<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Frei,</first-name><last-name>Max</last-name></author><book-title>Die Reise nach Kettari</book-title><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Frei,</first-name><last-name>Max</last-name></author><program-used>calibre 2.15.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>7.2.2015</date><id>145a69e5-3817-45ae-94ec-9160ae618ba9</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2013</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#0"/></p></section><section><empty-line/><p>Max Frei</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Reise nach Kettari</p><p><strong>Das Echo-Labyrinth 2</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Aus dem Russischen �bertragen von Anna Serafin</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>blanvalet</strong></p></section><section><empty-line/><p>Die russische Originalausgabe erschien bei Amphora Publishers, St. Petersburg.</p><p>1. Auflage</p><p>Deutsche Erstver�ffentlichung September 2007 bei Blanvalet,</p><p>einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH,</p><p>M�nchen Copyright � der Originalausgabe 1996, 2003 by Max Frei</p><p>Copyright � der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by</p><p>Verlagsgruppe Random House GmbH, M�nchen</p><p>Umschlaggestaltung: Hilden</p><p>Design, M�nchen</p><p>Umschlagillustration: Eigenarchiv HildenDesign + Getty Images + Daniel Kvasznicza</p><p>Redaktion: Andreas Heckmann UH * Herstellung: Heidrun Nawrot</p><p>Satz: deutsch-t�rkischer fotosatz, Berlin</p><p>Druck und Einband: GGP Media GmbH, P��neck</p><p>Printed in Germany</p><empty-line/><p>ISBN 978-3-442-24465-2</p><empty-line/><p>www.blanvalet.de</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Das Buch</strong></p><empty-line/><p>Seit Max, ein junger Mann von 29 fahren, zuf�llig in die von Geheimwissenschaften und Zauberkunst durchdrungene Welt Echo geraten ist, hat sich sein Leben von Grund auf ge�ndert. Aus dem Tagtr�umer und Nachtschw�rmer ist ein Detektiv der Geheimpolizei geworden, die immer dann eingreifen muss, wenn Magie und Zauberkunst zum puren Eigennutz oder gar verbrecherisch eingesetzt werden. Und da auch das gem�tliche Echo voller Versuchungen ist, kann sich Max �ber Arbeitsmangel nicht beklagen.</p><p>Ob es um einen Meisterkoch geht, der sich in eine Pastete verwandelt hat und nun duftend - aber leider tot - im Schlafzimmer liegt, oder ob Max als Frau verkleidet mit seinem pedantischen Kollegen Sir Sch�rf Lonely-Lokley ins ferne Kettari reisen muss, das - wenn man Ger�chten Glauben schenken will - gar nicht mehr existiert: Immer wird er in unvergleichlich fantastische Abenteuer verwickelt. Und nat�rlich kommt bei alldem auch die Liebe nicht zu kurz - doch in Echo l�uft es selbst in Liebesdingen manchmal anders als erwartet ...</p></section><section><p><strong>Der Autor</strong></p><empty-line/><p>Seit Max Frei 1995 das Licht der Welt erblickte, ranken sich zahlreiche Spekulationen um die wahre Identit�t des Autors. Spuren finden sich �berall im Osten Europas, von Odessa am Schwarzen Meer bis ins litauische Vilnius. Bei der Suche st��t man auf viele interessante literarische Projekte, auch auf eine beliebte Radio-Talkshow, und Werke des K�nstlers Max Frei finden sich sogar in deutschen Museen. Nachdem der erste Band mit den kriminalistisch-fantastischen Abenteuern aus dem mysteri�sen Echo-Labyrinth erschienen war, wurde Max Frei in Russland schlagartig ber�hmt und zu einer regelrechten Kultfigur. Und auch in Deutschland nimmt die Zahl seiner Fans mit jedem Tag zu.</p><empty-line/><p>Von Max Frei bei Blanvalet bereits erschienen:</p><p>Max Frei: Das Echo-Labyrinth 1. Der Fremdling (24413)</p><empty-line/><p>Demn�chst erscheint:</p><p>Max Frei: Das Echo-Labyrinth 3. Die F�chse von Mahagon (24457)</p></section><section><p>Der K�nig von Bandscha</p><p>In meiner alten Heimat feiert man jetzt das neue Jahr. Hier in Echo schaut man eher zur�ck. Auf der Erde hei�t es: �Alles Gute zum Neuen Jahr.� Hier sagen die Leute: �Schon wieder ein Jahr vergangen.�</p><p>Ein, zwei Dutzend Tage vor dem Jahreswechsel wird ihnen bewusst, dass das Leben endlich ist, und sie wollen nachholen, was sie die ganze Zeit aufgeschoben haben. Sie erf�llen Versprechen, die sie sich oder anderen gegeben haben, bezahlen Rechnungen, wie es sich geh�rt, und st�rzen sich freiwillig in alle m�glichen Unannehmlichkeiten, um sich das neue Jahr nicht mit den Resten des alten zu verderben. In Echo beginnt im neuen Jahr angeblich alles von vorn. Jedenfalls ist der letzte Tag des Jahres auf keinen Fall ein Feiertag - eher ein Anlass, alles M�gliche anzufangen und gleich wieder aufzugeben.</p><p>All diese Aufregungen blieben mir erspart. Sir Juffin Halli arbeitete an seinem Jahresbericht. Nachdem er zwei Tage daran gesessen hatte, schob er diese l�stige Pflicht auf die breiten Schultern von Sir Sch�rf Lonely-Lokley. Ich musste nur die Rechnung im Ges�ttigten Skelett begleichen, was genau eine Viertelstunde dauerte. Auch anderswo zahlte ich immer bar. Nicht, dass ich unbedingt gegen den hiesigen Aberglauben versto�en wollte - ich hoffte nur, die Ber�hrung mit dem Metall w�rde meine Liebe tats�chlich abk�hlen. Aber in meinem Fall klappte das einfach nicht.</p><p>Die �brigen Unannehmlichkeiten hingegen blieben mir erspart, und die dumme Angewohnheit, Versprechungen zu machen, betraf mich ohnehin nicht. Also musste ich nur den Rest meines Gehalts bei der Bez�gestelle abholen, wo der Kassierer mit dem Geld so umging, als w�rde es ihm die H�nde ver�tzen.</p><p>Danach musste ich die ersch�pften Mienen meiner Kollegen ertragen, die neidisch ins Gesicht eines ausgeschlafenen Faulenzers schauten. In diesen Tagen war vor allem Sir Melifaro sehr besch�ftigt. Er h�rte sogar auf, Sp��chen zu machen, und hatte zudem anscheinend etwas abgenommen.</p><p>��ber die Arbeit und die �brigen Unannehmlichkeiten schweige ich lieber! Doch ich habe viele Verwandte und Freunde und ein so gutes Herz, dass ich nicht im Stande bin, ihnen abzusagen. Dabei habe ich zu wenig Sorgenfreie Tage, um all meine Versprechungen zu erf�llen. Nur verwaiste Asketen wie du, mein Junge, sind gl�cklich und frei�, sagte Melifaro bitter zu mir. Es war schon nach Mitternacht, vier Tage vor Jahresende. Ich begann gerade planm��ig meine Nachtwache, und Melifaro, der seinen Dienst im Morgengrauen angetreten hatte, ordnete einen Stapel sich selbst beschriftender Tafeln. Auf ihnen waren mindestens drei Jahre alte Verh�rprotokolle und Briefe einer unbekannten Lady Assi verzeichnet. Melifaro schwor bei der Gesundheit seiner Mutter und allen friedlichen Magistern, er habe keine Ahnung, wer das sei. Der Arme kam in mein B�ro geschlichen, um in angenehmer Atmosph�re eine Tasse Kamra zu trinken. Zu Hause warteten achtzehn Verwandte aus den fernsten Ecken des Vereinigten K�nigreichs auf ihn, denn er hatte sie alle irgendwann leichtfertig eingeladen. Ich begriff, dass ich den armen Jungen retten musste.</p><p>�Melde dich per Stummer Rede bei ihnen und behaupte, dass ... na ja, dass zum Beispiel ein Attentat auf den Gro�en Magister Moni Mach vorbereitet wird und niemand au�er dir dieses Verbrechen verhindern kann. Denk dir was aus. Und dann geh zu mir nach Hause und schlaf ein wenig. Ich hab zwar nur vier Badewannen und zwei Katzen, aber man sollte sich f�r das kleinere �bel entscheiden ...�</p><p>Melifaro unterbrach mich. �O Herrscher der endlosen Ebenen! Ab heute geh�rt mein Leben dir, weil du es gerettet hast! Max, du bist ein Genie. Jetzt erkenne ich den Wert der M�nnerfreundschaft.� Melifaro verwandelte sich aus einem Schatten seiner selbst in die vertraute Naturkatastrophe zur�ck und h�pfte sogar leicht auf seinem Stuhl.</p><p>�So ein Quatsch!�, meinte ich ungehalten. �Du kannst bei mir �bernachten, solange du willst. Ich vertrete dich morgen, falls du dich noch nicht erholt hast.�</p><p>�Mich vertreten!? Verzeih, Max, aber das ist unm�glich. Obwohl ... na ja, eigentlich geht das doch ... was soll's? Jedenfalls vielen Dank.�</p><p>�F�r dich tu ich doch alles. Ich bin ein Gewohnheitstier, und wenn ich dich in so einem Zustand sehe, rechne ich mit dem Weltuntergang. Mein Angebot gilt, bis deine Verwandten die Segel streichen.�</p><p>�Das ist �bermorgen. Dann fahren sie auf unser Gut, um meine Eltern zu qu�len, aber das ist zum Gl�ck nicht mehr mein Problem ... S�ndige Magister, Max, ich weine gleich vor R�hrung.�</p><p>�Weinen wirst du morgen, wenn du baden willst. Vergiss nicht, dass ich nur vier kleine Wannen habe!�</p><p>�Willst du ein schreckliches Geheimnis erfahren, Max? Ich habe zwar neun Wannen, beende mein Bad aber normalerweise bereits in der zweiten. Ich bin ein furchtbares Ferkel. Na ja, wie auch immer - ich leg mich jetzt hin. Schlaf ist alles, was ich brauche.�</p><p>Ich blieb mit dem d�senden Kurusch zur�ck und war �ber meine Gro�z�gigkeit selbst frappiert.</p><p>Nach einer Stunde musste ich den klugen Vogel allein lassen und zu einem Wirtshaus am Rande der Altstadt eilen. Es hatte den bizarren Namen Kukonins Grab. Von dort hatte Sir Kofa Joch mich per Stummer Rede um Hilfe gerufen.</p><p>Die Sache war kaum ernst zu nehmen und schien mir eher ein �Vorfestliches Feuerwerk� zu sein. Ein gewisser Herr Ploss - Stammgast im Giab - stand vor der unangenehmen Aufgabe, seine Schulden bezahlen zu m�ssen. F�r das ganze Jahr nat�rlich. Und selbstverst�ndlich hatte er kein Geld bei sich. Herr Ploss h�tte nur den n�chsten Tag abwarten m�ssen, um sein Gehalt zu bekommen und die Schulden abzubezahlen.</p><p>Wenn er dies dem Wirt sofort gesagt h�tte, w�re alles in Ordnung gewesen, denn in Echo sind die Leute friedlich und verst�ndnisvoll. Aber der Mann hatte viel getrunken, war �berm�tig geworden und wollte sparen. Vermutlich war es ihm unangenehm, vor seinen Nachbarn �ber das Stunden seiner Schulden zu sprechen.</p><p>Herr Ploss hatte sich f�r einen riskanten Zaubertrick entschieden, der Magie zw�lften Grades erforderte, also verboten war. Er hatte den armen Wirt zu denken gezwungen, all seine Rechnungen seien bereits beglichen. Der betrogene Wirt hatte sogar begonnen, sich f�r seine Zerstreutheit zu entschuldigen, und sie mit der Arbeits�berlastung am Jahresende erkl�rt. Gro�z�gig hatte der Gauner ihm verziehen.</p><p>Dieser Streich h�tte in der besonderen Atmosph�re am Jahresende gl�cken k�nnen, h�tte nicht ein b�ser Wind Sir Kofa Joch in Kukonins Grab geweht. Unser Meister des Verh�rs hat das seltsame Talent, dort aufzutauchen, wo er den Menschen das Leben am wirksamsten verderben kann. Der Magieanzeiger in seiner kleinen Tabakdose meldete ihm gleich, dass jemand verbotene Magie angewendet hatte. Den Zauber zu finden, war nur noch eine Frage der Technik.</p><p>Als der ungl�ckliche Herr Ploss begriffen hatte, dass sein harmloses Spielchen und seine Sparwut ihn vierzig Jahre im Cholomi-Gef�ngnis kosten konnten, dachte er, er habe ohnehin nichts mehr zu verlieren. Schnell kippte er noch ein Glas Dschubatinischen S�ufer und beschloss, bis zum letzten Blutstropfen zu k�mpfen und keinesfalls aufzugeben. Bis heute frage ich mich, ob Tapferkeit oder Dummheit sein Verhalten bestimmte. Jedenfalls verschwand er in der Toilette und erpresste die Anwesenden von dort aus mit der Behauptung, er kenne sich gut genug in esoterischen Dingen aus, um sie alle in Schweine verwandeln zu k�nnen und f�r schweres Geld an ein benachbartes Wirtshaus zu verkaufen.</p><p>Die Anwesenden glaubten ihm, und der Wirt begann, Sir Kofa anzuflehen, seine Familie nicht vor Jahresende zugrunde zu richten. Daraufhin und nach zahlreichen Bitten der G�ste hatte Sir Kofa Joch sich per Stummer Rede bei mir gemeldet. Unser Meister des Verh�rs konnte mit mindestens einem Dutzend solcher Zauberamateure wie Ploss fertig werden, nicht aber mit einer flehenden Menge.</p><p>Ich h�llte mich in meinen schwarzgoldenen Todesmantel, schnitt eine dazu passende furchtbare Grimasse und machte mich auf den Weg in das unheilschwangere Lokal. Die Gl�ckchen an meinen Schuhen l�uteten ein mir aus der Heimat bekanntes Lied, und wider Willen musste ich l�cheln und mit den Augen zwinkern. Ich war nicht der Tod im k�niglichen Dienst, sondern eher ein Opfer der vorfestlichen Stimmung. Aber der Wirt von Kukonins Grab seufzte sichtbar erleichtert. Seine Mitarbeiter sahen mich an, wie halbw�chsige Jungen Arnold Schwarzenegger anschauen m�gen. Was ein guter Ruf alles bewirken kann!</p><p>Ich blieb auf der Treppe zur Toilette stehen und meldete mich per Stummer Rede bei dem ungl�cklichen Verbrecher: �Ich bin's, mein Junge - Sir Max. Komm lieber freiwillig raus, ehe ich anfange, mich zu �rgern. Provozier den Tod lieber nicht. In Cholomi wirst du fantastisch bekocht.�</p><p>Es funktionierte. Zu meinem Erstaunen kam Herr Ploss aus seinem Versteck. Er war so erschrocken, dass Sir Kofa und ich ihn beruhigen mussten. Danach ruinierte ich mich sogar noch, indem ich ihm ein Glas Dschubatinischen S�ufer spendierte. Es mag seltsam klingen, doch er hat mir viel Vergn�gen bereitet. Ich glaube, der Wirt von Kukonins Grab bewahrt noch immer die M�nze auf, die ich ihm damals gegeben habe, und ist �berzeugt, sie sei sein st�rkstes Amulett.</p><p>Schlie�lich trafen die von Sir Kofa Joch gerufenen Beamten des Cholomi-Gef�ngnisses ein. Wir �bergaben ihnen unsere Beute, die sich inzwischen in hoffnungslosem D�mmerzustand befand. Zum ersten Mal sah ich, wie jemand verhaftet wurde. Auch das verschaffte mir wieder neue Eindr�cke.</p><p>Einer der Ank�mmlinge - der Vollzugsmeister vom Dienst - hielt dem Verhafteten einen kleinen, aber deutlich sichtbaren Stab �ber den Kopf. Ich f�rchtete schon, er werde den Armen umbringen, doch es kam anders. Vor meinen Augen ereignete sich Magie, keine platte Urteilsvollstreckung. Der Stab ber�hrte den Kopf des Verbrechers, und kurzzeitig erschien in der Luft eine flammende 21. Diesen Grad an Magie hatte auch schon Sir Kofa Joch ermittelt.</p><p>Im Licht der Flamme schwebte ein schwerer Band des Chrember-Gesetzbuchs mit schneewei�em Schutzumschlag. Kaum waren Kofa und ich sowie der Wirt und drei K�chenhilfen vor dieser Bibel des Vereinigten K�nigreichs auf die Knie gefallen, erblickten wir ein �berdimensioniertes Feuerwerk. Normalerweise reicht daf�r ein einziger Zuschauer, doch wenn es mehrere gibt, neigen die Mitarbeiter der Abteilung Schnelle Vollstreckung zur �bertreibung. Viele Zuschauer gelten dem Chef als Zeichen f�r den Diensteifer seiner Vollstrecker. Ein �blicher Reflex im Beamtenmilieu.</p><p>Der arme Ploss, der nach der ganzen Prozedur sichtbar verwirrt war, wurde abgef�hrt. Ich freute mich sehr, Sir Kofa wiederzusehen, und h�tte diesen Augenblick gern verl�ngert, aber ...</p><p>�Am Jahresende gibt es immer viel zu tun, Sir Max�, antwortete unser Meister des Verh�rs auf meinen leichthin ge�u�erten Vorschlag, zusammen ins Haus an der Br�cke zu gehen und dort bei einer Tasse Kamra ausgiebig zu plaudern. �Irgendwas sagt mir: -Geh in die Trunkene Flasche, Kofa�, und so einer Stimme darf ich mich nicht widersetzen.�</p><p>�Alles klar, Sir Kofa, gehen Sie ruhig. Was kann ich schon gegen Ihre innere Stimme ausrichten? Aber vielen Dank, dass Sie mich - den Alptraum - nicht vergessen haben. Warum lachen Sie? Ich spreche nur von dem Eindruck, den ich bei meiner Ankunft erweckt habe.