<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_action</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name><id>4661</id></author><book-title>Tochter der Erde</book-title><annotation><p>W�hrend in Canrif Frieden einkehrt und die Bolg das Land zu neuer Bl�te f�hren, sto�en die drei Helden Rhapsody, Achmed und Grunthor in den Gew�lben der Festungsstadt auf ein kostbares Relikt: den Krallendolch der gef�rchteten Drachin Elynsynos. Der Legende nach h�ten Drachen ihre Sch�tze und lassen ihren Zorn auf all diejenigen niederfahren, die sie bestehlen. Rhapsody beschlie�t, sich umgehend auf die Suche nach Elynsynos zu begeben, um ihr den Dolch zur�ckzugeben. Der stets in einen Mantel aus Nebel geh�llte und undurchschaubare Ashe bietet sich als ihr F�hrer an. Rhapsody zieht mit ihm nach Westen, zur H�hle der m�chtigen Drachin, obwohl ihre Freunde noch immer einen D�mon in ihrer N�he vermuten und ihr Verdacht auf Ashe f�llt. Und w�hrend Achmed und der Riese Grunthor weiter in das H�hlensystem in Canrif vordringen und auf ein lange geh�tetes Geheimnis sto�en, erf�hrt Rhapsody am Ende ihrer Reise von ihrer Bestimmung. Gemeinsam m�ssen sich die drei Gef�hrten dem Feuerd�mon F�dor stellen, der aufs Neue alles daran setzt, die Welt f�r immer zu vernichten. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.</p><p>�Ein Genuss f�r Freunde epischer Weltenentw�rfe!�</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Michael</first-name><last-name>Siefener</last-name><id>15147</id></translator><sequence name="Rhapsody" number="2"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Elizabeth</first-name><last-name>Haydon</last-name><id>4661</id></author><book-title>Prophecy: Child of Earth</book-title><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>Schlaflos</src-ocr><id>443F00AA-ABC3-4F21-8F0A-20FBA1D62DCC</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><year>2003</year></publish-info><custom-info info-type="librusec-id">284447</custom-info></description><body><title><p>Elizabeth Haydon</p><p>Tochter der Erde</p></title><epigraph><p><emphasis>F�r die Friedensstifter und f�r Unterh�ndler</emphasis></p><p><emphasis>F�r die Albtraumj�ger und jene,</emphasis></p><p><emphasis>die aufgeschlagene Knie k�ssen</emphasis></p><p><emphasis>F�r diejenigen, die die Ordnung unserer Welt</emphasis></p><p><emphasis>durch ihre Kinder st�rken, eins nach dem anderen</emphasis></p><p><emphasis>F�r die Verm�chtnisstifter, die Geschichtenschreiber</emphasis></p><p><emphasis>F�r diejenigen, die die Vergangenheit ehren,</emphasis></p><p><emphasis>indem sie die Zukunft formen</emphasis></p><p><emphasis>F�r diejenigen,</emphasis></p><p><emphasis>f�r die Elternschaft eine Berufung ist</emphasis></p><p><emphasis>Und vor allem f�r diejenigen,</emphasis></p><p><emphasis>die mir am n�chsten sind</emphasis></p><p><emphasis>Mit all meiner Liebe</emphasis></p></epigraph><section><subtitle>Die Prophezeiung der Drei</subtitle><p>Die Drei werden kommen; fr�h brechen sie auf,</p><p>sp�t treten sie in Erscheinung, Die Lebensalter des Menschen: Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels.</p><p>Ein jeder Mensch, entstanden im Blute und darin geboren,</p><p>Beschreitet die Erde, wird von ihr gen�hrt, Greift zum Himmel und genie�t seinen Schutz, Steigt indes erst am Ende seiner Lebenszeit zu ihm</p><p>auf und gesellt sich zu den Sternen. Blut schenkt Neubeginn, Erde Nahrung. Der Himmel schenkt zu Lebzeiten Tr�ume im Tode</p><p>die Ewigkeit. So sollen sie sein, die Drei, einer zum anderen.</p><subtitle>Die Prophezeiung des ungebetenen Gasts</subtitle><p>Er geht als einer der Letzten und kommt als einer</p><p>der Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu werden,</p><p>ungebeten, an neuem Ort. Die Macht, die er gewinnt, indem er der Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt. Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm Nahrung,</p><p>In L�cheln geh�llt wie er, der Gast; Doch im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet. Neid, gesch�tzt vor seiner eigenen Macht Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren,</p><p>und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet.</p><subtitle>Die Prophezeiung des Schlafenden Kindes</subtitle><p>Das Schlafende Kind, sie, die J�ngstgeborene, Lebt weiter in Tr�umen, doch weilt sie beim Tod, Der ihren Namen in sein Buch zu schreiben gebot, Und keiner beweint sie, die Auserkorene.</p><p>Die Mittlere, sie liegt und schlummert leise, Zwischen dem Himmel aus Wasser und treibendem Sand,</p><p>H�lt stille, geduldig, Hand auf Hand, Bis zu dem Tag, an dem sie antritt die Reise. Das �lteste Kind ruht tief, tief drinnen</p><p>Im immerstillen Scho� der Erden.</p><p>Noch nicht geboren, doch mit seinem Werden</p><p>Wird das Ende aller Zeit beginnen.</p><p>Die Prophezeiung des letzten W�chters</p><p>Im Innern des Kreises der Vier wird stehen ein</p><p>Kreis der Drei </p><p>Kinder des Windes sie alle, und doch sind sie�s nicht, Der J�ger, der N�hrer, der Heiler. Furcht f�hrt sie zueinander, Liebe h�lt sie zusammen, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.</p><p>H�re, o W�chter, und besehe dein Schicksal: Der, welcher jagt, wird auch besch�tzen, Der, welcher n�hrt, wird auch verlassen, Der, welcher heilt, wird auch t�ten, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.</p><p>H�re, o Letzter, auf den Wind:</p><p>Der Wind der Vergangenheit wird sie geleiten nach Haus</p><p>Der Wind der Erde wird sie tragen in die Sicherheit Der Wind der Sterne wird singen das Mutterlied,</p><p>das ihrer Seele am vertrautesten klingt, Um das Kind vor dem Wind zu verbergen. Von den Lippen des Schlafenden Kindes werden</p><p>kommen Worte von h�chster Weisheit: H�te dich vor dem Schlafwandler, Denn Blut wird das Mittel sein, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.</p></section><section><title><p>Intermezzo</p></title><subtitle>Meridion</subtitle><p>Meridion sa� im Dunkeln, v�llig in seine Gedanken vertieft. Auch die Instrumententafel des Zeit-Editors war dunkel; im Augenblick stand die riesige Maschine still, die gl�nzenden Streifen der durchsichtigen Filme waren aufgespult und jede Rolle sorgf�ltig mit <emphasis>Vergangenheit</emphasis> oder <emphasis>Zukunft</emphasis> beschriftet. Die Gegenwart, wie stets ein fl�chtiger silberner Nebel, lag unter der Lampe des Editors, drehte und wandelte sich im D�mmerlicht von einem Herzschlag zum anderen.</p><p>�ber Meridions Knien lag ein uralter Strang, ein Geschichtenfaden aus der Vergangenheit. Es war ein Filmfragment von unermesslicher Bedeutung, am einen Ende jedoch verbrannt und v�llig zerfasert. Behutsam hob Meridion ihn hoch, drehte ihn in der Hand und seufzte tief. Die Zeit war zerbrechlich, vor allem, wenn man sie mechanisch beeinflusste. Er hatte mit dem spr�den Film �u�erste Vorsicht walten lassen, aber unter dem Druck der Zahnr�der im Zeit-Editor war er gerissen, hatte Feuer gefangen, und das Bild, das Meridion ben�tigte, war verbrannt. Jetzt war es zu sp�t; der Augenblick war f�r immer verloren, und mit ihm auch die Information, die er enthielt. Die Identit�t des D�mons, den er suchte, w�rde verborgen bleiben. Es gab kein Zur�ck, jedenfalls nicht auf diesem Weg.</p><p>Meridion rieb sich die Augen und lehnte sich zur�ck in das durchsichtige, funkelnde Aurafeld, das mit seiner Lebensessenz verbunden war und das er nun zu einer Art Stuhl geformt hatte. Die muntere Melodie, die ihn umgab, wirkte st�rkend und belebend, kl�rte seine Gedanken und half ihm, sich zu konzentrieren. Es war sein Namenslied, die seinem Leben eingeborene Melodie. Eine in der ganzen Welt einmalige Schwingung, verbunden mit seinem wahren Namen. Der D�mon, den er suchte, besa� auch gro�e Macht �ber Namen. Meridion war in die Vergangenheit gereist, um ihn zu finden, hatte nach einem Weg gesucht, die Zerst�rung abzuwenden, die jener D�mon sorgf�ltig �ber die Zeit hinweg geplant hatte, aber er war ihm entwischt. F�dor waren Meister der L�ge, V�ter des Betrugs. Sie besa�en keine k�rperliche Form, sondern ergriffen Besitz von unschuldigen Wesen, lebten in ihnen oder benutzten sie, sodass sie ihren Willen taten, bis sich dem D�mon irgendwann die Gelegenheit bot, zu einem neuen, m�chtigeren Wirt Weiterzuziehen. Selbst aus der Ferne, selbst von der Warte der Zukunft aus gab es kaum eine M�glichkeit, sie zu entdecken.</p><p>Aus diesem Grund hatte Meridion die Zeit beeinflusst, hatte St�cke aus der Vergangenheit zerschnitten und neu angeordnet, um eine besonders begabte Benennerin mit den beiden Gesch�pfen zusammenzubringen, die ihr m�glicherweise helfen konnten, den D�mon aufzusp�ren und zu vernichten. Er hatte gehofft, dass diese drei auf ihrer Seite der Zeit in der Lage sein w�rden, die Heldentat zu vollbringen, ehe es zu sp�t war, die Pl�ne des D�mons zu durchkreuzen und der Zerst�rung Einhalt zu gebieten, welche das Land nunmehr auf beiden Seiten der Welt heimsuchte. Doch sein Plan war riskant gewesen. Wenn man verschiedene Leben zusammenbrachte, war das noch lange keine Garantie daf�r, dass die sich daraus ergebenden M�glichkeiten entsprechend genutzt werden w�rden.</p><p>Schon jetzt sah sich Meridion mit den ungl�cklichen Folgen seiner Handlungen konfrontiert. Als sich die Vergangenheit selbst zerst�rt hatte, war der Zeit-Editor beim Abspulen der Zeitf�den so hei� gelaufen, dass Filmfetzen abgerissen waren und �ber der Maschine in der Luft geschwebt hatten. Der Gestank des verbrannten Zeitfilms war scharf und �tzend; er stieg Meridion unerbittlich in die Nase, drang in seine Lungen und lie� ihn bei dem Gedanken erzittern, welchen Schaden er unabsichtlich der Zukunft antun mochte, indem er sich in die Vergangenheit eingemischt hatte. Aber nun war es zu sp�t.</p><p>Meridion wedelte mit der Hand �ber die Instrumententafel des Zeit-Editors . Sofort erwachte die gigantische Maschine r�hrend zum Leben, und ihre komplizierten Linsen wurden von einer starken Lichtquelle im Innern erhellt. Ein warmer Glanz ergoss sich �ber die gro�en Glasscheiben, welche die W�nde des kreisf�rmigen Raums bildeten und bis zur durchsichtigen Decke hinaufreichten. Die funkelnden Sterne, die noch einen Augenblick zuvor in der Dunkelheit aus jedem Winkel unter und �ber ihm sichtbar gewesen waren, verschwanden im Schein der reflektierten Helligkeit. Meridion hielt das St�ck Film ins Licht. Die Bilder waren noch da, aber schwer zu erkennen. Die zierliche Frau konnte er deutlich sehen, denn ihr mit einem schwarzen Band Zur�ckgebundenes Haar schimmerte golden und warf das Strahlen des Sonnenaufgangs zur�ck. Sie stand in der Morgenfr�he inmitten der majest�tischen Berglandschaft, in der er sie und ihren Gef�hrten zuletzt ersp�ht hatte. Behutsam blies Meridion auf den Geschichtenstrang, um ihn vom Staub zu befreien, und l�chelte, als die Frau auf dem Bild fr�stelnd den Mantel enger um sich zog. Sie blickte hinunter in das Tal, das sich zu ihren F��en erstreckte, gefleckt vom Fr�hlingsfrost und dem Zwielicht der D�mmerung.</p><p>Ihr Reisegef�hrte war schwieriger zu finden. H�tte Meridion nicht schon vorher gewusst, dass er da war, h�tte er ihn niemals entdeckt, denn er war in den Schatten fast vollst�ndig verborgen. So brauchte er eine Weile, um die Umrisse des Mantels auszumachen, der ja daf�r gedacht war, seinen Tr�ger vor den Blicken der Welt zu verbergen. Eine schwache Nebelspur stieg von ihm auf und vermischte sich mit dem Tau, der im Sonnenlicht verdunstete. Leider bewahrheitete sich Meridions Verdacht: Der Geschichtenstrang war genau zum falschen Zeitpunkt verbrannt, sodass die Benennerin keine Gelegenheit mehr hatte, einen Blick auf den Botschafter des F�dor zu werfen, ehe er oder sie Ylorc erreichte. Meridion hatte durch ihre Augen gesehen und auf den Moment geharrt, in dem sie den Handlanger des D�mons ersp�hte, wie der Seher es geraten hatte. Weit in der Ferne konnte er einen schmalen Schatten ausmachen; das war bestimmt die Botschafterkarawane. Die zierliche Frau hatte sie bereits gesehen, aber jetzt war die Gelegenheit vor�ber. Und er hatte sie verpasst.</p><p>Er d�mpfte das Licht im Zeit-Editor und lehnte sich in der Dunkelheit seines Zimmers zur�ck, um nachzudenken, in seiner Glaskugel schwebend, inmitten der Sterne. Es musste doch noch ein weiteres Zeitfenster geben, eine andere M�glichkeit, wieder in ihre Augen zu gelangen. Meridion blickte durch die endlose Glaswand neben sich und hinunter auf die Erde, viele Meilen unter ihm. Fl�ssiges schwarzes Feuer kroch langsam �ber ihre verfinsterte Oberfl�che, legte auf seinem Weg ganze Kontinente in Schutt und Asche und brannte rauchlos in der toten Atmosph�re. Am Rand des Horizonts stieg ein neues Gl�hen auf; bald w�rden die Brandherde sich treffen, und das Wenige, was noch �brig war, w�rde ein Raub der Flammen werden. Meridion musste all seine Kraft zusammennehmen, um nicht laut aufzuschreien. In seinen dunkelsten Tr�umen h�tte er sich dergleichen nicht vorzustellen vermocht. In seinen dunkelsten Tr�umen ... Bei dem Gedanken fuhr er hoch. Die Benennerin konnte in ihren Tr�umen in die Vergangenheit und die Zukunft sehen, manchmal sogar, wenn sie nur die Schwingungen vergangener Ereignisse las, die noch in der Luft hingen oder die an einem Gegenstand hafteten. Tr�ume gaben Schwingungsenergie ab; wenn er die Spur eines ihrer Tr�ume finden konnte wie Staub, der im Nachmittagslicht sichtbar schwebte, dann konnte er sie zu ihr zur�ckverfolgen und sich abermals hinter ihren Augen einnisten, in der Vergangenheit. Meridion be�ugte die Spule, die den br�chigen, von ihm notd�rftig zusammengeklebten Geschichtenfaden hielt; schlaff hing er am Hauptfl�gel des Zeit-Editors . Kurz entschlossen packte er die alte Rolle und zog den Film mit einem Ruck heraus, wobei er die Bruchstelle sauber unter der Linse des Zeit-Editors platzierte. Dann justierte er das Okular und blickte hindurch. Das St�ck Film war dunkel, und zuerst erkannte er so gut wie nichts. Nach einer Weile jedoch gew�hnten sich seine Augen daran, und er erhaschte einen goldenen Lichtschimmer, als die Benennerin in ihrer dunklen Kammer seufzte und sich im Schlaf umherw�lzte. Meridion l�chelte.</p><p>Nach kurzem Nachdenken w�hlte er zwei silberne Instrumente aus, ein Sammelwerkzeug mit einer haard�nnen Spitze und ein winziges Siebk�rbchen, an das ein langer schlanker Stiel gel�tet war. Das Geflecht des daumennagelgro�en K�rbchens war fein genug, dass es selbst das kleinste Staubkorn auffangen konnte. Mit gr��ter Sorgfalt blies Meridion auf das Filmbild und hielt unter der Linse Ausschau nach einer Reaktion. Nichts. Er blies noch einmal, und diesmal stieg ein winziger wei�er Funken von dem Faden auf, so klein, dass nicht einmal Meridion mit seinen au�erordentlich empfindlichen Augen ihn ohne Vergr��erung h�tte sehen k�nnen.</p><p>Geschickt fing Meridion das St�ubchen mit dem Sammelwerkzeug auf und legte es in den Korb. Dann wartete er, ohne den Vorgang eine Sekunde aus den Augen zu lassen, bis die Lampe des Zeit-Editors den hauchd�nnen Faden beleuchtete, der es mit dem Film verband. Schlie�lich wandte er sich um und atmete aus. Er hatte einen Traumfaden eingefangen. Vorsichtig zupfte er ihn weiter heraus, bis er lang genug war, um ihn unter die st�rkste der Linsen zu legen. Ohne den Blick von dem Faden abzuwenden, winkte er in Richtung einer der Beh�lter, die �ber dem Editor in der Luft schwebten. Die T�ren �ffneten sich, und eine winzige Flasche mit einer �ligen Fl�ssigkeit rutschte an die Kante des Innenfachs, sprang dann in die Luft und glitt sanft nach unten, bis sie auf der gl�nzenden Prismenscheibe zur Ruhe kam, die neben Meridion in der Luft schwebte. Noch immer den Faden fixierend, damit er ihn nur nicht aus dem Auge verlor, entkorkte Meridion die Flasche mit der einen Hand und entfernte behutsam den Tropfenz�hler. Dann hielt er sie �ber den Faden und dr�ckte kr�ftig. Das Glas unter der Linse schwirrte in rosagelbem Nebel, dann wurde es wieder klar. Meridion streckte die Hand aus und drehte den Sichtschirm zur Wand. Es w�rde einen Augenblick dauern, bis er sich zurechtf�nde, aber so war es stets, wenn man aus dem Innern eines Traums heraus beobachtete, den ein anderer ersann.</p><subtitle>Albtr�ume</subtitle><p>In der Nacht, bevor Rhapsody sich in die Obhut des Mannes gab, den sie kaum kannte, jenes Mannes, dessen Gesicht sie nie gesehen hatte, schlief sie nicht sonderlich gut. Da sie hellsichtig war, also mit der Gabe bedacht war, Visionen aus der Zukunft wie der Vergangenheit zu empfangen, war sie an ruhelosen Schlaf und arge Tr�ume gew�hnt; aber in dieser Nacht war es irgendwie anders.</p><p>Lange, qualvolle Stunden lag sie wach und k�mpfte mit nagenden Zweifeln, die ihr gewiss als Warnung dienen sollten. Es drehte sich dabei nicht einmal um irgendeine besondere Vorahnung, sondern schlicht um die Regeln des gesunden Menschenverstandes. Bis zum Morgen war sie sich v�llig unsicher, ob ihre Entscheidung, ohne den treuen Schutz ihrer Freunde mit diesem Mann auf Reisen zu gehen, wirklich klug war. Das Feuer in dem kleinen, schlecht ziehenden Kamin brannte leise, w�hrend sie sich herumw�lzte und zwischen Schlaf und Wachen vor sich hin murmelte. Die stummen Flammen warfen pulsierende Lichtflecke auf W�nde und Decke ihrer winzigen fensterlosen Schlafkammer tief im Innern des Bergs. Als Achmed in Ylorc K�nig der Firbolg geworden war, hatte er den Sitz seiner Macht den �Kessel� genannt; in dieser Nacht aber hatte er mehr �hnlichkeit mit der Unterwelt.</p><p>Achmed hatte kein Hehl daraus gemacht, dass er Rhapsodys Plan, den Berg zusammen mit Ashe zu verlassen, ganz und gar nicht billigte. Von dem Augenblick an, als die beiden M�nner sich auf den Stra�en von Bethe Corbair begegnet waren, hatten sie ein offenkundiges Misstrauen gegeneinan der gehegt; die Spannung, die in der Luft lag, lie� Rhapsodys Kopfhaut prickeln, als w�re sie statisch aufgeladen. Doch Vertrauen geh�rte sowieso nicht zu Achmeds hervorstechenden Eigenschaften. Mit Ausnahme von ihr und Grunthor, seinem riesenhaften Sergeanten und langj�hrigen Freund, beehrte er, soweit Rhapsody wusste, niemanden damit. Im Grunde machte Ashe einen recht netten und harmlosen Eindruck. Bereitwillig hatte er Rhapsody und ihren Gef�hrten in Ylorc, ihrer abweisenden Bergheimat, einen Besuch abgestattet. Ihm schien es nichts weiter auszumachen, dass Ylorc das Lager der Firbolg war und dass diese primitiven, zuweilen recht grausamen Kreaturen von den meisten Menschen als wahre Ungeheuer gef�rchtet wurden.</p><p>Ashe hatte keinerlei Vorurteile gezeigt; freundlich hatte er mit den grimmigen Bolg-H�uptlingen am selben Tisch gespeist, hatte sich nicht weiter an deren ungehobelten Tischmanieren gest�rt und geflissentlich ihre Angewohnheit ignoriert, Knochensplitter auf den Boden zu spucken. Und er hatte ohne zu z�gern zu den Waffen gegriffen, um das Firbolg-Reich gegen einen Angriff der H�gel-Augen zu verteidigen, dem letzten Stamm, der Achmed bisher noch nicht die Lehenstreue geschworen hatte. Seine Regentschaft als Kriegsherr war ja noch verh�ltnism��ig neu und l�ngst nicht eingespielt. Falls es Ashe in irgendeiner Weise belustigte oder �rgerte, dass Rhapsodys Gef�hrten zu solch monstr�ser Gr��e aufgestiegen waren, zeigte er es jedenfalls nicht.</p><p>Andererseits zeigte Ashe ohnehin sehr wenig. Stets hielt er das Gesicht sorgf�ltig unter der Kapuze seines Umhangs verborgen, eines sonderbaren Kleidungsst�cks, das ihn in Nebel einzuh�llen schien und es seinem Gegen�ber noch schwerer machte, ihn zu erkennen. Rhapsody rollte sich im Bett herum und stie� einen langen, gequ�lten Seufzer aus. Sie akzeptierte Ashes Recht auf Heimlichkeiten; sie wusste, dass viele �berlebende des gro�en cymrischen Krieges entstellt und verkr�ppelt heimgekehrt waren. Aber der Gedanke, er k�nnte mehr zu verbergen haben als eine h�ssliche Narbe, lie� ihr einfach keine Ruhe. Gesichtslose M�nner hatten schon in vielen verschiedenen Bereichen ihres Lebens ihr Unwesen getrieben.</p><p>In der Dunkelheit der H�hlenkammer �ffnete Rhapsody die smaragdgr�nen Augen. Wie zur Antwort gl�hte das Feuer auf; von den �berresten der verkohlten, wei� gl�henden Holzscheite stiegen kleine Rauchschwaden empor und krochen den Kamin hinauf, der vor Jahrhunderten in den Berg gehauen worden war, als Ylorc noch Canrif hie� und den Cymrern als K�nigssitz diente. Rhapsody holte tief Luft und sah zu, wie noch mehr Rauch emporwallte und �ber der Glut eine kleine Wolke bildete.</p><p>Sie schauderte; der Rauch war in ihr Ged�chtnis eingedrungen und hatte dort ein unerw�nschtes Bild heraufbeschworen; nicht eine der alten Erinnerungen an ihr ehemaliges Leben auf den Stra�en von Serendair, ihrer Inselheimat, die unter den Fluten des Meeres auf der anderen Seite der Welt begraben lag. Jene Zeit des Missbrauchs und der Prostitution, die sie so lange in ihren Tr�umen heimgesucht hatte, st�rte ihren Schlaf nicht mehr. Jetzt tr�umte sie meist von den Schrecken dieses neuen Landes. Nacht um Nacht bescherte ihr grausige Ged�chtnisbilder an das Haus der Erinnerungen, eine alte Bibliothek in der neuen Welt, und an einen Feuervorhang, der einen dunstigen Tunnel bildete. Am Ende der Rauchs�ule hatte ein Mann gestanden, ein Mann in einem grauen Mantel, ganz �hnlich dem, den Ashe trug. Ein Mann, den die gefundenen Dokumente eindeutig als Rakshas ausgewiesen hatten. Ein Mann, der Kinder gestohlen und sie ihres Blutes wegen geopfert hatte. Ein Mann, dessen Gesicht sie ebenfalls nicht gesehen hatte. Die �bereinstimmungen setzten ihren Nerven gewaltig zu.</p><p>Verschwommen stellte Rhapsody fest, dass die glimmenden Kohlen nicht viel dazu taten, die Feuchtigkeit aus der Kammer zu vertreiben. Ihre Haut f�hlte sich kalt und feucht an, die klammen Decken klebten an ihr und kratzten. Ihr schwei�nasses Haar verhedderte sich im Nacken mit der Kette des Medaillons, das sie nie abnahm, und ziepte schmerzhaft, als sie sich reckte, um sich aus den Fesseln des Bettzeugs zu befreien. Schon wollte sich ihr Magen in kalter Sorge zusammenziehen, da kam ihr ein pragmatischer Gedanke. Achmed war wohl ihr bester Freund in diesem Land, die s�uerliche Kehrseite ihrer fr�hlichen M�nze, und auch er neigte dazu, so verschleiert durch die Welt zu gehen, dass sie ihn nicht richtig sehen konnte.</p><p>Nach all der Zeit staunte sie immer noch dar�ber, dass sie diesem zum K�nig aufgestiegenen Meuchelm�rder so nahe gekommen war, einem Mann, dessen Lebensziel darin zu bestehen schien, einen jeden Menschen zu ver�rgern, der mit ihm in Kontakt trat. Sie war ihm nicht sonderlich dankbar gewesen, dass er sie gegen ihren Willen durch den Bauch der Erde geschleift und sie aus Serendair herausgeholt hatte, ehe vulkanisches Feuer die Insel verschlungen hatte. Zwar hatte sie im Lauf der Zeit aufgeh�rt, ihr Schicksal zu hassen, aber in einer winzigen Ecke ihres Herzens w�rde sie ihm niemals vergeben, obgleich sie ihm ihr Leben verdankte. Und dennoch hatte sie ihn und Grunthor lieben gelernt. Auch die Firbolg hatte sie inzwischen ins Herz geschlossen, haupts�chlich, weil sie sie durch die Augen ihrer beiden Freunde sah, die halb bolgischer Abstammung waren. Trotz der primitiven Natur und der kriegerischen Neigungen der H�hlenbewohner hatte Rhapsody viele Aspekte ihrer Kultur sch�tzen gelernt, die erstaunlich hoch entwickelt war und bewundernswerter als manches, was man bei ihren menschlichen Gegenst�cken in den Provinzen von Roland antraf. Die Firbolg folgten ihren F�hrern aus Respekt und Furcht, nicht willk�rlich oder aufgrund zweifelhafter Familientraditionen; sie verwendeten ihre sp�rlichen medizinischen Kenntnisse darauf, die Geburten zu erleichtern und die Kinder und ihre M�tter zu sch�tzen ein moralischer Grundsatz, den Rhapsody aus vollem Herzen unterst�tzte. Die etwas verfeinerte soziale Struktur, die Achmed und Grunthor eingef�hrt hatten, begann gerade Fu� zu fassen, als klar wurde, dass Rhapsodys Reise unabdingbar war. Rhapsody r�kelte sich auf den R�cken, auf der Flucht vor ihren Tr�umen und der Suche nach einer bequemeren Lage, aber leider war ihr die Erf�llung beider W�nsche nicht verg�nnt. Wieder fiel sie den Gedanken anheim, die da durch ihren Kopf wirbelten. Mit dem Fund der Kralle hatte sich alles ver�ndert. Aus den Tiefen der Gew�lbe von Ylorc hatten sie die Kralle eines Drachen ans Tageslicht gef�rdert, mit einem Griff versehen, sodass sie als Dolch dienen konnte. Jahrhundertelang hatte sie anscheinend ungest�rt in der Tiefe geruht, selbst als die Bolg die Berge �bernommen und sich das verlassene cymrische Reich angeeignet hatten. Doch nun lag der Dolch an der Erdoberfl�che, und der Drache, dem die Kralle geh�rt hatte, w�rde diese f�hlen, w�rde ihre Schwingungen im Wind schmecken. Rhapsody glaubte, dass er irgendwann kommen w�rde, um sie sich zur�ckzuholen. Sie hatte die Legenden von der m�chtigen Drachin Elynsynos geh�rt, hatte die wilden, Grauen erregenden Statuen des Tiers im cymrischen Museum und auf den Dorfpl�tzen �berall in Roland gesehen, und von daher zweifelte sie nicht daran, dass der Drache einen giftigen Zorn n�hrte. Bilder jenes Zorns hatten die Parade ihrer Albtr�ume in dieser letzten Nacht in Ylorc angef�hrt und sie das erste von vielen Malen zitternd aus dem Schlaf emporschrecken lassen. Um die Bolg vor den verheerenden Folgen dieses Zorns zu bewahren, hatte sie beschlossen, den Wyrm zu suchen und ihm den Dolch zur�ckzugeben, obgleich Achmed und Grunthor heftig widersprochen hatten. Doch Rhapsody hatte sich nicht von ihrem Plan abbringen lassen; allein schon die. Vorstellung, dass ihre adoptierten Bolg-Enkel unter dem Feueratem des Drachen zu Asche zerfallen w�rden, hatte ihre Entschlossenheit gest�rkt. Auch dieser Traum geh�rte zu denen, die sie immer wieder heimsuchten, wenngleich die Opfer des Drachen gelegentlich wechselten. Ihre Tr�ume trafen da keine Unterscheidung. Sie hatte Angst um Jo, das Stra�enm�dchen, das sie im Haus der Erinnerung gefunden und an Stelle einer Schwester angenommen hatte. Auch um Stephen f�rchtete sie, den freundlichen jungen Herzog von Navarne, und um seine Kinder, die sie ebenfalls ins Herz geschlossen hatte. All diese Menschen, die sie liebte, wurden in ihren Albtr�umen vor ihren Augen abwechselnd bei lebendigem Leibe gebraten. Diese Nacht hatte Herzog Stephen die Ehre gehabt. In seinem Schloss hatte sie zum ersten Mal eine Statue von Elynsynos erblickt. Stephen hatte bereits seine Frau, seinen besten Freund Gwydion von Manosse und zahllose andere Bewohner seines Herzogtums verloren; sie waren allesamt den unerkl�rlichen Gewaltausbr�chen zum Opfer gefallen, die das Land seit geraumer Zeit heimsuchten. Rhapsody w�re am Verlust ihrer Welt und ihrer Familie fast zugrunde gegangen; nun waren die Bolg und ihre Freunde zu ihrer Familie geworden. Diese Familie wom�glich schutzlos einem Angriff auszusetzen w�re fast so schlimm wie der erste Verlust, in gewisser Hinsicht sogar noch schlimmer. Ashe behauptete, er wisse, wo der Drache zu finden sei. F�r ihre Lieben war sie bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Nur konnte Rhapsody in diesem Land der L�gen nicht sicher sein, dass sie ihnen nicht gar noch mehr Gefahr einbrockte, wenn sie mit Ashe ging.</p><p>Rhapsody w�lzte sich auf die Seite und verhedderte sich erneut in die rauen wollenen Decken. Nichts schien mehr einen Sinn zu ergeben. Es war unm�glich zu entscheiden, auf wen oder was sie vertrauen konnte; nicht einmal auf ihre eigenen Gef�hle konnte sie sich verlassen. Ihr blieb nichts anderes �brig, als zu beten, dass die Tr�ume von einer bevorstehenden Zerst�rung Warnungen waren und nicht etwa Vorahnungen wie die, welche ihr damals den Untergang Serendairs angek�ndigt hatten. Aber wie dem auch sein mochte, sie w�rde es erst endg�ltig wissen, wenn es wom�glich zu sp�t war.</p><p>Als sie wiederum in einen unruhigen Schlaf verfiel, schien es ihr, als h�tte sich der Rauch des Feuers verdichtet und ein Band in der Luft gebildet, ein durchsichtiges Band, das sich um ihre Tr�ume wand und hinter ihren Augen verankerte.</p><p>Achmed die Schlange, K�nig der Firbolg, litt ebenfalls unter Albtr�umen und f�hlte sich von ihnen ausgesprochen verunsichert. Schlaf�ngste waren Rhapsodys Spezialit�t, und Achmed war im Allgemeinen dagegen immun. Schlie�lich hatte er im Wachzustand mehr als genug gelitten, damals in der alten Welt. Wie froh er war, dieses Leben hinter sich gelassen zu haben!</p><p>Die starren W�nde des Kessels, seines Regierungssitzes im Innern des Bergs, gew�hrten ihm f�r gew�hnlich dunklen, erholsamen Schlaf, traumlos und nicht von den Schwingungen der Luft gest�rt, auf die er so besonders empfindlich reagierte. Sein dhrakischer K�rper, Geschenk der Rasse seiner Mutter, war ihm Fluch und Segen zugleich. Er verlieh ihm die Gabe, die Zeichen der Welt zu lesen, die f�r die Augen und den Verstand seiner Zeitgenossen nicht erkennbar waren. Aber der Preis daf�r war hoch; er fand kaum Ruhe und Frieden, denn er musste sich Tag f�r Tag mit dem Ansturm zahlloser unsichtbarer Eindr�cke auseinander setzen, die f�r andere schlicht �das Lebern darstellten.</p><p>Daher war er h�chst angetan davon, dass die Festung tief im Felsen des dunklen Bergreichs von Ylorc lag. Glatt polierte Basaltw�nde umschlossen die stille, reglose Luft seines k�niglichen Schlafgemachs und hielten den L�rm und den Tumult der Welt drau�en von ihm fern. Seine N�chte waren meist st�rungsfrei und ruhig und tr�stlich in ihrem Schweigen. Aber nicht so diese Nacht.</p><p>Fluchend warf sich Achmed im Bett herum und fuhr schlie�lich zornig hoch. Nur mit M�he konnte er sich zur�ckhalten, den Korridor hinunter zu Rhapsodys Zimmer zu laufen, sie aus dem Schlaf zu rei�en und zu fragen, was eigentlich in sie gefahren sei, warum sie die Gefahr nicht erkannte, die sie mit ihrer Unternehmung herausforderte. Doch das h�tte wenig Sinn gehabt, denn Achmed wusste die Antwort auf diese Frage l�ngst. Rhapsody nahm viele Dinge einfach nicht wahr. F�r eine Frau mit einem so scharfen Verstand und einer ansonsten so wachen Auffassungsgabe war sie bei den offensichtlichsten Tatsachen oft erstaunlich schwer von Begriff, und wenn sie etwas nicht glauben wollte, ignorierte sie es einfach.</p><p>Urspr�nglich hatte Achmed angenommen, dies sei Teil der Ver�nderungen, die sie alle durchgemacht hatten, Teil der Metamorphose, die eingetreten war, als sie auf ihrer Flucht aus Serendair durch das Inferno im Bauch der Erde gegangen waren. Seit sie dem Feuer entronnen waren, hatte sich Rhapsody verwandelt; die Flammen hatten sie nicht nur k�rperlich unversehrt gelassen, sondern ihre nat�rliche Sch�nheit geradezu ins �bernat�rliche gesteigert. Achmed war nicht nur fasziniert von der Kraft, die ihr jetzt innewohnte, sondern auch von ihrer schlichten Unf�higkeit, ihre Ver�nderung selbst zu erkennen. Jedes Mal, wenn sie auf der Stra�e die Kapuze abnahm, wurde sie von den Leuten mit offenem Munde angestarrt; aber dieser Umstand hatte sie nicht etwa zu der �berzeugung gebracht, dass sie wundersch�n aussah, sondern im Gegenteil dazu gef�hrt, dass sie sich vorkam, als w�re sie missgestaltet.</p><p>Achmed trat heftig gegen das Laken, das sich um seinen Fu� gewickelt hatte. Als er Rhapsody besser kennen gelernt hatte, war ihm klar geworden, dass ihre Neigung zur Selbstt�uschung schon lange vor ihrem Marsch durchs Feuer bestanden haben musste. Es war ihre Art, sich einen letzten Rest Unschuld zu bewahren, ihr leidenschaftlicher Drang, an das Gute zu glauben, wo es nicht vorhanden war, zu vertrauen, wo es keinerlei Grund dazu gab. Auf der Stra�e hatte sich ein solch unschuldiger Glaube bestimmt nicht so leicht aufrechterhalten lassen. Immerhin hatte Rhapsody mit einem Diener von Achmeds damaligem Meister verkehrt mit Michael, dem Wind des Todes und war durch ihn gewiss den h�rtesten Realit�ten ausgesetzt worden. Dennoch hielt sie stets Ausschau nach einem gl�cklichen Ausgang der Dinge und versuchte die Familie, die sie vor tausend Jahren verloren hatte, um jeden Preis neu zu erschaffen, indem sie jede Waise und jedes Findelkind adoptierte, die ihr �ber den Weg liefen. Bisher hatte diese Neigung lediglich dazu gef�hrt, dass man ihr das Herz brach, was Achmed, nebenbei bemerkt, v�llig kalt lie�. Doch mit ihrem n�chsten Plan drohte sie nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, und das beunruhigte ihn zutiefst.</p><p>Irgendwo drau�en in der unendlichen Weite der westlichen L�nder gab es ein menschliches Wesen, das einen D�mon beherbergte, da war er sich sicher; er hatte das Werk des F�dor schon fr�her gesehen. Schlie�lich war er selbst der unfreiwillige Sklave eines D�mons gewesen. Die F�dor waren eine alte, b�se Rasse, aus dunklem Feuer geboren, aber Achmed hatte die Hoffnung gehegt, der Letzte von ihnen sei mit ihrer Inselheimat untergegangen. H�tte er selbst im serenischen Krieg mitgek�mpft, der bald nach seiner Flucht ausgebrochen war, h�tte er f�r ihre endg�ltige Ausrottung gesorgt und daf�r auch seinen letzten Mord begangen was damals ja ohnehin sein Metier gewesen war. Aber er war fr�hzeitig von der Insel entflohen. Ein ganzes Jahrtausend, bevor er von der Wurzel wieder an die Erdoberfl�che gelangt war eine halbe Welt entfernt, auf der anderen Seite der Zeit, hatte der Krieg geendet, und Serendair war in den Fluten versunken. Und diejenigen, die den Konflikt �berlebt hatten, diejenigen, welche die Katastrophe hatten nahen sehen und klug genug gewesen waren, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, hatten ohne jeden Zweifel das B�se mit sich an diesen neuen Ort getragen.</p><p>Die Geschichte konnte ohne weiteres als schlechtester Scherz der Weltgeschichte durchgehen. Achmed hatte die unzerst�rbare Kette des D�mons zerbrochen, war vor etwas geflohen, vor dem man eigentlich nicht fliehen konnte, war dem entgangen, dem man nicht entgehen konnte, nur um es hier wieder zu finden. Irgendwo da drau�en lauerte es nun auf ihn, unerkennbar mit einem der Millionen Einwohner dieses neuen Landes verbunden, und wartete ab, bis die Zeit reif war. F�r den Augenblick waren sie anscheinend in Sicherheit; das B�se hatte die Berge noch nicht erreicht, so weit er es beurteilen konnte. Aber nun wollte diese hirnlose Frau den Schutz seines Reiches verlassen. Wenn sie �berlebte, w�rde sie am Ende noch als Sklavin des B�sen zur�ckkehren, ohne es zu ahnen. In fr�heren Zeiten w�re das auf eine verdrehte Art tats�chlich etwas Gutes gewesen. Wenn der F�dor sich an sie gebunden h�tte, w�re es unn�tig gewesen, selbst loszuziehen und ihn zu suchen. Sobald Rhapsody zu den Zahnfelsen, den Firbolg-Bergen, zur�ckgekehrt w�re, h�tte Grunthor sie vor seinen Augen get�tet, w�hrend er das Bannritual durchf�hrte. Dies war eine weitere Gabe, die ihm seine Rasse als Halb-Dhrakier verlieh: der seltsame Totentanz, dem er beigewohnt, den er aber nie selbst vollf�hrt hatte; ein Tanz, der den D�mon an der Flucht hinderte, wenn sein Wirt starb, und ihn zusammen mit seinem menschlichen K�rper in diesem Falle Rhapsodys f�r immer vernichtete. Wenn sich herausgestellt h�tte, dass sie doch nicht besessen gewesen w�re, h�tte keiner von ihnen gro�artig getrauert. Doch inzwischen war alles anders geworden. Grunthor liebte Rhapsody abg�ttisch und verteidigte sie mit jeder Faser seines monstr�sen Wesens. Mit seiner Gr��e von siebeneinhalb Fu� und der Breite eines Zugpferds war er ein Bollwerk, das man in seiner leidenschaftlichen Entschlossenheit nicht untersch�tzen durfte.</p><p>Und selbst Achmed war zu der Erkenntnis gekommen, dass es n�tzlich war, Rhapsody in der N�he zu haben. Neben ihrer �berw�ltigenden Sch�nheit, welche die Firbolg in Schrecken oder zumindest in Ehrfurcht versetzte, war da noch ihre Musik eines der n�tzlichsten Werkzeuge in ihrem Arsenal, wenn es darum ging, die Eroberung des Berges und das Voranschreiten der Firbolg-Zivilisation zu unterst�tzen.</p><p>Rhapsody war eine Liringlas, eine Himmelss�ngerin, ausgebildet in der Wissenschaft des Benennens. In ihrer Musik wohnte eine Sch�nheit, die ihr ebenso angeboren war wie ihre k�rperliche Erscheinung. Die Schwingungen, die von ihr ausgingen, wirkten beruhigend und lindernd auf die empfindlichen Adern direkt unter Achmeds Haut. Schon vor langer Zeit war Achmed zu dem Schluss gekommen, dass dies einer der Gr�nde war, warum er Rhapsody als liebenswerte Nervens�ge akzeptieren konnte, statt sie als echtes �rgernis zu empfinden, wie es ihm bei den meisten anderen seiner Mitmenschen erging. praktisch einsetzen lie� sich ihre Musikalit�t indes vor allem durch ihre F�higkeit, zu �berzeugen, Furcht einzufl��en, Wunden zu heilen, aber auch zu verletzen und Schwingungen zu erkennen, die nicht einmal Achmed selbst identifizieren konnte. Rhapsody hatte bei der Eroberung des Berges eine wichtige Rolle gespielt; ohne ihre Mitwirkung h�tte das Unterfangen bestimmt viel l�nger gedauert und w�re wesentlich blutiger verlaufen. Er sch�tzte diese Talente sehr, w�hrend Rhapsody sie leider eher f�r zweitrangig hielt. Stattdessen verbrachte sie viel Zeit damit, ihre musikalische Heilergabe zum Einsatz zu bringen, indem sie den Verwundeten vorsang, um ihre Schmerzen zu lindern und ihre Angst zu beschwichtigen tr�stliche Ma�nahmen, von denen Achmed argw�hnte, dass sie die Bolg eher verwirrten, und �ber die er sich deshalb �ber alle Ma�en �rgerte. Gleichzeitig hatte er jedoch ihr Bed�rfnis, Leid zu mindern, zu dulden gelernt; es sicherte ihm n�mlich ihre Unterst�tzung bei all den Dingen, die er selbst f�r notwendig erachtete. Aber Rhapsody hatte nicht nur bei der Eroberung des Berges geholfen, sie war auch f�r das Aushandeln der Vertr�ge mit Roland und Sorbold verantwortlich gewesen, hatte das Anpflanzen der Weinberge organisiert und ein Erziehungssystem eingef�hrt; lauter Dinge, die f�r den �bergreifenden Gesamtplan unabk�mmlich waren. Inzwischen respektierte Achmed ihre Ideen und verlie� sich auf sie fast ebenso wie auf Grunthor; und deshalb f�hlte es sich f�r ihn umso mehr wie ein Vertrauensbruch an, dass sie jetzt mit Ashe weggehen wollte. Zumindest erkl�rte Achmed sich damit das stechende Gef�hl der Frustration, das er seit dem Augenblick empfand, als sie angek�ndigt hatte, mit diesem Eindringling loszuziehen, diesem Fremden, der sich in Nebel und Geheimnisse h�llte.</p><p>Schon bei dem Gedanken, dass sie am Morgen Ylorc verlassen w�rde, wurde ihm kalt. Wieder fluchte er, fuhr sich mit den schmalen H�nden durch das verschwitzte Haar und setzte sich �rgerlich auf den Stuhl vor dem Feuer, das nicht recht brennen wollte. Eine Weile starrte er in die winzigen Fl�mmchen und erinnerte sich daran, welche Wirkung die Durchquerung des Feuerwalls im Bauch der Erde auf Rhapsody gehabt hatte: Unbewusst hatte sie die Kraft und das Wissen des Feuers in sich aufgenommen und war selbst von allen k�rperlichen Unzul�nglichkeiten gereinigt worden. Seit diesem Augenblick reagierte jedes Feuer, von der flackernden Kerzenflamme bis zum lodernden Freudenfeuer, mit der gleichen Ehrfurcht und Bewunderung auf sie wie die Menschen; es spiegelte ihre Stimmung, sp�rte ihre Gegenwart, befolgte ihre Befehle. Achmed brauchte ihre Kraft hier, hier in diesem kalten Berg.</p><p>Der Firbolg-K�nig beugte sich vor; die Ellbogen auf die Knie gest�tzt, die gefalteten H�nde an den Mund gelegt, dachte er nach. Vielleicht waren seine Sorgen unbegr�ndet. Rhapsody hatte den Anfang gemacht, und ihre Arbeit schritt z�gig voran. Das Hospital und das Hospiz liefen reibungslos, und die Weinberge wurden selbst im Winter sorgf�ltig von den Firbolg gepflegt, die Rhapsody in der Kunst der Landwirtschaft unterwiesen hatte. Nun erlernten die Bolg-Kinder die Techniken, die ihr Volk ges�nder machen und ihnen ein l�ngeres Leben bescheren w�rden und die sie au�erdem st�rkten, sodass sie sich besser gegen die M�nner von Roland verteidigen konnten. Unter Rhapsodys Wirken war der leblose Berg warm geworden. Tag und Nacht loderte in den cymrischen Schmieden das Feuer f�r die Herstellung von Stahl f�r Waffen und Werkzeuge, und die erhitzte Luft zirkulierte durch den Berg. Urspr�nglich waren die Werkst�tten von Gwylliam eingerichtet worden, der Canrif erbaut, regiert und sp�ter dann den Krieg angezettelt hatte, der zu seiner Zerst�rung f�hren sollte. Die Bolg w�rden Rhapsody wohl schon vermissen.</p><p>Au�erdem war Rhapsodys Status als Benennerin eine Versicherung dagegen, dass sie unbemerkt zur widerstrebenden Sklavin des D�mons werden w�rde. F�dor waren Meister der L�gen, verschlagen und heimlichtuerisch; Benenner dagegen hatten sich der Wahrheit verpflichtet, und ihre Macht war fest mit dieser Verpflichtung verkn�pft; dadurch, dass sie ihr Denken und Sprechen best�ndig nach der ihnen bekannten Wahrheit ausrichteten, begriffen sie diese auf einer tieferen Ebene als die meisten anderen. Schon als Achmed ihr zum ersten Mal begegnet war, hatte Rhapsody gezeigt, dass sie sich auf den Gebrauch der Macht eines wahren Namens verstand, auch wenn dies eher unbeabsichtigt geschehen war.</p><p>Einige Herzschl�ge nur, bevor sie ihm und Grunthor im alten Land �ber den Weg gelaufen war, hatte man ihn noch bei dem Namen gekannt, der ihm bei seiner Geburt gegeben worden war: der Bruder. Er war versklavt gewesen, dazu verdammt, die vom Gestank verbrannten Fleisches verpestete Luft einzuatmen, den widerlichen Geruch des F�dor, dessen Diener er damals gewesen war und der sich im Besitz seines wahren Namens befunden hatte. Die unsichtbare Kette um seinen Hals war von Sekunde zu Sekunde enger geworden zweifelsohne hatte der F�dor Verdacht gesch�pft, dass er hatte weglaufen und dem letzten schrecklichen Befehl entfliehen wollen.</p><p>Und im n�chsten Augenblick war er buchst�blich �ber Rhapsody gestolpert, die sich auf der Flucht vor ihren Verfolgern befunden hatte, kopflos durch die Nebenstra�en von Ostend gerannt war und versucht hatte, den l�sternen Absichten von Michael, dem Atemverschwender, zu entkommen. Ein leichtes L�cheln umspielte Achmeds Lippen, als er die Augen schloss und die Erinnerung noch einmal in sich aufleben lie�.</p><p><emphasis>Verzeiht, wenn ich aufdringlich erscheine, aber bitte seid so gut und nehmt euch meiner an</emphasis>. </p><p><emphasis>Adoptiert mich. Ich werde mich auch erkenntlich zeigen</emphasis>.</p><p>Er hatte genickt, ohne recht zu wissen, warum.</p><p><emphasis>Danke vielmals</emphasis>. Sie hatte sich umgedreht und sich an die Stadtwachen gewandt, die sie verfolgt hatten. <emphasis>So ein Zufall! Meine Herren, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, um Bekanntschaft mit meinem Bruder zu machen. Bruder, darf ich vorstellen: Das sind die B�ttel der Stadt. Meine Herren, das ist mein Bruder. Achmed, die Schlange</emphasis>. Das Rei�en seines unsichtbaren Halsbands war unh�rbar gewesen, aber er hatte es in seiner Seele vernommen. Zum ersten Mal, seit der F�dor ihm seinen Namen geraubt hatte, war die Luft, die er einsog, klar gewesen und hatte den scheu�lichen Geruch aus seiner Nase und seinem Kopf verjagt. Seither war er frei, erl�st von der Versklavung und einer Verdammnis, die irgendwann gefolgt w�re, und diese Fremde, diese winzige Halb-Lirin-Frau, war seine Retterin gewesen.</p><p>In ihrer Panik hatte sie seinen alten Namen ausgesprochen �der Bruder�, diesen dann aber f�r immer in etwas L�cherliches, aber Sicheres verwandelt, und ihm damit sein Leben und seine Seele zur�ckgegeben, �ber die ein anderer befohlen hatte. Jetzt noch sah er in der Erinnerung den Ausdruck des Schreckens in ihren klaren gr�nen Augen; sie hatte keine Ahnung gehabt, was sie da getan hatte. Selbst als er und Grunthor sie durch das Land und schlie�lich hinunter zu den Wurzeln der Sagia geschleppt hatten dem riesigen Baum, der den Lirin, dem Volk von Rhapsodys Mutter, heilig war, hatte sie sich noch in dem Irrglauben befunden, dass es ihm darum ginge, sie vor dem Atemverschwender zu retten. Soweit er wusste, war sie bis heute fest davon �berzeugt.</p><p>Sollte der F�dor also �ber sie kommen und sich an ihre Seele binden, so w�re das leicht zu erkennen. Wenn sie von einem d�monischen Geist, der zur L�ge geboren war, besessen w�re, w�rde sie nicht mehr als Benennerin wirken k�nnen und ihre Wahrheitsmacht verlieren. Ein kleiner Trost angesichts all der Gefahren, die irgendwo au�erhalb seines Landes und seines Schutzes auf sie lauerten.</p><p>Achmed schauderte und blickte zur Feuerstelle. Die letzten Kohlen waren heruntergebrannt, in einem d�nnen Rauchfaden verschwunden.</p><p>Mitten in den Baracken der firbolgschen Bergwache tr�umte auch Grunthor was �u�erst selten vorkam. Anders als der Firbolg-K�nig war er ein schlichter Mann mit einer schlichten Gesinnung. Demzufolge hatte er auch schlichte Albtr�ume.</p><p>Doch unter seinen Tr�umen hatten oft zahlreiche Leute zu leiden. Wie Achmed war auch Grunthor halb bolgischer Abstammung, aber seine andere H�lfte war bengardisch, eine Rasse riesenhafter W�stenbewohner mit grusligen Gesichtsz�gen und �liger, ledriger Haut, die sie vor den Auswirkungen der Sonneneinstrahlung sch�tzte. Die Bolg-Bengard-Kombination war f�r das Auge so absto�end, wie Rhapsodys Menschen-Lirin-Mischung anziehend wirkte, selbst f�r die Empfindung der Bolg, deren Wertsch�tzung f�r Grunthor h�chstens von ihrer Furcht vor ihm in den Schatten gestellt wurde eine Einstellung, die Grunthor durchaus behagte.</p><p>W�hrend er nun im Schlaf brummte und durch die sorgf�ltig polierten Hauer wisperte, die aus seinem vorspringenden Kinn ragten, verhielten sich die Hauptm�nner und Leutnants der Bergwache ganz still, denn sie hatten Angst, die leiseste Bewegung k�nnte ihren Sergeanten st�ren oder gar wecken, was ungef�hr das Letzte war, was sie sich w�nschten. Allem Anschein nach w�rden weder Grunthor noch einer der Bolg, die den Schlafgang mit ihm teilten, in dieser Nacht Ruhe finden.</p><p>Grunthor tr�umte von einem Drachen. Abgesehen von einer eher fragw�rdigen Statue in einem cymrischen Museum hatte er noch nie einen gesehen, und so waren seine Visionen auf den begrenzten Horizont seiner Phantasie beschr�nkt. Was er �ber Drachen wusste, hatte er von Rhapsody erfahren, die ihm auf der unendlichen Reise an der Wurzel entlang von Drachen erz�hlt hatte: Geschichten von der K�rperkraft der gigantischen Bestie, von seiner Macht �ber die Elemente und ebenso von seiner durchdringenden Klugheit und seinem Drang, Sch�tze zu horten.</p><p>Diese letzte Eigenschaft war es, die ihm Albtr�ume bereitete. Er f�rchtete, dass der Drache, wenn Rhapsody sich erst einmal in seiner H�hle bef�nde, alles daransetzen w�rde, sie in Besitz zu nehmen und sie nie mehr in den Berg zur�ckkehren zu lassen. Einen solchen Verlust konnte er sich nicht wirklich vorstellen, denn ihm war noch nie etwas so wichtig gewesen, dass er es h�tte vermissen k�nnen.</p><p>Im Schlaf legte er die Hand auf die Wand neben sich und fl�sterte dazu auf Bolgisch die Trostworte, die er Achmed hatte angedeihen lassen, um seinem langj�hrigen Freund und Anf�hrer �ber den Verlust seiner Blutgabe hinwegzuhelfen, kurz nachdem sie von der Wurzel emporgestiegen waren. Grunthor hatte ihn gekannt in der Zeit, als er noch der Bruder gewesen war, der erfahrenste Meuchelm�rder, den die Welt jemals gesehen hatte, so genannt, weil er der Erste seiner Rasse war, der auf der Insel geboren war, von der sie stammten. Serendair war ein einmaliges Land gewesen, einer der Orte, von denen man gemeinhin sagte, die Zeit selbst habe hier ihren Anfang genommen. Als Erstgeborener seiner Rasse in diesem einmaligen Land hatte der Bruder eine Bindung zu allem besessen, was dort lebte. Mit dem Sp�rsinn eines Jagdhundes hatte er den Herzschlag jedes Einzelnen aufzufinden, seinen eigenen daran anzupassen und ihm mit t�dlicher Genauigkeit zu folgen vermocht, erbarmungslos in seiner Suche, bis er sein Opfer aufgesp�rt hatte. Ihm dabei zuzuschauen, wenn er seine Beute gesucht und dann gejagt hatte, war einem Wunder gleich gekommen. Doch all das hatte sich ge�ndert, als sie von der Wurzel an die Oberfl�che gekommen waren und dieses neue Land auf der anderen Seite der Welt betreten hatten. Achmeds Gabe war seitdem verschwunden; nun konnte er nur mehr die Herzen h�ren, die aus der alten Welt, aus Serendair, stammten. Zwar hatte Achmed damals nichts gesagt, aber Grunthor hatte seine Verzweiflung gesp�rt, und ihm war damals klar geworden, dass es Dinge gab, die Kummer verursachten, weil sie eben nicht mehr da waren.</p><p>Und nun erlebte er das Gef�hl am eigenen Leibe. Rhapsody war eine Lirin, Angeh�rige einer zierlichen, zerbrechlichen Rasse, die von den Firbolg im alten Land sehr erfolgreich gejagt worden war, obwohl die Lirin das, was ihnen an Kraft mangelte, im Allgemeinen durch ihre Schl�ue und Flinkheit wettmachten. Einige Angeh�rige dieser Rasse hatte Grunthor selbst schon verspeist, wenn auch nicht so viele, wie er den anderen im Spa� gern weismachte. In vielerlei Hinsicht waren die Lirin und die Firbolg so gegens�tzlich wie er selbst und Rhapsody. Die Lirin waren spitz und kantig, wo die Bolg sehnig und muskul�s waren. Die Lirin lebten im Freien, auf den Feldern und in den W�ldern unter den Sternen, w�hrend die Bolg in H�hlen und Bergen geboren wurden, Kinder der Dunkelheit. Nach Grunthors Ansicht besa� Rhapsody einige Vorteile dadurch, dass sie von einem Menschen gezeugt worden war; zwar wirkte sie immer noch zierlich, aber nicht zerbrechlich, und statt der scharfen Kanten hatte sie sanfte Rundungen, hohe Wangenknochen und ganz sicher weichere Gesichtsz�ge als ihre Mutter. Rhapsody war sch�n. Ganz ohne Zweifel w�rde der Drache das auch finden. Bei diesem Gedanken br�llte Grunthor im Schlaf auf, und vor Schreck dr�ckten sich seine Leutnants an die roh behauenen W�nde des Schlafsaals oder rannten gleich ganz aus dem Raum. Das Holz seines massiven Betts knarzte, w�hrend er um sich schlug, bis er sich endlich auf die Seite w�lzte und allm�hlich wieder beruhigte. Ein Weilchen war das einzige Ger�usch im Raum der beschleunigte Atem seiner ungl�cklichen Schlafgenossen, deren Augen vor Angst gl�nzten und hektisch blinzelten.</p><p>Ohne aufzuwachen, zog Grunthor die raue Wolldecke �ber die Schultern und seufzte, als die W�rme seinen Nacken erreichte, ein �hnliches Gef�hl, wie es sich einstellte, wenn er sich in Rhapsodys N�he aufhielt. Nachdem sie die Wurzel einmal erreicht hatten, hatte er zun�chst gar nicht wieder weg gewollt. Durch das Namenslied, das Rhapsody f�r ihn gesungen hatte, um ihn durch das gro�e Feuer zu f�hren, war er mit der Erde verbunden. <emphasis>Grunthor, stark und verl�sslich wie die Erde selbst,</emphasis> so hatte sie ihn in dem Lied genannt. Von dem Augenblick an, als sie aus dem Feuer getreten waren, hatte er das pochende Herz der Erde in seinem Blut gesp�rt, ein Band zu Granit und Basalt und allem, was dar�ber wuchs. Die Erde war wie die Geliebte, die er nie gehabt hatte, warm und tr�stlich in der Dunkelheit; nie zuvor hatte er sich so angenommen gef�hlt, und dieses Gef�hl war unentwirrbar mit Rhapsody verbunden. Weil Rhapsody da war, vermisste er die Zeit im Innern der Erde im Grunde nicht, und er vermisste auch das Erdlied nicht, denn er hatte es nach wie vor in den Ohren, wenn um ihn herum Stille herrschte. Er sah immer noch Rhapsodys L�cheln in der Dunkelheit, ihr schmutziges Gesicht, das im Schein der Axis Mundi schimmerte, der gigantischen Wurzel, welche die Welt in der Mitte teilte und die sie von Serendair bis hierher an diesen neuen Ort gef�hrt hatte.</p><p>Von Anfang an war Grunthor Rhapsodys Besch�tzer gewesen; er hatte sie getr�stet, wenn sie nachts wieder einmal unter ihren �ngsten gelitten hatte, er hatte sie in der feuchten K�lte ihrer Reise an der Wurzel an seiner Brust schlafen lassen und sie bei ihrer m�hsamen Kletterpartie vor dem Absturz ins Nichts bewahrt. Diese Rolle war so anders als alles, was er kannte, und er h�tte es selbst nicht f�r m�glich gehalten, dass er f�hig war, so zu handeln und zu empfinden. Jetzt kostete es ihn seine ganze Selbstbeherrschung, sie nicht in ihrer Kammer einzusperren und ihren Reisegenossen aus dem Berg zu jagen. Wie er den doppelten Verlust verkraften sollte den Verlust von Rhapsody selbst und mit diesem auch den Verlust der Erinnerung an den Scho� der Erde, die sie in ihm wach hielt, das konnte er sich nicht vorstellen. Grunthor war nicht sicher, ob er imstande w�re weiterzuleben, falls sie sterben oder einfach nicht zur�ckkehren sollte.</p><p>Doch dann kl�rten sich seine Gedanken pl�tzlich, wie immer, wenn sie zu verworren wurden, und seine praktische N�chternheit kehrte zur�ck. Grunthor war ein Mann milit�rischer L�sungen, und so wog er unbewusst ab, wie wahrscheinlich es war, dass Rhapsody �berlebte. Sie trug eine ernst zu nehmende Waffe die Tagessternfanfare, ein Schwert aus der alten Welt, das sie hier, auf der anderen Seite der Welt, aus unerfindlichen Gr�nden in der Erde gefunden hatten. Genau wie sie selbst hatte auch das Schwert eine grundlegende Ver�nderung durchgemacht; hier brannte seine Klinge mit einem eigenen Feuer, w�hrend sie in Serendair nur das Licht der Sterne zur�ckgeworfen hatte. Grunthor hatte Rhapsody damit zu k�mpfen gelehrt, und sie hatte ihm alle Ehre gemacht, als sie auf ihrem Feldzug zur Unterwerfung der Bolg eine bewundernswerte Leistung im Schwertkampf gezeigt hatte. Sie konnte auf sich selbst aufpassen. Sie w�rde zurechtkommen.</p><p>Grunthor begann zu schnarchen, Musik in den Ohren seiner Schlafgenossen. Leise machten sie es sich wieder auf ihren Lagern bequem, sorgsam darauf bedacht, den tiefen Schlaf, in den der Sergeant soeben gesunken war, keinesfalls zu st�ren.</p><p>Gegen�ber von Rhapsodys Gem�chern tr�umte Jo die typischen Tr�ume einer verliebten Sechzehnj�hrigen, voller hormonell bedingter Erregung und gr�sslich verzerrter Bilder. In ihrem unsagbar unordentlichen Zimmer lag sie schlafend auf dem R�cken, der Lieblingsposition von Stra�enkindern, wenn sie in einer Stadtgegend, in die sie eigentlich nicht geh�ren, ein gem�tliches Pl�tzchen gefunden haben. Hin und wieder tupfte sie sich unwillk�rlich die Schwei�perlen von der Brust oder zog die Beine enger zusammen, wenn ihr Scho� vor Erregung zu brennen anfing.</p><p>Das sich von einem Moment auf den n�chsten ver�ndernde Traumbild war Ashe, was in erster Linie darauf zur�ckzuf�hren war, dass sie ihn nie wirklich gesehen hatte obgleich sie n�her daran gewesen war als die meisten anderen. Von der Stunde an, als sie sich auf dem Marktplatz von Bethe Corbair kennen gelernt hatten, verzehrte sie sich vor Sehnsucht nach ihm, ohne selbst recht zu wissen, warum.</p><p>Urspr�nglich war er in ihren Augen lediglich ein gutes Ziel f�r ihre Fingerfertigkeit als Taschendiebin gewesen ein Mann, der fast unsichtbar an der Stra�e gestanden und sich den Aufruhr angeschaut hatte, den Rhapsody ohne dass es im Geringsten ihre Absicht gewesen w�re hervorgerufen hatte. Doch als Jo behutsam die Hand in seine Hosentasche gesteckt hatte, hatte sie eine Aufwallung von Macht gesp�rt, die sie v�llig aus dem Gleichgewicht geworfen hatte. Der Nebel, der ihr Handgelenk umwallt hatte, hatte sie so durcheinander gebracht, dass sie anstelle seiner Geldb�rse pl�tzlich seine Hoden zwischen den Fingern gesp�rt hatte. Das darauf folgende Handgemenge hatte sich als unangenehme, aber recht eindr�ckliche Art des Kennenlernens erwiesen, nicht nur f�r Ashe und Jo, sondern auch f�r Ashe und Rhapsody. Das Missverst�ndnis war so problemlos aus der Welt geschafft worden, wie derlei Dinge sich in Rhapsodys Gegenwart meistens aufl�sten.</p><p>Jetzt tr�umte Jo von seinen Augen, ein durchdringendes, klares Blau im Dunkel seiner Kapuze, das unter dichtem kupferrotem Haar hervorblitzte; mehr war von seinem Gesicht aus ihrem Blickwinkel nicht zu sehen gewesen. Seit Ashe Monate sp�ter zu Besuch nach Ylorc gekommen war, hatte sie sorgf�ltig aufgepasst, ob sie nicht einen Blick auf weitere Einzelheiten erhaschen k�nnte, aber es war ihr nie gelungen. Manchmal fragte sie sich, ob sie �berhaupt etwas gesehen hatte, ob die Erinnerung an seine Augen und Haare vielleicht nur ihrer Phantasie entsprungen war, in dem verzweifelten Wunsch, die Leere zu f�llen. Manchmal tr�umte Jo von seinem Gesicht, aber es war meist eine unangenehme Erfahrung. Ganz gleich, wie sch�n der Traum begann, entwickelte er sich meist zu etwas Schrecklichem. In wachen Momenten war Jo klar, dass Menschen, die ihr Gesicht verbargen, oft einen guten Grund daf�r hatten und dass es im Allgemeinen deshalb geschah, weil sie ein absto�endes �u�eres hatten. Achmed beispielsweise, der sein Gesicht ebenfalls verh�llte, war h�sslich wie der Tod noch h�sslicher, wenn das m�glich war.</p><p>Das erste Mal, als sie Achmed ohne die Stoffschleier gesehen hatte, die f�r gew�hnlich den unteren Teil seines Gesichts verh�llten, war ihr buchst�blich die Luft weggeblieben. Seine Haut war pockennarbig und fleckig, mit hervortretenden Adern und von einer ungesunden Bl�sse. Und dann waren da nat�rlich noch seine Augen, eng beieinander stehend und irgendwie ungleich, wodurch sie seltsam starr wirkten.</p><p>Jo hatte Rhapsody zur Seite gezogen.</p><p><emphasis>Wie ertr�gst du es nur, ihn anzuschauen?</emphasis></p><p><emphasis>Wen?</emphasis></p><p><emphasis>Achmed nat�rlich</emphasis>.</p><p><emphasis>Warum?</emphasis></p><p>Ihre adoptierte gro�e Schwester war keine gro�e Hilfe, wenn es darum ging, Klarheit in die Verwirrung zu bringen, die Jo hier im Firbolg-Berg versp�rte, denn Rhapsody schien sich zwischen den H�sslichen und den Ungeheuern geradezu wohl zu f�hlen. Jedes Mal, wenn Jo darauf anspielte, dass Achmed wahrlich kein angenehmer Anblick sei, starrte Rhapsody sie nur verst�ndnislos an.</p><p>Gleichzeitig schien sie keinerlei Grund daf�r zu sehen, dass jemand sich zu Ashe hingezogen f�hlte. Insgeheim war Jo froh dar�ber, denn sie selbst konnte ihr verstohlenes Verlangen, das Tag um Tag in ihr wuchs, nicht leugnen. Mit Erleichterung hatte sie zur Kenntnis genommen, dass Rhapsody anscheinend auch nicht bemerkte, wie sehr Ashe sich zu ihr hingezogen f�hlte. Das Leben auf der Stra�e hatte Jo zu einer scharfen Beobachterin gemacht, und obwohl Ashe seine Gef�hle f�r Rhapsody kaum einmal offen zeigte, hatte sie diese trotzdem wahrgenommen. Auch Achmed und Grunthor hatten etwas gemerkt, da war sie sicher. Aber Grunthor war die meiste Zeit �ber bei seinen Man�vern, und Achmed hatte andere Gr�nde daf�r gefunden, Ashe nicht zu m�gen; deshalb war es schwer f�r Jo, ihre Vermutung best�tigt zu sehen, ohne die beiden direkt zu fragen. Und sie w�re lieber gestorben, als dergleichen zu tun.</p><p>Jo w�lzte sich auf den Bauch, winkelte ein Knie an und barg ihren Kopf in den Armen, in dem Versuch, sich vor den Pfeilen der Eifersucht zu sch�tzen, die jetzt im D�mmerlicht ihres Schlafzimmers auf sie einprasselten. So sehr sie sich die Aufmerksamkeit des verh�llten Fremdlings w�nschte, so erschrak sie doch vor den brutalen Gedanken, die sie hinsichtlich Rhapsodys hegte dem einzigen Menschen, der sie je geliebt hatte und der ihr jetzt, wenn auch ohne es zu wollen, im Wege stand.</p><p>Rhapsody und die beiden Bolg hatten Jo aus dem Haus der Erinnerungen befreit und vor dem Blutopfer gerettet, dem die anderen Kinder dort anheim gefallen waren und dessen Zeugin sie geworden war. Achmed und Grunthor h�tten sie Herzog Stephen �bergeben, aber Rhapsody hatte sie adoptiert, hatte sie mitgenommen, sie besch�tzt, ihr die Gelegenheit gegeben, sich zugeh�rig zu f�hlen, sie geliebt. Gerade als Jo allm�hlich gelernt hatte, diese Liebe zu erwidern, war Ashe aufgetaucht und hatte alles schwierig gemacht. Davor war es f�r Jo schlicht ums �berleben gegangen, um t�gliche Reibereien mit dem Gesetz und mit anderen unappetitlichen Zeitgenossen, um die schlichte Herausforderung, sich Essen und einen Unterschlupf f�r die Nacht zu beschaffen. Jetzt aber war alles viel zu kompliziert geworden. Die letzte Kerze in Jos Kammer flackerte und erstarb, nur der gl�hende Docht und der bei�ende Geruch des fl�ssigen Wachses blieben in der Dunkelheit zur�ck. Jo r�mpfte die Nase und zog sich die Decke �ber den Kopf. Der Morgen konnte nicht fr�h genug kommen. Ashe tr�umte nicht von einem Wesen dieser Welt und auch nicht von einem aus dieser Zeit. In seinem Zustand, weder richtig tot noch richtig lebendig, fand er allein in den Erinnerungen an die Vergangenheit Erl�sung von der Qual, die er jeden wachen Augenblick mit sich herumschleppte.</p><p>Nicht einmal die Bewusstlosigkeit g�nnte ihm eine Atempause von dieser Folter. Die wenigen Nachtvisionen, die sein scheu�licher Halbschlaf ihm jetzt schenkte, waren verschwommen und schmerzlich. Im Allgemeinen waren es Albtr�ume �ber sein jetziges Leben oder noch schlimmere Erinnerungen an fr�her. Schwer zu sagen, welche Art von Traum schlimmer war. Das Drachenblut in seinem Innern, seine Doppelnatur, die fremd und doch sein Eigen war, ruhte im Augenblick und erlaubte ihm ein paar Atemz�ge voll Frieden in der stetigen Qual seines Daseins. Wenn sie erwachte, w�rde sie aufs Neue auf ihn einfl�stern, ihn mit tausend t�richten Beteuerungen bedr�ngen, mit tausend unerf�llbaren Forderungen. Aber jetzt war das st�ndige Dr�hnen wenigstens f�r eine kleine Weile verstummt, in den Hintergrund seines Bewusstseins gedr�ngt von der S��e des Traums, den er in dieser seiner letzten Nacht im seltsamen Reich von Ylorc tr�umte.</p><p>In der Stille des G�stezimmers, das er jetzt bewohnte, tr�umte Ashe von Emily. Jahre, ja sogar Jahrzehnte war es her, dass sie seine Tr�ume mit ihrer Gegenwart begl�ckt hatte, die sch�ne, unschuldige Emily, seine Seelengef�hrtin, nun schon seit �ber tausend Jahren tot. Nur ein einziges Mal war er ihr begegnet, nur einen einzigen Abend hatte er mit ihr verbracht, und hatte doch schon beim ersten Blick gewusst, dass sie seine andere H�lfte war, die H�lfte, die ihn vollst�ndig machte.</p><p>Auch sie hatte es erkannt, hatte ihm in jenem kurzen Augenblick gesagt, dass sie ihn liebe, hatte ihm ihr Herz geschenkt, ihr ganzes Vertrauen und ihre Tugend; sie hatte mit ihm das vollzogen, was sich anf�hlte wie eine Hochzeit, obgleich sie beide kaum der Kindheit entwachsen waren. Eine einzige gemeinsame Nacht. Und nun wehte ihre Asche im Wind der Zeit, auf der anderen Seite der Welt, ein Leben entfernt. Die einzige Spur, die von ihr �brig geblieben war, verbarg sich in der modrigen Gruft seiner Erinnerung. Aber w�hrend Emily tot war, verloren in der Vergangenheit, existierte Ashe halb lebendig in der Gegenwart. Er f�hrte ein verschwiegenes Dasein, verborgen vor denen, die ihn jagten, beherrscht von dem Einen, der ihn nach seinem Belieben manipulierte. Aus diesem Grund zog er durch die Welt in einem Mantel, der �ber die Kraft des Wassers verf�gte, verliehen von Kirsdarke, dem Schwert, das aus diesem Element geformt und ihm anvertraut war. Der Mantel h�llte ihn in Nebel und sch�tzte ihn vor jenen, die seine Schwingungen im Wind lesen konnten.</p><p>Au�erdem verbarg ihn seine lebendige H�lle auch vor den Augen der restlichen Welt. Jetzt war er hier, im Reich der Bolg, mit dem Befehl, die drei zu beobachten, welche �ber die Ungeheuer von Ylorc herrschten, und dar�ber Bericht zu erstatten. Ashe hasste es zwar, auf diese Weise benutzt zu werden, aber er hatte keine Wahl. Dies war einer der zahlreichen Nachteile, die daraus entstanden, dass sein Leben nicht ihm selbst geh�rte, dass sein Schicksal in den dunklen H�nden eines anderen lag. Das einzig Angenehme an seinem Auftrag war, dass er es ihm erlaubte, sich in Rhapsodys N�he aufzuhalten. Von dem Augenblick an, als der Drache in seinem Blut ihre Pr�senz zum ersten Mal gef�hlt hatte, damals auf den Krevensfeldern, da hatte sie ihn gegen seinen Willen in ihren Bann geschlagen, und er hatte sich von ihr angezogen gef�hlt wie die Motte vom Licht, so heftig wie das Feuer, das im Scho� der Welt brannte. Als er ihr begegnet war, waren beide Teile seiner Natur, der Drache und der Mann, ihrem Zauber zutiefst verfallen. W�re er mehr ein lebendiger Mann gewesen und nicht nur eine H�lle, dann h�tte Ashe ihr vielleicht widerstehen k�nnen. Doch nun f�rchtete er sie fast ebenso sehr, wie sie ihn bezauberte.</p><p><emphasis>Sam</emphasis>. Der Name hallte durch sein Ged�chtnis, und beim Klang von Emilys sanfter Stimme stiegen ihm Tr�nen in die Augen, sogar im Schlaf. Sie hatte ihn Sam genannt, und er hatte es geliebt. Viel zu fr�h hatten sie sich getrennt, er hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, sie zu berichtigen.</p><p><emphasis>Ich kann�s noch gar nicht fassen, dass du wirklich da bist,</emphasis> hatte sie in dieser Nacht gefl�stert, in dieser einen, so lange vergangenen Nacht, unter einem endlosen Sternenhimmel. In seinen Tr�umen h�rte er noch immer ihre Stimme. <emphasis>Woher kommst du eigentlich? Ich habe dich herbeigesehnt. Bist du gekommen, um mich vor der Lotterie zu retten und zu entfuhren? Ich habe vergangene Nacht, gleich nach Mitternacht, meinen Gl�cksstern gebeten, dich zu mir zu schicken. Und hier stehst du vor mir. Woher du kommst, wei�t du anscheinend selbst nicht, oder? Habe ich dich von weither herbeigew�nscht?</emphasis> Damals war er zu dem Schluss gekommen, dass ein Zauber in ihr wohnte, und das glaubte er noch immer. Ein Zauber, der stark genug war, ihn �ber die Wogen der Zeit zu bringen, weit zur�ck in die Vergangenheit, wo er sie wartend in Serendair vorfand, einem Land, das vierzehn Jahrhunderte vor seiner Geburt im Meer versunken war.</p><p><emphasis>Alles nur ein Traum,</emphasis> hatte sein Vater behauptet und versucht, ihn zu tr�sten, als er sich in seiner eigenen Zeit wieder fand, allein, ohne sie. <emphasis>Die Sonne war hell, sicher hast du die Hitze nicht vertragen</emphasis>.</p><p>�chzend drehte sich Ashe auf die andere Seite; jetzt war ihm die Hitze tats�chlich unangenehm. Das Feuer in dem kleinen Kamin flackerte und pulsierte und �berflutete ihn mit Wellen seiner W�rme. Wieder tauchte Rhapsody in seinen Gedanken auf. Ihr Bild entfernte sich ohnehin nie weit aus seinem Bewusstsein, denn sie �bte auf den Drachen eine enorme Faszination aus. Noch immer brannten seine Fingerspitzen und seine Lippen von unerf�lltem Verlangen, sie zu ber�hren, diesem Verlangen, das als Folge der ungestillten Sehnsucht des Drachen wie S�ure in ihm aufgewallt war, als er sie zum ersten Mal erblickt hatte. Grimmig k�mpfte er darum, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, und griff dabei blind auf die s��e Erinnerung zur�ck, die erst einen Augenblick zuvor wieder aufgetaucht war.</p><p>�Emily�, rief er, aber der Traum entzog sich ihm und l�ste sich in einer Ecke seines Zimmers auf, jenseits seiner Reichweite.</p><p>Im Schlaf tastete er in einer kleinen Tasche des Nebelmantels herum, bis seine Finger das ber�hrten, was er suchte, klein und hart in seinem Samtbeutel, verschlissen nach all den Jahren, die es ihm nun schon als Talisman gedient hatte. Ein winziges Silberst�ck, herzf�rmig, bescheiden gearbeitet, ein Geschenk von der Frau, die er geliebt hatte. Es war das Einzige, was ihm von ihr geblieben war, dieses Geschenk und seine Erinnerungen, die er so leidenschaftlich h�tete wie ein Drache seinen gr��ten Schatz.</p><p>Das Silberherz tat seine Wirkung und brachte ihm Emily wieder nahe, wenn auch nur f�r einen Augenblick. Noch immer konnte er das Gef�hl hervorrufen, das er versp�rt hatte, als er unabsichtlich den Knopf von ihrem Mieder abgerissen hatte, weil seine Hand vor Angst und Aufregung so gezittert hatte. Noch immer konnte er das L�cheln in ihren Augen sehen.</p><p><emphasis>Behalt ihn, Sam. Zur Erinnerung an diese Nacht, in der ich dir mein Herz geschenkt habe</emphasis>. Er hatte ihren Wunsch erf�llt und den herzf�rmigen Silberknopf neben seinem von Narben bedeckten Herzen getragen, eine Erinnerung an das, was er verloren hatte. Endlos hatte er nach ihr gesucht, in den Museen und Archiven, im Haus der Erinnerungen, im Gesicht jeder Frau, jung und alt, deren Haar die Farbe von fahlem Flachs an einem Sommertag hatte, wie das von Emily damals in der Dunkelheit. Jedes weibliche Handgelenk hatte er sorgf�ltig gepr�ft, ob es die winzige Narbe aufwies, die in sein Ged�chtnis eingebrannt war. Nat�rlich hatte er sie nicht gefunden, und die Seherin der Vergangenheit hatte ihm versichert, dass sie auf keinem der Schiffe gewesen war, die aus Serendair geflohen waren, ehe das Vulkanfeuer die Insel verzehrt hatte.</p><p><emphasis>Mein Junge, ich muss dich entt�uschen. Unter denen, die auf den Schiffen hatten fliehen k�nnen, bevor die Insel unterging, war keine, die deiner Beschreibung entspricht. Sie hat es nicht geschafft. Sie ist nicht angekommen</emphasis>.</p><p>Die Seherin war seine Gro�mutter und h�tte ihn nie belogen, sowohl aufgrund ihrer Verwandtschaft als auch aus dem Umstand heraus, dass sie ansonsten Gefahr liefe, ihre Kr�fte zu verlieren. Und einen solchen Verlust h�tte Anwyn niemals riskiert. Ebenso wenig Rhonwyn, Anwyns Schwester, Seherin der Gegenwart. Er hatte sie gebeten, den Kompass zu benutzen, eins der drei Werkzeuge, mit denen Merithyn, ihr cymrischer Entdecker-Vater, das Land gefunden hatte. Ashes Hand hatte gezittert, als er ihr die kupferne Dreipfennigm�nze gegeben hatte, ein wertloses, dreizehnseitiges Geldst�ck, Gegenst�ck dessen, das er Emily anvertraut hatte. <emphasis>Diese M�nzen sind einzigartig auf der Welt,</emphasis> hatte er der Seherin erkl�rt, und seine damals noch so junge Stimme hatte gezittert und seine Qual verraten. <emphasis>Wenn du die zweite dieser Art finden kannst, dann hast du Emily gefunden</emphasis>. Die Seherin der Gegenwart hatte den Kompass in ihren zarten H�nden gehalten. Jetzt erinnerte er sich daran, wie er gegl�ht und dann geklungen hatte, ein summendes Echo, das ihn hinter den Augen geschmerzt hatte. Aber schlie�lich hatte Rhonwyn traurig den Kopf gesch�ttelt.</p><p><emphasis>Deine M�nze ist die einzige auf der ganzen Welt, mein Kind; es tut mir Leid. Es existiert keine andere, die ihr gleicht, au�er vielleicht unter den Wogen des Meeres. Nicht einmal ich kann sehen, welche Sch�tze in den Gew�lben des Ozean-Vaters ruhen</emphasis>. Ashe hatte nicht wissen k�nnen, dass die Kr�fte der Seherin nicht in die Erde selbst hinabreichten, dorthin, wo die Zeit keine Herrschaft hat.</p><p>Er hatte aufgegeben, hatte die furchtbare Wahrheit beinahe geglaubt, obgleich er Emily auch weiterhin im Gesicht jedes Gesch�pfs gesucht hatte, das ihr auch nur im Geringsten ge�hnelt hatte. In jedem seiner Gedanken hatte sie gewohnt, hatte ihn in seinen Tr�umen angel�chelt, hatte das Versprechen erf�llt, das er ihr in seinen Abschiedsworten gegeben hatte, ohne es zu wissen.</p><p><emphasis>Bis ich dich wieder sehe, werde ich nur an dich denken</emphasis>.</p><p>Erst viele Jahre sp�ter hatte ihr Bild ihn verlassen, im Angesicht des Grauens, in das sein Leben sich verwandelt hatte. Wo sein Herz einmal ein heiliger Schrein ihres Gedenkens gewesen war, war es nun ein dunkler, verquerer Ort, ber�hrt von der Hand des B�sen. In einer solchen Leichenhalle konnte die Erinnerung an Emily nicht l�nger bestehen. Ihm war es ein R�tsel, warum sie ausgerechnet in dieser Nacht zu ihm zur�ckgekehrt war, auf dem Rauch schwebend, der vom Kamingitter aufstieg und sich hinter seine Augen legte.</p><p><emphasis>Bis ich dich wieder sehe, werde ich nur an dich denken</emphasis>.</p><p>Das Bild in der Ferne verschwamm. Ver�rgert griff Ashe wieder nach dem Nebel in seinem Ged�chtnis, w�hrend Emilys Bild sich aufzul�sen begann und sie ihm im Verschwinden noch etwas zurief.</p><p><emphasis>Ich liebe dich, Sam. Ach, wie lange habe ich schon auf dich gewartet. Ich war mir allerdings ganz sicher, dass du zu mir kommen w�rdest, wenn ich es mir nur fest genug w�nschte</emphasis>. Ashe setzte sich auf; er zitterte, und seine feuchtkalte Haut war schwei��berstr�mt, eingeh�llt in den k�hlen Dunst des Nebelmantels. Wenn doch nur der gleiche Zauber auch bei ihm gewirkt h�tte. Die Firbolg-Wache am Ende der Eingangshalle nickte Achmed ehrerbietig zu, als dieser �ber seine Schwelle trat und den Korridor hinunter zu Rhapsodys Zimmer ging. Dort klopfte er laut und riss die T�r auf ein Teil der Scharade, die f�r die Bolg-Bev�lkerung abgehalten wurde, die glaubte, dass Rhapsody und Jo des K�nigs Kurtisanen seien, und die beiden Frauen deshalb in Ruhe lie�. Sowohl Achmed als auch Grunthor am�sierten sich pr�chtig dar�ber, weil sie wussten, dass dieses �berlebensspiel Rhapsody ganz und gar nicht gefiel. Doch nach au�en nahm sie in der Angelegenheit eine n�chternpraktische Haltung ein, vor allem Jo zuliebe.</p><p>Das Feuer in ihrem Kamin flackerte unstet und spiegelte den konzentrierten Ausdruck auf ihrem Gesicht wider. Als Achmed hereinkam, blickte sie nicht von der Schriftrolle auf, �ber der sie gerade br�tete.</p><p>�Nun, einen guten Morgen w�nsche ich dir, Erste der Frauen. Du musst dich schon ein wenig mehr ins Zeug legen, wenn du die Bolg �berzeugen willst, dass du die k�nigliche Hure bist.�</p><p>�Halt den Mund�, erwiderte Rhapsody mechanisch und las weiter. Achmed schmunzelte. Er nahm die Teekanne von ihrem unber�hrten Fr�hst�ckstablett und goss sich eine Tasse ein; der Tee war kalt. Offensichtlich war sie noch fr�her aufgestanden als �blich.</p><p>�Was f�r einen dumm-rischen Text liest du denn diesmal?�, fragte er und hielt ihr die Tasse mit dem erkalteten Tee hin. Ohne aufzublicken, ber�hrte Rhapsody die Tasse. Einen Augenblick sp�ter sp�rte Achmed, wie W�rme durch die glatten Tonw�nde des Bechers drang; er blies den Dampf weg und nahm einen kr�ftigen Schluck.</p><p><emphasis>�Die Verheerung des Wyrms</emphasis>. Erstaunlich ... Das ist gestern Abend aus dem Nichts unter meiner T�r erschienen. Welch ein sonderbarer Zufall.�</p><p>Achmed setzte sich auf ihr ordentlich gemachtes Bett und versuchte sein Grinsen zu verbergen. �Ja, wirklich. Hast du irgendetwas Wissenswertes �ber Elynsynos erfahren?�</p><p>Endlich �berzog ein L�cheln Rhapsodys Gesicht, und sie schaute zu ihm auf. �Na ja, sehen wir mal.� Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zur�ck und hielt die uralte Schriftrolle ins Licht der Kerze.</p><p>�Elynsynos soll zwischen einhundert und f�nfhundert Fu� lang sein, mit Z�hnen so lang und scharf wie fein geschliffene Bastardschwerter�, las sie vor. �Angeblich kann die Drachin jede Form annehmen, die ihr beliebt, einschlie�lich die einer Naturkatastrophe, wie zum Beispiel eines Wirbelsturms, eines Erdbebens, einer Flut oder eines Sturms. In ihrem Bauch befinden sich Edelsteine aus Schwefel, geschaffen in den Feuern der Unterwelt, die es ihr erm�glichen, alles zu vernichten, das sie mit ihrem Atem ber�hrt. Elynsynos ist b�se und grausam; als Merithyn, ihr Seefahrer-Geliebter, nicht zur�ckkehrte, machte sie sich auf zu einem Werk der Zerst�rung, bei dem sie die H�lfte des Kontinents bis hinauf in die Provinz Bethania vernichtete. Die verheerende Feuersbrunst, die sie ausl�ste, entz�ndete die ewige Flamme in der Basilika und brennt dort noch heute.�</p><p>�Ich glaube, ich h�re da einen sarkastischen Unterton in deiner Stimme. H�ltst du diesen historischen Bericht etwa f�r gef�lscht?�</p><p>�Einiges davon allerdings. Du vergisst, dass ich S�ngerin bin, Achmed. Wir sind diejenigen, die diese Balladen und �berlieferungen schreiben. Ich wei� ein bisschen besser dar�ber Bescheid als du, wie dergleichen ausgeschm�ckt und �berzogen dargestellt werden kann.�</p><p>�Weil du es selbst schon getan hast?�</p><p>Rhapsody seufzte. �Das wei�t du doch eigentlich besser. S�ngerinnen und ganz besonders Benennerinnen k�nnen keine L�gen in die Welt setzen, ohne dadurch ihre Stellung und ihre F�higkeiten zu verlieren, aber wir d�rfen Geschichten erz�hlen, die unverb�rgt oder frei erfunden sind, solange wir sie als das ausgeben, was sie sind n�mlich Geschichten.�</p><p>Achmed nickte. �Wenn du diese Geschichte so in Bausch und Bogen als erfunden abtust, warum machst du dir dann Sorgen?�</p><p>�Wer sagt denn, dass ich mir Sorgen mache?�</p><p>Der Firbolg-K�nig grinste h�hnisch. �Das Feuer�, meinte er selbstgef�llig und machte eine Kopfbewegung zum Kamin. Unwillk�rlich wandte Rhapsody sich den Flammen zu; sie leckten unruhig an einem dicken Holzst�ck, das sich zu brennen weigerte. Wider Willen musste sie lachen.</p><p>�Na gut, du hast mich erwischt. �brigens tue ich die Geschichte nicht in Bausch und Bogen ab. Ich habe nur gesagt, dass ich einige Teile f�r �bertrieben halte. Aber manches k�nnte durchaus wahr sein.�</p><p>�Beispielsweise?�</p><p>Rhapsody legte das Schriftst�ck auf den Tisch zur�ck und verschr�nkte die Arme. �Nun, trotz der unterschiedlichen Angaben �ber ihre Gr��e bezweifle ich nicht, dass sie gigantisch war gigantisch ist.� Achmed meinte zu sehen, wie ein leichter Schauder sie durchlief. �Vielleicht kann sie wirklich die Form der Elemente annehmen; immerhin sagt man von den Drachen, dass sie mit allen f�nf Elementen in Verbindung stehen. Vielleicht ist sie tats�chlich b�se und heimt�ckisch, aber die Geschichte mit der Zerst�rung des westlichen Kontinents glaube ich nicht.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja. In den meisten Gegenden, durch die wir gekommen sind, ist der Wald jungfr�ulich, ein Urwald, und die B�ume geh�ren nicht zu den Arten, die nach einer gro�en Feuersbrust wachsen w�rden.�</p><p>�Aha. Nun, ich m�chte dein Wissen �ber W�lder und B�ume ja nicht anzweifeln, und auch nicht dein Wissen �ber Jungfrauen schlie�lich warst du schon zweimal eine ...�</p><p>�Halt den Mund�, erwiderte Rhapsody. Diesmal reagierte das Feuer; in die schwachen Fl�mmchen kam Leben, und sie brausten heftig auf. Rhapsody schob ihren Stuhl zur�ck, ging zum Mantelhaken neben der T�r und ergriff ihren Umhang. �Raus aus meinem Zimmer. Ich muss zu Jo.� Mit einer raschen Bewegung warf sie sich den Umhang �ber, wickelte dann die Schriftrolle wieder auf und dr�ckte sie Achmed in die Hand.</p><p>�Danke f�r die Bettlekt�re�, meinte sie sarkastisch, w�hrend sie die T�r aufhielt. �Ich nehme an, dass ich dir keine genauen anatomischen Anweisungen zu geben brauche, wohin du dir das Ding schieben sollst.� Achmed kicherte, und die T�r fiel hinter Rhapsody ins Schloss. Der Winter verlor seine Macht; zumindest hatte es den Anschein. Schon einige Zeit hatte er unentschlossen auf der Schwelle zum Abschied gestanden und sich gestr�ubt, seinen eisigen Griff zur G�nze zu lockern, aber dennoch widerwillig einem milderen Wind und freundlicherem Wetter nachgegeben. Die Vorfr�hlingsluft war klar und kalt, doch sie trug bereits den Duft der Erde in sich, ein Versprechen, dass es bald warm werden w�rde. Vorsichtig erklomm Rhapsody die steilen Felsklippen, die zur Heide auf der Spitze der Welt f�hrten, den weitl�ufigen Wiesen jenseits der Schlucht, die ein l�ngst ausgetrockneter Fluss viele Jahrtausende zuvor in den Fels geschnitten hatte. Bis sie die Hochfl�che erreicht hatte, war der Korb, den sie auf dem Kopf balancierte, schon zweimal fast umgekippt; Rhapsody war ein bisschen aus dem Gleichgewicht durch die zus�tzliche Last der Ausr�stung f�r ihre bevorstehende Reise.</p><p>Jo, die oben auf der dunklen Heide wartete, beobachtete am�siert, wie der Korb am Rand der Heide auftauchte, bedrohlich schwankte und wieder gerade ausgerichtet wurde. Scheinbar aus eigener Kraft bewegte er sich ein paar Schritte vorw�rts, dann endlich tauchte ein goldener Haarschopf auf, gefolgt von leuchtenden gr�nen Augen. Gleich darauf wurde Rhapsodys L�cheln �ber der Kante sichtbar, eine kleinere Version des Sonnenaufgangs, der in ungef�hr einer Stunde kommen w�rde.</p><p>�Guten Morgen�, rief sie. Immer noch war nur ihr Kopf zu sehen.</p><p>Jo stand auf und kam ihrer �lteren, wenn auch kleineren Schwester lachend zu Hilfe. �Was brauchst du denn so lange? F�r gew�hnlich schaffst du den Aufstieg doch im Handumdrehen. Anscheinend wirst du langsam alt.� Damit streckte sie Rhapsody die Hand entgegen und zog sie vollends zu sich hoch.</p><p>�Sei nett, sonst bekommst du kein Fr�hst�ck.� L�chelnd lie� Rhapsody ihre Last zu Boden gleiten. Jo hatte keine Ahnung, wie Recht sie mit ihrer Bemerkung �ber Rhapsodys angebliches Alter hatte. Nach ihren eigenen Berechnungen war Rhapsody in echter Zeit um die sechzehnhundertzwanzig Jahre alt, wobei abgesehen von zwei Jahrzehnten die gesamte Spanne verstrichen war, w�hrend sie mit den beiden Bolg in der Erde gewesen und an der Wurzel entlanggekrochen war.</p><p>Jo griff nach dem Korb und l�ste den Haken. Dann kippte sie den Inhalt ohne weitere Umst�nde auf das gefrorene Gras und �bersah Rhapsodys entsetzte Miene geflissentlich.</p><p>�Hast du welche von den leckeren Honigbr�tchen mitgebracht?�</p><p>�Ja.�</p><p>Schon hatte das M�dchen die K�stlichkeiten entdeckt und stopfte sich ein Br�tchen in den Mund. Doch dann zog sie die klebrige Masse wieder heraus und betrachtete sie �rgerlich.</p><p>�Igitt! Ich hab dir doch gesagt, du sollst keine Rosinen reintun, die verderben den ganzen Geschmack.�</p><p>�Ich habe keine Rosinen reingetan. Das muss irgendwas vom Boden gewesen sein, vielleicht ein K�fer oder so.� Rhapsody lachte, w�hrend Jo ausspuckte und schlie�lich das halb gegessene Br�tchen mit Schwung in die Schlucht bef�rderte.</p><p>�Und wo ist Ashe?�, erkundigte sich Jo. Jetzt sa� sie mit �bereinander geschlagenen Beinen auf dem Boden, nahm sich ein weiteres Br�tchen und klopfte es sorgf�ltig ab, bevor sie es in den Mund steckte.</p><p>�Er m�sste ungef�hr in einer halben Stunde hier sein�, antwortete Rhapsody, die in ihrem Tornister w�hlte. �Ich wollte noch ein Weilchen mit dir allein sein, ehe wir aufbrechen.�</p><p>Jo nickte mit vollem Mund. �Kommn Grmmthor unn Achmmd auch?�</p><p>�Ja, ich erwarte sie in K�rze. Obwohl ich mit Achmed heute fr�h eine kleine Auseinandersetzung hatte vielleicht macht er sich lieber nicht die M�he, mir Lebewohl zu sagen.�</p><p>�Warum sollte ihn ein Streit daran hindern? Bei Achmed ist das doch der normale Umgangston. Was f�r ein Problem hatte er denn heute Morgen?�</p><p>�Oh, wir haben uns nur �ber ein cymrisches Schriftst�ck gestritten, das er mir letzte Nacht unter der T�r hindurchgeschoben hat.�</p><p>Jo schluckte und schenkte sich einen Becher Tee ein. �Kein Wunder, du wei�t ja, wie sehr er die Dummrer hasst.�</p><p>Rhapsody verkniff sich ein L�cheln. Seit die Cymrer aus Serendair, ihrer Heimat, gekommen waren, galten sie, Grunthor und sogar Achmed theoretisch selbst als Cymrer, eine Tatsache, die sie aber Jo noch nicht hatte verraten d�rfen. �Warum glaubst du das?�</p><p>�Ich hab ihn neulich nachts mit Grunthor reden h�ren.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Jo lehnte sich gro�spurig zur�ck. �Er hat gesagt, du steckst ganz sch�n in der Schei�e.�</p><p>Rhapsody grinste. �Wirklich?�</p><p>�Ja. Er meinte, die Drachin hat wahrscheinlich irgendwelche cymrischen Pl�ne, weil sie es n�mlich war, die die Arschgeigen hierher geholt hat, um ihrem Geliebten zu gefallen so hat er sie genannt: Arschgeigen.�</p><p>�Ja, ich glaube, ich habe selbst geh�rt, wie er das Wort gebraucht hat.�</p><p>�Dann hat er noch gesagt, du wolltest mehr �ber die Cymrer herausfinden, um sie wieder an die Macht zu bringen, und dass das dumm ist. Er findet, die Bolg haben deine Zeit und deine Aufmerksamkeit viel mehr verdient, ganz zu schweigen von deiner Loyalit�t. Stimmt das denn?�</p><p>�Das mit den Bolg?�</p><p>�Nein, das mit dem Cymrern.�</p><p>Rhapsody lie� den Blick zum Horizont wandern. Direkt �ber dem Land f�rbte der Himmel sich kobaltblau, ansonsten war von der Morgend�mmerung noch nichts zu erkennen. Als Rhapsody an Llauron denken musste, bekam sie rote Backen. Llauron war der F�rbitter der Filiden, des religi�sen Ordens des westlichen Waldlands und einiger Provinzen von Roland, ein sanfter, schon etwas �lterer Mann.</p><p>Nicht lange, nachdem Rhapsody mit ihren beiden Gef�hrten angekommen war, hatte Llauron sie zu sich genommen und sie in ihrer neuen Heimat willkommen gehei�en. Er hatte sie die Geschichte des Landes gelehrt und dazu noch viele n�tzliche Dinge, die Achmed jetzt beim Aufbau seines Imperiums halfen, darunter Pflanzenkunde, Kr�uterkunde und das Heilen von Menschen und Tieren. Noch immer bestand seine eindringliche Stimme in ihrem Kopf darauf, dass sie Erkenntnisse und L�sungen von Problemen lieferte, die sie nicht wirklich begriff.</p><p><emphasis>Du kennst jetzt die Geschichte der Cymrer und wei�t von den Gefahren, die uns alle wieder bedrohen. Hilf mir, indem du deine Augen und Ohren offen h�ltst und mir berichtest, wie es um die Dinge drau�en in der Welt bestellt ist</emphasis>.</p><p><emphasis>Dazu bin ich gern bereit, aber..</emphasis>.</p><p><emphasis>Sch�n. Und denk daran, Rhapsody, auch wenn du von niedrigem Stand bist, so kannst du einer f�rstlichen Sache dennoch sehr wohl dienlich sein</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich verstehe nicht ganz</emphasis>.</p><p>Llaurons Augen hatten voller Ungeduld gebrannt, wenngleich seine Stimme nach wie vor beherrscht und ruhig geklungen hatte. <emphasis>Das Ziel ist die Wiedervereinigung der Cymrer. Ich dachte, das sei dir klar. Nach meiner �berzeugung kann uns nur eines vor der v�lligen Zerst�rung durch all diese unerkl�rlichen Aufst�nde und Akte des Terrors bewahren, und das ist die Wiedervereinigung von Roland und Sorbold und nach M�glichkeit auch der Bolgl�nder unter einem neuen K�nigspaar. Die Zeit dr�ngt. Du bist zwar nur ein Bauernm�dchen nimm daran bitte keinen Ansto�, die meisten meiner Anh�nger sind Bauern, hast aber ein wunderh�bsches Gesicht und eine �berzeugende Stimme. Du k�nntest mir in dieser Sache von gro�er Hilfe sein. Und jetzt, bitte, sag mir, dass du mir den Gefallen tun wirst. Du willst doch auch, dass in dieses Land endlich Frieden einzieht, oder? Und dass das Sch�nden und Morden so vieler unschuldiger Frauen und Kinder endlich ein Ende hat, das willst du doch auch, nicht wahr?</emphasis></p><p>Jo starrte sie an. Rhapsody sch�ttelte ihre Erinnerungen ab, �Ich werde die Drachin finden und den Krallendolch zur�ckgeben und hoffen, dass sie nicht trotzdem losziehen wird, um Ylorc und alle Bolg obendrein zu vernichten�, sagte sie schlicht. �Diese Reise hat nichts mit den Cymrern zu tun.�</p><p>�Oh.� Jo nahm noch einen Bissen von dem Br�tchen. �Wei� Ashe das auch?�</p><p>In der Stimme ihrer Schwester klang eine Warnung mit, die Rhapsody sehr wohl vernahm, ein Unterton, f�r den sie als S�ngerin empfindlich war. �Ich nehme es an. Wieso?� Unbehagliche Stille senkte sich zwischen sie. �Warum sagst du es mir nicht, Jo?�</p><p>�Es ist nichts�, entgegnete Jo abwehrend. �Er wollte nur wissen, ob du Cymrerin bist, das war alles. Aber er hat mehrmals danach gefragt.�</p><p>Rhapsody sp�rte eine K�lte im Magen, die es mit der immer noch herrschenden K�lte im Land durchaus aufnehmen konnte. �Ich? Er hat dich �ber mich ausgefragt?�</p><p>�Nun, �ber euch drei. �ber Achmed und Grunthor auch.�</p><p>�Aber nicht �ber dich?�</p><p>Mit ausdruckslosem Gesicht lie� sich Jo die Frage durch den Kopf gehen. �Nein, nach mir hat er nie gefragt. Ich denke, er nimmt an, dass ich keine Cymrerin bin. Ich frage mich, warum.�</p><p>Rhapsody stand auf und klopfte sich Hose und Umhang ab. �Vielleicht bist du die Einzige, die er nicht f�r eine Arschgeige h�lt.�</p><p>In Jos Augen funkelte es schalkhaft. �Ich hoffe nicht�, meinte sie und blickte unschuldig in den Himmel hinauf. �Aber Grunthor ist bestimmt auch keine Arschgeige.� Sie lachte, als der Wind ihr einen Schwall Schnee und trockene Bl�tter ins Gesicht blies. �Im Ernst, Rhapsody ... ich meine, hast du jemals einen Cymrer kennen gelernt? Ich dachte, die w�ren sowieso alle l�ngst tot.�</p><p>Am Horizont verf�rbte sich der Himmel zu einem fahlen Graublau. �Du hast selbst die Bekanntschaft eines Cymrers gemacht, Jo�, sagte sie geradeheraus, w�hrend sie die Reste ihres Fr�hst�cks einpackte. �Herzog Stephen ist cymrischer Abstammung.�</p><p>�Nun, ich denke, das best�tigt die Theorie mit den Arschgeigen�, erwiderte Jo und wischte sich mit dem Handr�cken die Kr�mel vom Mund. �Aber ich meinte eigentlich einen alten Cymrer, einen von denen, die den Krieg �berlebt haben. Die Art, die ewig lebt.�</p><p>Rhapsody �berlegte kurz. �Ja, ich glaube, ich kenne einen. Einmal wurde ich auf der Stra�e von Gwynwald nach Navarne vom Pferd eines widerlichen Soldaten namens Anborn um ein Haar niedergetrampelt. Wenn er derjenige aus der Geschichte ist, die uns zu Ohren gekommen ist, dann war er im Krieg Gwylliams General und ist damit heute ziemlich alt. Der Krieg war vor vierhundert Jahren zu Ende, hat aber siebenhundert Jahre gedauert.�</p><p>Jo war dabei gewesen, als sie die Bibliothek aufgebrochen und Gwylliams Leiche gefunden hatten. �Dann hat der alte Bastard ja gar nicht so �bel ausgesehen. Man hatte den Eindruck, er sei h�chstens zweihundert Jahre tot.� Rhapsody lachte. �War er es, der den Krieg verursachte, weil er seine Frau geschlagen hatte?�</p><p>�Ja. Ihr Name war Anwyn. Sie war die Tochter des Entdeckers Merithyn, des ersten Cymrers, und der Drachin Elynsynos ...�</p><p>�Ist das die, die du jetzt aufsuchen wirst?�</p><p>�Ja, die sich in ihn verliebte und ihm sagte, die Cymrer k�nnten in ihrem Land wohnen, was noch nie einem Menschen gestattet worden war.�</p><p>Jo stopfte sich den letzten Bissen in den Mund. �Wawrum hat schie dasch gemacht?�</p><p>�Der K�nig von Serendair, Gwylliam ...�</p><p>�Dessen Leiche wir gefunden haben?�</p><p>Rhapsody lachte. �Genau der. Er hatte vorausgesehen, dass die Insel in einer vulkanischen Feuersbrunst vernichtet werden w�rde. Aus dem Grunde wollte er einen m�glichst gro�en Teil der Bev�lkerung seines K�nigreichs umsiedeln, und zwar an einen Ort, an dem sie ihre Kultur bewahren konnte und wo er ihr K�nig bleiben w�rde.�</p><p>�Machtgierige Arschgeige.�</p><p>�So sagt man. Aber er hat die meisten Angeh�rigen seines Volkes vor dem sicheren Tod bewahrt, sie halb um die Welt herumgef�hrt und Canrif erbaut...�</p><p>�Also, <emphasis>das</emphasis> war wirklich eine Leistung. Ein vornehmer Ort mit flie�end Wasser, das die Bolg nicht mal nutzen.�</p><p>�Unterbrich mich nicht dauernd. Sp�ter haben die Bolg Canrif �berrannt. Gwylliam und dann Anwyn haben fast aus dem Nichts eine au�ergew�hnliche Zivilisation aufgebaut und in Frieden �ber eine �ra nie da gewesenen Fortschritts geherrscht, bis zu der Nacht, als er sie geschlagen hat. Der Vorfall ist als �Schwerer Schlag� bekannt geworden, weil mit diesem Klaps zwischen K�nig und K�nigin der Krieg angefangen hat, der ungef�hr ein Viertel der Bev�lkerung des Kontinents und ein gut Teil der cymrischen Zivilisation ausrotten sollte.�</p><p>�Eindeutige Arschgeigen�, stellte Jo lautstark fest. �Soll ich irgendetwas f�r dich erledigen, so lange du weg bist?�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Jetzt, wo du fragst ja. K�nntest du meine Firbolg-Enkel ein bisschen im Auge behalten?� Jo verzog das Gesicht und gab ein w�rgendes Ger�usch von sich, was ihre Schwester beides ignorierte. �Und vergiss deine Lernprojekte nicht.�</p><p>�Tut mir schon Leid, dass ich gefragt habe�, brummte Jo.</p><p>�Und schau hin und wieder in Elysian vorbei, ja? Wenn die neuen Pflanzungen Wasser brauchen, gib ihnen zu trinken.�</p><p>Jo rollte die Augen. �Du wei�t, dass ich Elysian nicht mal finden kann.� Au�er Achmed und Grunthor kannte niemand den genauen Weg zu Rhapsodys Zuhause, einer winzigen H�tte auf einer Insel in einer unterirdischen Grotte. Die. Gef�hrten bewahrten das Geheimnis geflissentlich.</p><p>�Bring Grunthor dazu, dass er dich mal mitnimmt. Tut mir Leid, dass dir meine Auftr�ge so l�stig erscheinen. Was hattest du denn im Sinn, als du fragtest?�</p><p>Jos blasses Gesicht hellte sich auf. �Zum Beispiel k�nnte ich f�r dich auf die Tagessternfanfare aufpassen.�</p><p>Rhapsody lachte. �Aber ich nehme das Schwert mit, Jo.� Schon lange war Jo fasziniert von der brennenden Klinge und hatte die z�ngelnden Flammen wie hypnotisiert beobachtet. Als sie zusammen �ber Land gereist waren, hatte Rhapsody das Schwert nachts drau�en behalten, bis Jo eingeschlafen war, und das Licht der Sterne, das von der Klinge ausstrahlte, hatte sie in der Dunkelheit beruhigt.</p><p>�Oh.�</p><p>�Schlie�lich k�nnte es sein, dass ich es brauche. Du m�chtest doch, dass ich zur�ckkomme, oder nicht?�, meinte Rhapsody und t�tschelte Jos Gesicht, das ihre Niedergeschlagenheit widerspiegelte.</p><p>�Ja�, antwortete Jo hastig, und in ihrer Stimme war eine unbeabsichtigte Dringlichkeit zu h�ren. �Wenn du mich hier bei den Bolg allein l�sst, dann werde ich nicht rasten und ruhen, bis ich dich gefunden habe, und dann bringe ich dich um.�</p><p>Inzwischen war der Himmel im Osten hellrosa �berzogen, mit einem hellgelben Band, das den Horizont darunter ber�hrte. Rhapsody schloss die Augen und sp�rte die nahende Sonne. Am Rand ihres Wahrnehmungsverm�gens h�rte sie leise einen Ton erklingen, getragen vom Wind; es war re, die zweite Note der Tonleiter. In der Sangeskunde k�ndigte re einen friedlichen Tag an, einen Tag ohne Ungl�cksf�lle.</p><p>Leise stimmte sie ihre morgendliche Aubade an, das Liebeslied an die Sonne, das ihr Volk, die Liringlas, zur Begr��ung des heraufd�mmernden Morgens sangen. Es war ein Lied, das von der Mutter an die Tochter weitergegeben wurde, wie die Abendgebete, die der Sonne am Ende des Tages eine gute Reise w�nschten und die Sterne willkommen hie�en, die im Zwielicht in Erscheinung traten. F�r Rhapsody waren diese alten Gebete immer sehr ergreifend, denn es war die einzige Art, wie sie sich ihrer Mutter nahe f�hlen konnte, die sie mehr als alles andere vermisste, was sie mit dem Versinken der Insel verloren hatte. Sie sp�rte, wie Jo neben ihr zu zittern anfing, w�hrend sie dem Lied lauschte, und Rhapsody nahm ihre Hand. Dieses urt�mliche Lied, ein Geschenk der Mutter an die Tochter, ber�hrte auch sie immer ganz besonders. Jo hatte ihre Mutter nie gekannt, denn sie war als Kind auf der Stra�e ausgesetzt worden, und so nahm Rhapsody das M�dchen jetzt in die Arme, w�hrend das Lied zu Ende ging.</p><p>�Sie hat dich geliebt, das wei� ich�, fl�sterte sie. Schon lange versuchte sie, Jo davon zu �berzeugen.</p><p>�Ja, bestimmt�, entgegnete Jo h�misch.</p><p>�Das war wundersch�n�, sagte Ashe. Die beiden Frauen fuhren auf. Wie immer hatten sie Ashe nicht kommen sehen. Vor Verlegenheit stieg Rhapsody das Blut ins Gesicht, sodass es die Farbe des d�mmernden Horizonts annahm.</p><p>�Danke�, sagte sie und wandte sich hastig ab. �Bist du bereit?�</p><p>�Ja. Achmed und Grunthor sind direkt hinter mir. Vermutlich wollen sie sich verabschieden.�</p><p>�Keine Angst, ich werde zur�ckkommen�, versicherte Rhapsody und dr�ckte Jo noch einmal an sich. �Wenn wir in Sepulvarta sind, in der heiligen Stadt, wo der Patriarch lebt, dann werde ich versuchen, dir welche von den S��igkeiten zu besorgen, die dir so gut schmecken.�</p><p>�Danke�, antwortete Jo und wischte sich abwehrend mit dem �rmel die Augen. �Jetzt beeil dich und brich auf, damit ich nicht mehr in diesem elenden Wind Rumstehen muss; er tut mir in den Augen weh.�</p><p>Als Grunthor sie zum Abschied an sich dr�ckte, bem�hte sich Rhapsody, nicht nach Luft zu schnappen, aber in der festen Umarmung des Riesen nahm ihr Gesicht bald eine ungesund rote Farbe an. Der Panoramablick �ber das orlandische Plateau verschwamm vor ihren Augen, und die Klippen der Zahnfelsen neigten sich in einem Schwindel erregenden Winkel. Verschwommen �berlegte sie, ob es wohl ein �hnliches Gef�hl w�re, wenn man von einem B�ren zu Tode gequetscht w�rde.</p><p>Endlich setzte Grunthor sie ab, lie� sie los und klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter. Rhapsody blickte in das gro�e graugr�ne Gesicht und l�chelte. Der Bolg machte eine demonstrativ unbek�mmerte Miene, aber sie sah, wie er die massiven Kiefer anspannte, und seine bernsteinfarbenen Augen glitzerten feucht an den R�ndern.</p><p>�War mir wirklich recht, wenn du dir�s noch mal anders �berlegtest, Gr�fin�, sagte er ernst. Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Wir haben das doch alles ausf�hrlich durchgesprochen, Grunthor. Mir wird nichts B�ses geschehen. Ich hatte keinen einzigen schlechten Traum �ber diese Reise, und du wei�t selbst, wie selten dergleichen vorkommt.�</p><p>Der Riese verschr�nkte die Arme. �Und wer soll dich vor den Tr�umen retten, die dich unterwegs wom�glich plagen?�, " hakte er nach. �Soweit ich wei�, war das bisher immer meine Aufgabe.�</p><p>Bei seinen Worten wurden Rhapsodys Gesichtsz�ge weicher. �Ja, du warst der Einzige, der das je geschafft hat�, antwortete sie und strich mit der Hand �ber seinen riesigen muskul�sen Arm. �Wahrscheinlich ist das noch ein kleines Opfer, das ich f�r die Sicherheit der Bolg bringen muss.�</p><p>Noch ein Gedanke kam ihr in den Sinn, und sie w�hlte in ihrem Tornister, bis sie schlie�lich eine gro�e Seemuschel hervorzog. �Aber ich habe ja das hier�, meinte sie mit einem strahlenden L�cheln. Grunthor kicherte. Er hatte ihr die Muschel geschenkt, kurz nachdem sie von der Wurzel emporgestiegen waren, eine Erinnerung an einen Ausflug zur K�ste, den er und Achmed unternommen hatten, auf der Suche nach einer M�glichkeit, Rhapsody von der langen Reise durch den Bauch der Erde nach Serendair zur�ckzubringen. Bei der Erinnerung daran erstarb sein L�cheln. Als sie sich endlich wieder getroffen hatten, hatte Rhapsody ihnen mitgeteilt, dass die Insel vor mehr als tausend Jahren vom Meer verschlungen worden war. In diesem Augenblick hatte er zum ersten Mal in seinem Leben ein schlechtes Gewissen gehabt, denn ihm war klar geworden, dass er und Achmed sie von einem Heim und einer Familie weggeschleppt hatten, die sie niemals wieder sehen w�rde. Manchmal legte Rhapsody die Muschel an ihr Ohr, wenn sie schlief, in dem Versuch, mit dem Rauschen der Wogen die qu�lenden Albtr�ume zu �bert�nen, in denen sie vor Verzweiflung um sich schlug und schluchzte.</p><p>�Wei�t du, ich w�rde dir jederzeit deine schlimmsten Tr�ume abnehmen, wenn ich k�nnte, Hoheit�, beteuerte Grunthor.</p><p>Rhapsody sp�rte, wie sich ihre Kehle zuschn�rte, und ein �berw�ltigendes Verlustgef�hl machte sich am Rand ihres Bewusstseins bemerkbar. �Ich wei� ... Ich wei�, dass du das tun w�rdest�, sagte sie und umarmte ihn erneut. Abrupt entzog sie sich ihm und bem�hte sich, die Fassung wiederzugewinnen. Ihre Augen glitzerten schelmisch. �Und glaub mir, wenn es in meiner Macht st�nde, w�rde ich dir wirklich gern meine schlimmsten Tr�ume �berlassen. Wo ist Achmed? Ashe und ich m�ssen uns langsam auf den Weg machen.�</p><p>Pl�tzlich �berkam sie ein Schwindel, ein Gef�hl, dass sich die Zeit um sie herum in alle Richtungen ausdehnte. Schon fr�her hatte sie sich manchmal so gef�hlt, aber sie wusste nicht mehr genau, wo und wann. Auch Grunthor schien es zu bemerken, denn seine Bersteinaugen verschleierten sich; dann blinzelte er ein paarmal schnell und l�chelte sie an.</p><p>�Vergiss nich, dich von Seiner Majest�t zu verabschieden�, meinte er fr�hlich und deutete dabei auf eine Gestalt in einem Umhang, die ein St�ck abseits stand.</p><p>�Muss ich wirklich? Wahrscheinlich kriege ich von ihm sowieso keinen netteren Abschied als bei unserer letzten Begegnung. Und da w�re es um ein Haar zu einem Handgemenge gekommen.�</p><p>�O doch, du musst�, befahl Grunthor gespielt ernst. �Das ist ein Befehl, Fr�uleinchen.�</p><p>Lachend salutierte Rhapsody. �Na gut. Es sei fern von mir, gegen dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�t aufzumucken�, meinte sie. �Bezieht sich deine Befehlsgewalt eigentlich nur auf mich?�</p><p>�Nee�, antwortete Grunthor.</p><p>�Du hast also die Herrschaft �ber alle Wesen auf der Welt?�</p><p>�Verdammt richtig.� Der riesenhafte Sergeant gab dem Firbolg-K�nig ein Zeichen. �Ach, komm schon, Gr�fin. Sag ihm Lebewohl. Vielleicht l�sst er�s sich ja nich anmerken, aber er wird dich grauslich vermissen.�</p><p>�Aber sicher�, sagte sie, als Achmed n�her trat. �Ich habe geh�rt, dass er schon Gebote auf mein Zimmer annimmt und plant, meine weltlichen Besitzt�mer meistbietend zu versteigern.�</p><p>�Nur die Kleider, wenn du nicht innerhalb einer vern�nftigen Zeitspanne zur�ckkommst�, entgegnete der Firbolg-K�nig so freundlich er konnte. �Ich will ja nicht, dass das Zeug den Berg verstopft.�</p><p>�Ich komme zur�ck, und ich werde euch so oft wie m�glich mit der Postkarawane eine Nachricht senden�, versprach Rhapsody, w�hrend sie ihren Tornister aufsetzte. �Jetzt, da die Boten aus den Provinzen regelm��ig auch in Ylorc eintreffen, m�sste das ja ohne weiteres klappen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich bin sicher, dass sich direkt bei der Drachenh�hle eine Haltestelle f�r die Postkarawane befindet�, erwiderte Achmed, und sein Sarkasmus war un�berh�rbar.</p><p>�Fang blo� nicht an�, warnte ihn Rhapsody und warf einen Blick zu Jo hin�ber, die mit Ashe plauderte.</p><p>�Nein�, stimmte Achmed ihr zu. �Ich wollte dir nur ein kleines Abschiedsgeschenk bringen.�</p><p>Damit �berreichte er ihr ein eng zusammengerolltes Pergament. �Geh vorsichtig damit um. Es ist sehr alt und sehr wertvoll.�</p><p>�Falls es sich um eine neue Version von <emphasis>Die Verheerung des Wyrms</emphasis> handelt, werde ich sie mit Gewalt an dem Ort verstauen, den ich heute fr�h angedeutet habe.�</p><p>�Sieh es dir erst einmal an.�</p><p>Sorgf�ltig band Rhapsody die alte Seidenschnur auf, welche die Rolle zusammenhielt. Achmed studierte die Schriften in Gwylliams Bibliothek ausf�hrlich, aber die Sammlung war so umfassend, dass er Jahrhunderte brauchen w�rde, um sich auch nur die H�lfte anzusehen. Das empfindliche Pergament br�selte leicht, als sie es aufrollte und eine sehr ordentlich ausgef�hrte architektonische Zeichnung zum Vorschein kam.</p><p>Nachdem Rhapsody den Plan eine Weile konzentriert betrachtet hatte, blickte sie auf und merkte, dass der Firbolg-K�nig sie mit ebenso gro�em Interesse beobachtete.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie. �Ich erkenne es nicht. Ist es ein Ort in Ylorc?�</p><p>Achmed sah zu Ashe hin�ber, dann wieder zu Rhapsody und trat schlie�lich ein wenig n�her an sie heran. �Ja, vorausgesetzt, er existiert wirklich. Es war Gwylliams Meisterst�ck, das Kronjuwel seiner Vision f�r den Berg. Ich wei� nicht, ob er dazu gekommen ist, es zu bauen, oder nicht. Er nannte es das Loritorium.�</p><p>Rhapsodys Handfl�chen wurden feucht. �Das Loritorium?�</p><p>�Ja, das dazu geh�rige Schriftst�ck beschreibt es als Anbau, als absichtlich verborgene Stadt, einen Ort, an dem altes Wissen aufbewahrt wurde. Dort sollten eines Tages die reinsten Formen elementarer Macht, in deren Besitz sich die Cymrer befanden, untergebracht und ein gro�es Konservatorium eingerichtet werden, in dem man sie studieren konnte. Ich glaube, das Schwert, das du tr�gst, h�tte zu den geplanten Ausstellungsst�cken geh�ren k�nnen, wenn man sich die Dimensionen der Schauk�sten und einige der Notizen anschaut.�</p><p>Rhapsody drehte die Schriftrolle um. �Ich sehe keine Worte. Woher wei�t du das alles?�</p><p>Achmed nickte in Ashes Richtung und senkte die Stimme noch mehr. �Ich bin kein Narr; ich habe den Text sicherheitshalber in der Schatzkammer gelassen. Schlie�lich habe ich dir oft genug gesagt, dass ich ihm nicht traue. Au�erdem wusste ich nicht, ob der Morgentau die Schriftst�cke wom�glich besch�digt.</p><p>Nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte, wurde das Loritorium nie f�r die cymrischen Bewohner von Canrif er�ffnet. Wom�glich hat Gwylliam den Plan nicht in die Tat umgesetzt oder jedenfalls nicht vollendet. Vielleicht hat er aber auch nur ein paar seiner engsten Ratgeber eingeweiht. Wer wei�?</p><p>Das Faszinierendste ist die Anlage des Ganzen, jedenfalls diesen Karten zufolge. Anscheinend lie� man schon bei der Planung allergr��te Sorgfalt walten, vor allem auch f�r entsprechende Schutzvorrichtungen, sowohl au�en als auch innen. Ich bin nicht sicher, ob es f�r Gwylliam wichtiger war, die Sch�tze vor den Cymrern oder die Cymrer vor den Sch�tzen zu besch�tzen.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Hast du eine Ahnung, was au�er der Tagessternfanfare sonst noch dazu geh�rt haben k�nnte?�</p><p>�Nein, aber ich habe vor, es herauszufinden. W�hrend du weg bist, werden Grunthor und ich ein paar der cymrischen Ruinen in Augenschein nehmen die Teile von Canrif, die zuletzt gebaut und zuerst zerst�rt wurden, als die Bolg den Berg �berrannten. Wir haben schon ein paar Hinweise entdeckt, was das Loritorium gewesen sein k�nnte. Es verspricht eine faszinierende Entdeckungsreise zu werden, wenn wir es finden. Liegt dir etwas daran?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich�, fl�sterte Rhapsody heftig, ver�rgert �ber sein Schmunzeln.</p><p>�Welche Benennerin w�rde sich nicht f�r einen solchen Ort interessieren?�</p><p>�Dann bleib hier�, schlug Achmed gespielt unschuldig vor. �Es w�re bestimmt besser, wenn du mit von der Partie w�rst. Grunthor und ich, Einfaltspinsel, die wir nun einmal sind, verursachen wom�glich irgendwelchen �rger oder zerst�ren etwas von historischer Bedeutung ... wer wei�, vielleicht gar ein einmaliges St�ck uralter Weisheit.� Er lachte, als er sah, wie sich Rhapsodys Wangen vor Wut r�teten. �Nun gut, wir warten auf dich. Wir suchen das Loritorium und geben dir gen�gend Zeit wiederzukommen. Wenn du nicht innerhalb der Zeit zur�ck bist, �ber die wir gesprochen haben, fangen wir ohne dich an. Einverstanden?�</p><p>�Einverstanden�, antwortete sie. �Aber du brauchst mir keinen zus�tzlichen Anreiz f�r meine R�ckkehr zu geben, Achmed. Ob du es glaubst oder nicht, ich w�nsche es mir selbst.�</p><p>Der Firbolg-K�nig nickte. �Hast du noch den Dolch aus der Zeit, in der du auf den Stra�en von Serendair gelebt hast?�</p><p>Rhapsody warf ihm einen seltsamen Blick zu. �Ja, warum?�</p><p>Nun verschwand die letzte Spur eines L�chelns von Achmeds Gesicht. �Wenn du dich mit Ashe in einer kompromittierenden Lage wieder findest, nimm den Dolch, um ihm die Eier abzuschneiden, und nicht das Schwert. Die Tagessternfanfare wird die Wunde ausbrennen, wie du es ja schon selbst gesehen hast. Aber wenn es zu einem solchen Notfall kommt, dann sollte er m�glichst rasch verbluten.�</p><p>�Danke�, entgegnete Rhapsody ehrlich. Sie wusste, dass die grausamen Worte ein Ausdruck echter Sorge waren, und breitete die Arme aus. Achmed erwiderte ihre Umarmung rasch und verlegen und sah dann auf sie herab.</p><p>�Was ist das da in deinen Augen?�, wollte er wissen. �Du weinst doch nicht etwa, oder? Du kennst das Gesetz.�</p><p>Rhapsody wischte sich hastig mit der Hand �bers Gesicht. �Sei still�, erwiderte sie. �Du kannst das Gesetz gern in dieselbe K�rper�ffnung stecken wie <emphasis>Die Verheerung des Wyrms;</emphasis> bei dir ist bestimmt gen�gend Platz f�r beides. Nach deiner eigenen Definition m�sstest du eigentlich K�nig der Cymrer sein.� Achmed schmunzelte, als Rhapsody sich umwandte und zu Jo und Ashe hin�berging.</p><p>�Bist du bereit?�, fragte Ashe und nahm seinen glatt geschnitzten Wanderstab in die Hand.</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody und umarmte Jo noch ein letztes Mal. �Pass auf dich auf, Schwester, und auch auf deine beiden gro�en Br�der.� Das M�dchen verdrehte die Augen;</p><p>Rhapsody wandte sich wieder an Ashe. �Lasst uns gehen, ehe ich noch etwas zu Achmed sage. Ich m�chte, dass das Letzte, was ich ihm sage, genauso gemein ist wie das, was er zu mir gesagt hat.�</p><p>Ashe kicherte. �Das ist ein Wettbewerb, auf den ich mich lieber nicht einlassen m�chte�, meinte er, w�hrend er die Riemen seines Tornisters �berpr�fte. �Ich glaube, du w�rdest jedes Mal verlieren.�</p><p>Als sie und Ashe den Gipfelgrat erreicht hatten, drehte sich Rhapsody noch einmal um und schaute nach Osten in die aufgehende Sonne, die sich eben anschickte, �ber den Horizont zu klettern. Sie beschirmte die Augen und fragte sich, ob die drei langen Schatten wirklich die Silhouetten jener Lebewesen waren, die sie auf der ganzen Welt am meisten liebte, oder nur der hohle Widerschein von Felsen und Kl�ften, die sich unheimlich gen Himmel reckten. Dann kam sie zu dem Schluss, dass sie einen der Schatten hatte winken sehen; ob sie Recht hatte oder nicht, war ohnehin einerlei.</p><p>�Schau mal�, sagte Ashe und weckte sie mit seiner angenehmen Baritonstimme aus ihren Tr�umereien. Rhapsody wandte sich um und folgte mit dem Blick seinem Fingerzeig in Richtung einer anderen Schattenreihe, noch meilenweit entfernt, am Rand der Steppe, wo das Tiefland in die felsigere Ebene �berging.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie. Ein pl�tzlicher Windsto� wirbelte den Staub um sie herum auf und peitschte ihr das Haar ins Gesicht. Rasch zog sie den Umhang enger um ihre Schultern.</p><p>�Sieht aus wie eine Karawane, denke ich�, meinte Ashe nach kurzer �berlegung. Rhapsody nickte. �Gesandte mit ihrem Tross�, sagte sie leise. �Sie kommen, um Achmed ihre Aufwartung zu machen.�</p><p>Ashe schauderte; selbst unter seinem Nebelumhang war das Zittern sichtbar. �Ich beneide sie nicht�, stellte er scherzhaft fest. �Sie werden mit ihren Vorstellungen von Protokoll und Etikette wahrlich schwer ins Schleudern kommen. Sollen wir?� Er blickte nach Westen, �ber das Tal hinweg, in dem der Schnee taute, und die weite Ebene jenseits der Bergausl�ufer. Rhapsody wandte ihren Blick erst einen Augenblick sp�ter gen Westen. In ihrem R�cken stieg die Sonne auf und warf ihre goldenen Lichtstrahlen in den grauen Dunst, der sich unter ihnen erstreckte. Im Kontrast dazu bewegte sich die ferne Reihe schwarzer Gestalten durch triste Schatten.</p><p>�Ja�, sagte sie und r�ckte ihren Tornister zurecht. �Ich bin so weit.� Ohne einen Blick zur�ck folgte sie ihm den Westhang der letzten Klippe hinunter; es war der Beginn ihrer langen Reise zur H�hle der Drachin.</p><p>In der Ferne blieb die Gestalt eines Mannes, ber�hrt von einem dunkleren, unsichtbaren Schatten, einen Augenblick stehen, blickte hinauf in die H�gel und setzte dann seinen Weg ins Reich der Firbolg fort.</p></section><section><title><p>1</p></title><p>In der Morgend�mmerung, am Rand des Vorgebirges, planten sie ihre weitere Route durch die L�nder n�rdlich der Grenze zwischen Avonderre und Navarne. Ashe behauptete, die H�hle von Elynsynos liege im alten Wald, nordwestlich von Llaurons Reich und dem ausgedehnten lirinschen Wald von Tyrian, sodass sie der Sonne folgen und sich dann am Tara�fel nach Norden wenden w�rden.</p><p>Als sie die Stelle erreichten, an der die H�gel am Rand des Gebirges in felsige Steppe �bergingen, lenkte Ashe Rhapsody auf einmal in ein Dickicht immergr�ner B�ume. Sie folgte ihm rasch und versteckte sich; sie konnte selbst Ashe kaum sehen.</p><p>�Was ist los?�, fl�sterte sie in die dunklen Zweige, deren dichte, duftende Nadeln jetzt, zu Beginn des Fr�hjahrs, weich und frisch waren.</p><p>�Ich habe gerade eine bewaffnete Karawane gesichtet�, antwortete er mit ged�mpfter Stimme.</p><p>�Unterwegs in Richtung Ylorc.�</p><p>Rhapsody nickte. �Ja, das ist die vierw�chentliche Postkarawane.�</p><p>�Postkarawane?�</p><p>�Ja, Achmed hat einen vierw�chentlichen Zyklus von Karawanen eingerichtet, die zwischen Ylorc, Sorbold, Tyrian und Roland hin und her reisen. Jetzt, da es ein Handelsabkommen zwischen den Bolgs und Roland gibt, dachte er, es sei sinnvoll, daf�r zu sorgen, dass Nachrichten und Transporte von Soldaten aus Roland begleitet werden, damit sie nicht Opfer dieser unerkl�rlichen �berf�lle werden, die seit einiger Zeit immer h�ufiger werden. Ein Kontingent kommt immer am selben Wochentag an, und wenn es nicht eintrifft, macht sich der Posten, der die Karawane in diesem Fall erwartet hat, auf die Suche, um eventuell eingreifen zu k�nnen. Jede Karawane braucht zwei Zyklen oder acht Wochen, um einmal den ganzen Weg zwischen Roland, Tyrian, Sorbold und Ylorc zur�ckzulegen. Bisher hat es ganz gut geklappt.� <emphasis>Und Llauron hat die Gelegenheit genutzt, mir geh�rig damit auf die Nerven zu gehen, dass ich ihm Informationen schicken soll,</emphasis> f�gte Rhapsody im Stillen hinzu. Bisher war sie nicht sehr mitteilsam gewesen. Sie erw�hnte auch nicht, dass die heikelsten Nachrichten nicht den Soldaten in der Karawane anvertraut wurden, sondern V�geln. Achmed hatte eine ganze Schwadron fliegender Boten aufgebaut, welche die wichtigsten Sendschreiben durch die L�fte an ihren Zielort bef�rderten. Auch Llauron griff auf gefl�gelte Boten zur�ck. Ashe erwiderte nichts. Rhapsody wartete eine Weile, und als dann immer noch keine Reaktion erfolgte, wandte sie sich um und wollte das Dickicht verlassen. �Warte.�</p><p>�Was ist denn jetzt schon wieder, Ashe?� In der Dunkelheit zwischen den Zweigen war er immer noch schlecht zu sehen. �Wir m�ssen hier ausharren. Ich dachte, du h�ttest verstanden, dass wir nicht gesehen werden d�rfen, wenn wir gemeinsam �ber Land reisen.�</p><p>Rhapsody zog ihren Umhang enger um sich. �Ja nat�rlich ... wenn wir auf dem freien Feld angreifbar sind oder uns auf unbekanntem Gebiet befinden. Aber das da drau�en ist doch nur die Postkarawane.�</p><p>�Nein, diese Vorsichtsma�nahme gilt <emphasis>immer</emphasis>. Ohne Ausnahme. Verstanden?�</p><p>Sein Ton �rgerte sie; seine Stimme hatte einen entschlossenen Unterton, den sie nie zuvor von ihm geh�rt hatte eine Mahnung daran, wie wenig sie Ashe eigentlich kannte und dass sie die Einw�nde, die Achmed und Grunthor von Anfang an gegen ihre Reise mit ihm vorgebracht hatten, wom�glich untersch�tzte. Rhapsody seufzte, und ein Teil ihrer Zuversicht l�ste sich auf wie Nebel in der kalten Luft. �Nun gut�, erwiderte sie. �Dann warten wir eben, bis die Karawane vor�bergezogen ist. Sag mir Bescheid, wenn sie au�er Sichtweite sind.�</p><p>Sie �berquerten die Steppen und Ein�den der Krevensfelder, sich stets in nordwestlicher Richtung haltend, sodass sie nur die Au�enbezirke der Provinz Bethe Corbair streiften und die Stadt selbst ganz umgingen. Die Reise gestaltete sich beschwerlich; das Terrain war holprig und unwirtlich, und im Schlamm, den der stetige Fr�hjahrsregen zur�cklie�, kam man schlecht vorw�rts. Mehrmals blieb Rhapsody im Morast stecken. Ashe bot seine Hilfe an, aber sie wies ihn h�flich ab, w�hrend sie sich vor sich hin murmelnd befreite. Die entspannte Vertrautheit, die sich in Ylorc zwischen ihnen entwickelt hatte, schien jetzt, da sie allein waren, verschwunden zu sein. Rhapsody hatte keine Ahnung, warum, obwohl sie fand, dass sich einiges auf Ashes Launenhaftigkeit zur�ckf�hren lie�. Manchmal war er recht nett, scherzte mit ihr oder vertrieb ihr die Zeit, wenn sie lagerten, mit netter, wenn auch banaler Konversation. Dann wieder bekam sie das Gef�hl, dass ihn etwas belastete oder dass er sogar ver�rgert war; ganz unerwartet fuhr er sie dann an, wenn sie etwas zu ihm sagte, als st�rte sie ihn in seinen �berlegungen. Es war, als h�tte er zwei verschiedene Pers�nlichkeiten, und weil sein Gesicht ja stets verborgen blieb, hatte Rhapsody keine M�glichkeit zu erraten, welche im jeweiligen Augenblick vorherrschend war. Demzufolge verbrachten sie den gr��ten Teil der Zeit schweigend.</p><p>Als sie die weiten Felder von Bethe Corbair und die s�dwestliche Ecke der Provinz Yarim durchquert hatten, wurde es ein wenig besser. Sie folgten den letzten Spuren des Winters; vor wenigen Wochen war im Bolg-Land der Fr�hling eingezogen, aber hier war der Boden noch gefroren und das Tauwetter setzte gerade erst ein. Das Gel�nde war einfacher zu begehen, und es regnete auch weniger, was ihre Stimmung verbesserte. Dennoch war ihnen beiden bewusst, wie wenig Deckung sie hatten, und sie mussten sich oft verstecken, wenn Ashe Soldaten oder Reisende sp�rte. F�r gew�hnlich konnte Rhapsody diese nicht sehen, aber sie hatte sich daran gew�hnt, pl�tzlich von hinten gepackt und in ein Dickicht oder eine dichte Baumgruppe gezerrt zu werden. Sie sah die Notwendigkeit dieser Ma�nahmen durchaus ein, aber sie verbesserten ihre Beziehung zu Ashe keineswegs.</p><p>Nach mehreren Wochen der Wanderung erreichten sie die Provinz Canderre, ein Land, in dem es mehr Wald und gr�ne T�ler gab als in Bethe Corbair und auch in Yarim. Die Spannung lockerte sich ein wenig; im Wald schien Ashe ruhiger zu werden. Vermutlich kam es daher, dass sie hier nicht mehr so deutlich erkennbare Zielscheiben waren wie auf den weiten, ungesch�tzten Ebenen.</p><p>Nun unterhielten sie sich auch etwas mehr, wenn auch immer noch nicht sehr h�ufig. Ashe war zwar meist freundlich und gelegentlich sogar lustig, aber er hielt Rhapsody immer auf Abstand. Nie teilte er ihr seine Gedanken mit, nie erz�hlte er von seiner Vergangenheit, nie nahm er seine Kapuze ab. Allm�hlich fragte Rhapsody sich ernsthaft, was nur mit seinem Gesicht passiert war, das er so strikt verbarg. Sie w�nschte, er w�rde ihr mehr vertrauen. Durch seine Art, sich abzusondern, konnte auch sie nicht anders, als ihm gegen�ber auf der Hut zu bleiben.</p><p>Das Einzige, wogegen er zu ihrer �berraschung nichts einzuwenden hatte, waren ihre t�glichen Gebete. Jeden Morgen und jeden Abend begr��te sie die Sonne und die Sterne mit einem Lied, allerdings immer mit ged�mpfter Stimme, vor allem, wenn sie die Steppe durchkreuzten. Aber sie wusste, dass ihr Brauch trotzdem ein gewisses Risiko in sich barg. Im Allgemeinen hatte sie Wache, wenn die Morgend�mmerung kam, und so war ihr Morgengebet f�r ihn der Weckruf. Wenn am Abend die D�mmerung hereinbrach, entschuldigte sie sich und suchte sich in einiger Entfernung eine Lichtung, um ihn nicht zu st�ren. Wenn sie zur�ckkam, lie� er nie irgendeine Bemerkung fallen und war immer noch mit dem besch�ftigt, was er getan hatte, als sie weggegangen war. Der Wald wurde dichter, und es zeigte sich, dass sie nun den wichtigsten und schwierigsten Teil der Reise angetreten hatten. Sie befanden sich im Gro�en Wald, der den gr��ten Teil des westlichen Canderre und den ganzen Norden von Navarne und Avonderre bedeckte, bis hinauf zum Meer. Die H�lfte des Weges war geschafft, Ashe hatte die Route bestens ausgearbeitet und eingehalten. Bis jetzt waren keine gr��eren Schwierigkeiten aufgetreten; obgleich es nur wenige Landmarken gab, nach denen man sich richten konnte, waren die Sterne �ber den weiten Ebenen klar zu lesen und die Richtung einfach zu erkennen. Sie gingen nach Westen, immer der Sonne nach. Doch nun kam der schwierige Teil, der Hauptgrund, warum Rhapsody auf Ashes Dienste als F�hrer angewiesen war. Der Wald war dicht, dunkel und richtungslos, hier konnte man sich leicht verirren. Obwohl Rhapsody nichts gesagt hatte, bemerkte Ashe ihre zunehmende Nervosit�t.</p><p>�Du machst dir Sorgen.�</p><p>�Ein wenig�, gab sie zu. Ihre Stimmen durchbrachen die Stille des Waldes und hatten einen seltsamen Klang.</p><p>�Ich war schon des �fteren hier, ich kenne mich aus�, erwiderte er. In seinem Ton war nichts von der Gereiztheit zu h�ren, die eine Weile so typisch f�r ihn gewesen war.</p><p>�Ich wei߫, meinte Rhapsody mit einem schwachen L�cheln. �Aber ich bin noch nie einem Drachen begegnet, und deshalb ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass ich mir ein wenig Sorgen mache. Ist sie gro� f�r einen Drachen, meine ich?�</p><p>Ashe lachte leise. �Ich habe nie behauptet, ein Drachenkenner zu sein. Ich habe auch nicht gesagt, dass ich sie kenne. Ich habe nur erz�hlt, dass ich in der N�he ihrer H�hle war.�</p><p>�Oh.� Rhapsody schwieg, statt ihren unausgesprochenen Fragen Ausdruck zu verleihen, denn sie wusste, dass Ashe sie ohnehin nicht beantworten w�rde.</p><p>�Vielleicht sollten wir zum Abendessen eine Pause einlegen�, schlug er vor. �Nach meiner Erfahrung beruhigt Essen manchmal die Nerven. Au�erdem bist du an der Reihe mit Kochen.� Sein Ton klang schelmisch.</p><p>Rhapsody l�chelte. �Aha, das ist also ein Trick. Na gut, ich koche. Hier sind wir sicher genug, um ein Feuer zu machen, meinst du nicht?� W�hrend sie auf den Ebenen gewesen waren, hatte sie selten ein Feuer angez�ndet, denn beiden war klar gewesen, dass es in der vollkommenen Dunkelheit wie ein Signal gewirkt h�tte.</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Gut�, meinte sie, und ihre Stimmung hob sich etwas. �Ich werde mal nachschauen, was ich in der N�he finde, wenn ich ein bisschen herumst�bere.�</p><p>�Geh nicht zu weit weg.� Ashe h�rte sie seufzen, als sie sich ins Unterholz begab. Ein paar Minuten sp�ter kehrte sie aufgeregt zur�ck. �Warte nur, bis du siehst, was ich gefunden habe�, sagte sie und lie� sich mit �bergeschlagenen Beinen auf der Lichtung nieder, die sie als Nachtlager auserkoren hatten. Sie nahm ihren Tornister auf den Scho� und kramte darin herum.</p><p>Ashe sah zu, wie sie ein Tuch auf dem frischen Fr�hlingsgras ausbreitete, in einem verbeulten Blechtopf verschiedene Dinge miteinander vermischte, das Ganze zudeckte, ein kleines Loch buddelte und den Topf darin versenkte. Neben ihm grub sie noch zwei Kartoffeln aus ihrem Proviant mit ein und entz�ndete dann direkt dar�ber ein Feuer. W�hrend es brannte, entkernte sie drei kleine �pfel, die sie im Wald gefunden hatte, �berbleibsel vom letzten Herbst, und w�rzte sie mit einem Pulver, das sie in einem Beutel in ihrem Tornister aufbewahrte. Dann h�ngte sie einen Topf �bers Feuer, in den sie zuvor klein geschnittenen Lauch und wilden Meerrettich gegeben hatte. Nach einer Weile nahm sie den Topf vom Feuer und legte die �pfel in die Glut. Binnen kurzem begannen sie zu brutzeln und einen ganz bemerkenswerten Geruch zu verstr�men, der Ashe das Wasser im Munde zusammenlaufen lie�.</p><p>Schlie�lich holte Rhapsody die �pfel aus dem Feuer, legte sie zum Abk�hlen beiseite und grub den Blechtopf und die Kartoffeln aus. Dann deckte sie den Topf ab und sch�ttelte ihn gut durch. Ein kleiner Brotlaib, leicht nussig und lecker duftend, kam zum Vorschein und landete auf dem Tuch. Als Letztes r�hrte sie die Lauchsuppe noch einmal kr�ftig um, die in der verrauchten Luft einen ganz anderen, nicht minder k�stlichen Geruch verstr�mte.</p><p>Als sie den dampfenden Brotlaib aufschnitt und aus ihrem Tornister noch ein St�ck Hartk�se zutage f�rderte, nahm Ashes Appetit noch zu. Mit ge�bten Bewegungen schnitt sie den K�se klein und legte ihn auf das Brot, wo er schmolz, w�hrend sie ihm die restlichen Bestandteile des Mahles auftischte.</p><p>�Hier. Ich f�rchte, es ist alles sehr einfach, aber es m�sste deinen Hunger eigentlich f�r die Nacht stillen.�</p><p>�Danke.� Ashe setzte sich neben sie und zog das Tuch n�her zu sich heran. �Das sieht gut aus.� Er beobachtete, wie sie selbst das Essen versuchte, und nahm dann abwechselnd einen Bissen von allem, was sie auch a�.</p><p>�Es ist leider nicht sehr viel�, meinte sie entschuldigend. �Nur ein kleines Volkslied.�</p><p>Ashe hatte den Mund voll von gew�rztem Apfel. �Hmmm?�</p><p>�Man kann nicht viel komponieren, wenn man nur die Zutaten hat, die sich in unmittelbarer N�he befinden.�</p><p>Er schluckte seinen Bissen hinunter. �Komponieren?�</p><p>Rhapsody l�chelte die verh�llte Gestalt an. �Nun ja, ein wirklich gut geplantes Mahl hat all die aromatischen Bestandteile eines guten Musikst�cks.� Da sie keine Antwort bekam, fuhr sie mit ihrer Erkl�rung fort, in der Hoffnung, Ashe w�rde sie nicht so t�richt finden wie Achmed. �Wei�t du, wenn man gen�gend dar�ber nachdenkt, wie bestimmte Dinge von den Sinnen aufgenommen werden, kann man ihre Wirkung beeinflussen. Wenn man beispielsweise ein intimes Abendessen plant, m�chte man das Ganze vielleicht wie ein kleines Orchesterkonzert gestalten. Also nimmt man f�r die Bassgeigen eine reichhaltige Suppe. F�r die Violinen ein paar knusprige Kekse, gekr�nt mit s��er Butter und Honig. Man k�nnte etwas Leichtes servieren, scharfes, knackiges Gem�se in einer Orangensauce f�r die schelmische Fl�tenstimme. Zuerst entscheidet man also, wie man sich das Essen als Musikst�ck vorstellt, dann stellt man die Speisen so zusammen, dass sie zur Atmosph�re passen.�</p><p>Ashe nahm einen Bissen Brot. �Spannend. Eine Manipulation, aber spannend.� Der Nussgeschmack mischte sich vortrefflich mit dem K�se, sodass beides viel gehaltvoller wirkte, als es allein je h�tte sein k�nnen.</p><p>�berrascht sah Rhapsody ihn an. �Du findest, es ist eine Manipulation? Das verstehe ich nicht.� Er antwortete nicht. �Kannst du mir erkl�ren, was du damit meinst?�, beharrte sie. I</p><p>Ashe nahm den n�chsten Bissen. �Ist der Tee fertig?�</p><p>Wortlos stand Rhapsody auf und ging zum Feuer. Am besten fand sie den Tee aus den Gaben des Sommers: Himbeerbl�tter und Hagebutten, Gagelstrauch und rote Sumachbeeren. Die Kr�uter, die sie hier entdeckt hatte, waren nicht die beste Mischung Platane und Rotulme, L�wenzahnwurzeln und Schafgarbe, aber sie hatten milde, gesunde Eigenschaften. So goss sie eine Tasse mit der dampfenden Fl�ssigkeit voll und reichte sie Ashe, noch immer mit gerunzelter Stirn und auf eine Antwort wartend.</p><p>Doch es kam keine. Die Gestalt im Umhang hob die Tasse zur Kapuze hoch und nippte daran. Aber dann sprang Rhapsody vor Schreck in die H�he, denn Ashe spuckte den Tee mit einer Heftigkeit aus, dass er zischend ins Feuer spritzte.</p><p>�Pfui Teufel, was ist das denn?�, rief er ungehalten, und Rhapsody sp�rte, wie ihr Blut zu kochen begann.</p><p>�Na ja, jetzt ist es Kr�uterdampf, aber vor deiner ausgesprochen reifen Reaktion war es Tee.�</p><p>�Ein neuer und ungew�hnlicher Gebrauch des Wortes, w�rde ich sagen.�</p><p>Rhapsody wurde immer w�tender. �Nun, es tut mir Leid, dass du ihn nicht magst, aber es war die beste Kr�utermischung, die ich finden konnte. Alles sehr gesund.�</p><p>�Wenn einen der Geschmack nicht schon umgebracht hat.�</p><p>�Das n�chste Mal werde ich darauf achten, dass ich S��holz f�r dich finde. Bis jetzt war mir noch nicht klar, dass du so n�tig ein Abf�hrmittel brauchst.�</p><p>Sie meinte ein leises Lachen zu h�ren, als der Vermummte sich erhob und zu seinem eigenen Tornister ging. Einen Augenblick kramte er darin herum und fand schlie�lich, wonach er gesucht hatte.</p><p>�Du k�nntest etwas von diesem hier machen.� Damit warf er ihr einen kleinen Leinensack zu, der mit einem Band aus Rohleder zugebunden war.</p><p>Rhapsody �ffnete das S�ckchen, hielt es sich an die Nase und atmete das Aroma ein. Angewidert zog sie die Nase zur�ck.</p><p>�Gott, was ist das denn?� Sie hielt den Sack ein gutes St�ck von ihrem Gesicht entfernt.</p><p>�Kaffee. Eine Spezialmischung aus Sepulvarta.�</p><p>�Uch. Das ist ja ekelhaft.�</p><p>Ashe lachte. �Du bist sehr engstirnig, wei�t du. Ehe du etwas als ekelhaft abtust, kannst du es doch zumindest versuchen.�</p><p>�Nein, danke. Das riecht wie Dreck aus einem Stinktiergrab.�</p><p>�Nun, sei�s drum, ich mag Kaffee, und zwar wesentlich lieber als deinen scheu�lichen Tee.�</p><p>Rhapsody machte ein langes Gesicht, und er beeilte sich, den Schaden wieder gutzumachen.</p><p>�Obwohl ich nat�rlich schon glaube, dass der Tee, den du machst, wenn du nicht im Wald und unabh�ngig von dieser begrenzten Pflanzenauswahl bist...�</p><p>�Erspar mir deine Reden�, entgegnete sie kalt. �Es ist dein gutes Recht, meinen Tee nicht zu m�gen. Niemand hat behauptet, er w�re lecker; er ist nur gesund. Und wenn du dich mit diesem Gallenzeug vergiften m�chtest, will ich dich nicht zur�ckhalten. Aber du kannst deinen Kaffee selbst kochen, ich habe nicht das Bed�rfnis, seine D�mpfe einzuatmen. Genau genommen denke ich, ich sollte mir einen anderen Lagerplatz suchen, bis du fertig bist.�</p><p>Damit erhob sie sich und ging vom Feuer weg in den Wald. Ihr Essen blieb zum gro�en Teil unber�hrt zur�ck.</p><p>Nur wenige Worte wurden an diesem Abend zwischen ihnen gewechselt. Nach Sonnenuntergang, als sie ihre Vesper gesungen hatte, kam Rhapsody zur�ck und machte es sich f�r die Nacht in ihrer Ecke des Lagers gem�tlich.</p><p>Ashe reparierte gerade einen seiner Stiefel, als sie in den Feuerschein trat, und beobachtete, wie sie an den Flammen vorbeiging. Er hatte l�ngst bemerkt, welche Wirkung sie auf das Feuer aus�bte und wie es ihre Stimmung spiegelte. Jetzt knackte und zischte es in unausgesprochener Wut. Offensichtlich hatte sie sein beleidigendes Verhalten noch nicht �berwunden, wahrscheinlich weil er sich nicht daf�r entschuldigt hatte. Also beschloss er, das jetzt zu tun. �Es tut mir Leid wegen vorhin�, sagte er und drehte den Stiefel um, ohne sie anzuschauen.</p><p>�Du kannst die Sache ruhig vergessen.�</p><p>�Na gut�, entgegnete er und zog den Stiefel wieder an. �Dann vergesse ich sie. Ich w�nschte, es g�be mehr Frauen, die mich so leicht davonkommen lassen.�</p><p>Rhapsody rollte ihren Mantel zusammen und stopfte ihn als Kissen unter ihren Kopf. Der Boden war mit Baumwurzeln und Steinen �bers�t, sodass es kaum einen bequemen Schlafplatz gab. �Unsinn�, widersprach sie. �Deine Mutter hat dir bestimmt alles durchgehen lassen.�</p><p>Ashe lachte. �Ein Punkt f�r dich�, r�umte er ein und gebrauchte damit einen Ausdruck der Schwertkampflehrer. �Dann kann ich also davon ausgehen, dass meine Entschuldigung angenommen ist?�</p><p>�Gew�hn dich lieber nicht zu sehr an den Gedanken�, brummte Rhapsody aus dem Innern ihrer Deckenrolle, doch eine Spur von Humor war in ihre Stimme zur�ckgekehrt. �Spucken verzeihe ich nur ganz selten. Gew�hnlich w�rde ich dir in einem solchen Fall das Herz herausrei�en, obwohl es bei dir ganz danach aussieht, als h�tte das schon jemand anderes erledigt.� Damit schloss sie die Augen und wollte einschlafen. Einen Sekundenbruchteil sp�ter drang ein Summen an ihr Ohr, und sogar hinter ihren geschlossenen Lidern konnte sie sehen, dass ein blauwei�es Licht die Dunkelheit erf�llte. Die scharfe Metallspitze eines Schwerts piekte direkt unter dem Kinn in ihren Hals. Vorsichtig �ffnete sie die Augen.</p><p>�ber ihr stand Ashe. Selbst in der Dunkelheit sah man seiner verh�llten Gestalt die Anzeichen seines unb�ndigen Zorns an. Mit einer gemeinen Drehung des Handgelenks dr�ckte er die Schwertspitze tiefer in ihren Hals, gerade so weit, dass die Haut unverletzt blieb. In seiner Kapuze funkelten zwei Lichtpunkte.</p><p>�Steh auf�, zischte er und trat heftig gegen ihren Stiefel.</p><p>Rhapsody erhob sich, dem Schwert gehorchend. Es pulsierte in bl�ulichem Licht, einem Licht, das sie in der Schlacht aus dem Augenwinkel gesehen hatte, aber nie zuvor aus der N�he. Es war ein Bastardschwert, eine Waffe mit breiter Klinge und breitem Heft, l�nger als ihr eigenes. Sowohl Griff als auch Klinge waren verziert mit schimmernden blauen Runen, doch diese waren nicht der faszinierendste Teil.</p><p>Die Klinge selbst n�mlich sah aus, als w�re sie fl�ssig. Sie schwebte in der Luft und kr�uselte sich zum Griff hin wie Meereswellen, die ans Ufer schlagen. Von der w�ssrigen Waffe stieg ein Nebel auf wie Rauch von den Feuern der Unterwelt und bildete vor Rhapsody einen Nebeltunnel, einen beweglichen Tunnel, an dessen Ende ein Fremder stand, mit Mordgier in den Augen. Dies wusste sie, auch wenn sie seine Augen nicht klar sehen konnte, denn er h�tte ihr eine Waffe, die eine solche Macht besa�, niemals gezeigt, wenn er nicht sicher gewesen w�re, dass f�r sie dieser Anblick nur von kurzer Dauer sein w�rde. Eine t�dliche Ruhe �berkam Rhapsody. Sie starrte durch den nebligen Tunnel auf den Mann im Umhang auf der anderen Seite. Er schwieg, aber sein Zorn war sp�rbar, �berall in der Luft um sie herum.</p><p>Als er nach einem weiteren endlosen Augenblick noch immer nicht sprach, beschloss Rhapsody, etwas zu sagen.</p><p>�Warum musste ich aufstehen? Bist du zu ritterlich, um mich zu t�ten, w�hrend ich schlafe?�</p><p>Ashe antwortete nicht, sondern dr�ckte noch ein bisschen st�rker zu. Einen Augenblick lang wurde Rhapsody schwarz vor den Augen, weil kaum Blut in ihren Kopf kam. Doch sie nahm alle Kraft zusammen und starrte weiter in seine Richtung.</p><p>�Nimm das Schwert augenblicklich weg oder t�te mich einfach�, befahl sie kalt. �Du st�rst mich beim Schlafen.�</p><p>�Wer bist du?� Ashes Stimme klang erstickt vor m�rderischer Wut. Rhapsody horchte unwillk�rlich auf, denn diese Worte hatte sie schon einmal geh�rt, und zwar von einem anderen in einen Umhang geh�llten Fremden. Fast genau so hatte sie Achmed kennen gelernt. Sein Ton war �hnlich m�rderisch gewesen, als er in ihrem Tornister gew�hlt hatte, w�hrend Grunthor sie im Schatten ihres ersten gemeinsamen Lagerfeuers festgehalten hatte.</p><p><emphasis>Wer bist du?</emphasis></p><p><emphasis>He, Finger weg!</emphasis></p><p><emphasis>An deiner Stelle war ich jetzt sch�n brav, Herzchen. Er hat dich was gefragt</emphasis>.</p><p><emphasis>Darauf habe ich doch schon geantwortet. Ich bin Rhapsody. Und jetzt nimm deine H�nde aus meinen Sachen, sonst geht noch was kaputt</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich mache nichts kaputt, es sei denn absichtlich. Also, ich frage noch einmal: Wer bist</emphasis> du? Sie seufzte im Stillen. �Anscheinend muss ich bis in alle Ewigkeit derartige Gespr�che mit M�nnern f�hren, die mir etwas antun wollen. Mein Name ist Rhapsody. Das wei�t du doch l�ngst, Ashe.�</p><p>�Offensichtlich wei� ich �berhaupt nichts �ber dich�, entgegnete er mit leiser, t�dlicher Stimme. �Wer hat dich geschickt? Wer ist dein Meister?�</p><p>Das letzte Wort tat weh, denn es rief eine Explosion von Erinnerungen in ihr hervor, entstanden in der Qual des Stra�enlebens, der Erniedrigung und erzwungenen Prostitution.</p><p>�Wie kannst du es wagen? Ich habe keinen Meister. Was willst du damit andeuten?�</p><p>�Dass du eine L�gnerin bist, bestenfalls. Schlimmstenfalls bist du eine Verk�rperung des B�sen und wirst f�r das Leid und die Schmerzen sterben, die du anderen seit Anbeginn der Zeit zugef�gt hast.�</p><p>�Himmel! Was f�r Schmerzen denn?�, fragte Rhapsody ungl�ubig. �Und nenn mich nicht L�gnerin, du t�richte Memme. Wenn hier einer l�gt, dann du! Du hast meinen Freunden versprochen, ich w�re bei dir in Sicherheit. Wenn du vorhattest, mich zu t�ten, so h�tte ich an dem von dir gew�nschten Treffpunkt mit dir gek�mpft. Du h�ttest mich nicht in die W�lder locken m�ssen, um ungestraft davonzukommen, du feiges St�ck Bolg-Dreck.�</p><p>Ashe richtete sich noch ein St�ck weiter auf; das Schwert r�hrte sich nicht von der Stelle. Doch dem Anschein nach hatte sich seine Wut ein wenig gelegt. Rhapsody h�tte nicht mit Bestimmtheit sagen k�nnen, woher sie es wusste, aber sie war sich dennoch dessen sicher.</p><p>�Gestehe, wer dich geschickt hat, dann verschone ich dein Leben�, sagte er, und seine Stimme klang schon ein klein wenig vern�nftiger. �Sag mir, wer der Wirt ist, dann lasse ich dich gehen.�</p><p>�Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon du da faselst�, gab sie �rgerlich zur�ck. �Mich schickt niemand.�</p><p>Noch einmal piekte Ashe sie heftig in den Hals. �L�g mich nicht an! Wer hat dich geschickt? Du hast zehn Sekunden, um mir einen Namen zu liefern, wenn dir dein Leben lieb ist.�</p><p>Einen Augenblick dachte Rhapsody scharf nach, denn sie wusste, dass er es todernst meinte. Es w�re einfach gewesen, irgendeinen Namen zu erfinden, in der Hoffnung, dass er sie in Ruhe lassen w�rde, um diesen Wirt zu suchen, von dem er da plapperte. Aber das �berleben war keine L�ge wert. Um sie herum lief die Zeit langsamer, und sie dachte an die Familie, mit der sie wieder vereint sein w�rde.</p><p>�Spar dir die M�he�, antwortete sie schlie�lich. �Ich wei� nicht, wovon du sprichst, und ich werde nicht l�gen, damit du mich am Leben l�sst.� Sie reckte ihm die Kehle entgegen, damit er besser zustechen konnte. �Los doch.�</p><p>Einen Augenblick war Ashe wie erstarrt, dann zog er das Schwert mit einer heftigen Bewegung, bei der Wassertropfen �ber ihr Gesicht und ins Feuer spritzten, von ihrem Hals zur�ck. Die Flammen zischten zornig. Doch er starrte sie weiterhin aus seiner nebligen Kapuze heraus an. Nachdem sie seinen Blick eine Weile fest erwidert hatte, sagte Rhapsody: �Ich wei� nicht, was in dich gefahren ist. Vielleicht ist dein Hirn von dem Stinktier-Urin ausgetrocknet, den du Kaffee nennst.� Sie holte tief Luft und griff auf ihre Wahrheitskunde zur�ck, �ber die sie als Benennerin verf�gte. �Auf alle F�lle ist dein Verhalten unverzeihlich. Ich bin keine L�gnerin und auch keine Verk�rperung des B�sen. Ich wei� nicht, warum du auf mich w�tend bist, aber ich habe keinen Meister, ich bin keines Menschen Hure, und ich wei� nichts von einem Wirt. Jetzt mach, dass du wegkommst. Ich werde den Drachen auch ohne dich finden.�</p><p>Ashe dachte kurz nach. �Was sollte die Bemerkung �ber mein Herz bedeuten?�</p><p><emphasis>Gew�hnlich w�rde ich dir in einem solchen Fall das Herz herausrei�en, obwohl es bei dir ja ganz danach aussieht, als h�tte das schon jemand anderes erledigt</emphasis>. Rhapsody machte ein ratloses Gesicht ihre Bemerkung hatte ein Scherz sein sollen. �Dass du herzlos bist und grob. Dass du das Essen, das ich f�r dich zubereitet habe, schlecht machen wolltest, dass du meinen Tee ausgespuckt hast, dass du gemein warst. Du bist ein unertr�gliches Schwein. Du selbst vertr�gst keinen Spa�, aber von anderen erwartest du es st�ndig. Du bist m�rrisch. Soll ich weitermachen? Als ich das vorhin sagte, wollte ich dich ein bisschen necken. Jetzt allerdings nicht mehr.�</p><p>Ashes Schultern entkrampften sich, und Rhapsody h�rte ein tiefes Ausatmen unter der Kapuze. Eine Weile noch starrten sie einander an. Dann senkte die Gestalt im Umhang den Kopf.</p><p>�Es tut mir sehr Leid�, sagte Ashe leise. �Dein Urteil �ber mich ist in allen Teilen zutreffend.�</p><p>�Da widerspreche ich dir nicht�, entgegnete Rhapsody, deren Herzschlag sich allm�hlich ein wenig beruhigte. �Jetzt geh. Wenn du immer noch k�mpfen willst, stehe ich dir gern zur Verf�gung. Ansonsten mach dich auf den Weg.�</p><p>Ashe steckte sein Schwert wieder in die Scheide. Sofort wurde es im Tal merklich dunkler. Das Feuer war im Rhythmus ihres Zorns aufgeflammt und brannte jetzt ebenfalls nieder, nachdem es in seiner Wut einiges von seinem Brennstoff verzehrt hatte.</p><p>�Wenn du m�chtest, dass ich gehe, warum hast du dir dann nicht einfach einen Namen ausgedacht? Ich h�tte dich hier gelassen, unversehrt. Du hast Gl�ck gehabt, aber du bist ein gro�es Wagnis eingegangen.�</p><p>�Was f�r ein Wagnis?�, fauchte Rhapsody. �Du hast mir eine Frage gestellt. Es gab nur eine m�gliche Antwort, und diese bestand nicht darin, einen Namen zu erfinden. Was, wenn ich es getan h�tte und der Name dann einem Unschuldigen geh�rt h�tte, dessen einziges Verbrechen darin bestand, dass er Pech hatte?�</p><p>Ashe seufzte. �Du hast Recht. Wir leben in schlimmen Zeiten, Rhapsody. Ich wei�, es steht dir an, mich f�r immer zu hassen, aber bitte, tu es nicht. Ich dachte, du w�rst jemand anderes, aber das bist du nicht, und ich bitte dich um Vergebung. Viele meiner Freunde und zahllose andere Unschuldige sind durch die finstere Hand ums Leben gekommen, durch die Hand des B�sen, das all diese �berf�lle verursacht. Einen Augenblick glaubte ich, du w�rst es.�</p><p>�Welch ein merkw�rdiger Zufall. Achmed hat dich im gleichen Verdacht.�</p><p>�Er ist kl�ger, als ich dachte�, meinte Ashe leise.</p><p>Rhapsody blinzelte verwundert. In seinen Worten lag eine Sch�rfe, die sie mitten in die Seele traf. �Was meinst du damit?�</p><p>�Nichts�, erwiderte er hastig, �gar nichts. Das war ein Missverst�ndnis.� Seine Stimme wurde wehm�tig. �Vielleicht hervorgerufen durch den Stinktier-Urin, wie du meinen Kaffee so �beraus freundlich bezeichnet hast.�</p><p>Rhapsody setzte sich wieder ans Feuer. �Wei�t du, Ashe, die meisten Leute tragen ihre Missverst�ndnisse auf einer anderen Ebene aus. Meine Nachbarin hat einmal einen Teller nach ihrem Ehemann geworfen. F�r gew�hnlich gehen sie nicht mit Waffen aufeinander los. Deshalb glaube ich nicht, dass das, was zwischen uns vorgefallen ist, gemeinhin als Missverst�ndnis durchgehen w�rde.�</p><p>�Es tut mir sehr Leid�, entgegnete er. �Bitte sag mir, was ich tun kann, um es wieder gutzumachen. Ich schw�re, es wird nicht wieder vorkommen. Ich wei�, du glaubst mir vielleicht nicht, aber es war eine �berreaktion auf das, was �berall im Land geschieht. Der Krieg kommt, Rhapsody, ich kann es f�hlen. Deshalb misstraue ich jedem, selbst denen, die gar nichts damit zu tun haben so wie du.�</p><p>An seiner Stimme h�rte sie, dass er die Wahrheit sprach. Sie seufzte und lie� sich ihre M�glichkeiten durch den Kopf gehen. Sie konnte ihn wegjagen, konnte sich weigern, auch nur einen weiteren Augenblick in seiner Gesellschaft zu verbringen, aber dann w�re sie allein im Wald und verloren. Sie konnte sich bereit erkl�ren, mit ihm Weiterzuziehen, aber auf der Hut bleiben, konnte Vorsichtsma�nahmen ergreifen, um weitere unangenehme Vorf�lle zu vermeiden. Oder sie konnte ihn beim Wort nehmen.</p><p>Sie war zu m�de, und so blieb ihr nur letztere M�glichkeit. �Na gut�, sagte sie schlie�lich.</p><p>�Vermutlich komme ich nicht drum herum, solange du versprichst, nie wieder die Waffe gegen mich zu ziehen. Schw�re es, dann vergessen wir, was vorgefallen ist.�</p><p>�Ich schw�re es�, sagte er. In seiner Stimme schwang ein Unterton des Staunens mit und noch etwas anderes, das sie nicht recht zu deuten wusste.</p><p>�Und wirf den Kaffee weg. Er verdirbt dir das Gehirn.�</p><p>Obwohl die Situation alles andere als lustig war, musste Ashe lachen. Er griff in seinen Tornister und zog den kleinen Sack hervor.</p><p>�Aber nicht ins Feuer�, rief sie hastig. �Sonst m�ssen wir den Wald verlassen. Vergrab ihn morgen fr�h mit den Abf�llen.�</p><p>�In Ordnung.�</p><p>Sie warf noch eine Hand voll Holz aufs Feuer. Es brannte niedrig, anscheinend war es auch m�de geworden. �Und du �bernimmst die erste Schlafschicht.�</p><p>�Einverstanden.� Ashe ging hin�ber zu seiner Schlafstelle, holte seine Decken hervor und kroch schnell darunter, als wollte er damit zeigen, wie fest er darauf vertraute, dass sie sich nicht an ihm r�chen w�rde, w�hrend er schlief. �Gute Nacht.�</p><p>�Gute Nacht.� Trotz allem, was vorgefallen war, sp�rte Rhapsody, wie sich ein L�cheln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie lehnte sich zur�ck und lauschte den n�chtlichen Ger�uschen des Waldes, der Musik des Windes und dem Gesang der Grillen in der Nacht. Dorndreher fluchte und spornte sein Pferd erneut an. Die orlandische Botschafterkarawane war ihnen mehrere Tage voraus, und er machte in seinen Bem�hungen, sie einzuholen, keinerlei Fortschritte. Eigentlich hatte Dorndreher keinen Bedarf nach ihrer Gesellschaft und auch keinerlei Wunsch danach; im Gro�en und Ganzen hielt er die Botschafterklasse von Roland f�r eine j�mmerliche Ansammlung tatteriger alter M�nner, die nicht in der Lage waren, eine direkte Erkl�rung abzugeben, ganz zu schweigen davon, einen zusammenh�ngenden Gedanken zu fassen. <emphasis>Marionetten,</emphasis> dachte er s�uerlich, <emphasis>samt und sonders. Unterwegs, dem neuen Herr der Ungeheuer ihre Ehrerbietung zu erweisen</emphasis>. Ihm fielen die Worte seines Meisters wieder ein, w�hrend er �ber den schlammigen Weg galoppierte, der in trockeneren Zeiten die orlandische Durchgangsstra�e war und Roland von der K�ste bis zum Rand der Manteiden zweiteilte; einst hatten die Cymrer die Stra�e gebaut.</p><p><emphasis>Alles, was du �ber Canrifin Erfahrung bringen kannst und dar�ber, welcher Irrsinn dort um sich greift. Alles, Dorndreher</emphasis>. Seine tiefe Stimme machte die in den Worten verborgene Drohung noch deutlicher.</p><p>Auch im Wind sp�rte Dorndreher die Drohung, trotz der milden Luft, welche die R�ckkehr des Fr�hlings ank�ndigte. Canrif war eine Ruine, der vermodernde Leichnam eines l�ngst verflossenen Zeitalters, ausgesetzt den raubgierigen Ungeheuern, die auf den Gipfeln umherschweiften und auf dem Wind dahintrieben, der die Erinnerung an das, was dort geschehen war, auch nach all dieser Zeit noch mit sich trug. Er wusste nicht, was er vorfinden w�rde, wenn er sich erst an dem d�rftigen Hof von Gwylliam dem Missbraucher und Anwyn der Manipulatorin aufhielt; aber er war sich sicher, dass es ihm kaum gefallen w�rde.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Freiherr Francis Pratt, der Abgesandte aus Canderre, blinzelte ein paarmal und schluckte nerv�s. Als der Posten vergeben worden war, hatte er Rheumatismus und eine unzuverl�ssige Blase vorgesch�tzt, um sich zu dr�cken, denn er war �berzeugt gewesen, dass eine m�gliche Beschneidung seines Amtes als Botschafter einer Versetzung nach Ylorc allemal vorzuziehen w�re. Doch all seine Bem�hungen waren auf taube Ohren gesto�en, und nun war er gezwungen, einem nicht menschlichen F�hrer zur Spitze der wirren Reihe von Abgesandten zu folgen, die grimmig darauf harrten, dem Firbolg-K�nig ihre Aufwartung zu machen. Seine Kollegen im diplomatischen Dienst waren ebenso au�er sich wie Pratt selbst. Kein Kammerherr war erschienen, um sie zu begr��en oder ihre Audienzen auch nur ann�hernd angemessen zu platzieren. Stattdessen wimmelten die Abgesandten hochrangiger Provinzen und Herzogt�mer v�llig orientierungslos umher und waren bedacht, eine Art selbst erfundener Hackordnung einzuf�hren. Dies rief indes unter den einflussreichen Botschaftern mehr Best�rzung hervor als unter den weniger wichtigen; die Gem�ter waren erhitzt und drohten au�er Kontrolle zu geraten, als die Abgesandten von Bethania und Sorbold sich dar�ber zu streiten begannen, wer denn nun n�her bei der T�r stehen d�rfe. An einem zivilisierten Hof w�ren die beiden niemals am selben Tag geladen und schon gar nicht sich selbst �berlassen worden, um einen derartigen Disput auszufechten.</p><p>Canderre, Pratts Heimat, besa� nur wenig politischen Einfluss. Unter den Provinzen von Roland galt es ganz allgemein als Region niederen Ranges, bev�lkert zum gro�en Teil von Gutsbesitzern, Handwerkern, Kaufleuten und Bauern. In Canderre lebte keine der ber�hmteren orlandischen Familien, obgleich einige F�rsten canderische Anwesen ihr Eigen nannten und Cedric Canderre, der Herzog der Provinz, aus einem angesehenen Geschlecht stammte. Daher war es ihm h�chst unangenehm gewesen, als die Firbolg-Wache ins Zimmer getreten war und hatte wissen wollen, wer der Anwesenden aus Canderre komme. Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, hinter einem Wandteppich zu verschwinden, war dann aber zu dem Schluss gekommen, dass ein solches Verhalten ihn das Leben kosten k�nne, nicht weil er sich versteckte, sondern weil die schweren Wandbeh�nge einen so gr�sslichen Gestank verstr�mten. Was immer hinter ihnen verborgen lag, konnte unm�glich der Gesundheit zutr�glich sein. So bekannte er sich denn zu seiner Rolle und fand zu seinem Entsetzen heraus, dass die Wache vorhatte, all die wartenden Gesandten zu �bergehen, um ausgerechnet ihn als Ersten beim Firbolg-Hof einzuf�hren. Ringsum gewahrte er das Erstaunen und den Zorn seiner Kollegen, und als er dem schauerlichen Mann in die Gro�e Halle folgte, sp�rte er die unsichtbaren Dolche im R�cken, die ihn f�rmlich durchbohrten.</p><p>Als er den riesigen Saal betrat, stie� er zun�chst einen Seufzer der Erleichterung aus. Im Gegensatz zu den Ger�chten, die man sich zuraunte, standen hier weder ein Knochenthron noch ein mit Menschensch�deln geschm�ckter Baldachin. Stattdessen sah er zwei riesige Marmorsessel vor sich, mit blaugoldenen Einlegearbeiten und mit Kissen gepolstert, die ganz offensichtlich aus uraltem Kunsthandwerk stammten. Staunend musterte er sie. Ohne Zweifel waren dies die legend�ren Thronsessel von Gwylliam und Anwyn, unver�ndert seit den Tagen, als dies der cymrische K�nigssitz gewesen war, jener Ort, den Gwylliam Canrif genannt hatte.</p><p>Auf einem dieser uralten Throne sa� der Firbolg-K�nig, gekleidet in schwarze Gew�nder, die sogar sein Gesicht verh�llten, sodass nur die Augen frei blieben. Freiherr Francis war dankbar; nach den Augen zu urteilen h�tte er zweifellos gezittert, wenn mehr von dem Gesicht zu sehen gewesen w�re. Durchdringend starrten diese Augen ihn an und begutachteten ihn wie eine Zuchtstute oder gar einen k�uflichen Gespielen. Hinter der Gestalt auf dem Thron stand ein Riese von immensen Ausma�en, ein breitgesichtiges, flachnasiges Ungeheuer mit fellartiger Haut, mehrfarbig wie alte Bluterg�sse. Seine Schultern waren so breit wie das Joch eines Pflugs mit zwei Ochsen, und er trug eine Paradeuniform, beh�ngt mit Medaillen und B�ndern. Freiherr Francis schwirrte der Kopf. Der Raum war von einer albtraumartigen Aura durchdrungen, in der alles seltsam unwirklich erschien.</p><p>Das einzige anscheinend normale Wesen im Raum sa� auf einem Podest nahe dem nicht besetzten Thronsessel. Es war ein junges M�dchen mit langem strohfarbenem Haar und einem unauff�lligen Gesicht. Was Pratts Aufmerksamkeit fesselte, war das Spiel, mit dem das M�dchen sich besch�ftigte; mit einem langen, d�nnen Dolch piekte es gedankenverloren, erstaunlich schnell und zielgenau zwischen die ausgestreckten Finger ihrer linken Hand. Beim Anblick dieser Geschicklichkeit schauderte es ihn unwillk�rlich.</p><p>�Wie ist Euer Name?�, verlangte der K�nig zu wissen. Sein Firbolg-Blut war nicht unmittelbar zu erkennen, aber er gab seinem Gegen�ber ja auch keinen anderen Anhaltspunkt als die beunruhigenden Augen. Der Gesandte kam zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich von gemischter Rasse war, denn sein K�rperbau �hnelte keinem der grausigen Exemplare der hiesigen Bewohner, die ihm bisher begegnet waren. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass die regul�re Hofetikette hier wohl kaum eingehalten werden w�rde.</p><p>�Freiherr Francis Pratt, Euer Majest�t, Abgesandter des Hofes von F�rst Cedric Canderre. Es ist mir eine Ehre, hier zu sein.�</p><p>�Ja, ja�, erwiderte der K�nig. �Ich bezweifle, dass Ihr es schon wisst, aber das werdet Ihr bald genug. Ehe wir zur Sache kommen: Gibt es etwas, was Ihr mir sagen sollt?�</p><p>Freiherr Francis schluckte seinen aufsteigenden Zorn hinunter. �Ja, Euer Majest�t.� Es war etwas Absto�endes daran, einen Bolg mit dem Titel anreden zu m�ssen, der nicht mehr verwendet worden war, seit der letzte wahre K�nig auf diesem Thron gesessen hatte. �Herzog Cedric schickt Euch seine Gl�ckw�nsche zu Eurer Thronbesteigung und w�nscht Euch eine lange und gl�ckliche Regentschaft.�</p><p>Der K�nig l�chelte, trotz des verh�llten Gesichts deutlich wahrnehmbar. �Ich freue mich sehr, das zu h�ren. Ich sage Euch, wie er daf�r sorgen kann, dass meine Regentschaft gl�cklich wird: Ich m�chte, dass Canderre f�r mich ein wirtschaftliches Experiment durchf�hrt.�</p><p>Freiherr Francis blinzelte. So direkt und ohne Umschweife hatte man noch nie zu ihm gesprochen. Im Allgemeinen geh�rte zur Kunst der Diplomatie ein anerkannter, komplizierter ritueller Tanz, einem Balzspiel nicht un�hnlich. In seiner Jugend hatte er dieses Spiel geliebt, aber er hatte den Geschmack daran verloren und legte nun mehr Wert auf Offenheit und Aufrichtigkeit als in fr�heren Zeiten. So empfand er die Direktheit des K�nigs erstaunlich erfrischend.</p><p>�Welch ein Experiment denn, Euer Majest�t?�</p><p>Der Firbolg-K�nig winkte mit der Hand, und schon traten zwei seiner Lakaien vor; einer trug einen wundersch�n geschnitzten Stuhl aus dunklem Holz, so schwarz wie Walnussholz, aber von einem tiefen, gl�nzenden Ton mit einem fast blauen Schimmer. Der andere Diener hielt ein Silbertablett, auf dem ein Kelch stand. Diese zierlichen Dinge wirkten in den haarigen Bolg-H�nden beinahe albern. Der Stuhl wurde hinter, der Kelch vor Francis gestellt.</p><p>�Setzt Euch.�</p><p>�Danke, Majest�t.� Freiherr Francis nahm Platz und griff nach dem Kelch. Verstohlen schnupperte er daran, sp�rte aber sofort, dass der K�nig es bemerkte. Der Wein hatte ein elegantes Bouquet.</p><p>Um seine Unh�flichkeit wettzumachen, nahm er einen gro�en Schluck. Noch ehe er den Wein richtig schmecken konnte, hatte er ihn schon geschluckt, doch es war ein �berraschend guter Tropfen, mit einem vollen, kr�ftigen K�rper und einem kaum wahrnehmbaren Beigeschmack. Wie die meisten Adligen in Canderre war auch Freiherr Francis ein Weinkenner, und die Wahl des K�nigs beeindruckte ihn. Er nahm noch einen Schluck. Es war ein junger Wein, zweifellos die Fr�hjahrslese, die noch ein wenig Zeit brauchte, um die volle Reife zu erlangen, aber eine gute Traube, die in ein, zwei Jahren exzellente Ernten erzielen w�rde.</p><p>Wieder winkte der K�nig, und zwei weitere Wachen kamen herein. Sie trugen ein riesiges Fischernetz, das sie vor Pratts F��en abluden. Er b�ckte sich, um eine Ecke davon aufzunehmen, merkte dann aber, dass er m�helos fast das ganze Netz auf einmal anheben konnte, was er sich niemals zugetraut h�tte. Er wusste, dass Netze dieser Gr��e ein enormes Gewicht hatten, aber aus irgendeinem Grund wog dieses nur einen Bruchteil davon. Der Wert der fremdartigen Faser war ihm augenblicklich klar.</p><p>�Woher habt Ihr das?�</p><p>Der Firbolg-K�nig seufzte entnervt. �Verschont mich bitte mit dem Eindruck, dass Cedric Canderre mir einen Narren geschickt hat.�</p><p>Freiherr Francis err�tete. �Es tut mir Leid.�</p><p>Auf dem Gesicht des Riesen erschien ein breites Grinsen, bei dem groteske Z�hne sichtbar wurden. �Na ja, wir ham es schon die ganze Zeit gedacht, aber wir sind viel zu h�flich, um es laut auszusprechen.�</p><p>�Nat�rlich haben wir es hergestellt. Was haltet Ihr davon, Pratt?�</p><p>�Es ist... verbl�ffend.� Francis drehte das Netz in den H�nden. �Die Verarbeitung ist gro�artig, ebenso wie das Material.�</p><p>Der Firbolg-K�nig nickte und winkte abermals. Vor den F��en des Abgesandten wurde eine gro�e Truhe abgeladen. Der Abgesandte �ffnete sie, und was er herausholte, lie� ihn erneut err�ten. Es war ein Satz Unterw�sche, gefertigt aus geh�kelten Seidenfasern oder jedenfalls aus etwas, was aussah wie Seide. Es war weicher als Sommerf�den und hatte einen nat�rlichen Glanz, aber das Anziehendste daran war der Schnitt: Sparsam und skandal�s, und dennoch wundersch�n und elegant, wie die feineren und seri�seren Mieder und Unterkleider, f�r deren Herstellung Canderre ber�hmt war. Francis konnte sich keinen Reim darauf machen, wie das Kleidungsst�ck entstanden war eine Situation, die er angesichts seiner Ausbildung und seiner Vergangenheit schlicht f�r unm�glich gehalten h�tte.</p><p>�Wie nennt man das?�, erkundigte er sich.</p><p>�Unterw�sche, du Hohlkopf�, antwortete das M�dchen, ohne von ihrem Spiel aufzublicken.</p><p>�Ich nenn meine �Beulah��, verk�ndete der riesige Bolg hilfsbereit.</p><p>�Ich meinte die Fasern, den Herstellungsprozess�, entgegnete der Abgesandte.</p><p>�Spielt keine Rolle�, meinte der Firbolg-K�nig . Er warf einen kurzen Blick zu Grunthor hin�ber, und die beiden nickten sich zu. Soeben hatte sich best�tigt, dass Rhapsody f�r derlei Dinge eine Expertin war: Sie wusste, in welchen Kleidungsst�cken Frauen sich wohl f�hlten und in welchen M�nner sie sehen wollten. �Gef�llt es Euch?�</p><p>�Allerdings, es ist h�chst beeindruckend.�</p><p>�Wie ist es mit dem Wein?�</p><p>Der Botschafter riss verbl�fft die Augen auf. �Ist das ebenfalls ein Firbolg-Produkt?� Der verh�llte K�nig nickte. Pratt rieb sich den Hals und versuchte, mit seinen Bemerkungen und Gedanken ins Reine zu kommen. �Welche Form soll dieses wirtschaftliche Experiment haben?�</p><p>Der K�nig beugte sich ein wenig vor. �Wir m�chten herausfinden, wie gro� der Bedarf an solchen Dingen ist, ohne gleich ihre Herkunft preiszugeben.� Nun war es Freiherr Francis, der nickte. �Ich m�chte, dass Ihr die Sachen auf den Markt bringt und �ber Euer Handelsnetz verkauft. Man wird annehmen, dass sie aus Canderre stammen, und ihre Qualit�t anhand der hohen Ma�st�be beurteilen, die mit diesem Namen einhergehen.�</p><p>Francis l�chelte �ber das Kompliment. �Danke, Hoheit.�</p><p>�In einem Jahr werdet Ihr mir genauestens berichten, wie erfolgreich die Erzeugnisse waren. Ich warne Euch, Pratt, versucht nicht, mich zu hintergehen, denn das sch�tze ich ganz und gar nicht. Ich w�rde Euch gern anbieten, einmal mit jemandem zu sprechen, der es getan hat, aber gegenw�rtig ist keiner davon mehr am Leben.�</p><p>Der alternde Botschafter richtete sich zu voller Gr��e auf. �Ich versichere Euch, Hoheit, dass es in Canderre seit jeher eine Sache der Ehre ist, gesch�ftlichen Vereinbarungen nachzukommen.�</p><p>�Das ist mir bereits zu Ohren gekommen. Ich m�chte nur sicher gehen, dass es auch dann so gehandhabt wird, selbst wenn Eure Lieferanten Firbolg sind.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Gut. Wenn es am Jahresende Nachfrage gibt, was ich erwarte, schlie�en wir ein Handelsabkommen, in dem Canderre das Exklusivrecht garantiert wird, Bolg-Ware zu verkaufen, insbesondere Luxusartikel. Ebenfalls ziehen wir in Erw�gung, die Rohmaterialien zu verkaufen, die Ihr dann f�r Eure eigene Produktion verwenden k�nnt, insbesondere die Trauben und das Holz.�</p><p>Pratt machte ein verwirrtes Gesicht. �Holz?�</p><p>�Schaut unter Euern Hintern, kleiner Mann!�, rief der Riese lachend. Gehorsam untersuchte der Abgesandte den Stuhl, auf dem er sa�. Als er wieder aufblickte, war auf seinem Gesicht neuerliche Bewunderung zu sehen. �Nun, dies war ohne Zweifel ein bedeutsamer Tag.�</p><p>Der K�nig schmunzelte. �Also f�hlt Ihr Euch ehrlich geehrt, Pratt?�</p><p>�O ja, tats�chlich.� Auch Francis l�chelte. Auf eine seltsame Art traf es zu. Jahrhunderte waren verstrichen, seit die Stra�e nach Canrif so viel Verkehr erlebt hatte, wie Dorndreher ihn heute erlebte. Seit der Hochzeitszeremonie vor tausend Jahren hatte keine solche Schar hoffnungsvoller Abgesandter mehr die warten den Tore durchschritten, und nun taten sie dies anscheinend bereits seit Tagen. Fast h�tte er laut �ber die M�chtigen und Einflussreichen gelacht, die da �bereinander purzelten und so taten, als legitimierten sie die Regentschaft eines Ungeheuers �ber das, was vor langer Zeit einmal die reichste Festung dieser und der Welt davor gewesen war. Als Dorndreher merkte, dass er auf die gleiche Mission geschickt worden war wie die anderen, hielt er sich zur�ck: Auch er sollte herausfinden, wer der neue K�nig eigentlich war, sollte einen Blick von dem erhaschen, was einst der Glanz Canrifs gewesen war, und verhindern, dass das, was zweitausend Truppen aus Roland geschehen war, auch den Heeren all ihrer Heimatl�nder geschah.</p><p>Dorndreher war ein praktisch denkender Mann. Er konnte sie alle sehen, die Elite des Botschaftertums: Abercromby und Evans, Gittelson, Bois de Berne, Mateaus und Syn Crote, die bevorzugten Repr�sentanten all der orlandischen und sorboldischen Regenten und Segner, die ihren Abgesandten zweifellos samt und sonders die gleichen Anweisungen gegeben hatten. Die Vertreter aus Sorbold und der Neutralen Zone waren gekommen, ein paar Wochen vor den Abgesandten aus Hintervold und anderen fernen L�ndern. Die beiden religi�sen F�hrer des Kontinents der F�rbitter von Gwynwald, Oberhaupt des filidischen Ordens, und der Patriarch von Sepulvarta, F�hrer des patriarchalischen Glaubens, der die Oberherrschaft �ber die Segner aus�bte hatten ebenfalls ihre Vertreter geschickt. Die Neuigkeiten �ber den Firbolg-K�nig hatten sich in kurzer Zeit wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Wenn man den Ger�chten derer Glauben schenkte, die sich vorgedr�ngt hatten, um als Erste an den Hof vorgelassen zu werden, war es gescheiter zur�ckzubleiben. Die Vorderen konnten nicht umhin, �ber das, was sie gesehen, und �ber die Abmachungen, die sie geschlossen hatten, zu tratschen; schlie�lich wurde unter Botschaftern ebenso gern geprahlt wie unter Segnern und Herrschern. Doch Hackordnung und Wichtigtuerei k�mmerten Dorndreher nicht. Ihm ging es ausschlie�lich um Erkenntnisse. Letztendlich kam es auf den Zutritt nach Canrif an, das wusste Dorndreher. Ein K�nig, der schlau genug war, eine ganze, vom inzwischen verstorbenen gro�en Reitermarschall Rosentharn angef�hrte Brigade Roland-Krieger zu schlagen, h�tte alles so arrangiert, dass die Abgesandten das zu Gesicht bekamen, was er ihnen zeigen wollte, und den Eindruck gewannen, den sie nach seinem Willen gewinnen sollten. Vielleicht war es eine bessere Strategie, diese Dinge m�ndlich zu erfahren und seine Zeit in den R�umen von Ylorc damit zu nutzen, dass er nach dem Ausschau hielt, was <emphasis>nicht</emphasis> auf der Agenda stand. Selbst die kleinste Einzelheit konnte seinem Meister von Nutzen sein. Da Dorndreher, wie gesagt, ein praktischer Mensch war, erwartete er allerdings nicht, etwas wirklich Wichtiges herauszufinden.</p><p>�Ich ertrage das nicht mehr, ich komme noch um vor Langeweile. Gute Nacht.� Jo stand auf und lie� den Dolch in die Scheide an ihrem Handgelenk Zur�ckgleiten.</p><p>�Weiter�, sagte Achmed mit einem Blick auf die Liste. �Es sind nur noch ein paar.� Er hatte siebenundzwanzig Repr�sentanten von verschiedenen Staats und Kirchenoberh�uptern empfangen, von denen er nur zwei wirklich hatte sehen wollen; auch er war m�de.</p><p>�Lass blo� die Finger von den Geschenken�, warnte Grunthor Jo mit einem Funkeln in seinen Bernsteinaugen. �Als Erster darf Seine Majest�t sie sich ansehen.�</p><p>Jo verzog das Gesicht. �Wei�t du, ich mochte dich viel lieber, bevor du K�nig warst, Achmed.� Damit marschierte sie aus der Gro�en Halle und zur�ck in ihre Gem�cher. Achmed seufzte. �Ich auch.�</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Am Morgen nach ihrem Streit war der Umgang zwischen den Reisegef�hrten leichter und entspannter als seit Wochen. Rhapsody konnte sich erst nicht recht erkl�ren, warum es so war, kam aber dann zu dem Schluss, dass all das Misstrauen zwischen ihnen, das bis zum gestrigen Abend unausgesprochen geblieben war, sich im Lauf der Reise immer mehr angestaut, nun endlich ein Ventil gefunden und sich entladen hatte.</p><p>Es war seltsam; er hatte sie mit seiner Waffe bedroht, sie hatte ihn beleidigt, und nun f�hlten sie sich viel wohler miteinander, als sie sich seit ihrem Aufbruch von Ylorc jemals gef�hlt hatten, gerade so, als h�tte pl�tzlich ein Fieber nachgelassen. <emphasis>Der st�ndige Kontakt mit den Bolg macht mich allm�hlich sonderbar,</emphasis> dachte Rhapsody mit einem am�sierten Seufzer. Das absto�ende Verhalten der M�nner in ihrer Bekanntschaft, das ihre Br�der veranlasst h�tte, ihre Ehre zu verteidigen, geh�rte inzwischen zu ihrem Alltag. All ihre m�nnlichen Freunde behandelten sie grob.</p><p>Vielleicht war es das, was ihr an Ashe gefiel. Anders als die anderen Menschenm�nner, die sie kannte, behandelte er sie wie eine Freundin oder sogar eine h�flich distanzierte Bekannte. Er wies nicht st�ndig Anzeichen von Erregung auf; von Nana, der Besitzerin des Bordells, in dem sie in Serendair gelebt hatte, hatte sie gelernt, amour�se Absichten fr�h zu erkennen, und diese F�higkeit leistete ihr gute Dienste. Ihr war klar geworden, dass M�nner mit wenigen Ausnahmen zu denen Ashe geh�rte in einem Zustand st�ndiger Erregung lebten. Ashe behandelte sie freundlich und ein wenig sp�ttisch, ganz �hnlich wie ihre Br�der es getan hatten, sch�kerte zwar gelegentlich mit ihr, bedr�ngte sie aber nie. Ob seine platonische Haltung ihr gegen�ber ein Zeichen von Gleichg�ltigkeit oder ein k�rperliches Problem war, spielte dabei keine Rolle. Auf alle F�lle entstand so eine angenehm kameradschaftliche Stimmung, die sie sehr sch�tzte. Ashe wusste, dass sie in diesem Irrglauben lebte, und das erleichterte ihm das Atmen. Nichts jedoch h�tte von der Wahrheit weiter entfernt sein k�nnen. Sein Nebelmantel, seine verhasste Verkleidung vor den Augen der Welt, war hier ein Segen, denn er verbarg seine Sehnsucht nach ihr ebenso wie seine ganz und gar nicht noblen W�nsche. Rhapsodys seltsames Talent zur Selbstt�uschung trug das seine zu dieser Situation bei. So setzten sie ihre Reise fort er gab ihr keinen Grund, seine Absichten in Zweifel zu ziehen, und sie ignorierte jedes Anzeichen daf�r, dass sie �berhaupt existierten.</p><p>Als der Regen sie einholte, wurde das Wandern zur Strapaze. Je weiter sie nach Westen gelangten, desto dichter war der Wald, wodurch sie noch langsamer vorw�rtskamen. Der Schnee zu F��en der B�ume war geschmolzen und hatte Ringe braunen Grases zur�ckgelassen, Vorboten des w�rmeren, wenn auch vielleicht nicht unbedingt besseren Wetters.</p><p>Nachdem sie sich stundenlang durch verwachsenes Dickicht und Dornenb�sche geschleppt hatten, machten sie eines Sp�tnachmittags am Rand eines Sumpfs Halt. Rhapsody entdeckte einen einigerma�en gem�tlich aussehenden Bl�tterhaufen unter einer Ulme und lie� sich ersch�pft darauf sinken. Ashe wich zur�ck, als sie mit lautem Kreischen wieder aufsprang, sich den Allerwertesten rieb und in der Firbolg-Sprache h�ssliche Fl�che ausstie�. Als sie die Fassung wiedergewonnen hatte, kniete sie sich unter den Baum, fegte die Bl�tter beiseite und legte einen gro�en viereckigen Stein mit eingemei�elten Runen frei. Die Worte waren vom Schmutz verkrustet. Vorsichtig kratzte sie die harte Erde weg und atmete tief aus, als sie die Inschrift entzifferte.</p><cite><p>Cyme we inne fri�,</p><p>fram the grip of dea� to lif</p><p>inne �is smylte land</p></cite><p>Diese Inschrift hatte Llauron ihr vor langer, langer Zeit gezeigt; Gwylliam hatte Merithyn, dem Entdecker, aufgetragen, mit diesen Worten alle Wesen zu begr��en, denen er auf seinen Reisen begegnete, mit den Worten, die er auf Elynsynos� Grab eingemei�elt hatte. <emphasis>Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem sch�nen Land zu leben</emphasis>. �Das ist ein cymrisches Zeichen�, murmelte sie, mehr zu sich selbst als laut. Auch Ashe b�ckte sich, um den Stein n�her in Augenschein zu nehmen. �Tats�chlich�, meinte er freundlich. �Erkennst du ihn wieder?�</p><p>Verwundert blickte Rhapsody ihn an. �Was meinst du? Wenn ich gewusst h�tte, dass der Stein hier ist, glaubst du, ich h�tte mir daran wehgetan?�</p><p>Ashe richtete sich wieder auf. �Nein�, antwortete er. �Ich habe mich nur gefragt, ob du ihn vielleicht schon einmal gesehen hast.�</p><p>�Wann sollte das gewesen sein? Wenn ich schon einmal hier gewesen w�re, w�rde ich dich kaum als F�hrer brauchen.� Damit nahm sie ihren Umhang ab und legte ihn auf den Boden. Ashe entledigte sich seines Tornisters. �Ich dachte, du hast den Stein vielleicht gesehen, als er aufgerichtet wurde.�</p><p>Rhapsody stie� einen �rgerlichen Seufzer aus. St�ndig lie� Ashe irgendwelche Andeutungen dieser Art fallen oder machte versteckte Anspielungen auf die Cymrer der Ersten Generation. Schon lange war sie zu dem Schluss gekommen, dass er versuchte, ihr eine Falle zu stellen, sie als eine von ihnen zu entlarven. Allerdings war dies sein bisher deutlichster Versuch.</p><p>�Ich habe wirklich genug von diesem Spielchen�, sagte sie. �Wenn du wissen m�chtest, ob ich mit der Ersten Flotte gesegelt bin, warum fragst du mich nicht einfach?�</p><p>Offensichtlich �berrascht, richtete Ashe sich noch gerader auf. �Bist du mit ihr gesegelt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Oh.� Anscheinend erstaunte ihn ihre Antwort. �Mit der Zweiten? Oder der Dritten vielleicht?�</p><p>�Nein. Ich war �berhaupt noch nie auf einem Schiff, abgesehen von Ruderbooten und F�hren.�</p><p>�Dann bist du nie auf See von einem Land zum anderen gereist? Du bist �berall hin gewandert?�</p><p>Unwillk�rlich musste Rhapsody an ihren Marsch denken, an der Wurzel entlang, mitten durch die Erde. Sie schauderte. �Zu Fu� oder auf dem Pferder�cken. W�rdest du jetzt bitte das Thema wechseln?�</p><p>Ashe lie� seinen Tornister zu Boden fallen. �Das Thema wechseln?�</p><p>�Seit wir aufgebrochen sind, hast du mich mit verstohlenen Fragen �ber die Cymrer gequ�lt. Das gef�llt mir nicht.�</p><p>�Aber wei�t du denn, wer sie waren?�</p><p>�Ja�, r�umte sie ein, �aber was ich �ber sie wei�, habe ich aus historischen Schriften erfahren und von denen, die sie studierten. Wenn du also so freundlich w�rst, k�nnten wir dieses Katz-und-Maus-Spiel beenden.�</p><p>Ashe lachte leise. �Wenn ich mich nicht irre, endet ein Katz-und-Maus-Spiel im Allgemeinen damit, dass die Katze die Maus frisst.� Er holte seine Kochutensilien aus dem Tornister. �Ich vermute, ich muss dir nicht erkl�ren, wer von uns beiden bei diesem Vergleich welche Rolle �bernimmt.�</p><p>Rhapsody sammelte Zweige und Torf f�r das Lagerfeuer. �M�chtest du das heute Abend gern machen?�</p><p>�Ist das ein Angebot?�, fragte er in viel sagendem Ton zur�ck.</p><p>�Nun�, meinte sie, w�hrend sie sich b�ckte und weiter �ste aufsammelte, �ich denke, es lie�e sich einrichten. Wenn ich das Feuer in Gang gebracht habe, sehe ich mich ein bisschen um, ob ich ein paar kleine Nagetiere zum Abendessen auftreiben kann.� W�hrend sie sich weiter ums Brennholz k�mmerte, begann sie unbewusst zu pfeifen. Schon bald erkannte Ashe die Melodie: Es war eine Hymne an die Ernteg�ttin, ein Lied aus dem alten Land. Sie musste eine Cymrerin sein, da war Ashe sich praktisch sicher, und er beschloss, eine andere Methode zu versuchen, um eine Antwort von ihr zu bekommen. Er �berlegte, welche Sprachen sie in der alten Welt gesprochen h�tte, wenn sie tats�chlich cymrisch war, doch seine Kenntnis des Altlirin war begrenzt. Also entschied er sich, erst eine Bemerkung in der archaischen Lirin-Sprache und dann auf Altcymrisch zu versuchen. Er wartete, bis er ihr Gesicht auf der anderen Seite des Feuers gut sehen konnte.</p><p>�Wei�t du, Rhapsody, ich finde dich �u�erst anziehend�, sagte er in der ausgestorbenen Lirin-Sprache und wechselte dann zur Sprache der Cymrer. �Ich sehe es schrecklich gern, wenn du dich b�ckst.� Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, sagte jedoch nichts, und der Drache in ihm sp�rte nichts davon, dass ihr das Blut in den Kopf stieg. Bei seiner ersten Bemerkung war die Falte auf ihrer Stirn deutlicher ausgepr�gt gewesen als bei der zweiten; vielleicht hatte sie in einem lirinschen Dorf oder in einem Langhaus auf den Marschen gelebt, wo man nur Lirinsch sprach. Er versuchte es noch einmal.</p><p>�Und du hast ein unglaubliches Hinterteil�, sagte er und wartete auf eine Reaktion. Sie sammelte Torf ein und warf ihn ins Feuer, aber anscheinend wurde sie allm�hlich �rgerlich.</p><p>�Ich verstehe dich nicht�, meinte sie und warf ihm durch den Qualm hindurch einen zornigen Blick zu. �Bitte h�r auf, mich mit diesem Geplapper zu bel�stigen.� Seufzend machte er sich wieder daran, sein Kochgeschirr auszupacken; Rhapsody wartete, bis er sich umdrehte, dann grinste sie breit. <emphasis>Tahn, Rhapsody, evet marva hidion </emphasis>H�r mir mit Wohlwollen zu, Rhapsody, ich finde, du bist wundersch�n, wie ein Magnet. <emphasis>Abria jirist hyst ovetis bec</emphasis> Ich liebe es, dir zuzusehen, wie du dich b�ckst. <emphasis>Kwelster evet re marya </emphasis>du hast das allersch�nste Br�tchen. Rhapsody musste sich sehr anstrengen, nicht vor Lachen zu ersticken. Ashes Altcymrisch war nicht so schlecht, aber sein Lirinsch war noch gebrochener, als er wahrscheinlich ahnte.</p><p>Und doch sagte sie wie immer die Wahrheit: Sie verstand �berhaupt nicht, was er sagen wollte.</p><p>Die beiden waren dazu �bergegangen, k�rzere Wachen abzuhalten, haupts�chlich wegen Rhapsodys Albtr�umen. Nach ungef�hr einer Stunde Schlaf w�lzte sie sich meist herum, murmelte leise vor sich hin, weinte manchmal oder erwachte voller Schrecken und nach Atem ringend. Ashe h�tte sie gern beruhigt, wenn sie solche Tr�ume litt, und er �berlegte oft, ob er sie nicht vorsichtig wecken sollte, um sie vor ihnen zu bewahren, aber er wusste auch, dass sie wahrscheinlich Visionen hatte, Visionen von der Zukunft, die vielleicht notwendig waren, ganz gleich, wie sehr sie ihr zusetzten. So sa� er da und beobachtete frustriert und sorgenvoll, wie sie die N�chte durchlitt und immer wieder zitternd aus ihrem leichten Schlaf aufschreckte.</p><p>Tags�ber sprachen sie nur wenig miteinander. Erst am Abend wurde die Spannung geringer und das Gespr�ch leichter. Dunkelheit h�llte den Wald ein, seine Ger�usche wurden lauter und mischten sich unter das Knistern des Feuers und das Wispern des Windes in den B�umen, das im Tageslicht kaum zu h�ren war. Bei Tag schien es so, als w�rden die Worte pr�fend gegen das Licht gehalten, deshalb gebrauchte man sie nur sp�rlich. Doch die Nacht verbarg sie, und wenn es dunkel war, konnten Rhapsody und Ashe sich viel eher austauschen. Inzwischen waren sie nur noch wenige Tage von ihrem Ziel entfernt. Ashe hatte gesagt, bis zum Ende der Woche w�rden sie Elynsynos� H�hle erreichen. Noch lag ein breiter Fluss vor ihnen, den sie �berqueren mussten, noch hatten sie viele Meilen zu bew�ltigen, aber sie befanden sich in unmittelbarer N�he.</p><p>In dieser Nacht lag Einsamkeit in der Luft. So lange wanderten sie nun schon durch den Wald, dass sie kaum mehr wussten, wie es war, nicht von B�umen umgeben zu sein. Rhapsodys Abendgebete schienen vom Baumdach verschlungen zu werden, als w�ren ihre Lieder pl�tzlich zu schwer, um zu den Sternen aufzusteigen. Nun sa� sie auf dem Hang eines kleinen Waldh�gels und sah zu, wie die Sterne einer nach dem anderen im D�mmerlicht aufgingen und sich wieder hinter den ziehenden Wolken verbargen, die sie achtlos verschluckten. Rhapsody musste an winzige Elritzen denken, deren Schuppen im Wasser eines dunklen Sees schimmerten, verfolgt von wei�en Raubfischen, die sie auffra�en und dann weiterschwammen.</p><p>�Rhapsody?� Ashes Stimme drang in ihre Einsamkeit, und sie wandte sich zu ihrem Gef�hrten um, der schattengleich am Feuer kauerte. An seinem Nebelumhang brach sich das Licht der Flammen und h�llte ihn in dichten Dunst.</p><p>�Ja?�</p><p>�F�hlst du dich sicher hier mit mir?�</p><p>Sie �berlegte kurz. �So sicher wie irgendwo, denke ich.�</p><p>Die verh�llte Gestalt blickte auf. �Was meinst du damit?� Seine Stimme klang sanft, beinahe z�rtlich.</p><p>Rhapsody blickte wieder zum Himmel empor. �Vermutlich kann ich mich nicht mehr erinnern, wie es ist, sich sicher zu f�hlen.�</p><p>Ashe nickte und versank wieder in seine eigenen Gedanken. Einen Augenblick sp�ter jedoch begann er wieder zu sprechen.</p><p>�Ist es wegen der Tr�ume?�</p><p>Rhapsody zog die Knie an die Brust und schlang die Arme darum. �Zum Teil.�</p><p>�Hast du Angst, Elynsynos zu begegnen?�</p><p>�Ein wenig�, antwortete sie mit einem leichten L�cheln.</p><p>Ashe nahm den Kessel und goss sich noch eine Tasse Tee ein. Als wollte er sein unh�fliches Betragen von fr�her wettmachen, trank er jetzt im Lauf der Nacht das meiste aus dem Kessel, was Rhapsody am�sierte. �Ich k�nnte mit dir gehen, wenn das eine Hilfe w�re.�</p><p>Wieder �berlegte Rhapsody, sch�ttelte dann aber den Kopf�Ich glaube, das w�re nicht klug, aber trotzdem vielen Dank.�</p><p>�Hast du dich jemals sicher gef�hlt?� Er nahm einen Schluck aus seinem Becher.</p><p>�Ja, doch, aber nun schon lange nicht mehr.�</p><p>Ashe spielte mit dem Gedanken, sie direkt nach dem zu fragen, was er wissen wollte, entschied sich dann aber dagegen. �Wann?�</p><p>Rhapsody rutschte ein wenig n�her ans Feuer. Auf einmal war ihr kalt, und sie zog sich den Umhang enger um die Schultern.</p><p>�Als ich noch ein kleines M�dchen war, glaube ich, bevor ich von zu Hause weggelaufen bin.�</p><p>Ashe nickte. �Warum bist du weggelaufen?�</p><p>Sie hob ruckartig den Kopf und sah ihn an. �Warum l�uft man schon weg? Ich war dumm, gedankenlos und selbsts�chtig; vor allem selbsts�chtig.�</p><p>Ihm w�ren noch andere Gr�nde eingefallen. �Und warst du als kleines M�dchen auch schon so sch�n?�</p><p>�Himmel, nein�, lachte Rhapsody. �Und meine Br�der haben es mir st�ndig unter die Nase gerieben.�</p><p>Auch Ashe musste lachen. �Das ist die Hauptaufgabe eines Bruders seine Schwester in ihre Grenzen zu verweisen.�</p><p>�Hast du Schwestern?�</p><p>Eine lange Pause trat ein. �Nein�, antwortete er endlich. �Also warst du eine Sp�tz�nderin?�</p><p>Sie blinzelte. �Wie bitte?�</p><p>�Nennt man so nicht die M�dchen, die, na ja, die als Kind nicht so h�bsch sind, aber als Frau wundersch�n werden?�</p><p>Rhapsody warf ihm einen seltsamen Blick zu. �Findest du mich sch�n?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Ashe und l�chelte unter seiner Kapuze. �Du nicht?�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Sch�nheit ist Ansichtssache. Wahrscheinlich bin ich ganz zufrieden damit, wie ich aussehe, zumindest f�hle ich mich wohl. Aber f�r mich hat es nie eine Rolle gespielt, ob andere Leute das auch finden oder nicht.�</p><p>�Das ist eine sehr lirinsche Einstellung.�</p><p>�Tja, falls dir das bisher entgangen ist ich bin eine Lirin.�</p><p>Ashe gab einen theatralischen Seufzer von sich. �Vermutlich bedeutet das, dass man sich nicht bei dir einschmeicheln kann, indem man dir Komplimente f�r dein Aussehen macht.�</p><p>Gedankenverloren strich sie sich durchs Haar. �Nein, eigentlich nicht. Es ist mir unangenehm, vor allem, wenn du es gar nicht so meinst.�</p><p>�Wie kommst du auf den Gedanken, dass ich es nicht so meine?�</p><p>�Hierzulande scheint es eine ganze Menge Leute zu geben, die finden, ich sehe ungew�hnlich aus, sonderbar; aber meistens macht mir das nichts aus.�</p><p>�Was? Das ist doch l�cherlich.� Ashe stellte seinen leeren Becher ab.</p><p>�Nein, das ist nicht l�cherlich. Ich werde �fter angestarrt, als du vielleicht denkst. Wenn du mich die Stra�e hinuntergehen s�hest, k�nntest du verstehen, was ich meine.�</p><p>Ashe wusste nicht, ob er sich �ber ihre Begriffsstutzigkeit am�sieren oder �rgern sollte.</p><p>�Rhapsody, ist dir schon mal aufgefallen, dass die M�nner dir folgen, wenn du die Stra�e hinuntergehst?�</p><p>�Ja, aber das kommt daher, dass ich eine Frau bin.�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Eben, und das machen M�nner nun mal sie folgen einer Frau, meine ich. Das ist ihre Natur. Sie sind darauf aus, sich zu paaren, und fast immer, nun ja, fast immer dazu bereit. Daf�r k�nnen sie nichts. Aber es muss ziemlich anstrengend sein, so zu leben.�</p><p>Ashe lie� es sich lieber nicht anmerken, dass er sich am�sierte. �Du glaubst also, dass jede Frau diese Wirkung auf jeden Mann aus�bt?�</p><p>Wieder blinzelte Rhapsody. �Hm, ja. Es ist Teil der Natur, der Fortpflanzungszyklus, Anziehung und Paarung.�</p><p>Nun konnte Ashe sein Lachen nicht mehr zur�ckhalten. �Da bist du aber leider auf dem Holzweg.�</p><p>�Das glaube ich nicht.�</p><p>�Aber ich. Du irrst dich gewaltig, wenn du denkst, dass alle Frauen die gleiche Wirkung auf die M�nner haben wie du. Du beurteilst es aus deiner eigenen Erfahrung, und die ist ganz anders als die der meisten Leute.�</p><p>Allm�hlich wurde das Gespr�ch ihr unbehaglich; Ashe merkte es daran, dass sie nach ihrem Tornister griff und darin kramte, bis sie ihre Lerchenfl�te fand. Gelegentlich spielte sie das winzige Instrument im Wald; sein Klang verschmolz mit der Waldluft und dem Vogelgesang. Doch nur bei Tag, denn jetzt waren die V�gel still, und die einzige Musik in dieser Stunde stammte vom Wind. Rhapsody lehnte sich an einen Baum und betrachtete Ashe voller Sarkasmus.</p><p>�Und du glaubst, dass du M�nner und Frauen besser beurteilen kannst?�</p><p>Wieder lachte Ashe. �Nun, nicht besser als die meisten, aber besser als du.�</p><p>Unvermittelt begann Rhapsody zu spielen, eine Melodie, bei der sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Dann nahm sie die Fl�te von den Lippen und l�chelte.</p><p>�Ich finde, du bist genauso wenig geeignet, ein Urteil zu f�llen, wie ich.�</p><p>Neugierig richtete Ashe sich auf. �Ach ja? Warum?�</p><p>�Weil du ein Wanderer bist.�</p><p>�Und was hat das damit zu tun?�</p><p>�Meiner Erfahrung nach sind Waldl�ufer und Wanderer ganz anders als die Mehrzahl der M�nner�, behauptete sie leichthin. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen; ihre Augen suchten den Himmel ab, fanden aber nicht, was sie suchte.</p><p>�Wie das?�</p><p>�Zum einen suchen sie bei Frauen etwas anderes. Das hei�t, von den Frauen, mit denen sie zeitlich begrenzt zu tun haben.�</p><p>Sie konnte nicht sehen, ob Ashe wirklich l�chelte oder ob sie sich nur einbildete, in seiner Stimme ein L�cheln zu vernehmen. �Und was mag das sein?�</p><p>Gedankenverloren nahm Rhapsody ihr Fl�tenspiel wieder auf. Nun war die Melodie luftig, aber melancholisch, und Ashe stellte sich vor, er k�nnte die Farben und das Gewebe sehen, das sie mit ihren T�nen erschuf, Muster tiefer, weicher Wirbel in Blau und Purpurschattierungen, wie Meereswogen vor einem sich verdunkelnden Sturmhimmel. Dann jedoch wurde das Lied fr�hlicher, die Farben hellten sich auf und breiteten sich aus, bis sie wie Wolken auf einem warmen Wind bei Sonnenuntergang dahinschwebten. Fasziniert lauschte Ashe, bis Rhapsody geendet hatte, hielt den Gedanken, den sie nicht beantwortet hatte, jedoch die ganze Zeit �ber fest.</p><p>�Nun?�</p><p>Sie zuckte zusammen. Offensichtlich war sie in Gedanken weit weg. �Ja?�</p><p>�Entschuldige. Was suchen die meisten M�nner in einer zeitlich begrenzten Beziehung zu einer Frau?�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Vergn�gen und Ablenkung.�</p><p>Ashe nickte. �Und was suchen Wanderer?�</p><p>Einen Augenblick dachte sie nach. �Kontakt.�</p><p>�Kontakt?�</p><p>�Ja. Menschen, die ihr Leben lang allein durch die Welt gehen, verlieren manchmal ihr Verh�ltnis zur Wirklichkeit, sie wissen nicht mehr, was wirklich ist und was nur in ihrer Erinnerung lebt. M�nner, die den gr��ten Teil ihres Lebens auf Wanderschaft sind, w�nschen sich von den Frauen, mit denen sie f�r eine kurze Zeit zusammen sind, in erster Linie Kontakt die Best�tigung, dass sie wirklich existieren. Zumindest ist das nach meiner Erfahrung so.�</p><p>Eine Weile schwieg Ashe. Als er wieder sprach, war seine Stimme sanft. �Erkennen sie denn manchmal auch, dass sie nicht existieren?�</p><p>�Das kann ich nicht wissen. Ich bin kein Wanderer, zumindest nicht freiwillig. Ich hoffe, es nur f�r eine kurze Zeit sein zu m�ssen. Mir sagt dieses Leben nicht zu, ich habe l�ngst genug davon.�</p><p>Schweigend sa�en sie da, bis Rhapsodys Wache begann, dann stand Ashe langsam auf, bereitete seine Sachen f�r die Nacht vor und verschwand auf der anderen Seite des Feuers im Schatten. Rhapsody sah zu, wie er sich hinlegte, und glaubte einen tiefen Seufzer zu h�ren. Vielleicht las sie auch ihre eigenen Gef�hle in diesem Laut, aber sie h�rte eine tiefe Einsamkeit, ihrer eigenen nicht un�hnlich. Schon mehrmals hatte sie sich in seinen Gef�hlen geirrt und war betroffen gewesen, wenn sie versucht hatte, ihn zu tr�sten oder zu beruhigen, nur um zu erkennen, dass er kein Bed�rfnis danach versp�rte und sich �ber ihre Bem�hungen �rgerte. Einen Augenblick lang �berlegte sie, welche M�glichkeiten sie hatte, dann beschloss sie, sich lieber dahingehend zu irren, dass sie zu nett war.</p><p>�Ashe?�</p><p>�Hmmm?�</p><p>�Du existierst, selbst wenn du manchmal schwer zu sehen bist.�</p><p>Die Stimme aus dem Schatten klang unverbindlich. �Danke vielmals, dass du mir das sagst.�</p><p>Rhapsody duckte sich. Wieder einmal hatte sie die falsche Entscheidung getroffen. So hielt sie Wache, suchte den Horizont nach Lebenszeichen ab, entdeckte aber keine. Abgesehen vom Knistern der Flammen und dem gelegentlichen Fl�stern des Windes war die Nacht still. In der Stille h�rte sie Ashe leise, wie zu sich selbst, sprechen.</p><p>�Ich freue mich, dass du das denkst.�</p><p>Um Mitternacht weckte sie ihn zu seiner Wache, kroch dankbar in ihre Bettrolle und war schon eingeschlafen, bevor sie sich richtig ausgestreckt hatte. Etwa eine Stunde sp�ter kamen die Albtr�ume und �berfielen sie so heftig, dass Ashe seinen Entschluss, sich herauszuhalten, in den Wind schlug und Rhapsody vorsichtig wachr�ttelte. Tr�nen�berstr�mt fuhr sie hoch, und es dauerte �ber eine Stunde, ehe sie sich wieder einigerma�en beruhigt hatte. Es war ein alter Traum, ein Traum, der sie zum ersten Mal heimgesucht hatte, als sie erfahren hatte, dass Serendair nicht mehr existierte, dass es vor vierzehnhundert Jahren zerst�rt worden war, als sie und die beiden Bolg durch den Bauch der Erde gekrochen waren. In ihrem Traum stand Rhapsody in einem Dorf, das von einem schwarzen Feuer verzehrt wurde; Soldaten ritten durch die Stra�en und erschlugen alles, was sie sahen. In der Ferne sah sie Augen am Horizont, rote Augen, die sie auslachten. Und dann, als ein blut�berstr�mter Krieger auf einem schwarzen Schlachtross mit feurigem Blick wie ein Besessener auf sie zu galoppierte, wurde sie von den Klauen eines riesigen kupferroten Drachens gepackt und in. die L�fte emporgetragen.</p><p>Sie zog die Decke um die Schultern und warf immer wieder einen Blick hinaus in die Dunkelheit jenseits des gl�henden Rings ihres Lagerfeuers. Ashe hatte ihr einen Becher Tee in die Hand gedr�ckt und beobachtete, wie sie ihn zwischen beiden H�nden hielt und in die Flammen starrte, bis das Getr�nk zweifellos kalt war. Schweigend sa�en sie im Schatten des Feuers. Endlich sagte er: �Wenn die Erinnerung an den Traum dich beunruhigt, kann ich dir helfen, sie loszuwerden.�</p><p>Doch Rhapsody schien ihn kaum zu h�ren.</p><p>Ashe stand auf, griff in eine Falte seines Umhangs und zog einen Augenblick sp�ter die Geldb�rse hervor, die Jo ihm in Bethe Corbair auf der Stra�e hatte abnehmen wollen. Er knotete die Schnur auf und zog eine kleine leuchtende Kugel heraus, die er Rhapsody in die H�nde legte. Ihre Brauen zogen sich zusammen.</p><p>�Eine Perle?�</p><p>�Ja. Eine Perle besteht aus vielen Schichten Meerestr�nen. Sie ist eine Art nat�rliche Schatzkammer, die so verg�ngliche Dinge bewahren kann wie Schw�re und Erinnerungen nach alter Tradition werden Staatenb�ndnisse oder wichtige Abkommen in Gegenwart einer Perle von gro�em Wert besiegelt.� Rhapsody nickte schwach; sie wusste, dass im alten Land Br�ute sich Perlen in die Haare flochten oder sie aus demselben Grund eingefasst als Schmuckst�ck trugen. �Du bist eine Canwr�, fuhr Ashe fort. �Wenn du von dem Albtraum frei sein m�chtest, dann musst du den wahren Namen der Perle sprechen und wollen, dass sie die Erinnerung festh�lt. Sobald der Gedanke dein Ged�chtnis verlassen hat und in der Perle eingefangen ist, dann zertritt sie mit der Ferse. Danach ist der Traum f�r immer verschwunden.�</p><p>Rhapsodys Augen wurden schmal. Canwr war das lirinsche Wort f�r Benennerin. �Woher wei�t du, dass ich eine Benennerin bin?�</p><p>Ashe lachte und verschr�nkte die Arme. �Willst du etwa behaupten, du seiest keine?�</p><p>Rhapsody schluckte schwer. Schon seine Frage bewies, dass er die Antwort wusste, denn er hatte sie so gestellt, dass sie l�gen m�sste, um es abzustreiten. �Nein�, antwortete sie w�tend.</p><p>�Genau genommen glaube ich, dass ich ab jetzt �berhaupt nichts mehr sage. Nur deinen Vorschlag mit der Perle lehne ich dankend ab.� Wieder verfiel sie in Schweigen und starrte in die Nacht hinaus.</p><p>Ashe setzte sich ans Feuer und goss sich Tee nach. �Nun, meine Absicht war es, dich von deinem Albtraum abzulenken. So hatte ich es mir zwar nicht vorgestellt, aber zumindest war mein Versuch erfolgreich. Ich wei� nicht genau, warum du ver�rgert bist. Ich wollte dir nur helfen.�</p><p>Rhapsody blickte in den Himmel hinauf. Die Sterne waren verschleiert vom Qualm des Feuers.</p><p>�Vielleicht kommt es daher, dass ich zwar deinen Wunsch respektiere, mir keine Einzelheiten �ber dein Leben und deine Vergangenheit preiszugeben, du aber nichtsdestotrotz st�ndig versuchst, mir sehr pers�nliche und bedeutsame Erkenntnisse aus der Nase zu ziehen�, entgegnete sie. �F�r die Lirin ist das Benennen kein Thema f�r eine oberfl�chliche Unterhaltung, sondern ein religi�ser Glaube.�</p><p>Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann meinte Ashe leise: �Du hast Recht, bitte entschuldige.�</p><p>�Au�erdem bist du regelrecht darauf versessen herauszufinden, ob ich Cymrerin bin oder nicht. Nach dem, was Herzog Stephen mir gesagt hat, w�rde man es vielerorts als schweren Affront betrachten, dass du mich f�r eine Cymrerin h�ltst.�</p><p>�Damit hast du wieder Recht.� Lange sah er sie an, w�hrend sie ohne ein bestimmtes Ziel in die Nacht starrte. Da er nicht der Grund f�r ihre schweigende Best�rzung sein wollte, unternahm er einen weiteren Versuch, ein freundliches Gesprach zu beginnen. �Vielleicht ist es am besten, wenn wir einfach nicht �ber die Vergangenheit reden. Abgemacht?�</p><p>�Einverstanden�, antwortete sie, w�hrend ihre Augen immer noch etwas in der Dunkelheit suchten.</p><p>�Warum unterhalten wir uns nicht �ber etwas, was uns beiden Freude macht? Vielleicht vertreibt das ja die Erinnerung an deine Tr�ume. Du w�hlst das Thema, und vielleicht beantworte ich sogar deine Fragen.�</p><p>Mit einem Ruck kam Rhapsody in die Gegenwart zur�ck, sah Ashe an und l�chelte.</p><p>�In Ordnung.� Sie dachte einen Augenblick nach, bis ihr ihre adoptierten Enkel einfielen, Gwydion und Melisande, und das Dutzend kleiner Firbolg. Sie waren ihr Pr�fstein, das, womit sie sich ablenkte, wenn ihr unangenehme Gedanken durch den Kopf gingen.</p><p>�Hast du Kinder?�, fragte sie.</p><p>�Nein. Warum?�</p><p>�Nun, ich halte immer Ausschau nach Enkeln, die ich adoptieren kann.�</p><p>�Nach Enkeln?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody und ignorierte den beinahe groben Unterton in seiner Stimme.</p><p>�Enkel. Wei�t du, adoptierte Enkel kann man verw�hnen, wenn man bei ihnen ist, aber man hat nicht die ganze Zeit �ber die Verantwortung f�r ihre Erziehung. Das ist gut f�r mich, denn so habe ich Kinder, die ich lieben kann, obgleich ich nicht st�ndig bei ihnen sein muss wozu mir schlichtweg die Zeit fehlte. Ich habe zw�lf Firbolg-Enkel und zwei menschliche, und ich liebe sie alle sehr.�</p><p>�Nun, ich habe keine Kinder. Tut mir Leid, damit kann ich nicht dienen. Aber vielleicht k�nnten wir etwas arrangieren. Wie wichtig ist es f�r dich, und wie lange bist du bereit zu warten?� Rhapsody konnte sein Grinsen beinahe h�ren.</p><p>Aber sie ging auf seine seltsame Sch�kerei nicht weiter ein. �Bist du verheiratet?�</p><p>Ein Lachen war die Antwort.</p><p>�Entschuldige warum ist die Frage so komisch?�</p><p>�Die meisten Frauen m�gen mich nicht. Genau genommen m�gen mich die meisten Menschen nicht, aber das ist schon in Ordnung es beruht auf Gegenseitigkeit.�</p><p>�Du meine G�te, was f�r eine verschrobene Einstellung! Nun, ich kann dir im Vertrauen, aber mit absoluter Sicherheit sagen, dass du in Ylorc durchaus einige Verehrerinnen hast.�</p><p>�Du meinst damit doch nicht etwa eine der Firbolg-Hebammen, oder?�</p><p>�Himmel, nein. Brrrr.�</p><p>�Genau so h�tte ich es auch ausgedr�ckt.�</p><p>�Nein, aber meine Schwester ist ein bisschen in dich verliebt.�</p><p>Ashe nickte unbehaglich. �Oh. Ja.�</p><p>�Ist das ein Problem?�</p><p>�Nein. Aber es wird zu nichts f�hren.�</p><p>Rhapsody sp�rte einen Stich. �Wirklich? Ich glaube dir, aber macht es dir etwas aus, wenn ich dich nach dem Grund daf�r frage?�</p><p>�Nun, zum einen liebe ich zuf�llig eine andere, wenn du entschuldigst.� Er klang �rgerlich. Vor Verlegenheit wurde Rhapsody knallrot. �Tut mir Leid�, meinte sie. �Wie dumm von mir. Ich wollte nicht unh�flich sein.�</p><p>Ashe goss sich noch einmal Tee nach. �Warum nicht? Ich bin oft genug unh�flich zu dir und entschuldige mich nicht einmal daf�r. Ein anderer wichtiger Grund ist die Tatsache, dass sie noch ein Kind ist.�</p><p>�Ja, du hast vollkommen Recht.�</p><p>�Au�erdem ist sie ein Mensch.�</p><p>�W�re daran etwas auszusetzen?�</p><p>�Nein. Aber meine eigene Rassenzugeh�rigkeit f�hrt dazu, dass ich eine l�ngere Lebensdauer habe, genau wie du.�</p><p>�Dann bist du auch lirinsch?� Dieser Gedanke war ihr nie in den Sinn gekommen.