der Drachenschwingen peitschte die Luft, w�hrend das Tier zwei-, drei-, viermal �ber Tally und den anderen kreiste und schlie�lich zur Landung ansetzte.</p><p>Trotz des Ernstes ihrer Lage konnte Tally nicht anders, als die Eleganz der riesigen fliegenden Kreatur zu bewundern, als Jandhi landete. Der Drache mu�te an die f�nfzig Meter lang sein, und Tally sch�tzte seine Spannweite auf das Doppelte. Sein Gewicht mu�te das von zehn Hornbestien gleichzeitig betragen. Und trotzdem bewegte er sich elegant und schwerelos wie ein gro�er, nachtschwarzer Schmetterling. Der einzige Laut, der zu h�ren war, war das Heulen der Luft, die seine Schwingen peitschten.</p><p>Und ebenso elegant, wie er gelandet war, senkte der Drache seinen riesigen Schlangenhals, bis der dreieckige Sch�del den Boden ber�hrte und seine Reiterin m�helos absteigen konnte.</p><p>Tally blickte ihr ruhig entgegen. Jandhi ging sehr schnell, aber ohne Hast, auf sie zu, blieb einen Moment neben Hrhon stehen und blickte ihn an und kam dann n�her. Eine ihrer Kriegerinnen trat auf sie zu; Jandhi scheuchte sie mit einer unwilligen Geste zur Seite. F�r einen Moment wurde es sehr still, w�hrend die beiden ungleichen Frauen sich anblickten. Jandhis Gesicht war wie Stein. Auf ihren ebenm��igen Z�gen war nicht das geringste Gef�hl zu erkennen. Aber Tally sp�rte die Erregung, die hinter der Maske aus Unnahbarkeit und Ruhe tobte. Und Jandhi umgekehrt schien die unnat�rliche Ruhe zu f�hlen, die von Tally Besitz ergriffen hatte, denn nach einer Weile trat ein Ausdruck von leiser �berraschung in ihre Augen. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis sie das Schweigen brach, das sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte.</p><p>�Du w�rst besser mit mir gekommen, damals in Schelfheim�, sagte sie. �Eine Menge meiner Schwestern w�ren noch am Leben. Und deine beiden Freunde auch.� Sie seufzte, ma� Tally mit einem langen, sehr nachdenklichen Blick und sch�ttelte schlie�lich den Kopf, als k�nne sie noch immer nicht glauben, was sie sah. �Du hast wirklich aufgegeben.�</p><p>�Wie du siehst.�</p><p>�Warum?� Jandhi machte eine fragende Geste. �Ich meine � warum jetzt? Du hast uns l�nger und gr�ndlicher an der Nase herumgef�hrt als irgendein anderer vor dir � und jetzt gibst du auf?� Sie sch�ttelte den Kopf. </p><p>�Wenn du irgendeinen Trick vorhast, hast du zu hoch gespielt, Tally.�</p><p>�Kein Trick.� Tally z�gerte einen Moment; dann hob sie die Hand und deutete auf den Berg hinter sich. �Du hast mich nicht besiegt, Jandhi. Er war es.�</p><p>Jandhi blickte sie einen Herzschlag lang verdutzt an. Dann nickte sie. �Hast du gedacht, wir sitzen schutzlos herum und warten darauf, �berfallen zu werden?� fragte sie. �Niemand besteigt diesen Berg, der keine Fl�gel hat.� Sie seufzte. �So viel Tote, Talianna. So viel verschwendete Energie... war es das wert?�</p><p>Tally schwieg. Jandhis Frage war nicht von der Art, die eine Antwort erwartete. Und nach einer Weile sch�ttelte sie auch den Kopf und beantwortete sie selbst: �Nein, das war es nicht. W�rst du doch gleich zu uns gekommen, statt einen Privatkrieg zu beginnen. So viel h�tte anders sein k�nnen.�</p><p>�Ach?� sagte Tally. �H�ttet ihr ein paar St�dte weniger niedergebrannt?�</p><p>Jandhis Gesicht verdunkelte sich vor Zorn. Sie hob die Hand, wie um Tally zu schlagen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern senkte den Arm wieder und seufzte abermals. �Vielleicht gab es wirklich keinen anderen Weg�, murmelte sie. �Aber du wirst erkennen, wie sehr du dich get�uscht hast, Tally. Und deine beiden Freunde dort auch.�</p><p>Sie wies mit einer Kopfbewegung auf Angella und Hrhon. Der Waga war zu weit entfernt, um ihre Worte zu h�ren, aber Angella hatte jede Silbe verstanden. Zu Tallys �berraschung schwieg sie jedoch.</p><p>�Was hast du mit ihnen vor?� fragte Tally.</p><p>Jandhi drehte sich sehr langsam herum und blickte erst Angella und dann den Waga nachdenklich an, ehe sie sich wieder an Tally wandte.</p><p>�Ich nehme an, du willst jetzt um ihr Leben bitten�, sagte sie abf�llig.</p><p>�Und wenn?�</p><p>Jandhi lachte leise. Aber sie antwortete nicht auf Tallys Frage, sondern trat statt dessen einen Schritt zur�ck und hob die Hand.</p><p>In die schwarzgekleideten Kriegerinnen kam Bewegung. Vier von ihnen packten Hrhon und stie�en ihn mit angelegten Waffen vor sich her; zwei andere ergriffen Angella unter den Achseln und zerrten sie grob auf einen der Drachen zu.</p><p>Jandhi machte eine einladende Handbewegung. �Darf ich dich einladen, auf meinem eigenen Tier zu reiten?�  fragte sie sp�ttisch. �Diese Art zu reisen ist dir ja nicht fremd, oder? Ich glaube, du bist fliegen gewohnt.�  Tally versuchte den Sarkasmus in ihren Worten zu ignorieren. �Hast du keine Angst, da� ich dich aus dem Sattel sto�e?� fragte sie b�se.</p><p>Jandhi l�chelte. �Sicher nicht�, sagte sie. �Was h�ttest du schon davon? Du bist nicht hier, weil du <emphasis>mich</emphasis> umbringen willst, oder?�</p><p>�Der Gedanke ist verlockend.�</p><p>�Das Risiko gehe ich ein�, antwortete Jandhi ruhig. �Es ist nicht sehr gro�, wei�t du? Ich kenne dich besser, als du ahnst.�</p><p>�So?�</p><p>Jandhi nickte. �Ich war einmal wie du, Talianna�, sagte sie. �Ein junges M�dchen voller Ha� und Zorn, das sein eigenes Leben weggeworfen h�tte, um die zu vernichten, die es zu hassen glaubte. Hast du dich f�r einmalig gehalten?� Sie lachte. �Es gibt viele wie dich � M�nner und Frauen und Kinder, die uns den Tod schw�ren. Die meisten gehen zugrunde, ehe sie uns auch nur nahe kommen. Manchen gelingt es sogar, uns Schaden zuzuf�gen. Gew�hnlich t�ten wir sie.�</p><p>�Und sonst?� fragte Tally.</p><p>Jandhi lachte leise. �Manche nehmen wir in unsere Dienste�, sagte sie. �Wenn sie gut sind. Du bist gut. Und jetzt erspare mir und dir bitte gro�e Worte wie <emphasis>niemals</emphasis>  oder <emphasis>lieber sterbe ich�,</emphasis> f�gte sie rasch hinzu. �Das habe ich wei� Gott schon oft genug geh�rt.� Sie seufzte. �Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich selbst etwas �hnliches gesagt. Aber das ist lange her. Komm jetzt � du wirst alles erfahren. Und danach wirst du vielleicht einsehen, wie dumm du gewesen bist.�</p><p>Begleitet von vier von Jandhis schwarzgekleideten Kriegerinnen bewegten sie sich auf den Drachen zu. Tally versp�rte nun doch � wenn auch sehr schwache � Angst, aber es war keine Furcht vor der Kreatur selbst, sondern die instinktive Abneigung gegen alles Reptilische, Kalte, das wohl jeder Mensch in sich trug, die Millionen Jahre alte Furcht vor der anderen, gro�en Lebensform, die diese Welt lange vor dem Menschen beherrscht hatte, welche sie selbst in Hrhons Gegenwart vollkommen �berwunden hatte.</p><p>Gleichzeitig � so absurd es war � kam ihr wieder zu Bewu�tsein, wie sch�n der Drache war: ein Gigant, trotz seiner Gr��e elegant und leicht, von der Farbe der Nacht und schimmernd wie ein riesiger, schwarzer Diamant. Sie hatte einmal geglaubt, das Lodern in den Augen des Drachen w�re Bosheit, aber das stimmte nicht. Es war so wenig Bosheit, wie es Intelligenz war � w�hrend sie sich an Jandhis Seite auf die titanische Flugechse zubewegte, begriff sie, da� die Drachen nichts anderes als Tiere waren, ungeheuer gro�e und ungeheuer starke Tiere, aber nicht mehr. Sie waren so wenig b�se, wie es die Waffen in den H�nden von Jandhis Kriegerinnen waren � nur Werkzeuge, mehr nicht.</p><p>Irgendwie beruhigte sie dieser Gedanke.</p><p>F�nfzig Schritte vor dem turmhohen Ungeheuer blieben sie stehen. Jandhi l�ste einen kleinen, kastenf�rmigen Gegenstand von ihrem G�rtel und dr�ckte rasch hintereinander drei oder vier Tasten auf seiner Oberfl�che; der Drache erwachte aus seiner Starre, stie� ein tiefes, kehliges Knurren aus und senkte den Sch�del. Dicht vor Jandhi ber�hrte der gepanzerte Unterkiefer des Kolosses den Felsboden. Ein Auge starrte sie an, das gr��er war als Tallys Kopf.</p><p>Jandhi drehte sich zu ihr herum und wiederholte ihre auffordernde Geste. �Keine Angst�, sagte sie. �Er tut dir nichts. Er ist sanft wie ein Lamm' � solange ich es will.�  Bei diesen Worten hob sie den kleinen Kasten in ihrer Hand. Ein L�cheln erschien auf ihren Z�gen, das Tallys Verwirrung zu j�hem Zorn werden lie�.</p><p>�Gibt es irgend etwas womit du <emphasis>nicht</emphasis> spielst?� fragte sie mit m�hsam beherrschter Stimme.</p><p>Ihr Zorn schien Jandhi zu am�sieren, denn ihr L�cheln wurde noch breiter. �Du versteht nicht�, sagte sie. �Aber wie k�nntest du auch? Es hat nichts mit Zauberei oder gar schwarzer Magie zu tun, wei�t du?� Sie hob den Kasten und deutete gleichzeitig mit einer Kopfbewegung auf die gigantische gefl�gelte Kreatur, die wie ein lebender Berg �ber ihnen in den Himmel ragte. �Wir pflanzen Sensoren in ihre Gehirne, wenn sie noch sehr jung sind. Das ist v�llig schmerzlos und ungef�hrlich. T�ten wir es nicht, w�ren sie vermutlich l�ngst ausgestorben. Oder niemals geboren worden � je nach dem. Aber jetzt komm.�</p><p>Tallys Blick irrte unsicher zwischen ihr und dem Drachen hin und her. Sie verstand Jandhis Worte nicht, und noch viel weniger verstand sie, <emphasis>warum</emphasis> sie sie �berhaupt aussprach. Aber gleichzeitig glaubte sie zu sp�ren, da� Jandhis pl�tzliche Redseligkeit nicht von ungef�hr kam. Jandhi verriet ihr all dies nicht, um ihr vor Augen zu f�hren, wie klein und machtlos sie in Wahrheit war � das hatte sie wei� Gott nun nicht mehr n�tig. Nein � sie verfolgte einen ganz bestimmten Zweck damit. Aber welchen? Glaubte sie wirklich, ein paar Worte und ein wenig magischer Hokuspokus w�rden gen�gen, Tally alles vergessen zu lassen, wof�r sie die letzten siebzehn Jahre ihres Lebens geopfert hatte? L�cherlich! Sie sprach nichts von ihren wahren Gedanken aus, sondern trat mit einem raschen Schritt an Jandhis Seite und sah sie fragend an. Jandhi deutete einladend auf den Drachen. Tally sah jetzt, da� im Nacken des Kolosses eine Art Sattel befestigt war, eine komplizierte Konstruktion aus Leder und Stahl, l�cherlich klein gegen den Giganten, der sie trug. Der blo�e Gedanke, dort hinauf-, zusteigen, erf�llte sie mit einer kreat�rlichen Angst, gegen die sie f�r einen Moment hilflos war.</p><p>Und Jandhi schien ihre Angst zu sp�ren, denn sie forderte sie nicht noch einmal auf, in den Sattel zu steigen, sondern trat mit einem schnellen Schritt auf einen der hornigen Stachel, die aus dem Sch�del des Drachen herausragten, zog sich mit einer ge�bten Bewegung in den Sattel hinauf und machte erst dann eine gleicherma�en auffordernde wie befehlende Geste. Tally gehorchte. Langsamer als Jandhi und mit vor Aufregung und Furcht h�mmerndem Herzen n�herte sie sich dem Drachen, blieb noch einmal stehen und kletterte schlie�lich zu Jandhi hinauf.</p><p>Es war ein entsetzliches Gef�hl: es war im Grunde nicht schwerer, als einen Baum zu erklimmen, aber der Gedanke, da� sie auf einer der Bestien sa�, die ihre Familie � ihr Leben � verbrannt hatten, vor einer der Frauen, die den Befehl dazu gegeben hatten, ja, vielleicht dabei gewesen waren, brachte sie schier um den Verstand. Alles in ihr schrie danach, sich einfach herumzudrehen und Jandhi zu t�ten, und wenn es das Letzte w�re, was sie in ihrem Leben tat. Aber sie durfte es nicht. Nicht, wenn nicht alles umsonst gewesen sein sollte. Nicht <emphasis>jetzt.</emphasis></p><p>�Halt dich gut fest!� befahl Jandhi.</p><p>Tally hatte kaum Zeit, ihrem Befehl zu folgen und sich am Rand des Sattels festzuklammern.</p><p>Der monstr�se Schlangenhals unter ihr bewegte sich in die H�he; beinahe gleichzeitig breitete der Gigant die Schwingen aus und stie� sich mit einem ungeheuer kraftvollen Satz ab.</p><p>Tally hatte niemals einen Drachen starten sehen, aber allein ihre ungeheure Gr��e hatte sie ganz instinktiv annehmen lassen, da� es sich um einen schwerf�lligen Vorgang handeln mu�te � ein albernes Flattern wie das eines Kormorans vielleicht. Aber der Drache sprang einfach in die H�he, schlug nur ein einziges Mal mit den Fl�geln und scho� in den Himmel wie ein Pfeil.</p><p>Tally begriff pl�tzlich, wieso Jandhi so wenig Angst davor gehabt hatte, von ihr angegriffen und vielleicht in die Tiefe gesto�en zu werden � selbst wenn sie es gewollt h�tte, h�tte sie kaum Gelegenheit dazu gefunden; denn sie brauchte all ihre Kraft und Aufmerksamkeit, sich am Sattel festzuhalten und nicht selbst abzust�rzen. Die W�ste, die Kriegerinnen und die beiden anderen Drachen fielen unter ihr in die Tiefe, als h�tte sich unter dem Schlund ein weiterer, noch gewaltigerer Abgrund aufgetan, um die Welt zu verschlingen. Eisiger Wind peitschte ihr Haar, schnitt wie mit Messern in ihr Gesicht und trieb ihr die Tr�nen in die Augen, w�hrend der Drache in die H�he scho�, wie ein �bergro�er Adler auf dem Wind reitend und nur sehr selten mit den Fl�geln schlagend. Die schwarze Flanke des Drachenfelsens glitt vor ihnen in die Tiefe, kippte zur Seite und nach rechts und verschwand f�r einen Moment aus ihrem Blickfeld, als Jandhi den Drachen in einem weit geschwungenen Bogen herumzwang.</p><p>Dann lag der Berg unter ihnen. Tally konnte nicht viel erkennen, denn ihre Augen waren noch immer voller Tr�nen. Trotzdem war sie �berrascht � sie hatte ein Plateau erwartet, vielleicht mit einer Art Festung, einer monstr�sen Stadt der Drachen; aber unter ihr lag nichts als eine gigantische, schwarze Nadel aus gl�nzender Lava, scharf wie ein Speer, der die Wolken aufzuschlitzen trachtete.