�</p><p>�Was reden Sie denn da, Max! Das war h�bsch gruselig. Wie in den guten alten Zeiten. Vor Freude w�re ich beinahe in Tr�nen ausgebrochen.�</p><p>Ich kehrte ins Haus an der Br�cke zur�ck.</p><p>Nach einer Stunde meldete sich Kofa Joch bei mir: �Sir Max, ich hatte Recht. Es wurde schon wieder Magie eingesetzt, diesmal siebten Grades. Eine Lady hat versucht, eine Ein-Kronen-M�nze als Ein-Dutzend-Kronen-M�nze auszugeben. Auch sie wollte also die Bilanz des fast vergangenen Jahres frisieren. Ich gehe mich jetzt ein bisschen im Buckligen Itulo vergn�gen. Mein Herz sp�rt, dass es dort wom�glich hoch hergeht.�</p><p>Ich staunte.</p><p>�Das ist doch der vornehmste Schuppen von Echo. Da gehen doch nur die anst�ndigsten Vielfra�e hin, die nicht mehr wissen, wo sie ihr Geld sonst lassen k�nnen. Meinen Sie, die besch�ftigen sich auch mit krummen Sachen?�</p><p>�Jahreswechsel ist Jahreswechsel, Sir Max. Halten Sie sich auf alle F�lle bereit. Ende.�</p><p>Alle Geheimagenten hatten das dumme �Ende� �bernommen und die Stumme Rede dadurch in ein Pseudo-Walkie-Talkie-Gespr�ch verwandelt.</p><p>An diesem Abend brauchte Sir Kofa meine Hilfe nicht mehr. Das bedeutete allerdings nicht, dass die Bewohner von Echo zur Vernunft gekommen waren. Sie trieben blo� bei ihrer Verhaftung keinen Unfug mehr und konnten daher hoffen, dass die ganze Sache straflos und mit einer strengen Verwarnung enden w�rde.</p><p>Juffin erschien schon vor Tagesanbruch und nur auf einen Sprung im B�ro. Er trank nicht mal eine Tasse Kamra, und das war so ungew�hnlich wie ein Weltuntergang. Er nahm viele Pakete aus der Schublade, raunte mir zu, er drehe bald durch, und verschwand mit einer Geschwindigkeit, von der nicht mal Melifaro in seinen besten Tagen h�tte tr�umen k�nnen.</p><p>Dann erschien Lady Melamori und beklagte sich schon auf der T�rschwelle �ber ihr Leben.</p><p>�Max, Sie k�nnen sich nicht vorstellen ...�, begann sie und stockte. Die Arme hatte weiter ein Problem damit, ob sie mich duzen oder siezen sollte. �Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlimm es ist, eine gro�e Familie zu haben.�</p><p>�Nat�rlich kann ich das�, seufzte ich. �Im Moment d�st bei mir ein ungl�ckliches Opfer famili�rer Verstrickungen. Viele seiner Verwandten glauben n�mlich, er rettet gerade das Vereinigte K�nigreich.�</p><p>�Du meinst Melifaro? Dieser Gl�ckspilz! Bei mir sieht es schlimmer aus. Meine Familie hat Macht genug, mich vom Dienst zu befreien, wenn meine Abwesenheit bei Familientreffen unangenehm auff�llt. In so einem Fall kann mir niemand helfen. Nur gut, dass das Jahr bald zu Ende geht.�</p><p>�Nimm dir eine Tasse Kamra�, schlug ich vor. �Und bleib ein halbes St�ndchen bei mir. Das wird zwar nicht das spannendste Abenteuer deines Lebens, aber du kannst dich immerhin erholen. Und vielleicht hast du ja noch Energie genug, dich zu k�mmen.�</p><p>Melamori musterte ihr verzerrtes Spiegelbild auf der Au�enwand ihrer Tasse.</p><p>�Wie peinlich! Du hast Recht, Max. Eine halbe Stunde normales Leben wird mir nicht schaden.� Sie zog den kleinen lila Turban ab und begann, ihre zerzausten Haare zu k�mmen. �Das dauert nicht mehr lange. In ein paar Tagen ist alles vorbei.�</p><p>�Ich schlage vor, deine Stimmung durch einen Spaziergang zu bessern.� Ich hatte beschlossen, etwas Aufdringlichkeit k�nnte nicht schaden. �Belebte Pl�tze, beleuchtete Stra�en und keine Gefahr.�</p><p>�Das muss nicht sein�, sagte Melamori und l�chelte unerwartet. �Ich meine, die belebten Pl�tze m�ssen nicht sein. Wer k�nnte mich schon vor Sir Max retten, vor dem ganz Echo zittert? Doch nicht die Mitarbeiter von General Bubuta Boch? Aber ich finde es eine Unsitte, am Jahresende Versprechungen zu machen. Darum tu ich das nicht. Doch das neue Jahr kommt bestimmt.�</p><p>�Alles klar. N�chstes Jahr werde auch ich den verschiedensten Leuten m�glichst viel versprechen. Dann werde ich mich zum Jahresende nicht mehr wie der Insasse einer Irrenanstalt f�hlen, sondern wie alle anderen sein.�</p><p>�Vielen Dank f�r die Kamra, Max. Jetzt muss ich gehen. Meine Eltern haben ein gutes Wort eingelegt, damit ich drei Sorgenfreie Tage bekomme. Sorgenfrei sollen sie sein, aber trotzdem allt�glich. Und wenn sie erfahren, dass ich hierhergekommen bin, nur um Ihnen ... also dir Guten Tag zu sagen, statt meinen Sohnespflichten zu gen�gen ...�</p><p>�Tochterpflichten�, korrigierte ich sie.</p><p>�Was? Nein, nein, ich meine tats�chlich Sohnespflichten. Mein Vater Korwa Blinn hat sich unbedingt einen Sohn gew�nscht und ist bis heute davon �berzeugt, dass ich nur aus Dickk�pfigkeit ein M�dchen geworden bin. Irgendwann werde ich in deine wilden L�nder fliehen - das schw�re ich dir.�</p><p>Lady Melamori zog eine finstere Miene, machte eine wegwerfende Geste und verlie� mein B�ro und das Haus an der Br�cke.</p><p>Ich g�hnte - mehr aus Zerstreutheit als vor M�digkeit. Anscheinend wurde die Welt langsam zur H�lle.</p><p>Nicht mal der unersch�tterliche Sir Lonely-Lokley verweigerte sich einer Tasse Kamra. Zwar war die Arbeit am Jahresbericht, die ihm Juffin aufgeladen hatte, f�r Sch�rf eine reine Freude, weil sie seinem b�rokratischen Naturell entsprach, doch auch bei ihm zu Hause warteten eine Menge Probleme, die sich im Lauf der Zeit angesammelt hatten. Und jeder Mensch muss schlafen - selbst Lonely-Lokley! Deshalb sah er alles andere als blendend aus. Zum ersten Mal bemerkte ich auf seinem leidenschaftslosen Gesicht einen menschlichen Ausdruck, der zeigte, dass auch er ziemlich angegriffen war.</p><p>Pedantisch trank er meine Kamra Tasse f�r Tasse aus und begann dann mit dem letzten Teil des Jahresberichts.</p><p>Ich war allerdings nicht der einzige normale Mensch in diesem Chaos. Das Leben von Sir Lukfi Penz zum Beispiel, unserem Obersten Wissensh�ter, wies keine besonderen Ver�nderungen auf. Kurz vor Mittag erschien er bei mir, um zu plaudern. Na, wenn der f�r so was Zeit hat, muss mit ihm wohl alles in Ordnung sein, dachte ich.</p><p>��Offenbar sind Sie weder mit Versprechungen noch mit Schulden oder einer Familie belastet�, sagte ich und blickte vergn�gt in sein lebensfrohes, jungenhaftes Gesicht.</p><p>�Wie kommen Sie denn darauf?�, fragte Lukfi frappiert.</p><p>�Weil Sie der Einzige sind, in dessen Miene der Jahreswechsel keine Erm�dungsspuren hinterlassen hat.�</p><p>�Wieso? Geht das Jahr denn schon zu Ende?�</p><p>�In drei Tagen�, best�tigte ich.</p><p>�S�ndige Magister! Das hab ich ja total vergessen! Ich muss rasch mit Warischa reden. Vielleicht soll ich noch etwas tun. Vielen Dank, dass Sie mich daran erinnert haben, Sir Max.�</p><p>Lukfi sprang Hals �ber Kopf aus dem Arbeitszimmer und kippte dabei Tasse und Stuhl um. Die Kamra kroch �ber den gr�nen Teppich und schuf dabei ein merkw�rdiges Muster. Ich konnte nur die Achseln zucken und einen Diener rufen.</p><p>Nach dem Mittagessen wurde ich m�de und �rgerte mich langsam dar�ber, wie lange Melifaro sich bei mir ausschlief. Nat�rlich liebe ich es, Menschenleben zu retten, aber ab und zu brauche auch ich eine Pause.</p><p>Melifaro tauchte auf, ehe ich meinen gewaltigen Vorrat an Schimpfworten ersch�pft hatte, und sah so gesund aus, dass ich mich wie ein Heiliger f�hlte. Das war doch angenehmer, als die Bewohner von Echo mit dem Todesmantel zu ver�ngstigen.</p><p>�Gelobt sei das Nachtantlitz, das so s��e Tr�ume schenkt!�, rief Melifaro schon auf der T�rschwelle.</p><p>Er h�tte seine Tirade ins Unendliche verl�ngern k�nnen - es w�re mir gleich gewesen.</p><p>�Ich geh mir jetzt selbst s��e Tr�ume spendieren. Und wehe, mich st�rt jemand dabei! Dann spucke ich - das sollen alle wissen!�, rief ich laut und stieg in mein A-Mobil. Ein zehnmin�tiger Spaziergang erschien mir in meinem Zustand keine besonders gute Idee. Ich war so bettschwer, dass ich mich schon im Auto auszuziehen begann. Aber wen h�tte das am Jahresende noch in Erstaunen versetzen k�nnen.</p><p>Die n�chsten Tage verliefen �hnlich, und die allgemeine Unruhe wuchs immer mehr. Am Morgen vor Neujahr aber merkte ich, dass sie nachlie�.</p><p>Sir Juffin Halli erschien zur gewohnten Zeit, setzte sich hin und schwieg ungew�hnlich lange.</p><p>�Hast du noch immer nicht gelernt, Kamra zu kochen?�, fragte er mich pl�tzlich.</p><p>�Dazu habe ich einfach kein Talent. Erinnern Sie sich noch an meine ersten Versuche? Das Ergebnis war so furchtbar, dass ich mich entschieden habe, es nicht weiter zu probieren.�</p><p>�Aber jetzt bring ich es dir bei! Es bereitet mir n�mlich ein schlechtes Gewissen, jemanden in eine fremde, unbekannte Welt gelockt und ihm ein neues Leben verschafft zu haben, ohne ihm die wichtigsten Dinge beizubringen.�</p><p>Ich war so erstaunt �ber sein Angebot, dass ich das Risiko einging, Ja zu sagen. Also zauberten wir �ber einer winzigen Kochplatte auf Sir Juffins gro�em Herd. Unser Erzeugnis schmeckte einigerma�en, konnte sich aber nat�rlich nicht mit den K�stlichkeiten aus dem Fressfass messen. Nach dieser Kostprobe bekam ich Lust, es allein zu wiederholen.</p><p>�Zum Teufel, Max�, brummte Juffin, als er mein Werk probierte. �Du wirst es nie lernen. Du bist ein hoffnungsloser Fall.�</p><p>�Ich bin ein Zugereister�, meldete ich trotzig. �Ein Barbar, ein Wilder, ein Flegel. Ich verdiene Mitleid, keine Kritik. Wenn Sie mir gleich gesagt h�tten, dass Sie einen Koch brauchen, h�tte ich sofort erkl�rt, dass Sie sich den Falschen ausgesucht haben.�</p><p>�Unwissenheit ist keine S�nde�, sagte Juffin seufzend. �Aber ich begreife trotzdem nicht, warum es bei dir nicht klappt. Du hast mit leichter Hand viel schwierigere Probleme gel�st.�</p><p>�Zu allem braucht man Talent�, antwortete ich entschieden. �Und f�rs Kochen hab ich offenbar keins. Ihr Gl�ck, Juffin, dass Sie mein R�hrei nie probieren mussten. Von anderen Speisen ganz zu schweigen. Butterbrote sind das �u�erste, was mir gelingt.�</p><p>�Das ist ja furchtbar! Na gut, gehen wir ins Fressfass. Sollte inzwischen jemand kommen, wird Kurusch das schon erledigen. Stimmt's, mein kluger Vogel?�, fragte Juffin und streichelte die weichen Federn des Buriwuchs.</p><p>Kurusch schien sehr zufrieden.</p><p>Nat�rlich blieben wir l�nger im Fressfass. Nach zwei Tassen Kamra nahmen wir ein langes, s�ttigendes Fr�hst�ck zu uns, das mich davon �berzeugte, der vorfestliche Alptraum geh�re der Vergangenheit an.</p><p>�Glaub nicht, dass du gleich nach Hause gehen kannst, Max�, ermahnte mich Juffin. �Mittags findet das feierliche Verteilen der Geschenke des K�nigs statt. Soviel ich wei�, ist auch f�r dich eine Kleinigkeit vorgesehen.�</p><p>�Kann mir Sir Kumba Kurmak mein Geschenk nicht vorab geben?�</p><p>�Wie kommst du denn darauf? Nat�rlich nicht!�</p><p>�Ich hab zwar nichts gegen ein Geschenk, aber ich habe zwei Tage lang Melifaros Schlaf gerettet, und das Einzige, wovon ich jetzt tr�ume, ist mein Bett.�</p><p>�Das wirst du schon noch aushalten. Nicht schmollen, Max. Ich habe f�r dich etwas richtig H�bsches arrangiert. Und jetzt trink noch was.�</p><p>Juffin stellte mir eine gro�e, bauchige Keramikflasche hin, die auf einen �ppigen Inhalt schlie�en lie�.</p><p>�Das ist doch ...�</p><p>�Leise, leise - ja, das ist es�, fl�sterte Juffin, und sein L�cheln zeigte, dass ich ein wenig Kachar-Balsam bekommen w�rde - das s��este Erzeugnis der Verbotenen Magie und das einzige Mittel, mein Wohlbefinden in jeder Lage zur�ckkehren zu lassen. In meiner damaligen Verfassung kam es wie gerufen.</p><p>�Da klopft mir doch jemand auf den R�cken�, meinte ich pl�tzlich. �Ist vielleicht Sir Kofa in der N�he?�</p><p>�Wer sonst?�, murmelte ein �lterer Herr mit langer Nase, der sich gerade am Nachbartisch niederlie�.</p><p>Na bitte - Sir Kofa Joch h�chstpers�nlich, wie immer, aber in fremder Gestalt, die konspirativen Zwecken diente.</p><p>�Gerade wollte ich Sie verhaften, meine Herrschaften. Aber eventuell nehme ich auch Bakschisch von Ihnen, Max. Denn anders als Sie habe ich in den letzten vierzig Stunden kein Auge zugetan. Na ja, so gut wie kein Auge ... Zu den s�ndigen Magistern mit den letzten Tagen des Jahres!�</p><p>Mit Feuereifer �ffnete ich die Flasche.</p><p>�Ihr seid ja au�er Rand und Band, Kinder�, meinte Juffin l�chelnd. �Magie achten Grades an einem �ffentlich zug�nglichen Ort? Das ist Amtsmissbrauch!�</p><p>�Na sch�n, Juffin. Wenn Sie wollen, zeigen Max und ich uns an ... und Sie nat�rlich auch. Dann werden wir ja sehen, wie Sie damit umgehen.�</p><p>Schon lange hatte ich Sir Kofa Joch nicht mehr so ausgelassen erlebt. Er wirkte so verj�ngt, als w�re er noch nicht mal geboren.</p><p>Am Mittag landeten wir in der Kanzlei f�r Auszeichnungen und Stipendien, wo sich schon andere Preisw�rdige versammelt hatten. Noch nie hab ich so viele Geheimagenten auf einem Haufen gesehen, dachte ich und konnte mir ein L�cheln kaum verkneifen. Gl�cklicherweise wollte es die Ironie des Schicksals, dass ich gegen das Zeremoniell versto�en durfte, da ich den Todesmantel trug. Auch im Haus an der Br�cke konnte ich mir vieles herausnehmen, und weder die zitternden Mitarbeiter von General Bubuta Boch noch ihr Chef, der unter seiner Wichtigkeit schnaufte, durften mir etwas befehlen.</p><p>Heute aber wirkte Bubuta geistesabwesend. Mir fiel auf, seine langen und lauten Monologe seit Tagen nicht geh�rt zu haben. Auch ihn nahm sicher die schweifende Unruhe des Jahreswechsels in Beschlag.</p><p>Schlie�lich gab mir der dicke und sympathische Sir Kumba vorab die K�nigliche Schatulle, und ich konnte nach Hause gehen. Meine Portion Kachar-Balsam im Fressfass war - da man solche K�stlichkeiten f�r bessere Anl�sse aufbewahren sollte - rein symbolisch gewesen und hatte darum l�ngst aufgeh�rt zu wirken. Daheim warteten meine Katzen auf mich, die die Bekanntschaft mit Melifaro gewiss ersch�ttert hatte. Meine Tiere verdienten jetzt Zuwendung und Trost.</p><p>�Max�, erreichte mich Juffins Stimme auf der T�rschwelle. Ich drehte mich um.</p><p>�Was gibt's denn noch?�</p><p>�Du hast noch ein Versprechen zu erf�llen. Es ist besser, so was bis zum Jahresende zu erledigen.�</p><p>�Was f�r ein Versprechen denn?�</p><p>�Als du letztes Mal bei mir zu Besuch warst, hast du dem Hund Chuf versprochen, ihn bald zu besuchen.�</p><p>�Ist das eine Einladung?�</p><p>�Eine Vorladung ist das. Und wenn du meiner Gegenwart noch nicht �berdr�ssig sein solltest, nimm zur Kenntnis, dass ich bei Sonnenuntergang nach Hause komme und keine Minute sp�ter. Ich glaube nicht, dass heute irgendwer im B�ro bleiben muss. Bis Mitternacht jedenfalls schafft Kurusch sicher alles allein.�</p><p>�Vielen Dank. Nat�rlich besuche ich Sie gern und esse alles, was auf den Tisch kommt. Danach lande ich bestimmt auf dem Friedhof.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht. Na gut, geh dich ein wenig erholen.�</p><p>Armstrong und Ella begr��ten mich mit unzufriedenem Miauen. In den letzten Tagen hatten sie ihr Fr�hst�ck sp�ter bekommen als sonst, was an Melifaros Anwesenheit lag, und die Katzen mochten diese Ver�nderung gar nicht.</p><p>�Meine Wollkn�uel�, fl�sterte ich den beiden sanft zu, w�hrend ich ihre Fressn�pfe f�llte. �Das alles ist f�r euch. Jetzt beginnt wieder das normale Leben.