</p><p>�Zum Teil, genau wie du.�</p><p>�Aha. Nun, das leuchtet mir ein. Aber ist das wirklich so wichtig? Meine Eltern waren Lirin und Mensch, genau wie es das in deiner Familie auch einmal gegeben haben muss. Es hat sie nicht voneinander fern halten k�nnen.�</p><p>�Nun, manche Lebenserwartungen sind �hnlicher als andere. Wenn du beispielsweise wirklich eine Cymrerin bist, was ich glaube, auch wenn du es nicht zugeben willst, dann hast du ein gro�es Problem.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil nicht einmal die gr��ere Lebensspanne der Lirin dazu passt.�</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>Ashe stand auf und warf noch eine Hand voll Zweige aufs Feuer. Dann sah er sie wieder an. Rhapsody ersp�hte etwas wie ein Kinn mit einem struppigen Bart, aber im Flackerlicht war es unm�glich, etwas Genaueres zu erkennen.</p><p>�Als die Erste Generation der Cymrer eintraf, war es, als k�me die Zeit f�r sie zum Stillstand�, sagte er. �Ich bin nicht sicher, wie es geschehen konnte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass sie den Hauptmeridian �berquert hatten. Ich habe keine Ahnung. Aber aus welchem Grund auch immer schien der Zahn der Zeit den Cymrern nichts anhaben zu k�nnen. Sie alterten nicht, und w�hrend Jahre und dann Jahrhunderte verstrichen, wurde deutlich, dass sie es auch nicht tun w�rden. Im Grund waren sie unsterblich geworden. Und wenn sie sich fortpflanzten, waren ihre Nachkommen zwar nicht vollkommen unsterblich, aber doch zumindest au�ergew�hnlich langlebig. Je weiter sich die Generationen von der ersten entfernen, desto k�rzer wird nat�rlich ihre Lebensspanne, bis sie sich irgendwann wieder den anderen angleichen wird. Aber das hat keinen Einfluss auf die Unsterblichen. Noch heute gibt es Cymrer der Ersten Generation, allerdings leben sie meist im Verborgenen.�</p><p>�Warum? Warum verstecken sie sich?�</p><p>�Viele sind verr�ckt, dem Wahnsinn anheim gefallen durch den �Segen� der Unsterblichkeit. Wei�t du, Rhapsody, wenn sie von Anfang an unsterblich gewesen w�ren, h�tte es sie vielleicht nicht so mitgenommen, aber sie waren Menschen und Lirin und Nain und so weiter, au�ergew�hnlich nur durch die Reise, die sie angetreten hatten. Sie hatten sich bereits auf eine bestimmte Lebensdauer eingestellt, und dieser Zyklus wurde nun unterbrochen er kam einfach an dem Punkt zum Stillstand, an dem sie sich gerade befanden.</p><p>Stell dir vor, du w�rst ein Mensch, der bereits siebzig oder achtzig Jahre gelebt, der die Stadien von Kindheit, Jugend, Erwachsensein und schlie�lich Alter hinter sich gebracht hat und sich auf seinen baldigen Tod einstellt, und dann w�rdest du pl�tzlich merken, dass du f�r immer so weiterleben wirst, alt und gebrechlich.� Wieder schenkte er sich Tee nach und bot auch Rhapsody, die im Feuerschein ganz still geworden war, welchen an. Gedankenverloren sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Kinder wuchsen heran, bis sie erwachsen waren, wurden aber nie �lter. Manche sind noch am Leben und sehen nicht �lter aus als du. Aber viel mehr kamen im Krieg ums Leben oder starben von eigener Hand, nur um einer Ewigkeit zu entgehen, der sie nicht die Stirn bieten konnten, zum Teil ausgestattet mit Kr�ften, die sie nicht verstanden. Praktisch jeder Cymrer der Ersten Generation hat zumindest ein kleines St�ck grundlegendes Wissen mit von der Insel genommen, ob er es nun wei� oder nicht.</p><p>Deshalb habe ich gesagt, du k�nntest ein Problem haben. Wenn du eine Cymrerin einer sp�teren Generation bist, dann wirst du sehr lange leben und dich zweifellos dem gegen�ber sehen, was auch die anderen verkraften mussten: der Aussicht zuzusehen, wie deine Liebe alt wird und stirbt, in einem Zeitraum, der dir vorkommt wie ein Augenblick. Und wenn du eine Cymrerin der Ersten Generation bist, dann ist es noch schlimmer, denn wenn du nicht get�tet wirst, lebst du ewig. Stell dir vor, wie es ist, immer wieder jemanden zu verlieren, der dir nahe ist deine Geliebten, deinen Mann, deine Kinder ...�</p><p>�H�r auf�, unterbrach ihn Rhapsody. Ihre Stimme klang barsch. Sie stand auf und ging ans Feuer, dann sch�ttete sie den Rest Tee aus ihrer Tasse mit Schwung in die Dunkelheit. Als sie zur�ckkam, lie� sie sich ein St�ck weiter weg von Ashe nieder, sodass er ihr Gesicht nicht mehr so gut sehen konnte.</p><p>Lange schwiegen sie; Rhapsody sah zu, wie der Qualm mit knisternden Funken emporstieg, wie bei einer lirinschen Leichenverbrennung, hinauf in den dunklen Himmel, wo er zwischen den verstreuten Sternen dahinzog und sich schlie�lich aufl�ste. Endlich sagte Ashe: �Tut mir Leid.� Seine Stimme klang ungew�hnlich leise. �Ich wollte dich nicht beunruhigen.�</p><p>Rhapsody sah ihn direkt an. �Ich bin nicht beunruhigt�, meinte sie k�hl. ��ber dergleichen mache ich mir keine Sorgen.�</p><p>�Wirklich?�, entgegnete er belustigt. �Nicht mal ein klein wenig?�</p><p>�Nicht im Geringsten�, beharrte sie. �Ich bezweifle sogar, dass ich auch nur das Ende dessen erleben werde, was jetzt auf uns zukommt, ganz zu schweigen davon, dass ich ewig lebe.�</p><p>�Ach ja?� Ashes Stimme klang, als g�be er sich M�he, fest zu sprechen. �Wie kommst du darauf?�</p><p>�Nur so ein Gef�hl�, erwiderte sie und griff nach ihrem Umhang. Sie sch�ttelte Schmutz und Bl�tter ab und wickelte sich ein.</p><p>�Verstehe. Du w�rdest lieber sterben, als dich damit abzufinden, dass du ewig leben k�nntest?�</p><p>Rhapsody lachte leise. �Du bist wirklich hartn�ckig, Ashe, aber nicht sehr raffiniert. Hat deine Fragerei denn �berhaupt einen anderen Sinn, als herauszufinden, ob ich das bin, was du vermutest?�</p><p>Ashe beugte sich vor und st�tzte die Ellbogen auf die Knie. �Ich erkl�re dir nur, dass ich mich nie f�r eine Frau wie Jo interessieren k�nnte, weil sie eine vollkommen andere Lebenserwartung hat als ich. Und wenn du aus der Ersten Generation stammst, steht dir nur eine sehr geringe Anzahl von Partnern zur Auswahl, die genauso lange leben werden wie du und nicht schon tot sind, bevor du sie richtig kennen gelernt hast.�</p><p>Rhapsody l�chelte und machte sich daran, den Schlamm von ihren Stiefeln zu b�rsten. �Nun, danke f�r deine F�rsorge, aber du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Erstens habe ich sowieso nicht vor zu heiraten, sondern werde mich mit meinen Enkeln zufrieden geben sie sind meine Familie. Zweitens habe ich keine Angst vor Zeitunterschieden. Als ich noch ganz klein war, hat meine Mutter mir einmal gesagt, dass die Zeit, die man zusammen hat, den Verlust wert ist. Wenn man den Schmerz nicht akzeptiert, hat man auch nichts Wertvolles zu verlieren. Und da Achmed, wie du ja wei�t, mein Zeitgenosse ist, wird er immer da sein. Grunthor kommt nat�rlich nicht in Frage.�</p><p>�Wof�r wird Achmed immer da sein?�, fragte Ashe, und seine Stimme hatte einen eindeutig erschrockenen Unterton.</p><p>Rhapsody antwortete nicht, aber ihr L�cheln wurde breiter, w�hrend sie unerm�dlich ihre Schuhe b�rstete.</p><p>�Das muss ein Witz sein. Bitte sag mir, dass das ein Witz war das ist doch ekelhaft.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich denke, das ist offensichtlich.� Obwohl sie ein ganzes St�ck weit von ihm entfernt sa�, konnte Rhapsody sp�ren, wie er schauderte.</p><p>�Nun, das soll nicht deine Sorge sein, du bist ja bereits vergeben. �brigens�, fuhr sie ernster fort, �macht es ihr eigentlich etwas aus, dass du hier bist? Du wei�t schon f�r so lange?�</p><p>�Wem soll das etwas ausmachen?�</p><p>�Deiner ... na ja, was immer sie f�r dich ist. Vermutlich nicht deine Frau, denn wie ich dich vorhin verstanden habe, bist du nicht verheiratet. Aber eigentlich hast du das gar nicht gesagt, oder?� Da sie keine Antwort erhielt, versuchte sie, den Gedanken zu Ende zu bringen. �Du wei�t doch ... ich meine diese Frau, in die du verliebt bist. Ist es schwer f�r sie, dass du diese Reise machst?�</p><p>�Nein.�</p><p>Rhapsody stie� einen Seufzer der Erleichterung aus. �Da bin ich aber froh. Ich bem�he mich wirklich, die Beziehungen anderer Leute nicht durcheinander zu bringen, vor allem nicht, wenn sie verheiratet sind. Ich habe gro�en Respekt vor der Ehe.�</p><p>�Warum willst du dann nicht heiraten?�</p><p>Rhapsody stand wieder auf und breitete ihre Bettrolle aus. �Nun, es ist nicht gerecht, jemanden zu heiraten, ohne ein Herz zu haben, das man mit ihm teilen kann, ein Herz, mit dem man ihn liebt. Aber das habe ich eben nicht, wei�t du. Deshalb w�re es nicht richtig.�</p><p>�Das glaube ich nicht.�</p><p>�Wie du willst�, entgegnete Rhapsody und kroch unter die Decke. �Auf alle F�lle danke ich dir, dass du ehrlich warst, was meine Schwester angeht.�</p><p>�Nur aus Neugier warum nennst du sie eigentlich so? Ihr seid doch ganz offensichtlich nicht verwandt.�</p><p>Wieder seufzte Rhapsody. �Ich kann nicht glauben, dass du das nicht verstehst, Ashe. Es gibt unterschiedliche M�glichkeiten, eine Familie zu bilden. Man kann hineingeboren werden oder man kann sie sich aussuchen. Die Bande zu einer Familie, die man sich ausgesucht hat, sind oftmals st�rker als diejenigen zu einer, in die man hineingeboren wurde, denn man hat wirklich den Wunsch, zu ihr geh�ren, statt dazu gezwungen zu sein.�</p><p>Auf der anderen Seite des Feuers packte Ashe jetzt ebenfalls sein Bettzeug aus und setzte sich f�r seine Wache zurecht. �Ich wei� nicht recht, ob das stimmt.�</p><p>�Nun�, entgegnete Rhapsody und versuchte es sich gem�tlich zu machen. �Ich denke, es kommt immer darauf an, wer du bist. Die beiden Arten von Liebe schlie�en sich nicht gegenseitig aus die Liebe zu beiden Arten von Familie kann gleich stark sein. Aber deshalb habe ich so viel Respekt vor der Ehe, weil M�nner und Frauen einander ausw�hlen, unter allen anderen Menschen der Welt. Deshalb finde ich, sie ist die tiefste Beziehung von allen.�</p><p>Von der anderen Seite des Feuers kam ein Ger�usch, halb ein leises Lachen, halb ein Seufzen.</p><p>�Du hast wirklich ein beh�tetes Leben gef�hrt, Rhapsody.�</p><p>Sie dachte kurz �ber eine Antwort nach, verwarf sie dann aber. �Gute Nacht, Ashe. Weck mich, wenn ich mit Wachen an der Reihe bin.�</p><p>�Hast du nie daran gedacht, es auf die normale Art zu tun?�</p><p>�Was?�</p><p>�Enkel zu bekommen.�</p><p>�Hmmm?� Sie war schon fast eingeschlafen.</p><p>�Wei�t du, einen Ehemann zu finden, Kinder zu bekommen, sie deine Enkel in die Welt setzen zu lassen bist du mit diesen Vorg�ngen vertraut?�</p><p>Tief aus ihren Decken ert�nte ein musikalisches G�hnen. �Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nicht damit rechne, so lange zu leben.�</p><p>Als es Zeit f�r ihre Wache war, weckte er sie. Sie sp�rte, wie er sie sanft r�ttelte.</p><p>�Rhapsody?�</p><p>�Hmmm? Ja?�</p><p>�Zeit f�r deine Wache. M�chtest du ein bisschen l�nger schlafen?�</p><p>�Nein�, antwortete sie und befreite sich aus ihren Decken. �Aber vielen Dank.�</p><p>�Du hast das, was du vorhin gesagt hast, nicht ernst gemeint, oder? �ber Achmed.�</p><p>Sie schaute ihn benebelt an. �Was denn?�</p><p>�Du w�rdest dich doch niemals, nun, niemals mit Achmed verm�hlen, nicht wahr? Der Gedanke hat mir die letzten Stunden schwer im Magen gelegen.�</p><p>Jetzt war Rhapsody hellwach. �Wei�t du, Ashe, mir gef�llt deine Einstellung ganz und gar nicht. Und offen gestanden geht dich die Sache �berhaupt nichts an. Jetzt leg dich schlafen.�</p><p>Sie machte Pfeil und Bogen fertig und stocherte in dem heruntergebrannten Feuer, das aufloderte, als h�tte es aus unbekannter Quelle neuen Brennstoff erhalten. Einen Augenblick stand Ashe noch neben ihr, dann verschluckte ihn der Schatten auf der anderen Seite des Feuers. H�tte Rhapsody ihn nicht genau beobachtet, h�tte sie nicht gewusst, wo er lag.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Als sie sich am n�chsten Tag in der Morgend�mmerung erhoben, lag dichter Nebel �ber dem Wald. Im Licht der aufgehenden Sonne verbrannte er allerdings rasch, und sie machten sich auf den Weg. Wie beide wussten, war es das letzte St�ck ihrer gemeinsamen Reise. Gegen Mittag erreichten sie den Fluss Tar�afel, ein Arm des Wasserwegs, der vor unz�hligen Jahrtausenden die Schluchten in die Zahnfelsen eingegraben hatte. Er durchschnitt die W�lder im n�rdlichen Roland und bildete eine Art Grenze zwischen den bewohnten und eher unbewohnten Waldgebieten.</p><p>Der Tar�afel war ein m�chtiger Fluss, breit wie ein Schlachtfeld, mit einer sehr schnellen Str�mung. Rhapsody ging zum Waldrand und betrachtete ihn, wie er wild dahinbrauste, angeschwollen von den Regenf�llen des Vorfr�hlings. Dann blickte sie zur�ck zu Ashe, der schnell ein Lager aufgeschlagen hatte und �ber einem kleinen Feuer das Mittagsmahl zubereitete.</p><p>�Wie viel hiervon ist �berschwemmungsgebiet?�, fragte sie und deutete auf das Flussufer und die Grasfl�che zwischen Fluss und Wald.</p><p>�Fast alles�, antwortete er, ohne aufzuschauen. �Zurzeit ist der Fluss noch kaum �ber die Ufer getreten. Bis zum Ende des Fr�hlings wird das Wasser bis dorthin angestiegen sein, wo du jetzt stehst.�</p><p>Rhapsody schloss die Augen und lauschte der Musik des rauschenden Wassers. Auch ihre Heimat war von einem m�chtigen Fluss durchzogen gewesen, obgleich sie ihn nie gesehen hatte. Sie merkte, dass die Str�mung ungleichm��ig war, an manchen Stellen schneller als an anderen, und wenn sie den Variationen der Grundmelodie lauschte, konnte sie beinahe eine Landkarte durchs Wasser anlegen und ruhige, gesch�tzte Stellen erkennen. Nach dem Mittagessen w�rde sie ihre neu gewonnenen Erkenntnisse gleich testen. Sie a�en in kameradschaftlichem Schweigen, denn das Tosen des Flusses machte es unm�glich, sich anders als laut schreiend zu unterhalten. Rhapsody erwischte sich mehrmals dabei, wie sie ganz verga�, dass Ashe �berhaupt da war. Wenn sie ihn ansah, war er immer da, aber wenn sie sich nicht auf ihn konzentrierte, verschwand er einfach. Welcher Zauber dem Umhang, den er stets samt Kapuze trug, auch innewohnen mochte er war jedenfalls stark genug, dass man Ashe nicht nur aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn verlor. Als sie gegessen hatten, packten sie ihre Siebensachen wieder zusammen, und Rhapsody machte sich daran, ihren Lagerplatz zu s�ubern. Gerade wollte sie das Feuer l�schen, als Ashe sich schon die Ausr�stung auflud. Aber sie war noch nicht zum Aufbruch bereit.</p><p>�Warte hier.� Ashe nahm sein eigenes Gep�ck auf die eine und das von Rhapsody auf die andere Schulter. Ehe Rhapsody Protest einlegen konnte, hatte er das �berschwemmungsgebiet auch schon durchschritten und watete m�helos durch den Fluss. Innerhalb weniger Augenblicke reichte ihm das Wasser bis zur Taille, aber seine K�rpermasse schien der rei�enden Str�mung keinen Widerstand entgegenzusetzen. Er verursachte keinerlei Wellen, vielmehr schien das Wasser durch ihn hindurchzustr�men. Auf halbem Weg war er vom Wasser fast nicht mehr zu unterscheiden.</p><p>Rhapsody war nicht wirklich �berrascht, aber sie nahm sich vor, es sich zu merken. <emphasis>Er muss mit dem Wasser eine ebensolche Verbindung eingegangen sein wie ich mit dem Feuer,</emphasis> dachte sie, obgleich ihr schon einen Augenblick sp�ter auffiel, dass es auch eine Wirkung des Schwerts sein k�nnte, das Ashe bei sich trug; vielleicht war Ersteres ein Ergebnis des Letzteren. Das h�tte auch viele Dinge erkl�rt, die sie bislang nicht verstanden hatte, vor allem die Quelle, aus der er seinen Nebelumhang immer wieder speiste. Au�erdem erkl�rte es, warum er so besessen war von dem was er f�r ihr cymrisches Erbe hielt bestimmt war er ebenfalls Cymrer, in Anbetracht des elementaren Wissens, �ber das er verf�gte, wahrscheinlich aus einer fr�hen Generation. Sie sp�rte ein Ziehen in ihrem Herzen. Vielleicht hatte er den Krieg �berlebt, vielleicht stammte die Missbildung, die er unter seinem Umhang verbarg, aus eben dieser Zeit.</p><p>Und schlie�lich verstand sie jetzt auch, warum sie sich beieinander so wohl f�hlten und warum es zwischen ihnen keine Anziehung gab sie bestanden aus unterschiedlichen und gegens�tzlichen Elementen. Rhapsody war dankbar; mit Ausnahme von Achmed und Grunthor war Ashe der erste erwachsene Mann in ihrer Erinnerung, in dessen Gegenwart sie sich entspannt f�hlte. Es war ganz �hnlich wie bei ihren Br�dern, und bei dieser Erkenntnis wurde sie pl�tzlich von einer Woge Heimweh und Traurigkeit �berflutet, die sie doch l�ngst hinter sich gelassen zu haben glaubte.</p><p>So unerwartet �berfiel sie der Schmerz, dass sie sich kr�mmte; ihr Herz tat weh, sie konnte die Tr�nen kaum zur�ckhalten. Sie presste die Arme vor die Magengrube und atmete mehrmals tief aus und ein eine Technik, die sie vor langer Zeit gelernt hatte, um schmerzliche Erinnerungen zu bek�mpfen, und sch�ttelte heftig den Kopf, damit die Gedanken verschwanden.</p><p>�Rhapsody! Rhapsody, ist alles in Ordnung mit dir?� Sie blickte auf und sah Ashe, mitten im Fluss, schon halbwegs wieder zur�ck, nachdem er die Ausr�stung auf dem anderen Ufer abgeladen hatte. Zwar konnte sie sein Gesicht nicht sehen, aber sie vernahm die Besorgnis in seiner Stimme.</p><p>Rasch richtete sie sich wieder auf, l�chelte und winkte ihm zu. �Schon gut, keine Sorge!�, rief sie laut, um das Tosen des Wassers zu �bert�nen.</p><p>Ashe beschleunigte seine Schritte, und kurz darauf hatte er das Wasser hinter sich gelassen und �berquerte das �berschwemmungsgebiet, bis er neben ihr stand. Schwer atmend jagte er ihr die Hand auf die Schulter und sah ihr ins Gesicht.</p><p>�Bist du sicher, dass es dir gut geht?�</p><p>�Aber ja, es geht mir wunderbar�, erwiderte sie gedankenverloren und starrte wie gebannt auf seine Hand: Sie war ebenso trocken wie sein �briger K�rper als h�tte er das Wasser nie ber�hrt. �Das ist ein unglaubliches Kunstst�ck.�</p><p>�Gef�llt es dir? Tja, es ist wirklich recht praktisch. Lass uns jetzt gehen. Hier�, f�gte er noch hinzu und breitete die Arme aus. Verst�ndnislos starrte Rhapsody ihn an. �Was ist? Soll ich dich umarmen?�</p><p>�Nein, ich werde dich tragen.�</p><p>�Ach, lass mich in Ruhe.� Die schroffen Worte drangen aus ihrem Mund, ehe sie ihnen Einhalt gebieten konnte. Sie hustete verlegen. �Entschuldige, das war unh�flich und gemein. Nein, danke. Ich schaffe das allein.�</p><p>Ashe lachte. �Sei nicht albern. Das Wasser geht mir bis zur Taille das hei�t, es geht dir �ber den Kopf. Also, komm.�</p><p>Das nat�rliche L�cheln verschwand aus Rhapsodys Gesicht. �Erstens ist deine Taille bestimmt nicht h�her als mein Kopf, auch wenn ich vielleicht etwas klein geraten bin. Zweitens m�chte ich nicht von dir getragen werden. Ich habe gesagt, ich kann durch den Fluss waten, und das habe ich ernst gemeint. Ich wei� deine F�rsorge und deine Hilfe wirklich zu sch�tzen, aber ich schaffe das allein. Wenn du mir deine Unterst�tzung angedeihen lassen m�chtest, dann k�nntest du meinen Umhang tragen. Das w�re sehr n�tzlich, und ich w�re dir wirklich dankbar.�</p><p>�Ich werde deinen Umhang tragen und dich mit ihm. Himmel, du hast keine Chance in dieser Str�mung. Du bist nicht schwer genug.�</p><p>Rhapsody schaute ihm so direkt ins Gesicht, wie sie konnte, in der Hoffnung, Blickkontakt aufzunehmen. �Nein. Danke.� Damit trat sie ans Lagerfeuer, ging in die Hocke, um es zu l�schen, und erhob sich dann, um ihre Kleidung und ihre Sachen f�r den Marsch durch den Fluss bereitzumachen.</p><p>Die Str�mung wurde stetig st�rker, und Ashe hatte keine Lust mehr zu warten. Kurz entschlossen trat er hinter Rhapsody und hob sie hoch. M�helos trug er sie zum Fluss, sorgsam einen Weg durch die Felsbrocken w�hlend.</p><p>Der Schlag, der seinen Kopf nach hinten warf, f�hlte sich an, als stammte er von einem Mann, der doppelt so gro� war wie Rhapsody. Ashe taumelte mehrere Schritte zur�ck und setzte sie ab. Mit echter Bewunderung und nicht geringem Schmerz beobachtete er, wie sie sich ziemlich beeindruckend in Verteidigungsposition begab, Dolch und Schwert gezogen, und konnte nur staunen, welche Wut sich auf ihrem Gesicht widerspiegelte.</p><p>�Entschuldige.� Er trat einen Schritt auf sie zu und hielt erst inne, als sie ihre Klinge durch die Luft zischen lie�, einen m�rderischen Ausdruck im Gesicht. �Rhapsody, vergib mir, es tut mir Leid. Ich wollte nicht...�</p><p>�Habe ich mich etwa nicht deutlich genug ausgedr�ckt?�</p><p>�Nein. Ich meine, ja. Ich habe keine Entschuldigung vorzubringen, au�er dass es vielleicht einfach ein nat�rlicher Antrieb war, du wei�t schon ich meine es tut mir Leid. Ich wollte nur helfen.� Unter dem Blick ihrer zornig funkelnden Augen, gr�n wie das sprie�ende Gras, geriet er ins Stocken. In diesen Augen war nichts mehr von der Bereitwilligkeit zu erkennen, mit der sie ihm fr�here Grobheiten so leicht verziehen hatte.</p><p>�M�nner haben ihre nat�rlichen Antriebe schon des �fteren ins Feld gef�hrt, wenn sie mir etwas antaten oder antun wollten. Mach keinen Fehler, Ashe ich schw�re dir bei allem, was an diesem unheiligen Ort heilig ist, dass einer von uns tot sein wird, ehe du oder sonst jemand mich gegen meinen Willen irgendwohin bringt oder irgendetwas mit mir macht. Diesmal w�rst du beinahe an der Reihe gewesen.�</p><p>�Ich glaube, du hast Recht�, meinte er und rieb sich verlegen das Kinn.</p><p>�Aber es w�re mir auch egal gewesen, wenn ich mein Leben gelassen h�tte. Ich lasse mir nichts aufzwingen, was ich nicht will. Nicht von dir, nicht von sonst irgendjemandem.�</p><p>�Das verstehe ich�, sagte er, obgleich es nicht g�nzlich stimmte. Dass sie sich so aufregte, verbl�ffte ihn; ihr Gesicht war knallrot, und sie war so w�tend, wie er es noch nie erlebt hatte, nicht einmal im Kampf.</p><p>�Es tut mir Leid�, wiederholte er. �Sag mir, wie ich es wieder gutmachen kann.�</p><p>�Bleib einfach weg von mir.� Allm�hlich regte sie sich offenbar etwas ab, aber sie warf ihm immer noch zornige Blicke zu, w�hrend sie zum Wasser hinunterging. Am Ufer blieb sie stehen und schaute �ber den Fluss. Ihm war klar, dass sie sich irgendetwas ausrechnete. Dann steckte sie ihre Waffen in die Scheide zur�ck, drehte sich um, entfernte sich vom Ufer und ging wieder nach S�den, in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Am Rand des �berschwemmungsgebiets blieb sie stehen.</p><p>�Nun, du hast mich einige wertvolle Ausr�stungsgegenst�nde gekostet.�</p><p>�Ich wei� nicht, was du damit meinst�, erwiderte Ashe. �Es ist nichts kaputt, das wirst du selbst sehen, wenn du dr�ben bist.�</p><p>�Ich komme nicht mit dir. Hier trennen sich unsere Wege.�</p><p>�Warte ...�</p><p>�Du kannst die Sachen verkaufen, wenn du nach Bethania zur�ckkommst oder wohin du auch sonst ziehst�, sagte sie im Weggehen. �Vielleicht kann ich dir damit die Zeit bezahlen, die du mir als F�hrer gedient hast.�</p><p>Ashe war sprachlos. Gewiss war sie nicht so gekr�nkt, dass sie ihr Ziel und ihre Musikinstrumente deswegen aufgab aber dennoch war sie unterwegs und verschwand rasch immer weiter im Wald. Er rannte ihr nach und versuchte sie einzuholen.</p><p>�Rhapsody, warte bitte, warte.�</p><p>Wieder zog sie das Schwert und wandte sich um. Zwar sah sie nicht mehr w�tend aus, aber immer noch auf der Hut. Auf ihrem Gesicht lag ein resignierter Ausdruck, den er noch nie gesehen hatte; es zerriss ihm das Herz, obgleich er nicht wusste, weshalb. Schlie�lich blieb er in respektvoller Entfernung stehen und �berlegte, was sie so extrem reagieren lie�. <emphasis>M�nner haben ihre nat�rlichen Antriebe schon des �fteren ins Feld gef�hrt, wenn sie mir etwas antaten oder antun wollten</emphasis>. Best�rzung machte sich in ihm breit, als ihm d�mmerte, was sie damit gemeint haben k�nnte. Ihm wurde schlecht, als er n�her dar�ber nachdachte.</p><p>Niemals in seinem Leben war er so um Worte verlegen gewesen, so unsicher, was er tun sollte. Von dem Augenblick an, als er ihr in Bethe Corbair zum ersten Mal begegnet war, brachte sie ihn regelm��ig aus dem Gleichgewicht. Nun verfluchte er seine eigene Dummheit und suchte verzweifelt nach Worten, mit denen er ihr Vertrauen zur�ckgewinnen konnte. Schlie�lich warf er sich vor ihr auf die Knie. �Rhapsody, bitte verzeih mir. Was ich getan habe, war dumm und gedankenlos, und du hast jedes Recht, w�tend zu sein. Aber wenn du zur�ckkommst, dann schw�re ich dir, dass ich dich niemals wieder gegen deinen Willen anfassen werde. Bitte. Wonach du suchst, ist viel zu wichtig, um es einfach aufzugeben, nur weil du einen Trottel als Reisegef�hrten hast.�</p><p>Rhapsody sah ihn schweigend an, ihr Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Zum ersten Mal konnte Ashe ihre Gedanken nicht lesen, indem er ihr in die Augen schaute; sie waren ihm verschlossen. Furcht schn�rte ihm die Kehle zu, und obwohl er es sich nach au�en hin nicht anmerken lie�, hatte er das Gef�hl, auf der Stelle sterben zu m�ssen, wenn sie ihn und ihre Mission aufg�be, weil er dann keinen Grund mehr zum Weiterleben h�tte. Er wusste, dass es ihr bei diesem Unternehmen nicht um pers�nliche Belange ging, dass ihre Beweggr�nde altruistischer Natur waren und dass es leicht f�r sie w�re, einfach wegzugehen; ihr widerlicher Herrscher in Ylorc w�re begeistert. Am Rande seines Bewusstseins beschimpfte ihn der Drache in seinem Blut gnadenlos, aber es war nicht schlimmer als das, was Ashe sich selbst sagte.</p><p>Endlich senkte Rhapsody die Augen und steckte ihr Schwert zur�ck in die Scheide. Sie gab ihm kein Zeichen, sondern hob lediglich einen dicken Stock von der Gr��e eines Bauernspie�es auf und marschierte direkt zum Fluss zur�ck. Mit dem Stock �berpr�fte sie die Wassertiefe an der ersten Stelle, von der sie vorhin ausgerechnet hatte, dass sie von den Felsen im Flussbett und vom allgemeinen Str�mungsmuster gesch�tzt wurde, und fand, dass sie sogar noch flacher war als angenommen. Sie wandte sich um und betrachtete Ashe ruhig.</p><p>�Lenk mich nicht ab.�</p><p>Ashe nickte.</p><p>Rhapsody schloss die Augen und sprach den Namen des Flusses. Dann begann sie ein Lied zu summen, das der Melodie der Str�mung entsprach. Als sie schlie�lich die richtige Tonart und Tonfolge gefunden hatte, konnte sie den Fluss in Gedanken als einen m�chtigen, unabl�ssigen Kraftstrom sehen, der vor ihren Augen dahinraste.</p><p>Sie lauschte auf seichte Stellen und sah sie als Trittsteine durch die rei�ende Flut. Endlich band sie ihren Umhang um die Taille hoch, trat langsam, noch immer mit geschlossenen Augen, ins Wasser und tastete sich vorw�rts. Fast sofort versank sie bis zur Taille und dann zu den Schultern, aber an den Stellen, die sie als Furt w�hlte, schien das Wasser nicht die Kraft zu haben, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.</p><p>Als sie ein paar Fu� im Fluss war, folgte ihr Ashe langsam nach. Er war noch immer �berzeugt, dass Rhapsody zu klein und zu leicht war, um der Str�mung zu widerstehen. Einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, seine Macht �ber das Wasser einzusetzen und den tosenden Fluss zu beschwichtigen, aber dann kam er zu dem Schluss, dass es unklug w�re, ihr mehr zu offenbaren, als er es bereits getan hatte. So hoffte er inst�ndig, dass er sie rechtzeitig erreichen w�rde, wenn sie den Boden unter den F��en verl�re, wenngleich er wusste, dass er ein gutes St�ck zur�ckbleiben musste, um sich nicht abermals ihren Zorn zuzuziehen. Staunend beobachtete er, wie sie mit geschlossenen Augen nahtlos von einem Stein des Flussbetts zum n�chsten schritt. Sie schien die F�higkeit zu haben, den Grund des Stroms zu f�hlen und �ber ihn hinweg zu navigieren, indem sie nat�rliche Mor�nen und Verwerfungen nutzte, um auf die Stellen zu treten, wo das Wasser blockiert und die Str�mung schw�cher war. Irgendwie hatte sie eine M�glichkeit gefunden, die Beschaffenheit des Flussbetts festzustellen, die Ashe von Natur aus und auch durch sein Schwert von Geburt an klar war. Nach zwei Dritteln des Weges blieb Rhapsody pl�tzlich stehen. Ashe hatte ihr Dilemma blitzschnell durchschaut: Vor ihr lag ein gro�es Loch, umgeben von einem Damm aus Fels und Ger�ll. Man konnte es weder sicher �berqueren, noch war es wegen der durch die Barrikaden erzeugten Str�mung leicht zu umgehen. Nun stand sie in einer sumpfigen Senke und �berlegte. Am besten schien es ihr, auf der flussaufw�rts gelegenen Seite den Damm zu erklimmen und ihn dann zu nutzen, um sich der umgeleiteten Str�mung zu stellen. Gerade als sie beschloss, den Versuch zu wagen, und den ersten Schritt machte, rief Ashe hinter ihr:</p><p>�Pass auf, da ist ein Loch in ...�</p><p>Rhapsodys Konzentration war dahin, ihr Lied unterbrochen und mit ihm auch ihre Sicht auf den Grund des Flusses; sie stolperte mitten hinein in die rei�ende Str�mung, die sie packte und hinunterzuziehen drohte. Verzweifelt k�mpfte sie gegen die Panik an, doch sie wurde vom Damm gerissen und �ber das Loch getragen. Sie griff noch mit der Hand nach der Stelle, wo sie den Felsvorsprung gesehen hatte, aber schon schlug das Wasser �ber ihrem Kopf zusammen, und sie bekam keine Luft mehr.</p><p>Ashe st�rzte los; ohne jede Anstrengung durchquerte er die brausenden Fluten. Gerade wollte er die Hand nach ihrem Umhang ausstrecken, als sie japsend an die Oberfl�che kam, ein St�ck Holz umklammernd, das sich im Flussbett festgesetzt hatte. Sofort trat er zur�ck und sah zu, wie sie sich hochzog, das Gleichgewicht fand und erneut ihr Lied zu summen begann. Zwar dauerte es einen Augenblick, bis sie die Melodie wieder gefunden hatte, aber dann setzte sie sich erneut in Bewegung, wie vorhin sorgf�ltig ihren Weg �ber den Grund w�hlend. Ashe blieb, wo er war, und wartete, bis sie sich tropfnass ans Ufer hievte. Sie blieb geb�ckt stehen, und Ashe nahm an, dass sie Atem sch�pfte, aber dann sah er, dass sie etwas vom Boden aufhob. Rasch stieg er auf den Damm aus Ger�ll und machte sich ebenfalls auf den Weg ans Ufer.</p><p>Er war schon fast am Rand des Damms, als ihn ein ziemlich gro�er Stein an der Stirn traf. Seine Drachensinne hatten ihre Bewegung und ihre Absicht registriert, noch bevor das Geschoss ihre Hand verlassen hatte, aber er war so schockiert, dass er nicht angemessen reagieren konnte. In letzter Sekunde versuchte er sich noch zu ducken, verlor aber das Gleichgewicht und taumelte ins Wasser. Seit er denken konnte, war ihm etwas Derartiges noch nie passiert. Und so geriet der Kirsdarkenvar, der Meister des Wasserelements, einer der agilsten M�nner in ganz Roland, ins Stolpern und platschte kopf�ber in den Tar�afel. Ashe stand wieder auf, sch�ttelte kurz die Wassertropfen ab und stieg dann trocken aus den Fluten. Am Ufer war Rhapsody schon dabei, die Ausr�stung einzusammeln, die er zuvor �ber den Fluss getragen hatte. �Womit habe ich das verdient?�, verlangte er zu wissen. Sie stand auf, schulterte ihren Tornister und funkelte ihn w�tend an. �Ich habe mit dir das Gleiche gemacht wie du mit mir. Unterbrich mich nie wieder, wenn ich mich konzentriere, es sei denn, es st�rzt sich etwas auf mich, was ich nicht allein sehen kann. F�r mich war es dasselbe, als h�ttest du mir einen Stein an den Kopf geworfen. Wenn du m�chtest, kann ich dich jedes Mal, wenn du meine Konzentration st�rst, auf diese Weise daran erinnern.�</p><p>�Das ist nicht notwendig�, entgegnete Ashe ver�rgert. �Ich soll jetzt also nur noch etwas sagen, wenn ich angesprochen werde, richtig?�</p><p>�Ein verlockendes Angebot, aber so weit w�rde ich nicht gehen�, antwortete Rhapsody.</p><p>�Wenn du jetzt umkehren m�chtest ich glaube, ich finde mich ab hier allein zurecht.�</p><p>�Nein, das wirst du nicht�, widersprach Ashe. Doch noch ehe die Worte ganz aus seinem Mund waren, bereute er sie schon wieder. An diesem Nachmittag hatte er sie bereits zweimal von oben herab behandelt und ihre F�higkeiten angezweifelt, und das machte sie immer w�tender, was sich auch jetzt an dem finsteren Ausdruck auf ihrem sonst so strahlend sch�nen Gesicht zeigte. �Warte, es tut mir Leid, das habe ich nicht so gemeint. Aber ich m�chte unsere Unternehmung wirklich nicht aufgeben. Wir sind fast am Ziel. Ich habe gesagt, ich werde dich bis zu Elynsynos� H�hle begleiten, und ich m�chte mein Wort halten. Das kannst du doch bestimmt verstehen.�</p><p>Aus dem Brodeln wurde leises K�cheln. �Ich denke schon, dass ich das verstehen kann�, r�umte sie grollend ein. �Aber ich habe es gr�ndlich satt, wegen meiner K�rpergr��e nicht ernst genommen zu werden.� Sie trug das Gep�ck zu einer kleinen Lichtung, lie� es dort zu Boden gleiten und nahm ihren Umhang ab. Sie war tropfnass von Kopf bis Fu�, die Stiefel waren durchweicht und quietschten vor N�sse, die Kleider klebten ihr am Leib. Bei ihrem Anblick musste Ashe schlucken und war im Stillen dankbar daf�r, dass er unsichtbar war. Um seine wachsende Erregung zu unterdr�cken, widersprach er ihr.</p><p>�Du meinst also, die Leute nehmen dich nicht ernst, weil du so klein bist?�</p><p>Rhapsody zog ihr nasses Hemd �ber den Kopf und h�ngte es �ber einen Ast. Nun trug sie ein �rmelloses Unterhemd aus sorboldischem Leinen mit Spitzenbesatz, und da es ebenfalls nass am K�rper klebte, hoben sich die Umrisse ihrer anmutigen Br�ste deutlich ab. Ashe sp�rte, wie ihm hei� wurde, und seine H�nde zitterten.</p><p>�Entweder liegt es an meiner Gr��e oder an meiner Haarfarbe. Aus irgendeinem Grund scheinen die Leute nur dunkle Haare mit einem Kopf gleichzusetzen, der auch geistige Energie produziert. Ich verstehe das �berhaupt nicht.� Sie zog sich die Stiefel aus und l�ste die B�nder ihrer Hose.</p><p>Ashe f�rchtete, die Kontrolle �ber sich zu verlieren. �Nun, vielleicht liegt es eher an mangelndem gesundem Menschenverstand�, meinte er, in der Hoffnung, sie davon abhalten zu k�nnen, noch mehr Kleidungsst�cke abzulegen, obwohl er es sich gleichzeitig w�nschte. Nun kehrte der Zorn zur�ck. �Wie bitte? Hast du gerade gesagt, ich h�tte keinen gesunden Menschenverstand?�</p><p>�Nun ja, sieh dich doch an. Du befindest dich ganz allein auf einer unbewohnten Waldlichtung, zusammen mit einem Mann, den du kaum kennst, und ziehst dich aus bis auf die Unterw�sche.�</p><p>�Meine Sachen sind nass.�</p><p>�Das verstehe ich, und glaube mir, ich genie�e den Anblick, aber wenn ich jemand anderes w�re, k�nntest du dich in diesem Moment in ziemlicher Gefahr befinden.�</p><p>�Warum?� Sie lie� die Hose zu Boden gleiten und h�ngte sie neben das tropfende Hemd an den Ast. Ihre langen schlanken Beine steckten in knielangen leinenen Unterhosen, die zum Unterhemd passten und sich auf �hnliche Weise an ihren K�rper schmiegten.</p><p>�Nun, du k�nnest ausgepl�ndert werden oder noch Schlimmeres.�</p><p>Rhapsody grinste ihn am�siert an. �Also, Ashe, wie kann sich eine Frau von einem Mann einsch�chtern lassen, dessen Schwert aus Wasser besteht?� Sie zwinkerte ihm zu, drehte sich um und widmete sich wieder ihren Kleidern, die sie ordentlich auf dem Ast ausbreitete. Ashe starrte sie an und begann lauthals zu lachen. Rhapsody verk�rperte wirklich die Unberechenbarkeit des Musikst�cks, dessen Namen sie trug; sprunghaft, von einem Zeitma� zum n�chsten v�llig anders, immer voller �berraschungen. Er hatte eine l�ngere, ausgedehnte Diskussion �ber seine letzte Beleidigung erwartet, und nun machte sie sich stattdessen sanft �ber ihn lustig.</p><p>�Untersch�tze niemals die Macht des Wassers�, gab er neckend zur�ck. �Mein Schwert kann eisig sein und hart wie Stahl. Ich kann es sogar rauchen lassen.�</p><p>�Oooooh�, machte sie, noch immer mit dem R�cken zu ihm und anscheinend nicht sehr beeindruckt. �Aber was nutzt das schon, wenn es schmilzt, sobald es in die N�he von W�rme kommt?� Ohne sich umzudrehen, klopfte sie auf die Scheide der Tagessternfanfare. Ashe konnte nicht beurteilen, ob sie mit ihm flirtete, aber er hoffte es. Vorsichtig langte er �ber ihre Schulter und ber�hrte die aufgeh�ngten Kleider, um das Wasser aus ihnen zu ziehen. �berrascht strich sie mit der Hand dar�ber, als sie merkte, dass Hemd, Hose und Str�mpfe trocken waren.</p><p>�Beeindruckend�, meinte sie.</p><p>�Wenn ich die Erlaubnis bekommen k�nnte, deine Schulter anzufassen, k�nnte ich den Rest ebenso trocknen�, sagte er.</p><p>Rhapsody �berlegte kurz, dann nickte sie. Ashes Finger legten sich auf ihre Schulter, und das Unterhemd wurde fester, weil das Wasser, das es noch einen Augenblick vorher durchtr�nkt hatte, verschwunden war. Kurz darauf war der Rest ihrer Kleidung trocken.</p><p>�Danke�, sagte sie, zog ihre Sachen vom Ast herunter und schl�pfte in ihr Hemd. �Jetzt kannst du wieder anfangen, mich ernst zu nehmen.�</p><p>�Rhapsody, ich nehme dich sowieso ernst�, erwiderte Ashe. Er sagte die Wahrheit und betete dabei, dass sie das war, was sie zu sein schien, und nicht irgendeine D�monendienerin. Wenn sie b�se war, w�rde er ihr seine Seele kampflos �berlassen, wenn die Zeit gekommen war, das wusste er genau.</p><p>Sie war dabei, ihre Hose wieder zuzubinden. �Die meisten M�nner tun das aber nicht. Die meisten M�nner nehmen die meisten Frauen nicht ernst, wenn sie ausgezogen sind.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>�Nun, ich denke, das kommt daher, dass die M�nner im Allgemeinen selbst nicht gern ausgezogen sind. Anders als Frauen haben sie einen Indikator, der unverkennbar verr�t, was und ob sie �berhaupt denken.�</p><p>Ashe sp�rte, wie er err�tete. �Wie bitte?� Er hoffte, dass sich diese Aussage nicht auf ihn bezog.</p><p>�Nun, wenn ein Mann nackt ist, dann h�ngt sein Gehirn vor den Augen der Welt, sodass jeder es sehen kann.�</p><p>�Das ist doch l�cherlich.�</p><p>Rhapsody warf ihm einen versonnenen Blick zu, w�hrend sie in die Stiefel schl�pfte. �Nein, ist es nicht. Meiner Erfahrung nach ist es dieses Organ, mit dem die M�nner denken.�</p><p>Ashe beschloss, das Thema fallen zu lassen. Sie hatte Recht. In eben diesem Augenblick war er dabei, lange und hart nachzudenken.</p><p>In dieser Nacht schwelte das Feuer ruhig im Wind. Ashe hatte mehrmals Zweige und Torf nachgelegt, aber es reagierte nicht darauf, sondern brannte unbeirrt mit kleiner Flamme weiter. Er musste l�cheln �ber die Ironie; schlie�lich hatte er noch nie zuvor ein Lagerfeuer kennen gelernt, das auf Stimmungen reagierte. Aber dieses hier passte sich ganz und gar Rhapsodys Laune an.</p><p>Seit sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, war sie ziemlich wortkarg gewesen; w�hrend er gekocht hatte, hatte sie die Ausr�stung �berpr�ft und neu gepackt. Beim Essen herrschte Schweigen, aber kein feindseliges. Freundlich antwortete sie auf seine Fragen, hatte aber offensichtlich keine Lust, eine Konversation zu beginnen. Sie war so tief in Gedanken versunken, dass man es fast h�ren konnte, und daher respektierte Ashe ihre Stille und �berlie� sie im Gro�en und Ganzen ihren Gr�beleien.</p><p>Nachdem sie das Ess und Kochgeschirr gereinigt und weggepackt hatte, setzte sie sich an den Rand des Lichtkreises und beobachtete, wie die Sterne, einer nach dem anderen, �ber den verblassenden Silhouetten der fernen H�gel aufgingen. Der Ostwind blies den Qualm des Feuers �ber die vor ihr liegenden Felder, gelegentlich versetzt mit kleinen Funken, die �ber ihren Kopf sausten und spurlos im Nachthimmel verschwanden.</p><p>Mit dem R�cken zu ihr sa� Ashe auf der anderen Seite des Feuers. Sie befand sich noch deutlich innerhalb der Reichweite seiner Sinne, und er wollte ihr den Abstand gew�hren, den sie brauchte. Gespannt wartete er auf ihre Abendgebete, die sie sonst immer sang, wenn die Sterne am Himmel erschienen, denn er genoss die Sch�nheit ihrer Stimme und die Reinheit ihrer Lieder. Aber heute brach die D�mmerung und schlie�lich die Nacht herein, und noch immer blieb Rhapsody stumm.</p><p>Von der Stelle, an der er sa�, sp�rte er, wie sich eine einzelne Tr�ne formte und herabfiel; ihre Augen suchten den Himmel aufmerksam ab, fanden aber nicht, was sie suchten. Ashes Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sehnte sich danach, zu ihr zu gehen, sie in die Arme zu nehmen und ihr tr�stende Worte ins Ohr zu fl�stern. Aber er wusste es besser. Er war dazu verurteilt, auf Distanz zu bleiben, ihre Privatsph�re zu achten und au�erdem noch damit fertig zu werden, dass er ihre Traurigkeit wom�glich mit seiner Dummheit verschuldet hatte. Er verfluchte sich und betete im Stillen, ihr Schmerz m�ge nicht daher r�hren, dass er alte Erinnerungen in ihr aufgew�hlt hatte.</p><p><emphasis>Das ist deine Schuld,</emphasis> murmelte der Drache in ihm. <emphasis>Alles deine Schuld</emphasis>. Schlie�lich h�rte er, dass sie vor sich hin fl�sterte. F�r menschliche Ohren w�ren die Worte nicht zu verstehen gewesen, aber der Drache in ihm nahm sie auf, als w�rden sie direkt neben ihm gesprochen.</p><p>�Liacor miathmyn evet tana rosha? Evet ria diandaer. Diefi aria.�</p><p>Er erkannte die Sprache sofort, es war Alt-Lirinsch, und er konnte es ziemlich w�rtlich �bersetzen: <emphasis>Wie kann ich erwarten, dass du antwortest? Du kennst mich nicht. Ich habe den Stern verloren</emphasis>.</p><p>Ein Durcheinander von Gef�hlen tobte in seinem Kopf. Freude sein Verdacht hatte sich fast v�llig best�tigt; sie musste Cymrerin sein, wenn sie die Sprache der Lirin von Serendair kannte. Unsicherheit sprach sie mit den Sternen oder mit ihm oder vielleicht mit jemand ganz anderem? Und Schmerz die Verzweiflung in ihrer Stimme war von einer Tiefe, die er kannte, sie barg eine Einsamkeit, die seiner eigenen �hnelte.</p><p>Langsam erhob sich Ashe und schritt ums Feuer, bis er hinter ihr stand. Er f�hlte, wie ihre Schultern sich strafften, als er n�her kam, und die Tr�ne verschwand, als die Temperatur ihrer Haut anstieg. Ansonsten jedoch verharrte sie regungslos. Er l�chelte in sich hinein, denn es ber�hrte ihn tief, wie sie ihr Feuerwissen einsetzte. Dann begann er mit m�glichst beil�ufiger Stimme zu sprechen.</p><p>�Suchst du einen bestimmten Stern?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich habe einen nun, ich meine, ich verstehe etwas von Astronomie�, fuhr er fort; so sorgf�ltig er nach den passenden Worten suchte, verfehlte er sie doch in der Dunkelheit.</p><p>�Warum willst du das wissen?� Eigentlich war es keine Frage.</p><p>Ashe zuckte zusammen, so vermessen erschien ihm pl�tzlich sein Vorhaben. �Nun�, erwiderte er und versuchte, mit Ehrlichkeit weiterzukommen. �Ich dachte, ich h�tte geh�rt, wie du �diefi aria� gesagt h�ttest. Bedeutet das nicht: �Ich habe den Stern verloren�?�</p><p>Rhapsody schloss die Augen und seufzte tief. Als sie sich ihm zuwandte, lagen Traurigkeit und Resignation auf ihrem Gesicht, aber er konnte kein Anzeichen von �rger entdecken.</p><p>��Diefi� hei�t wirklich �ich habe verlorene da hast du Recht�, sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen. �Aber �aria� hast du falsch �bersetzt. Es bedeutet n�mlich nicht �den Stern�, sondern �meinen Stern�.�</p><p>Ashe wusste, dass es falsch gewesen w�re, sich jetzt damit zu br�sten, dass er mit seinen Vermutungen �ber ihre Vergangenheit richtig gelegen hatte. �Und was hei�t das, wenn ich fragen darf? Welchen Stern hast du verloren?�</p><p>Rhapsody ging zur�ck ans Feuer und setzte sich hin, die Stirn auf die Hand gest�tzt. Sie schwieg. Wieder verfluchte sich Ashe.</p><p>�Entschuldige, das war nicht richtig von mir. Ich habe nicht das Recht, mich in Dinge einzumischen, die ich zuf�llig mit angeh�rt habe.�</p><p>Zum ersten Mal seit dem Abendessen sah Rhapsody ihm ins Gesicht. �Die Familie meiner Mutter waren Liringlas, Mitglieder des Volks der W�lder und Wiesen, Himmelss�nger. Sie beobachteten den Himmel, um sich von ihm f�hren zu lassen, und begr��ten den �bergang der Nacht in den Morgen und der Abendd�mmerung in die Nacht mit Gesang. Ich denke, das hast du bemerkt.�</p><p>�Ja. Sehr sch�n.� Seine Worte konnten Verschiedenes bedeuten.</p><p>�Au�erdem glaubten die Liringlas, dass jedes Kind unter einem bestimmten Leitstern geboren werde und dass es eine Verbindung zwischen jeder Lirin-Seele und ihrem Stern gebe. �Aria�ist das Wort f�r �mein Leitstern, aber jeder Stern hat nat�rlich auch noch seinen eigenen Namen. Ich glaube, es gab viele Rituale und Traditionen, die sich darum rankten. Mein Vater hielt alles f�r Unsinn.�</p><p>�Ich finde diesen Glauben wundervoll.�</p><p>Rhapsody schwieg. Wieder blickte sie ins Feuer, dessen Flackern sich in einem melancholischen Rhythmus in ihrem Gesicht spiegelte.</p><p>�Welcher Stern ist denn nun dein Stern? Vielleicht kann ich dir helfen, ihn wieder zu finden.�</p><p>Rhapsody stand auf und stocherte im Feuer. �Nein, das kannst du nicht. Trotzdem vielen Dank. Ich �bernehme die erste Wache. Schlaf ein bisschen.� Sie ging zur Ausr�stung und machte die Waffen f�r die Nacht bereit.</p><p>Erst als er sich tief in sein Bettzeug vergraben hatte, verstand Ashe die volle Bedeutung ihrer Antwort. Rhapsodys Stern befand sich auf der anderen Seite der Welt; er schien �ber einem Meer, das ihre Geburtsst�tte umfing wie ein w�ssriges Grab.</p><p>In der Stille seines Schlafgemachs legte er sich zur�ck und lauschte dem warmen Fr�hlingswind. Um ihn herum hatten sich L�rm und Gewusel des Tages in ged�mpfte Tr�gheit verwandelt. Wie er diese Zeit liebte, diese Zeit, in der er die Maske ablegen und all die Dinge genie�en konnte, die er vollbracht hatte, ohne dabei entdeckt zu werden. Wenn der Wind klar und die Nacht still genug war, konnte er die Hitze sp�ren, die Reibung in der Luft von der Gewalt, die er selbst aus dieser gro�en Entfernung durch Manipulation entstehen lie�. Heute Nacht war die Schwadron yarimesischer Wachen daf�r zust�ndig, die er fest im Griff und von ihren �blichen Pflichten abgebracht hatte. Diese bestanden darin, die Wasserstra�en au�erhalb der verfallenden Hauptstadt von Yarim Paar zu patrouillieren und die Shanouin, den Stamm der Brunnengr�ber und Wassertr�ger, zu besch�tzen, wenn sie ihre kostbare Last in die durstige Stadt zur�ckbrachten. Jahrhundertelang waren die Shaouin auf den Schutz der Wache angewiesen gewesen. Bei dem Gedanken lachte er leise. Das Chaos war von unsch�tzbarem Wert, es brachte die elektrische Leidenschaft mit sich, die er ben�tigte. Noch besser war es, wenn die Opfer dem Bann vertrauten. Die statische Aufladung des anf�nglichen Schocks trug zu dem Unterhaltungswert des Ganzen bei. Und er freute sich schon sehr auf den Horror, den die Wachen unweigerlich empfinden w�rden, wenn der Bann nachlie� und sie sich mit ihren Mordtaten konfrontiert sahen.</p><p>Seine Haut prickelte von dem Angstrausch, der in Wellen �ber ihn hereinbrach, als das Schlachten begann. Die Wassertr�ger waren kr�ftig, arbeiteten aber f�r gew�hnlich mit ihren Familien im Schlepptau. Er holte tief Luft und streckte seine Glieder, w�hrend die W�rme des Blutvergie�ens sie durchstr�mte.</p><p>Es war Reibungsw�rme, die Hitze des Kontakts, die durch seinen K�rper wallte, die jetzt seine Geistnatur liebkoste, die Macht der Hitze, die so sehr an das Feuer erinnerte, aus dem er kam. Die Natur jeder Handlung produzierte sie, aber der Ort, wo sie sich am sichersten finden lie�, war der wilde Wettkampf des Mordens, gr�sslich und grausam und ungeheuer erregend. Er sp�rte, wie sich diese Erregung in seinem menschlichen Fleisch aufbaute, diesem Fleisch, dem aufgrund von Alter und anderen Einschr�nkungen der Doppelnatur eine Befriedigung in den meisten anderen Bereichen versagt geblieben war.</p><p>Die Patrouille ging wirkungsvoll zu Werke zu wirkungsvoll: Sie lie�en sich zu wenig Zeit. Mit einem frustrierten Knurren zwang er sie, ihre Bem�hungen zu bremsen, lieber zuzustechen, als K�pfe abzuschlagen, sich die Kinder bis zum Ende aufzusparen. Seine Hoffnung, dass sich die Hitze des vergossenen Bluts zu einem belebenden H�hepunkt aufbauen w�rde, schw�chte sich ab; offenbar hatte er nicht genug von seiner eigenen Kraft eingebracht, als er die Gruppe in seinen Bann geschlagen hatte. Eine Schande, wirklich eine Schande. Ein Fehler, der ihm nie wieder unterlaufen w�rde.</p><p>Nun gab es keinen Grund mehr, seine Macht zu konservieren. Inzwischen war er m�chtig genug, mehr von seiner Lebensessenz einzusparen oder dem, was eine Seele gewesen w�re, h�tte ein F�dor dergleichen besessen. Wenn er das n�chste Mal Gelegenheit bek�me, eine Truppe Soldaten vor�bergehend zu seinen unwissenden Sklaven zu machen, w�rde er sich st�rker einbringen. So w�rde er mehr von dem Elend sp�ren, w�rde mehr von der Qual aufsaugen k�nnen. Das war die Sache gewiss wert, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die einzigen anderen Vergn�gen, die seine menschliche Gestalt ihm gew�hrte, in Branntwein und �ppigen Backwaren bestanden.</p><p>Sein Atem wurde wieder flach, als das Massaker sich dem rauschhaften H�hepunkt n�herte und dann in die Phase durchdringender Jammerschreie und vergeblichen, schw�cher werdenden Gewinsels um Gnade �berging. Es war wundervoll, endlich wieder das Aufwallen seiner Macht zu sp�ren, das mit dem Vergie�en von Kinderblut einherging. Zu lange, allzu lange hatte er das vermisst, nun, da sein Spielzeug in der weiten Welt umherwanderte, fern vom Haus der Erinnerungen, das der Schauplatz eines so wundervollen Gemetzels gewesen war.</p><p>Als die orgiastischen Empfindungen schlie�lich abgeebbt waren, kroch er wieder unter seine Decken und fiel in die tr�stliche Dunkelheit des Schlafs. Er tr�umte von einer Zeit, an dem diese heimlichen Freuden zu seinem Alltag geh�ren w�rden, von jener Zeit, in der die Qualen eines anderen Kindes eines Kindes, das sich in den Bergen von Ylorc versteckte endlich beginnen w�rden. Bald w�rde diese Zeit kommen, bald war es so weit.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Vogelgezwitscher und ein unerwarteter Sonnenstrahl weckten Rhapsody am n�chsten Morgen. Die Nacht war schwierig gewesen, deshalb hatte sie die Morgend�mmerung verschlafen, was ihr so gut wie nie passierte. Panisch setzte sie sich auf, bek�mmert, weil sie ihre Gebete bei Sonnenaufgang verpasst hatte.</p><p>�Guten Morgen.� Die Stimme kam von der anderen Seite des Lagers, wo Ashe sa�, geh�llt in seine �blichen nebligen Gew�nder, und sie beobachtete. �Hast du dich ein bisschen ausgeruht?�</p><p>�Ja, entschuldige�, antwortete sie verlegen. In der Nacht hatte sie sich so heftig herumgeworfen, dass sich ihre Haare aufgel�st hatten, und Ashe war pl�tzlich etwas aufgefallen: Mit ihren gl�nzenden goldenen Locken, die offen um das nahezu vollkommene Gesicht fielen, war sie ohne Frage das Anziehendste Wesen, das er jemals gesehen hatte, und auf unbewusster Ebene musste sie das zumindest ahnen. Deshalb hielt sie ihr Haar immer mit diesem unscheinbaren schwarzen Band zur�ck sie spielte ihre Sch�nheit herunter, um nicht aufzufallen. Ashe lachte leise in sich hinein. Ihre Vorsichtsma�nahmen gen�gten nicht, und jetzt war sowieso alles zu sp�t.</p><p>�Du brauchst dich nicht zu entschuldigen�, sagte er und warf eine Hand voll Zweige aufs Feuer. �Es muss sehr unangenehm sein, wenn man nicht mal eine einzige Nacht ruhig schlafen kann.�</p><p>Rhapsody wandte den Blick ab. �Ja, das stimmt.� Langsam kroch sie unter ihren Decken hervor, stand auf und klopfte sich Bl�tter und Gras von den Kleidern. �Meinst du, wir schaffen es heute?�</p><p>�Zu Elynsynos?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich halte morgen f�r wahrscheinlicher. Wenn du schon in ihrem Reich w�rst, w�rdest du besser schlafen.�</p><p>Rhapsody band ihr Haar wieder ordentlich mit dem Samtband zur�ck und sah Ashe an. �Wie meinst du das?�</p><p>�Man sagt, Drachen k�nnten die Tr�ume eines Menschen bewachen und die schlechten in Schach halten. Wenn wir innerhalb von Elynsynos� Einflussbereich w�ren, h�tte sie ohne Zweifel deine Albtr�ume verjagt.�</p><p>�Woher willst du wissen, dass sie das �berhaupt m�chte?�</p><p>�Weil sie von dir hingerissen sein wird, Rhapsody. Vertrau mir.�</p><p>Offensichtlich wusste Ashe, wovon er sprach. Nach einem ereignislosen Tag, an dem sie durch die W�lder wanderten, die mit jeder Meile dichter und stiller wurden, machten Rhapsody und Ashe wieder Halt, um einen Platz f�r die Nacht zu suchen. Noch immer war ihre nachdenkliche Stimmung nicht vergangen, und sie waren meist schweigend nebeneinander hergegangen, bis sie in ein dunkles, von Stechpalmen einges�umtes Tal kamen. Hier schlugen sie ihr Lager auf, und Ashe �bernahm die erste Wache. Mitternacht kam, und noch immer schlummerte Rhapsody friedlich, ungest�rt von n�chtlichen �ngsten, abgesehen von einem kurzen Gemurmel, das wie ein Schluckauf klang, nach dem sie sich aber schnell wieder beruhigte. Ashe beschloss, sie schlafen zu lassen, so lange sie konnte, und so wachte er immer noch, als der Morgen kam. Schlanke Arme erschienen unter der Decke und streckten sich zu einem langen, tiefen Seufzer; einen Augenblick sp�ter kam der Kopf zum Vorschein der goldene Haarschopf wirkte fast wie die aufgehende Sonne, die �ber den Horizont stieg. Gro�e Augen wurden noch gr��er vor Entsetzen.</p><p>Blitzschnell kroch sie aus den Decken hervor und rannte zur n�chsten lichten Stelle, wo sie den Himmel sehen konnte.</p><p>Das Licht der Morgend�mmerung f�rbte den dunklen Himmel schon azurblau und zauberte einen rosa Hauch auf den �stlichen Rand. Der Morgenstern ging gerade unter, als Rhapsody ihre Aubade anstimmte; die s��e Klarheit ihrer Stimme durchbrach die Stille des Tals und sandte Schauder �ber Ashes R�cken. Da sp�rte er unter seinen F��en ein sanftes Rumpeln, und der Wind wurde ein wenig st�rker. Auch Elynsynos hatte Rhapsody geh�rt.</p><p>�Hier sind wir�, sagte Ashe. Seine Stimme war beinahe ein Fl�stern, und Rhapsody fragte sich, ob es Ehrfurcht war oder Angst.</p><p>In einer Vertiefung im Berghang unter ihnen lag ein kleiner Waldsee. Sein kristallklares Wasser war vollkommen ruhig, und wie ein Spiegel reflektierte er die um ihn stehenden B�ume. Der See ergoss sich in einen kleinen Bach, dem sie vom Tar�afel immer wieder gefolgt waren.</p><p>Im Wald herrschte Stille, unterbrochen hier und da nur vom Zwitschern eines Vogels oder dem Pl�tschern eines Bachs. Die Sch�nheit und Heiterkeit dieses Ortes entsprach ganz und gar nicht Rhapsodys Erwartungen, wie die Umgebung einer Drachenh�hle auszusehen hatte. Nirgendwo gab es Anzeichen, dass hier ein gro�es Reptil oder �berhaupt jemand wohnte. Sie umrundeten den See, bis sie auf seine andere Seite gelangten und Rhapsody die Quelle sah, die ihn speiste. Im steilsten Abhang der H�gel befand sich eine H�hle, die nur von diesem Standpunkt aus zu sehen war, und aus ihr floss leise ein kleiner, glasklarer Bach in den Spiegelsee. Der Eingang der H�hle war etwa zwanzig Fu� hoch. Es bestand kein Zweifel, dass dies ihr Ziel war; Rhapsody f�hlte die Macht, die von der H�hle ausging und sie innerlich erzittern lie�.</p><p>Als sie den langen Pfad hinuntergingen, glaubte Rhapsody fl�sternde Stimmen im Wind zu h�ren, aber als sie stehen blieb, um zu lauschen, waren die Worte verschwunden, und sie h�rte nichts als das Rascheln der knospenden Zweige in der Fr�hlingsbrise. Sie hatte das sichere Gef�hl, dass sie beobachtet wurden. Ashe schwieg, und sie konnte unter der Kapuze seines Umhangs keine Reaktion ausmachen.</p><p>Schlie�lich gelangten sie zum H�hleneingang. In einem gleichm��igen Rhythmus entstr�mte ihm warme Luft; <emphasis>der Atem des Drachen,</emphasis> dachte Rhapsody. Zweifel bem�chtigten sich ihrer, Zweifel, ob es richtig gewesen war, hierher zu kommen. Schon spielte sie mit dem Gedanken, schnell wieder wegzugehen, als der Friede des Waldes von einer Stimme durchbrochen wurde, die nur von Elynsynos stammen konnte.</p><p>�Du machst mich neugierig�, sagte die Stimme in verschiedenen Tonlagen, gleichzeitig Bass, Tenor, Alt und Sopran. Ihr Nachhall enthielt eine elementare Vertrautheit, die nicht einmal Rhapsodys Feuergeborenes Herz ermessen konnte, die indes das Innerste ihrer Seele anr�hrte. Einen Augenblick lang konnte sie nicht sagen, ob sie tats�chlich Worte geh�rt oder nur gef�hlt hatte. �Komm herein.�</p><p>Rhapsody schluckte schwer und trat langsam auf den Eingang der H�hle zu. Am �u�eren Rand der H�hlenwand blieb sie stehen und schob Flechten und Efeu zur�ck, um die dort eingravierten Runen zu betrachten. Pl�tzlich erkannte sie vertraute Worte.</p><p><emphasis>Cyme we inne fri�,</emphasis></p><p><emphasis>fram the grip of dea� to lif</emphasis></p><p><emphasis>inne �is smylte land</emphasis></p><p>Unter ihren Fingerspitzen vibrierte es sanft, als sie den uralten Schriftzug ber�hrte; sie sp�rte die Aura des seit Jahrhunderten brachliegenden Wissens, und Staunen erf�llte sie, Entdeckerfreude und noch mehr Erregung, die herzzerrei�ende Spannung einer ersten Leidenschaft. Sie verstand es sofort, es war unverkennbar, obgleich sie es nur ein einziges Mal in ihrem Leben empfunden hatte.</p><p>Das Wissen, so alt es war, hing an diesem Ort f�rmlich in der Luft und war gegenw�rtig im Stein der H�hlenwand. Hierher musste Merithyn gekommen sein, hier hatte er zum ersten Mal das Gel�bde seines K�nigs eingraviert. In gewisser Weise war dies also der Geburtsort des cymrischen Volkes und hatte als solcher eine geradezu magische Aura. Mehr noch, hier hatte es einmal Liebe gegeben, eine gro�e Liebe, und ein Teil davon war immer noch vorhanden. Gern w�re Rhapsody einfach hier stehen geblieben und h�tte die Runen studiert.</p><p>�Rhapsody�, ert�nte hinter ihr Ashes Stimme, so unvermittelt, dass sie heftig zusammenzuckte. �Schau ihr nicht in die Augen.�</p><p>Sie sch�ttelte ihre Trance ab und nickte. Dann �berpr�fte sie ihre Ausr�stung und wandte sich zu ihm um.</p><p>�Ich werde vorsichtig sein. Auf Wiedersehen, Ashe�, sagte sie leise. �Danke f�r alles. M�gest du eine sichere Heimreise haben.�</p><p>�Warte, Rhapsody.� Ashe streckte ihr die Hand hin. Sie nahm sie und lie� sich von ihm vom Fels herunter auf den Waldboden ziehen.</p><p>�Ja?� Sie stand vor ihm und blickte hinauf in die Dunkelheit seiner Kapuze. Langsam hob er die Hand, ergriff die Kapuze und zog sie dann blitzschnell herunter. Rhapsody stockte der Atem.</p><p>Jo hatte Recht gehabt. Er hatte keine Narben, er war nicht im Geringsten entstellt. Vielmehr war sein Gesicht wundersch�n, und er blickte mit einem unsicheren L�cheln auf sie herab. Genau wie ihre Schwester bemerkte auch Rhapsody als Erstes sein Haar. Es leuchtete wie blankes Kupfer, und im Licht der Nachmittagssonne h�tte Rhapsody fast glauben k�nnen, es w�re tats�chlich das Werk eines Schmiedes. Weder in diesem Land noch in jenem, aus dem sie stammte, hatte sie jemals so etwas gesehen, und sie fragte sich, ob es wohl weich war wie Sommerf�den oder hart und drahtig, wie der metallische Glanz es nahe legte. Die Frage faszinierte sie, und sie h�tte den Rest des Nachmittags damit verbringen k�nnen, hier zu stehen, ihn anzustarren und gegen den Drang anzuk�mpfen, sein Haar zu ber�hren. Es dauerte mehrere Atemz�ge, bis ihre Augen den Rest seines Gesichts aufnahmen. Es war klassisch sch�n und zeigte wie ihr eigenes seine aus menschlichen und lirinschen Eigenschaften gemischte Herkunft. Seine Haut war hell und glatt, sein sch�n gemei�elter Kiefer von struppigen Bartstoppeln bedeckt. Bei einem Mann rein menschlicher Abstammung h�tte das auf ungef�hr einen Monat ohne Rasur hingedeutet, aber Rhapsody wusste, dass der Bart bei einem Halbblut mindestens ein Jahr wuchs, bis er so aussah. W�re er ein Mensch gewesen, h�tte sie ihn auf Mitte Zwanzig gesch�tzt, aber als Halb-Lirin, m�glicherweise von cymrischer Abstammung, konnte Rhapsody sein wahres Alter unm�glich erraten. Und dann blickte sie in seine Augen, sch�ne, fremdartige Augen. Sie waren leuchtend blau, mit kleinen bernsteinfarbenen Sternen um die Iris herum. Sie musste zweimal hinsehen, ehe ihr klar wurde, was an ihnen so fremdartig war. Die Pupillen waren vertikale Schlitze wie bei einer Schlange, jedoch ohne das Grausige eines Reptils; vielmehr sah man in ihnen Erfahrung und Kraft, uralt und ausdauernd. Rhapsody f�hlte sich zu ihnen hingezogen wie von einem m�chtigen Fluss, der �ber einen Wasserfall st�rzt, oder von der Ruhe einer abgelegenen Lagune. Dann schloss Ashe kurz die Augen, er blinzelte, und ihr stockte wieder der Atem. Als sie wieder Luft holte, sp�rte sie, dass ihre Wangen nass waren von Tr�nen, doch ihr war nicht bewusst, dass sie geweint hatte. Schlagartig verstand sie nun viele Dinge, die ihr zuvor r�tselhaft erschienen waren warum er sich unter seinem Umhang versteckt, warum er sie weggesto�en hatte.</p><p>Er wurde verfolgt. Nur das konnte der Grund sein.</p><p>Sie wollte sprechen, war jedoch zu aufgew�hlt. Ashe sah ihr in die Augen, als f�rchtete er sich vor ihren Worten, m�sste sie aber trotzdem h�ren. Endlich f�hlte Rhapsody sich bereit.</p><p>�Ashe?�</p><p>�Ja?�</p><p>Sie holte tief Atem.</p><p>�Du solltest den Bart abrasieren, er ist scheu�lich.�</p><p>Er starrte sie verwundert an, bis ihm endlich d�mmerte, was sie gesagt hatte, und er lachen musste. Rhapsody atmete erleichtert aus. Als er, immer noch leise lachend, wegsah, reckte Rhapsody sich empor und umarmte ihn. Sie wollte nicht, dass er sah, wie die Tr�nen in ihren Augen standen.</p><p>Ashe zog sie an sich und hielt sie z�rtlich umfangen, aber Rhapsody sp�rte, wie er zusammenzuckte. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihm wehgetan, und sie lie� ihn los, denn sie wollte es nicht schlimmer machen. Der Schmerz schien aus seiner Brust zu kommen, aber sie war nicht ganz sicher. Auch er lie� sie los, allerdings mit einem tiefen Seufzer.</p><p>�Danke�, sagte sie, und es kam von Herzen. �Ich wei�, das war schwer f�r dich, und ich f�hle mich geehrt, dass du es trotzdem getan hast. Wenn du dich mir nicht gezeigt h�ttest, h�tte ich immer dar�ber nachgr�beln m�ssen, wie du aussiehst.�</p><p>�Sei vorsichtig da drin�, sagte er mit einer Kopfbewegung zu der H�hle.</p><p>�Sei du vorsichtig auf dem Weg zur�ck�, erwiderte sie und wandte sich zum Gehen. Ein St�ck weiter b�ckte sie sich und hob ein St�ck trockenes Holz auf, das im Eingang der H�hle lag. �Noch einmal vielen Dank. Gute Reise.� Sie warf ihm eine Kusshand zu, kletterte auf den nassen Felsen und in die H�hle hinein.</p><p>Der Eingang weitete sich in einen dunklen Tunnel, in dem tief drinnen ein gl�hendes Licht pulsierte. Am �u�eren Rand wuchsen sternartige Flechten an den H�hlenw�nden; sie streckten sich hinaus ins Tageslicht, wurden d�nner und verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit des Tunnels schlie�lich ganz.</p><p>Langsam, mit gespitzten Ohren folgte Rhapsody dem Gang. Kurz darauf h�rte sie es ein Platschen, mit dem sich etwas in der Tiefe der H�hle durchs Wasser bewegte, gefolgt von schweren Schritten Klauenbewehrter F��e, die �ber den Felsboden tappten. Stahl rieb auf Stein, und die H�hle f�llte sich mit dem hei�en Wind des Drachenatems, vermischt mit den bei�enden Ger�chen, die Rhapsody aus Schmiedewerkst�tten oder von Achmeds Esse kannte; Ger�che, wie ein Gl�hofen sie verbreitete.</p><p>Der Tunnel machte eine Biegung und �ffnete sich schlie�lich nach unten in eine gro�e H�hle. Da die Dunkelheit hier undurchdringlich war, ber�hrte Rhapsody das St�ck Holz, das sie aufgelesen hatte, und z�ndete seine Spitze an, in der Hoffnung, mit Hilfe einer Fackel besser sehen zu k�nnen. Fast sofort flammte das Holz auf, und die lodernden Flammen warfen lange Schatten an die W�nde des Tunnels und umrissen und �bertrieben die Bewegungen der riesigen Bestie, die sich nun aus dem Wasser hievte. Bei jedem Schritt der Drachin erzitterte der Boden, und das flackernde Fackellicht tanzte auf ihren kupferfarbenen Schuppen, die in der Finsternis gl�nzten wie Millionen winziger Schilde aus polierter Bronze. Elynsynos war gewaltig. Im Feuerschein sch�tzte Rhapsody die L�nge der Drachin auf fast hundert Fu�, ohne weiteres in der Lage, den gesamten Tunnel zu f�llen, durch den sie soeben gekommen war. Angesichts der Kraft ihrer gewaltigen Muskeln wich der S�ngerin die Farbe aus dem Gesicht.</p><p>Dann sah sie die Augen der Drachin, zu sp�t, um Ashes Warnung zu beherzigen. Wie zwei pl�tzlich enth�llte gigantische Laternen tauchten sie im Tunnel auf, gro�e Kugeln aus prismatischem Licht, so wundersch�n, dass Rhapsody ihr Leben daf�r gegeben h�tte, sie auf immer betrachten zu d�rfen. Lange vertikale Schlitze durchteilten die silberne Iris, eingerahmt von schimmernden Regenbogenfarben. Auf der Stelle f�hlte Rhapsody, wie die Feuer ihrer Seele aufflammten, wie von einem pl�tzlichen Lufthauch angefacht. Einen Augenblick lang war ihr schwindlig, sie verlor sich in sich selbst, und als sie ihren Blick von der Drachin losriss, schrie ihre Seele laut.</p><p>�H�bsche�, sagte Elynsynos. In dem einen Wort lag eine Kraft, die Rhapsody sofort erkannte. Elynsynos redete mit einer Elementarmusik, und das Wort, das sie ausgesprochen hatte, war keine Beschreibung, sondern ein Name. Der harmonische Klang stammte nicht aus einem Kehlkopf so wenig Rhapsody auch �ber Drachen wusste, war ihr doch bekannt, dass Lindw�rmer von Natur aus keinen besa�en, sondern war eine meisterliche Manipulation der Schwingungen des Winds. Zu gern h�tte Rhapsody die Drachin noch einmal direkt angeschaut, aber sie tat es nicht, sondern beobachtete sie lediglich aus dem Augenwinkel.</p><p>�Warum bist du gekommen, H�bsche?� In der Stimme lag eine Weisheit, welche den kindlichen Ton und die einfachen Worte L�gen strafte.</p><p>Rhapsody holte tief Luft und wandte sich noch etwas mehr ab. �Aus vielen Gr�nden�, antwortete sie und blickte auf den schlangen�hnlichen Schatten vor ihr an der H�hlenwand.</p><p>�Ich habe von dir getr�umt. Ich bin gekommen, um dir etwas zur�ckzugeben, was dir geh�rt, und f�r dich zu singen, wenn du nichts dagegen hast.� Sie sah den Schatten sich bewegen, als der Kopf der Drachin auf dem Boden direkt hinter ihr zu ruhen kam, und sie sp�rte den hei�en Atem auf ihrem R�cken. Das Feuer in ihr trank die Hitze und die Kraft, die darin enthalten war. Die Feuchtigkeit in ihren Kleidern verdampfte, der Stoff war hei� und kurz davor, in Brand zu geraten.</p><p>�Dreh dich um, bitte�, sagte die mehrt�nige Stimme. Rhapsody schloss die Augen und gehorchte, und sie sp�rte die W�rme auf ihrem Gesicht, als wendete sie sich blind in die Sonne. �Hast du Angst?�</p><p>�Ein wenig�, antwortete Rhapsody, �ffnete die Augen aber noch immer nicht.</p><p>�Warum?�</p><p>�Wir f�rchten das, was wir nicht kennen und nicht verstehen. Ich hoffe, beides zu �ndern, und dann werde ich keine Angst mehr haben.�</p><p>Wieder h�rte sie das Ger�usch, das klang wie fl�sternde Stimmen. �Es ist klug, Angst zu haben�, sagte Elynsynos. In ihrem Ton lag keine Drohung, aber seine Tiefe war einsch�chternd. �Du bist wahrlich ein Schatz, H�bsche. Dein Haar ist wie gesponnenes Gold, deine Augen sind Smaragde. Selbst deine Haut ist fein wie Porzellan, und du bist unber�hrt. In dir ist Musik und Feuer und Zeit. Jeder Drache w�rde dich als seinen Besitz begehren.�</p><p>�Ich geh�re nur mir selbst�, entgegnete Rhapsody. Die Drachenfrau lachte leise. �Aber ich bin hierher gekommen in der Hoffnung, wir k�nnten Freunde sein. Dann geh�re ich dir gern, auf gewisse Weise. Ein Freund ist etwas wunderbar Wertvolles, oder nicht?� Sie warf der Drachin einen kurzen Blick zu und schaute rasch wieder weg.</p><p>Das riesige Gesicht nahm einen neugierigen Ausdruck an, der seltsam liebenswert wirkte, was Rhapsody sogar aus dem Augenwinkel bemerkte.</p><p>�Das wei� ich nicht. Ich habe keine Freunde.�</p><p>�Dann werde ich eine neue Art Schatz f�r dich sein, wenn du es m�chtest�, sagte Rhapsody.</p><p>�Lass mich dir zuerst das hier zur�ckgeben.� Damit zog sie den Krallendolch aus ihrem Tornister.</p><p>Die riesigen Prismenaugen blinzelten. Noch immer sah Rhapsody die Drachin nicht direkt an, merkte aber, wie sich das Licht in der H�hle eine Sekunde lang verdunkelte. Ihre Haut prickelte; um sie herum erhob sich ein elektrisches Summen und verbreitete sich in der H�hle wie ein gewaltiger Bienenschwarm. Rhapsody sah, wie sich der Schatten an der Wand bewegte; eine gro�e Klaue griff �ber ihren Kopf hinweg und nahm ihr den Dolch behutsam ab, mit Krallen, die dem Dolch exakt �hnelten. Dann zog sich die Klaue wieder an den Platz hinter ihr zur�ck. Rhapsody lie� den Atem entweichen.</p><p>�Wo hast du das gefunden?�</p><p>�In den Tiefen von Gwylliams Festung�, antwortete Rhapsody und versuchte eine Bildsprache zu verwenden, die der Drachin angemessen w�re. �Er war gut versteckt, aber als wir ihn fanden, wussten wir, dass er dir zur�ckgegeben werden sollte.�</p><p>�Gwylliam war ein schlechter Mensch�, sagte die harmonische Stimme. Kein Groll war ihr anzuh�ren, wie Rhapsody dankbar feststellte. Sie legte keinen Wert darauf, sich die H�hle mit einem w�tenden Drachen zu teilen. �Er hat Anwyn geschlagen und viele Cymrer get�tet. Diese Kralle hier war f�r sie bestimmt, und er hat sie aus Niedertr�chtigkeit behalten. Danke, dass du sie zur�ckgebracht hast, H�bsche.�</p><p>�Gern geschehen, Elynsynos. Was mit Anwyn geschehen ist, tut mir sehr Leid.�</p><p>Das Summen schwoll an. Rhapsody f�hlte, wie die Luft um sie herum immer w�rmer wurde.</p><p>�Auch Anwyn ist schlecht, ebenso schlecht wie Gwylliam. Sie hat ihren eigenen Schatz zerst�rt. Das darf ein Drache nicht, niemals. Ich sch�me mich, dass sie aus meiner Brut stammt. Ein Drache verteidigt seinen Schatz mit allem, was er hat. Aber Anwyn hat ihren Hort zerst�rt.�</p><p>�Ihren Hort? Welchen Hort meinst du denn?�</p><p>�Schau mich an, H�bsche. Ich werde nicht versuchen, dich an mich zu nehmen.� Die mehrt�nige Stimme klang warm und freundlich. �Wenn du mein Freund bist, solltest du mir vertrauen, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Rhapsody, sieh ihr nicht in die Augen</emphasis>.</p><p>Langsam wandte Rhapsody sich um, den Blick auf den Boden geheftet. Sie f�hlte, wie die schimmernden Schuppen das Licht ihrer Fackel reflektierten; Wellen gleich wogte die Hitze �ber ihr Leinenhemd und verwandelte den wei�en Stoff in einen durchsichtigen Regenbogen. Die W�rme der Stimme hatte ihr Herz gewonnen, obgleich ihr Gehirn noch funktionierte und ihr einsch�rfte, dem gigantischen Schlangentier nicht zu trauen. Die Durchtriebenheit der Drachen war wohl bekannt, und Ashes Warnung klang ihr noch in den Ohren.</p><p><emphasis>Rhapsody, sieh ihr nicht in die Augen</emphasis>.</p><p>�Ihr Hort war das cymrische Volk�, erkl�rte Elynsynos. �Ein magisches Volk, das sie Erde �berquert und damit die Zeit angehalten hatte. In ihnen fanden alle Elemente eine Verk�rperung, selbst wenn sie diese nicht einzusetzen wussten. Einige entstammten einer Rasse, die in dieser Gegend v�llig unbekannt war, Gwadd und Liringlas und Gwenen und Nain, Ur-Seren und Dhrakier und Mythlin, ein menschlicher Garten voller verschiedener Blumenarten. Sie waren etwas Besonderes, H�bsche, ein einmaliges Volk, das es verdient hatte, geliebt und besch�tzt zu werden. Aber sie hat sich gegen es gewandt und viele vernichtet, nur damit Gwylliam sie nicht haben konnte. Ich sch�me mich, ja.�</p><p>Rhapsody sp�rte Nebel auf dem Gesicht, blickte an sich herunter und merkte, dass sie in einer schimmernden Fl�ssigkeit stand. Ohne nachzudenken, hob sie den Blick und starrte, ehe sie recht wusste, was sie tat, fasziniert auf das gro�e Biest. Elynsynos weinte. Rhapsody sp�rte, wie es ihr das Herz brach; in diesem Augenblick h�tte sie bereitwillig alles gegeben, um die Drachin zu tr�sten, ihren Schmerz zu lindern und ihre Traurigkeit zu stillen. Irgendwo im Hinterkopf �berlegte sie, ob ihre Gef�hle f�r den Wyrm Ergebnis eines Zaubers waren oder ob sie die Drachin wie es ihr Herz sagte einfach liebte, weil sie so au�ergew�hnlich und sch�n war. Vorsichtig trat sie an Elynsynos heran und ber�hrte z�rtlich ihre massive Klaue.</p><p>�Weine nicht, Elynsynos.�</p><p>Die Drachin bewegte ihren gigantischen Kopf ein St�ck nach unten und betrachtete Rhapsody eindringlich, in den Augen ein blendendes Leuchten. �Dann wirst du also eine Weile bei mir bleiben?�</p><p>�Ja. Ich bleibe bei dir.�</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Zum vierten Mal an diesem Nachmittag kam Grunthor schwerf�llig zum Stehen. Er war einfach zu ungelenk, um ebenso flink in der Bewegung innezuhalten wie Achmed, und seufzte laut.</p><p>�Ist sie immer noch da, Herr?�</p><p>�Ja.� Der irritierte Ton in Achmeds Stimme wurde mit jeder Pause st�rker. Jetzt drehte sich der Firbolg-K�nig im Tunnel um und rief nach hinten: �Verdammt, Jo, ich binde dich gleich an einen Stalagmiten, da kannst du warten, bis wir zur�ckkommen.�</p><p>Neben seinem Kopf pfiff etwas durch die Luft, und ein kleiner Dolch mit bronzenem R�cken bohrte sich neben seinem Ohr in die H�hlenwand.</p><p>�Du bist ein elendes Schwein�, ert�nte als hallendes Knurren Jos Antwort. �Du kannst mich hier nicht mit diesen elenden kleinen B�lgern allein lassen. Ich komme mit dir, du Bastard, ob es dir gef�llt oder nicht.�</p><p>Achmed unterdr�ckte ein L�cheln und marschierte ein St�ck zur�ck, griff hinter einen Felsvorsprung und zerrte das M�dchen aus dem Versteck.</p><p>�Eine kleine Information �ber elende Schweine�, sagte er beinahe freundlich. �Sie bei�en. Komm ihnen nicht in die Quere, sonst kriegen sie dich.�</p><p>�Ja, ja, �ber Schweine wei�t du nat�rlich Bescheid, Achmed. Ich bin sicher, dass du oft genug mit ihnen zusammen bist. Gott wei�, wer au�er einem Blinden sonst jemals Z�rtlichkeiten mit dir austauschen w�rde.�</p><p>�Nu aber mal langsam, Fr�uleinchen�, sagte Grunthor streng. �Du m�chtest doch nicht, dass ich die Geduld verliere, oder?�</p><p>�Ach, komm schon, Grunthor�, jammerte Jo und versuchte, die gro��ugige Unschuld zu spielen, was ihr kl�glich misslang. �Ich hasse diese Plagen. Ich m�chte mit euch kommen. <emphasis>Bitte.�</emphasis></p><p>�Also, redet man denn so �ber seine Gro�nichten und Gro�neffen?�, fragte Achmed. �Deine Schwester w�re sehr bek�mmert, wenn sie h�ren w�rde, wie du �ber ihre Enkel redest.�</p><p>�Sie sind echte Biester. Wenn wir auf den Klippen sind, versuchen sie mich zum Stolpern zu bringen�, beklagte sich Jo. �Das n�chste Mal versetze ich am Ende aus Versehen einem von ihnen einen Fu�tritt, dass er in der Schlucht landet. Bitte lasst mich nicht allein mit ihnen. Ich m�chte mit euch kommen, egal, wohin.�</p><p>�Nein. Gehst du allein zur�ck, oder brauchst du eine Eskorte?�</p><p>Jo verschr�nkte die Arme und machte ein w�tendes Gesicht. Achmed seufzte.</p><p>�H�r mal, Jo, das ist mein letztes Angebot. Wenn sich herausstellt, dass wir finden, was wir suchen, und die Gefahr einigerma�en zu bew�ltigen ist, dann nehmen wir dich das n�chste Mal mit. Aber wenn du uns noch einmal folgst, dann fessle ich dich an H�nden und F��en und werfe dich ins Kinderzimmer, damit Rhapsodys Enkel mit dir Fu�ball oder Sackh�pfen spielen k�nnen. Hast du mich verstanden?� Jo nickte d�ster. �Gut. Jetzt geh zur�ck in den Kessel und lass uns in Frieden.� Grunthor zog das Messer, das er ihr geschenkt hatte, aus der Wand und hielt es ihr entgegen. Jo riss es ihm aus der Hand und steckte es in ihren Stiefel zur�ck.</p><p>Die beiden Bolgs sahen zu, wie das M�dchen sich zornig umdrehte und den Tunnel wieder hinaufmarschierte. Als sie ein paar Sekunden nichts mehr von ihr geh�rt hatten, machten sie sich wieder an den Abstieg, nur um gleich wieder stehen zu bleiben. �rgerlich wirbelte Achmed herum. Von der Welt �ber ihnen drang kein Licht mehr herab; sie waren jetzt tief in dem Tunnel, zu tief, um zur�ckzugehen, ohne einen ganzen Tag zu verschwenden. Es hatte ohnehin mehrere Wochen gedauert, bis er und Grunthor �berhaupt beide Zeit gefunden hatten, auf Forschungsreise zu gehen und das Loritorium zu suchen, die verborgene Schatzkammer, deren Karte er Rhapsody gezeigt hatte. Leider hatte das G�r, das Rhapsody als Schwester adoptiert hatte, Wind von der Expedition bekommen und sich geweigert, auf seinen Befehl zu h�ren und sich herauszuhalten sowohl vor ihrer Abreise aus dem Kessel als auch den ganzen Weg bis hierher. Und offensichtlich hielt sie sich noch immer nicht an seine Anweisungen. Er konnte sie sp�ren, obwohl er ihr Herz nicht schlagen h�rte, anders als bei Grunthor und Rhapsody und noch ein paar tausend anderen, die er manchmal in der Ferne pochen h�rte. Die F�higkeit, diese Rhythmen zu erkennen, war ein bruchst�ckhaftes �berbleibsel seiner Blutgabe aus der alten Welt; die einzigen Herzen, die er h�ren konnte, waren die derjenigen, die dort geboren waren.</p><p>Jo zu sp�ren war etwas anderes. Das hier war sein Berg, er war der K�nig, und deshalb wusste er, dass sie wieder da war, sich seinem Befehl widersetzte und ihnen weiterhin folgte, knapp au�erhalb seiner Sichtweite. Er wandte sich an den riesigen Sergeanten.</p><p>�Grunthor, erinnerst du dich noch, wie du mir einmal gesagt hast, du glaubst, dass du die Bewegung der Erde f�hlen kannst?�</p><p>Grunthor kratzte sich am Kopf und grinste. �Du meine G�te, Herr, ich kann mich nicht entsinnen, dass ich dir gegen�ber jemals so pers�nlich geworden bin. Genau genommen kann ich mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass ich S��holz geraspelt habe, n�mlich mit der alten Brenda in Madame Perris Vergn�gungspalast vor vielen Jahren.�</p><p>Achmed lachte leise in sich hinein und deutete auf den Boden unter ihren F��en. �Das Feuer reagiert auf Rhapsody, und je mehr sie damit experimentiert, desto besser kann sie es willentlich kontrollieren. Da du eine �hnliche Beziehung zur Erde zu haben scheinst, trifft auf dich vielleicht das Gleiche zu.� Er blickte wieder den Tunnel hinauf. �Und vielleicht k�nnte dein erstes Experiment dazu dienen, uns von dem immer wiederkehrenden Albtraum zu befreien, der uns so hartn�ckig verfolgt.�</p><p>Grunthor �berlegte kurz, dann schloss er die Augen. �berall im Umkreis f�hlte er den Herzschlag der Erde, ein feines Trommeln, das in der Atemluft wisperte, im Boden unter seinen F��en pulsierte und �ber seine ledrige Haut strich. Seit sie durch die Erde gereist waren, entlang der Wurzel, welche die beiden gro�en B�ume verbindet, sp�rte er die Schwingungen in seinen Knochen und in seinem Blut. Auch jetzt sprachen sie zu ihm und verliehen ihm einen Einblick in die umliegenden Felsschichten. Vor seinem inneren Auge sah er die Ausdehnung der verschiedenen Formationen, w�hrend die Erde ihm von der Entstehung dieses Ortes sang, ein Klagelied �ber den gr�sslichen Druck, der riesige Steinplatten nach oben gezwungen hatte, bis unter Schmerzensschreien die zerkl�fteten Gipfel geboren worden waren, die nun die Zahnfelsen bildeten. Als Gegengabe fl�sterte seine Seele wortlosen Trost, die uralten Erinnerungen beschwichtigend. Er sah jede schwache Stelle im Erdboden, jeden Punkt, wo eine Obsidianader durch Basalt und Schiefer schnitt, jede Spalte, in der die Nain, mit der Erde ebenso verbunden wie er selbst, die endlosen G�nge von Canrif herausgemei�elt hatten, Tunnels wie der, in dem er nun stand. Er konnte Jos F��e sp�ren, wie sie einen Steinwurf entfernt auf der Erdkruste ruhten, und er befahl der Erde, einen Augenblick lang weich zu werden, damit das M�dchen bis zu den Kn�cheln einsank, und sich dann gleich wieder zu verh�rten. Ihr Entsetzensschrei durchbrach seine Tr�umerei, und Grunthor �ffnete die Augen, hinter denen ein stechender Schmerz pulsierte. Eine von Kreischen unterbrochene Serie schmutziger Fl�che erscholl, so laut, dass einige lose Steine in Bewegung gerieten und einen kleinen Staubsturm verursachten. Achmed lachte leise.</p><p>�Das m�sste eigentlich halten, zumindest bis wir den Eingangstunnel zum Anbau erreicht haben. Dann kannst du sie wieder frei lassen. Ich denke, nicht mal Jo w�rde sich dem Risiko aussetzen, dass der Boden erneut ihre F��e schnappt.� Seine Augen wurden schmal, als er im schwachen Licht von Grunthors Fackel sah, wie dieser erbleichte und Schwei�perlen auf seine Stirn traten. �Was ist mit dir?�</p><p>Grunthor wischte sich mit einem sauberen Leinentaschentuch die Stirn. �Mir gef�llt nicht, wie sich das angef�hlt hat. Ich hatte noch nie Schmerzen, wenn ich einfach nur in den Boden gesehen oder selbst das Aussehen von Fels angenommen habe.�</p><p>�Beim ersten Mal tut es bestimmt ein bisschen weh�, meinte Achmed. �Wenn man mehr Erfahrung bekommt und mit der eigenen Gabe besser umgehen kann, wird der Schmerz zur�ckgehen, denke ich.�</p><p>�K�nnte schw�ren, das sagst du zu all deinen M�dels�, gab Grunthor zur�ck, faltete sein Taschentuch zusammen und steckte es wieder ein. �Wenn ich�s recht bedenke, hab ich genau das auch zu Brenda gesagt. Na, sollen wir uns auf die Socken machen?�</p><p>Achmed nickte, und die beiden M�nner wanderten weiter in die Tiefen der Erde hinein und lie�en Jo, heulend vor Wut und kn�cheltief im Felsen steckend, zur�ck. Je tiefer Achmed in das Land reiste, das er jetzt regierte, desto stiller wurde es um ihn. Die alten Korridore, nur halb ausgearbeitet und teilweise schon wieder vom Verfall bedroht, zwangen sie h�ufig zum Anhalten; dann r�umte Grunthor das Ger�ll weg und durchschnitt den Stein, fast, als w�re er fl�ssig, ganz �hnlich, wie er sie damals am Ende ihrer Reise an der Wurzel aus der Erde gegraben hatte. Der L�rm des fallenden Schutts w�hrte nicht lange, und jede neue Schwelle, die sie �berquerten, er�ffnete ihnen eine tiefere Stille voll schwerer Luft, die sich seit Jahrhunderten nicht mehr bewegt hatte. Achmed hatte nicht einmal einen ganzen Tag gebraucht, um herauszufinden, wo das Loritorium gebaut worden war, Wobei ihm sein intensives Studium der Manuskripte in Gwylliams Schatzkammer ebenso geholfen hatte wie sein angeborenes Gesp�r f�r den Berg und sein Orientierungssinn. Nur ein Augenblick der Meditation auf seinem Thron in der Gro�en Halle war vonn�ten gewesen. Er hatte sich vorgestellt, wo er selbst an Gwylliams Stelle den geheimen Anbau vorgenommen h�tte, und hinter geschlossenen Augen waren seine Gedanken blitzschnell durch die Kurven und Biegungen der gewissenhaft gegrabenen Tunnel des inneren Berges geeilt. Sie waren den Korridoren aus der inneren Stadt von Canrif gefolgt, �ber die weite Heide gewandert, vorbei an Kraldurge, dem Reich der Geister, und vorbei an den Wachfelsen, die eine Barriere �ber Elysian bildeten, Rhapsodys versteckter Heimstatt. Er hatte den Eingang zu den alten Ruinen tief unter den D�rfern gefunden, die von den Cymrern besiedelt worden waren, jenseits einer zweiten Schlucht, gesch�tzt durch einen j�hen, mehrere tausend Fu� tiefen felsigen Abgrund. Der Eingang war klug als Teil der Bergwand getarnt, ein von Menschenhand geschaffener Spalt, der aussah wie ein Pfad f�r Bergziegen und inzwischen auch nur noch von Tieren genutzt wurde wenn �berhaupt. Als er und Grunthor erst einmal im Tunnel gewesen waren, hatte er gewusst, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden, und er war zornig gewesen, weil Jo ihnen gefolgt war und damit das Geheimnis des Loritoriums verletzt hatte. H�chstwahrscheinlich war das M�dchen nur l�stig, aber Achmed traute niemandem, und dies war ein weiteres Argument daf�r, dass Rhapsodys Idee, das Stra�enm�dchen zu adoptieren, verr�ckt gewesen war. <emphasis>Denk an meine Worte,</emphasis> hatte er mit zusammengebissenen Z�hnen geknurrt, <emphasis>du wirst es noch bereuen</emphasis>. Aber wie alles, was Rhapsody nicht glauben wollte, hatte sie auch diese Warnung einfach abgetan. Als Grunthor sich nun durch den Schutt arbeitete, der den Tunnel vor ihnen verstopfte, sp�rte Achmed die Stille noch tiefer werden. Das Gef�hl �hnelte dem, das er gehabt hatte, als er in den verlassenen Ruinen, die einmal die Hauptstadt von Canrif gewesen waren, einen cymrischen Weinkeller voller F�sser und Glasflaschen mit altem Apfelwein vorgefunden hatte. Die Fl�ssigkeit war im Lauf der Jahrhunderte zum gro�en Teil verdunstet und hatte ein dickfl�ssiges Gel zur�ckgelassen, das in seiner konzentrierten S��e ungenie�bar war. Die Stille in dem nun frei gelegten Teil des Tunnels war fast greifbar. Grunthor unterdessen h�rte keine bet�ubende Stille, sondern ein sich vertiefendes Lied. Mit jeder neuen Offenbarung, jedem neuen Durchbruch der Formationen, wurde die Erdmusik reiner, schwingender, schwer von alter Magie, die in sich auch ein Gef�hl des Grauens trug. Seine Finger prickelten selbst noch in den Ziegenlederhandschuhen, w�hrend er Felsbrocken und Steine auf die Seite schaffte. Schlie�lich hielt er inne, legte den Kopf auf den Unterarm, holte tief Luft und nahm die Musik in sich auf, die ihn nun umgab und die seine Ohren f�llte, sodass jedes andere Ger�usch �bert�nt wurde.</p><p>�Alles in Ordnung, Sergeant?�</p><p>Grunthor nickte, brachte aber kein Wort hervor. Dann strich er noch einmal mit der Hand �ber die Felswand und blickte endlich auf.</p><p>�Sie haben den Tunnel auf der Flucht gemacht, ehe sie �berrannt wurden�, sagte er. �Es ist nicht von selbst eingest�rzt. Hat den ganzen Berg ramponiert. Warum hier, Herr? Warum nicht die W�lle, warum nicht die Zugangstunnel zur Gro�en Halle? So h�tten sie die Bolg viel l�nger aufgehalten; sie h�tten ihnen in der Heideschlucht wahrscheinlich sogar den Weg abschneiden und zumindest den Angriff von au�en abwehren k�nnen. Kommt mir sehr sonderbar vor.�</p><p>Achmed reichte ihm den Wasserschlauch, und der Riese trank gierig. �Irgendetwas muss da drin gewesen sein Gwylliam war bereit, den Berg zu opfern, damit es nicht in die H�nde der Bolg und auch nicht in die H�nde von jemandem fiel, den er f�rchtete und der es den Bolg vielleicht abgenommen h�tte. Bist du m�de? Wir k�nnen zur�ckgehen und ein wenig rasten.�</p><p>Aber Grunthor wischte sich den Schwei� von der Stirn und sch�ttelte den Kopf. �Nee. Jetzt bin ich so weit gekommen, da w�re es doch bl�d aufzugeben. Aber da liegen noch jede Menge Steine rum, ungef�hr noch mal so viel, wie wir schon hinter uns haben.� Damit stand er wieder auf, warf seinen Mantel ab und legte die Hand auf den Felsen.</p><p>W�hrend er sich konzentrierte, wurde ihm die Beschaffenheit des Steins erneut klar. Vor seinem inneren Auge konnte er jede Spalte sehen, jede Tasche mit Luft, die seit Jahrhunderten zwischen dem fest gewordenen Ger�ll gefangen war. Er schloss die Augen und steckte, das Bild stets im Kopf, die Hand in den Stein, als w�re er Luft. Sofort sp�rte er, wie der Fels nachgab. Mit ausgestreckten Armen schob er noch ein wenig weiter und merkte, wie die Felswand sich verfl�ssigte und dann wegglitt wie geschmolzenes Glas, glatt und glitschig. Achmed beobachtete staunend, wie die Haut seines Freundes blass wurde, dann fahl und schlie�lich steingrau im schwachen Licht der Fackel, w�hrend er mit der Erde verschmolz. Einen Moment sp�ter konnte er Grunthor nicht mehr sehen, nur noch einen Schemen, einen massiven Block aus Granit und Schiefer, der sich vor seinen Augen durch die Bergwand bewegte und einen acht Fu� hohen Tunnel vor sich �ffnete. Vorsichtig hielt er die Fackel in das Loch. Am Rand des neuen Gangs gl�hte der Fels pl�tzlich rotgolden, fast wie Lava, und erkaltete dann sofort zu einer glatten Tunnelwand. Achmed l�chelte und trat hinter dem Schatten seines Sergeanten in die �ffnung.</p><p>�Ich wusste schon immer, dass du schnell lernst, Grunthor�, meinte er. �Vielleicht ist es ganz gut, dass Rhapsody nicht da ist, denn das hier erinnert mich stark an unsere Zeit an der Wurzel. Du wei�t ja, wie gut es ihr dort unter der Erde gefallen hat.�</p><p>�Lirin�, murmelte Grunthor, und das Wort hallte von den Tunnelw�nden wider wie das Knurren eines unterirdischen Wolfs. �Unter ein paar hundert Fu� hartem Felsen werden die doch schon nerv�s. Alles Weicheier.�</p><p>Je tiefer sie sich in die Erde gruben, desto schneller bewegte sich Grunthor vorw�rts. Achmed konnte kaum mehr mit ihm Schritt halten und in dem unsteten Licht nicht einmal mehr seinen Schatten ausmachen. Inzwischen schien das felsige Innere des Berges nichts als Luft um den Riesen zu sein; bisher hatte es eher ausgesehen, als wate er durch Wasser, das ihm bis an den Bauch reichte.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Achmed einen heftigen Luftstrom aus den Tiefen des Berges �ber sich hinwegbrausen, ein abgestandener und doch s��er Windhauch, schwer von Magie. Seine empfindliche Haut begann zu pieken, so voller Macht war diese Luft, dick, ungest�rt von der Zeit und dem Wind der Welt �ber ihnen. Grunthor musste im Loritorium angekommen sein. An den �berresten der Fackel, die er bisher getragen hatte, entz�ndete Achmed eine neue und warf die alte weg. Die Flamme loderte auf und sprang bis an die Decke des Tunnels, als stie�e sie einen lauten Jubelruf aus.</p><p>�Grunthor!�, rief Achmed. Keine Antwort.</p><p>Achmed begann zu laufen, eilte das letzte St�ck des Ganges entlang und durch den dunklen Schlund an seinem Ende bis in eine H�hle, die noch dunkler war als der Tunnel. Dann blieb er wie angewurzelt stehen.</p><p>�ber ihm, so weit, dass das Licht der Fackel nicht ausreichte, um es zu beleuchten, erstreckte sich eine gew�lbte Decke, glatt poliert und mit kunstvollen Mustern verziert, gearbeitet aus dem erlesensten Marmor, den Achmed je gesehen hatte. Jeder Block des hellen Gesteins wies eine Form auf, die haargenau in die Verkleidung der weitr�umigen H�hlenkammer passte. Auch die W�nde bestanden aus Marmor, allerdings waren einige noch nicht ganz fertig gestellt, und an den R�ndern des gigantischen unterirdischen Saals lagen verlassen gro�e Ger�ste, Steinbl�cke und Werkzeug.</p><p>Achmed wandte sich zu dem gro�en Felswall, der sich vor Grunthor gebildet hatte, als er sich in diese H�hle gegraben hatte. Die Fackel schwenkend, suchte er nach dem Firbolg-Sergeanten, konnte aber auf dem glatten H�hlenboden au�er gro�en Stein und Erdhaufen, um die herum Marmorst�cke verstreut lagen, nichts entdecken. �Grunthor!�, rief er abermals, w�hrend die Schatten �ber die neu erschaffene Mor�ne und die uralten W�nde tanzten. Nur kurz hallte seine Stimme wider, dann wurde sie von der Stille verschluckt.</p><p>Ein niedriger Ger�llhaufen zu seinen F��en bewegte sich. Kurz darauf nahm er eine deutlichere Gestalt an. Die gro�e Steinskulptur eines Riesen reckte sich, begann zu atmen und hob sich von Minute zu Minute deutlicher vom Fels ab.</p><p>Vor Achmeds Augen kehrte langsam die Farbe in Grunthors Gesicht zur�ck. Der Sergeant sa� auf dem Boden, an einen gro�en Ger�llhaufen gelehnt, der von seiner Arbeit zur�ckgeblieben war, und atmete langsam, w�hrend er wieder zu sich kam, sich von der Erde trennte, wie er es damals am Ende ihrer Reise an der Wurzel getan hatte.</p><p>�Himmel�, fl�sterte er, als Achmed sich neben ihn kniete. Er sch�ttelte den Kopf, als der K�nig ihm den Wasserschlauch anbot, kreuzte die Arme �ber den Knien und lie� den Kopf darauf sinken.</p><p>Achmed stand auf und schaute sich noch einmal um. Das Loritorium wies ungef�hr die Gr��e des Marktplatzes der ehemaligen Hauptstadt von Canrif auf, einer Stadt, die zwischen den Klippen und der Basis der Wachberge am Westrand der Zahnfelsen erbaut worden war. Jetzt arbeiteten die Bolg fieberhaft daran, die Pracht wieder herzustellen, die ihr in der cymrischen Bl�tezeit zu Eigen gewesen war. Selbst im Zerfall waren die geniale Anlage und die Kunstfertigkeit der Gestaltung noch deutlich sichtbar.</p><p>Noch beeindruckender jedoch waren Anlage und Gestaltung des Loritoriums. H�tte Gwylliam die Gelegenheit gehabt, es zu vollenden, w�re es sein Meisterst�ck geworden. Wie die meisten Bauwerke, die Gwylliam entworfen hatte, hatte auch das Loritorium die Form eines gigantischen Sechsecks, in pr�zisen Proportionen aus dem Berg gehauen. In einer H�he von mehr als hundert Fu� ber�hrten die Marmorw�nde das Deckengew�lbe. Der Boden bestand aus glatt poliertem Marmor mit Mosaiken, deren Farben in den flackernden Schatten schimmerten. Im Zentrum der Decke war ein dunkles Loch, das Achmed im Fackelschein nur notd�rftig erkennen konnte.</p><p>Die Wege durch das Loritorium waren mit wundersch�n geformten Steinb�nken ges�umt und wurden von halbhohen W�nden begrenzt, aus denen in Abst�nden von wenigen Metern aus Messing und Glas gearbeitete Laternenpf�hle ragten. Die Abschlusssteine der M�uerchen waren zwischen den Pfosten mit Vertiefungen versehen, flache Rillen mit uralten dunklen Flecken, die von einer dicken �ligen Substanz zu stammen schienen. Auf der anderen Seite des Loritoriums ragten zwei gro�e Bauwerke aus dem Dunkel, gleich gro� und auch identisch geformt, mit m�chtigen T�ren, kunstvoll aus Rysin geschmiedet, einem seltenen Metall, das im Fackellicht metallisch blaugr�n schimmerte. Achmed erkannte sie sogleich aus den Pl�nen als Bibliothek und Prophetorium wieder Orte, die Gwylliam zur Verwahrung seiner wertvollsten B�cher und Schriftst�cke vorgesehen hatte. Die Bibliothek sollte alle Schriften �ber altes Wissen beherbergen, w�hrend im Prophetorium alle Unterlagen �ber Prophezeiungen und andere dem Menschen bekannte Weissagungen aufbewahrt wurden. Beide waren demnach Lagerst�tten uralten Wissens.</p><p>Achmed wandte sich seinem Freund zu. �Geht es dir gut? Bist du wieder bei Kr�ften?�, fragte er den riesigen Sergeanten.</p><p>Grunthor sch�ttelte den Kopf. �Wenn es dir recht ist, Herr, dann w�rd ich mich ganz gern ein bisschen hier ausruhen.�</p><p>Achmed nickte. �Ich werde mich ein wenig umsehen, aber ich komme bald wieder zur�ck.�</p><p>Mit einer schwachen Handbewegung bekundete Grunthor ihm sein Einverst�ndnis, streckte sich dann im Schutt auf dem Marmorboden aus, �chzte und schloss die Augen. Der Firbolg-K�nig betrachtete seinen Freund, bis er sich vergewissert hatte, dass dieser sich g�nzlich von der Erde getrennt hatte und ohne Schwierigkeiten atmen konnte. Dann �berpr�fte er die Fackel sie hatte fast nichts von ihrem Brennstoff verzehrt, sondern loderte noch immer hell, als w�re sie ganz erpicht darauf, an diesem Ort voll altehrw�rdiger Magie das Dunkel zu erleuchten.</p><p>Achmed lie� seinen Tornister und seine Waffen bis auf zwei Zwillingsdolche, die Rhapsody ihm zu seiner Kr�nung geschenkt hatte, zu Boden gleiten; sie hatte sie auf einer ihrer Entdeckungsreisen in den Berg ein paar Monate zuvor gefunden. Er untersuchte sie rasch; sie waren aus einem uralten, nicht rostenden Metall gefertigt, dessen Name niemand mehr kannte und das die Cymrer f�r das Geb�lk von H�usern und f�r Schiffsr�mpfe verwendet hatten. Achmed steckte sich den einen Dolch in die Scheide am Handgelenk und behielt den anderen in der Hand; so machte er sich leise auf den Weg durch die verlassene Stadt. Hohl hallten seine Schritte durch die G�sschen und hinauf zu der gew�lbten Decke, obwohl er sich oben auf der Welt meistens lautlos fortbewegen konnte. In dem vergeblichen Versuch, leise zu sein, ging er langsamer, aber es half nicht viel. In der schweren Luft der neu ge�ffneten H�hle klang jedes Ger�usch um ein Vielfaches lauter. Achmed konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Ort allzu lange keine Gesellschaft gehabt hatte und es jetzt nach Kr�ften auskostete.</p><p>Als er das Zentrum des Sechsecks erreichte, blieb er stehen. Hier in der Mitte des Loritoriums schien einst ein kleiner Garten gewesen zu sein, mit einem riesigen trockenen Brunnen, dessen gro�es gl�nzendes Becken von einem Kreis aus Marmorb�nken umgeben war. In dem ansonsten trockenen Becken des Brunnens stand eine kleine Pf�tze einer schimmernden Fl�ssigkeit, dick wie Quecksilber. �ber der �ffnung, aus der sicherlich fr�her das Wasser gekommen war, lag ein schwerer Brocken Vulkangestein.</p><p>Von diesem zentralen Punkt aus hatte man einen hervorragenden Blick �ber das Loritorium. Achmed sah sich um. Hier und dort standen in den schmalen Gassen weitere Pf�tzen mit der dickfl�ssigen, silbrigen Substanz, die im Fackellicht glitzerte. Achmed streckte die Hand �ber die Lache im Brunnenbecken, zog sie aber blitzschnell wieder zur�ck, denn von der Fl�ssigkeit gingen heftige Schwingungen aus, ein Zeichen gro�er Macht, die er nicht kannte, die seine Finger und seine Haut aber mit ihrer konzentrierten Reinheit zum Prickeln brachte. Schlie�lich riss er sich von den Leuchtpf�tzen los und nahm den Rest des Platzes in Augenschein. Am n�rdlichen, s�dlichen, �stlichen und westlichen Punkt des Platzes waren vier altarartige Gebilde aufgebaut. Achmed erinnerte sich, in Gwylliams Pl�nen Zeichnungen davon gesehen zu haben. Allem Anschein nach handelte es sich um die Geh�use, in denen das aufbewahrt werden sollte, was Gwylliam als Erlauchte Reliquien bezeichnet hatte, Gegenst�nde aus der alten Welt, die eine ganz besondere Bedeutung und eine Verbindung zu den f�nf Elementen besa�en. Achmed fluchte vor sich hin. Er hatte das Manuskript, in dem die Beschreibungen dieser Reliquien enthalten waren, nicht vollkommen verstanden, und Rhapsody war aufgebrochen, bevor sie die Schriftrolle hatte studieren und ihm erkl�ren k�nnen. Vorsichtig ging er um den Brunnen herum und n�herte sich dem ersten Geh�use. Es hatte die Form einer Marmorschale auf einem Podest, �hnlich wie ein Vogelbad, eingeschlossen in einen gro�en rechteckigen Block aus klarem Stein, gr��er als Grunthor. Achmed bekam eine G�nsehaut, als er die t�dliche Schlagfalle erkannte, die in die Basis des Steinquaders eingelassen war. Die anderen Alt�re schienen ebenfalls mit Sicherungsmechanismen und anderen Schutzvorrichtungen versehen zu sein, um zu verhindern, dass jemand sie wegschaffte.</p><p>Unter gew�hnlichen Umst�nden war Achmed ein gro�er Freund von gut durchdachten Schutzvorrichtungen, aber jetzt �rgerte er sich. Noch bevor er das Loritorium hatte vollenden k�nnen, hatte Gwylliam so unter Verfolgungswahn gelitten, dass er einige der h�heren Ziele in den Wind geschlagen hatte, die ihm urspr�nglich vorgeschwebt hatten. Statt es zu einem Sitz der Gelehrsamkeit zu machen, wo umfassendes, freies Wissen angestrebt werden konnte, wie er es bei seinen ersten Entw�rfen beabsichtigt hatte, schien es so, als w�re Gwylliam pl�tzlich neidisch geworden auf die Macht, die er hier zu bewahren gedacht hatte. Er hatte seinen Handwerkern befohlen, die Kunstfertigkeit, welche die kleine Stadt zu einem Paradest�ck der Architektur hatte machen sollen, zugunsten des Baus von ausgekl�gelten Fallen und Sicherheitsmechanismen aufzugeben, die sie vor einem Angriff hatten sch�tzen sollen. Was war wohl in diesen Geh�usen aufbewahrt worden?</p><p>Doch noch w�hrend er �ber diese Frage gr�belte, schreckte ihn ein Grauen erregender Schrei Grunthors aus seinen Gedanken.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>�M�chtest du meinen Hort sehen, H�bsche?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody. Sie hatte sich noch nicht ganz von ihrer anf�nglichen Angst erholt, sie k�nnte ihr Herz an den Drachen verlieren. Bisher schien alles gut zu verlaufen;</p><p>Elynsynos hatte sie in keiner Weise einzuschr�nken versucht. Doch der eigentliche Test w�rde erst kommen, wenn es Zeit w�re zu gehen. �Es w�re mir eine Ehre.�</p><p>�Dann komm.�</p><p>Das gigantische Tier hievte sich aus dem �bel riechenden Wasser im Becken der H�hle und drehte sich herum. Um der Drachenfrau nicht im Weg zu stehen, dr�ckte sich Rhapsody fest gegen die H�hlenwand, was sich jedoch als unn�tig erwies. Elynsynos war weit beweglicher, als Rhapsody es sich h�tte tr�umen lassen es hatte fast den Anschein, als bes��e sie keine Substanz. Mit grazi�sen, geschmeidigen Bewegungen wandte sie sich innerhalb weniger Sekunden um, sodass ihr riesenhafter Kopf jetzt ins Innere der H�hle wies. Sie wartete, bis Rhapsody neben sie trat, und ging dann voraus in die Dunkelheit hinein. Nachdem sie eine Weile hinabgestiegen waren, vollf�hrte der h�hlenartige Gang eine Biegung nach Westen. Auf dem Grund des Tunnels erkannte Rhapsody einen schwachen Glanz, wie das Licht einer fernen Feuersbrunst. W�hrend sie weitergingen, wurden die dunklen H�hlenw�nde heller und reflektierten das Gl�hen des Tunnels vor ihnen. Auch die Luft ver�nderte sich; aber statt dumpfer zu werden, wie Rhapsody es erwartet hatte, wurde sie frischer und bekam einen salzigen Beigeschmack. Rasch wurde ihr klar, dass es sich um den Geruch des Meeres handelte.</p><p>Auf einmal wurde das Licht blendend hell, und Elynsynos blieb stehen. �Geh du voraus, H�bsche�, meinte sie und schubste Rhapsody mit der Stirn vorw�rts. Rhapsody gehorchte und ging langsam auf das Gl�hen zu, kniff aber die Augen zusammen, denn das Licht hatte ihr anfangs wehgetan. Au�erdem streckte sie eine Hand vor sich aus, in der Hoffnung, damit sowohl ihr Gesicht zu sch�tzen, als auch zu vermeiden, dass sie blind gegen etwas prallte. Schon bald aber hatten sich ihre Augen an das Licht gew�hnt, und sie sah, dass sie sich in einer ger�umigen H�hle befand, fast halb so gro� wie die Grotte, in der Elysians See lag. Das blendende Licht ging von sechs riesigen Kronleuchtern aus, jeder gro� genug, dass er mit seinen tausend kerzenlosen Flammen den Ballsaal eines Palastes h�tte erhellen k�nnen. Das Licht der Kronleuchter wiederum spiegelte sich in Massen anderer glitzernder Gegenst�nde, mehr als Rhapsody sich je h�tte vorstellen und niemals h�tte z�hlen k�nnen, Berge von Edelsteinen in jeder Farbe des Regenbogens, Berge schimmernder M�nzen aus Gold, Kupfer, Silber, Platin und Rysin, dem seltenen gr�nblauen Metall, das von den Nain der alten Welt im Hochland von Serendair gewonnen wurde.</p><p>Die Kronleuchter waren aus den Steuerr�dern tausender Schiffe gefertigt, die M�nzen in Schiffstruhen und in gro�en Segeln aufgeh�uft, die an Tauen hingen. �berall in der H�hle waren besch�digte Schiffskiele und Decks aufgebaut, Anker, Masten und einige Salzverkrustete Galionsfiguren, von denen eine Rhapsody erstaunlich �hnlich sah. Im Zentrum der gro�en H�hle befand sich eine Salzwasserlagune, mit Wellen, die sanft ans schlammige Ufer pl�tscherten. Rhapsody ging hinunter zum Wasser und b�ckte sich, um den Sand zu ber�hren. Als sie ihre Finger betrachtete, sah sie, dass in dem Sand Spuren von Gold waren.</p><p>Sie blickte �ber die Lagune, in der Felsen mit noch mehr Sch�tzen beladen waren: die goldene Statue einer Seejungfrau mit Augen aus Smaragden und einem Schwanz, der aus einzeln geschliffenen Schuppen aus polierter Jade gefertigt war, ferner kunstvoll gearbeitete Perlen und ein gro�er Bronze-Dreizack mit einer abgebrochenen Spitze. An einer gesch�tzten Stelle standen eine Unzahl von Globen, die kugelf�rmigen Landkarten, die sie bei Llauron gesehen hatte, Tabellen, nautische Pl�ne und Schiffsinstrumente Kompasse, kleine Fernrohre und Sextanten, Rollen und Ruderpinnen, Kisten mit Logb�chern. Es war ein regelrechtes Schifffahrtsmuseum.</p><p>�Gef�llt dir mein Hort?� Die harmonische Stimme hallte in der gro�en H�hle wider, und auf dem Wasser der Lagune �nderten die Wellen ihr Muster. Rhapsody wandte sich zu der Drachin um, deren Regenbogenaugen in unverhohlener Erregung glitzerten.</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody mit ehrf�rchtiger Stimme. �Er ist unglaublich. Er ist, nun, er ist ...� Ihr fehlten die Worte. �Das ist der sch�nste Hort, den ich jemals gesehen habe.�</p><p>Elynsynos lachte vor Freude, ein Laut, wie ihn Rhapsody noch nie geh�rt hatte, h�her und d�nner, als die gigantische Gr��e der Drachin es je nahe gelegt h�tte, mit einem Glockenklang, der in Rhapsodys Knochen vibrierte. �Gut, ich bin froh, dass du ihn magst�, sagte sie. �Nun komm hierher. Ich m�chte dir etwas geben.�</p><p>Rhapsody blinzelte erstaunt. Alles, was sie je �ber Drachen geh�rt hatte, hatte stets darauf bestanden, dass die Tiere habgierig waren und ihren Hort eifers�chtig h�teten. In der alten Welt hatte sie die Legende von einem Drachen geh�rt, der f�nf St�dte und mehrere D�rfer in Schutt und Asche gelegt hatte, nur um eine einfache Zinntasse wiederzugewinnen, die jemand aus Versehen aus seinem Hort mitgenommen hatte. Und nun bot ihr die Matriarchin der Wyrmer und der ganzen Wyrmrasse, Elynsynos h�chstpers�nlich, ein Geschenk aus ihrem Hort an. Rhapsody war unsicher, wie sie darauf reagieren sollte, folgte der Drachin jedoch �ber Berge von Winden, Glocken, Rudern und Ruderdollen.</p><p>Auf der anderen Seite befand sich ein gro�es Netz, festgehalten von einer tief in der Felswand steckenden Harpune. Rhapsody schauderte bei dem Gedanken, welche Kraft n�tig war, um die Spitze so tief in den Stein zu treiben. Mit ausgestreckter Klaue w�hlte Elynsynos in der Ausbuchtung des Netzes und zog schlie�lich eine Wachsholz-Laute heraus, wundersch�n poliert und so neu, als w�re sie soeben erst gefertigt worden. Die Drachin schlang ihren Schwanz um das Instrument, hob es aus dem Netz und hielt es Rhapsody entgegen.</p><p>Staunend nahm die S�ngerin die Laute in Empfang und drehte sie in den H�nden hin und her. Sie war in makellosem Zustand, obwohl sie eine unbekannte Zeit der Salzluft und dem Wasser ausgesetzt gewesen war. �M�chtest du, dass ich dir etwas vorspiele?�, fragte sie die Drachin.</p><p>Die schimmernden Augen blinzelten. �Selbstverst�ndlich. Warum sonst h�tte ich sie dir geben sollen?�</p><p>So nahm Rhapsody auf einem umgedrehten Ruderboot Platz und stimmte die Laute, zitternd vor Aufregung. �Was m�chtest du gern h�ren?� �Kennst du Lieder vom Meer?� �Ein paar.�</p><p>�Und stammen sie aus der Heimat, aus der alten Welt?�, fragte die Drachin. Rhapsody sp�rte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. So weit sie sich erinnern konnte, hatte sie Elynsynos nichts von ihrer Herkunft offenbart. Die Drachin l�chelte und entbl��te dabei schwertartige Z�hne.</p><p>��berrascht es dich, dass ich wei�, wo du herkommst, H�bsche?�</p><p>�Eigentlich nicht�, gab Rhapsody zu. Sie konnte sich kaum etwas vorstellen, was au�erhalb der Macht des Drachen lag. �Warum hast du Angst, dar�ber zu sprechen?� �Ich wei� es nicht. Die anderen Leute in diesem Land scheinen alle so neugierig darauf zu sein, woher ich komme, aber wenn es um ihre eigene Herkunft geht, sind sie extrem zur�ckhaltend. Wenn jemand Cymrer ist, bedeutet das anscheinend, dass er Geheimhaltung geschworen hat, als w�re die cymrische Herkunft etwas, dessen man sich sch�men muss.�</p><p>Die Drachin nickte verst�ndnisvoll. �Der Mann da drau�en, der dich hergebracht hat er wollte auch wissen, ob du Cymrer in bist, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>Die Drachin lachte. �Du kannst es ihm ruhig sagen, H�bsche. Er wei� es bereits. Es ist unverkennbar.�</p><p>Rhapsody merkte, wie ihr die R�te in die Wangen stieg. �Wirklich?�</p><p>�Ich f�rchte, ja, H�bsche. Du hast Feuer, Zeit und Musik in dir. Angeborenes Wissen ist ein sicheres Zeichen f�r eine cymrische Abstammung keine andere menschliche Art hat es.� Sie legte den Kopf schief, als Rhapsody die Augen niederschlug. �Warum macht dich das traurig?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich glaube, es kommt daher, dass die Cymrer hier anscheinend nicht ehrlich sein k�nnen, vor allem nicht sich selbst gegen�ber.�</p><p>�Auch das ist Anwyns Schuld�, sagte Elynsynos, und ein h�sslicher Unterton schlich sich in ihre Stimme. �Daf�r ist sie verantwortlich. Sie hat in die Vergangenheit zur�ckgegriffen und ihr Macht verliehen. Sie war das.� Die elektrische Spannung war in die Luft zur�ckgekehrt.</p><p>�Welche Macht?�</p><p>�Die b�se Macht; der F�dor.�</p><p>Pl�tzlich f�llte das Pochen ihres Herzens Rhapsodys Ohren. �Was meinst du damit, Elynsynos? Gab es hier in diesem Land einen F�dor-Geist? Bist du sicher?�</p><p>Elynsynos� Augen gl�hten vor Hass. �Ja. Es war ein D�mon aus der alten Welt, schwach und hilflos, als er kam, aber seine Macht mehrte sich rasch.� Die Nasenfl�gel der Drachin bl�hten sich bedrohlich. �Anwyn wusste es, sie wei� alles, was in der Vergangenheit geschehen ist. Sie h�tte den D�mon vernichten k�nnen, aber stattdessen hat sie ihm mein Land ge�ffnet, weil sie dachte, er k�nnte ihr eines Tages von Nutzen sein. Und so war es auch. Sie ist b�se, H�bsche. Sie hat den D�mon leben lassen, obwohl sie wusste, wessen er f�hig ist. Wie derjenige, der mir meine Liebe weggenommen hat. Meine Liebe ist nicht zur�ckgekommen, nie mehr.� Die Luft im Raum lud sich immer mehr auf, und Rhapsody h�rte, wie vor der H�hle Donner grollte. Die der Drachin eingeborene Verbindung mit den Elementen machte sich eindrucksvoll bemerkbar.</p><p>�Merithyn?�, fragte sie leise.</p><p>Beim Klang des Namens h�rte das Summen auf, und die Drachin blinzelte wieder, um die Tr�nen zur�ckzuhalten.</p><p>�Ja.�</p><p>�Es tut mir Leid, Elynsynos. Es tut mir so Leid.�</p><p>Rhapsody streckte die Hand aus und streichelte die riesenhafte Vordertatze der Drachin, strich mit der Hand sanft �ber die Millionen winziger Schuppen. Die Haut des Tiers war k�hl und feucht wie Nebel; Rhapsody hatte kurz das Gef�hl, als tauchte sie die Hand in einen brausenden Wasserfall. Der K�rper der Drachin war einerseits fest, andererseits aber seltsam fl�chtig, als w�re ihre Masse kein Fleisch, sondern etwas, was nur durch ihre Willenskraft entstand. Rasch zog Rhapsody die Hand zur�ck, denn sie f�rchtete sich vor dem Sog.</p><p>�Die See hat ihn geholt�, sagte die Drachenfrau traurig. �Er schl�ft nicht in der Erde. Wenn er es t�te, w�rde ich f�r ihn singen. Wie kann er ewig schlafen, wenn er dazu verdammt ist, das endlose Tosen der Wogen zu h�ren? Er wird niemals Frieden finden.� Eine riesige Tr�ne rollte �ber die Schuppen ihres Gesichts und zerschellte auf dem H�hlenboden, sodass der goldene Sand glitzerte.</p><p>�Er war ein Seefahrer�, erwiderte Rhapsody, ehe sie sich zur Vorsicht mahnen konnte.</p><p>�Seeleute finden ihren Frieden im Meer, genau wie Lirin ihn im Wind unter den Sternen finden. Durch das Feuer �bergeben wir unseren K�rper dem Wind, nicht der Erde, genau wie Seeleute ihn dem Meer �berantworten. Der Schl�ssel zum Frieden liegt nicht dort, wo der K�rper ruht, sondern wo das Herz bleibt. Mein Gro�vater war Seemann, Elynsynos, das hat er mir gesagt. Merithyns Liebe ist hier, hier bei dir.� Sie blickte auf die Vielfalt von Meeressch�tzen, welche die H�hle f�llten. �Ich bin sicher, dass er hier zu Hause ist.�</p><p>Elynsynos schniefte und nickte dann.</p><p>�Wo bleibt mein Meerlied?�, wollte sie wissen.</p><p>Ihr Ton lie� Rhapsody fr�steln. Eilig stimmte sie die Laute nach und begann leise ein einfaches Seemannslied zu summen. Die Drachenfrau seufzte, und ihr warmer Atem war wie ein hei�er Wind, der Rhapsodys Haar zerzauste und sie vor Angst, sie k�nnten verbrennen, die Augen schlie�en lie�. Die Lautensaiten wurden hei�, und sie musste sich konzentrieren, um mit Hilfe ihres Wissens das Feuer in ihre Fingerspitzen zu leiten und so zu verhindern, dass die Saiten Feuer fingen und die Laute verbrannte.</p><p>Elynsynos legte den Kopf auf den Boden, schloss die Augen und atmete die Musik ein, die Rhapsody spielte und sang. Sie sang alle Seemannslieder, die sie kannte, und achtete nicht auf die Riesentr�nen, die ihre Kleider durchweichten und ihre Stiefel nass machten, denn sie wusste, wie gut es tat zu weinen, um den Schmerz wegzuschwemmen; manchmal w�nschte sie sich, das auch zu k�nnen. Der Text der meisten Lieder war auf Altcymrisch, ein paar waren auf Altlirin; Elynsynos verstand beide Sprachen, aber sie k�mmerte sich ohnehin nicht viel um die Worte.</p><p>Rhapsody wusste nicht, wie viele Stunden sie gesungen hatte, bis ihr Vorrat an Seemanns und anderen Meeresliedern ersch�pft war. Sie lie� die Laute sinken und beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gest�tzt.</p><p>�Elynsynos, singst du auch etwas f�r mich?�</p><p>Langsam �ffnete sich ein gro�es Auge, dann das andere. �Warum m�chtest du das, H�bsche?�</p><p>�Bitte. Sing f�r mich.�</p><p>Die Drachenfrau schloss wieder die Augen. Einen Atemzug sp�ter h�rte Rhapsody, wie das Schlagen der Wellen in der Lagune einen anderen Rhythmus annahm, seltsam klickend, wie das Pochen eines dreik�mmrigen Herzens. Im H�hleneingang pfiff der Wind, blies mit unterschiedlicher Kraft �ber die �ffnung und produzierte verschiedene T�ne. Der Boden unter dem Boot, auf dem Rhapsody sa�, bebte angenehm, sodass die M�nzen in den Truhen klimperten und die metallenen Schiffsinstrumente schwangen und gegeneinander schlugen. <emphasis>Ein Elementarlied,</emphasis> dachte Rhapsody fasziniert.</p><p>Aus der Kehle der Drachenfrau drang ein Kr�chzen, ein hoher, d�nner Laut, der Rhapsody einen Schauder �ber den R�cken jagte. Es klang wie das Pfeifen eines schnarchenden Bettgef�hrten, begleitet von tiefem Grunzen und unregelm��igem Zischen. Das Lied ging in ein ausuferndes Zwischenspiel �ber; am Ende war Rhapsody atemlos. Als sie die Fassung wieder gewonnen hatte, applaudierte sie h�flich.</p><p>�Hat es dir gefallen, H�bsche? Ja? Das freut mich.�</p><p>�Haben dir die cymrischen Lieder auch gefallen, Elynsynos?�</p><p>�O ja. Wei�t du, du solltest sie zu deinem Hort machen.�</p><p>Bei dem Gedanken musste Rhapsody l�cheln. �Nun, in gewisser Hinsicht sind sie es schon. Die Lieder und meine Instrumente. Zu Hause habe ich eine ganze Menge davon. Die Musik und mein Garten, wahrscheinlich ist das mein Schatz. Und meine Kleider das w�rde zumindest eine meiner Freundinnen sagen.�</p><p>Das gro�e Schlangentier sch�ttelte den Kopf und wirbelte dabei eine Sandwolke auf, die sich vom Boden erhob und Rhapsody f�r einen Augenblick blind machte. �Nicht die Musik, H�bsche. Die Cymrer.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Du solltest die Cymrer zu deinem Schatz machen, genau wie Anwyn es getan hat. Sie w�rden auf dich h�ren, H�bsche. Du k�nntest sie wieder vereinen.�</p><p>�Dein Enkel hat das gleiche Ziel�, entgegnete Rhapsody z�gernd. �Llauron m�chte sie ebenfalls wieder vereinen.�</p><p>Elynsynos schnaubte, wobei sie eine Dampfwolke �ber Rhapsody und die Lagune ausstie�.</p><p>�Auf Llauron wird niemand h�ren. Er hat sich auf Anwyns Seite geschlagen, das werden sie ihm nicht verzeihen. Nein, H�bsche, aber auf dich werden sie h�ren. Du singst so sch�n, und deine Augen sind so gr�n. Du solltest sie zu deinem Hort machen.�</p><p>Rhapsody l�chelte vor sich hin. Trotz all ihrer uralten Weisheit verstand Elynsynos das Konzept von sozialer Schicht und von Erbfolge offensichtlich nicht. �Was ist mit deinem anderen Enkel?�</p><p>�Mit welchem der anderen Enkel?�</p><p>�berrascht riss Rhapsody die Augen auf. �Hast du mehr als noch einen?�</p><p>�Anwyn und Gwylliam hatten drei S�hne vor dem Schweren Schlag, dem Gewaltakt, der den Krieg ausl�ste�, antwortete die Drachenfrau. �Anwyn w�hlte die Zeit, in der sie ihre Kinder trug, denn die erstgeborenen Rassen k�nnen wie die Drachen ihre Fortpflanzung selbst bestimmen. Zum gr��ten Teil hat sie eine gute Wahl getroffen. Der �lteste, Edwyn Griffyth, ist mein Liebling, aber ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, als er noch ein junger Mann war. Er ist auf die See hinausgefahren, angewidert von seinen Eltern und ihrem Krieg.�</p><p>�Wer ist der andere? Er wird in den Schriften nirgendwo erw�hnt.�</p><p>�Anborn war der J�ngste. Er unterst�tzte seinen Vater, bis auch er es nicht mehr aushalten konnte. Schlie�lich ertrug auch Llauron Anwyns Blutdurst nicht mehr und fuhr ebenfalls zur See. Aber Anborn blieb und versuchte, die �beltaten, die er den Nachfolgern seiner Mutter angetan hatte, zu r�chen.�</p><p>Rhapsody nickte. �Mir war nicht klar, dass Anborn der Sohn von Anwyn und Gwylliam war, aber ich denke, es ist einleuchtend.� Sie dachte an den General mit dem w�tenden Gesicht, die schwarze R�stung mit Silberringen durchsetzt, die azurblauen Augen zornig vom R�cken seines schwarzen Schiachtrosses herabfunkelnd. �Meine Freunde und ich sind ihm im Wald begegnet, auf dem Weg zu Herzog Stephen Navarne, und sein Name wurde in einem Buch erw�hnt, das wir im Haus der Erinnerungen gefunden haben.�</p><p>�Deine Freunde ihr seid zu dritt?�</p><p>�Ja, warum?�</p><p>Die Drachin l�chelte. �Auch das ist einleuchtend.� Doch sie f�hrte ihre Bemerkung nicht weiter aus. �Warum wart ihr im Haus der Erinnerungen?�</p><p>Rhapsody g�hnte; auf einmal merkte sie, wie ersch�pft sie war. �Ich w�rde es dir gern erz�hlen, Elynsynos, aber ich f�rchte, ich kann meine Augen nicht mehr lange offen halten.�</p><p>�Komm hierher zu mir�, sagte die Drachin. �Ich werde dich in den Schlaf wiegen, H�bsche, und deine schlechten Tr�ume von dir fern halten.� Rhapsody sprang von dem Ruderboot herunter und �berlie� sich Elynsynos� Armen ohne jede Furcht. Sie setzte sich und lehnte sich an sie, sp�rte die glatten Kupferschuppen und die Hitze ihres Atems. Ihr kam nicht einmal in den Sinn, dass die Situation etwas Sonderbares an sich hatte.</p><p>Elynsynos streckte eine Klaue aus und strich mit unendlicher Z�rtlichkeit eine Haarstr�hne aus Rhapsodys Stirn. Dann summte sie eine seltsame Melodie und bewegte die Armbeuge wiegend hin und her, w�hrend sie Rhapsody vom Boden hob.</p><p>�Ich habe getr�umt, du h�ttest mich gerettet, Elynsynos, du hast mich in die Arme genommen, als ich in Gefahr schwebte�, sagte Rhapsody schl�frig. Elynsynos l�chelte, als die kleine Lirin-Frau in ihren Armen einschlief. Sie legte ihren Kopf ganz nahe an Rhapsodys Ohr, aber sie wusste, dass die S�ngerin sie ohnehin nicht h�ren w�rde.</p><p>�Nein, H�bsche, das war nicht ich in deinem Traum.�</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Er bekam keine Luft und konnte die Augen in der sengenden Hitze nicht l�nger offen halten. Bei�ender Rauch f�llte die H�hle bis hinauf zur Decke und presste alles Leben aus seiner Lunge. Grunthor schlug wild mit den Armen um sich, um sich der Asche zu erwehren, aber die panische Bewegung machte das Atmen nur noch schwerer.</p><p>Um ihn herum entz�ndete sich die �bel riechende Luft und loderte in hellen Flammen auf. Der Riese bedeckte die Augen und versuchte, die gl�hende Asche aus seiner Lunge zu husten, sog das Zeug aber nur noch tiefer in seine Brust hinein. M�hsam kam er auf die Beine, hielt den Atem an und stolperte dann blind vorw�rts, verzweifelt nach dem Tunnel tastend, von dem er wusste, dass er sich irgendwo vor ihm in der rauchgeschw�ngerten Luft befand. Er strauchelte �ber etwas Weiches und schauderte, als er unter seinen F��en Knochen bersten f�hlte und erstickte Schreie h�rte. �berall um ihn herum torkelten Gestalten, dr�ngten und schubsten in dem verzweifelten Bem�hen, an die Luft zu gelangen. Grunthor hatte sie nicht aus den stillen Geb�uden des Loritoriums kommen sehen; er hatte versucht, wieder zu Kr�ften zu kommen, und war eingenickt, als die Welt ringsum in einer wogenden Wolke aus bei�endem Qualm zusammenst�rzte. Die anderen nahm er nur verschwommen wahr: eine gro�e Menschenmenge, die in Panik vorw�rts dr�ngte, den Ausgang blockierte und in der verpesteten Luft nach Atem rang, genau wie er selbst.</p><p>Vor seinen Augen wirbelte schwarzer Nebel; einer, der mit ihm davonrannte, packte ihn am Oberarm und rief ihm etwas zu, was er aber nicht verstand. Keuchend und mit letzter Kraft sch�ttelte er den Mann ab, sodass dieser gegen die einst�rzende Wand prallte. Dann stolperte Grunthor weiter, versuchte aber, m�glichst flach zu atmen. Sein Sehverm�gen nahm rapide ab. Es dauerte einen Augenblick, bis die Welt aufh�rte, sich zu drehen. Achmed packte sich an den Kopf und stand schwankend auf, von dem Aufprall noch ganz unsicher auf den Beinen. Grunthors Reaktion hatte ihn unerwartet getroffen. An dem hektischen Glanz in den bernsteinfarbenen Augen des Riesen konnte er erkennen, dass der Sergeant nicht ganz bei sich und anscheinend in Panik war, aber Achmed hatte trotzdem nicht erwartet, quer �ber die Gasse und gegen einen Laternenpfahl geschleudert zu werden.</p><p>�Grunthor!�, rief er abermals, aber der gro�e Bolg h�rte ihn nicht, sondern fuchtelte weiter in der Luft herum und torkelte durch die leeren Gassen des Loritoriums, in einen erbitterten Kampf mit einem unsichtbaren D�mon verstrickt. Er k�mpfte wie ein wilder Stier, aber Achmed gewann den Eindruck, dass sein Freund dabei war, das Gefecht zu verlieren. Achmed suchte Halt an dem M�uerchen, und seine Finger ber�hrten die �lige Substanz in der Rille, welche die Mauer durchzog. Gedankenabwesend nahm er den starken Geruch zur Kenntnis, der ihn an brennendes Harz erinnerte. Dann rannte er Grunthor nach, die Gasse hinunter in Richtung des kleinen Parks im Zentrum.</p><p>Der Riese war inzwischen auf H�nde und Knie gesunken und rang nach Atem. Achmed n�herte sich ihm vorsichtig, aber Grunthor schien ihn nicht zu h�ren. Wild schwang er die Arme zur Seite, als versuchte er, keuchend vor Anstrengung, einen unsichtbaren Gang freizuschaufeln. Er kroch �ber eine der B�nke, die einen Kreis um den schimmernden Brunnen bildeten, und bog dann in s�dwestlicher Richtung ab. Seine olivfarbene Haut hatte ein erschreckend intensives Purpurrot angenommen.</p><p>Gerade als Achmed ihn einholte, wurde Grunthors Gesicht pl�tzlich leer und entspannte sich. Seine Augen kl�rten sich und wurden weit, dann wandte sich der Riese langsam nach S�den, als h�rte er jemanden seinen Namen rufen. Achmed sah zu, wie sein Sergeant sich aufrichtete und durch den kleinen Garten schritt, einem Ruf folgend, den nur er vernehmen konnte. Als er den Fu� eines der altarartigen Gebilde erreichte, sank Grunthor auf die Knie, beugte sich vor und legte den Kopf auf den Altar.</p><p>Durch den ganzen Tumult hindurch h�rte Grunthor es l�uten wie von einer Glocke in einer windstillen Nacht. Das Chaos und der Qualm verzogen sich innerhalb eines Augenblicks, sodass nur der klare, s��e Ton zur�ckblieb, ein Klang, der sein Herz durchdrang und dort widerhallte. Es war das Lied der Erde, das leise, melodische Summen, das in seinem Blut ert�nte, seit er es zum ersten Mal geh�rt hatte, tief unten im Bauch der Welt. Und es erklang f�r ihn allein.</p><p>Grunthor f�hlte, wie die albtraumhafte Todesvision von ihm abfiel wie Wassertropfen. Das Brennen in seinen Lungen lie� nach, er erhob sich und folgte der Musik, die ihn durchdrang. Sie kam aus einer einzigen Quelle, eindeutig lauter als die stets gegenw�rtige Melodie am Rande seines Bewusstseins. W�rme durchflutete seine Haut und prickelte wie damals, vor langer Zeit, als er aus dem Feuer im Herzen der Welt getreten war. Da war es wieder, dieses Gef�hl r�ckhaltloser, liebender Bejahung, das er damals versp�rt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihm nicht bewusst gewesen, wie sehr er es vermisst hatte. Seine Sicht wurde klarer, als er sich der Quelle n�herte, die sich von allem anderen abhob, als w�re der ganze Rest der Welt in Vergessenheit geraten. Am Entgegengesetzten Ende des zentralen Platzes stand ein Gebilde in Form eines Altars, ein Block Lebendigen Gesteins. Noch nie zuvor hatte Grunthor Lebendiges Gestein gesehen, aber Herzog Stephen hatte es im cymrischen Museum erw�hnt, als er �ber die f�nf Basiliken gesprochen hatte, welche die Cymrer erbaut und den Elementen gewidmet h�tten.</p><p><emphasis>Das ist die einzige nichtorlandische Basilika, die Kirche des Allgottes in Gestalt der Erde, genannt Terreanfor, was Herr der Erde bedeutet. Die Basilika ist in den Hang des Nachtbergs eingegraben worden. Selbst bei Tag f�llt kein einziger Lichtstrahl auf ihre Mauern, geschweige denn ins Innere. Obwohl Sorbold eine Di�zese unserer Kirche und dem Glauben an den Allgott verschrieben ist, sind dort noch Reste der alten sorboldischen Religion aus heidnischen Tagen wirksam. Man glaubt, dass Teile der Erdkruste nach wie vor lebendig sind und dass der Nachtberg einer dieser so genannten Orte des Lebendigen Gesteins ist. Immer wieder neu geweiht wird die Basilika nach dieser Vorstellung durch die fortw�hrende Rotation der Erde. Ich bin selbst schon einmal dort gewesen und kann den Leuten von Sorbold nachempfinden: Es ist wirklich ein zutiefst magischer Ort</emphasis>. Ein zutiefst magischer Ort. Grunthor blieb vor dem Altar aus Lebendigem Gestein stehen und musste gegen das schmerzliche Staunen ank�mpfen, das ihm die Kehle zuschn�rte. Von dem riesigen Erdblock ging eine Schwingung aus, die mit wortlosem Trost die letzten Reste seiner Panik beschwichtigte. Sie vertrieb den Schmerz, der in seiner Brust gew�tet hatte, und erleichterte ihm das Atmen. Ohne irgendwelche Worte zu vernehmen, wusste Grunthor, dass dieser lebendige Altar seinen Namen sprach.</p><p>Er kniete davor nieder, mit aller ihm verf�gbaren Ehrfurcht, senkte den Kopf und lauschte der Geschichte, die der Altar ihm erz�hlte. Nach einer Weile blickte er zu Achmed empor. Seine Augen waren klar und voller Trauer.</p><p>�Hier in der N�he ist irgendwas passiert. Irgendwas Furchtbares. Willst du es wagen, noch weiter zu gehen, um herauszufinden, was es war?� Achmed nickte. �Bist du sicher, Herr?�</p><p>Der Firbolg-K�nig runzelte die Stirn. �Ja, warum fragst du?�</p><p>�Weil die Erde sagt, es war dein Tod, Herr. Du wei�t es noch nicht, aber du wirst es erfahren.�</p><p>Und wieder erwachte die Gro�mutter tief in der Erde, weil das Kind zitterte. Ihre alten Augen, die an das schwache Licht in den H�hlen und G�ngen der Kolonie gew�hnt waren, suchten aufmerksam die Dunkelheit ab. Dann schwang sie ihre gebrechlichen Beine von der Erdplatte, die ihr als Bett diente, und erhob sich langsam, wobei ihre anmutigen Bewegungen ihr Alter L�gen straften.</p><p>Die Lider des Kindes waren geschlossen, aber sie flatterten voller Angst in dem Albtraum, der sich hinter ihren Augen abspielte. Z�rtlich ber�hrte die Gro�mutter die Stirn des M�dchens und holte tief Luft. Aus ihrer obersten Kehl�ffnung drang das vertraute Summen, welches das Kind manchmal beruhigen konnte. Als Antwort begann das M�dchen leise vor sich hin zu murmeln. Nun schloss die Gro�mutter ebenfalls die Augen und h�llte ihr <emphasis>kirai,</emphasis> ihre Suchschwingung, um das Kind. Die tiefste ihrer vier Kehl�ffnungen formte summend eine Frage.</p><p>�Ssssschh, ssschhh, meine Kleine, was beunruhigt dich so? Sag es mir, damit ich dir helfen kann.�</p><p>Doch das Kind murmelte nur weiter vor sich hin, das Gesicht angstvoll verzogen. Die Gro�mutter beobachtete das M�dchen mit gemessener Ruhe. Dieses Mal w�rde es nicht anders sein als all die anderen Male; die Prophezeiung w�rde sich auch heute noch nicht erf�llen. Das Kind w�rde die Worte der Weisheit nicht sprechen, auf welche die Gro�mutter seit unz�hligen Jahrhunderten wartete. Wieder liebkoste sie die glatte graue Stirn und sp�rte, wie sich die kalte Haut unter ihren langen, empfindsamen Fingern entspannte.</p><p>�Schlaf, mein Kind. Ruh dich aus.�</p><p>Nach einer Weile seufzte das Kind auf und verfiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Die Gro�mutter setzte ihr Summen fort, bis sie sicher war, dass das Schlimmste �berstanden war, und starrte in die Finsternis der H�hle hoch �ber ihr.</p><p>Grunthor schraubte den Wasserschlauch wieder zu und gab ihn Achmed zur�ck. Dann lehnte er sich an den Steinaltar und atmete tief aus, um die letzte Anspannung aus seinen Lungen zu vertreiben. Der Firbolg-K�nig beobachtete ihn aufmerksam.</p><p>�Hast du es jetzt �berwunden?�</p><p>�Ja.� Grunthor stand auf und klopfte den Sand von seiner Kleidung. �Tut mir ehrlich Leid, Mann.�</p><p>Achmed l�chelte leicht. �Und nun? H�ttest du die G�te, mich ins Bild zu setzen? Was hast du gesehen?�</p><p>Grunthor sch�ttelte ratlos den gro�en Kopf. �Chaos. Menschenmassen, die in den Tunneln in bei�endem Rauch erstickten. Als w�re ich mittendrin. Hat gestunken wie in einem Schmelzofen.�</p><p>�Waren es vielleicht die Schmiedwerkst�tten?�</p><p>�Kann schon sein.� Der Sergeant fuhr sich mit einer Krallenhand durchs Haar. �Aber weiter unten. An einem Ort, den wir nicht kennen. Ich denke, er geh�rte zum cymrischen Reich.�</p><p>�Meinst du, dass du diesen Ort finden kannst?�</p><p>Abwesend nickte Grunthor. Er dachte an Rhapsody und an all die Male, die er sie gehalten hatte, wenn sie im Schlaf um sich geschlagen und mit den Traumd�monen gek�mpft hatte, so wie er es eben getan hatte. Bis heute hatte er die Heftigkeit dieser Albdr�cke nie verstanden. Irgendwo im Hinterkopf erinnerte er sich an die Abschiedsworte, die sie ausgetauscht hatten.</p><p><emphasis>Wei�t du, ich w�rde dir jederzeit deine schlimmsten Tr�ume abnehmen, wenn ich k�nnte, Hoheit</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich wei� ... Ich wei�, dass du das tun w�rdest. Und glaub mir, wenn es in meiner Macht st�nde, w�rde ich dir gern meine schlimmsten Tr�ume �berlassen</emphasis>. Vielleicht hatte sie genau das getan. Vielleicht hatte dieser Scherz ihre F�higkeiten als Benennerin wachgerufen. Vielleicht hatte ihre so eng mit der Wahrheit verkn�pfte Begabung, die Achmeds Namen ver�ndert und ihn aus dem Griff des D�mons befreit hatte, bei ihm unabsichtlich das Gegenteil erreicht und dem, was auch immer ihr im Schlaf und manchmal sogar im Wachen die Visionen �bermittelte, T�r und Tor ge�ffnet. Vielleicht hatte er auch nur die Last eines dieser Albtr�ume f�r sie getragen. Jetzt vermisste er sie umso mehr.</p><p>�Wir werden ziemlich viel graben m�ssen�, meinte er schlie�lich. �Aber was die Entfernung angeht, ist es nicht sehr weit. Wenn du bereit bist, Herr, k�nnen wir loslegen.�</p><p>Eine rasche Untersuchung der G�nge des Loritoriums brachte ihnen eine Bestandsaufnahme der Verteidigungsmechanismen und Fallen ein, die in den Komplex eingebaut worden waren. Staunend sch�ttelte Grunthor den Kopf.</p><p>�Scheint mir ein bisschen viel auf so geringem Raum�, meinte er mit einem leicht ver�chtlichen Unterton. �Eine gute Explosion von einer Seite zur anderen oder ein rausfallendes St�ck Decke h�tte doch gereicht. Au�erdem hat der Narr nicht mal f�r einen Fluchtweg gesorgt, wie�s aussieht.�</p><p>�M�glicherweise hatte Gwylliam l�ngst den Bezug zur Wirklichkeit verloren, als die Bolg damit anfingen, Canrif zu unterwandern�, meinte Achmed, der soeben eine riesige halbkreisf�rmige Zisterne begutachtete, die in die westliche Bergwand eingelassen war. Mit den Fingerspitzen fuhr er �ber die breite Rille, die zu einem Steinblock in der Mitte der Zisternenwand f�hrte; dann roch er an den Fingern und zuckte angeekelt zur�ck. Es war derselbe Geruch, der auch von der dickfl�ssigen Substanz in den Rinnen bei den Laternenpf�hlen ausging.</p><p>�Das hier muss wohl das Reservoir f�r das Lampen�l sein�, sagte Achmed zu dem Sergeanten. �In der Handschrift ist erkl�rt, wie einer von Gwylliams f�hrenden Maurern eine riesige nat�rliche Quelle von einer �ligen Substanz entdeckte, die wie Harz brannte, nur noch heller. Die leitete man in das Lampensystem, damit die Gelehrten Licht zum Lesen hatten.�</p><p>�Hat es funktioniert?�</p><p>Achmed betrachtete den Steinblock eine Weile nachdenklich, dann sah er sich im Loritorium um. �Das Reservoir befindet sich hinter dieser Zisterne, nicht ganz so weit unten wie wir jetzt. Gwylliam hatte ein System entworfen, bei dem sich das Lampen�l in der Zisterne sammelte, bis sie voll war, und dann in die Rillen auf den Mauern floss. Es stieg weiter in die R�hren in den Laternenpf�hlen auf, entz�ndete die Dochte und sorgte f�r ein st�ndiges Licht. Die Gewichte in diesem Hauptkanal hier steuern den Ausfluss mit einem Steinst�psel, der sich automatisch schlie�t, wenn die Zisterne sich schneller f�llt, als die Lampen das �l verbrennen k�nnen, und sich wieder �ffnet, wenn der Stand des �ls in den Rillen zur�ckgeht. So ein Ausgleichssystem ist ziemlich wichtig, denn das Lampen�l ist leicht brennbar, und man braucht immer nur ein kleines bisschen, um die Stra�e zu beleuchten.�</p><p>Achmed wischte sich die H�nde an seinem Umhang ab und folgte der Hauptrinne ins Zentrum der kleinen unterirdischen Stadt. Vorsichtig kletterte er in den trockenen Spiegelbrunnen, wobei er jede Ber�hrung mit der gl�nzenden Silberpf�tze tunlichst vermied, fasste an den Hahn des verstopften Brunnens und zog rasch die Hand wieder zur�ck.</p><p>�Das hier war kein Wasserbrunnen, hier brannte ein Feuer von der gleichen Art wie die ewige Flamme der Feuerbasilika in Bethania�, stellte er fest. �Kleiner vielleicht, aber aus derselben Quelle gespeist, direkt aus dem Inferno im Innern der Erde was �brigens zu den wichtigsten Gebieten von Elementarwissen geh�rte, die an diesem Ort erforscht werden sollten. Gwylliam hat es als Quelle benutzt, um sein Beleuchtungssystem zu versorgen, und auch als Heizung.�</p><p>�Verdammt!�, brummte Grunthor. �Und weshalb ist es ausgegangen?�</p><p>�Ich habe den Verdacht, dass es nicht von selbst ausgegangen ist. Es hat n�mlich vielmehr den Anschein, als w�re es gestaut worden, absichtlich oder unabsichtlich. In der �ffnung steckt ein St�ck Stein von der Decke. Die Hitze von der Quelle ist noch zu sp�ren. Hilf mir mal, das Rohr zu �ffnen.�</p><p>�Vielleicht sollten wir auf Ihre Hoheit warten�, schlug Grunthor vor. �Erstens �rgert sie sich bestimmt ganz furchtbar, wenn wir nicht auf sie warten, wie wir es versprochen haben. Zweitens scheint sie gegen Feuer und all so was immun zu sein und k�nnte den Pfropf hier vermutlich rausnehmen, ohne sich dabei das Gesicht zu verbrennen. Ich wei� n�mlich nich recht, ob das auf dich auch zutrifft, Herr, bei allem Respekt.�</p><p>�Jo meint, das k�nnte durchaus eine Verbesserung sein�, gab Achmed sarkastisch zur�ck.</p><p>�Da w�rd ich mir mal keine Sorgen machen, Herr. Den Schweinen, mit denen du angeblich rumgemacht hast, war es doch auch egal.�</p><p>Achmed lachte leise. �Apropos du hast Jo doch freigelassen, oder?�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Gut. Nun, ich denke, ich habe wirklich genug gesehen, bis Rhapsody zur�ckgekehrt ist. M�chtest du immer noch herausfinden, woher deine Vision kam?�</p><p>Grunthor betrachtete ihn ernst. �Eigentlich m�sstest eher du das entscheiden. Ich hab dir alles erz�hlt, was ich geh�rt hab.�</p><p>Achmed nickte. �Tja, wenn ich tats�chlich gestorben bin und noch nichts davon wei�, dann w�rde ich schon gern herausfinden, was da einst vorgefallen ist. Wo fangen wir an?�</p><p>�Hier entlang�, antwortete Grunthor und deutete nach S�den.</p><p>Die beiden Bolg packten ihre Sachen zusammen und gingen zur s�d�stlichen Wand des Loritoriums. Rasch warf Grunthor noch einen letzten Blick auf den wundersch�nen Altar aus Lebendigem Gestein; es w�rde wehtun, ihn zu verlassen. Doch er schluckte, holte tief Luft und dr�ckte sich dann wie zuvor in die Felswand, verschmolz mit dem Gestein und �ffnete einen Tunnel vor sich. Achmed wartete, bis kein Ger�ll mehr fiel, und folgte dann seinem Freund.</p><p>Sie waren zu weit entfernt, um die schimmernden Silbergestalten zu sehen, menschen�hnliche K�rper, die wie Nebel aus den T�mpeln in den stillen Gassen des Loritoriums stiegen, einen Augenblick in der Luft hingen und kurz darauf wieder verschwanden.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Die Luft in den unterirdischen H�hlen war w�rmer als in der Welt oben. Der Temperaturwechsel war das Erste, was Achmed auffiel, als Grunthor zu dem verborgenen Tunnelsystem durchbrach, das s�dlich des Loritoriums noch ein St�ck tiefer in die Erde gegraben war. Hier war die Luft w�rmer, abgestandener, mit einer uralten Andeutung von Rauch, dazu schwer und trocken ohne eine Spur von Staub oder Moder, ohne jede Feuchtigkeit, aber daf�r statisch aufgeladen.</p><p>Als Zweites bemerkte er die alte Frau, die vor ihm im Tunnel stand. Grunthor hielt mitten in der Bewegung inne und zuckte verbl�fft zur�ck. Bis eben noch hatte die Erde f�r ihn gesungen, hatte seine Aufmerksamkeit auf jede Ritze, jede lockere Stelle gezogen, ihn vor Gefahren gewarnt und ihn auf seltene oder einzigartige Formationen hingewiesen. Doch es hatte keinerlei Andeutung gegeben, dass auf der anderen Seite der Felswand eine lebendige Kreatur auf sie wartete.</p><p>Aber da stand sie, gr��er als Achmed, schmaler als Grunthor, eingeh�llt in ein braunes Gewand, den Kopf bedeckt, sodass nichts von ihr zu sehen war als ihr Gesicht und die d�nnen, langfingrigen H�nde. Mehr brauchte Achmed auch gar nicht zu wissen. Die Haut ihres Gesichts und ihrer H�nde war durchsichtig, vom Alter faltig und wie schimmernder Marmor von einem Netzwerk feiner bl�ulicher Adern durchzogen. Obgleich es wegen der Kapuze unm�glich war, Einzelheiten richtig zu erkennen, schien der Kopf der Frau von oben, wo er sehr breit war, nach unten zu der zarten W�lbung des Kinns hin schmaler zu werden; gro�e schwarze Augen nahmen fast die ganze Fl�che des Gesichts ein; sie waren von schweren Lidern �berschattet und besa�en anscheinend keine Lederhaut. Kein Wei� war sichtbar, nur zwei weite, dunkle Ovale, durchbrochen von einer gro�en, silbrigen Pupille und funkelnd vor zur�ckhaltender Neugier und scharfer Intelligenz. Trotz ihres offensichtlich hohen Alters war der K�rper der Frau ungebeugt, gro� und aufrecht wie der Stamm eines Herveralt-Baumes. Die breiten Schultern, die langen Oberschenkel und Schienbeine, die d�nnen Arme mit den kr�ftigen, sehnigen H�nden, all das waren unverkennbare Merkmale, obgleich es erst das zweite Mal war, dass Achmed einen Angeh�rigen ihrer Rasse erblickte. Die Augen der Frau schimmerten im Licht der Fackel, doch ihr Mund wirkte ebenso ungezwungen und entspannt wie in dem Augenblick, als sich der Boden vor ihr aufgetan hatte und die beiden fremden Gestalten ihr Reich betraten. Sie war eine reinrassige Dhrakierin.</p><p>Achmeds empfindsame Haut prickelte in der statisch aufgeladenen Luft. Sofort wurde ihm klar, dass er von den Suchvibrationen der Frau umgeben war, dem elektrischen Summen, das Dhrakier durch die �ffnungen in ihrer Kehle und ihren Stirnh�hlen aussandten. Mit diesem Werkzeug erkannten sie den Herzschlag und andere Lebensrhythmen derer, die sie suchten oder �berpr�fen wollten. Achmed selbst hatte diese Methode selbst schon eingesetzt, haupts�chlich bei der Jagd im Wald.</p><p>Die Frau schien sich zu am�sieren, obwohl ihr Gesicht unver�ndert blieb. Geduldig faltete sie die H�nde und wartete. Als sich weder Grunthor noch Achmed von der Stelle r�hrten, hob sie an zu sprechen.</p><p>�Ich bin die Gro�mutter. Ihr kommt sp�t. Doch warum seid ihr nur zu zweit?�</p><p>Unwillk�rlich sch�ttelten die beiden Firbolg den Kopf, als die Vibrationen an ihre Ohren drangen. Die Frau sprach mit zwei verschiedenen Stimmen, die aus jeweils einer ihrer vier Kehlen drangen, aber im Grunde keine Worte in irgendeiner ihnen bekannten Sprache formten. Dennoch verstanden sie genau, was sie zu ihnen sagte. Achmed h�rte ein reibendes Summen, das in seinem Kopf ein glockenreines Bild von der Bedeutung des Gesagten heraufbeschwor. Das Wort �Gro�mutter� gemahnte in dieser Sprache an eine <emphasis>Matriarchin</emphasis>. Zwar hatte er keine Ahnung, woher er das wusste, aber es bestand kein Zweifel an der Richtigkeit seiner Wahrnehmung.</p><p>Grunthor andererseits war mit einer tieferen Stimme begr��t worden, einem volleren Ton, der das Sprachmuster der Bolg imitierte. In seinem Kopf lie� die �Gro�mutter� das Bild einer f�rsorglichen, altersm��ig eine Generation von einem Kind entfernten Mutterfigur entstehen. Die beiden M�nner sahen einander an und blickten dann wieder zu der Dhrakier-Frau. Sicherlich meinte sie mit ihrer Frage Rhapsody.</p><p>�Unsere Gef�hrtin ist nicht hier�, antwortete Achmed, und die Worte f�hlten sich beim Reden seltsam an in seinem Mund. Wieder funkelten die Augen der alten Frau, und Achmed wurde rot vor Verlegenheit. Aber er schluckte seinen �rger �ber seine dumme Antwort hinunter.</p><p>�Gewiss, das ist offensichtlich. Sie ist noch unterwegs, aber wenn das Gl�ck sie nicht im Stich l�sst, wird sie bald hier sein.�</p><p>�Ihr m�sst alle drei bald kommen�, entgegnete die Gro�mutter wieder mit ihren verschiedenen Stimmen. �Es ist vonn�ten. Es wurde prophezeit. Kommt.�</p><p>In dem Felsentunnel wandte sich die alte Dhrakierin anmutig um und ging raschen Schrittes davon. Grunthor und Achmed blickten einander an und beeilten sich dann, ihr zu folgen. Den ganzen Weg vom H�hleneingang bis zu der Verdorrten Heide �ber den Toren zum Kessel brummelte Jo vor sich hin. Ihr Leben als Waise auf den Stra�en von Navarnes Hauptstadt hatte ihr zu einigen F�higkeiten verholfen, unter anderem dazu, dass sie lange Zeit unbeweglich im Schatten einer Gasse stehen, in gef�hrlichen Situationen rasch und geschickt reagieren, lautlos r�lpsen und ebenso dezent einen Wind entweichen lassen konnte. Au�erdem hatte sie sich ein vielf�ltiges und sehr farbiges Vokabular von Schimpfw�rtern angeeignet, das sich in der Gesellschaft von Grunthor und Rhapsody sogar noch verbessert hatte, denn gerade Letztere konnte trotz ihrer gelegentlichen Gluckenhaften Anwandlungen mit ihren Fl�chen einen Bolg erblassen lassen, wenn sie in Fahrt war schlie�lich hatte sie ja ebenfalls eine Zeit auf der Stra�e zugebracht.</p><p>Auf ihrem Weg griff Jo nun auf zahlreiche dieser Ausdr�cke zur�ck. Zum Gl�ck hatte sie sich einige der saftigsten bis zuletzt aufbewahrt. Als sie auf dem Pass, der zur Heide hinunterf�hrte, um eine Felsbiegung kam, streifte sie etwas ganz unerwartet am Kopf. Jo duckte sich, sch�tzte den schlammigen Untergrund jedoch falsch ein, stolperte und landete kopf�ber mit dem Gesicht in dem Dreck, den man ihr an den Kopf geworfen hatte. Jetzt lag sie auf dem Bauch und schnappte nach Luft. Als sie wieder atmen konnte, stieg ihr ein absto�ender Gestank in die Nase, und ihr Blut begann zu kochen. Nachdem der anf�ngliche Schock sich gelegt hatte, h�rte sie das Gekicher der Bolg-Kinder, die sich hinter den Felsen versteckt hatten. Die Bolg lachten nicht oft, und der harte, schrille Klang irritierte Jo schon unter gew�hnlichen Umst�nden. Da ihre Augen und Nase jetzt aber etwas noch �blerem ausgesetzt waren, war sie noch weniger zur Nachsicht geneigt. Sie erhob sich aus dem Dreck und wirbelte herum. Eine Anzahl kleiner dunkler Gesichter, haarig und fies grinsend, waren hinter einem der Felsbl�cke zum Vorschein gekommen, die am Rand der Heide herumlagen. Unter ihnen erkannte sie eine Reihe von Rhapsodys adoptierten Enkeln.</p><p>Vor Zorn wurde Jos Gesicht puterrot, und sie stie� einen Schrei aus, der von den Felsw�nden widerhallte. Das Grinsen verschwand, gefolgt von den K�pfen.</p><p>�Ihr verfluchten Missgeburten! Kommt zur�ck! Ich werde euch die K�pfe abrei�en! Ich werde mir euer Blut von den Z�hnen lecken! Ich zieh euch bei lebendigem Leib das Fell �ber die Ohren und mach P�kelfleisch aus euch!� Zwar war sie wieder auf den Beinen, aber der Schmutz hing in ihren Kleidern und Haaren, und sie kam immer wieder ins Rutschen, w�hrend sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Verfolgung der kreischenden Kinder aufnahm. Als sie die Anh�he erreichte, hinter der sich die Kinder versteckt hatten, konnte Jo sie in alle Richtungen davonstieben sehen; die �lteren waren schon fast au�er Sichtweite.</p><p>�Ich werde euch die Lungen durch die Nasenl�cher aussaugen!�, keuchte Jo und musste sich anstrengen, wenigstens die Langsameren nicht auch noch aus den Augen zu verlieren. �Ich werde euch die Augen ausrei�en und mir schmecken lassen!� Schon zog sie ihren Dolch mit dem Bronzer�cken, den schmalen, t�dlichen Dolch, den Grunthor ihr an dem Tag geschenkt hatte, als er und die anderen sie aus dem Haus der Erinnerung befreit hatten; er fing die Sonnenstrahlen ein und damit auch die Aufmerksamkeit der FirBolg-Kinder . Ihre Gesichter verloren den schalkhaften Ausdruck und wurden panisch. Wieder stie� Jo ein schrilles Kriegsgeheul aus und forcierte ihr Tempo. Binnen kurzem hatte sie zwei der langsameren Kinder eingeholt. Eines kam zum Stehen, wandte sich angstvoll um und sprang dann in wilder Flucht von der n�chstbesten Felskante in die Tiefe. Sein Schrei wurde im Fallen leiser und verstummte schlie�lich abrupt.</p><p>Voller Entsetzen hielt Jo inne.</p><p>�0 nein�, fl�sterte sie. �Nein.� Mit ein paar langsamen, benommenen Schritten trat sie an den Felsrand und sp�hte hinunter.</p><p>Das Firbolg-Kind lag zusammengekr�mmt auf einem Felsvorsprung, der in einiger Entfernung aus der Klippe ragte. Selbst von hier oben erkannte Jo den Jungen es war Vling, Rhapsodys drittj�ngster Enkel. Ihr Gesicht prickelte und wurde hei�, als �belkeit und Reue sie �berkamen.</p><p>�Himmel!�, schrie sie. �Vling? Kannst du mich h�ren?�</p><p>Von der Klippe drang ein ged�mpftes Wimmern herauf.</p><p>Jo steckte den Dolch in die Scheide, sah sich nach einer M�glichkeit um, sich festzuhalten, und fand eine lange, tote Wurzel, die aus dem Fels ragte. Pr�fend zerrte sie daran und lie� sich dann schnell die B�schung hinunter, dorthin, wo das verletzte Kind lag.</p><p>�Vling?�</p><p>Schweigen.</p><p>Jo wurde wieder �bel. �Vling!�, rief sie. Unter ihr br�ckelte der Fels, w�hrend sie die Wand zu dem Vorsprung hinunterglitt.</p><p>Der Junge blickte auf, als sie sich �ber ihn beugte; aus seinem schmutzigen Gesicht sprach unverhohlene Angst, und er versuchte, vor Jo wegzukriechen.</p><p>�Halt still�, sagte Jo, so sanft sie konnte. �Tut mir Leid, dass ich dich erschreckt habe.� Der Junge, der kein Orlandisch verstand, sch�ttelte wild den Kopf und versuchte ihr zu entwischen, brach dann aber st�hnend auf dem Boden zusammen.</p><p>Jo bem�hte sich nach Kr�ften, ihre Abneigung niederzuk�mpfen, streckte die Hand aus und t�tschelte dem Jungen vorsichtig den Kopf. Seine Augen wurden weit vor Schreck und dann schmal vor Argwohn.</p><p>�Schon gut, schon gut, du hast allen Grund, mir nicht zu trauen�, brummte Jo d�ster. �Ich gebe ja zu, dass ich dich schon mehrmals am liebsten in die H�hle geworfen h�tte, aber ich hab es nicht getan, oder? Es ist meine Schuld, dass du gest�rzt bist. Das tut mir Leid, und ich bin hier, um dir zu helfen. Schau, Vling, Rhapsody wird mich umbringen, wenn einem von euch Plagen was passiert.�</p><p>Das Gesicht des Kindes wurde weich. �Rhapzdie?�</p><p>Jo stie� ger�uschvoll den Atem aus. �Sie ist nicht da.�</p><p>�Rhapzdie?�</p><p>�Ich hab doch schon gesagt, Gro�mutter ist nicht da, aber sie w�rde nicht wollen, dass du hier liegen bleibst, verletzt und wom�glich demn�chst Futter f�r die Habichte.�</p><p>Vling setzte sich ein wenig auf. �Rhapzdie?�, wiederholte er hoffnungsvoll.</p><p>�Ja, richtig, Rhapsody�, best�tigte Jo. �Komm mit mir, ich bringe dich zu ihr.� Wieder streckte sie dem Kind die Hand entgegen; erst wich es ein St�ck zur�ck, lie� sich dann aber von ihr helfen, auf die Beine zu kommen. Ihr fiel auf, dass sein Arm in einem sonderbaren Winkel herunterhing. Bei dem Anblick wurde ihr schwindlig, und fast h�tte sich ihr der Magen umgedreht.</p><p>Beim Aufstehen verzog Vling vor Schmerzen das Gesicht, nahm dann aber den stoischen, leicht m�rrischen Ausdruck der Bolg-Rasse an. Jo wusste sofort, was ihm durch den Kopf ging. Bei den Bolg galt es als Schande, wenn jemand Schw�che zeigte, denn sie waren mit dem Gedanken, dass Verletzte geheilt werden konnten, immer noch nicht recht warm geworden. Seit unz�hligen Jahrtausenden war es bei ihnen Brauch, Verwundete ehrenvoll dem Tod zu �berlassen, ganz gleich, wie wertvoll sie auch sein mochten. In den Zahnfelsen hielt sich diese Einstellung immer noch, trotz der von Achmed auf Rhapsodys Dr�ngen eingef�hrten Ver�nderungen. Der Bolg-Junge w�rde bei seinen Altersgenossen das Gesicht verlieren, wenn Jo ihn jetzt trug oder wenn jemand auch nur merkte, dass er sich von ihr hatte helfen lassen.</p><p>Jo griff wieder nach der Wurzel, zog sich mitsamt dem Jungen �ber die Felskante hinauf und setzte sich dann hinter einen gro�en Felsen, um nachzudenken. Vling schien alles daran zu setzen, dass er bei Bewusstsein blieb, aber Jo merkte deutlich, dass er schreckliche Schmerzen litt.</p><p>Endlich kam ihr eine Idee. Sie kramte in ihrem Tornister und zog ein St�ck Seil heraus. Ein Ende dr�ckte sie dem verdutzten Kind in die Hand, das andere band sie sich lose um ihre eigenen Handgelenke.</p><p>�In Ordnung�, sagte sie zwischen zusammengebissenen Z�hnen und im besten Bolgisch, dessen sie f�hig war. �Gehen wir. Bring mich zu Grunthors Baracken.�</p><p>Der Junge blinzelte verst�ndnislos, dann begriff er endlich, was Jo vorhatte, und strahlte �bers ganze Gesicht. L�chelnd blickte er zu ihr empor, zupfte spielerisch an dem Seil und f�hrte sie im Triumph zur�ck in den Kessel, den verletzten Arm fest umklammert und zum Schein w�ste Drohungen aussto�end. Er wusste nur zu gut, wie viel Ansehen es ihm einbringen w�rde, wenn die anderen Bolg-Kinder sahen, wen er da gefangen hatte.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Rhapsody konnte sich nicht erinnern, jemals so gut geschlafen zu haben wie in den Armen der Drachin. Stundenlang lag sie in traumlosem Schlummer, ungest�rt von Albtr�umen oder der Notwendigkeit, Wache zu halten, und erwachte schlie�lich erfrischt und gl�cklich. Als sie das Gesicht der schlafenden Drachin dicht neben sich sah, setzte ihr Herz ein paar Schl�ge aus, aber dann wurde ihr Blick unwiderstehlich auf die eigene Brust gelenkt:</p><p>Gl�nzende Kupferschuppen bedeckten ihre K�rpermitte und schimmerten im Halblicht der H�hle. Vorsichtig hielt Rhapsody das Gebilde hoch: Es war ein Kettenhemd, federleicht und aus tausenden kunstvoll miteinander verbundenen Drachenschuppen gearbeitet. In ihren H�nden glitzerte und funkelte es.</p><p>�Es geh�rt dir, H�bsche�, sagte Elynsynos, ohne die Augen zu �ffnen. �Ich habe es letzte Nacht f�r dich gemacht, w�hrend du schliefst. Probier es an.�</p><p>Rhapsody stand auf, nestelte an ihrem Umhang und legte ihn dann ab. Langsam lie� sie den schimmernden Panzer �ber ihren Kopf gleiten und zog ihn an sich herunter wie eine Weste. Er passte wie angegossen. Sie hatte Legenden �ber die Genauigkeit der Drachensinne geh�rt; jetzt wusste sie, dass der Ruf mehr als angemessen war. Ihr Haar schimmerte im Licht, das die Schuppen reflektierten, r�tlich golden.</p><p>�Ich danke dir�, sagte sie, ger�hrt von der Aufmerksamkeit, die Elynsynos ihr schenkte. Aber da war noch etwas anderes. Als sie eingewilligt hatte zu bleiben, hatte sie gef�rchtet, die Drachin w�rde sie nicht wieder gehen lassen, doch diese Furcht war inzwischen verflogen. Das Geschenk war ein Beweis daf�r, dass Elynsynos fest davon ausging, Rhapsody werde wieder in die Welt zur�ckkehren. Sie beugte sich �ber die riesenhafte Wange der Drachenfrau und k�sste sie. �Es ist wundersch�n. Ich werde immer an dich denken, wenn ich es trage.�</p><p>�Dann trage es oft�, meinte Elynsynos und �ffnete die Augen. �Es wird dich besch�tzen, H�bsche.�</p><p>�Ganz bestimmt. Aber du hattest mir eine Frage gestellt, und ich war gestern Abend zu m�de, um sie zu beantworten. W�rdest du sie noch einmal wiederholen?�</p><p>�Ich habe gefragt, warum du im Haus der Erinnerungen warst.�</p><p>�Ah, ja.� Rhapsody streckte die Arme �ber den Kopf und genoss das leise Rascheln des Panzers aus Drachenschuppen; dann setzte sie sich wieder auf das umgedrehte Ruderboot.</p><p>�Wir haben das Haus der Erinnerungen auf Herzog Stephens Gehei� hin aufgesucht, weil es das �lteste noch existierende Geb�ude sein soll, das die Cymrer erschaffen haben. Dort stie�en wir auf eine Gruppe von Kindern, die als Geiseln festgehalten wurden; im Haus fanden wir Ger�tschaften, mit denen man ihnen das Blut abzapfen konnte. Und wir haben mit einem Mann gek�mpft, der dunkles Feuer als Waffe gegen uns einsetzte.� Im Halbdunkel der Drachenh�hle wurde ihr Gesicht bleich. �Es war das erste Mal, dass ich jemanden get�tet habe.�</p><p>Elynsynos schnaubte und schubste Rhapsody spielerisch mit ihrem Schwanz, sodass sie vom Ruderboot rutschte und auf dem Hinterteil im goldenen Sand landete.</p><p>�Und du nennst dich eine S�ngerin?�, meinte die Drachin scherzend. �Das war die schlechteste Geschichte, die ich seit sieben Jahrhunderten geh�rt habe. Versuch es noch einmal, aber nimm dir ein wenig Zeit. Einzelheiten, H�bsche, auf die Einzelheiten kommt es an. Ohne Einzelheiten lohnt sich das Anh�ren einer Geschichte nicht.�</p><p>Rhapsody klopfte sich den Sand aus den Kleidern und kletterte zittrig auf das Ruderboot. Als sie wieder zu Atem gekommen war, erz�hlte sie Elynsynos die Geschichte bis in die kleinste peinigende Einzelheit, angefangen bei Llaurons Vorschlag, mehr �ber die Cymrer in Haguefort herauszufinden, bis zu dem Nachspiel, als sie die gestohlenen Kinder von Navarne zur�ckbrachten und Rhapsody Jo adoptierte. Sie brauchte lange, denn obwohl sie alle Einzelheiten erw�hnte, unterbrach Elynsynos sie immer wieder, um auch den kleinsten fraglichen Punkt klarzustellen. Als sie geendet hatte, schien die Drachin allerdings zufrieden, streckte sich und richtete sich zu ihrer vollen Gr��e auf.</p><p>�Wie sah der Mann aus, der euch beim Haus der Erinnerungen angriff?�</p><p>�Das wei� ich ehrlich gesagt nicht�, antwortete Rhapsody. Sie starrte gebannt auf den Teller knuspriger Br�tchen und Himbeeren, der erschienen war, als die Drachin sich aufgesetzt hatte. �Ich habe ihn nur blitzschnell vorbeilaufen sehen. Grunthor erging es ebenso. Nur Achmed ist ihm direkt begegnet, und nicht einmal er hat den Mann richtig zu Gesicht bekommen, denn er trug einen gepanzerten Helm.�</p><p>�Iss.�</p><p>�Danke.� Rhapsody nahm ein Br�tchen und brach es in der Mitte durch. �M�chtest du auch etwas?�</p><p>�Nein, ich habe erst vor drei Wochen gegessen.�</p><p>�Und du bist noch nicht wieder hungrig?�</p><p>�Es dauert eine Weile, bis man sechs Hirsche verdaut hat.�</p><p>�Oh.� Rhapsody fing an zu essen.</p><p>�Es muss der Rakshas gewesen sein, dem ihr begegnet seid.�</p><p>Sie blickte in das Gesicht der Drachin auf; Elynsynos betrachtete sie aufmerksam. �Kannst du mir etwas �ber den Rakshas erz�hlen?�, fragte Rhapsody. �Wer ist er?�</p><p>Die Drachin nickte. �Genau genommen ist der Rakshas ein Es. Das Spielzeug des F�dor.�</p><p>Eine G�nsehaut fuhr Rhapsody �ber den R�cken. �Der D�mon, von dem du mir gestern Abend erz�hlt hast? Derjenige, dem Anwyn Macht verliehen hat?�</p><p>�Ja. Vor zwanzig Jahren schufen die F�dor den Rakshas im Haus der Erinnerungen - eine Schande, denn es war ein wundersch�nes Denkmal f�r die tapferen Cymrer in jener Zeit vor Anwyns Krieg. Und dann hat er es vergiftet, hat es sich zu Eigen gemacht. Der Sch�ssling von Sagia war das Erste, was entweiht wurde. Er war ein Zweigkind der gro�en Eiche der Tiefen Wurzeln, dem heiligen Baum der Lirin von Serendair, den die Cymrer aus dem alten Land mitgebracht und im Garten des Hauses angepflanzt hatten. Selbst aus so gro�er Entfernung konnte ich den Baum schreien h�ren.�</p><p>�W�hrend ich dort war, habe ich mich um ihn gek�mmert�, sagte Rhapsody und wischte sich mit ihrem Taschentuch die Kr�mel vom Mund. �Ich habe meine Harfe in ihm zur�ckgelassen, um das Lied seiner Heilung zu erneuern. Dieses Fr�hjahr h�tte er bl�hen m�ssen, nur war ich leider nicht zugegen, um es zu sehen.�</p><p>�Aber ich.� Die Drachenfrau lachte leise. �Neben den Bl�ttern war der Baum voll wei�er Bl�ten, wie Sternblumen. Eine nette Idee, H�bsche.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>Wieder lachte die Drachenfrau. �Der Sch�ssling ist eine Eiche. Hast du in deinem Land jemals geh�rt, dass eine Eiche gebl�ht hat?�</p><p>Rhapsodys Kehle wurde trocken. �Nein.�</p><p>�Nat�rlich bl�ht eine Eiche, um Eicheln hervorzubringen, aber die Bl�ten sind im Allgemeinen so klein, dass man sie mit Augen wie den deinen kaum sehen kann. Diese Bl�ten aber waren gef�llt und wei� und bedeckten den Baum wie Schneeflocken. Hast du dem Baum in deinem Lied gesagt, dass er bl�hen soll?� Rhapsody nickte. �Nun, ich bin beeindruckt. Es ist mir eine Ehre, eine Benennerin in meiner H�hle empfangen zu d�rfen. Wie oft begegnet ein Tier schon jemandem, der einem Eichbaum befehlen kann zu bl�hen? Nach allem, was der Rakshas getan hat, um den Baum zu zerst�ren, war er sicherlich fuchsteufelswild oder zumindest sein Herr und Meister war es.�</p><p>�Bitte erz�hle mir mehr �ber diesen Rakshas. Du hast gesagt, der D�mon habe ihn erschaffen aber er sah aus wie ein Mann und verhielt sich auch so.�</p><p>�Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des D�mons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. F�r gew�hnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein K�rper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde. Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft.�</p><p>�Hast du nicht gerade etwas von einer Seele gesagt?�</p><p>�Ein Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der D�mon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schlie�lich die Form des Eigent�mers der Seele an, wobei dieser nat�rlich tot ist. Damit verf�gt er auch �ber einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, b�se Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, H�bsche.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Und du bist sicher, dass diese Person dieses Ding, mit dem wir gek�mpft haben, wirklich der Rakshas war, der, den der F�dor gemacht hat?�</p><p>Elynsynos nickte. �Er muss es gewesen sein. Und h�re: Er befindet sich ganz hier in der N�he. Sei vorsichtig, wenn du meine H�hle verl�sst.�</p><p>Kalte S�ure stieg in Rhapsodys Magen auf, und sie legte den Rest des Br�tchens weg. �Mach dir keine Sorgen, Elynsynos. Ich habe das Schwert.�</p><p>�Welches Schwert, H�bsche?�</p><p>�Die Tagessternfanfare. Ich bin sicher, dass du wei�t, was es ist.�</p><p>Die Drachenfrau blickte sie fragend an. �Hast du es bei dir zu Hause?�</p><p>�Nein, ich trage es bei mir�, antwortete Rhapsody mit einem Kopfsch�tteln. �Soll ich es dir zeigen?�</p><p>Die Drachin nickte, und Rhapsody zog das Schwert aus der Scheide. In den Drachenschuppen spiegelten sich die lodernden Flammen und lie�en Millionen Regenbogen durch die Dunkelheit der H�hle tanzen. Zu seiner Begr��ung brannten die Flammen in den Kronleuchtern hell auf.</p><p>Elynsynos� Augen wurden gro�, und Rhapsody f�hlte eine Welle der Bezauberung. Sie versuchte wegzusehen, blieb jedoch gebannt stehen, w�hrend die Drachin den Kopf neigte, um das Schwert zu begutachten. Dann strich sie mit der Klaue �ber die Scheide an Rhapsodys Seite.</p><p>�Nat�rlich�, sagte sie nach kurzem Nachdenken, und ihr Gesicht entspannte sich. �Schwarzes Elfenbein. Kein Wunder, dass ich nichts davon sp�ren konnte.�</p><p>�Ich verstehe nicht, was du meinst�, stammelte Rhapsody und versuchte, sich aus ihrer seltsamen Trance zu befreien.</p><p>�Schwarzes Elfenbein ist der wirkungsvollste Schutz, den man unter den Tieren kennt�, erkl�rte Elynsynos. �Eigentlich ist es eine falsche Bezeichnung, denn es ist nicht wirklich Elfenbein, sondern eine Steinart, die dem Lebendigen Gestein stark �hnelt. Man kann sie zu Schachteln oder Scheiden oder sonstigen Beh�ltnissen verarbeiten, und der Gegenstand, den man darin aufbewahrt, wird unaufsp�rbar, selbst f�r die Sinne eines Drachen. Das ist gut, H�bsche. Niemand wird wissen, dass du dieses Schwert mit dir f�hrst, es sei denn, du ziehst es aus der Scheide. Wo hast du es gefunden?�</p><p>�Es war in der Erde verborgen. Ich habe es auf dem Weg aus dem alten Land entdeckt.�</p><p>�Du bist durch die Erde gekommen, nicht auf einem Schiff?�</p><p>�Ja.� Bei der Erinnerung wurde Rhapsodys Gesicht hei�. �Wir sind schon lange vor den Cymrern aufgebrochen und erst vor verh�ltnism��ig kurzer Zeit hier angekommen.�</p><p>Elynsynos lachte. Rhapsody wartete eine Weile, ob das m�chtige Tier ihr erkl�ren w�rde, was los war, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen betrachtete es sie eindringlich.</p><p>�Warst du schon bei Oelendra?�</p><p>Auf Serendair stand der Name f�r ein himmlisches Ereignis. �Beim gefallenen Stern?�</p><p>Elynsynos schaute verwirrt drein. �Nein, Oelendra ist eine Lirin wie du. Einst hat sie dieses Schwert getragen.�</p><p>Nun erhellte sich Rhapsodys Gesicht, denn sie erinnerte sich, dass Llauron den Namen erw�hnt hatte �Ist sie noch am Leben?�</p><p>Anscheinend musste die Drachin dar�ber nachdenken. �Ja. Sie lebt in Tyrian, dem Lirinschen Wald im S�den. Wenn du zu ihr gehst, ist sie vielleicht bereit, dich seine Handhabung zu lehren. Ja, ich glaube, das tut sie.�</p><p>�Wie kann ich sie finden?�</p><p>�Geh nach Tyrian und bitte um einen Besuch bei ihr. Wenn sie dich sehen will, wird sie dich finden.�</p><p>Rhapsody nickte. �Ist sie g�tig?�</p><p>Elynsynos l�chelte. �Ich bin ihr nur ein einziges Mal begegnet. Sie war freundlich zu mir. Sie kam zusammen mit dem, der damals die Stellung des F�rbitters innehatte, die jetzt Llauron bekleidet, um mir mitzuteilen, was Merithyn zugesto�en sei, um mir seine Gaben und ein St�ck seines Schiffs zu �berbringen. Da wusste ich, dass er vorgehabt hatte, zu mir zur�ckzukehren, aber gestorben war. Er war so zerbrechlich; ich vermisse ihn sehr.� Wieder bildeten sich riesige Tr�nen in den faszinierenden Augen. �Ich habe dem Mann ein Geschenk gegeben. Einen wei�en Eichenstab mit einem goldenen Blatt an der Spitze.�</p><p>�Den tr�gt jetzt Llauron.�</p><p>Die Drachin nickte. �Ich h�tte auch Oelendra etwas geschenkt, aber sie wollte nichts annehmen. Aber du beh�ltst den Panzer, nicht wahr, H�bsche?�</p><p>Rhapsody l�chelte sie an. Elynsynos war eine widerspr�chliche Kreatur, gleichzeitig so m�chtig und verletzlich, weise und kindlich. �Ja, ich behalte ihn, das versteht sich von selbst. Ich werde ihn �ber meinem Herzen tragen, in dem ich dich bewahre.�</p><p>�Bedeutet das, dass du mich nicht vergessen wirst, H�bsche?�</p><p>�Nat�rlich. Ich werde dich niemals vergessen, Elynsynos.�</p><p>Die Drachin l�chelte strahlend und entbl��te dabei ihre schwertartigen Z�hne. �Dann werde ich durch dich vielleicht doch ein wenig unsterblich werden. Danke, H�bsche.� Mit einem leisen Lachen beobachtete sie, wie Rhapsody die Stirn runzelte. �Du verstehst nicht, was ich meine, oder?�</p><p>�Nein, ich f�rchte nicht.�</p><p>Elynsynos schmiegte sich auf den Boden der H�hle, sodass ihr schimmerndes Schuppenkleid im Flackerlicht der Kronleuchter funkelte.</p><p>�Drachen leben sehr lange, aber nicht ewig. In der Erde dem Element, dem wir entstammen gibt es keine Zeit, deshalb wird unser K�rper nicht alt und stirbt auch nicht. In dieser Hinsicht haben wir etwas gemeinsam, du und ich: Die Zeit ist auch f�r dich zum Stillstand gekommen, H�bsche.� Tr�nen schimmerten in Rhapsodys Augen, als w�ren sie ein Spiegelbild der Tr�nen der Drachin, aber sie sagte nichts. �Das macht dich traurig�, stellte Elynsynos fest.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich mir so sehr w�nsche, dass es wahr w�re�, erwiderte Rhapsody mit halb erstickter Stimme. �Die Zeit ist ohne mich fortgeschritten und hat mir alles genommen, was ich geliebt habe. Die Zeit ist mein Feind.�</p><p>Die Drachin be�ugte sie n�chtern. �Das glaube ich nicht, H�bsche�, sagte sie, und in ihrer Stimme war ein humorvoller Unterton. �Ich kenne die Zeit sehr gut, und sie bezieht nur �u�erst selten Stellung. Doch sie l�chelt auf die herab, die sie umarmen. Vielleicht ist die Zeit um dich herum vorangeschritten, aber nun hat sie keine Macht mehr �ber dich zumindest nicht �ber deinen K�rper. Leider hat die Zeit immer Macht �ber dein Herz. Du kommst aus Serendair, der Insel, von der die erste Rasse, die Ur-Seren, stammen. Serendair ist auch der erste der f�nf Geburtsorte der Zeit. Du bist hierher gekommen, zum letzten dieser Geburtsorte, wo die Drachen, die j�ngste Rasse, entstanden sind, und hast dabei den Hauptmeridian �berquert. Du hast den Anfang der Zeit mit ihrem Ende verkn�pft, wie die Cymrer es getan haben, und noch mehr, du bist durch die Erde gereist, an einen Ort, �ber den die Zeit keine Macht hat. Dadurch hast du die Zeit besiegt, ihren Kreislauf durchbrochen. Sie wird nie mehr Narben auf deinem K�rper hinterlassen. Macht dich diese Aussicht nicht gl�cklich?�</p><p>�Nein�, entgegnete Rhapsody. �Nein.�</p><p>In der Dunkelheit l�chelte die Drachin. �Du bist klug, H�bsche. Ein an die Ewigkeit grenzendes Leben ist ebenso sehr ein Fluch wie ein Segen. Auch f�r mich ist die Zeit stehen geblieben. Aber es gibt dennoch einen grundlegenden Unterschied zwischen uns. Im Gegensatz zu mir bist du unsterblich.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Du hast eine Seele�, erkl�rte die Drachin geduldig. �Sie n�hrt das Leben in dir, denn die Seele kann nicht sterben. So lange, so endlos dein Leben auch erscheinen mag, wirst du immer noch da sein, wenn dein Leben einst endlich vor�ber ist wegen deiner Seele. Sie bleibt bestehen, auch nachdem du beschlossen hast, deinen K�rper aufzugeben und ins Licht einzugehen, ins Jenseits. Mit mir wird das nicht geschehen.�</p><p>Rhapsody bem�hte sich, den Klo� in ihrem Hals hinunterzuschlucken. �Jeder hat eine Seele, Elynsynos. Die Lirin glauben, dass alle Lebewesen Teil der einen universellen Seele sind. Manche nennen sie den Lebensspender oder den Allgott, andere einfach das Leben, aber wir besitzen alle ein St�ck davon. Es verbindet uns miteinander.�</p><p>�Das trifft f�r die Lirin zu�, entgegnete Elynsynos. �Aber nicht f�r die Drachen. Du bist von einer besonderen Lirin-Art, nicht wahr? Liringlas?�</p><p>�Meine Mutter war eine Liringlas, ja.�</p><p>�Was bedeutet das in deiner Sprache?�</p><p>Eine schwache Brise stieg vom H�hlenboden auf, schwer vom Sand, lie� sich auf Rhapsodys Wangen nieder und trocknete die unvergossenen Tr�nen. Unwillk�rlich musste sie �ber Elynsynos� tr�stliche Geste l�cheln. �Es bedeutet Himmelss�nger. Die Liringlas singen ihre Gebete f�r die aufgehende und die untergehende Sonne und begr��en auch das Erscheinen der Sterne in der Abendd�mmerung.�</p><p>�Und die �brigen Lirin? Wie nennt man sie?�</p><p>�Oft bezeichnet man uns als Kinder des Himmels.�</p><p>�Genau.� Das gro�e Tier bewegte sich gewichtig auf dem sandigen H�hlenboden. �Du bist eine S�ngerin, und ein Teil des S�ngerwissens dreht sich um die Reise der Seele, oder etwa nicht?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody. �Wenn wir Trauerlieder singen, kann ein S�nger manchmal sehen, wie die Seele den K�rper verl�sst und ins Licht eingeht. Aber viel mehr habe ich nicht gelernt, und ich wei� doch, dass die Lehre von der Seele viel umfassender ist.�</p><p>�Nun denn�, meinte die Drachin, �dann werde ich dich ein wenig in der Seelenlehre unterrichten, H�bsche, und auch in der Geschichte der Erdgeborenen. Vielleicht kennst du einen Teil davon ja schon.</p><p>In der Vorzeit, als die Welt geboren wurde, gab der, den du Lebensspender genannt hast, allem, was existierte, die f�r Gaben, die wir jetzt als die Elemente �ther, Feuer, Wasser Wind und Erde kennen. Davon wei�t du, nicht wahr?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody.</p><p>�Jede dieser Gaben, oder Elemente, brachte eine Rasse vor Urwesen hervor, die man insgesamt unter dem Namen der Erstgeborenen kennt. Von den Sternen, dem �ther, kamen die Ur-Seren, wie Merithyn.� Elynsynos r�usperte sich ein gewaltiges Dr�hnen, unter dem das Ruderboot erzitterte, auf dem Rhapsody hockte. �Aus dem Meer wurden die Mythlin geboren, und der Wind gebar die Rasse, die man die Kitt nennt, von denen dein eigenes Volk abstammt.� Rhapsody nickte zustimmend. �Die Erdmutter brachte meine Spezies hervor, die Wyrmer, Drachen, die nat�rlich das Meisterst�ck des Sch�pfers darstellen. Deshalb hat er uns als Letzte gemacht.� Elynsynos lachte leise, als sie Rhapsodys verstohlenes L�cheln bemerkte.</p><p>�Die zweite der Urrassen waren die F�dor, die Kinder des Feuers. Aber von Anbeginn an trachteten die F�dor zuerst und vor allem nach der Zerst�rung der Erde. Vermutlich kann man nichts anderes erwarten; Feuer verzehrt seinen Brennstoff, ohne diesen brennt es aus, zu nichts. Aber und dies war ebenfalls nicht anders zu erwarten die anderen erstgeborenen Rassen konnten dies nicht einfach zulassen, denn es h�tte ja bedeutet, dass die Gaben des Sch�pfers aus dem Auge der Zeit verschwunden w�ren und wieder nur das Nichts zur�ckgelassen h�tten. Daher schl�ssen sich die Seren, die Kith, die Mythlin und nat�rlich auch die Drachen zu einem schwierigen B�ndnis zusammen und trieben die D�monen ins Zentrum der Erde, um sie dort in Zaum zu halten.</p><p>Es versteht sich von selbst, dass wir Drachen von Anfang an �ber diesen Plan nicht sonderlich erfreut waren. F�r uns war es eine gr�ssliche Vorstellung, dass die Erde, unsere Mutter, diese monstr�sen, b�sartigen Wesen in ihrem Herzen gefangen halten sollte; aber es war uns auch klar, dass eine Flucht der F�dor die sichere Zerst�rung der Erde bedeutet h�tte. Unser Beitrag zur Knechtung der F�dor bestand darin, dass wir die Grube errichteten, die ihr Gef�ngnis wurde. Wir Drachen formten den Kerker aus unserem heiligsten Besitz, dem Lebendigen Gestein, diesem reinen Element Erde, der einzigen Substanz, von der wir wussten, dass sie stark genug war, um das B�se in Schranken zu halten. Es war ein gewaltiges Opfer, H�bsche, und einer der Gr�nde daf�r, dass wir Drachen bis heute m�rrisch sind und unser Territorium gnadenlos verteidigen; wir sind der Auffassung, dass wir mehr f�r das Land getan haben, das wir unser Eigen nennen, weil wir seine Heiligkeit opfern mussten, um es zu sch�tzen.�</p><p>�Ich finde, dass eure Charakterisierung in den Legenden �bertrieben wird�, schaltete sich Rhapsody l�chelnd ein. �Meiner Erfahrung nach sind Drachen nicht sonderlich m�rrisch, es sei denn, man enth�lt ihnen die Einzelheiten einer Geschichte vor.�</p><p>In den Regenbogenaugen der Drachin zeigte sich ein Ausdruck tiefer Zuneigung, doch schon kurz darauf wurde sie wieder ernster. �Die Urrassen des B�ndnisses, die K�rper hatten wie du, die Kith, Seren und Mythlin, wurden als die Drei bekannt.�</p><p>Erstaunt setzte Rhapsody sich auf und w�re dabei fast vom Ruderboot gefallen. �Die Drei?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Llauron hat uns von einer Prophezeiung �ber die Drei berichtet. Das Kind des Blutes, das Kind der Erde und das Kind des Himmels w�rden kommen, und nur durch diese drei k�nnte die Spaltung unter den Cymrern aufgehoben werden und wieder Frieden einkehren.�</p><p>Elynsynos lachte. �Dein Zeitgef�hl ist ein wenig durcheinander geraten, H�bsche. In der Zeit, �ber die ich spreche, gab es nur f�nf Rassen die Erstgeborenen. Ihre Kinder, die �lteren Rassen, waren noch nicht in Erscheinung getreten. Die Cymrer waren im Gro�en und Ganzen eine Rasse des Dritten Zeitalters, Kinder der �lteren Rassen. Dieser Name die Drei stammt aus uralten Zeiten, vor Millionen von Jahren. Du kannst das noch nicht ganz verstehen, weil du sc jung bist, aber eines Tages wirst du es erkennen. Vielleicht erlebst du ja sogar selbst eine Geschichte von diesen Ausma�en. Nach ein paar tausend Jahren wirst du anfangen zt begreifen.� Die Drachin lachte, und Rhapsody schauderte.</p><p>�Die Drei hatten allesamt K�rper, die zumindest in S�tzen der heutigen menschlichen Gestalt �hnelten�, fuhr Elynsynos fort. �Die Drachen dagegen hatten die Form vor Schlangen, und die F�dor wiesen �berhaupt keine k�rperliche Gestalt auf. Der Grund f�r all das besteht darin, dass der Sch�pfer zum Zeitpunkt des Erschaffens den Dreien sein Bild zeigte, und dieses Bild inspirierte die Form, welche sie annahmen. Auch die Drachen bekamen das Bild des Sch�pfers zu Gesicht, aber sie entschieden sich, es zu ignorieren; du hast ja sicher davon geh�rt, wie sehr wir es hassen, wenn jemand uns sagt, was wir tun sollen. Wie du dir nun sicher auch denken kannst, wurde den F�dor das Bild ebenfalls vorenthalten. Der Sch�pfer wusste, dass die Bastarde des Feuers von Geburt an b�se waren, und weigerte sich, sein Wissen mit ihnen zu teilen. M�glicherweise haben die F�dor deshalb keine eigene k�rperliche Gestalt.</p><p>Dies f�hrt mich nun weiter zur Lehre von der Seele. Du sagst, du bist von Serendair hierher durch die Erde gereist?�</p><p>�Ja�, best�tigte Rhapsody.</p><p>�Was f�r ein Gef�hl war das f�r dich? War es f�r dich, Lirin, die du bist, sehr unangenehm unter der Erde, abgetrennt vom Himmel?�</p><p>Rhapsody schloss die Augen und k�mpfte die Erinnerung nieder, die st�ndig am Rand ihres Bewusstseins lauerte. �Es f�hlte sich an, als w�re ich bei lebendigem Leib begraben.�</p><p>Elynsynos nickte verst�ndnisvoll. �Der Himmel ist die Verbindung zur Seele des Universums, dem Sch�pfer, und diejenigen, die Teil der kollektiven Seele sein m�chten, m�ssen mit ihm in Kontakt stehen. Ohne ihn haben sie keinen Kontakt mit ihren Gef�hrten im Leben und nach dem Tod keine Unsterblichkeit. Deine Rasse stammt vom Wind und den Sternen ab; ihr seid mit diesem Wissen geboren. Deshalb kannst du den Gesang des Universums h�ren, deshalb stimmst du in sein Lied mit ein: Du bist Teil der kollektiven Seele. F�r diejenigen, die nicht Teil des Himmels und des ewigen Lebens werden, gibt es nach dem Tod nur die Leere, das gro�e Nichts.</p><p>Weil die Drachen, die F�dor und sogar die Mythlin sich daf�r entschieden haben, vom Himmel getrennt zu leben, haben sie keine Seele. Die Mythlin haben das Leben im Meer gew�hlt, sie halten sich fern von den anderen Rassen, genau wie die Drachen in der Erde bleiben. Die Meereskinder, die von den Mythlin abstammen Meerjungfrauen, Seenymphen und so weiter, leben Jahrtausende, aber wenn sie sterben, steigt ihre Seele nicht zu den Sternen empor, sondern wird wieder zu Schaum auf den Meereswogen und verschwindet schlie�lich; ihre einzige Unsterblichkeit liegt in der Erinnerung derer, die sie gekannt haben. Und so wird es auch bei mir sein. Wenn ich endlich lange genug gelebt habe, wenn ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, werde ich mich zur Ruhe legen und nicht mehr aufstehen; das wird mein Ende sein. Dann wird mein K�rper dort in meiner H�hle verwesen, mein Blut in der Erde versickern und eines Tages die Adern aus Kupfer bilden, das von den Menschen abgebaut und zu M�nzen oder Armb�ndern verarbeitet wird.</p><p>Magst du Kupfer, H�bsche? Es ist im Grunde nichts als das vergossene Blut von Drachen meiner Art, wie das Gold, aus dem dein Medaillon gefertigt wurde, einstmals in den Adern eines goldenen Drachen floss. Smaragde, Rubine, Saphire nichts als geronnenes Lebensblut von uralten Drachen verschiedener Unterarten und F�rbungen. Es ist das, was wir hinterlassen, in der Hoffnung, dass die Zeit unsere Erinnerung aufrechterhalten wird; aber das geschieht nie. Stattdessen dient es nur dazu, Frauenbr�ste und die leeren K�pfe von K�nigen zu zieren.</p><p>Aber wenn du mich in Erinnerung beh�ltst, H�bsche, wirklich <emphasis>mich</emphasis> und nicht die Legenden oder Geschichten, dann werde ich fortbestehen, zumindest ein wenig. Ich werde einen Hauch von der Unsterblichkeit bekommen, von der Ewigkeit, die ich nicht gewonnen habe, weil ich in der Erde geblieben bin, weil ich nicht den Himmel ber�hrt habe und deshalb keine Seele mein Eigen nenne.�</p><p>Die Stimme der Drachin klang versonnen, leicht melancholisch; Rhapsodys bezaubertes Herz hatte indes niemals etwas so Trauriges vernommen. Kummer wallte in ihr auf und drohte sie zu verzehren. Ohne nachzudenken, sprang sie von dem Ruderboot und schlang weinend die Arme um Elynsynos� Vorderbein.</p><p>�Nein�, rief sie, halb erstickt von dem Schmerz in ihrem Herzen. �Nein, Elynsynos, du irrst. Du hast mit Merithyn eine Seele geteilt, und ich bin sicher, dass ein Teil davon jetzt in dir ist. Du hast Kinder: Das ist ganz gewiss eine Form der Unsterblichkeit. Und du hast den Himmel sehr wohl ber�hrt, denn du ber�hrst auch jetzt ein Kind des Himmels. Mein Herz hast du so tief anger�hrt, dass wir f�r alle Zeiten miteinander verbunden bleiben werden. Ich werde deine Seele sein, wenn du eine Seele brauchst.�</p><p>Z�rtlich strich die Drachin mit einer Vorderklaue �ber das goldene Haar der Himmelss�ngerin. �Sei vorsichtig, H�bsche, es w�re nicht gut, wenn du dir einen neuen Namen g�best. In dir ist eine Kraft, die dein Versprechen wirklich werden lassen k�nnte, und dann w�rst du meine Sklavin. Aber ich bin froh, dass ich eine Seele habe und dass sie so eine H�bsche ist.�</p><p>Abermals streichelte sie Rhapsody, und die S�ngerin setzte sich wiederum auf das Boot. �Du hast Recht, was meine Kinder angeht�, fuhr die Drachenfrau fort, �obgleich sie so fern zu sein scheinen, so fremd. Kaum kann ich glauben, dass es meine eigenen sind, vor allem bei Anwyn.</p><p>Die seelenlosen Rassen haben oft eine sehr starke Sehnsucht, Nachfahren zu zeugen, weil ihnen dies ja tats�chlich eine Art Unsterblichkeit verleiht. Deshalb hat der F�dor auch den Rakshas hervorgebracht. Er wollte Abk�mmlinge, aber nat�rlich ist der Rakshas ein Bastard, denn der F�dor h�tte seine eigene Lebensessenz �ffnen m�ssen, um ein Kind zu zeugen, das wirklich sein Eigen w�re, und dies h�tte ihn mehr geschw�cht, als er es zulassen will. Aber ist das nicht bei allen Eltern so? Man tauscht einen Teil seiner Seele ein, um ein bisschen Unsterblichkeit zu erlangen?�</p><p>�Wahrscheinlich hast du Recht�, meinte Rhapsody und strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Daran habe ich noch nie gedacht.�</p><p>�Es gibt viele Beweggr�nde selbsts�chtiger und selbstloser Art, aus denen heraus Kinder in die Welt gesetzt werden. Der F�dor wollte den Rakshas, um seine W�nsche in der Welt der Menschen durchzusetzen. Er ist ein Spielzeug, ein Werkzeug, das er einsetzt, um sein h�chstes Ziel zu erreichen.�</p><p>�Und was ist dieses Ziel, Elynsynos? Trachtet er nach der Macht? Nach der Weltherrschaft?�</p><p>Elynsynos lachte leise. �Du denkst wie ein Mensch, H�bsche. Um die Beweggr�nde des F�dor zu verstehen, musst du wie ein F�dor denken soweit das �berhaupt m�glich ist, denn es gibt M�chte des Chaos, und ihre Absichten und Taten sind nicht leicht vorherzusagen. Die F�dor benutzen die Menschen auch als Werkzeuge, um ihre Ziele zu erreichen. Sie streben nicht danach, Macht zu erringen und �ber die Massen, zu herrschen oder ihre Feinde zu unterdr�cken, nein. Sie haben nichts anderes als Tod und Zerst�rung im Sinn, und die Reibungsenergie jeglicher Auseinandersetzungen verschafft ihnen Kraft und Vergn�gen. Allerdings werden sie sich selbst zerst�ren, wenn sie ihr h�chstes Ziel erreichen, denn sie streben ja danach, die Erde zu vernichten. Dann werden auch sie nur mehr in der Unterwelt existieren und in Albdr�cken. Genau wie wir alle.�</p></section><section><title><p>11</p></title><p>Elynsynos� Worte hallten durch die dunkle H�hle und hinterlie�en eine dr�hnende Stille. Der Flammenschein von den Kronleuchtern flackerte �ber das Gesicht der S�ngerin, das auf einmal leichenblass geworden war.</p><p>Die Drachin senkte langsam den Kopf, bis sie Rhapsody aus gleicher H�he in die Augen sehen konnte. Voller Verst�ndnis und Mitgef�hl blickte sie die S�ngerin an, doch ihr riesiges Gesicht blieb ernst.</p><p>�Was ist, H�bsche?�, fragte sie sanft, die Stimme nicht lauter als das Zirpen einer Grille.</p><p>�Woran erinnerst du dich?�</p><p>Rhapsody schloss die Augen; sie k�mpfte mit der Erinnerung an den schrecklichsten Albtraum, den sie auf der Reise durch die Erde durchlitten hatte. Achmed hatte sie aus ihrem ruhelosen Schlaf geweckt und sie zu einem weitl�ufigen Tunnel gebracht, auf dessen Grund sie das Schlagen eines gigantischen Herzens hatte h�ren k�nnen, das im gem�chlichen Rhythmus eines Winterschlafs gepocht hatte.</p><p><emphasis>Es ruht etwas Schreckliches an diesem Ort, etwas, das m�chtiger und entsetzlicher ist, als du es dir vorzustellen vermagst und dessen Namen ich nicht einmal zu nennen wage. Was tief in diesem Tunnel, im Bauch der Erde schl�ft, darf auf keinen Fall aufwachen. Niemals</emphasis>. Er hatte Angst gehabt zu reden, die Worte der uralten Geschichte auszusprechen; zum ersten Mal war er nicht unversch�mt oder �berheblich gewesen. Zum ersten Mal hatte sie Angst in seinen Augen wahrgenommen.</p><p><emphasis>In der Vorzeit, als die Erde und das Meer entstanden, wurde der Urmutter aller Drachen, dem Urwyrm, ein Ei gestohlen ... Dieses Ei wurde hier, in der Erde, versteckt gehalten, und zwar von d�monischen Wesen, die dem Feuer entsprungen waren ... Der kleine Wyrm, der dem Ei entschl�pft ist, hat hier in den gefrorenen Tiefen der Erde gelebt. Er wurde gr��er und gr��er, bis er mit seinem Leib das Herz der Welt umschlingen konnte. Der Wurm ist ein angeborener Bestandteil der Erde, sein K�rper Teil der Weltmasse. Noch schl�ft er, doch schon bald wird sich dieser D�mon regen und zur Oberfl�che aufsteigen ... Genau darauf haben es die Diebe angelegt, die das Ei hier versteckt haben. Es wartet nur noch auf den Befehl des D�mons, der bald erfolgen wird dessen bin ich mir sicher. Das wei� ich, weil der D�mon versucht hat, mich zu seinem Werkzeug zu machen</emphasis>.</p><p><emphasis>Was, wenn die Bestie diesen Ruf nicht h�rt?,</emphasis> hatte sie gefragt. <emphasis>Wenn wir daf�r sorgen k�nnten, dass der Ruf ungeh�rt bleibt, w�rde sie vielleicht weiter schlafen und keine Antwort geben. F�rs Erste jedenfalls</emphasis>.</p><p>Sie hatten Schritte unternommen, den Schlaf des Wyrms zu verl�ngern, hatten ein Netz aus T�nen im Tunnel gewoben, hatten endlose disharmonische Melodien ersonnen, die den Ruf des D�mons st�ren sollten. Doch Achmed hatte sie gewarnt, dass auch diese L�sung nur eine zeitlich begrenzte sei.</p><p><emphasis>Aber damit w�re nur Zeit gewonnen. Ihn vollst�ndig zu vernichten wird weder uns noch irgendjemandem sonst jemals gelingen</emphasis>.</p><p>�Es schl�ft noch�, sagte Elynsynos und riss Rhapsody aus ihren Gr�beleien. Ihr Herz pochte; die Drachin hatte ihre Gedanken gelesen. Das gro�e Biest lachte leise, als es den panischen Ausdruck bemerkte, der �ber Rhapsodys Gesicht huschte. �Nein, H�bsche, ich kann nicht all deine Gedanken erkennen, nur dann, wenn du an das Schlafende Kind denkst.�</p><p>Rhapsody blinzelte. �Ich habe nicht an das Schlafende Kind gedacht�, entgegnete sie. �Ich habe ...�</p><p>�Sprich es nicht aus. Ich wei�, was du im Innern der Erde gesehen hast. Gerade ging dir etwas durch den Kopf, wovon nur Drachen und F�dor etwas wissen, etwas Unendliches und Uraltes, was bei meiner Rasse heilige Abscheu hervorruft. Du bist zuf�llig darauf gesto�en. Jetzt geh�rst du zu den wenigen Lebewesen, die wissen, dass es existiert.</p><p>Die Kreatur, die gerade in deinen Gedanken war, ist das Gegenst�ck zu deinem Lebensspender. Es war das Erste Kind unserer Rasse, als Ei entf�hrt und von Kreaturen aufgezogen, die unser Gegenst�ck waren wo wir die Erde und ihre Reicht�mer lieben und verehren, gieren die F�dor nach ihr, um ihre eigenen lachhaften Gel�ste zu befriedigen. Dieses Kind ist kein Wyrm mehr; die F�dor haben es vergiftet, haben es in Besitz genommen, wie sie es auch mit menschlichen Wirten tun. Jetzt ist es Teil der Erde, ein gro�er Teil sogar, und wird sich eines Tages erheben und die Erde als sein Eigen beanspruchen. Wenn das unser Schicksal ist, soll es so sein. Aber es ist ein heiliges Geheimnis, eines, das kein Drache ausspricht, au�er in den Gebetsliedern. Wir beten, dass das Erste Kind weiterschlafen m�ge daf�r gibt es Drachenlieder. Ein Schlaflied f�r das Schlafende Kind.�</p><p>�Das Schlafende Kind�, murmelte Rhapsody nachdenklich. �Im �berlieferten Wissen Serendairs hatten diese Worte eine andere Bedeutung. In unseren Legenden war das Schlafende Kind Melita, ein Stern, der vom Himmel fiel. Er st�rzte nahe der Insel ins Meer und riss viel von dem, was einst Land war, f�r immer mit sich in die Tiefe. Aber das Meer konnte ihn nicht ausl�schen, er blieb vielmehr unter den Wogen liegen, in unverbrauchtem Feuer kochend, bis er sich schlie�lich erhob ...� Ihre Stimme zitterte und erstarb. Als sie sich wieder in der Hand hatte, fuhr sie fort. �Er erhob sich und nahm die gesamte Insel mit sich in die Tiefe dieses Mal im Prasseln eines vulkanischen Feuers.�</p><p>�Vielleicht steht der Name, wie auch immer er verwendet wird, f�r die Prophezeiung des Untergangs unserer jeweiligen Rassen�, meinte Elynsynos. �Merithyn pflegte mir ein Lied aus deiner Heimat vorzusingen, in dem auch das Schlafende Kind vorkam. M�chtest du, dass ich dir die Worte aufsage?�</p><p>�Ja, bitte.�</p><p>Die gro�e Drachin setzte sich auf und r�usperte sich mit einem m�chtigen Husten, dass die Kronleuchter �ber ihnen klirrten und hektische Wellen r�ckw�rts �ber die Lagune liefen, im selben wilden Rhythmus, in dem auch Rhapsodys Herz pochte. Als Elynsynos nun sprach, geschah dies nicht mehr in den mehrstimmigen T�nen, in denen sie Rhapsody zum ersten Mal angeredet hatte; indes ert�nte ein tiefer, melodischer Bariton, eine wohlklingende Stimme, die Magie in sich trug und den Klang uralter, l�ngst vergangener Zeiten. Merithyns Stimme.</p><p><emphasis>Das Schlafende Kind, sie, die J�ngstgeborene, Lebt weiter in Tr�umen, doch weilt sie beim Tod, Der ihren Namen in sein Buch zu schreiben gebot, Und keiner beweint sie, die Auserkorene</emphasis>.</p><p><emphasis>Die Mittlere, sie liegt und schlummert leise,</emphasis></p><p><emphasis>Zwischen dem Himmel aus Wasser und treibendem Sand,</emphasis></p><p><emphasis>H�lt stille, geduldig, Hand auf Hand,</emphasis></p><p><emphasis>Bis zu dem Tag, an dem sie antritt die Reise</emphasis>.</p><p><emphasis>Das �lteste Kind ruht tief, tief drinnen im immerstillen Scho� der Erden. Noch nicht geboren, doch mit seinem Werden Wird das Ende aller Zeit beginnen</emphasis>.</p><p>Die Worte hallten von den H�hlenw�nden wider und hingen in der abgestandenen Luft, vibrierten in der Stille. Rhapsody schwieg, denn sie f�rchtete, ihr Herz werde zerbersten, wenn sie auch nur einen Ton von sich g�be. Endlich sprach die Drachenfrau.</p><p>�Als meine T�chter geboren wurden, waren ihre Augen geschlossen, wie bei kleinen K�tzchen�, begann Elynsynos, und ihre mehrt�nige Stimme war zur�ckgekehrt. �Sie schienen zu schlafen, und einen Augenblick dachte ich, sie w�ren die drei Kinder aus der Prophezeiung, aber nat�rlich konnte das nicht stimmen. Ich wusste ja wie jeder Drache, wer das erstgeborene Kind war. Merithyn hatte das Schlafende Kind vor seiner deiner Heimatk�ste erw�hnt. Das w�re das mittlere, nehme ich an.�</p><p>�Gibt es denn tats�chlich noch ein anderes?�, erkundigte sich Rhapsody nerv�s. �Noch ein Schlafendes Kind? Das j�ngste?�</p><p>�Offenbar�, antwortete Elynsynos l�chelnd. Der Anblick des gewaltigen, zu einem Grinsen verzogenen Mauls, in dem die schwertartigen Z�hne im blassen Licht schimmerten, war gleichzeitig liebenswert und grausig. �Es hat au�erdem den Anschein, als k�nnte jedes dieser Schlafenden Kinder zum Werkzeug der F�dor werden zu etwas, das hilft, das Ende der Welt herbeizuf�hren, sie auf die eine oder andere Art zu vernichten.�</p><p>�Ich habe immer gebetet, dass der Aufstieg des mittleren Kindes, das die Insel zerst�rt hat, das Ende dieser Geschichte bedeuten m�ge�, sagte Rhapsody. �Wir dachten, die F�dor planten, das heraufzubeschw�ren ...� Als Rhapsody den warnenden Ausdruck bemerkte, der sich blitzschnell auf dem Gesicht der Drachin ausbreitete, brach sie rasch ab. �Wir dachten, der F�dor, von dem Achmed wusste, dass er sich in der alten Welt aufhielt, sei tot. Sein letzter �brig gebliebener Diener, eines der tausend Augen, die er die Shing nannte, erz�hlte uns das, ehe er sich aufl�ste; er sagte, der F�dor sei tot, als Mensch wie als D�mon. Und das bedeutete, dass das ... das, was wir bef�rchteten, vielleicht niemals geschehen w�rde.�</p><p>Die m�chtige Drachin streckte sich, und ein Schauer aus Licht flackerte �ber die Millionen Kupferschuppen hinweg. �Der D�mon, den er kannte, ist vielleicht wirklich zerst�rt, genau wie ihr angenommen habt. Aber das spielt keine Rolle jeder F�dor w�rde das Geheimnis des Wyrms kennen, w�rde wissen, wie er gerufen werden kann, wenn er stark genug geworden ist.�</p><p>�Und der, den du vorhin erw�hnt hast, Elynsynos? War das ein anderer D�mon? Nicht derjenige, den Achmed kannte?�</p><p>�Ich wei� es nicht. M�glicherweise hat es noch einen anderen gegeben, der entflohen ist, als der Stern unter den Meereswellen explodierte. Das ist schwer zu sagen, H�bsche. Nicht viele haben seit der Morgend�mmerung der Zeit �berlebt, aber sie kommen ohne Warnung, verstecken sich in ihrem Wirt, warten ab und sammeln Kraft, w�hrend ihr Wirt erstarkt. Wenn sie genug Kraft in sich tragen, suchen sie sich einen neuen, noch st�rkeren Wirt f�r gew�hnlich einen j�ngeren. Ein F�dor kann nur jemanden in Besitz nehmen, der schw�cher oder von �hnlicher St�rke ist; er kann niemanden beherrschen, der gr��ere Macht hat als er selbst.�</p><p>Rhapsody nickte. �Wei�t du, wer es jetzt ist, Elynsynos?�</p><p>�Nein, H�bsche. Er hat seinen Wirt im Lauf der Jahre oft gewechselt. Ich sp�re ihn zwar, wenn er in der N�he ist, aber er ist weit weg geblieben, wahrscheinlich, weil er das wei�. Es k�nnte irgendjemand sein.</p><p>Wenn du dir von all den Dingen, die ich dir gesagt habe, eines merken solltest, dann dieses:</p><p>Sie sind meisterhafte L�gner, und das arbeitet gegen dich, denn als Benennerin bist du auf die Wahrheit eingeschworen. Ihre gr��te Macht liegt darin, die Vorz�ge ihres Wirts f�r sich zu nutzen; in unserem Fall konnten sie die von Natur aus zerst�rerische Natur der Drachen f�r ihre Belange einsetzen und daraus eine Waffe zum Erreichen ihrer eigenen b�sen Ziele machen. Das Gleiche werden sie bei dir versuchen, nur werden sie es auf deine Wahrheitsliebe abgesehen haben. Nimm dich in Acht, H�bsche. Sie sind wie ein Gast in deinem Bau, von dem du erst zu sp�t merkst, dass er deine Vorratskammer gepl�ndert hat.�</p><p>�Llauron hat mir von einer Prophezeiung Manwyns �ber einen ungebetenen Gast berichtet�, sagte Rhapsody nachdenklich. �K�nnte es sich dabei um den F�dor gehandelt haben?�</p><p>Die Luft um die Drachin summte ein Zeichen, wie sehr sie sich f�r diesen Gedanken erw�rmte. �Ich kenne diese Prophezeiung nicht.�</p><p>Rhapsody schloss die Augen und versuchte sich an die Nacht im Wald zu erinnern, als Llauron ihr von der Prophezeiung erz�hlt hatte. Auch Achmed und Grunthor waren dabei gewesen. Sie kramte in ihrem Tornister und zog ein kleines Tagebuch hervor, in dem sie einiges von dem aufgezeichnet hatte, was sie in dieser neuen Welt erfahren hatte. �Hier ist sie�, sagte sie schlie�lich und las vor:</p><p><emphasis>Er geht als einer der Letzten und kommt als einer der</emphasis></p><p><emphasis>Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu werden, ungebeten,</emphasis></p><p><emphasis>an neuem Ort</emphasis>.</p><p><emphasis>Die Macht, die er gewinnt, indem er der Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt. Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm</emphasis></p><p><emphasis>Nahrung,</emphasis></p><p><emphasis>In L�cheln geh�llt wie er, der Gast; Doch im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet</emphasis>. </p><p><emphasis>Neid, gesch�tzt vor seiner eigenen Macht Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren,</emphasis></p><p><emphasis>und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet</emphasis>. Elynsynos seufzte. �Manwyn war schon immer ein seltsames Wesen�, murmelte sie. �Ich wei� nicht, warum sie nicht einfach sagt, was sie meint. Ja, H�bsche, es klingt, als w�re der F�dor damit gemeint. F�r einen D�mon ist die Vermehrung mit sehr viel Macht und Wagnis verbunden. Wenn er es durch den K�rper eines menschlichen Wirts versucht, schw�cht er sich selbst, bricht seine Lebensessenz auf und gibt etwas davon an das Kind weiter. F�dor sind viel zu gierig und machthungrig, um etwas von ihrer St�rke aufzugeben, deshalb m�ssen sie auf andere Methoden der Fortpflanzung zur�ckgreifen.�</p><p>�Wie zum Beispiel die Erschaffung des Rakshas?� �Ja, meine H�bsche, meine Seele. In gewisser Weise unterscheidet sich der F�dor nicht von den alten Drachen, was die Vermehrung au�erhalb ihrer Rasse angeht. Als uns klar wurde, dass es ein Fehler war, nicht die Gestalt des Sch�pfers anzunehmen, versuchten wir, diesen Fehler wieder gutzumachen. Eigentlich ist es eine Ironie; die wenigen Menschen, die Drachenblut in sich haben, wollen nicht menschlicher werden, sondern haben im Allgemeinen den Wunsch, ihre Menschengestalt aufzugeben und Drachenform anzunehmen, was bedeutet, dass sie ihre Seele opfern. Da die Drachen sich nicht mit Angeh�rigen der Rassen der Drei vermehren konnten, versuchten sie, eine menschen�hnliche Rasse aus den wenigen Bruchst�cken des Lebendigen Gesteins zu erschaffen, die nach dem Bau des Kerkers noch �brig waren. Au�ergew�hnlich und sch�n waren die Kreaturen, die dabei entstanden. Kinder der Erde nannte man sie, und sie hatten menschliche Gestalt, oder zumindest waren sie den Menschen so �hnlich, wie die Drachen es eben fertig brachten.