</p><p>Erst als sich der Drache dem Berg mehr und mehr n�herte, sah sie die H�hlen � es waren Hunderte �, die in seiner Flanke g�hnten; manche nicht gr��er als Fenster, andere gigantisch genug, einem halben Dutzend Drachen zugleich Einla� zu gew�hren. Sie war ein wenig entt�uscht, den sagenumwobenen Hort der Drachen als nichts anderes als einen hohlen Berg vorzufinden, ein �bergro�es Rattenloch.</p><p>Jandhi steuerte ihr Tier auf eine der gr��eren H�hlen�ffnungen zu. Ganz instinktiv zog Tally den Kopf zwischen die Schultern, als der Felsen auf sie zusprang, aber der Drache glitt elegant in den Berg hinein, ohne da� die Spitzen seiner Fl�gel den Fels auch nur ber�hrten. Sie landeten im hinteren Drittel der H�hle. Jandhi sprang mit einer federnden Bewegung aus dem Sattel, noch ehe sich der Drachenhals vollends gesenkt hatte, trat zur�ck und wartete, bis Tally ihr gefolgt war � weit langsamer und weniger elegant als sie.</p><p>Ihre Augen tr�nten noch immer, und die wenigen Momente, die sie dem schneidenden Wind ausgesetzt gewesen war, hatten sie vor K�lte steif werden lassen. Ihre Finger schmerzten so sehr, da� sie M�he hatte, sich an den H�rnern des Drachen festzuhalten. Sie verstand die abenteuerliche Aufmachung der Drachent�ter jetzt ein wenig besser.</p><p>Schaudernd � und nicht nur vor K�lte zitternd � sah sie sich um. Es war dunkel in der H�hle, obgleich unter der Decke und l�ngs der W�nde Dutzende der gro�en, wei�es Licht verstr�menden Zauberlampen brannten. Der Boden atmete W�rme, aber durch den H�hleneingang str�mte eisige Luft herein, und der Gestank der Drachen war �berw�ltigend.</p><p>Gestalten bewegten sich in der grauen D�mmerung � Frauen in den schwarzen Kleidern von Jandhis Schwestern, aber auch andere, gr��ere Silhouetten. Schatten, deren Schwarz tiefer und deren Konturen h�rter waren; Gestalten, die sich auf zu vielen Beinen mit falsch angeordneten Gelenken bewegten, deren Schritte klickende Chitin-Echos auf dem Felsboden hervorriefen, deren Augen Tally kalt wie gro�e geschliffene Halbkugeln aus Kristall musterten. Hornk�pfe. Zumindest ihrem ersten Eindruck nach schien dieser Berg viel mehr eine Stadt der Hornk�pfe als der Drachen zu sein.</p><p>Und da war noch etwas.</p><p>Tally wu�te nicht, was es war � aber im gleichen Moment, in dem sie den Boden ber�hrte, vielleicht sogar schon vorher, ergriff eine sonderbare Unruhe von ihr Besitz, etwas, das nichts mit ihrer Furcht oder der fremdartigen Umgebung zu tun hatte. Ein wenig erinnerte sie das Gef�hl an das, das sie in Karans Sumpf gehabt hatte, auch wenn es gleichzeitig ganz, ganz anders war: aber sie sp�rte, da� <emphasis>irgend etwas</emphasis> hier war, irgend etwas Fremdes, B�ses, ungemein M�chtiges. Und es waren nicht Jandhi und ihre Drachen.</p><p>Tally schauderte. Eine entsetzliche Angst bem�chtigte sich ihrer, und es war keine Angst mehr vor dem Tod, vor irgend etwas, das sie k�rperlich bedrohte, sondern...</p><p>Nein � sie wu�te nicht, was es war. Irgend etwas, ein Teil ihrer menschlichen Seele, zog sich zusammen wie ein getretener Wurm, als sie das Fremde sp�rte, das diesen Ort beherrschte, etwas D�steres, Altes; etwas durch und durch <emphasis>Unmenschliches;</emphasis> etwas, das so alt war wie diese Welt, vielleicht �lter, und das vom ersten Tag der Sch�pfung an der Feind aller anderen denkenden Kreaturen gewesen war.</p><p>Tally hatte niemals an derartige Dinge geglaubt � aber jetzt fragte sie sich allen Ernstes, ob es so etwas wie das personifizierte B�se und die H�lle vielleicht doch gab. Und ob sie beidem nicht vielleicht sehr viel n�her war, als sie noch vor Augenblicken geahnt hatte...</p><p>Sie sah, wie Jandhi sich umwandte und mit einer der insektoiden Kreaturen sprach. Sie verstand die Worte nicht, aber ihr Tonfall und die Gesten, die sie auf beiden Seiten begleiteten, erschreckten sie. Die Bewegungen des Hornkopfes waren herrisch, voller Ungeduld und Zorn. Und Jandis Antworten... Tally wu�te, wie absurd der Gedanke war: aber f�r einen Moment fragte sie sich, wer von den beiden der Sklave, und wer der Herr war... Schlie�lich endete der kurze Disput so abrupt, wie er begonnen hatte. Der Hornkopf deutete mit einer zornigen Geste auf sie und drehte sich herum, um Jandhi einfach stehenzulassen. Und h�tte Tally nicht ganz genau gewu�t, da� es unm�glich war, h�tte sie in diesem Moment geschworen, da� seine Facettenaugen sie mit stummer Wut gemustert hatten.</p><p>Auf Jandhis Gesicht spiegelten sich Zorn und Ohnmacht, als sie sich zu Tally herumdrehte. Dann bemerkte sie ihren verwunderten Blick und versuchte, sich in ein L�cheln zu retten. Ganz gelang es ihr nicht, und sie merkte es wohl selbst.</p><p>�Was war das, Jandhi?� fragte Tally verst�rt. �Dieser... dieser Hornkopf � wer war er?�</p><p>Jandhi seufzte. F�r einen Moment verdunkelten sich ihre Augen vor Zorn, dann huschte ein sehr sonderbares, fast resignierendes L�cheln �ber ihre Z�ge. �Komm mit�, sagte sie. �Du wirst verstehen. Bald.�</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Die Stadt der Drachen war ein Labyrinth aus G�ngen und Stollen, aus Treppensch�chten und gigantischen, leeren Felsendornen, aus j�h aufklaffenden Abgr�nden und bodenlosen Schl�nden, in deren Tiefe ein unheimliches rotes Feuer glomm. Ein halbes Dutzend bewaffneter Hornk�pfe nahm Tally und Jandhi in Empfang, als sie die H�hle durchquerten, und noch einmal die gleiche Anzahl der schrecklichen schwarzen Kreaturen stie� zu ihnen, als sie tiefer ins Innere des hohlen Berges eindrangen.</p><p>Tally hatte gehofft, Hrhon und Angella wenigstens noch einmal wiederzusehen, aber diese Hoffnung wurde entt�uscht: Jandhi f�hrte sie durch ein wahres Labyrinth niedriger, kaum beleuchteter G�nge und Treppen tiefer und tiefer in den Berg hinein, und das einzige menschliche Leben, auf das sie trafen, waren drei oder vier schwarzgekleidete Drachent�chter, die jedoch respektvoll beiseitetraten, als sie Jandhi und ihre Eskorte erblickten.</p><p>Daf�r wimmelte der Berg von Hornk�pfen.</p><p>Tally sah im wahrsten Sinne des Wortes Tausende der schrecklichen Kreaturen, in allen nur denkbaren (und ein paar undenkbaren...) Formen und Gr��en � angefangen von kaum handspannengro�en, emsig hin und her hastenden Gesch�pfen von termiten�hnlichen Aussehen bis hin zu titanischen Kreaturen, halb so gro� wie eine Hornbestie und gewaltige Lasten schleppend.</p><p>Schlie�lich erreichten sie einen Teil der Drachenstadt, in der die R�ume kleiner und heller erleuchtet waren; nach und nach nahmen die menschlichen Stimmen wieder zu und das schrille Pfeifen und Sirren der Hornk�pfe ab; sie bewegten sich wieder in eine Welt hinein, die wengistens die Illusion von Normalit�t bot, und sei es nur, weil die meisten Lebewesen, denen sie jetzt begegneten, aus weichem Fleisch statt aus stahlhartem schwarzem Chitin bestanden.</p><p>Sie betraten einen gro�en, vollkommen leeren Saal, in dem Jandhi einen Moment lang stehenblieb und den Kopf auf die Seite legte; fast als lausche sie auf eine f�r Tally unh�rbare Stimme, und als sie weitergingen, blieb der allergr��te Teil ihrer Eskorte hinter ihnen zur�ck. Nur noch zwei der gewaltigen Rieseninsekten begleiteten Tally � was allerdings mehr als genug war, jeden Gedanken an Flucht oder Widerstand schon im Keim zu ersticken.</p><p>Die beiden Hornk�pfe geh�rten zu einer Spezies, die Tally noch niemals zuvor gesehen hatte: es waren �bermannsgro�e, ungemein kr�ftige Kreaturen, deren Chitinpanzer �ber und �ber mit Dornen und rasiermesserscharfen Kanten besetzt waren. Und als reichten die Waffen noch nicht aus, die ihnen die Natur mitgegeben hatte, trug jeder der aufrecht gehenden Scheu�lichkeitten gleich vier Schwerter � eines in jeder Hand. Angella, Hrhon und sie zusammen h�tten wohl kaum eine Chance gehabt, auch nur eines dieser Ungeheuer zu besiegen.</p><p>Und Tally dachte auch gar nicht an Flucht. Sie war nicht hier, um zu k�mpfen � wenigstens nicht auf <emphasis>diese</emphasis>  Art.</p><p>Sie durchquerten den Saal und betraten einen kleineren, spartanisch eingerichteten Raum, dessen S�dwand von einem gro�en, vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster gebildet wurde. Sein Glas war so klar, da� Tally es erst bemerkte, als sie mit den Fingerspitzen dagegenstie�.</p><p>Dann begriff sie, da� es gar kein Fenster war. Sie hatten sich tiefer in den Berg hineinbewegt, nicht nach oben, und die Landschaft, die sich unter ihr ausbreitete, war auch nicht die karge Steinw�ste des Schlunds, sondern... ja, was eigentlich?</p><p>Sie erinnerte sich nicht, jemals eine Landschaft wie diese erblickt zu haben. Unter ihr, unendlich tief unter ihr, wie es schien, breitete sich ein idyllisches Muster aus Wiesen und W�ldern aus, durchzogen von kleinen, willk�rlich gewundenen B�chen und glitzernden Seen. Hier und da glaubte sie Bewegung wahrzunehmen, ohne genau sagen zu k�nnen, was sie verursachte. Sehr weit im Norden, wie m�chtige Schatten auf dem Horizont schwimmend, waren Berge, mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen.</p><p>�Gef�llt es dir?� fragte Jandhi. Sie l�chelte, trat an die Wand neben dem Fenster und ber�hrte einen Schalter, der dort angebracht war.</p><p>Die Waldlandschaft verschwand. Statt dessen war unter Tally pl�tzlich Wasser, eine ungeheure, unvorstellbare Menge von Wasser, vom Sturm zu zehnfach mannshohen, schaumgekr�nten Wogen gepeitscht.</p><p>Tally sprang mit einem erschrockenen Schrei zur�ck, starrte Jandhi an und dann wieder das so j�h erschienene Meer und schlie�lich wieder Jandhi. �Was... was ist das?� stammtelte sie. �Das ist...�</p><p>�Zauberei?� Jandhi lachte am�siert, sch�ttelte den Kopf und ber�hrte abermals die Wand. Das tobende Meer wich einer �den, von einer blutigroten b�sen Sonne �berstrahlten W�stenlandschaft.</p><p>�Es ist keine Zauberei�, sagte Jandhi. �So etwas gibt es nicht, Talianna. Auch, wenn dir das meiste von dem, was du hier sehen wirst, so vorkommen wird.�</p><p>Wieder hob sie die Hand, und wieder wechselte das Bild hinter dem Fenster: jetzt erstreckte sich dort eine Stadt, wenn auch eine, wie sie Tally niemals zuvor erblickt hatte � sie sah H�user von geradezu absurder H�he, breite, mit wei�em Marmor gepflasterte Stra�en, k�hn geschwungene B�gen und Br�cken; Geb�ude, deren Aussehen zu phantastisch war, als da� sie irgendeinen Vergleich fand, der auch nur ann�hernd gepa�t h�tte. Die Stadt war... phantastisch. Und sie war gro�, <emphasis>unvorstellbar gro�.</emphasis></p><p>�Es ist keine Zauberei, Tally�, sagte Jandhi noch einmal, aber pl�tzlich sehr leise und fast wie zu sich selbst gewandt. Tally sah rasch zu ihr hin�ber und erkannte, da� auch sie auf das Bild blickte, und ein sonderbarer, fast melancholischer Ausdruck hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet.</p><p>�Es sind nur Bilder�, fuhr Jandhi fort, mit einer Stimme, die sehr traurig klang. �Bilder einer Zeit, die lange zur�ckliegt. Hunderttausende von Jahren, Talianna.� Sie seufzte, hob die Hand, als wolle sie das Bild der Stadt abschalten, tat es aber dann doch nicht. Tally sah, wie schwer es ihr fiel, den Blick von der phantastischen Stadt zu l�sen und sie anzusehen. �Es sind nur Bilder�, sagte sie noch einmal.</p><p>�Bilder?� Es fiel Tally schwer, zu antworten. �Aber sie... sie bewegen sich.�</p><p>�Trotzdem.� Jandhi l�chelte. Pl�tzlich gab sie sich einen Ruck, drehte sich vom Fenster weg und wandte sich an die beiden Hornk�pfe. �Geht hinaus�, sagte sie. Die beiden Rieseninsekten z�gerten, und Jandhi sagte noch einmal und in merklich sch�rferem Ton: �Geht. Ich rufe euch, wenn ich euch brauchen sollte. Tally wird vern�nftig sein.� Sie sah Tally an. �Das wirst du doch, oder?�</p><p>�Habe ich eine andere Wahl?�</p><p>Jandhi seufzte. Aus irgendeinem Grund schien Tallys Antwort sie zu �rgern. Aber sie ging nicht darauf ein, sondern wiederholte nur ihre auffordernde Geste zu den Hornk�pfen, und diesmal gehorchten die beiden Kreaturen. Tally sp�rte eine fast k�rperliche Erleichterung, als sich die T�r hinter den Hornk�pfen schlo� und sie mit Jandhi allein war. Und auch Jandhi atmete h�rbar auf. </p><p>�Ich werde mich wohl nie an sie gew�hnen�, sagte sie l�chelnd. �Verr�ckt, nicht � sie sind die treuesten Verb�ndeten, die ich mir w�nschen kann, und gleichzeitig f�rchte ich sie.�</p><p>Sie sah Tally an, als erwarte sie eine ganz bestimmte Antwort, zuckte schlie�lich die Schultern und setzte sich auf einen der niedrigen, unbequem aussehenden St�hle. Ihre Hand machte eine einladende Geste, aber Tally r�hrte sich nicht.</p><p>�Es geziemt sich nicht f�r eine Sklavin, neben den Herren zu sitzen�, sagte sie b�se.</p><p>Jandhi seufzte. Aber die scharfe Antwort, mit der Tally rechnete, kam auch jetzt nicht. Ganz im Gegenteil trat ein Ausdruck von Trauer in ihren Blick. �Du verstehst noch immer nicht�, sagte sie. �Du bist so wenig mein Sklave, wie ich dein Feind bin. Wir haben gegeneinander gek�mpft, und du hast verloren.�</p><p>�Bist du sicher?� fragte Tally.</p><p>Jandhi nickte. �Es gibt keinen Grund mehr f�r dich, den Kampf fortzuf�hren. Alles, was du erreichen k�nntest, w�re dein eigener Tod. Du warst gut, Tally, aber nicht gut genug f�r uns. Niemand ist das.� Sie sprach sehr ruhig, und fast ohne Gef�hl. Ihre Worte waren eine Feststellung, keine Drohung, und schon gar keine Angabe. Und vielleicht hatte sie recht.</p><p>�M�glich.� Tally zuckte mit den Achseln. �Aber vielleicht kommt irgendwann doch jemand, der ��</p><p>�Der uns gewachsen ist?� Jandhi lachte. �Niemals, Tally. Die <emphasis>T�chter des Drachen,</emphasis> das sind nicht nur ich und die, die du hier siehst. Es gibt Tausend von uns, �berall auf der Welt, an Hunderten von Orten. Selbst wenn es dir gelungen w�re, diese Festung zu zerst�ren, h�ttest du nichts erreicht.