<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sci_psychology</genre><author><first-name>Rolf</first-name><last-name>Degen</last-name></author><book-title>Lexikon der Psycho-Irrtuemer</book-title><annotation><p><image l:href="#0"/></p><p><strong>Rolf Degen</strong></p><empty-line/><p><strong>Lexikon der Psycho-Irrt�mer</strong></p><empty-line/><p><strong>Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen l�sst</strong></p><empty-line/><p>Eichborn.</p><p>Lexikon</p></annotation><date/><lang>de</lang><src-lang>de</src-lang></title-info><document-info><author><first-name>Rolf</first-name><last-name>Degen</last-name></author><program-used>calibre 1.47.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2014-11-16">16.11.2014</date><id>49ee7cc2-cf98-4c24-abce-7482c500c05e</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Lexikon der Psycho-Irrt�mer</book-name><publisher>Eichborn. Lexikon</publisher><year>2000</year></publish-info></description><body><section><title><p>Inhalt</p></title><p><strong>Vorwort</strong></p><p><strong>MYTHEN DER BEEINFLUSSUNG</strong></p><p>Pfusch an der Couch</p><p>�Psychotherapie hat die Macht, Menschen</p><p>von seelischen St�rungen und Neurosen zu heilen� 21</p><p>Karma im Zellkern</p><p>�Die Pers�nlichkeit des Menschen wird durch</p><p>seine Erziehung bestimmt��69</p><p>Die lausigen Verf�hrer</p><p>�Die Massenmedien �ben gewaltige</p><p>Wirkungen auf das Bewusstsein und</p><p>das Verhalten der Menschen aus� 109</p><p>Der unverbesserliche Verstand</p><p>�Es gibt M�glichkeiten, die Intelligenz und</p><p>das Auffassungsverm�gen des Menschen</p><p>erheblich zu erweitern� 133</p><p><strong>MYTHEN DER SEELE</strong></p><p>Auslaufmodellvorstellungen</p><p>�Der Mensch benutzt Abwehrmechanismen</p><p>wie Verdr�ngung oder Projektion,</p><p>um unangenehme Bewusstseinsinhalte</p><p>ins Unbewusste abzuschieben� 157</p><p>Schminke am Selbstbild</p><p>�Es ist f�r die seelische Gesundheit</p><p>erforderlich, ein aufrichtiges und</p><p>unverh�lltes Bild von sich selbst zu haben� 189</p><p>Selbstwertgef�hlsduselei</p><p>�Es ist immer vorteilhaft,</p><p>ein hohes Selbstwertgef�hl zu besitzen� 215</p><p>Die Seele ist schuld</p><p>�Viele organische Krankheiten</p><p>haben psychosomatische Ursachen� 229</p><p>Seelengedr�ngel</p><p>�Manche Menschen werden von</p><p>multiplen Pers�nlichkeiten �bermannt� 249</p><p><strong>MYTHEN DES VER�NDERTEN BEWUSSTSEINS</strong></p><p>Schein-Heil im Lotussitz</p><p>�Meditation erzeugt einen einzigartigen</p><p>k�rperlich-geistigen Entspannungszustand� 263</p><p>Kellerspektakel</p><p>�Unter Hypnose k�nnen Menschen</p><p>au�erordentliche Dinge tun� 277</p><p>Einmal Jenseits und zur�ck</p><p>�Viele Menschen machen in Todesn�he</p><p>l�uternde Erfahrungen mit der Transzendenz�291</p><p><strong>MYTHEN DES GEHIRNS</strong></p><p>Armleuchten</p><p>�Der Mensch nimmt nur 10 Prozent</p><p>seiner Gehirnkapazit�t in Anspruch� 309</p><p>Seiten verkehrt</p><p>�Die beiden Hemisph�ren des Gehirns beherbergen v�llig unterschiedliche Leistungen�319</p><p><strong>Register</strong></p></section><section><title><p><strong>Vorwort</strong></p></title><p>Die Psychologie ist die wichtigste und zugleich die unwichtigste aller Wissenschaften. Wenn</p><p>Ihnen diese Aussage verd�chtig nach� gespaltener Pers�nlichkeit �vorkommt, k�nnen Sie das getrost</p><p>als Best�tigung f�r den notorisch angeknacksten Verstand der Psychologen nehmen. Allerdings sind</p><p>Sie damit bereits einem Psycho-Irrtum aufgesessen, denn das in der �ffentlichkeit gemeinhin als</p><p>�gespaltene Pers�nlichkeit �bekannte Ph�nomen ist in Wirklichkeit ein v�llig gegenstandsloses</p><p>Hirngespinst, das lediglich der dramatischen Vorstellungskraft von Schriftstellern und</p><p>Drehbuchautoren entsprungen ist und in einem eigenen Kapitel dieses Buches auseinander</p><p>genommen wird.</p><p>Die Psychologie ist die wichtigste aller Wissenschaften, weil jeder Einzelne von uns im</p><p>allt�glichen Leben nachvollziehen kann, dass psychologische Fragestellungen (zum Beispiel:�Wer</p><p>bin ich, warum bin ich so geworden, und wie kommt es, dass ich nicht Tom Cruise sein kann?�) eine</p><p>ungeheure Priorit�t besitzen, die sogar das R�tsel um schwarze L�cher und die globale Erw�rmung in</p><p>den Schatten stellt. Der amerikanische Arzt Sherwin Nuland hat diese unanfechtbare Tatsache</p><p>einf�hlsam auf den Punkt gebracht:�Mir ist der Mikrokosmos wichtiger als der Makrokosmos, mich</p><p>interessiert das Leben eines Menschen mehr als das Verl�schen eines Sterns oder das Vor�berziehen</p><p>eines Kometen.�<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>Psychologische Erkenntnisse sind unsch�tzbar wichtig, weil unz�hlige Menschen an einem</p><p>peinigenden� Knacks �in ihrer Seele leiden, und weil viele Menschheitsprobleme die Folge von</p><p>einem� Knacks �in der Seele gewisser Menschen sind. Krieg, Armut, Verbrechen, Rassismus und</p><p>totalit�rer Staat, ja praktisch alle gesellschaftlichen �bel gehen letztlich auf Deformationen im</p><p>verschlungenen R�derwerk der Psyche zur�ck. Auch in einem politischen Sinne besitzt die</p><p>Erforschung der menschlichen Psyche von allen wissenschaftlichen Unternehmungen die gr��te</p><p>Tragweite, stellt der amerikanische Wissenschaftspublizist John Horgan fest:�Selbst</p><p>pseudowissenschaftliche Erkl�rungen der menschlichen Natur haben die Macht, den Lauf der</p><p>Geschichte zu ver�ndern. Die Bewegungen, die von Karl Marx und Sigmund Freud ins Leben</p><p>gerufen wurden � oder auch von Jesus, Buddha und Mohammed, deren Theologien ebenfalls</p><p>implizite Theorien �ber die menschliche Natur enthalten �, haben dies gezeigt.�<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a></p><p>Geistige St�rungen wie Depression, Angstkrankheiten, Schizophrenie und Sucht verursachen jedes</p><p>Jahr uns�gliches Leid und dazu einen volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenh�he. Nach den</p><p>Ergebnissen der modernen Evolutionsforschung ist der Wunsch nach Psychologie und Selbsterkenntnis</p><p>sogar ganz tief in den Intellekt des Homo sapiens eingebaut. Lange Zeit glaubten die Anthropologen, dass</p><p>die Hirnkapazit�t bei unserer Spezies so explosiv zugenommen hat, um den mentalen Anforderungen bei</p><p>der Jagd oder bei der Herstellung von komplexen Werkzeugen gerecht zu werden. Heute besteht jedoch</p><p>weitgehend Einigkeit, dass die Entwicklung unseres� Eierkopfes �auf der Notwendigkeit beruhte, die</p><p>Absichten und Motive unserer Artgenossen zu verstehen (und zu manipulieren), mit denen wir in</p><p>komplexen Sozialverb�nden zusammenleben � also auf dem Bed�rfnis nach Psychologie.</p><p>Die Psychologie ist die unwichtigste aller Wissenschaften, weil sie all diesen brennenden Problemen</p><p>und R�tseln mit einer wahrhaft atemberaubenden Ahnungslosigkeit gegen�bersteht. Ihre Unf�higkeit, die</p><p>gro�en Fragen nach der menschlichen Natur zu beantworten, hat sich bei der Bev�lkerung noch gar nicht</p><p>herumgesprochen, wie auch die Psychologin Andrea Abele-Brehm von der Universit�t Erlangen-</p><p>N�rnberg in einem Essay �ber das Verh�ltnis von Psychologie und �ffentlichkeit konzediert.<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a>�Wenn die</p><p>Leute eines Tages erf�hren, was die Psychologie wirklich macht, dann w�rde sich kein Mensch mehr</p><p>daf�r interessieren. �Auch die Psychotherapie, das wichtigste und mit den gr��ten Hoffnungen und</p><p>Sehns�chten besetzte Anwendungsgebiet der Seelenforschung, krankt im Licht der Fakten an einer</p><p>deprimierenden Impotenz.�Wer die Psychotherapie liebt, hat oft Anlass, sich der Psychotherapie zu</p><p>sch�men�, r�umt der Berner Psychotherapieforscher Klaus Grawe viel sagend ein.<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a></p><p>Die naturwissenschaftliche Erforschung der unbelebten Welt hat in den vergangenen 100 Jahren</p><p>unvorstellbare Fortschritte gemacht. Physiker sind in gigantischen Beschleunigungsanlagen den tiefsten</p><p>Bindekr�ften des subatomaren Kosmos auf der Spur, w�hrend die Astronomen mit hochtechnologischen</p><p>Himmelsaugen nach den entferntesten Objekten des Universums sp�hen. Die Biologen des Human-</p><p>Genome-Projektes haben schon beinah das gesamte Erbgut unserer Spezies abgeklappert. Die Technik</p><p>kann mit Lasern, Mikrochips, Radar und D�senflugzeugen prahlen, Medizin und Biologie stellen ihre</p><p>�berragende Leistungskraft mit Impfungen, Antibiotika, Klonierung, Organtransplantation und anderen</p><p>Wundern unter Beweis. Eine der gr��ten Sorgen besteht heute darin, dass sich der naturwissenschaftlich-</p><p>technische Fortschritt in einem derartigen Tempo vollzieht, dass gro�e Teile der Bev�lkerung nicht mehr</p><p>Schritt halten k�nnen.</p><p>Von diesem� Geschwindigkeitsproblem �bleibt die Psychologie verschont. Psychotherapeuten doktern</p><p>immer noch ratlos mit dem verstaubten Instrumentarium der fr�hen industriellen Revolution an den</p><p>Neurosen des Informationszeitalters herum.�Es gibt seit hundert Jahren Psychotherapie, und trotzdem</p><p>geht's mit der Welt bergab�, konstatieren der Psychoanalytiker James Hillman und der Journalist Michael</p><p>Ventura zynisch in ihrem Buch.<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a> Mit einer Gr�ueltat und einem V�lkermord nach dem anderen r�ckt die</p><p>Zeitgeschichte die Ohnmacht des Menschen gegen�ber der dunklen Seite seiner Seele ins Rampenlicht.</p><p>Die Psychowissenschaften erzeugen zwar mit hochtrabenden Begriffen wie� kognitive</p><p>Verhaltenstherapie �oder� systematische Desensibilisierung �die Illusion von Tiefgr�ndigkeit und</p><p>Kennerschaft. Tatsache ist jedoch, dass selbst der Ursprung einer schlichten Schlangenphobie weiterhin</p><p>ein ungel�stes R�tsel bleibt. Wenn Ihnen ein Psychotherapeut irgendetwas anderes sagt, hat er im</p><p>g�nstigsten Falle die Fachliteratur nicht studiert. Es gibt nachweislich keine einzige funktionierende</p><p>�Beeinflussungstechnik�, mit der man systematisch auch nur einen Raucher in einen Nichtraucher</p><p>verwandeln k�nnte. Gerechterweise bleibt auch die Werbung mit ihren viel ger�hmten psychologischen</p><p>Suggestivmethoden beim� Umprogrammieren �von Nichtrauchern in Raucher genauso ergebnislos. Die</p><p>Psychologie zeichnet sich durch eine peinlich lange Folge von� Theorien �aus, die sich im Nachhinein</p><p>viel zu oft als fl�chtige Modeerscheinungen entpuppten und mangels Erkl�rungskraft in Vergessenheit</p><p>gerieten.</p><p>Hauptinspiration zu diesem Buch war jedoch die �ber Jahre der wissenschaftsjournalistischen</p><p>T�tigkeit gewachsene, schmerzhafte Erkenntnis, dass unter dem Deckm�ntelchen des Begriffes</p><p>�Psychologie �im gro�en Stil Beihilfe zum Selbstbetrug geleistet wird. Anstatt den heroischen Kampf</p><p>gegen das Nichtwissen zu unterst�tzen, sch�tten Therapeuten, Psychologen und andere� Seelenexperten�</p><p>immer wieder ganze F�llh�rner von Mythen und Psychoirrt�mern �ber die Menschen aus. In den</p><p>Naturwissenschaften werden Mythen, Irrt�mer und falsche Theorien fr�her oder sp�ter durch empirische</p><p>Erkennmisse ausgemerzt. Sp�testens als die Weltraumsonden die ersten plastischen Bilder von der</p><p>Erdkugel �bermittelten, war der Glaube an die Scheibenf�rmigkeit unseres Planeten in den K�pfen der</p><p>letzten (nicht verr�ckten) Gl�ubigen gel�scht. Die Einsicht, dass auch die vermeintliche� Krone der</p><p>Sch�pfung �von tierartigen Vorfahren abstammt, hat sich mit dem Siegeszug der Evolutionslehre</p><p>erfolgreich gegen alle konkurrierenden Erkl�rungsmodelle durchgesetzt.</p><p>Psychologische Mythen sind dagegen auch durch besseres Wissen nicht totzukriegen.�Theorien der</p><p>menschlichen Natur sterben niemals v�llig aus; sie kommen nur aus der Mode�, macht mein</p><p>amerikanischer Kollege John Horgan seiner Entt�uschung Luft.�Oftmals werden alte Ideen einfach in</p><p>schmackhafterer Form neu verpackt. �Es ist eine beklagenswerte, aber auch anspornende Tatsache, dass</p><p>die Psychologie (noch) viel zu wenig �ber den Menschen wei�, um die Probleme l�sen zu k�nnen, die</p><p>der Mensch leidenschaftlich gerne gel�st h�tte. Das psychologische Wissen ��die Wahrheit �ber uns</p><p>selbst�� kann der Unwissenheit nur in m�hevoller Kleinarbeit abgetrotzt werden. Aber die akademische</p><p>Psychologie hat bei gesch�tzten 17.000 empirischen Studien pro Jahr das R�tsel Seele noch nicht einmal</p><p>an der Oberfl�che richtig angekratzt. Immerhin hat die universit�re Seelenforschung trotz ihrer</p><p>bedauernswert fragmentarischen Ergebnisse einigen der bedeutendsten Mythen dieser Epoche die</p><p>Grundlagen entzogen.</p><p>Doch wenn man einem Mythos den Kopf abhackt, wachsen an anderer Stelle zwei nach. In</p><p>jahrelanger, m�hsamer Kleinarbeit hat die akademische Seelenforschung gerade erst die wichtigsten</p><p>Grundannahmen der Psychoanalyse von Sigmund Freud widerlegt, da schie�en pl�tzlich Methoden wie</p><p>das� Eye Movement Desensitization and Reprocessing�(EMDR) oder das� Neurolinguistische</p><p>Programmieren �aus dem Boden, deren Verankerung in der Realit�t sich bestenfalls mit der</p><p>W�nschelrute aufsp�ren l�sst.</p><p>Aber selbst die freudsche Psychoanalyse � die� Urmutter aller Psychotherapien�� �bersteht das</p><p>Abs�gen ihrer Pfeiler bislang unbeschadet. Der Wiener Seelenpionier ist genauso untot wie Graf Dracula.</p><p>Sigmund Freud, res�miert der britische Literaturhistoriker Richard Webster,�war Sch�pfer einer</p><p>komplexen Pseudowissenschaft, die als eine der gr��ten Torheiten der westlichen Zivilisation erkannt</p><p>werden sollte.�<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a> Schon vor zwei Jahrzehnten hatte der britische Nobelpreistr�ger Peter Medawar die</p><p>Psychoanalyse zur� horrendesten Bauernf�ngerei �des Jahrhunderts erkl�rt und ihr baldiges</p><p>Verschwinden vorausgesagt � ein Irrtum, wie sich herausgestellt hat. W�hrend der Marxismus sp�testens</p><p>mit dem Mauerfall und dem Niedergang der Sowjetunion augenf�llig im Schrotthaufen der</p><p>Geistesgeschichte versank, geht die Tiefenpsychologie scheinbar gest�rkt aus ihrer Demontage durch die</p><p>Empiriker hervor.</p><p>Obgleich Freuds Grundannahmen wie der Glaube an die Verdr�ngung, an das Unbewusste und an die</p><p>Bedeutung der fr�hen Kindheit einer kritischen Pr�fung nicht standhalten, machen immer noch Millionen</p><p>Menschen einen klassischen� Couchtrip �durch. Besonders bei geisteswissenschaftlich orientierten</p><p>Intellektuellen und im Feuilleton gilt die Psychoanalyse immer noch als eine Insignie der h�heren</p><p>Denkungsart, und die Krankenkassen bl�ttern f�r eine Behandlung beim Analytiker bis zum Abwinken</p><p>Mittel der Solidargemeinschaft hin. Freuds Anh�nger huldigen ihm als Genie, dessen Einsichten, wenn</p><p>auch empirisch nicht belegbar, intuitiv unmittelbar plausibel sind. Bei dieser defensiven Haltung spielt</p><p>wahrscheinlich auch eine strukturelle Eigenart der psychologischen Forschung mit, auf welche die</p><p>Psychologin Abele-Brehm hinweist:�Psychologie ist erlebnisnah, und jeder Mensch hat einen</p><p>&gt;psychologischen Hausverstand&lt;, der mit den Forschungsbefunden konkurriert.�</p><p>Der Hauptgrund f�r das Beharrungsverm�gen der Analyse und der anderen Psycho-Irrt�mer besteht</p><p>jedoch darin, dass sie tief sitzende Bed�rfnisse der Gl�ubigen befriedigen. F�r den, der die Hand voll</p><p>Interpretationsregeln begriffen hat, ist die Psychoanalyse ein� Stein der Weisen�, eine genialische</p><p>Offenbarung, die bereits dem Halbgebildeten einen vision�ren Einblick in die geheime Mechanik des</p><p>Lebens gew�hrt. Das ist eben die ewige Verlockung der Scholastik: F�r jede Frage gibt es eine fundierte</p><p>Antwort, die schon seit Jahrzehnten in den� heiligen Schriften �zu eruieren ist. Den Zauberstab der</p><p>Deutung, der tiefe und verborgene Geheimnisse enth�llt, kann sich auch der interessierte Laie im</p><p>Schnellverfahren zu Eigen machen. Wer erst einmal den hermeneutischen Bogen heraushat, w�hnt sich</p><p>im Besitz des� R�ntgenblickes�, mit dem er alle Fassaden durchdringt und dem Unbewussten auf seine</p><p>Schliche kommt. Aus diesen Gr�nden werden� Psychologen�� faktisch fast immer Analytiker � so gerne</p><p>als� Experten �in Talkshows eingeladen. Mit ihren rhetorischen Taschenspielertricks befriedigen sie den</p><p>Profilierungsdrang des Neunmalklugen, der sich mit ein paar einge�bten Kniffen �ber die</p><p>Ahnungslosigkeit der� Uneingeweihten �erhebt, und der mit ein paar flott zurechtgelegten Deutungen alle</p><p>Weltr�tsel nach dem Instant-Prinzip� knackt�.</p><p>Die Psychoanalyse ist aber auch � wie alle gro�en� Offenbarungen �der Menschheit � ein</p><p>Gedankengeb�ude, das die ultimative Erkl�rung f�r Kummer, Leid und Verzweiflung bereith�lt.</p><p>Menschen, die gerade Kummer und Leid empfinden, k�nnen aber schon aus dem Glauben an die</p><p>Erkl�rbarkeit dieses Zustandes einen gewissen Trost beziehen � erkl�rtes Leid ist halbes Leid. Besonders</p><p>dann, wenn die� Erkl�rung �die Schuld an dem Leid nach au�en, auf andere Personen oder pers�nlich</p><p>nicht zu verantwortende Umst�nde abw�lzt.</p><p>Aber in dem mythischen Urbild des verletzten und (von Gott?) verlassenen Kindes scheint auch ein</p><p>ergreifendes Gleichnis durch, eine nihilistische Weisheit, die die J�nger des Wiener Seelenmythologen</p><p>heute besch�mt unter den Teppich kehren, weil sie dem modischen Habitus der emanzipatorischen</p><p>Freiheitsbewegung widerspricht, mit dem man sich in der Psychoszene so gerne schm�ckt. Wie die US-</p><p>Psychologin Phyllis Chesler unterstreicht, gibt es eben auch eine versteckte und vergessene Botschaft</p><p>Freuds, und die lautet,�dass das Leben tragisch ist, dass es reale Schranken gibt, dass alles seinen Preis</p><p>hat, dass niemand etwas umsonst bekommt, dass wir hier nicht lebend herauskommen� �.<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a></p><p>Mit tragischen Lebensweisheiten kann man jedoch in modernen Wohlfahrtsstaaten keinen</p><p>anspruchsberechtigten Leistungsempf�nger mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Alle</p><p>psychotherapeutischen Schulen � auch die von der akademischen Psychologie protegierten � leisten</p><p>daher, oft wider besseres Wissen, der Illusion Vorschub, dass es in der modernen� Vollkaskogesellschaft�</p><p>f�r jede definierte seelische Notlage eine exakt geeichte, fachm�nnische� Heilmethode �gibt. Dies ist</p><p>wahrscheinlich der gr��te Psycho-Irrtum, dessen Anspruch im ersten Kapitel dieses Buches mit den</p><p>Daten und Zahlen der Forschung entkr�ftet wird. Quintessenz: Keine einzige psychotherapeutische</p><p>Schule kann Heilwirkungen vorweisen, die gr��er sind als der Effekt einer wirkstofflosen Zuckerpille</p><p>(Placebo-Effekt).</p><p>Psycho-Irrt�mer sind deshalb so gef�hrlich, weil sie mit der Zeit unmerklich zum integralen</p><p>Bestandteil unserer Selbstwahrnehmung gerinnen. Der� Blick nach innen �liefert ebenso� optische</p><p>T�uschungen�, Irrt�mer und Illusionen, wie uns der (naive) Blick nach au�en Trugbilder wie die</p><p>Scheibenf�rmigkeit unseres Planeten oder die Umdrehung der Sonne um die Erde vorgaukelt.</p><p>Amerikanische Sozialpsychologen haben schon vor Jahrzehnten in sorgf�ltigen Experimenten Beweise</p><p>daf�r gesammelt, dass Menschen gar nicht wirklich in sich selbst� hineinschauen�, wenn sie nach den</p><p>Gr�nden ihres Handelns suchen. De facto betrachten sie sich selbst von au�en wie einen Fremden und</p><p>zimmern sich eine notd�rftige und plausible Theorie �ber die unbekannte Person zusammen. Auch wenn</p><p>wir glauben, uns selbst zu verstehen, umgarnen wir uns selbst doch nur mit theoretischen Lehrgeb�uden,</p><p>die auf kulturell verankerten Mythen und Dogmen, fl�chtig geh�rten Klischees oder durch die Medien</p><p>verbreiteten Scheinerkl�rungen beruhen. Wer gerade eine� orale Fixierung �oder einen� freudschen</p><p>Versprecher �bei sich selber� erkennt�, merkt gar nicht mehr, dass er sich in Wirklichkeit nur antiquierte</p><p>Metaphern des fr�hen Maschinenzeitalters �berst�lpt. In diesem Sinne hat Sigmund Freud gewiss einen</p><p>gr��eren und bleibenderen Schaden angerichtet als Karl Marx.</p><p>Aus diesen Gr�nden sollen im vorliegenden Buch vornehmlich solche psychologischen Irrt�mer</p><p>gebrandmarkt werden, die sich besonders heimt�ckisch in der modernen Selbstwahrnehmung eingenistet</p><p>haben.�Der Mensch ist ein Produkt der Erziehung�, das ist ein solcher Denkfehler, der in fast allen</p><p>K�pfen sein Unwesen treibt. Man glaubt f�rmlich, den Niederschlag seiner fr�hen Pr�gung bei sich selbst</p><p>zu sehen. Auch der Glaube an die Omnipotenz der Massenmedien ist ein Mythos, der den Blick auf das</p><p>werte Selbst und die anderen verzerrt. Der Irrglaube, dass die eine oder andere Krankheit</p><p>�psychosomatische �Ursachen habe, ist besonders hinterh�ltig: Er verstellt nicht nur den Blick auf die</p><p>wahren Ursachen des Leidens, er schiebt dem Patienten auch� hintenherum �die Verantwortung f�r</p><p>seinen Zustand zu. Um den Nutzen des� Selbstwertgef�hls �ist ein regelrechter Psychokult entstanden.</p><p>Es stimmt jedoch keineswegs, dass ein m�glichst hohes Selbstwertgef�hl nur positive Folgen hat.</p><p>Manche modernen Psycho-Irrt�mer sind auch auf dem� Mist �der Gehirnforschung gewachsen. So etwa</p><p>die Zweiteilung des Gehirns in den logischen Analytiker (linke H�lfte) und den holistischen</p><p>Gef�hlsmenschen (rechte H�lfte) etwa, die sich bei n�herer Betrachtung als hirnrissig erweist.</p><p>Einige psychologische Irrt�mer bleiben in dieser Streitschrift unerw�hnt. Der Glaube an die Macht der</p><p>Sterne (Astrologie) oder das Vertrauen in die Bedeutsamkeit der Handschrift (Graphologie) haben zwar</p><p>immer noch ihre Anh�nger, aber ihnen fehlt l�ngst jene intellektuelle Ausstrahlungskraft, die notwendig</p><p>ist, um die zeitgen�ssische Selbstwahrnehmung zu deformieren. Der Glaube an die G�ltigkeit ihres</p><p>Horoskops etwa� sitzt �bei den meisten Menschen nicht viel tiefer als der Glaube an den Nikolaus.</p><p>Der Versuch, gegen die fundamentalen Psycho-Irrt�mer anzurennen, hat offensichtlich viel mit einem</p><p>Kampf gegen Windm�hlen gemein. Mythen sind weitgehend gegen die Pfeile der Vernunft gefeit. Zudem</p><p>kann man sich an ihnen leicht die Finger verbrennen, weil es einen gewaltigen Tross von einflussreichen</p><p>Mythensch�tzern gibt, deren Selbstachtung und materieller Lebensstandard an der Unversehrtheit der</p><p>Mythen h�ngt. Doch es bleibt die Hoffnung, dass ein wenig Sticheln hier und da den mentalen</p><p>Schutzschild durchdringt. Schlie�lich haben sich auch die Wissenschaftler, die sich in den vergangenen</p><p>Jahrzehnten um die Widerlegung der Psycho-Irrt�mer verdient gemacht haben, irgendwo die Saat des</p><p>Zweifels geholt. Es w�re sch�n, zu wissen, dass die kl�gsten K�pfe der Gesellschaft um die L�sung der</p><p>R�tsel und nicht f�r den Erhalt verstaubter Dogmen k�mpfen. Aber es w�re auch sch�n, Tom Cruise zu</p><p>sein.</p><cite><p><sup>1</sup> Nuland, Sherwin: <emphasis>Wie wir sterben. Ein Ende in W�rde? </emphasis>Droemer Knaur Verlag, M�nchen 1994.</p><p><sup>2</sup> Horgan, John: <emphasis>Der menschliche Geist. Wie die Wissenschaften versuchen, die Psyche zu verstehen. </emphasis>Luchterhand Verlag, M�nchen 2000.</p><p><sup>3</sup> Abele-Brehm, Andrea: <emphasis>Psychologie in den Medien. </emphasis>In: <emphasis>Psychologische Rundschau, </emphasis>Bd. 41 (1990), S. 37�45.</p><p><sup>4</sup> Grawe, Klaus et al.: <emphasis>Psychotherapie im Wandel. </emphasis>Hogrefe Verlag, G�ttingen et al. 1994.</p><p><sup>5</sup> Hillman, James/Ventura, Michael: <emphasis>We've had a hundred years of psychotherapy and the world's getting worse. </emphasis>Verlag Harper, San Francisco</p><p>1993.</p><p><sup>6</sup> �Kathedrale auf Treibsand�. In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>25/1998.</p><p><sup>7</sup> Corner, Ronald J.: <emphasis>Klinische Psychologie. </emphasis>Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg et al. 1995.</p></cite></section><section><title><p><strong>MYTHEN DER BEEINFLUSSUNG</strong></p></title><section><title><p><strong>Pfusch an der Couch</strong></p></title><section><title><p><strong>�Psychotherapie hat die Macht, Menschen von seelischen</strong></p><p><strong>St�rungen und Neurosen zu heilen�</strong></p></title><p>Immer mehr Menschen, die auf den verschlungenen Pfaden des Lebens die Orientierung verloren</p><p>haben, vertrauen sich der Obhut eines professionellen Seelenhelfers an.�Wir leben im Zeitalter der</p><p>Psychotherapie und der Selbstverbesserung�, schreibt der amerikanische Sozialpsychologe Martin</p><p>Seligman,�Millionen Menschen k�mpfen um pers�nliche Ver�nderung.�<a l:href="" type="note">1</a> In ihren K�pfen, meint er,</p><p>habe sich der feste Glaube eingenistet, dass sich der Mensch mit Hilfe geeigneter Psychotechniken</p><p>tief greifend wandeln und von l�stigen Schw�chen und Fehlern befreien k�nne. Seit der Wiener</p><p>Neurologe Sigmund Freud vor 100 Jahren die Psychoanalyse erfand, hat sich dieser Glaube in allen</p><p>Industriel�ndern zu einer unantastbaren Gewissheit verdichtet. Von den� Lieferanten �der</p><p>psychotherapeutischen Leistungen werden die Betroffenen in dem haltlosen Wunschdenken</p><p>unterst�tzt, dass es in unserer� Vollkaskogesellschaft �f�r jede definierte seelische Notlage eine</p><p>exakt geeichte, fachm�nnische Heilmethode gibt. Dazu kommt meist die mehr oder minder</p><p>ausdr�cklich erhobene Forderung, dass die Solidargemeinschaft die Seelenklempnerei gro�z�gig</p><p>sponsern muss, will sie nicht in den Geruch unterlassener Hilfeleistung kommen.</p><p>Mittlerweile, klagt der Basler Sozialpsychiater Asmus Finzen, sei die Psychotherapie f�r viele</p><p>Zeitgenossen zum� Religionsersatz �geworden.<a l:href="" type="note">1</a>�Offenbar glauben Menschen an sie, wie sie an</p><p>Lourdes glauben. Sie erwarten Wunder von der Psychotherapie. �Diese �berzogenen</p><p>Heilserwartungen stehen jedoch in einem radikalen Gegensatz zu den wissenschaftlichen</p><p>Kenntnissen, welche sich die� empirische Psychotherapieforschung �in den vergangenen</p><p>Jahrzehnten erarbeitet hat: Nicht nur, dass die� hilflosen Helfer �im Kampf gegen seelische</p><p>St�rungen unter einer erschreckenden und wahrscheinlich vollst�ndigen Ohnmacht leiden � unter</p><p>ung�nstigen Bedingungen beschw�rt die Institution Psychotherapie �berhaupt erst die Probleme</p><p>herauf, zu deren Bew�ltigung sie eigentlich angetreten war.</p><p>Zu diesem vernichtenden Urteil war der 1997 verstorbene britische Psychologe Hans J�rgen Eysenck</p><p>��eine Galionsfigur der Psychotherapiekritik und zugleich einer der weltweit einflussreichsten Gelehrten</p><p>des Faches Psychologie � bereits vor mehreren Jahrzehnten gelangt, 1960 schrieb der damals noch</p><p>erbittert angefeindete Einzelk�mpfer:�Ich habe schon mehrfach festgestellt und mit einer Vielzahl von</p><p>Experimenten belegt, dass es kaum empirische Anzeichen daf�r gibt, dass Psychotherapie einen</p><p>praktischen Nutzen hat� Die Beweise, die diese kritische Sicht unterst�tzen, sind sehr stark und wachsen</p><p>jedes Jahr.�<a l:href=""><sup>2</sup></a></p><p>Jetzt, nach mehreren Dekaden der Forschung und endlosen Debatten in der Fachpresse schlie�en sich</p><p>immer mehr skeptische Stimmen dieser einstmals verfemten �berzeugung an.�Der Glaube, dass die</p><p>therapeutischen Dienstleistungen in irgendeiner Form n�tzlich sind, d�rfte auf einer T�uschung beruhen�,</p><p>rechnet zum Beispiel die kanadische Psychologin und Therapiekritikerin Tana Dineen entt�uscht mit der</p><p>Zunft der Seelenhelfer ab.<sup>3</sup>�Es fehlt jeglicher Beweis, dass die &gt;professionellen&lt; Vorgehensweisen</p><p>irgendwelche Substanz besitzen�, haut ihr britischer Kollege David Smail in die gleiche Kerbe.<sup>4</sup></p><p>�Psychotherapeuten haben keine g�ltigen wissenschaftlichen Methoden und keine g�ltige Expertise�,</p><p>warnt der US-Psychiater Leo Coleman in einem Manifest gegen Psychotherapie, das der amerikanische</p><p>Rechtsanwalt Lawrence Stevens im Internet bereith�lt.<sup>5</sup>�Wenn die Arzneimittel-Zulassungsbeh�rde f�r</p><p>die Bewertung von Psychotherapien zust�ndig w�re, w�rde keines der existierenden Verfahren eine</p><p>Genehmigung erhalten�, hebt eine Forschergruppe um den Psychologen Bruce E. Wampold von der</p><p>University of Wisconsin in Madison hervor.<sup>6</sup></p><p>Sogar Autoren, die im Prinzip einen g�nstigen Effekt der Redekur f�r m�glich halten, sprechen ihr</p><p>einen real existierenden Nutzwert ab.�Jetzt, nach mehr als 30 Jahren Forschung�, res�miert der</p><p>amerikanische Psychologe Terence W. Campbell,�erlauben die angeh�uften Fakten nur eine einzige</p><p>Folgerung: Psychotherapie hilft einigen, aber sie f�gt vielen anderen Schaden zu. Diese</p><p>entgegengesetzten Wirkungen heben sich bei Untersuchungen an gro�en Zahlen von Patienten</p><p>gegeneinander auf.�<sup>7</sup> Das gleiche pessimistische Fazit schwingt auch in den Formulierungen des vielfach</p><p>preisgekr�nten Wissenschaftspublizisten Dieter E. Zimmer mit.<sup>8</sup>�Die meisten heute verf�gbaren</p><p>Psychotherapien sind auf wissenschaftlich unsicherem Grund gebaut; einige sind reine Quacksalbereien.�</p><p>Dabei liefern die rigorosen� Qualit�tskontrollen�, die die empirische Psychotherapieforschung in den</p><p>vergangenen Jahrzehnten durchgef�hrt hat, sogar noch ein k�nstlich besch�nigendes Bild, h�lt Campbell</p><p>vor Augen:�Bei den betreffenden Studien wurden die Therapiesitzungen sorgf�ltig dokumentiert und von</p><p>Supervisoren �berwacht, und ihnen lagen gr�ndlich abgeleitete Zielsetzungen und Prozeduren zugrunde.</p><p>Das ist ein gewaltiger Unterschied zu den g�ngigen Verfahren, mit denen die �berw�ltigende Mehrheit</p><p>der Patienten in Kontakt kommt, und die jeden Anspruch auf Qualit�tsstandards in den Wind schlagen.�</p><p>Die Hauptursache f�r das grandiose Scheitern des Unternehmens Seelenheil d�rfte darin liegen, dass</p><p>es sich bei den meist hoffnungslos verquasten Theoriengeb�uden der therapeutischen Schulen in</p><p>Wirklichkeit um intellektuelle Luftschl�sser handelt, die nicht den geringsten Bezug zu den tats�chlichen</p><p>Ursachen der gnadenlos therapierten Neurosen haben.�Traurige Tatsache ist, dass sich die</p><p>professionellen H�ter der seelischen Gesundheit in der Gewissheit wiegen, ein solides Verst�ndnis der</p><p>Seele und des Verhaltens erworben zu haben�, geben der amerikanische Wissenschaftsjournalist Ethan</p><p>Watters und der Soziologie-Professor Richard Ofshe zu bedenken.<sup>9</sup>�Was sie sich jedoch meistens � ohne</p><p>ihre eigene Schuld � angeeignet haben, ist eine Ausbildung, die das psychologische �quivalent von</p><p>Alchemie darstellt.�</p><p>Viele Kenner des Szene laufen mittlerweile gegen das� Pseudoexpertentum �der Psychotherapeuten</p><p>Sturm.�In der Bev�lkerung ist der Glaube verbreitet, dass Psychotherapeuten in unsere Seele</p><p>hineinschauen, den Geist bei der Arbeit betrachten und vielleicht sogar unsere Zukunft vorhersagen</p><p>k�nnen�, erkl�rt der britische Psychiater Garth Wood.<sup>5</sup>�In Wirklichkeit besitzen sie diese F�higkeiten</p><p>nat�rlich nicht.�</p><p>Und er schlie�t seine Stellungnahme mit b�sen Worten ab:�Die Mythenmacher der Psychotherapie</p><p>haben uns eingeredet, dass man eine kranke Seele mit der gleichen Kennerschaft behandeln kann, die</p><p>beim Klempnern oder bei der Reparatur eines Autos greift. Das ist Schwachsinn. In Wirklichkeit besitzen</p><p>diese Therapeuten kein relevantes Training und keine besonderen Fertigkeiten, die bei der Kunst des</p><p>Lebens behilflich sind. Es ist ein Wunder, dass sie uns so lange betr�gen konnten.�</p><p>Bei weiten Teilen der Bev�lkerung besitzt die Psychotherapie anscheinend sogar einen</p><p>Heiligenschein, der sie gegen Kritik weitgehend unangreifbar macht. So besteht ein l�ngst etabliertes</p><p>Ritual bei kritischen Journalisten darin, die naturwissenschaftlich orientierte� Apparatemedizin �wegen</p><p>ihrer� inhumanen �Ausw�chse mit emp�rtem Unterton anzuprangern. Obwohl diese Beschimpfung</p><p>unz�hlige Fachleute und Laien in ihrem t�glichen Handeln attackiert, ruft sie kaum einen Protest hervor.</p><p>Ein Angriff gegen die Psychotherapie � sofern er �berhaupt erfolgt � l�st dagegen unweigerlich einen</p><p>Wirbelsturm von w�tenden und geh�ssigen Reaktionen aus, wie die Psychologin Tana Dineen und der</p><p>Wissenschaftspublizist Dieter E. Zimmer aus leidvollen Erfahrungen zu berichten wissen.</p><p>Beim Publikum haben sich offenbar erhebliche Ressentiments gegen die organische Medizin</p><p>festgesetzt, w�hrend die Psychotherapie eine � unverdient � strahlende Reputation genie�t, wie eine</p><p>Forschergruppe um Prof. Matthias C. Angermeyer vom Zentralinstitut f�r Seelische Gesundheit in</p><p>Mannheim bei einer repr�sentativen Befragung in der erwachsenen Bev�lkerung eruierte.<sup>11</sup> Die Befragten</p><p>sollten angeben, welche Form der Behandlung bei einer schizophrenen Psychose, bei einer depressiven</p><p>Erkrankung oder bei einer Angstneurose die richtige sei.</p><p>Das Urteil l�sst an Eindeutigkeit nichts zu w�nschen �brig, rekapitulieren die Autoren. Weit mehr als</p><p>die H�lfte der Befragten ergriffen Partei f�r die Psychotherapie, und zwar auch bei der schweren</p><p>Geisteskrankheit Schizophrenie. Lediglich 20 Prozent gaben den Psychopharmaka in dieser</p><p>diagnostischen Gruppe den Vorzug. Dagegen lehnten rund 40 Prozent die chemische Behandlung</p><p>kategorisch ab, w�hrend gerade einmal 10 Prozent der Psychotherapie eine Abfuhr erteilten. Diese</p><p>Tendenz war weitgehend unabh�ngig von der Art der seelischen Erkrankung.</p><p>Das eindeutige Votum f�r die Psychotherapie wurde meistens damit gerechtfertigt, dass die</p><p>Behandlung dann in den H�nden eines kompetenten Therapeuten liege und der Kranke Gelegenheit zur</p><p>pers�nlichen Aussprache erhalte. Au�erdem war der Glaube vorherrschend, dass (nur) die Psychotherapie</p><p>zu den� Wurzeln �seelischer St�rungen vordringt und einen kausalen Heileffekt erzielt. Zwei Drittel der</p><p>Befragten waren sogar der Meinung, dass Psychotherapie gute Chancen bei St�rungen vom� Kaliber�</p><p>einer Schizophrenie besitzt. Das ist ein Anspruch, der selbst von eingefleischten Psychotherapeuten nur</p><p>in Ausnahmef�llen erhoben wird.</p><p>Wegen solcher schiefen Vorstellungen, die mit Sicherheit auch bei (zuk�nftigen) Patienten kursieren,</p><p>sind Entt�uschungen und frustrierte Erwartungen vorprogrammiert, hei�t es in dem Artikel abschlie�end.</p><p>So wird die medikament�se Behandlung in der Psychiatrie auf wenig Gegenliebe sto�en, wenn die</p><p>Patienten denken, dass sie lediglich mit Chemie� abgespeist �werden, und dass ihnen die� allein selig</p><p>machende �Therapie vorenthalten wird. Aber auch auf der anderen Seite drohen bittere �berraschungen,</p><p>wenn schwer gest�rte Patienten Hoffnungen in eine Psychotherapie stecken, welche die Seelenheiler</p><p>unm�glich erf�llen k�nnen. Die Tatsache, dass viele Geisteskranke erst durch die Entdeckung der</p><p>Psychopharmaka aus den Fesseln einer inhumanen Anstaltspsychiatrie befreit wurden, ist offenbar nicht</p><p>bis in die K�pfe der Menschen vorgedrungen.</p><p>Das Unternehmen Psychotherapie hat im Gegensatz zur organmedizinischen Heilkunst den</p><p>unsch�tzbaren Vorteil, dass es einen offensichtlichen Fehlschlag der Behandlung auf das Versagen des</p><p>Klienten abw�lzen kann. W�hrend ein Chirurg heute bei jedem Schnitzer mit einem ruin�sen</p><p>Kunstfehlerprozess rechnen muss, kann ein Seelendoktor einen Misserfolg mit dem� Widerstand �oder</p><p>der� fehlenden Krankheitseinsicht �seines Anvertrauten bem�nteln oder im Fachkauderwelsch</p><p>entsch�rfen. Zwar fordern Verbraucherschutzverb�nde immer wieder strenge Qualit�tskontrollen durch</p><p>unabh�ngige Gutachter. Doch diese Gruppe hat gegen die fest gef�gte Lobby des hermetisch</p><p>abgeschirmten Berufsstandes der Psychotherapeuten wenig Erfolgschancen.</p><p>Insbesondere die Psychoanalyse schottet sich schon lange durch eine rhetorische� Immunisierung�</p><p>gegen alle erdenklichen Anfechtungen ab. Die Theorie wird nach jeder Attacke wie eine Theaterkulisse</p><p>umgebaut, so dass die Kritik immer ins Leere geht. Wenn alle sch�nen Worte nicht fruchten, bekommt so</p><p>ein Miesmacher die Finessen der Deutungskunst zu sp�ren.�Hat die Aversion gegen die Psychoanalyse</p><p>speziell mit den Deutschen und mit ihrer Vergangenheit zu tun? Mit den Schwierigkeiten der</p><p>Erinnerungsarbeit?�attackiert der M�nchener Psychoanalytiker Wolfgang Mertens die Kritik ungebetener</p><p>�Nestbeschmutzer�.<sup>12</sup>�Effizienz in der Psychotherapie � da sind wir schnell wieder bei 1933. Auch die</p><p>KZs waren effizient�, entbl�det sich einer seiner Berufskollegen nicht, in der Zeitschrift� Focus �zu</p><p>eifern.<sup>12</sup></p><p>In einem derart schonenden Klima und mit gro�z�giger Subvention durch die Solidargemeinschaft</p><p>wird das Feld Psychotherapie zum Wachstumsmarkt. Gut 14.000 akademisch geschulte</p><p>Psychotherapeuten bieten derzeit in Deutschland ihre Dienste an, rund 30.000 Psychologiestudenten</p><p>bereiten sich gegenw�rtig auf diesen Service vor.<sup>1</sup> Seit Sigmund Freud mit seiner Psychoanalyse den</p><p>�K�nigsweg zum Unbewussten �fand, sind �ber 600 konkurrierende Seelenkuren aus der Taufe gehoben</p><p>worden, die mit teilweise haneb�chenen Verhei�ungen um die Gunst der angeknacksten Psyche ringen.</p><p>Keine Enzyklop�die h�lt mit dem Tempo stand, in dem abgespaltene Gr�ppchen und sektiererische</p><p>Vereinigungen von Ketzern den Irrgarten erweitern. Wer mit seinen seelischen Problemen um Hilfe sucht,</p><p>findet sich bald in einem Dschungel wieder, gegen den ein orientalischer Bazar geradezu �bersichtlich</p><p>wirkt.</p><p>Bei so vielen M�glichkeiten, die Neurosen und Komplexe im eigenen Seelenkost�m� ausb�geln �zu</p><p>lassen,�reicht die Faustregel, je mystischer der Name, desto schlichter die Methode, nicht mehr aus, um</p><p>die Scharlatane zu erkennen�, r�umt Ruth Kuntz-Brunner von der Redaktion des Pro-Familia-Magazins</p><p>mit der Maxime vieler Oberschlauen auf.<sup>12</sup> Auch ungek�nsteltes Gebaren und Ankl�nge an die exakte</p><p>Naturwissenschaft (�neurolinguistisches Programmieren�) bedeuten kein T�V-Siegel und keine</p><p>Geldr�ckgabegarantie. Das mussten zum Beispiel die Klienten erkennen, die vor ein paar Jahren der</p><p>�provokativen Therapie �des Amerikaners Frank Farelly auf den Leim gingen. Seine Mischung aus</p><p>gesundem Menschenverstand und Patientenbeschimpfung bestand etwa darin, einer Frau in den mittleren</p><p>Jahren folgende� Erkl�rung �f�r ihre Beziehungsst�rungen an den Kopf zu werfen:�Das ist ja auch kein</p><p>Wunder, bei so einer schlampigen, alternden Matrone wie Sie es sind. �Als er seine Rosskur nach einer</p><p>Weile mangels zahlender Masochisten einstellen musste, standen die Patienten ziemlich bel�mmert da.</p><p>Es ist schon erschreckend, wie widerspruchslos sich Patienten therapeutischen Interventionen</p><p>unterwerfen, die einen destruktiven und menschenverachtenden Charakter haben.�Besonders in der</p><p>grauen Psychoszene herrscht ein vordemokratischer, charismatischer Herrschaftstyp, bei dem Menschen</p><p>freiwillig Zumutungen akzeptieren, gegen die sie sich au�erhalb der Therapie erbittert zur Wehr setzen</p><p>w�rden�, konstatieren die beiden Berliner Psychotherapieforscher Eckhard Giese und Dieter Kleiber</p><p>selbstkritisch.</p><p>Erschreckend ist aber teilweise auch die fast kindliche Leichtgl�ubigkeit, mit der das Publikum</p><p>manchmal noch den verschrobensten Habitus in der Psychoszene quittiert. Im Anzeigenteil eines</p><p>popul�ren Psychologiemagazins prangte vor ein paar Jahren eine Annonce, in der f�r ein stolzes Entgelt</p><p>Wochenendseminare zur� Nonverbalen Gespr�chspsychotherapie �angeboten wurden. Das</p><p>offensichtliche Nonsens-Inserat stammte vom Direktor des Psychiatrischen Landeskrankenhauses</p><p>Weinsberg, Professor Fritz Reimer, der die oft salbungsvolle Rhetorik der Psychokurpfuscher blo�stellen</p><p>wollte. Trotz der eingebauten Logik-Bruchstelle meldeten sich 87 angehende Schildb�rger, die sich</p><p>entweder� blind �einschrieben oder um n�here Informationen nachsuchten. Ein Frauensozialdienst mit</p><p>angeschlossener Werkstatt f�r Behinderte forderte ausf�hrliche Unterlagen, inklusive Preisliste, an.</p><p>Die kanadische Psychologin Tana Dineen hat jede Hoffnung aufgegeben, dass die Zunft der</p><p>Psychotherapie jemals von selbst auf eine Korrektur solcher Missst�nde dr�ngen wird.�Hinter der</p><p>menschenfreundlichen Fassade verbirgt sich eine uners�ttliche und selbsts�chtige Industrie, die mit</p><p>&gt;Tatsachen&lt; hausieren geht, die meist unbegr�ndet sind, die eine &gt;Therapie&lt; verabreicht, die viel</p><p>Schaden anrichtet, und die zerst�rerische Wirkungen auf den sozialen Zusammenhalt hat. Das Fundament</p><p>der modernen Psychologie, das kritische Denken, wurde l�ngst aufgegeben und weitgehend durch die</p><p>Gier nach Profit und Macht ersetzt.�<sup>4</sup> Die klassische St�rke der Psychologie bestand in ihrer Tendenz,</p><p>Fragen (zum Beispiel nach den Ursachen von Neurosen) zu stellen. Doch die Psychotherapie hat l�ngst</p><p>kapiert, dass Fragen sich nicht lohnen � Antworten lohnen sich. Und da man die richtigen Antworten</p><p>nicht besitzt, speist man die fragenden Menschen eben mit abgedroschenen Klischees und Mythen ab. Die</p><p>bescheidene Neugier von einst hat arroganter Sicherheit Platz gemacht.</p><p>�Ich behaupte�, verk�ndet Dineen,�dass die Psychologie-Industrie den Menschen hei�e Luft</p><p>verkauft, dass die psychotherapeutischen Dienstleistungen in vielerlei Beziehung Schwindel sind, und</p><p>dass die Psychotherapie das moderne Gegenst�ck zum Schlangen�l (ein beliebtes Wundermittel fr�her</p><p>amerikanischer Quacksalber) ist. �Weil immer mehr Psycho-Experten vom Vertrieb der hei�en Luft</p><p>profitieren wollen, muss die Industrie ihre Absatzm�rkte und Kundenkreise erweitern. Dieses Ziel l�sst</p><p>sich nur durch eine k�nstliche Pathologisierung des Alltags erreichen. Banale Schw�chezust�nde werden</p><p>zum� chronischen M�digkeitssymptom �aufgepeppt, schmerzhafte Erinnerungen lassen unter dem</p><p>Namen� posttraumatische Belastungsst�rung �einen erh�hten Grad an Dramatik ahnen. Am Ende kann</p><p>sich jeder mit der geringsten Beeintr�chtigung seines Wohlbefindens in das wachsende Heer der Opfer</p><p>einreihen, mit Anspruch auf eine sozialstaatlich finanzierte Seelenkur.</p><p>Eine kritische Betrachtung dessen, was die Psychotherapie tats�chlich zu leisten vermag, sei l�ngst</p><p>�berf�llig, fordert der Sozialpsychologe Martin Seligman mit einer ordentlichen Portion Pessimismus.<sup>1</sup></p><p>�Der Mensch ist so konstruiert, dass Ver�nderungen h�ufig unm�glich sind. Wir wissen inzwischen, dass</p><p>unsere Pers�nlichkeit � unsere Intelligenz, unser musikalisches Talent, sogar unsere Religiosit�t, unser</p><p>Gewissen (oder seine Abwesenheit), unsere politische �berzeugung und unser Temperament � sehr viel</p><p>mehr Produkt unserer Gene sind, als wir noch vor einem Jahrzehnt geglaubt h�tten.�</p><p>Von einer derart fatalistisch anmutenden Bescheidenheit wollen die Seelenheiler bislang nichts wissen.</p><p>Schon Freud, Pionier und Prophet der kommenden Therapiegesellschaft, hatte sich lebenslang standhaft</p><p>geweigert, die biologischen Grenzen seiner psychoanalytischen H�henfl�ge auszutesten. Dabei hatte</p><p>ausgerechnet Freud im Vorwort zu seiner Literaturstudie� Gradiva �in Bezug auf die Biologie erhebliche</p><p>Weitsicht bewiesen:�Mann kann die Natur auch mit der Heugabel austreiben, sie kehrt stets zur�ck.�</p></section><section><title><p><strong>�Nach einer Psychotherapie geht es seelisch Kranken besser als ohne eine Behandlung�</strong></p></title><p>Es gibt einen zentralen Glauben, in dem sich alle konkurrierenden und auch noch so verfeindeten</p><p>Schulen der Psychoszene einig sind: Psychotherapie ist besser als keine Psychotherapie. Wenn sich ein</p><p>psychisch Kranker in die Obhut eines Seelenklempners begibt, geht es ihm nach einer Weile auf alle F�lle</p><p>besser, als wenn er nur Tee getrunken oder D�umchen gedreht h�tte. Wie so viele psychologische Mythen</p><p>besitzt auch diese Vorstellung auf den ersten Blick eine zwingende �berzeugungskraft.</p><p>Um die objektive Wirksamkeit von Psychotherapie zu ermessen, muss man sich zun�chst unbedingt</p><p>genau vor Augen f�hren, was man eigentlich als exakten� Beweis �f�r einen therapeutischen Effekt</p><p>gelten l�sst. Es gibt vermutlich viele gebildete Zeitgenossen, die quasi aus der Ferne mit der einen oder</p><p>anderen psychotherapeutischen Schule sympathisieren, und die allein wegen der Plausibilit�t des</p><p>jeweiligen Gedankengeb�udes auf die Wirksamkeit der betreffenden Therapie vertrauen. Empirische</p><p>Psychotherapieforscher holen am Ende einer Behandlung bei verschiedenen Quellen Informationen �ber</p><p>die erzielten Ver�nderungen ein: Bei den Therapeuten, beim Klienten selbst und bei seinen Freunden und</p><p>Verwandten.�Die Therapeuten nehmen bei allen Untersuchungen durchg�ngig die intensivsten</p><p>Verbesserungen wahr�, berichtete Tana Dineen.�Etwas weniger rosig ist die Einsch�tzung der</p><p>Behandelten, w�hrend Freunde und Verwandte die Ver�nderungen meist ziemlich distanziert und</p><p>unbeeindruckt sehen.�</p><p>Das, was die Patienten selbst �ber ihre� Heilung �zum Besten geben, besitzt in den meisten F�llen</p><p>wenig Aussagekraft, hebt die Psychologin Anna Auckenthaler von der Universit�t Innsbruck hervor.<sup>13</sup></p><p>�Da erz�hlen Psychotherapie-Erfahrene im nichts sagenden Psycho-Jargon, dass sie durch die</p><p>Psychotherapie &gt;ein St�ck weitergekommen&lt; seien, dass ihnen die Psychotherapie &gt;gut getan&lt; habe,</p><p>vielleicht auch, dass das Ganze zwar &gt;nicht viel gebracht&lt; habe, aber immerhin eine wichtige Erfahrung&lt;</p><p>gewesen sei. �Mit solchen schwammigen �u�erungen dr�cken sich die Betroffenen vor einer eindeutigen</p><p>Abrechnung, moniert der Wissenschaftspublizist Dieter E. Zimmer:�Ganz selten trifft man auf einen, der</p><p>klipp und klar sagt: Ich hatte dieses oder jenes Symptom, erst der Psychoanalytiker hat mich davon</p><p>befreit. Die gro�e Mehrheit meint, &gt;irgendwie&lt; h�tten sie von der Erfahrung vielf�ltig profitiert � sie</p><p>h�tte ihnen &gt;eine Menge gebracht&lt;; was sich konkret ge�ndert hat, das allerdings k�nnen sie meist nicht</p><p>angeben. �Nicht nur, weil es schwer ertr�glich ist, sich diese Sprache l�nger anzuh�ren, verzichtet der</p><p>Skeptiker auf weiteres Nachfragen. Die Betroffenen vermitteln meist auch, dass sie da etwas erlebt</p><p>h�tten, was ganz allein ihnen geh�rt, und was sie nicht weiter� zerreden �wollen.</p><p>Auf keinen Fall d�rfen solche diffusen Selbstbekundungen als objektiver Beweis f�r die Wirksamkeit</p><p>von Psychotherapie herangezogen werden. Insbesondere die staatlichen Instanzen, die</p><p>Therapiebed�rftigen �ffentliche Mittel bereitstellen und dar�ber entscheiden, welche Verfahren von den</p><p>�Futtertr�gen �der Solidargemeinschaft zehren d�rfen, ben�tigen eine bessere Datenbasis. Denn zum</p><p>einen besitzen die Selbstaussagen der� Ehemaligen �nur einen anekdotischen Charakter: Um auch nur</p><p>eine halbwegs legitime Einsch�tzung des therapeutischen Effektes zu erhalten, m�ssten diese</p><p>Schilderungen gegen die Zahl der F�lle abgewogen werden, in denen die gleiche Therapie versagte oder</p><p>der Patient sogar eine Wende zum Schlechteren erfuhr. Die Aussage eines einzelnen� zufriedenen�</p><p>Klienten ist aber nicht einmal ein Beweis daf�r, dass die Therapie dem Betreffenden wirklich geholfen</p><p>hat, geben Watters und Ofshe zu bedenken:�Sie sagt n�mlich nichts dar�ber aus, wie sich der</p><p>Betreffende nach dem gleichen Zeitraum ohne eine Therapie gef�hlt haben w�rde.�</p><p>Die subjektive Wahrnehmung, dass die Behandlung der Ausl�ser f�r die Besserung war, muss deshalb</p><p>keineswegs der Realit�t entsprechen. Daran �ndert auch die Befragung einer gr��eren Zahl von</p><p>behandelten Patienten nichts. Bis zum Jahr 1952 f�hlten sich alle Psychotherapeuten � besonders jene der</p><p>psychoanalytischen Schule � in der Gewissheit wohl, dass es rund zwei Drittel ihrer Patienten am Ende</p><p>einer� Redekur �besser ging als vor dieser Intervention. Die Selbstzufriedenheit wurde indes damals j�h</p><p>ersch�ttert, als der Londoner Psychologe Hans J�rgen Eysenck mit einer ketzerischen Beobachtung</p><p>aufwartete: Auch unbehandelte Seelenkranke k�men mit der gleichen H�ufigkeit allein durch</p><p>�Spontanheilungen �wieder auf den Damm.<sup>14</sup> Bei seinen statistischen Auswertungen war der H�retiker zu</p><p>der Erkenntnis gelangt, dass sich 66 Prozent aller� Psychoneurosen�(ein veralteter Oberbegriff f�r</p><p>seelische St�rungen) binnen zwei Jahren von ganz allein in Wohlgefallen aufl�sten. In einem Zeitraum</p><p>von f�nf Jahren w�ren dann sogar 90 Prozent der unbehandelten Neurotiker wieder seelisch gesund.</p><p>Diese Neigung zur Spontanremission r�ckte nicht nur die befreiende Tatsache ins Rampenlicht, dass</p><p>die menschliche Psyche �ber eine au�erordentlich tief greifende F�higkeit zur Selbstheilung verf�gt.</p><p>Unsere Seele ist offensichtlich mit einem schlagkr�ftigen psychologischen Immunsystem ausgestattet, das</p><p>in unseren K�pfen arbeitet und Neurosen entgegenwirkt, �hnlich dem k�rperlichen Immunsystem, das</p><p>gegen Krankheitserreger zu Felde zieht. Das unerwartet gro�e Potenzial der Selbstheilung hat aber auch</p><p>zur Folge, dass man oft der Therapie etwas gutschreibt, was in Wirklichkeit auch ohne sie eingetreten sei.</p><p>�Wer bei den ersten Anzeichen einer Erk�ltung einen Psychotherapeuten aufsuchte und sich vierzehn</p><p>Tage dessen Exerzitien unterw�rfe, k�nnte den Eindruck davontragen, dass ihm die Psychotherapie den</p><p>Schnupfen ausgetrieben habe�, erl�utert Zimmer.</p><p>Das wundersame Verschwinden unbehandelter Neurosen ist aber nicht nur ein Produkt der</p><p>Selbstheilungskr�fte, r�umt der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes ein<sup>10</sup>. Dahinter steckt zum Teil</p><p>auch ein elementares statistisches Ph�nomen, das die Wissenschaftler� Regression zur Mitte �nennen. Es</p><p>besagt schlicht und einfach, dass extreme und daher unwahrscheinliche Zust�nde die Tendenz haben, mit</p><p>der Zeit abzuflauen und sich in gem��igte und eher allt�gliche zu verwandeln. Querschnittsgel�hmte zum</p><p>Beispiel gewinnen nach einer gewissen Zeit ein durchschnittliches Wohlbefinden zur�ck.�Weil die</p><p>meisten Menschen eine Therapie beginnen, wenn sie sehr ungl�cklich sind, werden sie sp�ter auf jeden</p><p>Fall weniger ungl�cklich sein � unabh�ngig von jedem Effekt der Therapie. Der &gt;Regressionseffekt&lt;</p><p>kann daher den irref�hrenden Eindruck erzeugen, dass die Therapie das Ungl�ck beseitigt hat. �Die</p><p>�Regression zur Mitte �k�nnte im Zweifelsfall sogar verschleiern, dass eine Therapie Schaden</p><p>angerichtet hat.</p><p>Andere Psychologen, die der Psychotherapie freundlicher gegen�berstanden, fanden diese</p><p>Sch�tzungen �bertrieben. Spontane Heilungen, so ihr Hauptargument, seien de facto seltener, als man</p><p>fr�her dachte. Dem Anteil an Besserungen soll demnach eine fast gleich gro�e Rate von spontanen</p><p>Verschlechterungen gegen�berstehen. Aber auch der Psychologe Allen Bergin, der 1971 die</p><p>Fehlerhaftigkeit von Eysencks Berechnungen nachweisen wollte, kam immerhin noch auf eine</p><p>Spontanremissionsquote von 30 Prozent.<sup>8</sup>�Es gen�gt die Feststellung, dass ein bis zwei Drittel aller</p><p>Neurotiker auch ganz ohne Psychotherapie wieder gesunden�, m�chte Dieter E. Zimmer diese</p><p>Kontroverse diplomatisch schlichten. Der Streit um die Tragweite der Spontanheilung ist jedoch bis heute</p><p>nicht beigelegt, und es existieren einige f�r die Psychotherapie extrem unschmeichelhafte Daten, welche</p><p>die orthodoxe Kritik des verstorbenen Londoner Zweiflers Eysenck untermauern.</p><p>Noch aufschlussreicher als Einzelstudien sind die Ergebnisse von umfassenden Literaturstudien, deren</p><p>Autoren eine Gesamtdarstellung des Forschungsstandes vornehmen. Insbesondere die �bersichtsarbeiten</p><p>zur Suchttherapie belegen eindrucksvoll, dass die Wirkung der Psychotherapie nie den Effekt der</p><p>Spontanremission �bersteigt. Von den Patienten, die sich einer Raucherentzugstherapie unterziehen, sind</p><p>zum Beispiel nur 15 bis 20 Prozent nach einem Zeitraum von 12 Monaten� clean�, res�miert eine</p><p>Forschergruppe um den amerikanischen Psychologen Michael P. Carey.<sup>15</sup> Aber 95 Prozent aller</p><p>erfolgreichen Abstinenzler haben den Ausstieg auf eigene Faust und ohne das Zutun eines Therapeuten</p><p>geschafft. Deprimierende Quintessenz: Nicht einmal gegen ein so banales Psycholeiden wie die</p><p>Nikotinabh�ngigkeit hat die Psychotherapie auch nur eine einzige wirksame Intervention parat.</p><p>Aber auch bei der� gro�en �Sucht � der nach Heroin � sehen die Zahlen �hnlich d�ster aus. Nach den</p><p>vorliegenden Daten wird ein gutes Drittel aller behandelten Fixer mit dauerhaftem Erfolg von seiner</p><p>Sucht befreit. Die Zahlen zeigen zugleich aber auch unmissverst�ndlich, dass der Ausstieg aus der Sucht</p><p>genauso vielen Heroins�chtigen ohne Fremdhilfe durch einen Therapeuten gelingt. Wie der Schweizer</p><p>Drogenforscher Harald Klingemann betont, hatten viele der von ihm befragten Selbstheiler die</p><p>Behandlung als irrelevant oder sogar als hinderlich f�r ihre Problembew�ltigung erlebt.<sup>16</sup></p><p>Dennoch bestehen die Lobbyisten und Bef�rworter der Psychotherapie in der �ffentlichen Diskussion</p><p>heute selbstbewusst darauf, dass die �berlegenheit einer professionellen Behandlung gegen�ber deren</p><p>Nichtinanspruchnahme (also dem reinen Verstreichen von Zeit) zweifelsfrei abgesichert sei. Sie st�tzen</p><p>sich dabei ausschlie�lich auf eine gr��ere Zahl von Studien, in denen ein Teil der therapiesuchenden</p><p>Klienten in eine Behandlung aufgenommen wurde, w�hrend sich die �brigen mit dem Eintrag in eine</p><p>Warteliste abfinden mussten. Nach Abschluss der Therapie wurde dann die psychische Verfassung der</p><p>beiden Gruppen ausgeleuchtet.</p><p>Es ist zwar zutreffend, dass die behandelten Klienten bei den meisten � wenn auch nicht bei allen �</p><p>Vergleichen (etwas) besser abschneiden. Das ist �brigens auch die einzige empirische Basis, mit der die</p><p>Psychotherapie heute ihren Anspruch auf Heilwirkung belegen kann. Aber die Gegen�berstellung einer</p><p>behandelten Gruppe und einer Wartelistegruppe entspricht �berhaupt nicht den modernen methodischen</p><p>Anforderungen, und sie l�sst �berhaupt keinen R�ckschluss auf die therapeutische Wirksamkeit einer</p><p>Behandlung zu, kritisiert der renommierte New Yorker Psychiater Donald F. Klein, einer der</p><p>bedeutendsten Pioniere der modernen Psychopharmakologie.<sup>17</sup>�Die Klienten, deren Wunsch nach</p><p>Therapie erf�llt wird, entwickeln vermutlich eine sehr starke Erwartung, geheilt zu werden, w�hrend die</p><p>Klienten auf der Warteliste ihre Erwartungen zur�ckschrauben und vielleicht sogar demoralisiert werden,</p><p>weil ihre Hoffnungen nicht aufgegangen sind.�</p><p>Auch eine Forschergruppe um den Psychologen Leslie Prioleau von der Wesleyan University in</p><p>Middletown verurteilt das Testverfahren, von dem die gesamte Reputation der modernen Psychotherapie</p><p>im Wesentlichen abh�ngt, in Bausch und Bogen.<sup>18</sup>�Individuen, die sich nach einer Therapie sehnen und</p><p>dann in eine Warteliste eingetragen werden, erleben eine Entt�uschung. Es besteht sogar die Gefahr, dass</p><p>diese Ablehnung sch�dliche Effekte hervorruft. Die Mitteilung, dass sie sich mit dem Eintrag in eine</p><p>Warteliste abfinden m�ssen, sagt ihnen n�mlich im Grunde, dass sie sich keine Hoffnung auf Besserung</p><p>machen d�rfen, weil man ihnen keine Behandlung angedeihen l�sst.�</p><p>Es gibt tats�chlich eindrucksvolle Beweise daf�r, dass allein der symbolische Akt, in eine</p><p>Psychotherapie aufgenommen zu werden, viele Beschwerden abklingen l�sst, betont der amerikanische</p><p>Sozialpsychologe C. R. Snyder.<sup>19</sup>�Die Forschungsarbeiten zeigen mit �berw�ltigender Deutlichkeit, dass</p><p>ein erheblicher Anteil der Verbesserungen in den ersten Wochen nach Beginn einer Therapie eintritt.</p><p>Solche dramatischen Wirkungen ganz fr�h in einer Behandlung k�nnen unm�glich auf spezifische</p><p>therapeutische Ma�nahmen zur�ckzuf�hren sein. Zu diesem Zeitpunkt k�nnen die Klienten die aktiven</p><p>Mechanismen einer Therapie noch gar nicht �bernommen haben. �Schlussfolgerung Snyders: Die</p><p>Aufnahme in eine Therapie st��t bei den Klienten das au�erordentlich wirksame Prinzip Hoffnung an.</p><p>Jeder kennt den Effekt, dass Kopf- oder Zahnschmerzen schon in dem Augenblick etwas besser werden,</p><p>in dem man eine Schmerztablette einnimmt � lange bevor der pharmakologische Effekt einsetzt.</p><p>Die meisten Ver�ffentlichungen zur Psychotherapie, moniert Snyder, glorifizieren den Beitrag, den der</p><p>Therapeut zur Heilung leistet. Die Eigenbeteiligung des Klienten und das Prinzip Hoffnung werden</p><p>dagegen ver�chtlich unter den Teppich gekehrt. Der Beweis, dass Psychotherapie besser ist als keine</p><p>Psychotherapie, fehlt deshalb nach Ansicht des Psychiaters Klein immer noch schmerzhaft. Nach den</p><p>G�tekriterien, die man der (bei Psychotherapeuten oft verhassten) Pharmaindustrie schon lange auferlegt</p><p>hat, m�sste eigentlich jede Form der Psychotherapie� doppelblind �gegen eine Scheinbehandlung</p><p>(Placebo) ins Rennen geschickt werden. Das ersparte der einen H�lfte der Klienten die demoralisierende</p><p>Erfahrung, dass ihnen die erl�sende Behandlung vorenthalten wird. Und das erlaubte, die� Spreu �der</p><p>Hoffnung vom� Weizen �des therapeutischen Effektes zu trennen. Es ist im Grunde ungeheuerlich, dass</p><p>die Psychotherapie sich bis heute wortgewandt vor dieser ultimativen Qualit�tskontrolle dr�ckt, w�hrend</p><p>sie der Pharmaindustrie immer wieder deren angebliche moralische und methodische Schw�chen unter</p><p>die Nase reibt.</p></section><section><title><p><strong>�Manche Formen der Psychotherapie sind bei gewissen St�rungen wirksamer als andere�</strong></p></title><p>Wenn philippinische Wunderheiler beim Kampf gegen Krebs den gleichen Erfolg h�tten wie</p><p>Onkologen, w�re die moderne Onkologie am Ende. Wenn Aspirin Tumorschmerzen genauso</p><p>wirkungsvoll linderte wie Morphium, g�be es keinen Grund mehr, Opiate anzuwenden. Die</p><p>entscheidende wissenschaftliche Rechtfertigung f�r die Anwendung eines therapeutischen Verfahrens</p><p>liegt also immer darin, dass es den verf�gbaren Alternativen �berlegen ist. Was die vergleichende</p><p>Bewertung der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen angeht, f�llt das Urteil auf dem h�chsten</p><p>Stand des Wissens jedoch �u�erst besch�mend aus: Behandlungsmethoden, die aus der Sicht</p><p>konkurrierender Schulen nur als� Scharlatanerie �gelten k�nnen, erzielen bei identischen St�rungen den</p><p>gleichen Heileffekt. Und der ist, wenn �berhaupt, h�chstens eine Haaresbreite vom Placebo-Effekt</p><p>entfernt.</p><p>Mehrere der Psychotherapie freundlich gesinnte Analysen der letzten Jahre kamen immer wieder zu</p><p>einem einhelligen Res�mee: Psychotherapie sei tats�chlich wirksamer als keine Behandlung. Es stimmte</p><p>allerdings schon immer misstrauisch, dass keine Unterschiede zwischen den einzelnen Methoden zu</p><p>verzeichnen waren, obwohl diese doch krass gegens�tzliche Grundannahmen �ber die Entstehung und</p><p>Behandlung von seelischen St�rungen vertreten. Durch diese globale� Absolution �blieben der Branche</p><p>h�ssliche Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen erspart. Auf dem� Trittbrett �des</p><p>Gleichheitsverdiktes machten es sich auch obskure therapeutische Bewegungen gem�tlich, die sich erst</p><p>gar keiner wissenschaftlichen G�tekontrolle unterworfen hatten.</p><p>Eine Forschergruppe um den amerikanischen Psychologen Lester Luborsky hat das Gleichheitsverdikt</p><p>im Jahr 1975 zynisch durch ein Zitat des Vogels� Dodo �aus� Alice in Wonderland �verewigt:�Jeder hat</p><p>gewonnen, und alle m�ssen den Preis bekommen.�<sup>20</sup> Bei ihrer �bersicht �ber die vorliegenden</p><p>Vergleichsstudien waren die Autoren zu dem Schluss gelangt, dass kein einziges der getesteten Verfahren</p><p>seinen Alternativen in irgendeinem Punkt �berlegen war.�Seit dieser Zeit kamen fast alle umfassenden</p><p>Literatur�bersichten immer wieder zu dem identischen Ergebnis�, rekapituliert eine Forschergruppe um</p><p>die US-Psychologin Karen Tallman.<sup>21</sup> Auch die sehr zuverl�ssigen� Metaanalysen�, bei denen die Daten</p><p>aus allen fr�heren Studien� in einen Topf geworfen �und wie eine einzige gro�e Superstudie ausgewertet</p><p>wurden, best�tigten das Motto� alle sind gleich�. Die Dauer der Behandlung und die Berufserfahrung des</p><p>betreffenden Therapeuten hatten ebenfalls keinen oder h�chstens einen vernachl�ssigbar schwachen</p><p>Effekt.�Unterschiede darin, wie eine Psychotherapie ausgef�hrt wird, allein oder in Gruppen, von einem</p><p>Anf�nger oder einem erfahrenen Therapeuten, als Langzeitbehandlung oder f�r eine kurze Zeitspanne,</p><p>haben wenig Einfluss darauf, wie erfolgreich sie ist�, folgert der amerikanische Psychologe Al Siebert aus</p><p>den vorliegenden Metaanalysen.<sup>22</sup></p><p>Obwohl das Dodo-Verdikt durch viele hundert Studien eindeutig gest�tzt und bei der �berw�ltigenden</p><p>Mehrheit aller neuen Literatur�bersichten und Metaanalysen immer wieder best�tigt wird, weigern sich</p><p>die Psychotherapeuten starrsinnig, sich dieser Tatsachen zu stellen, wundert sich das Team um die</p><p>Psychologin Tallman. Stattdessen versuchen sie unentwegt, die unliebsame� Gleichmacherei �durch</p><p>Ausfl�chte und Rationalisierungen im Fachkauderwelsch sch�nzureden.</p><p>Die� Pattsituation �wird auch nicht durch das �beraus einflussreiche, 900 Seiten dicke Gutachten</p><p>korrigiert, mit dem der Berner Psychologie-Professor Klaus Grawe 1994 f�r Schlagzeilen im deutschen</p><p>Sprachraum sorgte.<sup>23</sup> Fazit der Expertise, die auf einer Metaanalyse von �ber 897 empirischen</p><p>Einzelstudien basierte: Der Trip zum Psychodoktor heilt nicht alles und jedermann, manche</p><p>Schulrichtungen sind vom Effekt her� gleicher �als andere, und eine Erh�hung der therapeutischen Dosis</p><p>schm�lert h�ufig deren Segen. Grawe will bei seiner Analyse endlich Beweise gefunden haben, dass</p><p>manche Therapien ihren Konkurrenten �berlegen sind. Verhaltenstherapien schnitten zum Beispiel</p><p>besonders gut bei der Behandlung von �ngsten ab, w�hrend die freudsche Psychoanalyse bei der</p><p>Therapie von� psychosomatischen �St�rungen nicht den geringsten Nutzen bringt. Dass manche</p><p>Therapieformen wie die jungsche Analyse oder die Bioenergetik bei Grawe so schlecht abschneiden, liegt</p><p>aber gar nicht daran, dass sie bei einer Pr�fung durchgefallen w�ren: Die Au�enseitertherapien sind</p><p>einfach nie oder nie hinreichend getestet worden.</p><p>Doch der amerikanische Psychologie-Professor Bruce E. Wampold von der University of Wisconsin in</p><p>Madison ist sich absolut sicher, dass die empirischen Daten gegenw�rtig nicht den geringsten Anlass</p><p>geben, das f�r die Psychotherapie so peinliche Dodo-Verdikt umzusto�en.<sup>6</sup> Diese Ansicht teilt auch sein</p><p>Kollege Professor Ted R. Asay von der Brigham-Young-Universit�t:�Fast alle �bersichten gelangen zu</p><p>dem Schluss, dass sich die verschiedenen Formen der Psychotherapie in ihrer Wirksamkeit nicht</p><p>unterscheiden.�<sup>24</sup></p><p>Wampold hat die� Ausrei�er�, also die �bersichten, die bestimmten Verfahren eine</p><p>�berdurchschnittliche Wirksamkeit zubilligen, unter die Lupe genommen und ein verr�terisches</p><p>Ph�nomen entdeckt: Sie stammen samt und sonders von Autoren, die Vertreter der vorgeblich</p><p>��berlegenen �Therapieform sind. Wenn man derart ideologisch� befangene �Darstellungen au�er Acht</p><p>l�sst, kommt man rasch wieder auf die Gleichheit der konkurrierenden Schulen zur�ck. Die Hoffnung auf</p><p>�differenzielle Wirksamkeit�, die Klaus Grawe in Deutschland mit seinem W�lzer gesch�rt hat, war</p><p>offensichtlich fehlgeleitet.</p><p>Zu diesem unliebsamen Schluss gelangt Wampold auch nach seiner eigenen Metaanalyse, dem</p><p>ausgekl�geltsten statistischen Therapievergleich, der je durchgef�hrt wurde. Fr�here Metaanalysen waren</p><p>n�mlich durch gewisse Schw�chen angreifbar. Zum Beispiel hatten die Klienten ihren Heiler selbst</p><p>gew�hlt. Durch diese� Selbstselektion �entstand die Gefahr, dass die unterschiedlichen Verfahren</p><p>unterschiedliche Sorten Menschen (und St�rungen) anzogen. Man kann Psychoanalyse nicht mit</p><p>Verhaltenstherapie vergleichen, wenn beide Therapien einen v�llig unterschiedlichen Schlag Klienten</p><p>anziehen.</p><p>Um solche Mankos zu bereinigen, hat Wampold nur die in der Literatur auffindbaren</p><p>�randomisierten �Studien in die Analyse aufgenommen. Bei dieser Methode werden Klienten mit</p><p>identischem Krankheitsbild nach einem Zufallsverfahren unterschiedlichen Psychotherapien zugeteilt.</p><p>Das ist die einzige Methode, die dem modernen wissenschaftlichen Standard entspricht, den wir bei der</p><p>Medizin f�r selbstverst�ndlich halten. 114 Publikationen wurden diesem G�tekriterium gerecht.</p><p>Das Ergebnis des bisher aufwendigsten� Warentestes �in der Psychotherapie war �u�erst</p><p>aufschlussreich: Alle gepr�ften Heilverfahren brachten bei allen behandelten Seelenst�rungen den</p><p>gleichen Nutzeffekt. Therapien, in denen Patienten Verhaltensweisen� verlernen�, kurierten �ngste,</p><p>Depressionen oder N�gelkauen mit der gleichen Schlagkraft wie jene, die� unbewusste Konflikte �oder</p><p>gedankliche (kognitive) Prozesse attackieren. Weitere Peinlichkeit: Die Dauer der jeweiligen Behandlung</p><p>hatte nicht den geringsten Einfluss auf die Heilung und das Krankheitsbild.�Die Ergebnisse entsprechen</p><p>vollkommen dem Dodo-Zitat�, folgert Wampold aus seinen Daten, die den h�chsten und aktuellsten</p><p>Forschungsstand repr�sentieren.</p><p>Die meisten Experten sind sich einig, dass die Psychotherapie langfristig nur Bestand haben kann,</p><p>wenn sie ein breit gef�chertes Arsenal von gepr�ften Methoden bereith�lt, die auf genau definierte</p><p>Symptome zugeschnitten sind. Das w�rde hei�en, dass es bei jeder seelischen St�rung� Indikationen�</p><p>und� Kontraindikationen �gibt. Nach den neuen Befunden ist es nun wieder sehr zweifelhaft, ob die</p><p>Zunft diesen Anspruch je erf�llen wird. Es ist nach Ansicht der Autoren auch sehr verd�chtig, dass die</p><p>St�rke des Heileffektes in den meisten Studien, wenn �berhaupt, nur geringf�gig �ber dem Wert lag, der</p><p>in der Regel auch von Scheinmedikamenten (Placebos) erzielt wird. Vermutlich kommt es gar nicht</p><p>darauf an, welche Behandlung jemandem zuteil wird; wichtig ist nur, dass die Hoffnung auf Therapie als</p><p>solche in Erf�llung geht.</p></section><section><title><p><strong>�Psychotherapie heilt nachhaltiger als eine Scheinbehandlung (Placebo) ohne wirksame</strong></p><p><strong>Komponente�</strong></p></title><p>Es ist heute f�r jeden gebildeten Laien selbstverst�ndlich, dass ein Medikament, ein Impfstoff oder</p><p>eine Operationsmethode nur dann eine Daseinsberechtigung besitzt, wenn die betreffende Behandlung die</p><p>Krankheit wirkungsvoller und nachhaltiger bek�mpft als eine wirkstofflose Zuckerpille (Placebo).</p><p>Schlie�lich gibt es eine �berw�ltigende Zahl von Versuchsergebnissen und Beobachtungen, die ganz klar</p><p>aufzeigen, dass Beschwerden und Symptome schon allein dadurch zur�ckgehen, dass der Patient an den</p><p>Erfolg einer eingeleiteten Therapie glaubt � selbst wenn diese keine nachweisbare Wirkkomponente</p><p>enth�lt. Die� Droge Arzt �gibt dem Kranken die Hoffnung, dass etwas gegen sein Leiden getan werden</p><p>kann.</p><p>Da bei allen Formen der Heilbehandlung Placebo-Effekte im Spiel sein k�nnen, erhalten neue</p><p>Medikamente schon seit vielen Jahren nur noch dann eine Zulassung, wenn sie in so genannten</p><p>�kontrollierten �Studien ihre �berlegenheit gegen�ber einem Scheinmedikament bewiesen haben. Die</p><p>�rzte geben einem zuf�llig ausgew�hlten (�randomisierten�) Teil der Probanden eine Tablette ohne</p><p>Wirkstoff, die aussieht wie die echte Arznei (das� Verum�). Vor der Therapie m�ssen die Behandelten ihr</p><p>Einverst�ndnis geben, dass sie bereit sind, im Zweifelsfall eine� unechte �Medizin zu schlucken. Weder</p><p>sie noch die behandelten �rzte haben eine Ahnung, wer das Verum und wer die Scheinmedizin erh�lt; die</p><p>Untersuchung ist also� doppelblind�. Ein neuer Arzneistoff muss in der Studie deutlich besser</p><p>abschneiden als die Placebo-Pillen, um als wirksam zu gelten und in die Apotheken zu gelangen. Erst die</p><p>�berlegenheit gegen�ber der Zuckerpille liefert den wissenschaftlichen Beweis, dass die Heilwirkung auf</p><p>der Pharmakologie der Droge beruht, und nicht auf dem Prinzip Hoffnung.</p><p>�Wenn die Zulassungsbeh�rden die gleichen strikten Kriterien an die Wirksamkeit einer</p><p>Psychotherapie anlegen w�rden, m�ssten alle existierenden Verfahren vom Markt gezogen werden�,</p><p>charakterisiert der Psychologe Al Siebert die Situation in der Psychoszene. Psychotherapeuten haben es</p><p>jedoch bis heute aus v�llig undurchsichtigen Gr�nden geschafft, sich um die Pflicht zur Erbringung eines</p><p>kontrollierten Wirksamkeitsnachweises zu dr�cken. Psychoanalytiker argumentieren hocht�nend, dass</p><p>ihre Therapie nur deshalb heilt, weil sie das Unbewusste ans Licht des Bewusstseins holt.</p><p>Verhaltenstherapeuten haben nicht den geringsten Zweifel, dass es dem Patienten in der</p><p>Verhaltenstherapie besser geht, weil er dort die Konditionierungen seiner bisherigen Lerngeschichte</p><p>�verlernt�. Aber kein Therapeut muss diesen Anspruch im� Wettrennen �gegen ein Placebo untermauern.</p><p>Als der renommierte Dresdener Psychologie-Professor J�rgen Margraf vor ein paar Jahren in einer</p><p>gro� angelegten Studie die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Ma�nahmen gegen �ngste und</p><p>Panikattacken testen wollte, weigerten sich die beteiligten Therapeuten standhaft, eine Placebo-</p><p>Kontrollgruppe mit einzubeziehen.<sup>25</sup> Es sei ethisch nicht vertretbar, schwer leidende Patienten mit einer</p><p>Scheintherapie abzuspeisen. Offenbar ist es aber ethisch unbedenklich, schwer leidende Patienten mit</p><p>un�berpr�ften Ma�nahmen abzuspeisen.</p><p>Es gibt in der Psychotherapeutenszene viele rhetorische und den Laien verwirrende Abhandlungen</p><p>dar�ber, warum doppelblinde Kontrollen undurchf�hrbar seien. So wird oft argumentiert, dass eine</p><p>Psychotherapie ja niemals im wahren Sinne� doppelblind �sein k�nne, weil zumindest der Therapeut</p><p>selbst immer genau wisse, ob er eine� richtige �Therapie oder eine� Attrappenversion �durchf�hrt. Doch</p><p>man l�sst sich nicht einmal dazu herab, wenigstens halb blinde Kontrollen einzubauen (der Klient erh�lt</p><p>ein Placebo, aber der Heiler wei� Bescheid). Dabei w�re es doch das Einfachste, einem zuf�llig</p><p>ausgew�hlten Teil der Klienten unter dem Vorwand, es handele sich um eine hochwirksame</p><p>Psychomedizin, eine wirkstofflose Zuckerpille zu verabreichen, so wie in der Allgemeinmedizin �blich,</p><p>empfiehlt der Psychiatrie-Professor Donald F. Klein. Falls das psychotherapeutische Verfahren �berlegen</p><p>w�re, h�tte es den schlagenden Beweis f�r seine spezifische Wirksamkeit erbracht.�Es gibt �berhaupt</p><p>keinen nachvollziehbaren Grund�, wundert sich der Psychiatrie-Professor,�warum die Psychotherapie</p><p>von diesem Qualit�tsstandard befreit sein soll.�</p><p>Tatsache ist jedoch, dass einige kritische und findige Wissenschaftler in den letzten Jahrzehnten trotz</p><p>aller Unkenrufe bei verschiedenen Gelegenheiten die Wirksamkeit der Psychotherapie und die einer</p><p>Scheinbehandlung verglichen haben. Ihre Ergebnisse entziehen der gesellschaftlichen Institution</p><p>Psychotherapie den Boden.�Zahlreiche Wissenschaftler vertreten heute die Auffassung, dass die</p><p>unspezifischen Effekte der Psychotherapie die spezifisch wirksamen bei weitem �bertreffen�, erkl�rt das</p><p>Forscherehepaar Arthur K. und Elaine Shapiro in der aktuellen Standardmonographie �ber die Placebo-</p><p>Forschung.<sup>26</sup>�Bei mehr als 600 Studien zur Wirksamkeit der Psychotherapie und etwa 230 Studien zur</p><p>Wirksamkeit der Psychotherapie bei Kindern, einige davon kontrolliert, bleibt nur eine Folgerung �brig:</p><p>Die Psychotherapie ist das gr��te Placebo des Jahrhunderts. �Der Psychologe Terence W. Campbell zieht</p><p>aus der Forschungsliteratur den gleichen radikalen Schluss:�Wegen des Placebo-Effektes genie�t die</p><p>Psychotherapie den Anschein, wirksam zu sein. Doch in Wirklichkeit sind die verschiedenen</p><p>Behandlungstechniken lediglich Rituale, die eine geeignete Atmosph�re f�r das Auftreten von Placebo-</p><p>Wirkungen schaffen. �Und auch die Forschergruppe um die Psychologin Karen Tallman schl�gt in</p><p>dieselbe Kerbe:�Die Bedeutung des Placebo-Effektes in der Psychotherapie darf nicht mehr l�nger</p><p>vernachl�ssigt werden. Statt ihn zu ignorieren, sollte man alles daransetzen, seine Macht zu verstehen und</p><p>zu Gunsten des Patienten zu mobilisieren.�</p><p>Die besten �berhaupt verf�gbaren Informationen �ber den Stellenwert des Placebo-Effektes in der</p><p>Psychotherapie gehen auf eine statistische Gesamtschau (Metaanalyse) der Forschergruppe um Leslie</p><p>Prioleau zur�ck.<sup>18</sup> Die Psychologen haben die Daten aus allen 32 auffindbaren Studien zusammengestellt,</p><p>in denen sich ein psychotherapeutisches Verfahren dem Vergleich mit einer unspezifischen</p><p>Scheinbehandlung stellen musste. Das Placebo bestand in einigen F�llen schlicht in einer banalen</p><p>Zuckerpille, die als neu entwickeltes Medikament beschrieben wurde. In anderen F�llen wurden die</p><p>Klienten von angeblichen� Psychotherapeuten �behandelt, die instruiert worden waren, mit ihnen �ber</p><p>alle erdenklichen Themen, nur nicht �ber ihre St�rimg zu sprechen. Ein solches Vorgehen wird von keiner</p><p>Schulrichtung als wirksame Therapie anerkannt. Manchmal unterzogen sich die Klienten auch nur</p><p>Lockerungs-�bungen f�r die Muskeln, sie h�rten Schallplatten oder wurden �ber hygienisches Verhalten</p><p>aufgekl�rt. Kontrollierte Studien in der Psychotherapie sind also offenbar durchaus machbar, wenn man</p><p>deren Ergebnisse nicht scheut.</p><p>�Die Ergebnisse liefern keine Hinweise darauf, dass die Psychotherapie wirksamer ist als eine</p><p>Scheinbehandlung. �Der Placebo-Effekt war durchgehend genauso stark wie der Effekt der� richtigen�</p><p>Therapien. Die Wirkung der Scheinbehandlung hielt auch genauso lange an wie der Therapieeffekt. Wenn</p><p>Psychotherapien einen Effekt bes��en, der �ber den Placebo-Effekt hinausginge, h�tte man diesen an</p><p>seiner gr��eren Dauerhaftigkeit erkennen m�ssen, schlie�en die Wissenschaftler. Mit einem Placebo</p><p>�therapierte �Klienten waren nicht nur ihren eigenen Worten zufolge genauso gut� drauf �wie die</p><p>Empf�nger einer veritablen Behandlung. Ihre Besserung spiegelte sich auch in den Aussagen der</p><p>befragten Freunde und Verwandten wider.�Wann immer man Psychotherapie mit einer echten</p><p>Kontrollgruppe vergleicht, geht es den Klienten in der Kontrollgruppe genauso gut wie jenen in der</p><p>Therapie�, best�tigt der Psychologie-Professor K. Edward Renner von der University of Illinois.<sup>5</sup></p><p>Die Gruppe um Prioleau fand bei ihrer Durchsicht der Literatur� nicht eine einzige Studie, die</p><p>�berzeugend demonstriert h�tte, dass die Wirksamkeit einer Psychotherapie den Placebo-Effekt</p><p>�bersteigt�. Das Team hat sich daher dazu verpflichtet, seine niederschmetternde Feststellung �ffentlich</p><p>zur�ckzuziehen, sobald ein �berzeugender Gegenbeweis gelingt. Die Verpflichtung musste bis heute nicht</p><p>eingehalten werden.</p><p>Der legend�re Psychologe Hans J�rgen Eysenck sah sich in einem Kommentar zu dieser Metaanalyse</p><p>gen�tigt, harsche Kritik am Verhalten der Psychotherapeuten zu �ben.�Es ist au�erordentlich bedauerlich</p><p>f�r das Fach Psychologie als Wissenschaft, dass die praktizierenden Kliniker den negativen Ergebnissen</p><p>all dieser Untersuchungen aus den letzten Jahrzehnten keinerlei Beachtung schenken werden. Sie werden</p><p>unbek�mmert fortfahren, Behandlungstechniken anzuwenden, von denen nachgewiesen ist, dass sie nicht</p><p>besser sind als der Placebo-Effekt. Es ist auch schwer einzusehen, wie dieses Verhalten mit den ethischen</p><p>Verpflichtungen gegen�ber der Gesellschaft zu vereinbaren ist. Haben wir wirklich das Recht,</p><p>Psychologen und Mediziner einer langen Ausbildung zu unterwerfen, bei der sie Methoden lernen, die bei</p><p>der Behandlung seelischer St�rungen keinen Nutzen bringen? Haben wir das Recht, den Patienten oder</p><p>dem Sozialstaat Kosten f�r eine Behandlung aufzub�rden, die den Placebo-Effekt nicht �bersteigt?�</p><p>Sigmund Freud hatte dieses Debakel �brigens bereits 1933 in einem lichten Augenblick</p><p>vorausgesehen:�Da m�chte ich sagen, ich glaube nicht, dass unsere Heilerfolge es mit denen von</p><p>Lourdes aufnehmen k�nnen. Es gibt so viel mehr Menschen, die an die Wunder der heiligen Jungfrau als</p><p>die an die Existenz des Unbewussten glauben.�<sup>27</sup> Mehr als f�nfzig Jahre nach dieser �u�erung� gibt es</p><p>noch immer keine schl�ssigen Beweise daf�r, dass die Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren dem</p><p>Gesundbeten �berlegen w�re�, hebt der angesehene amerikanische Wissenschaftspublizist John Horgan</p><p>hervor.<sup>28</sup></p><p>Aber auch die Verhaltenstherapie, die auf den urspr�nglich an Tieren erforschten Gesetzen des</p><p>Lernens basiert, und ihre neuere Variante, die� kognitive Verhaltenstherapie�, welche au�er dem</p><p>Verhalten auch die gelernten Denkmuster ber�cksichtigt, stehen im Licht der Placebo-Forschung</p><p>keineswegs besser da. Verhaltenstherapeuten, die h�ufig mit universit�ren Instituten assoziiert sind und</p><p>einen Wust an publizierten Forschungsarbeiten vorweisen k�nnen, br�sten sich gerne damit, �ber eine</p><p>solidere wissenschaftliche Basis zu verf�gen als die Vertreter der als� antiquiert �bel�chelten freudschen</p><p>Redekur. Die Verhaltenstherapie hat in der �ffentlichkeit erfolgreich die Behauptung etabliert, dass sie</p><p>mit hoch effizienten Ma�nahmen zur Bek�mpfung von Angstst�rungen, wie etwa Phobien</p><p>(unangemessene Furcht vor spezifischen Situationen oder Objekten), aufwarten k�nne. Dabei zeichnet</p><p>sich die Verhaltensforschung selbst durch eine� phobische �Angst vor Placebo-Kontrollen aus.</p><p>Mit gutem Grund, stellte sich heraus, als die Psychiaterin Katherine M. Shear von der Universit�t</p><p>Pittsburgh Patienten untersuchte, die an einer Panikerkrankung litten.<sup>29</sup> Das ist eine Angstst�rung, die</p><p>durch pl�tzliche Attacken extremer, unbegr�ndeter Furcht gekennzeichnet ist. Ein Teil der Probanden</p><p>wurde mit der kognitiven Verhaltenstherapie behandelt, die behauptet, dass sie Panikattacken an ihren</p><p>Wurzeln ausl�schen kann. Der andere Teil erhielt eine Placebo-Therapie, die� reflektierendes Zuh�ren�</p><p>genannt wird und bei der die Therapeuten den Patienten� verst�ndnisvoll �zuh�ren, ohne irgendwelche</p><p>Bemerkungen abzugeben. Fazit: Das therapeutische Ergebnis war in beiden F�llen gleich.</p><p>Zu den vielversprechendsten Interventionen gegen �ngste geh�rt nach Ansicht der</p><p>Verhaltenstherapeuten die� systematische Desensibilisierung�. Patienten, die unter Panikattacken,</p><p>Phobien oder �hnlichen St�rungen leiden, werden bei diesem Verfahren mit Situationen konfrontiert, die</p><p>in steigender Intensit�t dem Objekt ihrer Furcht �hneln, zum Beispiel einer gro�en, gef�hrlich</p><p>aussehenden Schlange. Mit Hilfe von Entspannungstechniken werden sie aber zur gleichen Zeit derart</p><p>�relaxt�, dass sie die Gefahr ertragen lernen und nach einer Weile dagegen regelrecht immun sind. Doch</p><p>auch der Effekt der systematischen Desensibilisierung ist nicht besser als der einer Zuckerpille,</p><p>konstatiert der amerikanische Psychologe Joel Cooper.<sup>30</sup></p><p>In seiner Untersuchung� blitzte �der Wissenschaftler seinen unter Schlangenphobie leidenden</p><p>Versuchspersonen mit einem� Tachistoskop �f�r ultrakurze Momente Bilder zu, die immer st�rker an ihre</p><p>schlimmsten �ngste heranreichten. Bei einem Teil der Probanden enthielten die� Blitzbilder �gar keine</p><p>Inhalte; sie bestanden nur aus Lichtimpulsen. Die Teilnehmer wurden instruiert, sich bei jeder</p><p>Bildprojektion durch eine Muskelentspannungs�bung aufzulockern. Fazit: Am Ende der� Therapie�</p><p>hatten die Probanden in beiden Gruppen ihre �ngste vor Schlangen abgebaut. In einer Variante des</p><p>Experimentes leitete der Forscher seine Versuchspersonen �brigens an, die Muskeln bei jedem Bild zu</p><p>verkrampfen, anstatt sie im Sinne der Therapie zu entspannen. Trotz dieses� Kunstfehlers �hatte die</p><p>Behandlung den gleichen Heileffekt.</p><p>Die Placebo-Wirkung basiert wahrscheinlich zum Teil darauf, dass Klienten bei einer Psychotherapie</p><p>freiwillig ein erhebliches Ma� an M�he und Anstrengung auf sich nehmen, behauptet Cooper. Um diese</p><p>Investition zu rechtfertigen, nehmen die Patienten vermutlich Korrekturen an ihren eigenen Gedanken</p><p>und �berzeugungen vor: Sie interpretieren sich selbst als� geheilt�, um nicht als dumm dazustehen.</p><p>Der Anstrengungs-Rechtfertigungs-Effekt ist offenbar genauso stark wie die Implosionstherapie, die</p><p>st�rkste Waffe der Verhaltenstherapie gegen Angstst�rungen. Bei der Implosionstherapie werden die</p><p>Patienten unmittelbar mit ihren schlimmsten Angstphantasien konfrontiert; Schlangenphobiker m�ssen</p><p>sich zum Beispiel vorstellen, wie eine Boa an ihrem Bein hochkriecht. Patienten mit H�henangst werden</p><p>zum h�chsten Turm der Stadt begleitet. Cooper behandelte einen Teil der Patienten mit Schlangenphobie</p><p>nach allen Regeln der Kunst� implosiv�. Der andere Teil nahm � freiwillig � an einer absurden</p><p>�Anstrengungstherapie �teil, die ihnen als� neuartige Angsttherapie �verkauft wurde. Sie bestand zum</p><p>Beispiel darin, dass die Klienten f�r die Dauer jeder Therapiesitzung in die Pedale eines Fahrrad-</p><p>Ergometers treten mussten.</p><p>Quintessenz: Die Klienten, die freiwillig die k�rperlichen M�hen auf sich genommen hatten, waren</p><p>am Ende gegen�ber Schlangen genauso abgebr�ht wie die Absolventen einer echten Implosionstherapie.</p><p>So wissenschaftlich fundiert die Techniken der Verhaltenstherapie nach au�en auch wirken m�gen: Ihre</p><p>Tragf�higkeit geht doch nicht �ber jene von Aderlass, Geisterbeschw�rung und Gesundbeten hinaus.</p></section><section><title><p><strong>�Professionelle Therapeuten sind wirkungsvoller als Laien oder Selbsthilfegruppen�</strong></p></title><p>Psychotherapeuten geben sich in der �ffentlichkeit als� wissenschaftliche Experten �der Seele aus. Ihr</p><p>Anspruch beruht auf der Suggestion, dass sie bei ihrer Ausbildung Fachkenntnisse in der Diagnose und</p><p>Therapie von Neurosen gewonnen haben, die weit �ber den gesunden Menschenverstand hinausgehen.</p><p>Das ist eine Illusion, die das neue� Psychotherapeutengesetz �weiter unterst�tzt.�Psychotherapeut�</p><p>d�rfen sich danach nur noch Mediziner oder Diplompsychologen nennen, die nach abgeschlossenem</p><p>Studium eine dreij�hrige psychotherapeutische Berufsausbildung absolviert haben und denen nach einer</p><p>staatlichen Pr�fung die Approbation erteilt wurde.</p><p>Tatsache ist jedoch, dass auch die besten Kurse keine Kompetenzen vermitteln k�nnen, die einen</p><p>�Psychotherapeuten �einem Laien �berlegen machen.�Mehrere Metaanalysen kommen �bereinstimmend</p><p>zu dem Schluss, dass die verschiedensten Formen der Selbsthilfe und der Hilfe durch Laien die gleiche</p><p>Wirksamkeit besitzen wie eine professionelle Therapie�, skizziert das Team um die Psychologin Karin</p><p>Tallman den Forschungsstand.<sup>21</sup>�Wir sollten unsere kostbaren Ressourcen nicht verschwenden, um</p><p>s�ndteure Leute zu finanzieren, die Patienten auch nicht besser helfen k�nnen als Personen mit sehr viel</p><p>weniger Ausbildung�, schlie�t der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes aus den gleichen Daten.</p><p>Im� Psychological Bulletin�, dem offiziellen Referatsblatt des Amerikanischen</p><p>Psychologenverbandes, wurden seit 1979 drei gro�e Metaanalysen ver�ffentlicht, die einen Vergleich</p><p>zwischen professionellen Psychotherapeuten und willk�rlich ausgesuchten Laien ohne psychologische</p><p>Ausbildung anstellten. Die Ergebnisse k�nnten f�r die� Profis �nicht verheerender sein. Der Psychologe</p><p>Joseph A. Durlak von der University at Carbondale nahm 42 vergleichende Studien unter die Lupe. <sup>31</sup></p><p>Ergebnis:�Die klinischen Resultate, die Laien erzielen, sind genauso gut oder sogar signifikant besser als</p><p>jene der professionellen Therapeuten. �Eine Forschergruppe um den australischen Psychologen John A.</p><p>Hattie wertete noch einmal 39 Einzelstudien aus.<sup>32</sup> Fazit:�Der allgemeine Schluss lautet, dass Laien</p><p>genauso wirkungsvoll und in vielen F�llen noch wirkungsvoller sind als professionelle Therapeuten.�</p><p>Und auch die texanischen Psychologen Jeffrey S. Berman und Nicholas C. Norton, die ausdr�cklich</p><p>antraten, um diese katastrophalen Ergebnisse mit einer neuen Auswertung der Daten zu revidieren,</p><p>mussten am Ende konsterniert Farbe bekennen:�Studien, in denen professionelle Helfer mit Laien</p><p>verglichen wurden, konnten keine Unterschiede in deren Wirksamkeit entdecken.�<sup>33</sup></p><p>Die geeignetste Person, die man mit seinen seelischen Problemen ansprechen kann, ist offenbar ein</p><p>guter Freund. Psychotherapeuten sind nach dem �berw�ltigenden Tenor der Forschungsliteratur nichts</p><p>anderes als� gekaufte Freunde�. Das ist nat�rlich eine Bankrotterkl�rung f�r die Psychotherapie: Wenn</p><p>man seinen Chirurgen oder den Elektriker durch einen guten Freund ersetzen w�rde, m�sste man mit</p><p>einem furchtbaren Ergebnis rechnen. Wenn man den Psychotherapeuten durch einen guten Freund</p><p>ersetzt, hat man am Ende noch Geld und Leid gespart.</p><p>Die meisten darauf angesprochenen Psychotherapeuten versuchen erst gar nicht, das gerade skizzierte</p><p>Dilemma als solches abzuleugnen, konstatiert der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes. Sie nehmen</p><p>h�chstens Zuflucht bei verschrobenen Ausreden. So hei�t es dann h�ufig, dass zumindest extrem stark</p><p>gest�rte Klienten doch nur von der Obhut eines professionellen Therapeuten profitieren. Angesichts der</p><p>Ergebnisse der statistischen Vergleiche ist das jedoch eine abenteuerliche Argumentation, meint Dawes:</p><p>Wenn eine professionelle Behandlung f�r einige (zum Beispiel schwer gest�rte) Patienten besser ist, wie</p><p>kann sie dann f�r andere (leicht gest�rte) schlechter sein? Denn unter dem Strich sind die Profis und die</p><p>Laien ja eben gleich wirkungsvoll.�Man hat aber noch nie geh�rt, dass Psychotherapeuten einen leicht</p><p>gest�rten Patienten abgewiesen h�tten, weil dieser bei Laienhelfern besser aufgehoben ist.�</p><p>Statt sich an einen pers�nlichen Freund zu wenden, kann es in vielen F�llen ratsam sein, sich mit</p><p>Gleichgesinnten zusammenzutun, die entweder unter der gleichen Problematik leiden oder aber ihr</p><p>Handikap bereits �berwunden haben. Es gibt ein breites Netz von Selbsthilfegruppen, das praktischen</p><p>jeden Wunsch nach Anschluss erf�llt. Die beiden amerikanischen �rzte Elaina M. Kyrouz und Keith</p><p>Humphreys halten im Internet eine umfangreiche Literaturstudie bereit, in der sie die therapeutische</p><p>Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen und professionellen Psychotherapeuten vergleichen.<sup>34</sup> Das Ergebnis</p><p>birgt f�r den aufmerksamen Leser vermutlich keine �berraschung mehr: Wo immer man eine</p><p>Gegen�berstellung vornahm, konnten die Selbsthilfegruppen den Therapeuten das Wasser reichen.</p><p>Selbsthilfegruppen halfen Alkoholikern genauso gut beim Trockenwerden und �bergewichtigen beim</p><p>Abnehmen. Und Frauen, die nach dem Verlust ihres Ehemanns unter schwerer Verzweiflung litten, kamen</p><p>nach dem Besuch einer Selbsthilfegruppe genauso schnell wieder auf den Damm wie nach einer</p><p>Psychotherapie.</p></section><section><title><p><strong>�Psychotherapie hilft, Kosten im Gesundheitswesen einzusparen�</strong></p></title><p>Wenn die ach so menschenfreundliche Argumentation (�Psychotherapie erl�st Menschen von</p><p>furchtbaren Seelenn�ten�) nicht mehr zieht, hauen Psychotherapeuten und ihre Lobbyisten gerne mit dem</p><p>volkswirtschaftlichen Hammer auf den Tisch: Psychotherapie zahle sich �konomisch f�r das</p><p>Gemeinwesen aus, weil die von ihnen behandelten Patienten das Gesundheitswesen viel weniger in</p><p>Anspruch n�hmen. Auch der Berner Psychologie-Professor Klaus Grawe, der von den Medien v�llig zu</p><p>Unrecht als Kritiker der Psychotherapie gehandelt wird, streut diese schmeichelhafte Legende in einem</p><p>Beitrag im Nachrichtenmagazin� Der Spiegel �aus:�Zudem wurde in �ber hundert Kosten-Nutzen-</p><p>Analysen nachgewiesen, dass jede f�r Psychotherapie ausgegebene Mark mehrfach durch Einsparungen</p><p>an anderer Stelle wettgemacht wird.�<sup>35</sup></p><p>Diese Argumentation ist haarstr�ubend, denn in Wirklichkeit f�hren alle seri�sen Daten zu dem</p><p>Schluss, dass die Bereitstellung von Psychotherapie zu erh�hten Kosten und einer gesteigerten Nachfrage</p><p>herk�mmlicher medizinischer Leistungen f�hrt.</p><p>Ein Blick auf die hier vorgestellten gro�en statistischen Auswertungen m�sste jeden skeptisch</p><p>machen, was die Kosten-Nutzen-Bilanz der Psychotherapie angeht.</p><p>Die Frage nach dem �konomischen Kalk�l wurde in den betreffenden Studien nicht ausdr�cklich</p><p>gestellt, obwohl die Ergebnisse bereits das Schlimmste ahnen lassen. In dem gr�ndlichsten und</p><p>gewissenhaftesten Projekt zur wirtschaftlichen Effizienz der Psychotherapie, das �berhaupt jemals</p><p>durchgef�hrt wurde, haben sich nach Darstellung der kanadischen Psychologin Tana Dineen die</p><p>schlimmsten Erwartungen best�tigt.