</p><p>In mancherlei Hinsicht waren sie brillante Gesch�pfe, in anderer abscheulich, aber jedenfalls konnten sie sich mit den Dreien mischen. Anders als der Rakshas hatten die Kinder der Erde eine Seele, denn im Gegensatz zu den F�dor waren die Drachen willens, einen Teil ihrer Lebensessenz daf�r zu geben, um sie hervorzubringen. Ihre Nachkommen, die �lteren Rassen, die sie ins Leben riefen, sind die Erdgeborenen, die in ihrem Scho� leben wollen, deren Seelen jedoch den Himmel ber�hren.�</p><p>Rhapsody kritzelte eifrig in ihr Tagebuch. �Und welche Form nehmen diese Rassen an?�</p><p>�Die Nachkommen der Kinder der Erde und die Seren bildeten eine Rasse, die man Gwadd nennt, kleine, zierliche Menschen, eng mit der der Erde innewohnenden Magie verbunden. Eine Mischung von Erde und Sternen.�</p><p>Jetzt hielt Rhapsody im Schreiben inne und blickte traurig auf. �Ich erinnere mich an die Gwadd aus der alten Welt�, sagte sie wehm�tig.</p><p>�Sie sind mir die Liebsten unter den Drachenenkeln�, meinte Elynsynos. �Auch die Nain mag ich ganz besonders. Die Nain waren die Abk�mmlinge der Kinder der Erde und der Mythlin.</p><p>215</p><p>Sie sind Naturbegabte Bildhauer und Bergleute, talentiert f�r alles, was mit Stein zu tun hat, denn sie haben von einem Elternteil das Wissen �ber die Erde und vom anderen das Wissen �ber das Meer geerbt. F�r sie ist Granit wie eine Fl�ssigkeit; es gibt unter ihren H�nden bereitwillig nach.�</p><p>Rhapsody nickte und machte sich wieder Notizen. �Und die Kith? Hat die Rasse des Windes auch Erdgeborene Kinder hervorgebracht?�</p><p>�Ja�, antwortete Elynsynos. �Ihre Vereinigung schuf eine Rasse, die man Firbolga nennt, w�rtlich �bersetzt Wind der Erde.�</p><p>Vor Erstaunen blieb der S�ngerin der Mund offen stehen. �Firbolga? Firbolg? Die Bolg stammen von den Drachen ab?�</p><p>�Nun ja, in gewisser Weise. Aber sie sind eher eine Art adoptierter Enkel, denn die Kinder der Erde wurden ja von den Drachen aus dem Lebendigen Gestein geformt, ohne direkte Verbindung zu ihrem Blut zu haben. Die Kith waren eine harte Rasse, und die Bolg sind es auch, aber sie lieben die Erde von Herzen. Ich mag sie, trotz ihrer grobschl�chtigen Art. Von allen Erdgeborenen haben sie am meisten mit ihren Wyrm-Vorfahren gemeinsam.�</p><p>Rhapsody lachte. �Wahrscheinlich k�nnte ich wirklich die Seele eines Drachen sein�, meinte sie. �Ich habe selbst ein Dutzend Firbolg-Enkel adoptiert.� Ihr Gesicht wurde wieder ernst.</p><p>�Deshalb muss ich dich jetzt auch etwas fragen, Elynsynos.�</p><p>�Was denn, H�bsche?�</p><p>�Du hast nicht vor, die Bolg irgendwie daf�r zu bestrafen, dass sie den Krallendolch behalten haben, oder?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht. Nur weil ich ein Drache bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich b�se und rachs�chtig bin.� Eins der riesigen Augen schloss sich, und die Drachenfrau betrachtete Rhapsody mit dem offen gebliebenen durchdringend. �Hast du etwa diesen Schund von der <emphasis>Verheerung des Wyrms</emphasis> gelesen?�</p><p>Im Licht der Kronleuchter err�tete Rhapsody. �Ja.�</p><p>�Es ist ausgemachter Unsinn. Den Schreiberling, der das verbrochen hat, h�tte ich bei lebendigem Leibe fressen sollen.</p><p>216</p><p>Als Merithyn starb, spielte ich mit der Idee, den Kontinent in Flammen aufgehen zu lassen, aber du wei�t selbst, dass ich es nicht getan habe.�</p><p>�Ja, ich habe es auch nicht wirklich geglaubt.�</p><p>�Glaube mir, wenn ich auf Verheerung aus w�re, dann w�re dieser Kontinent nichts als ein gro�es, schwarzes Loch, das noch heute qualmt.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Ich glaube dir. Und ich bin froh zu h�ren, dass du die Bolg nicht f�r schuldig h�ltst.� Vor ihrem inneren Auge erschienen die Gesichter ihrer Freunde und ihrer Enkel. �Und so gern ich auch f�r immer bei dir bleiben w�rde, muss ich wirklich zu ihnen zur�ckkehren.�</p><p>�Du willst jetzt gehen?�</p><p>�Ich sollte mich auf den Weg machen�, seufzte Rhapsody. �Obwohl ich gern l�nger bleiben wollte.�</p><p>�Wirst du zur�ckkommen, H�bsche?�</p><p>�Ja, ganz gewiss�, antwortete Rhapsody. Dann dachte sie an Merithyn. �Wenn ich am Leben bin, Elynsynos. Das Einzige, was mich daran hindern k�nnte, dich aufzusuchen, w�re mein Tod.�</p><p>Die Drachin begleitete Rhapsody zur�ck zum Tunnel. �Du darfst nicht sterben, H�bsche. Wenn du stirbst, wird mein Herz brechen. Ich habe meine einzige Liebe verloren. Ich m�chte nicht meine einzige Freundin auch noch verlieren.� Vor einer der Galionsfiguren blieb sie stehen; die Figur war mit Salz verkrustet, und die Farbe bl�tterte ab. �Diese hier stammt von Merithyns Schiff.�</p><p>Nachdenklich betrachtete Rhapsody die Holzstatue, eine goldhaarige Frau, nackt von der Taille aufw�rts, mit ausgestreckten Armen, die ins Nichts griffen. Ihre vom Wasser gebleichten Augen waren gr�n wie das Meer.</p><p>�Sie sieht aus wie du�, stellte Elynsynos trocken fest. Zweifelnd blickte Rhapsody auf den �ppigen Busen der Figur und dann auf ihre eigene Brust. �Nicht mal an meinen besten Tagen, aber trotzdem vielen Dank.�</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Die Dunkelheit in den unterirdischen Tunneln war so allgegenw�rtig, dass sie die Gro�mutter vor sich, die sie tiefer in die Erde hineinf�hrte, kaum zu sehen vermochten. Gelegentlich h�rte Grunthor ein Rascheln ihres Gewandes oder ein Knirschen, wenn ihre blo�en F��e etwas auf dem Boden zertraten, aber im Gro�en und Ganzen bewegte sie sich lautlos und nahezu unsichtbar im Schein der ersterbenden Fackel.</p><p>Eben dieser Schein erhellte die Tunnelw�nde nur sehr d�rftig, aber was sie erblickten, weckte in Achmed und Grunthor den Wunsch, sie w�rden langsamer gehen und h�tten die Gelegenheit, sich genauer umzusehen. Anders als die von Grunthor ausgehobenen G�nge waren diese vor Jahrhunderten entstanden und trugen die Handschrift durchdachter architektonischer Planung, auch wenn diese ganz anders als die der Cymrer zu sein schien. Die Korridore waren glatt und ebenm��ig, geschm�ckt mit den �berresten uralter Reliefs, allesamt �berzogen von einer dicken Schicht aus feuchtem Ru� und Asche, den Nebenprodukten der Schmieden, in denen Eisen geschmolzen wurde. So lange es auch her sein mochte, dass sie gepl�ndert worden waren, blieb ihr Geruch dennoch erhalten und war inzwischen ein dauerhafter Bestandteil der steinernen G�nge mit ihrer abgestandenen Luft. Nach einer Weile �ffnete sich der Tunnel vor ihnen in eine riesige H�hle. Die Basaltdecke war ann�hernd so hoch wie die des Loritoriums, aus der Erde selbst gehauen und poliert. �ber dem Eingang zu einer tiefer in der H�hle gelegenen Kammer spannte sich ein immenser Torbogen, in den Worte eingemei�elt waren. Die Buchstaben, jeder so gro� wie ein Mann, entstammten keiner den Firbolg bekannten Schrift. Die H�hlenw�nde waren ebenfalls von Rauch und Ru� geschw�rzt. Von dieser H�hle zweigten G�nge in alle Richtungen ab.</p><p>Vor der Kammer blieb die Gro�mutter stehen und deutete mit ihrem langen, knochigen Finger auf die massive Inschrift des Bogens. �Lass das, was in der Erde ruht, ungest�rt schlafen; sein Erwachen k�ndet von ewiger Nacht�, �bersetzte sie. Wieder sprach sie wortlos mit zwei verschiedenen Stimmen. Grunthor und Achmed schauderte es innerlich, als sie an ihre Reise entlang der Axis Mundi denken mussten. Auch sie hatten etwas gesehen, was tief in der Erde schlummerte, und sie pflichteten der Bedeutung der hier eingemei�elten Worte von Herzen bei.</p><p>Wieder faltete die Gro�mutter die H�nde und be�ugte die beiden Fremdlinge voller Ernst.</p><p>�Dieser Ort wurde in seiner Zeit als Kolonie bezeichnet�, erkl�rte sie in ihrer zischenden und schnalzenden Sprache ohne Worte. �Vor dem Ende war es ein Stadtstaat aus Dhrakiern. L�scht eure Fackel. Ich werde euch jetzt zeigen, warum meine Ahnen die Kolonie an dieser Stelle gebaut haben.�</p><p>Achmed warf die �berreste der Fackel auf den Boden und trat das letzte F�nkchen aus. Eine Wolke schwarzen Rauchs stieg in der H�hle empor und l�ste sich einen Atemzug sp�ter wieder auf. Die Gro�mutter wandte sich um und betrat die Kammer hinter der Inschrift. Die M�nner folgten ihr in die tiefer werdende Dunkelheit.</p><p>Selbst Achmeds empfindliche Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gew�hnen, die in der Kammer so dick und f�hlbar war wie fl�ssige Nacht. Gerade als er sich einigerma�en zurechtfand, schlug die Gro�mutter etwas gegen die Wand und entz�ndete winzige Lichtfunken. Achmed sah, dass sie einen Pilz in der Hand hielt, �hnlich wie die schwammartigen Gebilde, die sie auf ihrer Reise auf der Wurzel gefunden hatten und die Helligkeit verstr�mten, wenn man sie rieb. Die Lichtquelle brachte ihn durcheinander, und seine Augen mussten sich wiederum an die neuen Lichtverh�ltnisse gew�hnen.</p><p>Die alte Dhrakier-Frau stieg eine Treppe zu einem Erdbrocken empor und griff nach etwas hoch �ber ihren K�pfen; dann ging sie weiter, w�hrend sich das Licht von dem Pilzschwamm ausbreitete. Bald schon erkannten Achmed und Grunthor, dass sie ihn in eine kleine Laterne gelegt hatte, eine Kugel ged�mpften Lichts, die von der Decke der Kammer herabhing. In ihrem Schein konnten sie nun endlich die Ausma�e des Raums ausmachen. Er hatte drei Seiten und einen mit massiven Eisent�ren gesicherten Eingang, der zu der H�hle f�hrte, aus der sie soeben gekommen waren. Die blanken W�nde liefen schr�g auf einen Punkt zu, von dem an einer langen, schwarz angelaufenen Kette die Lichtkugel herabhing. Unter dieser Lampe stand ein gro�er Obsidian-Katafalk, eine Plattform wie f�r einen Sarg, und tats�chlich schien ein K�rper auf dem Katafalk aufgebahrt zu sein. Achmed und Grunthor traten n�her heran.</p><p>Derartiges wie die schlafende Gestalt, die hier ruhte, hatten sie noch nie gesehen. W�hrend ihr K�rper so gro� war wie der eines erwachsenen Menschen, hatte sie dennoch das Gesicht eines Kindes, die Haut kalt und grau schimmernd, als w�re sie aus Stein gehauen. Ohne das bed�chtige Heben und Senken ihrer Brust h�tte sie wirklich wie eine Statue gewirkt. Unter der Oberfl�che der d�nnen Haut war ihr Fleisch dunkler, in ged�mpften Braun und Gr�nschattierungen und purpurn und dunkelrot, verflochten wie d�nne Tonstr�nge. Ihre Z�ge waren zugleich grob und glatt, als w�re ihr Gesicht mit stumpfen Werkzeugen gehauen und dann sorgf�ltig ein Leben lang poliert worden. Unterhalb ihrer kn�chernen Stirn waren Augenbrauen wie aus getrockneten Grashalmen, dazu passend die Wimpern und das lange, grobe Haar. Im schwachen Licht �hnelten die Flechten Weizen�hren oder gebleichtem Heu, gleichm��ig geschnitten und zu feinen Garben gebunden. An der Kopfhaut sprossen die Haare gr�n wie junges Fr�hlingsgras.</p><p>�Sie ist ein Kind der Erde, geformt aus Lebendigem Stein�, erkl�rte die Gro�mutter leise, und sie sp�rten den sanften Rhythmus ihrer eigent�mlichen Sprache eher auf der Haut als in den Ohren. �Bei Tag und Nacht, all die wechselnden Jahreszeiten hindurch, schl�ft sie. Sie war schon hier, bevor ich geboren wurde. Ich habe geschworen, sie zu besch�tzen bis zu meinem eigenen Tod.� Sie blickte auf, und ihre schwarzen ovalen Augen strahlten. �Und das m�sst ihr nun ebenso tun.�</p><p>Die alte Frau lie� die Finger kurz auf der Stirn des M�dchens ruhen, dann erklomm sie die Stufen neben dem Katafalk und l�schte das Licht. �Kommt�, sagte sie und verlie� die Kammer. Die beiden Bolg starrten in das steinerne Gesicht des Erdkindes, das sich langsam in der Dunkelheit verlor, und folgten dann der Gro�mutter.</p><p>Als Rhapsody aus der H�hle kam, erschien ihr die Erde weitaus gr�ner und das Blau des Himmels viel strahlender als zuvor. <emphasis>Wie viele Tage sind wohl vergangen?,</emphasis> �berlegte sie.</p><p><emphasis>Zwei? F�nf?</emphasis> Sie vermochte es nicht zu sagen.</p><p>In dem Bem�hen, die Fassung wiederzugewinnen, blickte sie um sich und peilte den Weg nach S�den an. Auf dieser Route w�rde sie in den Wald von Tyrian kommen, jenseits der Grenzen von Roland, und mit ein wenig Gl�ck Oelendra begegnen. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg zwischen schl�pfrigen Steinen hinunter ans Ufer des Sees, als pl�tzlich etwas ihren Arm ber�hrte.</p><p>�Rhapsody?�</p><p>Erschrocken sprang sie zur Seite und z�ckte ihren Dolch, denn ihr Angreifer war zu nah f�r das Schwert. Ashe hielt die H�nde hoch und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Entschuldige.�</p><p>W�tend stie� Rhapsody den angehaltenen Atem aus. �W�rdest du bitte damit aufh�ren? Irgendwann bringst du mich noch um.�</p><p>�Es tut mir Leid, ehrlich�, entgegnete er und faltete betreten die H�nde. �Ich habe hier auf dich gewartet, seit du in die H�hle gegangen bist, um mich zu vergewissern, dass du auch wieder herauskommst.�</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, es werde schon alles gut gehen.� Fast hatte ihr Atem sich wieder beruhigt, als sie in der Erinnerung pl�tzlich Elynsynos� Stimme vernahm.</p><p><emphasis>Und h�re: Er befindet sich jetzt ganz hier in der N�he. Sei vorsichtig, wenn du meine H�hle verl�sst</emphasis>.</p><p>Auf ihrer Stirn bildeten sich Schwei�perlen. <emphasis>Die Drachin kann doch nicht Ashe gemeint haben,</emphasis> dachte sie. Als sie innehielt, um dar�ber nachzudenken, schien ihr der Gedanke widersinnig. Wenn Ashe ihr etwas h�tte antun wollen, h�tte er dazu reichlich Gelegenheit gehabt.</p><p>Es sei denn, er hatte einen Grund, ihr zu folgen.</p><p>�Rhapsody? Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Sie blickte in die Kapuze empor, ohne etwas sehen zu k�nnen. Dann erinnerte sie sich wieder an sein Gesicht, an den gehetzten, unsicheren Ausdruck in seinen Augen, und ihre Vorbehalte verflogen.</p><p>�Mir geht es gut�, entgegnete sie l�chelnd. �Kennst du zuf�llig den Weg zu Oelendra?�</p><p>�Ich kenne jedenfalls den Weg nach Tyrian.�</p><p>�Kannst du mir eine Karte zeichnen? Dorthin werde ich n�mlich als N�chstes gehen.�</p><p>�Wirklich? Warum?�</p><p>Rhapsody �ffnete den Mund und schloss ihn rasch wieder. �Ich m�chte sie sehen Elynsynos ist der Ansicht, dass wir uns treffen sollten. Vielleicht finde ich dort bei den Lirin ein paar Antworten.�</p><p>Ashe nickte. �K�nnte sein. Nun, wie der Zufall es so will, liegt Tyrian auf dem Weg zu meinem n�chsten Ziel. Soll ich dich begleiten?�</p><p>�Ich hasse es, mich dir schon wieder aufzudr�ngen�, meinte sie z�gernd und dachte an das Gespr�ch an einem ihrer zahlreichen gemeinsamen Lagerfeuer. Gewiss wollte er so rasch wie m�glich nach Hause zu seiner Geliebten, die nun schon so lange auf ihn gewartet hatte.</p><p>�Wie gesagt bin ich ohnehin dorthin unterwegs. Du dr�ngst dich also nicht auf, und ich h�tte ein besseres Gef�hl, wenn ich dich in Oelendras Obhut w�sste. Was sagst du dazu?�</p><p>�Ich sage danke�, antwortete sie und pr�fte die Riemen ihres Tornisters. �Nun denn, sollen wir aufbrechen?�</p><p>Ashe nickte und wandte sich gen S�den. Leichtf��ig schritt er �ber die glitschigen Steine des Spiegelteichs, �ber dem Nebel aus der Drachenh�hle hing. Rhapsody folgte ihm um das Ufer des Sees herum, zur�ck in das verschlafene Tal, bis der H�hleneingang beinahe au�er Sicht war. Da blieb sie stehen und sah sich noch ein letztes Mal um.</p><p>�Auf Wiedersehen, meine Freundin. Du bist in meinem Herzen�, fl�sterte sie. Der Wind in den B�umen lebte auf, liebkoste ihr Gesicht und die losen Str�hnen ihres Haars.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Rhapsody war wie ein Kind, das ein Geheimnis mit sich herumtr�gt. Noch Tage nach ihrem Besuch bei der Drachin strahlte sie, obgleich sie nicht h�tte erkl�ren k�nnen, warum eigentlich. Ashe hatte den Eindruck, dass sie zwar bereit war, offen dar�ber zu sprechen, es aber aus irgendwelchen Gr�nden nicht vermochte und vielleicht auch Schwierigkeiten hatte, das, was sie in der H�hle gesehen und gef�hlt hatte, in Worte zu kleiden. So war die Atmosph�re zwischen ihnen wesentlich fr�hlicher als auf ihrer ersten gemeinsamen Wegstrecke, und das trotz des Regens und des Schlamms, dem sie nun ausgesetzt waren. Rhapsody schien ihm seinen Fehler am Tar�afel verziehen zu haben und scherzte entweder ausgelassen mit ihm oder ging in entspanntem Schweigen, hinter dem ihre innere Aufregung lauerte, neben ihm her. Diese Hochstimmung faszinierte seine Drachennatur, und so verfiel sie Rhapsody genau wie seine menschliche Seite nur noch mehr. Gelegentlich, wenn sie Halt machten, um zu essen, oder wenn sie abends am Feuer sa�en, ertappte er sie dabei, wie sie ihn nachdenklich betrachtete, als versuchte sie, die Erinnerung an seine Gesichtsz�ge, die er ihr offenbart hatte, in den Schemen seiner Kapuze wieder zusammenzusetzen. Sobald sie merkte, dass er sie beobachtete, l�chelte sie ihn an. Obgleich dieses L�cheln dasselbe war, mit dem sie auf ihre nat�rliche Art andere Freunde und Bekannte bedachte, sp�rte er doch irgendwie, dass darin etwas mitschwang, das ihm allein geh�rte, nur ihm vorbehalten blieb. Angesichts der Auswirkungen, die es auf ihn hatte, war er froh, dass er nahezu unsichtbar war.</p><p>Nach drei Tagen Wanderung durch Regen und Schlamm gelangten sie zu einer Lichtung. In der Ferne h�rte Rhapsody den Klang fallenden Wassers, aber aus irgendeinem Grund war die genaue Richtung nicht leicht festzustellen. Nach einer Weile war sie �berzeugt, dass sie im Kreis gingen, denn sie waren soeben zum dritten Mal am selben Haselstrauch vorbeigekommen. Mitten auf dem Waldweg blieb sie stehen.</p><p>�Haben wir uns verirrt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum f�hrst du mich dann im Kreis herum?�</p><p>Ashe seufzte, und Rhapsody glaubte ein L�cheln in seiner Stimme zu h�ren, als er antwortete:</p><p>�Ich habe einen Augenblick ganz vergessen, dass du eine Lirin bist. Kein anderer h�tte es bemerkt.�</p><p>�Und?�, beharrte sie ein klein wenig ver�rgert.</p><p>Er schwieg einen Augenblick. �Tut mir Leid�, antwortete er dann. �Ich erkl�re es dir, wenn wir zu unserem Unterschlupf kommen.�</p><p>�Unserem Unterschlupf?�</p><p>�Ja, es gibt da eine Stelle, an der wir unser Nachtlager aufschlagen werden, eine Stelle, wo wir baden k�nnen und zumindest einer von uns in einem Bett schlafen kann. Beide, wenn du dazu bereit bist.� Der neckende Unterton war in seine Stimme zur�ckgekehrt.</p><p>�Aber du willst verhindern, dass ich diese Stelle sp�ter wieder finde.�</p><p>Wieder seufzte Ashe. �Ja.�</p><p>Auch Rhapsody seufzte. �W�rde es helfen, wenn ich die Augen schlie�e?�</p><p>�Das ist nicht notwendig�, lachte Ashe. �Komm, ich zeige dir, wo es ist.�</p><p>Das Brausen des Wassers wurde lauter, als sie zu einem W�ldchen mit Eschen und bl�henden Holzapfelb�umen gelangten. Rhapsody war wie verzaubert, duckte sich unter einem Ast hindurch und trat in das W�ldchen, wo sie sich langsam umdrehte und sich an den zarten rosaroten und wei�en Bl�ten und dem blassen Gr�n der frischen Fr�hlingsrinde erg�tzte. Die Nachmittagssonne brach durch das Bl�tterdach, und Rhapsody streckte die H�nde aus, als wollte sie ihre Strahlen einfangen. Die Waldluft war s��, reich vom Duft des gefallenen Regens.</p><p>�Welch ein wundersch�ner Ort�, murmelte sie. �Kein Wunder, dass du ihn f�r dich behalten willst.�</p><p>Ashe l�chelte. �Ich m�chte ihn aber gar nicht f�r mich behalten�, widersprach er.</p><p>�Schlie�lich bist du ja hier, oder etwa nicht?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher�, antwortete Rhapsody, die immer noch staunend um sich blickte.</p><p>�Vielleicht tr�ume ich ja.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, entgegnete Ashe. �Ich habe deine Tr�ume schon des �fteren miterlebt, und ich bezweifle stark, dass sie so aussehen.� Rhapsody zuckte zusammen. Nat�rlich hatte er Recht, aber die Erinnerung daran, wie beunruhigend ihre Albtr�ume sein konnten, lie� sie vor Verlegenheit err�ten. So entschloss sie sich, in dieser Nacht m�glichst weit weg von ihm zu schlafen.</p><p>Sie wanderten weiter in das Tal hinein; das Lied der V�gel wurde lauter und wetteiferte mit dem Wasserrauschen, das ihr zuvor schon aufgefallen war. Endlich erhaschte sie einen Blick auf einen Wasserfall. Er ergoss sich in vier Etappen �ber einen versteckten Abhang. Der Bach, den er bildete, floss in eine tiefe Schlucht; der Fr�hlingsregen lie� ihn kr�ftig anschwellen.</p><p>�Zeig mir mal deine Stiefel�, verlangte Ashe. Rhapsody beugte die Knie und hielt eine Sohle hoch. Anscheinend zufrieden gestellt, nickte er. �Dieses Mal musst du meine Hand nehmen, Rhapsody. Die Schlucht ist steil und der Schiefer um den Wasserfall herum �u�erst schl�pfrig. Du wirst nicht genug Halt finden, aber wenn du mir deine Hand gibst, verspreche ich dir, dich nicht zu tragen, wenn ich es vermeiden kann.�</p><p>Sein Ton war leicht, aber Rhapsody wusste, dass er es ernst meinte; er w�rde sein Versprechen halten.</p><p>�Wie willst du wissen, wo ich Halt finde?�, scherzte sie ebenfalls. �Bist du etwa auch der Allgott?�</p><p>Ashe lachte. Rhapsody gab ihm ihre Hand, wobei sie bemerkte, dass er einen Blick auf ihr Handgelenk warf, wie er es immer tat, wenn ihre H�nde sich ber�hrten. So f�hrte er sie zum Wasser. �Man hat mir schon einiges vorgeworfen, aber das noch nicht.�</p><p>Sie wateten durch den Bach und glitten nur ein einziges Mal aus. Rhapsody war froh, dass er sie festhielt, als sie in die Schlucht hinunterblickte. Sicher geleitete er sie ans andere Ufer, wo B�sche und Kraut die Felswand des H�gels flankierten. Dort hielt Ashe einen gro�en Ast f�r sie zur Seite und trat zur�ck, sodass sie vorgehen konnte.</p><p>Sie befand sich in einem verborgenen Teil des Tals, wo es dunkler war. Ihre Augen brauchten eine Weile, bis sie sich angepasst hatten; dann merkte sie, dass vor ihr eine kleine H�tte aufragte. Sie war aus Stein gebaut, das Dach schien aus Torf zu bestehen. Durch die Blumen und Gr�ser des Waldes, die auf dem Dach und um die H�tte herum wucherten, war sie kaum zu erkennen, schmucklos, mit nur einem Fenster und einer T�r. Neben ihr hatte sich ein gro�er Teich vom R�ckfluss des Wasserfalls gebildet.</p><p>�Bleiben wir hier?�</p><p>�Ja. Ist das in Ordnung?�</p><p>�Ich finde es wundervoll�, sagte Rhapsody und l�chelte ihn an. �Ich h�tte nie gedacht, dass es hier eine H�tte gibt.�</p><p>�Genau das war meine Absicht�, entgegnete Ashe freundlich, nahm sie abermals bei der Hand und f�hrte sie zu der H�tte hin�ber. �Dies ist der einzige Ort auf der Welt, an dem ich meinen Umhang ablegen und ein gew�hnlicher Mensch sein kann jedenfalls der einzige Ort an Land. Wenn ich auf See bin, trage ich auch keinen.�</p><p>Rhapsody verstand die Bemerkung nicht ganz. Wenn der Nebel des Umhangs Ashes Schwingungen verbarg, dann musste es das Wasser sein, das ihn vor den Blicken seiner Verfolger verbarg. Sie erinnerte sich, dass Ashe einmal etwas Derartiges erw�hnt hatte. Allm�hlich kl�rten sich die Dinge in ihrem Kopf; kein Wunder, dass Achmed sich in Ashes Gegenwart unwohl f�hlte. Er konnte ihn mit seinen Schwingungssinnen nicht wahrnehmen. Das Rauschen des Wasserfalls musste die gleiche Wirkung haben, noch dadurch verst�rkt, dass er in dieser versteckten Schlucht lag. Doch dann kam ihr ein Gedanke.</p><p>�Nein, das ist nicht der einzige Ort�, sagte sie aufgeregt. �In meinem Haus w�rst du auch in Sicherheit.�</p><p>Ashe schauderte. �Im Kessel? Nein danke.�</p><p>Rhapsody schubste ihn zum Spa�. �Mein Haus liegt nicht im Kessel�, erwiderte sie. �Und ich denke, es ist noch schwerer zu finden als dieser Ort hier.�</p><p>�Ach ja?� Ashes Ton klang unverbindlich. Er �ffnete die T�r und hielt sie aufgesperrt, damit die Brise vom Wald f�r ein wenig frische Luft sorgen konnte. Rhapsody sp�hte hinein. Der Raum war klein, mit einem zerw�hlten Einzelbett und einem winzigen Kamin. Au�erdem gab es einen Wandschrank ohne T�r, vom Zimmer mittels eines verschlissenen Vorhangs abgeteilt; in dem Schrank konnte sich eigentlich nicht viel befunden, denn auf dem Boden lagen in chaotischer Unordnung alle m�glichen Dinge verstreut. Auf jeder horizontalen Fl�che stand gebrauchtes Geschirr herum, vermischt mit Socken und Unterw�sche; eine ungewaschene Garnitur hing sogar am Garderobenhaken. Verdutzt �ber die Schlamperei blickte Rhapsody sich um.</p><p>�Himmel, das ist also deine Unterkunft?�, fragte sie ungl�ubig. �Wie willst du hier drin auch noch Platz finden?�</p><p>�Ganz einfach�, erwiderte Ashe abwehrend, jedoch mit einem Lachen in der Stimme. �Nur zu deiner Kenntnis: Die H�tte hat genau die richtige Gr��e f�r eine Person und vielleicht noch einen nachsichtigen Gast dazu. Alle anderen m�ssen drau�en schlafen.�</p><p>Rhapsody schob ihn beiseite und trat ein. Die Einrichtung war vollkommen schmucklos, wenn man den allgegenw�rtigen Schmutz nicht als zus�tzliche Zierde rechnete. Au�er dem Bett gab es noch einen kleinen Tisch und einen alten, wackeligen Stuhl mit einem scheu�lichen, vollkommen durchgesessenen Polster. �ber allem schwebte der unangenehme Geruch schmutziger W�sche.</p><p>�Nun, was sagst du dazu?�</p><p>�Ich finde, dieses Zimmer k�nnte eine weibliche Hand gebrauchen oder ein Dienstm�dchen.�</p><p>Ashe lachte. �Du kannst gern beide Funktionen �bernehmen, wenn du m�chtest.�</p><p>�Ich habe schon als Dienstm�dchen gearbeitet, das ist keine Schande.�</p><p>�Ganz gewiss nicht�, entgegnete er. �Nichts, was du tun w�rdest, w�re eine Schande, glaube ich.� Rhapsody wurde rot, sagte aber nichts darauf. <emphasis>Das zeigt mal wieder, wie wenig da von mir wei�t,</emphasis> dachte sie im Stillen.</p><p>�Wenn ich recht dar�ber nachdenke, w�re vielleicht eher eine �berschwemmung angebracht.�</p><p>�Auch das kann ich veranlassen.� Ashe ber�hrte den Griff seines Wasserschwerts. �Nun, bleibst du? Du wirst daf�r bezahlen m�ssen.�</p><p>Rhapsody wandte sich ihm zu. �Ach ja? Was ist denn der Preis?�</p><p>�Eine Antwort.�</p><p>�Wie lautet die Frage?�</p><p>�Es sind zwei Fragen.�</p><p>�Leg los.� Rhapsody verschr�nkte die Arme.</p><p>�Bist du Cymrerin, und wenn ja, aus welcher Generation? Du hast gesagt, du w�rdest nicht l�gen, also wei� ich, dass du die Wahrheit spr�chest.�</p><p>Nachdenklich senkte Rhapsody den Kopf. �In Ordnung, ich gebe dir eine Antwort. Auf deine erste Frage. Die Antwort lautet: Nein, ich bleibe nicht.� Mit diesen Worten ging sie zur T�r, wo er immer noch stand. Ashe streckte die Hand aus.</p><p>�Warte. Das war nur ein Scherz.�</p><p>�Nein, war es nicht. Lass mich durch.�</p><p>�Ich entschuldige mich�, sagte er und trat beiseite. Er war klug genug, ihr nicht den Weg zu versperren. So sah er ihr nach, wie sie zum Teich ging, sich ans Ufer setzte und den Tornister von der Schulter nahm.</p><p>�Keine Ursache. Ich bin hier sehr zufrieden.� Gem�chlich packte sie ihre Decken aus und rollte sie aus.</p><p>Er ging zu ihr und beugte sich �ber sie. �Aber ich nicht. Rhapsody, du bist die Erste, der ich diesen Ort jemals gezeigt habe. Ich habe dich den ganzen Weg hierher gebracht, damit wir uns noch einmal richtig ausruhen k�nnen, ehe du dich auf den Weg nach Tyrian machst. Ich habe genug davon, drau�en zu �bernachten. Das tue ich dauernd, und ich m�chte gern wenigstens eine Nacht in meinem Bett schlafen. Ich wei�, die H�tte macht nicht viel her, aber es ist mein einziges Zuhause. Bitte komm herein. Es tut mir Leid, dass es so unordentlich ist und dass ich manchmal so dumm bin. Du musst meine Fragen nicht beantworten, und ich h�re auch auf, dich st�ndig damit zu bedr�ngen, ob du cymrischer Abstammung bist, das verspreche ich. Au�erdem ist es ein Teil unserer Abmachung, dass einer von uns Wache h�lt, w�hrend der andere schl�ft, und das kann ich schlecht, wenn ich drinnen bin, w�hrend du hier drau�en �bernachtest. Es w�re eine str�fliche Vernachl�ssigung meiner Pflichten als dein F�hrer. Deshalb komm bitte wieder herein.�</p><p>Rhapsody musterte die verh�llte Gestalt neben sich. In seiner Stimme lag eine Verzweiflung, die sie nicht verstand, und sie versp�rte Mitleid f�r ihn, f�r diesen m�den Wanderer, der st�ndig unterwegs war, sich st�ndig verbergen musste vor den Augen derer, die ihn verfolgten. Pl�tzlich sch�mte sie sich ihrer mangelnden Dankbarkeit nach allem, was er f�r sie getan hatte; immerhin hatte er sein eigenes Leben und wohl auch seine Beziehung hintangestellt, um sie bis hierher zu begleiten. Wieder h�rte sie die melodi�se, vern�nftige Stimme des Drachen.</p><p><emphasis>Der Mann da drau�en, der dich hergebracht hat er wollte auch wissen, ob du Cymrerin bist, nicht wahr?</emphasis></p><p><emphasis>Ja</emphasis>.</p><p><emphasis>Du kannst es ihm ruhig sagen, H�bsche. Er wei� es bereits. Es ist unverkennbar</emphasis>. Sie stand auf und klopfte sich den Schmutz von den Kleidern, dann hob sie ihre Sachen wieder auf. �Ich bin bereit, mich auf einen Handel mit dir einzulassen, Ashe�, sagte sie, w�hrend sie den Tornister wieder schulterte. �Ich werde deine Fragen beantworten.�</p><p>�Nein, bitte, ich habe kein Recht...�</p><p>�Lass mich ausreden. Ich werde eine oder auch beide Fragen beantworten, die du mir gestellt hast, vorausgesetzt, du beantwortest mir die gleichen Fragen zuerst selbst. Abgemacht?�</p><p>Ashe dachte einen Moment nach. �Abgemacht.�</p><p>�Gut, dann lass uns hineingehen.�</p><p>�Die Unordnung tut mir Leid.�</p><p>�Du musst dich nicht entschuldigen�, erwiderte Rhapsody. �Erstens ist es dein Zimmer, und das kannst du gestalten, wie es dir passt. Zweitens ist es hier im Vergleich zu Jos Zimmer wirklich aufger�umt.�</p><p>Ashe lachte. �Dann muss sie ja in einem Abfallhaufen leben.�</p><p>�Ja, das stimmt, aber bevor ich ihr begegnet bin, hat sie einen gro�en Teil ihres Lebens tats�chlich im Abfall gelebt, deshalb versuche ich mich nicht darum zu k�mmern, so sehr ich Schlamperei auch verabscheue. Ich f�rchte, ein ordentlicher Haushalt geh�rt zu meiner Erziehung.�</p><p>Ashe nickte. Rhapsody ging zu dem Stuhl, hob die schmutzigen Wollsocken auf, faltete sie zusammen und legte sie sich auf den Scho�.</p><p>�Hier, die nehme ich�, meinte Ashe hastig. �Um die musst du dich nicht k�mmern.� Kurz entschlossen warf er die Socken in einen leeren Korb im Wandschrank.</p><p>�Willst du nicht deinen Mantel ausziehen?�, fragte Rhapsody. �Du freust dich doch bestimmt schon lange darauf, ihn loszuwerden.�</p><p>Ashe schlug die Kapuze zur�ck, lie� den Umhang jedoch an und setzte sich aufs Bett. Rhapsody holte tief Luft, als sie sein Gesicht wieder sah; es war seltsam, ihn ein zweites Mal zu erblicken. Von der anderen Seite des Raums waren seine sonderbaren Pupillen nicht zu erkennen, aber der metallische Glanz in seinem Haar war ebenso �berw�ltigend wie beim ersten Mal. Offenbar merkte er, dass sie ihn anstarrte, und machte ein unbehagliches Gesicht.</p><p>�Also�, begann er verlegen. �Also, bist du nun Cymrerin?�</p><p>�Du zuerst.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun�, erwiderte sie, �du wei�t es zwar schon, aber ja, ich auch.�</p><p>�Und was ist mit Achmed und Grunthor?�</p><p>�F�r sie kann ich ohne ihre Zustimmung nicht sprechen�, antwortete sie bedauernd. �Da musst du deine eigenen Schl�sse ziehen.�</p><p>Ashe nickte. �Welche Generation?� Als sie ihn misstrauisch musterte, l�chelte er. �Auf meines Vaters Seite die Dritte Generation. Bei meiner Mutter ist die Verwandtschaft zu den Cymrern so weit entfernt, dass es sich fast nicht mehr zu erw�hnen lohnt.�</p><p>�Erkl�r mir das noch einmal�, bat Rhapsody. �Cymrer der Ersten Generation sind in der alten Welt geboren, und ihre Kinder, die hier zur Welt gekommen sind, geh�ren dann der Zweiten Generation an?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Was, wenn jemand Seren war, in Serendair gelebt hat, aber nicht mit den Flotten in See stach?�</p><p>Ashe, der sie aufmerksam betrachtete, blinzelte, dann wurde sein Gesicht pl�tzlich leer. �Und die Katastrophe trotzdem �berlebt hat?�</p><p>�Offensichtlich, sonst g�be es ja keinen Grund, dar�ber zu sprechen, oder?�</p><p>Ashe nickte. �Nein, nat�rlich nicht, das war eine dumme Frage. Wenn meine Geschichtsstudien korrekt sind, ist das sehr vielen Leuten geschehen. Nicht alle, die Serendair verlassen haben, wollten sich Gwylliam anschlie�en; viele glaubten, er sei verr�ckt, einige hatten schlichtweg Angst, sie w�rden die Reise nicht verkraften vor allem Angeh�rige der Rassen, die von sich aus keine enge Verbindung zum Meer haben. Sie brachen auf, bevor die Drei Flotten in See stachen, und haben an anderen Orten Zuflucht gesucht, die n�her bei der Insel liegen.�</p><p>Rhapsody erhob sich und zog sich den Umhang von den Schultern. �W�ren diese darin Cymrer?�</p><p>Die blauen Augen hefteten sich noch durchdringender auf sie; die vertikalen Schlitze weiteten sich in der Dunkelheit des Raums und sogen ihre Antwort auf, als w�re sie Sonnenlicht.</p><p>�Ja�, antwortete er nachdenklich. �Obgleich sie die einheimische Bev�lkerung nicht mit Gwylliams Sinnspruch begr��ten, denke ich, dass ein eingeborener Seren, der Serendair vor der Katastrophe verlassen hat, dennoch als Cymrer gilt. Auch die Mitglieder der Zweiten Flotte taten das nicht; sie landeten in Manosse oder Gaematria und setzten erst viele Generationen sp�ter Fu� auf diesen Kontinent, damals, als der Gro�e Rat einberufen wurde. Und sie sind Cymrer, sie f�hlten es tief in ihrer Seele, als das H�rn sie rief, sich beim Gro�en Gerichtshof zu versammeln. Ja, ich denke, alle, die einmal in Serendair lebten und es verlie�en, sind Cymrer der Ersten Generation.�</p><p>Rhapsody wandte sich von ihm ab und h�ngte ihren Umhang an den Haken bei der T�r, damit er nicht sehen konnte, wie schwer sie schluckte. �Vermutlich bin ich nach dieser Regel eine Cymrerin der Ersten Generation�, sagte sie, w�hrend sie die Falten des Mantels glatt strich und den Staub ausklopfte. Dann drehte sie sich wieder zu Ashe um. Aufmerksam studierte sie sein Gesicht, aber in seine Augen trat kein triumphierendes Funkeln, nur ein kleines L�cheln.</p><p>�Wie gelang es dir zu �berleben? Wohin gingst du? Es muss ein Ort gewesen sein, den du mit dem Ruderboot oder der F�hre erreichen konntest, da du gesagt hast, du seist nie mit einem anderen Schiff gereist. Wie bist du hierher gekommen, eine halbe Welt entfernt?�</p><p>�Das sind aber mehr als nur zwei Fragen�, erwiderte Rhapsody hastig. Die Erinnerung an die endlose Reise durch die Eingeweide der Erde drang auf sie ein. Sie sch�ttelte sich, denn sie wollte nicht daran denken, wie es gewesen war, an der Axis Mundi entlangzukriechen; dennoch, das Gef�hl lauerte nach wie vor dicht unter der Oberfl�che ihres Bewusstseins. Sie musste sich anstrengen, den Gedanken zu verscheuchen, aber wenn sie es nicht t�te, w�rde eine fast un�berwindliche Verzweiflung sie �berrollen. �Au�erdem dachte ich, wir h�tten uns darauf geeinigt, Gespr�che �ber die Vergangenheit so weit wie m�glich zu vermeiden.�</p><p>�Entschuldige�, lenkte Ashe hastig ein. �Danke, dass du mir so viel erz�hlt hast.�</p><p>Rhapsody be�ugte ihn beklommen. �Gern geschehen. Nachdem du mir nun diese Information entlockt hast ... was gedenkst du damit anzufangen?�</p><p>Ashe stand auf. �Baden.�</p><p>Wieder starrte Rhapsody ihn an. �Das ist alles? Die ganze lange Reise �ber hast du nichts unversucht gelassen, um mir diese Antwort aus der Nase zu ziehen, und jetzt willst du baden?�</p><p>�Ja�, erwiderte Ashe mit einem Lachen. �Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, musste ich mit dem Nebel meines Mantels vorlieb nehmen, um mich zu waschen, w�hrend du jede gesch�tzte Stelle im Fluss und jeden abgelegenen Teich genutzt hast, um zu schwimmen; das ist wohl kaum gerecht und auch bestimmt nicht ersprie�lich, wenn wir die Nacht heute in diesem kleinen Zimmer verbringen wollen. Wenn du mich also entschuldigen w�rdest, werde ich jetzt baden gehen.� Staunend sah Rhapsody zu, wie er einen Lappen vom Boden aufhob, der in weniger sch�bigen Zeiten vielleicht einmal ein Handtuch gewesen war, und pfeifend aus der H�tte ging.</p><p>Ashe hatte gerade seine Hose wieder zugebunden, als die T�r sich �ffnete und ein Hagel von Schmutz und Abfall aus der H�tte flog. Offenbar hatte Rhapsody einen gro�en Ast gefunden, den sie als Besen hernehmen konnte, und fegte jetzt das Zimmer mit einer Kraft, die sich mit jedem Wirbelsturm h�tte messen k�nnen. Einen kurzen Augenblick erschien sie vor der H�tte, und ihre Blicke begegneten sich. Erschrocken hielt sie inne und starrte auf Ashes Brustkorb.</p><p>Vom Nabel bis zur linken Schulter zog sich eine h�ssliche Wunde, schwarz und unregelm��ig, eitrig und rot entz�ndet.</p><p>Sie schien alt, aber nie richtig verheilt zu sein, roh und offen, verbranntes Fleisch, das unter verkohlter Haut Blasen schlug. Blaue Venen liefen strahlenf�rmig �ber die Brust und bildeten �ber dem Herzen eine Art Stern. Der Anblick trieb Rhapsody Tr�nen in die Augen.</p><p><emphasis>Normalerweise w�rde ich dir in einem solchen Fall das Herz herausrei�en, obwohl es bei dir ganz danach aussieht, als h�tte das schon jemand anderes erledigt</emphasis>. Rasch wandte Ashe sich ab und zog sich das Hemd �ber den Kopf. Als er wieder zur H�tte schaute, war Rhapsody verschwunden. Er fuhr sich mit der Hand durch die frisch gewaschenen Haare und wartete, ob sie noch einmal auftauchen w�rde, aber sie kam nicht. Schlie�lich beschloss er, das unbehagliche Schweigen zu brechen.</p><p>�Rhapsody?�</p><p>Sofort war sie wieder an der T�r. �Ja?�</p><p>Er zeigte zum Teich. �Ich habe ein St�ck einged�mmt, damit sich eine kleine Lagune bildet, wenn du baden m�chtest.�</p><p>Ihr Gesicht hellte sich auf. �Wunderbar! Danke, ich komme gleich raus.� Sie verschwand in der H�tte und erschien kurz darauf mit einem vollen W�schekorb. Entsetzt starrte er sie an, denn die Sachen geh�rten ihm.</p><p>�Was machst du da?�</p><p>�Die W�sche.� Sie ging sie zu dem kleinen Teich, den er f�r sie zum Baden angelegt hatte, und lie� ein Kleidungsst�ck nach dem anderen hineinfallen, gefolgt von einem gro�en St�ck Seife. Eine verdreckte Hose, ein Hemd mit einem gro�en Fettfleck und mehrere Garnituren gebrauchter Unterw�sche landeten zu Ashes gro�er Verlegenheit im Wasser. Mit gro�en Schritten eilte er zu Rhapsody und griff nach dem Korb.</p><p>�Hier, gib her. Das mache ich lieber selbst.�</p><p>Rhapsodys Augen funkelten. �Unsinn! Du hast mir die Stelle des Dienstm�dchens angeboten, und ich habe sie angenommen, wenigstens f�r heute. So bezahle ich dich auf meine Art f�r deine Dienste als F�hrer. W�schewaschen geh�rt dazu. �berhaupt wenn du die Kleider, die du anhast, auch noch gewaschen haben m�chtest, dann zieh sie einfach aus.� Sie deutete auf die Sachen, die er trug, und nahm einen Stock zur Hand.</p><p>�Nein, danke.�</p><p>�Du solltest mein Angebot nutzen, so lange du kannst. Wenn wir quitt sind, dann musst du deine Sachen wieder selbst waschen und auch dein Loch �h, Verzeihung, deine H�tte ausfegen.� Das Wasser in der Lagune begann zu blubbern, Dampf stieg in die k�hle Vorfr�hlingsluft auf. Rhapsody hatte ihr Feuerwissen eingesetzt, um die W�sche zu kochen, und r�hrte sie jetzt mitsamt der Seife um, sodass sich in der Lagune dicker Schaum bildete, der zwischen den Felsen abfloss.</p><p>Als die W�sche sauber war, zog Rhapsody sie aus dem Wasser, das nun wieder so k�hl geworden war, dass sie hineingreifen konnte, und h�ngte sie auf die Leine, die sie zwischen den B�umen gespannt hatte. Ashe ber�hrte jedes St�ck, und sofort entwich alles �bersch�ssige Wasser.</p><p>�Willst du jetzt baden?�, fragte er dann.</p><p>Rhapsody blickte durch das Bl�tterdach zum Himmel auf. Die Wolken wurden dicker und grauer. �Ich glaube nicht. Es sieht nach Regen aus.�</p><p>Auch Ashe betrachtete den Himmel. �Du hast Recht. Lass uns hineingehen.�</p><p>Sie rafften die W�sche zusammen, liefen zur H�tte zur�ck und zogen gerade die T�r hinter sich zu, als die ersten Regentropfen aufs Dach trommelten. Vor �berraschung blieb Ashe wie angewurzelt stehen. Sein Zimmer war so sauber und ordentlich wie noch nie. Das Bett war gemacht, der Boden gefegt, und eine Teekanne stand auf dem Tisch, der ebenfalls abgewischt und poliert worden war.</p><p>�Wie hast du das alles in der kurzen Zeit angestellt?�</p><p>��bung.�</p><p>�Aha. Nun, es w�re nicht n�tig gewesen. Aber trotzdem danke.�</p><p>Rhapsody, die an der T�r stehen geblieben war, l�chelte ihn an. �Das geh�rt zu meinen Aufgaben als Dienstm�dchen. Wir leisten einige der Dienste, die du umsonst bek�mest, wenn du verheiratet w�rst.� Kaum waren die Worte heraus, biss sie sich auch schon auf die Lippen. Sie wusste immer noch nicht genau, ob er verheiratet war.</p><p>Aber Ashe lachte nur. �Wenn das der Fall ist, dann gibt es noch ein paar andere Dienste, auf die ich Wert legen w�rde.� Seine Augen funkelten belustigt.</p><p>�Tut mir Leid�, entgegnete Rhapsody, nahm ihm die W�sche ab und legte sie aufs Bett. �Es handelt sich hier nur um ein zeitlich begrenztes Abkommen, bis meine Schuld an dich abbezahlt ist. Grundlegende Hausarbeit. Andere Dienstleistungen kosten extra, und es gibt gewisse Dinge, die du dir einfach nicht leisten kannst.�</p><p>L�chelnd wandte Ashe sich ab. �Es gibt Dinge, f�r die es sich lohnt zu betteln, zu borgen und sogar zu stehlen.�</p><p>Rhapsody faltete die W�sche auf dem Bett zusammen. �Ja, aber ich glaube kaum, dass dergleichen dazugeh�rt.�</p><p>Ashe hob ein Hemd aus Kambrik auf und h�ngte es im Wandschrank an einen Haken. �Ich bezweifle, dass du eine Ahnung hast, wovon ich rede, Rhapsody.�</p><p>Sie hob ihren Tornister vom Boden auf, �ffnete ihn und sortierte die Dinge neu, um f�r ihre W�sche, die sie zusammen mit Ashes gewaschen hatte, Platz zu schaffen. �Ich kann es mir aber denken�, entgegnete sie trocken.</p><p>�Du k�nntest dich irren�, meinte Ashe scherzhaft. �Warum versuchst du es nicht zu erraten? Welche Dienstleistung einer Ehefrau w�rde ich mir wohl von dir w�nschen?�</p><p>Sie holte ein paar Beutel ganz unten aus dem Tornister. �Ich will aber nicht raten. Warum sagst du es mir nicht einfach, und ich versuche dich nicht zu verpr�geln, es sei denn, du beleidigst mich.�</p><p>Ashe nahm seine Lederhandschuhe auf. Dann setzte er sich auf den verschlissenen Polsterstuhl und legte die F��e hoch, offensichtlich h�chst angetan von der Aussicht, sie ein wenig zu necken. �In Ordnung.� Er musterte sie, w�hrend sie ihn weiterhin ignorierte und ihre Sachen ordnete. <emphasis>Kinder gro�ziehen,</emphasis> dachte er.</p><p>�In der s�dlichen Neutralen Zone gibt es eine Gegend namens Gallo. Dort benutzen die M�nner ihre Frauen als Schild, wenn sie in den Kampf ziehen. Die Frauen gehen vor den M�nnern her, um die Pfeile abzufangen.� Er wartete auf einen Ausbruch, aber Rhapsody schwieg. Er versuchte es noch einmal. �Wenn jemand beim Pferdehandel etwas braucht, um den Unterschied im Wert zweier Tiere auszugleichen ...� Er unterbrach sich, als er merkte, dass sie einen Gegenstand in ihrer Hand anstarrte. �Was ist los?�</p><p>�Sieh dir das an�, antwortete sie mit Staunen in der Stimme. Ashe stand auf und ging zu ihr hin�ber. In ihrer Hand war der Krallendolch, den sie Elynsynos zur�ckgebracht hatte. �Ich habe ihn ihr doch gegeben.�</p><p>�Offenbar m�chte sie, dass du ihn beh�ltst.�</p><p>�Wahrscheinlich. Ich frage mich, wie sie ihn in meinen Tornister geschmuggelt hat, ohne dass ich etwas davon bemerkt habe.�</p><p>Ashe l�chelte sie an. �Man darf die Entschlossenheit eines Drachen nie untersch�tzen, wenn es um etwas geht, was sie lieben, Rhapsody. Ein Drache findet immer Mittel und Wege, das zu bekommen, was er sich w�nscht.� Damit legte er seine zusammengefaltete W�sche in den Wandschrank und trat hinaus in den Regen.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>�Der Tee ist fertig. M�chtest du welchen?�</p><p>�Ja, bitte�, antwortete Rhapsody. Noch einmal sah sie sich in dem Raum um, w�hrend Ashe mit den feuchten Zweigen, die er hinter der H�tte gefunden hatte, ein Feuer aufschichtete. Sie trat zur Feuerstelle und schob den kleinen Schirm beiseite.</p><p>�Der Tee steht auf dem Tisch�, sagte Ashe.</p><p>�Danke.� Rhapsody sah auf das Holz. Noch einen Augenblick zuvor war es gr�n und nass gewesen; jetzt hatte es den Anschein, als w�re es mindestens ein Jahr getrocknet worden jede Spur von Feuchtigkeit war verschwunden. Sie ber�hrte das Anmachholz, sprach das Wort f�r Z�ndung, dann das f�r Nahrung, und schon stoben die Funken empor und setzten die Scheite in Brand. Rhapsody l�chelte und sah Ashe an, der gerade ganz nebenbei das Handtuch, das er auf den Boden hatte fallen lassen, mit dem Fu� unters Bett schob.</p><p>�Hast du selbst eine Verbindung zum Wasser, oder besteht sie nur durch dein Schwert?� Sie stand auf, nahm den Becher, den er f�r sie auf den Tisch gestellt hatte, ging zu dem alten Stuhl hin�ber und machte es sich darauf bequem.</p><p>Zuerst wirkte er erschrocken, doch dann entspannte er sich wieder, schnallte seine alte, ramponierte Schwertscheide ab, legte sie auf die Knie und strich mit der Hand �ber das narbige Leder. �Das ist schwer zu sagen. Inzwischen trage ich Kirsdarke schon so lange bei mir, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals ohne dieses Element gewesen zu sein. Meine Familie bestand gr��tenteils aus Seefahrern, da liegt es wahrscheinlich in meiner Natur.� Rhapsody wartete, dass er weitersprach, aber er ging zur Feuerstelle und nahm den Sch�rhaken in die Hand. Sie rutschte auf dem Stuhl herum; er war so alt und das Polster so verschlissen, dass es schwer f�r sie war, aufrecht zu sitzen.</p><p>�Was ist es denn nun, das du dir von mir w�nschst?�</p><p>Ashe b�ckte sich, um das Feuer zu sch�ren, und sie sp�rte, wie ein Prickeln �ber ihre Wirbels�ule lief, als widmete er sich nicht dem Feuer, sondern vielmehr ihr. Einen Augenblick lang f�hlte sie Panik in sich aufsteigen, dann aber wurde ihr klar, dass das Gef�hl von ihrer Verbindung zum Feuer kam und nicht durch etwas ausgel�st wurde, was Ashe absichtlich tat. Sie konzentrierte sich und sch�ttelte die Empfindung ab, w�hrend er den Ofenschirm wieder an Ort und Stelle r�ckte und ihr dann das Gesicht zuwandte.</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Nun�, antwortete Rhapsody und nippte an ihrem Tee, �du liegst mir seit Wochen damit in den Ohren, dass ich dir etwas �ber meine cymrische Herkunft erz�hle. Das schien dir �u�erst wichtig zu sein, und jetzt, da du mich �berredet und eine Antwort bekommen hast, m�chte ich wissen, was du mit deinen neu erworbenen Kenntnissen vorhast. Was willst du von uns? Oder von mir?�</p><p>�Nichts, was du nicht zu geben bereit w�rst.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Wei�t du, ich bin wahrscheinlich keine gute Cymrerin, und mir gef�llt es nicht mal besonders, eine zu sein. Leute wie du k�nnen um nichts in der Welt eine Frage ohne Umschweife beantworten.�</p><p>Wider Willen musste Ashe grinsen. �Du hast Recht, es tut mir Leid. Ich wei�, das ist nervt�tend, aber es ist eine jahrhundertealte Angewohnheit, eingeimpft durch Erziehung, verst�rkt durch Verfolgungswahn und Misstrauen, alles geschmiedet in den Schmelz�fen eines schrecklichen Krieges. So sind sie alle, f�rchte ich, und ich geh�re sicher zu den Schlimmsten.�</p><p>�Das habe ich schon gemerkt. Ich meine, wie viele Leute laufen schon freiwillig in einem Nebelumhang herum, um sich vor den Augen der Welt zu verstecken?�</p><p>Durchdringende blaue Augen bohrten sich in ihre. �Wer hat gesagt, dass ich es freiwillig tue?�</p><p>Einen Moment lang konnte sie weder seinen Augen ausweichen noch etwas sagen.</p><p>�Entschuldige�, murmelte sie, als sie wieder ein Wort herausbrachte. �Als du mir zum ersten Mal dein Gesicht zeigtest, hatte ich das Gef�hl, dass es nicht so war.�</p><p>�Warum?�</p><p>Rhapsody �berlegte ihre Antwort genau. Bis zu dem Augenblick, als er seine Kapuze gel�ftet und sich ihr gezeigt hatte, war sie davon ausgegangen, dass er auf irgendeine Weise entstellt war, Opfer eines Unfalls oder einer Kriegsverletzung oder vielleicht einer schwierigen Geburt. Sie hatte sich ihm deswegen verbunden gef�hlt, denn manchmal erging es ihr selbst ganz �hnlich; zumindest kannte sie den Wunsch, sich vor den neugierigen Blicken zu verh�llen, mit denen sie auf der Stra�e so oft bedacht wurde.</p><p>Sie hatte ihr Gesicht immer wieder im Spiegel angeschaut und herauszufinden versucht, was so ungew�hnlich daran war. Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, es m�sse an ihrem Lirin-Erbe liegen; wahrscheinlich waren die Menschen in diesem Land solche Gesichter einfach nicht gewohnt und empfanden sie als fremdartig. Obgleich Rhapsody sich nicht f�r h�sslich hielt, f�hlte sie sich manchmal so, wenn jemand sie anglotzte. Aber Ashe war nicht h�sslich. Im Gegenteil, sein Gesicht war sch�n und von einer Anziehungskraft, die man trotz seines struppigen Barts und der ungepflegten Haare deutlich erkannte. Obwohl er einfach gekleidet war und einen sehr muskul�sen K�rper hatte, hatte er etwas Aristokratisches an sich; seinen langen, starken und sehnigen Beinen nach zu urteilen war er viel in der Welt herumgekommen. Seine Schultern waren breit, die Taille schmal, wie bei einem Mann, der auf einem Bauernhof arbeitete, oder bei einem Holzf�ller, und auch seine H�nde hatten offensichtlich harte Arbeit und schwere Zeiten mitbekommen. Von dem Augenblick an, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte Rhapsody gewusst, dass die Nebelwand eine Notwendigkeit war, keine Eitelkeit. Inzwischen war ihr klar geworden, dass Ashe gejagt wurde und dass seine Verfolger einflussreich und m�chtig waren. Die schreckliche schwarze Wunde auf seiner Brust hatte sie in diesem Glauben nur noch best�rkt. Und in ihrem Herzen litt sie mit ihm, obgleich sie ihn doch nicht wirklich kannte. Der Regen trommelte heftig auf das Torfdach, und die Luft im Raum wurde feucht. �Du hast meine Frage nicht beantwortet�, sagte Rhapsody schlie�lich. �Was willst du nun von mir falls du etwas willst?�</p><p>Er ging zum Bett, setzte sich und warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. �Es w�re sch�n, dich als Verb�ndete zu haben. Deine Freunde nat�rlich auch, aber dich ganz besonders.�</p><p>�Warum mich ganz besonders?�</p><p>Er l�chelte ein wenig. �Weil es mir so vorkommt, als w�rst du eine Person, die man im Kampf gern um sich haben m�chte.�</p><p>Rhapsody lachte. �Nun, ich danke dir, aber anscheinend kannst du einen K�mpfer schlecht einsch�tzen. Wenn du einem Feind gegen�berstehst, dann w�nschst du dir besser einen Partner wie Grunthor. Oder Achmed!�</p><p>�Warum Achmed?�</p><p>�Achmed ist nun ja, er ist talentiert.� Sie beschloss, nicht zu viel zu verraten. �Bevor ich deine Verb�ndete werden kann, muss ich wissen, gegen wen oder was du k�mpfst. Wirst du mir das verraten?�</p><p>�Nein.� Seine Antwort klang schroff und fegte ihnen beiden das L�cheln vom Gesicht. �Tut mir Leid.�</p><p>�Nun, das macht es wirklich schwer f�r mich, deine Verb�ndete zu werden.�</p><p>�Ich wei�.� Er seufzte tief.</p><p>�Traust du irgendjemandem genug, um es ihm zu sagen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Welch ein furchtbares Leben.� Rhapsody fuhr mit dem Finger um den Rand ihres Teebechers, den sie fast leer getrunken hatte. �Glaubst du nicht, dass es Dinge gibt, die es wert sind, ein Risiko einzugehen, etwas daf�r aufs Spiel zu setzen?�, fragte sie sanft.</p><p>�Ich bin kein Spieler, f�rchte ich. Nicht mehr.�</p><p>Schweigen senkte sich �ber sie, schwer und greifbar. Rhapsody warf einen Blick zum Feuer, das auf dem Rost knackte und zischte, und schaute dann wieder zu Ashe, dessen vertikale Pupillen vom Licht der Flammen noch betont wurden. Sie konnte den Blick in diesen Augen nicht lesen, aber er erf�llte sie mit einer Traurigkeit, die ihr das Herz schwer machte.</p><p>�L�sst du dir immer ein Hintert�rchen offen?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst.�</p><p>Rhapsody starrte in ihre Teetasse, dann trank sie noch einen Schluck. �Meine Vergangenheit ist ein Korridor voller T�ren, die ich offen gelassen habe und die ich auch nicht zu schlie�en gedenke. Ich habe auch nie eine T�r absichtlich geschlossen, es sei denn, ich wurde dazu gezwungen; denn ich hege die Hoffnung, dass eines Tages alles wieder in Ordnung kommen wird, wenn ich mich den Gelegenheiten dazu nicht verschlie�e. Du m�chtest nicht das Risiko eingehen, jemandem jetzt deine Geheimnisse anzuvertrauen, aber k�nnte es denn sein, dass du eines Tages dazu bereit w�rst? W�re das m�glich?�</p><p>Ashe blickte lange ins Feuer. Dann endlich sagte er: �Ich glaube nicht. Ich glaube, diese T�r ist nicht nur verschlossen, sondern mehrfach verriegelt und verrammelt. Und versiegelt.�</p><p>Wieder trat Stille ein. Rhapsody stellte ihre Teetasse ab.</p><p>�Dann ist es vermutlich am besten, wenn wir unserer Abmachung treu bleiben und versuchen, nicht �ber die Vergangenheit zu sprechen�, meinte sie leise.</p><p>�Einverstanden.�</p><p>�Vielleicht aber sollte ich dir wenigstens in groben Z�gen mitteilen, wof�r ich zu k�mpfen bereit bin, und wenn das zu deinen Zielen passt, wirst du wissen, dass ich deine Verb�ndete bin, selbst wenn du dich mir nicht anvertrauen kannst.�</p><p>Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf, und die vertikalen Pupillen glitzerten. �Ja, das w�re ein Weg.�</p><p>�Gut. Erstens: Wenn du plantest, die Bolg anzugreifen oder Achmed den Berg wegzunehmen, dann w�ren wir Gegner.�</p><p>�Nein, das sind wir nicht.�</p><p>�Nun, das habe ich auch nicht erwartet, aber man kann ja nie wissen. Jeder, der einem Kind, einer unschuldigen Person, dem heiligen Baum der Lirin oder ihrem Wald ein Leid zuf�gen will, ist gleicherma�en mein Feind. Ich w�nsche mir, dass der Frieden Wurzeln schl�gt. Allgemein stehe ich auf der Seite der Verteidiger, es sei denn, ich habe gute Gr�nde dagegen. Jeden Vergewaltiger und jeden Kindersch�nder, den ich auf frischer Tat ertappe, werde ich kastrieren.</p><p>Dar�ber hinaus werde ich mir vielleicht eines sch�nen Tages eine Ziegenh�tte im Wald bauen, wenn die Lirin mich bei sich aufnehmen, und dort in Frieden leben, ohne einem anderen zu schaden, werde mich meinen Pflanzen widmen und an meiner Musik arbeiten. Irgendwann einmal w�rde ich gern eine Heilst�tte gr�nden oder beim Erbauen einer solchen helfen, mit meinem Gesang Krankheiten und Verletzungen behandeln und anderen das beibringen, was ich kann. Wie ich dir schon gesagt habe, bezweifle ich, dass ich diese gef�hrlichen Zeiten �berleben werde, deshalb setze ich nicht sehr viel Hoffnung in meine l�ngerfristigen Ziele. Ich gehe davon aus, dass mich der Tod �berf�llt, w�hrend ich dabei bin, etwas zu tun, das die Welt auf diese oder jene Weise besser machen soll. Also bin ich deine Verb�ndete?�</p><p>Ashe l�chelte. �Es klingt ganz danach.�</p><p>Rhapsody blickte ihn ernst an. �W�rdest du es mir denn sagen, wenn es nicht so w�re?�</p><p>�Wahrscheinlich nicht.�</p><p>�Das habe ich auch nicht erwartet�, seufzte sie. In der Ferne h�rte man Donnergrollen. �Ist das alles, was du dir von mir w�nschst?�</p><p>Widerstreitende Gef�hle spiegelten sich auf Ashes Gesicht, aber was er sagte, war klar: �Ich m�chte, dass du meine Freundin bist.�</p><p>�Das m�chte ich auch�, erwiderte sie und legte die F��e auf den Bettrand. �Und wenn du das bist, was du mir zu sein scheinst, denke ich, dass ich bereits deine Freundin bin.�</p><p>�Und bist du wirklich das, was du zu sein scheinst?�</p><p>�Durch und durch�, lachte Rhapsody. �Ich wei� zwar nicht, was ich dir zu sein scheine, aber ich bin, was ich bin. Ich f�rchte, ich habe nie gelernt, meine Fehler zu verbergen, und ich bin sehr unkompliziert. Du wei�t ja, dass ich versuche, niemals zu l�gen, wenn ich nicht dazu gezwungen werde.�</p><p>Er horchte auf. �Wie kann man gezwungen sein zu l�gen?�</p><p>Rhapsody dachte an Michael, den Wind des Todes, und das grausame Funkeln in seinen Augen, als er ihr seine Bedingungen unterbreitet hatte.</p><p><emphasis>Du wirst meine W�nsche nicht nur befriedigen, sondern auch Lust und Engagement dabei an den Tag legen. Du wirst deine Liebe zu mir nicht nur mit dem K�rper, sondern auch mit Worten zum Ausdruck bringen. Wenn ich diesen Ort verlasse, will ich dein Herz gewonnen haben und es mit mir nehmen. Haben wir uns verstanden? Versprichst du mir, meine Gef�hle f�r dich zu erwidern?</emphasis></p><p>Sie schloss die Augen und versuchte, die Erinnerung an die Angstschreie des Kindes zu vertreiben.</p><p><emphasis>Also gut, Michael, ich sage alles, was du nur h�ren willst. Lass sie gehen</emphasis>. Rhapsody kreuzte die Arme vor der Brust. Sie erinnerte sich noch allzu gut an Michaels triumphierendes L�cheln; entweder w�rde sie ihm wahrheitsgem�� sagen, was er h�ren wollte, oder sie w�rde l�gen m�ssen, ein weit schlimmeres Schicksal. In beiden F�llen h�tte er gewonnen.</p><p>�Du kannst mir glauben, es ist m�glich�, sagte sie schlie�lich. Ihr Blick begegnete Ashes, und eine Sekunde lang raubte er ihr den Atem. Er hatte die gleiche blaue Iris wie Michael.</p><p>�Stimmt etwas nicht?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Vielleicht hatte Michael die gleichen blauen Augen gehabt, aber ganz bestimmt keine vertikalen Pupillen. Vielleicht wurde Ashe unter anderem auch wegen dieser fremdartigen Augen verfolgt.</p><p>�Nein, alles in Ordnung�, antwortete sie. Rasch trank sie ihren Tee aus und stellte die Tasse auf den Tisch neben ihrem Stuhl. �Ich hoffe nur, du wirst nie in eine Situation kommen, in der du gezwungen bist zu l�gen. Es ist eines vom Schlimmsten, was es �berhaupt gibt. Aber wie dem auch sei, ich denke, dass das, was du dir w�nschst, durchaus m�glich ist. Ich werde versuchen, deine Freundin und deine Verb�ndete zu sein. Nat�rlich kann ich nicht f�r Grunthor und Achmed sprechen, aber wenn ich ein gutes Wort f�r dich einlege und du nichts tust, um sie vor den Kopf zu sto�en, dann sind sie wahrscheinlich ebenfalls bereit, sich mit dir zu verb�nden.� Sie sah, wie sich Ashes Miene ver�nderte und einen angeekelten Ausdruck annahm. �Was ist?�</p><p>�Tut mir Leid�, erwiderte Ashe zerknirscht. �Manchmal wundere ich mich noch immer dar�ber, dass du mit den beiden �berhaupt etwas zu tun hast, vor allem mit Achmed.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil er so absto�end ist.�</p><p>�Du kennst ihn ja nicht mal�, gab Rhapsody ungehalten zur�ck. �Wie kannst du da so etwas behaupten?�</p><p>�Ich war jetzt zweimal Empf�nger seiner Gastfreundschaft, und ich kann nicht behaupten, dass ich sie genossen h�tte.�</p><p>�Das tut mir ausgesprochen Leid�, erwiderte Rhapsody aufrichtig. �Er kann schon ein bisschen schroff sein. Warum bist du geblieben?�</p><p>Ashe ging zur�ck zum Feuer und stocherte noch einmal darin herum. Aus irgendeinem Grund schienen die Flammen nicht gewillt, ihren Beitrag zur Erw�rmung des Zimmers zu leisten.</p><p>�Deine und Jos Gesellschaft war mir immer angenehm. Und als du Elynsynos erw�hntest, wusste ich, dass ich dir helfen konnte, sie zu finden. Ich bin einer der wenigen noch lebenden Waldh�ter, die sich ihrer H�hle gen�hert haben.�</p><p>Bei dem Wort <emphasis>Waldh�ter</emphasis> setzte sie sich auf. �Bist du ein offizieller Waldh�ter?� Ashe nickte.</p><p>�Hast du bei Llauron gelernt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich war bei ihm! Er ist ein wundervoller Mann. Hattest du direkt mit ihm zu tun?�</p><p>Ashe stellte das Kamingitter wieder an seinen Platz. �Gelegentlich. Im Allgemeinen leitete Llauron aber die Ausbildung nicht selbst, sondern �berlie� sie Gavin, mit gelegentlicher Unterst�tzung durch Lark.�</p><p>�Ja, die beiden habe ich auch kennen gelernt. Lark hat mir eine Menge �ber Kr�uter beigebracht. Aber entschuldige, ich habe vom Thema abgelenkt. Achmed ist in Wirklichkeit gar nicht so schlimm. Er hat eine harte Schale und eine ziemlich ungew�hnliche Weltanschauung, aber es ist eindeutig eine Bereicherung, ihn zu kennen. Er und ich haben viel gemeinsam.�</p><p>Ashe schauderte. �Au�er dass ihr beide Cymrer der Ersten Generation seid, f�llt mir da nichts ein.�</p><p>�Ich habe nie behauptet, dass Achmed ein Cymrer der Ersten Generation ist das hast du dir zusammengereimt. Aber was die Gemeinsamkeiten angeht zum einen scheint unser �u�eres die Leute in diesem Land zu st�ren.�</p><p>�Was?� Ashe staunte.</p><p>�Ja. Falls dir das noch nicht aufgefallen ist: Wir laufen beide am liebsten in Kapuzenm�nteln herum, weil man uns dann nicht ganz so penetrant anglotzt.�</p><p>Verwundert sch�ttelte er den Kopf. Offensichtlich hatte sie wirklich keine Ahnung, warum sie alle Blicke auf sich zog, und dieser Umstand erstaunte ihn immer wieder von neuem.</p><p>�Achmed ist h�sslich.�</p><p>Allm�hlich wurde Rhapsody w�tend. �Wie voreingenommen du bist! Es ist einfach dumm zu glauben, dass man aus der �u�eren Erscheinung einer Person auf ihren Charakter schlie�en kann.�</p><p>�Ich meinte aber seinen Charakter.�</p><p>�Du kennst ihn doch �berhaupt nicht.�</p><p>Ashe lehnte sich neben dem Kamin an die Wand. �Du hast mir die Frage �ber ihn und dich immer noch nicht beantwortet.�</p><p>�Welche Frage denn?�</p><p>�Ob Achmed f�r dich ein m�glicher Partner w�re ich meine, ob du ihn heiraten w�rdest.�</p><p>Die Worte blieben ihm fast ihm Hals stecken.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Rhapsody nachdenklich. �Aber wir haben noch nie dar�ber gesprochen. M�glicherweise w�rde er schon den Gedanken daran entsetzlich finden, aber falls ich sehr lange lebe, w�re er wahrscheinlich meine beste M�glichkeit.�</p><p>Ashe sah aus, als w�re ihm �bel. �Warum?�</p><p>Rhapsody zog die Knie an die Brust. �Hmm, lass mich �berlegen. Er wei� mehr �ber mich als sonst irgendjemand auf der Welt, er durchschaut meine St�rken und Schw�chen, und mein �u�eres scheint ihn nicht abzusto�en.�</p><p>�Rhapsody, dich findet niemand absto�end.�</p><p>Sie ging nicht auf seine Bemerkung ein. �Und ich glaube nicht, dass er von einer Ehe das erwarten w�rde, was andere vielleicht erwarten.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel Liebe. Achmed ist klar, dass ich kein Herz habe, und das scheint ihn nicht zu st�ren. Ich denke, er w�re mit dem zufrieden, was ich in meiner Begrenztheit zu bieten habe. Ich spreche nat�rlich nur in der Theorie. Wie gesagt, wir haben uns noch nie �ber diese M�glichkeit unterhalten.�</p><p>�Ich wei� nicht, Rhapsody, aber ich finde es schade, dass du deine Erwartungen an eine Beziehung, die du angeblich so hoch sch�tzt, derma�en niedrig ansetzt.�</p><p>Wieder stieg �rger in ihr auf. �Was spielt das schon f�r eine Rolle? Ich meine, bist du vielleicht der W�chter �ber meine ehelichen Zukunftsaussichten?�</p><p>Ashe wandte sich ab. Ohne die Anonymit�t, die ihm der Nebelumhang gew�hrte, war es wesentlich schwieriger, sich mit Rhapsody zu unterhalten. �Nein, das bin ich gewiss nicht.�</p><p>�Es kommt mir seltsam vor, dass du dich so aufregst, weil ich wom�glich eine Ehe ohne Liebe eingehen werde.�</p><p>Nun sah er ihr wieder direkt ins Gesicht. �Mich �berrascht es, dass du selbst dich nicht dar�ber aufregst. Dabei behauptest du doch, gro�e Achtung vor dieser Institution zu empfinden.�</p><p>Rhapsody dachte nach. �Ein gerechtfertigter Einwand. Vermutlich bezieht sich dies f�r mich nur auf diejenigen, denen die F�higkeit gegeben ist, eine liebevolle Ehe einzugehen.�</p><p>�Und zu denen geh�rst du nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Sie seufzte und starrte ins Feuer, das allm�hlich in Gang kam. �Ich habe der Liebe abgeschworen, ich habe ihr entsagt.�</p><p>Ashe lie� sich ihr gegen�ber auf dem Bett nieder. �Warum? Bist du Mitglied irgendeines z�libat�ren Ordens?�</p><p>Rhapsody verschlug es den Atem, dann lachte sie. �Wohl kaum.�</p><p>�Warum dann?�</p><p>Sie schlug die Augen nieder und sah auf ihre H�nde. �Im alten Land habe ich meine F�higkeit, auf diese Art zu lieben, gegen etwas eingetauscht, das ich besch�tzen wollte.�</p><p>�Und was war das?�</p><p>�Ein Kind�, antwortete Rhapsody. Sie blickte wieder auf, und auf ihrem Gesicht lag ein �berraschter Ausdruck; sie konnte kaum glauben, dass sie seine Fragen so m�helos beantwortete, wo er doch der Erste war, dem sie davon erz�hlte. Ashe senkte die Augen und wich ihrem Blick aus. �Du hattest ein Kind?�</p><p>�Kein eigenes, nein, aber ich wollte es trotzdem besch�tzen.� Ashe nickte. Rhapsody glaubte eine gewisse Erleichterung bei ihm zu sp�ren, aber er sagte nichts. �Jedenfalls habe ich geschworen, niemand anderen jemals zu lieben, und ich habe Wort gehalten.�</p><p>�Niemand anderen als dieses Kind?�</p><p>�Nein. Anscheinend dr�cke ich mich nicht klar genug aus. Ich habe einem Mann mein Wort gegeben, nie einen anderen zu lieben, bis die Welt untergeht.�</p><p>�Und wer war dieser Mann, den du geliebt hast? Was ist mit ihm geschehen?�</p><p>Rhapsody verzog das Gesicht. �Ich habe nie gesagt, dass ich ihn geliebt habe. Er war ein Schwein.�</p><p>�Da komme ich nicht mehr mit. Warum hast du geschworen, ein Schwein zu lieben?�</p><p>�Na gut�, seufzte sie. �Wenn es dir so wichtig ist, muss ich wohl die ganze Geschichte erz�hlen. Der widerlichste, gemeinste und grausamste Bastard, den ich jemals kennen gelernt habe, befand sich im Besitz eines unschuldigen Kindes, das er ohne mein Eingreifen wiederholt vergewaltigt und irgendwann schlie�lich get�tet h�tte. Als Gegenleistung daf�r, dass er sie frei gab, schwor ich, nie einen anderen Mann zu lieben, und daran habe ich mich gehalten. Aber ich habe niemals behauptet, dass ich ihn geliebt habe.�</p><p>�Nicht bis zum Untergang der Welt, richtig?�</p><p>�Stimmt genau.�</p><p>�Wie konntest du diesem Mann nur einen solchen Schwur leisten?�</p><p>�Nun, wahrscheinlich hatte es etwas damit zu tun, dass ich es nicht sehr wahrscheinlich fand, jemals der Liebe zu begegnen, die ich mir gew�nscht h�tte.�</p><p>�Du hast das nicht erwartet?�</p><p>�Nein. Deshalb war es im Grunde gar kein so gro�es Opfer.�</p><p>Ein warmes L�cheln �berzog Ashes Gesicht, er stand vom Bett auf und hockte sich vor Rhapsody hin. �Ich habe wundervolle Neuigkeiten f�r dich.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Wenn du jemals zu dem Entschluss kommen solltest, dass du doch wieder jemanden lieben m�chtest, dann kannst du das, frei und ungehindert, ohne damit deinen Eid zu brechen.�</p><p>�Wie hast du dir das jetzt zusammengereimt?�</p><p>�Weil du geschworen hast, nie wieder zu lieben, bis die Welt untergeht.�</p><p>�Ja, das habe ich.�</p><p>�Ja, und wei�t du was, Rhapsody? Deine Welt ist tats�chlich untergegangen, vor mehr als tausend Jahren. Du bist frei, von ihm und von allen Versprechungen, die du ihm damals gegeben hast.�</p><p>Tr�nen stiegen Rhapsody in die Augen, aus mannigfaltigen Gr�nden. Ashe nahm tr�stend ihre Hand, in der sicheren Erwartung, dass sie anfangen w�rde zu weinen. Aber Rhapsody hielt ihre Tr�nen pflichtschuldig zur�ck und k�mpfte mit aller Kraft gegen die Traurigkeit und die Erleichterung an, die seine Worte in ihr ausgel�st hatten. Ashe beobachtete, wie ihr Gesicht sich verzerrte, doch als er die Hand ausstreckte, um sie ihr an die Wange zu legen, schob sie sie weg.</p><p>�Bitte nicht�, fl�sterte Rhapsody und wandte den Blick ab. �Es ist gleich vorbei.�</p><p>�Das ist doch nicht n�tig�, entgegnete Ashe sanft. �Es ist in Ordnung, Rhapsody, du kannst dich einfach gehen lassen. Hier bist du in Sicherheit. Lass die Tr�nen flie�en. Du siehst aus, als k�nntest du das gut gebrauchen.�</p><p>�Nein, ich darf das nicht�, erwiderte sie leise. �Es ist gegen unsere Abmachung.�</p><p>�Gegen welche Abmachung?�</p><p>�Gegen die mit Achmed. Er hat es mir verboten.�</p><p>Ashe stie� ein unangenehmes Lachen aus. �Das muss wohl ein Scherz sein.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Es ist kein Scherz? Wie nett von ihm. H�r mal, Rhapsody, Weinen ist kein Zeichen von Schw�che.�</p><p>�Ich wei߫, sagte sie und blinzelte gegen die Tr�nen an. �Aber es ist l�stig.�</p><p>�F�r Achmed? Der Teufel soll ihn holen, er ist nicht hier. Wenn dir nach Weinen ist, dann weine. Mir ist das nicht im Geringsten l�stig.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Danke, aber ich muss ja nicht unbedingt weinen. Mir geht es gut.�</p><p>�Nein�, widersprach Ashe kopfsch�ttelnd. �Ich bin Experte f�r Salzwasser, egal ob Meerwasser oder Tr�nen das ist eine Auswirkung des Schwerts, du wei�t schon. Und ich versichere dir, dass K�rper und Seele die Reinigung durch die Tr�nen gelegentlich brauchen. Danach ist das Blut sauberer und ges�nder. Man sollte eigentlich denken, dass gerade Achmed das wissen musste.� Rhapsodys Augen wurden schmal, aber Ashe fuhr rasch fort; �Wenn du die ganzen Jahrhunderte den nat�rlichen Vorgang des Weinens zur�ckgehalten hast, dann tust du dir angesichts des Kummers, den du zweifellos erlebt hast, nicht nur einen schlechten Dienst, sondern schadest dir geradezu. Bitte, Rhapsody, ich kann dich in den Arm nehmen und festhalten, wenn dir das hilft.�</p><p>Ihre Augen wanderten zu der monstr�sen Wunde unter seinem Hemd, und sie zuckte unwillk�rlich zur�ck, weil sie daran denken musste, wie sie ihm mit ihrer Umarmung im Wald unabsichtlich wehgetan hatte. �Nein, danke. Obwohl ich dein Angebot wirklich zu sch�tzen wei�.�</p><p>�Ich k�nnte dich auch eine Weile allein lassen und einen Spaziergang machen, wenn du m�chtest.�</p><p>�Nein, danke�, wiederholte sie, diesmal mit fester Stimme. �Mit mir ist wirklich alles in Ordnung, und du brauchst dich deswegen nicht bis auf die Haut nass regnen zu lassen. Aber du k�nntest doch etwas f�r mich tun, n�mlich mir die Laute geben, die Elynsynos mir geschenkt hat. M�chtest du, dass ich dir darauf etwas vorspiele?�</p><p>Sofort stand Ashe auf und ging zum Wandschrank, in dem Rhapsody ihre Sachen abgestellt hatte. �Liebend gern. Bist du sicher, dass du ...�</p><p>�Ja�, unterbrach ihn Rhapsody und nahm das Instrument entgegen. �Was m�chtest du h�ren?�</p><p>Er seufzte und beschloss, das Thema fallen zu lassen. �Kennst du irgendwelche Lieder aus der alten Welt, die von der See handeln?�</p><p>�Ein paar�, antwortete sie l�chelnd, weil sie sogleich an Elynsynos denken musste. �Auch in meiner Familie gab es ein paar Seeleute. Zwar ist daf�r eigentlich ein Minarello das geeignetere Instrument, aber ich werde mein Bestes tun.� Sie stimmte die Laute und begann zu spielen. Die Saiten waren uralt, aber die Magie des Drachen hatte sie in makellosem Zustand erhalten, und das Holz war weicher geworden, sodass das Instrument nun einen s��en, vollen Klang besa�.</p><p>Ashe streckte sich auf dem Bett aus und lauschte hingerissen ihrem Spiel. Rhapsody ahnte nichts von der Tiefe seiner Gef�hle, nicht einmal jetzt, da sein Gesicht nicht mehr unter der Kapuze verborgen war. Er lie� die Musik in seinen Kopf eindringen und sich einen Weg bis in sein Herz bahnen, wo sie den best�ndig pochenden Schmerz ein klein wenig linderte. Auch sein Kopfschmerz, der sich bei der Diskussion �ber Achmed eingestellt hatte, war auf einmal wie weggeblasen. Ihre Stimme war so sch�n, luftig und �therisch, wie der Gesang des Windes, und sie machte ihn angenehm schl�frig. In diesem Augenblick h�tte er den Rest seiner Seele daf�r gegeben, dass sie noch ein paar Tage bei ihm blieb und f�r ihn sang, allein f�r ihn, und ihm ihr Herz �ffnete das Herz, das sie nicht zu besitzen glaubte. Nach mehreren Seemannsliedern h�rte sie auf zu singen, spielte aber auf der Laute weiter, eine bet�rende Melodie, die ihn unendlich traurig machte. Er war selbst nahe daran zu weinen, als ihn pl�tzlich eine Disharmonie aus seiner Tr�umerei riss. Rhapsody blinzelte, spielte die Passage noch einmal richtig und fuhr fort, bis sie zum n�chsten Mal einen Fehler machte. Jetzt h�rte sie auf zu spielen.</p><p>Ashe richtete sich auf und blickte zu ihr hin�ber. Die Finger noch auf den Saiten, war sie im Stuhl eingeschlafen. Er �berlegte, ob er sie zum Bett tragen sollte, aber sogleich fiel ihm die Szene am Tara�fel wieder ein, und er verwarf den Gedanken hastig. Stattdessen nahm er ihr die Laute aus den H�nden, stellte sie auf den Tisch und deckte Rhapsody dann mit einer seiner Decken zu. Sie seufzte leise im Schlaf und drehte sich auf die Seite. Ashe blickte auf das schwarze Samtband. Er sehnte sich danach, ihr Haar aufzubinden, kam aber zu dem Schluss, dass auch das ein �bergriff gewesen w�re. So legte er denn ein neues St�ck Holz aufs Feuer, das inzwischen ruhig und stetig brannte, und ging dann zu dem Stuhl zur�ck, in dem Rhapsody schlummerte. Lange schaute er auf sie hinab und genoss den Anblick, wie sie da im Feuerschein schlief. Nach ann�hernd einer Stunde sp�rte er, dass ihn Ersch�pfung zu �berw�ltigen drohte. Er k�sste sie sanft auf den Kopf und schl�pfte unter die Bettdecke; er wusste, dass es nicht mehr lange dauern w�rde, bis er sie im Schlaf schluchzen h�rte. Als es so weit war, ging er im Dunkeln zu ihr und fl�sterte ihr tr�stliche Worte zu, bis sie ruhiger wurde. Der tosende Wolkenbruch war einem gleichm��igen, stetigen Regen gewichen. Widerwillig kroch er ins Bett zur�ck und lie� sie mit ihren beunruhigenden Tr�umen allein.</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Auch den gr��ten Teil des n�chsten Tages regnete es unabl�ssig. Als der Regen endlich ein wenig nachlie�, war die Sonne schon wieder untergegangen, und bis auf das Tropfen des Wassers auf Teich und H�tte war es still in der Dunkelheit. Der str�mende Regen hatte Rhapsody seltsam m�de gemacht, daher verbrachten sie eine weitere Nacht in der H�tte, um dem Boden Gelegenheit zu geben, ein wenig zu trocknen.</p><p>Sie hatten den Tag in recht angenehmer Unterhaltung verbracht, haupts�chlich �ber Pflanzen und B�ume, �ber die Kriege, in denen Ashe gek�mpft hatte, �ber die Unterwerfung der Firbolg und �ber die Ausbildung bei Oelendra, von der Ashe einiges geh�rt hatte. Als hervorragende Kriegerin und legend�re Heldin genoss Oelendra den Ruf einer strengen, ernsten und gelegentlich sogar brutalen Lehrerin, galt aber nach wie vor als die beste Ausbilderin im Schwertkampf. Ashe selbst hatte nicht bei ihr gelernt und war ihr auch nur ein einziges Mal begegnet, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln.</p><p>Rhapsody f�hlte, wie eine schleichende Traurigkeit sich ihrer bem�chtigte, die sie nicht recht verstehen konnte, die sich jedoch immer mehr in ihr ausbreitete. Jedes Mal, wenn Ashe sie anl�chelte oder an ihr vorbeiging, wurde sie traurig; daher musste ihr Gef�hl wohl etwas mit ihm zu tun haben. Aber warum ihr Herz ihr derma�en zusetzte, wusste sie nicht. Dass sie Ashe lieb gewonnen hatte, war kein Geheimnis, weder f�r sie selbst noch f�r ihn das nahm sie jedenfalls an.</p><p>Er erinnerte sie stark an ihren Bruder Robin, den Zweit�ltesten, den sie auch sehr gemocht hatte, zu dem sie aber nie ein sehr enges Verh�ltnis gehabt hatte. Sie hatte Robin nicht verstanden, und sie verstand auch Ashe nicht. Vielleicht w�rde sich das eines Tages �ndern, aber der Vergleich mit Robin machte ihre Traurigkeit nur noch tiefer. Sie war von zu Hause weggelaufen, als sie sich gerade ein wenig n�her gekommen waren, ganz �hnlich, wie auch Ashe und sie jetzt auseinander gingen. Sie hatte Robin nie wieder gesehen und sie fragte sich, ob das mit Ashe auch so sein w�rde.</p><p>Er war meistens freundlich zu ihr gewesen und hatte viel f�r sie getan. Bei Licht betrachtet hatte er sich intensiver um sie gek�mmert als sonst jemand in diesem neuen Land. Leider wusste sie jedoch, dass unter der Oberfl�che seiner Gro�z�gigkeit irgendetwas anderes lag, etwas Berechnendes, das danach dr�ngte, pers�nliche Dinge �ber sie in Erfahrung zu bringen, ohne selbst bereit zu sein, �ber sich zu sprechen etwas, das Vertrauen suchte, aber anderen keines entgegenbrachte. Ihr war klar, dass Ashe sie auf irgendeine seltsame Art benutzte. Hoffentlich w�rde es kein schlimmes Ende nehmen.</p><p>Sie blieben die Nacht �ber in der H�tte, wo sie warteten, dass der Regen aufh�rte und der Nachtwind die Erde trocknen lie�. Ashe hatte darauf bestanden, dass Rhapsody im Bett schlief, und sie hatte sich, nachdem sich ihre Weigerung als erfolglos erwiesen hatte, bedankt und war unter die Decken gekrochen, pl�tzlich furchtbar m�de vom ungewohnten Mangel an Bewegung und der Aussicht auf das, was ihr bevorstand.</p><p>In ihren Tr�umen wurde sie heimgesucht von D�monen und Zerst�rung, von einer blinden Seherin mit seltsamen Augen ohne Iris, in denen Rhapsody ihr eigenes Spiegelbild erblickte. Sie sp�rte eine eisige K�lte, eine K�lte, die ihr durch Mark und Bein ging und das Blut gefrieren lie�, die ihr W�rme und Musik raubte und sie ohne Stimme zur�cklie�, sodass sie nicht einmal um Hilfe rufen konnte. Nach Atem ringend, erwachte sie in Ashes Armen und klammerte sich an ihn, als w�re er der einzige Mensch auf der Welt, der sie jetzt, da ihre Musik verloren war, noch h�ren konnte.</p><p>Er streckte sich neben ihr auf dem Bett aus, allerdings ohne unter die Decke zu schl�pfen, und hielt sie fest, bis sie nicht mehr zitterte. Nach �ber einer Stunde erst wurde sie ruhiger und schlummerte traumlos weiter. Als Ashe sicher war, dass sie wirklich schlief, schob er wehm�tig ihren Arm weg, der um seine Taille lag bestimmt aus R�cksicht auf seine Wunde. M�hsam erhob er sich und blickte auf sie hinab: Wie ein kleiner Drache um seinen Schatz, so hatte sie sich um das Heukissen gerollt; vielleicht war es noch eine Auswirkung von ihrem Besuch bei Elynsynos. Lange stand er so da und fragte sich, ob irgendetwas in seinem ganzen Leben jemals so schwer gewesen war, wie sie in dem Bett allein zu lassen. Irgendwann kehrte er schlie�lich auf seinen Stuhl zur�ck.</p><p>Die Gro�mutter f�hrte sie einen Gang hinunter, der in eine H�hle von gewaltigen Ausma�en m�ndete; sie wies die Form eines Zylinders auf und erreichte ann�hernd die Gr��e der Stadt Canrif. Um den inneren Bereich zogen sich kreisf�rmig angeordnete Simse, so breit wie Prachtstra�en. Diese Ringe aus Stein umschlossen die H�hle in unterschiedlicher H�he �ber und unter dem Sims, auf dem sie standen, und waren durchbrochen von hunderten dunkler �ffnungen, die ebensolche Tunnel zu sein schienen wie der, aus dem sie soeben gekommen waren. Irgendetwas an der Form und Gr��e der H�hle erinnerte Achmed an die G�nge nahe der Wurzel der Sagia an der Axis Mundi. Die Grotte dehnte sich weit �ber ihre Sichtweite hinaus in die Finsternis aus, ein stummes Denkmal der Zivilisation, die diese G�nge einstmals mit pulsierendem Leben erf�llt hatte.</p><p>Eine verfallene Steinbr�cke spannte sich vor ihnen �ber den immensen offenen Raum. Im Zentrum der zylindrischen H�hle befand sich eine Felsformation, die einem Podest �hnelte; ihre ebene Oberfl�che entsprach in ihren Ausma�en etwa der Gro�en Halle von Ylorc. Der Abgrund auf beiden Seiten der Br�cke lie� Grunthor unwillk�rlich schaudern. Aus den Tiefen erhob sich ein feuchter Wind, schal und schwer vom Geruch nach feuchter Erde und Verlassenheit.</p><p>Schweigend trat die Gro�mutter auf die Br�cke und �berquerte sie, ohne ein einziges Mal in die Schlucht hinunterzublicken. Der tote Wind lie� ihr Gewand flattern, ein unheilvolles, peitschendes Ger�usch. Die beiden Firbolg folgten ihr �ber die Kluft zu dem m�chtigen flachen Felsen im Zentrum des Zylinders.</p><p>Als sie n�her kamen, sahen sie, dass an einem sehr langen Seil vermutlich aus Spinnenseide etwas herunterhing, das wohl an der unsichtbaren Decke weit �ber ihnen befestigt war. Das Objekt am Ende dieses Seils schwang in gemessenem Rhythmus �ber dem Felsplateau hin und her, wie die langsamen Wellen der Gezeiten oder der Herzschlag eines Schlafenden. Es schillerte sanft im Dunkeln.</p><p>Kaum dass sie auf der ebenen Fl�che des Felsen angekommen waren, lebte der Wind aus dem Bauch der H�hle auf; sein Brausen war so schwer wie der Staub, den er mit sich trug. Unwillk�rlich zog Achmed den Schleier �bers Gesicht; in den B�en dieses leblosen Windes war etwas, was vom Tod sprach. Die Gro�mutter deutete auf den Boden unter ihren F��en. In den Stein war ein Kreis aus Runen eingeritzt, in derselben Sprache wie die Worte auf dem Torbogen �ber der Kammer des Erdenkinds. Eine gro�e, verblasste Einlegearbeit befand sich im Innern des Kreises, wundersch�n und �u�erst fein, jedoch ru�beschmiert und vom Zahn der Zeit zerfressen. Die Symbole auf dem Boden zeigten die vier Winde, die Stunden des Tages und die Jahreszeiten. Achmed schloss die Augen und erinnerte sich an seine Jugend im Kloster am Rand des Hochlands von Serendair. Auch dort waren diese Zeichen in den Boden eingeritzt gewesen.</p><p>Er blickte hinauf zu dem langen Seil mit seiner langsam hin und her schwingenden Last; da begriff er, dass es sich um eine Pendeluhr handelte: das Gewicht markierte stumm die Augenblicke, Stunden und Jahreszeiten eines l�ngst vergangenen Reiches, jedes Ausschlagen des Pendels ein weiteres Bruchst�ck der endlos verstreichenden Zeit. �Hier wurde das Bann-Ritual gelehrt und einge�bt, hier wurden die Weihen vorgenommen�, erkl�rte die Gro�mutter. Ihre eigent�mliche Stimme hatte sich nun auf eine einzige Tonlage reduziert, das d�nne Zischen, mit dem sie Achmed angeredet hatte. Offenbar hielt sie es f�r unn�tig, auch Grunthor diese Information zukommen zu lassen. �In alten Zeiten ging es hier laut und gesch�ftig zu, eine Unmenge von Vibrationen, die es einzuordnen galt. Eine gute Umgebung, um jemandem beizubringen, wie man den richtigen Herzschlag erkennt und wie man auf der Jagd nach dem F�dor alle anderen Ger�usche der Welt ausschaltet.� Achmed nickte zustimmend.</p><p>Nun wanderten die grauen Augen der Gro�mutter hin�ber zu dem riesigen Bolg-Sergeanten. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme denn auch wieder doppelt�nig. �Fr�her einmal beherbergten diese Berge unsere gro�en St�dte, unsere Ratss�le. Die Tunnel waren die Adern der Kolonie, durch die ihr Lebensblut str�mte. Dieses Lebensblut waren wir, die <emphasis>Zhereditck,</emphasis> die Br�der. An diesem Ort schlug das Herz der Kolonie.�</p><p>�Wie ist das Feuer ausgebrochen?�, fragte Achmed.</p><p>�Es gab kein Feuer.�</p><p>Die beiden Bolg starrten erst die Gro�mutter, dann einander an. Grunthors Visionen waren erschreckend klar gewesen. Auch waren �berall die Zeichen von Rauch und Ru� zu erkennen, und noch immer hing ein Gestank wie von Schmelzfeuern in der Luft. Doch das Gesicht der Gro�mutter blieb unver�ndert, nur ihre Augen funkelten am�siert. �Es gab kein Feuer�, wiederholte sie und sah Achmed ins Gesicht. �Du bist ein Dhrakier, aber kein <emphasis>Zhereditck,</emphasis> keiner von den Br�dern. Du hast nie zur Kolonie geh�rt.�</p><p>�Nein.� Die Galle stieg in Achmeds Kehle hoch. Die Vergangenheit war tief in seiner Erinnerung vergraben, er hatte nicht den Wunsch, sie hervorzuholen. Er machte sich auf weitere bohrende Fragen gefasst, aber die Gro�mutter nickte nur.</p><p>�Keiner der Br�der h�tte Feuer verwendet, und sei es noch so klein. Feuer ist das Element unseres Feindes. In den T�mpeln des Urquells war gen�gend Hitze.� Die Vibrationen, die sie beim Sprechen hervorrief und die auf der Haut der M�nner prickelten, beschworen in beiden das Bild von Schwefelteichen und hei�en Quellen, blubbernd in ged�mpftem Gr�n und Lavendel, von Dampfschwaden, die auf der anderen Seite der Felswand unter dem Loritorium aufstiegen. Es war die gleiche Quelle wie die des Dunkellichts, des unterirdischen Gl�hens, das die H�hleng�nge schwach erleuchtete. Am Wurzeltunnel war es ebenso gewesen. Die Gro�mutter deutete auf den Boden. �Setzt euch�, sagte sie mit ihrer zischenden, sandigen Stimme. Als die beiden M�nner es t�ten, starrte sie erst Achmed an und blickte dann wieder in die Dunkelheit. �Es ist nur recht und billig, dass du die Geschichte in ihrer Vollst�ndigkeit h�rst, denn in gewisser Weise ist es auch die Geschichte deines eigenen Todes.�</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Im Tiefdunkel der Nacht erwachte Oelendra aus einem Traum. Sie stand wie vor zwanzig Jahren mit Llauron, Anwyns Sohn, zu F��en ihrer Schwester Manwyn, der Prophetin der Zukunft. Sie zitterte in ihrem Bett, als sie sich an die Worte der Wahnsinnigen erinnerte.</p><p><emphasis>H�te dich, Schwerttr�ger! Vielleicht wirst du den zerst�ren, den du suchst, aber wenn du heute Nacht gehst, tr�gst du ein gro�es Risiko. Wenn du versagst, wirst du nicht sterben, aber was dir im alten Land geschah, wird abermals geschehen: Wieder wird dir ein St�ck deines Herzens und deiner Seele entrissen, wie damals, als du die Liebe deines Lebens verlorst, doch dieses Mal an deinem K�rper. Und das St�ck, das dir weggenommen wird, soll dich verfolgen bei Tag und Nacht, bis du um den Tod bettelst, denn er wird es als Spielzeug benutzen, es nach seinem Willen verdrehen, es einsetzen, um seine Missetaten zu vollf�hren, und selbst dazu, um Kinder f�r sich zu zeugen</emphasis>.</p><p>Oelendra fuhr hoch und sa� kerzengerade im Bett. Die Pelzdecken waren nass von Schwei� und Tr�nen, und sie zitterte heftig. Langsam kroch sie aus dem Bett und trat ans Feuer. Es war fast erloschen, nur ein paar winzige gl�hende F�nkchen waren noch da und klammerten sich an die graue Asche. Oelendra blies auf die Glut, die rotorange aufleuchtete, und lie� sich wieder in die Hilflosigkeit einer �berm�deten zur�cksinken. Es <emphasis>ist nichts mehr da,</emphasis> schien sie zu sagen. <emphasis>Gib es zu, selbst die wildesten Feuer m�ssen eines Tages sterben. So sieht es aus</emphasis>. </p><p>Oelendra h�tte die Ged�chtnishilfe nicht unbedingt n�tig gehabt, denn sie sah das Gleiche jeden Morgen im Spiegel.</p><p>Seit Jahren hatte der Traum sie nicht mehr verfolgt, sicher schon seit einem Jahrzehnt. Warum jetzt? Das Schwert war zur�ckgekehrt; sie hatte es gesp�rt, als es aus der Erde gekommen war, nur um dann zu merken, wie sich sein Feuer immer weiter von ihr entfernte, bis es schlie�lich ganz verschwunden war. Aber jetzt f�hlte sie es wieder, bei Sonnenuntergang und bei Sonnenaufgang; es war ganz nah. Oelendra schaute in den dunklen Kamin und seufzte, als der letzte Funke verglomm. Dann lie� sie den Kopf auf den Sims sinken und schloss die Augen.</p><p>�Ich w�rde unsere Route nach Tyrian gern ein wenig �ndern.� Ashe reckte den Hals, um ihre Stimme besser zu h�ren. Sie war gerade dabei, sich in dem kleinen Wandschrank anzuziehen, und ihre Worte mussten sich gegen das st�ndige Getrommel des Regenwassers durchsetzen, das von den B�umen tropfte. �Ach ja?�</p><p>Der Vorhang wurde aufgezogen und Rhapsody trat ins Zimmer, sich die Stiefel zuschn�rend.</p><p>�Ich m�chte einen Abstecher zu der filidischen Siedlung im Gwynwald machen. Da du ja im Kreis trainiert hast, gehe ich fest davon aus, dass du sie wieder findest oder nicht?�</p><p>Auf einmal flaute der Wind ab und hinterlie� eine pulsierende Stille. Ashe schwieg eine Weile. �Ich glaube schon�, antwortete er dann endlich. �Obgleich meine Ausbildung nun eine ganze Weile her ist.�</p><p>Rhapsody blinzelte �berrascht. War das Unsicherheit in seiner Stimme? Er hatte sie den ganzen Weg von Canrif hierher gef�hrt, durch Bethe Corbair, Yarim und Canderre, durch den n�rdlichen Teil des Gwynwalds bis zur Drachenh�hle, ohne eine Landkarte und ohne jemals auch nur ansatzweise einen falschen Weg zu w�hlen. Er wanderte durch den Urwald und �ber die endlosen Felder, die sich in allen Richtungen bis zum Horizont erstreckten, als w�re er ein Nomadenk�nig und der rechtm��ige Besitzer all dieser L�nder. Es erschien ihr sonderbar, dass er sich ausgerechnet �ber den Weg zu der riesigen Filiden-Siedlung am Fu� des Gro�en Wei�en Baumes im Unklaren war, die ihrer Einsch�tzung nach nicht weit entfernt sein konnte.</p><p>�Nun, wenn du sie nicht findest, dann finde ich sie bestimmt�, meinte sie und lud sich den Tornister auf die Schulter. �Ich denke, wenn ich mich konzentrieren w�rde, k�nnte ich den Gesang des Baumes bis hierher h�ren. Genau genommen glaube ich, dass wir uns schon jetzt ganz in der N�he des �u�eren H�ttenrings befinden. Sind wir noch in Navarne oder bereits im Gwynwald?�</p><p>Er z�gerte eine ganze Weile, ehe er antwortete: �Im Gwynwald.�</p><p>Rhapsody zog die Schn�rsenkel zu. �Dachte ich mir. Ich glaube, ich war mit Gavin in diesem Teil des Waldes.�</p><p>�Ich kann den Kreis finden�, sagte Ashe kurz angebunden. �Warum willst du dorthin?�</p><p>�Ich muss eine Nachricht nach Ylorc schicken, damit man dort wei�, dass ich meine Pl�ne ge�ndert habe. Ich kann unm�glich mehrere Monate abwesend sein und sie nicht wenigstens davon in Kenntnis setzen, dass es mir gut geht und wo ich mich gerade befinde. Llauron hat Botenv�gel. Ich denke, wenn ich ihn darum bitte, wird er f�r mich eine Botschaft an Achmed senden. Aber falls das f�r dich ein Problem ist, dann verstehe ich das. Wie gesagt ich m�chte dir nicht zur Last fallen.�</p><p>Ashe sch�ttelte den Kopf. �Ich nehme dich mit zum Kreis, aber ich m�chte dort nicht in Erscheinung treten. Ich werde im Wald ein St�ck weiter s�dlich auf dich warten, w�hrend du deine Nachricht verschickst, und dann begleite ich dich den Rest des Wegs nach Tyrian.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Danke�, sagte sie. �Ich bin dir wirklich dankbar.�</p><p>Ashe setzte sich anders hin und seufzte. Kurz starrte er aus dem kleinen Fenster nach drau�en, dann schloss er die Augen.</p><p>�Wenn du mir dankbar bist, k�nntest du es mir dadurch zeigen, dass du mich noch ein bisschen schlafen l�sst. Der Morgen d�mmert noch nicht einmal.�</p><p>Am n�chsten Morgen kam die Sonne wieder zum Vorschein, und der Waldboden war einigerma�en trocken. Sie brachen auf, schl�ssen mit Bedauern die T�r der H�tte hinter sich und suchten sich wieder einen Weg am Wasserfall vorbei.</p><p>Schweigend gingen sie nebeneinander her. Ashe hatte die Kapuze wieder aufgesetzt, und was er dachte, schien dahinter ebenso zu verschwinden wie sein Gesicht. Rhapsodys eigene Gedanken schweiften in alle Richtungen und verstreuten sich wie Bl�tter im Wind. Nach einer Weile schloss sie die Augen und lauschte auf das Lied des Baums. Fast unmittelbar drang es an ihr Ohr; es summte leise in der Erde und in der Luft um sie herum. Ein langsames Lied, voll schlummernder Macht, �hnlich wie ein G�hnen und ein Strecken nach einem langen Schlaf, ein Aufwachlied.</p><p>Erregung durchlief sie und versetzte sie in Schwingungen. �berall um sie herum herrschte die Atmosph�re von Wiedergeburt, und sie f�hlte sich dazugeh�rig, hier an diesem Ort des Fr�hlings. Ein freudiges L�cheln erschien auf ihren Lippen, als ihr pl�tzlich etwas einfiel. Sie blieb stehen und drehte sich schnell zu Ashe um.</p><p>�Hast du deine Ausbildung als Waldh�ter hier gemacht? Bei Gavin?�</p><p>�Ja.�</p><p>Rhapsody blickte durch die B�ume nach S�den. �Im S�den des Kreisgebiets, ungef�hr auf dem halben Weg zum TrefY Gwartheg, gibt es eine Wegmarkierung, eingebrannt in eine kleinbl�ttrige Linde�, sagte sie. �Glaubst du, dass du sie anhand dieser groben Beschreibung finden kannst?�</p><p>�Ja�, antwortete Ashe, und Rhapsody meinte ein L�cheln in seiner Stimme zu vernehmen. Nachdem sie nun sein Gesicht kannte und es angenehm fand, war es noch netter, sich vorzustellen, wie er l�chelte. Vorher war alles ihrer Phantasie �berlassen gewesen.</p><p>�Nun, warum treffen wir uns nicht heute Abend dort? Es sind etwa neun Meilen Fu�marsch von hier, das m�sste ich schaffen, wenn ich nicht aufgehalten werde.�</p><p>�Ich warte auf dich.�</p><p>�Nur bis heute Abend. Wenn ich nicht komme, dann geh ohne mich weiter. Ich m�chte nicht daf�r verantwortlich sein, wenn du auch nur einen Augenblick sp�ter als n�tig zu deiner Liebsten kommst. Ich bin sicher, dass Llauron mir einen Waldh�ter als Begleiter aussuchen kann, der nach S�den unterwegs ist.�</p><p>Ashe sch�ttelte den Kopf. �Tu das lieber nicht�, entgegnete er, und jegliche W�rme war aus seiner Stimme verschwunden. �Je weniger Leute wissen, wohin du gehst, desto besser, Rhapsody. Ich w�rde nicht einmal Llauron davon erz�hlen, wenn es nicht unbedingt sein muss.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Wei�t du, dass du mehr �hnlichkeit mit Achmed hast, als mir jemals bewusst geworden ist?�, sagte sie und setzte die Kapuze auf. �Nun gut, ich werde verschwiegen sein. Leb wohl, Ashe. Falls ich dich heute Abend nicht wieder sehe, danke ich dir schon jetzt noch einmal f�r all deine Hilfe.�</p><p>�Gern geschehen. Ich bringe dich noch bis zu den Herber~ gen, ehe sich unsere Wege trennen. Und du wirst mich heute Abend wieder sehen.�</p><p>Sie l�chelte. �Da bin ich sicher so viel du mich eben von dir sehen l�sst.�</p><p>Der Wind wurde st�rker und verschluckte fast Ashes leise Antwort.</p><p>�Ich habe dir weit mehr von mir gezeigt als den meisten. Hoffen wir, dass wir es beide nicht bereuen m�ssen.�</p><p>Au�erhalb des Rings von Waldh�tten, die den gr��ten Kreis der filidischen Siedlung bildeten, befand sich eine Herberge eine Reihe kleiner Wandererh�tten mit einem gr��eren Haus in der Mitte. Rhapsody erkannte die Geb�udegruppe als eine der Pilgerherbergen wieder. Zu einer dieser Unterk�nfte hatte Llaurons Tanist Khaddyr sie gebracht, als sie zum ersten Mal zum Kreis gekommen war.</p><p>Ashe war an einer Anzahl �hnlicher Herbergen vor�bergegangen, ehe er sie auf ein etwas kleineres Geb�ude aufmerksam machte.</p><p>�Warum gerade dieses?�, fragte sie. �Warum nicht eines von denen, die wir vorhin gesehen haben?�</p><p>�Weil ich glaube, dass du dort Gavin finden wirst�, antwortete Ashe. Rhapsody lachte. �Es ist leichter, ein bestimmtes Flachskorn in einem Zwei-Zentner-Sack zu finden, als Gavin an einem Ort, an dem man ihn vermutet�, meinte sie. �Er k�nnte sich irgendwo auf dieser Seite des Kontinents befinden.�</p><p>�Nun, dann besteht die gleiche Wahrscheinlichkeit, dass er hier ist, wie irgendwo sonst�, entgegnete er achselzuckend. �Willst du ihn eigentlich aus einem besonderen Grund sehen?�</p><p>�Nein. Jemand anderes, der mich zur Burg bringen kann, ohne dass er unterwegs angehalten wird, w�re mir genauso recht.�</p><p>�Dann bist du am richtigen Ort. Frag einfach nach einem der Waldh�ter; ich bin �berzeugt, dass sie dir mehr als bereitwillig helfen. Aber verhandle nur mit einem, Rhapsody. Und lass deine Kapuze auf. Dann also bis heute Abend.�</p><p>Rhapsody sah ihm nach, wie er zwischen den B�umen verschwand. Dann wandte sie sich wieder zu dem knospenden Wald um, der vor ihr lag.</p><p>Ein paar Novizen in den kapuzenlosen Roben des Filiden-Ordens wanderten plaudernd zwischen den Herbergen umher. Rhapsody wartete, bis sie im Wald verschwunden waren, ging dann zur T�r des Hauptgeb�udes und wollte anklopfen.</p><p>Doch ehe ihre Kn�chel das Holz ber�hrten, �ffnete sich die T�r. Vor ihr stand ein braunh�utiger Mann mit einem dunklen Vollbart, gekleidet in die gr�nbraune Tracht des Waldh�terregiments, jener M�nner, die den Pilgern auf ihrer Reise zum Kreis und zum Gro�en Baum als F�hrer dienten. Rhapsody hielt mitten in der Bewegung inne; ansonsten w�re ihre Hand in seinem Gesicht gelandet.</p><p>�Gavin? Entschuldige!�</p><p>�Rhapsody!� Gavin starrte sie an und begann dann zu l�cheln. �Was machst du denn hier?�</p><p>�Ich muss Llauron um einen Gefallen bitten�, antwortete sie. �Meinst du, ich k�nnte ihn sehen?�</p><p>�Das denke ich schon�, erwiderte er und zog an der Klinke, um die T�r hinter sich zu schlie�en. �Ich bin gerade auf dem Weg zur Burg. Nach jedem Neumond h�lt Llauron ein Treffen der Hauptleute ab. Du kannst mich gern begleiten, wenn du m�chtest.�</p><p>�Danke�, sagte Rhapsody und folgte ihm von der Schwelle in den Wald hinein. �Mit Freuden.� Sie musste sich beeilen, mit ihm Schritt zu halten, und nahm sich vor, Ashe das n�chste Mal, wenn sie ihm begegnete, ein Kompliment zu machen. Er war ungef�hr genauso gro� wie Gavin, hatte sich aber auf ihren gemeinsamen Wanderungen immer gebremst, damit sie nicht hinter ihm her rennen musste.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Gegen Mittag gelangten sie zu der weiten Waldwiese, die den Gro�en Wei�en Baum umgab. Seit sie den Waldrand erreicht hatten, war Rhapsody seinem Gesang gefolgt; was als tiefes Summen in ihrer Seele begonnen hatte, war jetzt eine laut schallende Melodie, langsam und nur leicht variierend, aber erf�llt von einer bezaubernden Sch�nheit und unverkennbaren Kraft.</p><p><emphasis>Ganz �hnlich wie Sagias Lied,</emphasis> dachte sie und erinnerte sich an die Melodie des Baums auf der anderen Seite der Welt, durch den sie mit Grunthor und Achmed entflohen war; nur besa� die hiesige Melodie einen jugendlichen Schwung, der Sagia gefehlt hatte. Daf�r barg Sagias Lied eine gelassene Weisheit und eine Tiefe in sich, mit denen sich das, was jetzt an ihr Ohr drang, nicht messen konnte. Vielleicht war es darauf zur�ckzuf�hren, dass die Sagia sich an dem Ort entwickelt hatte, an dem das erste Element der �ther geboren worden war, und dass der Gro�e Wei�e Baum dort stand, wo das letzte die Erde erschienen war. Alter und Jugend, zusammengehalten von der Geschichte und der Axis Mundi.</p><p>Als sie den Baum endlich sehen konnte, blieb Rhapsody vor Ehrfurcht unwillk�rlich stehen. Der Stamm des Gro�en Wei�en Baums ma� gut und gern f�nfzig Fu� im Durchmesser; der erste Hauptast zweigte mehr als hundert Fu� �ber dem Boden ab und f�hrte mit immer mehr �sten zu der ausladenden, in der gr�nwei�en Pracht frischer Bl�tter erstrahlenden Krone. Die Mittagssonne schien auf die Rinde und verlieh ihr einen beinahe �therischen Glanz, warf Flecken aus goldenem Licht zwischen die gigantischen �ste und lie� verschwommene Strahlen auf den Boden hinabregnen, erf�llt von vertr�umter Magie. Rund um den Baum, etwa hundert Fu� von der Stelle entfernt, wo die m�chtigen Wurzeln die Erde durchbrachen, war ein Ring von B�umen angepflanzt worden, einer von jeder auf der Welt bekannten Art und einige davon die letzten Vertreter ihrer Art, wie Llauron Rhapsody einst erkl�rt hatte.</p><p>Auf der anderen Seite der Wiese stand eine Gruppe uralter B�ume, allesamt sehr hoch und breit, aber in ihren Ausma�en doch nie und nimmer mit dem Gro�en Wei�en Baum vergleichbar. Zwischen den B�umen und um sie herum lag ein gro�es, wundersch�nes Geb�ude, von sehr einfacher, jedoch zugleich atemberaubender Architektur. Bei seinem Anblick wurde Rhapsody warm ums Herz.</p><p>Llaurons verwinkeltes Haus war teilweise hoch in die �ste hinein, teilweise auf Stelzen gebaut, mit Fenstern, von denen aus man auf den gro�en Baum sehen konnte. Kunstvolle Schnitzereien verzierten das �u�ere, vor allem den Turm, der hoch �ber den Baumkronen aufragte. Mit der Ankunft des Fr�hlings hatte das Haus einen �hnlichen Glanz angenommen wie die Rinde des Gro�en Wei�en Baums; schimmernd stand es im k�hlen Schatten des W�ldchens.</p><p>Eine hohe Steinmauer, ges�umt von bl�henden G�rten, die geschlafen hatten, als Rhapsody das letzte Mal hier gewesen war, f�hrte zu einem Teil des kleineren Geb�udefl�gels, wo eine schwere Holzt�r, alt und scheinbar von Salzgischt ramponiert, zu beiden Seiten von Soldaten bewacht wurde.</p><p>In der oberen Ecke der T�r befand sich ein Hexenzeichen, eine Spirale, die einen Kreis bildete. In der Mitte der T�r war das Bild irgendeines mythischen Tiers zu erkennen, vielleicht ein Drache oder ein Greif, in Goldblatt gearbeitet, vom Zahn der Zeit und den Elementen allerdings ziemlich angegriffen. Und noch mehr Llauron hatte gesagt, dass diese T�r einmal der Eingang zu einem Gasthaus in Serendair gewesen sei. Dieses Etablissement hatte eine bedeutsame Rolle gespielt in der Geschichte des Krieges, der sich zusammengebraut hatte, als Rhapsody mit ihren beiden Gef�hrten die Insel verlassen hatte. So war sie f�r Rhapsody eine Erinnerung an die Heimat und an ihre eigene Verlorenheit zugleich.</p><p>�Es tut gut, diesen Ort wieder zu sehen�, sagte sie zu Gavin, als sie an den breiten Blumenbeeten entlangschritten, die in �ppiger Farbenpracht bl�hten. In den G�rten der Filiden war die Bl�tezeit dem Rest der Flora auf dem westlichen Kontinent weit voraus. �Ich habe ihn vermisst.�</p><p>Gavin l�chelte und nickte den Wachen an der T�r zu, die vor ihm salutierten. �Du kannst gern hier bleiben, wei�t du. Wenn dir der Luxus in Llaurons Haus nicht behagt, kannst du auch in meiner H�tte wohnen, ich bin sowieso nie zu Hause.� Er �ffnete die T�r. Rhapsody folgte ihm in die Eingangshalle des Hauses. Sonnenlicht str�mte durch die Fenster in der gew�lbten Decke, hinter denen die Baumwipfel �ber dem hohen Dach zu sehen waren. Ein Duft nach Zedern und frischen Kiefernzweigen erf�llte die Luft des seltsamen Hauses, vermischt mit dem w�rzigen Aroma von Kr�utern und Blumen. Dankbar atmete Rhapsody die tr�stlichen Ger�che ein.</p><p>In der mittleren Halle stand eine kleine Gruppe von M�nnern und Frauen in einfacher, b�uerlicher Kleidung und unterhielt sich ged�mpft, bis Gavin die T�r hinter sich schloss. Als Ersten erkannte Rhapsody Khaddyr, Llaurons Tanist und oberster Heiler. Khaddyr war der Mann, den die Kreis�ltesten zum Nachfolger des F�rbitters gew�hlt hatten, aber nun verbrachte er seine Tage damit, die Novizen in Medizin zu unterrichten und sie in der Pflege der Kranken und Sterbenden in den Hospizen der filidischen Siedlung zu unterweisen. Trotz seiner gelegentlich etwas barschen Art war Khaddyr ein aufopfernder Heiler und k�mmerte sich ungez�hlte Stunden mitf�hlend um die ihm anvertrauten Patienten. Seine Gespr�chspartnerin war Lark, die stille lirinsche Kr�uterfrau. Lark war sch�chtern und zur�ckhaltend und sprach eigentlich nur, wenn jemand ihr eine Frage stellte oder sie in eine Diskussion �ber ein ihr besonders vertrautes Thema verwickelte. Ein St�ck weiter den Gang hinunter stand Bruder Aldo, ein ebenfalls sehr scheuer, vor allem auf Waldtiere spezialisierter Heiler und Leiter der Gruppe, die den Stadtbewohnern bei der Pflege ihres Viehs halfen. Er unterhielt sich mit Ilyana, die f�r Landwirtschaft zust�ndig war und Llaurons Gew�chsh�user verwaltete. Alle starrten Rhapsody an, als sie ebenso wie die anderen filidischen Oberpriester ihre Kapuze abnahm.</p><p>Doch dann sch�ttelte Khaddyr �berrascht den Kopf, und ein L�cheln breitete sich auf seinem Gesicht aus.</p><p>�Rhapsody! Welch eine �berraschung! Wie sch�n, dich hier zu sehen, meine Liebe.�</p><p>�Danke, Euer Gnaden, ich freue mich auch sehr, Euch zu sehen.� Damit verneigte sie sich h�flich vor den anderen. �Ist auch Llauron zugegen?�</p><p>�Allerdings, das ist er�, erklang rechter Hand eine Stimme. Llauron stand in der T�r zu seinen Amtsr�umen, gekleidet in sein �bliches schlichtes, graues Gewand, in der Hand einen Stapel Papiere.</p><p>Das Gesicht des F�rbitters war angenehm und voller Runzeln, mit Lachfalten um die Augen, silberwei�en Haaren, buschigen Augenbrauen und einem gepflegten, ebenso dichten Schnurrbart. Er war gro� und recht zierlich, schien aber bei guter Gesundheit zu sein. Seine Wettergegerbte Haut zeichnete ihn als einen Menschen aus, der die meiste Zeit im Freien verbringt. �Und er freut sich sehr, dich zu sehen, obwohl ich keine Ahnung hatte, dass du kommen w�rdest. Entschuldigt mich bitte einen Moment, Eure Gnaden�, f�gte er, an die Br�der gewandt, hinzu.</p><p>Die anderen nickten, und Llauron dr�ckte die Papiere, die er mitgebracht hatte, Gavin in die Hand. Dann nahm er Rhapsody sanft beim Arm und f�hrte sie in sein Studierzimmer. Als die T�r hinter ihnen ins Schloss gefallen war, k�sste der F�rbitter Rhapsody auf die Wange und ging zum Kamin, wo ein dampfender Kessel hing.</p><p>�Tee, meine Liebe?�</p><p>�Nein, aber trotzdem vielen Dank, Llauron. Es tut mir Leid, wenn ich Euch st�re, indem ich unangek�ndigt hier hereinplatze.�</p><p>�Ganz und gar nicht, es ist eine erquickende �berraschung. Mach es dir gem�tlich. Ich muss zwar das Treffen mit den Hohepriestern abhalten, aber ich werde Gwen und Vera Bescheid geben, dass du hier bist. Dann k�nnen sie dir ein Essen zubereiten und dein Zimmer fertig machen. Wie lange hast du vor zu bleiben, meine Liebe?�</p><p>�Gar nicht, f�rchte ich�, entgegnete Rhapsody beklommen. �Ich bin unterwegs an einen anderen Ort und muss mich schon bald wieder auf den Weg machen.�</p><p>�Verstehe.� Die k�hlen blaugrauen Augen des F�rbitters verengten sich leicht, doch sein Gesicht behielt den freundlichen Ausdruck bei.</p><p>�Ich habe gehofft, mich mit einer Bitte an Euch wenden zu d�rfen.�</p><p>�Unbedingt. Was kann ich f�r dich tun?�</p><p>Rhapsody nahm ihre Handschuhe ab; pl�tzlich waren ihre H�nde schwei�feucht. �Ich muss eine Botschaft nach Hause schicken, zu Achmed, und m�chte lieber nicht auf die Karawane warten. Daher hoffe ich, Ihr werdet mir erlauben, mich eines Eurer Botenv�gel zu bedienen.�</p><p>Llauron nickte nachdenklich. �Gewiss. Deshalb also habe ich so lange nichts von dir geh�rt; du warst auf Reisen.� Rhapsody machte sich auf die unvermeidlichen Fragen gefasst, aber anscheinend sp�rte Llauron, dass sie nicht willens war zu antworten, und hakte nicht nach.</p><p>�Nun, selbstverst�ndlich k�nnen wir f�r dich eine Botschaft schicken. Setz dich doch und ruh deine Beine aus, meine Liebe. Ich werde dir von Vera etwas zu essen und neuen Proviant bringen lassen. Brauchst du Kr�uter oder irgendeine Medizin?�</p><p>�Nein, nein, danke�, erwiderte sie und folgte seinem ausgestreckten Finger zu dem Rosshaarsofa, wo sie sich niederlie�.</p><p>�Nun, vielleicht finden wir trotzdem ein paar spezielle Dinge f�r dich, die du mit nach Hause nehmen kannst. Ich bin sicher, die Bolg k�nnen etwas damit anfangen. Doch nun, meine Liebe, m�chte ich, dass du dir das hier ansiehst.� Er ging zu einer von T�felung und B�cherregalen verborgenen T�r auf der anderen Seite des Studierzimmers und �ffnete sie;</p><p>Rhapsody kannte sie bereits, sie f�hrte in Llaurons privates Studierzimmer.</p><p>�Erinnerst du dich an Mahb, die junge Esche in meinem hinteren Medizingarten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hinter dem Baum liegt ein versteckter Eingang, den du benutzen kannst, ungef�hr so wie diesen hier. Wenn du das n�chste Mal kommst, darfst du dich gern seiner bedienen. Er f�hrt dich in mein privates Studierzimmer, und falls deine Reise heikler Natur ist, was ich dieses Mal vermute, dann muss kein anderer von deiner Ankunft erfahren.�</p><p>�Danke�, antwortete sie, w�hrend Llauron die T�r wieder schloss. Der F�rbitter schenkte ihr ein herzliches L�cheln. �Keine Ursache. Nun, w�hrend du dich erfrischst, werde ich mich um meine Versammlung k�mmern, und wenn ich zur�ckkehre, helfe ich dir beim Versenden deiner Botschaft.�</p><p>Rhapsody hatte gerade aufgegessen, was Vera ihr im Studierzimmer aufgetischt hatte, als Llauron zur�ckkehrte. Sorgsam schloss er die T�r hinter sich. �ber seiner Schulter hing ein kleiner Beutel; in der Hand hielt er einen kleinen blaugrauen Wintervogel, ein kr�ftiges Tier von der Art, die h�ufig Nachrichten von ihm zu ihr nach Ylorc brachten.</p><p>�Nochmals guten Tag�, sagte er, w�hrend er den Kopf des Vogels streichelte. �Bist du satt geworden?�</p><p>�Mehr als das, danke, Euer Gnaden�, antwortete sie und wischte sich schnell den Mund mit der Leinenserviette ab, die auf dem Tablett lag.</p><p>�Das hier ist Swynton, einer meiner besten Boten �ber gro�e Entfernungen; ich glaube, du kennst ihn bereits. Auf dem Schreibtisch findest du eine Feder, ein Tintenfass und Pergament, falls du so nett sein m�chtest, jetzt deine Nachricht zu schreiben; der Vogel ist ein bisschen durcheinander.</p><p>Ich habe ihn ziemlich unsanft aus dem Schlaf geholt, und ich habe das Gef�hl, das will er mir noch nicht so ganz verzeihen.�</p><p>�Hit mir Leid.� Rhapsody ging eilig zum Schreibtisch, kritzelte eine Notiz, l�schte die Tinte und rollte das St�ckchen Pergament dann eng zusammen. Llauron l�chelte, griff in seine Tasche und zog einen kleinen Metallbeh�lter heraus, den er Rhapsody reichte. Sie steckte die Botschaft hinein, der F�rbitter befestigte das R�hrchen am Fu� des Vogels und deutete mit einer Kopfbewegung zu der verborgenen T�r.</p><p>�Gehen wir durch die Geheimt�r, damit du sie auch bestimmt wieder findest�, meinte er.</p><p>�Wenn du das n�chste Mal kommst, haben wir hoffentlich mehr Zeit und k�nnen uns unterhalten. Ich habe dich schrecklich vermisst.�</p><p>Rhapsody �ffnete die T�r. �Das w�rde ich sehr gern tun�, erwiderte sie. Dann folgte sie Llauron durch den versteckten Eingang, der sie durch einen dunklen Erdtunnel in den stillen Raum neben der K�che f�hrte. Dort warteten sie, bis die Luft rein war und traten schlie�lich hinaus ins helle Licht des Sp�tnachmittags.</p><p>�Meinst du, dass du die T�r wieder findest?�, fragte Llauron, als er den Vogel freilie�.</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Gut, gut.� Llauron legte die Hand sch�tzend �ber die Augen, als der Wintervogel aufstieg, sich im Wind in die Kurve legte und kurz darauf �ber den Baumwipfeln verschwand. �Weg ist er. Keine Sorge, meine Liebe. Deine Freunde werden die Nachricht unbeschadet erhalten.�</p><p>Rhapsody l�chelte den alten Mann an. Er hatte sie nicht im Geringsten nach ihrem Vorhaben ausgefragt und auch den Inhalt der Botschaft nicht wissen wollen. Sie blickte ihm ins Gesicht und sah dort v�terliche Sorge.</p><p>�Vielen Dank noch einmal, Llauron�, sagte sie und ergriff seine Hand. �Entschuldigt, dass ich einfach so unh�flich hereingeplatzt bin und sofort weiterhaste.�</p><p>�Nun, manchmal geht es eben nicht anders, ganz gleich, wie sehr wir uns alle �ber einen l�ngeren Besuch von dir freuen w�rden, meine Liebe. Gwen hat deinen Proviant schon gepackt.� Damit nahm er den Beutel von seiner Schulter und �berreichte ihn ihr. �Wenn du mir erlaubst, einen Segen f�r dich zu sprechen, so bitte ich den Allgott darum, dass er dich auf deiner Reise besch�tzt, bis du unversehrt wieder zu deinen Freunden nach Ylorc zur�ckkehrst.�</p><p>�Danke.� Rhapsody neigte respektvoll den Kopf; Llauron legte seine Hand auf ihr Haar und sprach ein paar Worte in Altcymrisch, der Sprache ihrer Kindheit, die inzwischen fast vergessen war und nur noch f�r religi�se Zwecke verwendet wurde. Als seine F�rbitte beendet war, t�tschelte der alte Mann sanft Rhapsodys Wange, hob dann ihr Kinn an und musterte ihr Gesicht.</p><p>�Sei vorsichtig, meine Liebe; ich m�chte nicht, dass dir etwas zust��t. Wenn du irgendetwas brauchst, solange du dich in meinem Land aufh�ltst, sage bitte jedem, dem du begegnest, dass du unter meinem Schutz stehst; dann wird man dir helfen.�</p><p>�Noch einmal danke, Llauron. Doch nun muss ich aufbrechen. Bitte dankt auch Gwen und Vera von mir.� Rhapsody streckte die Arme aus und umarmte den alten Herrn geschwind.</p><p>�Bitte passt auch auf Euch selbst gut auf.�</p><p>Der F�rbitter erwiderte ihre Umarmung, und als er sie loslie�, leuchteten seine Augen voller Zuneigung.</p><p>�F�r dich, meine Liebe, w�rde ich alles tun. Gute Reise und gr��e deine Freunde in Ylorc herzlich von mir.�</p><p>Als Rhapsody am Abend zur Wegmarkierung kam, wartete Ashe dort bereits auf sie.</p><p>�Wie ich sehe, hast du es gefunden.�</p><p>Er lachte leise. �Ja. Konntest du deine Botschaft abschicken?�</p><p>�Ja, danke. Ashe?�</p><p>Er hatte sich bereits nach S�den gewandt, bereit zum Aufbruch. �Ja?�</p><p>�Danke, dass ich nicht rennen muss, um Schritt mit dir halten zu k�nnen.�</p><p>�Gern geschehen, Rhapsody. Wie ich dir schon damals bei den Zahnfelsen sagte wenn du anfangen w�rdest zu rennen, k�me <emphasis>ich</emphasis> wahrscheinlich nicht mehr mit.�</p><p>Die Reise nach S�den durch den erwachenden Wald verlief ereignislos, gekennzeichnet durch Dickichte aus bl�henden B�umen und gr�nem Blattwerk, so weit das Auge reichte. Rhapsody fragte sich, wann die Welt wohl nicht mehr wie ein endloser Wald auss�he, durch den sie wanderten.</p><p>Der Fr�hling war bis ins Blut vorgedrungen; Rhapsody atmete die Luft tief ein, und ihre Augen strahlten. So schritt sie mit einem Gef�hl von Ehrfurcht einher und fragte sich, was Elynsynos mit ihrer tiefen Verbundenheit zur aufbl�henden Erde wohl f�hlen mochte. Sie hoffte, dass diese Jahreszeit f�r die Drachin angenehm war.</p><p>Nach einigen Tagen sp�rte sie, dass sie sich lirinschem Land n�herten. Eines Nachmittags wandte sie sich Ashe zu und ber�hrte seinen Arm.</p><p>�Ashe?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Jetzt sind wir in Tyrian, oder?�</p><p>�Ja, ich denke schon.�</p><p>�Ich glaube eigentlich, dass wir schon seit ein paar Stunden in Tyrian sind.�</p><p>�Da k�nntest du Recht haben.�</p><p>�Nun�, meinte Rhapsody und blieb stehen, �dann sind wir dort angekommen, von wo aus ich allein weitergehen sollte.�</p><p>Ashe antwortete nicht, sondern schnallte seinen Tornister ab und legte den Wanderstab auf den Boden.</p><p>Auch Rhapsody entledigte sich ihrer Sachen. Dann blickte sie in die dunkle Kapuze empor, in der Hoffnung, dort einen Blick in seine blauen Augen zu erhaschen. Aber sie konnte nichts dergleichen entdecken.</p><p>��Danke� ist wirklich nicht genug, um auszudr�cken, wie sehr ich es zu sch�tzen wei�, was du alles f�r mich getan hast�, sagte sie und hoffte, dass sie im richtigen Winkel zu ihm aufschaute. �Aber trotzdem sage ich vielen Dank.�</p><p>276</p><p>�Ich bin gern bereit, auf dich zu warten und dich zur�ck nach Ylorc zu begleiten�, sagte Ashe.</p><p>Rhapsody lachte. �Nochmals danke, aber ich glaube, ich habe deine Zeit lange genug in Anspruch genommen. Du m�chtest doch bestimmt in dein eigenes Leben zur�ckkehren, und falls du keines hast, dann such dir eines, um Himmels willen.� Von Ashe kam keine Reaktion.</p><p>�Au�erdem hoffe ich, dass Oelendra mich als Sch�lerin aufnimmt, und wenn sie das tut, werde ich voraussichtlich eine ganze Weile hier sein. Und ich <emphasis>bin</emphasis> in der Lage, auf mich selbst aufzupassen. Wirklich.�</p><p>�Das wei� ich.�</p><p>�Aber falls Herzog Roland mich zu seiner Hochzeit einl�dt, kannst du mich gern begleiten�, sagte sie, immer noch lachend. �Unsere Kleidung passt jetzt schon so gut zusammen.� Damit hob sie einen Zipfel ihres Umhangs in die H�he.</p><p>Eine pl�tzliche k�hle Brise fuhr durch die Baumgruppe, blies Rhapsody die losen Haarstr�hnen ins Gesicht und betonte das dr�ckende Schweigen. Nochmals ber�hrte sie Ashes Arm. �Nun, dann auf Wiedersehen�, sagte sie. �Ich w�rde dich gern auf die Wange k�ssen, aber ich wei� mal wieder nicht, wo sie ist.�</p><p>Ashe legte einen behandschuhten Finger auf ihre Lippen, als wollte er sie zum Schweigen bringen. �Wenn du mir gestattest, dich zu f�hren, w�rde ich deinen Mund an die richtige Stelle lenken.�</p><p>Rhapsody grinste, schloss die Augen und reckte das Kinn nach oben. Behutsam brachte er ihr Gesicht in die richtige Position, und als sein Finger zu ihren Lippen zur�ckkehrte, folgte sie ihm nach oben ins Innere der weiten Kapuze. Dann zog er seine Hand zur�ck, und statt den kratzigen Bartstoppeln begegneten ihre Lippen den seinen und dr�ckten sich einen Moment lang auf sie, warm und weich. Sie war nicht wirklich �berrascht. Schnell gab sie ihm noch einen Kuss und b�ckte sich dann, um ihre Sachen aufzuheben.</p><p>�Also dann auf Wiedersehen�, wiederholte sie, als sie sich aufrichtete und zum Gehen wandte. �Ich w�nsche dir eine gute Reise. Und sei bitte vorsichtig.�</p><p>�Du ebenfalls.�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde ernst. �Ashe?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Bitte denk �ber das nach, was ich gesagt habe. Wegen des Barts.�</p><p>Aus der Kapuze glaubte sie ein leises Lachen zu h�ren.</p><p>Rhapsody setzte ebenfalls die Kapuze auf, wandte sich um und ging davon. Nach ungef�hr zehn Schritten machte sie noch einmal kehrt. �Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wieder sehen.�</p><p>Aus der Stimme, die aus dem nebligen Umhang kam, konnte man das L�cheln beinahe heraush�ren. �Wenn ich ein Spieler w�re, w�rde ich darauf wetten.�</p><p>Rhapsody blickte ihn nachdenklich an. �Ja, aber wir wissen beide, dass du kein Spieler bist.�</p><p>Noch einmal l�chelte sie ihm zu, dann wandte sie sich um und verschwand. So lange wie m�glich sah Ashe ihr nach. Noch eine ganze Weile konnte er ihre Stimme h�ren, wie sie das Fl�sterlied der B�ume sang, wie sie die wortlose Melodie des Windes �ber das Hochgras pfiff und mit der Schwingung der Erde summte, hier an diesem Ort, wo sie nach Antworten suchte und den sie, so hoffte er, eines Tages regieren w�rde. Und so wurde sie eins mit Tyrian, lernte sein Lied, seine Geheimnisse kennen.</p><p>Erst als sie gut zwei Meilen entfernt war, konnte er ihren Duft nicht mehr wahrnehmen und sich k�rperlich nicht mehr erinnern, wie ihn der Geruch ihres Haars an einen heraufd�mmernden Morgen gemahnte. Noch einmal acht Meilen dauerte es, bis er die W�rme ihres inneren Feuers nicht mehr sp�rte. Der w�rzigs��e Geschmack ihres Mundes und die sch�chterne Sanftheit ihres Kusses w�rden noch viele Wochen auf seinen Lippen verweilen. Er wusste, dass die Bilder, wie sie sich von ihm verabschiedet und wie sie im Schatten des Feuerscheins ausgesehen hatte, ihn sein Leben lang begleiten w�rden. Er hatte sie nicht ber�hrt au�er mit der behandschuhten Hand und bei einem kurzen freundschaftlichen Kuss. Doch seine Finger taten noch immer weh, ein stechender Schmerz, der sich in seinem K�rper ausbreitete und ihm mit gr�sslicher H�rte seine Einsamkeit vor Augen f�hrte. Mit gro�er Heftigkeit wallte die Qual wieder auf, die beinahe geschlummert hatte. Der Drache in ihm z�rnte wegen des Verlusts ihres eingeborenen Zaubers; der Mann in ihm vermisste noch viel mehr.</p><p>Und mit der R�ckkehr seiner Einsamkeit und seines Schmerzes kam die Erinnerung an das, was bevorstand, und an die Rolle, die er dabei spielen w�rde. Die Erkenntnis, dass auch sie solch grausamen Schmerz erfahren w�rde, war unertr�glich f�r sein gemartertes Herz. Ashe fiel auf die Knie und kr�mmte sich zusammen, bis seine Stirn den Boden ber�hrte. Den Kopf mit den H�nden umklammert, weinte er, sog den scharfen Geruch des Waldweges ein und benetzte die Erde mit Drachentr�nen, die ein St�ck Obsidian zur�cklie�en, mit goldenen Sprenkeln, die im Sonnenlicht glitzerten.</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Eine lange Zeit h�rte man im gro�en Herzen dessen, was einst die Kolonie gewesen war, nichts als das sanfte Schwirren des alten Uhrenpendels, das langsam in der Dunkelheit hin und her schwang. Die alte Dhrakierin schlang ihr Gewand enger um sich und lie� schweigend den Blick durch die leere Ruine schweifen. Als sie endlich sprach, hallte ihre wortlose Stimme durch die H�hle und wurde vom schalen, feuchten Wind verschluckt.</p><p>�Am Tag, als die Kolonie zerst�rt wurde, herrschte an diesem Ort ebenso viel Leben, wie ihm jetzt mangelt.� Ihre Augen schweiften �ber die dunklen G�nge, als wollte sich die alte Frau die einstige Betriebsamkeit in Erinnerung rufen. Achmed sah, wie sich die durchscheinende Haut ihres Gesichts spannte, wie die Muskeln darunter sich zusammenzogen, als wollten sie einen Schutzwall gegen die Erinnerung errichten. Die zarten Adern, welche die Haut durchzogen, f�rbten sich dunkler, w�hrend der Blutstrom aus ihrem Herzen st�rker wurde und der Puls, den Achmed in seiner eigenen Haut sp�ren konnte, sich beschleunigte.</p><p>�F�dor�, fl�sterte die Gro�mutter mit noch immer geschlossenen Augen. Achmeds Blut h�mmerte gegen sein Trommelfell und dr�hnte in seinem Kopf. Neben sich h�rte er, wie auch Grunthors kr�ftiger Herzschlag schneller wurde und mehr Blut durch die Adern pumpte. Da �ffnete die alte Frau die Augen und starrte direkt in die Achmeds.</p><p>�Schon das Wort ist dir ein �rgernis�, stellte sie fest. Langsam nickte der Firbolg-K�nig .</p><p>�Dein Blut singt vor Hass, genau wie das meine, wegen eines alten Schwurs, den deine Vorfahren, die Kith, abgelegt haben. Sie waren die S�hne des Windes, eine der ersten f�nf Rassen dieser Welt.� W�hrend sie redete, f�hlte Achmed, wie sich die Schwingungen in der Ruine zu einem leisen Summen verdichteten. Der feuchte Wind aus den Tiefen der H�hle wurde ein wenig frischer, als beteiligte auch er sich an der Geschichte, die sie erz�hlte.</p><p>�In den Tagen der Vorzeit machten sich vier dieser alten Rassen daran, die F�dor in den Tiefen der Welt einzusperren�, fuhr die Gro�mutter fort. �Eine jede �bernahm bei diesem Vorhaben eine besondere Aufgabe. Die j�ngste Rasse, die man als Wyrmril kennt, baute den Kerker, in dem die F�dor f�r alle Zeiten gefangen bleiben sollten. Aus Lebendigem Gestein.�</p><p>Die schwarzen Augen der Alten funkelten unheimlich. �Genau so, wie sie auch die Kinder der Erde geschaffen hatten.� Achmed blickte zu Grunthor hin�ber, aber der Bolg-Riese schwieg. Er lauschte gespannt auf die zweite Stimme der Matriarchin, die mit einer tieferen Schwingung zu ihm sprach.</p><p>�Die anderen beiden Rassen, die Mythlin und die Seren, bauten die Falle auf und fingen die F�dor-Geister in dem K�fig aus Lebendigem Gestein, tief in der Erde. Es war eine organische Gruft, ein lebendiges Gef�ngnis, denn der Stein, aus dem es gebaut war, lebte ebenfalls. Seine Doppelnatur gab ihm die Macht, Geister gefangen zu halten, die wie die F�dor zwischen dieser Welt und dem Geisterreich der Unterwelt hin�berwechseln k�nnen. Die Kith �bernahmen die Aufgabe, die eingesperrten F�dor zu bewachen; sie waren sozusagen ihre Gef�ngnisw�rter. Diese Pflicht fiel ihnen zu, weil sie die Gabe des <emphasis>kirai</emphasis> besa�en, die F�higkeit, Luftstr�me zu lesen, zu schmecken, zu f�hlen, zu ver�ndern und daraus Dinge zu erfahren. Ihre Empfindlichkeit f�r Schwingungen bef�higte sie, die F�dor auch dann zu sehen und in Schach zu halten, wenn sie keine k�rperliche Form besa�en. Mit den Vibrationen, die sie aussendeten, konnten sie ein Netz sorgf�ltig ausgew�hlter Ger�usche spinnen, mit dem sie die D�monengeister in Bann halten w�rden, falls es ihnen jemals gelingen sollte, ihrem Gef�ngnis zu entweichen.</p><p>Diese Aufgabe war mit einem gro�en Opfer verbunden, denn sie verlangte von den S�hnen des Windes, dass sie f�r immer im Reich der Erde lebten, weit weg vom Himmel und seinen Geistern. Die Gef�ngnisw�rter die Angeh�rigen der Kith-Rasse, die als Wachposten auftraten, als H�ter der F�dor entwickelten sich zu der �lteren Rasse, die man als Dhrakier kennt.�</p><p>Die Augen der Gro�mutter wurden schmal; als sich das Summen auf Achmeds Haut ver�nderte, wusste er sofort, dass sie ihn mit ihren Suchschwingungen einzusch�tzen versuchte, um herauszufinden, wie viel von dieser Information ihm neu war. Er senkte sein eigenes verteidigendes <emphasis>kirai</emphasis> und gew�hrte ihr damit den verlangten Einblick. Er hatte gewusst, dass die F�dor von den anderen vier Rassen gefangen gehalten worden waren, aber nicht, mit welchen Mitteln.</p><p>Die Gro�mutter starrte ihn an, dann entspannte sich ihr Gesicht wieder und nahm seinen gewohnten unbeteiligten Ausdruck an.</p><p>�Alles blieb, wie man es geplant hatte, bis eines Tages ein Stern vom Himmel fiel und die Erde traf. Er besch�digte die Kerkergruft aus Lebendigem Gestein, das Gef�ngnis der F�dor. Ehe die �berlebenden W�chter der Dhrakier sie instand setzen konnten, waren einige der D�monengeister bereits entflohen. Dies war der Beginn der Urjagd, der Blutsuche, an der alle Dhrakier beteiligt sind. Schon bei der Geburt wird ihre Lehenstreue eingeschworen, und sie reicht bis weit �ber den Tod hinaus. Unser Lebenssinn besteht darin, die entflohenen F�dor zu jagen und zu zerst�ren. Das hast du gewusst, oder nicht?�</p><p>�Ja�, antwortete Achmed fest. In der Stimme der Gro�mutter hatte eine Ver�nderung stattgefunden, die seine Haut zum Jucken brachte.</p><p>�Die Dhrakier, die sich der gro�en Jagd anschl�ssen, ihre Wache an der Gruft in der Erde aufgaben und wieder an die Luft kamen, um die F�dor zu suchen, fanden sich zu Kolonien zusammen, die unter der Erde lebten, sich aber f�r ihre Suche in den Wind hinaufwagten. Gro�e Kreuzz�ge wurden unternommen, um die F�dor aufzusp�ren und auszurotten, ihre menschlichen Wirte zu finden, sie in den Bann zu schlagen und Mensch und Geist zu vernichten. War dir dies ebenfalls bekannt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber du geh�rst nicht zu den Br�dern. Du bist <emphasis>Dhisrik,</emphasis> einer der Ungez�hlten, der Dhrakier, die keiner Kolonie angeh�rten. Au�erdem bist du ein Ungelehrter, du hast das Bannritual nie gemeistert.�</p><p>�Aber ich habe gesehen, wie es durchgef�hrt wird.� Wieder stieg die Galle in Achmeds Kehle hoch. Er k�mpfte die Erinnerungen nieder, die ihre Worte zuhauf in ihm wachriefen.</p><p>�Du kannst kein Ungelehrter bleiben�, sagte die Gro�mutter, w�hrend ihre Augen noch immer die stille H�hle �ber ihr absuchten. �Ich werde dich den Bann lehren. Ohne ihn bist du nicht f�hig, das zu erf�llen, was prophezeit worden ist.�</p><p>Achmed r�usperte sich und schluckte die S�ure hinunter, die sich in seiner Kehle angesammelt hatte. �Vielleicht k�nntest du mir mitteilen, was diese Prophezeiung besagt.�</p><p>Die Gro�mutter blickte auf den Kreis von Worten, von denen die Symbole der Pendeluhr umgeben waren. �Du musst J�ger und W�chter sein. Das ist so vorausgesagt.�</p><p>�So eine Prophezeiung kann mich mal�, knurrte Achmed. �Was soll das bedeuten? Wie kann ich beides zugleich sein? Gut, ich wei� mehr oder weniger, was ich jagen soll. Aber was soll ich bewachen? Den Kerker?�</p><p>Ohne den Blick von den Runen im Boden abzuwenden, sch�ttelte die Gro�mutter den Kopf.</p><p>�Nein, aber es ist aus Lebendigem Gestein, genau wie der Kerker.�</p><p>�Das Kind.� Die Worte kamen von Grunthor.</p><p>Die Gro�mutter neigte den Kopf. �Ja. Alles, was ihr hier seht, und alles, was einst die Kolonie war, wurde zu seinem Schutz erbaut. Die F�dor suchen das M�dchen und alle von seiner Art, ja, mehr als alles andere in der Welt verlangen die F�dor danach, es zu finden.�</p><p>�Warum?�, fragte Achmed.</p><p>�Weil die Kinder der Erde aus belebtem Gestein erschaffen wurden, genau wie der Kerker der F�dor. Ihre Knochen, vor allem die Rippen, k�nnten den D�monen als Schl�ssel dienen, um die Gruft zu �ffnen.�</p><p>Pl�tzlich erhob sich der Wind aus den Tiefen der H�hle, und Achmed merkte, wie still es geworden war. Er schmeckte Asche im Mund. Ganz entfernt erinnerte er sich daran, dass er einst einen solchen Schl�ssel bekommen hatte.</p><p>Er war in eine Ranke eingewickelt, die selbst aus Glas gefertigt zu sein schien, mit schwarzen Dornen bewehrt. Die Ranke war aus dem Boden der Turmspitze gewachsen, dem unheiligen Tempel des D�mons, der im alten Land sein Herr und Meister gewesen war. Achmed schloss die Augen und versuchte, sein Ged�chtnis gegen die Erinnerung abzuschotten, aber sie war zu stark, das Grauen zu gewaltig. Er hatte den Schl�ssel von der Ranke gepfl�ckt. Darauf war das schwarze Gew�chs in seiner Hand zerbrochen wie der Stiel eines zarten Weinglases.</p><p>Mit seinen halb bolgschen Augen, den Nachtaugen eines Volks, das aus H�hlen gekommen war, hatte er den Schl�ssel genau inspiziert. Dem Anschein nach war er aus dunklen Knochen gefertigt, der Schaft gebogen wie bei einer Rippe. Er hatte in der Dunkelheit leise geschimmert.</p><p><emphasis>Du gehst mit diesem Schl�ssel zum Ausgang der Landbr�cke vor den N�rdlichen Inseln,</emphasis> hatte sein Meister gesagt. <emphasis>Im Fundament dieser Br�cke ist ein Tor, wie du so noch keines gesehen, geschweige denn passiert hast. Die Erdkruste dort ist sehr d�nn, was dir ein paar Unannehmlichkeiten einbringen k�nnte. Wie auch immer, wenn du das Tor passiert hast, wirst du dich in einer weiten W�ste wieder finden</emphasis>.</p><p><emphasis>Du wirst wissen, welche Richtung einzuschlagen ist, und bald einem alten Freund von mir begegnen. Den sollst du sp�ter durch das Tor auf unsere Seite f�hren. Vorl�ufig musst du dich nur �ber einen Termin mit ihm verst�ndigen. Der sollte allerdings m�glichst bald angesetzt werden. Wenn das geschehen ist, kommst du hierher zur�ck, und ich werde dich auf deinen Dienst als F�hrer meines Freundes vorbereiten</emphasis>. Achmed hatte getan, was der D�mon verlangt hatte. Dieses Erlebnis war der einzige Grund gewesen, aus dem er und Grunthor von der Insel hatten fliehen wollen. Zwar hatten sie beide keine Angst vor dem Tod, sie schreckten auch nicht vor dem B�sen zur�ck, aber was ihm in der W�ste jenseits des Horizonts begegnet war, trotzte jeder Beschreibung, derer seine Phantasie f�hig war. Angesichts der Verheerung, die bevorgestanden hatte, angesichts der Zerst�rung, die �ber die Welt hereinbrechen sollte, hatten sie beschlossen, zum ersten Mal in ihrer beider Leben davonzulaufen, alles hinter sich zu lassen, was sie besessen hatten, und eine Ewigkeit von etwas Schlimmerem als dem Tod zu riskieren. Alles anderes w�re undenkbar gewesen.</p><p>Die letzten Worte des D�mons klangen ihm noch jetzt in den Ohren. Selbst so viele Jahrhunderte sp�ter konnte sich Achmed noch immer an den Gestank nach verbranntem menschlichem Fleisch erinnern, der den Atem des D�mons verseucht hatte.</p><p><emphasis>Ich will, dass die Sache schnell �ber die B�hne geht. Sie ist von entscheidender, weit reichender Bedeutung. Im Vergleich dazu ist alles, was du f�r besonders wichtig erachtest, von lachhafter Belanglosigkeit. Ich bin dein wahrer Herr und Gebieter, und du wirst mir dienen, freiwillig oder gezwungenerma�en</emphasis>.</p><p>Er hatte den Schl�ssel stattdessen dazu verwendet, den Stamm von Sagia, der Eiche der tiefen Wurzeln, zu �ffnen, im Gedenken an einen anderen Meister, den er sehr geliebt hatte. Vater Haiphasion hatte die gleichen Worte gesprochen, als er ihm von dem Baum erz�hlt hatte, der ihnen schlie�lich zur Flucht verholfen hatte.</p><p><emphasis>Sagia wurzelt im Lirin-Wald am jenseitigen Ausl�ufer des Teichs der Herzenssehnsucht. Die Lirin glauben, dass sie ihre Wurzeln durch die ganze Erde streckt, sodass sie in Verbindung steht mit den B�umen, die an den Orten stehen, an denen die Zeit begann. Solltest du jemals dort wandern, mein Sohn, so zeige Respekt, denn es ist ein heiliger Ort. Du wirst die Zerbrechlichkeit des Universums in den Schwingungen erkennen, die von diesem Ort ausgehen, denn dort ist der Stoff der Erde d�nn geworden und abgetragen</emphasis>.</p><p>Als sie den Baum betreten hatten, an seiner Wurzel entlanggekrochen und schlie�lich durch das Feuer im Zentrum der Erde gegangen waren, hatte der Schl�ssel seine schimmernde Macht verloren und die andere Seite nicht zu �ffnen vermocht. Jetzt ruhte er in einem Samtbeutel in einem verschlossenen Reliquienschrein im Boden seines Gemachs in Ylorc, fast vergessen.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, um den Wust von verbliebenen Schwingungen auf seiner Haut loszuwerden. Die Gro�mutter musterte ihn durchdringend. Einen Augenblick sp�ter schien sie zufrieden gestellt, setzte sich geschmeidig neben ihnen nieder, und legte die gefalteten H�nde an die Lippen.</p><p>�Was stimmt eigentlich nicht mit der Kleinen?�, wollte Grunthor wissen. �Warum schl�ft sie st�ndig?�</p><p>Zum ersten Mal wirkte die alte Frau traurig. �In der D�mmerung des Zeitalters der Menschen wurde sie schwer verletzt. Es geschah w�hrend eines blutigen Krieges zwischen den <emphasis>Zhereditck</emphasis> einer Kolonie in Marincaer, einer Provinz westlich des Gro�en Meers, und den verderbten D�monenscharen, die es auf ihre Knochen abgesehen hatten, um ihre gefangenen Kameraden aus dem Kerker zu befreien. Sie ist eine der Letzten ihrer Art, die noch lebt, vielleicht sogar die Allerletzte. Es gab keine Zuflucht; das Wagnis des Kampfs um ihr Leben h�tte nicht h�her sein k�nnen, und so tobte er mit der Wildheit kochender Meereswogen. Am Ende siegten die Br�der und brachten das unheilbar verletzte Kind hierher, um es f�r alle Zeit tief in den undurchdringlichen Bergen zu verstecken.</p><p>Jahrhundertlang waren die Berge wirklich undurchdringlich. Das M�dchen blieb hier, zwar von seinen schlimmsten Schmerzen geheilt, aber nicht wieder zu beleben, sicher inmitten der Kolonie, die um es herum gebaut wurde. W�hrend die Br�der haupts�chlich in der Erde wohnten, gingen die Patrouillen in jenen Tagen noch immer nach oben, sammelten Nahrung und hielten Ausschau nach Feinden. Niemand kam, um die Schwingungen des Windes zwischen den Gipfeln zu st�ren. Man sagt, es waren gute Zeiten, sichere Tage.</p><p>Dann aber tauchten die Menschen auf. Der Wind brachte Kunde von ihnen, lange bevor sie gesichtet wurden. An ihrer Zahl und ihrem Zustand erkannten die Br�der sogleich, dass es keine Invasionsmacht war: zerlumpte, abgerissene M�nner und Frauen, alt und jung, mit Kindern im Schlepptau, viele Rassen in einer einzigen Karawane zusammengew�rfelt, die �ber die W�ste in den Norden flohen. Sie k�mpften ums �berleben und darum, zusammenzubleiben, und es war klar, dass sie ebenfalls in den Armen der Berge Zuflucht suchten.�</p><p>�Die Cymrer�, sagte Achmed. �Gwylliam und die Dritte Flotte.� Grunthor r�usperte sich zustimmend.</p><p>�Wir haben nie erfahren, wie sie sich selbst nannten�, erwiderte die Gro�mutter. �Als ihre Absichten klar waren, versteckten sich die Br�der, zogen sich in die Erde zur�ck und verbargen jegliche Hinweise auf die Kolonie. Wir sind ein Volk, das sich sehr leise fortbewegen kann, und die Kolonie blieb unbemerkt, selbst als sich die Menschen hier niederlie�en und in der Erde zu graben begann. Sie waren hervorragende Bauleute; die Berge hallten wider vom Klang ihrer Schmiedeh�mmer, und die Erde erzitterte, als die Menschen sie nach ihrem Willen formten.</p><p>Unterdessen schien die Kolonie weiterhin unentdeckt zu bleiben. Es gab nie Kontakt zwischen den Erbauern, wie wir sie nennen, und den Br�dern. Selbst als sie einen neuen Gang direkt auf der anderen Seite der Bergwand aushoben dort, wo man die Kolonie betrat, gab es keinerlei Anzeichen daf�r, dass sie von unserer Anwesenheit wussten. Die <emphasis>Zhereditck</emphasis> hatten inmitten der Kolonie Lauschpl�tze eingerichtet, um eine �berwachung aufrechtzuerhalten, aber es gab nie einen Hinweis darauf, dass die Menschen wussten, dass sie den Berg mit uns teilten.</p><p>Vor der Letzten Nacht schien sich ein Rumpeln in ihrem Reich zu verbreiten, aber niemand kam auf den Gedanken, dass es etwas mit der Kolonie zu tun haben k�nnte. Die Lauscher fingen Schwingungen von einem Streit auf, der im Lauf der Jahre immer heftiger geworden war, aber er schien zu dieser Kultur dazuzugeh�ren. Die Br�der sind eine einfache Rasse mit einfachen Bed�rfnissen und einem einfachen Lebensziel. Anscheinend aber strebten die Erbauer nach H�herem und sie waren eindeutig feindseliger. So war es schon seit Jahrhunderten gewesen. In jenen Tagen war ich eine <emphasis>amelystik,</emphasis> eine Pflegerin des Schlafenden Kindes. Sich um das M�dchen zu k�mmern z�hlte zu den Aufgaben, die der zuk�nftigen Matriarchin der Stadt auferlegt wurden. Es gab einige von uns, und jede war eine Anw�rterin f�r die Stellung der Gro�mutter, die das Schicksal selbst nach dem Tod der Alten auserw�hlen w�rde. In der Letzten Nacht wurde ich vom Schicksal dazu bestimmt, f�r das M�dchen zu sorgen. Ehe ich mich zum Schlafen neben sie legte, bemerkte ich, dass sie ruhelos war. Auch meine eigenen Tr�ume waren beunruhigend; ich erwachte aus einem davon, weil ich Asche im Mund schmeckte und mir der Schreck die Kehle zuschn�rte. Hei�er, bei�ender Qualm erf�llte den Tunnel. �berall in der Kolonie herrschte Panik, die <emphasis>Zhereditck</emphasis> w�rgten und rangen in der giftigen Luft nach Atem.</p><p>Da das Schicksal selbst in seiner Grausamkeit noch freundlich ist, musste ich nicht viel davon mit ansehen. Die letzte Tat eines der Br�der bestand darin, dass er die gro�en Eisent�ren der Kammer des Erdenkindes zuschlug; ich erinnere mich noch an seinen Gesichtsausdruck in jenem Augenblick, als er mich mit dem Kind einschloss. Hinter ihm sah ich noch eine gro�e Menge wild fuchtelnder, k�mpfender Dhrakier, als die T�r sich schloss und das Erdenkind und mich vom brennenden Rauch und dem Rest der Kolonie abtrennte. Als unsere Augen sich begegneten, wussten mein Retter und ich beide, dass er das Einzige tat, was getan werden konnte. Es war die oberste Priorit�t, der Grund f�r die Existenz der Kolonie: das Schlafende Kind zu besch�tzen.� Das Summen der zwei Stimmen der Gro�mutter wurde schw�cher.</p><p>�Obgleich ich die Vernichtung der Kolonie nicht mit eigenen Augen sah, erlebte ich sie dennoch mit, denn Dhrakier, die in einer Kolonie leben, sind eines Geistes, �hnlich wie Bienen in einem Bienenstock oder Ameisen in einem Ameisenhaufen. So sp�rte ich jeden Todeskampf, ertrug jedes Ringen nach Luft, beobachtete durch tausende tr�be werdende Augen, wie das Leben unserer Rasse ausgel�scht wurde. Bei jedem wachen Atemzug verfolgen mich diese Bilder. Sogar jetzt noch, Jahrhunderte sp�ter, finde ich nur im Schlaf Ruhe davor.</p><p>Ich wartete sehr lange, bis die Eisent�ren abgek�hlt waren, bis der L�rm erstarb. Selbst auf der anderen Seite der T�ren vernahm man das Keuchen, die unterdr�ckten Schreie, die donnernden Schritte. Ich wartete auf meine Abl�sung, aber keine andere <emphasis>amelystik</emphasis> kam. Ich war noch eine sehr junge Frau, eigentlich selbst noch ein M�dchen, daher beschloss ich, dass es klug war abzuwarten, bis ich die Schwingungen von Tod und Rauch nicht mehr auf meiner Haut f�hlen konnte; das dauerte sehr lange. Auch beobachtete ich das Kind nach Anzeichen, dass der Schrecken sich verzog, und das dauerte sogar noch l�nger. Als der L�rm endlich nachlie�, als ich die Hitze nicht mehr durch die T�r sp�rte und keinen Ru� in der Luft mehr riechen konnte, als das Erdenkind endlich wieder ruhig schlief, da �ffnete ich die T�ren. Es war so, wie ich es erwartet hatte; der Rauchdunst hing noch in den stillen G�ngen, die Leichen der Br�der verstopften die Tunnel. Ich wartete, dass die Sieger durch die Wand brechen und die Kolonie �bernehmen w�rden, nun, da alle <emphasis>Zhereditck</emphasis> tot waren. Doch niemand kam. Es gab kein Invasionsheer, keine Pl�nderer. Bis zum heutigen Tag wei� ich nicht, ob alles nur ein schrecklicher Unfall war oder ein geplanter Massenmord. Dabei ist es sehr wichtig, das zu wissen, falls man es noch feststellen kann; denn wenn die F�dor daf�r verantwortlich waren, dann kennen sie den Aufenthaltsort des Kindes und werden wiederkommen.</p><p>Seit jenem Augenblick vor fast vier Jahrhunderten habe ich gewartet, aber es gab kein Anzeichen. Das Schicksal hat den Br�dern eine furchtbare Trag�die beschert, die niemand au�er dem Erdenkind �berlebt hat, dessen Leben einem ewigen Tod gleichkommt; um dieses Leben zu sch�tzen, ist eine ganze Zivilisation zugrunde gegangen. Ich bin die zweite �berlebende, ich, die ich vom Schicksal zur Matriarchin auserkoren wurde, ich, die ich niemals ein Kind austragen werde; Mutter, F�hrerin, Besch�tzerin f�r niemanden meiner eigenen Art. Und jetzt du, weiter nichts als ein Gespenst.�</p><p>Achmed schloss die Augen und dachte an den Geruch von Kerzenwachs im Kloster und an die leisen, trockenen Worte von Vater Haiphasion. <emphasis>Kind des Blutes,</emphasis> hatte der dhrakische Weise gesagt, <emphasis>Bruder aller, mit niemandem verwandt</emphasis>.</p><p>�Endlich seid ihr gekommen, wenn auch sp�t. Noch is Zeit; ich habe auf euch gewartet.�</p><p>�Vielleicht solltet Ihr uns sagen, welche Prophezeiung Euch gegeben wurde�, meinte Achmed ruhig.</p><p>Die Erinnerung an die Vergangenheit, welche die Augen der Gro�mutter umw�lkt hatte, schwand, und ihr Blick wurde klar und hart.</p><p>�Die Worte sind nicht f�r dich allein bestimmt.�</p><p>�Ihr habt gesagt, man erwartet von mir, dass ich sowohl J�ger als auch W�chter sein soll. Wenn Ihr mir die Prophezeiung nicht sagt, kann ich keins von beidem sein.�</p><p>�Nein�, wiederholte die Gro�mutter. Ihr Tonfall war gleichf�rmig und brannte auf Achmeds Haut. �Es m�ssen drei sein. So ist es vorhergesagt.</p><p>Eins m�sst ihr verstehen, genau wie es auch die <emphasis>Zhereditck</emphasis> lernen mussten, als sie in dieses Land kamen: Hier ist der letzte der Orte, an dem die Zeit geboren wurde. Wenn man die Worte einer Prophezeiung ausspricht, zwingt man ihre Erf�llung schneller herbei. Man muss sehr vorsichtig sein; manchmal kann man es nur ein einziges Mal tun. Sonst k�nnte die Prophezeiung anders in Erf�llung gehen, als sie beabsichtigt war.� Z�gernd nickte Achmed.</p><p>�Bringt die andere mit, wenn ihr zur�ckkommt. Die Zeit wird knapp.�</p><p>Damit erhob sich die Gro�mutter geschmeidig und gab ihnen mit einem Wink zu verstehen, sie sollten sich ebenfalls erheben. �Etwas zu zerst�ren ist wesentlich einfacher als etwas zu erschaffen, zu n�hren, zu erl�sen. Um diese Welt zu zerst�ren, ist nur ein Einziger n�tig. Aber die Erl�sung dieser Welt ist keine Aufgabe f�r einen Einzelnen. Eine Welt, deren Schicksal in den H�nden eines Einzelnen ruht, ist viel zu simpel, als dass es sich lohnte, sie zu retten.�</p><p>Die Sonne schickte sich bereits an unterzugehen, als Grunthor die Steinbrocken so vor den Eingang des Loritoriums gew�lzt hatte, dass er unsichtbar war. Achmed legte die Hand �ber die Augen und blickte nach Westen, um das Hereinbrechen der Nacht zu beobachten. Das Licht der schwindenden Sonne zauberte breite rote und purpurne Streifen auf die vom Wind abgewandte Seite der Zahnfelsen, sodass es aussah, als st�nden die Berge in Flammen. Sein Kopf, der nach allem, was er gerade erlebt hatte, reichlich angespannt war, f�hlte sich ganz �hnlich an.</p><p>Der Sergeant klatschte in die H�nde und klopfte sich den Staub von seinen ramponierten Ziegenlederhandschuhen.</p><p>�Das m�sste wohl gen�gen, Herr. Alles klar zur R�ckreise?�</p><p>Achmed lie� den Blick �ber den Pfad vom Griwen zu den hohen Gipfeln wandern und versuchte, aus der Entfernung den Eingang zum Kessel zu orten. Einen Augenblick sp�ter hatte er ihn gefunden, verdeckt von einem Schw�rm winziger menschlicher Gestalten, die am Tor ein wuselndes Durcheinander bildeten. Er verdrehte die Augen.</p><p><emphasis>�Hrekin�,</emphasis> schimpfte er. �Die zweite Welle von Botschaftern von den Au�enl�ndern ist eingetroffen, und mit ihnen ein paar von denen, die mit einer Antwort von ihren Herren aus Roland zur�ckkehren. Sie sind auf den schlammigen Pfaden besser vorw�rtsgekommen, als ich dachte.�</p><p>Auch Grunthor stie� einen tiefen Seufzer aus. �Da kann man nix machen, denk ich, Herr�, meinte er, w�hrend er die schwei�durchtr�nkten Handschuhe abstreifte und in seinen Tornister stopfte. �K�nigliche Pflichten sozusagen. Solltest du am besten hinter dich bringen.�</p><p>Achmed betrachtete die Szenerie noch einen Augenblick l�nger. �ber einer Stelle der Gruppe hing ein dunkler Nebel, ein Nachmittagsschatten wahrscheinlich, mehr nicht. Dennoch waren seine Gedanken dunkel von Zerst�rung und Tod, von all den Bildern, mit denen er konfrontiert worden war.</p><p>�Wann wollte Rhapsody zur�ckkommen?�, fragte er, noch immer die Augen mit der Hand beschirmend, w�hrend der Schein des blutroten Sonnenuntergangs sich zu einem sanften Rosa abschw�chte und ein bleiches Grau schon auf den Einbruch der D�mmerung lauerte.</p><p>�Da hat sie sich nicht festgelegt�, antwortete Grunthor. �Wenn alles so geklappt hat, wie�s in ihrer Nachricht stand, dann m�sste sie jetzt mitten in ihrer Ausbildung sein. K�nnte �ne ganze Weile dauern.�</p><p>Achmed verzog das Gesicht. �Machen wir uns auf den R�ckweg�, sagte er und schulterte seinen Tornister. �Ich muss mit der n�chsten Postkarawane eine Botschaft nach Tyrian schicken.�</p></section><section><title><p>19</p></title><p>Die Grenzw�chter von Tyrian waren ihr schon �ber eine Stunde gefolgt, als Rhapsody sich endlich entschloss, dem Spiel ein Ende zu machen. Wenige Meilen schon, nachdem sie sich von Ashe getrennt hatte, hatte sie gesp�rt, dass sie verfolgt wurde. Leise waren sie von den B�umen herabgekommen, unsichtbar, um zu beobachten, wie Rhapsody pfeifend durch ihren Wald wanderte. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie sich bald zeigen w�rden, aber stattdessen waren sie ihr lautlos gefolgt, leichtf��ig wie der Wind. W�re Rhapsody nicht in Einklang mit dem Lied des Waldes gewesen, h�tte sie niemals bemerkt, dass jemand hinter ihr war.</p><p>Schlie�lich blieb sie mitten auf dem Weg stehen. �Wenn ihr euch wegen meiner Anwesenheit sorgt, dann zeigt euch und begr��t mich�, sagte sie und blickte nacheinander zu den vier Stellen, an denen sich die W�chter, wie sie wusste, verbargen. �Ich komme in friedlicher Absicht.�</p><p>Einen Augenblick sp�ter stand einer der W�chter vor ihr, eine gro�e, breitschultrige Lirin-Frau, mit gro�en mandelf�rmigen Augen von der gleichen Farbe wie das rehbraune Haar. Ihr K�rper war schmal und hoch gewachsen, mit einer Haut, deren Schattierung von der Ber�hrung durch die Sonne und die Elemente zeugte; insgesamt war sie eine beispielhafte Vertreterin ihrer Rasse. Sie hatte an der Stelle gestanden, an der Rhapsodys Blick zuletzt haften geblieben war.</p><p>�Ich bin Cedelia�, erkl�rte sie auf Orlandisch, der in Roland g�ngigsten Sprache. �Sucht Ihr etwas Bestimmtes?�</p><p>�Ja, eigentlich schon�, antwortete Rhapsody mit einem L�cheln. �Ich m�chte Oelendra besuchen.�</p><p>Auf dem Gesicht der Frau war keine Reaktion auszumachen. �Daf�r seid Ihr aber im falschen Teil von Tyrian.�</p><p>�Nun, kann ich von hier aus zu ihr gelangen?�</p><p>�Irgendwann schon�, antwortete Cedelia. Sie machte eine leichte Bewegung, und Rhapsody sah, dass sie einen Pfeil in ihren K�cher zur�cksteckte. Bisher hatte sie nicht einmal bemerkt, dass die Lirin-Frau einen Bogen bei sich trug. �Ihr seid mehr als eine Woche von dort entfernt. Das Einfachste w�re, wenn Ihr Euch nach Westen wenden und den Weg durch die Stadt Tyrian nehmen w�rdet. Wer seid Ihr?�</p><p>Die S�ngerin verneigte sich leicht. �Mein Name ist Rhapsody�, antwortete sie respektvoll.</p><p>�Wenn es Euch lieber w�re, k�nnen wir uns gern in der Lirin-Sprache unterhalten.�</p><p>�Welche Sprache auch immer f�r Euch am angenehmsten sein mag, ist mir recht.� Im Gesicht der Lirin-Frau war nichts von der Feindseligkeit zu erkennen, die Rhapsody so oft bei Menschen gegen�ber Gemischtrassigen wahrgenommen hatte. Sie beugte sich leicht nach Osten und gab eine Reihe von vogelartigen Pfiffen von sich. Rhapsody h�rte ein leichtes Rascheln in den B�umen, mehr nicht. �Ich werde Euch nach Tyrian-Stadt begleiten.�</p><p>�Danke�, erwiderte Rhapsody. �Es ist gut, eine F�hrerin zu haben.� Cedelia deutete auf einen kaum sichtbaren Pfad, der vom Waldweg abzweigte, und Rhapsody folgte ihr in den Wald, mitten hinein in die Welt aus Liedern der V�gel und des Windes, der durch die B�ume von Tyrian wehte.</p><p>Beinahe die gesamte Reise �ber herrschte Schweigen. Ein paarmal versuchte Rhapsody, ein unverbindliches Gespr�ch anzufangen, und obgleich Cedelia ihr freundlich antwortete, gab sie sich nie die M�he, die Unterhaltung aufrechtzuerhalten. Schlie�lich erinnerte sich Rhapsody daran, dass ihre Mutter eigentlich nur gesprochen hatte, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen gehabt hatte; und so verfiel sie wie ihre Begleiterin in stille Zufriedenheit und begn�gte sich damit, die Sch�nheit des in den Wald einkehrenden Fr�hlings zu betrachten. Inzwischen trugen die B�ume dicke Knospen, zartes Laub brach mit der Begeisterung eines Kinderl�chelns aus ihnen hervor, gr�n und silbern, frisch nach dem langen Winterschlaf. Rhapsody sp�rte, wie ihr das Herz aufging, w�hrend sie so hinter ihrer schweigsamen Aufpasserin durch den Wald wanderte. Es hatte etwas Erfrischendes, hier zu sein, im Land des Volks ihrer Mutter, obgleich die Wald-Lirin nat�rlich keine Liringlas waren. Das Leben, das sie f�hrten, hatte etwas Ehrliches, Einfaches; jedes Dorf, an dem sie vorbeikamen, machte einen fruchtbaren und friedlichen Eindruck, die Leute, denen sie begegneten, waren freundlich und schienen gut miteinander auszukommen. Hier herrschte Freude, oder zumindest etwas, das nahe daran war. Tyrian f�hlte sich an wie ein Paradies. Rhapsody sp�rte, wie ihr inneres Feuer von Tag zu Tag st�rker wurde.</p><p>Cedelia sa� jede Nacht Wache. Zwar hatte Rhapsody angeboten, sich mit ihr abzuwechseln, aber Cedelia hatte ihr Angebot h�flich angelehnt und erkl�rt, sie ben�tige keinen Schlaf. Zwar brauchte auch Rhapsody weniger Schlaf als ihre Bolg-Freunde und wesentlich weniger als Jo, aber selbst sie musste sich ein paar Stunden ausruhen, was bei Cedelia offenbar nicht der Fall war. So kroch sie jede Nacht unbeholfen unter den Augen ihrer W�chterin in ihre Deckenrolle. Sie hoffte nur, dass sie bei Oelendra willkommener w�re. Am vierten Tag setzte schwerer, prasselnder Regen ein, der auf der Haut wehtat. Sogar Cedelia hatte das Bed�rfnis, Schutz zu suchen, und f�hrte Rhapsody in eine H�tte, die diese nicht einmal gesehen h�tte, wenn man sie darauf aufmerksam gemacht h�tte. Im Innern war sie sparsam eingerichtet mit ein paar Feldbetten und Tischen; au�erdem gab es einen Vorrat an getrockneten Lebensmittel. Cedelia �ffnete eine Truhe und bot Rhapsody Streifen gep�kelten Wildbrets an. Sie nahm es an, um nicht unh�flich zu erscheinen. Schlie�lich fasste sie den Entschluss, es doch noch einmal mit einem Gespr�ch zu versuchen.</p><p>�Was ist das hier f�r ein Ort?�</p><p>Cedelia blickte von ihrem Essen auf. �Eins der H�user, welche die Grenzw�chter benutzen.�</p><p>�Es ist gut versteckt. Ich h�tte es niemals gefunden.�</p><p>�Genau das ist der Punkt, so soll es sein.�</p><p>Ihr k�hler Ton nahm Rhapsody den Wind aus den Segeln. �Habe ich Euch irgendwie gekr�nkt, Cedelia?�</p><p>�Ich wei� nicht. Habt Ihr mich gekr�nkt?� Die rehbraunen Augen verengten sich leicht, sonst ver�nderte sich ihr Gesichtsausdruck nicht. Sie nahm noch einen Bissen von dem Fleisch.</p><p>�Ich verstehe Euch nicht�, entgegnete Rhapsody, und das Blut stieg ihr in die Wangen. �Bitte erkl�rt mir, was Ihr damit meint, Cedelia. Wir reisen seit vier Tagen zusammen, und ich habe immer noch keine Ahnung, was Euch st�rt.�</p><p>Cedelia legte das Essen beiseite. �Man hat Euch vor f�nf Tagen am Rand des Au�enwaldes zusammen mit einem Mann in einem grauen Kapuzenumhang gesehen.�</p><p>Rhapsody blickte die Lirin-Frau verwundert an. �Ja.�</p><p>�Wer war das?�</p><p>Rhapsodys Herz begann zu pochen. �Warum?�</p><p>�Ein Mann in einem grauen Kapuzenumhang hat in derselben Nacht am Ostrand des Au�enwalds einen �berfall auf ein Lirin-Dorf angef�hrt. Die Siedlung ist niedergebrannt.�</p><p>Rhapsody sprang auf die F��e. �Was?�</p><p>Blitzschnell richtete die Lirin-Frau einen Bogen mit eingelegtem Pfeil auf ihr Herz. �Setzt Euch wieder hin!� Rhapsody gehorchte. �Vierzehn M�nner, sechs Frauen und drei Kinder sind bei dem �berfall ums Leben gekommen.�</p><p>Rhapsody begann zu zittern. �Himmel.�</p><p>�Nein, der war es ganz sicher nicht.� Cedelias Stimme triefte vor Gift. �Wer war dieser Mann?�</p><p>�Sein Name ist Ashe.� Ihre Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern.</p><p>�Ashe? Ashe was?�</p><p>Nachdenklich blickte Rhapsody durchs Fenster in den Wald hinaus. �Das wei� ich nicht.�</p><p>�Geh�rt es zu Euren Gepflogenheiten, M�nner zu k�ssen, die Ihr nicht kennt?�</p><p>Sie sah Cedelia ins Gesicht. �Nein.�</p><p>Cedelia legte einen zweiten Pfeil neben dem ersten in den Bogen. �Warum seid Ihr wirklich hier?�</p><p>Rhapsodys Blick wurde hart. �Ich habe Euch die Wahrheit gesagt. Ich suche Oelendra.�</p><p>Cedelia starrte sie weiter unverwandt an. �Was habt Ihr vor?�</p><p>�Auch ich habe Euch die Wahrheit gesagt. Ich begleite Euch nach Tyrian-Stadt. Was dann geschieht, muss Rial entscheiden.�</p><p>Als sie das Grenzh�terhaus verlie�en, steckte Cedelia die Pfeile in den K�cher zur�ck und nahm den Bogen wieder �ber die Schulter.</p><p>�Man hat Euch von allen Seiten im Schussfeld. Also w�re es ausgesprochen dumm, wenn Ihr Euch widerspenstig zeigtet.�</p><p>Rhapsody seufzte. Seit sie wusste, dass sie die ganze Zeit �ber verfolgt worden waren und dass die Lirin glaubten, sie w�re f�r den hinterh�ltigen Angriff auf das Dorf mit verantwortlich, war ihr Eindruck vom Paradies ziemlich verblasst. An Ashe mochte sie nicht einmal denken.</p><p>In den ersten freudigen Stunden der Wanderung, als sie noch allein gewesen war und sich mithilfe ihrer Musik mit dem Wald ausgetauscht hatte, hatte sie einiges �ber ihn erfahren. Der Wald von Tyrian erstreckte sich von Osten nach Westen �ber hundert Meilen weit; von Norden nach S�den ma� er ann�hernd zweihundert Meilen. Im Westen grenzte er ans Meer, im Norden an die K�stenprovinz Avonderre und im S�den an das Gebiet der Lirinwer, der Lirin des Flachlands.</p><p>Der wundervolle Eindruck, den sie von der aus der Not geborenen Einstellung der Lirin gewonnen hatte, die in Tyrian lebten, hatte sich durch all das best�tigt, was sie vom Wald selbst erfahren hatte. Es kam ihr regelrecht makaber vor, dass sie nun selbst die Gefangene unsichtbarer W�rter war, unterwegs in die Stadt, wo jemand namens Rial ein Urteil �ber sie f�llen w�rde. Elynsynos hatte ihn nicht erw�hnt, da war sie sich sicher, und Ashe ebenso wenig. Beim Gedanken an ihn wurde Rhapsody schon wieder ganz kalt.</p><p>�Hier entlang�, sagte Cedelia h�flich. Rhapsody schulterte ihren Tornister und folgte ihr den schlammigen Pfad entlang, w�hrend das Regenwasser von den frischen Bl�ttern tropfte wie Tr�nen.</p><p>Nach zwei weiteren Tagen, in denen sie schweigsam durch den dichten Wald gewandert waren, kam die Stadt in Sicht. Rhapsody hatte die Wacht�rme schon einige Zeit vorher gesehen, ehe sie endlich begriff, worum es sich handelte: Zahlreiche uralte Heveralt-B�ume, Verwandte des Gro�en Wei�en Baums, waren gleich einer Wand auf einer h�gelartigen Anh�he gepflanzt und an den St�mmen mit einer breiten Barrikade aus Stein und Holz verst�rkt worden. Von dort f�hrten Leitern zu den Plattformen hinauf, welche die Wipfel miteinander verbanden.</p><p>Diese Mauer erstreckte sich nach Norden, so weit das Auge reichte; Rhapsody sch�tzte, dass Tyrian-Stadt in etwa so gro� sein mochte wie Ostend. Vor der Mauer befand sich ein breiter, steiler Graben, dessen Grund mit glitschigem Moos bedeckt war. Hunderte von Lirin-Wachen, M�nner wie Frauen, patrouillierten auf den miteinander verbundenen luftigen Plattformen, so m�helos, als gingen sie auf der Erde. Ihr Anblick erf�llte Rhapsody mit Staunen und mit Trauer. Die Aussicht, dass man sie an diesem wundervollen Ort willkommen hie�, wurde mit jedem Schritt geringer.</p><p>Etwa eine halbe Meile vor der Lichtung, welche die Stadt umschloss, bog Cedelia vom Weg ab und f�hrte Rhapsody wieder in ein verstecktes Geb�ude, ganz �hnlich dem der Grenzw�chter. Allerdings war es gr��er und innen reicher ausgestattet, ohne Schlafgelegenheiten, aber mit mehreren langen Tischen und zahlreichen St�hlen. In jedem der Fenster befand sich ein Armbrustgestell mitsamt einem Beh�lter, der aussah wie ein Blumenkasten und hunderte von Bolzen enthielt. Ein beeindruckend best�cktes Waffenregal nahm den Rest der Wand nahe der T�r ein. Cedelia legte einen Pfeil in ihren Bogen und hielt die Waffe schussbereit, ohne sie jedoch auf Rhapsody zu richten.</p><p>�Setzt Euch�, sagte sie.</p><p>Rhapsody lie� ihren Tornister auf den Tisch fallen. Dann zog sie sich einen roh behauenen Kiefernstuhl heran, setzte sich und seufzte tief. So wartete sie mit ihrer W�chterin �ber eine Stunde lang. Gerade als sie um ein Glas Wasser bitten wollte, ging die T�r auf, und ein gro�er, silberhaariger Mann trat in das Langhaus. Er trug wie Cedelia Kleidung in den Farben des Waldes und dar�ber einen dunkelroten Umhang mit einer polierten Holzschnalle am G�rtel. Sein Gesicht war faltig vom Alter, aber sonnengebr�unt und gesund, und seine Augen l�chelten, als er Rhapsody anblickte. Dann wandte er sich an ihre Bewacherin und nickte ihr h�flich zu.</p><p>�Danke, Cedelia.� Nun legte sie ihren Bogen ab und steckte den Pfeil wieder in den K�cher, den sie auf dem R�cken trug. Leise und flink zog sie sich zur�ck und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Der Mann durchquerte das Zimmer und blieb vor Rhapsody stehen. �Wie geht es dir?�, erkundigte er sich, streckte ihr die Hand entgegen und half ihr beim Aufstehen. �Ich bin Rial. Ich hoffe, Cedelia hat dich gut behandelt.�</p><p>�Ja, danke. Mein Name ist Rhapsody.�</p><p>Rial musterte sie aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Dann lie� er ihre Hand los und zog den Stuhl neben dem ihren heran. Rhapsody setzte sich wieder; ihr R�cken tat ihr weh, weil das Holz so hart war. �Du hast eine wundersch�ne Stimme�, bemerkte Rial, w�hrend er ebenfalls Platz nahm.</p><p>�berrascht blickte Rhapsody ihn an. �Wie bitte?�</p><p>�Ich habe dich vor einer Woche oder so singen geh�rt. Zumindest nehme ich an, dass du es warst.�</p><p>�Ihr seid uns gefolgt?�</p><p>�Nein�, erwiderte Rial mit einem L�cheln. �Ich war hier in der Stadt. Doch in Tyrian gibt es Dinge, die Entfernungen m�helos �berwinden. Musik von der Art, wie du sie gemacht hast, geh�rt dazu.�</p><p>Rhapsody wurde rot vor Verlegenheit. �Bedeutet das, dass alle mich geh�rt haben, oder nur Ihr allein?�</p><p>Sein L�cheln wurde noch w�rmer. �Ich f�rchte, alle haben es geh�rt. Doch du solltest dich deswegen wahrlich nicht sch�men. Vielleicht hat der Wald auf diese Weise seinen Leuten etwas Wichtiges mitgeteilt. Tyrian ist mehr als nur ein Wald, es ist eine lebendige Einheit, es hat eine Seele. Dein Gesang hat die Seele von Tyrian auf eine Art erfreut, wie sie noch nie zuvor erfreut worden ist. Deshalb hat Tyrian auch beschlossen, die Musik mit seinen Leuten zu teilen.�</p><p>Unbeholfen strich sich Rhapsody mit der Hand durchs Haar. �Nun, ich werde das im Ged�chtnis behalten, ehe ich den Mund das n�chste Mal aufmache.�</p><p>�Hoffentlich nicht�, entgegnete Rial. �Es w�re schade, wenn du Hemmungen bek�mst wegen etwas, das den Menschen deines Blutes von Nutzen sein k�nnte. Du bist eine Liringlas, nicht wahr?�</p><p>�Meine Mutter war eine Liringlas.�</p><p>�Ja, das habe ich mir gedacht. Es ist mir eine Ehre, dich kennen zu lernen, Rhapsody. Ich habe bisher nur einmal Liringlas-Besucher gehabt, Abk�mmlinge der Cymrer, die aus Manosse kamen, um dem Gro�en Wei�en Baum ihre Ehrfurcht zu erweisen; sie haben ihre Reise hier unterbrochen und K�nigin Terrell ihre Aufwartung gemacht.�</p><p>�Dann ist K�nigin Terrell hier die Herrscherin?�</p><p>�Das war sie einmal�, antwortete Rial, und seine dunklen Augen gl�nzten. �Doch sie ist seit dreihundert Jahren tot. Auch die Herrschaft ihres Sohnes ist bereits vor�ber; er ist jung gestorben und hat keinen Erben hinterlassen.</p><p>Im Augenblick haben die Lirin keinen Herrscher. Ich bin Reichsverweser. Neben mir gibt es noch drei weitere, die als Verbindung zu den anderen Lirin-Gruppen dienen, welche ebenfalls Untertanen der K�nigin waren: die Lirinwer der Ebenen im S�dosten, die See-Lirin um S�dwesten und der manossische Teil des Volkes. Die Manosser haben ihre eigene Regierung, betrachten sich aber letztendlich als B�rger Tyrians; zumindest war es so, als es hier noch einen Herrscher gab. Jetzt sind wir ein geteiltes Volk, fast wie Roland. Wirklich eine Schande.�</p><p>Rhapsody wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte erwartet, wegen des �berfalls und der Pl�nderung verh�rt zu werden, und nun hielt ihr der Reichsverweser pers�nlich einen Vortrag �ber die Verh�ltnisse in Tyrian. M�de st�tzte sie die Ellbogen auf den Tisch und legte die Stirn auf die Hand.</p><p>Rial stand auf und ging zur T�r. Dort stie� er einen seltsamen Pfiff aus, und einen Augenblick sp�ter kam ein W�chter mit einem Wasserschlauch. Rial dankte ihm und brachte Rhapsody das Wasser.</p><p>�Hier ... Ich verstehe, dass all das sehr viel f�r dich ist. Trink nur und ruhe dich ein wenig aus.�</p><p>Mit einem L�cheln nahm Rhapsody den Schlauch entgegen. �Danke. Ihr habt Recht, ich bin geradezu �berw�ltigt. Es tut mir sehr Leid, von dem �berfall auf das lirinsche Dorf zu h�ren, aber ich hatte nichts damit zu tun, wirklich.�</p><p>Rial nickte. �Das habe ich auch nicht angenommen. Solche Grenz�berf�lle gibt es schon seit Jahren, Rhapsody; du bist einfach nur zu einem ung�nstigen Zeitpunkt nach Tyrian gekommen. Was kannst du mir �ber deinen Gef�hrten berichten?�</p><p>Rhapsody dachte kurz nach. Selbst nach all den Monaten in diesem neuen Land war sie noch immer unsicher, wem sie vertrauen konnte. Ashe hatte sie gebeten, seine Verb�ndete zu sein, doch wenn sie ihn unbeabsichtigt nach Tyrian gef�hrt hatte und der �berfall ihm anzukreiden war, dann trug sie ebenfalls die Verantwortung daf�r. Sie schuldete es ihren Blutsverwandten, den Angreifer zu finden.</p><p>Andererseits war sie m�glicherweise daf�r verantwortlich, dass ein Unschuldiger in b�se H�nde ausgeliefert wurde, wenn Rial und die Lirin aus irgendeinem Grunde in korrupte Machenschaften verwickelt waren, die mit dem von Elynsynos erw�hnten D�mon zu tun hatten. Herzog Stephen hatte erz�hlt, dass seine Frau bei einem brutalen �berfall von Lirin get�tet worden war. Achmeds Politik der v�lligen Isolation, bei der man niemandem au�er sich selbst traute, erschien ihr pl�tzlich sehr vern�nftig.</p><p>��ber ihn kann ich leider nicht sehr viel berichten. Er nennt sich Ashe und hat mich von Ylorc ich meine von Canrif hierher gef�hrt. In der Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, hat er keinerlei Anstalten gemacht, mir oder sonst jemandem Schaden zuzuf�gen. Er ist stets in Umhang und Kapuze unterwegs. Ich habe nicht vor, ihn wieder zu sehen.�</p><p>Wieder nickte Rial. �Und warum bist du nun nach Tyrian gekommen?�</p><p>�Ich suche Oelendra.�</p><p>�W�rde es dir etwas ausmachen, mir den Grund daf�r zu nennen?�</p><p>Rhapsody sah ihm offen ins Gesicht. �Nein, das macht mir nichts aus. Ich hoffe, dass sie mich den Umgang mit dem Schwert lehrt.�</p><p>Nachdenklich lehnte Rial sich zur�ck. �Wie hast du von Oelendra erfahren? F�r gew�hnlich lehrt sie nicht mehr au�erhalb von Tyrian.�</p><p>Rhapsody dachte an Elynsynos und l�chelte. �Jemand hat mir gesagt, sie sei die beste Ausbilderin f�r das Schwert, das ich trage.�</p><p>�Du hast also ein besonderes Schwert?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Interessant. Ich bin selbst ein Schwertliebhaber. Darf ich einen Blick auf deines werfen?�</p><p>Kurz �berlegte Rhapsody, ob es wirklich klug w�re, seine Bitte zu erf�llen, doch dann entschied sie sich, es zu wagen. Allerdings stellte sie sich darauf ein, sich im Notfall den Weg aus dem Langhaus freik�mpfen zu m�ssen. Rial sah aus wie ein ernst zu nehmender Gegner, und sie w�rde m�glicherweise ihr ganzes Feuerwissen zu Hilfe nehmen m�ssen, um ihm zu trotzen.</p><p>�Nun gut�, sagte sie und zog die Tagessternfanfare.</p><p>Mit einem blendenden Strahl, der die H�tte mit wei�em Licht erf�llte, kam das Schwert zum Vorschein; dann leckten die Flammen nur noch bis �ber die gl�hende Klinge. Rials Augen wurden gro�, und er erhob sich langsam, unf�hig, den Blick von der Waffe loszurei�en.</p><p>�Die Tagessternfanfare�, sagte er leise, und seine Stimme war voller Ehrfurcht.</p><p>�Ja.�</p><p>Nach einer ganzen Weile gelang es ihm dann doch, die Augen abzuwenden, und er starrte Rhapsody an. �Du bist die Iliachenva�ar.�</p><p>�Vermutlich, falls die Tr�gerin des Schwertes so genannt wird�, erwiderte Rhapsody und hoffte sehr, dass sie nicht respektlos klang.</p><p>Wieder verfiel Rial in staunendes Schweigen. Endlich sprach er wieder.</p><p>�Ich werde dich zu Oelendra f�hren, und zwar jetzt sofort.�</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Rhapsodys neuer F�hrer war ein Mann namens Clovis; sein Haar und seine Augenfarbe �hnelten Cedelias so sehr, dass man sie f�r Zwillinge h�tte halten k�nnen. Allerdings l�chelte er mehr, und Rhapsody f�hlte sich in seiner Gegenwart weit entspannter, als er sie vom Langhaus auf einem Pfad nach S�den f�hrte. Beim Abschied ber�hrte Rial ihren Arm.</p><p>�Rhapsody, ich hoffe, du wei�t, dass du hier in Tyrian willkommen bist. Der Wald selbst hat das mehr als deutlich gemacht, und ich hoffe, ich ebenfalls.�</p><p>�Danke�, antwortete sie und l�chelte den Reichsverweser an. �Nun lasst uns sehen, ob Oelendra mit Euch in ihren Ansichten �bereinstimmt.�</p><p>�Das wird sie ohne jeden Zweifel. Oelendra hat ihre kleinen Absonderlichkeiten und ihre Launen, aber sie ist eine weise Frau. Mehr als alles andere w�nscht sie sich, die Welt in Sicherheit und Frieden zu sehen, denk daran.�</p><p>Rhapsody bem�hte sich, ihr L�cheln weiter strahlen zu lassen, als Rial sich �ber ihre Hand beugte und sich dann zum Gehen wandte. Sie erinnerte sich an Ashes Bemerkungen, dass seine Freunde Oelendra als harte, strenge Lehrerin beschrieben h�tten, kam aber zu dem Schluss, dass ihr Mangel an Humor keinesfalls schlimmer sein konnte als Achmeds. Sie sah Rial nach, wie er zwischen den B�umen verschwand, und folgte dann Clovis den Waldweg entlang.</p><p>Nach einer Stunde gelangten sie zu einer gro�en Lichtung. Es war ein weitl�ufiger Garten, fast ein Park, mit gro�z�gig gepflanzten Zierb�umen, hohem Gras und Wildblumen, die eher an Wildnis denn an einen angelegten Garten gemahnten. Aber hier und dort gab es Anzeichen, die eindeutig auf die Arbeit von lirinschen H�nden hinwiesen. Ein gepflegter Weg, ein Blumenbeet, dessen Farbkomposition zu vollkommen war, um dem Zufall entsprungen zu sein, und das sp�rliche Unterholz alles wies darauf hin, dass hier geplant und eingegriffen wurde und keineswegs Wildwuchs herrschte.</p><p>Unweit neben dem Weg stand eine Gruppe Kinder, allesamt mit Holzschwertern bewaffnet, und lachten �ber einen Scherz der einzigen Erwachsenen, die in ihrer Mitte kauerte. Rhapsody wandte sich an Clovis, der stehen geblieben war. Er deutete zu den Kindern hin�ber. Sie umringten eine �ltere Frau, in deren langem, silberblondem Haar graue und wei�e Str�hnen zu sehen waren. Sie trug keine R�stung, keine Waffe und war mit einem einfachen wei�en Hemd und einer Hose aus aufgerautem Wildleder bekleidet, die aussah, als w�re sie oft getragen worden. Die Frau sprach mit sanfter Stimme zu den Kindern und berichtigte bei einem von ihnen geduldig die Art, wie es sein �bungsschwert in der Hand hielt. Dann horchte sie pl�tzlich auf.</p><p>Langsam erhob sie sich, sagte leise etwas zu den Kindern und ging auf Rhapsody zu. Diese hielt den Atem an, �berw�ltigt von der Sch�nheit der Frau. Ihre Schultern waren fast so breit wie Achmeds oder Ashes, und beim Anblick ihres silberblonden Haars, der rosig goldenen Haut und der langen, schlanken Gliedma�en wurden Rhapsodys H�nde feucht. Oelendra war eine Liringlas, eine vom Volk der Felder, eine Himmelss�ngerin und von der gleichen Gattung wie Rhapsodys Mutter. Schon lange bevor sie Serendair verlassen hatte, hatte sie keinen Angeh�rigen dieses Stammes mehr gesehen.</p><p>�Mhivra evet liathua tyderae. Itahn veriata.�</p><p>Rhapsody sp�rte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Die altlirinschen Worte stammten aus einer anderen Zeit: <emphasis>In dir flie�en zwei Fl�sse zusammen. Wie passend</emphasis>. Der Akzent, der Dialekt war genau wie bei Rhapsodys Mutter, und die Metapher der zusammenflie�enden Fl�sse war einst ein gefl�geltes Wort auf der Insel gewesen, um die Halbblut-Lirin zu beschreiben.</p><p>�Willkommen�, sagte die Frau, als sie vor Rhapsody stand, und l�chelte. Rhapsody war unf�hig zu antworten oder sich auch nur zu r�hren, denn ein Schwall vergessen geglaubter Gef�hle stieg in ihrem Herzen auf. Sie �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Ihr Blick begegnete dem der Frau und fand dort die Erinnerung an eine l�ngst vergangene Zeit. Ein staunender Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus, gefolgt von dem Pfad einer Tr�ne, die unbemerkt �ber ihre Wange rollte. �Ich bin Oelendra.� Die Frau legte in einer z�rtlichen Geste die Hand auf Rhapsodys Schulter. �Ich freue mich sehr, dich zu sehen.�</p><p>Endlich fand sie ihre Stimme wieder. �Rhapsody. Ich bin Rhapsody�, sagte sie. �Oelendra, wie der gefallene Stern.� Ein unendlich musikalischer Ton tanzte in der Luft, als sie das Wort aussprach, wirbelte wie eine unsichtbare Wolke, bis er leicht und ungesehen auf dem Wind zerschellte. �Man hat mir nicht gesagt, dass Ihr eine Liringlas seid.�</p><p>�Und mir hat man nicht gesagt, dass du die Canwr bist, deren Musik wir h�rten, als sie den Wald erf�llte; aber jetzt verstehe ich es. Du musst weit gereist sein, denn ich sehe, dass du m�de bist. Ich werde dir etwas zu trinken besorgen und einen Platz, wo du dich ausruhen kannst.�</p><p>Rhapsody dachte �ber die Bemerkung der Frau nach. Seit sie den Wald von Tyrian betreten hatte und so weit sie sich erinnern konnte, war das vor acht Tagen gewesen, hatte sie nicht mehr als zwei Stunden am St�ck geruht. Der Ruf des Waldes und die sich stetig vertiefende Magie �berall um sie herum hatten sie eingelullt wie ein Traum, und bis jetzt hatte sie kein Bed�rfnis nach Ruhe versp�rt. Nun aber hatte sie das Gef�hl, als d�rfte sie die Last, die sie so lange mit sich herumgeschleppt hatte, endlich ablegen. Hier war sie in Sicherheit, und nun �berkam sie mit einem Mal die Ersch�pfung.</p><p>�Ich bin schon ein wenig m�de�, gestand sie.</p><p>�Danke, Clovis.� Rhapsodys F�hrer nickte und ging den Weg zur�ck, bis er, genau wie Rial zuvor, im Wald verschwunden war. Oelendra nahm Rhapsody am Arm. �Komm mit, du musst v�llig ersch�pft sein.� Mit diesen Worten geleitete sie Rhapsody �ber die Wiese und durch einen Hain voll bl�hender B�ume, bis sie an den Rand eines Feldes in einer Senke gelangten. An den steilsten Abschnitt des Hangs geschmiegt, stand ein kleines, mit Torf gedecktes Haus. Es hatte wei� verputzte W�nde mit frei liegenden Holzbalken, Glasfenster mit schweren L�den und einen Steinkamin, aus dem nur wenig Rauch quoll. Durch die etwas eingesunkene Vordert�r traten die beiden Frauen ein. Sie durchquerten einen kleinen Vorraum und gelangten in ein weit gr��eres Zimmer, das fast die H�lfte des Hauses einnahm.</p><p>�Bitte, setz dich und f�hl dich ganz wie zu Hause.� Oelendra trat zu einem gro�en offenen Kamin, in dem ein kleiner Kessel �ber der schwachen Glut hing. �Du kannst dich niederlassen, wo immer du m�chtest.�</p><p>Hier im Innern sah Rhapsody, dass ein gro�er Teil des Hauses ebenfalls eingesunken war; vermutlich war es auf tiefer liegendem Niveau gebaut, sodass es drinnen weit mehr H�he bot, als es von au�en den Anschein hatte.</p><p>Wie Oelendra selbst war auch die Einrichtung ganz anders, als Rhapsody es erwartet hatte. Das Haus war karg ausgestattet, mit nur wenig schm�ckendem oder gem�tlichem Beiwerk. Vor dem gro�en gemauerten Kamin, der die Innenwand des Raums bildete, standen zwei Sessel. Ganz in der N�he war ein Sofa und in der Ecke ein einfacher geflochtener Schaukelstuhl. Am anderen Ende fand sich ein solider Tisch aus dunklem Kiefernholz mit zwei langen B�nken und zwei massiven St�hlen. Den Rest der Einrichtung bildete eine Reihe gro�er Kissen, die alle nicht zusammenpassten. Auf dem Waffengestell neben der T�r lagen ein ramponiertes Stahlschwert und ein seltsam geschwungener Bogen aus wei�em Holz. Dankbar lie� Rhapsody sich in den Schaukelstuhl sinken und seufzte vor Erleichterung. Vom langen Wandern taten ihr die F��e weh. W�hrend ihre Gastgeberin sich an der Feuerstelle zu schaffen machte, sah sie sich weiter um. Der Raum hatte eine hohe Decke; ziemlich weit oben verlief eine kleine Galerie. Der gro�e gemauerte Kamin wies mehrere Eisent�ren auf anscheinend Back�fen und eine zentrale Feuerstelle, in der ein paar dicke Holzscheite leise gl�hten.</p><p>Wie au�en waren die W�nde auch innen bis auf die Holzbalken wei� verputzt. Eine Leiter f�hrte zu einer Empore, die den gro�en Raum �berblickte. Abgesehen von einem kleinen Teppich mit einem verschlungenen geometrischen Muster war der Fu�boden nackt. Rhapsody l�chelte. Ohne zu wissen, warum, f�hlte sie sich hier wohl und geborgen. Oelendra wandte sich um und ging zu ihr.</p><p>�Hier, das erw�rmt dein Herz vielleicht ein wenig�, sagte sie und reichte Rhapsody einen gro�en Keramikbecher. Er f�hlte sich hei� an, aber Rhapsody war das nach der k�hlen Fr�hlingsluft gerade recht. In dem Becher war eine rotgoldene Fl�ssigkeit, von der ein kr�ftiger Duft nach Gew�rzen aufstieg. Rhapsody nahm einen Schluck, und sogleich war ihr Gaumen erf�llt von der S��e des milden Honigweins, versetzt mit Orangen und einer Mischung aus Hibiskus, Hagebutten, Nelken, Zimt und weiteren Gew�rzen. Vergessen geglaubte Erinnerungen drangen auf sie ein.</p><p><emphasis>�Dol mwl�,</emphasis> sagte sie leise, schloss die Augen und l�chelte traurig. �Meine Mutter hat ihn immer f�r uns bereitet, wenn wir an kalten Tagen vom Spielen nach Hause kamen.�</p><p>�Ja, ich habe mir schon gedacht, dass du ihn kennst�, erwiderte Oelendra. �Obwohl ich vermute, dass deine Mutter wahrscheinlich nur Honig und nicht Met hinzugegeben hat. Bei meiner Mutter war das jedenfalls so.�</p><p>�Ich habe ihn nicht mehr getrunken, seit ich ein Kind war.�</p><p>�Die Menschen wissen ihn einfach nicht zu sch�tzen. Nicht mal die Gwenen und die Wald-Lirin k�nnen den Trank richtig zubereiten. Sie nehmen den ganz s��en Met anstelle des leichten. Den einzig guten <emphasis>dol mwl,</emphasis> den ich je au�erhalb der Langh�user vorgesetzt bekommen habe, war der im Gasthaus <emphasis>Zum Scheideweg</emphasis> im alten Land, und das ist sehr lange her. Inzwischen ist er aus unserer Kultur einfach verschwunden, f�rchte ich, vom Meer verschlungen wie so viele andere Sch�tze. Leider scheine ich die Einzige zu sein, der das Getr�nk richtig schmeckt jedenfalls bis du hier angekommen bist.�</p><p>�Dann wissen die anderen nicht, was ihnen entgeht�, sagte Rhapsody. Sie �ffnete die Augen wieder und blickte Oelendra nachdenklich an. Die alte Frau sa� auf der Armlehne eines Sessels, so ruhig und behaglich, dass auch Rhapsody sich immer mehr entspannte. Ihre grauen Augen schimmerten, und sie schien einfach abzuwarten, schweigend, was in anderer Gesellschaft sicher h�tte unangenehm sein k�nnen.</p><p><emphasis>Sie ist wundersch�n,</emphasis> dachte Rhapsody, obwohl der K�rperbau der Kriegerin so gar nicht dem traditionellen Bild von der weiblichen Figur entsprach. Ihre Schultern waren breit, ihre Haut zwar rosig, aber nicht mehr jung und von den feinen Linien des Alters und all der Jahre in der Wildnis durchzogen. In jeder ihrer Bewegungen spiegelten sich ihre Sanftheit und ein unbefangenes Selbstvertrauen, das nichts mit �berheblichkeit zu tun hatte. In den Silberaugen glaubte Rhapsody eine nostalgische Traurigkeit zu erkennen, und sie versuchte sich vorzustellen, wie viele Generationen diese Augen schon hatten auf die Welt kommen und sie wieder verlassen sehen.</p><p>�Bestimmt hast du tausend Fragen an mich�, meinte Oelendra und riss Rhapsody damit aus ihrer Gr�belei. �Fangen wir gleich mit der ersten Antwort an. Ich bin Oelendra Andaris, vor dir die letzte Iliachenva�ar. Ich habe dich erwartet.�</p><p>�Ach ja? Woher wusstet Ihr, dass ich kommen w�rde?�</p><p>�Es war eher eine Hoffnung als das sichere Wissen, Rhapsody. Zwei Jahrzehnte schon habe ich auf die R�ckkehr des Schwertes gewartet. Ich wusste, dass es fr�her oder sp�ter zur�ckkommen w�rde, und mit ihm die Iliachenva�ar. Dass es eine Frau ist, Cymrerin und vor allem Liringlas, tut mir von Herzen gut.�</p><p>�Woher wusstet Ihr, dass ich aus der alten Welt stamme?�</p><p>Oelendra l�chelte. �Das sieht man dir an, Liebes, aber au�erdem habe ich keine Liringlas mehr gesehen, seit ich hier gelandet bin. Mit der Zweiten Flotte, die in Manosse an Land ging, sollen, soweit ich es geh�rt habe, einige von ihnen gesegelt sein, aber ansonsten gibt es nur dich und mich. Wir allein sind �brig von einer einst weit verzweigten und edlen Linie, die ein paar der gr��ten Krieger und Gelehrten der Welt hervorgebracht hat.�</p><p>Rhapsody machte ein beklommenes Gesicht. �Euch kann man dazurechnen, Oelendra, aber mir geb�hrt eine solche Ehre nicht. Meine Mutter war eine schlichte Bauersfrau.�</p><p>�Adel hat rein gar nichts mit der sozialen Schicht oder der Herkunft zu tun, Rhapsody, sondern nur mit dem Herzen. Sag mir, warum du hier bist.�</p><p>�Ich bin gekommen, um den Umgang mit dem Schwert zu lernen, falls Ihr bereit w�rt, mich zu unterweisen�, antwortete Rhapsody und nahm noch einen Schluck <emphasis>dol mwl</emphasis>. �Ich verdiene es nicht, eine solche Waffe zu tragen, wenn ich nicht angemessen mit ihr umgehen kann.�</p><p>�Die erste charakteristische Eigenschaft: der Wunsch, sich der Waffe wert zu erweisen�, sagte Oelendra, mehr zu sich selbst als zu Rhapsody. In ihren grauen Augen glomm ein fernes Licht. �Und was willst du mit diesem Wissen anfangen, sollte ich mich bereit erkl�ren, es dir angedeihen zu lassen?�</p><p>�Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich wei�, es klingt dumm, aber ich glaube, dass die Tagessternfanfare aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen ist. Vielleicht kann ich helfen, die Kluft zwischen den Cymrern oder den Lirin zu heilen und diesen schrecklichen Grenz�berf�llen ein Ende zu bereiten.�</p><p>�Das Bestreben, einem h�heren Ziel zu dienen�, murmelte Oelendra. �Und was, wenn du bei diesem Versuch dein Leben l�sst?�</p><p>�Ich gehe davon aus, dass ich dabei sterben werde�, entgegnete Rhapsody mit einem leichten L�cheln. �Ich habe das Gef�hl, dass meine Zeit begrenzt ist, trotz allem, was ich �ber die Unsterblichkeit der Cymrer geh�rt habe. Und so hoffe ich, vorher etwas Lohnendes tun zu k�nnen ich w�nsche mir, dass diese Welt, wenn ich sie verlasse, ein wenig besser sein wird, als sie vor meiner Ankunft war.�</p><p>�Die Erkenntnis, dass es H�heres gibt als das eigene Selbst, und die Bereitschaft, sein Leben daf�r herzugeben�, bemerkte Oelendra leise. Als sie ihre letzte Frage an Rhapsody stellte, wurde ihre Stimme ein wenig lauter. �Und was, wenn du beschlie�t, diese Macht gegen die Lirin anzuwenden?�</p><p>�Hiermit gebe ich Euch die Erlaubnis, mich in einem solchen Fall sofort wegzuschicken, ohne jede Diskussion. Ich w�rde mein eigenes Volk niemals betr�gen.�</p><p>�Loyalit�t und Ergebenheit, sowohl bei der Sache als auch dem eigenen Volk gegen�ber�, sagte Oelendra. Ihre Augen wurden klar, und sie l�chelte. �Nein, Rhapsody, ich f�rchte, du irrst dich. Du bist kein Bauer, du bist eindeutig eine Liringlas in deiner Seele, was immer dein Vater auch gewesen sein mag. Und du wurdest geboren, um die Iliachenva�ar zu sein. Es ist mir eine Ehre, dich unterrichten zu d�rfen.�</p><p>�Vielleicht solltet Ihr mir am besten sagen, was es bedeutet, die Iliachenva�ar zu sein�, erwiderte Rhapsody unbeholfen. �Ich m�chte nichts versprechen, was ich nicht einmal verstehe.�</p><p>�Das ist nur recht und billig�, meinte Oelendra und lehnte sich zur�ck. <emphasis>�Iliachenva�ar,</emphasis> wie w�rdest du das �bersetzen?�</p><p>�Licht in der Dunkelheit oder Licht aus der Dunkelheit.�</p><p>�Nat�rlich kennst du die Nachsilbe rar?�</p><p>��berbringer, Tr�ger.�</p><p>�Ja. Also bezeichnet das Wort jemanden, �der oder die Licht an einen dunklen Ort bringt�</p><p>�Oder aus einem dunklen Ort.�</p><p>�Genau.� Oelendra sah zufrieden aus. �In der alten Welt hatte die Tagessternfanfare noch zwei andere Namen, n�mlich <emphasis>Ria,</emphasis> was Licht bedeutet, und Feuerstern. Bestimmt ist dir klar, wie der zweite Name entstanden ist. Verstehst du jetzt, was die Rolle der Iliachenva�ar ist?�</p><p>�Ich soll sozusagen eine Laternenanz�nderin werden?�</p><p>Oelendra lachte, der gleiche fr�hliche, glockenhelle Ton, in dem Rhapsodys Mutter in gl�cklichen Zeiten gelacht hatte, und Rhapsody sp�rte pl�tzlich, wie sich ihre Kehle zuschn�rte. �Nun, das Schwert w�rde bestimmt auch in diesem Beruf gute Dienste leisten. Du bist die ideale Person f�r die Rolle, Rhapsody. Die Iliachenva�ar versucht, Licht an Orte und in Situationen zu bringen, die vom B�sen befleckt oder verw�stet wurden.�</p><p>Unbehaglich rutschte Rhapsody auf ihrem Stuhl herum. �Ich bin mir da nicht so sicher, Oelendra ... Ich wei� nicht mal, ob ich das B�se erkenne, wenn ich ihm begegne. Wisst Ihr, mein Urteilsverm�gen ist nicht immer das beste. All den Wesen, die gemeinhin als monstr�s oder minderwertig gelten, schenke ich mein Herz, w�hrend ich denen gegen�ber, die eine Vormachtstellung innehaben oder �ber Ansehen verf�gen, oft Misstrauen empfinde. Ich kann nicht gut unterscheiden, wem ich vertrauen kann und wann ich lieber meinen Mund halten sollte. In einer solchen Machtstellung k�nnte das sehr gef�hrlich sein. Genau genommen w�re es vermutlich besser, wenn ich Euch das Schwert einfach zur�ckg�be.�</p><p>�Oh? Um was damit anzufangen?�</p><p>Das Blut schoss Rhapsody in die Wangen. �Ich ich wei� es auch nicht recht; ich meine, Ihr wart schlie�lich vor mir die Iliachenva�ar.�</p><p>�Und du meinst, ich sollte die Aufgabe erneut �bernehmen?�</p><p>�Ich glaube, das m�sst Ihr entscheiden, Oelendra. Ich wollte nicht anma�end sein.�</p><p>Die Lirin-Kriegerin l�chelte. �Du bist keineswegs anma�end, Rhapsody, nur wei�t du nicht alles. Doch das l�sst sich leicht beheben.�</p><p>Rhapsody seufzte tief. �Von all den Dingen, die ich suche, seit ich in diesem Land weile, finde ich, dass ehrliche Ausk�nfte mit am schwersten zu bekommen sind, Oelendra. Die Leute geben sie genauso ungern her wie das eigene Familiensilber. Ausk�nfte und Vertrauen.�</p><p>�Du erkennst mehr, als dir bewusst ist, Rhapsody. Drei Dinge m�chte ich dir gern sagen. Erstens verstehe ich nur zu gut, wie du dich f�hlst, und werde dir gern jeden Gefallen tun, wenn es um Ausk�nfte geht. Frage mich, was du willst, und ich werde dir ohne Z�gern alles sagen, was ich wei�.�</p><p>Rhapsody atmete h�rbar aus. �Danke. Ich bin nur nicht sicher, ob ich damit umgehen kann.�</p><p>�Das kannst du. Zweitens ist das, was du als Unf�higkeit, zwischen Gut und B�se zu unterscheiden, bezeichnest, ungew�hnliche Weisheit. Nicht alles Gute ist sch�n, nicht alles Sch�ne ist gut. Im Allgemeinen wird diese Regel in der Kindheit h�bschen M�dchen beigebracht, damit sie nicht eitel werden und damit die weniger Beg�nstigten sich besser f�hlen. Doch die Wahrheit geht tiefer; nicht alles Gute und Wertvolle ist mit blo�em Auge sichtbar. Das gilt auch f�r das B�se.�</p><p>�Gibt es bestimmte Pflichten f�r eine Iliachenva�ar, au�er einfach den Raum zu erhellen und B�ses zu vertreiben?�</p><p>Wieder lachte Oelendra. �Nun, traditionell ist die Iliachenva�ar eine geweihte K�mpferin, das hei�t, eine Begleiterin oder Besch�tzerin der Pilger, Kleriker und anderer heiliger M�nner und Frauen. Die jeweilige Sekte, der die Betreffenden angeh�ren, spielt dabei keine Rolle. Du musst all die besch�tzen, die dich brauchen, um Gott was immer sie darunter verstehen verehren zu k�nnen.�</p><p>Rhapsody nickte. �Und das Dritte, was Ihr mir sagen wolltet?�</p><p>Das L�cheln verschwand aus Oelendras Gesicht. �Die Tagessternfanfare w�hlt sich ihre Tr�ger selbst aus, nicht anders herum. Das Schwert hat dich gew�hlt, Rhapsody. Ich kann nicht die Iliachenva�ar sein, selbst wenn ich es wollte was nicht der Fall ist.�</p><p>�Warum habt Ihr aufgeh�rt, die Iliachenva�ar zu sein, wenn ich fragen darf?�</p><p>Langsam stand die �ltere Frau auf, ging zum Kamin und b�ckte sich; gedankenverloren stocherte sie in der Glut unter dem Kessel mit <emphasis>dol mwl</emphasis>. Aus einem Fass neben der Feuerstelle l�ffelte sie Wasser in einen verbeulten Kessel und h�ngte ihn neben den <emphasis>dol mwr</emphasis>. Rhapsody konnte sehen, wie sich die Muskeln in ihrem durchtrainierten R�cken zusammenzogen, als sie sich wieder aufrichtete und zu ihr umwandte.</p><p>�Ich habe diese Geschichte noch niemandem erz�hlt, Rhapsody. Aber ich glaube, ich schulde sie dir.�</p><p>�Ihr schuldet mir doch nichts, Oelendra�, platzte Rhapsody mit knallrotem Kopf heraus. �Es tut mir sehr Leid, dass ich meine Nase in etwas gesteckt habe, was mich nichts angeht.�</p><p>�Niemand sonst hat jemals danach gefragt, haupts�chlich weil man mich f�r verr�ckt h�lt.�</p><p>Oelendra lie� sich in ihren Sessel sinken. �Seit Jahrhunderten hatte ich auf sie eingeschimpft und versucht, ihnen klar zu machen, was in ihrer Mitte lebte, was ihnen von der Insel gefolgt war, aber sie weigerten sich zuzuh�ren.�</p><p>�Die Cymrer?�</p><p>�Zuerst die Cymrer, dann die Lirin.� Oelendra verschwand in die K�che und kam mit zwei Messern und einem gusseisernen, mit Kartoffeln und Zwiebeln gef�llten Topf zur�ck. Diesen stellte sie auf den Kieferntisch, ging dann zu den Tonnen neben der T�r, fischte Trockenfleisch, M�hren und Gerste heraus und legte alles neben den Topf. Rhapsody stand auf und trat an den Tisch. Sie zog sich einen Stuhl heran und nahm sich eines der Messer. Mit ge�bter Hand machte sie sich ans Kartoffelsch�len, w�hrend Oelendra die Zwiebeln mit heftigen Bewegungen klein schnitt, die dem Feuer in ihren Augen gleichkamen. Doch ihre Stimme klang ruhig.</p><p>�Siehst du, Rhapsody, als die Cymrer Serendair verlie�en, war ich die Schutzherrin der Ersten Flotte, jener Leute also, die urspr�nglich geschickt wurden, um den Ort, den Merithyn gefunden hatte, zu besiedeln und aufzubauen. Seinen Berichten zufolge war das Land, das er entdeckt hatte, unbewohnt, abgesehen nat�rlich von Elynsynos, der Drachenfrau. Gwylliam, der letzte serenische K�nig, der Vision�r, hielt das Heer zur�ck bis zur dritten und letzten Fahrt, denn an einem unbewohnten Ort w�rden sie es nicht brauchen. Er wollte nicht, dass die Drachin sich bedroht f�hlte, und er wollte auch nicht den Eindruck erwecken, dass er vorhatte, zu k�mpfen oder in das Land einzumarschieren. Wir waren eingeladen worden, daher kamen wir in Frieden Architekten, Maurer, Zimmerer, �rzte, Gelehrte, Heiler, Bauern. Die �berfahrt war schwierig, wir verloren Merithyn und viele andere unterwegs, aber das Land hie� uns willkommen, und als wir unsere Heimat fanden, war die Lage der Ersten Flotte nicht schlecht, vor allem im Vergleich zu den anderen, die sp�ter kamen.� Oelendra warf die Zwiebeln in den Topf mit den Kartoffeln, dann schabte sie das Fleisch.</p><p>�Es dauerte �ber ein Jahr, bis die Dritte Flotte landete, und �ber f�nfzig weitere Jahre, bis wir uns wieder sahen. Das war ein gro�er Freudentag; ungute Gef�hle kamen erst sp�ter ans Licht. Mitten in dem ganzen Jubel dar�ber, dass wir mit unseren Landsleuten wieder vereint waren, f�hlte ich mich pl�tzlich zutiefst unbehaglich. Ich sp�rte den Geruch eines D�mons von der gleichen Art wie jener, der am Gro�en Krieg schuld gewesen war und der Jahrhunderte zuvor fast die ganze Insel vernichtet hatte. Hast du von den F�dor geh�rt?�</p><p>�Ja, ein wenig, aber bitte erz�hlt mir trotzdem alles �ber sie.�</p><p>�Die F�dor geh�rten zu den erstgeborenen Rassen wie die Drachen, eine der ersten f�nf, die jemals die Welt beschriften haben. Von Natur aus standen sie in Verbindung mit dem Feuer, mit dunklem Feuer, b�se geboren, ein zutiefst abartiges, geister�hnliches Volk, das nach nichts anderem als Zerst�rung und Chaos trachtete, Meister der Manipulation, welche eine Ewigkeit damit verbrachten, Wege zu suchen, wie sie �ber die Grenzen ihrer eigenen Macht hinausgelangen konnten. Sie sind begabte L�gner und �beraus f�hig, Teile der Wahrheit mit Halbwahrheiten und echten L�gen zu vermischen und sehr �berzeugend darzustellen. Als nichtk�rperliche Wesen k�nnen sie sich an die Seelen von M�nnern und Frauen binden und mit ihren Wirten verschmelzen.</p><p>Manchmal ist die Verbindung nur leicht und zeitlich begrenzt; meist vollbringt das Opfer irgendeine Tat, ohne sich dessen bewusst zu sein, und wird danach nie wieder bel�stigt. Aber manchmal binden sich die F�dor fest an eine Seele und besitzen diese von nun an f�r alle Zukunft, bis zu ihrem Tod.</p><p>Zur schlimmsten Verbindung kommt es jedoch, wenn sie sich einen echten Wirt aussuchen, ein Individuum, mit dem sie v�llig verschmelzen. Das ist mehr als nur Besitzergreifung, es ist die uneingeschr�nkte Vereinnahmung des Opfers durch den D�mon. Er lebt in diesem K�rper, wird st�rker, wenn der Wirt st�rker wird, nimmt andere Formen an, wenn er selbst m�chtiger wird oder wenn der Wirt stirbt. Und dieser Zustand ist f�r die meisten, mich eingeschlossen, nicht zu erkennen. Ich habe unter den H�nden dieser Kreaturen schrecklich gelitten, Rhapsody, ebenso wie viele andere, die ich geliebt habe. Sobald wir der Dritten Flotte wieder begegnet waren, wusste ich, dass einer mitgekommen war. Der D�mon hatte sich an jemanden auf dem letzten Schiff gebunden. Gwylliam hatte versagt, denn als Schirmherr war es seine Aufgabe gewesen, das B�se daran zu hindern, uns zu folgen. Aber niemand wollte mir Glauben schenken.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Das muss furchtbar gewesen sein. Was habt Ihr getan?�</p><p>�Als der Herrscher und die Herrscherin gew�hlt wurden, die das vereinte cymrische Volk regieren sollten, warnte ich sowohl Gwylliam als auch Anwyn vor dem, was ich f�hlte. Doch sie schlugen meine Warnung in den Wind. Da zun�chst nichts sonderlich Schlimmes geschah, wurden meine Bef�rchtungen verlacht und als Verfolgungswahn abgetan. Doch sie verstanden eines nicht: Wenn das B�se eine Weile nicht an die Oberfl�che kommt, ist es noch lange nicht verschwunden, sondern es verbirgt sich h�chstwahrscheinlich irgendwo in der Dunkelheit, g�rt vor sich hin und sammelt neue Kr�fte. Aber Anwyn und Gwylliam f�hlten sich nur in ihrer Annahme best�tigt. Die F�dor zeigten sich nicht; Anwyn und Gwylliam regierten drei Jahrhunderte lang in relativem Frieden, bis eines Nachts in Canrif, das heute den Namen Ylorc tr�gt, ihr Reich zusammenbrach. Ob der D�mon eine Rolle dabei spielte oder ob es allein Anwyns und Gwylliams Torheit war, werden wir nie wissen. Es kam zu einem neuerlichen Krieg, der �ber Jahrhunderte w�hren sollte, �ber siebenhundert Jahre, Rhapsody. In jener Zeit bildete ich K�mpfer und K�mpferinnen aus und schickte sie aus, um den D�mon zu finden. Keiner von ihnen ist jemals zur�ckgekehrt.� Oelendra warf das Fleisch in den Topf und fing an, die Gerste zu putzen.</p><p>�Und das reichte nicht aus, um sie zu �berzeugen?�</p><p>�W�hrend des Krieges waren solche Verluste bedeutungslos; schlie�lich verschwanden st�ndig Soldaten. Und nach dem Krieg, in dem unsicheren Frieden, der folgte, nahm man irgendwann an, ich selbst sei in irgendeiner Weise schuld am Verschwinden meiner K�mpfer. Erst dachten nur die Cymrer, ich w�re verr�ckt und jagte einem D�mon hinterher, der gar nicht existierte, dann schl�ssen die Lirin sich ihnen an. Allm�hlich bekam sogar ich selbst Zweifel an mir und fragte mich, ob ich die Zeichen wom�glich falsch gedeutet h�tte, ob ich so im Kummer der Vergangenheit gefangen war, dass ich mir alles nur einbildete. Nach und nach h�rten die Cymrer auf, mir ihre S�hne zur Ausbildung im Schwertkampf zu schicken, weil sie f�rchteten, dass ich mit meinem fruchtlosen Unterfangen ihren Tod herbeif�hrte. Schlie�lich suchte ich selbst den F�dor, bis ich zu dem Schluss kam, dass die anderen Recht h�tten.�</p><p>Rhapsody ging zu ihrem Tornister, zog einen der Gew�rzbeutel hervor und gab eine Hand voll getrocknete Kr�uter und ein wenig wilden Meerrettich in den gusseisernen Topf. �Wie habt Ihr erkannt, dass Ihr Euch doch nicht geirrt hattet?�</p><p>�Als ich Gwydion gefunden habe.�</p><p>Der Name lie� Rhapsody aufhorchen. �Gwydion von Manosse?�</p><p>�Ja. Du kennst ihn?