�</p><p>Tally starrte sie an; schwieg. Sie sp�rte, da� Jandhi auf eine ganz bestimmte Reaktion wartete; vermutlich ein Frage- und Antwortspiel beginnen wollte, in dem ihre und Tallys Rollen von vorn herein festgelegt waren. Tally tat ihr den Gefallen nicht.</p><p>�Warum ha�t du uns so?� fragte Jandhi schlie�lich. Sie hob die Hand, als Tally antworten wollte, und f�gte hinzu: �Sag jetzt nicht, da� wir deine Eltern get�tet oder deine Heimatstadt verbrannt haben. Das ist nicht der wahre Grund. Viele hassen uns, weil wir f�r den Tod ihrer Freunde oder Verwandte verantwortlich sind, aber das ist es nicht. Dein Ha� hat einen anderen Grund. Einen, der tiefer geht. Sag ihn mir.�</p><p>Wie zur Antwort schien sich irgend etwas in Tally zu r�hren, etwas M�chtiges und Altes und ungeheuer Starkes, von dem sie bisher nicht einmal gewu�t hatte, da� es da war. Aber sie lie� sich nichts von ihren wahren Gef�hlen anmerken, sondern starrte Jandhi nur weiter an; so kalt und gleichzeitig so voller Verachtung, wie sie nur konnte. �Warum sollte ich?�</p><p>�Ich kenne die Antwort�, behauptete Jandhi. �Aber ich m�chte sie aus deinem Mund h�ren.�</p><p>Tally schwieg, und wie sie erwartet hatte, fuhr Jandhi nach einer Weile von selbst fort:</p><p>�Also gut, dann werde ich es dir sagen � verbessere mich, wenn ich einen Fehler mache. Deine Heimat war Stahldorf, nicht wahr?�</p><p>Diesmal gelang es Tally nicht mehr vollends, ihre �berraschung zu verbergen. Sie nickte. �Woher wei�t du das?�</p><p>�Ich wei� alles �ber dich�, antwortete Jandhi. Sie setzte sich bequemer hin, soweit dies auf dem metallenen Hocker �berhaupt m�glich war, schlug die Beine �bereinander und sah Tally sehr lang und nicht einmal auf unfreundliche Weise an.</p><p>Tally ihrerseits fragte sich, wieviel Zeit ihr noch blieb � sie war schon sehr lange in diesem verdammten Berg, und sie wu�te noch immer nicht, wo ihr wahrer Feind eigentlich zu finden war. Sie wu�te nicht einmal, wie er aussah; sie sp�rte nur, da� Jandhi und ihre Schwestern es nicht waren. Und da� sie ihn erkennen w�rde, wenn sie ihm gegen�berstand.</p><p>�Wir wissen alles �ber dich�, sagte Jandhi noch einmal. �Vielleicht mehr als du selbst. Nach dem Angriff auf den Turm haben wir begonnen, Erkundigungen �ber dich einzuziehen.� Sie l�chelte fl�chtig. �Es war nicht leicht�, gestand sie. �Du hast deine Spur gut verwischt. Aber eine Frau und ein Waga, die allein durch die Welt ziehen, bleiben nicht lange unentdeckt. Du stammst also aus Stahldorf. Du warst die einzige �berlebende, nicht?� </p><p>�Die einzige, die Hraban am Leben gelassen hat, ja.�  Jandhi runzelte fl�chtig die Stirn, aber sie ging nicht weiter auf Tallys Bemerkung ein. �Du hast ihn geheiratet�, stellte sie fest. �Warum?�</p><p>�Warum fragst du, wenn du alles wei�t?�</p><p>�Weil ich versuchen m�chte, dich zu verstehen�, antwortete Jandhi. �Du hast den Mann geheiratet, der dein Dorf niedergebrannt hat. Einen Mann, der in unseren Diensten stand. Wu�test du, da� wir deine Sippe ausgel�scht haben?�</p><p>Tally wu�te es nicht, aber es �berraschte sie auch nicht. Sie schwieg.</p><p>�Du warst klug�, gestand Jandhi. �Nach dem Gemetzel, das du im Turm angerichtet hattest, starteten wir eine Strafexpedition gegen deine Sippe. Wir haben ihr Dorf verbrannt und sie ausgel�scht � alle.� Sie seufzte. </p><p>�Ein Fehler, wie ich jetzt wei�. Du hast sie von Anfang an nur benutzt, nicht wahr? Du hast Hraban nicht aus Liebe geheiratet, sondern nur, um sein Vertrauen zu erringen.�</p><p>�Es war der einzige Weg, um an euch heranzukommen�, antwortete Tally. Sie wollte nicht reden, denn sie sp�rte, da� Jandhi nun doch erreichte, was sie vorgehabt hatte � sie in eine Lage zu man�vrieren, in der sie hilflos war.</p><p>Schon jetzt war sie halb in die Defensive gedr�ngt. Aber sie konnte auch nicht schweigen. Es war zu viel. Sie hatte all dies zu lange mit sich herumgetragen, ihren Ha� zu lange gesch�rt, ja, ihn besch�tzt wie einen Schatz, weil er das einzige war, das sie noch am Leben erhalten hatte. Und jetzt stand sie einer der Frauen gegen�ber, der dieser Ha� galt. Sie <emphasis>konnte</emphasis> einfach nicht mehr schweigen.</p><p>�Ja!� schrie sie. �Ich wollte sein Vertrauen erringen! Ich habe ihn geheiratet, weil ich ihn benutzen wollte � und? Du und deine Drachen, ihr habt mir alles genommen, was ich hatte. Ich habe Hraban meinen K�rper gegeben, weil ich ihm nichts anderes geben konnte? Und? Findest du das <emphasis>unmoralisch?�</emphasis></p><p>Das letzte Wort hatte sie auf eine Art ausgesprochen, die Jandhi zusammenfahren lie�. Aber sie schwieg, und Tally fuhr, noch immer sehr erregt und halbwegs schreiend, fort: �Ich habe geschworen, euch zu vernichten. Damals, als ich aus dem Wald trat und meine Heimatstadt brennen sah, habe ich es geschworen, Jandhi, und ich ��</p><p>�Und du hast Hraban und seine Sippe benutzt, diesen Schwur zu halten�, unterbrach sie Jandhi, nun ebenfalls zornig. �Die Menschen, bei denen du aufgewachsen bist. Die dir Heimat und Familie waren, Tally! Sie haben dich aufgenommen, als du niemanden mehr hattest! Und sie sind tot, durch deine Schuld.�</p><p>�Menschen?� Tally spie das Wort hervor wie eine Obsz�nit�t. �Menschen, Jandhi? Sie waren M�rder, schlimmer als die Tiere. Hrhon und Essk sind f�r mich tausendmal mehr Menschen als Hrabans Mordgesindel.� </p><p>�Du hast dazugeh�rt!� sagte Jandhi scharf. �Nach Hrabans Tod hast du die Sippe gef�hrt. Du warst es, der an seiner Stelle St�dte und D�rfer niederbrennen lie�! Wie viele gibt es jetzt wohl, die dich hassen, so wie du Hraban geha�t hast?�</p><p>�Viele�, antwortete Tally unger�hrt. �Aber es mu�te sein. Anders w�re ich nicht an euch herangekommen.� </p><p>�Und uns wolltest du ja haben!�</p><p>�Ja, das wollte ich!� schrie Tally. �Euch. Ich... ihr Ungeheuer! Ihr beherrscht diese Welt! Ihr f�hrt euch auf wie die G�tter, und ihr vernichtet jeden, der es wagt, euch zu widersprechen.�</p><p>�Und du hast dich niemals gefragt, warum?�</p><p>Tally schwieg einen Moment. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Ich will es nicht wissen�, sagte sie. �Ich bin sicher, du hast tausend gute Gr�nde, aber was ich gesehen und erlebt habe, reicht.�</p><p>�Was hast du denn gesehen?� fragte Jandhi geduldig. </p><p>�Du hast einen gro�en Teil des Kontinents durchquert, den du deine Welt nennst, Tally. Also, was hast du gesehen? Ich will es dir sagen: du hast eine friedliche Welt voller friedlicher Menschen gesehen. Seit mehr als zehntausend Jahren wachen wir und unsere Drachen �ber den Frieden auf dieser Welt, Tally. Wir haben ihn erhalten.�</p><p>�Frieden?� Tally schnaubte. �Den Frieden des Todes, ja.�</p><p>�Aber das stimmt doch nicht!� Jandhi sch�ttelte heftig den Kopf, l�chelte aber. �Sag mir � hast du ein Land gesehen, das vom Krieg verw�stet worden w�re? Hast du eine Stadt gesehen, deren Bewohner Hunger leiden mu�ten, weil ihre Felder verbrannt worden sind, oder ihre K�nige zu hohe Steuern verlangten? Du wei�t es nicht, aber deine Welt ist ein Paradies, Tally. Es gibt keine Kriege � jedenfalls keine gro�en � keinen Hunger, keine Seuchen, keinen Ha�. Die Menschen leben hundert Jahre und mehr, ehe sie friedlich sterben, um der n�chsten Generation Platz zu machen. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da war ein Jahrzehnt ohne Krieg etwas Besonderes. Unsere Drachen und wir haben dieser Welt den Frieden gebracht. F�r dich und viele andere sind wir Ungeheuer, D�monen und was wei� ich sonst noch. Aber das stimmt nicht. Wir sind W�chter, Tally.�</p><p>�W�chter?� Tally schnaubte. �Wor�ber? Ihr zwingt die Menschen, wie Tiere zu leben, und nennt das, was herauskommt, Frieden?� Sie spie aus. �Meine Eltern wurden get�tet, weil sie Stahl gemacht haben, Jandhi! Hraban hat St�dte niedergebrannt, deren Bewohner herausfanden, wie man ein Feld zweimal im Jahr aberntet statt einmal. Ich selbst habe einen Mann erschlagen, der nichts anderes tat, als einen Wagen zu erfinden, der besonders gro�e Lasten transportiert.�</p><p>�Ich wei�.� Jandhi seufzte. �Die Liste lie�e sich beliebig fortsetzen. Gerade jetzt zum Beispiel sind zehn meiner Schwestern unterwegs, jemanden zu suchen, der die Elektrizit�t neu entdeckt hat. Wir achten darauf, da� die Menschen dieser Welt niemals wieder eine technologische Zivilisation entwickeln. Aber wir haben einen Grund daf�r, Tally.�</p><p>�So?� fragte Tally b�se. �Welchen? Habt ihr Angst, eure Vormachtstellung k�nnte gef�hrdet sein? Habt ihr Angst, irgend jemand k�nnte eine Waffe entwickeln, mit denen er euren verfluchten Drachen gewachsen ist?� Sie machte eine zornige, weit ausholende Geste. �Was ist das hier, Jandhi? Du selbst hast gesagt, es w�re keine Zauberei � was ist es dann, wenn nicht die Technik, die ihr den Menschen zu entwickeln verbietet?�</p><p>�Es ist eine Art... Erbe�, sagte Jendhi mit einem fast unmerklichen Z�gern. �Aber ein sehr schweres.� Sie seufzte, hob die Hand und deutete auf das Bild, das noch immer die phantastische Stadt zeigte. �Ihr Erbe, Tally.� </p><p>�Und ihr habt Angst, ein anderer k�nnte es euch wegnehmen, wie?�</p><p>Jandhi sch�ttelte beinahe sanft den Kopf. �Ich kann gut verstehen, da� du so denkst, Talianna�, sagte sie. </p><p>�Aber es ist falsch. Ich werde dir die Geschichte dieser Welt erz�hlen, und ihrer Bewohner. Und danach wirst du vielleicht verstehen, warum wir so sind.�</p><p>�Kaum�, antwortete Tally w�tend, sah Jandhi aber gleichzeitig neugierig an. Jandhi ihrerseits l�chelte, aber es wirkte jetzt sehr traurig.</p><p>�Diese Welt ist alt, Tally�, sagte sie. �Unglaublich alt. Und sie ist viel, sehr viel gr��er, als du ahnst. Karan hat dir erz�hlt, da� der Schlund vor langer Zeit einmal ein Meer war?�</p><p>Tally nickte.</p><p>�Es stimmt�, fuhr Jandhi fort. �Ein Meer, das diese ganze Welt umspannte. Was du deine Welt nennst, Tally, ist nur ein kleiner Teil dieses Planeten � nur einer von sieben Kontinenten, die fr�her einmal von Meeren voneinander getrennt waren, lange bevor die Ozeane austrockneten und der Schlund entstand.�</p><p>�Sieben... Welten?� murmelte Tally verwirrt. Der Gedanke sprengte schier ihre Vorstellungskraft. Sie hatte sich niemals gefragt, was jenseits des Schlunds lag. Andere Welten, so gro�, so unendlich <emphasis>gro�</emphasis> wie ihre eigene? Unvorstellbar!</p><p>�Sieben <emphasis>Kontinente�,</emphasis> verbesserte sie Jandhi. �Man nennt es Kontinente, nicht Welten. Andere Welten haben sie auch besucht, aber...� Sie stockte. �Sp�ter�, fuhr sie nach kurzem �berlegen und mit ver�nderter Stimme fort. �Es w�re zuviel jetzt. Gib dich damit zufrieden, da� unsere Vorfahren m�chtig waren, hundertmal m�chtiger, als du oder auch ich uns nur vorzustellen verm�gen.�</p><p>Sie seufzte, trat an das sich bewegende Bild heran und legte die Hand auf das unsichtbare Glas, als wolle sie die winzigen Gestalten dahinter ergreifen. �Sie schufen St�dte wie diese, Tally, und andere, zehnmal gr��ere und phantastischere. Sie waren... Zauberer � von unserem Standpunkt aus.� Sie drehte sich halb zu Tally herum. �Das hier ist nichts. La� dich nicht von dem beeindrucken, was du siehst. Unsere Waffen und Funkger�te, unsere elektrischen Lichter und Holografien � es ist ungeheuer viel, und doch ist es nur Abfall. Die k�mmerlichen Reste eines untergegangenen Reiches. Alles, was nach mehr als hunderttausend Jahren geblieben ist.�  Sie lachte, sehr leise, und sehr bitter. �Es ist nichts gegen das, was war. Und doch reicht dieser k�mmerliche Rest aus, eine Welt zu beherrschen. Wie gewaltig mu� ihre Macht damals gewesen sein?�</p><p>Wieder schwieg sie einen Moment, dann huschte ein �berraschter, beinahe betroffener Ausdruck �ber ihre Z�ge. �Wir kommen vom Thema ab�, sagte sie. �Ich wollte dir von der Geschichte dieser Welt erz�hlen. Sie ist lang, aber rasch berichtet. Die Menschen machten sich ihre Welt untertan, damals. Sie bauten St�dte wie diese � .� Sie deutete abermals auf das Bild. � � und gewaltige Maschinen. Dinge, die fliegen konnten und sich unter den Meeren bewegten, die Berge erklommen oder selbst so gro� wie Berge waren.�</p><p>�Warum erz�hlst du mir das alles?� fragte Tally scharf. </p><p>�Damit du verstehst�, antwortete Jandhi. �Viele von uns waren daf�r, dich einfach zu t�ten, und ich mu� gestehen, auch ich war mehrmals der Meinung, da� es vielleicht besser w�re. Aber ich will nicht. Du bist unser Feind, und du ha�t uns, aber du wirst aufh�ren zu hassen, wenn du verstehst. Du glaubst, wir unterdr�cken die technische Entwicklung dieser Welt, weil wir unsere Rolle als G�tter weiterspielen m�chten, wie?� Sie lachte leise. �Oh Tally, wenn du w��test, wie sehr wir alle ihr l�ngst �berdr�ssig geworden sind. Aber wir m�ssen sie weiterspielen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil diese Welt sonst untergeht�, antwortete Jandhi mit gro�em Ernst. �Weil die Drachen und wir vielleicht die letzte Chance sind, die dieser Planet hat. Und die menschliche Rasse.�</p><p>�Oh�, sagte Tally sp�ttisch. �Tats�chlich?