<sup>4</sup> Beim� Fort Bragg Demonstration Project �im amerikanischen</p><p>Bundesstaat North Carolina sch�tteten die Versicherungstr�ger ab 1990 f�nf Jahre lang insgesamt 80</p><p>Millionen Dollar aus, um Kindern und Jugendlichen mit seelischen N�ten einen raschen und</p><p>unb�rokratischen Zugang zur Psychotherapie zu gew�hren. Das Unternehmen wurde � �brigens auch von</p><p>den Vertretern der Psychoszene � mit gewaltigen Vorschusslorbeeren bedacht. Es galt als� einzigartiges</p><p>Aush�ngeschild�, das die� modernsten Methoden der Wissenschaft �heranzog, um die N�tzlichkeit</p><p>psychologischer Dienstleistungen zu ergr�nden.</p><p>Der methodische Aufwand war in der Tat bemerkenswert. Die beteiligten Forscher befragten zum</p><p>Beispiel die jungen� Konsumenten �der Dienstleistungen nicht nur einfach nach ihrem subjektiven</p><p>Befinden, sondern legten ihnen auch standardisierte Psychotests vor. Die Inanspruchnahme</p><p>medizinischer Angebote wurde sorgf�ltig dokumentiert � nicht nur im Gebiet von Fort Bragg, sondern</p><p>auch bei einer Vergleichsstichprobe in einer anderen Region, die nicht in den Genuss des ungewohnten</p><p>Service kam.</p><p>Das Ergebnis war ein Fiasko und ein Schlag ins Gesicht aller Psychotherapie-Bef�rworter, res�miert</p><p>Tana Dineen:�Die Kosten waren h�her und die klinischen Ergebnisse bei den Behandelten nicht die Spur</p><p>besser als in der Vergleichsstichprobe, absolut nicht das, was die Psychologie-Industrie erhofft und</p><p>erwartet hatte. �Kinder und Jugendliche, die in den Genuss der Zuwendungen kamen, nahmen alle Arten</p><p>von medizinischen und psychologischen Dienstleistungen l�nger und intensiver in Anspruch als ihre</p><p>Altersgenossen in der Kontrollgruppe.�Sechs Monate nach Beginn ihrer Behandlung waren 41 Prozent</p><p>der Betreffenden im Gebiet von Fort Bragg immer noch in einer Therapie, aber nur 13 Prozent der</p><p>Vergleichsstichprobe�, f�hrt Dineen die genauen Zahlen auf.�Es zeigt sich eindeutig, dass die</p><p>Einbeziehung von Psychotherapeuten die Gesamtkosten steigert, w�hrend es diesen zu einem</p><p>zus�tzlichen Einkommen verhilft.�</p><p>Auch die Forscher, die das Projekt wissenschaftlich begleiteten, r�umten den Fehlschlag ausdr�cklich</p><p>ein:�Die Ergebnisse sollten ernsthafte Zweifel wecken, was den verbreiteten Glauben an die</p><p>Wirksamkeit psychotherapeutischer Dienstleistungen angeht. �Es w�re jedoch grenzenlos naiv, zu</p><p>erwarten, dass die Psychologie-Industrie sich durch solche Befunde jemals irritieren lie�e: Die Ergebnisse</p><p>des Fort-Bragg-Projektes wurden schlicht und einfach unter den Teppich gekehrt und finden bei keiner</p><p>Diskussion um die Kosten-Nutzen-Bilanz der Psychotherapie auch nur Erw�hnung.</p><p>Die desolaten Fort-Bragg-Resultate gleichen �brigens verbl�ffend jenen, welche das Schweizer</p><p>Gesundheitssystem mit der Alternativmedizin gemacht hat. Seit 1999 �bernehmen die Krankenkassen</p><p>dort die Kosten f�r f�nf� komplement�rmedizinische �Methoden (Hom�opathie, Neuraltherapie,</p><p>Phytotherapie, chinesische und anthroposophische Medizin). Das sind durch die Bank Methoden, deren</p><p>Wirksamkeit sich nach Ansicht vieler Kritiker vollst�ndig auf einen Placebo-Effekt zur�ckf�hren l�sst,</p><p>�hnlich wie bei der Psychotherapie. Die Hoffnung war auch dort, dass die Bereitstellung der� sanften�</p><p>Alternativen zu einer Kostensenkung und einer verringerten Inanspruchnahme� harter �medizinischer</p><p>Angebote f�hrt.</p><p>Doch dann lieferte eine Untersuchung Z�ndstoff: Das Forschungsprojekt� Komplement�rmedizin in</p><p>der Krankenversicherung �des Schweizerischen Nationalfonds, durchgef�hrt unter der Leitung des Basler</p><p>Gesundheits�konomen J�rg Sommer, in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse Heisana, entpuppte sich</p><p>als schrecklicher Spielverderber.<sup>36</sup> 7500 nach dem Zufallsprinzip ausgew�hlte Helsana-Versicherte</p><p>erhielten ab Oktober 1993 f�r drei Jahre kostenlos eine Zusatzversicherung f�r Komplement�rmedizin.</p><p>Diese Experimentalgruppe wurde mit einer Kontrollgruppe ohne Zusatzversicherung bez�glich Kosten</p><p>und Gesundheitszustand verglichen.</p><p>Fazit: Zum einen konsumierte die Experimentgruppe deutlich h�ufiger alternativmedizinische</p><p>Leistungen als die Kontrollgruppe. Was nicht weiter erstaunt, schlie�lich offerierte ihnen die Kasse ja</p><p>unentgeltliche Leistungen. Wirklich peinlich war ein anderes Ergebnis: Die Experimentgruppe</p><p>beanspruchte nicht etwa weniger, sondern mehr schulmedizinische Leistungen. Gerade mal knapp ein (!)</p><p>Prozent der Versicherten lie� sich ausschlie�lich mit alternativen Methoden behandeln. Dies hatte</p><p>Auswirkungen auf die Gesamtkosten. So zeigt die Studie, dass Personen, denen alternative Heilverfahren</p><p>von der Krankenkasse erstattet wurden � unabh�ngig von Alter, Geschlecht, Sprachregion und fr�herem</p><p>Gesundheitszustand �, h�here Kosten aufwiesen als Versicherte, die nur schulmedizinische Leistungen</p><p>beanspruchten. Die zus�tzlichen Kosten wurden auf j�hrlich 170 Millionen Franken gesch�tzt. Die</p><p>Untersucher kommen zum folgerichtigen Schluss,�dass komplement�rmedizinische Leistungen</p><p>zus�tzlich und nicht als Alternative zur Schulmedizin in Anspruch genommen werden.�</p><p>Bringt die Bereitstellung alternativer Heilmethoden den Nutznie�ern wenigstens einen verbesserten</p><p>Gesundheitszustand? Auch hier kommt die Studie zu einem vernichtenden Urteil:�Ein Einfluss der</p><p>Inanspruchnahme komplement�rmedizinischer Leistungen auf das gesundheitliche Befinden kann nicht</p><p>nachgewiesen werden.�</p></section><section><title><p><strong>�Psychotherapie ruft keine unerw�nschten Nebenwirkungen hervor�</strong></p></title><p>Die M�glichkeit, dass Psychotherapien Nebenwirkungen und Sch�digungen hervorrufen k�nnten,</p><p>wird in den meisten Ver�ffentlichungen mit h�flicher Nichtbeachtung �bergangen. Untersuchungen zur</p><p>Qualit�tskontrolle der Psychotherapie fragen meistens erst gar nicht nach Nebenwirkungen, weil sie</p><p>vermutlich unterstellen, dass die Seelenklempnerei selbst im ung�nstigsten Fall �berhaupt keinen Effekt</p><p>erzielt. Klienten, die sich einer Psychotherapie unterzogen haben, behalten zudem die negativen</p><p>Erfahrungen lieber f�r sich.</p><p>Das kann damit zusammenh�ngen, dass ihnen h�ufig der Eindruck vermittelt wird, sie h�tten sich</p><p>etwaige Misserfolge selber zuzuschreiben. Auch die beiden Berliner Psychotherapie-Forscher Dr.</p><p>Eckhard Giese und Prof. Dieter Kleiber, die sich in Anzeigen nach Erfahrungen ehemaliger Klienten</p><p>erkundigt haben,�kitzelten �erst durch gezieltes Nachfragen den Verdruss aus ihren Informanten heraus.<sup>37</sup></p><p>�Schnell zeigte sich, dass sich therapeutische Misserfolge und negative Erfahrungen, die bis hin zur</p><p>materiellen Ausbeutung durch Therapeuten gingen, nicht auf einzelne Therapierichtungen beschr�nken</p><p>lassen. �Nicht nur die� Exoten �auf dem Psychomarkt bergen offenbar das Risiko eines Fiaskos in sich;</p><p>selbst so� seri�se �Schulen wie die Gespr�chspsychotherapie, die Psychoanalyse, die Gestalttherapie, die</p><p>Verhaltenstherapie und die Humanistischen Psychotherapien, die ein Verh�ltnis von Person zu Person statt</p><p>einer Beziehung von einer Autorit�t zu einem Kranken anstreben, erlauben sich mitunter� Murks�, der</p><p>nach theoretischer Aufarbeitung und einem wirkungsvollen Konsumentenschutz schreit.</p><p>Es l�sst sich auf Basis der Berliner Studie nicht genau beziffern, wie hoch der Anteil der gescheiterten</p><p>Psychotherapien ist. Wenn in der Medikamentenforschung ein Pr�parat in 80 Prozent der F�lle gut</p><p>anschl�gt, jedoch bei 3 Prozent gravierende Nebenwirkungen zeitigt, wird ihm die Marktzulassung</p><p>versagt. Unter den Seelenhelfern aber hat man sich bisher noch kaum Gedanken dar�ber gemacht, welche</p><p>�Schadensquote �man f�r gerade noch vertretbar h�lt, bem�ngeln die beiden Forscher. Man darf davon</p><p>ausgehen, dass rund 14.000 Diplompsychologen beraterisch oder therapeutisch t�tig sind, von denen jeder</p><p>etwa 40 Klienten pro Jahr betreut. Bei einer vorsichtig auf 5 Prozent gesch�tzten Verschlechterungsrate</p><p>muss also mit 28.000�Verschlimmbesserungen �pro Jahr gerechnet werden. In Wirklichkeit wird die</p><p>Zahl der� negativen Therapieeffekte �jedoch auf 10 Prozent gesch�tzt.</p><p>Es gibt einige typische Formen von Nebenwirkungen, die in der Literatur beschrieben werden:</p><p>Auftreten einer existenziellen Krise, �berforderungsgef�hle, Verschlechterung der Symptomatik,</p><p>Trennung vom Partner mit folgender Einsamkeit. Doch manchmal geht es auch richtig gef�hrlich zu.<sup>38</sup> So</p><p>starb vor einer Weile ein 31-j�hriger Schweizer bei einer Urschrei-Therapie � er war �ber l�ngere Zeit mit</p><p>dem Gesicht nach unten gegen eine Matratze gedr�ckt worden. In Berlin erstickte ein Patient, nachdem er</p><p>in einen Teppich eingerollt worden war � zur Herstellung eines� prim�ren �Gef�hls intrauterin�ren</p><p>Eingeengtseins.</p><p>Durch die Nebenwirkungen einer Psychotherapie k�nnen aber auch andere Menschen au�er den</p><p>Patienten selbst zu Schaden kommen, und dies noch nach langer Zeit. Das beweist eine eindrucksvolle</p><p>Langzeitstudie aus den USA, deren Ergebnisse Tana Dineen referiert. 650 Jugendliche aus zerr�tteten</p><p>Verh�ltnissen wurden dabei nach einem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine der beiden</p><p>Gruppen erhielt eine psychotherapeutische Behandlung, die sie quasi dagegen� impfen �sollte, auf die</p><p>schiefe Bahn zu geraten. Nach sage und schreibe 30 Jahren wurde Bilanz gezogen. Quintessenz: Die</p><p>Psychoimpfung war v�llig unwirksam geblieben. Therapierte Problemjugendliche hatten zwar nicht</p><p>mehr, aber daf�r erheblich schwerere Verbrechen begangen als die unbehandelten. Und darunter mussten</p><p>andere Menschen leiden. Auch was Alkoholismus, Geisteskrankheiten, Berufsbiographie und Stress</p><p>anging, war das Befinden der Therapierten schlechter als das der unbehandelten Altersgenossen. Der</p><p>Autor der Studie macht sich selbstkritisch Gedanken, wie dieser Bumerang-Effekt wohl zustande</p><p>gekommen sein mag. Vielleicht z�chtete die Therapie bei den Jugendlichen eine seelische Abh�ngigkeit,</p><p>die es ihnen schwerer machte, die Widernisse des Lebens zu bestehen. Vielleicht hatte die Therapie bei</p><p>ihnen aber auch unrealistische Erwartungen an das Leben ausgel�st, die am Ende nur noch durch</p><p>Verbrechen zu erf�llen waren. Schlie�lich hatte die Behandlung m�glicherweise das Bewusstsein</p><p>verankert, nicht f�r das eigene Verhalten verantwortlich zu sein.</p><p>In einer anderen von Dineen referierten Untersuchung wurden Trunks�chtige, die sich einer Missetat</p><p>schuldig gemacht hatten, in verschiedene Gruppen aufgeteilt: Sie erhielten entweder keine Behandlung,</p><p>eine station�re Psychotherapie, oder sie mussten den Sitzungen der Anonymen Alkoholiker beiwohnen.</p><p>Unappetitliches Ergebnis des Vergleiches: Von den Alkoholikern ohne Therapie blieben 44 Prozent</p><p>r�ckfallfrei. Bei den Anonymen Alkoholikern betrug diese Erfolgsquote nur 31 Prozent und in der</p><p>Suchtklinik 32 Prozent.</p><p>Eine Hauptgefahr von Therapie liegt schon allein darin, dass praktisch alle psychotherapeutischen</p><p>Schulen mit einem weltanschaulichen System befrachtet sind, das explizite Vorstellungen</p><p>�Attributionen�) �ber die Ursachen von seelischem Leid transportiert, erl�utern die beiden finnischen</p><p>Psychotherapie-Forscher Ben Furman und Tapani Ahola.<sup>39</sup> Solche Kausalerkl�rungen k�nnen aber einen</p><p>erheblichen � auch sch�dlichen � Einfluss darauf haben, wie ein Patient mit der eigenen (und fremden)</p><p>Not umgeht. So ist die Einstellung zu einem Alkoholiker davon abh�ngig, ob man sein Problem f�r</p><p>vererbt,�anerzogen �oder selbst verschuldet h�lt. In dem Ma�e, in dem sie an die Stelle der sakralen</p><p>Autorit�ten fr�herer Zeiten treten, erlangen die Psychotherapeuten aber eine gewisse Macht �ber die</p><p>Attributionen ihrer Klienten und der �ffentlichkeit.</p><p>Sehr verbreitet ist auch die Sichtweise, die das Leiden des Patienten auf eine St�rung in seiner Psyche</p><p>�Psychopathie�), also im Extremfall auf eine Geisteskrankheit zur�ckf�hrt. Mit dieser</p><p>Argumentationsfigur l�sst sich elegant die Notwendigkeit der Behandlung durch einen Spezialisten</p><p>begr�nden. Es besteht aber die Gefahr, dass der Patient sich in Selbstvorw�rfen oder Scham �ber seine</p><p>�Abartigkeit �ergeht und nicht mehr �ber die Probleme sprechen will. Wenn der Patient� blockiert�, ist</p><p>der Therapeut leicht versucht, jeden Misserfolg auf diese� nicht behobene �St�rung zu schieben.</p><p>Es ist nat�rlich in der Psychotherapie auch gang und g�be, nahe stehende Bezugspersonen</p><p>verantwortlich zu machen: Weil die Mutter (der Vater, der Partner etc.) zu f�rsorglich, gef�hlskalt etc. ist,</p><p>hat der Patient einen� Knacks�. Menschen st�rzen sich naturgem�� gerne auf die Vorstellung, dass andere</p><p>an ihrem Kummer schuld sind, wenn die Alternative im Bef�hlen der eigenen Nase liegt. Daraus erw�chst</p><p>aber leicht eine fatalistische Haltung, weil man sich die erw�nschten Ver�nderungen nicht mehr selbst</p><p>zutraut, befinden Furman und Ahola. Au�erdem k�nnen die Beziehungen zu den� S�ndenb�cken�</p><p>vergiftet werden. Was wiederum die Kommunikation zwischen dem Therapeuten und den</p><p>Bezugspersonen des Patienten sabotiert.</p><p>Mit der Vorstellung, dass seelische St�rungen auf traumatischen Kindheitserlebnissen basieren, hat</p><p>Sigmund Freud den Psychotherapien ein potenziell sch�dliches Erbe vermacht.�Diese Deutung erlaubt</p><p>es dem Patienten, die deterministische Haltung des Opfers einzunehmen, das unf�hig ist, sich in</p><p>irgendeiner Weise selbst zu helfen. �Unter Umst�nden wird er f�r Jahre mit Bitterkeit und Groll erf�llt,</p><p>w�hrend der Therapeut in die Rolle des� Arch�ologen �schl�pft, der nach lange vergrabenen Trag�dien</p><p>sucht, auch wenn die Vergangenheitskr�merei keine Fr�chte tr�gt. Eltern k�nnen sich in wahnhafte</p><p>Schuldgef�hle verrennen oder sich beflei�igt sehen, ihre Spr�sslinge vor allen erdenklichen Frustrationen</p><p>zu besch�tzen. Soziale Einrichtungen leiten daraus m�glicherweise die Berechtigung ab, im Namen des</p><p>Kinderschutzes in das Privatleben von Familien einzudringen.</p><p>Auch die Auffassung, dass psychosoziale Belastungen der j�ngsten Vergangenheit (z.B. Trennungen,</p><p>Arbeitslosigkeit) die Wurzeln des �bels sind, kann zu� iatrogenen�(durch den Arzt bedingten)</p><p>Sch�digungen f�hren. Der Patient l�sst sich von seinem Ungl�ck ganz in Anspruch nehmen, er macht</p><p>vehement bestimmte Personen f�r die Unbilden verantwortlich, er wird passiv und nimmt zusehends die</p><p>Rolle des hilflosen Opfers an. Die Frage, warum andere Individuen �hnliche Situationen ohne seelischen</p><p>Knacks �berstanden haben, wird pflichtschuldigst unter den Tisch gekehrt.</p><p>Solche� ideologischen �Nebenwirkungen manifestieren sich nicht nur in der Abgeschiedenheit des</p><p>therapeutischen Settings, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene, betonen die Autoren.</p><p>Psychotherapeutische Annahmen sickern n�mlich �ber Massenmedien und Mundpropaganda</p><p>unaufhaltsam in die �ffentlichkeit durch.</p><p>In der Intimit�t des Behandlungszimmers wird dagegen laut Giese und Kleiber auch das</p><p>asymmetrische Machtverh�ltnis zwischen den beiden Parteien zum Problem. Die� Abstinenzregel�, die</p><p>(namentlich sexuelle) Beziehungen an der Couch untersagt, wird so zum Gummiparagraphen degradiert.</p><p>�Dabei reicht die Skala vom zweideutigen Therapeutenverhalten bis zum grausamen Spiel mit den</p><p>Gef�hlen einer Klientin, bei dem N�he und Best�tigung willk�rlich als &gt;Belohnung&lt; f�r vom</p><p>Therapeuten erw�nschtes Verhalten eingesetzt werden. �Nach amerikanischen Daten haben sich 10 bis 20</p><p>Prozent der m�nnlichen Therapeuten auf Aff�ren mit Patientinnen eingelassen; bei 7 Prozent kam es</p><p>dabei zum Geschlechtsverkehr. Derart ausgenutzte Klientinnen k�mpfen sp�ter durchgehend mit Scham-</p><p>und Schuldgef�hlen, oft kommt es aber auch zu Suizidversuchen, psychiatrischen Einweisungen und</p><p>gescheiterten Beziehungen.</p><p>Die irref�hrende Vorstellung, dass Psychotherapie v�llig ungef�hrlich sei, h�ngt nach Ansicht des</p><p>Psychologen Al Siebert sicher auch damit zusammen, dass Psychotherapeuten praktisch niemals mit</p><p>Kunstfehlerprozessen rechnen m�ssen. Das Risiko ist so niedrig, dass sich viele Psychotherapeuten erst</p><p>gar nicht dagegen versichern, obwohl sie eine solche Versicherung � die bei �rzten s�ndteuer ist �</p><p>nachgeschmissen bekommen. Das einzige Fehlverhalten, das heute ernsthaft verfolgt werden kann, ist der</p><p>sexuelle Missbrauch von Klienten.</p></section><section><title><p><strong>�Psychotherapeuten sind frei von den Neurosen und St�rungen, die sie</strong></p><p><strong>bei ihren Klienten austreiben wollen�</strong></p></title><p>Wenn Psychotherapeuten den Anspruch erheben, dass sie ihren Patienten bei der �berwindung ihrer</p><p>seelischen St�rungen behilflich sein k�nnen, m�ssten sie dieselben St�rungen auch bei sich selbst</p><p>�berwunden haben. Denn die Seelenhelfer operieren mehr oder weniger ausdr�cklich mit der</p><p>Behauptung, �ber Techniken und Behandlungsma�nahmen zu verf�gen, mit denen man die Probleme an</p><p>ihren Wurzeln bek�mpfen kann. Es ist daher keine Zumutung, von ihnen zu erwarten, dass sie mit gutem</p><p>Beispiel vorausgehen und sich selbst diesen Techniken unterziehen, bevor sie diese ihren Klienten</p><p>angedeihen lassen. Psychoanalytiker legen besonderen Wert auf die Feststellung, dass sie selbst eine</p><p>�Lehranalyse �absolvieren m�ssen, bevor sie die Segnungen dieser Redekur an das gemeine Volk</p><p>weitergeben d�rfen. Au�erdem strahlt ein Psychotherapeut, der selbst raucht, an �bergewicht und</p><p>Eheproblemen leidet, nicht eben Souver�nit�t in praktischer Lebensbew�ltigung aus.</p><p>Nichtsdestoweniger ist es in der Psychoszene ein offenes Geheimnis, dass die hilflosen Helfer</p><p>tats�chlich in einem hohen Ma� an vielen der� Verr�cktheiten �leiden, die sie bei ihren Patienten kurieren</p><p>wollen. Selbst Sigmund Freud kam nicht um dieses bittere Eingest�ndnis herum, schreibt Professor</p><p>Christian Reimer vom Zentrum f�r Psychosomatische Medizin der Universit�t Gie�en �ber den Vater der</p><p>Zunft.<sup>40</sup> Denn der wurde im Alter immer pessimistischer und fand es schlie�lich (Originalzitat Freud)</p><p>�unbestreitbar, dass die Analytiker in ihrer eigenen Pers�nlichkeit nicht durchwegs das Ma� an</p><p>Normalit�t erreicht haben, zu dem sie ihre Patienten erziehen wollen�.</p><p>Auch bei den heurigen Psychotherapeuten ist es unbestritten,�dass es so viele schlechte Therapeuten</p><p>gibt�, wie der Bonner Psychologe Michael M�rtens bei einem Therapeutenkongress betonte.<sup>41</sup> M�rtens</p><p>meint damit insbesondere, dass Menschen den Beruf ergreifen, die gar nicht f�hig sind, sensibel und</p><p>zugleich distanziert genug mit seelisch Kranken umzugehen.�Wer Psychologe wird, braucht selber</p><p>einen�, mit diesem Satz zitierte Heiko Ernst, Chefredakteur der Zeitschrift� Psychologie heute�, den</p><p>Bayerischen Ministerpr�sidenten Edmund Stoiber, der damit� aber nur mal wieder eine starke Fraktion</p><p>von vox populi wiedergibt�.</p><p>Da ein gro�er Teil der Heiler urspr�nglich aus der Medizin kommt, kann man ihre geistige Gesundheit</p><p>bis zu einem gewissen Grad an jener der �rzte ablesen, erl�utert Reimer. Die Lebenserwartung der �rzte</p><p>stimmt nach neuesten Daten etwa mit dem Bev�lkerungsdurchschnitt �berein, auch wenn �rzte hinter</p><p>anderen Akademikern herhinken. Daf�r l�sst jedoch ihre geistige Stabilit�t stark zu w�nschen �brig. Das</p><p>betrifft besonders die Zahl der Selbstmorde im Alter zwischen 45 und 65 Jahren, die nach �lteren Studien</p><p>zwei bis drei Mal �ber dem Durchschnitt liegt. �rztinnen haben von allen weiblichen Gruppen die</p><p>h�chste Suizidrate. Nach einer neuen Erhebung sterben sie 5,6 Mal h�ufiger von eigener Hand als andere</p><p>Akademiker und als die Gesamtbev�lkerung. Psychiater und Psychotherapeuten, so der einhellige Tenor</p><p>aller Experten, haben jedoch das h�chste Suizidrisiko von allen medizinischen Gruppen.</p><p>Die helfenden Berufe fallen auch statistisch geh�uft einer Sucht zum Opfer, die vorwiegend die</p><p>Gestalt des Alkoholismus annimmt. Die Zahl der Trinker unter den �rzten liegt �ber dem</p><p>Bev�lkerungsmittel und wird auf bis zu 5 Prozent gesch�tzt. Die verschiedenen Stadien der Sucht</p><p>verlaufen bei Heilern meistens versteckt, und auch von der Rehabilitation bekommt die Au�enwelt in der</p><p>Regel nichts mit. Es ist zurzeit nicht bekannt, ob einzelne Disziplinen und insbesondere die</p><p>Psychotherapeuten ein �berdurchschnittliches Risiko tragen.</p><p>Schlie�lich h�ngt auch der Ehesegen bei �rzten und Therapeuten in einem besonders hohen Ma�e</p><p>schief. Ihre Trennungs- und Scheidungsraten liegen weit �ber dem Durchschnitt, die Ehepartner haben</p><p>�beraus h�ufig mit St�rungen der K�rperfunktionen und anderen Beeintr�chtigungen, wie etwa</p><p>Einsamkeit, zu k�mpfen.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen, die einen Psychotherapeuten aufsuchen, leiden unter schweren</strong></p><p><strong>und gravierenden Beeintr�chtigungen�</strong></p></title><p>Eines der wichtigsten Argumente, mit denen Psychotherapeuten die Existenz ihrer Institution und</p><p>deren Anspruch auf �ffentliche Subventionierung rechtfertigen, ist, dass ihre Patienten unter</p><p>einschneidenden seelischen Krankheiten leiden, deren Nichtbehandlung gr��te Gefahren f�r Leib und</p><p>Seele heraufbesch�ren w�rde. Wer wollte einer selbstmordgef�hrdeten, depressiven Witwe den seelischen</p><p>Beistand vorenthalten, wer schl�ge einem Angstpatienten, der von st�ndig wiederkehrenden</p><p>Panikattacken gebeutelt wird, den Wunsch nach Unterst�tzung aus?</p><p>Doch die Grenzen zwischen jenen, welche die Heilung einer klar definierten St�rung brauchen, und</p><p>jenen, die Lebenssinn und eine Steigerung des pers�nlichen Wohlbefindens suchen, sind in der</p><p>therapeutischen Praxis flie�end. Es gibt Menschen, die regelm��ig unter depressiven Sch�ben leiden, sie</p><p>aber ohne fremde Hilfe �berstehen. Und es gibt Menschen, die schon beim kleinsten Karriereknick oder</p><p>Beziehungsknatsch professionelle Hilfe suchen. Die Institution Psychotherapie, behauptet der</p><p>amerikanische Psychologe Robert A. Baker, �bt eine gro�e Anziehungskraft besonders auf Menschen aus,</p><p>die einfach� unangemessen hohe Erwartungen an das Leben �haben.<sup>42</sup> Auch die kanadische Psychologin</p><p>Tana Dineen schlie�t aus ihrer intimen Kenntnis der Therapieszene, dass der Prototyp des</p><p>zeitgen�ssischen Klienten den Heiler nicht aus dem Wunsch nach Beseitigung eines umschriebenen</p><p>Leidens besucht.<sup>3</sup></p><p>Nach ihren Beobachtungen sieht eine repr�sentative moderne Therapiegeschichte eher</p><p>folgenderma�en aus:�Eine Hausfrau, die mit ihrem Leben ungl�cklich ist, sucht einen Therapeuten auf,</p><p>um mit ihrer Einsamkeit und Frustration fertig zu werden. Der Heiler arrangiert w�chentliche Sitzungen,</p><p>bei denen verschiedene Themen, darunter ihre Kindheitserinnerungen und ihre Eltern, ihr</p><p>zur�ckgezogenes erwachsenes Leben und ihre leidenschaftslose Ehe, zur Sprache kommen. Ein Jahr</p><p>sp�ter ist sie immer noch ungl�cklich mit ihrem Leben, aber sie ist &gt;gl�cklich mit der Therapie&lt;, froh</p><p>dar�ber, dass sie endlich mit einer verst�ndnisvollen Person �ber ihr Ungl�ck reden kann.�</p><p>Das Beispiel sei nur eines von Millionen Klienten, die jedes Jahr mit milden und diffusen Formen der</p><p>Unzufriedenheit bei einem Therapeuten landen. Manchmal w�rden diese F�lle auch durch pl�tzlich</p><p>�wieder entdeckte �Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit oder durch hochgestochene</p><p>und dramatisch klingende Fachbegriffe wie� Posttraumatische Stresskrankheit�,�chronisches</p><p>M�digkeitssyndrom �oder� Internetsucht �aufgepeppt. Was den genauen Umfang der Psychomisere in</p><p>der Bev�lkerung angeht, ist man weitgehend auf Sch�tzungen angewiesen. Aus Kreisen der</p><p>Psychotherapeuten werden immer wieder Angaben laut, wonach jeder zweite Bundesb�rger einmal in</p><p>seinem Leben an einer psychischen St�rung erkrankt; jeder Vierte soll zurzeit an einer</p><p>�behandlungsbed�rftigen �seelischen St�rung leiden. Dazu k�men Hunderttausende, die sich in einer</p><p>Grauzone aus Unausgef�lltsein, Sinnleere und Gl�cklosigkeit w�lzen.</p><p>Doch ein amerikanischer Psychologe, der vor einiger Zeit eintausend Akten von tats�chlich</p><p>psychotherapierten Klienten studierte, zeichnete nach Bakers Beschreibung ein v�llig anderes Bild der</p><p>Therapiemotive:�Die �berwiegende Mehrheit der Probleme, die bei Psychotherapeuten vorgebracht</p><p>wurden, hatten keinen bedrohlichen Charakter. �Die meisten Klienten waren solche, die man als</p><p>�besorgte Gesunde�(�worried well�) bezeichnet.�In �ber der H�lfte der F�lle ging die Ursache f�r die</p><p>Therapie auf �bertriebene Egozentrik zur�ck. 849 F�lle waren durch Einsamkeit, Egozentrik und</p><p>Selbstbesessenheit gekennzeichnet. Sehr h�ufig standen auch schlicht Langeweile und eine zynische</p><p>Haltung zum Leben im Vordergrund. �Viele der Patienten hatten gleichzeitig mehrere der genannten</p><p>Beeintr�chtigungen.</p><p>�Mit jeder neuen Methode, mit jeder frisch diagnostizierten Neurose w�chst f�r den so bombardierten</p><p>Otto Normalmenschen das Gef�hl der eigenen Unzul�nglichkeit�, diagnostiziert das Nachrichtenmagazin</p><p>�Der Spiegel�.<sup>38</sup>�Was jahrtausendelang wie selbstverst�ndlich zum Dasein geh�rte, wird nun auf der</p><p>Couch und anderswo problematisiert, analysiert und schlie�lich seziert. �Immer mehr Menschen schieben</p><p>die Verantwortung f�r Problembew�ltigung und Sinnfindung jedem anderen, nur nicht sich selber zu. Die</p><p>Psychologen und ihre F�rsprecher in den Medien haben dieses fatalistische Dogma in den vergangenen</p><p>Jahrzehnten auf allen Kan�len missioniert. Wir alle sind gest�rt, neurotisch, krank, depressiv, s�chtig und</p><p>verr�ckt, weil die� Umst�nde�, die Erziehung, die Eltern, und unsere vernachl�ssigten Bed�rfnisse uns</p><p>gezeichnet haben. Das ganze Leben ist eine Kette von krank machenden Traumatisierungen, die mit dem</p><p>Austritt aus dem Mutterleib, oder wahlweise noch viel fr�her, beginnt.</p><p>�Dieses Delegieren der Verantwortung hat eine weitere Konsequenz�, f�rchtet der Psychologie-</p><p>Professor Ernst P�ppel.�Ich meine, dass sich unsere pers�nliche Identit�t nur dann auspr�gen kann, wenn</p><p>wir den Schmerz und die Lust auch einmal zulassen, also an die Grenzen unseres Erlebens gehen und</p><p>diese Grenzen selber bestimmen. Wenn wir mit einer analgetischen Grundeinstellung jeden Schmerz</p><p>wegtherapieren, haben wir kaum Gelegenheit, zu pr�fen, wie wir uns unter Belastung bew�hren, wie wir</p><p>es schaffen, Schwierigkeiten zu �berwinden, wer wir eigentlich sind.�<sup>43</sup></p></section><section><title><p><strong>�Psychotherapeuten sorgen daf�r, dass spezifische St�rungen mit den</strong></p><p><strong>angemessenen Techniken behandelt werden�</strong></p></title><p>Ann�hernd 600 konkurrierende Verfahren dr�ngeln sich heute auf dem bunten Markt der Seelenhilfe,</p><p>und diesem �berbordenden Therapieangebot steht eine nicht einmal grob absch�tzbare Zahl von</p><p>psychischen St�rungen und Symptomen gegen�ber. Nach dem klassischen hippokratischen Verst�ndnis</p><p>m�ssten bei einer derartigen Vielfalt von Heilmethoden eigentlich Fragen der� Indikation �und</p><p>�Kontraindikation �im Mittelpunkt stehen: F�r welche St�rung bei welchem Patienten ist welche</p><p>Behandlung am besten � oder aber v�llig deplatziert?</p><p>In der scheinfrommen Realit�t der Psychotherapie werden solche Fragen jedoch pikiert beiseite</p><p>geschoben.�Der durchschnittliche Psychotherapiesuchende kauft die Katze im Sack�, klagt der Berliner</p><p>Psychotherapie-Forscher Eckhard Giese.<sup>44</sup> Offenbar macht kaum ein Psychotherapeut je die Frage zum</p><p>Thema,�ob der Klient f�r ihn bzw. f�r die Therapierichtung, die er repr�sentiert, geeignet sein mag.</p><p>Tats�chlich kommt es in der Praxis sehr selten vor, dass ein Psychotherapeut einen Klienten abweist.�</p><p>Auch der amerikanische Psychologe Al Siebert kreidet der Psychotherapie diesen Dilettantismus an:�Die</p><p>gegenw�rtigen Standards der Psychotherapie sind jedoch so, dass nur der theoretische Hintergrund und</p><p>die �berzeugungen des Therapeuten die Ausrichtung der Therapie bestimmen, und nicht die Symptome</p><p>des Patienten.�</p><p>Statt der angebrachten Selbstbescheidung entwickeln die Psychotherapeuten offenbar einen Universal-</p><p>und Allheilmythos, demzufolge ihr Therapieangebot das allein selig machende f�r alle Hilfe Suchenden</p><p>ist.�Richtig ist�, so Giese,�dass eine der besten therapeutischen Techniken die �berweisung ist.�</p><p>Geradezu pikant ist nach Ansicht des Psychotherapie-Forschers Klaus Grawe in diesem Zusammenhang</p><p>die Tatsache, dass in der BRD nahezu alle Lehrst�hle f�r Psychosomatik mit Anh�ngern des freudschen</p><p>Credos besetzt sind. Doch nach dem Ergebnis der graweschen Metaanalyse kann es �berhaupt keinen</p><p>Zweifel mehr geben, dass die Psychoanalyse bei psychosomatischen St�rungen eindeutig keinen</p><p>therapeutischen Nutzen bringt.</p><p>�Wer mit einer Angstst�rung bei einem Analytiker landet�, schreibt das Nachrichtenmagazin� Der</p><p>Spiegel�,�weil ihn sein Hausarzt dorthin geschickt hat, wird auf Gedeih und Verderb per Analyse</p><p>behandelt � oft jahrelang vergebens.�<sup>38</sup> Allerdings w�rde ihn auch die� fachgerechte��berweisung nicht</p><p>unbedingt davor sch�tzen, in die Mangel der freudianischen Redekur genommen zu werden. Nach einer</p><p>Umfrage in der Schweiz arbeiten auch 98 Prozent aller �rztlichen und 72 Prozent aller psychologischen</p><p>Seelenhelfer mit psychoanalytischen Verfahren, berichtet Grawe. Vermutlich m�ssen sich die</p><p>Seelenklempner zwangsl�ufig bei diesen Versatzst�cken aus der Mottenkiste der Psychoanalyse bedienen,</p><p>weil ihre Klientel das� Bohren �nach Kindheitserinnerungen und andere Finessen der Wiener Schule als</p><p>selbstverst�ndlichen Aspekt einer� richtigen �Therapie erachtet.</p><p>Wie dilettantisch und unprofessionell Psychotherapeuten bei der Planung ihrer Behandlung vorgehen,</p><p>kann man nach der Schilderung des amerikanischen Psychologen Terence W. Campbell in einer Serie von</p><p>empirischen Studien ablesen.<a l:href="#n_8" type="note">[7]</a> Die Entscheidungen �ber das therapeutische Vorgehen werden demnach</p><p>fast nie in einer logischen, systematischen Form vorgenommen. Nach dem Ergebnis der Untersuchung</p><p>wurden die genauen Ziele und das methodische Vorgehen allein auf Basis des intuitiven Eindruckes</p><p>ausgew�hlt.�In �ber 90 Prozent der F�lle lie�en die Therapeuten jegliches relevante Forschungsergebnis</p><p>au�er Acht, sie ber�cksichtigten nur das, was sich gut anh�rte. �De facto stellte sich sogar heraus, dass</p><p>Psychotherapeuten generell die Augen vor dem Stand der Wissenschaft schlie�en, res�miert Campbell.</p><p>�Ein besonders ern�chterndes Forschungsergebnis besagte, dass weniger als 10 Prozent von 1100</p><p>befragten Psychotherapeuten �berhaupt irgendwelche Forschungsarbeiten f�r ihre Arbeit heranzogen.�</p><p>Bei einer anderen Studie kam heraus, dass Psychotherapeuten es vorziehen, Behandlungsfragen mit ihren</p><p>Kollegen zu diskutieren, statt die professionelle Literatur zu konsultieren.�Alles in allem deuten diese</p><p>Ergebnisse darauf hin, dass Therapeuten Klatsch und Ger�chte �ber rigoroses Denken stellen � was ganz</p><p>gewiss als Krise betrachtet werden muss.�</p><p>In diesem unwissenschaftlichen und durch fehlende Selbstkritik gekennzeichneten Umfeld verh�rten</p><p>sich theoretische Modellvorstellungen zu dogmatisch geh�teten Glaubenss�tzen. So f�hren die meisten</p><p>therapeutischen Schulen die aktuellen seelischen N�te ihrer Klienten auf irgendwelche sch�digenden</p><p>Einfl�sse in der mehr oder weniger weit entfernten Vergangenheit zur�ck. Der Glaube, dass die Wurzeln</p><p>allen �bels in den Lebensgeschichten der Klienten liegen, setzt aber h�ufig eine willk�rliche Blindheit</p><p>f�r die gegenw�rtigen Probleme dieser Menschen und f�r die sich h�ufenden Forschungsergebnisse</p><p>voraus, die beweisen, dass die Wurzeln in vielen F�llen in biochemischen, neurologischen und</p><p>genetischen Faktoren liegen. Au�erdem haben Therapeuten oft kein Gesp�r daf�r, dass sie die</p><p>�Tatsachen�, die ihre eigenen Vorannahmen untermauern, erst durch subtile Einfl�sse aus ihren Patienten</p><p>m�hsam� hervorkitzeln �m�ssen. Die Branche ist weitgehend blind f�r den� Erwartungsdruck�, den sie</p><p>aus�bt, und der zur Folge hat, dass Klienten die Symptome� produzieren�, die in die Ideologie der Heiler</p><p>passen. Klassische Freudianer� entdecken �bei ihren Patienten Hinweise auf fr�hkindliche sexuelle</p><p>Versuchungen, w�hrend manche ihrer Konkurrenten im gleichen� Kaffeesatz �Hinweise auf eine</p><p>�multiple Pers�nlichkeit�(siehe entsprechendes Kapitel)�entdecken �w�rden.</p><p>Kein Wunder, dass die Zunft ob dieser unprofessionellen Haltung bei diagnostischen und</p><p>prognostischen Tests versagt, schlie�t der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes. Wenn sie die</p><p>zuk�nftige Entwicklung einer Person vorhersagen sollen, erweisen sich Psychotherapeuten als denkbar</p><p>schlechte Propheten. In einer US-Studie wurden zum Beispiel 200 Personen nachuntersucht, die vor 35</p><p>Jahren psychologisch sondiert worden waren. Drei Viertel derer, f�r deren Schicksal die Kenner schwarz</p><p>gesehen hatten, erfreuten sich bester seelischer Gesundheit.�Was das bedeutet, ist, dass niemand eine</p><p>Methode entwickelt hat, um vorherzusagen, wer sich ver�ndert, oder wie oder wann.�</p></section><section><title><p><strong>�Wenn Psychotherapie ohnm�chtig ist, sind seelisch Leidende zu einer</strong></p><p><strong>desolaten Ausweglosigkeit verdammt�</strong></p></title><p>Der Gedanke, dass die psychotherapeutischen Anstrengungen im Gro�en und Ganzen vergeblich sein</p><p>k�nnten, wirkt auf viele Menschen allein deshalb so unertr�glich und ungeheuerlich, weil damit seelisch</p><p>Kranken scheinbar jegliche Hoffnung auf Heilung geraubt wird. Dahinter steckt die tief sitzende</p><p>Gewissheit, dass eine psychische St�rung eine Art Rohrbruch darstellt, der unbedingt durch einen</p><p>erfahrenen und verantwortungsbewussten (Seelen-)Klempner gerichtet werden muss, damit er nicht zu</p><p>einer zerst�rerischen �berschwemmung ausartet.</p><p>Im Unterschied zu Rohrbr�chen besteht indes der erste Weg zur Besserung bei seelischen Krankheiten</p><p>in der Erkenntnis, dass es gar keinen �berlegenen,�fachkundigen �Experten gibt, ja, dass man selbst der</p><p>beste Experte f�r die eigene Genesung ist. In diesem Sinne haben die vernichtenden Ergebnisse der</p><p>Psychotherapie-Forschung einen �u�erst demokratischen und egalit�ren Charakter: Psychotherapeuten</p><p>k�nnen Neurosen nicht besser heilen als jeder wohlmeinende Laie, und sie leiden selbst in erh�htem</p><p>Ma�e an den� Verr�cktheiten�, die sie bei anderen therapieren wollen. Das kann nur hei�en, dass</p><p>niemand f�r die� richtige �Bew�ltigung des Lebens ein Patentrezept besitzt. Es gibt keine besonderen</p><p>Tricks, Verhaltensma�regeln oder Techniken, die einem� Fachmann �einen �berlegenen Umgang mit</p><p>seelischer Not vermitteln w�rden. Wir brauchen also keine Angst zu haben, dass wir im Leben straucheln</p><p>m�ssen, nur weil uns die klugen Einsichten jener fehlen, die die psychologische Weisheit� mit L�ffeln</p><p>gefressen �haben.�Es gibt keinen Grund, unsere eigenen Vorstellungen dar�ber, was im Leben wichtig</p><p>ist, �ber Bord zu werfen und durch jene eines Therapeuten zu ersetzen�, fasst der Psychologe Robyn M.</p><p>Dawes diese emanzipatorische Erkenntnis in Worte.</p><p>Wir k�nnen unser Leben im Zweifelsfalle selber �ndern. Dazu ist es �berhaupt nicht n�tig, auf die</p><p>Polsterung durch eine wohl beh�tete Kindheit oder ein strahlendes Selbstwertgef�hl zur�ckzugreifen.</p><p>Diesen Floh haben �berhaupt erst die Psychotherapeuten den Menschen ins Ohr gesetzt. Die menschliche</p><p>Seele besitzt enorme Selbstheilungskr�fte, die das psychische Leid in einer gro�en Zahl aller F�lle ohne</p><p>jedes �u�ere Zutun zum Verschwinden bringen. Allein die fixe Idee, dass man ohne die Hilfe eines</p><p>Psychotherapeuten nicht mehr weiterkommt, kann schon einen negativen Teufelskreis erzeugen. Es ist</p><p>viel wichtiger, sich mental von seinen Problemen abzuwenden und sich aktiv, wenn nicht aggressiv in die</p><p>Welt da drau�en zu begeben.�Unterziehen Sie sich einfach einmal neuen und radikal ver�nderten</p><p>Lebenserfahrungen�, empfiehlt zum Beispiel der Psychologe Terence W Campbell.�Unternehmen Sie</p><p>Dinge, die Sie noch nie getan haben, mit Menschen, die Ihnen v�llig fremd sind. Gehen Sie auf die</p><p>Empfindungen und Probleme anderer Menschen ein. �Aber auch Musik, Kunst, sportliche Bet�tigung,</p><p>das intensive� Aufgehen �in Leidenschaften und Hobbys, soziales Engagement f�r Schw�chere und</p><p>Benachteiligte, die Einnahme von Vitaminen, Mineralien und Biostoffen und viele andere gutartige</p><p>�Kicks �k�nnen ein probates Antidot gegen die D�monen unserer Seele sein.</p><p>Wenn die seelischen N�te unertr�glich werden, ist ein Gespr�ch mit einem einf�hlsamen Freund oder</p><p>eventuell der Besuch einer Selbsthilfegruppe die erste Wahl, r�t Campbell.�Vergessen Sie nie, dass Sie in</p><p>sich die psychologischen und spirituellen Ressourcen besitzen, nicht nur um zu �berleben, sondern um</p><p>gl�cklich zu werden und Ihre Ziele zu erreichen. �Jeder Therapeut, der einem Hilfe Suchenden nicht</p><p>zuallererst diese fundamentalen Wahrheiten �bermittelt und an dessen eigene St�rken und</p><p>Selbstverantwortung appelliert, ist v�llig inkompetent und hat seinen Daseinszweck verfehlt.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>1 </emphasis>�Wucherndes Dickicht�. In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>Nr. 25 <emphasis>/98.</emphasis></p><p><emphasis>2 </emphasis>Eysenck, Hans J�rgen: <emphasis>Learning theory and behavior therapy. </emphasis>In: Hans J�rgen Eysenck (Hg.): <emphasis>Behavior therapy and the neuroses. </emphasis>Pergamon Press, London 1960.</p><p><emphasis>3 </emphasis>Dineen, Tana: <emphasis>Psychotherapy � The snake oil of the 90's? </emphasis>In: <emphasis>Skeptic, </emphasis>Vol. 6 (1998), S. 54�63.</p><p><emphasis>4 </emphasis>Dineen, Tana: <emphasis>Manufacturing victims. </emphasis>Constable Press, London 1999.</p><p><emphasis>5 </emphasis>Stevens, Lawrence: <emphasis>The case against psychotherapy. </emphasis>http://www.antipsychiatry.org/psychoth.htm</p><p><emphasis>6 </emphasis>Wampold, Bruce E.: <emphasis>A meta-analysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empirically,�All must have prices�. </emphasis>In: <emphasis>Psychological bulletin, </emphasis>Vol. 122 (1997), S. 203�215.</p><p><emphasis>7 </emphasis>Campbell, Terence W.: <emphasis>Beware the talking cure. </emphasis>Upton Books, Boca Raton 1994.</p><p><emphasis>8 </emphasis>Zimmer, Dieter E.: <emphasis>Tiefenschwindel. </emphasis>Rowohlt Verlag, Reinbek 1986.</p><p><emphasis>9 </emphasis>Warters, Ethan/Ofshe, Richard: <emphasis>Therapy's delusions. </emphasis>Verlag Scribner, New York 1999.</p><p>10 Dawes, Robyn M.: <emphasis>House of cards. Psychology and psychotherapy built on myth. </emphasis>Free Press, New York et al. 1994.</p><p>11 Angermeyer, Mathias C. et al.: <emphasis>Pro und contra: Psychotherapie und Psychopharmakologie im Urteil der Bev�lkerung. </emphasis>In: <emphasis>Psychotherapie,</emphasis></p><p><emphasis>Psychosomatik, Medizinische Psychologie. </emphasis>Bd. 43 (1993), S. 286�292.</p><p>12 Degen, Rolf: <emphasis>Von Tiefenpsychologie und Hochstapelei. </emphasis>In: <emphasis>Zeit Magazin, </emphasis>Nr. 29/1995.</p><p>13 Auckenthaler, Anne: <emphasis>Das Risiko der klientenzentrierten Psychotherapie oder: Die unsichere Welt der Nacheffekte. </emphasis>In: Eckhard Giese/Dieter</p><p>Kleiber: <emphasis>Risiko Therapie. </emphasis>Beltz Verlag, Weinheim 1991.</p><p>14 Eysenck, Hans J�rgen: <emphasis>The effects of psychotherapy � An evaluation. </emphasis>In: <emphasis>Journal of Consulting psychology, </emphasis>Vol. 16 (1952), S. 319�324.</p><p>15 Carey, Michael P. et al.: <emphasis>Self initiated smoking cessation: A review of the empirical literature from a stress and coping perspective. </emphasis>In: <emphasis>Cognitive therapy and research, </emphasis>Bd. 13 (1989),</p><p>S. 323�341.</p><p>16 Klingemann, Harald: <emphasis>Der Freitag, wo alles kaputt war, oder die Macht des Positiven? </emphasis>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Soziologie, </emphasis>Bd. 19 (1990), S. 444�457.</p><p><emphasis>17 </emphasis>Klein, Donald F.: <emphasis>Control groups in pharmacotherapy and psychotherapy evaluations. </emphasis>In: <emphasis>Control groups in pharmacotherapy and psychotherapy evaluations treatment. </emphasis>Vol. 1, Nr. 1 1997 http: //www.journals.apa.org/treatment/vol1/97_a1.html.</p><p><emphasis>18 </emphasis>Prioleau, Leslie: <emphasis>An analysis of psychotherapy versus placebo studies. </emphasis>In: <emphasis>The behavioral and brain sciences, </emphasis>Vol. 6 (1983), S. 275�310.</p><p><emphasis>19 </emphasis>Snyder, C. R. et al.: <emphasis>Hope as psychotherapeutic foundation of common factors, placebos, and expectancies. </emphasis>In: Mark A. Hubble et al. (Hg.): <emphasis>The heart and soul of change. What works in therapy. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1999.</p><p><emphasis>20 </emphasis>Luborsky, Lester et al.: <emphasis>Comparative studies of psychotherapies. </emphasis>In: <emphasis>Archives of General Psychiatry, </emphasis>Vol. 32 (1975), S. 995-1008.</p><p><emphasis>21 </emphasis>Tallman, Karen et al.: <emphasis>The client as a common factor: Clients as self healers. </emphasis>In: Mark A. Hubble et al. (Hg.): <emphasis>The heart and soul of change.</emphasis></p><p><emphasis>What works in therapy. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1999.</p><p><emphasis>22 </emphasis>Siebert, Al: <emphasis>What if psychotherapists had to meet FDA standards for effectiveness, safety, appropriateness?</emphasis></p><p>http://mentalhealthfacts.com/otherarticles/psychotherapyfda.htm</p><p><emphasis>23 </emphasis>Grawe, Klaus et al.: <emphasis>Psychotherapie im Wandel. </emphasis>Hogrefe Verlag, G�ttingen et al. 1994.</p><p><emphasis>24 </emphasis>Asay, Ted R. et al.: <emphasis>The empirical case for the common factors in therapy. </emphasis>In: Mark A. Hubble et al. (Hg.): <emphasis>The heart and soul of change. What works in therapy. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1999.</p><p>25 Margraf, J�rgen: <emphasis>Pers�nliche Mitteilung im Telefongespr�ch mit dem Autor.</emphasis></p><p>26 Shapiro, Arthur K./Shapiro, Elaine: <emphasis>The powerful placebo. Front ancient priest to modern physician. </emphasis>The John Hopkins University Press.</p><p>Baltimore and London 1997.</p><p>27 Freud, Sigmund: <emphasis>Neue Folge der Vorlesungen zur Einf�hrung in die Psychoanalyse, </emphasis>34. Vorlesung. In: <emphasis>Vorlesungen zur Einf�hrung in die Psychoanalyse. Neue Folge der Vorlesungen zur Einf�hrung in die Psychoanalyse, </emphasis>Studienausgabe, Bd. 1, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Frankfurt 1982.</p><p>28 Horgan, John: <emphasis>Der menschliche Geist. </emphasis>Luchterhand Verlag, M�nchen 2000.</p><p>29 Shear, Katherine M. et al.: <emphasis>Cognitive behavioral treatment compared with nonprescriptive treatment of panic disorder. </emphasis>In: <emphasis>Archives of general psychiatry, </emphasis>Vol. 51 (1994), S. 395�401.</p><p>30 Cooper, Joel: <emphasis>Effort justification in psychotherapy. </emphasis>In: Gifford Weary/Herbert L. Mirels (Hg.): <emphasis>Integrations of clinical and social psychology.</emphasis></p><p>Oxford University Press, New York 1982.</p><p>31 Durlak, Joseph A.: <emphasis>Comparative effectiveness of paraprofessional and professional helpers. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>Vol. 86 (1979), S. 80�92.</p><p>32 Hattie, John A. et al.: <emphasis>Comparative effectiveness of professional and paraprofessional helpers. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>Vol. 95 (1984), S. 534�541.</p><p>33 Berman, Jeffrey S./Norton, Nicholas C: <emphasis>Does professional training make a therapist more effective? </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>Vol. 98 (1985), S. 401�407.</p><p>34 Kyrouz, Elaina M. / Humphreys, Keith: <emphasis>A review of research on the effectiveness of self-help mutual aid groups.</emphasis></p><p>http: //mentalhelp.net/articles/selfres.htm</p><p>35 Grawe, Klaus: <emphasis>Freud und die Erforschung des Ichs. </emphasis>In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>Nr. 53/1998.</p><p>36 Amrein, Josef: <emphasis>Gesundbeterei und erst noch zu teuer? </emphasis>In: <emphasis>Wellwoche, </emphasis>10.9.1998.</p><p>37 Giese, Eckhard/Kleiber, Dieter: <emphasis>Therapie: Immer ein riskantes Unternehmen. </emphasis>In: <emphasis>Psychologie heute, </emphasis>Nr. 18 (1991), S. 50�55.</p><p>38�Das Dasein wird seziert�. In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>Nr. 30/1994.</p><p>39 Furman, Ben /Ahola, Tapani: <emphasis>Nachteilige Auswirkung von psychotherapeutischen Annahmen: Eine Anwendung der Attribuierungstheorie auf</emphasis></p><p><emphasis>die kritische Untersuchung der Psychotherapie. </emphasis>In: <emphasis>Familiendynamik, </emphasis>Bd. 5 (1990), S. 288�304.</p><p>40 Reimer, Christian: <emphasis>Lebensqualit�t von Psychotherapeuten. </emphasis>In: <emphasis>Psychotherapeut, </emphasis>Bd. 39 (1994), S. 73�78.</p><p>41 Urban, Martin: <emphasis>Wenn sich Statistiker die Seele vornehmen. </emphasis>In: <emphasis>S�ddeutsche Zeitung, </emphasis>9.3.1999.</p><p>42 Baker, Robert A.: <emphasis>Mind games. </emphasis>Prometheus Books, New York 1997.</p><p>43 P�ppel, Ernst:�Das Gl�ck in der Kniekehle�. http://www-x.nzz.ch/folio/archiv/1998/11/articles/poeppel.html</p><p>44 Giese, Eckhard: <emphasis>Risiken f�r Klienten. </emphasis>In: Eckhard Giese/ Dieter Kleiber: <emphasis>Risiko Therapie. </emphasis>Beltz Verlag, Weinheim 1991.</p></cite></section></section><section><title><p><strong>Karma im Zellkern</strong></p></title><section><title><p><strong>�Die Pers�nlichkeit des Menschen wird durch seine Erziehung bestimmt�</strong></p></title><p>Es gibt kaum ein Credo, das den Menschen so in Fleisch und Blut �bergegangen ist, wie der Glaube an</p><p>den pr�genden Einfluss der Erziehung. Die Art und Weise, wie Kinder in den ersten Lebensjahren von</p><p>ihren Eltern behandelt werden, dr�ckt demnach ihrer Pers�nlichkeit einen unverwischbaren Stempel auf.</p><p>Es wird ohne den leisesten Zweifel davon ausgegangen, dass eine rundum g�nstige und liebevolle</p><p>Kindheitsgeschichte naturnotwendig zu einem ausgeglichenen und lebenst�chtigen Charakter f�hrt. Wer</p><p>zu Hause nur Abneigung und Gleichg�ltigkeit zu sp�ren bekam, muss f�r den Rest seines Lebens mit</p><p>�Urschmerz�, Neurosen und Komplexen k�mpfen. Wer als Kind st�ndig Pr�gel bezogen hat, wird selbst</p><p>zum Schl�ger. Wer nie Grenzen gesetzt bekam, probt unabl�ssig, wie weit er gehen kann, bis er dem Kick</p><p>der Gewalt erliegt.</p><p>�F�r so gut wie alle Untaten, die je ver�bt wurden, b�rdet die Gesellschaft den Eltern eine Mitschuld</p><p>auf�, bringt es das Nachrichtenmagazin� Der Spiegel �auf den Punkt.<sup>1</sup> Nicht weniger als 72 St�rungen der</p><p>kindlichen Psyche, so die Psychologin Ursula Nuber in ihrem Buch� Der Mythos vom fr�hen Trauma�,</p><p>schrieben Therapeuten 1990 bei einer Umfrage der Schuld der M�tter zu: von aggressivem Verhalten �ber</p><p>Transsexualit�t bis zu Schizophrenie.<sup>2</sup> Zwar haben viele Menschen den Eindruck, dass es sich bei</p><p>derartigen Zusammenh�ngen um gesicherte Erkenntnisse handelt, doch kaum jemand kann mit klaren</p><p>Worten sagen, durch welche Befunde, Messungen oder Beobachtungen der Glaube an die Allmacht der</p><p>Erziehung eigentlich untermauert wird.</p><p>Es ist heute durchaus �blich, auf� versch�ttete �Erlebnisse aus der Kindheit zur�ckzugreifen, wenn</p><p>man seine gegenw�rtigen Probleme besser verstehen will. Doch dieser R�ckschluss ist keineswegs</p><p>selbstverst�ndlich: Bis zu denn zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts w�re es unseren</p><p>Vorfahren fremd und absurd vorgekommen, Kriminalit�t, Neurosen oder Untreue auf fr�hkindliche</p><p>Belastungserfahrungen zur�ckzuf�hren.�Die Theorie�, schrieb der Stuttgarter Verhaltensforscher</p><p>Hansj�rg Hemminger bereits 1982 hellsichtig,�ist also entweder ein bahnbrechender, ungeheurer</p><p>Fortschritt, der das vorherige Denken revolutioniert, oder ein schlichter Irrtum.�<sup>3</sup></p><p>Ganze Berge von aufschlussreichen Daten und Erhebungen, die in den vergangenen Jahren gesammelt</p><p>wurden, lassen jetzt nur noch die Diagnose� Irrtum �zu. Je mehr Beobachtungen die Wissenschaftler</p><p>zusammentrugen, je genauer sie ihre Rechenmodelle ausfeilten, umso mehr schrumpfte der vermeintlich</p><p>�berragende Einfluss der Erziehung dahin.�Wie immer sich Kinder entwickeln, die Eltern k�nnen nichts</p><p>daf�r�, fasst das Schweizer Nachrichtenmagazin� Facts �die Quintessenz der neuen Analysen</p><p>zusammen.<sup>4</sup> Auch der Psychologe und Verhaltensgenetiker David C. Rowe vom Institut f�r</p><p>Familienstudien der Universit�t von Arizona stellt die Macht der Erziehung radikal in Frage. Er</p><p>postuliert,�dass die Eltern, von Familien der Arbeiterschicht bis zu den Akademikern, wenig Einfluss</p><p>darauf haben, welche Eigenschaften ihre Kinder letztlich als Erwachsene entwickeln werden�.<sup>5</sup></p><p>Die umst�rzlerischen Forscher wissen, dass ihre Thesen in seltener Einstimmigkeit nicht nur gesundem</p><p>Menschenverstand widersprechen, sondern auch so ziemlich allem, was zum Thema Erziehung (noch) in</p><p>den popul�ren Sachb�chern und in dicken akademischen Schwarten aus den Universit�tsbibliotheken</p><p>steht. David C. Rowe verweist gelassen auf die Geschichte der Wissenschaft, wenn er die Armee</p><p>ungl�ubiger Sozialwissenschaftler und Laien kommentiert:�Fr�her hielt man die Erde f�r eine Scheibe;</p><p>es gibt Momente, wo Experten und Volksmeinung falsch liegen. �Und Rowe hat keine Zweifel, dass dies</p><p>ein solcher Moment ist.</p><p>Durch die Gnade der Unwissenheit haben die meisten Fachleute im deutschsprachigen Raum noch gar</p><p>nicht gemerkt, wie tief die geh�tschelte These von der Allmacht der Erziehung im Schlamassel steckt.</p><p>Der Psychologe Urs Schallberger von der Universit�t Z�rich wei�, dass viele seiner Kollegen aus der</p><p>Entwicklungspsychologie von den neuen Ergebnissen keine Ahnung haben:�Die sind immer wieder</p><p>�berrascht, wenn ich darauf zu sprechen komme.�<sup>4</sup> Eine Folge der� normalen zeitlichen Verz�gerung�,</p><p>wie Schallberger meint, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse ben�tigen, um ein Fachgebiet zu</p><p>durchdringen und sich in Professorenk�pfen niederzulassen.</p></section><section><title><p><strong>�Fr�he seelische Traumata sch�digen Menschen ein Leben lang�</strong></p></title><p>In ihrer urspr�nglichen Form ist der Glaube an die �berw�ltigende Macht der Erziehung auf Sigmund</p><p>Freud, den Begr�nder der Psychoanalyse, zur�ckzuf�hren. Nach seiner� Traumatheorie �werden in den</p><p>ersten sechs Lebensjahren die entscheidenden Weichen f�r unser Wohl und Wehe im sp�teren Leben</p><p>gestellt. Fr�hes seelisches Leid, die so genannten Traumata, k�nnen demnach vom heranreifenden</p><p>Organismus nicht verkraftet werden und fallen dem� Unbewussten �anheim, von wo aus sie</p><p>lebensl�nglich verheerende Sch�den an Leib und Seele des betreffenden Menschen anrichten. Wie der</p><p>Verhaltenswissenschaftler Hansj�rg Hemminger schon vor mehreren Jahren schrieb, stellt diese</p><p>�berzeugung jedoch eine haltlose und wissenschaftlich v�llig unbegr�ndete �berbewertung der ersten</p><p>Lebensjahre dar, die im krassen Gegensatz zu den neueren Erkenntnissen der empirischen Forschung</p><p>steht.�Bei der Theorie von der zuverl�ssig erfreulichen Wirkung einer g�nstig verlaufenden Kindheit</p><p>handelt es sich um einen Mythos.�</p><p>Den Psychoanalytikern reicht es als Beweis schon, wenn sie in den Tr�umen und freien Assoziationen</p><p>ihrer Patienten versteckte Hinweise auf verdr�ngte seelische Ersch�tterungen der fr�hen Kindheit</p><p>eruieren k�nnen. Auch der Patient selbst mag in solchen Entlarvungen eine plausible und zwingende</p><p>Erkl�rung seiner Symptome sehen, zumal sie ihn aus seiner Ungewissheit befreien und ihm eine geistige</p><p>Zielscheibe f�r seine Suche nach Sinn und Verantwortung bieten. Doch aus der Perspektive der</p><p>empirischen Wissenschaft l�sst sich der Zusammenhang zwischen fr�hen Traumata und ihren sp�ten</p><p>Folgen nur in prospektiven Langzeitstudien eindeutig pr�fen, bei denen eine gr��ere Gruppe von</p><p>Probanden vom S�uglingsalter bis zum Erwachsenendasein von den Forschern verfolgt und</p><p>psychologisch getestet werden.</p><p>Es gibt mehrere solcher Langzeitstudien, und ihre Ergebnisse versetzen samt und sonders der</p><p>Traumatheorie einen Todessto�, rekapituliert Hemminger:�Mit erstaunlicher H�ufigkeit gingen f�hige,</p><p>ausgeglichene und einf�hlsame Erwachsene aus traumatischen Familienverh�ltnissen hervor. Umgekehrt,</p><p>und dieser Befund ist f�r die Praxis noch bedeutsamer, wurden begabte, problemlose und gl�ckliche</p><p>Kinder zu unzufriedenen, neurotischen Erwachsenen, die sich und ihrer Umgebung zur Last fielen.�</p><p>Jerome Kagan von der Harvard-Universit�t, der bedeutendste Entwicklungspsychologe unserer Zeit,</p><p>dr�ckt diese Tendenz noch radikaler aus:�Die japanische Pl�nderung von Nanking 1939, die</p><p>Kulturrevolution in China, die Massenmorde in Bosnien und die Schl�chtereien in Ruanda� Ich</p><p>vermute, dass die meisten M�nner, die diese schrecklichen Gr�uel begingen, in ihrer Kindheit liebevolle</p><p>Eltern hatten.�<sup>6</sup></p><p>Einmal erworbene Verhaltensmerkmale k�nnen auf jeder neuen Entwicklungsstufe abgesch�ttelt oder</p><p>wesentlich ver�ndert werden, so dass der fr�hen Kindheit keine spezifische, pr�gende Sonderrolle zuf�llt.</p><p>Auch Dieter E. Zimmer pflichtet dieser radikalen Neubewertung bei:�Der Erwachsene ist nicht</p><p>verdammt, seine Kindheit fortzusetzen, er kann sie auch �berwinden. Kinder sind widerstandsf�hig.</p><p>Selbst eklatant gro�e Belastungen f�hren nicht notwendig zu Neurosen, Psychosen oder ins Verbrechen,</p><p>und umgekehrt sch�tzt die Abwesenheit von Belastungen nicht vor sp�teren Problemen.�<sup>7</sup> Mit gr��ter</p><p>Wahrscheinlichkeit l�sst sich nicht eine einzige seelische St�rung � in der eing�ngigen Manier von</p><p>Psychothrillern � auf ein singul�res, verdr�ngtes Erlebnis zur�ckf�hren.</p><p>Kinder, die aus ung�nstigen Familienverh�ltnissen oder aus einem Heim wegadoptiert wurden,</p><p>wuchsen nach einer turbulenten Phase der Umstellung in die Probleme ihrer Alltagsfamilie hinein. Ihre</p><p>soziale Anpassungsf�higkeit wurde letztlich weder durch Schwangerschaftskomplikationen vor ihrer</p><p>Geburt noch durch Komplikationen bei der Bindung oder einen l�ngeren Heimaufenthalt gehandikapt.</p><p>Selbst Kinder, die in Heimen �ber zwei oder mehrere Jahre hinweg keine pers�nlichen Bindungen</p><p>aufbauen konnten, glichen etwaige Verhaltensschwierigkeiten in erstaunlich kurzer Zeit noch aus.�Die</p><p>fr�he Milieutheorie der Tiefenpsychologie�, konstatiert Hemminger,�die annimmt, dass das kindliche</p><p>Milieu den erwachsenen Charakter wesentlich determiniert, wird durch die Beobachtungen widerlegt.�</p><p>Eine theoretische Weiterentwicklung, hinter deren Fassade die widerlegte Traumatheorie fr�hliche</p><p>Urst�nd feiert, ist die Lehre von der fr�hen Mutterentbehrung. Kurz zusammengefasst besagt sie, dass</p><p>S�uglinge sehr fr�h eine besondere Bindung an ihre Mutter entwickeln, die den Prototyp f�r alle sp�teren</p><p>Liebesbeziehungen abgibt. Wird dieses zarte Band durch einschneidende Erlebnisse wie den Tod der</p><p>Mutter oder einen Heimaufenthalt gekappt, w�chst dieser Riss sich zu bleibenden emotionalen Sch�den</p><p>aus, die von der Liebesunf�higkeit �ber Aggressivit�t und Gef�hllosigkeit bis hin zur Depression und</p><p>Schizophrenie reichen.</p><p>�Inzwischen gibt es gen�gend Untersuchungen, um die S�ulen von der fr�hkindlichen</p><p>Mutterentbehrung zum Einsturz zu bringen�, erhebt Jens Asendorpf, Professor f�r</p><p>Pers�nlichkeitspsychologie am psychologischen Institut der Humboldt-Universit�t Einspruch.<sup>8</sup> Wird unter</p><p>�fr�hkindlicher Mutterentbehrung �der Tod der leiblichen Mutter verstanden, l�sst sich dieser Einsturz</p><p>besonders leicht aufzeigen. Die Frage, ob der fr�he Tod eines Elternteils die Anf�lligkeit f�r Depressionen</p><p>im Erwachsenenalter erh�ht, wurde in mehreren Studien untersucht. Die Antwort lautet schlicht und</p><p>einfach: Nein.�Auch f�r andere Pers�nlichkeitsmerkmale konnte bisher kein einziger Effekt des Todes</p><p>eines Elternteils schl�ssig nachgewiesen werden. �Die Waisen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem</p><p>Koreakrieg, die in ihren ersten Lebensjahren nur eine mangelhafte Bindung an Erwachsene gehabt hatten,</p><p>entwickelten sich nach der Adoption durch f�rsorgende Pflegeeltern gut, wendet der</p><p>Entwicklungspsychologe Jerome Kagan gegen den �bertriebenen Bindungsfetischismus ein.</p><p>Menschen, die einige Jahre ihrer Kindheit in einem Heim verbracht haben, stehen auch heute noch in</p><p>dem Ruf, emotional gest�rt, antisozial und bindungsunf�hig zu sein. Doch auch dieses Stereotyp h�lt</p><p>einer sorgf�ltigen Pr�fung nicht stand. In einer methodisch anspruchsvollen Studie wurde das weitere</p><p>Schicksal von 137 Probanden untersucht, die vor dem siebten Monat in ein Heim gekommen waren. Zwar</p><p>waren die ehemaligen Heimkinder etwas gehemmter als ihre Altersgenossen mit Normalbiographie, zieht</p><p>Asendorpf Bilanz. Doch bei den Merkmalen Aggressivit�t, Delinquenz, Intelligenzmangel und soziale</p><p>Unbeliebtheit stach ihre Pers�nlichkeit kein bisschen vom Durchschnitt ab. Das ist umso</p><p>bemerkenswerter, als der Heimaufenthalt in vielen F�llen von zus�tzlichen Belastungserfahrungen wie</p><p>einer zerr�tteten Herkunft begleitet wird.</p><p>Viele Kinderpsychologen geben heute Brief und Siegel darauf, dass es nicht auf die Existenz einer</p><p>fr�hen Mutterbindung, sondern auf deren� Sicherheit �ankommt. Bindungssicherheit � die F�higkeit</p><p>eines Kleinkindes, auch nach einer kurzen Trennung von seiner Mutter eine ungetr�bt positive Beziehung</p><p>aufrechtzuerhalten � soll die Basis f�r die Qualit�t aller sp�teren Beziehungen sein. �ber Kindern, die bei</p><p>der Wiederkehr ihrer Mutter unbeeindruckt weinen und quengeln, lastet der Fluch einer</p><p>Beziehungsst�rung.</p><p>Psychologen haben unz�hlige Versuche unternommen, diese These zu untermauern: Im Laborversuch</p><p>wird die Bindungssicherheit der Kinder gecheckt, dann nimmt man die Qualit�t ihrer Beziehungen zu</p><p>Freunden, Bekannten oder Erziehern ins Visier. Das Ergebnis dieser Versuche bringt die Theorie der</p><p>Bindungssicherheit zu Fall, wie die amerikanische Psychologin Judith Rich Harris attestiert:�Die immer</p><p>wieder aufgestellte Behauptung, dass die Qualit�t der Beziehungen zu Freunden von der Sicherheit der</p><p>vorherigen Mutterbindung abh�ngt, findet in den empirischen Daten keine Best�tigung.�9 Kleine Kinder</p><p>haben mehr oder weniger gute Beziehungen zu ihrem Vater, ihren einzelnen Geschwistern oder zu ihren</p><p>Erziehern, und nie h�ngt die G�te dieser Beziehungen von der Sicherheit der Ur-Connection zur Mutter</p><p>ab.</p><p>�Die moderne Forschung befreit uns vom mythischen Glauben, dass ein fr�her Segen oder Fluch, den</p><p>Fee oder Hexe �ber der Wiege fl�stern, unser sp�teres Schicksal bestimmt�, folgert der Psychologe</p><p>Asendorpf aus den neuen Befunden. Auch der Verhaltenswissenschaftler Hemminger spricht diesen</p><p>Ergebnissen eine befreiende Wirkung zu. Durch die Psychoanalyse in Verbindung mit der antiautorit�ren</p><p>P�dagogik habe sich der Mythos breit gemacht, dass jedes schmerzliche Erlebnis in der Kindheit bereits</p><p>�Trauma �sei und damit langfristig krank mache. In der Psychotherapie und auch im �ffentlichen</p><p>Bewusstsein kann diese Irrlehre schlimme Folgen haben: Patienten der unterschiedlichsten</p><p>therapeutischen Schulen machen v�llig unbegr�ndet ihre� traumatische �Vergangenheit f�r ihre</p><p>�verpfuschte �Gegenwart und ihre hoffnungslos erscheinende Zukunft verantwortlich und weisen so die</p><p>dringend gebotene Eigenverantwortung von sich. Eltern werden zu der v�llig unrealistischen Illusion</p><p>verleitet, sie k�nnten und m�ssten ihren Kindern alle seelischen Belastungen ersparen, um sie nicht f�r</p><p>alle Zeiten zu� traumatisieren�.</p></section><section><title><p><strong>�Der Erziehungsstil der Eltern determiniert die Pers�nlichkeit der Kinder�</strong></p></title><p>Man braucht kein professioneller Kinderpsychologe zu sein, um sehen zu k�nnen, dass Eltern beim</p><p>Umgang mit ihren Spr�sslingen v�llig unterschiedlichen Verhaltensmustern folgen: Die einen treten ihren</p><p>Kinder mit W�rme und Respekt entgegen, w�hrend andere beim kleinsten Anlass barsch und</p><p>herrschs�chtig reagieren. Die einen �bersch�tten den Nachwuchs mit Affenliebe, w�hrend die anderen</p><p>die kalte und distanzierte Tour abziehen. Eine �berf�rsorgliche Mutter nimmt ihr Kind auf Schritt und</p><p>Tritt vor eingebildeten Gefahren in Schutz.</p><p>Mit der gleichen Selbstverst�ndlichkeit nimmt auch der ungebildete Laie wahr, dass schon kleine</p><p>Kinder verschiedene Temperamente und Verhaltensstile zeigen: Die einen klammern sich bei jedem</p><p>Windzug verst�rt an der Mutter fest, die andern wenden sich unverzagt dem Fremden und Unbekannten</p><p>zu. Manche Kinder kommen den Anweisungen ihrer Eltern mit telepathischer Vorausschau nach, andere</p><p>blocken starrsinnig jeden erzieherischen Einfluss ab.</p><p>In den f�nfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachten solche Beobachtungen eine junge</p><p>Disziplin � die Sozialisationsforschung � auf eine scheinbar geniale Idee: Die Unterschiede in den</p><p>kindlichen Charaktermerkmalen gehen auf die unterschiedlichen Erziehungsstile zur�ck. Die</p><p>Untersucher, so Judith Rich Harris, hatten die� Erziehungshypothese�(the nurture assumption) und damit</p><p>den gr��ten psychologischen Mythos des Jahrhunderts proklamiert. Ein halbes Jahrhundert lang haben</p><p>ganze Heere von Psychologen und P�dagogen Eltern und Kinder in unterschiedlichen Settings</p><p>beobachtet; in Checklisten notierten sie die jeweils vorherrschenden Verhaltensweisen und Handlungen,</p><p>und sie verteilten Frageb�gen an Eltern und Kinder: Wenn das Verhalten der Eltern tats�chlich den</p><p>kindlichen Charakter determiniert, dann m�ssten sich doch statistische Zusammenh�nge finden lassen.</p><p>Die� Ergebnisse �der Erziehungsstilforschung �ben seit Jahrzehnten einen hypnotischen Einfluss aus.</p><p>Bei Eltern, P�dagogen und im �ffentlichen Bewusstsein gibt es heute keine Zweifel mehr, dass es einem</p><p>permissiv und lieblos erzogenen Kind an Selbstbewusstsein fehlt. Eine gef�hlskalte und kontrollierende</p><p>Aufzucht bringt dagegen� nachweislich �aggressive und ungesellige Z�glinge hervor. Nur Eltern, die auf</p><p>einen durchgehend warmherzigen und f�hrenden Erziehungskurs achten, d�rfen hoffen, dass ihr Kind</p><p>seine Kindheit ohne Knacks �bersteht. Diese Zusammenh�nge wirken so einleuchtend, dass man sie</p><p>scheinbar bei sich selbst oder seinen eigenen Spr�sslingen nachvollziehen kann � und das, obwohl der</p><p>R�ckschluss von der Pers�nlichkeit auf die Erziehung eine� Schnapsidee �des zwanzigsten Jahrhunderts</p><p>ist. Psychologen und Erziehungswissenschafter bekommen das Dogma schon zu Beginn des Studiums</p><p>eingetrichtert, und die� Beweise �halten respektable Lehrb�cher und Fachzeitschriften fest.�Die</p><p>Wahrheit ist jedoch, dass all die Studien, die dem Zusammenhang zwischen Erziehungsstil und Charakter</p><p>nachgingen, keineswegs so klare und eindeutige Ergebnisse brachten, wie es zun�chst schien�, l�sst</p><p>Dieter E. Zimmer den Luftballon platzen.<sup>10</sup>�Oft war der Zusammenhang nur schwach, widerspr�chlich,</p><p>partiell oder fehlte ganz.�</p><p>Kein Name ist so mit der Erziehungsstilforschung verkn�pft wie der von Eleanor Macoby. Die</p><p>Psychologin von der Stanford-Universit�t leitete die bedeutsamsten Forschungsprojekte, verfasste die</p><p>wichtigsten Handbuchartikel und gab die Fach- und Lehrb�cher mit der gr��ten Tragweite in der</p><p>Psychologie heraus. Umso bemerkenswerter, dass die Pionierin k�rzlich nach Jahrzehnten der Forschung</p><p>einen zutiefst pessimistischen Ton anschlug:�Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in vielerlei Hinsicht</p><p>zutiefst entt�uschend. In einer Studie mit nahezu 400 Familien konnten nur wenige Verkn�pfungen</p><p>zwischen den (in ausf�hrlichen Interviews erhobenen) Erziehungspraktiken der Eltern einerseits und</p><p>unabh�ngigen Einsch�tzungen der Pers�nlichkeit ihrer Kinder andererseits gefunden wurden � in der Tat</p><p>so wenige, dass praktisch nichts ver�ffentlicht wurde, was diese beiden Datensets verbindet.�<sup>8</sup></p><p>Die Erziehungsstilforschung, moniert auch Judith Rich Harris, ist an ihren eigenen Daten gescheitert.</p><p>Mit kritischem Auge lassen sich keine oder nur h�chst zweifelhafte Beweise f�r den elterlichen Einfluss</p><p>auf die Pers�nlichkeit finden. Nicht einmal der scheinbar� wasserdichte �Zusammenhang zwischen der</p><p>m�tterlichen �berf�rsorglichkeit und der kindlichen Unselbstst�ndigkeit h�lt einer �berpr�fung stand.</p><p>Und selbst wenn der behauptete Zusammenhang zwischen Elternverhalten und kindlicher Psyche</p><p>existieren w�rde, w�re damit noch �berhaupt nichts �ber die Richtung der Ursache-Wirkung-Kette</p><p>ausgesagt. Vielleicht ruft ja auch umgekehrt eine bestimmte kindliche Pers�nlichkeit ein bestimmtes</p><p>Erziehungsverhalten bei den M�ttern und V�tern hervor. Vielleicht ist es die freundliche und emotional</p><p>stabile Gem�tsverfassung des Kindes, die seine Eltern zu einem harmonischen und wohlwollenden</p><p>Erziehungsstil animiert.�Selbst sehr kleine Kinder tragen schon aktiv zum Eltern-Kind-Verh�ltnis bei�,</p><p>bringt Judith Rich Harris eine der fundamentalsten neuen Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie auf</p><p>den Punkt. Schon sehr junge Babys schauen ihren Eltern in die Augen und bringen deren Herzen mit</p><p>ihrem einzigartigen L�cheln zum Schmelzen. Wenn die Kinder die Veranlagung zu einer autistischen</p><p>Geistesst�rung haben, bleibt dieser bet�rende Gef�hlsausdruck aus.�Es ist schwer, Enthusiasmus f�r ein</p><p>Kind zu zeigen, das einem selbst keinen Enthusiasmus zeigt.�</p><p>Auch der Jenaer Entwicklungspsychologe Rainer Silbereisen beschreibt Entwicklung als eine Art</p><p>Pingpongspiel zwischen Anlage und Erziehung:�Ein Kind lockt mit seinem Temperament bestimmte</p><p>Verhaltensweisen bei den Eltern hervor, etwa Arger, Zuwendung, �berbeh�tung. Insofern schafft es sich</p><p>selbst seine Umwelt. �Kinder bewirken bei den Eltern eine auf ihr individuelles Temperament und ihre</p><p>pers�nlichen Begabungen abgestimmte Erziehung.�Angenommen�, erkl�rt Silbereisen, Kind A der</p><p>Familie Lehmann ist im Musischen ein bisschen neugieriger und eine Idee interessierter als Kind B, dann</p><p>werden sich ehrgeizige Eltern � siehe die ber�hmten Eislaufm�tter � schon sehr fr�h diesem Kind</p><p>zuwenden und es f�rdern, w�hrend sein Geschwister eine andere Entwicklung nimmt.�<sup>11</sup></p><p>Ein zweiter Mangel der Erziehungstheorie ist m�glicherweise noch viel verheerender als die</p><p>Erkenntnis der aktiven Kindesrolle. Die Theorie setzt n�mlich voraus, dass die entscheidenden Merkmale</p><p>durch zwischenmenschlichen Einfluss von den Eltern auf das Kind �bertragen werden. Die</p><p>Sozialisationsforschung hatte sich strikt verboten, auch nur die M�glichkeit in Betracht zu ziehen, dass</p><p>ein Teil der Pers�nlichkeit auch mit den Erbanlagen von einer Generation an die folgende weitergegeben</p><p>wird. Schon allein der Gedanke, dass der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt, sondern mit</p><p>vorgefertigten Dispositionen das Licht der Welt erblickt, galt in diesen Kreisen als antihumanistische</p><p>Ketzerei.�Also wurde die M�glichkeit gar nicht erst mitgepr�ft�, �bt Dieter E. Zimmer Kritik. Wenn</p><p>psychisch stabile Kinder psychisch stabile Eltern haben, liegt das vielleicht nur daran, dass beide Parteien</p><p>eine genetische Anlage f�r psychische Stabilit�t gemeinsam haben.�Darum r�cht es sich, dass sich diese</p><p>Wissenschaft auf einem Auge blind gemacht hatte: Ihre Untersuchungen sind nicht direkt falsch, aber</p><p>nichts sagend.�</p><p>An die Nebenrolle, die sie bei der Pers�nlichkeitsbildung ihrer Kinder spielen, werden die Eltern</p><p>sich wohl erst noch gew�hnen m�ssen. Da kommt eine Ern�chterung auf sie zu, die auch schon jene</p><p>fortschrittlichen Linksliberalen zu sp�ren bekamen, die ihre Kinder durch den Verzicht auf das</p><p>vermeintliche Erz�bel Autorit�t zu besseren Menschen machen wollten, gibt Dieter E. Zimmer zu</p><p>bedenken.�Nicht wenige mussten erleben, dass ihr neuer Stil nicht immer aufging � dass ihre Kinder</p><p>zu den Spie�ern oder Karrieristen wurden, die sie selber um keinen Preis hatten sein wollen. Zu</p><p>Drogens�chtigen, zu Skinheads und jedenfalls zu etwas unvorhergesehen Eigenem.�</p><p>Dass die Rolle der Eltern umgeschrieben wird, halten Experten f�r �berf�llig, auch wenn der neue Part</p><p>noch nicht im Detail bekannt ist.�Die g�ngige Ideologie schiebt die ganze Verantwortung f�r ein</p><p>missratenes Kind den Eltern zu�, sagt der Z�rcher Psychologe Schallberger.�Man kann die neuen</p><p>Befunde auch als Entlastung sehen, denn sie nehmen den Eltern eine �bertriebene Verantwortung.�</p><p>V�ter und M�tter brauchen also keine Schuldgef�hle zu haben, wenn ihre� Leistung �hinter dem</p><p>Vorbild der TV-Elternideale zur�ckbleibt. Homo sapiens w�re l�ngst von der Bildfl�che der Evolution</p><p>verschwunden, wenn es f�r sein Wohlergehen der� Supereitern �bedurft h�tte. �berhaupt sprechen die</p><p>evolution�ren Mechanismen gegen das klassische Sozialisationskonzept. Warum auch sollten Kinder</p><p>ihren Eltern noch das Verhaltensrepertoire abschauen, wenn sie schon deren Gene in sich haben? Vom</p><p>Standpunkt der Evolution aus betrachtet ergibt das wenig Sinn: Junge Menschen m�ssen sich in einer</p><p>anderen Welt behaupten als ihre Eltern. W�ren sie nichts als Eins-zu-eins-Kopien ihrer Erzeuger, fehlte</p><p>ihnen die Flexibilit�t, sich auf ver�nderte Lebensbedingungen und soziale Normen einzustellen. In der</p><p>eigenen Familie gibt es weder Arbeit noch einen Lebenspartner.�Eltern sind Vergangenheit, Gleichaltrige</p><p>sind Zukunft�, schreibt Judith Rich Harris klipp und klar. Bleibt die Frage offen, ob Eltern jemals an ihre</p><p>eigene Einflusslosigkeit glauben werden.</p></section><section><title><p><strong>�Der Erziehungseinfluss ist wichtiger als die Macht der Erbanlagen�</strong></p></title><p>Im kritischen Bildungsb�rgertum und in weiten Teilen der aufgekl�rten �ffentlichkeit gilt es als</p><p>verwerflich, einen bedeutenden Einfluss der Gene auf die Pers�nlichkeit zu erw�gen. Der Verweis auf</p><p>Erbunterschiede hat auf den ersten Blick etwas Inhumanistisches, weil er die M�glichkeit impliziert, dass</p><p>soziale Ungleichheit eine biologische Basis haben k�nnte. Es ist einfach tr�stlicher, an eine beliebige</p><p>Formbarkeit der menschlichen Seele zu glauben, weil diese Illusion besser mit der Machbarkeit eines</p><p>sozialistischen Gleichheitsparadieses vereinbar ist.</p><p>Auch f�r viele Wissenschaftler stellt sich das alte Problem von Anlage und Umwelt noch immer als ein</p><p>erbitterter Clinch um Prozentanteile dar. Doch abseits der l�rmenden Revierk�mpfe hat die relativ junge</p><p>Disziplin der Verhaltensgenetik im Stillen die traditionellen Vorstellungen �ber das Wirken von� nature�</p><p>und� nurture �auf den Kopf gestellt. Ausgerechnet die Suche nach dem Einfluss der Gene brachte</p><p>bahnbrechende Erkenntnisse �ber Wesen und Tragweite der Umweltbedingungen ans Tageslicht.</p><p>Die neuen verhaltensgenetischen Studien, die mit den besten in der Wissenschaft verf�gbaren</p><p>Methoden und Auswertungsverfahren ger�stet sind, haben bei den f�hrenden Experten alle Zweifel am</p><p>Einfluss der Erbanlagen ausger�umt.�Der kalte Krieg in der Anlage-Umwelt-Debatte ist vorbei�,</p><p>konstatiert der Washingtoner Psychiatrie-Professor David Reiss.<sup>12</sup>� Es gibt eindeutig erbliche</p><p>Komponenten im Verhalten�, pflichtet die Psychologin Shelley D. Smith aus Omaha bei. Genetische</p><p>Einfl�sse� existieren und sind real�, konzediert selbst der engagierte britische Genetik-Kritiker Steven</p><p>Rose.</p><p>Bei der Suche nach der Erblichkeit seelischer Merkmale hat die Verhaltensgenetik mit einigen</p><p>fundamentalen Schwierigkeiten zu k�mpfen. Im Gegensatz zu Mendels Erbsen, von denen lediglich zwei</p><p>Varianten existieren (eine glatte und eine gekr�uselte), bestehen psychische Eigenschaften aus einem</p><p>Kontinuum mit schwammigen Konturen. Das Fach Psychologie verf�gt �ber unz�hlige diagnostische</p><p>Verfahren, Menschen in solche und solche einzuteilen, und es herrscht keine Einigkeit �ber die</p><p>�wichtigen �Dimensionen der Pers�nlichkeit. Dazu kommt, dass die betreffenden Merkmale (h�ufig)</p><p>nicht durch ein singul�res Gen determiniert werden, sondern durch ein Potpourri von Erbfaktoren.</p><p>Die herk�mmliche Sozialisationsforschung kann den Einfluss des Erbes und den der Umwelt niemals</p><p>voneinander abgrenzen, weil beide Sph�ren bei Eltern und Kindern hoffnungslos miteinander</p><p>verschachtelt sind. Um diese verschlungenen Kr�fte� auseinander zu dr�seln�, greift das Fach heute vor</p><p>allem auf Zwillings-, Adoptiv- und Familien-Studien zur�ck. Man untersucht Gruppen, deren</p><p>Erbfaktoren und Umweltbedingungen zu einem genau definierten Grad zusammenfallen.</p><p>Adoptivgeschwister haben zum Beispiel 100 Prozent Umweltbedingungen, aber keine Gene gemeinsam,</p><p>w�hrend getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge 100 Prozent Erbfaktoren, jedoch keinerlei</p><p>Umweltbedingungen teilen.�Normale �Geschwister dagegen liegen mit 50 Prozent gemeinsamen Genen</p><p>und 100 Prozent gleicher Umwelt im Mittelfeld. Wenn man nun in Erfahrung bringt, wie stark sich die</p><p>Personen in dem untersuchten Merkmal �hneln, kann man mit mathematischen Mitteln die Macht der</p><p>Gene und die des Milieus voneinander trennen.</p><p>Kritiker m�gen sich an Details einzelner Studien festbei�en,�aber die Pfeile weisen alle in die gleiche</p><p>Richtung�, betont der Psychologe Thomas J. Bouchard vom Minnesota Center for Twin and Adoptions</p><p>Research. Nach seinen Messungen an getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen werden die sozialen</p><p>und gef�hlsm��igen Eigenschaften unserer Pers�nlichkeit zu durchschnittlich 46 Prozent durch</p><p>Erbfaktoren determiniert. Der Psychologe J. C. Loehlin von der University of Texas in Austin hat alle</p><p>Studien an Zwillingen in einer statistischen Gesamtschau erfasst. Fazit der Metaanalyse: Die</p><p>Charakterunterschiede gehen zu durchschnittlich 42 Prozent auf die Erbsubstanz zur�ck.</p><p>Diese Gr��enordnung, also eine Erbeinfluss zwischen 40 und 50 Prozent, zieht sich wie ein roter</p><p>Faden durch alle von Forschern getesteten Wesensmerkmale und gewinnt dadurch an Glaubw�rdigkeit,</p><p>betont Robert Plomin, ein bekannter Psychologe und Lehrbuchautor von der Pennsylvania State</p><p>University. Auch Dieter E. Zimmer teilt diese Sicht:�Die Erblichkeitsberechnungen der</p><p>Verhaltensgenetik sind jedoch keine Mode, die sich wieder verziehen wird. Sie haben jetzt drei�ig Jahre</p><p>Test auf Test bestanden, sind dabei immer raffinierter und nie widerlegt worden, obwohl der Mainstream</p><p>der Wissenschaft auf nichts so erpicht war wie auf ihre Widerlegung.���Bezogen auf einige Aspekte</p><p>Ihrer Pers�nlichkeit�, folgert der amerikanische Genetiker Dean Hamer k�hn,�haben Sie so viel Wahl</p><p>wie bei Ihrer Schuhgr��e, n�mlich keine.�</p><p>Je zuverl�ssiger es den Forschern gelingt,�Pers�nlichkeit �per Fragebogen zu erfassen, desto gr��er</p><p>wird das errechnete Gewicht der Gene. Zum Beispiel verbesserte ein Forscherteam der Universit�ten</p><p>Bielefeld und Warschau mit dem Psychologen Rainer Riemann die Messmethode, indem sie nicht allein</p><p>die Betreffenden selbst �ber ihre Wesensmerkmale ausfragten, sondern auch jeweils zwei ihrer Freunde.<sup>10</sup></p><p>Auf diese Weise wurden die sozusagen dreifach gesicherten Pers�nlichkeiten 660 eineiiger und 304</p><p>zweieiiger Zwillingspaare verglichen. Resultat: Der ermittelte genetische Anteil reichte bis zu 70 Prozent!</p><p>Besonders� Offenheit f�r neue Erfahrungen�, also die Tendenz, originell, kreativ, phantasievoll und</p><p>k�nstlerisch zu sein, wird nach dieser und vielen anderen Erhebungen stark von den Genen bestimmt.</p><p>Aber auch Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit (Extraversion), Vertr�glichkeit, emotionale Stabilit�t und</p><p>Anf�lligkeit gegen�ber Stress wird erheblich von den Anlagen gespeist, ebenso die politische</p><p>Grundhaltung (etwa� Traditionalismus�) oder die Religiosit�t eines Menschen und sogar dessen</p><p>Abh�ngigkeitsrisiko gegen�ber verschiedenen Drogen. Riemanns Fazit: An der Bedeutung der Gene f�r</p><p>die Pers�nlichkeitsentwicklung� gibt es keinen ernsthaften Zweifel mehr�.</p><p>Es w�re allerdings verheerend, wenn sich der intellektuelle Beitrag der Verhaltensgenetik auf die</p><p>Verk�ndung eines Prozentwertes beschr�nkte. Die Ziehung einer Demarkationslinie im Sand w�re</p><p>unergiebig und langweilig, denn dann hie�e die� Erkl�rung �ja immer nur, Anlage und Umwelt tragen</p><p>soundso viel bei, und damit basta. Die wirklich aufregende Suche nach den verborgenen Prozessen hinter</p><p>den Ph�nomenen w�rde durch die Zahlenakrobatik im Keim erstickt.</p><p>Zum Gl�ck hat das Fach vor ein paar Jahren eine Entdeckung gemacht, die die menschliche</p><p>Selbsterkenntnis um einen Quantensprung bereichert. Sie betrifft aber gerade nicht die Gene, sondern den</p><p>Umwelteinfluss, und sie l�sst ahnen, dass wir uns auf der Suche nach den pr�genden Kr�ften des</p><p>Schicksals erst in der Startposition befinden. Unter dem Begriff� Umwelt �verstehen die Soziologen und</p><p>Milieutheoretiker formende Kr�fte wie etwa Bildung, Sozialschicht, Wohnverh�ltnisse oder elterlicher</p><p>Erziehungsstil. Alle Personen, die dem gleichen Milieu unterworfen sind, m�ssten dadurch in die gleiche</p><p>Richtung beeinflusst werden. Die Pers�nlichkeit von Geschwistern, die im Scho�e einer Familie gro�</p><p>werden, m�sste also durch die� geteilte Umwelt �auf eine Linie� getrimmt �werden.</p><p>Diese M�glichkeit l�sst sich� wasserdicht �an Adoptivgeschwistern pr�fen, welche keine Gene</p><p>gemeinsam haben. Sie werden jedoch beide im gleichen Milieu� sozialisiert �und sollten sich daher</p><p>eigentlich immer �hnlicher werden. Sie werden es aber nicht, zieht der bereits erw�hnte Berliner</p><p>Psychologie-Professor Jens Asendorpf Bilanz.<sup>7</sup> De facto bleibt ihre Pers�nlichkeit auch nach Jahren</p><p>gemeinsamer Aufzucht so unterschiedlich wie die von zwei willk�rlich aus der Bev�lkerung</p><p>herausgegriffenen Individuen. Alles, was die Adoptiveltern auch an Erziehungs- und Pr�gungsversuchen</p><p>aufbieten, prallt offenbar wirkungslos an der unerkl�rlichen sozialen und emotionalen Einzigartigkeit der</p><p>Z�glinge ab.</p><p>Dies Ergebnis sei niederschmetternd f�r die� alte �Milieutheorie, meint der Forscher. Das gilt �brigens</p><p>noch mehr f�r den spiegelbildlichen Trend bei eineiigen Zwillingen, die gleich nach ihrer Geburt getrennt</p><p>wurden und in unterschiedlichen Milieus aufwuchsen. Das wirklich �berraschende an den Gen-</p><p>Doppelg�ngern ist n�mlich in Wirklichkeit gar nicht ihre (manchmal spektakul�re) �hnlichkeit.</p><p>Das aufregendste Ergebnis der Zwillingsforschung besteht tats�chlich darin, dass sich die genetischen</p><p>�Klone �in einem definierten Ma�e un�hnlich sind. Und dieses definierte Ma� ist bei den Zwillingen, die</p><p>in getrennten Milieus aufwachsen, um kein Jota gr��er als bei den gemeinsam aufgezogenen Ebenbildern.</p><p>Da sie unterschiedlichen Umweltbedingungen ausgesetzt sind, m�ssten ihre Pers�nlichkeiten mit der Zeit</p><p>auseinander driften. In Wirklichkeit haben sie aber am Ende genauso viel �bereinstimmungen (eben 40</p><p>bis 50 Prozent) wie die doppelten Lottchen, die in einer Familie aufwuchsen. Fazit: Alle Einfl�sse, die</p><p>Menschen (und eben auch erbgleiche Menschen) un�hnlich machen, kommen bereits in ein und derselben</p><p>Familie vor. Der Einfluss der� geteilten Umwelt�, also der globalen Milieufaktoren, die� ohne Ansehen</p><p>der Person �auf alle Angeh�rigen gleicherma�en hereinprasseln, ist in allen Studien vernachl�ssigbar</p><p>schwach und �bersteigt in keinem Fall eine Gr��e von wenigen Prozentpunkten, erl�utert Bouchard.</p><p>Diese Einsicht, die erst vor ein paar Jahren erwuchs und bisher alle empirischen Pr�fungen bestanden</p><p>hat,�ist wohl das bedeutendste Ergebnis der Verhaltensgenetik f�r die Pers�nlichkeitsforschung �</p><p>bedeutender als der Nachweis, dass Pers�nlichkeitsunterschiede genetisch mitbedingt sind�, meint</p><p>Asendorpf. Es gibt offenbar sehr wohl Erfahrungen (�nurture�), die den Charakter pr�gen � mindestens in</p><p>dem Ma�e wie die Gene �, aber das sind anscheinend die pers�nlichen, kleinen und idiosynkratischen</p><p>Erfahrungen, die jede Person f�r sich selbst durchmacht, weil sie� demokratisch��ber alle Klassen und</p><p>Schichten streuen. Im Grunde m�ssten schon heute alle Lehrb�cher der Soziologie neu geschrieben</p><p>werden. Das traute Heim ist offenbar kein monochromes Tauchbad, aus dem Kinder identisch eingef�rbt</p><p>hervorgehen. Sondern eher eine Ansammlung vieler Mikroweiten.</p><p>Zwar steckt die� Fahndung �nach den� nicht geteilten Faktoren �noch in ihren Kinderschuhen, aber es</p><p>lassen sich laut Asendorpf schon jetzt ein paar Vermutungen �ber ihre Identit�t anstellen:�Einzelne</p><p>Personen aus dem pers�nlichen Bekanntenkreis oder aus der Welt der Medien, die zu Vorbildern erkoren</p><p>und zu imitieren versucht werden� bestimmte umweltbedingte Krankheiten und Behinderungen,</p><p>einschlie�lich aller vorgeburtlichen, nichtgenetischen Entwicklungsst�rungen; emotional aufr�hrende</p><p>individuelle Erlebnisse. �Der spezielle Kumpel aus den Wachstumsjahren, der eine idealisierte Lehrer aus</p><p>der fr�hen Pubert�t oder gar die leidenschaftlich verschlungene Fernsehserie aus der Kindheit dr�cken</p><p>dem� Ego �wom�glich nachhaltiger ihren Stempel auf als alle Grobfaktoren der Familie und der</p><p>Herkunftsschicht. Und alle diese� Einfl�sse �werden ihrerseits erst durch einen Filter wirksam, der auf</p><p>verschlungene Weise mit der einzigartigen genetischen Ausstattung und der unwiederholbaren</p><p>Vorgeschichte des jeweiligen� Empf�ngers �durchsetzt ist.</p><p>Auf diesem Stand des Wissens muss die Psychologie im Grunde eingestehen, dass wir von den</p><p>pr�genden Faktoren des menschlichen Wesens sehr viel weniger Ahnung haben, als es bisher schien.</p><p>�Auch wenn Wissenschaftler nicht gerade leidenschaftlich auf eine Theorie abfahren werden, die dem</p><p>Zufall eine bedeutende Rolle zuweist, ist es doch sehr gut m�glich, dass viele kritische Lebensumst�nde,</p><p>die Pers�nlichkeit und Intelligenz beeinflussen, auf Zuf�lligkeiten beruhen, die h�chstens f�r eine kleine</p><p>Minderheit von Menschen �berhaupt irgendeine Bedeutung besitzen�, betonen Brody und Crowley.</p><p>Der neue Appeal des Zufalls macht auch den Wissenschaftsjournalisten Zimmer nachdenklich.�Sollte</p><p>sich der reine lebensgeschichtliche Zufall als das Entscheidende erweisen, so w�re die auf</p><p>Gesetzm��igkeiten erpichte Wissenschaft in einer hoffnungslosen Lage. Ein M�dchen sieht mit zehn</p><p>einen Naturfilm, der sie fasziniert, und verbringt den Rest des Lebens am liebsten in der einsamen Natur,</p><p>die Schwester verpasst das Programm, weil sie an der Stra�enecke auf ihre Clique gesto�en ist, und wird</p><p>zum Disco-Typ��</p><p>Als wenn es mit der Widerlegung der klassischen Milieutheorie nicht genug w�re, hat der Psychologe</p><p>Robert Plomin in einer gro� angelegten Zwillingsstudie den Schwindel erregenden Nachweis gef�hrt,</p><p>dass viele vermeintliche Umweltbedingungen durch genetische Einfl�sse unterminiert sind.<sup>11</sup> Fazit:</p><p>�Milieu �ist kein eigenst�ndiger Stimulus, der auf passive Empf�nger� niederprasselt�; die Person ist</p><p>aktiv in Wahrnehmung und Erzeugung� ihres �Milieus eingespannt. So nahmen getrennt aufgewachsene</p><p>eineiige Zwillinge ihre famili�re Umgebung als��hnlich �wahr, selbst wenn Welten dazwischen klaffen.</p><p>Bei Videoaufzeichnungen stellte sich zudem heraus, dass sie von ihren M�ttern �hnlicher behandelt</p><p>wurden als zweieiige Schicksalsgenossen. Der Erziehungsstil wurde zu rund 30 Prozent durch die</p><p>Erbmasse der Adoptivkinder diktiert.</p><p>Selbst so genannte belastende Lebensereignisse, die meist dem Schicksal zugeschrieben werden,</p><p>erwiesen sich zu durchschnittlich 30 Prozent als durch Gene� eingebrockt�. Unf�lle im Kindesalter</p><p>schlugen gar mit fast 50 Prozent Erbanteil zu Buche. �hnlich hoch waren die Prozentwerte f�r die</p><p>meisten anderen untersuchten Umweltbedingungen: Bewertung von Jugendlichen durch Kameraden und</p><p>Lehrer, Ausma� des TV-Konsums, Einsch�tzung des Betriebsklimas und schlie�lich Stabilit�t der Ehe.</p><p>Als Plomin seine brisanten Daten in einem programmatischen Beitrag (�The nature of nurture�) zur</p><p>Diskussion stellte, bezogen 30 dazu aufgeforderte Experten Stellung. Lediglich 5 erhoben</p><p>grunds�tzlichen Einspruch, 19 ergriffen explizit f�r die revolution�re Grundannahme Partei.</p><p>Dass Erbe und Umwelt in vielen neuen Studien jeweils einen Beitrag von fifty-fifty leisten, kann nach</p><p>Ansicht von Zimmer f�r Milieutheoretiker kein Anlass zur Selbstgef�lligkeit sein nach dem Motto: Dann</p><p>haben eben beide Seiten Recht gehabt im drei�igj�hrigen Erbe-Umwelt-Krieg. Hier k�me die Freude zu</p><p>fr�h. Zum einen n�mlich geh�ren zu den nichtgenetischen Quellen der Unterschiede, die auf der</p><p>Umweltseite zu Buch schlagen, auch Unf�lle, (nichtgenetische) Krankheiten und alle die Einfl�sse, denen</p><p>der Fetus im Mutterleib ausgesetzt ist � Ursachen also, von denen man einige� biologisch �nennen w�rde</p><p>und deren Folgen teilweise im Wortsinn� angeboren �sind.</p><p>Zum andern machen die Unterschiede im Genom den mit Abstand gr��ten Einzeleinfluss aus. Die</p><p>nichtgenetische Varianz erkl�rt sich dagegen aus vielen ganz unterschiedlichen Faktoren. Folglich hat</p><p>kein einzelner von ihnen ein so hohes Gewicht, dass er allein dem genetisch bedingten Varianzblock</p><p>Paroli bieten k�nnte. Alle Patentrezepte, die mit� Man m�sste nur��beginnen (�nur �die Armut</p><p>beseitigen,�nur �alle auf gute Schulen schicken,�nur �lieb zu den Kindern sein), die sich also auf eine</p><p>einzige und noch dazu hypothetische Umweltursache fixieren, sind von vornherein zum Scheitern</p><p>verurteilt. Wenn sie �berhaupt effektiv sind, dann jedes nur in geringem Ma�. Nicht nur, dass es viele</p><p>entscheidende Umweltfaktoren gibt: Man wei� bis heute schlechterdings nicht, welche eigentlich wichtig</p><p>sind, man wei� nur, dass es jene nicht sein k�nnen, die die Sozialisationsforschung immer im Auge hatte.</p><p>Laut Zimmer m�ssen wir sogar damit rechnen, dass der durch Erbanlage bestimmte Anteil unserer</p><p>Pers�nlichkeit in der modernen Welt immer gr��er wird. Je offener und durchl�ssiger eine Gesellschaft,</p><p>desto h�her werden die Erblichkeiten mancher Merkmale. Denn wo die Umwelt keine Unterschiede mehr</p><p>erzwingt, ist die verbleibende Variation notwendig genetischer Herkunft. Man kann es auch so sagen:</p><p>Jeder sucht sich die Umwelt, die seinen genetischen Anlagen am besten entspricht; je gr��er die Freiheit,</p><p>die ihm die Gesellschaft dazu l�sst (je gr��er also die Chancengleichheit), desto reiner sind etwa</p><p>verbleibende Unterschiede das Werk der Gene.</p><p>Tatsache ist, dass der Einfluss der genetischen Anlage auch im Verlauf eines individuellen Lebens</p><p>immer gr��er wird. Aus naiver Sicht h�tte man damit rechnen k�nnen, dass der Mensch beim Austritt aus</p><p>dem Mutterleib noch voll unter dem Diktat seiner genetischen Anlage steht, w�hrend der Umwelteinfluss</p><p>mit den Jahren immer mehr Gewicht erh�lt. Doch ein Team um den Verhaltensgenetiker Robert Plomin</p><p>hat mit einer viel beachteten Studie an 240 Zwillingspaaren im Alter von �ber 80 Jahren den Beweis</p><p>erbracht, dass die Gene im Alter immer st�rker zum Tragen kommen.<sup>13</sup> Ergebnis der Analyse der</p><p>Greisenintelligenz: Obwohl die Senioren viele Jahrzehnte an Lebenserfahrung gesammelt hatten, war der</p><p>Einfluss der Gene auf ihr Denkverm�gen verbl�ffend gro�. Ihre allgemeine geistige F�higkeit wurde zu</p><p>62 Prozent durch Erbfaktoren festgelegt. Das war an der gr��eren �hnlichkeit der eineiigen im Vergleich</p><p>zu der der zweieiigen Zwillinge abzulesen.</p><p>M�nchner Psychologen vom Max-Planck-Institut f�r Psychiatrie kamen zu �hnlichen Erkenntnissen.