�</p><p>�Ich habe seinen Namen einmal geh�rt�, r�umte Rhapsody ein. �Da kann man wohl kaum sagen, dass ich ihn kenne. Herzog Stephen Navarne bewahrt ein paar Erinnerungsst�cke an ihn auf.�</p><p>�Ich habe ihn auch kaum gekannt. Nur einmal habe ich ihn gesehen, bei seiner Namenszeremonie, als er noch ein S�ugling war. Aber Stephen war bei mir zur Ausbildung. Er und Gwydion waren Kinderfreunde, wuchsen aber in verschiedenen Provinzen auf, bis sie sich wieder trafen, als Stephen seine Ausbildung bei Gwydions Vater fortsetzte.�</p><p>Rhapsody nahm den Kessel von der Feuerstelle und goss kochendes Wasser in den Topf. Voller Erstaunen starrte Oelendra auf Rhapsodys Hand, die das rot gl�hende Eisen ungesch�tzt ber�hrte. Als Rhapsody ihren Blick bemerkte, musste sie l�cheln.</p><p>�Wer war Gwydions Vater?�</p><p>�Llauron, der F�rbitter der Filiden im Gwynwald.� Schnell trat Oelendra zur Seite, um nicht vom dampfenden Wasser verbr�ht zu werden, als Rhapsody den Kessel unsanft auf dem Tisch abstellte. Mit einem der T�cher, die am Sp�lbecken hingen, wischte Rhapsody die Pf�tze hastig auf.</p><p>�Tut mir Leid. Habt Ihr Euch wehgetan?�</p><p>�Nein, nein. Und du?�</p><p>�Auch nicht. Habt Ihr gerade gesagt, dass Gwydion von Manosse Llaurons Sohn war?�</p><p>�Sein einziger Sohn, sein einziges Kind, sein einziger Erbe. Llaurons lirinsche Ehefrau Cynron starb bei seiner Geburt.�</p><p>�Wie traurig.� Langsam nahm Rhapsody Oelendras Worte in sich auf. Sie versp�rte Mitleid mit ihrem sanften Mentor; kein Wunder, dass er sich so in seine Arbeit gest�rzt hatte. Die Insignien cymrischer Macht konnten das, was er verloren hatte, offensichtlich nicht ersetzen deshalb blieb er f�r sich, k�mmerte sich um seinen Garten und seine Sch�ler und verschm�hte die Reicht�mer und Titel seiner Herkunft. So erkl�rte sich auch seine enge Freundschaft mit Herzog Stephen, dem besten Freund seines Sohnes. �Was habt Ihr damit gemeint, dass Ihr Gwydion gefunden habt?�</p><p>Oelendras Augen verengten sich. �Es sind nunmehr zwanzig Jahre, dass ich auf Gwydion traf, blutend und geschunden, dem Tode nahe, am Rand des Gwynwalds in Navarne, unweit vom Haus der Erinnerungen. Er war auf der Suche nach dem D�mon gewesen; meines Wissens ist er der Einzige, der jemals entkommen ist. Doch er war schwer verletzt, sein Brustkorb aufgerissen, ein St�ck seiner Seele entbl��t.</p><p>Als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass er sterben w�rde, und ich wusste auch, was ihn get�tet hatte.�</p><p>Rhapsody h�ngte den Kessel wieder �bers Feuer und beobachtete, wie die Flammen knisterten, als sie sich ihnen n�herte. �Die F�dor?�</p><p>�Ohne jeden Zweifel. Seine Seele blutete, ein rotes pulsierendes Licht umgab ihn. Der Anblick wird mir stets unvergesslich bleiben. Man denkt immer, die Seele sei etwas �therisches, ohne k�rperliche Form, aber die F�dor hatten es geschafft, sie aufzuschlitzen. Ein gr�sslicher Anblick.�</p><p>�Ich kann es mir kaum vorstellen. Was habt Ihr getan?�</p><p>�Panik �berw�ltigte mich, aber nicht aus Angst um Gwydion. Ich habe in meiner Zeit so viel Tod gesehen, dass er mich nicht mehr beeindrucken kann. Was mir Angst machte, war, wie m�chtig der F�dor geworden war, Rhapsody. Gwydion war ein gef�hrlicher Gegner. Er war in der Wildnis von Manosse gro� geworden, er war mit den Meeresmagiern in ferne, abenteuerliche L�nder gereist und hatte in mehr als einem Krieg gek�mpft. Aber noch mehr als das: Die Macht und die F�hrungsqualit�ten, die er allein durch seine Herkunft erworben hatte, kannten nicht ihresgleichen.</p><p>Von Gwylliam, seinem Gro�vater, besa� er das Anrecht auf das Land, das nur jene erben, in deren Adern uraltes k�nigliches Blut flie�t, die Linie der K�nige. Von Anwyn, seiner Gro�mutter, hatte er das Blut der Drachin Elynsynos und Merithyns in sich, der ein Seren war eine weitere der f�nf erstgeborenen Rassen, den Elementen entsprungen, aus denen das Universum besteht.</p><p>Auf der m�tterlichen Seite seiner Familie stammte er von den MacQuieth ab. Er war der Kirsdarkenvar und Herr des Hauses Neuland, des h�chsten manossischen Geschlechts. Und all dem zum Trotz war vom Kronprinz der cymrischen Dynastie nichts weiter �brig als ein zitterndes H�ufchen blutigen Fleisches. Wenn der F�dor Gwydion von Manosse vernichten konnte, dann war seine Macht so gro� geworden, dass ich nicht einmal mehr hoffen konnte, sie allein zu bew�ltigen. Das war vor zwanzig Jahren, Rhapsody, und ich schaudere bei dem Gedanken, was der D�mon jetzt zu tun vermag.� Sie blickte zu ihrer neuen Sch�lerin auf und runzelte die Stirn.</p><p>Rhapsody zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Gwydion war der Kirsdarkenvar?�</p><p>�Ja, er trug das Schwert des Wasserelements, Kirsdarke, das �ber Generationen auf ihn herabgekommen war. Durch sein Blutrecht und strenge Initiationsriten vermochte er das Schwert mit der gr��tm�glichen Macht zu f�hren. Und wenn er unter Einsatz der Klinge, die eigens daf�r gefertigt worden war, b�se Wesen wie die F�dor zu t�ten, dennoch besiegt werden konnte, dann war klar, dass die Zeit gekommen war. Nun konnten nur noch die Drei das B�se besiegen ... Rhapsody? Was ist los?�</p><p>Rhapsody starrte aus dem Fenster in das verblassende Zwielicht, das sich im Laufe ihres Gespr�chs eingeschlichen hatte.</p><p><emphasis>Hast du selbst eine Verbindung zum Wasser oder besteht sie nur durch dein Schwert?</emphasis></p><p><emphasis>Das ist schwer zu sagen. Inzwischen trage ich Kirsdarke schon so lange bei mir, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals ohne dieses Element gewesen zu sein</emphasis>. Rhapsody dachte an das verborgene Tal, den unerwarteten Anblick Ashes nach seinem Bad, nackt vom Nabel aufw�rts, die grausige Wunde, die im Licht schw�rte. Dann wanderten ihre Gedanken unvermittelt zu einem anderen versteckten Tal.</p><p><emphasis>Es muss der Rakshas gewesen sein, dem ihr begegnet seid. Vor zwanzig Jahren schufen die F�dor den Rakshas im Haus der Erinnerungen. Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des D�mons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. F�r gew�hnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein K�rper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde. Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft. Ein</emphasis></p><p><emphasis>Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der D�mon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schlie�lich die Form des Eigent�mers der Seele an, wobei dieser nat�rlich tot ist. Damit verf�gt er auch �ber einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, b�se Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, H�bsche. Und h�re: Er befindet sich ganz hier in der N�he. Sei vorsichtig, wenn du meine H�hle verl�sst</emphasis>. Dies waren Elynsynos� Worte gewesen. Cedelia hatte sie angestarrt.</p><p><emphasis>Habe ich Euch irgendwie gekr�nkt, Cedelia?</emphasis></p><p><emphasis>Man hat Euch vor f�nf Tagen am Rand des Au�enwaldes zusammen mit einem Mann in einem grauen Kapuzenumhang gesehen. Ein Mann in einem grauen Kapuzenumhang hat in derselben Nacht am Ostrand des Au�enwalds einen �berfall auf ein Lirin</emphasis>-<emphasis>Dorf angef�hrt</emphasis>. </p><p><emphasis>Die Siedlung ist niedergebrannt. Vierzehn M�nner, sechs Frauen und drei Kinder sind bei dem �berfall ums Leben gekommen</emphasis>.</p><p>Sie konnte sich Achmeds Gesichtsausdruck noch genau vor Augen rufen, als sie ihm aus dem Vertrag vorlas, den sie im Haus der Erinnerungen gefunden hatten.</p><p><emphasis>Die Vertragspartner sind Cifiona ich sch�tze, das ist die Frau mit dem gro�en Dolch und eine Person namens Rakshas, die aber nur als Mittelsmann f�r einen Herrn in Erscheinung tritt, dessen Name interessanterweise unerw�hnt bleibt. Zu diesen Pflichten geh�rt der Vollzug der Blutopferung von dreiunddrei�ig unschuldigen Herzen und unber�hrten K�rpern menschlicher Abstammung sowie von Lirin oder Halb</emphasis>-<emphasis>Lirin in gleicher Zahl</emphasis>.</p><p>�Rhapsody?� Oelendras kr�ftige H�nde umfassten ihren Oberarm.</p><p>Rhapsody wandte sich zu ihr um. �Ja?�</p><p>�Woran denkst du gerade?�</p><p>Rhapsody schaute wieder zum Fenster und schluckte; die Nacht brach herein.</p><p>�Wir k�nnen uns nach dem Abendessen weiter unterhalten, Oelendra. Jetzt m�ssen wir uns beeilen, sonst verpassen wir die Gebete.�</p><p>�Welche Gebete?�</p><p>�berrascht blickte Rhapsody die alte Lirin-Kriegerin an. Sie musste doch mit den Liedern der aufgehenden Sterne und der untergehenden Sonne vertraut sein Oelendra war eine Liringlas, eine Himmelss�ngerin! Doch sie starrte Rhapsody nur voller Verwirrung an. Vielleicht hatten die Gebete hier eine andere Bezeichnung.</p><p>�Bitte, Oelendra, kommt mit mir. Wir k�nnen die Gebete gemeinsam verrichten. Es ist so lange her, dass jemand mit mir gesungen hat.� Mit diesen Worten nahm sie Oelendra bei der Hand und eilte in der hereinbrechenden D�mmerung zur n�chsten Waldlichtung.</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Das Zwielicht verwandelte sich bereits in tiefblaue Dunkelheit, als die beiden Frauen die Lichtung erreichten. Der Tagesstern war untergegangen, doch die Sterne der Nacht lugten einer nach dem anderen hervor und schimmerten sanft, ehe sie ihre Pl�tze am Nachthimmel beanspruchten und hell durch die Wolkenfetzen schienen, die vor dem aufgehenden Mond vor�berzogen.</p><p>Rhapsody r�usperte sich und sammelte ihre Gedanken. Sie f�hlte sich wie getrieben, nachdem sie den Nachmittag unbemerkt hatte verstreichen lassen, und brauchte deshalb ein paar Atemz�ge, um sich zu sammeln und Ehrfurcht zu versp�ren. Die erschreckenden Neuigkeiten, die Oelendra ihr erz�hlt hatte, waren f�r den Moment vergessen, damit sie die uralte Zeremonie nicht st�rten, die sie Tag um Tag zum Andenken an ihre Mutter vollzog. Als auch der allerletzte Sonnenstrahl hinter dem Horizont versunken war, sang sie die ersten T�ne der Abschiedsvesper, des Abendlieds, das der Sonne auf ihrem Weg durch die Dunkelheit eine gute Reise w�nschte und versprach, sie am Morgen voller Freude zu begr��en.</p><p>Sie sang leise und wartete, dass Oelendra einstimmte, aber die Lirin-K�mpferin stand schweigend da und lauschte. Rhapsodys Stimme wurde voller, w�hrend die Nacht sich weiter herabsenkte und die Sterne heller strahlten; sie konnte ihr Licht in den Augen sp�ren. Es f�hlte sich so richtig an, hier in Tyrian zu singen, und ein Gef�hl von Freiheit und Wohlbehagen stieg in ihr auf. Das Lied wurde nicht von Wind und Erde festgehalten, sondern schwebte frei und leicht zum Himmel empor. Die Lirin dieses Landes waren keine Liringlas, keine Himmelss�nger, aber sie waren immer noch Himmelskinder.</p><p>Die Begr��ung der Sterne w�hrte nicht lange; die Verse waren kurz und knapp, und schon bald hatte Rhapsody ihre Gebete beendet. Die komplexeren Lobges�nge lie� sie aus, denn sie wusste nicht recht, warum Oelendra nicht einstimmte, und wollte die Situation keinesfalls schlimmer machen, falls sie aus irgendeinem Grund ihr Missfallen erregt hatte. So atmete sie die s��e Nachtluft tief ein und wandte sich an Oelendra. Ihr L�cheln verblasste, als sie deren Miene gewahrte.</p><p>�Oelendra? Was ist mit dir?�</p><p>Die Lirin-K�mpferin starrte mit einem v�llig verlorenen Gesichtsausdruck gen Himmel. Sie sah so traurig aus, dass Rhapsody zuerst nur tiefstes Mitleid empfand. Dann aber fing sich Oelendra wieder, und ihr Gesicht spiegelte jene sanfte Weisheit, zu der sich Rhapsody bei ihrer ersten Begegnung so hingezogen gef�hlt hatte.</p><p>�Nichts, Liebes. Ich habe nur nachgedacht. Warum gehst du nicht zur�ck ins Haus? Ich komme gleich nach.�</p><p>Rhapsody nickte und gehorchte. Sie ging den Weg zur�ck zu Oelendras Behausung, trat ein und lie� die T�r hinter sich offen stehen.</p><p>Im Schutz der Dunkelheit stand Oelendra wartend da und starrte zu den Sternen empor. Rhapsodys Lied hatte in ihr eine Erinnerung geweckt die Erinnerung an ein Ritual, das sie jeden Morgen und jeden Abend an jedem Tag ihres Lebens treu begangen hatte, ehe sie ihre Heimat verlassen hatte und hierher gekommen war. Ein Ritual, das sie bis eben vollkommen vergessen hatte.</p><p>Ihre eigenen Gebete hatten nicht nur die �bliche Liringlas-Vesper umfasst, die Rhapsody gerade gesungen hatte, sondern auch das Klagelied des Gefallenen Sterns, des Sterns, dem sie ihren Namen verdankte. Wie lange war es her, dass dieses Lied gesungen worden war? Erinnerte sich unter den jetzt Lebenden �berhaupt noch jemand an den verloschenen Stern, oder hatte sie mit ihrer Nachl�ssigkeit sein Andenken f�r immer getilgt? Sie sp�rte, wie ihr verkrampftes Herz sich entspannte, w�hrend die Erinnerungen zur�ckkehrten; die Lieder, die ihr in all den kummervollen Stunden Trost gespendet und eine Orientierung gegeben hatten, geh�rten ihr jetzt wieder. Dabei hatte sie nicht einmal bemerkt, dass sie nicht mehr da gewesen waren. Dieses M�dchen hatte sie ihr geschenkt; der erste dunkle Ort, an den Rhapsody Licht brachte, war Oelendras eigenes Herz. Und der Ort, von dem das Licht stammte, war ebenfalls dunkel; er lag verborgen in den Tiefen der stillen See. Licht ins und aus dem Dunkel. Die Iliachenva�ar.</p><p>Der frische Wind der Fr�hlingsnacht griff nach dem Saum von Oelendras Umhang, aber es war nicht die Brise, die die Augen der Kriegerin feucht werden lie�. Oelendra wischte sich die Tr�nen von den Wangen, als sie am Rand der Lichtung Halt machte, um ihr Haus zu betrachten. <emphasis>Wie konnte ich das vergessen? Es muss geschehen sein, als die Tagessternfanfare verstummte, in dem Augenblick, als das Schwert und Serendair f�r immer voneinander getrennt wurden</emphasis>.</p><p>Nun umschloss die Dunkelheit sie von allen Seiten. Das Licht, das aus ihrem Heim str�mte, war wie eine warme Insel mitten im schwarzen See der Nacht. Im Innern des Hauses sah sie Rhapsody umhergehen. Sie r�hrte in dem Eintopf, der �ber dem Feuer hing, und wandte sich dann einer Vase mit Fr�hlingsblumen auf dem Tisch zu; offenbar hatte sie diese im Dunkeln gepfl�ckt.</p><p>Oelendra l�chelte unwillk�rlich. <emphasis>In ihr schlummern M�glichkeiten,</emphasis> dachte die alte Kriegerin, w�hrend sie die junge S�ngerin beobachtete. <emphasis>Sie hat ein edles Herz und ist voll selbstloser Hingabe an andere. Sie wei�, dass es Dinge gibt, die gr��er, h�her sind als sie selbst, und sie m�chte ihnen dienen. Sie k�nnte dort erfolgreich sein, wo die anderen wo wir anderen versagt haben</emphasis>. Das M�dchen stellte zwei Teller auf den Tisch und blickte kurz aus dem Fenster, ehe sie sich wieder dem Eintopf zuwandte. <emphasis>Wie lange ist es her, dass jemand f�r mich den Tisch gedeckt hat?,</emphasis> �berlegte Oelendra, als Rhapsody aus ihrem Blickfeld verschwand. Das M�dchen war anders, das machte die Sache schwieriger. Oelendra wusste, dass ihr vernarbtes Herz sich noch einmal �ffnen musste, dass es den Schmerz noch einmal riskieren w�rde, um an dieses M�dchen zu glauben, ihr zu helfen und sie zu lieben, unter Tr�nen zu beten, dass sie die Pr�fung �berlebte, die das Schicksal ihr zugedacht hatte. Rhapsody reichte Oelendra die abgetrockneten Teller zum Wegstellen und setzte sich dann ans Feuer. �Erz�hlt Ihr mir die Geschichte von Gwydion bitte zu Ende?�</p><p>Oelendra klappte den Schrank zu und l�chelte. Dann ging sie zu dem Schaukelstuhl und lie� sich mit untergeschlagenen Beinen darauf nieder. �Wir waren tats�chlich noch nicht fertig, nicht wahr? Nun denn ... Obgleich Gwydion t�dlich verwundet war, lebte er noch, als ich ihn fand. Ich konnte nichts tun, um ihn zu retten, nicht einmal seine Schmerzen lindern, und deshalb trug ich seinen geschundenen K�rper tief in den Gro�en Wald, am Schleier von Hoen vorbei, in die Obhut von F�rst und F�rstin Rowan. Sie bem�hten sich sehr um seine Heilung und k�mpften tagelang um sein Leben.</p><p>Als nichts helfen wollte und Gwydion weiter Todesqualen litt, nahm ich schlie�lich einen Sternsplitter vom Heft meines Schwerts und gab ihn der F�rstin. Wei�t du, im Griff der Tagessternfanfare war ein St�ck von Seren, dem Namensstern unserer Heimat. Das war meine Verbindung zu dem Schwert, ein reines Fragment des �therelements; ich wusste, dass nichts sonst in meinem Besitz solche Macht besa� wie dieses St�ck au�er dem Schwert selbst nat�rlich. Ich �berlie� es ihnen in der Hoffnung, dass sie mit diesem Sternensplitter einen letzten Versuch unternehmen w�rden, Gwydion zu retten, aber sie konnten nichts mehr f�r ihn tun. Vielleicht ist es gut so, denn mit dieser Elementarmacht zu leben w�re f�r Gwydion wom�glich schlimmer gewesen als der Tod.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil Gwydion der Urenkel von Elynsynos war und als solcher Drachenblut in sich hatte, das sich in seinen Adern mit Menschenblut mischte. Eine solch intensive Machtquelle h�tte die schlummernde Drachennatur in ihm m�glicherweise voll zum Tragen gebracht. Ich bezweifle, dass er als Drache h�tte leben wollen, denn er besa� die Seele eines Menschen. Wahrscheinlich ist es f�r uns alle ein Segen, dass er nicht �berlebt hat; wenn der F�dor in der Lage gewesen w�re, ihn an sich zu binden, den Drachen zu beherrschen ich schaudere bei dem Gedanken, wie er die Macht missbraucht h�tte, um die Elemente selbst zu kontrollieren. Es war eine Verzweiflungstat, den Stern um Gwydions willen aufzugeben, und es war umsonst; trotzdem bereue ich nicht, es versucht zu haben.�</p><p>�Ich bin sicher, dass er Eure Freundlichkeit und Gro�herzigkeit auch noch in seinen letzten Augenblicken zu sch�tzen wusste, Oelendra.�</p><p>�Ich bezweifle, dass er irgendetwas anderes wahrnahm als seine eigene Todesqual, Rhapsody. Es war das Schlimmste, was ich jemals einen Menschen habe erdulden sehen, und ich habe gr�ssliches Leid miterlebt.�</p><p>Rhapsody musste sogleich an Llauron denken. �Ich frage mich, ob Gwydion unter der wei�en Esche im Garten des F�rbitters begraben ist, unter dem Baum, den Llauron Mahb nennt.�</p><p>�Vielleicht. Es ist jedenfalls das Wort f�r Sohn.� �Habt Ihr seinen Leichnam zur�ckgebracht?� Oelendra sch�ttelte den Kopf. �Nein; F�rst Rowan sagte mir, es sei Zeit f�r mich, ins Land der Lebenden zur�ckzukehren. Die F�rstin segnete Gwydions K�rper, als ich durch den Schleier zur�ckkehrte. Ich konnte Llauron nicht einmal �bermitteln, was sein Sohn in seinen letzten Augenblicken sagte oder tat, denn ich war nicht bei ihm.� Rhapsody war bass erstaunt. �Das Land der Lebenden?� �ber Oelendras Gesicht huschte ein entr�cktes L�cheln. �Der Hof der Rowans ist ein mystischer Ort, Rhapsody, auf der anderen Seite des Schleiers der Freude. Um ihn zu betreten, muss man dem Tod nahe sein oder sich in einer Situation befinden, in der es um Leben oder Tod geht. Dort verstreicht die Zeit nicht wie hier; man kann f�r Jahre verschwunden sein, und bei der R�ckkehr ist nur ein einziger Augenblick vergangen.�</p><p>�Und wer sind die Rowans? Heiler?�</p><p>Nun wurde Oelendras L�cheln traurig. �Gro�e Heiler sogar, obgleich ihre Heilkunst oft schwer anzunehmen ist. Die F�rstin ist H�terin der Tr�ume, W�chterin des Schlafes, Yl Breudivyr. Der F�rst ist die Hand der Sterblichkeit, der Friedliche Tod, Yl Angaulor. Deshalb wei� ich, dass Gwydion tot ist, auch ohne dass ich seinen letzten Augenblicken beigewohnt habe; F�rst Rowan selbst hat mir gesagt, dass es Zeit sei. Da verlie� ich ihn, denn ich wurde nicht mehr gebraucht und war nicht mehr willkommen. Wenn ich den F�rsten und die F�rstin das n�chste Mal sehe, werde ich f�r immer in ihr Reich eingehen und nicht mehr auf dieser Erde wandeln. Als ich dich sah, wusste ich, dass die Zeit nicht mehr fern ist.�</p><p>Eine Welle von �belkeit durchflutete Rhapsody. �Wollt Ihr damit sagen, dass meine Ankunft die Ursache Eures Todes sein wird?�</p><p>�Nein, aber ich lebe schon viel l�nger, als meine Zeit w�hren sollte, und warte darauf, dass mich endlich jemand als W�chterin abl�st. Jetzt, da ich jemanden gefunden habe, an den ich mein Verwalteramt weitergeben kann, werde ich endlich zur Ruhe kommen und mit denen wiedervereint sein, die ich liebe. Nicht nur in dieser Welt gibt es Unsterblichkeit, Rhapsody.�</p><p>Oelendras Blick ging Rhapsody durch und durch, mitten ins Herz. Schon so oft hatte sie selbst sich nach dem Gleichen gesehnt.</p><p>�Und damals habt Ihr das Schwert aufgegeben?�</p><p>L�chelnd trank Oelendra einen Schluck <emphasis>dol mwl</emphasis>. �Damals hat das Schwert mich aufgegeben. Nachdem ich das St�ck des Sterns entfernt hatte, wollte ich es wieder umg�rten, aber es war in der Erde verschwunden, auf der ich es hatte liegen lassen. Einen Herzschlag lang sah ich sein Licht, dann war auch das verschwunden. Es schien fast, als w�re es mit Gwydion gestorben, begraben hinter dem Schleier von Hoen. Ein angemessener Ort, wie mir schien. Aber ich wusste, dass es irgendwann zur�ckkehren w�rde, und nun ist es so weit.�</p><p>Rhapsody nickte. Jetzt wusste sie, wie das Schwert in die Erde gekommen war. Den Rest des Abends verbrachten sie in angenehmer Unterhaltung. Rhapsody spielte auf der Laute, die Elynsynos ihr geschenkt hatte, mehrere Weisen aus der alten Welt und sang bei einigen davon auf Alt-Lirinsch mit. Oelendra lauschte hingerissen, stimmte aber wieder nicht mit ein. Ihrerseits erz�hlte sie der S�ngerin von l�ngst vergangenen Zeiten, von den letzten ruhmreichen Tagen nach dem Krieg, vor der Katastrophe, als Serendair noch eine kurze Zeit des Friedens erlebt hatte, von Freunden und Kameraden und unvergesslichen Erinnerungen. Schlie�lich wurde Rhapsody von der M�digkeit der langen Reise �berw�ltigt, und sie schlief neben dem Feuer ein. Einige Zeit sp�ter wachte sie auf, weil sich eine Hand sanft auf ihre Schulter legte.</p><p>�Komm, Liebes, ich zeige dir, wo du wohnen wirst.� Rhapsody erhob sich und rieb sich verschlafen das Gesicht. �Ich muss unbedingt bald eine Botschaft nach Ylorc schicken, wenn es irgendwie m�glich ist�, sagte sie.</p><p>�Ja�, stimmte Oelendra ihr zu. �Ich begleite dich morgen fr�h nach Tyrian-Stadt. Dort macht die Postkarawane regelm��ig jede Woche Halt. Bestimmt sind deine Freunde froh, wenn sie h�ren, dass du wohlbehalten hier angekommen bist. Aber nun folge mir, du bist ersch�pft.�</p><p>Wie im Traum folgte Rhapsody der �lteren Frau an dem gro�en Kamin vorbei und einen Gang entlang. Oelendra f�hrte sie in ein kleines Zimmer am anderen Ende des Hauses. Es hatte ein schmiedeeisernes Gitter vor dem Fenster, an der einen Wand stand ein Himmelbett, an der anderen ein schwerer Schrank. Auf dem Bett lag eine ganze Auswahl von Decken und Fellen, genug, um einen frostigen Winter zu �berstehen.</p><p>�Das ist dein Zimmer, so lange du es haben m�chtest�, sagte Oelendra. �Mach es dir gem�tlich und schlaf ein wenig. Wenn es dir recht ist, zeige ich dir morgen die Stadt. Doch nun schlaf dich erst einmal aus. Ich vermute, du hast es bitter n�tig.�</p><p>�Danke.� Rhapsody konnte kaum noch die Augen offen halten. �Wahrscheinlich sollte ich Euch warnen, ich habe n�mlich oft Albtr�ume. Falls Ihr mich in der Nacht h�ren solltet, entschuldige ich mich schon im Voraus daf�r.�</p><p>�Nach allem, was du durchgemacht hast, wundert es mich nicht, dass du tr�umst. Ich habe das auch getan. Irgendwann geht es vorbei. Erst schl�fst du eine einzige Nacht ohne Tr�ume, dann kommen sie immer seltener, und schlie�lich suchen sie dich gar nicht mehr heim. Ruh dich gut aus.� Oelendra ber�hrte Rhapsodys Schulter, als sie ging. Rhapsody zog sich aus und kroch sofort ins Bett.</p><p>Sie tr�umte nicht vom alten Land, auch nicht von einem D�mon, sondern von einem sch�nen Gesicht, das unsicher l�chelte. Sie sah es wieder, wie es sie im Licht des W�ldchens anl�chelte, ihr an der Schwelle der Drachenh�hle Lebewohl sagte.</p><p><emphasis>Eine entstellte, b�se Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, H�bsche. Und h�re: Er befindet sich ganz hier in der N�he. Sei vorsichtig, wenn du meine H�hle verl�sst</emphasis>. Wieder l�chelte das Traumgesicht sie unsicher an. Dann schien die Sonne durchs Laub des Waldes, und es begann zu schmelzen gro�e, eisige Tr�nen rannen aus seinen Augen, bis es sich ganz aufl�ste und nur mehr eine Lache dampfenden Wassers �brig blieb, in dem sich noch immer sein Bild spiegelte.</p><p>�Was hast du zu trinken?�</p><p>�Portwein. Oder einen jungen Branntwein.�</p><p>�Nichts St�rkeres?�</p><p>�Hmmmm. Heute ist also kein guter Tag?�</p><p>�Offenbar hast du in letzter Zeit nicht viel auf meinen Zustand geachtet.�</p><p>�Das stimmt nicht; und deshalb habe ich diesen wundervollen canderischen Whiskey vorr�tig.�</p><p>�Der w�re nicht schlecht.�</p><p>�Ich gestehe, dass ich ein wenig �berrascht bin, dich zu sehen. Warum bist du hergekommen?�</p><p>�Ich denke, deine Gastfreundschaft ist schuld daran. Ihr kann ich nur schwer widerstehen.�</p><p>�Nun werde doch nicht gleich so unwirsch. Du wei�t, dass ich mich immer sehr �ber deinen Besuch freue.�</p><p>�Nat�rlich. Habe ich dich bei etwas Wichtigem unterbrochen? Hast du gerade �ber die Vernichtung von jemand Bedeutendem nachgedacht?�</p><p>�Diese Bemerkung �berh�re ich. Hier ist dein Whiskey. Was willst du von mir?�</p><p>Ashe nahm einen Schluck und behielt die bei�ende Fl�ssigkeit einen Augenblick im Mund.</p><p>�Ich m�chte, dass du dir deine Pl�ne f�r Rhapsody noch einmal �berlegst.�</p><p>�Ach wirklich? Und warum sollte ich?�</p><p>Er nahm einen weiteren, gr��eren Schluck und setzte sich an den reich verzierten Holzschreibtisch. �Wenn sie die ist, f�r die wir sie halten, dann ist es unklug, ihren guten Willen zu missbrauchen.�</p><p>�Wenn sie die ist, f�r die wir sie halten, dann wird sie es verstehen. Es ist ebenso ihr Schicksal wie das unsere.�</p><p>�Wei�t du, ich glaube, du machst dir einen v�llig falschen Begriff von Schicksal als solchem. Andere Leute nehmen es nicht immer so an, wie du es gern h�ttest, sie deuten es nicht einmal auf deine Weise. Vor allem, wenn es ihnen Schaden, Schmerz oder gar Untergang beschert.�</p><p>�Du urteilst jetzt nicht zuf�llig aus deinem eigenen Blickwinkel heraus, oder?�</p><p>Ashe hielt schweigend inne. �Nein. Selbstverst�ndlich nicht.�</p><p>�Das dachte ich mir schon. Und seit wann bist du so um das Wohlergehen meines Sch�tzlings besorgt, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Du bist nicht der Einzige, der sie f�r seinen Sch�tzling h�lt, wei�t du. In diesem Augenblick ist sie bei Oelendra, um Unterricht zu nehmen.�</p><p>�Gut, gut. Das wird helfen. Aber weiche meiner Frage nicht aus. Woher kommt all deine Sorge um Rhapsody? Hast du den Eindruck gewonnen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen ist?�</p><p>�Wohl kaum. Wenn �berhaupt, ist sie eher noch viel mehr dazu in der Lage, als wir urspr�nglich angenommen haben.�</p><p>�Warum bist du dann so besorgt?�</p><p>Ashe schwenkte den restlichen Whiskey in seinem Glas und trank ihn dann in einem Zug. Leider �bte der Alkohol keinerlei bet�ubende Wirkung auf ihn aus. �Es w�re mir �u�erst unangenehm, wenn all unsere Pl�ne zu nichts f�hren w�rden, nur weil du deinen Einfluss auf einen der drei falsch eingesch�tzt hast.�</p><p>Er blickte auf in Augen aus blauem Granit, die ihn anstarrten und deren Glanz etwas Reptilienhaftes an sich hatte. <emphasis>So fehl am Platz wirken sie in dem freundlichen alten Gesicht,</emphasis> dachte er.</p><p>�Nun, ich will mich deutlich ausdr�cken. Ich brauche Rhapsody in der Rolle, f�r die ich sie vorgesehen habe. Das kann keiner von euch anderen. Aber es ist eine Nebenrolle. Wenn es darum geht, sich bei jemandem lieb Kind zu machen, dann ist es allein Achmed, dessen Gunst ich mir erhalten muss. Er ist als Einziger unersetzlich.�</p><p>Ashe l�chelte, stand auf und schlenderte zur Hausbar hin�ber. �Du durchschaust die Machtstrukturen ganz und gar nicht�, meinte er, w�hrend er sein Glas bis knapp unter den Rand f�llte. �Achmed ist Rhapsody treu ergeben. Es ist ihre Loyalit�t dir gegen�ber, die ihn beeinflussen k�nnte, nicht seine eigene. Du und deine Pl�ne k�nnten ihm kaum gleichg�ltiger sein. Und wenn du ihr auch nur ein Haar kr�mmst, wird er es dir heimzahlen.�</p><p>Nun war Llauron an der Reihe zu l�cheln. �Wei�t du, dein Mangel an Gr�ndlichkeit entt�uscht mich. Ich f�rchte n�mlich, du irrst dich. Achmed hat andere Gr�nde, das zu tun, was ich will; Gr�nde, die viel �lter sind und weitaus zwingender als irgendeine Liebe oder Freundschaft, die sein h�ssliches Herz f�r sie empfinden mag. Offensichtlich kennst du die drei doch nicht so gut, wir ich es mir erhofft h�tte, nachdem du so lange mit ihnen zusammen warst. Zeitverschwendung.�</p><p>Ashe schwieg und starrte in die z�ngelnden Flammen des Kaminfeuers. <emphasis>Abgesehen vom Nebel k�nnte er einer der Schatten im Raum sein,</emphasis> dachte Llauron. Seine Stimme wurde sanft, als er seinem Sohn die Hand auf die Schulter legte.</p><p>�Wei� sie Bescheid?�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>�Dass du sie liebst.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Gut. Das ist f�r alle Beteiligten besser.�</p><p>Ein unangenehm ersticktes Lachen drang aus dem nebligen Schatten. �Wirklich? Ich bin wahrhaft gespannt, wie du diese �berzeugung zu erkl�ren gedenkst. Wie kann es f�r irgendjemanden besser sein au�er f�r dich?�</p><p>Der alte Mann seufzte und ging zur�ck zu seinem Stuhl. �Es gab eine Zeit, als du v�llig darauf vertrautest, dass ich wei�, was f�r alle am besten ist vor allem weil das, was gut f�r mich ist, auch gut f�r dich ist und letzten Endes auch f�r den Rest des Landes.�</p><p>�Vermutlich verblasst auch die leidenschaftlichste Heldenverehrung ein wenig, wenn man zwanzig Jahre allein und in k�rperlicher und geistiger Qual durch die Welt gewandert ist.�</p><p>Die Stimme aus dem Sessel klang kalt und hohl. �Das ist nur vor�bergehend. Bald wird es vorbei sein, und somit ist es unbedeutend. Wenn deine Herrschaft �ber dieses Land beginnt, endet deine Pein. Und nat�rlich kannst du dann jede Frau haben, nach der dir der Sinn steht.�</p><p>�Ich werde immer nur eine einzige Frau wollen.�</p><p>�Verzeih mir, wenn ich dich daran erinnere, diese Worte fr�her schon einmal von dir geh�rt zu haben.� Llauron zuckte nicht einmal mit der Wimper, als Ashe das Whiskeyglas ins Feuer warf, sodass die Flammen mit einem Schwall Rauch und Scherben aus ihrer steinernen Begrenzung ausbrachen. �Au�erdem gibt es keinen Grund, warum du Rhapsody dann nicht haben solltest wenn du sie noch immer willst. Bis dahin ist sie es sicherlich m�de, die Kurtisane des Bolg zu spielen. Wenn du wirklich Wert legst auf eine gebrauchte Hure, wird sie sich die Gelegenheit bestimmt nicht entgehen lassen.�</p><p>Ashe wandte sich um. Im Gegenlicht der Flammen sah Llauron den Zorn in den blauen Augen unter der Kapuze lodern, ja, er konnte sich vorstellen, wie sich der Drache in ihnen zum Sprung bereit machte.</p><p>�Sag so etwas nie wieder�, sagte Ashe mit t�dlich ruhiger Stimme. �Du hast die Grenzen meiner Loyalit�t bereits weiter �berschritten, als dir klar ist. Auf diesem Thema solltest du lieber nicht herumreiten.�</p><p>Llauron l�chelte in sein Glas. �Du vergisst, dass wir hinsichtlich des Werts von h�fischen Flittchen unterschiedlicher Auffassung sind, Gwydion. Einige der besten Frauen in meinem Leben waren Huren. Ich wollte Rhapsody durchaus nicht beleidigen.�</p><p>Ashe schwieg eine Weile. �Wei�t du, Vater�, sagte er schlie�lich, �vielleicht bist du bewandert, wenn es um Macht und Strategie und die Beeinflussung des Schicksals geht. Aber du hast keine Ahnung von Vertrauen und vom menschlichen Herzen.�</p><p>�Meinst du?�</p><p>�Ohne Frage. Du versprichst mir Rhapsody, als h�ttest du Kontrolle �ber ihre Gef�hle. Wenn alles vorbei ist, wird sie mich wahrscheinlich hassen, und das mit Recht. Es gibt Dinge, die sich nicht manipulieren lassen, und Dinge, die man nicht wieder in Ordnung bringen kann. Man kann nicht erwarten, dass jemand, den man als Schachfigur einsetzt, um die eigenen Ziele zu erreichen, und den man dabei zerst�rt, noch zu einem steht.�</p><p>Llauron wandte den Blick ab. �Warum denn nicht?�, fragte er den Boden. �Bei dir habe ich damit doch auch immer Erfolg gehabt.�</p><p>Ashes Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern. �Dabei werde ich nicht mitmachen.�</p><p>In der Antwort lag etwa so viel Mitgef�hl und W�rme wie in dem sterbenden Feuer im Kamin. �Zu sp�t, mein Junge, du steckst bereits mitten drin.�</p><p>Der bei�ende Wind, der die Bl�tter auf Llaurons Tisch rascheln lie�, war das einzige Zeichen, dass Ashe gegangen war.</p></section><section><title><p>22</p></title><p>�Guten Morgen�, begr��te Oelendra Rhapsody, als diese verschlafen blinzelnd aus ihrem Zimmer kam. Die Kriegerin stellte einen Becher Tee an den Platz, an dem Rhapsody am Abend zuvor gesessen hatte. �Ich hoffe, du hast gut geschlafen.�</p><p>�Sehr gut sogar, danke�, antwortete Rhapsody g�hnend. Sie hatte den rotseidenen Morgenmantel mit dem kunstvoll gestickten Drachenbild �bergezogen, den sie am Fu�ende des Betts vorgefunden hatte. Er war viel zu gro� f�r sie und h�tte zweifellos nicht einmal ihrer Gastgeberin gepasst. Dankbar nahm sie Platz und schl�rfte den Tee, w�hrend Oelendra wieder in ihre K�che zur�ckkehrte. Sie war bereits angezogen und wahrscheinlich schon seit Stunden auf den Beinen. Kurz darauf kam sie mit einem Teller Obst und einem Brot in der Form eines Sichelmonds zur�ck.</p><p>�Zuerst mal ein kleines Fr�hst�ck, dann ein wenig Bewegung ... Wir k�nnen zu Fu� in die Stadt gehen. Wenn wir zur�ckkommen, m�chte ich sehen, wie du das Schwert handhabst.�</p><p>Oelendra reichte Rhapsody den Teller und setzte sich zu ihr an den Tisch. Sie a�en in gem�tlicher Stille, w�hrend Rhapsody aus dem Fenster in den Garten starrte und dem Gesang der V�gel lauschte. Das Gef�hl von Magie, das sie allein in den ersten vertr�umten Stunden in Tyrian empfunden hatte, kehrte nun zur�ck.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck zeigte Oelendra Rhapsody die Stadt Tyrian. Sie erstreckte sich �ber eine H�gelkette, deren h�chste Erhebung den Namen Tomingorllo trug und dem K�nig als Palast diente. Die Mauer nahe diesem H�gel im n�rdlichen Zentrum hatte Rhapsody am ersten Tag passiert. Als die beiden Frauen das Tor durchquert hatten, wanderten sie einen unterirdischen Gang entlang und weiter in eine gro�e Senke, die sich inmitten der Anh�he befand und den Garten von Tomingorllo barg. Ringsum ragten nat�rliche Mauern aus Felsgestein auf, �hnlich wie die H�gelh�nge au�en, die so gut wie unm�glich zu erklimmen waren.</p><p>In den Garten gelangte man durch die unterirdischen Korridore, die sie soeben durchquert hatten, oder �ber einen gut versteckten Pfad, durch den Oelendra sie nun aus dem Garten hinausf�hrte. Der eigentliche K�nigssitz befand sich in einer Festung mit einem gro�en Innenhof auf dem Gipfel des Tomingorllo und konnte nur durch die gro�en Hallen erreicht werden, die unter dem massiven H�gel lagen. Von jeder freien Stelle der Stadt aus war die Festung sichtbar. W�hrend sie �ber die mit Kiefern bestandenen H�nge des Gartens wanderten, sp�hte Rhapsody immer wieder zu dem riesigen, runden Bauwerk mit seinen zahlreichen Pfeilern und der Kuppel aus silbern schimmerndem Marmor hin�ber, die in der Morgensonne leuchtete, bis sie schlie�lich in den tiefer liegenden Teil der Stadt hinabstiegen. Tyrian-Stadt selbst �hnelte eher den Lirin-St�dten in Rhapsodys Heimat und den D�rfern, durch die sie mit Cedelia gekommen war. Die H�user waren schlicht, schmal, mit hohen D�chern und lagen an vom Wald selbst geschaffenen Wegen. In den B�umen gab es hie und da hohe Plattformen, kleinere in den m�chtigen Eichen, aber auch gr��ere, die mehrere B�ume miteinander verbanden. Dazwischen verliefen H�ngebr�cken, die �ber den Waldwegen eine zweite Stra�e bildeten. In manchen Stadtteilen liefen auch Ziegen, Schafe und Schweine herum, aber zum gr��ten Teil waren die Tiere, die ihnen �ber den Weg liefen, Waldkreaturen, die harmonisch unter den Lirin lebten.</p><p>Weniger offensichtlich waren die Verteidigungsanlagen der Stadt. Es gab gut versteckte Wachposten, um eventuell einfallende Feinde abzufangen und ins t�dliche Kreuzfeuer zu nehmen. Immer wieder stie� man auf verborgene Gr�ben, die jeden organisierten Vorsto� in die Stadt m�helos verhindern w�rden. Au�erdem gab es auch konventionellere Verteidigungsanlagen, mehr im Stil der Menschen. Jeder der sechs �u�eren H�gel war von einer Verteidigungsmauer umgeben; dazwischen waren Schutzw�lle mit Palisaden und Gr�ben angelegt, ein jeder gr��er oder tiefer als der vorhergehende. Auf dem Boden der Gr�ben befanden sich angespitzte Pf�hle, sodass nahezu jeder, der hineinst�rzte, dies mit dem Leben bezahlte. �ber die Gr�ben verliefen Br�cken, die vom Innern der W�lle aus leicht eingezogen werden konnten. Rhapsody �berlegte, was Achmed oder Grunthor zu dieser Verteidigung gesagt h�tten, und pr�gte sich die Anlagen ein, die man vielleicht in Ylorc verwenden konnte.</p><p>Doch am meisten bewegte sie das t�gliche Leben in der Stadt. Tyrian war ein gesch�ftiger Ort, �bersch�umend vor Aktivit�t und mit einem regelrechten Gewimmel von Passanten. Obgleich die Lirin Fremden gegen�ber zur�ckhaltend waren, benahmen sie sich innerhalb der Stadtmauern ausgesprochen freundlich, und Rhapsody lachte und scherzte mit Leuten, die sie eben erst kennen lernte. �berall, wo Oelendra sie hinf�hrte, wurde sie herzlich aufgenommen. In einem Gasthaus a�en sie an einem Tisch im Freien ein Mittagsmahl aus gew�rztem Wildbret, Oliven und N�ssen, das Rhapsody so gut schmeckte, dass sie kaum aufh�ren konnte. Gruppen von Kindern rannten lachend durch die Stra�en und blieben einen Moment stehen, um Oelendra und Rhapsody anzustarren, streckten gelegentlich die H�nde aus, um Rhapsody zu ber�hren oder ihr eine Blume zuzuwerfen, ehe sie wieder davonstoben. Beim Anblick des Volks von Tyrian mit den gro�en, mandelf�rmigen Augen und dem teilweise drolligen �u�eren wurde Rhapsody warm ums Herz, ohne dass sie g�nzlich verstand, warum. <emphasis>Das muss Elynsynos mit ihrer Bemerkung �ber die Cymrer gemeint haben,</emphasis> dachte sie, als ihr bewusst wurde, dass sie st�ndig l�chelte. <emphasis>Jetzt verstehe ich, wie jemand auf den Gedanken kommt, ein Volk als einen wertvollen Hort zu betrachten</emphasis>. Sie grinste zwei kleine M�dchen an, die vor ihrem Tisch stehen geblieben waren.</p><p>�Wenn du fertig bist, zeige ich dir das Schloss�, sagte Oelendra und durchsuchte ihre Jackentasche. Dann legte sie etwas auf ihre Handfl�chen, hielt es den Kindern entgegen und nickte ihnen ermutigend zu. Sofort grapschten es sich die beiden M�dchen, obgleich Oelendra die H�nde mit der Schnelligkeit einer zuschnappenden Schlange wieder schloss. Nachdem die Kinder ihre Beute begutachtet hatten, rannten sie kreischend wieder davon, beide eine rote Kiran-Beere im Mund und voller Begeisterung dar�ber, dass sie schneller gewesen waren als die Lirin-Kriegerin. Rhapsody lachte und applaudierte den beiden Siegerinnen.</p><p>�Ja, das Mahl war wirklich k�stlich.� Sie erhob sich, faltete ihre Serviette zusammen und winkte den Kindern nach, die kichernd verschwanden. �Gehen wir weiter, Oelendra. Ich folge Euch, wo immer Ihr hingeht.�</p><p>�Dies sind der Hof und der Thron von Tomingorllo�, erkl�rte Oelendra, als sie die beiden schweren eichenen T�rfl�gel aufstie�. Jenseits der T�r befand sich eine riesige marmorne Rundhalle mit einer von S�ulen getragenen Kuppel. Die S�ulen ragten im Abstand von zehn Fu� von der Wand aus in die H�he, und die Kuppel wies oben eine gro�e �ffnung auf, sodass die Mitte des Saals unter dem wolkenlosen Himmel lag.</p><p>Auf der anderen Seite des Saals stand ein gro�er, aus schwarzem Walnussholz geschnitzter Thron, weit weniger prunkvoll, als Rhapsody es erwartet h�tte, sondern vielmehr recht streng, mit s�ulenartigen Armlehnen und einer niedrigen, gleichf�rmigen Lehne. Zwei gro�e steinerne Kamine, breiter als in Oelendras Haus, bildeten dunkel und kalt die beiden anderen Richtungspunkte des Kreises.</p><p>An den W�nden rund um den Saal verlief eine Holzbank, nur unterbrochen von der L�cke f�r die T�r und einer weiteren f�r den Thron. Im Zentrum stand auf einem kunstvoll verzierten silbernen St�nder ein kleiner Glasbeh�lter, der nicht so ganz zu der Strenge der sonstigen Ausstattung zupassen schien. Weiter oben war der Saal von einem Balkon umgeben, von dem aus man auf den Schaukasten in der Mitte blickte. Den einzigen anderen Schmuck bildeten vier sternf�rmige Gitter im Boden. Die Luft war rein und kalt.</p><p>�Hier w�rde der K�nig sitzen, wenn es einen g�be, und hier wurde das erste B�ndnis der Neuen Welt geschlossen und gebrochen. Komm mit.� Oelendra ging auf das seltsame Ausstellungsst�ck in der Mitte des Saals zu. Rhapsody folgte ihr und blickte in den Glaskasten.</p><p>�Die Krone des Lirin-K�nigreichs�, sagte Oelendra.</p><p>�Wie sch�n sie ist.� Rhapsody starrte auf das Diadem, das in dem Kasten vor ihr lag. Es bestand aus zahllosen winzigen sternf�rmigen Diamanten. Acht �hnlich geformte gr��ere Steine bildeten den mittleren Ring der Krone. Sie funkelten im Sonnenlicht, das von der �ffnung �ber ihnen in den Thronsaal herabfiel. Rhapsody hatte nie zuvor etwas Derartiges gesehen.</p><p>�Die Steine, welche diese Krone bilden, waren einst der Reinheitsdiamant, ein Stein von der Gr��e einer M�nnerfaust, der mit dem Licht der Sterne erstrahlte. Wir brachten ihn aus der alten Welt mit und �bergaben ihn dem Lirin-Stamm Gorllewinolo als Zeichen der Freundschaft, denn sie waren das erste eingeborene Volk, dem wir begegneten, die Seher ausgenommen. Sie waren die Vorfahren der Lirin, die jetzt in Tyrian leben, und zusammen mit den Lirin unserer Insel haben sie diese Stadt gegr�ndet, deren Haupth�gel ihren Namen tr�gt.�</p><p>�Tomingorllo: der Turm der Gorllewin, Volk des Westens�, sagte Rhapsody leise zu sich selbst.</p><p>�Ja. Im Lauf der Jahre ver�nderte sich der Name, aber die Stadt und das Volk blieben dieselben.�</p><p>�Aber was geschah mit dem Diamanten? Ihr habt gesagt, dass all diese kleineren Steine einst einen einzigen Diamanten bildeten. Haben sie ihn zerbrochen?�</p><p>�Nein, nicht sie, sondern Anwyn.�</p><p>�Das verstehe ich nicht. Warum hat sie das getan?�</p><p>�Niemand hat es verstanden. Die Lirin dieses Landes waren unsere Freunde und Verb�ndeten. Sie hielten zu uns, als alle anderen uns im Stich lie�en, sie unterst�tzten Anwyn im Krieg, als selbst ihr eigenes Volk sie verlassen hatte. Das B�ndnis zwischen den Lirin und Anwyn war �lter und tiefer als selbst das zwischen Anwyn und den Cymrern, die sie Jahrhunderte zuvor zu ihrer Herrin auserkoren hatten, und der Reinheitsdiamant war ein Symbol dieses B�ndnisses mit den Lirin. Zu jener Zeit ergaben Anwyns Handlungen oft keinen Sinn. Erst Jahre sp�ter ahnte ich den Grund daf�r. Vermutlich h�tte ich gleich Verdacht sch�pfen m�ssen.� Oelendra strich mit dem Finger gedankenverloren �ber eine d�nne Staubschicht, die sich auf dem Kasten gebildet hatte.</p><p>�Es geschah kurz vor ihrem geplanten Treffen mit Gwylliam, das er allerdings nicht mehr erleben sollte. Sie kam in den Thronsaal, wo der Diamant lag, hob die H�nde, rief das Sternenfeuer vom Himmel herab und sprach die Worte der Macht, die den Stein in tausend St�cke zerschmetterten und das in ihnen enthaltene Licht f�r immer heraustrieb. Dann verschwand sie ohne ein Wort.</p><p>Wegen dieser Tat weigerten sich die Lirin und mit ihnen viele von Anwyns treuesten Anh�ngern, nach Gwylliams Tod ihren Anspruch auf die Alleinherrschaft �ber die Cymrer anzuerkennen. Sie hatte das Geschenk zerst�rt, dass die Erste Flotte der Cymrer den Lirin dieses Landes gemacht hatte, das Symbol des Friedens und der Einheit mit dem Land, welche ihrem Glauben nach ihr Lebensstil verk�rperte.</p><p>F�r die Lirin war es der Bruch des Vertrags, der gr��te Verrat, aber f�r Anwyns eigenes Volk war es lediglich der letzte Verrat einer ganzen Reihe von Vergehen. Sie kehrte zum Baum zur�ck und musste dort erkennen, dass nicht nur die Lirin ihr den R�cken gekehrt hatten, sondern auch ihr eigenes Volk sie verleugnete. So ging sie weg, nachdem erreicht war, was sie sich vorgenommen hatte, n�mlich Gwylliam zu vernichten, aber sie musste teuer daf�r bezahlen. Am Ende war sie allein mit ihrem g�renden Hass, bis schlie�lich niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte au�er ihrem Sohn und einer Hand voll Pilgern, die zu ihr kamen, weil sie nach Antworten auf Fragen aus der Vergangenheit suchten. Als Llauron viele Jahre sp�ter den Schaden beheben wollte und sich anbot, mit der K�nigin der Lirin eine B�ndnisheirat einzugehen, zeigte sie ihm diese Krone, gefertigt aus den Splittern dessen, was eine Friedensgabe gewesen war. �K�nnt Ihr das hier reparieren?�, fragte K�nigin Terrell ihn, und Llauron musste zugeben, dass er es nicht vermochte. �Was macht Euch dann glauben, dass man ein B�ndnis so leicht wieder kitten kann?�</p><p>Llauron erkl�rte, er habe den Wunsch, das, was seine Eltern den Cymrern und den Lirin angetan hatten, wieder gutzumachen und sie so vereint zu sehen wie nie zuvor. K�nigin Terrell lehnte sowohl sein Friedensangebot als auch seinen Heiratsantrag ab, sagte ihm jedoch, wenn er oder sonst jemand den Stein wieder zum Leben erwecken, ihn aufs Neue mit dem Licht der Sterne erstrahlen lassen k�nne, wie es einst gewesen war, dann w�rden die Lirin diese Person als Oberhaupt der Cymrer und K�nig beider V�lker anerkennen. Bis zu dieser Zeit aber w�rden die Lirin f�r sich bleiben und ihren eigenen Herrschern folgen. Llauron akzeptierte das, und segnete als F�rbitter die Krone und die K�nigin, ehe er in den Gwynwald zur�ckkehrte. Seit damals ruht die Krone an diesem Ort und wartet auf das Kommen des cymrischen K�nigs oder der cymrischen K�nigin, um das Unrecht zu heilen, das hier geschehen ist.�</p><p>�Warum hat Anwyn den Diamanten zerst�rt, was glaubt Ihr?�, fragte Rhapsody, w�hrend sie um den Glaskasten herumging und die Krone von allen Seiten betrachtete.</p><p>�Es war der Preis, den sie daf�r bezahlte, sich ihres Ehemanns zu entledigen.�</p><p>Rhapsody blickte erstaunt auf. �Was meint Ihr damit?�</p><p>Oelendras Gesicht wurde h�rter. �Sie hat sich auf einen Handel mit dem D�mon eingelassen. Genau genommen war das f�r mich die erste Best�tigung, welches �bel uns gefolgt war, denn die F�dor f�rchten sich vor Diamanten; anscheinend haben sie Angst, von ihnen verletzt und geschw�cht zu werden. Ich habe nie herausgefunden, warum es so ist, aber ich glaube, es liegt daran, dass Diamanten das Licht der Sterne in sich tragen, wie es auch bei der Tagessternfanfare der Fall ist ein Element, das dem Feuer vorausgeht und als �lteres Element noch m�chtiger ist. Dieser Diamant war so gro�, dass er die Essenz selbst des m�chtigsten D�monengeists h�tte einfangen und zerst�ren k�nnen.</p><p>Ich kannte dieses B�se, und ich hasste es. Einst war es verantwortlich gewesen f�r das meiste �bel, das der Insel widerfahren war; es hatte alles und jeden vernichtet, was ich geliebt hatte, hatte meinen Gro�vater und meinen Ehemann get�tet. Ich wusste, dass es irgendwo lauerte, stets au�er Sichtweite, immer im Hintergrund, und darauf wartete, dass seine Macht zunahm und der richtige Zeitpunkt herannahte.</p><p>An jenem Tag, als die Erste und die Dritte Flotte sich vereinten, vermutete ich seine Gegenwart nur anhand des Geruchs F�dor verbreiten in ihrer wahren Form einen ekelhaften Gestank, und manchmal bekommt man ein bisschen davon mit, wenn sie an einen Wirt gebunden sind aber bis zu dem Tag, an dem der Diamant zerst�rt wurde, hatte ich keine Best�tigung daf�r.</p><p>Doch Anwyn wusste es. Anwyn hatte es immer gewusst, schlie�lich war sie die Seherin der Vergangenheit. Noch im selben Augenblick, als der F�dor das Schiff betreten hatte, war ihr klar gewesen, dass der D�mon entflohen war; und sie wusste, an welche Seele er sich klammerte. Vor ihr konnte er sich nicht verstecken, und wenn sie mir damals gesagt h�tte, wo er sich eingenistet hatte, h�tten wir das B�se schon vor Generationen vernichtet. Aber sie war ein Wyrmling, ein Drachenkind, und sie hortete dieses Wissen, wie sie alles andere hortete, in der Gewissheit, es eines Tages zu ihrem Vorteil nutzen zu k�nnen. Und so geschah es denn auch, aber wie bei allen Dingen, welche mit den F�dor in Ber�hrung kommen, war dieser Vorteil in Wahrheit keiner.</p><p>Nach siebenhundert Jahren Krieg mit Gwylliam wandte sie sich an die einzige Macht, von der sie wusste, dass sie ihn besiegen konnte, die einzige Macht der Welt, die alt genug war, um Geheimnisse zu kennen, die selbst �ber ihre Gabe der Erinnerung hinausgingen. Sie wandte sich an den D�mon, und er bot ihr einen Handel an: Der F�dor w�rde ihren Herzenswunsch erf�llen und ihren Ehemann t�ten, der unsterblich war und den sonst nichts bedrohen konnte, und als Gegenleistung w�rde sie den Reinheitsdiamanten zerst�ren, den der D�mon noch mehr f�rchtete als selbst die Tagessternfanfare.</p><p>Sie war t�richt, denn sie glaubte, weil sie von zwei der uralten, m�chtigen Rassen abstammte von den Seren und den Drachen, k�nne sie mit den F�dor verhandeln. Doch ihr Wissen �ber die Vergangenheit vermochte sie nicht zu besch�tzen; sie begriff nicht, dass der D�mon nicht einfach von einer �lteren Rasse abstammte, sondern aus der Vorzeit kam, und dass er deshalb Dinge wusste, von denen sie nicht einmal tr�umen konnte.</p><p>Sie erkl�rte sich mit seinen Bedingungen einverstanden und zerst�rte das Geschenk, das sicherlich eine unserer besten Waffen gegen die F�dor war. Als Gegenleistung t�tete der F�dor Gwylliam, den letzten serenischen K�nig, und gewann so den Krieg, den er auf der Insel, in der alten Welt, verloren hatte. Dann zerst�rte er die �berreste des cymrischen B�ndnisses, entledigte sich der F�hrer zweier cymrischer Geschlechter, zerbrach die Bande mit den Lirin und auch die der verschiedenen Lirin-Gruppen untereinander. Anwyn hatte T�r und Tor f�r die Entzweiung der Cymrer ge�ffnet. Vielleicht hatte Gwylliam den Krieg begonnen, aber Anwyn hat ihn f�r uns alle verloren.</p><p>Die n�chsten Jahre verbrachte ich damit, den F�dor zu jagen. Anwyn weigerte sich, mir bei der Suche nach ihm zu helfen, denn ich hatte mich aus dem Krieg herausgehalten, weil ich nicht bereit gewesen war, eine Seite bei der Zerst�rung der anderen zu unterst�tzen. Ich hatte auch den Lirin geraten, neutral zu bleiben, aber sie hatten mir kein Geh�r geschenkt und waren Anwyn gefolgt was sie sp�ter zutiefst bereuten. Ich suchte den D�mon �berall, aber er war zu schlau, er lie� sich nicht von mir aufsp�ren. Er hatte sich zur�ckgezogen und wartete auf einen g�nstigen Zeitpunkt, auf geeignete Bedingungen f�r seine R�ckkehr. Nun, da sich wiederum ein Krieg zusammenbraut, da es von allen Seiten Grenz�berf�lle gibt und der Rassenhass aufbl�ht, kann diese Zeit nicht mehr fern sein.�</p><p>Obgleich ein breiter Sonnenstrahl durch die �ffnung in der Kuppel auf Rhapsody fiel, fr�stelte sie. Allm�hlich wurde ihr klar, was Oelendra von ihr erwartete. Seit der Diamant zerst�rt war, gab es nur noch eine Waffe, die genug Macht besa�, um den F�dor zu t�ten: das Schwert, das Rhapsody trug. Kein Wunder, dass Oelendra bereit war, sie in seiner Handhabung zu unterrichten.</p><p>�Sehr gut�, sagte Oelendra und steckte ihr Schwert in die Scheide. Rhapsody ging schwer atmend zu Boden. �Ihr macht Witze�, stie� sie keuchend hervor. �Nie zuvor in meinem Leben bin ich derart gedem�tigt worden.� Zwar hatte sie nicht erwartet, sich gegen die Lirin-K�mpferin behaupten zu k�nnen, aber sie hatte doch gehofft, sich wenigstens eine Blamage zu ersparen. Oelendra lachte und streckte ihr die Hand entgegen, die Rhapsody ein paar Sekunden anstarrte, ehe sie zugriff.</p><p>�Ach, komm schon, du warst wunderbar.� Die �ltere Frau half der m�den S�ngerin auf; sie selbst zeigte kaum Anzeichen von Anstrengung. Rhapsody aber f�hlte sich vollkommen erledigt. Ihr Arm war taub, und die Finger schmerzten von den Schl�gen, die ihre Stahlklinge zum Schwingen gebracht hatten. Beim ersten Zusammentreffen hatte sie die Tagessternfanfare nicht hergenommen, da Oelendra hatte sehen wollen, wie gut sie focht, wenn sie keinen derartigen Vorteil auf ihrer Seite hatte.</p><p>�Wenn ich in einem echten Kampf so �wunderbar� gewesen w�re, w�rde mein Kopf jetzt irgendeinen Fahnenmast zieren.�</p><p>�Sei nicht so hart zu dir. Du hast dich gut geschlagen und dich vor allem nicht von mir zu unbedachten Angriffen verf�hren lassen und du hast deine Abwehr aufrechterhalten, obwohl du kaum mehr stehen konntest. Aber vor allem wei�t du, wie man sich auf dem Boden bewegt und bist sehr gut beim Parieren und mit deinen Ausweichman�vern. Das ist das Schwerste, wei�t du.�</p><p>�Aber so war es gar nicht.�</p><p>�Aber ja. Du hattest ein gutes Training.�</p><p>�Danke, das werde ich Grunthor sagen.�</p><p>�Ist das dein Bolg-Freund, von dem du mir auf dem R�ckweg aus der Stadt erz�hlt hast?�</p><p>�Ja, er hat mir die Grundlagen des Schwertkampfs beigebracht.�</p><p>�Aha, das wundert mich nicht. Wie gesagt, ein guter Anfang, aber jetzt wirst du lernen, wie unser Volk zu k�mpfen.�</p><p>�Glaubt Ihr, dass die Lirin-Art zu k�mpfen besser ist als die der Firbolg?�, fragte Rhapsody zwischen zwei Atemz�gen.</p><p>�Ja, zumindest f�r Lirin ist sie besser. Die Bolg sind gro�, stark und ungeschickt, die Lirin aber sind klein, flink und schwach. Nat�rlich entspricht nicht jeder Einzelne genau diesen Kategorien, aber doch immerhin so sehr, dass der jeweilige Kampfstil sie widerspiegelt. Du verl�sst dich beispielsweise viel zu sehr auf die Kraft und nicht genug auf deine Beweglichkeit und deine Schlauheit, dabei hast du nicht die K�rpermasse, um zu k�mpfen wie ein Untier nimm es mir nicht �bel, dass ich das sage.�</p><p>�Ich nehme es Euch nicht �bel�, entgegnete Rhapsody und hob die Waffe wieder auf.</p><p>�Womit fangen wir an?�</p><p>�Mit einem Schluck Wasser.� Oelendra nahm einen gro�en Schluck aus dem Trinkschlauch und reichte ihn dann an Rhapsody weiter. �Die erste Lektion ist, auf deinen K�rper zu h�ren. Es gibt Situationen, in denen du ihn ignorieren musst, und du hast mir gezeigt, dass du bereits gelernt hast, wie du deine Grenzen �berschreiten kannst.�</p><p>�Nun ja, das habe ich oft getan.� Auch Rhapsody trank einen gro�en Schluck vom Wasser.</p><p>�Das sieht man�, meinte Oelendra. Rhapsody studierte das Gesicht der Kriegerin nach Anzeichen daf�r, dass sie sich lustig machte und ihre Bemerkung wom�glich sarkastisch meinte, sah aber nur ehrliche Bewunderung. �Jetzt ist es Zeit zu lernen, auf deinen K�rper zu h�ren, den Rhythmus zu sp�ren, in dem du dich bewegst, und dann den Rhythmus in deinem Gegen�ber zu erkennen und deine Bewegungen den seinen anzupassen. Du bist bereits S�ngerin, Rhapsody; nun machen wir dich zu einer T�nzerin.� Oelendra zog erneut ihr Schwert und kehrte zum Unterricht zur�ck.</p><p>An diesem Tag verbrachten sie viele Stunden mit einer Reihe grundlegender Angriffe, Verteidigungen und weiterer Bewegungen, bis Rhapsody das Ritual schlie�lich ohne M�he bew�ltigte. Als die Sonne sank und die Wolken eine rosige F�rbung annahmen, ging Rhapsody die einzelnen Schritte mit der Tagessternfanfare durch, und ihre Bewegungen erschienen ihr flie�ender denn je.</p><p>Als die das Schwert durch die k�hle Luft schwang, nahmen die Flammen der Klinge die sanften Pastellfarben und Rotschattierungen des Himmels auf, und das silberne Heft schimmerte golden im verblassenden Sonnenlicht. Rhapsody sp�rte, wie sie sich immer mehr auf den Tanz einlie�, und w�hrend ihr Arm den letzten Schwung vollzog, einen langsamen Schlag von oben, versp�rte sie ein beruhigendes Gef�hl von Gleichgewicht und Kraft. Mit dem Ende der �bung atmete sie tief ein und langsam wieder aus, ehe sie sich ihrer Lehrerin zuwandte. Oelendra stand mit verschr�nkten Armen vor ihr, ein leichtes L�cheln auf den Lippen.</p><p>�Ein guter Anfang�, sagte sie. �Jetzt komm mit mir.�</p><p>Gemessenen Schrittes verlie� sie die Lichtung und ging einen Waldweg hinunter; Rhapsody steckte das Schwert in die Scheide und folgte ihr. Mit der hereinbrechenden Nacht wurde es merklich k�lter, w�hrend sie unter einer Reihe von B�umen entlanggingen, deren uralte �ste sich wie die gew�lbte Decke einer Basilika �ber sie spannten. Die frischen Bl�tter filterten das Licht der untergehenden Sonne zu einem friedlichen Gr�n, gelegentlich durchbrochen von einem goldenen Schimmer. Sie gingen nun z�gig ihres Weges, und Oelendra sprach kein Wort. Schlie�lich traten sie aus dem Wald heraus und gelangten zu einem kleinen kahlen H�gel. Um sie herum nahm der Himmel eine tief orangerote F�rbung an, die Wolken bekamen scharlachrote R�nder.</p><p>�Hat deine Mutter dir die Abendhymne beigebracht?�, fragte Oelendra, als sie auf den H�gel stiegen.</p><p>Die Frage und die damit wachgerufenen Erinnerungen trafen Rhapsody v�llig unvorbereitet.</p><p>�Ja ... in meiner Kindheit. Die Abendhymne, die Morgenaubade und all die anderen Lobges�nge und Lieder der Liringlas ... Mein Vater hat sich immer ein bisschen dar�ber lustig gemacht und gemeint, meine Mutter wisse f�r jede Gelegenheit ein Lied.�</p><p>�Das stimmt wahrscheinlich sogar�, entgegnete Oelendra ernst. �Das war eben die Art unseres Volkes. W�rde es dich st�ren, wenn ich heute bei der Abendhymne mitsinge?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, antwortete Rhapsody, ein wenig �berrascht. �Wie ich Euch gestern schon gesagt habe, finde ich es wunderbar, mit jemandem zu singen, der die Lieder kennt.�</p><p>�Ich habe mich gestern Abend zum ersten Mal nach langer Zeit wieder daran erinnert�, sagte Oelendra und blieb auf dem runden Gipfel des H�gels stehen, wo die rote Sonne den Wald im Westen mit den Farben von Feuer und Blut ber�hrte. �Ich hatte sie verloren, als ich hierher kam. Du hast sie mir zur�ckgebracht, Rhapsody. Wahrscheinlich bist du die Einzige auf der ganzen Welt, die versteht, was es f�r mich bedeutet hat, diese Lieder zu verlieren und dann zur�ckzubekommen.� Rhapsody blinzelte und l�chelte dann, w�hrend die alte Kriegerin sich abwandte und den Horizont betrachtete. �Es ist Zeit. Du solltest die Tagessternfanfare aus der Scheide ziehen und sie w�hrend des Lieds halten. Schlie�lich ist das Schwert nicht nur mit dem Feuer, sondern auch mit den Sternen verbunden, und seine Macht w�chst, wenn das Sternenlicht auf es f�llt.�</p><p>Rhapsody gehorchte und bemerkte, dass das Feuer des Schwerts jetzt genau der Farbe des Himmels entsprach. Sie schloss die Augen, sp�rte die Pr�senz der Waffe und wurde sich ihrer wachsenden Macht gewahr. Das Gef�hl prickelte und str�mte durch ihre H�nde in ihr ganzes Wesen, als erwachte die Tagessternfanfare und erweckte dabei auch einen Teil ihrer selbst. Dann h�rte sie, wie Oelendra die Abendhymne anstimmte. Alter und Kummer hatten ihrer Stimme zugesetzt, aber es lag ein Mitgef�hl darin, das Rhapsody zutiefst r�hrte. Es war die Stimme einer Gro�mutter, die einem geliebten Enkelkind etwas vorsingt, oder die einer Witwe, die sich ganz in das Klagelied f�r ihren im Kampf gefallenen Mann vertieft. Eine seltsame, traurige Stimme, zu der Rhapsody behutsam ihre eigene gesellte. W�hrend sie sangen, verschwand die Sonne hinter den H�geln im Westen, und der Himmel wurde erst orange, dann feuerrot und schlie�lich dunkelblau. �ber dem westlichen Horizont war ein Glitzern zu sehen. Die Sonne versank, und die Flammen der Tagessternfanfare, die bisher die Farben der Sonne nachgeahmt hatten, wurden silberwei�. Wie als Antwort stimmte Oelendra ein neues Lied an, eines, das Rhapsody wohl vertraut war. Es war die Hymne an den Stern Seren, der nach dem Glauben der alten Lirin �ber ihre Heimat wachte, �ber die Insel, die es nicht mehr gab. Rhapsody wollte mitsingen, aber ihre Stimme versagte; Seren war der Stern, unter dem sie geboren war, der Stern, den sie damals, als Ashe ihr zugeh�rt hatte, <emphasis>Aria</emphasis> genannt hatte. So klar, als w�ren die Erinnerungen Gegenwart, vernahm sie die Stimme ihrer Mutter, die sie das Lied ihres Leitsterns lehrte. In ihren Augen standen verbotene Tr�nen, und Rhapsodys Gesicht wurde hei� bei dem Versuch, sie zur�ckzuhalten.</p><p>Unwillkommene Bilder aus der Vergangenheit, Erinnerungen, die sie unterdr�ckt hatte, �berfluteten sie; Bilder, wie sie Barney und Dee zum letzten Mal im <emphasis>Federhut</emphasis> getroffen hatte, Bilder von Pilam, dem B�cker, und von anderen Stadtbewohnern aus der alten Zeit. Sie dachte an die Kinder, f�r die sie am Brunnen auf dem Marktplatz gespielt hatte, Analise und Carli und Ali und Meridion, der immer wieder um das gleiche Lied gebettelt hatte. Die Flut der Erinnerungen �berschlug sich, Gedanken an Kindheitsfreunde, die seit tausend Jahren tot waren, Bilder ihrer Br�der, ihres Vaters, ihrer Mutter ... Als das Gesicht ihrer Mutter auftauchte, blickte sie empor und sah Oelendra, die zum Himmel sang, das runzlige Gesicht silbern schimmernd im Licht der Sterne.</p><p>Es war zu viel des Gl�cks. Sie verlor den Kampf gegen die Tr�nen, die ihr �bers Gesicht str�mten, und begann am ganzen K�rper zu zittern. Achmeds Befehl an sie ertrank in der Woge des Kummers, den sie schon so lange zur�ckhielt, hinter dem Damm, den seine harten Worte in jener ersten Nacht an der Wurzel in ihrer Seele errichtet hatten. Diese Barriere hatte standgehalten, als sie all ihre Lieben verloren hatte, als die Welt, die sie gekannt hatte, untergegangen war, als das Leben geendet hatte, dem sie in jener Nacht entrissen worden war. Rhapsody beugte sich vor und schlang die Arme um ihren Bauch in dem Versuch, die Tr�nen mit ihrer �blichen Methode zu vertreiben, aber diesmal hatte sie keinen Erfolg. So sank sie, heftig schluchzend, zu Boden.</p><p>Dunkelheit verschluckte den Hang des H�gels, als sie sp�rte, wie eine Hand ihre Schulter ber�hrte. Sanfte Worte erklangen an ihrem Ohr, aber sie h�rte sie nicht. Schlie�lich blickte sie in Oelendras Gesicht, und die Kriegerin wiederholte, was sie gesagt hatte.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Da brachen Tr�nen aus einer noch tieferen Quelle des Kummers hervor. Oelendra nahm Rhapsody in die Arme und dr�ckte den Kopf der jungen S�ngerin an ihre Schulter. Die Worte kamen sto�weise aus Rhapsodys Mund, Worte, die niemand verstehen konnte au�er sie selbst. Langsam wiegte Oelendra sie hin und her und streichelte �ber das goldene Haar, das im Sternenlicht schimmerte.</p><p>�Lass es raus, mein Schatz, lass es einfach raus. Siehst du hier fangen wir an.�</p><p>So verbrachten sie die Nacht, Rhapsody geborgen in Oelendras Armen. Manchmal wurde sie still, nur um abermals so heftig zu weinen, dass sie zu sterben glaubte. Die ganze Zeit murmelte Oelendra tr�stende Worte, die nicht dazu gedacht waren, die Trauer zu beenden, sondern sie ermutigten, ihre Gef�hle zuzulassen, und ihr den Weg durch sie hindurch er leichterten ganz �hnlich, wie man versucht, die Schmerzen der Geburt zu lindern. Der Morgen fand sie noch immer auf dem H�gel. Rhapsody erwachte am leisen Gesang ihrer Mentorin, die das Aufgehen des Tagessterns und der Sonne mit dem alten Lied ihres Volkes begr��te. Obwohl ihr Kopf vom vielen Weinen noch ganz benommen war und ihre Stimme immer wieder brach, stimmte Rhapsody mit ein. Ihre Hand zitterte, als sie das Schwert aus seiner schwarzen Elfenbeinscheide zog und es unter die Himmelsk�rper hielt, die jetzt aufstiegen; seine Flammen reflektierten sanfte Blau, Rosa und Goldt�ne, w�hrend die Sonne �ber den Horizont kletterte.</p><p>Schlie�lich stand die Sonne klar am Himmel, und der Abendstern war in ihrem Licht unsichtbar geworden. Oelendra erhob sich und half auch Rhapsody auf die Beine. Sie kehrten zu Oelendras Haus zur�ck, und Rhapsody machte es sich auf den Kissen am Boden bequem, mit der Tasse Tee, die Oelendra ihr behutsam in die Hand dr�ckte. Beim Fr�hst�ck tauschten sie Erinnerungen an die alte Welt aus, sprachen liebevoll von den Menschen und Dingen, die sie vermissten und von denen sie wussten, dass sie sie nie wieder sehen w�rden. Heilendes Lachen erklang, ein paar Tr�nen wurden vergossen, aber vor allen Dingen redeten sie. Als Rhapsody sich irgendwann besser f�hlte, warf Oelendra ihr einen verst�ndnisvollen Blick zu.</p><p>�Du hast deinen Verlust bis jetzt niemals richtig betrauert, nicht wahr?�</p><p>Rhapsody trank ihren Tee aus. �Nein.�</p><p>�Darf ich fragen, warum?�</p><p>�Es ist mir verboten worden.�</p><p>�Von wem?�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Vom Anf�hrer unserer Expedition. Von meinem Herrn, sollte ich wahrscheinlich sagen. Von jemandem, den ich damals hasste, zu dem ich aber inzwischen vollstes Vertrauen gefasst habe. Er ist einer meiner liebsten Freunde geworden.�</p><p>�Warum hat er dir verboten zu weinen?�</p><p>Rhapsody �berlegte einen Moment. �Ich bin mir nicht ganz sicher; ich glaube, es tut seinen Ohren weh. Er reagiert sehr empfindsam auf Schwingungen, das k�nnte es zumindest teilweise erkl�ren. Jedenfalls war seine Anweisung klipp und klar. Ich sollte nie mehr weinen.�</p><p>�Eine h�chst unkluge Anordnung. Rhapsody, die Regeln, die ich dir als deine Mentorin zum Gebrauch der Tagessternfanfare beibringe, sind f�r dich �berlebenswichtig, aber das Leben selbst ist mehr als simples �berleben. Das sage ich dir als Freundin und als eine, die verloren hat, was auch du verloren hast, und die deshalb versteht, was es dich gekostet hat. Die erste Regel war, dass du auf deinen K�rper h�ren sollst, die zweite lautet: Du sollst deinem Herzen folgen.</p><p>Du hast eine wirklich bemerkenswerte Z�higkeit bewiesen, obgleich dein K�rper genau wie dein Herz nach Ruhe und Erneuerung verlangt hat. Nimm dir die Zeit, besser f�r dich zu sorgen, nicht nur f�r deinen K�rper, sondern auch f�r deine Seele. Sei traurig, wenn dir danach ist. Sonst wird es dich irgendwann zerst�ren, wenn du so viel Leid mit dir herumtr�gst, gerade so, als w�rdest du in schlechter k�rperlicher Verfassung in den Kampf ziehen. K�mmere dich um dich selbst. Wenn du es nicht tust, dann wirst du niemals in der Lage sein, dich um jemand anderen zu k�mmern.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Ja, das werde ich tun. Danke, Oelendra, danke f�r alles, was Ihr f�r mich getan habt. Wenn Ihr bereit seid, m�chte ich jetzt gern wieder an die Arbeit gehen.� Rasch wusch sie ihren Becher in der Wassertonne aus, trat ans Waffengestell und g�rtete sich unter den l�chelnden Blicken ihrer Mentorin das Schwert um.</p></section><section><title><p>23</p></title><p>Stahl traf klirrend auf Stahl, w�hrend die beiden Liringlas-Frauen im Hof von Oelendras Garten ihre Kr�fte ma�en. Einen Schlag nach dem anderen vollf�hrte Rhapsody, einen Schlag nach dem anderen parierte Oelendra. Hin und wieder holte die Lirin-Kriegerin mit der flachen Klinge aus und versetzte Rhapsody einen Hieb gegen die Wade oder auch einmal gegen die Flanke, aber die meisten Angriffe auf lebenswichtige K�rperteile wurden von der S�ngerin erfolgreich abgewehrt oder mit einem geschickten Ausweichman�ver pariert. In Gedanken konnte sie fast h�ren, wie Grunthor sie anbr�llte.</p><p><emphasis>SCHLAG ENDLICH ZU! Gebrauch dein h�bsches K�pfen. Pass auf, sonst rei� ich es dir noch ab und steck es auf meine Streitaxt!</emphasis></p><p>Rhapsody umfasste das Heft der Tagessternfanfare mit beiden H�nden und dr�ngte nach vorn. Mit aller Kraft lie� sie ihr Schwert auf die Kriegerin niedersausen. Doch Oelendra parierte den Angriff m�helos mit der linken Hand. Dann stie� sie mit der rechten Faust zu und landete einen Treffer auf Rhapsodys Kinn. Die Welt verschwand f�r einen Augenblick in einem wei�en Blitz.</p><p>Sie stolperte, taumelte drei Schritte zur�ck und st�rzte. War sie von Grunthor schon einmal h�rter geschlagen worden? M�hsam blinzelte sie die Flecken weg, die vor ihren Augen tanzten, w�hrend sie flach am Boden lag, unsicher, wo und sogar wer sie war. �ber ihr erschien ein von Sonne und Wind gegerbtes Gesicht.</p><p>�Du bist kein Bolg, Rhapsody�, sagte Oelendra, �ber ihre Sch�lerin gebeugt. �Wenn du versuchst, wie einer zu k�mpfen, kann es dein Tod sein. Ich habe dir schon gesagt, dass deine St�rke nicht in deiner K�rperkraft liegt; du solltest sie deshalb nicht auf diese Weise einsetzen. Wenn du Kraft brauchst, kannst du sie dir aus dem Schwert holen, aber auch darauf solltest du dich keinesfalls verlassen. Wenn du zul�sst, dass das Schwert dich handhabt statt umgekehrt, wirst du als Iliachenva�ar nicht lange leben! Ist alles so weit in Ordnung mit dir?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody, deren blutige Lippe rasch anschwoll. �Mir ist nur ein wenig schwindlig.�</p><p>�Gut, dann machen wir eine kleine Pause, ehe wir es das n�chste Mal versuchen.�</p><p>�Nein, das ist nicht n�tig.� Vorsichtig ber�hrte Rhapsody ihr ramponiertes Kinn, w�hrend sie sich aufrappelte. Sie ging in die Ausgangsposition, und der Zweikampf begann von neuem. Dieses Mal waren ihre Bewegungen �berlegter, und am Ende der Runde nickte Oelendra anerkennend.</p><p>Endlich sp�rte Rhapsody den Rhythmus in ihrem Blut, und sie landete immer mehr Treffer, trieb ihre Lehrerin in die Enge und brachte sie gelegentlich sogar aus dem Gleichgewicht. Rhapsody atmete tief, konzentrierte sich auf die Musik in ihrem K�rper und darauf, wie sie zu dem Dunst aus Schwingungen passte, der nichts anderes war als ihre Gegnerin und Freundin. Mit fast geschlossenen Augen wartete sie den Moment ab, in dem Oelendras Hand sich mit gez�cktem Schwert erhob, schlug ihre Lehrerin in die Seite und lie� blitzschnell einen Hieb auf ihr Handgelenk niedersausen. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie Oelendras Schwert klirrend aufs Kopfsteinpflaster fallen h�rte.</p><p>Doch Oelendra war unverletzt und l�chelte breit; so erfreut hatte Rhapsody ihre Mentorin �berhaupt noch nie gesehen. Die Kriegerin streckte die Hand aus und gratulierte ihrer Sch�lerin.</p><p>�Gute Arbeit. Jetzt ist Schluss mit der Spielerei, jetzt wird es ernst.�</p><p>Entsetzt starrte Rhapsody sie an. �Das war nur Spielerei?�</p><p>Das L�cheln erlosch auf Oelendras Gesicht. �Ja, ich f�rchte schon, Liebes. Angesichts dessen, was dir bevorsteht, h�lt dich das, was du soeben vollbracht hast, vielleicht gerade lange genug am Leben, dass du mit ansehen kannst, wie dein Feind dich t�tet.�</p><p>�Na wunderbar.�</p><p>�Nun, das ist doch ein Fortschritt. Bisher h�ttest du nicht einmal gewusst, wie dir geschieht.�</p><p>Rhapsody verzog das Gesicht. �Und das haltet Ihr tats�chlich f�r einen Fortschritt? Kein Wunder, dass man Euch f�r verr�ckt h�lt, Oelendra.�</p><p>Lachend legte die Kriegerin den Arm um sie, und zusammen gingen sie zur�ck ins Haus. Bald kehrte eine wohltuende Regelm��igkeit in Rhapsodys Tagesablauf ein. Jeden Morgen nach den Gebeten meditierte sie, machte ihren Kopf frei von Gedanken und versuchte, den Rhythmus ihres K�rpers und der Welt um sie herum zu sp�ren. War dies bew�ltigt, lie� Oelendra sie die Schwert�bungen durchf�hren und die Bewegungen langsam und sorgf�ltig ein�ben, auf dass sie ihr zur zweiten Natur werden w�rden. Danach folgte ein gestellter Zweikampf, den Oelendra immer wieder unterbrach, um auf Fehler oder auch auf Fortschritte hinzuweisen.</p><p>Die Nachmittage verbrachten sie mit Wanderungen im Wald oder Spazierg�ngen durch die Stadt, unterhielten sich �ber die Geschichte der neuen Welt oder tauschten sich �ber pers�nliche Erlebnisse aus; so lernten sie sich immer besser kennen. Rhapsody sp�rte, dass sie in Oelendra eine verwandte Seele gefunden hatte, eine Frau, die noch besser als sie selbst verstand, woher sie stammte. Auch wenn sie einige Einzelheiten ihrer Unternehmungen und alles, was sie �ber Ashe wusste, f�r sich behielt, vertraute sie der Lirin-K�mpferin ihre �ngste und Tr�ume an, was sie bisher bei niemandem getan hatte. Oelendra war eine wunderbare Zuh�rerin; Fragen beantwortete sie ganz offen und steuerte auch immer wieder etwas aus ihrem eigenen Herzen und ihrer eigenen Vergangenheit mit bei. F�r Rhapsodys seelische Entwicklung waren diese Stunden ebenso wichtig wie die k�rperlichen �bungen f�r ihre F�higkeiten als Schwerttr�gerin. Die Abende waren mentalen �bungen vorbehalten, die Rhapsodys Verbindung mit dem Schwert und ihre nat�rlichen Talente festigen sollten.</p><p>�Als S�ngerin wei�t du ja bereits, dass die Welt aus Schwingungen besteht, Wellen von Farbe, Licht und T�nen�, erkl�rte Oelendra eines Abends nicht lange nach Rhapsodys Ankunft, als sie ins Haus traten. �Die Welt ist st�ndig voller Bewegung, was die meisten Leute gar nicht merken, aber durch diese Bewegung, durch diese Schwingungen, kannst du die Welt mit Hilfe von Musik beeinflussen. Dies trifft auch auf den Einsatz der Tagessternfanfare zu. Wenn du dich sammelst und dich auf die Muster konzentrierst, die du als Benennerin bereits siehst, dann kannst du Schwachstellen in der R�stung deines Gegen�bers ebenso erkennen wie Verletzungen oder Schwachpunkte. Sobald du im Kampf mehr Erfahrungen mit dieser Art Konzentration gewonnen hast, werde ich ein paar Lirin-Soldaten bitten, gegen dich anzutreten, vor allem solche, deren Technik noch nicht ganz ausgereift ist. So bekommst du �bung darin, im Kampf die Schw�chen deines Gegners ausfindig zu machen.�</p><p>Rhapsody machte ein verbl�fftes Gesicht. �Machen wir das nicht jetzt schon?�</p><p>Oelendra l�chelte. �Kannst du es mit verbundenen Augen?�</p><p>�Oh.�</p><p>�Anfangs werde ich daf�r sorgen, dass sie vorsichtig mit dir umgehen.�</p><p>�Das ist wirklich nicht n�tig�, meinte Rhapsody mit einem L�cheln. �Meine Bolg-Freunde sind nie vorsichtig mit mir umgegangen, und ich neige zu der Auffassung, dass es auch meine Feinde nicht tun werden, deshalb k�nnt Ihr sie ruhig auf mich loslassen, ohne dass sie sich zur�ckhalten. Wenn ich �berlebe, ist das umso besser f�r mich.�</p><p>Oelendra erwiderte das L�cheln. Rhapsodys bodenst�ndige Natur und ihre schlichte Ehrlichkeit erinnerten die Kriegerin an sich selbst in j�ngeren Jahren. Allerdings hatte die junge S�ngerin eine andere Einstellung, als sie sie gehabt hatte. Da sie unter Menschen aufgewachsen war, ging ihr wahrscheinlich die gew�hnliche Reserviertheit der Lirin ab, und stattdessen st�rzte sie sich mit einem Eifer ins Leben, der Oelendras Herz wegen seiner Unbesonnenheit zuweilen regelrecht r�hrte.</p><p>In Rhapsody lebte ein starker Wunsch, die Freude zu feiern, die sie �berall um sich herum wahrnahm, ein beharrlicher Glaube an das Gute, selbst in Situationen, in denen Oelendra nichts davon entdecken konnte. Alter und Erfahrung hatten sie gelehrt, dass man mit einer solchen Weltanschauung verletzlich wurde, aber es inspirierte sie, Rhapsody zuzusehen, und es war aufregend dazuzugeh�ren. Sie hoffte, dass Rhapsodys Bed�rfnis, hell zu brennen, mehr ihrer Verbindung zu den Sternen und ihrem unerm�dlichen, stetigen Licht entsprang und nicht so sehr der kurzlebigen Pracht des Feuers, mit dem sie ebenfalls verbunden war und das leidenschaftlich aufzulodern pflegte, aber dann, wenn sein Brennmaterial verbraucht war, schnell in sich zusammenfiel.</p><p>Der Mangel an Vorsicht, der in fast jeder von Rhapsodys Handlungen erkennbar war, bezog sich jedoch nicht auf ihre Herzensverpflichtung, denn diese bewahrte sie gewissenhaft und �u�erst wachsam. Oelendra hatte bemerkt, dass sie die jungen Lirin-M�nner zwar anl�chelte, die ihr auf den Stra�en Blumen schenkten oder kleine Geschenke auf Oelendras Schwelle hinterlie�en, aber nie auf ihre Einladungen einging, sich mit ihnen im Wald zu treffen oder im Mondlicht spazieren zu gehen.</p><p>Wenn ein Mann den Mut aufbrachte, Rhapsody direkt zu fragen, richtete sie es entweder so ein, dass er sich zum Essen zu beiden Frauen gesellte wohl wissend, wie einsch�chternd es war, mit der ber�hmten Lirin-K�mpferin zu speisen, oder sie lehnte mit der Begr�ndung ab, dass sie lernen m�sse und deshalb keine Zeit habe. Oelendra respektierte ihre Privatsph�re, wunderte sich aber dennoch. Sie war klug genug zu wissen, dass sie Rhapsodys K�rper, aber nicht ihren Geist schulen konnte. <emphasis>Ryle hira,</emphasis> dachte sie. Das Leben ist, was es ist, ein alter Lirin-Spruch. Sie konnte nur ihren Teil beisteuern und auf das Beste hoffen.</p><p>Eines Abends sa�en sie vor einem munteren Feuer an Oelendras Kamin und tranken in Ruhe einen Becher <emphasis>dol mwl</emphasis>. Oelendra starrte in die Flammen, w�hrend ihre Gedanken auf alten Pfaden einherwanderten. Rhapsody schwebte n�her in der Gegenwart, in der Welt, in der sie sich jetzt zurechtfinden musste. �Oelendra?� �Hmmm?�</p><p>�Wie k�nnen wir den F�dor finden? Wenn Ihr die ganze Zeit �ber erfolglos geblieben seid, bedeutet das wom�glich, dass man ihn �berhaupt nicht aufsp�ren kann? Dass wir warten m�ssen, bis er wieder zuschl�gt, und darauf reagieren?�</p><p>Oelendra stellte ihren Becher weg und betrachtete die S�ngerin nachdenklich. �Ich wollte, ich w�sste darauf eine Antwort�, sagte sie schlie�lich. �Jedenfalls w�re es ein gro�es Ungl�ck, und der F�dor h�tte alle Vorteile auf seiner Seite.</p><p>Ich habe jahrhundertelang �ber Methoden nachgedacht, wie man ihn finden k�nnte, und ich hatte gehofft, die Cymrer w�ren weit fr�her wieder vereint. Seit langer, langer Zeit arbeitet Llauron schon auf dieses Ziel hin. In diesem Volk ruht eine gro�e Kraft, und all diejenigen, die sich noch an den serenischen Krieg erinnern, w�ren gewiss begierig, ihre F�higkeiten auf die Zerst�rung des F�dor zu konzentrieren, wenn man sie davon �berzeugen k�nnte, dass er existiert. Daf�r w�ren jedoch neue, kl�gere Anf�hrer vonn�ten, als wir sie in Anwyn und Gwylliam hatten.</p><p>Solange die Cymrer nicht wieder vereint sind, k�nnte die Krone der Lirin n�tzlich sein, um den D�mon zu finden wenn es nur einen Monarchen g�be, der sie tr�ge. Leider ist die gr��te Macht des Reinheitsdiamanten die F�higkeit, den D�mon aufzusp�ren und in sich gefangen zu halten nun f�r immer vernichtet. Genau das war ja der Grund, warum der F�dor nach seiner Zerst�rung trachtete.</p><p>Als ich im alten Land die Iliachenva�ar war, konnte ich durch die Flammen der Tagessternfanfare manchmal verborgene b�se Dinge sehen. Deine Verbindung mit dem Feuer verleiht dir vielleicht eine �hnliche F�higkeit, wie ich sie nun leider nicht mehr habe vor allem, weil der F�dor ebenfalls mit dem Feuer verbunden ist. Vielleicht erscheinen auch die Drei doch noch, wie es einst prophezeit wurde, obwohl ich die Hoffnung darauf fast aufgegeben habe. Ansonsten w�re die einzige M�glichkeit, die mir noch einf�llt, diejenige, dass wir irgendwo auf der Welt einem Dhrakier begegnen; sie haben als einzige von Natur aus die F�higkeit, den F�dor aufzusp�ren.�</p><p>Rhapsody machte den Mund auf, um nach den Drei zu fragen, aber nach Oelendras letzter Bemerkung verbiss sie es sich lieber. Sie erinnerte sich, wann sie zum ersten Mal von den Dhrakiern geh�rt hatte, n�mlich in der Finsternis der Wurzel, in jener Nacht, als ihr zum ersten Mal bewusst geworden war, dass Achmed etwas anderes sein k�nnte als nur ein Hindernis.</p><p><emphasis>Du dachtest wohl, das einzige Halbblut auf der Welt zu sein</emphasis>.</p><p><emphasis>Grunthor ist zur H�lfte Bengard</emphasis>.</p><p><emphasis>Und du?</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin ein halber Dhrakier. Wir sind also alle drei Mischlinge</emphasis>.</p><p>�K�nnt Ihr mir etwas �ber die Dhrakier erz�hlen, Oelendra?�</p><p>Oelendra stand auf und warf noch ein St�ck Holz aufs Feuer. �Die Dhrakier waren eine der �lteren Rassen, �lter als alle au�er den Erstgeborenen, und sie waren die uralten Feinde der F�dor. Der Hass, den sie als Volk den D�monengeistern entgegenbrachten, war immens tief, und sie begaben sich schon in uralten Zeiten auf einen Kreuzzug, um die Welt von ihnen zu befreien.</p><p>Die Dhrakier waren zwar in vielerlei Weise menschlich, aber in mancher Hinsicht �hnelten sie den Insekten; sie lebten in tiefen H�hlen in der Erde vielleicht tun das manche noch immer. Angeblich waren sie sehr flink, sehr beh�nde, und konnten die Welt in den Schattierungen ihrer Schwingungen sehen, wie auch du es gelernt hast. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, auf diese Weise konnten sie auch die F�dor wahrnehmen. Sie hatten eine nat�rliche Gabe, sie zu �berlisten, sie auf eine gewisse Art zu binden.</p><p>Durch die seltsamen Muster seines eigenen nat�rlichen Rhythmus kann ein Dhrakier einen F�dor in Bann schlagen und ihn, w�hrend das Ritual in Kraft ist, daran hindern, aus seinem Wirt zu entfliehen. Theoretisch k�nnte ein Dhrakier uns helfen, den D�mon aufzusp�ren und ihn in seinem Wirtsk�rper festzuhalten, w�hrend ein anderer diesen t�ten w�rde. Ich habe lange Zeit gehofft, einem Dhrakier zu begegnen, aber nat�rlich war es mir nie verg�nnt.�</p><p>Rhapsody dachte daran zur�ck, wie sie Achmed unabsichtlich in den Stra�en von Ostend neu benannt hatte. �Kanntet Ihr den Bruder?�</p><p>�Den Bruder?� Oelendra warf ihr einen merkw�rdigen Blick zu. �Nun, diesen Namen habe ich sehr lange nicht mehr geh�rt. Nein, ich habe den Bruder nicht gekannt. Wieso fragst du nach ihm?�</p><p>Rhapsody z�gerte einen Moment. �Jemand hat den Namen einmal erw�hnt, und ich habe �berlegt, was er wohl bedeutet.�</p><p>�Der Bruder war der gr��te M�rder, den die Welt jemals gekannt hat, wenn die Geschichten wahr sind. Er ist Halb-Dhrakier, und man sagt, er wurde als Erster seiner Rasse auf Serendair geboren und ging dadurch eine Verbindung zu diesem Land ein, die seine naturgegebene Empfindlichkeit f�r Schwingungen verst�rkte. Die Dhrakier sind allesamt sehr empfindsam f�r Schwingungen, aber teilweise auf Grund seines K�rpers und teilweise wegen seines Status als �ltestem war seine Begabung gr��er als die aller anderen. Noch mehr: Er besa� eine Verbindung zum Blut, wie du eine zum Feuer hast. Zusammen genommen machten diese F�higkeiten ihn zu einem t�dlichen Feind.</p><p>Es hie�, er k�nne den Herzschlag eines von ihm ausersehenen Opfers �berall im Land h�ren und seinen eigenen daran heften; ich denke, das war einer der Gr�nde f�r seinen Namen. War das erst geschehen, gab es auf der ganzen Insel kein Versteck mehr, in dem sein Opfer sich vor ihm verbergen konnte. Und seine F�higkeit beschr�nkte sich nicht nur auf Suchen und Finden, sondern erstreckte sich vor allem auch aufs T�ten. Er kannte mehr Methoden, jemanden umzubringen, als jeder andere, aber am gef�hrlichsten waren seine Schnelligkeit und seine Genauigkeit. Die meisten Gegner erschlug er, ehe sie Zeit fanden, das Schwert gegen ihn blank zu ziehen, und das auch nur, falls sie das Gl�ck hatten, ihn herannahen zu sehen. Denn der Bruder brauchte sein Opfer nicht zu sehen; mit seiner Schwingungswahrnehmung musste er es nur in den Einflussbereich seiner Waffe bringen und diese abfeuern und die Cwellan, die Waffe seiner Wahl, hatte eine erstaunliche Reichweite.�</p><p>�Ungef�hr eine Viertelmeile�, meinte Rhapsody gedankenverloren.</p><p>�Das wei� ich nicht�, erwiderte Oelendra, und Rhapsody blickte ihr ins Gesicht, denn sie merkte pl�tzlich, dass die Lirin-Frau sie unverwandt anstarrte.</p><p>�Entschuldigung; bitte erz�hlt weiter.�</p><p>Oelendra warf ihr noch einen langen, nachdenklichen Blick zu, dann fuhr sie fort. �Er handelte stets unabh�ngig, neutral gegen�ber allen Angelegenheiten, niemals als Diener eines einzelnen Herrn. Und er �bernahm nur die Auftr�ge, die ihn interessierten und f�r die er gut bezahlt wurde.</p><p>Doch irgendwann ver�nderte sich all das. Wir vermochten es nie genau zu sagen, aber in den Anfangstagen des serenischen Krieges schien es, als diente er den Feinden des K�nigs. Nun erf�llte er Auftr�ge, die nicht nur als gew�hnliche Meuchelmorde anzusehen waren; einige unserer F�hrer und Verb�ndeten kamen durch die t�dlichen Scheiben seiner Cwellan ums Leben.</p><p>Das kam uns sonderbar vor, denn wie ich dir erz�hlt habe, sind die Dhrakier seit jeher Feinde der F�dor. Es war erstaunlich genug, dass der Bruder in einem politischen Streit Stellung bezogen hatte, aber dass er den F�dor oder auch nur ihren Verb�ndeten diente, schien vollkommen gegen die nat�rliche Ordnung der Dinge zu laufen. Dann verschwand er eines Tages und ward nie mehr gesehen. Das R�tsel blieb ungel�st.�</p><p>Rhapsody nickte, schwieg jedoch, drehte sich ein St�ck vom Feuer weg und hoffte, dass Oelendra sie nicht mit Fragen bedr�ngen w�rde. Was die Lirin-Frau auch nicht tat. Eine Weile betrachtete sie Rhapsody aufmerksam, aber schlie�lich wandte sie ihren Blick wieder zum Feuer und starrte stumm in die Flammen.</p><p>In dieser Nacht wurde sie wie schon seit Wochen im Traum von Ashes Gesicht heimgesucht. Als sie in der ersten Nacht in ihrem Albtraum laut aufgeschrien hatte, war Oelendra zu ihr geeilt und hatte sie aufrecht im Bett sitzend vorgefunden, fr�stelnd unter all den schweren Felldecken, mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen. �Ist alles in Ordnung, Liebes?�</p><p>Nach kurzem Nachdenken hatte Rhapsody genickt. �Es tut mir sehr Leid, Oelendra, aber ich f�rchte, so etwas passiert mir h�ufig. Vielleicht sollte ich lieber im Garten schlafen.� Damit wollte sie auch schon aufstehen.</p><p>�Sei nicht albern�, hatte sie die �ltere Frau beruhigt und sich auf der Bettkante niedergelassen. Sanft hatte sie der S�ngerin �bers Haar gestrichen. �Du kannst nichts daf�r, dass du hellseherisch veranlagt bist. Das ist eigentlich ein n�tzliches Talent, jedenfalls wenn du dir deswegen nicht aus Schlafmangel die Gesundheit ruinierst.�</p><p>�Oder die meiner Freunde�, hatte Rhapsody entgegnet. �Kennt Ihr noch andere Leute, denen es ebenso ergeht?�</p><p>�Viele aus der Ersten Generation hatten eine hellseherische Gabe. Ich denke, das trug dazu bei, dass sie irgendwann wahnsinnig wurden.�</p><p>Rhapsody hatte geseufzt. �Ja, das kann ich mir gut vorstellen.�</p><p>�Lass dich nicht davon entmutigen, Rhapsody, und untersch�tze nicht die Bedeutung dieser Gabe. Ein Traum kann unter Umst�nden eine Warnung oder ein Hinweis sein. Was ist schon ein bisschen weniger Schlaf, wenn es dein Leben rettet oder einen drohenden Krieg abwendet?�</p><p>Als Rhapsody jetzt nass und kalt vom Angstschwei� aufwachte, musste sie erneut an diese Worte denken. In ihrem Traum suchte Ashe sie unabl�ssig, jagte ihr nach, wo auch immer sie hinging. Jedes Mal, wenn sie sich in Sicherheit glaubte, fand er sie doch wieder und folgte ihr von neuem. Schlie�lich fing er sie, und sie konnte sich nicht losrei�en, w�hrend er sie heftig herumdrehte, ihren Kopf mit den H�nden packte und drehte, sodass sie zum Himmel hinauf blickte. Dann nahm er ihre Schwerthand in seine, hob die Tagessternfanfare und zielte damit auf einen fernen Stern.</p><p>�Hiven vet.� <emphasis>Sag es</emphasis>. �Ewin vet.� <emphasis>Nenne seinen Namen</emphasis>.</p><p>Im Traum fl�sterte sie den Namen des Sterns, doch beim Aufwachen hatte sie ihn vergessen. Mit einem lauten Dr�hnen fuhr Sternenfeuer aus dem Himmel herab und traf eine Gestalt, die ein St�ck entfernt stand, deren K�rper sich in Qualen aufb�umte und in Flammen aufging. Vor Rhapsodys Augen wandte sich die brennende Gestalt langsam zu ihr um. Es war Llauron.</p><p>Wieder war sie erwacht, allein im Dunkeln, zitternd.</p><p>�Rhapsody, du konzentrierst dich nicht richtig.� Oelendras Stimme klang geduldig, hatte aber einen tadelnden Unterton. �Sch�n, dass es dir so leicht f�llt, dir die vier Aspekte des Schwerts zunutze zu machen. Du hast eine nat�rliche Begabung daf�r, die ich selbst nie gehabt habe. Dadurch kannst du leichter mit dem Schwert Verbindung aufnehmen; aber wenn du mit dem Feind k�mpfen willst, der auf dich wartet, musst du in der Lage sein, dir all seine M�glichkeiten zunutze zu machen. Feuer reicht nicht aus, um den F�dor zu besiegen das ist sein eigenes Element. Du musst die Verbindung zu den �therischen Eigenschaften der Tagessternfanfare herstellen. Du musst nach den Sternen greifen. Wenn du den <emphasis>Seren</emphasis> nicht kennst, dann wirst du sterben, wenn du dem F�dor gegen�bertrittst. Jetzt versuche es noch einmal, und konzentrier dich dieses Mal.�</p><p>�Ich wei�, es tut mir Leid.� Rhapsody bem�hte sich, ihre Gedanken zu kl�ren und sich auf die Atmung zu besinnen. Sie hielt das Schwert vor sich, schloss die Augen und holte in Gedanken weit aus. Kurz darauf sah sie die Welt wie ein Gitter, Linien, die grob die Silhouette von B�umen und Felsen bildeten. Oelendra erschien als eine funkelnde menschliche Gestalt. Sie summte ihre Namensnote, <emphasis>ela,</emphasis> und das Schwert schien seine Schwingung der Melodie anzupassen.</p><p>Sofort wurde alles klarer, und obwohl die Sonne hell strahlte, sah es aus, als funkelten die Sterne. Der Garten erschien auf dem imagin�ren Raster, alles in der richtigen Proportion und am richtigen Platz, bis auf den Bach, der durch die Wiese floss. Ihr fiel auf, dass sie nicht durch ihn hindurchsehen konnte. Er verursachte eine St�rung, und sie �berlegte, ob sie Ashe wohl auch auf diese Weise wahrnehmen w�rde. Doch diese Idee durchbrach ihre Konzentration, und ihre innere Sicht der Welt l�ste sich auf. Rhapsody seufzte tief auf und senkte das Schwert.</p><p>�Entschuldigt. Meine Gedanken schweifen st�ndig ab.� Oelendra setze sich auf eine Gartenbank und deutete neben sich. �M�chtest du mir davon erz�hlen?�</p><p>Einen Augenblick blieb Rhapsody still stehen, dann kam sie her�ber und setzte sich neben Oelendra. �Wie kann man sicher wissen, ob man jemandem trauen darf oder nicht?�</p><p>�Gar nicht�, antwortete Oelendra. �Man muss die anderen als Individuen sehen, darauf h�ren, was sie zu sagen haben, und es mit dem vergleichen, was man selbst wei�. Im Zweifelsfall muss man sich zu jemandes Gunsten entscheiden, aber ein St�ckchen Vertrauen in Reserve behalten, bis sich der Betreffende auf die eine oder andere Art beweist. Du bist mit au�erordentlicher Weisheit gesegnet, Rhapsody. Schau in sein oder ihr Herz hinein und sieh, was du dort vorfindest.�</p><p>�Was, wenn man keine Zeit hat zu warten, bis sich jemand beweist? Was, wenn man nichts �ber die Person wei�? Was, wenn man nicht in ihr Herz schauen kann? Was, wenn man ihr Gesicht nicht sehen kann?�</p><p>Oelendra seufzte, und ihre Augen verschleierten sich, weil sie sich an etwas erinnerte. �Das ist eine sehr schwierige Situation, Rhapsody. Eigentlich habe ich so etwas nur ein einziges Mal erlebt. Ganz zu Anfang meiner Zeit als Iliachenva�ar begegnete ich einem Mann, der bereit zu sein schien, mir zu helfen, aber es waren sehr unruhige Zeiten, und ich war eine gejagte Frau. Er kam aus dem Nichts und bot mir seine Unterst�tzung an. Ich wusste nicht, ob ich ihm vertrauen konnte. F�dor sind Meister der T�uschung; in jenen Tagen gab es noch mehr von ihnen, und meine Feinde hatten zahllose Diener. So befand ich mich in einem gro�en Dilemma; wenn ich die falsche Entscheidung traf, bedeutete das, dass ich get�tet werden und die Tagessternfanfare unseren Feinden in die H�nde fallen w�rde. Einen solchen Schlag h�tten meine Verb�ndeten wom�glich nicht �berlebt. Doch schlie�lich musste ich auf mein Herz vertrauen. Das ist alles, was uns am Ende wirklich bleibt.�</p><p>Rhapsody blickte sie niedergeschlagen an. �Das ist keine gute Nachricht. Mein Herz hat sich nicht als zuverl�ssig erwiesen.�</p><p>Doch Oelendra l�chelte. �Wir alle machen Fehler. Ich denke, du solltest deinem Herzen vielleicht noch eine Gelegenheit geben. Ich kenne dich gut genug, um darauf zu vertrauen, dass du urteilen kannst.�</p><p>�Ihr solltet Euer Leben nicht auf irgendetwas setzen, was ich entscheide.�</p><p>�In gewisser Hinsicht habe ich das bereits getan�, entgegnete Oelendra und ber�hrte das Gesicht der jungen S�ngerin. �Und ich bin zuversichtlich, dass ich gewinnen werde.�</p><p>Rhapsody l�chelte und schlug die Augen nieder. �Was ist am Ende mit diesem Mann geschehen?� �Ich habe ihn geheiratet�, antwortete Oelendra mit einem breiten Grinsen. �Sein Name war Pendaris, und in der kurzen Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, liebten wir uns f�r ein ganzes Leben.�</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Rhapsody.</p><p>�Er ist im serenischen Krieg gefallen; er erlebte den Exodus der Cymrer nicht mehr mit�, antwortete Oelendra. Ihr L�cheln wurde wehm�tig. �Nicht lange nachdem wir geheiratet hatten, wurden wir von den F�dor und ihren Knechten gefangen genommen. Sie haben ihn zu Tode gefoltert.�</p><p>Behutsam ber�hrte Rhapsody ihre Hand. �Das tut mir Leid, Oelendra.�</p><p>�Es war ein schrecklicher Krieg, Rhapsody, und du solltest dankbar sein, dass du ihn nicht miterleben musstest. Aber letztendlich konnten Pendaris und ich wenigstens eine Zeit lang miteinander verbringen, und das haben wir getan. H�tte ich ihm nicht vertraut, w�re ich wahrscheinlich nicht daran gestorben, aber ich h�tte die gl�cklichsten Momente meines Lebens nie erlebt. Das ist etwas, was man immer bedenken sollte, wenn man vor einer Entscheidung steht den Preis dessen, was h�tte sein k�nnen.�</p><p>Dorndreher hatte sich ein wenig versp�tet, und das beunruhigte ihn. Er hasste es sowieso, nicht rechtzeitig zu einer Verabredung zu kommen, und er wusste, dass sein Herr es ganz und gar nicht sch�tzte, wenn er warten musste. Da Dorndreher ihn ziemlich gut kannte, f�hlte er sich jetzt ausgesprochen unbehaglich.</p><p>Als er in Sichtweite des Treffpunkts kam, erkannte er denn auch sogleich, dass er erwartet wurde. Mitten auf der Stra�e stand das Ross seines Herrn, ein wundersch�nes Tier, und darauf sa� der Reiter, der Dorndreher grimmig entgegenblickte. Der Tag hatte mit einem Gewitter begonnen, das ihn bis auf die Haut durchn�sst hatte. Nun schien alles noch schlimmer zu werden.</p><p>�Wo, zum Donner, bist du gewesen? Es ist schon fast dunkel.�</p><p>�Tut mir sehr Leid, Herr�, erwiderte Dorndreher heiter, in dem Versuch, den �rger seines Meisters zu vertreiben. �Ich wollte ganz sichergehen, dass mir niemand gefolgt ist.�</p><p>�Nun, wie war dein Besuch?� Der sch�ne Hengst t�nzelte unruhig auf dem Weg.</p><p>365</p><p>Dorndreher rutschte nerv�s im Sattel hin und her. �Es war, wie Ihr es vermutet hattet. Der Firbolg-Kriegsherr ist der Gleiche, den Ihr letztes Jahr gesehen habt, und sein Bolg-General war ebenfalls da. Das blonde M�dchen, das Ihr erw�hntet, hat meiner Meinung nach den Beschreibungen aber nicht ganz entsprochen.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>Dorndreher sah beklommen drein. Im Allgemeinen hatte er keine Angst vor dem Zorn seines Herrn, und f�r gew�hnlich verlief die Unterhaltung zwischen ihnen recht locker. Heute jedoch machte ihn die geplante �bernahme von Canrif gereizter als sonst. Seine azurblauen Augen funkelten wild, seine Stimme klang harsch. Den Grund daf�r glaubte Dorndreher erraten zu k�nnen.</p><p>�Nun, dieses M�dchen war noch keine zwanzig. Ein unscheinbares Gesicht, blasse Haut. Insgesamt nicht sehr bemerkenswert. Angesichts Eurer Erfahrung und Eurer Vorlieben w�rde ich vermuten, dass Ihr sie nicht sonderlich attraktiv finden w�rdet. Sie war gewiss keine eindrucksvolle Person.�</p><p>�Dann muss es noch eine andere geben�, sagte sein Meister und zog die Z�gel an. �Bei der Frau, die ich gesehen habe, k�nnte man all diese Eigenschaften unm�glich �bersehen.� Die in seinen schwarzen Kettenpanzer eingearbeiteten Silberringe blitzten auf.</p><p>�Ja, dann muss es wohl noch eine andere geben�, stimmte Dorndreher ihm zu.</p><p>�Und was ist mit Canrif?�</p><p>�Es ist noch erstaunlich gut erhalten, allerdings nicht restauriert, was nat�rlich kein Wunder ist. Bemerkenswert ist, dass die Bolg Gegenst�nde von bester Qualit�t herstellen und es sogar geschafft haben, aus den alten Reben einen Wein zu keltern.�</p><p>Sein Meister nickte. �Und ihre Streitkr�fte?� �Fundiert und gut ausgebildet. Daf�r ist sicher der Bolg-Kommandant verantwortlich. Er hat nicht viel gesagt, aber sein Markenzeichen wird klar an der Reaktion der verschiedenen Bolg-Wachen.�</p><p>�Haben sie die Schatzkammern gefunden? Die Bibliothek?�</p><p>�Zweifellos, ja.�</p><p>Anborn machte ein w�tendes Gesicht. �Verdammt. Nun gut, Dorndreher, lass uns gehen. Nicht weit von hier gibt es eine Taverne mit anst�ndigem Essen und vern�nftigen Weibern. Wir m�ssen Pl�ne schmieden.� Dorndreher nickte, gab seinem Pferd die Sporen und versuchte, Anborn einzuholen, der die Stra�e entlanggaloppierte, in die nahende Dunkelheit hinein.</p></section><section><title><p>24</p></title><p>Oelendra l�chelte in sich hinein, als ihre Sch�lerin einen soliden Treffer auf Urists Mitte landete, sich anmutig drehte und den Schlag parierte, den Syntianta auf ihren R�cken f�hren wollte. Sie beobachtete, wie Rhapsody herumwirbelte, um sich ihrem ersten Gegner noch einmal zu stellen, und das Schwert zur�ckzog, ehe ihr t�dlicher Stich die Kehle des Lirin-Soldaten tats�chlich ber�hrte. �Treffer!�, sagten sie wie aus einem Munde und brachen beide in lautes Gel�chter aus. Doch Rhapsody hatte keine Zeit, den Augenblick zu genie�en, denn jetzt st�rmte Syntianta auf sie ein, das Schwert mit beiden H�nden schwingend, eine Fertigkeit, f�r die sie ber�chtigt war. Zu allem �berfluss waren Rhapsody die Augen verbunden. Dennoch schlug sie sich erstaunlich gut.</p><p>Oelendra entschied, dass sie ihre Sache viel zu gut machte. Leise n�herte sie sich dem Wettkampf und hob einen Bauernspie� vom Boden auf. Sie wartete, bis Syntianta Rhapsody wieder richtig in den Kampf verwickelt hatte, schlich sich dann von der Seite an und zielte mit dem Stock auf Rhapsodys Knie, um sie zu Fall zu bringen.</p><p>Der Wirbel von Bewegungen, der nun folgte, war mit dem Auge kaum zu erfassen. Rhapsody drehte sich grazi�s und stie� dabei Urist zu Boden, sprang �ber den Stock und rollte sich aus der Gefahrenzone, wobei sie Syntianta so aus dem Gleichgewicht brachte, dass diese �ber Urist stolperte. Dann schlug sie Oelendra mit der Tagessternfanfare den Stock aus der Hand, sodass er hoch in die B�ume hinaufsauste.</p><p>Oelendra lachte laut, umarmte ihre Sch�lerin und nahm ihr die Augenbinde ab. �Das reicht f�r heute, lass uns feiern. Herzlichen Gl�ckwunsch, Rhapsody, jetzt kannst du fast so sch�n tanzen, wie du singst.�</p><p>In dieser Nacht beschloss Rhapsody, Oelendra eines ihrer gr��ten Geheimnisse zu offenbaren. Anders als diejenigen, in die sie ihre Lehrerin bereits eingeweiht hatte, betraf dieses ihre Freunde. Sie erinnerte sich an Achmeds Mahnung, entschied aber, Oelendras Rat zu folgen und ihrem Herzen zu trauen. Es sagte ihr, dass sie nichts zu bef�rchten hatte. Auf Zehenspitzen schlich sie die obere Halle entlang zu Oelendras Schlafzimmer. Dort brannte noch Licht; Rhapsody wusste, dass Oelendra nachts oft gar nicht schlief. Als reinrassige Lirin brauchte sie sehr wenig Schlaf, denn ihr K�rper wurde durch die Schwingungen des Waldes in einen unterbewussten Meditationszustand versetzt, der sie erfrischte und ihr neue Kraft verlieh. Rhapsody klopfte leise an die T�r.</p><p>�Komm herein, Liebes.�</p><p>Behutsam �ffnete Rhapsody die T�r. Oelendra sa� aufrecht im Bett und entwirrte gerade ihren langen, d�nnen Zopf. Bei diesem Anblick traten Rhapsody sogleich wieder die Tr�nen in die Augen, denn auch ihre Mutter hatte das jeden Abend getan, wenn sie allein waren, und dann ihr Haar und Rhapsodys vor dem Feuer geb�rstet. Oelendra erinnerte sie in so vielen Dingen an ihre Mutter, und dies erf�llte sie jedes Mal mit Wehmut. Nat�rlich war Oelendra sofort bewusst, was in Rhapsody vor sich ging, und sie klopfte auf die Bettkante neben sich.</p><p>�Setz dich�, sagte sie und begann ihr Haar zu b�rsten.</p><p>Rhapsody gehorchte. �Oelendra, bitte erz�hlt mir von den Drei und den Prophezeiungen �ber sie.�</p><p>L�chelnd antwortete Oelendra: �Das war wirres Gerede, Rhapsody. Manwyn versuchte zu verhindern, dass ihre Schwester vom Cymrischen Rat hinausgeworfen w�rde. Es hat nicht funktioniert. Der Rat verbannte Anwyn trotz der Versprechungen ihrer Schwester, obwohl diese prophezeite, dass Retter nahen w�rden, um wieder gutzumachen, was Anwyn verbrachen hatte. Ich denke, nach vierhundert Jahren ist es an der Zeit, dass wir das Hirngespinst aufgeben und uns mit anderen Pl�nen befassen.�</p><p>Rhapsody nickte. �Erinnert Ihr Euch noch genau daran, was sie gesagt hat?�</p><p>�Ja, ich habe ihr geholfen, es niederzuschreiben. Warum?�</p><p>�Nun, Ihr kennt mich doch�, antwortete Rhapsody l�chelnd. �Stets wissbegierig.�</p><p>Ernst blickte Oelendra sie an, dann rezitierte sie die Worte in der Sprache der Cymrer.</p><p><emphasis>Die Drei werden kommen; fr�h brechen sie auf,</emphasis></p><p><emphasis>sp�t treten sie in Erscheinung, Die Lebensalter des Menschen: Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels</emphasis>.</p><p><emphasis>Ein jeder Mensch, entstanden im Blute und darin geboren, Beschreitet die Erde, wird von ihr gen�hrt, Greift zum Himmel und genie�t seinen Schutz, Steigt indes erst am Ende seiner Lebenszeit zu ihm auf und gesellt sich zu den Sternen. Blut schenkt Neubeginn, Erde Nahrung. Der Himmel schenkt zu Lebzeiten Tr�ume im Tode die Ewigkeit. So sollen sie sein, die Drei, einer zum anderen</emphasis>. Wieder nickte Rhapsody. �Und es gab keine ausf�hrlichere Erkl�rung?�</p><p>�Nicht wirklich�, erwiderte Oelendra. �Die Weisen studierten Manwyns Worte und versuchten, ihre Bedeutung zu entschl�sseln. Irgendwann setzte sich die Auffassung durch, es handle sich um eine Allegorie darauf, dass jeder den F�dor t�ten konnte, da von allen Lebensaltern des Menschen gesprochen wurde. Damals glaubte ich das nicht, aber inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Prophezeiung eigentlich so gut wie nutzlos ist. Warum bewegt dich das mitten in der Nacht? Hast du getr�umt?�</p><p>�Nein�, antwortete Rhapsody. �Gibt es denn keine andere Erkl�rung?�</p><p>�Nun, Anborn, Gwylliams Sohn, fragte Manwyn vor dem Rat, wie die Drei die Spaltung �berwinden w�rden.�</p><p>�Erinnert Ihr Euch, was sie geantwortet hat?�</p><p>Oelendra nickte und dachte einen Augenblick nach.</p><p><emphasis>Wenn Leben entsteht, verbindet sich das Blut und wird doch vergossen; auch teilt es sich zu leicht, als dass es die Trennung heilen k�nnte</emphasis>.</p><p><emphasis>Die Erde wird von allen geteilt und ist doch selbst geteilt, von Generation zu Generation</emphasis>.</p><p><emphasis>Nur der Himmel umfasst alles und bleibt selbst ungeteilt; darum wird es durch ihn zu Frieden und Einheit kommen</emphasis>.</p><p><emphasis>Wenn Euch daran gelegen ist, Feldmarschall, so sch�tzt den Himmel, auf dass er nicht einst�rze</emphasis>.</p><p>Rhapsody lachte. �Na, das war ja sehr hilfreich!�</p><p>Oelendra legte die Haarb�rste auf den Nachttisch. �Siehst du jetzt, warum ich nichts auf das Geplapper einer Verr�ckten gebe?�</p><p>�Ja, aber vielleicht solltet Ihr es dennoch tun.� Oelendra stutzte und blickte Rhapsody scharf an. �Sag mir, was du damit meinst, Rhapsody.�</p><p>Mit ernster Miene erwiderte Rhapsody: �Ihr wisst, dass ich nicht mit Euch gesegelt bin, Oelendra, doch Ihr wisst auch, dass ich der Ersten Generation der Cymrer entstamme. Ihr habt angenommen, dass ich, statt mit den Cymrern zu fahren, in ein Land ging, das n�her bei Serendair lag, was damals viele Lirin taten, aber das stimmt nicht. Genau genommen bin ich erst sehr kurze Zeit in dieser Welt. Ich habe Euch von Grunthor erz�hlt, von meinem Bolg-Freund, der mir den Umgang mit dem Schwert beigebracht hat. Jetzt sollte ich wohl hinzuf�gen, dass auch er Cymrer ist. Und wir kamen noch mit einem dritten Freund.� Ihre Stimme wurde leiser, w�hrend Oelendra gro�e Augen bekam. �Er ist Dhrakier.�</p><p>Aufgeregt ergriff Oelendra ihre Hand und dr�ckte sie fest. �Du bist also eine der Drei?�</p><p>Rhapsody zuckte die Achseln. �Ich glaube es. Ich meine, ich wei� es eigentlich nicht, aber Grunthor ist an die Erde gebunden und Achmed an das Blut. Und da ich eine Liringlas bin, vermute ich doch, dass mich das zu einem Kind des Himmels macht.�</p><p>�Fr�h brechen sie auf, sp�t treten sie in Erscheinung�, murmelte Oelendra vor sich hin. �Nur der Himmel umfasst alles und bleibt selbst ungeteilt; darum wird es durch ihn zu Frieden und Einheit kommen.� Ihre Augen begannen zu strahlen. �Das bist du, Rhapsody; ich wusste es von dem Augenblick an, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Selbst wenn du nicht zu den Dreien geh�ren w�rdest, glaube ich in meinem Herzen, dass du diejenige bist, die das vollbringen kann, die wahre Iliachenva�ar. Das Schwert hat Manwyns Prophezeiung wahr gemacht.� Vor Aufregung zitterten ihre H�nde.</p><p>�Nun, Oelendra, geratet lieber nicht gleich in Verz�ckung�, warnte Rhapsody. �Ich wei� nichts �ber die Drei, und auch wenn es prophezeit wurde, dann wohl doch nicht mir. Ich dachte nur, Ihr solltet wissen, dass ich nicht allein gekommen bin.�</p><p>�Und du wirst auch nie mehr allein sein, Rhapsody. Was immer n�tig ist, um dich auf diesen Kampf vorzubereiten, was immer dein Schicksal sein mag, ich bin f�r dich da.�</p></section><section><title><p>25</p></title><p>Rhapsody war fr�hzeitig aufgewacht, das Gedicht aus ihren Tr�umen noch immer im Kopf. Sie hatte gebadet und sich angekleidet, aber die Worte piesackten sie weiter und lie�en ihr einfach keine Ruhe.</p><p>An der T�r lauschte sie, ob ihre Gesch�ftigkeit vor Morgengrauen Oelendra gest�rt hatte, aber aus den anderen R�umen war nichts zu h�ren. Entnervt be�ugte Rhapsody die Laute in der Ecke; sie wusste, wenn sie erst einmal mit Komponieren anfing, musste sie die Sache auch zu Ende f�hren, vorher w�rde sie an nichts anderes denken k�nnen. Als Erstes kochte sie sich eine Tasse Tee. W�hrend sie die dampfende Fl�ssigkeit schl�rfte, dachte sie an Ashes beleidigende Kommentare und �berlegte, warum er das Getr�nk so verabscheute. Ihr schmeckte es ziemlich gut.</p><p>Schlie�lich ergab sie sich seufzend in ihr Schicksal, machte es sich in dem Sessel gegen�ber dem Kamin bequem, stimmte die Laute und zupfte vorsichtig. Zuerst war das Lied kalt und wollte nicht flie�en, aber schon nach wenigen Minuten nahm die Melodie allm�hlich Form an. Rhapsody spielte leise, um ihre Gastgeberin nicht zu st�ren. Bald summte der Raum vor kreativer Energie und verst�rkte das Licht und die W�rme, die hier bereits herrschten. Im Kamin sang das Feuer, knisterte im Rhythmus der T�ne ihrer Laute, zischte im Takt. Als die T�r aufging, war Rhapsody ganz in ihre Musik versunken.</p><p>�Bist du bereit?�, fragte Oelendra. Sie trug ihre �bliche Lederr�stung, abgenutzt vom jahrelangen Gebrauch, und hatte ihren Umhang mit dem hohen Kragen dabei. Rhapsody blickte von ihrer Laute zum Fenster mit dem Eisengitter. Noch mindestens eine Stunde bis Tagesanbruch.</p><p>�Es ist noch dunkel drau�en, Oelendra�, erwiderte sie, w�hrend ihre Finger weiter �ber die Saiten glitten.</p><p>�Ja, aber du bist wach oder tust zumindest recht erfolgreich so.�</p><p>Rhapsody l�chelte sie an. �Ich bin fast fertig mit diesem Lied�, meinte sie, und ihre Augen kehrten zu dem Instrument zur�ck. �Noch vor Sonnenaufgang bin ich so weit. Dann stehe ich Euch augenblicklich zur Verf�gung.�</p><p>�Sonderbar�, entgegnete Oelendra leise. �Ich habe geglaubt, du st�ndest mir ohnehin immer zur Verf�gung.�</p><p>Bei dieser seltsamen Bemerkung schaute Rhapsody wieder auf. Oelendra musterte sie durchdringend. Als ihre Blicke sich trafen, l�chelte sie, und Rhapsody erwiderte das L�cheln mit dem Gef�hl, dass sie irgendetwas nicht mitbekommen hatte.</p><p>�Wenn ich dieses Lied aus dem Kopf habe, kann ich mich heute besser konzentrieren�, erkl�rte sie, w�hrend sie sich wieder ihrer Laute widmete.</p><p>�Wirklich?�, fragte Oelendra mit freundlicher Stimme.</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody und machte sich an einer verstimmten Saite zu schaffen. �Diese Laute ist eine strenge Zuchtmeisterin. Die ganze Zeit hat sie im Schlaf an mir gezerrt, deshalb bin ich so fr�h aufgestanden. Sie holt meine Konzentration st�ndig zu diesem Lied zur�ck und verlangt, dass ich es vollende. Ich glaube nicht, dass sie mich in Ruhe lassen wird, ehe ich damit fertig bin.�</p><p>�Welch ein l�stiges Instrument. Nun, wenn das alles ist...� Unvermittelt streckte Oelendra die Hand aus und entriss Rhapsody die Laute. Als Rhapsody den Mund aufmachte, um zu protestieren, schleuderte Oelendra das Instrument gegen die Wand und warf es dann quer durch den Raum ins Feuer, wo es mit kreischenden Saiten zerbarst. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen sah Rhapsody zu, wie das Holz Feuer fing.</p><p>�Nun denn�, meinte Oelendra leichthin, �das Problem h�tten wir gel�st. Bist du jetzt bereit?�</p><p>Es dauerte einen Moment, ehe Rhapsody ihre Stimme wieder fand. �Ich kann nicht glauben, was Ihr soeben getan habt.�</p><p>�Ich warte.�</p><p>�Was, im Namen des Allgottes, ist nur in Euch gefahren?�, rief Rhapsody und deutete auf die Feuerstelle. �Dieses Instrument war unglaublich wertvoll, ein Geschenk von Elynsynos, uralt und voller Wissen. Und nun ist es ...�</p><p>�Nun h�lt es das Zimmer warm.�</p><p>�Findet Ihr das lustig?�</p><p>�Nein, Rhapsody, ich finde das nicht lustig.� Jede Spur von H�flichkeit war aus Oelendras Gebaren gewichen, und an ihre Stelle war eine kalte, zornige Entschlossenheit getreten. �Ich finde es nicht lustig, und ich glaube auch nicht, dass es ein Spiel ist, wie du anscheinend annimmst. Es ist so todernst, wie man es sich nur denken kann, und du solltest lieber anfangen, dich so zu benehmen, als w�sstest du das. Du bist die Iliachenva�ar. Du bist eine der Drei du hast eine Aufgabe zu erf�llen.�</p><p>�Aber das entschuldigt nicht, was Ihr getan habt! Ich habe au�er dieser Aufgabe noch andere Pflichten. Ich bin auch Benennerin. Ich muss meinen Beruf aus�ben, sonst verliere ich ihn.�</p><p>Rhapsody schluckte heftig in dem Versuch, die Wut im Schach zu halten, die hinter ihren Augen brannte.</p><p>Oelendra begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. �Vielleicht, aber so selten sie auch sein m�gen, gibt es noch andere Benenner auf der Welt. Doch es gibt nur eine einzige Iliachenva�ar. Du hast eine enorme Verantwortung, der du gerecht werden musst. Deine sonstigen Interessen spielen keine Rolle.�</p><p>Rhapsody sp�rte, wie sich ihre F�uste vor Wut ballten. �Wie bitte? Wollt Ihr mir jetzt vorschreiben, was ich bin? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich freiwillig f�r diese Stellung angeboten habe.�</p><p>�Nein, du wurdest eingezogen�, entgegnete die LirinK�mpferin barsch. �Jetzt steh auf.�</p><p>�Oelendra, was ist los mit Euch?�</p><p>Eine Waschsch�ssel und ein Krug landeten klirrend auf dem Boden, sodass die Scherben nur so durch die Gegend flogen. Als N�chstes schleuderte die Lirin-K�mpferin den Waschtisch selbst gegen die Wand.</p><p>�Ich kann das verdammte Ding nicht t�ten, das ist mit mir los!�, fauchte Oelendra. �Wenn ich es k�nnte, w�re es schon seit zehn Jahrhunderten nichts als Asche im Wind. Aber ich habe versagt; ich habe Fehler gemacht, und der Preis daf�r war immens hoch. Du darfst es nicht wieder entfliehen lassen, Rhapsody. Dein Schicksal ist prophezeit worden, da kannst du die Achseln zucken, so viel du magst. Du wirst den F�dor t�ten oder bei dem Versuch sterben. Du hast keine andere Wahl. Meine Verantwortung ist es, dir die M�glichkeit zu geben, erfolgreich zu sein, und nun verschwendest du meine Zeit.�</p><p>Rhapsody klappte den Mund zu, der seit dem Beginn von Oelendras Tirade offen gestanden hatte. Sie versuchte, Worte zu finden, die ihre Lehrerin beruhigen w�rden, doch ihr wurde sofort klar, dass sie das nicht konnte. In Oelendras Augen stand mehr als Zorn, es war etwas Tieferes darin verborgen, das Rhapsody nicht ermessen konnte. Sie erinnerte sich an die Warnungen anderer vor Oelendras Wut und an ihren Ruf als strenge Lehrmeisterin. Sie konnte weiter nichts tun, als zu versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen.</p><p>�H�r mir zu, Rhapsody. Ich habe vierundachtzig voll ausgebildete Krieger nach diesem Biest ausgeschickt, und keiner von ihnen, kein Einziger, ist jemals zur�ckgekehrt. Du hast mehr Talent, mehr Potenzial als irgendeiner von ihnen, aber dir mangelt es an Disziplin und Willenskraft. Dein Herz m�chte die Welt retten, aber dein K�rper ist tr�ge. Du verstehst nicht die Tiefe des B�sen, das da drau�en lauert und nur darauf wartet, dich zu vernichten. Und wenn du beim Gedanken an deinen eigenen Tod und die Verdammnis nicht zitterst, dann denke an die Menschen, die du liebst. Denk an deine Freunde, deine Schwester, an die Kinder, f�r die du sorgst. Hast du �berhaupt eine Ahnung, was ihnen bevorsteht, wenn du versagst, wie ich versagt habe? Nein, das hast du nicht, denn sonst w�rst du jetzt da drau�en und w�rdest beten, dass du dieses Ding zu fassen kriegst und es mit deiner Klinge durchst��t, wieder und wieder und <emphasis>wieder</emphasis> um seinen Tod auf deiner Hand zu schmecken und die Freude der Rache f�r all die gr�sslichen Taten zu versp�ren, die es in den Jahrtausenden seines Lebens vollbracht hat.�</p><p>Rhapsody wandte den Blick ab; sie konnte Oelendras Ausbruch nicht ertragen. Tief in ihrem Innern senkte sich Ruhe herab, das Gef�hl des Friedens, das ihr drohende Gefahr signalisierte. Aber es war nicht Oelendra, die sie bedrohte, es war die Panik, die in ihrer Kehle aufstieg, wenn sie an die vor ihr liegende Aufgabe dachte.</p><p>�Wei�t du �berhaupt, was deiner Familie, deinen Freunden durch die H�nde dieser Wesens zugesto�en ist? Wei�t du, was mit Ostend geschehen ist, Rhapsody?�</p><p>�Nein�, fl�sterte sie.</p><p>Oelendras Augen wurden wieder klar, als h�tte die Stimme der S�ngerin sie aufgeweckt.</p><p>�Dann sei dankbar, es war n�mlich alles andere als sch�n�, meinte sie etwas ruhiger. �Du hast die M�glichkeit, dem ein Ende zu bereiten, Rhapsody, das Leid ein f�r allemal aus der Welt zu schaffen. Du besitzt von Natur aus eine Verbindung zu den Sternen und zum Feuer, und du hast die Unterst�tzung eines Dhrakiers. Du bist eine der Drei. Das B�se wei�, dass du hier bist. Es hat ebenso lange auf dich gewartet wie ich. Aber wenn du nicht bereit bist, wird es dich unerwartet �berfallen, und angesichts dessen, was es dir und denen, die du liebst, antun wird, ist der Tod ein Segen. Und ich h�tte ihm das Schwert schon vor langer Zeit einfach �berlassen k�nnen.�</p><p>Rhapsody holte tief Luft und zwang sich erneut zur Ruhe. Unter Oelendras heftigem Ton lag eine Verzweiflung, die Rhapsody r�hrte und deren Widerhall sie in sich sp�rte. Es war der Klang unaussprechlicher Qual, einer Qual, die sie selbst erfahren hatte, als sie in dieses Land gekommen war. Ohne Zweifel war die alte Kriegerin weit weniger mit der Vergangenheit im Frieden, als es zun�chst den Anschein gehabt hatte. Au�erdem wohnte, so unm�glich es auch erscheinen mochte, eine kalte Furcht in Oelendra, eine Furcht, deren Tiefe Rhapsody nicht ann�hernd ermessen konnte.</p><p>�Oelendra, wir m�ssen das l�sen�, sagte sie und bem�hte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. �Ich m�chte nicht, dass Zorn zwischen uns herrscht. W�rdet Ihr Euch bitte setzen und kurz mit mir reden? Danach werde ich gern mit Euch auf die Wiese hinausgehen, und Ihr k�nnt bis Sonnenuntergang und noch l�nger mit mir arbeiten, wenn es Euch beliebt. Aber es wird nicht fruchtbar sein, wenn wir diese Angelegenheit zuvor nicht kl�ren.�</p><p>Z�gernd lie� sich die alte Kriegerin am Tisch nieder. Rhapsody holte sich den gegen�berstehenden Stuhl und setzte sich ebenfalls.</p><p>�Oelendra, ich kann nicht die Iliachenva�ar sein, die Ihr wart.�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich, Rhapsody. Ich wurde nicht mit dem Schwert in der Hand geboren, ich musste den Umgang damit ebenso erlernen wie du. Es braucht Hingabe. Konzentration. Und Durchhalteverm�gen. Man kann keine widerwillige Kriegerin sein.�</p><p>�Aber ich kann nur eine widerwillige Kriegerin sein�, erwiderte Rhapsody. �Ich habe keine andere Wahl. Doch das habe ich gar nicht gemeint. Ich wei�, dass ich den Umgang mit dem Schwert erlernen kann. Ich habe eine weitaus bessere Lehrerin, als Ihr sie hattet ich habe die Beste. Aber wir haben unterschiedliche Gaben. Ihr seid mit einer Kraft gesegnet, die ich nicht besitze, und Euer Verstand funktioniert wie ein feines Instrument.� Sie warf einen Blick auf die brennenden Bruchst�cke der Laute im Feuer. �Nun, das war vielleicht kein so guter Vergleich.�</p><p>Gegen ihren Willen musste Oelendra l�cheln, und ihr �rger legte sich ein wenig. �Ich verstehe schon, was du meinst.�</p><p>�Und ich habe F�higkeiten, die Ihr wiederum nicht habt. Ich bin eine andere Person; wenn ich versuche, wie Ihr zu sein, werde ich scheitern. Mir scheint, im Kampf gegen einen Feind dieser St�rke sollte jede F�higkeit eingebracht werden. Deshalb muss ich mit dem Schwert so gut werden, wie ich eben kann, und das wird mir auch ohne Zweifel gelingen, denn ich kann auf Eure Weisheit und Erfahrung zur�ckgreifen ganz zu schweigen von Eurem Stiefel, der mich bei Bedarf in den Hintern tritt. Aber ich glaube nicht, dass es sinnvoll w�re, die anderen Waffen zu ignorieren, die mir zur Verf�gung stehen. Ihr sch�rft mir immer wieder ein, meine St�rken im Kampf zu entwickeln; ich soll mich auf meine Schnelligkeit und mein Talent verlassen und nicht k�mpfen wie ein Bolg das ist doch richtig, oder?� �Kommst du irgendwann zum springenden Punkt?� Rhapsody atmete aus. �Vielleicht. Ich hoffe es. Es gibt viele Arten von Waffen, und alle sind auf ihre Art und zu ihrer Zeit machtvoll. Der Punkt ist, dass Musik f�r mich die m�chtigste Waffe sein kann, noch m�chtiger als das Schwert. Musik ist kein Zeitvertreib, keine Erholung; Musik ist mein gr��tes Talent, Oelendra, mein <emphasis>gr��tes</emphasis>. Doch das vermindert keineswegs mein Engagement f�r das Schwert.�</p><p>Lange starrte Oelendra sie schweigend an, dann schaute sie zu Boden und stie� langsam die Luft aus. �Du hast Recht. Es war falsch von mir, meinen Schmerz an dir auszulassen. Es tut mir Leid wegen der Laute.� Irgendetwas in ihrer Stimme klang nicht richtig; sie hatte einen Unterton, der Rhapsody die Stirn runzeln lie�.</p><p>�Oelendra, seht mich an.� Als keine Reaktion erfolgte, hakte Rhapsody nach. �Bitte.�</p><p>Einen Moment sp�ter hob die �ltere Frau den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. In Oelendras Augen standen Tr�nen, die Rhapsody zutiefst erschreckten. �Oelendra? Was ist los? Bitte sagt es mir.� �Heute.� Es war nicht mehr als ein Fl�stern. �Was ist heute?�</p><p>Oelendra blickte ins Feuer. �Der Jahrestag.� �Heute ist Euer Hochzeitstag? Oh, Oelendra.�</p><p>�Nein�, entgegnete die Kriegerin mit einem traurigen L�cheln. �Nein, Rhapsody, nicht mein Hochzeitstag. Heute ist sein Todestag.�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde weich vor Trauer. �Oh, ihr G�tter. Es tut mir so Leid.� Sie sprang vom Tisch auf, rannte hin�ber zu ihrer Lehrerin und schlang ihr von hinten die Arme um die breiten Schultern. Lange hielt sie Oelendra so umfangen, und deren Hand legte sich auf ihre. Doch schlie�lich gab Rhapsody sie wieder frei und ging zum Waffengestell.</p><p>�Gut, Oelendra�, sagte sie, w�hrend sie sich das Schwert umg�rtete. �Jetzt bin ich bereit.�</p><p>In der Dunkelheit ihres Traums sah Rhapsody ein Licht. Es kam aus der gegen�berliegenden Zimmerecke; sie setzte sich auf und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie es heller wurde. Nach einer Weile erkannte sie, dass an einem d�nnen Spinnseidenfaden ein winziger Stern in der Luft schwebte.</p><p>W�hrend sie ihn anstarrte, bemerkte sie, dass in der Dunkelheit noch mehr Lichter funkelten, zusammengesetzt aus tausenden kleiner Lichtpunkte. Sie schimmerten wie Broschen im Schaukasten eines Juweliers, gl�nzende Edelsteine vor dem schwarzen Samt der Nacht. Dann blickte sie nach unten und sah, dass sie nicht mehr in ihrem Zimmer in Oelendras Haus war, sondern auf einem d�nnen Wolkenfetzen weit oben im Himmel schwebte, �ber dem in Nacht geh�llten Land.</p><p>Von ihrem luftigen Ausguck beobachtete sie, wie am �stlichen Horizont klar und golden die Sonne aufging. Ihr Licht ber�hrte das Land, und nun zeigte sich, dass der winzige Stern das Minarett in Sepulvarta war, der hoch aufragende Turm, den sie auf Herzog Stephens Bildern bewundert hatte. Das Sonnenlicht blitzte hell auf und griff dann auf den Rest des Landes �ber, bis es das gesamte Gebiet von Roland zu ihren F��en erhellte. Die Juwelenbroschen entpuppten sich als St�dte und h�rten erst auf zu funkeln, als das Licht der Sonne auf sie fiel. Im Hinterkopf sp�rte Rhapsody den Drang, ihre Morgenaubade zu singen, aber sie bekam keinen Ton heraus. Sie sch�ttelte den Kopf, und pl�tzlich sah sie einen Schatten �bers Land ziehen, einen tiefen Schatten, der sich auf Sepulvarta zubewegte. Voller Entsetzen sah sie mit an, wie der Schatten �ber den Turm fiel, die Basilika verschluckte und sie in Finsternis tauchte. In der Dunkelheit stand ein alter Mann. Nun war Rhapsody nur mehr wenige Schritte von ihm entfernt; betend stand er am Altar der weitl�ufigen Basilika, das Gesicht leichenblass. Um ihn herum brannte schwarzes Feuer; er sang, aber auf einmal floss Blut aus seinem Mund und seiner Nase, und die wei�en Gew�nder, die er trug, f�rbten sich purpurrot. Rhapsody, noch immer unf�hig zu sprechen, sah, wie das schwarze Feuer ihn verzehrte. Einen Augenblick sp�ter kl�rte sich das Bild, und f�nf M�nner betraten die Basilika. Sie liefen zu der Blutlache, wo der alte Mann gelegen hatte, und standen eine Weile betend davor. Zwei von ihnen ein junger Kerl und ein gebrechlicher Alter mit hohlen Augen starrten hilflos auf das Blut am Boden. Zwei andere zogen die Schwerter blank und begannen �ber die Lache hinweg gegeneinander zu k�mpfen. Der Letzte, ein �lterer Mann mit einem freundlichen Gesicht, machte sich daran, Papiere zu sortieren, f�r alle Tee zu bereiten und aufzur�umen. Mit ausgestreckter Hand bot er auch Rhapsody eine Tasse Tee an. Doch als sie den Kopf sch�ttelte, machte er einfach mit seinen Verrichtungen weiter. Von drau�en drang ein Ger�usch zu ihnen, und Rhapsody trat zum Fenster der Basilika, um hinauszusehen. Rund um die Basilika ging es zu wie an jedem anderen Tag; Passanten zogen vorbei, Kaufleute boten ihre Waren feil, doch zur selben Zeit w�lzte sich ein m�chtiger, kniehoher Blutstrom durch die Stra�en. Die Menschen schienen ihn nicht zu bemerken, nicht einmal, als er so anschwoll, dass er �ber ihre K�pfe reichte und sie zu ertr�nken drohte. Rhapsody konnte h�ren, wie der B�cker an seinem Ladenfenster der Waschfrau Wechselgeld herausgab, w�hrend sein Mund sich langsam mit Blut f�llte.</p><p>Auf einmal ert�nte ein furchtbarer L�rm, und Rhapsody blickte zum Himmel empor. Der Stern oben auf der Turmspitze baumelte herunter und st�rzte dann in den roten Blutsee, der einmal Sepulvarta gewesen war, genau wie der Stern aus ihren fr�heren Tr�umen. Als er aufschlug, fuhr ein gigantischer Lichtblitz �ber den Himmel und blendete sie. Eine Weile darauf, als sie wieder sehen konnte, sa� sie im Gro�en Wei�en Baum, das Diadem von Tyrian auf der Stirn, umgeben von Lirin, die leise mit ihr sangen, w�hrend sich der Baum langsam in die Wellen des Ozeans aus Blut hinabsenkte. Der Traum w�re noch weitergegangen, aber Rhapsody wurde von ihrem eigenen Schreien wach. Oelendra kauerte auf ihrer Bettkante und hielt ihre Arme an den Ellbogen fest.</p><p>�Rhapsody? Was ist los?�</p><p>Doch sie konnte Oelendra nur anstarren. Sie zitterte und blinzelte heftig, um sich an das Traumbild zu erinnern. Offensichtlich war es irgendeine Art Vision gewesen, eine Warnung, die sie nicht ignorieren wollte. Oelendra sp�rte ihren inneren Kampf und lie� sie allein, um wieder in die Klarheit zur�ckzufinden.</p><p>�Ist es warm genug?�</p><p>Rhapsody nahm einen Schluck <emphasis>dol mwr</emphasis> und nickte. �Ja, danke, es ist wunderbar. Tut mir Leid, dass ich Euch geweckt habe.�</p><p>Oelendra sah zu, wie ihre Sch�lerin trank, und befahl ihrem Herzen, sich zu beruhigen. Sie hatte sich an Rhapsodys Albtr�ume gew�hnt und merkte nur selten etwas davon, aber heute hatten die Schreie sie geweckt. Nachdem die junge S�ngerin ihr den Inhalt des Traums dargelegt hatte, wunderte sie sich allerdings nicht mehr �ber ihre heftige Reaktion. Als Rhapsody ihren Bericht beendet hatte, stellte sie den Becher ab. �Ich muss gleich morgen fr�h nach Sepulvarta reisen.�</p><p>Oelendra nickte. �Der Mann in der wei�en Robe k�nnte deiner Beschreibung nach nat�rlich der Patriarch sein, obgleich niemand au�er seinem inneren Kreis ihn je zu Gesicht bekommt; daher wei� ich nicht, wie er wirklich aussieht. Von den anderen wei� ich nichts, es k�nnte sich auch nur um Symbole handeln.�</p><p>�Den jungen Mann, der mit den anderen hereinkam, habe ich erkannt es war der Segner von Canderre-Yarim�, sagte Rhapsody. �Ich bin ihm einmal begegnet, als der Friedensvertrag zwischen Roland und Ylorc ausgehandelt wurde, und er schien mir ein recht anst�ndiger Kerl zu sein. Ich denke, die Betroffenheit, die er in meinem Traum gezeigt hat, w�re eine angemessene Reaktion auf den Tod des Patriarchen.�</p><p>�Vielleicht sind die vier anderen die verbleibenden Seligpreiser�, schlug Oelendra vor.</p><p>�Vielleicht�, stimmte Rhapsody ihr zu. �Es tut mir Leid, dass ich so pl�tzlich aufbrechen muss. Ich w�nschte, wir k�nnten noch viel l�nger zusammenbleiben.�</p><p>�Aber es ist an der Zeit�, entgegnete Oelendra schlicht. �Du wei�t alles, was du wissen musst, Rhapsody. Ich habe mich geirrt, als ich meinte, du w�rst noch nicht bereit. Du bist stark und nun auch im Gebrauch des Schwerts ge�bt, und du hast ein kluges, gro�z�giges Herz. Hier hast du nichts mehr zu tun, du musst nun deinem Schicksal folgen. Ich werde dir helfen, wo ich nur kann. Denk daran, dass du hier jederzeit willkommen bist, wie lange auch immer du bleiben m�chtest. Und wenn du dich entschlie�t, den Versuch zu wagen und die Lirin und die Cymrer zu vereinen, dann komm zu mir, und ich werde dich auch darin unterst�tzen.�</p><p>Rhapsody l�chelte sie an, aber ihre Augen waren ernst und traurig. �Ich glaube, Euch Lebewohl zu sagen wird mir schwerer fallen als alle bisherigen Abschiede, Oelendra. In der kurzen Zeit, die ich hier verbringen durfte, habe ich mich zum ersten Mal, seit ich Serendair verlassen habe, wirklich zu Hause gef�hlt. Nun kommt es mir fast so vor, als w�rde ich meine Familie noch einmal verlieren.�</p><p>�Dann sag mir einfach nicht Lebewohl�, antwortete Oelendra, stand auf und ging zur T�r.</p><p>�Solange hier jemand an dich denkt, wirst du auch ein bisschen da sein. Und das wird immer so bleiben. Versuch dich jetzt auszuruhen. Viel zu bald wird der Morgen grauen.�</p><p>�In der Religion des Patriarchen ist der erste Tag des Sommers der Hochheilige Tag�, erkl�rte Oelendra, w�hrend sie Rhapsody eine Satteltasche reichte. Die S�ngerin nickte und warf die Tasche �ber den R�cken der kastanienbraunen Stute, die Oelendra ihr gegeben hatte. Das Tier war stark und friedfertig; Rhapsody konnte in seinen Augen eine angeborene Klugheit erkennen. �Wenn du �ber Land reitest und die Stra�en meidest, kannst du es rechtzeitig schaffen.�</p><p>Doch Rhapsody war sich da nicht so sicher. �Sepulvarta liegt zwei Wochen von hier entfernt, habt Ihr gesagt. Wenn ich nicht den Stra�en folge, werde ich mich wahrscheinlich verirren. Ich bin noch nie dort gewesen.�</p><p>Oelendra l�chelte. �Der Turm mit seinem Stern ist wie ein m�chtiger Leitstrahl. Wenn du dich konzentrierst, m�sstest du ihn in deiner Seele f�hlen k�nnen, selbst ohne die Tagessternfanfare. Mit dem Schwert als F�hrer kannst du dich nicht verirren. Au�erdem ist keine Lirin-Seele jemals bei Nacht unter den Sternen verloren.�</p><p>�Das hat mein Gro�vater immer von den Seeleuten behauptet�, sagte Rhapsody l�chelnd. Ihr L�cheln verblasste, als sie pl�tzlich wieder die Stimme ihrer Mutter vernahm.</p><p><emphasis>Wenn du zum Himmel emporschaust und deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein, niemals</emphasis>.</p><p>�Ich habe noch eine letzte Lektion f�r dich, eine, die du nie vergessen darfst�, erkl�rte Oelendra mit blitzenden Augen. �Ich h�tte es dir eines Tages ausf�hrlich erz�hlt, aber ich wusste nicht, dass unsere gemeinsame Zeit so schnell zu Ende gehen w�rde. Im alten Land gab es eine Bruderschaft von Kriegern, genannt die Sippschaftler. Sie waren Meister der Kampfkunst, dem Wind und dem Stern verschworen, unter dem du geboren bist. Zwei Dinge waren notwendig, um in die Bruderschaft aufgenommen zu werden: �berragende k�mpferische F�higkeiten und die Rettung eines Unschuldigen unter Einsatz des eigenen Lebens.</p><p>Eines Tages wird dir diese Ehre vielleicht zukommen, Rhapsody; du hast das Zeug f�r diese Bruderschaft. Am Klang des Windes in deinen Ohren, am Fl�stern deines Herzens wirst du es erkennen. Hier im neuen Land bin ich nie einem Mitglied dieser Bruderschaft begegnet, und ich wei� nicht, ob sie noch besteht. Doch falls ja, wird jeder Sippschaftler deinen Hilfeschrei im Wind h�ren, wenn du selbst zur Bruderschaft geh�rst. H�r gut zu, ich werde ihn dich lehren.� Mit zitternder Stimme hob Oelendra an zu singen. Die Worte waren Altcymrisch.</p><p><emphasis>Beim Stern werde ich warten, werde ich beobachten, werde ich rufen und geh�rt werden</emphasis>.</p><p>�Vergiss nicht zu rufen, wenn es n�tig ist�, sagte Oelendra. �Ich wei� nicht, ob ich dich h�ren werde, aber wenn, dann kannst du sicher sein, dass ich so schnell wie m�glich zu dir komme.�</p><p>Tr�nen brannten in Rhapsodys Augen. �Ich wei�, aber macht Euch keine Sorgen, Oelendra, ich werde schon zurechtkommen.�</p><p>�Nat�rlich wirst du das.�</p><p>Rhapsody t�tschelte den Hals der Stute. �Nun, ich sollte Losreiten. Danke f�r alles.�</p><p>�Nein, Rhapsody, ich danke dir�, entgegnete die Lirin-Kriegerin. �Du hast viel mehr hierher gebracht, als du mitnimmst. Gute Reise, und pass auf dich auf.�</p><p>Rhapsody beugte sich herab und k�sste die Wange der alten K�mpferin. �Ich werde Euch alles erz�hlen, wenn ich zur�ck bin.�</p><p>�Das wird bestimmt eine wundervolle Geschichte�, erwiderte Oelendra und blinzelte, um die Tr�nen zur�ckzuhalten. �Jetzt reite los. Du hast einen langen Tagesritt vor dir.� Damit gab sie dem Pferd einen Klaps auf die Flanke und winkte, w�hrend Rhapsody davonritt, die Letzte einer langen Reihe von Sch�lern und Sch�lerinnen vor ihr, die Oelendra mit ihren Gebeten begleitete. Doch jetzt war es anders, das wusste sie. Zwar wagte sie nicht mehr zu hoffen daf�r sie hatte zu viele junge K�mpfer sich verabschieden sehen, die nicht zur�ckgekehrt waren. Aber dieses Mal ritt ihr Herz mit. Wenn Rhapsody nicht wiederkam, w�rde es auch nicht wiederkommen.</p></section><section><title><p>26</p></title><p>Die Reise nach Sepulvarta erwies sich als geradezu erfrischend. W�hrend Rhapsody nach Nordosten ritt, war der Sommer ihr immer einen Tag voraus, und sie folgte seiner F�hrte aus neuem Gras und frischen Nadeln an den immergr�nen B�umen, die den Wald s�umten. Mit jedem Tag wurde die Luft etwas w�rmer, das Laub voller, das Gras h�her, und Rhapsody f�hlte das Feuer in ihrer Seele in der W�rme erstarken. Die Bl�ten und blassen Bl�tter des Fr�hlings waren �ppigem, gr�nem Laub gewichen, das f�r ausreichend Schatten sorgte. Das Rauschen des Windes, der Hufschlag des Pferdes, die Geschwindigkeit ihres Ritts, all das rief in Rhapsody eine Ausgelassenheit hervor, die sie allzu lange unterdr�ckt hatte. Am ersten Tag, als sie den Wald verlie� und auf die Ebene von Roland ritt, nahm sie das Band aus den Haaren, die nun ungeb�ndigt hinter ihr im Wind wehten, w�hrend sie �ber das Grasland jagte. Sie wandte ihr Gesicht der Sonne zu, lie� die Mittagsstrahlen auf ihre rosige Haut brennen, sodass sie golden braun wurde. Als sie das Gebiet von Bethania und Navarne hinter sich gelassen hatte, f�hlte sie sich ges�nder und st�rker denn je.</p><p>Nach elf Tagen hitzigen Reitens erreichte sie die Au�enbezirke der Stadt Sepulvarta. Der von dem Stern gekr�nte Turm war bereits drei Tage vorher zu sehen gewesen. Zum ersten Mal hatte Rhapsody ihn nachts erblickt, wie er leise in der Ferne schimmerte. Er sah genau so aus wie in ihrer Vision, und ihre Tr�ume waren in jener Nacht besonders intensiv gewesen. Der Albtraum, der sie dazu gebracht hatte, diese Reise zu unternehmen, war fast jede Nacht zur�ckgekehrt, eine nagende Mahnung, mit h�chster Kraft vorw�rts zu preschen.</p><p>In der Stadt selbst wimmelte es von Menschen Pilger auf dem Weg zu den Heiligen Schreinen, Kirchenleute, aber auch die �blichen Wanderer von einer Provinz zur anderen, die es auf Gesch�fte aller Art abgesehen hatten, manche ehrbarer, andere eher zwielichtiger Natur. Es war recht leicht, sich unters Volk zu mischen und durch die Tore ins Innere der Stadt zu gelangen, wo Rhapsody schlie�lich zum Pfarrhaus gelangte, hoch oben auf dem H�gel am Rande der Stadt gelegen. Es war ein wundersch�nes Marmorhaus, an die eigentliche Basilika angebaut; die gravierten Messingt�ren wurden von Soldaten in farbenpr�chtiger Uniform bewacht. Rhapsody band ihr Pferd an einem der daf�r vorgesehenen Pl�tze an, versorgte das Tier mit Wasser und Hafer und ging dann direkt auf die Wachen zu.</p><p>Sie hatte sich ihnen noch nicht einmal auf zehn Fu� gen�hert, als sie auch schon die Speere kreuzten.</p><p>�Was wollt Ihr hier?�</p><p>Rhapsody stand so aufrecht sie konnte. �Ich muss zu Seiner Gnaden.�</p><p>�Die Bitttage sind im Winter, Ihr seid zu sp�t dran.�</p><p>Rhapsody sp�rte, wie sich die Angst, die sie seit dem ersten Albtraum mit sich herumgetragen hatte, in �rger verwandelte. �Ich muss ihn trotzdem sehen. Bitte.�</p><p>�Niemand darf den Patriarchen sehen, nicht einmal an den Bitttagen. Macht, dass Ihr wegkommt.�</p><p>Obwohl die Ungeduld sie zu �berw�ltigen drohte, bem�hte sich Rhapsody, m�glichst ruhig zu bleiben. �Bitte richtet Seiner Gnaden aus, dass die Iliachenva�ar gekommen ist, um sich als K�mpferin an seine Seite zu stellen. Bitte.� Die Wachen antworteten nicht. �Nun gut�, fuhr Rhapsody schlie�lich fort, bem�hte sich aber weiterhin, ihren Zorn zu unterdr�cken. �Bis Ihr meine Botschaft zum Patriarchen bringt, seid Ihr unf�hig, irgendeine andere zu �berbringen.�</p><p>Und sie sprach den Namen der Stille.</p><p>Die Wachen sahen einander an und fingen an zu lachen. Mitleidig sah Rhapsody zu, wie sie merkten, dass sie keinen Laut hervorbringen konnten, und verwirrt und �ngstlich die Gesichter verzogen. Der J�ngere griff sich an die Kehle, der �ltere richtete seinen Speer auf Rhapsody.</p><p>�Na, na, nun seid nicht gleich so unwirsch�, meinte Rhapsody wenig beeindruckt. �Wenn Ihr die Sache wirklich hier drau�en auf der Stra�e erledigen wollt, dann stehe ich gern zu Diensten, aber ich f�rchte, meine Waffe ist Euren Speeren weit �berlegen; das w�re wirklich unfair. Nun, meine Herren, ich bitte Euch, ich war lange unterwegs, und meine Geduld ist am Ende. �berbringt dem Patriarchen entweder meine Nachricht, oder macht Euch bereit, Euch zu verteidigen.� Um ihre Worte weniger bedrohlich klingen zu lassen, schenkte sie ihnen ihr freundlichstes L�cheln.</p><p>Der J�ngere der beiden Wachen blinzelte, und sein Gesicht wurde schlaff. Er blickte erst zu seinem Kameraden, dann wieder zu Rhapsody, ehe er sich umdrehte und in der Pfarrei verschwand. Der andere hielt weiterhin seinen Speer auf Rhapsody gerichtet, die sich ihrerseits auf den Stufen des Pfarrhauses niederlie�, um zu warten. Von der Treppe aus hatte man einen majest�tischen Blick von einem H�gelrand zum anderen. Viele Geb�ude von Sepulvarta waren aus wei�em Stein oder Marmor erbaut, und demzufolge strahlte die Stadt hell im Sonnenlicht fast �bernat�rlich, wie eine Vision vom Leben nach dem Tode. Ein Teil des �therischen Lichts kam zweifelsohne von dem riesigen Spitzturm im Zentrum der Stadt. Die Zinne war so hoch, dass sie selbst noch auf die Basilika herabschaute, obgleich die Kirche mehrere hundert Fu� �ber der Stadt auf dem H�gel lag. Wenn das Sonnenlicht von einer Facette des Sterns eingefangen wurde, blitzte ein breiter Lichtstrahl auf und lie� die D�cher in �berw�ltigender Pracht aufgl�nzen.</p><p>Gerade als Rhapsody sich entschlossen hatte, aufzustehen und sich die Beine zu vertreten, kehrte die Wache zur�ck.</p><p>�Bitte kommt mit mir.�</p><p>Sie folgte ihm die Steinstufen hinauf und durch die schweren Messingt�ren. Als Rhapsody das Pfarrhaus betrat, war von dem glei�enden Licht nichts mehr zu sehen. Es gab nur wenige Fenster, und die Marmorw�nde verschluckten das Licht g�nzlich, sodass im Inneren des ansonsten wundersch�nen Geb�udes eine d�stere, fast trostlose Atmosph�re herrschte. An den W�nden hingen schwere Teppiche, und in kunstvoll verzierten Wandhaltern brannten als einzige Lichtquelle zylindrische Wachskerzen. Der durchdringende Weihrauchduft konnte den scharfen Geruch nach Moder und abgestandener Luft nicht �berdecken.</p><p>Rhapsody wurde durch mehrere lange G�nge gef�hrt, vorbei an blassen M�nnern in kirchlichem Schwarz, die sie unverhohlen anstarrten. Endlich machte der W�chter vor einer gro�en geschnitzten T�r aus dunklem Walnussholz Halt und �ffnete sie langsam. Mit einer Handbewegung forderte er Rhapsody zum Eintreten auf.</p><p>Der Raum wies in etwa die Ausma�e des Versammlungssaals im Kessel auf. In den Fu�boden war ein vergoldeter Stern eingelassen, doch ansonsten gab es keinen Zierrat und abgesehen von einem schweren Stuhl aus schwarzem Walnussholz auch kein Mobiliar. Dieser Stuhl stand auf einem Postament, zu dem mehrere Marmorstufen emporf�hrten, und �hnelte einem Thron, allerdings ohne die typische Pracht. Auf diesem Thron sa� ein gro�er, d�nner Mann in reich bestickten Gew�ndern aus goldener Seide, verziert mit einem silbernen Stern. Er musterte Rhapsody streng, als sie vor ihm stehen blieb; sie kannte diesen Mann nicht, auch nicht aus ihren Tr�umen. Geduldig wartete sie, dass er zu sprechen anh�be. Lange betrachtete er sie, dann umw�lkte sich seine Stirn. �Nun? Weshalb wolltet Ihr mich sehen?�</p><p>Rhapsody atmete langsam aus. �Ich wollte nicht Euch sehen.�</p><p>Auf dem strengen Gesicht erschien ein zorniger Ausdruck. �Nein? Warum wart Ihr dann so aufdringlich? Erlaubt Euch keine Spielchen mit mir, junge Frau.�</p><p>�Ich glaube, Ihr seid derjenige, der mit mir spielt�, entgegnete Rhapsody, so h�flich sie konnte, obgleich sie ihren �rger nicht g�nzlich verbergen konnte. �Ich muss den richtigen Patriarchen sehen. Andere unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an der Nase herumzuf�hren gereicht ihm wohl kaum zur Ehre und Euch auch nicht.�</p><p>Verwirrung vertrieb den Zorn aus seinem Gesicht. �Wer seid Ihr?�</p><p>�Wie ich den Wachen bereits gesagt habe, bin ich die Iliachenva�ar. Es nicht schlimm, wenn Ihr nicht versteht, was das bedeutet; schlie�lich bin ich nicht zu Euch gekommen. Aber der Patriarch versteht es, oder wird es verstehen, falls Ihr es noch nicht f�r angebracht hieltet, ihm mitzuteilen, dass ich hier bin. Nun bitte ich Euch mit allem dienlichen Respekt, bringt mich zu ihm. Die Zeit wird knapp.�</p><p>Einen Augenblick starrte der Mann sie wortlos an, dann erhob er sich. �Seine Gnaden ist mit den Vorbereitungen f�r die Festlichkeiten am Hochheiligen Tag besch�ftigt. Niemand darf ihn sehen.�</p><p>�Warum �berlasst Ihr diese Entscheidung nicht ihm selbst?�, fragte Rhapsody und verschr�nkte die Arme. �Ich glaube, Ihr werdet feststellen, dass er mich empfangen m�chte.�</p><p>Er lie� sich ihre Worte durch den Kopf gehen. �Nun gut, ich werde ihn fragen.�</p><p>�Danke. Ich bin Euch wirklich dankbar.�</p><p>Der Mann nickte und stieg vom Postament. Als er an Rhapsody vorbeiging, z�gerte er, musterte sie von oben bis unten, verlie� dann aber wortlos den Raum. Rhapsody seufzte und blickte zur Decke hinauf. Auch sie bestand aus Marmor, so unnachgiebig solide, dass Rhapsody sich f�hlte wie in einer Gruft. Sie sehnte sich danach, wieder nach drau�en an die frische Luft zu kommen.</p><p>Nach einer Zeit, die sich anf�hlte wie eine Ewigkeit, �ffnete sich die T�r endlich wieder, und der Mann, mit dem Rhapsody gesprochen hatte, kehrte zur�ck, diesmal in einfachem Kirchenschwarz. Er winkte ihr, ihm zu folgen, und sie tat es endlose Korridore hinunter, so tief in das Geb�ude hinein, dass sie irgendwann jede Orientierung verlor. Schlie�lich gelangten sie in eine lange Halle, von der eine Reihe einfacher Zellen abging; bei vielen stand die T�r offen, und das Ganze wirkte wie ein Hospiz. Im Vorbeigehen konnte Rhapsody sehen, dass jeder Raum ein oder zwei schmale Betten enthielt, auf denen mit wei�en Laken zugedeckte Patienten lagen; manche �chzten vor Schmerzen, andere murmelten irres Zeug vor sich hin. Vor einer geschlossenen T�r nahe dem Ende der Halle blieb ihr Begleiter stehen, klopfte an und �ffnete sie dann. Mit einer Handbewegung forderte er Rhapsody zum Eintreten auf.</p><p>Verschwommen nahm sie wahr, wie die T�r hinter ihr wieder geschlossen wurde. Auf dem Bett lag ein �lterer Mann, offensichtlich gebrechlich, mit einem wei�en Haarkranz und hellblauen Augen, die fr�hlich aus dem Gef�ngnis seines hinf�lligen K�rpers funkelten. Er trug das gleiche wei�e Leinennachthemd wie die anderen Patienten, die Rhapsody gesehen hatte, und sie erkannte in ihm sofort den Mann aus ihren Tr�umen. Ein ehrf�rchtiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, als sie n�her trat, und er streckte ihr eine zittrige Hand entgegen.</p><p>�Oelendra?� Seine Stimme war nicht mehr als ein d�nnes Kr�chzen. �Ihr seid gekommen?�</p><p>Behutsam nahm Rhapsody seine Hand und setzte sich auf den Hocker neben dem Bett, damit er den Hals nicht mehr so recken musste, um sie anzusehen. �Nein, Euer Gnaden�, erwiderte sie sanft. �Mein Name ist Rhapsody. Ich bin jetzt die Iliachenva�ar. Oelendra hat mich ausgebildet, ich komme direkt von ihr.�</p><p>Der alte Priester nickte. �Nat�rlich, Ihr seid zu jung, um Oelendra zu sein. Ich h�tte es merken m�ssen, als Ihr hereinkamt. Aber als man mir sagte, eine Liringlas-Frau sei da, die behaupte, sie sei die Iliachenva�ar ...�</p><p>�Ich f�hle mich geehrt von Eurem Irrtum, Euer Gnaden�, meinte Rhapsody mit einem L�cheln. �Ich hoffe, ich werde mich eines Tages dieses Vergleichs w�rdig erweisen.�</p><p>Auf dem Gesicht des Patriarchen breitete sich ein L�cheln aus. �Oh, Ihr seid wunderh�bsch, mein Kind.� Er senkte die Stimme zu einem schelmischen Fl�stern. �Glaubt Ihr, es w�re eine S�nde, wenn ich einen Augenblick nur daliege und Euch betrachte?�</p><p>Rhapsody lachte. �Nun, das werdet Ihr besser wissen als ich, Euer Gnaden, aber ich pers�nlich halte es nicht f�r eine S�nde.�</p><p>�Der Allgott ist freundlich�, seufzte er, �mir in meinen letzten Tagen einen solchen Trost zu schicken.� Mit gerunzelter Stirn wiederholte Rhapsody: �Eure letzten Tage? Hattet Ihr eine Vision, Euer Gnaden?�</p><p>Der Patriarch nickte kaum merklich. �Ja, mein Kind. Die diesj�hrige Feier des Hochheiligen Tags wird meine letzte sein; noch in diesem Jahr werde ich zum Allgott eingehen.� Als er das Entsetzen in ihren Augen bemerkte, fuhr er fort: �Bemitleidet mich nicht, Kind, ich f�rchte mich nicht, denn ich sehne mich danach zu gehen, wenn meine Zeit kommt. Nun ist nur noch wichtig, die Zeremonie f�r den Hochheiligen Tag morgen Nacht zu vollenden. Ist das erst einmal getan, so ist das Jahr gesichert.�</p><p>�Ich verstehe nicht ganz. Was hat das zu bedeuten?�</p><p>�Dann seid Ihr wohl nicht unseres Glaubens?�</p><p>�Nein, Euer Gnaden, das bin ich nicht. Tut mir Leid.�</p><p>Die blauen Augen zwinkerten. �Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen; der Allgott ruft jeden von uns zu seiner eigenen Einsicht. Wenn Ihr an etwas anderes glaubt, seid Ihr vielleicht hier, um mir etwas beizubringen, w�hrend ich mich darauf vorbereite, zu ihm zu gehen.�</p><p>�Ich glaube kaum, dass ich Euch etwas �ber Glaubensangelegenheiten beibringen k�nnte, Euer Gnaden�, entgegnete Rhapsody beklommen.</p><p>�Seid Euch da nur nicht so sicher, mein Kind. Der Glaube ist eine sonderbare Sache, und er ist nicht immer am gr��ten in jenen, die darin am besten geschult sind. Aber wir werden auf diesen Gedanken zur�ckkommen, nicht wahr? Nun lasst mich Euch vom Hochheiligen Tag erz�hlen.</p><p>Jedes Jahr vollf�hre ich am Vorabend des ersten der Sonne gewidmeten Tages ein Heiliges Ritual, allein in der Basilika. Im Verlauf des Jahres finden andere Feierlichkeiten statt, aber keine davon ist so wichtig, denn die Zeremonie des Hochheiligen Tages verpflichtet die Gl�ubigen und den Patriarchen jedes Mal von neuem, dem Allgott zu dienen. Die Heiligen Worte sind Teil eines Heiligen Bundes mit dem Sch�pfer, die Erf�llung eines Versprechens, das die kollektive Seele des Volks im Dienste aller Gl�ubigen dem Allgott widmet. Als Gegenleistung schenkt er uns seinen g�ttlichen Schutz f�r ein weiteres Jahr.� Verst�ndnisvoll nickte Rhapsody, denn das Ritual, das er beschrieb, war auch eine Form des Benennens.</p><p>�Da durch dieses Ritual ein ganzes Jahr der Schutz des Allgottes gew�hrleistet ist, darf nat�rlich nichts verz�gert oder gest�rt werden�, fuhr der alte Mann fort. �Die Bev�lkerung von Sepulvarta geht an diesem Abend fr�hzeitig zur Ruhe und bleibt im Haus, damit es f�r mich keine Ablenkung gibt und ich meine Pflichten gewissenhaft ausf�hren kann. Jeder wird ermuntert, f�r mich zu beten, obgleich ich sicher bin, dass die meisten schlafen, statt Nachtwache zu halten.� Der alte Mann hielt inne und atmete keuchend, so sehr hatte die lange Rede ihn angestrengt.</p><p>Rhapsody schenkte ihm aus dem Krug auf dem Nachttisch ein Glas Wasser ein und reichte es ihm. �Habt Ihr Schmerzen, Euer Gnaden?� Sie half ihm, das Glas ruhig zu halten, denn seine Hand zitterte.</p><p>Der Patriarch nahm einen gro�en Schluck und nickte dann, um anzuzeigen, dass er genug hatte. Rhapsody setzte das Glas ab. �Nur ein wenig, Kind. Altwerden ist ein schmerzhafter Prozess, aber der Schmerz hilft, uns darauf zu besinnen, dass wir unseren K�rper zur�cklassen und unseren Geist f�r die bevorstehende Reise st�rken. Es gibt andere hier, die weit mehr leiden. Aber ich w�nschte, meine Kraft w�rde mich nicht so im Stich lassen. Ich w�rde mich gern um die Leidenden k�mmern, wie ich das f�r gew�hnlich tue, aber ich f�rchte, dann w�re ich nicht imstande, morgen meinen Dienst zu versehen.�</p><p>�Ich werde mich f�r Euch um sie k�mmern, Euer Gnaden�, versprach Rhapsody und streichelte seine Hand.</p><p>�Dann seid Ihr eine Heilerin?�</p><p>�Ein wenig�, antwortete sie, w�hrend sie aufstand und Umhang und Tornister ablegte. Den Umhang h�ngte sie �ber die Lehne eines Stuhl an der anderen Wand, dann durchsuchte sie ihren Tornister. �Ich singe auch ein bisschen. M�chtet Ihr ein Lied von mir h�ren?�</p><p>Das bleiche Gesicht strahlte. �Nichts, was ich lieber m�chte. Bei Eurem Namen h�tte ich mir ja denken k�nnen, dass Ihr Musikerin seid.�</p><p>�Ich f�rchte, das einzige Instrument, das ich bei mir habe, ist meine Lerchenfl�te�, meinte Rhapsody bedauernd. �Meine Laute ist vor kurzem leider Opfer eines ungl�cklichen Unfalls geworden, und meine kleine Harfe habe ich im Haus der Erinnerungen gelassen, um den Baum dort zu bewachen.�</p><p>�Harfe? Ihr spielt Harfe? Oh, wie gern w�rde ich das h�ren. Es gibt in der ganzen Welt keinen lieblicheren Klang als den einer gut gespielten Harfe.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich gut spiele�, wandte Rhapsody l�chelnd ein. �Aber ich spiele mit Begeisterung. Vielleicht komme ich eines Tages mit meiner neuen Harfe zur�ck, wenn Ihr w�nscht.�</p><p>�Wir werden sehen�, erwiderte der Patriarch unverbindlich, und Rhapsody wurde klar, dass seine Augen bereits in die n�chste Welt blickten. So setzte sie die winzige Fl�te an die Lippen und spielte eine �therische Melodie, leicht und luftig, das Lied des Windes in den B�umen von Tyrian.</p><p>Das Gesicht des Patriarchen entspannte sich, und die Muskeln auf seiner Stirn wurden schlaff, als der Schmerz, der ihn qu�lte, vom Klang des Instruments gelindert wurde. Durch ihre Arbeit mit den Bolg hatte Rhapsody sich angew�hnt, das Gesicht auf Anzeichen des nachlassenden Schmerzes hin zu beobachten, und sie konnte erkennen, wenn die Musik ein Leiden so weit linderte, dass die Besserung auch eine Zeit lang anhalten w�rde. Als sie sah, dass bei dem Patriarchen dieses Stadium eingetreten war, beendete sie ihr Lied. Der alte Mann stie� einen tiefen Seufzer aus. �Der Allgott hat Euch wahrhaftig gesandt, um mir den �bergang zu erleichtern. K�nnte ich Euch doch nur f�r den Rest der mir verbleibenden Tage bei mir behalten.�</p><p>�Es gibt ein Lied des �bergangs, das die Lirin singen, wenn eine Seele sich bereit macht, ins Licht zu reisen�, sagte Rhapsody, und sah sofort, wie die Augen des Patriarchen voller Neugier aufleuchteten. �Man sagt, es l�st die Bande zur Erde, mit denen die Seele an den K�rper gebunden ist, damit sie sich nicht mit Gewalt freik�mpfen muss. So f�hlt die Seele auf ihrer Reise nichts als Freude.�</p><p>�Wie ich mir w�nschte, ein Lirin zu sein�, seufzte der Patriarch. �Das klingt wundervoll.�</p><p>�Ihr m�sst kein Lirin sein, um dieses Lied zu h�ren, Euer Gnaden. In Eurer Gemeinde wird es doch bestimmt viele Lirin geben.�</p><p>�Ja, vielleicht k�nnte ich einen finden, wenn es so weit ist�, meinte er. �Euer Lied hat meine Schmerzen gelindert, Kind. Ihr habt eine seltene Gabe.� In diesem Augenblick klopfte es an der T�r. Nach einer kurzen Pause wurde sie ge�ffnet, und der Mann, der vorhin den Patriarchen verk�rpert hatte, kam herein, �ber dem Arm eine Garnitur wei�er Gew�nder.</p><p>�Sind diese f�r morgen Abend zufrieden stellend, Euer Gnaden, oder soll ich den K�ster das sorboldische Leinen auspacken lassen?�</p><p>�Nein, Gregor, diese sind wunderbar�, antwortete der Patriarch. Der Mann verbeugte sich und verschwand durch die T�r. Der Alte wandte sich wieder Rhapsody zu, deren Gesicht so wei� wie die Gew�nder geworden war. �Kind, was ist los mit Euch?�</p><p>�Das sind die Gew�nder f�r die Zeremonie morgen?�</p><p>�Ja, am Hochheiligen Tag ist das zeremonielle Ornat von reinstem Wei�. Es ist die einzige Feier, bei der ich Wei� trage, bei allen anderen gibt es Farben, meist Silber oder Gold. Warum fragt Ihr?�</p><p>Rhapsody ergriff seine Hand; nun zitterte die ihre noch heftiger als seine. �Ich muss Euch sagen, warum ich gekommen bin, Euer Gnaden�, erkl�rte sie atemlos. Langsam und sorgf�ltig berichtete sie alle Einzelheiten ihrer Vision und versuchte, die Menschen, die sie gesehen hatte, so akkurat wie m�glich zu beschreiben. Anfangs schien der Priester erschrocken, aber im weiteren Verlauf wurde er nachdenklich, nickte immer wieder und lauschte aufmerksam. Schlie�lich atmete Rhapsody einmal tief ein und wieder aus.</p><p>�Eure Erz�hlung erf�llt mich mit gro�er Sorge. Nicht nur, dass ich die Zeremonie des Hochheiligen Tages m�glicherweise mit meinem Tod beeintr�chtige! Das Verhalten meiner Seligpreiser beunruhigt mich gleicherma�en. Ich denke, Eure Vision zeigt recht zutreffend, was sich nach meinem Ableben ereignen wird, Rhapsody. Ich hatte gehofft, sie w�ren dar�ber erhaben, aber ich f�rchte, ich war allzu zuversichtlich.�</p><p>�Was meint Ihr damit, Euer Gnaden?�</p><p>�Nun, die ersten beiden M�nner, die Ihr gesehen habt, der junge und der alte, sind die Segner von Canderre-Yarim und der Neutralen Zone, Ian Steward beziehungsweise Colon Abernathy. Ian ist weise f�r sein Alter, aber letztlich doch ein unerfahrener Gr�nschnabel. Dass er sein Amt bekam, hat mehr damit zu tun, dass sein Bruder Tristan Steward hei�t 1 der F�rst von Roland und Prinz von Bethania und weniger mit seinen eigenen Verdiensten, obgleich ich glaube, dass Ian einen guten Seligpreiser abgeben wird. Colin ist �lter noch als ich, und um seine Gesundheit ist es fast ebenso schlecht bestellt wie um meine. Keiner von beiden ist geeignet, meine Stellung zu �bernehmen, und zweifellos w�rden sie auch in Panik ausbrechen, wenn sie einer solchen Situation gegen�berst�nden. Der Mann, den Ihr Tee zubereiten gesehen habt, ist h�chstwahrscheinlich Lanacan Orlando, der Segner von Bethe Corbair. Was er in Eurem Traum getan hat, beschreibt seine Pers�nlichkeit vollkommen. Er ist ein bescheidener Mann, der stets versucht, die Dinge zu vereinfachen und unangenehme Situationen zu bereinigen. Lanacan ist mein oberster Heiler und Priester; ihn sende ich aus, um Truppen zu segnen oder den Sterbenden Trost zu spenden. Er ist kein gro�er F�hrer, aber ein wundervoller Priester. Und die beiden anderen ... nun, darin liegt die Schwierigkeit. Sie sind die Segner von Avonderre-Navarne und von Sorbold, erbitterte Rivalen und beide in Konkurrenz um das Patriarchenamt, wenn ich sterbe.</p><p>Philabet Griswold, der Segner von Avonderre-Navarne, besitzt weit reichenden Einfluss aufgrund von Avonderres N�he zu den Transportwegen und dem Reichtum der Provinzen in seinem Bistum. Nielash Mousa, der Segner von Sorbold, ist das religi�se Oberhaupt eines ganzen Landes, nicht nur einer orlandischen Provinz, und stammt nicht aus einem traditionellen cymrischen Geschlecht, was in Roland ja mehr und mehr in Ungnade f�llt. Ich f�rchte, die beiden hassen einander, und obgleich ich in der Vergangenheit versucht habe, ihre Streitereien zu schlichten, f�rchte ich doch, dass es zu einem Machtkampf kommen wird, wenn ich nicht mehr da bin. Ich bin nicht sicher, ob einer von ihnen es verdient, Patriarch zu werden, vor allem, wenn das Jahr nicht gesichert ist.� Er biss sich auf die Lippe, und Rhapsody merkte, dass sein Zittern st�rker geworden war.</p><p>�Sagt mir, was ich tun kann, um Euch zu helfen�, bat Rhapsody und dr�ckte seine Hand.</p><p>�Was immer es sein mag, auf mich k�nnt Ihr Euch verlassen.�</p><p>Als wollte er ihre Seele pr�fen, blickte der Patriarch sie durchdringend an. Rhapsody hielt seinem Blick stand und lie� seine Augen �ber ihr offenes Gesicht wandern. Schlie�lich sah der alte Mann auf ihre ineinander verflochtenen H�nde hinunter.</p><p>�Ja, das glaube ich�, meinte er dann, mehr zu sich selbst als an sie gewandt. Er zog einen Ring vom Finger, den sie zuvor kaum bemerkt hatte. Es war ein klarer, glatter Stein in einer einfachen Platinfassung. Behutsam �ffnete er ihre Finger und legte den Ring auf ihre ausgestreckte Handfl�che.</p><p>Nun nahm Rhapsody ihn genauer in Augenschein. Auf der Innenseite des Steins, wie von innen eingraviert, waren zwei Symbole zu sehen. Sie sahen aus wie ein Plus und ein Minuszeichen. Fragend blickte sie den Patriarchen an.</p><p>Er ber�hrte den Stein und sprach auf Altcymrisch das Wort f�r Einschlie�en. Rhapsodys Augen wurden gro�. Wieder griff er auf die Methode des Benennens zur�ck. �Hier�, sagte er dann mit einem zufriedenen L�cheln auf dem Gesicht. �Kind, nun haltet Ihr das Amt des Patriarchen in Eurer Hand. So lange dieses Amt morgen Abend mit mir in der Basilika ist, werde ich offiziell immer noch der Patriarch sein, um das Ritual durchf�hren zu k�nnen. Danach spielt es keine Rolle mehr, ob es einen offiziellen Patriarchen gibt, denn ich habe keine weiteren Feierlichkeiten abzuhalten. Innerhalb des n�chsten Jahres werde ich auf jeden Fall sterben. Bewahrt den Ring f�r mich auf, ja? Er enth�lt die Weisheit meines Amtes und die tiefe Macht des Heilens, die damit einhergeht.�</p><p>�Wie kann Euer Amt sich in diesem Ring befinden? Ist es Euch nicht eingeboren, Euer Gnaden?�</p><p>Der Patriarch l�chelte. �Oftmals, mein Kind, sind K�nigskronen und Ringe oder auch die St�be der heiligen M�nner Beh�ltnisse f�r die Weisheit ihres Amtes; sonst w�rde diese Weisheit ja wom�glich mit der Person sterben, die das Amt innehat. Deshalb wird eine Krone oder ein Ring von K�nig zu K�nig weitergegeben, von Patriarch zu Patriarch; Krone und Ring enthalten die Weisheit vieler K�nige, vieler Patriarchen, nicht nur die des gegenw�rtigen Tr�gers. Sie sind nicht nur Symbole, sie bewahren das Amt und seine Macht, sie sorgen f�r Sicherheit. Die kollektive Weisheit gibt jedem K�nig, jedem Patriarchen die zus�tzliche Weisheit, die er ben�tigt, um zu regieren und die ihm Anvertrauten zu f�hren. So braucht er sich nicht allein auf seine eigene Klugheit zu verlassen.� Mit zitternder Hand dr�ckte er die ihre. �Ich wei�, du wirst ihn besch�tzen.�</p><p>�Ich f�hle mich von Eurem Vertrauen geehrt, Euer Gnaden�, erwiderte Rhapsody z�gernd.</p><p>�Aber w�re der Ring nicht besser bei einem Mitglied Eures Ordens aufgehoben?�</p><p>�Nein, das glaube ich nicht�, meinte der Patriarch l�chelnd. �Meine Weisheit, die ich unter anderem aus dem Ring beziehe, sagt mir, dass Ihr diejenige seid, der ich ihn anvertrauen soll; Ihr werdet wissen, was damit zu tun ist. Er ist ein altes �berbleibsel von der Verlorenen Insel, das die Cymrer mitbrachten, als sie hierher kamen. Er verwahrt in sich viele Geheimnisse, zu denen ich nie Zugang gefunden habe; vielleicht wird das Euch verg�nnt sein oder demjenigen, an den Ihr ihn weitergebt. Wenn nach meinem Tod f�r die Nachfolge eine friedliche und gerechte L�sung gefunden ist, werdet Ihr nach Sepulvarta kommen, um bei der Amtseinsetzung des neuen Patriarchen zu helfen, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich dachte mir, dass Ihr dazu bereit seid. Das ist gut, denn ohne den Ring w�re das auch nicht m�glich.� Er lachte verschw�rerisch.</p><p>�Lasst mich morgen bei Euch sein, Euer Gnaden�, sagte Rhapsody ernst. �Wenn meine Vision Euren Tod durch die Hand eines Attent�ters und nicht durch den Ratschluss des Allgottes voraussagt, dann sollte ich Euch als Eure K�mpferin verteidigen. Wenn das Ritual vollzogen und das Jahr gesichert ist, werdet Ihr leicht und friedlich weiterleben, bis der Allgott Euch zu sich ruft.�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass Ihr das vorschlagen w�rdet�, fl�sterte er hocherfreut. �Nur einen benannten K�mpfer darf der Patriarch w�hrend des Rituals als Eskorte bei sich haben. Ich vermute, Ihr werdet es recht eint�nig finden, aber es wird gut tun, Euch in meiner N�he zu haben.�</p><p>�Seid Ihr sicher, Euer Gnaden? Ich kann auch vor der Basilika warten und den Eingang bewachen, wenn Ihr das w�nscht. Da ich nicht Eurer Religion angeh�re, m�chte ich auf keinen Fall...�</p><p>�Glaubt Ihr an Gott?�</p><p>�Ja, von ganzem Herzen.�</p><p>�Dann sehe ich keine Schwierigkeit.� Der alte Mann bewegte sich unruhig in seinem Bett.</p><p>�Mein Kind, werdet Ihr mir etwas sagen?�</p><p>�Aber sicher.�</p><p>�Was glaubt Ihr denn, wenn Ihr Euch nicht unserer Religion zugeh�rig f�hlt? Seid Ihr eine Anh�ngerin von Llauron?�</p><p>�Nein�, antwortete Rhapsody, �obgleich ich ein wenig bei ihm studiert habe. Seine Deutung kommt dem, was ich glaube, ein bisschen n�her als die Eure, wenn ich das sagen darf, aber sie ist auch nicht meine.�</p><p>Die Augen des Patriarchen leuchteten voller Neugierde auf. �Bitte erkl�rt mir, woran Ihr glaubt.�</p><p>Einen Augenblick schwieg Rhapsody und dachte nach. �Ich wei� nicht, ob ich es in Worte fassen kann. Was f�r Euch der �Allgott� ist, ist f�r die Lirin der �Eine Gott�, aber die Vorstellung dahinter ist die gleiche. Ich glaube, dass Gott die Kombination aller Dinge ist, dass jedes Ding, jede Person ein Teil Gottes ist, nicht nur etwas, was Gott erschaffen hat, sondern wirklich ein Teil von ihm. Ich glaube, der Grund, warum Menschen sich zum Gottesdienst versammeln, ist, dass dann mehr Teile von Gott anwesend sind und damit seine Gegenwart leichter gef�hlt und gefeiert werden kann.�</p><p>�Das �hnelt stark einer unserer Vorstellungen. In unserer Religion glaubt man, dass alle Menschen dem Allgott geh�ren und dass sich ihre Gebete vereinen, um ihn zu erreichen.�</p><p>�Aber wenn Euer Gott der Gott f�r alle ist, warum d�rft dann nur Ihr zu ihm beten?�</p><p>Der Patriarch blinzelte. �Ich bin sozusagen der Kanal f�r ihre Gebete. Jeder kann beten.�</p><p>�Ja, aber sie beten zu Euch. F�r mich ist ein Gebet, das bei uns meist die Form eines Liedes hat, meine Art, direkt mit Gott in Verbindung zu treten. Das brauche ich, um mich ihm nahe zu f�hlen.�</p><p>�Glaubt Ihr denn nicht, dass der Allgott so viele Gebete wie m�glich zusammengef�hrt wissen m�chte, um den Ruhm und die Ehre, die wir ihm erweisen, umso gr��er zu machen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Wenn ich ein Gott f�r viele w�re, dann w�rde ich mir w�nschen, dass mir jeder Einzelne davon m�glichst nahe w�re. Was f�r einen Sinn g�be es sonst? Ich glaube nicht, dass er uns erschaffen hat, damit wir ihm Ehre entgegenbringen, ich glaube, er hat uns erschaffen, weil er uns liebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von uns er wartet, ihm diese Liebe durch einen Kanal zur�ckzugeben. Grunds�tzlich sehe ich Gott als Leben. Dieser Vorstellung kann man sich leicht anschlie�en, aber es ist schwer, nach ihr zu leben.�</p><p>�Warum?�</p><p>Wieder dachte sie nach, ehe sie antwortete. �Die Liringlas haben einen Ausdruck, der lautet <emphasis>�Ryle hira:</emphasis> Das Leben ist, was es ist.� Ich dachte fr�her, das w�re ein dummer Spruch, eine nutzlose Plattit�de. Doch als ich ein bisschen �lter wurde, begann ich die Weisheit dieser Worte zu verstehen. Die Lirin sehen Gott auch als das ganze Leben, sie glauben, jeder Einzelne, jedes Ding im Universum sei ein winziger Teil Gottes. Deshalb muss man das Leben, ganz gleich, was es einem bringt, ehren, denn es ist so, wie es sein soll, selbst wenn man es vielleicht gerade nicht versteht. Vermutlich kommt diese �berzeugung unter anderem daher, dass die Lirin so lange gelebt und so vieles haben kommen und gehen sehen. Wahrscheinlich liegt der Grund, warum es mir so schwer f�llt, es anzunehmen, darin, dass ich nur eine Halb-Lirin bin und deshalb nicht von Natur aus den Blickwinkel dieses langen Lebens teile.</p><p>So versuche ich zu akzeptieren, dass alle Dinge Teil Gottes sind, selbst diejenigen, die ich nicht begreife. Und ich denke, meine Aufgabe als Teil des Ganzen besteht darin, dieses Leben auf jede erdenkliche, mir m�gliche Art besser zu machen, auch wenn mir nat�rlich klar ist, dass mein Beitrag �u�erst gering ist, weil ich ja nur ein winziges Teilchen bin. Ich gebe keine sehr gute Lirin ab, wenn es hart auf hart geht. Vielleicht sehe ich aus wie meine Mutter, aber ich vermute, dass ich eigentlich eher die Tochter meines Vaters bin.�</p><p>�Ihr habt von beiden Weisheit mitbekommen�, meinte der Patriarch voller Zuneigung. �H�tte ich eine Tochter, w�rde ich mir w�nschen, sie w�re genau so dickk�pfig und ungeduldig und wunderbar wie Ihr.� Auf einmal wirkte sein Gesicht ein wenig blasser.</p><p>�Wollt Ihr Euch nicht ein wenig hinlegen?�, schlug Rhapsody vor und nahm seinen Arm, um ihm zu helfen. �Ich habe Euch viel zu sehr erm�det. Ruht Euch aus, ich werde mich einstweilen um die anderen k�mmern. Ich habe Medizin bei mir und kann singen oder Musik machen, ganz wie es vonn�ten ist. Wenn Ihr wieder wach seid, k�nnt Ihr mir mehr dar�ber sagen, was ich morgen Nacht tun muss.�</p><p>Der alte Mann nickte. Rhapsody stand auf und ging zur T�r, aber gerade als sie sie �ffnen wollte, rief er ihr etwas nach.</p><p>�Ihr werdet doch zur�ckkommen?�</p><p>�Aber ja.�</p><p>�Und morgen?�</p><p>�Morgen werde ich Euch zur Seite stehen, Euer Gnaden�, antwortete sie. �Es wird mir eine Ehre sein.�</p></section><section><title><p>27</p></title><p>Die gro�e Basilika von Sepulvarta war das augenf�lligste Bauwerk der Stadt, mit hoch aufragenden Mauern aus poliertem Marmor und einer Kuppel, die gr��er war als alle anderen in der bekannten Welt. F�r tausende von Trost suchenden Seelen war in diesen Mauern Raum, doch in der heutigen, der heiligsten Nacht, war das Gotteshaus vollkommen leer. Am Nachmittag hatte man Rhapsody in der Basilika herumgef�hrt, und sie hatte sich an der Sch�nheit des Geb�udes von Herzen erfreut. Die vielf�ltigen Farben und Muster der Mosaiken, die Boden und Decke zierten, trugen ebenso zu seiner Pracht bei wie die kostbaren Vergoldungen auf den mit Fresken geschm�ckten W�nden und den farbigen Glasfenstern. Doch allein schon die H�he und Breite des Bauwerks raubte ihr den Atem. Sogar in Ostend, der gr��ten Stadt der Insel Serendair, hatte es nichts auch nur ann�hernd Vergleichbares gegeben; die Basilika dort hatte um die dreihundert Besucher gefasst und war insofern einzigartig gewesen, als sie ein paar B�nke ihr Eigen genannt hatte, auf denen die Reichsten unter den Gl�ubigen sich w�hrend des Gottesdienstes niedergelassen hatten. Der Grund f�r diesen Unterschied war neben der Tatsache, dass Sepulvarta um einiges wohlhabender war, dass Serendair seit Jahrhunderten dem Glauben an viele G�tter zugleich angehangen hatte und zahlreiche Tempel von den Anh�ngern mehrerer verschiedener Glaubensrichtungen aufgesucht wurden. Zu der Zeit, als Rhapsody die Insel verlassen hatte, war der K�nig und mit ihm sein Land eben erst zu dem Glauben an einen Gott �bergetreten, und der Wechsel war in vielen Gegenden noch immer auf Widerstand gesto�en. Allein der Gebrauch des Wortes �G�tter� war f�r Monotheisten wie Rhapsodys Familie ein banaler Fluch gewesen und hatte schon zu Schl�gereien auf der Stra�e gef�hrt. Doch w�hrend sich die Bev�lkerung mit der Vorstellung von einem einzigen wahren Gott angefreundet hatte, hatten immer mehr Tempel leer gestanden. An diesem Abend war es in Sepulvarta ebenso, wenn auch aus ganz anderen Gr�nden. Wie der Patriarch Rhapsody erkl�rt hatte, wurden die Feierlichkeiten des Hochheiligen Tages von ihm allein durchgef�hrt, ohne dass jemand anderes zugegen war ganz im Sinne der vorherrschenden Religion, die den Patriarchen als direkten Kanal zu Gott ansah. Punkt Mitternacht w�rde der alte Priester am Altar mit den rituellen Handlungen beginnen, w�rde psalmodieren und Opfer f�r den Schutz der Gl�ubigen f�rs n�chste Jahr darbringen. Dieser Akt der Erneuerung des Gottesbundes machte Rhapsody neugierig, denn er war den filidischen Jahreszeitenritualen sehr �hnlich. Vielleicht waren die beiden Religionen doch nicht ganz so gegens�tzlich, wie ihre jeweiligen Anh�nger glaubten. F�r diese Nacht hatte der Patriarch zuvor eine einfache Zeremonie vollzogen, in der er Rhapsody als seine K�mpferin benannt hatte. Der Name, den er ihr verliehen hatte, lautete Geweihte R�cherin, und sie hatte w�hrend des n�chternen Rituals der Namensgebung st�ndig gegen das Lachen ank�mpfen m�ssen. Als sie aber begriffen hatte, was die Bezeichnung �R�cherin� beinhaltete, war sie ernst geworden: Wenn sie in ihrer Besch�tzerrolle scheiterte, w�re sie gezwungen, im Namen der Gl�ubigen Rache zu �ben. Doch eine solche Verpflichtung war ihr nicht geheuer, und sie wollte sich lieber darauf konzentrieren, dass dem Patriarchen in dieser Nacht nichts geschah.</p><p>So stand sie in der dunklen Basilika, die Tagessternfanfare griffbereit in der Scheide, den Blick aufmerksam in die weitl�ufige, menschenleere Kirche gerichtet. Sie stand im Kreis des Redners, einem auf den Marmorboden gemalten, vergoldeten Bild des Sterns, der die Turmzinne der Stadt kr�nte, am Ende der riesigen Marmortreppe, die von der Vorderseite der Basilika zum Altar f�hrte. Der Altar selbst war ein einfacher, mit Platin eingefasster steinerner Tisch, der auf der zylindrischen Erhebung des Allerheiligsten genau in der Mitte der Basilika stand. So konnten alle Gl�ubigen ihn sehen, und Rhapsody hatte als W�chterin von ihrem Platz aus einen guten �berblick.</p><p>Die Basilika war dunkel bis auf die Lichtspiegelungen des Sterns auf dem gigantischen Turm, den Rhapsody tags zuvor gesehen hatte. Obgleich er auf der anderen Seite der Stadt aufragte, erhellte er die Basilika durch die �ffnungen in der Kuppel �ber dem Altar, tauchte ihr Inneres in ein gespenstisches Halblicht und lie� das Gesicht des Patriarchen schlohwei� erscheinen, w�hrend er den Altar f�r das Ritual vorbereitete. Schlie�lich trat der alte Mann langsam und mit zittrigen Schritten zu ihr an die Treppe.</p><p>�Ich bin bereit, Liebes.�</p><p>Rhapsody nickte. �Sehr gut, Euer Gnaden. So beginnt mit dem Ritual. Falls etwas passiert, versucht einfach weiterzumachen. Ich stehe Wache.� Damit l�chelte sie dem gebrechlichen alten Mann zu, der in den volumin�sen Gew�ndern seines Ordens gleichzeitig verloren und frappierend erhaben wirkte. Sie zog ihr Schwert, und er segnete sie. Dann kehrte er langsam zum Altar zur�ck und starrte in den einsamen Lichtstrahl, der aus der Kuppel herabfiel. Als er zu psalmodieren anhob, schloss Rhapsody die Augen und konzentrierte sich auf die T�ne seiner heiligen Melodie. Sie entsprach dem Muster eines Schutzliedes; das erschien ihr sinnvoll, denn der Ritus selbst war ja eine Bitte um Schutz f�r die Gl�ubigen im kommenden Jahr. Sie richtete die Tagessternfanfare auf den Patriarchen und hielt die Klinge ruhig, bis sie einen der T�ne auffangen konnte. Behutsam zog sie diesen in einem Kreis um den Altar, sodass er �ber dem Kirchenmann schwebte.</p><p>Wie ein in der Luft h�ngender Lichtkreis zirkulierte der Schutzring nun �ber dem Altar und dem Patriarchen und verst�rkte den Lichtkegel aus der Kuppel so, dass er um den heiligen Mann herum fast zum Greifen wirkte. Auch die Stimme des Alten wurde ein wenig st�rker, als der Kreis die einzelnen T�ne seines Gesangs aufnahm und in einem sich drehenden Ring festhielt. Rhapsody steckte ihr Schwert in die Scheide zur�ck und nahm eine respektvolle Haltung an, ehrf�rchtig in dem Bewusstsein, dass nur wenige andere jemals Augenzeuge dieses Rituals geworden waren.</p><p>W�hrend Rhapsody so stand und schaute, sp�rte sie pl�tzlich hinter sich ein Prickeln, und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Langsam drehte sie sich um und sah zwei Gestalten durch die T�ren der Basilika eintreten und auf ihre Mitte zustreben. Eine der beiden blieb unter dem Torbogen stehen, der ins Hauptschiff f�hrte. Rhapsody konnte kaum Einzelheiten erkennen, nur dass die Gestalt einen gro�en schwarzen Umhang und einen ebenfalls schwarzen, geh�rnten Helm trug. Undeutlich sah sie, dass um ihren Hals ein rundes Symbol hing, in dessen Mitte sich ein Stein zu befinden schien; seine Farbe konnte sie im Dunkeln allerdings nicht ausmachen.</p><p>Auch der zweite Eindringling war in einen schwarzen Umhang geh�llt, aber dieser war zur�ckgeschlagen und enth�llte eine silbern schimmernde R�stung. Mit frechem Selbstvertrauen, hinter dem eine finstere, entschlossene Drohung lag, schritt er den langen Mittelgang entlang. Rhapsody h�rte, wie der Gesang des Patriarchen zu einem disharmonischen Ende kam; der alte Mann wich mit angstvoll aufgerissenen Augen vom Altar zur�ck. Rasch trat sie zu ihm hin�ber, stellte sich so gut es ging vor ihn und hoffte, er werde hinter dem Altar bleiben, der jetzt zwischen ihnen stand; aber stattdessen stolperte er nach vorn und stellte sich nun direkt hinter sie.</p><p>Als die zweite Gestalt in der Mitte der Kirche angekommen war, warf sie die Kapuze zur�ck. Rhapsody stockte der Atem. Heller als die R�stung gl�nzte rotgoldenes Haar, schimmernd wie blank poliertes Kupfer, wenn auch nicht ganz so metallisch wie damals im Sonnenlicht des versteckten Tals hinter dem Wasserfall. Das h�bsche, haarlose Gesicht, das sie zuletzt unter einem Stoppelbart gesehen hatte, grinste breit, und ihr Herz zog sich zusammen, als ihr einfiel, wie sie ihn ans Rasieren erinnert hatte. Selbst aus dieser Entfernung sah sie seine blauen Augen, die sie hell und klar fixierten. An der ersten Bankreihe blieb er stehen.</p><p>�Hallo, meine Liebe. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich habe dich vermisst.� Seine Worte hallten in der weitl�ufigen Basilika wider. Ungl�ubig starrte Rhapsody ihn an. Auf ihren Lippen formte sich ein einziges Wort.</p><p>�Ashe.�</p><p>�Oh, dann wei�t du also noch, wer ich bin? Ich f�hle mich geschmeichelt.�</p><p>Mit leiser, fester Stimme entgegnete sie: �Geh jetzt, dann wird dir nichts geschehen.�</p><p>Ein h�ssliches Lachen war die Antwort. �Wie gro�z�gig von dir. Ich f�rchte, ich kann deiner Aufforderung nicht entsprechen, aber ich m�chte dir das gleiche Angebot machen.� Langsam lie� er seinen Umhang auf den Marmorboden gleiten und trat einen Schritt auf Rhapsody zu. Auf einmal sp�rte Rhapsody die knochige Hand des Patriarchen auf ihrer Schulter. �Geh jetzt lieber, mein Kind. Ich kann nicht von dir verlangen, dass du dieses Opfer bringst.�</p><p>Rhapsody lie� das anziehende Gesicht, das sie jetzt genau so anl�chelte, wie es das in ihren Tr�umen getan hatte, keine Sekunde aus den Augen. So freundlich er in der Vergangenheit auch gewesen sein mochte, jetzt war er ihr Gegner, und sein Verrat drehte ihr den Magen um. Ohne sich umzusehen, antwortete sie dem Patriarchen: �Ihr habt nichts von mir verlangt. Ich bin freiwillig gekommen, erinnert Ihr Euch?�</p><p>Ihr Gegner kam n�her. �H�r lieber auf Seine Gnaden, mein Schatz. Das hier ist nicht dein Kampf. Geh zur�ck nach Hause, ins Firbolg-Land, geh und mach dem F�rsten der Ungeheuer eine Freude. Das ist etwas, was ich nie verstehen konnte so eine sch�ne Frau und so ein h�ssliches Schicksal.�</p><p>�Bleibt in Eurem Kreis, Euer Gnaden�, rief Rhapsody und befreite sich mit einem Schulterzucken sanft von der zittern den Hand, w�hrend sie ihren Gegner auf sich zukommen sah. �Vollzieht Euer Ritual und lasst Euch nicht beunruhigen. Konzentriert Euch auf Eure Zeremonie.�</p><p>Aus den kristallblauen Augen verschwand das unversch�mte Blitzen. �Ich habe dieses Spiel satt�, sagte er, und seine Stimme wurde gemein. �Je l�nger du mich dazu bringst, es zu spielen, desto mehr werde ich mit dir spielen, nachdem ich den Alten dort get�tet habe. Ich habe lange darauf gewartet, dich endlich zu besitzen.�</p><p>Zorn lie� Rhapsodys Gesicht hart werden. �Dann komm�, sagte sie, w�hrend ihre Augen schmal wurden, mit t�dlich ruhiger Stimme. �Ich werde mich bem�hen, dieses Erlebnis f�r dich unvergesslich zu machen.� Ihre Hand legte sich auf das Heft der Tagessternfanfare.</p><p>�Versprochen?�, fragte er anz�glich und trat langsam zur Seite, die Hand ge�ffnet und bereit.</p><p>�Ich kann es kaum erwarten.� Damit zog er das Schwert, ein Schwert, das sie noch nie gesehen hatte. Es war aus schwarzem geh�rtetem Stahl, und die Luft um ihn herum zischte, als er es vor sich hob.</p><p>Rhapsody f�hlte ihr Schwert in der Scheide und ver�nderte ihren Griff minimal, wie Achmed es sie gelehrt hatte, w�hrend sie ihre Aufmerksamkeit zuerst auf sich richtete. Sie war stark, sie war gut vorbereitet, sie stand auf heiligem Boden. Ihr Gef�hl, das sie seit uralten Tagen und auch schon in jenem scheinbar anderen Leben durchstr�mt hatte, sagte ihr, dass sie unter dem Schutz der Basilika stand. Es sagte ihr, dass dieser Boden sie nicht verletzen w�rde, selbst wenn sie st�rzte. Rhapsody schloss die Augen und konzentrierte sich, wie Oelendra es ihr beigebracht hatte.</p><p>Auf der Schwelle ihres Bewusstseins befanden sich die drei nun n�her kommenden anderen Gestalten. Der vertraute Singsang des Patriarchen floss durch den Ring. Das am weitesten entfernte Wesen erschien als fremdes Gl�hen am Rande ihres Blickfelds. Ihr unmittelbarer Gegner, der Mann, den sie Ashe genannt hatte, drang direkt von vorn auf sie ein. Rhapsody untersuchte sein Abbild nach Blut nahe der Oberfl�che, irgendeinem Zeichen von Schw�che oder Verletzung. Zwar fand sie nichts, aber sie erkannte, dass es nicht die gleiche Schwingungssignatur trug wie die Gestalt im hinteren Teil der Basilika. Seltsamerweise erschien Ashe nicht als Mann auf dem Schwingungsraster in ihrem Kopf, sondern als ein Ding, ein Geist oder eine Maschine, die dabei war, sie anzugreifen. Er war nicht lebendiger als sein Schwert, was bedeutete, dass sie nicht wusste, ob sie ihn t�ten konnte.</p><p><emphasis>Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt</emphasis>. Elynsynos� Worte hallten in ihrem Ged�chtnis wider. Rhapsody �ffnete die Augen und warf einen kurzen Blick auf die Gestalt im Hintergrund, dankbar, in dieser, der heiligsten Nacht des Jahres, auf geweihtem Boden zu stehen; denn sicher war es der Wirt des F�dor selbst, der sich hinter dem Schutz des geh�rnten Helms verbarg. Sie h�tte gern Einzelheiten erkannt, irgendwelche Hinweise auf seine Identit�t, aber stattdessen wurde ihre Aufmerksamkeit nun ganz von dem Gegner in Anspruch genommen, der sich ihr unaufhaltsam n�herte. Langsam stieg sie die schillernden Marmorstufen hinunter und vergr��erte den Bogen des musikalischen Zylinders, der �ber und um den Patriarchen schwebte, als sie auf der untersten Stufe Halt machte. Vom Altar hinter ihr intonierte der alte Kirchenmann mit schwacher Stimme aufs Neue die feierlichen Worte, die seine letzte Zeremonie des Hochheiligen Tages besiegelten.</p><p>Im Hintergrund des Kirchenschiffs gestikulierte die Gestalt mit dem geh�rnten Helm voller Ungeduld. Der Mann, dem sie vertraut hatte, mit dem sie gereist war, neben dem sie gek�mpft und geschlafen hatte, war inzwischen seines Umhangs ledig und st�rzte sich mit Mordlust in den Augen auf sie.</p><p>In den Sekunden vor dem Zusammenprall senkte sich Frieden auf Rhapsody herab. Es war die kalkulierte Ruhe, mit der sie in gef�hrlichen Situationen stets gesegnet war, gest�hlt von ihrer Ausbildung, geschliffen von ihrem Schwert, als verstriche die Zeit auf einmal viel langsamer; alle Winkel, alle Funktionen, jede Ebene und jede Kurve waren ihr klar, und sie war bereit, ihre Position einzunehmen. Auf ihrem Gesicht lag eine t�dliche Heiterkeit; sie holte tief Atem und verst�rkte ihre Konzentration auf die Schwingungen des Musikkreises und auf den rasch n�her kommenden Mann, der jetzt nichts weiter war als eine Vielzahl mathematischer Berechnungen und Vektoren. F�r sie war er kein Bekannter mehr, sondern nur noch der Feind, und jede Faser ihres Wesens und des Wesens ihres Schwerts war auf seine Vernichtung ausgerichtet.</p><p>�An mir kommst du nicht vorbei�, sagte sie mit der vollen Autorit�t einer Benennerin. In dem Sekundenbruchteil, bevor er zuschlug, sah Rhapsody sein Gesicht, verzerrt vor Wut, g�rend vor Hass. Die Augen, von denen sie getr�umt hatte, spieen Feuer, die Pupillen waren winzige Punkte eines flammenden blauen Lichts, die vertikalen Schlitze verschwunden. Sie sch�tzte seine Kraft und seine K�rpermasse auf etwa das Doppelte ihrer eigenen, doch sie glaubte, dass sie schneller und ihm technisch �berlegen war, obgleich sie seine Waffe nicht kannte. Seine Wut war gr��er; ob sich das als Vorteil f�r sie oder f�r ihn herausstellte, musste sich zeigen.</p><p>Sie hatte ihn schon im Kampf erlebt, aber niemals so wie heute. Er bewegte sich mit der Schnelligkeit und Beh�ndigkeit eines Wolfs, und sein gr�ssliches Knurren klang eher nach einem wilden Tier als nach einem Menschen. In einem einzigen Moment hatte er die Entfernung zu ihr �berwunden und sich, das Schwert aus dem Handgelenk schwingend, auf sie gest�rzt.</p><p>Sie war wie angewurzelt stehen geblieben und lie� sich gerade genug Zeit, um die Tagessternfanfare zu ziehen, sodass der Blitz, den das Schwert hervorrufen w�rde, wenn es aus der dunklen Scheide f�hre, mit dem Gipfelpunkt des musikalischen Kreises �ber ihr zusammentreffen w�rde. Als die Klinge ihres Feindes auf ihre Kehle zusauste, um sie zu enthaupten, h�rte sie das Ger�usch, von dem Oelendra gesprochen hatte, das Wispern im Wind; und sie wusste, dass sie, tot oder lebendig, durch ihre W�chterrolle den Rang eines Sippschaftlers erhalten hatte.</p><p>Ohne einen Laut, mit einer Schnelligkeit, wie nur die Erfahrung sie schenkt, zog Rhapsody die Tagessternfanfare aus der Scheide, in einem Winkel, der den Schlag ihres Gegners aufhielt und parierte. Als das Schwert vorschoss, gab es einen f�rchterlichen Lichtblitz, den der summende Kreis �ber Rhapsody in alle Richtungen durch die Basilika verteilte. Ein metallisches Dr�hnen, das an das Schmettern einer Silbertrompete gemahnte, zerriss die Luft. Wie Hammer auf Amboss, so prallte das Schwert gegen die schwarze Waffe, und das Echo des Knalls wurde von den Glocken der Basilika zur�ckgeworfen. Die m�chtige Schallwelle brachte den Turm zum Erzittern, fegte �bers Land und lie� die ganze Zinne beben.</p><p>Rhapsody wendete die Kraft und Gr��e ihres Gegners gegen ihn selbst, um den Schlag auf den Boden zu lenken. Sie zog ihr Schwert �ber seine Seite, und wo es durch seine R�stung drang, versengte es ihn. Rasch wirbelte sie in ihre Ausgangsstellung zwischen ihm und den Altarstufen zur�ck, wobei sie schon fast erwartete, ihn auf dem Boden zu sehen. Doch er war noch da und ging, ohne auf seine verwundete Seite zu achten, erneut auf sie los. Wieder musste sie ihn abwehren, aber dieses Mal zielte sie bei ihrem Gegenschlag auf seine Augen. Obgleich sie f�hlte, dass sie ihn getroffen hatte, drang er mit dem Schwertarm weiter auf sie ein, w�hrend er den anderen Arm hob, um sein Gesicht zu sch�tzen. Rhapsody duckte sich unter seinem Zugriff hindurch, warf sich herum und versuchte, von ihm loszukommen, aber er war zu dicht bei ihr. Mit einer abrupten Bewegung packte sie die Tagessternfanfare mit beiden H�nden und hackte ihrem Angreifer den Daumen vom Heft seines schwarzen Schwertes. Die Waffe fiel klirrend zu Boden, gefolgt von dem blutenden Finger, w�hrend sie ihren Feind mit den Ellbogen von der Treppe dr�ngte. Dann sprang sie selbst wieder zwei Stufen hinauf, um sich einen �berblick �ber die Lage zu verschaffen.</p><p>�Du kommst nicht an mir vorbei�, wiederholte sie atemlos. Sie sp�rte, wie die Wut ihrer beiden Gegner sich verst�rkte. Ein Blick auf ihre Schwingungssignaturen zeigte ihr, dass sie mit einer dunkelroten Flamme pulsierten, schwarz brennend vor Zorn. Offenbar st�rte es die Gestalt im Hintergrund ganz besonders, dass die Auseinandersetzung inzwischen nicht mehr im Verborgenen stattfand; unruhig blickte der Vermummte sich in der Basilika um und lauschte auf die Ger�usche, die von drau�en hereindrangen. Alarmglocken und Rufe erschallten immer lauter von der Stadt herauf. Doch die Wut ihres Gegners zielte nicht direkt auf sie. In seinen Augen erkannte sie eine zornige Verwirrung, als h�tte er ihre St�rke falsch eingesch�tzt. Doch das erschien ihr wiederum �u�erst unwahrscheinlich, denn Ashe war lange genug bei ihr gewesen und hatte oft an ihrer Seite gek�mpft, um sie beurteilen zu k�nnen. Und er wusste doch auch, dass sie bei Oelendra gelernt hatte. Wodurch seine Verwirrung indes ausgel�st worden sein mochte, sie ging vor�ber. Hass verdunkelte sein Gesicht, und er st�rzte sich auf Rhapsody, sprang durch die Luft mit einer unnat�rlichen w�lfischen Anmut und riss sie zu Boden, sodass sie unter ihm zum Liegen kam.</p><p>Offensichtlich war er zu dem Schluss gekommen, dass sie die bessere Waffe besa�, und setzte nun auf seine k�rperliche �berlegenheit. Mit der unverletzten Hand lie� er ihren Kopf auf die Marmorstufe aufschlagen. Rhapsody wehrte sich mit dem Schwert, das jedoch abprallte; aber ihr freier Handballen stie� von unten gegen seine Nase, sodass sie zu bluten anfing. Doch es war gar nicht Blut, was da zum Vorschein kam, sondern vielmehr eine Art Lauge, die ihr in den Augen und auf der Haut brannte. Das Zeug zischte und sandte einen stechenden Schmerz durch ihren ganzen K�rper.</p><p>Aneinander geklammert, rollten sie �ber den Boden der Basilika. Rhapsody landete auf dem R�cken und versuchte aufzustehen, aber eine behandschuhte Hand legte sich auf ihre Kehle und dr�ckte so heftig zu, dass sie wiederum auf dem Stein aufschlug. Einen Herzschlag lang wurde die Welt um sie herum dunkel, und sie bekam keine Luft mehr. Mit Bauch und Beinen presste er sie zu Boden und richtete sich dann keuchend �ber ihr auf. Blut f�llte ein Auge und tropfte aus seiner Nase, sein Gesicht war vor Wut und Bosheit grotesk verzerrt.</p><p>Rhapsodys Arme fielen kraftlos zur Seite. Ihr ganzer K�rper tat weh, und von dem widerlichen Gestank, der vom Blut ihres Gegners aufstieg und die Luft wie eine Giftwolke verpestete, wurde ihr �bel. Doch sie zwang sich zur Ruhe und bewegte langsam und unmerklich die Arme nach oben, bis sie direkt �ber ihrem Kopf lagen; zwar gab sie sich damit eine Bl��e auf Bauch und Brust, aber dort sch�tzte sie ja der Panzer aus Drachenschuppen. Sein Griff um ihre Kehle verst�rkte sich; jetzt hatte er sich fast zu einer sitzenden Position erhoben und umklammerte ihren Hals mit beiden H�nden, die Beine gespreizt, die Genitalien jedoch zu ihrem Bedauern au�er Reichweite ihrer Knie.</p><p>�Wie schade�, keuchte er und setzte sich hart auf ihren Bauch. �Schon seit langem hatte ich vor, dich flachzulegen, aber ich glaube, meinen urspr�nglichen Plan h�tten wir beide etwas mehr genossen.� Die Worte kamen nur m�hsam aus seinem Mund, er atmete flach. �Aber egal. Ich denke, ich nehme deinen K�rper einfach mit und vergn�ge mich trotzdem noch ein bisschen damit. Wahrscheinlich habe ich dann sogar mehr Spa� mit ihm als in lebendigem Zustand, weil du nicht mehr st�ndig plapperst. Obwohl deine Schreie w�ren Musik f�r meine Ohren gewesen. Nun ja.�</p><p>Rhapsody konzentrierte sich auf seinen Helm. Immer wieder schwand ihr f�r einen Augenblick das Bewusstsein, aber schlie�lich glaubte sie die Naht seiner R�stung am Hals ausfindig gemacht zu haben. Mit unendlicher Geduld drehte sie das Heft der Tagessternfanfare in der Schwerthand und bewegte langsam die H�nde aufeinander zu. Dann nahm sie all ihre eigene und die Kraft des Schwertes zusammen, und als sie sp�rte, dass sie harmonierten, atmete sie aus, wurde schlaff in der Umklammerung ihres Feindes und lie� das Schwert aus ihren H�nden auf den Boden der Basilika fallen.</p><p>Er w�rgte sie noch einmal mit brutaler Heftigkeit, lockerte schlie�lich aber den Griff, fasste sich mit beiden H�nden an sein blutendes Gesicht und wollte dann, auf ein Knie gest�tzt, die Tagessternfanfare ergreifen. In diesem Augenblick rief Rhapsody in Gedanken ihr Schwert. Sofort sprang die Tagessternfanfare zur�ck in ihre H�nde. Rhapsody warf sich nach vorn und stach mit der spitzen Klinge in den Schlitz im Harnisch ihres Gegners. Sie traf das angepeilte Ziel mit solcher Genauigkeit, dass er nach hinten geschleudert wurde. Die Tagessternfanfare jedoch steckte fest in seinem Hals.</p><p>Ein h�ssliches, ersticktes Japsen entrang sich seinem Mund, seine Augen weiteten sich vor �berraschung und Schmerz. Rhapsody nahm am Rande wahr, dass die Pupille des unversehrten Auges gro� und rund geworden war. Mit einem heftigen Ruck zog sie das Schwert wieder aus seinem Hals und hieb es ihm gegen die Knie. Er st�rzte, versuchte aber, auf, allen vieren sein eigenes Schwert zu ergattern. Doch Rhapsody schleuderte es mit einem m�chtigen Schwung der Tagessternfanfare in den Gang, wo er es nicht mehr erreichen konnte.</p><p>�Tut mir Leid, dass ich dich entt�uschen muss�, sagte sie und folgte ihm, als er sich kriechend zur�ckzog. �Wenn du dich so nach mir sehnst, werde ich gern zu Diensten sein. Roll dich mal ein bisschen auf die Seite.� Drohend schwang sie das Schwert gegen ihn, dann sp�rte sie pl�tzlich, dass etwas die harmonischen Schwingungen der Tagessternfanfare st�rte. Besch�mt begriff sie den Grund daf�r: In ihrer Wut hatte sie ihren wehrlosen Feind verspottet, und das war einer Sippschaftlerin und der Iliachenva�ar nicht w�rdig.</p><p>�Halt still, dann beschere ich dir ein schnelles Ende�, sagte sie freundlicher, hob das Schwert und richtete es auf seinen Hals.</p><p>Auf einmal ert�nte ein H�llenl�rm aus dem hinteren Teil der Kirche. Rhapsody konnte gerade noch der Feuerwand ausweichen, die ohne jede Vorwarnung aus dem Boden zwischen ihr und ihrem blutenden Feind in die H�he schoss, eine schwarze Feuersbrunst, die denselben Gestank verbreitete wie sein Blut. Die Wand aus Hitze und Flammen stieg bis auf die H�he des Altars empor und umringte Rhapsody von allen Seiten und sie konnte sie nicht durchbrechen. Doch es war kein nat�rliches Feuer; es zischte und fauchte, und seine Bosheit war greifbar. Auf der anderen Seite der Flammen sah Rhapsody hastige Bewegungen. Sie sammelte all ihr Wissen um sich wie einen Umhang und bereitete sich darauf vor, durchs Feuer zu gehen, als es pl�tzlich verschwunden war. Auch die beiden Attent�ter waren nirgends mehr zu sehen. Der Patriarch sang noch immer mit leiser, unsicherer Stimme, war inzwischen aber fast am Ende des Rituals angekommen.</p><p>Keuchend und v�llig ausgelaugt, wartete Rhapsody, bis der Priester fertig war. Erst als er sich vom Altar abwandte und die Stufen zu ihr hinabstieg, setzte sie sich hin und strich sich mit den Fingern �ber ihre maltr�tierte Kehle. Ihr Kopf dr�hnte, und in ihrem K�rper wuchsen die Schmerzen.</p><p>Mit vor Schreck bebender Stimme rief der Patriarch: �Kind! Mein Kind! Seid Ihr unversehrt?� Er zitterte so heftig, dass Rhapsody schon Angst bekam, er k�nne die Altartreppe hinunterfallen.</p><p>�Ja, Euer Gnaden, es geht mir gut�, antwortete sie, erhob sich m�hsam und streckte dem gebrechlichen alten Mann beide H�nde entgegen. Seine Augen waren voller Besorgnis, aber er schien wenigstens keine Angst mehr zu haben.</p><p>�Lasst mich Euren Hals ansehen�, bat er, zog den Kragen ihrer Weste beiseite und untersuchte die anschwellenden purpurnen Flecke. �Ihr seht furchtbar aus.�</p><p>Rhapsody zuckte zusammen, als seine Finger ihren Hals ber�hrten. �Ja, aber er sieht noch schlimmer aus, und darauf kommt es an.�</p><p>�Wo ist er geblieben?�, fragte der Patriarch und sah sich in der Basilika um. Rhapsody beugte sich vor und versuchte, m�glichst tief und ruhig zu atmen, um die Schmerzen zu bew�ltigen. �Ich wei� es nicht. Er hat wohl den Schwanz eingeklemmt und ist weggelaufen, mit Hilfe seines h�sslichen Freundes.�</p><p>�Er hatte Hilfe?�</p><p>�Ja, da war noch einer, mit einem geh�rnten Helm. Ich bin ziemlich sicher, dass er es war, der das Feuer herbeigerufen hat.�</p><p>�Das Feuer? Ich kann nicht glauben, dass ich nichts davon mitbekommen habe. Einmal habe ich einen gro�en L�rm geh�rt, aber als ich den Ritus vollzogen hatte, wart nur noch Ihr in der Kirche. Offenbar musstet Ihr teuer daf�r bezahlen, dass Ihr mich besch�tzt habt. Es h�tte Euch das Leben kosten k�nnen.�</p><p>Ger�hrt nahm Rhapsody seine Betroffenheit zur Kenntnis und l�chelte ihn aufmunternd an.</p><p>�Gut, dass Ihr Euch nicht habt ablenken lassen, Euer Gnaden, so soll es sein. Wir sind beide unserer Pflicht nachgegangen. Konntet Ihr das Ritual erfolgreich beenden?�</p><p>�O ja. Die Zeremonie des Hochheiligen Tages ist vollst�ndig, das Jahr gesichert, und mit Hilfe des Allgottes wird n�chstes Jahr ein anderer meinen Platz einnehmen. Jetzt kann ich in Frieden Abschied nehmen. Danke, meine Liebe, danke. W�rt Ihr nicht gewesen, h�tte ich ...�</p><p>Er starrte zu Boden, und sein Mund �ffnete und schloss sich leise, ohne dass Worte herauskamen.</p><p>Rhapsody streichelte seine Hand. �Es war mir eine Ehre, Euch als Besch�tzerin zu dienen.�</p><p>In diesem Augenblick flog die T�r der Basilika auf, aufgeregter L�rm erhob sich, und Wachen, Soldaten, Novizen und Stadtbewohner str�mten in die Kirche, um nach dem Patriarchen zu sehen. Rhapsody steckte ihr Schwert in die Scheide und kniete vor dem Priester nieder.</p><p>�Ich werde Euer Amt in dem Ring f�r Euch bewahren, Euer Gnaden, bis ein anderer an Eure Stelle r�ckt. Betet f�r mich, dass ich meine Aufgabe mit Weisheit erf�lle.