�</p><p>Meine Neugier war st�rker als meine M�digkeit. Also �ffnete ich vor dem Einschlafen die Schatulle des K�nigs. Vor nicht allzu langer Zeit war es noch schwierig f�r mich gewesen, eine �hnliche Schachtel zu �ffnen, doch jetzt ging es beinahe automatisch. Ich hatte also schon Magie vierten Grades erlernt ... und noch weit mehr.</p><p>Diesmal bekam ich etwas sehr H�bsches: eine nicht besonders gro�e Medaille aus wei�em Stahl. Dieses Metall hat in Echo, das nicht gerade reich an Bodensch�tzen ist, gro�en Wert. Auf der Medaille war ein dickes, wildes, allem Anschein nach sympathisches Tier dargestellt. Nachdem ich mir das Ganze n�her angeschaut hatte, begriff ich, dass der unbekannte K�nstler meinen Armstrong oder meine Ella - der Unterschied war schlie�lich nicht allzu gro� - nach seiner Vorstellung abzubilden versucht hatte.</p><p>Drei Stunden Schlaf reichten dicke. Ein Tropfen Kachar-Balsam wirkte offenbar wahre Wunder. Aus Spa� an der Freud machte ich alsdann im ganzen Haus Ordnung, pflegte die Katzen und nahm mich sogar meines unrasierten Gesichts an. Dann setzte ich mich ins G�stezimmer und stopfte meine Pfeife mit dem hiesigen Tabak, an dessen Geschmack ich mich allerdings noch immer nicht gew�hnt hatte. Doch mit der Pfeife in der Hand dazusitzen, ist f�r mich Inbegriff h�uslicher Entspannung.</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang stieg ich in mein A-Mobil und fuhr auf die andere Seite des Churon, also auf das vornehme, gepflegte und Respekt heischende Linke Flussufer der Stadt. Die Stra�en waren �berwiegend menschenleer, und die Wirte standen traurig nickend im Eingang ihrer Kneipen und hatten die Hoffnung auf G�ste schon beinahe aufgegeben. Auf den Mosaikgehsteigen spazierten V�gel. Die Bewohner von Echo erholten sich still von den Sorgen des vergangenen Jahres und feierten keine Partys. Es gab nur einen ausgiebigen Schlaf, auf den die Hauptstadt so lange gewartet hatte.</p><p>Juffin �ffnete mir selbst die T�r, weil sein Haushofmeister gleich nach dem Decken des Abendbrottischs freibekommen hatte. Unser Treffen schien dem erm�deten Kimpa der Gipfel der Exzentrik.</p><p>Zuerst nahm ich einen vor Sorge zitternden Chuf in die Arme. Der Hund leckte mir die Nase und dr�ckte mir dann die Schnauze ins Ohr. Ich bevorzuge andere Waschmethoden, entschied mich aber, es zu dulden.</p><p>�Ich hab keine Geschenke�, rief ich, nachdem ich mich in einen bequemen Sessel hatte fallen lassen. �Sie wissen doch, wie geizig ich bin. Au�er f�r dich, mein Kleiner. F�r dich hat sich doch noch was gefunden.�</p><p>Ich �ffnete ein winziges P�ckchen, in dem sich das Lieblingsgeb�ck von Chuf und mir befand, das ich im Buckligen Itulo gekauft hatte. Es war enorm lecker und s�ndhaft teuer. Sir Juffin behauptete, diese Leckerei sei ohne verbotene Magie gar nicht herstellbar. Dennoch war der B�cker unverd�chtig. Seine Backstube wurde alle zw�lf Tage kontrolliert - stets erfolglos. Was ein kulinarisches Talent auch ohne Magie nicht alles zaubern kann! Aber das vollst�ndige Fehlen dieser Gabe hatte Juffin bei mir ja erst k�rzlich festgestellt.</p><p>�Max gut�, meldete sich Chuf bei mir. F�r einen Hund beherrschte er die Stumme Rede weit besser als ich.</p><p>�Hast du f�r dieses Geb�ck deine ganzen Ersparnisse verbraten?�, fragte Juffin interessiert.</p><p>�Die H�lfte. Die andere H�lfte hab ich - um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen - f�r das hier verbraten�, antwortete ich und schnippte wie ein z�nftiger Zauberer mit den Fingern. Gleich stand eine kleine dicke Flasche aus dunklem Glas auf dem Tisch.</p><p>�Wenn's um Geld geht, l�gst du immer. So was gibt es nicht zu kaufen�, sagte Juffin und seufzte tr�umerisch. �Hat Lady Melamori dir das spendiert? Ich vermute schon lange, dass sie etwas f�r dich �brighat. Welch kluges, strategisch durchdachtes Vorgehen! Du bist ein Genie, Max. Sich bei ihr einzuschmeicheln, ist die beste Methode, an die Weinvorr�te des Ordens des Siebenzackigen Blattes zu kommen. Sehr praktisch. Ich bin beeindruckt.�</p><p>�Sie denken also, sie hat mir - wie einem guten Freund -ein Geschenk von ihrem Gro�vater mitgebracht? Da t�uschen Sie sich aber. Ich hab mit ihr gestritten und eine Wette gewonnen.�</p><p>�Gestritten?�</p><p>�Nat�rlich. Die Lady ist au�erordentlich hitzig. Das wissen Sie doch selbst, oder?�</p><p>�Dieser Eigenschaft hab ich nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Und wor�ber habt ihr euch gestritten?�</p><p>�Ich habe ihr gesagt, ich w�rde mich eine Viertelstunde mit General Bubuta unterhalten, ohne dass er auch nur ein Schimpfwort benutzt. Die Lady hat nicht geglaubt, dass das m�glich w�re. Daraufhin bin ich zu Bubuta Boch gegangen und hab die neuesten Zeitungsmeldungen mit ihm besprochen, und er hat mir zugeh�rt und zugenickt, mich dabei innerlich aber bestimmt tausendmal verflucht ... Ich hab blo� ausgenutzt, dass Melamori einige Tage nicht im Haus an der Br�cke war und von ein paar Ver�nderungen im Verh�ltnis zwischen mir und Bubuta noch nichts wusste.�</p><p>�Daf�r wei� ich dar�ber Bescheid. Er soll inzwischen einen nerv�sen Tick bekommen haben: Wenn er seine Mitarbeiter beschimpfen will, vergewissert er sich erst, dass du nicht in der N�he bist ... S�ndige Magister, Max - wer h�tte gedacht, dass du mich so gl�cklich machen w�rdest!�</p><p>�Das h�tten Sie auch einfacher haben und statt meiner einen Vampir nehmen k�nnen.�</p><p>�Aber die Erfahrung zeigt, dass du viel schlimmer bist. Also - hast du die Wette gewonnen?�</p><p>�Wie Sie sehen�, sagte ich und wies mit dem Kopf auf die Flasche. �Da drin ist Dunkles Wesen - eine der besten Weinsorten, wie Melamori behauptet. Und sie sagt, f�r so eine Gelegenheit sei er zu schade.�</p><p>�Das M�dchen hat absolut Recht. Du frappierst mich wirklich, Max - so einen Wein trinkt man doch heimlich im stillen K�mmerlein, damit kein b�ser Wind den besten Freund pl�tzlich an der T�r l�uten l�sst.�</p><p>�Ich m�chte mich damit nur bei Ihnen einschmeicheln. Wie ich vermute, befinden sich in Ihrem Keller nicht nur ein paar Regale voller D�rrfleisch rebellischer Magister, sondern auch ein paar Kisten Kachar-Balsam.�</p><p>�Und das h�ltst du f�r kostbar? So einen Quatsch kann ich mir allein zaubern. Im Interesse der Krone darf ich das Chrember-Gesetzbuch missachten. Der Gro�e Magister Nuflin Moni Mach sagt das auch.�</p><p>�Umso besser. Ich teile Ihre Ansichten und die des Gro�en Magisters vollauf. Schade nur, dass ich nie lernen werde, mir Kamra zu zaubern.�</p><p>�Da hast du Recht. Kamra kochen wirst du nie, wirklieh nie lernen, du �rmster�, sagte Juffin Halli und schaute mich mit geheucheltem Mitgef�hl an.</p><p>�Irgendeine Schw�che muss ich ja haben�, sagte ich, um meinen strengen Lehrer zu tr�sten. Dann schob ich ihm das Dunkle Wesen zu.</p><p>Auf dem Weg zu meiner Dienststelle f�hlte ich mich ungemein bettschwer. Ich brauchte dringend Bewegung.</p><p>Ich hatte die optimistischen Prognosen von Sir Juffin, der mir die ruhigste Nacht des Jahres vorausgesagt hatte, ignoriert, und tats�chlich bekam ich gleich zu tun. Im Saal der allgemeinen Arbeit d�ste eine bezaubernde Lady mittleren Alters im Sessel der Trostlosen vor sich hin. Sie trug einen teuren Lochimantel, unter dem eine einfache leinene Hausskaba hervorsah. Die Dame befand sich in einem Trunkenheitszustand, bei dem das Lallen schon abklang, das Reden aber noch nicht wieder begonnen hatte. Deshalb wartete ich nicht, bis es ihr besser ging, sondern reichte ihr intuitiv eine Tasse kalte Kamra, die ich gekocht hatte. Das bittere Getr�nk sollte ihr helfen, das seelische Gleichgewicht wiederzugewinnen. Meine Kamra war nicht schlimmer als Salmiakgeist, der in Echo freilich genauso verboten ist wie Schwarze Magie dritten Grades. Die Lady nahm automatisch einen Schluck und h�rte auf zu schluchzen. Erstaunlich, dass sie �berhaupt am Leben blieb.</p><p>Nur Kurusch - der einzige Zeuge ihres �berraschenden Besuchs - konnte erkl�ren, was mit der Ungl�cklichen passiert war. Ich wandte mich also an ihn, und der Buriwuch gab mir die entsprechenden Informationen:</p><p>�Mein Mann hat sich in eine Pastete verwandelt, in eine gro�e Pastete.�</p><p>Traurig sah ich Kurusch an, dann die Lady, dann wieder Kurusch und schlie�lich die Decke, die mir den Himmel ersetzen musste.</p><p>Warum immer ich, dunkle Magister?, dachte ich. Ich bin doch gar kein �bler Kerl. Eigentlich bin ich sogar ganz anst�ndig. Warum also immer ich?</p><p>Der Wahnsinn dauerte an. Kurusch wiederholte hartn�ckig den Satz, in dem die Worte Mann und Pastete vorkamen. Ich wusste, dass er so lange reden w�rde, bis er alles wiedergegeben hatte, was in meiner Abwesenheit gesagt worden war. Als die Lady ihren Monolog aus dem Schnabel des sprechenden Vogels vernahm, verlie� sie den Pfad der Beruhigung und geriet auf den Abweg der Hysterie. Mit Gewalt sch�ttete ich ihr noch einen Schluck meines Erzeugnisses in die Kehle. Das half - die arme Frau sah mich aus gro�en verwirrten Augen an und fl�sterte:</p><p>�Es ist schrecklich, aber in meinem Bett liegt wirklich eine gro�e Pastete, und Karri ist nicht da.�</p><p>Schlie�lich schwieg der Buriwuch. Anscheinend war selbst er verwirrt. Vorsichtig streichelte ich das Tier.</p><p>�Alles in Ordnung, mein Kluger. Mir gef�llt das zwar auch nicht, aber bleib gelassen. Du bist ein Prachtkerl, Kurusch. Wenn ich w�sste, worum es geht, w�rde ich nicht hier sitzen.�</p><p>Kurusch plusterte sich auf. Sir Juffin hatte ihn vermutlich zu einem der verw�hntesten Buriwuche des ganzen K�nigreichs verzogen. Zugleich aber war unser Kurusch auch der gro�herzigste Buriwuch der Welt.</p><p>�Es ist nicht �blich, dass in der letzten Nacht des Jahres jemand ins Haus an der Br�cke kommt�, sagte er. �Du bist also unschuldig, Max. Toll, dass du �berhaupt aufgetaucht bist.�</p><p>Ich wandte mich an die Frau.</p><p>��Wie hei�en Sie, Unvergessliche?�</p><p>Sie l�chelte unter Tr�nen. Ausgezeichnet, Max - langsam wirst du trotz deines Todesmantels zum gr��ten Playboy von Echo.</p><p>�Mein Name ist Tanita Kowareka. Mein Mann hei�t Karri, ich wollte sagen Karwen Kowareka. Wir haben ein kleines Wirtshaus hier in der Altstadt, die Trunkene Flasche. Vielleicht kennen Sie es. Doch jetzt hat Karri ...�, setzte die Lady an, verstummte dann und schluchzte leise, aber verzweifelt.</p><p>�Ich glaube, wir gehen am besten zu Ihnen nach Hause�, sagte ich. �Unterwegs k�nnen Sie mir alles erkl�ren, falls sich �berhaupt etwas erkl�ren l�sst. Macht es Ihnen etwas aus, zu Fu� zu gehen? Soweit ich wei�, ist es von hier nur zehn Minuten entfernt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht. Mir tut Frischluft zur Beruhigung sicher gut.�</p><p>Bevor wir das Haus verlie�en, streichelte ich Kurusch noch mal. Man soll ihn verw�hnen und nochmals verw�hnen - das befehlen Sir Juffin und mein Herz.</p><p>Drau�en h�llte uns samtweicher Nebel ein, und Lady Tanita beruhigte sich tats�chlich. Der Mensch kann nicht mehr erdulden, als er zu ertragen imstande ist. Wenn unsere Leidensf�higkeit ersch�pft ist, wenden wir uns etwas anderem zu. Das ist die beste Therapie.</p><p>�Alle haben Angst vor Ihnen, Sir Max - dabei tut mir Ihre Gesellschaft so gut�, sagte Lady Tanita und machte mir damit ein gro�es Kompliment. �Es hei�t, der Ehrw�rdige Leiter habe Sie aus einer anderen Welt geholt. Stimmt das?�, fragte sie pl�tzlich.</p><p>�Nein�, antwortete ich rasch, �ich stamme aus dieser Welt - aus dem Gebiet zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren L�ndern.�</p><p>�Schade�, sagte meine Gespr�chspartnerin seufzend. �Wenn Sie tats�chlich aus der anderen Welt gekommen w�ren, k�nnten Sie mir erz�hlen, wie Karri dort leben wird.�</p><p>Herr Kowareka war offenbar ein Gl�ckspilz. Auch wenn er wirklich tot sein sollte, war er doch zu Lebzeiten sehr geliebt und umsorgt worden.</p><p>�Warten Sie ein wenig ab, Lady Tanita�, meinte ich. �Es kann durchaus sein, dass nichts Schlimmes passiert ist.�</p><p>�Aber es ist etwas Schlimmes passiert�, fl�sterte sie. �Das ist keine normale Pastete, sie hat eine menschliche Gestalt. Und sie tr�gt den Pyjama von Karri.�</p><p>Lady Tanita seufzte erneut, vermochte aber keine Tr�nen mehr zu weinen, sondern redete immer weiter, weil das die einzige Methode war, ihren Schmerz zu lindern.</p><p>�Wir sind sehr fr�h schlafen gegangen, weil wir sehr m�de waren. Na, das sind ja zurzeit alle. Bei uns im Wirtshaus sa�en ohnehin keine G�ste, doch das ist zum Jahreswechsel v�llig normal. Mitten in der Nacht erwachte ich pl�tzlich. Wissen Sie, Sir Max, ich wache immer auf, wenn meinem Mann etwas wehtut oder er nur etwas trinken will. Wir leben schon sehr lange zusammen - vielleicht deswegen. Wir haben sehr fr�h geheiratet, was unsere Eltern nie begreifen konnten. Jedenfalls wachte ich in der festen �berzeugung auf, dass mit Karri etwas nicht stimmte. Und dann sah ich diese schreckliche Pastete in seinem Pyjama stecken. Wissen Sie, sie hatte sogar eine Art Gesicht. Ach, da sind wir ja schon, Sir Max. Verzeihen Sie, aber ich bringe es nicht fertig, mit ins Schlafzimmer zu gehen.�</p><p>�Das schaffe ich schon allein. Und wissen Sie was? An Ihrer Stelle w�rde ich eine Freundin besuchen. Oder jemanden aus der Familie. Gehen Sie einfach hin und erz�hlen Sie von Ihrem Ungl�ck. Dann bekommen Sie reichlich zu essen und zu trinken, und irgendwann werden die tr�stenden Worte, die Sie zu h�ren kriegen, Sie einlullen. Und dann schlafen Sie. Es bleibt zwar furchtbar, aber so werden Sie wenigstens nicht verr�ckt. Ich melde mich per Stummer Rede, wenn ich mit Ihnen sprechen muss. Aber ich glaube, das wird nicht vor morgen fr�h sein.�</p><p>�Gut, dann gehe ich zu Schatti, der j�ngeren Schwester meines Mannes. Mit vollem Namen hei�t sie Lady Schattoraja Kowareka. Sie ist ein nettes M�dchen, und ich f�rchte, letztlich werde ich sie tr�sten m�ssen, nicht umgekehrt. Sir Max, Sie sind wirklich ein guter Mensch. So einen Rat kann einem nur jemand geben, der wei�, was Schmerz bedeutet. Vielen Dank.�</p><p>�Soll ich Sie begleiten?�, rief ich in die Dunkelheit.</p><p>�Nein, nein, Schatti wohnt nur eine Stra�e weiter�, drang die schon schw�cher gewordene Stimme von Lady Tanita durch die d�stere Stra�e.</p><p>Seufzend betrat ich das Haus. Das Wohnzimmer war sehr klein. Nat�rlich nahm die Trunkene Flasche den Gro�teil des Geb�udes in Beschlag. Es war ein angenehmes Lokal, dessen Atmosph�re keinesfalls seinem nach Absturzkneipe klingenden Namen entsprach. Ich war im Herbst schon mal hier gewesen und hatte mich sogar mit dem Wirt unterhalten, einem nicht sehr gro�en Mann mit ungemein f�lligem rotem Haar. Damals trug ich den Todesmantel noch nicht und erntete nirgendwo ein angespanntes L�cheln oder einen ver�ngstigten Blick.</p><p>Ich seufzte erneut und ging nach oben. H�tte Lady Tanita gewusst, wie sehr ich mich ohne sie f�rchtete! Ich f�hlte mich wie ein Kind, dessen Eltern zum ersten Mal allein ins Kino gehen. Aber es half nichts: Ich musste den Fall untersuchen.</p><p>Schweren Herzens �ffnete ich die Schlafzimmert�r und atmete den merkw�rdigsten Geruch ein, den ich mir in dieser Situation vorstellen konnte: Es roch nach leckerem Essen. Das �berraschte mich so sehr, dass ich erstarrte. Dann tastete ich nach dem Lichtschalter, und ein warmes Orange erf�llte das Zimmer. In Echo erhellt man Stra�en und H�user mit einer speziellen Sorte von Leuchtpilzen. Sie vermehren sich in besonderen Gef��en, die auch als Lampenschirme dienen. Der Trick besteht darin, dass die Pilze zu leuchten beginnen, wenn sie etwas st�rt. Deswegen sendet der Lichtschalter lediglich Signale aus, die ihnen unangenehm sind und sie ver�rgert reagieren lassen.