<sup>14</sup></p><p>Durch einen Gl�cksfall hatten die Wissenschaftler um Institutsleiter Franz E. Weinert die Gelegenheit,</p><p>eine Zwillingsstudie fortzuf�hren, die bereits im Jahr 1937 gestartet worden war. Damals waren 180</p><p>Zwillinge im Alter von rund elf Jahren getestet worden, unter anderem auf ihren IQ. Die M�nchner</p><p>Forscher konnten jetzt 87 Personen dieser Stichprobe, die in den f�nfziger Jahren erneut getestet worden</p><p>waren, f�r eine Folgeuntersuchung gewinnen. Darunter waren 23 eineiige und elf zweieiige Paare sowie</p><p>19 Einzelpersonen, deren Partner verstorben oder unerreichbar waren.</p><p>Ergebnis: W�hrend der Erbfaktor bei der letzten Erhebung in den f�nfziger Jahren� nur�58 Prozent</p><p>betragen hatte, machte er beim aktuellen Test 82 Prozent aus. Zudem dr�ngte das Alter den Einfluss der</p><p>traditionellen Milieufaktoren in den Hintergrund. Es machte kaum noch einen Unterschied, ob die</p><p>Senioren in einem gebildeten Elternhaus oder in einem bildungsfernen Milieu aufgewachsen waren.</p><p>Neben den Genen z�hlte fast nur noch der individuelle Erfahrungshintergrund.</p><p>Es hat den Anschein, so res�mieren die Autoren, dass der Einfluss der Gene im Alter zunimmt. Das</p><p>kommt vermutlich daher, dass Menschen sich im Leben zunehmend auf die Dinge besinnen, die ihrer</p><p>Anlage entsprechen, glaubt Plomin. Demnach erlangen die Gene, die schon immer aktiv waren, durch</p><p>einen kumulierenden Effekt immer mehr Einfluss.�Es ist keineswegs so, dass im h�heren Lebensalter</p><p>pl�tzlich neue Gene anspringen.�</p></section><section><title><p><strong>�Es gibt Erfahrungen, die so traumatisch sind, dass alle Kinder daran zerbrechen m�ssen�</strong></p></title><p>Manche Erfahrungen, so ein h�ufig vorgebrachtes Argument gegen die sich allm�hlich</p><p>herumsprechende Folgenlosigkeit der ersten Lebensjahre, sind derart schrecklich, dass sie einfach</p><p>unausl�schbare Wunden in der Seele der Kinder hinterlassen m�ssen. Wenn ein Kind in einer H�lle aus</p><p>Vernachl�ssigung, Armut und Gewalt aufw�chst, kann es unm�glich zu einem gl�cklichen und</p><p>lebenst�chtigen Menschen reifen. Doch dieses Klischee wird jetzt in neuen Studien immer h�ufiger durch</p><p>die Identifikation von Personen umgest�rzt, die sich trotz schwerster Belastungen und Traumata in ihren</p><p>�pr�genden �Jahren zu erfolgreichen und produktiven Erwachsenen� mausern�. Manche Forscher preisen</p><p>solche Kinder gar als� Unverwundbare�, andere Experten bezeichnen das Ph�nomen zur�ckhaltender mit</p><p>�Resilienz�, nach dem englischen Wort f�r Unverw�stlichkeit.</p><p>Mit der Entdeckung der Resilienz zeichnet sich auch eine radikale Trendwende in der</p><p>Entwicklungspsychologie ab: Lange Zeit standen jene Faktoren, die Menschen zu Verlierern machen, im</p><p>Mittelpunkt des Interesses. Die Risikogruppe hatte meist besonders viele traumatische Erfahrungen hinter</p><p>sich und stach h�ufig durch niedrige Intelligenz, hohe Impulsivit�t und ein schwach ausgebildetes</p><p>Planungsverhalten hervor. Jetzt verlagert sich der Schwerpunkt zu Gunsten der Kr�fte, die aus</p><p>vermeintlichen Verlierern erfolgreiche Menschen machen: Sie behaupten sich auf dem Arbeitsmarkt,</p><p>bauen soziale Netzwerke auf und werden ihrer Rolle als Familienv�ter bzw. -m�tter gerecht.</p><p>�ber die Jahre hinweg h�uften sich die Beobachtungen, die nicht mit der herk�mmlichen</p><p>Verliererperspektive zu vereinbaren waren. Forscher von der Universit�t Minnesota betreuten eine</p><p>Gruppe von Fl�chtlingskindern, die nach den Schrecken des kambodschanischen Pol-Pot-Regimes in den</p><p>Jahren 1970-79 in die USA kamen.<sup>15</sup> Sie waren unter anderem Zeugen von Folter, Misshandlungen und</p><p>Mord an Verwandten und Freunden oder entgingen nur knapp dem Hungertod in brutalen Arbeitslagern.</p><p>Noch immer haben sie Alptr�ume, durchleben Zeiten voller Angst und gro�er Verzweiflung. Dennoch</p><p>haben die inzwischen erwachsenen Kinder eine h�here Ausbildung genossen und sich ihrem neuen Leben</p><p>sehr gut angepasst.</p><p>Als der Arzt Norman Garmezy von der Universit�t Minnesota eine Gruppe Jugendlicher untersuchte,</p><p>die mit extrem stark depressiven M�ttern aufgewachsen waren, kam er aus dem Staunen nicht mehr</p><p>heraus. Viele der emotional vernachl�ssigten Kinder kamen im Leben erstaunlich gut zurecht.</p><p>Unmittelbare Reaktion Garmezys: Es musste eine Fehldiagnose der M�tter vorliegen. �hnliche Zweifel</p><p>erlebte der britische Arzt Michael Rutter, als er Kinder von Drogens�chtigen untersuchte. Ein verbl�ffend</p><p>hoher Anteil f�hrte ein v�llig normales Erwachsenenleben. Irgendetwas, dachte Rutter, konnte mit der</p><p>herk�mmlichen Opfertheorie der Psychologen, nach der schwer traumatisierte Kinder zu einem</p><p>�verkorksten �Dasein verurteilt sind, nicht stimmen.</p><p>In der Zwischenzeit haben einige gro� angelegte Untersuchungen begonnen, die</p><p>�Schutzengelfaktoren �im Leben der Unverwundbaren aufzudecken.<sup>16 </sup>Der Erlanger Psychologe Friedrich</p><p>L�sel etwa hat Jugendliche aus Heimen untersucht, die h�ufig in einem Multiproblem-Milieu auf</p><p>gewachsen waren: In unvollst�ndigen Familien, in denen Alkoholmissbrauch, Gewaltt�tigkeit und soziale</p><p>Not vorherrschten. Eine vergleichbare amerikanische Studie nahm Menschen unter die Lupe, die vor</p><p>ihrem zweiten Geburtstag mindestens vier Risikofaktoren ausgesetzt gewesen waren, darunter Armut,</p><p>Streit und Trennung der Eltern oder psychische Krankheiten der Eltern.</p><p>Obwohl die Erwartung vorherrschte, dass eine solche H�ufung von Risiken die Belastbarkeit aller</p><p>Kinder �bersteigt, kam immer wieder der gleiche �berraschende Trend ans Tageslicht: Etwa ein Drittel</p><p>wuchs zu lebenst�chtigen Erwachsenen heran, die gut die Herausforderungen von Liebe, Arbeit und</p><p>Freizeit meisterten. Von ihrer Pers�nlichkeit her waren die Widerstandsf�higen etwas flexibler und</p><p>konnten sich leichter auf ver�nderte Verh�ltnisse einstellen. Sie erwiesen sich als etwas intelligenter und</p><p>f�hlten sich weniger ausgeliefert. Wenn Probleme anstanden, gingen sie aktiv an diese heran und nahmen</p><p>von sich aus den Rat anderer in Anspruch, w�hrend ihre verwundbaren Altersgenossen eher den Kopf in</p><p>den Sand steckten. Die �bernahme von Verantwortung f�r Geschwister wirkte sich �u�erst g�nstig aus.</p><p>Als sie �lter wurden, schienen die Unverwundbaren besonders geschickt darin zu sein, sich vorteilhafte</p><p>�Ersatzeltern �auszusuchen. Obwohl beide Gruppen unter �hnlichen Heimbedingungen lebten, hatten die</p><p>Unverwundbaren eher den Eindruck, dass in ihrem Umfeld st�rker zur Selbst�ndigkeit angeleitet wurde.</p><p>Sie gaben auch �fter an, dass das Leben im Heim eine Verbesserung gegen�ber den h�ufig katastrophalen</p><p>Verh�ltnissen daheim darstellte. Heilsam war zudem der Glaube an eine h�here Macht, einen Schutzengel</p><p>oder daran, dass sich alles zum Guten wenden w�rde. Wer die F�higkeit hatte, sich selbst ein Ziel f�r die</p><p>Zukunft zu setzen, kam ebenfalls besser mit den Widrigkeiten zurecht.</p><p>Der Verdacht, dass es sich um veritable� Wunderkinder �handelt, l�sst sich aber laut L�sel nicht</p><p>rechtfertigen: Zwischen den Unverwundbaren und einer Vergleichsgruppe� normaler �Gleichaltriger gab</p><p>es weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Normale Kinder k�nnen also in Krisensituationen</p><p>ebenfalls Schutzfaktoren mobilisieren. Wir alle verf�gen �ber solche Kr�fte, und � wir sollten sie nutzen,</p><p>meint die Psychologin Edith Grotberg von der Universit�t in Alabama, USA. F�r sie geh�ren Humor,</p><p>Unabh�ngigkeit, Initiative, Kreativit�t und Moral zu den Eigenschaften, die uns helfen k�nnen, uns</p><p>unserer wahren St�rke und Unbezwingbarkeit bewusst zu werden.</p></section><section><title><p><strong>�Misshandelte Kinder misshandeln in einem Teufelskreis der Gewalt ihre Kinder selbst�</strong></p></title><p>Nach einer Hypothese, die in der Bev�lkerung wegen ihrer Plausibilit�t auf breite Anerkennung st��t,</p><p>pflanzt sich Gewalt an Kindern in einem Teufelskreis der Gewalt �ber die Generationen fort: Personen,</p><p>die in ihrer Kindheit rohe Misshandlungen �ber sich ergehen lassen mussten, treten demnach als</p><p>Erwachsene wie hypnotisiert in die Fu�stapfen ihrer Peiniger und lassen die erfahrene Aggression an</p><p>ihren eigenen Kindern aus.</p><p>Der Glaube an den zyklischen Charakter der Kindesmisshandlung entstand in den siebziger Jahren,</p><p>als Psychoanalytiker den biographischen Hintergrund einzelner T�ter aufrollten. Die �berw�ltigende</p><p>Mehrheit, so schien es, hatte das Trauma in der Kindheit am eigenen Leib erlebt, und die Folge war</p><p>offensichtlich ein unb�ndiger� Wiederholungszwang�. Heute werden jedoch zahlreiche Schw�chen an</p><p>diesem Ansatz bem�ngelt, betont der amerikanische Psychologe Jay Belsky.<sup>17</sup> So waren die Stichproben</p><p>oft v�llig unrepr�sentativ, und auch das Vertrauen in die subjektiven Erinnerungen erscheint unzul�ssig.</p><p>Es gibt aber mittlerweile einige aussagekr�ftige� prospektive �Studien, in denen entsprechend</p><p>vorbelastete Menschen �ber einen gen�gend gro�en Zeitraum beobachtet wurden. Nach einer</p><p>vorsichtigen Sch�tzung bel�uft sich die Transmissionsquote bei der Kindesmisshandlung auf rund 30</p><p>Prozent. Das bedeutet, dass sich lediglich jedes dritte Opfer an seinen eigenen Kindern� revanchiert�,</p><p>w�hrend zwei Drittel die grausame famili�re� Tradition �nicht weiterf�hren. Dabei ist nicht einmal die</p><p>M�glichkeit ber�cksichtigt, dass die tats�chlich existierende Transmissionsquote durch erbliche</p><p>Gemeinsamkeiten zwischen Eltern und Kindern verursacht wird. Gewalt gegen Kinder geht jedenfalls in</p><p>der �berw�ltigenden Zahl der F�lle von Eltern aus, die dieses Trauma nie selbst erfahren haben.</p><p>Auch die Auffassung, dass misshandelte Kinder in der Folgezeit� automatisch �auf die schiefe Bahn</p><p>geraten und Gewalttaten begehen, bedarf einer statistischen Korrektur. Zwar zeigte sich in Amerika, dass</p><p>Vernachl�ssigung und Misshandlung das Risiko sp�terer Straff�lligkeit tats�chlich nicht unerheblich</p><p>erh�hen, von etwa 17 auf 26 Prozent. Aber diese Zahlen bedeuten auch, dass die gro�e Mehrzahl jener,</p><p>die als Kinder vernachl�ssigt oder misshandelt wurden, sp�ter nicht straff�llig werden.�Vernachl�ssigung</p><p>und Misshandlung k�nnen also weder eine notwendige noch eine ausreichende Vorbedingung f�r sp�tere</p><p>Delinquenz sein�, gibt der Wissenschaftsjournalist Dieter E. Zimmer zu bedenken.</p><p>Wer in der �ffentlichkeit darauf hinweist, dass Kindesmisshandlung nicht zwingend zu destruktiven</p><p>Verhaltensweisen im sp�teren Leben f�hrt, setzt sich leicht der ungeheuren Unterstellung aus, Gewalt</p><p>gegen Kinder zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Als wenn Kindesmisshandlung erst dadurch</p><p>richtig verwerflich und strafbar w�rde, dass sie Jahrzehnte sp�ter faule Fr�chte tr�gt. Doch muss man sich</p><p>nur vor Augen halten, dass auch Gewalt gegen den eigenen erwachsenen Lebensgef�hrten eine</p><p>abscheuliche Schandtat ist. Und zwar weil sie diesem in der Gegenwart Leid und Schmerz zuf�gt, nicht</p><p>weil er sich dadurch in der Zukunft eine verkorkste Pers�nlichkeit einhandelt.</p><p>Gewalt gegen Kinder ist allein wegen des kindlichen Leides im Hier und Jetzt eine Freveltat. Die</p><p>Aufkl�rungskampagne gegen den vermeintlichen� Zyklus der Gewalt �hatte teilweise auch die Funktion,</p><p>die Kindesmisshandlung in all ihrer Schrecklichkeit zu brandmarken. Das moralisch hoch stehende Motiv</p><p>ebnete jedoch einem nachl�ssigen Umgang mit den wissenschaftlichen Fakten die Bahn, der jetzt die</p><p>Glaubw�rdigkeit der Urheber unterminiert.</p></section><section><title><p><strong>�Frauen, die selbst eine traumatische Kindheit hatten, k�nnen keine guten M�tter sein�</strong></p></title><p>Wenn man den popul�ren Vorstellungen Glauben schenken darf, ist M�tterlichkeit eine ganz besondere</p><p>Gabe, die nur unter g�nstigen Voraussetzungen und mit einer geh�rigen Portion angelesenem Know-how</p><p>zustande kommt. Nach der Theorie des Wiederholungszwangs m�ssen Frauen ihren Kindern wie unter</p><p>einem Fluch die gleiche Behandlung angedeihen lassen, die sie bei ihrer eigenen Mutter erfahren haben.</p><p>In unz�hligen Brosch�ren, Handb�chern und Elternzeitschriften wird die Mutterschaft als eine exakte</p><p>Wissenschaft hingestellt, die etwa so brisante Anforderungen stellt wie das Management eines</p><p>Atomkraftwerks. Wer beim Kinderkriegen nicht pedantisch die Regeln von Prof. Lamazze oder Dr.</p><p>Leboyer befolgt, hat sich von Anfang an alle Chancen auf eine innige und liebevolle Beziehung</p><p>verscherzt. Und wenn es sich bei der Schwangerschaft gar um einen� Unfall �handelt, kann die</p><p>Geb�rerin nur noch als b�se� Rabenmutter �enden, die ihr Kind zu einem verpfuschten Leben verdammt.</p><p>Aber in Wirklichkeit beruhen alle diese Erw�gungen nur auf Glaubenss�tzen und Dogmen, die von</p><p>irgendwelchen Koryph�en ausgedacht und seitdem unkritisch nachgebetet wurden. Der Blick auf die</p><p>empirischen Ergebnisse der Psychologie l�sst das ganze Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Das</p><p>beweist auch die Langzeitstudie, in der Bettina Wiese vom Max-Planck-Institut f�r Bildungsforschung in</p><p>Berlin werdende M�tter vom Beginn der Schwangerschaft an bis in die Zeit nach der Entbindung</p><p>beobachtete.<sup>18</sup></p><p>Quintessenz der Untersuchung: M�tter sind keineswegs die geknechteten Sklaven ihrer Vergangenheit.</p><p>Sie wachsen im Guten wie im Schlechten �ber die� Pr�gung �im eigenen Elternhaus hinaus. Sie m�ssen</p><p>sich auch nicht erst mit den klugen Ratschl�gen der Fachleute voll stopfen, wenn sie eine gute Beziehung</p><p>zu ihrem Nachwuchs aufbauen wollen.</p><p>Wenn die Theorie vom Wiederholungszwang zutr�fe, k�nnten Frauen nur dann eine liebevolle</p><p>Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, wenn sie diese� Gnade �bei ihrer eigenen Mutter erfahren h�tten.</p><p>Die Frauen, die selbst k�hl und abweisend behandelt oder �berbeh�tet wurden, w�ren hingegen dazu</p><p>verdammt, dieses famili�re� Erbe �weiterzugeben. Doch das stimmt so nicht. Die Frauen, die angaben,</p><p>von ihrer eigenen Mutter nicht gerade verz�rtelt worden zu sein, gingen ebenso liebevoll und z�rtlich mit</p><p>ihren Kindern um wie ihre Geschlechtsgenossinnen mit den gl�cklicheren Kindheitserinnerungen. Sie</p><p>l�chelten bei der Pflege des S�uglings genauso h�ufig wie die anderen, gaben gleich h�ufig Koseworte</p><p>von sich, rieben ebenso oft die Nase des Kleinen und hatten auch genauso oft z�rtlichen K�rperkontakt.</p><p>Der Glaube, dass Frauen in einem Teufelskreis stecken und ihre eigenen Bindungserfahrungen auf die</p><p>n�chste Generation �bertragen, ist damit schwer ersch�ttert.</p><p>Aus diesem Grund sind M�tter auch nicht gezwungen, bei ihren Kindern die Entwicklung zur</p><p>Selbst�ndigkeit� abzuw�rgen�, nur weil ihre eigene Mutter das bei ihnen versucht hat. Die Frauen, die in</p><p>ihrer Kindheit st�ndig �berbeh�tet und mit extremer Besorgtheit behandelt worden waren, verhielten sich</p><p>bei der Pflege der eigenen Kinder v�llig frei, locker und ungezwungen.</p><p>Nach einer anderen Klischeevorstellung kann es nur zwischen der Mutter und einem echten</p><p>Wunschkind richtig� funken�. Wenn das Kind dagegen einem� Unfall �oder gar einer ungewollten</p><p>Schwangerschaft entstammt, ist die Beziehung schon vor ihrem eigentlichen Beginn verflucht. Auch</p><p>dieser Glaube h�lt der �berpr�fung nicht stand. Den Kindern aus unerw�nschten Schwangerschaften</p><p>wurde genauso viel Liebe und Zuwendung zuteil wie den Wunschkindern.</p><p>Es ist in den letzten Jahren auch fast zur Pflicht geworden, dass eine moderne, aufgekl�rte und sich</p><p>ihrer Verantwortung bewusste Mutter ihr Kind unbedingt bei vollem Bewusstsein zur Welt bringt. Eine</p><p>Vollnarkose geh�rt nicht zum guten Ton, weil sie angeblich einen Keil zwischen die Mutter und die</p><p>Leibesfrucht treibt. Weit gefehlt; nach Wieses Daten verlief die Urbeziehung auch dann harmonisch und</p><p>liebevoll, wenn das Kind unter Bet�ubung der Mutter abgenabelt worden war. Geburtsschmerzen sind</p><p>also ganz bestimmt keine Eintrittskarte in den� Klub der guten M�tter�.</p><p>Verunsicherte Frauen brauchen sich schlie�lich auch keine Sorgen zu machen, dass der K�nigsweg zur</p><p>vollendeten M�tterlichkeit obligatorisch mit Ratgeberliteratur und Volkshochschulkursen gepflastert sein</p><p>muss. Alle Befunde deuten darauf hin, dass die Mutter-Kind-Dyade viel st�rker durch Gef�hle und</p><p>Instinkte gesteuert wird als durch angelesenes Wissen und graue Theorie. Die M�tter, die einen besonders</p><p>guten Draht zum Baby entwickelten, nahmen schon in der Schwangerschaft spontan Kontakt mit dem</p><p>Ungeborenen auf und versuchten intuitiv, es durch Ber�hrungen und Gespr�che zu stimulieren und zum</p><p>Mitgehen zu bewegen. Diese urt�mliche und animalische Form der Verst�ndigung liegt den meisten</p><p>M�ttern (und V�tern)�im Blut�; sie muss nicht durch Handb�cher vermittelt werden.</p><p>Wenn eine� gute �Mutterschaft von der Kenntnis psychohygienischer und psychoanalytischer</p><p>Weisheiten abh�ngig w�re, m�ssten entsprechend beschlagene M�tter ja auch besonders kompetente</p><p>Erzieherinnen sein, folgert der amerikanische Psychiatrie-Professor E. Fuller Torrey.<sup>19</sup> Es gibt nur eine</p><p>einzige Studie, die diese Frage systematisch in Augenschein nahm. <sup>21</sup> M�tter, die mehr oder weniger viel</p><p>freudianisches Basiswissen besa�en, wurden dabei im Umgang mit ihren Kindern sondiert. Peinliches</p><p>Ergebnis: Die� aufgekl�rten �Frauen kamen besonders schlecht mit ihren Spr�sslingen zurecht.</p><p>Au�erdem folgt aus der Theorie implizit, dass Psychologen, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und</p><p>�hnliche Fachleute der Seele ein besonders gro�es erzieherisches Geschick besitzen m�ssten, gibt Fuller</p><p>Torrey weiter zu bedenken.�Obwohl diese These niemals explizit getestet wurde, ruft ihre Diskussion</p><p>mit Experten der Psychiatrie und der seelischen Gesundheit nur betretenes L�cheln und �u�erungen von</p><p>der Art &gt;Sie sind wohl verr�ckt&lt; hervor.�</p></section><section><title><p><strong>�Die Scheidung der Eltern traumatisiert die kindliche Psyche�</strong></p></title><p>Es ist eine allgemein anerkannte Vorstellung, dass eine Scheidung f�r Kinder ein erhebliches Trauma</p><p>darstellt, das unweigerlich Narben in der Seele der Betroffenen zur�ckl�sst. Selbst Experten der</p><p>Psychologie und Lebensberatung beschw�ren die Gefahren f�r die kindliche Psyche herauf. Bei genauem</p><p>Licht betrachtet besitzt dieser Zusammenhang jedoch erstaunlich wenig Wahrheitsgehalt: Wenn</p><p>�berhaupt, dann rufen weniger die Scheidung selbst, sondern die Probleme, die zur Scheidung f�hren,</p><p>psychische Belastungen f�r manche S�hne und T�chter hervor.</p><p>Es gibt unter Experten eine Tendenz, das Ph�nomen Scheidung automatisch aus einer</p><p>�Desasterperspektive �zu betrachten und als Kontrast den Begriff� intakt �zu verwenden, um die</p><p>vermeintlich heile Familie traditioneller Pr�gung zu charakterisieren, stellen Norbert Hofmann-Hausner</p><p>und Reiner Bastine vom Psychologischen Institut der Universit�t Heidelberg fest.<sup>20</sup> In der modernen</p><p>Gesellschaft sind jedoch l�ngst diverse Alternativen zur traditionellen Familie� normal �und salonf�hig</p><p>geworden. Au�erdem basieren die meisten Aussagen �ber die sch�dlichen Effekte der elterlichen</p><p>Trennung auf Daten, die keine Verallgemeinerung zulassen: Auf den Beobachtungen an behandelten</p><p>Klienten, die wegen schwerwiegender Symptome eine Therapie aufsuchen mussten, und auf der</p><p>Untersuchung von Personen, die zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit eine elterliche Scheidung</p><p>erlebt hatten.</p><p>Behandelte Klienten sind jedoch keineswegs repr�sentativ, und etwaige St�rungen bei</p><p>Scheidungskindern m�ssen nicht von der Scheidung selbst herr�hren, sondern k�nnen auch durch das</p><p>zerr�ttete Klima bedingt sein, das zur Trennung f�hrte. Schlie�lich wird sehr oft unter den Tisch gekehrt,</p><p>dass nur ein sehr kleiner Teil der Betroffenen seelische Verletzungen davontr�gt, und dass diese</p><p>Verletzungen meistens einen eher milden Charakter haben. Die methodisch anfechtbaren Untersuchungen</p><p>kommen zu dem Ergebnis, das Kinder als akute Reaktion auf eine Scheidung von Depressionen, �ngsten</p><p>und Schuldgef�hlen befallen werden. Aber eine Zusammenschau von 92 Studien mit �ber 13.000 Kindern</p><p>erlaubt auch den Schluss, dass eine gro�e Anzahl von Scheidungskindern unversehrt aus dem� Trauma�</p><p>hervorgeht, betonen die beiden Wissenschaftler. Zudem ist der Grad der Beeintr�chtigung meist so</p><p>niedrig, dass die� Desasterperspektive �v�llig unangemessen erscheint.</p><p>Zu guter Letzt bleibt auch noch die erw�hnte M�glichkeit, dass die beobachteten� Scheidungsfolgen�</p><p>in Wirklichkeit in Problemen wurzeln, die dem rechtlichen Schlussstrich lange vorausgehen. Diesen</p><p>Einwand hatten die beiden Seelenforscher in einer Langzeitstudie an 110�intakten �Familien mit kleinen</p><p>Kindern untersucht, welche 11 Jahre lang kontinuierlich befragt wurden. 33 der Ehepaare, deren Kinder</p><p>zum Schluss ein Alter von maximal 14 bis 15 Jahre hatten, waren am Ende der Untersuchung geschieden;</p><p>9 Ehen wurden durch andere Ereignisse aufgel�st.</p><p>Durch die besondere Anlage dieser Untersuchung war es nun m�glich, die seelische Verfassung der</p><p>Scheidungskinder Jahre vor dem Eintritt des vermeintlichen� Desasters �zu eruieren. Bemerkenswertes</p><p>Ergebnis: Kinder (besonders Jungen), deren Eltern sich sp�ter scheiden lie�en, wiesen schon bis zu 11</p><p>Jahre vor dem� Eklat �eine Reihe von Besonderheiten auf. Sie waren zum Beispiel etwas impulsiver und</p><p>aggressiver und wurden von anderen als emotional labiler, unruhiger und dickk�pfiger beschrieben. Der</p><p>Zusammenhang zwischen elterlichem Streit und kindlichen St�rungen war allerdings nur schwach</p><p>ausgepr�gt.</p><p>Vor dem Hintergrund solcher Daten sei es sehr bedenklich, wenn Eltern aus falsch verstandener</p><p>R�cksicht eine Scheidung vermieden und stattdessen lieber ungl�cklich verheiratet blieben. Die</p><p>aufgef�hrten Tendenzen wurden in der Zwischenzeit auch durch die nachtr�gliche Auswertung von</p><p>Studien best�tigt, die zwar eine andere Zielsetzung gehabt hatten, aber auch hierzu kritische</p><p>Informationen enthielten. Die (milden) seelischen Auff�lligkeiten der Scheidungskinder waren Ausdruck</p><p>eines Prozesses, der schon lange vor der Z�sur der Trennung eingesetzt hatte. Das hei�t, dass sich</p><p>Scheidungskinder praktisch nicht von ihren Altersgenossen unterscheiden, die in einer mit �hnlichen</p><p>Krisen belasteten, aber rechtlich� intakten �Familie aufwachsen.</p></section><section><title><p><strong>�Unkonventionelle Familienverh�ltnisse sind schlecht f�r die Entwicklung der Kinder�</strong></p></title><p>Es gibt schon lange Diskussionen dar�ber, welche Form der Betreuung Kinder brauchen, um reife und</p><p>gesunde Erwachsene zu werden. H�ufig wird noch die Ansicht vertreten, dass lediglich die klassische,</p><p>konventionelle und� intakte �Kernfamilie mit einem heterosexuellen Elternpaar die Gew�hr f�r eine</p><p>optimale Entwicklung gibt. Doch die Forschungsarbeiten der letzten Jahre lassen �berhaupt keinen</p><p>Zweifel mehr daran, dass die verschiedensten Arten von unkonventionellen beziehungsweise</p><p>�normabweichenden �Familienkonstellationen die gleichen Dienste leisten k�nnen: Den allein selig</p><p>machenden Weg in das Erwachsenendasein gibt es nicht.</p><p>Wissenschaftler in Kalifornien nehmen seit Mitte der siebziger Jahre Familien unter die Lupe, die eine</p><p>un�bliche Form des Zusammenlebens eingegangen sind. Einige der Eltern sind unbeirrbare Hippies, die</p><p>sich zu Kommunen zusammengeschlossen haben, oder Alleinerziehende, andere f�hren� offene Ehen�</p><p>oder �hnliche Beziehungen. Die Experimente geben zu optimistischen Prognosen Anlass, betont Judith</p><p>Rich Harris:�Die Kinder sind genauso schlau, gesund und emotional angepasst wie ihre Altersgenossen,</p><p>die in traditionellen Verh�ltnissen leben.�</p><p>Jetzt haben die Forscher aber auch �berraschende elterliche Qualit�ten bei einer Gruppe der</p><p>Bev�lkerung entdeckt, deren Triebschicksal nicht gerade auf Elternschaft programmiert ist.</p><p>Homosexuelle M�nner und Frauen, so die Psychologin Charlotte Patterson von der Universit�t von</p><p>Charlottesville, geben vorbildliche V�ter und M�tter ab.<sup>21</sup> Das Besondere an ihrer Untersuchung ist, dass</p><p>sie erstmals auch Kinder umfasst, die nie in ihrem Leben auch nur von einem� normalen �Elternteil</p><p>umsorgt wurden.</p><p>Bei den (amerikanischen) Familiengerichten sto�en die meisten Homosexuellen aber mit ihrem</p><p>Wunsch nach einem Adoptivkind auf Ablehnung. In den Entscheiden hei�t es h�ufig, dass die Kinder</p><p>sexuell� umgepolt �oder in der Entwicklung ihrer Pers�nlichkeit beeintr�chtigt werden k�nnten. Da</p><p>gemeinsames Sorgerecht in Deutschland nur Ehegatten zugesprochen wird, besteht hier f�r homosexuelle</p><p>Paare h�chstens die M�glichkeit, dass ein allein stehender Partner einen Antrag stellt. Der wird aber fast</p><p>immer abgewiesen, da Jugend�mter in diesen F�llen Gefahren f�r das Kindeswohl wittern.</p><p>Seit etwa einem Jahrzehnt existieren in den USA empirische Studien, in denen die elterlichen</p><p>Qualit�ten von Homosexuellen begutachtet wurden. Die meisten der rund ein Dutzend Untersuchungen</p><p>enthalten Informationen �ber Lesben, denen nach der Scheidung von ihrem Ehemann das Sorgerecht f�r</p><p>ihre Kinder �bertragen wurde. Die drei Studien, die homosexuelle V�ter und ihre Kinder zum Thema</p><p>haben, kommen aber zu denselben Schl�ssen.</p><p>Kinder homosexueller Eltern nannten die gleichen Lieblingsspielzeuge wie ihre Altersgenossen. Sie</p><p>fuhren auch auf die gleichen Lieblingsprogramme und auf die gleichen Lieblingshelden im Fernsehen ab.</p><p>Die Psychotests bescheinigten ihnen, dass sie nicht mehr Wesensz�ge des anderen Geschlechtes</p><p>aufwiesen als andere Kinder auch. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf eine H�ufung</p><p>gleichgeschlechtlicher Neigungen. Nicht einer von 18 Teenagern mit einem homosexuellen Elternteil</p><p>bezeichnete sich bei einer aktuellen Untersuchung als lesbisch oder schwul; dagegen outete sich einer der</p><p>18 Jugendlichen mit einem� normalen �Erziehungshintergrund als schwul. Die Pers�nlichkeitsmerkmale</p><p>und sozialen Beziehungen der Kinder wiesen keine Auff�lligkeiten auf. Sie hatten gleich gute Kontakte</p><p>zu ihren Altersgenossen und mussten keineswegs �fter H�nseleien und Spott erdulden.</p><p>Die neusten und wichtigsten Daten hat Patterson jedoch in den beiden letzten Jahren in ihrer Studie an</p><p>37 lesbischen M�ttern aus San Francisco gewonnen, die zum gr��ten Teil durch k�nstliche Befruchtung,</p><p>in wenigen F�llen aber auch durch eine legale Adoption zu einem Kind gekommen waren. Die</p><p>Ergebnisse sind umso bedeutsamer, als diese vier bis neun Jahre alten Einzelkinder in keiner Phase ihrer</p><p>Entwicklung durch ein heterosexuelles Elternteil beeinflusst wurden.</p><p>Auch unter diesen unverf�lschten Bedingungen verlief die Entwicklung der sexuellen Identit�t</p><p>vollkommen unauff�llig. Bei den Kindern waren weder merkliche Pers�nlichkeitsst�rungen noch</p><p>Verhaltensprobleme zu verzeichnen. Bei einem Test, der Auskunft gibt �ber das p�dagogische Geschick</p><p>in kniffligen Situationen, schnitten die Lesben sogar besser ab als Hetero-M�tter. Der Verdacht, dass bei</p><p>Kindern lesbischer M�tter der Kontakt zu den Gro�eltern abrei�t, weil diese die Lebensf�hrung der</p><p>Mutter missbilligen k�nnten, best�tigt sich nicht. Oma und Opa sahen ihre Enkel gleich h�ufig wie</p><p>andere Gro�eltern.</p><p>Lesbische M�tter, die mit einer festen Partnerin zusammenlebten, verhielten sich in einem bestimmten</p><p>Punkt vorbildlich: Die� ehelichen �Aufgaben wurden bei ihnen besonders fair und gleichberechtigt</p><p>aufgeteilt. Beide Parteien kochten, wuschen und putzten gleicherma�en, und �ber alle wichtigen</p><p>famili�ren Entscheidungen wurde demokratisch abgestimmt. Es gab zwar auch eine Rollenverteilung, in</p><p>dem Sinn, dass sich eine Frau st�rker auf den Beruf, die andere st�rker auf die Erziehung konzentrierte.</p><p>Aber trotzdem engagierte sich die jeweilige� Ern�hrerin �st�rker f�r die Erziehung des Kindes, als dies</p><p>der normale Mann in einer normalen Kleinfamilie tut. Je mehr die Erzieherinnen sich die</p><p>Erziehungsaufgaben teilten, umso ausgeglichener war das Kind in seiner Pers�nlichkeit.</p><p>Die Daten untermauern hieb- und stichfest, dass Homosexuelle mindestens die gleichen</p><p>Qualifikationen als Eltern haben wie Heterosexuelle, betont Patterson. Es ist nach ihrer Ansicht extrem</p><p>unwahrscheinlich, dass neue Befunde ans Licht kommen, die einen anderen Schluss rechtfertigen</p><p>k�nnten.�Daher ist es auch empirisch nicht mehr zu begr�nden, dass Lesben oder Schwule weniger als</p><p>Adoptiv- und Pflegeeltern geeignet sind als Heterosexuelle.�</p></section><section><title><p><strong>�Die Erziehung legt die Geschlechtsrollen der Kinder fest�</strong></p></title><p>Zumindest in einem entscheidenden Punkt, so ein Einwand gegen das Scheitern der Erziehungsthese,</p><p>dr�cken Eltern ihren Kindern einen Stempel auf: Indem sie bei ihren T�chtern und S�hnen bestimmte</p><p>Verhaltensweisen f�rdern, leiten Eltern die Geschlechtsrollen ihrer Kinder in eine feste Bahn. �berall in</p><p>der Welt heben sich M�nner und Frauen durch charakteristische Pers�nlichkeitsz�ge voneinander ab; in</p><p>den meisten Kulturen sogar sehr viel st�rker als in den modernen Industrienationen, gibt Judith Rich</p><p>Harris zu bedenken. Die Herren der Sch�pfung besch�ftigen sich zum Beispiel mehr mit Werkzeugen und</p><p>Ger�ten und streben h�ufiger Positionen von Macht und Einfluss an. Evas T�chter wenden sich dagegen</p><p>auch beruflich lieber den Bed�rfnissen anderer Menschen zu.</p><p>Nach einer naiven Theorie legen die Eltern diese Tendenzen durch ihre geschlechtstypische Erziehung</p><p>fest. Zu Beginn ihres Lebens haben M�nnlein und Weiblein noch die Veranlagung, beide</p><p>Geschlechtsidentit�ten zu entwickeln. Dann geben Vater und Mutter die Richtung an. Sie statten kleine</p><p>M�dchen mit Puppen und femininen Spielsachen aus, w�hrend sie Jungs mit Autos und Werkzeugen auf</p><p>die maskuline Rolle trimmen. So sch�n diese Theorie auch klingen mag, meint Judith Rich Harris, sie</p><p>stimmt �berhaupt nicht mit den empirischen Erkenntnissen �berein.</p><p>Umfangreiche Verhaltensbeobachtungen belegen einwandfrei, dass Eltern in den modernen</p><p>Industrienationen S�hne und T�chter sehr �hnlich behandeln: Sie widmen ihnen genauso viel Zeit und</p><p>Aufmerksamkeit und ermutigen und disziplinieren sie auf die gleiche Weise. Nur bei der Vergabe von</p><p>Kleidung und Spielsachen taucht der omin�se Geschlechtsunterschied auf. Aber der k�nnte genauso gut</p><p>eine passive Reaktion auf die Eigenschaften der Kinder sein, argumentiert Harris:�Vielleicht geben sie</p><p>ihren Kindern nur, was diese haben wollen.�</p><p>Sigmund Freud setzte den Glauben in die Welt, dass Kinder ihre Geschlechtsrolle erwerben, indem sie</p><p>das Verhalten des gleichgeschlechtlichen Elternteils imitieren: S�hne orientieren sich am Vater, T�chter</p><p>ahmen das Vorbild der Mutter nach. Dieser Glaube ist heute widerlegt. Jungen, die in einer vaterlosen</p><p>Umgebung aufwachsen, eignen sich dennoch einen maskulinen Habitus an. M�dchen, die exklusiv von</p><p>(mutma�lich� unweiblichen�) Lesben erzogen werden, lassen keinen Mangel an weiblichen Z�gen</p><p>erkennen.</p><p>Heute findet die �berzeugung immer mehr Anh�nger, dass die Anlage f�r die psychologische</p><p>Geschlechtsidentit�t in unseren Genen schlummert und durch Hormone aus dem Dornr�schenschlaf</p><p>geweckt wird. In einer abgeschiedenen Region der Dominikanischen Republik gibt es laut Harris eine</p><p>Mutation, die dazu f�hrt, dass genetisch m�nnliche Kinder bei der Geburt wie M�dchen aussehen. In der</p><p>Pubert�t sch�tten die Dr�sen dann das m�nnliche Geschlechtshormon Testosteron aus. Die weiblichen</p><p>K�rpermerkmale bilden sich zur�ck und werden von maskulinen Z�gen abgel�st, die Eltern und Kindern</p><p>die Augen �ber die wahre Geschlechtszugeh�rigkeit �ffnen.</p><p>Wissenschaftler haben das Schicksal von 18 dieser Jungen verfolgt, die irrt�mlich als M�dchen</p><p>erzogen worden waren. Bis auf einen sch�ttelten alle den weiblichen Namen und die weibliche Identit�t</p><p>ab und wurden M�nner, als der K�rper pl�tzlich die Wahrheit �ber den biologischen Sexus enth�llte. Die</p><p>Betreffenden heirateten Frauen, ergriffen m�nnliche Berufe und gew�hnten sich ein rundum maskulines</p><p>Verhalten an.</p><p>Tats�chlich grenzen sich Jungen und M�dchen schon in fr�hem Alter freiwillig voneinander ab und</p><p>legen gro�en Wert auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In ihren jeweiligen Gruppen</p><p>verinnerlichen Jungen wie M�dchen dann, wie sich eine richtige Frau oder ein ganzer Kerl zu benehmen</p><p>hat. Forscher k�nnen dokumentieren, wie schon zw�lfj�hrige M�dchen sich dem Klischee typisch</p><p>weiblichen Verhaltens anpassen, mehr kichern, tuscheln und sich beim Sport ungeschickter anstellen,</p><p>sobald Jungen den Schauplatz betreten. Und nicht selten schockieren Kinder ihre emanzipierten Eltern</p><p>mit Feststellungen wie:�M�nner kochen nicht!��hnliche Verhaltensweisen zeigen Kinder in den</p><p>verschiedensten Kulturen � die Yanomami-Indianer im brasilianischen Regenwald ebenso wie</p><p>afroamerikanische Kids im Gro�stadt-Ghetto.</p><p>Alle Versuche, Jungen und M�dchen durch Erziehung geschlechtlich� umzupolen �oder in eine</p><p>Unisex-Identit�t zu pressen, sind durch die biologischen Tatsachen zum Scheitern verdammt. Das</p><p>mussten auch die Mitglieder der Protestbewegung der sp�ten sechziger und fr�hen siebziger Jahre</p><p>erfahren, welche die vermeintlich� patriarchalischen �Geschlechtsunterschiede bei ihren Kindern</p><p>einebnen wollten, rekapituliert der Psychologe Jens Asendorpf.<sup>22</sup> Zur Frustration der Eltern und</p><p>Kinderladenerzieher prallten die Nivellierungsversuche wirkungslos an den Kindern ab.�Jungen, die zum</p><p>spielerischen Kochen angehalten wurden, benutzten Kochl�ffel als Revolver, und M�dchen wiegten</p><p>tr�umerisch Rennwagen in ihren Armen, als seien es rosaweiche Babys.�</p></section><section><title><p><strong>�Einzelkinder und Erstgeborene entwickeln besondere Pers�nlichkeitsmerkmale�</strong></p></title><p>Eine der beliebtesten Thesen in der popul�ren Psychologie und in der Ratgeberliteratur besagt, dass</p><p>Einzelkinder beziehungsweise Erstgeborene als Folge ihrer spezifischen Position in der Familie</p><p>ungew�hnliche Charaktermerkmale herausbilden. Einzelkinder entwickeln sich demnach anders, weil sie</p><p>einer Sonderbehandlung unterzogen werden: Die Beziehung zu ihren Eltern ist, wegen ihrer Exklusivit�t,</p><p>durch eine besonders enge Bindung gekennzeichnet. Andererseits entgeht den Solo-Spr�sslingen die</p><p>soziale Stimulation, die durch die Anwesenheit von Geschwistern vermittelt wird.</p><p>In fr�heren Zeiten, als die meisten Familien zwei oder mehr Kinder hatten, galt die Einzelkindsituation</p><p>als Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung war, schildert die Psychologin Judith Rich Harris.</p><p>�Einzelkinder harten einen schlechten Ruf. �Heute, wo rund 50 Prozent aller S�hne und T�chter in den</p><p>Industriel�ndern als Einzelkinder aufwachsen, l�st sich das schlechte Image in Wohlgefallen auf. Die</p><p>psychologischen Studien der letzten 15 Jahre lieferten denn auch kerne Beweise daf�r, dass sich</p><p>Einzelkinder systematisch und in einer bestimmten Richtung von ihren Altersgenossen unterscheiden</p><p>w�rden.</p><p>Um die Wesensz�ge, mit denen sich Erstgeborene angeblich von ihren Geschwistern abheben, ranken</p><p>sich viele moderne Legenden. Erstgeborene, so behauptet Frank Sulloway, Wissenschaftshistoriker am</p><p>Massachusetts Institute of Technology in einer erfolgreichen Buchpublikation, verst�rken nach der</p><p>Ankunft von Geschwistern ihre Neigung, sich mit den Altvorderen zu identifizieren. In 26-j�hriger</p><p>Flei�arbeit hat Sulloway die Biografien von 6566 historischen Pers�nlichkeiten untersucht und ein festes</p><p>Muster eruiert. Danach �ben Erstgeborene, beg�nstigt durch ihren Altersvorsprung, im Umgang mit den</p><p>Sp�tergeborenen oft ein autorit�res Machtgehabe ein, das sie sp�ter nie wieder loswerden.</p><p>Dass sie, einst im Alleinbesitz der Elternliebe, nun mit den J�ngeren konkurrieren m�ssen, schmerzt</p><p>sie und l�sst sie reizbar werden. Sie neigen zu Eifersucht, Rachegel�sten und pl�tzlichen</p><p>Gewaltausbr�chen � alles in allem ein wenig sympathisches Bild, das nur durch Eigenschaften wie</p><p>Disziplin und Verantwortungsbewusstsein aufgehellt wird. Daran hapert es bei den Sp�tergeborenen, die</p><p>zun�chst auf den unteren Stufen der Familienhierarchie Platz nehmen m�ssen. Dort sind sie gezwungen,</p><p>nach��berlebensnischen �Ausschau zu halten � soll hei�en: Im Wettstreit um die Zuwendung der Eltern</p><p>m�ssen sie tunlichst Talente entfalten, mit denen die �lteren Geschwister bis dahin nicht aufwarten</p><p>konnten.</p><p>Was Sulloway erst im Gespr�ch preisgibt, ist die Tatsache, dass von den 30 bis 50 Prozent</p><p>nichtgenetischen Einfl�ssen auf die Pers�nlichkeit blo� 2 bis 8 Prozent auf die Geburtsfolge</p><p>zur�ckzuf�hren sind.<sup>4</sup> Au�erdem sind Vergleiche zwischen Erst- und Sp�tergeborenen mit massiven</p><p>methodischen Fu�angeln behaftet, die jede Interpretation in Frage stellen, warnt der Psychologe Jens</p><p>Asendorpf.<sup>8</sup> Die Chance, ein mittleres oder letztes Kind zu sein, ist ja erst in gr��eren Familien gegeben.</p><p>Da Mittelschichtfamilien heutzutage weniger Kinder haben, sind Erstgeborene bei ihnen</p><p>�berrepr�sentiert, mittlere und letztgeborene Kinder aber unterrepr�sentiert.�Nach Kontrolle von</p><p>Geschwisterzahl und sozialer Schicht bleiben keine bedeutenden Pers�nlichkeitsunterschiede zwischen</p><p>Kindern oder Erwachsenen mit unterschiedlicher Position in der Geschwisterreihe bestehen.</p><p>Pers�nlichkeitsunterschiede durch die Stellung in der Geschwisterreihe erkl�ren zu wollen ist eine</p><p>Sackgasse.�</p><p>Psychologen haben in den vergangenen Jahren Berge von Daten �ber die Pers�nlichkeit von Erst- und</p><p>Sp�tergeborenen angeh�uft, gibt Judith Rich Harris zu bedenken. Unterschiede zwischen den beiden</p><p>Gruppen tauchten, wenn �berhaupt, nur in �lteren, methodisch schlechteren Studien mit geringen</p><p>Probandenzahlen auf; in den neuen Untersuchungen mit anspruchsvollem Design und gr��eren</p><p>Stichproben waren Differenzen nicht zu verzeichnen. Zwei Schweizer Psychiater durchleuchteten vor ein</p><p>paar Jahren 7582 Personen mit den aktuellsten Psychotests. Fazit: Die Stellung in der Geschwisterreihe</p><p>hatte keinen messbaren Einfluss auf die Pers�nlichkeit.</p></section><section><title><p><strong>�Das kindliche Gehirn ben�tigt besondere Anregungen f�r seine optimale Entwicklung�</strong></p></title><p>Zeitschriftenartikel und die Ratgeberliteratur berufen sich in den letzten Jahren immer h�ufiger auf</p><p>�Forschungsergebnisse�, die beweisen, dass das kindliche Gehirn nur dann seine maximale</p><p>Leistungsf�higkeit entfalten kann, wenn die Eltern mit einer Vielfalt von geistigen Anregungen</p><p>�Entwicklungshilfe �leisten. Eine abwechslungsreiche Kinderstube mit vielen Spielzeugen, einem</p><p>H�chstma� an elterlicher Ansprache und anderen Formen der Stimulation machen Babys danach schlauer.</p><p>Sie sollen ihnen sogar zu einem besonders engmaschigen Netz von Nervenkontakten (Synapsen)</p><p>verhelfen. Wenn diese aufbauenden Denkanst��e in einer kritischen Periode der fr�hen Entwicklung</p><p>fehlen, bleibt die Gehirnfunktion angeblich lebensl�nglich hinter ihren M�glichkeiten zur�ck.</p><p>Diese Zusammenh�nge werden meist so dargestellt, als wenn es sich dabei um den letzten Schrei auf</p><p>dem Gebiet der Neurobiologie handeln w�rde. Hier wird offensichtlich der Nimbus einer� harten�</p><p>Naturwissenschaft ausgeschlachtet, um durch die Hintert�r den Mythos von der herausragenden</p><p>Bedeutung der Kindheit wieder aufzurichten, der in der Erziehungsstilforschung und in der</p><p>Traumatheorie doch gerade erst kapitalen Schiffbruch erlitten hat.�Es wird der Eindruck erweckt, dass</p><p>man Kinder durch eine Investition in die fr�hen Jahre vor dem sp�teren schulischen Misserfolg bewahren</p><p>kann�, warnt der Neurobiologe Professor John Bruer, Leiter der James S. McDonnell Foundation in St.</p><p>Louis, Missouri.<sup>23</sup>�Aber das ist ein Missbrauch der Gehirnforschung und eine Irref�hrung der Eltern.�</p><p>Das Dilemma mit den angef�hrten� Forschungsergebnissen �ist, dass sie weder besonders neu und</p><p>originell noch �berhaupt auf den Menschen bezogen sind. Das Grundprinzip entdeckten Biologen schon</p><p>in den siebziger Jahren bei Experimenten mit Ratten und M�usen, deren Gehirne zum Abschluss in feine</p><p>Scheiben geschnitten wurden. Eine H�lfte neugeborener Nager musste ihre Kindheit in tristen</p><p>Labork�figen fristen, w�hrend die andere einen �berfluss an Sinneseindr�cken genoss: Spielzeug,</p><p>Verstecke, K�se und Vollkornriegel.</p><p>Die M�use aus der anregenden Umwelt hatten hinterher tats�chlich� mehr im Kopf�. Sie fanden den</p><p>Ausweg aus einem Labyrinth fast doppelt so schnell wie die Artgenossen, die in Reizarmut aufgewachsen</p><p>waren. An manchen Stellen wies ihre Gro�hirnrinde 25 Prozent mehr Synapsen auf. In einer �hnlichen</p><p>Studie fanden Psychologen aus den USA, dass die stimulierten Nagetiere sich auch viel l�nger den</p><p>Nachstellungen einer Katze entziehen konnten.</p><p>�Aber es ist �berhaupt nicht klar, ob das, was f�r Nagetiere gut ist, f�r Menschen gut sein muss�,</p><p>wendet der amerikanische Neurobiologe Jack Shonkoff ein. Der Unterschied zwischen einer tristen und</p><p>einer angereicherten K�figumwelt sei zudem sehr viel extremer als der Unterschied zwischen der</p><p>normalen und einer angereicherten Umwelt beim Menschen.�Ob Sie Ihr Kind schon im Mutterleib mit</p><p>einem Megaphon ansprechen oder an allen Gegenst�nden erkl�rende K�rtchen anbringen � Sie werden</p><p>seinem Gehirn keine speziellen Potenziale entlocken�, pflichtet der Entwicklungspsychologe Ross</p><p>Thompson aus Nebraska bei.</p><p>Zum einen ist die F�higkeit, neue Synapsen und Schaltkreise im Gehirn zu entwickeln, beim Menschen</p><p>�berhaupt nicht an kritische Perioden gekn�pft: Unser Denkapparat kann diese Leistung das ganze Leben</p><p>erbringen. Lediglich bei bestimmten Sinnesleistungen wie dem beid�ugigen Sehen kennt das menschliche</p><p>Gehirn kritische Perioden, in denen eine bestimmte (optische) Stimulation unbedingt erfolgen muss. Bei</p><p>h�heren Leistungen wie dem Denken und dem Wissenserwerb fehlen solche zeitlichen Fenster ganz.</p><p>J�ngste Forschungsergebnisse haben sogar gezeigt, dass unser Gehirn bis ins h�here Alter die F�higkeit</p><p>beh�lt, neue Nervenzellen zu bilden.</p><p>Abgesehen davon kam in den letzten Jahren immer klarer ans Tageslicht, dass unser Gehirn eine bis</p><p>dahin nie geahnte Gabe zur Kompensation erlittener M�ngel besitzt. Selbst Kinder, die unter</p><p>unvorstellbar reizarmen Bedingungen in rum�nischen Waisenh�usern aufgewachsen waren, holten geistig</p><p>rasch auf, als man ihnen eine anregende Umwelt bot.�Das Gehirn ist im Alter von 3 oder 10 Jahren</p><p>keineswegs fertig gekocht�, h�lt der Neurobiologe Bruer fest.�Es bleibt auch danach erstaunlich</p><p>plastisch und beh�lt f�r den Rest des Lebens die F�higkeit zum Lernen bei.�</p><p>Das kindliche Gehirn braucht nach seiner Meinung keine k�nstlich aufgesetzten Reize, wie etwa eine</p><p>Berieselung mit klassischer Musik, um sich optimal zu entfalten.�Kinder bekommen all die Anregungen,</p><p>die sie ben�tigen, von den Dingen, die ihnen im Alltag begegnen � wenn sie im Gras kriechen, mit</p><p>T�pfen spielen oder den Erwachsenen zuh�ren. �Wenn die Evolution Gehirne schon so konstruiert, dass</p><p>ihre Leistungsf�higkeit erst durch die Begegnung mit bestimmten Stimuli ausgereizt wird, dann sorgt sie</p><p>auch daf�r, dass diese Reize allgegenw�rtig sind und in der typischen zu erwartenden Umwelt der</p><p>betreffenden Lebewesen vorkommen. Gehirnforscher nennen diese Passung zwischen Struktur und</p><p>Umweltreizen eine� Erfahrungen erwartende Plastizit�t�.�Solche Reize kommen in der Umwelt jedes</p><p>Kindes vor, wenn es nicht gerade unter abartig reizarmen Bedingungen aufgezogen wird.�</p><p>Anstatt Kinder in kleine Albert Einsteins zu verwandeln, kann eine �berm��ige Stimulation sogar</p><p>Schaden anrichten, meint der Psychologe Arnold Sameroff von der Universit�t von Michigan.�Wenn</p><p>man versucht, Kleinkindern mit zu viel Anregung etwas beizubringen, brauchen sie besonders lange.�</p><p>�berstimulierte Kinder wenden sich ab, schlie�en ihre Augen, beginnen zu zappeln oder geben ihr</p><p>Missfallen durch Tr�nen kund.</p><empty-line/><cite><p>1 �Eltern sind austauschbar�. <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>47/1998.</p><p>2 Nuber, Ursula: <emphasis>Der Mythos vom fr�hen Trauma. </emphasis>Beltz Verlag, Weinheim 1990.</p><p>3 Hemminger, Hansj�rg: <emphasis>Kindheit als Schicksal? </emphasis>Rowohlt Verlag, Reinbek 1982.</p><p>4 �Die Eltern sind unschuldig�. <emphasis>Facts, </emphasis>8.4.1998.</p><p>5 Rowe, David C: <emphasis>Genetik und Sozialisation. </emphasis>Beltz Verlag, Weinheim 1998.</p><p>6 Kagan, Jerome: Es <emphasis>gibt ein Leben nach der Kindheit. </emphasis>In: <emphasis>Psychologie heute, </emphasis>M�rz 2000, S. 46�51.</p><p>7 Zimmer, Dieter E.: <emphasis>Tiefenschwindel. </emphasis>Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1990.</p><p>8 Asendorpf, Jens: <emphasis>Keiner wie der andere. </emphasis>Piper Verlag, M�nchen 1988.</p><p>9 Harris, Judith Rich: <emphasis>The nurture assumption. </emphasis>Bloomsbury Verlag, London 1998.</p><p>10 Zimmer, Dieter E.: <emphasis>Ein Kind ist schwer zu verderben. </emphasis>In: <emphasis>Die Zeit, </emphasis>Nr. 29/1999.</p><p>11 Saum-Aldehoff, Thomas: <emphasis>Der Mythos von der Macht der Eltern. </emphasis>In: <emphasis>Psychologie heute, </emphasis>August 1998.</p><p>12 Degen, Rolf: <emphasis>Die wahre Macht der Gene. </emphasis>In: <emphasis>Bild der Wissenschaft, </emphasis>Nr. 9/1996, S. 62�69.</p><p>13�Im Alter siegen die Gene�. In: <emphasis>Berliner Zeitung, 2. </emphasis>7.1997.</p><p>14 Weinert, Emanuel F.: <emphasis>Begabung und Lernen: Zur Entwicklung geistiger Leistungsunterschiede. </emphasis>http://www.mpg.de/pri99/50weinert.htm</p><p>15 Svennevig, Brigitte: <emphasis>Vom Verlierer zum Gewinner. </emphasis>In: <emphasis>Illustrierte Wissenschaft, </emphasis>Nr. 12/ 1999, S. 50�51.</p><p>16 Schrader, Christopher: <emphasis>Mehr Respekt f�r die Kleinen. </emphasis>In: <emphasis>Geo Wissen </emphasis>�Kindheit und Jugend�, Nr. 23 (1995).</p><p>17 Belsky, Jay: <emphasis>The etiology of child maltreatment: A developmental-ecological analysis. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>114 (1993), S. 413�434.</p><p>18 Lugt-Tappeser, H./Wiese, Bettina: <emphasis>Prospektive Untersuchung zum m�tterlichen Verhalten in der Neugeborenenzeit: Eine Erkundungsstudie. </emphasis>In:</p><p><emphasis>Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, </emphasis>Bd. 9 (1994), S. 322�330.</p><p>19 Fuller Torrey, E.: <emphasis>Freudian fraud. </emphasis>Verlag Harper, New York 1992.</p><p>20 Hofmann-Hausner, Norbert / Bastine, Reiner: <emphasis>Die Einfl�sse von elterlicher Scheidung, interparentalem Konflikt und Nach-Scheidungssituation.</emphasis></p><p>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Klinische Psychologie, </emphasis>Bd. 24 (1995), S. 285�299.</p><p>21 Patterson, Charlotte: <emphasis>Children of lesbian and gay parents. </emphasis>In: <emphasis>Advances in clinical child psychology, </emphasis>Vol. 19 (1997), S. 235�282.</p><p>22 Asendorpf, Jens: <emphasis>Psychologie der Pers�nlichkeit. </emphasis>Springer Verlag, Berlin et al. 1996.</p><p>23�Babies are quick studies�. U.S. News &amp; World Report, 13.9.1999.</p></cite></section></section><section><title><p><strong>Die lausigen Verf�hrer</strong></p></title><section><title><p><strong>�Die Massenmedien �ben gewaltige Wirkungen auf das Bewusstsein</strong></p><p><strong>und das Verhalten der Menschen aus�</strong></p></title><p>Wenn man einem Gemeinplatz Glauben schenken darf, so sind die Menschen wehrlos dem W�rgegriff</p><p>der Massenmedien ausgesetzt. Werbung, Fernsehen, Propaganda und die anderen Zweigstellen der</p><p>�Bewusstseinindustrie �h�mmern ihre Botschaften mit der Schlagkraft einer Gehirnw�sche in die K�pfe</p><p>der Rezipienten ein. In der �ffentlichkeit werden kaum je Zweifel daran ge�u�ert, dass man Menschen</p><p>tats�chlich per Werbung auch zum Kauf der albernsten Produkte manipulieren k�nne. Die politische</p><p>Propaganda gilt vielen als �berm�chtig, und der� verrohende �Einfluss massenmedialer</p><p>Gewaltdarstellungen l�sst immer wieder den Aufruf nach Zensur und einer� sauberen Leinwand�</p><p>erfolgen.</p><p>Doch wenn man das Feld der Wirkungsforschung Studie f�r Studie abklopft, werden diese Ansichten</p><p>unhaltbar, zieht der Yale-Professor William J. McGuire, seit Jahrzehnten die graue Eminenz der</p><p>psychologischen Medienforschung, Bilanz:�Es stellt sich klar heraus, dass die beobachteten Effekte</p><p>�berraschend schwach sind, nur ausnahmsweise statistisch signifikant und mit Effekt-Gr��en, die</p><p>bohrende Zweifel am Kosten-Nutzen-Verh�ltnis aufwerfen.�<sup>1</sup> Jahrzehnte empirischer Forschung und viele</p><p>tausend Einzelstudien h�tten nicht den geringsten Beweis f�r die Richtigkeit dieser so popul�ren</p><p>Einflussmythen erbracht. Es grenze schon an Massenwahn, mit welcher Verbohrtheit dennoch an diesen</p><p>Trugvorstellungen festgehalten werde.</p><p>Das vermeintlich einflussreichste Massenmedium, das Fernsehen, res�miert der Saarbr�cker</p><p>Psychologie-Professor Peter Winterhoff-Spurk den Wissensstand, hat viel mit dem Scheinriesen bei</p><p>Michael Ende gemein:�Er wird umso kleiner, je n�her man ihm kommt.�<sup>2</sup> Man k�nne sich auch nicht</p><p>damit herausreden, argumentiert McGuire, die durch die Forschungsarbeiten blo�gestellte� Impotenz �der</p><p>Medien sei ein� methodisches Artefakt�, ein durch Wunschdenken hervorgezaubertes Ergebnis,�da die</p><p>meisten Forscher und Auftraggeber sich gro�e Wirkungen w�nschen und herbeisehnen, wenn auch aus</p><p>Gr�nden, die von Fall zu Fall verschieden sind��</p><p>Die meisten Experten, die sich in der �ffentlichkeit �ber den Einfluss der Massenmedien �u�ern</p><p>d�rfen, sind aus dem einen oder anderen Grund fast zwanghaft auf das Hervorzaubern gro�er Wirkungen</p><p>fixiert. Egal, ob es sich um linke Kulturkritiker handele, die in der Tradition der Frankfurter Schule gegen</p><p>die Manipulation der Massen durch die Unterhaltungsindustrie r�sonieren, oder um konservative</p><p>Sittenw�chter, die angesichts nackter Busen den Untergang des Abendlandes beschw�ren. Auch die</p><p>Macher selbst, so schreibt McGuire, scheuen das Eingest�ndnis ihrer Machtlosigkeit. Sonst ginge ihnen</p><p>am Ende das Milliarden-Budget der Werbung fl�ten, oder das erhebende Gef�hl, die heimlichen Lenker</p><p>der Nation zu sein.</p><p>Sogar die Wissenschaftler, die� Anw�lte der Wahrhaftigkeit�, schlie�en laut McGuire vor den Fakten</p><p>die Augen. Daf�r wird umso h�ufiger die Litanei vom� gro�en Einfluss �wiederholt.�Zuzugeben, dass</p><p>die Untersuchungsergebnisse keine gro�en Wirkungen best�tigt haben, k�me f�r die Gegner der Medien,</p><p>etwa die, die f�r eine Regulierung des Fernsehprogramms oder der Werbung streiten, dem Bekenntnis</p><p>gleich, gegen Windm�hlen gek�mpft zu haben� Nicht nur die ausgemachten Freunde und Feinde der</p><p>Medien, sondern sogar neutrale Kenner der Materie sind geneigt zu behaupten, dass Medien hochgradig</p><p>wirkungsvoll sind: Es w�rde nicht gerade ihrer Selbstachtung als akademischen Experten f�r</p><p>Kommunikation, Marketing oder Psychologie dienen, herauszubekommen, dass die von ihrer Disziplin</p><p>studierten Effekte au�ergew�hnlich winzig sind� Die Selbstt�uschungen, die viele Fachgelehrte dazu</p><p>gebracht haben, zu postulieren, dass gro�e Medienwirkungen bewiesen wurden, sind leichter zu verstehen</p><p>als zu vergeben�, fasst der Autor seine Beobachtungen zusammen.</p><p>In der Anfangsphase der Forschung, in den zwanziger Jahren, waren alle noch von den unmittelbaren,</p><p>�beraus gewaltigen Medienwirkungen auf das Bewusstsein und das Verhalten der Empf�nger �berzeugt.</p><p>Es herrschte ein primitives Impfnadel-Modell vor: Der� Reiz �Medieninhalt l�st beim Organismus</p><p>mechanisch die zugeh�rige� Reaktion �aus, �hnlich wie beim Hund Pawlows, dem beim L�uten der</p><p>Essensglocke das Wasser im Mund zusammenl�uft. Doch die ersten empirischen Untersuchungen zeigten</p><p>bald, dass diese primitive Vorstellung nicht wahr sein konnte: Die meisten Einflussversuche prallen an</p><p>den Schutzmechanismen der Menschen ab. Sie picken sich selektiv Inhalte heraus, die ihren</p><p>�berzeugungen entsprechen, biegen sich die Informationen nach Gutd�nken zurecht oder schalten sogar</p><p>um in eine Anti-Haltung, wenn sie wittern, dass man sie manipulieren will.</p><p>Noch 1960 konstatierte die wichtigste �bersichtsarbeit in der Geschichte der Wirkungsforschung, dass</p><p>die Suche nach substanziellen Medienwirkungen gescheitert sei, blickt der australische</p><p>Kommunikationsforscher David Sless im Internet zur�ck.<sup>3</sup>�Die Haupteinsicht, dass, wenn es �berhaupt</p><p>irgendwelche Effekte gab, diese von verschwindend geringer St�rke waren, war damals weit verbreitet.�</p><p>Doch die folgenden Generationen von Wissenschaftlern fanden sich laut Winterhoff-Spurk nicht mehr mit</p><p>dieser Erkenntnis ab: Sie dachten sich immer wieder potenzielle Medienwirkungen aus und propagierten</p><p>mit gro�er Euphorie furiose neue Wirkungsvarianten.</p><p>Dass sich der Glaube an die gro�en Medienwirkungen trotz widersprechender Fakten so starrsinnig</p><p>h�lt, hat vermutlich etwas mit einem eingebauten� Sehfehler �in unserem sozialen Blick zu tun.</p><p>Menschen denken durchgehend, dass Massenmedien auf andere Leute eine sehr viel st�rkere Wirkung</p><p>haben als auf sie selbst. Dieses Ph�nomen wird als� Dritte-Person-Effekt �bezeichnet und tritt bei allen</p><p>Arten von Medieninhalten zutage: Werbung, Filmen, Nachrichten oder Pornographie.<sup>4</sup> Diesen Effekt hat</p><p>ein amerikanischer Psychologe vor ein paar Jahren mit einer Batterie von Fragen aufgedeckt, wie Klaus</p><p>Moser vom Fachbereich Psychologie der Universit�t Gie�en rekapituliert.</p><p>Die Probanden waren zum Beispiel fest davon �berzeugt, dass andere Leute in ihrer Kindheit durch die</p><p>Massenmedien sehr viel h�ufiger zum Kauf� unsinniger �Dinge verleitet worden waren als sie selbst. Sie</p><p>hatten auch keine Zweifel, dass Pornographie und TV-Gewalt bei andern viel mehr Schaden anrichtete als</p><p>bei ihnen selbst. W�hrend also die Effekte der Medien selbst eine �u�erst zweifelhafte empirische Basis</p><p>besitzen, ist der Dritte-Person-Effekt hervorragend belegt.</p><p>Bei Medieninhalten, die wenig glaubhaft sind oder eindeutig darauf zielen, Menschen zu beeinflussen</p><p>und� herumzukriegen�, ist dieser Effekt besonders stark.�Anscheinend trauen die Befragten sich selbst,</p><p>nicht aber anderen zu, dem Einfluss der Verzerrungen entgegenzuwirken.��berhaupt halten Menschen</p><p>die anderen anf�lliger f�r� Schund �und negative Inhalte; positive Effekte nimmt man dagegen sehr viel</p><p>eher bei sich selber wahr. Das bewies Moser in einem Experiment, in dem die H�lfte der</p><p>Versuchspersonen angeben sollte, wer besonders leicht auf fragw�rdige Inhalte (zum Beispiel Werbung</p><p>f�r Di�tprodukte) hereinf�llt. Die andere H�lfte sollte entscheiden, welcher Personenkreis sich besonders</p><p>stark durch� moralisch hoch stehende �Inhalte (zum Beispiel Werbung gegen Ausl�nderfeindlichkeit)</p><p>beeinflussen l�sst. Fazit: Negative Effekte sahen die Probanden fast nur bei den andern. Aber sie waren</p><p>auch sicher, dass die� r�hmlichen �Botschaften bei ihnen selbst st�rker anschlagen w�rden.</p><p>Der Dritte-Person-Effekt n�hrt den Glauben an die Macht der Medien und leistet sogar dem Ruf nach</p><p>Zensur Vorschub. Bei einer amerikanischen Befragung bekundeten 85 Prozent aller Befragten, dass</p><p>Gewaltfilme und Pornos bei anderen Leuten viel sch�dlichere Folgen h�tten als bei ihnen selbst; lediglich</p><p>3,8 Prozent vermuteten die Wirkungen eher bei der eigenen Person. Aber nur diejenigen, welche die</p><p>negativen Effekte bei den anderen sahen, machten sich bereitwillig f�r die Schere des Zensors stark. Oft</p><p>steckten hinter dem Lamento auch nur die Abscheu, die man pers�nlich vor bestimmten Medieninhalten</p><p>empfindet, und der missionarische Eifer, die� breite Masse �vor diesem� Dreck �zu sch�tzen, sagt</p><p>McGuire.�Diese Kommentatoren jammern in aller Regel, dass die Medien von anderen Bezugsgruppen</p><p>als den ihrigen kontrolliert werden, so dass der Medieneinfluss nur sch�dlich sein kann.�</p></section><section><title><p><strong>�Werbung hat einen gro�en Einfluss auf das Kaufverhalten der Menschen�</strong></p></title><p>Werbung steuert das Konsumentenverhalten. Diese Binsenweisheit wird f�r viele allein deshalb</p><p>unumst��lich, weil die Industrie jedes Jahr gigantische Summen f�r die Erzeugung des sch�nen Scheins</p><p>lockermacht. Nach einer verbreiteten Vorstellung arbeiten die� geheimen Verf�hrer �mit raffinierten und</p><p>einschleichenden Suggestivmethoden, die dem Publikum einen unwiderstehlichen Kaufimpuls einfl��en.</p><p>Diese Vorstellung wird in regelm��igen Abst�nden durch popul�re Ver�ffentlichungen untermauert, die</p><p>mit wahlweise gen�sslichem oder emp�rtem Unterton die Tricks und Kniffe der Manipulations-Industrie</p><p>enth�llen.</p><p>Trotz der riesigen Gelder, die sie f�r die einschl�gigen Kampagnen berappt, hat die Industrie seit jeher</p><p>ein gespaltenes Verh�ltnis <strong>zur </strong>Werbung. Entweder wird dick aufgetragen, nach dem Motto� Wirb oder</p><p>Stirb!�, oder man l�stert �ber die Reklame, wie in einem Henry Ford zugeschriebenen Bonmot:�Ich</p><p>wei�, dass mindestens eine H�lfte des f�r Werbung ausgegebenen Geldes zum Fenster rausgeworfen ist,</p><p>aber ich wei� nicht, welche H�lfte. �Doch nach den zuverl�ssigsten Daten, �ber die die Wissenschaft</p><p>heute verf�gt, sind die� lausigen Verf�hrer �sehr viel ohnm�chtiger, als die meisten Menschen glauben.</p><p>�Es gibt kaum Hinweise daf�r, dass Werbung auch nur im Entferntesten die erw�nschten Wirkungen</p><p>erbringt, die ihre gewaltigen Kosten rechtfertigen w�rden�, fasst McGuire den zentralen Trend der</p><p>Befunde zusammen.</p><p>Was die objektive Messung der Werbewirkung angeht, haben die so genannten��konometrischen�</p><p>Studien die gr��te Aussagekraft, erl�utert Dr. Hans Mayer, Wirtschaftspsychologe an der Universit�t</p><p>Mannheim, im akademischen Standardlehrbuch� Werbepsychologie�<sup>5</sup>. Bei dieser Art von Kosten-Nutzen-</p><p>Rechnung wird der globale Werbeaufwand f�r bestimmte Marken und Produkte zu den Verkaufszahlen in</p><p>Beziehung gesetzt. Die Qualit�t der �konometrischen Berechnungen liegt nach Darstellungen von</p><p>McGuire weit �ber dem Niveau, das sonst f�r Forschungsarbeiten in der Psychologie und</p><p>Sozialforschung bezeichnend ist. Ihre Ergebnisse sollten daher auch eine besondere Relevanz f�r die</p><p>Praxis haben.</p><p>Umso d�rftiger f�llt das Ergebnis dieser Gegen�berstellung aus, zieht Mayer Bilanz.�Neben der</p><p>Mehrheit, die entweder keine oder bestenfalls m��ig ausgepr�gte Effekte vorhanden sieht, findet sich eine</p><p>kleine Zahl von Untersuchungen, die entweder durchg�ngig oder zumindest fallweise ausgepr�gte</p><p>Auswirkungen nachweisen� Der finanzielle Aufwand f�r Werbung erweist sich in seiner Funktion als</p><p>potenzieller Pr�dikator f�r die Vorhersage des Werbeertrages als weitgehend untauglich.�</p><p>Den gleichen Schluss zieht McGuire in seinem �berblick �ber den �konometrischen Forschungsstand:</p><p>�Der Zusammenhang zwischen dem Werbeaufwand f�r bestimmte Marken und der darauf folgenden</p><p>Gr��e ihres Marktanteils ist insgesamt gesehen �u�erst entmutigend. �Zu einem �hnlichen, wenig</p><p>schmeichelhaften Fazit seien vor kurzem sogar Marktforscher in einer �bersichtsarbeit f�r den Verband</p><p>Amerikanischer Werbeagenturen gelangt. Um die Werbung f�r ganze Produktgruppen, unabh�ngig von</p><p>den Einzelmarken, sei es gleicherma�en d�ster bestellt. Weder die Aufwendungen der Industrie f�r</p><p>Zigarettenreklame noch die �ffentlichen Ausgaben f�r Anti-Raucher-Kampagnen haben demnach einen</p><p>messbaren Effekt auf die nationalen Verkaufszahlen. Nicht einmal dann, gibt der Medien-Forscher zu</p><p>bedenken, wenn das Erhebungsinstrumentarium so sensibel ist, dass es Absatzschwankungen als Folge</p><p>von Preis�nderungen registriert.</p><p>Mit den Investitionen in das Image einer bestimmten Marke schwindet auch keineswegs die</p><p>Konsumententreue zu den Marken, best�tigen die beiden Kommunikationspsychologen Uli Gleich und Jo</p><p>Groebel von der Universit�t Koblenz/Landau.<sup>6</sup> Ihr Fazit:�Nur schwer lassen sich unmittelbare</p><p>Beziehungen zwischen der Schaltung bestimmter Spots einerseits und Produktums�tzen andererseits</p><p>finden. Das gilt f�r die Neueinf�hrungen von Produkten, die in der Regel von vielen Ma�nahmen</p><p>begleitet werden, erst recht aber f�r Treue- und Erinnerungswerbung. �Diese Tatsachen sind nach Ansicht</p><p>von Mayer umso weniger verst�ndlich, je mehr man sich die H�he der j�hrlich f�r Werbema�nahmen</p><p>�verpulverten �Summen vor Augen f�hrt � allein im Westen Deutschlands rund 50 Milliarden DM. Wenn</p><p>man die Werbung mit anderen verkaufsf�rdernden Ma�nahmen (besonders mit Preissenkungen)</p><p>vergleicht, zieht sie fast ausnahmslos den K�rzeren.</p><p>Auch Labor- und Feldexperimente, in denen die Wirkungen einzelner� Werbekontakte �auf</p><p>Einstellungen und Verhaltensweisen getestet werden, tragen nicht gerade zur Untermauerung des</p><p>Reklameerfolges bei. �u�erst akribische Untersuchungen, die auf Betreiben der US-Regierung</p><p>durchgef�hrt wurden, betrafen die Werbung f�r freiverk�ufliche Medikamente. Man hatte bef�rchtet, dass</p><p>die in den USA inflation�ren TV-Spots der Volksgesundheit schaden k�nnten. Quintessenz:</p><p>Werbekontakte mit Arzneimittelreklame sind h�chstens f�r einen Prozentbruchteil der Schwankungen</p><p>(Varianz) im tats�chlichen Gebrauch verantwortlich.</p><p>Genauso wenig, wie es der Zigarettenindustrie gelingt, das querk�pfige Publikum mit dem Marlboro-</p><p>Mann und anderen Attraktionen auf ihre viel gescholtenen Glimmst�ngel einzuschw�ren, genauso wenig</p><p>halten staatliche Gesundheitsapostel das Heer der Raucher mit Furchtappellen und medizinischen</p><p>Aufkl�rungskampagnen vom Qualmen ab. Die gesundheitlichen Warnhinweise, die durch staatlichen</p><p>Zwang seit Jahren auf den Verpackungen von Tabakwaren prangen, sind n�mlich genau das, was man auf</p><p>den ersten Blick erkennen kann: leere Drohungen. Selbst wenn die Mahnung �berhaupt bei den Rauchern</p><p>ankommt, bestehen kaum Chancen, das dies jemals zu einem Sinneswandel f�hrt, wie J�rgen Barth und</p><p>Prof. J�rgen Bengel vom Psychologischen Institut der Universit�t Freiburg aus der bisherigen Forschung</p><p>ableiten.<sup>7</sup></p><p>Offen ist bereits die Frage, ob Warnhinweise auch nur das Bewusstsein f�r die eigene Gef�hrdung</p><p>erh�hen. In den USA hat man dazu Jugendliche vor und nach dem Inkrafttreten eines Gesetzes befragt,</p><p>das auf Alkoholika seit 1989 solche Hinweise gebietet. Ern�chterndes Ergebnis des Alkoholtests: Nach</p><p>Beginn der Auszeichnungspflicht sch�tzten die Jugendlichen Alkohol kein bisschen gef�hrlicher ein als</p><p>zuvor. Kein Wunder, dass die Warnungen nicht befolgt werden: In den USA war im Zeitraum eines Jahres</p><p>vor und nach dem Inkrafttreten des Gesetzes keine Ver�nderung des Trinkverhaltens zu verzeichnen. Die</p><p>Psychologen folgern aus diesen und anderen Daten,�dass durch Warnhinweise kurzfristig keine</p><p>substanziellen Verhaltens�nderungen in der Bev�lkerung erreicht werden k�nnen.�</p><p>Es bestehen ohnehin gr��te Zweifel daran, dass die Methode der Abschreckung mit Furchtappellen</p><p>�berhaupt jemals funktioniert, geben die beiden Forscher zu bedenken. So ist ungewiss, ob solche Appelle</p><p>�berhaupt von der jeweiligen Zielgruppe beachtet werden, und ob �ngste ab einer bestimmten Intensit�t</p><p>nicht abgeblockt werden. Daf�r spricht auch ein Befund aus einer weiteren Untersuchung: Starke Raucher</p><p>und Trinker fanden die Warnungen auf den Verpackungen besonders unglaubw�rdig � und zeichneten</p><p>sich durch besonders positive Einstellungen zu ihrem Genussmittel aus.</p><p>Nicht einmal der geballte Einfluss durch eine jahrelange� Berieselung �mit gleich lautenden</p><p>Argumenten schl�gt bei den widerspenstigen Adressaten an, betont McGuire. Das macht eine</p><p>ausgekl�gelte US-Untersuchung deutlich, bei der einige Gemeinden �ber zwei Jahre lang mit einer</p><p>regelrechten� Gehirnw�sche�(in Presse und TV) auf einen Herz und Kreislauf f�rderlichen Lebensstil</p><p>getrimmt werden sollten. Mit wenig berauschendem Erfolg:�Der Widerhall scheint sich in der</p><p>verschwindend kleinen Gr��enordnung zu bewegen, wie er f�r kommerzielle Werbung und politische</p><p>Kampagnen beschrieben wurde.�</p><p>Werbefeldz�ge, die nicht Verhalten lenken, sondern lediglich die Einstellungen zu bestimmten sozialen</p><p>oder industriellen Gegebenheiten ver�ndern sollen, sind zu einer �hnlichen Einflusslosigkeit verdammt.</p><p>So macht der widerspenstige Umgang mit den Informationen h�ufig den Versuch zunichte, bei der</p><p>Bev�lkerung Verst�ndnis f�r bestimmte gro�technische Projekte zu erzeugen, hebt Gerhard de Haan,</p><p>Professor f�r allgemeine Erziehungswissenschaft an der Freien Universit�t Berlin hervor.<sup>8</sup> Um den</p><p>B�rgern eine M�llverbrennungsanlage� schmackhaft �zu machen, starten die Betreiber oft intensive</p><p>Kampagnen, mit denen etwaige Bef�rchtungen abgewiegelt werden sollen. Tats�chlich ist es aber nahezu</p><p>unm�glich, mit solchen Initiativen die Akzeptanz der betreffenden Projekte zu erh�hen. Sie erreichen</p><p>zwar bei einigen Adressaten das gew�nschte Ziel, bei vielen andern jedoch das genaue Gegenteil.</p><p>Im Verlauf der Kampagne beginnen sich n�mlich die Meinungen zu polarisieren: Man ist jetzt pl�tzlich</p><p>entweder daf�r oder dagegen, aber nicht mehr l�nger gleichg�ltig. Das mussten auch die Betreiber</p><p>erfahren, die in Taiwan Propaganda f�r ein geplantes Kernkraftwerk veranstalteten: Wer bis dahin noch</p><p>gleichg�ltig war, lehnte das Projekt nun eher ab, als dass er ihm zustimmte.</p><p>Die� armen, wehrlosen Kinder�, hei�t es manchmal, seien die eigentlichen Empf�nger der</p><p>Werbewirkung. Rein theoretisch k�nne man Kindern, auf Grund ihrer gr��eren Naivit�t, tats�chlich eher</p><p>ein X f�r ein U vormachen, pflichtet McGuire bei. Untersuchungen zur Suggestibilit�t h�tten nun aber</p><p>den Beweis erbracht,�dass Kinder durch ihre geringere Aufmerksamkeit f�r die und das geringere</p><p>Verst�ndnis der Werbebotschaft gegen die Beeinflussung gesch�tzt sind�. In diesem Zusammenhang</p><p>taucht auch immer wieder die Vermutung auf, dass eine � wenn auch kleine � Untergruppe des</p><p>Publikums, wegen ihrer ausgepr�gten �berredbarkeit (Suggestibilit�t) das leichte Opfer beeinflussender</p><p>Botschaften sei. Dem widerspricht McGuire � der anerkannte� Guru �der Suggestions-Forschung �</p><p>heftig. Es herrscht mittlerweile weitgehende Einigkeit dar�ber, dass es eine gesonderte, dauerhafte</p><p>Charaktereigenschaft� Suggestibilit�t �in dieser Form nicht gibt.</p><p>Als� Deus ex Machina �zaubern manche Werbegl�ubige gelegentlich den unheimlichen Effekt der</p><p>�subliminalen �Werbung aus dem Hut. In einer britischen Zeitung erschien ein Bericht �ber Kinog�nger,</p><p>die mit extrem kurzen, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegenden Werbeimpulsen berieselt worden</p><p>waren. Danach soll der Umsatz des derart� eingeblitzten �Produktes enorm gestiegen sein. Diese Story</p><p>war jedoch v�llig frei erfunden, ebenso wie einige sp�tere Versionen, moniert Mayer. Viele sorgf�ltige</p><p>Experimente im Labor erlauben heute den Schluss, dass es unm�glich ist, Verhalten mit subliminalen</p><p>Informationen zu beeinflussen.</p><p>Werbeunternehmen, die naturgem�� bei ihren Kunden Eindruck schinden wollen, benutzen</p><p>sch�nf�rberische Methoden, um sich mit dem� Erfolg �ihrer Kampagnen zu schm�cken. Das f�ngt damit</p><p>an, dass fast niemals die einzig richtige Messlatte, n�mlich die Beeinflussung des K�uferverhaltens, als</p><p>Erfolgskriterium angelegt wird, schildert der Mannheimer Psychologe Mayer. Stattdessen begn�gt man</p><p>sich stets mit� Werbewirkungen�, die dem Kaufakt vorgelagert sein sollen, zum Beispiel mit der</p><p>Feststellung, ob eine Kampagne Aufmerksamkeit erregt, ob sie ein positives Image erzeugt und ob die</p><p>umworbene Marke im Ged�chtnis haften bleibt. 71 Prozent aller amerikanischen Firmen, die den</p><p>h�chsten Werbeetat haben, ziehen als Erfolgsma� lediglich die Erinnerung des Rezipienten an das</p><p>umworbene Produkt heran.</p><p>Dahinter steckt der naive und lediglich durch Plausibilit�t gest�tzte Glaube, dass diese Faktoren einen</p><p>Vorhersagewert f�r das Kaufverhalten besitzen. Dabei zeigen die wenigen empirischen Befunde, dass</p><p>weder Emotionen, noch die Erinnerung und noch nicht einmal die verbal ge�u�erte Kaufabsicht eine</p><p>nennenswerte Beziehung zum Kaufakt haben.�Man gewinnt geradezu den Eindruck, als ob die mit einem</p><p>Offenbarungseid vergleichbare Frage nach der Verhaltensrelevanz der potenziellen Pr�dikatoren</p><p>absichtlich vermieden w�rde, um sich vor unangenehmen Erfahrungen und Konsequenzen zu sch�tzen.�</p><p>Das sei umso schlimmer, als die Messung der obskuren� Scheinwirkungen �meist mehr Kosten</p><p>verschlinge als die Kampagne selbst.</p></section><section><title><p><strong>�Gewaltdarstellungen in den Medien stacheln gewaltt�tiges Verhalten an�</strong></p></title><p>Im gleichen Atemzug, in dem sie selbst die Gr�uel und Ungl�cke dieser Welt publikumswirksam</p><p>vermarkten, prangern die Medien mehr oder weniger regelm��ig die angeblich brutalisierende Wirkung</p><p>gewaltt�tiger Fernsehprogramme an. Zu den liebevoll ausgemalten Schreckgespenstern geh�ren wild</p><p>gewordene Teenager, die sich a la� Clockwork Orange �an ihren Mitmenschen vergreifen, weil ihnen ein</p><p>Actionfilm von RTL auf der Seele liegt. In den USA machte vor einer Weile ein Junge Schlagzeilen, der</p><p>seine Eltern t�tete, indem er ihnen heimlich zermahlenes Glas unter das Essen mischte. Die gleiche</p><p>Vorgehensweise hatte er am Abend zuvor im Fernsehen gesehen. Doch wie ein �berblick �ber die</p><p>empirische Medienwirkungsforschung zeigt, lassen sich solche Anschuldigungen �berhaupt nicht mit den</p><p>erhobenen Befunden vereinbaren.</p><p>Tats�chlich gibt es wenig Zweifel, dass die Gewalt den Menschen t�glich in vielen Formen aus der</p><p>Bildr�hre entgegenspringt. 439-mal, so z�hlte das Programmblatt� H�rzu�, wurden Kinder 1998 in TV-</p><p>Spielfilmen gepr�gelt, vergewaltigt, ermordet.9 Im deutschen Fernsehen herrscht kein Mangel an Opfern.</p><p>25.000 Morde sind es im Jahr, 25 Stunden Mordszenen werden pro Woche gezeigt. Allein in dem</p><p>Spielfilm� Die Hard 2�bei�en 264 Menschen bei einem gewaltsamen Ende ins Gras.</p><p>Auch wenn die aktuelle Debatte um Gewaltdarstellungen im Fernsehen den Eindruck erweckt, dass</p><p>uns ein Problem von nie da gewesener Brisanz unter den N�geln brennt, wurden die gleichen Vorw�rfe</p><p>schon in l�ngst vergangenen Epochen vorgebracht. Der antike Denker Platon argumentierte in der</p><p>�Politea �f�r eine Zensur der M�rchen und Sagen, weil er f�rchtete, dass die Jugend sich deren</p><p>�sch�dliche Wertvorstellungen �zum Vorbild nehme. Zu Beginn unseres Jahrhunderts sa�en das Kino und</p><p>das Radio, sp�ter dann Fernsehen und Video und schlie�lich das Internet als Anstifter zum B�sen auf der</p><p>Anklagebank.</p><p>Der unausgesprochene Grundgedanke aller Klagen �ber die TV-Gewalt ist der, dass ein bestimmtes</p><p>Verhalten nur deshalb nachgeahmt wird, weil es gezeigt wurde. Diese Idee, die auf den ersten Blick</p><p>offenbar ungeheure Plausibilit�t besitzt, spricht Menschen die Geistlosigkeit von Automaten zu. Und da</p><p>der K�nigsweg zur wissenschaftlichen Erkenntnis das Experiment ist, f�hren die Verfechter der</p><p>Nachahmungstheorie alle in erster Linie eine Serie von Experimenten zum� Modelllernen �ins Feld, die</p><p>der Stanford-Psychologe Albert Bandura in den sechziger Jahren initiierte. Mehrere Kindergruppen</p><p>wurden Zeuge, wie jeweils ein Erwachsener mit der Hand, mit einem kleinen Holzhammer, mit einem</p><p>Baseballschl�ger oder mit anderen Instrumenten die immer wieder aufstehende Bobo-Puppe traktierte.</p><p>Ein Teil der W�teriche wurde f�r die Aggression gelobt, der andere Teil mit einem Klaps bestraft. Dann</p><p>erhielten die Kinder, von denen einige durch die Wegnahme eines Geschenkes frustriert worden waren,</p><p>selbst Gelegenheit, der Bobo-Puppe eine Lektion zu erteilen.</p><p>Von den Ergebnissen ist in den popul�ren Darstellungen fast nur der Ausschnitt �berliefert, der den</p><p>Glaubenss�tzen der Nachahmungstheorie entspricht: Frustrierte Kinder ahmten prompt das Verhalten des</p><p>Vorbildes nach und k�hlten ihr M�tchen an der Bobo-Puppe, besonders wenn das Vorbild f�r sein</p><p>aggressives Verhalten zuvor belobigt worden war. Doch einige der wichtigsten Resultate bleiben</p><p>unerw�hnt, geben die beiden kalifornischen Psychologie-Professoren Robert M. Kaplan und Robert</p><p>Singer zu bedenken.<sup>10</sup> So gingen die entsprechend eingestimmten Kinder kein bisschen� destruktiver�,</p><p>zum Beispiel unter Verwendung von Wurfpfeilen, mit Bobo um als ihre Altersgef�hrten ohne �bles</p><p>Vorbild. Die Beobachtung, dass ihr aggressives Vorbild f�r seine Grobheit gez�chtigt wurde, hielt die</p><p>Kinder von den Ausschreitungen gegen Bobo ab.�Weder Bandura noch seine Epigonen verlieren ein</p><p>Wort dar�ber, dass ausgerechnet dies die einzigen Kinder waren, die tats�chlich� Gewalt �gegen eine</p><p>Person mit ansehen mussten�, schreibt der britische Medienpsychologe Tom Gormley im Internet.<sup>11</sup>�Die</p><p>�brigen sahen nur eine neue Art, mit Bobo zu spielen.�</p><p>Laut Kaplan und Singer gen�gte die schlichte Bemerkung� wie schrecklich!�aus dem Mund eines</p><p>erwachsenen Zeugen der Schau, um der Maltr�tierung Bobos durch die Kinder einen Riegel</p><p>vorzuschieben. Schlie�lich darf nicht au�er Acht gelassen werden, dass die Kinder unter einem</p><p>erheblichen Erwartungsdruck standen, hebt der kanadische Psychologie-Professor Jonathan Freedman</p><p>hervor.<sup>12</sup>�Da die Situation durch den Versuchsleiter arrangiert worden war, hatten sie Grund anzunehmen,</p><p>dass die Aggression regelrecht von ihnen erwartet wurde. �Das ist eine Kritik, die mittlerweile viele</p><p>Psychologen �u�ern: Die Versuchssituation bei Bandura enth�lt starke Anreize, mit dem Experimentator</p><p>zu kooperieren, so dass die Probanden alles daransetzten, seinen Erwartungen gerecht zu werden.</p><p>Kaplan und Singer bem�keln, dass die Ergebnisse aus dieser Art von Laborversuchen grunds�tzlich</p><p>nicht auf das reale Leben zu �bertragen sind:�Da werden Menschen eingespannt, die sich solche Szenen</p><p>von sich aus vielleicht nie ansehen w�rden, [werden] absichtlich Ver�rgerungen geschaffen, die im</p><p>wirklichen Leben vielleicht ausbleiben, Testsituationen herbeigef�hrt, die, anders als das wirkliche Leben,</p><p>zur� Gewalt �ausdr�cklich einladen, und schlie�lich [werden] Verhaltensweisen als� Aggression�</p><p>definiert, die keine wahren Aggressionen sind.�</p><p>Die gr��tm�gliche Ann�herung an das wirkliche Leben bieten� Feldstudien�, bei denen gepr�ft wird,</p><p>ob ein Zusammenhang zwischen dem realen Konsum gewaltt�tiger Fernsehinhalte und dem sp�teren</p><p>Auftreten von Aggressionen existiert. Der Yale-Professor William J. McGuire fasst die Befunde dieser</p><p>Forschungsrichtung so zusammen:�Die gefundenen Beziehungen sind jedoch verschwindend klein, sehr</p><p>oft statistisch nicht signifikant, und wenn doch, dann ist die Effektgr��e so gering, dass die Unterschiede</p><p>im Konsum gewaltt�tiger Filme f�r tats�chliches aggressives Verhalten praktisch vernachl�ssigbar sind.�</p><p>Es ist zutreffend, dass zwischen Gewaltfilmkonsum und aggressivem Verhalten eine Korrelation von</p><p>0,1 bis 0,2 besteht, konzediert auch der Mainzer Publizistik-Professor Michael Kunczik.<sup>13</sup> Die Korrelation</p><p>ist das Ma� f�r die Beziehung zwischen zwei verschiedenen Ph�nomenen, deren H�he zwischen 0,0 (kein</p><p>Zusammenhang) und 1,0 (perfekter Zusammenhang) betragen kann.�Allerdings ist darauf hinzuweisen,</p><p>dass sich die Konvention durchgesetzt hat, Korrelationen, deren St�rke geringer als 0,2 ist, als</p><p>unbedeutend und uninterpretierbar nicht weiter zu beachten.�</p><p>McGuire f�hlt sich durch die Forschungsdaten zu einem leidenschaftlichen Pl�doyer gegen die</p><p>Beschneidung der k�nstlerischen Ausdrucksfreiheit inspiriert:�Man k�nnte einwenden, jeder isolierte</p><p>aggressive Akt sei an sich bedauerlich, und Gewalt m�sse aus dem Fernsehen verbannt werden, wenn sie</p><p>nachweislich auch nur einen einzigen Gewaltakt gegen eine Person verursacht habe, aber so eine</p><p>simplifizierte Anwendung des Schaden-Kriteriums zieht die m�glichen sch�dlichen Folgen einer Zensur</p><p>nicht in Betracht. Jeder Eingriff in die �ffentliche Information, die k�nstlerische Ausdrucksfreiheit und</p><p>die Unterhaltung ist emp�rend, da die Verbannung von einer Sorte Material dem Verbot von anderen T�r</p><p>und Tor �ffnet.�</p><p>Schlie�lich, so McGuire, m�sse man auch das Verh�ltnis zu den anderen Gefahren des Lebens</p><p>ber�cksichtigen.�Wenn man die Darstellung von Gewalt unterbindet, weil sie etwas Schaden anrichtet,</p><p>sind andere Aktivit�ten, deren sch�dliche Folgen viel greifbarer sind, also etwa Autofahren, Trinken,</p><p>Geschlechtsverkehr und der Kirchengang, das logische n�chste Angriffsziel� Selbst wenn K�nstler und</p><p>Produzenten fortf�hren, gewaltt�tige Programme zu machen, und das Publikum sie weiterhin</p><p>konsumierte, reichte ihr geringf�giger Effekt nicht aus, meine Abneigung gegen die Einschr�nkung der</p><p>Pressefreiheit und andere Formen des &gt;k�nstlerischen&lt; Ausdruckes zu �bert�nen� Der Forschung auf</p><p>diesem Gebiet ist es nicht gelungen, Signale f�r die politischen Entscheidungstr�ger zu setzen, vielleicht</p><p>weil, wie Gertrude Stein von ihrem Heimatort sagte, es kein &gt;es&lt; gibt.�</p><p>Der Beweis, pflichtet McGuires Kollege Freedman bei,�dass Filmgewalt irgendwelche Wirkungen auf</p><p>die Aggressivit�t des Zuschauers h�tte, ist nicht erbracht worden. �Dies schreibt der Psychologie-</p><p>Professor in einem Buch, in dem der offizielle amerikanische Psychologenverband� APA �seinen</p><p>Mitgliedern Ratschl�ge gibt, wie sie die Ergebnisse der Forschung in der �ffentlichkeit pr�sentieren</p><p>sollen.</p><p>Vermutlich haben die Lerntheoretiker den Zusammenhang zwischen Modell und Nachahmung falsch</p><p>eingesch�tzt. Nach dem Wissensstand der vergleichenden Verhaltensforschung ist der Mensch das einzige</p><p>Lebewesen, das echte Imitation praktiziert. Bei Affen in freier Wildbahn wurde noch nie ein Fall von</p><p>wahrer Nachahmung gesehen. Lediglich Schimpansen, die bei Menschen aufwuchsen und ein intensives</p><p>Training durchmachten,��ffen �das Verhalten eines Vorbildes nach. Der Mensch hat die spezielle geistige</p><p>Errungenschaft des Imitationslernens hervorgebracht, um sich auf einen Schlag, ohne langes</p><p>Herumprobieren, komplexe Probleml�sungen anzueignen, die andere vor ihm ersonnen haben, nicht um</p><p>mechanisch die Reaktionen eines Gegen�bers abzukupfern. Leute, die ein Fu�ballspiel anschauen, trinken</p><p>lieber Bier, anstatt selbst den Ball zu kicken.</p><p>Der Junge, der seine Eltern mit zermahlenem Glas umbrachte, wurde wohl kaum durch die TV-R�hre</p><p>zum Morden angestachelt. M�glicherweise hat er dem Fernsehen jedoch die spezifische� L�sung �f�r ein</p><p>Problem abgeschaut. Aber jeder kann sich ausrechnen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine</p><p>derartige Verkettung von Faktoren zusammenkommt.</p><p>Auch den� Erotika �oder der Pornografie wird manchmal die F�higkeit zum� Verrohen �des</p><p>Publikums nachgesagt. Darstellungen, wie sie bereits die H�hlenw�nde unserer Steinzeitahnen</p><p>dekorierten, sind wiederholt zum Gegenstand von Kampagnen geworden. Allerdings sagen mittlerweile</p><p>nur noch orthodoxe Feministinnen und hart gesottene Fundamentalisten im mittleren Westen der</p><p>Vereinigten Staaten der Pornografie ein ernsthaftes Gefahrenpotenzial nach. Eine eigens einberufene</p><p>Forscher-Kommission der US-Regierung jedenfalls r�umte bereits 1970 ein, dass die gesamte Bandbreite</p><p>der behaupteten Obsz�nit�ts-Effekte von� h�chstens trivialer Tragweite �sind, h�lt McGuire fest.</p><p>Dem Glauben, dass die exzessive Besch�ftigung mit Pornos zynische und diffamierende Einstellungen</p><p>gegen�ber Frauen sch�rt, steht ein anderer Befund entgegen: Der Konsum von Pornos kann die</p><p>H�ufigkeit von Sittlichkeitsdelikten vermindern.�Man k�nnte diese Widerspr�che vers�hnen, indem man</p><p>argumentiert, dass die Besch�ftigung mit Pornografie greifbare, aber sich gegenseitig aufhebende</p><p>stimulierende und hemmende Effekte hervorruft, und zwar dass sie durch ihre Darstellung zu sexuellen</p><p>Akten anregen, diese aber zugleich dadurch unn�tig machen, dass sie eine &gt;Stellvertretende Katharsis&lt;</p><p>gew�hren und Angst erzeugen.�</p></section><section><title><p><strong>�Massenmedien beeinflussen das politische Denken und Handeln der Menschen�</strong></p></title><p>Es gibt kaum eine Form der Beeinflussung, die so viel Hysterie und Zwietracht ausl�st wie die</p><p>politische Propaganda. Die meisten Fachleute stimmen mit dem Glauben der Laien �berein, dass</p><p>weltanschauliche Medieninhalte eine �berm�chtige Wirkung auf die Ideologie der Empf�nger haben.</p><p>Schlie�lich halten totalit�re Staaten und Diktaturen ihre Untertanen mit propagandistischer Indoktrination</p><p>in Schach; demokratische Parteien versuchen verzweifelt, dem politischen Gegner mit ausgekl�gelten</p><p>Manipulationstechniken kostbare Stimmen abzujagen, und alle politischen Lager wehren sich mit</p><p>Vehemenz dagegen, dass das Fernsehen der anderen Seite eine ungerechte Bevorzugung angedeihen l�sst.</p><p>Doch in den wissenschaftlichen Befunden findet dieser Glaube keinen Widerhall.�In einer ganzen Reihe</p><p>von sorgf�ltig durchgef�hrten Laborstudien ergaben sich verbl�ffend wenig Anhaltspunkte daf�r, dass</p><p>politische Wahlkampagnen die Entscheidung der W�hler f�r oder gegen die einzelnen Alternativen</p><p>beeinflussen k�nnen�, hebt eine Forschergruppe um den Politologie-Professor Richard R. Lau von der</p><p>Rutgers-Universit�t in einer aktuellen Expertise hervor.<sup>14</sup>�Die Hauptergebnisse sind folgende�,</p><p>rekapituliert der australische Kommunikationswissenschaftler David Sless den Forschungsstand:</p><p>�Medieninhalte rufen keine vorhersagbaren �nderungen der Einstellungen hervor.</p><p>Einstellungs�nderungen f�hren nicht notwendig zu Verhaltens�nderungen� Wir w�rden von politischen</p><p>Kampagnen abraten, die auf eine �nderung von Einstellungen zielen.�<sup>15</sup></p><p>Auch William J. McGuire schlie�t sich diesem vernichtenden Urteil an:�Die �bereinstimmung unter</p><p>den Experten, dass politische Kampagnen in den Massenmedien weit reichende Wirkungen auf das</p><p>Wahlverhalten haben, wird durch die empirischen Daten, die, wenn �berhaupt, geringf�gige Effekte</p><p>demonstrieren, nicht gest�tzt. �Daran �ndern auch die (gelegentlichen) Studien nichts, die einen positiven</p><p>Zusammenhang zwischen dem Werbebudget eines Politikers und seinem R�ckhalt in der Bev�lkerung</p><p>postulieren: Es kann sich genauso gut um eine Scheinkorrelation handeln, von der Art, dass man auf</p><p>sichere Gewinner gr��ere Summen setzt.</p><p>Experimentelle Studien, in denen die Kontakte mit Politwerbung und die darauf folgende Wahlabsicht</p><p>erhoben wurden, untermauern diese Kritik: Die Wirkung der Beeinflussungsversuche war verschwindend</p><p>klein. Hinzu kommt die Gewohnheit des Massenpublikums, bei politischen Programminhalten � mangels</p><p>wirklichen Informations- oder Unterhaltungswertes � innerlich abzuschalten.�Es hat sich unterm Strich</p><p>nicht zeigen lassen, dass Politreklame einen greifbaren Effekt auf die Richtung des Wahlverhaltens hat.�</p><p>Die Situation in der ehemaligen DDR bot eine hervorragende Gelegenheit, den Einfluss der politischen</p><p>Berichterstattung auf das Bewusstsein der Menschen zu studieren. Die 85 Prozent der Ostdeutschen, die</p><p>damals problemlos die westdeutschen Radio- und Fernsehsender empfangen konnten, machten ausgiebig</p><p>von dieser M�glichkeit Gebrauch. Aber f�r eine Minderheit von 15 Prozent, die im Bereich zwischen</p><p>Dresden und der �stlichen Grenze lebten, schlossen die geographischen Verh�ltnisse diesen� Luxus �aus.</p><p>Weil der westliche Rundfunk dort nur sehr schlecht oder �berhaupt nicht zu empfangen war, wurde die</p><p>dicht besiedelte Region entlang der Oder sp�ttisch das� Tal der Ahnungslosen �genannt.</p><p>Wenn das Fernsehen wirklich die Vorstellungen der Zuschauer steuern k�nnte, h�tten die</p><p>�Ahnungslosen �andere Werte und Weltanschauungen haben m�ssen. Dieser M�glichkeit ist Professor</p><p>Hans-J�rg Stiehler vom Institut f�r Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universit�t Leipzig</p><p>nachgegangen, der als Erster repr�sentative Umfragen aus der alten DDR neu analysierte, die eine</p><p>Unterscheidung zwischen Empf�ngern und Nichtempf�ngern erlaubten.<sup>16</sup> Fazit: Die allgemeinen</p><p>Werthaltungen und die ideologischen �berzeugungen blieben von der Zug�nglichkeit der westlichen</p><p>Funkwellen g�nzlich unber�hrt. Die� Ahnungslosen �vertraten die gleichen politischen Werte und</p><p>Einstellungen wie die Menschen im �brigen Teil der DDR.</p><p>Zumindest politische Schmutzkampagnen, so glauben viele, verrichten erfolgreich ihren Dienst. Eine</p><p>Schmutzkampagne, dezent� negative politische Werbung �genannt, ist eine Form der politischen</p><p>Kommunikation, die auf die Diffamierung und Verh�hnung des Widersachers zielt, ohne eine eigene</p><p>positive Botschaft zu transportieren.�Die �bliche Haltung zu Schmutzkampagnen ist, dass keiner sie</p><p>gerne hat, aber dass sie funktionieren�, fasst das Team um Lau das verbreitete Credo zusammen. Aber sie</p><p>funktionieren nicht, wie die Forschergruppe bei einer statistischen Gesamtschau �ber die 52 vorfindbaren</p><p>empirischen Untersuchungen zum Thema ermittelte.�Wir konnten keine Hinweise finden, dass negative</p><p>politische Werbung zum Vorteil der Sponsoren oder zum Nachteil der angegriffenen Personen wirkt� Es</p><p>gibt keinen zwingenden Grund f�r die Annahme, dass Schmutzkampagnen wirken. �Die Wissenschaftler</p><p>entdeckten nicht einmal Anzeichen daf�r, dass negative politische Werbung das Publikum abst��t und so</p><p>zu einer indirekten Wirkung, n�mlich einer Entfremdung von den politischen Institutionen, f�hrt.</p></section><section><title><p><strong>�Massenmedien entscheiden, welche Themen in der �ffentlichkeit diskutiert werden�</strong></p></title><p>Viele Wissenschaftler haben sich unter dem Eindruck der empirischen Daten von der lieb gewordenen</p><p>Vorstellung verabschiedet, dass Massenmedien Menschen� herumkriegen �und ihr Denken und Handeln</p><p>beeinflussen k�nnen. Und dennoch haben sie sich die Vorstellung von den gewaltigen Medienwirkungen</p><p>nicht ganz aus dem Kopf geschlagen: Die wahre Macht der Massenmedien, so die neue Argumentation,</p><p>besteht nicht in der Verhaltensbeeinflussung, sondern in der so genannten� Thematisierungsfunktion�</p><p>�agenda setting function�): Als Torh�ter des Informationsflusses entscheiden Presse und Fernsehen</p><p>selbstherrlich dar�ber, welche Themen und Ideen in der Gesellschaft auf der Tagesordnung stehen und</p><p>welche unter den Tisch der �ffentlichen Meinung fallen.</p><p>Umweltprobleme werden zum Beispiel erst in dem Augenblick� real�, in dem Menschen sie zur</p><p>Kenntnis nehmen und als bedeutsam einsch�tzen. Es ist daher ein nahe liegender Glaube, dass die</p><p>Berichterstattung �ber Umweltprobleme beim Publikum mit der Zeit anschl�gt und eine Art��kologische</p><p>Bewusstseinserweiterung �erzeugt, schildert Gerhard de Haan, Professor f�r allgemeine</p><p>Erziehungswissenschaft an der Freien Universit�t Berlin.<sup>8</sup></p><p>Ein Blick auf die empirischen Daten f�hrt jedoch rasch zu einem ern�chternden Ergebnis. So ist allein</p><p>zwischen 1970 und 1984 die Zahl der TV-Sendungen zu Umweltthemen von 16 auf 117 j�hrlich</p><p>gestiegen. Nach der Agenda-Setting-Theorie m�sste sich dieser Trend bei den intensiven Nutzern des</p><p>Mediums in einem Bewusstseinswandel niederschlagen. De facto ist aber genau das Gegenteil der Fall:</p><p>�Je mehr jemand fernsieht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass diese Person �u�ert, �kologisch zu</p><p>handeln. �Und auch der h�ufige Konsum von Zeitschriften, Tageszeitung und Radio hat nicht den</p><p>geringsten Einfluss auf den �kologischen Bewusstseinsstand. Lediglich die Personen, die ganz gezielt</p><p>Umweltberichte aus den Medien herauspicken und B�cher mit �kologischen Themen lesen, behaupten</p><p>von sich, umweltbewusst zu handeln. Aber auch in diesem Fall f�hrt ein Mehr an Informationsaufnahme</p><p>nicht zu einem Mehr an Bewusstsein. Es besteht also insgesamt kein erw�hnenswerter Zusammenhang</p><p>zwischen der Quantit�t der Berichterstattung und dem �kologischen Denken.