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht�, erwiderte der alte Mann und l�chelte auf sie herab. Dann legte er die Hand auf ihren Kopf und erbat auf Altcymrisch, der heiligen Sprache seiner Religion, einen Segen. Rhapsody verbarg ihr L�cheln, als ihr einfiel, wann sie diese Sprache im alten Land zum letzten Mal geh�rt hatte. Was jetzt mystische heilige Worte waren, geh�rte damals zum Jargon fluchender Wachsoldaten; Prostituierte hatten in dieser Sprache ihre Kunden geworben, Fischweiber hatten sie gekeift, Betrunkene gelallt. Doch jetzt wurde das Cymrische feierlich und mit Ehrfurcht gesprochen, so bedeutungsvoll wie ein Lirin-Lied. Der letzte Teil des Segens war ein einfacher Spruch, den sie schon als Kind geh�rt und den man den alten Seren zugeschrieben hatte.</p><p>�Vor allem aber m�gest du Freude finden.�</p><p>�Danke�, antwortete sie mit einem L�cheln. Dann erhob sie sich, wenn auch etwas m�hselig, verbeugte sich und machte sich zum Abschied bereit. Doch als sie sich zum Gehen wandte, ber�hrte der Patriarch sie an der Schulter.</p><p>�Mein Kind?�</p><p>�Ja, Euer Ehren?�</p><p>�Wenn die Zeit kommt, w�rdet Ihr dann vielleicht in Erw�gung ziehen ...� Seine Stimme erstarb, und er schwieg verlegen.</p><p>�Ich werde da sein, wenn ich irgend kann, Euer Ehren�, sagte sie leise. �Und ich bringe meine Harfe mit.�</p></section><section><title><p>28</p></title><p>Madeleine Canderre, Herzog Cedric Canderres Tochter, geh�rte zu den Frauen, die man gemeinhin als h�bsch bezeichnete. Ihr Gesicht war angenehm, die Z�ge ebenm��ig, was ihr jenen aristokratischen Ausdruck verlieh, den nur Jahrhunderte ausgew�hlter Eheschlie�ungen hervorbrachten. Ihre Gesichtshaut war frisch und modisch blass, die Augen haselnussbraun; diese Farbe war eine zul�ssige Abweichung vom traditionellen Azurblau oder Aquamarin der cymrischen K�nigs und Adelsgeschlechter.</p><p>Nun war die Augenfarbe zwar durchaus anziehend, ihre Form und der f�r sie typische Ausdruck aber nicht unbedingt. Madeleines Augen waren klein, lagen eng beieinander und schienen best�ndig Unzufriedenheit auszustrahlen. Vielleicht lag das einfach daran, dass sie meistens wirklich unzufrieden war.</p><p>Als sie an diesem Morgen in ihrem Wagen sa� und sich f�r die R�ckreise ins Land ihres Vaters fertig machte, war diese Unzufriedenheit geradezu greifbar. Tristan Steward seufzte. Vor einer Stunde war er gekommen, um sich von ihr zu verabschieden, und nun war sie immer noch da und f�hrte ein Problem nach dem anderen an, das noch gel�st werden musste, ehe sich in wenigen Monaten unerbittlich und endg�ltig ihr Leben mit seinem verbinden w�rde. Bei dieser Vorstellung wurde die �belkeit in seinem Magen von Minute zu Minute schlimmer.</p><p>�Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht nach Sepulvarta gehst und selbst den Patriarchen besuchst�, n�rgelte Madeleine, w�hrend sie in ihren Notizen bl�tterte. �Er w�rde bestimmt eine Ausnahme machen und uns verheiraten; schlie�lich bist du ja der einzige Prinz des h�chsten Geschlechts in ganz Roland. Was k�nnte denn wichtiger sein, Tristan?�</p><p>�Ich glaube, der Mann liegt im Sterben, Liebste�, erwiderte Tristan so geduldig er konnte. <emphasis>Ich wollte, ich k�nnte etwas anderes sagen,</emphasis> dachte er bitter.</p><p>�Unsinn. Man h�rt doch �berall, dass er am Hochheiligen Tag einen Attentatsversuch in der Basilika �berlebt hat. Wenn er einen Mordanschlag �bersteht, dann kann er sich wohl auch vor den Altar stellen, das Vereinigungsritual vollziehen und die wichtigste Hochzeit im Land segnen.�</p><p>Tristan versuchte, seinen �rger hinunterzuschlucken. Nat�rlich kannte er die Neuigkeiten, aber aus einer anderen Quelle und aus anderen Gr�nden. Den Ger�chten zufolge, die unter den Prostituierten kursierten, war der Patriarch von einer kleinen, zierlichen Frau gerettet worden jedenfalls hatte Prudence das behauptet. Von einer Frau mit dem Gesicht eines Engels, mit der W�rme eines wilden Feuers in den gr�nen Augen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, um wen es sich dabei handelte, es gab nur eine einzige M�glichkeit.</p><p>�Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen, Madeleine�, meinte er schroff und lie� die Wagent�r endlich ins Schloss fallen. Dann beugte er sich durchs offene Fenster und dr�ckte seiner Verlobten einen schnellen Kuss auf die Wange. �Gib die Liste dem Kammerherrn, er wird sich sicherlich auch um deine anderen Sorgen k�mmern. Nun gute Reise. Wir wollen deinen Vater nicht warten lassen; du wei�t doch, wie besorgt er immer ist.�</p><p>Damit wandte Tristan sich ab, allerdings nicht schnell genug, dass ihm das schockierte Gesicht seiner Verlobten entgangen w�re. Er winkte dem Quartiermeister, der seinerseits dem Kutscher zupfiff. Ruckend fuhr die Kutsche an und verschwand kurz darauf um die n�chste Ecke.</p><p>�Ich dachte schon, du w�rdest nie mehr kommen.�</p><p>�Prophetische Worte, ohne Zweifel. Wenn ich erst einmal verheiratet bin, werde ich nie mehr kommen, jedenfalls nicht so wie bei dir, das kannst du mir glauben.�</p><p>Prudence warf ein Kissen auf den Prinzen, das ihn mitten auf die Brust traf. �Es ist noch nicht zu sp�t�, meinte sie l�chelnd. �Noch steckt kein Ring an Madeleines Finger. Du k�nntest ihr einfach den Hals umdrehen.�</p><p>�F�hr mich nicht in Versuchung.�</p><p>Das L�cheln verschwand aus Prudences Gesicht. �H�r auf zu jammern, Tristan. Wenn du den Gedanken nicht ertragen kannst, dass du den Rest deines Lebens mit dieser ... dieser Frau verbringst, dann zeig ein bisschen R�ckgrat und l�se die Verlobung auf. Du bist immerhin der Herrscher von Roland. Niemand kann dich zwingen, Madeleine zu heiraten.�</p><p>Tristan lie� sich schwer auf die Kante des massiven Betts fallen und zog seine Stiefel aus. �Es ist nicht so einfach, Pru�, erwiderte er. �Meine Heiratsm�glichkeiten sind �u�erst begrenzt. Lydia von Yarim machte einen ziemlich viel versprechenden Eindruck, aber sie erlag leider einer Geschmacksverirrung, verliebte sich in meinen Cousin Stephen Navarne und heiratete ihn sogar; dabei musste sie dann auch noch ihr Leben lassen.�</p><p>Ein stechender Schmerz fuhr seine Wirbels�ule empor, als Prudences Fu� seinen R�cken traf.</p><p>�So etwas zu sagen ist wirklich h�sslich und unter deiner W�rde, Tristan, selbst wenn du einen Monat mit der m�rrischen Madeleine verbracht hast und demzufolge selbst m�rrisch geworden bist. Lydia wurde bei einem nicht gekl�rten feindlichen �berfall get�tet, wie so viele andere im Lauf der Jahre. Das k�nnte jedem passieren, und es gibt ja auch st�ndig solche Vorkommnisse. Anzudeuten, dass Stephen in irgendeiner Weise daran schuld sein k�nnte ...�</p><p>�Ich sage ja nur, dass es f�r eine Gr�fin l�cherlich ist, mit einem so kleinen Kontingent zu reisen, und das auch noch auf der Jagd nach einem Paar Kinderschuhen f�r Lady Melisande. Ich habe nie gesagt, dass Stephen daf�r verantwortlich ist. Ich finde nur, dass er sich besser um seine Familie h�tte k�mmern k�nnen, vor allem um die Frau, die er geliebt hat.�</p><p>�Hmmm. Nun, was ist mit der Prophetin in Hintervold wie hie� sie noch mal? Hjroda?�</p><p>Tristan lie� den zweiten Stiefel auf den Boden fallen und band seine Hose auf. �Die ist keine Cymrerin.�</p><p>�Na und? Ich dachte, es reicht, dass eure Verlobten adelig sind. In Hintervold ist der Prophet von Adel. Welchen Unterschied macht es dann, ob seine Tochter cymrisch ist oder nicht? Es k�nnte sogar ein Vorteil sein, wenn man sich anschaut, was der gr��te Teil der Bev�lkerung von den Cymrern h�lt ohne dir damit zu nahe treten zu wollen.�</p><p>Tristan stand auf und schl�pfte aus der Hose, dann wandte er sich ihr zu. Sie sa� an die zierlichen wei�en Kissen gelehnt, unter den k�nigsblauen Samtvorh�ngen seines Betts. Die rotblonden Locken fielen ihr �ber die Schultern, die knochiger geworden waren das Alter hatte ihre Haut gedehnt und das Fleisch anders verteilt, sodass ihre Formen nicht mehr die eines jungen M�dchens waren, sondern die einer Frau im mittleren Alter. Ihr Anblick schn�rte ihm jedes Mal die Kehle zusammen, und alle m�glichen Gef�hle �berfluteten ihn, keines davon angenehmer Natur. Er blickte aus dem Fenster.</p><p>�Madeleine ist die Tochter des Herzogs von Canderre und die Cousine des Herzogs von Bethe Corbair�, sagte er, w�hrend er auf die Felder hinter dem Hof starrte, die in der Sommerhitze gr�n und reif dalagen. �Stephen Navarne und ich sind Vettern. Wenn ich mit Madeleine verheiratet bin, habe ich famili�re Bindungen zu jeder Provinz in Roland au�er Avonderre.�</p><p>�Und? Warum ist das wichtig? Du bist jetzt schon Prinzregent, auch ohne all das.�</p><p>�Ich m�chte vorbereitet sein, falls eines Tages der Aufruf zur Wiedervereinigung der Provinzen von Roland unter einem Cymrer-Herrscher ergeht. Es gibt Menschen, die der Ansicht sind, dass dies eine M�glichkeit w�re, die Gewalt zu beenden, unter der das Reich von der K�ste bis ins Bolg-Gebiet und auch in Tyrian und Sorbold zu leiden hat. Vielleicht wird es irgendwann dazu kommen.�</p><p>Prudence verdrehte die Augen und seufzte. �Vielleicht wird irgendwann auch danach verlangt, dass jemand den Himmel gelb streichen l�sst, Tristan, aber ich w�rde mir an deiner Stelle trotzdem keine Frau aufb�rden, die dir schon Albtr�ume bereitet, wenn du nur an ihre Gegenwart denkst.�</p><p>Gegen seinen Willen musste der Herrscher von Roland l�cheln. Er zog seine lange Tunika aus und warf sie auf den Kleiderhaufen, der sich auf dem Boden angesammelt hatte. �So schlimm ist Madeleine nun auch wieder nicht, Pru.�</p><p>�Sie ist kalt wie die Titten einer alten Kriegshexe und doppelt so h�sslich. Das wei�t du genau. Mach die Augen auf, Tristan. Sieh dir genau an, auf was du dich da einl�sst und zu welchem Zweck. Wer auch immer dich heiratet, wird cymrisch, schon allein dadurch, dass sie deine Frau ist m�ge der Allgott ihr beistehen. Eure Linie ist sowieso nicht rein. Heirate eine Frau, mit der du gl�cklich wirst, oder wenigstens eine, die dir nicht das Leben zur H�lle macht. Wenn du das Gl�ck hast, Herrscher der Cymrer oder K�nig oder was auch immer zu werden, dann k�mmert es ohnehin keinen mehr, wer diese Frau jetzt ist.�</p><p>Ihre Worte waren so klar und deutlich, dass sich die Muskeln in Tristans Stirn lockerten, die seit der Nachricht �ber Madeleines Ankunft angespannt gewesen waren. Und wie immer lag eine Menge Weisheit in ihnen.</p><p>Rasch entledigte er sich seiner knielangen Unterhosen, warf die Decke mitsamt des seidenen �berwurfs beiseite und schloss Pru in die Arme. Ihre warme Haut an seiner Brust f�hlte sich tr�stlich an. Er hatte sie im letzten Monat schrecklich vermisst.</p><p>�Ich glaube, ich sollte Evans enthaupten lassen und lieber dich zu meinem pers�nlichen Berater und Botschafter ernennen�, meinte er, w�hrend seine H�nde �ber ihren R�cken glitten und ihr Hinterteil umfassten. �Du bist kl�ger als er. Und viel sch�ner.�</p><p>Prudence schauderte in gespieltem Entsetzen. �Das will ich doch sehr hoffen. Evans ist mindestens siebzig.�</p><p>�Stimmt. Und er hat auch nicht so wundersch�ne goldene Haare.� Der Herrscher von Roland vergrub seine H�nde in ihren Locken.</p><p>Prudence machte sich aus seiner Umarmung frei, setzte sich auf und zog die Decke �ber ihre Br�ste.</p><p>�Ich auch nicht, Tristan.�</p><p>�Doch, nat�rlich�, stammelte er. Pl�tzlich war ihm schwindlig, und ihm wurde kalt im Magen. �Rotblond habe ich gemeint. Das ist auch eine Art Gold.�</p><p>�Verschone mich�, entgegnete sie und sah aus dem Fenster. �Du hast wieder an sie gedacht.�</p><p>�Nein, das habe ich nicht...�</p><p>�Sei lieber still, Tristan. Wage es nicht, mich anzul�gen. Ich lasse mich nicht f�r dumm verkaufen. Ich wei�, an wen du denkst und ich bin es nicht.� Prudence strich die Decke �ber ihren Beinen glatt. �Es macht mir �brigens nichts aus. Ich m�chte nur, dass du ehrlich bist.�</p><p>Tristan seufzte. Lange sah er Prudence an, und auf seinem Gesicht verwandelte sich der schuldbewusste Ausdruck in Staunen dar�ber, wie schnell sie immer bereit war, ihm seine Missetaten zu verzeihen. In seinem ganzen Leben w�rde es nie wieder einen Menschen geben, der ihn so bedingungslos akzeptierte und ihn im vollen Bewusstsein seiner Fehler dennoch liebte.</p><p>Als er in ihren Augen endlich die Spur eines L�chelns ausmachen konnte, zog er die Decke wieder herunter, diesmal allerdings sehr behutsam, und glitt neben sie. Sanft nahm er sie in die Arme und dr�ckte ihren Kopf an seine Schulter.</p><p>�Ich verdiene dich wirklich nicht, wei�t du�, sagte er, und seine Stimme klang fast dem�tig.</p><p>�Ja, ich wei߫, erwiderte sie, das Gesicht an seiner Brust vergraben. Diese Brust war glatt und muskul�s, strotzend vor Jugend und Vitalit�t, die Tristans cymrisches Erbe ihm verliehen, zusammen mit einer immensen Lebenserwartung, in deren Genuss Prudence selbst nie kommen w�rde.</p><p>�Ich m�chte, dass du etwas f�r mich tust.�</p><p>Prudence seufzte und legte sich aufs Kissen zur�ck. �Was denn?�</p><p>Auch der Herrscher von Roland legte sich zur�ck und starrte an die Decke. Es war so viel leichter bei Nacht, nachdem sie sich geliebt hatten; sonst hatten sie sich f�r gew�hnlich �ber seine an Besessenheit grenzenden Gef�hle f�r Rhapsody unterhalten, wenn Dunkelheit den Raum verh�llte, hinter den Bettvorh�ngen. Anstand und Schamgef�hl waren dann weit weg, und er konnte so offen sein wie einem Beichtvater gegen�ber w�re er f�hig dazu, sich einem zu offenbaren. Aber seine k�nigliche Stellung verschaffte ihm nicht nur Privilegien, sie war auch ein Fluch. Der einzige Kirchenmann, der in der Position gewesen w�re, sich seine Verbrechen anzuh�ren und seine Bitte um Absolution an den Patriarchen weiterzuleiten, war neben dem Patriarchen selbst ausgerechnet Tristans Bruder Ian Steward, der Segner von Canderre-Yarim. Nun wurde es aber zunehmend wahrscheinlich, dass Ian, ungeachtet Madeleines anders lautenden W�nschen, das Eheschlie�ungsritual vollziehen w�rde, und so blieb Tristan niemand, dem er seine ehebrecherischen Gedanken gestehen konnte, als die Prostituierte in seinem Bett, die von Kindheit an seine Freundin und auch seine erste Geliebte gewesen war. Die einzige Person auf der ganzen Welt, von der er sicher war, dass er sie liebte. Er legte den Arm �ber die Augen, was ihm, wenn es schon nicht Nacht war, wenigstens ein wenig Dunkelheit bescherte.</p><p>�Ich m�chte, dass du nach Canrif gehst ich meine nat�rlich nach Ylorc, wie die Firbolg es nennen.� Neben ihm stie� Prudence h�rbar den Atem aus, aber sie sagte nichts. �Ich m�chte, dass du die Hochzeitseinladung f�r den Firbolg-K�nig �berbringst und auch die f�r seine Gesandte.�</p><p>�Seine Gesandte? Komm schon, Tristan, das kannst du besser.�</p><p>�Na gut, f�r <emphasis>Rhapsody</emphasis>. Bist du jetzt zufrieden? Ich m�chte, dass du Rhapsody pers�nlich die Einladung �berbringst und ihre Reaktion beobachtest. Wenn sie offen daf�r scheint, versuche sie zu �berreden, dass sie mit dir nach Bethania kommt, oder zumindest bald nachkommt, damit ich mich wenigstens einmal allein mit ihr treffen kann, ehe ich das Biest von Canderre heirate.�</p><p>�Zu welchem Zweck willst du dich mit ihr treffen, Tristan?�, fragte Prudence leise, ohne die Spur eines Vorwurfs in der Stimme. �Was versprichst du dir davon?�</p><p>Wieder seufzte er. �Ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass ich, wenn ich es nicht tue, den Rest meines Lebens Qualen leiden und mich fragen werde, was sie wohl gesagt h�tte. Und dar�ber nachgr�beln werde, ob es nicht vielleicht doch eine Chance gegeben h�tte.�</p><p>Prudence setzte sich auf und zog ihm den Arm von den Augen.</p><p>�Eine Chance worauf? Liebst du sie, Tristan?� Ihre dunkelbraunen Augen suchten in seinem Gesicht, voller Anteilnahme, aber ansonsten ausdruckslos.</p><p>Er sah weg. �Ich wei� es nicht. Ich glaube nicht. Es ist eher ... eher ...� �Verlangen?�</p><p>�Etwas in der Art, ja. Eine �berw�ltigende, unerkl�rliche Sehnsucht. Als w�re sie ein w�rmendes Freudenfeuer mitten im Winter. Es ist, als wanderte ich ohne Hemd durch den Schnee, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Du hattest die ganze Zeit �ber Recht damit, dass ich mich zu ihr hingezogen f�hle. Ich habe den Kopf verloren und eine ganze Brigade meiner eigenen Soldaten in einen grausigen Tod geschickt, weil ich sie nicht fortziehen lassen wollte. Und ob du das nun glaubst oder nicht, sie hat keine Ahnung das hat jedenfalls der Firbolg-K�nig behauptet.</p><p>Nat�rlich wusstest du es besser, Pru, aber ich durfte dir nicht glauben. Der arme Rosentharn hatte Anweisung, sie mit dem Heer zur�ckzubringen, wenn Firbolg besiegt war.� Er blinzelte heftig bei der Erinnerung an den Firbolg-Kriegsherrn, der, die Krone von Roland wie ein Kinderspielzeug in den H�nden haltend, auf eben dieser Bettkante gesessen und ihm ganz ruhig davon berichtet hatte, dass Tristans Heer abgeschlachtet worden war.</p><p><emphasis>Keine Sorge,</emphasis> hatte das in seinen Umhang geh�llte Ungeheuer mit der kratzigen, heiseren Stimme gesagt, die vom Tod fl�sterte. <emphasis>Sie ahnt nicht, dass sie es war, die den Ansto� f�r dieses Massaker unter deinen Leuten gegeben hat. Dass es durch sie dazu kommen musste, war mir nat�rlich klar. Weshalb h�tte ich sie sonst wohl zu dir geschickt? Du bist ein Mann freien Willens. Wenn es dir aufrichtig um Frieden gegangen w�re, h�ttest du meine Abgesandte gewiss mit offenen Armen begr��t und mein Angebot angenommen. Ein Mann, der einer anderen Frau gegen�ber nicht ausschlie�lich ehrenvolle Absichten hegt insbesondere dann, wenn er verlobt ist, ist auch als Nachbar nicht besonders vertrauensw�rdig. Dass du, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, das Leben von zweitausend M�nnern aufs Spiel gesetzt hast, wird dir hoffentlich eine Lehre gewesen sein. Lass es nicht noch einmal so weit kommen</emphasis>.</p><p>Dann hatte sich der Schatten leise vom Stuhl erhoben, und der Firbolg-K�nig hatte sich zum Gehen gewandt.</p><p><emphasis>Ich lasse dich allein. Du wirst doch sicherlich f�r deine M�nner eine Mahnwache abhalten wollen</emphasis>. Der Herrscher von Roland hatte genauso wenig vom Abschied des Ungeheuers gesehen wie von seiner Ankunft.</p><p>Zw�lf Stunden hatte es gedauert, bis Tristan wieder hatte sprechen k�nnen, noch einmal sechs, ehe er wieder einen einigerma�en sinnvollen Satz zusammengebracht hatte. Ein �tzender Geschmack hatte seine Kehle und seinen Mund verbrannt, und er konnte ihn sogar jetzt, Monate sp�ter, immer noch heraufbeschw�ren. Der Tod seines Heers hatte ihn voller Angst und Entsetzen zur�ckgelassen.</p><p>Aber offensichtlich nicht entsetzt genug, um das Bild dieser Frau absch�tteln zu k�nnen es suchte ihn immer noch heim. Tristan lie� sich auf die Kissen zur�cksinken und stie� erneut einen abgrundtiefen Seufzer aus.</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist, womit sie mich so in ihren Bann geschlagen hat�, gestand er. Er schloss die Augen und verscheuchte das Bild seiner dritten Infanterie, der berittenen Bogensch�tzen und all der anderen ungl�cklichen Seelen, die an jenem Morgen keine dringenderen Pflichten zu erf�llen gehabt hatten und deren Leichen nie gefunden worden waren. Ger�chte besagten, sie h�tten ein grausiges Festmahl f�r die Ungeheuer abgegeben, welche sie besiegt hatten. �Es ist mehr als k�rperliche Anziehung, aber ich glaube nicht, dass es um Liebe geht. Ich denke, ein Teil dessen, was mich so unruhig macht, ist ja genau der Drang herauszufinden, was es eigentlich ist.�</p><p>Prudence betrachtete sein Gesicht noch einen Augenblick l�nger, dann nickte sie.</p><p>�In Ordnung, Tristan, ich gehe. Dieses Feuer breitet sich anscheinend aus, denn jetzt versp�re auch ich schon eine unerkl�rliche Sehnsucht nach dieser Frau. Meine Neugier wird erst befriedigt sein, wenn ich dieses Wesen selbst in Augenschein genommen habe.�</p><p>Er umfasste ihr Gesicht, zog sie an sich und k�sste sie voller Dankbarkeit. �Danke, Pru.�</p><p>�Wie immer, mein Herr, tu ich alles f�r Euch.� Prudence entwand sich seinem Griff, stand auf und ging zum Frisiertisch, wo sie ihre Sachen abgelegt hatte. Sein schockiertes Gesicht ignorierte sie geflissentlich. �Wohin gehst du?�, stammelte er. Prudence zog ihr Kleid �ber die Schultern und drehte sich dann zu ihm um.</p><p>�Ich will meine Vorbereitungen f�r die Reise zum Objekt deiner Erregung treffen. Was sonst?�</p><p>�Das kann warten. Komm zur�ck ins Bett.� Er breitete die Arme aus.</p><p>�Nein.� Prudence schl�pfte in ihre Unterw�sche, stellte sich vor den Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durch die zerzausten Locken.</p><p>�Ich meine es ernst, Prudence, bitte komm zur�ck. Ich will dich.�</p><p>Prudence l�chelte. �Nun, ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass dieses Gef�hl vielleicht nicht auf Gegenseitigkeit beruht, mein Herr? Und wenn dich meine Zur�ckweisung t�dlich beleidigt, solltest du vielleicht in Erw�gung ziehen, mich zu enthaupten und Evans mit ins Bett zu nehmen.�</p><p>Damit verlie� sie den Raum und machte die T�r fest hinter sich zu, w�hrend Tristan mit verbl�fftem Gesicht sitzen blieb.</p><p>Rhapsody schlief unter den feinen Schatten, die der Mond durch das Blattwerk einer scheckigen Erle warf, dem h�chsten Baum des Dickichts, in dem sie f�r die Nacht Zuflucht gesucht hatte. Gelegentlich raschelte der Wind in den Bl�ttern, aber ansonsten herrschte Stille am Westrand der Krevensfelder.</p><p>Die s��e Luft kl�rte ihre Tr�ume und machte sie in der Sommerhitze noch eindringlicher. Rhapsody drehte sich auf die Seite und atmete tief den Duft des Klees und der gr�nen Erde ein. An diesen Geruch erinnerte sie sich aus ihrer Kindheit, wenn sie und ihre Verwandten in solchen N�chten auf den Wiesen unter einem mit Sternen �bers�ten Himmel eingeschlafen waren.</p><p>Sie seufzte im Schlaf und w�nschte sich, ihre Erinnerung m�ge ihr Tr�ume von ihrer Mutter bringen, aber schon seit vor der Zeit, als Ashe zum Berg gekommen war, hatte Rhapsody ihr Bild nicht mehr heraufbeschw�ren k�nnen. Damals war ihre Mutter, wie es schien, ein letztes Mal zu ihr gekommen und hatte ihr eine Vision ihres Geburtssternes, der Aria gezeigt, des Sterns, der den Namen Seren trug.</p><p>Jetzt durchlebte sie den Traum von neuem, aber ohne die tr�stliche Stimme ihrer Mutter. Im Schlaf erhob sie sich und starrte durch die schlanken B�ume auf die hinter ihnen liegende Ebene. In der Dunkelheit der Wiese sah sie einen Tisch oder eine Art Altar, auf dem der K�rper eines Mannes ruhte. Die Gestalt war ganz in Dunkelheit geh�llt, und Rhapsody konnte nur ihre Umrisse erkennen.</p><p>�ber ihr blinkte der Stern Seren, gro� und hell, wie er einst auf der anderen Seite der Welt am Firmament gestanden hatte. Dann brach ein winziges St�ck von dem Stern ab und fiel auf die liegende Gestalt. Einen Moment war sie blendend hell, dann verblasste das Licht zu einem schwachen Glimmen.</p><p><emphasis>Dort ist der Splitter hingeraten, Kind, auf Gedeih oder Verderb,</emphasis> hatte ihre Mutter in dem Traum gesagt. <emphasis>Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein</emphasis>. Andere Stimmen erf�llten ihren Kopf. Sie h�rte Oelendra sprechen, die Worte von Traurigkeit durchdrungen.</p><p><emphasis>Als nichts helfen wollte und Gwydion weiter Todesqualen litt, nahm ich schlie�lich einen Sternsplitter vom Heft meines Schwerts und gab ihn der F�rstin. Wei�t du, im Griff der Tages Sternfanfare war ein St�ck von Seren, dem Namensstern unserer Heimat. Das war meine Verbindung zu dem Schwert, ein reines Fragment des �therelements; ich wusste, dass nichts sonst in meinem Besitz solche Macht besa� wie dieses St�ck au�er dem Schwert selbst nat�rlich. Ich �berlie� es ihnen in der Hoffnung, dass sie mit diesem Sternensplitter einen letzten Versuch unternehmen w�rden, Gwydion zu retten, aber sie konnten nichts mehr f�r ihn tun. Es war eine Verzweiflungstat, den Stern um Gwydions willen aufzugeben, und es war umsonst; trotzdem bereue ich nicht, es versucht zu haben</emphasis>.</p><p>�Oelendra, ist es das, was ich sehe?�, murmelte sie im Schlaf. �War es der Versuch, Gwydions Leben zu retten?�</p><p><emphasis>Dort ist der Splitter hingeraten, Kind, auf Gedeih oder Verderb</emphasis>. �ber dem Bild des aufgebahrten Mannes erschienen H�nde, k�rperlose H�nde, die sie schon in einer Vision im Haus der Erinnerungen gesehen hatte. Sie falteten sich wie zum Gebet und �ffneten sich dann, als wollten sie einen Segen spenden. Blut str�mte aus ihnen in die leblose Gestalt und f�rbte sie mit roten Flecken.</p><p><emphasis>Kind meines Blutes</emphasis>.</p><p>Die mehrt�nige Stimme des Drachen sprach in ihr anderes Ohr, das dem Wind zugewandt war.</p><p><emphasis>Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des D�mons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. F�r gew�hnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein K�rper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde</emphasis>.</p><p><emphasis>Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft. Ein Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der D�mon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schlie�lich die Form des Eigent�mers der Seele an, wobei dieser nat�rlich tot ist. Damit verf�gt er auch �ber einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, b�se Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, H�bsche</emphasis>. Mit einem heftigen Schauder erwachte Rhapsody und setzte sich auf. Sie war noch immer in dem Dickicht, ihre Stute neben sich, allein und unbemerkt, abgesehen von der Ber�hrung des Nachtwinds. Sie fr�stelte und rieb sich mit den H�nden �ber die Arme in dem Versuch, sich aufzuw�rmen. �Was bist du, Ashe?�, fragte sie laut. �Was bist du wirklich?� Die einzige Antwort war der warme Atem des Windes. Sie konnte nicht verstehen, was er ihr zu sagen versuchte.</p><p>Fast dreihundert Meilen westlich blies der Wind warm durch die offenen Tore in den alten Steinmauern des Hauses der Erinnerungen, raschelte in den Bl�ttern des Baums, der in der Mitte des Hofes stand. Eine Gestalt in einem schweren grauen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stand am Fu� des Baums und blickte nachdenklich in seine Zweige hinauf. Auf Augenh�he, in einer Astgabel direkt �ber der ersten H�hle im Stamm, steckte ein kleines Musikinstrument, das einer Harfe �hnelte. Sie spielte einen Rundtanz, anders als alle anderen, die er je geh�rt hatte, eine einfache Weise, die den ganzen Hof erf�llte und durch die uralten Steine summte. Der Mann streckte den Arm aus, um das Instrument zu ber�hren, wobei der Umhang seine Hand entbl��te, deren neu geformter Daumen nur leichte Anzeichen von roter, heilender Haut aufwies. Einen Augenblick schwebten die Finger �ber den Saiten, dann zogen sie sich rasch wieder zur�ck.</p><p>Es w�rde nichts n�tzen, wenn er versuchte, das Instrument zu entfernen, entschied der Rakshas. Es war zu einem Teil des Baums geworden, spielte sein Namenslied, eine sich immer wiederholende Melodie, die von dem Leben, das in ihm wohnte, gen�hrt wurde. Der Wille des Sch�sslings war jetzt mit derselben Quelle verbunden, mit der auch seine Mutter Sagia verbunden gewesen war, die verk�mmerten Wurzeln tief in die Erde gesenkt, doch unentwirrbar mit der Axis Mundi verschlungen. Das Lied der Harfe hatte den jungen Baum aus dem Griff seines Meisters befreit und ihn von seiner Entweihung geheilt. Der Mann hatte keinen Zweifel daran, wer die Harfe hier zur�ckgelassen hatte. Langsam strich er die Kapuze zur�ck und lie� den Wind durch sein leuchtend rotgoldenes Haar wehen, w�hrend er �ber seinen n�chsten Schritt nachdachte. Sein Meister, der auch sein Vater war, hatte �beraus deutlich gemacht, dass die Drei �berwacht und in Schach gehalten werden mussten, aber noch nicht vernichtet werden durften, keinesfalls vor der entscheidenden Begegnung in Sepulvarta. Nun aber hatte das dortige Debakel bewiesen, wie gr�ndlich falsch sie die Situation eingesch�tzt hatten, als sie angenommen hatten, dass die Drei zum Zeitpunkt des Attentats anderweitig besch�ftigt sein w�rden. Der Misserfolg war ein ernster R�ckschlag gewesen, noch schlimmer als die Niederlage hier im Haus der Erinnerungen.</p><p>Der Rakshas wandte sich von dem Baum ab und �berquerte gemessenen Schrittes den Hof, w�hrend er sich bem�hte, seine begrenzten Verstandeskr�fte zu konzentrieren. Irgendetwas lie� ihm keine Ruhe, vielleicht etwas aus der Zeit vor seiner Wiedergeburt, etwas, was er erlebt hatte, als er noch Gwydion gewesen war. Doch er schaffte es nicht, den Gedankenfaden in einen Zusammenhang zu verweben, und so kehrte er zu der Stelle zur�ck, wo damals seine Wiedergeburt stattgefunden hatte.</p><p>Am Westrand des Gartens stand ein langer, flacher Tisch aus Marmor, der Altar, auf dem er zum ersten Mal das Bewusstsein erlangt hatte. Er schloss die Augen und rief sich die ersten Worte ins Ged�chtnis, die er seinen Vater hatte beten h�ren.</p><p><emphasis>Kind meines Blutes</emphasis>.</p><p>Das pulsierende Licht, der Schmerz der Wiedergeburt.</p><p><emphasis>Jetzt wird die Prophezeiung durchbrochen. Aus diesem Kind werden meine Kinder hervorgehen</emphasis>.</p><p>Der Rakshas schloss die kristallblauen Augen wie damals vor dem blendenden Licht der Erinnerung. Als er sie wieder �ffnete, gl�nzten sie mit demselben Licht, aber nun war es das Licht der Inspiration.</p><p>Rasch duckte er sich und nahm die Haltung eines wilden Tieres an, wie der Wolf, dessen Blut zu dem seines Vaters hinzugef�gt worden war, um ihn zu formen, und scharrte in der Erde unter dem Altar. Er grub eine Weile, bis er schlie�lich fand, was er suchte, eine Wurzel des Baums, die noch die fleckigen Narben der urspr�nglichen Verunreinigung trug. Die Retterin des Baums hatte nicht alle Wurzeln gefunden unter dem Altar hatte sie wahrscheinlich nicht einmal nachgesehen, als sie den Baum mit ihren seltsamen Mitteln zu heilen versucht hatte. Der Rakshas warf den Kopf in den Nacken und lachte b�se.</p><p>Eine war noch da, eine Wurzel war immer noch entweiht.</p><p>Das sollte reichen.</p><p>Rasch schaute er sich um und verzog das Gesicht. Stephen Navarnes M�nner hatten die Gegenst�nde, die sie zum Schlachten ben�tigt hatten, zum gr��ten Teil zerst�rt auch die Bottiche, die so sorgf�ltig aufgestellt worden waren, um das Blut der Kinder aufzufangen. Der Kinder, die er geraubt hatte. Dieses Blut hatte den Baum damals gen�hrt und ihn nach den Launen seines Vaters verformt. Hier gab es nichts mehr davon zu holen, alles war weg. Sein Meister hatte einen gro�en Teil seiner Lebensessenz gegeben, um ihn ins Leben zu rufen. Auch der D�mon hatte ein Blutopfer gebracht, und noch mehr eine �bertragung kostbarer Macht hatte stattgefunden, die dem Rakshas leicht wieder abhanden kommen konnte, wenn er sie nicht eifers�chtig h�tete. Von Natur aus waren die F�dor blo� Rauch, fl�chtige Geister, die sich an einen menschlichen K�rper klammerten. Je mehr Macht, je mehr <emphasis>Willenskraft</emphasis> sie �bertrugen, desto heikler wurde diese Verbindung. Mit seinen begrenzten geistigen F�higkeiten f�hlte sich der Rakshas geehrt, weil sein Meister dieses Opfer gebracht hatte, um ihn ins Leben zu rufen. Das Kind der Erde, das nach uralter D�monenlegende unter den Bergen der Zahnfelsen schlief, war eins der beiden Werkzeuge, die f�r den Plan seines Meisters unabdingbar waren. Die Wurzel des Sch�sslings hatte den Zugang f�r den F�dor er�ffnen sollen, gen�hrt vom Blut Unschuldiger, verbunden mit der Macht der Axis Mundi, der Mittellinie der Erde selbst, die mit einer alten Magie von unermesslicher Kraft pulsierte. Dieses Wurzelsystem zog sich durch die ganze Welt, bis ins Urgestein der unangreifbaren Berge. Und es lie� sich manipulieren, jedenfalls glaubte das der Meister. Um die Kontrolle �ber die Wurzeln des Baumes Zur�ckzugewinnen, lohnte es sich gewiss, noch mehr von seiner eigenen Lebensessenz und der seines Meisters einzusetzen.</p><p>Er versuchte sich zu konzentrieren, versuchte, seinen beschr�nkten Geist dazu zu zwingen, die richtige Antwort hervorzubringen. Doch die sich st�ndig wiederholende Musik der kleinen Harfe verwirrte ihn und machte es ihm unm�glich, seine Gedanken auf den Punkt zu bringen. �rgerlich be�ugte er das Instrument, doch dann breitete sich ein L�cheln auf seinem Gesicht aus, wie die Morgend�mmerung, die das Tal durchstreift, und erhellte jeden seiner Z�ge, bis es die Augen erreichte. Er hatte seine Antwort gefunden.</p><p>Mit einem l�ssigen Schnippen des Handgelenks erschien ein Dolch in seiner nunmehr unversehrten Hand. Gezielt schnitt er sich zweimal in den Unterarm, sodass tiefrote Streifen auf der Haut erschienen; dann drehte er den Arm um, damit das Blut auf die frei liegende Wurzel tropfen konnte. Er sp�rte keinen richtigen Schmerz; eine so geringf�gige Verletzung war nichts gegen die Qual, die sein Leben ohnehin in jeder wachen Minute bestimmte. Wo das Blut auf den Boden tropfte, stieg Rauch in die Luft, wand sich, scharlachrot und schwarz vor dem Nachthimmel, zu einer Ranke und schlie�lich zu einer spiralf�rmigen S�ule, die den Wind einfing.</p><p>Der Boden glomm und fing schlie�lich zu brennen an. Der Rakshas schloss die Augen und lauschte auf die tiefen Stimmen, die erst fl�sterten und dann in einen dunklen, unheimlichen Singsang �bergingen, obsz�ne Losungsworte sprachen, schmerzlich murmelten. Die Qual nahm zu, w�tete in seinem K�rper wie ein hei�er Blitz; er f�hlte ein Knistern im Kopf, so heftig war die Empfindung. Der Gestank brennenden Fleisches drang in seine Nase, und er ballte die F�uste, denn er wusste, dass das Blut, das er vergoss, etwas von der Macht seines Meisters mit in die Erde nahm.</p><p>Blutiges Licht erf�llte die Dunkelheit und tanzte wild zu den singenden Stimmen der in der tiefen Gruft gefangenen F�dor-Geister drunten in der Erde. In den Wogen der Macht, die aus seinem klopfenden Herzen str�mten wie das Blut aus der ge�ffneten Arterie, hielt sich der Rakshas m�hsam aufrecht. <emphasis>Ich bin nur das Gef��,</emphasis> dachte er zufrieden, als der Boden unter seinen zitternden F��en sich blutrot f�rbte. <emphasis>Aber ich bin ein gutes Gef��</emphasis>. Schlie�lich jedoch verlor er den Kampf gegen die Schwerkraft und fiel vorn�ber, sodass er in seinem eigenen, brennenden Blut kniete.</p><p>Als die Erde um die Wurzel herum sich in roten Schlamm verwandelt hatte, atmete der Rakshas ersch�pft aus und dr�ckte dann seine Wunde zusammen, um sie wieder zu schlie�en. Sorgf�ltig grub er die Wurzel ein und fl�sterte dabei die ermutigenden Worte, die er immer �ber dem Baum gesprochen hatte, als er in diesem Haus noch der Meister gewesen war.</p><p>�Merlus�, wisperte er. <emphasis>Wachse</emphasis>. �Sumat.� <emphasis>N�hre dich</emphasis>. �Fynchalt dearth kynvelt.� <emphasis>Suche das Erdenkind</emphasis>.</p><p>Langsam richtete er sich auf und beobachtete voller Freude, wie die Wurzel anschwoll, ges�ttigt mit verderbtem Blut, und dann welkte, dunkel und rebenartig, ehe sie tiefer in die Erde schl�pfte und dort verschwand. Er setzte die Kapuze auf, warf einen letzten Blick auf den alten cymrischen Au�enposten und machte sich auf den Weg, den zu treffen, der bereits auf ihn wartete.</p></section><section><title><p>29</p></title><p>�Grunthor, schleich bitte nicht so um mich herum. Es geht mir gut. Jo, sorg daf�r, dass er damit aufh�rt.�</p><p>Jo gab dem Riesen einen spielerischen Klaps. �Sie sagt, es geht ihr gut. Also lass sie in Ruhe.�</p><p>�Ich bin ja nich taub�, erwiderte der Bolg entr�stet, �und ich kann auch ihren Hals sehen, vielen Dank, meine Dame. Du siehst aus, als h�ttest du eine Runde �Dachs im Sack� verloren, Gr�fin. Hast wohl �nen Tritt in deinen bezaubernden kleinen Arsch gekriegt, was?�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung�, entgegnete Rhapsody in gespielt beleidigtem Ton. �Ich m�chte feststellen, dass er mir keinen Tropfen Blut abgenommen hat, <emphasis>keinen Tropfen.�</emphasis></p><p>�Jedenfalls nicht auf der Hautoberfl�che�, schmunzelte Achmed. �Was glaubst du denn, woher blaue Flecken kommen?�</p><p>�Ja, schon gut, aber ihr h�ttet ihn sehen sollen, als es vorbei war�, meinte Rhapsody und schaffte sich den Riesen wieder vom Hals. �Willst du mich wohl in Frieden lassen?�</p><p>�Wenn der Patriarch doch so �n guter Heiler is, warum hat er dann nich deinen Hals gerichtet, Fr�uleinchen? Was is das denn f�r einer? Also wenn du mich verteidigt und mir meinen haarigen Arsch gerettet h�ttest, dann h�tt ich dir wenigstens was gegen die Schmerzen gegeben.�</p><p>Rhapsody l�chelte ihren Freund an, ehrlich ger�hrt von seiner F�rsorge. �Ich habe ihm keine Gelegenheit gegeben, Grunthor. Ich wollte nur so schnell wie m�glich nach Hause. Au�erdem sind die Bluterg�sse schon viel besser. Ein Zehntagesritt ohne Zwischenfall wirkt Wunder bei kleinen Verletzungen.�</p><p>�Und ich sag trotzdem, es gef�llt mir nich. Wir sind Kumpel, du und ich. Von jetzt ab will ich nich mehr, dass du allein losziehst. Kapiert?�</p><p>�Mal sehen. Ich habe nicht vor, in n�chster Zeit irgendwohin zu gehen, aber ich habe etwas auf dem Herzen, was ich mit euch allen besprechen muss.�</p><p>Achmed nickte; Rhapsody hatte ihn gr�ndlich �ber das in Kenntnis gesetzt, was sie auf ihrer Reise erfahren hatte, �ber ihre Einsch�tzung der Situation in Roland, die feindlichen �bergriffe und die zuk�nftige Wiedervereinigung der cymrischen Staaten. Schnell brachte er Grunthor aufs Laufende, w�hrend Jo die Geschenke auspackte, die Rhapsody mitgebracht hatte. Als sie schlie�lich alle zu dem massiven Tisch zur�ckkehrten, holte Rhapsody tief Atem und verschr�nkte die Arme.</p><p>�Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ashe helfen m�chte�, verk�ndete sie. Jo l�chelte, w�hrend Grunthor und Achmed sich anblickten.</p><p>�Wobei willste dem denn helfen?�</p><p>�Ich will ihm helfen, seine Seele zur�ckzubekommen. Den D�mon t�ten, der sie ihm gestohlen hat. Ich will ihm helfen, gesund zu werden. Ich will ihm helfen, K�nig der Cymrer zu werden und das cymrische Volk zu vereinen.�</p><p>�Halt�, rief Achmed. �Und warum willst du das alles?�</p><p>�Ich hatte zehn Tage Zeit, dar�ber nachzudenken und die Fakten in meinem Kopf zu ordnen. Nachdem ich so lange mit ihm zusammen war, nachdem ich im Land herumgekommen bin, glaube ich, dass es das Richtige w�re.�</p><p>�V�gelst du mit ihm?�</p><p>�Du bist ein Ferkel�, gab Rhapsody zur�ck und hielt Jo schnell die H�nde �ber die Ohren.</p><p>�Zu sp�t, ich hab�s schon geh�rt�, sagte Jo. �Und, tust du�s?�</p><p>�Nein�, antwortete Rhapsody ver�rgert. �Was ist denn los mit euch? Ich habe euch allen irgendwann mal geholfen, und ich teile mit keinem von euch das Lager.� . �Na ja, an mir liegt das aber bestimmt nich, ich hab�s immer wieder bei dir versucht.�</p><p>�Ach, halt du am besten den Mund. Fr�her oder sp�ter wird der Rakshas hinter uns her sein, davon gehe ich fest aus, nach dem, was im Haus der Erinnerungen und nun noch in der Basilika geschehen ist. Und ich kann nicht glauben, dass du nicht den Wunsch hast, den F�dor zu jagen und zu t�ten, Achmed. Ich dachte, das liegt deiner Rasse im Blut.� Der Firbolg-K�nig schwieg. �Und was die Wiedervereinigung der Cymrer angeht, denke ich, dass es sich als durchaus sinnvoll erweisen k�nnte, wenn wir uns um die Leute k�mmern, die aus dem gleichen Land stammen wie wir.�</p><p>�Tja, dann geh�re ich ja wohl nicht dazu�, meinte Jo und erhob sich. �Ich komme aus Navarne, und meinetwegen k�nnen hier alle die Pocken kriegen. Ich geh jetzt schlafen. Tu, was du nicht lassen kannst, Rhaps, du wei�t ja, dass du auf meine Hilfe z�hlen kannst.�</p><p>�Danke, Jo�, sagte Rhapsody und warf ihr eine Kusshand zu, als sie das Zimmer verlie�. Langwierige politische Streitgespr�che waren nicht Jos Sache.</p><p>Wie Rhapsody etliche Stunden sp�ter eingestehen musste, war Jos Entscheidung klug gewesen. Sie argumentierten und debattierten endlos und ohne Erfolg. Achmed misstraute Llauron noch mehr als Ashe. Grunthor kam nicht mit der Vorstellung zurecht, dass der Rakshas und Ashe zwei getrennte Wesen waren.</p><p>�Du sagst also, dass er nicht dieses Ding ist, sondern dass dieses Ding nur aussieht wie er, stimmt�s?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Und hast du sie jemals zusammen gesehen?�</p><p>�Nein�, gab sie zu. �Ich denke, wenn der Rakshas Ashe gefunden h�tte, w�re er tot, oder noch schlimmer seine Seele w�rde ganz dem F�dor geh�ren. So m�chtig, wie Ashe ist, w�rde er bei der Konfrontation mit dem Rakshas gegen seine eigene Seele k�mpfen. In beiden F�llen ist er verdammt, ob er gewinnt oder verliert. Das ist der Hauptgrund, warum er sich in seinem Nebelumhang verbirgt, denke ich.�</p><p>�Hat Ashe dir das erz�hlt?�, erkundigte sich Grunthor argw�hnisch.</p><p>�Nein�, gestand Rhapsody widerwillig. �Ich habe es mir aus meinen eigenen Beobachtungen und aus dem, was Elynsynos und Oelendra gesagt haben, zusammengereimt. Und nat�rlich aus meinen Visionen.�</p><p>�Wenn du sie nich zusammen gesehen hast, wie willste dann wissen, dass es nich einfach ein und derselbe ist, der sich nur anders benimmt?�</p><p>�Ich wei� es nat�rlich nicht mit Sicherheit�, r�umte Rhapsody ein. �Aber ich habe sie beide gesehen und beim K�mpfen beobachtet, und da sind sie wirklich sehr verschieden.�</p><p>�Nee, das reicht mir nicht. Ich denk, es ist ein und derselbe. Vielleicht wei� Ashe es selbst nich mal, aber der Rakshas ist bestimmt einfach seine eigene b�se Seite.�</p><p>�Noch mal eins nach dem anderen�, schlug Rhapsody vor und bem�hte sich, nicht ungeduldig zu werden. �Es gibt also zwei M�glichkeiten. Die erste ist, dass Ashe und der Rakshas ein und derselbe sind, dass Gwydion gestorben ist, der F�dor ihn irgendwie wieder beleben konnte und als seinen Sklaven benutzt.�</p><p>�Ja, das w�rde ich annehmen, Gn�digste.�</p><p>�Und wenn das stimmt, dann bin ich unversehrt mit ihm durch den gr��ten Teil des Kontinents gereist, ohne dass er auch nur einmal den Versuch unternommen hat, mir ein Leid zuzuf�gen.� Die Stimme blieb ihr im Halse stecken, als sie daran dachte, wie er sein Schwert gegen sie gezogen hatte. �Nun, vielleicht ein Mal, aber da hat er mir nicht wirklich etwas getan.�</p><p>Grunthors Bernsteinaugen wurden schmal. �Was soll das denn jetzt hei�en?�</p><p>�Nichts. Es war ein Missverst�ndnis. Und es ist ja wohl offensichtlich, dass er das gehalten hat, was er versprochen hatte er hat mich dorthin gebracht, wo ich hinwollte, und ist dann gegangen. Wenn er der Diener des F�dor w�re, warum hat er mich dann nicht get�tet, als er die Gelegenheit dazu hatte, und die Prophezeiung zunichte gemacht?�</p><p>�Vielleicht ist er dir gefolgt, um sich ein Bild von deiner Mission zu verschaffen�, meinte der Riese. �Er k�nnte doch f�r den F�dor spionieren.�</p><p>Rhapsody schluckte ihre Frustration hinunter. �Die zweite M�glichkeit die ich f�r zutreffend halte ist die, dass Ashe und der Rakshas zwei verschiedene Wesen sind. Ashe ist Gwydion, und trotz allem, was Oelendra und Stephen glauben, ist er noch am Leben; er hat den Angriff des F�dor �berlebt. Allein und unter Schmerzen wandert er durch die Welt und versucht, sich vor dem D�mon zu verstecken, der ihm den Rest seiner Seele rauben will. Der Rakshas existiert getrennt von ihm, ist aber sozusagen um den Teil herum geschaffen worden, den der F�dor sich angeeignet hat. Er ist gemacht aus Eis, Erde, dem Blut des F�dor und wahrscheinlich einem wilden Tier. So hat die Drachin es mir erkl�rt.�</p><p>�Aber sie hat nicht ausdr�cklich gesagt, dass Ashe und der Rakshas nicht derselbe sind, oder, Fr�uleinchen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann denke ich, wir k�nnen davon ausgehen, dass sie es sind.�</p><p>�Nun, was soll ich dann deiner Meinung nach tun?�, fragte Rhapsody aufgebracht.</p><p>�Ich w�rd sagen, wir t�ten ihn. Und wenn wir uns geirrt haben und ein anderer taucht auf, dann t�ten wir den auch.�</p><p>Rhapsody erbleichte; ihr war klar, dass der Bolg-Riese seinen Vorschlag ernst meinte. �Du kannst nicht einfach rumlaufen und irgendwelche Leute t�ten, ohne sicher zu sein, ob das richtig ist.�</p><p>�Und warum nicht? Das hat bei uns doch immer funktioniert. Mal im Ernst, Euer Liebden, das Risiko is einfach zu gro�, wenn du es nich sicher wei�t.�</p><p>�Das ist l�cherlich, Grunthor.�</p><p>�Nein, keineswegs�, mischte sich nun Achmed ein. Er hatte den gr��ten Teil des Abends geschwiegen, hatte Argumente gesammelt und gegeneinander abgewogen, w�hrend Rhapsody und Grunthor aufeinander losgegangen waren. �L�cherlich ist h�chstens dein uners�ttliches Bed�rfnis, die Welt, die du verloren hast, wiederherzustellen.</p><p>Deine Familie ist tot, Rhapsody, und jetzt sind wir Grunthor und Jo und ich an ihre Stelle getreten. Deine Stadt gibt es nicht mehr; jetzt lebst du hier, bei den Bolg. Der K�nig, den deine Familie verehrt hat, ist seit zweitausend Jahren tot, und die hiesigen F�rsten k�nnen ihm und seiner Regentschaft nicht das Wasser reichen. Er hat eine ganze Generation in den Tod gef�hrt wegen eines Ehekrachs. Diejenigen, die aus Serendair hierher kamen, waren miserable Vertreter unserer Kultur. Sie verdienen keine zweite Chance. Und was Ashe angeht warum willst du deine schlechte Beziehung zu einem verqueren Irren denn unbedingt wiederholen? Vermisst du den Wind des Todes wirklich so sehr?�</p><p>Vor Verbl�ffung blieb Rhapsody der Mund offen stehen. �Wie kannst du nur so etwas sagen?�, stammelte sie. �Ashe hat mir nie wehgetan oder mich auf irgendeine Art kompromittiert. Er ist ein Gejagter, Achmed ich w�rde denken, dass gerade du mit seinem Schicksal mitf�hlst. Ein St�ck seiner Seele ist die Quelle, aus welcher der Rakshas seine Macht bezieht; es befindet sich in den H�nden eines anscheinend sehr m�chtigen F�dor, was Verdammnis in Leben und Tod bedeutet. Die Wunde, die der D�mon ihm zuf�gte, als er das St�ck Seele aus seiner Brust riss, ist nie verheilt; er leidet unaussprechliche Schmerzen. Trotz allem aber hat er mich nie um etwas gebeten, au�er darum, dass ich mir �berlege, ob ich seine Verb�ndete sein m�chte. Wie kommst du nur auf die widersinnige Idee, ihn mit Michael zu vergleichen? Michael war ein Bastard der niedrigsten Sorte und ein L�gner obendrein.�</p><p>�Und genau das ist das Problem, das ich mit den Cymrern habe, Ashe inbegriffen. Sie sind L�gner, allesamt. In der alten Welt wusste man wenigstens, wer die b�sen G�tter verehrte, weil sich die Betreffenden dazu bekannten. Hier in diesem neuen, verdrehten Land sind sogar die angeblich Guten nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die B�sen von fr�her haben nie so viel Verheerung angerichtet, wie ein angeblich guter cymrischer Herrscher und seine Herrscherin es ganz nebenbei geschafft haben. Und du m�chtest dich dem wom�glich schlimmsten L�gner von allen auf einem Silbertablett servieren.�</p><p>Jetzt war Rhapsodys Geduld am Ende. �Nun, wenn ich das tue, dann ist es meine Entscheidung. Ich werde das Risiko auf mich nehmen und nach meinem eigenen freien Willen leben oder sterben.�</p><p>�Ganz falsch.� Langsam erhob sich Achmed, und an seinen steifen, betont gelassenen Bewegungen war deutlich zu erkennen, wie w�tend er war. �Wir alle werden vielleicht dieses Schicksal erleiden m�ssen, weil du nicht nur dich selbst in Gefahr bringst du wirfst unsere Neutralit�t mit in den Topf, und wenn du zu viel riskierst, haben wir alle verloren.�</p><p>Rhapsody sah ihn an. Seine Augen funkelten, seine Schultern waren verkrampft so w�tend hatte sie ihn schon lange nicht mehr gesehen.</p><p>�Warum bist du denn so zornig? Nur weil ich einem anderen helfen will, bedeutet das noch nicht lange nicht, dass meine Loyalit�t zu euch darunter leiden muss.�</p><p>�Das hat nichts damit zu tun.�</p><p>�Da bin ich anderer Meinung.� Rhapsody stand auf, ging zu Achmed auf die andere Seite des Tischs und setzte sich vor ihn auf die Tischplatte. �Ich glaube, dass es viel damit zu tun hat. Und ich m�chte dich daran erinnern, dass ich, w�hrend ich euch geholfen habe, in diesem Land eure Ziele durchzusetzen, eine ganze Reihe von Dingen getan habe, derer ich mir alles andere als sicher war oder die mich sogar abstie�en. Aber ich habe sie trotzdem getan, weil ihr mich darum gebeten habt und weil ihr gesagt habt, es sei das Richtige. Ich habe an euch geglaubt. Warum sollte ich nicht auch an ihn glauben?�</p><p>�Weil er dir nichts von all dem gesagt hat. Er hat sein Versteckspiel mit dir getrieben, er hat dir Informationen aus der Nase gezogen und war nicht bereit, selbst das Geringste preiszugeben. Er vertraut dir nicht. Nach allem, was du wei�t, k�nnte er genauso gut der F�dor h�chstpers�nlich sein.�</p><p>�Das glaube ich aber nicht.�</p><p>�Na, das ist ja beruhigend. Du bist die schlechteste Menschenkennerin der Welt. Und deine Intuition ist auch mit Vorsicht zu genie�en.�</p><p>Tr�nen der Wut traten in Rhapsodys Augen. �Warum sagst du das? Ich liebe dich, ich liebe Grunthor. Was glaubst du, wie viele Nicht-Bolg in der Lage w�ren, sich �ber dein fieses Benehmen hinwegzusetzen und das Gute in dir zu sehen?�</p><p>�Keiner. Und zwar, weil sie uns besser verst�nden als du. Seit wir uns kennen, hast du meine Absichten falsch gedeutet.�</p><p>�Was meinst du damit?� Auf einmal hatte Rhapsody einen Knoten im Magen. Achmed legte die H�nde links und rechts neben ihr auf den Tisch, beugte sich vor, bis er nur wenige Zoll von ihrem Gesicht entfernt war, und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen.</p><p>�Erinnerst du dich noch an das Allererste, was ich zu dir gesagt habe?�</p><p>Rhapsody schluckte. �Ja. Du hast gesagt: �Komm mit uns, wenn du am Leben bleiben m�chtest/�</p><p>�Und du hast gedacht, das bedeutet, dass ich dich retten w�rde, wenn du mit mir kommst, oder?�</p><p>�Ja, und das hast du auch getan.�</p><p>�Schon wieder falsch�, fauchte Achmed. �Vielleicht h�tte ich mich dir gegen�ber anders ausdr�cken sollen. Mach keinen Fehler, Rhapsody. Ganz gleich, was sich seither zwischen uns ver�ndert hat, ganz gleich, welche Gef�hle f�r dich im Lauf der Zeit in mir erwacht sind in diesem Augenblick h�tte ich zu dir sagen sollen: �Komm mit uns, sonst bringe ich dich um.� Verstehst du jetzt? Du willst st�ndig glauben, dass die Leute so gut sind, wie du es dir w�nschst. Im Gro�en und Ganzen ist das aber nicht der Fall. Nicht bei mir, nicht bei Grunthor und schon gar nicht bei Ashe. Seine Seele befindet sich in der Hand eines D�mons aus der alten Welt wei�t du, was das bedeutet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nun, ich wei� es aber. Denk dran, ich habe es selbst erlebt.� Mit den F�usten schlug er neben ihr auf den Tisch, dass sie vor Schreck zusammenzuckte. �Im Gegensatz zu dir verstehe ich, was Ashe durchmacht. Ich wei�, wie es ist, wenn ein Teil der eigenen Seele sich in d�monischen H�nden befindet. Man tut alles, man hintergeht jeden, nur um zu verhindern, dass einem der Rest auch noch genommen wird. Ich will ihn deswegen nicht schlecht machen, Rhapsody; wenn es nicht um ihn, sondern um mich ginge, d�rftest du mir auch nicht trauen. Ich habe dir schon des �fteren gesagt, dass die F�dor ihre Opfer auf verschiedene Weise in Besitz nehmen k�nnen. Ashe muss nicht der eigentliche Wirt sein, um von dem D�mon versklavt zu sein. Manchmal pflanzt der F�dor einen einzigen Gedanken in den Kopf eines Unwissenden, gerade lange genug, dass der Betreffende irgendetwas f�r ihn tut. Manchmal nimmt er sein Opfer voll in Besitz und kann es ganz nach Belieben herumkommandieren, schreckt aber davor zur�ck, seinen Geist ganz an den K�rper des Ungl�cklichen zu binden. Das bedeutet, dass jeder, dem wir hier begegnen, verd�chtig ist. Warum verstehst du das nicht?</p><p>Schlimm genug, dass du nicht aufh�ren kannst, Waisen zu adoptieren, die das Biest vielleicht kennen gelernt haben. Die FirBolg-Kinder und sogar die von Stephen sind h�chstwahrscheinlich harmlos, aber Jo haben wir im Haus der Erinnerungen gefunden, wei�t du noch? Sie war eine Gefangene des Rakshas. Wer wei�, ob sie vielleicht auch an den F�dor gebunden war?�</p><p>Rhapsody zitterte. <emphasis>�Ich</emphasis> wei� es�, antwortete sie. �Jo ist nicht seine Gefangene. Du vergisst, Achmed, dass sie dort war, um als Blutopfer zu dienen, zusammen mit all den anderen Kindern. Warum sollten der F�dor oder der Rakshas Zeit, Energie und Lebenskraft darauf verschwenden, etwas zu besitzen, das sie zerst�ren wollen?�</p><p>Doch der Zorn in den ungleichen Augen wurde nicht geringer. �Das ist auch der <emphasis>einzige</emphasis></p><p>Grund, warum ich dir erlaubt habe, sie mitzunehmen. Trotzdem war es ein ernstes Versagen meiner Urteilskraft.�</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen?�, fragte Rhapsody wieder. �Ich dachte, du magst sie.�</p><p>�Ich mag sie ja auch, jedenfalls meistens. Und der Umstand, dass du mit einem so dummen Einwand daherkommst, zeigt mir, dass dir der Ernst der Lage nicht einmal ann�hernd klar ist. Liebe und Freundschaft haben hier keinerlei Bedeutung, nicht die <emphasis>geringste</emphasis>. Wenn man es mit den F�dor zu tun hat, ist es schlimmer als im Kampf um Leben und Tod. Ich wei�, dass du Jo liebst, und Grunthor liebt sie auch. Nichtsdestoweniger bereue ich st�ndig, dass ich sie nicht get�tet habe, gleich als sie zum ersten Mal etwas Dummes getan und uns in Gefahr gebracht hat. Das ist wiederholt passiert, sowohl in deiner Gegenwart als auch in deiner Abwesenheit. Allm�hlich glaube ich, dass es ein Muster ist, Rhapsody, dass es einen Grund daf�r gibt, den wir nicht erkennen, und dass sie nicht anders kann. Wenn sich herausstellt, dass dies tats�chlich der Fall ist, dann sind die Folgen f�r uns und f�r die Bolg so weitreichend, dass die Zerst�rung von Serendair im Vergleich dazu verblasst. Und diese Folgen werden ewig andauern sie sind nicht mit dem Tod zu Ende.�</p><p>�Um Himmels willen, Achmed, sie ist ein junges M�dchen! Hast du in ihrem Alter nie etwas Dummes oder Un�berlegtes getan?�</p><p>�Nein. Doch das ist nicht der Punkt. Der F�dor oder sein Lakai kann sehr wohl ein junges M�dchen sein oder ein Kind, oder der gut aussehende Dummkopf, der dir auf der Stra�e begegnet ist und vor deinen F��en eine Blume hat fallen lassen. Jeder kann es sein, Rhapsody, jeder!�</p><p>�Aber nicht wirklich, Achmed. Irgendwann m�ssen wir Stellung beziehen und eingreifen. Wir k�nnen nicht einfach den Kopf in den Sand stecken, wir k�nnen uns nicht f�r den Rest der Ewigkeit in Ylorc verkriechen. Wenn auch nur irgendetwas von dem Mythos der Wahrheit entspricht und wir zu der scheu�lichen Form von Langlebigkeit verdammt sind, die an Unsterblichkeit grenzt, dann wird es fr�her oder sp�ter zu einer Konfrontation zwischen uns und dem F�dor kommen.</p><p>Au�erdem, wenn du wirklich glaubst, dass jemand, der dir am Herzen liegt, unter der Macht des B�sen steht, findest du dann nicht, dass du die Pflicht hast, wenigstens zu versuchen, diese Person vor der ewigen Verdammnis zu retten? Den Teil, der sich in der Hand eines F�dor befindet, zur�ckzufordern?�</p><p>Achmed wandte sich ab und fuhr sich �rgerlich mit der Hand durchs Haar. �Jetzt meinst du aber nicht Jo, oder? Du bist wieder bei Ashe. Mir war bisher nicht klar, dass er inzwischen zu jemandem aufgestiegen ist, �der uns am Herzen liegt�.�</p><p>�Wir k�nnen ihm helfen�, fl�sterte Rhapsody. �Wir k�nnen den F�dor finden und t�ten. Wir sind die Einzigen, die dazu imstande sind. Erinnerst du dich an die Prophezeiung, von der Llauron uns erz�hlt hat? Hast du es noch nicht erraten? Wir sind die Drei. Du bist das Kind des Blutes, das ist ganz offensichtlich, Grunthor ist das Kind der Erde, das wei�t du auch. Und ich bin eine Lirin, uns nennt man die Kinder des Himmels. Das sind wir, Achmed. Man hat unser Kommen in diesem Land prophezeit.�</p><p>Achmed wirbelte herum und starrte sie w�tend an. �Dann sollten wir also den Prophezeiungen folgen, nur weil irgendein verr�ckter cymrischer Seher sie von sich gegeben hat? M�chtest du vergn�gt losziehen und die Welt von dem B�sen befreien, obwohl diese Leute selbst daf�r gesorgt haben, dass es wieder an Macht gewinnt? Was gibt es f�r eine Garantie? Woher willst du wissen, dass du nicht das n�chste Opfer sein wirst?�</p><p>�Was gibt es f�r eine Garantie, dass es nicht sowieso passiert? Meinst du nicht, dass das B�se inzwischen von uns wei�? Es ist auf einem cymrischen Schiff hierher gekommen. Vielleicht waren sein urspr�nglicher Wirt und auch viele der nachfolgenden cymrischer Herkunft. Der F�dor hat an den Ratssitzungen teilgenommen, er kennt die Prophezeiungen. Und neben der rein zuf�lligen Gelegenheit, dass wir ihm sowieso begegnen, besteht eine ziemlich gro�e Wahrscheinlichkeit, dass er versuchen wird, uns zu zerst�ren, <emphasis>nur weil irgendein verr�ckter cymrischer Seher etwas prophezeit hat</emphasis>. Vergiss Ashe, vergiss Llauron. Wir m�ssen das verdammte Ding ohnehin t�ten, uns selbst zuliebe.�</p><p>�Sie hat Recht, Herr�, sagte Grunthor aus der Ecke, in die er sich vor der Hitze des Gefechts zur�ckgezogen hatte. Die anderen beiden zuckten �berrascht zusammen. �Wenn das Ding da drau�en ist und wir die Einzigen sind, die es t�ten k�nnen, dann sag ich, sehn wir zu, dass wir�s hinter uns bringen, und Schluss damit. Ich jedenfalls will mich nich den Rest meines Lebens wieder dauernd besorgt umgucken m�ssen.�</p><p>Achmed betrachtete seinen Sergeanten schweigend und nickte dann. �Na gut�, meinte er etwas ruhiger, aber immer noch mit einem zornigen Blick auf Rhapsody. �Vermutlich w�re es klug, die Sache wenigstens anzugehen. Was hast du vor?�</p><p>�Ich werde Ashe nach Elysian rufen, allein, und ihm den Ring geben. Wenn er geheilt ist, k�nnen wir den Rakshas suchen und t�ten.�</p><p>�Warum rufen wir ihn nicht einfach hierher?�</p><p>Rhapsody dachte daran, wie distanziert Ashe stets blieb. �Weil Ashe sich darauf niemals einlassen w�rde. Er kommt nur an einen Ort, an dem er sich in Sicherheit wei�. Elysians Wasserf�lle sind bestens dazu geeignet, um seine Schwingungen vor seinen Verfolgern zu verbergen.�</p><p>�Nein. Das w�re n�mlich gef�hrlich f�r <emphasis>dich�,</emphasis> brummte Achmed. �Nach Elysian gibt es kein Sprechrohr. Du k�nntest im Notfall nicht mal um Hilfe rufen.�</p><p>�Nein, aber der Pavillon ist dort. Er ist ein nat�rlicher Verst�rker. Glaub mir, Achmed, wenn ich dir ein Signal schicke, wirst du es h�ren.�</p><p>�Zweifellos�, meinte er s�uerlich, und seine Augen bohrten sich in ihre. �Bevor oder nachdem er dir all unsere Geheimnisse abgeluchst hat?�</p><p>�Ich w�rde Ashe nie etwas verraten, was f�r dich eine Bedrohung sein k�nnte, Achmed�, sagte sie und erwiderte sein Starren mit einem milden Gesichtsausdruck. �Meine Loyalit�t gilt zuerst und vor allem meiner Familie.� Sie l�chelte Grunthor zu und atmete ein wenig leichter, als sie ihn ein L�cheln unterdr�cken sah. �Das ist Teil des Grundes, warum ich geholfen habe, das Bolg-Land zu unterwerfen. Nicht, dass du es nicht allein h�ttest tun k�nnen, aber mit ein bisschen Gl�ck werden die Bolg irgendwann mehr deiner Wunschvorstellung von einer Nation entsprechen. Die vereinigten Cymrer werden keine Bedrohung f�r sie darstellen, vor allem, wenn ich mit Ashe Recht behalte. Wir werden Verb�ndete sein. Er wird das Gef�hl haben, dass er uns etwas schuldet. Und wenn ich mich geirrt habe, dann werde ich ihn pers�nlich umbringen. Versprochen.�</p><p>�Wir werden sehen.�</p><p>�Aber unsere Hilfe muss freiwillig sein, sonst ist sie nicht so viel wert.�</p><p>�Wei�t du, Rhapsody, manchmal w�nschte ich mir, du w�rdest eine Unterredung nicht st�ndig mit einer Feilscherei auf dem Markt verwechseln. Es ist durchaus annehmbar, wenn man auch einmal nicht das meiste aus einer Sache herausholt.�</p><p>Sie beugte sich vor und k�sste ihn auf die Wange. �Dann wirst du zulassen, dass ich ihm helfe?�</p><p>�Du bist eine erwachsene Frau, Rhapsody. Ich brauche dir gar nichts zu erlauben.�</p><p>�Aber du hilfst mir.�</p><p>Ein seltsames L�cheln erschien auf seinem Gesicht. �Ja. Aber nicht seinetwegen. Allein dir zuliebe. Aber jetzt w�rde ich es sehr sch�tzen, wenn du mir hilfst, mich zuerst um etwas anderes zu k�mmern, ehe du diesen nutzlosen Narren in mein Land einl�dst. Mach irgendeinen netten Jahrgang auf, den du mitgebracht hast. Dann erz�hlen Grunthor und ich dir alles �ber das Loritorium.�</p></section><section><title><p>30</p></title><p>Stunden sp�ter war die Flasche mit canderischem Branntwein, die Rhapsody mitgebracht hatte, leer.</p><p>�Hast du, w�hrend du weg warst, zuf�llig irgendwelche Erkenntnisse hinsichtlich der Frage gewonnen, wer der Wirt des F�dor sein k�nnte?� Der Firbolg-K�nig warf den leeren Beh�lter ins Feuer.</p><p>�Nun, ich glaube, ich habe anhand dessen, was Oelendra mir erz�hlte, herausbekommen, was damals mit Gwylliam geschah. Erinnert ihr euch an die andere Leiche, die wir neben seiner in der Bibliothek fanden und von der wir glaubten, es w�re eine Wache?� Die beiden Bolg nickten. �Das war wahrscheinlich der Wirt des F�dor, sicher eine wesentlich weniger beeindruckende Pers�nlichkeit als Gwylliam; deshalb konnte der K�nig die Wache t�ten, ehe er selbst umgebracht wurde. Erinnert ihr euch an eure Vermutung, es habe wahrscheinlich noch eine zweite Wache gegeben?� Wieder nickten Achmed und Grunthor. �Nun, das war gewiss auch so. Er oder sie war vermutlich ein unschuldiger Augenzeuge. Und als der Wirt des F�dor durch Gwylliams Hand starb, ergriff der D�mon Besitz von der zweiten Wache und verlie� die Schatzkammer.�</p><p>�Klingt einleuchtend�, meinte Achmed.</p><p>�Ich wollte, ich h�tte herausfinden k�nnen, wer es jetzt ist�, sagte Rhapsody bedauernd.</p><p>�Oelendra hatte den F�dor fr�her einmal in einem menschlichen Wirt gesehen, hatte aber bei der Suche nach diesem die letzten tausend Jahre keinen Erfolg. Aber ich habe ein paar Hinweise gefunden.�</p><p>�Die da w�ren?�</p><p>�Nun, ich bin ziemlich sicher, dass der zweite Attent�ter in der Basilika in jener Nacht der F�dor war. Ich habe von ihm das gleiche Schwingungsmuster aufgefangen wie vom Rakshas. Vermutlich, weil die beiden das gleiche Blut haben.�</p><p>�K�nnte gut sein�, best�tigte Achmed. �Hast du irgendwelche besonderen Kennzeichen bemerkt?�</p><p>�Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, er hatte einen Helm auf. Aber diesen Helm habe ich schon einmal gesehen. Er hatte H�rner. Wisst ihr noch, wie ich zum Herrscher von Roland ritt, um den Friedensvertrag zu unterzeichnen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dort war ein Seligpreiser, der Segner von Canderre-Yarim. Er trug einen geh�rnten Helm und ein Sonnensymbol, wie es die F�dor in der alten Welt hatten; allerdings konnte ich den Stein in dem Amulett leider nicht aus der N�he sehen.�</p><p>�Das ist die Uniform der Offiziere und Adligen in Yarim. Der Botschafter hat das Gleiche angehabt, als die Delegation bei mir war.�</p><p>�Hmmm. Ich war noch nicht in Yarim, aber es hat einen ziemlich �blen Ruf. Dort lebt Manwyn, das Orakel, die Seherin der Zukunft.�</p><p>�Erz�hl mir von dem Seligpreiser�, bat Achmed.</p><p>�Er ist Tristan Stewards j�ngerer Bruder, der neueste der f�nf orlandischen Seiligpreiser und auch der schw�chste. Ich bezweifle sehr, dass er f�r das Amt des Patriarchen in Frage kommt, angesichts seiner Verbindungen mit Bethania und seinem Mangel an Erfahrung.�</p><p>�Vielleicht wollte er sich den Titel sichern, indem er den alten Ziegenbock umbrachte. Wenn der Ring das Amt in sich bewahrt, wollte Ian Steward ihn dem Patriarchen vielleicht abnehmen, solange er mitten in seinem religi�sen Ritual steckte und somit abgelenkt und ungesch�tzt war.�</p><p>�Vielleicht�, erwiderte Rhapsody unsicher. �Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, dass ein Kirchenmann dieser Stellung der Wirt des D�mons ist. Diese Leute verbringen so viel Zeit in den Basiliken, auf heiligem Boden, dass es mir unm�glich erscheint, wie sie gleichzeitig D�monen und Selig preiser sein k�nnen. Die Macht der heiligen Orte schreckt den D�mon doch gewiss ab, selbst einen aus der alten Welt. Der F�dor, wenn er es denn war, konnte die Basilika in Sepulvarta nicht betreten, er musste vor dem Hauptschiff stehen bleiben. Er konnte lediglich ein Feuerschild auswerfen, um dem Rakshas die Flucht zu erm�glichen.�</p><p>�Dann ist es vielleicht einer der orlandischen Adligen, mit dem die Seligpreiser ihre Macht teilen�, meinte Achmed, das Kinn in die H�nde gest�tzt. �Wenn es ein Tauziehen zwischen Kirche und Staat gegeben h�tte, wer h�tte dann dem Patriarchen gegen�bergestanden?�</p><p>�Unser alter Freund, der Herrscher von Roland, Tristan Steward.�</p><p>�Aha�, meinte Achmed mit einem L�cheln. �Nun, dann k�nnen wir hoffen, dass er es ist.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich brauche dich doch wohl kaum daran zu erinnern, wie dumm er sich benommen hat.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Aber das k�nnte auch nur eine Finte sein. Die F�dor sind Meister der T�uschung. Sie k�nnen so �berzeugend sein wie ein Benenner, der die Wahrheit spricht, aber ihr Medium ist eine Mischung aus L�gen, Halbwahrheiten und dem seltenen, gezielt eingesetzten Gebrauch der Wahrheit.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Kein Wunder, dass der D�mon sich unter den Cymrern so heimisch gef�hlt hat.�</p><p>�Was macht euch so sicher, dass es eine m�chtige Pers�nlichkeit sein muss?�, fragte Grunthor jetzt. �Warum bleibt er nicht lieber irgendwo in Deckung?�</p><p>�Es k�nnte auch jemand sein, der nicht im Licht der �ffentlichkeit steht, aber dennoch �ber viel Macht verf�gt�, stimmte Rhapsody zu. �Der D�mon bindet sich ja immer an. jemanden, der entweder ebenso m�chtig oder weniger m�chtig ist; er kann keine Seele in Besitz nehmen, die st�rker ist als er. Er nutzt diese Lebensspanne, um zu wachsen, und �bernimmt dann ein neueres, j�ngeres Leben, das ihm mehr entspricht. Wenn wir uns vor Augen f�hren, dass er Ashe fast zerst�rt hat, ohne sich daf�r sonderlich anzustrengen, w�rde ich sagen, man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass er sich fast auf dem H�hepunkt seiner Macht befindet. Was immer sonst du von Ashe halten magst, Achmed, du musst zugeben, dass er jemand ist, mit dem man rechnen muss.�</p><p>�Ja, das ist schon richtig.� Achmed lehnte sich an die Wand. �Ich denke aber immer noch, dass es Llauron ist.�</p><p>�Llauron ist Ashes Vater.�</p><p>�Na und? Wenn er der D�mon ist, w�rde er sich kaum darum k�mmern, wer ihm im Wege steht, selbst wenn es sein eigener Sohn w�re.�</p><p>�Das ist nicht der springende Punkt. Weil Llauron einen Sohn hat, kann er es <emphasis>nicht</emphasis> sein, erinnerst du dich? �Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren, und niemals wird dies geschehen, wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet/�</p><p>Achmed seufzte. �Du gehst also davon aus, dass das, was du zu wissen glaubst, tats�chlich wahr ist. Vielleicht ist Ashe ein Bastard; darauf w�rde ich glatt eine Wette abschlie�en. Glaub mir, Rhapsody, die M�glichkeiten der T�uschung des F�dor �bersteigen unser Vorstellungsverm�gen. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir nicht mal versuchen, sie zu verstehen.�</p><p>Rhapsody erhob sich und sammelte ihre Sachen zusammen. �Vermutlich hast du Recht�, sagte sie und k�sste Achmed auf die Wange. �Ich denke, es ist besser f�r mich, wenn ich einfach beschlie�e, wie die Sache gel�st werden kann, und dann kommt es auch so. In ein, zwei Tagen begleite ich euch zum Loritorium und zur Kolonie; wir werden sehen, ob ich etwas tun kann, um dem Schlafenden Kind zu helfen. Dann lasse ich euch wissen, was mit Ashe passiert. Wenn wir jetzt fertig sind, m�chte ich gern noch kurz das Hospiz besuchen. Hat irgendjemand dort Schmerzen, soll ich f�r jemanden singen?�</p><p>Achmed verdrehte die Augen. �Was mich angeht, w�re das sowieso nie notwendig�, brummte er.</p><p>Grunthor blickte ihn mit ernster Miene an. �Da w�rde ich aber gern widersprechen, Herr�, entgegnete er. Schlie�lich hatte ihn Rhapsody mit ihrem Gesang von der Schwelle des Todes zur�ckgeholt.</p><p>�Das ist etwas anderes�, beharrte der K�nig finster. �Im Augenblick liegt niemand im Sterben. Sie redet davon, dass sie die Schmerzen der Bolg lindern will, die nur leichte Verletzungen haben. Das ist Zeitverschwendung, au�erdem ist es ihnen peinlich.�</p><p>Rhapsody kicherte leise, w�hrend sie aufr�umten. �Wei�t du, Grunthor, du k�nntest mir beim Heilen helfen. Du singst doch gern.�</p><p>Das Gesicht des Sergeanten nahm einen belustigten und zugleich zweifelnden Ausdruck an.</p><p>�Du wei�t doch, worum sich meine Lieder drehen, Gn�digste�, sagte er und kratzte sich am Kopf. �Im Allgemeinen jagen sie den Leuten eher einen Schrecken ein. Und ich glaub nich, dass man mich je mit einem S�nger verwechseln k�nnte. Ich hab ja �berhaupt keine �bung.�</p><p>�Der Text spielt �berhaupt keine Rolle�, entgegnete Rhapsody ernst. �Es kann jede Art von Lied sein. Wichtig ist nur, dass sie an dich glauben. Die Bolg haben dir Treue geschworen. Du bist ihre Version von <emphasis>Dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�t</emphasis>. In gewisser Weise haben sie dich benannt. Es ist ganz gleich, was du singst, du musst nur von ihnen erwarten, dass sie gesund werden. Und das werden sie. Ich habe immer behauptet, dass Achmed eines Tages das Gleiche f�r mich tun wird.� Der Firbolg-K�nig verdrehte erneut die Augen. Doch der Riese erhob sich. �Na gut, Euer Hoheit, dann geh ich eben mit dir�, verk�ndete er.</p><p>�Ich werd die Truppen mit ein paar Strophen von <emphasis>Haut drauf, bis kein Gras mehr w�chst</emphasis> verw�hnen.�</p><p>Der Botschafter blinzelte nerv�s. Die Stimme seines Gegen�bers war leicht und angenehm, ein deutlicher Kontrast zu dem Ausdruck der rot ger�nderten Augen.</p><p>�Nun, das war eine unangenehme �berraschung, und ich hasse �berraschungen. Aber ich bin sicher, dass es eine vern�nftige Erkl�rung gibt. Vielleicht m�chtet Ihr mich aufkl�ren, Gittelson. Wenn ich mich recht entsinne, hie� es in Eurem Bericht �ber den Besuch am Hof von Ylorc, dass alle, die zu den Dreien geh�ren, anwesend waren, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Euer Gnaden.�</p><p>�Und als ich Euch befragte, wer sie denn nun im Einzelnen seien, da habt Ihr mir erkl�rt, dass es sich um den Firbolg-K�nig, seinen riesenhaften W�chter und eine junge blonde Frau handele, habe ich Recht? Das ist es doch, was Ihr in Canrif gesehen habt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Euer Gnaden�, wiederholte Gittelson unruhig. �So lautete mein Bericht.�</p><p>�Nun, das ist die korrekte Antwort. Allem Anschein nach seid Ihr den Dreien tats�chlich begegnet. Doch als wir nach Sepulvarta kamen, wartete eine von ihnen in der Basilika auf uns. Nun, Gittelson, wie konnte das geschehen?�</p><p>�Das wei� ich nicht, Euer Gnaden.�</p><p>�Denkt Ihr, sie ist hingeflogen? Hmmm?� Die R�nder an seinen Augen waren inzwischen dunkelrot wie Blut.</p><p>�Das kann ich Euch auch nicht erkl�ren, Euer Gnaden. Tut mir sehr Leid.�</p><p>�Und Ihr habt Eure Eskorte so platziert, dass sie den Bergpass und die Stra�e aus Ylorc im Auge hatte, wie ich es Euch gesagt habe?�</p><p>�Ja, Euer Gnaden. Sie hat das Firbolg-Reich weder allein noch mit der Postkarawane verlassen. Ich verstehe nicht, wie sie vor Euch nach Sepulvarta kommen konnte. Es erscheint mir vollkommen unm�glich.� Unter dem vernichtenden Blick der eisblauen Augen erstarben dem Botschafter die Worte auf den Lippen.</p><p>�Und trotzdem war sie da, nicht wahr, Gittelson, mein Sohn?�</p><p>Eine dritte Stimme mischte sich ein, ein angenehmer Bariton, warm wie Honig. �Das kann man wohl sagen.�</p><p>�Euer Gnaden, ich ...� Eine Hand hob sich, und Gittelson schwieg; sein Protest war mitten im Wort erstickt.</p><p>�Habt Ihr �berhaupt eine Ahnung, was uns dieser Misserfolg gekostet hat?� Nun hatte die Stimme all ihre Kultiviertheit verloren und war nur mehr ein eisiges, drohendes Fl�stern.</p><p>�Sie, sie sah aus, als k�nnte sie f�r keinen eine Gefahr darstellen, Euer Gnaden�, stammelte der Botschafter. Zwei cymrische Augenpaare starrten erst ihn und dann einander an. Nach einem schier endlosen Schweigen sprach der heilige Mann von neuem. �Ihr seid ein noch schlimmerer Trottel, als ich mir habe tr�umen lassen, Gittelson�, sagte er, und der aristokratische Ton schwang wieder in seiner Stimme mit. �Nicht mal ein Blinder k�nnte die immense Kraft dieser Frau �bersehen. Wie ist es nur m�glich, dass Ihr sie derma�en falsch eingesch�tzt habt?�</p><p>�Vielleicht hat er sie gar nicht falsch eingesch�tzt�, warf der Rakshas nachdenklich ein. �Ich glaube, nicht einmal Gittelson h�tte sich derma�en t�uschen k�nnen. Eigentlich neige ich viel eher zu der Vermutung, dass er mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen dagestanden h�tte, w�re er je in ihre N�he gekommen.� Gittelson schluckte die Beleidigung, dankbar f�r den Ausweg, den sie ihm bot. �Au�erdem, wenn du daran gedacht h�ttest, mich zu fragen, h�tte ich dir sagen k�nnen, dass sie vor nicht allzu langer Zeit in Tyrian war.�</p><p>Die ger�teten Augen wurden schmal. �Sprich weiter.�</p><p>�Wie alt war die Frau, die Ihr gesehen habt?�, fragte der Rakshas den Botschafter.</p><p>�Noch ganz jung�, antwortete Gittelson z�gernd. �Eigentlich noch ein M�dchen. Vielleicht f�nfzehn oder sechzehn.�</p><p>Der �ltere Mann rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. �Beschreibe sie weiter.�</p><p>�D�nn, mit hellblonden Haaren. Blasse Haut. Unscheinbar in jeder Hinsicht, au�er dass sie flink war mit dem Dolch sie hat st�ndig damit herumgespielt.�</p><p>Die beiden Gesichter ihm gegen�ber verzogen sich; das eine wurde finster, auf dem anderen zeigte sich ein Schmunzeln. Schlie�lich lehnte sich der heilige Mann auf seinem Schreibtischstuhl zur�ck.</p><p>�Und wenn ich dir jetzt sagen w�rde, Gittelson, dass die Frau in der Basilika so sch�n war, dass es wehtut, mit einer Seele aus elementarem Feuer ...�</p><p>�Dann ist das nicht die Frau, die ich in Ylorc gesehen habe, Euer Gnaden.�</p><p>�Na also, Gittelson, da seid Ihr mir ja schon einen Schritt voraus. Ihr seid zu demselben Schluss gekommen, den ich gerade �u�ern wollte.� Der heilige Mann goss sich ein Glas Branntwein ein.</p><p>�Die Drei haben im Haus der Erinnerungen ein M�dchen befreit, auf das Eure Beschreibung passt�, erkl�rte der Rakshas. �Wahrscheinlich ist es die Kleine, die Ihr gesehen habt.� Er wandte sich an seinen Meister. �Vielleicht sollte ich ihr einen Besuch abstatten. Wir haben einige Zeit zusammen verbracht, ich glaube, sie war tats�chlich ein wenig in mich verliebt.�</p><p>�Hat sie dein Gesicht gesehen?�</p><p>�Nicht ganz. M�glicherweise hat sie einen kurzen Blick auf mich erhascht. Ich m�chte der Sache gern auf den Grund gehen, Vater, wenn es dir recht ist. Sie ist ohne Zweifel unsere beste Gelegenheit, wieder in den Berg zu kommen.�</p><p>�Tu das, aber sei vorsichtig. Der Firbolg-K�nig ist gerissen und sp�rt deine Gegenwart wom�glich viel deutlicher, als du denkst. Oh, und da wir schon einmal dabei sind ich finde, es ist Zeit, dass wir in die n�chste Phase unseres Plans einsteigen. K�mmere dich auch darum, wenn du dort bist.�</p></section><section><title><p>31</p></title><p>Die Schneehauben auf den hohen Gipfeln der Zahnfelsen fingen die sp�te Morgensonne ein und gl�hten wie Feuer unter dem klaren Himmel. Prudence zog den Vorhang vor dem Kutschenfenster ein St�ck zur Seite, um die Aussicht zu genie�en, schloss dann einen Moment die Augen und sp�rte den warmen Wind im Gesicht. Dann erhob sie sich ein wenig von dem gepolsterten Sitz und beugte sich aus dem Fenster.</p><p>Zum vierten Mal an diesem Morgen zeigten der Kutscher und die Wache einer Gruppe Firbolg-Soldaten, die sie angehalten hatten, ihre Papiere mit Tristans Siegel. Prudences Blick wanderte zur�ck zu den Bergen. Dieses Land war so seltsam sch�n und bedrohlich: Dunkle, vielfarbige Gipfel ragten am Horizont gen Himmel wie die Z�hne eines gro�en Raubtiers, das sich dort ausgestreckt hatte. Noch nie zuvor hatte Prudence die Ebenen von Bethania verlassen, und sie war fasziniert von der dunklen Magie Ylorcs, des bergigen Landes der Ungeheuer.</p><p>Pl�tzlich sp�rte sie Blicke auf sich ruhen, drehte sich unwillk�rlich um und sah einem dieser Ungeheuer direkt ins Gesicht. Wie bei den anderen Firbolg-Soldaten, denen sie seit dem �berqueren der Grenze von Bethe Corbair begegnet waren, war auch sein Gesicht dunkel und haarig, der K�rperbau drahtig, aber nicht sonderlich grotesk. Der Mann musterte sie offen, aber nicht unversch�mt. Prudence wurde rot vor Verlegenheit, als ihr klar wurde, dass ihr eigener Gesichtsausdruck wahrscheinlich ein Spiegelbild des seinen war. <emphasis>Das sind Ungeheuer, menschenartige Tiere, die Ratten und Angeh�rige ihres eigenen Volks fressen,</emphasis> hatte Tristan ihr erkl�rt. <emphasis>Und nat�rlich fressen sie auch jedes menschliche Wesen, dessen sie habhaft werden k�nnen</emphasis>. Doch nun, da sie diese Kreaturen aus der N�he betrachtete, schien ihr das eine �bertreibung wie aus einem Kinderm�rchen zu sein. Jedes Mal waren die Bolg wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatten die Kutsche leise angehalten, w�hrend sie bogenartige Schusswaffen auf die Pferde gerichtet hatten. Sobald sie sich dann von den nicht feindlichen Absichten der Mission �berzeugt hatten, hatten sie die Kutsche wortlos weiter gewunken und waren wieder verschwunden. Unwillk�rlich �berlegte Prudence, ob die Bolg vielleicht einfach einen guten Eindruck auf sie machen wollten. Mit einem Ruck fuhr die Kutsche wieder an. Prudence lehnte sich in den gepolsterten Sitz zur�ck, auf dem Tristan und sie sich schon unz�hlige Male heimlich geliebt hatten. Einen Augenblick sp�ter wurde die kleine Schiebet�r an der Wand ihr gegen�ber ge�ffnet, und das Gesicht der Wache erschien.</p><p>�Es dauert nicht mehr lange, Fr�ulein. Wir sind noch ungef�hr eine Stunde vom gr��ten Au�enposten entfernt, der Stelle, an der die Postkarawanen hereinkommen.�</p><p>Prudence nickte, und das T�rchen glitt wieder zu. Ein letztes Mal blickte sie aus dem Fenster und sah, dass der Firbolg-Soldat sie noch immer anschaute. In seinen Augen war etwas, was sie beunruhigte.</p><p>Nach einer Weile wurde die Stra�e unter den R�dern der Kutsche weniger holprig, und das Schaukeln lie� nach. Prudence zog den Vorhang beiseite und klopfte an die kleine Schiebt�r.</p><p>�Anhalten bitte.�</p><p>Langsam rollte die Kutsche aus, und Prudence �ffnete im Aufstehen die T�r. Der Kutscher stieg von seinem Kutschbock, war aber nicht schnell genug, um ihr seine Hilfe beim Aussteigen anzubieten. Also raffte sie die R�cke, sprang auf die Stra�e hinunter und ging hin�ber auf die gro�e Wiese.</p><p>Vor ihr erstreckte sich ein gro�es Amphitheater, von der Zeit und den Naturgewalten in die Erde geschnitten, obgleich es aussah, als w�re von Menschenhand ein wenig nachgeholfen worden. Fr�her war der inzwischen vergessene, mit Hochgras und Gestr�pp �berwachsene Ort sicher ein Versammlungsplatz f�r eine enorme Anzahl von Leuten gewesen. Eine Felsformation mitten im Zentrum der gegen�berliegenden schr�gen Wand �hnelte eindeutig einer Rednerb�hne. Das Amphitheater war riesig, umgeben von Felsvorspr�ngen und innen in abgestufte R�nge unterteilt, die zu einer breiten, ebenen Fl�che abfielen. Nach den Beschreibungen, die Tristan ihr einmal aus einem cymrischen Geschichtstext vorgelesen hatte, erkannte Prudence, was sie hier vor sich hatte.</p><p>�Der Gro�e Gerichtshof�, murmelte sie vor sich hin. Dies war der Ort, an dem Tristans seltsame, nahezu unsterbliche Vorfahren einst ihre Versammlungen abgehalten hatten, um dem Cymrer-Reich Frieden zu schenken. Eine gute Absicht, auch wenn sie fehlgeschlagen war. �Wie bitte, Fr�ulein?�, erkundigte sich der Kutscher. Prudence drehte sich zu ihm um.</p><p>�Gwylliams Gro�er Gerichtshof�, wiederholte sie aufgeregt. Dieses Naturwunder war gr��er als die Feuerbasilika und Tristans Palast zusammengenommen.</p><p>Der Kutscher und die Wache tauschten ein Schmunzeln, dann �ffnete der Kutscher den Wagenschlag.</p><p>�Ja, Fr�ulein, ganz wie Ihr meint. Doch nun beeilt Euch bitte und steigt wieder ein. Wir d�rfen bis zum Posten nicht l�nger als eine Stunde brauchen, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit von dort abfahren k�nnen, sonst schaffen wir es nicht, uns in drei Tagen mit der Karawane zu treffen.�</p><p>Prudence nahm seine ausgestreckte Hand und kletterte etwas ungehalten wieder in die Kutsche zur�ck. Schon mehrmals war ihr seit der Abfahrt aus Bethania das Schmunzeln der beiden aufgefallen, und sie kannte seinen Ursprung. F�r den Kutscher und die Wache war sie Tristans Bauernhure, und es am�sierte die beiden, sie ganz allein mit all der sonst dem Adel vorbehaltenen Pracht herumzufahren. W�hrend der Kutscher den Wagenschlag hinter ihr schloss, h�rte sie ihn schon wieder lachen. Schwerf�llig setzte sich die Kutsche wieder in Bewegung, Prudence warf noch einen letzten Blick auf das uralte Wunderwerk, das hier vergessen im endlosen Gr�n des Vorgebirges lag. Dann holte sie ihren Spiegel hervor und begann ihr Gesicht herzurichten eine Vorbereitung daf�r, dem Mann, den sie liebte, einen weiteren albernen Gefallen zu tun.</p><p>�Erste Frau?�</p><p>Die Hebammen und Rhapsody blickten gleichzeitig auf. Der W�chter trat unwillk�rlich einen Schritt zur�ck, als er den Ausdruck auf den Gesichtern der Bolg-Frauen sah, denn diese sch�tzten die Unterbrechung offensichtlich ganz und gar nicht.</p><p>�Ja?�</p><p>�Hier ist ein Bote f�r Euch. Eine Frau. Aus Bethania.�</p><p>�Tats�chlich?� Rhapsody reichte einer der Hebammen die Heilpflanze, die sie gemeinsam untersucht hatten. �Was will sie denn?�</p><p>�Mit Euch sprechen.�</p><p>�Hmmm. Wo ist sie?�</p><p>�Am Griwen-Posten.�</p><p>�Nun gut. Danke, Jurt. Bitte richte ihr aus, dass ich gleich herunterkomme.� Rhapsody sammelte die Kr�uter und Heilmittel und verteilte sie an die dreizehn Hebammen, von denen einige zu den m�chtigsten Bolg in ganz Ylorc z�hlten. �Sind wir fertig?�, fragte sie. Die breitschultrige Frau nickte, und Rhapsody erhob sich. �Danke, dass ihr gekommen seid. Ich werde am Wochenende nachsehen, wie die Medizin anschl�gt. Bitte entschuldigt mich jetzt.�</p><p>Prudence wartete im Schatten der kastanienbraunen Wallache, denn sie f�hlte sich bei den riesigen Tieren sicherer als im Wachquartier. Sie schluckte schwer. W�hrend der vergangenen Stunde hatte sie versucht, sich innerlich auf die bevorstehende Begegnung einzustellen, und dennoch war sie nicht auf den Anblick gefasst, der sich ihr nun bieten sollte.</p><p>Ein riesiger Firbolg in Kampfr�stung kam auf sie zu, neben sich eine sehr viel kleinere Gestalt, die trotz der sengenden Sommerhitze vom Kopf bis zur Wadenmitte in einen grauen Kapuzenumhang geh�llt war. Hinter dem R�cken des Riesen lugte eine Unzahl von Schwertgriffen hervor, sodass er aussah, als h�tte er eine M�hne aus lauter Stacheln. Die kleinere Gestalt behielt die Kapuze auf, bis sie direkt vor Prudence stand. Als sie sie schlie�lich abnahm, kam ein Gesicht von solch unfassbarer Sch�nheit zum Vorschein, wie Prudence kaum je eines gesehen hatte umrahmt von goldenem Haar, das mit einem schlichten Band lose zur�ckgebunden war. Die Frau trug ein einfaches Hemd aus wei�em Leinen und weiche braune Hosen. Aus irgendeinem Grund konnte Prudence bei ihrem Anblick nur mit M�he die Tr�nen zur�ckhalten.</p><p>Auf einmal ergaben Tristans Worte einen Sinn f�r sie. In das Gesicht dieser Frau zu blicken war, als schaute man in ein knisterndes Feuer; es war in einem Ma�e hypnotisch und anziehend, dass man es bis in die Seele hinein f�hlen konnte.</p><p>�Hallo�, sagte die goldhaarige Frau, l�chelte und streckte Prudence eine kleine Hand entgegen. �Mein Name ist Rhapsody. Ihr wolltet mich sprechen?�</p><p>�Jja�, stotterte Prudence. Verdattert blickte sie auf die offen dargebotene Hand der Frau, riss sich dann aber zusammen und sch�ttelte sie zaghaft. Die Hand war wunderbar warm, und Prudence musste sich zwingen, sie wieder loszulassen. Um ihre Ungeschicktheit zu vertuschen, kramte sie in dem Beutel, den Tristan ihr mitgegeben hatte, und zog zwei sorgsam gefaltete, mit Gold versiegelte Bogen Pergament hervor. �Seine Hoheit Tristan Steward, Prinz von Bethania, hat mich gebeten, Euch pers�nlich diese Einladungen zu �berbringen.�</p><p>Rhapsody runzelte die Stirn, und Prudence sank pl�tzlich der Mut.</p><p>�Einladungen?�</p><p>�Ja�, sprudelte Prudence hervor. �Zu seiner Hochzeit, am Abend des ersten Fr�hlingstages dieses Jahres.�</p><p>�Warum sind es zwei Einladungen?�</p><p>�Nun, eine ist f�r Seine ... �h ... f�r Seine Majest�t, den K�nig von Ylorc, und eine ist f�r Euch.�</p><p>Die smaragdgr�nen Augen der Frau wurden noch gr��er vor Staunen. �F�r mich?�</p><p>Prudence schoss das Blut in die Wangen. �Ja.� Nerv�s beobachtete sie, wie Rhapsody das gefaltete Papier in der Hand drehte und darauf starrte. �Ich habe den Eindruck, Ihr seid �berrascht.�</p><p>Der Riese neben der Frau brach in dr�hnendes Gel�chter aus, und Prudence erbleichte vor Schreck. �Nun, nun, Gr�fin, h�r dir das blo� an. Der Prinz m�chte, dass du an seiner Hochzeit teilnimmst. Ist das nicht goldig?�</p><p>Rhapsody reichte Prudence die Einladungen zur�ck. �Das muss ein Fehler sein. Warum sollte der Herrscher von Roland mir eine Einladung schicken?�</p><p>Prudence fuhr sich mit der Hand �ber die Kehle und sp�rte, wie sie zitterte. �Gr�fin? Bitte entschuldigt, das wusste ich nicht. Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich Euch mit einer falschen Anrede beleidigt habe, Herrin.�</p><p>�Nein, nein�, beteuerte Rhapsody hastig. �Er macht nur Witze.�</p><p>Die bernsteinfarbenen Augen des Riesen funkelten fr�hlich. �Wie meint Ihr denn das? Sie ist die Gr�fin von Elysian, genau das ist sie. Die h�chstgeborene Dame in ganz Ylorc.� Prudence nickte, und der Ausdruck in ihren Augen ver�nderte sich.</p><p>�Ich glaube, Ihr versteht nicht, wie wenig das bedeutet�, meinte Rhapsody und warf Grunthor einen �rgerlichen Blick zu. �F�r Euren Herrn bin ich immer noch ein Bauer. Meine Rolle an seinem Hof war die einer Botschafterin f�r den K�nig von Ylorc. Und obgleich unsere letzte Begegnung einigerma�en zivilisiert verlief, war unsere Beziehung doch ansonsten stets recht angespannt. Aus all diesen Gr�nden bin ich �beraus erstaunt, dass er mir eine Einladung f�r ein solch gl�ckliches Ereignis zukommen l�sst. Ich bin mir sicher, dass es sich um einen Irrtum handelt.�</p><p>�Du hattest also eine Beziehung mit ihm?�, erkundigte sich Grunthor in gespieltem Entsetzen.</p><p>�Dabei sagst du doch immer, er ist dumm!� So verstohlen sie konnte, stie� Rhapsody ihm den Ellbogen in die Rippen, dann schaute sie wieder zu Prudence, die inzwischen sichtbar zitterte. Der irritierte Ausdruck auf Rhapsodys Gesicht verwandelte sich in Besorgnis. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und ber�hrte Prudences Arm.</p><p>�Geht es Euch nicht gut?�</p><p>Prudences Blick begegnete dem der goldhaarigen Frau, und als sie erkannte, wie besorgt sie war, wurde ihr warm ums Herz. �Nein, es ist alles in Ordnung�, sagte sie und t�tschelte unbeholfen Rhapsodys Hand.</p><p>�Kommt, gehen wir aus der Sonne�, schlug Rhapsody vor und hakte sich bei Prudence unter.</p><p>�Ich bin eine gr�ssliche Gastgeberin ich habe mich nicht einmal nach Eurem Namen erkundigt!�</p><p>�Prudence.�</p><p>�Nun, vergebt mir bitte meine Unh�flichkeit, Prudence. Erlaubt mir, Euch in Ylorc willkommen zu hei�en. Wollt Ihr und Eure Eskorte etwas ...�</p><p>Auf einmal geriet die Welt ins Wanken. Rhapsodys Ohren f�llten sich mit dem Pochen ihres eigenen Blutes, ihre Augen verschleierten sich. Blitzschnell streckte Grunthor den Arm aus und erwischte sie gerade noch, ehe sie auf dem Boden aufschlug. Als er sie in seinen Armen zu sich drehte, sah er, dass ihr Gesicht ganz verzerrt war, vor Angst, aber auch noch etwas anderem.</p><p>�Was ist los, Gr�fin?�, fragte er besorgt, w�hrend er ihr mit seiner riesenhaften Pranke auf die Wange klopfte.</p><p>Rhapsody blinzelte, versuchte das Gef�hl zu verjagen, dass der Himmel �ber ihr zusammenbrach, und blickte an Grunthor vorbei zu der orlandischen Botschafterin. Prudence war eine h�bsche Frau mit blasser Haut und rotblonden Locken, stellte sie zerstreut fest. Aber in ihren dunkelbraunen Augen schimmerte etwas, was man beinahe schon als Panik bezeichnen konnte. Doch dann, w�hrend Rhapsody Prudence so ansah, verschwand dieses Gesicht pl�tzlich, wurde wie von den Klauen eines brutalen Windes fortgerissen, bis Knochen und Muskeln offen lagen. Ihre Augen verschwanden aus den H�hlen und lie�en dunkle, mit getrocknetem Blut gef�llte H�hlen zur�ck. Rhapsody verschlug es vor Schreck den Atem.</p><p>�Herrin?� Auch Prudences Stimme zitterte.</p><p>Wieder blinzelte Rhapsody. Prudences Gesicht sah wieder aus wie zuvor.</p><p>�Es tut mir ... es tut mir sehr Leid�, sagte sie. Vorsichtig zog Grunthor sie auf die F��e und klopfte ihr den Schmutz von den Kleidern. Mit einem schwachen L�cheln sagte sie zu der erschrockenen Botin: �Anscheinend macht mir die Sonne auch zu schaffen. Im Griwen-Posten k�nnen wir uns hinsetzen und uns abk�hlen. W�rdet Ihr mit uns kommen?�</p><p>Prudence warf einen Blick hin�ber zu dem Posten, wo sechs Firbolg-Wachen standen und sie neugierig begafften. Einer von ihnen l�chelte ihr zu, eine gruselige Grimasse, bestenfalls ein anz�gliches Grinsen. Prudence schauderte.</p><p>�Ich, ich muss zur�ck�, stammelte sie. �Die Postkarawane ist drei Tage vor uns, und wir sollten uns beeilen, um sie nicht zu verpassen.�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde ernst. �Ihr seid nicht mit der gesch�tzten Karawane gekommen?�</p><p>Prudence schluckte. Tristan hatte keinen Zweifel an der Notwendigkeit gelassen, ihre Mission diskret und geheim durchzuf�hren.</p><p>�Nein�, antwortete sie.</p><p>�Wollt Ihr mir sagen, dass der Herrscher von Roland eine Zivilistin ohne den Schutz der bewaffneten w�chentlichen Karawane nach Ylorc geschickt hat?�</p><p>�Ich habe eine Leibwache dabei, und auch der Kutscher ist ein orlandischer Soldat�, entgegnete Prudence. <emphasis>Welch eine Ironie,</emphasis> dachte sie. Mit Tristan hatte sie die gleiche Diskussion gef�hrt. Es war schon ein wenig makaber, dass sie jetzt die Position verteidigte, gegen die sie damals protestiert hatte.</p><p>Einen Augenblick lang machte Rhapsody ein nachdenkliches Gesicht, dann fasste sie einen Entschluss. Sie streckte Prudence die Hand entgegen. �Bitte kommt mit mir�, sagte sie. �Ich verspreche Euch, Ihr seid hier in Sicherheit.�</p><p>Die Worte klangen so wahr, dass Prudence fast unwillk�rlich nach Rhapsodys Hand griff und sich von ihr zum Posten f�hren lie�.</p><p>Der Wachturm des Griwen-Postens war aus einer Felswand gehauen worden, die zu einem von Ylorcs h�chsten Gipfeln f�hrte. Im Innern des Postens waren die W�nde glatt und gerade geschliffen, die B�den aus poliertem Stein. Dar�ber erhob sich in zahlreichen Stockwerken der eigentliche Turm, gr��er als Avonderres Leuchtturm. In Richtung Westen, Norden und S�den gab es drei Plattformen, verbunden mit in die Mauer zementierten Leitern, die so lang waren, dass Prudence ihr Ende nicht sehen konnte. Staunend blickte sie um sich, w�hrend sie mit dem riesigen Firbolg und der kleinen zierlichen Frau an den Barrikaden vorbeiging, die mit langen Reihen verborgener Fenster versehen und mit hunderten schussbereiter Bogen ges�umt waren.</p><p>Sie kamen an Arbeitsr�umen, Baracken und mehreren gro�en Versammlungshallen vorbei, und Prudences Staunen wuchs von Minute zu Minute. Sie hatte ihr ganzes Leben in Tristans Festung zugebracht, deren W�lle sich mit diesen hier nicht ann�hernd messen konnten. Dabei war Griwen nur ein Au�enposten und nicht etwa ein Teil der eigentlichen Bergfestung. Sie nahm sich vor, Tristan klar zu machen, dass man ihm hier eindeutig �berlegen war. Schlie�lich hielt Rhapsody vor einer schweren, lackierten und mit Eisenb�ndern beschlagenen T�r an. Sie �ffnete sie und wies mit einer Handbewegung ins Innere des Raumes.</p><p>�Bitte kommt herein�, sagte sie.</p><p>Prudence gehorchte; ihr Blick streifte sogleich die Waffengestelle neben der T�r. In der Mitte des Raumes stand ein langer, schwerer Tisch aus roh behauenem Kiefernholz, umgeben von ebenso groben St�hlen. Rhapsody blieb lange genug in der Vorhalle stehen, um ein paar Worte mit dem Riesen wechseln zu k�nnen, dann kam sie ebenfalls ins Zimmer. Sie winkte in Richtung Tisch.</p><p>�Bitte, Prudence, macht es Euch bequem.�</p><p>Prudence gehorchte, w�hrend Rhapsody ihren langen grauen Umhang abnahm und ihn an einen Haken neben der T�r h�ngte. Dann lie� sie sich auf einem Stuhl gegen�ber von Prudence nieder.</p><p>�Es tut mir Leid, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, Grunthor richtig vorzustellen�, sagte sie. �Er holt Erfrischungen f�r uns.� Prudence nickte. �Nun, w�hrend wir allein sind, k�nntet Ihr mir doch erz�hlen, warum Ihr wirklich gekommen seid.�</p><p>Prudence wandte den Blick ab. �Ich wei� nicht, was Ihr damit meint.�</p><p>�Vergebt mir, aber ich glaube, das tut Ihr doch. Obgleich der Herrscher von Roland und ich ein paar unangenehme Gespr�che hatten, und der Tatsache zum Trotz, dass er sich in seinem Urteilsverm�gen mehrmals ernsthaft geirrt hat, kann ich kaum glauben, dass er so t�richt ist, in einer Routinesache einen Sonderbotschafter loszuschicken, der so offensichtlich kein Soldat ist, um eine Hochzeitseinladung zu �berbringen. Vor allem wenn es eine w�chentliche Karawane gibt, die solche Sendungen mit einer Eskorte von f�nfzig bewaffneten M�nnern bewerkstelligt. Warum seid Ihr wirklich hier, Prudence?�</p><p>Rhapsodys Ton war sanft und verst�ndnisvoll. Als Prudence ihr in die Augen schaute, fand sie dort r�ckhaltlose Sympathie. Allm�hlich verstand sie nur zu gut, was Tristan meinte, wenn er davon sprach, wie schwer es war, nicht an sie zu denken. Diese Frau besa� eine ungeheure Anziehungskraft, ob in der Musik ihrer Worte oder einfach in der W�rme, die von ihr ausging. Wie dem auch sein mochte Prudence musste jedenfalls gegen den Sog ank�mpfen, der davon ausging.</p><p>�Der Herrscher von Roland bedauert das, was er Euch fr�her angetan hat�, erwiderte sie stockend. �Es ist ihm offen gesagt peinlich, wie er Euch behandelt hat.�</p><p>�Daf�r besteht kein Anlass.�</p><p>�Dennoch m�chte er die Sache wieder gutmachen. Deshalb hat er mich gebeten, Euch zu einem Besuch nach Bethania einzuladen, damit er sich pers�nlich entschuldigen und weiterhin seine guten Absichten gegen�ber dem K�nigreich von Ylorc beweisen kann. Au�erdem w�rde er Euch gern die Stadt zeigen und verspricht Euch einen Rundgang mit allem, was dazugeh�rt, und einer entsprechenden Eskorte.�</p><p>Rhapsody unterdr�ckte ein L�cheln. Als sie das erste Mal in Bethania gewesen war, hatte sie aus Versehen f�r einen Aufstand auf der Stra�e gesorgt und w�re um ein Haar sowohl von Tristans Soldaten als auch von der Stadtwache ergriffen worden.</p><p>�Das ist sehr freundlich, aber ich bin noch immer nicht sicher, ob ich das recht verstehe. Warum hat er mir nicht eine schriftliche Einladung geschickt oder Euch zumindest mit der Karawane reisen lassen? Die Zeiten sind gef�hrlich, nicht nur in Ylorc, sondern �berall.�</p><p>�Ich wei�.� Prudence seufzte tief. �Ich erf�lle nur den Auftrag meines Gebieters, Herrin.�</p><p>Die goldhaarige Frau �berlegte einen Moment und nickte dann. �Bitte nennt mich Rhapsody. Ich f�rchte, ich bin gerade erst von einer ziemlich langen Reise zur�ckgekehrt und muss mich jetzt eine Zeit lang um meine Pflichten hier in Ylorc k�mmern. So Leid es mir tut, kann ich daher die Einladung Eures Herrn nicht annehmen.�</p><p>Prudence bekam einen trockenen Mund, als sie sich Tristans Entt�uschung vorstellte. �Wie bedauerlich. Ich hoffe, Ihr schlagt nicht auch noch die Einladung zur Hochzeit aus.�</p><p>Rhapsody lehnte sich auf ihrem Stuhl zur�ck. �Ich bin nicht sicher, was ich dazu sagen soll. Noch immer erscheint es mir �u�erst seltsam, dass der Hohe Herrscher von Roland eine Angeh�rige des niederen Volkes bei seiner Hochzeitsfeier dabei haben m�chte.�</p><p>�Ich versichere Euch, er hat es absolut ehrlich gemeint.�</p><p>�Hmmm. Nun, braucht Ihr sofort eine Antwort?�</p><p>�Aber nein, keineswegs�, antwortete Prudence erleichtert. �Ihr k�nnt Eure Entscheidung zusammen mit dem K�nig von Ylorc bekannt geben.�</p><p>Die T�r ging auf, und Grunthor trat ins Zimmer, gefolgt von einem Bolg-Soldaten, der ein Tablett mit einem Krug, Gl�sern, Honigbr�tchen und Obst brachte. Der Mann stellte alles rasch auf den Tisch und verlie� den Raum sogleich wieder, die T�r fest hinter sich zuziehend. Rhapsody l�chelte Grunthor zu, dann wandte sie sich wieder an Prudence, und abermals stockte ihr der Atem. Tristans Botin lag schlaff in einer grotesken Verrenkung auf dem Stuhl, die leeren Augenh�hlen zur Decke gerichtet. Ihr Gesicht war v�llig entstellt, die Nase verschwunden; in dem Moment, als Rhapsody weggesehen hatte, schien sie von wilden Hunden oder anderen Raubtieren zerfleischt worden zu sein.</p><p>Rhapsody schloss die Augen, um die Vision zu beenden, aber das Bild lie� sich nicht verscheuchen. Stattdessen lag Prudences zerst�rter K�rper nun im Dunkeln auf einem gr�nen H�gel. Nur an den �berresten ihres zerzausten Haars war sie �berhaupt zu erkennen, rotgoldene Str�hnen, mit schwarzem Blut verklebt, leise im Wind wehend. Rhapsody holte tief Atem, wappnete sich innerlich, versuchte ihr rasendes Herz zu bes�nftigen und stellte sich der Vision. In ihrem Geist erweiterte sich das Bild, entfernte sich ein St�ck von ihr, bis sie den Ort erkannte, an dem der verst�mmelte K�rper lag. Es war Gwylliams Gro�er Gerichtshof.</p><p>Eine riesige, starke Hand umschloss sanft ihre Schulter, und die Vision verschwand. Rhapsody �ffnete die Augen. Prudence starrte sie an, mit dem gleichen angstvollen Ausdruck wie vorhin, nur war er jetzt noch intensiver geworden.</p><p>�Prudence.� Rhapsody konnte nur fl�stern. �Prudence, Ihr m�sst heute Nacht hier bleiben. Bitte. Ich f�rchte um Eure Sicherheit, wenn Ihr gleich wieder geht.�</p><p>Doch Prudence f�rchtete sich ohnehin. �Ich danke Euch, wirklich�, sagte sie dennoch, �aber es besteht kein Grund, dass Ihr Euch Sorgen macht. Ich werde gut bewacht, und nach weniger als der H�lfte des Weges sto�en wir auf der R�ckfahrt ja auf die Karawane.�</p><p>Rhapsody dr�ngte die Tr�nen zur�ck, die ihr pl�tzlich in die Augen traten. �Dann seid Ihr trotzdem mindestens drei Tage allein unterwegs. In der Zwischenzeit kommt aber die n�chste Karawane schon hier vorbei, die der dritten Woche. Kehrt doch mit ihr nach Bethania zur�ck es ist gleich der erste Halt nach Bethe Corbair. Bis dahin k�nnt Ihr hier bleiben, in Sicherheit, als unser Gast. Bitte, Prudence; eine kleine Kutsche ohne bewaffneten Schutz ist verletzlich, und wir leben in gef�hrlichen Zeiten.�</p><p>Die Verzweiflung in Rhapsodys Stimme machte Prudence nur noch mehr Angst, und sie erhob sich vom Tisch, noch immer sichtbar zitternd. �Nein. Es tut mir Leid, aber ich muss umgehend nach Bethania zur�ck. Ich habe die Botschaft �berbracht, mit der ich hergeschickt wurde. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen w�rdet, meine Wachen warten auf mich.� Sie blinzelte und bem�hte sich, nicht auf die Tr�nen dieser Frau zu reagieren. Tristan hatte vollkommen Recht; es war, als h�tte sie sich in einer Welt aus endlosem Schnee verlaufen und Rhapsody w�re die einzige W�rmequelle. Tief in ihrem Herzen fragte sich Prudence, ob sie nicht auch etwas D�monisches an sich hatte.</p><p>Schnell schob sie ihren Stuhl zur�ck, rannte zur T�r, riss sie auf und verschwand. Grunthor blickte erst auf die noch in den Angeln zitternde T�r, dann sah er zu Rhapsody hin�ber, die still am Tisch sa� und die Wand anstarrte.</p><p>�Geht�s dir jetzt wieder gut, Fr�uleinchen?�</p><p>Einen Moment schwieg sie nachdenklich. Als sie aufblickte, gl�nzten ihre Augen entschlossen.</p><p>�Grunthor, w�rdest du etwas sehr Wichtiges f�r mich erledigen?�</p><p>�Alles, Sch�tzchen. Das wei�te doch.�</p><p>�Folge ihr, bitte. Sofort. Nimm so viele Truppen mit, als m�sstest du sie gegen einen sehr m�chtigen Gegner verteidigen, und folge dieser Kutsche, bis sie den Gro�en Gerichtshof passiert und die Grenze nach Roland hinter sich gebracht hat. Ehe du zur�ckkommst, vergewissere dich, dass sie Ylorc wohlbehalten verlassen hat und sich auf den Krevensfeldern befindet, um die Karawane der zweiten Woche zu erreichen, weit weg von unserem Land. Tust du das f�r mich?�</p><p>Grunthor betrachtete sie ernst. �Na klar, Gr�fin. Wir nehmen die Feldtunnel, dann kriegt sie nich mal mit, dass wir da sind.�</p><p>Rhapsody nickte. Die cymrischen Brustwehren bildeten ein Labyrinth versteckter Gr�ben, Rinnen und Tunnel, die am Fu� der Zahnfelsen vor vielen Jahrhunderten von treu zu Gwylliam stehenden Nain-Handwerkern ausgehoben worden waren. Verfallen und unbenutzt durchzogen sie die Steppe, aber Grunthor hatte sie wieder entdeckt. Sofort hatte Achmed es zur Priorit�t erkl�rt, dass sie auf Vordermann gebracht wurden, und nun durchquerten die Bolg die weiten Felder vor den Bergen still und unsichtbar. Prudence war schon ver�ngstigt genug. Es w�rde sie wohl kaum beruhigen, wenn sie entdeckte, dass der Riesen-Sergeant und ein guter Teil der Bolg-Truppen ihr folgten.</p><p>Grunthor gab Rhapsody einen Kuss auf die Wange und verlie� das Zimmer. Allein wartete sie noch ein paar Minuten, dann ging auch sie hinaus, um auf den hohen Turm des Grivven-Postens zu steigen, wo sie in das tr�be Licht der untergehenden Sonne hinausstarrte und zusah, wie ihr riesenhafter Freund und sein Regiment sich �ber die Felder auf den Weg machten und vor ihren Augen im Erdboden verschwanden, um der fernen Kutsche zu folgen.</p></section><section><title><p>32</p></title><p>Achmed untersuchte die Gurte von Waffen und Gep�ck und sp�hte noch einmal aus dem Tunnel.</p><p>�Grunthor kommt�, berichtete er.</p><p>Rhapsody nickte. Nachdem sie die Tagessternfanfare ein letztes Mal sauber gewischt hatte, steckte sie das Schwert in die neue, mit schwarzem Elfenbein eingefasste Scheide, welche die Bolg-Handwerker in ihrer Abwesenheit f�r sie gefertigt hatten. �ber dem Felsvorsprung ert�nte ein Lied, und die volle Bassstimme hallte von den Tunnelw�nden wider.</p><p><emphasis>In der Liebe und im Krieg (Zwei Dinge, die mir lieb) So sagt man, ist alles genehm. Also wundert euch nicht, Wenn�s euch jetzt gleich sticht In das Fett, das sonst so bequem</emphasis>.</p><p><emphasis>Eure Frauen und Kinder</emphasis></p><p><emphasis>Die qu�len wir nicht minder,</emphasis></p><p><emphasis>Auch wenn uns der Hunger nicht dr�ckt</emphasis>.</p><p><emphasis>Und wenn ihr l�ngst tot seid,</emphasis></p><p><emphasis>Haben die doch �ne gute Zeit</emphasis></p><p><emphasis>Denn wir sind doch recht ordentlich best�ckt</emphasis>.</p><p>Rhapsody lachte. �Wirklich bezaubernd�, sagte sie zu Achmed. �Ist das eine neue Errungenschaft?�</p><p>Der Firbolg-K�nig zuckte die Achseln. �In all den Jahren, die ich ihn nun kenne, war er nie um ein Soldatenlied verlegen �, meinte er. �Bestimmt gibt es noch tausend, die ich nicht kenne.� Einen Augenblick sp�ter kam der Sergeant aus dem Geheimgang und betrat den Tunnel.</p><p>�Ist sie weg, Grunthor? Hat sie das Bolg-Land unversehrt verlassen?�</p><p>�Ja�, antwortete der Riese, w�hrend er sich den Schwei� von der Stirn wischte. �Wir sind ihr in der Brustwehr gefolgt, so weit es ging, in die Provinz Bethe Corbair rein und bis auf die Krevensfelder. Erst da sind wir umgekehrt. Sie ist nun ein ganzes St�ck weit in Roland und hat den Gerichtshof viele Meilen hinter sich.�</p><p>Rhapsody seufzte erleichtert. �Danke�, sagte sie ernst. �Ich kann dir nicht sagen, wie grausig die Vision war. Jetzt ist sie wenigstens sicher auf dem R�ckweg zu Tristan Steward, diesem Dummkopf. Ich kann nicht glauben, dass er sie ohne eine ordentliche Schutztruppe losgeschickt hat.�</p><p>�Offensichtlich ist sie entbehrlich. Oder das, was er wollte, ist zu wichtig, um auf die Postkarawane zu warten�, meinte Achmed und setzte seine Kapuze auf. Rhapsody l�chelte. �Es ist Letzteres, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum. Sie liebt ihn, daran besteht kein Zweifel. Es ist eine Schande.�</p><p>�Kann mich gar nich erinnern, davon was geh�rt zu haben�, wandte Grunthor ein.</p><p>�Sie hat es auch nicht gesagt, aber es ist offensichtlich.�</p><p>Achmed stand auf und sch�ttelte seinen Umhang aus; er wirkte irritiert. �Nun, vielleicht zeigt er sich ja angemessen erkenntlich, wenn sie zur�ckkehrt�, brummte er. �K�nnen wir jetzt gehen? Mich k�nnte kaum etwas weniger interessieren, als ob Tristan Steward seine Dienstmagd v�gelt.�</p><p>Auch Rhapsody erhob sich. �Ja. Zeigt mir das Loritorium. Ich denke schon daran, seit ich Elynsynos� H�hle verlassen habe.�</p><p>Der Firbolg-K�nig stellte sich an den Eingang des unterirdischen Gew�lbes, um Rhapsodys Gesicht sehen zu k�nnen, Wenn sie das Loritorium zum ersten Mal betrat. Obgleich er mit ihrer Reaktion gerechnet hatte, durchstr�mte ihn ein Schauer, als sich das Staunen �ber ihre Z�ge breitete und ihr Gesicht zu strahlen anfing, als wollte es mit der Sonne in der Welt �ber ihnen wetteifern.</p><p>�Ihr G�tter�, murmelte sie, w�hrend sie sich langsam drehte und zu der hohen Marmordecke hinauf starrte. �Welch ein wundersch�ner Ort. Und wie schade, dass niemand ihn je in fertigem Zustand gesehen hat. Es w�re ein unvergleichliches Kunstwerk gewesen.�</p><p>�Freut mich, dass es dir gef�llt�, meinte Achmed ungeduldig, ver�rgert dar�ber, dass er so ger�hrt war. Rhapsodys au�ergew�hnliche Sch�nheit war eine Kraftquelle, die er mit Vorliebe angezapfte, wenn es seinen Zwecken diente. Aber er wurde ungern daran erinnert, dass sie auch bei ihm gelegentlich eine Gef�hlsregung ausl�ste. �Kannst du uns jetzt bitte helfen herauszufinden, was dieser ganze silberne Hrekin hier sein soll?� Damit wies er auf eine Lache der schimmernden Fl�ssigkeit; sie leuchtete zwischen den Ritzen in den Marmorbl�cken, aber die Pf�tze war kleiner als das letzte Mal. Rhapsody beugte sich �ber die schillernde Substanz und streckte die Hand aus. Sofort sp�rte sie eine starke Schwingung, die �ber ihre ausgestreckten Fingerspitzen tanzte und sie erst zum Prickeln und dann zum Brennen brachte. Rasch schloss sie die Augen, summte ihren Benennungston und versuchte, den Ursprung der Schwingung zu ergr�nden. Pl�tzlich f�llte sich ihr Kopf mit einer Vielzahl chaotischer Bilder, einige davon spannend, andere schauderhaft. Die Bilderflut traf sie ganz unerwartet, und sie trat unwillk�rlich einen Schritt zur�ck.</p><p>�Was ist los?�, fragte Achmed, w�hrend er ihren Arm ergriff und ihr half, das Gleichgewicht wieder zu finden.</p><p>�Es sind Erinnerungen�, antwortete Rhapsody und rieb sich die Augen. �Reine, fl�ssige Erinnerungen.� Sie sah sich auf dem Platz um, blickte hin�ber zu den Alt�ren, die an den Richtungspunkten standen, und ging, zitternd vor Erregung, auf sie zu. Sie deutete auf die Truhe, die aufgestellt worden war, um eine der erlauchten Reliquien aufzunehmen, und einem Vogelbad nicht un�hnlich war.</p><p>�H�rt doch�, sagte sie und bem�hte sich, ruhig zu bleiben. �K�nnt ihr das Lied h�ren?�</p><p>�Bleib weg davon, Fr�uleinchen�, warnte Grunthor. �Es ist von einer Falle gesch�tzt.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Rhapsody. �Das erz�hlt es mir auch.�</p><p>�Was erz�hlt?�, wollte Achmed wissen.</p><p>Rhapsodys Gesicht strahlte noch heller. �In diesem Becken ist ein einziger Wassertropfen k�nnt ihr ihn sehen?� Der Bolg kniff die Augen zusammen und nickte dann. �Das ist eine von den Ozeantr�nen, ein seltenes und unsch�tzbar wertvolles St�ck lebendes Wasser, das Element in seiner reinsten Form.� Sie wirbelte herum und deutete auf ein anderes Beh�ltnis, einen langen, flachen Altar aus Marmor in ged�mpften Zinnober und Gr�nt�nen, Braun und Purpur.</p><p>�Und das hier ist ein Block aus Lebendigem Gestein�, fuhr sie fort, �lebendig seit der Zeit, als die Erde geboren wurde.�</p><p>�Das Erdenkind wurde aus der gleichen Substanz geformt�, erinnerte Achmed sie. �Sieht aus, als w�re der Schrein f�r den Wind leer�, stellte Rhapsody fest. Dann deutete sie auf das Loch in der gew�lbten Decke �ber ihnen. �Ich denke, Gwylliam wollte an dieser Stelle den Splitter des Sterns anbringen, den <emphasis>Seren</emphasis> �ther, den er von der Insel mitgebracht hatte. Das Schriftst�ck, das du mir zeigtest, schien darauf hinzuweisen.</p><p>Das erkl�rt auch, wie die Erinnerungspf�tzen sich gebildet haben. Taten verursachen Schwingungen, die Schwingung bleibt zur�ck und verschwindet erst, wenn sie sich mit anderen Schwingungen vermischt oder von Wind oder Meer verschluckt wird, welche die meisten Schwingungen aufnehmen k�nnen. Dieser Ort hier war luftdicht versiegelt und mit reinen und m�chtigen Formen des uralten Wissens gef�llt, zum Beispiel dem Altar aus Lebendigem Gestein und der Ozeantr�ne. All diese Magie vermischte sich mit den Schwingungen dessen, was hier geschah, und dadurch haben die Erinnerungen eine feste Form angenommen.� Sie b�ckte sich neben einer kleinen Silberpf�tze. �Ich vermute, sie fing an zu verdunsten, nachdem ihr den Tunnel ge�ffnet und etwas von der Luft aus der Welt dort oben hereingelassen hattet. Doch Jahrhunderte eingefangener Schwingungen haben an diesem Ort deutliche Zeichen hinterlassen.�</p><p>Achmed nickte. �Und kannst du an dieser fl�ssigen Erinnerung erkennen, ob der Feuerbrunnen aus Versehen oder absichtlich verstopft wurde?�</p><p>Rhapsody ging zu dem Brunnen im Herzen des Loritoriums hin�ber und schritt langsam um ihn herum. Auf einmal nahm die Hitze, die aus der �ffnung kam, merklich zu, als reagierte das Feuer darunter auf Rhapsodys Gegenwart. Sie schloss die Augen, streckte die Hand aus und legte sie dann vorsichtig auf das verstopfte Rohr. Als ihr Kopf wieder klar wurde, summte sie einen Erkennungston.</p><p>Staunend beobachteten Grunthor und Achmed, wie von dem Becken ein silberner Nebel in die Luft stieg und undeutlich eine menschliche Gestalt formte. So verschwommen sie auch war, konnte man erkennen, dass sie �ber die Schulter blickte. Dann drehte sie sich um, bewegte sich in Richtung Brunnen und l�ste sich auf.</p><p>Rhapsody �ffnete die Augen, und im Fackelschein sahen die beiden M�nner das smaragdgr�ne Leuchten.</p><p>�Die Antwort auf deine Frage lautet: Ja, es ist absichtlich geschehen�, sagte sie leise. �Die Quelle wurde verstopft, und mit ihr noch andere Sch�chte, durch die der Qualm von Gwylliams Schmieden abzog. So wurde der ganze bei�ende Rauch in die Kolonie geleitet.�</p><p>Sie verfiel in nachdenkliches Schweigen. Achmed wartete gespannt, bis sie wieder zu sich kam, denn er brannte darauf, mehr Einzelheiten zu erfahren und ihr weitere Fragen zu stellen. Nach ein paar Minuten sah er, dass ihre Augen wieder klar wurden.</p><p>�Jetzt erinnere ich mich�, sagte sie leise, fast zu sich selbst. Sie wandte sich an die beiden Bolg. �Der Mann, der die Quelle verstopfte, tat es absichtlich, vor langer Zeit. Ich habe ihn schon einmal gesehen, aber zuerst habe ich ihn nicht erkannt.�</p><p>�Und dann hast du dich doch an ihn erinnert?�, fragte Achmed.</p><p>�Nun, in gewisser Weise. Als wir hierher kamen, als wir die k�niglichen Schlafzimmer von Canrif erforscht haben, hatte ich eine Vision von Gwylliam, der verdrie�lich auf seiner Bettkante sa�, neben sich eine Leiche mit gebrochenem Hals.� Achmed nickte. �Es war die Leiche des Mannes, der den Abzug blockiert hat.�</p><p>�Kannst du ihn beschreiben?�</p><p>Rhapsody zuckte die Achseln. �Unauff�llige Erscheinung, blondes Haar mit grauen Str�hnen, blaugr�ne Augen. Ich glaube nicht, dass er in den Schriften oder auf den Fresken zu sehen war, die wir gefunden haben. Aber das macht nichts. Wenn er der Wirt des F�dor war und irgendwie vermute ich das, hat der D�mon sich inzwischen l�ngst einen anderen Wirt gesucht, denn dieser Mann ist ja tot.�</p><p>Achmed atmete langsam aus. �Dann wusste der F�dor also von der Existenz der Kolonie.�</p><p>�Anscheinend.�</p><p>�Dann muss er auch wissen, dass das Erdenkind hier ist. Das bedeutet, er wird zur�ckkommen.�</p><p>�Sind die R�ckst�nde in den Kan�len weg?�</p><p>Achmed wickelte die �ligen Lappen zu einem Knoten zusammen und warf sie auf einen Haufen in einer Ecke des Loritorium-Platzes. Dann fuhr er mit dem Finger durch die Rinne unter der n�chsten Stra�enlaterne.</p><p>�Ja, wenigstens so, dass nichts brennen wird, wenn du die Quelle aufmachst.� Rhapsody schaute ihn misstrauisch an, und er wandte sich �rgerlich an Grunthor. �Was glaubst du, Sergeant?�</p><p>Doch der riesige Bolg war anderweitig besch�ftigt. Er stand vor dem Altar aus Lebendigem Gestein und blickte auf ihn hinab, als lauschte er einer fernen Musik. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf, als wollte er den Schlaf vertreiben, drehte sich um und sah den fragenden Ausdruck auf den Gesichtern seiner beiden Freunde.</p><p>�Hmmm? Oh, tut mir Leid, Herr. Is doch ziemlich klar, nich?�</p><p>�Was ist mit den Abz�gen, Grunthor?�, fragte Rhapsody. �Kannst du uns sagen, ob es irgendeinen unliebsamen Effekt auf die Kolonie hat, wenn dieser hier ge�ffnet wird?�</p><p>Grunthor schloss die Augen, streckte seine massige Hand aus und legte sie sanft auf den Altar, zitternd, als ber�hrte er zum ersten Mal das Gesicht einer Geliebten. Die Schwingung raubte ihm fast das Gleichgewicht. Sie schoss durch seine Fingerspitzen und seinen Arm hinauf, bis seine Schulter vor Hitze und Leben brannte.</p><p>Im Geiste konnte er die Adern der Erde sehen, die Schluchten und Ritzen in Stein und Lehmschichten, die Felsformationen �ber ihnen und um sie herum. Er lie� seine Gedanken dem Abzug der Feuerquelle folgen, wobei er zufrieden zur Kenntnis nahm, dass keiner der alten Aus und Eing�nge verstopft war. Es war ein Gef�hl, als folgte er einem guten Freund durch die Korridore eines Familienanwesens, wobei jeder Winkel und jede Nische einer liebevollen Betrachtung unterzogen wurde. Nur mir gro�er M�he riss er sich los, ehe er sich g�nzlich in seinen Betrachtungen verlor.</p><p>�Nein, Fr�uleinchen, es ist alles frei hier�, sagte er. �Die wenigen G�nge, die noch zum Abzugssystem geh�ren, sind schon lange geleert worden. Au�erdem hat die Gro�mutter seither selbst ein paar L�ftungssch�chte ausgehoben.�</p><p>Rhapsody nickte zufrieden. Vorsichtig lie� sie ihre kleinen H�nde in das Rohr zu beiden Seiten des Steins gleiten, der hier eingequetscht worden war. Basalt war es, wie Grunthor gesagt hatte. Und er kannte den wahren Namen des Felsens; die Erde hatte ihn ihm gesagt. Sie sammelte ihre F�higkeiten als Benennerin und sprach das Wort aus, sang das Lied des Basalts.</p><p>Der seit Jahrhunderten eingekeilte Fels begann zu summen, als sein Name erklang. Rhapsody atmete tief ein und ver�nderte das Lied. <emphasis>Magma,</emphasis> sang sie, <emphasis>gerade erst abgek�hlt, noch immer geschmolzen</emphasis>. Dann zog sie heftig an dem Stein, entfernte ihn aus dem Quellrohr und hob ihn herunter, ehe er sich in ihren H�nden wieder verfestigte.</p><p>Mit einem lauten Zischen sprang ein kleiner Feuerblitz aus dem Zentrum der Erde durch die Brunnenfassung und spritzte fl�ssige Hitze und Licht bis an die Decke des Loritoriums. Die Flamme war blendend hell, das Licht so intensiv, dass die drei wie aus einem Munde aufschrieen. Rhapsody wich zur�ck, die Hand sch�tzend �ber die Augen gelegt. In dem neuen Licht sah das Loritorium vollkommen ver�ndert aus. Die halb fertigen Fresken an der Wand zeigten sich in all ihren wundervollen Einzelheiten, und zum ersten Mal wurden auch die kunstvollen Schnitzereien an den Steinb�nken sichtbar. Die Kristallkuppeln der Stra�enlaternen glitzerten im Feuerschein wie Sterne. In einem einzigen Augenblick hatte das neue, reine Licht die Dunkelheit der ganzen schimpflichen Vergangenheit dieses Ortes vertrieben. Der Blitzstrahl beruhigte sich zu einer blubbernden Flamme, die ruhig innerhalb der W�nde ihres Gef��es brannte.</p><p>Als ihre Augen sich den neuen Lichtverh�ltnissen angepasst hatten, betrachtete Rhapsody zufrieden den Feuerbrunnen und sah sich das System der Lampen und Kan�le an, das alles mit dem gro�en Lampen�l-Reservoir verband. �Dieser Ort wird pr�chtig sein, wenn du ihn fertig stellst�, sagte sie aufgeregt zu Achmed. �Bestens geeignet f�r Forschung und Studium, genau wie Gwylliam es beabsichtigte.�</p><p>�Vorausgesetzt, wir leben so lange�, entgegnete Achmed ungeduldig. �Nun, da wir durch den Silberschlamm wissen, dass der F�dor den Ort gekannt hat, m�ssen wir uns auf einen Angriff gefasst machen. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit.�</p><p>�Aber warum ist er nicht schon l�ngst erfolgt, bevor die Bolg sich organisiert haben?�, fragte Rhapsody.</p><p>�Um das herauszufinden, bringen wir dich hinunter zu der Kolonie�, antwortete Achmed und gestikulierte zu der �ffnung hin�ber. �Die Gro�mutter wird uns die Prophezeiung nicht sagen, wenn wir nicht alle drei zu ihr kommen. Ich hoffe, dass wir in dem, was der dhrakische Weise vorhergesagt hat, Antworten finden werden.�</p><p>Rhapsody nahm ihren Tornister und warf ihn sich �ber die Schulter. �Aha�, meinte sie scherzend. �Was immer das sein mag, wir werden es tun, denn schlie�lich hat ein <emphasis>dhrakischer</emphasis> Seher es gesagt.� Sie unterdr�ckte ein Lachen, als sie die w�tende Grimasse auf dem Gesicht des Firbolg-K�nig s sah, und folgte den beiden in den Tunnel, den Grunthor ausgehoben hatte, hin zur untergegangenen Kolonie.</p><p>An den Furchen in Rhapsodys Stirn konnte Grunthor sogar im Licht der Fackeln erkennen, wie ihr �rger wuchs. Sie und Achmed hatten pausenlos gestritten, seit sie das Loritorium verlassen und den Abstieg in den Tunnel begonnen hatten, der zur Kolonie f�hrte.</p><p>�Damit wird es sogar noch wahrscheinlicher, dass Llauron der F�dor ist�, sagte Achmed gerade, ohne auf die Gewitterwolken zu achten, die sich hinter Rhapsodys Augen zusammenbrauten. �Vor dem Krieg hat er hier in Canrif gelebt. Es kann gut sein, dass er damals Zugang zum Loritorium hatte. Ohne Zweifel plant er, den cymrischen Staat zu reformieren du hast ja sogar zugegeben, dass er dich um deine Hilfe gebeten hat, die Cymrer zu vereinen und Ashe zum Herrscher zu machen.�</p><p>�Das ist vollkommen unlogisch�, knurrte Rhapsody. �Wenn Llauron der F�dor w�re und Ashe zum K�nig machen wollte, warum w�rde er ihm dann die Brust aufrei�en und ihn um ein Haar t�ten?�</p><p>�Das reicht jetzt!�, fauchte Grunthor. �Sie sp�rt, dass ihr euch streitet, und das regt sie auf.�</p><p>Die beiden anderen starrten ihn verwundert an. Rhapsody fand die Sprache als Erste wieder.</p><p>�Wer denn, Grunthor?�</p><p>�Das Schlafende Kind nat�rlich. Sei jetzt still, Gn�digste. Sie wei�, dass du kommst.�</p><p>Die S�ngerin blickte in das ernste Gesicht ihres riesigen Freundes empor. �In Ordnung, Grunthor. Und vielleicht kannst du mir auf dem Weg in die Kolonie erkl�ren, woher du das wei�t.�</p></section><section><title><p>33</p></title><p>Die Gro�mutter erwartete sie in der Dunkelheit am Ende des Tunnels. Sie musterte Rhapsody von Kopf bis Fu�, und die silbernen Pupillen waren wie schmale ovale Spiegel.</p><p>�Willkommen, Himmelskind�, sagte sie.</p><p>Achmed und Grunthor sahen einander an. Zus�tzlich zu den beiden Stimmen, welche die Dhrakierin eingesetzt hatte, um sich mit ihnen beiden zu verst�ndigen, erklang jetzt noch eine dritte, trocken und heiser wie die von Achmed. Doch diese Stimme gebrauchte Worte.</p><p>�Du kommst sp�t�, f�gte die Gro�mutter vorwurfsvoll hinzu.</p><p>�Es tut mir Leid�, stammelte Rhapsody, best�rzt von dem barschen Ton; sie hatte keine gesprochenen Worte erwartet. �Ich war unterwegs.� Sie starrte die Frau an, und vor lauter Staunen machte sie sich nicht einmal Gedanken dar�ber, ob diese sie wom�glich unh�flich fand.</p><p>In den seltsamen Gesichtsz�gen der Gro�mutter entdeckte sie einige �hnlichkeiten mit Achmed; jetzt endlich konnte sie erkennen, was sein dhrakisches Erbe war, denn bisher war es von den typischen Bolg-Eigenheiten �berdeckt gewesen. Die drei Gef�hrten hatten Achmeds dhrakische Herkunft immer streng geheim gehalten, und au�er zu Oelendra hatte Rhapsody mit niemandem dar�ber gesprochen, nicht einmal mit Jo. Was sie jetzt erblickte, erkl�rte besser als alle Worte, warum es so wichtig gewesen war, das Geheimnis zu bewahren. Die Frau war sehr d�nn, und ihre Haut war fast so durchscheinend, als l�gen die Venen frei. W�hrend diese Eigenschaft bei Achmed auf die meisten Leute eher absto�end wirkte, erschien es Rhapsody bei der Gro�mutter nur wie ein weiteres Zeichen ihrer Sch�nheit, wie eine Radierung oder eine kunstvolle T�towierung. Sie rief sich ins Ged�chtnis, dass sie die Frau nie bei Tageslicht gesehen hatte, aber hier in der Dunkelheit war sie wundersch�n.</p><p>Der Gro�mutter in die Augen zu sehen war etwa so, als blickte man in einem dunklen Zimmer in einen Spiegel. Schwarz wie Tinte, aber reflektierend, so erwiderten sie jetzt Rhapsodys Blick, und die silbernen Pupillen saugten das sp�rliche Licht in sich auf. Dann sah die Frau die beiden Bolg an, und Rhapsody verschlug es fast den Atem. Der Blick der Gro�mutter war fast so hypnotisch wie der von Elynsynos.</p><p>Die scharf geschnittenen Gesichtsz�ge der Gro�mutter erinnerten Rhapsody pl�tzlich an die Tierrassen, welche ebenso vom Wind abstammten wie die Dhrakier die Grillen mit ihrem energischen, kratzigen Zirpen, die Raubv�gel mit ihren anmutig schnellen Bewegungen, die Eulen mit ihrem unerschrockenen Blick, der mitten in der Nacht am sch�rfsten war. Die Gro�mutter nickte knapp, dann drehte sie sich um und ging langsam vor.</p><p>�Kommt.�</p><p>Die drei folgten der einzigen �berlebenden der Kolonie den dunklen Tunnel hinunter und in die Kammer des Schlafenden Kindes.</p><p>Vor den gro�en Eisent�ren der Kammer blieb die Gro�mutter stehen und wandte sich an Rhapsody.</p><p>�Du bist eine Himmelss�ngerin.� Es war eine Feststellung, keine Frage.</p><p>�Ja.�</p><p>Die Gro�mutter nickte. �Zuerst wirst du dem Erdenkind begegnen�, sagte sie mit einer Kopfbewegung zu den mit schweren Eisenb�ndern beschlagenen T�ren. �Dann werde ich dich zum Kreis der Lieder bringen. Dort wirst du die Prophezeiung vorfinden, in voller L�nge. Aber zuerst musst du dich um das M�dchen k�mmern.�</p><p>�Wie soll ich mich um sie k�mmern?�</p><p>Mit ihrer mageren Hand umfasste die Gro�mutter eine der riesigen T�rklinken. ��Der Wind der Sterne wird singen das Mutterlied, das ihrer Seele am vertrautesten klingt��, zitierte sie.</p><p>�Das ist der Teil der Prophezeiung, der sich, glaube ich, auf dich bezieht. Jetzt musst du ihr <emphasis>amelstyk</emphasis> sein. Ich werde bald zu alt daf�r sein.�</p><p>Rhapsody rieb sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger. �Ich verstehe nicht, Ihr seid zu schnell f�r mich.�</p><p>Die blaue Lederhaut in den Augen der Dhrakier-Frau dehnte sich ruckartig. �Nein, du bist zu langsam�, fauchte sie mit rauer Stimme. �Ihr kommt sp�t, ihr alle. Ihr h�ttet schon l�ngst hier sein sollen, damals, als ich noch stark war, ehe die Zeit mich gebrochen hat. Aber das ist nicht geschehen.</p><p>Dennoch habe ich gewartet, habe all die vielen Jahre allein gewartet, all die Jahrhunderte, habe beobachtet, wie die Pendeluhr jede Stunde, jeden Tag, jedes Vor�berziehende Jahr gez�hlt hat. Ich habe darauf gewartet, dass ihr kommt und mich abl�st; jetzt seid ihr hier. Aber selbst jetzt ist es nicht einfach eine Wachabl�sung. Das M�dchen hat zu tr�umen angefangen, es wird von Albtr�umen gequ�lt. Ich kann ihre Gedanken nicht h�ren, ich wei� nicht, was sie peinigt. Nur du kannst sie verstehen, Himmelskind. Nur du kannst sie wieder in friedlichen Schlaf singen. Das stand im Wind geschrieben. So ist es.�</p><p>Die letzten Worte sprach sie mit zitternder Stimme. Rhapsody wurde es eng ums Herz; sie kannte die Angst in diesen Worten, sie begriff, welche Verletzlichkeit sich hinter ihnen verbarg. Die Gro�mutter war mehr als die best�ndige, einsame W�chterin eines wertvollen Werkzeugs, das der F�dor sich ersehnte; sie liebte das Erdenkind wie ihre eigene Tochter. In Oelendras Stimme hatte Rhapsody den gleichen Ton geh�rt, damals, als sie die Laute zerst�rt hatte. Und die gleiche Angst war in den Augen der Lirin-K�mpferin gewesen, als sie ihr Lebewohl gesagt hatte.</p><p>�Ich verstehe�, sagte sie. �Bring mich zu ihr.�</p><p>481</p><p>Die Eisent�ren �ffneten sich mit einem metallischen Seufzen, und die drei Gef�hrten folgten der alten Frau in die dunkle Kammer. Die Gro�mutter rieb einen ihrer Leuchtpilze an der Wand, ein Funke gl�hte auf, und sie machte sich daran, die Lampe �ber dem Katafalk zu entz�nden. Als der Raum nicht mehr v�llig im Dunkeln lag, traten Rhapsody und die beiden M�nner n�her. Das Kind ruhte wie auch bei ihrem ersten Besuch unter einer Decke aus gewobener Spinnenseide, so weich wie Eiderdaunen. Seine glatte graue Haut sah immer noch so kalt aus wie Stein, aber etwas war anders geworden. Das Haar und seine Wurzeln waren gr�n wie Sommergras, nur die Spitzen trocken und struppig, wie einst das ganze Haar gewesen war. Der Sommer hatte Einzug gehalten, und das Kind der Erde f�hlte es; es zeigte es auf die einzige Art, die ihm hier in der dunklen H�hle, weit weg von der Sonnenjahreszeit, zur Verf�gung stand.</p><p>Rhapsody rieb sich die Arme und versuchte, ein pl�tzliches Fr�steln abzuwehren. Langsam ging sie um den Katafalk des Erdenkinds herum und nahm den Anblick in dem ged�mpften Licht der �ber ihm h�ngenden Laterne in sich auf; sonst herrschte allenthalben Dunkelheit. Das Staunen auf ihrem Gesicht r�hrte Grunthors Herz zutiefst.</p><p>Unwillk�rlich dachte Rhapsody an Elynsynos� Worte.</p><p><emphasis>Da die Drachen sich nicht mit Angeh�rigen der Rassen der Drei vermehren konnten, versuchten sie, eine menschen�hnliche Rasse aus den wenigen Bruchst�cken des Lebendigen Gesteins zu erschaffen, die nach dem Bau des Kerkers noch �brig waren. Au�ergew�hnlich und sch�n waren die Kreaturen, die dabei entstanden. Kinder der Erde nannte man sie, und sie hatten menschliche Gestalt, oder zumindest waren sie den Menschen so �hnlich, wie die Drachen es eben fertig brachten. In mancherlei Hinsicht waren sie brillante Gesch�pfe, in anderer abscheulich</emphasis>.</p><p>�Sie ist wundersch�n�, sagte Rhapsody leise.</p><p>Die Gro�mutter nickte. �Auch sie hat eine hohe Meinung von dir.� Behutsam legte sie die Decke wieder �ber das Kind.</p><p>�Deine Schwingung beruhigt sie, die Musik, welche dich umgibt.� Ihr Augen wurden ein klein wenig schmaler, und sie starrte die S�ngerin aufmerksam an. �Sie fragt sich, warum du die Tr�nen zur�ckh�ltst.�</p><p>Rhapsody blinzelte verlegen und versuchte, das Wasser aus ihren Augen zu verscheuchen, wobei sie Achmed einen gequ�lten Blick zuwarf. �Weinen ist in der Gegenwart des Bolg-K�nigs verboten.�</p><p>�Warum trauerst du?�</p><p>�Ich trauere um sie�, antwortete die S�ngerin. �Wer w�rde das nicht tun? Dar�ber, dass dieses M�dchen zum lebendigen Tod verdammt ist, dass sie nie erwachen wird? Dass ein so au�ergew�hnliches und sch�nes Kind niemals ein Leben haben wird? Wer w�rde darum nicht trauern?�</p><p>�Ich w�rde nicht trauern�, erwiderte die Gro�mutter kurz angebunden. �Du irrst dich, wenn du denkst, sie hat kein Leben. Das hier ist ihr Leben, ihr Schicksal, so ist es, so wird es immer sein. Es muss ertragen, es muss geliebt werden, genau wie das Leben als einsame W�chterin ertragen und geliebt werden muss. Genau wie du dein Leben zweifellos manchmal ertr�gst und manchmal liebst. Dass du hier kein Leben erkennst, bedeutet nicht, dass sie keines hat. Das Leben, was immer es sein mag, ist, was es ist.�</p><p><emphasis>�Ryle hira�,</emphasis> fl�sterte Rhapsody. Die Weisheit in dem Lirin-Sprichwort h�llte sie ein wie sanft fallender Schnee. Endlich begann sie die Bedeutung der Worte ganz zu verstehen, die ihr vor so langer Zeit beigebracht worden waren.</p><p>Die Lippen des Erdenkinds bewegten sich lautlos, wie ein Echo der Lirin-Worte. Rasch beugte sich die Gro�mutter �ber das Kind, als wollte sie die leisen Worte erhaschen. Sie wartete, aber es kam nichts mehr, und sie seufzte still.</p><p>�Spricht sie manchmal?�, fragte Grunthor.</p><p>�Bisher nicht�, antwortete die Gro�mutter sanft und fuhr mit der Hand �ber das grasige Haar, Sommergr�n und bleiches Wintergold. �Die letzte Prophezeiung des gr��ten dhrakischen Weisen sagt, dass sie eines Tages sprechen w�rde, aber es ist nie geschehen. Seit uralten Zeiten wei� man, dass Weisheit in der Erde und in den Sternen wohnt. Alles andere, die wogende See, das verg�ngliche Feuer, der fl�chtige Wind, ist zu unbest�ndig, um die von der Zeit gelehrten Lektionen zu bewahren. Nur die Erde birgt die Geheimnisse, die durch die Zeitalter hindurch weitergegeben werden; sie vermittelt das Wissen best�ndig, im Wechsel der Jahreszeiten, in der Zerst�rung und der Wiedergeburt des Feuers. In den Fundgruben der Erde gibt es so viel zu lernen.</p><p>Dies war eine der guten Seiten daran, dass wir uns in die Erde zur�ckgezogen hatten. Obgleich es bedeutete, dass wir nie mehr den Himmel sehen, niemals mehr die Schwingungen im Wind lesen w�rden, war die Erde nicht nur ein Gef�ngnis, sondern auch eine Lehrmeisterin. Die <emphasis>Zhereditck</emphasis> studierten die Lektionen der Erde und lernten ihre Geheimnisse kennen. Und der Wind gab uns zum Abschied eine letzte Botschaft: Die h�chste Weisheit w�rde von den Lippen des Erdenkindes kommen.</p><p>Mein Leben lang habe ich darauf gewartet, was sie uns mitzuteilen hat, wie diese weisen Worte wohl lauten m�gen. All die Jahrhunderte hat sie nichts Verst�ndliches gesagt, hat keine Antwort gegeben, keinen einzigen Hinweis. Aber obwohl sie keine Worte ausspricht, kenne ich dennoch ihr Herz.� Die langen Finger, die z�rtlich �ber die glatte Wange strichen, zitterten ein wenig.</p><p>Sorgenfalten zerfurchten die Stirn der alten Frau, als das Kind wieder zu fl�stern begann; seine Augenlider zuckten unruhig.</p><p>�Jetzt hat ihr Herz erfahren, was Angst ist�, sagte die Gro�mutter. �Nur vermag ich dieser Angst keinen Namen zu geben.�</p><p>�Kannst du ihr nich irgendwie helfen, Gr�fin?�, fragte Grunthor besorgt. Rhapsody schloss die Augen und lie� sich die Frage durch den Kopf gehen. <emphasis>Das Mutterlied, das ihrer Seele am vertrautesten klingt,</emphasis> hie� es in der Prophezeiung. Sie versuchte, im Geiste das Bild ihrer Mutter herbeizurufen, ein Bild, das einst so klar gewesen war wie der Sommerhimmel, sich jedoch kaum mehr heraufbeschw�ren lie�, seit sie das letzte Mal im Traum ihre Stimme geh�rt hatte.</p><p><emphasis>Feuer hat eine gro�e Kraft,</emphasis> hatte ihre Mutter in diesem letzten Traum gesagt. <emphasis>Aber noch gr��er ist die Kraft des erstgeborenen Sternenfeuers. Nutze das Feuer der Sterne, um dich und die Welt von dem Hass zu l�utern, der von uns allen Besitz ergriffen hat. Dann werde ich in Frieden ruhen k�nnen, bis du mich wieder siehst</emphasis>.</p><p>An die Worte konnte sie sich noch erinnern, nicht aber an die Stimme ihrer Mutter. Ein Verlust, der sie schmerzte.</p><p>Rhapsody trat n�her an den Katafalk und beugte sich zum Ohr des M�dchens. Vorsichtig legte sie die Hand auf das grasige Haar und strich die Str�hnen zur�ck, die ihr in die Augen gefallen waren. Die Gro�mutter lie� sie gew�hren und zog die Hand in die Falten ihres Gewands zur�ck.</p><p>�Meine Mutter kannte ein Lied f�r jede Gelegenheit�, sagte sie leise. �Sie war eine Liringlas, und jedem Ereignis war ein besonderes Lied zugeordnet. Ich h�rte sie oft, sie waren f�r mich fast wie die Luft zum Atmen. Aber ich wei� nicht, welches das Mutterlied ist, von dem die Prophezeiung spricht.� Kaum waren die Worte aus ihrem Mund, als ihr etwas einfiel.</p><p>�Wartet�, sagte sie. �Vielleicht wei� ich es doch.</p><p>Unter den Lirin gibt es die Tradition, dass eine Frau, wenn sie entdeckt, dass sie schwanger ist, ein Lied aussucht, das sie dem wachsenden Leben in ihr vorsingt. Es ist das erste Geschenk, das sie dem Kind macht, sein eigenes Lied sozusagen; vielleicht ist das mit �Mutterlied� gemeint. Sie singt es jeden Tag, bei ihren allt�glichen Verrichtungen, in stillen Momenten, wenn sie allein ist, vor jeder Morgenaubade, nach jeder Abendvesper. Es ist das Lied, mit dem das Kind sie kennen lernt, sein erstes Schlaflied, einmalig f�r jedes Kind. Die Lirin leben drau�en, unter den Sternen, und es ist wichtig, dass Kleinkinder sich in gef�hrlichen Situationen still verhalten. Dieses Lied ist ihnen so vertraut, dass es sie sozusagen von Natur aus beruhigt. Vielleicht ist es das, was die Prophezeiung meint.�</p><p>�K�nnte sein�, meinte Achmed. �Erinnerst du dich an deines?�</p><p>Rhapsody schluckte die ver�chtliche Bemerkung hinunter, die ihr auf den Lippen lag in letzter Sekunde rief sie sich in Erinnerung, dass Achmed nie eine Familie gehabt hatte und deshalb nicht verstand, worum es hier ging. �Ja�, antwortete sie. �Und es ist ein Windlied, also w�re es durchaus m�glich, dass sich die Prophezeiung tats�chlich darauf bezieht.� Sie setzte sich auf den Steinsockel neben dem Katafalk, welcher der Gro�mutter als Lager diente, und zog ein Knie unter sich, alles ohne die Hand von der Stirn des Kindes zu nehmen. Dann schloss sie die Augen und sang ein Lied aus einem anderen, l�ngst vergangenen Leben.</p><p><emphasis>Schlafe, mein Kind, mein Kleines, schlaf gut, Dort in der Lichtung, wo der Fluss niemals ruht, Wo der Wind leise wispert und tr�gt fort im Nu All deine Sorgen und den Kummer dazu</emphasis>.</p><p><emphasis>Ruh dich aus, mein S��es, und schlafe recht fest, Dort, wo der Regenpfeifer baut nun sein Nest, Dein Kissen ist S��klee, das Gras deckt dich zu, Der Mond scheint herab, und der Wind weht dazu</emphasis>.</p><p><emphasis>Tr�um, meine Liebe, tr�um wundersch�ne Tr�ume Wenn der Wind streicht sanft �ber B�che und B�ume. Nimm seine Fl�gel, er tr�gt dich ein St�ck, Doch meine Liebe h�lt dich sicher auf Erden zur�ck</emphasis>.</p><p>Als sie geendet hatte, �ffnete Rhapsody die Augen und schaute das Erdenkind an. W�hrend des Liedes war es ruhig geworden, aber sobald Rhapsody schwieg, begann es wieder zu zucken und um sich zu schlagen, ja, es schien sogar, als w�re es noch aufgeregter als zuvor. Rhapsody war best�rzt, aber Grunthor legte ihr sanft seine riesige Pranke auf die Schulter.</p><p>�Mach dir nichts draus, Gr�fin�, sagte er. �Es klang doch gar nich so schlecht.�</p><p>Auch die Gro�mutter war nerv�s, das merkte Achmed an der Elektrizit�t ihrer Schwingungen.</p><p>�Geht das Lied vielleicht noch weiter?�, fragte er Rhapsody, die jetzt versuchte, die Panik des Kindes mit beruhigendem Zureden zu lindern.</p><p>�Meine Mutter hat mir hunderte von Liedern vorgesungen�, antwortete sie und strich mit der Hand �ber den Arm des Kindes. �Ich habe keine Ahnung, auf welches sich die Prophezeiung bezieht.�</p><p>�Dann legst du sie vielleicht falsch aus�, gab Achmed zu bedenken. �Vielleicht ist in der Prophezeiung nicht <emphasis>deine</emphasis> Mutter gemeint, sondern <emphasis>ihre.�</emphasis></p><p>Pl�tzlich wurde Rhapsodys Kopf ein wenig klarer. �Ja, ja, da hast du wahrscheinlich Recht�, sagte sie nerv�s. �Aber wie kann ich ihr eigenes Mutterlied singen? Ich wei� ja nicht einmal, wer ihre Mutter ist.�</p><p>�Sie hatte keine Mutter�, warf die dhrakische Matriarchin ein. �Sie wurde so, wie du sie jetzt vor dir siehst, aus Lebendigem Stein geformt.�</p><p>�Vielleicht hat der Drache sie gemacht?�, schlug Rhapsody vor.</p><p>�Nein�, entgegnete Grunthor ruhig. �Die Erde. Die Erde ist ihre Mutter.�</p><p>Die drei anderen starrten ihn schweigend an. �Nat�rlich�, murmelte Rhapsody nach einer Weile. �Nat�rlich.�</p><p>�Und du kennst das Lied auch, Gr�fin. Hast es immer und immer wieder geh�rt, hast mitgesungen die ganze Zeit, als wir durch die Erde gereist sind. Kannst du es nich jetzt singen?�</p><p>Die S�ngerin schauderte. Nur mit M�he konnte sie sich dazu durchringen, an die Zeit zu denken, die sie an der Wurzel verbracht hatten, an den Albtraum, den sie durchlebt hatten, um aus Serendair zu entfliehen. Doch sie schloss die Augen und versuchte sich auf das Summen zu konzentrieren, sich an das erste Mal zu erinnern, als sie ihm gelauscht hatte, die m�chtige, langsame Vibration in der endlosen H�hle �ber ihnen. Es war ein Lied, so tief wie das Meer, das durch ihr Herz trommelte und dennoch weich war wie fallender Schnee, fast unh�rbar. Es war mehr ein Gef�hl als ein Klang, reich und voller Weisheit, magisch und einmalig auf der Welt. Langsam bewegte die Melodie sich vorw�rts, ver�nderte sich kaum merklich, ohne Eile, ohne das Bed�rfnis, mit irgendetwas Schritt zu halten oder sich an etwas anzupassen. Es war die Stimme der Erde, die aus ihrer Seele sang. Und im Hintergrund erklang stark und stetig das allgegenw�rtige Klopfen des Herzens der Welt, ein Rhythmus, der Rhapsody in Augenblicken der Verzweiflung Kraft gegeben und sie im Dunkel des Erdinnern immer wieder beruhigt hatte. Jetzt hatte sie ihn wieder im Ohr, wie jedes Mal, wenn sie mit dem Kopf auf dem Boden geschlafen hatte. Dann kam die Erkenntnis. Oft hatte sie nicht mit dem Kopf auf dem Boden, sondern auf Grunthors Brust geschlafen. Die beiden Empfindungen �hnelten einander sehr; der Brustkorb des Riesen war breit und kr�ftig, fest wie Basalt, und sein Herzschlag entsprach genau dem Rhythmus des Erdlieds. Es durchstr�mte ihn und tr�stete sie in ihren Albtr�umen. <emphasis>Wei�t du, ich w�rde dir jederzeit deine schlimmsten Tr�ume abnehmen, wenn ich k�nnte, Hoheit,</emphasis> hatte er immer gesagt. Rhapsody streckte die Hand aus und ber�hrte den Sergeanten.</p><p>�Grunthor�, sagte sie. �Hilfst du mir? Wie damals mit den verwundeten Soldaten?�</p><p>Ein leichtes Grinsen brach sich Bahn in seinem verbl�fften Gesicht. �Na klar, Fr�uleinchen�, erwiderte er. �M�chtest du ein paar Strophen von dem alten Bolg-Mutterlied <emphasis>Mamas Krallen</emphasis> h�ren?�</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Ich brauche dich nur f�r den Rhythmus. B�ck dich, damit ich an dein Herz komme.�</p><p>Mit leise quietschender R�stung und raschelndem Mantel tat Grunthor, worum sie ihn gebeten hatte. Behutsam lie� Rhapsody ihre Hand �ber seine Brust gleiten, bis sie seinen Herzschlag sp�ren konnte, das langsame, stetige Pochen, das sie schon ihr ganzes Leben lang zu kennen schien. Es war immer noch dasselbe, vollkommen im Einklang mit dem Rhythmus der Erde. Rhapsody schloss die Augen und machte ihren Geist leer von allem anderen au�er diesem Pochen. Es dr�hnte in ihrem Kopf, vibrierte in ihren Nebenh�hlen und durch ihre Haarwurzeln, prickelte in ihrem Sch�del. Sie holte Luft und sog es noch tiefer in sich ein, f�hlte es ihr R�ckgrat hinunter und in ihre Muskeln flie�en, bis in die Haut. Als es ihre Fingerspitzen erreicht hatte, streckte sie die freie Hand aus und ber�hrte die Brust des Erdenkindes, lie� sie unter das Gewand des Kindes gleiten, bis sie ebenfalls auf seinem Herzen zu liegen kam. Der Rhythmus passte genau, doch im Puls des Kindes war ein Zittern, das Rhapsody Sorgen machte. Sie beugte sich n�her zum Ohr des Kindes, presste die Lippen zusammen und begann zu summen. Sie sp�rte die richtige Tonlage sofort, denn ihr Geist f�llte sich augenblicklich mit musikalischen Bildern dieser mystischen und zugleich schrecklichen Reise: dem tiefen Bass der Bergleute, die sangen, w�hrend sie sich einen Weg durch die Tiefen der Erde bahnten; dem bed�chtigen, melodischen Brodeln von Magma unter der Oberfl�che, unterbrochen von einem gelegentlichen Zischen oder Knallen; mit der s��en, best�ndigen Melodie der Axis Mundi, welche die Erde in der Mitte durchteilte, und der Wurzel, die sich um sie schlang. Es war eine uralte Symphonie aus Erdkl�ngen, wortlos und fast unh�rbar, doch erf�llt von Macht und Ehrfurcht.</p><p>Rhapsody sang das Erdlied, so gut sie konnte, im Takt mit Grunthors stetigem Herzschlag, �nderte den Ton nur wenig und so bed�chtig, wie es der Erde angemessen war. In der N�he h�rte sie Achmed leise ausatmen, und ihr wurde klar, dass es ein Signal war; das Lied zeigte wohl irgendeine Wirkung.</p><p>Unter ihren Fingern wurde der Herzschlag des Kindes fest und h�rte auf zu beben, und an seine Stelle traten die stetigen Gezeiten des regelm��igen Atems. Rhapsody erkannte diesen Zustand; endlich schlief das Erdenkind traumlos, tief und fest. Sie sp�rte, wie dieselbe Ruhe sie �berkam, als w�re sie ebenfalls eingeschlafen, so tief und so fest, dass ihr nicht auffiel, wie Grunthor und die Gro�mutter keuchten und nach Atem rangen. Es war der dumpfe Aufprall, mit dem ihre K�rper auf den sandigen Boden schlugen, der sie schlie�lich wachr�ttelte.</p></section><section><title><p>34</p></title><p>Achmed kniete bereits auf dem Boden und untersuchte die Gro�mutter, als Rhapsody die Augen �ffnete.</p><p>Das M�dchen schlief noch immer; kristallklare Schwei�perlen bedeckten ihre Stirn wie Regentropfen, als h�tte sie gerade ein heftiges Unwetter �berstanden. Doch sie atmete frei und bewegte sich nicht.</p><p>Als Rhapsody sich vergewissert hatte, dass sie sich f�r den Augenblick um das M�dchen keine Sorgen zu machen brauchte, rannte sie hin�ber zu Grunthor, der flach am Boden lag. Sie half ihm, sich aufzusetzen, und untersuchte ihn. Er presste die H�nde an den Kopf.</p><p>�Da kommt etwas�, brummte er. Seine Augen waren glasig, er atmete flach.</p><p>�Was, Grunthor? Was kommt?�</p><p>Der Riese brummte weiter und verlor zusehends die Orientierung. �Es kommt; es hatte innegehalten, aber jetzt ist es wieder unterwegs. Etwas ... etwas kommt.� Rhapsody f�hlte, wie sein riesiges Herz raste, so heftig, dass es ihr Angst machte.</p><p>�Grunthor, komm zur�ck�, fl�sterte sie. Sie sprach seinen wahren Namen, eine seltsame Kombination aus pfeifenden Knurr und Knacklauten, gefolgt von den Benennungen, die sie ihm vor langer Zeit gegeben hatte, als sie durch das Feuer im Zentrum der Erde gegangen waren. <emphasis>Spross des Sandes unter freiem Himmel, Sohn der H�hlen and der finsteren Lande,</emphasis> sang sie leise. <emphasis>Bengard. Firbolg. Sergeant Major. Mein Spie�, mein Besch�tzer. Herr der t�dlichen Waffen. Dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�t</emphasis>. Grunthors Augen kl�rten sich und richteten sich auf sie. �Schon gut, Sch�tzchen�, sagte er benommen und schob unbeholfen ihre Hand weg. �Mir geht�s schon wieder gut. K�mmre dich um die Gro�mutter.�</p><p>�Mit ihr ist alles in Ordnung�, sagte Achmed von der anderen Seite des Katafalks aus. Einen Augenblick sp�ter erhob er sich und half dann der alten Frau beim Aufstehen. �Was ist geschehen?�</p><p>Die Gro�mutter schien wieder fest auf den Beinen zu stehen, behielt die Hand aber am Hals.</p><p>�Gr�ner Tod�, murmelte sie in all ihren drei Stimmen. �Unreiner Tod.�</p><p>�Was bedeutet das, Gro�mutter?�, fragte Rhapsody leise.</p><p>�Ich wei� es nicht. In ihren Tr�umen werden diese Worte st�ndig wiederholt. Auf einmal konnte ich sie h�ren, und nun kann ich die Stimme nicht mehr zum Schweigen bringen.� Die Hand der alten Frau zitterte, und Achmed nahm sie behutsam zwischen seine. �Es war, als h�tte dein Lied sie aus ihren Gedanken geholt und diese auf mich �bertragen.� Die seltsamen Augen der Gro�mutter funkelten nerv�s im Halbdunkel. �Daf�r danke ich dir, Himmelskind. Wenigstens wei� ich jetzt, was das M�dchen qu�lt, auch wenn ich es nicht verstehe. Gr�ner Tod, unreiner Tod.�</p><p>�Sie tr�umt auch von etwas, das kommt�, f�gte Grunthor hinzu. Er nahm das Tuch, das Rhapsody ihm hinhielt, und wischte sich die verschwitzte Stirn trocken.</p><p>�Hast du irgendeine Ahnung, was das sein k�nnte?�, fragte Achmed. Der Riese sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es tut mir so Leid�, wandte sich Rhapsody an beide. �Ich f�rchte, ich bin f�r eure Visionen verantwortlich. Ich habe daran gedacht, wie du gesagt hast, du w�rdest gern meine schlimmsten Albtr�ume auf dich nehmen, Grunthor. Vielleicht habe ich euch beide unabsichtlich dazu verurteilt, dies auch f�r sie zu tun.�</p><p>�Wenn du es getan hast, dann nur, weil wir beide dazu bereit waren�, sagte die Gro�mutter. Sie beugte sich vor, k�sste das Schlafende Kind und wischte dem M�dchen die Feuchtigkeit von der Stirn. �Jetzt schl�ft sie wieder friedlich, wenigstens im Augenblick.� Mit einer letzten Liebkosung richtete sich die Gro�mutter wieder zu ihrer vollen Gr��e auf.</p><p>�Kommt.�</p><p>Auch Rhapsody beugte sich hinab und k�sste die Stirn des Schlafenden Kindes. �Deine Mutter Erde hat so viele sch�ne Kleider�, fl�sterte sie in das steingraue Ohr. �Ich werde versuchen, ein Lied f�r dich zu schreiben, dass auch du sie sehen kannst.�</p><p>Die Inschrift auf dem Bogen �ber der Kammer des Schlafenden Kindes leuchtete, als das Fackellicht �ber sie hinweghuschte. Ru� und br�ckliger Schutt hatten die Kerben im Lauf der Jahrhunderte allm�hlich aufgef�llt.</p><p>�Wie lautet diese Inschrift?�, fragte Rhapsody.</p><p>Die Gro�mutter steckte die H�nde in die �rmel ihres Gewandes. ��Lass das, was in der Erde schl�ft, ruhen; sein Erwachen k�ndet von ewiger Nacht��, antwortete sie. Rhapsody wandte sich an Achmed. �Was denkst du, worauf sich dieser Satz bezieht?�</p><p>Seine ungleichen Augen verdunkelten sich im D�mmerlicht des Felsengangs. �Ich denke, das hast du selbst schon gesehen.�</p><p>Sie nickte. �Ja. Ich glaube, du hast Recht, aber nur teilweise.�</p><p>�Erkl�r uns das.�</p><p>�Offenbar taucht in mehr als einem Mythos eine Gestalt auf, die man als Schlafendes Kind bezeichnet�, sagte sie. �Im serenischen Sagenschatz gab es den Stern, der unter den Wellen vor der K�ste von Serendair schlief. Ich glaube, wir wissen, wie treffend die Prophezeiung die Folgen seines Erwachens vorausgesagt hat. Dann gab es noch� sie zuckte unter Achmeds durchdringendem Blick zusammen �dann gab es noch das, was wir auf unserer Reise hierher gesehen haben, das, was die Drachen das Schlafende Kind nennen. Wenn dieses erwacht, h�tte das noch weiter reichende Folgen.</p><p>Und nun haben wir das Erdenkind, das hier in dieser Kammer schl�ft. Mir scheint, dass die Prophezeiung der Dhrakier, wenn es sich bei dieser Inschrift denn darum handelt, vor folgenschweren Katastrophen warnt, falls das Kind erwachen sollte.� Rhapsody starrte in die nun wieder ganz dunkle Kammer.</p><p>�Wenn wir sie von ihren Albtr�umen befreien, k�nnen wir vielleicht daf�r sorgen, dass sie weiterschl�ft�, meinte Achmed.</p><p>Doch die Gro�mutter wandte sich unvermittelt um und trat in den Schatten des Ganges, der zu der riesigen zylinderf�rmigen H�hle f�hrte, und ihre Worte hallten in dem hohlen Korridor wider.</p><p>�Kommt.�</p><p>Das gigantische Pendel schwang durch die H�hle und kreuzte bei jedem Schwung den Kreis auf der Steinplatte. In der Dunkelheit sah Rhapsody das Gewicht am Ende der Spinnenseide glitzern.</p><p>�Was ist das f�r ein Gewicht, das an dem Pendel h�ngt?�, fragte sie, und ihre Stimme klang schwer im sandigen, toten Wind.</p><p>�Das ist ein Diamant aus Lorthlagh, dem Land jenseits des Riffs, dem Geburtsort unserer Rasse�, antwortete die Gro�mutter. Ihr schwerer Umhang bewegte sich in der abgestandenen Luft. �Er ist ein Gef�ngnis; in ihm wird ein D�monengeist gefangen gehalten, aus dem Kampf, in dem das Schlafende Kind verwundet wurde. Wenn man es richtig anstellt, kann ein sehr reiner und gro�er Diamant einen D�mon festhalten, wenn auch nicht so gut wie Lebendiger Stein. Allerdings m�ssen es spezielle Diamanten sein, die man nur an Orten findet, wo Sternst�cke auf die Erde gefallen sind und �therische Kristalle hinterlassen haben. Diese Kristalle stammen aus einer Zeit vor der Entstehung der Erde, ehe das Feuer geboren wurde sie sind �lter als alle anderen Elemente mit Ausnahme des �thers. Ihre Macht ist gr��er als die des F�dor.�</p><p>Wie als d�stere Antwort blitzte das Gewicht des Pendels auf. Ein roter Blitz huschte �ber die H�hlenw�nde und verschwand wieder.</p><p>�Der Reinheitsdiamant, von dem Oelendra dir erz�hlt hat, muss ein ebensolcher Kristall gewesen sein�, meinte Achmed. �Klingt so, als w�re er gro� genug, um sogar den st�rksten D�monengeist gefangen zu halten.�</p><p>�Kein Wunder, dass der F�dor ihn zerst�rt haben wollte�, bemerkte Grunthor.</p><p>�Warum h�ngt man so einen wertvollen und potenziell gef�hrlichen Gegenstand �ber einen endlosen Abgrund?�, fragte Rhapsody und starrte in die kreisf�rmige Kluft, welche die flache Formation in der Mitte umgab. �Wird das Risiko nicht gr��er, dass der Diamant verloren ist, wenn das Seil rei�t?�</p><p>Die Schwingung der Gro�mutter wurde intensiver, und die drei Freunde sp�rten ein Jucken auf der Haut.</p><p>�Was ihr vor euch seht, ist die Macht der Winde�, erwiderte sie. �Um dieses Felspodest sind sie geknotet, alle vier, die oben wehen deshalb wurde hier auch das Bannen gelehrt. An diesem Ort sind sie verankert und sorgen daf�r, dass das Pendel im Rhythmus der Erdumdrehung schwingt, sodass der Diamant sicherer ist als irgendwo sonst in den Bergen.�</p><p>Wieder wandte sie sich an Achmed. �Wenn du das Ritual lernst, werden diese Winde deine Lehrer sein.� Damit deutete sie auf die bauf�llige Br�cke, die den Abgrund �berspannte.</p><p>�Folgt mir zum Kreis der Lieder, dann zeige ich euch, was �ber euch geschrieben steht. Euer Schicksal. Wenn ihr es leugnen wollt, dann solltet ihr euch besser gleich in die Tiefe st�rzen.�</p><p>Die Matriarchin ignorierte den Blick, den die drei austauschten, als sie auf die Br�cke trat, dem b�igen Wind trotzend.</p><p>�Warum nennt man diese Stelle den Kreis der Lieder?�</p><p>Vorsichtig ging Rhapsody um das im Boden eingelassene Muster herum und achtete dabei darauf, dass sie nicht in die Bahn des Pendels geriet. Zwar erkannte sie die Symbole der vier Winde, aber keine der sonstigen Inschriften, obwohl ihr klar war, dass sie teilweise eine alte Uhr darstellen sollten.</p><p>Schweigend starrte die Gro�mutter hinauf in die Stille der endlosen H�hle, als schaute sie in die Vergangenheit. Eine ganze Weile lie� sie die Frage der S�ngerin schwer in der staubigen Luft h�ngen, w�hrend ihre schwarzen Augen die uralten G�nge absuchten, die jetzt nichts weiter waren als leere L�cher in dem, was einst das Herz einer gro�en Zivilisation gewesen war. Endlich hob sie an zu sprechen.</p><p>�Die Lirin sind die Nachfahren der Kith und der Seren, Kinder des Winds und der Sterne. Die Dhrakier sind nur vom Wind gezeugt; wir <emphasis>Zhereditck</emphasis> stammen direkt von den Kith ab, doch wegen unserer Gewissenhaftigkeit und unseres Durchhalteverm�gens wurden wir dazu erkoren, die Oberwelt zu verlassen und in der Erde zu leben, um die F�dor f�r alle Zeiten zu bewachen. Erst als dieser Kerker aufgebrochen wurde, kamen wir wieder in die Oberwelt und schl�ssen uns der gro�en Jagd an, um jene D�monen, die entflohen waren, zu finden und zu zerst�ren. Doch unsere Wurzeln waren im Wind, nicht in der Erde.�</p><p>Endlich riss die alte Frau ihren Blick von dem weit �ber ihr aufragenden Bauwerk los und konzentrierte ihn stattdessen auf die alte Steinbr�cke, die ihren Standort mit dem Rest der Kolonie verband.</p><p>�Wir h�rten die Schwingungen in der Musik des Windes, genau wie dein Volk. Aber wir reagieren noch empf�nglicher auf solche Botschaften als du, Himmelskind. Es war das gr��te Opfer, das wir gebracht haben uns vom Wind zu trennen, um unter die Erde zu gehen. Einige, die wie ich sp�ter geboren sind, haben ihn nie gekannt, ihn nie auf ihrer Haut gesp�rt, frei von den Fesseln der Erde, die uns umgibt. Diese Trennung hat von uns einen hohen Preis gefordert; sie verweigerte uns die Gegenwart, die F�higkeit festzustellen, was auf der Welt vor sich ging, im Leben um und �ber uns. Wir lebten in Dunkelheit, ohne Wissen au�er einem.</p><p>Genau wie ein Mitglied der Kolonie von Geburt an dazu erzogen wurde, Matriarchin zu werden, so wurde auch ein Zephyr auserw�hlt, unser Prophet. Im Allgemeinen wurden die Kandidaten aufgrund der Empfindsamkeit ihrer Hautnetze ausgew�hlt und aufgrund ihrer F�higkeit, den Wind zu schmecken, seine Schwingungen aufzunehmen und seine verborgene Weisheit zu verstehen. Denn der Wind ist zwar ein fl�chtiger Bewahrer des Wissens, aber dennoch ein vielf�ltiger, und man kann viel lernen, wenn man ihm zuh�rt. Hast du den Wind sprechen geh�rt, Himmelskind? Hast du seinem Singen gelauscht?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody. �Und dem von Erde und Meer ebenfalls. Auch das Lied des Feuers habe ich vernommen, Gro�mutter, und obgleich Ihr vorhin meintet, dass die Sterne ihr Wissen nicht preisgeben, kann ich Euch versichern, dass sie singen; sie teilen ihre Weisheit denjenigen mit, die ihre Bahn am Himmel beobachten. So lautete der Glaube des Volks meiner Mutter es ist der Grund, aus dem die Liringlas beim Aufgang der Sonne und der Sterne ihre Gebete singen.�</p><p>�Und all diese Schwingungen, ganz gleich, welchem uralten Wissen sie entstammen, werden vom Wind davongetragen�, sagte die Gro�mutter. �Der Zephyr konnte sie h�ren, sogar unter der Erde, hier im Kreis der Lieder. Hoch oben gibt es eine hohle Struktur, die einem der Berggipfel �hnelt, durch die der Wind in die Erde hinuntergreift, hierher. Er tanzt um diesen flachen Felsvorsprung und bildet einen Luftkorridor, der zuf�llige Schwingungen von der Oberwelt mit sich bringt. Der Wind singt; sein heiliges Lied war der Lobgesang der Br�der. Wenn der Zephyr das Lied h�rte, �berbrachte er die Neuigkeiten, die er erfuhr, dem Rest der Kolonie. So konnten die <emphasis>Zhereditck</emphasis> den Kontakt zur Oberwelt weiterhin aufrechterhalten, obgleich sie nicht mehr Teil von ihr waren.</p><p>Aus diesen Schwingungszeichen erwarb der Zephyr nicht nur Wissen �ber das, was oben geschah, manchmal konnte er oder sie auch erkennen, was die Zukunft bringen w�rde. Doch solche Prophezeiungen waren �u�erst selten genau genommen kenne ich nur eine einzige. Ihr steht jetzt auf ihr.�</p><p>Die drei blickten auf die Worte, die das in den Steinboden eingelegte Muster umgaben. Achmed b�ckte sich und ber�hrte nachdenklich die Buchstaben.</p><p>�Der Wind, der diese Prophezeiung brachte, war hei� und heftig, und er kam von der anderen Seite der Welt�, fuhr die Gro�mutter fort. �Er trug Tod auf seinen Schwingen, Tod und Hoffnung. Das geschah vor vielen Jahrhunderten, nur eine kurze Zeit bevor die Erbauer kamen.�</p><p>Achmed fing Rhapsodys Blick auf und sah in ihren Augen den gleichen Gedanken, der auch ihm in den Sinn gekommen war. Bei der Erinnerung an den letzten Sklaven des Meisters zuckte er zusammen, den einen verbliebenen Shing, der ihm aus Serendair gefolgt war. Der einzige �berlebende von Tsoltans Tausend Augen hatte sehr leise gesprochen, ehe er verschwunden war.</p><p><emphasis>Wo sind die anderen Augen?,</emphasis> hatte Rhapsody gefragt. <emphasis>Wo ist der Rest eurer Tausendschaft?</emphasis></p><p><emphasis>Verschwunden,</emphasis> hatte der sterbende Shing geantwortet, <emphasis>vergl�ht in der Hitze des Schlafenden Kindes und in alle Winde verstreut. Ich allein bin zur�ckgeblieben, habe den weiten Ozean �berquert, um ihn zu suchen. Das ist mir gegl�ckt</emphasis>.</p><p>In der Hitze des Schlafenden Kindes. Der Wind, der von der Zerst�rung ihrer Inselheimat gesprochen hatte.</p><p>Der Wind, der ihr Kommen vorhergesagt hatte.</p><p>�Wie lautete die Prophezeiung?�, fragte Grunthor.</p><p>�Kannst du sie lesen?�, wandte sich die Gro�mutter an Achmed. �Irgendetwas davon?�</p><p>Achmed sch�ttelte verneinend den Kopf. �Dann m�ssen wir dich nicht nur im Bannritual unterweisen, sondern auch in der Sprache.� Nun b�ckte auch sie sich und ber�hrte die Buchstaben.</p><p><emphasis>Im Innern des Kreises der Vier wird stehen ein Kreis der</emphasis></p><p><emphasis>Drei</emphasis></p><p><emphasis>Kinder des Windes sie alle, und doch sind sie�s nicht, Der J�ger, der N�hrer, der Heiler</emphasis>. </p><p><emphasis>Furcht f�hrt sie zueinander, Liebe h�lt sie zusammen, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind</emphasis>.</p><p><emphasis>H�re, o W�chter, und besehe dein Schicksal: Der, welcher jagt, wird auch besch�tzen, Der, welcher n�hrt, wird auch verlassen, Der, welcher heilt, wird auch t�ten, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind</emphasis>.</p><p><emphasis>H�re, o Letzter, auf den Wind:</emphasis></p><p><emphasis>Der Wind der Vergangenheit wird sie geleiten nach Haus</emphasis></p><p><emphasis>Der Wind der Erde wird sie tragen in die Sicherheit</emphasis></p><p><emphasis>Der Wind der Sterne wird ihr singen das Mutterlied,</emphasis></p><p><emphasis>das ihrer Seele am vertrautesten klingt,</emphasis></p><p><emphasis>Um das Kind vor dem Wind zu verbergen</emphasis>.</p><p><emphasis>Von den Lippen des Schlafenden Kindes werden kommen</emphasis></p><p><emphasis>Worte von h�chster Weisheit: H�te dich vor dem Schlafwandler, Denn Blut wird das Mittel sein, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind</emphasis>.</p><p>�Blut wird das Mittel sein�, murmelte Rhapsody. �Mir gef�llt das nicht. Wird hier am Ende ein Krieg vorhergesagt?�</p><p>�Nicht unbedingt�, entgegnete Achmed. �Obgleich ich denke, er wird unvermeidlich sein.�</p><p>�Wunderbar.�</p><p>�Was erwartest du, Rhapsody? Du kennst die Geschichte. Das Einzige, wonach der F�dor strebt, ist Zwietracht, Zerst�rung, Chaos. Wo ist das besser zu finden als in einem Krieg?�</p><p>�Wenn wir ein wenig vom Blut des F�dor h�tten, k�nntest du ihn dann aufsp�ren, Achmed? Wie du es auch in der Alten Welt gemacht hast? Das Blut des F�dor ist alt, m�glicherweise bist du noch imstande, ihm deinen Herzschlag anzupassen.�</p><p>Die Augen des Bolg-K�nigs wurden st�hlern. �Wenn ich Blut von ihm h�tte, w�rde ich ihn nicht aufsp�ren m�ssen�, knurrte er. �Dann w�ssten wir n�mlich, wer sein Wirt ist, da wir das Blut ja von ihm bekommen h�tten.�</p><p>�K�nnen wir es nicht dem Rakshas abnehmen?�, fragte Rhapsody. �Er wurde doch aus dem Blut des D�mons erschaffen.�</p><p>�Vermischt mit mehreren anderen, Blut von einem Wolf und auch von den Kindern, wenn ich mich nich irre�, mischte sich Grunthor ein und unterband damit eine weitere ungeduldige Bemerkung von Achmed. �Es m�sste aber rein sein, Gn�digste, damit wir den Richtigen finden k�nnen.�</p><p>Wieder blickte Achmed nach oben, hinauf in die leere H�hle, die einst das Herz der Kolonie gewesen war, das Zentrum einer gro�en Zivilisation.</p><p>�H�r auf meine Worte, Rhapsody: Wenn wir herausfinden, wer der Wirt des D�mons ist, wird mehr Blut vergossen und in der Erde versickert sein, als du dir vorstellen kannst. Und wenn wir es nicht bald herausfinden, dann wird seine Flut die Ozeane f�llen.�</p><p>Unruhig tr�umte Prudence in der Dunkelheit. Nachdem sie viele Stunden �ber das raue Land der Krevensfelder gereist waren, hatten sich die Stra�enverh�ltnisse nun endlich ein wenig gebessert, und sie war in einen leichten Schlummer gefallen, den Kopf an die gepolsterte R�ckenlehne ihres Sitzes gelehnt. Wahrscheinlich rettete sie nur diese St�tze vor einer Verletzung, als die Kutsche gegen ein Hindernis auf der Stra�e prallte und heftig von einer Seite auf die andere schwankte. Gerade als die Kutsche sich wieder einigerma�en aufgerichtet hatte, passierte es ein zweites Mal ein heftiger Sto�, ein Aufprall, die Kutsche wackelte und rollte langsam aus.</p><p>Voll Schrecken setzte Prudence sich auf; ihr Herz pochte wild. In der Nacht zuvor war Neumond gewesen, und so drang kein Licht durch den schweren Vorhang am Kutschenfenster. Prudence spitzte die Ohren, ob die kleine Jalousie zur�ckgezogen w�rde, aber nichts dergleichen geschah. Nur Stille, weiter nichts.</p><p>Eine Ewigkeit schien ihr vergangen zu sein, als die Wagent�r sich �ffnete.</p><p>�Alles in Ordnung bei Euch da drin, Fr�ulein?�</p><p>�Ja�, antwortete sie, viel lauter als beabsichtigt. �Was ist passiert?�</p><p>�Da lag etwas auf der Stra�e, und wir sind dagegen gefahren. Wartet, ich helfe Euch beim Aussteigen.�</p><p>Unsicher erhob sich Prudence und ergriff die Hand der Wache. Aus der Kutsche trat sie hinaus in die Dunkelheit, Pechschwarz und undurchdringlich in der schw�len Sommerluft. Sie dr�ckte die Hand des Mannes, damit ihre eigene nicht mehr so zitterte.</p><p>�Was ist hier los?�</p><p>�Ich sehe mal nach�, versprach der Mann leise und wollte ihre Hand loslassen. Doch sie dr�ckte seine umso fester. �Nein�, stie� sie hervor. Obwohl der Mann direkt neben ihr stand, konnte sie ihn nicht richtig sehen, und sie hatte Angst, ohne seine N�he in der sternlosen schwarzen Leere endg�ltig verloren zu sein. �Nein, bitte nicht.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht, Fr�ulein, aber ich muss wirklich nachsehen.�</p><p>Prudence versuchte tief durchzuatmen, doch es gelang ihr nicht. �Nun gut�, entgegnete sie schlie�lich. �Dann gehe ich eben mit Euch.�</p><p>Der Mann dr�ckte beruhigend ihre Hand und f�hrte sie langsam �ber die steinige Stra�e zur R�ckseite der Kutsche. Mit der freien Hand st�tzte Prudence sich zur Sicherheit an der Karosserie ab; am Rad hielt sie kurz inne. Unter den h�lzernen Speichen, dort, wo die R�der den Boden ber�hrten, hatte sich dunkles Regenwasser gesammelt, sodass der Boden hier ganz schlammig war. Vorsichtig �berquerte sie die Pf�tze und ging weiter, w�hrend ihr verschlafener Kopf sich daran zu erinnern versuchte, ob der Regen eingesetzt hatte, bevor oder nachdem sie einged�st war. Doch als ihre Augen endlich klarer sahen, stockte ihr der Atem.</p><p>Auf der Stra�e hinter der Kutsche lag ein Haufen zerfetzter Kleider, der einmal der K�rper eines Mannes gewesen war. Nicht weit dahinter erkannte sie ein �hnliches B�ndel. Einen Aufschrei unterdr�ckend, packte Prudence die Hand des Wachmanns. Sie blickte auf ihre Schuhe herab, die dick mit Schlamm verschmiert waren und nun schrie sie doch, denn ihr wurde schlagartig klar, dass der Morast, durch den sie gegangen war, keine Pf�tze war, sondern das mit Erde vermengte Blut der Leichen. Sie stolperte nach vorn, stie� mit der Wache zusammen, konnte aber die Augen nicht von dem entsetzlichen Anblick abwenden.</p><p>�Du lieber Allgott�, wisperte sie. �Wer ist das? Woher kommt er?�</p><p>Der Mann hinter ihr lie� ihre Hand los und umfasste beschwichtigend ihre Oberarme.</p><p>�Ich glaube, das ist Euer Kutscher, er ist vom Kutschbock gefallen.�</p><p>Die Worte hallten in Prudences Ohren nach und ergaben keinen Sinn. Von fern nahm sie eine K�lte in ihren Gliedern wahr, als das Blut aus ihnen wich und zu ihrem wie rasend klopfenden Herzen floss. Sie betrachtete die zweite Leiche, an deren zerknittertem Umhang notd�rftig das silberne Symbol von Tristans Elitetruppe zu erkennen war.</p><p>Es war ihre Wache!</p><p>Die Zeit blieb stehen, und Prudence hielt krampfhaft die Luft an. Entschlossene Ruhe k�mpfte mit ihrer Angst und gewann schlie�lich die Oberhand; so stand sie stocksteif in den Armen des Mannes, den sie f�r einen von Tristans Soldaten gehalten hatte. Einen Augenblick sp�ter lachte der Mann leise, dann legte er seine warmen Lippen dicht an ihr Ohr.</p><p>�Wenn es Euch gut tut, dann kann ich Euch versichern, dass sie schon tot waren, ehe sie den Boden ber�hrten, und ganz bestimmt, ehe sie �berrollt wurden. Sie haben nichts davon gesp�rt.�</p><p>Wieder f�hlte Prudence die Panik in sich aufsteigen; sie wollte fliehen, aber der Mann hielt sie nur noch fester. Langsam drehte er sie um, sodass sie vor ihm stand, und sie merkte, dass sie in die Dunkelheit einer Kapuze starrte, grau und schwarz, fast unsichtbar vor dem n�chtlichen Hintergrund.</p><p>Der Mann sagte nichts. In der Kapuze meinte Prudence das Funkeln blauer Augen zu erkennen, die mit einem beinahe besorgten Ausdruck auf sie herabblickten, doch dann wurde ihr klar, dass es nur die Reflexion ihrer eigenen Angsttr�nen war.</p><p>�Bitte�, fl�sterte sie. �Bitte.�</p><p>Nun lie� der Mann ihre rechte Schulter los und fuhr mit den Fingern sanft durch ihr Haar.</p><p>�Nun weine doch nicht, Rotsch�pfchen�, sagte er, in fast wehm�tigem Ton. �Es w�re doch schade, so ein h�bsches Gesicht mit Tr�nen zu verschandeln.�</p><p>Auf einmal wurde ihr schwarz vor Augen. <emphasis>Rotsch�pfchen</emphasis>. Hohl hallte das Wort in ihrem Ged�chtnis wider, ein Name aus uralter Vergangenheit.</p><p>�Bitte�, fl�sterte sie wieder. �Ich gebe Euch alles, was Ihr wollt.�</p><p>�Ja, ja, das wirst du�, erwiderte er tr�stend. Ein letztes Mal strich seine Hand �ber ihr Haar, glitt dann zu ihrer Wange und liebkoste sie mit den Fingern. �Mehr als du denkst, Rotsch�pfchen. Du wirst der Anfang sein, der Anfang von allem. Du wirst mir Tristan geben. Und Tristan wird mir alles geben, was ich will, so oder so.�</p><p>Ihr Magen b�umte sich auf. �Wer seid Ihr?�, stammelte sie. �Ich ... ich bin nur eine Dienerin. Ein Nichts in seinen Augen. Lasst mich gehen. Bitte. <emphasis>Bitte.�</emphasis></p><p>Wieder war seine Hand in ihrem Haar und spielte sanft mit ihren Locken. Doch sein Griff war fest, und Prudence wusste, dass sie ihm nicht gewachsen war. Einen Augenblick schwieg der Mann in der Kapuze. Als er schlie�lich sprach, war seine Stimme voller Trauer.</p><p>�Die Zeit ist so knapp; du solltest sie nicht damit besudeln, dass du etwas abstreitest, was so offensichtlich ist wie seine Liebe zu dir, Prudence. Schon seit der Kindheit ist das sonnenklar. Auch wenn er ein selbsts�chtiger Geck ist, der seine Chance auf den Thron niemals dadurch aufs Spiel setzen w�rde, dass er dich heiratet.�</p><p>Nun verschwand der sanfte Ton, und etwas anderes trat an seine Stelle. �Ich bin niedergeschmettert, dass du das nicht mehr wei�t, Rotsch�pfchen. Ich erinnere mich noch sehr gut an dich. Zwar habe ich mich ziemlich stark ver�ndert, aber das trifft auf dich durchaus auch zu.�</p><p>Als die Erinnerung an ihren Spitznamen zur�ckkehrte, wurde ihre Wahrnehmung f�r einen Atemzug kristallklar, ehe sie von neuem verschwamm. �Das kann nicht sein�, brachte sie m�hsam hervor. �Du bist tot. Seit Jahren schon. So lange hat Tristan um dich getrauert. Unm�glich.�</p><p>�Nun, da hast du nicht ganz Unrecht�, meinte er scherzhaft. �Jedenfalls bin ich nicht richtig lebendig.�</p><p>Das kupferrote Haar schimmerte in der Dunkelheit. Er sah immer noch so aus wie vor all den Jahren, als er mit Tristan und seinem Cousin Stephen von Navarne lachend und wild umhergezogen war. Stephens bester Freund. Der Sohn des F�rbitters wie hie� er doch gleich?</p><p><emphasis>Rotsch�pfchen,</emphasis> so hatte er sie damals genannt. Hatte sie an den Locken gezupft und sich gefreut, dass sie beide rothaarig waren. Ihm war der Klassenunterschied zwischen ihnen auf eine Weise gleichg�ltig gewesen, wie es bei Tristan nie der Fall gewesen war. <emphasis>Netter Kerl,</emphasis> hatte sie damals zu Tristan gesagt, <emphasis>aber wenn er sich unbeobachtet glaubt, sieht er traurig aus, melancholisch</emphasis>. Endlich, scheinbar nach einer Ewigkeit, kam ihr der Name wieder in den Sinn.</p><p>�Gwydion. Gwydion, bitte komm mit mir nach Bethania zur�ck. Tristan wird dir ...�</p><p>�Tu das nicht�, unterbrach er sie sanft. �Das ist vergebliche Liebesm�h, Prudence, Ich habe ganz andere Pl�ne f�r dich.� In dem ansonsten passiven Gesicht glitzerten die Augen in nackter Erregung. Von fern war sich Prudence der Tr�nen bewusst, die ihr �ber die Wangen liefen, aber sie strengte sich an, mit ruhiger Stimme zu sprechen.</p><p>�In Ordnung�, sagte sie und setzte alles daran, sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen.</p><p>�Nun gut. Aber nicht so, Gwydion. Lass mir einen Augenblick Zeit, um mich zu sammeln, und ich verspreche dir, das Warten wird sich f�r dich lohnen. Ich habe viel Erfahrung darin, wie man einen Mann zufrieden stellt. Aber bitte nicht hier. Ich schw�re dir ...�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich�, entgegnete er mit am�sierter Stimme. �Bei aller Hochachtung f�r deine Reize etwas Derartiges habe ich nicht im Sinn. Momentan bin ich nicht ich selbst, Prudence. Auf diese Art nehme ich eine Frau nur, wenn sie einem anderen Zweck dient, als ich f�r dich beabsichtige. Und es ist ohnehin nicht meine Aufgabe; ich habe keinen freien Willen, ich befolge nur Befehle.�</p><p>Inzwischen hatte Prudence v�llig die Kontrolle �ber ihren K�rper verloren. Benommenheit breitete sich in ihr aus.</p><p>�Was willst du denn mit mir machen?�</p><p>Wieder lachte der Mann im Kapuzenumhang, dann zog sie an sich und legte wieder seine Lippen an ihr Ohr.</p><p>�Nun, Prudence, ich werde dich nat�rlich essen, ich werd mir dich auf der Zunge zergehen lassen. Dann trage ich deinen Kadaver nach Ylorc zur�ck und werfe ihn in den Gro�en Gerichtshof. Und wenn du mir keinen �rger machst, dann werde ich unserer alten Freundschaft zuliebe daf�r sorgen, dass du tot bist, ehe ich anfange.�</p></section><section><title><p>35</p></title><p>Herzog Stephen Navarne nickte dem Hauptmann seiner Wache zu und stieg dann aus der Kutsche. Der Kutscher schloss die T�r hinter ihm und verbeugte sich dabei ehrerbietig vor Philabet Griswold, dem Segner von Avonderre-Navarne. Automatisch verzog sich dessen Gesicht zu dem wohlwollenden L�cheln, das er allen Gl�ubigen gew�hrte, nahm aber, als der Soldat sich abwandte, sofort wieder den grimmigen Ausdruck an, den er davor gehabt hatte. Die beiden hohen Herren tauschten einen kurzen Blick und stiegen dann die Palasttreppe empor, die zu den Amtsr�umen von Tristan Steward f�hrte.</p><p>Der Brief seines Cousins war kurz und knapp gewesen, und w�hrend Stephen die Stufen emporstieg, dachte er noch einmal �ber die Worte nach. <emphasis>Der Nichtangriffspakt mit den Bolg wurde gebrochen, und dieser bedauerliche Zwischenfall f�hrte dazu, dass drei bethanische B�rger zwei davon Soldaten der k�niglichen Wache grausam und ohne jede Rechtfertigung exekutiert wurden,</emphasis> lautete der Text. <emphasis>Daher erkl�re ich den Friedensvertrag f�r null und nichtig</emphasis>. Einfache Worte, die den Tod des Kontinents voraussagten. Als Stephen den weitl�ufigen Hof erreichte, zu dem die Treppe f�hrte, wandte er sich um. Von diesem Platz aus, der abgesehen von den T�rmen und Baikonen des Palasts zu den h�chsten Bethanias geh�rte, konnte man einen gro�en Teil der Stadt �berblicken. Innerhalb der wei�en Steinringe der kreisf�rmigen Feuerbasilika, gleich neben dem Palast, entdeckte er einige Kleriker, die sich scheinbar aus Angst vor dem L�rm der gro�en Musterung zusammenkauerten, welche heute in den Mauern Bethanias stattfand. Schon als er gemeinsam mit dem Seligpreiser aus Navarne eingetroffen war, hatte er Anzeichen einer Musterung gesehen, und es hatte ihn tief beunruhigt, dass Tristan in so kurzer Zeit eine so gro�e Streitmacht zusammenrufen konnte. Die Luft im unteren Hof hatte vor Spannung regelrecht geknistert, w�hrend Befehle geschrieen wurden und in der Schmiede die H�mmer auf die Ambosse krachten. Soldaten str�mten durch die Stra�en, aber es waren keine Stadtbewohner zu sehen.</p><p>�Ach du lieber Allgott�, murmelte er, w�hrend er beobachtete, mit welcher Hingabe der F�rst von Roland sich auf den Krieg vorbereitete.</p><p><emphasis>�Rine mirtinex�,</emphasis> intonierte der Seligpreiser zustimmend, denn das war die heilige Antwort auf Altcymrisch. �Lasst uns reingehen, ehe er halb �ber den Kontinent marschiert ist.�</p><p>�Verweilt einen Augenblick, Euer Gnaden�, sagte Herzog Stephen und beschirmte die Augen mit der Hand, damit ihn die Morgensonne nicht so blendete. Auf einer der Stra�en, die an die Feuerbasilika grenzten, umringte jetzt ein Schw�rm Soldaten eine Kutsche, anscheinend der Wagen eines hohen Kirchenmanns. Die Wachen, welche die Kutsche begleiteten, protestierten gegen die Kontrollen, und das lauter werdende Stimmengewirr wurde zusehends h�sslicher.</p><p>Das die Kutsche begleitende Gefolge trug keine orlandische R�stung, sondern die purpurrote und braune Uniform Sorbolds. Auf den vielen kleinen, zu einem kunstvollen Netzwerk verarbeiteten Metallschuppen der R�stung, die sie vor der Hitze in ihrer trockenen Bergheimat sch�tzen sollte, schimmerte das Sonnenlicht. Die Sorbolder waren ein h�rteres Klima und eine h�rtere Mentalit�t gewohnt; bei diesem Disput waren sie zahlenm��ig j�mmerlich unterlegen, aber das schien sie nicht im Mindesten einzusch�chtern.</p><p>�Das muss Mousa sein�, meinte Griswold ver�chtlich. Nielash Mousa war der Segner von Sorbold und Griswolds gr��ter Rivale. Lange hatte man angenommen, dass einer der beiden M�nner vom Sch�pfer zum Nachfolger des Patriarchen berufen werden w�rde, wenn dieser starb. Stephen schwieg, trat aber n�her an den Rand der Treppe. Auch seine eigene Wache steckte in den verstopften Stra�en da drau�en fest, ganz in der N�he des Konfliktherds.</p><p>Rasch wanderte sein Blick zu den Stra�en nahe des Stadttors, durch das seine Kutsche gefahren war. Llauron war ihnen mit seinem Kontingent gefolgt und w�rde in K�rze ebenfall ins Chaos geraten. Stephen sp�rte, wie sich sein Magen noch enger zusammenschn�rte. Als h�tte er seine Gedanken gelesen, ber�hrte der Seligpreiser Tristans Arm. �Der F�rbitter und sein Gefolge waren direkt hinter uns�, meinte Griswold. �Es wird einen weit schlimmeren Zwischenfall geben, wenn ihnen etwas zust��t, bevor sie Tristans Festung erreichen. Zwischen Mousa und Llauron wird der Krieg bald an allen Grenzen Rolands ausbrechen.� Best�rzt nickte Stephen.</p><p>Pl�tzlich fiel ihm ein purpurner Blitz ins Auge, und er blickte zur Treppe der Feuerbasilika hinunter. Ganz oben stand stumm und regungslos ein Mann in den leuchtend roten Gew�ndern des Amts der Seligpreiser von Bethania, einen prunkvollen geh�rnten Helm auf dem Kopf; auf dem Amulett, das er um den Hals trug, spiegelte sich die Sonne, nach deren Vorbild es geformt war. Ian Steward, der Segner des Bischofssitzes von Canderre-Yarim, Tristans j�ngerer Bruder.</p><p>Vor Stephens und Griswolds Augen hob der j�ngste der Seligpreiser des Patriarchen die H�nde, um die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu ziehen, die sich zu seinen F��en dr�ngte, aber die Soldaten schenkten ihm keinerlei Beachtung. Mit einem gewaltsamen Handgemenge wurde die T�r der sorboldischen Kutsche aufgerissen. Die sorboldischen Wachen zogen ihre Waffen und hieben auf die Angreifer ein, w�hrend die orlandischen Soldaten auf die Kutsche zust�rzten. Ian Stewards Rufe gingen im ausbrechenden Chaos unter.</p><p>Auf einmal schoss das Feuer aus dem Kohlenbecken inmitten der Basilika mit einem infernalischen R�hren in die H�he und schickte Flammen reiner Hitze und reinen Lichts hoch in den Himmel �ber der Basilika empor. Mit den intensiven Farben des Erdinnern, aus dem die Feuerquelle entsprang, reichten die lodernden Flammen bis hinauf zu den Wolken und lie�en Asche auf den Bereich rund um die Basilika regnen.</p><p>J�h erstarb der L�rm. Die Soldaten auf den Stra�en, ganz gleich ob orlandischer oder sorboldischer Herkunft, erstarrten und gafften gebannt in den brennenden Himmel hinauf. Die Flammen wogten �ber den Wolken, doch dann waren sie in einem einzigen Herzschlag wieder verschwunden. Totenstille kehrte ein.</p><p>Stephen merkte, dass Griswolds Hand, die noch immer auf seinem Arm lag, heftig zitterte.</p><p>�Herr des Himmels, was war denn das?�, fragte der Seligpreiser mit bebender Stimme. �Ich hatte keine Ahnung, dass Ian Steward das Element Feuer befehligt.� Das Symbol des Wassertropfens, das er um seinen Hals trug, klirrte leise an seiner Kette. Herzog Stephen warf einen kurzen Blick auf den Seligpreiser auf den Tempelstufen, der ebenso steif und starr dastand wie Griswold. Einen Augenblick schien er ebenso erschrocken �ber die pl�tzliche Eruption wie die Soldaten. Doc dann raffte er seine Gew�nder und eilte mit zielbewussten Schritten die Treppe vor der Basilika hinunter, hinein in das Meer von Menschen.</p><p>Vor ihm teilte sich die Menge und bildete eine Stra�e durch den wogenden Ozean. Der purpurrot gekleidete Kirchenmann marschierte hin�ber zu der Kutsche im Zentrum der Auseinandersetzung und bedeutete einem der sorboldischen Soldaten, die T�r zu �ffnen. Der Mann beugte sich in eins der Fenster und tat dann, was von ihm verlangt wurde. Der Seligpreiser streckte die Hand aus, trat zur�ck und half einem Mann, der ebenfalls kirchliche Gew�nder in leuchtendem Zinnoberrot und Gr�n, Braun und Purpur trug, beim Aussteigen. Philabet Griswolds Gesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse.</p><p>�Mousa, ich wusste es doch.�</p><p>�Zweifellos hat Tristan ihn auch gerufen�, meinte Stephen, w�hrend er zusah, wie auch der zweite Mann aus der Kutsche stieg. Aus der Entfernung war es unm�glich, sein Gesicht zu erkennen, doch an seiner Kleidung war eindeutig zu erkennen, dass er nicht der Prinz von Sorbold war; offenbar hatte dieser einen Abgesandten geschickt. �Ich denke, es ist klug, wenn Sorbold bei den Gespr�chen vertreten ist. Vielleicht hat das einen m��igenden Einfluss auf Tristan.�</p><p>Griswold nickte kurz, drehte sich dann um und ging �ber den Hof zu einer der schwer bewachten T�ren, die zu Herzog Stephens R�umlichkeiten f�hrten. Stephen blieb noch einen Augenblick stehen, um sich zu vergewissern, dass die beiden sorboldischen W�rdentr�ger und Ian Steward sicher den unteren Hof durchquerten. Schlie�lich jedoch wandte auch er sich zum Gehen und folgte Griswold.</p><p>Sobald sich die Palasttore hinter dem Segner von Canderre-Yarim geschlossen hatten, gingen auf der Stra�e die frenetischen Kriegsvorbereitungen weiter.</p><p>�Meine hoch verehrten Herren, Euer Gnaden: Soeben ist Seine Gnaden Llauron, F�rbitter der Filiden, eingetroffen.�</p><p>Der Haushofmeister trat von der T�r zur�ck und verbeugte sich h�flich. Herzog Stephen, der neben der Kommode am Fenster stand, blickte auf und l�chelte seinem alten Freund matt entgegen. Llauron stand in der T�r; er trug sein �bliches graues Gewand, das mit einem G�rtelstrick zusammengehalten wurde, und seine blaugrauen Augen funkelten in seinem ansonsten ernsten Gesicht. Trotz seiner bescheidenen Kleidung, die sich auffallend von den prunkvollen Staatsgew�ndern der Seligpreiser abhob, machte er unter all den Adligen und hohen Kirchenm�nnern, die sich im Raum um ihn scharten, eine wahrhaft k�nigliche Figur. F�r einen Augenblick erstarb das Gespr�ch. Dann winkte Tristan den F�rbitter mit einer ungeduldigen Handbewegung herein. L�chelnd nickte Llauron dem Haushofmeister zu und gab ihm damit zu verstehen, dass er die T�r hinter ihm schlie�en konnte. Stephen f�llte sich Branntwein nach, obwohl er sein Glas gerade erst geleert hatte, goss ein zweites voll und durchquerte das dick mit Teppichen ausgelegte Zimmer, um es Llauron zu reichen.</p><p>�Willkommen, Euer Gnaden�, sagte er.</p><p>�Danke, mein Sohn�, antwortete Llauron noch immer l�chelnd. Dann nahm er das angebotene Glas entgegen, prostete dem Herzog von Navarne zu und trank einen Schluck. Mit einem leisen Lachen beugte er sich zu Stephen. �Canderischer Branntwein. Wie ich sehe, beschr�nkt sich Tristan nicht aus selbstloser Loyalit�t seinen Kaufleuten und Winzern gegen�ber auf die Fr�chte seiner eigenen Provinz. Bethania darf sich eines eigenen anst�ndigen Branntweins br�sten, obgleich er sich nat�rlich nicht mit dem aus Canderre messen kann.�</p><p>�In seinem ganzen Leben hat Tristan nie etwas wirklich Uneigenn�tziges getan�, entgegnete Stephen mit einem Blick auf die F�rsten und Seligpreiser, die, in eine hitzige Debatte verstrickt, um den Regenten herumstanden. �Und er w�rde selbst wieder einmal die Wahrheit meiner Worte lauthals best�tigen.�</p><p>Tristan deutete mit gro�er Geste auf den riesigen Tisch in der Mitte der Bibliothek. �Wenn Ihr euch nun bitte alle setzen w�rdet, k�nnen wir beginnen�, sagte er. Seine Stimme klang gepresst und angestrengt, was die Ersch�pfung in seinen Z�gen und den offensichtlichen Schmerz in seinen Augen unterstrich. Noch hatte Stephen kein privates Wort mit ihm gesprochen, aber er konnte sehen, dass Tristan �ber die Ereignisse, die sie heute zusammengebracht hatten, mehr als beunruhigt war. Kein gutes Zeichen. Als Adel und Klerus um den Tisch herum Platz genommen hatten, schickte Tristan die Bediensteten weg und bat um Ruhe.</p><p>�Die Zeit der Toleranz ist endg�ltig vorbei�, begann er ernst. �Wie Ihr sicher alle aus meinem Schreiben wisst, haben die Bolg die Friedensvereinbarung gebrochen und drei meiner B�rger ermordet; zwei davon waren Soldaten. Damit ist unser Pakt null und nichtig. Es ist Zeit, diesem Irrsinn ein f�r allemal ein Ende zu bereiten. In drei Tagen ist die Musterung meiner Truppen vollendet, und dann werde ich dazu aufrufen, alle Streitkr�fte Rolands zu sammeln. Der Zweck unseres heutigen Treffens besteht darin, Zeitpunkt und Ort dieses Aufmarsches zu bestimmen.�</p><p>Unter den F�rsten und Seligpreisern brach ged�mpftes Stimmengewirr aus, doch Tristan hob die Hand, und es kehrte sogleich wieder Ruhe ein.</p><p>�Ich habe Anborn gebeten, bei dieser Kampagne f�r die orlandischen Truppen als Hauptmarschall zu dienen�, sagte er. Dann wandte er sich an Llauron. �Ich hoffe, diese Einladung an Euren Bruder missf�llt Euch nicht, Euer Gnaden.�</p><p>Llauron machte ein belustigtes Gesicht. �Ob ja oder nein ganz offensichtlich hat es jedenfalls Anborn nicht gefallen.�</p><p>Nun sahen sich Tristan und die anderen am Tisch um. Anborn war nicht da.</p><p>�Wo ist er?�, fragte Tristan.</p><p>�Woher soll man das bei Anborn wissen?�, entgegnete Griswold. �Seid Ihr denn sicher, dass er vorhatte zu kommen, mein Sohn?�</p><p>�Ich bin sicher, dass er mein Schreiben erhalten hat. W�re er verhindert, h�tte er gewiss die H�flichkeit besessen, mir dahingehend zu antworten.�</p><p>Mit einem leisen Lachen erwiderte Llauron: �Eigentlich war es f�r Anborn ungew�hnlich h�flich, nicht zu antworten. Mich schaudert bei dem Gedanken, wie er seine Botschaft wom�glich formuliert h�tte.�</p><p>�Wahrscheinlich �hnlich unfreundlich wie das, was ich heute zu sagen habe�, meinte Quentin Baldassarre, der Herzog von Bethe Corbair. �Tristan, bist du von Sinnen? Gegen die Bolg in den Krieg zu ziehen?�</p><p>Eine Welle der Zustimmung ging durch die Anwesenden, mehrere unterst�tzende Stimmen erhoben sich gleichzeitig. Martin Ivenstrand, der Herzog der K�stenprovinz Avonderre, �bert�nte die anderen, und seine Wut war un�berh�rbar.</p><p>�Seit zwei Jahrzehnten sterben meine B�rger bei diesen unerkl�rlichen Grenz�berf�llen�, rief er �rgerlich. �Das Gleiche gilt f�r viele unschuldige Opfer aus den anderen Provinzen und aus Tyrian. In der ganzen Zeit haben wir nichts von dir geh�rt, nicht einmal, als du selbst Verluste zu beklagen hattest, Tristan. Warum willst du nun, nachdem drei bethanische B�rger zu Tode gekommen sind, unbedingt einen Krieg vom Zaun brechen?�</p><p>�Ja, ich kann auch nicht glauben, dass du in Erw�gung ziehst, dich wegen eines solchen Vorfalls auf einen Kampf mit den Bolg einzulassen�, stimmte ihm Ihrman Karsrick zu, der Herzog von Yarim. �Wenn Anwyn in dem Land, das sie drei Jahrhunderte regierte, Gwylliam nicht besiegen konnte, wie in Gottes Namen kommst du dann auf den Gedanken, dass du den Bolg den Berg abringen kannst? Du wirst im Handumdrehen den K�rzeren ziehen, genau wie es deinen Streitkr�ften damals beim Fr�hjahrsputz geschah. Und wie es unseren Leuten auch geschehen w�rde, wenn wir dumm genug w�ren, uns hinter dich zu stellen. Das ist doch glatter Wahnsinn!�</p><p>Das Entsetzen auf dem Gesicht des Herrschers von Roland brachte die Versammlung zum Schweigen. Nach einem Moment der Stille r�usperte sich Lanacan Orlando, der sanfte Segner von Bethe Corbair.</p><p>�Mein Sohn, was macht Euch so sicher, dass die Bolg f�r Euren Verlust verantwortlich sind?�</p><p>�Ja�, fiel Baldassarre ein, �meines Wissens sind sie n�mlich in ihrem eigenen Land geblieben, in den Bergen. Nicht einmal in Bethe Corbair haben wir sie gesehen, und das grenzt direkt an Ylorc. Wie sind sie dann den ganzen weiten Weg nach Bethania gekommen?�</p><p>Tristan schlug mit der Faust so heftig auf den schweren Tisch, dass die Kristallkelche bedrohlich schepperten. �Die Opfer waren nicht in Bethania�, knurrte er. �Sie wurden innerhalb der Grenzen von Ylorc gefunden. Die Postkarawane der dritten Woche hat sie entdeckt, verst�mmelt, teilweise <emphasis>aufgefressen,</emphasis> ihre �berreste �ber Gwylliams ehemaligen Gro�en Gerichtshof verstreut.� Sein Gesicht war schlohwei�. Stephen Navarne machte Anstalten aufzustehen, aber Tristan starrte ihn so w�tend an, dass er sich wieder hinsetzte.</p><p>�Die Bolg haben die Postkarawane angegriffen?�, erkundigte sich Cedric Canderre, der Herzog der Provinz, welche seinen Familiennamen trug, und Tristans zuk�nftiger Schwiegervater. �Das kann ich mir nicht vorstellen. Schlie�lich geht die Einrichtung der w�chentlichen Karawanen urspr�nglich auf K�nig Achmeds Vorschlag zur�ck.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass die Bolg die Karawane �berfallen haben. Sie ... die Opfer geh�rten nicht zur Karawane.�</p><p>�Was haben deine B�rger, deine Soldaten ohne die Postkarawane in den Bolg-L�ndern zu suchen?�, fragte Ivenstrand. �Das erscheint mir �u�erst tollk�hn. Mit f�llt es schwer, Tr�nen �ber den Verlust von ein paar leichtsinnigen Narren zu vergie�en, Tristan. Wer immer sie dorthin beordert hat, sollte vor ein Milit�rgericht gestellt werden. Vielleicht solltest du die Sache so regeln, dass du den daf�r verantwortlichen Kommandanten disziplinarisch zur Rechenschaft ziehst und den Rest von uns nach Hause gehen l�sst, damit wir uns um unsere eigenen Probleme k�mmern k�nnen.�</p><p>�Hat �berhaupt einer von euch geh�rt, was ich soeben gesagt habe?�, fragte Tristan. Seine Stimme klang rau und zitterte. �Die Opfer waren <emphasis>teilweise aufgefressen</emphasis>. In St�cke gerissen. Praktisch zur Unkenntlichkeit verst�mmelt. Verdient nicht schon allein die Grausamkeit dieser sch�ndlichen Tat, dass man sie ahndet?�</p><p>�Nat�rlich tut es mir sehr Leid�, meinte Ivenstrand, �aber das ist nichts im Vergleich mit den Kindern, die aus meiner und Stephens Provinz entf�hrt wurden, die wie Schweine abgeschlachtet und ausgeblutet wurden, und das auch noch im Haus der Erinnerung, die G�tter m�gen uns beistehen. �berall in diesem Land gibt es seit einiger Zeit h�ssliche Gewalttaten, Tristan. Als zentrale Autorit�t w�re es <emphasis>deine</emphasis> Aufgabe, den Ursprung der Gewalt ausfindig zu machen, aber bisher sind wir noch keiner L�sung n�her gekommen, nicht einmal eine Erkl�rung haben wir geh�rt. Doch jetzt, wo es dich betrifft, erwartest du aus irgendeinem Grund pl�tzlich von uns, dass wir unsere Streitkr�fte in Massen auf eine Selbstmordmission schicken. Das ist Irrsinn.�</p><p>Auf dem Turm schlugen die Glocken Mittag, und es wurde still im Raum. Als der zw�lfte Schlag verklungen war, ergriff Nielash Mousa das Wort.</p><p>�Ich habe noch etwas hinzuzuf�gen�, sagte er mit seiner leisen, trockenen Stimme. Tristan Steward riss den Blick von seinen Mitregenten los und fixierte nun den Seligpreiser der benachbarten Nation Sorbold.</p><p>�Ja, Euer Gnaden?�</p><p>Der Seligpreiser nickte dem Abgesandten zu, der ihn nach Roland begleitet hatte. Der Mann zog ein zusammengefaltetes St�ck Pergament hervor und reichte es ihm. Langsam schlug der Seligpreiser es auseinander und �berflog das Geschriebene rasch, dann blickte er wieder in die Runde der Versammelten.</p><p>�Seine Hoheit, der Kronprinz von Sorbold, hat von K�nig Achmed von Ylorc �ber einen Boten eine Nachricht erhalten. Der K�nig streitet jeden Angriff oder �berfall auf orlandische B�rger strikt ab.� Wieder erhob sich aufgeregtes Gemurmel, w�hrend Mousa ein weiteres, kleineres Pergament pr�sentierte, versehen mit dem Wappensiegel von Ylorc, die H�nde faltete und wartete, bis einen Augenblick sp�ter wieder Stille einkehrte. �Au�erdem bittet der Prinz darum, dass ich Euch, Hoher Herrscher, eine Botschaft �bermittle, die K�nig Achmeds Sendschreiben beigelegt und an Euch adressiert war.� Mousa hielt Tristan das Schriftst�ck entgegen.</p><p>Dieser sprang auf die F��e, riss das Pergament an sich, brach das Siegel und �berflog den Brief. Die anderen Regenten und heiligen M�nner sahen zu, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich und er sich ganz langsam wieder auf seinen Stuhl sinken lie�. Eine Weile starrte er die Nachricht stumm an, und auch die anderen M�nner schwiegen. Endlich blickte er auf.</p><p>�Wer steht in dieser Angelegenheit auf meiner Seite?�, fragte er mit br�chiger Stimme.</p><p>�Ich nicht�, antwortete Martin Ivenstrand mit fester Stimme.</p><p>�Ich auch nicht�, schloss sich Cedric Canderre an. �Tut mir Leid, Tristan.�</p><p>�Feiglinge�, schnaubte Tristan. �F�r euch ist es einfach, sich herauszuhalten, stimmt�s? Eure L�nder sind weit von den Zahnfelsen entfernt, eure Untertanen brauchen sich nicht vor den Kannibalen zu f�rchten, jedenfalls bisher noch nicht. Aber was sagst du, Quentin? Ihrman? Eure Provinzen grenzen an Ylorc. Werdet ihr nicht k�mpfen, um Bethe Corbair und Yarim zu retten?�</p><p>�Nicht wegen dieser Lappalie�, entgegnete Quentin Baldassarre steif. �Nach unseren Informationen k�nnen deine Soldaten genauso gut von W�lfen �berfallen worden sein. Du hast uns keinen Beweis f�r das Gegenteil geliefert.�</p><p>�Meiner Meinung nach w�rden wir eine selbst verschuldete Katastrophe heraufbeschw�ren, vor allem angesichts der Tatsache, dass Achmed die Sache abstreitet�, sagte Ihrman Karsrick.</p><p>�Wenn das, was der Bolg-K�nig behauptet, der Wahrheit entspricht, und du den Berg angreifst, Tristan, dann w�rst du selbst der Angreifer, der den Vertrag bricht. Dann hast du deine zehn Prozent von Roland verwirkt, vorausgesetzt, die Bolg werden dich jemals wieder um Frieden bitten lassen. Ich m�chte nichts mit dieser Angelegenheit zu tun haben. Es ist heller Wahnsinn.�</p><p>Verzweiflung und schwarze Wut verzerrten das Gesicht des Herrschers von Roland, und er wandte sich an seinen Cousin Stephen Navarne.</p><p>�Stephen, steh wenigstens du zu mir. Hilf mir, es den anderen verst�ndlich zu machen.�</p><p>Stephen seufzte und sah weg, wobei seine Augen dem mitf�hlenden Blick des F�rbitters begegneten. Schlie�lich wandte er sich direkt an Tristan.</p><p>�Wie kann ich es den anderen erkl�ren, wenn ich selbst deinen Standpunkt nicht verstehe? Meine Loyalit�t und mein Leben geh�ren dir, Tristan, aber nicht das Leben unserer unschuldigen Untertanen. Ich kann dich in dieser Sache nicht unterst�tzen.�</p><p>Wiederum senkte sich bedr�cktes Schweigen �ber den Saal. Langsam erhob sich Tristan vom Tisch und wanderte mit h�ngenden Schultern zu den gro�en Fenstern der Bibliothek, die seine sch�ne Stadt �berblickten. Gedankenverloren lehnte er sich an das Glas. Wenig sp�ter begannen die Herz�ge und Seligpreiser leise miteinander zu sprechen. Philabet Griswold wandte sich an Ian Steward.</p><p>�Das war sehr beeindruckend heute Morgen, Euer Gnaden. Ich wollte, ich k�nnte das Meer ebenso leicht kommandieren, wie Ihr das Feuer aus der Erde hervorgeholt habt.� Ian Steward antwortete nicht; er beobachtete aufmerksam seinen Bruder, und auf seinem jugendlichen Gesicht lag tiefe Besorgnis.</p><p>Stephen Navarne blickte hin�ber zu Llauron, der jedoch keinerlei Gem�tsbewegung zeigte. Obgleich die Basiliken der Patriarchalischen Religion den f�nf Elementen gewidmet waren, hatte dieses Wissen in dem Glauben, wie er jetzt praktiziert wurde, fast keine Bedeutung mehr. Die Lehre von den Elementen �hnelte mehr den Praktiken der Filiden, denn sie verehrten die Natur. Zwar erschien es Llauron eher wahrscheinlich, dass die pl�tzliche Feuersbrunst das Werk des F�rbitters war als das des Segners von Canderre-Yarim, aber er lie� sich nichts von seinen Zweifeln anmerken.