</p><p>Das orangefarbene Licht der Pilze gef�llt allerdings nicht jedem. Viele �stheten - Sir Juffin zum Beispiel -bevorzugen Kugeln mit bl�ulichem Gas. Ich war an das blaue Licht gew�hnt, weil ich anfangs lange bei ihm gelebt hatte, und hatte mir die gleiche Lichtquelle f�r mein eigenes Haus beschafft. Aber das warme Orange gefiel mir jetzt sehr.</p><p>Kaum hatte ich die Pilze ver�rgert, konnte ich mich in aller Ruhe umschauen.</p><p>Mitten auf dem flauschigen Teppich lag etwas zwischen durcheinandergeworfenen Kleidungsst�cken. Es trug tats�chlich eine Art Pyjama: eine Skaba aus Frottee. An so eine Scheu�lichkeit hatte ich mich zum Gl�ck nie gew�hnt. In Skaba und Lochimantel herumzulaufen, ist eine Sache, doch sich mit etwas ins Bett zu legen, das an Gro�mutters Nachthemd erinnert, ist etwas ganz anderes. Meiner Meinung nach ist es ohnehin das Beste, nackt ins Bett zu gehen.</p><p>Das merkw�rdige Etwas auf dem Boden geh�rte also schon deshalb zu meinen Feinden, weil es einen Pyjama trug. Damit allerdings waren seine �hnlichkeiten mit einem Menschen auch schon zu Ende. Vor mir lag tats�chlich eine Pastete, deren Duft mich schwindeln machte und mir irgendwie bekannt vorkam.</p><p>Ich n�herte mich ihr. Das erwies sich als Zerrei�probe f�r meine Nerven. Beinahe h�tte ich mich trotz des herrlichen Aromas �bergeben, denn die Pastete hatte die Z�ge eines Gesichts und wies einen Rest von roter M�hne auf, an die ich mich noch gut erinnern konnte, obwohl ich den armen Karwen nur einmal gesehen hatte. Lady Tanita hatte Recht: Sie musste die Hoffnung wohl aufgeben, dass ihr Mann noch zu retten war.</p><p>�S�ndige Magister!�, rief ich ratlos. �Was soll ich blo� machen?�</p><p>Ich ging wieder hinunter in das dunkle Restaurant und schenkte mir aus der erstbesten Flasche etwas ein. In der Finsternis sah ich nicht, was ich trank, doch es schmeckte. Dann stopfte ich meine Pfeife. An den hiesigen Tabak hatte ich mich noch immer nicht gew�hnt, aber er war besser als nichts.</p><p>Ich sa� allein hinter der Theke, schl�rfte ein mir unbekanntes Getr�nk und rauchte. Das brauchte ich einfach, um meine Gedanken zu ordnen. Ich wusste, dass ich weder Melifaro noch Sir Juffin in dieser Angelegenheit um Hilfe bitten durfte. Sie hatten Erholung verdient, und ich war klug genug, elementare Dinge allein zu schaffen. Das ist schlie�lich meine Aufgabe.</p><p>Nachdem ich die Lage lange genug �berdacht hatte, ging ich zur�ck ins Schlafzimmer, wo mir der aromatische Duft erneut bekannt vorkam. Wo war er mir nur schon mal begegnet? Im Fressfass sicher nicht. Dort roch es zwar seltsam, aber deutlich anders. Und auch nicht im Ges�ttigten Skelett, aus dem ich t�glich mein Fr�hst�ck bekam. Der Duft aus dem Schlafzimmer verfolgte mich geradezu, doch ich konnte mich nicht erinnern, woher er stammen mochte. Auch in der K�che meiner Gro�mutter hatte es so nicht gerochen, obwohl ... Ich war verwirrt, wie es ja oft passiert, wenn man sich fieberhaft auf etwas Wichtiges besinnen will.</p><p>Schlie�lich machte ich eine wegwerfende Handbewegung und griff nach meinem Dolch, dessen Magieanzeiger mich dar�ber belehrte, dass hier h�chstens Schwarze Magie zweiten Grades im Spiel gewesen war. Eine derart schwache Magie war nicht nur zul�ssig, sondern auch alles andere als �berraschend, da ich mich in einem Restaurant befand und es vor allem K�che waren, die erlaubte Magie anwandten. Allerdings reichte Magie zweiten Grades wohl kaum dazu, einen Menschen in eine Pastete zu verwandeln. Das aber w�rde ich erst sp�ter kl�ren k�nnen. Zun�chst einmal musste ich die Pastetenleiche ins Haus an der Br�cke bringen, wie es sich geh�rte.</p><p>Ich konnte dieses widerliche Etwas unm�glich weiter im ehelichen Schlafzimmer liegen lassen. Fr�her oder sp�ter w�rde die sympathische Lady Tanita nach Hause kommen, und es w�re nicht sch�n, ihr diesen Anblick noch mal zuzumuten.</p><p>Ich empfand eher Mitgef�hl als Mitleid f�r sie. Was ihr widerfahren war, betraf auch mich. Der Schmerz von Lady Tanita erreichte mich wie Fernseherger�usche aus dem Nebenzimmer: Er r�ckte mir nicht unmittelbar zu Leibe, doch ich konnte mich auch nicht gegen ihn abschotten.</p><p>Nichts ist leichter zu vollbringen als das Unm�gliche! Man muss nur intensiv daran denken, was zu tun ist, und das Bewusstsein abschalten. Wenn man dann wieder zu sich kommt, ist alles erledigt.</p><p>Ich schw�re Stein und Bein: Als ich die schreckliche Pastete in einen Lochimantel wickelte, sp�rte ich nichts -genauso wenig wie sp�ter, als ich meinen Lieblingszauber anwandte und sie zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken verschwinden lie�. Meine Gef�hle schwiegen sogar, als ich durch die menschenleeren Stra�en zum Haus an der Br�cke ging - als h�tte ich einen Teil meiner selbst in Erwartung besserer Zeiten schockgefroren.</p><p>Im B�ro gr�belte ich ernsthaft, wo ich meine Beute lagern sollte. Geh�rte sie eher in die kleine, dunkle, vollst�ndig isolierte Beweismittelkammer oder in das ger�umige Zimmer, das als Leichenhalle diente und fast immer leer stand? Ich beschloss, Kurusch zu fragen.</p><p>�Wenn du wirklich glaubst, diese Pastete sei mal ein Mensch gewesen, handelt es sich wohl um eine Leiche.�</p><p>Ich war erleichtert: endlich Klarheit!</p><p>Als der appetitlich riechende Verstorbene allerdings auf einem Obduktionstisch gelandet war, wurde ich erneut schwach, ging meine H�nde waschen und schrubbte sie eine halbe Stunde lang bis zum Ellbogen.</p><p>Danach f�hlte ich mich deutlich besser und kehrte in mein B�ro zur�ck.</p><p>�Ein sch�ner Jahreswechsel ist das gewesen�, meinte ich und zwinkerte Kurusch zu. �Er hat mir eine h�bsche Lady und viel zu essen gebracht.�</p><p>�Du machst wohl Witze, Max, oder?�, fragte der Buriwuch vorsichtig. �Du wirst doch nicht etwa ... obwohl -die Leute essen ja alles M�gliche.�</p><p>�Nat�rlich mach ich Witze�, sagte ich und streichelte den flaumigen Vogel. �Wei�t du zuf�llig, ob es hier noch normale Kamra gibt? Also eine, die nicht ich zubereitet habe?�</p><p>�In Melifaros B�ro steht ein fast voller Krug�, meldete der Buriwuch. �Ich hab gesehen, wie er geliefert wurde, und wei�, dass Melifaro vorhin gegangen ist. Piroggen wurden �brigens auch gebracht. Wer wei� ...�</p><p>�Alles klar.�</p><p>Hals �ber Kopf sprang ich ins B�ro des Tagesantlitzes des Ehrw�rdigen Leiters. Auf seinem Schreibtisch standen tats�chlich ein Krug Kamra und ein paar Piroggen. Melifaro war so �berst�rzt in sein endlich von der Verwandtschaft ger�umtes Haus geeilt, dass er nicht mal zu Ende gegessen und getrunken hatte, obwohl er das bei seinem Tempo in einer Minute geschafft h�tte. Kurusch und ich hatten also Gl�ck, denn in dieser letzten Nacht des Jahres h�tten wir nicht mal die fantastische Madame Zizinda erreichen k�nnen.</p><p>Bis zum Morgengrauen trank ich nicht nur die ganze Kamra, sondern half auch Kurusch wieder mal dabei, seinen Schnabel von s��er Creme zu reinigen. Ich tat sogar noch mehr und entwickelte einen Plan f�r unser weiteres Vorgehen. Dabei versp�rte ich den gleichen Eifer wie die streits�chtige Lady Melamori. Zum ersten Mal lag ein Fall, mit dem ich mich von Anfang an besch�ftigt hatte, ganz allein in meinen H�nden. Ich wollte ihn unbedingt l�sen und dabei nat�rlich alles richtig machen. Klar, dass ich das nicht allein schaffen konnte, sondern auf Hilfe angewiesen war, doch ich wollte Juffin nicht nur mit einer schrecklichen Nachricht �berraschen, sondern auch mit einem fertig ausgearbeiteten Plan.</p><p>Anscheinend hatte auch Sir Juffin etwas gesp�rt, denn er kam viel fr�her als sonst ins B�ro.</p><p>�Ich hab ziemlich schlecht geschlafen�, bemerkte mein Chef d�ster und lie� sich in seinen Sessel fallen. �Ist bei dir alles in Ordnung, Max?�</p><p>�Bei mir ja. Aber von einer netten Lady kann ich das nicht behaupten. Diese Nacht hat uns eine Witwe mehr beschert.�</p><p>Ich erz�hlte Sir Juffin in aller Ruhe, was es zu erz�hlen gab.</p><p>�Donnerwetter! Ich w�sste gern, ob Madame Zizinda ihre Spelunke schon ge�ffnet hat oder sich noch erholt. F�r gute Kunden wie uns k�nnte sie doch eine Ausnahme machen, was? Ich schau mir nur schnell noch die Pastete an, die du mitgebracht hast, und dann gehen wir fr�hst�cken.�</p><p>Nachdem wir unseren Appetit durch einen Besuch bei der Leiche angeregt hatten, landeten wir im Fressfass. Ich w�sste gern, welcher Logik wir dabei gefolgt waren.</p><p>Madame Zizinda begr��te uns schon am Eingang. Offenbar hatte sie einen guten Instinkt.</p><p>�Juffin, ich hatte viel Zeit, mir �ber alles Gedanken zu machen�, begann ich und blickte err�tend auf meinen Teller. �Ich hab einen Plan, obwohl ...�</p><p>�Was ist los mit dir, Max?�, fragte mein Chef erstaunt. �Wo ist deine viel gepriesene Selbstsicherheit?�</p><p>�Als ich meinen Plan entwickelte, kam ich mir sehr schlau vor, doch inzwischen ... Bestimmt haben Sie auch eine Idee, aber die d�rfte kaum zu meinen Vorstellungen passen.�</p><p>�Schie� los�, meinte Juffin und klopfte mir freundschaftlich zwischen die Schulterbl�tter. �Viel Ahnung hab ich auch nicht. Wie kommst du nur darauf, ich h�tte einen Plan?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob es schon in der Epoche der Orden etwas �hnliches gegeben hat, und w�rde deshalb gern unser Archiv konsultieren. Lukfi soll die Buriwuche befragen. Wenn es vergleichbare F�lle gibt, kann uns das helfen. Dann m�ssen wir herausfinden, womit sich dieser Karwen Kowareka besch�ftigt hat. Wom�glich hatte er Kontakt zu Weisen Magistern oder war Mitglied eines verbotenen Ordens oder so. In diese Richtung sollten wir ermitteln. Ich glaube, das ist f�r Sir Kofa ein Kinderspiel. Und nat�rlich sollte sich auch Melamori das Schlafzimmer der Kowarekas ansehen, damit wir wissen, ob ein Fremder es betreten hat. Daran glaube ich zwar nicht, m�chte es aber definitiv ausschlie�en k�nnen. Ich selbst werde mich mit Lady Tanita unterhalten, weil sie mich sympathisch findet. Ich hab ihr einen dummen Rat gegeben, was sie machen soll, um nicht verr�ckt zu werden,</p><p>und wir haben uns ein wenig angefreundet. Das Ganze sollte unter der Regie von Melifaro stehen, denn er wei� am besten, wie er uns die Bearbeitung des Falls erleichtern kann. Au�erdem versteht er sich gut mit den Mitarbeitern von Bubuta Boch. Das war's.�</p><p>�Ausgezeichnet�, rief Sir Juffin erfreut. �Da kann ich ja heute schon in Rente gehen. Du bist wirklich ein Profi. Und jetzt Guten Appetit.�</p><p>Mit Hei�hunger st�rzte ich mich auf das Essen, das bereits serviert worden war.</p><p>�Gehen wir also nach deinem Plan vor�, entschied Juffin. �Du hast wirklich fast alles bedacht. Ich habe nur einen Einwand.�</p><p>�N�mlich?�, fragte ich mit vollem Mund und war sehr zufrieden, dass mein Chef nur einen Kritikpunkt gefunden hatte.</p><p>�Du musst dich unbedingt daran erinnern, wo du diesen Duft schon mal gerochen hast�, sagte er ernst.</p><p>�Ach, Juffin - ich w�re beinahe verr�ckt geworden, als ich das versucht habe. Und das Resultat war gleich null.�</p><p>�Ich kann dir helfen. Der Duft stammt nicht aus deiner Heimat - glaub mir das. Er ist sehr seltsam, aber von hier. Geh also spazieren, besuche all die Orte, an denen du schon mal warst, und schnuppere. Wer wei� ...�</p><p>�Na gut, obwohl ... Wer kann mir garantieren, dass wieder das Gleiche gekocht wird?�</p><p>�Du bist ein Gl�ckspilz, Max. Das ist die einzige und einzigartige Gew�hr deines Erfolgs. Hauptsache, du bekommst keinen Schnupfen - das w�rde uns im Moment schlecht passen. Aber jetzt gehen wir ins B�ro. Du wirst Anweisungen erteilen, und ich werde das genie�en.�</p><p>�Sie lachen?�</p><p>�Aber nicht doch! Dein Plan ist wirklich sehr gut und verdient h�chstes Lob. Jetzt muss er nur noch umgesetzt werden.�</p><p>�Juffin, es ist f�r mich leichter, etwas allein zu machen, als ein paar Leuten zu erkl�ren, was sie tun sollen.�</p><p>�Das kenne ich, aber das Leben ist kein Zuckerschlecken. Daran wirst du dich gew�hnen m�ssen.�</p><p>Wir kehrten ins Haus an der Br�cke zur�ck. Rasch entschied Juffin, er k�nne nun nach Hause gehen und ein paar Tr�ume weitertr�umen, da sein Vertrauen in mich grenzenlos sei. Das warf mich um. Ich begriff, dass ich diesen Fall bis zum n�chsten Tag kl�ren musste - sonst w�rde ich vor Scham vergehen und als bl�ulicher Staub in einer dunklen Ecke des Hauses an der Br�cke enden. Und dunkle Ecken gab es bei uns genug.</p><p>Ich seufzte bitter, raffte mich dann aber auf und begann mit der Arbeit. Per Stummer Rede meldete ich mich bei Melifaro, Sir Kofa und Lady Melamori und bestellte alle drei umgehend ein. Sie waren dar�ber sehr aufgebracht, doch ich konnte ihnen per Stummer Rede nicht alles im Detail erkl�ren. Deshalb rief ich nur �Ende� und wandte mich anderen Dingen zu.</p><p>Es hatte keinen Sinn, auch Lukfi zu rufen, da die Buriwuche aus dem Gro�en Archiv vor dem Mittagessen den Schnabel nicht �ffnen w�rden. Sie hatten ihren eigenen Rhythmus. Nur unser Kurusch war kooperativer.</p><p>Als Erste erschien Lady Melamori. Anscheinend hatte ich ihr einen probaten Grund geliefert, sich ihren famili�ren Verpflichtungen ein paar Stunden fr�her zu entziehen als geplant. Auf alle F�lle war sie nicht sauer.</p><p>�Du siehst fantastisch aus!�, rief ich, denn ich konnte nicht umhin, ihr zu schmeicheln. �Hast du gut geschlafen?�, fragte ich und f�llte galant ihre Kamratasse.</p><p>�Ist was passiert? Oder haben Sie ... hast du Sehnsucht nach mir bekommen?�, wollte Melamori wissen und l�chelte.</p><p>�Nat�rlich hatte ich Sehnsucht nach dir, aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich dich so fr�h geweckt habe. Ich bin kein solcher Unmensch, wie es immer hei�t. Ein paar Dutzend �ltere und J�ngere fertigzumachen, ist eine Sache, eine Lady hingegen nicht schlafen zu lassen, ist etwas ganz anderes. Verstehst du, Unvergessliche?�</p><p>�Also, Max, was ist passiert?�</p><p>�Es ist eine seltsame Leiche aufgetaucht. Am besten schaust du sie dir selbst an und beschnupperst sie auch gleich. Das ist kein Witz: Du sollst ihre Witterung aufnehmen. Komm bitte danach wieder her. Hier wird es f�r dich noch eine Tasse Kamra und eine Aufgabe geben.�</p><p>Gehorsam ging Lady Melamori in die Leichenhalle, und als sie zur�ckkam, war ihr h�bsches Gesicht sehr besorgt.</p><p>�Kommt dir der Duft bekannt vor?�</p><p>�Irgendwie schon, aber ich wei� nicht, woher.�</p><p>�Mir geht es genauso. Qu�l dich also nicht. Hier ist deine Kamra. Wenn sie leer ist, gehst du in die Trunkene Flasche.�</p><p>�Was soll ich denn da? Mich ins Koma trinken?�</p><p>�Wenn du unbedingt willst. Zwischen dem siebten und achten Glas Dschubatinischer S�ufer aber solltest du ins Schlafzimmer der Wirtsleute gehen, um nachzusehen, ob sich dort ein Fremder aufgehalten hat - au�er mir nat�rlich.�</p><p>�Dann ist der Mann in der Leichenhalle also Karwen? Seine Frau kenne ich ein wenig. S�ndige Magister - was f�r ein Geschenk zum letzten Tag des Jahres!