</p><p>Es gibt zwar ein paar vereinzelte Studien, in denen bestimmte politische Streitfragen erst dann</p><p>Bedeutung in den K�pfen der Menschen gewannen, nachdem die Medien sich ausgiebig damit besch�ftigt</p><p>hatten. Wieder einmal, f�hrt McGuire dazwischen, ist die Effekt-Gr��e jedoch minimal. Das r�umten</p><p>sogar die betreffenden Experten ein.�Das kausale Verh�ltnis, das dieser Beziehung zugrunde liegt, ist</p><p>jedoch qu�lend zwiesp�ltig: Es k�nnte an der Thematisierungs-Funktion der Medien liegen; es k�nnte</p><p>aber genauso gut sein, dass die Pr�senz einer Sache f�r die W�hler den Ausschlag gibt, wie viel</p><p>Beachtung ihr die Medien schenken, da Nachrichtenredakteure und Kandidaten danach streben, Themen</p><p>abzudecken, an denen Interesse besteht.�</p><p>Menschen haben ein sehr feines Gesp�r daf�r, so die Aliensbach-Chefin und Publizistik-Professorin</p><p>Noelle-Neumann in ihrer Theorie der� Schweige-Spirale�, welche Standpunkte in der �ffentlichen</p><p>Meinung Aufwind haben. Wenn sie wittern, dass die von ihnen vertretene Position auf dem absteigenden</p><p>Ast ist, halten sie sich fortan mit der Meinungs�u�erung zur�ck. Niemand will, so wei� die</p><p>Sozialpsychologie schon lange, Vertreter einer� einsamen �Auffassung sein. Die Gewinnerpartei, die</p><p>ihren Standpunkt medial auf dem Vormarsch sieht, wirft sich jetzt nat�rlich erst recht ins Zeug � und</p><p>erf�hrt im Fahrtwind der Medien ihren Siegeszug.</p><p>Diese Theorie setzt laut McGuire die Richtigkeit von drei eher fragw�rdigen Pr�missen voraus: dass</p><p>die Darstellungen in den Medien von der Bev�lkerung �berhaupt als� Konsensus �aufgefasst werden;</p><p>dass dies die Vertreter der Minderheit zum Schweigen bringt, und dass die anderen auf den fahrenden Zug</p><p>aufspringen. Letztere Annahme sei auf jeden Fall durch empirische Studien widerlegt. Zudem muss man</p><p>immer mit der M�glichkeit rechnen, dass viele Menschen sich emphatisch auf die Seite des Verlierers</p><p>werfen.�Sogar dann, wenn alle drei Voraussetzungen einigerma�en g�ltig w�ren, best�nde der Netto-</p><p>Effekt aus der Summe von drei Wahrscheinlichkeiten und w�re daher verschwindend klein.�</p></section><section><title><p><strong>�Massenmedien �bertragen ein verzerrtes Bild der Welt in die K�pfe�</strong></p></title><p>Man sollte eigentlich denken, dass den Menschen, die sich unaufh�rlich von den flimmernden TV-</p><p>Illusionen berieseln lassen, allm�hlich das Unterscheidungsverm�gen f�r die Welt auf dem Bildschirm</p><p>und jene vor der Haust�r abhanden kommt. Wer die Realit�t nur noch durch das� Fester �der Mattscheibe</p><p>wahrnimmt, so die Kernaussage der� Kultivierungsthese�, nimmt den Schein zunehmend f�r die</p><p>Wirklichkeit. Anders ausgedr�ckt: Mit steigendem Fernsehkonsum machen sich die Zuschauer immer</p><p>st�rker die fernsehtypischen, systematischen Verzerrungen der Realit�t zu Eigen.</p><p>Die Furcht, dass der Realit�tssinn des Publikums allein durch den starken Gebrauch eines bestimmten</p><p>Mediums beeintr�chtigt wird, hat in der Geistesgeschichte eine gro�e Tradition. Schon Sokrates, der</p><p>antike Denker, wetterte, dass das menschliche Ged�chtnis an der Erfindung der Schrift zugrunde gehen</p><p>werde. Die moderne Kultivierungstheorie geht von der Tatsache aus, dass das Bildschirm-Universum</p><p>betr�chtlich von der Welt� da drau�en �abweicht. So kommen auf der Mattscheibe etwa viel mehr</p><p>gewaltt�tige Handlungen und weniger Alte und Angeh�rige von Minderheiten vor, als den objektiven</p><p>Gegebenheiten entspricht. Vielseher, so die Folgerung,�pfropfen �der Wirklichkeit schlie�lich die im</p><p>Fernsehen aufgeschnappten Verzerrungen auf.</p><p>Einige Studien, denen zufolge� Fernsehs�chtige �das Ausma� der tats�chlich begangenen Gewalttaten</p><p>�bersch�tzen und generell �ngstlicher sind als Wenigseher, schienen zun�chst die Kultivierungsthese zu</p><p>st�tzen. Es ist nun allerdings sehr gut m�glich, dass die betreffenden Forscher selber einer</p><p>�systematischen Verzerrung �der empirischen Daten erlegen sind, meint McGuire. Unabh�ngige</p><p>Forscher, die die (ohnehin wieder einmal nur sehr schwachen) Zusammenh�nge am gleichen</p><p>Umfragematerial reproduzieren wollten, suchten vergeblich. Es entbrannte eine Fehde im</p><p>Forschungsbetrieb, die nie richtig beigelegt werden konnte.</p><p>Aber selbst dann, wenn die behaupteten Beziehungen zwischen TV-und Zuschauer-Ideologie</p><p>�berhaupt existieren, sagt das noch nichts �ber das Kausalit�tsverh�ltnis:�Es ist aber weniger klar, ob das</p><p>Fernsehen f�r solche Stereotypen verantwortlich ist, da diese ja auch schon vor dem Einzug des Mediums</p><p>in den f�nfziger Jahren verbreitet waren� Das verzerrte Portr�t der Welt im Fernsehen k�nnte eine Folge</p><p>und nicht die Ursache der �ffentlichen Stereotypen sein, da Drehbuchautoren und Produzenten dazu</p><p>neigen, gel�ufige Stereotypen aufzugreifen oder zu glauben, dass Programme, die die Weltanschauung</p><p>des Publikums widerspiegeln, beliebter sind.�</p><p>Der Saarbr�cker Psychologe Peter Winterhoff-Spurk hat in eigenen Forschungsarbeiten Beweise gegen</p><p>die Kultivierungsthese angeh�uft.<sup>2</sup> Er ging zum Beispiel der Frage nach, inwieweit der ausgedehnte TV-</p><p>Konsum Einfluss darauf hat, wie Zuschauer bestimmte Bev�lkerungsgruppen und Situationen</p><p>wahrnehmen. Zudem machten die Probanden Angaben dar�ber, wie hoch die Quote der M�nner und</p><p>Gewaltverbrechen oder wie gro� die durchschnittliche Kinderzahl sei.</p><p>Fazit: Weder legten die Vielseher ein abweichendes (zum Beispiel besonders zynisches) Menschenbild</p><p>an den Tag, noch gaben sie abweichende Sch�tzungen zum Vorkommen der einschl�gigen</p><p>Menschengruppen und Ereignisse ab. Ihre Vorstellungen waren nur dann ein wenig in Richtung TV-</p><p>Vorbild verzerrt, wenn es sich um sehr alltagsferne Bedingungen, zum Beispiel die Arbeit eines</p><p>Kommissars handelte. Daraus zieht der Autor den Schluss, dass sogar der Vielseher klar zwischen der</p><p>Welt auf dem Bildschirm und der seinigen unterscheiden kann.</p></section><section><title><p><strong>�Massenmedien beeinflussen Wahlen durch die Ver�ffentlichung von Umfrageergebnissen�</strong></p></title><p>In einem wichtigen Punkt, so lautet eine h�ufig vertretene These, wirken Massenmedien entscheidend</p><p>auf die Entwicklung der politischen Machtverh�ltnisse ein: Menschen lassen sich bei ihrer Stimmabgabe</p><p>durch die in den Medien ver�ffentlichten demoskopischen Wahlprognosen beeinflussen. Es wird</p><p>angenommen, dass sich die Statistiken auf die Wahlbeteiligung auswirkten und die W�hler zu einem</p><p>Votum f�r den vermeintlichen Wahlsieger oder Wahlverlierer bewegen k�nnten. Es sei aber auch m�glich,</p><p>dass ein so genannter Fallbeileffekt existiere, der kleinen Parteien, die Gefahr laufen, unter der 5-Prozent-</p><p>H�rde zu bleiben, zum Verh�ngnis werden k�nne, gibt Dr. Wolfgang Donsbach vom Institut f�r</p><p>Publizistik der Universit�t Mainz zu bedenken: In dem Glauben, dass eine Stimme f�r diese Verlierer</p><p>�weggeworfen �ist, bleiben die Sympathisanten den Urnen fern.<sup>17</sup> Dadurch drohe kleinen Parteien, erst</p><p>recht ins Hintertreffen zu geraten, weil deren W�hler besonders intensiv die demoskopischen Prognosen</p><p>verfolgen.</p><p>�Die Annahmen �ber die Wirkung von Wahlumfragen werden in politischen und</p><p>politikwissenschaftlichen Diskussionen so dargestellt, als handle es sich dabei um empirisch belegte</p><p>Tatsachen�, h�lt Dr. Frank Brettschneider vom Institut f�r Politikwissenschaft der Universit�t Stuttgart</p><p>fest.<sup>18</sup> Der Blick auf die empirischen Forschungen f�hrt jedoch unweigerlich zu dem Schluss, dass sich</p><p>die �berwiegende Mehrheit der W�hler in Wirklichkeit keinen Deut um diese Vorhersagen schert.</p><p>Als� moderne Orakel�,�Auguren der Neuzeit �oder� Datenhexer�, die die W�hler beeinflussen,</p><p>werden Meinungsumfragen allzu oft bezeichnet. Doch wie die Rezipienten in Wirklichkeit mit diesen</p><p>Statistiken umgehen, kann man laut Donsbach an einem interessanten psychologischen Ph�nomen</p><p>ablesen: Sehr viele Personen verdrehen anscheinend die Tatsachen in ihrer Erinnerung und machen sich</p><p>vor, dass die letzten Umfrageergebnisse zugunsten ihrer Lieblingspartei ausgefallen seien.</p><p>Die meisten W�hler haben die Offenbarungen der Meinungsforscher aber auch gar nicht n�tig, weil sie</p><p>sich l�ngst, aus anderen Quellen, ein Bild von dem vermuteten Wahlausgang zurechtgelegt haben. Es</p><p>verwundert daher nicht, dass in einer Untersuchung kurz vor dem Wahltermin die Mehrheit der Befragten</p><p>bekundete,�kein Interesse �an einer demoskopischen Vorhersage zu haben. Zu den wichtigsten</p><p>Informationsquellen einer solchen pers�nlichen Wahlvorhersage geh�ren die Massenmedien Fernsehen</p><p>und Zeitung. Donsbach hat aber nun in einer eigenen Studie herausgefunden, dass nur eine</p><p>verschwindende Minderheit aller Wahlprognosen, die bei der Bundestagswahl in Fernsehen und Zeitung</p><p>ver�ffentlicht wurden, auf die Zahlen der Demoskopen zur�ckgef�hrt werden k�nnen. Die �berwiegende</p><p>Mehrheit der� Prophezeiungen �spiegelte vielmehr die pers�nliche Meinung von Politikern oder</p><p>Journalisten wider.</p><p>Ein Beispiel hierf�r ist der Bundestagswahlkampf 1998: Der Anteil der auf Umfragen basierenden</p><p>Aussagen der Meinungsforscher nahm im Verlauf des Wahlkampfes zun�chst von 6 Prozent im Juni auf</p><p>11 Prozent im September zu. Die Aussagen von Politikern und Journalisten �ber den Wahlausgang und</p><p>die W�hlerstimmen beliefen sich im September auf 49 Prozent.�Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich</p><p>die Ver�ffentlichung von Wahlumfragen auf irgendeine Art und Weise in der Art der Wahlbeteiligung</p><p>niederschl�gt�, lautet das Fazit des Politikwissenschaftlers Brettschneider.</p><p>Nat�rlich, r�umt Donsbach ein, h�tten die W�hler in der Regel mehrere Quellen, um sich ein Bild von</p><p>den Meinungen ihrer Mitmenschen zu machen. Die Berichterstattung in den Massenmedien sei nur eine</p><p>davon. Innerhalb der Aussagen in den Medien jedenfalls spielten demoskopische Ergebnisse nur eine</p><p>untergeordnete Rolle.</p><p>�Die pauschale These, Wahlumfragen w�rden die gesamte Wahlbeteiligung beeinflussen, entspricht</p><p>nicht der Realit�t�, betont Brettschneider. Diese Wirkungen existierten nicht. Ebenso wenig lasse sich die</p><p>gesamte W�hlerschaft durch Umfragen manipulieren. Dies liege unter anderem daran, dass</p><p>Umfrageergebnisse vor allem diejenigen W�hler interessierten, die f�r Manipulationen besonders</p><p>unanf�llig sind. Diese Menschen sind meist gebildet und politisch interessiert, au�erdem sind sie in der</p><p>Regel Parteimitglied oder sie identifizieren sich mit einer bestimmten Partei. Diese so genannten</p><p>taktischen und rationalen W�hler sehen Umfragen meist als zus�tzliche Informationsquelle. Der Einfluss</p><p>der Demoskopie auf das W�hlerverhalten werde demnach weit �bersch�tzt, so der Wissenschaftler.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>1 </emphasis>McGuire, William J.: <emphasis>The myth of massive media impact. </emphasis>In: <emphasis>Public communication and behavior, </emphasis>Bd. 1 (1986), S. 173�257.</p><p><emphasis>2 </emphasis>Winterhoff-Spurk, Peter: <emphasis>Fernsehen � Psychologische Befunde zur Medienwirkung. </emphasis>Bern u.a. 1986.</p><p><emphasis>3 </emphasis>Sless, David: <emphasis>Inside communication research.</emphasis></p><p>http: //www.communication.org.au/articles_to_read/paper_21 /paper_21.html</p><p>4 Moser, Klaus/Hertel, G.: <emphasis>Der Dritte-Person-Effekt in der Werbung. </emphasis>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Sozialpsychologie, </emphasis>Bd. 29 (1998), S. 147�155.</p><p>5 Mayer, Hans: <emphasis>Werbepsychologie. </emphasis>Schaffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1993.</p><p>6 Gleich, Uli/Groebel, Jo: <emphasis>Werbeforschung: Neue Befunde zu Wirkungsvoraussetzungen. </emphasis>In: <emphasis>Media Perspektiven, </emphasis>5, (1993) S. 229�233.</p><p>7 Barth, J�rgen/Bengel, J�rgen: <emphasis>Warnhinweise bei Alkohol und Zigaretten � Rezeption und Verarbeitung. </emphasis>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Medizinische Psychologie, </emphasis>Bd. 6 (1997), S. 5-14.</p><p>8 De Haan, Gerhard: <emphasis>Umweltbewusstsein und Massenmedien. </emphasis>Akademie Verlag, Berlin</p><p>1995.</p><p>9 �Mit aller Gewalt�. In: <emphasis>Die Woche </emphasis>36/99,3.9.1999.</p><p>10 Kaplan, Robert M./Robert D. Singer: <emphasis>Television violence and viewer aggression. </emphasis>In: <emphasis>Journal of Social Issues, </emphasis>Bd. 32 (1976), S. 35�70.</p><p>11 Gormley, Tom: <emphasis>Ruination once again. Cases in the study of media effects. </emphasis>http: //www.theory.org.uk/effec-tg.htm</p><p>12 Freedman, Jonathan L.: <emphasis>Television violence and aggression: What psychologists should teil the public. </emphasis>In: Suedfeld, Peter /Philip E. Tetlock (Hg.): <emphasis>Psychology and social policy. </emphasis>Hemisphere Verlag, New York 1992.</p><p>13 Kunczik, Michael: <emphasis>Wirkungen von Gewaltdarstellungen. Zum aktuellen Stand der Diskussion. </emphasis>In: Friedrichsen, Mike/Gerhard Vowe (Hg.):</p><p><emphasis>Gewaltdarstellungen in den Medien. </emphasis>Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.</p><p>14 Lau, Richard R. et al.: <emphasis>The effect of negative political advertisements: A meta-analytic assessment. </emphasis>In: <emphasis>American Political Science Review, </emphasis>Vol. 93</p><p>(1999), S. 851�875.</p><p>15 Sless, David: <emphasis>The problem with attitude. </emphasis>http://www.communication.org.au/articles_to_read/paper_2/paper_2.html</p><p>16 Etzkorn, Klaus Peter/Stiehler, Hans-J�rg: <emphasis>The Valley of the clueless. </emphasis>In: <emphasis>Communications, </emphasis>Vol. 23 (1998), S. 271�298.</p><p>17 Donsbach, Wolfgang: <emphasis>Die Rolle der Demoskopie in der Wahlkampf-Kommunikation. Empirische und normative Aspekte der Hypothese �ber den</emphasis></p><p><emphasis>Einfluss der Meinungsforschung auf die W�hlermeinung. </emphasis>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Politik, </emphasis>Bd. 31 (1984), S. 388�407.</p><p>18�Vom Machtmythos der Wahlumfrage�. In: <emphasis>Der Forschungsdienst, </emphasis>Nr. 1/2000.</p></cite></section></section><section><title><p>Der unverbesserliche Verstand</p></title><section><title><p>�Es gibt M�glichkeiten, die Intelligenz und das Auffassungsverm�gen des</p><p>Menschen erheblich zu erweitern�</p></title><p>Es gibt einen ewigen Menschheitstraum, der in dem Wunsch besteht, sich �ber die Grenzen der</p><p>eigenen Intelligenz und des eigenen Lernverm�gens hinwegzusetzen. Die Idee vom� Hirnkraftverst�rker�</p><p>findet in volkst�mlichen Mythen wie dem� N�rnberger Trichter �und in der Sciencefiction ihren</p><p>Niederschlag. In seinem Erstlingsroman� Brain Wave �beschreibt beispielsweise der amerikanische</p><p>Sciencefiction-Autor Poul Anderson 1954, wie alle Menschen unter dem Einfluss einer kosmischen</p><p>Strahlung unglaubliche Intelligenz erlangen. Tats�chlich zaubern Psychologen und andere Gurus immer</p><p>wieder mit missionarischem Eifer neue und� wissenschaftlich erprobte �Instant-Techniken hervor, die</p><p>dem� Grips �und dem Ged�chtnis schon heute rasch und sicher auf die Spr�nge helfen sollen.</p><p>Solche Versprechungen sto�en auf offene Ohren in einer Welt, die mit ihrer steigenden Komplexit�t,</p><p>ihrer Wettbewerbsorientierung und ihren rasanten Umw�lzungen massive Anforderungen an unsere</p><p>Denkf�higkeit stellt. Sie kommen allerdings auch ausgesprochen unschmeichelhaften Z�gen unserer</p><p>Natur entgegen, meint der kanadische Psychologie-Professor Barry L. Beyerstein,�unserem Hang zum</p><p>Wunschdenken und zur Selbstt�uschung und unserer Vorliebe f�r schnelle Brachiall�sungen�.<sup>1</sup> Bei einem</p><p>kritischen Blick auf die publizierte Forschungsliteratur kommt man nicht um das Eingest�ndnis herum,</p><p>dass alle Versuche, den Intellekt und das Erinnerungsverm�gen nachhaltig hoch zu schrauben, zum</p><p>Scheitern verurteilt sind.�Die Behauptung, dass es Methoden gebe, die Intelligenz substanziell und</p><p>dauerhaft anzuheben, besitzt eine lange Geschichte, doch sie hat nur eine wiederholte Entt�uschung</p><p>hervorgebracht�, res�miert der Psychologie-Professor Herman H. Spitz aus Princeton in den USA.<sup>2</sup></p><p>�Intelligenz ist nicht trainierbar�, pflichtet Sven Rudloff von der �sterreichischen Sektion der</p><p>�Intelligenzbestienvereinigung �MENSA lakonisch bei.<sup>3</sup></p><p>Aufstieg und Fall der neuen und zun�chst euphorisch umjubelten Techniken haben sich in der</p><p>Vergangenheit immer nach dem gleichen Muster abgespielt, zieht Spitz Bilanz.<sup>4</sup>�Erst fand immer jemand</p><p>einen Hinweis, dann folgte eine ganze Reihe von best�tigenden Untersuchungen. �Nach und nach h�uften</p><p>sich jedoch immer mehr widersprechende Daten und kritische Stimmen an, bis das Ganze in</p><p>Desillusionierung m�ndete.�Die Desillusionierung hielt jedoch nie so lange an, dass keine neuen Gurus</p><p>aus der Asche h�tten aufsteigen und begeisterte Anh�nger finden k�nnen. �Die widersprechenden</p><p>Befunde wurden von der Presse aber entweder gar nicht oder nicht mit der gleichen Begeisterung</p><p>breitgetreten, welche die Berichterstattung �ber aufregende neue Lerntechniken und mentale</p><p>Stimulationsmethoden pr�gt.</p><p>Es l�sst sich kaum noch genau nachvollziehen, welche� Turbolader �f�r den Intellekt in den</p><p>vergangenen Jahren alle Furore machten. Am Anfang standen rein psychologische Methoden wie</p><p>fr�hkindliches Training, Superlearning und Subliminalkassetten. Neuerdings werden diese Klassiker</p><p>immer h�ufiger von Hightech-Methoden abgel�st, die eine enge Verbindung mit den Fortschritten in der</p><p>Elektronik, Biochemie und Neurobiologie suggerieren: Smart Pills, Computersoftware und Mind-</p><p>Machines. Das vernichtende Verdikt der wissenschaftlichen Rationalit�t ist jedoch in allen F�llen gleich.</p><p>�Messbare Intelligenz- beziehungsweise IQ-Steigerungen konnten aber noch nie belegt werden, obwohl</p><p>die Hersteller und Bef�rworter um die Betonung der wissenschaftlichen M�glichkeit eines solchen</p><p>Effekts selten verlegen sind�, konstatiert Rudloff.�Gehirnwissenschaftler stellten bei einem Kongress in</p><p>M�nchen zusammenfassend fest, dass es bislang noch keine Pr�parate gibt, die den berechtigten</p><p>Anspruch darauf erheben k�nnten, unsere Denk-, Lern- und Ged�chtnisleistung deutlich und nachhaltig</p><p>zu verbessern!�</p></section><section><title><p><strong>�Die Intelligenz von Kindern aus benachteiligten Schichten kann durch geeignete Programme</strong></p><p><strong>gesteigert werden�</strong></p></title><p>Es war schon immer ein schwerer Affront f�r die humanistisch-egalit�re Weltanschauung, dass viele</p><p>Kinder aus benachteiligten Schichten ihre schulische Karriere mit einem� hausgemachten �geistigen</p><p>Handikap antreten. Der Schluss lag nahe, dass den Betreffenden schon ganz fr�h im Leben die Chance</p><p>zur optimalen Entfaltung ihrer intellektuellen Anlagen vorenthalten wird. In dieser Situation erschien die</p><p>Idee von kompensatorischen Fr�hf�rderprogrammen wie ein Patentrezept: Der Staat stellt den</p><p>Betroffenen ein Potpourri von geistig stimulierenden Reizen bereit, das der mentalen Deprivation im</p><p>Elternhaus entgegenwirkt. Selbst wenn der Intelligenzquotient in erheblichem Umfang durch Erbanlagen</p><p>determiniert wird, so der Gedanke, bleibt immer noch gen�gend Spielraum, ihn durch</p><p>Erziehungsma�nahmen zu pushen. Bei einem so edlen Motiv wird die wissenschaftliche Basis kaum in</p><p>Zweifel gezogen.</p><p>Die Amerikaner haben diese M�glichkeit bereits Anfang der sechziger Jahre mit dem monumentalen</p><p>Projekt� Head Start �im gro�en Stil erprobt. Das Programm wurde unter dem Einfluss des</p><p>Sputnikschocks initiiert und hatte das Ziel, Kinder aus unterprivilegierten Elternh�usern zu f�rdern, damit</p><p>das Land im Wettbewerb der Systeme besser gewappnet sei. Insgesamt 530.000 Kinder kamen in den</p><p>Genuss dieser Anregung, die aus mehrmonatigen oder ganzj�hrigen Kursen, Belehrungen, Erziehungs-,</p><p>Ern�hrungs- und medizinischen Beratungen und Interventionen bestand. Bei der wichtigsten</p><p>Bewertungsstudie wurden insgesamt 4.000 Kinder, die H�lfte davon Projektteilnehmer, unter die Lupe</p><p>genommen.</p><p>Das Ergebnis der Qualit�tskontrolle fiel verheerend aus: Zwar konnten die gef�rderten Teilnehmer</p><p>w�hrend der Intervention ein leichte Verbesserung der intellektuellen Leistungen verbuchen.�Aber</p><p>nachdem sie das Programm verlie�en, schmolz der Leistungszuwachs dahin und wurde schlie�lich von</p><p>einer Verschlechterung abgel�st, w�hrend die nicht gef�rderten Kinder jetzt eine Verbesserung erkennen</p><p>lie�en�, rekapituliert der Psychologe Spitz.�Nach einer Weile waren die gef�rderten und die</p><p>nichtgef�rderten Kinder nicht mehr zu unterscheiden � ein typisches Ergebnis f�r</p><p>Interventionsprogramme. �Auch der Psychologe Nathan Brody von der Wesleyan University in</p><p>Middletown best�tigt diese pessimistische Sicht in einer umfangreichen �bersicht �ber die</p><p>(Un)Ver�nderbarkeit des IQ:�Gemessen an der Testintelligenz und der schulischen Leistung hat das</p><p>Projekt Head Start keinen langfristigen Nutzeffekt.�<sup>5</sup></p><p>Die Initiatoren, die diese Ergebnisse nicht wahrhaben wollten, f�hrten sie auf die unzureichende</p><p>Dauer der Intervention zur�ck. Es folgten neue Programme (und Qualit�tskontrollen), bei denen die</p><p>F�rderung auf die ersten Schuljahre ausgeweitet wurde.�Bei 5 Tests waren die durchgef�rderten Kinder</p><p>im Vorteil, bei 11 hatten die nichtgeforderten Kinder Oberwasser, und bei 91 Tests trat �berhaupt kein</p><p>greifbarer Unterschied auf�, begr�bt Spitz die Illusionen der Head-Start-Verfechter.�Kann es denn</p><p>m�glich sein�, zitiert Spitz die autorisierte Expertise,�dass so viel M�he kein messbares Ergebnis hat?�</p><p>Anstatt der Realit�t ins Auge zu sehen, schoben die Anh�nger der Fr�hf�rderung b�sen Kr�ften den</p><p>schwarzen Peter zu: Sie f�hrten das desolate Ergebnis auf die Kurzsichtigkeit der B�rokraten, eine</p><p>unangemessene Auswahl der Kinder, schlechte Lehrer, fehlende Geldmittel oder andere prinzipiell</p><p>behebbare St�rfaktoren zur�ck. Doch es gab l�ngst andere Daten, die auf die Wirkungslosigkeit der</p><p>organisierten Intelligenzsteigerung hinwiesen. Wegen des Zuordnungsverfahrens beginnen viele Kinder,</p><p>die nur einen Tag �lter sind als andere, ein ganzes Jahr fr�her mit dem Schulbesuch. Die empirischen</p><p>Daten beweisen jedoch ganz eindeutig, dass von diesem Startvorteil nichts h�ngen bleibt, betont Brody.</p><p>�Die Intelligenzunterschiede, die mit dem k�rzeren oder l�ngeren Schulbesuch zusammenhingen, l�sten</p><p>sich mit der Zeit vollst�ndig auf.�</p><p>Nach Darstellung von Brody sehen viele Anh�nger der Fr�hf�rderung geflissentlich dar�ber hinweg,</p><p>dass bei den Kindern aus benachteiligter Herkunft von vornherein massive Intelligenzunterschiede zu</p><p>verzeichnen sind. Dieses Gef�lle zwischen den Kindern wurde durch die Fr�hf�rderung nicht abgebaut.</p><p>Wie sich die Intelligenz benachteiligter Kinder spontan entwickelt, haben neuseel�ndische Forscher in</p><p>einer richtungsweisenden Langzeitstudie untersucht. Bei der �berwiegenden Mehrheit der Kinder traten</p><p>im Verlauf von sieben Jahren viele nat�rliche Fluktuationen auf, die gleicherma�en nach oben und unten</p><p>wiesen. Lediglich eine Minderheit von 10 Prozent legte eine systematische und kontinuierliche</p><p>Intelligenzsteigerung an den Tag. Die Wissenschaftler versuchten nach allen Regel der Kunst, die</p><p>f�rdernden Faktoren hinter diesem Zuwachs aufzudecken. Aber sie fanden keine. Nahe liegende</p><p>Einfl�sse, wie etwa Anregungen im Elternhaus, erwiesen sich als v�llig wirkungslos.</p><p>Der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer hat Verst�ndnis f�r das dahinter stehende Grundprinzip.</p><p>�Der N�rnberger Trichter ist wenig sinnvoll.�<sup>6</sup> Vielmehr wisse das sich entwickelnde junge Gehirn� sehr</p><p>genau, welche Informationen es braucht, um seine F�higkeiten richtig auszubilden. Es fragt seine Umwelt</p><p>ganz gezielt danach. �Das entlastet Eltern und Erzieher von der B�rde, dem Nachwuchs aus eigener</p><p>Initiative� Hirnfutter �in passender Menge und zur rechten Zeit anbieten zu m�ssen. Die Evolution hat</p><p>wahrscheinlich mit vorausschauender Weisheit ein Denkorgan konstruiert, das sich in einer</p><p>�durchschnittlich zu erwartenden Umwelt �aus eigener Kraft alle Reize herauspickt, die f�r die optimale</p><p>Entfaltung seiner Leistungsf�higkeit n�tig sind.</p><p>Bef�rworter einer verst�rkten Fr�hf�rderung von benachteiligten Kindern berufen sich oft</p><p>ausdr�cklich auf die� verhaltensgenetischen �Untersuchungen, die �ber die Erblichkeit der Intelligenz</p><p>Auskunft geben. Es kann auf dem heutigen Stand des Wissens keinen Zweifel mehr geben, dass Gene</p><p>einen starken Einfluss auf den IQ haben, auch wenn das Zusammenspiel zwischen Erbe und Umwelt</p><p>�berraschend komplex ausf�llt. Allein in den letzten Jahren sind zwei Studien an getrennt</p><p>aufgewachsenen, eineiigen Zwillingen zu dem Ergebnis gelangt, dass Unterschiede im IQ zu 70 Prozent</p><p>durch Erbfaktoren hervorgerufen werden. Zudem nimmt der erbliche Einfluss auf die geistige</p><p>Leistungsf�higkeit im Verlauf des Lebens erheblich zu � bei einer deutschen Studie an Senioren auf 82</p><p>Prozent.</p><p>Selbst wenn die mit Tests gemessene Intelligenz zu 80 Prozent erblich w�re, argumentieren die</p><p>F�rderfreunde, dann w�ren die verbleibenden 20 Prozent Umwelteinfl�sse noch immer f�r einen</p><p>Entwicklungsspielraum von betr�chtlichen 35 IQ-Punkten gut. Doch dies sei eine</p><p>Milchm�dchenrechnung, h�lt der Psychologe Spitz entgegen. Extreme Ver�nderungen der Intelligenz</p><p>lie�en sich nur unter extremen Bedingungen erzielen, etwa indem man einen Menschen von fr�h an von</p><p>allen Umweltreizen abschottet.�Und diese extremen Effekte sind offenbar immer nur auf eine</p><p>Verminderung der Intelligenz beschr�nkt.�</p><p>Es ist eine entscheidende Erkenntnis, dass der erbliche Einfluss auf die Intelligenz mit zunehmendem</p><p>Alter gr��er wird. Dies l�sst sich nicht nur an den Beobachtungen bei alten Menschen ablesen. Mehrere</p><p>neue Langzeitstudien belegen, dass auch die intellektuelle Leistung von Kindern mit zunehmendem Alter</p><p>immer unabh�ngiger von der famili�ren Umgebung wird. Adoptivgeschwister, die keine Gene, aber die</p><p>gesamte Erziehung gemeinsam haben, erzielen in der Kindheit noch Intelligenztestwerte, die sich �hneln;</p><p>im Teenageralter verfl�chtigen sich diese Gemeinsamkeiten v�llig, und der IQ n�hert sich dem der</p><p>biologischen Eltern an. Je mehr Freiheiten Menschen haben, die Umst�nde ihres Lebens selbst zu</p><p>bestimmen, umso weniger wird ihr Intellekt durch Umwelteinfl�sse � wie etwa F�rderprogramme oder</p><p>eine benachteiligte Herkunft � festgelegt.</p></section><section><title><p><strong>�Der Glaube des Lehrers, dass Sch�ler eine hohe Intelligenz besitzen, wird durch eine sich selbst</strong></p><p><strong>erf�llende Prophezeiung wahr�</strong></p></title><p>Jeder kennt die Erfahrung, dass bestimmte Dinge allein deshalb wirklich werden, weil man sie sehr</p><p>stark erwartet hat. Mitte der sechziger Jahre demonstrierte der amerikanische Psychologe Robert</p><p>Rosenthal mit einer eindrucksvollen Versuchsanordnung, dass eine solche sich selbst erf�llende</p><p>Prophezeiung die Intelligenz von Sch�lern nach oben treiben kann. Bei dem Experiment, das in der</p><p>�ffentlichkeit viel Staub aufwirbelte, erhielten Lehrer die get�rkte Information, dass einige Sch�ler in</p><p>ihrer neuen Klasse besonders gro�e intellektuelle Potenziale h�tten. Tats�chlich hatte diese</p><p>Desinformation die Folge, dass die betreffenden Z�glinge in der Zeit danach einen</p><p>�berdurchschnittlichen Zuwachs der Intelligenz erzielten. Die Implikation war durchschlagend: Wenn ein</p><p>Lehrer auf den� Grips �eines Sch�lers gro�e St�cke setzt, benimmt er sich so, dass diese Erwartung auch</p><p>in Erf�llung geht.</p><p>Mit der Namensgebung� Pygmalion-Effekt �stellte Rosenthal die Verbindung zu einem Mythos her,</p><p>der im 10. Buch der Metamorphosen Ovids nachzulesen ist. Dort wird im Kontext des unmoralischen</p><p>Treibens antiker Prostituierter die Geschichte des sensiblen und frommen K�nstlers Pygmalion</p><p>beschrieben, der sich in sein selbst gefertigtes Idealbild einer Frau mit einer derartigen Inbrunst verliebte,</p><p>dass die G�ttin Venus sein Flehen erh�rte und die elfenbeinerne Galatea zum Weib aus Fleisch und Blut</p><p>werden lie�.</p><p>Obwohl George Bernard Shaws zynische Pygmalion-Kom�die mit Professor Higgins alias Pygmalion</p><p>und der deutlich emanzipierten Galatea Eliza Doolittle die M�glichkeiten erzieherischer Einflussnahmen</p><p>ad absurdum f�hrt, rief die Publikation des Pygmalion-Effekts eine ungeheure Resonanz hervor. Die</p><p>Medien �berschlugen sich mit Berichten und Leitartikeln, und das Experiment und seine Folgerungen</p><p>wurden binnen kurzem in den Lehrb�chern der Psychologie verewigt. Der Pygmalion-Effekt ist derart</p><p>einleuchtend und verf�hrerisch, dass er dem gesunden Menschenverstand schlagartig als abgesichertes</p><p>Wissen erscheint.</p><p>Dabei gab es von Anfang an Stimmen, die Rosenthals Experiment und die daraus abgeleiteten</p><p>Schl�sse in Bausch und Bogen verurteilten. Edward Thorndike, ein Pionier der Verhaltensforschung,</p><p>kanzelte Rosenthals Studie sogleich wegen ihrer angeblich verheerenden methodischen M�ngel ab:</p><p>�Unabh�ngig davon, was ich auch immer sage � Pygmalion wird ein Klassiker werden, auf den sich alle</p><p>beziehen, aber den niemand kritisch pr�ft.�<sup>2</sup></p><p>Andere Wissenschaftler machten ihre Kritik an einem seltsamen Umstand fest. Die Lehrer waren �ber</p><p>die Identit�t der angeblich� viel versprechenden �Sch�ler in Form einer Namensliste aufgekl�rt worden.</p><p>Doch auf Nachfrage gaben die Lehrer an, dass sie die Liste nur einmal kurz �berflogen hatten. Keiner</p><p>konnte sich auch nur an einen einzigen der aufgef�hrten Namen erinnern. Im Laufe der Zeit nahmen die</p><p>aufgedeckten methodischen M�ngel �berhand. Das urspr�ngliche Experiment wurde in den darauf</p><p>folgenden Jahren in mehreren Variationen und mit gesteigerter methodischer Raffinesse wiederholt.</p><p>Ersch�tternde Gesamttendenz, so Spitz: Der Pygmalion-Effekt war entweder v�llig abwesend oder aber</p><p>verschwindend klein. Doch diese Erkenntnis ist bis heute nicht in die Lehrb�cher, in die Presseberichte</p><p>und in den gesunden Menschenverstand durchgedrungen.</p><p>Die Widerlegung des Pygmalion-Effekts sei� sehr ern�chternd�, r�umt Prof. Dr. Herbert Bock von</p><p>der Hochschule f�r Technik, Wirtschaft und Sozialwesen Zittau/G�rlitz widerstrebend ein.�Die</p><p>Forschungsergebnisse stellen klar, dass die blo�e Existenz einer Erwartung �ber Eigenarten eines anderen</p><p>Menschen nicht ausreichen, um deutliche Effekte zu bewirken. Ern�chternd auch in dem zweiten Sinne,</p><p>dass einfache und allgemein g�ltige Erkenntnisse in der Psychologie nicht leicht zu haben sind.�<sup>7</sup></p></section><section><title><p><strong>�Klassische Musik hebt die Intelligenz von Kindern an�</strong></p></title><p>Mozart war ein genialer Komponist. Seine Musik � und wahrscheinlich �berhaupt klassische Musik</p><p>��soll Menschen (speziell Kinder), die ihr lauschen, sogar f�r eine Weile intelligenter machen. Das</p><p>Ph�nomen wird als� Mozart-Effekt �bezeichnet und besagt in seiner engsten Auslegung, dass der fr�he</p><p>Kontakt mit Mozart-Kompositionen bei Kindern unter drei Jahren die Gehirnentwicklung beschleunigt.</p><p>Die Idee, dass ein solches Ph�nomen existieren k�nnte, tauchte erstmals im Jahre 1993 auf � an der</p><p>University of California in Irvine.<sup>8</sup> Dort untersuchten der Physiker Gordon Shaw und Frances Rauscher,</p><p>ein Spezialist auf dem Gebiet der kognitiven Entwicklung, bei ein paar Dutzend College-Studenten die</p><p>Auswirkungen einer H�rprobe: der ersten 10 Minuten von Mozarts Klaviersonate f�r vier H�nde in D-</p><p>Dur (KV 448). Sie stellten eine vor�bergehende Steigerimg des r�umlichen und zeitlichen Denkens fest</p><p>��ein Ergebnis, das per Messung mit dem� Stanford-Binet IQ-Test �ermittelt wurde. Allerdings hielt</p><p>dieser Effekt lediglich 15 Minuten an. Und: Niemand sonst hat diese Resultate jemals wiederholen</p><p>k�nnen.</p><p>Im Jahre 1997 gaben Rauscher und Shaw bekannt, sie h�tten wissenschaftlich nachgewiesen, dass</p><p>Klavier- und Gesangsunterricht das abstrakt-logische Denken bei Kindern besser f�rdere, als dies der</p><p>Computerunterricht bewirke. Das Experiment erfasste drei Kindergartengruppen: Die erste Gruppe</p><p>erhielt privaten Klavier- oder Keyboardunterricht sowie Gesangsunterricht; eine zweite Gruppe bekam</p><p>privaten Computerunterricht; und eine dritte Gruppe erhielt gar kein Training. Anschlie�ende Tests der</p><p>F�higkeit zu r�umlich-zeitlichem Denken zeigten: Die Kinder im Klavier/Keyboard-Programm</p><p>erbrachten eine um 34 Prozent h�here Leistung als die anderen. Diese Ergebnisse zeigten, dass die Musik</p><p>eindeutig jene h�heren Gehirnfunktionen steigert, die f�r Mathematik, Schach, Wissenschaft und Technik</p><p>erforderlich sind.</p><p>Die Untersuchungen schlugen in der �ffentlichkeit und in der Fachpresse hohe Wellen. Ein</p><p>Wissenschaftsjournal schrieb von einer� spektakul�ren Karriere als Pop-Wissenschaft�. Noch heute fehlt</p><p>der so genannte Mozart-Effekt in kaum einem popul�ren Artikel �ber den erzieherischen Wert von</p><p>(nat�rlich klassischer) Musik. Allerdings sind �bertriebene und irref�hrende Behauptungen �ber die</p><p>Musik inzwischen so allt�glich, dass der Versuch, sie richtig zu stellen, an Zeitverschwendung grenzt,</p><p>lamentiert der amerikanische Philosophie-Professor Robert T. Carroll.9 Ein Gouverneur in Georgia schlug</p><p>jedenfalls vor, jedem Kind im Bundesstaat Mozart-Platten zu kaufen, Ratgeberautoren empfahlen</p><p>werdenden M�ttern, schon ihren ungeborenen Kindern Mozart vorzuspielen.</p><p>Mozart-Effekt-Gl�ubige vermuten, dass komplexe Musik gewisse komplexe neuronale Muster</p><p>erleichtert, die bei h�heren Hirnaktivit�ten wie Mathematik und Schach auftreten. Einfache und repetitive</p><p>Musik k�nnte den gegenteiligen Effekt haben. Dahinter steckt erstens das Modell, dass h�ufig genutzte</p><p>Verbindungen zwischen Neuronen fester� verdrahtet �w�rden; zweitens die Annahme, dass die zeitlichen</p><p>Strukturen von Musik im Hirn in �hnlichen Regionen der linken und rechten Hirnh�lfte verarbeitet</p><p>w�rden wie r�umliche Muster; drittens aber die Idee, dass gerade oder besonders die Musik Mozarts eine</p><p>�hnliche Komplexit�t aufweise wie die in IQ-Tests� gepr�ften �geometrischen Aufgaben.</p><p>Ungl�cklicherweise haben sich in der letzten Zeit gleich mehrere Forscher mit Ver�ffentlichungen zu</p><p>Wort gemeldet, die dem Mozart-Effekt den wissenschaftlichen Boden entziehen.<sup>8</sup> Kenneth Steele, ein</p><p>Psychologie-Professor an der Appalachian State University, und John Bruer, Leiter der James S.</p><p>McDonnell Foundation in St. Louis, Missouri, geh�ren dazu. Dem ganzen Werberummel widersprechend</p><p>behaupten sie, dass das Mozart-H�rerlebnis nicht wirklich intelligenzsteigernd oder gesundheitsf�rdernd</p><p>sei. Sie heben hervor, dass sie trotz genauer Befolgung der von Shaw und Rauscher aufgestellten</p><p>Protokolle� absolut keinen Effekt �feststellen konnten, obwohl sie in ihrer Studie 125 Studenten</p><p>untersuchten. Sie folgerten daraus, dass� es nur wenig Grund zur Unterst�tzung von</p><p>Interventionsprogrammen gibt, die sich auf die Existenz des Mozart-Effekts berufen. �Die Autoren</p><p>abschlie�end:�Ein Requiem d�rfte angebracht sein.�</p><p>Der Harvard-Psychologe Christopher Chabris hat zu diesem Thema eine Meta-Analyse � also</p><p>sozusagen eine Analyse der Analysen � verschiedener einschl�giger Studien durchgef�hrt. Er zitiert etwa</p><p>Arbeiten, nach denen eine Stephen-King-Lesung oder Popmusik zumindest den gleichen Effekt wie</p><p>Mozart haben � immer vorausgesetzt, den Versuchspersonen gef�llt, was sie h�ren. Chabris glaubt also an</p><p>einen � wenn auch kleinen � Effekt der� enjoyment arousal�(etwa:�freudige Erregung�), der</p><p>verbesserte kognitive Leistungen erkl�ren k�nnte.</p><p>Wenn die Musik Mozarts wirklich so gesundheitsf�rdernd w�re, fragt Robert T. Carroll zynisch,</p><p>warum war Mozart selbst so oft krank? Wenn Intelligenz und Geist durch Mozarts Musik so sehr</p><p>gef�rdert w�rden � warum sind dann die kl�gsten und inspiriertesten Menschen auf der Welt nicht die</p><p>Mozart-Spezialisten? Der� Mozart-Effekt �bietet nach seiner Ansicht ein Beispiel daf�r, wie sich in</p><p>unserer Welt die Bereiche Wissenschaft und Medien miteinander mischen.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist m�glich, sich mit Hilfe von Superlearning entspannt und stressfrei au�erordentliche</strong></p><p><strong>Informationsmengen einzupr�gen�</strong></p></title><p>Seitdem Menschen lernen m�ssen, haben sie sich wahrscheinlich nach einer eleganten und hoch</p><p>effektiven Hauruck-Methode gesehnt. Der N�rnberger Trichter, eine der fr�hesten� Mnemotechniken�</p><p>(von Griechisch Mneme:�Ged�chtnis�), stellte allerdings nur eine Verballhornung der Museums- und</p><p>Archivkultur des 19. Jahrhunderts dar. Getrieben vom unwiderstehlichen Wunsch, Wissen in beliebiger</p><p>Menge und ohne Anstrengung im Gehirn zu deponieren, ersinnt man alle paar Jahre ein neues Verfahren.</p><p>Das schon vom Namen her gro�spurigste Verfahren, das� Superlearning�, aber auch andere Techniken</p><p>versprechen uns den Geist von Einstein oder eine Fremdsprache quasi im Schlaf.�Am liebsten w�rden</p><p>die Leute das Wissen als Pille einnehmen�, sagt Hans Zeier, Professor am Institut f�r</p><p>Verhaltenswissenschaft der ETH Z�rich, der verschiedene Lerntechniken untersuchte.<sup>10</sup></p><p>Superlearning wurde Mitte der sechziger Jahre von dem bulgarischen Arzt, Psychologen und</p><p>Psychotherapeuten Georgi Lozanov an der Universit�t Sofia entwickelt, er verwendet allerdings noch den</p><p>Terminus� Suggestop�die�. Lozanov kritisierte, dass man bisher versucht habe, dem Gehirn zu zeigen,</p><p>wie es zu funktionieren h�tte. Effektiver und ges�nder sei es hingegen, den Lernprozess den</p><p>Anforderungen des Gehirns anzupassen. Entsprechend konzipierte Lozanov Elemente, die dieser</p><p>Erkenntnis Rechnung tragen sollten. Durch die Anwendung von Suggestion, Musik und</p><p>Entspannungstechniken wird das Gehirn angeblich in einen ungew�hnlich aufnahmef�higen Zustand</p><p>versetzt, der besonders durch eine� Gleichschaltung �der getrennt arbeitenden Hemisph�ren zustande</p><p>kommen soll.</p><p>Der Fremdsprachenunterricht nach Art der Suggestop�die l�sst sich kaum als Schulstunde wieder</p><p>erkennen: Die Studenten h�ngen in weichen Sesseln und h�ren klassische Musik. Im Rhythmus von</p><p>Bach, Vivaldi oder Telemann wird dabei der Text der Lektion vorgelesen. Nach weiteren Vorbereitungen</p><p>setzen die Sprachsch�ler den Stoff in Gruppen spielerisch um. Keine harten Schulb�nke, keine Noten,</p><p>kaum Hausaufgaben. Das Gehirn soll in diesem relaxten Zustand Wissen aufnehmen wie ein trockener</p><p>Schwamm Wasser aufsaugt.�Lernen Sie in Wochen, wozu Einstein ein ganzes Leben brauchte�, stapelt</p><p>eine Anzeige prahlerisch hoch.</p><p>Empirische Untersuchungen zur Wirksamkeit der Suggestop�die kommen jedoch zu anders lautenden</p><p>Resultaten. Lozanov will in dieser entspannten Atmosph�re Lerngeschwindigkeit und Ged�chtnisleistung</p><p>dramatisch gesteigert haben.�Andere Studien konnten keine Leistungssteigerung nachweisen�, stellt das</p><p>Schweizer Nachrichtenmagazin� Facts �dagegen.<sup>10</sup> Allerdings empfanden die Studenten die Lektionen im</p><p>Liegestuhl bei gleicher Lernleistung als angenehmer. Linguisten wie der Hamburger Professor J�rgen</p><p>Meier sind skeptisch, ob man ohne systematische Grammatik � die fehlt beim Superlearning ganz � eine</p><p>andere Sprache wirklich beherrschen kann.<sup>11</sup> Auch Hans Zeier wollte die Suggestop�die wissenschaftlich</p><p>untersuchen, hat aber nach einigen Vorversuchen kapituliert.�Die Versuchsbedingungen sind so</p><p>kompliziert, dass sie sich wissenschaftlich kaum fassen lassen. �Zeier kam bei seinen Versuchen mit der</p><p>Suggestop�die zum Beispiel zum Schluss, dass die Pers�nlichkeit des Lehrers eine gro�e Rolle spielt.</p><p>Solche Einfl�sse, die nichts mit der eigentlichen Methode zu tun haben, beeinflussen das Resultat jeder</p><p>Untersuchung entscheidend.</p><p>�Suggestop�discher Unterricht und Superlearning erreichen nicht mehr als anderer, gut gef�hrter</p><p>Unterricht. Die extremen Angaben vieler Vertreter des Superlearning lassen sich empirisch nicht</p><p>best�tigen�, fassen die beiden Psychologen Werner Metzig und Martin Schuster von der Universit�t K�ln</p><p>die ern�chternde wissenschaftliche Bewertung zusammen. <sup>12</sup>�Viele Leute haben falsche Erwartungen.</p><p>Die Wissenschaft kann da nicht weiterhelfen�, sagt Zeier, und auch Walter Perrig, Psychologie-Professor</p><p>an der Universit�t Bern, ist �berzeugt, dass� kein Wissenschaftler guten Gewissens hinstehen und sagen</p><p>kann, diese Methode ist besser als alle andern�.<sup>10</sup></p><p>An den Schulen, dem naheliegendsten Einsatzort solch hoch wirksamer Lernmethoden, haben sich</p><p>die viel gepriesenen Techniken bisher ohnehin nicht durchgesetzt. Sie bleiben privaten Instituten, teuren</p><p>Seminaren f�r Manager oder autodidaktischen Kursen in Buchform vorbehalten. Dass sie die</p><p>Schulzimmer nicht systematisch erreichen, hat gute Gr�nde: Unter der Lehrerschaft herrscht Ratlosigkeit</p><p>�ber die Einsatzm�glichkeit und den Nutzen der neuen Methoden. Ihre Wirksamkeit l�sst sich oft nicht</p><p>wissenschaftlich belegen, zudem basiert vieles auf theoretischen Konzepten, die f�r Uneingeweihte nur</p><p>schwer verst�ndlich sind.</p><p>Die entscheidenden Versatzst�cke der Lozanov-Theorie halten ohnehin keiner kritischen Pr�fung</p><p>stand. Der Glaube, dass es im Gehirn eine� vernachl�ssigte �Hemisph�re (die rechte) gibt, deren st�rkere</p><p>Einbindung das Ged�chtnis potenzieren w�rde, ist reiner Hokuspokus (siehe das Kapitel �ber Mythen des</p><p>Gehirns). Beide Hemisph�ren arbeiten bei jeder geistigen T�tigkeit in trauter Einhelligkeit. Die</p><p>Vorstellung, Suggestion und Hypnose k�nnten die Erinnerungskraft st�rken, wird durch die Forschung</p><p>ebenfalls widerlegt (siehe Kapitel Hypnose). Die Suggestion st�rkt nur das Vertrauen in die eigenen</p><p>Erinnerungen � auch wenn diese nicht zutreffend sind. Und auch die� Lernhilfe �Musik ist von</p><p>zweifelhaftem Nutzen (siehe auch Stichwort� Mozart-Effekt�):�Ob allerdings mit Musik wirklich besser</p><p>gelernt wird, bleibt umstritten�, r�umen Metzig und Schuster skeptisch ein.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist m�glich, die Gehirnleistung mit Mind-Machines zu pushen�</strong></p></title><p>Daniel D�sentrieb, der genialische Erfinder aus dem Mickymaus-Universum, zieht sich als rituellen</p><p>letzten Ausweg stets seine legend�re elektrische� Denkerkappe��ber, wenn ihm nichts mehr einf�llt.</p><p>Dann wird sein Kopf wieder frei, und es sprudeln die abenteuerlichsten neuen Patente heraus. Der</p><p>�Gehirnverst�rker �aus Entenhausen, den die Disney-Zeichner vor Jahrzehnten aus dem Hut zauberten,</p><p>hat verbl�ffende �hnlichkeit mit einem mentalen Fitness-Generator, der ebenfalls aus dem Land der</p><p>unbegrenzten M�glichkeiten zu uns kam. Das, was Bodybuilding am menschlichen K�rper bewirkt,</p><p>sollen die so genannten Mind-Machines f�r die menschliche Seele leisten. Diese Ger�te, so die</p><p>vollmundigen Verhei�ungen, liefern die Segnungen des Wassermann-Zeitalters f�r den Hausgebrauch.</p><p>Die Brille aufgest�lpt, ein schneller Tastendruck, und die elektronische Wunderlampe setzt</p><p>Tiefenentspannung (und geistige H�henfl�ge) im Instant-Verfahren frei. Doch bei Licht betrachtet bieten</p><p>die Relax-Apparate nur �berteuerten� Neuro-kokolores�, der sich aus einem Prozent Fakten und 99</p><p>Prozent Fiktionen zusammensetzt.</p><p>Die gr��te technologische Ann�herung an den N�rnberger Trichter bringt angeblich selbst die</p><p>flachsten Hirnstromkurven wieder auf Vordermann, t�nen die mit Versatzst�cken aus Newage,</p><p>Psychologie und Hirnforschung verbr�mten Propagandaschriften. Darin wird auch immer wieder � ohne</p><p>Quellenangabe � der unausgegorene Mythos verbreitet, dass unser Gehirn nur ein (oder 10) Prozent</p><p>seiner Leistungsf�higkeit aus sich selbst herausholt (zur Kritik siehe betreffendes Kapitel); per Mind-</p><p>Machine kann man jetzt im Schnellgang und bequem im Ohrensessel die ungenutzten Reserven heben.</p><p>Der elektronische� Booster �f�r die grauen Zellen st�hlt au�erdem das Immunsystem, befreit die Seele</p><p>von Stress-Schlacken, steigert die Kreativit�t und potenziert das Lernverm�gen im gro�en Stil. Sogar</p><p>ver�nderte Bewusstseinszust�nde, die bis dato nur mit Hilfe von Drogen und Meditation zu erzielen</p><p>waren, sind auf einmal erschwinglich. Mind-Machines � die Turbolader f�r Klugheit und Wohlbefinden?</p><p>Das Spektrum der feilgebotenen Apparate reicht vom schmucklosen, unscheinbaren K�stchen, das</p><p>viel �hnlichkeit mit einem billigen, klobigen Walkman aufweist und f�r rund 800 DM zu haben ist, bis</p><p>hin zum preisgekr�nten Design-Objekt im High-End-Bereich. Das Spitzenger�t� Focus�, das der</p><p>promovierte Wiener Psychologe und Elektroniker Rudolf Kapellner entworfen hat, besitzt alle</p><p>technischen Finessen, wie etwa eine Computerschnittstelle, und schl�gt mit mindestens 3.000</p><p>Entenhausener Goldtalern zu Buche. Rund 20.000 Deutsche haben sich nach Sch�tzungen der Stiftung</p><p>Warentest bereits einen eigenen, teuren Hirnverst�rker angeschafft.</p><p>Die &gt;theoretischen&lt; Grundlagen f�r das real existierende Nachfolgemodell der Denkerkappe sind im</p><p>Niemandsland zwischen Gehirnforschung und Esoterik angesiedelt und werden mehr schlecht als recht</p><p>durch den Zauberstab der Analogie zusammengehalten. Die Existenz von Hirnstr�men hat der fr�nkische</p><p>Neurologe und Psychiater Hans Berger im Jahr 1924 mit dem Elektroenzephalographien nachgewiesen,</p><p>der die unverwechselbaren Kurvenausschl�ge, eben das ber�hmte Elektroenzephalogramm, das</p><p>�Hirnstromwellenbild�, erzeugt. Beim EEG werden die bioelektrischen Impulse, die von Milliarden von</p><p>Nervenzellen (Neuronen) unter der Sch�deldecke stammen, in eine graphische Darstellung transformiert.</p><p>Weil der� Wellensalat �auf dem Papier das �berlagerte Trommelfeuer der Neuronen-V�lkerscharen</p><p>widerspiegelt, gleicht er eher dem undifferenzierten Get�se �ber einem Fu�ballstadion als einem fein</p><p>artikulierten Zwiegespr�ch. Es ist daher vollkommen unm�glich, mit dem EEG Gedanken oder auch nur</p><p>den� Dialog �einzelner Nervenzellen abzuhorchen. Die verschiedenen Wellenbereiche, die zum Teil</p><p>schon zum geistigen Allgemeingut geworden sind, entsprechen daher auch nur einer Art</p><p>seismographischer� Richterskala �f�r den allgemeinen Wachheitsgrad des Gehirns. Ein epileptischer</p><p>Anfall � das �quivalent zu einem Erdbeben oder einem Vulkanausbruch � schl�gt so viele Wellen, dass</p><p>er auch f�r das EEG un�berh�rbar ist.</p><p>Die ber�hmten� Alphawellen�, die auch schon bei einigen fern�stlichen Versenkungs-Gurus als</p><p>Markenzeichen herhalten mussten, schwingen mit einer Frequenz von 8 bis 14 Hertz und sind f�r den</p><p>entspannten Wachzustand bei geschlossenen Augen charakteristisch. Bei aktiver Aufmerksamkeit und in</p><p>Stressmomenten werden sie von den schnelleren� Betawellen �abgel�st, die mit 15 bis 30 Schwingungen</p><p>pro Sekunde durch das Oberst�bchen d�sen. In einer zeitlich begrenzten Phase, die sich auf den �bergang</p><p>von Wachen und Schlafen beschr�nkt, sind immer mehr langsame� Thetawellen �mit 3 bis 7 Hertz</p><p>eingestreut. Und in der Bewusstlosigkeit des Tiefschlafes nehmen schlie�lich die ultralangsamen</p><p>�Deltawellen��berhand, die es gerade einmal auf � bis 2 m�de Schwingungen bringen. Eine langsame</p><p>Frequenz bedeutet �brigens, dass sehr viele Neuronen� gleichgeschaltet�(synchron) im identischen Takt</p><p>feuern und daher nur sehr wenige Informationen verarbeiten k�nnen � wie Fu�ballfans, die monoton</p><p>immer wieder den gleichen Namen gr�len. Einzig die Lautst�rke � das ist beim EEG die� Amplitude��</p><p>steigt. Bei� h�heren Drehzahlen�(der� Desynchronisation�) werden dagegen immer mehr Nervenzellen</p><p>zu� Nonkonformisten �und kochen quasi ihr eigenes S�ppchen � der Informations-Umsatz steigt.</p><p>Die D�sentrieb-Idee hinter den Mind-Machines besteht nun in dem Glauben, dass man den� Gesang</p><p>der Neuronen �durch die Pforten der Wahrnehmung in genau die Richtung dirigieren k�nne, die f�r den</p><p>Benutzer die meisten Vorteile bringt. Beim stressgeplagten Manager werden die Alphawellen angesto�en,</p><p>so dass der entspannte Schongang einrastet. Das m�de Hausm�tterchen wird mit einer ordentlichen</p><p>Portion peppigem Betarhythmus wieder flottgemacht. Und zur Steigerung der Lernleistung (Stichwort</p><p>�Superlearning�) wird das Gehirn auf Theta programmiert, so dass die Bits und Bytes nur so durch den</p><p>K�nigsweg des Unterbewussten in den Langzeitspeicher zischen.</p><p>Diese intuitive Vorstellung hat der amerikanische Rundfunkingenieur Robert L. Monroe 1975 mit</p><p>reichlich Mickymaus-Logik in einem Patent fixiert, das allen Mind-Machines als Basis zugrunde liegt.</p><p>Danach hat das Gehirn die� opportunistische �Neigung, sich auf von au�en vorgegebene Schwingungen</p><p>einzupendeln, so wie der Musiker sich auf sein Metronom einstimmt. Wenn man nur lange genug Licht-</p><p>und Tonreize von 12 Hertz auf die Sinne� knallt�, sorgt die Frequenz-Folge-Reaktion am Ende daf�r,</p><p>dass auch unter der Sch�deldecke der sanfte, bet�rende Alpharhythmus swingt. So wie eine Ohrwurm-</p><p>Melodie, die man mitsummt, obwohl man sich mit aller Gewalt dagegen str�ubt.</p><p>Solche niedrigen Frequenzen liegen aber nun weit unter der H�rschwelle � sonst w�rden wir</p><p>unentwegt vom Glucksen und Pl�tschern der inneren Organe geplagt. Darum hat Monroe eine Schwindel</p><p>erregende Zusatzannahme draufgesetzt. Wenn nun das eine Ohr mit einer Folge von 100-Hertz-T�nen</p><p>beschallt wird und das andere mit 104 Hertz, bildet sich im Gehirn ein elektrisches Feld aus, das im Vier-</p><p>Hertz-Takt � dem sagenumwobenen Thetarhythmus schwingt. Durch die audiovisuelle Stimulation, so</p><p>Kapellner, w�rde die linke, f�r das Rationale zust�ndige Gehirnh�lfte dazu gebracht, im Gleichklang mit</p><p>ihrer emotional-assoziativen Antipode zu pulsen � ein Quell� v�llig neuer Denkweisen�. Mit einem fein</p><p>austarierten Schwingungscocktail sei es sogar m�glich, der Hirnchemie k�rpereigene Opiate abzutrotzen.</p><p>Viele dieser Annahmen sind so weit vom Boden der neurologischen Tatsachen entfernt, dass der</p><p>gr��te Teil der Fachwelt sich in der Nichtbeachtung ergeht. Die heutigen EEG-Messungen gleichen dem</p><p>Versuch, einen Mikroprozessor mit dem Stethoskop abzuhorchen. Es ist aber nicht m�glich, positive</p><p>Bewusstseinszust�nde eindeutig bestimmten Hirnwellen zuzuordnen. Selbst wenn der omin�se Frequenz-</p><p>Folge-Effekt �berhaupt eintritt, m�ssen 12 Hertz nicht unbedingt Entspannung bedeuten, folgert auch die</p><p>Stiftung Warentest. Aber der Effekt selbst ist ein v�llig unbewiesenes Hirngespinst, monieren die</p><p>M�nchener Psychologen Joern Bambeck und Antje Wolters.<sup>13</sup> Es bestehen nur ganz vage Beziehungen zu</p><p>dem bekannten Ph�nomen des� Photodriving�: Die Frequenz eines Flackerlichtes kann sich auf</p><p>bestimmte Regionen im visuellen Kortex, der Anlaufstelle f�r optische Informationen in der</p><p>Gro�hirnrinde, (nicht auf das ganze Gehirn) �bertragen. Aber das liegt eher an den Augenbewegungen,</p><p>und der Effekt ist auch sofort weg, wenn das Licht ausgeht. Wenn die Probanden �berhaupt etwas dabei</p><p>empfinden, dann nur ein leichtes Gef�hl von Schwindel und �belkeit, gibt der Psychologe Barry L.</p><p>Beyerstein zu bedenken.<sup>1</sup></p><p>Prof. Niels Birbaumer, der renommierte Chef des Institutes f�r Medizinische Psychologie und</p><p>Verhaltensneurologie an der Universit�t T�bingen, hat viele Jahre Meditations-Techniken studiert, die</p><p>ebenfalls damit protzten, dass sie die Hirnwellen spielen lassen k�nnen wie ein Muskelmann seinen</p><p>Bizeps. Fazit:�Leute, die postulieren, Theta wellen im entspannten Wachzustand zu beobachten, lassen</p><p>mich an ihrer Seriosit�t zweifeln.�<sup>14</sup> F�r die Behauptung, dass Mind-Machines eine Steigerung der</p><p>mentalen Leistung � bis zum Superlearning � bringen, fehlt laut Bambeck und Wolters bisher jeder</p><p>wissenschaftliche Beweis. Birbaumer sieht nach Lage der Dinge �berhaupt keinen Anlass mehr,�diese</p><p>Maschinen in gr��erem Ausma� zu untersuchen�.</p><p>Der psychologische Effekt der Light- und Soundshow ist bis auf wenige Ausnahmef�lle nur von den</p><p>Herstellern der Ger�te getestet worden, deren Unseriosit�t sich durch die schrillen Erfolgsbekundungen</p><p>verr�t. Wann immer unabh�ngige Pr�fer auf den Busch klopften, war der Trend hingegen durchwachsen</p><p>bis niederschmetternd. Die Stiftung Warentest hat zum Beispiel einmal 10 Ger�te in der Klasse zwischen</p><p>l.000 und 2.000 DM mit 20 zuf�llig ausgew�hlten Personen ins Rennen geschickt. Als Vergleich diente</p><p>die schlichte, hausgemachte Entspannung mit einer Musikkassette � also praktisch zum Nulltarif.</p><p>Vernichtendes Gesamturteil: 5 Ger�te bekamen die Note� nicht zufrieden stellend�. Sie brachten also</p><p>gerade einmal so viel Relaxation wie der kostenlose Musikgenuss. Die andere H�lfte konnte lediglich als</p><p>�mangelhaft �bewertet werden. Der teure Elektronik-Schrott blieb deutlich hinter der konventionellen</p><p>�Berieselung �zur�ck. 50 Prozent der Probanden klagten �ber �berwiegend negative Erfahrungen �</p><p>Stress, Unruhe, hektische Lichteffekte. Was die Entspannung angeht, muss die Stiftung� von der</p><p>Anschaffung einer Mind-Machine f�r diesen Zweck eindeutig abraten�, hei�t es abschlie�end.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist m�glich, die geistige Leistungsf�higkeit durch hirnleistungssteigernde Drogen anzuheben�</strong></p></title><p>Seitdem die Babyboom-Generation allm�hlich in die Jahre kommt, besteht ein wachsender Bedarf</p><p>nach Elixieren, die der Vergesslichkeit und anderen unvermeidlichen geistigen Abbauerscheinungen des</p><p>Alterns Paroli bieten. Aber auch viele Junge und jung Gebliebene streben eine Ankurbelung ihrer</p><p>kognitiven Kapazit�ten an. Die� smart pills�, die Hirnleistung steigernden Psychodrogen, stellen</p><p>vermutlich die modernste Erh�rung dieses Wunsches dar. Es handelt sich dabei um eine uneinheitliche</p><p>Gruppe von Medikamenten, die bestimmte definierte Aspekte der Gehirnaktivit�t in Schwung bringen:</p><p>Sie steigern zum Beispiel die Durchblutung der Gro�hirnrinde, die Sauerstoffversorgung des Gehirns</p><p>oder die Weiterleitung des Gedankenfunkens mit chemischen Botenstoffen.</p><p>Zu den� Klugpillen �geh�ren unter anderem die Substanzen Hydergin, Eldepryl, Dilantin, Nootopil,</p><p>Piracetam oder Oxicebral. Es werden aber auch manchmal die einschl�gigen Energy Drinks</p><p>dazugerechnet, die, mit bestimmten Aminos�uren aufgem�belt, an den meisten Tankstellen erh�ltlich</p><p>sind. In der Medizin wird statt des Begriffes smart drugs meist die neutralere Fachbezeichnung</p><p>�Nootropika�(von� noos�= Geist und� trepein�= auf etwas zu) verwendet. Von den meisten</p><p>Nootropika nehmen die Wissenschaftler an, dass sie bestimmte geistige Leistungen, wie etwa die</p><p>Aufmerksamkeit oder das Erinnerungsverm�gen, steigern k�nnen, so der Psychologe Beyerstein.<sup>1</sup></p><p>Allerdings nur bei neurologischen Patienten wie Alzheimer- oder Korsakoff-Kranken, bei denen die</p><p>betreffende Leistung durch eine Hirnverletzung Schaden genommen hat.</p><p>Dadurch lassen sich viele Neunmalkluge zu einem Trugschluss verleiten: Was Hirngesch�digten hilft,</p><p>macht Normale kl�ger. In diesem Denkfehler werden sie durch die gro�spurige Werbung im Internet und</p><p>in gewissen Werbebrosch�ren best�rkt, die au�erordentliche Segnungen der smart pills in Aussicht</p><p>stellen. Doch diese Versprechungen sind v�llig aus der Luft gegriffen, warnt der Ged�chtnisforscher</p><p>Thomas Crook aus Bethesda, der ehemalige Leiter der geriatrischen Forschungsstelle der obersten</p><p>amerikanischen Gesundheitsbeh�rde.�Wie bei allen angeblichen Allheilmitteln gibt es keine Beweise</p><p>daf�r, dass smart drugs und smart drinks funktionieren. Die Zulassungsbeh�rde hat darum auch kein</p><p>einziges Pr�parat zugelassen, um die Intelligenz oder das Ged�chtnis zu verbessern.�<sup>15</sup></p><p>Ein amerikanischer Wissenschaftler, der in mehrj�hriger Arbeit alle Publikationen zu den smart drugs</p><p>durchforstete, um die hocht�nenden Werbebotschaften auf die Probe zu stellen, schlie�t sich diesem</p><p>Urteil an:�Ich habe mir weit �ber 100 Studien angeschaut, manche an Tieren, manche an Patienten mit</p><p>einer Geistesschw�che und manche an Gesunden. Die meisten dieser Untersuchungen werden von den</p><p>Vertreibern der smart pills falsch zitiert. Manchmal �berinterpretieren sie die Ergebnisse auch ganz</p><p>extravagant, oder sie zitieren Studien, die wegen erheblicher methodischer M�ngel keinen</p><p>wissenschaftlichen Wert besitzen.�<sup>1</sup> Das amerikanische Nachrichtenmagazin� Time �zitiert einen anderen</p><p>Geriater, der anonym bleiben m�chte:�Der ganze Trubel ist nur ein Fall von Placebo-Effekt, der Amok</p><p>l�uft: Die Leute wollen einfach, dass ihr Ged�chtnis besser wird, und sie kriegen es. Gebt Ihnen eine</p><p>Zuckerpille, und sie werden den Unterschied nicht merken.�<sup>16</sup></p><p>Eine Studie ging k�rzlich der Frage nach, ob die Einnahme von Nootropika bei geistig Gesunden das</p><p>Hirnwellenmuster im EEG ver�ndert. Es funktionierte: Der Konsum der smart drugs schlug sich in den</p><p>Hirnstromkurven nieder. Allerdings ging die Ver�nderung in eine Richtung, die f�r gew�hnlich als</p><p>Verringerung der Aufmerksamkeit und Wachheit gedeutet wird. W�hrend der Nutzen der</p><p>Schlauheitspillen also zutiefst angezweifelt werden muss, liegen deutliche Hinweise auf unerw�nschte</p><p>Nebenwirkungen vor: Manche rufen Schlaflosigkeit, �belkeit und Beschwerden im Magen-Darm-</p><p>Bereich hervor, andere Kopfschmerzen oder eine laufende Nase. Alle diese Beschwerden verschwinden</p><p>zwar meist nach kurzer Zeit.�Aber wir wissen nicht, ob es keine langfristigen Nebenwirkungen gibt�,</p><p>mahnt der amerikanische Ged�chtnisforscher James L. McGaugh.<sup>15</sup>� Man hat einfach noch keine</p><p>Langzeitstudien durchgef�hrt.�</p><p>Erw�hnenswert sind auch noch die in Esoterikkreisen viel verwendeten Pr�parate aus Spirulina- und</p><p>Chlorella-Algen, denen eine nachgerade wundert�tige Wirkung vor allem hinsichtlich der Funktion von</p><p>Gehirn- und Nervenzellen zugeschrieben wird, wie der M�nchener Psychologe Colin Goldner</p><p>res�miert.<sup>17</sup> Obgleich keinerlei Nachweis f�r einen solchen (oder irgendeinen anderen ernst zu</p><p>nehmenden) Effekt dieser� Nahrungserg�nzungsmittel �vorliegt, wird mit Algen- oder Planktontabletten</p><p>ein gro�es Gesch�ft gemacht: 120 St�ck� Bluegreen Omega �beispielsweise kosten <emphasis>55 </emphasis>Mark.</p><p>Auch das Anfang der neunziger in der Disco-Szene weit verbreitete� Designer-Brain-Food�, mit dem</p><p>riesige Gewinne eingefahren wurden, hat auf dem Esoterikmarkt �berlebt. Entwickelt schon Ende der</p><p>siebziger von den amerikanischen Alt-Hippies Durk Pearson und Sandy Shaw, die die Vitamin-/Koffein-</p><p>Pillen als Wundermittel f�r l�ngeres Leben, geistige Brillanz und gesteigerte Orgasmusf�higkeit</p><p>beschrieben hatten, wurde das Brain-Food insbesondere unter Mind-Machine-Benutzern zum Renner</p><p>schlechthin. Es rege, so wurde behauptet, die Funktion der Neurotransmitter an, jener chemischen Stoffe,</p><p>die im Gehirn Botschaften von einer Zelle zur n�chsten �bermitteln, und steigere so Intelligenz und</p><p>Bewusstsein um ein Vielfaches. Alles Humbug, so das M�nchner Max-Planck-Institut f�r Psychiatrie; die</p><p>Wirkung einer Brain-Food-Tablette, auch wenn sie mit noch so suggestiven Namen wie etwa� rise-and-</p><p>shine �oder� fast-blast �versehen sei, entspreche bestenfalls der einer Tasse Kaffee. All die</p><p>phantastischen Wahrnehmungs- und Leistungssteigerungen, von denen da die Rede sei, seien nichts als</p><p>Einbildung.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>1 </emphasis>Beyerstein, Barry L.: <emphasis>Pseudoscience and the brain: Tuners and tonics for aspiring super-humans. </emphasis>In: Della Sala, Sergio (Hg.): <emphasis>Mind Myths.</emphasis></p><p><emphasis>Exploring popular assumptions about the mind and brain. </emphasis>Verlag John Wiley &amp; Sons, Chichester et al. 1999.</p><p><emphasis>2 </emphasis>Spitz, Herman H.: <emphasis>Beleaguered Pygmalion: A history of the controversy over Claims that teacher expectancy raises intelligence. </emphasis>In: <emphasis>Intelligence,</emphasis> Vol. 27 (1999), S. 199�234.</p><p><emphasis>3 </emphasis>Rudioff, Sven: <emphasis>Die h�ufigsten Fragen zum IQ � oder: Was Sie schon immer �ber Intelligenz wissen wollten, aber nie zu fragen auf die Idee</emphasis></p><p><emphasis>gekommen sind, weil Sie ja schon alles dar�ber wissen. </emphasis>http: //www.at.mensa.org/iq.htm</p><p><emphasis>4 </emphasis>Spitz, Herman H.: <emphasis>The raising of intelligence. A selected history of attempts to raise retarded intelligence. </emphasis>Lawrence Erlbaum Publishers, Hillsdale 1986.</p><p><emphasis>5 </emphasis>Brody, Nathan: <emphasis>Malleability and change in intelligence. </emphasis>In: Helmuth Nyborg (Hg.): <emphasis>The scientific study of human nature: Tribute to Hans J.</emphasis></p><p><emphasis>Eysenck at Eighty. </emphasis>Pergamon Press, Oxford et al. 1997.</p><p><emphasis>6 </emphasis>�Naturtalent Kind�. In: <emphasis>Geo Wissen, </emphasis>1/99,�Denken Lernen Schule�.</p><p><emphasis>7 </emphasis>Bock, Herbert: <emphasis>Zur Psychologie sich selbst erf�llender und sich selbst widerlegender Prophezeiungen � Eine Problemgeschichte erf�llungswirksamer Kennzeichnungen.</emphasis></p><p>http: //new-york.inf-gr.htw-zittau.de/~bock/publikationen/PY-96.html</p><p>8 Kliewer, Gary: <emphasis>The Mozart-Effekt. </emphasis>In: <emphasis>New Scientist, </emphasis>6.11.1999.</p><p>9 Carroll, Robert T.: <emphasis>The Mozart-Effekt, </emphasis>http://www.skepdic.com/mozart.html</p><p>10�Wie merk ich's mir?�, http: //facts.ch/stories/9843_wis_lernen.htm</p><p>11�Lernen wie im Schlaf�. In: <emphasis>Der Stern, </emphasis>15.4.1999.</p><p>10 Metzig, Werner/Schuster, Martin: <emphasis>Lernen zu lernen. Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen. </emphasis>Springer Verlag, Berlin et al. 1998.</p><p>11�Using smart drugs and drinks may not be smart�. http://familyhaven.com/health/smartdrug.html</p><p>12 Wolters, Antje / Bambeck, Joern: <emphasis>Brainpower. </emphasis>Ullstein Verlag, M�nchen 1992.</p><p><emphasis>13 Pers�nliche Mitteilung an den Autor.</emphasis></p><p>14�Elixirs for your memory�. In: <emphasis>Time Magazine, </emphasis>13.9.1999.</p><p>15 Goldner, Collin: <emphasis>Psycho: Therapien zwischen Seriosit�t und Scharlatanerie. </emphasis>Pattloch Verlag, Augsburg 1997.</p></cite></section></section></section><section><title><p>MYTHEN DER SEELE</p></title><section><title><p>Auslaufmodellvorstellungen</p></title><section><title><p>�Der Mensch benutzt Abwehrmechanismen wie Verdr�ngung oder Projektion, um</p><p>unangenehme Bewusstseinsinhalte ins Unbewusste abzuschieben�</p></title><p>Es ist in der modernen Welt allgemein �blich geworden, sich selbst und andere Personen mit</p><p>Begriffen zu beschreiben, die dem Vokabular und der Denkweise der Psychoanalyse entsprungen sind.</p><p>Der gesunde Menschenverstand hat den gesamten Katalog der� Abwehrmechanismen �absorbiert, die der</p><p>seelische Apparat nach den Vorstellungen von Sigmund Freud auff�hrt, um schmerzhafte und peinliche</p><p>Impulse vom Bewusstsein fern zu halten. Man glaubt, f�rmlich zuschauen zu k�nnen, wie die</p><p>Verdr�ngung qu�lende Erinnerungen in den Keller des Unbewussten verbannt. Es liegt eine ungeheure</p><p>�berzeugungskraft in der vermeintlichen Erkenntnis, dass der verklemmte Spie�er, der Schwule</p><p>verabscheut, in Wirklichkeit nur seine eigene latente Homosexualit�t auf die unschuldigen S�ndenb�cke</p><p>projiziert.</p><p>Auch die freudianische Idee der psychosexuellen Entwicklungsphasen hat von unserem</p><p>Selbstverst�ndnis Besitz ergriffen. Es liegt ein �u�erst suggestiver Reiz in der Vorstellung, dass ein</p><p>gieriger und hemmungsloser Mitmensch mit seinem Verhalten lediglich seine� orale �Fixierung ausagiert.</p><p>Es ist irrsinnig plausibel, dass der zwanghafte, ordnungsliebende und unterdr�ckte Kleinb�rger nur</p><p>notd�rftig seine� analen �Anwandlungen im Zaume h�lt.</p><p>Der Glaube an die Existenz des Unbewussten ist bei vielen Laien und Experten l�ngst zu einem</p><p>unanfechtbaren Dogma erstarrt. Alles, was dem Ich nicht geheuer ist, wird in diesen d�steren Hades</p><p>deponiert. Aus dieser Verbannung heraus produziert es allerlei Fehlleistungen und Symptome und richtet</p><p>erheblichen Schaden an Leib und Seele an. Zum Gl�ck kann man das Verdr�ngte mit Sch�tzenhilfe eines</p><p>Psychoanalytikers (oder per Selbstanalyse) wieder aus der Versenkung befreien. Nach dieser Theorie kann</p><p>�brigens auch niemals etwas dauerhaft verloren gehen, weil das Ged�chtnis eine photographische</p><p>�Sicherungskopie �der Vergangenheit aufbewahrt. �ber den gesamten Bewusstseinsstrom, �ber alles, was</p><p>ein Mensch je erlebt und gesehen hat, wird demnach in einer geheimen Archivierungsstelle Buch gef�hrt.</p><p>Ein renommierter amerikanischer Psychoanalytiker hat diese Vorstellung k�rzlich mit gro�em</p><p>Vertrauen in ihrer radikalsten Auslegung formuliert:�Das Unbewusste speichert alles, was wir jemals</p><p>erfahren, und zwar in seiner urspr�nglichen Form. Jeden Gedanken, jedes Gef�hl, jeden Klang Musik,</p><p>jedes Wort, jeden Geschmack und jeden Anblick. Alles wird irgendwo im Geist originalgetreu</p><p>aufgezeichnet. Das unbewusste Ged�chtnis ist vollkommen und unfehlbar.�<sup>1</sup> Doch nach Ansicht der</p><p>beiden amerikanischen Psychologie-Professoren Robert F. Bornstein und Joseph M. Masling spiegelt</p><p>diese �u�erung lediglich eine unfassbare Ahnungslosigkeit wider.�Eine derartige Passage kann nur von</p><p>jemand geschrieben werden, der in den letzten 40 Jahren praktisch jede ver�ffentlichte Studie �ber den</p><p>menschlichen Geist, die Wahrnehmung und das Ged�chtnis au�er Acht gelassen hat. Eine derartige</p><p>Passage w�re v�llig l�cherlich, mit einer Ausnahme: Sie unterscheidet sich kaum von den Ansichten</p><p>vieler Psychotherapeuten, die sich entschieden haben, empirische Ergebnisse wie Luft zu behandeln.�</p></section><section><title><p><strong>�Es gibt einen Mechanismus der Verdr�ngung, der dazu dient, unangenehme Bewusstseinsinhalte</strong></p><p><strong>abzublocken�</strong></p></title><p>Mit keinem anderen Begriff hat Sigmund Freud sich so in die Umgangssprache eingebrannt, wie mit</p><p>dem der Verdr�ngung. Die Verdr�ngung erscheint dem heutigen Menschen nicht mehr wie ein</p><p>theoretisches Konstrukt, sondern als ein real existierender Prozess, dem man mit geschultem Auge quasi</p><p>unmittelbar bei der Arbeit zusehen kann. Verdr�ngung als Abwehrmechanismus ist nicht irgendein Teil</p><p>von Freuds Psychoanalyse, es ist ein zentraler und unentbehrlicher Teil dieser Methode. Allerdings muss</p><p>festgestellt werden, dass die Bedeutung, die Freud und viele andere nach ihm diesem Begriff gegeben</p><p>haben, wechselhaft und unsicher ist. In ihrer urspr�nglichen Form war die Verdr�ngung speziell auf die</p><p>sexuellen und aggressiven Impulse gerichtet, die ein Kleinkind laut Freud auf seine Eltern richtet und</p><p>wegen ihrer� Ungeheuerlichkeit �aus dem Bewusstsein verbannt. Im modernen Sprachgebrauch</p><p>bezeichnet Verdr�ngung indes einen universellen Schutzmechanismus, der immer dann in Aktion tritt,</p><p>wenn ein Mensch eine unangenehme, schmerzhafte, peinliche oder dem�tigende Wahrheit nicht ertragen</p><p>kann.</p><p>Die semantische Dehnbarkeit und Unbestimmbarkeit des Begriffes Verdr�ngung ist im Grunde schon</p><p>ein Armutszeugnis f�r die Psychoanalyse als� Wissenschaft�, gibt eine Forschergruppe um die</p><p>amerikanische Psychologin Elizabeth F. Loftus, die international anerkannte Koryph�e der</p><p>Ged�chtnisforschung, zu bedenken.<sup>2</sup>�Stellen Sie sich vor, ein Mann spricht mit Schwindelgef�hlen und</p><p>Lethargie bei seinem Hausarzt vor, und der sagt: &gt;Ich glaube, Sie leiden unter dieser einen Gehirnsache,</p><p>obwohl ich nicht genau wei�, wo und wie tief sie sitzt. Ich bin jedenfalls ziemlich sicher, dass sie die</p><p>Wurzel Ihres �bels ist, und w�rde gerne ein wenig operieren, etwas in Ihrem Kopf herumstochern und</p><p>nachschauen, ob sich etwas finden l�sst.&lt;�Vielen Psychotherapeuten ist es offensichtlich v�llig</p><p>gleichg�ltig, dass die diagnostischen Kriterien f�r das Vorliegen einer Verdr�ngung v�llig unklar und</p><p>vage sind, und sie klammern sich stattdessen an die Popularit�t des Begriffes.</p><p>Dass die Ursachen unseres Handelns h�ufig unbewusst sind, war schon zu Freuds Zeiten keine gro�e</p><p>Neuigkeit mehr. Ebenso wenig war es neu, dass Menschen Wissen �ber Dinge haben, an die sie sich</p><p>schon l�nger nicht mehr erinnern k�nnen.�Neu war h�chstens, dass manche von den vergessenen Dingen</p><p>laut Freud eigentlich im traditionellen Sinne gar nicht vergessen, sondern im Gegenteil unterschwellig</p><p>anwesend sind�, heben die beiden holl�ndischen Psychologie-Professoren Hans F. M. Crombag und</p><p>Harald L.G. Merckelbach hervor.<sup>3</sup> Ihre� latente �Anwesenheit verr�t sich in erster Linie dadurch, dass sie</p><p>einen entscheidenden und meist ungesunden und zerst�rerischen Einfluss auf das Verhalten des Menschen</p><p>haben. Das ist im Grunde paradox, denn bereits das urspr�ngliche Trauma, dass den Ansto� zur</p><p>Verdr�ngung gab, war ja wohl in der einen oder anderen Form ungesund. Eigentlich sollte man denken,</p><p>dass ein Abwehrmechanismus seelische Belastungen unsch�dlich macht und so Gefahren f�r die</p><p>Gesundheit� abwehrt�.�Anscheinend bildet der Abwehrmechanismus des Verdr�ngens eine</p><p>Scheinmedizin, die langfristig schlimmer wirkt als die Qual des Traumas�, meinen Crombag und</p><p>Merckelbach.</p><p>Eine wichtige Implikation der Verdr�ngungstheorie besteht darin, dass verdr�ngtes Material nicht</p><p>ausradiert, sondern unverwischbar ins Unbewusste festgeschrieben ist: Normale Abbauerscheinungen wie</p><p>Vergessen k�nnen dem Verdr�ngten nichts mehr anhaben. Im Unbewussten bleibt das Verdr�ngte f�r alle</p><p>Zeiten frisch wie ein soeben gelegtes Ei. Wenn es also gelingt, eine solche Erinnerung mit einer</p><p>speziellen Technik wie der Deutung oder der Hypnose freizuschaufeln, steht sie unbesch�digt f�r die</p><p>therapeutische Arbeit zur Verf�gung.</p><p>Doch die empirisch arbeitenden Seelenforscher, die mit allen erdenklichen Methoden versucht haben,</p><p>den Prozess der Verdr�ngung im Labor dingfest zu machen, warten mit einem vernichtenden Urteil �ber</p><p>den legend�ren Abwehrmechanismus auf.�Trotz mehr als sechzig Jahren Forschung, die unz�hlige</p><p>Herangehensweisen von vielen aufmerksamen und intelligenten Forschern mit sich brachten, gibt es zur</p><p>heutigen Zeit keine kontrollierten Laborbeweise, die das Konzept von Verdr�ngung unterst�tzen�, streicht</p><p>der Psychologe David S. Holmes von der University of Kansas heraus.<sup>4</sup>�Der Gebrauch des Wortes</p><p>Verdr�ngung kann das sachgem��e Verst�ndnis klinischer Daten beeintr�chtigen. �Diesem Verdikt</p><p>schlie�en sich die beiden holl�ndischen Professoren an:�Bis jetzt ist es keinem einzigen Forscher</p><p>gelungen, Verdr�ngung oder die Effekte davon in einem psychologischen Laboratorium sichtbar zu</p><p>machen.�</p><p>Ein Beispiel f�r den Misserfolg liefern laut Holmes die einflussreichen experimentellen</p><p>Untersuchungen zur� Wahrnehmungsabwehr�. In den betreffenden Studien wurden den</p><p>Versuchspersonen mit einem Tachistoskop blitzschnell W�rter dargeboten. Die Begriffe, die am Rande</p><p>der Wahrnehmungsschwelle lagen, waren entweder v�llig neutral oder unanst�ndig. Am Anfang kamen</p><p>diese Untersuchungen tats�chlich zu dem Ergebnis, dass die Probanden zum Erkennen der</p><p>�schmutzigen �Begriffe l�nger brauchten. Nahe liegende Interpretation: Die Teilnehmer hatten die</p><p>seelisch belastende Wahrnehmung der Vulg�rausdr�cke per Verdr�ngung abgewehrt.</p><p>Doch in der Folgezeit d�mmerte den Wissenschaftlern, dass sie ein paar entscheidende St�rfaktoren</p><p>missachtet hatten. Zum einen waren die obsz�nen W�rter vielen Versuchspersonen weniger gel�ufig als</p><p>die neutralen Ausdr�cke. Es dauert halt immer etwas l�nger, weniger gel�ufige Begriffe zu dekodieren.</p><p>Zum anderen stellte sich heraus, dass viele Probanden die bereits identifizierten unanst�ndigen Begriffe</p><p>ganz bewusst so lange f�r sich behielten, bis sie absolut sicher waren, diese zutreffend erkannt zu haben:</p><p>Sie wollten sich nicht durch die vorschnelle Nennung eines nicht vorhandenen Vulg�rausdruckes</p><p>verd�chtig machen. Folglich pr�sentierten die Forscher fortan nur noch Begriffe mit identischem</p><p>Bekanntheitsgrad und schufen Versuchsbedingungen, welche die Teilnehmer ausdr�cklich dazu</p><p>ermunterten, sofort mit� Schmutzbegriffen �herauszur�cken. Und siehe da � pl�tzlich wurden</p><p>unanst�ndige W�rter mit der gleichen Geschwindigkeit wahrgenommen und abgelesen wie</p><p>Neutralausdr�cke. Die vermeintliche Verdr�ngung hatte sich in Wohlgefallen aufgel�st. Tats�chlich</p><p>machten einige Forscher sogar immer wieder die Beobachtung, dass sexuell geladene Begriffe schneller</p><p>wahrgenommen wurden als neutrale.</p><p>Auch bei einem anderen Forschungsansatz mussten die Psychologen ihr Urteil, das zun�chst die</p><p>Existenz der Verdr�ngung zu best�tigen schien, revidieren. Versuchspersonen hatten die Aufgabe, �ber die</p><p>angenehmen und unangenehmen Ereignisse in ihrem Leben Buch zu f�hren. Mehr oder weniger lange</p><p>nach der Aufzeichnung wurden sie aufgefordert, aus dem Ged�chtnis einen Bericht dar�ber abzugeben.</p><p>Die angenehmen Ereignisse, so das zentrale Ergebnis, blieben besser im Ged�chtnis haften. Der Schluss</p><p>lag nahe, dass die unsch�nen Vorkommnisse der Verdr�ngung zum Opfer gefallen waren. Doch bei</p><p>genauer Analyse der Daten stellte sich heraus, dass es ausschlie�lich auf die erinnerte Intensit�t der</p><p>Ereignisse ankam: Die Versuchspersonen erinnerten die Vorf�lle am besten, die ihnen im Nachhinein</p><p>besonders intensiv vorkamen � egal ob sie positive oder negative Vorzeichen hatten.</p><p>Bei den unangenehmen Erinnerungen war aber nun ein eigent�mlicher Trend zu verzeichnen: Ihre</p><p>Intensit�t wurde nachtr�glich heruntergestuft, so dass sie in den Erinnerungen weniger deutlich</p><p>hervorstachen. Die Erinnerung an die eigentlichen Begleitumst�nde blieb jedoch v�llig unversehrt (und</p><p>�unverdr�ngt�). Das Abflachen des Unangenehmen kann ganz einfach daran liegen, dass viele</p><p>schmerzhafte und belastende Ereignisse aus sp�terer Sicht weniger schlimm wirken, weil sie doch nicht</p><p>die anfangs bef�rchteten tragischen Konsequenzen hatten, erkl�rt Holmes.</p><p>Studien an hautnah Betroffenen aus dem wirklichen Leben widersprechen der Idee der Verdr�ngung</p><p>noch radikaler als die Versuche unter k�nstlichen Laborbedingungen, betonen Crombag und</p><p>Merckelbach. Erwachsene und Kinder, die einen traumatischen Vorfall erleben, k�nnen sp�ter eine</p><p>psychiatrische Krankheit bekommen, die posttraumatische Belastungsst�rung oder PTSS. Eine grobe</p><p>Sch�tzung besagt, dass rund 20 Prozent derjenigen, die das Opfer von schweren Unf�llen,</p><p>Kriegshandlungen oder eines ernsten Verbrechens werden, eine PTSS entwickeln. Eines der</p><p>hervorstechendsten Merkmale einer posttraumatischen Belastungsst�rung besteht jedoch darin, dass die</p><p>Betreffenden immer wieder von den qualvollen Erinnerungen an das schreckliche Ereignis �berfallen</p><p>werden: Es ist noch nie beobachtet worden, dass PTSS-Patienten entscheidende Aspekte des Traumas aus</p><p>dem Bewusstsein verbannt h�tten.</p><p>Kein einziger Vietnam-Veteran, der unter PTSS leidet, hat seinen Aufenthalt im Feindesland</p><p>�vergessen�. Im Gegenteil: Das Problem dieser Veteranen ist, dass die Erinnerungen an das</p><p>Dschungeltrauma zu den ungelegensten Momenten hochkommen, konstatieren die holl�ndischen</p><p>Professoren.�Das Gleiche gilt, soweit wir wissen, auch f�r Menschen, die in Konzentrationslagern</p><p>gewesen sind. Auch diese Opfer haben das Problem, dass sie, was den Kern der Sache anbetrifft, eben</p><p>nicht vergessen k�nnen. �Auch Kinder, die Zeugen der Vergewaltigung ihrer Mutter oder des Mordes an</p><p>einem Elternteil wurden, hatten die traumatische Erinnerung nicht abgewehrt.�Der Schluss ist, dass die</p><p>verf�gbaren Feldstudien �ber die Art, wie Menschen mit schlimmen Traumen umgehen, keineswegs auf</p><p>das Vorkommen von Verdr�ngung deuten.�</p><p>Unser Ged�chtnis ist offenbar so konstruiert, dass sich emotional aufpeitschende Erinnerungen</p><p>besonders intensiv in das Archiv� einbrennen�. Und darauf h�tte man eigentlich mit dem gesunden</p><p>Menschenverstand kommen k�nnen, w�re er nicht durch die freudianische Irrlehre blockiert. Den</p><p>Verst�rkungseffekt k�nnen die Neurobiologen heute schon ziemlich genau im Gehirn verfolgen. Der</p><p>�Hippocampus�, der Schreib- und Lesekopf des Gehirns, der durchlebte Erfahrungen ins</p><p>Langzeitged�chtnis schreibt, arbeitet viel nachhaltiger, wenn gleichzeitig das Gef�hlszentrum</p><p>�Amygdala �die Emotionen aufheizt.</p><p>Auch die empirisch arbeitende Psychologie l�sst keine Zweifel daran, dass der sexuelle Missbrauch</p><p>von Kindern tragische Dimensionen besitzt und mit einer gesch�tzten Verbreitung von �ber 10 Prozent</p><p>ein gravierendes soziales Problem darstellt. Es fragt sich jedoch, ob Erinnerungen an derartige Traumata</p><p>tats�chlich im gro�en Stil verdr�ngt werden und aus der Enklave des Unbewussten heraus Schaden</p><p>anrichten, wie viele Psychotherapeuten heute mit dem Brustton der Emp�rung behaupten. Der h�chste</p><p>diese These best�tigende Wert stammt aus einer Umfrage von Therapeuten, die schwerpunktm��ig</p><p>sexuellen Missbrauch behandeln. 59 Prozent ihrer meist weiblichen Patienten gaben an, dass die</p><p>Erinnerung an den �bergriff zeitweise aus ihrem Bewusstsein verbannt gewesen war. In einer anderen</p><p>Umfrage �u�erten sich jedoch nur 18 Prozent der Betroffenen in diese Richtung, und von den unter 10-</p><p>j�hrigen Kindern, die der Ermordung eines Elternteils beiwohnen mussten, hatte keines die peinigende</p><p>Erinnerung unter den Teppich gekehrt.</p><p>Die Frage nach der Verdr�ngung war jedoch in den betreffenden Studien so vage formuliert, dass sie</p><p>eher den Beigeschmack von� verleugnen �und� nicht wahrhaben wollen �trug, kritisiert das</p><p>Psychologenteam um Elizabeth Loftus. Au�erdem hatten die behandelnden Psychotherapeuten beim</p><p>L�ften der zugesch�tteten Erinnerung milde gesprochen� Hebammen-Dienste �geleistet. Wenn die</p><p>idealisierte Figur des Therapeuten durchblicken l�sst, dass solche unbewussten Erinnerungen sehr h�ufig</p><p>seien, muss der Klient diese Suggestion fast automatisch auf sich selbst beziehen. Das h�ngt auch damit</p><p>zusammen, dass Menschen L�cken im eigenen Ged�chtnis sehr oft mit fabrizierten Inhalten f�llen, die als</p><p>�typisch �oder sozial erw�nscht gelten, meint Loftus.</p><p>Zweifel sind auch deshalb angebracht, weil Erinnerungen an die Zeit vor dem vierten oder f�nften</p><p>Lebensjahr ohnehin fast durchgehend einem� gro�en Vergessen �zum Opfer fallen, das als� infantile</p><p>Amnesie �bezeichnet wird. Erfahrungen sexuellen Missbrauches, die in diesen� Blackout �fallen, k�nnen</p><p>also durchaus ausradiert sein, ohne dass eine aktive Verdr�ngung vorliegt. Selbst Erwachsene haben oft</p><p>einen� Filmriss �bei wichtigen Vorkommnissen, die nur kurze Zeit zur�ckliegen. In einer Studie konnten</p><p>sich z. B. 14 Prozent der Befragten nicht eines Verkehrsunfalls entsinnen, der ihnen vor einem Jahr</p><p>zugesto�en war.</p><p>Crombag und Merckelbach kamen bei einer Umfrage unter Psychotherapeuten zu dem Ergebnis, dass</p><p>96 Prozent der Seelenheiler an die Existenz der Verdr�ngung glaubten. Fast ebenso viele waren</p><p>�berzeugt, dass der Akt der Verdr�ngung der Gesundheit schadet. Bezeichnenderweise herrscht der</p><p>Glaube vor, dass Verdr�ngung bei� anderen Leuten �massenhaft vorkommt.��berraschend ist, dass,</p><p>obwohl fast alle dem Ph�nomen Glauben schenken, bei weitem nicht alle es f�r m�glich halten, dass man</p><p>auch selbst etwas zu verdr�ngen hat. �In mehreren neuen Umfragen best�tigten zwischen 81 und 93</p><p>Prozent der befragten Psychotherapeuten, dass sie die in der Therapie aus der Verdr�ngung befreiten</p><p>Erinnerungen ihrer Klienten generell f�r bare M�nze halten. Ein typischer Kommentar lautete:�Wenn</p><p>eine Frau sagt, dass es (das hei�t sexueller Missbrauch in der Kindheit) passiert ist, dann ist es auch</p><p>passiert.�</p><p>Viele Therapeuten bauen einer solchen pr�parierten R�ckschau goldene Ged�chtnis-Br�cken, indem</p><p>sie mit suggestiven Vorgaben arbeiten, die zum Teil schon in B�chern kodifiziert sind. Beispiel:�Viele</p><p>Menschen, die mit den gleichen Symptomen k�mpfen wie Sie, haben in ihrer Kindheit extrem</p><p>schmerzliche Dinge erlebt. �Oder, noch schlimmer:�Was hat der Bastard Ihnen angetan?�Sehr oft</p><p>kommen in diesem Kontext fragw�rdige Techniken wie die Hypnose oder die Altersregression zum</p><p>Einsatz. Experimente zeigen jedoch, dass Hypnose nicht das Ged�chtnis, sondern lediglich das Vertrauen</p><p>in die hervorgekramten Ged�chtnisinhalte intensiviert (siehe Kapitel Hypnose). Und im Zustand der</p><p>Altersregression werden gar regelm��ig verdr�ngte� Erinnerungen �an die Entf�hrung durch Ufos</p><p>entfesselt.</p><p>Neben der Verdr�ngung im engeren Sinn, der� knallharten �und unbewussten Form, existiert auch</p><p>noch eine leichtere, weiche Variante: Der Mensch schlie�t Gedanken und Vorstellungen, die er nicht</p><p>wahrhaben will, gezielt und planm��ig aus dem Bewusstsein aus. Doch auch diese Form der Verdr�ngung</p><p>ist selten von Erfolg gekr�nt, stellen die beiden Holl�nder fest. Wer wissentlich einen markanten</p><p>Gedanken zu unterdr�cken versucht, erreicht nicht selten das Gegenteil. Der Gedanke schiebt sich mit</p><p>unb�ndiger Kraft in den Mittelpunkt. Jeder Exraucher und jeder, der gerade eine Di�t durchf�hrt, ist mit</p><p>diesem unliebsamen Effekt vertraut, den Wissenschaftler als� ironischen Prozess �bezeichnen.</p><p>Ironische Prozesse ereignen sich sehr h�ufig, wenn Personen versuchen, mentale Kontrolle �ber ihre</p><p>Gedankenwelt auszu�ben. Etwa dann, wenn man sich krampfhaft den Gedanken an eine bestimmte Sache</p><p>(zum Beispiel� wei�e B�ren�) aus dem Kopf schlagen will. Dann tritt zun�chst ein produktiver Prozess in</p><p>Kraft, der aktiv den ungewollten Gedanken vom Bewusstsein fern h�lt. Dazu kommt aber noch ein</p><p>weiterer, etwas schw�cherer ironischer Prozess. Er h�lt unterbewusst nach Anzeichen Ausschau, die</p><p>verraten, ob der produktive Prozess erfolgreich war, also letztlich nach wei�en B�ren. Fr�her oder sp�ter</p><p>nimmt der ironische Prozess �berhand: Man muss dann zwanghaft an wei�e B�ren denken.</p><p>In einer Studie konnten die holl�ndischen Psychologen zeigen, wie ironische Prozesse die</p><p>Verdr�ngung vereiteln. Darin wurden die Probanden aufgefordert, sich in ein ersch�tterndes Ereignis (den</p><p>Verlust einer geliebten Person) zur�ckzuversetzen. Dann erhielt die eine H�lfte der Teilnehmer die</p><p>Anweisung, diese Erinnerung eine Zeit lang bewusst zu vermeiden. Die andere H�lfte erhielt diesen</p><p>Auftrag nicht. Ironisches Ergebnis: Just die Versuchspersonen, die den Vergessensauf trag erhalten hatten,</p><p>schlugen sich am h�ufigsten mit der schmerzhaften Erinnerung herum.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen projizieren unangenehme Eigenschaften und Impulse auf andere, um sie nicht bei sich</strong></p><p><strong>selbst zu erkennen�</strong></p></title><p>Es ist in manchen Kreisen beinahe schon so etwas wie ein Gesellschaftsspiel, gewissen � meist</p><p>unsympathischen � Mitmenschen den Abwehrmechanismus der Projektion zu unterstellen. Projektion</p><p>bedeutet allgemein das� Hinausverlagern �innerer Eigenschaften in die Au�enwelt. In der Theorie der</p><p>Psychoanalyse bezeichnet Projektion die unbewusste, Angst abwehrende Verlagerung von Triebimpulsen,</p><p>W�nschen und Schuldgef�hlen auf andere Personen.</p><p>Schon in biblischer Zeit scheint heftig projiziert worden zu sein: Jesus tadelte die Heuchler, die den</p><p>Splitter im Auge des N�chsten bekritteln, aber den Balken im eigenen Auge nicht bemerken wollen. Die</p><p>Abwehr durch Projektion besteht darin, dass man einen Charakterdefekt oder einen Fehler weit von sich</p><p>weist und ihn bei anderen� entdeckt�. Klassische Beispiele: Ein Geizkragen bem�kelt die Knauserigkeit</p><p>der anderen. Der untreue Ehemann misstraut seiner Gattin. Heterosexuelle M�nner ziehen auff�llig</p><p>aggressiv �ber Schwule her und betonen mit Machospr�chen ihre Distanz zu den Homos � die</p><p>Projektionstheorie sagt: um eigene homophile Neigungen zu �berspielen.</p><p>Projektion ist angeblich h�ufig im Spiel, wenn Minderheiten von Mehrheiten ausgegrenzt werden.</p><p>Das f�llt leichter, wenn man ihnen negative Eigenschaften zuschreibt. Der Antisemitismus, so schreiben</p><p>T. W. Adorno und Max Horkheimer in der� Dialektik der Aufkl�rung�, ist im Kern eine Projektion:�Im</p><p>Bild des Juden, das die V�lkischen vor der Welt aufrichten, dr�cken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr</p><p>Gel�ste ist ausschlie�licher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. �Man kann sich die</p><p>b�sen W�nsche und Impulse nicht eingestehen, sie rumoren jedoch im Unbewussten herum, und man</p><p>wird sie los, indem man sie anderen unterschiebt.</p><p>Es bereitet erhebliche intellektuelle Befriedigung, andere Menschen dabei zu erwischen, wie sie sich</p><p>peinlicher oder unangenehmer Eigenschaften per Projektion entledigen. Aber so elegant sich auch mit</p><p>diesem Abwehrmechanismus im Alltag und in der soziologischen Theorie jonglieren l�sst � das Konzept</p><p>h�lt seiner empirische �berpr�fung nicht stand. Es ist ziemlich genau hundert Jahre her, dass Sigmund</p><p>Freud den Mechanismus der Projektion in die Psychoanalyse einf�hrte.�Aber es sind in dieser Zeit keine</p><p>Forschungsbefunde produziert worden, die das Vorkommen der Projektion unterst�tzen w�rden�, zieht</p><p>der Psychologe David S. Holmes Bilanz.<sup>5</sup> Er besteht darauf,�dass es nicht gerechtfertigt ist, weiterhin</p><p>dieses Konzept zu benutzen, wenn man menschliches Verhalten verstehen oder erkl�ren will�.<sup>6</sup></p><p>Um �berhaupt sinnvoll zu sagen, ein Mensch projiziert irgendwelche Dinge auf andere Leute, m�ssen</p><p>mehrere Vorbedingungen erf�llt sein. Eine Voraussetzung besteht darin, dass die Person sich der</p><p>projizierten Eigenschaft bei sich selbst nicht bewusst ist. Schlie�lich besteht der Zweck einer</p><p>freudianischen Projektion ja ausdr�cklich darin, die schmerzliche Selbsterkenntnis abzuwehren. Das</p><p>Letzte, was ein feindseliger Homophobiker erfahren will, ist, dass er selbst ein latenter Schwuler ist. Eine</p><p>erfolgreiche Projektion sollte daher auch unweigerlich dazu f�hren, dass der Projizierende die kritischen</p><p>Merkmale bei sich selbst noch schlechter wahrnehmen kann als zuvor. Und sie sollte Spannungen</p><p>abbauen, weil das Abladen des Unerw�nschten auf andere naturgem�� Erleichterung bringt.</p><p>Bei der kritischen empirischen Pr�fung ist die Projektion in allen Punkten durchgefallen, unterstreicht</p><p>Holmes. So gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt daf�r, dass Menschen unangenehme Eigenschaften,</p><p>die quasi im blinden Fleck ihrer Selbstwahrnehmung liegen, auf andere Leute �bertragen. In den</p><p>betreffenden Untersuchungen sollten die Probanden sich dazu �u�ern, ob sie selbst bestimmte</p><p>unerw�nschte Eigenschaften besa�en; zus�tzlich wurde das� Expertenurteil �von Freunden und</p><p>Bekannten eingeholt. Im n�chsten Schritt sollten die Probanden angeben, ob bestimmte andere Personen</p><p>die unangenehmen Merkmale besa�en. Fazit: Es gab keinerlei Tendenz, bei sich selbst verleugnete (aber</p><p>von Freunden erkannte) Makel auf andere zu projizieren. Der viel zitierte projizierende, latent schwule</p><p>Homophobiker ist lediglich ein Phantasieprodukt.�Da es keine Indizien daf�r gibt, dass unbewusste</p><p>Pers�nlichkeitsmerkmale projiziert werden, kann man auch nicht behaupten, dass die Projektion dazu</p><p>dient, die Selbsterkenntnis abzublocken.�</p><p>Die Versuchsteilnehmer lie�en indes eine deutliche Neigung erkennen, anderen Merkmale</p><p>anzudichten, die sie bei sich selbst sehr klar wahrnehmen konnten. Daf�r gibt es in der Forschung</p><p>mittlerweile viele Beispiele. Gro�z�gige Menschen �bersch�tzen im statistischen Durchschnitt die</p><p>H�ufigkeit, mit der der Wesenszug Gro�z�gigkeit bei anderen Menschen vorkommt. Wer gerade w�hlen</p><p>geht, schl�gt die Beispielhaftigkeit der eigenen Wahlentscheidung in der Regel zu hoch an. Doch bei</p><p>diesem Verhalten kann man unm�glich von einem freudianischen Abwehrmechanismus sprechen. Wir</p><p>werden einfach alle bis zu einem gewissen Grad von der naiven Vorstellung geleitet, dass andere</p><p>Menschen denken und f�hlen wie wir.