</p><p>W�hrend sich die anderen in Diskussionen �ber verschiedene Themen verstrickten, stand Stephen auf und ging hin�ber zu dem Fenster, an dem Tristan nach wie vor stand und mit leerem Blick auf die Stadt starrte. Geduldig wartete er, dass der Herrscher von Roland zu sprechen beg�nne. Schlie�lich seufzte Tristan.</p><p>�Ich wollte, ich h�tte mich mehr um dich gek�mmert, vor Jahren, als Lydia gestorben ist�, sagte er. �Es tut mir sehr Leid.� Noch immer konnte er den Blick nicht von den Pfaden losrei�en, auf denen seine Erinnerung wandelte.</p><p>�Wer war es, Tristan? Es war doch nicht es war doch nicht Prudence, oder?�</p><p>Tristan nickte stumm und verlie� schnell das Zimmer. Die ins Gespr�ch vertieften heiligen M�nner und Regenten merkten kaum, dass er nicht mehr da war.</p><p>W�hrend Stephen noch versuchte, den Schock von Tristans Antwort zu verdauen, fiel sein Blick auf die zerknitterte Notiz, die der Herrscher von Roland vergessen hatte, als er die Bibliothek verlassen hatte. Vorsichtig nahm Stephen das Pergament in die Hand und las die wenigen Worte, die mit krakeliger Schrift darauf geschrieben waren.</p><p><emphasis>Ich dachte, Ihr h�ttet Eure Lektion gelernt. Offenbar habe ich mich geirrt. Ich habe Euch gesagt, dass der Preis sp�ter h�her sein w�rde. Und Ihr habt den Preis beide Male f�r nichts bezahlt sie wei� es noch immer nicht</emphasis>.</p><p>�Ich wei�, dass Ihr gro�e Schmerzen leidet, mein Sohn.�</p><p>Tristan schaute auf. Er hatte nicht geh�rt, dass die T�r aufgegangen war. Als er sich umwandte, sah er kurz sein Gesicht im Spiegel noch nie waren die Spuren der Zeit so deutlich zu sehen gewesen. Er war verh�rmt, von den tiefen Falten um seinen Mund bis zu der Furche, die sich irgendwie zwischen den Augenbrauen in seine Stirn eingegraben hatte. Auch die R�te in seinen Augen war un�bersehbar, verursacht von Schlafmangel und bitterem Kummer.</p><p>Auch die Augen, die so mitf�hlend in die seinen blickten, schimmerten eine Sekunde rot, wie aus Empathie.</p><p>�Ja, Euer Gnaden�, murmelte der Herrscher von Roland.</p><p>Sanft lie� sich die Hand des heiligen Mannes auf seinem Kopf nieder.</p><p>�Die anderen verstehen das nicht�, fuhr die sonore Stimme ohne eine Spur Herablassung fort.</p><p>�Sie sehen nur das, was unmittelbar vor ihnen liegt. Es ist sehr schwer, wenn man als Einziger den Ernst der Lage erkennt, wenn man die Gefahr wittert, obgleich sie noch ein gutes St�ck in der Zukunft liegt. Wie sagt man die Augen des Vision�rs vergie�en im Lauf der Zeit viele Tr�nen.� Nun bewegte sich die Hand zu Tristans Schulter und dr�ckte sie tr�stend. Sto�weise atmete der F�rst von Roland aus und senkte dabei den Kopf auf seine geballten F�uste, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Die Hand glitt von seiner Schulter �ber seinen R�cken, entfernte sich dann und verschwand im �rmel des bescheidenen Gewands.</p><p>�Dieses Land ist in sich gespalten, mein Sohn. Nach dem Gro�en Krieg entschlossen sich deine Vorfahren, Roland unter den verschiedenen Adelsgeschlechtern so zerrissen zu lassen, denn sie f�rchteten das Chaos und den Tod, die durch den Bruch zwischen Anwyn und Gwylliam hervorgerufen worden waren. Es war Torheit zu glauben, dass es so bleiben k�nnte, ohne dass noch gr��eres Chaos folgen w�rde. Seht mich an.�</p><p>In den letzten Worten lag ein beinahe drohender Unterton, doch als Tristan den Kopf hob, sah er, dass die freundlichen blauen Augen ihn aufmerksam musterten. Einen Moment lang dachte er, er habe vielleicht noch etwas anderes in ihnen gesehen, etwas <emphasis>Rotes,</emphasis> aber dann l�chelte der heilige Mann, und zum ersten Mal an diesem Tag, der so viel versprechend begonnen und so niederschmetternd geendet hatte, wurde Tristan warm. Es sp�rte, dass er akzeptiert und gesch�tzt wurde; <emphasis>respektiert</emphasis>.</p><p>�Ihr seid der �lteste, Tristan, der Erbe der cymrischen Linie.�</p><p>Tristan blinzelte schmerzlich. �Euer Gnaden ...�</p><p>�H�rt mich an, Hoheit.� Der heilige Mann sagte das letzte Wort leicht nach vorn gebeugt, und tief in seiner Seele f�hlte Tristan, dass das gemeine Nagen der morgendlichen Dem�tigung wie durch ein Wunder nachlie�. Etwas in dem Ton, in dem es ausgesprochen wurde, hatte tief in die versteckte Schatzkammer des K�nigtums gegriffen, an eine Stelle in seinem Innern, die er lange geleugnet hatte in dem Versuch, mit seinem Cousin und den anderen orlandischen Staatsoberh�uptern in freundlichem Einvernehmen zu verbleiben. Es war die erste angenehme Empfindung, seit Prudence sich von seinem Bett erhoben hatte und weggeritten war, ihrem grausigen Tod entgegen. Unwillk�rlich stahl sich ein L�cheln auf sein Gesicht, das warm und herzlich erwidert wurde. Tristan nickte und bedeutete dem anderen, er m�ge weitersprechen.</p><p>�Die Nachfolge scheint Euch vielleicht unklar, weil in der Zeit nach dem Krieg niemand bereit war, den Thron zu besteigen. Wenn die Nicht-Cymrer es versucht h�tte, w�ren die Cymrer wahrscheinlich sogar gest�rzt worden, so gro� war der Hass auf alle Nachkommen der Seren, nicht nur auf Gwylliams Linie. Wie Ihr jetzt, da wieder Krieg droht, selbst seht, hat dieses bruchst�ckhafte System keine wirkliche F�hrungskraft hervorgebracht. Obgleich ganz eindeutig ein aggressiver Akt stattgefunden hat, sind die anderen dennoch nicht bereit, sich zusammenzuschlie�en und Euch zu unterst�tzen, nicht einmal die Herz�ge von Bethe Corbair und Yarim, deren Land an das Firbolg-Reich grenzt.</p><p>Was wird geschehen, wenn die Gewalt noch weiter um sich greift? Wenn die Firbolg von den Zahnfelsen herabschw�rmen und die L�nder Rolands zu verschlingen trachten? Werdet Ihr und Eure Mitregenten tatenlos zusehen, wie Eure Untertanen von diesen Halbmenschen, von diesen Ungeheuern buchst�blich verschlungen werden?�</p><p>�Nanat�rlich nicht�, stammelte F�rst Roland.</p><p>�Wirklich?� Einen Moment klang die warme Stimme eisig kalt. �Wie wollt Ihr es verhindern? Ihr konntet die anderen nicht �berzeugen, sich zu vereinigen, ehe das Schlachten beginnt. Wie wollt Ihr ein Heer ins Feld f�hren und die Woge des Todes abwehren, die unweigerlich mit diesen kannibalischen D�monen anrollen wird, wenn die Katastrophe erst einmal ihren Lauf nimmt? Wenn die Firbolg die Grenzen Eures Landes erreichen, Tristan, wird es l�ngst zu sp�t sein, sie aufzuhalten. Sie werden Bethe Corbair und Yarim in Besitz nehmen und vielleicht auch Sorbold. Sie werden Euch bei lebendigem Leibe auffressen oder ins Meer treiben.�</p><p>So heftig war F�rst Rolands Reaktion, dass er ein Tintenfass und mehrere gebundene B�cher vom Tisch fegte. <emphasis>�Nein!�</emphasis></p><p>Die W�rme kehrte in die Augen des heiligen Mannes zur�ck, w�hrend zwischen den Scherben des Tintenfasses schwarze Tinte wie dunkles Blut hervorquoll und den Boden befleckte.</p><p>�Ah, ein Hauch von echten Bauchgef�hlen. Seht Ihr, ich hatte Recht. Ihr k�nntet doch der Eine sein.�</p><p>Trotz der W�rme in den Augen, die unverwandt in die seinen blickten, trotz der Hitze, die noch von den vorhergegangenen Meinungsverschiedenheiten im Raum herrschte, wurde Tristan auf einmal kalt.</p><p>�Der Eine wof�r?�</p><p>Das Quietschen der Stuhlbeine, als der alte Mann den Stuhl zur�ckzog und ihm gegen�ber Platz nahm, tat Tristan in den Ohren weh.</p><p>�Der Eine, der Roland wieder Frieden und Sicherheit bringt. Der Eine, der den Mut hat, das Chaos aufzuhalten, welches in der Adelsstruktur dieses Landes grassiert, und den Thron zu besteigen. Wenn Ihr die Herrschaft �ber ganz Roland h�ttet, nicht nur �ber Bethania, dann w�rdet Ihr s�mtliche Heere kontrollieren, die Ihr heute vergeblich zusammenzubringen versucht habt. Eure Kameraden, die Herz�ge, k�nnen nein zum Prinzregenten sagen, doch dem K�nig k�nnten sie sich nicht widersetzen. Eure Linie ist so w�rdig wie jede andere, Tristan, und w�rdiger als die meisten.�</p><p>�Ich bin nicht derjenige, den Ihr �berzeugen m�sst, Euer Gnaden�, entgegnete Tristan bitter.</p><p>�Falls das Fiasko heute Morgen nicht Beweis genug war, dann lasst mich Euch versichern, dass meine Mitregenten die zuk�nftigen Ereignisse nicht so klar erkennen k�nnen wie Ihr.�</p><p>Der heilige Mann l�chelte und erhob sich langsam vom Tisch. ��berlasst das ruhig mir, Hoheit�, sagte er� und seine Worte klangen sanft und angenehm in Tristans Ohr. �Eure Zeit wird kommen. Sorgt nur daf�r, dass Ihr bereit seid, wenn es so weit ist.� Gemessenen Schrittes ging er zur T�r, �ffnete sie und blickte dann noch einmal �ber die Schulter zur�ck.</p><p>�Und noch etwas, Hoheit.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ihr werdet �ber das nachdenken, was ich Euch gesagt habe, ja?�</p><p>Der Herrscher von Roland nickte zustimmend. Getreu seinem Wort gr�belte er, als die Herz�ge und religi�sen F�hrer Bethania endlich verlie�en, endlos �ber die Andeutungen des heiligen Mannes. Genau genommen dachte er kaum noch an etwas anderes beinahe so, als h�tte er keine andere Wahl, so geisterten die weisen Worte st�ndig in seinem Kopf herum, wie eine eing�ngige Melodie. Alle anderen Gedanken, alle anderen Argumente ertranken in ihrem L�rm.</p><p>Die Andeutungen hatten seine Seele umschlungen wie eine Zinnoberranke, eine seilartige Pflanze, die er einmal studiert hatte und die eine gro�artige Falle abgab lose und harmlos hing sie da, bis ihr Opfer sich aus ihr zu befreien suchte. Dann wurde es pl�tzlich mit einem unerbittlichen W�rgegriff umklammert, bis es aufh�rte zu strampeln. Das Gef�hl, wenn er �ber den Vorschlag des Alten gr�belte, war auf unheimliche Weise �hnlich. Nur nachts fand er Ruhe vor den Worten, in einer �lteren, tieferen Besessenheit seinem uners�ttlichen Verlangen nach der Frau, f�r die er alles geopfert hatte, einschlie�lich der einzigen Liebe, die er in seinem Leben je erfahren hatte. Selbst jetzt, nachdem all das vorgefallen war, tr�umte er noch immer von Rhapsody.</p><p>Im Schlaf rief sie ihn, umh�llt von feuriger W�rme. Er tr�umte, sie zu lieben, wild, leidenschaftlich, w�hrend er in ihr Gesicht blickte und der Donner in ihm grollte, bis er unter sich ein �lteres, vertrauteres Gesicht sah, faltig vom Alter, die goldene M�hne von rotblonden Locken ersetzt.</p><p>Locken, die mit schwarzem Blut verklebt waren.</p><p>Aus diesen Tr�umen erwachte er in kalten Schwei� gebadet, heftig zitternd, und versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, w�nschte sich, er k�nnte die wundersch�ne D�monin irgendwie vertreiben, die noch immer seine Tr�ume heimsuchte.</p><p>Der Herrscher von Roland ahnte indes nicht, dass ausgerechnet seine Besessenheit, so tief und zugeh�rig sie seiner Seele geworden war, ihn davor bewahrte, g�nzlich unter den Befehl eines anderen, viel dunkleren D�mons zu geraten.</p></section><section><title><p>36</p></title><p>Die kalten Steinstufen, die zu Elysians Gartenlaube hinauff�hrten, schimmerten im diffusen Sonnenlicht. Zwar hatte es viel M�he erfordert, Jahrhunderte von Schmutz, Moos und schwarzem Ru� von den Marmors�ulen zu schrubben, aber Rhapsody fand, dass es sich gelohnt hatte. Die kleine Laube schimmerte wie ein heiliger Schrein im stillen Gr�n der unterirdischen H�hle.</p><p>Den Morgen hatte sie damit verbracht, im Garten herumzuwerkeln und der anstehenden Entscheidung auszuweichen. Jo und Grunthor hatten sie besucht Jo, weil Rhapsody sie vermisste und sich nach ihr gesehnt hatte, Grunthor, weil Jo das unterirdische Reich von Elysian nicht allein zu finden vermochte. Sie schaffte es nicht einmal nach Kraldurge, jener Stelle �ber der Grotte, wo es nach Meinung der Firbolg spukte, und auch nicht zu den W�chterfelsen, welche die Grotte verbargen, ganz gleich, wie oft sie schon hier gewesen war. Unter den vier Freunden war dies l�ngst zu einer steten Quelle der Belustigung geworden. Sie a�en ihr Mittagsmahl im Garten, wo die �ppigen Bl�ten die Luft mit einem schweren, s��en Duft erf�llten und mit ihren vielf�ltigen Farben das Auge erfreuten. Jo sprach wenig, sondern starrte die meiste Zeit auf den schattigen Garten und die H�hle �ber ihren K�pfen, staunte mehr �ber die fremde Natur des Ortes als �ber ihre Sch�nheit. Die Stalaktitenformationen, der glitzernde Wasserfall und die schillernden Farben der H�hle faszinierten ihren Blick und ihre Phantasie gleicherma�en. Grunthor brachte Rhapsody auf den neuesten Stand der Ger�chtek�che, und sie erz�hlten sich obsz�ne Witze, �ber die Jo mitlachte.</p><p>Es war ein wohlschmeckendes und angenehmes Mahl, und es tat Rhapsody richtig Leid, als sie fertig gegessen hatten. Aber schlie�lich stand Grunthor auf, wischte sich seinen Hauerbewehrten Mund manierlich mit der Serviette ab und t�tschelte Jo den Kopf.</p><p>�Komm schon, kleines Fr�ulein, Zeit, dass wir zur�ckgehen. Das Essen war gro�artig, Gr�fin.� Rhapsody umarmte erst ihn, dann Jo. Plaudernd spazierten sie zusammen am Seeufer entlang.</p><p>W�hrend Grunthor das Boot bereit machte, nahm Rhapsody Jo beiseite. �Nun? Hast du dir �berlegt, ob du bei mir wohnen m�chtest?�</p><p>�Vielleicht eine Weile�, antwortete Jo verlegen. �Versteh mich nicht falsch, Rhaps, ich vermisse dich wie verr�ckt, aber ich bin nicht sicher, ob ich hier leben kann.� Rhapsody nickte. �Das verstehe ich.� �Ich finde ja nicht mal her, wei�t du. Das k�nnte ein Problem sein.�</p><p>�Ich wei�. Das ist schon in Ordnung, Jo. Ich werde versuchen, euch �fter im Kessel zu besuchen falls Achmed mein Zimmer nicht inzwischen jemand anderem gegeben hat.�</p><p>�Noch nicht, aber er droht st�ndig damit, deine Kleider zu verkaufen.� Jo grinste, und Rhapsody lachte laut. �Lass mir ein bisschen Zeit, um mich an die Vorstellung zu gew�hnen�, fuhr Jo fort. �Kann ich dann das Zimmer mit dem T�rmchen haben?�</p><p>�Was du willst�, antwortete Rhapsody und umarmte sie noch einmal. Inzwischen war Grunthor fertig. �Mir ist es gleich, wie lange du brauchst, wir haben alle Zeit der Welt.� Jo l�chelte und gab ihr einen Kuss. Dann rannte sie hin�ber zu Grunthor, der beim Boot wartete, und stieg ein. Winkend ruderten sie �ber den See. Als das Boot schlie�lich verschwunden war, stie� Rhapsody einen tiefen Seufzer aus. Jetzt hatte sie keine Ausrede mehr. Der Abend war gekommen, und sie h�rte die V�gel in ihren winzigen, neu gepflanzten B�umen singen. Sie hatten den Weg unter die Erde gefunden; gelegentlich entdeckte sie einen im Garten, wie er auf der Wiese herumh�pfte. In der Welt oben verlie� die Sonne den Himmel, daher war es unter der Erde in Elysian bereits dunkel. Nur an der warmen Abendluft erkannte sie, dass die Nacht zumindest noch eine kleine Weile entfernt war. Mit einem tiefen Atemzug festigte sie ihren Entschluss. Was sie tun wollte, setzte vieles von dem, was sie liebte, einem gro�en Risiko aus unter anderem Elysian und seinen Status als sicheren Zufluchtsort. Noch wichtiger jedoch war, das; auch die Sicherheit ihrer Freunde auf dem Spiel stehen mochte, wenn sie sich irrte, obwohl sie immer noch von dem �berzeugt war, was sie Achmed damals gesagt hatte.</p><p>Sie wanderte durch den Garten, um die B�nke herum, hinauf zur Laube. Langsam stieg sie die Stufen empor und drehte sich im Innern der Laube erst einmal im Kreis, um die ganze Pracht, die sie umgab, richtig w�rdigen zu k�nnen. Dann schloss sie die Augen und lauschte der Musik des Wasserfalls, der von hoch oben in den See herabst�rzte. Reglos stand sie da, atmete flach und konzentrierte sich auf das Gesicht, das sie in jenem Waldtal gesehen und das sie so unsicher angel�chelt hatte. Das Gesicht mit den Drachenaugen. Mit hoher, klarer Stimme sang sie seinen Namen, s�� und warm. Es war ein langer Name, und es dauerte eine ganze Weile, ihn vollst�ndig zu singen, aber als sie fertig war, hallte er durch die Grotte wie eine Glocke. Die nat�rliche Akustik der Laube verst�rkte ihr Lied und hielt es �ber dem See schwebend fest, wo es sich immer schneller im Kreis drehte. Rhapsody sang ein zweites und ein drittes Mal, band das Lied dann an ein klares Richtungsband, eine Note, der er folgen konnte. Der verharrende Ton w�rde ihn zu diesem Versteck f�hren, an den Ort, an dem er, wenn er denn kam, Heilung finden w�rde.</p><p>Als sie geendet hatte, schwebte das Lied noch einen Augenblick im Raum, dann erhob es sich und breitete sich in der H�hle aus, durchdrang die W�nde und hallte viele Meilen im Umkreis wider. Schlie�lich l�ste es sich auf, doch Rhapsody konnte es in der Ferne noch h�ren, wie es auf dem Weg zu dem, dem es galt, durch die Nacht klang.</p><p>Ashe erwachte aus einem Traum von Rhapsody, weil er ihre Stimme h�rte, die ihn rief. Kopfsch�ttelnd legte er sich wieder unter den Baum, wo er geschlafen hatte. Fast jede Nacht tr�umte er von ihr. In diesem Traum hatte sie mit dem Wind durch das hohe Gras der Heide getanzt, mit weit ausgebreiteten Armen, als fl�ge sie dahin. Dann ergriff der Wind sie, blies sie �ber den Rand des Abgrunds und in die darunter liegende Schlucht hinein. Er rief ihren Namen, aber der Sturm verschluckte seine Stimme. So schnell er konnte, lief er zu dem Abgrund und blickte hinunter, aber sie war nirgends zu sehen. Dann h�rte er, wie sie ihn rief; er wandte sich um und sah sie, wieder auf der Heide, in einem dunklen Kleid und dem charakteristischen schwarzen Haarband, das Medaillon, das sie immer trug, um den schlanken Hals gelegt. So stand sie da und streckte ihm die Hand entgegen. In der Dunkelheit wollte er sie ergreifen, aber dann erwachte er und war allein, allein wie immer. Zuerst hatte er die Tr�ume verflucht. Das Aufwachen war schon schmerzlich genug, denn die Qual in seiner Brust kehrte mit voller Macht zur�ck, wenn der Schlaf sich zur�ckzog. Aber dazu noch jedes Mal, wenn die Nacht zu Ende ging, Rhapsody erneut zu verlieren das war nahezu unertr�glich.</p><p>Schlie�lich jedoch fing er an, sich auf ihre n�chtlichen Besuche zu freuen. Im Reich der F�rstin von Rowan, Yl Breudivyr, der Bewahrerin der Tr�ume, geh�rte Rhapsody in den meisten N�chten ihm. Sie kannte seine Gef�hle und erwiderte sie mit Freuden, sie schlief in seinen Armen, liebte ihn ohne Furcht. Gelegentlich schlich sich auch ein Albtraum ein, und sie war kalt, distanziert und unerreichbar f�r ihn. Einmal tr�umte er, dass er sie nach endlosem Suchen im Schlafgemach des Firbolg-K�nig s entdeckte und sie nicht davon �berzeugen konnte, ihn zu verlassen. Aus diesem Traum erwachte er in kalten Schwei� gebadet und mit Kopfschmerzen, die stundenlang nicht weggehen wollten.</p><p>Am schlimmsten jedoch waren die N�chte, in denen sich keine Bilder von ihr in seinen Schlaf schlichen. Einmal tr�umte er drei N�chte hintereinander nicht von ihr und war so niedergeschlagen, dass er sich, als seine Mission erledigt war, in seine kleine H�tte hinter dem Wasserfall zur�ckzog. Als er die T�r �ffnete, konnte er ihren frischen, s��en Duft noch immer wahrnehmen; er hatte sich in den Bettlaken und Kleidern, die sie f�r ihn gewaschen und zusammengelegt hatte, die ganze Zeit �ber gehalten. Ashe streckte sich auf dem Bett aus, dachte an ihre letzte gemeinsame Nacht und rollte sich um das Kissen zusammen wie ein Drachenjunges. Wehm�tig erinnerte er sich daran, wie er sie in ihrem vergeblichen Bem�hen um einen friedlichen Nachtschlaf getr�stet hatte.</p><p>In dieser Nacht tr�umte er dann endlich wieder von ihr: Sie hatte Lirin-Kindern vorgesungen und war selbst hochschwanger gewesen.</p><p>Ein zweites Mal h�rte er ihre Stimme, die irln nicht als Ashe rief, sondern bei seinem richtigen, unendlich komplizierten Namen.</p><p><emphasis>Gwydion ap Llauron ap Gwylliam tuatha d�Anwynan o Manosse, komm zu mir</emphasis>. Sein Name war sein Leben lang der Fluch seiner Existenz gewesen, als Kind wegen der geradezu l�cherlichen L�nge und den damit verbundenen Assoziationen, jetzt, weil er den D�mon zu ihm f�hren konnte. Er hatte ihn nie sch�n gefunden, bis er ihn jetzt auf dem Wind h�rte, von ihrer Stimme gesungen, die in seine Tr�ume drang.</p><p>Noch immer war Ashe unsicher, ob er tr�umte oder wachte, aber die Stimme rief ihn weiter, sanft, doch beharrlich; sie entfernte sich und f�hrte ihn an einen Ort, den er nicht kannte. <emphasis>Es k�nnte ein Trick des D�mons sein,</emphasis> dachte er. Schon des �fteren hatte es derartige T�uschungsversuche gegeben. Aber im Gegensatz zu ihnen lockte und verf�hrte ihn diese Stimme nicht, sie rief ihn einfach nur, mit ruhiger Entschiedenheit.</p><p><emphasis>Gwydion, komm zu mir</emphasis>.</p><p>Woher konnte sie seinen Namen wissen? In den Augen und Gedanken der Welt, sogar in der Geschichte selbst war er tot, seit zwanzig Jahren. Nur sein Vater wusste, dass er noch lebte; wenn er ihn besuchte, achtete er sorgf�ltig darauf, sein Anwesen stets durch die Hintert�r zu betreten. Auch seine Familie und seine Freunde hielten ihn f�r tot. In jener Nacht vor zwanzig Jahren hatte sein Leben ja praktisch ein Ende gefunden. Niemand sonst wusste etwas davon, niemand, au�er dem F�dor vielleicht. Je mehr Ashe dar�ber nachdachte, desto sicherer wurde er, dass das, was ihn rief, d�monischer Natur sein musste.</p><p><emphasis>Gwydion</emphasis>.</p><p>Ashe stand auf und sch�ttelte den Schlaf ab. Die Qual �berfiel ihn von neuem, wie immer, aber sein Kopf war klarer als gew�hnlich. Er dachte an seinen Vater, daran, dass er auf sein Gehei� demn�chst den j�ngsten Grenzzwischenfall untersuchen musste, obgleich er sowieso wieder keine Erkl�rung daf�r finden w�rde. Mit geschlossenen Augen sp�rte er der Stimme nach; sie klang ganz eindeutig wie Rhapsodys. Er kannte ihre Stimme, er hatte sie mit jedem Wort in seinem Ged�chtnis gespeichert, mit jeder Melodie, jeder Aubade, jeder Vesper. Er musste ihr folgen, ganz gleich, wie hoch das Risiko sein mochte. Als am fr�hen Nachmittag die Dunkelheit hereinbrach, sa� Rhapsody am Feuer und n�hte. Auf einmal sp�rte sie, dass Ashe sich Elysian n�herte, obwohl sie nicht sicher war, woher das seltsame Gef�hl kam. Sie sprang auf, rannte aus ihrem Schlafzimmer in den Raum mit dem T�rmchen, lie� sich auf dem Fenstersitz nieder und suchte mit den Augen das dunkle Wasser nach einem Boot ab, das ihn zu ihr brachte. Seit f�nf Tagen war ihr Lied nun unterwegs, und es �berraschte sie, dass er so fr�h kam. Er musste wohl in der N�he gewesen sein. Doch dann wurde ihr schlagartig klar, dass sie eigentlich keine Ahnung hatte, ob es wirklich Ashe war, und ihr Magen zog sich angstvoll zusammen. Sie hatte gehofft, wenn sie ihn auf diese Art riefe, eine gewisse Sicherheit zu haben, aber nachdem sie gesehen hatte, wie listig der Rakshas seine d�monischen Kr�fte einsetzte, konnte sie nicht mehr wirklich daran glauben. Schlie�lich ging sie nach unten, um zu warten.</p><p>Als sie am Spiegel vorbeikam, �berpr�fte sie schnell ihr Aussehen und zuckte erschrocken zusammen. In ihrer gef�ltelten wei�en Bluse mit dem himmelblauem Besatz, dem Wollrock im gleichen Blau und dem dazu passenden Haarband sah sie aus wie ein Schulm�dchen. Aber das lie� sich nicht �ndern, sie hatte keine Zeit mehr, sich umzuziehen. Vor dem Feuer im Salon wanderte sie ruhelos auf und ab und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. In Gedanken ging sie alles noch einmal durch, wor�ber sie sich mit Achmed und Grunthor neulich gestritten hatte.</p><p><emphasis>Sie sind L�gner, allesamt. In der alten Welt wusste man wenigstens, wer die b�sen G�tter verehrte, weil sich die Betreffenden dazu bekannten. Hier in diesem neuen, verdrehten Land sind sogar die angeblich Guten nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die B�sen von fr�her haben nicht so viel Verheerung angerichtet, wie ein angeblich guter cymrischer Herrscher und seine Herrscherin es ganz nebenbei geschafft haben. Und du m�chtest dich dem wom�glich schlimmsten L�gner von allen auf einem Silbertablett servieren</emphasis>.</p><p><emphasis>Nun, wenn ich das tue, dann ist es meine Entscheidung. Ich werde das Risiko auf mich nehmen und nach meinem eigenen freien Willen leben oder sterben</emphasis>.</p><p><emphasis>Ganz falsch. Wir alle werden vielleicht dieses Schicksal erleiden m�ssen, weil du nicht nur dich selbst in Gefahr bringst du wirfst unsere Neutralit�t mit in den Topf, und wenn du zu viel riskierst, haben wir alle verloren</emphasis>.</p><p>Verzweifelt k�mpfte sie gegen die in ihr aufsteigende Panik an. <emphasis>Bitte, lass mich das Richtige tun,</emphasis> fl�sterte sie. <emphasis>Bitte mach, dass ich mich nicht irre</emphasis>. Sie schuldete Ashe nichts, kein B�ndnis, keine Freundschaft, ganz anders als bei Jo und den beiden Bolg.</p><p><emphasis>Ich ward sagen, wir t�ten ihn. Und wenn wir uns geirrt haben und ein anderer taucht auf, dann t�ten wir den auch</emphasis>.</p><p><emphasis>Du kannst nicht einfach rumlaufen und irgendwelche Leute t�ten, ohne sicher zu sein, ob das richtig ist</emphasis>.</p><p><emphasis>Und warum nicht? Das hat bei uns doch immer funktioniert. Mal im Ernst, Euer Liebden, das Risiko is einfach zu gro�, wenn du es nich sicher wei�t</emphasis>.</p><p>Es klopfte an der Eingangst�r des Hauses in Elysian.</p></section><section><title><p>37</p></title><p>Von dem Augenblick an, als er ins Bolg-Land gekommen war, hatte Ashe ein Gef�hl der Ehrfurcht empfunden. Sein Staunen wuchs, als er der Stimme folgte, durch die dunklen Berge, �ber die Heide, in die Tiefen des versteckten Reichs. Er hatte nur lange genug angehalten, um sich vor den Wachposten zu verstecken, und war dem Leitstrahl dann weiter gefolgt.</p><p>Als er bei Kraldurge auf die Wiese kam, wurde die Stimme klarer und st�rker. Er betrachtete die Felsmauern, die um il herum aufragten, und wusste, dass er niemals allein hierher gefunden h�tte, nicht einmal mit seinen Drachensinnen. Deshalb nistete sich ganz allm�hlich das Gef�hl in ihm ein, dass er hier in Sicherheit war.</p><p><emphasis>In meinem Haus w�rst du auch in Sicherheit</emphasis>.</p><p><emphasis>Im Kessel? Nein, danke</emphasis>.</p><p><emphasis>Mein Haus liegt nicht im Kessel. Und ich denke, es ist noch schwerer zu finden als dieser Ort hier</emphasis>.</p><p>Als er in die H�hle hinabstieg, wuchs sein Staunen zu Ehrfurcht. Ein magischer Ort, mit seinem kristallklaren See, der rauschenden Wasserfall, den gl�nzenden Stalaktiten und Stalagmiten, die in der Grotte wuchsen.</p><p>Aber was ihn am meisten faszinierte, war das Lied der H�hle. Es war fr�hlich, ganz anders als das Gef�hl im Bolg-Land; es hallte durch die Luft und ber�hrte die R�nder seines Bewusstseins mit harmonischen, friedlichen Kl�ngen. Das kann niemand anderes sein als Rhapsody, dachte er. Wenn dieser Ort schon vor den Bolg hier gewesen war, wer Gwylliam und Anwyn einmal hier gelebt hatten, w�re er mit Sicherheit von Hass verunreinigt, von der Wut, welche die alten cymrischen L�nder zerst�rt, sie �de und leblos zur�ckgelassen hatte. Dass hier eine warme, entspannte Atmosph�re herrschte, war ein sicheres Zeichen f�r Rhapsodys Anwesenheit. Als er das kleine Haus entdeckte, wusste er, dass es ihr geh�rte. Er konnte sie f�hlen, wie sie im Innern des Hauses von Raum zu Raum ging und ihre W�rme mit sich trug. Die Lichter der H�tte glitzerten heiter in der nachmitt�glichen Dunkelheit, Rauch stieg aus dem Schornstein auf. Mit seinen Drachensinnen nahm er jede Einzelheit wahr, von der schimmernden Gartenlaube mit dem goldenen Vogelk�fig, in dem das Lied seines Namens noch widerhallte, bis zu dem ausgedehnten Garten, der in der Bl�tenpracht des Fr�hsommers erstrahlte. Allein diese Sch�nheit reichte schon fast, um die Qual zu lindern, die er stets mit sich trug. Er nahm all seinen Mut zusammen. Immerhin hatte er den Entschluss gefasst, ihr seine Gef�hle zu gestehen und das Spiel des cymrischen Schweigens zu beenden. Wenn es �berhaupt einen richtigen Ort gab, um das zu tun, dann war er hier, und jetzt war auch der richtige Zeitpunkt.</p><p>Rhapsody �ffnete die T�r. Da stand er, den Umhang �ber dem Arm, und l�chelte sie unsicher an, wie er es im Wald getan hatte, als er zum ersten Mal sein Gesicht enth�llt hatte. Sofort wanderte ihr Blick zu seinen Pupillen; sie waren vertikale Schlitze, wie damals. Dann schnappte sie nach Luft. Der struppige Bart war nicht mehr da, das Gesicht glatt rasiert wie in Sepulvarta. Augenblicklich verblasste sein L�cheln.</p><p>�Stimmt etwas nicht?�</p><p>Rhapsody starrte ihn noch einen Moment lang an, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Nein, nein, tut mir Leid. Nein, es ist nichts. Bitte komm herein. Ich wollte nicht unh�flich sein.�</p><p>Ashe trat ins Wohnzimmer und blickte sich um. Seine Augen sogen den gem�tlichen Anblick in vollen Z�gen ein, und w�hrend er sich umschaute, versp�rte er eine Sehnsucht, die er nicht h�tte benennen k�nnen.</p><p>Der Raum war liebevoll eingerichtet mit farbenfrohen Teppichen aus gewebter Wolle, zwei zueinander passenden Sesseln vor dem offenen Kamin und einem kleinen Sofa. �berall standen Blumenvasen, einfache, sch�ne Gegenst�nde schm�ckten W�nde und Tische. In einem Schrank aus mit Kork eingelegtem Kirschbaumholz waren Musikinstrumente untergebracht. Der Duft w�rziger Kr�uter und frischer Seife lag in der Luft, zusammen mit einer Spur Vanille. Ashe seufzte tief, als er ihn einatmete.</p><p>�H�bsches H�uschen.�</p><p>�Danke.� Automatisch streckte Rhapsody die Hand nach seinem Umhang aus, bemerkte ihren Fehler aber in dem Moment, als er ihr das Kleidungsst�ck reichte, und lie� ihn vor lauter Aufregung gleich fallen. Unglaublich, dass Ashe ihn ihr gegeben hatte! Der Umhang f�hlte sich k�hl in ihren H�nden an, und ein feiner Nebeldunst stieg von ihm auf, aber ansonsten schien er sich nicht von anderen Kleidungsst�cken zu unterscheiden. Nachdem sie ihn an einen der Haken neben der Treppe geh�ngt hatte, wandte sie sich um und trat zu ihm.</p><p>�Was ist mit deinem Bart geschehen?�</p><p>Ashe sah ins Feuer und l�chelte. �Eine Person, an deren Meinung mir sehr viel liegt, scheint der �berzeugung zu sein, dass ich ohne ihn besser aussehe.�</p><p>�Oh.� Sie schwieg verlegen und wusste nicht, was sie als N�chstes sagen sollte. Ashe sah sie an. �Nun? Du hast mich gerufen?�</p><p>�Oh�, wiederholte sie. �Ja. Hoffentlich habe ich dich nicht bei etwas Wichtigem gest�rt.�</p><p>�Was wolltest du denn?�</p><p>Rhapsody lehnte sich ans Gel�nder. �Genau genommen zwei Dinge. Das erste ist oben in meinem Schlafzimmer. W�rde es dir etwas ausmachen, mit hinaufzukommen?�</p><p>Ashe schluckte schwer und versuchte, die Erregung zu unterdr�cken, die bereits in ihm aufgeflammt war, als sie die T�r ge�ffnet hatte. �Aber nein�, antwortete er, und seine Stimme klang ein wenig angestrengt.</p><p>Rhapsody l�chelte ihn an, und er sp�rte die Aufwallung der Gef�hle, wie immer, wenn ihr strahlender Blick auf ihm ruhte. Er folgte ihr die Treppe hinauf und h�ngte unterwegs seinen Waffeng�rtel zu ihrem auf das Gestell neben der T�r.</p><p>Auch ihr Schlafzimmer war wundersch�n, geschmackvoll dekoriert und voll von Dingen, die sie liebte. Durch die offene T�r des Kleiderschranks aus Zedernholz sah man eine sorgf�ltig geordnete Garderobe von Kleidern in h�bschen Farben, von denen er allerdings keines jemals an ihr gesehen hatte. In einer Zimmerecke stand ein gro�er Wandschirm in den gleichen Sonnenuntergangsfarben wie der Krug und die Sch�ssel auf dem Waschtisch; vor dem Kamin funkelten Feuerb�cke aus Messing. Rhapsody ging zu dem reich geschnitzten Kaminsims und nahm zwei kleine Gem�lde herunter, die dort standen. Als Ashe zu ihr ans Feuer trat, gab sie sie ihm.</p><p>Auf einem der Bilder, einem �lgem�lde, waren zwei menschliche Kinder zu sehen, ein Junge an der Schwelle zur Adoleszenz, das M�dchen ein paar Jahre j�nger. Beide waren h�bsch, das M�dchen blond und hell, der Knabe etwas dunkler. Das andere Bild dagegen wimmelte von grinsenden, mit Holzkohle skizzierten Gesichtern, grob und haarig. Sofort erkannte Ashe die Kinder als Firbolg. Fragend blickte er Rhapsody an.</p><p>�Das sind meine Enkel�, erkl�rte sie, und ihre Smaragdaugen erforschten sein Gesicht. Noch immer verstand Ashe nicht. �Oh. Ja, du hast sie erw�hnt. Jetzt erinnere ich mich wieder.�</p><p>�Ich dachte, diese hier w�rdest du besonders gern sehen�, meinte sie und deutete auf das �lgem�lde. Ihre Stimme klang sehr sanft. �Das sind Herzog Stephens Kinder.�</p><p>Wie sie es erwartet hatte, stiegen Tr�nen in Ashes Augen, und er setzte sich benommen auf das Sofa vor dem Kamin. Anscheinend hatte Llauron sich nicht die M�he gemacht, seinen Sohn �ber die wichtigen Dinge im Leben seines besten Freundes auf dem Laufenden zu halten, und er wusste nichts von der Existenz dieser Kinder. Rhapsody tat das Herz weh. Sie beugte sich �ber die Sofalehne, wobei sich ihre eine Hand ganz selbstverst�ndlich auf seine Schulter legte, w�hrend sie mit der anderen auf die beiden Kinder zeigte.</p><p>�Das hier ist Melisande, geboren am ersten Fr�hlingstag; sie ist ein echter Sonnenschein. Ihr Bruder ist ernster, mehr in sich gekehrt, aber wenn er l�chelt, wird es hell im Raum. Sein Geburtstag ist der letzte Tag im Herbst.� Sie hielt inne, denn sie wollte ihn nicht gleich �berfordern. �Sein Name ist Gwydion.�</p><p>Ashe blickte zu ihr auf, und Rhapsody sah in seinen Augen ein Gef�hl, das sie nicht einordnen konnte. Lange starrte er sie an, dann wandte er sich wieder dem Bild zu.</p><p>�M�chtest du gern einen kleinen Eindruck von ihnen bekommen?�, fragte sie. Ashe nickte;</p><p>Rhapsody legte auch noch die andere Hand auf seine Schulter und sang das Lied, das sie f�r die Kinder geschrieben hatte, als sie sich kennen gelernt hatten, ein Lied, das die beiden haargenau beschrieb. Melisandes Melodie war munter, luftig und unberechenbar, Gwydions eindringlich, tief und weich, jeder Refrain etwas komplizierter als der vorherige. Als Rhapsody geendet hatte, blickte sie �ber die Sofalehne und sah, dass Ashe weinte. Voller Besorgnis lief sie um das Sofa herum und kniete vor ihm nieder.</p><p>�Ashe, das tut mir sehr Leid. Ich wollte dich nicht durcheinander bringen.�</p><p>Ashe sah sie an und l�chelte unbeholfen. �Entschuldige dich nicht, du hast mich nicht durcheinander gebracht. Danke.�</p><p>�Ich denke, das leitet zu dem �ber, was ich dir sagen wollte�, fuhr Rhapsody fort, w�hrend er sich mit dem Handr�cken �ber die Augen wischte. �Offensichtlich wei� ich, wer du bist.�</p><p>Ashe nickte m�de. �Ich meine, ich wei� genau, wer du bist.�</p><p>�Und wer bin ich?�</p><p>�Bitte, treib keine Spielchen mit mir, Ashe�, entgegnete sie ein wenig �rgerlich.</p><p>�Offensichtlich kenne ich die Verbindung zwischen dir und Herzog Stephen. Ich kenne auch deinen Namen gut genug, um dich zu rufen. Vermutlich wei�t du, was das bedeutet. Dass ich n�mlich auch alles andere wei�, was dazugeh�rt.�</p><p>Ashe seufzte. �Ja, ich denke schon.�</p><p>�St�rt es dich?�</p><p>�Eigentlich nicht.� Er sch�ttelte den Kopf. �Irgendwie ist es sogar eine Erleichterung.�</p><p>�Nun, bevor die Nacht verstrichen ist, hoffe ich, dass du noch erleichterter bist.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Das wirst du gleich sehen. Zuerst muss ich dir noch etwas Wichtiges sagen.�</p><p>Ashe nickte, und ihre Blicke trafen sich. �Ich h�re.�</p><p>Auch Rhapsody nickte. �Gut. Ich habe einen Entschluss gefasst, und da er auch dich betrifft, dachte ich, du solltest ihn erfahren.�</p><p>�Ja?�</p><p>Sie holte tief Luft. �Ich habe genug von der cymrischen Geheimniskr�merei. Deshalb habe ich beschlossen, dir zu trauen, und offen gestanden ist es mir egal, ob ich damit Recht habe oder nicht. Ich war mir unsicher �ber meine Gef�hle, aber ich will das nicht mehr sein. Deshalb habe ich beschlossen, dein Freund zu sein, gleichg�ltig, ob du meiner bist oder nicht. Als mein Freund wirst du mir immer am Herzen liegen, und ich werde dich mit meinem Leben besch�tzen. Ich werde dich gegen die Sklaven der Unterwelt verteidigen, genau wie ich es auch f�r Achmed, Grunthor oder Jo tun w�rde. Und wenn du mich betr�gst, wenn du etwas Sch�ndliches gegen mich im Schilde f�hrst, dann erz�hle mir bitte nichts davon. Mir ist es lieber, wenn du mich jetzt t�test, als wenn du mich sp�ter betr�gst. Wie auch immer, ich gehe das Risiko ein. Du brauchst dich auch nicht zu revanchieren, du musst nur mithelfen. Bitte strecke deinen Ringfinger aus.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>Rhapsody h�stelte verlegen. �Wahrscheinlich war ich jetzt doch ein bisschen zu forsch. Ich w�sste es sehr zu sch�tzen, wenn du diesen Ring anstecken w�rdest.� Sie hielt den Siegelring in die H�he, den der Patriarch ihr gegeben hatte, den Ring, der sein heiliges Amt bewahrte, die Weisheit und die Heilkunst, die damit einherging. Ashes Augen wurden gro� vor Erstaunen. �Wo ins aller Welt hast du diesen Ring her?�</p><p>�Aus Sepulvarta. Ich habe dem Patriarchen beigestanden und gegen den Rakshas gek�mpft ja, ich f�rchte, das war ich.� Die Nachricht von dem Kampf hatte sich wie ein Lauffeuer in ganz Roland verbreitet, und Rhapsody war sicher, dass auch Ashe davon geh�rt hatte.</p><p>�Niemand wei� es, aber in jener Nacht hat Seine Gnaden mir sein Amt �bergeben und mich gebeten, es zu bewahren und mit meinem Leben zu besch�tzen. Da ich dir die gleiche Pflicht auferlegt habe und da ich wei�, dass der Ring dich heilen wird, gebe ich ihn jetzt dir. Streif ihn �ber.� Doch Ashe starrte sie nur an.</p><p>�Ach, �brigens�, fuhr Rhapsody fort, ��brigens wei� ich I auch Bescheid �ber den Rakshas. Ich werde ihn f�r dich t�ten und dir das St�ck deiner Seele zur�ckholen, das er dir gestohlen hat. Dann kannst du dich ganz der Aufgabe widmen, K�nig der Cymrer zu werden. Ich werde dir helfen, so gut ich kann, das Reich wiederzuvereinigen.�</p><p>Unvermittelt stand Ashe auf und ging zur Feuer stelle. Er legte die H�nde auf den Kaminsims und holte mehrmals tief Luft. Schweigend beobachtete Rhapsody ihn, w�hrend er das, was sie ihm gesagt hatte, St�ck f�r St�ck in sich aufnahm. Schlie�lich drehte er sich zu ihr um.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich sagen soll.�</p><p>�Warum musst du unbedingt etwas sagen? Ich habe dich nur darum gebeten, den Ring anzuziehen.�</p><p>�Ich glaube, du wei�t nicht, was du mir da gibst.�</p><p>Ver�rgert runzelte sie die Stirn. �Du musst mich wirklich f�r sehr dumm halten, Ashe.�</p><p>�Ich ... ich halte dich �berhaupt nicht f�r dumm. Im Gegenteil, ich ...�</p><p>�Ich habe den Ring nicht in einer Schachtel mit alter Unterw�sche auf dem Speicher oder an einem Marktstand entdeckt, ich habe ihn vom Patriarchen pers�nlich ausgeh�ndigt bekommen, in der Nacht des Rituals am Hochheiligen Tag, dem ich beigewohnt habe. Was bringt dich auf den Gedanken, er k�nnte mir so einen wichtigen Gegenstand gegeben haben, das Wertvollste, was er besa�, wenn ich seine Bedeutung nicht begriffen h�tte?�</p><p>�Dann verstehst du vielleicht nicht, wie das mit meinem Vater ist, dass er n�mlich ...�</p><p>�... dass er das Oberhaupt der Entgegengesetzten Glaubensrichtung ist und dass auch du eines Tages wahrscheinlich sein Nachfolger wirst? Doch, auch das verstehe ich. Ist dir klar, dass es nur eine einzige Religion gab, als die Cymrer aus Serendair kamen, eine Kombination der Praktiken aus Gwynwald und Sepulvarta, und dass es die cymrische Spaltung war, die diese Glaubenstrennung vorantrieb? Wenn du planst, den Riss in der Regierung des cymrischen Volks zu kitten, warum nimmst du dir dann nicht auch gleich noch die religi�se Teilung vor? Ich habe religi�sen Riten beider Kirchen beigewohnt; sie sind einander viel �hnlicher, als du vielleicht glaubst. Wer braucht einen Patriarchen <emphasis>und</emphasis> einen F�rbitter? Warum kann nicht einer beides sein? Oder warum kann der Cymrer-Herrscher nicht das vereinende Oberhaupt beider Sekten sein und die geistliche Herrschaft der jeweiligen Gruppe �berlassen? Anerkennen, dass den Menschen das Recht auf Glaubensfreiheit zusteht, sie aber dennoch als ein monotheistisches Volk vereint bleiben k�nnen.�</p><p>Sie hielt inne; Ashe starrte sie ungl�ubig an.</p><p>�Was ist?�, fragte sie.</p><p>�Du bist erstaunlich.�</p><p>�Warum?�</p><p>Ashe sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Und be�ngstigend. Erstaunlich und be�ngstigend.�</p><p>�Jetzt verstehe ich wirklich nicht, was du meinst.�</p><p>Er hielt sich weiter am Kaminsims fest und senkte den Kopf, sodass der Feuerschein auf seinem metallisch roten Haar gl�nzte. So verharrte er eine Weile, sammelte seine Gedanken und atmete tief. Rhapsody fragte sich, ob ihm �bel war. Schlie�lich jedoch richtete er sich auf und wandte sich zu ihr um.</p><p>�Wie hast du das alles herausgefunden?�</p><p>�Es war nicht leicht�, antwortete sie und verschr�nkte die Arme. �Du jedenfalls hast mir ganz bestimmt nicht geholfen. Also, lass mich sehen, ob ich dich jetzt verstehe, Ashe oder soll ich dich lieber Gwydion ap Llauron ap Gwylliam und so weiter nennen?�</p><p>�Nein, danke, Ashe gen�gt.�</p><p>�Du bist der Sohn Llaurons, der einzige Enkel von Gwylliam und Anwyn, Tr�ger des Schwertes Kirsdarke, das du von der Seite deiner Mutter bekommen hast. Au�erdem bist du von manossischem Adel, Herr des Geschlechts Neuland sowie Erbe des cymrischen K�nigstitels, sollten die Cymrer wiedervereint werden.�</p><p>Schwei�perlen bildeten sich auf seiner Stirn. �Bist du sicher?�</p><p>Ver�rgerung schlich sich auf ihr freundliches Gesicht. �Unterbrich mich nicht ich musste das alles ohne deine Hilfe herausbekommen, also h�r mir lieber zu und warte, bis du an der Reihe bist. Ob ich sicher bin? Nein. Wenn ich mir einer Sache sicher bin, dann sage ich es auch so. Aber ich habe mehr als einen vagen Verdacht, dass ich Recht habe, und jetzt misch dich bitte nicht noch mal ein, es sei denn, du musst mich in den Fakten korrigieren. Abgemacht?�</p><p>�Ja�, antwortete er und senkte l�chelnd die Augen.</p><p>�Vor etwa zwanzig Jahren hast du mit einem D�mon aus der alten Welt gek�mpft, der als blinder Passagier auf Gwylliams Schiff in dieses Land gekommen war; als du versucht hast, ihn zu t�ten, hat er dir ein St�ck von deiner Seele aus der Brust gerissen. Seither lebst du in st�ndiger Qual, und der D�mon hat die Macht, dich zu finden. Du hast dich versteckt, hast alle, die dich kannten, in dem Glauben gelassen, du w�rest tot, bist unter einem Nebelumhang umhergewandert und hast versucht, den neuen Wirt des D�mons zu finden, um die kleinen Kriege zu verhindern, die er heraufbeschw�rt. Leider hattest du in beider Hinsicht nicht viel Erfolg, wenn du mir verzeihst, dass ich das sage.</p><p>Unterdessen hat sich der D�mon das St�ck deiner Seele genommen und hat eine Art Maschine darum herum gebaut, in Wesen, das genau so aussieht wie du und das die Kraft aus deiner Seele bezieht, aber aus dem Blut des F�dor geschaffen ist. Dieses Wesen ist f�r einen gro�en Teil des Schreckens verantwortlich, der das Land an den Rand eines folgenschweren Kriegs gebracht hat, und sollte jemand ihm begegnen und diese Begegnung �berleben, so w�rde der Betreffende dich f�r diese Untaten verantwortlich machen, vorausgesetzt, er w�rde es f�r m�glich halten, dass du noch am Leben bist.</p><p>Doch das ist nicht sehr wahrscheinlich. Vermutlich wei� nicht einmal der D�mon, dass du lebst. Trotzdem hat der Rakshas die ganze Zeit im Auftrag seines Meisters nach dir gefahndet, hat versucht, sich auch deinen K�rper und den Rest deiner Seele anzueignen, wahrscheinlich, um dich zum neuen Wirt des D�mons zu machen. Er sucht nach wie vor nach dir, deshalb wanderst du in einem Umhang umher, der dich verbirgt. Liege ich bisher einigerma�en richtig?�</p><p>Ashe nickte benommen.</p><p>�Oh, und ich wei� auch, dass du haupts�chlich vom F�rsten und der F�rstin von Rowan geheilt wurdest. Und dass du ein Drache bist, zumindest teilweise. Daher wusstest du auch, in welcher der hundert H�tten ich Gavin finden w�rde.�</p><p>�Was wirst du mit dieser Erkenntnis anfangen?�</p><p>Rhapsodys Augen funkelten. �Nun, zuerst einmal hoffe ich, dass du mich nicht auf der Stelle umbringst.�</p><p>�Ich denke, f�r den Augenblick bist du in Sicherheit.�</p><p>�Oh, gut. Als N�chstes plane ich, dir zu helfen. Ich glaube, ich habe schon in etwa angedeutet, wie, aber du hast den Ring immer noch nicht angesteckt.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Hast du Angst davor?�</p><p>�Ein wenig.�</p><p>�Warum?�</p><p>Er seufzte. �Rhapsody, das ist es nicht, was ich von dir zu h�ren erwartet habe.�</p><p>Sie l�chelte, und ein neugieriges Funkeln trat in ihre Augen. �Wirklich? Was hast du denn dann erwartet?�</p><p>�Eigentlich habe ich keine Ahnung. Vermutlich dachte ich, du k�nntest vielleicht selbst Hilfe brauchen oder du wolltest mir nur mitteilen, dass du wieder da bist.�</p><p>�Aha. Sieh mal, Ashe, du warst einer der wenigen Menschen, die mir, seit ich in diesem Land bin, tats�chlich geholfen haben, das zu finden, was ich gesucht habe; du hast mir geholfen, und ich w�rde mich gern bei dir revanchieren. Seit ich in diesem Land bin, war ich ziemlich isoliert; bis jetzt habe ich meine Zeit haupts�chlich mit Achmed und Grunthor verbracht. Abgesehen von Jo bist du eigentlich der einzige Freund, den ich habe. Ich wei�, du bist es gew�hnt, allein zu sein, und konntest lange Zeit niemandem trauen au�er Llauron, aber bitte, lass mich dir helfen. Ich glaube, du brauchst genauso dringend einen Freund wie ich, vielleicht sogar noch dringender.� Ashe l�chelte. Rhapsody setzte sich und klopfte auf den Platz neben sich. �Bitte, ich wei�, dass du mir nicht vertrauen magst, aber du musst es versuchen, wirklich. Fr�her oder sp�ter wird der D�mon dich in einem unvorbereiteten Augenblick erwischen. Du brauchst jemanden, der dir den R�cken frei h�lt. Au�erdem sollte eine Frau einen Mann nicht anflehen m�ssen, einen Ring anzustecken, das ist dem�tigend.�</p><p>Ashe lachte. Er trat zur Couch, setzte sich neben Rhapsody und nahm ihre Hand. �Ich wollte, ich w�sste, was ich dir sagen soll.�</p><p>�Meinetwegen brauchst du gar nichts zu sagen. Bitte, Ashe, zieh einfach nur den Ring an. Es ist der erste Schritt, dass du wieder vollst�ndig wirst. Sobald du heil und von der Qual befreit bist, mache ich mich auf den Weg, den Rakshas f�r dich zu t�ten. Hier.� Abermals hielt sie ihm den Ring hin.</p><p>Ashe nahm ihn auf seine Handfl�che und legte bed�chtig die Finger dar�ber. Allein ihn zu halten linderte schon seine Schmerzen; er sp�rte die intensive Kraft, die von ihm ausging. Er sah die Frau an, die da neben ihm auf dem Sofa sa� und deren Augen vor Erwartung schimmerten. Seine verwundete Seele schrie warnend auf, dass alles nur eine Illusion sei, viel zu sch�n, um wahr zu sein. <emphasis>Eine Falle,</emphasis> fl�sterte der Drache. <emphasis>Der D�mon hat sie geschickt, sie wird uns verraten. Beherrsch dich</emphasis>. Gleichzeitig war dieser Teil seiner Natur aber auch von der Macht des Rings fasziniert, und mehr als alles andere wollte seine Seele ihr glauben. Er schluckte schwer und steckte den Ring an den Finger. Zun�chst nahm er keine Ver�nderung wahr. Dann aber hatte er ein Gef�hl, als fielen G�nsedaunen weich auf seinen Kopf herab, sanft wie Schneeflocken. Er blickte auf, konnte aber nichts sehen. Als N�chstes sp�rte er etwas Schwereres, wie ein warmer Umhang, der sich auf seine Schultern senkte, und vom Boden schien eine Kraft in ihn aufzusteigen, die seine Adern weit machte und sein Herz st�rkte. Sein Brustkorb dehnte sich, das Atmen wurde leicht, und seine Drachensinne f�hlten, wie tausende Gef��e und Muskeln wieder zusammenwuchsen und heilten, wie sich neue Knochen aufbauten und neue Haut entstand, bis alle verwundeten Stellen wieder heil waren. Da brauste die Kraft durch seinen K�rper, str�mte durch sein Blut und in seine Gedanken, die sich, gemeinsam mit seiner F�higkeit zu verstehen, weiter ausdehnten und wuchsen, denn die Weisheit des Rings hatte ihn durchdrungen.</p><p>Er sah Rhapsody an, die seine Verwandlung ehrf�rchtig beobachtete, und auf einmal wusste er, dass sie keine Sklavin des D�mons, sondern im Gegenteil vollkommen ohne Falsch war; sie war genau das, was sie zu sein schien. Tr�nen traten ihm in die Augen, und ein tiefer Seufzer, der ihn erzittern lie�, entrang sich seiner Brust.</p><p>Auf ihrem Gesicht wandelte sich das Staunen blitzschnell in Besorgnis. �Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Mit einem leisen L�cheln nickte er und lie� ihre Hand los. Er konnte sp�ren, wie das Blut wieder ungehindert in die Finger floss, und sch�mte sich, weil er sie so eng umklammert hatte. Seine H�nde zitterten, als er sein Baumwollhemd aufnestelte. Die h�ssliche Wunde, die seine Brust auseinander gerissen hatte, war verschwunden, und an ihre Stelle war eine d�nne rosarote Narbe aus neuer, gut verheilender Haut getreten. Wieder blickte er Rhapsody an. Auch in ihren wundersch�nen Augen standen Tr�nen, und auf ihrem Gesicht breitete sich ein L�cheln aus, bei dem sein Herz vor Freude einen Satz vollf�hrte.</p><p>�Wie f�hlst du dich?�</p><p>Seine Schmerzen waren verschwunden, ihm war schwindlig, und er f�hlte sich leer, aber wundervoll.</p><p>�Besser�, antwortete er und versetzte sich in Gedanken einen Fu�tritt, weil seine Antwort so halbherzig und unangemessen klang.</p><p>�Gut. Ich freue mich, dass der Ring dir geholfen hat.�</p><p>Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag war Ashe unf�hig, seine Gef�hle auszudr�cken:</p><p>Erleichterung, Freude, Erwartung, Hoffnung. Wie konnte er in Worte kleiden, was ihm all dies bedeutete? Nach Jahrzehnten endlich befreit zu sein von Qual und Leid, zum ersten Mal seit undenklichen Zeiten Hoffnung zu sch�pfen ... Er �ffnete den Mund, doch es kamen keine Worte heraus, und in Gedanken verfluchte ihn der Drache wegen seiner Unzul�nglichkeit. Doch Rhapsody schien sehr zufrieden. �Nun, da wir das hinter uns haben, tust du mir einen Gefallen?�</p><p>Er holte tief Luft. �Alles. Ich tue alles, was du willst.�</p><p>Sie t�tschelte seine Hand. �W�rdest du mir die Ehre gew�hren, die Erste zu sein, die du ohne Schmerzen in die Arme schlie�t? Ich habe mich schrecklich gef�hlt, weil ich dir damals im Wald so wehgetan habe.�</p><p>Um sich nicht zum Narren zu machen, erwiderte Ashe lieber nichts, sondern breitete nur wortlos die Arme aus, zog sie an sich und wagte kaum, sie zu sp�ren, aus lauter Angst, der Drache k�nne ihm seinen letzten Rest Selbstbeherrschung rauben. Wie ein Kind, das vorsichtig in ein Schwimmbecken steigt, erst einen Zeh hineinh�lt, dann einen Fu�, so erlaubte er seinen Sinnen nur ganz langsam, Rhapsody in sich aufzunehmen. Ihr Haar roch immer noch wie der Morgen, wie eine frische Wiese nach einem Sommerregen. Der Stoff ihrer Bluse umschloss die W�rme ihres Oberk�rpers, eine Hitze, die seine H�nde zum Zittern brachte.</p><p>Aber ehe er zu tief in sie versinken konnte, lie� sie ihn los und stand auf. �Wie w�re es mit einer Tasse Tee?�, fragte sie zubereite, nicht magst, aber du kannst ihn ja so lange ziehen lassen, wie du m�chtest. Ich hole nur rasch den Kessel. Ruh dich doch hier ein wenig aus, ich bin gleich wieder da.�</p><p>Damit verlie� sie das Zimmer, und Ashes Herz folgte ihr zur T�r hinaus.</p></section><section><title><p>38</p></title><p>Nachdem sie mit dem Tee zur�ckgekehrt war, setzte sie sich neben ihn auf den Boden und reichte ihm ei: Tasse. Er nahm einen Schluck und fasste den Entschluss, seinen Plan endlich in die Tat umzusetzen.</p><p>�Darf ich dich etwas fragen?�</p><p>�Aber nat�rlich.�</p><p>�Warum hast du das getan?�</p><p>�Was getan?�</p><p>Er hielt die Hand mit dem Ring hoch. �Das. Und alles, was du getan hast, um ihn zu bekommen.�</p><p>Rhapsody sah verwirrt aus. �Das habe ich dir doch gerade erz�hlt; f�r einen Freund w�rde ich alles tun. Ich habe dir gesagt, wozu ich bereit bin, was es f�r mich bedeutet, dein Freund zu sein, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, da hast du deine Antwort.�</p><p>�Gibt es noch andere Gr�nde?�</p><p>�Andere Gr�nde wof�r?�</p><p>�Andere Gr�nde daf�r, mir dieses unglaubliche Geschenk zu machen, mir auf diese Art und Weise zu helfen.�</p><p>Rhapsody war �berrascht. �Andere Gr�nde? Andere Gr�nde als die, die ich dir genannt habe?�</p><p>�Ja, falls es welche gibt.�</p><p>Sie �berlegte, die Augen auf ihren Scho� gesenkt, die H�nde auf den Knien. �Nun�, meinte sie kurz darauf, �vermutlich gibt es noch zwei andere Gr�nde, aber die sind nicht so wichtig wie der erste.�</p><p>�Sag sie mir trotzdem�, bat Ashe. Er musste auf sie herabflicken, und es behagte ihm ganz und gar nicht, dass Rhapsody zu seinen F��en kauerte, in der traditionellen Haltung einer Dienerin an einem menschlichen K�nigshof.</p><p>�Nun ja, ich wei� nicht, ob ich das richtig erkl�ren kann ... Aber seit ich Herzog Stephen kennen gelernt und den Schrein gesehen habe, den er dir in seinem Museum gewidmet hat, habe ich nicht geglaubt, dass du tot bist, und das unerkl�rliche Bed�rfnis versp�rt, dir zu helfen.�</p><p>�Den Schrein?�</p><p>�Vielleicht ist das nicht ganz das richtige Wort daf�r, aber Herzog Stephen hat in dem Museum seiner Festung einen kleinen Bereich eingerichtet, mit einer Inschrift, die er dir gewidmet hat, und ein paar Gegenst�nden, die dir geh�rten. Ich habe ihn gefragt, wer dieser Gwydion gewesen sei, und er hat mir ein wenig von euch beiden erz�hlt. Irgendwie hatte ich das Gef�hl, dass Gwydion, ich meine, dass du noch am Leben sein k�nntest. Besser kann ich es nicht erkl�ren.</p><p>Wie du wei�t, habe ich seit langer Zeit Tr�ume und Visionen von der Zukunft; diese sind oft erschreckend genau, und deshalb vertraue ich meist meinem Instinkt. Dieser Instinkt sagte mir, dass du lebst, und so war ich wohl ein wenig besessen von der Idee, dich zu finden und dir zu helfen. Nat�rlich wusste ich bei unserer ersten Begegnung nicht, dass du Gwydion bist, aber im Lauf der Zeit wurde es mir immer deutlicher, und ich habe dir geholfen, so gut ich eben konnte.�</p><p>�Und ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin�, erwiderte er und sah sie mit einem ganz neuen Blick in den Augen an. Rhapsody sp�rte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, ohne dass sie recht wusste, warum. Seine Augen waren so fremdartig; aus der Entfernung bemerkte man seine vertikalen Pupillen gar nicht, aber es war nicht zu �bersehen, dass sie irgendwie anders waren. Vielleicht war das an dem seltsamen Blick schuld.</p><p>�Was noch? Du hast gesagt, es waren zwei Gr�nde.�</p><p>Rhapsody sah verlegen aus. �Wom�glich ist dir das jetzt ein wenig unangenehm�, meinte sie und err�tete noch mehr, w�hrend sie mit ihren strahlenden Augen, so gr�n wie die Baumwipfel des Waldes, zu ihm aufblickte.</p><p>Ashe konnte den Hoffnungsschimmer kaum ertragen. �Was?�</p><p>Wieder senkte sie den Blick auf ihre H�nde. �Wenn sich die Dinge so entwickeln, wie wir es erwarten, dann wirst du irgendwann der cymrische Herrscher sein. Da ich Cymrerin. bin, bist du dann mein K�nig und ich deine Untertanin, deshalb habe ich die Pflicht, dich zu unterst�tzen.�</p><p>Als sie den Ausdruck auf Ashes Gesicht sah, r�ckte sie ein wenig von ihm ab. Es war eine Mischung aus Entt�uschung und Entsetzen.</p><p>�Tut mir Leid, wenn ich dich an etwas Schmerzliches erinnert habe�, sagte sie und w�nschte, sie h�tte den Mund gehalten.</p><p>Er brauchte einen Augenblick, ehe er etwas erwidern konnte, bem�hte sich aber, seine Stimme ruhig und sanft klingen zu lassen. Auf gar keinen Fall wollte er sie mit der Heftigkeit seiner Gef�hle erschrecken.</p><p>�Rhapsody, ich m�chte nicht, dass du meine Untertanin bist.�</p><p>Verbl�fft und fast ein wenig verletzt blickte sie zu ihm auf.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie atmete tief ein und senkte erneut die Augen, als verst�nde sie allm�hlich, was er sagen wollte.</p><p>�Nun gut�, sagte sie langsam, �wenn du so dar�ber denkst, dann werde ich mich wohl von Roland fern halten m�ssen. Hier ist Achmeds Land, das wird sowieso nicht unter cymrische Herrschaft kommen. Vielleicht kann ich ja auch in Tyrian leben, Oelendra hat gesagt, ich bin dort immer ...�</p><p>Sie unterbrach sich, denn er hatte sich mit einer schnellen Bewegung neben sie auf den Boden gesetzt, umfasste ihr Gesicht und k�sste sie.</p><p>Seine Lippen waren warm und entschlossen, sein Kuss leidenschaftlich, aber nicht aufdringlich. Ihre Augen wurden weit vor Schreck, sie erstarrte in seinem Griff, und als er sie widerstrebend freigab, sah sie ihn v�llig verbl�fft an. Doch bemerkte sie die Verzweiflung, die ihm ins Gesicht geschrieben stand, stand auf und fuhr sich verlegen mit der Hand �ber die Haare.</p><p>Nach kurzem Schweigen sagte sie: �Wei�t du, es ist wirklich erstaunlich, was die Leute alles anstellen, nur damit ich aufh�re zu reden. Einmal hat Achmed mir gedroht, mich am Spie� zu grillen und mich Grunthor als Delikatesse anzubieten, wenn ich ...�</p><p>�Weich nicht aus, Rhapsody�, fiel Ashe ihr ins Wort. �Das ist doch sonst nicht deine Art.�</p><p>�Ich weiche nicht aus�, protestierte sie und rang nerv�s die H�nde. �Ich versuche nur herauszufinden, ob seine oder deine Ma�nahme extremer war. Ich meine, er hatte schon die Marinade ausgesucht.�</p><p>�Schrecklich. Wahrscheinlich hat er es sogar erst gemeint�, sagte Ashe, ver�rgert �ber diese seltsame Wendung des Gespr�chs.</p><p>�Ich wei�, dass er es ernst gemeint hat�, erwiderte Rhapsody und sah weg. �Aber bei dir wei� ich es nicht.�</p><p>�Ich meine es vollkommen ernst.�</p><p>�Warum?�, fragte sie ungl�ubig. �Was sollte das denn?�</p><p>Ashe betrachtete ihr Gesicht, auf dem der Schreck allm�hlich einem eher verwunderten Ausdruck Platz gemacht hatte. �Vermutlich konnte ich es einfach nicht l�nger verbergen, Rhapsody ... Ich ertrage es nicht, wenn du mit mir sprichst, als w�re ich dein Herr oder dein Bruder oder ein Fremder, der nichts f�r dich empfindet, oder selbst nur ein gew�hnlicher Freund. Vielleicht empfindest du ja nichts weiter f�r mich, aber das w�re wahrlich nicht das, was ich mir w�nsche.�</p><p>�Was w�nschst du dir denn?�</p><p>Ashe seufzte und blickte zur Zimmerdecke empor, ehe er sie wieder ansah. �Ich m�chte dein Liebhaber sein, Rhapsody.�</p><p>Die Verwirrung verschwand. Zu seiner gro�en �berraschung entspannte sich ihr Gesicht, und sie begann zu l�cheln.</p><p>�Oh, jetzt verstehe ich�, sagte sie freundlich. �Du hast so lange diese furchtbaren Schmerzen gelitten, Ashe, und jetzt f�hlst du dich besser. Da ist es ja nur nat�rlich, dass auch solche Bed�rfnisse zur�ckkehren, wenn ...�</p><p>�Sei doch nicht so begriffsstutzig�, unterbrach er sie erneut und konnte nicht verhindern, dass seine Worte bitter und unfreundlich herauskamen. �Damit beleidigst du uns beide. Hier handelt es sich nicht um ein pl�tzlich aufgetretenes k�rperliches Bed�rfnis, das befriedigt werden will, weil die Schmerzen verschwunden sind. Ich habe mir das schon die ganze Zeit �ber gew�nscht. Bei allen G�ttern, du verstehst mich einfach nicht.�</p><p>�In diesem Punkt will ich dir nicht widersprechen�, entgegnete sie, allm�hlich etwas ungehalten. �Nun, wie k�nnte das wohl kommen? �berlegen wir mal zuerst verweigerst du mir jede Auskunft dar�ber, was du willst oder was du denkst oder auch nur, wer du bist. Dann erz�hlst du mir endlich, was du dir von mir w�nschst. Ich glaube, die mir zugedachten Rollen waren �Freund� und �Verb�ndete�. Ach ja, und �Dienstmagd� geh�rte auch noch dazu. Bitte korrigiere mich, wenn ich mich irre aber hast du das andere vielleicht schon einmal erw�hnt, und ich habe es nur nicht geh�rt? Wie dumm von mir, dass ich nicht gleich den Zusammenhang zwischen diesen Dingen und einer Geliebten gesehen habe. Vielleicht h�tte ich ihn erkennen k�nnen, als du mich f�r eine Kurtisane gehalten und es mir Geschmackloserweise auch noch gesagt hast? Oder vielleicht h�tte ich es merken k�nnen, als du mir befohlen hast, mich von dir fern zu halten, als du mir erz�hlt hast, dass du mir nicht vertraust, dass ich dich in Ruhe lassen soll? Ich kann mir gar nicht erkl�ren, wie ich das bei all den Vertraulichkeiten �bersehen konnte, die wir tagt�glich miteinander ausgetauscht haben, Ashe. Diese Art von Liebesgefl�ster bringt mich n�mlich f�r gew�hnlich dazu, dass ich gleich die n�chstbeste horizontale Oberfl�che suche und mich hinlege.�</p><p>Unf�hig, ihren Zorn l�nger im Zaum zu halten, wandte sie sich von ihm ab und dr�ckte die geballten F�uste gegen ihre brennende Stirn. �Ich kann das nicht glauben. Du hast Recht, Ashe, ich bin dumm. Die ganze Zeit habe ich gedacht, du h�ttest gelernt, mich gern zu haben, jedenfalls ein wenig, als Mensch, nicht nur als eine m�gliche neue Eroberung. Ich habe mich bei dir wohl gef�hlt, weil ich dachte, du willst nicht das, was alle wollen, du lernst endlich, mir zu vertrauen. Wahrscheinlich beweist das nur, welch eine N�rrin ich bin. Ich h�tte wissen m�ssen, dass das zu viel verlangt ist von allen au�er Achmed.� Das Kaminfeuer loderte, die Flammen h�pften und verbreiteten ein w�tendes Licht im Zimmer und auf den Bildern der adoptierten Enkelkinder, deren Augen in stummem Vorwurf zu funkeln schienen. Einen Moment stand Ashe reglos da und betrachtete die verschlungenen Muster auf dem Teppich. Dann trat er auf Rhapsody zu, stellte sich hinter sie ans Feuer und sah eine Weile zu, wie die Flammen sich drehten und in verwirrtem Zorn tanzten.</p><p>Schlie�lich stie� er einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus. �Nein, Rhapsody, du bist nicht diejenige, die dumm gewesen ist; ich denke, diese Ehre geb�hrt mir. Bitte fang nicht an, an deiner Wahrnehmung zu zweifeln. Du wei�t sicherlich, wie Recht du damit hast, dass ich beginne, dir zu vertrauen.�</p><p>Auch Rhapsody starrte ins Feuer. �Genau genommen ist das Einzige, was ich mit Sicherheit �ber dich sagen kann, dass ich nichts von dir wei�, Ashe, wirklich �berhaupt nichts.�</p><p>�Bitte sag, dass du das nicht ernst meinst.�</p><p>Rhapsody drehte sich um und sah ihn an, mit tief traurigem Gesicht. �Es tut mir Leid, aber das w�re eine L�ge. Und du wei�t ja, dass ich versuche, nie zu l�gen.�</p><p>Behutsam umfasste Ashe ihre Schultern und sah ihr in die Augen. �Wie kannst du daran zweifeln, dass ich dir vertraue, Rhapsody? Schau mich an. Kannst du mich sehen?� Sie nickte. �Nun, dann bist du seit etwa zwanzig Jahren die Erste. Nicht einmal mein Vater hat in dieser ganzen Zeit je mein Gesicht gesehen. Doch hier stehe ich in deinem Haus vor dir, ohne Umhang, unbewaffnet, offen und ungesch�tzt. Und so siehst du mich nicht zum ersten Mal. Sagt dir das nicht etwas?�</p><p>Rhapsody schenkte ihm ein sanftes L�cheln, um die Verzweiflung zu lindern, die sie in seinem Gesicht gewahrte. �Ich denke schon. Vermutlich wei� ich nur nicht recht, was.�</p><p>�Mir ist klar, dass du die Bedeutung dieser scheinbar ganz einfachen Dinge nicht verstehst, aber das kommt daher, dass du keine Ahnung hast, wie es f�r mich war, jeden Morgen Jahr um Jahr aufzuwachen und zu w�nschen, ich w�re tot, gleichzeitig aber zu wissen, dass ich mir nicht das Leben nehmen konnte, weil es nichts genutzt h�tte.�</p><p>Er lie� seine H�nde �ber ihre Arme gleiten, ergriff ihre H�nde und hielt sie fest, w�hrend er noch ernster fortfuhr.</p><p>�Irgendwo da drau�en existiert ein abscheuliches Wesen, das genauso aussieht wie ich und aus einem Teil meiner Seele die Kraft f�r unaussprechliche Gr�ueltaten bezieht. Die ganze Zeit �ber hat dieses Wesen Verbrechen an unz�hligen Unschuldigen begangen, die ich nicht besch�tzen kann, weil diese Kreatur vollkommen chaotisch und willk�rlich vorgeht, nach einem grausamen Plan, den nicht einmal mein verdrehtes Gehirn nachvollziehen kann. Jedes Mal, wenn irgendwo etwas Schlimmes geschieht, ist das mein erster Gedanke. Er verfolgt mich bei jedem Herzschlag, bei jedem Atemzug.</p><p>Wie soll eine Seele, die so rein und unschuldig ist wie deine, das verstehen k�nnen?� Ein ersticktes Lachen kam �ber Rhapsodys Lippen, aber ihr ironisches L�cheln verblasste, als sie in Ashes Augen sah; sein Blick war fest, und er sprach, als w�re er sich seiner Sache ganz sicher.</p><p>�Lache nicht, Rhapsody; du <emphasis>bist</emphasis> unschuldig, auch wenn du selbst einiges erlebt hast. Du glaubst an Menschen, obwohl sie eigentlich kein Anrecht auf diesen Glauben h�tten, du liebst Menschen, die es eigentlich nicht verdienen. Aber mehr als alles andere suchst du jemanden, dem du vertrauen kannst, weil das in deiner Natur liegt. Es spielt keine Rolle, welche Erfahrungen du gemacht oder was du getan hast es hat dich nicht wirklich ber�hrt. Es ist, als w�rst du eine Jungfrau, an Leib und Seele.�</p><p>Wieder lachte Rhapsody. �Du hast ja keine Ahnung, wie komisch diese Bemerkung ist�, sagte sie. �Wenn es das ist, wonach du suchst, dann bist du absolut auf dem Holzweg.�</p><p>�Ich suche gar nichts das ist doch gerade der Punkt�, erwiderte Ashe ernst. �Ich habe mich versteckt, Rhapsody, zwei Jahrzehnte lang, habe versucht, jeden Kontakt mit der Welt zu vermeiden, und das ist mir auch ganz gut gelungen. Und dann warst eines Tages du da, kamst aus dem Nichts, wie ein unerbittlicher Leitstrahl, und ganz gleich, wohin ich ging, ganz gleich, wie sehr ich versuchte, dich aus meinen Gedanken zu verbannen, wie weit ich mich von dir entfernte, du warst immer da, in den Sternen, im Wasser, in meinen Tr�umen, in der Luft um mich herum. Ich habe versucht, dich aus meinem Blut zu vertreiben, Rhapsody, aber es nutzt nichts. Ich werde dich einfach nicht los.</p><p>Und wahrscheinlich waren mein Verfolgungswahn, meine Versuche, dich von mir wegzusto�en, dich so zu verletzen, dass du mich hasst und endlich in Ruhe l�sst, nur Methoden, mit denen ich der Anziehung entkommen wollte, die du auf mich aus�bst, aber auch Experimente, mit denen ich gepr�ft habe, ob du wirklich das bist, was du zu sein schienst.</p><p>Du darfst nicht vergessen, was der D�mon sich alles ausdenkt, um Unschuldige zu umgarnen, sie an sich zu binden und dann durch sie zu wirken. Nach allem, was ich erfahren hatte, h�ttest du der F�dor pers�nlich sein k�nnen. Ich hatte keine Ahnung, ob du mich aus den gleichen Gr�nden suchst, wie mich seit jener Nacht vor zwanzig Jahren zahllose andere Sklaven gesucht haben um zu zerst�ren, was von meiner Seele noch �brig ist, oder schlimmer noch, diesen Rest auf noch abscheulichere Weise f�r ihre �blen Zwecke zu benutzen. Und es w�re doch bestens eingef�delt gewesen mir ein unschuldiges Herz �ber den Weg zu schicken, geh�llt in ein wundersch�nes �u�eres, ausgestattet mit den Kr�ften einer alten Welt, die schon unter den Wellen des Meeres verschwunden war, bevor mein Vater gezeugt wurde welcher K�der w�re f�r einen Drachen besser geeignet gewesen? Besonders argw�hnisch machte es mich, als mir klar wurde, dass du Jungfrau bist wie wahrscheinlich ist so etwas schon?�</p><p>�Genau genommen ist es eigentlich nur eine theoretische M�glichkeit�, erwiderte Rhapsody humorvoll.</p><p>�Es spielt keine Rolle�, fuhr Ashe fort. �Verstehst du nicht, was ich sagen will? Du bist das H�chste, was ich, als Mann und als Drache, mir jemals w�nschen k�nnte du bist viel zu sch�n, um wahr zu sein. Deshalb war ich dir gegen�ber nat�rlich sehr misstrauisch. Ich muss paranoid sein sonst h�tte ich die letzten zwanzig Jahre nicht �berlebt. Da kamst du und wolltest mich tr�sten, mir helfen, mich in dein Herz schlie�en; das konnte unm�glich wahr sein. Deshalb wartete ich, dass du deine andere Seite zeigen und dich gegen mich wenden w�rdest. Ich wartete und wartete. Aber nat�rlich geschah nichts dergleichen. Wenn �berhaupt, dann hast du dich mir gegen�ber viel verletzlicher gemacht, als ich es dir gegen�ber je h�tte sein k�nnen.</p><p>Dann begann mein Herz sich allm�hlich zu w�nschen, dass es doch wahr w�re. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, hat es sich an diese Hoffnung geklammert, aber die vern�nftigeren Teile meines Selbst haben es in seine Schranken verwiesen. Schlie�lich hielt ich es nicht mehr aus. Du hast zuvor gesagt, du habest beschlossen, mir zu vertrauen und mit den Folgen zu leben oder zu sterben; ich hatte den gleichen Entschluss gefasst ich musste es dir einfach gestehen und beten, dass ich damit nicht den Rest meiner Seele dem F�dor �berantwortete.</p><p>Ehrlich, Rhapsody, wenn es so w�re, es w�re mir gleich. Ich w�re zu dir gekommen, auch wenn du mich nicht gerufen h�ttest. Ich habe noch dar�ber nachgedacht, wie ich es dir am besten sagen k�nnte, und vermutlich habe ich es jetzt verpatzt, aber ich konnte einfach nicht mehr l�gen. Nicht bei einer Frau, die nicht einmal l�gen w�rde, um ihr Leben zu retten. Wie k�nnte ich je darauf hoffen, deiner w�rdig zu sein, wenn ich weiter l�ge?�</p><p>Die Ironie seiner Worte �berw�ltige sie, und obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, sich zusammenzunehmen, fing sie laut an zu lachen. �Tut mir Leid, Ashe, bitte entschuldige�, sagte sie und versuchte, sich wieder in die Hand zu bekommen. �Das ist einfach zu komisch.�</p><p>Ashe war wie vom Donner ger�hrt. �Warum?�</p><p>Rhapsody ergriff seine H�nde. �Du bist der zuk�nftige cymrische K�nig, der Schnittpunkt der k�niglichen Linien aller drei cymrischen Geschlechter. Aber ich bin eine B�uerin, ich stamme aus der untersten Schicht. Und <emphasis>du</emphasis> hoffst, <emphasis>meiner</emphasis> w�rdig zu sein? Findest du das nicht zum Br�llen komisch?�</p><p>�Nein�, erwiderte Ashe br�sk. �Ich finde das nicht komisch. Eigentlich �berrascht mich deine Reaktion, Rhapsody. Ich dachte, gerade du m�sstest am besten wissen, dass die Abstammung einer Person nicht ihren Wert bestimmt.�</p><p>�Nicht als Person, nat�rlich�, entgegnete Rhapsody, und weil er so streng war, wurde auch sie wieder ernst. �Aber wenn man �ber Liebe spricht, geben Leute wie du selten einer Frau wie mir diese Rolle, es sei denn als Befehl oder als Freizeitvergn�gen, und ich denke nicht, dass du etwas Derartiges mit mir im Sinn hattest. Soweit ich mich erinnere, haben wir dieses Thema damals am Ufer des Tar�afel gekl�rt.�</p><p>Ashe drehte sich zum Kaminsims um, und Rhapsody sp�rte, dass er sich sammelte. Gedankenverloren nahm er das Bild der FirBolg-Kinder in die Hand und betrachtete es noch einmal.</p><p>�Jetzt sehe ich, was die Grundlage f�r unser Missverst�ndnis bildet�, sagte er schlie�lich, mehr zu dem Gem�lde als zu Rhapsody. �Du verstehst nicht, was ich damit meine, wenn ich sage, ich m�chte dich als Geliebte.�</p><p>Gegen ihren Willen musste Rhapsody schon wieder lachen. �Ich denke, ich verstehe das weit besser, als dein Drachenverstand es dich glauben l�sst. Du wei�t vieles nicht �ber mich, Ashe.�</p><p>�Und du wei�t eine sehr wichtige Sache nicht �ber mich, Rhapsody.�</p><p>�Nur eine?�</p><p>�Nur eine, die wirklich wichtig ist.�</p><p>�Und die w�re ...?�</p><p>Er blickte von dem Bild auf und fixierte sie mit seinen kristallklaren blauen Augen. �Ich liebe dich.�</p><p>Rhapsody seufzte leise.</p><p>�Tu das nicht�, sagte Ashe, und in seiner Stimme lag ein drohender Unterton. �Tu es nicht einfach ab, Rhapsody, ich wei�, was du jetzt denkst.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Nun, ich glaube schon, aber entscheide du. Du denkst, dass ich mit heiligen Worten um mich werfe, wie bereits unz�hlige andere Narren vor mir, entweder weil deine Sch�nheit mich dazu gebracht hat oder weil ich dich ins Bett kriegen will.�</p><p>�Eigentlich ...�</p><p>�Wage es nicht, mich mit diesen Schwachsinnigen in einen Topf zu werfen, die dir nach einem Blick in dein Gesicht ihre Liebe gestehen, w�hrend ihnen schon der Sabber aus dem Mund l�uft. Ich bin nicht einer von denen, Rhapsody. Ich habe mich in dich verliebt, ehe ich dich gesehen habe, ich konnte deine Magie schon sp�ren, als ich noch meilenweit von dir entfernt war. Was glaubst du denn, was ich in Bethe Corbair wollte?�</p><p>�Einkaufen vielleicht?�</p><p>�Nein, meine Liebe.�</p><p>�Ich habe wirklich keine Ahnung. Tut mir Leid, dass ich so vernagelt bin.�</p><p>�Ich habe dich gesucht, Rhapsody, ich wollte herausfinden, wer mein Herz zu sich gerufen hatte, dort drau�en auf den Krevensfeldern, sechs Meilen weit entfernt. Ich bin gekommen, um dich zu suchen, und als ich dich gefunden hatte, wusste ich, dass ich verloren bin. Hast du gedacht, ich bin nach Ylorc gekommen, weil es mir so gro�es Vergn�gen macht, mich st�ndig von Achmed beleidigen zu lassen?�</p><p>�Nun, das ist wirklich ein ganz au�ergew�hnlicher Genuss. Au�erdem ist der Blick von den Zahnfelsen im Fr�hling wundersch�n.� Inzwischen war Rhapsodys Humor zur�ckgekehrt und ergoss sich �ber Ashe wie wohlig warmes Wasser.</p><p>�Ja, da hast du Recht�, meinte er und erinnerte sich daran, wie sie �ber die Bergwiesen gelaufen, wie sie mit dem Wind �ber die Heide getanzt war. �Nun, habe ich Recht?� Er l�chelte sie an, um ihre ver�nderte Stimmung zu �berpr�fen, und war entz�ckt, als sie sein L�cheln freim�tig erwiderte.</p><p>�Womit?�</p><p>�Mit dem, was ich gedacht habe?�</p><p>Rhapsody kicherte. �Na ja, nicht ganz�, antwortete sie, nahm ihm das Bild ihrer Enkel aus der Hand und betrachtete es selbst. �Aber vielen Dank, dass du es versucht hast.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nun�, meinte sie, drehte ihren R�cken zum Feuer und lie� sich die Schultern w�rmen, �nun, ich musste eben an eines unserer Gespr�che denken, als wir zusammen unterwegs waren.�</p><p>Ashe st�tzte einen Ellbogen auf den Kaminsims. Er war blitzsauber, ohne eine Spur von Staub. �Wirklich? An welches denn?�</p><p>�Wei�t du noch, wie ich dir gesagt habe, dass meiner Erfahrung nach Waldl�ufer und umherziehende Wanderer bei Frauen andere Dinge suchen als die meisten �brigen M�nner?�</p><p>�Ja�, antwortete er, und sein Gesicht wurde warm bei der Erinnerung. �Du hast gesagt, die meisten M�nner wollen Vergn�gen und Ablenkung, w�hrend es den Wanderern um N�he geht.�</p><p>�Ja, genau das meinte ich.�</p><p>�Warum musst du gerade jetzt daran denken?�</p><p>Rhapsody seufzte. �Ich kann mich der Frage nicht erwehren, warum du etwas mit einer Frau anfangen willst, die in deinem Leben eindeutig nichts anderes w�re als ein kurzfristiges Intermezzo, vor allem, wenn gleichzeitig noch so ein gro�es Risiko damit verbunden ist.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst.�</p><p>Sie drehte sich um und starrte ihn an. �Nein? Vielleicht kann ich dich an ein paar Situationen erinnern, die du vergessen zu haben scheinst. Erstens kommen wir, wie ich bereits erw�hnt habe, aus g�nzlich unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, ja, wir k�nnten kaum verschiedener sein. Daher kann dein Interesse an mir nur anhalten, bis du eine andere findest, die sich f�r dich besser als Lebenspartnerin eignet, eine Frau k�niglicher oder zumindest adliger Abstammung, denn sie muss ja irgendwann die Rolle der cymrischen Herrscherin erf�llen.�</p><p>�Du hast wirklich keine Ahnung, wie die Nachfolge funktioniert, Rhapsody.�</p><p>�Willst du mir damit sagen, dass du keinen Anspruch auf die K�nigsw�rde hast?�</p><p>Ashes Gesicht wurde ernst. �Nein, das nicht, aber ...�</p><p>�Und erwarten die anderen nicht auch, dass du eine passende Frau erw�hlst, die dann deine K�nigin wird?�</p><p>�Ja, aber ...�</p><p>�Na, da hast du es doch schon, Ashe�, stellte sie fest. �Unser Zeitplan f�r das n�chste Jahr sieht so aus, dass wir den F�dor finden und t�ten und dann die Cymrer vereinen. Ich bin nicht sicher, wie lange es f�r dich danach noch angemessen w�re, unverheiratet zu bleiben, aber ich habe wohl schon des �fteren erw�hnt, dass ich mich um keinen Preis mit verheirateten M�nnern einlasse, auf gar keinen Fall, ohne jede Ausnahme. Daher w�re unserer Liebesbeziehung von vornherein nur eine sehr kurze Lebensdauer verg�nnt. Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, warum es dann f�r dich die Zeit und M�he lohnt angesichts dessen, was du mir zum Thema Langlebigkeit gesagt hast.�</p><p>Ashe nahm den Ellbogen wieder vom Kaminsims und verschr�nkte die Arme. Von ihrem Standpunkt betrachtet, war ihre Logik unangreifbar, und daher war es im Augenblick vollkommen sinnlos, ihr zu widersprechen. �Du glaubst also, dass Liebe nichts wert ist, wenn sie nur kurz dauert?�</p><p>Rhapsody blickte zu ihm empor, und ihre Augen f�llten sich mit Erinnerungen. Sie dachte an ihre Unterhaltung mit Oelendra �ber deren Ehemann. <emphasis>In der kurzen Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, liebten wir uns f�r ein ganzes Leben</emphasis>. �Nein�, antwortete sie leise, aus Respekt vor diesem Gedanken. �Das glaube ich ganz bestimmt nicht.�</p><p>�Was dann?� Wieder sp�rte Ashe eine ihm wohl vertraute Verzweiflung in sich aufsteigen.</p><p>�Was muss ich tun, damit du mir eine Chance gibst?�</p><p>�Eine Chance worauf?�</p><p>Am liebsten h�tte Ashe sie gesch�ttelt. �Eine Chance, meinen Gef�hlen entsprechend zu handeln, Rhapsody. Eine Chance, dich zu lieben und Zeit mit dir gemeinsam zu verbringen, eine Chance, zu dir so ehrlich zu sein, wie du es zu mir gewesen bist, dir von ganzem Herzen zu vertrauen, selbst wenn ...� Er unterbrach sich, unf�hig, den Satz zu vollenden.</p><p>�Selbst wenn was?� Ihre Stimme klang sanft, und als Ashe sie ansah, stand die gleiche Milde auch in ihren Augen.</p><p>�Selbst wenn du es nicht behalten m�chtest.� Der Schmerz in seinem Gesicht und in seiner Stimme r�hrten sie tief, auf eine traurige Art, die ihr nicht fremd war. Aus Angst, sie k�nnte anfangen zu weinen, wenn sie ihn l�nger anschaute, senkte sie den Blick. Eine Weile verharrten sie so Ashe sah Rhapsody an, Rhapsody betrachtete die tanzenden Schatten des Feuers an der Wand. Doch schlie�lich hob sie die Augen wieder.</p><p>�Du w�rst also bereit, mit mir eine Liebesbeziehung einzugehen, obwohl du wei�t, es w�re nur f�r eine kurze Zeit?�</p><p>�Ja. Ich w�re dankbar f�r jeden Augenblick mit dir, ganz gleich, wie kurz die Zeit auch sein mag. Ich wei�, dass f�r mich kein Preis zu hoch w�re.�</p><p>�Und das w�re genug?�</p><p>�Fall es nicht anders geht, ja. Wenn man sich etwas so sehr w�nscht, ist man zufrieden mit allem, was man bekommt.�</p><p>Einen Moment schwieg sie nachdenklich, dann nickte sie, als h�tte sie einen Ausweg gefunden. �Und welchen Teil von dir w�rdest du w�hrend dieses zeitweiligen Arrangements f�r dich behalten?�</p><p>�Keinen. Ich glaube nicht, dass ich f�hig w�re, etwas vor dir zur�ckzuhalten, Rhapsody und ich will es eigentlich auch gar nicht. Wir sprechen nicht �ber die Vergangenheit, weil es wehtut, aber wenn du es m�chtest, dann tue ich es.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Es gibt Dinge, von denen wir beide wissen, dass wir sie nicht miteinander teilen k�nnen, weil sie die Geheimnisse anderer sind. Aber ansonsten h�tte ich keine Geheimnisse vor dir.� Freude stieg in ihm auf, als er sah, wie sich der Ausdruck in ihren Augen ver�nderte, und er preschte weiter vor.</p><p>�Ich wei�, dass die Vorstellung, von einem Drachen geliebt zu werden, erschreckend ist, vor allem, wenn man etwas �ber die Natur der Bestie wei� wir neigen dazu, in h�chstem Ma�e Besitz ergreifend zu werden. Aber es ist der menschliche Anteil in mir, der dich am meisten liebt, und der Drache w�rde uns nicht im Wege stehen, selbst wenn du irgendwann gehen willst.�</p><p>Voller Staunen sch�ttelte Rhapsody den Kopf. �Ich glaube, du siehst das ein bisschen verdreht�, meinte sie lachend. �Ich bin nicht diejenige mit den ganzen k�niglichen Verpflichtungen.�</p><p>Ashe l�chelte. �Dann wirst du also dar�ber nachdenken?�</p><p>Rhapsody gab ihm das Bild zur�ck und wandte sich wieder zur Feuerstelle um. Lange schwieg sie, ganz in Gedanken versunken, doch Ashe war diese Momente der Stille gewohnt und wartete geduldig. Er wusste, dass Rhapsodys Gedanken in jeder Sekunde endlose Entfernungen zur�cklegten und dass sie dann wirklich so weit weg war. Daher beschloss er, ihr die Frage sp�ter noch einmal zu stellen. Schlie�lich jedoch sagte sie: �Glaubst du, dass es so etwas gibt wie Seelenpartner? Du wei�t schon dass zwei Menschen zwei H�lften derselben Seele sind?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und bist du deiner H�lfte jemals begegnet?�</p><p>Einen Augenblick schwieg Ashe.</p><p>�Ja�, antwortete er endlich.</p><p>Rhapsody blickte auf, und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile konzentrierten sich ihre Augen ganz klar auf ihn. �Wirklich? Darf ich fragen, was mit ihr geschehen ist?�</p><p>�Sie ist tot�, antwortete er mit schmerzverzerrtem Gesicht.</p><p>Rhapsody err�tete betroffen. �Ashe, das tut mir sehr Leid.�</p><p>�Es war nicht nur das�, f�gte er hinzu, unf�hig, die Worte l�nger f�r sich zu behalten. �Sie ist gestorben in dem Glauben, ich h�tte sie betrogen, weil ich mich nicht von ihr verabschiedet habe.�</p><p>Rhapsody wandte den Blick ab. Mindestens zum zweiten Mal an diesem Nachmittag wollte sie ihn in die Arme schlie�en und tr�sten. Ihr fiel wieder der Waldweg in Tyrian ein, und obwohl er jetzt von seinen Schmerzen geheilt war, hatte sie Angst, einen Fehler zu machen und ihm irgendwie wehzutun. Doch dann gestand sie sich die Wahrheit ein: Noch viel mehr Angst hatte sie davor, was mit ihrem eigenen Herzen geschehen w�rde. Ashe blickte auf und sah, dass die sich abgewandt hatte. �Was ist mit dir?�, fragte er.</p><p>�Glaubst du selbst denn an Seelenpartner?�</p><p>�Nein�, antwortete sie leise. Sie w�nschte, sie k�nnte das Thema einfach fallen lassen, aber sie wusste, dass das unm�glich war. �Nun, ich habe es einmal gedacht, habe mich aber vollkommen geirrt.�</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Oh, nichts Ungew�hnliches. Ich habe mich in jemanden verliebt, der mich nicht geliebt hat. Das �bliche eben.�</p><p>Ashe lachte laut und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was?�, fragte Rhapsody �rgerlich. �Ist das so schwer zu glauben?�</p><p>�Wenn ich ehrlich sein soll ja.�</p><p>Sie war bass erstaunt. �Warum?�</p><p>Ashe stellte das Bild der FirBolg-Kinder auf seinen Platz zur�ck und ging zum Sofa. Mit verschr�nkten Armen lehnte er sich dagegen und musterte Rhapsody, wie der Feuerschein auf ihren Z�gen spielte, immer passend zu ihrer Stimmung. Jetzt brannten die Flammen ruhig, nur gelegentlich war ein Knistern oder ein Zischen zu h�ren.</p><p>�Rhapsody, falls du es noch nicht wei�t es gibt M�nner, die dir nach dem ersten Blick ewige Liebe schw�ren. Sogar wenn du dich in einen Umhang h�llst und die Kapuze bis in die Stirn ziehst, gaffen die M�nner so, dass sie gegen die Wand laufen, mit Ochsenkarren zusammensto�en oder einfach mit offenem Mund stehen bleiben. Schon allein der Klang deiner Stimme bringt gl�cklich verheiratete M�nner zum Weinen, vor lauter Kummer, weil sie dich nicht fr�her kennen gelernt haben. Und dein L�cheln dein L�cheln erw�rmt selbst das k�lteste Herz, selbst das Herz jener, die seit Jahrzehnten allein und tief verletzt durch die Welt gegangen sind.</p><p>Trotzdem k�nnte ich wahrscheinlich einen Mann verstehen, der dich wegen dieser Dinge nicht liebt, denn sie betreffen nur dein �u�eres. Aber so sch�n dein K�rper auch ist, er ist nur ein Abbild der Seele, die er beherbergt. Wie jemand dich wirklich kennen kann und nicht sein Herz an dich verliert, das �bersteigt offen gestanden meine Vorstellungskraft. Ob du es nun begreifst oder nicht, Rhapsody, ich liebe dich wirklich, und nicht nur wegen deiner �u�eren Erscheinung, sondern wegen der unendlich vielen widerspr�chlichen Dinge, die dich ausmachen.�</p><p>�Was bedeutet das? Weshalb bin ich widerspr�chlich?�</p><p>�Fast alles an dir ist ein Widerspruch, und ich liebe jeden davon. Ich liebe es, dass du S�ngerin bist, aber dass die meisten deiner Lieder in einer Sprache geschrieben sind, die niemand versteht. Ich liebe es, dass du die Iliachenva�ar bist, aber ich hasse es, wenn du dein Schwert schwingen musst. Ich liebe es, dass du eine Jungfrau bist und doch die Reize und Bet�rungen einer Prostituierten zu kennen scheinst.� Rhapsody wurde rot, und Ashe musste rasch wegsehen, um ein Lachen zu unterdr�cken.</p><p>�M�chtest du auch den Rest noch h�ren? Na gut, dann spitz die Ohren. Ich liebe es, dass du den wahrscheinlich scheu�lichsten Tee kochst, den ich mir je einverleiben musste. Ich liebe es, dass dir bei traurigen Liedern immer noch Tr�nen in die Augen kommen, auch wenn du sie schon tausendmal gesungen hast. Ich liebe es, dass deine besten Freunde ein Halb-Bolg-Riese und die unangenehmste Kreatur sind, die ich je gesehen habe, dass sie unfassbar grob mit dir umgehen und du sie dennoch liebst wie Br�der. Ich liebe es, dass Essen f�r dich etwas ist, was du mit Musikinstrumenten vergleichst...�</p><p>�Du hast aber gesagt, damit w�rde ich andere manipulieren�, warf Rhapsody ein.</p><p>�Unterbrich mich nicht. Ich liebe es, dass du einen besseren rechten Haken hast als ich und keine Angst, ihn einzusetzen, obwohl du gerade mal halb so gro� bist wie ich. Ich liebe es, dass du die Ballade von Jakar�sid singst und beim Refrain immer den falschen Text erwischst. Ich liebe es, wie du dich um Jo k�mmerst, als w�re sie ein kleines M�dchen, wo doch jedem klar ist, dass sie schon vor Jahren ihre Unschuld verloren hat. Und ich liebe es besonders, wenn du mir die Meinung sagst, selbst wenn ich sie nicht h�ren will. Ich liebe es, dass du dir nicht vorstellen kannst, dass jemand eifers�chtig sein kann, weil du selbst keine Eifersucht in dir hast, ich liebe es, dass du glaubst, alle Frauen h�tten die gleiche Wirkung auf M�nner dass du nicht einmal merkst, wie sch�n du bist. Ich liebe es, dass deine Sch�nheit die fast alle anderen so bewundern und auch besitzen wollen der Fluch deines Lebens ist.</p><p>Ich liebe es, dass du den Untergang deiner gesamten Welt �berstanden hast, dass du unter Ungeheuern gelebt hast und anderen Leuten immer noch ehrenwerte Absichten unterstellst. Ich liebe es, dass du den Verstand einer Gelehrten besitzt, den Willen einer Kriegerin und das Herz eines kleinen M�dchens, das nur geliebt werden m�chte, trotz allem anderen. All das liebe ich ich liebe dich, und ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand dich kennen lernen und dich nicht ebenfalls lieben w�rde nicht f�r das, was du zu sein scheinst, sondern f�r das, was du bist. Wer dieser Mann auch gewesen sein mag, der dich so behandelt hat auf alle F�lle war er der gr��te Esel aller Zeiten.</p><p>Aber vielleicht liegt darin ja schon die Antwort. Vielleicht versteht dich niemand au�er mir so gut. Ich kenne dich, Rhapsody, ich kenne dich wirklich. Ich wei�, wie es ist, wenn man all die Menschen verliert, die man liebt, wenn man sie zur�cklassen muss und wei�, dass sie bis ans Ende ihrer Tage nie erfahren werden, was aus einem geworden ist. Ich kenne diesen Kummer, wenn auch sicher nicht in der Tiefe, in der du ihn erfahren hast.�</p><p>Mit jedem Wort war Rhapsodys Gesicht rosiger geworden, doch jetzt erblasste sie und drehte sich zum Feuer um, sodass sie Ashe den R�cken zuwandte, die Schultern ganz gerade. Der Drache in ihm sp�rte Tr�nen aufsteigen, aber der Damm in ihm war bereits gebrochen, und er konnte seine Worte nicht mehr zur�ckhalten.</p><p>�Ich wei� auch, was schlimmer ist dass man das Gef�hl hat, die L�cken, die im Leben zur�ckbleiben, nicht einmal mit neuen Freunden und neuer Liebe f�llen zu k�nnen, aus Angst, das Gesicht zu zeigen. Das ist, glaube ich, der schlimmste Schmerz �berhaupt. Du bist eine Frau, die sich N�he zu anderen w�nscht, aber deine Sch�nheit zwingt dich dazu, dich unter einem Umhang zu verstecken, aus Angst vor den Folgen. Und dann ist da noch die Angst, ob die so wortreich versicherte Liebe echt ist oder von etwas anderem angetrieben etwas so Unschuldigem wie blinder Verz�ckung �ber deine k�rperlichen Reize, oder etwas Finsterem, beispielsweise, dass jemand dich besitzen und deine Seele zerst�ren will. Ich kenne diese Angst. Ich wei� vielleicht besser als alle anderen, wie es ist, hinter einer Maske zu leben, unerkannt, obwohl das Herz nach Anerkennung schreit. Es ist abscheulich einsam, auf eine Art, die man vorher nicht erwarten w�rde. Am liebsten m�chte man allem den R�cken kehren und sich in irgendeiner Ziegenh�tte verkriechen, aber das geht nicht. Das Schicksal l�sst es nicht zu, und ich kenne das Gef�hl. Ich wei�, wie es ist, unter Schmerzen zu leben, Rhapsody. Ich wei�, wie es ist, dieser Art von Heilung zu bed�rfen. Und ich w�rde mein Leben daf�r geben, um dir einen weiteren Augenblick davon zu ersparen.� Seine Stimme brach, und er schwieg.</p><p>W�hrend er sprach, war das Feuer zu leise glimmender Glut heruntergebrannt; nun loderten ein paar Flammen empor, fanden neues Leben in noch unverbranntem Holz. Rhapsody wandte ihm ihr Gesicht wieder zu.</p><p>Dank seiner Drachensinne wusste Ashe, dass sie weinte, aber der Anblick ihrer Tr�nen traf ihn unvorbereitet. Nie war ihr Gesicht sch�ner gewesen, und sein Herz, das jetzt ganz war und frei von altem Schmerz, zog sich zusammen.</p><p>Doch sie l�chelte unter Tr�nen, stand auf, stellte sich vor ihn und sah, vielleicht zum ersten Mal, auf ihn herunter. Vorsichtig ber�hrten ihre Finger das kupferrote Haar, strichen ihm sanft die Str�hnen aus der Stirn, voller Staunen. Wie an jenem Tag im Wald, als sie ihn zum ersten Mal ohne seine Tarnung gesehen hatte, funkelten ihre Augen, als sie seine Gesichtsz�ge in sich aufnahmen. Dann beugte sie sich vor und legte ihre Stirn an seine.</p><p>�Also�, sagte sie und schloss die Augen, �dann bist du auch gekommen, um mich zu heilen?�</p><p>�Eigentlich nicht�, antwortete Ashe. �Ich bin gekommen, weil du mich gerufen hast. Ich bin gekommen mit der Absicht, dir zu sagen, was ich wirklich f�hle.� Im Licht des Feuers sah sie, wie er err�tete. �Und wenn ich ganz ehrlich bin, wenn du meine tiefsten W�nsche erfahren m�chtest, dann bin ich gekommen, um dich zu lieben.�</p><p>Wieder l�chelte Rhapsody. �Das hast du gerade getan�, meinte sie leise. Sie k�sste ihn behutsam, trat dann zur�ck und schlug die Augen auf. In seinem Gesicht standen so viel Hoffnung, so viel Zuneigung und Furcht, dass es ihr schier das Herz brach. Er streckte die H�nde nach ihr aus, und sie kam zur�ck in seine Arme und k�sste ihn noch einmal.</p><p>Ashe merkte, wie seine Selbstkontrolle schwand. Die W�rme, die S��e ihres Munds berauschten ihn, ihm war schwindlig vor Freude. Er zog sie noch enger an sich und dr�ckte ihren geschmeidigen K�rper an seinen. Das Brennen in seinen Fingern, das eingesetzt hatte, als er seiner Drachennatur erlaubt hatte, sie zu sp�ren, k�hlte bei der Ber�hrung ab und verschwand. Doch am wunderbarsten war das Gef�hl, endlich wieder ganz zu sein, ihr nichts mehr vormachen zu m�ssen, zu wissen, dass sie seine Gef�hle kannte und ihnen ohne Angst begegnete. Und als er sich der Ekstase ihrer Umarmung hingab, erhob sich der Drache und wollte mehr von der Frau in seinen Armen sp�ren.</p><p><emphasis>Ich m�chte sie ber�hren</emphasis>.</p><p>Aber Rhapsody wich ein St�ck zur�ck, schob ihn von sich und wandte sich ab, die H�nde vors Gesicht geschlagen. Ashe konnte f�hlen, wie jeder Muskel in ihrem K�rper zu zittern anfing. Hei�e Tr�nen tropften auf seine H�nde, ihre Schultern waren hart vor lauter Anspannung, ihr Herz raste. Vor seinen Augen geriet sie v�llig aus der Fassung.</p><p>�Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Oh, es tut mir Leid, es tut mir Leid, aber ich kann nicht. Ich kann das nicht tun. Ich kann nicht. Es ist nicht richtig, es ist nicht gerecht. Ich kann nicht.�</p><p>�Gerecht wem gegen�ber?�, fragte Ashe.</p><p>In sich f�hlte er das Universum beben. Die Macht, die der Drache �ber die Naturgewalten besa�, begann sich zu erheben. Zwar verriet kein �u�eres Anzeichen die innere Auseinandersetzung, aber in seiner Seele stand Ashe vor einem Abgrund und k�mpfte verzweifelt gegen seine eigene Natur und gegen die Sehnsucht, die beide Teile gemeinsam hegten. K�rperlich blieb er so ruhig wie m�glich, doch er betete inbr�nstig, dass Rhapsody ihn nicht anblickte, solange der Drache die Oberhand hatte, denn in seinen Augen h�tte sie gesehen, dass er zu allem bereit gewesen w�re, um sie f�r sich zu gewinnen. All seine Sinne waren auf das ausgerichtet, was der Drache wollte, doch am Ende siegte der Mann in ihm. Die menschliche Seele sehnte sich noch viel tiefer nach ihr, als der Drache es jemals vermocht h�tte, und der Mensch wusste, dass sie ihm ihre Liebe freiwillig geben musste, dass er sie sich nicht nehmen durfte. So wurde der Wyrm schlie�lich in die Unterwerfung gezwungen, und zur�ck blieb der Mann, menschlich und allein.</p><p>�Gerecht dir gegen�ber�, antwortete sie mit Tr�nenerstickter Stimme. �Du hast wirklich eine bessere Frau verdient, eine Frau, die deine Liebe erwidern kann. Eine, die ein Herz hat. Es tut mir Leid. Es tut mir so Leid.�</p><p>Ashe stand auf, ging zu ihr und stellte sich neben sie.</p><p>�Bitte dreh dich um�, sagte er.</p><p>Ihr K�rper wurde starr, aber sie wich ihm nicht aus. Langsam gehorchte sie, sah zu ihm empor durch gl�nzende Haarstr�hnen, die ihr �bers Gesicht gefallen waren, mit dunklen Augen und zitterndem Kinn. Er hob die Hand.</p><p>�Darf ich dich ber�hren?�, fragte er leise.</p><p>Rhapsodys Augen wurden klar. Er dachte an sein Versprechen. Sie nickte. Er streckte die Hand aus und streichelte vorsichtig ihre Wange, einer Tr�nenspur folgend. Ihre Augen schl�ssen sich bei seiner Ber�hrung, und ihr Kopf neigte sich leicht seiner Hand entgegen. Seine Finger glitten weiter, die Linie ihres Halses hinunter, zu ihrem Kragen, dem Ausschnitt ihrer Bluse, dem er bis zu der Stelle zwischen ihren Br�sten folgte. Dort hielt er inne, lie� die Hand leicht auf ihrem Brustkorb ruhen, direkt �ber dem Herzen, und sp�rte es schlagen.</p><p>Scharf sog Rhapsody die Luft ein und stand zitternd unter seiner Ber�hrung da. Sie wollte es, ein Teil von ihr wollte es. Und weil dieser Teil mit dem Feuer verbunden war, erhob er sich tief in ihrem Innern und floss in die blinden Flecken von Ashes Seele, denen das Feuer geraubt worden war. Langsam �ffnete sie die Augen und schaute ihn an. So standen sie einen Augenblick regungslos, ohne zu atmen. Ashe f�hlte ihr Herz unter seiner Handfl�che pochen und sah den verwirrten Ausdruck auf ihrem Gesicht, w�hrend widerspr�chliche Gef�hle in ihr k�mpften.</p><p>�F�r mich f�hlt es sich an, als h�ttest du sehr wohl ein Herz�, sagte Ashe schlie�lich. Mit angehaltenem Atem sah er sie an, zitternd, verletzlich, aber nicht wehrlos, und er wollte sie. Als Ashe, als Gwydion, als Mann und als Drache wollte er sie. Nicht um sie zu bezwingen oder zu besitzen, sondern um sie z�rtlich zu lieben und f�r sie zu sorgen. Er wollte sie und wartete voller Angst auf ihre Antwort. �Du hast ein Herz, Rhapsody. Warum vertraust du nicht auf das, was es dir sagt?�</p><p>Ihre Antwort war nur ein Fl�stern: �Weil es l�gt.�</p><p>�Du l�gst niemals. Daher kann ein Teil von dir es auch nicht tun.�</p><p>�Dann hat es eine schrecklich schlechte Urteilskraft. Fr�her einmal habe ich ihm geglaubt, doch es h�tte sich nicht schlimmer irren k�nnen.�</p><p>�Gib ihm noch eine Chance. Ich dachte, du glaubst an das Risiko.�</p><p>Er musste sich noch n�her zu ihr beugen, um ihre leise Entgegnung zu verstehen. �Es ist zerbrechlich. Es w�rde nicht �berleben, wenn es sich noch einmal irrte.�</p><p>Ashe nahm seine Hand von ihrer Brust und liebkoste wieder ihr Gesicht. �Du hast dich selbst zur W�chterin meines Herzens ernannt, Rhapsody. Warum machst du mich nicht zum W�chter des deinen? Ich verspreche dir, ich werde es besch�tzen.�</p><p>Rhapsody war schwindlig von dem Kampf, der um sie und in ihr tobte. M�hsam klammerte sie sich an das, was sie f�r die Wirklichkeit hielt, und ihre Augen suchten Halt in den seinen. Sie schienen so fremd und doch menschlicher als je zuvor, und die Tiefe, die sie in ihnen gewahrte, setzte sie in Erstaunen. <emphasis>Wie konnte ich mich so in ihm irren?,</emphasis> fragte sie sich und dachte unwillk�rlich daran, wie sie sich auf ihrer Reise gekabbelt hatten, wie er sofort auf Distanz gegangen war, wenn sie etwas �ber ihn zu erfahren versucht hatte, was ihre platonische Form des Trostes gewesen war. <emphasis>Ich habe ihn �berhaupt nicht gekannt</emphasis>. Er war genauso widerspr�chlich wie sie sch�n und fremdartig, J�ger und Gejagter, Drache und Sterblicher, Lirin und Mensch; er hatte sie von sich weggesto�en und sich doch die ganze Zeit �ber gew�nscht, sie w�rde n�her zu ihm kommen. Und auch sie hatte Dinge �ber ihn gewusst, bevor sie sich kennen gelernt hatten; sie hatte gewusst, dass er noch lebte, w�hrend die ganze �brige Welt ihn f�r tot hielt. Warum?</p><p>W�hrend ihre Gedanken diese Frage hin und her w�lzten, f�hlte sie tief in sich etwas erwachen, das viele Jahre lang weggeschlossen und vernachl�ssigt worden war. Zuerst f�hlte sie es als ein Tr�pfeln, als h�rte sie mit einem Mal das Pl�tschern eines Baches, der doch die ganze Zeit in der Ferne Vorbeigeflossen war. Dann �berw�ltigte es sie mit einer gr��eren Kraft, als sie es je f�r m�glich gehalten h�tte. Sie ertrank in Sehnsucht, in Schmerz und Begehren und in noch etwas anderem, etwas Seltsamem und Wunderbarem und lange Verdr�ngtem Eine Flut von Gef�hlen riss sie mit sich fort, zu schnell, um in Gedanken mit ihnen Schritt halten zu k�nnen, und die ganze lyrische Sch�nheit ihrer Talente als S�ngerin, als Benennerin lie� sie im Stich. �brig blieb nur die aufrichtige, wenig poetische, aber inst�ndige Bitte einer verletzlichen Frau.</p><p>�Bitte sei, was du zu sein scheinst. Bitte, bitte tu mir nicht weh.�</p><p>Tr�nen brannten in Ashes Augen. �Ich bin der, der ich zu sein scheine. Und ich werde dir niemals wehtun.�</p><p>Und dann lag sie wieder in seinen Armen, ihre Tr�nen mischten sich mit seinen, und sie hielt ihn fest, als hinge ihrer beider Leben davon ab.</p><p>Das Element des Feuers in ihr fand den Weg in die dunklen Stellen seines Wesens, die keine W�rme mehr gesp�rt hatten seit der Nacht, in der seine Seele aufgerissen worden war, und drang vor bis zu seinem verwundeten Herzen. Die Flammen erf�llten die leeren Teile seiner Seele, und er sp�rte, wie sie heil wurden, wenigstens f�r eine Weile. Dann pl�tzlich pressten sich ihre Lippen auf die seinen, aus freien St�cken, und als sich ihr Kuss zu berauschender Dunkelheit vertiefte, kam der Drache wieder zum Vorschein, von dort, wo er ihn festgehalten hatte, um das Wunder zu sp�ren, diese Frau.</p><p><emphasis>Ich m�chte es ber�hren</emphasis>.</p><p><emphasis>Ja</emphasis>.</p><p>Seine Wahrnehmung erweiterte sich, und er sp�rte, wie ihre Tr�nen versiegten, ihr Atem sich entspannte und ihre Abwehr nachgab. Seine H�nde glitten �ber ihren K�rper, und der Drache konnte jede Stelle f�hlen, an der die Ber�hrung ihr gefiel. Er genoss all die winzigen Einzelheiten, die der Drache ersp�rte, und lie� sich ganz darauf ein. Schwei�tropfen bahnten sich einen Weg �ber ihren R�cken; ihre Muskeln w�lbten sich flie�end, wenn sie sich in seinen Armen bewegte. Ihre Bluse verhakte sich in seiner Umarmung, und der gezerrte Stoff gab am Saum nach, Faden um Faden. Im Nebenzimmer wurde ein Riss in einer Holzdiele in winziges bisschen breiter, als sie sich bewegten.</p><p>Das Dunkelgr�n von Rhapsodys Augen wandelte sich in ein leuchtendes Smaragd. Sie atmete tief ein; im Kamin loderte und knisterte das Feuer, sodass Funken in den Schornstein hinaufspr�hten, wo sie in den Backsteinen h�ngen blieben und leise vor sich hin gl�hten. Str�me und Strudel von Energie fl�ssen durch den Raum, kreisten um sie und um das uralte Wissen, das sie h�teten Musik, Feuer, Zeit, Drachenweisheit, wurden in ihre Leidenschaft hineingesogen und als sprudelnde Essenz in einem einzigen Atemzug wieder entlassen. Schneller, wilder, aber richtungslos, so wirbelte es durch die Luft, �ber das Land, �ber das Wasser, das widerhallte. Die Grotte wurde lebendig von all der Energie, wie seit unz�hligen Jahrhunderten nicht mehr, seit der Krieg begonnen hatte.</p><p>Im See sprang ein Fisch; sanft breitete sich das Ger�usch in der H�hle aus, wurde von den Felsw�nden zur�ckgeworfen und ertrank im Rauschen des Wasserfalls. �berquellend st�rzte er sich in den Teich, und aus seiner Musik entstand der Dunst, in dem das Mondlicht sich zu einem kaum sichtbaren Regenbogen brach; Myriaden von Schwingungen stoben in alle Richtungen und verbargen diesen Ort sicher vor den neugierigen Augen ihrer Verfolger. Das aufgew�hlte Wasser schlug mit seinen Wellen ans Ufer der kleinen gr�nen Insel, auf der das Haus stand, und aus dem Schornstein stieg Rauch auf, Rauch von dem Feuer, das von Rhapsodys wachsender Leidenschaft angefacht wurde.</p><p>Rhapsody, deren K�rper Feuer und Hitze ausstrahlte und deren sanfte Stimme selbst dann noch musikalisch klang, wenn sie beim K�ssen nach Atem rang. Rhapsody, auf deren R�cken noch die Striemen vom Kampf mit dem Rakshas zu sehen waren. Deren Herz pochte, dass ihr Blut schneller floss unter den Bewegungen seiner H�nde auf ihrem K�rper. Rhapsody, die Frau, die er geliebt hatte von dem Augenblick an, als er sich ihrer bewusst geworden war. Ashe l�ste das Band aus ihrem Haar und f�hlte mit geschlossenen Augen jede Str�hne, die nun �ber ihre Schultern fiel, bis hinunter zu ihrer Taille. Dann nahm er ihr Gesicht zwischen die H�nde und sah sie an. Das Licht funkelte in ihren Augen, die ihn musterten, und das Feuer zauberte Leben jn ihr Haar. Sie atmete tief ein und hielt die Luft an; ihr Mund war leicht ge�ffnet, aber sie sagte nichts.</p><p>Wieder k�sste er sie, und seine H�nde wanderten ganz von selbst zu den Stellen, an denen sie sich seine Ber�hrung w�nschte. Sie tat das Gleiche, streichelte sanft �ber seine Schultern und lie� die H�nde dann auf seiner Brust ruhen, sodass er ihre Hitze f�hlte. Dann ber�hrten sie unter seinem Hemd behutsam seine Haut und die Narbe, die ihm bis zu dieser Nacht solche Schmerzen bereitet hatte.</p><p>Ashe strich ihr �bers Gesicht und lie� die Finger langsam im schimmernden Wasserfall ihrer Haare verschwinden, bewegte sie durch die gl�nzenden Locken, die noch seidiger waren, als er es sich vorgestellt hatte. Schauer durchliefen seinen ganzen K�rper, seine Erregung war inzwischen nahezu unertr�glich. Dann glitten seine H�nde unter ihre Bluse, unter das Spitzenhemd, und seine Finger spielten behutsam mit ihren Br�sten, genossen ihre weiche Festigkeit. Er sp�rte, wie sie zitterte, und seine Lippen suchten ihre Halsbeuge, sogen den Duft ihrer Haare, ihrer Haut ein. Auch Rhapsody fuhr mit den H�nden durch sein kupferrotes Haar, voller Staunen, dass es so weich war, wo es doch so metallisch wirkte. Ihre Finger schlangen sich um die schimmernden Locken und hielten sie fest, w�hrend er ihren Hals mit K�ssen bedeckte.</p><p>Nun umkreiste Ashes Hand ihre Taille, liebkoste ihr Kreuz, w�hrend er vorsichtig ihre Rockb�nder l�ste. Als das letzte Band gelockert war, umfasste er ihre Mitte und hob sie hoch, sodass der Rock zu Boden glitt. L�chelnd schaute Rhapsody auf Ashe herab, w�hrend sie sich an den B�ndern seines Hemds aus feinem Wollstoff zu schaffen machten; er wartete, bis sie fertig war, ehe er sich aufrichtete, um erneut ihren Mund zu k�ssen. So bewegten sie sich in einem wortlosen Tanz und befreiten sich gegenseitig von ihren Kleidern. Beim Anblick seiner nackten Brust traten Rhapsody abermals Tr�nen in die Augen, doch das geschw�rzte Fleisch und die wulstige Narbewaren verschwunden und an ihrer Stelle schimmerte neue, verheilende Haut, nicht anders als auf ihrem Bein. �berw�ltigt wandte sie sich ab, doch Ashe nahm sie in die Arme, dr�ckte sie fest an sich, und beide feierten so seine Befreiung von den grausigen Schmerzen. Sie griff in ihren Nacken und �ffnete den Verschluss des Medaillons, hielt das Kettchen aber einen Augenblick fest in der Hand, ehe sie es auf den Tisch neben dem Sofa legte. Mit den Lippen liebkoste Ashe ihren Nacken, dann drehte er sie behutsam um, blickte in ihre Augen und sah zum ersten Mal, dass sie sein eigenes Hochgef�hl erwiderte. Erneut umarmten sie sich, und w�hrend sie langsam zu Boden sanken, entledigten sie sich der letzten Kleidungsst�cke. Er beugte sich �ber sie, entzog sich einen Moment ihrer Umarmung und nahm mit den Augen die Formen wahr, die seine Drachensinne bereits so gut kannten. Ein Strahlen ging von ihr aus; sie war vollkommen, und ihre Haut leuchtete, wie er es sich in seinen sch�nsten Tr�umen nicht h�tte ausdenken k�nnen.</p><p>�Du bist sch�n�, sagte er, mit vor Ehrfurcht heiserer Stimme. �Wundersch�n.�</p><p>L�chelnd erwiderte Rhapsody: �Ich bin froh, dass du das findest�, und strich ihm sanft �bers Gesicht. Ashe schloss die Augen und nahm ihre Hand in seine, k�sste erst sie, dann ihre Armbeuge und verlor sich ganz in ihr. Hinter ihnen loderte das Feuer, und sie liebten sich auf dem Boden von Elysian.</p><p>Nach einer Zeit nahm er sie hoch und trug sie zum Bett, wo sie sich weiter in den Armen lagen, bis die Nacht dem neuen Tag wich und die Flammen zu schl�frig gl�henden Kohleresten heruntergebrannt waren, die auf dem Rost glommen wie feurige Edelsteine und W�rme aus dem Zimmer in den Nebel hinaufschickten, der �ber dem stillen See wirbelte. In der Nacht erwachte Ashe und f�hlte in der Dunkelheit ihren Kopf ganz nah bei seinen Lippen; sanft schlafend lag sie auf seiner Brust. Der Drache hatte sich um ihre Tr�ume gelegt und sch�tzte sie vor Albdr�cken; ganz ruhig lag sie da und atmete leicht und tief. Er hauchte ihr einen Kuss aufs Haar, zog sie noch n�her an sich und vergrub das Gesicht an ihrem Hals. Mit einem tiefen Atemzug sog er ihren Duft, die W�rme und S��e ihrer Haut tief in sich ein. Im Schlaf f�hlte Rhapsody warme Tr�nen in der Schulterbeuge und Ashes hei�en Atem. Als sie f�hlte, wie er erschauderte, drehte sie sich schl�frig auf die Seite, schlang die Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf an ihre Brust und wiegte ihn wie ein Kind, um ihn vor den D�monentr�umen zu besch�tzen, die ihn vielleicht geweckt hatten. Aber Ashe war nicht ungl�cklich; er vergoss Tr�nen der Dankbarkeit, Dankbarkeit dar�ber, dass dieses Mal der Traum, den er in den Armen gehalten hatte, Wirklichkeit gewesen und immer noch bei ihm war, als er erwachte. Seine Lippen strichen �ber ihre Schulter und weiter zu ihrer Brust; mit seinem warmen Mund liebkoste er die zarte Haut und sp�rte, wie sie sich unter seiner Ber�hrung regte und auf ihn reagierte.</p><p>Ashes Kuss wurde inniger, und er lie� seine Fingerspitzen �ber ihre Seite hinauf wandern. Sehnsucht erf�llte ihn, Sehnsucht, ihr Freude zu bereiten, sie so gl�cklich zu machen, wie sie ihn gemacht hatte. Tr�ge streckte sie sich, und w�hrend sie sich r�kelte, glitt seine Hand sanft �ber ihren schlanken, flachen Bauch und kam auf ihrem Bein zur Ruhe, das leise zitterte, als er es ber�hrte.</p><p>Im Halbschlaf seufzte sie auf, ein leiser, musikalischer Laut, der ihn noch mehr in Erregung versetzte. Ungeduldig wartete er, dass sie erwachte, aber ihre Augen blieben geschlossen und ihre Arme schl�frig um seinen Hals geschlungen, w�hrend ihre Finger gedankenverloren die Haare in seinem Nacken streichelten. Offensichtlich schlief sie wirklich. Was sollte er jetzt tun? Sein Verlangen nach ihr wuchs von einem Moment zum n�chsten, aber der Drache wusste, dass sie m�de war, ersch�pft von der emotionalen Anstrengung des gestrigen Abends und von der Heftigkeit der k�rperlichen Liebe, die auf dem Boden vor dem Feuer bei Sonnenuntergang ihren Anfang genommen und bis lange nach Mitternacht gew�hrt hatte. Sie hatte ihn auf eine Art befriedigt, die er sich nicht einmal h�tte tr�umen lassen; doch sie war unwiderstehlich, und je mehr er von ihr bekam, desto mehr wollte er. Nun aber war ihre Energie verausgabt, und sie schlief tief und fest, w�hrend ihr K�rper neue Kraft sch�pfte. Er dachte daran, sie noch einmal zu lieben, so, dass er ihr etwas von der Freude zur�ckgeben konnte, die sie ihm bereitet hatte, aber dann sah er ihr ins Gesicht und beschloss, es lieber nicht zu tun. Die Ersch�pfung hatte sie an sich gerissen wie ein �bereifriger Liebhaber, und ihr Schlaf war ungest�rt von den Tr�umen, die sie sonst so �ngstigten. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, schlief sie vollkommen in Frieden. So schluckte er sein Bed�rfnis herunter, auch wenn es ihm schwer fiel, und schloss sie in die Arme, wachte �ber ihre Tr�ume und ihre Ruhe. Er konnte warten.</p><p>In der grauen Morgend�mmerung, die dem Sonnenaufgang vorausging, erhob sich Ashe in der unterirdischen H�hle aus dem Bett, leise und vorsichtig, um Rhapsody nicht zu wecken. Seine F��e zuckten vor der K�lte des Fu�bodens zur�ck, als er zur Feuerstelle schlich, wo der Drache das Zeichen gesp�rt hatte. Er wusste, was es war, doch er wollte es trotzdem sehen, mit seinen eigenen, nicht ganz menschlichen Augen. Auf dem Boden waren Blutstropfen, Rhapsodys Blut, Blut, das in Leidenschaft vergossen worden war. Nat�rlich hatte er gewusst, dass sie unber�hrt war; der Drache hatte es von Anfang an gef�hlt. Es waren drei Tropfen wie bei Emily, drei Tropfen. Zweifellos ein Omen, auch wenn er es nicht deuten konnte. Ihm entging nicht, dass sie sich im Haus seiner Gro�mutter befanden, und auch ihr Amt als Seherin der Vergangenheit konnte nicht bedeutungslos sein. Drei Blutstropfen, genau wie Emily. Ein Zeichen f�r zuk�nftige Dinge oder daf�r, dass etwas Vergangenes nun vollendet war?</p><p>Ashe wandte sich wieder zum Bett um und betrachtete Rhapsody, die noch immer sanft schlief. In ihrem Gesicht war keine Spur von Bedauern oder Furcht; ihre Tr�ume schienen gl�cklich zu sein. Mit einem melancholischen L�cheln verlie� Ashe das Zimmer und ging die Treppe hinunter in die Eingangshalle, wo sein Umhang am Haken hing. Er griff hinein, f�hlte die k�hle Feuchte des Nebels und zog einen kleinen, silbernen Gegenstand heraus, den er dort seit Jahren aufbewahrte. Den Umhang lie� er zur�ck, trat aus dem Haus und wanderte hinunter ans Ufer des Sees.</p><p>Dort stand er und lauschte, wie das Wasser von Anwyns H�tte mit dem Wasser seiner Seele sprach, w�hrend er den silbernen Gegenstand fest in der Hand hielt und �ber das Omen der Blutstropfen nachgr�belte. Er schloss die Augen, atmete tief ein, schloss die Hand fester um das silberne Etwas, beugte sich dann zur�ck und warf es in den See der Grotte.</p><p>�Lebe wohl, Emily�, fl�sterte er und blieb noch einen Augenblick regungslos, mit Tr�nen in den Augen, stehen.</p><p>Als Rhapsody erwachte, wusste sie sogleich, dass Ashe nicht mehr im Bett war, aber mit der gleichen Gewissheit wusste sie auch, dass er sich ganz in ihrer N�he aufhielt. Sie f�hlte seine Anwesenheit so sicher wie sie seinen Atem geh�rt hatte, als er neben ihr im Bett gelegen und geschlafen hatte. Und obgleich all das, was geschehen war, sie verwirrte, war sie gl�cklich, dass er bei ihr war.</p><p>Rasch zog sie eine Decke um sich, stand auf und ging ohne Z�gern zum Fenster. Sie wusste, dass sie ihn von hier aus sehen w�rde. In der Ferne konnte sie denn auch seine Gestalt ausmachen, nackt und in den Nebel des Sees geh�llt starrte er ins Leere was er dort sah, konnte sie nicht ahnen. Ihre Haut prickelte, und ihr war klar, dass der Drache ihre Bewegung ebenso zweifelsfrei f�hlte wie sie seine Anwesenheit einen Augenblick zuvor. Der Gedanke war tr�stlich.</p><p>Bei seinem Anblick wurde ihr Herz von einer Melancholie ergriffen, die sie erst nicht erkannte, obgleich sie sie schon fr�her gesp�rt hatte. Seit einiger Zeit begleitete sie dieses Gef�hl, und ihr wurde bewusst, dass sie es in den letzten Monaten immer dann versp�rt hatte, wenn sie an Ashe gedacht hatte. Erst jetzt verstand sie es, denn es war lange her, seit sie etwas �hnliches gef�hlt hatte.</p><p><emphasis>Welch ein seltsamer Mann du bist, Ashe,</emphasis> dachte sie. Manch | mal war er so unangreifbar wie ein sprungbereiter Drache, doch jetzt sah er aus wie ein verlorenes K�tzchen. Was immer er war, zum Guten oder zum Schlechten, er besa� ihr Herz, das Herz, das sie verloren geglaubt hatte. Jetzt gab es kein Zur�ck mehr.</p><p>Unten am Ufer fr�stelte er und rieb sich mit den H�nden �ber die Arme, als wollte er sich w�rmen. Rhapsody fasste sich ein Herz und lief zu ihm, sprang die Stufen hinab, riss die T�r der H�tte weit auf und rannte hinunter an den Strand. Ohne ihren Schritt zu bremsen, umarmte sie ihn von hinten und legte ihm ihre Decke um die Schulter. Ashe wandte sich um und l�chelte auf sie herab, dann zog er sie zu sich unter die Decke. Sanft k�sste er sie auf den Kopf und versuchte zu entscheiden, was mehr strahlte ihr Haar oder ihr Gesicht.</p><p>�Gut geschlafen?�</p><p>�Sehr gut, danke�, antwortete sie. �Ich habe etwas entdeckt und dachte, du solltest es wissen.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich liebe dich auch. Und das wei� ich ganz sicher.�</p><p>Seine Antwort war ein tiefer, langer Seufzer, der mehr sagte als tausend Worte. Rhapsody legte ihre H�nde auf seine Brust, und dort am Ufer des Sees hielten sie einander fest, bis die Morgend�mmerung der hellen Sonne gewichen war. In dem gr�nen Licht, das durch die B�sche �ber dem Firmament Hineindrang, sah die Grotte aus, als l�ge sie in einem tiefen Wald.</p><p>Und obwohl es allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit widersprach, wurde in diesem Augenblick ein kleiner silberner Gegenstand unbemerkt ans Ufer der Insel gesp�lt.</p></section><section><title><p>39</p></title><p>�Kl�re deine Gedanken. Entspanne deine Haut. Konzentriere dich auf den Rhythmus deines Herzens.�</p><p>Achmed schloss die Augen im heftigen Wind, der die riesige, hallende Kammer durchwehte. Er stand im Kreis der Lieder und sp�rte, wie sich der Staub, der in der toten Luft hing, auf seiner blo�en Haut niederlie�.</p><p>�Atme aus. Sto�e dein <emphasis>kirai</emphasis> mit dem Atem aus.�</p><p>Achmed gehorchte; er hatte diese Technik vor jeder Jagd in der alten Welt eingesetzt. Genau genommen kannte er sie schon seit seiner Geburt und hatte sie unter Vater Halphasions Anweisung vervollkommnet; sie war ein notwendiger Schritt in dem Prozess, mit dem er die Routinerhythmen eines K�rpers ausblendete das klopfende Herz, die Wellen des Atems, der Strom der Luft in den Nasenh�hlen, das unendliche Fl�stern nachwachsender Haut, sodass Leere und Schweigen einkehrten, die mit den Lebensrhythmen desjenigen gef�llt werden konnten, den er suchte.</p><p>Obwohl er nackt war, sp�rte sein K�rper nicht die K�lte des m�chtigen Abgrunds, der sich um ihn und �ber ihm erstreckte. Sein Hautgewebe, das komplexe Netz aus Venen und Nerven, welches sein Gesicht und seinen Hals �berzog, summte entspannt, f�r einen Augenblick vom Blutfluss befreit.</p><p>Langsam schwang das gro�e Pendel der Uhr durch die Dunkelheit. Weit hinter seinen Lidern vernahm Achmed die Bewegung, h�rte er das Schwirren der Schnur aus Spinnenseide. In dem Gewicht am Ende des Pendels mit dem diamantenen K�fig brannte die Essenz des in der Schlacht von Marincaer gefangenen F�dor-Geists. Achmed f�hlte seine schwelende Wut, sp�rte, wie sein Zorn wuchs, wenn das Pendel auf ihn zu schwang, und sich wieder zu einem Fl�stern d�mpfte, sobald es sich entfernte, wie ein Funke eines Lagerfeuers, der in die dunkle Nacht aufsteigt. Er empfand kalte Genugtuung.</p><p>�Lass dein Ich sterben.� Die kratzig zischende Stimme der Gro�mutter knisterte in der leeren H�hle. Achmed gehorchte und f�hlte sich pl�tzlich kalt, keine Schwingungssignatur ging von ihm aus. Er war so grau wie die Felsw�nde der H�hle. Auch das hatte er zuvor schon gemacht.</p><p>�Wenn du dich selbst unterworfen hast, dann versuche die Essenz dessen einzufangen, was du suchst. Befiehl ihm innezuhalten.�</p><p>Langsam atmete Achmed aus und l�ste sich wieder von seinem <emphasis>kirai</emphasis>. Sein Hautgewebe summte, wobei es diesmal ein Netz von Schwingungen bildete, die von seinem K�rper aufstiegen wie Nebeldunst vom Meer, gebunden an die Stirnh�hlen �ber seinen Augen. Er atmete wieder, seine Kehle begann zu vibrieren und dr�ckte das unsichtbare pulsierende Netz noch h�her in die schwere Luft.</p><p>Als das Pendel das n�chste Mal Vor�berschwang, konzentrierte er sich blind auf die wilde Hitze im Innern des Diamantgewichts und hielt die rechte Hand empor. <emphasis>Zhvet,</emphasis> dachte er. <emphasis>Halt</emphasis></p><p>Das Netz der Schwingungen dehnte sich aus um die Hitze, zog sich dann pl�tzlich zusammen und fing die b�sartige Essenz in einer unsichtbaren Schlinge ein. Wie ein Fisch am Haken, so schnappte und zappelte der D�monengeist und br�llte vor Wut, dass man ihn gefangen hatte. Das Pendel erstarrte und hing �ber dem Abgrund in der Luft. Nun erhob Achmed die linke Hand.</p><p>�Rufe in Gedanken alle vier Winde herbei�, wies ihn die Gro�mutter mit leiser Stimme an.</p><p>�Singe die Namen und verankere dann jeden an einem deiner Finger.�</p><p><emphasis>Bien,</emphasis> dachte Achmed. Nordwind, der st�rkste der Winde. Er �ffnete seine erste Kehle und summte den Namen, dessen Klang durch seine Brust und die erste Kammer seines Herzens hallte. Dann hielt er den Zeigefinger hoch; die empfindliche Haut der Fingerspitze prickelte, als ein Luftzug sich um sie legte.</p><p><emphasis>Jahne,</emphasis> fl�sterte er in Gedanken. S�dwind, der beharrlichste. Mit seiner zweiten Kehl�ffnung rief er den n�chsten Wind und stellte seine zweite Herzkammer zur Verf�gung. Um seinen gr��ten Finger sp�rte er die Verankerung einer zweiten Luftschnur. Als beide Schwingungen klar und stark waren, machte er weiter, �ffnete die beiden anderen Kehlen und die beiden anderen Herzkammern. <emphasis>Leuk</emphasis>. Der Westwind, der Wind der Gerechtigkeit. <emphasis>Thas</emphasis>. Der Ostwind. Der Wind des Morgens, der Wind des Todes. Wie F�den aus Spinnenseide hingen die Winde jetzt um seine Fingerspitzen und verharrten.</p><p>Zufrieden stellte die Gro�mutter fest, dass die Windsymbole am Rand des Kreises der Lieder gl�hten. Vier T�ne in einem, dem Mono-Ton. Achmed war bereit. Nun war es Zeit f�r die wahre Pr�fung.</p><p>�Jetzt das Binden�, sagte die Gro�mutter. �Und Schneiden.� Dies war der schwierigste Teil des Rituals f�r Achmed; da er ein Mischling war, hatte seine Physiologie nicht die anatomische Struktur, die es einem Vollblut-Dhrakier erlaubte, m�helos die Bande des ersten Netzes zu l�sen und es den Winden allein zu �berlassen, den K�fig aufrechtzuerhalten, den er gebildet hatte. Zusammen mit der Gro�mutter hatte er viele Stunden daran gearbeitet, eine andere Methode zu finden, mit der er diesen wichtigen letzten Schritt des Bann-Rituals ausf�hren konnte.</p><p>Jetzt konzentrierte er sich auf den r�ckw�rtigen Teil seiner ersten Kehle. Er atmete ein und dr�ckte die Luft �ber den Gaumen nach oben. Ein harter f�nfter Ton schnitt durch den Mono-Ton der anderen: Achmed sp�rte, wie die Schn�re an seinen Fingern erschlafften. Rasch schnalzte er mit der Zunge, womit er die Enden des Windk�figs losband und es seinem ersten Netz gestattete, sich aufzul�sen. Dann dr�ckte er den Daumen nieder, um den Windfaden �ber dem zappelnden Geist zu spannen.</p><p>Der Kampf war augenblicklich zu Ende, das Diamantgewicht zuckte und erstarrte. Der Dam�nengeist war gefangen im Zusammenfluss der vier Winde unter dem Befehl eines Dhrakiers, dem Sohn des Windes. Langsam drehte Achmed die Hand und wand den Faden darum wie eine Drachenschnur. Als das Band gesichert war, zog er daran und f�hlte, wie der widerstrebende Geist mit jeder Drehung seiner Hand n�her kam. Achmed �ffnete die Augen.</p><p>Eine Arml�nge entfernt hing die Schnur aus Spinnenseide in der Luft. Das Gewicht, der walnussgro�e Diamant mit dem D�monengef�ngnis in seinem Innern, schwebte in Augenh�he vor ihm. Achmed sah die Gro�mutter an. Sie nickte.</p><p>�Du bist nicht l�nger einer der Unge�bten�, sagte sie. �Du bist bereit. Jetzt, da du das Bannritual gemeistert hast, m�ssen wir dich auf die Jagd vorbereiten.�</p><p>Ganz still stand Achmed da, w�hrend die Gro�mutter die Decken �ber das Erdenkind zog und sanft dessen Hand freigab. Schon seit Stunden schien er hier gewacht zu haben, hatte stumm beobachtet, wie die Matriarchin versucht hatte, die Angst des Kindes zu beschwichtigen. Immer wieder hatte es sich von einer Seite auf die andere geworfen, ohne auf die Bem�hungen der Gro�mutter anzusprechen, ohne sich tr�sten zu lassen.</p><p>�Sssschhh, ssschhh, meine Kleine, was beunruhigt dich denn so? Sprich, dass ich dir helfen kann.�</p><p>Doch das Kind hatte nur heftig den Kopf gesch�ttelt und nur ein paar Worte gemurmelt.</p><p>��Gr�ner Tod��, wiederholte die Gro�mutter. ��Schmutziger Tod.� Was meint sie nur damit? Sprich, Kind. <emphasis>Bitte.�</emphasis> Aber die einzige Antwort war das Schluchzen, das ruhelose Umherwerfen. W�tend biss Achmed die Z�hne zusammen.</p><p>Schlimm genug, dass Rhapsody sich auf Gedeih und Verderb f�r Llaurons Sohn entschieden hatte seiner Ansicht nach war der F�rbitter immer noch der wahrscheinlichste Wirt des F�dor. Aber noch mehr setzte ihm zu, dass sie seit fast einer Woche nicht mehr im Kessel gewesen war, wenngleich sie durch die Akustik der Laube die Nachricht geschickt hatte, dass alles in Ordnung sei. Jetzt, da Achmed das gequ�lte, sich windende Kind betrachtete und die Verzweiflung der Gro�mutter in seiner Haut sp�rte, konnte er sich nur mit M�h und Not zur�ckhalten, dass er nicht in ihr verdammtes Herzogtum einmarschierte, Ashe auf der Stelle t�tete und Rhapsody an den Haaren in die Kolonie zur�ckschleifte. <emphasis>Sie sollte hier sein,</emphasis> dachte er bitter. <emphasis>Wenn sie das sehen k�nnte und trotzdem noch bei ihm bleiben wollte ..</emphasis>.</p><p>Bittere Galle drang ihm bis in den Mund. Er verscheuchte den Gedanken, denn er wollte ihn nicht bis ans Ende denken, das Ende, das ihn in seinen Tr�umen verfolgte. Schlie�lich beruhigte sich das Kind ein wenig. Die Matriarchin der toten Kolonie strich mit einer letzten zarten Liebkosung �ber die steingraue Stirn und l�schte dann das Licht, indem sie den Pilz unter dem Absatz zerdr�ckte. Mit einem Kopfnicken deutete sie zur T�r der Kammer, und Achmed folgte ihr hinaus auf den Korridor.</p><p>�Ihre Furcht w�chst�, sagte die Gro�mutter.</p><p>�Hat sie eine Ahnung, warum?�</p><p>�Falls sie es ahnt, vermag sie kein Bild davon formen, das ich verstehen k�nnte. Ihre Gedanken fl�stern immer nur eins: �Gr�ner Tod, schmutziger Tod�.�</p><p>Achmed atmete h�rbar aus. Er hatte keine Geduld f�r R�tsel, auch das war Rhapsodys Spezialgebiet. <emphasis>Sie sollte hier sein,</emphasis> wiederholten seine Gedanken voller Wut.</p><p>�Was kann ich tun?�, fragte er und warf einen Seitenblick auf das ru�verschmierte Relief auf der Wand gegen�ber. Es war ein geometrisches Muster, das vor der Zerst�rung der Kolonie einmal eine Art Landkarte dargestellt hatte, wie viele der Bilder, welche die W�nde schm�ckten.</p><p>Die schwarzen ovalen Augen der Gro�mutter betrachteten ihn ernst.</p><p>�Bete�, antwortete sie.</p><p>In einem �ppigen Tal in den Krevensfeldern wand sich Nolo in der Nachmittagshitze. In den ganzen zehn Sommern seines Lebens konnte er sich an keinen entt�uschenderen Tag erinnern. Die Elritzen waren zu flink gewesen, die Sonne zu grell, ihm war viel zu hei�, und er war so hungrig, dass er nicht l�nger hier ausharren konnte. Also zog er seine Angelschnur aus dem Wasser und kniff die Augen zusammen, weil ihn das vom Teich reflektierte Sonnenlicht blendete.</p><p>�He, Fenn�, rief er, w�hrend er die Schnur um seine Hand aufwickelte, aber der kleine Hund war anderweitig besch�ftigt. Bestimmt jagte er mal wieder Grash�pfer. Nolo stand auf, sch�ttelte den Dreck von seiner Angelschnur und steckte sie dann in die Tasche. Der Beutel, der sein Fr�hst�ck beherbergt hatte, war schon seit Sonnenaufgang leer; er untersuchte ihn trotzdem, f�r den h�chst unwahrscheinlichen Fall, dass sich doch eine Brotrinde oder eine Ecke K�se irgendwo versteckt h�tte. Aber so gr�ndlich er ihn auch inspizierte, er war genauso leer wie sein Magen.</p><p>�Fenn!�, rief er noch einmal und sp�hte angestrengt �ber die Wiese jenseits der B�ume des kleinen Tals. Da bewegte sich etwas im Hochgras, und er h�rte ein Rascheln. <emphasis>Dummer K�ter,</emphasis> dachte er und stopfte den Beutel zu der Angelschnur in die Tasche. Das Gras piekte an seinen blo�en F��en, als er aus dem Schatten des Tals trat; ihm kam es vor, als zitterte der Boden ein bisschen. Nolo sah sich um. Niemand war zu sehen, aber auf einmal sp�rte er den kalten Griff der Angst, obwohl er keine Ahnung hatte, warum.</p><p>�Fenn, wo bist du?�, br�llte er mit sich �berschlagender Stimme. Als Antwort h�rte er ein angestrengtes Keuchen ungef�hr einen Steinwurf entfernt, und einen Augenblick sp�ter durchbrach Fenns hohes Gebell die feuchte Luft. Mit einem Seufzer der Erleichterung trottete Nolo durch das Gestr�pp zu seinem Hund. Als er die kleine Anh�he erreichte, sah er, was den Hund so fasziniert hatte.</p><p>Auf einem Zweig, einer dicken, schwarzen Ranke mit langen spitzen Dornen, die sch�rfer aussahen als die eines Brombeerbuschs, steckte der Kadaver eines Kaninchens. Neugierig riss Nolo die Augen auf. Da musste der Hund dem Kaninchen aber einen Mordsschrecken eingejagt haben; danach zu schlie�en, wie ihm der gro�e Dorn aus der Brust ragte, war es mit einem Riesensatz r�ckw�rts geh�pft. Sonst h�tte man fast annehmen m�ssen, es w�re in m�rderischer Absicht von hinten erdolcht worden aber so etwas war ja nicht m�glich, das wusste Nolo genau. Eine kleine Pf�tze frischen Bluts hatte sich um das arme Tierchen gebildet, und ein Tropfen davon zierte Fenns Nase. Auch die Augen des Hundes blitzten aufgeregt.</p><p>Kurz �berlegte Nolo, ob er das tote Tier von dem Dornbusch befreien und seiner Mama zum Abendessen mitbringen sollte, entschied sich aber dagegen. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Tag, etwas verf�lschte die Mu�e dieser Erholungspause von Hausarbeit und Lernen welch eine Verschwendung der Freiheit eines halben Mittsommertages.</p><p>�Komm, Fenn�, rief er. Dicht gefolgt von seinem Hund, rannte er den ganzen Weg zur�ck in die Ortschaft, zu dem kleinen strohgedeckten Haus, in dessen einzigem Fenster bald die Kerzen angez�ndet werden w�rden.</p><p>Sobald der Junge au�er Sicht war, ging eine leichte Bewegung durch den Dornbusch. Die Blutpf�tze wurde kleiner, mit gierigem Eifer aufgesogen von der Haut des Dorns, bis nichts mehr zur�ckblieb als trockene Erde.</p></section><section><title><p>40</p></title><p>Selbst nach Ashes filidischen Ma�st�ben waren die G�rten von Elysian f�r ihn wie ein Wunder. In den Jahren vor seinem nunmehr zwanzig Jahre zur�ckliegenden traumatischen Erlebnis hatte er sich sowohl um die Gew�chsh�user seines Vaters als auch um seine eigenen weitl�ufigen L�ndereien mit architektonischen G�rten und gro�en Treibh�usern gek�mmert, die allerdings ausschlie�lich f�r heilige und zeremonielle Pflanzen angelegt waren. Sein Wissen �ber Gartenbau war profund, wenn auch nicht sehr vielseitig, und er hatte hunderte von Naturpriestern beaufsichtigt, die auf den Feldern und Klosterfarmen hart gearbeitet hatten. Er hatte zahlreiche Pflanztechniken kennen gelernt, aber Rhapsodys Umgang mit den Gartengew�chsen war einzigartig.</p><p>Jeden Morgen war sie schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen, backte Brot und s��e Br�tchen, deren Duft die Luft mit himmlischem Duft erf�llte. Bei der Arbeit sang sie leise vor sich hin, um ihn nicht zu wecken, aber der Drache wusste, dass sie nicht da war, sobald sie das Bett verlie�, und begann einen langwierigen, unbewussten Prozess des vorsichtigen F�hlens, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer in seiner Reichweite war. Die lieblichen Melodien lullten ihn wieder in den Halbschlaf, bis er schlie�lich, wenn sie ihre Arbeit im Haus erledigt hatte und hinausgegangen war, aufwachte, sich m�rrisch erhob und nur ganz allm�hlich wieder menschlich wurde.</p><p>An den meisten Tagen lie� sie ihr Backwerk im Ofen und ging hinaus, um den Garten zu pflegen, denn sie wusste, dass er sp�rte, wann das Brot fertig war, und sich rechtzeitig auf rappelte, um es aus dem hei�en Ofen zu holen. Dies diente als �beraus wirksamer und sanfter Weckruf f�r Ashe, und er genoss das einfache h�usliche Leben, das sie beide teilten. Noch benommen vom tiefen Drachenschlaf, trottete er die Treppe hinunter, zog das, was sie zubereitet hatte, aus dem Ofen und machte sich daran, das Fr�hst�ck vorzubereiten und auf einem Tablett herzurichten.</p><p>Schlie�lich trug er das Tablett hinaus in den Garten, um mit Rhapsody zu fr�hst�cken. Unweigerlich fand er sie auf der Erde kniend, das Haar zu einem gl�nzenden Knoten gebunden und oft unter einem alten Tuch verborgen. Sie streichelte die Bl�tter winziger Pfl�nzchen, sang oder summte vor sich hin, w�hrend sie mit der Schaufel arbeitete. F�r jede Blume hatte sie ein Lied, und sie begoss und pflegte ein jedes Samenkorn nach einer bestimmten Methode, die praktisch �ber Nacht einen �ppig gedeihenden Garten herbeizauberte. Als sie Ashe nach Elysian gerufen hatte, hatte der Garten in den Farben des Sommers gestrahlt, und die Luft war erf�llt gewesen vom Duft der Gew�rze und Kr�uter. Jetzt war der Garten ein wahres Paradies, das mit seiner ausgewogenen Harmonie von Gr�nt�nen und helleren Farben Auge und Nase gleicherma�en erfreute. Rhapsody hatte das Gesp�r und das Talent eines Bauern, und beides hatte Elysian eine gesunde, fr�hliche Atmosph�re verliehen, die es zuvor ganz sicher nicht gehabt hatte. Eines Morgens war Ashe von einem besonders sch�nen Lied geweckt worden, einer Weise, die ihn an den Lauf der Jahreszeiten denken lie�, ohne dass er ein Wort davon vernahm. Sp�ter, als er den Text verstand, den der Gartenwind zu ihm her�bertrug, musste er l�cheln.</p><poem><stanza><v>Wei�er Schein</v><v>Lass die Nacht nicht sein</v><v>Und wach auf, wenn der Fr�hling ruft,</v><v><emphasis>Komm und sieh, komm und sieh</emphasis></v><v>Die warmen Winde bringen</v><v>Schmetterlingsschwingen</v><v>Die V�gel singen</v><v>Ein neues Jahr beginnt</v><v>Und gr��t das Erdenkind</v><v>K�hles Gr�n</v><v>In W�ldern so k�hn</v><v>Sommersonne hoch am Himmel</v><v><emphasis>Komm und tanz, komm und tanz</emphasis></v><v>Auf dem gr�nen Grunde</v><v>In fr�hlicher Runde</v><v>Die frohe Kunde</v><v>Die Zeit geschwind</v><v>Lacht mit dem Erdenkind</v><v>Rot und Gelb</v><v>Die Bl�tter sind welk</v><v>Sie fallen im Wind</v><v><emphasis>Bleib und tr�um, bleib und tr�um</emphasis></v><v>Der Sommer will gehn</v><v>Mit Farben so sch�n</v><v>Der Herbst bleibt stehn</v><v>Und h�lt fest es geschwind</v><v>Um zu tr�sten das Erdenkind</v><v>Wei�er Schein</v><v>Lass die Nacht herein</v><v>Schnee bedeckt die gefrorne Welt</v><v><emphasis>Schau und warte, schau und warte</emphasis></v><v>Leg dich hin und schlaf ein</v><v>In Eisschl�ssern fein</v><v>Ein Versprechen soll sein</v><v>Ein Jahr, in dem nur wenige Tage noch sind</v><v>Erinnert sich gern an das Erdenkind</v></stanza></poem><p>Sp�ter am Tag sprach er mit ihr �ber das Lied. <emphasis>Es ist sch�n</emphasis> meinte er und k�sste sie. <emphasis>Viel zu sch�n, um von Grunthor zu handeln. Daf�r m�sste es deftiger und beh�biger sein, vielleicht auch ein paar L�use haben</emphasis>. Rhapsody l�chelte, aber ihre Augen verdunkelten sich auf eine Art, an der er erkannte, dass sie ihm irgendetwas vorenthielt. Es <emphasis>gibt Dinge, von denen wir beide wissen, dass wir sie nicht miteinander teilen k�nnen, weil sie die Geheimnisse anderer sind,</emphasis> hatte er in jener ersten Nacht gesagt, als sie ein Liebespaar geworden waren. Da wechselte er das Thema.</p><p>Am Rand einer unterirdischen Wiese hatte Rhapsody einen kleinen Obstgarten gepflanzt, an der einzigen Stelle, wo die B�ume genug Licht bekamen. Manchmal fand Ashe sie hier, wie sie sanft zu den B�umchen sprach und sich um sie k�mmerte wie um kleine Kinder. Wenn er sie in einer solchen Situation �berraschte, setzte sie jedes Mal ein verlegenes Grinsen auf und rannte zu ihm, nahm seinen Arm und spazierte mit ihm zur Laube oder zu den Steinb�nken in der Mitte des Kr�utergartens, wo sie meistens fr�hst�ckten.</p><p>Dieser Morgen nun bildete keine Ausnahme. Ashe war ein wenig missgelaunt aufgewacht, mit der Erkenntnis, dass sie nicht mehr neben ihm lag, aber nach dem Fr�hst�ck kam er einigerma�en wieder zur Besinnung. Dann krempelte er die �rmel auf, grub mit ihr die Erde um und half ihr, die Wurzeln zu trennen, die sie ans Seeufer vor dem T�rmchen verpflanzen wollte.</p><p>Stundenlang arbeiteten sie in der Halbsonne der Grotte. Rhapsody sang fr�hlich; sie f�hlte sich nicht mehr gehemmt von Ashes Gegenwart, seit er vor einiger Zeit einmal in ein Lied eingestimmt hatte und die Melodien des Wachsens von ihr lernen wollte. Er hatte ihr auch ein paar neue beigebracht, die er selbst noch kannte, und sie war sogleich eifrig bei der Sache gewesen. Heute machte sie einen besonders gl�cklichen Eindruck; als er sie nach dem Grund f�r ihre gute Laune fragte, l�chelte sie nur und k�sste ihn.</p><p>�Schau dir den See an�, sagte sie dann.</p><p>Er wanderte ans Ufer hinunter und blickte ins Wasser, konnte jedoch nichts Ungew�hnliches entdecken. So zuckte er mit den Achseln, und sie l�chelte erneut.</p><p>�Er muss wohl ziemlich morastig sein heute Morgen�, sagte sie, kniete sich wieder hin und wandte sich erneut dem Haufen mit Bl�ttern und Lehm zu, den sie in den Boden einarbeitete. �F�r gew�hnlich reflektiert er besser.�</p><p>Ashe f�hlte, wie W�rme ihn �berflutete. Er trat hinter sie, beugte sich herab und umarmte sie von hinten.</p><p>�Ich liebe dich.�</p><p>Sie buddelte weiter.</p><p>�Wirklich?�</p><p>Er rieb die Nase an ihrem Nacken. �Ja. Merkst du das nicht?�</p><p>�Im Augenblick nicht, nein.�</p><p>Ashe blinzelte erstaunt. �Warum nicht?� Schon wurde ihm eng ums Herz. Sie w�rdigte ihn keines Blickes. �Weil kein Mann, der mich wirklich liebt, auf mein frisch gepflanztes Elfenkraut treten w�rde.� Sie schob spielerisch seinen Fu� vom Blumenbeet.</p><p>�Oh. Tut mir Leid, altes M�dchen.� Er zupfte an dem schimmernden Haarknoten unter dem h�sslichen Tuch und t�tschelte liebevoll ihr Hinterteil.</p><p>�H�nde weg von meinem Br�tchen, Herr.� Sie sah ihn an und tat so, als w�re sie �rgerlich.</p><p>�Von deinem was?�</p><p>�Nun, der Ausdruck stammt von dir�, lachte sie, stopfte die Haarstr�hnen, die sich gel�st hatten, wieder unter das Tuch und machte sich erneut ans Umgraben. Er kauerte sich neben sie. �Wovon sprichst du �berhaupt?�, fragte er und spielte mit den verirrten Str�hnen.</p><p>Sie versuchte, ihr L�cheln zu verbergen, und arbeitete weiter. �Wer immer dir Alt-Lirinsch beigebracht hat, wusste wenig von feststehenden Redewendungen. <emphasis>Kwelster evet re marya </emphasis>du hast das allersch�nste Br�tchen.�</p><p>Ashe err�tete verlegen und am�siert zugleich. �Du machst Witze. Das habe ich gesagt?�</p><p>Sie nickte. �Was denkst du, warum ich fast jeden Morgen zum Fr�hst�ck welche backe? Ich habe noch nie erlebt, dass ein Mann mein Geb�ck h�bsch findet.�</p><p>Ashe prustete los und zog sie an sich, wobei er reichlich Moos und Bl�tter in die Gegend verteilte. Dann k�sste er sie unterbrach damit ihr Gel�chter und wischte die Erde von ihrer Stirn �ber sein ganzes Gesicht.</p><p>�Vermutlich muss ich an meinen Redewendungen noch ein bisschen arbeiten, was?�</p><p>�Nein, nicht unbedingt; mir hat es sehr gut gefallen.�</p><p>�Oh, bestens. Und was sagst du, wenn ich jetzt gern dein Br�tchen sehen m�chte?�</p><p>Sie schlang die Arme um seinen Hals. �Ich schlage ein schlichtes �bitte� vor, obwohl mir auch einiges andere dazu einf�llt.�</p><p>�In diesem Fall: bitte.�</p><p>Sie versetzte ihm mit ihrem Pflanzenheber einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. �Bei allen G�ttern, du bist wirklich uners�ttlich.�</p><p>�Daran bist nur du schuld, wei�t du.� Die Drachenaugen zwinkerten, und ihre Smaragdaugen taten das Gleiche. Sie wussten beide, dass sie, wenn es um romantische Erf�llung ging, auch nicht schneller erm�dete als er. Aber jetzt versuchte sie, zu ihrer Gartenarbeit zur�ckzukehren.</p><p>�Warum sagst du das?�</p><p>Kurz entschlossen nahm Ashe ihr das Werkzeug aus der Hand und zog sie liebvoll auf seinen Scho�. �Du bist mein Schatz geworden, Rhapsody. Du musst wissen, dass das, von dem ein Drache am allermeisten besessen ist, von dem er niemals genug haben kann, sein Schatz ist.�</p><p>Er l�chelte auf sie herab, aber gleichzeitig war er ein wenig unsicher, ob sein leichter Ton nicht wom�glich daf�r sorgte, dass sie an der Ehrlichkeit seiner Worte zweifelte. Er sp�rte, dass seine zweite Natur ihr ein wenig unbehaglich war, und hoffte, dass diese seine Bemerkung sie nicht abstie�. Neben der Angst, dass der D�mon ihn finden k�nnte, machte ihm der Gedanke an die Zukunft am meisten zu schaffen, eine Zukunft, in der sie sich wom�glich von ihm abwenden w�rde wie sie es ja nicht anders erwartete. Ihm war klar, dass er in einem solchen Fall v�llig au�er sich geraten w�rde.</p><p>Rhapsody nahm sein Gesicht in beide H�nde und k�sste ihn. �Dann stamme ich vielleicht auch zum Teil von den Drachen ab.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Nun, ich muss genau so von dir besessen sein, wenn ich mich durch dich st�ndig von meiner Gartenarbeit abhalten lasse, die f�r mich bisher das Zweitliebste auf der Welt war.�</p><p>�Das Liebste ist die Musik?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Aber du hast schon den ganzen Morgen im Garten gearbeitet. Inzwischen wirst du doch bestimmt m�de sein.�</p><p>Rhapsody stand auf, streckte sich und sch�ttelte den Rest Erde und Gras ab. �Genau genommen hast du Recht.� Sie streckte ihm die Hand hin und half ihm auf, dann schlang sie die Arme um seine Taille. �Und hei� ist mir auch, ich f�hle mich wie eine Flamme in Menschengestalt.�</p><p>�Das kann ich bezeugen.�</p><p>�Da geht es schon wieder los mit deinen Anz�glichkeiten�, schalt sie, w�hrend sie das Tuch vom Kopf zog und ihren Haarknoten l�ste. �Kannst du denn an nichts anderes denken?�</p><p>�Entschuldige bitte�, gab Ashe gespielt beleidigt zur�ck. �Das war keineswegs schl�pfrig gemeint, ich habe lediglich auf dein Feuerwissen angespielt.�</p><p>�Oh!� Rhapsody l�chelte. �Nun, als menschliche Flamme sp�re ich dann das Bed�rfnis, von Wasser umschlossen zu werden.� Sie umarmte ihn fester.</p><p>�Ich dachte schon, du w�rdest das niemals sagen�, murmelte er und k�sste ihren Nacken.</p><p>�Was sagen? Ich werde ein Bad nehmen.� Damit schl�ngelte sie sich aus seiner Umarmung und rannte zur�ck zum Haus. Er folgte ihr dicht auf den Fersen. Ashe hielt sich im Wohnzimmer auf, w�hrend Rhapsody die Wanne mit kaltem, klarem Wasser von der Pumpe f�llte. Als der Bottich endlich voll war, hielt sie die H�nde hinein und konzentrierte sich auf das Feuer in ihrer Seele. Langsam wurde das Wasser warm, und bald darauf sp�rte man die Hitze im ganzen Raum. Schnell warf sie noch eine Hand voll mit Gew�rzen versetzter Rosenbl�tter ins Wasser.</p><p>Sie blickte sich um. Es hatte eine Weile gedauert, bis das Bad eingelaufen war, und sie hatte erwartet, dass Ashe in der Zwischenzeit kommen w�rde, doch anscheinend hatte sie sich geirrt. Schlie�lich ging sie zur T�r und sp�hte hinaus, aber er war nirgendwo zu sehen.</p><p>�Ashe?�</p><p>�Ja?� Seine Stimme kam von unten.</p><p>�Wo bist du denn?�</p><p>�Im Wohnzimmer.�</p><p>�Was machst du?�</p><p>�Ich lese.�</p><p>�Oh.� Rhapsody gab sich M�he, sich ihre Entt�uschung nicht anmerken zu lassen. �Du kannst gern zu mir in die Wanne steigen.�</p><p>�Nein, danke.�</p><p>Sie zupfte am Band ihres wei�en Bademantels. �Bist du sicher?�</p><p>Einen Augenblick herrschte Stille. �Vielleicht komme ich nach.�</p><p>�Na gut�, seufzte Rhapsody. Sie ging zur�ck ins Badezimmer und merkte, dass sie immer trauriger wurde. Sie hatte ihn nicht beleidigen wollen; f�r gew�hnlich mochte er es, wenn sie sich wegen ihrer unerm�dlichen Leidenschaft f�reinander neckten. Vielleicht war sie zu weit gegangen. Hoffentlich hatte sie seine Gef�hle nicht verletzt.</p><p>Inzwischen war die Wassertemperatur in der Wanne genau so, wie sie es w�nschte. Rhapsody sch�ttelte die Tropfen von ihrer nassen Hand ab und lauschte auf Schritte. Nichts. Seufzend ergab sie sich schlie�lich in das Schicksal, sich allein den R�cken waschen zu m�ssen. Doch als sie vor dem Spiegel stand und sich die Pflanzenreste aus dem Haar b�rstete, ging die T�r auf, und Ashe kam herein, ebenfalls im Bademantel, ein dickes Buch in der Hand. Rhapsodys Augen blitzten, aber ihr Gesichtsausdruck blieb neutral. �Ich dachte, du w�rst in dein Buch versunken.�</p><p>�Das bin ich auch, aber ich dachte, vielleicht kannst du beim Baden ein bisschen Gesellschaft brauchen.�</p><p>�Ach so.�</p><p>�Nat�rlich bleibe ich hier, auf der anderen Seite des Zimmers. Ich m�chte nicht, dass du denkst, ich warte auf eine Einladung oder so.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht.�</p><p>Ashe machte ein beleidigtes Gesicht. �Ich versichere dir, meine Absichten sind absolut ehrenwert.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Nein, wirklich. Ich m�chte nur ein bisschen lesen.�</p><p>Rhapsody blickte ihn mit einem am�sierten Funkeln in den Augen an. �Hier ist aber kein guter Platz zum Lesen�, meinte sie mit einem viel sagenden Blick auf den warmen, duftenden Dampf, der sie umwogte. �In der feuchten Luft l�st Pergament sich schnell auf.�</p><p>Mit brav vor dem Bauch gefalteten H�nden kam Ashe ein St�ck n�her. Wie verspielte K�tzchen ringelten sich die duftenden Schwaden um seine Kn�chel, und sein strahlendes L�cheln war so hell wie sein wei�er Bademantel.</p><p>�Lass uns eine Abmachung treffen. Wenn du mich hier bleiben l�sst, werde ich dich nicht ber�hren, solange du mich nicht ausdr�cklich dazu aufforderst. Ich werde dich nicht st�ren, kein bisschen, ich setze mich einfach dr�ben neben die T�r. In Ordnung?�</p><p>�Aber von da wirst du nicht viel sehen k�nnen.�</p><p>�Wie ich dir bereits gesagt habe, bin ich nicht gekommen, um dir zuzuschauen, sondern ...�</p><p>�Ich wei�, du willst nur lesen�, unterbrach ihn Rhapsody l�chelnd. �Na, dann am�sier dich gut.�</p><p>�Oh, darauf kannst du dich verlassen�, entgegnete Ashe und erwiderte ihr Grinsen. Langsam ging Rhapsody zur�ck zur Wanne. �ber dem Wasser waberten Dampfschwaden, Nebelwolken stiegen auf, und Wassertropfen lie�en sich auf ihren Wimpern nieder, sodass ihre Lider schwer wurden. Anscheinend geschah mit Ashe das Gleiche er hatte sich auf den Marmorfu�boden gesetzt, sich gegen die T�r gelehnt und die Augen geschlossen. Rhapsody gab ihm noch eine letzte Chance.</p><p>�Wei�t du, wenn du m�chtest, kannst du gern mit in die Wanne kommen.�</p><p>Er hielt abwehrend die Hand hoch, die Augen noch immer geschlossen.</p><p>�Na sch�n�, meinte sie. �Ganz wie du willst.� Behutsam hob sie ein schlankes Bein �ber den Wannenrand und testete das Wasser mit dem Zeh; es war hei�, aber sie wusste, es w�rde gem�tlich sein. Schnell tapste sie zu den Handtuchhaken hin�ber, lie� den Bademantel von den Schultern rutschen und achtlos auf den Boden fallen. Mit einem Blick �ber die Schulter stellte sie fest, dass Ashe noch immer mit geschlossenen Augen an der T�r lehnte, fast, als schliefe er.</p><p>Rhapsody griff in eins der Apothekengl�ser, die auf dem Tisch unter den Handtuchstangen standen, und nahm noch eine weitere Hand voll s�� riechender Gew�rze und Rosenbl�tter heraus. Sie b�ckte sich, um ihren Bademantel aufzuheben, h�ngte ihn an den Haken und wandte sich wieder zur Wanne.</p><p>Ashe sah noch immer aus, als schliefe er, aber das L�cheln auf seinem Gesicht wurde breiter, als sie sich umdrehte.</p><p>�Aha! Du spickst!�, rief Rhapsody entr�stet.</p><p>�Wer in der ganzen Welt k�nnte dieser Versuchung widerstehen?�, konterte Ashe, ohne jedoch die Augen zu �ffnen. �Au�erdem habe ich nie behauptet, ich w�rde nicht spicken. Ich habe nur gesagt, dass ich dich nicht anfassen werde.�</p><p>�Offen gestanden w�re mir Letzteres lieber als Ersteres, aber mach, was du willst.�</p><p>Unbefangen trat Rhapsody zur Wanne und warf die Duftmischung hinein. Sie zischte, als die W�rme die �therischen �le freisetzte, und das Wasser wirbelte unter einem schimmernden Film, der sich �ber die Oberfl�che gelegt hatte. Nun drehte Rhapsody ihr langes Haar auf dem Kopf zu einem Knoten und sicherte diesen mit ihrem �blichen schwarzen Band. Dann stieg sie langsam und genie�erisch in die Wanne. Das Wasser umfing sie, als sie sich setzte und ausstreckte, sich wohlig r�kelte und schlie�lich bis zum Hals ins warme Nass sank. Ihr K�rper entspannte sich, und ihr Geist begann es ihm gleichzutun.</p><p>Nach einer Weile setzte sie sich wieder auf, sodass ihre Schultern �ber der Wasseroberfl�che auftauchten, und legte den Kopf auf das Kissen auf dem Wannenrand. Die sanften Wellen wirbelten und pl�tscherten um sie herum, liebkosten ihre Haut und schwappten leise �ber ihre Br�ste. L�chelnd genoss sie das Prickeln, das sich durch den Wechsel von hei�em Wasser und k�hler Luft auf ihrem Oberk�rper ausbreitete. Ihre Brustwarzen, die gew�hnlich von derselben hellrosa Farbe waren wie das Innere einer Muschel, erw�rmten sich im Wasser und nahmen einen dunkleren Farbton an.</p><p>Unter den sanften Liebkosungen des Wassers bekam sie eine G�nsehaut. Langsam lie� sie sich ein bisschen tiefer in die Wanne gleiten und legte die F��e ein St�ck h�her, sodass ihre Knie aus dem Wasser ragten. Mit einem Mal sp�rte sie eine Schwingung, wie eine Str�mung in der Tiefe, die sich zwischen ihren Knien ausbreitete und sie langsam auseinander dr�ckte. Ihr ganzer K�rper fing nun an zu prickeln, w�hrend der Strudel sich nach unten senkte, ihre H�ften streichelte, ihren R�cken, und sich schlie�lich zwischen ihren Beinen niederlie�. Immer st�rker wirbelte das Wasser um ihre Beine und n�herte sich ihren empfindsamsten K�rperstellen. Sie begann zu zittern und sp�rte, wie ihr hei� wurde, aber diesmal inwendig, und diese Hitze strebte zu den Stellen, welche das Wasser liebkoste. Die Wellen wurden dr�ngender, wirbelten und pochten und erregten sie mit jeder Bewegung mehr. Es war, als w�rde das Wasser fest und suchte ihren K�rper ab, wo es ihr am meisten Vergn�gen bereiten konnte. Ein Blitz durchzuckte ihren K�rper, denn das Wasser erweckte ein immer dringlicheres Verlangen in ihr.</p><p>�Ashe�, sagte sie leise. Das Wort verfing sich in ihrer Kehle und kam ganz heiser heraus.</p><p>�Ashe, was tust du?�</p><p>�Ich lese.�</p><p>Sie zwang sich, die Augen zu �ffnen, und sah, dass er noch immer wie im Halbschlaf an der T�r lehnte.</p><p>�Bitte�, sagte sie, w�hrend das Wasser weiter um sie pulsierte. �Bitte, h�r auf damit.� Ihr Atem war flach geworden, so sehr musste sie sich bem�hen, ihre Erregung im Zaum zu halten.</p><p>�Womit soll ich aufh�ren?� Er l�chelte, machte aber die Augen immer noch nicht auf.</p><p>�Das hier wird allm�hlich zu einem sexuellen Erlebnis�, erwiderte Rhapsody und versuchte vergeblich, Ruhe zu bewahren. �Lass es sein. Bitte.�</p><p>�Hast du etwas gegen sexuelle Erlebnisse?�, fragte er scherzhaft, ohne sie eines Blickes zu w�rdigen.</p><p>�Ja, wenn ich sie nicht mit dir teile.�</p><p>Endlich richtete Ashe sich auf, �ffnete die Augen und blickte Rhapsody ernst an. �Meine Liebe, das bin ich�, entgegnete er offen. �Ich kann es genauso sp�ren wie du, vielleicht sogar noch mehr.�</p><p>�Aber darum geht es mir ja�, sagte sie, w�hrend das feste Wasser pochte und sie fast zur Verzweiflung brachte. �Das bist nicht du, das ist Wasser, ob du es nun sp�rst oder nicht. Aber du bist der Einzige, von dem ich mich so ber�hren lassen m�chte. Bitte, Ashe. Bitte tu das nicht.�</p><p>Die Verzweiflung in ihrer Stimme und auf ihrem Gesicht war so deutlich, dass auch er sie endlich begriff; es war dieselbe wie an dem Tag am Tar�afel, als sie ihn anflehte, sie nicht hin�berzutragen. Er sprang auf die F��e und trat an die Wanne; sofort h�rten die Wellenbewegungen auf.</p><p>�Tut mir Leid, Rhapsody�, sagte er und sah, wie ihre Nervosit�t auf der Stelle wich und ihr Gesicht wieder ruhig wurde. �Ich wollte dich wirklich nicht durcheinander bringen.�</p><p>Rhapsody setzte sich auf und zog die Knie an. �Ich wei߫, sagte sie, streckte ihre nasse Hand aus dem Wasser und legte sie auf seine Wange. �Ich wei�, und es ist nicht deine Schuld, sondern meine.�</p><p>Ashe wollte sie in die Arme nehmen, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er ihr versprochen hatte, sie nur anzufassen, wenn sie den Wunsch danach �u�erte; deshalb hielt er sich zur�ck.</p><p>�Wie kann es deine Schuld sein? Du wolltest doch nur baden. Tut mir Leid, dass ich mich so dumm benommen habe.�</p><p>Rhapsody sah ihm in die Augen, und die Verwirrung, die sie dort erblickte, r�hrte ihr Herz. Sie zog ihn zu sich und k�sste ihn z�rtlich.</p><p>�Nein, <emphasis>mir</emphasis> tut es Leid, Ashe�, widersprach sie sanft. �Du hast nichts falsch gemacht. Es ist nur so in der Vergangenheit haben M�nner ihre sexuelle Erregung oft auf alle m�glichen uns�glichen Arten ausgedr�ckt, und das war der schlimmste Teil meines damaligen Lebens. Und der Teil, �ber den ich wahrscheinlich nie ganz hinwegkommen werde, ist der, zur Schau gestellt zu werden und ...� Sie senkte den Blick, und ihre Stimme versagte. Nach einer Weile fuhr sie fort: �Als ich hierher kam, war ich froh bei dem Gedanken, nie mehr ein sexuelles Erlebnis haben zu m�ssen ein keusches Leben zu f�hren und mir dadurch viele Probleme zu ersparen. Und dann bist du gekommen und hast wieder Verlangen in mein Leben gebracht, zum ersten Mal auf eine positive Weise. Nie h�tte ich das f�r m�glich gehalten. Du hast mich zum ersten Mal wirklich geliebt. Die k�rperliche Liebe mit dir ist so unglaublich, so sch�n, dass ich mich sehr bem�ht habe, sie von nichts aus meiner Vergangenheit ber�hren zu lassen; ich m�chte die beiden Erfahrungen nicht miteinander in Verbindung bringen. Durch reine Willenskraft konnte ich immerhin verhindern, dass ich v�llig verklemmt werde wie du bestimmt bemerkt hast.�</p><p>Jetzt l�chelte Ashe; Rhapsody streichelte sein Gesicht, und ihre Finger waren vom warmen Wasser schon ganz schrumpelig. �Nur wenige Dinge erinnern mich noch an jene Zeit. Die Wahrheit ist, dass mich eigentlich nichts von dem st�rt, was du mit mir machen. m�chtest, solange du mich nur in den Armen h�ltst oder zumindest ganz in meiner N�he bist. Vermutlich ist es �beraus komisch, dass ausgerechnet jemand wie ich in sexuellen Dingen so altmodisch eingestellt ist, aber ich kann es nicht �ndern. Ich bin bereit, f�r dich jedes Zaubermittel auszuprobieren, mich jeder erdenklichen Phantasie auszuliefern und alles zu tun, was dir gef�llt, aber nur, weil es f�r mich eine Art ist, meiner Liebe zu dir Ausdruck zu verleihen. Und es ist mein freier Wille, mich dir hinzugeben. Ich bin niemandes Spielzeug mehr.�</p><p>Er blickte in ihre smaragdgr�nen Augen, und es war, als k�nnte er direkt in ihre Seele schauen. Die Ehrlichkeit ihres Herzens und ihrer Worte lie� ihn erzittern.</p><p>�Rhapsody, falls es dich an irgendetwas Unangenehmes erinnert, wenn wir miteinander schlafen ...�</p><p>�Sag das nicht�, unterbrach sie ihn schnell. �So habe ich das �berhaupt nicht gemeint. Ich schlafe gern mit dir, sehr gern sogar; so gern, dass ich, als du sagtest, du wolltest lieber lesen, dachte ... na ja, ist ja egal, was ich dachte. Ich m�chte nur, dass du mich festh�ltst, du selbst, nicht irgendeine k�rperlose Kraft. Es gibt eine Art Vereinigung, die nicht m�glich ist, wenn ein Partner sich auf der anderen Seite des Zimmers aufh�lt. Au�erdem habe ich dann keine M�glichkeit, mich zu revanchieren.� Ihre Worte trieben ihm die R�te ins Gesicht, und er umklammerte den Rand der Wanne, weil er sich so anstrengen musste, sein Versprechen zu halten.</p><p>Rhapsody lachte, als sie sah, wie seine Fingerkn�chel wei� wurden. �Ich bewundere deine Zur�ckhaltung�, sagte sie, beugte sich vor, und w�hrend sie das Band an seinem Bademantel l�ste, gab sie ihm einen warmen, feuchten Kuss. �Nimm das als Aufforderung�, sagte sie, w�hrend ihre Augen schalkhaft blitzten, und sie rutschte auf die Seite, um ihm Platz zu machen.</p><p>Ashe lie� den Bademantel auf den Boden fallen und stieg zu ihr ins Wasser. Dort kniete er sich hin, beugte sich �ber Rhapsody und k�sste sie z�rtlich.</p><p>Sie erwiderte den Kuss ebenso z�rtlich, streichelte mit den H�nden �ber seine Arme und f�hlte, wie stark sie waren. Dann flogen ihre Finger �ber die angespannten Muskeln seines R�ckens. Ihre Zunge erforschte seinen Mund, sie schlang die Arme um ihn und wollte ihn zu sich herabziehen, aber er hielt sich am Wannenrand fest und hob sie ein St�ck aus dem Wasser, sodass ihr Oberk�rper und ihr R�cken pl�tzlich die k�hlere Luft zu sp�ren bekamen. Er lachte �ber ihr verbl�fftes Gesicht.</p><p>�Angeber�, schimpfte sie. �Na sch�n, wie du willst. Dann bleib da drau�en und friere, obwohl es hier im Wasser wundersch�n warm ist.�</p><p>�Ich genie�e nur den angenehmen Effekt, den die frische Luft auf dich aus�bt�, entgegnete er mit einem schelmischen Grinsen und einem viel sagenden Blick auf ihre Br�ste. Als er sah, wie sie err�tete, musste er wieder lachen.</p><p>�Rhapsody, du wirst ja ganz rot!�</p><p>�Verrat es nur niemandem, sonst machst du noch meinen Ruf kaputt�, erwiderte sie ebenfalls lachend. Dann zerrte sie wieder ungeduldig an ihm.</p><p>Ashes Lippen glitten �ber ihre Wange, bis sie direkt �ber ihrem Ohr lagen.</p><p>�Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben�, fl�sterte er. Dann lie� er den Wannenrand los. Rhapsody stie� einen kleinen Schrei aus, als sie zusammen abrutschten, aber das Wasser fing sie auf wie ein Kissen, und aus dem Schrei wurde ein Lachen. Ashe sp�rte, wie die Temperatur unter Wasser anstieg, bis er ganz von wohliger W�rme umgeben war. Ein seidiges Bein strich �ber die R�ckseite seines Oberschenkels und schlang sich mit einer sinnlichen Bewegung um ihn, sodass auch er schauderte. Trotz des warmen Wassers fr�stelte Ashe; Wellen stiegen vom Grund der Wanne empor, wirbelten um Rhapsody herum und stiegen nahe den Schultern und Zehen sprudelnd an die Oberfl�che. Ashes H�nde folgten dem Rhythmus der Wellen und glitten geschmeidig �ber ihren K�rper, vom R�cken nach oben, bis sie ihre Taille umfassten. Sie passte sich seinen Bewegungen an und lie� die H�nde seinen R�cken hinaufwandern, �ber seine breiten Schultern und seinen starken Hals, �ber sein Gesicht.</p><p>Ashe sah ihr tief in die Augen und gab ihr wortlos zu verstehen, wie tief seine Liebe zu ihr war, die er jetzt mit einer Leidenschaft in sich aufsteigen f�hlte, dass er sie kaum noch z�geln konnte. Dann schl�ssen sich seine Lider, und seine Lippen suchten ihre und pressten sich so heftig auf sie, dass Rhapsody unter ihm erzitterte.</p><p>Ihr Kuss wurde tiefer, w�hrend seine H�nde dem Zittern ihres K�rpers folgten und ihre weiche Haut genossen. Mit Handfl�chen und Fingerspitzen nahm er ihre Lust in sich auf, bis auch er am ganzen K�rper zitterte. Eine Hand schl�pfte um ihren R�cken und zog sie fest an sich, w�hrend die andere den Umrissen ihrer Brust folgte, �ber ihre Rippen und ihre Taille wanderte, die Rundung ihrer H�fte und ihres Oberschenkels nachvollzog und dort sanft nach innen glitt. Das Wasser wallte auf, von ihren Zehen zum Knie, und begegnete seiner Hand, die sich zu den immer empfindlicheren Bereichen ihres K�rpers vortastete. Ihre Lippen trennten sich, und Rhapsody st�hnte unter seiner Ber�hrung und dem rhythmische Pulsieren des Wassers auf; ihr R�cken w�lbte sich, als ihre H�nde wieder seine Schultern umfassten. Ashes Mund dr�ckte sich in ihre Halsbeuge und liebkoste die Stelle, die er schon bei ihrer ersten Begegnung begehrt hatte, und von dort den Hals hinauf, bis seine Lippen ihr Ohr ber�hrten. In der alten Sprache fl�sterte er ihr seine tiefsten Gef�hle ins Ohr, w�hrend seine H�nde sich ihrem Vergn�gen widmeten, sodass sich fleischliche Lust mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Liebe vermengte, deren Tiefe er nicht ermessen konnte. Seine eigene Erregung wuchs, w�hrend er zusah, wie sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht ausbreitete.</p><p>�Ich liebe dich�, fl�sterte er.</p><p>Zwischen sto�weisen Atemz�gen kam von ihr das Echo seiner Worte, und ihr Atem wurde flacher, w�hrend seine H�nde ihre Bewegungen verst�rkten und die Intensit�t seiner Ber�hrung im Gleichklang mit ihrem Verlangen zunahm. Wieder kehrten seine Lippen in ihre Halsbeuge zur�ck und wanderten dann weiter nach unten, um liebevoll ihre Br�ste zu k�ssen, die aus dem Wasser hervorlugten, warm vor Sehnsucht und Erregung. Winzige Strudel blieben zur�ck und kitzelten an den Stellen, wo seine Lippen gerade gewesen waren, w�hrend Ashe immer tiefer glitt und jetzt ihren schlanken Bauch mit K�ssen bedeckte. Sein Kopf verschwand unter den Wellen, die Rhapsodys zitternder K�rper in der Wanne hervorrief, bewegte sich hinunter zu ihren Oberschenkeln und tauchte zwischen sie. Die leisen musikalischen Ger�usche, die Rhapsody von sich gab, verwandelten sich in ein Wimmern, das Wasser wurde w�rmer, fast unertr�glich hei�. Mit geschlossenen Augen packte sie den Wannenrand und wartete, dass Ashe nach oben kommen und Atem holen w�rde, aber er blieb, wo er war, bis sie vor Lust aufschrie und unter seinen Liebkosungen hemmungslos erbebte.</p><p>Warme, friedvolle Empfindungen breiteten sich in ihrem K�rper aus, w�hrend sein Kopf auf ihrem Bauch ruhte und sie tr�ge die H�nde durch sein Haar gleiten lie�. Ihre Augen blieben geschlossen, als er sich langsam aufrichtete und sich wieder �ber sie beugte, aber sie sp�rte die W�rme seines L�chelns auch so.</p><p>Schlie�lich pressten sich seine Lippen in einem letzten liebevollen Kuss auf ihre, und sie �ffnete die Augen. Auf seinem Gesicht lag ein fragendes L�cheln; seine Augen mit den seltsamen vertikalen Schlitzen schimmerten auf eine Art, die sie immer mehr liebte. Sie erwiderte das L�cheln, w�hrend er ihr langsam �bers Haar strich, das kaum feucht geworden war. Dann glitt seine Hand auf ihren R�cken, zog sie an sich. Sie kuschelte sich an seine Brust und seufzte, wohlig und zufrieden.</p><p>�Na, hattest du eher etwas Derartiges im Sinn?�, fragte er.</p><p>Als Antwort zog Rhapsody ihn unversehens wieder auf sich, denn sie wusste, dass seine Bed�rfnisse noch nicht gestillt waren.</p><p>�Eigentlich nicht�, antwortete sie, mit vor Schalk blitzenden Augen. �Aber wenn du m�chtest, zeige ich dir gern, was ich gemeint habe.�</p><p>Damit spreizte sie die Beine, schlang sie um ihren Geliebten, und Ashe stie� ein tiefes, lustvolles St�hnen aus. Wie jedes Mal staunte er auch jetzt �ber das Verlangen, das sie in ihm hervorrief, und �ber die Sehnsucht, die er empfand, wenn sie ihn ber�hrte. Er schloss die Augen und begann erneut zu zittern, w�hrend sie ihn in sich aufnahm; als ihre W�rme ihn umschloss, klammerte er sich an sie und flehte sie leise an, ihn nicht zu schnell in die selige Vergessenheit st�rzen zu lassen, die ihn zu �berw�ltigen drohte. Ihre Antwort war z�rtlich und beschwichtigend, aber gleichzeitig trieb sie seine Erregung in ungeahnte H�hen, beteuerte ihm, wie sehr sie ihn liebte, und bewies es ihm mit ihrem K�rper. Ashe sp�rte, wie ihr Feuer ihn erf�llte, angefangen dort, wo sie k�rperlich vereint waren, bis hinein in die tiefsten Winkel seiner Seele.</p><p>F�r einen kurzen Moment verschwanden sie unter der Wasseroberfl�che, wo Ashe sich auf eine ihr unbegreifliche Art und Weise umdrehte, sodass sie, als sie wieder nach oben kamen, rittlings auf ihm kauerte. Das Band in ihrem Haar war l�ngst fort, und ihre Locken fl�ssen in einem goldenen Wasserfall um ihre Schultern. Ihr Anblick erinnerte ihn an die Legenden, die er vor langer Zeit geh�rt hatte, als er mit den Meeresmagiern zur See gefahren war, von Meerjungfrauen, von Nixen und Seenymphen, deren Lieder einem Mann f�r immer sein Herz rauben konnten. Einen Augenblick fragte er sich, ob sie nicht eine von ihnen war. Hingerissen betrachtete Ashe ihr Gesicht, auf dem sich ihre Empfindungen offen zeigten und sich ver�nderten wie ein Kaleidoskop, w�hrend ihr Genuss immer gr��er wurde und ihre Sch�nheit in etwas Unbeschreibliches verwandelte. Sie war v�llig versunken in die Freude dar�ber, dass ein Mann sie so liebte, und Ashe konnte deutlich und ohne jeden Zweifel erkennen, was ihr das bedeutete. Seine Dankbarkeit war grenzenlos. Mit jeder Liebkosung, jeder Bewegung, jeder Welle f�hlte Rhapsody, wie sie miteinander auf eine zweifache Ekstase zusteuerten, eine Ekstase, die ihre k�rperlichen Bed�rfnisse zutiefst befriedigen und auf noch grundlegendere Weise ihre verwundeten Seelen mit dem heilenden Balsam vertrauensvoller Liebe f�llen w�rde, an die keiner von ihnen mehr geglaubt hatte. Das Schwindel erregende, tollk�hne Gef�hl, das Rhapsody in den fr�hen, noch der gegenseitigen Erforschung gewidmeten Momenten ihrer Liebe versp�rt hatte, der st�ndige, qu�lende Gedanke daran, wie weit sie sich schon eingelassen hatte all das war unwichtig geworden. Nicht einmal das Bewusstsein, dass ihre Beziehung vielleicht nur kurzfristig war, nicht einmal die Gefahr dessen, was kommen mochte, oder die fehlenden Zukunftsaussichten d�mpften jetzt noch das Gl�ck, das sie gemeinsam entdeckten, St�ck um St�ck.</p><p>Und in diesem Augenblick, als er sie mit seinem K�rper, seiner Seele und seinen Worten liebte, hier im Wasser, verlor Rhapsody f�r immer ihre Furcht vor dem Teil seiner Natur, der ihr fremd war, dem sonderbaren Drachenerbe und der Macht, die es �ber die Elemente aus�bte. Es war nur ein weiterer Teil von ihm, der zusammen mit allem �brigen ihre Wertsch�tzung verdiente. Der Drache in ihm war nicht anders als die Musik in ihr; etwas Kraftvolles, das ihn aus der Menge hervorhob. Und w�hrend sie den Mann, den sie liebte, zu befriedigen suchte, wollte sie auch diesen Teil in ihm gl�cklich machen. Sie nahm seine H�nde und f�hrte sie durch ihr Haar, denn sie wusste, wie das den Drachen erregte, zog sie weiter �ber ihren K�rper, lie� sich von ihm umschlie�en und gab sich ganz seiner Umarmung hin. Ashe begann wieder heftig zu zittern; jetzt wusste sie, dass sie beide Teile seiner Natur erreichte, und dieses Wissen mischte sich mit der s��en Erregung, die er in ihr weckte, sodass sie gemeinsam auf einen H�hepunkt zutrieben, der sie beide zu verzehren drohte.</p><p>Wieder schloss Rhapsody die Augen; um sie herum brodelte das Wasser und massierte ihren R�cken. Sie sp�rte eine prickelnde W�rme, die in ihren Fingern und Zehen begann, um von dort nach innen zu ziehen und st�ndig zuzunehmen; wenn diese W�rme ihre Mitte erreichte, w�rde es eine Explosion geben. So klammerte sie sich an Ashe, der selbst darum k�mpfte, den Augenblick zu beherrschen ein Kampf, den er l�ngst verloren hatte. Sie schlug die Augen wieder auf und betrachtete sein Gesicht. Es war hingerissen, aber immer noch darauf bedacht, die Kontrolle zu wahren.</p><p>�Du nimmst dich zur�ck�, schalt sie ihn sanft zwischen zwei Atemz�gen. �Lass dich gehen.�</p><p>Seine Augen schl�ssen sich, und er sch�ttelte leicht den Kopf. Inzwischen war Rhapsody an der Grenze eines Reichs angekommen, das sie nicht allein betreten wollte. Sie verlangsamte die k�stlich erregenden Bewegungen ein wenig, und Ashes H�nde umfassten ihre Taille fester. �Bitte�, fl�sterte sie. �Ich m�chte nicht ohne dich kommen. Lass los.�</p><p>Er tat es. Die Wellen brodelten mit der Heftigkeit eines brausenden Flusses, Stromschnellen st�rzten �bereinander, w�hrend der Rhythmus ihrer Bewegungen sich immer mehr beschleunigte. Das Wasser sch�umte unter der Kraft ihrer Leidenschaft, schwappte �ber den Rand der Wanne und �berflutete den Boden. Die Str�mungen in der Wanne reagierten auf seine Verz�ckung, und das Wasser schlug �ber Rhapsody zusammen wie Wellen an einer Felsk�ste. Sogar die Luft in Elysian nahm ein elektrisches Summen an, und ganz von fern bemerkte Rhapsody, dass die Musik des Wasserfalls einem donnernden Rauschen gewichen war. Im Nebenzimmer loderte das Feuer im Kamin hoch auf.</p><p>Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie einander so genossen, aber es schien fast lange genug zu sein, um den Kummer eines ganzen Lebens auszul�schen. Endlich verschmolzen Feuer und Wasser in Ekstase, und sie schrien beide auf, als die Wellen �ber ihnen zusammenschlugen und sie sch�umend bedeckten.</p><p>Einen Moment sp�ter kam Rhapsody wieder an die Oberfl�che und legte den Kopf an Ashes Brust, die nun ebenfalls aus dem Wasser auftauchte. Sie rang nach Atem und streichelte seine Schultern, w�hrend er sie fest in den Armen hielt. Das noch immer warme, aber jetzt still gewordene Wasser hatte den ganzen Fu�boden �berschwemmt, und in ihrer gl�ckseligen Benommenheit war Rhapsody froh �ber die Marmorfliesen.</p><p>Lange lagen sie stumm in der Wanne, bis irgendwann das Wasser abk�hlte. Ashe k�sste Rhapsody auf die Stirn und blickte auf sie hinab, das Herz in seinen Augen.</p><p>�Ist alles in Ordnung? Du hast kein Wasser eingeatmet, oder?�</p><p>Mit einem langen Seufzer wandte sie sich ihm zu und sah ihn l�chelnd an. Wie auf dem Wasser schimmerndes Sternenlicht gl�nzten ihre Augen. Ashes Kehle war wie zugeschn�rt.</p><p>�Amariel�, sagte er leise zu ihr, in der Sprache ihrer Kindheit. �Merei Aria. Evet hira, Rhapsody.� <emphasis>Stern des Meeres; ich habe meinen Leitstern gefunden. Du bist es, Rhapsody</emphasis>. Ihre Augen blitzten, seine Wortwahl war makellos.</p><p>�Wie romantisch.�</p><p>Er l�chelte. �Ich denke, du hast mich so romantisch gemacht. Welch eine Heldentat.�</p><p>Jetzt lachte Rhapsody und richtete sich auf, um ihn zu k�ssen. �Ein romantischer Drache. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?�</p><p>�Doch.� Sein Gesicht begann zu strahlen. �Liebst du mich trotzdem?�</p><p>Sie sah ihn ernsthaft an und griff auf ihre F�higkeit als Benennerin zur�ck, um die reine Wahrheit auszusprechen. �Immer.�</p><p>Er zog sie an sich und k�sste sie auf den Kopf. �Aria�, fl�sterte er abermals. Und von diesem Augenblick an wurde Aria sein spezieller Name f�r sie, der Name, den er in ihren intimsten Augenblicken aussprach, als Ausdruck einer Liebe, die keine andere Sprache, kein anderes Symbol angemessen ausdr�cken konnte.</p><p>Ungeduldig wartete Grunthor in der Nachmittagssonne am Rand von Kraldurges W�chterfelsen und lauschte auf das Heulen des Windes in den spitzen Steinformationen. Er war gekommen, weil Rhapsody ihn gerufen hatte; jetzt wurde er jeden Moment hektischer und fragte sich, wo sie blieb. Die Nachricht, die sie ihm auf dem Wind hatte zukommen lassen, hatte keine Spur von Furcht oder Panik enthalten, es war nur eine schlichte Bitte, sich mit ihr auf der Wiese oberhalb von Elysian zu treffen.</p><p>Endlich sah er sie aus dem Schatten treten, trotz der br�tenden Sommerhitze in ihren �blichen Umhang geh�llt.</p><p>�Wurde auch langsam Zeit, Gr�fin�, brummte er, als sie n�her kam. �Noch ein Tag l�nger, und ich war mit meinem Eliteregiment anger�ckt.� Damit schloss er sie st�rmisch in die Arme und dr�ckte sie an sich, w�hrend Angst und �rger versickerten wie Wasser in Kies. �Geht�s dir gut?�</p><p>�O ja�, antwortete Rhapsody und lachte, als der Riese sie wieder absetzte. �Eigentlich geht�s mir sogar besser als gut.�</p><p>Argw�hnisch be�ugte Grunthor sie. �Und woher kommt das?�, wollte er wissen. Ihr strahlendes Gesicht und das gl�nzende Haar, das nicht l�nger von ihrem allgegenw�rtigen schwarzen Band zusammengehalten wurde, sprachen B�nde. Doch ehe sie antworten konnte, hielt er seine gro�en Pranken abwehrend in die H�he. �Ach, ist ja egal. Sag es mir lieber nicht, Gn�digste.�</p><p>Das Strahlen in ihrem Gesicht verblasste ein wenig. �Warum?�</p><p>�Tu�s einfach nicht, bitte�, erwiderte der Sergeant schlicht. Dann seufzte er tief. Ihre Antwort war ihm auch so klar genug. Was er am meisten gef�rchtet hatte, war eingetreten: Ein Drache hatte sie als seinen Schatz auserkoren, wenn auch nicht derjenige, von dem er es vermutete hatte.</p><p>Er dachte daran, wie Achmed reagieren w�rde, und erschauderte bei der Vorstellung. Schnell wandte er den Blick von ihrem Gesicht ab, das jetzt einen fragenden Ausdruck angenommen hatte, und sah hin�ber zu den sonnenbeschienenen Klippen der Zahnfelsen. �Du steckst also nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten und brauchst Hilfe, oder?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, antwortete Rhapsody leicht verunsichert. �W�re das der Fall gewesen, h�tte ich euch sofort gerufen.� Sie versuchte, den Klo� in ihrem Hals hinunterzuschlucken, der sich bei Grunthors abwehrender Begr��ung gebildet hatte, streckte die H�nde aus und drehte sein breites Gesicht sanft in ihre Richtung. Als die bernsteinfarbenen Augen den ihren begegneten, sah sie eine gro�e Traurigkeit in ihnen, ansonsten aber hatte sich Grunthor hinter seiner �blichen unbek�mmerten Maske versteckt.</p><p>�Ich dachte, du m�chtest, dass ich gl�cklich bin, Grunthor�, sagte sie leise.</p><p>Nachdenklich blickte Grunthor auf sie herab. �Tu ich auch, Fr�uleinchen. Mehr als alles andere.�</p><p>�Kannst du dich dann nicht einfach f�r mich freuen?�</p><p>Wieder wandte der Riese sich ab und starrte auf die Bergspitzen. Fr�her einmal hatten sie als un�berwindbar gegolten, doch jetzt bestiegen die Bolg regelm��ig die P�sse, hielten die alten Bel�ftungssysteme in Ordnung und bauten die cymrische Sternwarte wieder auf. Alles, was ihnen einst so weit entfernt vorgekommen war, befand sich jetzt in Reichweite. Die Ironie hinterlie� einen bitteren Geschmack in seinem Mund.</p><p>�Ich werd mein Bestes tun, Euer Liebden�, meinte er endlich. �Wenn das alles ist, dann muss ich mich jetzt wieder auf den Weg machen. Ich bin auf Erkundungsgang in die Reiche der Tiefe. Falls du mich brauchst in vierzehn Tagen oder so bin ich wieder da.�</p><p>�Warte�, sagte Rhapsody und holte ein zusammengefaltetes St�ck Pergament aus ihrem Umhang hervor und reichte es Grunthor. �Du k�nntest etwas f�r mich tun, wenn du dazu bereit w�rst. Das ist f�r Jo. Ich wollte ihr erkl�ren nun, ich wollte ihr sagen, was passiert ist und wie es dazu kam, damit sie Zeit hat, sich ein bisschen an die Situation zu gew�hnen.� Sie wischte sich einen Schwei�tropfen von der Stirn. �Jo hat Jo empfindet eine gewisse Zuneigung f�r Ashe, und ich m�chte sie nicht verletzen�, f�gte sie unbeholfen hinzu. �Kannst du bitte daf�r sorgen, dass sie den Brief bekommt, Grunthor? Bevor du aufbrichst? Ich m�chte ihr gern so viel Zeit wie m�glich lassen.� Der riesenhafte Sergeant nickte und stopfte den Brief in sein Wams. �Und k�nntest du auch Achmed Bescheid sagen?�</p><p>Grunthor nickte auch hierzu mit unbewegter Miene. An ihrem leichten Ton und daran, dass sie Achmed als Letzten erw�hnte, wurde deutlich, dass sie keine Ahnung hatte, wie schwer ihre Bitte zu erf�llen sein w�rde. Zum ersten Mal, seit Grunthor den Firbolg-K�nig kannte, w�rde er um Worte verlegen sein. �Wann kommst du denn mal wieder vorbei?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Ich dachte, ich warte noch ein wenig, damit Jo sich nicht �berrumpelt f�hlt�, meinte sie.</p><p>�Ich werde versuchen, meinen Besuch auf deine R�ckkehr abzustimmen. Dann m�chte ich mich mit dir und Achmed zusammensetzen und mit euch beratschlagen, wie wir Jagd auf den Rakshas machen.�</p><p>Grunthor fuhr mit dem Finger in seinen Kragen. �In Ordnung, Fr�uleinchen. Aber jetzt muss ich wirklich los.� Ungeschickt t�tschelte er ihren Kopf mit seiner Riesenpranke und zog sie dann noch einmal an sich.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir, Grunthor? Du siehst m�de und verh�rmt aus.�</p><p>�Ich schlafe nicht besonders gut�, antwortete der Riese. �Albtr�ume, irgendwas kommt aus der Dunkelheit. Aber ich kann noch kein Gesicht erkennen. Jetzt kapiere ich allm�hlich, was du die ganze Zeit durchgemacht hast, Gn�digste.� Er seufzte tief und dr�ckte sie noch einmal.</p><p>�Pass auf dich auf, ja? Und lass deinen nebligen Freund wissen: Wenn er sich nicht anst�ndig benimmt, kriegt er�s mit mir zu tun.�</p><p>Rhapsody l�chelte, an Grunthors R�stung gepresst. �Ich werde es ihm ausrichten�, versprach sie, machte sich dann los und k�sste den Riesen auf die Wange. �Sag auch den anderen liebe Gr��e, vor allem meinen Enkelkindern.�</p><p>Grunthor dr�ckte noch einmal ihre Schultern, dann wandte er sich um und verlie� die windige Wiese, die jetzt in den hellen Farben wilder Stiefm�tterchen leuchtete, die Rhapsody dort zum Ende des Winters gepflanzt hatte. Obgleich sie als Blumen des Mitleids galten, die oft Trauernden geschenkt oder auf Gr�bern und Schlachtfeldern gepflanzt wurden, konnten sie die Herzen der beiden, die eben noch inmitten ihrer bl�henden Pracht gestanden hatten, leider nur wenig erleichtern.</p><p>In der Mittsommernacht zeigte sich die Macht des Rings, den der Patriarch Rhapsody �berantwortet hatte. Sowohl in Rhapsodys als auch in Ashes Tradition war diese Nacht von gro�er Bedeutung, und deshalb freuten sie sich, sie gemeinsam zu begehen. Sie hatten auf der Heide ein Lager aufgeschlagen, wo Ashe darauf wartete, die Riten seiner v�terlichen Religion abzuhalten, w�hrend Rhapsody den Zeremonien huldigte, die den Lirin heilig waren. Danach lagen sie auf einem Fleckchen, das von Waldmeister �berwuchert war, und beobachteten den Nachthimmel, wortlos, ihr Kopf auf seiner Schulter.</p><p>Ein Sternschnuppenregen zog �ber sie hinweg, und einen Augenblick sp�ter sp�rte Rhapsody, wie die Muskeln von Ashes Brustkorb unter ihr erstarrten. Rasch setzte sie sich auf und sah ihn an.</p><p>�Was ist los?�</p><p>Er starrte auf seine Hand, einen sonderbaren Ausdruck im Gesicht. �Faszinierend�, murmelte er nur.</p><p>�Was?�</p><p>�Nun, ich habe gerade an einen Gwadd-Chemiker gedacht, einen Apotheker namens Quigley aus der Ersten Generation, der in dem Ruf stand, das Geheimnis jedes medizinischen Tonikums und Tranks zu kennen, die je gemischt wurden. Haupts�chlich war es wohl deshalb so, weil er die meisten von ihnen selbst erfunden hatte. Ich kenne seine Vergangenheit und auch die Geschichte seiner Reise mit der Ersten Flotte Gwadd sind im Allgemeinen keine Seeleute, und die Fahrt war schrecklich unangenehm f�r ihn. Trotzdem entwickelte er unterwegs aus getrocknetem Seetang eine Kr�utermedizin gegen Seekrankheit. Ich dachte, es w�re doch sicher faszinierend f�r dich, die Bekanntschaft dieses Mannes zu machen.�</p><p>Rhapsody nickte. �Dann ist mir eingefallen, dass ich keine Ahnung habe, woher ich das alles wei�.�</p><p>�Wie merkw�rdig.�</p><p>�Ja, aber nicht so merkw�rdig wie meine Gedanken �ber die Bergmesser. Sie sind eine Gruppe st�mmiger, kr�ftiger M�nner, Nain vermutlich, die mit ihren Messern so kunstfertig umgehen, dass sie ein ganzes Heer von Soldaten praktisch ausweiden k�nnen, ehe diese es richtig bemerken. Eine Legion ihrer Opfer ist noch eine Meile weitermarschiert, ehe sie buchst�blich auseinander fiel. Sie sind ein dickk�pfiges, fr�hliches Volk, und wenn sie einen Sieg errungen haben, dann feiern sie mit einem Kriegstanz und ohrenbet�ubendem Geschrei, selbst wenn die Gefahr noch lange nicht vor�ber ist. Sie stammen ebenfalls aus der Ersten Generation, und auch dies wusste ich bis eben noch nicht.�</p><p>�Und du glaubst, es hat etwas mit dem Ring zu tun?� Ihre Frage beantwortete sich einen Augenblick sp�ter von selbst, als der wei�e Stein in der Mitte des Rings zu gl�hen anfing. Ein L�cheln breitete sich auf Ashes Gesicht aus.</p><p>�Ich wei� es, Rhapsody, es ist wie ein Wunder. Pl�tzlich kenne ich alle, die aus der Ersten Generation noch leben, ihren Aufenthaltsort, ihren Charakter, sogar das Ma� an Loyalit�t, das sie der cymrischen Sache entgegenbringen. Ein paar wundervolle Menschen sind noch am Leben S�nger, Heiler, Adlige und Bauern, Priester und Piraten, und ich kenne sie alle. Ich frage mich, ob der Patriarch ebenfalls �ber dieses Wissen verf�gte.�</p><p>�Das bezweifle ich�, meinte Rhapsody. �Er sagte zu mir, es sei ein Ring der Weisheit und gebe ihm das Wissen, aufgrund dessen er auch die Pflichten seines Amtes aus�ben k�nne. Ich stelle mir vor, dass der Ring dir diese Dinge mitteilt, weil das Amt, das du innehaben wirst, das des cymrischen K�nigs sein wird, und nun liefert der Ring dir Informationen, die du in dieser Funktion brauchen wirst. Offensichtlich h�lt er dich f�r den besten Kandidaten.�</p><p>�Welch eine Entt�uschung.�</p><p>�H�r auf damit, du beleidigst meinen Lehnsherrn.� Sie beugte sich zu Ashe hinunter und k�sste ihn. Dann fiel ihr etwas ein. �Was ist mit der Regentschaft? Gibt dir der Ring irgendwelche Hinweise darauf, wer ein guter Berater ist oder wer einen guten Vizek�nig abgeben w�rde?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Es ist, als k�nnte ich mir allein schon auf dieser Grundlage in Urteil bilden �ber ihren Wert, nicht als Menschen, sondern als F�hrungspers�nlichkeiten.� Rhapsody zog die Knie an die Brust und wurde auf einmal ganz still. Ashe merkte es fragte: �Was hast du, Aria? Was ist los?�</p><p>�Nichts�, antwortete sie, den Blick zu Boden gesenkt. �Was ist mit den Kandidatinnen f�r das Amt der cymrischen K�nigin? Gibt es irgendeine Frau aus der Ersten Generation, die daf�r in Frage kommt?�</p><p>Ashe blickte sie ernst an. �Nun, es gibt sogar mehrere.�</p><p>Mit einem kleinen L�cheln blickte Rhapsody zu ihm auf. �Das ist gut. Dann hast du eine Auswahl und findest bestimmt eine, mit der du gl�cklich wirst.�</p><p>�Nein, eine Auswahl gibt es eigentlich nicht�, entgegnete Ashe. �Eigentlich kommt nur eine Einzige in Betracht, eine Frau von einem Adelsstand, der unter den Cymrern unanfechtbar ist. Sie verf�gt auch �ber Weisheit und hat Gro�es geleistet; sowohl die Cymrer als auch ich selbst w�ren gl�cklich, sie zur Herrscherin zu haben.�</p><p>�Nun, das klingt ja viel versprechend�, meinte Rhapsody, noch immer l�chelnd. �Ich freue mich, dass du mit der Wahl deiner Frau gl�cklich werden wirst.�</p><p>�Zuerst einmal muss die cymrische Herrscherin nicht unbedingt meine Frau sein. Und obgleich es bestimmt sinnvoll w�re, wenn ich ihr einen Antrag machte, bedeutet das noch lange nicht, dass sie mich haben will. Vielleicht z�gert sie genau genommen bin ich mir sogar sicher, dass sie z�gern wird. Wenn sie gewollt h�tte, h�tte sie den Titel l�ngst f�r sich allein beanspruchen k�nnen, denn sie verf�gt bereits seit einiger Zeit �ber die dazu notwendige Macht.�</p><p>Rhapsody k�sste ihn abermals. �Ich zweifle nicht daran, dass sie dich nehmen wird, Ashe. Du hast gesagt, sie ist weise. Eine Frau, die dich ablehnen w�rde, w�re t�richt.�</p><p>�Hoffentlich hast du Recht.� Er sp�rte, wie sie neben ihm k�hler wurde, als w�rde ihr inneres Feuer ein wenig herunterbrennen, und zog sie wieder in seine Arme. �Alles in Ordnung mit dir?�</p><p>�Mir geht es gut�, antwortete sie kurz angebunden. �Aber mir ist kalt, wer h�tte das gedacht, heute in der Mittsommernacht. Wollen wir vielleicht reingehen?�</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte Ashe, stand auf und streckte ihr seine Hand hin. �In Elysian erwartet uns eine Feuerstelle, die in meinem Herzen immer einen ganz besonderen Platz einnehmen wird. Da diese Nacht dem Nachdenken und der Erinnerung gewidmet ist, lass uns doch zur�ckgehen und die erste Erinnerung, die wir dort erschaffen haben, noch einmal neu durchleben.�</p><p>Sie nickte und nahm seine Hand. Gemeinsam kehrten sie durch die Dunkelheit zur�ck unter die Erde, nach Elysian.</p></section><section><title><p>41</p></title><p>In den Korridoren des Kessels war das Gestein so eisig, dass die Fackeln, die alle zehn Fu� in Wandhaltern brannten, die K�lte nicht vertreiben konnten. Es war eine eigent�mliche K�lte, die schon im Granit geherrscht hatte, bevor die Firbolg den Berg erobert hatten, eine K�lte, die zur Vergangenheit des Ortes passte. Ein negativer, trostloser Ort. Schritte hallten einen Sekundenbruchteil wider und wurden vom leblosen Stein verschluckt. Irgendwie war es, als wanderte man in einer Gruft umher.</p><p>Ashe konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal so schlecht gelaunt gewesen war. Ann�hernd drei Wochen lang hatte er nun in ungehinderter Gl�ckseligkeit gelebt, allein mit Rhapsody, ungest�rt in dem Paradies, das sie in Elysian allein dadurch erschaffen hatte, dass sie dort lebte. Solch einfache Freuden hatte er nie gekannt sie kochten phantasievolle Mahlzeiten, schwammen im gefilterten Mondlicht durch den kristallklaren See, er beobachtete sie im Feuerschein beim N�hen oder beim Reinigen der Waffen, half ihr beim W�scheaufh�ngen, sang mit ihr, b�rstete ihr die Haare, schlief mit ihr, schuf mit ihr gemeinsame Erinnerungen und er hasste es zutiefst, in die Realit�t zur�ckkehren zu m�ssen, in eine Realit�t, die ihm nicht mal einen Augenblick mit ihr allein gestattete. Dass er die langfristige Notwendigkeit des Besuchs einsah, linderte seinen �rger nicht im Geringsten. In stillschweigendem Einvernehmen hatten sie nicht �ber die Vergangenheit gesprochen sie wussten, dass es f�r sie beide ein schmerzliches Thema war, das wom�glich den Zauber ihres magischen Verstecks zerst�ren w�rde. Aus dem gleichen Grund hatten sie auch nicht �ber die Zukunft gesprochen. Aber sie waren �bereingekommen, dass dies der Tag war, an dem sie Achmed ihr Anliegen vortragen w�rden. Deshalb schritt Ashe jetzt mit h�llischen Kopfschmerzen, die dumpf hinter seinen Augen pochten, die staubigen Korridore des K�nigssitzes der Firbolg hinunter, zum Beratungssaal hinter der Gro�en Halle, wo Rhapsodys Kameraden sie erwarteten. Rhapsody, die neben ihm herging, sp�rte seinen Gem�tszustand und dr�ckte ermutigend seine Hand. Sie trug wieder ihre Reisekleidung das schlichte wei�e Leinenhemd, die weiche braune Hose, die in hohen, robusten, mit Wildlederstreifen geschn�rten Stiefeln steckte und nat�rlich ihren schrecklichen Umhang. Schon zweimal an diesem Morgen hatte Ashe gute Gr�nde daf�r gefunden, sie dazu zu bewegen, sich auszuziehen, aber trotzdem hatte das schwarze Band den Weg zur�ck in ihr Haar gefunden und den gl�nzenden Wasserfall zu einem sittsamen Zopf gefesselt. Die h�bschen, farbenfrohen Kleider waren wieder im Zedernholzschrank verschwunden, der Tarnung zuliebe, hinter der sie sich vor der Welt verbarg.</p><p>In diesen unscheinbaren Sachen hatte er sie zum ersten Mal gesehen und sein Herz an sie verloren. Aber nachdem er jetzt ihr wahres Selbst kennen gelernt hatte, konnte er es kaum ertragen, dass sie sich wieder verkroch. Wie zwanglos sie in Elysian herumlief, die Haare von Fesseln befreit, in Kleidern, die ihr selbst gefielen, erfreute sein Herz auf vielerlei Weise, und es tat ihm weh, sie dieser Freiheit wieder beraubt zu wissen.</p><p>Aber ihr schien es nichts auszumachen; sie l�chelte ihn an, dr�ckte seine Hand und trieb ihn an, um auch ja rechtzeitig zu dem Treffen mit jenen Kreaturen zu kommen, die er auf der ganzen Welt am allerwenigsten sehen wollte.</p><p>Im Beratungsraum hinter der Gro�en Halle stand ein gro�er, roh behauener Tisch, von jahrhundertelangem Gebrauch glatt geschmirgelt. An den W�nden hingen ein paar alte Wandteppiche, die nach Moder rochen und von Rauch und Alter bis zur Unkenntlichkeit geschw�rzt waren. Die gegen�berliegende Wand wurde fast g�nzlich von einer gro�en Feuerstelle eingenommen, in der ein absto�end riechendes H�llenfeuer brannte, welches das einzige Licht im Raum spendete; trotz des Lichtmangels w�rden die Laternen nicht vor Einbruch der Nacht angez�ndet werden. Als sie den Raum betraten, sprang Grunthor von seinem massiven Stuhl auf, knallte die Hacken zusammen und machte eine elegante Verbeugung in Rhapsodys Richtung. Rhapsody lief zu ihm und umarmte ihn, w�hrend Ashe dastand und staunte, dass ein so riesenhaftes Wesen sich so grazi�s bewegen konnte. Dann suchte er mit den Augen den Rest des Saales ab.</p><p>Achmed war sitzen geblieben; er las in einer gebundenen gelben Pergamenthandschrift und hatte einen Fu� auf den Tisch gelegt. Er blickte nicht einmal auf, als die G�ste hereinkamen. Rhapsody trat hinter den Firbolg-K�nig und k�sste ihn auf die Kapuze. Dann sah sie sich naser�mpfend im Raum um.</p><p>�Himmel, Achmed, was verbrennt ihr denn da? Na egal, ich will es gar nicht wissen.� Damit legte sie ihren Rucksack auf den Tisch und kramte darin herum, bis sie schlie�lich ein bernsteinfarbenes Glasfl�schchen ans Licht bef�rderte, das in Vanille-Anis-�l gekochten Kalmus enthielt, sowie einen Beutel aus Ziegenleder mit mehreren verschiedenen F�chern. Aus einer der mittleren Falten entnahm sie ein paar getrocknete, mit Zedernholzsp�nen vermischte Gew�rze, warf sie mit zusammengekniffenen Augen, um sich vor dem stinkenden Qualm zu sch�tzen ins Feuer und lie� gleich noch einen ordentlichen Spritzer aus dem Fl�schchen folgen. Sofort verschwand der eklige Geruch, und an seine Stelle trat ein frischer, s��er Duft, der die Luft einen Augenblick sp�ter neutralisiert hatte.</p><p>�Oh, wie nett�, meinte Grunthor anerkennend. �Jetzt riechen wir alle wie eine G�nsebl�mchenwiese. So was m�gen die Soldaten ganz besonders. Danke, mein Liebchen.�</p><p>Doch Rhapsodys Gesicht wurde nur noch bek�mmerter, w�hrend sie sich im Raum umschaute.</p><p>�Ihr habt hier �berhaupt nichts renoviert, oder? Was ist aus den seidenen Wandteppichen geworden, die ich euch aus Bethe Corbair geschickt habe?�</p><p>�Wir haben sie hergenommen, damit der Fu�boden im Stall nicht mehr so knarrt�, antwortete Achmed, immer noch ohne von seinem Buch aufzuschauen. �Die Pferde sind dir sehr dankbar.�</p><p>�Oh, und ich habe einen meiner Lieblingsleutnants darin begraben�, f�gte Grunthor bereitwillig hinzu. �Seine Witwe war ehrlich ger�hrt.�</p><p>Ashe musste ein Lachen unterdr�cken. Sicher, Rhapsodys Freunde waren ein Problem, aber man konnte nicht leugnen, dass die Beziehung zwischen den dreien f�r am�sante Unterhaltung sorgte. Trotzdem schmerzte sein Kopf, und er konnte es kaum abwarten, mit Rhapsody allein nach Elysian zur�ckzukehren. Er h�stelte h�flich.</p><p>�Oh, hallo, Ashe�, sagte Grunthor. �Du bist also auch da?�</p><p>�Anscheinend lie� es sich nicht vermeiden�, sagte Achmed zu Grunthor. �Wenn du krank bist, Ashe, kann ich f�r dich nach einem Arzt schicken lassen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig, danke�, sagte Ashe.</p><p>�Na, da kommt ja das kleine Fr�ulein�, meinte Grunthor, als Jo in den Beratungssaal trat.</p><p>�Gib uns ein K�sschen, mein Schatz.�</p><p>Jo tat es, dann eilten sie und Rhapsody aufeinander zu und umarmten sich herzlich.</p><p>�Was ist los?�, fragte Jo, w�hrend Rhapsody den Arm um ihre Taille legte und zum Tisch ging. �Wo warst du?�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Rhapsody verwundert. �Hast du meinen Brief nicht bekommen?�</p><p>�Welchen Brief?�</p><p>Zum ersten Mal hob Achmed den Blick und sah zu Grunthor hin�ber. �Uhhhhrrrumph.� Der Riese r�usperte sich verlegen, und seine Haut wurde dunkler.</p><p>Rhapsody wandte sich mit einem ungl�ubigen Blick an Grunthor. �Uhhhhrrrumph? Was meinst du mit uhhhhrrrumph? Hast du ihr meinen Brief nicht gegeben?�</p><p>�Sagen wir mal, ich hab ihn immer an meinem Herzen getragen�, erwiderte der riesige Firbolg verlegen und holte das zusammengefaltete Pergament aus seiner Brusttasche.</p><p>�Das tut mir sehr Leid, Jo�, sagte Rhapsody und starrte Grunthor finster an. �Kein Wunder, dass du verwirrt bist.�</p><p>Sie sah zu Ashe hin�ber, und ihr Blick sprach B�nde. Endlos hatten sie an diesem Brief gefeilt, hatten versucht, ihre neue Beziehung auf eine Art zu erkl�ren, die f�r Jo akzeptabel war, in einer Sprache, die einfach zu lesen war und ihre Gef�hle nicht verletzte. Die dazwischen liegenden Wochen waren sorgsam bedacht gewesen, um dem M�dchen Zeit zu geben, sich an die ver�nderte Situation zu gew�hnen. Nun waren offenbar all ihre guten Absichten umsonst gewesen.</p><p>Jo nahm den Brief und begann ihn zu lesen. Einen Moment sp�ter runzelte sie die Stirn, und Rhapsody hatte das Gef�hl, sich einmischen zu m�ssen.</p><p>�Komm, Jo, gib mir den Brief. Jetzt, da ich selbst hier bin, ist er ja unn�tig, wir k�nnen uns einfach unterhalten. Meine Herren, wir sind ...�</p><p>Doch Jo hielt abwehrend die Hand in die H�he, und Rhapsody schwieg. Jos sonst so bleiches Gesicht wurde rot, und sie blickte sich nerv�s im Zimmer um. F�r die Umstehenden waren die widerstreitenden Gef�hle nur allzu deutlich zu erkennen: Langsam verdaute sie den ersten Schlag, dann d�mmerte ihr die volle Bedeutung der Worte, und schlie�lich kam mit der Erkenntnis, dass ihre Freunde die ganze Zeit Bescheid gewusst und sich �ber ihre Reaktion Sorgen gemacht hatten, die zweite Dem�tigung, die schlimmer zu sein schien als die erste. Rhapsody sah, wie sehr ihre Schwester litt, und versuchte noch einmal, den Arm um sie zu legen, doch Jo stie� sie heftig zur�ck und rannte schluchzend aus dem Beratungszimmer. Die vier Zur�ckgebliebenen starrten einander in hilflosem Schweigen an. Dann sagte Rhapsody betroffen: �Ich muss nach ihr sehen.�</p><p>�Nein, lass mich das machen�, widersprach Ashe sanft. �Es ist meine Schuld, dass ich nicht fr�her mit ihr dar�ber gesprochen habe; au�erdem werdet ihr drei euer Treffen ohne mich wahrscheinlich sowieso mehr genie�en.�</p><p>�Du bist ein kluger Mann�, stellte Achmed fest.</p><p>Ashe k�sste Rhapsodys Hand, und sie ber�hrte kurz seine Schulter. �Aber bedr�ng sie nicht zu sehr�, meinte sie und blickte hinauf in seine Kapuze. �Vielleicht m�chte sie lieber allein sein. Und setze bitte nicht deine Drachensinne oder sonst etwas ein, das Achmed st�rt. Er reagiert sehr empfindlich auf derartige Dinge.�</p><p>�Wie du w�nschst�, antwortete er und verschwand.</p><p>Grunthor warf einen einzigen Blick auf Rhapsodys finsteres Gesicht, als sie sich von der T�r abwandte. �Es ist wahrscheinlich am besten, wenn du f�r uns beide sprichst, Herr�, meinte er nerv�s zu Achmed. �Ich bin so ungef�hr mit allem einverstanden, was sie m�chte, nur damit sie endlich ein anderes Gesicht aufsetzt.�</p></section><section><title><p>42</p></title><p>Gras und Heidekraut beugten sich unterw�rfig vor dem Wind, der �ber die Steppe fegte und in den Schluchten der Zahnfelsen �chzte. Er dr�ckte das Geb�sch zu Boden, das an der kargen Klippe wuchs und verzweifelt versuchte, das zerkl�ftete Land mit Leben zu erf�llen. Die Sonne des Sp�tnachmittags f�rbte die Felsspitzen von Ylorc blutrot und warf die Schatten der Berge �ber T�ler und Mor�nen.</p><p>Doch Jo hatte keine Augen f�r den ver�ngstigten Tanz der Natur, sie war immun gegen das R�tteln des Windes, w�hrend sie sich stolpernd und kriechend einen Weg zur Ebene auf der Spitze der Welt bahnte. Als sie den h�chsten Punkt der Klamm erreichte, hielt sie inne, um Luft zu holen, und lie� ihr schwei�nasses Gesicht einen Augenblick auf ihren abgesch�rften H�nden ruhen, mit denen sie sich an die rauen Felsen klammerte. Dann hievte sie sich �ber den Rand und stolperte vorw�rts, bis sie an die erste Stelle gelangte, an der sich der morastige Boden einigerma�en fest anf�hlte. Keuchend stemmte sie die H�nde in die H�ften und drehte sich im Kreis, schaute �ber das �de Land hinter ihr und den Rand des Moors, das ins tiefere, versteckte Reich der Firbolg f�hrte.</p><p>Allm�hlich wurde es dunkel; am �stlichen Horizont sah sie einen Stern aufgehen und hinter einem Wolkenschleier wieder verschwinden, den der Wind �ber den schw�rzer werdenden Himmel trieb. Mit der hereinbrechenden Nacht wurde der Wind eisig, seltsam f�r einen Sp�tsommertag, aber in den Zahnfelsen nicht ungew�hnlich. Die Berge ragten �ber und unter ihr auf und umschlossen ihre Welt mit einer trostlosen Umarmung. Jo wandte sich der untergehenden Sonne zu und w�nschte sich, sie w�rde sich beeilen. In der Dunkelheit w�rde nur der Himmel und das flache Land sichtbar sein;</p><p>Felsspitzen und Risse w�rden verschwinden wie ein vergessener Albtraum. Wenn sie hier lange genug verharrte, konnte sie vielleicht mit ihnen verschwinden. �Warum bist du denn hier drau�en?