�</p><p>�Zum Neujahrstag, Melamori! Sei optimistisch! In der Gegend, aus der ich stamme, gibt es einen Aberglauben: Wie du den ersten Tag des neuen Jahres verbringst, wirst du das ganze Jahr verbringen. Kannst du dir das vorstellen?�</p><p>�Ist das Ihr ... dein Ernst, Max?�, fragte Melamori und sah mich beinahe �ngstlich an. �Kann man nichts dagegen tun?�</p><p>�In meiner Heimat nicht. Aber in Echo hat der dumme Aberglaube der Leeren L�nder ja keine G�ltigkeit. Also marsch, marsch in die Trunkene Flasche'.�</p><p>�Ich geh ja schon. Unter uns gesagt: Du bist ein schlimmerer Tyrann als Juffin.�</p><p>�Das will ich hoffen. Aber jetzt haben wir lange genug geplaudert. Ich f�rchte, ich muss durch alle Wirtsh�user von Echo ziehen, um herauszufinden, woher der Geruch stammt. Und weil er dir auch bekannt vorkommt, befehle ich dir, mir dabei Gesellschaft zu leisten.�</p><p>�Du befiehlst mir also, dich �berallhin zu begleiten?�, fragte Melamori und begann zu lachen.</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich l�chelnd. �Ich nutze meine dienstliche Position skrupellos aus. Davon hab ich schon das ganze Leben lang getr�umt, und jetzt bin ich an der Macht. Du kannst dich also nicht mehr dr�cken.�</p><p>�Das hatte ich auch nicht vor�, erkl�rte Melamori und schaute mich so begeistert an, als h�tte ich pl�tzlich rote Haare bekommen. Dann zog sie los, um ihre Aufgabe zu erf�llen.</p><p>Sir Kofa Joch betrat genau zwei Sekunden vor Melifaro mein B�ro. Beide konnten meinen Lagebericht gar nicht erwarten, denn die forsche Art, mit der ich sie per Stummer Rede einbestellt hatte, hatte sie zweifeln lassen, ob in meinem Kopf noch alles in Ordnung war. Die Neuigkeit allerdings, die ich ihnen mitzuteilen hatte, ersch�tterte sie gleicherma�en. Seit Beginn der Epoche des Gesetzbuchs war dies der erste schwerwiegende Zwischenfall in der letzten Nacht des Jahres. Das jedenfalls behauptete Sir Kofa Joch, und seine Worte galten einiges.</p><p>Als die beiden kamen, war ich schon ein wenig m�de. Deshalb erl�uterte ich meinen Plan nur ganz knapp und gab meine Befehle so kurz und b�ndig, als h�tte ich mein Leben lang nichts anderes getan.</p><p>�Ich glaube nicht, dass der arme Karwen sich mit krummen Gesch�ften abgegeben hat�, sagte Sir Kofa und zupfte dabei an seinem Mantelsaum. �Aber Sie haben Recht, Sir Max. Man muss zuerst genau untersuchen, was er in der letzten Zeit getrieben hat. Manchmal tun die Leute so seltsame Dinge, dass man nur staunen kann.�</p><p>�Besonders am Jahresende, ich wei߫, sagte ich l�chelnd.</p><p>�Eben. Ich komme im Morgengrauen wieder. Falls ich bis dahin etwas Interessantes herausfinde, melde ich mich sofort per Stummer Rede bei Ihnen.�</p><p>Kofa fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, und gleich ver�nderten sich seine Z�ge. Dann zog er seinen Lochimantel auf links und besa� nun ein bescheidenes zimtfarbenes Cape. Damit war unser Meister des Verh�rs dienstbereit.</p><p>�Was soll ich tun, mein schreckliches Kind der Nacht?�, rief Melifaro und sprang vom Sessel auf.</p><p>�Schau dich im Haus an der Br�cke um und geh dann in die Leichenhalle, um dir meine Beute anzusehen. Du kannst auch fr�hst�cken, wenn dir danach ist. Dann warte auf Lady Melamori und lass dir von ihr erz�hlen, was sie herausgefunden hat. Allerdings bin ich sicher, dass kein Fremder im Schlafzimmer gewesen ist. Geh auch zu General Bubuta r�ber - vielleicht wei� jemand von der Stadtpolizei etwas N�heres. Es m�sste ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir keine Spur finden w�rden. Und versuch jedem, den du triffst, die Laune zu verderben.�</p><p>�Wer ist eigentlich dieser Teufel, von dem du da eben geredet hast?�</p><p>�Ach, ein Zwischenstadium zwischen Vampir und rebellischem Magister.�</p><p>�Jemand wie du also?�</p><p>�Ich hab dir das Leben gerettet! Ich hab dich vor der Horde deiner Verwandten gesch�tzt und bei mir aufgenommen!�, rief ich in gespieltem Zorn. �Und du? Was tust du? Statt meine Treppe zu putzen oder mich wenigstens zum Mittagessen einzuladen?�</p><p>�Ich bin ein Schwein�, gab Melifaro betr�bt zu. �Aber ich lade dich heute ein. Dienst ist zwar Dienst, aber ganz ohne Schnaps geht's auch nicht.�</p><p>�Es ist immer ein Vergn�gen, kluge Gedanken zu h�ren. Aber eins ist klar: Ich betrete kein Lokal, das schlechter ist als der Bucklige Itulo.�</p><p>�Ich hatte auch nicht vermutet, billiger davonzukommen. Sir Gro�er Retter - erlauben Sie, dass ich gehe, um zun�chst Ihre Anweisungen auszuf�hren?�</p><p>�Mit dem gr��ten Vergn�gen. Aber wecken Sie mich in zwei Stunden. Dann treffe ich mich n�mlich mit einer h�bschen Lady.�</p><p>�K�nnte ich dich da nicht vertreten?�, fragte Melifaro begeistert.</p><p>�Ach, das schaff ich schon noch. Du bist nicht der ideale Ansprechpartner f�r verzweifelte Witwen. Au�erdem hast du zur selben Zeit ein Treffen mit dem h�bschen Sir Lukfi. Schon vergessen? Und jetzt lass mich bitte schlafen.�</p><p>�Hier und jetzt?�</p><p>�Wo und wann sonst? Wenn ich jetzt nach Hause gehe, bekommen mich keine zehn Pferde mehr aus dem Bett.�</p><p>�Stimmt - dein Bett zu verlassen, ist wirklich schwer�, stellte Melifaro kennerisch fest. �Hast du deine Laken verzaubert? Was w�re eigentlich, wenn Juffin in deinem B�ro arbeiten wollte, w�hrend du schl�fst?�</p><p>�Das w�rde mich gar nicht st�ren�, stellte ich gro�spurig fest und r�ckte alle Polsterst�hle zu einer Liege zusammen.</p><p>�Jetzt verstehe ich langsam�, sagte Melifaro gedankenverloren. �Du hast unseren Chef um die Ecke gebracht! Und jetzt?�</p><p>�Jetzt bring ich dich um die Ecke, wenn du mich nicht endlich pennen l�sst�, murmelte ich im Halbschlaf. �Ich hab's mir anders �berlegt. Weck mich erst in drei Stunden. Und sag dem jungen Urf, er soll meine Katzen f�ttern. Ich hab ihnen n�mlich gestern versprochen, wir w�rden endlich ein normales Leben beginnen.�</p><p>�Schon gut, schlaf sch�n! Ich k�mmere mich darum. Sonst spuckst du bestimmt noch Gift!�, rief Melifaro und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Ich hatte den Eindruck, h�chstens zwei Minuten geschlafen zu haben. Als ich wieder aufwachte, beugte Melifaro sich �ber mich.</p><p>�Was gibt's denn jetzt noch?�, brummte ich.</p><p>�Wieso noch? Du hast mich doch gebeten, dich nach drei Stunden zu wecken. Also steh auf, Sir Nachtantlitz. Ich muss ins Gro�e Archiv. Au�erdem gibt es einige Neuigkeiten.�</p><p>�Zu den s�ndigen Magistern mit dieser heillosen Welt!�, rief ich und hob st�hnend den Kopf. �Sind denn schon drei Stunden rum? Wie schade!�</p><p>�Dreieinhalb!�, rief Melifaro und reichte mir eine Tasse hei�e Kamra. �Juffin hat in der unteren Schublade seines Schreibtischs eine Flasche Kachar-Balsam versteckt. Er hat sie unsichtbar gemacht, aber du findest sie schon. Ich kann mich ja derweil umdrehen.�</p><p>�Das wei� ich doch l�ngst�, meinte ich pampig und kroch unter Juffins Tisch, um mich an seinem Eigentum zu vergehen. Ein paar Sekunden k�mpfte ich mit der Versuchung, noch einen zweiten Schluck zu nehmen.</p><p>�Du bist wirklich mit allen Wassern gewaschen�, sagte Melifaro bewundernd. �Wie lange kennst du das Versteck denn schon?�</p><p>�Seit dem ersten Arbeitstag. Nach meinem Abenteuer mit der Erholungssuppe hat unser Chef begriffen, dass dieser Balsam meine einzige Rettung ist. Also - welche Nachrichten hast du f�r mich?�</p><p>�Zuerst mal das Neueste von unseren Leuten: Melamori hat tats�chlich keine fremden Spuren am Tatort gefunden - au�er deinen nat�rlich. Es war also genau so, wie du es vorhergesagt hast. Der Meister des Verh�rs hat sich noch nicht wieder gemeldet. Daf�r gibt es aus der Stadtpolizei aber eine Nachricht, die alles andere in den Schatten stellt: Bubuta ist verschwunden!�</p><p>�Was!?�, rief ich und sch�ttete mir Kamra aufs Hemd. �Ist das dein Ernst?�</p><p>�Aber ja. Er ist gestern gleich nach der feierlichen �bergabe der k�niglichen Geschenke zum Abendessen gegangen. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Seine Mitarbeiter dachten, er sei nach Hause gefahren, und waren zu erfreut dar�ber, um daran zu zweifeln. Bubutas Angeh�rige dachten, er sei im Dienst, und waren vermutlich auch h�chst zufrieden damit. Erst heute Morgen hat seine Frau sich per Stummer Rede bei ihrem Schatz gemeldet.�</p><p>�Und?�</p><p>�Seltsame Sache, Max. Er lebt - daran hat Lady Boch keinen Zweifel. Aber er meldet sich nicht. Als ob er im Tiefschlaf l�ge.�</p><p>�Und Lady Melamori? Hat sie nach ihm gesucht?�</p><p>�Sie ist noch dabei.�</p><p>�Wieso das denn? Ich dachte, sie w�re schnell.�</p><p>�Das ist es ja eben. In der Kanzlei f�r Auszeichnungen und Stipendien gibt es keine Spur von Bubuta Boch.�</p><p>�Das kann doch nicht sein! Gestern Mittag ist er dort doch noch herumgetrampelt.�</p><p>�Sicher. Aber das Leben in der Zivilisation ist eine komplizierte Sache. In deiner Heimat mag das anders sein.�</p><p>Ich zog eine Furcht erregende Grimasse, und Melifaro verschwand blitzschnell unterm Tisch. Von dort setzte er seinen Bericht mit der Stimme eines kleinen, erschrockenen Jungen fort.</p><p>�Er hat keine Spuren hinterlassen, weder in der Kanzlei f�r Auszeichnungen und Stipendien noch im Treppenhaus, noch nicht mal im Foyer - nirgends! Jedenfalls keine frischen Spuren. Und seine alten Spuren sind f�r unsere Zwecke unbrauchbar. Herr Vampir, sind Sie noch sauer auf mich?�</p><p>Ich lachte aufgedreht - nicht �ber Melifaros Bericht, sondern �ber die unglaubliche Neuigkeit. Was f�r eine Nachricht!</p><p>�Die gesamte Stadtpolizei sucht nach Bubuta, und wenn sie ihn nicht bis zum Morgengrauen findet, �bertragen sie uns die Ermittlungen.�</p><p>�Wei� Juffin schon Bescheid?�, fragte ich, nachdem ich mich beruhigt hatte.</p><p>�Wie sollte er nicht davon wissen?�</p><p>�Und? Ist er froh dar�ber?�</p><p>�Das fragst du noch? Er hat gesagt, jetzt k�nne er endlich ein Fass aufmachen, weil sein gr��ter Traum in Erf�llung gegangen sei. Und er kommt morgen in aller Fr�he zum Dienst. Vielleicht steckt er ja dahinter.�</p><p>�Das w�rde mich nicht wundern�, sagte ich l�chelnd. �Willst du eigentlich bis zu seiner Ankunft unterm Tisch bleiben? Wolltest du nicht noch ins Gro�e Archiv?�</p><p>�Du wirst doch nicht spucken, oder?�</p><p>�Nat�rlich werde ich das. Jetzt kannst du dich nur noch retten, indem du dich unter den Fl�geln der Buriwuche verkriechst.�</p><p>�Gute Idee!�, rief Melifaro, sprang unterm Tisch hervor, trank seine Kamra auf einen Satz leer, winkte mir zum Abschied kurz zu und verschwand im Korridor.</p><p>Ich blieb allein zur�ck und meldete mich per Stummer Rede bei Lady Tanita.</p><p>�In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen�, meinte sie. �Wissen Sie, Ihr Rat ... Es ist tats�chlich so gelaufen, wie Sie sagten. Ich bin nicht verr�ckt geworden und habe sogar ein paar Stunden geschlafen. Vielen Dank.�</p><p>Ich lie� die j�ngeren Mitarbeiter mein B�ro aufr�umen und meldete mich per Stummer Rede im Fressfass. Wenn ich mit Lady Melamori schon alles gr�ndlich durchsprechen musste, sollte sie dabei wenigstens gut essen. Au�er mir schaffte es niemand, sie zu �berreden, etwas Vern�nftiges zu sich zu nehmen. Na ja - ob ich es schaffen w�rde, war noch nicht klar, aber versuchen konnte ich es ja.</p><p>Lady Tanita kam, wie versprochen, nach einer Viertelstunde. Sie hatte sogar Zeit gehabt, sich umzuziehen, und war sehr elegant angezogen. In Echo gibt es die Unsitte nicht, Trauer zu tragen. Schmerz gilt als Privatsache, und man muss nicht aller Welt den Verlust geliebter Menschen signalisieren.</p><p>�Was f�r ein h�bscher Tag�, sagte die wunderbare Lady Tanita nicht ohne Sarkasmus.</p><p>Sie war tapfer genug, diese traditionelle Begr��ungsformel mit bitterer Ironie zu w�rzen, und begeisterte mich immer mehr.</p><p>�Sie verstehen sicher, warum ich Sie gerufen habe. Ich muss unbedingt kl�ren, womit Ihr Mann sich besch�ftigt hat - vor allem in den letzten Tagen. Ich wei�, dass es sehr schmerzlich f�r Sie ist, dar�ber zu reden, aber ...�</p><p>�Ich verstehe das, Sir Max. Solche Dinge passieren ja nicht von allein, und Sie m�ssen den T�ter finden, aber ich f�rchte, ich kann Ihnen dabei kaum helfen.�</p><p>�Ich wei�, was Sie sagen wollen. Ihnen ist die ganze Zeit nichts Besonderes aufgefallen. Erst ein Ungl�ck rei�t den, dem es widerfahren ist, aus der Normalit�t und macht ihn auf traurige Weise zu etwas Ungew�hnlichem. Und erst im R�ckblick zeigt sich, dass es im Vorfeld des Unheils Warnzeichen gegeben hat.�</p><p>Auf der Erde hatte ich so viele Krimis gelesen, dass ich eine derart banale Weisheit nun einfach aus dem �rmel sch�tteln konnte. Hoffentlich kannten die Autoren dieser Romane sich im Leben ganz gut aus.</p><p>�Gut, Sir Max. Aber ich kann Ihnen eigentlich nur sagen, dass unser Leben ziemlich normal verlaufen ist.�</p><p>�Ausgezeichnet, Lady Tanita. Doch bedenken Sie, dass ich als Au�enstehender keine Ahnung habe, wie Ihr normales Leben ausgesehen hat. Erz�hlen Sie mir bitte ein wenig dar�ber.�</p><p>�Gern. Jeden Tag ist Karri im Morgengrauen aufgestanden und auf den Markt gegangen. Wir haben viel Personal, aber die Zutaten hat er immer allein ausgesucht. Karri ist ... oder war ein ausgezeichneter Koch. Kochen war f�r ihn kein Broterwerb, sondern eine Kunst. Eine Frage der Liebe und Ehre, wenn Sie so wollen. Wenn ich aufwachte, war er schon in der K�che und gab dem Personal Anweisungen. Das Lokal �ffnete um zehn, manchmal auch fr�her, wenn die Kunden das w�nschten. Vormittags stand immer ein Mitarbeiter hinter der Theke, damit Karri und ich genug Zeit f�r andere Dinge oder zur Erholung hatten. Gegen Abend ging er in die K�che und bereitete zwei spezielle Tagesgerichte vor. Die �brigen Speisen hatte das Personal zubereitet. Ich stand meist hinter der Theke, doch mitunter schickte Karri mich spazieren. Dann wollte er die Besucher allein bedienen und ihre Komplimente entgegennehmen. Gegen elf Uhr abends ging er normalerweise schlafen, weil er immer fr�h aufstehen musste. Und ich blieb im Restaurant - nat�rlich nicht allein, denn wir hatten ja viel Personal. Bald nach Mitternacht ging dann auch ich nach oben. Wir haben einen jungen Mitarbeiter namens Kumarochi, der gern bis sp�t in die Nacht arbeitet - Hauptsache, er kann morgens ausschlafen.�</p><p>�Das versteh ich gut. So bin ich auch ... Sagen Sie mir bitte, Lady Tanita, was Karri in der Freizeit getan hat. Man muss sich ja selbst von der liebsten Arbeit mitunter erholen.�</p><p>�Mit dieser Behauptung w�re Karri absolut nicht einverstanden gewesen. Seine einzige Methode, sich zu erholen, bestand darin, hinterm Tresen zu stehen und ein wenig mit den G�sten zu plaudern. Vielleicht werden Sie es mir nicht glauben, doch er ging sogar in andere Wirtsh�user nur mit dem Ziel, die kulinarischen Geheimnisse der Konkurrenz zu knacken. Und das ist ihm immer gelungen. Karri hat nie eine Lehre als Koch gemacht. In seiner Jugend war er Bote in der Kanzlei der Zufriedenheit. Die Trunkene Flasche habe ich von meiner Gro�mutter geerbt. Zuerst dachten wir, wir m�ssten das Lokal den Angestellten �berlassen, da wir nicht mal Kamra kochen konnten. Einige fahre war Karri nur Aushilfskoch und hat schmutzigste Arbeiten verrichtet. Dann hat er pl�tzlich einen Salat zubereitet - einen ganz normalen Salat -, aber die Leute meinten, so etwas Leckeres h�tten sie seit Beginn der Epoche des Gesetzbuchs nicht gegessen. Dabei hatte Karri nur dem Koch bei der Arbeit zugesehen und sich dabei etwas ausgedacht.