</p><p>Und auch der Stressabbau durch vollzogene Projektion geh�rt ins M�rchenreich. Das beweisen</p><p>Experimente, deren Teilnehmer Tests ausf�llten und dann die unangenehme (aber get�rkte) R�ckmeldung</p><p>erhielten, sie h�tten sehr schlecht bez�glich des gemessenen Merkmals (zum Beispiel Intelligenz oder</p><p>Kreativit�t) abgeschnitten. Dann wurde eine Gelegenheit zur Projektion geboten: Die Teilnehmer durften</p><p>mutma�en, wie schlecht andere Leute bei dem betreffenden Test fahren w�rden. Quintessenz: Die</p><p>Versuchspersonen, die anderen Leuten ung�nstige Ergebnisse unterjubelten, wiesen in ihren Biosignalen</p><p>den gleichen Grad an Stressbelastung auf.�Keine einzige Hypothese, die darauf hinausl�uft, dass</p><p>Projektion ein Abwehrmechanismus ist, wird durch die Daten unterst�tzt�, schlie�t Holmes seine</p><p>Expertise ab.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen k�nnen niedere Triebe durch den Abwehrmechanismus der Sublimierung auf h�here</strong></p><p><strong>Ziele umlenken�</strong></p></title><p>Eine bedeutende Methode,�explosive �Triebimpulse unsch�dlich zu machen, besteht nach</p><p>Darstellung der Psychoanalyse im Abwehrmechanismus der Sublimierung. Die Sublimierung ist in dieser</p><p>Terminologie die unbewusste Abwehr eines sexuellen Impulses und die Umleitung der psychosexuellen</p><p>Energie auf ein anderes, nichtsexuelles Handlungsfeld.</p><p>Menschen sublimieren unbewusste Anwandlungen, indem sie die aufgestaute Energie in kulturelle</p><p>und geistige Leistungen �berf�hren. Sublimieren bedeutet praktisch,�Schmutz �mental in Gold zu</p><p>verwandeln.</p><p>Die Sublimierung, die als reifster aller Abwehrmechanismen gilt, ist l�ngst in den Bestand der</p><p>Volksweisheit und des gesunden Menschenverstandes �bergegangen. V�llig zu Unrecht, wie eine</p><p>Forschergruppe um den Psychologen Roy F. Baumeister von der Case Western Reserve University,</p><p>Cleveland, nach einer umfassenden Durchsicht der Literatur erkl�rt.<sup>7</sup>�Wir haben nicht den kleinsten</p><p>Hinweis darauf gefunden, dass Menschen sich gegen unakzeptable W�nsche und Leidenschaften wehren,</p><p>indem sie diese in sozial w�nschenswerte Leistungen umsetzen und dadurch irgendetwas H�heres</p><p>erzielen, �Genau genommen war in der sozialpsychologischen Fachliteratur der letzten Jahrzehnte nicht</p><p>ein Beitrag zu entdecken, der auch nur etwas entfernt �hnliches wie die Sublimierung aufgezeigt h�tte.</p><p>Auch der Blick auf einige kulturgeschichtliche Ph�nomene lehrt nach Auffassung der Autoren, dass</p><p>die Vorstellung der Sublimierung partout nicht der Realit�t entsprechen kann. So war beispielsweise die</p><p>Periode der gr��ten sexuellen Enthaltsamkeit in den USA die Zeit des� wilden Westens�. Es kann jedoch</p><p>absolut nicht behauptet werden, dass diese �ra sich durch irgendwelche herausragenden kulturellen</p><p>Errungenschaften ausgezeichnet h�tte. Zwar brachte die Viktorianische �ra auf dem europ�ischen</p><p>Kontinent tats�chlich eine Reihe von Entdeckungen und kreativen Leistungen hervor. Aber das traf</p><p>ebenso auf das vorausgegangene Zeitalter der Aufkl�rung zu, die eher durch ungez�gelte</p><p>Ausschweifungen bestach.</p><p>�Wenn sexuelle Energie in intellektuelle Leistungen �berf�hrt werden k�nnte, m�ssten Personen, die</p><p>einen sehr hohen Bildungsstand erzielen oder geistig anspruchsvolle T�tigkeiten aus�ben, weniger Sex</p><p>haben als andere. �Doch wie die empirischen Daten beweisen, trifft genau das Gegenteil zu: Hochgradig</p><p>Gebildete haben h�ufiger Sex und mit mehr wechselnden Partnern, sie praktizieren eine gr��ere Zahl von</p><p>sexuellen Spielarten, und sie haben mehr au�ereheliche Aff�ren. Das ist nur schwer mit der These zu</p><p>vereinbaren, dass intellektuelle Leistungen sich aus� niederen �Triebenergien speisen.</p><p>Man k�nnte auch versuchen, die intellektuellen Leistungen katholischer Geistlicher � die im Z�libat</p><p>leben � mit jenen j�discher Geistlicher � die heiraten � zu vergleichen.�Es gibt jedoch erhebliche</p><p>Zweifel, dass dieser Vergleich zu der Einsicht f�hren w�rde, dass die sexuelle Enthaltsamkeit Katholiken</p><p>dazu befl�gelt h�tte, die gr��eren intellektuellen und k�nstlerischen Leistungen beizusteuern. �In einer</p><p>aufschlussreichen Langzeitstudie wurden 100 im Z�libat lebende Geistliche �ber einen</p><p>Zehnjahreszeitraum beobachtet.�Nichts deutete darauf hin, dass der Verzicht auf Sexualit�t diesen</p><p>Menschen die Kraft zu bedeutenden T�tigkeiten gegeben h�tte. �Ein gro�er Teil der Betroffenen stellte</p><p>den Nutzen der Enthaltsamkeit selbst kritisch in Frage, und die Unzufriedenheit mit dem Z�libat war das</p><p>wichtigste Motiv einiger Probanden f�r die Beendigung der geistlichen Karriere.</p><p>Schlie�lich, �berlegen die Wissenschaftler mit einem un�berh�rbaren Unterton der Ironie, best�nde</p><p>noch die M�glichkeit, das Sexualleben der ber�hmtesten Musiker, Schriftsteller und Maler des</p><p>Jahrhunderts unter die Lupe zu nehmen.�Aber unz�hlige anekdotische Hinweise lassen bei uns Zweifel</p><p>aufkommen, dass wir dabei Hinweise finden k�nnten, die mit dem Konzept der Sublimierung vereinbar</p><p>sind.�</p></section><section><title><p><strong>�Es gibt ein Unbewusstes, das mit brodelnden Leidenschaften unser Handeln steuert�</strong></p></title><p>Mit einem Eisberg, von dem nur eine winzige Spitze aus dem Wasser ragt, hat Sigmund Freud das</p><p>menschliche Bewusstsein verglichen. Tief unter der Oberfl�che brodelt das Unbewusste, das uns mit</p><p>verdr�ngten Leidenschaften und Trieben wie eine Marionette durchs Leben zerrt. Die moderne</p><p>Psychologie besch�ftigte sich lange Jahre nur mit dem sichtbaren Verhalten und mit bewussten</p><p>Denkabl�ufen, die abgefragt werden k�nnen. Das� Unbewusste �galt als� Hokuspokus�, weil es nicht zu</p><p>messen und zu testen war. Aber es stellte sich bald heraus, dass ein gro�er Teil des Denkens tats�chlich</p><p>�hinter den Kulissen �stattfindet.</p><p>Zum Beispiel beim Lesen, wenn man ohne nachzudenken und� mit Lichtgeschwindigkeit �den Sinn</p><p>der W�rter entziffert.</p><p>Heute zeigt sich immer deutlicher, dass sich die� Zahnr�der �des Verstandes zu einem betr�chtlichen</p><p>Anteil im Dunkeln drehen. Aus moderner Sicht erscheint das Unbewusste jedoch immer deutlicher als</p><p>ein blo�es Anh�ngsel des Verstandes, ein Hilfscomputer, der ohne Emotionen und ziemlich mechanisch</p><p>Aufgaben erf�llt, die die Aufnahmef�higkeit des Bewusstseins �bersteigen, hebt der amerikanische</p><p>Psychologe Anthony G. Greenwald in einer �bersicht hervor.<sup>8</sup></p><p>Auch wenn jemand mit seiner Hand eine genau einge�bte Bewegung vollf�hrt, laufen in den kleinen</p><p>grauen Zellen des Gehirns unbewusste Rechenvorg�nge ab. Das bedeutet, dass das Unbewusste h�ufig</p><p>komplizierte Erw�gungen anstellt, die �ber die geistigen F�higkeiten des Bewusstseins hinausgehen</p><p>k�nnen. F�r diese verborgenen Verstandesleistungen werden allerdings heute zunehmend Begriffe wie</p><p>�implizites �oder� prozedurales �Lernen verwendet.</p><p>Von diesem Ph�nomen zeugen auch Untersuchungen, in denen die Versuchspersonen zun�chst</p><p>aufgefordert wurden, eine Liste von W�rtern zu studieren. Dann setzte man ihnen lediglich</p><p>Wortfragmente vor, die sie wiederum erg�nzen sollten. Dabei handelte es sich um Teile sowohl neuer als</p><p>auch bereits von der ersten Versuchsphase her bekannter W�rter. Im Endeffekt wurden die Fragmente, die</p><p>Teil eines bereits gezeigten Begriffes waren, wesentlich schneller vervollst�ndigt. Dieses Ph�nomen, das</p><p>auch als Ersparnis-Effekt oder� Priming �bezeichnet wird, funktionierte selbst dann, wenn die</p><p>Teilnehmer irrt�mlich glaubten, sie h�tten das Wort nie geh�rt. Neben den expliziten Erinnerungen, die</p><p>man ganz bewusst hervorholt und vor dem geistigen Auge Revue passieren l�sst, gibt es offenbar auch</p><p>noch implizite Spuren im Ged�chtnis, die� hinter dem R�cken �des Bewusstseins wirken.</p><p>Doch alle diese Leistungen des kognitiven Unbewussten � das die kognitiven Psychologen gar nicht</p><p>�das Unbewusste �nennen, haben gar nichts mit dem psychoanalytischen Mythos gemeinsam, betont</p><p>Greenwald. Es ist eine Tatsache, dass Versuchspersonen manchmal auf unterschwellige (subliminale)</p><p>Reize reagieren, die ihnen f�r Sekundenbruchteile an den Grenzen der Wahrnehmungsf�higkeit</p><p>dargeboten werden.</p><p>Doch dabei handelt es sich um hochgradig subtile Stimuli, die hochgradig subtile Effekte erzielen und</p><p>in k�rzester Zeit wieder verfliegen. Dem freudianischen Unbewussten sind solche Eigenschaften indes</p><p>fremd: Die Triebkr�fte des psychoanalytischen Unbewussten haben intensiv und dauerhaft zu sein.</p><p>Au�erdem zeichnet es sich durch� Durchtriebenheit �und einen gigantischen Informationsgehalt aus. Das</p><p>kognitive Unbewusste, das man mit Experimenten eingefangen hat, ist dagegen schlicht und berechenbar.</p><p>Es ist durchaus zutreffend, dass viele Menschen �ber ihre eigenen unangenehmen Pers�nlichkeitsz�ge</p><p>�hinwegsehen �und unangenehme Tatsachen des Lebens� verleugnen�. Es gibt sogar einen speziellen</p><p>Pers�nlichkeitstyp, den� Repressor�, bei dem diese Form der Selbstt�uschung zu einer festen</p><p>Charaktermaske erstarrt. Repressoren haben die Tendenz, schmerzliche Realit�ten gewohnheitsm��ig</p><p>unter den Teppich zu kehren. Doch dieser Akt des Selbstbetruges ist nicht wirklich� unbewusst�, betont</p><p>Greenwald. Man kann schmerzhaften Einsichten und Situationen auch aus dem Weg gehen, ohne eine</p><p>vollst�ndige geistige Analyse zu vollziehen. In den meisten F�llen reichen kleine Warnhinweise, um das</p><p>drohende Unheil geistig abzublocken. Das l�uft etwa so ab, wie wenn man seine Post auf unerw�nschte</p><p>Werbezuschriften pr�ft. In den meisten F�llen kann man den� Junk �an kleinen Hinweisreizen wie dem</p><p>geringen Porto erkennen, ohne dass man den Inhalt entnehmen und lesen m�sste. Repressoren riechen im</p><p>Leben beim kleinsten Hinweis auf schmerzhafte Einsichten Lunte � und brechen an dieser Stelle die</p><p>Informationsverarbeitung ab.</p></section><section><title><p><strong>�Irgendwo in der Seele wird ein vollst�ndiger Ged�chtnisfilm der Vergangenheit abgelegt�</strong></p></title><p>Eine mehr oder weniger offensichtliche Implikation des psychoanalytischen Gedankengeb�udes</p><p>besteht in dem Glauben, dass der gesamte Bewusstseinsstrom des Menschen in einer verborgenen</p><p>Archivierungsstelle abgespeichert wird. Auf unbewusster Ebene haben wir daher alle ein</p><p>�fotografisches �Ged�chtnis f�r unsere Vergangenheit. Alles, was wir jemals erfahren haben, ist</p><p>irgendwo abgelegt. Auf den Einfluss dieses Glaubens deutet eine Umfrage unter Psychotherapeuten hin,</p><p>die die beiden holl�ndischen Professoren Crombag und Merckelbach zitieren. Zwei Drittel der Befragten</p><p>glaubten fest daran, dass Erinnerungen immer eine genaue Widerspiegelung von dem darstellen, was</p><p>wirklich passiert ist. 41 Prozent gaben sich sogar der �berzeugung hin, dass man sich an sein erstes</p><p>Lebensjahr erinnern kann. Zwei Drittel benutzten f�r das Ged�chtnis Metaphern wie� Videofilm �oder</p><p>�Computer�, die auf die Vorstellung einer exakten Reproduktion anspielen.</p><p>�Solche Metaphern lassen ein unangebrachtes Vertrauen in die Genauigkeit von Erinnerungen</p><p>vermuten�, wenden die Autoren kritisch ein.�Wer denkt, dass unser Ged�chtnis fotografische Qualit�ten</p><p>besitzt, wird, so muss man bef�rchten, ungen�gend kritisch gegen�ber in der Therapie auftauchenden</p><p>wieder gefundenen Erinnerungen sein. �Dabei h�tten die Psychotherapeuten allen Grund, an der</p><p>fotografischen Wiedergabetreue unserer Erinnerungen zu zweifeln. Es herrscht n�mlich in der</p><p>Psychologie schon seit l�ngerer Zeit Einigkeit dar�ber, dass unsere allt�glichen Erinnerungen keineswegs</p><p>den� archivarischen �Charakter haben, den wir von unseren technischen Speichermedien kennen. So</p><p>entdeckte Ebbinghaus, der Altvater der Ged�chtnisforschung, bereits im vergangenen Jahrhundert, dass</p><p>die gespeicherte Erinnerung, die so genannte Ged�chtnisspur, schon nach wenigen Minuten ungenau wird</p><p>und an Originaltreue verliert. Das Ged�chtnis, so der heutige Eindruck,�hortet �Erfahrungen nicht wie</p><p>verstaubte Museumsst�cke, sondern montiert die Vergangenheit bei Bedarf im Sinne eines</p><p>Indizienbeweises zusammen. Es ist kein Datenspeicher, sondern eher ein Theater, das mit seinem</p><p>Ensemble bruchst�ckhaft erhaltene Szenen neu interpretiert.</p><p>Das bedeutet aber auch, dass bei der Rekonstruktion der Vergangenheit Dinge mit einflie�en, die in</p><p>der urspr�nglichen� Aufnahme�(noch) nicht enthalten waren. Dazu geh�ren etwa Kenntnisse �ber den</p><p>betreffenden Sachverhalt, die erst in der Zwischenzeit hinzugekommen sind, aber auch kulturell</p><p>vermittelte Klischeevorstellungen und das Bed�rfnis, sich selbst in ein m�glichst positives Licht zu</p><p>r�cken. Wie sehr die in einer Gesellschaft grassierenden Stereotype den� Blick zur�ck �verf�lschen</p><p>k�nnen, zeigte sich, als man Versuchspersonen aus unserem Kulturkreis Eskimom�rchen nacherz�hlen</p><p>lie�. In den betreffenden M�rchen waren Details vorhanden (zum Beispiel Kanus oder das Jagen von</p><p>Seehunden), die sehr genau auf ethnische Besonderheiten gem�nzt waren. Die Probanden, die die</p><p>Nacherz�hlungen ablieferten, ersetzten diese� Spezialit�ten �jedoch sehr h�ufig durch Surrogate, die</p><p>ihren eingefahrenen kulturellen Vorstellungen entsprachen, zum Beispiel durch� Boote �und� Fischen�.</p><p>Die Erinnerung ist nicht reproduktiv, sondern konstruktiv.</p><p>Bis vor kurzem glaubten aber auch die Psychologen, dass sich zumindest schlaglichtartige</p><p>Erinnerungen, die einen dramatischen Touch besitzen und emotional bedeutsame Momente beinhalten,</p><p>im Gehirn� einbrennen �und �ber lange Zeit originalgetreu haften bleiben. Die Frage, wo man war, als</p><p>Kennedy erschossen wurde, diente oft genug als Schnelltest zur Diagnose von Geistesschw�che. Die</p><p>beiden Psychologen Ulric Neisser und Nicole Harsch von der Emory-Universit�t haben jetzt die Probe</p><p>aufs Exempel gemacht und sind dabei auf F�lschungen und Verzerrungen gesto�en, die geradezu</p><p>orwellsche Dimensionen haben.9</p><p>Rund 100 Versuchspersonen sollten am Morgen nach dem fatalen Raketenstart der Raumf�hre</p><p>Challenger im Jahr 1986 schriftlich die Umst�nde festhalten, unter denen sie von dem Desaster erfahren</p><p>hatten. Gefragt wurde nach sieben exakt formulierten Punkten, zum Beispiel: Wo waren Sie, wer war bei</p><p>Ihnen, und woher kam die Information? Etwa die H�lfte der urspr�nglichen Probanden wurde nach</p><p>mehreren Jahren wieder kontaktiert und bekam die alte Liste neu vorgelegt. In allen F�llen, in denen sich</p><p>Unstimmigkeiten ergaben, stocherten die Forscher mit Suggestionen, Fangfragen und� Eselsbr�cken�</p><p>nach.</p><p>Die Ergebnisse lassen teilweise an den Film� Total Recall �denken, in dem sich Arnold</p><p>Schwarzenegger fiktive Abenteuer-Erinnerungen einpflanzen l�sst. Das f�ngt bereits damit an, dass drei</p><p>Viertel der Befragten �berhaupt keinen Schimmer mehr hatten, dass sie die ganze Befragung schon</p><p>einmal durchgemacht hatten. Ein Viertel der Befragten lieferte zum zweiten Zeitpunkt in allen sieben</p><p>Punkten eine abweichende Version. Von den sieben m�glichen �bereinstimmungen (zwischen damals</p><p>und heute) wurden im statistischen Durchschnitt gerade einmal 2,9 erreicht. Das hei�t, dass praktisch alle</p><p>Probanden im Nachhinein zentrale Aspekte komplett neu interpretierten.</p><p>Dabei kam es auch zu atemberaubenden Kabinettst�cken. Eine Probandin, die die schlimme</p><p>Botschaft urspr�nglich beim Essen in der Cafeteria vernommen hatte (�mir wurde richtig �bel�), entwarf</p><p>bei der zweiten Befragung eine schier unheimliche Revision:�Ich hing gerade in meiner Bude herum, als</p><p>ein junges M�dchen kreischend den Gang heruntergelaufen kam und schrie: &gt;Die Spaceshuttle ist</p><p>explodiert!&lt;�Es gibt nach Ansicht der Forscher keinen Hinweis darauf, dass die Episode mit dem</p><p>schreienden M�dchen je passiert ist. Vielleicht basiert sie auf der stereotypen Vorstellung dar�ber, wie</p><p>Menschen schockierende Neuigkeiten zugetragen bekommen. Vielleicht hatte die Probandin sich sogar</p><p>am Anfang selbst in die Rolle des schreienden M�dchens phantasiert.</p><p>Der Versuch, die verwischte Erinnerungsspur mit Hilfe von Anregungen und Suggestionen wieder</p><p>aufzufrischen, war v�llig vergeblich. Es gelang in keinem Falle, das durch� Deckerinnerungen�</p><p>verschleierte Original freizulegen. Zur Verbl�ffung der Wissenschaftler reagierten s�mtliche Teilnehmer</p><p>sogar mit ungl�ubigem Staunen, als man ihnen ihre urspr�ngliche Version vorlegte:�Das soll ich gesagt</p><p>haben?�, oder:�Ich glaube trotzdem, dass es anders war!�Der Grad der Sicherheit, mit dem die</p><p>Probanden ihren Erinnerungen vertrauten, hatte keinen Einfluss auf die Richtigkeit: Alle Probanden</p><p>hatten gro�es Vertrauen. Auch der lebhafte und plastische Charakter der Erinnerungen machte diese nicht</p><p>authentischer: Viele falsche Erinnerungen waren trotzdem extrem plastisch.</p><p>Erstaunlich hoch ist auch der Anteil der Teilnehmer, die die Quelle der schlechten Botschaft</p><p>nachtr�glich in die� Glotze �verlegten. Obwohl anfangs lediglich 20 Prozent durch das TV von dem</p><p>Ungl�ck erfahren hatten, meinten sp�ter 45 Prozent, sie h�tten es zuerst im Fernsehen gesehen.�Diese</p><p>TV-Priorit�t ist eine der eindeutigsten Tendenzen in unseren Daten�, meinen die Forscher. Wahrscheinlich</p><p>haben die Probanden die schrecklichen und eindringlichen Szenen sp�ter immer wieder auf der</p><p>Mattscheibe verfolgt, bis diese� Ereignischarakter �hatten. Au�erdem haben die meisten Leute wohl den</p><p>eingefahrenen Glauben, dass� man �solche schrecklichen Ereignisse aus dem Fernsehen erf�hrt. Damit</p><p>best�tigt sich auch eine Hypothese, die der amerikanische Psychologe F. C. Bartlett bereits in den</p><p>drei�iger Jahren aufstellte:�Wenn eine Person gebeten wird, sich zu erinnern, kommt ihr als Erstes sehr</p><p>oft etwas von der Art einer Einstellung in den Sinn. Die Erinnerung ist dann eine Konstruktion, die sehr</p><p>stark auf der Einstellung basiert und dazu dient, diese zu rechtfertigen.�</p><p>Es ist auch deshalb extrem unwahrscheinlich, dass im Ged�chtnis ein taufrischer Erinnerungsfilm der</p><p>Vergangenheit aufbewahrt wird, weil Erinnerungen sich schon durch geringf�gige Suggestionen</p><p>unwiderrufbar �berschreiben lassen, gibt die Psychologin Elizabeth Loftus zu bedenken. Auf die Frage</p><p>�Haben Sie das Vorfahrtsschild gesehen?�antworteten weit mehr Versuchspersonen mit Ja, als wenn in</p><p>der Frage� das �durch� ein �ersetzt war. Hatten sich die Probanden aber erst auf eine Antwort festgelegt,</p><p>waren sie partout nicht mehr davon zu �berzeugen, dass es in dem Film, den sie gesehen hatten (und der</p><p>kein Vorfahrtsschild enthielt), kein Vorfahrtsschild zu sehen gab. Sie lie�en sich weder durch Druck noch</p><p>durch Bestechung von ihrer Phantomerinnerung abbringen und waren sogar bereit, pers�nlich eine h�here</p><p>Geldsumme auf die Existenz des Vorfahrtsschildes zu setzen. Wenn die Frage lautete:�Was passierte, als</p><p>die Autos zusammenkrachten?�,�erinnerten �sich viel mehr Probanden an Glassplitter als bei der</p><p>(korrekten) Frage� Was passierte, als die Autos sich ber�hrten?�</p><p>Nun ist ein Vorfahrtsschild etwas v�llig anderes als eine Vergewaltigung. Kaum jemand bestreitet,</p><p>dass Details eines Erlebnisses oft ungenau erinnert werden. Aber k�nnen ganze Dramen ins Ged�chtnis</p><p>implantiert werden? Selbst so dramatische wie ein jahrelanger Missbrauch durch den Vater? Loftus</p><p>beantwortet auch diese Frage mit einem Ja. Als Beleg f�hrt sie ein anderes Experiment an: Sie bat einen</p><p>Kollegen, seinem 14-j�hrigen Bruder zu erz�hlen, er sei als kleines Kind einmal in einem Kaufhaus</p><p>verloren gegangen. Zwei Tage sp�ter begann der Junge, diese Geschichte weiterzuerz�hlen,</p><p>ausgeschm�ckt mit Details �ber das Kaufhaus, den Mann, der ihn gefunden habe, und die Panik, die er</p><p>gehabt habe. Die� Implantation �lie� sich sp�ter auch bei anderen Kindern wiederholen.</p><p>Auch ein anderes Experiment beweist, wie leicht es ist, dem Ged�chtnis� R�uberpistolen�</p><p>aufzupfropfen. Den Forschern gelang es, Kindern durch hartn�ckige Wiederholung einer erfundenen</p><p>Geschichte die Erinnerung daran aufzuschwatzen, wie sie mit dem Finger in eine Mausefalle geraten</p><p>waren. Eigenst�ndig begannen sie schlie�lich, Geschichten von der Fahrt ins Krankenhaus und dem</p><p>Verband, den sie bekommen hatten, zusammenzufabulieren.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen bleiben oft unbewusst auf ihre fr�hkindliche Sexualit�t fixiert�</strong></p></title><p>Eine beliebte Form, anderen Leuten eins auszuwischen, besteht in der Unterstellung, sie seien auf ihre</p><p>�orale �oder� anale �Phase fixiert � wobei die anale Variante einen besonders fiesen Unterton besitzt.</p><p>Dahinter steckt der Glaube der Psychoanalyse, dass Menschen in ihrer fr�hen Kindheit verschiedene</p><p>�pr�genitale �psychosexuelle Entwicklungsstufen durchlaufen, die in der reifen, auf die Genitalien</p><p>bezogenen Erotik m�nden. Die K�rperstellen, aus denen kleine Kinder ihre Lust beziehen, wechseln sich</p><p>im Lauf dieser Perioden ab. Der Zyklus beginnt mit der� oralen �Phase, dann folgt die� anale �und zum</p><p>kr�nenden Abschluss werden die Geschlechtsteile mit der Libido� besetzt�.</p><p>Die orale Phase verdankt ihren Namen der Tatsache, dass die libidin�se Befriedigung bis zum</p><p>achtzehnten Lebensmonat aus der Nahrungsaufnahme und den damit verbundenen K�rperteilen � dem</p><p>Mund, den Lippen und der Zunge � bezogen wird. Die Befriedigung der oralen Sehns�chte f�hrt</p><p>Spannungslosigkeit und Schlaf herbei. Unter ung�nstigen Umst�nden k�nnen Menschen jedoch f�r ein</p><p>Leben lang in der oralen Phase stecken bleiben: Sie sind oral� fixiert�. So sollen Menschen, deren orale</p><p>Bed�rfnisse �berm��ig frustriert wurden, dazu neigen, stets pessimistisch Entt�uschungen</p><p>vorwegzunehmen.</p><p>Der Glaube an den oralen Charakter findet jedoch in den empirischen Forschungen keine</p><p>Unterst�tzung, zieht Dieter E. Zimmer Bilanz.<sup>10</sup> Er kollidiere unter anderem mit der Beobachtung, dass</p><p>Kinder mit Gaumen- oder Lippenspalten, die nie an irgendetwas saugen konnten, keineswegs vermehrt zu</p><p>oralen Pessimisten wurden oder in sonstige seelische Schwierigkeiten gerieten. Laut Zimmer musste</p><p>selbst ein Fachblatt f�r Psychoanalytiker ratlos eingestehen, dass die betreffenden Kinder� geradezu</p><p>erstaunlich unauff�llig und normal �waren.</p><p>Auf die orale folgt die anale Phase: Jetzt sollen die Schleimh�ute des Anus die empfindsamste</p><p>�erogene Zone �sein. Auf dieser Entwicklungsstufe wird das Ausscheiden der Exkremente als k�rperlich</p><p>lustvoll erlebt. Die anale Phase soll aber auch einen sadistischen Charakter haben, der sich in einem</p><p>�Bem�chtigungstrieb �gegen�ber den Objekten ausdr�ckt und zuweilen ins Grausame umschl�gt. Wird</p><p>das Kind durch eine unangemessene Reinlichkeitserziehung in seiner analen Lust frustriert, bleibt</p><p>angeblich eine anal fixierte Pers�nlichkeit zur�ck. Sie weist eine deutliche N�he zum deutschen</p><p>Volkscharakter auf und wird durch Sekund�rtugenden Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Z�higkeit</p><p>definiert.</p><p>So trefflich sich auch mit dem analen Charakter diffamieren l�sst, auch er hat den empirischen Test</p><p>nicht bestanden. Zahlreiche Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, einen</p><p>Zusammenhang zwischen der Reinlichkeitserziehung und dem Charakter herzustellen. Doch der Versuch</p><p>ist fehlgeschlagen, res�miert Zimmer:�Ein Zusammenhang zwischen der Strenge der</p><p>Reinlichkeitserziehung und dem Analcharakter wurde logischerweise mehrfach gesucht, aber niemals</p><p>gefunden.�</p><p>Dieses Schicksal teilt der Analcharakter �brigens mit dem �dipuskomplex, dem angeblichen</p><p>Meilenstein der freudschen Theorie. K�nig �dipus, der nach seiner Geburt von den Eltern getrennt</p><p>wurde, kehrt als Erwachsener zur�ck, nur um versehentlich seinen Vater zu ermorden und unwissentlich</p><p>seine Mutter zu heiraten. F�r Sigmund Freud war diese Gestalt aus der griechischen Trag�die ein Beweis</p><p>daf�r, dass Kinder starke sexuelle Empfindungen f�r ihren gegengeschlechtlichen Elternteil hegen und</p><p>sich ein Leben lang mit dem �dipuskomplex herumschlagen m�ssen.</p><p>Nichts k�nnte weiter von der Realit�t entfernt sein als dies, sagt die moderne Evolutionsbiologie. Bei</p><p>allen Lebewesen, die sich auf dem m�hsamen Wege der sexuellen Fortpflanzung vermehren, hat Inzucht</p><p>negative Konsequenzen f�r das Wohlergehen und die genetische Tauglichkeit (Fitness) der Kinder. Der</p><p>Nachwuchs aus einer Paarung zwischen Blutsverwandten ist weniger vital, stirbt fr�her und bringt eine</p><p>verringerte Zahl eigener Kinder zur Welt. Das liegt vor allem daran, dass jeder Organismus eine gewisse</p><p>Zahl �berdeckter (rezessiver) Erbfaktoren mit sich herumtr�gt, die mit Sch�den behaftet sind.</p><p>Nach Ansicht der modernen Wissenschaft hat die Natur zwei Sicherungen geschaffen, um dem</p><p>genetischen Risiko Inzest Schranken zu setzen. Einmal gibt es bei den meisten Tierarten die Tendenz,</p><p>dass ein Geschlecht (meist das m�nnliche) beim Erreichen der Sexualreife aus der Horde abwandert und</p><p>sich in der Fremde einen Partner sucht. Zum andern hat die Evolution den Organismen aber auch eine</p><p>sexuelle Aversion gegen Blutsverwandte mitgegeben, die als� Inzestschranke �bezeichnet wird.</p><p>�Personen, die von fr�hester Kindheit an eng zusammenleben, entwickeln eine sexuelle Aversion</p><p>gegeneinander �formulierte der Anthropologe Edward Westermarck das Prinzip schon vor 100 Jahren.</p><p>Da viele Lebewesen in der Natur Verwandte nicht direkt erkennen k�nnen, zieht unser Instinkt� enges</p><p>Zusammenleben in der Kindheit �als Indikator f�r Blutsbande heran. Die Individuen, die einem in den</p><p>ersten Lebensjahren nahe sind, stehen au�erhalb des sexuellen Appetites. Diese Theorie wurde vor allen</p><p>Dingen durch Untersuchungen in israelischen Kibbuzen untermauert: Die Kinder, die dort gemeinsam</p><p>aufgezogen wurden, suchten sich ihren Sexualpartner sp�ter immer au�erhalb.�All dies ist nicht g�nstig</p><p>f�r Freuds �dipus-Theorie�, schlie�t denn auch Zimmer.�Wenn in der Natur nicht Inzestw�nsche die</p><p>Regel sind, sondern Inzestvermeidung; wenn die Sexualit�t unter den Bedingungen prim�rer Vertrautheit</p><p>bei Tieren wie auch beim Menschen einer Hemmung unterliegt, dann kann die Z�rtlichkeit, die es</p><p>zwischen Kindern und Eltern gibt, nicht mehr als sexuell und mithin inzestu�s interpretiert werden.�</p><p>Daran �ndert auch das tragische Schicksal des �dipus nichts, denn dieser wurde ja eben nach der</p><p>Geburt von seinen Eltern getrennt, so dass erst gar keine Inzestschranke entstehen konnte. Das war die</p><p>perfekte, evolutionsbiologisch inspirierte Methode, um inzestu�se Leidenschaft zu entfachen. Der Mythos</p><p>spricht also in Wirklichkeit viel eher f�r Westermarck als f�r Freud. Offenbar hat bereits Sophokles mehr</p><p>Gesp�r f�r die Tatsachen des Lebens gehabt als der Wiener Seelenpionier. Und der war vielleicht nur</p><p>deshalb auf dem Holzweg, weil er von fr�hester Kindheit an von Kinderm�dchen erzogen wurde.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen k�nnen durch intensive Selbstbeobachtung Zugang zu ihren tieferen Antrieben</strong></p><p><strong>gewinnen�</strong></p></title><p>Auf den ersten Blick scheint der Mensch mit einem begnadeten Instrument der Selbsterkenntnis</p><p>ausgestattet zu sein � mit der� Introspektion�(Selbstbeobachtung), dem� Blick nach innen�. Besonders</p><p>die Psychoanalytiker huldigen diesem� bildgebenden Verfahren �so enthusiastisch wie Neurologen der</p><p>Positronen-Emissions-Tomographie oder Astronomen dem Hubble-Teleskop. Das freudsche Denken f�hrt</p><p>praktisch alle St�rungen und Symptome des Erwachsenenlebens auf unbewusste und verdr�ngte Impulse</p><p>zur�ck. Bei den betroffenen Personen ist offenbar die Introspektion durch einen� Knick in der Optik�</p><p>gest�rt: Sie k�nnen dem Verdr�ngten nicht ins Auge sehen. Doch mit psychoanalytischer Sch�tzenhilfe</p><p>l�sst sich diese Tr�bung gr�ndlich bereinigen. Am Ende ist es ja gerade die psychoanalytisch aufgekl�rte</p><p>Selbstbeschau, die dem Patienten die Konfrontation mit den schlummernden Monstern seiner Seele</p><p>erm�glichen soll. Aber auch die meisten anderen psychotherapeutischen Schulen gehen mehr oder minder</p><p>ausdr�cklich von der �berzeugung aus, dass der Blick nach innen den Patienten auf der Suche nach</p><p>Wahrheit weiterbringt.</p><p>Es ist jedoch eine der gr��ten Illusionen der Geistesgeschichte, dass die Introspektion einen</p><p>aussagekr�ftigen Zugang zum seelischen Innenleben gew�hrte. Der Blick nach innen liefert ebenso</p><p>�optische T�uschungen�, Irrt�mer und Illusionen, wie uns der (naive) Blick nach au�en Trugbilder wie</p><p>den Lauf der Sonne um die Erde vorgaukelt. Sozialpsychologen haben schon vor Jahrzehnten in</p><p>sorgf�ltigen Experimenten Beweise daf�r gesammelt, dass Menschen gar nicht wirklich in sich selbst</p><p>�hineinschauen�, wenn sie nach den Gr�nden ihres Handelns suchen. Wir erkennen unsere eigenen</p><p>Beweggr�nde nur schlecht, und die Introspektion hilft uns kaum weiter � wir glauben immer nur zu</p><p>wissen, warum wir etwas tun oder meinen.�Wir sagen mehr, als wir wissen k�nnen�, nannten die beiden</p><p>Psychologie-Professoren Richard Nisbett von der Michigan University und Timothy D. Wilson von der</p><p>University of Virginia in Charlottesville ihren bahnbrechenden Fachbeitrag.<sup>11</sup>�Wir sind uns selbst fremd�</p><p>taufte Wilson sp�ter ein entsprechendes Buchkapitel.<sup>12</sup></p><p>Das pessimistische Urteil �ber unsere Innenschau basiert unter anderem auf einem Experiment, in</p><p>dem die Hilfsbereitschaft der Probanden getestet wurde. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmer in</p><p>vermeintlichen Notlagen umso mehr Beistand leisteten, je weniger Zeugen anwesend waren: Zuschauer</p><p>blockierten das Hilfehandeln. Aber die Probanden hatten auf Befragen nicht die geringste Ahnung, dass</p><p>ihr Verhalten von der (Nicht)Anwesenheit anderer beeinflusst worden war. Sagte oder zeigte man es</p><p>ihnen, stritten sie es beharrlich ab.</p><p>In einem anderen Experiment mimte der Versuchsleiter einen Marktforscher, der die Kundenmeinung</p><p>�ber vier Damenstr�mpfe erfahren wollte. Passanten sollten ihr Urteil �ber die Produkte abgeben, die</p><p>nebeneinander gelegt wurden. Was die Leute nicht wussten, war, dass es gar keine Unterschiede gab �</p><p>alle Str�mpfe waren gleich. Doch die meisten Befragten gaben eindeutig dem Strumpf auf der rechten</p><p>Seite den Vorzug. Aber auch von diesem Positionseffekt auf ihre Qualit�tswahrnehmung wussten sie</p><p>nichts, und als man sie fragte, ob eventuell die Position ihre Bewertung beeinflusst habe, stritten sie diese</p><p>vermeintliche Unterstellung entr�stet ab.</p><p>Ein andermal f�hrten die Versuchsleiter ihren Probanden einen Dokumentarfilm �ber Armut in der</p><p>Gro�stadt vor. Die Pr�sentation wurde jedoch bei einigen Teilnehmern durch Unsch�rfe, bei einigen</p><p>anderen durch schrille Ger�usche gest�rt. Als man die Zuschauer, die den Film bewertetet hatten, im</p><p>Nachhinein fragte, ob die St�rung ihre Bewertung abtr�glich beeinflusst habe, pflichteten die meisten bei.</p><p>De facto gab es aber gar keinen Einfluss der St�rung auf die Filmbewertung. Die Introspektion hatte die</p><p>Teilnehmer v�llig in die Irre gef�hrt. Dieses Ph�nomen trat auch bei Frauen auf, die mehrere Monate lang</p><p>�ber ihre Stimmungsschwankungen Protokoll f�hren sollten. Gleichzeitig hielten die Frauen auch alle</p><p>�u�eren Faktoren wie das Wetter und den Wochentag fest. So lie� sich objektiv identifizieren, welcher</p><p>�u�ere Faktor m�glicherweise mit der Stimmung in Beziehung stand.</p><p>Hinterher wurden die Frauen selbst gefragt, welche Faktoren wohl ausschlaggebend gewesen seien.</p><p>Fazit: Die �bereinstimmung zwischen objektiven und subjektiven Beziehungen war verschwindend</p><p>klein. So ma�en die Frauen dem Faktor Schlaf im Nachhinein eine au�erordentliche Bedeutung f�r ihre</p><p>Stimmung bei, obwohl er objektiv ziemlich gleichg�ltig war. Der Wochentag, der den Frauen ziemlich</p><p>nebens�chlich vorkam, hatte jedoch objektiv einen hohen Stellenwert.�Das Beweismaterial rechtfertigt</p><p>also den gr��ten Pessimismus hinsichtlich der menschlichen F�higkeit, die eigenen Denkprozesse</p><p>zutreffend zu beschreiben�, nehmen Nisbett und Wilson Stellung.</p><p>Die Introspektion hatte in all diesen Experimenten � und in vielen anderen � gar nicht die wahren</p><p>Beweggr�nde des Verhaltens und des Beurteilens ans Tageslicht gebracht. Was sie ins Bewusstsein geholt</p><p>hatte, entsprach lediglich g�ngigen Theorien �ber das Zustandekommen von Verhaltensweisen und</p><p>Urteilen. Man denkt eben �blicherweise, dass L�rm w�hrend einer Filmvorstellung negativ auf die</p><p>Bewertung abf�rbt. Die Probanden hatten offensichtlich das Hinzuziehen �blicher Erkl�rungsmuster mit</p><p>Introspektion verwechselt. De facto betrachteten sie sich selbst von au�en wie einen Fremden und</p><p>zimmerten sich eine notd�rftige und plausible Theorie �ber die unbekannte Person zusammen. Dabei</p><p>orientierten sie sich jedoch nur an vordergr�ndigen Merkmalen und an Einfl�ssen, die sich leicht</p><p>verbalisieren lassen. Auch wenn wir glauben, uns selbst zu verstehen, umgarnen wir uns selbst doch nur</p><p>mit theoretischen Lehrgeb�uden, die auf kulturell verankerten Mythen und Dogmen, fl�chtig geh�rten</p><p>Klischees oder weit verbreiteten Scheinerkl�rungen beruhen.</p><p>Unsere Antriebskr�fte (etwa unsere nachlassende Hilfsbereitschaft in der Anwesenheit von Zeugen)</p><p>sind nicht wirklich im freudschen Sinne verdr�ngt. Wir haben sie nie gekannt, denn sie sind, wie alle</p><p>gro�en Geheimnisse der Natur, von einem Schleier des Nichtwissens umh�llt. Das psychologische</p><p>Wissen � die Wahrheit �ber uns selbst � kann der Unwissenheit nur in m�hevoller Kleinarbeit abgetrotzt</p><p>werden, so wie Physiker mit winzigen Erkenntnisfortschritten die Wahrheit �ber die unbelebte Welt</p><p>hervorzukramen versuchen. Wir werden uns, so Nisbett und Wilson, umso mehr richtig erkennen k�nnen,</p><p>je besser die Theorien sind, die uns zur Verf�gung gestellt werden, und je weniger wir auf die falsche</p><p>F�hrte gelockt werden. Sigmund Freud hat uns mit einer schlechten Theorie auf den Holzweg geschickt.</p><p>Die Psychoanalyse und die meisten anderen Therapien verlangen uns offensichtlich etwas ab, was wir</p><p>nach den Ergebnissen solcher Forschungsarbeiten extrem schlecht k�nnen, meinen der amerikanische</p><p>Wissenschaftspublizist Ethan Watters und sein Landsmann, der Soziologie-Professor Richard Ofshe:</p><p>�Unsere Gedanken und Handlungen auf ihre mentalen Ursachen zur�ckf�hren.�<sup>13</sup> Dieser Skepsis schlie�t</p><p>sich auch der Philosoph Adolf Gr�nbaum an:�Es ist zwecklos und irref�hrend, Analysanden zu fragen,</p><p>warum sich ihr Zustand gebessert hat. Denn auch nach einer erfolgreichen Analyse h�tte der Patient</p><p>keinen privilegierten Zugang zu den tats�chlichen Mechanismen, die seine Ver�nderung bewirkt</p><p>haben.�<sup>14</sup></p><p>Weil wir alle so ausgesprochen schlecht darin sind, in uns� hineinzuhorchen�, verrennen wir uns auch</p><p>leicht in eine falsche Richtung, wenn wir �ber eine Entscheidung zu lange nachgr�beln, anstatt� aus dem</p><p>Bauch �zu handeln. Der Psychologe Timothy D. Wilson lie� seine Probanden in einer Studie mehrere</p><p>Proben Erdbeermarmelade nach deren Qualit�t bewerten, einmal ad hoc, einmal nach reiflicher</p><p>�berlegung.<sup>15</sup> Fazit: Das aus dem Bauch gef�llte Urteil stimmte meist mit dem von konsultierten</p><p>Fachleuten �berein. Die, die auf Kommando lange gr�belten, r�ckten dagegen immer weiter vom</p><p>Expertenurteil ab.</p><p>Das Muster best�tigte sich, als Versuchspersonen sich f�r eins von mehreren kostenlosen</p><p>Zeitschriftenabonnements entscheiden sollten, entweder auf die Schnelle oder mit Bedenkzeit. Ergebnis:</p><p>Diejenigen, die zur Reflexion gen�tigt worden waren, bereuten ihre Wahl nach einem Jahr am meisten.</p><p>Das Nachdenken �ber spontane Empfindungen f�hrt oft in die Irre, weil man sich dabei von seinem</p><p>intuitiven Urteil entfernt.</p><p>Dann gewinnen pl�tzlich Klischees und Theorien an Gewicht, die man irgendwo aufgeschnappt hat,</p><p>oder man besinnt sich auf Regeln, die man f�r gesellschaftlich w�nschenswert h�lt.</p></section><section><title><p><strong>�Der Mensch kann seine Entscheidung aus freiem Willen treffen�</strong></p></title><p>Die Forschungsergebnisse der Sozialpsychologie n�hren den beunruhigenden Verdacht, dass der</p><p>Mensch in vielen Situationen die wahren Beweggr�nde seines eigenen Handelns nicht richtig</p><p>nachvollziehen kann. Doch diese Wahrnehmungsl�cke l�sst immer noch die tr�stliche M�glichkeit offen,</p><p>dass die Entscheidungen in einem abgelegenen, schwer einsehbaren Kommandozentrum des Verstandes</p><p>getroffen werden. Wir alle huldigen im Grunde der� mentalistischen �Vorstellung, dass die Ideen in</p><p>unserem Kopf den Ansto� zu unserem Handeln geben. Doch die experimentellen Befunde der</p><p>Gehirnforschung stellen seit ein paar Jahren den Glauben an die Herrschaft des Geistes �ber die Materie</p><p>radikal in Frage.�Das Gef�hl�, so behauptet Prof. Gerhard Roth, Gehirnforscher an der Universit�t</p><p>Bremen und Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs,�dass ich als bewusst handelndes Subjekt der Herr</p><p>meiner Handlungen bin, ist eine Illusion. Das Gehirn hat entschieden, bevor ich das Gef�hl habe, dass ich</p><p>das will, was ich gleich tun werde. �Der viel ger�hmte freie Wille des Menschen ist vermutlich genauso</p><p>verblendet, wie manch� kleines R�dchen �in einer riesigen B�rokratie: Obwohl es nur Entscheidungen</p><p>absegnet, die l�ngst an h�herer Stelle getroffen wurden, bildet er sich ein, selbst am Dr�cker zu sitzen.</p><p>Dies schwante zum ersten Mal zwei deutschen Wissenschaftlern im Jahre 1965. Der Neurophysiologe</p><p>Hans H. Kornhuber und sein Mitarbeiter L�der Deecke wollten mit Hilfe des EEG den Zusammenhang</p><p>zwischen willk�rlichen Hand- und Fu�bewegungen und den Wellenmustern im Gehirn erforschen. Dabei</p><p>stellten sie ein seltsames Ph�nomen fest: Bewegte die Versuchsperson die Hand oder den Fu�, lie� sich in</p><p>den Hirnstromkurven bereits etwa eine Sekunde vor der Handlung eine charakteristische Ausbuchtung</p><p>nachweisen. Gewisserma�en eine Vorwarnung, die Kornhuber und Deecke das� Bereitschaftspotenzial�</p><p>nannten.</p><p>Eine Sekunde, das war eine erstaunlich lange Zeit. Und als der Amerikaner Benjamin Libet,</p><p>Neurophysiologe an der University of California in San Francisco, die Studien aus Deutschland in die</p><p>Hand bekam, dr�ngte sich ihm f�rmlich eine Frage auf:�Ich dachte viele Jahre dar�ber nach�, so Libet</p><p>sp�ter,�wie diese knappe Sekunde vom Bewusstsein wahrgenommen wird. Oder anders ausgedr�ckt:</p><p>Wie viel Zeit vergeht zwischen der bewussten Entscheidung des Gehirns und der eigentlichen</p><p>Handlung?�Ganz sicher keine Sekunde. Wenn man die Hand ausstreckt, bewusst den Fu� bewegt, um</p><p>gegen die Wand zu treten, dann wartet man nicht so lange. W�re es so, wir w�rden uns im</p><p>Zeitlupentempo durch die Welt bewegen. Die einzige Erkl�rung war, dass das Bereitschaftspotenzial f�r</p><p>eine Handlung im Gehirn bereits eingesetzt hat, bevor wir uns bewusst zu einer Handlung entschlie�en.</p><p>Ein beunruhigender Gedanke, denn zu Ende gedacht w�rde er in Frage stellen, dass wir Herr unserer</p><p>Sinne und unserer Handlungen sind � dass der freie Wille, auf den wir so stolz sind, reine Makulatur ist.</p><p>Libet wollte und musste diese Zweifel in einem wissenschaftlichen Experiment �berpr�fen. In einem</p><p>denkw�rdigen Versuch wies er daher seine Probanden an, mehrmals hintereinander, aber unregelm��ig</p><p>und spontan einen Finger oder das Armgelenk der rechten Hand zu kr�mmen. Zugleich wurden sie</p><p>instruiert, sich auf einer vor ihren Augen ablaufenden Video-Uhr die Zeigerstellung einzupr�gen, bei der</p><p>ihnen der jeweilige Impuls in den Kopf kam. Ergebnis der Hirnstrommessung: Der bewusste</p><p>Gedankenfunke d�mmerte durch die Bank erst 0,3 bis 0,8 Sekunden nach dem Einsatz des</p><p>Bereitschaftspotenzials herauf. Als die Probanden erstmals mit dem Gedanken zum Kr�mmen des Fingers</p><p>spielten, waren die W�rfel l�ngst gefallen.</p><p>Nach diesen Befunden scheint es, als ob der freie Wille die Z�gel l�ngst nicht so fest in der Hand hat,</p><p>wie er sich selbst vormacht. M�glicherweise muss das Gehirn erst einige Sekundenbruchteile warm</p><p>laufen, bevor der bewusste Gedankenfunke ergl�ht, so wie das Bild auf einem Fernseher. Man kann</p><p>daraus schlie�en, dass der Willensakt nicht die Ursache der Bewegung ist, sondern nur ein Begleitgef�hl</p><p>zu der Handlung selbst, meint der Bremer Forscher Roth. Er geht den neuronalen Prozessen nicht voraus,</p><p>sondern er folgt ihnen.�Wenn ich also sage oder denke: &gt;Ich m�chte dies tun&lt;, hat das Gehirn sein</p><p>Wollen bereits einige 100 Millisekunden davor abgeschlossen�, folgert der Psychologie-Professor Niels</p><p>Birbaumer von der Universit�t T�bingen.</p><p>Libets Experimente l�sten eine st�rmische Debatte in der Gehirnforschung aus. War bei seinen</p><p>Experimenten alles mit rechten Dingen zugegangen? Waren seine Messungen vielleicht ungenau?</p><p>Verschiedene Wissenschaftler, auch solche, die Libets Messungen anzweifelten, wiederholten seine</p><p>Versuche. Sie kamen alle zu denselben Ergebnissen. Trotzdem blieb eine gravierende Frage offen: Warum</p><p>merken wir nichts von dieser Verz�gerung? Warum glauben wir, dass Entschluss und Handlung</p><p>unmittelbar aufeinander folgen? Auch daf�r hatte Libet eine These parat. Bei Versuchen, die er mit</p><p>Patienten (mit deren Einwilligung!) durchgef�hrt hatte, denen f�r eine Gehirnoperation die Sch�deldecke</p><p>ge�ffnet worden war, war er auf ein seltsames Ph�nomen gesto�en: Das Gehirn betr�gt sich selbst. Es tut</p><p>alles, um die Tatsache vor sich selbst zu verbergen, dass das Bewusstsein verz�gert einsetzt, und</p><p>projiziert das bewusste Erleben etwa eine halbe Sekunde zur�ck.</p><p>Unglaublich? Nicht, wenn man sich vor Augen f�hrt, was geschieht, wenn man sich schneidet oder an</p><p>einer hei�en Herdplatte verbrennt. Man zieht blitzschnell die Hand zur�ck, mit einer gewissen</p><p>Verz�gerung denkt und ruft man� Aua�, sp�rt dann erst den Schmerz und hat doch das Gef�hl, dass das</p><p>Verbrennen, der Schmerz, das Zur�ckziehen der Hand und der Schmerzensschrei im gleichen Augenblick</p><p>stattgefunden haben.</p><p>Das Gehirn als System entscheidet also autonom, es braucht unseren freien Willen nicht. Im Lichte</p><p>seiner gesamten Erfahrung w�gt das Gehirn vielmehr blitzschnell ab, welche Handlungsalternative dem</p><p>Organismus n�tzt und welche ihm schadet.�Wir tun nicht, was wir wollen�, so Dr. Wolfgang Prinz,</p><p>Direktor am Max-Planck-Institut f�r Psychologische Forschung in M�nchen,�sondern wir wollen, was</p><p>wir tun!�Anders ausgedr�ckt: Der Mensch denkt, das Gehirn lenkt.</p><empty-line/><cite><p>1 Bornstein, Robert F. /Masling, Joseph M. (Hg.): <emphasis>Empirical perspectives on the psychoanalytic unconscious. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1998.</p><p>2 Garry, Maryanne et al.: <emphasis>Lie down and tell me about your childhood. </emphasis>In: Sergio Della Sala (Hg.): <emphasis>Mind myths. Exploring popular assumptions about the mind and brain. </emphasis>Willey Verlag, Chichester et al. 1999.</p><p>3 Crombag, Hans EM./Harald L.G. Merckelbach: <emphasis>Missbrauch vergisst man nicht. </emphasis>Verlag Gesundheit, Berlin 1997.</p><p>4 Holmes, David S.: <emphasis>The evidence for repression: An examination of sixty years of research. </emphasis>In: Jerome L. Singer: <emphasis>Repression and dissociation. </emphasis>University of Chicago Press, Chicago 1991.</p><p>5 Holmes, David S.: <emphasis>Dimensions of projection. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>Vol. 69 (1968), S. 248�268.</p><p>6 Holmes, David S.: <emphasis>Projection as a defense mechanism. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin, </emphasis>Vol. 85 (1978), S. 677�688.</p><p>7 Baumeister, Roy F. et al.: <emphasis>Freudian defense mechanisms and empirical findings in modern social psychology. </emphasis>In: <emphasis>Journal of Personality, </emphasis>Vol. 66 (1998), S. 1081�1124.</p><p>8 Greenwald, Anthony G.: <emphasis>Unconscious Cognition reclaimed. </emphasis>In: <emphasis>American Psychologist, </emphasis>Vol. 47 (1992), S. 766�779.</p><p>9 Neisser, Ulric/Harsch, Nicole: <emphasis>Phantom flashbulbs: False recollections of hearing the news about Challenger. </emphasis>In: E. Winograd/Ulric Neisser (Hg.): <emphasis>Affect and accuracy in recall-Studies of� flashbulb �memories: Vol. </emphasis>4. <emphasis>Emory Symposia in Cognition. </emphasis>Cambridge University Press, Cambridge 1992.</p><p>10 Zimmer, Dieter E.: <emphasis>Tiefenschwindel. </emphasis>Rowohlt Verlag, Reinbek 1986.</p><p>11 Nisbett, Richard E./Wilson, Timothy: <emphasis>Telling more than we can know � Verbal reports on mental processes. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Review, </emphasis>Bd. 84 (1977), S. 231�259.</p><p>12 Wilson, Timothy D.: <emphasis>Strangers to ourselves: The origins and accuracy of beliefs about one's own mental states. </emphasis>In: John H. Harvey/Gifford Weary (Hg.): <emphasis>Attribution: Basic issues and applications. </emphasis>Academic Press, New York 1985.</p><p>13 Watters, Ethan /Ofshe, Richard: <emphasis>Therapy's delusions. </emphasis>Scribner Verlag, New York 1999.</p><p>14 Gr�nbaum, Adolf: <emphasis>The foundations of psychoanalysis. </emphasis>University of California Press, Berkeley 1984.</p><p>15 Wilson, Timothy D./Schooler, J. W.: <emphasis>Thinking too much: introspection can reduce the quality of preferences and decisions. </emphasis>In: <emphasis>Journal of Personality and Social Psychology, </emphasis>Vol. 60 (1991), S. 181�192.</p><p>16 Lange, Volker: <emphasis>Die gro�e Illusion.</emphasis></p><p>http: //www.morgenwelt.de/wissenschaft/ 9902-gehirn.htm</p></cite></section></section><section><title><p>Schminke am Selbstbild</p></title><section><title><p>Es ist f�r die seelische Gesundheit erforderlich, ein aufrichtiges und</p><p>unverh�lltes Bild von sich selbst zu haben�</p></title><p>In der abendl�ndischen Kultur herrscht seit jeher die unbezweifelbare Gewissheit vor, dass es f�r den</p><p>Menschen heilsam ist, die Wahrheit �ber sich selbst zu erfahren. Bereits am Eingang zum Orakel von</p><p>Delphi prangte die epochale Devise� Erkenne dich selbst�, und auch der Volksmund besteht darauf, dass</p><p>Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei. Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass der</p><p>Mensch sich auf lange Sicht unweigerlich ins Ungl�ck st�rzt, wenn er unangenehme und traumatische</p><p>Dinge mit Nichtbeachtung (oder� Verdr�ngung�) straft.</p><p>Unsere Haltung zu allen Formen des Selbstbetruges ist von der tief verwurzelten rationalistischen</p><p>�berzeugung gepr�gt, dass die Wahrheit �ber uns selbst einen heilsamen Charakter besitzt.</p><p>Lehrbuchhaften Ausdruck findet diese Vorstellung in der Verdr�ngungstheorie der Psychoanalyse, die</p><p>davon ausgeht, dass wir mit Abwehrmechanismen unangenehme Wahrheiten aus dem Bewusstsein</p><p>verbannen. Am tiefenpsychologischen Geistesgut orientierte Psychotherapien versuchen daher mit aller</p><p>Macht, die Mauern der Verdr�ngung niederzurei�en. Aber auch alle anderen Formen der</p><p>�Seelenklempnerei �versuchen auf die eine oder andere Art, dem Patienten die Augen �ber sich selbst zu</p><p>�ffnen. Verdr�ngte oder ignorierte seelische Inhalte� g�ren �nach dieser �berzeugung im Dunkeln und</p><p>setzen dem Betreffenden mit Symptomen und Neurosen zu.</p><p>Solche� psychohygienischen �Erw�gungen, fasst der New Yorker Psychologe Harold A. Sackeim</p><p>zusammen, gehen davon aus, dass Selbstt�uschungen a) dazu dienen, Unannehmlichkeiten auszuweichen,</p><p>und b) letztlich der psychischen Gesundheit immer abtr�glich sind.<sup>1</sup> Doch zumindest der letzte Punkt</p><p>wurde in den vergangenen Jahren durch umfangreiche Forschungsarbeiten der Sozialpsychologie und der</p><p>klinischen Psychologie eindeutig widerlegt, betont Sackeim.�Es gibt eine riesige F�lle von Daten, die</p><p>beweisen, dass Illusionen und sch�ngef�rbte Selbstwahrnehmungen ein integraler Bestandteil der</p><p>seelischen Gesundheit sind�, stimmen die beiden amerikanischen Seelenforscher Shelley E. Taylor und</p><p>Jonathan A. Brown in ihrer viel beachteten �bersichtsarbeit zu.<sup>2</sup></p><p>Verzerrte Wahrnehmungen der Welt und der eigenen Person sind demnach nicht wahnhafte Symptome</p><p>einer zerr�tteten Psyche, sondern Merkmale� normalen �seelischen Funktionierens; ihre Abwesenheit</p><p>geht h�ufig mit tr�bsinnigen Empfindungen bis hin zur Depression einher. So unglaublich es klingen</p><p>mag: Seelisch kranke Menschen leiden oft eher an zu viel denn an zu wenig Ehrlichkeit sich selbst</p><p>gegen�ber. Das Organ Gehirn ist von der Evolution gar nicht in erster Linie auf Selbsterkenntnis, sondern</p><p>auf Selbsterhaltung angelegt, behauptet die moderne Soziobiologie. Um erfolgreich zu �berleben und</p><p>seine Gene zu vermehren, ist es aber h�ufig vorteilhaft, sich selbst und den anderen ein X f�r ein U</p><p>vorzumachen. Wer ein rosiges Bild von sich selbst kultiviert � und die anderen mit dieser Show �berzeugt</p><p>��hat im Daseins- und Fortpflanzungskampf h�ufiger die Nase vorn. Und am besten kann man andere mit</p><p>einer Vorstellung blenden, wenn man selbst daran glaubt.</p></section><section><title><p><strong>�Seelisch Gesunde nehmen ihre eigenen Wesensz�ge unverzerrt wahr�</strong></p></title><p>Wenn es wirklich einen Drang nach Selbsterkenntnis g�be, m�ssten die meisten seelisch gesunden</p><p>Menschen wenigstens halbwegs realistische Kenntnisse �ber ihre Pers�nlichkeit besitzen. Auf den ersten</p><p>Blick gibt es da kaum Zweifel, weil man selten Leuten begegnet, die sich etwa f�r Napoleon oder f�r</p><p>einen Fisch halten, gibt der Psychologe Jonathan D. Brown zu bedenken.<sup>3</sup> Aber selbst die zutreffende</p><p>Erkenntnis, ein Mensch zu sein, l�sst noch einen riesigen Spielraum f�r die Einsch�tzung, ob man etwa</p><p>ein kluger, humorvoller, kompetenter oder einf�hlsamer Mensch ist. Und mit diesem Urteil liegen die</p><p>meisten Menschen schief.</p><p>Zu jeder� ungeschminkten �Selbsterkenntnis geh�rt die Einsicht, dass man �ber angenehme und</p><p>weniger angenehme Eigenschaften verf�gt. Tatsache ist jedoch, dass sich die meisten Menschen auf ihre</p><p>eigene� Schokoladenseite �konzentrieren. Psychisch gesunde Versuchspersonen finden sich durch</p><p>Adjektive mit positivem Unterton in aller Regel wesentlich exakter beschrieben als durch negativ</p><p>angehauchte Attribute. Darum kommen �brigens in den Illustriertenhoroskopen fast nur freundlich</p><p>get�nte� Diagnosen �vor. Es hei�t dort nie:�Mit Ihrem verfluchten Egoismus werden Sie sich diese</p><p>Woche wieder viele Feinde machen. �An Erfolgserlebnisse kann der Durchschnittsmensch sich besonders</p><p>gut erinnern, w�hrend Misserfolge eher einer eigenartigen Ged�chtnisl�cke zum Opfer fallen. Zudem</p><p>neigt man dazu, sich f�r erfolgreiche Ausg�nge seines Handelns pers�nlich verantwortlich zu f�hlen,</p><p>w�hrend man die Schuld f�r ein Versagen lieber auf �u�ere Umst�nde schiebt. Sofern der Mensch</p><p>�berhaupt Schw�chen bei sich selbst diagnostiziert, spielt er diese gerne als� weit verbreitet �herunter,</p><p>die eigenen St�rken hingegen werden als� einsame Spitze �aufgefasst.</p><p>Schlie�lich sind die meisten seelisch gesunden Menschen davon �berzeugt, dass sie dem</p><p>�Durchschnitt �in einer Vielzahl von Bereichen �berlegen sind. 90 Prozent aller Befragten halten sich</p><p>selbst nach ihren Angaben in den entsprechenden demoskopischen Untersuchungen f�r</p><p>��berdurchschnittlich gute �Autofahrer. Dieser� Knick in der Optik �kann logischerweise gar nicht der</p><p>Realit�t entsprechen. Die meisten bilden sich etwas auf ihre �berdurchschnittlich gute Menschenkenntnis</p><p>ein. Die gro�e Mehrheit der Befragten ist �berzeugt, ein besseres Leben zu f�hren als der</p><p>Durchschnittsmensch. 70 Prozent aller Studenten billigen sich auf Befragen �berdurchschnittliche</p><p>F�hrungsqualit�ten zu, 85 Prozent meinen gar, sie seien kommunikationsfreudiger als der Rest der Welt.</p><p>94 Prozent aller Professoren erachteten ihre eigene Forschung f�r �berdurchschnittlich, 86 Prozent aller</p><p>Manager ihre ethische Haltung.</p><p>Das Bed�rfnis, Kontrolle �ber die Bedingungen des eigenen Lebens zu haben, ist nach Ansicht vieler</p><p>Psychologen tief in der menschlichen Seele verwurzelt. Es ist sogar imstande, dem Verstand einen Streich</p><p>zu spielen und die� Illusion von Kontrolle �vorzugaukeln, wo nur blinder Zufall oder unsichtbare Kr�fte</p><p>walten. In verschiedenen Experimenten hat sich gezeigt, dass normale, seelisch gesunde Probanden sich</p><p>verhalten, als h�tten sie Einfluss auf Ergebnisse, die de facto rein zufallsabh�ngig sind. In einem</p><p>fingierten Gl�cksspiel etwa rechneten sich die Teilnehmer mehr Chancen aus, wenn sie selber statt des</p><p>Versuchsleiters die W�rfel sch�tteln durften. Von ihnen selbst ausgesuchte Lotterielose kamen den</p><p>Probanden vielversprechender vor als von anderen f�r sie gezogene. In einer Versuchsordnung rechneten</p><p>sich die Probanden die gr��ten Chancen bei einem Gl�cksspiel aus, wenn sie gegen einen Gegner</p><p>spielten, der sch�big und heruntergekommen wirkte.</p><p>In einigen Untersuchungen wurde der IQ von Versuchspersonen getestet, die ein Urteil �ber ihre</p><p>eigene intellektuelle Leistungsf�higkeit abgegeben hatten. Fazit: Zwischen Selbsteinsch�tzung und</p><p>Testergebnissen bestand nur eine verschwindend geringe �bereinstimmung. Inkompetente Menschen</p><p>sind h�ufig nicht nur den Anforderungen ihres Fachgebiets weniger gewachsen, sondern wissen �berdies</p><p>auch nicht, wie inkompetent sie eigentlich sind. Dies hat David A. Dunning, Psychologe von der Cornell</p><p>University (USA), in einer Studie nachgewiesen.<sup>4</sup> Dunning lie� Versuchspersonen logische,</p><p>grammatikalische und humorvolle Fragen l�sen. Danach sollten sie selbst die Qualit�t ihrer Antworten</p><p>einsch�tzen. Es zeigte sich, dass diejenigen, die zum gro�en Teil richtig geantwortet hatten, auch</p><p>diejenigen waren, die sich eher untersch�tzt oder sich selbst in Frage gestellt haben. Diejenigen jedoch,</p><p>deren Antworten meist falsch waren, waren sich dessen nicht nur nicht bewusst, sondern sie neigten in</p><p>der Bewertung der Qualit�t ihrer Antworten auch zu der Ansicht, dass sie zu den Besten der Gruppe</p><p>geh�rten. Ihre Inkompetenz hatte ihnen offenbar die F�higkeit geraubt, (Inkompetenz bei sich und</p><p>anderen zu erkennen.</p><p>Menschen nehmen aber nicht nur ihre geistigen F�higkeiten, sondern auch ihre k�rperlichen Vorz�ge</p><p>durch eine Zerrlinse wahr, hebt Brown hervor. In einigen Experimenten beurteilten neutrale Beobachter</p><p>das Aussehen von Probanden, die ihre Attraktivit�t selbst eingesch�tzt hatten. Das Zwischenergebnis</p><p>nach 5.000 Beurteilungen: Es gab fast gar keine �bereinstimmung zwischen der eigenen und der fremden</p><p>Sicht. Eine �hnliche Diskrepanz kam ans Tageslicht, als Footballspieler und ihre Trainer gebeten wurden,</p><p>die F�higkeiten der Athleten zu taxieren. Die Einsch�tzungen der beiden Parteien trennten Welten.</p><p>Die Liste der Studien, die eine Kluft zwischen subjektivem und objektivem Urteil offenbaren, k�nnte</p><p>endlos fortgesetzt werden, so der Psychologe. Schulkinder haben v�llig verzerrte Vorstellungen davon,</p><p>wie beliebt sie bei ihren Kameraden sind. Normale Probanden, die ein Bild von ihrer Pers�nlichkeit</p><p>abgeben sollen, kommen zu einer g�nzlich anderen Einsch�tzung als ihre ebenfalls befragten</p><p>Lebenspartner. Die Verzerrungstaktik wird besonders deutlich an der Art, wie Menschen mit</p><p>Informationen umgehen, die das Selbstwertgef�hl tangieren, stellt der Psychologe Dieter Frey von der</p><p>Universit�t M�nchen fest: Alle Informationen, die ihn selbst betreffen, nimmt der Einzelne mit der</p><p>�Nachrichtenlenkung �eines totalit�ren Staates wahr. Das, was dem Ego schmeichelt, wird k�nstlich</p><p>aufgebauscht, wohingegen alles Herabsetzende so weit wie m�glich ausgeblendet wird.<sup>5</sup></p><p>Seine Majest�t das Ich ist demzufolge besonders nach Ego-Kr�nkungen auf selbstwerterh�hende</p><p>Informationen erpicht und bereitet diesen auch im Geist einen� k�niglichen Empfang�. So st�rzten sich</p><p>Probanden, denen ein �berraschend schlechtes Abschneiden im Intelligenztest vorget�uscht wurde, auf</p><p>solche Schriften, die Intelligenztests grunds�tzlich disqualifizierten, w�hrend angeblich Hochgescheite</p><p>ein auff�lliges Interesse f�r Pro-Test-Informationen entwickelten. Zudem stie�en unerwartete Bescheide,</p><p>die das Ego hofierten, auf viel mehr Vertrauen als �berraschende Schm�hungen.</p><p>Wenn Gefahr droht, mit der Selbstbeweihr�ucherung Schiffbruch zu erleiden, schwingt sich das Ich</p><p>indes zu einem verbl�ffend selbstkritischen Realisten auf: Personen, die voraussehen, dass man eine</p><p>bestimmte F�higkeit von ihnen �berpr�fen wird, schenken Informationen �ber eigene Schw�chen</p><p>pl�tzlich massive Beachtung � und wenn auch nur mit der Hoffnung, die Falten am Selbstbild langfristig</p><p>ausb�geln zu k�nnen. Lob f�rs Ich st��t auch dann auf Ablehnung, wenn es von scheinbar inkompetenter</p><p>Seite kommt.</p><p>Auch die Sicht der Mitmenschen wird vom Ego f�r die Zwecke der Selbsterh�hung eingespannt. Eine</p><p>Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass man andere Leute mit Vorliebe nach solchen Eigenschaften</p><p>bewertet, die man bei sich selbst als positiv einsch�tzt. Dar�ber hinaus fanden Versuchspersonen ein und</p><p>dieselbe Leistung schw�cher, den gleichen Fehler hingegen st�rker, wenn sie von einem anderen und</p><p>nicht von ihnen selbst erbracht worden waren. Jede Einsicht, die das Selbstwertgef�hl schm�lert, l�st</p><p>schlie�lich den Impuls aus, die anderen noch weiter unten zu sehen. So erkundigten sich</p><p>Versuchspersonen, denen ein besch�mend niedriger IQ vorget�uscht worden war, ausdr�cklich nach den</p><p>noch schlechteren Testergebnissen anderer.</p><p>Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft werden wir stets durch die Brille der Selbst�berh�hung</p><p>gewahr. Gegen das missliche Eingest�ndnis, dass Ungl�ck und Krankheit ihn zu jedem Zeitpunkt</p><p>einholen k�nnen, schottet der Mensch sich durch einen Akt von unterbewusster Selbst�berlistung ab. Im</p><p>tiefsten Inneren geben wir uns alle der illusion�ren Gewissheit hin, dass solches Ungemach immer� die</p><p>anderen �trifft, und dass uns selbst ein Schutzengel vor allen m�glichen F�hrnissen beh�tet. Diese Taktik</p><p>wird als� Illusion der Invulnerabilit�t �bezeichnet, wie die US-Psychologin Linda S. Perloff berichtet.<sup>6</sup></p><p>In ihrer allgemeinsten Form dr�ckt sie sich in der Tatsache aus, dass Befragte die</p><p>Auftretenswahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Blitzschlag und die H�ufigkeit</p><p>diverser Todesursachen wie Asthma oder Diabetes zu niedrig einsch�tzen. Gerade dann, so die</p><p>Psychologin, wenn er seine eigene Gef�hrdung mit der von� anderen �vergleichen soll, kehrt der Mensch</p><p>am deutlichsten seinen Unangreifbarkeitswahn hervor. So sind fast alle Individuen davon �berzeugt, dass</p><p>ihr Risiko, von Krebs, Infarkt, Lungenentz�ndung, Leuk�mie und anderen medizinischen Gei�eln</p><p>befallen zu werden, merklich unter dem Durchschnitt liegt. Selbst 50 Prozent aller Homosexuellen, die</p><p>man beim Verlassen einer Sex-Sauna interviewte, hielten sich f�r weniger durch Aids gef�hrdet als</p><p>�andere�.</p><p>Was die eigene zu erwartende Lebensspanne angeht, peilen die meisten Probanden f�r sich selbst 10</p><p>Jahre �ber dem Durchschnitt an. Mehrheitlich taxieren die B�rger ihr gesundheitliches Befinden als</p><p>besser im Vergleich zu dem des notorisch� kranken �Nachbarn ein. Auch gegen Missgeschicke wie</p><p>Autounf�lle, Scheidung oder Alkoholismus f�hlen die meisten sich gefeit. Im Banne der erw�hnten</p><p>�Kontrollillusion �denkt der Mensch offenbar, dass er unerw�nschte Ereignisse von sich abwenden kann.</p><p>Noch eine weitere Trugwahrnehmung, die� Illusion der gerechten Welt�, wirkt sich in diese Richtung</p><p>aus. In den geheimen Winkeln der Seele leugnet das Individuum demnach die Existenz von Unrecht und</p><p>Tragik ab, da andernfalls ja sogar guten Leuten (wie einem selbst) schlechte Dinge widerfahren k�nnten.</p><p>Aus dieser Dynamik heraus gibt es eine starke, unterbewusste Tendenz, den Opfern von Missgeschicken</p><p>die Verantwortung daf�r selbst zuzuschustern. In dem Ma�e, in dem man sich erfolgreich von dieser</p><p>scheinbar selbst verschuldeten Not absetzt, bleibt einem naturgem�� die Einsicht in die eigene</p><p>Anf�lligkeit erspart.</p><p>Auch die menschliche Neigung, sich in schlechten Zeiten an denen aufzurichten, denen es noch</p><p>schlimmer geht, beg�nstigt die illusion�re Immunit�t. Dieser� soziale Abw�rts-Vergleich�, dessen</p><p>Vorkommen in verschiedenen Experimenten bewiesen wurde, kann die Tendenz zur Folge haben, dass</p><p>man das eigene (gesundheitliche) Gef�hrdungspotenzial an denen misst, die ganz eindeutig viel</p><p>gef�hrdeter sind. Tats�chlich ziehen Personen, die ihre eigene gesundheitliche Gef�hrdung mit der von</p><p>anderen vergleichen sollen, automatisch einen wirklichkeitsfremden Popanz, die Karikatur einer</p><p>hochanf�lligen Vergleichsperson aus dem Hut.</p><p>Offenbar hat jeder von uns eine� Spottversion �von� dem �Krebscharakter oder� der�</p><p>Infarktpers�nlichkeit parat, die er bei dem Gedanken an die betreffende Krankheit aktiviert (siehe Kapitel</p><p>�ber psychosomatische Krankheiten). Dadurch, dass man sich selbst als� ganz anders �wahrnimmt, seilt</p><p>man sich aus dem Kreis der Gef�hrdeten ab. Diejenigen, die besonders lebhafte und dezidierte</p><p>Vorstellungen �ber die� typischen �Opfer von gewissen Kalamit�ten kultivieren, f�hlen sich daher auch</p><p>besonders gegen selbige gefeit. Familie und (enge) Freunde, stellte Perloff in eigenen Studien fest,</p><p>werden indes als (fast) genauso unangreiflich aufgefasst wie das werte Selbst. Zum Teil deshalb, weil der</p><p>psychologische Heiligenschein, der die eigene Wenigkeit erhellt, auch auf die lieben N�chsten abstrahlt</p><p>und man sich durch den Gedanken an ihre Verletzlichkeit nicht aufrichten kann. Aber auch aus dem</p><p>Grund, weil man sie in ihrer Individualit�t zu genau kennt, als dass man ihnen die Z�ge des� typischen</p><p>Opfers��berst�lpen k�nnte.</p><p>Man d�rfe allerdings nicht meinen, die illusion�ren Selbstwahrnehmungen k�men ausschlie�lich dem</p><p>pers�nlichen Wohlbefinden, also der� egoistischen �Komponente der geistigen Gesundheit zugute, geben</p><p>Taylor und Brown vorsorglich zu bedenken. Sie k�nnten ebenso gut der Bereitschaft Vorschub leisten,</p><p>sich um andere zu sorgen und diesen beizustehen. Es steht n�mlich auf Basis der wissenschaftlichen</p><p>Daten fest, dass gut gelaunte Menschen auch gro�z�giger sind, Notbed�rftigen eher helfen und f�r alle</p><p>Seiten befriedigendere soziale Kontakte pflegen.</p><p>Auf das Verm�gen zu kreativer und produktiver Arbeit wirken sich Illusionen und Selbstt�uschungen</p><p>ebenfalls g�nstig aus. Eine gehobene Stimmungslage leistet dem kreativen, assoziationsreichen und</p><p>weitr�umigen Denken Vorschub.�Selbstverherrlichende �Wahrnehmungen verst�rken zudem auch die</p><p>Motivation und Ausdauer, mit denen das Individuum seine Aufgabe erledigt. Menschen, die sich viel</p><p>Erfolg versprechen, sind im Beruf nachweislich effektiver und streichen h�here Geh�lter ein. Man kann</p><p>sich gut vorstellen, befinden die Forscher, dass Illusionen zu sich selbst erf�llenden Prophezeiungen</p><p>werden und das Individuum in (scheinbar) aussichtslosen Situationen zu heftigen Anstrengungen</p><p>bewegen.</p></section><section><title><p><strong>�Seelisch gesunde Menschen wehren Angst und traumatische Gef�hle nicht ab�</strong></p></title><p>Man muss seinen Schmerz und seine negativen Gef�hle� zulassen�, so lautet eine der tiefsten</p><p>Grund�berzeugungen in der Psychoszene. Wer seine Angst und seine Pein �bergeht, muss daf�r mit einer</p><p>seelischen Krankheit bezahlen: Die� heruntergeschluckte �Gram macht dann aus dem Verborgenen</p><p>heraus die Gesundheit kaputt. Doch nach den Befunden, die der New Yorker Psychologe Harold A.</p><p>Sackeim beim Studium der� auditiven Selbst-Konfrontation �gewonnen hat, ist das Nichtbeachten der</p><p>unangenehmen Erfahrungen oft der beste Weg.<sup>1</sup></p><p>Der Forscher war im Vorfeld seiner Experimente auf ein seltsames Ph�nomen gesto�en: Viele</p><p>Menschen, besonders solche mit niedrigem Selbstbewusstsein, geraten in Stress, wenn ihnen</p><p>Tonbandaufzeichnungen ihrer eigenen Stimme vorgespielt werden. Sehr selbstbewusste Menschen</p><p>�schwelgen �jedoch geradezu in der Selbstkonfrontation und k�nnen nicht genug davon kriegen. H�ren</p><p>nun Versuchspersonen mehrere Stimmen, darunter ihre eigene, vertippen sich einige in die eine oder</p><p>andere Richtung: Sie halten entweder f�lschlich ihre eigene Stimme f�r die eines anderen oder</p><p>identifizieren eine fremde als ihre eigene. Beides scheinen regelrechte Selbstt�uschungsman�ver zu sein,</p><p>um das eigene Wohlbefinden zu steigern: Sehr Selbstbewusste h�ren ihre Stimme da, wo sie gar nicht ist,</p><p>w�hrend weniger Selbstbewusste� Wahrnehmungsabwehr �betreiben. Hautwiderstandsmessungen</p><p>zeigten allerdings, dass die� Schwindler �ihren� Irrtum�� wenn auch ganz subtil � wahrnahmen. Die</p><p>Hautwiderstandsver�nderungen fielen n�mlich bei jedem� Fehler �so aus, als h�tte der Betreffende</p><p>richtig hingeh�rt.</p><p>Dass beide Arten von� H�rfehlern �dazu dienen, einem �bersteigerten oder verminderten</p><p>Selbstbewusstsein gerecht zu werden, bewies Sackheim in einer anderen Studie. Dort wertete er das</p><p>Selbstbewusstsein der Probanden entweder auf, indem er ihnen vorgaukelte, sie h�tten bei einem</p><p>Intelligenztest herausragend abgeschnitten, oder er berichtete ihnen, dass ihre Testergebnisse ziemlich</p><p>schlecht ausgefallen seien. Folge: Die k�nstlich� Aufgewerteten �hielten im nachfolgenden</p><p>Selbstkonfrontations-Test eine fremde Stimme f�r ihre eigene, w�hrend die Gedem�tigten sich �fter</p><p>genau andersherum t�uschten.</p><p>Es kommt aber noch besser: Die meisten Leute verlieren durch auditive Selbstkonfrontation an</p><p>Selbstbewusstsein. Nicht jedoch die Selbstt�uscher (egal in welche Richtung). Sie behalten oder steigern</p><p>sogar ihre Selbstachtung. Die psychoanalytische Auffassung, wonach Unangenehmes abgewehrt und</p><p>damit erst Schaden angerichtet wird, scheint somit hinf�llig zu sein. Es hat sich sogar herausgestellt,</p><p>bemerkt Sackheim, dass Leute, die ihre Stimme bei der auditiven Selbstkonfrontation h�ufig</p><p>dort h�ren, wo sie gar nicht ist, psychisch sehr gesund sind. Der typische Psychotherapeut hingegen</p><p>w�rde gerade da Psychopathologie wittern, wo auch nur die geringste Selbstt�uschung stattfindet.</p><p>Weitere Beweise f�r seine Theorie erbrachte Sackheim mit der Konstruktion eines speziellen</p><p>Selbstt�uschungs-Fragebogens. Dieser enth�lt Fragen wie� Haben Sie je daran gedacht, dass Ihre Eltern</p><p>Sie hassen?�oder� Haben Sie je an Ihrer sexuellen Funktionst�chtigkeit gezweifelt?�� alles</p><p>unangenehme, aber universelle M�glichkeiten, die jedoch niemand gerne zugibt. Erstaunliche Erkenntnis:</p><p>Je nachhaltiger die Befragten diese Fragen verneinten, umso gefestigter waren sie im psychischen</p><p>Bereich.</p><p>Eine Person, die in entsprechenden Tests universell g�ltige, aber unangenehme Wahrheiten ableugnet,</p><p>wird in der Forschung als� repressor�(�Verdr�nger�) bezeichnet. Repressoren zeichnen sich aber noch</p><p>durch verschiedene andere Eigenschaften aus, die sie nach den Wertma�st�ben der Psychoszene zu</p><p>ausgesprochen unsympathischen Zeitgenossen machen. Sie schlie�en sich zum Beispiel gerne</p><p>opportunistisch den in ihrer Bezugsgruppe vorherrschenden Normen an. Aber sie kommen auch besser</p><p>mit seelischen Krisensituationen zurecht, gesteht der amerikanische Psychologe George A. Bonanno ein.<sup>7</sup></p><p>Repressoren, die den Gedanken an eine bevorstehende chirurgische Operation nachhaltig aus ihren</p><p>K�pfen verbannten, litten sp�ter seltener unter postoperativen Komplikationen als die Patienten, die ihre</p><p>Angst zulie�en.</p><p>In seiner eigenen Studie nahm Bonanno eine Reihe von Menschen in jungen und mittleren</p><p>Lebensjahren unter die Lupe, die den schmerzhaften Verlust einer nahe stehenden Person erlitten hatten.</p><p>Das weitere Schicksal und die gesundheitliche Anpassung der Betreffenden wurden mehrere Jahre lang</p><p>verfolgt. Die Ergebnisse f�hren alle Stereotype ad absurdum, die in der Psychoszene verbreitet sind:</p><p>Repressoren, die sich geistig von ihrem Kummer abwendeten und sich in ihrer K�rpersprache besonders</p><p>wenig anmerken lie�en, hatten zu allen Messzeitpunkten einen g�nstigeren k�rperlich-geistigen Befund.</p><p>Egal, welches Kriterium f�r Gesundheit und Wohlbefinden der Forscher anlegte, die� Verdr�nger �waren</p><p>besser drauf.�Diese Befunde haben erhebliche Implikationen f�r die traditionellen Vorstellungen vom</p><p>psychotherapeutischen Prozess�, schreibt Bonanno.�Insbesondere m�ssen wir die kulturell verankerte</p><p>Vorstellung �berdenken, dass emotionale Abspaltung und Selbstt�uschung immer nachteilig f�r die</p><p>Gesundheit sind.�</p></section><section><title><p><strong>�Es ist vorteilhaft, sich m�glichst wirklichkeitsnah an seine Vergangenheit zu erinnern�</strong></p></title><p>Nach einer Denkvorstellung, die bei Psychologen und Psychotherapeuten weit verbreitet ist, sollte</p><p>sich der Mensch m�glichst genau an seine Vergangenheit erinnern. Wer seine Vergangenheit nicht kennt,</p><p>ist nach einem Zitat von Sigmund Freud gezwungen, sie zu wiederholen. Patienten, deren Erlebnisse</p><p>wegen einer Hirnsch�digung nicht mehr richtig im Ged�chtnis haften bleiben, werden in den bewegenden</p><p>neurologischen Fallgeschichten des Oliver Sacks als� verlorene Seelen �bezeichnet. Aber in gewisser</p><p>Weise sind wir alle verlorene Seelen, da sich auch das unversehrte und geistig gesunde Gehirn keinen</p><p>originalgetreuen� Abdruck�(Engramm) der verflossenen Zeit bewahrt. Der Mensch ist kein sorgf�ltiger</p><p>und akkurater Chronist seines Lebens, sondern eher ein verhinderter Drehbuchautor, der unentwegt</p><p>seinen pers�nlichen� Historienschinken �weiterspinnt � und auch sp�ter noch� Nachbesserungen�</p><p>vornimmt.</p><p>Oft verh�lt er sich sogar wie der Propagandaminister in einem totalit�ren Staat, der die Ereignisse</p><p>nach allen Schikanen verdreht und zurechtbiegt, bis sie mit der� Parteilinie �in Einklang stehen.�Wer die</p><p>Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft�, l�sst George Orwell den� Gro�en Bruder �in</p><p>�1984�skandieren. Unser� totalit�res Ego �fabriziert und revidiert seine Geschichte und verfolgt so</p><p>Praktiken, die einem Historiker schlecht anstehen w�rden, konstatiert der amerikanische Psychologe</p><p>Anthony G. Greenwald in einem programmatischen Beitrag, der im Fach Psychologie erhebliche</p><p>Resonanz hervorrief.<sup>8</sup></p><p>Man ist im allt�glichen Leben leicht geneigt, sich das Ged�chtnis nach dem Muster des jeweils</p><p>modernsten technischen Informationsspeichers vorzustellen. Da l�uft die Vergangenheit� wie ein Film�</p><p>vor dem geistigen Auge ab, da ist die Vergangenheit in B�cher, auf Tonb�nder, auf Mikrofiche oder in ein</p><p>riesiges Archiv gebannt, das bei Bedarf die gew�nschte Information ausspuckt. Doch unsere</p><p>Erinnerungen werden in einem kreativen Prozess abgerufen: Das Ged�chtnis� hortet �fr�here</p><p>Erfahrungen nicht wie verstaubte Ausstellungsst�cke in einem Museum, sondern montiert sich die</p><p>Vergangenheit im Sinne eines� Indizienbeweises �immer wieder neu zurecht.</p><p>Dieser� kreative �Charakter der Erinnerung macht es jedoch m�glich, dass vorgefasste Meinungen,</p><p>schematische Vorstellungen, Stimmungen, Verwechslungen von Quellen und andere sachfremde</p><p>Einfl�sse zu einer Klitterung unserer eigenen Geschichte f�hren. Selbst wenn sie bereits� unter Dach und</p><p>Fach �sind, k�nnen Erinnerungen noch nachtr�glichen� Retuschen �unterzogen werden. In einer Studie</p><p>wurde ein Teil der Versuchspersonen von mutma�lichen� Gesundheitsexperten��ber die m�glichen</p><p>Gefahren h�ufigen Z�hneputzens (oder heftiger sportlicher Bet�tigung) informiert. Nach dieser</p><p>Belehrung kam in den� Erinnerungen �der Betroffenen pl�tzlich weniger Z�hneputzen (oder weniger</p><p>sportliche Bet�tigung) vor. Studenten, denen man vorgaukelte, dass ein extravertierter Charakter dem</p><p>akademischen Vorw�rtskommen frommt,�erinnerten �sich pl�tzlich viel deutlicher an ihre eigenen</p><p>extravertierten Wesensz�ge.</p><p>Bei Orwell hei�t es dazu:�Das Geheimnis der Herrschaft besteht darin, dass man den Glauben an die</p><p>eigene Unfehlbarkeit mit der Kraft verbindet, aus seinen Fehlern zu lernen. �Unser totalit�res Ego darf �</p><p>genauso wie der totalit�re Staat � niemals zugeben, sich geirrt zu haben, erl�utert Greenwald. Die Partei</p><p>(seine Majest�t das Ich) hat bekanntlich immer Recht. Und wenn man schon nicht darum herumkommt,</p><p>seine Erinnerungen zu� pr�parieren�, sollte man diesen Eingriff schleunigst vergessen. Das ist ein</p><p>Abwehrmechanismus, der bei Orwell als� double-think �firmiert.</p><p>Manchmal� pfuschen �wir also an unseren Erinnerungen herum und geben uns den Anschein, dass</p><p>alles beim Alten geblieben ist. Manchmal bleiben wir aber auch die Gleichen und spiegeln uns dennoch</p><p>die Illusion einer Wandlung vor, betont Greenwald. Davon zeugen zum Beispiel Probanden, die ihre</p><p>eigene akademische Leistungsf�higkeit einsch�tzten und dann zum Teil einen F�rderkurs belegten. Nach</p><p>dessen Beendigung spielten die Kursteilnehmer pl�tzlich ihre urspr�ngliche Kompetenz herunter.</p><p>Teilnehmer von spektakul�ren Wunderdi�ten verschieben oft ihr anf�ngliches Gewicht in der Erinnerung</p><p>nach oben, um den� Erfolg �zu unterstreichen. Wenn sie eine Psychotherapie hinter sich haben, machen</p><p>viele Patienten ihren urspr�nglichen Gesundheitszustand� k�nstlich �mieser � zum Nutzen und Frommen</p><p>der Zunft. Auch dazu gibt es im Totalitarismus orwellscher Provenienz eine Parallele:�Der</p><p>Parteiangeh�rige toleriert die gegenw�rtigen Bedingungen zum Teil, weil er keinen Vergleichsma�stab</p><p>besitzt. Er muss von der Vergangenheit abgeschnitten sein� weil es f�r ihn n�tig ist, daran zu glauben,</p><p>dass er besser dran ist als seine Vorfahren, und dass der materielle Lebensstandard best�ndig ansteigt.�</p><p>Psychologen haben in einer Untersuchung die Berichte von Straft�tern und ihren Opfern verglichen.</p><p>Die Erinnerungen der T�ter an die Tat� schrumpften �ganz erheblich im Vergleich zu denen der Opfer.</p><p>Au�erdem erkl�rten die T�ter ihre Vergehen als� untypisch �f�r ihre Pers�nlichkeit, das seien isolierte</p><p>Vorkommnisse, Ausrutscher, die nichts zu tun h�tten mit ihrer gegenw�rtigen Geistesverfassung. Noch</p><p>wirksamer ist der� biografische Schnitt�: Ein fr�herer, durch negative Taten oder traumatische</p><p>Erinnerungen belasteter Lebensabschnitt wird symbolisch abgetrennt � etwa durch eine spirituelle</p><p>�Wiedergeburt�(born-again Christians) oder eine 12-Stufen-Therapie wie bei den Anonymen</p><p>Alkoholikern: Das alte,�b�se �Selbst hat nichts mehr mit der gereinigten, neuen Person zu tun, die man</p><p>jetzt ist.</p><p>Eine andere, verbreitete Form, in der seelisch unauff�llige Menschen ihre Erinnerungen verbiegen, ist</p><p>die Illusion� Ich sah es kommen�(�Knew it all along�). Das ist ein Trugschluss, der beweist, wie</p><p>schlecht wir uns im Nachhinein alternative Entwicklungen vorstellen k�nnen. Zu solchen� nachtr�glichen</p><p>Vorhersagen �geh�rt beispielsweise die tr�gerische Annahme, der Bruch einer Partnerschaft, das</p><p>Eintreffen eines Herzinfarktes oder der Ausgang eines Fu�ballspieles seien im Grunde absehbar gewesen.</p><p>Man ist in diesen Situationen offenbar nicht mehr imstande, sich in den vormaligen Zustand der</p><p>Ungewissheit zur�ckzuversetzen.</p><p>Nicht einmal Experten und Wissenschaftler, die den Gang der Geschichte, die Umst�nde um ein</p><p>Verbrechen oder die Wurzeln einer seelischen Krankheit� von hinten �aufrollen sollen, sind gegen die</p><p>Nachher-Klugheit gefeit. Auch ihnen kommen retrospektiv betrachtete Entwicklungen h�ufig so</p><p>konsequent, zwingend und unvermeidlich vor, dass sie sich keine alternativen Ausg�nge mehr</p><p>vergegenw�rtigen k�nnen. �rzte, die eine Diagnose anhand von Fallbeispielen stellen sollten und dann</p><p>�ber den korrekten Befund aufgekl�rt wurden, meinten danach prompt f�lschlich, sie h�tten diesen die</p><p>ganze Zeit vorausgeahnt. Vielleicht� frisieren �wir klammheimlich unsere Erinnerungen, weil wir uns</p><p>gerne als kompetente Beurteiler w�hnen, die wissen, was abgeht und was die Zukunft f�r uns in petto hat.</p><p>Es kann sein, dass die Nachher-Klugheit den totalit�ren� Betonkopf �in uns allen zementiert, der vergisst,</p><p>wie ungewiss die Zukunft in der Vergangenheit war, und der sich daher auch keinen offenen Geist zu</p><p>bewahren braucht. Sie verringert die Chance, dass Menschen aus der Geschichte Lehren ziehen.</p><p>�Man erinnert sich an die Vergangenheit, als ob sie ein Drama w�re, in dem das Selbst die Hauptrolle</p><p>spielt�, umrei�t Greenwald den entscheidenden� Drall �in unserer R�ckblende. Und wenn man nicht</p><p>mehr um das Eingest�ndnis herumkommt, dass die eigenen Taten anderen Menschen Schmerz und</p><p>Schaden eingebracht haben, redet man sich mit der Illusion heraus, keine andere Wahl gehabt zu haben.</p><p>Die Probanden im ber�hmten Milgram-Experiment etwa entschuldigten ihre unnachsichtig verabreichten</p><p>Stromschl�ge immer wieder mit dem Argument, sie h�tten so handeln m�ssen. Gerade Menschen in</p><p>totalit�ren Regimes versuchen, sich mit derartigen Ausfl�chten rein zu waschen. Zu dem Zwangs-</p><p>Argument kommt dann h�ufig noch die Verteidigung, man selbst sei noch vergleichsweise milde</p><p>gewesen; damit setzt man sich elegant von den� wirklichen Schl�chtern �ab.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist ein Zeichen geistiger Gesundheit, m�glichst unvoreingenommen nach der Wahrheit zu</strong></p><p><strong>suchen�</strong></p></title><p>Viele Psychologen und psychologisch gebildete Laien halten es f�r eine unhinterfragbare</p><p>Selbstverst�ndlichkeit, dass seelisch gesunde Menschen nach einer vorurteilsfreien und</p><p>unvoreingenommenen Erkenntnis der Wahrheit streben. Eine besondere Eigenart des menschlichen</p><p>Verstandes liegt jedoch darin, dass er Informationen nicht mit der mechanischen Gleichg�ltigkeit eines</p><p>Computers verdaut. Die meisten Menschen h�tscheln ihre vorgefassten �berzeugungen, suchen mit der</p><p>Lupe nach best�tigenden Hinweisen und spielen entkr�ftende Fakten gelegentlich bis hin zur Verleugnung</p><p>herunter, hebt der amerikanische Psychologe Joshua Klayman hervor.<sup>9</sup></p><p>Es gibt danach in der Psyche eine starke Grundtendenz, die eigenen Meinungen und Ideen in einem</p><p>widerspruchsfreien Gleichgewicht zu halten. Um st�rende Spannungsgef�hle (die� Dissonanz�) zu</p><p>vermeiden, halten Menschen nach solchen Informationen Ausschau, die ihre �berzeugungen und ihre</p><p>getroffenen Entscheidungen unterst�tzen, w�hrend sie Gegenbeweise mit Desinteresse und Abneigung</p><p>behandeln. Zus�tzlich besteht noch die Tendenz, Best�tigungen als solide und glaubw�rdig zu bewerten,</p><p>w�hrend Anfechtungen als fragw�rdig und zweifelhaft entsch�rft werden.</p><p>In einem Experiment wurden Probanden nach ihren Einstellungen zur Todesstrafe befragt und</p><p>bekamen dann eine Sammlung von Pro- und Contra-Argumenten zur Pr�fung vorgelegt. Am Ende des</p><p>Versuches hatten sich die Teilnehmer noch weiter in ihre vorgefasste Richtung bewegt; offensichtlich</p><p>wurden selektiv best�tigende Informationen aufgenommen und Gegenargumente mit Nichtbeachtung</p><p>bestraft. Gegen diese Art von Selbstbetrug sind offenbar auch Wissenschaftler nicht gefeit, meint</p><p>Klayman. Das beweist eine Studie, in der Parapsychologen und� ungl�ubige �Wissenschaftler die</p><p>methodische G�te eines Experimentes bewerten sollten, das entweder Beweise oder Gegenbeweise f�r</p><p>�bersinnliche Ph�nomene erbracht hatte. Fazit: Skeptiker m�kelten �ber die Qualit�t des best�tigenden</p><p>Versuches, Gl�ubige �ber die G�te des Negativbeweises � aber nur dann, wenn sie �ber das unerw�nschte</p><p>Ergebnis Bescheid wussten.</p><p>Wie borniert Menschen Informationen verarbeiten, h�ngt zum Teil vom Vertrauen in die eigenen</p><p>Ansichten ab. Versuchspersonen, denen vorgegaukelt wurde, ein Test habe ihre intellektuelle Kompetenz</p><p>in Zweifel gestellt, versp�rten auf einmal verst�rktes Interesse an Fakten, die ihre vorgefassten Ansichten</p><p>unterst�tzten. Probanden, deren Selbstsicherheit durch entsprechende Angaben aufpoliert worden war,</p><p>schenkten hingegen widerlegenden Informationen sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Das Wissen, dass</p><p>bestimmte unliebsame Argumente einen Nutzen bringen, kann die Informationsblockade ebenfalls</p><p>durchbrechen. Probanden, denen angek�ndigt wurde, dass sie ihre Meinungen vor einem kritischen</p><p>Publikum verteidigen m�ssten, waren pl�tzlich sehr viel offener f�r Gegenargumente. Politische Akteure</p><p>sind gut beraten, sich mit der Position der Andersdenkenden zu besch�ftigen, wenn sie von deren</p><p>Argumenten nicht �berrumpelt werden wollen.</p><p>Menschen, die durch den unliebsamen Kontakt mit� b�sen �Informationen unter Dissonanz leiden,</p><p>zeigen oft einen ganz besonderen Drang: den, zu missionieren. Mitglieder einer Sekte, die mit einer</p><p>ungewollten Anti-Sekten-Kampagne berieselt worden waren, begannen urpl�tzlich, sehr engagiert neue</p><p>Mitglieder f�r ihren Verein zu werben. Das ist einer der Gr�nde, warum Politiker nach einer</p><p>Wahlniederlage verst�rkt die Werbetrommel r�hren. Die tiefere Ursache f�r unseren parteiischen Umgang</p><p>mit Informationen besteht in einem Konflikt zwischen der Suche nach Wahrheit und der Suche nach</p><p>Harmonie und Einverst�ndnis mit sich selbst, meint Klayman. Das Eingest�ndnis, dass man sich geirrt</p><p>hat, kann nun einmal das Selbstwertgef�hl und das Renommee ankratzen.</p></section><section><title><p><strong>�Die Meinungsvielfalt in einer Gruppe f�hrt zu einem h�heren Grad an Wahrheitssuche�</strong></p></title><p>Einzelmenschen k�nnen es sich vielleicht� leisten�, bei der Wahrheitssuche zu pfuschen, weil sie</p><p>nicht kritisch hinterfragt werden. Aber in einer Gruppe, so eine nahe liegende �berzeugung, weicht die</p><p>Vielfalt der Stimmen und Meinungen die bornierte Haltung der Einzelnen auf. Dieser</p><p>Vertrauensvorschuss ist aber in vielen F�llen nicht gerechtfertigt, zieht nun der M�nchener Psychologie-</p><p>Professor Dieter Frey nach mehreren Studien Bilanz: Gruppen klammern sich in der Regel viel st�rker an</p><p>die ihnen genehmen Informationen, zweifeln weniger an der Richtigkeit ihrer Beschl�sse und schlagen</p><p>h�ufiger triftige Gegenargumente in den Wind als Einzelpersonen.<sup>10</sup></p><p>In der Versuchsreihe hatten die Teilnehmer die Aufgabe, gemeinsam eine (vorl�ufige) Entscheidung</p><p>f�r eine von mehreren Alternativen zu treffen. Nachdem die Gruppe sich durchgerungen hatte, wurde ihr</p><p>die M�glichkeit gegeben, bis zu 10 zus�tzliche Informationen zu dem jeweiligen Entschluss abzurufen.</p><p>Die eine H�lfte der Ausk�nfte war unterst�tzend, w�hrend die andere H�lfte der gew�hlten Entscheidung</p><p>zuwiderlief. Die Teams bestanden aus mindestens drei Individuen und wiesen ein mehr oder weniger</p><p>breites ideologisches Spektrum auf. Den Probanden wurde ausdr�cklich mitgeteilt, dass die</p><p>Entscheidungen bis ganz zum Schluss reversibel waren.</p><p>Im Vergleich zu den ebenfalls untersuchten Einzelpersonen waren die Gruppen sehr viel sicherer, die</p><p>richtige Wahl getroffen zu haben, rekapituliert der Forscher sein Hauptergebnis. Und sie waren</p><p>wesentlich selektiver bei der Informationssuche: Sie verschanzten sich viel st�rker hinter solchen</p><p>Ausk�nften, die das (kollektive) Votum st�tzten, als die isolierten Entscheidungstr�ger. Der</p><p>vor�bergehende Aufenthalt in einer Gruppe scheint Menschen au�erdem� bornierter �zu machen. Das</p><p>zeigte sich, als man Versuchspersonen erst allein, dann in der Gruppe und dann wieder� solo �vor die</p><p>Entscheidung stellte. In der ersten Phase (allein) zeigten die Probanden eine leichte Best�tigungstendenz,</p><p>die sich in der Gruppe deutlich versch�rfte. Aber im dritten Durchgang � wieder allein � reagierten die</p><p>Teilnehmer pl�tzlich besonders engstirnig.</p><p>Auch die Gr��e der Gruppe hat einen Einfluss auf die Weite des Horizontes. Mit der Zahl der</p><p>Mitglieder steigt die wahrgenommene Sicherheit. Gruppen mit hoher Mitgliederzahl sind sich ihrer</p><p>Entscheidungen extrem sicher. Gro�e Gruppen halten auch besonders� stur �nach best�tigenden</p><p>Informationen Ausschau und meiden die Dissonanz. Homogene Teams, die nur aus� linientreuen�</p><p>Teilnehmern bestehen, sind naturgem�� besonders sicher und besonders selektiv. Minderheiten mit</p><p>abweichenden Meinungen leisten hingegen einem ausgewogeneren Umgang mit Informationen Vorschub.</p><p>Aber auch der Aufenthalt in einer Gruppe mit Abweichlern verst�rkt die bornierten Seiten des</p><p>Einzelmenschen.</p><p>Personen, die als� Aush�ngeschild �f�r eine Gruppe fungieren, kehren eine besonders starke</p><p>Best�tigungstendenz hervor. Das zeigte sich, als die Gruppen einen Repr�sentanten w�hlen sollten, der an</p><p>Stelle des Kollektives die Entscheidung zu treffen hatte.�Vermutlich versp�ren die Repr�sentanten</p><p>aufgrund des h�heren Involvements mehr kognitive Dissonanz, was zu ihrer starken Selektivit�t f�hrt�,</p><p>meint der Psychologe.</p><p>Es gibt wahrscheinlich mehrere Gr�nde daf�r, warum Teams so h�ufig in� Gruppendenken �verfallen</p><p>und geistige Scheuklappen aufsetzen, argumentiert Frey. Einerseits erzeugt die Gruppensituation einen</p><p>gewissen Rechtfertigungsdruck. Die Mitglieder sind bestrebt, sich gegenseitig zu best�tigen, zu</p><p>bekr�ftigen und sich mit einem Gef�hl von Sicherheit� einzulullen�. Subversive Informationen sind</p><p>verp�nt, da sie die kollektive Harmonie zu sprengen drohen. Weiterhin ist in der Gruppe automatisch eine</p><p>so genannte Verantwortungsdiffusion zu verzeichnen. Jeder Einzelne kann die Zust�ndigkeit auf� die</p><p>anderen �abschieben und f�hlt sich dadurch weniger haftbar. Unabh�ngiges, kritisches Denken f�llt so</p><p>leichter dem uniformen Sog anheim. Schlie�lich haben Mitglieder in Gruppen h�ufiger eine� Schere im</p><p>Kopf �und �ben Selbstzensur. Alles, was von der gemeinsamen Norm abweicht, wird von einer Art</p><p>�freiwilligen Selbstkontrolle �ausgemerzt.</p><p>Diese Mechanismen haben eine gro�e Tragweite, da bedeutsame soziale Entscheidungen zunehmend</p><p>von Gremien und Teams getroffen werden. Gruppen rechtfertigen ihre Entscheidungen und lechzen nach</p><p>Informationen, die beweisen, dass sie im Besitz der� reinen Wahrheit �sind. Die Suche nach Einm�tigkeit</p><p>ersetzt kritisches Denken, ruft eine Illusion der Unangreifbarkeit und einen ausgepr�gten Optimismus</p><p>hervor, folgert Frey. Das verleitet dazu, extreme Risiken einzugehen und Warnsignale in den Wind zu</p><p>schlagen. Manche Teams in der Industrie ernennen sogar so genannte Mind Guards, das hei�t</p><p>�Geisth�ter�, welche die Gruppe vor widrigen oder verwirrenden Informationen sch�tzen.</p></section><section><title><p><strong>�Ehen halten besser, wenn beide Partner ein m�glichst realistisches Bild voneinander haben�</strong></p></title><p>Liebe macht blind, und Verliebte verdienen deshalb� die Peitsche ebenso wie die Verr�ckten�, l�stert</p><p>Rosalind in Shakespeares� Wie es euch gef�llt �noch, bevor das Schicksal sie selbst ereilt. So halten es</p><p>auch viele Psychologen: Sie empfehlen, den Geliebten niemals bedingungslos anzuhimmeln. Nur wenn</p><p>die Partner einander m�glichst realistisch betrachteten, werde sich der eine vom anderen verstanden</p><p>f�hlen.</p><p>Verliebte haben sich um solche Ratschl�ge noch nie gek�mmert � und das ist vermutlich auch besser</p><p>so. Diesen Schluss ziehen jedenfalls die Psychologen Sandra Murray, John Holmes und Dale Griffin.<sup>11</sup></p><p>Ein Jahr lang verfolgten sie das Liebesgl�ck von �ber hundert jungen Paaren. Die im Schnitt knapp</p><p>Zwanzigj�hrigen waren jeweils etwa anderthalb Jahre liiert. Die Forscher lie�en sie Dutzende von</p><p>Frageb�gen ausf�llen und erlebten den Triumph romantischer Illusionen �ber die banale Realit�t.