� Jo wirbelte herum und sah im Zwielicht eine verh�llte Gestalt auf sich zukommen. Der Wind spielte mit Mantel und Kapuze und gab f�r kurze Zeit den Blick auf das vertraute kupferrote Haar und die meerblauen Augen frei, in denen unverkennbar Mitleid und Sorge zu lesen waren.</p><p>Ein kehliger Laut entt�uschter Wut drang aus Jos Kehle. �Bei allen G�ttern, nicht ausgerechnet du! Verdammt! Verschwinde, Ashe! Lass mich in Ruhe!�</p><p>Er musste rennen, um sie einzuholen, aber er packte sie am Arm, als sie blindlings in Richtung Klippe fliehen wollte. �Warte! Bitte warte. Wenn ich dich durcheinander gebracht habe, tut mir das sehr Leid. Bitte lauf nicht weg. Sprich mit mir. Bitte.�</p><p>Jo riss sich los und starrte ihn w�tend an. �Kannst du mich denn nicht einfach in Ruhe lassen? Ich m�chte nicht mit dir sprechen. Geh weg!�</p><p>Selbst unter der Kapuze konnte sie den verletzten Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen. Er trat einen Schritt zur�ck und lie� die Arme sinken, eine Haltung, die sie unm�glich als Bedrohung auslegen konnte. �In Ordnung. Tut mir Leid. Ich gehe, wenn du es willst. Aber um Himmels willen, renn nicht wieder zum Abgrund. Ich wollte dir helfen und nicht auch noch daran schuld sein, dass du dich in den Tod st�rzt.�</p><p>In finsterem Schweigen wartete Jo, dass er endlich ging, aber er blieb stehen und beobachtete sie.</p><p>�Nun, was ist? Verzieh dich.�</p><p>Der Sturm heulte �ber die Heide. Jo musste sich anstrengen, um aufrecht stehen zu bleiben. Ashes Antwort ging fast im Wind unter.</p><p>�Es tut mir Leid. Ich kann dich nicht allein hier drau�en lassen. Das ist zu gef�hrlich.�</p><p>Wieder starrte sie ihn w�tend an. �Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann mich ganz gut um mich selbst k�mmern.�</p><p>�Das wei� ich. Aber du brauchst es nicht. Freunde passen aufeinander auf, oder nicht? Wir sind doch immer noch Freunde, oder nicht?�</p><p>Jo wandte sich wieder der untergehenden Sonne zu. Sie kletterte gerade �ber den �u�ersten Rand der Zahnfelsen und warf ihre letzten Strahlen mit einem kurzen Aufleuchten �ber das Land, ehe sie unterging. Jo kam es vor wie das Ende der Welt.</p><p>�Wenn du mein Freund w�rst, Ashe, dann w�rdest du mich jetzt in Ruhe lassen und nicht versuchen, mich an einen Ort zur�ckzuholen, an dem ich nicht sein will.�</p><p>Er ging um sie herum, bis er ihr direkt gegen�berstand. �Ich w�rde dich niemals zu etwas zwingen, und ich habe auch nicht gesagt, dass du irgendwo hingehen sollst.� Er sah, wie ihr �rger ein paar Grade abk�hlte, w�hrend sie ihn fragend anblickte. �Ich m�chte nur nicht, dass du allein bist. Ich bleibe hier bei dir. Solange du mich brauchst. Wenn n�tig, die ganze Nacht.�</p><p>Jo f�hlte ihren Zorn abflauen, und die alte Sehnsucht kehrte zur�ck. Sie bem�hte sich, sie zu verdr�ngen, aber sie konnte nicht verhindern, dass sich ihre Gef�hle auf ihrem Gesicht widerspiegelten. �Was ist mit Rhapsody?�</p><p>�Was soll mit ihr sein?�</p><p>�Nun, wird sie sich nicht wundern, wo du bleibst?�</p><p>�Warum sollte sie?�</p><p>�Oh, ich wei� nicht, das ist bei Liebespaaren doch sonst immer so. Sie wollen st�ndig zusammen sein.�</p><p>Unter der Kapuze konnte sie ihn l�cheln sehen. �Mach dir keine Sorgen wegen Rhapsody. Sie kommt schon zurecht. Au�erdem w�rde sie wollen, dass ich hier bei dir bin.�</p><p>Rhapsody ging zu dem gro�en Tisch zur�ck, an dem ihre Kameraden sa�en, und nahm sich einen Stuhl.</p><p>�Ich dachte, wir h�tten vereinbart, dass du deine Haustiere daheim l�sst, wenn du uns besuchst�, sagte Achmed, der noch immer nicht von seiner Lekt�re aufgeblickt hatte. Rhapsody ignorierte den Seitenhieb. �Wei�t du denn schon, warum ich hier bin? K�nnen wir die F�rmlichkeiten lassen und direkt zur Antwort �bergehen?�</p><p>Ein am�sierter Ausdruck zog �ber das Gesicht des Firbolg-K�nig s, und er starrte zur Decke hinauf. ��berlegen wir mal warum bist du hier? Wegen des hervorragenden Weins, der guten Bedienung, der Umgebung ...�</p><p>�In Ordnung�, unterbrach Rhapsody ihn seufzend. �Da du uns die Sache anscheinend schwer machen willst, fangen wir noch mal von vorn an. Wie du verdammt genau wei�t, bin ich gekommen, um euch zu helfen, den Rakshas zu t�ten.�</p><p>Jetzt legte Achmed das Pergament beiseite. �Wie du verdammt genau wei�t, k�nnte er soeben diesen Raum verlassen haben.�</p><p>�Nein�, antwortete Rhapsody. �Er ist ein eigenst�ndiges Wesen, er sieht nur aus wie Ashe. Bitte Achmed, qu�l mich nicht.�</p><p>Grunthors Gesicht hellte sich auf. �Da haben wir�s, ich wusste ja, dass sie mich am liebsten mag. Oh, darf ich es probieren, ja, Herr? Bitte! In einer Minute bin ich mit den Daumenschrauben wieder da.�</p><p>W�tend starrte Rhapsody ihn an. �Sei still, mit dir spreche ich noch nicht wieder.� Der scherzhafte Ausdruck auf dem Gesicht des Ungeheuers wandelte sich in Verlegenheit.</p><p>�Schon komisch�, meinte Achmed mit einem sarkastischen L�cheln. �Gerade darum geht es doch bei der Folter sie soll den Betreffenden zum Reden bringen. Wenn du nicht redest, dann muss ich daraus schlie�en, dass wir dich nicht wirklich qu�len.�</p><p>�0 nein, das macht ihr ganz hervorragend. Bitte, wollt ihr mir helfen? Ich m�chte nicht, dass Ashe den Rakshas jagt. Wenn der Rakshas ihn findet, wird der F�dor versuchen, ihm den Rest seiner Seele zu stehlen. Uns aber hat der D�mon nicht in der Hand; wir k�nnen den Rakshas wahrscheinlich ohne viel M�he t�ten, wenn wir zusammenarbeiten. Seit wir im Haus der Erinnerungen waren, steht das sowieso auf unserer Liste. Jetzt m�chte ich es nur zu einer Priorit�t machen. Bitte. Helft mir, den Rakshas zu t�ten.�</p><p>Achmed lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck und seufzte. �Na gut, verschaffen wir uns einen �berblick. Wei�t du mit Sicherheit, wo er ist, wer er ist und was er ist?�</p><p>�Wo er ist, nein. Aber ich habe getrocknetes Blut mitgebracht, von den Wunden, die er bei unserem Kampf erlitten hat. Der Rakshas ist aus dem Blut des F�dor geschaffen, und er stammt aus der alten Welt. Ich dachte, du k�nntest das Blut dazu nehmen, um ihm auf die Spur zu kommen.� Achmed antwortete nicht. �Wer er ist, das wisst ihr bereits. Was du wirklich meinst, ist, wer er nicht ist er ist nicht Ashe, da bin ich sicher.�</p><p>�Wie kannste dir da so sicher sein?�, fragte Grunthor.</p><p>�M�chtest du eine Liste von Gr�nden, oder reicht dir mein Wort?�</p><p>Achmed und Grunthor tauschten einen kurzen Blick. �Lieber die Liste.�</p><p>�Nun, dann sehen wir mal ... Ashe hat Drachenaugen. Sie sind ganz anders als die des Rakshas seine Pupillen sind vertikal geschlitzt, die des Rakshas rund, genau wie die unseren.�</p><p>�Warum sollte das so sein? Ich dachte, sie m�ssen identisch sein.�</p><p>Rhapsody bem�hte sich, trotz Achmeds sp�ttischem Ton die Ruhe zu bewahren. �Das St�ck von Ashes Seele wurde herausgerissen, als der Drache in seinem Blut noch schlief. Sobald der F�rst und die F�rstin Rowan den Sternensplitter in seine Brust legten, brachte diese reine, ungez�hmte Elementarkraft die Drachennatur ans Licht und machte sie dominanter. Ich vermute, dass Ashes Augen, bevor er verwundet wurde, normal waren, genau wie die von Llauron.�</p><p>�Hat er dir das erz�hlt?�</p><p>�Nein�, gab Rhapsody zu. �Wir sprechen nicht �ber die Vergangenheit.�</p><p>�Nein? Sprecht ihr dann �ber die Zukunft?� �Eigentlich auch nicht. Das ist ein schmerzhaftes Thema, denn wir haben keine gemeinsame Zukunft.� �Nun, das ist aber ausnahmsweise eine gute Nachricht.� �Find ich nich�, warf Grunthor fr�hlich ein. �Wenn sie nich viel miteinander reden, was meinste wohl, was sie dann so alles treiben?� Rhapsodys Gesicht wurde finster, und Grunthor beeilte sich, die bevorstehende Attacke abzuwehren. �Ist das schon die ganze Liste? Was unterscheidet die beiden denn sonst noch?�</p><p>�Nun, als ich mit dem Rakshas k�mpfte, habe ich ihm einen Daumen abgeschnitten. Ashe hat noch beide Daumen ...�</p><p>�Er hat sowieso zwei linke H�nde. Wahrscheinlich hatte er einen Daumen in Reserve. Das beweist gar nichts.�</p><p>Jetzt reichte es Rhapsody. �Seht mal, das ist wirklich dumm von euch. Wenn ihr mir nicht helfen wollt, dann tu ich es eben allein.� Damit schob sie den schweren Stuhl zur�ck und machte Anstalten aufzustehen.</p><p>�Da m�sste ich Einspruch einlegen, Hoheit�, sagte Grunthor sanft. �Bei allem Respekt, aber ich denke, wenn du allein bist, riskierst du deinen bezaubernden kleinen Arsch.�</p><p>�Das lass nur meine Sorge sein.� Sie ging um den Stuhl herum und schob ihn unter den Tisch.</p><p>�Zeig mir sein Blut.�</p><p>Einen Moment sah Rhapsody Achmed schweigend an und versuchte, seine Absicht zu erraten. Schlie�lich aber griff sie in ihren Tornister und zog die Kleider hervor, die sie in Sepulvarta getragen hatte, als sie in der Basilika vom Rakshas angegriffen worden war. Sie waren mit Blut getr�nkt, einige Stellen auch verbrannt.</p><p>Beeindruckt beugte Grunthor sich vor. �Ist das Blut alles von ihm?� Rhapsody nickte. �Na, dann muss ich wohl zugeben, dass ich mich geirrt habe. Anscheinend hast du bei den Schwert�bungen doch aufgepasst, Sch�tzchen.�</p><p>Achmed drehte die Kleidungsst�cke in den H�nden und konzentrierte sich auf die Flecken. Rhapsody f�hlte eine seltsame Schwingung von ihm ausgehen, eine, an die sie sich �berhaupt nicht erinnern konnte. Irgendwie kratzig, nicht un�hnlich dem Zirpen einer Grille in der Nacht. Schlie�lich blickte er wieder auf.</p><p>�Hast du auch etwas von Ashes Blut?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich k�nnt welches besorgen�, schlug Grunthor eifrig vor.</p><p><emphasis>�Nein</emphasis>. Das ist Nummer zwei, Grunthor. Noch einmal, und du wirst aus dem Testament gestrichen.�</p><p>Eine Weile blickte Achmed Rhapsody schweigend an. Schlie�lich sagte er: �Wenn ich dir helfe, den Rakshas zu t�ten, kann ich dann auf deine Hilfe f�r das z�hlen, was in der Kolonie in Angriff genommen werden muss?�</p><p>Sie betrachtete ihn ernst. �Davon kannst du auch ausgehen, wenn du mir nicht hilfst.�</p><p>�Wom�glich musst du k�mpfen.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Der Firbolg-K�nig nickte. �Dann machen wir Pl�ne f�r den ersten Tag des Winters.�</p><p>Ein Strahlen breitete sich �ber Rhapsodys Gesicht aus. �Dann tut ihr es? Ihr helft Ashe? Ihr helft mir, den Rakshas zu t�ten?�</p><p>�Ja. Nein. Und ja�, stellte Achmed trocken fest. �Ich habe dir schon gesagt, dass meine Hilfe allein dir gilt. Au�erdem bin ich dazu bereit, weil es getan werden muss. Jetzt hol die Karte.�</p><p>Lange Zeit war das einzige Ger�usch auf der Heide das erbarmungslose Heulen des Windes. Hartn�ckig schweigend sa� Jo da, warf gelegentlich einen Seitenblick auf ihren unwillkommenen Aufpasser, der sie geduldig aus h�flicher Distanz beobachtete. Unbeholfenheit und Verlegenheit untergruben allm�hlich ihre Wut, und schlie�lich nahm sie allen Mut zusammen und sprach ihn an.</p><p>�Schau mal�, sagte sie und versuchte, erwachsen zu klingen, �warum gehst du nicht zu eurem Treffen zur�ck? Ich verspreche dir, dass ich in ein paar Minuten nachkomme.�</p><p>Beinahe h�tte der Sturm seine Antwort �bert�nt. �Nein.�</p><p>Jo sprang auf. �Verdammt, Ashe, ich bin kein Kind mehr! Ich habe mein Leben lang allein f�r mich gesorgt; es ist wirklich nicht n�tig, dass du die arme, dumme Jo vor der Dunkelheit besch�tzt. Wom�glich kriegst du irgendwas Wichtiges von der Besprechung nicht mit. Hau einfach ab.�</p><p>Als sie sah, wie er aufstand und auf sie zukam, bekam sie weiche Knie. So sehr sie ihn hassen wollte, in diesem Augenblick sp�rte sie nur das wundervolle Ziehen im Bauch, das sie auch gesp�rt hatte, als sie ihm in Bethe Corbair das erste Mal begegnet war. Sie wollte weglaufen, konnte sich aber nicht vom Fleck r�hren. Er blieb vor ihr stehen. Seine Stimme war ganz sanft, als er die Hand ausstreckte und ihr die vom Wind zerzausten Haarstr�hnen aus der Stirn strich. �Was k�nnte wichtiger sein, als daf�r zu sorgen, dass dir nichts passiert?�</p><p>�Wie w�re es, wenn du Achmed �berzeugst, dass er Rhapsody helfen soll, den Rakshas zu t�ten?�</p><p>Jo konnte nicht sehen, wie er reagierte, aber seine Antwort klang ernst. �Achmed wird tun, was er f�r das Beste h�lt, ungeachtet dessen, was ich dazu sage. Au�erdem bedeutet es mir mehr, bei dir zu sein.�</p><p>Ehe sie die Frage zur�ckhalten konnte, war sie schon aus ihrem Mund. �Warum?�</p><p>Er kam noch ein wenig n�her, und seine Finger glitten von den Haarstr�hnen �ber ihre Wange. So standen sie voreinander und sahen sich an; Jo glaubte, die blauen Augen in der dunklen Kapuze funkeln zu sehen, wie die Sterne am inzwischen nachtschwarzen Himmel. In seiner Stimme lag eine W�rme, die ihre Haut zum Prickeln brachte.</p><p>�Musst du mich das wirklich fragen, Jo?�</p><p>Der wirbelnde Wind umkreiste sie, das Blut wich aus Jos Kopf, und ihr wurde schwindlig. Der Abscheu, den sie gegen das Verlangen in ihrem K�rper empfand, unterlag rasch dem Verlangen selbst, und sie senkte die Augen in der vergeblichen Hoffnung, ihre Gef�hle verbergen zu k�nnen. Ihr Blut pochte an Stellen, an denen sie im Augenblick lieber nichts f�hlen wollte.</p><p>�Dann lass uns eben zusammen zur�ckgehen�, sagte sie.</p><p>�Noch nicht, ich m�chte lieber noch einen Augenblick hier bleiben�, entgegnete er, und seine Hand glitt von ihrer Wange zu ihrem Kinn. Langsam hob er mit der einen Hand ihr Gesicht an und ergriff mit der anderen seine Kapuze.</p><p>�Aber ich m�chte reingehen�, wiederholte Jo, ihre Stimme nur noch ein panisches Fl�stern.</p><p>�Ich auch�, erwiderte er und zog sich die Kapuze vom Kopf. Selbst in der Dunkelheit �bten die Gesichtsz�ge, die ihr damals das Herz gestohlen hatten die wie Kupfer gl�nzenden Haare, die Augen so blau wie der Zenit immer noch die gleiche Wirkung auf sie aus. Und das Gesicht war noch viel sch�ner, als sie es sich in ihren hartn�ckig wiederkehrenden Tr�umen vorgestellt hatte. Jo f�hlte ihren Willen dahinschmelzen, und ihr Scho� begann in h�chst unwillkommenem Verlangen zu brennen. Halb benommen, halb entsetzt sah sie zu, wie er den �berwurf seines Umhangs ablegte und auf den Boden warf. Das Kleidungsst�ck war mit scheckigem Pelz gef�ttert, und er breitete es mit der Stiefelspitze �ber das Gras neben ihnen. Jo zitterte heftig. �Ashe, was tust du da?�</p><p>Nun gesellte sich seine zweite Hand zu der ersten, und er umfasste ihr Gesicht, w�hrend seine Augen, die in der Dunkelheit noch sch�ner waren, als sie sich erinnern konnte, �ber ihren K�rper glitten. �Nichts, was du nicht auch wollen w�rdest�, antwortete er und l�chelte auf sie herab, seine Stimme so warm wie ein knisterndes Feuer. �Ich habe dir doch gesagt, ich w�rde dich nie zu etwas zwingen, nicht wahr, Jo?�</p><p>�Ja�, fl�sterte sie schwach.</p><p>�Und das habe ich auch so gemeint. Ich w�rde dich niemals in irgendeiner Weise in Gefahr bringen.� Sanft glitten seine Lippen �ber ihren Mund, spielerisch liebkoste er ihn mit der Zunge. �Du glaubst mir doch, Jo, oder etwa nicht?�</p><p>Ihre Antwort war kaum h�rbar. �Doch.�</p><p>�Das dachte ich mir. Ich bin froh, dass du mir vertraust�, meinte er, und dann presste er die Lippen fest auf ihre, leidenschaftlich beinahe grob.</p><p>Die Hitze seines Kusses lie� Jo erzittern. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg eine flammende Hitze empor; all die Wunden, die ihr in ihrem fr�heren Leben zugef�gt worden waren, all die schmerzhaften, verk�mmerten Stellen schrieen pl�tzlich geradezu danach, getr�stet und angenommen zu werden. Im bei�enden Wind fr�stelte ihr K�rper, und sie schlang die Arme um Ashes Hals, erwiderte seinen Kuss und dr�ckte sich dabei W�rme suchend an ihn. Er zog sie enger an sich, und da bemerkte Jo, wie gro� seine Erregung war und wie ungleich die Kr�fte zwischen ihnen verteilt waren.</p><p>Auf einmal bekam sie Angst. Aber noch ern�chternder war der Gedanke an Rhapsody. Mit einem Ruck wurde ihr die ekelhafte Wirklichkeit klar. Sie entzog sich ihm und befreite sich aus seiner Umarmung.</p><p>�Himmel, was tun wir denn da?�, st�hnte sie. �Ashe, bitte lass uns zur�ckgehen.� Schnell drehte sie sich um und wollte sich auf den Weg machen.</p><p>Doch er legte von hinten die H�nde auf ihre Schultern, sanft, aber entschlossen, und hielt sie fest, w�hrend seine Lippen ihr Ohr und ihre Wange streiften. Im heulenden Wind war seine Stimme warm und fast tonlos.</p><p>�Es tut mir Leid, dass ich dein Missfallen erregt habe, Jo�, murmelte er, w�hrend er sanft ihren Hals unter den strohblonden Haarstr�hnen liebkoste. �Das wollte ich wahrhaftig nicht.�</p><p>Behutsam drehte er sie um und blickte wieder auf sie herab.</p><p>In seinen Augen stand Mitgef�hl <emphasis>vielleicht wirken sie deshalb auf einmal so viel menschlicher,</emphasis> dachte sie. Sein strahlendes L�cheln brachte ihr Herz wieder zum Beben, und erneut k�mpfte ihr Gewissen mit dem Verlangen tief in ihr.</p><p>�Das hast du auch nicht�, erwiderte sie stockend. �Ich m�chte nur Rhapsody nicht wehtun.�</p><p>�Ach, ja, Rhapsody�, sagte er. �Sie hat Gl�ck, dich zur Freundin zu haben, wo du dir solche Sorgen um ihre Gef�hle machst. Aber wer sch�tzt denn deine Gef�hle, Jo? Wer wei� denn all die Dinge zu sch�tzen, die dich zu etwas Besonderem machen?�</p><p>Jo lie� den Kopf h�ngen. �Mach dich nicht �ber mich lustig, Ashe.�</p><p>Jetzt kniete er sich vor ihr nieder und blickte zu ihr auf. �Ich mache mich nicht �ber dich lustig das schw�re ich dir. Warum denkst du das?�</p><p>�Weil du genauso gut wie ich wei�t, dass es an mir nichts Besonderes gibt�, antwortete sie heftig und k�mpfte gegen die Tr�nen an.</p><p>�Das ist nicht wahr.�</p><p>�Wirklich? Woher willst du das �berhaupt wissen? Ich sage es dir ja ungern, aber manche Leute k�nnen nicht mit Macht und Einfluss um sich werfen, als w�ren es Brotkrumen, manche haben kein Schwert aus Feuer oder Sternenlicht geerbt, und wenn wir l�cheln, breitet sich auch kein Blumenteppich vor unseren F��en aus. Manche Leute werden in einem Hinterhof geboren und sterben irgendwo auf einem M�llhaufen, und keiner merkt etwas davon.�</p><p>Jetzt fl�ssen die Tr�nen in Str�men �ber ihr Gesicht. Behutsam nahm er ihre Hand und k�sste sie. Der n�chste Windsto� peitschte �ber ihr tr�nennasses Gesicht, und er zog sie zu sich auf die Erde und dr�ckte ihr Gesicht an seine Brust.</p><p>�Jo, Jo, was ist nur los mit dir? Du bist so voller versteckter Sch�tze du musst nur bereit sein, jemanden sie bergen zu lassen.� Jo hob den Kopf, und er k�sste sie abermals. Ihr Verlangen gewann die Oberhand, und sie schob das schlechte Gewissen zur Seite, w�hrend sie mit all dem Begehren, dem Schmerz und der Bed�rftigkeit auf ihn reagierte, die ihre Seele �berflutet hatten.</p><p>In der Ferne heulte ein Wolf, ein lang gezogenes, hohes Jaulen, das sich disharmonisch in das St�hnen des Windes mischte. Ein bleicher Mond ging auf und warf gespenstische wei�e Schatten auf die sturmgepeitschte Landschaft. Jo hatte das Gef�hl zu fallen, als er sie auf seinen mit Pelz gef�tterten Umhang legte. Sie �ffnete die Augen und sah das schimmernde blaue Licht auf sie zur�ckstrahlen, sah eine Gier in diesen Augen, die ihr die letzte Kraft raubte. Aber sie war bereits zu weit gegangen.</p><p>Schon rissen seine H�nde an ihrem Wams, zerrten grob ihr Hemd auseinander. Sie h�rte ein heftiges Einatmen und ein anerkennendes Ausatmen.</p><p>�Siehst du, Jo versteckte Sch�tze. Die nur darauf warten, geborgen zu werden.� Sie rang nach Luft, als sein Mund sich auf ihre Br�ste legte; feuchte W�rme umschloss ihre Brustwarzen, bis sie hart wurden und schmerzten, w�hrend seine H�nde sich an den B�ndern ihrer Hose zu schaffen machten. Er riss so heftig daran, dass Jo pl�tzlich den eisigen Wind auf ihrer entbl��ten Haut sp�rte; sie klammerte sich an seinen Hals und hie� fr�stelnd seine hei�en Finger zwischen ihren Beinen willkommen.</p><p>Seine grobe Erkundung lie� sie pulsierend von unerf�lltem Verlangen zur�ck, w�hrend er sich seiner eigenen Hose widmete. Ihr lauter frustrierter Seufzer �berraschte sie beide, und er lachte, bellend und unangenehm. Dann bewegte sich sein Mund �ber ihren Bauch und immer weiter nach unten, hin zu der Stelle, wo zuvor seine Finger gewesen waren. Beinahe brutal befriedigte er sie und schob dann die Kleider fort, die ihm noch im Weg waren; sein Mund glitt wieder nach oben, w�hrend er sich auf sie legte. Als Jo seinen Kopf �ber ihrem sp�rte, blickte sie in sein Gesicht; die Erregung, die sie darin sah, war von einer Grausamkeit, die ihr Angst einjagte.</p><p>Panik ergriff sie, w�hrend der Wind �ber ihre beiden K�rper peitschte, und sie sp�rte eisige Regentropfen auf der Haut. Zitternd, teils vor Verlangen, aber mehr noch aus Angst, flehte sie ihn an, er m�ge von ihr ablassen. Doch als Antwort bewegten sich seine Lippen von ihrer Brust auf ihren Mund, seine Zunge glitt hitzig hinein und erstickte ihre Bitte. Dann sp�rte sie eine noch heftigere Hitze und einen Schmerz, als ihre Jungfr�ulichkeit hinweggerafft wurde und er sich in einer hastigen Bewegung mit ihr vereinte. Sie krallte sich in seinen R�cken, dass das Blut aus ihren Fingern wich, und gab sich den rasenden Wogen der Lust hin, in die sich ein qu�lender Schmerz mischte, w�hrend er immer weiter in sie eindrang. Seine Lippen l�sten sich von ihren, und er begann zu �chzen, ein harter, tierischer Laut im Rhythmus seiner Bewegungen, die sie auf den Boden dr�ckten und wieder und wieder gegen den felsigen Untergrund schlugen. Jo schrie auf, rief immer wieder seinen Namen, betete, dass es bald zu Ende sein m�ge, und f�rchtete doch eben jenen Moment. Die ganze Zeit �ber brauste der Wind �ber sie hinweg und um sie her, d�mpfte ihre Schreie und trug sie mit sich fort, wie die Stimmen der M�wen, hinab ins Tal. Und die Firbolg, welche sie h�rten, suchten Schutz, so schnell sie konnten, denn sie f�rchteten das Kommen der D�monen.</p><p>Und dann, als Jo schon fast um den Tod betete, war es vor�ber. Keuchend lag er auf ihr, und sie hielt sich an ihm fest. Als sie so dalag, sp�rte sie, ausgehend von der Stelle ihrer k�rperlichen Vereinigung, eine schleichende Empfindung, die sich durch ihren K�rper und ihre Seele wand, sich um ihr Innerstes schlang wie eine Ranke, die ihr R�ckgrat emporwucherte und �berallhin ihre Triebe aussandte. Das Gef�hl stieg hinauf bis in ihren Sch�del und wuchs daraus hervor wie ein Haarschaft, um sich schlie�lich aufzul�sen. Sie begann zu fr�steln. Inzwischen war der Wind zu einer kaum sp�rbaren Brise abgeflaut; der Mann neben ihr hob den Kopf und sah sie an. Die ganze H�sslichkeit, deren Zeuge sie in der Leidenschaft gewesen war, war verschwunden. Jetzt l�chelte er wieder und k�sste sie sanft.</p><p>�Alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Sie nickte, unf�hig zu sprechen.</p><p>�Gut.� Er machte sich los, erhob sich langsam und band seine Hose zu. �Siehst du, Jo, du bist mehr als etwas Besonderes, du bist einzigartig auf der weiten Welt. Jetzt zieh dich wieder an.�</p><p>Wie im Traum knotete Jo ihr zerfetztes Hemd zusammen und band ihre zerrissene Hose zu, so gut es eben ging. Mit zitternden H�nden zog sie ihr Wams �ber und beobachtete, wie er den Schmutz von seinem Umhang sch�ttelte und ihn �berzog. Dann dr�ckte er sie noch ein letztes Mal an sich und strich ihr dabei behutsam �ber die langen Haare. Zusammen gingen sie zum Rand des Kessels, wo er ihr einen raschen Kuss auf den Kopf dr�ckte und davonschlenderte, in die Schatten der Zahnfelsen hinein. Im Handumdrehen hatte die Dunkelheit ihn verschluckt.</p><p>Erst als sie allein war, als sie mit schmerzendem K�rper und schmerzender Seele in ihren Gem�chern in Ylorc lag, wurde Jo klar, dass sie keine Ahnung hatte, was seine letzten Worte zu bedeuten hatten.</p><p>Fr�hliches Lachen drang aus dem Beratungszimmer hinter der Gro�en Halle, als Ashe in den Kessel zur�ckkehrte; der Duft von gebratenem Wildschwein und gew�rzten �pfeln hing in der Luft. Die Lampen waren angez�ndet worden; zu den Essensger�chen und dem s��en Holzrauch gesellte sich der bei�ende Gestank von brennendem Fett. Im Laternenlicht wirkte der Raum wie ein Leuchtfeuer in den finsteren G�ngen des Kessels. Als er eintrat, sprang Rhapsody von ihrem Platz auf und rannte zu ihm, um ihn zu begr��en. Sie hatte ihre Reisekleidung gegen ein langes, tailliertes Kleid aus blassgr�ner Seide eingetauscht; daher wusste er, dass sie gefeiert hatten. Als er sich zu ihr beugte, um sie zu k�ssen, bemerkte er Achmeds Blick; in seinen m�rrischen Augen lag demonstrative Belustigung. Ashe legte einen Arm um Rhapsodys Mitte und nahm mit der freien Hand den Krug entgegen, den Grunthor ihm hinhielt.</p><p>�Also gibt es gute Neuigkeiten?�</p><p>Achmed sagte nichts.</p><p>�Kommt ganz drauf an, wie man es sieht�, meinte Grunthor.</p><p>�Wo ist Jo?�, fragte Rhapsody.</p><p>Ashe lie� den Blick �ber das ungew�hnliche Trio schweifen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder Rhapsody zuwandte. �Ich habe sie nicht gefunden�, antwortete er. Er sah, wie sich das sch�ne Gesicht vor Entt�uschung verzog und besorgt wirkte. �Vielleicht sollte ich sie suchen�, sagte sie, an Achmed gewandt.</p><p>�Lass sie in Ruhe, Hoheit�, widersprach Grunthor und f�llte sein Glas wieder auf. �Wenn sie gefunden werden wollte, dann h�tte er sie auch gefunden. Vielleicht braucht sie blo� ein bisschen Zeit, um sich daran zu gew�hnen ... na, ihr wisst schon, woran.�</p><p>�Das m�ssen wir doch alle�, meinte Achmed. Doch Rhapsody starrte nachdenklich in ihr Glas. Ashe strich ihr z�rtlich �ber das Haar, und sie blickte zu ihm auf und l�chelte.</p><p>�Wahrscheinlich habt ihr Recht�, sagte sie endlich, nahm Ashes Hand und f�hrte ihn an seinen Platz.</p><p>Dort schob sie Geschirr und Besteck beiseite und zeigte ihm die gro�e Landkarte, an der sie in seiner Abwesenheit gearbeitet hatten. �Achmed und Grunthor haben sich bereit erkl�rt, uns zu helfen�, sagte sie und l�chelte die beiden Firbolg strahlend an. �Wir wollen am ersten Tag des Winters aufbrechen.�</p><p>�Das ist wunderbar. Danke. Danke euch beiden.� �Bitte sehr�, antwortete Grunthor. �Keine Ursache.� �Bitte�, f�gte Achmed hinzu, �erinnere mich nicht daran.� Bis sp�t in die Nacht schmiedeten sie Pl�ne, tranken, a�en und scherzten. Drau�en um den Berg heulte und w�tete der Wind, und der dunkle Himmel weinte eisige Tr�nen, ohne zu wissen, um wen.</p></section><section><title><p>43</p></title><p>�Rhapsody, durch das Wasser scheint immer Sternenlicht. Kein Grund zur Sorge.�</p><p>Zweifelnd blickte Rhapsody ihn an. Sie hielt das Schwert �ber den See von Elysian und sah zu, wie das flackernde Licht auf der Wasseroberfl�che glitzerte und helle Schatten auf den Grund warf.</p><p>�Was ist, wenn ich es ausl�sche? Oelendra wird mich pers�nlich daf�r umbringen.�</p><p>Ashe lachte und k�sste sie auf den Kopf. �Na gut, wenn du dir so viel Gedanken machst, dann ist es vielleicht besser, wir tun es nicht.�</p><p>Rhapsody sp�hte ins Wasser. Nicht weit vom Ufer konnte sie unter der Oberfl�che die schimmernden Stalagmiten erkennen, die vom Grund des Sees emporwuchsen und funkelten, wenn das Feuer der Tagessternfanfare sie ber�hrte. Sie glitzerten in sanften Gr�n und Blauschattierungen; wahrscheinlich stammten sie aus der Zeit, bevor die H�hle sich mit Wasser gef�llt hatte. Das Bild eines ganzen Feldes voller spitzer Gebilde hatte ihre Tr�ume in der Nacht heimgesucht; daher war sie schon den ganzen Morgen am Seeufer entlanggewandert und hatte versucht, die Tiefen in der Dunkelheit der unterirdischen Grotte zu erforschen.</p><p>Es war Ashes Vorschlag gewesen, das Schwert mit ins Wasser zu nehmen. �ber ihre entsetzte Reaktion war er in lautes Gel�chter ausgebrochen, doch sie wurde von der entsetzlichen Vorstellung geplagt, das Feuer des Schwerts w�rde wom�glich f�r immer ausgel�scht, wenn es mit dem Wasser in Ber�hrung k�me. Er hatte ihr die H�rtungsprozesse der Waffen zu erkl�ren versucht, das unausl�schliche Licht, das in die Waffe eingearbeitet worden war, aber er merkte, dass sie trotzdem noch unsicher war, und zog sie in seine Arme.</p><p>�Aria, du wirst das Schwert nicht zerst�ren, das verspreche ich dir. Aber wenn du dir immer noch Sorgen machst, dann versuchen wir etwas anderes. Es gibt noch eine ganze Reihe von interessanten Stellen hier unten, die wir erforschen k�nnen.�</p><p>Jetzt l�chelte Rhapsody. Sie liebte es, mit ihm die verborgenen Sch�tze von Elysian zu erkunden. Sie waren durch H�hlen voller purpurroter Kristallformationen gekrochen, deren W�nde durch das Licht der Tagesternfanfare in fiebrigem Glanz erstrahlten, sodass es aussah, als w�re man in einem facettenreichen Edelstein gefangen.</p><p>Gemeinsam hatten sie die versteckte Quelle des Bachs gesucht, der den Wasserfall bildete, und waren ihm gefolgt, wie er durchs Felsgestein sprudelte. Sie waren in den Bach gestiegen und in ihm geschwommen, bis sie �ber den Rand in den See hinuntergeplumpst waren. Und sie hatten eine kleine unterirdische Wiese gefunden, umgeben von Felsmauern, die um die tausend Fu� hoch in den offenen Himmel aufragten, wie eine unterirdische Version der W�chterfelsen von Kraldurge. Ein wunderbarer Ort f�r ein Picknick im Sonnenschein oder bei Nacht, um die Sterne zu beobachten. Und um sich zu lieben.</p><p>�Nein�, sagte sie entschlossen. �Ich m�chte diese Stelle sehen, und wenn du sicher bist, dass es dem Schwert nicht schadet, dann vertraue ich dir.� Vorsichtig ber�hrte sie das Wasser mit der Schwertspitze. Unter der Wasseroberfl�che ver�nderte sich das Licht; statt der flackernden Flammen, die gew�hnlich an der Klinge emporz�ngelten, ging ein strahlendes Gl�hen von der Tagessternfanfare aus. Aber Ashe behielt Recht: Das Feuer machte keinerlei Anstalten zu verl�schen.</p><p>Vor Aufregung gl�hte Rhapsody schon selbst. �Komm�, dr�ngte sie, �zieh dich aus.�</p><p>Sie legten ihre Oberbekleidung ab und stiegen ins Wasser, das sehr kalt war, bis Rhapsody ihr Feuerwissen einsetzte. Sofort stieg die Temperatur an, und der See heizte sich auf wie unter der Sommersonne, h�tte diese ihn direkt erreichen k�nnen.</p><p>�Hier�, meinte Ashe, �lass uns die Schwerter tauschen. Mit Kirsdarke kannst du unter Wasser Luft holen, denn es ist ein Wasserschwert. Ich kann auch ohne seine Hilfe atmen. Nat�rlich nur, wenn du m�chtest.� Er kannte ihr nat�rliches Widerstreben, ihr Schwert aus der Hand zu geben, hatte aber in diesem Augenblick nicht daran gedacht.</p><p>Offensichtlich hatte Rhapsody ihm gegen�ber jedoch keine Schwierigkeiten mehr damit, denn sie reichte ihm fr�hlich die Tagessternfanfare und nahm daf�r das mit blauen Schn�rkeln verzierte Kirsdarke, das er ihr hinhielt. Sobald sie die Waffe anfasste, ver�nderte sie sich; die schimmernden Wellen, die sonst �ber seine Oberfl�che spielten, liefen rasch vom Heft die Klinge hinunter und verschwanden, als w�ren sie aus dem Schwert getropft. Das blasse Licht, das aus den Verzierungen drang, erlosch ebenfalls, und auf einmal wurde das gesamte Schwert massiver. Die Waffe, die sie nun in der Hand hielt, war wundersch�n, die silberne Klinge mit komplizierten t�rkisfarbenen Mustern geschm�ckt, aber sie sah nicht mehr aus wie in Ashes Hand, wo sie aus in der Luft h�ngendem Wasser gemacht zu sein schien.</p><p>�Ich habe es zerst�rt!�, fl�sterte sie nerv�s.</p><p>�0 nein!� Ashe schnappte in gespieltem Schrecken nach Luft, lachte dann aber herzlich �ber ihre �ngstlich aufgerissenen Augen. �Ich nehme dich doch nur auf den Arm, Aria es ist alles in Ordnung. So sieht das Schwert aus, wenn es in anderen H�nden als denen des Kirsdarkenvar ruht.�</p><p>Rhapsody fuhr mit den Fingern vorsichtig �ber die jetzt feste Klinge. �Bist du sicher, dass ich es nicht besch�digt habe?�</p><p>�Ja, ich bin sicher. Es ist vollkommen intakt. Siehst du, dein Schwert reagiert auf mich auch nicht so wie auf dich.�</p><p>Er hatte Recht. Auch die Tagesternfanfare �hnelte jetzt einem ganz gew�hnlichen Schwert, zwar gl�nzend vom Sternenlicht, mit dem es getr�nkt worden war, aber an der Klinge waren keine Flammen mehr zu sehen. Rhapsody runzelte die Stirn.</p><p>�Wie seltsam�, murmelte sie. �Sowohl Achmed als auch Grunthor haben es gehalten, aber das Feuer ist nicht erloschen wie bei dir.�</p><p>Ashes Augen blickten traurig, als er antwortete: �Das St�ck meiner Seele, das der F�dor mir ausgerissen hat, war mit dem Feuer verbunden, Rhapsody. Deshalb verf�gte meine Seele nicht mehr �ber dieses Element, bis du in mein Leben tratest.� L�chelnd legte er den Arm um sie und zog sie an sich. �Das Schwert sp�rt das und reagiert deshalb nicht auf mich. Das einzige Feuer in meinem Herzen ist das, welches ich in den Armen halte.�</p><p>Rhapsody k�sste ihn. �Aber nicht f�r lange.�</p><p>Unwillk�rlich zuckte Ashe zusammen. Wenn Rhapsody auf ihren Plan anspielte, den Rakshas zu finden und zu zerst�ren und dabei das verlorene St�ck seiner Seele zur�ckzuerobern, wurde ihm jedes Mal flau im Magen. Deshalb verdr�ngte er den Gedanken und konzentrierte sich lieber ganz auf seine goldhaarige Geliebte und die Welt, die sie miteinander erforschen wollten.</p><p>�Wenn du fertig bist, k�nnen wir loslegen. Aber denk immer daran: Was du auch tust, schwimm nicht zu schnell zur Oberfl�che hinauf, sonst kannst du dich ernsthaft verletzen.�</p><p>�Verstanden.� Wieder k�sste sie ihn und senkte Kirsdarke dann behutsam ins Wasser. Unter der Oberfl�che verschwand die Wasserklinge, sodass nichts von ihr sichtbar blieb bis auf das Heft in Rhapsodys Hand. Mit einem zufriedenen L�cheln dachte Ashe daran, wie gro� das Vertrauen zwischen ihnen geworden war, denn sonst h�tte sie ihr Schwert nicht so ohne weiteres mit ihm getauscht. Langsam glitt er ins Wasser. Rhapsody sah das Licht der Tagessternfanfare in seiner Hand unter Wasser leuchten.</p><p>Sie holte tief Atem und sammelte sich, ehe sie ihm folgte. Sobald sie unter die Oberfl�che getaucht war, erkannte sie das Paradox in der unendlichen Stille herrschte ein fast ohrenbet�ubender L�rm. Das Wasser war erf�llt von subtilen Lauten, doch ein Rauschen, das einem starken Wind �hnelte, �bert�nte fast alles andere. F�r ihre Ohren waren es fremde Kl�nge, aber sie waren dennoch sehr sch�n. Einen Moment schloss sie die Augen und versuchte, den Ursprung des Rauschens auszumachen: Es kam von dem gro�en Wasserfall, der von den Felsen in den See st�rzte.</p><p>Eine Weile trieb Rhapsody im Wasser, die Augen noch immer geschlossen, und nahm die Ger�usche der Unterwasserwelt in sich auf. Doch pl�tzlich h�rte sie einen sonderbaren, ged�mpften Ton, wie von einer Glocke. Sie �ffnete die Augen und sah vor sich eine in sonderbares Licht und unglaubliche Sch�nheit getauchte Welt, in der bestimmte Farben zu fehlen schienen.</p><p>Das Ger�usch, das sie geh�rt hatte, war Ashes Lachen, und als sie sich zu ihm umwandte, staunte sie. Er schwamm frei im Wasser, hoch �ber ihr, im Kristalllicht der Tagessternfanfare. Sein rotgoldenes Haar wallte um seinen Kopf, langsam und metallisch, das Strahlen des Schwerts reflektierend. Seine Haut war ebenso blass wie die ihre, und sein L�cheln lie� seine Z�hne schimmern wie Perlen. Doch am sonderbarsten waren seine Augen, denn hier in seinem Element leuchteten sie wie Saphire, ganz seiner nat�rlichen Umgebung angepasst. Im Wasser schwebend, fast als fl�ge er, hielt er die gl�hende Sternklinge in der Hand und wirkte mehr wie ein Engel denn wie ein Mann. Rhapsodys Herz wurde von der heftigen Empfindung �berschwemmt, die sie jedes Mal �berw�ltigte, wenn sie ihre Liebe zu ihm wachsen f�hlte, und ihr stockte der Atem.</p><p>Sofort �berkam sie Panik, und sie f�rchtete, Wasser in der Lunge zu haben. Sie f�hlte den heftigen Drang, so schnell wie m�glich zur Oberfl�che aufzusteigen, wieder in die Welt der Luft zur�ckzukehren, aber sie widerstand, zwang die Furcht nieder und machte den n�chsten Atemzug. Ruhe kehrte ein, als sie merkte, dass sie problemlos atmen konnte, und die Panik wich der Aufregung �ber das Wunder der neuen Welt, die sich um sie herum ausbreitete. Als Ashe ihre Angst bemerkte, verschwand sein L�cheln, und er war sofort neben ihr; sie nickte ihm zu, um ihn zu beruhigen. Dann machte er eine Handbewegung hinunter in die Tiefe. Zusammen schwammen die zur Mitte des Sees, dem Lichtstrahl folgend, den das Schwert warf. Etwa zwanzig Fu� vom Ufer entfernt stiegen die Stalagmiten-Formationen, die Rhapsody gesehen hatte, vom absch�ssigen Grund des Sees auf und gl�nzten zart im reflektierten Licht. Sie waren kristallklar und glatt, anders als ihre spitzen Gegenst�cke �ber der Oberfl�che, und schillerten in sanften Schattierungen von Rosa, Gr�n und Blau und immer mehr Violett, je tiefer sie kamen.</p><p>Die ersten Stalagmiten, an denen sie vor�bergeschwebt waren, waren h�chstens schulterhoch. In der Tiefe aber waren sie gewaltiger; manche ragten h�her auf als Rhapsodys H�tte. Wenn das Licht der Tagessternfanfare diese Formationen ber�hrte, wurden sie von einem magischen Zauber umwoben und zeigten eine sanfte, glitzernde Sch�nheit, die von der Dunkelheit rund um den Lichtstrahl noch gesteigert wurde. Als das Schwert �ber ihnen schwebte, leuchteten sie auf, dann glitten sie zur�ck in die Tintenschw�rze der Tiefe. Ashe hatte Recht behalten; mit Kirsdarke in der Hand konnte Rhapsody im Wasser m�helos atmen. Sie folgte ihm noch tiefer hinab. In diesem Teil des Sees wirkten die Formationen wie Spitzen und nicht so robust wie am Rand des Feldes. Die vielfarbigen Felsen wurden d�nn und zierlich, mit zerbrechlich wirkenden Ausw�chsen, die wie gespenstische Arme in die Dunkelheit ragten. An manchen Stellen bogen sich die zarten Strukturen unter der Last des Wassers und �hnelten Kuppeln und B�gen, und so erinnerte das Stalagmiten-Feld an eine Stadt aus Zuckerguss und Zuckerwatte, ein prachtvolles Reich f�r die dunklen Fische, die zwischen den Felsen umherschwammen und blitzschnell davonsausten, wenn das Licht sie streifte.</p><p>Als sie eine gro�e Fl�che mit gr�nen und azurblauen Felsadern durchschwammen, fiel Rhapsody ein silbernes Glitzern ins Auge. Sie gab Ashe ein Zeichen, der nickte und sogleich hinabtauchte, um es vom Grund des Sees zu bergen. Sie folgte ihm hinein in eine riesige Unterwasserbasilika, erschaffen aus Wassertropfen und Zeit, und blickte sich voller Staunen um Die oberen Bereiche ragten weit in den See hinauf und entsprachen in ihren Ausma�en einer echten Basilika. Rhapsody stockte der Atem; ergriffen betrachtete sie das verborgene Reich, ein Unterwasserland so tief unter der Oberfl�che des Sees. Dass eine solch �berw�ltigende Sch�nheit unbemerkt und unerkannt existierte, erschien ihr wahrhaft beklagenswert. Ihre Gr�belei wurde unterbrochen, als ein starker Arm sich um sie legte. Sie wandte sich um und sah Ashe �ber sich schweben, das wallende Haar im Lichtkreis schimmernd. Er blickte hinauf in die Formationen �ber ihnen und nickte, als sie l�chelte. Dann beugte er sich zu ihr und k�sste sie, wobei er das Schwert so weit wie m�glich von sich weg hielt. Schlie�lich deutete er zur Oberfl�che hinauf. Z�gernd nickte Rhapsody und schwamm hinter ihm her, langsam zur Luft hinauf, der Str�mung des Wassers folgend, das nun flacher wurde. Sie waren nicht einmal in die N�he der tiefsten Stelle des Sees gekommen, und Rhapsody konnte sich nur ausmalen, welche Sch�tze sich dort in der ewigen Nacht verstecken mochten.</p><p>Als sie ihre Kleider am Ufer aufsammelten, sah Rhapsody Ashe an und l�chelte. �Was hast du dort unten gefunden?�, fragte sie und deutete auf den metallischen Gegenstand in seiner Hand. Er hielt ihn ihr entgegen, damit sie ihn betrachten konnte. Rhapsody schnappte nach Luft und fing dann an zu lachen. Es war der Pflanzenheber, mit dem sie in der Wiese gegraben hatte, als sie und Achmed Elysian entdeckt hatten fast unkenntlich geworden unter einer Schicht perlmutten gl�nzender Felsablagerungen. �Hast du dies schon einmal gesehen?�</p><p>�Ja�, antwortete Rhapsody, w�hrend sie den Sand aus ihren Sachen sch�ttelte. �Es ist der Grund daf�r, warum wir diesen Ort �berhaupt entdeckt haben. Ich habe die wilden Stiefm�tterchen in der Wiese �ber uns gepflanzt, um die Traurigkeit zu vertreiben, die dort in der Luft hing, und da war mein Pflanzenheber auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Ich h�tte fast schw�ren k�nnen, ein Glucksen geh�rt zu haben. Er muss durch eine der �ffnungen gerutscht sein, durch die das Licht hereinf�llt.�</p><p>�Das ist was f�rs Museum�, bemerkte Ashe. Er sah Rhapsody an, die sich gerade in eins der Handt�cher h�llte, die sie am Seeufer zur�ckgelassen hatten. Ihre nassen Haare gl�nzten im D�mmerlicht, sodass sie aussah wie eine Seenymphe. Sie l�chelte, und er nahm sie in die Arme.</p><p>�Soll ich dir noch etwas aus den Landkarten vorlesen, die wir angeschaut haben?�</p><p>Rhapsody seufzte. �Nein, ich denke, wir machen uns lieber ans Abendessen. Ich hatte gehofft, heute noch einmal in den Kessel gehen und den Abend mit Jo verbringen zu k�nnen. In letzter Zeit kommt sie mir so traurig vor, und ich habe sie schon seit langem nicht allein gesehen. W�re das in Ordnung f�r dich?�</p><p><emphasis>Nein. Bleib. Du geh�rst mir,</emphasis> fl�sterte der Drache. <emphasis>Mein Schatz. Ich teile dich mit niemandem</emphasis>. </p><p>�Ja, das ist in Ordnung�, sagte er und verbannte die dringliche innere Stimme. �Ich begleite dich. Willst du dort auch �bernachten?�</p><p>�Ich m�chte es gern darauf ankommen lassen�, antwortete Rhapsody, w�hrend sie sich die Haare trocken rieb. �Wenn alles gut geht, bleibe ich. Vielleicht k�nnen Jo und ich wieder dort anfangen, wo wir aufgeh�rt haben, bevor ...�</p><p>�Bevor ich auf der Bildfl�che erschien und alles verpatzt habe.�</p><p>W�tend starrte sie ihn an. �Lass mich gef�lligst ausreden, wenn du nicht wei�t, was ich sagen will. Das traf es n�mlich nicht. Bevor die Dinge sich ver�ndert haben. Jo ist ein gro�es M�dchen. Ich habe ihr erz�hlt, was du mir unterwegs �ber den Altersunterschied zwischen euch und eure unterschiedliche Lebenserwartung gesagt hast, bevor ich dich hierher gerufen habe. Das schien ihr einzuleuchten. Wenn �berhaupt jemand etwas verpatzt hat, dann war ich es mit meinem Egoismus, dass ich ihr nicht gen�gend Aufmerksamkeit geschenkt habe. Mir ist es so schwer gefallen, Elysian und dich zu verlassen und in den Kessel zur�ckzukehren.�</p><p>Unwillk�rlich schauderte sie.</p><p>�Ich finde nicht, dass es immer ein Zeichen von Egoismus ist, gl�cklich zu sein, Rhapsody. Du hast in deinem Leben viele schreckliche Zeiten durchgestanden. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass die Dinge besser f�r dich werden.�</p><p>Sie grinste und reckte sich, um ihn zu k�ssen. �Komisch, ich glaube, vor ein paar Tagen habe ich dir denselben Vortrag gehalten.�</p><p>�Nun, ich bin mir nicht zu schade, anderer Leute Worte nachzuplappern, wenn ich damit mein Ziel erreiche.� Wieder k�sste er sie und versuchte, die Sehnsucht in seinen Augen zu verbergen, w�hrend sie sich umdrehte und zum Haus zur�ckeilte. �Ich komme gleich nach!�, rief er.</p><p>Rhapsody wandte sich noch einmal um und l�chelte ihm zu. �Ich warte oben auf dich. Es ist Sommer, da kann man das Abendessen ruhig mal ein bisschen hinausz�gern.� Verspielt schwenkte sie ihr Handtuch, ging ins Haus und lie� hinter sich die T�r f�r ihn offen. Ashe seufzte und sp�rte die W�rme in sich aufsteigen, die er immer f�hlte, wenn Rhapsody l�chelte. Dann holte er tief Atem, versuchte, sich an die Schmerzen zu erinnern, die er so lange Jahre ertragen hatte, und merkte, dass er es nicht konnte. Sie hatte die Qual vertrieben und seine Seele mit einer s��en Fr�hlichkeit erf�llt, die beinahe greifbar war. Wenn es doch nur so bleiben k�nnte.</p><p>Am Rande seiner Wahrnehmung bemerkte der Drache etwas Silbernes, das im dunstigen Nachmittagslicht schimmerte. Ashe ging zum Wasser und blickte hinunter. Dort am Strand zwischen Fels und Sand lag der kleine silberne Gegenstand, den er an jenem Morgen in den See geschleudert hatte, als er sich endg�ltig von Emily verabschiedet hatte. Er b�ckte sich, um ihn aufzuheben.</p><p>Er gl�nzte noch immer, unbesch�digt, funkelnd in seiner Hand. Zum ersten Mal traten Ashe bei seinem Anblick nicht die Tr�nen in die Augen, und er f�hlte keinen Schmerz im Herzen. Jetzt war Emily eine gl�ckliche Erinnerung, etwas, was er hinter sich gelassen hatte. Er konnte sie in seinem Herzen bewahren, wohl beh�tet in seiner Erinnerung. Er war gl�cklich und wusste, dass sie es so gewollt h�tte.</p></section><section><title><p>44</p></title><p>Rhapsody schlich durch die kalte graue B und sah sich verstohlen um, ob per Zufall doch irgendein Bolg im Allerheiligsten umherwanderte. Schon seit geraumer Zeit hatte sie keine Nacht mehr im Kessel verbracht, und sie war unsicher, wann der Wachwechsel stattfand, der fr�her oft von den Bolg-Wachen als Ausrede benutzt worden war, um einen schnellen Blick in Achmeds Privatquartier zu werfen.</p><p>�ber ihr langes blaues Nachthemd hatte sie einen Umhang mit Kapuze gezogen, und sie trug einen gro�en Korb mit S��igkeiten vom Bazar in Sepulvarta bei sich, ein Friedensangebot f�r Jo, die in letzter Zeit distanziert und sehr gereizt gewesen war. Mit ein wenig Gl�ck w�rde sie ihre Schwester allein und in Stimmung f�r ein n�chtliches Plauderst�ndchen vorfinden. Rhapsody klemmte den Korb unter den Arm und klopfte an Jos T�r. Kurze Zeit sp�ter wurde die T�r langsam ge�ffnet, und Jo lugte durch den Spalt. Bei ihrem Anblick musste Rhapsody schlucken sie war d�nner geworden, ihr Gesichtsausdruck war matt, die Haut fahl, das strohblonde Haar dunkler und ohne seinen �blichen Glanz. Sie starrte gezielt durch Rhapsody hindurch.</p><p>�Ja?�</p><p>�Jo, ist alles in Ordnung mit dir?�, fragte Rhapsody, w�hrend ihr die Sorge den Magen verkrampfte und die Kehle zuschn�rte. �Du siehst aus, als f�hltest du dich nicht wohl.�</p><p>�Mir geht�s gut�, antwortete sie barsch und schaute dann auf Rhapsody herab. �Was willst du denn?�</p><p>�Ach na ja, ich habe gedacht, wir k�nnten mal wieder einen gem�tlichen Frauenabend veranstalten�, antwortete sie unbeholfen. �Ich hab dich vermisst, Jo. Unsere Gespr�che und einfach die Zeit mit dir. Aber wenn du jetzt keine Lust darauf hast, kann ich das verstehen.�</p><p>Ihre Stimme erstarb.</p><p>Einen Moment starrte Jo sie an, dann entspannte sich ihr Gesicht ein wenig. �Na klar�, meinte sie und �ffnete die T�r ein St�ck weit. �Komm rein.�</p><p>Rhapsody gab ihr den Korb. �Das ist f�r dich. Ich wei�, du magst solche Leckereien. In Sepulvarta gibt es einen wunderbaren Zuckerb�cker, der alle m�glichen S��igkeiten und Trockenfr�chte verkauft und ...� Erschrocken hielt sie inne. Jos sonst immer so schlampiges Zimmer, in dem fr�her all ihre Habseligkeiten verstreut auf dem Boden herumgelegen hatten, war pl�tzlich genauso ordentlich wie Rhapsodys. Die vielen kleinen Kerzen, die sie ihr einmal geschenkt hatte, waren nirgends mehr zu sehen, und an ihrer Stelle hing eine einzelne Laterne von der Decke, die ged�mpftes Licht und einen ekelhaften Gestank verbreitete. Jo trug den Korb zu ihrem Bett, lie� sich im Schneidersitz dort nieder und w�hlte den Inhalt durch. Rhapsody nahm den Krug mit gew�rztem Honigwein und f�llte zwei kleine Becher, die sie in den Taschen ihres Umhangs mitgebracht hatte, stellte eine davon f�r Jo auf das Nachttischchen und trug die andere zu dem Kissenstapel auf der gegen�berliegenden Seite des Zimmers. Dort machte sie es sich bequem und hoffte, der warme Wein werde die Unterhaltung zwischen ihnen erleichtern, die sich so m�hsam dahinschleppte. Bei Oelendra hatte er jedenfalls immer zu einer behaglichen Atmosph�re gef�hrt.</p><p>�Also, was war denn hier oben so los?�</p><p>�Nichts.� Jo packte den Korb systematisch aus und legte das, was sie am liebsten mochte, zur Seite. Rhapsody trank noch einen Schluck und fragte sich, wo die Begeisterung geblieben war, die Jo gew�hnlich bei solchen Geschenken an den Tag legte sie konnte doch sonst die Finger nicht von S��igkeiten lassen. �Das �bliche, du wei�t schon; Aufst�nde niederschlagen, D�rfer einnehmen und unterwerfen, die Truppen�bungen. Nichts Besonderes.� Sie w�hlte eine Papiert�te mit gezuckerten Trauben und warf Rhapsody einen Beutel getrockneter Aprikosen zu. Rhapsody sah zu, wie Jo ein paar Fr�chte in den Mund steckte; all das s��e Konfekt aber, das sie f�r gew�hnlich gleich als Erstes verschlang, mied sie heute. <emphasis>Vielleicht wird sie allm�hlich erwachsen,</emphasis> dachte sie und versuchte, das ungute Gef�hl zu verscheuchen, das ihr die Nackenhaare str�ubte. Tats�chlich half ihr der Gedanke, sich ein wenig zu entspannen. Nat�rlich! Jo wurde einfach reifer, sie war ein Mensch und befand sich im Alter der Ver�nderungen. Das war tr�stlich und traurig zugleich.</p><p>�Ich habe mir gedacht, ich brauche vielleicht ein bisschen Urlaub�, meinte sie, zog das schwarze Band aus ihren Haaren und fuhr sich mit den Fingern durch die goldenen Locken.</p><p>�Wei�t du, eine Reise oder so, nur wir beide. Wie findest du das?�</p><p>Jo steckte eine weitere Traube in den Mund. �Wei� nicht. Was w�rde Ashe dazu sagen?�</p><p>�Er hat selbst Einiges zu erledigen�, erwiderte Rhapsody und senkte unter Jos durchdringenden Blicken die Augen. �Ich bin sicher, dass er sich allein besch�ftigen kann. Au�erdem wei� er, dass ich auch Zeit mit dir verbringen will.�</p><p>Jo antwortete nicht, sondern streckte sich auf dem Bett aus, die Arme unter dem Kopf.</p><p>�M�chtest du, dass ich dir etwas vorsinge, Jo?�, fragte Rhapsody. �Ich habe meine Lerchenfl�te mitgebracht.� Noch immer versuchte sie verzweifelt, das Gespr�ch zu entkrampfen.</p><p>�Wenn du willst.� Jos Stimme klang unverbindlich.</p><p>Rhapsody zog das kleine Instrument hervor und begann mit einer kleinen Melodie, ziellos umherwandernd, ohne Wiederholungen. Sie f�gte Phrasen aus Wald und Wiesenliedern aneinander, tr�stlich und honigs��. Schon nach kurzer Zeit sah sie, dass Jo sich entspannte und ihr Gesicht weicher wurde. Im Rhythmus der durchs Zimmer tanzenden Schatten wob sie eine wohltuende Melodie, die eine Weile in der Luft hing und dann leicht auf ihrer Schwester zur Ruhe kam.</p><p>Sobald Jo sich einigerma�en wohl zu f�hlen schien, flocht Rhapsody eine Idee in das Lied ein, eine zarte Andeutung, dass Jo das, was sie beunruhigte, zur Sprache bringen k�nne. Rhapsody liebte ihre Schwester viel zu sehr, um sie mit ihrer Musik zu verhexen oder sie zu zwingen, etwas gegen ihren Willen preiszugeben; das Lied war nichts weiter als eine wortlose Ermutigung.</p><p>�Rhapsody?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Kann ich dich was fragen?�</p><p>Rhapsody beugte sich auf ihren Kissen vor, einen freudigen Ausdruck auf dem Gesicht.</p><p>�Nat�rlich, Jo, du kannst mich alles fragen�, antwortete sie ernst. �Konntest du das nicht schon immer? Was m�chtest du denn wissen?�</p><p>Jo setzte sich auf und sah ihr direkt ins Gesicht. �Wirst du Ashe heiraten?�</p><p>�Nein�, erwiderte Rhapsody. Das Laternenlicht flackerte �ber ihr Gesicht, ohne eine Spur von Trauer zu offenbaren.</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Wir haben nicht einmal dar�ber gesprochen. Es gibt eine Menge Gr�nde. Er ist von k�niglichem Gebl�t, ich bin ein Bauer.�</p><p>�Ein Bauer? Ich dachte, du bist die Herzogin von Elysian.�</p><p>Rhapsody warf ihr ein Kissen an den Kopf und freute sich �ber die R�ckkehr der alten Kameradschaftlichkeit. �Na gut, ich bin von Firbolg-Adel. Was �brigens einem Rang <emphasis>unter</emphasis> dem eines cymrischen Bauern entspricht.�</p><p>�Eingebildetes Volk�, meinte Jo. �Sollen sie sich ihren D�nkel doch sonst wohin schieben.�</p><p>Sie kippte den Met hinunter und f�llte sich den Becher aus dem Krug nach. Rhapsody hielt ihr auch ihren Becher hin.</p><p>�Kann ich dich noch was fragen?� Jo sah ihr eindringlich ins Gesicht.</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Als du deine Jungfr�ulichkeit verloren hast, hat das wehgetan?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Da hast du aber Gl�ck gehabt.�</p><p>�Warum, Jo?�, fragte Rhapsody, und auf einmal sp�rte sie eine kalte Faust im Magen. �Geht es ... geht es dir gut?�</p><p>Jo zuckte die Achseln.</p><p>Forschend blickte Rhapsody in ihr Gesicht, und Besorgnis brandete �ber sie hinweg wie eine kalte Meereswoge. �Was willst du mir damit sagen, Jo? Dass du keine Jungfrau mehr bist?�</p><p>Jo starrte an die Wand. �Nein. Und es tut immer noch weh. Ich hab mich genau genommen seither nicht mehr richtig gut gef�hlt.�</p><p>Sofort war Rhapsody bei ihr, setzte sich neben sie aufs Bett und nahm sie in den Arm. Sanft streichelte sie ihrer Schwester �bers Haar und k�sste sie z�rtlich auf die Stirn, wiegte sie sanft, um sie zu beruhigen und auch um die Angst auf ihrem eigenen Gesicht zu verbergen.</p><p>�Was meinst du damit ... du hast dich seither nicht mehr richtig gut gef�hlt? Sag mir, was los ist.�</p><p>Aber Jo schwieg. Behutsam r�ckte Rhapsody ein St�ck ab und sah sie an; als Jo Anstalten machte, sich abzuwenden, legte sie ihr sanft die Hand an die Wange und blickte ihr fest in die Augen.</p><p>�Sag es mir, Jo. Ich helfe dir, ganz egal, was es ist.�</p><p>Lange starrte Jo sie schweigend an, und wieder bemerkte Rhapsody, wie verh�rmt sie aussah ihre Haut war grau, Gesicht und H�nde waren abgemagert. Schlie�lich sagte sie: �Ich kann nichts bei mir behalten. St�ndig habe ich so ein komisches Gef�hl im Magen. Mein ganzer K�rper tut weh, alles.�</p><p>Rhapsody blinzelte, um die Tr�nen zu vertreiben, die ihr unwillk�rlich in die Augen stiegen. Dann legte sie behutsam die Hand auf Jos Bauch, um festzustellen, ob sie die Gegenwart einer anderen Seele f�hlte. Tats�chlich bemerkte sie eine sonderbare Schwingung, aber es war etwas falsch daran, falsch und fremd. Als sie versuchte, weiter nachzuforschen, schob Jo ihre Hand weg.</p><p>�Nein, Rhapsody, ich bin nicht schwanger. Lass mich in Ruhe.�</p><p>So sanft sie konnte, fragte Rhapsody nach: �Bist du sicher, Jo?�</p><p>�Ja. Und jetzt h�r auf damit.� Jo erhob sich und ging durchs Zimmer, den Becher Met in der Hand.</p><p>�Es tut mir Leid, Jo�, sagte Rhapsody. �Du wei�t, ich w�rde alles tun, was ich kann, damit es dir besser geht. Ich habe eine Menge Kr�uter und Wurzeln, die deinen Magen beruhigen und die Schmerzen in deinem K�rper lindern k�nnen. Komm mit mir nach Elysian, dann kannst du ein sch�nes linderndes Bad nehmen.�</p><p>�Schon gut�, entgegnete Jo und nahm einen gro�en Schluck von der goldgelben Fl�ssigkeit.</p><p>�Wahrscheinlich liegt es nur daran, dass mein erstes Mal ein bisschen, na ja, ein bisschen grob war, ein bisschen heftig. In ein, zwei Wochen ist bestimmt alles wieder gut.�</p><p>Doch ihre Worte lie�en Rhapsodys Seele fr�steln, sie sp�rte, wie �rger in ihr aufstieg und ihr die Kehle zuschn�rte. Sie versuchte, ruhig und besonnen zu sprechen. �Jo, es tut mir Leid�, wiederholte sie. �Bin ich so lange weg gewesen? Ich wollte, ich h�tte f�r dich da sein k�nnen, du wei�t schon, um mit dir zu reden. Ich meine, mir war nicht klar, dass du einen Freund hast.�</p><p>Jetzt wandte Jo sich um und sah sie zum ersten Mal aus sich heraus an. Ihr Blick war fest und entschlossen.</p><p>�Ich habe keinen Freund. Genau genommen ist es dein Freund.�</p><p>Verst�ndnislos starrte Rhapsody sie an. Jos Worte �berschlugen sich fast, als sie hastig weitersprach. �Es war Ashe, Rhapsody. Es tut mir ehrlich Leid, aber es war auch nur ein einziges Mal.�</p><p>�Jo, was redest du da?�</p><p>�Es war Ashe�, wiederholte Jo, und ihr Gesicht wurde hart. �Ich habe mit Ashe gev�gelt. In der Nacht, als ihr euch im Beratungszimmer getroffen habt, als ich weggelaufen bin, ist er mir nachgegangen und hat mich drau�en auf der Heide gefunden. Er hat dir nichts davon gesagt, oder?�</p><p>Rhapsody schwieg, aber alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.</p><p>�Dacht ich mir�s doch�, fuhr Jo fort, als sie sah, wie Rhapsody erbleichte und die Augen abwandte. �Wahrscheinlich hat er dir gesagt, er hat mich nicht gefunden, ja? Alles Unsinn. Ich hab versucht, ihn wegzuschicken, aber er wollte einfach nicht. Und dann, na ja, dann haben wir�s getan. Irgendwie hab ich es teilweise schon genossen, aber insgesamt war es grausig. Ich werd seinen Gesichtsausdruck nie vergessen. Er hat mich regelrecht um den Verstand gev�gelt. Ehrlich, Rhapsody, ich wei� nicht, was du an ihm findest. Hast du denn nichts Besseres zu tun, als dich von ihm bespringen zu lassen?�</p><p>Ihre Worte hatten die beabsichtigte Wirkung; als Rhapsody aufblickte, war ihr Gesicht von Tr�nen �berstr�mt. Sie stand auf und zog wie in Trance die Bettdecke wieder glatt.</p><p>�Warum schl�fst du nicht ein bisschen�, meinte sie, ohne Jo anzuschauen. �Ich mische ein paar Heiltr�nke f�r dich zusammen und bringe sie dir morgen fr�h vorbei.� Jo sah zu, wie sie ihr Haarband und die Lerchenfl�te einsammelte, das Zimmer verlie� und leise die T�r hinter sich zuzog.</p><p>Ashe setzte sich im Bett auf, als sich die T�r zu Rhapsodys Zimmer lautlos �ffnete. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie bei Jo �bernachten w�rde, und seine Freude �ber ihre R�ckkehr war ihm sogleich anzusehen. Er schlug die Kapuze ein wenig zur�ck und streckte ihr die Arme entgegen, aber sie wandte sich schweigend von ihm ab und ging zur Garderobe, wo sie bed�chtig ihren Mantel aufh�ngte.</p><p>�Rhapsody?�, sagte er, schwang die Beine aus dem Bett und setzte die F��e auf den eisig kalten Steinboden. �Alles in Ordnung?�</p><p>Sie wandte sich zu ihm um, und er sah mit Schrecken, dass ihr die Tr�nen �bers Gesicht liefen.</p><p>�Aria, was ist los mit dir?� Schon wollte er aufstehen, aber Rhapsody hielt die H�nde vor sich, als wollte sie ihn von weghalten.</p><p>�Bitte bleib, wo du bist.� Nun verschr�nkte sie die vor der Brust. Sie sah aus, als w�re ihr �bel.</p><p>�Was ist denn passiert? Hast du dich mit Jo gestritten?�</p><p>Rhapsody machte ein paar Schritte auf ihn zu, noch immer die Arme um sich geschlungen.</p><p>�Sie sie hat gesagt, du h�ttest in der Nacht, als wir uns im Beratungszimmer trafen, Sex mit ihr gehabt. Drau�en auf der Heide, oberhalb der Schlucht.�</p><p>Ashes Gesicht wurde ausdruckslos, dann �berw�ltigten ihn der Schock und die Wut wie eine Springflut. Rhapsody sp�rte, wie sich die Spannung in der Luft ver�nderte, als der Drache in ihm sich zu regen begann. Rasch trat sie zu ihm und legte ihm die Fingerspitzen auf den Mund, ehe er aufbegehren konnte.</p><p>�Sag jetzt nichts, bitte. Ich wei�, dass es nicht wahr ist.� Ihre Tr�nen str�mten wie Regen, und sie begann zu zittern.</p><p>Da ihm nichts zu sagen blieb, legte Ashe die Arme um sie und zog sie auf seinen Scho�. Fest dr�ckte er sie an seine Brust und streichelte ihre gl�nzenden Haare, hin und her gerissen zwischen unglaublicher Wut �ber diese L�ge und der Freude dar�ber, dass sie ihm so vorbehaltlos vertraute. �Warum tut sie so etwas?�, fragte er. �Warum verletzt sie uns auf diese Weise vor allem dich? Meinst du, es ist ihre Rache daf�r, dass wir es ihr nicht fr�her gesagt haben?�</p><p>Da hob Rhapsody den Kopf und sah ihm offen ins Gesicht. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, erblickte er Angst in ihnen.</p><p>�Nein�, antwortete sie zitternd. �Ich glaube, sie ist dem Rakshas begegnet.�</p></section><section><title><p>45</p></title><p>Langsam stand Ashe auf, wie benommen. Mit einer heftigen Bewegung zog er die Kapuze in die Stirn, ging dann auf die andere Seite des Zimmers und begann, seine Habseligkeiten zusammenzuraffen. Bek�mmert sah Rhapsody ihm zu; trotz des Nebelumhangs sp�rte sie, dass die Muskeln in seinem K�rper gespannt waren wie Sprungfedern, und sie wusste, dass er sich verzweifelt davon abhielt, loszurennen, Jo aus dem Bett zu zerren und sie zur Rede zu stellen. Wenigstens hatte er noch genug Verstand, um zu wissen, dass sie, wenn er seine Gegenwart offenbarte, mit einem Angriff des D�mons rechnen mussten, auf den sie nicht vorbereitet waren.</p><p>�Wir m�ssen uns auf die Jagd nach ihm machen, wir d�rfen es nicht l�nger hinausz�gern�, sagte Rhapsody. �Eigentlich hatten wir vor, bis zum ersten Tag des Winters zu warten, aber das ist eindeutig zu sp�t.� Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber als er sprach, war seine Stimme ruhig, und seine Worte klangen pragmatisch.</p><p>�Ist dir klar, dass sie jetzt wom�glich unter seinem Bann steht, Rhapsody? Dass sie in der Gewalt des F�dor sein k�nnte?�</p><p>Rhapsody erwiderte nichts.</p><p>Sanft umfasste Ashe ihr Kinn, aber sie sp�rte, dass er vor Wut zitterte.</p><p>�Das wei�t du, Aria, nicht wahr? Du darfst ihr jetzt nicht mehr vertrauen, in keiner Hinsicht. Vielleicht war der Kontakt kurz und hat sie nur f�r eine gewisse Zeit in seinen Bann geschlagen wie bei den Soldaten, die ihre eigenen D�rfer angreifen und sich sp�ter nicht mehr daran erinnern. Aber der Einfluss kann auch tiefer reichen und st�rker sein; wom�glich wird sie als Spionin benutzt.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Vorsichtig hob Ashe ihr Gesicht an, sodass ihre Augen direkt in seine unter der gro�en Kapuze des Nebelumhangs blickten.</p><p>�M�glicherweise ist sie an ihn gebunden, Rhapsody. Er k�nnte Zugang zu ihrer Seele haben. Vielleicht geh�rt sie jetzt ihm.� Sie biss die Z�hne zusammen, aber sie hatte aufgeh�rt zu weinen. �Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich der F�dor braucht einen Blutvertrag, freiwillig oder unter Zwang, um eine unsterbliche Seele g�nzlich zu verstricken. Hat sie erw�hnt, ob er etwas von ihrem Blut genommen hat?�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde wei�; Ashe streichelte sie sanft.</p><p>�Nein, ich glaube nicht�, antwortete sie nach kurzem Nachdenken. �Sie hat gesagt, dass er sehr heftig war, aber nichts davon, dass er sie verletzt hat.�</p><p>�War sie noch Jungfrau?�</p><p>Rhapsody erstarrte. �Ja.�</p><p>Ashe lie� ihr Gesicht los und schnallte sich Kirsdarke um. �Ich glaube, du solltest dich auf das Schlimmste gefasst machen, Aria. Wenn sie an ihn gebunden ist...�</p><p>�Falls sie an ihn gebunden ist, dann werde ich mich ebenso um ihre Befreiung k�mmern wie um deine, wenn ich den Rakshas t�te�, entgegnete sie schroff. �Wir brechen morgen noch vor Tagesbeginn auf, sie wird nichts davon mitbekommen. Ich werde den Wachen sagen, sie sollen sie im Auge behalten, bis wir wieder zur�ck sind. Was immer getan werden muss, um sie zu retten, werde ich tun. Sie ist meine Schwester, Ashe. Sie war an mich gebunden, lange bevor sie den Rakshas getroffen hat. Ich habe den ersten Anspruch auf ihre Seele, bei den G�ttern, nicht der F�dor.�</p><p>Ashe ergriff ihren Arm. �Opfere dich nicht f�r sie. Das ist es nicht wert.�</p><p>�rgerlich machte Rhapsody sich los. �Wie kannst du es Wagen? Wer bist du, mir zu sagen, was mein Opfer wert ist? Darf ich es etwa nur f�r dich bringen?� Erschrocken �ber die Sch�rfe ihrer Worte starrte Ashe sie an, und obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste sie, wie tief sie ihn getroffen hatte.</p><p>�Entschuldige�, fl�sterte sie. �Bitte entschuldige.�</p><p>�Die Antwort auf deine Frage lautet nein�, entgegnete Ashe und b�ckte sich, um seine Stiefel zu schn�ren. �Nichts ist es wert, dass du dieses Opfer bringst. Ich meinte damit nur, dass dein Tod sie nicht retten kann.�</p><p>�Ich werde nicht sterben�, erwiderte Rhapsody und starrte auf ihre H�nde hinab. �Nicht, um dich zu retten, und auch nicht, um sie zu retten.�</p><p>Einen Augenblick herrschte Stille. Schlie�lich sagte Ashe: �Ich sollte sofort aufbrechen, ehe der F�dor merkt, dass ich hier bin.�</p><p>Benommen nickte Rhapsody. �Es w�re wohl das Beste.�</p><p>Auch Ashe nickte und wandte sich dann ab. Rhapsody beobachtete, wie er sich mit der Hand durch die ungek�mmten Haare fuhr, und versuchte, sich gegen die Verzweiflung zu wehren, die sie �berkam, wenn sie ihm so beim Packen zusah. Die ganze Zeit hatte sie gewusst, dass dieser Augenblick kommen w�rde, dass er sie verlassen w�rde, aber irgendwie hatte sie gedacht, es werde zu einem sp�teren Zeitpunkt geschehen und nicht gar so abrupt. Sie hielt die Tr�nen zur�ck, w�hrend er seinen Tornister �ber die Schulter warf, zu ihr ans Bett kam und sich neben ihr niederkauerte.</p><p>�Wie lange wird die Jagd wohl dauern?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Alles h�ngt davon ab, wie weit entfernt er ist. Sobald du hier verschwunden bist, werde ich zu Achmed gehen und ihm sagen, dass wir sofort zur Tat schreiten m�ssen. Wir brechen morgen auf.�</p><p>�Sorge daf�r, dass Jo nichts davon erf�hrt.�</p><p>�Nat�rlich. Aber sie kennt unseren gegenw�rtigen Plan; wenn sie also etwas an ihn verraten hat, dann werden wir es bald merken.�</p><p>Unter der Kapuze h�rte sie das leise Schnauben, das Ashes sarkastischstes L�cheln zu begleiten pflegte. �Na, daf�r m�ssen wir dann wohl dankbar sein.�</p><p>Rhapsody schlang die Arme um seinen Hals. �Bitte, bitte sei vorsichtig.�</p><p>Er zog sie an sich und hielt sie ganz fest, damit er sich in dunkleren Zeiten immer daran erinnern konnte. �Sei du vorsichtig, Aria. Du wirst dem Rakshas gegen�bertreten. Bis zu diesem Augenblick war mir war nie richtig bewusst, wie sehr mir davor graut.�</p><p>Beschwichtigend klopfte sie ihm auf die Schulter. �Ich werde schon zurechtkommen. Wir alle. Das letzte Mal bin ich schon fast allein mit ihm fertig geworden. Wenn Grunthor und Achmed bei mir sind und wir auch noch die �berraschung auf unserer Seite haben, dann m�ssten wir die Sache schnell und gut zu Ende bringen k�nnen, ein f�r allemal.�</p><p>�Als du mit ihm k�mpftest, standest du auf heiligem Grund, in der heiligsten Nacht des Jahres. Untersch�tze den Rakshas nicht, Aria, nur die G�tter wissen, auf welche d�monischen Kr�fte er zur�ckgreifen kann.�</p><p>�Ich untersch�tze ihn nicht, Ashe, aber du solltest es auch nicht tun. Wir wissen, was wir tun. Aber du musst mir versprechen, dass du in sicherer Entfernung bleibst. Wir werden das Ding t�ten, dann bekommst du das verlorene St�ck deiner Seele zur�ck, und der F�dor hat keine Macht mehr �ber dich. Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, dich zu rufen, wie ich es zuvor getan habe, deinen Namen wieder �ber den Wind zu schicken. Wie soll ich dich finden und dir Bescheid geben, wenn alles vor�ber ist?�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck und nahm ihr Gesicht z�rtlich zwischen seine H�nde. In der Kapuze konnte sie seine blauen Augen leuchten sehen. �Das kannst du nicht. Wenn ich gefunden werden k�nnte, w�re ich l�ngst tot. Ich werde in einem Monat hierher zur�ckkommen, bis dahin wirst du aller Wahrscheinlichkeit auch wieder da sein, nicht wahr?�</p><p>�Ja, das hoffe ich, bei den G�ttern. Wohin wirst du gehen?�</p><p>�Ich wei� es nicht, vielleicht an die K�ste. Aber mach dir um mich keine Sorgen, Rhapsody. Bring die Sache hinter dich und pass auf, dass dir nichts passiert. K�mmere dich im Notfall lieber nicht um das Seelenfragment wenn dir etwas zust��t, ist es ohnehin wertlos f�r mich.�</p><p>�Mir wird nichts zusto�en. Ich schaffe es.�</p><p>�Ich werde jeden Augenblick, bis ich dich wieder sehe darum beten, dass du Recht beh�ltst.�</p><p>Seine Finger glitten durch ihr Haar, als er sich zu ihr herabbeugte und sie k�sste. Noch immer sp�rte sie die Wut in ihm, und auch ihre Lippen zitterten, denn sie hatte Angst, dass sein Zorn ihn tollk�hn machen k�nnte. Ihre Lippen pressten sich auf seine und f�llten sie mit W�rme, als sie ihn wortlos zu bes�nftigen versuchte, aber es n�tzte nicht viel. So wutentbrannt hatte sie ihn noch nie erlebt.</p><p>Mit gro�er Anstrengung machte Ashe sich los, eilte zur T�r und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Einen Augenblick blieb Rhapsody wie bet�ubt sitzen, dann sprang sie auf die F��e, rannte zur T�r und sp�hte in die Halle, aber er war schon verschwunden. Er hatte nicht auf Wiedersehen gesagt. Sie hatte ihm nicht gesagt, wie sehr sie ihn liebte. Zum zweiten Mal in dieser Nacht schlich Rhapsody den Gang hinunter, immer noch auf der Hut vor den Bolg-Wachen. Da sie niemanden sah, stellte sie den Korb mit den Heiltr�nken vor Jos Zimmer ab, �ffnete leise die T�r und sp�hte hinein.</p><p>Das M�dchen, das sie wie eine Schwester liebte, schlief und schnarchte leise, zusammengerollt wie ein werdendes Kind im Mutterscho� oder ein M�dchen mit Bauchschmerzen. Traurig sah Rhapsody sie an; sie wusste, wie sehr sie gelitten hatte und wie sehr sie noch immer leiden musste.</p><p>Hass flammte in ihrem Herzen auf, und sie sp�rte, wie sich ihre H�nde zu Klauen bogen, als sie sich unbewusst das selbstgef�llige Grinsen des Rakshas vorstellte. Es w�rde all ihre Willenskraft erfordern, ihm nicht die Augen auszukratzen, wenn sie ihm gegen�bertraten. Allerdings war sie noch nicht sicher, ob sie es sich auch verbieten w�rde, ihn zu kastrieren. W�hrend sie sich seinen Tod ausmalte, erschien Ashes Gesicht vor ihrem inneren Auge, und sie erschrak; manchmal verga� sie, dass ihre Gesichter identisch waren. Bei dem Gedanken, dass er so �berst�rzt aufgebrochen war, ohne ihr das Versprechen zu geben, sich nicht unn�tig in Gefahr zu begeben, wurde ihr eiskalt im Magen, und ihr Herz krampfte sich angstvoll zusammen. Vielleicht war er dem Rakshas jetzt schon auf den Fersen, um sie zu sch�tzen. Einen Augenblick sp�ter war sie pl�tzlich sicher, dass genau das der Fall war. So schnell sie konnte, eilte sie in ihr Zimmer zur�ck, schl�pfte in ihre Stiefel, warf den Umhang �ber und rannte zu den Toren des Kessels.</p><p>In den Zahnfelsen herrschte pechschwarze Finsternis. Die Berge hielten die Nacht fest, als versuchten sie, sich vor den neugierigen Augen der Welt abzuschirmen, indem sie ihre Gipfel in fremde Nebel h�llten. Ein gemeiner, kalter Wind fegte �ber die k�rgliche Vegetation, die in der herbstlichen Luft bereits starr wurde, sich beugte und bog, weit weniger lebendig als in der Feuchte des Sommers. Das allj�hrliche Todesritual des Landes hatte seinen Anfang genommen. In der Dunkelheit war nichts zu sp�ren von dem Versprechen, das bei Tageslicht von den bunten Bl�ttern des Waldes ausging dass der Sommer nur vor�bergehend sterben w�rde. Jetzt schien es vielmehr so, als w�re die Welt f�r alle Zeit zu K�lte und Finsternis verdammt.</p><p>Rhapsody klammerte sich an die Felswand des Bergpasses und bem�hte sich, sich im r�hrenden Wind aufrecht zu halten. Die bittere K�lte, die unter den hastig �bergeworfenen Umhang und das Nachthemd kroch, lie� ihre Beine zittern; sie f�hlte sich, als klammerte sie sich an den Mast eines Schiffs, das mit vollen Segeln �bers Wasser dahinflog. Zum Gl�ck kannte sie sich aus, denn sonst w�re sie sicher in eine der Schluchten gest�rzt, die sich j�h hinter einer jeden Wegbiegung auftaten. So undurchdringlich war die Dunkelheit, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte.</p><p>Von jeder Anh�he rief sie Ashes Namen, aber der Wind verschluckte ihre Stimme und warf sie, vermischt mit seinem eigenen Heulen, zu ihr zur�ck. Sein Nebelumhang w�rde Ashe verbergen, das wusste sie, und wenn er sie nicht h�rte, hatte sie keine M�glichkeit, ihn zu finden. Mit jedem Schritt wurde ihr Herz schwerer; sie vermochte die Furcht nicht abzusch�tteln, die an ihrer Seele nagte, seit sie fr�her in dieser Nacht den Ausdruck auf Jos Gesicht gesehen hatte. <emphasis>Bald wird er die Steppe erreicht haben, dann werde ich ihn niemals einholen,</emphasis> dachte sie und sch�tzte die Augen mit der Hand vor den winzigen Steinpartikeln, die der Sturm ihr ins Gesicht fegte, als sie auf die dem Wind zugewandte Seite der Felswand kam.</p><p>So wild w�tete hier der Sturm, dass eine der Laschen von Rhapsodys Umhang abriss und sie ihn um ein Haar verloren h�tte. Vor Schmerz und K�lte schrie sie laut auf und suchte eilends Unterschlupf bei dem letzten Felsvorsprung vor dem j�hen Abstieg auf die viertausend Fu� unter ihr liegende Steppe. Im Lauf der Jahrhunderte hatte der Wind mitten auf dem Pass eine Nische ausgeh�hlt und so einen schmalen Unterstand geschaffen, zu beiden Seiten offen, aber massiv. Rhapsody beschloss, hier einen Augenblick Kraft zu sch�pfen, ehe sie sich auf den R�ckweg machte. Lebend k�me sie hier nicht weiter voran.</p><p>Rhapsodys aufgesch�rfte Finger brannten wie Feuer. Als sie die Nische erreichte und Halt suchte, sp�rte sie, wie sie abglitt. Verschwommen nahm sie wahr, dass ihre H�nde bluteten, doch es gelang ihr gerade noch, sich in den Unterstand zu ziehen. Ersch�pft lehnte sie den Kopf an die Felsmauer, w�hrend sie Atem holte. Als sie wieder sprechen konnte, rief sich Ashes Namen ein letztes Mal in den Wind. Dann lie� sie sich an die Felswand sinken und h�rte den Wind zu beiden Seiten durch den Steinbogen heulen. Auf der S�dseite ihrer Zufluchtst�tte verstellte teilweise ein Schatten den Ausblick.</p><p>�Was ist los? Bei allen G�ttern, was machst du hier drau�en? Der Rakshas k�nnte �berall sein, vielleicht sucht er die Gebirgsp�sse ab, nach ... nach einem von uns.�</p><p>Noch immer keuchend blickte Rhapsody auf und sah, dass die Dunkelheit, die den Eingang versperrte, die Umrisse eines Mannes hatte. Panik lag in seiner Stimme. Mit gro�er M�he antwortete sie.</p><p>�Ich habe was vergessen.�</p><p>Nun kam er zu ihr an die gesch�tzte Stelle, lie� seinen Tornister fallen und umfasste ihre Schultern. �Was?�</p><p>In der Dunkelheit konnte Rhapsody ihn kaum sehen, obwohl er direkt vor ihr stand. Sie sp�hte in seine Kapuze und versuchte, Augenkontakt aufzunehmen. Dann schluckte sie schwer und stie� m�hsam hervor: �Dein Versprechen.�</p><p>Sie sp�rte, wie sich seine Armmuskeln anspannten und er sie sch�ttelte; ihr war bewusst, dass er sich bem�hte, ihr mit der Heftigkeit seiner Gef�hle nicht wehzutun. �Bist du von Sinnen?�, fragte er ungl�ubig. �Man w�rde deine Leiche niemals finden, wenn du hier auch nur einen falschen Schritt machtest. Bei den G�ttern, Rhapsody, welches Versprechen k�nnte denn so wichtig sein?�</p><p>Sie musste husten, als er ihre H�nde in seine nahm und die blutenden Finger an seine Lippen f�hrte, sie mit einer rauen Trostgeste liebkoste. �Du musst mir schw�ren, ihn nicht zu verfolgen�, antwortete sie, und ihre Kehle war wie zugeschn�rt, w�hrend der Wind durch die Felsnische heulte und seine Kapuze peitschte.</p><p>Die dunkle Gestalt schwieg und bedeckte ihre Finger jetzt mit z�rtlicheren K�ssen. Rhapsodys Hand zitterte, und sie wusste, dass sie Recht gehabt hatte; er war losgezogen und hatte sich auf die Suche gemacht nach dem entstellten Wesen, in dem sich ein Teil seiner Seele befand. Wie verzweifelt musste er sein, wenn er so ein furchtbares Wagnis einging! Pl�tzlich wurde ihr klar, dass es nur einen einzigen Grund geben konnte, aus dem er die eigene Verdammnis riskieren w�rde: Er wollte verhindern, dass ihr dieses Schicksal widerfuhr.</p><p>�Du musst dich von ihm fern halten�, sagte sie, und ihre Worte waren kaum mehr als ein angstvolles Keuchen. �Ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn t�ten kann und dass ich nicht allein sein werde. Versprich es mir, Ashe. Schw�re mir, dass du ihn nicht verfolgst. Lass mich das machen. Vertrau mir, bitte.�</p><p>Die Kapuze senkte sich, und sie wusste, dass er den Kopf unter der Last ihrer Forderung beugte. �Ich kann dich das nicht tun lassen�, sagte er schlie�lich mit schmerzverzerrter Stimme. �Ich k�nnte es nicht ertragen wenn ...�</p><p>So heftig sie konnte, schlug sie ihm beide Handfl�chen auf die Schultern und stie� ihn gegen die Felswand. Sein Kopf fuhr hoch, und sie starrte wieder in die Kapuze, wobei sie diesmal ein Schimmern der vor Schreck weit aufgerissenen Augen wahrnahm. Sie packte den Kragen seines Umhangs am Hals.</p><p>�H�r mir zu�, fauchte sie, mit leiser, t�dlicher Stimme, aber trotz des Winds deutlich h�rbar.</p><p>�Das wirst du mir nicht antun! Du wirst mir gef�lligst glauben, dass ich wei�, wozu ich f�hig bin, und du wirst unersch�tterlich darauf vertrauen. Und wenn du dazu nicht in der Lage bist, dann wirst du meiner Bitte trotzdem Folge leisten und mir <emphasis>aus dem Weg gehen!</emphasis> Ich habe bereits zugelassen, dass dieser Unhold meiner einzigen Schwester etwas angetan hat. Er hat sie zerst�rt, und es ist meine Schuld. Ich werde dich nicht auch noch an ihn verlieren, Ashe.�</p><p>Pl�tzlich begann sie unkontrolliert zu zittern, und er nahm sie fest in den Arm, w�hrend sie von heftigen Schluchzern gesch�ttelt wurde.</p><p>Seine Lippen ber�hrten ihr eiskaltes Ohr. �Was mit Jo passiert ist, war nicht deine Schuld�, fl�sterte er. �Wenn jemand daf�r verantwortlich ist, dann ich. Ich h�tte gr�ndlicher nach ihr suchen m�ssen auf der Heide habe ich nicht mal nachgeschaut.�</p><p>�Weil ich es dir gesagt habe�, stie� Rhapsody hervor. �Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht bedr�ngen, weil ich dachte, sie sitzt in ihrem Zimmer und weint. Ich hatte keine Ahnung, wie weh wir ihr getan haben, ich h�tte nie gedacht, dass sie allein nach drau�en laufen w�rde. Oh, ihr G�tter, was habe ich getan?� Das Schluchzen wurde st�rker, und ihre Tr�nen benetzten seine Wange. Er lehnte sich an den Felsen, legte die eine Hand auf ihren Hinterkopf, die andere auf ihren R�cken und hielt sie mit all seiner Kraft, w�hrend sie weinte und einer Trauer freien Lauf lie�, die man ihr nie zugestanden hatte.</p><p>Der Wind heulte, als wollte er ihr Schluchzen begleiten, und als sie endlich innehielt, um Atem zu holen, nahm Ashe ihr Gesicht in die H�nde und k�sste sie leidenschaftlich. Auch ihre Reaktion war heftig, ihre H�nde glitten unter seinen Umhang, krallten sich in seinen R�cken, und ihr Mund suchte den rauen Trost, die ihr der seine gew�hrte. Er fuhr mit den H�nden durch ihr wehendes Haar, hielt aber lange genug inne, um die Handschuhe abzustreifen und sie neben den Tornister auf den Boden zu werfen. Dann umfasste er unter ihrem Umhang ihre Taille, zog sie dichter an sich und l�ste seine Lippen von ihren.</p><p>�Du bist in Nachthemd und Umhang auf die Zahnfelsen geklettert. Wo sind deine Waffen? Bei allen G�ttern, was ist nur in dich gefahren?�</p><p>�Versprich mir, dass du ihn nicht verfolgen wirst�, fl�sterte sie mit angsterf�llter Stimme.</p><p>�Bitte. Bitte, ich liebe dich. Ich liebe dich. Tu es f�r mich. Bitte.�</p><p>Sie f�hlte, wie auch er zu zittern begann, fast im Gleichklang mit ihr. Dann nickte er.</p><p>�In Ordnung�, antwortete er mit br�chiger Stimme. �In Ordnung, Rhapsody, ich bin dazu bereit. Aber wenn er dich besiegt, dann werde ich ...�</p><p>Sie k�sste ihn wieder und versuchte, ihn mit ihren Lippen zum Schweigen zu bringen. �Er wird mich nicht besiegen�, sagte sie; ihre H�nde lie�en von seinem R�cken ab und bewegten sich �ber seine Brust. �Hab Vertrauen zu mir.�</p><p>Er dr�ckte sie fester an sich. �Ich habe unendliches Vertrauen zu dir, Rhapsody, aber du vergisst, dass ich selbst mit diesem D�monengeist gek�mpft habe. Er hat in meine Brust gegriffen, als w�re sie ein offener Sack Getreide, und hat, ohne sich daf�r anstrengen zu m�ssen, ein St�ck meiner Seele herausgerissen. Das hat <emphasis>unseren</emphasis> Blutvertrag besiegelt. H�tte ich mich damals nicht befreien k�nnen, h�tte er mich in Besitz genommen. Er war wie eine Schlingpflanze, die sich um mein Innerstes rankte und sanft wie ein Windhauch Teil von mir wurde, sich ohne Z�gern ausbreitete, bis er meinen Brustkorb zur G�nze ausf�llte. Was glaubst du denn, was mich so zugerichtet hat? Ich selbst habe mir genauso schlimme Verletzungen zugef�gt wie der D�mon, ich habe ihn gewaltsam aus mir entfernt, ehe er mich ganz verzehren konnte. Das St�ck von mir, das er geraubt hat, musste ich ihm opfern, wie ein Tier, das sich in der Falle den eigenen Fu� abbei�t. Es dauerte nur einen Augenblick, Rhapsody; doch ich wei� nicht, ob ich ein zweites Mal so glimpflich davonkommen w�rde. Ich wei� auch nicht, ob du es kannst.�</p><p>�H�r auf damit�, entgegnete sie scharf. �Ich trete noch nicht gegen den F�dor an, vorerst t�te ich nur sein Spielzeug. Und ich habe viel eher einen Grund dazu. Au�er dem, was er dir angetan hat, hat er sich jetzt auch noch an Jo vergangen und sie erniedrigt. Sie hat in ihrem Leben genug gelitten, das hat sie nicht verdient. So viel Hass habe ich in meinem ganzen Leben noch nie empfunden wenn ich ihm nicht Luft verschaffe, werde ich bei lebendigem Leibe verbrennen.� Ihre Stimme versagte. �H�rst du mich, Ashe? Ich werde <emphasis>bei lebendigem Leibe verbrennen.�</emphasis> Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, und wieder verformten sich ihre H�nde zu Klauen.</p><p>Er zog sie weg und k�sste sie immer wieder, hart und dr�ngend. �Jetzt h�r du mir zu�, stie� er zwischen zwei K�ssen hervor, �du klingst schon wie ich. Das ist ein Verbrechen. Du hast mich davon �berzeugt, dass die Liebe in dieser schlechten Welt mehr ist als eine verdrehte Phantasie. Wage es nicht, dich jetzt selbst davon abzuwenden. Werde nicht so wie wir anderen, sonst �berl�sst du uns f�r immer unserem Hass.� Sein letzter Kuss w�hrte lange; in ihm f�hlte sie seinen ganzen Schmerz, und das Gef�hl war ihr fremd, so ganz anders als die Sanftheit, die sie sonst immer in ihm wahrnahm. �Ich liebe dich. Ich glaube an dich. Und ich werde wegbleiben, m�gen die G�tter mir verzeihen.� Die letzten Worte spie er fast aus. Ein heftiger Seitenwind fegte durch die Nische, schob sie beide von der Felswand und lie� Rhapsody in ihrer d�nnen Kleidung heftig fr�steln. Er packte sie, als sie aus dem Fels versteck stolperte, zog sie wieder unter den Bogen und dr�ckte sie eng an die Felswand.</p><p>�Alles in Ordnung?�, keuchte er. Als er merkte, dass sich ihre Haut ganz kalt anf�hlte, versuchte er sie warm zu reiben, voller Verzweiflung und Angst; er wollte sie, wollte sie vor allen Gefahren verstecken, sie in seiner Seele bewahren, sie mit seinem K�rper sch�tzen, mit seinem Leben.</p><p>Sie f�hlte dieselbe Sehnsucht, klammerte sich an ihn und schmiegte sich an ihn zu einem Kuss ein Liebespaar, das nicht wusste, ob dieser Kuss der letzte sein mochte. Ihre H�nde glitten �ber seinen Oberk�rper und machten sich dann daran, die B�nder seiner Hose aufzubinden, die ihn von ihr trennte. Heftig zitternd sp�rte sie, wie seine H�nde unter ihrem Nachthemd nach oben wanderten, und sie �berlie� sich der Dunkelheit der Angst. Dort auf dem Gebirgspass, an die Felswand gepresst, nur von einem offenen Felsbogen gesch�tzt, liebten sie sich, voller Furcht, verzweifelt, im Nachtwind, unter der Decke der nebligen Finsternis, die pechschwarz die Gipfel der Zahnfelsen verh�llte. Doch sie fanden wenig Trost und keine Freude, nur ein rasendes Bed�rfnis danach, vereint zu sein, wom�glich zum letzten Mal. Kein Kleidungsst�ck wurde abgelegt, kein Wort gesprochen, nur einem wilden Verlangen nachgegangen, doch ohne dass es sie bes�nftigte. Als der Aufruhr ihrer Gef�hle sich legte, hielten sie einander fest, noch immer gegen die Bergwand gepresst, und fl�sterten einander ihre Schw�re ins Ohr, er, dass er den Rakshas nicht verfolgen werde, sie, dass sie vorsichtig sein werde. Dann k�sste er sie, half ihr, den Umhang festzuziehen, und fuhr mit der Hand z�rtlich �ber ihr Haar, ehe er sie zu dem Pfad Zur�ckbegleitete, der in den Kessel hinunter f�hrte. Sie sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschlungen hatte, dann wanderte sie zur�ck zu den Lichtern des firbolgschen Regierungssitzes, gepeitscht vom heulenden Wind.</p></section><section><title><p>46</p></title><p>Der Morgen graute fr�h. Lange vor dem Wachwechsel oder auch nur den regelm��igen Wachg�ngen hatte sich Rhapsody mit ihren Bolg-Partnern auf der Heide getroffen, Proviant f�r einen Monat eingepackt und Reisekleidung im Verein mit einer grimmigen Miene angelegt.</p><p>Der w�rzige Duft des Herbsts lag in der Luft und verlangte nach einem kurzen Augenblick der Aufmerksamkeit. W�hrend die M�nner noch die Ausr�stung �berpr�ften, schloss Rhapsody die Augen und dachte daran, wann sie zum letzten Mal den Duft verbrannter Bl�tter im k�hler werdenden Wind gerochen hatte.</p><p>Seit langer Zeit dachte sie wieder zur�ck an die Insel, doch ihre Erinnerungen waren nicht so schmerzlich wie die Gegenwart. Die Erntezeit war immer sehr aufregend gewesen, voller Hoffnung und Gefahr, viel berauschender und romantischer als der Sommer eine Zeit, in der kleine Dinge von gr��ter Bedeutung zu sein schienen und einem alles sehr nahe ging. <emphasis>Was immer deine Hoffnungen sein m�gen, verwirkliche sie jetzt,</emphasis> schien die Erde zu sagen, w�hrend sie ihre pr�chtigen Trauerkleider anlegte. <emphasis>Die Zeit wird knapp. Der Winter kommt</emphasis>.</p><p>�Fertig, Sch�tzchen?� Grunthors dr�hnende Stimme durchbrach die Stille und Rhapsodys Gr�belei.</p><p>Sie blickte �ber die Felder, die in der grauen Morgend�mmerung langsam heller wurden. In der Nacht hatte es Frost gegeben, und der Boden glitzerte im Licht der Tagessternfanfare. Sie steckte das Schwert in die Scheide und ber�hrte ihre R�stung aus Drachenschuppen.</p><p>�Ja�, antwortete sie. �Gehen wir.�</p><p>Gerade kletterte die Sonne �ber die h�chste Bergspitze, als die drei den Gipfel erreichten. Sie hatten die Zahnfelsen schweigend und ohne gro�e Anstrengung �berwunden, und ihre Schatten verschmolzen mit denen der Berge, lang und zahnf�rmig, im zunehmenden Licht des unter ihnen liegenden Tales.</p><p>Von hoch oben sah die gro�e Schlucht aus wie ein d�nnes gewundenes Band zu F��en des Gebirgsmassivs. Achmed stand zwischen den dahineilenden Wolken und lie� den Blick �ber die Bergkette schweifen, starrte, ohne auf den heulenden Wind zu achten, �ber die Steppe und zu den dahinter liegenden Feldern von Bethe Corbair. Langsam drehte er sich im Kreis, die Welt zu seinen F��en, und suchte mit den Augen den Horizont ab. Dann lie� er sich auf der h�chsten Stelle nieder und kl�rte seine Gedanken.</p><p>Rhapsody hielt sich an ihre Anweisung, zu schweigen und sich auch ansonsten so still wie m�glich zu verhalten. Neben Grunthor war sie die Einzige, die jemals zuschauen durfte, wie Achmed eine Spur aufnahm, und sie wusste, dass dies ein ungeheurer Vertrauensbeweis war. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie er die Augen schloss, leicht den Mund �ffnete und die d�nne Luft und die Feuchtigkeit der Wolken einatmete. In der einen Hand hielt er das mit dem Blut des Rakshas verkrustete Hemd. Die andere Hand streckte er mit der Handfl�che nach oben aus, als wollte er die Windrichtung testen.</p><p>Achmeds Atem wurde immer ruhiger und tiefer. Als er den richtigen Rhythmus gefunden hatte, wandte er die ganze Aufmerksamkeit seinem Herzen zu. Er konzentrierte sich auf den Herzschlag, den Druck, der auf Gef��e und Venen ausge�bt wurde, und verlangsamte den Puls so, dass er ihn gerade noch am Leben erhielt. Dann jagte er s�mtliche verirrten Gedanken aus seinem Kopf, bis nichts mehr blieb au�er der Farbe Rot. Alles andere verblasste, nur noch die Vision von Blut stand vor seinem inneren Auge.</p><p>Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihm der Klang und das Gef�hl von Millionen schlagender Herzen fast das Geh�r geraubt h�tte. Jetzt aber existierten auf der ganzen Welt nur noch ein paar tausend Herzen, die er h�ren konnte. Die von Rhapsody und Grunthor erkannte er sofort, aber die anderen waren weit weg und flackerten an den fernen Grenzen seiner Blutsinne. Doch dann h�rte er es. In mittlerer Entfernung, nicht sehr weit weg, konnte er das Herz des Rakshas schlagen h�ren, konnte das Pulsieren des Bluts in den Fingerspitzen seiner hoch gehaltenen Hand f�hlen. D�monenblut, vermischt mit dem Blut eines Tieres. Das Blut auf dem Hemd, das Blut in diesen Venen es stimmte �berein. Vollkommen still stand er da. Er lockerte den Puls seines eigenen Herzens und verlieh ihm den Rhythmus der D�monenkreatur. Als wollte man ein Schwungrad in der Bewegung einfangen, so konnte auch er zun�chst nur einen Schlag von f�nfen synchronisieren, dann jeden zweiten, bis schlie�lich alle Schl�ge im Gleichklang waren. Ihre Herzen rasteten ein, und Achmed l�chelte.</p><p>Langsam �ffnete er die Augen.</p><p>Geduldig hatte Rhapsody ihm zugesehen, denn sie wusste, dass es Stunden oder Tage dauern konnte, ehe er den richtigen Puls gefunden hatte, wenn es ihm denn �berhaupt gelang. So war sie �berrascht, als Grunthor pl�tzlich seine Streitaxt packte und auf die F��e sprang. Sie hatte keine Ver�nderung in Achmed wahrgenommen, aber der Bolg-Riese anscheinend schon. So hatte sie gerade noch Zeit, sich aufzurappeln, da war Achmed auch schon auf und davon. Er rannte den Berghang hinunter wie ein Jagdhund, der eine frische F�hrte aufgenommen hat. Um seine Kameraden nicht zu verlieren, blieb er im Licht und kreuzte den Weg des Windes, statt sich instinktiv zu tarnen. Er folgte seinem Herzschlag, der ihn unbeirrbar zum Rakshas f�hren w�rde. Grunthor hatte ihn bereits ein oder zweimal auf einer solchen Jagd begleitet, und daher fiel es Achmed etwas leichter, jemanden anzuf�hren, ohne dabei die Spur zu verlieren. Inzwischen konnte er recht gut mit anderen zusammenarbeiten und brauchte nicht mehr ausschlie�lich allein zu jagen.</p><p>Rhapsody und Grunthor setzten sich in Trab. Erstaunt stellte Rhapsody fest, wie schnell Achmed war, vor allem, weil er nicht rannte. Er eilte den holprigen Weg hinunter zum steilsten Abschnitt der Felswand und kroch an ihr hinunter wie eine Spinne. Als seine Gef�hrten den Abhang erreichten, drosselte er sein Tempo ein wenig, dass sie ihm folgen konnten, ohne abzust�rzen, aber als er schlie�lich auf der Heide ankam, gab es f�r ihn kein Halten mehr, und er spurtete weiter, schnell wie der Wind.</p><p>Am Fu� der benachbarten Bergkette wartete Jo. Obgleich sich die anderen so gro�e M�he gegeben hatten, ihren Aufbruch vor ihr geheim zu halten, war sie mitten in der Nacht aufgewacht und ihnen leise gefolgt. Allerdings war sie nicht auf den Gipfel geklettert, denn dort h�tte man sie bestimmt entdeckt, und irgendwann mussten ihre drei Freunde ja sowieso wieder herunterkommen. Sie hatte die Bergkette an einer anderen Stelle �berquert und dann die drei beobachtet, wie sie den Gipfel bestiegen hatten, winzige schwarze Gestalten, verloren im glei�enden Sonnenlicht.</p><p><emphasis>Was haben sie nur vor?,</emphasis> fragte sie sich. <emphasis>Und was mache ich hier?</emphasis> Sie schien nicht mehr selbst bestimmen zu k�nnen, was sie tat, sondern wurde beherrscht von einem sonderbaren, Zielgerichteten Gef�hl, das ihr den Magen verkrampfte und sie schwindeln machte, sodass sie sich bewegte wie in einem Traum. Es erinnerte sie an die Zeit, als Cutter, einer ihrer Besch�tzer auf der Stra�e, ihr die schlechten Fliegenpilze aufgeschwatzt hatte. Er hatte ihr sch�ne Visionen und ein herrliches Farberlebnis versprochen, aber stattdessen war sie in eine albtraumartige Trance und Paranoia verfallen und stundenlang nicht wieder herausgekommen. Doch das jetzt war weit schlimmer. Die Wirkung der Pilze hatte irgendwann nachgelassen, ihr jetziger Zustand aber wollte nicht aufh�ren, und sie hatte Angst, dass es immer so bleiben w�rde.</p><p>Seltsame Gedanken plagten sie, wenn sie wach war, Gedanken an Mord und Gewalt, die sie zugleich qu�lten und gefangen nahmen. Vor ein paar Tagen hatte sie eine Pr�gelei zwischen zwei Bolg-Kinder n verfolgt und war vom Anblick des Bluts regelrecht fasziniert gewesen. Als einer der Streith�hne vor Schmerzen aufgeschrien und sein Arm pl�tzlich in einem �u�erst ungesunden Winkel vom K�rper abgestanden hatte, war sie keineswegs entsetzt gewesen wie damals, als Vling abgest�rzt war, sondern geradezu erregt. <emphasis>Was ist nur los mit mir?,</emphasis> �berlegte sie, aber wieder sp�rte sie das Ziehen im Bauch, und auf einmal verschwand die Frage aus ihren Gedanken. Als die drei vom Berg herabstiegen und die Steppe �berquerten, folgte sie ihnen, ohne ein zweites Mal nachzudenken. Wie eine Schlafwandlerin.</p><p>Eine Woche lang waren die drei dem Rakshas nun schon auf den Fersen. Nachts schliefen sie ohne Feuer, tags�ber rannten sie die meiste Zeit und hielten nur an, wenn die F�hrte eine Zeit lang verharrte oder sie verschnaufen mussten. Erbarmungslos verfolgten sie ihre Beute, �ber das Vorgebirge der Zahnfelsen, �ber die Grassteppen und die weite Ebene von Bethe Corbair hinweg bis auf die Kreideh�gel des orlandischen Plateaus, als Achmed abrupt stehen blieb. Einen Augenblick reckte er die Hand in den Wind, dann ballte er sie langsam zur Faust. Er nickte den beiden anderen kurz zu, dann verschwand er auf der Hochebene gleich hinter dem H�gelkamm. Grunthor und Rhapsody folgten ihm, krochen �ber den Boden, bis sie ihn schlie�lich fanden. Er lag am Rand eines flachen Tales und deutete stumm hinunter, obwohl das nicht n�tig gewesen w�re. Der Anblick, der sich ihnen bot, war eindeutig: Dort stand eine Gruppe von neun M�nnern, drei zu Pferd, und nahm von einem ebenfalls berittenen, grau gekleideten Mann mit kupferroten Haaren Befehle entgegen.</p><p>Rhapsodys Herz setzte einen Schlag aus, als sie ihn sah; auf diese Entfernung h�tte man den Mann ohne weiteres f�r Ashe halten k�nnen. Zwar hatte sein Haar nicht denselben metallenen Glanz, aber ansonsten konnte sie keinen Unterschied erkennen. Er winkte seinen M�nnern, woraufhin diese rasch in westlicher Richtung davonritten, und wandte sich selbst in langsamem Trott nach Nordosten. Achmed l�chelte, w�hrend Grunthor auf dem Bauch davonkroch und verschwand. <emphasis>Jetzt k�nnte ich ihn mit einem glatten Cwellan</emphasis>-<emphasis>Schuss erledigen,</emphasis> dachte er. <emphasis>Nun ja</emphasis>. Er wandte sich an Rhapsody, die sein L�cheln erwiderte. Gleich w�rde Grunthor mit den Pferden der anderen M�nner zur�ckkehren, und sobald die Tiere festgebunden und versteckt w�ren, w�rden sie weiterziehen.</p><p>Noch ein paar Stunden folgten sie dem Rakshas. Hinter ihm erklommen seine Verfolger einen kleinen H�gel und gelangten dann auf ein gro�es Weizenfeld, das bereits abgeerntet war; nur wenige �hren standen noch, wie erstarrte Erinnerungen an den Frost der vorangegangenen Nacht. Als der Rakshas an einen Bach in einem kleinen Tal gelangte, tippte Grunthor Achmed auf die Schulter und nickte. Achmed hob die Hand und ballte sie wieder zur Faust. Sofort nahmen Grunthor und Rhapsody ihre Pl�tze ein. Achmed wartete, bis sie richtig standen, und verschwand dann im Hochgras.</p><p>Langsam ritt der Rakshas �ber das Feld. Seine Augen waren auf den Horizont gerichtet, seine Gedanken wandelten auf den ihm so vertrauten Pfaden von Folter und Tod. Bald w�rde sich die Abendd�mmerung herabsenken. Dann w�rde er sein Pferd schlachten und sein Blut in sich aufsaugen, um sich, erstarkt wie eine Feuerflamme in der Nacht, dem Berg zu n�hern. Wie bei Leuten, die vor dem Erwachen sehr intensiv tr�umen, so erfand der begrenzte Verstand des Rakshas immer neue Todesarten f�r den Bolg-K�nig. Er hatte einen Soldaten der Bolg-Truppen gefangen und am�siert den Schauergeschichten des Mannes �ber das Auge, die Klaue, die Ferse und den Bauch des Berges gelauscht. <emphasis>Dummkopf,</emphasis> hatte der Rakshas gedacht, als er die Kehle des Bolg durchschnitten und sich herabgebeugt hatte, um das aus den Adern spritzende Blut zu trinken. <emphasis>Ich bin das Auge, das Ohr und die Hand dessen, der schon Berge dem Erdboden gleichgemacht hat</emphasis>.</p><p>Die Sonne stand hoch am Himmel, und er konzentrierte sich auf die Schritte seines Pferdes, falls es auf einer gefrorenen Pf�tze ausrutschte. Daher war er ein wenig �berrascht, als das Tier pl�tzlich unter ihm zusammenbrach.</p><p>Mit der Beh�ndigkeit des Wolfs in seinem Blut sprang er aus dem Sattel, um nicht unter seinem Reittier begraben zu werden, rollte sich ab und kam blitzschnell auf die F��e, das Schwert in der Hand. Sein Pferd war mit einem einzigen Schuss get�tet worden. Suchend blickte er um sich, wo der Schuss hergekommen war, aber stattdessen entdeckte er einen Riesen mit einer gigantischen Streitaxt, die sich mit t�dlicher Schnelligkeit auf ihn herabsenkte. Das Adrenalin schoss durch seine k�nstlichen Adern, als er Grunthor nach der Beschreibung des M�dchens erkannte und begriff, dass er seinen Feinden in die Falle gegangen war. Er hob die Hand in Richtung des Riesen und lie� eine schwarze Feuerwand aufsteigen. Doch die Flammen verschwanden sofort wieder, gegen seinen Willen zum Erl�schen gebracht. Der Schock war so gro�, dass er sich umwandte und floh.</p><p>�Hallo, Schatz. Es ist lange her, ich habe dich vermisst.�</p><p>Rhapsody stand nicht weiter als f�nf Fu� von ihm entfernt, die brennende Klinge der Tagessternfanfare in der Hand. Der Rakshas hob den Arm, um den Todessto� zu parieren, den sie davon war er �berzeugt auf sein Herz richten w�rde. Daher war er nicht im Geringsten darauf vorbereitet, als sie ihm stattdessen einen Schlag gegen die Knie verpasste. Hinter sich h�rte er Grunthors schwere Schritte und versuchte, zur Seite auszuweichen, aber seine Flucht wurde durch einen weiteren Schlag mit der Feuersternwaffe vereitelt.</p><p>�Wohin willst du denn? Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht an mir vorbeikommst.�</p><p>Sie verstellte ihm den Weg; wenn er sich auf einen Zweikampf mit ihr einlie�e, w�rde er eine leichte Beute f�r den Riesen werden. Verzweifelt suchte der Rakshas eine bessere Ausgangsposition, aber wie ein Falke, der nach seinem Gesicht krallte, so wich die zierliche Frau seinen Schl�gen aus und trieb ihn immer wieder zur�ck. Dann aber weiteten sich seine Augen vor Schreck und Schmerz: Grunthor hatte ihm seine Streitaxt in den R�cken gesto�en und ihn glatt durchbohrt, sodass die speerartige Spitze nun aus seiner Brust ragte.</p><p>�Rhapsody!�, br�llte er, als Grunthors Speerspitze ihn durchbohrte. �Ihr G�tter, nein! Ich bin es, Ashe. Ich bin nicht der, den ihr sucht! Hilf mir, bitte!�</p><p>Als Rhapsody n�her an ihn herantrat, st�hnte er wie in Todesqualen und streckte die H�nde nach ihr aus, wodurch er die Waffe aber nur noch weiter in seine Brust trieb. Seine Augen, leuchtend blau wie der Himmel, begegneten den ihren und flehten um Gnade. Doch als ihm nichts dergleichen zuteil wurde, wurde sein Blick hart, unerbittliche Schmerzen �berfluteten ihn. Ein paarmal holte er m�hsam Luft, dann erschauderte er heftig.</p><p>�Ihr G�tter�, wimmerte er. �Wie k�nnt ihr nur so t�richt sein? Ich bin es, Rhapsody, dein Geliebter!� Doch Grunthor drehte die Streitaxt brutal in der Wunde um, und wieder rang der Rakshas krampfhaft und ger�uschvoll nach Atem.</p><p>Trotz allem, was Rhapsody �ber die b�sartige Kreatur wusste, tat ihr das Herz bitter weh, als sich die Gesichtsz�ge des Rakshas, die denen Ashes so �hnlich waren, in Todesqualen verzerrten und seine Gliedma�en auf Grunthors Spie� wild zuckten. Sie h�rte das Zischen von S�ure auf gefrorenem Boden; der �berw�ltigende Gestank, den sie schon kannte, stieg vom Feld auf, so durchdringend, dass ihr �bel wurde. Sie blickte zu Grunthor empor.</p><p>�Bist du bereit?�, fragte sie den Mann, der ihr erster Schwertkampflehrer gewesen war. Grunthor nickte. �Alles klar, Hoheit. Mach saubere Arbeit.�</p><p>Rhapsody sammelte sich, sprang vor, trieb die Tagessternfanfare tief ins Herz des Rakshas und zerteilte es in der Mitte. Er stimmte ein wildes, klagendes Heulen an, das in den Ohren schmerzte, und wand sich heftig auf Grunthors Spie�.</p><p>Rhapsody wischte ihre Klinge auf dem Boden ab, wo das Eis schmolz und eine tiefe Brandspur in der gefrorenen Erde zur�ckblieb.</p><p>�Welch eine unheilige Sauerei�, stellte sie fest.</p><p>Dann ber�hrte sie den K�rper des Rakshas mit der Flamme des Schwerts und beobachtete, wie er erschlaffte und zu schmelzen begann, als das Eis und der Lehm, aus denen er gemacht war, mit der elementaren Kraft von Feuer und Sternenlicht in Ber�hrung kam. Die Flamme brannte golden und hell, Rhapsodys eigenes Feuer, nicht das schwarze Feuer des D�mons, und sie sp�rte, wie das B�se verbrannte, w�hrend die Flammen den K�rper des Rakshas verzehrten. Schlammb�che rannen von der brennenden Gestalt herab, die langsam dahinschmolz.</p><p>Achmed stand bereit und wartete auf den Moment des Todes. Grunthor schwang die flammende Streitaxt und hielt den riesigen Speer gerade.</p><p>�Ein W�rstchen, Herr?�, fragte der Sergeant ernst und wackelte ein wenig mit dem Speer. Achmed unterdr�ckte ein Lachen. Dann kl�rte er, tief atmend, seine Gedanken und begann das Bannritual. Sofort �bernahm sein Instinkt das Kommando, und die Bewegungen kamen von ganz allein. Achmed schloss die Augen.</p><p>Sein Mund �ffnete sich leicht, und aus der Tiefe seiner Kehlen drangen vier verschiedene T�ne, in einem Einzelton gehalten; ein f�nfter wurde durch seine Stirnh�hlen und seine Nase kanalisiert. Es klang, als s�nge er mit f�nf Stimmen zugleich. Dann begann seine Zunge rhythmisch zu klicken, und der K�rper des Rakshas wurde starr, als h�tte jemand ihn gerufen. Achmed hob die rechte Hand, die Handfl�che steif, ge�ffnet, vor den brennenden K�rper des Rakshas, ein Zeichen zum Halten. Dann bewegte sich die linke Hand langsam seitlich und nach oben und suchte mit weich pulsierenden Fingerspitzen die Vibrationsf�den, die vom Blut des Rakshas aufstiegen. Wie im Wind treibende Spinnweben konnte er sie f�hlen, F�den einer im Anbeginn der Zeit geborenen Natur, Fingerabdr�cke des uralten B�sen, das mit der Insel h�tte sterben m�ssen, nun aber von seiner rechten Hand und seinem dhrakischen Blut in Schach gehalten. Auch sp�rte er noch die Gegenwart eines anderen Urgeists, der so ganz anders war als der D�mon. Behutsam lie� er die Finger in die metaphysischen F�den gleiten, holte sie heran zu seiner Handfl�che und kr�mmte dann die Hand, um die F�den aufzuwickeln. Als er den K�rper des Rakshas zucken sah, zog er noch einmal kr�ftig an der unsichtbaren Fessel. Seine Augen wurden schmal, und der Rakshas r�hrte sich pl�tzlich nicht mehr. Ein gl�hendes Licht strahlte aus seinem erstarrten K�rper, stieg aus den goldenen Flammen empor, und Rhapsody stockte der Atem. Es war das St�ck von Ashes Seele, vom Tod aus der schmelzenden Gestalt befreit, bereit, sich in den �ther zu erheben und aufzul�sen. Achmed hielt das Blut des D�mons in seinem Bann, aber die Seele geh�rte Gwydion, und sie schwebte, aus ihrem Gef�ngnis erl�st, eine Weile in der Luft, als wartete sie auf einen warmen Wind, der sie dem Licht entgegentrug.</p><p>Rhapsody richtete die Tagessternfanfare auf die pulsierende Essenz und sang Ashes Namen. Das Seelenst�ck hielt in der Bewegung inne. Rasch lief Rhapsody zu dem brennenden K�rper, griff in die Flammen und packte das Seelenst�ck, riss es aus den Klauen des Todes und dr�ckte es an ihr Herz.</p><p>Voll Staunen beobachtete Grunthor, wie das Licht in sie �berging, ihren Oberk�rper erleuchtete, sodass er einen Augenblick durchsichtig wurde, sich zu einem Gl�hen abschw�chte und dann verlosch. F�r einen Augenblick schimmerte Rhapsodys Haar rotgolden, als h�tte ein Strahl der untergehenden Sonne es ber�hrt, dann nahm es wieder seine normale Farbe an. Achmed war noch immer ganz in den seltsamen dhrakischen Todestanz versunken, w�hrend die Eisgestalt schmolz und als rote Fl�ssigkeit in die Erde versickerte. Doch als Grunthor wieder zu Rhapsody hin�bersah, deren Gesicht bei ihrer Vereinigung mit dem Seelenst�ck einen geradezu ekstatischen Ausdruck angenommen hatte, schlug ihm bares Entsetzen entgegen. Sie starrte auf etwas, was sich hinter Achmed befand. Aus dem Augenwinkel nahm Grunthor die Bewegung wahr, als die Gestalt einen Sprung nach vorn machte, aber er stand zu weit weg, um das Vorhaben zu vereiteln. Rhapsody hatte Jo sofort erkannt, trotz des unmenschlichen Ausdrucks auf ihrem eingefallenen, zu einer d�monischen Fratze verzerrten Gesicht. Augenblicklich war ihr auch Jos Absicht klar; das M�dchen schwang den Bronzedolch, den Grunthor ihr im Haus der Erinnerungen geschenkt hatte, und wollte ihn dem Firbolg-K�nig, der noch immer ganz in sein Bannritual versunken war, in den R�cken sto�en. Es war zu sp�t, sie aufzuhalten, und Rhapsodys Herz gefror, als ihr klar wurde, was sie tun musste. Sie versetzte Achmed einen Sto�, dass er auf den gefrorenen Boden st�rzte, unterbrach damit das Bannritual und warf sich zwischen Jo und den Dhrakier. Jo �nderte sofort ihren Kurs, und sie war schnell, viel schneller, als Rhapsody geahnt hatte. Der lange Dolch zischte durch die Luft und zielte auf Achmeds Herz. Rhapsodys einzige Chance, ihn zu retten, bestand darin, den Hieb mit dem Schwert zu parieren, und so schwang sie die feurige Klinge und durchbohrte mit grausiger Leichtigkeit Jos Bauch. Noch bevor sie sich erheben konnte, sah sie, dass sie ihrer Schwester eine t�dliche Wunde beigebracht hatte. Jo lie� den Dolch fallen. Ihr Mund �ffnete sich, sie torkelte und starrte auf das Loch in ihrem Bauch. Zuerst schien es nur ein Riss in ihrem Hemd zu sein, der sich erst schwarz, dann dunkelrot f�rbte, doch dann klaffte die Wunde auseinander, und die Eingeweide quollen heraus. Sie sah Rhapsody an, und Furcht breitete sich �ber ihr Gesicht, ein Gesicht, das ohne die d�monische Maske zutiefst vertraut war. Rhapsody war leichenblass geworden. Sie lie� das Schwert sinken und streckte ihrer Schwester die Hand entgegen. Blut floss aus der t�dlichen Wunde, und Jos Knie gaben unter ihr nach. Doch zwischen den heraush�ngenden Eingeweiden sah Rhapsody noch etwas anderes: eine winzige gr�nschwarze Schlingpflanze, wie eine Weinrebe oder eine Kletterbohne, aus der ein Dorn zu wachsen schien.</p><p>Auf einmal waren alle Ger�usche um sie herum in einem Augenblick h�chster Konzentration ausgeblendet, und in der vollkommenen Stille erinnerte Rhapsody sich an Ashes Worte: <emphasis>Er war wie eine Schlingpflanze, die sich um mein Innerstes rankte und sanft wie ein Windhauch Teil von mir wurde, sich ohne Z�gern ausbreitete, bis er meinen Brustkorb zur G�nze ausf�llte</emphasis>. Das Grauen, das allm�hlich in ihr Bewusstsein drang dass sie Jo get�tet hatte, wich einem noch gr��eren Entsetzen.</p><p>�Ihr G�tter! Achmed! <emphasis>Achmed!</emphasis> Sie ist gefangen!�</p><p>Die drei sahen Jo an und blickten dann auf den Boden. Der Raureif auf dem Gras stieg in einem Nebel auf und verdickte sich zu einer seilartigen Wolke, die sich von Jos Bauch bis zu dem Feld hinter ihnen erstreckte. Die Wolke wurde dunkler und fester, bis sie sich schlie�lich zu einer fasrigen Ranke verflocht, dornig und bedeckt von silbern gl�nzender Rinde. Sie drehte sich, erhob sich langsam, zog Jo ruckartig zu Boden und zerrte sie in Richtung ihres verborgenen Ursprungs.</p><p>Gelbe Schaumflocken drangen aus Jos Mund, und ihre Haut verf�rbte sich grau, w�hrend das Blut aus ihren Adern spritzte und ihre Freunde benetzte; in stummem Protest hatte sich ihr Mund ge�ffnet, ihr Gesicht war im Todeskampf verzerrt. Schwaches Licht trat aus ihrem Inneren hervor, in die Fesseln der Ranke verstrickt, und ihr K�rper erstarrte. Physisches und Metaphysisches fl�ssen zusammen, w�hrend K�rper und Seele sich zur Trennung bereit machten.</p><p>Grunthor und Rhapsody warfen sich auf Jo und packten ihre steifen Gliedma�en, w�hrend sie am Boden Halt suchten. Mit grimmiger Entschlossenheit zogen sie ihre Waffen, Grunthor seinen Spie�, Rhapsody den Krallendolch, und schlugen mit aller Kraft auf die Ranke ein, um sie aus Jos Eingeweiden herauszuschneiden. Fetzen von Fleisch und Innereien flogen ihnen um die Ohren. Jo gab ein letztes, gurgelndes R�cheln von sich, dann h�rte man nur noch das Zischen der aus ihren Eingeweiden entweichenden Luft, das Rei�en von Muskeln und Haut, das Spritzen von Blut. Die Ranke k�mpfte, als w�re sie lebendig. Ihre Seitenarme streckten sich und schl�ssen sich zusammen, sodass sie eine schuppige Klaue bildeten, die wild auf die Angreifer einhieb und Grunthor das Handgelenk aufriss, dass es heftig zu bluten begann. Ein Tentakel wand sich im W�rgegriff um Rhapsodys Fu�, andere Seitentriebe, an denen dolchartige Dornen gewachsen waren, gingen wie zuckende Schlangen auf ihren R�cken los. Wo sie die Haut ber�hrten, brannte und rauchte es, als spritzte S�ure aus den Dornen.</p><p>Peitschen gleich schlugen die Seitentriebe um sich, spickten Grunthors Gesicht mit spitzen Stacheln, schlangen hunderte kleiner Triebe um seine Handgelenke, die seine dicke Haut zu durchdringen suchten. Die beiden Gef�hrten k�mpften weiter und gaben sich alle M�he, die Angriffe zu ignorieren. Doch obwohl sie Jos K�rper gemeinsam festhielten und zu Boden dr�ckten, schien die Ranke st�rker zu sein, schleifte sie mit zuckenden Bewegungen vorw�rts, zerrte sie hartn�ckig zur Mitte des Felds.</p><p>Inzwischen war Achmed auf das Feld mit dem frostbleichen Korn gelaufen und f�hlte, wie die Luft um ihn herum sich immer mehr auflud. Hier war ein Riss im Universum, ein Ph�nomen, wie er es auch auf der Insel gesp�rt hatte, ein Riss, aus dem das Grauen hervordrang, das vor langer Zeit in die Erde eingeschlossen worden war. Als er das Ende der Ranke erreichte, blieb er stehen. Vor ihm in der Luft zeichneten sich schwach die Umrisse einer T�r ab, aus der Energie hervorquoll, Macht und Dunkelheit. Ein Ekel erregender Gestank, den er inzwischen nur allzu gut kannte und den auch der Rakshas abgesondert hatte, verpestete die Luft.</p><p>�F�dor!�, rief Achmed Grunthor zu. Der riesige Bolg nickte, fuhr jedoch fort mit seinem grausigen Werk, wobei er st�ndig den wild um sich schlagenden Klauen ausweichen musste. Achmed schlug seine Kapuze zur�ck, holte tief Luft und packte die metaphysische T�r. Der Leichengestank, der durch ihre gespenstischen Ritzen drang, legte den Verdacht nahe, dass sie in die Unterwelt f�hrte. Immer wieder b�umte sie sich auf, ein gr�ssliches Br�llen erschallte und hallte �ber die Felder bis ins Tal hinunter.</p><p>Achmed sp�rte sein Blut kochen; in ihm wallte der eingeborene Abscheu seiner Rasse auf, rhythmisch und summend wie ein Grillenzirpen. Vor Wut und Anstrengung zitternd, hielt er die T�r fest und setzte dabei all die Techniken ein, die er vor vielen Jahren erlernt hatte. Mehr mit Willenskraft als mit k�rperlicher St�rke drehte er sich so/ dass er die Schulter gegen das Portal stemmen konnte; die w�tenden Schreie waren wie ein Echo seines eigenen Zorns. Voller Entsetzen gewahrte Rhapsody, dass die Arme der Ranke, die das formlose Licht umklammerten, in eine andere Richtung strebten als diejenigen, welche Jos K�rper fesselten sie versuchten Jos Seele zu entf�hren! In wenigen Augenblicken w�rde die Schwester, die sie geliebt und zu besch�tzen geschworen hatte, auf ewig gefangen sein in den tiefen Erdkammern des Feuers, in den H�nden der letzten verbliebenen F�dor-Geister. Bei dem Gedanken �berlief sie ein hei�er Schauder.</p><p>Sie warf sich nach rechts, rollte sich �ber den Boden von der Ranke weg und �berlie� Grunthor das Hacken und Schlagen. So gut sie konnte, kl�rte sie ihre Gedanken, holte tief Atem und begann zu singen. Sie sang Jos Namen, wobei sie im Stillen daf�r dankbar war, dass ihre Schwester ihr endlich gestanden hatte, dass sie keinen Nachnamen hatte, und stimmte dann ein Lied des Haltens an.</p><p>Es begann als einfache Melodie, die st�ndig wiederholt wurde, aber bei jedem Refrain kam ein neues Element hinzu: ein neuer Ton, eine neue Pause, ein neuer Takt. Beim Klang ihrer Stimme erschien ein kleiner Lichtstrahl; er bauschte sich in der Luft um die formlose Masse, die in den Spiralen der Ranke schimmerte, drehte und wand sich, bis er zu einer leuchtenden Kette wurde, die im Wind baumelte. Immer und immer wieder sang Rhapsody die Verse, bis sie zusammenfl�ssen und einen Kreis, dann eine Kugel aus winzigen Lichtringen bildeten, �hnlich dem schimmern den Panzer aus Drachenschuppen. Wie ein Netz schickte sie diese in die Luft und f�gte Jos Namen und ihre eigene Stellung als ihre Schwester in das Lied ein, bis sie die leuchtende Seele endlich eingefangen hatte. Sekunden sp�ter standen die Kette und die Ranke sich gegen�ber, und Jos Seele steckte zwischen den beiden.</p><p>Das schimmernde Licht k�mpfte gegen seine musikalischen Fesseln, ruckte in zielloser Angst vor und zur�ck. Rhapsody ging allm�hlich die Luft aus, und ihr Gesang nahm einen Stakkato-Charakter an, als die Wirklichkeit sie einholte. Mit gro�er Anstrengung und ohne die Melodie zu unterbrechen, hob sie die Tagessternfanfare �ber ihren Kopf und lie� das Schwert mit aller Kraft auf den Hauptarm der Ranke niedersausen, der Jos K�rper mit der T�r verband. Ein gr�sslicher Schrei dr�hnte in ihren Ohren; die Ranke begann zu pulsieren, Seitenarme und Dornen schlugen wild um sich und hieben in blinder Wut auf alles ein, was sich in ihrer N�he befand. Grunthor wurde beiseite geschleudert, als das m�chtige Tau zerriss, wie eine Peitsche �ber das Feld schnellte und durch die T�r verschwand. Nur dank seiner au�ergew�hnlichen Beh�ndigkeit gelang es Achmed, ihr auszuweichen, als sie an ihm vorbeischoss. Von ihren Fesseln befreit, sackte Jos Leiche zu Boden, und Grunthor, der inzwischen wieder auf die F��e gekommen war, entfernte rasch die letzten �berreste der Ranke aus ihrer Bauchh�hle. Achmed stolperte, hielt sich aber aufrecht, w�hrend der Riss im Universum zu Nebel verschmolz, bis er schlie�lich nicht mehr zu sehen war. Vorsichtig blickte der Bolg-K�nig um sich und kehrte dann zu der Stelle zur�ck, wo der Rakshas gefallen war. Dort kauerte er nieder und ber�hrte nachdenklich den Blutdurchtr�nkten Boden.</p><p>Beharrlich weitersingend, wankte Rhapsody zu Jo und Grunthor. Sie kniete sich auf die eisige, blutige Erde, nahm Jo in die Arme und lie� ihren Tr�nen freien Lauf Tr�nen eines Kummers, der tiefer reichte als alles, das sie je empfunden hatte. Noch immer sang sie, wiederholt von Schluchzern unterbrochen, aber nicht willens, Jo loszulassen. Langsam und ohne recht zu merken, was sie tat, stopfte sie die Eingeweide des M�dchens zur�ck in den Bauch. Die grelle Sonne schmerzte ihr in den Augen, und die Welt verschwamm in einem grausigen Dunst.</p><p><emphasis>Rhapsody</emphasis>. So laut dr�hnte das Blut in ihren Ohren, dass sie das Fl�stern kaum vernahm. Durch den Tr�nenschleier blickte sie hinab in Jos Gesicht. Inzwischen hatte die Todesbl�sse eingesetzt, und ihre Augen, die in endg�ltiger Erstarrung ebenso offen standen wie ihr Mund, reflektierten blind das Sonnenlicht. Doch die Stimme rief, leicht wie die Luft, abermals ihren Namen in dem Versuch, das stockende Lied zu �bert�nen.</p><p><emphasis>Rhapsody, lass los. Es tut weh</emphasis>.</p><p>�Es tut mir Leid. Es tut mir Leid. Ich wollte dir nie wehtun. Ich kann es wieder gutmachen, Jo.� Ihr Schluchzen brach durch die Musik. �Halt durch, Jo, halte durch. Ein Lied, ich kann dich mit einem Lied zur�ckholen. Das habe ich bei Grunthor auch geschafft ich finde einen Weg, es muss einen geben. Ich kann es wieder gutmachen.�</p><p><emphasis>Rhapsody, lass mich gehen. Meine Mutter wartet auf mich</emphasis>.</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf und versuchte, die Worte zu verscheuchen, die weit weg auf dem Wind schwebten. Obwohl sie leichter waren als die Luft, die in schmerzlichen Wellen um sie herum pulsierte, besa�en sie doch eine Endg�ltigkeit, eine Bestimmtheit, die sie nicht leugnen konnte. Tief in ihrer Seele, in dem Teil, in dem sie und Jo vereint waren, f�hlte sie eine Ungeduld, das Bestreben, sich so schnell wie m�glich aus der Schwere der Welt zu befreien.</p><p>Zitternd brachte sie ihr Lied zu Ende und zog Jos K�rper noch einmal an ihr Herz. Aber die Musik h�rte nicht auf; sanfte, tiefe T�ne antworteten in der Erde und in der Luft dem Herzen der S�ngerin, die nicht gehorchen wollte, obwohl sie genau wusste, dass es richtig war. In Jos K�rper setzte bereits die Totenstarre ein, aber Rhapsody konnte die Stimme jetzt klarer h�ren, auch wenn sie so luftig war wie zuvor.</p><p>Du <emphasis>hattest Recht, Rhapsody. Sie liebt mich wirklich</emphasis>. Rhapsody begann unkontrollierbar zu zittern, und sie rang zwischen Weinen und Schluchzen nach Luft. <emphasis>Das Gl�ck wartet auf mich. Lass mich gehen. Ich m�chte wissen, wie es sich anf�hlt</emphasis>.</p><p>Auf einmal lagen Grunthors riesige Pranken leicht auf ihrem Kopf. �Lass sie gehen, Sch�tzchen. Sag ihr auf Wiedersehen und schenk ihr einen guten Abschied, dem armen M�dchen.�</p><p>Irgendwo in ihrem Inneren fand Rhapsody endlich die Kraft, Jo loszulassen. Behutsam legte sie ihre Schwester wieder auf den Boden, und die Musik verklang. Mit bebenden H�nden dr�ckte sie ihr die Augen zu, die doch nichts mehr sahen. Obwohl ihr noch immer der Kopf schwirrte, stimmte sie stockend das Lirin-Lied des �bergangs an, die alterslose Weise, die unter zahllosen Sternenhimmeln erklang, wenn der Rauch der Begr�bnisfeuer aufstieg. In die uralten Texte f�gte sie Worte der Liebe und des Entschuldigens mit ein, Worte der Reinigung von den Fesseln der Erde, um dem M�dchen, das sie wie eine Schwester geliebt hatte, den Weg zum Licht zu erleichtern.</p><p>Weit oben im Zenit h�rte sie die Stimme, ein letztes Mal, weich wie fallender Schnee.</p><p><emphasis>Rhapsody, deine Mutter sagt, sie liebt dick auch</emphasis>.</p><p>Blind vor Kummer lie� sie den Kopf auf Jos leblosen K�rper sinken und weinte, weinte aus den Tiefen ihrer Seele. Vage bekam sie mit, wie Grunthor Jo behutsam auf die Arme nahm und sie von dem Ort wegtrug, an dem sie gefallen war. Sie versuchte, aufzustehen und ihm zu folgen, aber die Erde gab unter ihr nach und sie schwankte; warme, starke H�nde fingen sie auf und hielten sie fest.</p><p>�Hier�, sagte Achmed, drehte sie um und blickte sie an. Vom Hals bis hinunter zu den Knien war sie mit Blut besudelt, St�cke der Schlingpflanze und Fetzen von Jos Eingeweiden klebten an ihren verkohlten, noch leise qualmenden Kleidern. Achmed dr�ckte sie an sich, legte einen Arm um ihre Schultern, um sie zu st�tzen, w�hrend er ihr mit der anderen Hand sanft �ber Haar und R�cken strich, mit einer Geste, die Trost bedeutete und sie wieder ins Leben zur�ckrief. Doch pl�tzlich hielt er inne und zog die Hand weg. Sie war �ber und �ber mit frischem Blut bedeckt.</p><p>�Rhapsody?�</p><p>Ihr Gesicht wurde schlohwei�, und sie verdrehte pl�tzlich die Augen. Achmed rief nach Grunthor, w�hrend er Rhapsody vorsichtig auf den Boden legte und verzweifelt die Wunde suchte, aus der das Blut drang. Hastig zog er ihr die R�stung aus Drachenschuppen aus und riss ihr Hemd auf, konnte aber nichts finden. Doch sein Blutsinn leitete ihn; er folgte ihrem schw�cher werdenden Herzschlag hinunter zu ihrem Schenkel und entdeckte dort mehrere h�ssliche Schnitte, einer davon so lang wie seine Hand, in dem noch ein Dorn steckte. Die Wunde pulsierte mit jedem Herzschlag, und Achmed wusste sofort, dass der Dorn eine Arterie durchtrennt hatte. Unter ihr f�rbte sich der Boden purpurrot, das Blut sickerte durch ihre Kleider und in die Erde.</p><p>�Komm, Rhapsody, wir haben schon schlimmere K�mpfe �berstanden�, redete Achmed ihr zu, in dem Versuch, sie bei Bewusstsein zu halten. �Ich wei�, du findest, dass Rot dir gut steht, aber das hier ist jetzt wirklich albern.� Grunthor drehte sie auf die Seite, zog das St�ck Dorn heraus und hielt sie fest, w�hrend Achmed den unteren Rand seines Umhangs abriss und ihr Bein damit verband. Dann holte er seinen Wasserschlauch hervor und spritzte etwas von seinem Inhalt auf ihr Gesicht, in der Hoffnung, sie wieder zur Besinnung zu bringen. Als sie keine Reaktion zeigte, klopfte er auf ihre Hand, dann auf ihre Wange, bis ihre Augenlider sich flatternd �ffneten.</p><p>F�r Achmed gab es keinen Zweifel, dass ihr Zustand gef�hrlich war. �Also, das hat mir jetzt wirklich gefallen�, fl�sterte er ihr ins Ohr. �Werd ruhig noch mal ohnm�chtig, dann kann ich dich noch ein bisschen schlagen.� Wieder reagierte sie nur schwach. �H�r mal, Rhapsody, musst du unbedingt jetzt schlafen? Das ist doch keine Art, dich vor dem Lagerabbrechen zu dr�cken.� In der frostigen Luft war ihr Atem nicht mehr zu sehen. Achmed blickte zu Grunthor auf, und der riesige Firbolg sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Hier, nimm du Jo, ich trage Rhapsody. Die Pferde sind ungef�hr eineinhalb Meilen weit weg, den Abhang dort dr�ben hinunter. Lass uns die beiden von hier wegbringen.�</p><p>�Gut.� Grunthor rannte zur�ck, um Jos Leiche zu holen, und der Boden erbebte unter seinen Schritten.</p><p>So trugen sie die beiden Frauen, die eine tot, die andere dem Tode nahe, den windigen H�gel hinunter zu dem versteckten Lager, wo die Pferde auf sie warteten, sattelten sie grimmig und machten sich eilig auf den Weg nach Sepulvarta.</p></section><section><title><p>47</p></title><p>Der Kessel selbst war unver�ndert geblieben. Dem Berg war der Tod nicht fremd; Canrif und sp�ter Ylorc war nach so mancher Niederlage Zeuge von Leichenwachen gewesen, und auch etliche brutale Morde waren hier ausgeheckt worden. F�r Achmed jedoch war es das erste Mal, dass er hier im Halbdunkel jemanden am Leben zu erhalten versuchte. Unbewusst ging er dabei ganz �hnlich vor, als plante er einen Mord. Immer wieder ging er die Fakten durch, die zahllosen Einzelheiten: wie es dazu gekommen war, die Jagd, das Handgemenge, die Stelle der Wunden, wie das Blut aus Rhapsodys K�rper entwichen war. Auch einen Mord hatte er stets in allen Einzelheiten ausgekl�gelt, und so versuchte er jetzt, die einzelnen Schritte zusammenzuf�gen, wie Rhapsody �berleben w�rde. Aber es zeigte sich kein Erfolg.</p><p>So leise es ihm m�glich war, n�herte sich Grunthor der T�r und klopfte behutsam an. Als er keine Antwort bekam, trat er einfach ein.</p><p>Der Raum war dunkel, abgesehen von dem sp�rlichen Licht einiger Duftkerzen und dem gelegentlichen Aufblitzen der �berall im Zimmer verteilten, seltsam schimmernden Weinflaschen. Eine davon hatte Grunthor auch jetzt in der Hand; sacht schloss er die T�r hinter sich und betrachtete einen Augenblick das flackernde Gef��, bevor er sich Achmed n�herte, der auf dem Stuhl neben dem Bett sa�. Seit vier Tagen und N�chten hatte er diesen Platz nicht verlassen.</p><p>�Herr?�</p><p>�Hmmm?�</p><p>�Ich hab frische Gl�hw�rmchen mitgebracht. Die anderen sind doch bestimmt allm�hlich m�de.�</p><p>Achmed antwortete nicht.</p><p>�Irgendwelche Ver�nderungen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Grunthor blickte auf Rhapsody herab; ob sie schlief oder bewusstlos war, lie� sich schwer sagen. Genau genommen h�tte er im Moment auch nicht schw�ren k�nnen, ob sie �berhaupt noch am Leben war. Ihre f�r gew�hnlich rosige Haut war blass wie die Muschel, die sie vor langer Zeit am Meeresstrand gefunden hatte, und in dem riesigen Bett wirkte sie winzig klein. Schon oft hatte er sie wegen ihrer zierlichen Statur geneckt, aber im Alltag vermittelte sie stets den Eindruck von Kraft und Vitalit�t. Jetzt dagegen erschien sie so zerbrechlich und zart wie ein kleines M�dchen.</p><p>Achmed setzte sich anders hin. �Hast du etwas von Ashe geh�rt?�</p><p>�Nein, noch nicht, Herr.�</p><p>Der Dhrakier st�tzte das Kinn auf den Handballen und verfiel wieder in Schweigen. Grunthor stellte sich etwas bequemer hin.</p><p>�Soll ich nich mal ein Weilchen bei ihr bleiben, Herr? W�rd ich gern, dann k�nntest du ein bisschen schlafen.� Achmed lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die Arme vor der Brust. Noch immer antwortete er nicht. Grunthor wartete ab. �W�re das dann alles, Herr?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Ja. Gute Nacht, Grunthor.�</p><p>Grunthor stellte die Weinflasche auf dem Stein ab, der als Nachttisch diente, und griff dann unters Bett, um die hei�en Steine, die im Zimmer als einzige W�rmequelle dienten, umzudrehen. Achmed hatte darauf bestanden, dass der Raum geheizt und beleuchtet wurde, ohne den Kamin anzuz�nden, aus Angst, dass der Torfrauch Rhapsody schaden k�nnte. Von Grunthor stammte die Idee mit den Gl�hw�rmchen, und er hatte die Firbolg-Truppen losgeschickt, um sie zu sammeln. Im Fr�hherbst war das sowieso eine schwierige Aufgabe, und der Anblick der gro�en Ungeheuer, die in klappernder R�stung mit Weinflaschen �ber die Felder marschierten und eifrig nach schwebenden Insekten haschten, h�tte Rhapsody bestimmt zum Lachen gebracht. Grunthor gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verlie� dann ohne ein weiteres Wort das Zimmer.</p><p>Achmed fuhr fort, sie schweigend zu beobachten. Nach etwa einer Stunde kamen die Firbolg-�rzte herein, mit Heilkr�utern, frischen hei�en Steinen und Stapeln sauberer Musselint�cher, die als Verbandsmaterial dienten. Leise und respektvoll versahen sie ihre Arbeit und verlie�en den Raum, sobald sie fertig waren.</p><p>Als sie weg waren, zog Achmed Rhapsody vorsichtig aus, badete ihre Wunden, wechselte die Verb�nde und zog ihr ein frisches Hemd an. Fr�her hatte er sich immer dar�ber ge�rgert, dass es Rhapsody so wichtig war, die Firbolg an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, Gazeverb�nde gegen die Infektionsgefahr in Kr�uteraufg�ssen einzuweichen oder den Verwundeten vorzusingen, um ihre Schmerzen zu lindern. Nun musste er zugeben, dass die Prozeduren, die sie ihnen und auch ihm gezeigt hatte, sehr wahrscheinlich das waren, was sie am Leben erhielt.</p><p>Er beugte sich vor, st�tzte die Stirn in die Hand und sah hinunter auf die Wellen goldener Haare, die wie ein sonnenbeschienenes Meer ihr Kissen umgaben. Ganz gegen seinen Willen tauchte in ihm eine Erinnerung auf, das erste von zahlreichen Gespr�chen �ber ihre Bem�hungen, Kranke zu heilen.</p><p><emphasis>So kann man auch den Abend verbringen,</emphasis> hatte er gen�rgelt. <emphasis>Ich bin sicher, die Firbolg wissen deine G�te zu w�rdigen und werden sich, wenn du einmal in Not bist, bestimmt revanchieren</emphasis>.</p><p><emphasis>Was soll das hei�en?</emphasis></p><p><emphasis>Deine M�hen werden dir nicht gedankt werden. Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?</emphasis></p><p><emphasis>Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein</emphasis>.</p><p>Doch diese Erinnerungen vermochten ihn jetzt nicht mehr zu belustigen. Er erinnerte sich, wie Rhapsodys Augen im Feuerschein geleuchtet hatten, wie sie gel�chelt hatte, als w�sste sie irgendetwas. <emphasis>Das wirst du dann sein</emphasis>.</p><p>Achmed legte seine Finger auf ihr Handgelenk, dann auf ihren Hals und f�hlte ihren Puls, um zu pr�fen, ob er st�rker geworden war. Er war sp�rbar, k�mpfte und hielt sich wacker, aber Achmed kam er immer noch viel zu schwach vor.</p><p>Nach dem Kampf mit dem Rakshas und Rhapsodys Verwundung waren er und Grunthor mit ihr nach Sepulvarta geritten, weil das der n�chste Ort war, an dem es Heiler gab. Beim Anblick zweier Firbolg-Reiter, die, eine sterbende Frau in den Armen, den H�gel zum Pfarrhaus hinaufgaloppierten, hatte sich Panik verbreitet.</p><p>Auch die Priester hatten Rhapsody nicht wieder zu Bewusstsein bringen k�nnen, und selbst der Patriarch, der eilig aus seiner Zelle im Hospiz herbeigetragen worden war, hatte ihren Zustand lediglich zu stabilisieren vermocht. An der Verzweiflung in den Augen des alten Mannes hatte Achmed erkannt, dass er sie nicht heilen konnte, weil ihm der Ring fehlte, und wieder einmal hatte er Ashe im Stillen verflucht. Alle Bem�hungen der Kirchenleute hatten weiter nichts gebracht, als Rhapsody transportf�hig zu machen, und so hatten die beiden Freunde sie schlie�lich, noch immer bewusstlos und schwach, zur�ck nach Ylorc gebracht. Die Heiler aus den entlegeneren Gebieten, nach denen Achmed geschickt hatte, hatten ihm h�flich geraten, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, und sich angesichts seiner zornigen Reaktion schnellstens wieder zur�ckgezogen.</p><p>�Komm schon, Rhapsody�, murmelte er jetzt, das Gesicht von der Entmutigung verzerrt.</p><p>�Zeig es ihnen, diesen Narren; zeig ihnen, dass du nicht die zarte Metze bist, f�r die sie dich halten zeig ihnen, dass du aus einem anderen Holz geschnitzt bist, wie wir beide genau wissen.�</p><p>Mit der Hand strich er �ber ihr weiches Haar und verbarg den Kopf dann in der Ellbogenbeuge. Als das D�mmerlicht Zimmer noch schw�cher wurde, sah er pl�tzlich ihr Gesicht vor sich, blutend und zerkratzt vom ersten Kampf an der Wurzel, die Augen blitzend im feurigen Dunkellicht des Wegs durch die Erde, als sie ihm den Kr�uterumschlag aufs Handgelenk gelegt und ihr erstes Lied der Heilung angestimmt hatte.</p><p><emphasis>Musik ist nichts anderes als ein Wegweiser durch die Schwingungen, aus denen die Welt gemacht ist. Wer einen solchen Wegweiser hat, findet sich �berall zurecht</emphasis>. Achmed r�ckte noch n�her an ihr Bett, so nahe er konnte, ohne dass es ihr unbequem zu werden drohte. Er beugte den Kopf �ber ihre Brust und sp�rte ihren Herzschlag in seiner Haut, den Rhythmus ihres Atems. Aus unterschiedlichen Winkeln betrachtete er ihr Gesicht und hielt Ausschau, ob sie vielleicht schon nicht mehr ganz so blass war, ob ihre eingefallenen Wangen vielleicht schon ein klein wenig von ihrer fr�heren Form angenommen hatten. Unendlich sorgf�ltig suchte er mit dem Finger die Linie des Blutverlusts unter ihren Augen und kam auf einer verirrten Haarstr�hne am Rand ihrer Wange zur Ruhe.</p><p>�Rhapsody�, sagte er mit feierlicher Stimme, �ich hatte nur zwei Freunde in den beiden Welten. Ich bin nicht willens zuzulassen, dass du das �nderst.�</p><p><emphasis>Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?</emphasis></p><p><emphasis>Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein</emphasis>.</p><p>Das Ritual, mit dem er den Rakshas gel�hmt und gebannt hatte, war das einzige Lied, das er jemals gesungen hatte. Tief aus seinem Bauch drang es hervor, summte durch seine Herzkammern, seine Kehlen und Stirnh�hlen, bis es durch den Sch�del nach au�en drang. Die Melodie war nicht seine eigene, sondern stammte aus grauer Vorzeit, als seine Rasse geboren ward. Die Gro�mutter hatte ihm das Geheimnis anvertraut. Erst indem er es durchgef�hrt hatte, hatte er erfahren, wie es funktionierte.</p><p>Es besa� eine Zweiheit. Die uralte Melodie, die Tonfolge, War die Schlinge f�r die d�monische Seite des F�dor und hielt ihn gegen seinen Willen auf der Schwelle zwischen Erde und Unterwelt fest, in die er fliehen wollte.</p><p>Aber der menschliche Wirt war ebenfalls empf�nglich f�r die Kl�nge; die Schwingungen riefen das Blut ins Gehirn und lie�en es anschwellen. Der Rakshas war ein k�nstliches Gebilde und nicht wirklich lebendig. H�tte er aber den F�dor in seinen Bann geschlagen, den D�monengeist, der den K�rper seines menschlichen Wirts bewohnte, w�re alles anders gewesen. Wenn er allein mit einem solchen Wesen w�re und das Bannritual lange genug aufrechterhalten k�nnte, w�rde die gesteigerte Blutzufuhr den Kopf des Feindes irgendwann zum Platzen bringen. Dies war das einzige Lied, das er kannte, und der Heilungsakt, den Rhapsody wom�glich brauchte. Achmed hatte keine Ahnung, ob er sie damit am Ende umbringen w�rde.</p><p><emphasis>Wei�t du, Grunthor, du k�nntest auch beim Heilen helfen. Du singst doch gern</emphasis>.</p><p><emphasis>Du wei�t doch, worum sich meine Lieder drehen, Gn�digste. Im Allgemeinen jagen sie den Leuten eher einen Schrecken ein. Und ich glaub nich, dass man mich je mit einem S�nger verwechseln k�nnte. Ich hab ja �berhaupt keine �bung</emphasis>.</p><p><emphasis>Der Text spielt �berhaupt keine Rolle. Es kann jede Art von Lied sein. Wichtig ist nur, dass sie an dich glauben. Die Bolg haben dir Treue geschworen. Du bist ihre Version von</emphasis> Dero untert�nigst zu gehorchender Autorit�t. <emphasis>In gewisser Weise haben sie dich benannt. Es ist ganz gleich, was du singst, du musst nur von ihnen erwarten, dass sie gesund werden. Und das werden sie. Ich habe immer behauptet, dass Achmed eines Tages das Gleiche f�r mich tun wird</emphasis>.</p><p>Leise fluchte Achmed vor sich hin, schimpfte in jeder Sprache, die er kannte. �Das hast du schlau eingef�delt, stimmt�s? Aber hat sich das Risiko wirklich gelohnt f�r das bisschen Unterhaltungswert? Ich h�tte dich da drau�en verbluten lassen sollen, das hast du ehrlich verdient daf�r, dass du mir so was zumutest.� Seine Hand zitterte, als er ihr sanft eine Haarlocke aus dem Gesicht strich.</p><p><emphasis>Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein</emphasis>.</p><p>Die verwelkte Bl�te war prall geworden, hatte sich in seiner Hand gestreckt, als er den wortlosen Ruf ihres Namens gesungen hatte. <emphasis>So etwas kann eine Benennerin gewisserma�en von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dings steckt. Mit dem Namen, steht und f�llt unsere Identit�t. Er ist unsere Essenz, unsere pers�nliche Geschichte, und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch ver�ndert haben m�gen</emphasis>.</p><p>Achmed seufzte. Sie hatte ihn dazu verpflichtet, und er hatte es damals nicht einmal gemerkt. Sie hatte ihm den Schl�ssel gegeben, wie er ihr helfen konnte, und das ausgerechnet in dem Augenblick, als er sich �ber sie hatte lustig machen wollen. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, er war zu ihrem Heiler bestimmt.</p><p>Verstohlen sah er sich im Zimmer um, und als er sich vergewissert hatte, dass sie allein waren, r�usperte er sich und versuchte einen musikalischen Ton hervorzubringen, aber er konnte sich nicht �berwinden. �Verdammter <emphasis>Hrekin,</emphasis> das war wirklich eine brillante Idee�, brummte er und funkelte sie w�tend an. �Du verlangst musikalische H�chstleistungen von jemandem, der in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal gesungen hat. Warum fragst du nicht gleich einen Felsbrocken? Da h�ttest du sicher mehr Gl�ck.� Verzweifelt durchforschte er sein Ged�chtnis nach einem anderen Lied.</p><p>Das obsz�ne Marschlied, mit dem Grunthor die neuen Rekruten begl�ckt hatte, fiel ihm ein und zauberte ganz unerwartet ein L�cheln auf sein Gesicht. Ein paarmal hatte Rhapsody es mit Jo zum Besten gegeben und dabei den Akzent des Sergeanten ins Komische �berzogen. Doch sein L�cheln erlosch, als er an Jo dachte, die jetzt bleich und leblos in der stillen Kammer lag, welche das einzige Heim gewesen war, das sie als Stra�enkind je gekannt hatte. Wie Rhapsody so dalag, war der Unterschied zwischen den beiden derart gering, dass Achmeds H�nde vor Angst ganz feucht wurden.</p><p>Er hatte in seinem Leben genug vom Tod gesehen und war so oft sein �berbringer gewesen, dass er ihn l�ngst nicht ^eh f�rchtete. In ihrer gemeinsamen Zeit hatten Grunthor und er immer wieder dem Ableben des jeweils anderen ins Gesicht schauen m�ssen, und ihnen beiden waren die Risiken des Spiels, das sie spielten, stets klar gewesen. Aber dies hier war anders. Bei jedem einzelnen Blutstropfen, mit dem das Leben aus Rhapsody floss, h�tte er schreien k�nnen, und w�hrend sie im vollen Galopp auf Sepulvarta zugeprescht waren, hatte er Rhapsodys Wunden mit beiden H�nden zusammengepresst, das Pferd nur mit den Knien lenkend. Die Angst, die er bei dem Gedanken empfunden hatte, sie zu verlieren, war f�r ihn selbst die gr��te �berraschung gewesen. Ein Lied schien ein geringer Preis daf�r zu sein, sie auf dieser Seite des Lebenstors festzuhalten. Achmed holte tief Atem. Stockend, mit kratzigem Vibrato und einem rhythmischen Klicken in der Stimme sang er ihr ein Lied vor, das er sich selbst ausgedacht hatte, ein Lied, dessen Herkunft und Bedeutung ihm vollkommen unbekannt war. H�tte es eine Welt gegeben, in der das Rumpeln eines Steinschlags als Wiegenlied diente und das Krachen von Holzbalken die W�tenden bes�nftigte, w�re es dort vielleicht als wundersch�ne Weise gesch�tzt worden. Mit drei Stimmen sang er, eine davon war scharf und schnell, eine brummte tief und leise, und eine formte Worte.</p><p>Mo haale maar, <emphasis>mein Held ist fort</emphasis></p><p><emphasis>Die Sternenwelt ist geworden ein finstrer Ort</emphasis></p><p><emphasis>Kummer, Schmerz und Verlust, ich kann nicht genie�en</emphasis></p><p><emphasis>Mein Herz tut weh, die Bluttr�nen flie�en</emphasis></p><p><emphasis>Um die Trauer zu enden, durch die Welt ich brause</emphasis></p><p><emphasis>Meine uralten �ngste, sie f�hrn mich nach Hause</emphasis>.</p><p>Unter den Decken begann Rhapsody sich zu r�hren, und Achmed h�rte ein schmerzliches St�hnen. Dann sp�rte er kleine, weiche Finger mit schwieligen Spitzen �ber seine H�nde gleiten. Rhapsody atmete tief ein, als h�tte sie soeben ein sehr schwieriges Vorhaben gefasst.</p><p>�Achmed?�</p><p>�Ja?�</p><p>Ihre Stimme war nur ein schwaches Fl�stern. �Wirst du weiter singen, bis es mir besser geht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Achmed?�</p><p>�Was?� Er beugte sich �ber sie, damit ihm keins ihrer Worte entging.</p><p>�Es geht mir schon besser.�</p><p>�Offenbar aber noch nicht viel�, meinte er und grinste �ber die versteckte Beleidigung. �Aber du bist immer noch ein genauso undankbares G�r wie fr�her. Das ist mir ein sch�ner Dank an jemanden, der dir gerade den Lebenswillen zur�ckgegeben hat.�</p><p>�Du hast vollkommen Recht, genau das hast du getan�, erwiderte sie langsam und m�hevoll.</p><p>�Jetzt, da du mir einen Vorgeschmack davon verschafft hast, wie wie es in der Unterwelt zugeht...�</p><p>Erleichtert lachte Achmed auf. �Du hast es verdient. Willkommen im Leben, Rhapsody.�</p><p>Am folgenden Abend hob Grunthor Rhapsody behutsam aus dem Bett und trug sie hinaus auf die Heide. Dort wartete Achmed bereits auf sie; der Scheiterhaufen war aufgeschichtet, alles war vorbereitet. Der Sergeant st�tzte sie, w�hrend der Firbolg-K�nig das Schwert f�r sie zog und ihr half, es emporzurecken.</p><p>Ihr Blick verharrte auf der in wei�e T�cher geh�llten Gestalt, die auf dem frostblasigen Holzhaufen lag, und suchte dann im Abendhimmel den Stern, den sie anrufen wollte.</p><p><emphasis>Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein. Niemals</emphasis>. Endlich fand sie einen, den sie kannte, Prylla, einen Abendstern, den die Lirin in diesem Land verehrten. Er war nach dem Windkind benannt, einer Waldg�ttin der alten Legenden, von der erz�hlt wurde, dass sie ihre Lieder in den Nordwind gesungen habe, in der Hoffnung, ihre verlorene Liebe wieder zu finden. Nur der Wind hatte ihr geantwortet. Rhapsody fand die Legende f�r Jo sehr passend. So gut sie konnte, kl�rte sie ihre Gedanken, richtete die Tagessternfanfare gen Himmel und sprach den Namen des Sterns.</p><p>Ein Licht, heller als die drei es jemals gesehen hatten, das sie blendete und �ber die Felder bis ins Tal hinein strahlte, fiel �ber den Abhang. Es ber�hrte die Berge, leuchtender als die untergehende Sonne. Dann schoss donnernd eine sengende Flamme vom Himmel, hei�er als das Feuer im Zentrum der Erde, und lie� den Scheiterhaufen in Flammen aufgehen, die zum Himmel emporloderten. Das Feuer brannte stark und sandte mit dem Wind eine Rauchwolke zum Sternenzelt �ber ihnen.</p><p>Rhapsody sang, mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein Fl�stern, den Namen ihrer Schwester und die ersten T�ne des Grabliedes der Lirin, doch dann war sie zu ersch�pft, um Fortzufahren. Sie hatte die Zeremonie ja schon einmal durchgef�hrt und wusste, dass Jo bereits im Licht weilte.</p><p>Die drei standen beisammen und sahen zu, wie die Flammen ihre Freundin zu sich nahmen. Asche erhob sich in die Luft, und der Wind ergriff sie; sie wirbelte und tanzte in wundersch�nen wei�en Mustern, wie aufsteigender Schnee in der Dunkelheit. Danach erholte sich Rhapsody rasch. Jeden Tag schien sie ein wenig mehr sie selbst zu werden, nur das Licht in ihren Augen wollte noch nicht so recht wiederkehren. Grunthor sa� auf ihrer Bettkante und erz�hlte ihr schmutzige Witze und unanst�ndige Geschichten �ber das Leben der Bolg, wie er das fr�her schon gern getan hatte, um sie damit zum Lachen zu bringen. Die Anekdoten entlockten ihr noch immer ein L�cheln, aber irgendwie war es nicht das Gleiche wie sonst. Offensichtlich heilte ihre Seele nicht so schnell wie ihr K�rper. Es war deutlich zu sehen, dass Achmed sich ihretwegen Sorgen machte. Er war schwerm�tig, und seine Laune war noch schlechter als sonst, was sich auch daran zeigte, wie brav die Soldaten und Wachen waren, wenn sie sich im Kessel aufhielten. Nachdem sie die Erste Frau ihres Herrschers einmal mit ihrem fr�hlichen, lautstarken Gepl�nkel aus dem unruhigen Schlaf geweckt und daf�r den Zorn ihres Kriegsherrn auf sich gezogen hatten, fl�sterten sie nur noch und vermieden Schl�gereien oder laute Wortwechsel. So viele von ihnen hatten unter den Folgen von Achmeds Wutanfall zu leiden gehabt, dass sich die Nachricht in Windeseile im Kessel verbreitet hatte und sich mehr M�nner denn je freiwillig f�r den Dienst au�erhalb der Zahnfelsen meldeten.</p><p>Achmed und Grunthor lie�en Rhapsodys Privatsph�re unangetastet und bedr�ngten sie auch nicht mit Fragen �ber ihre Gef�hle oder ihr Befinden; sie kannten die Ursache ihres Schmerzes, wussten nur leider nicht, was sie dagegen unternehmen konnten. Doch ihre stillschweigende Gegenwart war f�r Rhapsody ein gro�er Trost. Achmed gew�hnte sich an, seine Bekanntmachungen abends in ihrem Zimmer zu verlesen oder dort auch die endlosen Schriften aus Gwylliams Schatzkammern zu studieren, w�hrend sie Kr�uter sortierte oder komponierte.</p><p>Inzwischen ging es Rhapsody gut genug, dass sie f�r kurze Zeit allein umhergehen konnte. Eines Tages brachte sie einen Stapel frischer W�sche zu ihrem Zimmer; w�hrend sie in ihrer Tasche nach dem Schl�ssel angelte, h�rte sie L�rm aus Jos Zimmer dringen. Rasch ging sie zu der T�r, �ffnete sie leise, sp�hte in die Dunkelheit und sah Grunthor auf Jos Bett sitzen, das Kinn auf die H�nde gest�tzt, mit einem Ausdruck von Ratlosigkeit und Verwirrung auf dem Gesicht. Die Kisten und S�cke auf dem Boden deuteten darauf hin, dass er eigentlich Jos Sachen hatte ausr�umen wollen, wahrscheinlich um Rhapsody diese Arbeit abzunehmen, aber er hatte so gut wie nichts von dem �blichen Kram vorgefunden. Es war, als h�tte das Stra�enkind alle Rarit�ten entsorgt, die es zuvor so reichlich gesammelt hatte. Als Rhapsody ins Zimmer trat, blickte Grunthor auf. Wortlos kam sie zu ihm, und er nahm sie in den Arm. Selbst im Sitzen reichte ihr Kopf kaum bis an seine Schulter.</p><p>�Ich wei� nich, was hier passiert is, Sch�tzchen�, meinte er sch�ttelte wehm�tig den Kopf.</p><p>�Anscheinend haben wir sie schon vor langer Zeit verloren und wussten es nich mal.� Rhapsody nickte und dr�ckte sich fester an ihn.</p><p>Schlie�lich gelangten sie zu einer prek�ren Erkenntnis. In einer Nacht wollte Achmed nach Rhapsody sehen und fand sie in der Ecke des Zimmers, die Arme um sich geschlungen an die Decke starrend. Langsam ging er auf sie zu, lie� sich neben ihr auf dem Boden nieder und sah sie schweigend an. Endlich wandte sie sich ihm zu und blickte ihm in die Augen. Ihre Blicke trafen sich, dann schloss sie die Augen und begann zu sprechen.</p><p>�Glaubst du, Jo war schwanger?�</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf. �Ich habe sie am Tag davor gesehen, und von den Schwingungen her schien sich nichts ver�ndert zu haben. Nat�rlich kann ich nicht v�llig sicher sein, aber ich halte es nicht f�r wahrscheinlich.�</p><p>Rhapsody nickte und schaute dann auf ihre angezogenen Knie hinunter. �Oelendra hat einmal gesagt, dass die F�dor Meister der Manipulation sind, die eine Ewigkeit dar�ber nachsinnen, wie sie die Grenzen ihrer Macht ausweiten k�nnen.�</p><p>�Das ist korrekt.�</p><p>�Und die Prophezeiung �ber den F�dor der unerw�nschte Gast sagt: <emphasis>Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren, und niemals wird dies geschehen, wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet.�</emphasis> Richtig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Elynsynos hat gesagt, die Erstgeborenen, die f�nf �ltesten Rassen, zu denen sowohl die F�dor als auch die Drachen geh�ren, k�nnen ihre Fortpflanzung selbst bestimmen.� Achmed verbiss sich eine gemeine Bemerkung �ber Ashe, die ihm auf der Zunge lag. �F�r sie ist es eine bewusste Entscheidung, ihre Essenz aufzubrechen, um ihre Macht zu erweitern, denn durch ihre Nachfahren werden sie auf eine Art unsterblich, aber die Eltern k�nnen dadurch auch geschw�cht werden.� Wieder nickte Achmed. �Was, wenn der F�dor seine Macht ausbreiten, sich unsterblich machen, aber seine Macht dadurch nicht mindern wollte? Wie w�rde er das anstellen?�</p><p>Sofort war Achmed klar, worauf sie hinauswollte. �Er w�rde eine Methode suchen, mit der er sein Blut reproduzieren kann, ohne dass sein K�rper es tun muss.�</p><p>Rhapsody nickte, und ihre Augen funkelten. �Der Rakshas. gr hat Vergewaltigung nicht nur als Form des Terrors und als Methode eingesetzt, Seelen an sich zu binden. Er hat neue Wirte f�r den D�mon gezeugt.�</p><p>�Ich glaub nich, dass du schon gesund genug bist, Gr�fin. Du solltest noch nicht reiten.�</p><p>Rhapsody beugte sich zu Grunthor hinab und k�sste seine graugr�ne Wange. �Ich schaffe das schon. Au�erdem ist Achmed da, und wenn ich mich schwach f�hle, nimmt er mich zu sich auf sein Pferd.� Die Stute t�nzelte ungeduldig, aber Grunthor hielt sie an den Z�geln fest. Die S�ngerin redete sanft und beschwichtigend auf sie ein.</p><p>�Wir sind bald zur�ck�, versprach Achmed und stieg auf das Pferd, das der Quartiermeister f�r ihn gebracht und mit Proviant versorgt hatte. �Wenn die Sache zu einer Verfolgungsjagd wird, kommen wir erst noch mal hierher und besprechen uns.� Grunthor und Achmed tauschten einen kurzen Blick. <emphasis>Pass gut auf sie auf,</emphasis> sagte der Sergeant, und der Firbolg-K�nig nickte.</p><p>�Also, wo ist denn nun eigentlich diese Rhonwyn?� �In einem Kloster in Sepulvarta�, antwortete Rhapsody und sah zu, wie der Quartiermeister ihren Sattel untersuchte und den Gurt justierte. �Es sind ungef�hr zehn Tagesritte von hier, n�rdlich von Sorbold auf der anderen Seite von Bethe Corbair. In drei Wochen m�ssten wir wieder hier sein.�</p><p>�Sch�n f�r euch�, grummelte der Bolg. �Aber ich darf �berhaupt keine spannenden Ausfl�ge mehr mitmachen, weil ich st�ndig das Bolg-Land h�ten muss.�</p><p>Achmed l�chelte. �Versuch, keine Vertr�ge zu brechen, w�hrend ich weg bin.� Er schnalzte mit der Zunge, sein Pferd setzte sich in Bewegung, und die beiden Reisenden machten sich �ber die orlandische Ebene auf den Weg nach Sepulvarta.</p></section><section><title><p>48</p></title><p>Ashe st�rmte durch die Korridore des Kessels, dass seine Schritte auf dem leblosen Stein widerhallten. Als er Elysian dunkel und verlassen vorgefunden hatte, war er den ganzen Weg von Kraldurge bis hierher gerannt. Wiederholt war er von eifrigen Wachposten verfolgt worden, hatte sie aber in Sekundenschnelle abgeh�ngt.</p><p>Am Ende des einen Ganges sah er Licht. Es drang aus dem Beratungszimmer hinter der Gro�en Halle, von dem aus Jos Ungl�ck seinen Lauf genommen hatte. Leise fluchend eilte er durch die gew�lbte T�r.</p><p>Grunthor sa� an dem massiven Tisch und kratzte mit einer Schreibfeder auf einer gro�en Landkarte herum. Er war dabei, Fl�chenkarten und topographische Schaubilder zu zeichnen; unwillk�rlich nahmen Ashes Drachensinne Notiz davon, wie akkurat der Bolg arbeitete. Die Landmarken waren noch nicht beschriftet, wahrscheinlich aufgrund der Tatsache, dass Grunthors Lese und Schreibf�higkeiten etwas beschr�nkt waren.</p><p>Der Bolg-Riese blickte auf, und ein grausiges Grinsen breitete sich �ber sein Gesicht. �Ach, hallo, Ashe�, begr��te er den Ank�mmling und legte die Feder beiseite. Dann lehnte er sich auf seinem gro�en Stuhl gem�tlich zur�ck und faltete die H�nde �ber dem Bauch. �Na, dann gab�s dich wohl tats�chlich in zweifacher Ausfertigung. Was bringt dich hierher?�</p><p>�Wo ist Rhapsody? Ich habe geh�rt, wie zwei Wachen davon gesprochen haben, sie sei schwer verwundet.�</p><p>�Tut mir Leid, alter Junge, ich f�rchte, du kommst ein bisschen sp�t. Sie ist weg.�</p><p>�Was?� Pl�tzlich fing Ashes Stimme an zu zittern.</p><p>�Jawohl�, best�tigte Grunthor, grinste und genoss Ashes Panik. �Sie und Achmed sind vor ein paar Tagen ausgeritten.� Er nahm die Feder wieder zur Hand und arbeitete weiter. �Du hast dir ja auch ganz sch�n Zeit gelassen, bis du hier auftauchst.�</p><p>Ashe st�tzte die H�nde auf den Tisch. �Wie meinst du das, sie ist mit Achmed ausgeritten?�</p><p>Grunthor grinste, ohne aufzublicken. �So, wie ich�s sage. Sie wollten ein bisschen Zeit f�r sich allein wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Ach, bitte.� Ashe sp�rte, wie sich sein Gesicht angeekelt verzog. Er sch�ttelte den Kopf, um das Schreckensbild zu verscheuchen. �Wo sind sie denn hingeritten?�</p><p>�Ich glaube, sie wollten Rhonwyn suchen, du wei�t schon, deine Tante.�</p><p>�Mir ist durchaus bekannt, wer Rhonwyn ist. Warum wollen sie zu ihr?�</p><p>�Hat irgendwas mit den Enkeln der Gr�fin zu tun. Geht dich aber eigentlich nix an.�</p><p>Allm�hlich wurde Ashe �rgerlich. �Was willst du denn damit nun wieder sagen?�</p><p>Grunthor bewegte zwar den Kopf nicht, aber er schielte mit einem �u�erst vorwurfsvollen Blick zu Ashe empor. �Also sag mal, wo warst du eigentlich, als sie fast gestorben ist, h�? Nach all dem, was sie f�r dich getan hat und immer noch tut, wo warst du da, als sie dich gebraucht h�tte?�</p><p>�Ich war an der K�ste.� Obwohl die Kapuze seine Stimme d�mpfte, konnte Grunthor erkennen, dass Ashe sich selbst schon genug Vorw�rfe machte. �Was ist passiert? Geht es ihr besser?�</p><p>Mit einer Kopfbewegung deutete Grunthor auf einen der St�hle. Ashe setzte sich und lie� seinen Tornister zu Boden fallen, w�hrend der Sergeant einen Becher aus dem Krug neben sich f�llte. �Sie ist verwundet worden, als sie die Seele des kleinen Fr�uleins gerettet hat.�</p><p>�Jo? Ist Jo auch verletzt?�</p><p>�Na, das kann man sagen. Sie ist tot.� Auf Grunthors Gesicht zeigte sich keine Gef�hlsregung, sein Ton war unverbindlich, aber der Drache sp�rte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte, wie die Tr�nendr�sen des Riesen mehr Fl�ssigkeit produzierten und die Muskeln in seinem gro�en vorspringenden Kinn sich anspannten. Diese wortlosen Reaktionen sagten Ashe alles, was er wissen musste.</p><p>�Bei den G�ttern, Grunthor, das tut mir Leid.� Er dachte an Rhapsody sie war bestimmt am Boden zerst�rt. �Was ist denn geschehen?�</p><p>�Dieser Mistkerl von F�dor hat sie erwischt. Sie muss uns gefolgt sein, obwohl wir uns alle M�he gegeben haben, genau das zu vermeiden; wir wussten nicht mal, dass sie in der N�he war. Und gerade als Achmed deine kl�gliche Seele aus den brennenden �berresten geholt hat, ist sie zum Angriff �bergegangen. In der ganzen Zeit, die ich ihn kenne, ist ihm nie einer so gef�hrlich nahe gekommen, aber der K�nig war ja auch ein bisschen, na ja, abgelenkt, sagen wir mal. Um ein Haar h�tte er deinetwegen einen Dolch ins Herz gekriegt, Freundchen. Ironie des Schicksals, was?� Grunthor nahm einen gro�en Schluck aus seinem Becher.</p><p>�Nat�rlich musste die Gr�fin das verhindern. Sie stand neben ihm und hat versucht, sich dazwischen zu werfen, aber Jo war zu schnell. Da hat sie das getan, was sie tun musste sie hat den Schlag pariert. Und hat Jo den Bauch aufgeschlitzt, sollte dem M�del eine Lehre sein, muss ich sagen.� Wieder trank er einen Schluck. Mit leicht zittrigen H�nden griff Ashe nach dem Becher, den Grunthor vor ihn auf den Tisch gestellt hatte.</p><p>�Dann ist pl�tzlich ein <emphasis>Baum</emphasis> aus Jos Eingeweiden herausgewachsen, und wir mussten ihn rausschneiden, aber wei�t du, dieses Schlingpflanzending wollte nicht rausgeschnitten werden und hat uns sozusagen angegriffen. Es h�tte die Gr�fin geradewegs umgebracht, wenn der K�nig nich gewesen w�re. Du warst ja nich abk�mmlich, als wir versucht haben sie wieder zusammenzuflicken. Aber sie hat es immer noch nicht verkraftet, dass sie Jo get�tet hat.�</p><p>Schweigend starrte Ashe ins Feuer. Er versuchte sich vorzustellen, wie Rhapsody sich jetzt f�hlte, aber er kam nicht �ber den Berg aus Schuldgef�hlen hinweg. Sie befand sich nicht mehr in Reichweite seiner Sinne, und das machte ihm mehr zu schaffen als alles andere.</p><p>�Es tut mir schrecklich Leid�, meinte er schlie�lich. �Nat�rlich auch die Sache mit Jo, Grunthor. Aber wie geht es Rhapsody?�</p><p>Kurz entschlossen legte Grunthor die F��e auf den Tisch, und seine Stiefel knallten so laut gegen das Holz, dass die St�hle wackelten. �Nun, ich denke mal, das kommt ganz drauf an, wie man es definiert. Jedenfalls ist sie am Leben.�</p><p>�Das ist wenigstens ein Anfang.�</p><p>�Aber sie ist sehr schwach, wenn du mich fragst, was nat�rlich keiner tut. Ich h�tte sie in ihrem derzeitigen Zustand jedenfalls nich so durch die Gegend reiten lassen, bleich wie ein Gespenst. Aber der Gr�fin war ihr Vorhaben mal wieder so wichtig, dass sie nix davon h�ren wollte, und wenn sie so drauf ist, kann man nich mit ihr diskutieren.�</p><p>Ashe seufzte. �Ich wei�.�</p><p>Grunthor lachte leise. �So klein und schm�chtig sie auch ist, so ist sie doch z�h. Und wenn man einen braucht, der einem den R�cken frei h�lt, w�rd ich mir immer sie aussuchen.�</p><p>�Da gebe ich dir Recht. Und sie sagt, das hat sie dir zu verdanken, wei�t du. Angeblich hat sogar Oelendra die Ausbildung bewundert, die du ihr hast angedeihen lassen.�</p><p>Der Riese l�chelte. �Ja, das hat sie mir erz�hlt. Aber ich glaube, das kommt eher daher, dass das Herz der Gr�fin gr��er ist als ihr K�rper.�</p><p>Auch Ashe l�chelte. �Das ist allerdings wahr.�</p><p>Grunthor beugte sich �ber den Tisch. �Und deshalb warn ich dich, Wasserknabe pass auf, dass du ihr dieses Herz nicht brichst, denn wenn du�s doch tust, dann brech ich dich in St�cke wie �nen trockenen Zweig.�</p><p>�Ich werde es mir merken.� Ihre Becher stie�en scheppernd aneinander und wurden geleert. Achmed fasste Rhapsody um die Taille und hob sie vom Pferd. Er sp�rte, dass sie dankbar war, endlich wieder auf festem Boden zu stehen. Wenn sie zusammen ritten, �berlie� es ihr Achmed im Allgemeinen, allein auf und abzusteigen, aber er hatte bemerkt, dass ihr Gesicht jedes Mal schlohwei� wurde, und hatte eine Ausnahme von der herrschenden Regel gemacht, sie wohlwollend sich selbst zu �berlassen.</p><p>Sie �berquerten den Turmplatz, den weitl�ufigen, gepflasterten Hof innerhalb der Stadtmauern von Sepulvarta, der an das Gesch�ftsviertel grenzte. In der Mitte des Platzes erhob sich das riesige Bauwerk, das Rhapsody in der heiligen Nacht mit dem Patriarchen von der Gro�en Basilika aus betrachtet hatte. Am Grund war es so breit wie ein ganzer H�userblock und reckte sich, spitz zulaufend, fast tausend Fu� in die H�he. Oben an seiner Spitze wurde es von einem strahlenden Stern gekr�nt. An klaren Tagen konnte man den Stern in einem Umkreis von hundert Meilen sehen, in der Nacht sogar noch weiter. Angeblich enthielt dieser Stern einen Splitter des Schlafenden Kinds, jenes Sterns, der nach der serenischen Legende ins Meer gest�rzt war und die erste gro�e Katastrophe heraufbeschworen hatte. Der �berlieferung zufolge hatte er bei seinem Aufprall ein heftiges Erdbeben hervorgerufen, und die darauf folgende Flutwelle hatte das Land zerrissen, die Insel �berflutet und nur die H�lfte davon zur�ckgelassen. Vier Jahrtausende hatte der Stern am Meeresgrund gelegen und den Ozean aufgew�hlt, bis er sich zu guter Letzt erhoben und den Rest der Insel f�r sich beansprucht hatte, zusammen mit allen �brig gebliebenen Mitgliedern von Rhapsodys Familie und den Verfolgern der beiden Bolgs.</p><p>Auf den Stra�en von Sepulvarta waren nicht nur die �blichen Reisenden zu sehen, die man in jeder im Binnenland gelegenen Stadt antraf, sondern auch zahlreiche Mitglieder des Klerus mitsamt ihren Familien. Sepulvarta war das religi�se Zentrum von Roland, Sorbold und den neutralen Au�enstaaten; hier lebten viele Priester, die in den riesigen Bibliotheken und Archiven liturgische Schriften studierten oder die Seminare besuchten. In den Gesch�ften und Privath�usern wimmelte es von den heiligen Symbolen und Wahrzeichen des Ordens wie im Gwynwald von Hexenzeichen und Runen. Daher war es nicht ganz leicht, die Abtei der Sonne ausfindig zu machen, ein winziges Kloster im �u�eren Kirchendistrikt, in dem Rhonwyn, die Seherin, angeblich wohnte.</p><p>�ber das mittlere Kind von Elynsynos und Merithyn war nicht allzu viel bekannt. Es ging das Ger�cht, sie w�re wahnsinnig wie ihre Schwestern, von der Last des Wissens �berfordert, das gleichzeitig ihre Gabe und ihr Fluch war, aber zart und zerbrechlich wie das Reich, in das sie Einblick zu nehmen vermochte. Da sie nur die Gegenwart sehen konnte, brachte man ihr von allen Prophetinnen am wenigsten Neugierde entgegen, denn schlie�lich gingen die meisten davon aus, sich in der Gegenwart auszukennen. Jeder Zeitpunkt in der Gegenwart war einen Augenblick sp�ter schon Vergangenheit und lag daher au�erhalb ihres Gesichtskreises. So waren Achmed und Rhapsody nicht allzu �berrascht, dass die Abtei heruntergekommen und verwahrlost wirkte und sie die einzigen G�ste waren.</p><p>Nachdem sie das schmiedeeiserne Tor und den winzigen Garten hinter sich gelassen hatten, fanden sie sich auf einer br�ckeligen Steintreppe vor einer uralten Holzt�r mit einem gro�en T�rklopfer wieder. Rhapsody bet�tigte ihn, und kurz darauf �ffnete ihnen die �btissin, die sie rasch ins Haus komplimentierte und die T�r hinter ihnen erst schloss, nachdem sie einen argw�hnischen Blick auf die Stra�e hinter ihnen geworfen hatte. Achmed kannte dieses Verhalten; er hatte schon des �fteren Leute gesehen, die sich versteckten. Nachdem sie ihr Anliegen vorgebracht hatten, wurden sie in einen winzigen, dunklen Salon gef�hrt. Lange sa�en sie dort und warteten. Rhapsody warf ein paar Goldm�nzen in den Schlitz der Opferb�chse, die demonstrativ auf einem Tisch stand. Endlich kam die �btissin zur�ck und geleitete sie durch eine mit einem Vorhang verh�ngte Hintert�r in einen stillen Hof, der v�llig verdreckt und vernachl�ssigt wirkte. Sie deutete nach oben. Vom Hof aus stiegen sie eine lange, steile Au�entreppe zu einem Turm empor, aus dem gleichen Stein wie die Abtei erbaut. Das Geb�ude selbst besa� zwar nur wenige Stockwerke, aber der spitze Turm mit seiner Galerie ragte weit �ber der stillen Stra�e auf. Im Innern sah man eine in ein Gewand geh�llte Gestalt sitzen, die in den Himmel hinaufblickte Als sie die Galerie erreichten, holte Rhapsody das mitgebrachte Geschenk aus ihrem Tornister. Es war der Beutel, in dem sie den Brotlaib von Pilam, dem B�cker getragen hatte, den er ihr damals, an jenem Nachmittag vor vielen Jahrhunderten, in Ostend geschenkt hatte. Auf der beschwerlichen Reise an der Wurzel hatte Rhapsody jede Mahlzeit gesegnet, die der Laib ihnen bereitwillig gespendet hatte, wenn sie den Brotnamen sang. Daher war das Brot auch nie vertrocknet oder verschimmelt, nicht einmal in der Feuchtigkeit des Erdinneren. In dem Beutel schien die Zeit keine Herrschaft zu besitzen, und das Brot darin war auch jetzt so frisch, wie es in Ylorc gewesen war. Es schien ihr ein angemessenes Geschenk zu sein. Behutsam legte sie es in die H�nde der Seherin.</p><p>Die Frau wandte sich zu ihr um, l�chelte, und Rhapsody stockte fast der Atem. Ihre Augen waren blind, ohne farbige Iris, und spiegelten lediglich Rhapsodys Gesicht wider, wie in dem Traum, den sie damals in Ashes H�tte gehabt hatte. Das Gesicht der Seherin war glatt, in der Bl�te der Jugend; das Haar nahe am Oberkopf gl�nzte rotgolden wie das von Ashe, doch weiter unten, in dem mit Lederb�ndern zusammengebundenen langen Zopf, verlor es an Farbe, war grau und an den Spitzen sogar schneewei�. Sie trug die gleichen Gew�nder wie die �btissin, und auf ihrem Scho� lag ein nautisches Instrument. Rhapsody hatte so etwas als Kind schon einmal gesehen, es war ein Kompass. Insgesamt machte Rhonwyn einen schw�chlichen und vertr�umten Eindruck.</p><p>�Gott schenke dir einen guten Tag, Gro�mutter�, sagte Rhapsody und ber�hrte sanft die Hand der Frau. Die Seherin nickte und blickte dann wieder zum Himmel empor. �Ich hei�e Rhapsody.�</p><p>�Ja�, antwortete die Frau wie von ferne, als ginge ihr etwas ganz anderes durch den Kopf, vielleicht ein R�tsel. Sie legte die Hand auf den Kompass. �Du hei�t also Rhapsody. Was m�chtest du mich fragen?�</p><p>Achmed seufzte. Er wusste schon, dass er das, was jetzt kam, hassen w�rde. So stellte er sich in eine Ecke des Turms und blickte auf die Stra�e hinunter.</p><p>�Kennst du den Namen des F�dor?�</p><p>Die Frau sch�ttelte den Kopf, wie Rhapsody es nicht anders erwartet hatte. Einmal hatte sie mit Ashe dar�ber geredet, warum sich der Name nicht am einfachsten herausfinden lie�, indem sie die Seherin befragte, aber er hatte ihr erkl�rt, dass Rhonwyn nicht weit genug in die Vergangenheit sehen konnte, um etwas Altes, das in einem nicht mehr existierenden Land entstanden war, beim Namen nennen zu k�nnen. Serendair gab es in der Gegenwart nicht mehr, daher war der F�dor f�r Rhonwyn nicht sichtbar. L�chelnd sah Rhapsody, wie die Frau in den Beutel griff, das Brot herauszog und an die Lippen f�hrte. Sie wartete, bis Rhonwyn geschluckt hatte, dann stellte sie die n�chste Frage.</p><p>�Hat der Rakshas Kinder?�</p><p>�Es gibt keinen Rakshas.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Gibt es Kinder mit dem Blut des F�dor?�</p><p>Die Seherin nickte.</p><p>�Wie viele?�</p><p>�Wie viele was?�</p><p>�Wie viele Kinder gibt es, die mit dem Blut des F�dor geboren sind?�</p><p>�Neun davon leben heute.�</p><p>Wieder nickte Rhapsody. Sie griff in ihren Tornister und holte ein St�ck Pergament und ein St�ck Holzkohle heraus. �Wie lauten ihre Namen, wie alt sind sie und wo befinden sie sich heute?�, fragte sie.</p><p>�Wer?�</p><p>�Wie lauten die Namen der D�monennachkommen, wie alt sind sie und wo befinden sie sich heute?�</p><p>�Ein Kind mit Namen Mikita lebt in Hintervold. Er hat zwei Sommer gesehen�, antwortete Rhonwyn.</p><p>�Wo in Hintervold?�</p><p>Die Seherin wandte ihr das Gesicht mit den blinden Augen zu. �Was ist mit Hintervold?�</p><p>�Wo ist das Kind in Hintervold?�</p><p>�Welches Kind?�</p><p>Von der anderen Seite des Raums konnte Rhapsody sp�ren, wie Achmed die Schultern anspannte. Sie senkte die Stimme und lie� sie so beschwichtigend wie m�glich klingen, um die empfindliche Seherin nicht aufzuregen. �Wo ist der D�monennachkomme Mikita in Hintervold?�</p><p>�In Vindlanfia, jenseits des Flusses Edelsak in der Stadt Carle.�</p><p>Rhapsody streichelte sanft ihre Schulter. �Ist Mikita das j�ngste der D�monennachkommen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie lautet der Name des zweitj�ngsten D�monenkinds?�</p><p>�Jecen.�</p><p>�Wie alt ist Jecen?�</p><p>�Welcher Jecen?�</p><p>Rhapsody seufzte. �Wie alt ist Jecen, das Kind des D�mons?�</p><p>�Heute hat er drei Sommer gesehen.�</p><p>Langsam f�hrte Rhapsody Rhonwyn durch das qualvolle Ritual, das notwendig war, um die Informationen zu bekommen, die sie ben�tigte. Die Seherin sagte eine Litanei von Namen, Orten und Altersstufen auf, mit leiser, monotoner Stimme, die im Wind des Turms dahinleierte, immer wieder von Rhapsodys vorsichtigen Fragen unterbrochen. Die Liste, die sie auf diese Weise erstellte, reichte von einem zweij�hrigen Kind bis zu einem Gladiator im Land Sorbold, der an diesem Tage neunzehn Jahre alt war. Rhapsody sah zu Achmed hin�ber und schauderte. Dieser Fall konnte schwierig werden.</p><p>Als die Seherin geendet hatte, dankte Rhapsody ihr und erhob sich. Schon wollte sie ihr einen Kuss auf die Wange dr�cken, da sah sie, dass Achmed einen Finger hob.</p><p>�Gibt es auch ungeborene Kinder mit dem Blut des F�dor?�, fragte er. Wieder erschauerte Rhapsody, denn dieser Gedanke war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen.</p><p>�Ja.�</p><p>�Wer ist die Mutter?�</p><p>�Wessen Mutter?�</p><p>�Die Mutter des ungeborenen Kindes.� Die Seherin machte ein ratloses Gesicht. Rhapsody atmete h�rbar aus. �Tut mir Leid, vermutlich k�nnt Ihr sie nicht sehen, weil sie noch keine Mutter ist. Wann wird das Kind geboren werden und wo?� Die Frau starrte ausdruckslos in die Ferne.</p><p>�Vielleicht ist das eher eine Frage, die wir Manwyn stellen sollten�, stellte Achmed fest. Rhapsody nickte.</p><p>�Danke, Gro�mutter�, sagte sie leise und k�sste die Seherin auf die Wange. Die Frau wandte sich zu ihr um und l�chelte wieder. �Nun k�nnt Ihr Euch ein wenig ausruhen.�</p><p>�Du hei�t Rhapsody�, sagte Rhonwyn vertr�umt. �Was m�chtest du mich fragen?�</p><p>Als Rhapsody sieben Tage sp�ter den Fu� auf die Insel Elysian setzte, wusste Ashe augenblicklich, dass sie zur�ckgekehrt war. Das Wasser hatte die Nachricht ihrer Ankunft im Boot �bermittelt, aber es war Nacht gewesen und er hatte geschlafen, statt auf seinem �blichen Posten ungeduldig zu warten. Im Halbschlaf hatte er gemeint, ihr Kommen nur getr�umt zu haben wie in jeder Nacht davor, um dann allein und voller Entt�uschung zu erwachen. Jetzt setzte er sich kerzengerade im Bett auf, sprang auf und rannte die Treppe hinunter, um sie zu begr��en.</p><p>Auch sie hatte ihn gef�hlt, samt der Sorge und der Angst, die er in die Grotte gebracht hatte, und sie eilte zu ihm, lie� sich von ihm in die Arme schlie�en und ins Haus tragen. Sie streichelte seine Haare, w�hrend seine Tr�nen sie benetzten und er sie so fest umschloss, wie er es angesichts der Wunden wagte, die er unter ihren Kleidern sp�rte. Sanft legte Ashe sie aufs Bett und setzte sich neben sie, lie� seine Augen und seine Sinne und schlie�lich auch seine H�nde �ber sie wandern.</p><p>701</p><p>Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber sie legte rasch einen Finger auf seine Lippen, um ihn daran zu hindern.</p><p>�Nicht�, sagte sie leise. �Mir geht es gut; ich freue mich so, dich zu sehen. Bitte halt mich fest.� Er gehorchte, zog sie wieder an sich und umarmte sie, so fest er es wagte. Nach einer langen Zeit lie� er sie widerwillig los und sah sie noch einmal an. Dann begann er sie zu entkleiden und betrachtete ihre Wunden mit den Augen, nicht nur mit den Sinnen. Aber sie gebot ihm Einhalt.</p><p>�Bitte, Ashe, nicht.�</p><p>�Vielleicht kann ich helfen, dich zu heilen, Aria.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Das kannst du, und das hast du auch bereits getan.� Sie blickte sich im Zimmer um. �Und du wirst noch mehr f�r mich tun, wenn du endlich dein Hinterteil hebst und mir einen Tee bringst.� Sie lachte, als er sofort die Treppe hinabeilte. Als sie ihren Tee schl�rfte, setzte sich Ashe zu ihr auf die Bettkante und zog ihr die Stiefel aus.</p><p>�Wo in aller Welt warst du denn?�</p><p>�Ich war bei Rhonwyn�, antwortete sie, und ihre gro�en Augen zwinkerten ihm �ber die Tasse hinweg zu.</p><p>�Das habe ich geh�rt. Bist du von Sinnen?�</p><p>�Ja. Aber das wusstest du schon, bevor du mein Liebhaber wurdest.�</p><p>�Was kann denn so wichtig sein, dass du unbedingt in aller Eile zu Rhonwyn musstest, obwohl du noch so schwach bist? Grunthor meinte, es h�tte etwas mit deinen Enkeln zu tun ... Geht es Stephens Kindern gut?�</p><p>�So weit ich wei�, schon�, antwortete sie. �Aber ich habe sie nach anderen Kindern gefragt, denen ich hoffentlich helfen kann, nicht nach denen, die zurzeit meine Enkel sind.�</p><p>�Aha. Und m�chtest du mir davon erz�hlen?�</p><p>�Nein�, erwiderte sie, stellte ihre Teetasse ab und schlang die Arme um seinen Hals. �Ich habe ein Geschenk f�r dich, und ich m�chte, dass du es aufmachst.�</p><p>�Du hast ein Geschenk f�r mich? Du sollst doch nicht...�</p><p>Am�siert funkelte Rhapsody ihn an. �Halt den Mund, mein Schatz�, sagte sie und lehnte sich vor, um ihn zu k�ssen. Ashe tat, wie ihm gehei�en, und erwiderte den Kuss so sanft er konnte, obwohl er sich anstrengen musste, die Leidenschaft niederzuk�mpfen, die seine Seele zusammen mit einer �berw�ltigenden Erleichterung durchstr�mte. Sie zog ihm das Nachthemd �ber die Schultern und blickte ihn mitf�hlend an.</p><p>�Bitte mach dir keine Sorgen, dass du mir wehtun k�nntest, Ashe�, sagte sie, denn sie durchschaute seine Angst haargenau. Er schauderte, als die Erinnerung an die Stimme einer anderen Frau sein Herz durchflutete.</p><p><emphasis>Keine Sorge, Sam. Du wirst mir schon nicht wehtun. Ganz bestimmt nicht</emphasis>.</p><p>Tr�nen standen in seinen Augenwinkeln, als er die Augen schloss, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte und leise ihren R�cken streichelte. Behutsam zog er sie aus, zuckte aber beim Anblick der Verb�nde unwillk�rlich zusammen und zog die Decke �ber sie beide. Rhapsody fasste sich etwas m�hsam an den Hinterkopf und l�ste das schwarze Samtband, sodass ihr Haar locker �ber ihre Schultern fiel. Ashe seufzte und zog sie an seine Brust, hielt sie in seiner Armbeuge geborgen. Ungeduldig machte sie sich aus der Schlafhaltung los, setzte sich auf, liebkoste seine Brust und lie� ihre H�nde dann weiter nach unten gleiten, w�hrend sein Herz unter ihrer Ber�hrung zu rasen begann. Entschlossen packte er ihre H�nde und hielt sie fest.</p><p>�Aria, bitte, ich glaube, wir sollten lieber schlafen.�</p><p>Schock und Entt�uschung traten auf Rhapsodys Gesicht. Ashes Herz zog sich zusammen, als er sah, dass sie sich zur�ckgewiesen f�hlte, was er nie beabsichtigt hatte.</p><p>�Liegt es an den Verb�nden? Oder willst du mich einfach nicht?�</p><p>Erregung kreiste in seinem Blut, seine Haut brannte, und sein Herz h�mmerte. �Wie kannst du mich so etwas fragen?�, entgegnete er ungl�ubig und legte sanft ihre Hand auf den offensichtlichsten Beweis ihres Irrtums. �Ich m�chte dir nicht wehtun, und ich wei�, dass du ersch�pft bist.�</p><p>�Ich brauche es aber, dass du mich liebst�, erwiderte sie geduldig. �Bitte.�</p><p>Ashe begann zu zittern. �0 ihr G�tter, du bist grausam, Aria. Ich m�chte in dir sein, mehr als du es glauben kannst, aber ...�</p><p>�Ashe, du <emphasis>bist</emphasis> in mir, und ich m�chte, dass du wieder gehst�, sagte sie, �rger in der Stimme.</p><p>�Also bitte, muss ich dich erst auf Knien anflehen?�</p><p>Sein Widerstand war gebrochen. �Nein�, entgegnete er, tief aufatmend. �Nein, und ich kann nicht glauben, dass wir dieses Gespr�ch f�hren.� Er zog sie an sich und k�sste sie mit all der Sehnsucht seiner Seele.</p><p>Er liebte sie sanft, hielt das wilde Begehren zur�ck, das als Ergebnis der �berw�ltigenden Gef�hle in dieser Nacht entstanden war: Furcht, Verlangen, Erleichterung und Freude, endlich wieder mit ihr vereint zu sein. Sie erwiderte seine Leidenschaft begierig, bewegte sich langsam und erweckte in ihm eine Lust, die ihn zu verzehren drohte. Als ein heftiges Zittern ihn �berfiel, das bei seinen Zehen anfing und sich nach oben hin ausbreitete, nahm sie seine Hand und legte sie auf ihr Herz.</p><p>�Nimm sie zur�ck�, dr�ngte sie und legte ihre Hand �ber seine. �Nimm deine Seele zur�ck, sie wartet hier auf dich.� �berrascht weiteten sich seine Augen, aber er konnte nicht mehr verhindern, dass die Woge der Erregung ihn �berflutete. Er rang nach Atem, und Rhapsody sprach das Wort, welches den Teil seiner Seele, den sie in sich getragen hatte, befreite. Glei�endes Licht drang zwischen sie, leuchtete durch ihre Oberk�rper hindurch und machte sie durchsichtig. Als Ashes K�rper in ekstatischer Entladung starr wurde, verlie� das Licht Rhapsodys Brust und wechselte hin�ber in die seine. Auf dem H�hepunkt ihrer Lust st�hnte auch sie, und er hielt sie fest, bis sie sich wieder beruhigte, das Gesicht nass von Tr�nen des Gl�cks.</p><p>Seine Tr�nen vermischten sich mit ihren, als er sp�rte, wie sich die Teile seiner Seele wieder zusammenf�gten. Die metaphysischen Kanten waren an manchen Stellen hart und scharf, und die Verunreinigungen durch die Herrschaft des F�dor stachen ein wenig, als sie mit dem Rest in Ber�hrung kamen. Aber im Gro�en und Ganzen war alles weitaus einfacher, als er es erwartet hatte kein Kampf mit einem unwilligen Geist, der sich losrei�en wollte und unter Kontrolle gebracht werden musste. Offenbar war die Seele rein gewaschen von den meisten, wenn nicht sogar allen fr�heren Verbindungen, und auch von dem Hass, der sie so lange umgeben hatte. Noch immer hortete sie zwar die h�sslichen Erinnerungen an das, was der Rakshas getan hatte, aber sie hielten sich im Hintergrund, sodass Ashe warten konnte, bis er sich stark genug f�hlte, um sie eingehender und sorgf�ltiger zu betrachten. Ashe sah hinunter auf die Frau, die er in den Armen hielt. Sie war das Gef�� gewesen, ihretwegen war das Seelenst�ck so rein geworden. Er war frei; das B�se war im Feuer von Rhapsodys Geist verbrannt, ein Geist, der r�ckhaltlos an ihn glaubte und ihn aus tiefstem Herzen liebte. Das alles stand in ihren Augen geschrieben, als sie zu ihm emporl�chelte, und Ashe musste sich abwenden, von seinen Gef�hlen �berw�ltigt. Sie hatte den Teil seiner Seele neu benannt, ihm den Namen gegeben, den er gehabt hatte, bevor er ihm entrissen worden war.</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte sie mit besorgter Stimme. �Habe ich dir wehgetan?�</p><p>Ashe seufzte und zog sie an sich, vergrub das Gesicht in ihrer schimmernden Haarm�hne.</p><p>�Ja�, murmelte er in ihr Ohr. �Ja, das hast du. Du hast mich dazu gebracht, dich so sehr zu lieben, dass es wehtut.�</p><p>Er konnte ihr L�cheln sp�ren. �Gut�, fl�sterte sie. �Dann sind wir wenigstens quitt.�</p></section><section><title><p>49</p></title><p>Rhapsody reichte Ashe den letzten Teller zum Abtrocknen und wischte den Tisch ab, w�hrend er das Geschirr wegr�umte. Sie verschr�nkte die Arme und beobachtete am�siert, wie er, der Kirsdarkenvar, der zuk�nftige Herrscher �ber die vereinigten cymrischen Geschlechter, vor ihrem K�chenschrank kauerte und die Teller vom Abendessen verstaute. Sie betrachtete das Spiel seiner R�ckenmuskeln und seufzte tief, wie immer, wenn sie es sich erlaubte, an die Zukunft zu denken. Zu wissen, dass ihre Zeit mit ihm sich ihrem Ende zuneigte, machte sie wie immer traurig.</p><p>Ashe stand auf und l�chelte, als er sich zu ihr umwandte. Behutsam nahm er ihre Hand und k�sste sie, hakte sich dann bei ihr unter und f�hrte sie ins Wohnzimmer.</p><p>�Wie w�re es mit einem Lied? Ich habe dich lange nicht mehr singen geh�rt.�</p><p>�Vor dem Abendessen habe ich meine Gebete verrichtet. Hast du das nicht bemerkt?�</p><p>�Schon, aber ich meinte eine Ballade, ein Lied mit einer Geschichte. Das w�rde mir helfen, mein Alt-Lirin zu �ben, damit ich besser mit den Redewendungen zurechtkomme.�</p><p>�Gut�, meinte Rhapsody l�chelnd. �Wenn du m�chtest, kann ich dir ein Gwadd-Lied vorsingen, ich kenne n�mlich eines.� Mit diesen Worten setzte sie sich auf den einen der beiden Sessel, die sich vor dem Feuer gegen�berstanden.</p><p>Neugierig nahm Ashe auf dem anderen Sessel Platz. �Wundervoll! Ich hatte keine Ahnung, dass du die Gwadd kennst.� Die meisten Leute waren sich nicht sicher, ob das kleine Volkschlank und mandel�ugig, wirklich existierte.</p><p>�Ich habe ein paar von ihnen in Serendair gesehen, aber sie waren nur sehr selten in der Stadt, in der ich gelebt habe.� Nun war zwar Ashes Neugier geweckt, aber er hielt sich an ihre Abmachung, die Vergangenheit nicht zur Sprache zu bringen. Es war sowieso besser, wenn sie ihn aus eigenem Antrieb an ihren Erinnerungen teilhaben lie�. Rhapsody ging zum Schrank, in dem sie ihre Instrumente aufbewahrte, und holte ihren Minarello heraus. Es war ein seltsam geformtes rotes Instrument, dessen jaulender Klang Ashe zuweilen an einen kranken Hund erinnerte nicht aber, wenn Rhapsody es spielte. In seiner Zeit auf See hatte er oft mit anh�ren m�ssen, wie irgendein betrunkener Seemann damit ein Lied erb�rmlich zugrunde gerichtet hatte. Aber in Rhapsodys H�nden bekam es einen fr�hlichen Klang, bei dem es ihm in den F��en juckte und er Lust bekam zu tanzen. Sie kehrte zu ihrem Sessel zur�ck und setzte sich wieder.</p><p>�Gut. Also, dies ist die merkw�rdige, traurige Geschichte von Simeon Blaskamerad und dem Pantoffel der Konkubine.� Ashe lachte und lehnte sich zur�ck, um dem Lied zu lauschen, in dem die Hauptperson den Verlust eines Schuhs beklagte. Rhapsody gab es mit gro�em Ernst und verschmitzt funkelnden Augen zum Besten. Nach dem tragikomischen Ende applaudierte Ashe laut, w�hrend Rhapsody den Minarello wieder aufs Regal stellte und den Beifall mit einer tiefen, ernsthaften Verbeugung entgegennahm.</p><p>Dann setzte sie sich wieder in den Sessel vor dem Feuer, ohne auf seine ausgebreiteten Arme zu achten. �Ich muss noch etwas Wichtiges erledigen�, sagte sie und sah ihm dabei direkt ins Gesicht.</p><p>Ashe nickte. �Kann ich dir helfen?� Bereit aufzustehen, legte er die H�nde auf die Armlehnen.</p><p>Aber Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Nicht heute Abend. Ich meinte, ich muss es bald erledigen, aber es reicht in ein, zwei Tagen.�</p><p>Ashes L�cheln erlosch. �Was ist es, Aria?�</p><p>Rhapsody wirkte verlegen. �Ich bin mir noch nicht �ber die Einzelheiten im Klaren, aber als Erstes muss ich Manwyn aufsuchen.�</p><p>�Warum?� Seine Stimme klang scharf.</p><p>�Weil ich eine Information brauche, die ich sonst nirgends bekommen kann.�</p><p>�Betrifft es die Kinder, �ber die du auch mit Rhonwyn gesprochen hast?�</p><p>�Ja. Aber ich denke, heute sollten wir uns dar�ber unterhalten, was du als N�chstes tun solltest, Ashe.� Er starrte sie an; Rhapsody senkte die Augen, versuchte aber, ihre Worte so zu w�hlen, dass sie ihn nicht verletzten. �Der Sommer ist vorbei, jetzt ist der Herbst da. Du hast deine Seele zur�ckbekommen, du bist wieder vollst�ndig. Es ist Zeit, dass du dich darauf vorbereitest, die Herrschaft zu �bernehmen.�</p><p>�Du m�chtest, dass ich gehe?�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Bei allen G�ttern, nein. Aber wir wissen beide, dass du gehen musst.�</p><p>Ashe stand auf und kam zu ihr her�ber. Er kauerte sich vor sie, und Rhapsody sp�rte, dass ihr Herz schneller zu schlagen begann, wie immer, wenn er ihr nahe war. �Ich kann nicht�, entgegnete er leise. �Noch nicht.�</p><p>Wieder sah sie ihm offen ins Gesicht. �Nun, du kannst gern hier in Elysian bleiben, aber ich f�rchte, ich werde bald aufbrechen m�ssen. Der Rakshas ist tot; nun wird es Zeit, dass Achmed, Grunthor und ich den F�dor suchen und t�ten.</p><p>Unter anderem muss ich eine M�glichkeit finden, wie ich Achmed helfen kann, den F�dor aufzusp�ren. Es besteht die Gefahr, dass er den Wirt wechselt, wenn er eine Gelegenheit dazu hat, vor allem jetzt, da ihm der Rakshas nicht mehr zur Ausf�hrung seiner Befehle zur Verf�gung steht. Bald schon werden die Ereignisse sich �berst�rzen; ich denke, dass wir den Rat der Cymrer einberufen werden, sobald der D�mon tot ist, vorausgesetzt, wir k�nnen das verdammte Ding finden, und das wird auch einen gro�en Einfluss auf dich haben, wei�t du. Ich denke, du solltest dir diese Zeit nehmen, um dich vorzubereiten. Vielleicht m�chtest du ja auch die Frau, die du erw�hnt hast, aufsuchen und mit ihr sprechen, damit du wei�t, ob sie damit einverstanden ist, deine Herrin zu werden.� Ihre Stimme stockte ein wenig, und Ashe f�hlte sein Herz vor Mitgef�hl zusammenzucken. �Dann k�nnte der Rat euch beide best�tigen und m�sste nicht ein zweites Mal einberufen werden. Wer wei�, wenn du deine Nominierung nicht vorbringst, w�hlen sie wom�glich jemand Schreckliches, wie beim letzten Mal.� Sie hielt inne, als ihr klar wurde, dass sie soeben Ashes Gro�eltern beleidigt hatte. Ashe sah ihre Verlegenheit und l�chelte. �Du hast Recht. Das war eine ziemlich schlechte Paarung, nicht wahr?�</p><p>Rhapsody nahm seine Hand. �Nein�, widersprach sie und blickte ihm in die Augen. �Wenn die beiden kein Paar geworden w�ren, w�rst du jetzt nicht hier, deshalb glaube ich, dass auch aus den schlechtesten Verbindungen wundervolle Dinge hervorgehen k�nnen. Aber es ist wichtig f�r den ganzen Kontinent, nicht nur f�r die Cymrer, dass es diesmal besser wird. Du musst dir Zeit lassen, um sicher zu sein, dass du bereit bist und dass du mit deiner Frau die richtige Wahl getroffen hast. Am besten schaust du sie dir an, lernst sie ein bisschen kennen und �berlegst, ob sie eine Frau ist, die regieren, aber dich auch gl�cklich machen kann. Ich werde dich nicht l�nger aufhalten, ganz gleich, wie gern ich es aus egoistischen Gr�nden auch tun w�rde.�</p><p>Ashe beugte sich zu ihr und k�sste sie. �Noch nicht�, wiederholte er. �Das kann noch nicht das Ende sein. Wir haben beide zu viel erlitten, um die einzige Zeit des Trosts und Friedens so bald schon wieder zu verlieren.� Er verdr�ngte die mahnende Stimme seines Vaters aus seinen Gedanken.</p><p>�Achmed und ich verlassen Ylorc �bermorgen�, erkl�rte Rhapsody sanft, aber fest. �In absehbarer Zukunft werde ich wohl nicht zur�ckkommen.� Sie zuckte zusammen, als sie sah, wie das L�cheln bei ihren Worten von Ashes Gesicht verschwand, w�hrend er aufstand, sich abwandte und ans Feuer ^at. Seufzend erhob auch sie sich, folgte ihm und ber�hrte ihn am Arm. �Ich wollte, ich m�sste dir uns nicht so wehtun. Aber wir wussten ja, was auf uns zukommt. Es tut mir Leid.�</p><p>Schweigend nickte Ashe, starrte aber weiter in die Schatten des Feuers. Als er ihr schlie�lich wieder ins Gesicht schaute, wirkte er ruhig und entspannt.</p><p>�Nun denn, wenn wir den n�chsten Schritt machen m�ssen, so soll es sein. Ich habe auch noch eine Menge zu tun. Vor allem muss ich mir Gedanken dar�ber machen, wie ich der wundervollen Ver�nderung gerecht werden kann, die du mir letzte Nacht geschenkt hast.�</p><p>Ashe klopfte sich auf die Brust; die Narbe, die Rhapsody dort in verschiedenen Stadien der Heilung gesehen hatte, war nun, mit der R�ckkehr des Seelenfragments, endg�ltig verheilt. Am Morgen, w�hrend Rhapsody sich im Nebenzimmer angekleidet hatte, hatte er sich eine Erinnerung des Rakshas angesehen. Bei Rhapsodys R�ckkehr hatte er zitternd vor Grauen in einer Ecke des Zimmers gekauert, denn seine Gedanken hatten die unaussprechlichen Gr�ueltaten mit angesehen, an denen seine Seele, ohne es zu wollen, teilgehabt hatte, Taten, die so gr�sslich waren, dass sie ihm in die Seele eingebrannt blieben. Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Das solltest du nicht tun, wenn du allein bist, Ashe�, riet sie ihm nun. �Befassen wir uns damit, bevor ich gehe. Ich werde dir beistehen, so gut ich kann.�</p><p>�Das ist eigentlich kein sch�nes Ende f�r diesen wunderbaren Sommer�, meinte er wehm�tig.</p><p>�Ich m�chte, dass du dich gern an unsere Zeit erinnerst, Aria, und mich nicht im Ged�chtnis beh�ltst, wie ich schreie und meine D�monen austreibe.�</p><p>�Es wird immer eine sch�ne Erinnerung bleiben�, versicherte sie ihm. �Nichts wird uns das wegnehmen. Aber ich m�chte dir gern etwas vorschlagen.�</p><p>�Ich dir auch.�</p><p>�Gut, sag es mir.�</p><p>�Ich gehe mit dir nach Yarim, nicht Achmed�, sagte Ashe mit fester Stimme. �Ich war schon mehrmals dort, er nicht, so viel ich wei�. Ich m�chte dich ihm nicht allein anvertrauen.�</p><p>Rhapsody sah ihn fragend an. �Warum nicht? Wir sind schon an viel schlimmeren Orten gewesen. Er wird gewiss daf�r sorgen, dass mir nichts zust��t.�</p><p>Ashe �berlegte, ob er n�her erl�utern sollte, was er meinte, entschied sich dann aber dagegen. Sie verstand es nicht, sie w�rde es nie verstehen. �Ich gehe trotzdem mit. Das ist mein letztes Wort.�</p><p>Das klang so gebieterisch, dass Rhapsody die Augenbrauen hochzog. �Ja, mein Herr�, meinte sie etwas ver�rgert, verfolgte den Punkt aber nicht weiter. Sie hatte ihm die Sache mit den Kindern nicht n�her erkl�rt, weil sie wusste, dass er sich nur dar�ber aufregen w�rde. Wenn er mit ihr zu der Prophetin ginge, w�rde es ihm Manwyn m�glicherweise erz�hlen. Aber Rhapsody wollte ihm auch nichts vormachen, also wechselte sie das Thema. �Nun, m�chtest du meinen Vorschlag noch h�ren?�</p><p>�Ja�, antwortete Ashe und lehnte sich zur�ck. �Entschuldige.�</p><p>�Der Herrscher von Roland heiratet im Fr�hling, und kaum zu glauben ich bin eingeladen!�</p><p>�Tristan? Also wirklich. Nun, �ber diese Einladung bin ich tats�chlich ein bisschen �berrascht.�</p><p>Sie kicherte. �Ich auch. Nach unseren bisherigen Begegnungen m�sste er mich eigentlich hassen, deshalb bin ich froh, ein Bauer zu sein; da braucht man zu seiner Hochzeit nicht aus irgendwelchen politischen Erw�gungen heraus Leute einzuladen, die man gar nicht mag nur, wenn sie mit einem verwandt sind.�</p><p>�Er kann dich unm�glich hassen. Das ist nicht der Grund, warum mich die Einladung �berrascht. Ich dachte eher, dass er genau wissen muss, dass du die Braut ausstechen wirst.�</p><p>Rhapsody l�chelte. �Du bist lustig.� Ashe seufzte; er hatte das nicht als Scherz gemeint.</p><p>�Jedenfalls dachte ich, wir k�nnten uns dort treffen, wenn es auch nur kurz w�re und bitten in einem gro�en Fest. Es w�rde bestimmt Spa� machen, sich die Hochzeit anzusehen. Ich habe dir ja schon vor langer Zeit versprochen, dass du meine Eskorte sein kannst, wenn ich eingeladen werde.�</p><p>Er nickte. �Ja, das hast du. Vielleicht ist es nicht klug, allzu offen zu sein, angesichts der Tatsache, dass der F�dor zu einem so wichtigen Ereignis auftauchen k�nnte. Sein Wirt ist mit Sicherheit eingeladen, und es w�re wahrscheinlich eine ideale Gelegenheit, ihn dingfest zu machen. Aber du bist noch nicht bereit.� Er sah, wie ihr Gesicht sich ein wenig verdunkelte und ihre Begeisterung abnahm, und beeilte sich, sie wieder aufzumuntern. �Aber wir k�nnen uns trotzdem bei der Hochzeit treffen, wenn wir es heimlich tun, wie ein Liebespaar, das sich verstecken muss. Und ich w�rde liebend gern mit dir kommen, Aria.�</p><p>Rhapsody schaute ins Feuer. �Wenn du von hier weggehst, halte ich es f�r das Beste, wenn wir unsere Beziehung als Liebespaar beenden, Ashe.� Sie sp�rte ihn im Sessel gegen�ber erbleichen. �Es wird mir ohnehin unendlich schwer fallen, dich aufzugeben, deshalb denke ich, es w�re ratsam, die Dinge nicht zu vermischen. Wenn du dieser Cymrer-Frau, die dem Rat angenehm ist, den Hof machst, schuldest du es ihr, dass du mit deiner Vergangenheit abschlie�t mit all deinen fr�heren ... Verbindungen.�</p><p>Ashe wartete, bis sie ihm wieder ins Gesicht sah. �In Ordnung, Rhapsody�, meinte er dann leichthin. �Du hast Recht. Sie sollte sich darauf verlassen k�nnen, dass ich ungebunden bin, wenn ich ihr einen Antrag mache. Wenn sie sich einverstanden erkl�rt, Herrscherin der Cymrer und meine Frau zu werden, verdient sie meine absolute Treue und Ergebenheit, unverstellt von irgendwelchen Gedanken an andere Frauen.� Sein Magen verkrampfte sich, als seine Drachensinne ihre Reaktion auf diese Worte wahrnahmen; obgleich ihr Gesicht heiter blieb und keine Gef�hlsregung verriet, sp�rte er, wie �belkeit in ihr aufstieg und das Blut in tausenden winziger Gef��e aufwallte, die der Drache samt und sonders kannte und abg�ttisch liebte. �Du hast immer noch vor, meine Verb�ndete zu bleiben, oder?�</p><p>�Ja, selbstverst�ndlich.�</p><p>�Und mein Freund?�</p><p>Sie l�chelte strahlend. �Und dein Freund.� Er erhob sich, trat auf sie zu und streckte die Hand aus, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Dann schaute er ihr in die Augen und durch diese direkt in ihre Seele, in der Hoffnung, dass seine Worte dort einen Widerhall finden w�rden.</p><p>�Ich liebe dich, Aria. Nichts und niemand wird das je f�r mich �ndern. Du hast gesagt, dass auch du mich liebst, und ich wei�, dass du das tust, ich kann es sp�ren mit jedem Atemzug. Wirst du mich weiter lieben? Auch wenn wir getrennt sind?�</p><p>Rhapsody wandte den Blick ab. �Ja�, antwortete sie traurig, als sch�mte sie sich, es zuzugeben. �Immer. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde schon damit fertig. Ich werde dich nicht in Verlegenheit bringen, Ashe. Unter anderem helfe ich dir deshalb, weil du eines Tages mein K�nig sein wirst, und ich schulde es dir, dich in jeder Weise zu unterst�tzen. Ich k�nnte dein Gl�ck und deinen Ruf niemals aufs Spiel setzen.�</p><p>Ashe lachte. �Rhapsody, wenn die Leute w�ssten, dass du meine Geliebte warst, w�rde das nur dazu dienen, meinen Ruf �ber alle Ma�en zu steigern. Nun, ich habe noch zwei Dinge auf dem Herzen. Erstens m�chte ich, dass du mir versprichst, mich das Abendessen f�r dich zubereiten zu lassen, wenn wir von Manwyn zur�ckkehren. Wir haben sozusagen eine letzte Verabredung, speisen im Garten und tanzen vielleicht ein bisschen. Eine nette romantische Note f�r den Abschied, vor allem, wenn wir uns morgen daran machen, die Erinnerungen des Rakshas anzusehen.� Unwillk�rlich schauderte er, als ihm das Erlebnis vom Vormittag wieder einfiel. �Es war ein zauberhafter Sommer. Ich m�chte, dass er richtig ausklingt.�</p><p>Rhapsody l�chelte ihn an. �Das ist wundervoll. K�nnen wir uns auch so richtig sch�n machen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, das w�rde ich nicht anders wollen. Vielleicht kann ich mir in Yarim sogar etwas zum Anziehen kaufen. Ich habe wirklich nicht sehr viel.�</p><p>�Und wir k�nnen eine Umbenennungszeremonie veranstalten.� Seit sie ihm das Seelenst�ck zur�ckgegeben hatte, bestand sie darauf, ihm einen neuen Namen zu geben, einen, den der F�dor nicht kannte und mit dem er ihn nicht finden w�rde. Ashe hatte zugestimmt.</p><p>�Ja, das ist eine gute Idee.�</p><p>�Sch�n, und was ist dein zweites Anliegen?�</p><p>Er nahm sie in die Arme. �Sind wir deiner Meinung nach heute Nacht noch ein Liebespaar?�</p><p>�Ja. Willst du mich immer noch?�</p><p>Sein Kuss war Antwort genug.</p></section><section><title><p>50</p></title><p>Aus der Ferne war leicht zu erkennen, wie Yarim zu seinem Namen gekommen war. In der Sprache der Ureinwohner, die schon vor langer Zeit von Gwylliams Heeren gen Norden vertrieben worden waren, bedeutete das Wort �rotbraun�, die Farbe von getrocknetem Blut. Die meisten Geb�ude bestanden aus Backstein des gleichen Farbtons, der aus der Erde des Landes hergestellt wurde, rotem Ton, im Feuer dunkelrot gebrannt. Die Hauptstadt, offiziell unter dem Namen Yarim Paar bekannt, aber meist nur mit dem Provinznamen bezeichnet, lag am Fu� eines hohen, sanften H�gels; n�herte man sich ihr von S�den her, so blieb einem der Blick auf sie bis kurz vor dem Ende der Reise verwehrt. Pl�tzlich aber lag die Stadt zu F��en des Reisenden und erstreckte sich in alle Richtungen. Da die Bauwerke dieselbe Farbe wie die Erde hatten, dauerte es eine Weile, bis das Auge sie �berhaupt wahrnahm, wenn man im Wind auf dem H�gel stand. Man hatte beinahe das Gef�hl, sie w�ren schlichtweg aus dem Boden gewachsen, das Einzige, was hier gedieh. Die Stadt sah aus, als brauchte sie dringend Wasser.</p><p>Von Osten her hatten die Winde eine Hitzewelle herangetragen. Der Frost, der wochenlang den Boden bedeckt hatte, war verschwunden, und an seine Stelle war das Gef�hl eines falschen Sommers getreten, hei� und trocken. In den W�ldern weiter im Osten war das Wetter pr�chtig, aber hier in dieser Gegend wirkte es trostlos.</p><p>Einst war Yarim eine bl�hende Stadt gewesen, aber jetzt entdeckte Rhapsody �berall, wo sie hinsah, Zeichen des Verfalls. Die Stra�en waren mit Steinen gepflastert, aber in den Ritzen gediehen ungehindert Unkraut und Sonnengebleichtes Gras. Die Rinnsteine waren mit M�ll verstopft, und das Wasser, das f�r den Hausgebrauch in gro�en F�ssern gesammelt wurde, wies die gleiche schlammigbraune Farbe auf wie die Backsteine.</p><p>An vielen Ecken standen Gruppen von Bettlern, ein so normaler Anblick, dass die Leute, die an ihnen vorbeikamen, kaum Notiz von ihnen nahmen. Einige von ihnen waren zweifellos zwielichtige Gestalten und Gesindel, aber viele trugen den Ausdruck verzweifelten Hungers im Gesicht, an den Rhapsody sich nur allzu gut erinnerte. Eine junge Mutter mit einem S�ugling erschien ihr besonders bed�rftig, und sie griff nach ihrer Geldb�rse, die sie gut versteckt am K�rper trug. Aber zu ihrer �berraschung kam Ashe ihr zuvor, indem er der Frau ein paar M�nzen in den Scho� warf. Rasch dr�ckte sie der Frau noch ein Goldst�ck in die Hand und beeilte sich, Ashe wieder einzuholen.