�</p><p>�Tats�chlich�, erwiderte Jandhi mit gro�em Ernst. </p><p>�Der Gedanke ist entsetzlich, aber es ist die Wahrheit, Tally � wenn es einen Gott gibt, an den manche glauben, so hat er sich mit der Erschaffung des Menschen einen schlechten Scherz geleistet. Wir verhindern eine technische Evolution nicht aus Bosheit, sondern weil sie das Ende der Menschheit bedeuten w�rde. Du hast mich die Geschichte unserer Vorfahren nicht zu Ende erz�hlen lassen, Tally. Sie waren m�chtig und so fortschrittlich, wie ihre Kultur war, so entsetzlich waren die Waffen, die sie schufen. Es gab Kriege; Dutzende, vielleicht Hunderte. Manche von ihnen l�schten alle aus bis auf eine handvoll �berlebende, manche <emphasis>nur</emphasis> die Bev�lkerung eines Kontinents. Neunmal, Tally, rotteten sich unsere Vorfahren um ein Haar gegenseitig aus, sich und alles Leben auf dieser Welt. Neunmal vergingen ganze Zivilsationen im Feuer der Sterne, das sie geb�ndigt hatten, um es als Waffe zu mi�brauchen. Und neunmal entstand die menschliche Rasse neu, aus der Asche ihrer Vorfahren.�</p><p>Sie schwieg einen Moment, als h�tte sie das, was sie erz�hlte, vollkommen ersch�pft. Vielleicht wollte sie Tally auch nur Gelegenheit geben, das Geh�rte zu verdauen.</p><p>Nicht, da� sie es <emphasis>wirklich</emphasis> begriff. Es war vermutlich unm�glich. Jandhi erz�hlte Dinge von einer Gr��e und Tragweite, die sie so rasch gar nicht verarbeiten <emphasis>konnte.</emphasis>  Aber sie begriff zumindest, worauf sie hinauswollte. </p><p>�Und du glaubst, ihr k�nntet den zehnten Krieg verhindern?� fragte sie. �Indem ihr die menschliche Rasse beaufsichtigt?�</p><p>�Besch�tzt�, verbesserte sie Jandhi. �Wir sch�tzen sie vor sich selbst. Der letzte, der neunte Krieg, war der Entsetzlichste. Fast alles wurde zerst�rt. Diese Welt wurde unbewohnbar, f�r Hunderte von Jahren. Damals verschwanden die Meere, Tally, und neunundneunzig von hundert Tier- und Pflanzenarten. Nur sehr wenige Orte � wie diese Insel hier � blieben verschont, und das Leben brauchte hunderttausend Jahre, die Welt zur�ckzuerobern. Eine Welt, die verbraucht war. Es gibt keine Bodensch�tze mehr, kaum mehr Wasser, kaum mehr bewohnbares Land. Der zehnte Krieg, Tally, w�re der letzte.�</p><p>�Und du glaubst, er k�me, wenn du den Menschen erlaubst, Stahl zu schmieden?�</p><p>�Nein�, antwortete Jandhi. �Aber nach dem Stahl kommt die Dampfmaschine, nach ihr die Elektrizit�t, und dann die Bomben. So war es immer. Unsere Rasse hat neun Chancen gehabt, Tally. Sie hat sie verspielt.� </p><p>�Und du sorgst daf�r, da� sie keine zehnte bekommt, wie?� fragte Tally b�se. �Was bist du! Gottes rechte Hand?�</p><p>Jandhi pre�te w�tend die Lippen aufeinander. Aber wieder blieb die zornige Antwort aus, auf die Tally wartete. Statt dessen sch�ttelte sie nur den Kopf. �Wir haben eine zehnte Chance�, sagte sie. �Unsere Aufgabe wird bald beendet sein, auch wenn keiner von uns dieses Ende noch erleben wird. Die Drachen und wir sind die H�ter, Tally, mehr nicht. Wir geben acht, da� die Menschen nicht noch einmal den falschen Weg gehen. Die Technik vermag Wunder zu wirken, aber sie ist der falsche Weg. Sie f�hrt nur in den Tod.�</p><p>�Benutzt ihr sie deshalb?�</p><p>Jandhi seufzte. �Wir w�rden es nicht tun, wenn wir es nicht m��ten�, antwortete sie. �Und wir werden sie aufgeben, sobald wir sie nicht mehr brauchen. Unser Plan mag dir grausam erscheinen, aber er ist richtig. Der Tag wird kommen, an dem der Mensch wieder diese Welt beherrscht.�</p><p>�Und er wird schwarzes Leder tragen und auf Drachen reiten, wie?� fragte Tally b�se.</p><p>�Die Drachen sind nur Werkzeuge�, sagte Jandhi ruhig. �Wie wir. Sie wurden eigens f�r diesen Zweck erschaffen, und sie werden verschwinden, wenn es nichts mehr gibt, wor�ber sie wachen m��ten. Nach dem letzten Krieg, Tally, begriff eine kleine Gruppe der �berlebenden, da� der Mensch niemals wieder eine technische Zivilisation entwickeln durfte. Sie... sie hatten nur noch einen Bruchteil ihrer alten Macht, und doch reichte dieses Wenige, die Drachen zu erschaffen, die Hornk�pfe, uns ��</p><p>�Euch?�</p><p>Jandhi l�chelte fl�chtig. �Nicht uns in Person, nat�rlich. Einige wenige von uns m�gen noch direkte Nachkommen der �berlebenden von damals sein, aber die meisten sind M�nner und Frauen wie du und ich. Aber sie erschufen die <emphasis>T�chter des Drachen,</emphasis> und sie schufen die Gesetze der G�tter, wonach es dem Menschen verboten war, etwas wider die Natur zu tun. Sie zeigten uns den richtigen Weg.�</p><p>Tally dachte an brennende St�dte und schwieg, aber Jandhi schien ihre Gedanken deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. �Es klingt grausam, ich wei߫, sagte sie. �Aber es mu�te sein. Wir schufen die Gesetze, und wir sorgen daf�r, da� sie eingehalten werden. Wo immer man sie bricht, tauchen die Drachen auf und ersticken das Gift im Keim, das unserer Rasse schon neunmal das Verderben gebracht hat. Und M�nner wie Hraban � und Frauen wie du, die in unseren Diensten stehen, vernichten das, was wir �bersehen.�</p><p>�Ist das euer gro�artiger Plan?� fragte Tally w�tend. </p><p>�Daf�r zu sorgen, da� Menschen nie wieder so leben k�nnen?� Sie wies mit einer Kopfbewegung auf das Bild. </p><p>�Wenn es sein mu�, ja�, antwortete Jandhi hart. �Aber eine neue Zivilisation entsteht bereits, Tally. Du hast sie gesehen, in Schelfheim und all den anderen St�dten, durch die du gekommen bist. Der Mensch hat gelernt, mit der Natur zu leben.� Sie l�chelte. �Sie haben gelernt, die Gesetze der G�tter zu beachten und sich zu arrangieren. Von Generation zu Generation werden es weniger, die glauben, sich gegen das Schicksal auflehnen zu k�nnen. Ich werde dir unsere Aufzeichnungen zeigen, Tally, sp�ter. Du wirst es selbst sehen. Der Tag wird kommen, an dem unsere Drachen nicht mehr fliegen m�ssen.� </p><p>�Ja�, sagte Tally b�se. �Weil es dann niemanden mehr gibt, den sie umbringen k�nnten!�</p><p>Jandhi blieb ernst. �Du wirst mich verstehen�, sagte sie. �Du wirst es begreifen, so, wie ich es einsah, und alle anderen vor mir. Unsere Vorfahren haben nach den Sternen gegriffen und dabei das Leben vergessen. Diese Welt ist gro� genug f�r unser Volk. Wir brauchen keine anderen. So wenig, wie wir Maschinen brauchen oder die Wissenschaft. Die menschliche Rasse hat lange gebraucht, dies zu begreifen, aber sie ist auf dem richtigen Weg. Gib ihnen noch ein wenig Zeit, und sie werden so m�chtig und reich sein wie unsere Vorfahren.�  Und vielleicht hatte sie sogar recht, dachte Tally. Vielleicht hatte sie die Wahrheit gesagt, und der Weg, der mit dem Schmelzen von Stahl begann, konnte wirklich nirgendwo anders enden als im Tod.</p><p>Und trotzdem...</p><p>Etwas war falsch. Tally wu�te nicht, was, oder woher dieses Wissen kam, aber sie wu�te mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� Jandhi ihr noch immer nicht alles erz�hlt hatte. Etwas � ein vielleicht kleiner, aber entscheidender Teil der Geschichte � fehlte noch.</p><p>�Ein wenig Zeit�, murmelte sie. �Wie lange? Tausend Jahre? Zehntausend?�</p><p>�Wenn es sein mu�, ja�, antwortete Jandhi. �Aber es wird schneller gehen.�</p><p>Aber es war <emphasis>falsch!</emphasis> dachte Tally entsetzt. Begriff sie das denn nicht? Sie und ihre Schwestern waren keine G�tter! Woher nahmen sie das Recht, dem Schicksal ins Handwerk pfuschen zu wollen?</p><p>�Ihr wollt also weitermachen�, sagte sie leise. �Ihr wollt damit fortfahren, Menschen zu t�ten, die nichts anderes tun, als ein wenig bequemer leben zu wollen. Ihr wollt weiter St�dte niederbrennen, deren Bewohner sich nichts anderes zuschulden kommen lassen als �� </p><p>�Du verstehst noch immer nicht�, unterbrach sie Jandhi. �Wir ��</p><p>�Nein, und ich will es auch gar nicht verstehen!� sagte Tally. �Du denkst wirklich, du k�nntest mich �berzeugen? Du denkst wirklich, ich w�rde bei diesem Wahnsinn auch noch mitmachen?�</p><p>�Ich wei� es�, erwiderte Jandhi, und sie sagte es mit einer Ruhe, die Tally einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Ich wei� es, Talianna, weil ich vor sehr vielen Jahren wie du in diesem Raum gestanden und den gleichen Worten gelauscht habe. Ich h�tte mir all dies sparen k�nnen, aber ich wollte, da� du die Wahrheit kennst, ehe ich dich zu ihr bringe.�</p><p>�Ihr?� Tally spannte sich. �Wen meinst du?�</p><p>Aber Jandhi antwortete nicht. Statt dessen klatschte sie in die H�nde. Die T�r in Tallys R�cken wurde aufgesto�en, und das Klicken harter Insektenf��e war zu h�ren. Sie sp�rte die Anwesenheit der beiden Hornk�pfe, ohne sich zu ihnen herumdrehen zu m�ssen. Tally hatte die halbintelligenten Rieseninsekten niemals gemocht, aber sie hatte noch nie eine derart heftige, k�rperliche Abneigung versp�rt wie in diesem Augenblick. Es war, als w�re mit den beiden Kreaturen das B�se selbst in den Raum getreten.</p><p>�Folge mir�, befahl Jandhi.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Je tiefer sie in der Berg eindrangen, desto intensiver wurde das Gef�hl, sich dem B�sen zu n�hern. Tally fror und gleichzeitig war sie in Schwei� gebadet. Die N�he der beiden titanischen Kampfinsekten erf�llte sie mit k�rperlichem Unbehagen, ja, beinahe mit Schmerz, und das Gef�hl wurde heftiger, je weiter sie sich dem Herzen der Drachenstadt n�herten.</p><p>Sie hatte Jandhi zweimal gefragt, wohin sie sie brachte, und zweimal keine Antwort darauf erhalten. Aber ihr fiel auf, da� Jandhi jetzt mehrere Schritte vor ihr ging und auch darauf achtete, diesen Abstand einzuhalten, und da� die beiden Hornk�pfe ein wenig dichter zu ihr aufgeschlossen hatten, als eigentlich n�tig war. Es wurde dunkler. Die Zahl der Lampen nahm ab, und sie begegneten niemandem mehr, weder Mensch noch Hornkopf. Tally hatte Angst. Angst vor dem, was sie in der Tiefe erwarten mochte, wer diese <emphasis>sie</emphasis> war, von der Jandhi gesprochen hatte, Angst vor dem finsteren Herz der Drachenstadt � denn genau das war es, worauf sie sich zubewegten: ein gewaltiges, durch und durch b�ses Herz. Der Feind. Das absolut B�se in Person.</p><p>Was waren das f�r Gedanken? dachte sie verwirrt. Pl�tzlich war Wissen in ihr, Wissen oder pl�tzlich ein an Wissen grenzendes Ahnen, da� sie nicht haben konnte. Irgend etwas in ihr zog sich zusammen, schreckte zur�ck vor dem Ding, das da in der Tiefe lauerte, uralt und m�chtig verwundbar, aber bisher unerreichbar f�r...</p><p>Und pl�tzlich begriff sie, da� es nicht <emphasis>ihre</emphasis> Gedanken waren. Es war das <emphasis>Ding</emphasis> in ihr, das Weller <emphasis>(Weller?)</emphasis> ihr mitgegeben hatte, G�as m�rderisches Geschenk an ihre uralte Gegenspielerin.</p><p>G�a... Die Urmutter, H�terin allen Lebens. Welcher Hohn! Die Bestie dort drau�en war so fremd und t�dlich wie das Ding, das diesen Berg beherrschte, und so wenig auf ihrer Seite wie Jandhi und ihre Schwestern. Tally versuchte sich vorzustellen, wo dies alles enden mochte, aber es gelang ihr nicht. Irgend etwas in ihr, der Teil, der noch Mensch war, schreckte vor dem blo�en Gedanken zur�ck; so heftig, da� sie nur mit Macht einen Aufschrei unterdr�cken konnte.</p><p>Schlie�lich betraten sie einen Teil des H�hlenlabyrinths, der kaum mehr Spuren einer k�nstlichen Bearbeitung aufwies. Die Lampen mit ihrem unangenehmen wei�en Licht waren l�ngst hinter ihnen zur�ckgeblieben; nur hier und da blakte noch eine Fackel in einem eisernen Halter an der Wand, und die K�lte hatte einer stickigen, unangenehm feuchten W�rme Platz gemacht. Ein Geruch wie nach faulenden Pflanzen schlug ihnen entgegen, und auf dem Boden lag Staub, manchmal so hoch, da� sie bis an die Kn�chel in der flockigen grauen Decke versank. Jandhi hustete von Zeit zu Zeit, und irgend etwas, sehr sehr weit vor ihnen, nahm diesen Laut auf und warf ihn zur�ck, sonderbar gebrochen und verzerrt, als kl�nge noch etwas anderes, B�ses darin mit. Tally vesuchte vergeblich, die Gedanken und Gef�hle zu unterdr�cken, die ihr Bewu�tsein �berschwemmten. Das Etwas in ihr wurde st�rker, mit jedem Schritt, dem sie sich dem unsichtbaren Feind n�herten. Weller hatte gelogen, als er gesagt hatte, sie k�nnten sie bis Sonnenuntergang sch�tzen; vielleicht hatte er sich auch schlichtweg geirrt. Aber es war gleich. Nichts spielte jetzt noch eine Rolle. Sie war am Ziel.</p><p>Sie blieben erst stehen, als sie nach Tallys Sch�tzung schon sicherlich wieder den halben Weg zum Schlund hinabgestiegen waren. Des letzte Licht war l�ngst �ber ihnen zur�ckgeblieben, aber einer der Hornk�pfe hatte im Vor�bergehen eine Fackel aus einem der Wandhalter mitgenommen, so da� sie sich im Zentrum eines flackernden, st�ndig seine Form ver�ndernden Kreises blasser roter Helligkeit bewegten.</p><p>Manchmal mu�ten sie durch kn�cheltiefe Pf�tzen aus faulig riechendem Wasser waten, das aus Rissen in der Decke tropfte, dann wieder wurde es so hei�, da� Tally kaum mehr atmen konnte und ihr Gesicht brannte. Die W�nde hier unten waren nicht bearbeitet, sondern irgendwann, vielleicht schon vor Jahrmillionen, durch eine Laune der Natur entstanden; gleichzeitig erinnerten sie Tally an �bergro�e Wurmg�nge, und ein Teil ihrer Phantasie, �ber den sie irgendwie die Kontrolle verloren hatte, gaukelte ihr schwarze, sich windende schlangen�hnliche Dinge vor, die die Dunkelheit vor ihr erf�llten, aber stets verschwanden, ganz kurz, bevor das Licht der Fackel sie ber�hren konnte.</p><p>Aber dann war es nur eine ganz normale, wenn auch au�ergew�hnlich gro�e T�r, vor der sie stehenblieben, eine T�r aus geschw�rztem Eisen, an dem der Rost seit Jahrtausenden fra�, ohne ihm ernsthaft Schaden zuf�gen zu k�nnen. Tally erwartet, da� Jandhi klopfen oder sich anders bemerkbar machen w�rde, aber sie tat nichts dergleichen, sondern blieb einfach reglos stehen. Und es dauerte auch nur ein paar kurze Augenblicke, bis aus dem Inneren der T�r ein schweres, schabendes Ger�usch zu h�ren war. Ein verborgener Mechanismus setzte sich in Gang, dann schwang die gewaltige T�r beinahe lautlos vor Jandhi zur�ck. Tally sah, da� sie fast einen Meter stark war.