�</p><p>�Ist Ihr Mann oft auf die Jagd gegangen?�, wollte ich wissen.</p><p>Lady Tanita sah mich fragend an.</p><p>�Auf die Jagd nach Kochrezepten, meine ich.�</p><p>�Ziemlich oft ... Alle zw�lf Tage bestimmt, manchmal �fter. Er hat sogar gelernt, seine Gesichtsz�ge zu ver�ndern, weil kein Koch seine Geheimnisse gern an jemanden vom Fach ausplaudert. Dieser Argwohn ist ganz nat�rlich, m�ssen Sie wissen, denn der Konkurrenzdruck ist sehr gro�.�</p><p>�Na sehen Sie! Und gerade haben Sie mir noch erz�hlt, Sie h�tten ein ganz normales Leben gef�hrt! Obwohl Ihr Mann Karwen in fremder Gestalt die Geheimrezepte seiner Kollegen geknackt hat! Sie werden mir sicher Recht geben, wenn ich sage, dass das kein typisches Verhalten ist ... Aber verzeihen Sie bitte meinen besserwisserischen Ton. Ich habe mir leider angew�hnt, wie ein Kriminalbeamter daherzureden.�</p><p>�Schon gut, Sir Max. Sie k�nnten auch wie ein Friedhofsw�rter reden. An meiner Lage �ndert das ohnehin nichts. Und wenn Sie l�cheln, vergesse ich sogar, dass Karri nicht mehr unter uns weilt.�</p><p>�Lady Tanita�, begann ich ernst, �denken Sie bitte daran, dass es au�er unserer Welt noch andere Welten gibt. Das kann ich beschw�ren. Ihr Mann befindet sich an irgendeinem weit entfernten Ort. Wissen Sie, als meine Gro�mutter starb - die einzige Person in meiner Familie, die ich wirklich geliebt habe -, sagte ich mir, sie sei blo� weggefahren, und wir k�nnten sie nun nicht mehr sehen; das sei nat�rlich schlimm, aber immerhin lebe sie irgendwo weiter. Glauben Sie mir, Lady - vom Tod wei� niemand mehr als ich�, sagte ich und knetete den Saum meines schwarzen Todesmantels.</p><p>Wer h�tte das gedacht? Meine naive religi�se �berzeugung hat dieser armen Frau wirklich geholfen! Jedenfalls l�chelte sie gedankenverloren.</p><p>�Bestimmt haben Sie Recht, Sir Max. Ich w�sste nur gern, was f�r eine Welt das sein mag und ob es Karri dort gef�llt. In einer anderen Welt zu sein ist besser, als nirgendwo zu sein. Aber irgendwann kommt auch f�r mich die Zeit, und dann werde ich ihn finden - meinen Sie nicht auch?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete ich ehrlich. �Aber ich hoffe es sehr. Wir werden alle gleich hinter der Schwelle, die die Welten trennt, jemanden suchen gehen.�</p><p>�Sie sind wirklich ein guter Mensch, Sir Max.�</p><p>�Erz�hlen Sie das aber niemandem, sonst kann ich nicht mehr normal arbeiten. So wie es ist, ist es f�r alle am besten. Die Verbrecher haben so gro�e Angst vor meinem Mantel, dass sie keine gr��eren Untaten begehen.�</p><p>Die Erinnerung an den t�dlich ver�ngstigten Herrn Ploss lie� mich l�cheln, und das brachte mich auf eine recht kluge Frage.</p><p>�Lady Tanita, denken Sie bitte scharf nach: Hatte Ihr Mann spezielle Pl�ne f�r den letzten Tag des Jahres? K�nnte er sich vor dem Jahreswechsel noch die Erf�llung eines besonderen Versprechens vorgenommen haben? Hat er vielleicht ein au�ergew�hnliches kulinarisches Geheimnis knacken oder ein besonders raffiniertes Gericht kreieren wollen? K�nnte es sein, dass er dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt hat?�</p><p>Ich konnte mich schwer von meiner Lieblingshypothese trennen, wonach in Karris Tod ein unbekannter rebellischer Magister verwickelt war, denn ich hatte mich daran gew�hnt, dass hinter jedem au�ergew�hnlichen Gegenwartsereignis ein schweres Erbe der Vergangenheit steht. Vielleicht hatte der Wirt ja einem gef�hrlichen Magister ein Rezept entlocken wollen.</p><p>�Karri hat mich nicht in die Geheimnisse seiner Kochkunst eingeweiht. Er mochte es, mich zu �berraschen. Wissen Sie, Sir Max, Karri f�hlte sich ... na ja, wie ein Gro�er Magister. Und das war er auch, wenn er am Herd stand. Aber ich glaube, Sie haben Recht: In letzter Zeit hat Karri das Haus t�glich f�r zwei, drei Stunden verlassen und hatte immer seine furchtbare wei�blonde Per�cke dabei. Und dann blieb er bis in die fr�hen Morgenstunden in der menschenleeren K�che. Und am letzten Abend wirkte er �beraus zufrieden. Ja, Sir Max, ich glaube, Sie haben Recht: Karri d�rfte ein fremdes Geheimnis geknackt haben.�</p><p>�Und Sie wissen nat�rlich nicht, wessen Geheimnis?�, fragte ich ohne gro�e Hoffnung auf eine positive Antwort.</p><p>�Nein, Sir Max, wirklich nicht. Ich wei� blo�, dass Karri sich nur f�r die allerbesten K�che interessiert hat. Kennen Sie den Koch vom Ges�ttigten Skeletth-</p><p>�Nat�rlich, ich wohne doch gleich um die Ecke. Ihnen, Lady Tanita, kann ich es ja beichten: Als ich gemerkt habe, dass der Koch dort mit Schwarzer Magie zweiten Grades etwas �bertreibt, hab ich gleich gedacht, dass man dort gut fr�hst�cken kann.�</p><p>�Eben! So eine niedrige Stufe hat Karri nie interessiert. Das war unterhalb seiner Vorstellung von Kunst.�</p><p>�Nicht schlecht. Damit wird der Kreis der Verd�chtigen deutlich kleiner. Sie erleichtern mir meine Arbeit wirklich sehr. Welche Wirtsh�user erfreuten sich denn der besonderen Wertsch�tzung Ihres Mannes?�</p><p>�Lassen Sie mich kurz nachdenken. Er hat die Konkurrenz nur ungern gelobt, aber das Fressfass und der Bucklige Itulo waren nat�rlich die allerbesten. Der Gefr��ige Truthahn und der Dicke Mann an der Kurve geh�rten auch dazu. Von den Wirtsh�usern mit einem Skelett im Namen hat er nur am Tanzenden Skelett ein gutes Haar gelassen. Wissen Sie, der Koch dort hat irgendwann bei dem legend�ren Wagata Wach als Aushilfe gearbeitet. Karri hat immer behauptet, die besten K�che seien ohnehin bei reichen Leuten angestellt. Dort h�tten sie Zeit genug f�r ihre Kunst und m�ssten sich nicht damit herumschlagen, eine Horde angetrunkener Dummk�pfe zu ern�hren, wie er zu sagen pflegte. Er tr�umte davon, Schuta Wach kennen zu lernen, den Sohn des gro�en Wagata, aber das war unm�glich. Die reichen Familien und ihre K�che - das ist wirklich eine geschlossene Gesellschaft. Vielleicht hat Karri sich ja in die K�che eines Privathaushalts eingeschlichen? Aber eigentlich glaube ich nicht daran. Das w�re selbst f�r ihn eine zu abenteuerliche Recherche gewesen.�</p><p>Vielen Dank, Lady Tanita. Jetzt wei� ich genug. Seien Sie mir bitte nicht b�se, wenn ich mich irgendwann per Stummer Rede bei Ihnen melde. Mir kann st�ndlich eine dumme Frage in den Sinn kommen. Machen Sie sich also auf das Schlimmste gefasst.�</p><p>�Als ob es noch schlimmer werden k�nnte�, meinte Lady Tanita l�chelnd. �Sir Max, ich kann niemanden sonst um Rat fragen - vielleicht k�nnen Sie mir ja sagen, was ich machen soll, um nicht verr�ckt zu werden, wie Sie es gestern genannt haben.�</p><p>�Was Sie machen sollen, wei� ich nicht. Ich wei� nur, was ich an Ihrer Stelle t�te.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Ich w�rde die Vergangenheit vergangen sein lassen und ein neues Leben beginnen. Ich w�rde also versuchen, alles zu �ndern, also in eine andere Stadt ziehen, mindestens aber in ein anderes Haus. Ich w�rde die Arbeitsstelle wechseln, falls es sich irgend einrichten lie�e. Ich w�rde mir neue Kleider kaufen und meine Frisur �ndern, und ich w�rde mir sogar einen neuen Bekannten- und Freundeskreis aufbauen. Etwas in der Richtung jedenfalls. Au�erdem w�rde ich so viel arbeiten, dass ich jeden Abend vor M�digkeit aus den Latschen kippe. Dann w�rde der Schlaf mich suchen, nicht ich den Schlaf. Und schon nach einem Dutzend Tagen w�rde mir aus dem Spiegel ein Unbekannter entgegenblicken, der nicht ann�hernd so viel Ungl�ck erlebt hat wie ich. Das ist ein dummer Rat, stimmt's?�</p><p>Lady Tanita sah mich �berrascht an.</p><p>�Er klingt tats�chlich etwas seltsam, aber ich werde es versuchen, Sir Max. Das ist jedenfalls besser, als nach Hause zur�ckzukehren, wo Karri sowieso nicht mehr ist. Und was Sie da angesprochen haben ... Es ist so einfach, aber allein w�re ich nie im Leben darauf gekommen. Haben Sie schon mal nach Ihrem Rezept gehandelt?�</p><p>�Zweimal. Das erste Mal lief es nicht besonders, aber ich bin wenigstens nicht verr�ckt geworden. Doch beim zweiten Mal hatte ich damit gro�en Erfolg.�</p><p>�Als Sie aus den Leeren L�ndern nach Echo gekommen sind?�</p><p>�Genau, aber ich hatte auch viel Gl�ck. H�tte es damals nicht Sir Juffin gegeben ...�</p><p>�Wir hatten mit Ihnen viel Gl�ck�, sagte Lady Tanita l�chelnd. �Wenn sich sogar unter dem Todesmantel ein so netter Mensch wie Sie verbirgt, wird die Welt nicht so schnell untergehen. Ich fahre noch heute in die Neustadt und er�ffne dort ein Wirtshaus. Da gibt es kaum Konkurrenz. Ich suche mir neue Mitarbeiter und werde mich entweder behaupten oder ruinieren. Und ich glaube, bis dahin hab ich mich an den Gedanken gew�hnt, dass Karri blo� verreist ist.�</p><p>�Sie sind ungemein tapfer, Unvergessliche�, sagte ich begeistert.</p><p>Dabei dachte ich, dass ich mir gern selbst so kluge Ratschl�ge geben w�rde, wenn mich das Schicksal mal wieder auf die Probe stellte.</p><p>Kaum war Lady Tanita verschwunden, ging ich ins Gro�e Archiv. Dort warf Sir Lukfi Penz versehentlich einen Stuhl um, so gedankenverloren bewegte er sich zwischen den kichernden Buriwuchen. Melifaro sa� in einem Sessel und schlenkerte genauso geistesabwesend mit den Beinen.</p><p>�Und?�, fragte ich schon auf der Schwelle.</p><p>�Nichts, absolut nichts�, gab Melifaro zur�ck und betonte dabei jede Silbe. �Kein einziger verr�ckter Magister hat sich bisher eine einfache Methode ausgedacht, schnell und lecker einen Festschmaus zuzubereiten. Apropos Essen: Ich bin bereit, mein Versprechen dir gegen�ber auf der Stelle einzul�sen. Und ob mit dir oder ohne dich, liebes Nachtantlitz - ich geh jetzt was futtern. Sonst gibt es noch eine Leiche.�</p><p>�Sir Lukfi, m�chten Sie nicht mitkommen?�, fragte ich.</p><p>�Das ist leider nicht m�glich, Sir Max�, antwortete unser Oberster Wissensh�ter und breitete schuldbewusst die Arme aus. �Erstens muss ich bis zur Abendd�mmerung hierbleiben, und zweitens besitzt meine Frau ein Restaurant, sogar ein sehr gutes. Als wir uns kennen lernten, hab ich ihr versprochen, nie in einem fremden Wirtshaus zu essen. Abgesehen vom Fressfass nat�rlich -wer f�r Sir Juffin arbeitet, kommt um den Laden ja nicht herum, und daf�r hat Waruscha Verst�ndnis. Ich hatte ihr eigentlich nur eine Freude machen wollen, doch nun bin ich an mein Versprechen gebunden.�</p><p>�Und wie hei�t das Wirtshaus Ihrer Frau? Dort k�nnen wir ja auch mal essen.�</p><p>�Aber nat�rlich, Sir Max. Es hei�t Der dicke Mann in der Kurve und liegt in der Neustadt. Wissen Sie, wo?�</p><p>�Na sicher!� Der Gedanke, dass die verg�tterte Gattin von Sir Lukfi zum kleinen Kreis der Verd�chtigen geh�rte, verbesserte meine Stimmung und meinen Appetit.</p><p>Der Bucklige Itulo war das teuerste Restaurant von Echo und lag ziemlich weit vom Haus an der Br�cke entfernt. Deshalb war ich dort erst zweimal gewesen.</p><p>Das erste Mal war ich zuf�llig dort gelandet. Damals war ich noch damit besch�ftigt, mich in der Hauptstadt zu orientieren. Die Preise dieses Wirtshauses hatten mich ersch�ttert. Sie sind viel h�her als im Fressfass, das auch nicht gerade billig ist. Klar, dass die astronomischen Preise meine Neugier weckten - ich musste unbedingt herausfinden, was man f�r so viel Geld bekam.</p><p>Mehr als alles andere hatte mich die Inneneinrichtung irritiert, denn es gab weder Theke noch Tische - nur einen breiten Korridor mit vielen T�ren. Eine �ltere, dunkelhaarige Kellnerin mit finsterem Gesicht hatte mir eine davon ge�ffnet. Dahinter befand sich ein kleines Separee mit rundem Tisch, auf dem ein Springbrunnen pl�tscherte. Die Kerzen erzeugten ein sehr anheimelndes Halbdunkel. Die Einrichtung hatte mich beeindruckt, und das Essen gefiel mir nicht minder. Ich hatte nur das Gef�hl, zu wenig Gourmet zu sein, um alle Nuancen der ausgezeichneten K�che w�rdigen zu k�nnen.</p><p>Erst vor kurzem war ich zum zweiten Mal im Buckligen Itulo gewesen und hatte dort f�r Chuf ein wenig Geb�ck gekauft.</p><p>Offenbar geh�rte auch Melifaro nicht zu den Stammkunden.</p><p>�Ich f�hle mich hier wie ein Dummkopf�, gestand er und nahm Platz. �Wie ein Dummkopf, der nichts anderes zu tun hat, als sich den Bauch mit Delikatessen vollzuschlagen.�</p><p>�Darum wollte ich ja hierher�, bemerkte ich trocken.</p><p>�Willst du dich auch wie ein Dummkopf f�hlen?�</p><p>�Auf keinen Fall! Ich wollte nur, dass du merkst, wie teuer ich dich zu stehen kommen kann.�</p><p>�Sir Nachtantlitz, hast du etwas zu tief ins Kachar-Balsam-Glas geschaut? Ich will dir Gutes tun, und du machst dich �ber mich lustig? Du hast eine r�tselhafte Seele, mein Kind der Leeren L�nder.�</p><p>Die T�r �ffnete sich, und der legend�re Itulo kam herein. Er war nicht nur f�r seinen Buckel bekannt, sondern auch daf�r, alle dreihundert Gerichte auf der Speisekarte eigenh�ndig zuzubereiten. Darum mussten die G�ste enorm viel Geduld haben und mitunter mehr als drei Stunden warten.</p><p>�Lassen Sie bitte die T�r auf. Die Luft ist ein wenig dick.�</p><p>�Ich hab doch gesagt, dass du mit dem Balsam �bertrieben hast�, meinte Melifaro und zwinkerte mir freundlich zu. Atemnot ist n�mlich das erste Zeichen einer �berdosis.</p><p>�Zu den Magistern mit dir! Was w�rdest du wohl sagen, wenn du den ganzen Tag in diesem Aufzug verbringen m�sstest�, meinte ich und wies mit Abscheu auf meinen Todesmantel.</p><p>�Herr Itulo! Wir l�ften hier eins der gr��ten Geheimnisse des Universums: Der Tod schwitzt! Allerdings nur manchmal.�</p><p>Melifaro verzog das Gesicht und gestikulierte vor der Nase des Wirts herum. Der geh�rte allerdings nicht zu den humorvollsten Menschen von Echo, sondern l�chelte lediglich pflichtbewusst und legte dabei einen Folianten auf den Tisch, der eher einer Gutenbergbibel �hnelte als einer Speisekarte.</p><p>Ich �berlie� Melifaro die Auswahl - schlie�lich w�rde er auch die Rechnung �bernehmen. Und wenn ihm der Sinn danach stand, eine halbe Stunde seines kostbaren Lebens damit zu verplempern, den Unterschied zwischen der Pastete Kalter Traum und dem Braten Himmlischer K�rper zu kl�ren, wollte ich nicht so unmenschlich sein, ihm diesen intellektuellen Genuss zu verderben.</p><p>�Meine Herren, falls f�r Sie das Raffinement eher im Einfachen liegt, m�chte ich Ihre Aufmerksamkeit auf diese Seite hier lenken�, sagte Itulo.</p><p>�Was k�nnen Sie jemandem empfehlen, der m�rbes Pferdefleisch gew�hnt ist?�, fragte Melifaro listig.</p><p>�Na ja ... Ich habe einen ausgezeichneten Braten, den ich nach altem Rezept aus dem Herzen eines zu Tode gehetzten Pferdes zubereite. Das ist ein teurer Spa�, weil man das ganze Tier bezahlen muss. Sie k�nnen sich nicht vorstellen, meine Herren, was so ein Pferd kostet. Und dazu noch der, der es zu Tode reitet. Von den Gew�rzen ganz zu schweigen.�</p><p>�Hast du darauf Lust, Max?�, fragte Melifaro etwas besorgt. �Bei dir will ich ja nicht geizen.�</p><p>�Ach komm�, murmelte ich. �Ich interessiere mich eher f�r das Raffinement des Einfachen. Au�erdem ist es eine Schweinerei, Tiere so zu qu�len.�</p><p>�Das finde ich auch, mein Steppenkind�, stimmte mir der Hobbyanthropologe erleichtert zu und vertiefte sich wieder in die Speisekarte. Der bucklige Wirt brummte etwas in seinen Bart, und mein Freund bl�tterte gen�sslich die Seiten um. Ich verfolgte mit halbem Ohr den sich hinziehenden Dialog und wandte mein gl�hendes Gesicht dem k�hlen L�ftchen zu, das vom Korridor hereinwehte. Und pl�tzlich ...