</p><p>�Ich wundere mich ein bisschen�, sagte sie.</p><p>�Wor�ber?�</p><p>�Ich dachte nicht, dass du zu den Leuten geh�rst, die Almosen geben.�</p><p>Ashe sah sie an. �Rhapsody, ich habe die letzten zwanzig Jahre unter diesen Menschen gelebt. Gut, ich habe die meiste Zeit im Wald verbracht, aber sogar ich musste von Zeit zu Zeit in die Stadt, und da konnte ich mich wohl kaum unter die feinen Herrschaften mischen, oder? Der gr��te Teil meiner menschlichen Kontakte fand auf der Stra�e statt. Nicht nur durch meinen Umhang habe ich gelernt, wie man �bersehen werden kann. Das geh�rt hier und auch auf den Stra�en anderer St�dte zum Alltag. Das Leben unter diesen Menschen hat mich schlie�lich davon �berzeugt, dass ich als cymrischer Herrscher vielleicht doch etwas N�tzliches tun k�nnte. Wir sind da.�</p><p>Sogleich wandte Rhapsody ihre Aufmerksamkeit dem gro�en Geb�ude vor ihnen zu. In mancher Hinsicht erinnerte das tempel�hnliche Bauwerk an die Stadt als Ganzes: majest�tisch gebaut, aber heruntergekommen. eine Reihe rissiger Marmorstufen f�hrte zu einem weitl�ufigen, mit Einlegearbeiten verzierten Vorplatz. Auf dem unregelm��igen Untergrund erhoben sich acht riesige S�ulen, alle �ber und �ber mit Moos und Flechten bewachsen. Das zentrale Geb�ude war eine gro�e Rundhalle, gekr�nt von einer Kuppel, durch die sich zwei breite Risse zogen. Zu beiden Seiten befand sich jeweils ein gro�er Anbau mit kleineren S�ulen, die sich in etwas besserem Zustand befanden. Ein hohes, schlankes Minarett, das metallisch blau in der Sonne gl�nzte, kr�nte den Mittelbau.</p><p>Sie stiegen die breiten Stufen hinauf und durchquerten das offene Portal. Im Innern des Tempels war es dunkel, Fackeln und Kerzen sorgten f�r tr�bes Licht. Es dauerte einen Augenblick, bis Rhapsody sich an das D�mmerlicht gew�hnt hatte. Um den Innenraum schien man sich besser zu k�mmern. Zwar hatte Ashe unterwegs auf ihrer langen Reise erw�hnt, dass die labyrinthartigen Anbauten verstaubt und verwahrlost seien, aber wenn Rhapsody sich jetzt in dem wundersch�n gearbeiteten Foyer umschaute, konnte sie das nicht best�tigen.</p><p>In der Mitte des weitl�ufigen Raums befand sich ein gro�er Brunnen, von dem ein d�nner Wasserstrahl zwanzig Fu� hoch in die Luft stieg und dann in ein mit schimmerndem Lapislazuli eingefasstes Becken herabpl�tscherte. Der Fu�boden war aus poliertem Marmor, die W�nde mit kunstvoll verzierten Fliesen get�felt, die Wandleuchter aus gl�nzendem Messing.</p><p>Auf beiden Seiten dieses Raums befand sich ein Vorzimmer; hier standen Wachsoldaten mit langen, d�nnen Schwertern. Ihnen gegen�ber, hinter dem Brunnen, war eine kunstvoll geschnitzte T�r aus Zedernholz, die ebenfalls bewacht wurde.</p><p>Rhapsody und Ashe gingen um den Brunnen herum und blieben bei den Wachen an der gro�en T�r stehen. Nachdem sie einen erklecklichen Geldbetrag bezahlt hatten, wurde ihnen die T�r ge�ffnet, und sie durften ins Allerheiligste eintreten. Mit der Eintrittsgeb�hr, so erkl�rte man ihnen, werde f�r den Fortbestand des Orakels gesorgt. �Ob Manwyn wohl dar�ber Bescheid wei�?�, meinte Ashe laut zu Rhapsody.</p><p>Der Raum hinter der Zedernholzt�r war riesig, erhellt durch das Licht, das durch eine Reihe kleiner Fenster in der Kuppel einfiel, und zahllose Kerzen. In der Mitte des Raums befand sich, gef�hrlich nah am Rand eines gro�en offenen Brunnens, ein Podest. Darauf sa� mit �bereinander geschlagenen Beinen eine Frau, bei der es sich um Manwyn handeln musste: gro�, d�nn, rosiggoldene Haut, feuerrotes Haar mit grauen Str�hnen. Auf ihrem Gesicht erkannte man unschwer die Falten des mittleren Lebensalters; ihr L�cheln war seltsam und irgendwie beunruhigend. In der linken Hand hielt sie einen kunstvoll verzierten Sextanten, und sie war ganz in gr�ne Seide gekleidet.</p><p>Doch es waren die Augen der Seherin, die Rhapsody faszinierten. Sie wirkten noch weniger menschen�hnlich als die von Ashe, und wenn man hineinsah, blickte einem das eigene Spiegelbild entgegen. Ohne Pupille, ohne Iris, ohne Lederhaut, die ihnen irgendwelche Konturen verliehen, waren sie Spiegel, vollkommene silberne Spiegel. Rhapsody hatte das Gef�hl, in zwei Quecksilberkugeln zu schauen, und sie bem�hte sich, nicht allzu sehr zu starren. Manwyn l�chelte.</p><p>�Sieh in den Brunnen�, sagte sie. Ihre Stimme war ein unmelodisches Kr�chzen, das Rhapsody an der Sch�deldecke schmerzte. Rasch tauschte sie einen Blick mit Ashe, der nickte. Seite an Seite n�herten sie sich dem Podest.</p><p>�Nein, du nicht�, fauchte Manwyn und funkelte Ashe w�tend an. �Du musst warten. Die Zukunft verbirgt sich vor dem, der in der Gegenwart unsichtbar bleibt.� Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, spuckte sie ver�chtlich in seine Richtung aus. Rhapsody schluckte, ging aber weiter auf den Brunnen zu. Sie dachte daran, was Llauron ihr �ber Manwyn erz�hlt hatte: dass sie die labilste der Seherinnern sei, die Verr�ckteste. Obwohl sie nicht l�gen konnte, war es manchmal schwer zu unterscheiden, wann es sich bei ihren Spr�chen um echte Prophezeiungen handelte und wann/um die Phantasien eines verwirrten Verstandes. Au�erdem waren ihre Worte zuweilen doppeldeutig, oder sie bes��en verborgene Bedeutungen, sodass man sich nicht wirklich auf sie verlassen konnte. Aber es gab keine bessere M�glichkeit, um etwas �ber die Zukunft zu erfahren, und f�r diejenigen, die ihren Tempel aufsuchten, war sie oft die letzte Zuflucht. Wie jeder andere Ratsuchende hoffte auch Rhapsody, dass Manwyn heute einen vern�nftigen und ausgeglichenen Tag hatte. So trat sie an den Rand des Brunnens, wappnete sich innerlich und blickte hinein. Ein g�hnender Abgrund tat sich im Boden vor ihr auf, scheinbar ohne Grenzen, bodenlos. In der Dunkelheit war es ziemlich gef�hrlich, sich ihm zu n�hern, denn die R�nder waren ungleichm��ig und im d�mmrigen Licht schwer zu erkennen. Die Seherin lachte gackernd und zeigte zu der dunklen Kuppel empor.</p><p>Zum ersten Mal blickte Rhapsody hinauf und sah, dass die Kuppel schwarz war wie die Nacht, entweder durch einen architektonischen Trick oder durch Magie. Sie war �ber und �ber mit Sternen bedeckt vielleicht auch nur mit deren Abbildern, die blinkten, w�hrend dunstige Wolkenschleier an ihnen vor�berzogen. Rhapsody sp�rte, wie der Wind an ihrem Umhang zerrte, und wusste auf einmal, dass sie sich nicht mehr im Tempel befand, sondern drau�en im Freien, am einsamsten Punkt der Nacht, mutterseelenallein mit der Seherin. Eine Sternschnuppe sauste �ber den Himmel, der Wind wurde st�rker und peitschte ihr ins Gesicht, i �Rhapsody.� Ashes Stimme unterbrach ihre Tr�umerei; sie sah sich um und konnte ihm Halblicht des Tempels vage die Umrisse seines Umhangs ausmachen. Als sie sich zu Manwyn umwandte, war alles wieder so wie vorhin, als sie eingetreten waren, nur sah die Prophetin jetzt ver�rgert aus. Sie hielt den Sextanten ans Auge, deutete wieder in die dunkle Nachtkuppel empor und deutete dann auf den Brunnen.</p><p>�Schau hinein, um Zeit und Ort zu finden, die vorbestimmt sind�, sagte sie. Rhapsody holte tief Luft; sie hatte noch nicht einmal ihre Frage gestellt. Dann starrte sie in den Abgrund hinunter, wo sich ein Bild zu formen begann. Als es klarer wurde, erkannte sie eine Lirin-Frau mit grauem Gesicht, offensichtlich von Schmerzen gepeinigt, hochschwanger. Sie war gerade stehen geblieben, um sich auszuruhen, und hielt sich mit der Hand den gro�en, runden Bauch. In der Kuppel war ein kratzendes Ger�usch zu h�ren, und Rhapsody blickte empor. Die Sterne hatten sich auf einen anderen L�ngen und Breitengrad verschoben, und sie pr�gte sich ihre Position genau ein. Zweifellos zeigte Manwyn ihr den Ort, an dem sie diese Frau finden w�rde.</p><p>�Wann, Gro�mutter?�, fragte sie ehrerbietig. Manwyn lachte, ein wildes, schreckliches Kichern, das Rhapsody schaudern lie�.</p><p>�Eine Seele geht, eine Seele kommt, in elf Wochen von dieser Nacht heute�, antwortete sie, als das Bild im Brunnen verschwand. Manwyn starrte auf etwas hinter Rhapsody, und als diese sich umwandte, sah sie Ashe n�her kommen, zum ersten Mal mit zur�ckgeworfener Kapuze. Ein L�cheln breitete sich langsam auf dem Gesicht der Seherin aus, triumphierend, aber auch ein bisschen grausam. Sie sah Ashe direkt an, aber als sie zu sprechen begann, richtete sie ihre Worte weiterhin nur an Rhapsody.</p><p>�Ich sehe die Geburt eines unnat�rlichen Kindes, hervorgegangen aus einer unnat�rlichen Verbindung. Nimm dich vor dieser Geburt in Acht, Rhapsody: Die Mutter wird sterben, das Kind aber wird �berleben.�</p><p>Rhapsody begann zu zittern. Jetzt verstand sie, was Ashe mit seiner Warnung vor vagen Prophezeiungen gemeint hatte. Bezog sich Manwyn auf die Lirin-Frau oder auf sie? Obgleich der Kontext Ersteres nahe legte, deutete die Klarheit in ihrer Stimme auf das andere hin. Sie wollte nachfragen, brachte aber kein Wort heraus.</p><p>�Was soll das bedeuten?�, wollte Ashe wissen. So w�tend hatte Rhapsody ihn noch nie erlebt.</p><p>�Was f�r ein Spiel spielst du, Manwyn?�</p><p>Manwyns H�nde sch�ssen hinauf zu ihrem flammend roten Haar, ihre Finger bohrten sich in die ungepflegten Locken und zwirbelten sie zu langen verknoteten Str�hnen. L�chelnd starrte sie zur Decke, summte eine wortlose Melodie und warf Ashe dann einen Blick zu, so direkt es mit ihren einfarbigen Augen eben ging.</p><p>�Gwydion ap Llauron, deine Mutter ist gestorben, als sie dich zur Welt brachte, aber die Mutter-Meiner Kinder wird bei ihrer Geburt nicht sterben.� Dann brach sie in wahnsinniges Gel�chter aus.</p><p>Ashe ber�hrte Rhapsodys Schulter. �Machen wir, dass wir hier wegkommen�, meinte er mit leiser Stimme. �Hast du erfahren, was du wissen wolltest?�</p><p>�Ich bin nicht sicher�, entgegnet Rhapsody. Ihre Stimme zitterte, wenngleich sie die Angst nicht versp�rte, die sie deutlich darin vernahm.</p><p>�Gwydion, hast du deinem Vater Lebewohl gesagt? Er stirbt in den Augen aller, um zu leben, wo keiner ihn sieht; du spielst ein doppeltes Spiel, dennoch wirst du von seinem lebendigen Tod profitieren und auch unter ihm zu leiden haben. Weh dem Menschen, der f�r den Mann l�gt, welcher ihn den Wert der Wahrheit gelehrt hat, Gwydion; du bist es, der den Preis f�r seine neu gewonnene Macht bezahlen wird.�</p><p><emphasis>�SIKLERIV!�,</emphasis> fauchte Ashe mit einer mehrt�nigen Stimme, die Rhapsody noch nie bei ihm geh�rt hatte, und das Wort drang durch sie hindurch wie ein Messer. Aus irgendeinem Grunde wusste sie, dass es �Ruhe!� bedeutete, und es klang fast wie ein �bles Schimpfwort. Vermutlich war es die Drachensprache.</p><p>Ashe war rot angelaufen, und Rhapsody sah, wie die Ader auf seiner Stirn zu pulsieren begann.</p><p>�Kein Wort mehr, du wyrmz�ngige Wahnsinnige!�, br�llte er.</p><p>Rhapsody �berlief es kalt, denn sie sp�rte den Zorn des sich aufb�umenden Drachen. T�dlich ruhig war er, mit einer listigen, gebieterischen Energie, die ihre F��e und H�nde taub machte. Pl�tzlich wurde ihr klar, dass auch in Manwyns Adern Drachenblut floss. Ihr Herz pochte, und sie nahm Ashes Hand.</p><p>�Lass uns gehen�, fl�sterte sie dr�ngend und zog ihn am Arm. Er widersetzte sich, offensichtlich kurz davor, sich auf den Kampf zweier starker Willen einzulassen. Rhapsody �berkam Panik, wenn sie nur daran dachte. Manwyn erhob sich auf die Knie und stie� ein Geheul aus, das die Grundfesten der Rundhalle ersch�tterte, sodass Steinbrocken und Staub von der Decke fielen.</p><p>Die Augen noch immer auf das kreischende Orakel gerichtet, umfasste Ashe Rhapsodys Hand fester. St�ck f�r St�ck f�hlte sie ihn entgleiten, v�llig absorbiert von seiner Gegnerin, die jetzt wild auf ihrem Podest �ber dem bodenlosen Abgrund hin und her schwankte. Die Luft wurde immer dicker von Staub und Statik, Rhapsody konnte kaum atmen. Unter ihren F��en bebte die Erde, und das Firmament der Kuppel schien in Flammen aufgehen zu wollen. Noch einmal zerrte Rhapsody mit aller Kraft an Ashe, aber sein Widerstand war noch gr��er geworden. Da holte sie tief Luft und sang seinen Namen, ein tiefer, leiser Ton, untermalt von Manwyns ohrenbet�ubendem, abscheulichem Kreischen. Der Klang erf�llte den Rundbau, �bert�nte das Geheul, und Manwyn erstarrte. Ashe blinzelte, und in diesem Augenblick schleifte Rhapsody ihn aus dem Raum, verfolgt von Manwyns hysterischem Gel�chter, das in ihren Ohren widerhallte.</p><p>Erst auf halbem Weg zum Stadttor h�rten sie auf zu rennen. Ashe fluchte leise in zahlreichen verschiedenen Sprachen und Dialekten vor sich hin. Zwar versuchte Rhapsody, ihn zu ignorieren, fand aber seine Schimpfkanonade auf widerw�rtige Art anziehend. Am Rand eines sehr gro�en ausgetrockneten Brunnens machten sie Halt und setzten sich, atemlos in der feuchten Hitze. Rhapsody erstickte fast unter ihrem Umhang und zitterte vor Anstrengung. Schlie�lich blickte sie auf und sah Ashe w�tend an.</p><p>�War das wirklich n�tig?�</p><p>�Sie hat angefangen. Ich habe nichts getan, um sie gegen mich aufzubringen.�</p><p>�Nein�, r�umte Rhapsody ein, �das hast du wirklich nicht. Aber warum hat sie dich dann angegriffen?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Ashe, zog seinen Wasserschlauch hervor und bot ihn ihr an.</p><p>�Vielleicht hat sie sich bedroht gef�hlt; Drachen sind oft unberechenbar.�</p><p>�Das ist mir auch schon aufgefallen�, sagte sie, nahm einen gro�en Schluck aus dem Schlauch und gab ihn Ashe zur�ck. �Nun, das w�re �berstanden. Allerdings muss ich sagen, je mehr ich von deiner Familie kennen lerne, desto weniger mag ich sie.�</p><p>�Und dabei bist du noch nicht einmal meiner Gro�mutter begegnet�, meinte Ashe und l�chelte zum ersten Mal. �Das ist ein unvergleichliches Erlebnis. Hoffentlich taucht sie nicht beim Rat der Cymrer auf.�</p><p>Rhapsody schauderte. �Ja, hoffen wir es. Und was machen wir jetzt?�</p><p>Ashe beugte sich zu ihr und k�sste sie, was ihm einen am�sierten Blick von ein paar vorbeischlendernden Bettlerinnen einbrachte. �Gehen wir einkaufen.�</p><p>�Einkaufen? Du machst Witze.�</p><p>�Aber nein. Yarim hat ein paar wunderbare Basare und einen Gew�rzh�ndler aufzuweisen, dessen Bekanntschaft sich f�r dich bestimmt lohnt, wo du derlei Dinge doch so sch�tzt. Ich m�chte gern etwas kaufen, was ich bei unserem Abschiedsessen tragen kann, und vielleicht auch noch ein paar ungew�hnliche Zutaten f�r unser Essen. Au�erdem kann ich mir kaum vorstellen, dass du dir eine Gelegenheit zum Einkaufen entgehen l�sst.�</p><p>Rhapsody lachte. �Ja, das stimmt�, gab sie zu. �Ich habe gehofft, ein paar nette Pr�sente f�r meine Enkel zu finden und vielleicht auch ein Geburtstagsgeschenk f�r Grunthor. Was meinst du, wor�ber er sich freuen w�rde?�</p><p>Ashe erhob sich, reichte ihr die Hand und half ihr auf. �Ich glaube, er w�rde dich gern in einem weit ausgeschnittenen, r�ckenfreien roten Kleid sehen.� Rhapsody musterte ihn.</p><p>��oh, richtig, tut mir Leid, da habe ich etwas verwechselt das Ansehe <emphasis>ich</emphasis> mir. Also Grunthor, hmmm. Sammelt er Souvenirs von seinen Heldentaten?�</p><p>Rhapsody schauderte. Schon seit jeher fand sie den Brauch widerlich, K�rperteile von besiegten Feinden aufzubewahren.</p><p>�Manchmal.� �Na, wie w�re es dann mit einer h�bschen Truhe f�r seine Troph�en?�</p><p>�Nein, ich glaube, das lieber nicht.� �Ach komm schon, sei ein bisschen erfinderisch. Welche Form w�rde sich eignen? Ich meine, sammelt er K�pfe? Dann k�nntest du ihm eine Garderobe mit Hutst�ndern besorgen.�</p><p>Rhapsody dachte nach. �Nein, er sammelt keine K�pfe, es w�re ihm zu m�hsam, sie abzuschneiden. Ich denke, eine Zigarrenkiste w�re eher geeignet.� Sie sah, wie sich ein am�sierter und zugleich angeekelter Ausdruck �ber sein Gesicht ausbreitete. �Nun, es war deine Idee.�</p><p>�Richtig.� Inzwischen hatten sie sich auf den Weg zu dem belebteren Viertel der Stadt gemacht, zu dem anscheinend auch die meisten anderen Passanten unterwegs waren.</p><p>�Rhapsody, ich muss dich um einen Gefallen bitten.� �Aber gern.�</p><p>�Sag das lieber nicht so schnell�, entgegnete er ernst. �Ich gehe davon aus, dass du es genauso ungern h�rst, wie ich dich darum bitte.�</p><p>Sie seufzte. �Na gut. Worum geht es?� Er blieb stehen und sah ihr ins Gesicht. �Vielleicht erscheint es dir unsinnig. Vorhin hat Manwyn etwas gesagt, was du eigentlich nicht h�ren solltest, nicht weil ich es vor dir geheim halten will, sondern weil es eine gro�e Gefahr f�r deine Sicherheit darstellt, f�r deine eigene und die einiger anderer Leute.� Er ergriff ihre H�nde. �Hast du so viel Vertrauen zu mir, dass du es wagen w�rdest, dir die Erinnerung von mir wegnehmen zu lassen, nur f�r eine kleine Weile? Bis es wieder sicher ist?�</p><p>�Was faselst du da?�, fragte sie �rgerlich. �Geh�rt das auch zu deinem ganzen cymrischen Unsinn?�</p><p>�In gewisser Weise, ja. Aber es geht mir mehr um die Gefahr f�r dich als um sonst etwas, wenn ich dich darum bitte, denn ich m�chte nicht, dass dir etwas zust��t. Glaubst du mir das?�</p><p>Wieder seufzte sie tief. �Ich denke schon.�</p><p>Ashe lachte auf. �Wie �berzeugend!�</p><p>�Nun, was erwartest du, Ashe ? entgegnete Rhapsody mit wachsendem �rger. �Zuerst muss ich mich mit einer exzentrischen Prophetin herumschlagen, die in R�tseln spricht, und dann muss ich mir auch noch anh�ren, wie du dasselbe tust? Was willst du denn? Was meinst du damit, dass du mir die Erinnerung wegnehmen willst?�</p><p>�Du hast Recht�, erwiderte er, und seine Stimme wurde sanfter. �Ich wei�, dass das f�r dich unertr�glich ist, Rhapsody. Deine Erinnerungen sind eine Art Schatz. Als solche kann ich sie sammeln, aber nur mit deiner Zustimmung. Sie k�nnen in einem reinen Gef�� aufbewahrt werden, so �hnlich, wie du es mit meiner Seele getan hast, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es f�r dich nicht mehr gef�hrlich ist, sie wieder zu dir zu nehmen.�</p><p>Rhapsody rieb sich die Schl�fen. �Woher soll ich wissen, was ich zur�cknehmen muss, wenn ich mich gar nicht mehr daran erinnere?�</p><p>�Ich werde es dir ins Ged�chtnis rufen. Und ich werde dir ein Zeichen geben, falls mir etwas zust��t. Was ich vorschlagen m�chte, ist Folgendes: In der Nacht, in der wir voneinander Abschied nehmen, werde ich dir alles erkl�ren, was du im Augenblick noch nicht verstehst. Ich werde dir nichts vorenthalten. Wir setzen uns in die Laube in Elysian k�nnen wir offen miteinander sprechen, und ich werde daf�r sorgen, dass ein Gef�� zur Verf�gung steht, das die Erinnerung an diese Nacht und an das Gespr�ch mit Manwyn aufnimmt und sicher verwahrt.�</p><p>�Das kann ich nicht�, entgegnete sie. �Tut mir Leid. Ich brauche die Information, die sie mir gegeben hat.�</p><p>�Ich meine nur das, was sie gesagt hat, nachdem sie dir deine Information gab�, erkl�rte Ashe. �Den Rest sollst du behalten. Bitte, Rhapsody, versteh doch, dass ich so etwas nicht von dir verlangen w�rde, wenn es nicht notwendig w�re. H�r dir an, was ich zu sagen habe, wenn wir zur�ckkommen. Wenn du mir deine Erlaubnis dann nicht geben willst, beuge ich mich deinem Entschluss. Aber bitte ziehe es wenigstens in Erw�gung.�</p><p>�Nun gut�, stimmte sie z�gernd zu. �Aber jetzt lass uns einkaufen gehen.� Sie atmete erleichtert auf, als der Teil seines Gesichts, den sie unter der Kapuze sehen konnte, sich zu einem L�cheln entspannte. Sie war nicht sicher, was schlimmer war die Aussicht, dass er sie bald verlassen w�rde, oder noch eine T�uschung mitzumachen, was dem cymrischen Volk eingeboren zu sein schien. Doch im Grunde spielte es keine Rolle. Beide Probleme w�rden demn�chst ausgestanden sein.</p></section><section><title><p>51</p></title><p>Rhapsody sch�ttelte die Kr�mel von der Tischdecke, faltete sie zusammen und legte sie auf den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Ashe war noch in der H�tte und hatte schon den Tisch abger�umt und das Geschirr hineingetragen. Sie stellte die kleine Vase mit Winterblumen auf die Mitte des Tischs zur�ck, strich l�chelnd �ber die steifen Bl�tenbl�tter und bewunderte ihre Sch�nheit und ihre Entschlossenheit. Lange nachdem die zarteren Blumen von Sommer und Fr�hherbst verwelkt und abgestorben waren, bl�hten diese hier weiter, trotzten dem unerbittlichen Griff der Winterwei�e, und schenkten der frostigen Welt frische Farbe. Als Ashe wiederkam, fand er Rhapsody ganz in Gedanken versunken, wie sie mit einer der blutroten Bl�ten versonnen �ber ihre Wange strich. In ein paar Schritt Entfernung blieb er stehen und beobachtete sie, w�hrend seine Augen sich an dem pr�chtigen Bild erg�tzten, das sie unbewusst komponiert hatte.</p><p>Ihr goldenes Haar war mit winzigen wei�en Trockenblumen zu einem schimmernden Knoten hochgesteckt, nur ein paar Str�hnen fielen weich um Gesicht und Nacken. Sie trug ein elegantes, hochgeschlossenes Kleid aus elfenbeinfarbener canderischer Waschseide mit einem weiten Rock und einem schmalen Spitzenbesatz, der sich an ihre Handgelenke und ihren Hals schmiegte, und obgleich von ihrer rosigen Haut abgesehen von den H�nden und dem Gesicht nicht viel zu sehen war, hob das Kleid die Sch�nheit ihres K�rpers raffiniert hervor. Erst einen Moment sp�ter merkte Ashe, dass er unwillk�rlich die Luft angehalten hatte. Er dachte zur�ck an ihre gemeinsame Zeit, und ihm wurde klar, dass Rhapsody heute Abend zum ersten Mal ihre nat�rliche Sch�nheit absichtlich betont hatte. Das Ergebnis war umwerfend. W�hrend der Drache in ihm dar�ber nachdachte, wie viel ungenutzte Macht in ihr schlummerte, Macht, mit der sie ganze V�lker lenken und verzaubern konnte, war der Mann entz�ckt �ber die Erkenntnis, dass sie sich f�r ihn herausgeputzt hatte und sich ganz offensichtlich w�nschte, ihre letzte gemeinsame Nacht zu einer wunderbaren Erinnerung zu machen. Auf einmal kehrten ihre Gedanken von ihrer Wanderschaft zur�ck, sie drehte sich zu ihm um und schenkte ihm ein L�cheln, von dem er weiche Knie bekam. Mit nat�rlicher Anmut hob sie ihre bauschigen R�cke und kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Er ergriff ihre H�nde und k�sste sie zart, doch dann schloss er Rhapsody in die Arme und genoss ihren frischen Duft und ihren warmen K�rper in der seidigsteifen F�lle des Kleids. Sie war ein wahrer Schatz von Empfindungen, an denen sich der Drache endlos erg�tzen konnte, und es war nicht leicht, das Verlangen danach erst einmal hintanzustellen.</p><p>�Danke f�r das wunderbare Essen�, sagte sie, entzog sich seiner Umarmung und l�chelte ihn an. �Wenn ich gewusst h�tte, dass du so gut kochen kannst, h�tte ich dir �fter aufgetragen, das Essen zu bereiten.�</p><p>Er lachte und fuhr mit dem Zeigefinger �ber ihre Wange. �Nein, zusammen macht es viel mehr Spa߫, entgegnete er, legte ihre Hand in seine Armbeuge und wanderte mit ihr den Gartenweg entlang. �Das bezieht sich �brigens auf alle meine Lieblingsbesch�ftigungen mit dir. Eine hervorragende Leistung in irgendeinem Bereich ist nicht viel wert ohne einen Partner, der sie zu sch�tzen wei�.� Er sah, wie ihre Porzellanhaut rosiger wurde, und staunte wieder einmal dar�ber, dass eine Frau, die so irdisch, so unbeeindruckt von anst��igem Humor und Verhalten war, dennoch so leicht err�tete, wenn sie mit ihm allein war. Er liebte den Gedanken.</p><p>�Komm in meine Arme und tanz mit mir�, meinte er leichthin. Um nicht an den Gef�hlen zu ersticken, die in seinem Herzen aufwallten, zog er sie wieder an sich und dr�ckte ihren Kopf an seine Schulter. �Wir sollten �ben, denn das n�chste Mal treffen wir uns heimlich beider k�niglichen Hochzeit in Bethania. Wenn wir tanzen und (nicht auffallen wollen, dann w�re es nicht gut, wenn ich dir auf die F��e tr�te.�</p><p>Aber Rhapsody wich so pl�tzlich zur�ck, dass er zusammenzuckte. Vor seinen Augen wurde das rosige Gesicht alabasterblass. Ihre Augen suchten in seinem Gesicht nach etwas und f�llten sich mit einer alten Traurigkeit, die sie jedoch gleich darauf wieder absch�ttelte.</p><p>�Es wird sp�t�, sagte sie ein wenig nerv�s. �Wir sollten uns unterhalten und dann mit der Benennungszeremonie beginnen.�</p><p>Ashe nickte, wenn auch ein wenig traurig, denn beim Tanzen h�tte er sie noch ein wenig l�nger im Arm halten, das Gl�ck ein wenig ausdehnen k�nnen. �Bist du bereit?�, fragte er und zeigte zur Laube hin�ber. Sie hatten vereinbart, dass er dort seine Geheimnisse offenbaren und ihr dann die Erinnerung nehmen w�rde. Doch nun senkte sie die Augen und sp�rte ihre Anspannung st�rker werden, als sie den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Noch nicht�, sagte sie und wandte sich zu einer kleinen Bank in einem verborgenen Winkel des Gartens. �K�nnen wir uns einen Augenblick dort hinsetzen? Ich habe dir etwas zu sagen, und ich m�chte mich gern daran erinnern k�nnen, dass ich es gesagt habe.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Ashe half ihr �ber eine kleine Steinmauer, und sie schlenderten Hand in Hand zu der Bank. Sie strich sich den Rock glatt, w�hrend er sich neben ihr niederlie� und wartete, was sie ihm zu sagen hatte.</p><p>�Ehe du mir die Erinnerung an den Rest der Nacht wegnimmst, m�chte ich dir sagen, dass du Recht hattest�, erkl�rte sie, und ihre Augen funkelten ihn in der Dunkelheit an.</p><p>�Rhapsody, du bist unglaublich�, sagte Ashe scherzhaft. �Gerade als ich dachte, es w�re nicht m�glich, da f�llt dir eine neue Methode ein, wie du mich sexuell erregen kannst. Sagst du das bitte noch einmal?�</p><p>�Du hattest Recht�, wiederholte sie und erwiderte sein Grinsen. �Muss ich mich jetzt ausziehen?�</p><p>�Bring mich nicht in Versuchung�, entgegnete er und fragte sich, ob das vielleicht ein Trick war, nicht mit ihm zur Laube zu gehen. Er wusste, dass sie nicht gl�cklich war �ber das, was sie dort vorhatten, und obgleich sie ihm vertraute, war sie bestenfalls mit Vorbehalten dazu bereit. �Tut mir Leid; also, was hast du gesagt?�</p><p>Jetzt wurde ihr Gesicht ernst, und ihre Augen verdunkelten sich im matten Licht der Papierlaternen, die er �berall im Garten aufgeh�ngt hatte. �Alles, was du gesagt hast, als du das erste Mal nach Elysian gekommen bist, war richtig, obwohl ich es damals nicht wusste.�</p><p>Einen Augenblick starrte sie auf ihre H�nde, dann hob sie den Kopf, und ihre Augen gl�nzten von tiefen Gef�hlen oder auch von Tr�nen, w�hrend sie ihn ansah.</p><p>�Ich m�chte, dass du wei�t, wie viel mir die Zeit mit dir bedeutet hat. Ich bin ... ich bin froh, dass wir zusammen waren. Und du hattest Recht es war genug.� Ashe sah, wie eine Tr�ne zwischen ihren Wimpern hervorquoll und ihr langsam �bers Gesicht rollte.</p><p>�Aber ich war schon lange vorher gern mit dir zusammen, und ich denke, wir waren unter anderem deshalb ein gutes Liebespaar, weil wir vorher schon gute Freunde waren. Und da Freundschaft letztlich das ist, was uns erhalten bleibt, m�chte ich auch weiterhin gern mit dir befreundet sein, wenn die Umst�nde es erlauben. Ich habe mich nie zwischen einen Mann und seine Frau gestellt, und ich habe nicht vor, ausgerechnet jetzt damit anzufangen. Wenn es dir also keine Probleme macht und ... und wenn die cymrische Herrscherin auch nichts dagegen hat, dann denk bitte daran, dass ich f�r dich da bin, wenn du mich brauchst um dir zu helfen, meine ich.� Verlegen stockte sie und blickte kurz zur Laube hin�ber. Ashe tat das Herz weh. Er streckte die Hand aus und fing die Tr�ne auf, als sie Rhapsodys Kinn erreichte; dann legte er sanft die Hand auf ihre Wange. Vorsichtig deckte sie ihre dar�ber.</p><p>�Ich liebe dich, Gwydion ap Gwylliam und so weiter, ich werde dich immer lieben�, sagte sie und sah ihn an. �Aber diese Liebe wird niemals dein Gl�ck bedrohen, sie wird dich auf jede m�gliche Art unterst�tzen Danke, dass du mir diese Zeit und diese Gelegenheit geschenkt hast. Es hat mir mehr bedeutet, als du jemals ermessen kannst.�</p><p>Jetzt hielt Ashe es nicht mehr aus. Er nahm ihr sch�nes Gesicht in die H�nde und k�sste sie, mit all dem wortlosen Trost, den er in seinen Kuss legen konnte. Ihre Lippen waren warm, aber sie erwiderten den Kuss nicht; sanft zog sie seine H�nde von ihrem Gesicht und dr�ckte sie freundlich.</p><p>�Bist du jetzt bereit?�, fragte er und nickte zur Laube hin�ber. Rhapsody seufzte. �Ja, ich denke schon�, antwortete sie und stand auf. �Lass mich nur schnell meine Harfe holen, die brauche ich f�r die Zeremonie.�</p><p>�Das kann warten�, entgegnete Ashe. �Zuerst unterhalten wir uns. Dann machen wir die Benennungszeremonie. Ich muss dir etwas sagen, und eine Bitte habe ich dann auch noch.�</p><p>�Sehr gut�, meinte sie. �Ehrlich gesagt geht es mir genau so.�</p><p>Von der Laube aus hatte man einen atemberaubenden Blick �ber ganz Elysian, und von den k�hlen Marmorb�nken konnte Rhapsody nicht nur ihren gesamten Garten sehen, der sich auf den langen Schlaf des nahenden Winters vorbereitete, sondern auch die H�tte mit dem wuchernden Efeu, der sich allm�hlich zu einem d�steren Braun verf�rbte, und in der Ferne den rauschenden Wasserfall, der st�rker wurde, weil die Regenf�lle die B�che anschwellen lie�en. Der See, der ihre geliebte Insel wie mit einer Umarmung umschloss, brodelte unter der Heftigkeit des herabst�rzenden Wassers.</p><p>Zum ersten Mal dieses Jahr sp�rte Rhapsody K�lte in der Luft; der Winter nahte. Bald w�rde der Garten still sein, und die V�gel, welche einen Weg nach hier unten gefunden und in den B�umen genistet hatten, w�rden wieder verschwinden. Das verborgene Paradies w�rde seine Farbenpracht einb��en und sich zum �berwintern bereit machen. Rhapsody fragte sich, wie viel von dem W�rmeverlust in Land und Luft dem j�hrlichen Klimawechsel zuzuschreiben war und wie viel davon an dem verl�schenden Feuer in ihren Seelen lag, in denen die Liebe starb. Bald schon w�rde Elysian in seinen Winterschlaf versinken und dort, wo einst Pracht und �berfluss geherrscht hatten, w�rde es nur noch um die schlichte Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen gehen. Genau wie bei ihr selbst.</p><p>�Rhapsody?� Ashes Stimme holte sie aus ihrer Gr�belei in die Wirklichkeit zur�ck. Sie blickte auf. �Ja? Oh, entschuldige. Was muss ich jetzt tun?�</p><p>Ashe setzte sich neben sie auf die Steinbank und streckte die Hand aus. In ihr lag eine gigantische Perle, w�ssrigwei� wie Milch, von opaleszentem Schwarz umgeben. �Das ist ein alter Kunstgegenstand aus dem Land deiner Geburt, das jetzt unter den Wogen des Ozeans liegt�, erkl�rte er mit ehrf�rchtiger Stimme. �Fr�her hat die Perle die Geheimnisse des Meeres enthalten, und auch an Land ist ihr ein solches anvertraut worden. Benenne diese Perle, Rhapsody, und sag ihr, sie soll die Erinnerung an diese Nacht f�r dich aufbewahren, bis es f�r dich sicher ist, sie zur�ckzuerhalten.�</p><p>Rhapsody nahm die Perle in beide H�nde. Obgleich sie por�s aussah, war ihre St�rke zu sp�ren, undurchdringlich, Schicht um Schicht fest gewordener Tr�nen des Ozeans. Sie schloss die Augen und sang das Benennungslied, wobei sie die Melodie den Schwingungen der Perle anpasste, bis sie vollkommen �bereinstimmten.</p><p>Dann schlug sie die Augen wieder auf. Die Perle hatte zu schimmern begonnen, und ihr Licht erf�llte die Laube. Sie war durchsichtig, und in ihrer Mitte befand sich der hellste Punkt, der durch die nun erkennbar gewordenen Schichten hindurchschimmerte. In das Lied flocht Rhapsody den Befehl, um den Ashe sie gebeten hatte: dass die Erinnerung an den verbleibenden Rest der Nacht in der Perle aufbewahrt werden sollte. Als das Lied zu Ende war, gab Rhapsody die schimmernde Perle zur�ck. Ashe erhob sich von der Bank, ging zu dem leeren goldenen K�fig und legte die Perle hinein. Dann setzte er sich wieder neben Rhapsody und nahm ihre H�nde, aber ehe er etwas sagen konnte, hielt sie ihn auf.</p><p>�Warte einen Augenblick, bitte, Ashe�, sagte Rhapsody. �Ehe du mir irgendetwas erz�hlst, m�chte ich dich noch ein letztes Mal anschauen.� Ihre Augen musterten ihn durchdringend, nahmen seinen Blick in sich auf, die Umrisse seines Gesichts, die Farbe seines Haars, sein �u�eres in der h�bschen Seemannsuniform mit dem dazugeh�rigen Umhang. Dann schloss sie die Augen und atmete tief, w�hrend sie versuchte, seinen Duft einzusaugen, die Art, wie er die ihn umgebende Luft formte. Sie zeichnete sozusagen ein Bild von ihm, das ein Leben lang Bestand haben musste. Schlie�lich senkte sie die Augen.</p><p>�In Ordnung�, sagte sie. �Ich bin bereit.�</p><p>�Sehr gut�, meinte Ashe mit einem nerv�sen L�cheln. �Rhapsody, was ich dir zu sagen habe, ist nicht angenehm f�r mich, und du wirst es auch nicht h�ren wollen. Ehe wir uns an die Arbeit machen, habe ich noch ein letztes Anliegen. Bitte h�r mich an.�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Worum geht es denn?�</p><p>Er holte tief Atem; seine Stimme klang sanft. �Aria, ich wei�, dass du mir nie eine Bitte abgeschlagen hast, und du hast mir so oft deine Gunst gew�hrt, dass es unglaublich erscheint, wenn ich mich mit einem weiteren Anliegen an dich wende, aber ich muss es tun. Es ist das Wichtigste, um das ich dich jemals bitten werde, sowohl f�r mich als auch, mit ein wenig Gl�ck, f�r das cymrische Volk. Wirst du es in Erw�gung ziehen, bitte?�</p><p>Rhapsody sah ihm in die Augen; sie gl�nzten, und er schien den Tr�nen nahe. Die Sternformationen, welche die seltsamen vertikalen Pupillen umgaben, gl�hten intensiver, als sie es je gesehen hatte. Sie schloss die Augen und pr�gte das Bild f�r immer in ihr Ged�chtnis ein. In den einsamsten N�chten ihres restlichen Lebens w�rde sie sich ihn so vorstellen, wie er jetzt gerade aussah. Sie wusste, dass die Erinnerung ihr Trost spenden w�rde.</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich werde ich deine Bitte in Erw�gung ziehen�, antwortete sie und dr�ckte seine H�nde. �Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich immer dein Freund und Verb�ndeter sein werde, Ashe. Du kannst mich um alles bitten, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um dir zu helfen.�</p><p>Er l�chelte, drehte ihre Hand in seiner um und k�sste sie. �Versprochen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut. Dann heirate mich.� Seine Worte waren aus seinem Mund, noch bevor sein Knie den Boden vor ihr ber�hrte.</p><p>�Das ist nicht komisch, Ashe�, sagte Rhapsody �rgerlich. �Steh auf. Worum geht es denn wirklich?�</p><p>�Entschuldige, Rhapsody, aber das ist meine Bitte. Von Anfang an ist sie das gewesen. Ich habe keine Witze dar�ber gemacht oder mit dir dar�ber gestritten oder das Thema auch nur angeschnitten, bis ich sicher war, dass du mir unvoreingenommen zuh�rst, denn ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so ernst gemeint.� Er sah, wie sie blass wurde, ergriff wieder ihre H�nde und preschte weiter vor, denn er wollte nicht, dass sie ihm jetzt schon eine Antwort gab.</p><p>�Ich wei�, dass du lange in dem von meinem Vater kr�ftig unterst�tzten Glauben gelebt hast, dass es eine Hierarchie gibt, zu der du deiner Herkunft wegen nicht geh�rst, und dass dies irgendwie ein guter Grund ist, uns das Gl�ck zu verweigern und dem cymrischen Volk die beste K�nigin vorzuenthalten, die es sich w�nschen k�nnte. Aria, das ist nicht wahr. Die Cymrer haben vielleicht ein Familienerbrecht, aber sie sind ein freies Volk. Sie k�nnen bei dem Rat, der einberufen wird, um einen K�nig zu kr�nen, jeden best�tigen oder ablehnen, der ihnen beliebt.</p><p>Ich habe keine Ahnung, ob sie mich nicht sowieso hochkant hinauswerfen, aber dann bauen wir eben zusammen die sch�nste Ziegenh�tte, welche die Welt je gesehen hat, und unsere Tage werden gesegnet sein mit Ruhe und Frieden Vielleicht wirst du dich auch daf�r entscheiden, am Hof der Lirin zu regieren, denn ich wei�, dass die Lirin sich eben das von dir w�nschen werden. Dann werde ich dein ergebener Diener sein, dir nach einem Tag auf diesem unbequemen Thron Hals und R�cken massieren und dich unterst�tzen, wo ich nur kann, als dein treuer Gatte.</p><p>Ich wei� nur, dass ich nicht mehr ohne dich leben kann. Ich meine das nicht als blumige Schmeichelei, sondern w�rtlich. Du bist mein Schatz. Bestimmt wei�t du ja, was das f�r einen Drachen bedeutet. Ich darf nicht einmal daran denken, wie es w�re, dich zu verlieren, aus Angst, dass meine zweite Natur die Oberhand gewinnt und das Land in Schutt und Asche legt. Bitte, Rhapsody, bitte heirate mich. Ich wei�, dass ich dich nicht verdiene aber du liebst mich, das wei� ich, und ich vertraue auf diese Liebe. Ich w�rde alles darum geben ...�</p><p>�H�r auf, bitte�, fl�sterte Rhapsody. Tr�nen str�mten �ber ihr Gesicht, und ihre H�nde zitterten heftig.</p><p>Ashe schwieg. Der Schock auf ihrem Gesicht war so �berdeutlich, dass er im ersten Moment nur staunte. Aber dann sp�rte er, wie sehr ihre Reaktion ihn verletzte. �Ist der Gedanke, mich zu heiraten, denn so gr�sslich, Rhapsody? Habe ich dich so erschreckt, dass ...�</p><p>�H�r auf�, wiederholte sie, und ihre Stimme war voller Schmerz. �Nat�rlich nicht, es ist schrecklich von dir, so etwas zu sagen.� Sie begann zu schluchzen und vergrub das Gesicht in den H�nden.</p><p>Ashe schloss sie in die Arme und hielt sie fest, bis der Ansturm der Tr�nen verebbte; dann zog er ein leinenes Taschentuch aus der Brusttasche und reichte es ihr.</p><p>�Wahrscheinlich brauche ich dir nicht zu sagen, dass das nicht gerade die Reaktion ist, die ich mir erhofft habe�, meinte er, w�hrend er ihr zusah, wie sie sich die Augen trocknete. Seine Stimme klang ganz locker, aber sein Blick war besorgt.</p><p>�Ich wei�, wie du dich f�hlst�, sagte sie und gab ihm sein Taschentuch zur�ck. �Das war auch nicht gerade die Frage, die ich erwartet habe.�</p><p>�Das kann ich mir denken�, erwiderte er, umfasste ihr Kinn und hob ihr Gesicht ein wenig an, damit er ihr in die Augen sehen konnte. �Und es tut mir Leid. Aber ich wollte dich nicht l�nger in dem Glauben lassen, dass ich es auch nur in Erw�gung ziehen k�nnte, eine andere zu heiraten. Ich bin nicht zu allem bereit, was mein Vater und die Verantwortung der Regentschaft von mir verlangen, es gibt eine Grenze. Aber meine Liebe zu dir hat keine Grenzen, sie wird immer die Oberhand behalten. Und obwohl du von dieser Nacht keine bewusste Erinnerung haben wirst, hoffe ich, dass du dich ganz tief in deinem Innern an meine Bitte erinnern wirst und nicht mehr die Verzweiflung f�hlst, die wir beide jetzt teilen. Aria, keiner dieser Menschen, nichts, spielt f�r mich wirklich eine Rolle. Denke einmal in deinem Leben an dich. Triff die Entscheidung, die dich gl�cklich macht. Nat�rlich kann ich nicht entscheiden, welche das sein mag. Ich wei� nur, dass ich dich unbeschreiblich liebe und dass ich dein Gl�ck zu meinem Lebensziel machen m�chte. Es w�re f�r mich die gr��te Freude meines Lebens, wenn du meine Frau werden w�rdest. Bitte vergiss alles andere, was ich gesagt habe, und gib mir eine Antwort, nicht als das, was ich dir sonst noch zu sein scheine, sondern als dem Mann, der dich �ber alles liebt.�</p><p>In seiner Stimme lag eine Schlichtheit, eine Klarheit, die den Berg ihrer Gegenargumente aush�hlte und ihr die Entscheidung klar vor die F��e legte.</p><p>Mit neuen Augen blickte sie zu ihm auf, ohne die Tr�nen, die alles zum Verschwimmen brachten. Es war, als h�tte er ihr den Weg durch einen dunklen Wald gezeigt, einen Weg, den sie verloren hatte, seit die drei in dieses Land gekommen waren, ein verdrehtes Land, kompliziert durch die Pl�ne und Erwartungen anderer, diktiert von deren Bed�rfnissen und Vorurteilen. Und auch von ihren eigenen; von Anfang an war Rhapsody davon ausgegangen, dass es f�r sie und Ashe aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft keine Zukunft g�be, aber Ashe hatte das Thema vermieden und sich geweigert, dar�ber zu diskutieren. Jetzt erkannte Rhapsody, dass sie die ganze Zeit schon gewusst hatte, was sie wollte, und nur gewartet hatte, bis sie sicher war, dass sie ihn liebte, ehe sie die Sache auf den Tisch brachte. W�hrend er die Tr�nenspuren von ihrem Gesicht wischte, dachte Rhapsody an ein Gespr�ch mit ihrem Vater, nicht lange, bevor sie von zu Hause weggelaufen war. <emphasis>Wie ist es gekommen, dass die Leute ihre Meinung �ber unsere Familie ge�ndert haben? Und warum bist du im Dorf geblieben, obwohl Mama so schlecht gelitten war?</emphasis></p><p>Im Ged�chtnis sah sie sein Gesicht vor sich, die Falten um die Augen, sah, wie er die Holzschnitzerei polierte, an der er arbeitete, unf�hig, unt�tig zu bleiben. <emphasis>Wenn du in deinem Leben findest, was dir wichtiger und teurer ist als alles andere, bist du es dir schuldig, dass du daran festh�ltst. Einen solchen Fund machst du kein zweites Mal, mein Kind. Lass dich durch nichts davon abbringen. Auf lange Sicht werden dir auch die Leute zustimmen, die dir anfangs etwas anderes einzureden versucht haben. Finde das, was wirklich z�hlt alles andere ergibt sich von selbst</emphasis>.</p><p>Einst hatte die Erinnerung ihr Weisheit in Bezug auf ihre Loyalit�t geschenkt. Nun blickte sie in Ashes Augen und wusste abermals, was ihr Vater gemeint hatte. Es war, als fiele ein schwerer Mantel von den Schultern, die jammernden Stimmen in ihren Ohren verstummten, und zur�ck blieb nur das Lied eines einzigen Mannes, des Mannes, der ihr ganzes Herz erobert hatte. Er bot ihr an, sie aus dem Wald zu f�hren, so sicher und zuverl�ssig, wie er ihr den Weg zu Elynsynos� Drachenh�hle oder nach Tyrian gezeigt hatte. Und sie wollte ihm folgen, um jeden Preis.</p><p>�Ja�, sagte sie, und ihre Stimme war ganz leise, kaum h�rbar, wegen der Tr�nen, die ihr die Kehle zuschn�rten. Unzufrieden damit, hustete sie laut und sagte noch einmal: �Ja�, und dieses Mal war ihr Ton klarer und sicherer. Vor ihr verwandelte sich Ashes Miene, denn ihre Worte trieben ihm das Blut ins Gesicht und lie�en seine Drachenaugen funkeln. Die gr�ssliche Angst, die er unter seinem gelassenen �u�eren zu verbergen versucht hatte, l�ste sich auf, und Rhapsody sah, wie sich reine Freude in ihm ausbreitete.</p><p>�Ja!�, rief sie laut und f�gte mit ihrem Wissen als Benennerin Worte hinzu, die ihre Entscheidung unwiderruflich machten. Der Klang erf�llte die Laube und hallte von den Felsw�nden wider, schwirrte �ber den See und tanzte im Wasserfall lachte, als er sich �ber den Rand ergoss. Mit dem wirbelnden Echo entstanden W�rme und Licht; wie ein Komet, der durch die H�hle sauste, blitzte Rhapsodys Ja durch die Luft und erleuchtete die H�hle mit einem Strahlen wie von tausend Sternschnuppen. Der Klang sammelte noch andere Harmonien auf, w�hrend die ber�hrten Stellen ihre Antwort best�tigten, und ein Lied f�llte die Luft um sie herum, ein Lied der Freude.</p><p>Die Feuer von Elysian loderten zustimmend auf, und das Gras, das im Schlaf trocken und steif geworden war, wurde wieder gr�n, als h�tte die Hand des Fr�hlings es ber�hrt. Die Blumen in Rhapsodys Garten hielten ihr letztes Strahlen fest und bl�hten zusammen mit den roten Winterblumen, die ihren Tisch geschm�ckt hatten. Als der Licht-Ton sie ber�hrte, nahm er ihre Farben in sich auf und schleuderte sie zum Himmel empor, und sie explodierten in einem funkelnden Feuerwerk, als sie an die Kuppel des Firmaments stie�en. Staunend beobachtete Ashe das Schauspiel, dann blickte er in ihr Gesicht, das ebenfalls gen Himmel gewandt war, und das Schauspiel der Farbschwingungen �ber ihnen schimmerte in ihren wundersch�nen Augen.</p><p>�Du liebe Zeit�, lachte er. �Bist du auch wirklich sicher?�</p><p>Rhapsody stimmte in sein Lachen mit ein, und die Heiterkeit befreite sie von dem bedr�ckenden Gef�hl von Pflicht und Einsamkeit, unter dem sie so lange gelitten hatte. Wie ein Glockenspiel in einer kr�ftigen Brise, so lie� sie ihren Gef�hlen freien Lauf; der Klang ihres Lachens gesellte sich zum Klang ihrer Zustimmung und f�llte die H�hle mit einer Musik, wie sie hier noch nie geh�rt worden war.</p><p>Ashe umfasste ihr Gesicht mit beiden H�nden und betrachtete es in all seiner Fr�hlichkeit; dieses Bild brannte er fest in sein Ged�chtnis ein. Er w�rde es brauchen, um das zu bew�ltigen, was ihm bevorstand, das wusste er. Dann beugte er sich �ber sie, ber�hrte ihre Lippen mit den seinen und k�sste sie so z�rtlich, dass er erneut die Tr�nen in ihr aufsteigen f�hlte.</p><p>So standen sie da, verloren ineinander und in die Leidenschaft des Kusses, bis das Licht langsam verl�schte und die Musik verstummte, bis nur noch ein einzelner Ton zur�cktrieb, der irgendwann leiser wurde und endlich ganz erstarb. Als die W�rme aus der Luft verschwand, zog sich Rhapsody von ihm zur�ck und blickte zu ihm auf. Inzwischen hatte sich das Feuer in ihren Augen beruhigt, doch eine stille Zufriedenheit lag nun in ihnen, die ihn erzittern lie�.</p><p>�Ja, ich bin sicher�, antwortete sie schlicht auf seine Frage. Nun nahm er sie wieder in die Arme und hielt sie so fest er konnte. Diesen Augenblick wollte er f�r immer in seinem Herzen bewahren, die Magie, die notwendig war, um das zu �berleben, was er ihr nun zu sagen hatte.</p></section><section><title><p>52</p></title><p>Als Ashe sie endlich loslie�, setzte Rhapsody sich wieder auf die Bank.</p><p>�Nun, das war wundervoll�, sagte sie und strich ihren Seidenrock glatt. �Ich kann es kaum erwarten, bis wir es wiederholen. Also, was hast du mir nun zu sagen?�</p><p>Ashe schauderte. Er wusste, wie unangenehm das, was er ihr mitzuteilen hatte, f�r sie sein w�rde, und er war noch nicht bereit, das Gl�ck loszulassen, das sie gerade zusammen erlebt hatten. Noch nicht.</p><p>�Singst du etwas f�r mich, Rhapsody?�, fragte er und lie� sich zu ihren F��en nieder.</p><p>�Du schindest Zeit�, schalt sie ihn. �Ich habe das Gef�hl, dass wir eine lange Nacht vor uns haben; wir haben eine Menge zu besprechen und wollten uns auch noch dem Benennungsritual widmen. Ich muss morgen fr�h aufbrechen, deshalb mache ich dir einen Vorschlag: Du sagst mir, was notwendig ist, dann teile ich dir mein Anliegen mit, anschlie�end gebe ich dir deinen neuen Namen und singe danach etwas f�r dich. Ist das ein Angebot?�</p><p>Ashe seufzte. �Nun gut�, meinte er und versuchte, sich seine Entt�uschung nicht anmerken zu lassen. �Aber ich w�rde lieber in diesem Augenblick sterben, als dir das mitzuteilen, was ich dir mitteilen muss.�</p><p>Alarmiert blickte Rhapsody ihn an. �Warum?�</p><p>�Weil ich sicher bin, dass es dich verletzen wird, und wie du inzwischen wissen m�sstest, versuche ich das zu vermeiden, so gut ich es nur kann.�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde wieder ruhig. �Keine Bange, Ashe. Sag es mir einfach.�</p><p>�In einer Weile wird mein Vater an dich herantreten mit der Bitte, ihn auf einer Reise zu begleiten. Das Ziel kenne ich nicht, es ist auch vollkommen ohne Bedeutung. Ihr werdet nie dorthin gelangen.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke. �Bitte, Rhapsody, es ist so schon schwierig genug. H�r einfach zu, dann erkl�re ich dir alles. Und falls du, nachdem ich fertig bin, deine Erlaubnis zur�cknehmen willst, dass ich diese Erinnerung f�r dich aufbewahre, werde ich das verstehen und mich deiner Entscheidung beugen.�</p><p>Rhapsody dr�ckte ermutigend seine Hand. �Erz�hl es mir�, sagte sie sanft.</p><p>�Auf deiner Reise mit Llauron werden euch Lark und eine Bande ihrer abtr�nnigen Anh�nger entgegentreten. Sie wird meinen Vater zum t�dlichen Zweikampf herausfordern, was durchaus zu den Gepflogenheiten in Llaurons Machtbereich geh�rt. Also hat er keine andere Wahl, als die Herausforderung anzunehmen, und Lark wird ihn im Kampf t�ten.�</p><p>Erschrocken sprang Rhapsody auf. <emphasis>�Was </emphasis>Nein. Das wird nicht geschehen, Ashe. Ich werde es nicht zulassen.�</p><p>�Du wirst es nicht verhindern k�nnen, Aria. Ein Schwur, den du meinem Vater geleistet hast, wird dich dazu verpflichten, unter keinen Umst�nden einzugreifen. Du wirst die Wahl haben, ihn entweder sterben zu sehen oder dein heiliges Wort zu brechen und die Tagessternfanfare zu verlieren. Es tut mir Leid, es tut mir so Leid�, f�gte er mit stockender Stimme hinzu und sah, wie das Grauen sich �ber ihr Gesicht breitete, das noch vor wenigen Augenblicken so gestrahlt hatte.</p><p>Rhapsody wandte sich ab und schlang die Arme um sich, als wollte sie sich �bergeben. Ashe sp�rte, wie das Blut aus ihrem Gesicht und ihren H�nden wich, wie sie blass wurde und zu zittern begann. Schlie�lich drehte sie sich wieder zu ihm um, mit einem Ausdruck des Unglaubens im Gesicht, der ihm im Herzen wehtat.</p><p>�Ich weigere mich zu glauben�, sagte sie langsam, �dass du mit Lark unter einer Decke steckst und mit ihr ein Komplott zur Ermordung deines eigenen Vaters schmiedest.�</p><p>Ashe lie� den Kopf h�ngen. �Du hast zur H�lfte Recht�, erwiderte er leise. �Aber ich stecke nicht mit Lark unter einer Decke.�</p><p>�Mit wem dann? Mit wem hast du dich verb�ndet?�</p><p>Ashe wandte sich ab, denn er konnte ihrem Blick nicht standhalten. �Mit meinem Vater.�</p><p>�Sieh mich an!�, befahl Rhapsody mit barscher Stimme. Ashe blickte auf, und sein Gesicht wirkte zutiefst besch�mt. �Was meinst du damit?�</p><p>�Seit du hier angekommen bist, plant mein Vater, dich zu benutzen, um seine Ziele zu erreichen. Das erste war, den F�dor zu vertreiben, obwohl ich glaube, dass dieses Ziel neben dem zweiten unwichtig geworden ist.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Llauron ist es m�de, sich den Grenzen einer Existenz in menschlicher Gestalt zu beugen�, antwortete Ashe mit hohler Stimme. �Sein Blut ist zum Teil das eines Drachen, aber diese Natur schlummert noch. Nun wird er alt und hat Schmerzen, er sieht sich mit seiner Sterblichkeit konfrontiert, die ihm n�her ist, als man es vielleicht glauben mag. Doch er will seine Wyrm-Identit�t voll ausleben. Sollte er das schaffen, w�re er so gut wie unsterblich und h�tte die elementaren Kr�fte, die du, deine Firbolg-Kameraden und auch ich jetzt einsetzen, nur eben auf einem wesentlich h�heren Niveau. Er wird eins werden mit den Elementen, Aria; wie du das Feuer beeinflusst oder �ber es befiehlst, so wird er Feuer werden. Oder Wasser oder �ther, ganz nach Belieben.�</p><p>�Wie Elynsynos?�</p><p>�Genau. Und ebenso wie Elynsynos muss er, um das zu erreichen, seiner sterblichen Gestalt abschw�ren und eine elementare Form annehmen, aber ohne zu sterben. Erst dann kann er zu der elementaren Existenz �bergehen, die er sich ersehnt. Als er vor langer Zeit entdeckte, dass sich Lark gegen ihn verschwor, schmiedete er Pl�ne, wie er die Situation zu seinen Gunsten ausnutzen k�nnte. Dieser letzte Teil deiner n�mlich ist der endg�ltige Schritt, sein Ziel zu erreichen.�</p><p>Rhapsody riss den Blick von ihm los und schaute hin�ber in den Garten und zum See, w�hrend sie aufnahm, was er sagte. �Aber du hast doch gesagt, er w�rde get�tet werden.�</p><p>Ashe zuckte zusammen. �Alle werden es glauben selbst du, Rhapsody. Denn Llauron wird Kr�uter und Tr�nke mitnehmen, die ihn in einen todes�hnlichen Zustand versetzen, und wenn ihr du und Lark seinen K�rper untersucht, werdet ihr beide �berzeugt sein, dass er wirklich tot ist.�</p><p>Rhapsody ging zum Rand der Laube und setzte sich auf die oberste Stufe der Treppe, die in den Garten hinunter f�hrte. So blickte sie �ber den See zum Wasserfall und versuchte, die Gedanken zu ordnen, die sich in ihrem Kopf �berschlugen. �Und was soll der Sinn des Ganzen sein? Er �berzeugt also Lark und mich, dass er tot ist, obwohl es nicht stimmt? Wozu soll das gut sein?�</p><p>�Lark ist mit dem F�dor verb�ndet, obgleich immer noch nicht ganz klar ist, wer er ist. Schon seit einiger Zeit wei� Llauron, dass der F�dor einen Komplizen in seinen Reihen hat, aber bis vor kurzem war er sich �ber dessen Identit�t noch nicht im Klaren. Wenn Lark glaubt, dass Llauron tot ist, wird sie irgendwann diese Information an den F�dor weitergeben, und ich werde auf der Lauer liegen, um ihr zu folgen. Nat�rlich k�nnten auch noch andere �berl�ufer bei ihr sein, und dann wei� ich, wen ich sonst noch t�ten muss.�</p><p>Rhapsody blickte sich �ber die Schulter um, und ihre Augen flammten wie ein Grasfeuer.</p><p>�Aber warum ich, Ashe? Warum muss Llauron ausgerechnet mich t�uschen? Warum h�re ich das von dir, wenn ich dazu verurteilt bin, die Erinnerung daran zu verlieren? Warum hast du mich nicht einfach um Hilfe gebeten? Ich habe die Wiedervereinigung der Cymrer unterst�tzt, bis Achmed und Grunthor mir gedroht haben, mich aus dem Berg zu werfen, wenn ich nicht damit aufh�re. Bei den G�ttern, habe ich meine Freundschaft und meine Loyalit�t diesem Mann gegen�ber nicht schon reichlich bewiesen?�</p><p>Ashe duckte sich fast unter ihrem Blick. �Nat�rlich hast du das. Aber es gibt zwei Gr�nde. Der erste ist, dass sie beide von dir erwarten werden, dass du als Herold fungierst, als S�ngerin, als Benennerin. Sowohl Llauron als auch Lark wissen, dass du die Wahrheit sagst, wie du sie gesehen und erkannt hast. Wenn du nun glaubst, dass Llauron tot ist, dann wird es der Rest der Welt ebenfalls glauben. Man wird die Nachricht nicht anzweifeln, wenn sie aus deinem Mund kommt. Darauf z�hlen Lark und auch Llauron Lark, um ihr Recht als neue Herrin der Filiden zu untermauern, und Llauron, um seine Charade glaubhaft erscheinen zu lassen. Wenn du nicht so ehrlich w�rst, h�tte er es dir vielleicht erz�hlt, in der Hoffnung, dass du trotzdem bei seinem Plan mitmachen w�rdest. Aber ich f�rchte, dein Ruf eilt dir voraus, mein Schatz.�</p><p>Bissige Erwiderungen lagen Rhapsody auf der Zunge, denn sie musste daran denken, wie sie vor langer Zeit die gleichen Worte aus Michaels Mund geh�rt hatte. Aber sie verbiss sich ihre Kommentare, sah weg und bem�hte sich, ihre Wut vor Ashe zu verbergen. �Und was ist der zweite Grund?�</p><p>Ashe schluckte. �Aria, wenn du mich liebst, dann frage mich bitte nicht danach. Glaube mir einfach, dass du nichts damit zu tun haben wolltest, wenn du es w�sstest.� Er fuhr sich mit den Fingern durch sein metallisch gl�nzendes Haar, das jetzt nass war von Schwei�. Langsam stand Rhapsody auf, verschr�nkte die Arme und wandte sich um. �Nun gut, Ashe, da ich dich wirklich liebe, werde ich dich nicht fragen. Aber ich glaube, du wirst es mir trotzdem sagen. Angesichts dessen, was wir einander versprochen haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass du mir dergleichen vorenth�ltst, zumal du doch wei�t, dass es mich in beiden F�llen verletzten wird. Dann kannst du es mir auch sagen.�</p><p>Endlich begegneten sich ihre Blicke, und hinter ihrer Wut sp�rte er Mitgef�hl; sie verstand, wie schwierig die Situation f�r ihn war. Und sie vertraute ihm, obwohl es gen�gend Gr�nde gab, es nicht zu tun. Er schloss die Augen.</p><p>�Bevor der Kampf beginnt, wird Llauron dich bitten, falls er stirbt...� Seine Stimme versagte.</p><p>�Mach weiter�, dr�ngte sie ungeduldig. �Was soll ich f�r ihn tun?�</p><p>�Du wirst ihm versprechen, seinen Scheiterhaufen anzuz�nden, wenn du ihn f�r tot h�ltst, und zwar, indem du mit der Tagessternfanfare das Feuer von den Sternen herabrufst. Die Flammen werden seinen K�rper verzehren, und das ist der wichtige erste Schritt auf seinem Weg zur elementaren Unsterblichkeit. Ohne das kommt er nicht weiter. Llauron braucht die beiden Elemente Feuer und �ther, um ein vollst�ndiger Drache zu werden. Er wei�, dass du ihn nicht im Stich lassen wirst, wenn du ihm dein Wort gegeben hast.�</p><p>Als er keine Antwort h�rte, �ffnete er die Augen wieder. Rhapsody starrte ihn an und zitterte heftig.</p><p>�Aber er wird nicht wirklich tot sein!�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich werde ihn bei lebendigem Leibe verbrennen. Ich werde ihn t�ten.�</p><p>�Aria ...�</p><p>Doch Rhapsody rannte aus der Laube, und wenige Sekunden sp�ter h�rte Ashe ein W�rgen im Geb�sch, gefolgt von einem herzzerrei�enden Schluchzen. Vor Wut schlug Ashe mit der Faust gegen eine der S�ulen, doch er bem�hte sich, Herr �ber seinen Zorn und den sich aufb�umenden Drachen zu werden, denn er wusste, dass er f�r sie Ruhe bewahren musste und dass das wichtiger war als die Erleichterung, die er sich verschaffte, indem er seinen Gef�hlen freien Lauf lie�. Rastlos wanderte er in der Laube auf und ab, wartete, dass sie endlich zur�ckkam, sp�rte ihre Angst, h�rte ihr Weinen, widerstand aber dem Drang, sie zu tr�sten, denn das h�tte alles nur schlimmer gemacht.</p><p>Endlich verstummte das Schluchzen, und einen Augenblick sp�ter n�herte sich Rhapsody wieder der Laube. Ihr Gesicht war rot, aber ruhig, ihr Kleid zerknautscht, aber wieder einigerma�en in Ordnung. Sie stellte sich seinem Blick, ohne Vorwurf, ohne Mitgef�hl; er konnte nicht beurteilen, ob sie �berhaupt etwas f�hlte.</p><p>�Darauf hat Manwyn also angespielt�, sagte sie. �Das war die Information, die dich so aufgeregt und dazu bewogen hat, mir die Erinnerung zu nehmen. Du hattest Angst, dass ich, weil ich ihre Worte nur zur H�lfte verstanden habe, vielleicht aus Versehen etwas ausplaudern und den Plan zu fr�h oder an die falschen Leute verraten k�nnte. Das willst du nun aus meinem Ged�chtnis l�schen die List, die ihr plant, und das, was Manwyn dar�ber gesagt hat.�</p><p>Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen. �Ja.�</p><p>�Und die Erinnerung an deinen Antrag? Warum darf ich nicht daran denken, dass du mich heiraten m�chtest und dass ich zugestimmt habe?�</p><p>�Weil du dich ganz in der N�he eines der wichtigsten Sklaven des F�dor aufhalten wirst. Im Augenblick brauchen sie dich, um Lark zu legitimieren. Aber wenn sie auf die Idee k�men, sie k�nnten durch dich an mich herankommen, w�re ihnen das wahrscheinlich noch wichtiger. Sollten sie von deinem Versprechen erfahren und herausfinden, dass wir uns verlobt haben, dann w�rdest du in weit gr��erer Gefahr schweben.� Sie nickte. �Kannst du mir verzeihen?�</p><p>Rhapsodys Gesicht blieb ausdruckslos. �Ich bin nicht sicher, ob es etwas gibt, was ich dir verzeihen m�sste, Ashe.�</p><p>�Ich k�nnte mich weigern. Ich k�nnte den Plan verhindern.�</p><p>�Wie denn? Indem du dich um meinetwillen deinem Vater gegen�ber unloyal verh�ltst? Nein danke. Das m�chte ich nicht auf mich laden. Es ist Llaurons Plan, Ashe du bist dabei genauso eine Marionette wie ich.�</p><p>�Allerdings eine, die Bescheid wei�. Das ist der Unterschied. Also, Rhapsody, wie entscheidest du dich? Willst du dein Einverst�ndnis zur�ckziehen und die Erinnerung lieber behalten? Falls es so ist, hast du meine volle Unterst�tzung.�</p><p>�Nein�, antwortete sie kurz. �Das w�rde bedeuten, dass ich mein Wort zur�cknehme, auch wenn du mir das Recht dazu gibst. Und au�erdem was w�rdest du dann tun? Es ist zu sp�t, Ashe, viel zu sp�t. Wir k�nnen nur unsere Rollen spielen und versprechen, dass wir, wenn alles vorbei ist, unser Leben ehrlich leben, ohne diese Art von T�uschung und Betrug.�</p><p>Er trat zu ihr und nahm ihr Gesicht in beide H�nde. �Immer wieder f�hrst du mir vor Augen, warum ich nie daran zweifeln werde, dass ich dich liebe.�</p><p>Doch Rhapsody entzog sich ihm und wandte ihm den R�cken zu. ��ber Zweifel m�chte ich zum gegenw�rtigen Zeitpunkt lieber nicht reden, Ashe. Eigentlich m�chte ich sogar gleich noch einen Zweifel ausr�umen.�</p><p>Seine Kehle war wie zugeschn�rt. �Und zwar?�</p><p>Sie lehnte sich ans Gel�nder und starrte �ber den See. �Man k�nnte sich fragen, ob du mir, wenn Manwyn sich nicht verplappert h�tte, von selbst diese Information gegeben h�ttest oder ob du es h�ttest geschehen lassen, ohne mich dar�ber in Kenntnis zu setzen, da du ja wusstest, dass es ohnehin passieren w�rde. Weil du es nicht h�ttest �ndern k�nnen. Antworte mir nicht, Ashe. Da ich, wie Achmed sagt, die K�nigin der Selbstt�uschung bin, m�chte ich glauben, dass du es mir gesagt h�ttest. Und wenn ich mich irre, will ich es nicht wissen.�</p><p>Ashe legte das Kinn auf ihre Schulter und schlang die Arme um ihre Taille. �Eines Tages tr�gt dieser wundersch�ne Kopf vielleicht viele Kronen, Rhapsody, aber auf alle F�lle bist du jetzt schon die K�nigin meines Herzens. Das gro�z�gige, offenherzige Vertrauen, mit dem du der Welt entgegentrittst, ist keineswegs Selbstt�uschung. Du hast dich entschieden, Achmed zu vertrauen, und obwohl er ein absto�endes Scheusal ist, ist er dir doch gleichzeitig ein gro�artiger Freund. Und du hast beschlossen, mir zu vertrauen; ohne dein Vertrauen w�re ich vermutlich tot und f�r alle Ewigkeit in den Klauen des D�mons. Dein Herz ist weiser, als du glaubst.�</p><p>�Kann ich dann davon ausgehen, dass du mir meine letzte unangenehme, aber leider unumg�ngliche Frage verzeihen wirst, auf die mein Herz eine Antwort braucht?�</p><p>�Nat�rlich.� Er l�chelte, aber in seinen Augen war ein nerv�ses Funkeln.</p><p>�Bist du absolut sicher, dass Llauron nicht selbst der Wirt des F�dor ist?�</p><p>Ashe vergrub die Lippen in ihrem goldenen Haar und seufzte. �Wenn es um den F�dor geht, kann man niemals vollkommen sicher sein, Aria. Aber ich kann es nicht glauben. Llauron ist sehr m�chtig, und der F�dor kann nur einen schw�cheren Wirt in Besitz nehmen. Au�erdem hasst Llauron den F�dor mit jeder Faser seines Wesens und verfolgt ihn schon seit langer Zeit. Er wird alles tun, was n�tig ist <emphasis>alles</emphasis>, um ihn zu finden und zu zerst�ren, selbst wenn er dich damit in Gefahr bringt. Vielleicht glaubst du das nicht, aber Llauron hat dich sehr gern.� Er lachte leise, und sie verdrehte die Augen. �Dennoch spielt das keine Rolle, wie ich leider sagen muss. Mich hat er auch sehr gern, doch das hat ihn nie davor zur�ckgehalten, mich nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.</p><p>Im Lauf der Zeit ist mir klar geworden, dass deine Freundschaft mit Achmed und Grunthor wahrscheinlich das Einzige war, was dich davor bewahrt hat, dass Llauron dich schon vor langer Zeit zur Vollstreckerin seiner Pl�ne auserkor. Als du ihm zum ersten Mal begegnetest, waren Achmed und Grunthor bei dir, aber dann trennten sie sich eine Weile von dir, und er sp�rte, dass du frei warst. Damals fing er an, dich in der Lehre der Filiden zu unterweisen. Aber dann kamen die beiden zur�ck und haben dich wieder mitgenommen. Das hat er nie wirklich �berwunden, obwohl er gute Miene zum b�sen Spiel macht. Ich denke, du kannst dich darauf verlassen, dass er nichts tun wird, was dir schaden k�nnte, aber er wird dich auf jede erdenkliche Weise f�r seine Zwecke einzusetzen versuchen.�</p><p>Rhapsody seufzte. �Ist das alles? Oder gibt es sonst noch etwas?�</p><p>�Ist das nicht genug?�</p><p>�Mehr als genug�, erwiderte sie, wandte sich in seinen Armen um und brachte ein schwaches L�cheln zustande. �Ich wollte nur sicher sein.�</p><p>Ashe k�sste sie sanft. �Du hast gesagt, du h�ttest noch eine Bitte. Worum geht es? Was es auch sein mag, es sei dir gew�hrt. Du brauchst es nur zu nennen.�</p><p>Rhapsody zuckte zusammen. �Nach all dem, wor�ber wir gesprochen haben, kommt es mir albern vor.�</p><p>�Unsinn. Sag mir, was ich f�r dich tun kann. Bitte, Aria. Trage mir etwas auf, irgendetwas, womit ich diese ganzen T�uschungsman�ver ausgleichen kann. Um was wolltest du mich bitten?�</p><p>Rhapsody machte ein verlegenes Gesicht. �Ich wollte wissen, ob ob du mich ob ich das hier behalten darf.� Sie ber�hrte seine Brust und zeigte auf das wei�e Leinenhemd, das er unter seinem Umhang trug.</p><p>�Das Hemd?�</p><p>�Ja.�</p><p>Ashe lie� sie los und legte seinen Umhang ab. �Selbstverst�ndlich. Es geh�rt dir.�</p><p>�Nein, warte�, rief Rhapsody lachend. �Jetzt brauche ich es noch nicht. Mir ist nicht kalt, aber du wirst frieren, wenn du es ausziehst. Ich m�chte es nur bei mir haben, wenn du morgen weggehst falls du so nett bist, es mir zu �berlassen.� Sie nahm seine Hand und f�hrte ihn die Treppe hinunter, zur�ck ins Haus.</p><p>Im Gehen legte Ashe den Arm um sie. �Einer der gro�en Vorteile daran, dein Liebhaber dein Verlobter zu sein, besteht darin, dass ich nie friere�, meinte er und l�chelte. �Daf�r sorgst du wirklich sehr zuverl�ssig, Feuerfrau.�</p><p>�Nun, das w�rde nicht stimmen, wenn du keine anderen Hemden h�ttest�, entgegnete Rhapsody. �Aber da ich dir ein paar gen�ht habe, die du mitnehmen kannst, denke ich, du bist ganz gut ausger�stet.�</p><p>Ashe hielt ihr die T�r auf und sah, wie die Kohlen im Kamin auflebten, um sie zu begr��en. Er folgte ihr ins Wohnzimmer.</p><p>�Wenn du mir neue Hemden n�hst, wieso m�chtest du dann dieses alte hier behalten? Es ist schon ziemlich verschlissen an den Manschetten die hatte ich n�mlich unter der Jacke versteckt.�</p><p>Rhapsody l�chelte ihn an. �Es tr�gt deinen Duft. Ich wollte dich darum bitten, als ich noch dachte, du w�rdest weggehen, um einer anderen Frau einen Antrag zu machen. Ist das nicht gemein?� Vor lauter Verlegenheit traten ihr Tr�nen in die Augen.</p><p>�0 ja, das ist wirklich gr�sslich!�, lachte Ashe, kopfsch�ttelnd und erstaunt, wie sie ihn wieder einmal �berraschte.</p><p>�Es ist eine sehr egoistische Bitte, ich wei�.�</p><p>Ashe strich ihr �bers Haar. �Hast du in deinem ganzen Leben je etwas Egoistisches getan, Rhapsody?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich, die ganze Zeit. Das wei�t du doch.�</p><p>�Mir f�llt aber nichts ein�, entgegnete Ashe. �Kannst du mir vielleicht ein Beispiel nennen?�</p><p>Ihr Gesicht wurde ernst. �Mach dich bitte nicht �ber mich lustig, Ashe.�</p><p>Er nahm ihre H�nde. �Das tue ich nicht, wirklich, Rhapsody. Aber ich bezweifle ganz ernsthaft, dass du mir etwas nennen k�nntest.�</p><p>Nachdenklich blickte Rhapsody ins Feuer, und pl�tzlich liefen ihr die Tr�nen �bers Gesicht. Als sie sich wieder zu ihm umwandte, waren ihre Augen erf�llt von einer Traurigkeit, die er lange nicht mehr in ihnen gesehen hatte.</p><p>�Ich bin von zu Hause weggelaufen�, sagte sie leise und verschr�nkte die Arme vor dem Bauch, wie sie es tat, wenn ihr �bel wurde. �Ich habe mich von den Menschen, die mich geliebt haben, abgewandt, um einem Jungen zu folgen, der mich nicht liebte. Weil ich so egoistisch gehandelt habe, bin ich heute am Leben, Ashe; ich lebe, und sie haben bis ans Ende ihrer Tage um mich getrauert. Ich habe das Leben im Kreis meiner Familie f�r eine Nacht mit bedeutungslosem Sex und eine wertlose Kupferm�nze eingetauscht.� Sie hielt inne, als sie sah, wie sein Gesicht sich versteinerte und wei� wurde. �Was ist los?�</p><p>�Wie war sein Name?�, fragte er und sah aus, als br�che die Welt um ihn herum zusammen.</p><p>�Wessen Name?�</p><p>�Der Name dieses Jungen�, antwortete er, mit immer lauterer, dringlicherer Stimme. �Wie war sein Name?�</p><p>Besch�mt antwortete sie: �Ich wei� es nicht. Er hat gelogen.�</p><p>�Wie hast du ihn dann genannt? Sag es mir, Aria.�</p><p>Allm�hlich wurde Rhapsody panisch; seine heftige Reaktion machte ihr Angst, und sie sp�rte die elektrische Spannung, welche immer die R�ckkehr des Drachen ank�ndigte. Die Luft in der Grotte war seltsam still geworden wie die Ruhe vor dem Sturm oder die extreme Ebbe vor einer Flutwelle.</p><p>�Sag es mir�, befahl er mit einer Stimme, die sie nie bei ihm geh�rt hatte. Sie klang entsetzt und tief erf�llt von einer fremden Kraft. Sie wich zur�ck, aber er packte ihre Schultern so heftig, dass es ihr wehtat.</p><p>�Sam�, fl�sterte sie. �Ich habe ihn Sam genannt.�</p><p>Seine Finger gruben sich in ihren Oberarm, und er stie� ein Gebr�ll aus, dass die H�tte erzitterte. Sein Gesicht lief rot an, und voller Entsetzen sah sie, dass er immer gr��er zu werden schien, w�hrend sich vor Zorn seine Muskeln dehnten und streckten.</p><p>�Gottloses Mistst�ck!� schrie er; Gegenst�nde fielen von den Konsolen, der Tisch bebte. Die Sehnen in seinem Hals schwollen an, die Luft war aufgeladen, und eine kochende Wut hielt ihn fest im Griff. Die Pupillen in seinen Augen zogen sich zu kaum sichtbaren Schlitzen zusammen. �Hure! Elende, verfluchte Hure!�</p><p>Er griff sich an den Kopf und raufte sich die Haare. Als er sie loslie�, wich Rhapsody langsam vor ihm zur�ck, mit bek�mmertem, furchtsamem Gesicht. <emphasis>Jetzt ist es endlich passiert,</emphasis> dachte sie traurig. <emphasis>Ich habe mich geirrt. Er ist der F�dor, und nun wird er mich t�ten</emphasis>. Kurz spielte sie mit dem Gedanken zu fliehen, entschied sich aber dagegen. Entweder musste sie sich ihm stellen und k�mpfen oder kapitulieren und die Sache ein f�r allemal zu Ende bringen. Wie auch immer, weglaufen w�rde sie nicht. Es hatte sowieso keinen Sinn. Ashe w�tete weiter in ma�losem, ungeb�ndigtem Zorn und fluchte dabei so entsetzlich, wie Rhapsody es noch nie von ihm geh�rt hatte. �Sie hat es gewusst�, stie� er hervor und schlug um sich, w�hrend der Donner �ber das Firmament rollte, welches die Kuppel von Elysian an Ort und Stelle hielt. �Sie hat es gewusst und mich belogen.�</p><p>�Was gewusst? Was habe ich gewusst?�, keuchte Rhapsody, die sich kaum aufrecht halten konnte, weil der Boden unter ihr bebte. �Es tut mir Leid, aber ich wei� nicht, was ich getan haben soll.�</p><p>Seine Augen, zu Schlitzen verengt, gl�hten blau wie der hei�este Teil einer Flamme. ��Sie ist nicht angekommen, sie ist nicht gelandet, hat sie gesagt�, wetterte er, und dann senkte er die Stimme zu einem m�rderischen Fl�stern. �Aber sie wusste Bescheid. Sie wusste, dass du gegangen warst, du warst nur noch nicht eingetroffen. Und doch wusste sie, dass du kommen w�rdest. Und sie hat es mir nicht gesagt.�</p><p>�Sie? Wer? Wer wusste es?�</p><p>�ANWYN!�, kreischte der Drache. Seine mehrt�nige Stimme brachte die W�nde abermals zum Erzittern.</p><p>Rhapsody warf einen Blick zur T�r. Achmed! Sie musste zur Laube laufen und Achmed rufen! Ashe ohne das Bann-Ritual zu t�ten w�re sinnlos.</p><p>Die Instrumente in dem Schrank aus Kirschbaumholz schepperten und rappelten; Ashe holte mit den Armen weit aus, und die B�cher st�rzten aus den Regalen und fielen polternd zu Boden.</p><p>Rhapsody zog sich immer weiter in Richtung T�r zur�ck. Die Tr�nen liefen ihr ungehindert �bers Gesicht, und sie wusste, dass sie die Tagessternfanfare nicht rechtzeitig erreichen konnte. Sie w�nschte sich den Tod herbei und hoffte, dass das B�se, das er verk�rperte, sich nicht an ihre Seele binden w�rde, wenn er ihr das Lebenslicht ausblies. Von der Ruhe, die sich f�r gew�hnlich auf sie herabsenkte, wenn sie einer Gefahr gegen�bertrat, war nichts zu sp�ren.</p><p>Dann hielt Ashe pl�tzlich, wie vom Donner ger�hrt, inne und blickte zu ihr hin�ber. Sein Gesicht fiel in sich zusammen, als er sie anschaute, mit ihren vor Angst aufgerissenen Augen, die den Tod kommen sahen und ihn annahmen. Ein Ausdruck des Entsetzens breitete sich auf seinem Gesicht aus, und die Drachennatur zog sich blitzschnell zur�ck. Er bem�hte sich zu sprechen, und tats�chlich war seine Stimme sanft, zitterte jedoch noch immer.</p><p>�Rhapsody.� Einen Moment konnte er nichts weiter sagen. �Rhapsody, es tut mir Leid bitte vergib mir, ich ...� Er streckte die H�nde nach ihr aus und trat einen Schritt auf sie zu. Doch sie machte eine abwehrende Handbewegung. �Nein, bleib�, sagte sie und trat ihrerseits einen Schritt zur�ck. �Bleib, wo du bist.�</p><p>Ashe tat es, und sein Gesicht wurde abgrundtief traurig. Dann fasste er in sein Hemd, zog einen winzigen Samtbeutel heraus und warf ihn vor ihr auf den Boden. �Aria, mach das auf, bitte.�</p><p>�Nein, r�hr dich nicht vom Fleck�, sagte sie und wich einen weiteren Schritt zur�ck. Wieder sah sie sich um und bewegte sich langsam zum Schwertst�nder.</p><p>�Bitte, Rhapsody, bitte, mach ihn auf, in Gottes Namen!�, flehte er. Nun, da der Wutanfall abebbte, war er ganz bleich geworden.</p><p>�Nein�, wiederholte sie, diesmal lauter. �Bleib weg von mir. Wenn du dich bewegst, bringe ich dich um. Du wei�t, dass ich nicht l�ge. Also hilf mir, Ashe, stell meinen Entschluss nicht auf die Probe. R�hr dich nicht.�</p><p>Tr�nen rannen aus den Kristallaugen. �Rhapsody, wenn du mich jemals geliebt hast, bitte ...�</p><p>�H�r auf�, sagte sie, und nun war ihre Stimme nur noch ein b�ses Wispern. �Wage es nicht, dieses Wort auszusprechen. Ich wei� nicht, wer du bist. Ich wei� nicht, <emphasis>was</emphasis> du bist.�</p><p>��ffne den Beutel. Dann wirst du es erfahren.�</p><p>Rhapsody straffte die Schultern und sah ihm in die Augen. Die Worte, die ihre Lippen formten, waren die gleichen wie an dem Tag, als sie den Tar�afel �berquert hatten.</p><p>�Habe ich mich etwa nicht deutlich genug ausgedr�ckt?� Inzwischen war sie langsam bis zum Schwertst�nder vorger�ckt und griff nach der Tagessternfanfare. Ashe r�hrte sich nicht, aber mit ruhigerer Stimme sagte er noch einmal: �Emily, bitte. Sieh in den Beutel.�</p><p>Rhapsody erstarrte. �Wie hast du mich eben genannt?�, fragte sie mit halb erstickter Stimme.</p><p>�Bitte, Emily. Du wirst es verstehen, wenn du in den Beutel schaust.� Er trat einen Schritt zur�ck, in dem Versuch, ihre Angst zu beschwichtigen.</p><p>Voller Schrecken starrte Rhapsody ihn an. Doch dann ging sie langsam, als gehorchte sie einem unh�rbaren Befehl, auf den Beutel zu, der in der Mitte des Wohnzimmers lag, und b�ckte sich nach ihm. Mit zitternden H�nden l�ste sie die d�nne Schnur und lie� den Inhalt auf ihre Handfl�che rollen. Hervor kam ein kleines Herz aus Silber, mit einer eingravierten Rose; das Lied, das den Gegenstand umgab, stammte aus einem l�ngst untergegangenen Land, das in Rhapsodys Blut jedoch weiterlebte. Ihre Augen wanderten wieder zu Ashe zur�ck, dessen Gesicht sich entspannte und einen Ausdruck annahm, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte.</p><p>�Das ist mein Knopf�, fl�sterte sie. �Wo hast du ihn gefunden?�</p><p>Er l�chelte sie vorsichtig an, wenn er wollte sie nicht erschrecken mit der Freude, die sich in ihm ausbreitete. �Du hast ihn mir gegeben�, antwortete er.</p><p>Sie lie� ihn nicht aus den Augen, w�hrend ihre Hand an ihren Hals wanderte. Ohne hinzusehen, holte sie das goldene Medaillon hervor und �ffnete es. Als der Verschluss aufging, fiel eine winzige Kupferm�nze heraus, mit dreizehn Kanten, seltsam geformt und poliert von jahrelangen liebevollen Ber�hrungen.</p><p>Wieder f�llten sich Ashes Augen mit Tr�nen. �Emily�, sagte er leise und streckte ihr abermals die H�nde entgegen.</p><p>Die Welt drehte sich vor ihren Augen in einem wirbelnden Tanz von Farben und Formen, und Rhapsody sank in eine tiefe Ohnmacht.</p></section><section><title><p>53</p></title><p>Bilder flimmerten vor ihren Augen und verschwanden wieder, w�hrend Rhapsody das Bewusstsein wiederzuerlangen versuchte. �berall funkelten Augen, Drachenaugen, die auf sie herabsahen, und ihre seltsamen vertikalen Pupillenschlitze ver�nderten sich st�ndig. Schlie�lich kam sie wieder zu sich und konzentrierte sich auf die Decke �ber sich, wo die Schatten des Feuers �ber den schweren Holzbalken waberten. Sie blinzelte und versuchte sich aufzusetzen, aber sanfte H�nde hielten sie zur�ck und streichelten ihr liebevoll �bers Haar.</p><p>�Pssst�, machte Ashe. W�hrend die Welt um sie herum allm�hlich wieder festere Formen annahm, merkte sie, dass sie auf dem Sofa im Wohnzimmer lag; im Kamin brannte leise das Feuer, ihr Kopf ruhte auf seinem Scho�. Die Schuhe waren ihr von den F��en gefallen, und der k�hle, nasse �rmel seiner Jacke k�hlte ihr die Stirn. Sie blinzelte heftiger.</p><p>�Bin ich ohnm�chtig geworden?�</p><p>Er lachte leise. �Ja, aber ich werde es keinem weitererz�hlen.�</p><p>�Ich hatte einen sehr sonderbaren Traum�, murmelte sie und ber�hrte verwirrt seinen wei�en Hemds�rmel. Sein L�cheln wurde breiter, und er beugte sich �ber sie und streichelte ihren Nasenr�cken.</p><p>�Es tut mir Leid, Aria, aber das war kein Traum. Das bin ich, das bin wirklich ich. Mein Herz hat es geschworen, als ich dich zum ersten Mal sah, aber ich wusste, es konnte nicht sein. Sie hat gesagt, du w�rst nicht gekommen, und ich habe die ganze Zeit geglaubt, du w�rst tot.�</p><p>�Anwyn. Nachdem ich aus Serendair zur�ckgekommen war, suchte ich dich, v�llig verzweifelt. Da ging ich zu Anwyn. Ich wusste, sie h�tte dich gesehen, wenn du aus der alten Welt gekommen w�rst, und sie w�rde wissen, ob du noch lebst. Aber sie sagte, du w�rst nicht angekommen, du w�rst nicht auf einem der Schiffe gewesen. Und zu meinem gro�en Kummer musste ich ihr glauben. Wenn sie von der Vergangenheit spricht, kann Anwyn nicht l�gen, ohne ihre Gabe zu verlieren. Aber ich verstehe immer noch nicht, wie du dann trotzdem hierher gekommen bist.�</p><p>Rhapsody setzte sich auf, fuhr sich mit der Hand �ber die Augen und die Stirn. �Wie ich hergekommen bin? Ich wei� nicht sicher, wo ich bin, aber ich glaube, ich lebe hier.�</p><p>Ashe schlang das Bein um sie, sodass sie sich an sein Knie anlehnen konnte. Dann hielt er die kleine M�nze hoch, gl�nzendes Kupfer, mit einer seltsamen Kantenzahl. �Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich sie bekommen habe�, sagte er nachdenklich, wie zu sich selbst. �Ich war drei oder vier, und es war ein Versammlungstag; pomp�se Zeremonien und langatmige Reden und rein gar nichts Spannendes dabei. Ich war allein und langweilte mich so, dass ich dachte, ich m�sste sterben, aber man erwartete ja von mir, dass ich sitzen blieb und mich anst�ndig benahm.</p><p>Ich bekam Angst, dass mein ganzes Leben so aussehen w�rde dass ich nie wieder herumrennen oder spielen k�nnte wie meine Freunde. Es war der einsamste Moment meines ganzen bisherigen Lebens.</p><p>Und dann kam dieser alte Mann, beugte zu mir herab und l�chelte freundlich. Und er gab mir ein Geschenk zwei Dreipfennigst�cke. �Kopf hoch, Junge�, sagte er und zwinkerte mir zu ich erinnere mich ganz deutlich an dieses Zwinkern, weil ich es noch lange nachgemacht habe, �fr�her oder sp�ter halten sie den Mund. In der Zwischenzeit kannst du dir das hier mal ansehen. Sie halten die Einsamkeit weg, solange du sie zusammenh�ltst, denn an einem Ort, an dem zwei Dinge so gut zusammenpassen, gibt es keine Einsamkeit/</p><p>Und er behielt Recht. Ich untersuchte die M�nzen, versuchte die Seiten aneinander zu legen, und hatte richtig Spa� dabei. Als mein Vater kam, um mich abzuholen, hatte ich das Gef�hl, als w�ren nur ein paar Minuten vergangen, dabei waren es viele Stunden gewesen. Von diesem Tag an trug ich die M�nzen st�ndig bei mir, bis ich sie dir gegeben habe. Denn als ich dir begegnete, Emily, dachte ich, ich w�rde nie wieder einsam sein.�</p><p>Rhapsody rieb sich mit den Fingerspitzen die Schl�fen, in dem Versuch, die Kopfschmerzen zu vertreiben, die sich hinter ihren Augen eingenistet hatten. �Das war ein anderes Leben. Ich habe den Namen nicht einmal erkannt, als du ihn zum ersten Mal erw�hntest.� Sie blickte auf und begegnete seinem Blick; er sah so gl�cklich aus, beinahe �berschw�nglich. �Du willst mir also sagen, dass du dass du Sam bist?�</p><p>Er seufzte tief. �Ja. Ihr G�tter, wie habe ich mich danach gesehnt, dass du mich so nennst.� Er nahm ihr Gesicht in seine H�nde und k�sste sie, staunend.</p><p>Rhapsody machte sich los und blickte wieder in sein Gesicht. �Du? Bist du es wirklich?� Er nickte. �Du siehst aber nicht so aus.�</p><p>Ashe lachte. �Ich war damals vierzehn, was erwartest du? Seither ist einiges geschehen, unter anderem bin ich mit knapper Not dem Tod entgangen, meine Drachennatur hat sich bemerkbar gemacht und mich grundlegend verwandelt. Und �brigens siehst auch du nicht mehr so aus wie damals, Emily. Du warst das sch�nste Wesen, das ich je gesehen hatte, aber nun, du hast dich auch ver�ndert.� Er lie� die Finger durch ihr Haar gleiten, das ihr makelloses Gesicht umrahmte und im Schein des Feuers schimmerte wie poliertes Gold. Die smaragdgr�nen Augen wanderten �ber sein Gesicht und versuchten, die Erinnerung an sein Gesicht mit dem in Einklang zu bringen, das sie inzwischen so gut kannte. Obgleich er sich wirklich sehr ver�ndert hatte, bestand doch eindeutig eine �hnlichkeit, die sie vorher nur nicht wahrgenommen hatte. Und w�hrend ihre Augen sein Bild in sich aufnahmen, stiegen Tr�nen in ihnen auf. Sie rang um Worte, aber es dauerte einen Augenblick, bis sie sprechen konnte.</p><p>�Warum?�, stie� sie m�hsam hervor. �Warum bist du nicht zur�ckgekommen?�</p><p>Wieder umfasste er ihr Gesicht mit den H�nden. �Ich konnte nicht�, antwortete er, und auch seine Augen waren voller Tr�nen. �Ich wei� ja nicht einmal, wie ich �berhaupt dorthin gekommen bin. F�r einen einzigen Tag wurde ich in die Vergangenheit zur�ckgeworfen. Ich ging die Stra�e nach Navarne entlang und dann war ich pl�tzlich in Serendair. Und nachdem wir uns begegnet waren, w�re ich liebend gern f�r immer bei dir geblieben, auch wenn das bedeutet h�tte, dass ich h�tte sterben m�ssen und meine ganze Welt verloren h�tte, wie es ergehen sollte. Ich h�tte alles aufgegeben, denn ich hatte die andere H�lfte meiner Seele gefunden.</p><p>Am n�chsten Morgen, deinem Geburtstag, war ich unglaublich aufgeregt. Ich machte mich so pr�sentabel wie m�glich, damit dein Vater mir die Erlaubnis geben w�rde, dich zu heiraten. Ich erinnere mich noch, wie nerv�s ich war, und wie gl�cklich, aber dann befand ich mich, genauso pl�tzlich und unerkl�rlich wie zuvor, auf einmal wieder auf der Stra�e nach Navarne, hier in dieser Welt.</p><p>Vor Kummer w�re ich fast verr�ckt geworden. Endlos suchte ich nach dir, ging zu jedem aus der Ersten Generation und fragte nach dir. Und dann sagte mir Anwyn, du w�rst nicht angekommen. Da erkannte ich, dass es zu sp�t war, dass du tot sein musstest, seit tausend Jahren oder mehr, dass du weder MacQuieth noch sonst jemanden aus deinem Land gefunden hattest, der dir h�tte helfen k�nnen.</p><p>Mein Vater verlor die Geduld und wollte mir einreden, ich h�tte nur getr�umt, aber ich wusste, dass das nicht stimmte, denn ich besa� ja den Silberknopf und hatte drei Tropfen von deinem Blut auf meinem Umhang gesehen, auf dem wir uns geliebt hatten. Und von diesem Augenblick an war ich wie die M�nze; sonderbar, nicht dazu passend, wenig wert, st�ndig einsam. Seither hat es in meinem Leben keine Frau mehr gegeben, Emily, keine einzige au�er dir, die ich jetzt mit dem Namen Rhapsody kenne. Wer h�tte sich auch mit dir messen k�nnen? Mein Vater lie� seine Huren an mir vorbeidefilieren, in der Hoffnung, mein Herz zu erweichen, aber ich bin weggegangen und zur See gefahren, denn ich wollte die Erinnerung an das Einzige, was mir in meinem Leben jemals heilig, jemals wichtig gewesen war, nicht verraten.</p><p>Das ist alles. So habe ich gelebt, schon bevor der F�dor meine Seele zerfleischt hat. Vermutlich war sie durch deinen Verlust ohnehin zur Unkenntlichkeit verst�mmelt. Aber jetzt bist du hier, ihr G�tter, du warst die ganze Zeit da. Aber wie bist du her�bergekommen? Bist du mit der Zweiten Flotte in Manosse gelandet? Oder bist du als Fl�chtling in eins der L�nder n�her bei der Insel gesegelt?� W�hrend die Fragen aus seinem Mund kamen, bem�hte sie sich mit aller Kraft, die Tr�nen zur�ckzuhalten. Sie zitterte.</p><p>Rasch zog er sie in seine Arme und strich ihr �bers Haar. �Emily, Aria, jetzt ist alles gut. Wir sind zusammen, alles ist gut. Endlich, zum ersten Mal, ist wirklich alles gut.�</p><p>Heftig stie� sie ihn weg, und in ihren Augen loderte der Schmerz. �Es ist keineswegs alles gut, Ashe. Nichts ist gut.</p><p>Ungl�ubig �ffnete er den Mund und schloss ihn sogleich wieder. �Sprich mit mir, Aria. Sag mir, was in deinem Herzen vorgeht.�</p><p>Aber Rhapsody konnte nicht sprechen. Sie blickte auf ihre H�nde hinab und verschlang sie nerv�s ineinander, bis sie ganz wei� wurden. Ashe legte eine Hand dar�ber und die andere auf ihr Gesicht.</p><p>�Sag es mir, Aria, was immer es ist. Sag es mir.�</p><p>�Nun, zuerst einmal ist es so, dass ich all das schon morgen nicht mehr wissen werde, Ashe. Wenn die Sonne aufgeht, werde ich keine Ahnung haben, dass irgendetwas anders geworden ist. Ich werde mein Leben weiterleben in dem Glauben, dass du mich verlassen hast, dass ich dich vollkommen falsch eingesch�tzt habe, dass du gestorben bist, als die Insel der Zerst�rung anheim fiel, oder sogar noch vorher. Dar�ber denke ich jeden Tag nach, Ashe, selbst heute noch, <emphasis>jeden Tag</emphasis>. Ich zweifle an mir selbst, ich habe Angst, jemandem zu vertrauen. 0 ihr G�tter, morgen wirst du mich verlassen, und ich werde nichts von all dem mehr wissen. Und ich werde glauben, dass sogar die Liebe, die ich hier mit dir gefunden habe bald einer anderen geh�rt. Vielleicht ist f�r dich alles gut aber f�r mich wird alles genauso schlecht sein wie vorher, genau genommen sogar noch schlechter.�</p><p>Sie �berlie� sich ihren Tr�nen. Ashe nahm sie wieder in die Arme und hielt sie fest. �Du hast Recht�, sagte er und k�sste sie aufs Ohr. �Ich werde die Perle holen.�</p><p>Rhapsody setzte sich auf und entzog sich wieder seiner Umarmung. �Was? Warum?�</p><p>Ashe l�chelte sie an und wischte mit den Kn�cheln seiner Hand ihre Tr�nen fort. �Nichts, nichts auf der ganzen Welt ist es wert, dir auch nur eine Sekunde l�nger wehzutun. Du hast schon viel zu lange all dieses furchtbare Leid mit dir herumgeschleppt, Emily. Es ist viel wichtiger, dass das nun ein Ende hat, als dass sich irgendjemand seine egoistischen W�nsche erf�llt.� Er wollte aufstehen, aber sie hielt ihn zur�ck.</p><p>�Aber was wird dann mit Llauron geschehen?�</p><p>�Ich wei� es nicht, und es ist mir auch gleich. F�r mich z�hlt, was mit dir geschieht.�</p><p>Jetzt waren Rhapsodys Augen trocken und besorgt. �Nun, ich wei� es aber, und ich glaube, du wei�t es auch. Wenn ich f�r Llauron als Nachrichten�bermittlerin nutzlos geworden bin, weil ich die Wahrheit kenne, wenn ich mich weigere, einen Mann auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, weil ich wei�, dass er noch lebt, dann ist der ganze Plan dahin. Und es ist ohnehin zu sp�t, das Attentat noch zu verhindern, nicht wahr? Larks Plan steht fest; Llauron wird f�r nichts sterben, ohne die Chance auf Unsterblichkeit. Und das, weil ich zu selbsts�chtig bin, weil ich nicht darauf warten kann, eine bestimmte Information zu bekommen, obwohl ich �ber ein Jahrtausend auch ohne diese Information ausgekommen bin.� Sie seufzte tief.</p><p>�Es tut mir Leid, Sam�, sagte sie und gebrauchte endlich seinen Namen. �Du wolltest nicht glauben, dass ich egoistisch bin nun, jetzt hast du deinen Beweis. Mein Gejammer h�tte dich beinahe dazu gebracht, deinen Vater sterben zu lassen.�</p><p>�Das ist wohl nicht ganz zutreffend.�</p><p>�0 doch, das ist �beraus zutreffend.� Rhapsody wischte sich mit dem Saum ihres Kleides die letzten Tr�nen aus den Augen. �Aber wir haben das Ruder wenigstens rechtzeitig herumgerissen.�</p><p>Ashe sah sie scharf an. �Was sagst du da, Emily? Du m�chtest die Erinnerung nicht behalten?�</p><p>Sie l�chelte ihn an. �Bewahr du sie f�r mich auf, Sam. Ich kann noch eine Weile ohne sie leben.�</p><p>Er hielt sie eine Weile schweigend in den Armen. �M�chtest du es mir sagen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Was mit dir geschah. Als ich nicht zur�ckkam.�</p><p>�Ich glaube, das m�chtest du lieber nicht wissen, Sam.�</p><p>�Es ist deine Entscheidung, Emily. Ich m�chte alles wissen, was ich verpasst habe, alles, was du mir erz�hlen magst, ohne dass es dir allzu wehtut.�</p><p>�Du m�chtest unsere Vereinbarung also lockern? Die Vereinbarung, nicht �ber die Vergangenheit zu sprechen?�</p><p>�Ja�, antwortete er fest. �Bis jetzt haben wir geschwiegen, nicht nur, um uns den Schmerz zu ersparen, sondern auch um die Interessen unserer Familien und unserer Freunde zu sch�tzen. Vergessen wir sie. Auf dieser, der n�chsten, der letzten oder sonst einer Welt wird es f�r mich nie etwas Wichtigeres geben als dich. <emphasis>Nichts</emphasis>. Bitte, Emily, ich m�chte wissen, was geschehen ist ... so viel du mir eben erz�hlen kannst. Damit wir vielleicht verstehen, warum es so gekommen ist und wie.�</p><p>Gedankenverloren studierte Rhapsody sein Gesicht. Kurz darauf sah er, wie ihre Augen dunkler wurden und sie offensichtlich eine Entscheidung traf. �Gut. Ich muss dir etwas erz�hlen, und du musst es h�ren. Vielleicht �berlegst du dir dann manche Dinge noch einmal anders, von denen du dachtest, du h�ttest sie bereits entschieden.�</p><p>Er nahm ihr Gesicht in die H�nde und musterte sie durchdringend. �Nichts, was du sagen k�nntest, wird mich dazu bringen, meine Meinung �ber dich zu �ndern, Rhapsody�, erkl�rte er mit Nachdruck und versuchte, den Ton zu treffen, in dem sie als Benennerin die Wahrheit sprach. �Nichts.�</p><p>Sie durchschaute seinen Versuch und l�chelte. �Warum h�rst du nicht erst einmal zu und entscheidest dann, Sam?�</p><p><emphasis>�Nichts�,</emphasis> wiederholte er beinahe trotzig.</p><p>Sanft schob sie seine H�nde weg und stand auf, durchquerte den Raum und trat zu der Ecke neben dem Kamin. Dort nahm sie die Bilder von ihren Enkelkindern in die Hand, betrachtete sie und begann zu l�cheln. �Erinnerst du dich an meinen Traum, der immer wieder kam? Der, von dem ich dir in jener Nacht berichtet habe?�</p><p>�Der, in dem die Sterne vom Himmel in deine H�nde fielen?�</p><p>�Ja. Sp�ter dann, als ich an der Heiratslotterie teilgenommen habe, hat sich der Traum ver�ndert, und die Sterne fielen durch meine H�nde hindurch und ins Wasser des Bachs, der durch die Felder floss, die ich immer meine Flickendecke genannt habe. In der Nacht, als du nicht zur�ckkamst ... nun, sagen wir einfach, es war eine traurige Nacht, und als ich schlafen ging, hatte ich den Traum wieder, aber er war ganz anders. Ich tr�umte, dass ich ins Wasser schaute, und die Sterne waren in einem Kreis um einen langen dunklen Spalt herum vom Himmel gefallen und leuchteten mich an. Erst vor kurzem, als wir uns verliebt haben, ist mir klar geworden, was es war.�</p><p>�Und zwar ...�</p><p>�Es war dein Auge, Sam; dein Auge mit der Drachenpupille, so ganz anders als das, woran ich mich erinnere, und doch so �hnlich. Das muss meine Mutter gemeint haben in der Vision, als sie sagte, wenn ich meinen Leitstern f�nde, w�rde ich nie verloren sein. Sie meinte, er sei in dir dass du ein St�ck meiner Seele in dir tr�gest, und um es zu aufzusp�ren, m�sse ich dich finden. Dass ich mit dir vollst�ndig sein w�rde. Du bist nicht der Einzige, der ein St�ck seiner Seele verloren hat; jetzt hat jeder f�r den anderen ein St�ck in sich getragen. Nun verstehe ich endlich, warum ich hellsichtig bin, warum ich von der Zukunft tr�ume. Es kommt daher, dass ich dir in jener Nacht in den Feldern einen Teil meiner Seele gegeben habe, und er ist mit dir zur�ckgekommen. In der Zukunft hat er gelebt, die ganze Zeit. Er hat Dinge gesehen, die f�r mich die Zukunft verk�rperten, da ich vierzehnhundert Jahre in der Vergangenheit lebte. Er hat mich gerufen und versucht, uns wieder zu vereinigen.�</p><p>Ashe l�chelte und blickte auf den Boden. �Danke Gott f�r diese Tr�ume. Und wenn ich je die F�rstin von Rowan wieder treffe, muss ich ihr danken.�</p><p>Rhapsody stellte die Bilder an ihren Platz zur�ck und seufzte. �Ungl�cklicherweise habe ich damals nichts von all dem verstanden. Stattdessen senkte sich eine tiefe Verzweiflung auf mich herab, und ich ging durch die Tage wie durch einen Nebel. Meine Eltern waren sehr besorgt, genau wie dein Vater �ber dich. Ich hatte ihnen erz�hlt, du w�rst ein Lirin, und mein Vater war �berzeugt, dass du mich verzaubert hattest.</p><p>Er beschloss, dass ich etwas brauchte, um mein Herz zu kurieren, und glaubte, dass eine Ehe die Antwort w�re. Daher forcierte er die Antragsgespr�che. Mich machte das nur noch verzweifelter und ver�ngstigter, aber ich musste mich auf sein Urteil verlassen, weil ich jetzt an mir selbst zweifelte. Da fielen mir die Goldm�nzen ein, die du mir geschenkt hattest, und ich kam zu dem Schluss, dass ich eigentlich meine Jungfr�ulichkeit f�r Geld verkauft hatte.�</p><p>Ashes Gesicht war schmerzverzerrt, aber Rhapsody schien es nicht zu bemerken. �Vermutlich wurden dadurch manche Dinge, die sp�ter geschahen, erst m�glich. Eines Tages, etwa eine Woche, nachdem du gegangen warst, ritten ein paar Soldaten ins Dorf. Sie wussten nichts �ber dich im Besonderen, sie hielten einfach Ausschau nach auff�lligen Subjekten, die zur gleichen Zeit aufgetaucht waren wie du. Die Leute, in deren Scheune du geschlafen hattest, zeigten ihnen die Gegenst�nde, die du liegen gelassen hattest, und dann ritten die Soldaten weg.</p><p>Ich hatte f�rchterliche Angst, sie w�rden dich finden und dir etwas antun. Ich wollte alles versuchen, um dich zu warnen, deshalb packte ich ein, was ich tragen konnte, nahm eins der Pferde meines Vaters und lief davon, den Soldaten hinterher, nach Ostend. Ich war noch nie in einer Stadt gewesen, und sie erschien mir sehr gro� und gef�hrlich; mein Pferd wurde mir fast sofort gestohlen. Ich fragte jeden, dem ich begegnete, nach dir, aber nat�rlich hatte dich keiner gesehen. Ich wagte mich sogar hinaus auf die Weiten Marschen, um die F�hrerin der Lirin zu sehen, die dort wohnte, aber sie kannte keinen der Namen, die du mir genannt hattest, au�er MacQuieth, der ein sehr bekannter Krieger war und in den westlichen L�ndern auf der anderen Seite des Gro�en Flusses wohnte. Inzwischen ist mir klar, dass au�er ihm noch niemand von den anderen geboren war.</p><p>Jahre sp�ter traf ich MacQuieth, ganz zuf�llig. Und da er ein legend�rer Held ist und aus deiner Familie stammt, werde ich dir die Einzelheiten dieser Begegnung ersparen. Ich m�chte den Mythos nicht zerst�ren. Vermutlich liegen einige Dinge in der Familie.�</p><p>Ashe lachte. �K�nnte es sein, dass eure Begegnung etwas gemeinsam hatte mit der Art, wie ich, ahm, wie ich Jo kennen lernte?�</p><p>Sie l�chelte traurig. �Nun, in gewisser Weise schon�, gab sie zu, �aber du warst netter zu Jo als er zu mir. Ich fragte ihn nach dir, und er antwortete, er habe dich noch nie gesehen. In dem Augenblick gab ich auf; ich dachte, du w�rest entweder tot oder ein L�gner, aber ganz gleich, was davon stimmte, w�rdest du ohnehin nicht zu mir zur�ckkommen, und ich w�rde dich nie wieder sehen.</p><p>Aber das war viele Jahre sp�ter, wie gesagt. Nach ein paar Tagen, als ich niemanden finden konnte, der dich auch nur gesehen hatte, beschloss ich, nach Hause zur�ckzukehren. Doch dann d�mmerte mir, dass ich nicht einmal wusste, wo das war. Die Reise nach Ostend hatte mehrere Wochen gedauert, ich hatte damals keine Ahnung, wie man sich orientiert, und mein Pferd war auch verschwunden. Aber trotzdem habe ich immer daran geglaubt, dass ich eines Tages wieder heimfinden w�rde.</p><p>Ich brauchte Geld, deshalb verkaufte ich die Silberkn�pfe, wie ich dir einen geschenkt hatte.�</p><p>Er zuckte zusammen, denn er erinnerte sich an die Aufregung und den Stolz in ihren Augen, als sie ihm in jener Nacht die Kn�pfe gezeigt hatte. �Sie brachten einen anst�ndigen Preis, und ich konnte eine Weile davon leben; mit dem Geld konnte ich mir eine Unterkunft leisten und Essen kaufen. Aber dann war das Geld alle, und ich musste mir eine andere M�glichkeit suchen, wie ich mich durchschlagen konnte.</p><p>Zuerst fand ich Arbeit als Putzfrau. Ich war ein Bauernm�dchen, ich konnte gut putzen. Aber immer passierte irgendetwas. Fr�her oder sp�ter begannen sich der Herr und die Herrin des Hauses meinetwegen zu streiten, und manchmal wollte der Herr sogar ...� Sie wandte sich ab, verschr�nkte die Arme und starrte an die Wand. Der Feuerschein schimmerte auf ihrem Kleid und warf Schatten, die sich in den Falten des Seidenstoffs kr�uselten, als wollte das Feuer sie tr�sten.</p><p>�Jedenfalls stand ich wieder auf der Stra�e. Und ungl�cklicherweise gibt es eine Menge Leute, die es darauf abgesehen haben, junge M�dchen auf der Stra�e auszubeuten. Dann wieder gibt es gelegentlich welche, die zwar von M�dchen wie mir profitieren, sie aber besch�tzen wollen und ich hatte das Gl�ck, einer Frau dieser Sorte zu begegnen, kurz bevor sich eine der unappetitlicheren Gestalten an mich heranmachte. Alle nannten diese Frau Nana. Sie nahm mich bei sich auf, und von nun an stand ich unter ihrem Schutz. Ich musste nur ... nur ...� Ihre Stimme versagte. �Emily ...�</p><p>�Wahrscheinlich brauche ich es dir nicht n�her zu erkl�ren, Sam. Sie hat mich verkauft, und zwar h�ufig, wie ich leider zugeben muss. Dabei war ich gar nicht so leicht zu verkaufen; mein K�rper verf�gte nicht �ber die herk�mmlichen weiblichen Reize, meine Br�ste waren zu klein f�r diese Branche, und es half auch nicht, dass ich mich weigerte, verheiratete M�nner zu bedienen. Das schr�nkte meinen Kundenkreis bedenklich ein. Doch trotz all dieser Hindernisse schaffte Nana es, Arbeit f�r mich zu finden.</p><p>Ich dachte, es w�rde mir nichts ausmachen; mir war ohnehin alles einerlei, ich schlug ja nur die Zeit tot. Aber ich erinnere mich noch an das erste Mal�, erz�hlte sie, und ihre Stimme wurde immer leiser und tonloser. �Ich war gerade f�nfzehn. Es war lange her, dass ich mit dir zusammen gewesen war, und Nana konnte mich als unber�hrt verkaufen. Sie ging davon aus, dass ich noch einmal bluten w�rde, und sie hatte Recht. Vermutlich erzielte sie daf�r einen besseren Preis. Wenn das sp�ter wieder passierte, bekam ich von ihr immer irgendeine Leckerei oder ein kleines Geschenk, aber dann hatte es immer etwas damit zu tun, dass die M�nner gewaltt�tig waren, nicht unerfahren. Das erste Mal war es beides. Ich versuchte, tapfer zu sein, aber die Art von Mann, die bereit ist, f�r dieses besondere Privileg einen Sonderpreis zu bezahlen ...�</p><p>Sie hielt inne, als sie hinter sich ein lautes Schluchzen h�rte. Erschrocken drehte sie sich um, raffte ihre R�cke, lief zu ihm und schlang die Arme um seinen Hals.</p><p>�Sam, es tut mir Leid. 0 ihr G�tter, ich h�tte es dir nicht erz�hlen sollen. Mir geht es gut, Sam, wirklich. Sam, bitte weine nicht. Es tut mir so Leid.�</p><p>Er zog sie auf seinen Scho� und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Sie hielt ihn fest, bis das Weinen nachlie�. In diesem Moment fasste sie den Beschluss, dass sie ihm nie wieder etwas �ber diese Zeit erz�hlen w�rde, und verschloss die T�r zu ihrer Erinnerung. <emphasis>Dabei war das noch gar nichts,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Sich die wirklich schlimmen Sachen anzuh�ren w�rde er nicht aushalten</emphasis>.</p><p>�Aber es ist doch wirklich grotesk, dass du <emphasis>mich</emphasis> tr�stest�, sagte er, als er wieder zu sprechen vermochte. �Du bist doch diejenige, die es erlebt hat meinetwegen!�</p><p>�Das ist Unsinn�, entgegnete sie und tupfte ihm behutsam mit ihrem Rock die Augen ab.</p><p>�Damit hattest du gar nichts zu tun. Ich bin diejenige, die weggelaufen ist. Und es war auch gut so wenn du nicht in meine Welt gekommen w�rst und sei es auch nur f�r eine ganz kurze Zeit, dann w�re ich dir niemals gefolgt. Das ist die Wahrheit. Ich h�tte mein Leben mit einem Bauern verbracht, den ich nicht geliebt h�tte, ich h�tte die Welt nie gesehen, von der du mir erz�hlt hast und die ich nun kennen gelernt habe. Ich w�re gestorben, lange bevor die Insel unterging, und wahrscheinlich w�re ich schon vor meinem K�rper tot gewesen. Wenn du nicht gekommen w�rst, w�re ich jetzt nicht hier. Du hast mein Leben gerettet, Sam, sieh es doch mal so. <emphasis>Ryle hira</emphasis>. Das Leben ist, wie es ist. Was immer wir erlitten haben, jetzt sind wir zusammen.�</p><p>Er wich ein St�ck zur�ck und sah sie an, wie sie auf seinem Scho� sa� und seine H�nde hielt. Inzwischen gab sie kein so vollkommenes Bild mehr ab wie vorhin; ihr Kleid war zerknittert, ihre Haare l�sten sich aus dem kunstvollen Knoten, aber im Feuerschein wirkte sie trotzdem so engelhaft sch�n, wie er sie noch selten gesehen hatte.</p><p>�Ich habe mich geirrt�, sagte er mit ruhiger Stimme. �Was du mir erz�hlt hast, ver�ndert doch mein Gef�hl zu dir.� Rhapsody erbleichte. �Wenn es �berhaupt m�glich ist, liebe ich dich jetzt noch mehr.�</p><p>Erleichterung durchflutete sie. �Himmel, jag mir doch nicht so einen Schrecken ein�, schalt sie ihn und versetzte ihm einen Klaps auf den Arm. Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst.</p><p>�Aber es gibt mehr als nur einen Grund daf�r, dass du es dir noch einmal anders �berlegst.�</p><p>�Keinesfalls.�</p><p>�Sam ...�</p><p>�Nein, Rhapsody.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich dir Kinder schenken kann�, platzte sie heraus, und ihr Gesicht wurde wieder bleich. �Ich glaube, ich bin unfruchtbar.�</p><p>Ashe streichelte sanft ihre Wange. �Wie kommst du denn auf die Idee?�</p><p>Rhapsody starrte ins Feuer. �Nana hat uns immer ein Kraut namens Hurenfreund gegeben, einen Blattextrakt, der Schwangerschaften und Krankheiten verhindern sollte. Ich wei� nicht, ob das irgendetwas in mir ver�ndert hat. In letzter Zeit habe ich keine derartigen Ma�nahmen getroffen und bestimmt oft genug mit dir geschlafen, um ...�</p><p>767</p><p>Schnell zog er sie an sich. �Nein, Aria; entschuldige. Ich dachte, du w�sstest das. Ich bin ein Drache, einer der erstgeborenen Rassen. Um ein Kind zu zeugen, m�sste ich von meiner Seite eine bewusste Entscheidung treffen, und da du mir nicht gesagt hast, dass du es dir von mir w�nschst �brigens meiner Meinung nach eine kluge Entscheidung, habe ich nichts dergleichen unternommen.� Schmerzliche Erinnerungen flackerten in seinen Augen. �Genau genommen war ich, als ich dich in der alten Welt zur�ckgelassen hatte, vor allem auch deshalb so verzweifelt, weil ich nicht mit Sicherheit wusste, ob du nach unserer ersten gemeinsamen Nacht nicht schwanger geworden warst.</p><p>Damals hatte ich keine Kontrolle dar�ber. Meine Drachennatur kam ja erst viel sp�ter zum Vorschein, damals, als der Sternsplitter in meine Brust gesteckt wurde. Auch f�r mich war es mit dir das erste Mal schon damals war ich dir restlos verfallen. Deshalb h�ttest du, so weit ich es beurteilen konnte, durchaus schwanger sein k�nnen, als ich dich verlie�. Die Vorstellung brachte mich fast um du allein und verletzlich, wahrscheinlich entehrt, voller Schmerz und Angst, mit meiner Tochter oder meinem Sohn, die ich nie kennen w�rde. Es war, als h�tte ich nicht nur die Liebe meines Lebens, meine Seelenpartnerin verloren, sondern auch noch dieses Kind.� Die Hand, die ihre Wange liebkoste, zitterte. Rhapsody nahm sie und k�sste sie. �Aber es gab kein Kind. Bei allen G�ttern, Sam, ich habe mir lange gew�nscht, es w�re so gewesen.�</p><p>Im Feuerschein schimmerten seine Augen saphirblau. �Ich bin froh dar�ber, dass du dir ein Kind gew�nscht hast, denn ich freue mich darauf, dir eines Tages diesen Wunsch zu erf�llen, wenn das Land wieder sicher und der F�dor vernichtet ist. Ich tr�ume davon und habe sogar schon davon getr�umt, ehe du mir abermals das Geschenk deiner Liebe gemacht hast. Und du brauchst dir auch keine Gedanken wegen deiner Fruchtbarkeit zu machen; ich bin es, der dir Nachkommen vorenthalten hat, nicht umgekehrt. Um dich und deine Fruchtbarkeit geht es hier nicht. Meine Sinne sagen mir, dass bei dir alles vollkommen in Ordnung ist.�</p><p>Erleichterung breitete sich mit einem bezaubernden L�cheln �ber Rhapsodys Gesicht aus. Einen Augenblick sp�ter jedoch wurde sie nachdenklich. �Nun, ich freue mich dar�ber. M�chtest du den Rest der Geschichte h�ren?�</p><p>�Wenn du ihn mir erz�hlen magst, gerne.�</p><p>�Ab jetzt wird es leichter. Nach ein paar Jahren wurde ein Mann auf mich aufmerksam, ein �lterer Mann. Er schien auch an mir als Mensch interessiert zu sein, nicht nur an nun, nicht nur an anderen Dingen; wahrscheinlich ging es ihm sogar mehr um meine Pers�nlichkeit. Er �berlie� mir ein eigenes Haus und ermutigte mich in meinem Wunsch zu lernen. Er sorgte daf�r, dass ich den besten Unterricht in Musik, Kunst und anderen Wissenschaften bekam.�</p><p>�In jener Nacht in Myrfeld hast du mir erz�hlt, dass du all diese Dinge lernen wolltest.�</p><p>�Ja. Er hat mich mit dem gr��ten Benenner von ganz Serendair in Kontakt gebracht, einem Mann namens Heiles, bei dem ich Unterricht in den alten K�nsten nahm. Aber nicht lange nachdem ich meine Ausbildung als S�ngerin beendet hatte und kurz davor stand, den Status einer Benennerin zu erlangen, verschwand Heiles ganz pl�tzlich. Meines Wissens ist er nie gefunden worden. Unterdessen hatte ich meine Ausbildung fast abgeschlossen. Als ich gerade das Gef�hl hatte, die Wissenschaft des Benennens allm�hlich in den Griff zu bekommen, verstarb mein Wohlt�ter.</p><p>Kurz darauf schickte ein Kerl, der Gefallen an mir gefunden hatte, seine Handlanger zu mir, weil er mich f�r irgendein m�nnliches Privatvergn�gen haben wollte. Doch ich weigerte mich mitzukommen, und ich nahm kein Blatt vor den Mund. Leider stellte sich das sp�ter als gro�er Fehler heraus. Und dann ... nun, ich will es einmal so sagen: Als ich Achmed und Grunthor begegnete, befand ich mich in einer ziemlich unangenehmen Lage. Sie befreiten mich und halfen mir zu fliehen. Sie waren selbst auf der Flucht, und so gelangten wir zusammen nach Ostend und machten uns von dort auf den Weg zur Sagia. Kennst du sie?�</p><p>Ashe dachte einen Moment nach. �Ja, das ist doch die Eiche der tiefen Wurzeln. Sie war ein Wurzelzwilling des Gro�en Wei�en Baumes.�</p><p>�Genau. Die Axis Mundi, die Linie, die durchs Zentrum der Erde verl�uft, f�hrt ebenfalls an dieser Wurzel entlang. Durch die Sagia gelangten wir ins Erdinnere ich wei� immer noch nicht ganz genau, wie. Danach sind wir an der Wurzel entlanggekrochen, eine halbe Ewigkeit, wie mir schien. Dort haben wir eine m�chtige Ver�nderung durchgemacht und die Kr�fte von Erde, Feuer und Zeit in uns aufgenommen. Schlie�lich durchquerten wir eine gro�e Feuerwand es wird wohl die Mitte der Erde gewesen sein. Ich glaube, eigentlich sind wir verbrannt; aber das Lied unserer Essenz blieb erhalten und formte uns neu, nachdem das Feuer unseren K�rper verzehrt hatte. Und alle alten Narben, alle alten Wunden waren mit einem Mal verschwunden.� Sanft fuhr Ashe mit dem Daumen �ber ihr Handgelenk, die Stelle, an der einst die Narbe gewesen war, an die er sich noch so lebhaft erinnerte. �Wir wurden neu geschaffen; deshalb hast du mich, als du mir zum ersten Mal begegnet bist, mit deinen Drachensinnen f�r eine Jungfrau gehalten.�</p><p>�Nein, nicht deshalb. Ich habe dir schon vor langer Zeit erkl�rt, warum.�</p><p>Sie k�sste ihn auf die Wange, wand sich aus seinen Armen und setzte sich wieder neben ihn aufs Sofa. �Die Reise erschien mir endlos. Jahrhunderte verstrichen; als wir endlich an die Oberfl�che gelangten, waren wir hier, und alles, was wir gekannt hatten, war vor Urzeiten im Meer untergegangen. Alle Menschen, mit denen ich etwas zu tun gehabt hatte, waren schon lange tot; ich wusste nicht, wie viele Generationen gekommen und gegangen waren, bevor die Cymrer Segel gesetzt und sp�ter gelandet waren.</p><p>Deshalb vermute ich, dass Anwyn dich nicht wirklich angelogen hat. Wir sind nicht hier gelandet, wir haben nie einen Fu� auf eins der cymrischen Schiffe gesetzt, wir sind nie �bers Meer gesegelt. Wir sind geflohen, bevor all diese Generationen geboren wurden, wir sind lange nach dem Krieg hier angekommen. Also war ihre Antwort ehrlich.�</p><p>Ashe lachte bitter und starrte ins Feuer. �Theoretisch jedenfalls. Aber Anwyn wusste Bescheid, Emily. Sie wusste, dass du gegangen warst, dass du dich auf dem Weg hierher befandest, an der Wurzel entlang. Sie fasste den Entschluss, mir diese Information vorzuenthalten und mich damit abzuspeisen, dass du nie eins der Schiffe bestiegen hast, die rechtzeitig die alte Welt verlie�en. Ich glaubte sterben zu m�ssen, Aria. Sie aber sah schweigend zu, wie ich unter meinem unermesslichen Kummer zusammenbrach. Und sie ist meine Gro�mutter, Rhapsody, meine eigene Gro�mutter! Glaubst du, mein Gl�ck, meine geistige Gesundheit bedeuteten ihr etwas?�</p><p>Er sah sie an. Das Mitgef�hl, das er in ihren Augen las, ber�hrte sein Herz und schenkte ihm Trost und W�rme. �Vermutlich nicht, Sam, und das tut mir sehr Leid�, sagte sie und legte ihre Hand leicht auf seine Wange. �Hast du eine Ahnung, warum? Warum tut sie so etwas?�</p><p>�Es geht ihr um Macht. In diesem Fall um Macht �ber mich. So sind sie alle: Anwyn, mein Vater, die ganze Sippschaft. Jetzt verstehst du vielleicht, warum sie mir so v�llig gleichg�ltig sind, warum ich bereit bin, ihnen den R�cken zu kehren und dir deine Erinnerung zur�ckzugeben. Du bist die Einzige, die sich je wirklich f�r mich interessiert hat. Trotz meiner illustren Herkunft bist du die Einzige, die mich jemals wirklich geliebt hat. Ich verdanke dir alles, aber meiner Verwandtschaft bin ich nichts schuldig. Trotzdem scheint es mir so, als solltest du immer nur die Spreu abkriegen, w�hrend sie den Weizen beanspruchen.�</p><p>Rhapsody lachte und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er legte den Arm um sie. �Welch ein treffendes Bild. Wer von uns beiden ist denn eigentlich das Bauernkind? Weizen ist nur gut, wenn man etwas essen will, Sam. Aber aus Spreu kann man sich ein wunderbar weiches Bett machen, und im Allgemeinen verbringen wir dort mehr Zeit als am Tisch.� Ihre Augen funkelten schelmisch, und er lachte mit ihr und dr�ckte sie an sich. �Au�erdem kann man mit Spreu auch ein hervorragendes Freudenfeuer veranstalten. Also untersch�tze den Wert der Spreu lieber nicht, Sam. Mit dem Brot werden wir bestimmt auch irgendwann an die Reihe kommen.�</p><p>Ashe seufzte tief und streichelte ihr Haar.</p><p>Lange blickten sie ins Feuer, in angenehmer Vertrautheit aneinander gekuschelt, und sahen zu, wie die Flammen in lautlosem Tanz die Farbe wechselten. Schlie�lich sagte er: �Ich habe eine Frage.�</p><p>�Oh, gut. Ich auch.�</p><p>�Du zuerst.�</p><p>�Nein, du.�</p><p>�Na gut�, meinte er, froh �ber die Banalit�t ihres Austauschs. �Warum hast du angefangen, dich Rhapsody zu nennen?�</p><p>Sie lachte. �Nana fand meinen richtigen Namen zu gew�hnlich. Au�erdem klang er in ihren Ohren viel zu steif f�r na ja, f�r meinen neuen Beruf.�</p><p>�Aber Emily ist doch ein sch�ner Name.�</p><p>�Emily ist eigentlich nur eine Abk�rzung, im Grunde nichts weiter als ein Spitzname.�</p><p>�Wirklich?�, fragte Ashe neugierig. �Das wusste ich nicht. Wie lautet denn dein richtiger Name?�</p><p>Rhapsody wurde rot und sah weg, aber ihre Augen l�chelten noch immer.</p><p>�Ach, komm schon�, schmeichelte er, packte sie um die Taille und lachte, als sie sich seinem Griff entwand. �Du willst mich heiraten, da sollte ich doch wenigstens deinen richtigen Namen kennen, oder nicht? Wo du doch schon jede Variation von meinem wei�t.�</p><p>�Ich wei� aber auch nicht, warum du dich Ashe genannt hast.�</p><p>�Weil �Gwydion� mich wom�glich das Leben gekostet h�tte. Aber lenk nicht ab. Wie lautet dein Name?�</p><p>�Vorsicht, Sam�, warnte sie ernst. �Ein Name ist m�chtig. Mein alter Name ist in dieser Welt noch nie ausgesprochen worden. Wenn es geschieht, dann sollte es von einer besonderen Zeremonie begleitet werden, die ihn mit Macht umgibt, damit er nicht von den D�monen der alten Welt missbraucht werden kann. Wie zum Beispiel eine Hochzeit.�</p><p>Er nickte, ebenfalls wieder ernst. Rhapsody sp�rte den Umschwung und krabbelte auf seinen Scho� zur�ck.</p><p>�Aber�, sagte sie, und ihre Augen funkelten schalkhaft, �wenn ich ihn dir St�ckchen f�r St�ckchen sage, dann w�re das wahrscheinlich in Ordnung.�</p><p>�Nur wenn ...�</p><p>�Rhapsody ist eigentlich mein Mittelname�, unterbrach sie ihn, ehe er seinen Satz vollenden konnte. �Meine Mutter war eine Himmelss�ngerin, ihr Name war Allegra.�</p><p>�Ein sch�ner Name.�</p><p>�Ein guter Name f�r eine Tochter, nicht wahr?�</p><p>�0 ja, da hast du Recht�, antwortete er mit einem z�rtlichen L�cheln.</p><p>�Jedenfalls hat mich mein Vater nach seiner Mutter genannt, und Mama war davon �berhaupt nicht begeistert. Sie fand den Namen zu bieder und langweilig. Ich wei� das, weil sie es mir einmal erz�hlte, als wir allein vor dem Feuer sa�en und sie mir die Haare b�rstete. Sie wollte mir einen lirinschen Namen geben, einen musikalischen Namen, weil sie glaubte, das w�rde mir eine musikalische Seele verleihen.�</p><p>�Sie war eine kluge Frau.�</p><p>�So jedenfalls entstand Rhapsody. Das ist nicht nur ein musikalischer Begriff, sondern es steht auch f�r Unberechenbarkeit, Leidenschaft und wilde Romantik. Sie hoffte, damit ein Gegengewicht zu meinem ersten Namen zu schaffen.�</p><p>Er k�sste sie auf die Stirn. �Er passt wunderbar zu dir.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Und?�, fragte er, und jetzt glitzerte der Schalk auch in seinen Augen. �Wie hie� deine Gro�mutter?�</p><p>�Elienne.�</p><p>�Nicht deine Lirin-Gro�mutter, du freche G�re. Wie lautete der Name deiner Gro�mutter v�terlicherseits?�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde noch rosiger, entweder aus Verlegenheit oder weil sie das Lachen unterdr�cken musste. �Amelia.�</p><p>�Amelia? Das gef�llt mir. Emily ist also eine Abk�rzung f�r Amelia. Klingt nett.�</p><p>�Meine Familie hat mich Emmy genannt�, erkl�rte sie weiter. �Meine Freunde Emily. Die Einzige, die mich Amelia nannte, war ...�</p><p>�Lass mich raten deine Gro�mutter?� Wieder lachte Rhapsody. �Wie hast du das nur erraten?� �Und welchen Nachnamen hatten die Farmerfamilien in deinem Dorf f�r gew�hnlich?�</p><p>Sie spielte mit. �Nun, der bekannteste war Bauer, wie in Anbauer. Das deutete an, dass sie Pflanzen in der Erde anbauten. Nette Leute, ich mochte sie alle sehr gern. Aber wenn wir mit dem Geschichtsunterricht fertig sind, w�rde ich dir jetzt gern meine Frage stellen. Darf ich?�</p><p>�Aber sicher. Nur zu.�</p><p>�Ich m�chte wissen, wer diese andere Frau ist, die du aufsuchen und heiraten wolltest, die Frau, die du entdeckt hast, nachdem der Ring seine volle Kraft entfaltet hatte.�</p><p>�Es gab nie eine andere Frau, Rhapsody; ich habe immer von dir gesprochen.�</p><p>Rhapsody sch�ttelte den Kopf. �Als du gesagt hast, du w�sstest, wer die richtige Frau ist, diese Cymrerin, der du zugetraut h�ttest, die Herrscherin ...� �Das warst du.�</p><p>�Aha. Und die Frau, von der du mir erz�hlt hast, du w�rst in sie verliebt, damals im Wald, als wir ...� �Auch du.� �Was ist mit...�</p><p>�Alles du, Rhapsody. In meinem Leben gibt es keine andere, und es hat auch nie eine gegeben au�er dir. Bis heute Nacht dachte ich, es w�ren zwei Frauen, aber da Emily und du in Wirklichkeit ein und dieselbe seid, wird alles erstaunlich einfach. Damals habe ich dich als Emily geliebt, jetzt liebe ich dich als Rhapsody, und das ist sowohl ganz anders und doch auch gleich. Du bist die einzige Frau, die ich jemals angefasst, jemals gek�sst, jemals geliebt habe.�</p><p>Sie schlang die Arme um seinen Hals. �Dann soll es so bleiben�, fl�sterte sie und l�chelte ihn an. �Ist dieser Wunsch egoistisch genug f�r dich?�</p><p>In dem Kuss, der nun folgte, ging seine Antwort unter; er umfasste ihr Gesicht, als sich ihre Lippen ber�hrten, atmete sie ein wie den Fr�hlingswind und f�llte seine Seele mit ihrer Essenz. Seine H�nde glitten �ber ihren R�cken, streichelten die knittrige Seide ihres Kleides und begannen es vorsichtig aufzukn�pfen.</p><p>�Sam, bitte nicht.�</p><p>�Was ist los?�</p><p>Sie holte tief Luft und sah ihn fest an. �Angesichts der Tatsache, dass ich morgen keine Erinnerung daran haben werde, ist es keine gute Idee, sich heute Nacht zu verloben.�</p><p>Ashe machte ein entt�uschtes Gesicht. �Emily ...�</p><p>�Lass mich ausreden. Es hat keinen Sinn, wenn wir ein Ehegel�bde ablegen. Ein solcher Schwur wird leicht gebrochen, und wenn man nicht einmal wei�, dass man ihn gemacht hat, ist er erst recht nutzlos. Nach allem, was du geh�rt hast, willst du mich immer noch heiraten?�</p><p>Seine Augen sprachen B�nde. �Mehr denn je.�</p><p>�Angenommen, alles andere w�re unwichtig, w�rdest du dann, wenn du die Wahl h�ttest, morgen lieber als mein Verlobter aufbrechen oder als mein Ehemann?�</p><p>Allm�hlich d�mmerte ihm, was sie meinte, und er l�chelte. �Als dein Ehemann ohne jede Frage.�</p><p>Ihre Augen waren ein Spiegel von seinen. �Dann heirate mich, Sam. Heirate mich heute Nacht.�</p><p>Am n�chsten Morgen erwachte Rhapsody, als das Licht durch die Vorh�nge drang. Sie streckte sich in der wohligen W�rme des Betts, drehte sich um und stellte verbl�fft fest, dass Ashe neben ihr lag. Sie erschrak; ihre Bewegung weckte ihn, und er schlug die Augen auf.</p><p>�Guten Morgen�, sagte er leise und l�chelte sie an. In seinen Augen schimmerte unaussprechliches Gl�ck.</p><p>�Guten Morgen�, antwortete sie verschlafen, erwiderte matt sein L�cheln und g�hnte. �Ich muss schon sagen, ich wundere mich, dich noch hier zu sehen. Ich dachte, du hattest vor aufzubrechen, bevor ich erwache.� Als ihr Bewusstsein langsam zur�ckkehrte, wurde ihr peinlich klar, dass sie beide unter den Laken splitternackt waren.</p><p>�Wir haben uns noch bis sp�t in die Nacht unterhalten. Erinnerst du dich noch an etwas?�</p><p>Rhapsody lie� sich die Frage durch den Kopf gehen. �Nein�, sagte sie, und ihre Stimme klang ein klein wenig traurig. �Nachdem wir in die Laube gegangen sind, wei� ich nichts mehr das ist meine letzte Erinnerung. Dann hat also alles geklappt?�</p><p>Sein L�cheln wurde breiter, w�hrend er die Hand ausstreckte, nach einer ihrer Locken griff und sie sich �ber den Hals legte. �Sehr gut sogar.�</p><p>Rhapsodys Gesicht wurde ernst, als die melancholischen Gedanken von gestern zur�ckkehrten. �Warum bist du geblieben?�</p><p>Ruhig antwortete Ashe: �Wir wollten vor dem Abschied noch m�glichst viel Zeit zusammen verbringen. Du warst einverstanden, ehrlich.�</p><p>Rhapsody setzte sich auf und sah ihr Seidenkleid als zerknittertes H�ufchen auf dem Boden am Fu�ende des Betts liegen, seine Seemannssachen �berall im Zimmer verteilt. Ihr stieg die R�te in die Wangen; rasch kroch sie unter die Decke zur�ck und sah ihn an.</p><p>�Dann haben wir miteinander geschlafen?�, fragte sie leise.</p><p>�Ja. O ja.�</p><p>Rhapsody machte ein verlegenes Gesicht. �Du du wolltest es, nicht wahr? Ich habe dich nicht mit Schuldgef�hlen unter Druck gesetzt oder dich angefleht oder etwas �hnliches?�</p><p>�Aber nein, �berhaupt nicht�, antwortete Ashe lachend. �Als w�re das jemals n�tig.�</p><p>Sie wandte sich ab, damit er die Traurigkeit in ihren Augen nicht sah. �Ich wollte, ich k�nnte mich daran erinnern�, meinte sie betr�bt.</p><p>Ashe fasste sie behutsam an den Schultern und drehte sie zu sich um, dann k�sste er sie z�rtlich. �Eines Tages wirst du dich erinnern�, sagte er. �Ich bewahre die Erinnerung f�r dich auf, Aria. Eines Tages werden wir sie wieder miteinander teilen k�nnen.�</p><p>In den Smaragdaugen standen Tr�nen. �Nein�, fl�sterte sie. �Vielleicht geh�rt sie eines Tages wieder mir, aber f�r dich ist es Zeit, mit jemand anderem Erinnerungen zu beginnen.�</p><p>Ashe zog sie n�her zu sich heran, um sein L�cheln zu verbergen. �Morgen�, sagte er. �Jetzt bin ich noch hier bei dir. Vielleicht gibt es eine M�glichkeit, den Verlust auszugleichen, bis die Erinnerung dir wieder geh�rt.� Er legte sie zur�ck aufs Kissen und k�sste sie wieder, w�hrend seine H�nde liebevoll ihre Br�ste streichelten.</p><p>Feuer gemischt mit Schuldgef�hlen str�mte durch Rhapsodys Adern. Rasch �berlie� sie sich ihrer Leidenschaft, angefacht vom Schmerz des so kurz bevorstehenden Abschieds, und sie liebten sich abermals, klammerten sich verzweifelt aneinander, als w�rden sie sich niemals wieder sehen.</p><p>Als es vor�ber war, waren sie beide ungl�cklich. Rhapsody lag still in seinen Armen, �berschwemmt von schlechtem Gewissen. Die nachdenkliche Traurigkeit in Ashes Augen jedoch war schlimmer; in der Nacht zuvor hatte er gesp�rt, wie ihre Seelen sich in reiner Ekstase ber�hrt hatten, und heute war dieses Hochgef�hl verschwunden, ersetzt von bitterem Bedauern, dem Schmerz dar�ber, dass das h�chste Gl�ck zu nah war und es ihnen doch wieder entglitt.</p><p>Schlie�lich stand Rhapsody auf, holte sich frische Kleider und verschwand im Badezimmer. Unterdessen zog Ashe die Sachen an, die sie f�r ihn auf seinem Tornister bereit gelegt hatte. Er verfluchte Llauron, er verfluchte Anwyn, er verfluchte sich selbst, jeden und alles, was ihn von Rhapsody trennte und f�r den Schmerz in ihren Augen verantwortlich war. W�hrend er wartete, dass sie wieder herauskam, f�hrten ihn erst seine Sinne, dann seine Augen zu dem Dreipfennigst�ck, das auf dem Teppich vor dem Feuer lag. L�chelnd b�ckte er sich, um es aufzuheben. Dann durchsuchte er den Haufen hastig abgestreifter Kleidungsst�cke, fand das Medaillon und legte das Geldst�ck sorgf�ltig hinein. Er hatte Emily wieder gefunden, und sie war seine Frau. Wenn er sie jetzt nur vor allem Unheil bewahren und daf�r sorgen konnte, dass sie ihn weiterhin liebte, bis sie ihre Erinnerung zur�ckbekam ...</p></section><section><title><p>54</p></title><p>Meridion lehnte sich mit einem Ruck auf seinem Stuhl zur�ck, und sein pulsierendes Energiefeld waberte rot und hei� vor Frustration. Seit Stunden schon hatte er es versucht; jetzt brannten ihm die Augen von der peniblen Kleinarbeit. In seinen Fingern waren tiefe Furchen eingegraben, weil er die Instrumente so fest umklammert hatte, aber es hatte nichts gen�tzt. Er bekam einfach keinen anderen Traumfaden zu fassen.</p><p>Rhapsody war nutzlos f�r seine Zwecke geworden. Beim ersten Mal war es ein v�lliger Fehlschlag gewesen, inzwischen war es noch weniger aussichtsreich; in ihren Trauminhalten gab es keine Flexibilit�t mehr, seit sie endg�ltig mit Ashe verbunden war. Obwohl sie die Erinnerung an jene Nacht verloren hatte, hatte sie ihr Unterbewusstsein ganz den Gedanken an ihn �berlassen. Meridions Versuche, einen Faden herauszul�sen und irgendwo anzuf�gen, wo er ihn gerade brauchte, f�hrten nur zu Schmerz und Verzweiflung; das war ihm mehr als deutlich geworden, als er mit angesehen hatte, wie Angst und Fieber ihre Tr�ume in der Nacht heimgesucht hatten, nachdem sie und Ashe sich getrennt hatten. Verzweifelt warf er das d�nne Spie�chen auf den Boden.</p><p>Das Ende war nah. Und er hatte keine M�glichkeit, sie zu warnen. All seine Manipulationen an der Vergangenheit waren vergeblich gewesen, es w�rde doch auf das Gleiche hinauslaufen.</p><p>Meridion legte den Kopf auf das Armaturenbrett des Zeit-Editors und weinte. Unter seinem Gesicht befanden sich Fragmente der Zeit, Splitter und Fetzen Film, die von der Zerst�rung des Originalstreifens der Vergangenheit �brig geblieben waren, die er hatte aufheben wollen. Niedergeschlagen wischte er sie beiseite. Einer blieb an seinem Pullover h�ngen.</p><p>Meridion wollte ihn absch�tteln, aber das St�ckchen Film klebte fest. Er hielt es an die Lichtquelle des Zeit-Editors .</p><p>Von dem Bild war nichts mehr da; der Zeit-Editor hatte so an ihm gezerrt, dass es unwiederbringlich verloren war. Auch der obere Rand mit der sensorischen Information war zerfetzt. Nur der untere Teil war noch intakt, das St�ck, in dem der Klang der Vergangenheit steckte. Meridion hielt ihn an sein Ohr und lauschte.</p><p>Mit M�h und Not konnte er die trockene, insektenartige Stimme der Gro�mutter h�ren.</p><p><emphasis>Die Erl�sung der Welt ist keine Aufgabe f�r einen Einzelnen. Eine Welt, deren Schicksal in den H�nden eines Einzelnen ruht, ist viel zu einfach, als dass es sich lohnte, sie zu retten</emphasis>. Meridion wog die Worte ab. <emphasis>Keine Aufgabe f�r einen Einzelnen</emphasis>. Nicht f�r einen Einzelnen.</p><p>Pl�tzlich durchfuhr ihn ein Gedanke, so heftig, dass ihm vor Aufregung hei�, schwach und schwindlig wurde.</p><p>Rasch warf Meridion den Zeit-Editor von neuem an. Dr�hnend erwachte die Maschine zum Leben. Helles Licht blitzte �ber die Glasw�nde seines sph�rischen Raumes, der �ber den verblassenden Sternen schwebte; die Hitze der brodelnden Meere h�llte die Oberfl�che der Welt unter ihm in eine Nebeldecke.</p><p>Es gab einen anderen Weg, eine andere Verbindung, die mit dem Traumfaden hergestellt werden konnte. Ein Weg, der bereits markiert war, Gleichzeitigkeit, die bereits existierte. Ein Name, der bereits bekannt war.</p><p>Als die Maschine in Gang gekommen war, blickte Meridion wieder durch das Okular. Behutsam drehte er den Film um eine Nacht zur�ck und suchte unter der Linse eine andere Stelle der dunklen Berge, pechschwarz. Er brauchte eine Weile, um in dem sich zusammenbrauenden Sturm zu finden, was er suchte; im Wind der Zahnfelsen bildeten sich Kristalle bitterkalten Schnees.</p><p>Fast m�helos erwischte er den Traumfaden und verankerte ihn ebenfalls ohne Schwierigkeiten. Die Warnung war an Ort und Stelle platziert.</p><p>Jetzt war es nur eine Frage, ob sie sie beachteten.</p><p>Ein Sonnenstrahl, so golden wie Rhapsodys Haar, brach zwischen den morgendlichen Wolken hervor. Ashe trat in das Licht, und der Nebel seines Umhangs glitzerte in einer Million winziger Diamantentr�pfchen, die schwer in der Winterluft hingen. Unter ihrer Kapuze l�chelte Rhapsody. Es war ein wundersch�ner Anblick, eine Erinnerung, an die sie sich in den kommenden traurigen Tagen klammern w�rde. Wie er im Sonnenlicht da stand, wirkte Ashe selbst unter seinem Umhang fast wie ein Gott, hier auf dem Kamm der ersten H�gelkette, unterwegs zu den h�heren Gipfeln. Bald schon w�rden sich ihre Wege trennen, auf dem Pass, der ins Vorgebirge f�hrte und dann w�rde er aus ihrem Leben verschwunden sein.</p><p>Ein Dr�hnen hallte durch die Zahnfelsen und lie� sie erzittern. Es brach sich an den Gipfeln, hallte �ber das weite Marschland und erschreckte die Natur, die sich noch nicht g�nzlich vor dem Winter verkrochen hatte. Der L�rm war unverkennbar.</p><p>�Grunthor!� Rhapsody wirbelte herum, und suchte nach dem Ursprung des Schreis, geblendet vom grellen Morgenlicht.</p><p>Ashe legte die H�nde �ber die Augen und lie� den Blick �ber das Panorama der im hellen Sonnenschein liegenden Gipfel gleiten. Dann deutete er auf einen Pass auf den W�chtergipfeln, zu den Baracken der Bergwache.</p><p>�Dort�, sagte er.</p><p>Auch Rhapsody legte die Hand an die Stirn. Aus der H�hlent�r, die in die Barackenhalle f�hrte, quollen Gestalten hervor, wie Asche aus einem ausbrechenden Vulkan. Die Bolg-Soldaten beeilten sich, den Korridor zu evakuieren, und suchten Schutz hinter jedem Felsbrocken, der ihnen Deckung gew�hrte. Rhapsody sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Bestimmt hat Grunthor mal wieder Albtr�ume�, sagte sie, w�hrend sie zusah, wie die Bolg auseinander stoben.</p><p>Einen Augenblick sp�ter fand sie ihre Vermutung best�tigt. Eine wesentlich gr��ere Gestalt, die vor den m�chtigen Gipfeln dennoch geradezu zwergenhaft wirkte, trat aus der �ffnung. Selbst aus der Entfernung war ihr die Aufregung anzumerken.</p><p>Rhapsody wartete den n�chsten Windsto� ab, von dem sie sicher sein konnte, dass er ihre Stimme zum obersten Gipfel hinauftragen w�rde. �Hier, Grunthor!�, rief sie dann in den Wind hinein. Einen Augenblick sp�ter hielt die Gestalt inne, sp�hte zu ihr her�ber und begann dann wie wild zu winken. Rhapsody winkte zur�ck.</p><p>�Entschuldige�, sagte sie zu Ashe, der sich auf seinen Wanderstock st�tzte, das Gesicht wieder unter der Kapuze seines Nebelumhangs verborgen. �Ich muss zu Grunthor.� Sie strich mit der Hand �ber seinen Arm.</p><p>Ashe nickte. Falls er sich �rgerte, verbarg der Umhang jedes Anzeichen davon.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete er nur und verlagerte sein Gewicht. �Ich warte.�</p><p>Noch einmal ber�hrte Rhapsody seinen Arm, dann rannte sie zu dem Felsvorsprung auf halbem Weg zum Gipfel. Unterwegs sah sie schon, wie sich die Soldaten, mit dem R�cken an die Felswand gepresst, verstohlen in den Barackengang zur�ckzogen, sobald sie Grunthor in sicherer Entfernung wussten.</p><p>�Bei allen G�ttern, was ist denn los? Du siehst ja furchtbar aus.� Der Sergeant wirkte zerzaust, und seine Augen funkelten. �Wir m�ssen da runter, Gr�fin. Sie braucht uns.� �Die Gro�mutter? Oder das Kind? Woher wei�t du es?� Der FirbolgRiese beugte sich keuchend vor und legte die H�nde auf die Knie. �Das Erdenkind. Ich wei� nich genau, woher ich das wei�, aber ich wei� es. Und so, wie�s ihr geht, kann ich es mehr als gut verstehn. Du musst noch mal f�r sie singen, Hoheit. Sie hat schrecklich Angst.�</p><p>�In Ordnung, Grunthor�, erwiderte Rhapsody beschwichtigend. �Ich komme mit dir. Ich muss mich nur zuerst noch von Ashe verabschieden, er verl�sst uns n�mlich.�</p><p>Grunthor betrachtete sie durchdringend. �Endg�ltig?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der forschende Blick wurde weicher und voller Mitgef�hl. �Alles in Ordnung, Gr�fin?�</p><p>Rhapsody l�chelte. Sie dachte daran, wie er diesen Ausdruck zum ersten Mal gebraucht hatte, das erste von vielen, vielen Malen. Es war im Tunnel an der Wurzel gewesen, als er sich vergewissert hatte, dass sie nicht in die endlose Finsternis gest�rzt war. Jedes Mal hatte sie seine Frage, ob alles in Ordnung sei, bejaht, obwohl es nur teilweise stimmte ganz gleich, ob sie wieder in Sicherheit war oder nicht, es w�rde nie wieder �alles in Ordnung� sein. Eine traurige Ironie des Schicksals, dass sie es ausgerechnet jetzt wieder h�rte.</p><p>�Es wird schon wieder�, antwortete sie schlicht. �Weck Achmed und hol meine R�stung. Ich treffe dich dann drau�en auf der Heide.�</p><p>Grunthor nickte, klopfte ihr auf die Schulter und machte sich auf den R�ckweg zum Kessel. Rhapsody blickte ihm nach und kehrte dann zu Ashe zur�ck.</p><p>Er stand noch da, wo sie ihn verlassen hatte, auf seinen Wanderstock gelehnt.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte auch er.</p><p>Rhapsody legte die Hand �ber die Augen und blickte in die Dunkelheit seiner Kapuze empor. Der Anblick schnitt ihr ins Herz, aber sie schluckte den Schmerz hinunter und hoffte, dass er, wenn sie ihn das n�chste Mal sah wahrscheinlich im Gro�en Gerichtshof, bei seiner Kr�nung endlich in der Lage sein w�rde, mit unverh�lltem Gesicht, der Sonne zugewandt und vor den Augen aller Menschen furchtlos dahinzuschreiten.</p><p>�Mein j�ngstes Enkelkind braucht meine Hilfe�, erkl�rte sie. �Ich werde mich um sie k�mmern, sobald sich unsere Wege am Fu� des Vorgebirges trennen. Komm, lass uns aufbrechen.�</p></section><section><title><p>55</p></title><p>Achmed war fest davon ausgegangen, dass Rhapsody sich nicht rechtzeitig von Ashe losrei�en w�rde, und hatte sich deshalb Zeit gelassen, auf die Heide zu kommen. Als er jedoch die letzte Anh�he �berquert hatte, fand er dort zwei Gestalten vor, eine riesig, die andere klein und zierlich, die beide schon auf ihn warteten. Achmed fluchte. In ihrer Unberechenbarkeit war Rhapsody schon fast wieder berechenbar.</p><p>�Dann ist er also weg?�, wollte er wissen, w�hrend er Grunthor den morgendlichen Bericht der Nachtpatrouille in die Hand dr�ckte. Rhapsody nickte nur. �Gut.�</p><p>Grunthor warf ihm einen b�sen Blick zu und legte die Hand auf Rhapsodys Schulter. �Wann kommt er denn zur�ck, Sch�tzchen?�</p><p>�Gar nicht�, antwortete sie kurz. �Vielleicht sehe ich ihn bei der k�niglichen Hochzeit in Bethania wieder, aber vermutlich wird das dann das letzte Mal sein. Er ist unterwegs, sein Schicksal zu erf�llen.� Sie blickte zur�ck in die Sonne, die jetzt �ber den Gipfel des Griwen stieg. �Lasst uns aufbrechen, damit wir auch das unsere in Angriff nehmen k�nnen.�</p><p>Der Tunnel des Loritoriums hallte unter ihren Schritten und der Erinnerung an ihre eigenen Stimmen.</p><p><emphasis>Ist sie immer noch da, Herr?</emphasis></p><p><emphasis>Verdammt, Jo, ich binde dich gleich an einen Stalagmiten, da kannst du warten, bis wir zur�ckkommen</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich m�chte mit euch kommen. Bitte</emphasis>.</p><p>Achmed schloss die Augen, der Kopf war ihm schwer vom Gewicht der Erinnerungen. Die Fackel in Grunthors Hand flackerte unruhig, eine blasse Kerze im Vergleich zu der lodernden Flamme, die beim ersten Mal ihren Weg zu der versteckten Zauberkammer beleuchtet hatte. Achmed fragte sich, ob die schwache Flamme ein Zeichen daf�r war, dass sich das konzentrierte Wissen in der abgestandenen Luft verfl�chtigte, w�hrend der Wind aus der Welt oben durch die uralten G�nge blies. Vielleicht aber war es auch eher ein Zeichen daf�r, dass das Feuer in Rhapsodys Seele ein wenig schw�cher brannte. Sie sagte nichts, sondern folgte ihnen schweigend in den Bauch des Berges, das Gesicht verh�rmt und gespenstisch wei� im blassen Fackellicht. Den ganzen Weg durch den Tunnel zum Loritorium sagte sie kein Wort, ganz anders als auf ihren gemeinsamen Reisen �ber Land oder entlang der Wurzel, wo sie und Grunthor sich die Zeit mit Liedern oder gepfiffenen Melodien vertrieben hatten. Die Stille war geradezu ohrenbet�ubend. Nachdem sie etwa tausend Schritte zur�ckgelegt hatten, h�rte Achmed ein langsames, stockendes Einatmen und wusste pl�tzlich, dass auch Rhapsody Stimmen im hallenden Tunnel h�rte.</p><p><emphasis>Wollt Ihr mir sagen, dass der Herrscher von Roland eine Zivilistin ohne den Schutz der bewaffneten w�chentlichen Karawane nach Ylorc geschickt hat?</emphasis></p><p><emphasis>Die Zeiten sind gef�hrlich, nicht nur in Ylorc, sondern �berall</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich erf�lle nur den Auftrag meines Gebieters, Herrin</emphasis>.</p><p><emphasis>Prudence, Ihr m�sst heute Nacht hier bleiben. Bitte. Ich f�rchte um Eure Sicherheit, wenn Ihr jetzt geht</emphasis>.</p><p><emphasis>Nein. Es tut mir Leid, aber ich muss umgehend nach Bethania zur�ck</emphasis>.</p><p><emphasis>Gespenster,</emphasis> dachte Achmed. <emphasis>�berall Gespenster</emphasis>.</p><p>Schlie�lich wurde der Tunnel breiter und bildete den Eingang zur Marmorstadt. Die Flamme aus dem Feuerbrunnen brannte stetig und warf lange Schatten in das leere Loritorium.</p><p>�Hier scheint alles in Ordnung zu sein�, meinte Achmed, w�hrend er den Feuerbrunnen untersuchte. �Ich sp�re keine ungew�hnlichen Schwingungen.�</p><p>So verlie�en sie das Loritorium und wanderten den Gang hinunter zur Kammer des Schlafenden Kindes.</p><p>Wie immer stand die Gro�mutter im Eingang.</p><p>�Ihr seid gekommen�, stellte sie fest, und all ihre Stimmen zitterten. �Es geht ihr schlechter.�</p><p>Aus der Kammer drang ein St�hnen. Sie eilten durch die riesige T�r aus Russbeschmiertem Eisen in die Kammer hinein.</p><p>Auf dem Katafalk w�lzte sich das Erdenkind und murmelte frenetisch vor sich hin. Rhapsody lief zu ihr, fl�sterte tr�stende Worte, versuchte das M�dchen zu beruhigen, aber es reagierte nicht.</p><p>Auf einmal packte Achmed Rhapsody so heftig am Arm, dass sie vor Schmerz zusammenzuckte. Als sie aufblickte, bedeutete er ihr, Grunthor anzusehen. Der Riese stand neben dem Katafalk, und im schwachen Licht war seine dunkle Haut aschfahl geworden. Auf seinem breiten Gesicht standen Schwei�perlen.</p><p>�Da kommt etwas�, fl�sterte er. �Etwas ...� Die Worte blieben ihm im Halse stecken, und er schnappte h�rbar nach Luft.</p><p>�Grunthor?�</p><p>Der Riese zitterte und griff nach seinen Waffen.</p><p>�Die Erde�, fl�sterte die Gro�mutter. �Die Erde schreit. Gr�ner Tod. Schmutziger Tod.�</p><p>Wie als Spiegelbild des Firbolg-Riesen begann der Boden um sie herum zu beben. Felsbrocken und Granit brachen von W�nden und Decke, Staub rieselte herab und f�rbte die Luft schwarz.</p><p>�Was ist das? Ein Erdbeben?�, rief Rhapsody Grunthor zu. Mit grimmigem Gesicht senkte der Sergeant Schwert und Spie�. Er hatte kaum Zeit, den Kopf zu sch�tteln. Um sie herum war leises Knallen und Knacken zu h�ren, wie von nassem Holz im Feuer, und pl�tzlich wuchsen aus dem Boden, aus der Decke und aus den W�nden tausende winziger Wurzeln; schwarz und dornig lugten sie aus der Erde wie neue Fr�hlingssch�sslinge. Innerhalb weniger Augenblicke waren sie zur Gr��e von Dolchen herangewachsen, die drohend in die Luft schlugen. Inzwischen hatte Achmed die H�hle durchquert und war kaum eine Arml�nge von Rhapsody entfernt. Sie unterdr�ckte einen Entsetzensschrei als die Wurzeln zu zischen begannen, und hielt die H�nde sch�tzend �ber den Kopf des Schlafenden Kindes.</p><p>Dann explodierte die Welt.</p><p>Aus jeder von Erde bedeckten Stelle brachen riesenhafte Schlingpflanzen hervor, jede so dick wie eine alte Eiche, zerrissen die Luft und zerschmetterten die Felsw�nde. Der Boden unter ihren F��en buckelte und b�umte sich auf, zerschellte unter der Wand dorniger Leiber, w�hrend noch gr��ere Wurzeln aus der Erde sch�ssen, die Gef�hrten umringten und sie herumstie�en wie Glasmurmeln.</p><p>Eine Wolke widerlichen Gestanks wallte auf, dass es ihnen den Atem verschlug. Der Geruch war unverkennbar.</p><p>F�dor.</p><p>Achmed schlug die Arme �ber den Kopf, als ihn ein gro�er herunterfallender Gesteinsbrocken traf, von ihm abprallte und Schockwellen durch seine Schultern und seinen ganzen K�rper sandte. Er sp�rte den Herzschlag seiner Freunde in wildem Crescendo rasen, wie Hagel auf seiner Haut. Rhapsody war in dem Tumult der Erdaufwerfungen und peitschenden Ranken ganz aus seinem Gesichtskreis verschwunden. In der Hoffnung, dass sie ihn noch h�ren konnte, schrie er: �Raus hier!� und versuchte, seine Lungen vom Staub frei zu husten. Als Antwort tauchte mitten in dem herabst�rzenden Schutt ein vibrierendes Licht auf, das durch die alles verh�llenden schwarzen Aschewolken schimmerte. Ein metallischer Klang wie von einer Fanfare begleitete dieses Licht, und Achmed sp�rte ein elektrisches Prickeln, das ihm durch Mark und Bein ging. Die z�ngelnden Flammen schwebten einen Augenblick regungslos in der Luft und begannen dann einen wilden, schwirrenden Tanz, w�hrend das Schwert auf die sich windenden Ranken einhieb und Lichtstrahlen in der Dunkelheit der zerberstenden Kammer verschickte. Die Iliachenva�ar hielt ihre Stellung und schlug zur�ck. Ein ohrenbet�ubendes Br�llen brandete neben Achmed auf. Als er sich umwandte, sah er gerade noch, wie ein riesiger Fangarm Grunthors Fu� erwischte, ihn von dem Felsbrocken, auf den er gefallen war, wegzerrte und mit dem Kopf nach unten in die rauchige Luft riss. Blitzschnell schlangen sich Dutzende Peitschenranken um seinen Hals und seine Gliedma�en und zogen sich dann gleichzeitig und mit entsetzlicher Kraft zusammen. Wieder br�llte Grunthor auf, mehr vor Wut denn vor Schmerz, aber schlie�lich erstickten die Schlingen seine Schreie.</p><p>Mit einer einzigen Bewegung beider Handgelenke z�ckte Achmed den Dolch, st�rzte zu der Stelle, wo der Riese hing, und stach weit ausholend auf die sich windenden Tentakeln ein. Blitzschnell griff er nach einer von Grunthors Waffen, die umgekehrt in der Scheide baumelten, und machte sich beidh�ndig an der w�rgenden Ranke zu schaffen. Als Erstes nahm er sich die Schlingen vor, welche die Handgelenke des Riesen umschlossen, und hatte gerade eines befreit, als ein dicker, klauenartiger Seitentrieb vorschnellte, Achmed gegen einen Erdhaufen schleuderte und unter sich festnagelte.</p><p>Achmed atmete flach, um den Schmerz in den Rippen weniger zu sp�ren. In einiger Entfernung h�rte er noch immer das Klirren der Tagessternfanfare, das Zischen und Kreischen der Ranken, wenn Rhapsody sie durchtrennte und ihre Enden versengte. Ihr Herzschlag war neben dem donnernden Pochen, das von Grunthor ausging, bemerkenswert langsam und konzentriert. Dem Klang nach hatte der Sergeant sich inzwischen befreit und hackte jetzt auf die Ranke ein, die Achmed gefangen hielt. Einen Augenblick sp�ter riss das riesenhafte Ding denn auch tats�chlich in zwei Teile, und der BolgRiese zerrte Achmed aus dem Morast anderer glitschiger Wurzeln, die sich unter ihm schl�ngelten, zischten und wie Schlangen nach seinen Fersen z�ngelten.</p><p><emphasis>�Hrekin�,</emphasis> fluchte der Sergeant und rang heftig nach Atem. Es war das Letzte, was Achmed von ihm h�rte, ehe der Boden unter seinen F��en sich abermals aufb�umte und ihn dorthin zur�ckwarf, wo einst der Eingang der Kammer gewesen und jetzt nichts weiter als eine br�ckelnde Ruine war.</p><p>Der Dolch wurde Achmed aus der Hand gerissen und fiel zu Boden; in dem Get�se um ihn herum konnte er nicht h�ren, wo er landete. Die kalte, brandige Hand der Angst packte seine Eingeweide, als ihm klar wurde, dass es unm�glich war, der monstr�sen Wurzel zu entfliehen, dieser D�monenranke, welche die Kammer des Schlafenden Kindes zu verschlingen drohte. Der Katafalk des Erdenkinds war verschwunden, schon in den ersten Augenblicken des Angriffs in die Luft gesprengt. Es bestand kaum ein Zweifel, dass der K�rper des M�dchens unter dem Schuttberg begraben lag, oder noch schlimmer von den Tentakeln der Schlangenranke gefesselt in die F�nge des F�dor gezerrt wurde, genau wie Jo. Achmed schmeckte den eigenen Tod auf der Zunge.</p><p>Eiskalte Wellen der Furcht schlugen �ber ihm zusammen. Nicht den Tod als solchen f�rchtete er, sondern die H�nde, die ihn bescherten. Er hatte sich an die Freiheit gew�hnt, die nun seit jenem schw�len Tag in den Gassen von Ostend sein Eigen gewesen war, damals in einem anderen Leben, als Rhapsody seinen Namen ge�ndert und ihn von der unsichtbaren Fessel der D�monensklaverei befreit hatte. Inzwischen hatte er fast wieder gelernt, unbeschwert zu atmen, daran zu glauben, dass sein Leben, seine Seele wieder ganz ihm allein geh�rten. Doch nun nahte der Tod und w�rde ihn zur�ckholen in die Eisenklaue des D�mons. Und was noch schlimmer war: Seinen Freunden stand das gleiche Schicksal bevor. Pl�tzlich drang ein leises Pfeifen wie von Wind in seine Ohren und erweiterte sich einen Augenblick sp�ter in vier verschiedene Noten, die in einem einzigen Atemzug gehalten wurden. Der Ritualgesang hallte in seinem Kopf wider und vibrierte in seinem dhrakischen Blut. Durch den Tumult hindurch sah er die Gro�mutter nicht, aber er h�rte sie klar und deutlich, die f�nfte Note des Bannrituals, die wie ein Messer durch den L�rm schnitt. Als das rituelle Klicken sich zu der monotonen Melodie gesellte, pulsierte der brodelnde See von Wurzeln und Ranken im selben Rhythmus und erstarrte dann unvermittelt. Einen Augenblick lang nahm Achmed alle Ger�usche um ihn herum sehr deutlich wahr das Pochen des Rankennetzes, das jetzt die gesamte H�hle f�llte und Achmed mit seinen gigantischen Ausma�en zu einem Zwerg reduzierte, das klingende Summen der Tagessternfanfare, die in der Finsternis au�erhalb seiner Reichweite funkelte, das Zischen und Knurren der tausend schlangenartigen Fangarme ganz in seiner N�he, die jederzeit zuzuschlagen drohten; dazu Rhapsodys flackernder Herzschlag und der rituelle Rhythmus, der Puls der Gro�mutter. Aber Grunthors Herz war nicht darunter. �Achmed!� Rhapsodys Stimme war kaum h�rbar, Qualm stieg von der Stelle auf, woher sie kam. So schnell er konnte, dr�ngte sich Achmed an einem Wirrwarr z�ngelnder Ranken vorbei, ohne auf ihre Angriffsversuche zu achten, und arbeitete sich immer weiter zu Rhapsody durch, dem Klang ihres Herzschlags folgend. Zwischen zwei gro�e Erdplatten eingeklemmt, fand er sie, wie sie das Ende eines gigantischen Fangarms mit Hilfe der Tagessternfanfare versengte. Der Ausl�ufer der D�monenranke �chzte und vergl�hte im �therischen Feuer. Rhapsodys Blick begegnete dem seinen, und ihre Augen brannten mit der gleichen Heftigkeit wie ihr Schwert.</p><p>�Elementares Feuer t�tet sie ab�, erkl�rte sie leise, als er nahe genug war, dass er sie verstehen konnte. �H�re ich da etwa das Bannritual?�</p><p>Achmed nickte und zuckte zusammen, weil ein stechender Schmerz seinen Kopf durchzuckte.</p><p>�Die Ranke ist ein Ausl�ufer des D�mons, ein Gebilde, wie es auch der Rakshas war�, antwortete er, w�hrend er dem sehnigen Fleisch der Ranke auswich. �Dein Schwert kann die d�monische Essenz vielleicht f�r den Augenblick stauen, aber es kann die Wurzel nicht t�ten; sie ist viel zu stark.�</p><p><emphasis>�Vingka jai�,</emphasis> sagte Rhapsody zu der Flamme, die am Ende der Wurzel glomm. <emphasis>Brenne und breite dich aus</emphasis>. Das Feuer loderte auf in gerechtem Zorn, und die Ranke kreischte vor Wut und Schmerz.</p><p>�Jetzt aber raus hier�, befahl Achmed und gestikulierte zu dem Ausgang, wo das Loritorium gewesen war. �ich wei� nicht, wie lange die Tagessternfanfare es noch aufhalten kann.�</p><p>�Aber wo ist Grunthor? Und das Kind?�</p><p>Achmed sch�ttelte den Kopf. �Raus hier, und zwar <emphasis>sofort�,</emphasis> kommandierte er. <emphasis>�Wo sind sie?�</emphasis></p><p>�Ich wei� es nicht!�, fauchte er. Der Verlust von Grunthor und der Gedanke, dass die Schl�ssel, welche den Kerker �ffnen konnten, sich wom�glich auf dem Weg in die Tiefen der Erde befanden, war mehr, als er im Moment verkraften konnte. Um nicht den Verstand zu verlieren, konzentrierte er sich ausschlie�lich darauf, Rhapsody aus den Ruinen der Kolonie herauszuf�hren, ehe diese endg�ltig einst�rzte. Verschwommen �berlegte er noch, ob er ihr damit wohl einen Gefallen tat, wenn man bedachte, was ihr bevorstand. �Verdammt! Raus hier, solange du noch kannst!�</p><p>Doch sie h�rte noch immer nicht auf ihn. Stattdessen starrte sie in die Tr�mmer der H�hle, mit staunend aufgerissenem Mund. Achmed drehte sich um und folgte ihrem Blick. Dort, umwallt von dicken Wolken aus Asche und Staub, sah er das Schlafende Kind. Mit geschlossenen Augen stand das M�dchen da, aufrecht, und ihre F��e verschmolzen mit dem Schutt auf dem Boden der Kolonie. Die Tagesternfanfare, die jetzt unbeweglich in Rhapsodys Hand glomm, warf kleine Wellen von Licht �ber sie, �ber ihre glatten Gesichtsz�ge, das schimmernde Grau ihrer Haut. Im Feuerschein schien sie riesig, gr��er als sie liegend gewirkt hatte, und ihr langer Schatten tanzte �ber die zerst�rten H�hlenw�nde.</p><p>�Nein�, fl�sterte Rhapsody erstickt. �Nein, bitte. Schlaf weiter, Kleines.�</p><p>Langsam hob das M�dchen erst den einen, dann den anderen Fu� vom Boden und machte einen Schritt nach vorn.</p><p>Die Schlafwandlerin.</p><p>�Bitte�, fl�sterte Rhapsody wieder. �Bitte nicht, Kleines, die Zeit ist noch nicht reif. Schlaf weiter.�</p><p>Doch das Erdenkind achtete nicht auf sie. Schwerf�llig kletterte es �ber die Steinhaufen, glitt zwischen den Felsen hindurch, als watete es durch kn�cheltiefes Wasser, die Augen weiterhin fest geschlossen. Seitenarme der Ranke peitschten kraftlos nach dem M�dchen, geschw�cht von dem Bann, den die seltsame insektenartige Musik der Gro�mutter auf sie aus�bte. Achmed streckte Rhapsody die Hand entgegen. �Komm�, sagte er. Unwillk�rlich gehorchte sie und folgte ihm �ber die Steinbrocken, die einstmals die Decke der H�hle gebildet hatten. So folgten sie dem Erdenkind, das sich unbeirrt einen Weg durch all den Schutt bahnte. Als sie an den dicken Fangarmen vor�berkamen, begann die D�monenranke zu zittern, sodass von den zerst�rten W�nden und der br�ckelnden Decke noch mehr Staub und Schutt herabst�rzten. Rhapsody hustete, w�hrend Achmed sie �ber einen Erdhaufen und unter einem riesigen, zischenden Rankenarm hindurchschleppte. Winzige Tentakel z�ngelten in der Dunkelheit und wurden von der Macht des Bannrituals zur�ckgerissen. In ohnm�chtiger Wut fauchten und spuckten die Wurzeln.</p><p>Als Rhapsody sie h�rte, wurden ihre Augen pl�tzlich schmal, denn sie erinnerte sich voller Hass daran, wie Jo gestorben war. Kurz entschlossen lie� sie Achmeds Hand los, holte mit dem Schwert so schnell aus, dass er ihr nicht mit den Augen folgen konnte, und trennte die widerlichen Fangarme mit einem m�chtigen Schlag ab. Die Ranke kreischte und erschauderte, die kleinen Triebe fingen Feuer und verbrannten auf dem Boden zu Asche.</p><p>�Nicht jetzt!�, zischte Achmed. �H�r zu.�</p><p>Das Ritual wurde schw�cher. Das ferne Echo der Stimme der Gro�mutter war d�nner und kratziger geworden, denn allm�hlich forderte die Anstrengung ihren Tribut.</p><p>�Sie ist mit ihrer Kraft am Ende�, sagte Achmed, zog Rhapsody unter der bebenden Wurzel hervor und weiter den Tunnel hinauf. �Wir m�ssen ins Loritorium.�</p><p>�Aber Grunthor ...�</p><p>�Komm�, beharrte Achmed. Auch ihm fiel es furchtbar schwer, den Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Der Herzschlag der Gro�mutter wurde immer schw�cher, und die Wirkung des Rituals lie� nur allzu deutlich nach. Bald w�rde das alte Herz am Ende sein. Wenn es versagte, ehe sie ins Loritorium gelangten, hatten sie ihre letzte Gelegenheit auf eine Flucht verspielt.</p><p>Nicht nur sie w�ren dann verloren, sondern auch der Rest der Welt, denn die Gefangenen des uralten Kerkers tief im Innern der Erde waren auf dem besten Wege zu entkommen. Ein schreckliches Krachen und Rumpeln hallte durch den Gang vor ihnen, Felsbrocken st�rzten herab, und ein dicker Staubnebel wallte auf. Instinktiv bedeckten sie Kopf und Augen. Als der L�rm nachlie�, blickten sie gleichzeitig auf und wedelten mit den Armen den grauen Staub weg. Achmed nickte, und sie eilten weiter, nur um gleich wieder stehen zu bleiben.</p><p>Eine Mauer aus Felsbrocken blockierte den Durchgang. Verzweifelt betastete Achmed das Hindernis mit den H�nden und deutete dann zur Seite. Zwischen den schweren Steinbrocken war eine winzige �ffnung die einzige L�cke.</p><p>Rasch steckte Rhapsody ihr Schwert in die Scheide und kroch, bitteren Staub einatmend, in das Loch. Die scharfen Kanten der Basaltsplitter zerrissen ihre Hose und schnitten ihre H�nde auf, w�hrend sie sich auf die andere Seite hindurchschl�ngelte und dann sofort damit begann, so viele Tr�mmer wie m�glich wegzur�umen.</p><p>Einen Augenblick sp�ter erschien Achmeds Kopf in der L�cke, das Gesicht schmerzverzerrt. Seine Schultern blieben stecken, w�hrend er sich durch die schmale �ffnung qu�lte, und nur mit gr��ter Anstrengung rutschte er wieder zur�ck und versuchte es erneut, indem er zuerst einen Arm durchstreckte. Rhapsody packte seine Hand und zog, den Fu� fest gegen die Mauer gestemmt. Sie konnte das Krachen von Knochen in seiner Hand sp�ren und schauderte.</p><p>�Fester�, murmelte Achmed, das Gesicht in den Schutt der T�r gedr�ckt.</p><p>�Deine Rippen ...�</p><p>�Zieh <emphasis>fester�,</emphasis> knurrte er. Also biss Rhapsody die Z�hne zusammen, brachte ihren Fu� erneut in Stellung und zog mit aller Kraft. Ein unangenehmer Ruck ging durch ihre H�nde, und sie h�rte ein scharfes Einatmen, als Achmed einen Schmerzensschrei unterdr�ckte. Doch immerhin waren jetzt sein Kopf und seine Schultern befreit. Rhapsody legte die H�nde unter seine Achseln und zerrte, bis sie seinen Oberk�rper herausgezogen hatte, den R�cken von blutigen Sch�rfwunden bedeckt. Einen Augenblick sp�ter hatte er es ganz geschafft, und w�hrend er seine gebrochenen Rippen umklammerte, half sie ihm beim Aufstehen. Rasch nickten sie sich zu, wandten sich um und rannten weiter den Gang entlang. Sie kletterten �ber einen Haufen Granit, der einst den gro�en Torbogen gebildet hatte; jetzt legten die zerbrochenen Worte auf dem Boden ein stummes Zeugnis ihrer Weisheit ab. Das Schlafende Kind war nicht mehr zu sehen. Auf der Spitze des Haufens rutschte Achmed aus und geriet mit dem Fu� in eine Spalte. Rhapsody zog ihn heraus und folgte ihm �ber den H�gel.</p><p>Vor ihnen g�hnte der Tunnel zum Loritorium.</p><p>�Kannst du das Erdenkind sehen?�, japste Rhapsody. Achmed sch�ttelte den Kopf, rannte den Schuttberg hinunter und weiter den Gang entlang, bis sie den glatten Marmorboden des Loritoriums erreichten.</p><p>Die Flamme der Feuerquelle wand sich hell in ihrem Brunnen und warf grimmige Schatten �ber die Gassen und stillen Geb�ude. Rhapsody lief zum zentralen Platz, wo sich die Truhen mit den Elementen befanden; dann blieb sie stehen und atmete erleichtert auf. Hier stand das Schlafende Kind, ganz in der N�he des Altars aus Lebendigem Gestein, die Augen immer noch geschlossen. Die Schlafwandlerin.</p><p>Rhapsody verlangsamte ihren Schritt und ging so leise sie konnte auf die gro�e Gestalt zu, sorgf�ltig darauf bedacht, sie nicht zu erschrecken. Das Erdenkind strich mit den H�nden �ber den Altar, wandte sich dann langsam um, setzte sich auf die Steinplatte und legte sich nieder. Die Arme �ber dem Bauch gekreuzt, nahm es wieder die Position ein, in der es auf dem Katafalk geruht hatte. Die Schatten des Feuerscheins zogen �ber das Gesicht, das sich entspannte und ganz friedlich wurde. Es stie� einen tiefen Seufzer aus.</p><p>Dann beobachtete Rhapsody staunend, wie der K�rper des Schlafenden Kindes fl�ssig zu werden und sich auszudehnen schien. Brust und Kopf schimmerten und leuchteten in einem eigenen Licht. Das Fleisch des langen, steingrauen K�rpers, der im flackernden Licht des Feuerbrunnens gl�nzte, reckte sich in einem absurden Tanz, drehte sich hypnotisch, grotesk in Erdfarben, wie sie Rhapsody noch nie so sch�n gesehen hatte feinste Schattierungen von Zinnoberrot und Gr�n, Braun und Purpur. <emphasis>Wie Brotteig, der geknetet wird,</emphasis> dachte sie, als der Bauch des Kindes l�nger wurde und sich dann nach oben dehnte. <emphasis>�therischer Brotteig</emphasis>. Doch dann holte sie ein bei�ender Gestank j�h aus ihrer Versunkenheit in die Gegenwart zur�ck. Blitzschnell wandte sie sich von der Verwandlung des Erdenkindes ab und sah, wie Achmed sein Schwert durch die schmalen Kan�le des Stra�enlampensystems im Loritorium zog, als triebe er eine Herde winziger Tiere durch die engen G�nge. Der Geruch brachte ihre Augen zum Tr�nen, ihre Nase lief, und Panik durchfuhr sie, als erkannte, was da so durchdringend roch.</p><p>Er hatte den Steindamm des Lampen�ls ge�ffnet! Sie sah, wie es aus dem Reservoir sprudelte und sich in einem breiten Fluss vom Zentrum des Platzes zum Tunnel w�lzte, der zur Kolonie f�hrte, wie es die Stra�en erf�llte und sich gef�hrlich dem Feuerbrunnen n�herte.</p><p>�Himmel, was machst du?�, rief sie. �Geh da weg! Das Zeug f�ngt doch ganz leicht an zu brennen!�</p><p>Doch Achmed machte weiter und leitete die dicke Fl�ssigkeit durch die Kan�le zu der dem Tunnel nach Ylorc am n�chsten liegenden Halbmauer.</p><p>�Genau darum geht es mir ja.� Er wandte sich um und starrte sie an, w�hrend er das dickfl�ssige Zeug von seinem Schwert sch�ttelte und die Waffe wieder in die Scheide steckte.</p><p>�Wie sollen wir die D�monenranke sonst t�ten? Du hast selbst gesagt, dass Feuer sie versengt. Das Gew�chs zapft bereits die Kraft der Axis Mundi an, f�r den Fall, dass du das noch nicht bemerkt hast. Wenn wir sie nicht abschneiden, wenn wir sie hier nicht mit Stumpf und Stiel verbrennen, dann wird die Wurzel irgendwann bis hinunter zum <emphasis>anderen</emphasis> Schlafenden Kind reichen.� Er stopfte den Verschluss an seinen Platz zur�ck und sah Rhapsody wieder an. Seine nicht zusammenpassenden Augen funkelten gespenstisch im Feuerschein. �Z�nd es an.�</p><p>�Das k�nnen wir noch nicht tun�, entgegnete Rhapsody, der auf einmal ganz kalt wurde.</p><p>�Grunthor und die Gro�mutter sind noch da drin.�</p><p>Achmed deutete mit einem Kopfnicken hinter sie, und Rhapsody wirbelte herum. Der K�rper des Schlafenden Kindes war grotesk angeschwollen und hatte jede Proportion verloren. Ein Oval aus Erdfleisch wurde gr��er, streckte sich vertikal und dann horizontal. Mit einer rollenden Bewegung w�lbte es sich nach oben, als teilte es sich, und ging m�chtig in die H�he. Dann vollf�hrte es eine letzte Drehung und l�ste sich schlie�lich vom K�rper des Kindes, das jetzt, deutlich kleiner und regungslos, auf der Platte aus Lebendigem Gestein lag. Das gl�hende Licht in dem nun abgetrennten St�ck wurde schw�cher und nahm die Farbe von Stein an, dann wurde es vor ihren Augen zu graugr�ner Haut, �lig und ledern. St�ck f�r St�ck wurden seine Umrisse genauer und nahmen menschen�hnliche Gestalt an, wo einen Augenblick zuvor nur formlose Masse gewesen war. Rhapsodys Augen weiteten sich vor Staunen.</p><p>�Grunthor!�</p><p>Der Riese atmete aus und stolperte nach vorn, fing sich aber, indem er sich am Altar aus Lebendigem Gestein festhielt. <emphasis>�Hrekin�,</emphasis> murmelte er schwach. Rhapsody wollte auf ihren Freund zust�rzen, aber ein schraubstockartiger Griff hielt sie am Arm fest. Sie blickte hinauf in die Augen des Firbolg-K�nig s, die mit einem Zorn brannten, der hei�er war als die Flammen des Feuerbrunnens. Er deutete auf die Spur des Lampen�ls, eine fl�ssige Z�ndschnur vom Feuerbrunnen in die dunkle H�hle der Kolonie.</p><p>�Es h�tte keine Rolle gespielt, wenn er da drin gewesen w�re. Wir haben keine andere Wahl. Z�nd es an.�</p><p>Rhapsody erschauderte angesichts der verzehrenden Wut in Achmeds Augen, dem Siegel des unausl�schlichen Hasses, den seine halb dhrakische Natur den F�dor und all ihren Dienern entgegenbrachte. Keine Liebe, keine Freundschaft, keine Vernunft konnten diesen Hass ins Wanken bringen oder gar aufl�sen. �Die Gro�mutter ist noch da drin�, wandte sie stockend ein. �W�rdest du sie auch sterben lassen?�</p><p>Achmed starrte einen Moment auf sie herab, dann schloss er die Augen und lie� dem Pfadwissen, das er sich im Bauch der Erde angeeignet hatte, freien Lauf. Seine innere Sicht eilte durch die blassen Marmorstra�en, folgte der Flut des Lampen�ls durch das Loch in dem Erddamm, unter dem sie durchgekrochen waren, �ber die zerbrochenen Mauern und zerschmetterten Steinplatten, die einst die letzte Kolonie seiner Rasse gebildet hatten. Seine Gedanken flogen �ber den eingest�rzten Torbogen und seine zerborstene Inschrift, unter den sich mit neuer Kraft windenden Ranken und Wurzeln hindurch. Selbst hier, auf den Stra�en des Loritoriums, sp�rte er, wie der Gestank des F�dor zunahm, sah den Lehm der Erde beben, als er sich bereit machte nachzugeben.</p><p>In den Ruinen der Kammer des Schlafenden Kindes hielt seine zweite Sicht inne. Dort sah er die Gro�mutter, umgeben von einem regelrechten K�fig aus zischenden, angriffsbereiten Fangarmen, ein Bein unter einem herabgest�rzten Granitblock eingeklemmt. Ihre linke Hand war in die H�he gereckt, zitternd vor Anstrengung, die rechte gegen den Stein gestemmt, der sie gefangen hielt. B�che giftigen Lampen�ls fl�ssen �ber sie hinweg und f�llten allm�hlich die H�hle.</p><p>Die Gro�mutter schien winzig klein inmitten der gigantischen Schlingpflanzen, die drohend �ber ihr schwebten, die st�mmigen Seitenarme vor Wut angeschwollen, verirrt zwisehen den Resten des H�hlenbodens. Die Wurzeln, �berzogen von gl�nzendem �l, fauchten und schlugen nach der Dhrakierin, kamen n�her und n�her, w�hrend die Kr�fte der alten Frau immer mehr nachlie�en.</p><p>Gerade als sein Verstand das Grauen dieses Anblicks registrierte, wandte sich die Gro�mutter ihm zu, und ihr Blick begegnete seinem. Ein winziges L�cheln, das erste, das er je bei ihr gesehen hatte, breitete sich auf ihrem uralten Gesicht aus, das nach so vielen Jahrhunderten ernster Wachsamkeit voller Falten und Runzeln war. Sie nickte ihm zu, und mit letzter Kraft bot sie der Ranke, die den Bann zu brechen drohte, erneut die Stirn. Achmed unterdr�ckte die urt�mliche Wut, die in Gegenwart der ihm so tief verhassten Rasse der F�dor in seinem Blut brannte, und schluckte auch die Galle hinunter, die in seiner zugeschn�rten Kehle aufgestiegen war, als die Vision langsam verschwand. Dann dr�ckte er noch einmal Rhapsodys Arm.</p><p>�Z�nd es an�, wiederholte er mit leiser, t�dlicher Stimme.</p><p>Mit einem heftigen Ruck riss sich Rhapsody los. �Lass mich�, fauchte sie. �rgerlich wollte Achmed nach der Tagessternfanfare greifen. �Verdammt ...� Erschrocken wich er zur�ck, als sie mit einer blitzartigen Bewegung das Schwert z�ckte, �ber seine Handfl�che strich und seine Haut versengte.</p><p>�Versuch nie wieder, mir dieses Schwert aus der Hand zu rei�en, es sei denn, du bist bereit, dein eigenes zu ziehen�, schrie Rhapsody.</p><p>�Himmelskind?�</p><p>Die drei Gef�hrten erstarrten und sahen sich suchend im Loritorium um, woher die Stimme der Gro�mutter gekommen sein mochte. Das Klicken, der sandige Klang, den Rhapsody nur in einer einzigen anderen Stimme geh�rt hatte, war unverkennbar. Doch das eine Wort klang angestrengt und sehr leise.</p><p>Grunthor erkannte zuerst, woher die Stimme kam.</p><p>�Da dr�ben, Sch�tzchen�, rief er und deutete auf das Schlafende Kind. Benommen trat Rhapsody an den Altar aus Lebendigem Gestein. Sie starrte auf die glatte graue Haut, das grobe braune Haar, das dem Hochgras in der Hitze des Sommers so �hnlich war. Z�rtlich lie� sie die Hand �ber die Stirn des Kindes gleiten und wischte ihm die Schmutzreste vom Gesicht. Auf einmal sp�rte sie einen Kraftstrom, eine Schwingung, die vom Stein des Altars durch den K�rper des Kindes drang, sich prickelnd auf ihrer Hand ausbreitete und direkt zu ihrem Herzen floss. Sie musste sich zwingen zu antworten.</p><p>�Ja, Gro�mutter?�</p><p>Die Stirn des Schlafenden Kindes legte sich vor Anstrengung in tiefe Falten, die Augen blieben geschlossen, die grasigen Wimpern waren nass von Tr�nen. Doch die Lippen formten die letzten Worte der Gro�mutter.</p><p><emphasis>�Z�nd es an.�</emphasis></p><p>Die Stimme der uralten Dhrakierin war durch den Boden gedrungen, als h�tte die Erde selbst der letzte Bote der standhaften W�chter in sein wollen. Sie war durch die Platte aus Lebendigem Gestein und das letzte noch lebende Kind der Erde gereist. Die Ironie trieb Rhapsody die Tr�nen in die Augen. Nie w�rde die Gro�mutter von den Lippen des Erdenkinds die weisen Worte h�ren, auf die sie ihr Leben lang gewartet hatte. Die einzigen Worte, welche das Schlafende Kind jemals sprechen w�rde, waren die der Gro�mutter selbst. Rhapsody blickte zu ihren beiden Kameraden auf. Die M�nner sahen, wie ihr trauriges Gesicht einen harten und entschlossenen Ausdruck annahm.</p><p>�Nun gut�, sagte sie. �Ich werde es tun. Macht, dass ihr hier wegkommt.�</p></section><section><title><p>56</p></title><p>Ohne ein weiteres Wort hob Grunthor das Schlafende Kind vom Altar aus Lebendigem Gestein in die Arme und machte eine Kopfbewegung zu dem Gang, der nach Ylorc f�hrte. Dann rannten er und Achmed auch schon den Korridor hinauf.</p><p>Als Grunthor sicher war, dass Rhapsody ihn noch beobachten konnte, wandte er sich zur Seitenwand, hielt den K�rper des M�dchens vor sich und trat in die Erde hinein. Der Granit gl�hte einen Augenblick, dann k�hlte er ab und formte eine Fels�ffnung. Achmed folgte Grunthor in den Bunker, den der Riese geschaffen hatte. Er lehnte sich zur�ck, gab Rhapsody ein Zeichen, und als er sie nicken sah, trat er wieder in die Nische. Grunthor versetzte der Wand einen heftigen Schubs, und der Fels, der weggerutscht war, um den Bunker zu bilden, glitt zur�ck an Ort und Stelle, sodass er ihr Versteck versiegelte. Langsam drehte Rhapsody sich im Kreis, um noch einmal das Loritorium anzuschauen, wie es einst gewesen war. Die Pf�tzen mit den silbern schimmernden Erinnerungen funkelten wie Fackeln auf dem Boden und reflektierten das Licht der Flamme im Feuerbrunnen. Sie k�mpfte gegen die Verzweiflung, die sie bei dem Gedanken �berfiel, dass ein solch edler Traum, ein so verdienstvolles Vorhaben der Vernichtung anheim fallen sollte. Der Drang nach Gelehrsamkeit und die Suche nach Wissen starben auf dem Altar der Gier und des Machthungers.</p><p>Als sie sicher war, dass ihre Freunde und das Kind gut im Erdbunker aufgehoben waren und das Felssiegel sich an seinem Platz befand, zog sie die Tagessternfanfare und fl�sterte dabei ein Gebet zu den unsichtbaren Sternen meilenweit �ber ihr, dass sie das Richtige tat. In der mit uraltem Wissen geschw�ngerten Luft loderte die Flamme hoch auf und schmetterte ihren Fanfarenton. Ein silberner Blitz durchzuckte Rhapsody und die H�hle um sie herum; einen Augenblick lang war sie sicher, dass die Gro�mutter den melodischen Klang geh�rt und neuen Mut gesch�pft hatte. Rhapsody schloss die Augen und konzentrierte sich, rief sich eine andere alte Frau ins Ged�chtnis, eine Kriegerin wie die Gro�mutter, die allein und ohne Anerkennung f�r sich eingestanden war und versucht hatte, die Welt vor den F�dor zu besch�tzen.</p><p><emphasis>Ich lebe schon viel l�nger, als meine Zeit w�hren sollte, und warte darauf, dass mich endlich jemand als W�chterin abl�st. Jetzt, da ich jemanden gefunden habe, an den ich mein Verwalteramt weitergeben kann, werde ich endlich zur Ruhe kommen und mit denen wiedervereint sein, die ich liebe. Nicht nur in dieser Welt gibt es Unsterblichkeit, Rhapsody</emphasis>. Die Worte h�chster Weisheit von den Lippen des Schlafenden Kindes.</p><p><emphasis>Z�nd es an</emphasis>.</p><p>Rhapsody k�mpfte die �belkeit nieder, die in ihr aufstieg. Es spielte keine Rolle, dass sie das tat, was die Gro�mutter ihr befohlen hatte, oder wie notwendig es sein mochte, was ihr bevorstand. Sie war dennoch diejenige, die der letzten Dhrakierin den Tod brachte. Sie w�rde die Gro�mutter bei lebendigem Leibe verbrennen. Und da war noch etwas anderes ... etwas, was mit Verbrennen zu tun hatte und irgendwo am Rande ihrer Erinnerung existierte. Doch sie kam nicht darauf es kam ihr so vor, als w�re es aus ihrem Ged�chtnis getilgt worden. Rhapsody sch�ttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben und sich auf ihr Schwert zu konzentrieren.</p><p>Tief in ihrem Innern f�hlte sie eine Macht aufsteigen, etwas, das von ihren H�nden, welche die Tagessternfanfare umklammerten, ausging und ihren Geist st�rkte. Der Zweifel und die Traurigkeit �ber den bevorstehenden Tod der Gro�mutter l�sten sich auf wie Tau unter den Strahlen der Morgensonne. Sie und das Schwert waren eins.</p><p><emphasis>Das bist du, Rhapsody; ich wusste es von dem Augenblick an, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Selbst wenn du nicht zu den Drei geh�ren w�rdest, glaube ich in meinem Herzen, dass du diejenige bist, die das vollbringen kann, die wahre Iliachenva�ar</emphasis>. Rhapsody starrte in die leuchtende Flamme des Feuerbrunnens und lauschte ihrem Lied. Einst war sie durch das Feuer im Herzen der Erde gegangen, dasselbe Feuer, das auch den Ursprung dieser Flamme bildete. Das Feuer hatte sie unversehrt gelassen, es war in ihre Seele eingedrungen, bis es zu einem Teil ihrer selbst geworden war.</p><p>Zu dem gr��ten Teil.</p><p>Auch jetzt w�rde es ihr nichts antun. Es wartete nur auf ihren Befehl. Rhapsody richtete die Tagessternfanfare auf den Feuerbrunnen. In der flackernden Flamme konnte sie das Spiegelbild ihrer Augen erkennen, gr�n brennende Augen, die sich in die zahlreichen Farbschattierungen der Flammen einf�gten.</p><p><emphasis>Z�nd es an</emphasis>.</p><p><emphasis>�Vingka jai�,</emphasis> sagte sie mit dem tiefsten Wissen einer Benennerin. In ihrer Stimme schwang Autorit�t und f�llte die H�hle des Loritoriums. <emphasis>Brenne und breite dich aus</emphasis>. Ein Feuerball erhob sich, und sie konnte kaum die Augen offen halten. Die z�ngelnden Flammen der Tagessternfanfare loderten auf in gerechtem Zorn, und vom Schwert zum Feuerbrunnen spannte sich ein funkelnder Feuerbogen. Als die Flamme des Schwerts mit dem Feuer der Erde zusammentraf, bildete sich ein Lichtstrahl, der heller war als alles, was Rhapsody bisher gesehen hatte, heller selbst als das Sternenfeuer bei Jos Begr�bnis. Eine Mischung aus Feuer und Erde, aus dem �ther der Sterne und den reinsten Flammen des elementaren Feuers, so schoss der brennende Strahl aus dem Brunnen und entz�ndete die fl�ssige Z�ndschnur, die Achmed ausgelegt hatte, sodass eine wilde Flammenwand bis zum Deckengew�lbe emporstieg. Dann fing das Lampen�l mit einem m�chtigen Br�llen Feuer. Als der gigantische Feuerball durch den Tunnel und in die Ruinen der Kolonie schoss, erf�llte er den gesamten Raum, sandte fl�ssige Hitze und glei�endes Licht in jede Ritze, breitete sich aus, bis er auch die hintersten Winkel der H�hlen und Tunnel erreichte. Er brauste �ber Rhapsody hinweg und erf�llte sie mit elementarer W�rme und Freude. Sie vernahm das Lied des Feuers im Herzen der Erde, ein Lied, das sie in sich trug, seit sie es das erste Mal vernommen hatte. Ihr war, als w�rde sie abermals wiedergeboren, gereinigt von Schmerz und Kummer, die sie so lange mit sich herumgetragen hatte.</p><p>Aus dem Inneren der ehemaligen Kolonie drang ein scheu�liches Kreischen und Br�llen, Schreie von d�monischer Kraft, die durch das Loritorium hallten und seine von Flammen versengten W�nde zum Erbeben brachten. Rhapsody umfasste ihr Schwert fester und konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, das Feuer durch die zerst�rten G�nge zu leiten und sich vorzustellen, wie die verschlungene Ranke zu Asche verbrannte.</p><p><emphasis>�Cerant ori sylviat�,</emphasis> befahl Rhapsody. <emphasis>Brenne, bis alles verzehrt ist</emphasis>. Die Heftigkeit der Flammen nahm in der Ferne noch zu und verst�rkte das �chzen der gigantischen Schlangenranke zu einem ohrenbet�ubenden Heulen.</p><p>Mitten im Brausen des Feuers begann Rhapsody das Lirin-Lied des �bergangs zu singen, ein Klagelied f�r die Gro�mutter. Obgleich die Dhrakierin ihr ganzes Leben unter der Erde verbracht hatte, stammte sie auch von den Kith ab, dem Volk des Windes. Vielleicht w�rde der Wind ihre Asche erfassen und sie �ber die wilde Welt tanzen lassen, jenen Ort, den sie nie von oben gesehen hatte. Das Lied durchdrang das Get�se und mischte sich harmonisch in das Brausen der Flammen.</p><p>Und dann wurden die Flammen pl�tzlich schwach und verloschen; mit sich nahmen sie auch die letzten Reste von Luft aus der H�hle. Eine hohle Stille donnerte durch das Lorito rium und verklang schlie�lich zu einem gespenstischen Zischen. Rhapsody fiel auf die Knie und rang in dem leblosen Rauch nach Atem.</p><p><emphasis>Wer heilt, wird auch t�ten</emphasis>.</p><p>Auf einmal �berw�ltigte sie die volle Bedeutung dessen, was sie der Gro�mutter angetan hatte; sie fing an zu w�rgen und �bergab sich.</p><p>Grunthor und Achmed hielten sich die Augen zu, legten die Arme sch�tzend �ber den Kopf und stellten sich vor das Schlafende Kind, als der R�ckschlag der Flammen den Tunnel entlang und an ihrem Bunker vorbeirollte. Selbst durch die Felswand hindurch sp�rten sie die sengende Hitze, und ihre Kleider wurden warm. Ihre Blicke trafen sich. Achmed l�chelte ein wenig, als er in Grunthors Augen das Glimmen der Angst erkannte.</p><p>�Sie wird es �berstehen.�</p><p>Grunthor nickte. Sie warteten, bis der L�rm nachlie�, und lauschten.</p><p>�Noch ein bisschen�, meinte Achmed. �Gleich wird sie kommen.�</p><p>�Was macht dich da so sicher?�, wollte Grunthor wissen.</p><p>Achmed lehnte sich zur�ck an die Felswand. �Ich habe ihr ein paar von ihren Tricks abgeschaut. Glaub daran, dass das eintritt, was du dir w�nschst, vertraue darauf, dass es so kommen wird, und irgendwie, wie durch ein Wunder, passiert es wenigstens bei ihr. Es hat funktioniert, als ich sie ins Leben zur�ckgesungen habe. Es wird auch jetzt klappen.�</p><p>Unsicher nickte Grunthor und wandte sich dem Erdenkind zu. Im Dunkeln lag das M�dchen in seinen Armen; zum ersten Mal seit langem schlief sie ganz ruhig und so tief, dass er kaum erkennen konnte, ob sie �berhaupt noch atmete. Schweigend und fasziniert sah er den sanften Bewegungen zu, mit denen sich ihre Brust hob und senkte.</p><p>Einen fl�chtigen Augenblick lang hatten sie sich einen K�rper geteilt, das Erdenkind und er. Bei dieser Begegnung hatte er viele Geheimnisse der Erde erfahren, obgleich er keines davon h�tte in Worte fassen k�nnen. Es war fast etwas Heiliges an dem Gef�hl, das pochende Herz der Welt in sich gesp�rt zu haben, ein un�bertreffliches Schwingen, das er jetzt, wo es nicht mehr da war, heftig vermisste.</p><p>Er starrte ins Gesicht des Erdenkindes, grob und ungeschlacht wie sein eigenes und dennoch seltsam glatt und sch�n, sichtbar f�r ihn auch ohne Licht. Er wusste, dass stumme Tr�nen in schlammigen B�chlein �ber ihre blanken Wangen rannen, wusste, dass sie um die Gro�mutter trauerte und hinter ihren Augen eine stille Totenwache abhielt. Jetzt verstand er, was die dhrakische Matriarchin gemeint hatte, als sie sagte, sie kenne das Herz des Kindes. Vielleicht w�rde er es jetzt ebenfalls kennen.</p><p>Erst als Achmed unruhig wurde und sich enger an die Wand ihres Bunkers lehnte, d�mmerte ihm, wie lange Rhapsody inzwischen schon weg war. Der K�nig legte das Ohr an die Wand, dann trat er kopfsch�ttelnd wieder zur�ck.</p><p>�H�rst du irgendwas?�, erkundigte sich Grunthor hoffnungsvoll. Aber Achmed sch�ttelte nur abermals den Kopf.</p><p>�Kannst du sie durch die Erde f�hlen?�</p><p>Grunthor �berlegte einen Moment. �Nein. Alles ist durcheinander, wie unter Schock. Ich kann nichts erkennen.�</p><p>Zittrig stand Achmed auf. �Vielleicht kann ich ihren Herzschlag aus dem gleichen Grund nicht sp�ren.� Grunthors Augen waren pl�tzlich voller Besorgnis. �Wir geben ihr noch einen Moment, und wenn sie dann nicht auftaucht, gehen wir sie suchen�, setzte Achmed hinzu, lehnte sich an die Felswand und lauschte erneut, ob er von der anderen Seite etwas h�ren konnte. Nichts.</p><p>�Rhapsody!�, rief er, aber der Klang seiner Stimme kam zu ihm zur�ck, um einen Augenblick sp�ter von ihrem Erdbunker verschlungen zu werden. Er wandte sich an Grunthor, und seine dunklen Augen blitzten.</p><p>�Mach wieder auf�, befahl er schroff und deutete auf die Felswand. Behutsam bettete Grunthor das Erdenkind auf einen Arm und fasste mit der freien Hand in die Felswand hinein. Vor ihm brach ein gro�es St�ck weg. Wie als Antwort h�rte er Rhapsodys Stimme, die von der anderen Seite der Steinwand nach ihnen rief.</p><p>�Grunthor! Achmed! Alles in Ordnung mit euch da drinnen?�</p><p>Der Bolg-Riese griff noch tiefer in den Felsen und riss ihn von der �ffnung weg. Als er auf die andere Seite trat, erhellte ein m�des L�cheln sein Gesicht.</p><p>�Aber, aber, Hoheit, du hast dir ganz sch�n Zeit gelassen, stimmt�s? Wir ham uns Sorgen gemacht, und zwar nich zu knapp.�</p><p>Rhapsody erwiderte sein L�cheln und bot Achmed ihre Hand an, um ihn aus dem Bunker zu ziehen. �Du hast gut reden�, meinte sie zu Grunthor. �Eine halbe Ewigkeit dachte ich, du w�rst noch in der Kolonie, begraben unter einem Schuttberg.� Ihr L�cheln verblasste, als sie sah, dass er das Schlafende Kind trug. �Ich muss gestehen, als ich sah, wie sie umherging, dachte ich, jetzt w�re alles vorbei. Wie hast du das angestellt? Bist du mit ihr verschmolzen, wie du es auch bei den Felsen machst?�</p><p>�Jawohl. Was glaubst du denn, was sie ist, wenn nich aus Stein?�, antwortete Grunthor schlicht. �Ich hab mir gedacht, dass ich sie kaum wohlbehalten aus dem ganzen Schutthaufen rausschleppen kann. Da war es so am einfachsten.�</p><p>Mit einer Handbewegung zum Eingang der Kolonie meinte Achmed: �Lasst uns jetzt gehen.�</p><p>In dem riesigen Tunnel herrschte Totenstille, abgesehen von einem gelegentlichen leisen Knallen oder Zischen von der Asche, welche die W�nde und den Boden bedeckte. Um sie herum und �ber ihnen, wo die Ranke gewaltsam in die H�hle eingedrungen war, waren nur mehr verbrannte Wurzelst�cke und die verschlungenen �berreste der G�nge zu erkennen, die sie in die Erde gegraben hatten.</p><p>Achmed beugte sich �ber die Tr�mmer des Bogens �ber dem Katafalk des Schlafenden Kindes und lie� seine empfindsamen Finger �ber die vertrauten Buchstaben gleiten, die dort eingemei�elt gewesen waren. Einst hatten sie eine Welt, die sie nie zu Gesicht bekommen w�rde, davor gewarnt, das hier ruhende Kind zu wecken. Nun lagen sie auf dem Boden verstreut, zerbrochen zu sinnlosem Kauderwelsch.</p><p>Rhapsody legte ihm die Hand auf die Schulter. �Alles in Ordnung?�</p><p>Achmed nickte abwesend. Irgendwo hier musste die Asche der Gro�mutter sein, f�r immer vermischt mit den �berresten der D�monenranke, unzertrennlich wie das ineinander verflochtene Schicksal von Dhrakiern und F�dor. Es machte ihn traurig, wenn er daran dachte, dass das Ende der Zeit sie so vorfinden w�rde. Schlie�lich stand er auf, klopfte sich den Schmutz von den H�nden und starrte in den gewundenen Tunnel hinauf, aus dem die Ranke gekommen war.</p><p>�Der Gang reicht bis ins Haus der Erinnerungen, mindestens sechshundert Meilen von hier�, meinte er, w�hrend er mit zusammengekniffenen Augen in die Finsternis sp�hte. �Das ist nicht gut. Die F�dor haben einen Zugang in den Berg, das macht uns verletzlich.�</p><p>�Aber nicht lange�, entgegnete Grunthor fr�hlich. Er zog das Schlafende Kind enger an seine Brust, schloss die Augen und f�hlte, wie nah das Lebensblut der Erde seinem Herzen war. Dann streckte er die Hand aus und legte sie an die Wand.</p><p>Rhapsody und Achmed sprangen zur�ck, als der Tunnel anschwoll und in sich zusammenst�rzte, sodass sich der Spalt f�llte, den die Ranke in die Erde gerissen hatte. Die Erde verlagerte ihre Masse und schloss den Zugang, durch den der F�dor in den Berg gedrungen war.</p><p>Rhapsody blickte nach oben. Trotz der m�chtigen Verschiebungen war ihnen au�er ein wenig Staub nichts auf den Kopf gefallen. Wieder sah sie Grunthor an. Er wirkte fast durchsichtig, und es ging das gleiche Strahlen von ihm aus, das die Erde erf�llt hatte, als sie an der Axis Mundi entlanggekrochen waren. <emphasis>Das Kind der Erde,</emphasis> dachte sie voller Zuneigung. Als das Strahlen nachlie�, zog Grunthor die Hand zur�ck, wandte sich zu seinen Freunden um und l�chelte.</p><p>�Alles wieder dicht.�</p><p>�Bis hinauf nach Navarne?�, fragte Achmed ungl�ubig.</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Wie hast du das angestellt?�</p><p>Der Bolg Sergeant blickte auf das Kind in seinen Armen. �Hatte hier ein bisschen Hilfe, Herr.�</p><p>Nun, da die H�hle wieder sicher verschlossen war, kehrten sie ins Loritorium zur�ck. Rhapsody l�chelte Grunthor zu und strich mit den Fingern zart �ber die Stirn des M�dchens. Das Erdenkind seufzte leise im Schlaf.</p><p>�Was wirst du jetzt mit ihr machen, Achmed?�</p><p>�Sie bewachen�, antwortete er.</p><p>�Nat�rlich. Ich hab mich nur gefragt, wo.�</p><p>Achmed blickte sich in den Ruinen des Loritoriums um, dessen kunstvolle Schnitzereien rissig und versengt waren, die sch�nen Fresken und Mosaiken ru�geschw�rzt, die Pf�tzen mit den silbern schimmernden Erinnerungen ein f�r allemal verschwunden. �Hier�, antwortete er schlie�lich. �Zuerst habe ich gedacht, ich nehme sie mit in den Kessel, damit ich sie leichter im Auge behalten kann, aber das w�re wohl zu weit f�r sie. Das hier ist ein idealer Platz. Tief genug unter der Erde, dass die Bolg sie nicht st�ren. Sie kann auf dem Altar aus Lebendigem Gestein schlafen, dort schien sie ganz friedlich zu sein.�</p><p>Rhapsody nickte. �Vielleicht tr�stet sie das.�</p><p>�Vielleicht. Allerdings m�ssen wir auch den Tunnel, den wir auf dem Weg hierher gegraben haben, wieder verschlie�en, und hier neue Sicherheitsvorkehrungen treffen. Im Brunnen gibt es noch genug Lampen�l, um einen Vulkan zu bauen, wenn wir wollen. Wenn Grunthor sich erholt hat, kann er einen Gang vom Loritorium zu meinen Gem�chern graben. Sollte der F�dor jemals noch einen Versuch unternehmen, an sie heranzukommen, dann muss er sich mit mir pers�nlich anlegen. Zwar wird das Ganze ein technischer Albtraum, aber ich denke, dem sind wir gewachsen.�</p><p>Rhapsody nickte, als Grunthor das Kind behutsam auf den Altar legte. �Er wird es garantiert noch mal versuchen, wisst ihr.�</p><p>�Nat�rlich. Aber ich denke, nicht noch einmal auf die gleiche Weise. Er sammelt ein Heer, um das Bolg-Land anzugreifen; mir ist zwar noch nicht ganz klar, was er im Einzelnen plant, aber ich bin sicher, dass er es tun wird. Deshalb war Ashe ja auch seine Zielperson in ihm flie�en die cymrischen Linien zusammen, und er ist au�erdem auch noch der Sohn des F�rbitters. Er h�tte ohne weiteres den Thron von Roland f�r sich beanspruchen k�nnen. Wahrscheinlich h�tte er Manosse und die neutralen Cymrer der fr�hen Generationen ebenfalls f�r sich gewinnen k�nnen, denn sie sind grunds�tzlich loyal gegen�ber den Vertretern der Seite, die sich gehalten hat wie beispielsweise Anborn.�</p><p>�Und vermutlich auch Tyrian�, f�gte Rhapsody hinzu. �Seine Mutter war eine Lirin.� Auf einmal dachte sie an das, was Oelendra gesagt hatte, als sie zusammen am Feuer gesessen hatten. <emphasis>Wenn der F�dor in der Lage gewesen w�re, ihn an sich zu binden, den Drachen zu beherrschen ich schaudere bei dem Gedanken, wie er die Macht missbraucht h�tte, um die Elemente selbst zu kontrollieren</emphasis>. �Die ganze Welt kann von Gl�ck sagen, dass er stark genug war, um zu entkommen.�</p><p>Achmed starrte auf die Ruinen ringsum. �Das Heer, das Ashe um sich h�tte scharen k�nnen, w�re vielleicht tats�chlich in der Lage gewesen, das zu tun, was Anwyn nicht zu tun vermochte den Berg einzunehmen. Er w�re ein idealer Wirt f�r den F�dor gewesen, aber er hat es geschafft zu entkommen und sich die letzten zwei Jahrzehnte im Verborgenen zu halten. Jetzt, da der F�dor wei�, dass Ashe am Leben ist, wird er zweifellos wieder nach ihm suchen.�</p><p>�Mit diesem Problem muss er jetzt aber selbst fertig werden�, meinte Rhapsody energisch.</p><p>�Wir haben ihm das Werkzeug geliefert, das er zum �berleben braucht. Seine Seele geh�rt ihm wieder, er ist ganz und leidet keine Schmerzen mehr. Wenn er muss, kann er sich noch eine Weile verstecken. Das hat er zwanzig Jahre lang getan. Er wird es schon schaffen.�</p><p>Ein sp�ttisches L�cheln spielte um Achmeds Mundwinkel. �Ich kann nicht sagen, wie gut es mir tut, dich so �ber ihn sprechen zu h�ren�, sagte er. �Bedeutet das, dein Techtelmechtel mit ihm ist �berstanden?�</p><p>Rhapsody wandte den Blick ab. �Ja.�</p><p>�Was hast du jetzt vor?�</p><p>Sie stellte sich ein wenig aufrechter hin, und Achmed staunte, wie kampflustig ihr Gesicht und ihre Haltung auf einmal wirkten. �Zuerst einmal m�chte ich mich um Ylorc k�mmern. Ich werde dir und Grunthor helfen, das Loritorium auszur�umen, und daf�r sorgen, dass das Erdenkind eine gem�tliche Ruhestatt bekommt. Danach brauche ich einen Tag zum Trauern, ich will Klagelieder singen f�r alle, die wir verloren haben.� Achmed nickte und bemerkte, dass der feste Blick in ihren Augen nicht flackerte, als sie ihre Schwester und die Gro�mutter erw�hnte. �Vorausgesetzt, ihr seid im Bolg-Land f�r eine Weile entbehrlich, k�nnte ich dann eure Hilfe brauchen, um die Kinder des F�dor aufzusp�ren.�</p><p>�Nur wenn du planst, sie auszurotten�, erwiderte Achmed, und ein warnender Unterton schlich sich in seine Stimme. �Bei deiner Vorliebe f�r Kinder kann ich mir kaum vorstellen, dass du bei so einer Unternehmung Erfolg haben wirst, Rhapsody.�</p><p>�Ich habe nicht die Absicht, sie auszurotten, solange es nicht unbedingt notwendig ist. Aber dann w�rde ich es ohne Skrupel tun�, entgegnete sie. �Die Sache ist genauso wie bei Ashe. Es sind Leute mit menschlichen Seelen, Achmed, mit D�monenblut in den Adern. Man kann ihnen helfen. Sie brauchen unsere Hilfe.�</p><p>�Woher willst du wissen, dass es nicht kleine d�monische Ungeheuer sind wie der Rakshas?�, fragte er leicht irritiert. Ihm gefiel die neue Wendung des Gespr�chs nicht.</p><p>�Sie wurden von Menschenm�ttern geboren, und Ashes Seele war im Rakshas gegenw�rtig. Wenn ein Elternteil eine Seele hat, bekommt das Kind ebenfalls eine. Das sind keine Ungeheuer, Achmed, nicht mehr als die Bolg. Es sind Kinder, Kinder mit vergiftetem Blut. Wenn wir dieses Blut irgendwie isolieren k�nnen, dann k�nnen sie wenigstens hoffen, der ewigen Verdammnis zu entgehen.�</p><p>�Nein�, widersprach der K�nig �rgerlich. �Das Risiko lohnt sich nicht. Jedes dieser Kinder k�nnte bereits an den F�dor gebunden sein. Wir wollen uns vom F�dor nicht die Bedingungen f�r unsere Auseinandersetzung diktieren lassen.�</p><p>Rhapsody l�chelte k�hl. �Genau. Deine F�higkeit, Blut aus der alten Welt aufzusp�ren, wird uns helfen, die Kinder zu finden, Achmed. Wenn dieser d�monische Teil ihres Blutes irgendwie entfernt werden kann, gebe ich ihn dir. Dann hast du das Blut des F�dor, eine Geruchsspur f�r die Jagd.� Sie blickte zu Grunthor hin�ber, der das Gespr�ch aufmerksam verfolgte. �Vielleicht werden wir ihn endlich finden k�nnen. Er hat uns die M�glichkeit dazu verschafft.�</p><p><emphasis>Blut wird das Mittel sein</emphasis>.</p><p>Der K�nig und der Sergeant tauschten einen raschen Blick, dann sah Achmed wieder zu Rhapsody.</p><p>�In Ordnung�, meinte er. �Aber mach keinen Fehler, Rhapsody. Wenn ein D�monenspross auch nur den Bruchteil einer Sekunde f�r irgendeinen von uns eine Gefahr darstellt, werde ich ihm die Kehle durchschneiden und ihn im Handumdrehen ins Reich seines Vaters in der Unterwelt zur�ckschicken. Dar�ber gibt es keine Diskussion. Bist du damit einverstanden?�</p><p>Rhapsody nickte. �Gut�, sagte sie.</p></section><section><title><p>57</p></title><p>Acht Tage sp�ter kamen die drei endlich aus der Dunkelheit der Felsspalte hervor, in der sich einst der verborgene Eingang zum Loritorium befunden hatte. Grunthor hatte einen Gro�teil der Zeit daf�r ben�tigt, um sich von der Anstrengung zu erholen, die ganzen G�nge und Tunnel, die er gegraben hatte, wieder zu verschlie�en. Ohne die N�he, die er zum Erdenkind gehabt hatte, w�re die Aufgabe noch wesentlich schwieriger gewesen und h�tte von dem Riesen einen noch h�heren Tribut gefordert. Aber das Schlimmste f�r ihn war, dass er das M�dchen in der Dunkelheit der verru�ten Gruft zur�cklassen musste, verborgen vor allem au�er vor der Zeit.</p><p>Ebenso schmerzlich war der Abschied selbst. Rhapsody k�sste die steingraue Stirn des Kindes, w�hrend Grunthor das M�dchen behutsam mit seinem Mantel zudeckte anstelle der weichen Decke aus Spinnenseide, in welche die Gro�mutter sie stets eingeh�llt hatte. Achmed l�schte die Stra�enlaternen, sodass nur der flackernde Flammenschein des Feuerbrunnens ein mattes Licht �ber das Loritorium breitete, einst ein hochfliegendes, der Gelehrsamkeit gewidmetes Projekt und nun nichts weiter als eine dunkle H�hle, die als Kammer f�r das Schlafende Kind diente.</p><p>Als sie schlie�lich aufbrachen, um das M�dchen in Frieden ruhen zu lassen, fl�sterte Rhapsody ein letztes Schlaflied und folgte dann ihren Freunden in die Tiefe.</p><poem><stanza><v>Wei�er Schein</v><v>Lass die Nacht herein</v><v>Schnee bedeckt die gefrorne Welt</v><v>Schau und warte, schau und warte</v><v>Leg dich hin und schlaf ein</v><v>In Eisschl�ssern fein</v><v>Ein Versprechen soll sein</v><v>Ein Jahr, in dem nur wenige Tage noch sind</v><v>Erinnert sich gern an das Erdenkind</v></stanza></poem><p>Ehe sie die verkohlten �berreste des Tunnelnetzes verschlossen, das einst die Kolonie gewesen war, blieben sie noch einmal zusammen im Kreis der Lieder stehen. Rhapsody sang ein Trauerlied f�r die Dhrakier, die vor so langer Zeit beim V�lkermord der Letzten Nacht get�tet worden waren, und eines f�r die Frau, die seither einsam Wache gehalten und das Erdenkind besch�tzt hatte, bis sie endlich zu ihr gekommen waren. Als sie sang, verstummte der unterirdische Wind, als h�tte er endlich den Tod der <emphasis>Zhereditck</emphasis> zur Kenntnis genommen, der Windkinder und der Zivilisation, die sie einst aufgebaut hatten, um die Erde vor der Zerst�rung zu retten.</p><p>Als das Lied vor�ber war, gingen Rhapsody und Grunthor �ber die zerbr�ckelnde Br�cke zur�ck und lie�en Achmed allein im Kreis. Dort stand er zwischen den Runen, den Symbolen, die im Lauf der Zeit immer mehr verblassten, und beobachtete die Pendeluhr, die endlos in der Dunkelheit schwang.</p><p><emphasis>Die Erde sagt, es war dein Tod, Herr. Du wei�t es noch nicht, aber du wirst es erfahren</emphasis>.</p><p>Jetzt wusste er es.</p><p>Als sie wieder im Kessel angekommen waren, sah Rhapsody als Erstes nach ihren Enkelkindern und gesellte sich dann in der Gro�en Halle zu Achmed und Grunthor, wo sie von der w�chentlichen Postkarawane die neuesten Neuigkeiten erfuhren. Die Soldaten und Kaufleute des Konvois hatten sich schon ein Publikum f�r den Bericht gesucht, der sie auf dem Weg von Roland per Vogelboten erreicht hatte. Zwei Erdbeben hatten den Kontinent ersch�ttert, so erz�hlten die Wachen aufgeregt, gefolgt von einer ungeheuren Hitzewelle und einem neuerlichen Erzittern der Erde, das sich von den Zahnfelsen bis ins Zentrum von Navarne erstreckt hatte. Rhapsody warf Grunthor aus dem Augenwinkel einen Blick zu, aber dieser zuckte nicht mal mit der Wimper, sondern schien von den Auswirkungen des Feuerballs und des Verschlie�ens des Tunnels, den die D�monenranke sich gegraben hatte, v�llig unbeeindruckt.</p><p>Zum Gl�ck gab es keine Todesopfer zu beklagen, erz�hlten die Soldaten weiter, und mit einer Ausnahme war auch nichts besch�digt worden. Traurig musste Rhapsody zur Kenntnis nehmen, dass das Haus der Erinnerungen bei den Erdst��en in Flammen aufgegangen und bis auf die Grundfesten niedergebrannt war, zusammen mit einem gro�en Teil des verseuchten Waldes in seiner nahen Umgebung. Das einzig Gute daran war die Nachricht, dass der Baum auf seinem Hof, der Sch�ssling der Sagia, den die Cymrer vor so vielen Jahrhunderten aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, wie durch ein Wunder die Feuersbrunst �berlebt hatte. Insgeheim hoffte Rhapsody, dass der Baum nun, da er vollst�ndig von der D�monenwurzel befreit war, pr�chtig gedeihen w�rde.</p><p>Nachdem sie die Neuigkeiten geh�rt hatte, stieg sie durch die tiefer werdenden Schatten der D�mmerung hinauf auf die Heide, den Ort, der Zeuge von so viel Hoffnung und Verzweiflung geworden war. Dort setzte sie sich auf das vom Frost trockene, bleiche Gras, legte ihr Schwert �ber die Knie und beobachtete, wie die Abendsterne einer nach dem anderen am Firmament erschienen. Der Winterhimmel war glockenklar und kalt, und das Tiefblau im Zenit ging am Horizont in pechschwarze Nacht �ber.</p><p>�ber den �stlichen Gipfeln der Zahnfelsen sah sie Prylla aufsteigen, den Stern, den die Lirin nach dem Windkind der W�lder benannt hatten, der Stern, der Jos Scheiterhaufen entz�ndet hatte, das Symbol verlorener Liebe. Leise blinkte er in der klaren Nachtluft. <emphasis>Sei nicht traurig,</emphasis> schien er zu fl�stern. <emphasis>Die Liebe ist nicht verloren, du hast sie gefunden</emphasis>. Leise sang sie die Abendvesper in den Wind und lie� ihn den letzten Rest Traurigkeit davontragen, w�hrend er �ber die Berggipfel und die sanft gewellte Ebene pfiff. Die Elemente, welche die Lirin hervorgebracht hatten, der �ther der Sterne und das Fl�stern des Windes, blickten auf sie herab und umh�llten sie, reinigten ihren Geist und lie�en das Feuer in ihr ruhig und hell brennen. Sie war wohlauf. Sie war stark, bereit f�r alles, was kommen mochte. Sie war die Iliachenva�ar.</p><p>Weit weg, in den Ruinen des Hauses der Erinnerungen am Fu� des Baumes, stand ein Mann im Kapuzenumhang ebenso wie sie im Wind. Voller Ehrfurcht blickte er hinauf in die �ste des Baumes.</p><p>Dort, inmitten der glimmenden Asche, die sich mit dem Nebel aus seinem Umhang mischte, erbl�hte der Baum; �ber und �ber war er mit leuchtend wei�en Bl�ten bedeckt, die seine Zweige selbst jetzt im Winter zierten. In einer Astgabel aber steckte eine kleine Harfe, die standhaft einen munteren Rundgesang spielte.</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Mein herzlicher Dank geht an Jim Minz, den besten Lektor der bekannten Welt, an Jynne Dilling und all die wunderbaren Leuten bei Tor, speziell an Tom Doherty, der so ein feines musikalisches Geh�r sein Eigen nennt.</p><p>Auch meiner Familie und meinen Freunden m�chte ich danken ich wei� es wahrlich zu sch�tzen, dass ihr mich w�hrend der Arbeit an diesem Projekt nicht in eine Kiste gestopft und die Niagaraf�lle hinuntergekippt habt. Ich danke euch f�r eure unendliche Liebe und bedingungslose Unterst�tzung.</p><p>Anu Garg m�chte ich meine Hochachtung aussprechen, der ein gro�artiges pers�nliches Lexikon geschaffen hat und seine Liebe zur Sprache auf seiner wundervollen Website www.wordsmith.org mit uns teilt Anu, du hast mir vollkommene Worte geschenkt. Meine Dankbarkeit gilt auch Richard Curtis und Amy Meo ihr habt mich zuschauen lassen, wie ihr die Zukunft geformt habt.</p><p>Und ich danke dem verstorbenen Mario Puzo.</p></section></body><binary id="cover" 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