</p><p>Die Seelenforscher konstatierten stets dann eine Beziehungsillusion, wenn ein Partner seine bessere</p><p>H�lfte in einem rosigeren Licht sah als sich selbst. Wir wissen jetzt, dass sich der seelisch gesunde</p><p>Durchschnittsmensch in unz�hligen Aspekten seiner Pers�nlichkeit f�r��berdurchschnittlich �h�lt. Wenn</p><p>sein Partner ihn sogar noch mehr anhimmelt als er sich selbst, darf man ihm wohl zu Recht eine gewisse</p><p>Verblendung bescheinigen. Doch die verzerrte Optik r�chte sich nicht, im Gegenteil: Je mehr ein Teil des</p><p>Liebespaars den anderen am Anfang verg�tterte, desto besser hatte sich die Beziehung am Ende des</p><p>Jahres entwickelt. Die Partner waren zufriedener und zankten seltener als Paare mit weniger Illusionen.</p><p>Als das Jahr vorbei war, hatte sich ein Drittel der Paare getrennt. Welche Beziehungen hielten? Nicht</p><p>die, in denen die Partner eine besonders hohe Meinung von sich selbst hatten. Nicht die, in denen sie den</p><p>Erwartungen des anderen besonders gut entsprachen. Das Gl�ck blieb vielmehr den Liebenden mit der</p><p>rosigen Sicht der Dinge treu. Man muss sich allerdings fragen, wie solche� Seifenblasen �den Kontakt</p><p>mit dem Alltag und der harten Realit�t auf Dauer �berstehen. Zum Gl�ck ist� Realit�t �in menschlichen</p><p>Beziehungen ein dehnbarer Begriff. Mag die Mitwelt von einem schweigsamen Mann glauben, dass er</p><p>wenig zu sagen habe, seine treue Freundin erkennt in ihm eine stille und daher umso tiefere Natur. Selbst</p><p>wenn sich die Diskrepanzen zwischen dem ertr�umten Geliebten und dem realen beim besten Willen</p><p>nicht mehr verleugnen lassen, ist das kein Problem. Dann werden die Anspr�che eben etwas gesenkt �</p><p>man lernt schlie�lich dazu �, und schon entspricht der wirkliche wieder dem Traumpartner.</p><p>Doch die verbr�mte Sicht des Liebespartners kann sogar durch eine sich selbst erf�llende</p><p>Prophezeiung zur Wahrheit werden. Wenn ein Partner den anderen unbeirrt positiv sieht, beginnt jener</p><p>sich zu ver�ndern. Die statistische Auswertung der Studie zeigt: Ein Jahr sp�ter h�lt er sich auch selbst f�r</p><p>einen besseren Menschen � und hat damit vielleicht sogar Recht. Das Psychologenteam jedenfalls</p><p>vermutet, dass gen�gend Vorschusslorbeeren von Seiten des Partners den anderen dazu bringen k�nnen,</p><p>sich tats�chlich entsprechend zu entwickeln:�Mit zunehmender Dauer der Romanzen schufen sich die</p><p>Einzelnen tats�chlich die Partner, die sie wahrnahmen, indem sie sie idealisierten; sie verwandelten die</p><p>Fr�sche, als die diese sich selbst sahen, in die von ihnen ersehnten Prinzen oder Prinzessinnen.�</p></section><section><title><p><strong>�Depressive Menschen haben ein verzerrtes und negatives Bild von sich selbst�</strong></p></title><p>Die Schwermutkrankheit Depression geht mit einer d�steren und niederschmetternden</p><p>Gef�hlsverfassung einher. Der Gedanke ist daher nahe liegend, dass Depressive sich durch ein</p><p>�bertrieben negatives, pessimistisches und schwarzseherisches Bild von sich selbst auszeichnen. Doch</p><p>diese Vermutung ist unzutreffend, heben die beiden Psychologen Shelley E. Taylor und Jonathan A.</p><p>Brown hervor.<sup>2</sup> Depressive und Menschen mit einem stark angekratzten Selbstwertgef�hl tun sich</p><p>vielmehr durch eine besonders realistische und unbesch�nigte Form der Selbstwahrnehmung hervor. Es</p><p>ist, als ob in ihrem Gehirn die F�higkeit erloschen sei, den� Balsam �von Illusionen und Selbstbetrug zu</p><p>produzieren, mit dem die Normalsterblichen ihre Schw�chen und Unzul�nglichkeiten kaschieren.</p><p>Tats�chlich erinnerten sich Depressive (im Gegensatz zu Gesunden) nach der entsprechenden Studie</p><p>gleich gut an unangenehme wie an angenehme Erfahrungen. Sie nahmen Erfolge und Misserfolge</p><p>gleicherma�en auf ihre Kappe und betrieben l�ngst nicht so viele soziale Vergleiche mit Benachteiligten,</p><p>um ihr Ego zu hofieren. Es gibt sogar Anzeichen, dass Depressive, denen es nach einer Behandlung mit</p><p>Psychopharmaka oder sogar mit Elektroschocks besser geht, wieder verst�rkt den heilsamen Illusionen</p><p>fr�nen. Ein amerikanisches Forscherteam zieht aus solchen Daten einen weit reichenden Schluss:�Wenn</p><p>ausgerechnet Depressive und Menschen mit l�diertem Selbstwertgef�hl besonders tief in der Realit�t</p><p>verankert sind und der Rest der Welt die Realit�t in eine positive Richtung verzerrt, um den Zustand der</p><p>Nichtdepressivit�t aufrechtzuerhalten, dann liegt offenbar eine Hauptfunktion der geistigen Gesundheit</p><p>darin, ein positiv verzerrtes Bild der Welt und des Selbstes zu garantieren.�<sup>12</sup></p><p>Depressive unterliegen auch gar nicht oder in viel geringerem Umfang der Kontrollillusion. Der</p><p>Trugschluss, Macht �ber Vorkommnisse zu haben, die in Wirklichkeit au�erhalb der pers�nlichen</p><p>Kontrolle stehen, liegt der schwerm�tigen Seelenverfassung fern. Das beweist unter anderem eine</p><p>Versuchsreihe, in der die Probanden den Eindruck schildern sollten, ob zwischen einem von ihnen</p><p>vorgenommenen Knopfdruck und dem Aufleuchten eines Lichtes ein Zusammenhang bestand. W�hrend</p><p>seelisch Gesunde h�ufig auch da einen Einfluss� halluzinierten�, wo in Wirklichkeit die Macht des</p><p>Zufalls herrschte, machten sich die Schwerm�tigen nichts vor. Psychisch Gesunde errechnen sich auch</p><p>h�here Gewinnchancen, wenn sie ein Lotterielos selbst ziehen d�rfen, als wenn der Computer diese Wahl</p><p>f�r sie trifft. Objektiv sind die Gewinnaussichten nat�rlich in beiden F�llen gleich. Nur die Depressiven</p><p>ziehen dieses Wissen in Betracht und malen sich unter beiden Bedingungen gleiche Aussichten aus.</p><p>Eine depressive Gem�tsverfassung leistet schlie�lich auch einer glasklaren und unbesch�nigten</p><p>Zukunftsvision Vorschub. Das zeigte der G�ttinger Psychologe Stefan Krause in seiner Doktorarbeit auf,</p><p>in der er gehirnverletzte Sportler studierte, die erhebliche motorische Ausfallerscheinungen erlitten</p><p>hatten.<sup>12</sup> Die Betreffenden sollten w�hrend ihrer Rehabilitation angeben, welche Besserung sie sich f�r</p><p>ihre Zukunft erhofften. Fazit: Nur bei den depressiven Athleten stimmten die Hoffnungen mit den</p><p>Realit�ten �berein. Psychisch gesunde Sportler zogen sich dagegen an Wunschdenken und positiven</p><p>Illusionen hoch.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist meistens heilsam, sich seiner selbst bewusst zu sein�</strong></p></title><p>Durch das Verm�gen, sich seiner eigenen Wenigkeit bewusst zu werden, hebt der Mensch sich von</p><p>allen anderen Gesch�pfen auf der Erde ab. Aus der Sicht der popul�ren Psychologie und</p><p>Menschenkenntnis ist dies ein eindeutiger Segen, weil der Blick auf das Ich als K�nigsweg zur Heilung</p><p>von Neurosen gilt. Doch in Wirklichkeit hat sich der Mensch mit der F�higkeit zur Innenschau ein</p><p>zweischneidiges Schwert eingehandelt, stellen die amerikanischen Psychologen Robert Musson und</p><p>Lauren Alloy fest.<sup>13</sup> Das zeigt sich daran, dass Selbstbewusstheit die Gem�tsverfassung bis in ihre</p><p>Grundfesten ruinieren kann. Als Folge der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit treten unter</p><p>bestimmten Voraussetzungen Zust�nde ein, die sich weitgehend mit der depressiven Erkrankung decken.</p><p>In dem Augenblick, in dem man den� Lichtkegel �des Bewusstseins auf das werte Ego richtet,</p><p>kommen nach Ansicht der Psychologen automatisch gewisse Vergleichsprozesse in Gang. Man ruft sich</p><p>die Standards wach, denen man sich verpflichtet f�hlt, und h�lt den tats�chlichen Ist-Zustand dagegen.</p><p>Auf welchen Aspekt der Person man dabei auch gerade achten mag, werden doch (fast) immer</p><p>Diskrepanzen zu den naturgem�߻abgehobenen �Idealvorstellungen offenbar. Die daraus erwachsene</p><p>Selbstkritik stachelt im g�nstigen Fall Bem�hungen in Richtung Vervollkommnung an. Wenn sich das</p><p>Individuum jedoch den Anspr�chen nicht gewachsen f�hlt, trachtet es nach Selbstvergessenheit und dem</p><p>(inneren) R�ckzug aus der Situation. Wie die Ergebnisse von verschiedenen Experimenten zeigen, f�hrt</p><p>die� objektive Selbstaufmerksamkeit �just solche emotionalen und geistigen Konsequenzen herbei, wie</p><p>man sie auch von Patienten mit einer depressiven Gem�tskrankheit kennt.</p><p>Im Labor l�sst sich die Selbstbewusstheit unter anderem dadurch anregen, dass man die Probanden</p><p>mit ihrem Spiegelbild, einer laufenden Kamera oder einem Tonband- oder Videomitschnitt konfrontiert.</p><p>Als Folge dieser Manipulation legen die Betroffenen eine gesteigerte Selbstbezogenheit an den Tag, die</p><p>unter anderem in einer Zunahme von Ego-bezogenen �u�erungen zum Ausdruck kommt. Die gleiche,</p><p>auch linguistisch fassbare Selbstzentrierung ist auch f�r depressiv Erkrankte charakteristisch.</p><p>Ein Hauptsymptom der Depression ist die schmerzhafte Niedergeschlagenheit. Wenn eine seelisch</p><p>gesunde Person wenig Hoffnung hat, ein ersehntes Ziel zu erreichen, ruft besonders die</p><p>Selbstaufmerksamkeit solche unangenehmen Gef�hle hervor. Das zeigt eine Studie, deren Teilnehmer in</p><p>den Glauben versetzt wurden, bei einem vorherigen intellektuellen Leistungstest katastrophal versagt zu</p><p>haben. Einem Teil der Probanden wurde ferner weisgemacht, dass sie mit diesem Ergebnis beim</p><p>folgenden Test kaum noch Chancen h�tten. Bei den Versuchspersonen, die unter diesem negativen</p><p>Eindruck standen, hatte die Konfrontation mit einem Spiegel eine dramatische Verschlechterung der</p><p>Leistungen und der emotionalen Befindlichkeit zur Folge.</p><p>Der Blick nach innen ruft auch leicht ein Absinken des Selbstwertgef�hls hervor. Das stellte sich bei</p><p>einer Untersuchung heraus, deren Teilnehmer ebenfalls ein (fingiertes) vernichtendes Feedback bez�glich</p><p>des Abschneidens bei bestimmten Tests erhalten hatten und daraufhin �ber ihre F�higkeiten Auskunft</p><p>gaben. Wenn sie vor einem Spiegel sa�en, machten die Betreffenden deutlich heruntergeschraubte</p><p>Vorstellungen von den eigenen Talenten geltend.</p><p>Es geh�rt nachweislich zu den� eingebauten �Illusionen des Lebens, dass der normale Sterbliche sich</p><p>eher f�r Erfolge und g�nstige Ausg�nge verantwortlich f�hlt, w�hrend er die Schuld f�r Misserfolge der</p><p>Tendenz nach lieber auf unbeeinflussbare Faktoren oder� andere Leute �schiebt. Depressive sind von</p><p>dieser optischen T�uschung weitgehend ausgenommen. Doch im Zustand der Selbstaufmerksamkeit</p><p>n�hern sich die Gesunden den Depressiven an. In einer Studie sollten die Probanden ihre</p><p>Verantwortlichkeit f�r eine Reihe von fiktiven, angenehmen oder unangenehmen Entwicklungen</p><p>einsch�tzen. Mit dem eigenen Spiegelbild im Visier machten sich die Probanden die� typisch depressive�</p><p>Ursachenzuschreibung zu Eigen.</p><p>�berhaupt nimmt die � durchaus gesunde � Tendenz, sich selbst und seine Vergangenheit durch eine</p><p>rosige Brille zu sehen, im Angesicht des Spiegelbildes deutlich ab. Versuchspersonen, denen man dezent</p><p>einen Spiegel im Blickfeld platziert hatte, gaben zum Beispiel viel akkuratere und weniger besch�nigte</p><p>Angaben �ber ihre fr�heren Schulleistungen ab. Es scheint sich die Anschauung des Dichters Hebbel zu</p><p>bewahrheiten, nach dessen Ausspruch Selbsterkenntnis sich darin zeigt, dass du� mehr Gebrechen an dir,</p><p>als an den anderen entdeckst�.</p><empty-line/><cite><p>1 Sackeim, Harold A./Gur, R.C.: <emphasis>Self-deception, self-confrontation, and consciousness. </emphasis>In: G.E. Schwatz/D. Shapiro (Hg.): <emphasis>Consciousness and</emphasis></p><p><emphasis>self-regulation: Advances in research, </emphasis>Vol. 2 (1978), S. 139�197.</p><p>2 Taylor, Shelley E. / Jonathon D. Brown: <emphasis>Illusion and well-being: A social psychological perspective on mental health. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Bulletin,</emphasis> Bd. 103 (1988), S. 193�210.</p><p>3 Brown, Jonathan D.: <emphasis>Accuracy and bias in self-knowledge. </emphasis>In: C. R. Snyder / Donelson R. Forsyth (Hg.): <emphasis>Handbook of social and clinical</emphasis></p><p><emphasis>psychology. </emphasis>Pergamon Press, New York 1991.</p><p>4 �Among the inept, researchers discover, ignorance is bliss. In: <emphasis>New York Times, </emphasis>18.1.2000.</p><p>5 Stahlberg, Dagmar et al.: <emphasis>Die Theorie des Selbstwertschutzes und der Selbstwerterh�hung. </emphasis>In: Dieter Frey/Martin Irle (Hg.): <emphasis>Theorien der</emphasis></p><p><emphasis>Sozialpsychologie, Bd. III: Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien. </emphasis>Huber Verlag, Bern 1985.</p><p>6 Perloff, Linda S.: <emphasis>Social comparison and illusions of invulnerability to negative life events. </emphasis>In: CR. Snyder und C.E. Ford (Hg.): <emphasis>Coping with negative life events. </emphasis>Plenum-Press, New York 1987.</p><p>7 Bonanno, George A.: <emphasis>Emotional dissociation, self-deception, and psychopathology. </emphasis>In: Jefferson A. Singer/Peter Salovey (Hg.): <emphasis>At play in the field of consciousness. </emphasis>Verlag Lawrence Erlbaum, Mahwah 1999.</p><p>8 Greenwald, Anthony G.: <emphasis>The totalitarian ego. </emphasis>In: <emphasis>American Psychologist, </emphasis>Bd. 35 (1980), S. 603�618.</p><p>9 Klayman, Joshua: <emphasis>Varieties of confirmation bias. </emphasis>In: <emphasis>The psychology of learning and motivation, </emphasis>Bd. 32 (1995), S. 385�415.</p><p>10 Frey, Dieter et al.: <emphasis>Die Arroganz der vorgefassten Meinung. </emphasis>In: <emphasis>S�ddeutsche Zeitung, </emphasis>28./29.9.1996.</p><p>11�Beziehungen halten l�nger, wenn sich die Partner verg�ttern�. In: <emphasis>Die Zeit, </emphasis>4. 7.1997.</p><p>12 Krause, Stefan: <emphasis>Sadder but wiser: Zum Realismus der Selbsteinsch�tzung hinsichtlich der Belastungswahrnehmung und der motorischen</emphasis></p><p><emphasis>Funktionswiederherstellung nach ZNS-Sch�digungen in Abh�ngigkeit vom Grad der Depressivit�t.</emphasis></p><p>http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/1997/krause/diss.pdf</p><p>13 Musson, Robert/Alloy, Lauren: <emphasis>Depression and self-directed attention. </emphasis>In: Lauren Alloy (Hg.): <emphasis>Cognitive Processes in Depression. </emphasis>Guilford Press, New York.</p></cite></section></section><section><title><p>Selbstwertgef�hlsduselei</p></title><section><title><p>�Es ist immer vorteilhaft, ein hohes Selbstwertgef�hl zu besitzen�</p></title><p>Es geh�rt in unserer Kultur l�ngst zu den Binsenweisheiten, dass es im Leben immer w�nschenswert</p><p>ist, ein m�glichst positives Selbstwertgef�hl zu besitzen. Keine Kinderg�rtnerin zweifelt heute auch nur</p><p>im Geringsten an der Gewissheit, dass ein ramponiertes Selbstbild bei ihren Z�glingen die Weichen f�r</p><p>eine unvorteilhafte Entwicklung stellt.�Der Ansto� zum Rauchen liegt im fehlenden Selbstwertgef�hl�,</p><p>legt der Fernsehsender PRO 7 auf seiner Internetseite die Wurzeln des blauen Dunstes blo�.�Ein</p><p>angeschlagenes Selbstwertgef�hl ist der dominierende Faktor bei T�tungsdelikten in intimen</p><p>Partnerschaften�, fasst die� Berliner Morgenpost �die Ergebnisse einer� neuen wissenschaftlichen</p><p>Untersuchung �zum Partnermord zusammen.�Erwachsene m�ssen Kindern ein eigenes Selbstwertgef�hl</p><p>vermitteln�, r�ckt das Gymnasium Bersenbr�ck in Zusammenarbeit mit der Polizei bei den</p><p>�Aktionstagen gegen Drogen �das� Ei des Kolumbus �im Kampf gegen die Rauschgiftsucht ins Licht.</p><p>F�r den gesunden Menschenverstand scheint es tats�chlich unumst��lich, dass ein hohes</p><p>Selbstwertgef�hl die Seele gegen alle erdenklichen Widrigkeiten impft. Das ist ein Standpunkt, den auch</p><p>der amerikanische Psychologe Nathan Branden in einem millionenfach verkauften Ratgeber</p><p>unterschreibt:�Ich kann mir kein einziges psychologisches Problem vorstellen, von der Angst und der</p><p>Depression �ber die Furcht vor Intimit�t oder Erfolg bis hin zur Misshandlung des Ehepartners und zum</p><p>sexuellen Missbrauch von Kindern, das sich nicht auf ein verringertes Selbstwertgef�hl zur�ckf�hren</p><p>l�sst.�<sup>1</sup></p><p>Selbst in den meisten psychologischen Lehrb�chern ist nachzulesen, dass Menschen mit einem hohen</p><p>Selbstwertgef�hl im Leben besser fahren, und dass die Abwesenheit einer positiven Selbsteinsch�tzung</p><p>das beste Warnsignal f�r eine gest�rte Pers�nlichkeit darstellt. Ungl�cklicherweise wurde diese rosige</p><p>Sichtweise in den vergangenen 30 Jahren durch genau <sup>13</sup>.585 empirische Untersuchungen ad absurdum</p><p>gef�hrt, hebt der amerikanische Psychologe Mark R. Leary von der Wake Forest University Winston-</p><p>Salem, der� Papst �der internationalen Selbstwertforschung, in einem Buchkapitel aus dem Jahr 1999</p><p>hervor.<sup>2</sup>�Ich muss mit einem betr�chtlichen Ausma� an Entt�uschung berichten, dass die enthusiastischen</p><p>Behauptungen der Selbstwert-Bewegung auf der Ebene von Fantasy und Pferdemist rangieren. Die</p><p>Wirkungen des Selbstwertgef�hls sind klein, begrenzt und �berhaupt nicht gut�, macht sein renommierter</p><p>Kollege Roy E. Baumeister aus Cleveland im Internet das vernichtende Ergebnis seiner eigenen</p><p>Literaturanalyse publik.<sup>3</sup>�Es gibt nicht den geringsten wissenschaftlichen Hinweis, dass Menschen</p><p>w�nschenswertes Verhalten zeigen, weil sie positive Gef�hle f�r sich selbst haben�, pflichtet der</p><p>Psychologie-Professor Robyn M. Dawes von der Carnegie Mellon University bei.<sup>4</sup>�Umgekehrt fehlt</p><p>jeder Beweis daf�r, dass Menschen unerw�nschte Dinge tun, weil sie negative Gef�hle f�r sich selbst</p><p>haben.�</p><p>Das Selbstwertgef�hl gilt als einer der wichtigsten Bestandteile der menschlichen Pers�nlichkeit. Ein</p><p>hohes Selbstwertgef�hl zu haben hei�t, grob gesprochen, sich selbst gern zu haben. Es ist daher fast</p><p>selbstverst�ndlich, dass wir bestrebt sind, m�glichst viel von diesem heilbringenden Elixier zu besitzen.</p><p>Die meisten Menschen empfinden angenehme Gef�hle, wenn sie von anderen schmeichelnde</p><p>R�ckmeldungen erhalten. Wissenschaftlich wird das Selbstwertgef�hl meist mit einfachen Skalen</p><p>gemessen, die Aussagen enthalten wie� Ich bin ein wertvoller Mensch �oder� Ich bin ein Versager�.</p><p>Wahrscheinlich hat die Evolution dem Homo sapiens Antennen f�r den eigenen Selbstwert gegeben, weil</p><p>er in komplexen sozialen Verb�nden lebt, gibt Mark R. Leary zu bedenken. Menschen k�nnen nur</p><p>fortbestehen, wenn sie in ihrer Gruppe� dazugeh�ren�, und darum hat der Mensch ein feines Gesp�r f�r</p><p>das Wohlwollen und die Abneigung seiner Artgenossen geerbt. Das Selbstwertgef�hl ist also quasi ein</p><p>Messger�t, an dem jeder ablesen kann, wie es um seine Akzeptanz in der Gemeinschaft steht.</p><p>Es gibt nichts, was dem Selbstwertgef�hl so abtr�glich w�re wie eine Ablehnung durch andere</p><p>Gruppenmitglieder. Aus dieser Perspektive ist eigentlich bereits selbstverst�ndlich, dass es nicht immer</p><p>sinnvoll sein kann, ein angeknackstes Selbstbewusstsein anzuheben, wenn die Ablehnung durch die</p><p>Gemeinschaft bestehen bleibt, meint Leary. Anders ausgedr�ckt: Es ist gut, dass manche Menschen ein</p><p>niedriges Selbstwertgef�hl besitzen.�Leute, die sich st�ndig so destruktiv und unangemessen verhalten,</p><p>dass die andern sie ablehnen oder ignorieren, haben ein niedriges Selbstwertgef�hl, weil ihr soziales</p><p>Messger�t die negative Haltung der Umwelt registriert. Wenn man versucht, diese Leute davon zu</p><p>�berzeugen, dass sie wertvolle und wunderbare Menschen sind, lenkt man sie nur von ihren wirklichen</p><p>Schwierigkeiten ab.�</p></section><section><title><p><strong>�Ein hohes Selbstwertgef�hl macht friedfertig, ein niedriges leistet der Gewaltt�tigkeit Vorschub�</strong></p></title><p>Besonders hartn�ckig h�lt sich in psychologisch und sozialp�dagogisch� aufgekl�rten �Kreisen der</p><p>Glaube, dass ein angekratztes Selbstwertgef�hl den N�hrboden f�r Aggressivit�t und Gewaltbereitschaft</p><p>erzeugt, �bt der Psychologe Roy E. Baumeister in einer ersch�pfenden �bersichtsarbeit Kritik.<sup>5</sup> Der mehr</p><p>oder weniger ausformulierte Grundgedanke besagt, dass aggressive Menschen mit ihrer Brutalit�t</p><p>lediglich einen Mangel an Selbstwertgef�hl� kompensieren�. Dabei waren seit jeher Tatsachen bekannt,</p><p>die �berhaupt nicht in dieses Schema passen. So werden �ber 90 Prozent aller Gewaltdelikte von</p><p>M�nnern ver�bt, obwohl diese laut Testwerten (etwas) mehr Selbstwertgef�hl besitzen als Frauen.</p><p>Ausgerechnet Depressive, deren Selbstwertgef�hl in die N�he des Nullpunktes absinkt, begehen</p><p>besonders selten Gewaltverbrechen. Zum� Ausrasten �neigen sie dagegen ausgerechnet in einer</p><p>manischen Phase, wenn das depressiv abgew�rgte Selbstwertgef�hl pl�tzlich einen pathologischen</p><p>�Kick �erf�hrt. Schlie�lich wei� man auch schon lange, dass �ber die H�lfte der einsitzenden Kriminellen</p><p>�soziopathische �Charaktere sind, die grandios aufgebl�hte Vorstellungen von ihrem Selbstwert haben.</p><p>Mittlerweile gibt es eine ganze Anzahl neuer empirischer Untersuchungen, die alle den</p><p>friedensstiftenden Charakter des positiven Selbstwertgef�hls L�gen strafen. Bei einer gro�en Stichprobe</p><p>in der Bev�lkerung stellte sich heraus, dass just diejenigen am h�ufigsten in sadistischen Phantasien</p><p>schwelgten, die laut Test den h�chsten Grad an Selbstwertgef�hl besa�en. Eine Untersuchung an</p><p>Strafentlassenen kam zu dem Ergebnis, dass die sehr selbstbewussten unter ihnen am h�ufigsten gegen</p><p>die Bew�hrungsauflagen verstie�en und r�ckf�llig wurden. Vergewaltiger lie�en sich in einer anderen</p><p>Studie nicht die kleinsten Selbstzweifel anmerken. Sie kehrten im Gegenteil prahlerisch den� Macho�</p><p>heraus. Je mehr Menschen von ihren eigenen Qualit�ten eingenommen sind, desto gr��er sind die</p><p>Risiken, die sie sich einzugehen trauen.�Das ist eindeutig eine unvorteilhafte Tendenz�, urteilt der</p><p>Psychologe Mark R. Leary,�denn wer seine eigenen F�higkeiten und seinen Wert �bersch�tzt, stellt leicht</p><p>eine Gefahr f�r die Allgemeinheit dar. �W�rden Sie sich gerne in ein Fahrzeug setzen, dessen Lenker</p><p>�bertriebene Vorstellungen von seiner Fahrkunst hat?</p><p>Streits�chtige und sadistische Kinder vom Schlage eines� Klassentyrannen�, die ihre Mitsch�ler</p><p>liebend gerne qu�len und terrorisieren, wiesen ebenfalls keine Zeichen von Selbstunsicherheit auf.</p><p>Stattdessen litten sie eher unter einem wahnhaften �berlegenheitsgef�hl, das andere Kinder minderwertig</p><p>und unterlegen erscheinen lie�. Das Gleiche gilt f�r die Mitglieder von Gangs und Jugendbanden, wie</p><p>Baumeister aus den empirischen Daten schlie�t: Sie haben keine Selbstzweifel und</p><p>�Minderwertigkeitskomplexe�, sie handeln vielmehr aus einer brisanten Mixtur von Stolz und dem</p><p>Wunsch nach Selbstbehauptung heraus.</p><p>Auch das bohrende Bed�rfnis nach Rache und Vergeltung wird offenbar im typischen Fall durch ein</p><p>�bersteigertes Selbstwertgef�hl � und nicht durch die Empfindung der Minderwertigkeit � angestachelt.</p><p>Zu diesem Ergebnis gelangte ein Experiment, dessen Teilnehmer einen kleinen Essay schreiben sollten,</p><p>der bei ausgew�hlten Juroren entweder auf begeisterte Zustimmung (�Hervorragend!�) oder auf herbe</p><p>Zur�ck-Weisung (�So ein Schwachsinn!�) stie�. Dann erhielten die Schreiber die Gelegenheit, ein Spiel</p><p>gegen die jeweiligen Gutachter ihrer Essays zu spielen. Bei einer Niederlage ihres Gegners sollten sie</p><p>diesen mit einer selbst gew�hlten Dosis L�rm� bestrafen�. Fazit: Die Versuchsteilnehmer, die laut</p><p>Psychotest �ber den h�chsten Grad an Selbstwertgef�hl verf�gten, zahlten es ihren Kritikern mit den</p><p>lautesten akustischen Schikanen heim: Sie verabreichten dreimal so viel L�rm wie die Schreiber mit</p><p>schwachem Selbstwertgef�hl.</p><p>Dass ein hohes Selbstbewusstsein manchmal �l ins Feuer gie�t, k�nnen uns nach Ansicht von</p><p>Baumeister sogar die kollektiven Gr�ueltaten der Geschichte lehren: Totalit�re Regimes wie der</p><p>Nationalsozialismus begehen ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht, weil ihre Herrscher unter</p><p>�tzenden Selbstzweifeln leiden, sondern weil sie aufgeblasenen Vorstellungen �ber ihren Wert � und den</p><p>�Unwert �der anderen Seite � fr�nen. Auch die Mitglieder der Mafia � oder des Ku-Klux-Klan � handeln</p><p>nicht aus Minderwertigkeitsgef�hlen, sie suhlen sich vielmehr geradezu in einem beinah gottartigen</p><p>�berlegenheitsgef�hl.</p></section><section><title><p><strong>�Ein hohes Selbstwertgef�hl macht Menschen freundlicher und umg�nglicher�</strong></p></title><p>Es ist ein lieb gewordenes psychologisches Klischee, dass Menschen mit einem positiven Selbstbild</p><p>�ber eine harmonische Ausstrahlung verf�gen und ihrer Umwelt mit Wohlwollen und</p><p>Einf�hlungsverm�gen begegnen. Wer ja zu sich selbst sagt, hei�t auch die anderen warmherzig in ihrem</p><p>Sosein gut. So lautet zumindest eine unhinterfragte Weisheit der Hippiebewegung der sechziger und</p><p>siebziger Jahre, die sich tief in das kollektive Selbstverst�ndnis der Moderne eingegraben hat. Dabei</p><p>beweisen sorgf�ltig erhobene empirische Versuchsergebnisse, dass Selbstwertgef�hl allzu leicht in</p><p>Selbstherrlichkeit umschl�gt, die unangenehme zwischenmenschliche Konsequenzen nach sich zieht.</p><p>Diese Tendenz hat Dr. Astrid Sch�tz vom Lehrstuhl Psychologie der Universit�t Bamberg in mehreren</p><p>Experimenten aufgezeigt.<sup>6</sup> Probanden mit hohem oder niedrigern Selbstwertgef�hl wurden aufgefordert,</p><p>sich selbst und ihren Partner darzustellen. Einige wurden zuvor gebeten, bestimmte Fehler zu berichten,</p><p>die sie in ihrem Leben begangen hatten.</p><p>Wie die Ergebnisse beweisen, waren Personen mit viel Selbstwertgef�hl absolut nicht dazu geneigt,</p><p>Schw�chen und ung�nstige Eigenschaften zuzugeben. Wenn �berhaupt, dann r�umten sie h�chstens</p><p>ambivalente� Charakterfehler �ein, so etwa� Perfektionismus�. Probanden mit l�diertem Ego bekannten</p><p>sich dagegen frank und frei zu ihren dunklen Seiten, zum Beispiel ihrer labilen, wechselhaften</p><p>Charakterstruktur. Hochgradig Selbstbewusste redeten zudem die Fehler, die ihnen im Leben unterlaufen</p><p>waren, mit allerlei Rechtfertigungen sch�n. Rechtfertigungen sind Erkl�rungen, die betonen, dass ein</p><p>Verhalten in der betreffenden Situation durchaus angemessen war.�Wer die Ursachen f�r seine Missgriffe</p><p>immer auf �u�ere Faktoren schiebt, verbaut sich selbst die Gelegenheit, aus seinen Fehlern zu lernen�,</p><p>folgert Mark R. Leary aus solchen Daten. Selbstunsichere machten dagegen kein Hehl daraus, dass ihr</p><p>Verhalten unentschuldbar gewesen war.</p><p>Die Selbstbewussten r�ckten bei ihrer Selbstdarstellung besonders ihre besonderen F�higkeiten und</p><p>Begabungen ins Rampenlicht. Es war, als ob ihr ganzes Sinnen und Trachten darauf abzielte, bewundert</p><p>zu werden, schlie�t die Psychologin Sch�tz. Um sich selbst noch weiter zu erh�hen, scheuen die</p><p>Betreffenden nicht einmal davor zur�ck, andere herunterzumachen. Dies hat auch der Psychologe Roy E.</p><p>Baumeister bei der Analyse von Interaktionen zwischen Probanden mit unterschiedlichen Graden an</p><p>Selbstwertgef�hl festgestellt. Am oberen Ende der Selbstwertskala kamen ziemlich unangenehme</p><p>Umgangsformen ans Tageslicht.�Diese Personen neigten sehr viel st�rker dazu, den anderen ins Wort zu</p><p>fallen. Sie schossen w�hrend der Unterhaltung viel h�ufiger mit �rgerlichen und feindseligen</p><p>Bemerkungen quer. Sie sprachen viel eher �ber Leute als mit Leuten. Alles in allem raubten sie den</p><p>�brigen Beteiligten den letzten Nerv.�</p><p>Kein Wunder, dass den Betreffenden bei einer psychodiagnostischen Begutachtung ein</p><p>�berdurchschnittliches Ma� an zwischenmenschlichen Anpassungsproblemen zugeschrieben wurde.�Ein</p><p>hohes Selbstwertgef�hl zu haben l�uft offenbar darauf hinaus, zu glauben, dass man besser ist als</p><p>andere�, zieht Baumeister Bilanz. Bei den Selbstunsicheren war nichts von dieser herablassenden</p><p>Strategie zu merken, res�miert Dr. Sch�tz: Wahrscheinlich hielt sie die Angst vor der Missbilligung der</p><p>anderen zur�ck.</p></section><section><title><p><strong>�Ein positives Selbstwertgef�hl beg�nstigt </strong>das <strong>Lernen und den Schulerfolg�</strong></p></title><p>Es ist viel leichter, sich den Lernstoff in der Schule anzueignen, wenn man gute Gef�hle f�r sich</p><p>selber hat. Mit diesem modernen Credo stimmt vermutlich die Mehrheit aller� aufgeschlossenen �Lehrer</p><p>und Erzieher �berein. Die Amerikaner haben sogar seit den siebziger Jahren aus dieser Botschaft ein</p><p>nationales Programm gemacht: Statt Leistungsdruck, Wettbewerb, Schulnoten und Basiswissen stellten</p><p>die Curricula zunehmend Hippiewerte wie� Selbstakzeptanz�,�Selbstwertgef�hl �und</p><p>�Empfindsamkeit �in den Mittelpunkt. Mit dem Ergebnis, dass die Nachfahren der Cowboys und Indianer</p><p>im internationalen Vergleich und besonders in den� harten�, naturwissenschaftlichen F�chern immer</p><p>schlechter wurden. Doch ihr Selbstwertgef�hl stieg w�hrenddessen zu ungeahnten H�hen auf.</p><p>Anfang der neunziger Jahre kam ein Schulvergleich zwischen den USA, Japan und China zu dem</p><p>peinlichen Schluss, dass der amerikanische Nachwuchs mit Abstand die schlechtesten Leistungen in</p><p>Mathematik vorzuweisen hatte. Gleichzeitig jedoch sch�tzen die amerikanischen Sch�ler ihre eigenen</p><p>Rechenf�higkeiten als��berdurchschnittlich �ein, geht der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes mit</p><p>seinem Bildungssystem ins Gericht. Die Sch�ler in Asien veranschlagten dagegen ihr mathematisches</p><p>K�nnen zu niedrig ein.�Es ist be�ngstigend�, sorgt sich Roy E. Baumeister,�daran zu denken, was</p><p>passieren wird, wenn die jetzige Generation von Sch�lern erwachsen wird und immer noch glaubt,</p><p>schlauer zu sein als der Rest der Welt, obwohl sie in Wahrheit d�mmer ist. Amerika wird ein Land</p><p>eingebildeter Dummk�pfe sein.�</p><p>Weniger als 25 Prozent der amerikanischen Obersch�ler vertraten auf Nachfrage die �berzeugung,</p><p>dass� harte Arbeit �eine wichtige Voraussetzung f�r den schulischen Erfolg darstellt. Von ihren</p><p>Altersgenossen in Japan und China gingen dagegen �ber 60 Prozent mit dieser Auffassung konform. Auch</p><p>die amerikanischen Mathematiklehrer warten bei der Frage nach den wichtigsten Qualit�ten ihres Berufes</p><p>mit einer sonderbaren Werteskala auf.�Sensibilit�t �und� Enthusiasmus �standen auf den ersten Pl�tzen,</p><p>w�hrend� Klarheit �nur eine abgeschlagene Position erreichte. Ihre japanischen und chinesischen</p><p>Kollegen stellten dagegen die� Klarheit �mit Abstand auf den ersten Rang.</p><p>Ende der achtziger Jahre hat eine Kommission der kalifornischen Landesregierung die Bedeutung des</p><p>Selbstwertgef�hls f�r den Schulerfolg auf die Probe gestellt. Die Landesv�ter wollten sich eigentlich nur</p><p>von einem Zirkel von Spitzenwissenschaftlern best�tigen lassen, dass der K�nigsweg des positiven</p><p>Selbstbildes automatisch zu positiven Leistungen f�hrt. Um diese l�ngst beschlossene� Erkenntnis�</p><p>abzusegnen, sollten die Koryph�en viele Hunderte von Einzelstudien sichten und der Kommission ein</p><p>ersch�pfendes Pl�doyer vorlegen. Doch zum Verdruss der Politik ging der Schuss nach hinten los,</p><p>rekapituliert Robyn M. Dawes: Da die Gelehrten sich stur an die Qualit�tskriterien der Wissenschaft</p><p>hielten, bekamen ihre Auftraggeber am Ende ein unbequemes Fazit aufgetischt: Zwischen dem</p><p>Selbstwertgef�hl und dem schulischen Leistungsstand fehlt jeder erw�hnenswerte statistische</p><p>Zusammenhang. Der Versuch, den Lernerfolg durch die Verbesserung des Selbstbildes zu steigern, ist</p><p>daher unweigerlich zum Scheitern verdammt.</p><p>Auch der Psychologie-Professor Albert Bandura von der Stanford-Universit�t, Experte f�r</p><p>Leistungsmotivation und einer der ber�hmtesten Seelenforscher der Welt, schlie�t sich in einem neuen</p><p>Buch dieser skeptischen Haltung an:<sup>7</sup>�Das Selbstwertgef�hl wirkt sich weder auf die pers�nlichen Ziele</p><p>noch auf die erreichten Leistungen aus. �Eltern haben nach Lage der Dinge durchaus eine Chance, den</p><p>schulischen Erfolg ihrer Kinder zu puschen. Aber ihre Einflussm�glichkeit besteht ganz bestimmt nicht</p><p>darin, das Selbstwertgef�hl der Spr�sslinge aufzubauen. Die einzige Strategie, die eine Erfolgsaussicht</p><p>besitzt, besteht vielmehr darin, mit Engagement, Disziplin und �berzeugungskraft beim Nachwuchs eine</p><p>positive Einstellung zu Lernen, Leistung und Schule zu vermitteln.</p></section><section><title><p><strong>�Durch ein niedriges Selbstwertgef�hl werden soziale Missst�nde verh�rtet�</strong></p></title><p>Wenn man auf die heilbringende Wirkung eines� gesunden �Selbstwertgef�hls vertraut, macht man</p><p>nicht an den Grenzen des Individuums Halt. Zu verf�hrerisch ist die Schlussfolgerung, dass ein Mangel</p><p>an dem� gewissen Etwas �die Basis f�r alle erdenklichen sozialen Probleme und gesellschaftlichen</p><p>Missst�nde bildet: Menschen aus zerr�tteten Verh�ltnissen oder sozial benachteiligten Schichten k�nnen</p><p>ihre Lage nicht �ndern, weil das niedrige Selbstwertgef�hl sie in unsichtbaren Fesseln h�lt. F�r allein</p><p>erziehende M�tter, die von Sozialhilfe leben, ist allein durch den Knick im Selbstbild der Weg in eine</p><p>selbst bestimmte Zukunft verbaut. Ohne eine radikale Korrektur am Selbstwert kommen Randgruppen,</p><p>Trinker, Drogenabh�ngige, Delinquenten und andere Problemf�lle niemals auf einen gr�nen Zweig.</p><p>�Keiner ist f�r sein eigenes Leben oder das eines anderen verantwortlich, jeder braucht eine Therapie�,</p><p>bringt der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes die philosophischen Implikationen dieses Denkens auf</p><p>einen Punkt.</p><p>Dabei ist bereits die grundlegende Pr�misse dieser Weltanschauung nicht wahr: Die Zugeh�rigkeit zu</p><p>einer benachteiligten Gruppe kratzt das Selbstwertgef�hl �berhaupt nicht an. Zahlreiche Individuen</p><p>werden von der dominanten Kultur diskriminiert und zur�ckgesetzt, weil sie zum Beispiel als Schwule,</p><p>Ausl�nder oder Frauen mit einem Stigma behaftet sind. Auf den ersten Blick erscheint es unabwendbar,</p><p>dass das Selbstwertgef�hl bei solchen Ressentiments zu Schaden kommt, konstatieren die beiden US-</p><p>Psychologinnen Jennifer Crocker und Brenda Major in einer profunden �bersicht.<sup>8</sup> Doch die empirischen</p><p>Befunde zeichnen nach ihrer Analyse ein v�llig anderes Bild. Homosexuelle und Schwarze haben je nach</p><p>Studie ein normales oder sogar ein erh�htes Selbstwertgef�hl; aber auch Frauen, Behinderte und andere</p><p>�Stiefkinder �der Gesellschaft lassen das erwartete� narzisstische �Defizit vermissen.</p><p>F�r diesen �berraschenden Befund kommen verschiedene Erkl�rungen in Betracht, schreiben die</p><p>Psychologinnen. Einmal haben� Underdogs �die M�glichkeit, unangenehme Entwicklungen in ihrem</p><p>Leben auf die Diskriminierung ihrer Gruppe zur�ckzuf�hren. Und zwar auch solche unangenehmen</p><p>Entwicklungen, f�r die de facto andere Gr�nde verantwortlich sind. Ein amerikanischer Schwarzer aus</p><p>der Unterschicht, der sich alle m�glichen Unbilden mit dem� Rassismus �der Wei�en erkl�rt, schafft sich</p><p>damit einen psychologischen� Puffer�, der den Mitgliedern der dominanten Gruppe nicht zu Verf�gung</p><p>steht. Von diesem Mechanismus zeugt eine Studie an Frauen, die die get�rkte R�ckmeldung erhielten, sie</p><p>h�tten bei einem Leistungstest schlecht abgeschnitten. Als der Verdacht geweckt wurde, der</p><p>Versuchsleiter tr�ge� chauvinistische �Z�ge, gewannen die Frauen schlagartig ihr angeknackstes</p><p>Selbstwertgef�hl zur�ck.</p><p>Schwarze Probanden machten sich in einem anderen Experiment nur dann etwas aus einem negativen</p><p>Feedback, wenn es von einem Experimentator stammte, der ihre Hautfarbe nicht gesehen hatte. Auf der</p><p>anderen Seite k�nnen benachteiligte Individuen schmeichelhaftes Feedback von anderen k�nstlich</p><p>aufbauschen, indem sie sich dem Eindruck hingeben, dass sie es trotz ihres Handicaps erhalten haben.</p><p>K�rperlich unattraktive Probandinnen ma�en in einer Studie dem Lob �ber ihre Leistungen die gr��te</p><p>Bedeutung bei, wenn der Versuchsleiter sie deutlich sehen konnte.</p><p>Weiterhin k�nnen Mitglieder von Randgruppen Kratzer am Ego entsch�rfen und abfangen, indem sie</p><p>ihre eigene Situation ausschlie�lich an jener von Menschen� ihres Schlages �messen. Um ihre eigene</p><p>Situation richtig einzusch�tzen, stellen Menschen st�ndig Vergleiche mit anderen an.�Ist dieser</p><p>Porschefahrer auf der anderen Fahrspur am Ende wirklich gl�cklicher als ich?��M�sste ich die Pr�fung</p><p>nicht schaffen, wo doch nicht einmal dieser Holzkopf durchgerasselt ist?�Der Vergleich mit Personen,</p><p>mit denen man viele Gemeinsamkeiten hat, besitzt aber nun einmal besonders viel Gewicht. Schwarze</p><p>Schulkinder haben das niedrigste Selbstwertgef�hl, wenn sie in integrierten Schulen zusammen mit</p><p>wei�en erzogen werden. Wenn sie� unter sich �bleiben, mindert dies zwar ihre schulischen Leistungen,</p><p>doch es bringt ihr Selbstwertgef�hl auf Vordermann.</p><p>Schlie�lich besteht noch die M�glichkeit, diejenigen Merkmale abzuwerten, die das� Manko �der</p><p>eigenen Gruppe beinhalten, w�hrend man den St�rken der eigenen Kaste besonders viel Gewicht</p><p>zuschreibt. Es ist zum Beispiel aus Umfragen bekannt, dass Frauen in der Regel Bezahlung und</p><p>Karrierechancen f�r eher unwichtig halten, w�hrend sie einer interessanten T�tigkeit und einem guten</p><p>Betriebsklima mehr Bedeutung zuordnen.</p><p>Eine solche Dynamik kann rasch in einen Teufelskreis ausarten, warnen die beiden Forscherinnen.</p><p>Diskriminierte Menschen werten bestimmte wichtige Eigenschaften ab, was dann r�ckwirkend nur noch</p><p>mehr Diskriminierung durch die dominante Kultur provoziert. Au�erdem k�nnen soziale und</p><p>therapeutische Interventionen leicht zur�ckschlagen: Wenn man die stigmatisierte Gruppe vom Stigma</p><p>befreit, nimmt man ihr unter Umst�nden den lieb gewordenen Puffer weg. Darauf weist eine Studie an</p><p>Patienten hin, bei denen eine Gesichtsdeformation chirurgisch korrigiert wurde. Zwar ging der</p><p>kosmetische Eingriff mit einer vor�bergehenden Erleichterung einher, doch auf lange Sicht blieb ein</p><p>schales Gef�hl zur�ck.</p><p>Nicht nur, dass die Zugeh�rigkeit zu einer benachteiligten Gruppe das Selbstwertgef�hl ihrer</p><p>Mitglieder weitgehend unangetastet l�sst. Es gibt auch keinerlei Anzeichen, dass der Besitz eines</p><p>niedrigen Selbstwertgef�hls gesellschaftliche Missst�nde und� antisoziales �Verhalten f�rdert. Das ist das</p><p>Fazit, zu dem die bereits erw�hnte kalifornische Expertenkommission gelangte, nachdem sie minuzi�s die</p><p>einschl�gigen wissenschaftlichen Quellen gesichtet hatte. Punkt f�r Punkt wurde dem Stellenwert des</p><p>Selbstwertgef�hls der Boden entzogen, wie der Psychologie-Professor Robyn M. Dawes in seiner</p><p>Zusammenstellung unterstreicht:</p><p>�Es gibt keine Anhaltspunkte daf�r, dass eine Verbesserung des Selbstwertgef�hls ein wirksames</p><p>Mittel w�re, um der Kindesmisshandlung vorzubeugen.�(Originalzitat der Kommission)</p><p>Ein niedriges Selbstwertgef�hl hat keinen Einfluss darauf, ob Jugendliche ungewollt schwanger</p><p>werden oder nicht. Der Glaube war, dass sich selbstunsichere Jugendliche sexuell� gehen lassen�, um ihre</p><p>Minderwertigkeitsgef�hle zu �bert�nchen. Sofern �berhaupt ein Zusammenhang zwischen</p><p>Selbstwertgef�hl und Jugendsexualit�t besteht, dann in der Hinsicht, dass sehr selbstbewusste m�nnliche</p><p>Teenager sogar besonders fr�h und h�ufig Geschlechtsverkehr haben.</p><p>Ein niedriges Selbstwertgef�hl hat keinen Einfluss darauf, dass Menschen in eine chronische</p><p>Abh�ngigkeit von der Sozialhilfe geraten. Ein hohes Selbstwertgef�hl sch�tzt nicht davor, sozial</p><p>abzugleiten.</p><p>Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Selbstwertgef�hl und der Wahrscheinlichkeit, ein</p><p>Verbrechen zu begehen. Wer sich selbst mag, ist dadurch noch lange nicht gegen krumme Touren gefeit.</p><p>Schlie�lich hat das Selbstwertgef�hl auch keinen Effekt auf die Alkohol- und Rauschgiftsucht. Es ist</p><p>ein gro�er Irrtum, zu glauben, dass der S�chtige mit dem Schnaps oder Heroin nur die Zweifel an seinem</p><p>Ego bet�ubt.</p></section><section><title><p><strong>�Es gibt M�glichkeiten, das Selbstwertgef�hl eines Menschen gezielt anzuheben�</strong></p></title><p>Die gleichen Experten, die die Ursache allen �bels in einem l�dierten Selbstwertgef�hl sehen, haben</p><p>eine patente Therapie parat: Man braucht einfach nur das geknickte Ego der betreffenden Person durch</p><p>Lob, Anerkennung oder die Bereitstellung von kleinen Erfolgserlebnissen aufzurichten. Doch dieser</p><p>Vorstellung liegt ein v�llig unrealistisches Bild der menschlichen Natur zugrunde, hebt der Psychologie-</p><p>Professor William B. Swann von der University of Texas in Austin hervor.<sup>9</sup> Der Mensch setzt jedem</p><p>Versuch, sein Selbstbild zu �ndern, erheblichen Widerstand entgegen. Auf welchem Stand sich das</p><p>Selbstwert-Barometer einer Person auch gerade befinden mag � sie tut alles, um diesen Status zu erhalten,</p><p>auch wenn sie damit ein j�mmerliches Bild von sich selbst perpetuiert.�Wir sehnen uns nach Stabilit�t,</p><p>auch wenn sie Schmerz bedeutet�, meint Swann.�Der Wunsch nach Vorhersagbarkeit, Kontrolle und</p><p>Koh�renz ist so machtvoll, dass er sich sogar �ber das Bed�rfnis nach Positivit�t hinwegsetzt.�</p><p>Es gibt keinerlei Beweise daf�r, dass die Methoden zur Selbstwertsteigerung, die in der Psychoszene</p><p>herumgereicht werden, irgendwelche Fr�chte tragen, erkl�rt der Psychologe. Das st�ndige Loben</p><p>(entweder sich selbst oder eine andere Person) prallt an einem machtvollen Schutzschild ab, der in dem</p><p>Bed�rfnis besteht, das vorhandene Selbstbild zu zementieren. Menschen k�nnen sich sogar derart an</p><p>st�ndige absch�tzige Bemerkungen �ber sich selbst gew�hnen, dass sie Lebenspartner suchen, die sie in</p><p>ihrer negativen Selbstsicht best�rken. In diesem Geisteszustand h�ren die Betreffenden einfach �ber</p><p>gelegentliche Anerkennungen und positive Bemerkungen hinweg, vergessen diese sofort oder deuten sie</p><p>sogar so um, dass sie einen negativen Touch bekommen.</p><p>Dass Menschen gezielt Informationen selektieren und aufbauschen, welche das vorhandene positive</p><p>oder negative Bild ihrer selbst unterstreichen, hat Swann in einem viel beachteten Experiment</p><p>aufgezeigt.<sup>10</sup> Versuchspersonen mit hohem oder niedrigem Selbstwertgef�hl hatten die Wahl, sich eines</p><p>von zwei psychologischen Gutachten �ber sich selbst auszusuchen, das entweder einen positiven oder</p><p>negativen Tenor besa�. Die �berw�ltigende Mehrheit der Selbstbewussten w�hlte die schmeichelhafte</p><p>Option. Dagegen entschieden sich zwei Drittel aller Teilnehmer mit niedrigem Selbstwertgef�hl f�r den</p><p>unschmeichelhaften Bericht. Patienten mit Depressionen w�hlten sogar zu 82 Prozent den Negativreport.</p><p>Die meisten Selbstbewussten wollten unbedingt zuerst etwas �ber ihre pers�nlichen St�rken lesen,</p><p>w�hrend die Selbstunsicheren als Erstes etwas �ber ihre pers�nlichen Schw�chen erfahren wollten.</p><empty-line/><cite><p>1 Branden, Nathan: <emphasis>The psychology of self-esteem. </emphasis>Bantam Books, Toronto et al. 1969.</p><p>2 Leary, Mark R.: <emphasis>The social and psychological importance of self-esteem. </emphasis>In: Robin M. Kowalski/Mark R. Leary (Hg.): <emphasis>The social psychology of</emphasis></p><p><emphasis>emotional and behavioral problems. Interfaces of social and clinical psychology. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1999.</p><p>3 Baumeister, Roy E.: <emphasis>Should schools try to boost self-esteem? Beware the dark side. </emphasis>http: //www.rstennison.com/obe/self_esteem.html</p><p>4 Dawes, Robyn M: <emphasis>House of Cards. Psychology and psychotherapy built an myths. </emphasis>Free Press, New York 1994.</p><p>5 Baumeister, Roy E. /Joseph M. Boden: <emphasis>Aggression and the self: High self-esteem, low self-esteem, low self-control, and ego-threat. </emphasis>In: Russel G.</p><p>Green /Edward Donnerstein (Hg.): <emphasis>Human Aggression. </emphasis>Academic Press, San Diego et al. 1998.</p><p>6 Sch�tz, Astrid: <emphasis>Interpersonelle Aspekte des Selbstwertgef�hles. Die Beschreibung der eigenen Person im sozialen Kontext. </emphasis>In: <emphasis>Zeitschrift f�r </emphasis></p><p><emphasis>Sozialpsychologie, </emphasis>Themenheft: <emphasis>Das Selbst im Lebenslauf- Sozialpsychologische und entwicklungspsychologische Perspektiven, </emphasis>Bd. 28 (1997), S.</p><p>92-108.</p><p>7 Bandura, Albert: <emphasis>Self efficacy: The exercise of control. </emphasis>Freeman Press, New York 1997.</p><p>8 Crocker, Jennifer/Brenda Major: <emphasis>Social Stigma and self-esteem. </emphasis>In: <emphasis>Psychological Review, </emphasis>Bd. 96 (1989), S. 608�630.</p><p>9 �What the self-esteem movement left out�. In: <emphasis>Behavioral health treatment, </emphasis>Vol. 1 (1996), S. 1, 5, 9.</p><p>10 �People with depression tend to seek negative feedback�. http: //www.apa.org/releases/depress.html</p></cite></section></section><section><title><p>Die Seele ist schuld</p></title><section><title><p>�Viele organische Krankheiten haben psychosomatische Ursachen�</p></title><p>Es liegt ein verf�hrerischer Reiz in der Vorstellung, dass unsere k�rperliche Gesundheit auf Gedeih</p><p>und Verderb dem Einfluss der mentalen Kr�fte unterworfen sei. Der Zeitgeist hat sich demzufolge darauf</p><p>verst�ndigt, dass Menschen heutzutage weniger k�rperlich als seelisch leiden. Selbst das Elend einer</p><p>k�rperlichen Krankheit l�uft in gewissen Kreisen fast schon Gefahr, weniger ernst genommen zu werden,</p><p>wenn es nicht mit dem dramatischen Attribut� psychosomatisch �gekoppelt ist. Der Glaube an die</p><p>Herrschaft des Geistes �ber den K�rper ist so suggestiv, dass er uns manchmal dazu verleitet, Menschen,</p><p>die krank werden, Vorw�rfe zu machen, w�hrend uns die �berwindung eines lebensbedrohlichen Leidens</p><p>wie Krebs Hochachtung und Bewunderung abverlangt.</p><p>Unz�hlige popul�re Sachb�cher versprechen, das Geheimnis zu l�ften, wie der Mensch zu innerer</p><p>Harmonie gelangt und seine Gesundheit durch die Mobilisierung psychischer Energien st�hlen kann.</p><p>Andere zeigen auf, mit welchen Mitteln er seine seelischen Selbstheilungskr�fte stimulieren kann, falls er</p><p>doch einmal den finsteren M�chten der Krankheit erliegt. F�r diejenigen, die sich mit intuitiven</p><p>Einsichten nicht zufrieden geben, h�lt die� psychosomatische Medizin �ein ganzes Arsenal an seri�s</p><p>klingenden Modellvorstellungen �ber die Entstehung von Krankheiten und� Somatisierungen �parat.</p><p>Dieser Zweig der Medizin, der eng mit der Psychoanalyse verbunden ist, f�hrt Krankheiten auf ungel�ste</p><p>und unbewusst wirkende Konflikte, auf bestimmte Pers�nlichkeitsdefekte oder schlicht und einfach auf</p><p>�Stress �zur�ck.</p><p>Psychosomatiker annektieren in erster Linie Erkrankungen wie Asthma, Bluthochdruck, chronische</p><p>Magen-Darm-Erkrankungen oder rheumatische Arthritis, f�r welche die Organmediziner lange Zeit keine</p><p>�berzeugenden biologischen Ursachen finden konnten. Allerdings beharren sie auch dann st�rrisch auf</p><p>ihrer Irrlehre, wenn die in der �ffentlichkeit verrufene� Apparatemedizin �an die molekularen Wurzeln</p><p>der betreffenden St�rungen vorst��t.�Dabei ist in den vergangenen Jahren v�llig klar geworden, dass</p><p>psychologische Faktoren bei diesen Krankheiten keine Rolle spielen�, streicht der Harvard-Mediziner</p><p>Steven E. Hyman heraus. <emphasis>l</emphasis></p><p>Auch Professor Michael Myrtek, Leiter der Forschungsgruppe Psychophysiologie am</p><p>Psychologischen Institut der Universit�t Freiburg, pflichtet dem bei.<sup>2</sup> Obwohl in seinen eigenen</p><p>empirischen Untersuchungen und einer Literaturanalyse keine bedeutsamen psychosomatischen</p><p>Zusammenh�nge nachweisbar waren, klagt Myrtek, seien dennoch die meisten Laien ��aber sicher auch</p><p>die meisten Psychologen�� davon �berzeugt, dass psychosoziale Faktoren organische Krankheiten</p><p>verursachen k�nnen. �hnlich kompromisslos kritisiert er die g�ngige Lehrmeinung, Stress wirke</p><p>gesundheitsgef�hrdend, als ungesichert und �bersch�tzt. Tats�chlich geht der R�ckschluss auf psychische</p><p>Ursachen nach neuesten Ergebnissen sehr h�ufig� nach hinten �los: Die Patienten hadern intensiver mit</p><p>ihrem Schicksal und kommen schlechter mit der Bew�ltigung ihrer Beschwerden zurecht.</p></section><section><title><p><strong>�Der Herzinfarkt wird durch eine gehetzte und aufbrausende &gt;Infarktpers�nlichkeit&lt;</strong></p><p><strong>hervorgerufen�</strong></p></title><p>Das Kardinalbeispiel f�r das psychosomatische Denken und seine Unf�higkeit, aus Fehlern zu lernen</p><p>und wissenschaftliche Fakten zu akzeptieren, ist der Mythos von der� Infarktpers�nlichkeit�. Anfang der</p><p>siebziger Jahre machten amerikanische Kardiologen die Beobachtung, dass die koronare Herzerkrankung</p><p>und der Herzinfarkt scheinbar �berdurchschnittlich h�ufig einen besonderen Schlag Mensch ereilen.</p><p>Dieser so genannte Typ A beschreibt das Lebensbild eines unabl�ssig gehetzten, �beraus ehrgeizigen und</p><p>konkurrenten Perfektionisten. Damit war auch der Begriff der� Managerkrankheit �geboren. Der</p><p>charakterliche Gegenpol des Typ A, der gelassene und entspannte Typ B, ist jedoch gegen den Infarkt</p><p>gefeit. Nach der Theorie� dreht �nun bei dem aufbrausenden� Workaholic �vom Typ A der Sympathikus,</p><p>der aufputschende Pol des vegetativen Nervensystems, durch und leistet so der koronaren Herzkrankheit</p><p>und dem� Betriebsunfall �Herzinfarkt Vorschub.</p><p>Die ersten empirischen Studien schienen der Vorstellung Recht zu geben: Die Wahrscheinlichkeit,</p><p>einen Infarkt zu erleiden, war nach diesen Daten beim Typ A um das Zweifache erh�ht. Doch dann</p><p>nahmen sich einige ungl�ubige Forscher einmal kritisch die ausgewerteten Daten vor. �berraschende</p><p>Quintessenz: Ausgerechnet die gelassenen B-Typen erlitten in der Zeit nach dem ersten Infarkt mit der</p><p>doppelten Wahrscheinlichkeit einen zweiten Gef��verschluss bzw. verstarben daran, rekapituliert der</p><p>Neurobiologe Robert Dantzer aus Marseille in einer bei�enden Abrechnung mit der Psychosomatik.<sup>3</sup></p><p>�Alle neueren Studien konnten dann keinen oder nur einen �u�erst geringen Zusammenhang zwischen</p><p>Typ A und der koronaren Herzkrankheit nachweisen�, gibt Michael Myrtek zu bedenken.</p><p>Doch die Bef�rworter der Psychosomatik verleugnen diesen Tatbestand und halten ingrimmig an</p><p>ihrem Wahnsystem fest. Die Tatsache, dass ausgerechnet die mutma�lichen� Infarktcharaktere�</p><p>besonders selten einen zweiten Infarkt erleiden, hat sogar schon zu einem verbl�ffenden Umkehrschluss</p><p>gef�hrt: Das Typ-A-Verhalten sei ein Schutzmechanismus, der bei Menschen mit bestehender koronarer</p><p>Herzkrankheit einsetze, um einen drohenden Infarkt abzuwenden, berichtet Myrtek. In diesem Fall w�re</p><p>jeder Versuch, die einschl�gigen Pers�nlichkeitsmuster durch eine Intervention aufzuweichen, ein Schuss</p><p>in den Ofen.</p><p>Eine Kernaussage der Typ-A-Theorie besteht darin, dass Infarktpers�nlichkeiten ein �bererregbares</p><p>vegetatives Nervensystem besitzen, das beim geringsten Anlass� ausrastet �und Herz und Kreislauf</p><p>durchdrehen l�sst. In einer sorgf�ltigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterst�tzten</p><p>Analyse der vorliegenden Studien kommt Myrtek zu dem Schluss, dass diese Behauptung keine</p><p>R�ckendeckung in den wissenschaftlichen Daten findet. Die von ihm �berpr�ften Daten rechtfertigen</p><p>keineswegs den Schluss, dass beim A-Typ Blutdruck, Puls, Hautleitf�higkeit, Stresshormone oder andere</p><p>physiologische Werte in die H�he geschraubt sind. Die sp�rlichen Befunde, die eine solche Vermutung</p><p>unterst�tzen k�nnten, seien in der Vergangenheit kr�ftig �berstrapaziert worden. Hinzu komme, dass</p><p>zahlreiche der Theorie widersprechende Untersuchungen gar nicht erst zur Ver�ffentlichung vorgelegt</p><p>oder vom Herausgeber abgelehnt worden seien.</p></section><section><title><p><strong>�Der Infarkt wird durch �rger, Feindseligkeit und Stress beg�nstigt�</strong></p></title><p>Die Vertreter der psychosomatischen Sicht lie�en sich vom Schiffbruch ihres Lieblingskonzeptes nicht</p><p>den Wind aus den Segeln nehmen. Es sei gar nicht das gesamte Paket an Typ-A-Verhaltensweisen,</p><p>welches das Herz sch�dige, hie� es pl�tzlich in einem eleganten Schlenker. Nur ein einziger Unterpunkt</p><p>dieses Komplexes, n�mlich die �rgerliche und feindselige Reaktionstendenz der Infarktcharaktere, leiste</p><p>dem t�ckischen Gef��verschluss Vorschub. Dies ist �brigens eine beliebte Hinhaltetaktik, mit der sich</p><p>von den Tatsachen bedr�ngte Theoretiker aus der Psychotherapie und Psychosomatik aus der Aff�re</p><p>ziehen: Um die Unwissenheit der Opponenten zu beweisen, baut man die Theorie wie eine Theaterkulisse</p><p>immer wieder um. Irgendwie kommt dadurch das B�hnenbild schon so hin, dass die Kritik, die es gerade</p><p>zu widerlegen gilt, nicht trifft.</p><p>Doch Psychologie-Professor Michael Myrtek hat auch diese Finte in einer �bersicht �ber die</p><p>Forschungsliteratur widerlegt: Es besteht nicht der geringste Zusammenhang zwischen dem Wesenszug</p><p>Feindseligkeit und den Risikofaktoren Blutdruck und Herzfrequenz. Nach dem Ergebnis einer</p><p>amerikanischen Gesamtschau �ber Laborexperimente bleiben sehr Feindselige mit ihrem Vegetativum in</p><p>Stresssituationen genauso� cool �wie ihre friedfertigen Antipoden.</p><p>Die typischen Stressreize im Labor seien eben nicht lebensecht, konterten die Vertreter der</p><p>Psychotheorie. Es sei bekannt, dass die� Sicherungen �bei feindseligen Charakteren erst richtig</p><p>durchbrennen, wenn man ihre Selbstachtung bzw. ihren Sinn f�r Gerechtigkeit bedroht. Um diesen</p><p>Einwand zu testen, haben amerikanische Forscher ihre Probanden beim L�sen kniffliger Aufgaben ganz</p><p>unsachlich f�r ihre angebliche Langsamkeit und Ungenauigkeit kritisiert. Wieder einmal kam die</p><p>psychosomatische Theorie zu Fall: Bei den sehr feindseligen Probanden lie�en sich trotz dieser</p><p>realistischen Provokation keinerlei Hinweise auf ein �bererregbares vegetatives Nervensystem entdecken.</p><p>Nach einer weiteren, in den Medien beliebten Variante der psychosomatischen Theorie kommt es</p><p>beim Herzinfarkt gar nicht auf eine bestimmte, feststehende Charakterstruktur an: Es sei vielmehr die</p><p>seelische Belastung durch Stress, nervlichen Druck am Arbeitsplatz oder schmerzhafte</p><p>Lebenserfahrungen, die fr�her oder sp�ter bei jeder Pers�nlichkeit das Fass zum �berlaufen bringe. Diese</p><p>These wurde in mehreren Studien getestet, bei denen man eine gro�e Zahl von Probanden �ber einen</p><p>l�ngeren Zeitraum psychologisch und medizinisch verfolgte.�Stress am Arbeitsplatz �erwies sich in einer</p><p>Untersuchung an �ber 9.000 M�nnern als v�llig folgenlos. Auch die belastenden Lebensereignisse riefen</p><p>keine gesundheitlichen Sch�den hervor.�Die prospektiven Untersuchungen zur Stresshypothese zeigen,</p><p>dass bei kritischer W�rdigung der mit Fragebogen erfasste psychosoziale Stress keinen Risikofaktor f�r</p><p>die koronare Herzkrankheit darstellt�, res�miert Myrtek.<sup>4</sup></p><p>Ein Sonderfall der� psychosomatischen �Herzkrankheit ist der so genannte� Kummertod�:</p><p>Verwitwete sterben in den ersten sechs Monaten nach dem Verlust ihres Lebensgef�hrten um 40 Prozent</p><p>h�ufiger an Herzkrankheiten als ihre Altersgenossen. �ber diesen Tod an� gebrochenem Herzen �kann</p><p>man immer wieder in Zeitungsartikeln und Lehrb�chern lesen. Doch �ber eine unbequeme Tatsache</p><p>schweigen sich die Berichte geflissentlich aus, moniert Myrtek: Nach den ersten sechs Monaten sinkt die</p><p>Sterberate der Verwitweten und f�llt irgendwann sogar unter die der Verheirateten ab.�Insgesamt liegt die</p><p>Sterberate der Witwer f�r das 9-Jahre-Intervall nach dem Verlust keineswegs h�her als das der</p><p>Vergleichsgruppe; tats�chlich ist diese sogar etwas geringer.�</p><p>Wenn die Seele der� Pumpe �nicht schadet, schl�gt auch die Psychotherapie nicht an. In einer sehr</p><p>gro�en Studie an 2328 Patienten, die bereits einen Infarkt erlitten hatten, wurde gepr�ft, ob die</p><p>Unterweisung in Entspannungstechniken und Stressmanagement einen gesundheitlichen Nutzen bringt.</p><p>Fazit: Nach sechs Monaten hatte die psychische Verfassung der Versuchsteilnehmer sich nicht positiv</p><p>ver�ndert. Nach einem Jahr war auch an der Zahl der Herzkomplikationen und Todesf�lle keine</p><p>Verbesserung abzulesen.</p></section><section><title><p><strong>�Tumore werden h�ufig durch eine spezielle Krebspers�nlichkeit ausgel�st�</strong></p></title><p>Es gibt wahrscheinlich wenige Ph�nomene, die den popul�ren Appeal der Psychosomatik so</p><p>eindrucksvoll widerspiegeln wie der Glaube an den ber�hmt-ber�chtigten� Krebscharakter�. Mit diesem</p><p>Begriff ist die Vorstellung verbunden, dass gewisse Pers�nlichkeitsmerkmale den N�hrboden f�r die</p><p>Entwicklung einer Tumorerkrankung bilden. Die Krebspers�nlichkeit ist in der Tat ber�chtigt, weil sie</p><p>viele Eigenschaften besitzt, die in der Psychoszene verp�nt sind: Die Betreffenden schlucken selbst bei</p><p>schlimmsten Belastungen alles herunter und geben sich unauff�llig; sie schieben unangenehme Gef�hle</p><p>wie Wut und �rger unter den Teppich und opfern sich selbstlos f�r andere auf, statt mehr Leben f�r sich</p><p>selbst einzufordern. Allerdings sind die Beweise f�r diesen Zusammenhang in den letzten Jahren unter</p><p>heftigen Beschuss geraten, kl�rt eine Forschergruppe um Dr. Hermann Faller vom Institut f�r</p><p>Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universit�t W�rzburg auf.<sup>5</sup></p><p>So hat man diese einschl�gigen Wesensmerkmale fast stets bei Patienten ausfindig gemacht, die ihre</p><p>(b�sartige) Diagnose bereits kannten. Die vermeintliche Krebspers�nlichkeit k�nnte also auch einfach</p><p>eine Reaktion auf das Wissen sein, dass man mit einer furchtbaren und letztlich oft t�dlichen Gei�el</p><p>geschlagen ist. Daf�r spricht auch eine sehr sorgf�ltige neue Studie an Probanden, die wegen des</p><p>Verdachts auf Lungen- oder Brustkrebs untersucht werden sollten. Ergebnis: Nur die Patienten, die fest</p><p>�berzeugt waren, einen Tumor zu haben, zeigten Z�ge der Krebspers�nlichkeit � und zwar auch dann,</p><p>wenn der sp�tere Befund negativ ausfiel.</p><p>Die Patienten, die sich einen negativen Befund versprachen, waren charakterlich unauff�llig, auch</p><p>wenn dann sp�ter wider Erwarten ein Tumor gefunden wurde. Der Verdacht liegt nahe, dass die</p><p>vermeintliche Krebspers�nlichkeit nur Ausdruck des inneren Kampfes mit der Diagnose� Krebs �ist,</p><p>folgern die Forscher. Es gab zwar auch einige prospektive Studien, deren Teilnehmer schon viele Jahre</p><p>vor dem Krankheitsausbruch Z�ge der Krebspers�nlichkeit trugen, aber die Autoren sind in schlimmen</p><p>Verdacht geraten, ihre Daten manipuliert zu haben.</p><p>Besonders der Heidelberger Sozialwissenschaftler Ronald Grossarth-Maticek hat in diesem</p><p>Zusammenhang f�r einigen Wirbel gesorgt. Mit insgesamt drei Langzeitstudien, von denen die zwei in</p><p>Heidelberg durchgef�hrten angeblich �ber 20.000 Probanden umfassten, will der Forscher bewiesen</p><p>haben, dass Krebs � aber auch Herzinfarkt � fast ausschlie�lich durch unvorteilhafte Pers�nlichkeitsz�ge</p><p>verursacht wird. Die �berw�ltigende Mehrheit der Probanden, die zu Beginn der Untersuchung die</p><p>entsprechenden Wesensmerkmale aufwiesen, war laut Grossart-Maticek am Ende des</p><p>Beobachtungszeitraumes an einer der beiden Krankheiten gestorben.</p><p>Zu allem �berfluss hat der arbeitsame Wissenschaftler eine eigene, der Verhaltenstherapie entlehnte</p><p>Behandlungstechnik kreiert und� in Handarbeit �einer fast unglaublich gro�en Zahl von gef�hrdeten</p><p>Individuen an gedeihen lassen. Der Knalleffekt: Die idiosynkratische Psychokur soll mehr Menschen vor</p><p>dem sicheren Krebstod bewahrt haben als die herk�mmliche Therapie mit Chemotherapeutika.</p><p>Von der wissenschaftlichen Fach�ffentlichkeit wurden die Thesen des Heidelberger Wunderheilers</p><p>�berwiegend mit ungl�ubigem Staunen aufgenommen. Diese Situation �nderte sich jedoch, als Grossart-</p><p>Maticek den legend�ren Londoner Seelenforscher Hans-J�rgen Eysenck, eine der Galionsfiguren des</p><p>Faches Psychologie, auf seine Seite bringen konnte, rekapitulierte der Psychologie-Professor Manfred</p><p>Amelang von der Universit�t Heidelberg in Trier.<sup>6</sup> Wenn man die beiden Forscher beim Wort nimmt, tr�gt</p><p>der� Krebscharakter �das 121 fache Risiko, an einem Karzinom zu erkranken, w�hrend die entsprechende</p><p>seelische Anlage das Infarktrisiko um den Faktor 27 erh�ht. Das sind enorme Dimensionen, die weit �ber</p><p>den herk�mmlichen Risikofaktoren wie Rauchen und Bluthochdruck liegen, und die eigentlich</p><p>revolution�re Konsequenzen haben m�ssten.</p><p>Viele Kritiker monieren jedoch, dass die beiden Psychosomatiker ihre Ergebnisse fast ausschlie�lich</p><p>in kleinen, oft von Eysenck kontrollierten und keiner unabh�ngigen Qualit�tskontrolle unterworfenen</p><p>Publikationen ver�ffentlicht haben. Au�erdem sind die Kriterien f�r die Zuordnung zu dem einen oder</p><p>anderen Typ extrem schwammig und wurden zudem im Verlauf der letzten Jahre mehrfach ohne</p><p>Begr�ndung modifiziert. Diese Ver�nderungen wecken den schlimmen Verdacht, dass der</p><p>Pers�nlichkeitstyp entgegen allen Regeln der Wissenschaft im Nachhinein zugeordnet wurde � als die</p><p>Todesursache bereits bekannt war.</p><p>Diese Gefahr wiegt laut Amelang umso schwerer, als die gesamten Daten in der ersten Zeit</p><p>ausschlie�lich von Grossarth-Maticek und seinen Mitarbeitern gesammelt wurden, ohne die M�glichkeit</p><p>einer externen �berpr�fung. 1982 hinterlie� der Forscher dann erstmals die Ausgangsdaten einer seiner</p><p>Studien bei zwei Universit�ten. Peinliches Ergebnis: Als ein unabh�ngiger Wissenschaftler deren</p><p>Vorhersagewert testen wollte, hatte sich der Zusammenhang mit der Krebswahrscheinlichkeit auf einmal</p><p>vollst�ndig in Luft aufgel�st. Die Zuordnung von den Frageb�gen zu den Probanden sei durch ein</p><p>Missgeschick durcheinander gebracht worden, zog Grossart-Maticek sich aus der Schlinge.</p><p>Um die Diskussion auf ein h�heres Niveau zu heben, hat Amelang mit Unterst�tzung der Deutschen</p><p>Forschungsgemeinschaft eine Replikation der umstrittenen Untersuchungen in Angriff genommen, deren</p><p>Ergebnisse mit gr��ter Spannung erwartet werden. Bislang hat Amelang bereits die Messinstrumente von</p><p>Grossart-Maticek einer eingehenden statistischen W�rdigung unterzogen. Es stellte sich heraus, dass die</p><p>verwendeten Skalen unm�glich die F�higkeit besitzen k�nnen, unterschiedliche Krankheiten</p><p>vorherzusagen. Die gr��te �berraschung kam aber erst, als der Forscher die Tests bei einer Gruppe von</p><p>Patienten anwendete, die bereits eines der beiden Krankheitsbilder entwickelt hatten. Ausgerechnet die</p><p>Tumorkranken waren nach den Resultaten f�r einen Infarkt pr�disponiert, w�hrend die Herzpatienten die</p><p>�unpassende �psychosomatische Veranlagung f�r eine Krebserkrankung zeigten.</p></section><section><title><p><strong>�Magengeschw�re werden durch psychosomatische Faktoren verursacht�</strong></p></title><p>Magenentz�ndung (Gastritis) und Magengeschw�re waren viele Jahrzehnte lang eine unangefochtene</p><p>Dom�ne der Psychosomatik, weil die Organmediziner keinen richtigen Dreh zum kranken Magen fanden.</p><p>Magengeschw�re, so die klassische Theorie, werden durch den unbewussten und verdr�ngten Wunsch</p><p>nach Liebe, Pflege, Abh�ngigsein und Gen�hrtwerden ausgel�st. In einer popul�reren und eing�ngigeren</p><p>Variante sollen dagegen� heruntergeschluckte Sorgen �verantwortlich sein. Manchmal werden</p><p>Magengeschw�re schlie�lich auch schlicht und einfach als� Stresskrankheit �gehandelt. Die</p><p>Widerspr�che zwischen diesen Deutungen werden �brigens von den Psychosomatikern nie thematisiert.</p><p>Doch die Vorstellungen dar�ber, wie Gastritis und andere Magenerkrankungen tats�chlich entstehen,</p><p>haben sich in den vergangenen 10 Jahren dramatisch gewandelt. Erst Anfang der achtziger Jahre</p><p>identifizierten Forscher das Bakterium Helicobacter pylori, das bald darauf als der Hauptverursacher von</p><p>unheilbar geltenden Magenleiden entlarvt wurde. Helicobacter pylori ist bei ungef�hr 95 Prozent aller</p><p>Patienten mit Gastritis und bei der Mehrheit aller Patienten mit Magengeschw�ren und Magenkrebs in der</p><p>Magenschleimhaut nachweisbar. Die Mikrobe macht sich dieses feindselige Habitat urbar, indem sie sich</p><p>in eine Wolke aus sch�tzenden, s�urehemmenden Enzymen h�llt.</p><p>Um alle Zweifel endg�ltig auszur�umen, testete Robin Warren, der australische Entdecker des</p><p>Bazillus, seine These im Selbstversuch. Er nahm einen kr�ftigen Schluck Bakterienbr�he und bekam</p><p>prompt eine schwere Gastritis, also eine Entz�ndung der Magenschleimhaut. Dort fanden sich auch</p><p>zahlreiche Kolonien des Helicobacter pylori, die vor dem Versuch noch nicht nachzuweisen waren. Dieser</p><p>Beweis leitete nach Worten von Experten eine� Revolution in der Magenheilkunde �ein. Beschwerden,</p><p>die zuvor nur durch eine radikale Umstellung des Lebenswandels zu lindern waren, lassen sich heute</p><p>innerhalb von sieben Tagen f�r immer heilen, und zwar mit Hilfe von Antibiotika.</p><p>Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte 1994 Helicobacter pylori als Ausl�ser f�r Magenkrebs</p><p>ein. Wie lebenswichtig es ist, den Erreger mit aller Anstrengung zu bek�mpfen, wurde bei einer Studie an</p><p>Krebskranken klar. Dort wurden 120 Patienten, die an einem Lymphom, der zweith�ufigsten Form von</p><p>Magenkrebs erkrankt waren, mit Antibiotika behandelt. Nach dem Ausl�schen von Helicobacter bildete</p><p>sich auch der Krebs zur�ck. 70 Prozent der behandelten Krebspatienten wurden von ihrem Tumor geheilt.</p><p>Der Enthusiasmus, mit dem Mediziner auf diese Entdeckung reagierten, blieb nicht unwidersprochen.</p><p>So meldeten einige Vertreter der Psychosomatik in der �ffentlichkeit laut Zweifel an: Es m�ssten</p><p>sicherlich viel mehr Faktoren zusammenkommen, bis ein Magengeschw�r entsteht. Psychosoziale</p><p>Aspekte spielten immer noch eine wichtige Rolle. Wie sonst w�re es zu erkl�ren, dass zwar mehr als die</p><p>H�lfte aller Menschen mit dem Keim infiziert seien, aber die typischen Symptome nicht bei all diesen</p><p>auftreten w�rden?</p><p>Es stimmt zwar, dass nicht alle Helicobacter-Infizierten auch �ber Beschwerden klagen. Es gibt</p><p>n�mlich Magengeschw�re, die keine Schmerzen verursachen. Pathologische Untersuchungen haben</p><p>dennoch ergeben, dass jeder, der den Helicobacter in sich tr�gt, gleichzeitig mit einer Gastritis zu</p><p>k�mpfen hat � auch wenn sie keine Beschwerden macht. Und es l�sst sich einfach nicht leugnen, dass die</p><p>Eliminierung des Keimes Magengeschw�re in 98 Prozent aller F�lle dauerhaft zum Verschwinden bringt.</p></section><section><title><p><strong>Seelischer Stress lahmt das Immunsystem und f�rdert Infektionskrankheiten�</strong></p></title><p>Durch die� Psychoneuroimmunologie�, eine neue Disziplin, die sich in den letzten Jahren sehr</p><p>�ffentlichkeitswirksam in Szene setzte, hat der kr�nkelnde psychosomatische Gedanke einen unverhofften</p><p>Schub erfahren. Es geh�rt bereits seit l�ngerer Zeit zum Allgemeinwissen, dass das Immunsystem, die</p><p>k�rpereigene Schutztruppe gegen Krankheitserreger, Signale aus dem� Elfenbeinturm �der Seele</p><p>empf�ngt. Kein Augenblick vergeht, in dem das Immunsystem sich nicht vehement gegen ein</p><p>Billionenheer von gemeingef�hrlichen Mikroorganismen wehren muss. Jede Form von schwerem und</p><p>l�nger anhaltendem seelischem Stress, so die simplifizierte Quintessenz der Psychoneuroimmunologie,</p><p>behindert die Immunzellen bei der Arbeit und ebnet allen Arten von Infektionskrankheiten, von der</p><p>banalen Erk�ltung bis zu virusbedingten Tumoren den Weg. Das ganze Unheil wird meist auf das</p><p>Stresshormon� Cortisol �zur�ckgef�hrt, das uns in Belastungssituationen durch die Adern schie�t.</p><p>De facto beruhen die Lehrs�tze des modischen Forschungszweiges jedoch auf fragw�rdigen</p><p>methodischen Ans�tzen, einem unzul�nglichen Untersuchungsdesign und unhaltbaren</p><p>Verallgemeinerungen, wie aus einer umfassenden Analyse der Forschungsliteratur zu schlie�en ist,</p><p>welche die beiden Immunologen L. Hodel und Prof. P. J. Grob vom Universit�tsspital Z�rich</p><p>vorgenommen haben.<sup>7</sup> Bei ihren mehrj�hrigen Recherchen gingen den Autoren 67 empirische Studien ins</p><p>Netz, die den Einfluss seelischer Faktoren auf das Immunsystem und den medizinischen Status Gesunder</p><p>verfolgten. 40 der 67 Studien waren schon allein deshalb mangelhaft, weil sie keine Kontrollgruppe �</p><p>eine unabdingbare Vorbedingung f�r jede solide Forschung � enthielten. 19 fielen wegen ihrer winzig</p><p>kleinen Stichprobengr��e bei der Qualit�tskontrolle durch.</p><p>Die Stressbedingungen, deren Auswirkungen in den betreffenden Studien erkundet wurden, reichten</p><p>von der Pr�fungsangst bei Studenten �ber die Trauer beim Verlust einer geliebten Person bis hin zu der</p><p>Belastung bei der Pflege von Alzheimer-Patienten und der Nervenbelastung, die Astronauten bei der</p><p>R�ckkehr aus dem Weltall durchmachen. In den meisten F�llen wurde gemessen, ob durch die jeweiligen</p><p>Strapazen irgendein Indikator f�r die Schlagkraft des Immunsystems in den Keller ging. Aber auch in</p><p>diesem Punkt wiesen s�mtliche Studien einen schweren Makel auf, wie die beiden Forscher r�gen: Sie</p><p>benutzten �berholte Messgr��en, von denen die Immunologie l�ngst abger�ckt ist, und zwar wegen ihrer</p><p>fehlenden Aussagekraft.</p><p>Trotz dieser gravierenden methodischen M�ngel bleibt die Psychoneuroimmunologie bis heute den</p><p>Beweis f�r den Zusammenhang zwischen Stress und einer Schw�chung des Immunsystems schuldig,</p><p>ziehen die Forscher Bilanz. Entweder blieben die (fragw�rdigen) Messwerte f�r die Immunantwort im</p><p>Normalbereich, oder es war ein vernachl�ssigbar schwacher R�ckgang zu verzeichnen. Niemals erreichte</p><p>der Abfall das Niveau, das f�r Patienten mit einer organischen St�rung charakteristisch ist.�In keiner</p><p>dieser Arbeiten ergaben sich jeweils klare Beziehungen zwischen einer erh�hten Zahl von</p><p>Krankheitstagen und den gemessenen immunologischen Ver�nderungen. �Mit den Befunden, die der</p><p>Psychoneuroimmunologie bisher ins Netz gegangen sind, k�nnte man laut Hodel und Grob genauso gut</p><p>die umgekehrte These st�tzen:�Stress st�rkt das Immunsystem und hilft, die Entstehung von Krankheiten</p><p>zu verhindern.�</p><p>Diese Sicht teilt der Biologe Victor Apanius von der Universit�t Miami:�Es ist ein Klischee, zu</p><p>sagen, dass Stress die Immunabwehr schw�cht. Obwohl viele Menschen an diese Phrase glauben, sind die</p><p>biologischen Tatsachen sehr viel komplexer.�<sup>8</sup> Und auch der Franzose Robert Dantzer stimmt in die</p><p>Skepsis ein:�Der Gedanke, dass Stress �ber das Immunsystem Infektionskrankheiten oder andere</p><p>organische St�rungen ausl�st, beruht allein auf Phantasie.�</p></section><section><title><p><strong>�Stress ist ein Risikofaktor in Bezug auf k�rperliche Krankheiten�</strong></p></title><p>Stress, darin waren sich bisher Fachleute und Laien einig, bringt dem Organismus nur Schaden ein.</p><p>Zumindest eine l�nger anhaltende seelische Belastung l�hmt nach dieser Sichtweise nicht nur das</p><p>Immunsystem, sondern zerr�ttet auch das Ged�chtnis, macht Nervenzellen im Gehirn kaputt und leistet</p><p>vielerlei Krankheiten Vorschub. Doch allm�hlich setzt sich in der Wissenschaft die Einsicht durch, dass</p><p>selbst dauerhafter und nicht kontrollierbarer psychischer Stress zu einer Optimierung der Verkn�pfungen</p><p>im Nervensystem f�hren kann.<sup>9</sup></p><p>Stress wurde in der Forschung fast ausschlie�lich als eine toxische Attacke auf das Wohlbefinden</p><p>angesehen. Dies war die �ra der� Wurstzipfel-Wissenschaft�, wie Professor Dirk Hellhammer vom</p><p>Zentrum f�r Psychobiologie und Psychosomatik an der Universit�t Trier rekapituliert. Auf der einen Seite</p><p>z�hlte man, wie viele stressige Erfahrungen Menschen machten, auf der anderen wurde etwa die Zahl der</p><p>Neuerkrankungen registriert, die durch den Stress entstanden sein sollten. In Wirklichkeit ist die</p><p>Beziehung zwischen den� Wurstzipfeln �Stress und Krankheit aber komplex und ungewiss. Von</p><p>biologischer Warte ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass ein derart universelles Ph�nomen wie Stress</p><p>�berwiegend negative Folgen haben soll, gibt Professor Gerald H�ther von der Psychiatrischen</p><p>Universit�tsklinik G�ttingen zu bedenken: Die Evolution h�tte eine solch offensichtliche Schwachstelle</p><p>l�ngst ausgemerzt.</p><p>Tats�chlich entpuppt sich sogar das Stresshormon Cortisol, der mutma�liche Schlappmacher, in neuen</p><p>Studien zunehmend als St�rkungsmittel. Menschen, durch deren Adern in Stresssituationen mehr Cortisol</p><p>zirkuliert, sind zum Beispiel besser gegen Allergien und Asthma gefeit. Das zeigte Angelika Buske-</p><p>Kirschbaum von der Universit�t Trier auf, als sie bei 150 Kindern und Erwachsenen den Hormonpegel</p><p>w�hrend einer Belastung ma�. Fazit: Allergiker hatten nur halb so viel von dem Stoff im Blut. Die gleiche</p><p>Sprache spricht der Tierversuch, meint die Psychologin: Ratten, die wegen eines Gendefekts weniger</p><p>Cortisol herstellen, ziehen sich viel leichter chronische Entz�ndungen zu.</p><p>Niedrige Cortisolkonzentrationen sind sogar ein Indikator f�r abartige Reaktionen auf traumatische</p><p>Erfahrungen. Zu diesem Schluss kam Rachel Yehuda von der Mount Sinai School of Medicine in New</p><p>York, als sie in der Notaufnahme den Hormonspiegel von Unfallopfern ermittelte. Sechs Monate sp�ter</p><p>hakte sie nach, welche Patienten noch immer von den Erinnerungen an das Trauma �berw�ltigt wurden.</p><p>Ergebnis: Just diejenigen, die die geringsten Mengen Cortisol gebildet hatten, litten am Ende unter einer</p><p>so genannten posttraumatischen Belastungsreaktion (PTSD).</p><p>F�r Hellhammer lassen solche Befunde nur eine Folgerung zu:�Menschen, die bei Stress nur wenig</p><p>Cortisol produzieren, sind besonders anf�llig f�r krankhafte Reaktionen. �Wenn sie in lebensbedrohliche</p><p>Situationen wie Schie�ereien oder Geiselnahmen geraten, bleibt bei ihnen oft das Grauen, sprich PTSD,</p><p>h�ngen. Und wenn der Stress nicht zu Ende geht, qu�len sie sich mit dem Gef�hl des totalen</p><p>Ausgebranntseins ab.</p><p>Aus dieser Sicht gewinnt auch ein schon l�nger bekannter Befund einen v�llig neuen Sinn. Wenn man</p><p>Versuchstiere l�ngere Zeit schwerem Stress unterwirft, fallen bestimmte Nervenzellen in� Winterschlaf�.</p><p>Sie ziehen einen Teil ihrer Ausl�ufer zur�ck und bauen Kontingente ihrer Kontaktstellen (Synapsen) ab.</p><p>Das ist gar keine Hirnsch�digung, meint H�ther.�Die Hirnstruktur wird plastischer. �Alte Muster werden</p><p>aufgeweicht, und es entsteht Platz, um neue Ideen und Verkn�pfungen zu bilden.</p><p>Erst k�rzlich machte in allen Medien die Entdeckung Schlagzeilen, dass ein durch Stress dauerhaft</p><p>erh�hter Cortisolspiegel Nervenzellen im Hippocampus, einer f�r das Ged�chtnis wichtigen Hirnstruktur,</p><p>zerst�rt. Doch auch dieser Befund f�gt sich nicht in das schlichte Schema vom� b�sen �Stresshormon,</p><p>warnt die Psychologin Jill Becker von der University of Michigan.<sup>10</sup> Wenn man die Cortisolquelle durch</p><p>einen chirurgischen Eingriff zum Versiegen bringt, treten kurz nach der Operation �hnliche</p><p>Verschlei�erscheinungen im Hippocampus auf. Es sieht so aus, als ob das Gehirn eine bestimmte Dosis</p><p>von dem Elixier unbedingt haben muss.</p></section><section><title><p><strong>�Die Psychosomatik hat einen ganzheitlichen und humanistischen Zugang zur Krankheit�</strong></p></title><p>�rzte und Psychologen, die nach den seelischen und emotionalen Wurzeln der Krankheit fahnden,</p><p>k�nnen sich in der �ffentlichkeit in einer Aura erhabener Menschlichkeit suhlen: Sie heben sich</p><p>wohltuend von den viel gescholtenen Apparatemedizinern ab, die sich dem Kranken mit der kalten</p><p>Mentalit�t eines Mechanikers n�hern und nur nach einem Defekt im� Getriebe �des K�rpers suchen.</p><p>Psychosomatiker nehmen den Menschen scheinbar in seiner personalen und sozialen� Ganzheit �ernst</p><p>und gehen radikal den tiefer liegenden Wurzeln seines Leidens auf den Grund. Es kann auf den ersten</p><p>Blick gar keinen Zweifel geben, dass dieser mitf�hlende Ansatz zu einem menschenw�rdigeren Umgang</p><p>mit Krankheit und Genesung f�hrt. Auch dem Wissenschaftspublizisten Dieter E. Zimmer ist der</p><p>antimedizinische Habitus der Psychosomatiker aufgesto�en.<sup>11</sup>�Die Psychoanalyse steht der</p><p>Organmedizin, der Schulmedizin, der Apparatemedizin mit Unbehagen oder gar Verachtung gegen�ber.�</p><p>Es sei eine Welt,�wo man geradezu l�stern ist auf psychische Erkl�rungen einer Krankheit und normale</p><p>medizinische Erkl�rungen mit Verachtung abtut�.</p><p>Doch diese menschenfreundliche Sichtweise geht in Wirklichkeit auf eine b�sartige optische</p><p>T�uschung zur�ck. Die psychosomatische Deutung von Krankheiten, so der Tenor vieler kritischer</p><p>Analysen, geht in der Realit�t mit einer diffamierenden und entw�rdigenden Haltung gegen�ber den</p><p>Kranken einher. Sie vertuscht nicht nur die realen Ursachen der St�rung, sondern sie macht den</p><p>Betroffenen auch nachweislich die Bew�ltigung ihres Leidens schwer.</p><p>Die Verfechter des psychosomatischen Denkens geben sich gerne der Illusion hin, dass ihre</p><p>Deutungen allein auf dem Wunsch nach einf�hlendem Verstehen der Krankheit basieren. Es wird selten</p><p>ber�cksichtigt, dass es auch hinterh�ltige und� neurotische �Motive gibt, Kranken eine psychosomatische</p><p>Dynamik� anzuh�ngen�. Eines der wichtigsten Motive ist der� Glaube an die gerechte Welt�.</p><p>Sozialpsychologen haben in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Experimenten und Befragungen</p><p>nachgewiesen, dass alle Menschen im Hinterkopf die Illusion kultivieren, dass es im Universum gerecht</p><p>zugeht und jeder vom Schicksal bekommt, was ihm zusteht.<sup>12</sup> Das Gl�ck ist stets� verdient�, und auch an</p><p>ihren Unbilden sind die Menschen selber schuld.</p><p>Dieser Glaube an eine gerechte Welt erm�glicht es den Menschen, ihrer Umgebimg so zu begegnen,</p><p>als sei sie stabil und geordnet, und er stattet sie mit der �berzeugung aus, auch selber gerecht behandelt</p><p>zu werden. Wohl nicht zuletzt wegen der Tendenz, den eigenen Lebenslauf als im Gro�en und Ganzen</p><p>gerecht zu rekonstruieren, sind Menschen mit einem besonders ausgepr�gten Glauben an eine gerechte</p><p>Welt auch allgemein mit ihrem Leben zufriedener.</p><p>Die Beobachtung fremder Not kann den Glauben an die �bergeordnete Gerechtigkeit in ihren</p><p>Grundfesten ersch�ttern, wenn sie� ungerechtes Leid �ahnen l�sst. Wissenschaftler haben festgestellt,</p><p>dass Menschen daher eine verbl�ffende Augenwischerei vornehmen, wenn sie Zeuge von fremdem</p><p>Missgeschick und Ungl�ck werden: Sie werten die Opfer dieser Schicksalsschl�ge charakterlich ab. Die</p><p>Schlussfolgerung, dass die Betroffenen sich ihr Leid zumindest teilweise selbst� eingebrockt �haben,</p><p>stellt die l�dierte Fairnessnorm wieder her.</p><p>Auch bei einer psychosomatischen Deutung schwingt immer die latente Unterstellung mit, dass die</p><p>Kranken sich selbst in ihre Lage hineinman�vriert haben.�Viele Patienten und ihre Angeh�rigen, die von</p><p>einer solchen Krankheit betroffen sind, leiden unter dem Verdacht, dass mit ihrem Charakter oder der Art,</p><p>wie sie ihr Leben gef�hrt haben, etwas nicht in Ordnung ist�, gibt der Harvard-Mediziner Steven E.</p><p>Hyman zu bedenken.<sup>1</sup> Manche Krankheiten, die als psychosomatisch gelten, verf�hren besonders dazu,</p><p>die Verantwortung auf die Psyche des Opfers abzuw�lzen, weil das widerw�rtige Krankheitsbild eine</p><p>zersetzende Wirkung auf die Illusion der gerechten Welt aus�bt. So hat Krebs viel mit einem Fluch</p><p>gemeinsam, weil er attraktive Organe wie Haut oder Br�ste der Abscheulichkeit preisgibt, erkl�rt Robert</p><p>Dantzer.</p><p>Wenn man dem� Krebscharakter �die Schuld f�r sein Unheil zuschiebt, kann man zwei Fliegen mit</p><p>einer Klappe erledigen. Zum einen kommt der Glaube an die gerechte Welt ins Lot, weil der Alptraum</p><p>Krebs offenbar stets Menschen mit einer radikal falschen Lebenseinstellung erwischt. Es ist schon sehr</p><p>auff�llig, dass es sich bei den Wesensmerkmalen, die angeblich psychosomatische Krankheiten</p><p>beg�nstigen, immer um Eigenschaften handelt, die in der Psychoszene und bei kritischen Intellektuellen</p><p>zutiefst verp�nt sind. Die Krebspers�nlichkeit, die Kummer und �rger herunterschluckt, sich unauff�llig</p><p>gibt und nach au�en die Maske der Normalit�t aufsetzt, ist der absolute Antityp zur offenen und</p><p>lebenshungrigen Psychoszene. Und dass das Zerrbild vom gehetzten und arbeitsw�tigen</p><p>�Infarktcharakter �ausgerechnet in den sp�ten Sechzigern und fr�hen Siebzigern aufbl�hte, als der Ethos</p><p>der Leistungsgesellschaft in Misskredit geriet, kann wohl kaum als Zufall bezeichnet werden.</p><p>Eine Weile lang war in der Psychosomatik der Glaube gang und g�be, dass alle psychosomatischen</p><p>Krankheiten durch einen Pers�nlichkeitsdefekt verursacht w�rden, der als� Alexithymie�</p><p>(Gef�hlsblindheit) bekannt wurde. Menschen mit diesem Mangel sind unf�hig, ihre Gef�hle</p><p>auszudr�cken und zu benennen, und ihr dumpfes Phantasieleben wird von der Gegenwart und von</p><p>konkreten Gegenst�nden beherrscht. Es ist schon ein geradezu �sthetischer Gedanke, dass sich die</p><p>Unf�higkeit zum Tr�umen und F�hlen in der Metapher einer seelischk�rperlichen Krankheit entl�dt.</p><p>Sorgf�ltige Forschungsarbeiten haben inzwischen klar belegt, dass Alexithymie keinen besonderen Bezug</p><p>zu psychosomatischen Krankheiten besitzt, und es ist verr�terisch still um den Begriff geworden. <sup>13</sup> Sehr</p><p>wahrscheinlich lag der Reiz des Konzeptes allein darin, dass in der Psychoszene ein solcher</p><p>Gef�hlsmangel Abscheu erregt.</p><p>Wichtig ist au�erdem, dass die Opfer von mutma�lich psychosomatischen St�rungen durch diese</p><p>Deutung zu einem untauglichen Umgang mit ihrer Krankheit verleitet werden. Opfer einer schweren</p><p>Krankheit sind immer stark motiviert, ihrem Leiden einen Sinn zu verleihen, indem sie ihm eine Ursache</p><p>zuschreiben. Gerade unerw�nschte und schreckliche Erfahrungen fordern n�mlich fast automatisch die</p><p>Frage� Warum gerade ich?�heraus. Eine psychosomatische Antwort auf diese Frage ruft aber offenbar</p><p>erhebliche Probleme hervor. Das hat etwa der W�rzburger Psychologe Dr. Hermann Faller in einer Studie</p><p>an 120 Personen aufgedeckt, die an einem neu diagnostizierten Bronchialkarzinom litten.<sup>5</sup></p><p>Das Ergebnis der Erhebung lie� an Eindeutigkeit nichts zu w�nschen �brig. Just die Untergruppe der</p><p>Patienten, die ihren Tumor auf seelische Ursachen zur�ckf�hrte, kam am schlechtesten mit ihrer</p><p>Krankheit zurecht und zeigte die ung�nstigste Form der Bew�ltigung. Die Betreffenden waren emotional</p><p>sehr viel belasteter und depressiver und hatten viel weniger Hoffnung f�r ihre Zukunft. Stattdessen war</p><p>ihr ganzes Sinnen und Trachten durch Hader mit dem Schicksal und zwanghaftes Gr�beln �ber ihr</p><p>verpfuschtes Leben durchsetzt. Dabei machte es keinen Unterschied, was genau die Patienten unter</p><p>seelischen Ursachen verstanden: eine schwere Kindheit, einschlie�lich famili�rer Probleme und Stress,</p><p>oder� L�cken �in der eigenen Pers�nlichkeit wie unterdr�ckte Gef�hle, Pessimismus und mangelnde</p><p>Durchsetzungsf�higkeit.</p><p>Diese Befunde sind umso bedeutsamer, als sie mit Beobachtungen an anderen Patientengruppen</p><p>�bereinstimmen, geben die Forscher zu bedenken. Der Schluss auf seelische Ursachen ist danach auch</p><p>beim Herzinfarkt, bei der Niereninsuffizienz, bei multipler Sklerose, bei Morbus Crohn und Myasthenia</p><p>gravis kontraproduktiv und leistet einer unvorteilhaften Krankheitsbew�ltigung Vorschub. Wer seine</p><p>�psychosomatische �Krankheit auf eine �u�ere Triebfeder wie Stress zur�ckf�hrt, schadet sich genauso</p><p>wie jemand, der an eine innere Verursachung wie ein� verfehltes Leben �glaubt, betont der Psychologe</p><p>Michael Myrtek.�Stressattributionen und andere �u�ere Ursachenzuschreibungen haben zwar den</p><p>Vorteil, den Patienten von der eigenen Schuldzuweisung zu entlasten, k�nnen aber die subjektive</p><p>Relevanz anderer Risikofaktoren (Rauchen, Bewegungsmangel, �bergewicht) schm�lern und somit die</p><p>Rehabilitation behindern.�</p><p>Die psychosomatische Medizin muss sich nach Ansicht der Autoren davor h�ten, Charakterz�ge von</p><p>Patienten in die Vergangenheit zur�ckzudatieren und als Krankheitsursachen zu interpretieren. Vielleicht</p><p>sei das� wissenschaftliche �Konzept der Krebspers�nlichkeit de facto nur der Reflex einer schlechten</p><p>Krankheitsbew�ltigung, das irgendwie von den Patienten auf die Medizin �bergesprungen sei. Der junge</p><p>Schweizer Lehrer Fritz Zorn, der sp�ter an einer b�sartigen Geschwulst verstarb, hat mit seinem</p><p>autobiographischen Buch� Mars �ein ersch�tterndes Mahnmal f�r diese Gefahr gesetzt.<sup>14</sup> In dem</p><p>ergreifenden Pamphlet macht der Autor sein ungelebtes Leben und die Gef�hlsk�lte seiner Erziehung f�r</p><p>den Tumor verantwortlich. Statt das todbringende Symptom beim ersten Verdacht mit radikal</p><p>chirurgischen Methoden zu bek�mpfen, erkl�rte er es (unter Anleitung durch einen Psychotherapeuten) zu</p><p>einer Metapher, die es zu verstehen gelte.�Obwohl ich noch nicht wusste, dass ich Krebs hatte, stellte ich</p><p>intuitiv bereits die richtige Diagnose, denn ich betrachtete den Tumor als &gt;verschluckte Tr�nen.�</p><empty-line/><cite><p>1 Hyman, Steven E.: <emphasis>Another one bites the dust. An infectious origin for peptic ulcers. </emphasis>In: <emphasis>Harvard Review of Psychiatry, </emphasis>Vol. 1 (1994), S. 294�295.</p><p>2 Myrtek, Michael: <emphasis>Gesunde Kranke � kranke Gesunde. Psychophysiologie des Krankheitsverhaltens. </emphasis>Huber Verlag, Bern/G�ttingen 1998.</p><p>3 Dantzer, Robert: <emphasis>The psychosomatic delusion. Why the mind is not the source of all our ills. </emphasis>Free Press, New York 1993.</p><p>4 Myrtek, Michael: <emphasis>Psychophysiologische Reaktivit�t, Stress, Typ-A-Verhalten und Feindseligkeit als Risikofaktoren der koronaren Herzkrankheit. </emphasis></p><p>In: <emphasis>Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin, </emphasis>Bd. 20 (1999), S. 89-119.</p><p>5 Faller, H., Lang, H., Schilling, S.: <emphasis>Kausalattribution� Krebspers�nlichkeit�� ein Ausdruck maladaptiver Krankheitsverarbeitung? </emphasis></p><p>In: <emphasis>Zeitschrift f�r Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, </emphasis>Bd. 44 (1996), S. 104�116.</p><p>6 Amelang, Manfred (mit C. Schmidt-Rathjens): <emphasis>Psychometrische G�tekriterien und Pers�nlichkeits-Korrelate der Krankheitspr�diktoren von</emphasis></p><p><emphasis>Grossarth-Maticek und Eysenck. </emphasis>In: <emphasis>Diagnostica, </emphasis>Bd. 39 (1993), S. 281�298.</p><p>7 Hodel, L. /Grob, P. J.: <emphasis>Psyche und Immunit�t. </emphasis>In: <emphasis>Schweizerische Medizinische Wochenschrift, </emphasis>Bd. 123 (1993), S. 2323�2341.</p><p>8 Apanius, Victor: <emphasis>Stress and immune defense. </emphasis>In: <emphasis>Advances in the study of behavior, </emphasis>Vol. 27 (1998).</p><p>9 �Stress kann auch in Hochform bringen�. In: <emphasis>Stern, </emphasis>19/98.</p><p>10 Becker, Jill: <emphasis>Hormonal influences on extrapyramidal sensorimotor function and hippo-campal plasticity. </emphasis></p><p>In: Jill Becker et al. (Hg.): <emphasis>Behavioral endocrinology. </emphasis>MIT Press, Cambridge, 1992.</p><p>11 Zimmer, Dieter E.: <emphasis>Tiefenschwindel. </emphasis>Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1990.</p><p>12 Dalbert, Claudia: <emphasis>Verdientes Ungl�ck? </emphasis>In: <emphasis>Psychologie heute, </emphasis>Mai 1998.</p><p>13 Lumley, Mark A. et al.: <emphasis>How are alexythymia and physical illness linked? </emphasis>In: <emphasis>Journal of psychosomatic research. </emphasis>Vol. 41 (1996), S. 505�518.</p><p>14 Zorn, Fritz: <emphasis>Mars. </emphasis>Fischer Verlag, Frankfurt 1994.</p></cite></section></section><section><title><p>Seelengedr�ngel</p></title><section><title><p>�Manche Menschen werden von multiplen Pers�nlichkeiten �bermannt�</p></title><p>Wir alle werden manchmal derma�en von widerspr�chlichen Leidenschaften und Impulsen</p><p>heimgesucht, dass wir den Eindruck bekommen, eine� gespaltene Pers�nlichkeit �zu besitzen.</p><p>Doch nach Meinung einiger selbst ernannter Experten ist eine sehr viel schwerwiegendere und</p><p>behandlungsbed�rftige Variante von� Pers�nlichkeitsspaltung �auf dem Vormarsch, die als</p><p>�Multiple Pers�nlichkeitsst�rung�(MPS) bezeichnet wird. In diesen armen Menschen sollen bis</p><p>zu 100 und mehr Pers�nlichkeiten mit v�llig unabh�ngigen Gedanken, Gef�hlen und Erinnerungen</p><p>nebeneinander herumspuken, von denen jede einzelne von einem Augenblick zum anderen die</p><p>Kontrolle �ber den� Wirtsk�rper��bernehmen kann.</p><p>Groteske Erscheinungen wollen die von der Existenz des Seelenleidens �berzeugten</p><p>Psychospezialisten beobachtet haben, sobald eine der Alternativ-Pers�nlichkeiten (�Alter�) das</p><p>Kommando �ber einen MPS-Patienten an sich rei�t: Pl�tzlich ist ein zuvor normalsichtiger Patient</p><p>stark kurzsichtig, Allergien verschwinden binnen Sekunden, der einschl�gige Dialekt macht einem</p><p>v�llig fremden und unbekannten Duktus Platz. W�hrend des dramatischen Pers�nlichkeitswechsels</p><p>�switching�) sollen auch im Hirnstromwellenbild (EEG) und in den Darstellungen anderer</p><p>bildgebender Verfahren frappierende und aufschlussreiche Ver�nderungen zu sehen sein.</p><p>Nach kritischer Sichtung der Daten kommt jedoch mittlerweile ein ganzes Heer von</p><p>n�chternen Fachwissenschaftlern zu dem Schluss, dass dieses Seelenspektakel an den Haaren</p><p>herbeigezogen ist.