</p><p>Dann sah sie f�r Sekunden gar nichts mehr, denn der Raum dahinter war von glei�ender wei�er Helligkeit erf�llt, die ihre an das schwache Licht gew�hnten Augen f�r Momente blind sein lie�en. Selbst Jandhi wurde zu einem verschwommenen Schatten, dessen Konturen sich im grellen Licht wie in leuchtender S�ure aufzul�sen schienen.</p><p>Einer der beiden Hornk�pfe gab ihr einen Sto�, der sie weiterstolpern lie�. Ganz instinktiv breitete sie die Arme aus, f�hlte k�hles glattes Leder und klammerte sich an Jandhis Arm fest, um nicht zu st�rzen.</p><p>Der Hornkopf stie� ein w�tendes Zischen aus, packte sie mit drei seiner vier Arme und ri� sie zur�ck. Tally versuchte sich loszurei�en, aber gegen die gewaltigen K�rperkr�fte des Insektenwesens hatte sie keine Chance. </p><p>�La� sie los!� befahl Jandhi scharf. �Das war kein Angriff! �</p><p>Der Griff der harten Insektenklauen lockerte sich, aber nur ein wenig und auch nur f�r einen ganz kurzen Moment. Dann ri� er Tally noch einmal und noch heftiger zur�ck und beantwortete Jandhis Befehl mit einem agressiven Pfeifen.</p><p>�Zum Teufel, du sollst sie loslassen!� befahl Jandhi noch einmal. W�tend trat sie auf Tally und den Hornkopf zu und machte eine herrische Geste. Und endlich l�sten sich die hornigen Insektenklauen von Tallys Armen und Hals.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Jandhi, nun wieder an sie gewandt. �Sie sind so dumm, wie sie stark sind. Und sie sind sehr stark.�</p><p>Tally schwieg. Ihre Augen begannen sich allm�hlich an die ver�nderten Lichtverh�ltnisse zu gew�hnen, und was sie sah, nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.</p><p>Die H�hle war gigantisch � gro� genug, eine kleine Stadt hineinzubauen, was irgend jemand auch getan hatte. Der Eingang lag nicht ebenerdig, sondern fast auf halber H�he der an die hundert Meter messenden, steinernen Kuppel, so da� Tally die phantastische Anlage zur G�nze �berblicken konnte: die H�hle wirkte wie eine verkleinerte und nach au�en gest�lpte Ausgabe des Berges, in dessen Herz sie lag.</p><p>Auf dem Boden erhoben sich schwarzbraune, sonderbar asymmetrisch wirkende Bauwerke, die Tally an Insektennester erinnerten � und es wohl auch waren �, und in den W�nden g�hnten Dutzende, wenn nicht Hunderte unterschiedlicher gro�er und tiefer L�cher. Manche von ihnen waren G�nge, die tiefer hinein ins gewachsene Gestein des Berges f�hrten, andere erweiterten sich zu gro�en, von d�sterrotem Fackellicht erf�llten S�len, in denen gepanzerte Gestalten von phantastischem Aussehen unverst�ndliche Dinge taten; wieder andere waren nur lichtlose Sch�chte, die einen Meter, aber auch eine Meile tief sein mochten.</p><p>Und �berall Hornk�pfe.</p><p>Wohin Tally auch sah, erblickte sie die schwarzen und brauen Insekten, viele davon Spezies angeh�rend, von denen sie noch niemals geh�rt hatte. �berall krabbelte und wogte und bewegte es sich. Das Scharren Millionen stahlhart gepanzerter F��e und Leiber lag wie eine bizarre Musik in der Luft.</p><p>Und �ber allem lag die N�he des Feindes wie ein d�sterer Atem.</p><p>Abermals dr�ngte sich Tally der Vergleich mit einem gewaltigen, finsteren Herzen auf, ein schwarzes Zentrum ruhig pulsierender, d�sterer Energien, das diesen Berg, seine Bewohner, vielleicht sogar die ganze Welt, beherrschte und lenkte.</p><p>Und das Gef�hl, das sie schon seit langem beschlichen hatte, wurde immer dr�ngender und klarer � da� n�mlich selbst Jandhi und ihre Drachen nur Spielzeuge einer anderen, weit h�heren Macht waren.</p><p>Jandhi ber�hrte sie beinahe sanft am Arm und deutete nach links. Tally blickte gehorsam in die Richtung und erkannte, da� der Weg noch nicht zu Ende war: eine schmale, sehr steile steinerne Treppe f�hrte neben ihnen in die Tiefe und endete vor einer weiteren T�r aus Stahl, die vielleicht noch massiver war als die, durch die sie gerade getreten waren. Ganz instinktiv fragte sie sich, warum die T�ren hier unten so massiv waren. Besch�tzten sie das, was dahinter lag, vor der Welt? Oder die Welt vor dem, was sie verbargen?</p><p>�Wohin... bringst du mich?� fragte sie z�gernd. Pl�tzlich hatte sie Angst, ganz entsetzliche Angst, wenn auch aus v�llig anderen Gr�nden, als Jandhi annehmen mochte.</p><p>Sie bekam auch diesmal keine direkte Antwort, aber zumindest sp�rte Jandhi ihre Erregung und ging nicht einfach wortlos weiter, wie die beiden Male zuvor, sondern drehte sich noch einmal zu ihr um und l�chelte; auf eine Art, die Tally unter allen anderen denkbaren Umst�nden zur Wei�glut getrieben h�tte. Jetzt machte sie ihr Angst.</p><p>�Du brauchst keine Angst zu haben�, sagte sie, so sanft und nachsichtig, als redete sie mit einem versch�chterten Kind. �Ich habe mir nicht diese ganze M�he gemacht, um dich jetzt zu t�ten, wei�t du?� </p><p>�Wo sind Angella und Hrhon?� fragt Tally. �Ich m�chte sie sehen.�</p><p>�Sp�ter�, antwortete Jandhi. �Sie sind in Sicherheit � keine Sorge. Niemand wird ihnen etwas tun. Du wirst sie sehen, aber nicht jetzt. Jetzt ist keine Zeit dazu. Sie wartet nicht gerne.�</p><p>�Sie?� Tally wich ganz instinktiv einen Schritt vor Jandhi zur�ck. �Wer ist das?�</p><p>�Komm mit, und du wirst es erfahren�, erwiderte Jandhi. In ihrer Stimme lag nun eine schwache, aber un�berh�rbare Spur von Ungeduld � und der unausgesprochene Hinweis, da� sie Tally auch ebensogut zwingen konnte, ihr zu folgen.</p><p>Tally verstand beides. Nach einem letzten Blick auf die wimmelnde schwarzbraune Tiefe unter ihr folgte sie Jandhi. Die beiden Hornk�pfe schlossen sich ihnen lautlos an.</p><p>Die T�r schwang auf, ehe sie sie erreicht hatten. Dahinter lag ein vielleicht zwanzig Schritt langer, sehr niedriger Gang.</p><p>Und hinter ihm der <emphasis>Pfuhl.</emphasis></p><p>Es gab keinen anderen Ausdruck daf�r, kein anderes Wort, das dem, was sich Tally bot, auch nur ann�hernd entsprochen h�tte. Und auch er reichte nicht wirklich aus, den t�dlichen Schrecken, das abgrundtiefe Entsetzen zu beschreiben, das Tally beim Anblick des Unbeschreiblichen �berfiel.</p><p>Die H�hle war riesig � eine hundert Meter messende Halbkugel aus schwarzem Stein, deren W�nde von F�ulnis und Schimmel zerfressen waren. Die Luft stank nach Aas und Verwesung und war von flackernder, irgendwie <emphasis>krank</emphasis> wirkender gr�ner Helligkeit erf�llt. Tausende von schwarzen, wimmelnden Insekten bedeckten die W�nde wie ein lebender Teppich, unbeschreibliche Dinge herbei- und hinwegschleppend, hingen in gro�en lebenden Trauben von der Decke oder ballten sich auf dem Boden vor Tally zu pulsierenden Kn�ueln. Zwischen ihnen erhoben sich ganze Berge von halbverfaultem Aas, tierische � aber auch ein paar menschliche!! � Kadaver, verwest und abgenagt und mit einem widerlichen, gr�nlichschwarzem Schleim �berzogen.</p><p>Und im Zentrum dieses Kreises aus Entsetzen und Ekel hockte das Ungeheuer.</p><p>Tally wollte schreien, aber sie konnte es nicht. Der blo�e Anblick der Kreatur l�hmte sie, zerschmetterte ihren Willen wie ein Hammerschlag d�nnes Eis, l�schte ihr Bewu�tsein aus, lie� nichts �brig als ein winziges hilfloses Teil, in dem f�r nichts anderes Platz war als Ekel und Entsetzen und Abscheu und Angst, Angst, Angst, Angst...</p><p>Sie war eine Gigantin. Jedes einzelne ihre acht kalten, tausendfach gebrochenen Facettenaugen war gr��er als Tally, jedes einzelne der borstigen, halbverk�mmerten Beine ein Baum, bedeckt mit drahtigem Fell, das wie schwarzer Stahl gl�nzte, der absurd aufgedunsene Hinterleib gro� wie ein Schiff, von armdicken, rasch pulsierenden Adern �berzogen, in denen selbst wiederum etwas Kleines, Dunkles, K�rniges zu krabbeln schien. Ekel, unbeschreiblicher <emphasis>Ekel</emphasis> packte Tally, sch�ttelte sie wie Fieber und fegte f�r einen Moment selbst ihre Furcht hinweg. Sie taumelte, st�hnte, kr�mmte sich wie unter Schmerzen und versuchte mit aller Kraft, den Blick von der hundert Meter gro�en Scheu�lichkeit zu l�sen, weil sie sp�rte, da� allein der Anblick sie t�ten w�rde, mu�te sie ihn noch lange ertragen.</p><p>Sie konnte es nicht. Der Blick der titanischen Kreatur l�hmte sie, machte sie hilflos, bannte sie. Sie konnte sich nicht bewegen. Nicht atmen. Nicht denken. Ihr Herz schlug nicht.</p><p>Und dann sp�rte sie, wie irgend etwas in sie hineingriff, eine ungeheuerliche, unsichtbare Hand, kalt wie gefrorenes Glas und ebenso schneidend, in ihre Gedanken drang, sie sondierte und pr�fte, tiefer glitt, sich mit der erbarmungslosen Pr�zision einer Maschine in ihr Bewu�tsein w�hlte, jeden einzelnen ihrer allergeheimsten Gedanken las und abwog...</p><p>... und zur�ckprallte!</p><p>Und im gleichen Augenblick erwachte das Ungeheuer in ihr. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber f�r Tally verging eine Ewigkeit:</p><p>Sie sp�rte, wie sich das Ungeheuer vor ihr aufb�umte, seinen entsetzlichen Leib vielleicht zum erstenmal seit einem Jahrtausend bewegte, in einer grauenerregenden, entsetzten Bewegung zur�ckprallte, als es begriff, was Tally mit sich brachte. Und sie sp�rte, wie irgend etwas in ihr barst, ein Kokon, unsichtbar und lauernd bisher, finsterpulsierende Energien, die sie unbemerkt in sich gehabt hatte, wie die Tr�gerin einer t�dlichen Krankheit. Und im gleichen Moment, noch immer im selben, zeitlosen Augenblick, begriff sie.</p><p>Es war dieses... <emphasis>Ding,</emphasis> dessen N�he sie gesp�rt hatte, die schwarze Riesin, deren Geist diesen Berg durchflutete wie stinkender Atem. Nicht Jandhi und ihre Drachen waren die wahren Herrscher dieser Insel � sondern <emphasis>sie!</emphasis>  Jandhis Geschichte war wahr, und doch war sie so falsch, wie sie nur sein konnte. Und sie wu�te es vermutlich selbst nicht einmal. Sie hatte von den �berlebenden gesprochen, von den Nachfahren des letzten Krieges, die nach tausend Jahren zur�ck ans Tageslicht gekrochen waren, um das Erbe der untergegangenen Menschen anzutreten.</p><p>Aber sie hatte Tally nicht gesagt, wer diese �berlebenden gewesen waren.</p><p>Sie waren keine Menschen gewesen.</p><p>Es waren die Insekten.</p><p>Hornk�pfe. Schwarze chitingepanzerte Ungeheuer, die den Weltuntergang tief verborgen im Inneren der Erde �berstanden hatten und hervorkrochen, lange bevor der erste Mensch es wagte, seinen Schutz zu verlassen. Mutierte Bestien, vielleicht durch die entfesselten Urgewalten menschlicher Waffen zu dem geworden, was sie jetzt waren, die antraten, den uralten Kampf um die Vorherrschaft auf dieser Welt zu entscheiden. Und sie hatten ihn entschieden. <emphasis>Sie</emphasis> waren es, die sich selbst zu Sklaven machten und doch herrschten. <emphasis>Sie</emphasis>  waren es, die unerkannt unter den anderen Rassen und V�lkern lebten, dumme Tiere, Lastentr�ger und Krieger, die doch in Wahrheit an den F�den des Schicksales zogen. <emphasis>Sie</emphasis> waren es, die die <emphasis>T�chter des Drachen</emphasis> erschufen, die Drachen selbst und M�nner wie Hraban. Bes�en wie diese, titanische, unsterbliche Rieseninsekten, k�rperliche Monstrosit�ten mit den Gehirnen von G�ttern, die wu�ten, da� sie den Menschen und die anderen Bewohner dieser Welt brauchten, um zu �berleben, und die wu�ten, da� er sie vernichten w�rde, sollt er jemals ihr wahres Selbst erkennen. Und jemals die Macht dazu haben.</p><p>Bestien wie diese waren es, die den Befehl zur Vernichtung jeglichen menschlichen Fortschrittes gegeben hatten und ihn weiter geben w�rden. Die wahren Herrscher der Welt waren nicht die Menschen, nicht Jandhis Drachenreiterinnen und ihre fliegenden Giganten, sondern die Hornk�pfe sein, ein riesiges Heer stumpfsinniger Kreaturen, das zusammen ein einziges, ungeheuerliches Bewu�tsein bildete, vielleicht diese ganze Welt umspannend.</p><p>Tally kr�mmte sich, als all dieses Wissen �ber sie hereinbrach, mit der Gewalt einer Sturzflut und gesprochen von der Stimme eines Gottes. Der Stimme G�as, des zweiten, ungeheuerlichen Monstrums, das drau�en unter dem Schlund lag und wartete, so alt wie diese Welt, tausendmal �lter als der Mensch und vom ersten Tag an der Erzfeind der Insekten. Sie schrie, als sie begriff, da� sie zum Spielball einer anderen, ebenso erbarmungslosen Macht geworden war, eine Waffe wie Jandhi und ihre Drachen, nur viel t�dlicher. Vielleicht war es von Anfang an so geplant. Vielleicht war nichts Zufall gewesen, von allem, was geschehen war.</p><p>Das Ungeheuer hinter ihr begann zu toben. Die H�hle bebte, als es sich aufb�umte, zuckend, schreiend, schwarzen Schleim und Blut und Kot verspritzend wie ein lebender Geysir, w�hrend ihr aufgedunsener Hinterleib noch immer Eier ausspie, unf�hig seit zehntausend Jahren, damit aufzuh�ren; eine boshafte Karikatur des Lebens, die nur noch zu zwei Dingen f�hig war: Denken und Geb�ren. Eines der baumdicken Beine zerbrach wie Glas. Das Ungeheuer br�llte, neigte sich zur Seite und st�rzte, kreischend vor Schmerz und Angst, als es begriff, was Tally war.</p><p>Und dann, f�r einen ganz kurzen Moment, fand sie noch einmal in die Wirklichkeit zur�ck. Das unsichtbare Etwas in ihr zog sich zur�ck, entlie� ihren Geist noch einmal aus seinem W�rgegriff, als es Kraft zum letzten, entscheidenden Hieb sammelte. F�r Sekunden fand Tally die Kontrolle �ber ihren K�rper zur�ck.</p><p>Taumelnd bewegte sie sich auf Jandhi zu, streckte die H�nde nach ihr aus und fiel, als ihre Kr�fte versiegten. Die beiden Hornk�pfe neben ihr pfiffen vor Angst, begannen zu toben, wie au�er Kontrolle geratene schreckliche Maschinen, als die Angst der Insektenk�nigin in ihre K�pfe kroch, und auch Jandhi schrie auf, prallte gegen die Wand und schlug beide H�nde gegen die Schl�fen. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie Tally anstarrte.</p><p>Die H�hle verwandelte sich in ein Chaos. Der Teppich aus lebenden Insekten zerbarst, als w�ren tausend Vulkane unter dem Boden ausgebrochen. Die Insektenk�nigin schrie, b�umte sich abermals auf und fiel hilflos zur�ck, Tausende ihrer Diener unter sich zermalmend. Etwas Schwarzes, ungeheuer Gro�es wogte auf sie zu. </p><p>�Jandhi!� schrie Tally. �Lauf! Flieh! Nimm deine Drachen und flieh!�</p><p>Ihre Stimme ging im Kreischen der Insektenk�nigin unter. Aber selbst, wenn Jandhi die Worte verstanden h�tte, h�tte sie kaum mehr darauf reagiert. F�r den Bruchteil einer Sekunde war ihr Geist frei gewesen, und vielleicht hatte sie sogar begriffen, da� sie und die anderen nichts als Werkzeuge gewesen waren, willenlose Spielzeuge dieser schwarzen Abscheulichkeit, deren Gedanken ihren Willen und ihren Geist beherrschten. Aber der Augenblick verging, und Tally konnte sehen, wie der Funke von freiem Willen in ihrem Blick wieder erlosch. Ihre Hand kroch zum G�rtel und dem Laser, den sie darin trug.</p><p>Im gleichen Moment h�rten auch die beiden Hornk�pfe auf zu toben. Ihre gepanzerten H�nde hoben sich. Tally sprang. Eine Klaue streifte ihren R�cken und ri� ihn auf, eine andere grub sich in ihre Wade und bi� ein St�ck Fleisch heraus. Aber irgend etwas in ihr gab ihr Kraft, schaltete den Schmerz ab, �bernahm das Kommando �ber ihren Willen. Ihre Hand scho� vor und schlug die Jandhis beiseite, einen Sekundenbruchteil, ehe sie gegen sie prallte und aus dem Gleichgewicht brachte. Jandhi schrie auf, taumelte gegen die Wand und schlug nach Tallys Gesicht.</p><p>Und das Ungeheuer in ihr erwachte erneut � und diesmal endg�ltig.</p><p>Es war nicht mehr Tally, die auf Jandhi zusprang und ihr mit einem einzigen Hieb wie eine zerbrochene Puppe zur Seite schleuderte. Sie war endg�ltig zu dem geworden, wozu G�a sie ausersehen hatte, vielleicht schon vor ihrer Geburt: einer Waffe. Einem Spielball im ewigen Kampf der beiden Giganten, der zwischen ihnen zermalmt werden mu�te.</p><p>Sie fing die St�rzende auf und ri� den Laser aus ihrem G�rtel. Sie feuerte die Waffe ab, noch ehe sie Jandhi loslie�. Der d�nne, wei�e Blitz schwenkte herum wie ein Schwert aus Licht, zerschnitt die beiden Hornk�pfe s�uberlich in zwei Teile und wanderte weiter, brannte eine rotgl�hende Schlackespur in den Boden und die Masse aus Millionen von Insekten, die auf Tally zuflutete, und n�herte sich der K�nigin.</p><p>Das Rieseninsekt b�umte sich in irrsinniger Qual auf, als der Lichtblitz in sein rechtes Auge stach und es in einen T�mpel aus kochendem Fleisch und Blut verwandelte. Der Strahl tastete weiter, lie� auch das andere Auge erl�schen und sengte eine handbreite, rotgl�hende Spur in den Sch�del, weiter �ber den Nacken und den absurd kleinen, dreifach untergliederten Leib, zerschnitt die beiden noch unversehrten Insektenbeine auf der Tally zugewandten Seite und n�herte sich dem aufgequollenen Hinterleib des Ungeheuers, der noch immer Eier ausspie.</p><p>Dann hatte der lebende Teppich Tally erreicht und �berflutete sie. Der Laser in ihrer Hand erlosch, als ihre Beine nachgaben und sie fiel.</p><p>Sie starb, und sie starb schnell, aber in der endlosen Sekunde, die sie noch lebte, sah sie, wie das Heer der Insekten an ihren Beinen emporkroch, schnell wie eine Springflut aus schwarzem Wasser, Fleisch und Knochen zermalmend mit Millionen winziger rasiermesserscharfer Kiefer. Sie sah, wie sich ihr K�rper aufl�ste, zu rotem pulsierendem Schmerz wurde und verschwand, w�hrend die entsetzliche Flut h�her kroch. Der Schmerz war unbeschreiblich, aber er dauerte nicht lange, und irgend etwas in ihr sch�tzte sie auch davor; oder lie� ihn wenigstens unwichtig werden. Denn sie sah auch das, was sie gebracht hatte, den Keim der Vernichtung, der tief in ihr schlummerte, und der zu Ende bringen w�rde, was sie begonnen hatte.</p><p>Sie war tot, ehe sie nach vorne fiel und in der wirbelnden Masse aus Beinen und Kiefern und winzigen harten Leibern versank.</p><p>Aber ihr letzter Gedanke war, da� sie ihre Rache vollzogen hatte.</p><p>Und eigentlich hatte sie gerade erst damit begonnen. </p></section><section><title><p>8</p></title><p>Da waren Ger�usche. Sonderbare Laute, die aus einer fremden Welt zu stammen schienen, die keinen Bezug zu der ihren hatte: ein Kratzen und Schaben und Scharren an der T�r, dann etwas wie eine Stimme, die etwas wie Worte produzierte, ohne da� sie sie verstand.</p><p>Angella hatte Fieber. Ihre Stirn gl�hte, und ihre Gedanken begannen sich jetzt immer �fter zu verwirren, auf Wegen zu wandeln, auf die sie keinen Einflu� mehr hatte. Manchmal schrak sie hoch und sp�rte, da� Zeit vergangen war, sehr viel Zeit, ohne da� sie sich auch nur an eine einzige Sekunde erinnern konnte. Sie wu�te l�ngst nicht mehr, wann sie das letzte Mal Licht gesehen hatte � oder gegessen oder getrunken. Sie wu�te nur, da� man sie sterben lassen wollte. Ewige Nacht umgab sie, eine Dunkelheit, die in nicht mehr allzu ferner Zukunft in die Schw�rze des Todes �bergehen w�rde. Vielleicht w�re es weniger schlimm gewesen, w�re sie nicht gefesselt. Aber sie war es, ebenso wie Hrhon, dessen St�hnen von Zeit zu Zeit durch die Dunkelheit drang und das einzige Ger�usch war, das ihr vemet, da� sie noch lebte. Ihre Handgelenke steckten in eisernen Ringen, die mit einer kurzen Kette am Boden befestigt waren, so da� ihr gerade genug Platz blieb, sich von Zeit zu Zeit zu bewegen und ihren wundgelegenen R�cken zu entlasten; oder sich wenigstens einzureden, es zu tun.</p><p>Wie lange lag sie schon hier? Tage? Sie wu�te es nicht, und je mehr sie versuchte, sich zu erinnern, desto st�rker wurde die Verwirrung. Sie hatte Fieber, Hunger, und Durst vor allem. Sie wu�te nichts mehr, au�er diesen beiden Tatsachen: Da� sie Hunger und Durst hatte und sterben w�rde. Und da� man sie offensichtlich hierhergebracht hatte, um sie elend zugrunde gehen zu lassen.</p><p>W�hrend des ersten Tages � nein, verbesserte sie sich in Gedanken: eigentlich nur w�hrend der ersten Stunden � hatte man dem Waga und ihr zu essen und zu trinken gebracht, aber schon nach der zweiten Mahlzeit war die T�r verschlossen geblieben; und sie hatte sich auch nicht mehr ge�ffnet, bis jetzt. Kurz darauf hatte sie geglaubt, L�rm zu h�ren: Schreie und dumpfe Explosionen, das helle Peitschen von Lasern und die spitzen Pfeiflaute k�mpfender Hornk�pfe. Irgend etwas war sogar gegen die T�r ihrer Zelle gepoltert. Aber sehr bald darauf war wieder Ruhe eingekehrt.</p><p>Angella hatte die M�glichkeit sehr lange erwogen, da� es im Berg zu einem Kampf gekommen sein k�nnte, in dessen Verlauf man sie und Hrhon einfach vergessen hatte. Aber so verlockend der Gedanke war � er konnte nicht richtig sein. Wogegen sollten sie k�mpfen? Es gab niemanden, der stark genug gewesen w�re, ihnen die Stirn zu bieten, erst recht nicht hier, in diesem verfluchen Berg. Es gab ja nicht einmal jemanden, der n�rrisch genug gewesen w�re, es zu versuchen, ausgenommen vielleicht Idioten wie sie selbst oder Tally, die Eine dumpfe Wut ergriff von Angella Besitz, als sie an Tally dachte. Wut auf sie, aber auch auf sich selbst, da� sie nicht auf ihre innere Stimme geh�rt und ihr die Kehle durchgeschnitten hatte, als noch Zeit dazu war. Jetzt war es zu sp�t. Der Tod hatte bereits bei ihr angeklopft; mehr noch � er hatte bereits einen Fu� in der T�r, und Angella war nicht sicher, da� sie sie noch einmal zuschlagen konnte. Der dumpfe Druck, die Fieberphantasien und die Vision waren Anzeichen des beginnenden Deliriums, und sie wehrte sich nicht einmal mehr dagegen. Ganz im Gegenteil � sie sehnte es herbei, denn egal wie schrecklich es sein mochte, es w�re zu Ende, danach.</p><p>Wahrscheinlich w�re sie l�ngst gestorben, w�re da nicht dieser Ri� in der Decke �ber ihr gewesen, durch den von Zeit zu Zeit Wasser flo�, wenige, bitter schmeckende Tropfen, die wie durch Zufall genau auf ihr Gesicht fielen, so da� sie immer wieder Lippen und Zunge damit benetzen konnte. Angella war sich des Umstandes vollkommen bewu�t, da� sie ihre Qual dadurch nur verl�ngerte � aber der Durst war st�rker als das bi�chen Vernunft, das ihr geblieben war. Jedesmal, wenn die Tropfen auf ihr Gesicht fielen, leckte sie sie gierig auf; obgleich jeder einzelne davon nicht die Rettung, sondern nur eine weitere Stunde voller entsetzlicher Pein bedeutete.</p><p>Wieder glaubte sie diese Ger�usche zu h�ren; n�her diesmal, gleichzeitig undeutlicher, als g�be es da einen Filter, der sich zwischen die Wirklichkeit und sie geschoben hatte. Ihre Sinne begannen sich st�rker und st�rker zu verwirren: f�r einen Moment glaubte sie Tallys Stimme zu h�ren, dann gar sie selbst zu sehen, aber es war nicht Tally, sonder etwas ganz anderes, ein entsetzliches Ungeheuer, das nur in Tallys K�rper geschl�pft war, und...</p><p>Der Gedanke entglitt ihr, bevor sie ihn zu Ende denken konnte. Die Vision wurde st�rker. Sie glaubte Licht zu sehen, ein wundersch�nes, sanftes Licht, das ihren Augen aber weh tat, weil sie so lange nichts als Dunkelheit gesehen hatte. Dann glitt sie wieder hinein in den schwarzen Abgrund, der sich dort aufgetan hatte, wo ihre Gedanken sein sollten. Das n�chste, was sie wahrnahm, war die Ber�hrung sanfter H�nde, die irgend etwas mit ihrem Gesicht taten. Es schmerzte; gleichzeitig tat es unglaublich gut.</p><p>Kaltes Metall ber�hrte ihre Lippen, dann ergo� sich ein Strom unglaublich wohlschmeckenden Wassers in ihren Mund. Sie trank; so gierig, da� sie sich verschluckte und die kostbare Fl�ssigkeit fast zur G�nze wieder erbrach. Aber sofort war das Metall wieder da, und das Wasser, das das Leben in ihren K�rper zur�cksp�lte.</p><p>Sie versuchte die Lider zu heben. Zwei glei�ende Dolche aus Licht stachen in ihre Augen. Sie st�hnte, pre�te die Lider wieder zusammen und trank weiter. Seltsam � sie hatte immer gedacht, der Tod br�chte die gro�e Dunkelheit. Wieso war es hell?</p><p>Es war diese Frage, die sie zum erstenmal auf den Gedanken brachte, da� es vielleicht nicht der Tod war. Und da� die Vision wahr sein konnte. Sie <emphasis>hatte</emphasis> Tallys Stimme geh�rt!</p><p>Mit einem Ruck �ffnete sie die Augen.</p><p>Das Licht tat weh, aber sie konnte sehen.</p><p>Sie befand sich noch immer in der Zelle, in die man Hrhon und sie vor einer Million Jahren eingesperrt hatte, aber sie war nicht mehr gefesselt. Die T�r stand weit offen, und gelbes warmes Licht fiel herein. Die st�hlernen Ringe, die ihre Hand- und Fu�gelenke gebunden hatten, waren durch saubere wei�e Verb�nde ersetzt worden, ihr Kopf lag auf frischem Stroh, und ein schwarzer Mantel bedeckte ihren fiebergesch�ttelten K�rper. Tally sa� neben ihr, eine metallene Schale mit Wasser in der linken und einen sauberen Lappen in der rechten Hand, mit dem sie von Zeit zu Zeit ihre Stirn betupfte. Hinter ihr, schon wieder halb von der Dunkelheit verschlungen, erhob sich ein gepanzerter massiger Schatten: Hrhon. Sie mu�te sehr lange so dagelegen haben, seit ihre Fesseln gel�st worden waren.</p><p>Angella versuchte zu sprechen, aber es gelang ihr erst, nachdem Tally abermals die Schale an ihre Lippen gesetzt und ihr zu trinken gegeben hatte. Sie f�hlte sich schwach. So unendlich schwach. Selbst zu schwach, um Erleichterung zu empfinden.</p><p>�Du... verdammte... N�rrin�, st�hnte sie. Die wenigen Worte kosteten ihre ganze Kraft. Ihre Lippen platzten. Salziges Blut mischte sich in das kalte Wasser auf ihrer Zunge. Trotzdem sprach sie weiter. �Bist... du... jetzt ... zufrieden?�</p><p>Tally blickte sie sehr ernst an. Sie l�chelte, aber es war nur ein blo�es Verziehen der Lippen. Der Ausdruck in ihren Augen war Sorge. Und � ja, und noch etwas. Etwas, das Angella nicht verstand. Aber es machte ihr Angst. </p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte sie.</p><p>�Gut, das... das siehst du doch.� Angella versuchte zu lachen, aber ihre Schw�che lie� ein qualvolles Husten daraus werden. �Wieso lebst du noch?� st�hnte sie. �Und wo warst du die ganze Zeit, verdammt noch mal?� </p><p>�Welche Frage soll Tally zuerst beantworten?� fragte Tally ruhig.</p><p>Angela blickte sie irritiert an. Das schwache Licht zauberte Schatten auf Tallys Z�ge, wo keine sein durften, und Angellas eigene Schw�che f�gte Linien des Schreckens hinzu: f�r einen kurzen, aber entsetzlichen Moment war es nicht mehr Tally, die neben ihr sa�, sondern ein abscheuliches <emphasis>Ding</emphasis> mit Tallys Z�gen, ein grinsender Totensch�del, eingesponnen in ein Netz feiner wei�er F�den, die pulsierten und sich wanden wie Milliarden haarfeiner lebender W�rmer. Dann drehte Tally das Gesicht wieder ins Licht, und die entsetzliche Vision verschwand. Aber die Angst blieb.</p><p>�Die Schw�che wird bald vergehen�, fuhr Tally fort. �Du bist ersch�pft, aber nicht ernsthaft verletzt.� </p><p>�Was zum Teufel ist passiert?� murmelte Angella. �Wo warst du die ganze Zeit?�</p><p>�Tally hat getan, wozu sie hergekommen ist�, antwortete Tally geheimnisvoll. �Es tut ihr leid, wenn ihr leiden mu�tet. Aber es hat lange gedauert, Hrhon und dich zu finden.�</p><p>Und es dauerte auch lange, bis Angella den Sinn von Tallys Worten begriff. Und als sie es tat, da war der Gedanke ein solcher Schock, da� sie sich aufsetzte und f�r einen kurzen Moment selbst ihre Schw�che verga�. Aber wirklich nur f�r einen kurzen Moment. Dann wurde ihr �bel und schwindelig zugleich, und sie brach in Tallys Armen zusammen.</p><p>�Hab Geduld�, sagte sie. �Dein K�rper braucht Zeit, die verlorenen Kr�fte zu regenerieren. Er ist sehr verwundbar, wei�t du? Aber du bist auch stark. Gib dir selbst ein wenig Zeit, und Tally wird dich hier herausbringen.�</p><p>Irgend etwas war falsch, dachte Angella. Entsetzlich <emphasis>falsch.</emphasis> Aber sie wu�te nicht, was.</p><p>�Rausbringen?� murmelte sie. <emphasis>Aber wieso?</emphasis> Es war nicht m�glich. �Jandhi. Was... was ist mit Jandhi... und ihren Drachen?�</p><p>�Sie sind tot�, antwortete Tally, und pl�tzlich war eine K�lte in ihrer Stimme, die Angella trotz allem erschauern lie�. Und ein entsetzlicher Triumph.</p><p>�Tot?�</p><p>�Tally hat sie vernichtet�, best�tigte Tally. �Sie kam, um es zu tun. Und sie hat es getan.� Sie hob rasch die Hand als Angella eine Frage stellen wollte, und sch�ttelte den Kopf. �Jetzt nicht. Du wirst alles erfahren, aber jetzt mu�t du deine Kr�fte schonen. Glaubst du, da� du gehen kannst?�</p><p>Angella glaubte es � aber sie konnte es nicht. Sie hatte nicht einmal die Kraft, sich auf H�nde und Knie hochzustemmen. Tally fing sie abermals auf, als sie zusammenbrach.</p><p>�Dann wird Hrhon dich tragen�, bestimmte Tally. �Du mu�t hier heraus. Dieser Ort ist kalt und gef�hrlich.� Sie stand auf und hob die Hand. Beinahe lautlos n�herte sich der Waga Angella, hob sie hoch und wandte sich zur T�r.</p><p>Sein Griff war sehr hart, und er tat weh, und trotz ihrer Schw�che empfand Angella es als unw�rdig, wie ein Kind getragen zu werden. Sie protestierte schwach, aber nat�rlich ignorierte Hrhon ihre Worte.</p><p>Gelbes Licht nahm sie auf, als sie die Zelle verlie�en und den Weg zur�ckgingen, den sie vor so vielen Tagen gekommen waren. Angella verlor ein paarmal das Bewu�tsein, w�hrend Hrhon sie weiter nach oben trug, und die �brige Zeit d�mmerte sie auf der schmalen Trennlinie zwischen Wachsein und Schlaf dahin; alles um sie herum war unwirklich, unwichtig, irreal. Und trotzdem fiel ihr auf, wie sehr der Drachenfels sich ver�ndert hatte: er war still geworden. Still und dunkel.</p><p>Die Zauberlampen, die den Weg hier herunter erhellt hatten, waren zum gr��ten Teil erloschen. Einige von ihnen flackerten wie gro�e blinzelnde Augen, und in manchen glomm noch ein gelbes Licht, aber die meisten waren blind. Daf�r brannten Fackeln in den G�ngen, die sie nahmen, um weiter nach oben zu gelangen.</p><p>Der Berg war tot. Vielleicht war dies der einzig wirklich klare Eindruck, den Angella hatte, w�hrend Hrhon sie trug: der Berg hatte sich in ein gigantisches Grab verwandelt.</p><p>Endlich wich der bleiche Schein der Fackeln dem helleren, wenn auch k�lteren Licht der Sonne. Vor ihnen lag noch ein kurzes Tunnelst�ck, hinter dem sich eine der gewaltigen Drachenh�hlen erhob, durch die sie den Berg betreten hatten. Angellas Herz begann schneller zu schlagen.</p><p>�Erschrick jetzt nicht�, sagte Tally. �Was du siehst, wird dir schlimm vorkommen, von deinem Standpunkt aus. Aber es mu�te sein.�</p><p>Ihre Warnung machte es eher schlimmer. Angella wu�te nicht genau, womit sie rechnete � mit Toten, mit Spuren eines Kampfes, mit verst�mmelten Menschen und Hornk�pfen und vielleicht Drachen. Vor ihr war nichts dergleichen. Und trotzdem hatte die H�hle sich ver�ndert; auf entsetzliche Weise ver�ndert.</p><p>Sie bekam noch eine kurze Gnadenfrist: drau�en �ber dem Schlund herrschte sp�ter Nachmittag, und die Sonne stand wie ein loderndes rotes Auge direkt vor der H�hlen�ffnung. Ihr grelles Licht blendete Angella, so da� sie im ersten Moment nichts als scharf voneinander getrennte Fl�chen absoluter Schw�rze und blendender Helligkeit wahrnahm, ein Ozean aus Licht, aus dem die Einzelheiten nur allm�hlich auftauchten. Pl�tzlich war sie sicher, da� Tally die H�hle aus genau diesem Grund ausgesucht hatte. Und es war gut so, denn wahrscheinlich h�tte sie den Verstand verloren, h�tte sie der Anblick unvorbereitet getroffen.</p><p>Das matte Schwarz des H�hlenbodens war unter einer hellen, sonderbar organisch wirkenden Schicht verborgen, einem wei�lich schimmerndem Pilzgeflecht, in dem es hier und da brodelte und zuckte. Ein seltsamer, gleichzeitig fremder wie auf erschreckende Weise bekannter Geruch hing in der Luft, und nach einer Weile h�rte sie ein leises Wispern und Raunen, das von �berallher zugleich zu kommen schien. Es war warm, viel w�rmer, als sie diesen Teil der Festung in Erinnerung hatte, und es war eine W�rme, die auf schwer in Worte zu fassender Weise <emphasis>lebendig</emphasis> wirkte.</p><p>Neue Einzelheiten tauchten aus dem verschwommenen Bild auf: Der Boden war nicht eben. Hier und da wuchsen gro�e, assymmetrische Umrisse aus der wei�lichen Masse, zuckend und flie�end wie sie selbst, aber von etwas dunklerer F�rbung, und sie sah jetzt, da� sich das d�nne Pilzgeflecht auch �ber die W�nde erstreckte, nicht so dicht wie auf dem Boden, sondern wie ein Netz, gro�en tausendfingrigen H�nden gleich, die sich nach dem schwarzen Fels ausgestreckt hatten und bereits die Decke ber�hrten, sich aber noch nicht ganz ber�hrten. </p><p>�Gro�er Gott!� stammelte sie. �Was... la� mich herunter, Hrhon.�</p><p>Der Waga tauschte einen fragenden Blick mit Tally, ehe er gehorchte. Sehr behutsam stellte er sie auf die F��e, lie� die H�nde aber an ihrer Taille liegen, um sie aufzufangen, sollte sie st�rzen.</p><p>Aber Angella st�rzte nicht. Was sie sah � und vor allem, was es <emphasis>bedeutete! �</emphasis> lie� selbst ihre Schw�che unwichtig werden. Ihre Augen gew�hnten sich schneller und schneller an das helle Licht, und mit jeder Sekunde erblickte sie weiter, entsetzliche Einzelheiten. Der helle Belag auf dem Boden <emphasis>lebte.</emphasis> Und die dunklen Einschl�sse darin waren...</p><p>�Du... du hast es hierhergebracht? stammelte sie. </p><p>�Gro�er Gott, Tally, du hast... du hast G�a hergebracht � das Ungeheuer aus dem Schlund!�</p><p>�Tally hat getan, was getan werden mu�te�, antwortete Tally ruhig. �Sie allein w�re zu schwach gewesen, den Kampf zu entscheiden.�</p><p>�Sie?� Angellas Augen weiteten sich entsetzt. Langsam, als k�mpfe sie gegen unsichtbare Fesseln, drehte sie sich herum und sah Tally an. �Sie?� wiederholte sie. </p><p>�Tally, du... du sprichst wie...�</p><p>Sie brach ab. Eine eisige Hand schien nach ihrem Herzen zu greifen und es zusammenzupressen, langsam, aber mit unbarmherziger Kraft. Zum ersten Male sah sie Tallys Gesicht im hellen Licht des Tages. Und sie erkannte, da� es nicht Tally war. Nicht mehr. Es war etwas, das wie Tally aussah, sich wie sie bewegte und � fast � wie sie sprach, aber es bestand nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern aus einer wei�lichen, pulsierenden Masse, auf den ersten Blick, gleich hellglitzerndem Schleim, die sich bei genauerem Hinsehen jedoch als eine Zusammenballung von Milliarden und Milliarden haard�nner, gl�nzender F�den erwies. W�rmer oder Wurzeln, oder vielleicht eine entsetzliche Mischung aus beidem.</p><p>Entsetzt fuhr sie herum und starrte Hrhon an. Aber er war noch er selbst � ein gepanzerter Gigant, dessen geschlitzte Schildkr�tenaugen scheinbar ausdruckslos auf Tallys Gesicht ruhten. Angella brauchte all ihre Kraft, sich wieder herumzudrehen und das Etwas anzusehen, das einmal Tally gewesen war.</p><p>�Du bist nicht Tally�, sagte sie. Es war eine reichlich �berfl�ssige Feststellung, aber sie mu�te es einfach sagen.</p><p>Das Ding in Tallys Gestalt r�hrte sich nicht, und nach einer Weile wandte Angella wieder den Blick und zwang sich, die H�hle noch einmal anzusehen. Irgend etwas in ihr revoltierte gegen das entsetzliche Bild, das sich ihr bot, aber sie zwang sich, es zu ertragen; denn trotz allem war es nicht so schlimm wie der Anblick Tallys. Die wei�e Masse aus Wurzelgeflecht war �berall, hatte Felsen und Stein und Metall �berwuchert und sich zu knotigen, gl�nzenden Gebilden zusammengefunden, die sanft pulsierten, alle im gleichen Rhythmus, als g�be es da irgendwo ein gewaltiges Herz, in dessen Takt sie schlugen.</p><p>Es gab nichts, wovor sie Halt gemacht hatte, und es mu�te sehr schnell gegangen sein; denn manche der Gestalten, die sie eingewoben hatten, waren in bizarren Haltungen erstarrt, als h�tte der Tod sie mitten in der Bewegung �berrascht. Bei den meisten war nicht mehr zu erkennen, ob sie Mensch oder Tier gewesen waren: ihre K�rper waren aufgel�st, zum Teil bereits absorbiert von der gewaltigen, fressenden Pflanzenmasse, zum Teil aber noch intakt, unbesch�digt, aber eingesponnen, wie in das Netz einer gewaltigen Spinne. Einige schienen sogar noch zu leben...</p><p>Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es gewesen sein mu�te, aber ihre Phantasie reichte nicht, es in Bilder umzusetzen. Der Kampf mu�te entsetzlich gewesen sein und von vornherein aussichtslos. Sie hatte gesehen, wie schnell und r�cksichtslos dieses Ding zuschlug, drau�en im Sumpf unter dem Wald, und hier mu�te es schlimmer gewesen sein, tausendfach schlimmer.</p><p>�Was hast du mit Tally getan?� fl�sterte sie.</p><p>�Nichts�, antwortete das entsetzliche Wesen. �Es war ihr eigener Wunsch.�</p><p>�Ihr ��</p><p>�Sssie wollte esss�, mischte sich Hrhon ein. Angella drehte sich verbl�fft herum und starrt den Waga an. </p><p>�Sie wollte <emphasis>was?</emphasis> keuchte sie. �Das hier?!�</p><p>Hrhon versuchte ein menschliches Nicken nachzuahmen. �Sssie whussste esss�, behauptete er. �Sssie sssagte esss mir, in der Nacht, bhevhor sssie sssich Jandhi erghab. Dher Ssschlund vherlanghte ein Ohpfer, uhnd sssie whollte nisst, dasss isss es bin. Oder dhu.�  Angella stand wie gel�hmt da. �Sie hat es... freiwillig getan?� murmelte sie. �Sie ... sie hat dieses... dieses Ding absichtlich hierher gebracht?�</p><p>�Einen Teil�, best�tigte Tally. �Das Ganze ist im kleinsten meiner Teile, so wie der geringste meiner Teile das Ganze ist. Du trauerst um sie, Angella, aber das ist nicht n�tig. Tally lebt, wenn auch auf andere Weise.� </p><p>�Oh ja�, sagte Angella. �Gleich wirst du mir erz�hlen, da� sie die Unsterblichkeit erlangt hat, wie?�</p><p>Ihr Spott prallte von dem Wesen an ihrer Seite ab, weil es so etwas wie Spott oder Sarkasmus nicht kannte. Es nickte. </p><p>�In gewisser Weise, ja. Tally wu�te, was sie erwartete. Sie wurde nicht gezwungen. Das Wesen, das ihr G�a nennt, mag euch grausam erscheinen, aber es ist es nicht. Nur erbarmungslos. Und auch das nur zu seinen Feinden. Den Feinden des Lebens.�</p><p>�Und wir?� fl�sterte Angella. �Geh�ren wir... auch dazu? Willst du Hrhon und mir auch die Unsterblichkeit verleihen?�</p><p>�Wenn ihr es w�nscht, wird Tally es tun�, antwortete Tally mit gro�em Ernst. �Doch wenn ihr es nicht w�nscht, k�nnt ihr gehen. Ihr seid frei. Tally wird euch den Weg zeigen, wie ihr von hier entkommen k�nnt. Wenn ihr bereit seid, den Kampf fortzuf�hren.�</p><p>�Welchen Kampf?� fl�sterte Angella. �Hier... hier lebt doch nichts mehr!�</p><p>�Hier nicht�, best�tigte Tally. �Dieser Ort geh�rt jetzt mir, und so wird es auf ewig bleiben. Aber es gibt viele Orte wie diese.�</p><p>Angella erschrak. �Soll das hei�en, es ist noch nicht vorbei?� keuchte sie.</p><p>�Esss hat noch nissst einmal rissstig beghonnen�, zischte Hrhon.</p><p>�Der Waga wird dir die Geschichte erz�hlen, die er von Tally h�rte�, sagte Tally. �Doch jetzt m��t ihr gehen. Rasch, solange Tally euch noch zu sch�tzen vermag.�  Angella starrte sie an, und f�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie noch einmal die alte Tally im Blick des Pflanzenmonsters vor ihr zu erkennen, eine winzige Spur von ihr, die noch nicht Teil des monstr�sen Kollektivbewu�tseins dort drau�en im Sumpf geworden war. Jenes winzige Etwas, das sie und Hrhon noch sch�tzte. Aber es schwand, und wenn es v�llig fort war, dann w�rde dieser gigantische lebende Krebs auch sie verschlingen, so erbarmungslos und kalt, wie er die Hornk�pfe verschlungen hatte, Jandhis Kriegerinnen und die Drachen.</p><p>�Wir werden es tun�, fl�sterte sie. �Wir werden deine Rache beenden. Ich verspreche es dir, Tally.�</p><p>Noch einmal blickte Tally sie an, und ein ganz kurzes, unendlich erleichtertes L�cheln glomm in ihren Augen auf.</p><p>Dann erlosch ihr Blick.</p><p>F�r immer.</p><empty-line/><cite><p>�Das... ist aber eine sehr traurige Geschichte�, sagte das M�dchen.</p><p>Seit langer Zeit waren es die ersten Worte, die einer von ihnen sprach. Die Frau hatte geredet, mit sehr ruhiger, sehr sanfter Stimme, in der etwas von der Trauer mitklang, die das M�dchen selbst versp�rte; ein Schmerz, der viel zu gewaltig war, als da� es sein wahres Ausma� jetzt schon begreifen konnte. Danach hatten sie beide geschwiegen, fast ebenso lange, und auch dieses Schweigen war voller Trauer gewesen. Jetzt nickte die fremde Frau. Wieder hob sie die Hand und ber�hrte die des M�dchens, und diesmal fuhr das Kind nicht unter der Ber�hrung zusammen, sondern erwiderte den H�ndedruck der Fremden sogar. Sie hatte das Gef�hl, weinen zu m�ssen, aber sie konnte es nicht.</p><p>�Das ist es�, best�tigte die Frau. Sie l�chelte. Das Mondlicht zauberte Schatten auf ihre Z�ge, die sie �lter erscheinen lie�en, als das M�dchen sie bisher eingesch�tzt hatte. Vielleicht so alt, wie sie war. �Sie �hnelt deiner, bis hierhin wenigstens. Auch du bist die letzte �berlebende.�</p><p>�Die Letzte?� Das M�dchen blinzelte, drehte den Kopf und blickte zu den Ruinen der brennenden Stadt zur�ck. �ber den Tr�mmern hing noch immer ein roter Hauch, und mit dem Wind wehte Brandgeruch herbei.</p><p>�Was geschah mit den anderen?� fragte es nach einer Weile, und ohne die Frau anzublicken. �Mit dem Blinden und der verr�ckten Frau?� .</p><p>�Hrabans M�nner haben sie get�tet�, antwortete die Fremde.