�Es gibt �berhaupt keine multiplen Pers�nlichkeiten�, dementiert der</p><p>amerikanische Psychologe und Wissenschaftspublizist Robert A. Baker den verbreiteten Glauben.</p><p>�Jeder einzelne Fall, der sorgf�ltig unter die Lupe genommen wurde, hat sich als eine k�nstlich</p><p>durch den Therapeuten hervorgerufene (&gt;iatrogene&lt;) Vorspiegelung entpuppt.�</p><p>Auch der f�r seine Einf�hlsamkeit gegen�ber� Verr�ckten�� Patienten mit der Diagnose</p><p>Schizophrenie � ber�hmte Psychiatrie-Professor Klaus D�rner aus G�tersloh stimmt dem v�llig zu.<sup>2</sup> Viele</p><p>Laien werfen die multiple Pers�nlichkeit und die durchaus reale und tragische Geisteskrankheit</p><p>Schizophrenie durcheinander, obwohl Schizophrene gar keine abgespaltenen Seelenanteile aufweisen. Bei</p><p>ihrem Leiden stehen vielmehr geistige Zerfahrenheit und Wahngedanken im Vordergrund.�Da w�chst,</p><p>bl�ht und gedeiht etwas in der Therapeutenszene�, spottet D�rner �ber den Mythos MPS, den er f�r eine</p><p>Pseudodiagnose h�lt.�Die Multiple Pers�nlichkeitsst�rung gibt es �berhaupt nicht.�</p></section><section><title><p><strong>�Die Existenz der multiplen Pers�nlichkeit wird durch historische Fallbeispiele dokumentiert�</strong></p></title><p>Dass die Vorstellung einer gespaltenen Pers�nlichkeit einen verf�hrerischen Reiz besitzt, stellte der</p><p>in Edinburgh geborene Schriftsteller Robert Louis Stevenson 1886 mit dem durchschlagenden Erfolg</p><p>seines Schauerromans� Dr. Jekyll und Mr Hyde �unter Beweis. Der Weltbestseller beschreibt die dunkle</p><p>Seite des sympathischen und respektablen Dr. Jekyll, der sich unter dem Einfluss einer Droge anfallsartig</p><p>in den widerlichen Meuchelm�rder Mr Hyde verwandelt. Just in Edinburgh traten aber auch Anfang des</p><p>neunzehnten Jahrhunderts eine ganze Reihe von Patienten in Erscheinung, die von sich behaupteten, von</p><p>einem doppelten Bewusstsein befallen zu sein. In ihren Berichten war stets von einem</p><p>�Somnambulismus �die Rede: Sie waren pl�tzlich in einen schlaf�hnlichen Zustand geraten, in dem eine</p><p>andere Person die Oberhand gewann. Schlagzeilen machte der Fall eines einfachen M�dchens, das in</p><p>diesen� weggetretenen �Phasen unerwartet zu herausragenden intellektuellen Leistungen f�hig war.</p><p>Doch diese insularen Ausbr�che blieben Episoden. Der Paukenschlag, welcher der Diagnose MPS</p><p>augenblicklich zum weltweiten Durchbruch verhalf, trug sich erst 1973 mit dem sensationellen Fall</p><p>�Sybil �in den Vereinigten Staaten zu. W�hrend ihrer elf Jahre dauernden Behandlung stellte sich</p><p>angeblich heraus, dass diese Patientin, auf die sich die Verfechter der MPS noch heute berufen, aus nicht</p><p>weniger als 16 Pers�nlichkeiten bestand. Der Bericht �ber die Therapie, welche dauerhaft die</p><p>urspr�ngliche� Schallmauer �von nur zwei Egos durchbrach, fand nicht nur den Weg zum gro�en Lese-</p><p>und Kinopublikum. Er l�ste auch einen wahren Dammbruch von �ffentlichen Reaktionen und</p><p>Trittbretteffekten aus. �berall erschienen Magazinartikel und popul�re B�cher zu der bizarren St�rung;</p><p>sie wurde zu einem Lieblingsph�nomen der zahlreichen Talkshows, und �berall boten� MPS-</p><p>Therapeuten �und spezialisierte Kliniken ihre Dienste an.</p><p>Mit einem Male meldeten sich im ganzen Land Menschen, die das Leiden der Sybil am eigenen</p><p>Leibe versp�rten. In der klinischen Literatur wurden bis Mitte der neunziger Jahre etwa 300 Beispiele</p><p>von MPS beschrieben. Aber lediglich acht F�lle ereigneten sich in der Vor-Sybil-�ra. Bis 1981 war die</p><p>Zahl schon auf rund 100 hochgeschnellt.<sup>1</sup> In den letzten 25 Jahren, klagen die Fachleute, sei die wahre</p><p>Zahl der Betroffenen jedoch schon auf 20.000 gestiegen.</p><p>Doch mit dem Vorbild der Sybil sind die Trittbrettfahrer offenbar auf eine Mogelpackung</p><p>hereingefallen: Die 16 Pers�nlichkeitsabspaltungen in dem Paradefall waren nur die Erfindung einer</p><p>Therapeutin und einer Autorin.�Ihr Ruhm in der Psychologiegeschichte �beschr�nke sich in Wahrheit</p><p>darauf, die� zentrale Figur im gr��ten Psycho-Skandal des Jahrhunderts �gewesen zu sein, konstatiert der</p><p>New Yorker Psychologe Robert Rieber.<sup>3</sup> Der� Fall Sybil�, so Rieber 1998 auf der Jahrestagung des</p><p>amerikanischen Psychologenverbandes in San Francisco, war in Wahrheit ein� hinterlistig eingef�deltes</p><p>Betrugsman�ver�.</p><p>Die Beweise, die das abgekartete Spiel auffliegen lie�en, hatte der Seelenforscher beim Aufr�umen</p><p>seines B�ros im John Jay College of Criminal Justice gefunden � in Gestalt von zwei verstaubten</p><p>Tonbandkassetten. Rieber hatte sie 1972 von einer inzwischen verstorbenen Bekannten, der</p><p>Wissenschaftsjournalistin Flora Schreiber, erhalten, die damals beim popul�ren Magazin� Science</p><p>Digest �f�r die Psycho-Berichterstatrung zust�ndig war. Die Kassetten enthielten unter anderem</p><p>Mitschnitte von der Therapie der Sybil, die Frau Schreiber von Sybils Therapeutin, der</p><p>Psychoanalytikerin Cornelia Wilbur, erhalten hatte. Die Journalistin, die wenig sp�ter mit dem</p><p>vermeintlichen Tatsachenroman� Sybil �einen spektakul�ren Hit landen sollte, hatte sich damals noch</p><p>vergeblich bem�ht, den gemeinsam mit der Therapeutin Wilbur verfassten Therapiebericht in einem</p><p>wissenschaftlichen Fachblatt unterzubringen.</p><p>Da alle Platzierungsversuche fehlschlugen, versuchte die Autorin ihren Bekannten Rieber</p><p>einzuspannen. Sie spielte ihm 12 Tonbandkassetten mit dem Hinweis zu, er k�nne sie vermutlich sehr gut</p><p>f�r sein gerade laufendes Forschungsprojekt �ber das Sprechen und Schweigen von Geisteskranken</p><p>benutzen. Doch Rieber fiel nicht auf die Finte herein.�Die beiden glaubten, mich w�rden die</p><p>therapeutischen Interviews so faszinieren, dass ich mich f�r eine Ver�ffentlichung einsetze. �Er habe</p><p>danach in die B�nder hineingeh�rt; doch die Aufnahmequalit�t sei miserabel, das Material deshalb f�r</p><p>seine Forschung nicht verwendbar gewesen. Daraufhin habe er die Kassetten achtlos in eine Schublade</p><p>gelegt und sie� dann ganz einfach vergessen�. Erst im Jahr davor, anl�sslich einer erneuten</p><p>Expertendiskussion �ber den Fall Sybil, fielen dem Psychologielehrer die Tonb�nder wieder ein.�Ich</p><p>begann zu kramen, lange Zeit erfolglos, bis ich vor einigen Monaten zwei der Kassetten fand.�</p><p>Die B�nder enthielten �berwiegend Gespr�chsprotokolle zwischen der Patientin mit dem Pseudonym</p><p>Sybil Isabel Dorsett und ihrer Therapeutin, aber auch, wie der j�ngste Fund belegt, Unterhaltungen</p><p>zwischen Therapeutin und Autorin. Beim Anh�ren war Rieber� total geschockt��ber den Inhalt: Es</p><p>waren die� bislang wohl wichtigsten Informationen, die den r�tselhaften Paradefall der Sybil Isabel</p><p>Dorsett als ein riesiges L�gengeb�ude entlarvten�. Auf den jeweils einstundigen Kassetten schmiedeten</p><p>die Therapeutin Wilbur und die Autorin Schreiber schamlos Pl�ne, um den Fall Sybil zu einer</p><p>gigantischen Sensation zu puschen.�Eindeutig �dokumentierten die Gespr�che, so Rieber, dass� der</p><p>ber�hmteste Fall eines Patienten mit multipler Pers�nlichkeit eine betr�gerische Konstruktion ist�.</p><p>Die 31-j�hrige Sybil, die in Wirklichkeit Shirley Mason hie�, war eine hochintelligente und gebildete</p><p>Pers�nlichkeit. Wegen emotionaler Probleme und eines pl�tzlichen� Nervenzusammenbruchs �hatte sie</p><p>sich in die Obhut der Therapeutin Wilbur begeben. Dass Wilburs Klientin Sybil verhaltensgest�rt war, ist</p><p>laut Rieber� sehr wahrscheinlich�; eine multiple Pers�nlichkeit sei sie aber� bestimmt nicht �gewesen.</p><p>Denn dieses perfide Schauspiel hatten einzig und allein die beiden� Verschw�rerinnen �aus ihr</p><p>hervorgelockt. Cornelia Wilbur verstand es meisterlich, ihre Patientin zu manipulieren. Sie kitzelte zum</p><p>Beispiel aus Sybil nach der angeblichen Verabreichung eines� Wahrheitsserums �Mitteilungen �ber</p><p>einzelne� Pers�nlichkeiten �heraus. Es war Wilbur und nicht die Patientin, die diesen� Pers�nlichkeiten�</p><p>Namen gab und sie mit Eigenarten ausschm�ckte.</p><p>Und es waren eindrucksvolle Phantom-Egos, die bei dieser get�rkten Revue zutage traten. Jedes</p><p>dieser Sybil-Ichs hatte einen eigenen Namen, zeigte besondere Vorlieben und F�higkeiten, sogar</p><p>verschiedene Arten, zu gehen, sich auszudr�cken und zu sprechen.�Peggy �etwa war, wie Sybil zu</p><p>Protokoll gab,�selbstbewusst �und� begeisterungsf�hig�,�Marcia �eher� depressiv �veranlagt,</p><p>�Vanessa �hingegen� lebhaft�. Und es gab da auch noch Mike und Sid, zwei Teenager m�nnlichen</p><p>Geschlechts, die sich gleichfalls im K�rper der jungen Frau aufhielten.</p><p>Die Psychoanalytikerin fl��te ihrer Klientin auch vors�tzlich die� Erinnerung �an jene� Urszene�</p><p>ein, die in der Psychoanalyse von Sigmund Freud einen so hohen Stellenwert besitzt. Sybil glaubte</p><p>schlie�lich fest daran, sie habe als Kind im elterlichen Schlafzimmer �bernachtet und ihren Eltern beim</p><p>Sex zugesehen. Skrupellos nutzte die Psychiaterin Wilbur ihre Machtposition als Therapeutin aus. Durch</p><p>suggestive Fragen brachte sie Sybil dazu, sich an nicht existierende Vorkommnisse zu erinnern.</p><p>Irgendwann kamen die beiden Komplizinnen bei der Buchplanung auf die Idee, Sybils Mutter m�sse</p><p>aus dramaturgischen Gr�nden als� hinterh�ltig, schlecht und gemein �geschildert werden. Flugs setzten</p><p>sie der Patientin den Floh ins Ohr, sie habe als kleines Kind unvorstellbare Misshandlungen durch ihre</p><p>Mutter erleiden m�ssen. Um Sybils phantastisch anmutender Personenvielfalt einen weiteren Kick zu</p><p>geben, beschlossen Wilbur und Schreiber, dass Sybil� ihre Mutter hassen muss, je bitterer, desto besser�.</p><p>Es bereitete ihnen anscheinend keine Probleme, Sybil zu dem entsprechenden Zugest�ndnis zu</p><p>provozieren.</p><p>Peter J. Swales, der Historiker, der als Erster die wahre Identit�t der Sybil enth�llte, hat in den letzten</p><p>Jahren viele Verwandte und ehemalige Bekannte von Shirley Mason nach der Kindheit der</p><p>Vorzeigepatientin befragt. Die beiden Hauptbetroffenen, Sybil und ihre Therapeutin, waren inzwischen</p><p>tot. Das Ergebnis seiner Ermittlungen �ber den angeblichen Missbrauch bringt er folgenderma�en auf den</p><p>Punkt:�Die Beweise sprechen sehr stark daf�r, dass sich die schlimmen Vorf�lle nie ereignet haben.�<sup>5</sup></p></section><section><title><p><strong>�Multiple Pers�nlichkeiten werden durch Misshandlung in der Kindheit hervorgerufen�</strong></p></title><p>Eines der erfundenen Details aus der Therapie der Sybil ist heute �berhaupt nicht mehr aus der</p><p>Irrlehre der MPS-Gl�ubigen wegzudenken. Das ist die unersch�tterliche Gewissheit, dass sich die</p><p>Abspaltung der Pers�nlichkeiten immer auf die Erfahrung von Misshandlung und/oder sexuellem</p><p>Missbrauch in der Kindheit zur�ckf�hren l�sst. Die Patienten selbst haben zu Beginn der Behandlung</p><p>nicht die geringste Ahnung von ihrer traumatischen Vorgeschichte: Die mutma�lich� verdr�ngte�</p><p>Erinnerung an ihr furchtbares Martyrium wird erst im Verlauf einer langen Therapie, oft unter Einsatz von</p><p>Hypnose und Beruhigungsmitteln,�aufgedeckt�. Bei dem MPS-Urtyp Sybil beispielsweise nahmen die</p><p>Enth�llungen elf Jahre mit insgesamt 2354 Sitzungen in Wilburs Praxis an der New Yorker Park Avenue</p><p>in Anspruch.</p><p>Nach und nach kommen dann mit den Spaltpers�nlichkeiten auch die angeblich versch�tteten</p><p>Erinnerungen an die schreckliche Kindheit ans Tageslicht. Nachdem die MPS-Diagnose gestellt worden</p><p>war, so ergab eine Untersuchung des National Institute of Mental Health, entsannen sich 97 Prozent aller</p><p>Patienten an Missbrauchserfahrungen. Die Therapeuten geben sich in dieser Szene selten mit profanen</p><p>Traumata wie einem lieblosen und feindseligen Elternhaus zufrieden. Damit das ganze Drama auch die</p><p>W�rze von Sex und Crime besitzt, werden mit Vorliebe schockierende Erinnerungen an</p><p>Vergewaltigungen, Qu�lereien oder rituelle Folter, etwa bei satanischen Messen, aufgefahren.</p><p>Glaubt man den Erfahrungsberichten, die von der Kasseler Psychologin und Buchautorin Michaela</p><p>Huber<sup>3</sup> gesammelt wurden, so gehen die Kindersch�nder mit bestialischer Brutalit�t auf ihre Opfer los.</p><p>Verbreitet, behauptet die MPS-Expertin, sei die Kindesfolterung bei schwarzen Messen und in</p><p>�germanofaschistischen �Sekten: Dort werden, laut Huber, Kinder zum Kannibalismus gezwungen,</p><p>nachdem sie zuvor bei der rituellen Schlachtung von Neugeborenen haben zusehen m�ssen.</p><p>Angesichts solch ungeheuerlicher Erlebnisse zieht sich das Selbst des Kindes aus der Welt zur�ck,</p><p>beschreibt der Psychologe Robert A. Baker die einschl�gige Theorie:�Das Kind beschlie�t, dass seine</p><p>Hauptpers�nlichkeit b�sartig und nicht liebenswert ist. In seiner Verzweiflung produziert es eine weitere</p><p>Pers�nlichkeit, mit der Hoffnung, dass diese die vermisste Zuwendung erh�lt. �Eine Teilpers�nlichkeit</p><p>unterliegt also dem Trauma, w�hrend sich der verbleibende Teil hinter einer mentalen Barriere versteckt.</p><p>In vielen F�llen, so die MPS-Doktrin, wachsen dann die Bewusstseinsfragmente zu eigenst�ndigen</p><p>Pers�nlichkeiten heran, die durch Amnesie-Barrieren voneinander getrennt bleiben: Ihnen ist nichts von</p><p>der Existenz der anderen bekannt.</p><p>So einladend plausibel diese Denkvorstellung auch klingen mag, es gibt in der gesamten</p><p>wissenschaftlichen Literatur keinen einzigen Beleg daf�r, dass Menschen, die als Kind schwerwiegend</p><p>traumatisiert oder sexuell missbraucht werden, im sp�teren Leben multiple Pers�nlichkeiten</p><p>hervorbringen, ziehen die beiden holl�ndischen Psychologie-Professoren Hans F. M. Crombag und</p><p>Harald L.G. Merckelbach in einer umfangreichen �bersicht Bilanz.<sup>5</sup> Kanadische Forscher haben danach</p><p>zum Beispiel k�rzlich eine vollst�ndige Literaturrecherche �ber die k�rzend langfristigen Folgen von</p><p>sexuellem Kindesmissbrauch durchger�hrt. Das Trauma kann auch langfristig verschiedene</p><p>einschneidende St�rungen nach sich ziehen: �ngste, Depressionen, Probleme mit der Sexualit�t und</p><p>mehr.�Aber einen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und MPS konnten die Autoren</p><p>�berhaupt nicht finden.�</p><p>Auch eine neue US-amerikanische Gesamtdarstellung kommt nach Aussage der holl�ndischen</p><p>Professoren zum gleichen Schluss: Unter all den m�glichen seelischen Problemen, die als Folge von</p><p>fr�hem sexuellem Missbrauch auftreten, kommt die Diagnose MPS nicht vor. Ein Team von Harvard-</p><p>Psychiatern hat mit� kriminalistischen �Methoden die fr�he Lebensgeschichte von Patienten unter die</p><p>Lupe genommen, die in einer Therapie nicht nur multiple Pers�nlichkeiten, sondern auch traumatische</p><p>Kindheitserinnerungen� ausgepackt �hatten. Vorsichtiges Fazit: Die Erz�hlungen waren vermutlich</p><p>falsch.</p><p>Seri�se Wissenschaftler ziehen heute ohnehin den Glauben der MPS-Therapeuten in Zweifel, die</p><p>traumatischen Erfahrungen ihrer Klienten schlummerten verdr�ngt oder blockiert im Ged�chtnis der</p><p>Alternativ-Pers�nlichkeiten. Nach Jahrzehnten empirischer Studien fehlt jeglicher Beweis f�r die These,</p><p>dass Erinnerungen �berhaupt durch Verdr�ngung aus dem Bewusstsein verbannt werden k�nnen. In der</p><p>psychiatrischen Praxis ist eher das Gegenteil zu beobachten, n�mlich wie schwer es Menschen f�llt, sich</p><p>traumatische Erlebnisse aus dem Kopf zu schlagen. Ehemalige KZ-H�ftlinge, Kriegsveteranen und</p><p>Folteropfer haben die furchtbarsten Gr�uel durchlebt. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Erinnerungen</p><p>daran je verdr�ngt oder zum N�hrboden multipler Pers�nlichkeiten geworden w�ren.</p></section><section><title><p><strong>�Multiple Pers�nlichkeiten sind reale Ausgeburten der Seele�</strong></p></title><p>Es ist schwer, sich dem faszinierenden Eindruck zu entziehen, wenn eine abgespaltene Pers�nlichkeit</p><p>ihr Gastspiel gibt. Der Auftritt kann eine derart imposante Pr�senz besitzen, dass die Traumfabrik</p><p>Hollywood ihn bereits mehrfach f�r nervenaufreibende Kinokn�ller nutzte. Ein Ego n�tigt das andere zu</p><p>unangenehmen Dingen, zu einem Verbrechen oder gar zum Selbstmord. Ein anderes versteckt sich oder</p><p>nimmt die Rolle eines wiederum anderen an. Manche Egos sind begnadete L�gner, welche die Existenz</p><p>der Personenvielfalt vertuschen und den Therapeuten in die Irre f�hren. Manche saugen gnadenlos all die</p><p>anderen Teilpersonen neben ihnen auf.</p><p>Doch so �berzeugend die Manifestation auch auf Au�enstehende wirken mag: Nach Darstellung der</p><p>beiden Psychologie-Professoren Crombag und Merckelbach und vieler anderer Experten erlaubt die</p><p>kritische W�rdigung der Daten nur einen Schluss: Der Auftritt solcher� Abspaltungen �ist lediglich ein</p><p>Rollenspiel, das der Patient nur� abzieht�, weil er dem Erwartungsdruck und den aufgeputschten</p><p>Manipulationen seines Therapeuten folgen will.</p><p>Ein ganzes B�ndel von Fakten weist unmissverst�ndlich in diese Richtung. Den ersten Hinweis</p><p>liefern die Therapeuten selbst: Wenn die Spaltpers�nlichkeiten ein real existierendes Ph�nomen w�ren,</p><p>m�ssten alle Seelenheiler sie orten k�nnen. Tatsache ist jedoch, dass �berall da, wo MPS �berhaupt</p><p>vorkommt, nur eine Hand voll Therapeuten f�r den L�wenanteil der Ortungen verantwortlich ist. In der</p><p>Schweiz haben zum Beispiel 90 Prozent aller Psychiater noch nie einen Fall von MPS gesehen. 70</p><p>Prozent aller dort aufgetretenen F�lle gingen gerade einmal sechs Psychiatern ins Netz. Das gleiche</p><p>Missverh�ltnis ist in den Niederlanden, in Kanada und in den USA zu verzeichnen. In den meisten F�llen</p><p>stehen �brigens die anderen Psychiater der MPS-Diagnose durch einen Fachkollegen �u�erst skeptisch</p><p>gegen�ber.</p><p>Auch die internationale Verteilung der MPS-Diagnosen l�sst das Schlimmste ahnen: Da, wo wie in</p><p>den USA und Kanada ein Netz aus fest organisierten MPS-Sachverst�ndigen existiert, ist die Zahl der</p><p>F�lle sprunghaft angestiegen. Doch in Frankreich, England, Indien, Japan und Russland ist das</p><p>Krankheitsbild MPS nahezu unbekannt.�Vor allem Frankreich und England haben auf dem Gebiet der</p><p>Psychiatrie eine anerkannte Tradition�, notieren die beiden holl�ndischen Seelenforscher,�und es gibt</p><p>keinen Grund, anzunehmen, dass die psychiatrischen Zentren dort nur mit Versagern besetzt sind. �Eine</p><p>nette Anekdote ist die Erfahrung amerikanischer Psychiater, die vor ein paar Jahren w�hrend der</p><p>Perestroika nach Russland reisten, um das russische Erscheinungsbild der MPS zu studieren. Die Reise</p><p>war ein totaler Flop, denn in Russland war kein einziger MPS-Patient aufzutreiben.</p><p>Auf den ersten Blick k�nnte man Zweifel haben, dass gew�hnliche Menschen �berhaupt den</p><p>Sachverstand und das schauspielerische Talent besitzen, um eine �berzeugende MPS-Schau auf die</p><p>B�hne zu stellen. Amerikanische Forscher haben diese Zweifel mit einer Versuchsreihe ausger�umt.</p><p>Normale Versuchspersonen wurden gebeten, sich vorzustellen, sie seien in eine heikle Lage geraten, zum</p><p>Beispiel unter Mordverdacht. Dann mussten sie sich einem Interview durch einen angeblichen Psychiater</p><p>stellen, der schlicht den Verdacht aussprach, der Beschuldigte k�nne� mehrere Seiten �haben.</p><p>Es stellte sich heraus, dass die Probanden begeistert auf dieses Angebot abfuhren: Sie warteten</p><p>prompt mit mehreren Spaltpers�nlichkeiten auf, von denen jede einen eigenen Namen, eigene</p><p>Wesensz�ge, eine eigene Biographie und einen eigenen Sprachstil besa�. Die meisten kamen auch</p><p>selbstst�ndig auf die Idee, zu behaupten, dass ihre Erinnerung an das Verbrechen einem Ged�chtnisverlust</p><p>zum Opfer gefallen sei. Die ganze Vorstellung war selbst f�r Profis nicht als Farce zu durchschauen.</p><p>Der Test beweist, dass ganz normale Menschen nur ein paar vage Hinweise ben�tigen, um die MPS-</p><p>Rolle bis ins kleinste Detail auszuf�llen. Wenn dies bereits f�r die typischen Versuchspersonen gilt, wie</p><p>viel leichter m�gen dann wohl Menschen zum Opfer solcher Suggestionen werden, die in Not Hilfe bei</p><p>einem Therapeuten suchen, der sich als Spezialist f�r multiple Pers�nlichkeiten ausgibt? Die Therapeuten</p><p>r�umen immerhin selbst ein, dass ihre Patienten zu Beginn der Behandlung nichts von der Spaltung ihrer</p><p>Seele ahnen. W�hrend der Behandlung fahren sie dann ein ganzes Arsenal von bildlichen Vorstellungen</p><p>auf, die eine Spaltung suggerieren, zum Beispiel sprechen sie �ber� das Kind in dir �oder� den Teil von</p><p>dir, der nicht essen will�. Dann r�cken sie dem Patienten mit Hypnose auf den Leib, die nichts anderes</p><p>bewirkt, als ein Rollenspiel anzustacheln. Irgendwann� kippt �der Patient um und macht seinem Heiler</p><p>das gew�nschte Schauspiel zum Geschenk.</p></section><section><title><p><strong>�Patienten haben gar kein Motiv, eine Pers�nlichkeitsspaltung vorzut�uschen�</strong></p></title><p>Ein Argument f�r die Realit�t des multiplen Pers�nlichkeitsspukes besagt, dass die Patienten gar kein</p><p>Motiv und keine zwingenden Beweggr�nde h�tten, ein solches Theaterst�ck aufzuf�hren. In Wirklichkeit</p><p>kann jedoch eine Vielzahl von Motiven den Ansto� zu einer solchen manipulierten Selbstdarstellung</p><p>geben, h�lt der Psychologe Robert A. Baker fest.<sup>1</sup> Wer erfolgreich die gespaltene Pers�nlichkeit</p><p>�markiert�, kann zum Beispiel alle Privilegien einer exklusiven Krankenrolle einheimsen: die</p><p>Bewunderung und die Hochachtung, deren eine Person mit einem dramatischen Krankheitsbild teilhaftig</p><p>wird. Das Gef�hl von W�rde, das damit verbunden ist, dass man ungeheuerliche Widrigkeiten</p><p>�berstanden und die menschliche und intellektuelle Zuwendung eines professionellen und angesehenen</p><p>Seelenhelfers gefunden hat. Die Genugtuung, die darin besteht, dass man die Finger auf ein vor</p><p>Jahrzehnten begangenes Verbrechen (Missbrauch) legt und sich als Vollstrecker der Gerechtigkeit erleben</p><p>kann.</p><p>Manchmal k�nnen aber auch profanere Beweggr�nde den Ausschlag geben. Das Erscheinungsbild</p><p>der MPS bietet zum Beispiel die M�glichkeit, die Verantwortung f�r unschickliche und sozial</p><p>unerw�nschte Verhaltensweisen auf eine� Subpers�nlichkeit �abzuw�lzen. Das ist dasselbe, was kleine</p><p>Kinder tun, wenn sie sagen:�Ich habe die Vase nicht umgeworfen. Der b�se Junge hat es getan, aber ich</p><p>wollte es nicht tun. �Vor allem Zeitgenossen, die eine lebhafte Phantasiet�tigkeit besitzen und sich schon</p><p>als Kinder imagin�re Spielgef�hrten herbeidachten, br�ten im Erwachsenenalter multiple</p><p>Pers�nlichkeiten aus. 1994 kam eine Frau in Kentucky vor Gericht mit der Revolvergeschichte durch,</p><p>nicht sie selbst, sondern eine ihrer Unterpers�nlichkeiten habe den ehelichen Seitensprung begangen. Ihr</p><p>Gatte hatte die Abgabe von Unterhaltsleistungen mit dem Verweis auf die Untreue abgelehnt. Tats�chlich</p><p>lie� sich das Gericht von diesem Schwachsinn bluffen.</p><p>In amerikanischen Strafprozessen kommt es mit zunehmender H�ufigkeit vor, dass Angeklagte</p><p>vorgeben, an MPS und einem Ged�chtnisverlust bez�glich ihrer Straftat zu leiden. Laut Crombag und</p><p>Merckelbach sind ungef�hr zwanzig solcher F�lle beschrieben worden, und in mindestens vier davon</p><p>holten die betreffenden Simulanten damit einen Freispruch f�r sich heraus. Das in diesem</p><p>Zusammenhang ber�chtigste Beispiel ist das des amerikanischen Serienm�rders Kenneth Bianchi, besser</p><p>bekannt als der� Hillside Strangler�. Nach seiner Festnahme gab er an, unter MPS zu leiden, und nahm</p><p>eine totale Amnesie f�r seine Taten in Anspruch. Jeder h�tte ahnen m�ssen, dass er auf das Urteil</p><p>�schuldunf�hig wegen seelischer St�rung �abzielte. Doch ein� Experte �machte ihm tats�chlich die</p><p>entlastende Diagnose� MPS �zum Pr�sent. Unter den �brigen konsultierten Profis entbrannte bald ein</p><p>heftiger Expertenstreit. Zum Gl�ck konnte ein Polizeifahnder den intellektuellen Schwachstromgehirnen</p><p>eine Lektion erteilen: Er machte ein verstecktes Spind ausfindig, in dem Bianchi diverse Lehrb�cher der</p><p>klinischen Psychologie gehortet hatte. Sie enthielten ausf�hrliche Beschreibungen der Multiplen</p><p>Pers�nlichkeitsst�rung. Der Hillside Strangler wurde, inklusive aller in ihm wohnenden M�rder-Egos,</p><p>schuldig gesprochen.</p><empty-line/><cite><p>1 Baker, Robert A.: <emphasis>Mind games. Are we obsessed with therapy? </emphasis>Prometheus Books, New York 1997.</p><p>2 �Modischer Wahn�. In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>12/1995.</p><p>3 �Floras Erz�hlungen�. In: <emphasis>Der Spiegel, </emphasis>44/1998.</p><p>4 �Unmasking Sybil�. <emphasis>A re-examination of the most famous Psychiatric patient in history. </emphasis>In: <emphasis>Newsweek, </emphasis>25.1.1999.</p><p>5 Crombag, Hans EM./Harald L. G. Merckelbach: <emphasis>Missbrauch vergisst man nicht. </emphasis>Verlag Gesundheit, Berlin 1997.</p></cite></section></section></section><section><title><p>MYTHEN DES VER�NDERTEN BEWUSSTSEINS</p></title><section><title><p>Schein-Heil im Lotussitz</p></title><section><title><p>�Meditation erzeugt einen einzigartigen k�rperlich-geistigen Entspannungszustand�</p></title><p>Wenn die enthusiastischen Versprechungen ihrer Apostel nicht t�uschen, haben fern�stliche M�nche</p><p>mit der Technik der Meditation schon seit etlichen Jahrhunderten ein Allheilmittel gegen die</p><p>verderblichen Ausw�chse der modernen Stressgesellschaft parat. Meditation ist eine Methode der</p><p>mentalen Selbstversenkung, die durch die Konzentration auf ein meditatives Symbol, einen Klang oder</p><p>auf den eigenen Atem zu einem au�erordentlich tiefen Gef�hl der inneren Ruhe f�hren soll. Der Zweck</p><p>dieser geistigen �bung bestand in ihrem urspr�nglichen religi�sen Kontext darin, die Beschr�nktheit des</p><p>allt�glichen Denkens zu �berwinden und mit einer innerlich erfahrenen, transzendentalen Quelle des</p><p>Lebens in Kontakt zu treten. Doch einige der gr��ten Gurus aus dem fernen Osten haben in den letzten</p><p>Jahrzehnten den religi�sen Elfenbeinturm verlassen und die Versatzst�cke der Meditationslehre zu einer</p><p>Instant-Kur f�r das l�dierte Nervenkost�m gehetzter Zivilisationsmenschen verpanscht.</p><p>Wenn man sich durch eine geeignete Prozedur in Trance murmelt, so die einschl�gigen</p><p>Verlautbarungen, dann wird einem eine nie da gewesene Form der Tiefenentspannung zuteil. Diese</p><p>extreme Variante des� Relaxens �soll den Organismus gegen Stress, Bluthochdruck, Asthma und alle</p><p>erdenklichen modernen Volkskrankheiten wappnen. Die Zeit ist l�ngst vorbei, da solch hocht�nende</p><p>Verhei�ungen nur auf den Flugbl�ttern exotischer Gruppen und Sekten prangten. Selbst das viel</p><p>gepriesene Multimedialexikon� Microsoft Encarta �st��t inzwischen in das gleiche Horn:�Heutzutage</p><p>wird die Meditation h�ufig auch als nichtreligi�se Methode zur Entspannung und zum Abbau von Stress</p><p>eingesetzt. Die Behauptung, sie sei von gesundheitlichem Nutzen, wird durch wissenschaftliche</p><p>Untersuchungen gest�tzt, die zeigen, dass die Meditation die Hirnstr�me ver�ndern, physiologische</p><p>Ver�nderungen hervorrufen und langfristig zu einer psychischen Besserung f�hren kann.�</p><p>Es ist v�llig r�tselhaft, woher die Beweise f�r solche hochtrabenden Aussagen stammen sollen: Alle</p><p>sorgf�ltigen empirischen Forschungsarbeiten der letzten Jahre haben die sch�ngeistigen</p><p>Gedankengeb�ude der Versunkenheits-Propheten demoliert wie ein Elefant einen Laden mit chinesischer</p><p>Keramik. Die Meditation, so das �bereinstimmende Fazit der Untersucher, ist vom Effekt her nur eine</p><p>verkappte Form des D�sens, die keine spezifischen gesundheitlichen Vorteile mit sich bringt. Manch ein</p><p>Guru wird vermutlich emp�rt darauf pochen, dass eben seine besondere Meditationstechnik von den</p><p>Forschern (noch) nicht getestet wurde. Doch dieser Einwand ist nicht besonders �berzeugend, kontert der</p><p>Psychologe David S. Holmes von der University of Kansas, weil in der Vergangenheit alle getesteten</p><p>Versenkungsmethoden bei der wissenschaftlichen Qualit�tskontrolle durchgefallen sind. <emphasis>l</emphasis></p><p>Dabei waren die ersten Begegnungen zwischen asiatischer Weisheit und abendl�ndischem</p><p>Forscherdrang ausgesprochen viel versprechend. Bereits Ende der f�nfziger Jahre schw�rmten neugierige</p><p>Hirnforscher in die entlegensten Winkel des fernen Ostens aus und schlossen entr�ckte Yogis an</p><p>transportierbare Hirnstromwellenmessger�te und andere mobile Biosignal-Sensoren an. 1972 machte der</p><p>renommierte Bostoner Kardiologe Herbert Benson die exotischen Versenkungstechniken in einem viel</p><p>beachteten Beitrag f�r die akademische Gemeinde des Westens salonf�hig. Die� Transzendentale</p><p>Meditation�, kurz� TM�, f�hre zu einem einzigartigen geistig-k�rperlichen Entspannungszustand. TM ist</p><p>eine dem Hinduismus entlehnte und durch Markenzeichen gesch�tzte Spielart der Selbstversenkung, die</p><p>Maharishi Mahesh Yogi 1956 in Indien kreierte. Als sich die Beatles in den sp�ten Sechzigern in die</p><p>Obhut des Meisters begaben, machte seine Bewegung weltweit Furore; ihr Mitgliederstamm wird heute</p><p>auf vier Millionen gesch�tzt.</p><p>Der durch TM und andere Meditationstechniken hervorgerufene Entspannungszustand, die so</p><p>genannte Relaxations-Reaktion, mache sich in einem verringerten Sauerstoffbedarf, einer langsameren</p><p>Atemfrequenz, einem niedrigeren Puls und vielen anderen g�nstigen �nderungen bemerkbar. Mit seinem</p><p>Enthusiasmus steckte Benson sogar gro�e Teile der sonst eher konservativen �rzteschaft an, die sich</p><p>flugs das Entr�ckungsverfahren als Waffe gegen Asthma, Bluthochdruck und andere Krankheiten zu</p><p>Eigen machten.</p><p>�berraschenderweise vollzog der Herzspezialist jedoch nach relativ kurzer Zeit eine verbl�ffende</p><p>Kehrtwende, die viele Meditationsgl�ubige ihm bis heute nicht verziehen haben. Urpl�tzlich lie� er seine</p><p>eigene, die� Benson-Methode �der Entspannung vom Stapel, die nach seinem Bekunden ohne jeden</p><p>mystischen Ballast auskommt. Sie beruht im Wesentlichen darauf, dass man bei jedem Ausatmen das</p><p>Wort� eins�(oder jedes beliebige andere selbst gew�hlte Wort) denkt. Die Technik soll das gleiche Ma�</p><p>an Entspannung hervorrufen wie das Konkurrenzprodukt aus der Maharishi-Schmiede. Es liegt auf der</p><p>Hand, dass sich das Oberhaupt des TM-Imperiums solche Ketzerei nicht bieten lassen konnte. Er lie�</p><p>postwendend von den Kanzeln seiner selbst gegr�ndeten� Universit�ten �verk�nden, dass die Benson-</p><p>Methode � und, bei der Gelegenheit, �berhaupt alle anderen Meditationstechniken � der Gesundheit</p><p>schaden k�nnten.</p><p>Die wissenschaftlichen Untersuchungen der folgenden Jahre haben jedoch den</p><p>Alleinvertretungsanspruch des Gurus vom Tisch gefegt: Alle im Westen entwickelten</p><p>Entspannungstechniken, von der Selbsthypnose �ber die progressive Relaxation bis hin zum Biofeedback,</p><p>machen ihre Anwender genauso selig, auch wenn ihnen der transzendentale Anspruch fehlt, fasste bereits</p><p>1982 eine bedeutende �bersichtsarbeit das Wissen der damaligen Zeit zusammen.<sup>2</sup> Doch es ist �berhaupt</p><p>nicht notwendig, eine derart snobistische, von Experten ausget�ftelte Form der inneren Sammlung zu</p><p>�ben, gibt der Psychologe David S. Holmes zu bedenken. Jede allt�gliche und unpr�tenti�se Form der</p><p>Ruhestellung, von einem warmen Bad �ber das behagliche D�sen im Lehnstuhl bis hin zu einer kleinen</p><p>Portion Mittagsschlaf, stimuliert die Relaxations-Reaktion genauso gut.</p><p>Wer heute noch mit der Berufung auf� Forschung �von der erstaunlichen Wirkung der Meditation</p><p>schw�rme, der k�nne sich nur auf l�ngst �berholte Untersuchungen st�tzen, konstatiert Holmes. Damals,</p><p>als die reiselustigen Versenkungsforscher nach Asien str�mten und den Yogis das EEG anlegten, wurde</p><p>n�mlich ein absolutes methodisches Muss, die Kontrollgruppe, ausgespart. Wenn man nur den Leuten die</p><p>Biosignale abnimmt, die gerade meditieren, kann man nie sicher sein, ob einfaches D�sen oder Faul-</p><p>Herumlungern nicht vielleicht den gleichen Nutzen bringen.</p><p>Sicherheit gibt es auch dann nicht, wenn man meditierende Probanden mit solchen vergleicht, die sich</p><p>gerade mit Hilfe westlicher Entspannungstechniken relaxen. Man muss ein neues Heilverfahren immer</p><p>gegen die simpelste und schlichteste Alternative ins Rennen schicken. Auf die Meditation gem�nzt hei�t</p><p>das: Eine Gruppe von� K�nnern �bekommt den Auftrag, zu meditieren, w�hrend eine Vergleichsgruppe</p><p>von Laien den Befehl erh�lt,�einfach abzuschalten�. Nimmt man nun nur jene Studien unter die Lupe, in</p><p>denen die Meditation solcherart getestet wurde, bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Was Holmes bei</p><p>seinem Vergleich ans Licht bringt, f�hrt zu der Erkenntnis, dass jeder, der sich f�r ein halbes St�ndchen</p><p>aufs Ohr oder in die Badewanne legt, ohne es zu wissen Meditation (oder progressive Relaxation usw.)</p><p>betreibt.</p><p>Nicht ein einziges Mal in allen 16 Studien rutschte die Pulsfrequenz beim Meditieren unter jene beim</p><p>D�sen ab; viermal jedoch erreichten ausgerechnet die ordin�r� weggetretenen �Probanden eine</p><p>intensivere Senkung der Herzfrequenz. Kein Experiment erbrachte Anhaltspunkte, dass Meditation,</p><p>gemessen am elektrischen Hautwiderstand, mehr Seelenfrieden bringt als schlichte Ruhe bei</p><p>geschlossenen Augen. Und auch die Untersuchungen zum Blutdruck, zur Muskelspannung, zur</p><p>Hauttemperatur, zum Blutfluss, zum Sauerstoffverbrauch und zum Aussto� einer Unmenge von</p><p>Hormonen � von Renin �ber Aldosteron bis hin zum Noradrenalin � waren dem Glauben an die</p><p>�berlegenheit der Meditation abtr�glich. In jedem einzelnen Fall erbrachte der simple Ruhezustand den</p><p>gleichen oder sogar einen h�heren Grad an Entspannung als die Besinnung im Lotussitz. Dabei d�rften</p><p>die Studien, die den Stab �ber die Meditation brechen, nur die Spitze eines Eisberges bilden, ist Holmes</p><p>�berzeugt. Unz�hlige Abhandlungen, die dem Anspruch der Meditations-Gurus ebenfalls den Todessto�</p><p>versetzten, sind wahrscheinlich bei den Herausgebern der Fachzeitschriften als� unerw�nscht �unter den</p><p>Tisch gefallen.</p><p>Die fast blasphemisch anmutende Gleichsetzung zwischen Meditation und Mittagsschlaf findet</p><p>allm�hlich sogar in den Lehrb�chern der Seelenforschung Niederschlag. So betont die� Einf�hrung in</p><p>die Psychologie�, das Standardwerk f�r Studienanf�nger, mit Nachdruck, dass es keine</p><p>naturwissenschaftlichen Belege f�r die therapeutischen Effekte dieser Verfahren gibt.<sup>3</sup>�Andere Forscher</p><p>fanden heraus, dass bei vielen Leuten, die Transzendentale Meditation praktizieren, w�hrend der</p><p>Meditation h�ufig kurze Schlafperioden auftreten. Es kann also sein, dass einige der entspannenden und</p><p>wohltuenden Effekte dieser Meditation teilweise nur auf die Wohltaten eines Nickerchens</p><p>zur�ckzuf�hren sind.�</p></section><section><title><p><strong>�Meditation macht die Seele gegen Stresszust�nde fit�</strong></p></title><p>Kann man D�ser und Meditierende im Ruhezustand psychophysiologisch nicht auseinander halten,</p><p>so best�nde ja immer noch die M�glichkeit, dass die Meditation sich erst in Stresssituationen bew�hrt,</p><p>r�umt der Psychologe ein. Es ist grunds�tzlich nicht auszuschlie�en, dass Meditationsanh�nger die</p><p>besondere F�higkeit haben, sich in seelischen Notlagen an ihrer Entr�ckungstechnik aufzurichten.</p><p>Allerdings haben sich bisher erst vier methodisch gewissenhafte Studien mit dieser Frage besch�ftigt.</p><p>In Experiment Nr. 1 mussten redegehemmte Versuchspersonen eine Ansprache vor einem gr��eren</p><p>Publikum halten, wobei ihr Puls gemessen wurde. Im zweiten Versuch wurde den Probanden nach dem</p><p>Ausf�llen eines (fiktiven) Intelligenztestes mitgeteilt, sie seien� geistig minderbemittelt�� eine</p><p>R�ckmeldung, die gew�hnlich erheblichen Stress erzeugt. Experiment Nr. 3 war �hnlich konzipiert, nur</p><p>bestand der Stress im Anschauen eines nervenaufreibenden medizinischen Operationsfilmes. Im letzten</p><p>Experiment schlie�lich mussten die Versuchspersonen einen Film aushalten, in dem ersch�tternde</p><p>Arbeitsunf�lle dargestellt wurden. Vor der jeweiligen Stresssituation hatten die Probandengruppen ein</p><p>paar Wochen lang Meditation, eine westliche Entspannungstechnik oder banales� Abschalten �ge�bt.</p><p>Einhelliges Ergebnis aller vier Versuche: Die allt�glichen Formen des Relaxens waren der Meditation</p><p>(und den aufgemotzten westlichen Entspannungstechniken) in jeder Beziehung ebenb�rtig. Weder beim</p><p>Puls noch beim Hautwiderstand oder bei der an sich selbst festgestellten �ngstlichkeit hatten die</p><p>Meditierenden die Nase vorn. Wer meditiert, folgert der Entspannungsexperte Holmes aus diesen Daten,</p><p>hat also in psychischen Belastungssituationen noch l�ngst nicht automatisch� die Ruhe weg�.</p><p>Und wenn die Meditation schon keine kurzfristige Wirkung zeitigt, findet sich auch auf lange Sicht</p><p>kein �berzeugender Nutzeffekt. Die Meditationsanh�nger sollten sich aus dem Kopf schlagen, dass die</p><p>Entr�ckung zu irgendwelchen langfristigen und tief greifenden Pers�nlichkeitsver�nderungen f�hrt,</p><p>folgert ein diesbez�glicher Literaturbericht.<sup>4</sup> Es gibt demnach auch keine �berzeugende Untersuchung,</p><p>wonach Meditation einen Beitrag zur Linderung neurotischer St�rungen leistet. Schlie�lich fehlt jeglicher</p><p>Beweis, dass sie hohen Blutdruck zu senken vermag oder einem Rauschgifts�chtigen helfen kann, von</p><p>seiner Droge loszukommen.�Die angeblichen Besonderheiten der Meditation sind �berhaupt nicht</p><p>einzigartig, sondern beruhen auf einer Mixtur aus Einbildung, Suggestion, dem Placebo-Effekt einfacher</p><p>Entspannung, neurotischen �berzeugungen und der Fehlinterpretation mehrdeutiger emotionaler</p><p>Erfahrungen�, bringt der Psychologie-Professor Barry L. Beyerstein von der Simon Fraser University in</p><p>Burnaby, Kanada, gnadenlos die Kritik auf den Punkt.<sup>5</sup></p><p>Da n�tzt es auch nichts, wenn der Maharishi mit einem erdr�ckenden Wust aus Grafiken,</p><p>Kurvendarstellungen und Tabellen die segensreichen Wirkungen von TM auf die Stresshormone, die</p><p>Kohlendioxid-Abgabe oder andere k�rperliche Indikatoren zelebriert, moniert der amerikanische</p><p>Philosophie-Professor Robert Todd Carroll im Internet.<sup>6</sup>�Die Wahrheit ist, dass die TM-&gt;Forscher&lt;</p><p>�berhaupt keine kontrollierten Experimente durchf�hren. Was die Qualit�t ihrer Methoden betrifft,</p><p>befinden sie sich auf einem Niveau mit der Parapsychologie � sie sind inkompetent, wenn nicht gar</p><p>betr�gerisch.�</p><p>Tats�chlich hat sich die TM-Bewegung ja auch l�ngst �bernat�rliche F�higkeiten auf die Fahnen</p><p>geschrieben: Der Meditierende werde zu einem �bermenschen, er k�nne gar ohne maschinelle Hilfe und</p><p>nur durch Geistes Kraft fliegen. Offensichtlich war dieser Anspruch so leicht zu widerlegen, dass die</p><p>Organisation ihn weitgehend zur�ckgenommen hat. Es handelte sich dabei wohl nur um ein massives</p><p>Indiz f�r den Realit�tsverlust der Maharishi-Anh�nger. Heute noch werden die� yogischen Flieger�</p><p>manchmal zu Vorf�hrungen bei der Propaganda eingesetzt. Zu sehen sind Personen, die mit</p><p>untergeschlagenen Beinen h�pfen.</p><p>Ein weiteres Beispiel aus der �bersinnlichen Mottenkiste ist der so genannte Maharishi-Effekt: Wenn</p><p>nur ein Prozent der Bev�lkerung gemeinsam� transzendental �meditiere, dann w�rden sich die dadurch</p><p>erzeugten Gehirnwellen �berlagern und verst�rken (�Koh�renz�) und das Bewusstsein aller anderen</p><p>ver�ndern. Dies sei ein� Naturgesetz�. Dadurch seien nicht nur alle Probleme der Allgemeinheit zu l�sen,</p><p>sondern der Einzelne k�nne auch Unsterblichkeit erreichen. Nach seinen eigenen Angaben hat das TM-</p><p>Imperium mit dieser Methode die Gemeinde Fairfield in Iowa von Unf�llen, Kriminalit�t und</p><p>Erntesch�den� geheilt�. James Randi, ein ber�hmter amerikanischer Magier, der f�r das Aufdecken von</p><p>Irrlehren eintritt, hat bei der Polizei, dem Verkehrsamt und bei der Agrarverwaltung von Iowa die</p><p>einschl�gigen Informationen eingeholt. Ergebnis: Das Wunder von Fairfield ist ein Phantasieprodukt.</p><p>In der Bundesrepublik gelang es einer gewissen Christa Kniffki an der Universit�t in Kiel, eine</p><p>Diplomarbeit unterzubringen, welche die �berlegenheit der Transzendentalen Meditation �ber das</p><p>autogene Training belegen sollte, rekapituliert die Aktion f�r Geistige und Psychische Freiheit e.V.</p><p>(AGPF), eine Anti-Sekten-Vereinigung in Bonn, auf ihrer Internetseite.<sup>7</sup> Aus Teilen dieser Diplomarbeit</p><p>fertigte Kniffki sp�ter eine Publikation, welche der die Diplomarbeit begutachtende Arzt folgenderma�en</p><p>charakterisiert:�F�r einen Wissenschaftler ist so ein Vorgehen schlicht Hochstapelei� Die naiven</p><p>graphischen Darstellungen, die eine �berlegenheit der TM belegen sollen, m�ssen als F�lschung enttarnt</p><p>werden</p></section><section><title><p><strong>�Bei der Meditation treten au�ergew�hnliche Hirnstromkurven auf�</strong></p></title><p>In manchen Werbebotschaften wird der Segen der Meditation mit der Behauptung gest�tzt, dass sie</p><p>dem Zentralnervensystem unvergleichliche Muster der Hirnstromwellen entlockt, die in keinem anderen</p><p>Bewusstseinszustand zu verzeichnen sind. Es kommt sicher der Leichtgl�ubigkeit vieler Menschen</p><p>entgegen, wenn ein fern�stlicher� Schwerathlet �der Meditation nach Herzenslust seine Hirnstromkurven</p><p>spielen l�sst, so wie ein Bodybuilder, der mit seinem Bizeps posiert. Bei ge�bten Meditationsprofis soll</p><p>das Hirnstromwellenbild (EEG) zum Beispiel �berbordende Fluten von so genannten Alphawellen</p><p>aufweisen, in denen sich die einzigartige, ozeanische Tiefe der Entr�ckung niederschl�gt. Alphawellen</p><p>sind langsame Hirnstromkurven in einer Frequenz von 8 bis 14 Schwingungen pro Sekunde, die f�r</p><p>gew�hnlich die Oberhand gewinnen, wenn eine Person in einem entspannten Wachzustand die Augen</p><p>schlie�t. Gerade der Maharishi hat einen regelrechten Alphakult um sich herum aufgebaut. Im Gehirn</p><p>eines erfahrenen Meditationsprofis tritt demnach w�hrend der geistigen �bung eine dramatische</p><p>Zunahme des Alphaanteils auf, die obendrein die� hochgeistigen �Regionen im vorderen,�frontalen �Teil</p><p>des Denkapparates erfasst. Bei Normalsterblichen spielt sich der mutma�lich viel schw�chere</p><p>Alphazuwachs �berwiegend im hinteren Part des Gehirns ab.</p><p>Doch auch in diesem Fall nimmt der Vergleich mit einer neutralen Kontrollgruppe der</p><p>Meditationspropaganda den Wind aus den Segeln. Die ganze Alpha-Euphorie entbehrt jeglicher</p><p>Grundlage, wie ein Artikel des britischen Hirnforschers M. M. Delmonte aufzeigt.<sup>8</sup> Fazit: Der Laie bringt,</p><p>wenn er d�st, genauso viele Alphawellen im Gehirn hervor wie die gro�en Meister in der professionellen</p><p>Versenkung. Auch l�nger anhaltende Versenkungs-Praxis steigert das Alpha-Potenzial eines Menschen</p><p>nicht im Geringsten. Die EEG-Ver�nderungen w�hrend der Meditation deuten lediglich auf einen Zustand</p><p>verringerter Erregung hin.�Physiologisch gesehen sind sie keineswegs spezifisch f�r die Meditation,</p><p>sondern passen genauso gut zu dem schl�frigen Zustand kurz vor dem Einnicken�, zieht der Psychologe</p><p>Barry L. Beyerstein Bilanz.</p><p>Nach seiner Ansicht h�tte es den Gurus und ihren J�ngern zu denken geben m�ssen, dass selbst Tiere,</p><p>die nie Meditation oder andere Formen der� Bewusstseinserweiterung �praktizieren, erhebliche Mengen</p><p>von Alphawellen erzeugen. Bei Katzen wurde der Nachweis daf�r bereits im Jahr 1875 gef�hrt.</p><p>Andererseits gibt es einen gewissen Prozentsatz von Menschen, bei denen die sagenumwobenen Kurven</p><p>durch Abwesenheit gl�nzen, ohne dass den Betreffenden die F�higkeit zur inneren Sammlung fehlt. Wenn</p><p>man sich gerade am euphorischen� High �des Alkoholrausches erg�tzt, wird das gesamte Gehirn von</p><p>wahren Alphaattacken durchzuckt. Dass diese sich ausgerechnet im Suff ereignen, ist keineswegs</p><p>verwunderlich: Die Alphaaktivit�t ist ein Zeichen daf�r, dass sich weite Teile des Gehirns� im</p><p>Gleichtakt�(synchron) entladen und wegen dieser Monotonie relativ wenige Informationen verarbeiten</p><p>k�nnen.</p><p>Wie sehr der Hirnwellenmythos auf der Macht der Suggestion beruht, hat Beyerstein mit einem</p><p>entlarvenden Experiment gezeigt. Seine meditierenden Versuchspersonen wurden in den Glauben</p><p>versetzt, dass sie die Zunahme ihrer Alphawellen am Ausschlag eines Zeigers ablesen k�nnten. In</p><p>Wirklichkeit hatte der Versuchsleiter das Instrument jedoch umgepolt, so dass die scheinbare</p><p>Alphazunahme in Wirklichkeit einer Abnahme der Alphawellen und einer Steigerung der� unruhigen�</p><p>Betawellen entsprach. Nichtsdestoweniger bildeten sich die gefoppten Probanden bei der Zunahme der</p><p>falschen Alphawellen das Erreichen eines seligen Entr�ckungszustandes ein.</p><p>In einem anderen Experiment wurden die Versuchspersonen f�r jedwede Verminderung ihrer</p><p>Alphaaktivit�t mit einem harmlosen, aber schmerzhaften elektrischen Schock bestraft.</p><p>Verst�ndlicherweise l�ste diese Versuchsanordnung bei den Probanden �ngstliche und feindselige Gef�hle</p><p>sowie einen erheblichen Anstieg der k�rperlich-geistigen Erregung aus. Aber dennoch strotzte ihr Gehirn</p><p>vor Alphawellen, obwohl ihr Geisteszustand keine Spur von Gelassenheit besa�. Ende der achtziger Jahre</p><p>versetzte ein amerikanischer Neurowissenschaftler dem Alphakult den Todessto�: Kurz bevor sie den</p><p>Exitus erlitten, peitschten die von ihm untersuchten Komapatienten noch einmal einen ordentlichen Sto�</p><p>Alphawellen durch das EEG.</p><p>Eine Zeit lang versuchten die Entr�ckungspropheten den Niedergang des Alphakultes durch einen</p><p>neuen Coup zu retten: Erfahrene Meditationsprofis setzen demnach in ihrem EEG eine au�erordentliche</p><p>Portion an Thetawellen frei. Diese ultralangsamen Hirnstromwellen von 3 bis 7 Kurvenausschl�gen pro</p><p>Sekunde treten sonst nur im D�mmerzustand des fr�hen Schlafes auf. Aber wieder einmal brachte der</p><p>Vergleich mit einer neutralen Kontrollgruppe von gem�tlich D�senden die hochtrabenden Behauptungen</p><p>zu Fall, hebt Beyerstein hervor.</p><p>Auch bei einem anderen EEG-Mythos ist kein Sterbensw�rtchen wahr. Normale Sterbliche, denen</p><p>man immer wieder den gleichen Reiz vorf�hrt, zum Beispiel ein Klicken, zeigen zun�chst eine heftige</p><p>EEG-Reaktion, die so genannte Alpha-Blockade, die sich im Vordringen schneller und ungeordneter</p><p>Betawellen �u�ert. Mit der Zeit jedoch legt sich dieser neuronale Aufruhr wieder, er� habituiert�. Nun</p><p>wurde den Zenpraktikern lange Zeit nachgesagt, sie zeigten selbst bei endlosen Wiederholungen nicht den</p><p>geringsten Ansatz zur Habituation. In ihrer begnadeten Geistesverfassung n�hmen sie selbst das banalste</p><p>und abgedroschenste Ereignis als neu und einzigartig wahr. Von den Yogis wiederum hie� es, sie</p><p>br�chten, kraft ihrer klaftertiefen Entr�ckung, erst gar keine Alpha-Blockade hervor, selbst wenn neben</p><p>ihnen eine Kanone losginge.</p><p>Doch im Lichte der Forschung liegen diese Behauptungen schief. Selbst Meister, die jahrelang Zen,</p><p>Yoga oder TM praktiziert haben, legen unter Trance eine klare Alpha-Blockade an den Tag, die ganz</p><p>normal habituiert. Zu guter Letzt finden sich im EEG auch keinerlei Hinweise darauf, dass jemand, der</p><p>t�chtig meditiert, nach einer Weile seine rechte, nichtdominante Hemisph�re in Schwung versetzt, in der</p><p>angeblich so modische Talente wie das intuitive und ganzheitliche Denken verankert sind.</p></section><section><title><p><strong>�Meditation erzeugt keine unerw�nschten Nebenwirkungen�</strong></p></title><p>Meditation gilt im Allgemeinen als eine sanfte und gutartige Form der Entspannung, die keinerlei</p><p>unangenehme und sch�dliche Nebenwirkungen nach sich zieht. F�r ein Verfahren, das bei der strengen</p><p>Wirkungspr�fung durchgefallen ist, ruft die Meditation aber offenbar doch betr�chtliche Nebenwirkungen</p><p>hervor. Sage und schreibe drei Viertel all derer, die langfristig Versenkungstechniken praktizieren, werden</p><p>nach dem Ergebnis einer empirischen Studie fr�her oder sp�ter von unerw�nschten gesundheitlichen</p><p>Effekten ereilt, gibt Robert Todd Carroll zu bedenken. Gelegentliche Schwindelgef�hle,</p><p>Entfremdungszust�nde oder sonstige negative Empfindungen sind wahrscheinlich jedem Meditierenden</p><p>schon einmal untergekommen. Entsprechend vorbelastete Personen k�nnen aber sogar in eine Psychose</p><p>abgleiten, von einer tiefen Depression oder Angstanf�llen gepeinigt werden, wenn nicht sogar Selbstmord</p><p>begehen.</p><p>Allerdings sollte man aus diesen Daten auch keine �bereilten Schl�sse ableiten, r�umt Carroll ein.</p><p>�Die Meditation zieht vermutlich Charaktere an, die intensiven Belastungen unterliegen und die</p><p>verzweifelt Linderung suchen. Viele, die beim Meditieren k�rperliche oder seelische Probleme erleiden,</p><p>haben wahrscheinlich schon vor dem Beginn der �bungen mit diesen St�rungen zu k�mpfen gehabt. In</p><p>diesem Fall hat die Meditation die St�rungen zwar nicht ausgel�st, aber sie hat auch keinen Beitrag zu</p><p>ihrer Heilung geleistet. �Hier r�cht sich offenbar die Tatsache, dass Anh�nger der Meditation bereits vor</p><p>der Aufnahme des Trainings ein �berdurchschnittliches Ma� an Alphawellen im EEG aufweisen: Eine</p><p>�berdurchschnittliche Alphaaktivit�t geht n�mlich nachweislich mit hypochondrischen Neigungen in</p><p>Pers�nlichkeitstests einher.</p></section><section><title><p><strong>�Meditation funktioniert nur mit einem ma�geschneiderten Mantra richtig�</strong></p></title><p>Besonders die Verfechter der Transzendentalen Meditation weisen nachdr�cklich darauf hin, dass der</p><p>Erfolg der Meditation vom Besitz eines individuellen, ma�geschneiderten� Mantras �abh�ngt. Das</p><p>Mantra ist ein geheim zu haltendes Klangwort, das der TM-Kandidat in einer feierlichen Zeremonie, der</p><p>�Puja�, �berreicht bekommt. Die �bergabe wird mit Weihrauch, Blumen, frischen Fr�chten, Kerzenlicht</p><p>und einem Bildnis des Meisters zelebriert. Dem Kandidaten wird dringend nahe gelegt, das Geheimnis</p><p>seines Mantras niemals zu l�ften: Durch einen solchen Treuebruch werde die heilsbringende Kraft der</p><p>gesamten Bewegung unterminiert. Zudem wird die Illusion kultiviert, dass die Auswahl des Mantras auf</p><p>einer seit 5.000 Jahren unver�nderten Geheimlehre basiert. Doch nach dem Inhalt bekannt gewordener</p><p>Gerichtsakten hat die TM-Bewegung ihre Kriterien f�r die Wahl eines Mantras in den letzten 30 Jahren</p><p>immer wieder neu bestimmt. Im Endergebnis ist es in den meisten F�llen schlicht der Name eines</p><p>Hindugottes.</p><p>Doch nach den Erkenntnissen der empirischen Forschung ist der Name des Mantras ohnehin nur</p><p>Schall und Rauch. Wie der Hirnforscher Delmonte in seinem Literaturreferat dokumentiert, ist es v�llig</p><p>gleichg�ltig, auf welche geistige Zielscheibe der Meditierende seine Aufmerksamkeit richtet. Die Tiefe</p><p>der Entspannung bleibt in allen F�llen gleich. Wenn Sie also wieder einmal z�nftig in die Versenkung</p><p>abtauchen wollen, k�nnen Sie auch gleich Sch�fchen z�hlen. Am besten die, die der Guru ins Trockene</p><p>gebracht hat.</p><empty-line/><cite><p>1 Holmes, David S.: <emphasis>Meditation and somatic arousal reduction. </emphasis>In: <emphasis>American Psychologist, </emphasis>Bd. 39 (1984)/S. 1-10.</p><p>2 Shapiro, D. H.: <emphasis>Clinical and physiological comparison of meditation with other self-control strategies. </emphasis>In: <emphasis>American Journal of Psychiatry, </emphasis>Bd. 139</p><p>(1982), S. 267�274.</p><p>3 Bourne, Lyle E./Ekstrand, Bruce R.: <emphasis>Einf�hrung in die Psychologie. </emphasis>Verlag Dietmar Klotz, Frankfurt 1992.</p><p>4 Murray, L. B.: <emphasis>What is meditation? Does it help?. </emphasis>In: <emphasis>Genetic Psychology Monograph, </emphasis>Bd. 106 (1982), S. 85-115.</p><p>5 Beyerstein, Barry L.: <emphasis>Pseudoscience and the brain: Tuners and tonics for aspiring super-humans. </emphasis>In: Della Sala, Sergio (Hg.): <emphasis>Mind myths.</emphasis></p><p><emphasis>Exploring popular assumptions about the mind and brain. </emphasis>Willey Verlag, Chichester et al. 1999.</p><p>6 http://skepdic.com</p><p>7 http://home.t-online.de/home/AGPF.Bonn/mahakonz.htm</p><p>8 Delmonte, M. M.: <emphasis>Electrocortical activity and related phenomena associated with meditation practice. </emphasis>In: <emphasis>International Journal of Neuroscience,</emphasis> Bd. 24 (1984), S. 217�231.</p></cite></section></section><section><title><p>Kellerspektakel</p></title><section><title><p>�Unter Hypnose k�nnen Menschen au�erordentliche Dinge tun�</p></title><p>�Schauen Sie mir in die Augen! Sie werden jetzt sehr, sehr m�de werden!�Mit diesen � geradezu</p><p>rituellen � Worten wurde die hypnotische Suggestion bereits in unz�hligen Filmen und B�chern</p><p>eingef�hrt. Drehbuchautoren und Romanciers haben sie Polizeipsychiatern, dem Grafen Dracula und</p><p>allen erdenklichen Figuren der popul�ren Mythologie in den Mund gelegt. Jedes Kind wei� heute, dass</p><p>der Adressat dieser einlullenden Worte binnen kurzem in eine tiefe Entr�ckung verf�llt, die ihm Zugang</p><p>zu verdr�ngten Erinnerungen oder au�ergew�hnlichen geistigen Leistungen gew�hrt.</p><p>W�hrend ihr lange Zeit das Odium einer anr�chigen Jahrmarktsattraktion anhaftete, hat die Hypnose</p><p>in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. In Zahnarztpraxen und bei</p><p>Psychotherapeuten wird neuerdings munter� mesmerisiert�, um Schmerzen zu lindern, unliebsame</p><p>Verhaltensweisen abzubauen oder verborgene Seiten der Pers�nlichkeit ans Licht zu bringen.</p><p>Akademische Berufsvereinigungen und� aufkl�rerische �Journalisten legen sich m�chtig ins Zeug, um</p><p>das teilweise l�dierte Image der Entr�ckungstechnik aufzupolieren. Selbst das renommierte</p><p>Wissenschaftsjournal� Bild der Wissenschaft �r�umte dem Thema 1999 eine ausgedehnte, mehrteilige</p><p>Titelstory ein, die ausschlie�lich den vermeintlichen Segnungen des Verfahrens gewidmet war.'</p><p>Doch w�hrend viele Praktiker enthusiastisch die vergessenen Vorz�ge der Hypnose wieder entdecken,</p><p>fechten empirisch arbeitende Psychologen immer radikaler den Realit�tsgehalt des Entr�ckungszustandes</p><p>an. Der Liverpooler Psychologe Graham Wagstaff zum Beispiel stellt in Abrede, dass� Hypnotisierte�</p><p>�berhaupt in irgendeiner Form geistig� weggetreten �sind: Sie befinden sich demnach in Wirklichkeit in</p><p>einem glasklaren Wachzustand und legen lediglich ein theatralisches Rollenspiel auf die B�hne, das ihren</p><p>vorgefertigten Erwartungen an das Szenario entspricht.<sup>2</sup>�Wenn man Probanden an einen L�gendetektor</p><p>anschlie�t und ihr Verhalten unter Hypnose filmt, werden die meisten sp�ter zugeben, dass alles nur ein</p><p>Bluff war�, behauptet Wagstaff.�Hypnose ist nur ein Rollenspiel, das von Patient und Therapeut</p><p>aufgef�hrt wird�, konstatieren die beiden holl�ndischen Psychologie-Professoren Hans F. M. Crombag</p><p>und Harald L.G. Merckelbach lakonisch.<sup>3</sup> Und auch der amerikanische Psychologe Nicholas Spanos,</p><p>einer der gr��ten Kenner der Suggestivmethode, schlie�t sich dem vernichtenden Urteil an:�Die</p><p>Hypnose ist kein ver�nderter Bewusstseinszustand, sondern nur ein soziales Artefakt.�<sup>4</sup></p></section><section><title><p><strong>�Es existiert eine spezielle hypnotische Trance, die sich auch physiologisch von anderen Zust�nden</strong></p><p><strong>unterscheidet�</strong></p></title><p>Eine hypnotische Sitzung l�uft standardm��ig in zwei abgrenzbaren Teilen ab. Bei der� Induktion�,</p><p>die der landl�ufigen Vorstellung vom Hypnotisiertwerden entspricht, wird dem� Medium �zun�chst ein</p><p>Gef�hl von M�digkeit, Schwere und Gel�stheit eingetrichtert. In der hypnotischen Trance folgen dann die</p><p>einschl�gigen� Suggestionen�: Die entr�ckte Person wird zum Beispiel aufgefordert, bestimmte</p><p>Bewegungen auszuf�hren, bestimmte Schmerzen nicht wahrzunehmen, sich an bestimmte Dinge zu</p><p>erinnern oder aber im Gegenteil bestimmte Dinge aus dem Ged�chtnis zu verbannen.</p><p>Aus der Sicht ihrer Anh�nger ist die Trance ein eigenst�ndiger, ver�nderter Bewusstseinszustand, der</p><p>sich durch einzigartige physiologische Merkmale auszeichnet und bei den Entr�ckten unterbewusste</p><p>F�higkeiten und mentale Kr�fte freisetzt. Nach einer naiven Vorstellung, die immer noch in den K�pfen</p><p>vieler Menschen herumspukt, verwandelt sich der Entr�ckte dann in einen willenlosen Roboter, der auch</p><p>noch den skurrilsten oder urmoralischsten Weisungen des Hypnotiseurs gehorcht. Selbst orthodoxe</p><p>Insider r�umen heute ein, dass man einem Menschen unter Hypnose keine pers�nlichkeitsfremden</p><p>Suggestionen aufoktroyieren kann, konstatiert der Psychologe Wagstaff.</p><p>Zwar schienen einige fr�here Experimente zu beweisen, dass Hypnotisierte sich im Bann der</p><p>entsprechenden Suggestion zu einem Verhalten hinrei�en lassen, das ihrer Pers�nlichkeit zuwiderl�uft.</p><p>Diese� Medien �nahmen zum Beispiel auf Kommando eine gef�hrlich aussehende Schlange in die Hand,</p><p>sch�tteten dem Hypnotiseur eine Fl�ssigkeit aus einem Glas ins Gesicht, das angeblich S�ure enthielt,</p><p>oder produzierten sich� unsittlich�. Doch kamen sp�tere Analysen zu dem Schluss, dass f�r diese</p><p>Handlungsweisen gar kein spezifischer Bewusstseinszustand erforderlich ist. Alle Menschen sind zu</p><p>solchen Taten f�hig, meint Wagstaff, wenn in der Situation bestimmte Bedingungen erf�llt sind: 1.) Sie</p><p>haben den Wunsch, dem Hypnotiseur oder dem Versuchsleiter einen Gefallen zu tun. 2.) Sie sind</p><p>�berzeugt, dass die Handlungen in Wirklichkeit ungef�hrlich sind. 3.) Sie sind �berzeugt, dass jemand</p><p>anders die Verantwortung f�r die Konsequenzen �bernimmt.</p><p>Tats�chlich stellte sich bei den sp�teren Experimenten heraus, dass ganz normale Versuchspersonen</p><p>im glockenwachen Zustand die gleichen� ungeheuerlichen �Anweisungen eines Versuchsleiters im</p><p>wei�en Kittel befolgen, denen sich andere Probanden in Trance und auf Gehei� eines Hypnotiseurs</p><p>unterwerfen: Sie nehmen die vermeintliche Giftschlange vom Boden auf, tauchen ihre Hand in ein Bad</p><p>aus� fl�ssigem Stickstoff �oder schleudern ihrem Gebieter die S�ure entgegen. Andere zerrei�en die</p><p>Bibel und die Nationalflagge oder beginnen munter mit Heroin zu dealen.�Alles, was Menschen unter</p><p>Hypnose tun, k�nnen sie auch im nichthypnotisierten Zustand tun, vorausgesetzt, sie sind dazu motiviert</p><p>und die Situation ist mit dieser Verhaltensweise vereinbar�, folgert der renommierte amerikanische</p><p>Hypnosespezialist T X. Barber.<sup>5</sup> Es gibt keine Beweise, dass die Trance versch�ttete k�rperliche Talente</p><p>freisetzen kann, pflichtet Wagstaff bei.�Wer in Trance eine Last von 200 kg auf seiner Brust ertr�gt,</p><p>kriegt dies auch im normalen Alltag hin.�</p><p>So unglaublich dies f�r Laien klingen mag: Es gibt gar keine Beweise daf�r, dass der physiologische</p><p>Ausnahmezustand� hypnotische Trance �in dieser Form �berhaupt existiert, betont Wagstaff.�De facto</p><p>konnten nie irgendwelche physiologischen Werte gemessen werden, durch die sich der hypnotische</p><p>Entr�ckungszustand vom geistigen Normalzustand unterscheiden w�rde. �Auch der amerikanische</p><p>Psychologe Martin T. Orne, der die Hypnose seit 25 Jahren studiert, teilt dieses Urteil:�Die Hypnose</p><p>besitzt keine spezifische physiologische oder neurologische Basis und kann daher nicht vom Schlaf oder</p><p>vom Wachzustand unterschieden werden.�<sup>6</sup> Die Hirnstromwellenmuster eines Hypnotisierten stimmen</p><p>zum Teil mit jenen im Wachzustand, zum Teil mit jenen im entspannten Zwischenstadium zwischen</p><p>Wachen und D�sen �berein. Tatsache ist sogar, dass sehr viele Hypnotiseure erhebliche Schwierigkeiten</p><p>haben, ihre Medien vom Abdriften in den Schlummer abzuhalten.</p><p>Die Beweislast gegen den physiologischen Sonderstatus der Trance ist �brigens so erdr�ckend, dass</p><p>selbst die Anh�nger der Hypnose diesen Begriff gar nicht mehr oder nur noch widerwillig benutzen.</p><p>Dennoch nehmen sie gerne in Kauf, dass der Glaube an die Existenz der Trance bei gro�en Teilen des</p><p>Publikums weiterhin fr�hliche Urst�nd feiert. Wer trotzdem der Meinung ist, dass er den Realit�tsgehalt</p><p>des Ph�nomens hieb- und stichfest dokumentieren kann, kann sich mit dem Nachweis eine goldene Nase</p><p>verdienen:�The Amazing Kreskin�, ein ber�hmter amerikanischer B�hnenhypnotiseur, hat 100.000</p><p>Dollar f�r denjenigen ausgesetzt, der ihn von der Realit�t des ver�nderten Bewusstseinszustandes</p><p>�berzeugen kann.<sup>7</sup> Zwei �berzeugungsversuche hat der Zweifler bereits vor Gericht abgeschmettert.</p></section><section><title><p><strong>�Man kann Menschen unter Hypnose instruieren, Dinge gezielt zu vergessen�</strong></p></title><p>Einer der eindrucksvollsten Hypnoseeffekte f�r Au�enstehende ist die� posthypnotische Suggestion�.</p><p>Diese Form der Beeinflussung besteht darin, dass der Hypnotiseur dem Medium auftr�gt:�Wenn Sie</p><p>gleich aufwachen, haben Sie alles vergessen, was sich in der Trance ereignet hat. �Die Person erh�lt zum</p><p>Beispiel den Auftrag, immer etwas Bestimmtes zu tun (zum Beispiel sich an die Nase zu fassen), wenn</p><p>sie ein bestimmtes Signal (zum Beispiel das Wort� Psychologie�) vernimmt. Doch es ist mittlerweile</p><p>nachgewiesen, dass die Betreffenden, die dem Befehl folgen, nur eine Schau f�r das eingeweihte</p><p>Publikum abziehen.</p><p>Das beste Belastungsmaterial gegen die posthypnotische Suggestion lieferte der Psychologe Nicholas</p><p>Spanos, als er Versuchspersonen unter Hypnose befahl, stets zu husten, wenn das Wort� Psychologie�</p><p>ge�u�ert wurde. W�hrend der Vorstellung vor dem geneigten Publikum f�hrten die Probanden auch</p><p>bereitwillig die leicht besch�mende Anweisung aus. Doch nach der Prozedur begegneten sie auf dem</p><p>Unigel�nde einem ihnen unbekannten Komplizen Spanos, der sich scheinheilig nach dem Institut f�r</p><p>�Psychologie �erkundete. Keiner der zuvor Hypnotisierten hustete bei dieser Gelegenheit, die ja keinen</p><p>Anlass f�r eine� Show �enthielt. Doch alle husteten, wenn die Frage von einer Person gestellt wurde, die</p><p>bei der vorherigen Sitzung anwesend gewesen war. Und auch ein paar Tage sp�ter, in einer weiteren</p><p>Sitzung vor eingeweihtem Publikum, brachten alle Betroffenen wieder den erw�nschten Reflex hervor.</p><p>Wenn Personen wirklich in der Lage w�ren, Dinge zu vergessen, die sich w�hrend der Hypnose</p><p>ereignet haben, m�ssten sie auch unter Druck unf�hig sein, die kritischen Erinnerungen hervorzukramen,</p><p>meint Spanos. Nicht wenige Medien lassen sich die� blockierten �Ged�chtnisinhalte schon durch</p><p>einfaches Befragen aus der Nase ziehen, geben die beiden Psychologen Crombag und Merckelbach zu</p><p>bedenken. Es hat sich aber mehrfach gezeigt, dass sogar mehr als die H�lfte der Probanden� auspacken�</p><p>und die� verbotenen �Informationen (zum Beispiel bestimmte Schl�sselw�rter) erinnern, wenn man</p><p>ank�ndigt, sie w�rden an einen L�gendetektor angeschlossen. Noch gr��erer Druck und Appelle an</p><p>Ehrlichkeit bringen am Ende die Mehrheit der� Simulanten �zum Umfallen. Nur ganz wenige bestanden</p><p>auch unter starkem Druck darauf, dass sie sich nicht mehr an die betreffenden W�rter erinnern k�nnen,</p><p>berichten die beiden Holl�nder.�Das waren die Versuchspersonen, die wahrend der Hypnose fast</p><p>eingeschlafen waren und deshalb die W�rter gar nicht erst gelernt hatten.�</p><p>In einem besonders ausgekl�gelten Experiment f�hrte Spanos die Probanden mit der Behauptung irre,</p><p>abstrakte Begriffe w�rden im Gehirn rechts, konkrete links abgespeichert, w�hrend die anderen das</p><p>Gegenteil annahmen. Nach dem Lernen wurde den Probanden ein Ged�chtnisverlust f�r die Wortliste</p><p>suggeriert, der � erwartungsgem�� � eintrat. Vor dem Widerruf der Amnesie trat der Hypnotiseur jedoch</p><p>erfolgreich mit dem linken und rechten� Spion �jedes Teilnehmers in Kontakt, und tats�chlich gelang es</p><p>ihm so, dem Rechtsteil alle angeblich rechtshemisph�rischen W�rter, dem Gegenpart alle angeblich links-</p><p>hemisph�rischen W�rter zu entlocken.</p><p>Eine verwandte Suggestion besteht darin, den Hypnotisierten einzufl��en, dass sie bestimmte Dinge</p><p>nicht mehr sehen oder h�ren k�nnen. Viele Medien legen dann eine �berzeugende Auff�hrung eines</p><p>Blinden oder Tauben hin. Doch auch in diesem Fall steckt allein der Wunsch, dem Hypnotiseur eine gute</p><p>Show zu bieten, hinter dem Rollenspiel. Den Nachweis erbrachte Spanos, als er seinen hypnotisierten</p><p>Versuchspersonen den Auftrag gab, die ihnen dargebotene Zahl 8 nicht mehr sehen zu k�nnen.</p><p>Tats�chlich legten die Versuchspersonen prompt die gew�nschte Zahlenblindheit an den Tag. Doch</p><p>daraufhin setzte Spanos seinen Probanden den Floh ins Ohr, dass wirklich tief Hypnotisierte am Anfang</p><p>einen kurzen Blick auf die 8 erhaschen k�nnen, bevor sie sich endg�ltig in Nichts aufl�st. Ergebnis:</p><p>Pl�tzlich machten alle Versuchspersonen geltend, dass sie eine kleine Momentaufnahme der 8</p><p>mitbekommen h�tten.</p><p>�Man hat den starken Eindruck, dass die Versuchspersonen einfach logen, als sie anf�nglich auf der</p><p>Unsichtbarkeit der Zahl 8 bestanden�, folgert Graham Wagstaff aus diesem Befund. Dieser Verdacht wird</p><p>auch durch ein anderes Versuchsergebnis von Spanos gest�tzt. In dem betreffenden Experiment wurde</p><p>den Probanden aufgetragen, dass ihr Geh�r nun durch Taubheit g�nzlich abgeschaltet sei. Auf die Frage</p><p>�K�nnen Sie mich h�ren?�gaben viele der Betreffenden die verr�terische Antwort:�Nein, das kann ich</p><p>nicht.�</p><p>Mit einer weiteren Studie hat Spanos schlie�lich den Glauben ins Wanken gebracht, dass</p><p>Hypnotisierte einen Verlust ihrer Willenskraft erleiden. Den Versuchspersonen wurde zun�chst suggeriert,</p><p>dass sie einen Arm wegen einer L�hmung nicht mehr bewegen k�nnten. Dann erhielten sie die Weisung,</p><p>mit dem gel�hmten Arm dennoch eine Bewegung auszuf�hren. Einem Teil der Probanden hatte man</p><p>zuvor weisgemacht, die� unm�gliche �Bewegung sei Zeichen einer besonders tiefen Entr�ckung; den</p><p>anderen wurde eingeredet, dass gerade die Unf�higkeit zur Bewegung ein Merkmal tiefer Trance</p><p>darstelle. Die Hypnotisierten verhielten sich als� brave Versuchspersonen �genau im Sinne der</p><p>Vorinformation: Im Glauben, dies verrate tiefe Entr�ckung, kamen sie dem Befehl zur Bewegung nach.</p><p>Im andern Falle hielten sie an ihrer� L�hmung �fest.</p></section><section><title><p><strong>�Mit Hilfe der Hypnose kann man versteckte und vergessene Erinnerungen wachrufen�</strong></p></title><p>Es ist eine Szene, die vielen Zuschauern aus Kriminalfilmen und Psychothrillern gel�ufig ist: Ein</p><p>wichtiger Zeuge, der wichtige Aspekte eines Mordes oder eines anderen schlimmen Verbrechens</p><p>vergessen hat, kramt unter Hypnose die entscheidenden Einzelheiten aus seinem Ged�chtnis hervor.</p><p>Hinter diesem Klischee steckt der Mythos, dass alles, was der Mensch erlebt, von einer</p><p>Archivierungsstelle in seinem Kopf gehortet wird, und dass die Hypnose einen direkten Zugang zu der</p><p>unverwischten Ged�chtnisspur erlaubt. Doch in den empirischen Forschungsarbeiten findet dieser</p><p>Glauben keinen Halt, heben die beiden Psychologie-Professoren Crombag und Merckelbach hervor:</p><p>�Kontrollierte Laborstudien haben konsequent darin versagt, den Beweis zu erbringen, dass es irgendeine</p><p>hypnotische Ged�chtnisverbesserung gibt. �Obwohl selbst Sigmund Freud sehr rasch von der Hypnose</p><p>als Mittel zur Aufdeckung des Verdr�ngten Abstand nahm, stimmen heute viele Laien und Experten</p><p>�berein, dass man Erinnerungen mit Hypnose� auffrischen �und Menschen in fr�here Episoden ihres</p><p>Lebens (oder fr�herer Leben) zur�ckf�hren kann. Dieser Mythos wird sehr gut durch den James-Dean-</p><p>Film� Rebel without a cause �dokumentiert, in dem ein Hypnotiseur einen Psychopathen in sein erstes</p><p>Lebensjahr zur�ckf�hrt. In der Entr�ckung wird dann alles klar: Er erinnert sich, wie er als Kleinkind die</p><p>�Urszene�(den Geschlechtsakt der Eltern) gesehen hat. Dieses Trauma hat die Weichen f�r sein sp�teres</p><p>Leben gestellt.</p><p>Wissenschaftlich gesehen stecken hinter der Theorie der� Ged�chtnisverbesserung �zwei</p><p>verschiedene Fragen:�Kann man das Gehirn unter Hypnose in die Kindheit zur�ckf�hren?�, und:�Kann</p><p>man unter Hypnose blockierte Ged�chtnisinhalte befreien?�Die erste Streitfrage wurde von seri�sen</p><p>Wissenschaftlern bereits in den f�nfziger Jahren erledigt. Damals versetzte man Versuchspersonen in ihre</p><p>ersten Lebensjahre zur�ck und schaute nach, ob ihre Gehirnaktivit�t und ihr psychologisches Testprofil</p><p>dem von kleinen Kindern entsprachen. Nach �ber 80 experimentellen Studien f�llt die Antwort definitiv</p><p>negativ aus, halten Crombag und Merckelbach fest:�Wenn Versuchspersonen unter Hypnose zu ihren</p><p>Kinderjahren zur�ckgef�hrt werden, f�hlen sie sich zwar als Kind, aber neurologisch und psychologisch</p><p>bleiben sie erwachsen. Ihre Gehirnaktivit�t �ndert sich nicht, sie zeigen nicht die Reflexe, die f�r</p><p>Kleinkinder typisch sind, aber geistig gesehen bem�hen sie sich in vielerlei Hinsicht, einem Kleinkind zu</p><p>�hneln, wenn diese Bem�hungen auch j�mmerlich fehlschlagen. �Die R�ckkehr in die ersten Lebensjahre</p><p>ist nur eine (oft dilettantische) B�hnenshow.</p><p>Auch die zweite Idee, n�mlich dass man unter Hypnose vollkommen vergessene und verdr�ngte</p><p>Erinnerungen wachrufen k�nne, hat bei ihrer Pr�fung wiederholt Schiffbruch erlitten. Man lie�</p><p>Probanden unter Hypnose an ihre Schulzeit denken. Sie sollten auch die Namen der Kinder, die im</p><p>Klassenzimmer neben ihnen gesessen hatten, auflisten.�Als diese aber anhand der Schularchive</p><p>�berpr�ft wurden, stellte sich heraus, dass fast nichts �bereinstimmte�, ziehen die holl�ndischen</p><p>Seelenforscher Bilanz. Ein anderer Forscher brachte Versuchspersonen unter Hypnose in ihr drittes</p><p>Lebensjahr zur�ck. Sie sollten �ber ein Schmusetier berichten, das sie in einer bestimmten Situation in</p><p>die Hand genommen hatten. Der� Erinnerung �wurden dann die Aussagen der Mutter gegen�bergestellt.</p><p>Nur in einem Viertel der F�lle stimmte das unter Hypnose genannte Schmusetier mit dem Schmusetier</p><p>�berein, das sie als Kind wirklich bevorzugt hatten.</p><p>In einer dritten Studie schauten sich die Probanden ein Video mit einem gestellten Diebstahl an. Eine</p><p>Woche sp�ter mussten sie einer polizeilichen Gegen�berstellung beiwohnen, bei der sechs Menschen in</p><p>einer Reihe standen, von denen einer der Langfinger war. Die eine Gruppe der Versuchspersonen wurde</p><p>in Hypnose versetzt, die andere nicht. Von den hypnotisierten Versuchspersonen identifizierten 14 Prozent</p><p>die richtige Person, aber von den nichthypnotisierten 43 Prozent. Es gibt keinen Grund, anzunehmen,</p><p>dass Hypnose einen privilegierten Zugang zu verwischten und entfallenen Erinnerungen weist, meinen</p><p>die beiden Holl�nder.�Das Gegenteil ist eher der Fall: Unter Hypnose wird das Ged�chtnis anf�lliger f�r</p><p>T�uschungen.�</p><p>Diesem Urteil schlie�en sich auch Eberhard H�fer und G�nter K�hnken vom Institut f�r Psychologie</p><p>der Universit�t Kiel an.<sup>8</sup> Hypnotisierte lassen sich danach sehr viel leichter durch unwichtige</p><p>Nebenaspekte und vage Andeutungen in die Irre f�hren.�Unter diesen Umst�nden k�nnen sich</p><p>fehlerhafte Erinnerungen so sehr festsetzen, dass die Probanden selbst im Wachzustand an ihre G�ltigkeit</p><p>glauben, sogar dann, wenn sie durch den Versuchsleiter �ber diesen Irrtum aufgekl�rt werden. �Aus</p><p>diesen Befunden hat der Gesetzgeber l�ngst Konsequenzen gezogen: In Deutschland wird Hypnose im</p><p>Paragraphen 136 a der Strafprozessordnung explizit zu den� verbotenen Vernehmungsmitteln �gerechnet.</p><p>Die wissenschaftliche Psychologie hat sich ohnehin l�ngst von dem Aberglauben gel�st, dass unser</p><p>Ged�chtnis wie ein technischer Informationsspeicher funktioniert, der eine detailgetreue� Wiedergabe�</p><p>des aufgezeichneten Erinnerungsfilmes erlaubt. Das Ged�chtnis� hortet �Erinnerungen nicht wie</p><p>verstaubte Ausstellungsst�cke, sondern montiert die Vergangenheit bei Bedarf im Sinne eines</p><p>Indizienbeweises. Es ist kein Videorecorder, sondern eher ein Theater, das mit seinem Ensemble</p><p>bruchst�ckhaft erhaltene Szenenfolgen interpretiert. Der Mensch ist nach diesen Daten kein</p><p>gewissenhafter und akkurater Chronist seines Lebens, sondern eher ein verkappter Drehbuchautor, der</p><p>unentwegt an seinem privaten Historienschinken spinnt � und dabei nicht einmal vor groben</p><p>Manipulationen zur�ckschreckt.</p><p>Diese leichte Manipulierbarkeit ist so bedeutsam, weil viele Psychotherapeuten immer noch das</p><p>tr�gerische Instrument der Hypnose einsetzen, um ihren Patienten� verdr�ngte �Erinnerungen an</p><p>sexuellen Missbrauch in der Kindheit aus der Nase zu ziehen. Das unkritische Vertrauen in die Realit�t</p><p>des Verdr�ngten sei jedoch wissenschaftlich suspekt und geeignet, die Diskussion um den sexuellen</p><p>Kindesmissbrauch in Misskredit zu ziehen, behauptet nun die Ged�chtnisforscherin Elizabeth Loftus.<sup>9</sup></p><p>Auch sie l�sst keine Zweifel daran, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern tragische Dimensionen</p><p>besitzt und mit einer gesch�tzten Verbreitung zwischen 10 und 50 Prozent ein gravierendes soziales</p><p>Problem darstellt. Es fragt sich jedoch, ob Erinnerungen an derartige Traumata tats�chlich im gro�en Stil</p><p>verdr�ngt werden und aus der Enklave des Unbewussten heraus Schaden anrichten.</p><p>Die h�chste Zahl f�r die H�ufigkeit von sexuellem Kindesmissbrauch stammt aus einer Umfrage von</p><p>Therapeuten, die schwerpunktm��ig sexuellen Missbrauch behandeln. 59 Prozent ihrer meist weiblichen</p><p>Patienten gaben an, dass die Erinnerung an den �bergriff zeitweise aus ihrem Bewusstsein verbannt</p><p>gewesen war. In einer anderen Umfrage �u�erten sich jedoch nur 18 Prozent der Betroffenen in diese</p><p>Richtung, und von den unter 10-j�hrigen Kindern, die der Ermordung eines Elternteils beiwohnen</p><p>mussten, hatte keines die peinigenden Erinnerungen unter den Teppich gekehrt.</p><p>Da es zurzeit kein Kriterium f�r die Wahrheit von verdr�ngten Erinnerungen gibt, sollten Therapeuten</p><p>mehr Weisheit und Zur�ckhaltimg walten lassen, bevor sie wilde Beschuldigungen �u�ern und zur</p><p>�Hexenjagd �blasen, mahnt Loftus. Das Thema der verdr�ngten Erinnerungen d�rfe auch nicht zum</p><p>Popanz verkommen, der die berechtigte Wut der Frauen �ber sexuelle Gewalt absorbiert. Sonst bestehe</p><p>die Gefahr, dass die Gesellschaft eines Tages alle Enth�llungen �ber sexuellen Missbrauch in Zweifel</p><p>zieht.</p></section><section><title><p><strong>Hypnotisierbarkeit ist eine spezifische geistige F�higkeit, die nur gewisse Leute mitbringen�</strong></p></title><p>Die F�higkeit, sich durch eine Induktion in Hypnose versetzen zu lassen, gilt in der Szene h�ufig als</p><p>eine besondere geistige Gabe, die l�ngst nicht alle besitzen: Trance ist eine Kunst. Doch die</p><p>Wissenschaftler, die hypnotisierbare und nichthypnotisierbare Versuchspersonen nach allen Regeln der</p><p>Psychologie unter die Lupe nahmen, konnten nie irgendwelche spezifischen Differenzen ausmachen. Der</p><p>Versuch ist kl�glich gescheitert, die Hypnotisierbarkeit mit irgendwelchen besonderen</p><p>Pers�nlichkeitsmerkmalen oder Hirnwellenmustern in Verbindung zu bringen, erkl�rt der amerikanische</p><p>Psychologe Nicholas Spanos. Das Merkmal, das die Hypnotisierbarkeit am besten vorhersagte, war die</p><p>�gl�ubige Erwartung an die Hypnose�.�Wir wissen sehr genau, dass man Leute, die Hypnose f�r</p><p>Schwachsinn halten, nicht hypnotisieren kann�, bringt es der amerikanische Hypnose-Kritiker Robert</p><p>Todd Carroll auf den Punkt.<sup>10</sup></p><p>Es liegt daher nahe, Hypnotisierbarkeit schlicht und einfach als ein Konglomerat von Einstellungen</p><p>und sozialen Erwartungen zu definieren, die sich positiv auf das Ph�nomen Hypnose beziehen. Jedes</p><p>R�tteln an dieser Sichtweise � oder jede Verbesserung des Hypnose-Images � m�sste sich daher auf die</p><p>Hypnotisierbarkeit auswirken. Personen, die unter dem Eindruck standen, durch einen Einwegspiegel</p><p>beobachtet zu werden, verfielen (quasi unter Erfolgsdruck) auch wirklich stets in eine tiefere Trance �</p><p>egal, ob ihr Eindruck zutraf oder nicht. Den umgekehrten Trend fand Nicholas Spanos, als er die Hypnose</p><p>durch geringsch�tzige Bemerkungen bei seinen Probanden in ein ung�nstiges Licht r�ckte. Pl�tzlich</p><p>legten die Betreffenden eine reduzierte Hypnotisierbarkeit an den Tag.</p></section><section><title><p><strong>�Hypnose kann Schmerzen und andere medizinische Symptome bek�mpfen�</strong></p></title><p>Immerhin lindert die hypnotische Trance Schmerzen, ziehen ihre in die Enge getriebenen Anh�nger</p><p>ihr letztes Ass aus dem �rmel. Der gesamte medizinische Betrieb soll angeblich von diesem Segen</p><p>profitieren k�nnen: Zahn�rzte k�nnen bohren, ohne ihre Opfer mit geballter Chemie ruhig stellen zu</p><p>m�ssen, Chirurgen n�hen schonungsvoll Wunden, Geburtshelfer bringen die Kinder von sanft</p><p>schmerzgestillten Schwangeren zur Welt.</p><p>Die entscheidende Frage lautet aber nicht, ob die Hypnose Schmerzen lindert, sondern, ob sie dem</p><p>Hypnotisierten wirklich eine gr��ere Schmerzunempfindlichkeit beschert, als er im Wachzustand und mit</p><p>normalen geistigen Mitteln aufbringen kann. Die Antwort lautet mit gro�er Wahrscheinlichkeit� nein�.</p><p>Im kritischen Versuch instruierte Nicholas Spanos eine H�lfte der Probanden,�einfach alles �ber sich</p><p>ergehen zu lassen�. Die andere H�lfte wurde hypnotisiert und bekam die Suggestion, keine Schmerzen zu</p><p>empfinden. Dann peinigte der Psychologe beide Gruppen mit (harmlosen) Schmerzreizen an der Hand.</p><p>Fazit: Beide Suggestionen f�hrten den gleichen Grad an Schmerzunempfindlichkeit (Analgesie) herbei.</p><p>Bleibt ohnehin die Frage offen, ob die durch Hypnose bewirkte Analgesie �berhaupt einen echten</p><p>Charakter besitzt, �u�ert sich der Psychologe Graham Wagstaff skeptisch. In einigen Studie gaben die</p><p>maltr�tierten Versuchspersonen zwar an, keine oder nur geringf�gige Schmerzen zu empfinden. Doch die</p><p>Biosignale aus dem vegetativen Nervensystem straften die besch�nigenden Worte L�gen: Blutdruck, Puls</p><p>und andere Werte gingen steil in die H�he, wie bei einem Menschen, der starke Schmerzen durchmacht.</p><p>�Das k�nnte bedeuten, dass viele Hypnotisierte weniger Schmerzen zugeben, als sie tats�chlich</p><p>empfinden.�</p><p>Dieser Eindruck best�tigte sich, als man Versuchspersonen den B�ren aufband, es gebe tief in ihrem</p><p>Inneren einen� geheimen Beobachter�, der w�hrend der gesamten Hypnose wach und ansprechbar bleibt.</p><p>Dann traktierte man die Probanden mit Schmerzreizen und nahm Kontakt mit ihrem� Spion �auf. Fazit:</p><p>W�hrend die direkt angesprochenen Versuchspersonen ihre k�rperliche Pein ableugneten oder</p><p>bagatellisierten, machte der geheime Beobachter aus den Schmerzen keinen Hehl.�H�rt auf, ihr</p><p>verdammten Hurens�hne, ihr tut mir weh�, lautete das Gest�ndnis in einem Fall.<sup>6</sup></p><p>�hnlich d�ster steht es um die Behauptung, dass die Hypnose ein ganzes Spektrum medizinischer</p><p>St�rungen � von der Warze bis zum N�gelkauen � kurieren kann. Doch darf man niemals vergessen,</p><p>warnen die Kritiker, dass man solche Beschwerden auch erfolgreich mit Gesundbeten, Scheinoperationen</p><p>oder einer wirkstofflosen Zuckerpille� heilen �kann.</p><p>Dass die Hypnose nur �ber die Macht des Glaubens wirkt, macht Wagstaff am Beispiel des</p><p>N�gelkauens transparent. Durch eine hypnotische Suggestion lie�en sich die Versuchspersonen</p><p>nachdr�cklicher von dieser Unsitte abbringen als durch eine p�dagogische Belehrung. Doch bei genauerer</p><p>Betrachtung stellte sich der Effekt als optische T�uschung heraus: Entscheidend war nicht die Erfahrung</p><p>der Hypnose, sondern der Glaube des Patienten, sich einer erfolgreichen Therapie zu unterziehen.</p><p>Patienten, die in dieser Hoffnung schwelgten, lie�en auch nach einer schlichten Belehrung vom</p><p>N�gelkauen ab. Und auch eine Pseudotherapie, die nur eine oberfl�chliche �hnlichkeit mit einer</p><p>hypnotischen Sitzung besa�, erzeugte den gleichen g�nstigen Heileffekt.</p><empty-line/><cite><p>1 �Taktvoll in Trance�. In: <emphasis>Bild der Wissenschaft, </emphasis>Nr. 9/1999.</p><p>2�Wagstaff, Graham: <emphasis>Hypnosis. </emphasis>In: Della Sala, Sergio (Hg.): <emphasis>Mind Myths. Exploring popular assumptions about the mind and brain. </emphasis>Verlag John Wiley &amp; Sons, Chichester et al. 1999.</p><p>3�Crombag, Hans F. M./Harald L. G. Merckelbach: <emphasis>Missbrauch vergisst man nicht. </emphasis>Verlag Gesundheit, Berlin 1997.</p><p>4�Spanos, Nicholas P.: <emphasis>Multiple identities and false memories: A sociocognitive perspective. </emphasis>American Psychological Association, Washington 1996.</p><p>5 �Hypnosis and hypnotherapy from a sociological point of view�. http: //www.neurolinguistic.com /pnl /articles /engl-03.htm </p><p>6�Seidman, Barry F.: <emphasis>Legitimatizing psychology's prodigal son. Reconsidering hypnosis for the 21st Century. </emphasis>In: <emphasis>Skeptic, </emphasis>Vol. 7 (1999), Nr. 1, S. 40�44.</p><p>7 �You are feeling very, very sleepy�. In: <emphasis>New Scientist, </emphasis>4.7.1998.</p><p>8 H�fer, Eberhard/K�hnken, G�nter: <emphasis>Zeugen. </emphasis>In: Straufl, Bernd (Hg.): <emphasis>Zuschauer.</emphasis></p><p>Hogrefe, Verlag f�r Psychologie, G�ttingen, Bern, Toronto, Seattle 1998</p><p>9 Loftus, Elizabeth: <emphasis>The myth of repressed memory. </emphasis>New York, St. Martin's Press 1994</p><p>10 �Hypnosis�. http://www.skepdic.com/contents.html</p></cite></section></section><section><title><p>Einmal Jenseits und zur�ck?</p></title><section><title><p>Viele Menschen machen in Todesn�he l�uternde Erfahrungen mit der Transzendenz�</p></title><p>Gegen die Vorstellung, dass der Tod der endg�ltige Abschluss, unser Leben nur eine vor�bergehende</p><p>Episode sei, hat der Mensch sich seit jeher aufgeb�umt. In den so genannten Nahtod-Erlebnissen, den</p><p>traumhaften� Reiseberichten �von beinah Verstorbenen, hat der Glaube an ein Weiterleben im Jenseits</p><p>seine modernste und zeitgem��este Gestalt angenommen. Doch nach einer n�chternen Bestandsaufnahme</p><p>der Ergebnisse aus Hirnforschung und Kulturgeschichte kommen skeptische Seelenforscher zu einem</p><p>desillusionierenden Fazit: Die Visionen aus der Dunstzone der Transzendenz sind in Wirklichkeit nur</p><p>Hirngespinste eines hin�berschlummernden Denkapparates.</p><p>Wie ein Radio, das beim Herausziehen des Steckers mit den letzten kriechenden Elektronen noch ein</p><p>paar entstellte Laute produziert, beschw�ren die kollabierenden Synapsen offenbar ein letztes</p><p>Phantasiegebilde herauf.�Es ist nichts Magisches an den Nahtod-Erfahrungen�, betont Michael</p><p>Persinger, Psychologie-Professor der kanadischen Laurentian University <emphasis>i </emphasis>�Ich kann nicht l�nger an eine</p><p>Seele und einen h�heren Geist glauben�, best�tigt seine britische Kollegin Susan Blackmore, die nach</p><p>einer dreist�ndigen Nahtod-Erfahrung im Jahr 1970 die gesamte Forschungsliteratur aufarbeitete.<sup>2</sup>�Ich</p><p>denke, sie sind nur dumme Ideen des Gehirns.�</p><p>In den Schilderungen von Personen, die einer Umklammerung durch den Tod entkamen, zum Beispiel</p><p>bei einem schweren Unfall oder bei der Wiederbelebung nach einem Herzinfarkt, tauchten h�ufig einige</p><p>frappierende �bereinstimmungen auf. Immer wieder d�mmerte Betroffenen nach solchen Berichten, dass</p><p>sie nicht allein waren, und sie erfuhren, dass ihre Visionen einen Namen haben. Near-Death-Experience</p><p>(NDE), Nahtod-Erlebnisse, nannte der amerikanische Psychiater Raymond Moody in seinem 1975</p><p>erschienenen Buch� Life after Life �die Ph�nomene an der Schwelle zum Tod. Insbesondere aus der</p><p>beobachteten Gleichf�rmigkeit hatten� Fachleute �wie die Schweizer Sterbeforscherin Elisabeth K�bler-</p><p>Ross den� Beweis �f�r ein Leben danach abgeleitet:�Es gibt keinen Tod. Was wir Tod nennen, ist nur ein</p><p>�bergang in eine andere Ebene.�<sup>3</sup> Jedem Erdenb�rger, so ihre Botschaft ans entz�ckte Newage-</p><p>Publikum, ist ein sch�ner Abgang in ein friedvolles Jenseits verg�nnt � sagt K�bler-Ross, die schon</p><p>�einige Male selbst dr�ben war�.</p><p>Moodys Auswertung von 150 Schilderungen �berlebender trat eine ganze Lawine an Nahtod-</p><p>Berichten los. Gut 20.000 Menschen offenbarten sich beispielsweise Elisabeth K�bler-Ross, und etwa 2</p><p>Prozent aller Patienten nach Herzattacken oder gar Herzstillstand meinten, sie w�ren in einer� anderen</p><p>Welt �gewesen. Nach einer volkst�mlichen Auffassung handelt es sich bei den� Berichterstattern �um</p><p>Menschen, die buchst�blich aus dem Reich der Toten zur�ckgekehrt sind, so etwa bei einer Reanimation</p><p>nach dem Herzstillstand. Diese Sichtweise kann jedoch nicht zutreffend sein, geben die beiden englischen</p><p>Psychiater Glenn Roberts und John Owen zu bedenken.<sup>4</sup>�Wenn der Tod tats�chlich durch den</p><p>unwiderruflichen Verlust von Organfunktionen definiert wird und eine absolute Einbahnstra�e darstellt,</p><p>kann niemand, der ein Nahtod-Erlebnis beschrieben hat, im echten Sinne gestorben sein.�</p><p>Um einen vermeintlichen Blick ins Jenseits zu erhaschen, ist �berdies nicht einmal die N�he des Todes</p><p>erforderlich. Eine solche Extremsituation erlebt n�mlich nicht nur derjenige, der dem Sensenmann im</p><p>letzten Moment ein Schnippchen schl�gt. Es sind auch schon veritable Nahtod-Erlebnisse bei Menschen</p><p>aufgetreten, deren K�rper unversehrt eine Schrecksekunde �berdauert hat. Auch der indianische</p><p>Schamane nimmt f�r sich in Anspruch, den letzten Weg unter Trance hin- und zur�ckzupendeln.</p><p>Schlie�lich liegen sogar einige Berichte von Personen vor, die am Todesbett eines Freundes oder</p><p>Verwandten quasi stellvertretend von einer musterg�ltigen Vision �berw�ltigt wurden � inklusive Tunnel</p><p>und Lichtgestalt.<sup>5</sup></p><p>Den Kern der Todesn�he-Erfahrungen k�nnen die Wissenschaftler heute einigerma�en exakt</p><p>beschreiben, auch wenn keine der anderen genau gleicht und in keinem Einzelfall wirklich alle</p><p>kennzeichnenden Elemente vorhanden sind.�Das Erlebnis beginnt mit einem Gef�hl wunderbaren</p><p>Friedens und Wohlbehagens, das sich im Weiteren zu �berw�ltigender Freude und zu v�lligem Gl�ck</p><p>steigert�, formuliert der Psychologie-Professor Kenneth Ring.<sup>6</sup>�In diesem Moment wird der Betroffene</p><p>sich bewusst, dass er weder Schmerzen noch sonst irgendwelche K�rperempfindungen hat. Alles ist still.</p><p>Das mag ihm den Eindruck vermitteln, dass er gerade stirbt oder bereits tot ist.�</p><p>Dann h�rt dieser Mensch vielleicht ein summendes oder sirrendes Ger�usch, als ob ein Wind wehte,</p><p>und stellt pl�tzlich fest, dass er aus der Vogelperspektive auf seinen physischen K�rper herabschauen</p><p>kann. Er nimmt wahr, was um ihn herum getan und gesprochen wird, empfindet es als sehr real und kann</p><p>es sp�ter pr�zise und oft mit nachpr�fbaren Details beschreiben. Selbst Blinde haben angeblich in diesem</p><p>�autoskopischen �Stadium schon verifizierbare optische Wahrnehmungen gemacht.</p><p>W�hrend also der � in tiefer Bewusstlosigkeit liegende � Mensch sein k�rperliches Umfeld weiter</p><p>wahrnimmt,�wird er sich zugleich einer anderen Realit�t bewusst, in die er sich hineingezogen f�hlt�, so</p><p>Kenneth Ring.�Er treibt auf eine dunkle Leere oder einen Tunnel zu und hat das Gef�hl, zu schweben.�</p><p>In dieser Sph�re des �bergangs ereignet sich, jedenfalls in Rings Darstellung, eine Bestandsaufnahme, zu</p><p>der� ein Wesen �auffordert, das nicht zu sehen, nur zu sp�ren ist. Dieses diffuse F�hlen wird jedoch</p><p>durch ein �berw�ltigendes Gef�hl der Pr�senz �berh�ht. Das Wesen taucht meistens am in glei�endes</p><p>Licht geh�llten Ende des Tunnels auf. Die Begegnung mit dem Licht ist in den neueren Schilderungen so</p><p>tonangebend, dass ein kritischer amerikanischer Magazinbeitrag den zynischen Titel� Haben Sie schon</p><p>das Licht gesehen?�trug.<sup>7</sup></p><p>Das omin�se Wesen ruft Bilder aus der Vergangenheit wie einen� Lebensfilm �ab und pr�sentiert auch</p><p>die Alternativen, die sich an der Schwelle vom Leben zum Tod scheinbar bieten: weiter in die Erfahrung</p><p>vorzudringen oder ins irdische Leben zur�ckzukehren. Ob dieser Mensch nun� freiwillig �zur�ckkehrt,</p><p>weil er sich Sorgen um die Seinen macht, oder � wie meistens � gegen seinen Willen auf� h�heren</p><p>Befehl�, ob er allm�hlich erwacht oder mit einem schmerzhaften Ruck� wieder in seinen K�rper eintritt�</p><p>��zur�ck muss er. Doch diese erzwungene R�ckkehr soll h�ufig eine bemerkenswerte existenzielle</p><p>L�uterung nach sich ziehen. Ein gro�er Teil der Betroffenen verliert demnach als Folge der</p><p>Grenzerfahrung die Angst vor dem Tod und gewinnt ein verst�rktes Gef�hl von Sinnhaftigkeit und</p><p>zwischenmenschlicher N�he dazu.</p></section><section><title><p><strong>�Nahtod-Erlebnisse �weisen �berall in der Welt das gleiche Muster auf�</strong></p></title><p>Wer an die spirituelle Realit�t der Nahtod-Erfahrung glaubt, hebt gerne die Tatsache hervor, dass die</p><p>Erlebnisse beim �bergang von Sein ins Nichtsein in allen Kulturen und Epochen dem gleichen Muster</p><p>folgen: Moodys Analysen oder das �ber 1.000 Jahre alte tibetanische Totenbuch� Bardo th�dol �lassen</p><p>demnach keinen Zweifel: Nahtod-Erlebnisse sind ein universelles Ph�nomen mit einem immer</p><p>wiederkehrenden Szenario, zu dem die Euphorie und das Licht am Ende des Tunnels geh�ren. Viele</p><p>ziehen aus den �berw�ltigenden �bereinstimmungen und der Intensit�t des Erlebten den Schluss: Das</p><p>Jenseits existiert.