</p><p>�Sie waren nat�rlich keine S�ldner, und sie kamen auch nicht zuf�llig vorbei. Aber das alles hat Talianna erst sp�ter erfahren.� Sie z�gerte fast unmerklich, und als sie weitersprach, war in ihrer Stimme ein bitterer Klang. �Sehr viel sp�ter.�</p><p>�Was geschah mit ihr?� fragte das M�dchen.</p><p>�Mit Talianna?� Die Fremde l�chelte traurig. �Es gibt sie nicht mehr, Kleines.�</p><p>�Hat Hraban sie auch get�tet?� fragte das M�dchen erschrokken. Sie wu�te nicht, warum, aber der Gedanke machte ihr Angst. Sie wollte es nicht.</p><p>�Get�tet?� Die Fremde l�chelte. �Nein. Aber er... machte eine andere aus ihr. Er nahm sie mit zu sich, zu seinen Leuten, wei�t du? Und sp�ter hat er sie geheiratet.�</p><p>�Geheiratet?� wiederholte das M�dchen ungl�ubig. �Er?�</p><p>�Warum nicht? Talianna war ein h�bsches M�dchen, und sehr klug. Und sie hatte ja niemanden mehr, zu dem sie geh�rte.�</p><p>Es fiel dem M�dchen schwer, die Worte der Frau zu glauben, und sie sagte es.</p><p>Wieder l�chelte die Fremde auf diese sonderbare, fast unheimliche Art. �Du verstehst nicht, warum sie es tat�, sagte sie.</p><p>�Dabei ist die Antwort sehr einfach. Sie hatte etwas, das ihr Kraft gab. Ihren Ha�.�</p><p>�Ha�?� Das M�dchen verstand nun gar nichts mehr. Wie konnte jemand jemanden aus <emphasis>Ha�</emphasis> heiraten?</p><p>�Ha߫, best�tigte die Frau. �Den gleichen Ha�, den auch du jetzt sp�rst, Kind. Ha� auf die, die ihre Familie get�tet hatten. Die ihre Heimat verbrannten, ihr Leben vernichteten. Vielleicht sp�rst du es jetzt noch nicht, aber er wird kommen. Du mu�t dich dagegen wehren, h�rst du? Er ist eine gro�e Kraft, aber er ist nicht gut. Lasse nicht zu, da� er Gewalt �ber dich erlangt.�</p><p>�Aber Talianna ��</p><p>�Talianna existierte schon bald nicht mehr�, unterbrach sie die Frau. �Sie heiratete Hraban und wurde eine andere. Sie �nderte sogar ihren Namen und nannte sich nur noch Tally.�</p><p>�Tally.� Das M�dchen wiederholte den Namen ein paarmal in Gedanken, ehe sie zu dem Schlu� kam, da� er ihr nicht gefiel. Nicht so gut wie Talianna. Sie sagte es.</p><p>�Ich wei߫, sagte die Fremde. �Er klingt... h�rter. Gnadenloser. Und so wurde sie auch. Der Ha� zerfra� sie, ohne da� sie es selbst merkte, und wenn, w�re es ihr gleich gewesen, denn er gab ihr auch Kraft. Die Kraft, alles zu erreichen, was sie wollte.�</p><p>�Und was war das?� fragte das M�dchen.</p><p>�Rache�, antwortete die Frau. �Macht. Die Macht, die zu finden, die f�r den Tod ihrer Stadt verantwortlich waren, und zu bestrafen. Sie heiratete Hraban, und f�nf Jahre sp�ter t�tete sie ihn und wurde selbst zur Anf�hrerin der Sippe.�  Die Augen des M�dchens wurden gro� vor Staunen, als sie dies h�rte, aber die Frau nickte, um ihre Worte zu bekr�ftigen.</p><p>�Sie nahm Hrabans Stelle eine, sagte sie. �Oh, es war nicht leicht, denn sie war eine Frau, und eine Fremde dazu. Aber der Ha� gab ihr die Kraft, ihr Ziel zu erreichen.� Sie schwieg einen Moment, nahm die Hand vom Arm des M�dchens und blickte in den Himmel empor, als suche sie etwas.</p><p>�Und was hat sie getan?� fragte das M�dchen, als die fremde Frau nicht von selbst weitersprach, Seine Neugier war geweckt, und die Geschichte der Fremden half ihr, den entsetzlichen Schmerz in ihrem Inneren wenigstens f�r eine kurze Weile zu vergessen. Und sie hat te das Gef�hl, da� das, was sie h�rte, von gro�er Wichtigkeit war, wenn sie auch nicht wu�te, warum.</p><p>�Ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende�, sagte die Frau. �Sie dachte es, damals, nach Hrabans Tod, aber das stimmte nicht. Sie ha�te noch immer, mehr als zuvor, und als es Hraban nicht mehr gab, da suchte sie sich etwas Neues, was sie hassen und bek�mpfen konnte...�</p></cite></section></section><section><title><p>Epilog</p></title><cite><p>�Das war... eine sehr traurige Geschichte�, sagte das M�dchen. Einen Moment lang wartete es auf eine Antwort der fremden Frau, aber es bekam keine, und eigentlich hatte es auch nicht damit gerechnet. Es sah auf. Die fremde Frau mit den dunklen Haaren hatte sich gegen einen Baum gelehnt und die Augen geschlossen. Ihr Gesicht lag im Schatten, und es sah aus, als schliefe sie. Aber sie war wach. Nur ein Teil von ihr schien noch in der Vergangenheit zu weilen, bei Tally und Hrhon und all den anderen, die f�r wenige kurze Stunden durch ihre Worte wieder Leben bekommen hatten.</p><p>�Hat sie Wort gehalten?� fragte das M�dchen schlie�lich.</p><p>�Tally?� Die Frau nickte. �Ja. Es war nicht einmal besonders schwer f�r Angella und Hrhon, den Drachenfels zu verlassen, wei�t du? Jedenfalls nicht im Vergleich zu dem, was sie ertragen mu�ten, um ihn zu erreichen. Nicht alle Drachen waren tot. Ein paar von ihnen waren fortgeflogen, bevor Tally den Berg erreichte, und sie kamen nichtsahnend zur�ck.�</p><p>�Aber G�a ��</p><p>�Vernichtete sie alle�, sagte die Fremde. �Alle bis auf einen, dessen Reiter Angella und Hrhon �berw�ltigten. Sie zwangen sie, ihnen das Geheimnis zu verraten, wie man die Drachen lenkte.�</p><p>Das M�dchen dachte einen Moment lang dar�ber nach, wie man jemanden wie eine Drachenreiterin zu irgend etwas zwingen konnte. Aber dann kam es zu dem Schlu�, da� es die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollte.</p><p>�Diese Geschichte ist... ist wahr, nicht?� sagte es ganz leise. �Ich meine � du hast sie dir nicht nur ausgedacht um... um mir die Zeit zu vertreiben, oder mich zu tr�sten. Die Fremde nickte. �Sie ist wahr.�</p><p>�Dann gef�llt sie mir nicht�, sagte das M�dehen nach kurzem �berlegen. �Sie ist h��lich, und sie hat kein gutes Ende.�</p><p>�Sie hat �berhaupt kein Ende�, sagte die Fremde. �Hast du vergessen, was Hrhon gesagt hat � es hat gerade erst begonnen.�</p><p>�Aber Tally ist doch tot. Sie hat sich selbst geopfert. Warum?�</p><p>�Weil es der einzige Weg war�, sagte die Fremde. �Ihr Leben war sinnlos geworden, wei�t du? Sie lebte nur noch f�r ihre Rache, und als sie begriff, da� sie zu schwach war, ihre Feinde besiegen zu k�nnen, tat sie das einzige, was ihr noch blieb. Ich glaube�, f�gte sie mit ver�nderter Stimme und nach einer h�rbaren Pause hinzu, �in Wirklichkeit war sie schon lange tot. Wahrscheinlich ist sie auch gestorben, damals, als ihre Stadt verbrannte.�</p><p>Ihre Worte erf�llten das M�dchen mit Schmerz. Auch seine Stadt war verbrannt, mit allen, die es gekannt und geliebt hatte. Ob sie eines Tages auch so werden w�rde wie Tally? Die Fremde schien ihre Gedanken zu erraten. Vielleicht waren sie auch deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen. �Es war nicht umsonst, Kleines�, sagte sie sanft. �Ich wei�, was du jetzt f�hlst � auch deine Stadt ist zerst�rt, und du hast wie Tally die Drachen gesehen, die es getan haben, nicht wahr?�  Das M�dchen nickte. Schwieg.</p><p>�Aber es war nicht umsonst�, behauptete die Fremde. Sie stand auf, kam auf das M�dchen zu und lie� sich vor ihr in die Hocke sinken. �Sie haben hunderttausend Jahre lang geherrscht, Kind�, sagte sie. �Du kannst nicht erwarten, da� wir sie in einem Tag besiegen. Vielleicht wird es weitere hunderttausend Jahre dauern, wei�t du, auf jeden Fall aber l�nger, als irgendeiner von uns leben wird. Aber wir haben den Feind erkannt, und er wird geschlagen werden. Willst du uns dabei helfen?�</p><p>�Euch?� fragte das M�dchen verst�rt.</p><p>�Willst du?�</p><p>Das M�dchen nickte z�gern. Aber es war eher Verwirrung als wirkliche Entschlossenheit. �Aber wie?� murmelte es. �Sie sind so stark. Und so viele. Und sie haben die Drachen und diese entsetzlichen Waffen und...�</p><p>�Die Geschichte ist noch nicht zu Ende�, sagte die Frau, und pl�tzlich war ihre Stimme sehr eindringlich. Fast glaubte das M�dchen eine ganz sachte Spur von Angst darin zu erkennen.</p><p>�Angella und Hrhon behielten den Drachen, den sie erbeuteten, und sie lernten, diese Tiere zu beherrschen, so wie Jandhi und ihre Schwestern es taten. Und Jandhi hat sich get�uscht, wei�t du?� Sie lachte, sehr leise und voller Trauer. �K�nnte sie nur noch begreifen, wie sehr sie sich get�uscht hat. Die Zivilisation, vor der die sie und die Insekten solche Angst hatten, existiert bereits. Der Mensch hat gelernt, mit der Natur zu leben, Kind. Tausendmal besser, als Jandhi jemals begriffen hat; denn sie war blind. Er braucht keine Technik mehr. Wir brauchen keine Maschinen, die fliegen, wenn wir Tiere wie die Drachen haben. Wir brauchen keine �rzte und Wissenschaftler, denn wir haben unsere Heiler und Magier, wir haben M�nner wie Beit und Karan und Weller, und wir brauchen keine Maschinen, die unsere Arbeit tun, solage wir Tiere erschaffen k�nnen, die dies viel perfekter erledigen.�</p><p>Sie hob die Hand und deutete nach Norden. �Die gro�en Insekten, die irgendwo dort drau�en jenseits des Schlundes lauern, wissen es nicht, aber sie selbst haben uns den Weg gezeigt, wie wir sie besiegen k�nnen. Wir haben unsere eigenen Drachen, Kind, und unsere eigenen Hornk�pfe. Noch sind wir wenige, aber wir sind Menschen, und deshalb werden wir siegen. Wir schlagen sie, wo immer wir sie treffen. Aber manchmal kommen wir zu sp�t.�</p><p>Sie sprach nicht weiter, und auch das M�dchen schwieg f�r sehr lange Zeit. Schlie�lich stand es auf und hob wortlos den Arm.</p><p>Die Frau l�chelte, ergriff ihre Hand und dr�ckte sie, sehr kurz und voller W�rme. �Wie ist dein Name, Kleines?� fragte sie.</p><p>�Kara�, antwortete das M�dchen. Es war nicht wahr. Ihr Name war Karenin, aber sie hatte ihn nie wirklich gemocht, und Kara gefiel ihr besser. Ein bi�chen erinnerte er sie an Tally, und die fremde Frau schien dies auch zu ahnen, denn sie l�chelte, sagte aber nichts, sondern wandte sich wortlos um und ging auf den Waldrand zu.</p><p>Die Stadt hatte aufgeh�rt zu brennen, als sie aus dem Wald traten. Sie war jetzt nur noch ein Haufen verkohlter Schlacke, der nicht einmal mehr rauchte.</p><p>Aber Kara hatte keinen Blick daf�r. Sie starrt die beiden Drachen an, die auf dem freien Feld zwischen der Stadt und dem Wald niedergegangen waren, titanische, schwarzgeschuppte Kreaturen voller Wildheit und Kraft, als w�re die Nacht selbst auf die Erde herabgestiegen und h�tte ihre Schwingen ausgebreitet. Sie war nicht einmal sehr �berrascht, und ein wenig sch�tzte sie wohl auch ihre M�digkeit und die Bet�ubung, die noch immer von ihr Besitz ergriffen hatte. Eine Gestalt n�herte sich ihnen; winzig im Vergleich zu den beiden schwarzen Titanen, aber in Wirklichkeit selbst ein Gigant, vierhundert Pfund schwer und von der Form einer aufrecht gehenden Schildkr�te.</p><p>�Ist das....?�</p><p>�Das ist Hrhon�, sagte die fremde Frau. �Ja.� Sie l�chelte, lie� Karas Hand los und bedeutete ihr mit einer raschen Bewegung, stehenzubleiben. Dann trat sie dem Waga entgegen.</p><p>�Habt ihr sie?� fragte sie. Pl�tzlich klang ihre Stimme hart, so hart und kalt, da� das M�dchen erschrak. Mit einem Male schien sie eine v�llig andere zu werden, nur indem sie diese wenigen Worte sprach.</p><p>�Ja�, antwortete der Waga. �Sssatacks Drachehn habhen sssie erwhischt, khursss bevhor sssie den Sschlund erreichten.�</p><p>�Alle?�</p><p>�Alle�, best�tigte Hrhon. Er trag einen Schritt zur Seite, um Kara anzusehen. �Isst dasss die einsssige?� zischelte er. Die Frau nickte. �Die einzige �berlebende. Alle anderen sind tot. Wir sind zu sp�t gekommen. Aber wir werden sie mit uns nehmen � wenn sie will, hei�t das.� Sie drehte sich herum, blickte Kara sehr ernst an und deutete auf die beiden Drachen.</p><p>�Willst du lernen, auf ihnen zu reiten?�</p><p>Kara schwieg. Zum ersten Male sah sie das Gesicht der Fremden in hellem Licht. Und zum ersten Mal erkannte sie, da� es eine Maske aus Narben und verbranntem Gewebe war.</p><p>�Du kansssst rhuhig mit unsss khommen�, sagte Hrhon.</p><p>�Whir habhen viehle Kindher dort, who wir leben.� Er versuchte zu l�cheln, was nat�rlich mi�lang, und im gleichen Moment versuchte Kara sich vorzustellen, wie es sein mu�te, an der Seite dieses gro�en, gutm�figen Giganten aufzuwachsen, auf einem Drachen zu fliegen... all die Wunder zu erleben, von denen sie in dieser endlos langen Nacht geh�rt hatte. Der Gedanke gefiel ihr. Und doch war es nicht der wahre Grund, aus dem sie nickte.</p><p>Den wirklichen Grund begriff sie erst sp�ter, als sie neben Angella und Hrhon auf dem R�cken des Drachen sa� and den eisigen Fahrtwind im Gesicht sp�rte. Der Gigant breitete seine Schwingen aus und schwang sich hoch empor in die Luft, und der Wald und der Flu� und die verbrannte Stadt sackten unter ihnen zur�ck, bis sie nicht mehr waren als Farbflecke in einer endlosen Ebene tief, unendlich tief unter ihnen. Aber Kara blickte nicht hinab. W�hrend die schwarzen Drachenschwingen die Luft peitschten und sie forttrugen, einer neuen Heimat und einem neuen Leben entgegen, blickte sie nach Norden, dorthin, wo der Schlund lag, und dahinter, in unvorstellbarer Entfernung, andere Kontinente, so gro� wie der ihre, andere Welten voller anderer Menschen.</p><p>Und pl�tzlich wu�te sie, da� sie diese anderen Welten eines Tages sehen w�rde. Irgendwann einmal w�rde sie selbst auf dem R�cken eines Drachen dorthin reiten, um ihren Teil dazu beizutragen, das Versprechen zu halten, das Angella Tally gegeben hatte � ihre Rache zu vollenden und den Kampf gegen den uralten Feind endg�ltig zu entscheiden.</p><p>Und sie wu�te, da� sie gewinnen w�rden. Vielleicht w�rde er wirklich noch einmal hunderttausend Jahre dauern, aber am Ende w�rden sie siegen.</p><p>Einfach, weil sie Menschen waren.</p></cite><empty-line/><p>ENDE...?</p></section></body><binary id="cover" 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