</p><p>Doch die vermeintlich gr��te St�rke der Nahtod-Erfahrung stellt bei Licht betrachtet eine ihrer</p><p>gr��ten Schw�chen dar. Denn zum einen k�nnte man die behauptete Gleichf�rmigkeit der Erfahrung</p><p>ebenso gut als Beweis daf�r anf�hren, dass unser Gehirn beim Erl�schen der Lebensgeister einen</p><p>feststehenden� Todesfilm �abspult, dessen inhaltliche Gestaltung auf den konstruktionsbedingten</p><p>Eigenarten des Nervensystems basiert. Zum anderen widerlegt ein Blick auf Kulturgeschichte und</p><p>Ethnologie unweigerlich die behauptete Gleichf�rmigkeit. Er f�hrt zwingend zu der Erkenntnis, dass der</p><p>Inhalt der Sterbensvisionen ganz entscheidend von den kulturellen Mythen und Glaubenss�tzen einer</p><p>Gesellschaft abh�ngt: Die Hirngespinste, die das menschliche Zentralorgan im W�rgegriff des Schnitters</p><p>abspult, sind bis in ihre Grundfesten von den jeweiligen Denktraditionen �berformt.</p><p>Offensichtlich sind sich die Verfechter der Nahtod-Realit�t nicht bewusst, dass es bereits im</p><p>Mittelalter frappierende Gegenst�cke zu den modernen� Reiseberichten �gab, hebt der</p><p>Geschichtswissenschaftler Prof. Peter Dinzelbacher von der Universit�t Stuttgart hervor.<sup>8</sup> Nach seiner</p><p>Darstellung muss es wohl schon in der griechischen Antike pers�nliche Berichte von Wiederbelebten</p><p>�Anabioseis�) und Berichte von Abstiegen in die Unterwelt (�Katabaseis�) gegeben haben, von denen</p><p>jedoch keiner erhalten geblieben ist. Beginnend mit der so genannten apokalyptischen Literatur und den</p><p>Schauungen der M�rtyrer, bildete sich im Mittelalter eine eigene literarische Gattung, die der</p><p>�Visionsliteratur�, heraus. Darin waren� Jenseitsreisen �festgehalten, die Beinah-Verstorbene bestimmten</p><p>Gew�hrsleuten geschildert hatten. In den� Viten�, den Lebensbeschreibungen von Heiligen, und in</p><p>gewissen anderen klerikalen Schriften gibt es zudem Berichte �ber jenseitige Figuren, die den Sterbenden</p><p>am Todesbett erschienen waren.</p><p>In einigen F�llen wurden die Dahinscheidenden an ihrem Krankenlager von Sendboten der christlich-</p><p>mythologischen Sph�re besucht, zum Beispiel von Jesus, von Maria, von Heiligen oder von Engeln.</p><p>Noch h�ufiger, so betont der Autor, sahen sich die Todgeweihten jedoch voller Grauen mit D�monen,</p><p>Teufeln oder anderen M�chten der Finsternis konfrontiert, wie etwa der Bischof Martin von Tours, der</p><p>mit den Worten� Was stehst du hier, blutr�nstige Bestie?�aus dem Leben schied.</p><p>Auf dem Wege in die� andere Welt �lauerten dem Passanten h�ufig d�monische Gestalten auf.</p><p>Bemerkenswerterweise, erl�utert Dinzelbacher, bestanden die Anfechtungen der b�sen Geister oft darin,</p><p>dass sie dem Vision�r die S�nden seines Lebens vor Augen hielten. Das erinnert oberfl�chlich an den</p><p>�Lebensfilm�, den zeitrafferartigen Zusammenschnitt der bisherigen Biographie, der bei vielen Beinah-</p><p>Toten aus unseren Tagen vor dem geistigen Auge abl�uft. Doch die mittelalterliche S�ndenbeschau war</p><p>nie plastisch; der S�nder bekam seine Verfehlung in abstrakter Form vorgehalten, wie bei einem</p><p>tabellarischen Lebenslauf.</p><p>Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass die mittelalterlichen Visionen in Todesn�he den</p><p>Vision�r am h�ufigsten in die H�lle und die Regionen der ewigen Strafe f�hrten. An diesen Orten, an</p><p>denen sie buchst�blich dunklen Gestalten begegneten, wurde den entbundenen Seelen demonstriert,</p><p>welche furchtbaren Qualen den uneinsichtigen S�ndern nach dem Tode bl�hen. Praktisch nur in den</p><p>mittelalterlichen Visionen, und dort zahlenm��ig �berwiegend, kamen grauenvolle Bilder der</p><p>Verdammnis vor. Darin spiegelt sich laut Dinzelbacher wohl auch die Tatsache,�dass das Gottesbild</p><p>heute wirklich nur mehr den� lieben �Gott vorstellt, nicht mehr den strafenden und richtenden Gott des</p><p>Zornes�, wie er damals portr�tiert wurde. Das Prinzip von Schuld und S�hne wird heute durch</p><p>Psychologisierung entsch�rft. Besonders die Newage-Bewegung, die als Utopie ein Zeitalter der</p><p>Harmonie und des geistigen Fortschritts anstrebt, hat sich dem Glauben an einen seligen �bergang</p><p>verschrieben.</p><p>Davon abgesehen wurden die Vision�re im Mittelalter von einem erhabenen F�hrer in die jenseitige</p><p>Welt geleitet. Die losgel�sten Seelen von heute hingegen finden in der Regel auf eigene Faust den Weg.</p><p>Das h�ngt wom�glich damit zusammen, dass der moderne Mensch sich generell eher als autonomes</p><p>Individuum und nicht mehr als Bestandteil einer� gottgegebenen �Hierarchie versteht.</p><p>Bei den Mormonen, einer fundamentalistischen christlichen Religionsgemeinschaft in den USA,</p><p>wurden Nahtod-Erlebnisse bereits im fr�hen neunzehnten Jahrhundert beschrieben. Auch damals wichen</p><p>die Vorkommnisse erheblich vom wohlgef�lligen modernen Szenario ab.<sup>5</sup> Die Zur�ckgekehrten</p><p>beschrieben zum Beispiel eine streng reglementierte Jenseitswelt, in denen jeder sklavisch seine</p><p>festgelegte Rolle erf�llen musste, so wie er es auch zu Lebzeiten vorgeschrieben bekam. Das Gef�hl von</p><p>Euphorie und Gelassenheit, das in den westlichen Schilderungen dominiert, ist auch in den Nahtod-</p><p>Berichten aus Indien unauffindbar. Nicht einmal die Empfindung, aus dem K�rper auszutreten, taucht in</p><p>den indischen Beschreibungen auf. Indische Beinah-Verstorbene kehren daf�r h�ufig mit k�rperlichen</p><p>Stigmata aus der Schattenwelt zur�ck. Weder Melanesier noch Chinesen passieren im Scheintod einen</p><p>Tunnel.</p><p>Selbst innerhalb westlicher Kulturen wird das vermeintlich universelle Nahtod-Erlebnis durch</p><p>landesspezifische Charakteristika gepr�gt. Bei den kinobesessenen Amerikanern l�uft zum Beispiel sehr</p><p>viel h�ufiger ein Lebensfilm ab als bei den Briten. Es ist auch kein Wunder, dass sich in den</p><p>Sterbensvisionen der vergleichsweise fundamentalistischen Amerikaner h�ufiger biblische Gestalten und</p><p>Motive manifestieren.</p><p>Sogar die Deutschen diesseits und jenseits der ehemaligen Zonengrenze hecken unterschiedliche</p><p>Visionen aus. �ber 2.000 Bundesb�rger und Schweizer hat ein Soziologenteam der Universit�t Konstanz</p><p>nach entsprechenden Erlebnissen befragt.<sup>3</sup> Das Fazit der Studie: Weder gibt es eine kulturunabh�ngige</p><p>Standarderfahrung, noch verweisen die Erlebnisse auf ein Leben nach dem Tod. Der Z�rcher Banker</p><p>stirbt anders als der Berliner Stra�enkehrer, der Wessi dankt anders als der Ossi ab. Die Visionen beim</p><p>Aushauchen des Lebens sind Produkte des Bewusstseins, ein Rauschen der Nervenzellen, in Gang gesetzt</p><p>von einer komplizierten Chemie des Gehirns und im Wesentlichen gepr�gt von Kultur und eigener</p><p>Biografie, meint der Konstanzer Soziologe Hubert Knoblauch, einer der Initiatoren der Erhebung.</p><p>Die Reise zum Licht erweist sich als typische Erscheinung des (religi�seren) Westdeutschen, dessen</p><p>Erfahrungen �berhaupt auffallend den amerikanischen Vorlagen gleichen. W�hrend der Wessi viel eher</p><p>gen Himmel entschwebt, stirbt der Ostdeutsche in einem auffallend tristen Rahmen. Erst geht's durch den</p><p>Tunnel, dann macht er auch noch� schreckliche, respektive h�llische Erfahrungen�: Von denen, die im</p><p>Osten Todesn�he erfuhren, erlebten 60 Prozent diese Tortur � eine Erfahrung, die sehr viel weniger</p><p>Westdeutsche teilen. Knoblauch vermutet, dass sich die positiven Bilder aus dem US-Standardmodell im</p><p>kulturellen Ged�chtnis der Menschen der Ex-DDR noch kaum abgelagert haben. Oder, so fragt sich der</p><p>Forscher:�F�rderte die autorit�r strukturierte Gesellschaft in st�rkerem Ma�e Strafphantasien?�</p><p>Auch ins Paradies gelangen die Bedauernswerten aus den neuen Bundesl�ndern weit seltener. Wenn er</p><p>�berhaupt etwas Sch�nes erlebt, greift der atheistisch erzogene Ostdeutsche lieber auf naturnahe</p><p>Metaphern zur�ck: Nicht im� Paradies �landet er, sondern auf einer� sehr sch�nen Blumenwiese�, in</p><p>einer� gr�nen Oase�, einer� Allee mit bl�henden gr�nen B�umen �oder an einer� kleinen Quelle, die</p><p>pl�tscherte�. Im Westen erkennt fast jeder Zweite einen Hinweis auf Gott, im Osten nur jeder Vierte.</p><p>W�hrend sich der Ostdeutsche im ausgepr�gt areligi�sen, weltlichen Rahmen bewegt, erf�hrt der</p><p>Westdeutsche eine� jenseitige Welt�(63 Prozent) und sp�rt��bersinnliche Kr�fte�(68 Prozent).</p><p>Auch die Tatsache, dass eher ins Jenseits aufbricht, wer schon von dieser Reisem�glichkeit geh�rt</p><p>hat, k�nnte ein Indiz f�r weltliche Inspiration sein. So hatten viele Ostdeutsche zu DDR-Zeiten ihre</p><p>Vision noch schlicht als Traum ausgelegt. Erst nach der Wende erfuhren sie im Fernsehen und aus</p><p>Illustrierten, was dem modernen Menschen auf dem Weg ins Jenseits so widerf�hrt. Glichen sich die</p><p>Sterbeprozesse der Menschen aller Kulturen im Kern, d�rften geografische und individuelle</p><p>Besonderheiten keine gro�e Rolle spielen. Sie tun es aber.</p><p>Eidgenossen flechten sogar einschl�gige alpenl�ndische Sehensw�rdigkeiten in ihre Todesphantasien</p><p>ein. So etwa die Schweizer Bergsteiger, deren Nahtod-Erlebnisse der Geologe Albert Heim 1891 im</p><p>�Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs �ver�ffentlichte: Sie durchquerten weder eine mittelalterliche</p><p>H�lle noch einen Tunnel. Sie fielen in alpinem Ambiente� in einen herrlich blauen Himmel mit</p><p>rosenfarbenen W�lklein�. Der Hopi-Indianer durchquert auf dem Weg in die ewigen Jagdgr�nde die</p><p>Pr�rie. Eine Inderin reitet auf einer Kuh in den Himmel, w�hrend ein New Yorker mit einem gelben Taxi</p><p>dorthin f�hrt.</p></section><section><title><p><strong>�Nahtod-Erfahrungen kommen in Todesn�he ausgesprochen h�ufig vor�</strong></p></title><p>Ein weiteres, h�ufig zitiertes Argument f�r den realen Charakter der Nahtod-Erfahrung ist ihre angeblich</p><p>gro�e H�ufigkeit. Wenn dem Menschen im Zwischenstadium zwischen Diesseits und Jenseits tats�chlich</p><p>transzendentale Sendboten begegnen, gibt es keinen Grund daf�r, dass das Erlebnis nur einem engen</p><p>Kreis von� Erleuchteten �vorbehalten sein soll: Eine real existierende Sterbensvision m�sste im Prinzip</p><p>einen demokratischen Charakter haben.</p><p>Bei einer Umfrage unter 1.500 Personen, die dem Sensenmann entronnen waren, stellte sich 1981 in</p><p>den USA in der Tat heraus, dass etwa ein Drittel davon die einschl�gigen Visionen vorweisen konnte.</p><p>Nach den damaligen Sch�tzungen h�tten m�glicherweise bis zu 8 Millionen Amerikaner bereits� das</p><p>Licht �gesehen. Durch die modernen Errungenschaften der Apparatemedizin wurden in den vergangenen</p><p>Jahren immer mehr Patienten aus den Klauen des Todes zur�ckgeholt. Und weil das Thema Nahtod-</p><p>Erfahrung in den Massenmedien eine immer gr��ere Resonanz erfuhr, m�sste die Bereitschaft,</p><p>entsprechende Erlebnisse einzugestehen, gestiegen sein. Eine deutliche Zunahme der Schilderungen</p><p>w�re die Folge.</p><p>Doch die sagenhaften Begegnungen sind wahrscheinlich weitaus seltener, als die damaligen Zahlen</p><p>erwarten lie�en. Bruce Greyson, Professor f�r Psychiatrie an der Universit�t Virginia, wollte</p><p>untersuchen, ob sich Herzpatienten mit Nahtod-Erlebnissen in Bezug auf Lebenszufriedenheit und</p><p>Heilungschancen von� normalen �Patienten unterscheiden.<sup>9</sup> Aber zur Verbl�ffung des Forschers</p><p>berichteten nur elf von 500 Patienten mit Angina pectoris, Herzattacken oder gar Herzstillstand von einer</p><p>�Jenseits-Vision�. Das sind etwa 2 Prozent.</p><p>�Das liegt weit unter der Rate von 20 bis 40 Prozent, die noch vor 15 Jahren angenommen wurde�,</p><p>sagt der Professor, der sein Ergebnis bei der 3. Europ�ischen Konferenz der� Society for Scientific</p><p>Exploration�(SSE) in Freiburg vorgestellt hat. Die Kriterien f�r eine echte Nahtod-Erfahrung seien</p><p>damals nicht streng genug gewesen, und die Kandidaten seien wohl nicht zuf�llig ausgew�hlt worden.</p><p>Wahrscheinlich hatten die damaligen NDE-Experten bei ihren Studien gezielt Kandidaten bevorzugt,</p><p>denen das� gewisse Etwas �widerfahren war.</p></section><section><title><p><strong>�Nahtod-Erfahrungen sind in der �berwiegenden Zahl der F�lle positiv get�nt�</strong></p></title><p>Es ist ein fester Bestandteil der modernen Nahtod-Mythologie, dass der Weg aus dem irdischen</p><p>Jammertal mit euphorischen und seligen Gef�hlen gepflastert ist.�Das Erlebnis beginnt mit einem</p><p>Gef�hl wunderbaren Friedens und Wohlbehagens, das sich im Weiteren zu �berw�ltigender Freude und</p><p>zu v�lligem Gl�ck steigert�, beschreibt der amerikanische Psychologie-Professor Kennern Ring den</p><p>Kick.<sup>6</sup> In dieser euphemistischen Vorstellungswelt ist einfach kein Platz f�r einen� Horrortrip�.</p><p>Doch nicht nur die R�ckschau auf die Sterbensvisionen des Mittelalters beweist, dass der vermeintlich</p><p>sanfte und schonungsvolle �bergang durchaus von Heulen und Z�hneklappern gezeichnet sein kann. Der</p><p>amerikanische Kardiologe Maurice Rawlings hat eine gr��ere Zahl von F�llen zusammengestellt, bei</p><p>denen als� klinisch tot �diagnostizierte Patienten eine zweite Chance, zu leben, erhielten und w�hrend der</p><p>Rettungsaktion infernalische H�llenvisionen durchmachten.<sup>10</sup> Rawlings war zu dieser Sammlung angeregt</p><p>worden, als er versucht hatte, seinen Patienten� Charly �durch Schl�ge auf die Brust von einem</p><p>Herzstillstand zu reanimieren. Charly w�rgte, rollte mit den Augen, verf�rbte sich blau und verfiel in</p><p>Konvulsionen. Bei jedem Schlag flehte er seinen Doktor an:�H�ren Sie nicht auf, ich bin in der H�lle, in</p><p>der H�lle. �Der Zwischenfall bewegte Rawlings dazu, nach weiteren d�monischen Nahtod-Erlebnissen</p><p>Ausschau zu halten.</p><p>Die Berichte in seinem Buch dokumentieren, dass die gel�ufigen, friedvollen Schilderungen aus der</p><p>Zwischenwelt lediglich eine ideologisch verbr�mte Kollektion darstellen: In ungeahnt vielen F�llen</p><p>durchleiden die Wanderer im Schattenreich Tantalusqualen und Visionen der Verdammnis.�Wenn man</p><p>die Person, die man wieder belebt hat, nur etwas sp�ter befragt, zum Beispiel ein paar Tage oder Wochen</p><p>nach dem Vorfall, dann bekommt man allerdings nur noch die sch�nen und angenehmen Darstellungen</p><p>aufgetischt. Die unangenehmen Erfahrungen wurden dann l�ngst unter den Teppich der Erinnerungen</p><p>gekehrt. �Das ist wohl ein �hnliches Ph�nomen wie bei den Wehen, deren Schmerzhaftigkeit bei den</p><p>meisten Frauen kurz nach der Entbindung in Vergessenheit ger�t.</p><p>Offenbar vermeiden die Wiederbelebten es aber auch, ihrem Arzt solche Negativerlebnisse</p><p>mitzuteilen, weil die Erfahrung f�r sie auf ein furchtbares und besch�mendes pers�nliches Versagen</p><p>hinausl�uft. Wer auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod der H�lle begegnet, muss obendrein</p><p>mit dem Eingest�ndnis weiterleben, dass er, gemessen am kulturellen Ideal, auf dem ultimativen Trip</p><p>gescheitert ist.</p></section><section><title><p><strong>�Es gibt keine befriedigende naturwissenschaftliche Erkl�rung f�r die Nahtod-Ph�nomene�</strong></p></title><p>Die Authentizit�t der Nahtod-Erlebnisse wird h�ufig mit dem Argument untermauert, dass sie ultraweit</p><p>von der allt�glichen Erfahrung entfernt sind und dennoch ein Gef�hl absoluter subjektiver Gewissheit</p><p>hinterlassen. Der Trip in die Zwischenwelt besitzt demnach eine �berw�ltigende Erfahrungsqualit�t,</p><p>deren Evidenz sich jeder n�chternen naturwissenschaftlichen Erkl�rung radikal entzieht.</p><p>Doch wenn man einen Blick auf die Forschungsliteratur aus der klinischen Psychologie und</p><p>Neurologie wirft, st��t man sehr rasch auf die Erkenntnis, dass s�mtliche symptomatischen Bestandteile</p><p>einer authentischen Nahtod-Erfahrung in lupenreiner Form auch bei bestimmten Patienten zu</p><p>beobachten sind, deren Gehirnfunktion beeintr�chtigt wurde: durch eine Verletzung, eine elektrische</p><p>Stimulation, den Einfluss von Drogen oder anderen bewusstseinsver�ndernden Reizen.</p><p>Bereits in den Jahren zwischen 1930 und 1940 stellte der ber�hmte kanadische Neurochirurg Wilder</p><p>Penfield fest, dass er bei seinen epileptischen Patienten wahre� Ged�chtnisfilme �abrufen konnte, wenn</p><p>er in ihrem Schl�fenlappen mit Dr�hten elektrische Reize setzte. Die vermeintlichen Erinnerungen</p><p>wurden �brigens in der Zwischenzeit als fiktive Ausgeburten der Einbildungskraft entlarvt, die dennoch</p><p>f�r ihre Urheber unzweifelhafte Realit�t besa�en. In zahlreichen F�llen ging die Elektrisierung mit</p><p>einem Gef�hl von tiefem Frieden und Euphorie einher. Schlie�lich l�ste die Hirnstimulation bei</p><p>manchen Patienten auch die �berw�ltigende Gewissheit aus, sie h�tten ihren K�rper verlassen und</p><p>k�nnten sich selbst von au�en sehen. Dies ist ganz offensichtlich ein �quivalent der� Out-of-body-</p><p>Erfahrung�, dem Aus-dem-eigenen-K�rper-Heraustreten, das zu den urtypischen Merkmalen einer</p><p>Nahtod-Erfahrung geh�rt.</p><p>Auch ein Defekt im Schl�fenlappen, verursacht durch Sauerstoffmangel oder durch eine dort</p><p>lokalisierte Epilepsie, ruft zuweilen vergleichbare Erscheinungen hervor. Sehr charakteristisch ist dann</p><p>eine tr�umerische Empfindungsqualit�t, verbunden mit der erdr�ckenden �berzeugung, dass die</p><p>Erfahrung unzweifelhaft wirklich ist. Ein Symptom der Anf�lle besteht h�ufig darin, dass die Patienten</p><p>sich vermeintlich von au�en sehen oder sich wie verdoppelt f�hlen. Dass die Szenerie dann meist aus</p><p>der Vogelperspektive erlebt wird, erkl�ren Kognitions-Psychologen mit dem Umstand, dass unser Hirn</p><p>unentwegt dreidimensionale Abbilder der Umwelt entwirft. Die Summe dieser Rekonstruktion ist der</p><p>Blick von oben.�Schlie�en Sie einfach kurz die Augen�, r�t Susan Blackmore,�und versuchen Sie sich</p><p>die Szene von oben vorzustellen. Sie werden �berrascht sein, wie leicht das ist.�<sup>11</sup></p><p>Der kanadische Psychologie-Professor Michael Persinger l�ste bei seinen Versuchspersonen� Nahtod-</p><p>Imitate �aus, indem er ihre Gro�hirnrinde mit elektromagnetischen Feldern reizte.<sup>1</sup> Gut einem Viertel der</p><p>Probanden dr�ngte sich prompt die Vorstellung auf, sie w�rden aus ihrem K�rper austreten und k�nnten</p><p>die Szenerie aus einer erhabenen Warte sehen. Der Out-of-body-Trip war h�ufig mit einem tief</p><p>empfundenen Gef�hl der Anwesenheit einer fremden Wesenheit verbunden.</p><p>Doch nicht nur Magnetismus und Epilepsien k�nnen �berzeugende Nahtod-Erlebnisse ausl�sen.</p><p>Trocken stellt der in England lebende Psychiater Karl Jansen fest:�Die intraven�se Injektion von 70 bis</p><p>150 Milligramm Ketamin kann alle Aspekte der NDEs reproduzieren. �Es blockiere, so Jansens NDE-</p><p>Theorie, Rezeptoren im Hirn, an die gew�hnlich der Botenstoff Glutamins�ure andockt. Dieses unter</p><p>Stress in extremen Mengen ausgesch�ttete Molek�l hat die unangenehme Eigenschaft, auf bestimmte</p><p>Neuronen toxisch zu wirken. Ketamin und nat�rliche so genannte Endopsychosine wirken quasi als</p><p>�Schutzkappe�. Alle Sinneskan�le werden abgekoppelt und es kommt zu NDEs.<sup>11</sup></p><p>Das Bet�ubungsmittel Ketamin ist unter Narkose�rzten beliebt, weil es die Atmung nicht</p><p>beeintr�chtigt. Allerdings empfinden besonders erwachsene Patienten den rasenden Sturz durch dunkle</p><p>Tunnels, abgeschnitten vom restlichen K�rper, als Horrortrip. F�r das Hochgef�hl, �ber das 98 Prozent</p><p>der Beinah-Toten berichten, fehlt der Ketamin-An�sthesie und Epilepsie das euphorisierende Anfluten der</p><p>k�rpereigenen Endorphine, das immer dann einsetzt, wenn h�chste Gefahr droht. Gleichwohl wird das</p><p>Mittel noch immer genutzt. F�r eingeklemmte Unfallopfer und auch von hart gesottenen</p><p>Drogenkonsumenten wie dem inzwischen real verstorbenen LSD-Papst Timothy Leary. Der bezeichnete</p><p>den Ketamin-Trip als� Experimente mit vor�bergehendem Tod�.</p><p>�Es gibt nicht eine einzige Komponente der Nahtod-Erfahrung, die nicht bereits durch eine</p><p>chirurgische Stimulation des Schl�fenlappens, durch schwache elektromagnetische Felder oder andere</p><p>Reizungen k�nstlich hervorgerufen worden w�re�, zieht der Psychologe Persinger Bilanz. In der realen</p><p>Situation der Todesn�he ist aber vermutlich der meist rasch eintretende Sauerstoffmangel (Hypoxie) im</p><p>Gehirn f�r die spirituelle Fata Morgana verantwortlich, hebt seine britische Kollegin Susan Blackmore</p><p>hervor.</p><p>Besonders anf�llig f�r einen Sauerstoffmangel ist in der Tiefe des Gehirns der Hippocampus, die</p><p>zentrale Schaltstelle f�r das Ged�chtnis. Sie filtert, welche Erinnerungen in das Bewusstsein dringen</p><p>d�rfen und welche nicht. Geraten die Nervenzellen (Neuronen) pl�tzlich in Existenznot � das zeigten</p><p>Versuche an Ratten �, fallen hemmende Nervenaktivit�ten weg. Ungebremst dr�ngen Bilder aus dem</p><p>Ged�chtnis ins Bewusstsein. Das Hirn � immer auf der Suche nach Sinn in den angelieferten</p><p>Informationen � strickt aus diesem Chaos eine R�ckschau, den� Lebensfilm�.</p><p>Halt der Sauerstoffmangel an, so Blackmores These f�r die Nahtod-Erlebnisse, entwickelt sich eine</p><p>allgemeine Nervenenthemmung. Sie selbst hat mit diesem Ansatz im Computermodell das Licht am Ende</p><p>des Tunnels simulieren k�nnen. Die Tunnelvision h�ngt danach h�chstwahrscheinlich mit dem</p><p>allgemeinen Bauplan der prim�ren Sehrinde, der Anlaufstelle f�r optische Reize im Gehirn zusammen.</p><p>�Es gibt dort sehr viele Nervenzellen, die das Zentrum des Blickfeldes repr�sentieren, aber sehr wenige</p><p>Repr�sentanten f�r die Randgebiete. �Wenn allm�hlich die hemmenden Neuronen � die</p><p>�berdurchschnittlich viel Energie und Sauerstoff ben�tigen � den Geist aufgeben, nehmen unkontrollierte</p><p>Nervenentladungen �berhand. Dieses Trommelfeuer der Optik-Neuronen wird jedoch vom Bewusstsein</p><p>als� Licht �interpretiert.�Weil es im Zentrum des Gesichtsfeldes mehr aktive Nervenzellen gibt, kommt</p><p>der Eindruck vom Licht am Ende eines Tunnels zustande. �Je mehr die entfesselten Entladungen</p><p>zunehmen, umso gr��er wird der Anteil des Blickfeldes, den das Licht in Anspruch nimmt: So entsteht</p><p>die Illusion, auf das Licht zuzurasen.</p><p>Eine Untersuchung am Berliner Rudolf-Virchow-Universit�tsklinikum best�tigte, dass</p><p>Sauerstoffmangel die einschl�gigen visuellen Manifestationen provoziert. Mediziner lie�en 42</p><p>Jugendliche bis zu 22 Sekunden durch Hyperventilation und anschlie�endes ruckartiges Pressen des</p><p>Brustkorbs ohnm�chtig werden. So l�sten die Forscher eine� akute globale zerebrale Hypoxie �aus. Die</p><p>Folge: Visionen und Vorstellungen suchten die Probanden heim, die verbl�ffende �hnlichkeit mit</p><p>Nahtod-Erfahrungen aufwiesen.</p><p>�hnliche Beobachtungen haben amerikanische Milit�r�rzte bei Kampfpiloten gemacht, die im</p><p>Training ungew�hnlich starke Erdanziehungskr�fte durchstehen mussten, welche ihr Gehirn des</p><p>Sauerstoffs beraubten.<sup>5</sup> Sie wurden in der Zentrifuge von einem Gef�hl intensiven Friedens �bermannt,</p><p>halluzinierten, wie sie durch einen Tunnel auf ein Licht zurasten, und traten in der gewohnten Manier aus</p><p>ihrem K�rper heraus.</p><p>Es gibt im �brigen starke Verdachtsmomente daf�r, dass auch die Out-of-body-Erfahrung in</p><p>Todesn�he lediglich einen halluzinatorischen Charakter besitzt: Im Operationssaal des Hartford-</p><p>Hospitals in Connecticut haben amerikanische Forscher ein elektronisches Display angebracht, das aus</p><p>der Position des Patienten nicht wahrgenommen werden kann.<sup>12</sup> Auf dem Schirm werden in zuf�lliger</p><p>Reihenfolge bestimmte S�tze dargeboten. Wann immer eine Person �ber ein Nahtod-Erlebnis berichtete,</p><p>wurde sie aufgefordert, den Inhalt des Displays zu rekapitulieren, der aus der Vogelperspektive leicht zu</p><p>�berschauen war.�Die Ergebnisse lieferten keinerlei Anhaltspunkte, dass auch nur ein einziger Patient in</p><p>Todesn�he Informationen von dem Display aufnehmen konnte.�</p></section><section><title><p><strong>�Nahtod-Erfahrungen l�sen bei den Betroffenen eine einzigartige L�uterung der Pers�nlichkeit</strong></p><p><strong>aus�</strong></p></title><p>Der Realit�tsgehalt der Nahtod-Erfahrung wird in der Literatur sehr h�ufig mit dem Hinweis gest�tzt,</p><p>dass sie bei den Betroffenen eine au�ergew�hnliche seelische L�uterung ausl�st. Raymond Moody sagt,</p><p>in mehr als 20 Jahren psychiatrischen Umgangs mit Todesn�he-Erfahrenen sei ihm niemand begegnet,</p><p>den dieses Erlebnis nicht tief greifend ver�ndert habe, und zwar positiv. In der Tat sind h�ufig sehr</p><p>heilsame Pers�nlichkeitsver�nderungen festzustellen, die das (bekanntlich desolate) Ergebnis</p><p>psychotherapeutischer Bem�hungen weit �bertreffen.</p><p>Die innere Religiosit�t solcher Menschen beispielsweise nimmt zu � wenn auch nicht unbedingt deren</p><p>kirchliche Bindung. Ihr f�rsorgliches Interesse an den Mitmenschen wird wesentlich intensiver, zugleich</p><p>aber auch ihr eigenes Lebensgef�hl und ihre Wertsch�tzung der verbleibenden Lebenszeit. So gut wie alle</p><p>diese Menschen sagen, sie seien nun ganz sicher, dass es noch eine andere als die irdische Existenz nach</p><p>dem Tod gebe. Und sie alle versichern, dass sie die Angst vor dem Tod, vor dem Ende ihrer physischen</p><p>Existenz, v�llig verloren h�tten. Und wer den Tod nicht mehr f�rchtet, der kann das Leben viel gelassener</p><p>genie�en.</p><p>Doch auch wenn diese Ver�nderungen wirklich real sind � sie m�ssen nicht das Resultat einer</p><p>authentischen transzendentalen Erfahrung sein, gibt der amerikanische Philosoph Keith Augustine zu</p><p>bedenken.<sup>12</sup> Bei einer Langzeituntersuchung in den USA stellte sich heraus, dass sich derartige</p><p>Metamorphosen auch bei Menschen ereigneten, die dem Tode nahe kamen, ohne jedoch eine Nahtod-</p><p>Erfahrung durchzumachen.�Die Pers�nlichkeitsver�nderungen kommen offenbar allein schon durch die</p><p>Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit zustande, nicht erst durch Todesn�he-Erfahrungen.�</p><p>F�r den Psychologen Persinger stellt sich sogar die Frage, ob nicht viele der durch NDEs ausgel�sten</p><p>Ver�nderungen auf einer Sch�digung des Gehirns basieren.�Die meisten Reize, die Nahtod-Erfahrungen</p><p>heraufbeschw�ren, gehen auch mit einem schleichenden Verlust von Nervenzellen einher. �Von diesem</p><p>Verlust sind besonders die Neuronen des Hippocampus betroffen. Wenn in diesem Zentrum Nervenzellen</p><p>sterben, treten jedoch sehr schnell� neuroplastische �Ver�nderungen auf: Die verbleibenden Neuronen</p><p>bilden neue Ausl�ufer und nehmen Kontakt mit bisher nicht kontaktierten Ansprechpartnern auf. Diese</p><p>Umgestaltungsprozesse k�nnten sich nach au�en als eine Verwandlung der Pers�nlichkeit bemerkbar</p><p>machen.</p><p>Dabei m�ssen solche Verwandlungen keineswegs immer vorteilhaft sein, r�umt der amerikanische</p><p>Religionswissenschaftler J. Isamu Yamamoto ein.<sup>13</sup> Viele Menschen kommen nach einer Todesn�he-</p><p>Erfahrung auch ins Straucheln und handeln sich seelische St�rungen ein. Es wird f�r sie immer</p><p>schwieriger, eine Beziehung oder die Anforderungen ihres Berufs durchzustehen. Oft resultieren daraus</p><p>famili�re Probleme, eine Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.�Man kann auch sagen, dass</p><p>NDEs f�r viele verpfuschte Existenzen verantwortlich sind�� eine Sehweise, die sich erheblich von dem</p><p>rosigen Bild unterscheidet, das Leute wie Moody und Ring gezeichnet haben.</p><empty-line/><cite><p>1 Persinger, Michael: <emphasis>Near-death experiences and ecstasy: a product of the Organization of the human brain? </emphasis>In: Della Sala, Sergio</p><p><emphasis>(Hg.):Mind myths. Exploring popular assumptions about the mind and brain. </emphasis>Verlag John Wiley, Chichester et al. 1999.</p><p>2 Blackmore, Susan J.: <emphasis>Dying to live: Near-death experiences, </emphasis>Prometheus Books, Buffalo 1993.</p><p>3 �Einmal H�lle und zur�ck�. In: <emphasis>Die Zeit, </emphasis>Nr. 29/1999.</p><p>4 Roberts, Glenn/Owen, John: <emphasis>The Near-death experience. </emphasis>In: <emphasis>British Journal of Psychiatry, </emphasis>Bd. 153 (1988), S. 607�617.</p><p>5 �Survival Conference: Near-death experience. �http: //www.esalenctr.org/sur/sur98ndes.html</p><p>6 Ring, Kenneth: <emphasis>Life at death: A scientific investigation of the near-death experience, </emphasis>Verlag Coward, McCann &amp; Geoghegan, New York 1980.</p><p>7 Baker, Robert: <emphasis>Have you seen� The Light?�</emphasis>In: <emphasis>Skeptical Inquirer, </emphasis>Juni 1995.</p><p>8 Dinzelbacher, Peter: <emphasis>An der Schwelle zum jenseits. Sterbevisionen im interkulturellen Vergleich. </emphasis>Herder Tb. 1584, Freiburg, Basel, Wien</p><p>1989.</p><p>9 �Verbl�ffte Forscher: Nahtod-Erlebnisse sind nur sehr selten�. In: <emphasis>�rzte Zeitung, </emphasis>15.10.1996.</p><p>10 Hux, Clete: <emphasis>Near-death experience: Angel of light? </emphasis>http://www.watchman.org/anglight.htm</p><p>11�Fischen im Dr�ben. F�r den vermeintlichen Blick ins Jenseits gibt es plausible wissenschaftliche Erkl�rungen�. In: <emphasis>Sonntagszeitung,</emphasis></p><p>29.3.1998.</p><p>12 Augustine, Keith: <emphasis>The case against immortality. </emphasis>http://freeinquiry.com/library/modern/keith_augustine/immortality.html</p><p>13 Yamamoto, J. Isamu: <emphasis>The near-death experience, part two: Alternative explanations� </emphasis>http: //www.mindspring.com /-scott /nde /Christian, txt</p></cite></section></section></section><section><title><p>MYTHEN DES GEHIRNS</p></title><section><title><p>Armleuchten</p></title><section><title><p>�Der Mensch nimmt nur 10 Prozent seiner Gehirnkapazit�t in Anspruch�</p></title><p>Es ist fast unm�glich, eine Unterhaltung �ber das Gehirn und seine intellektuellen Potenziale zu</p><p>f�hren, ohne dass die Legende von den brachliegenden 90 Prozent Hirnkapazit�t zur Sprache kommt. Die</p><p>Vorstellung, dass der gew�hnliche B�rger nur einen Bruchteil seiner neuronalen Ausstattung nutzt, ist</p><p>l�ngst zu einem unausrottbaren Bestandteil der Allgemeinbildung geworden. Logisch betrachtet l�sst das</p><p>Klischee drei verschiedene Interpretationen zu:]</p><p>1.) Zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist nur ein Zehntel aller Nervenzellen (Neuronen) aktiv.</p><p>2.) 90 Prozent aller Hirnzellen liegen als nutzloser Ballast unter der Sch�deldecke herum.</p><p>3.) Wir nehmen nur 10 Prozent des Lagerplatzes im Gehirn f�r das Speichern von Erinnerungen in</p><p>Anspruch.</p><p>Der 10-Prozent-Mythos ist jedoch in allen drei Auslegungen eine reine Ausgeburt der Phantasie und</p><p>geht v�llig am Kenntnisstand der modernen Gehirnforschung vorbei, wie der Psychologie-Professor</p><p>Barry L. Beyerstein von der Simon Fraser University in Burnaby, Kanada, in einer eingehenden</p><p>Literaturstudie konstatiert.<sup>2</sup></p><p>Die M�r vom unausgesch�pften Hirnpotenzial wird besonders gerne in esoterischen Kreisen bem�ht,</p><p>meist verbunden mit dem Angebot, die brachliegenden neun Zehntel durch ein s�ndhaft teures</p><p>Kursprogramm zu mobilisieren. So wirbt etwa die Scientology-Sekte mit einem Portr�t von Albert</p><p>Einstein, dem die Behauptung von der mangelnden Nutzung unseres Denkapparates in den Mund gelegt</p><p>wird.</p><p>Doch diese Zuschreibung ist sehr wahrscheinlich ein weiterer Mythos, wie Beyerstein bei seinen</p><p>Recherchen herausfand. In den schriftlichen Unterlagen ist nicht der geringste Hinweis zu finden, dass</p><p>das Physikgenie jemals eine solche Bemerkung fallen lie�, konnte er von Jeff Mandl, dem Assistenten des</p><p>Kurators am Albert Einstein Archiv erfahren. Auch Alice Calaprice von der Princeton-Universit�t in New</p><p>Jersey, die Herausgeberin der Zitatensammlung� Einstein sagt�, bleibt skeptisch,�denn bestimmt h�tte</p><p>jemand widersprochen, und es h�tte eine Diskussion gegeben�.</p><p>Vermutlich hat ein Liebhaber der 10-Prozent-Theorie irgendwann beschlossen, dass die Zuordnung</p><p>zu Albert Einstein zu sch�n ist, um unwahr zu sein. Bei einer anderen angeblichen Quelle f�r den</p><p>Mythos, dem amerikanischen Philosophen William James, dem Vater der modernen Psychologie, hat</p><p>Beyerstein indes das urspr�ngliche Zitat ausgegraben:�Der durchschnittliche Mensch baut nur 10</p><p>Prozent seiner latenten geistigen Anlagen aus. �Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich die</p><p>Legende von der ungenutzten Hirnkapazit�t bereits fest in den K�pfen der Menschen eingenistet, stellte</p><p>der Psychologe bei der Sichtung historischer Quellen fest. Im Weltalmanach des Jahres 1929 bot ein</p><p>�Pelham Institut �seine Kurse zur Lebenshilfe mit dem Hinweis auf die ungenutzten 90 Prozent des</p><p>Hirnes feil.�Die Sprache der Anzeige verr�t, dass ihre Autoren bereits fest auf die Verbreitung der</p><p>Binsenweisheit bauen konnten.�</p><p>Wenn der 10-Prozent-Mythos nicht existiert h�tte, w�re er von den Propagandisten der Lebenshilfe,</p><p>der Esoterik und der Pers�nlichkeitsbildung garantiert erfunden worden, folgert Beyerstein. Da die</p><p>zentrale Rolle des Gehirns f�r das geistige Leben nicht mehr zu ignorieren war, bot es sich als</p><p>S�ndenbock an, auf den man alle intellektuellen Defizite und Unvollkommenheiten der Seele schieben</p><p>konnte. Heute ist die Annahme zu einem� Psychofakt �geworden, den die meisten Menschen unkritisch</p><p>herunterbeten, ohne eine Ahnung von seiner Herkunft zu haben, streicht der Psychologe Benjamin</p><p>Radford, Chefredakteur der amerikanischen Zeitschrift� Skeptical Inquirer�, heraus.<sup>3</sup></p><p>Bei einer typischen Konversation wird der 10-Prozent-Mythos meist mit der Bemerkung</p><p>�Wissenschaftler sagen��oder� Es ist bekannt��</p><p>eingef�hrt. Wann immer Beyerstein jedoch den Betreffenden auf den Zahn f�hlte, blieben sie die</p><p>Nennung der Quelle schuldig. Das Ganze lief stets auf einen unendlichen Regress hinaus: Man hatte es</p><p>von einem Bekannten geh�rt, der auf Nachfrage beteuert, es von einem Bekannten geh�rt zu haben, und</p><p>so weiter und so fort.</p><p>�ber die H�he der Gehirnkapazit�t, die wir tats�chlich aus unserem Gehirn herausholen k�nnen,</p><p>herrscht unter den Vertretern des Mythos Uneinigkeit. Manchmal sind es lediglich 0,1 Prozent, die</p><p>amerikanische Ethnologin Margaret Mead soll uns gerade einmal 6 Prozent zugestanden haben,</p><p>gelegentlich r�umt ein Autor uns auch schon einmal ganze 20 Prozent ein. Dass die 10 Prozent die</p><p>meisten F�rsprecher haben, hat vermutlich nur etwas mit Zahlenmagie zu tun. Die Natur hat uns mit 10</p><p>Fingern und Zehen ausgestattet. Schon unsere fr�hen Ahnen entwickelten eine Ehrfurcht vor dieser Zahl,</p><p>und der liebe Gott hat uns seine Verhaltensregeln in Form von 10 Geboten mitgeteilt.</p><p>Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die Information einen respektablen wissenschaftlichen</p><p>Ursprung hat: Trotz eines umfangreichen Literarurstudiums konnte Beyerstein in den Fachb�chern der</p><p>Psychologie und der Hirnforschung keinen Hinweis auf die omin�sen 10 Prozent entdecken. Dass der</p><p>Mythos dennoch eine gute Reputation besitzt, geht vermutlich auf ein psychologisches Ph�nomen zur�ck,</p><p>das als� source amnesia�(Vergessen der Quelle) bezeichnet wird: Menschen k�nnen oft neue</p><p>Informationen im Ged�chtnis behalten, obwohl ihnen allm�hlich die Quelle des Wissens entschl�pft. Das</p><p>hat zur Folge, dass nach einer Weile selbst Aussagen von zwielichtiger Herkunft salonf�hig werden.</p><p>Bemerkenswerterweise beugt der Erwerb von Fachkenntnissen nicht sonderlich gegen den</p><p>Trugschluss vor. Das mussten die beiden amerikanischen Psychologen Kenneth L. Higbee und Samuel L.</p><p>Clay erfahren, als sie fortgeschrittene Psychologiestudenten und Laien nach ihren Ansichten �ber die</p><p>ungenutzten Potenziale des Gehirns befragten.<sup>4</sup> In beiden Gruppen stimmte die Mehrheit mit dem</p><p>Glauben an die brachliegenden 90 Prozent �berein. Nur waren die� Profis �optimistischer, was die</p><p>Chance betraf, die stillen Reserven auszusch�pfen. Damit lagen sie m�glicherweise noch weiter von der</p><p>Realit�t entfernt. Bei der Bek�mpfung von Mythen und Irrlehren leisten die Universit�ten offenbar einen</p><p>schlechten Dienst.</p><p>F�r die Anh�nger paranormaler Ph�nomene ist der Mythos nat�rlich ein gefundenes Fressen, weil</p><p>sich das unausgelotete Terrain unter der Sch�deldecke so leicht mit �bersinnlichem Brimborium f�llen</p><p>l�sst: Wenn es uns nur gel�nge, die brachliegenden Ressourcen zu entfesseln, dann w�rden gewiss</p><p>au�erordentliche Anlagen wie Hellsehen, Telepathie oder Psychokinese freigesetzt. Das ist eine</p><p>Erkenntnis, mit der sich auch Uri Geller, der ber�hmte Gabelverbieger, schm�ckt:�Unser Geist ist zu</p><p>herausragenden Dingen f�hig, die wir gar nicht aussch�pfen. Wir arbeiten nur mit herabgesetzter</p><p>Leistungsf�higkeit, weil unser Gehirn 90 Prozent seiner Potenziale ungenutzt liegen l�sst. �Auch andere</p><p>zwielichtige Gruppen wie die Neurolinguistischen Programmierer, die Anh�nger des Superlearning oder</p><p>der Transzendentalen Meditation schlagen gerne aus dem Mythos Kapital. Alle Rattenf�nger, die eine</p><p>Erweiterung des Bewusstseins verhei�en, sichern heute ihren Sch�fchen die Erweckung ihrer</p><p>schlummernden Neuronen zu.</p></section><section><title><p><strong>�Es ist vorteilhaft, m�glichst viel Gehirnkapazit�t zu aktivieren�</strong></p></title><p>Dem Mythos von den ungenutzten 90 Prozent Hirnkapazit�t liegt im Kern der unzuverl�ssige</p><p>Vergleich unseres Denkapparates mit einem Automotor oder einem anderen technischen Ger�t zugrunde:</p><p>Die Leistungsf�higkeit ist am gr��ten, wenn die Maschine am meisten� Saft �verbr�t. Die irref�hrende</p><p>Schlussfolgerung lautet: Wir k�nnen am besten denken und am kl�gsten handeln, wenn sich das</p><p>R�derwerk unseres Gehirns auf maximalen Touren dreht. Doch diese Analogie geht radikal am Wesen</p><p>unseres Zentralrechners vorbei. Das Gehirn funktioniert in entscheidenden Punkten nach dem Imperativ</p><p>�weniger ist mehr�, und seine �konomie ist eindeutig auf Energiesparen getrimmt.</p><p>Die naivste Version des 10-Prozent-Mythos besagt, dass unser Zentralnervensystem hinter seinen</p><p>M�glichkeiten zur�ckbleibt, weil immer nur ein kleiner Bruchteil aller Nervenzellen t�tig ist. Doch diese</p><p>Tatsache erweist sich als Segen, weil die gleichzeitige Aktivit�t aller Neuronen mit einem epileptischen</p><p>Krampfanfall gleich bedeutend ist: Wenn alle Neuronen in einem Takt feuern, wird das Gehirn von einer</p><p>elektrischen Flutwelle �bermannt, die jede F�higkeit zum koordinierten Denken und Handeln zunichte</p><p>macht. Um solch ein Inferno zu unterbinden, �bt ohnehin gut die H�lfte aller Neuronen eine hemmende</p><p>Wirkung aus.</p><p>In der gehobenen Ausf�hrung des Mythos liegen die Potenziale des Gehirns brach, weil das Gros der</p><p>Neuronen� eine schlechte Arbeitsmoral �hat und unt�tig im Sch�del herumliegt. Nach dieser Vorstellung</p><p>l�uft mehr Gehirnaktivit�t auf� besseres �Denken hinaus. Detlef Linke, Hirnforscher an der Universit�t</p><p>Bonn, weist jedoch darauf hin, dass unsere intellektuelle Leistung oft darin besteht, viele</p><p>Einzelerfahrungen in einem� Superzeichen �zusammenzufassen � Abstraktion macht das Denken</p><p>�konomischer.<sup>1</sup> Die h�chsten Intelligenzleistungen erbringen just die veritablen� Schwachstromgehirne�,</p><p>w�hrend die weniger gescheiten Zentralorgane mit� Starkstromtechnik �arbeiten und jede Menge</p><p>elektrische Energie uneffektiv verpulvern.</p><p>Das 3-Pfund-Universum Gehirn, das etwa 2 Prozent des K�rpergewichtes ausmacht, verbraucht</p><p>zirka 20 Prozent der Gesamtenergie, die es sich ausschlie�lich in Gestalt von Traubenzucker (Glukose) zu</p><p>Gem�te f�hrt. Nun kann man sich die T�tigkeit des Verstandes durchaus als ein Verschieben von</p><p>Informationseinheiten (Bits) oder ein� Hantieren im Vorstellungsraum�(Konrad Lorenz) begreiflich</p><p>machen. Wenn der nahe liegende Vergleich mit der k�rperlichen Bet�tigung nicht hinkt, bedingt mehr</p><p>Denken unweigerlich einen h�heren Energieverbrauch. Mit dem Zauberstab der Analogie k�nnte man</p><p>allerdings ebenso gut auf das Gegenbeispiel der modernen Personalcomputer hinweisen, die viel mehr</p><p>Rechenkapazit�t und Speicher besitzen als ein altes� Elektronengehirn�, obwohl sie viel weniger Strom</p><p>ben�tigen.</p><p>Seitdem die neuen bildgebenden Verfahren, wie etwa die Positronen-Emissions-Tomographie (PET),</p><p>zu Verf�gung stehen, die genau Aufschluss geben, wo und wie viel Energie im Gehirn verbraucht wird,</p><p>sind die Forscher vom� Dampfmaschinendenken �abgekommen: Mehrere neue Untersuchungen f�hrten</p><p>�bereinstimmend zu dem Schluss, dass die hellsten K�pfe, die bestimmte Denksportaufgaben am</p><p>schnellsten l�sen konnten, den niedrigsten Energieumsatz im Gehirn aufwiesen. Andersherum</p><p>ausgedr�ckt: Diejenigen, die mit den Aufgaben schlecht zurechtkamen, verlangten ihren kleinen grauen</p><p>Zellen dennoch eine h�here elektrische Leistung ab.</p><p>Wahrscheinlich schlagen� kleine Leuchten �sich mit ineffektiveren Schaltkreisen in ihrem Gehirn</p><p>herum, vermuten die Wissenschaftler. Das kann damit zusammenh�ngen, dass ihre einzelnen</p><p>Nervenzellen generell mehr� Saft �ben�tigen. Unter Umst�nden mobilisieren sie aber auch mehr oder</p><p>aber die falschen, f�r das Problem ungeeigneten Neuronen. Sie haben quasi den Verstand nicht am</p><p>�rechten Fleck�, vielleicht, weil ihnen der rechte Fleck fehlt, eventuell aber auch nur deshalb, weil der</p><p>Zugriff nicht hinhaut. Tats�chlich weisen zwei Gruppen geistig Behinderter � junge Patienten mit Down-</p><p>Syndrom und erwachsene Autisten � einen erh�hten Glukoseumsatz im Gehirn auf. Kurz nach der</p><p>Adoleszenz, wenn die F�higkeit zur Informationsverarbeitung stark anw�chst, geht bei Gesunden der</p><p>Kraftstoffbedarf des Gehirns rapide zur�ck.</p><p>Je besser Menschen bestimmte geistige oder motorische Aufgaben beherrschen lernen, umso weniger</p><p>�Hirnschmalz �verlangt ihnen die Herausforderung ab. Das haben amerikanische Hirnforscher am</p><p>Beispiel des legend�ren Computerspiels� Tetris �aufgezeigt. Blutige Anf�nger, die nur m�hsam mit den</p><p>herunterfallenden Kl�tzchen jonglieren konnten, strengten dabei ein riesiges Netz weit verstreuter</p><p>Nervenschaltkreise an. In dem Augenblick, in dem sie das Spiel aus dem Effeff beherrschten, verringerte</p><p>sich der Aktivierungsherd auf ein Minimum. Das neue� ohmsche Gesetz�� Intelligenz ist geistige</p><p>Leistung bei geringstm�glichem Energieaufwand � wird im �brigen auch durch ein Experiment mit dem</p><p>Hirnstromwellenbild (EEG) gest�tzt. Probanden, die komplizierte geistige Aufgaben am schnellsten</p><p>l�sten, hatten die geringste Beschleunigung ihrer Hirnstromwellen n�tig. Die h�chste Leistung besteht</p><p>also darin, sich das Schwierige m�glichst einfach zu machen.</p><p>Man k�nnte denken, dass auch unser Gehirn � so wie ein Computer � ein Maximum an</p><p>Speicherplatz ben�tigt, um seine Erinnerungen abzulegen. Wenn man nur gen�gend Gehirnkapazit�t</p><p>mobilisiert, kann man sich demnach ein� fotografisches �Ged�chtnis schaffen. Doch auch beim Behalten</p><p>des Gelernten liegt das Erfolgsrezept im Prinzip Sparsamkeit. Amerikanische Forscher haben</p><p>beispielsweise mit PET Gehirn-Aufnahmen von Probanden� geschossen�, denen man vorher eine Reihe</p><p>von l�ngeren W�rtern pr�sentiert hatte. Als N�chstes zeigte man ihnen kurze Wortfragmente und forderte</p><p>sie auf, anzugeben, welche dieser Fragmente aus den urspr�nglichen W�rtern stammten. W�hrend dieser</p><p>Aufgabe registrierte das PET-Gerat� hei�e Punkte �in der winzigen� Archivstelle �Hippocampus: Die</p><p>Versuchspersonen versuchten, sich zu erinnern.</p><p>Aber besonders bei den Personen, die sich am schlechtesten entsannen, wurden zus�tzlich starke</p><p>Energieflecken im Stirnlappen sichtbar.�Mehr Gehirn �lief also in diesem Falle buchst�blich auf weniger</p><p>Erinnerung hinaus. In einem weiteren Versuch verfolgten die Probanden gew�hnliche Substantive (zum</p><p>Beispiel Schere) und assoziierten die passenden Verben (zum Beispiel schneiden). Prompt leuchteten die</p><p>einschl�gigen Areale in der PET-Darstellung auf. Bei einer Wiederholung der Prozedur blieben diese</p><p>Regionen jedoch dunkel. Schon nach wenigen Minuten �bung kann das Gehirn offenbar bestimmte</p><p>Leistungen mit dem denkbar geringsten Aufwand l�sen.</p><p>Unausgesprochen geht der Mythos auch von der Grundannahme aus, dass Nervenzellen ein</p><p>phlegmatisches Wesen haben und sich am liebsten vor ihrer Arbeit � dem �bermitteln von Informationen</p><p>��dr�cken. Doch die Versuchsergebnisse der vergangen Jahren belegen ohne Zweifel, dass jedes einzelne</p><p>Neuron vom Wesen her ein arbeitsw�tiger� Workaholic �ist. Es gibt Nervenzellen, die nichts anderes tun,</p><p>als die Daten zu registrieren, die von bestimmten K�rperteilen (zum Beispiel einem Finger) eintreffen.</p><p>Doch wenn ein Tier oder ein Mensch den betreffenden Finger verliert, werfen die zugeh�rigen Neuronen</p><p>keineswegs ihre Arbeit hin. Sie satteln vielmehr schlagartig um und helfen beim Entschl�sseln der</p><p>Signale vom benachbarten Finger mit.</p><p>Es ist fast unm�glich, die F�lle an Befunden aus der Gehirnforschung aufzuz�hlen, die mit dem 10-</p><p>Prozent-Mythos unvereinbar sind, konzediert Beyerstein. Wenn der Mythos zutr�fe, m�sste es eine gro�e</p><p>Zahl von Nervenzellen geben, die unter allen Bedingungen reglos sind. Aber genauso, wie der Mensch</p><p>niemals alle Muskeln des K�rpers auf einmal anstrengt, fordert das Gehirn niemals s�mtliche Synapsen</p><p>auf einmal an. Wissenschaftler haben mittlerweile s�mtliche Regionen des Denkapparates mit</p><p>eingepflanzten Elektroden und anderen Detektoren kartographiert.�Bei jeder beliebigen T�tigkeit, so</p><p>beim Essen, Fernsehen, Liebemachen oder bei der Lekt�re dieses Buches strapazieren Sie die eine oder</p><p>andere Hirnregion. Doch im Verlauf eines ganzen Tages werden fr�her oder sp�ter alle Ecken und Winkel</p><p>des Gehirns einmal aktiviert.�</p><p>Wenn weite Teile des Gehirns nur aus leerem Ballast best�nden, m�ssten Hirnverletzungen</p><p>eigentlich in vielen F�llen ohne Folgen bleiben. Es ist zwar zutreffend, dass Gehirne teilweise �ber eine</p><p>erstaunliche F�higkeit zur Kompensation von Verlusten verf�gen, doch Hirnsch�den lassen h�ufig schon</p><p>bei geringf�gigem Umfang schwerwiegende Ausfallerscheinungen zur�ck. Wie tragisch solche St�rungen</p><p>enden k�nnen, hat der Neuropsychologe Oliver Sacks in seinem ersch�tternden Bestseller� Der Mann,</p><p>der seine Frau mit dem Hut verwechselte �aufgezeigt.</p><p>Aus der Sicht der Evolutionslehre ist es v�llig undenkbar, dass die Natur die� Krone der Sch�pfung�</p><p>mit dem unn�tigen Luxus von 90 Prozent� arbeitsscheuer �Hirnmasse ausgestattet hat. Im Kampf ums</p><p>Dasein ist immer Schmalhans K�chenmeister, und der� blinde Uhrmacher �Evolution strebt mit</p><p>gnadenloser H�rte einen �konomischen Einsatz der knappen G�ter an. Das Gehirn zweigt, wie bereits</p><p>erw�hnt, einen unverh�ltnism��ig hohen Anteil der Stoffwechselenergien ab.</p><p>Wenn man den Blick auf den vermeintlich� primitiven �Steinzeitmenschen richtet, kann man leicht</p><p>einer optischen T�uschung erliegen, die dem 10-Prozent-Mythos Z�ndstoff gibt. Wir leben heute in einem</p><p>hochkomplizierten Universum, das enorme Anforderungen an das Lernen und die Verarbeitung von</p><p>Informationen stellt. Jeder Sch�ler verdr�ckt heute Berge von Wissen, die morgen schon wieder veraltet</p><p>sind. Da f�llt es leicht, zu glauben, dass Fred Feuerstein mit einem Zehntel der heute erforderlichen</p><p>Hirnkapazit�t zurande kam. Doch wieder einmal liegt man mit dem ersten Eindruck schief. Bereits bei</p><p>den R�tseln, die unsere Ahnen im Neandertal l�sen mussten, war der hundertprozentige Einsatz der</p><p>�Gr�tze �angesagt.</p><p>Bei den heute noch naturnah lebenden J�ger-und-Sammler-V�lkern kann man sehen, welche</p><p>Vorz�ge m�hsam angeeignetes Wissen im Urzustand birgt. Es erlaubt zum Beispiel einem kompetenten</p><p>J�ger, an einer F�hrte abzulesen, von welchem Tier sie stammt, welches Geschlecht und Alter dies hat, ob</p><p>es allein oder in einer Gruppe war, was es gefressen hat und wie alt die Spur ist. Da das Sammeln dieser</p><p>Expertise viele Jahre w�hrt, reift ein J�ger bei diesen V�lkern erst im Alter von etwa 40 Jahren zu wahrer</p><p>Meisterschaft. Das geht nicht, wenn man 90 Prozent seiner Hirnkapazit�t zum Fenster hinauswirft.</p><p>Wenn weite Teile des Gehirns in einem� Dornr�schenschlaf �l�gen, m�sste schlie�lich ein</p><p>Ph�nomen eintreten, das jeder von seinen Muskeln kennt. Nach dem Motto� Wer rastet, der rostet �bauen</p><p>die Teile, die nicht st�ndig gefordert werden, nach einer Weile ab. Es ist nachgewiesen, dass Neuronen</p><p>diesen Abbauerscheinungen im Vergleich zu� Muckis �noch st�rker unterworfen sind. In der</p><p>vorgeburtlichen Entwicklung wird zum Beispiel ein erheblicher �berschuss an Nervenzellen gebildet.</p><p>Nur die Neuronen, die tats�chlich eine aktive Funktion erf�llen, bleiben von der nachfolgenden</p><p>�S�uberungsaktion �verschont. Wenn das Gehirn also wirklich eine� stille Reserve �h�tte, w�re diese, in</p><p>dem Augenblick, da sie zum ersten Mal gefordert w�rde, l�ngst tot. In diesem Fall m�ssten in den</p><p>Gehirnen Erwachsener schwerste Anzeichen von Degeneration zu finden sein, meint Beyerstein.�Bei der</p><p>Obduktion von Gehirnen normaler Erwachsener hat man jedoch noch nie solche Hinweise entdeckt.�</p><empty-line/><cite><p>1 Dr�sser, Christoph: <emphasis>�Stimmt's�: Der Mensch nutzt nur zehn Prozent seiner Gehirnkapazit�t. </emphasis>In: <emphasis>Die Zeit, </emphasis>Nr. 40/1997.</p><p>2 Beyerstein, Barry L.: <emphasis>Whence cometh the myth that we only use 10�% of our brains? </emphasis>In: Della Sala, Sergio (Hg.): <emphasis>Mind myths. </emphasis>Chichester et al.</p><p>1999.</p><p>3 Radford, Benjamin: <emphasis>The ten percent myth. </emphasis>In: <emphasis>Skeptical Inquirer, </emphasis>March 1999.</p><p>4 Higbee, Kenneth L. /Clay, Samuel L.: <emphasis>College students' beliefs in the ten-percent myth. </emphasis>In: <emphasis>The Journal of psychology, </emphasis>Vol. 132 (5) 1998, S. 469�476.</p></cite></section></section><section><title><p>Seiten verkehrt</p></title><section><title><p>�Die beiden Hemisph�ren des Gehirns beherbergen v�llig unterschiedliche Leistungen�</p></title><p>Mit der linken H�lfte des Kopfes zu denken hei�t, logisch, analytisch und detailorientiert vorzugehen.</p><p>Doch um unsere geistige Zukunft zu sichern, m�ssen wir verst�rkt die rechte Gehirnh�lfte, den Hort der</p><p>intuitiven, kreativen und ganzheitlichen Verstandest�tigkeit bem�hen. Auf dieser popul�ren</p><p>Gegen�berstellung basieren Selbsthilfeb�cher, Therapien, Volkshochschulseminare, Kurse in</p><p>Kinderg�rten und Wirtschaftsunternehmen.�Die meisten Neurobiologen halten diese Vorstellungen f�r</p><p>stark vereinfacht, um nicht zu sagen f�r Unsinn�, s�gt das renommierte Wissenschaftsmagazin� New</p><p>Scientist �an den Pfeilern dieser lieb gewordenen Denkvorstellung.J� Die popul�ren Mythen sind</p><p>Fehlinterpretationen und Wunschvorstellungen, die durch wissenschaftliche Beobachtungen nicht zu</p><p>begr�nden sind�, pflichtet die Biopsychologin Jerre Levy von der Universit�t Chicago bei.<sup>2</sup>�Die meisten</p><p>Interpretationen dieser Zweiteilung gehen nicht nur weit �ber die Tragweite der existierenden</p><p>wissenschaftlichen Daten hinaus�, best�tigt Bruno Preilowski, Professor f�r Physiologische Psychologie</p><p>an der Universit�t T�bingen.<sup>3</sup>�Sie spiegeln eigentlich eher unsere Neigung wider, in Gegensatzpaaren zu</p><p>denken. �Das schwerste Gesch�tz f�hrt der Neurologie-Professor Robert Efron aus San Diego auf � in</p><p>einem Buch mit dem bezeichnenden Titel� Niedergang und Fall der hemisph�rischen Spezialisierung�:<sup>4</sup></p><p>�Der Forschungszweig, der sich mit Leistungsunterschieden zwischen den beiden Hemisph�ren</p><p>besch�ftigt, ist hirntot.�</p><p>Bis zu den sechziger und siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts war sich die Fachwelt einig,</p><p>dass unser in zwei symmetrische H�lften geteiltes Gehirn als einheitliches Ganzes funktioniert. Der Geist,</p><p>hatte der Philosoph Rene Descartes im siebzehnten Jahrhundert verk�ndet, thront in der von der</p><p>Zweiteilung ausgenommenen Zirbeldr�se, und die beiden Hirnh�lften folgen seinem Ratschluss in trauter</p><p>Einhelligkeit. Doch dann fanden der franz�sische Neurologe Paul Broca und der deutsche Nervenarzt</p><p>Paul Wernicke heraus, dass Verletzungen der linken Hemisph�re des Gro�hirns schwere Sprachst�rungen</p><p>nach sich ziehen, die bei vergleichbaren Sch�digungen auf der rechten Seite nicht zu beobachten sind.</p><p>Das Sprachverm�gen wurde nun exklusiv der linken Hirnh�lfte zugewiesen, die rechte Hemisph�re</p><p>galt als sprachlos und stumm. Die Wissenschaftler zogen daraus den �bereilten Schluss, dass die linke</p><p>Hemisph�re nicht nur bei der Sprache, sondern bei allen psychischen Prozessen die dominante sei. Die</p><p>rechte Seite wurde als denkunf�hige Relaisstation heruntergestuft: Da jede Hirnh�lfte mit der</p><p>gegen�berliegenden Seite des K�rpers verbunden ist, war die rechte Hemisph�re nur n�tig, um ihren</p><p>Gegenpol �ber die Vorg�nge auf der linken Seite des K�rpers aufzukl�ren.</p><p>Dann wurden immer mehr F�lle von Hirnverletzten bekannt, die je nach Seite der Sch�digung mit</p><p>unterschiedlichen Ausfallserscheinungen zu k�mpfen hatten. Bei rechtsseitigen Defekten standen</p><p>Schwierigkeiten beim Zeichnen, beim Nachbauen von Mustern mit farbigen Kl�tzen, beim Lesen und</p><p>Anfertigen von Landkarten und einer Reihe weiterer r�umlicher Aufgaben im Vordergrund. Wenn die</p><p>linke H�lfte das Organ der sprachlichen Leistungen ist, schlossen weitsichtige Forscher, dann hat die</p><p>rechte bei den nonverbalen Leistungen die Oberhand. Doch diese Gelehrten blieben Rufer in der W�ste,</p><p>bis der sp�tere Nobelpreistr�ger Roger Sperry in den fr�hen sechziger Jahren des vergangenen</p><p>Jahrhunderts schwere Epilepsien behandelte, indem er bei seinen Patienten den Balkenk�rper</p><p>durchtrennte, der f�r den Informationstransfer zwischen den beiden Hirnh�lften verantwortlich ist.</p><p>Durch ihre teilweise bizarren Symptome sollten diese� Split-Brain-Patienten �weltweite Ber�hmtheit</p><p>erlangen. Einen Gegenstand, der f�r sie unsichtbar in die rechte Hand (linke Hirnh�lfte) gelegt wurde,</p><p>konnten sie leicht benennen, aber Objekte in der linken Hand (rechte Hirnh�lfte) konnten sie weder</p><p>benennen noch beschreiben. Ihre rechte Hirnh�lfte war dem Gegen�ber bei r�umlichen Aufgaben</p><p>�berlegen, doch die linke Seite trumpfte bei sprachlichen und logisch-analytischen Leistungen auf.</p><p>Schlie�lich wurden diese Beobachtungen durch einflussreiche Experimente erg�nzt, die pr�ften, ob die</p><p>jeweilig angesprochenen Hirnh�lften gesunder Menschen einen Geschwindigkeitsvorteil beim</p><p>Identifizieren bestimmter Reize haben. Tats�chlich, so die Erkenntnis, nimmt die rechte Hemisph�re</p><p>schneller Gesichter, das Mienenspiel als Ausdruck von Gef�hlen oder r�umliche Strukturen wahr,</p><p>w�hrend die linke rascher W�rter und sinnlose Silben erkennt. Um 1970 herum war die Vorrangstellung</p><p>der linken Hemisph�re gebrochen. Die gro�e Mehrheit der Forscher schloss sich nun der Anschauung an,</p><p>dass jede Gehirnh�lfte hochspezifische Leistungen erbringt. Die linke wurde als analytisch, logisch,</p><p>sequenziell und verbal, die rechte hingegen als r�umlich, ganzheitlich, intuitiv und kreativ eingesch�tzt.</p><p>Unter dem sp�ten Einfluss der Hippie- und Protestbewegung nahm allm�hlich sogar eine</p><p>�Rechtsverherrlichung �des Gehirns �berhand. Es wurde immer wieder kritisch ge�u�ert, dass unsere</p><p>Gesellschaft mit ihrem Bildungswesen einseitig die trockenen, rationalen F�higkeiten ihrer linken</p><p>�Schokoladenseite �favorisiert. Die rechte Hemisph�re, deren versch�ttete Talente es zu f�rdern gelte,</p><p>wurde zum Hort der unterdr�ckten kreativen und intuitiven Menschlichkeit verkl�rt.�Sie wurde zu einem</p><p>Symbol f�r die kreativen, ausgebeuteten Menschen des Ostens gegen den brutalen westlichen Moloch�,</p><p>rekapituliert der australische Psychologe Michael C. Corballis.<sup>5</sup> Sie bekam die weiche, empfindsame Seite</p><p>der Frau (Ying) zugewiesen, w�hrend man der linken Hirnh�lfte die verabscheuten harten Wesensz�ge</p><p>des Mannes (Yang) zuschrieb.</p><p>Darin steckte �brigens schon ein gro�er Denkfehler, gibt Corballis zu bedenken: Frauen haben</p><p>nachweislich mehr sprachliche Intelligenz als M�nner, und die Sprache� sitzt �doch nun einmal im</p><p>�b�sen �linken Gehirn. Daf�r kommen M�nner besser mit r�umlichen Aufgaben zurecht, obwohl die</p><p>r�umliche Intelligenz in der� guten �rechten Hemisph�re wohnt.</p></section><section><title><p><strong>�Die beiden Gehirnh�lften beherbergen v�llig getrennte Geistesgaben�</strong></p></title><p>Die Beobachtung, dass die beiden Gehirnh�lften unterschiedliche Leistungsschwerpunkte besitzen,</p><p>verleitete viele Wissenschaftler (und erst recht Ratgeberautoren) zu einem gewagten und unzul�ssigen</p><p>Gedankensprung: Demnach setzen unterschiedliche Aktivit�ten und psychische Anforderungen immer nur</p><p>die jeweils� zust�ndige �Hemisph�re in Gang, w�hrend die jeweils ungeforderte Seite des Hirnes blo� in</p><p>einem dumpfen D�mmerzustand dahinvegetiert.�Man k�nnte leicht den Schluss ziehen, dass der Mensch</p><p>in jedem Augenblick seines Lebens gro�e Teile seiner Gehirnkapazit�t verschwendet�, karikiert der</p><p>amerikanische Neurobiologe Brett Blatchley diese primitive Sicht.<sup>6</sup> Wenn der Mensch einer</p><p>�rechtslastigen �Funkhon (zum Beispiel Musikh�ren) nachgeht, w�rde die linke Hemisph�re demnach</p><p>abgeschaltet, wohingegen in der rechten H�lfte beim Lesen dieser (analytischen) Zeilen das Licht</p><p>ausgeht.</p><p>Der Mythos von den zwei unabh�ngigen Gehirnen war jedoch auf eine irrige Voraussetzung</p><p>gegr�ndet, hebt die Psychologin Jerre Levy hervor:�Da jede der H�lften spezialisiert war, m�sse sie wie</p><p>ein v�llig eigenst�ndiges Gehirn funktionieren. Tats�chlich ist jedoch genau das Gegenteil richtig: In dem</p><p>Ma�, wie Hirnregionen differenziert sind, m�ssen sie ihre Aktivit�ten auch aufeinander abstimmen.�</p><p>Den gr��ten Schlag erlitt die Irrlehre von den beiden separaten und unabh�ngigen Gehirnfunktionen,</p><p>als die Forscher in den letzten Jahren begannen, die Aktivit�t in unserem Zentralorgan mit den neuen</p><p>bildgebenden Verfahren wie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und der funktionellen</p><p>Kernspintomographie (fMRI) zu durchleuchten. Diese Methoden liefern farbige Schnittbilder, die mit</p><p>immer h�herer Genauigkeit widerspiegeln, wo sich im Gehirn Aktivit�ten abspielen, wenn der Mensch</p><p>eine bestimmte T�tigkeit vollf�hrt. Mit diesen Sichthilfen haben die Neurobiologen dem Gehirn ihrer</p><p>Probanden bei allen erdenklichen Sinnesleistungen zugeschaut: Beim Sehen und H�ren, beim Verarbeiten</p><p>von Sprache, beim Tr�umen und Schlafen und beim L�sen unz�hliger Denksportaufgaben.</p><p>Das Ergebnis war in allen F�llen gleich: Jede dieser Leistungen belegte stets ziemlich gleichm��ig</p><p>beide Hemisph�ren mit Beschlag.�Die Forschungen mit den neuen bildgebenden Verfahren brachten</p><p>�berw�ltigende Beweise, dass viele unterschiedliche Regionen in beiden Hemisph�ren beansprucht</p><p>werden, wenn wir irgendeine beliebige kognitive Aufgabe erledigen�, fasst der Neurologe Robert Efron</p><p>den Forschungsstand zusammen.�Die Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren haben zeigen k�nnen,</p><p>dass es keine Alltagst�tigkeit gibt, bei der nicht die linke und die rechte Gehirnh�lfte aktiviert sind und</p><p>zusammenarbeiten�, best�tigt Dr. Dietmar Heubrock vom Institut f�r Rehabilitationsforschung der</p><p>Universit�t Bremen.<sup>7</sup>�Es gibt also keine einzige Aktivit�t, bei der nicht innerhalb und zwischen den</p><p>beiden Hemisph�ren unterschiedliche Regionen zusammenarbeiten.�</p><p>�Es gibt mittlerweile eine schweigende Mehrheit von kognitiven Gehirnforschern, die es einfach nicht</p><p>der M�he f�r wert halten, der �ffentlichkeit mitzuteilen, dass der Kaiser keine Kleider tr�gt�, bringt der</p><p>Neurologie-Professor Robert Efron den desolaten Zustand der hemisph�rischen Spezialisierung auf den</p><p>Punkt. Die naiven Vorstellungen �ber die Zweiteilungen unserer Gehirnfunktion kamen zum gr��ten Teil</p><p>durch Fehlinterpretationen der Daten zustande. Die Studien an Patienten mit Hirnverletzungen und</p><p>durchtrenntem Balkenk�rper erbrachten zwar Hinweise auf separate Leistungsschwerpunkte. Doch diese</p><p>vermeintlichen Asymmetrien seien� nicht systemimmanent�, formuliert der Psychologe Preilowski</p><p>elegant. Es seien Artefakte, die nur deshalb auftreten, weil die Verletzung eine nat�rliche Balance</p><p>durcheinander bringt.�Wir haben die Ergebnisse damals zu stark verallgemeinert�, r�umt die</p><p>Biopsychologin Levy ein, die selbst an der fr�hen Splitbrain-Forschung beteiligt war.</p><p>Die Experimente, die Geschwindigkeitsvorteile der beiden Hemisph�ren bei unterschiedlichen</p><p>Aufgaben ans Licht brachten, weisen laut Efron noch gr��ere M�ngel auf: Es gibt heute massive</p><p>Anhaltspunkte, dass diese zeitlichen Differenzen gar nicht im Gehirn entstehen. Sie lassen sich</p><p>vermutlich auf die peripheren Nerven, die Leitungsbahnen von den Sinnesorganen zum Gehirn,</p><p>zur�ckf�hren, die Informationen auf beiden Seiten des K�rpers unterschiedlich schnell transportieren.</p><p>In Wirklichkeit sind die beiden Hemisph�ren einander so �hnlich, dass jede von ihnen nach einer</p><p>chirurgischen Durchtrennung des Balkens erstaunlich gut, wenn auch nicht vollkommen funktionieren</p><p>kann. Unter dem Mikroskop finden sich zwar geringf�gige anatomische Differenzen, die jedoch hinter</p><p>der �berw�ltigenden �bereinstimmung verblassen, stellt der Psychologe Corballis heraus. Wenn man bei</p><p>einem Kind die ganze linke Hemisph�re wegen einer schwerwiegenden Sch�digung entfernt, kann die</p><p>rechte das gesamte Leistungsspektrum der verlorenen� dominanten �H�lfte �bernehmen. Selbst bei den</p><p>hochgradig� linkslastigen �Sprachleistungen sind die Betreffenden sp�ter v�llig unauff�llig.</p><p>Zwar sind speziell sprachliche Funktionen bei normalen Erwachsenen tats�chlich (etwas) st�rker</p><p>seitenspezifisch als andere Leistungen. Das hei�t aber absolut nicht, dass die rechte Hemisph�re bei der</p><p>Sprache keine Rolle spielt, gibt das Magazin� New Scientist �zu bedenken. <sup>1 </sup>�Die Sprache ist auf beiden</p><p>Seiten des Gehirns repr�sentiert, und zwar in den korrespondierenden Regionen. Die Zentren auf der</p><p>linken Seite werden st�rker von den zentralen Aspekten der Sprache wie Grammatik und Wortbildung</p><p>beansprucht, w�hrend die rechte Seite im h�heren Ma�e zur Intonation und zur Satzmelodie beitr�gt.�</p><p>Auch das viel gescholtene logische Denken ist nicht nur auf die linke Hemisph�re beschr�nkt, meint</p><p>Levy.�Patienten mit Verletzungen der rechten Hemisph�re zeigen h�ufiger schwerwiegende St�rungen</p><p>des logischen Denkens als Patienten, deren linke Hemisph�re besch�digt ist. �Manche rechtsseitig</p><p>Verletzte streiten zum Beispiel ab, dass ihnen ihr linker Arm geh�rt. Und sie sind au�erstande, diesen</p><p>Mangel an logischem Denken einzusehen. Umgekehrt gibt es keinen Beweis daf�r, dass Kreativit�t oder</p><p>Intuition exklusive Eigenschaften der rechten Hemisph�re seien.�Tats�chlich sind wahre Kreativit�t und</p><p>Intuition, was immer das beinhalten mag, mit ziemlicher Gewissheit von einem engen Zusammenspiel der</p><p>Hemisph�ren abh�ngig�, versichert Levy.�Was die Geschichte der Forschung beweist�, betont Corballis,</p><p>�ist, dass die mutma�lichen kreativen und intuitiven Talente der rechten Hemisph�re bei weitem nicht</p><p>bewiesen sind und st�rker auf der Macht der Mythen beruhen als auf aussagekr�ftigen wissenschaftlichen</p><p>Befunden.�</p><p>Lovis Corinth, ein bedeutender Maler, stellte nach einer Sch�digung der rechten Hemisph�re weiterhin</p><p>mit gro�er Kunstfertigkeit Bilder her, schildert Levy.�Sein Stil war sogar ausdrucksst�rker und mutiger</p><p>als zuvor.�</p><p>Da beide Hemisph�ren nicht unabh�ngig voneinander arbeiten und jede von ihnen mit ihren speziellen</p><p>Fertigkeiten zu jeder geistigen Aktivit�t beitr�gt, ist es auch v�llig unm�glich, jeweils nur eine H�lfte</p><p>auszubilden und zu kultivieren. In einem Literaturseminar wird die rechte Hirnh�lfte ebenso gefordert</p><p>und trainiert wie die linke, und umgekehrt wird die linke in einem Musik- oder Malkurs nicht weniger</p><p>beansprucht als die rechte.</p></section><section><title><p><strong>�Menschen unterscheiden sich danach, welche Hemisph�re bei ihnen bevorzugt aktiviert wird�</strong></p></title><p>Es ist ein lieb gewordenes Freizeitvergn�gen, Menschen in solche und solche einzuteilen. Auch das</p><p>Fach Psychologie stellt zahlreiche� Schubladen �bereit, in die man seine Mitmenschen stecken kann. Die</p><p>insgesamt eher fragw�rdigen Forschungsarbeiten zur hemisph�rischen Spezialisierung haben eine weitere</p><p>Klassifizierungsm�glichkeit mit sich gebracht. Nach dieser Theorie kann man Menschen in</p><p>�Rechtsdenker �und� Linksdenker �einteilen � je nachdem, mit welcher Hemisph�re die Betreffenden am</p><p>liebsten denken.</p><p>Wer bevorzugt mit seinem linken Gehirn operiert, hat nach dieser Sichtweise �berdurchschnittliche</p><p>sprachliche und analytische F�higkeiten und tut sich allgemein beim L�sen von Problemen hervor,</p><p>skizziert der amerikanische Hirnforscher John T Bruer den Trend.<sup>8</sup> Das weibliche Geschlecht, so r�umen</p><p>jetzt viele Lateralit�tsgl�ubige ein, hat besonders h�ufig einen linken Drall im Hirn. Menschen mit einer</p><p>rechten Schokoladenseite � �berwiegend M�nner � k�nnen besser malen und zeichnen, sind gut in</p><p>Mathematik und kommen insgesamt besser mit r�umlichen Aufgaben als mit sprachlichen zurecht. Die</p><p>Schule, so ein weiterer Glaubenssatz, ist eine �berwiegend linkshirnige Institution. Deshalb f�hlen sich</p><p>M�dchen in dieser Umgebung viel eher pudelwohl.</p><p>Doch in Wirklichkeit wurden die Geschlechtsunterschiede bei den sprachlichen und mathematischen</p><p>Leistungen in der Vergangenheit erheblich �berstrapaziert, kritisiert der Forscher: Im Vergleich zu den</p><p>Gemeinsamkeiten zwischen M�nnern und Frauen fallen die Unterschiede ausgesprochen mager aus. Doch</p><p>in der Lateralit�tsforschung ist es anscheinend �blich, Differenzen zu Gegens�tzen aufzubl�hen.</p><p>Der Glaube, dass Menschen sich allgemein nach dem �bergewicht einer Hirnh�lfte einteilen lassen,</p><p>geht allein auf Wunschdenken zur�ck, meint Levy.�Es gibt keine Belege daf�r, dass Menschen reine</p><p>Linkshemisph�riker oder Rechtshemisph�riker sind. �Nicht einmal die Personen mit den extremsten</p><p>Asymmetrien in der Aktivierung ihrer Hirnh�lften denken nur mit der intensiver aktivierten Hemisph�re.</p><p>�Die Unterschiede in der Aktivierung der Hemisph�ren sind blo� einer von vielen Faktoren, die unsere</p><p>individuelle Art des Denkens beeinflussen.�</p><p>Das h�lt viele Quacksalber aus der Psychoszene nicht davon ab, Tests und diagnostische Verfahren</p><p>anzubieten, die eine Einteilung in� Linksdenker �und� Rechtsdenker �erlauben sollen. Aus der Sicht der</p><p>Forschung sind diese Methoden M�ll. Die Psychologin Jerre Levy hat zum Beispiel mit dem</p><p>Hirnstromwellenmessger�t die Hirnaktivit�t von Versuchspersonen sondiert, die mit den einschl�gigen</p><p>Tests als links- oder rechtsdominant klassifiziert worden waren. Fazit: Die Messergebnisse hatten mit den</p><p>Testresultaten �berhaupt nichts zu tun.</p><p>Der Neurologie-Professor Robert Efron stellt am Ende seiner kritischen Abrechnung mit der</p><p>Lateralit�tsforschung einen Wunsch in den Raum:�Wenn Sie das n�chste Mal einen Zeitungsartikel</p><p>lesen, in dem wieder einmal von einer Spezialisierung einer Hemisph�re die Rede ist, sind bei Ihnen</p><p>hoffentlich beide Hemisph�ren skeptischer geworden.�</p><empty-line/><cite><p>1 �Left brain, right brain�. In: <emphasis>New Scientist, </emphasis>3.7.1999.</p><p>2 Levy, Jerre: <emphasis>Das Gehirn hat keine bessere H�lfte. </emphasis>In: <emphasis>Psychologie heute, </emphasis>Nr. 1/1986, S. 32�37.</p><p>3 Preilowski, Bruno: <emphasis>Rechts ist da, 100 das Gehirn links ist. </emphasis>In: Wehr, Marco / Weinmann, Martin (Hg.): <emphasis>Die Hand � Werkzeug des Geistes.</emphasis></p><p>Spektrum Verlag, Heidelberg/Berlin 1999.</p><p>4 Efron, Robert: <emphasis>The decline and fall of hemispheric specialization. </emphasis>Lawrence Erlbaum Press, Hillsdale 1990.</p><p>5 Corballis, Michael C: <emphasis>Are we in our right minds? </emphasis>In: Della Sala, Sergio (Hg.): <emphasis>Mind Myths. Exploring popular assumptions about the mind</emphasis></p><p><emphasis>and brain. </emphasis>Chichester Verlag, New York et al. 1999.</p><p>6 Blatchley, Brett: <emphasis>Drawing on the right side of the conclusions. What neuroscience really says about the notion of left &amp; right-brained humans.</emphasis></p><p>http://linus.highpoint.edu/~bblatchl/essay/RightBrainLeft.html</p><p>7 �Begabung &amp; Talent II�. http://www.zdf.de/ratgeber/praxis/archiv/nervensystem/16406/index.html</p><p>8 Bruer, John T.: <emphasis>In search of brain based education. </emphasis>http://pdkintl.org/kappan/kbru9905.htm</p></cite></section></section></section><section><title><p>Register</p></title><p><strong>A</strong></p><p>Abh�ngigkeit 53</p><p>Abstinenzregel 55</p><p>Abw�rts-Vergleich, sozialer 195, 245</p><p>Abwehrmechanismus 157, 159, 160, 166,168,169,189,200</p><p>Adoption 73,99</p><p>agenda setting function 126</p><p>Aggression 90,120,121</p><p>Aggressivit�t 73,74,122,217</p><p>Alexithymie 245</p><p>Alkoholismus 52,57,195</p><p>Alkoholiker 47,53</p><p>Alkoholiker, anonyme 53</p><p>Allergie 241</p><p>Alpha-Blockade 272</p><p>Alphawellen 147,148,270,271,273</p><p>Altersregression 164</p><p>Amnesie 282</p><p>Amnesie, infantile 164</p><p>Amygdala 163</p><p>Analgesie 288</p><p>Angstanfall 273</p><p>Angst, �ngste 37,38,40,44, 96,116, 256</p><p>Angstkrankheiten 10</p><p>Angstneurose 24</p><p>Angstst�rung 43,45</p><p>siehe: Phobien</p><p>Anlage 80,82,101</p><p>Anstrengungs-Rechtfertigungs-Effekt 45</p><p>Arthritis 230</p><p>Assoziation, freie 71</p><p>Asthma 194,230,241, 263, 265</p><p>Attribution 53</p><p>Aufmerksamkeit 100,117,147,151,152,204,211,274</p><p>Autist 314</p><p>Autorit�t 78</p><p><strong>B</strong></p><p>Baby 94,102,104</p><p>Balkenk�rper 320, 323, 324</p><p>Belastungsst�rung, posttraumatische 28,162,242</p><p>Bereitschaftspotential 185</p><p>Betarhythmus 148</p><p>Betawellen 147,271, 272</p><p>Bewusstseinszustand 270</p><p>Bindung 73,102</p><p>��Bindungssicherheit 74</p><p>Bioenergetik 37</p><p>Biofeedback 265</p><p>Bluthochdruck 230, 263, 265</p><p>Bobo-Puppe 119,120</p><p>Bumerang-Effekt 53</p><p><strong>c</strong></p><p>Charakter 27, 30, 39, 59, 63, 69, 73, 76, 84, 91, 96,173,175,177,178, 189, 200, 218, 244, 288, 298, 304</p><p>Charakter, analer 178</p><p>Charakter, oraler 177</p><p>Cortisol 239, 241, 242</p><p><strong>D</strong></p><p><strong>Deckerinnerung 175</strong></p><p>Delinquenz 74, 91</p><p>Deltawellen 147</p><p>Demoskopie 131</p><p>Depression 10, 38, 73,96,190,209, 211,215, 227,256,273</p><p>-</p><p>Depressive 210,212, 217</p><p>Desensibilisierung, systematische 11,44</p><p>Designer-Brain-Food 152</p><p>Desynchronisation 147</p><p>Dissonanz 203,204,206</p><p>Dodo 36,37,38</p><p>doppelblind 35, 39, 40</p><p>doublethink 200</p><p>Down-Syndrom 314</p><p>Dritte-Person-Effekt 111,112</p><p><strong>E</strong></p><p><strong>EEG siehe: Elektroenzephalogramm</strong></p><p>Ego, totalit�res 199</p><p>Ehe 85</p><p>-</p><p>Eheprobleme 56</p><p>Einstellung 53,115,116,123�125,</p><p>176, 293, 222,287</p><p>Einzelkind 102</p><p>Elektroenzephalogramm (EEG) 147,149,152,184,249,266, 270,271,272,273,314,326</p><p>Elektroschock 207</p><p>Eltern 54, 58, 60, 69, 70, 72, 75�80,89,91,95-104,118,122,137,138,159,178,179,198,222,253</p><p>EMDR siehe: Eye Movement</p><p>Desensitization and Reprocessing</p><p>Emotion 118</p><p>Endorphin 302</p><p>Engramm 199</p><p>Entspannung 149,150,264�266,274</p><p>-</p><p>Entspannungstechnik 44,143,234, 265, 268</p><p>Entwicklung 140</p><p>Entwicklungsphasen, psycho-sexuelle 157</p><p>Entwicklungsstufen, psychosexuelle 177</p><p>Entwicklungspsychologe 72</p><p>Entwicklungspsychologie 71, 77, 88</p><p>Epilepsie 301,302,320</p><p>Erbanlage 78,79,80, 86,135</p><p>Erbe 85,86,137</p><p>Erbfaktoren 80, 81,87,137,179</p><p>Erblichkeit 80</p><p>Erinnerung 28,59,91,118,130,145, 157,160,162�165,171' 173�177/ 200�202,242, 249,253�256,258, 277,281, 283�286,300,301,303, 309,314, 315</p><p>Erinnerungsfilm 176,285</p><p>Erinnerungskraft 145</p><p>Erinnerungsspur 175</p><p>-</p><p>Erinnerungsverm�gen 151</p><p>Erstgeborene 102,103</p><p>Erwachsene 162,215</p><p>Erwartung 139,140,287</p><p>Erziehung 16,60,69�71,75,76,78,99,100,102,135,138,247</p><p>Erziehungshypothese 76</p><p>Erziehungsstil 76, 77,82</p><p>Erziehungsstilforschung 76, 77, 105</p><p>Evolution 79,106,137,179,190,216,241,316</p><p>Evolutionsbiologie 178</p><p>Evolutionslehre 12,316</p><p>Extraversion 82</p><p>Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) 13</p><p><strong>F</strong></p><p>Fallbeileffekt 130</p><p>Fehlleistungen 157</p><p>Feindseligkeit 232</p><p>Felder, elektromagnetische 302,303</p><p>Feldstudie 120</p><p>Fernsehen, TV 98,109,116,118�131,175,176,298,316</p><p>Fetus 86</p><p>Fixierung, orale 15</p><p>Flieger, yogischer 269</p><p>Fort Bragg Demonstration Projekt 48</p><p>Frauen 47,92,93, 94,98,100,101,123,182,217,223�225,286,300,321,326</p><p>Frequenz-Folge-Reaktion 148,149</p><p>Freud 10,13,15,16,21,26, 29,43,54,56,71,100,157,158,159,167,170,178,179,180,183,199,253, 283</p><p>Freudianer 63</p><p>Freudscher Versprecher 16</p><p>Furchtappelle 115,116</p><p><strong>G</strong></p><p>Gastritis 237,238</p><p>Geburt 73, 83,101,178,179</p><p>Ged�chtnis 118,128,133,143,145, 151,158,161,163,164,171,173, 176,177,199, 200, 241,242,256, 278,283, 285, 297, 303,311</p><p>Ged�chtnis, fotografisches 173, 315</p><p>Ged�chtnisforschung 159,173</p><p>Ged�chtnisinhalt 164, 281,284</p><p>Ged�chtnisleistung 134,144</p><p>Ged�chtnisspur 173</p><p>Gehirn 16,104�106,137,143�149, 152,163,171,174,184�186,190,199, 209,241, 242, 270, 271,282,284,291,294/ 297/ 303�305/ 309�317/ 319-326</p><p>Gehirnaktivit�t 150,284,313</p><p>Gehirnentwicklung 140</p><p>Gehirnforscher 106</p><p>��Gehirnforschung 16,105,146,184,186,309,315</p><p>Gehirnfunktion 141,301,322</p><p>Gehirnh�lfte 148,319, 321, 322,323</p><p>Gehirnkapazit�t 310, 314,322</p><p>Gehirnoperation 186</p><p>Gehirnw�sche 109,116</p><p>Gene 28,79�87,101,137,138,190</p><p>Genitalien 177</p><p>Geschlechtsidentit�t 101</p><p>Geschlechtsrolle 100</p><p>Geschlechtsunterschied 102</p><p>Geschwister 74,78,81,82,89, 102,103</p><p>��Geschwisterreihe 103,104</p><p>Gespr�chspsychotherapie 27, 51</p><p>Gestalttherapie 51</p><p>Gewalt 69,88,90�92,118�121,148, 286</p><p>Gewaltdarstellungen 109,119</p><p>TV-Gewalt 112</p><p>Gewaltfilm 112</p><p>Gewaltfilmkonsum 121</p><p>Glaube an die gerechte Welt 243, 244</p><p>Glutamins�ure 302</p><p>Grammatik 324</p><p>Gro�hirn 320</p><p>��Gro�hirnrinde 105,149,150,302</p><p>Gruppendenken 206</p><p><strong>H</strong></p><p>Habituation 272</p><p>Head Start 135,136</p><p>Heim 73, 74, 84, 89, 90</p><p>��Heimaufenthalt 73,74</p><p>Helicobacter pylori 237,238</p><p>Hemisph�re 143,145, 272, 319-326</p><p>Heroin 33</p><p>Heroins�chtige 33</p><p>Herzinfarkt 201, 230 � 235, 246,291</p><p>Herzstillstand 292, 299, 300</p><p>Hippocampus 163,242,303, 305, 315</p><p>Hirnaktivit�t 326</p><p>Hirnforschung 291,310</p><p>Hirnforscher 264, 274</p><p>Hirnh�lfte 141,320, 321,325, 326</p><p>Hirnkapazit�t 8,309�312,316,317</p><p>Hirnsch�digung 199</p><p>Hirnstr�me 147, 264</p><p>Hirnstromkurven 146,152,184, 270</p><p>Hirnstromwellen 270, 272, 314</p><p>Hirnstromwellenbild 147, 249, 270,314</p><p>Hirnstromwellenmessger�t 264,326</p><p>Hirnstromwellenmuster 280</p><p>Hirnwellen 149</p><p>Hoffnung 34,39</p><p>Homosexualit�t 157</p><p>��Homosexuelle 98, 99,194, 223</p><p>Hormone 101</p><p>Humor 90</p><p>Hypnose 145,160,164,254,258,277-289</p><p>Hypoxie 303,304</p><p><strong>I</strong></p><p>iatrogen 54</p><p>Illusion 11, 15,45, 75, 80,136,180, 184,190,192,194�196,200-202, 207�210,212,243, 244,274,303</p><p>Illusion der gerechten Welt 195,244</p><p>Illusion der Invulnerabilit�t 194</p><p>TV�Illusion 128</p><p>Imitation 122</p><p>Imitationslernen 122</p><p>Immunsystem 31,146, 239,240,241</p><p>Impfnadel-Modell 111</p><p>Implosionstherapie 45</p><p>Impulsivit�t 88</p><p>Indikation 38, 60</p><p>Indoktrination 123</p><p>Induktion 278, 287</p><p>Infarktcharakter 231, 245</p><p>Infarktpers�nlichkeit 195,230, 246</p><p>Infektionskrankheit 239, 240</p><p>Intelligenz 28,84,88,133�138,140,142,151,152,168,193,197, 267,313, 314,321</p><p>��Intelligenz-Quotient (IQ) 87,134�138,192,194</p><p>Internet 119,120,151</p><p>��Internetsucht 59,136</p><p>Intonation 324</p><p>Introspektion 180-182</p><p>Intuition 324</p><p>Inzest 179</p><p>Inzestschranke 179</p><p>Inzucht 178</p><p>IQ siehe: Intelligenz-Quotient</p><p><strong>J</strong></p><p>Junge 96,101,102,118,122,150,176,259</p><p>Jungsche Analyse 37</p><p><strong>K</strong></p><p>Kampagne 116,117,124</p><p>Katharsis 123</p><p>Ketamin 302,303</p><p>Kind, Kinder 41,48,49,69-106,117, 119,120,135�141,162,163,176�179, 215,218,222,241,255, 259, 284,286, 288</p><p>��Kleinkind 159</p><p>Kindesmissbrauch 255,286</p><p>Kindesmisshandlung 91,225</p><p>Kindheit 13, 59,64, 70 � 76,84, 90 � 93,104,105,111,138,164,177,179,180, 246,254,284,286</p><p>��Kindheitserinnerung 58, 61, 93, 256</p><p>Klassentyrann 218</p><p>Koh�renz 269</p><p>Kommunikation 110</p><p>Konditionierung 40</p><p>Konsumentenverhalten 113</p><p>Kontraindikation 38, 60</p><p>Kontrollgruppe 40,42,49,50,239,266,270,272</p><p>Kontrollillusion 195, 209</p><p>Korrelation 121</p><p>Kosten-Nutzen-Analyse 48</p><p>Kosten-Nutzen-Rechnung 113</p><p>Kosten-Nutzen-Verh�ltnis 109</p><p>Krankheiten, psychosomatische 195,245,246</p><p>Kreativit�t 90,146,168,324</p><p>Krebs 35,194,229,235, 238, 244,247</p><p>Krebscharakter 195,234,236, 244-246</p><p>Krebspers�nlichkeit 234,235,245, 247</p><p>Kriminalit�t 70, 269</p><p>Kultivierungsthese 128</p><p>Kummertod 232</p><p>Kunstfehlerprozess 25</p><p><strong>L</strong></p><p>Laie 14, 24, 39, 40, 45 � 47, 64, 70, 75, 123,157, 203, 230, 241, 250, 266, 270, 280, 283, 311</p><p>Langzeitged�chtnis 163</p><p>Langzeitstudie 52,72,93,96,136, 138,152,170,235</p><p>��Langzeitstudie, prospektive 72</p><p>Langzeituntersuchung 305</p><p>Lebensereignisse, belastende 85</p><p>Lebensfilm 293,295,297,303</p><p>Lehranalyse 56</p><p>Lernen 106</p><p>Lerntechnik 143</p><p>Lernverm�gen 146</p><p>Lesben 98,99,101</p><p>Lichtgestalt 292</p><p>L�gendetektor 278,281</p><p><strong>M</strong></p><p>M�dchen 85,100�102,175,250,326</p><p>Magenentz�ndung 237</p><p>Magengeschw�r 237,238</p><p>Magenkrebs 238</p><p>Maharishi-Effekt 269</p><p>Managerkrankheit 231</p><p>Manipulation 110,131</p><p>Mann, M�nner 72, 98,100,101,129,166, 217,233,321,325,326</p><p>Mantra 274</p><p>Marketing 110</p><p>Medien 15,48,60,84,110,112,118,126�131,139,142, 233,242, 279-282</p><p>Massenmedien 16,55,109�111, 123�131,299</p><p>Medienforschung 109</p><p>Medieninhalt 111,112,123,124</p><p>Medienwirkung 110,111,126</p><p>��Medienwirkungsforschung 118</p><p>Meditation 146,263 � 274</p><p>Medium 126,128,129,278,280</p><p>Meinung, �ffentliche 126,127</p><p>MENSA 134</p><p>Metaanalyse 36,37,41,42,46,61,81</p><p>Milgram-Experiment 202</p><p>Milieu 73,81,82,83, 85,89</p><p>��Milieutheorie 73,83,85</p><p>Mind Guards 207</p><p>Minderwertigkeitsgef�hl 225</p><p>Minderwertigkeitskomplex 218</p><p>Mind-Machines 134,145,146,148,149,150,152</p><p>Missbrauch, sexueller 55, 59,163, 164,176,215,254�256,286</p><p>Misshandlung 88,90,91, 215,254</p><p>Mnemotechnik 143</p><p>Morbus Crohn 246</p><p>Mozart 140,142</p><p>Mozart-Effekt 140,141,142,145</p><p>MPS siehe: Multiple Pers�nlichkeitsst�rung</p><p>M�digkeitssymptom, chronisches 28,59</p><p>Multiple Pers�nlichkeitsst�rung (MPS) 249-260</p><p>Multiple Sklerose 246</p><p>Mundpropaganda 55</p><p>Musik 64,106,140�145,158</p><p>Mutter 54,69, 73 � 75,92 � 94,99 -101,162,178,253,254,284</p><p>Mutterbindung 74</p><p>Mutterentbehrung 73</p><p>M�tterlichkeit 92,94</p><p>Mutterschaft 92,94</p><p>Myasthenia gravis 246</p><p><strong>N</strong></p><p>Nachahmung 122</p><p>��Nachahmungstheorie 119</p><p>N�gelkauen 38,289</p><p>Nahtod-Erfahrung/-Erlebnisse (NDE) 291,292,294, 298,299,301-306</p><p>NDE siehe: Nahtod-Erfahrung/-Erlebnisse</p><p>Near-Death-Experience 292</p><p>Nebenwirkungen 51,52,55,152,273</p><p>Nervensystem, vegetatives 231,233</p><p>Nervenzellen 106,147,148,152, 241,242, 297,303,305,309,313�315,317</p><p>Neurobiologie 104</p><p>Neurolinguistische Programmierung 13,26,312</p><p>Neuronen 141,147,148,302, 303,305,309,312�315,317</p><p>Neurotransmitter 152</p><p>Niereninsuffizienz 246</p><p>Nikotinabh�ngigkeit 33</p><p>Nootropika 151,152</p><p><strong>O</strong></p><p>�dipus 178,179</p><p>�dipuskomplex 178</p><p>�ffentlichkeit 9,10,43,45,53, 55, 79,91,109,110,122,126,138,141, 230,238, 242,323</p><p>Out-of-body-Erfahrung 301,304</p><p><strong>P</strong></p><p>Panikerkrankung 43</p><p>��Panikattacke 40,43,44,58</p><p>Parapsychologie 269</p><p>Perioden, kritische 106</p><p>Pers�nlichkeit 28, 56,69,74 � 86,89, 92,98,99,103,104,144,178,190,193, 201,207, 216, 229, 246, 249�260, 277, 279, 304, 305</p><p>Pers�nlichkeit, gespaltene 9, 249, 250,256,259</p><p>Pers�nlichkeit, multiple 63,249-260</p><p>Pers�nlichkeitsabspaltungen 251</p><p>Pers�nlichkeitsmerkmale 73,234, 287</p><p>��Pers�nlichkeitspsychologie 73</p><p>Phase, anale 177,178</p><p>Phase, orale 177</p><p>Phobie 43,44</p><p>Photodriving 149</p><p>Placebo 35,38-42</p><p>Placebo-Effekt 15,35,39�43,50, 151,268</p><p>Placebo-Forschung 41</p><p>Placebo-Wirkung 41,44</p><p>Plastizit�t 106</p><p>Pornographie 111,112,122</p><p>Pornos 112,123</p><p>Posttraumatische Belastungsreaktion/-St�rung (PTSD u. PTSS) 162,242</p><p>Pr�gung 93</p><p>Presse 116,126</p><p>Pressefreiheit 121</p><p>Priming 171</p><p>Projektion 166-168</p><p>Propaganda 109,116,123</p><p>Prophezeiung, sich selbst erf�llende 138,196, 208</p><p>Prozess, ironischer 165</p><p>Pr�gel 69</p><p>Psychoanalyse 13,14,21, 26,37,38,43,51,61, 71,75,157,159,166�168,177,183,189,229,243,253</p><p>��Psychoanalytiker 11, 26, 30,40, 56,71, 91,158,178,180, 252, 253</p><p>Psychoneuroimmunologie 239,240</p><p>Psychopharmakologie 33</p><p>��Psychopharmaka 24,25,209</p><p>Psychose 24, 72,273</p><p>Psychosomatik 61,229 � 247</p><p>Psychosomatiker 230, 236, 237, 243</p><p>psychosomatische Medizin 56, 229, 247</p><p>Psychotherapie 10,11,13,21-65</p><p>Psychotherapie, humanistische 51</p><p>Psychotherapieforscher 27,29,61</p><p>Psychotherapieforschung 22, 23, 63</p><p>Psychotherapeut 11,22,23, 25,26, 31,34,36,39,41,42,45�49, 53, 55�64,95,143,158,159,163,164, 173,198,199,247,277,285</p><p>Psychotherapeutengesetz 45</p><p>PTSD u. PTSS siehe: Posttraumatische Belastungsreaktion/-st�rung</p><p>Pubert�t 101</p><p>Puja 274</p><p>Pygmalion-Effekt 139,140</p><p><strong>R</strong></p><p>randomisiert 38,39</p><p>Rechtfertigung 220</p><p>Regression zur Mitte 32</p><p>Reinlichkeitserziehung 178</p><p>Reklame 113</p><p>Relaxation, progressive 265,266</p><p>Relaxations-Reaktion 264,265</p><p>Repressor 172,198</p><p>Resilienz 88</p><p><strong>S</strong></p><p>Satzmelodie 324</p><p>S�ugling 73,93</p><p>Schamgef�hl 55</p><p>Scheidung 95,96, 98,195,306</p><p>Schizophrenie 10, 24, 25, 69, 73, 250</p><p>Schl�fenlappen 301, 303</p><p>Schmutzkampagne 125</p><p>Schnitt, biografischer 201</p><p>Schuldgef�hl 55</p><p>Schwangerschaft 93, 94, 225</p><p>��Schwangerschaftskomplikation 73</p><p>Schweigespirale 127</p><p>Schwule 99,157,166,167,223</p><p>Scientology-Sekte 309</p><p>Seele, verlorene 199</p><p>Sehrinde 303</p><p>Selbstaufmerksamkeit 212</p><p>Selbstaufmerksamkeit, objektive 211</p><p>Selbstbetrug 12,172,189,203, 209</p><p>Selbstbewusstsein 76,197, 210,217, 219</p><p>��Selbstbewusste 220,227</p><p>Selbsterkenntnis 10, 82,167,180,189,190,191,212</p><p>Selbstheilung 31</p><p>Selbstheilungskr�fte 64</p><p>Selbsthilfe 46</p><p>Selbsthilfegruppe 47,64</p><p>Selbsthypnose 265</p><p>Selbst-Konfrontation, auditive 197</p><p>Selbstmord 57,273</p><p>Selbstt�uschung 110,133,172,189,196-199</p><p>Selbstversenkung 263</p><p>Selbstwahrnehmung 196,209</p><p>Selbstwert 216</p><p>��Selbstwertgef�hl 16,64,193,194,204,209,212,215-227</p><p>Selbstzweifel 218,219</p><p>Smart Drugs 151,152</p><p>Smart Pills 134,150,151</p><p>Sohn, S�hne 95,100,102</p><p>Somatisierung 229</p><p>Somnambulismus 250</p><p>source amnesia 310</p><p>Sozialisationsforschung 76, 78,80,86</p><p>Spezialisierung, hemisph�rische 319,323,325</p><p>Split-Brain-Forschung 323</p><p>Split-Brain-Patient 320</p><p>Spontanheilung 31,32</p><p>Spontanremission 31, 32</p><p>Sprache 320, 324</p><p>Sprachverm�gen 320</p><p>Stereotyp 129,174,198</p><p>Stigma 223,225</p><p>Stirnlappen 315</p><p>St�rungen, psychosomatische 61</p><p>Stress 52, 82,150,197, 229,230, 232,233, 239�242,246, 247,263,264,267,302</p><p>Stresshormon 232,242,268</p><p>Stresskrankheit, posttraumatische 59</p><p>Sublimierung 168,169,170</p><p>Sucht 10,33,57</p><p>��Suchttherapie 32</p><p>Suggestibilit�t 117</p><p>Suggestion 45,143,145,163,174,175, 176, 258,268,271,277�282,288, 289</p><p>��Suggestion, posthypnotische 280,281</p><p>Suggestop�die 143,144</p><p>Suizidversuch 55</p><p>Superlearning 134,143,144,148,149,312</p><p>Sybil 251-254</p><p>Sympathikus 231</p><p>Synapsen 104,105, 242, 291, 316</p><p><strong>T</strong></p><p>Tachistoskop 44,160</p><p>Temperament 75,78</p><p>Testosteron 101</p><p>Thematisierungsfunktion 126,127</p><p>Therapie, provokative 26</p><p>Therapiemotive 59</p><p>Thetawellen 147,149, 272</p><p>TM siehe: Transzendentale Meditation</p><p>Tochter, T�chter 95,100,102</p><p>Tod 73,233,291-306</p><p>Todesn�he-Erfahrung 293</p><p>Trance 263, 272, 278 � 281, 283, 287,288,292</p><p>-</p><p>Trance, hypnotische 280,288</p><p>Transsexualit�t 69</p><p>Transzendentale Meditation 264�269,272, 274,312</p><p>Traum, Tr�ume 71</p><p>Trauma 69, 71, 72, 75, 88, 91, 95, 96,160,162,163,242, 255, 284, 286</p><p>-</p><p>Traumatheorie 71,73,105</p><p>Tunnel 292 � 294,296 � 298, 302 � 304</p><p>Typ A 231, 232</p><p>Typ B 231</p><p><strong>U</strong></p><p>�berbeh�tung 78</p><p>�berf�rsorglichkeit 77</p><p>�bergewicht 56</p><p>Umwelt 78,80�86,105,106,137, 217, 219,302</p><p>-</p><p>Umwelt, geteilte 82,83</p><p>Unbewusstes 13,14,26,40,43,71,157�172, 286</p><p>Unselbstst�ndigkeit 77</p><p>unverwundbar 88,89,90</p><p>Urschmerz 69</p><p>Urschrei-Therapie 52</p><p>Urszene 253, 284</p><p><strong>V</strong></p><p>Vater 54, 74,100,176,178,310</p><p>Verdr�ngung 13,157�165,189,256</p><p>Verdr�ngungstheorie 160,189</p><p>Verf�hrer, geheime 113</p><p>Verhaltensforschung 139</p><p>Verhaltensgenetik 80,81,82,83</p><p>Verhaltensgenetiker 70,87</p><p>Verhaltenstherapie 37,38,40,43,45,51, 235</p><p>Verhaltenstherapie, kognitive 11, 43</p><p>Verhaltenstherapeut 44</p><p>Verleugnung 203</p><p>Vernachl�ssigung 88,91</p><p>Vertr�glichkeit 82</p><p>Verum 39</p><p><strong>W</strong></p><p>Wahlkampagne 124</p><p>Wahlprognose 129,130</p><p>Wahrheit 203,204</p><p>Wahrheitssuche 205</p><p>Wahrnehmungsabwehr 160</p><p>Wahrnehmungsschwelle 117,160</p><p>Warteliste 33, 34</p><p>Warze 289</p><p>Werbung 12,109�117,125,151</p><p>Werbung, subliminale 117</p><p>Werbewirkung 113,117</p><p>Widerstand 25</p><p>Wiederholungszwang 91,92,93</p><p>Wille, freier 184,185</p><p>Wirkungsforschung 109,111</p><p>Wortbildung 324</p><p><strong>Y</strong></p><p>Yoga 272</p><p><strong>Z</strong></p><p>Zehn-Prozent-Mythos 309</p><p>Zehn-Prozent-Theorie 310</p><p>Zen 272</p><p>Zensur 109,112,121</p><p>Zirbeldr�se 320</p><p>Zufall 84,85</p><p>Zwillinge 81,83,85,87,137</p><p>��Zwillingsforschung 83</p><empty-line/><p>3 4 5 6 02 Ol 00</p><p>� Eichborn AG, Frankfurt am Main, August 2000 Lektorat: Ulrich Callenberg Umschlaggestaltung: Christina Hucke Umschlagfoto: �</p><p>Bettmann/Corbis Layout und Satz: Petra Wagner, Hamburg Druck und Bindung: Fuldaer Verlagsagentur, Fulda ISBN 3-8218-1631-7</p><p>Verlagsverzeichnis schickt gern:</p><p>Eichborn Verlag, Kaiserstra�e 66, 60329 Frankfurt am Main</p><p><a l:href="http://www.eichborn.de/">www.eichborn.de</a></p><p><image l:href="#1"/></p></section></body><body name="notes"><title><p>&#x41F;&#x440;&#x438;&#x43C;&#x435;&#x447;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x44F;</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Nuland, Sherwin: Wie wir sterben. Ein Ende in W�rde? Droemer Knaur Verlag, M�nchen 1994.</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p>Horgan, John: Der menschliche Geist. Wie die Wissenschaften versuchen, die Psyche zu verstehen. Luchterhand Verlag, M�nchen 2000.</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p>Abele-Brehm, Andrea: Psychologie in den Medien. In: Psychologische Rundschau, Bd. 41 (1990), S. 37�45.</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p>Grawe, Klaus et al.: Psychotherapie im Wandel. Hogrefe Verlag, G�ttingen et al. 1994.</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p>Hillman, James/Ventura, Michael: We've had a hundred years of psychotherapy and the world's getting worse. Verlag Harper, San Francisco</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p>�Kathedrale auf Treibsand�. In: Der Spiegel, 25/1998.</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p>Corner, Ronald J.: Klinische Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg et al. 1995.</p></section></body><binary id="0" 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