</p><p>Sir Juffin Halli hatte wirklich Recht, was mein unerh�rtes Gl�ck anlangte: Das schwache Aroma, das ich nun witterte, war der gleiche merkw�rdige Duft, den ich zuletzt in der Leichenhalle des Hauses an der Br�cke geschnuppert hatte!</p><p>�Ich will das!�, rief ich und zeigte mit dem Finger zur T�r.</p><p>�Was m�chten Sie?�, fragte der Wirt beunruhigt.</p><p>�Das, was da duftet. Und du willst es auch, stimmt's?�, meinte ich und sah Melifaro, der sich ebenfalls zur T�r gewandt hatte, bedeutungsvoll an.</p><p>Schon nach dem Bruchteil einer Sekunde zeigten seine dunklen Augen, dass er verstanden hatte.</p><p>�Ja, Herr Itulo, wir haben uns entschieden. Das riecht einfach fantastisch. Welche Nummer ist das?�</p><p>�Das geht nicht, meine Herren�, sagte der Wirt k�pfsch�ttelnd. �Dieses Gericht steht nicht auf der Karte. Es w�re vergebens, danach zu suchen.�</p><p>�Wieso denn?�, fragte Melifaro und sprang auf.</p><p>�Es ist ein sehr teures Gericht.�</p><p>�Na prima�, rief ich. �Wir wollten doch was Teures probieren, oder, mein armer Freund?�</p><p>�Genau�, brummte Melifaro, ohne mit der Wimper zu zucken.</p><p>�Wie dem auch sei, meine Herren - das ist leider unm�glich.� Der Wirt blieb unerbittlich. �Die Zubereitung dieses Gerichts dauert mindestens ein Dutzend Tage. Ich hab einige Stammg�ste, die es im Voraus bestellt haben. Ich kann Ihnen nat�rlich entgegenkommen, aber Ihre Portion wird erst in ... nein, genau kann ich nicht sagen, wann sie fertig wird, da ich manche Zutaten sogar aus Arwaroch beziehe. In unserer Hemisph�re wachsen sie nicht. Ich kann Sie auf die Warteliste setzen, aber versprechen kann ich Ihnen nichts.�</p><p>�Na gut�, meinte ich abwinkend. �Bringen Sie uns was Einfaches mit Raffinement. Aber bitte auf keinen Fall Pferdeherz. Was die �brigen Details anlangt, verlassen wir uns ganz auf Ihren Geschmack.�</p><p>�Ich w�rde Ihnen zu den Nummern 37 und 39 raten, meine Herren�, sagte der Wirt sichtlich erleichtert. �Darauf m�ssen Sie h�chstens eine Stunde warten, f�r hiesige Verh�ltnisse also sehr kurz. Was m�chten Sie bis dahin trinken?�</p><p>�Kamra!�, rief ich.</p><p>�Kamra? Vor dem Essen? Aber Ihre Geschmacksknospen?�</p><p>�Dann nehmen wir noch einen Krug Wasser dazu, damit unsere Geschmacksknospen h�bsch sauber sind,</p><p>wenn das wichtigste kulinarische Ereignis ihres Lebens auf sie zukommt. Und lassen Sie bitte die T�r auf - hier drin ist es sehr stickig.�</p><p>Kaum waren wir allein, konnte Melifaro sich endlich aussprechen.</p><p>�Es riecht wie bei uns in der Leichenhalle. Gelobt sei deine gro�e Nase, Max!�</p><p>�Ich nehme das mal als Kompliment. Schon immer hab ich mir gew�nscht, eine gr��ere zu haben - so eine wie Juffin Halli.�</p><p>�Du hast wirklich einen furchtbaren Geschmack. Deine Nase ist doch der letzte Schrei�, stellte Melifaro fest.</p><p>�Na ja, besonders sch�n ist sie nicht gerade. Setz dich jetzt bitte mit Sir Kofa in Verbindung. Ich werde leider schnell m�de, wenn ich Stumme Rede benutze. Sag ihm, wir haben hier den gleichen Duft gerochen wie in der Leichenhalle, und bitte unseren Meister des Verh�rs, uns zu sagen, was er �ber die Sache denkt.�</p><p>�Erm�det dich die Stumme Rede wirklich?�, fragte Melifaro erstaunt.</p><p>�Versetz dich doch mal in meine Lage�, konterte ich. �Hast du schon mal eine fremde Sprache erlernt?�</p><p>�Irgendwann schon. Es ist schwer, der Sohn meines Vaters zu sein, ohne seltsame Sprachen exotischer Dummk�pfe b�ffeln zu m�ssen, die kein normales menschliches Idiom beherrschen.�</p><p>�Dann verstehst du mich also?�</p><p>�Ich bemitleide dich sogar. Deshalb also h�rt sich die Stumme Rede bei dir so seltsam an.�</p><p>�Na los, melde dich bei Sir Kofa Joch, du oberschlauer</p><empty-line/><p>
  neunter Band der Enzyklop�die von Sir Malifaro</p><empty-line/><p>
  Ich bin schon sehr gespannt darauf, was er sagt.</p><p>�Ich mach ja schon�, meinte Melifaro und setzte eine kluge Miene auf. Offenbar hatte er mit unserem Meister des Verh�rs bereits Verbindung.</p><p>Nach einigen Minuten bekamen wir zwei Kr�ge gebracht - einen mit Kamra, den anderen mit Wasser -, und Melifaros Gesicht bekam wieder einen menschlichen Ausdruck. Sogar mehr als das, weil der Arme vor Informationen und Schlussfolgerungen beinahe platzte. Als die finstere Kellnerin verschwunden war, befand er sich am Rande einer Ohnmacht.</p><p>�Deine Nase ist einfach ph�nomenal!�, rief er begeistert. �Erstens glaubt Sir Kofa zu wissen, um welches Gericht es sich handelt, n�mlich um die Pastete K�nig von Bandscha. Dieser Leckerbissen ist schon seit langem legendenumwoben. Selbst in der Ordensepoche konnte nicht jeder Koch ihn zubereiten - und heutzutage erst recht nicht. Das Problem ist, dass daf�r mindestens Magie zehnten Grades n�tig ist. Itulo aber geh�rt zu den gesetzestreuesten B�rgern von Echo. Seit der Epoche des Gesetzbuchs hat er sich nicht das kleinste Vergehen zuschulden kommen lassen. Das ist recht widerspr�chlich, findest du nicht? Sir Kofa Joch erz�hlt auch, die Sache mit der Pastete sei sehr geheimnisvoll. Diese Spezialit�t steht tats�chlich auf keiner Speisekarte. Auch unser Meister des Verh�rs hat mehrmals versucht, sie zu bestellen, und man hat ihm immer versprochen, ihn auf die Warteliste zu setzen - genau wie uns. Aber unter den B�rgern unserer Stadt gibt es einige, die dieses Gericht gekostet haben. In letzter Zeit hat Sir Kofa mehrere Gespr�che dar�ber aufgeschnappt. Und es gibt noch etwas Interessantes: Unter den Gl�ckspilzen, die dieses Essen kosten durften, waren keine reichen Leute, sondern nur normale B�rger, die sich so ein teures Restaurant allenfalls einmal im Jahr leisten k�nnen. Und Itulo tut immer so, als ob unsere beiden Geh�lter f�r den Besuch seines Lokals nicht ausreichen w�rden.�</p><p>�Kein Wunder - mit Leuten wie uns will er einfach nichts zu tun haben�, sagte ich nickend.</p><p>�Mit Mitgliedern des Geheimen Suchtrupps? Das ist vern�nftig. Irgendwas stimmt mit dieser komischen Pastete nicht.�</p><p>�Waren das schon alle Neuigkeiten?�</p><p>�Wo denkst du hin! Wei�t du, wo General Bubuta Boch gestern zu Mittag gegessen hat?�</p><p>�S�ndige Magister! Doch wohl nicht hier?�</p><p>�Und ob, Max! Und nicht zum ersten Mal! Schon vor zw�lf Tagen hat er diese Leckerei hier genossen. In letzter Zeit hat er nur noch hier gegessen.�</p><p>�Ich glaube, sein Gehalt ist nicht kleiner als unseres. Aber t�glich hier zu futtern, geht doch wohl schwer ins Geld.�</p><p>In mir erwachte ein kleiner, geiziger Junge, der sich um Bubutas Portemonnaie sorgte.</p><p>�Er verdient weniger als wir, Max. Er bekommt nur die H�lfte dessen, was Geheimagenten verdienen. Wusstest du das nicht?�</p><p>�Nein. Die ganze Geschichte gef�llt mir nicht, Melifaro. Hier passt nichts zusammen. Soweit ich wei�, geben Leute wie Bubuta ihr Geld ungern diskret aus. Und hier gibt es �berall Separees. Mich st�ren zwar fremde Fratzen beim Essen, aber einen wie Bubuta doch nicht! Warum soll er so viel f�rs Essen zahlen, wenn ihm nicht alle dabei Zusehen, wie er tafelt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bubuta allein in einer Spelunke sitzt und gen�sslich jeden Bissen kaut.�</p><p>�Was ist denn eine Spelunke, Max?�, fragte Melifaro. �Du benutzt heute unglaublich viele merkw�rdige Worte.�</p><p>Ich rieb mir die Schl�fen. Was bedeutete Spelunke? Und warum besuchten die Helden meiner Lieblingsb�cher - allen voran Sherlock Holmes - immer solche Orte? Ach, ja: weil sie Opium rauchen wollten! Und wie endeten ihre Besuche dort? Armer Bubuta! Aber wo konnte man in Echo Opium bekommen? Und wozu brauchte man es hier, da man doch jederzeit Erholungssuppe l�ffeln konnte? Ich begriff gar nichts mehr.</p><p>�Wei� Kofa zuf�llig, in welchem Zimmer Bubuta gegessen hat?�</p><p>�Ich frage ihn gleich.�</p><p>Melifaros Miene versteinerte erneut, aber diesmal nicht lange.</p><p>�Nicht schlecht�, meinte er dann. �Die Leute merken sich alles, wenn's um eine bekannte Person geht. Manche haben Bubuta mehrmals das letzte Zimmer verlassen sehen.�</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte ich erfreut. �Ich habe Lust, auch dorthin zu gehen. Und du, Melifaro?�</p><p>�Das fragst du noch? Gehen wir gleich oder nach dem Essen?�</p><p>�Das ist mir egal. Hauptsache, es geschieht unauff�llig.�</p><p>�Warum?�, fragte Melifaro erstaunt. �Es w�re doch interessant zu sehen, wer uns davon abzuhalten versucht.�</p><p>�Das w�rde ohnehin niemand tun. Aber ich m�chte mich ungest�rt umsehen. Warum, wei� ich nicht. Wir Bewohner der Grenzgebiete sind r�tselhafte Wesen.�</p><p>�Besonders, wenn sie mit Kachar-Balsam �bertrieben haben. Na gut, Max - ich bin damit einverstanden, dass wir uns das Zimmer heimlich anschauen. Und wie sollen wir das deiner Meinung nach einf�deln?�</p><p>�Zuerst klopfen wir vorsichtig per Stummer Rede an, um sicherzugehen, dass es leer ist. Anderenfalls warten wir, bis die G�ste verschwunden sind. Jedenfalls m�ssen wir uns sputen, damit uns niemand erwischt. �berpr�fst du das f�r mich?�</p><p>�Weil du es bist�, meinte Melifaro und meldete kurz darauf: �Dort sitzt ein Junge - offenbar eine echte Trant�te. Er hat nichts bemerkt und nicht mal gezuckt.�</p><p>�Gl�ck gehabt! Dann k�nnen wir vorher ja noch was essen.�</p><p>�Das will ich hoffen, denn schon im Gro�en Archiv w�re ich vor Hunger fast gestorben. Und was sollen wir danach machen?�</p><p>�Nichts Besonderes. Wir warten ab, bis die finstere Kellnerin in der K�che oder irgendwo anders verschwindet, und gehen dann r�ber, um nachzuschauen, wonach es dort riecht.�</p><p>�Wonach es dort riecht? Dann glaubst du also ...?�</p><p>�Ich glaube gar nichts. Wir m�ssen uns dort nur umschauen.�</p><p>Die finstere Kellnerin balancierte zwei Tabletts auf den muskul�sen Armen. Gen�sslich begannen wir zu essen. Das vom Wirt so gepriesene Raffinement des Einfachen war kein leeres Versprechen gewesen. Das merkte selbst ich.</p><p>�Versuch, dich ein wenig zu beherrschen�, bat ich Melifaro. �Iss bitte nicht alles auf, sondern lass was auf dem Teller.�</p><p>�Wieso das denn? Ach, ich verstehe: Du meinst, wir m�ssen l�nger bleiben. Keine Panik, die Transuse von Gast wird bald gehen. Ich beobachte ihn schon die ganze Zeit.�</p><p>�Prima. Dann darfst du unbeherrscht sein.�</p><p>�Vielen Dank�, antwortete Melifaro mit vollem Mund. �Ich glaube, wir k�nnen langsam r�bergehen. Oder nein, warten wir noch ein wenig. Er ist im Korridor stehen geblieben. Umso besser. Ich wollte ohnehin noch einen Bissen zu mir nehmen. Jetzt aber los, Max. Die Gelegenheit ist g�nstig.�</p><p>Wir landeten im Flur und standen schon Sekunden sp�ter in dem Zimmer, in dem der ber�hmte General Bubuta Boch so oft gespeist hatte.</p><p>�S�ndige Magister - der Geruch kommt ja direkt von hier!�, fl�sterte Melifaro erstaunt. �Diese Trant�te hat wom�glich den K�nig von Bandscha verspeist, oder wie immer das Gericht hei�en mag. Der Tisch ist l�ngst abger�umt, doch es riecht wie in der K�che.�</p><p>�Hier ist die K�che, Melifaro!�</p><p>�Nein, Max - die ist gleich rechts vom Eingang! Du hast doch gesehen, wohin der Wirt mit unserer Bestellung verschwunden ist.�</p><p>�Dann gibt es zwei K�chen�, murmelte ich. �Denk doch mal nach: So stark, wie es hier riecht, muss hier gekocht worden sein. Sag mir lieber, ob du klug genug bist, die T�r zu finden, die ein Dummkopf wie ich bis �bermorgen suchen w�rde.�</p><p>�Die Geheimt�r? Mal sehen, was sich machen l�sst.�</p><p>Melifaro schloss die Augen und ging unsicheren Schritts durchs Separee. Mir stockte der Atem, weil ich jeden Moment damit rechnete, dass er gegen Tisch oder St�hle sto�en w�rde. Aber nein - er wich dem, was im Wege stand, akkurat aus, landete an der gegen�berliegenden Wand, ging dort auf alle viere und setzte seine Suche fort.</p><p>�Hier�, rief er schlie�lich und wandte mir sein l�chelndes Gesicht zu. �Komm, Max, ich zeig dir was.�</p><p>Ich zuckte ein wenig zusammen, weil seine geschlossenen Lider im Halbdunkel gr�nlich schimmerten.</p><p>�Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes�, sagte ich, denn seine flimmernden Augen jagten mir so gro�e Angst ein, dass ich auf Nummer sicher gehen wollte.</p><p>�Schlimm ist es nicht, aber unvermeidlich. Und jetzt komm.�</p><p>Ich ging zu ihm, beugte mich vor und untersuchte die Fl�che, vor der er kniete.</p><p>�Und?�, fragte ich. �Das ist ja nur ein ganz normaler Fu�boden ... Allerdings ist er ein wenig warm�, meinte ich dann und stellte erstaunt fest, dass er an einer Stelle sogar fast hei� war.</p><p>�Ein wenig warm? Hast du noch alle Tassen im Schrank?�, fragte Melifaro emp�rt. �Such deine T�r doch n�chstes Mal selbst.�</p><p>�Wozu w�rst du dann noch nutze? Denk lieber daran, wie viel Zeit ich an deiner Stelle gebraucht h�tte. Deine Methode ist einfach viel besser. Aber was hat es eigentlich mit dem hei�en Fleck hier auf sich?�</p><p>�Den sp�rst du? Donnerwetter!�, rief Melifaro beeindruckt.</p><p>Ich konnte nat�rlich nicht zugeben, bisher nichts von dieser F�higkeit gewusst zu haben.</p><p>�Soll ich die T�r jetzt auch aufmachen?�, fragte Melifaro leicht gereizt.</p><p>�Das w�re in deinem Interesse. Hat Juffin dir nicht erz�hlt, wie ich mal versucht habe, eine Schatulle zu �ffnen, in der sich ein Geschenk des K�nigs befand?�</p><p>�Nat�rlich hat er mir das erz�hlt. Er hat uns alle gerufen und gesagt: �Liebe Leute, wenn ihr am Leben bleiben wollt, d�rft ihr Sir Max nicht erlauben, in eurer Gegenwart auch nur eine Konservendose zu �ffnen.� Dar�ber haben wir uns sehr erschreckt und lange geweint.�</p><p>�Eine Konservendose? Hast du Konservendose gesagt?�</p><p>Ich fand es erstaunlich, zugleich aber lustig, dass es auch in Echo solche Dosen gab. Na ja - wo h�tte ich auch auf sie sto�en sollen? Bisher hatte ich schlie�lich vor allem in Restaurants oder bei Freunden gegessen.</p><p>�Wor�ber staunst du denn jetzt schon wieder?�, fragte Melifaro, winkte dabei aber schon ab und schob das hei�e St�ck Fu�boden Richtung Wand.</p><p>Wir starrten in die Dunkelheit, aus der uns der leckere Geruch entgegenschlug.</p><p>�Also los�, sagte ich und seufzte. �Schade, dass das nicht der getarnte Eingang zur K�che des Wirtshauses ist.�</p><p>�Wie bei der Pforte zum Obstgarten des Siebenzackigen Blattes? Sch�n w�r's, Max.�</p><p>Ich stieg eine schmale Treppe hinunter. Melifaro folgte mir auf dem Fu�e und hielt nur kurz inne, um das hei�e St�ck Fu�boden wieder �ber den Einstieg zu schieben.</p><p>�Du hast hoffentlich keine Orientierungsprobleme?�, wollte ich wissen.</p><p>�Wieso? Hast du welche?�</p><p>�Ich glaube schon. Und ehrlich gesagt sehe ich nichts.�</p><p>�Na sch�n. Dann gib mir die Hand, mein Ungl�ck.�</p><p>Wir hielten uns an den H�nden und kamen dem Ursprung des Geruchs immer n�her. Allm�hlich merkte ich, dass mir irgendwie klar war, wann ich die Richtung wechseln musste, um nicht gegen eine Wand zu laufen, und wann ich die Beine zu heben hatte, um nicht gegen unsichtbare Hindernisse zu sto�en.</p><p>�Soll das ein Scherz sein?�, fragte Melifaro schlie�lich und versuchte dabei, mir seine Pranke zu entwinden. �F�r solche Intimit�ten ist jetzt nicht die richtige Zeit.�</p><p>�Schon lange tr�ume ich davon, mit dir Hand in Hand zu gehen, und jetzt habe ich endlich einen Grund daf�r gefunden. Aber jetzt Schluss damit. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob ich mich im Dunklen zurechtfinden kann oder nicht. Was solche Dinge anlangt, wei� ich von mir nichts im Voraus.�</p><p>�Daf�r bist du ein Gl�ckspilz, weil du ein interessantes Leben f�hrst. Aber bleib stehen - wir sind da. Jetzt br�uchten wir etwas Licht. Du rauchst doch, oder?�</p><p>�Soweit sich das Zeug rauchen l�sst, das hier als Tabak gilt. Aber zum Gl�ck habe ich Streichh�lzer dabei, keine Sorge.�</p><p>�Sorge? Angst hab ich! Z�nde also endlich deine Pfeife an. Das ist die einzige Lichtquelle, die wir hier haben.�</p><p>�Du willst mich wohl umbringen?�</p><p>Rasch stopfte ich meine Pfeife. Melifaros Idee war gro�artig. Ich brauchte nur einen kleinen Zug zu nehmen, da erhellte schon ein schwaches r�tliches Licht die Dunkelheit. Wir standen auf der Schwelle zu einem kleinen Zimmer, das voller Schr�nke stand und sehr seltsam wirkte. Etwas �hnliches hatte ich in meiner Heimat oft gesehen, nicht aber in Echo, wo die wenigen, stets eleganten Dinge des t�glichen Gebrauchs Kunstwerken �hneln.</p><p>Da die Aufnahmekapazit�t meiner Lungen beschr�nkt war, standen wir bald wieder im Dunklen.</p><p>�Was war denn das?�, wollte Melifaro wissen und zupfte am Saum meines Todesmantels. �Mach noch einen Zug, Max, bitte.�</p><p>�Wenn du mir weiter solche Befehle gibst, bringe ich dir das Quarzen bei�, sagte ich gereizt. �Das ist ja besch�mend - ein erwachsener Mann, der nicht rauchen kann!�</p><p>�Mit achtzehn hab ich die Pfeife meines Bruders geklaut, seine Tabakdose leer geraucht und mich dadurch fast vergiftet. Mach bitte noch etwas Licht, Max. Was liegt denn da vorn?�</p><p>�Du willst mich wohl tats�chlich umbringen�, sagte ich, trat an einen Schrank heran und nahm erneut einen m�chtigen Zug. S�ndige Magister! Das war ja gar kein Schrank - das war ein K�fig! Und darin lag ein Mensch und schlief anscheinend. Jedenfalls reagierte er weder auf uns noch auf meine Rauchwolken.</p><p>�Der ist weder tot noch lebendig�, konstatierte Melifaro. �Versuch es bei ihm mal mit Stummer Rede, Max. Das ist eine sehr interessante Erfindung. So kann man sogar mit einer Wurst reden.�</p><p>Der Teufel muss mir eingefl�stert haben, auf Melifaro zu h�ren. Die �sehr interessante Erfindung� erwies sich als die ekelhafteste Erfahrung meines Lebens. Zuerst hatte ich den Eindruck, selbst eine lebende Wurst zu sein, die die ganz und gar menschliche F�higkeit hatte, �ber sich und ihr Schicksal nachzudenken. Ich war eine Wurst, die tr�umte, verspeist zu werden. Ich konnte mich partout nicht aus dem Spinnennetz dieses Wahns befreien. Dann sp�rte ich eine Ohrfeige, die so kr�ftig war, dass mir die Pfeife aus dem Mund flog, landete an der gegen�berliegenden Wand und prallte mit dem Knie schmerzhaft gegen einen weiteren K�fig.</p><p>�Was ist los mit dir, Max?�, fragte Melifaro mit zitternder Stimme. �In was wolltest du dich da eben verwandeln? Wer hat dir das gezeigt? Was passiert hier �berhaupt!?�</p><p>�Das wei� ich selbst nicht�, seufzte ich, tastete nach meiner erloschenen Pfeife und hob sie auf.</p><p>Ein Zug aus der Pfeife erschien mir pl�tzlich ungemein erstrebenswert, denn bekannterma�en rauchen W�rste nicht. Der bittere Geschmack des Krauts, das man hier f�r Tabak h�lt, h�tte mir best�tigt, ein Mensch zu sein. Ein paar Sekunden sp�ter allerdings wusste ich wieder, wer ich bin.</p><p>�Mein Freund, manchmal staune ich selbst �ber mich�, gab ich zu. �Und ich f�rchte mich sogar vor mir. Vermutlich bin ich eine Gefahr f�r die �ffentlichkeit.�</p><p>�Vielleicht geh�rst du ja zu den ehemaligen Gro�en Magistern, die mit Beginn der Epoche des Gesetzes in die Leeren L�nder fl�chteten. Wom�glich hat Juffin dir eine neue Pers�nlichkeit eingepflanzt, und du hast deine Vergangenheit vergessen.�</p><p>�Das will ich nicht hoffen. Vielen Dank f�r die Ohrfeige - dadurch hast du mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Hast du dieses Mittel schon an Toten erprobt? Vielleicht funktioniert es ja dort auch.�</p><p>��Nichts zu danken, Max. Mir war schon lange danach, und pl�tzlich hatte ich einen guten Grund daf�r. Aber was war mit dir los?�</p><p>��Ich hab versucht, den Mann im K�fig per Stummer Rede zu erreichen, und war dabei vermutlich etwas �bereifrig. Statt - wie �blich - Magie zweiten Grades zu benutzen, hab ich wohl irgendwas im Hunderterbereich erwischt. Bei mir war das schon immer so: Selbst mein R�hrei ist st�ndig versalzen.�</p><p>��Tja ... Aber schau dich um, Max. Dort vorn gibt's was Interessantes.�</p><p>Ich drehte mich um, entdeckte etwas im K�fig und sah es mir mithilfe meiner Pfeife genauer an. S�ndige Magister! Das war ja wieder eine Pastete, die ihre menschlichen Konturen noch nicht ganz verloren hatte - eine sehr aromatisch riechende Pastete in Skaba und Lochimantel.</p><p>Meine Nerven waren kurz vor dem Zerrei�en. Anscheinend waren wir auf eine ganz gro�e Sache gesto�en, und das viel schneller als erhofft. Aber ich sp�rte dar�ber keine Erleichterung.</p><p>�Siehst du das?! Melifaro, er verarbeitet sie zu k�stlichen Gerichten. Dieses Vieh! Melde dich per Stummer Rede beim Suchtrupp. Ich brauche dringend Lonely-Lokley - je schneller, desto besser.�</p><p>�Ja�, fl�sterte Melifaro. �Und ich muss dringend aufs Klo. Mir ist kreuz�bel, denn auch wir haben gegessen, was er gekocht hat.�</p><p>�Tu dir keinen Zwang an�, meinte ich unger�hrt. �Aber ich glaube nicht, dass er uns Menschenfleisch vorgesetzt hat. Ich hoffe, der Bucklige hat nur ein einziges Spezialgericht und serviert es nur auserw�hlten G�sten.�</p><p>�Lonely-Lokley kommt gleich�, erkl�rte Melifaro. �Ich hab ihn gebeten, ein paar Polizisten mitzubringen. Max, was f�r ein Ekelfass haben wir hier eigentlich angestochen? Komm, sehen wir uns die �brigen K�fige an.�</p><p>�Willst du das wirklich? Ohne mich! Ich habe keine Lust, mich nach einem guten Essen zu �bergeben. Ich bin anders erzogen.�</p><p>�Du machst wohl wieder Witze, Sir Nachtantlitz? Als ob es bei euch in den Grenzgebieten irgendein gutes Restaurant g�be! Schlimmer, als es jetzt ist, kann es sowieso nicht werden. Vielleicht leben die Menschen in den anderen K�figen ja noch.�</p><p>�Kann sein. Geh und schau dich um. Mir reicht's.�</p><p>Ich wandte mich von dem Ekel erregenden Spezialgericht ab und sog an meiner Pfeife. Der hiesige Tabak ist gar nicht so schlimm - Ehrenwort!</p><p>�Max, ich hab mich geirrt�, erreichte mich Melifaros Stimme, die mir enorm laut und hell erschien. �Es gibt etwas noch Schlimmeres. Komm und gib mir noch etwas Licht. Und schlie� die Augen, wenn du das nicht sehen willst.�</p><p>Nat�rlich sah ich doch hin. Ich habe schon immer gewusst, dass meine Neugier mich zugrunde richten wird. Eine Pastete im Lochimantel sieht schon schlimm aus, aber wenn sie dann noch bis zur G�rtellinie verspeist ist, w�hrend die Beine intakt sind ... S�ndige Magister! Zum Gl�ck musste ich mich nicht �bergeben, weil mein Magen sehr robust ist. Egal, wie viel Ekel er ertragen muss - er arbeitet unbeeindruckt weiter. Aber ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, sondern fiel zu Boden, als w�re ich kein Mensch, sondern eine volle Einkaufstasche.</p><p>Dann begriff ich, dass wir nicht mehr allein waren.</p><p>Alles war wie im Traum. Innerhalb von Sekunden zog -wie man so sagt - das ganze Leben an mir vorbei.</p><p>Ich sah eine bucklige, nicht eben gro�e und ziemlich st�mmige Silhouette sowie den Schatten einer T�rklinke. Der Koch wollte in seiner K�che aufr�umen. Er war aufgeregt und dachte nicht an die Folgen seines Tuns. Binnen Momenten begriff ich, dass auch ich im K�fig landen und als Pastete enden konnte. Dann erkannte ich, dass der bucklige Itulo verr�ckt war.</p><p>Der Koch hatte eine Axt und einen Seidenfaden dabei, mit denen man in Echo Truth�hne schlachtet. Er war gekommen, uns brave Agenten zu t�ten, die wir uns zwischen seinen K�figen herumtrieben. Von Anfang an hatte er nicht die leiseste Chance, aber das k�mmert Wahnsinnige bekannterma�en nicht.</p><p>Ich drehte mich noch mal nach den schrecklichen Folgen von Itulos Kochk�nsten um. S�ndige Magister! Er mochte so lecker kochen, wie er wollte: Menschen durften daf�r nicht sterben - erst recht nicht auf so bestialische Weise.</p><p>Ich wollte b�se werden, doch es klappte nicht. Ich blieb ruhig, und mir war sogar alles ziemlich egal. Die verflixten Atem�bungen, die Lonely-Lokley mir beigebracht hatte, hatten aus dem nerv�sen Max einen entsetzlich ausgeglichenen Menschen gemacht. Also w�rde es keinen Wutausbruch geben. Solange ich aber gute Laune hatte, war Spucken zwecklos und allenfalls ein schlapper Bluff.</p><p>Dabei tat der Bucklige alles, um mich zu �rgern. Er r�ckte mir zu Leibe und fuchtelte mit seinem j�mmerlichen Werkzeug herum. Ich vermute, seine �berzeugung, er k�nne mich und Melifaro mit seinen harmlosen Utensilien umbringen, war letztlich der Tropfen, der das Fass zum �berlaufen brachte. Von Zorn allerdings konnte noch immer nicht die Rede sein. Daf�r war ich nun in geradezu ausgelassener Stimmung.</p><p>Darum wollte ich den Koch lediglich erschrecken und zugleich Melifaro aufheitern, der erstaunlicherweise sehr ernst war.</p><p>Verschw�rerisch zwinkerte ich in die Dunkelheit und spuckte unserem freundlichen Wirt gen�sslich ins wutverzerrte Gesicht. Dann fuhr ich dem Fallenden mit der Handkante �ber den Hals, denn mir war klar geworden, dass es ohne Schl�ge heute nicht abgehen w�rde.</p><p>Was eine Schlange sp�ren mochte, deren Giftz�hne sich im Leib ihres langsam schw�cher werdenden Opfers verbei�en, ahnte ich inzwischen: nichts Besonderes.</p><p>Dann geschah, was fr�her oder sp�ter geschehen musste. Die wundervolle Gabe des Gro�en Magisters Machligl Anoch zeigte sich mit voller Kraft. Entgegen der Prognose von Sir Juffin passierte das, als ich weder erschrocken noch zornig war. Trotzdem brach der Koch bewusstlos zusammen: Meine Spucke hatte sich als zweifelsfrei giftig erwiesen.</p><p>�Wunder geschehen, Max, das wei� ich jetzt!�, rief Melifaro und sah mich total begeistert an. �S�ndige Magister - du l�sst ja die besten Traditionen der Ordensepoche Wiederaufleben! Ohne dich w�re es unglaublich langweilig.�</p><p>�Hab ich ihn tats�chlich umgebracht?�, fragte ich unsicher.</p><p>��Zweifelst du daran? Meinst du, du hast blo� �Hau ab� gesagt?�</p><p>Zum Gl�ck war Melifaro nicht der Nervenschw�chste und l�chelte nun breit.</p><p>�Ich bin sehr froh�, erkl�rte ich stolz. �Ich habe noch nie so eine Schweinerei gesehen. G�ste zu wahnsinnig �berzogenen Preisen mit derart ekligem Zeug abzuspeisen! Der Alte hat mir f�r l�ngere Zeit den Appetit verdorben, aber er hat seine gerechte Strafe bekommen. �brigens hab ich deinen Geldbeutel geschont. Vorausgesetzt, du hast noch nicht bezahlt.�</p><p>�Das ist ein guter Trick, die Zeche zu prellen. Ich vermute, der Gro�e Magister des Ordens der Riesenwurst wollte dich in Scheiben geschnitten servieren. Und vermutlich h�tte es dazu eine So�e aus meinem Blut gegeben.�</p><p>�Ich w�sste nur gern, warum Karwen Kowareka sich zu Hause und nicht hier im K�fig in eine Pastete verwandelt hat.�</p><p>�Ach, lass den Quatsch doch auf sich beruhen, Max. Du hast unschuldige Leute umzubringen - ich k�mmere mich um den Rest. Und glaub mir: In zwei, drei Tagen kann ich all deine Fragen beantworten. Ich melde mich jetzt bei Lonely-Lokley und sage ihm, dass er ruhig ins Fressfass gehen kann. Du hast dem armen Mann Arbeit weggeschnappt. Was ich jetzt allerdings br�uchte, w�re ein Dutzend Leute von Bubuta Boch. Die k�nnten mir n�mlich beim Verh�r helfen.�</p><p>�Du hast Probleme! Ich glaube, du musst alles mit dem Chef der Polizei besprechen�, sagte ich und l�chelte bitter. �Bist du darauf noch nicht gekommen, du Genie?�</p><p>�Du denkst ...�</p><p>�Ich denke gar nichts. Das ist schlie�lich deine Arbeit. Meine Aufgabe ist es, Unschuldige zu t�ten. Aber General Bubuta Boch hat hier zu Mittag gegessen und ist danach verschwunden. Nimm also meine Pfeife, solange sie noch gl�ht, und schau dich nach ihm um. Wenn er schon zur Pastete geworden ist, �berraschen wir Sir Juffin damit - vielleicht, indem der Ehrw�rdige Leiter etwas Besonderes zum Abendbrot bekommt.�</p><p>�Zu den Magistern mit dir, Max. Du bist wirklich hundsgemein! Gib mir lieber deine Pfeife.�</p><p>Nach ein paar Minuten rief Melifaro nach mir.</p><p>�Bubuta liegt hier hinten und sieht ganz gut aus. Ich glaube, er f�hlt sich nicht wie eine Wurst - er schl�ft nur.�</p><p>�Er ist ja auch erst seit vorgestern hier, und es dauert ein paar Tage, sich in eine Pastete zu verwandeln. Schade - ohne mein wahnsinniges Gl�ck h�tten wir Juffin eine gro�e Freude machen k�nnen. Aber das ist anscheinend Schicksal.�</p><p>�Was geht hier vor? Sind Sie das, Sir Melifaro?�, drang die Stimme von Leutnant Schichola durchs Dunkel. Er war der beste Polizist von Echo und ein Freund von uns.</p><p>�Ja, ich bin hier. Meine Herren, seien Sie bitte still -Ihr Chef schl�ft.�</p><p>�Unser Chef?�</p><p>Schichola beschleunigte seinen Schritt und stolperte �ber die Leiche des Kochs. Ich konnte ihn gerade noch auffangen, sonst w�re er mit dem Gesicht auf den Boden geschlagen. Ein Kollege von ihm wich dem Hindernis rechtzeitig aus, und ein paar Polizisten fluchten erschrocken. Melifaro dagegen quietschte vor Lachen.</p><p>�Meine Herren, passen Sie bitte auf!�, rief ich und versuchte, m�glichst ernst zu klingen. �Ich empfehle Ihnen, nicht zu schie�en. Der Tod kann sehr gef�hrlich werden, wenn man ihn erschrickt.�</p><p>�Vielen Dank, Sir Max�, murmelte Schichola und befreite sich aus meinem Griff. �Wor�ber bin ich eigentlich gestolpert?�</p><p>��ber die Leiche eines Verbrechers. Was Sie hier sehen, ist ein Giftm�rder und Kannibale. Und er ist der Entf�hrer von General Bubuta. Herr Itulo hat sich sehr bem�ht, Ihnen das Leben leicht und angenehm zu machen, meine Herren, Ehrenwort. Sir Melifaro und ich bedauern sehr, Ihren Chef gerettet zu haben. Wir stehen schuldbewusst vor Ihnen. Nehmen Sie ihn also bitte unversehrt wieder mit.�</p><p>�Nicht wir, sondern nur du, Max, stehst schuldbewusst vor Leutnant Schichola�, mischte Melifaro sich ein. �Ich bin blo� zum Essen hergekommen. Also, meine Herren - falls Sie die Retter Ihres Chefs verm�beln wollen, wenden Sie sich bitte ausschlie�lich an Sir Max. Und bitte nacheinander!�</p><p>Die anwesenden Polizisten sahen Melifaro mit gro�en Augen an. So �ber einen Menschen zu reden, der den Todesmantel trug, war f�r sie nicht mehr k�hn, sondern grenzte an Selbstmord. Ich zog eine schreckliche Fratze und zeigte Melifaro die Faust, damit die Polizisten keinen allzu lockeren Eindruck von mir bekamen. Wie h�tte ich ihnen sonst weiterhin Angst und Respekt einfl��en k�nnen?</p><p>�Meine Herren, ich will Sie nicht weiter st�ren�, sagte ich und verbeugte mich vor Melifaro. �Arbeiten Sie ruhig weiter.�</p><p>�Und du?-, fragte Melifaro erstaunt.</p><p>�Was soll ich noch hier? Ich werde Juffin die gute Nachricht �berbringen. Bis du zu uns st��t, hat er mich bestimmt umgebracht. Danach beruhigt er sich gewiss wieder. Ich rette hier also dein Leben - schlie�lich bin ich unsterblich.�</p><p>Als die armen Polizisten das h�rten, klappte ihnen endg�ltig die Kinnlade runter.</p><p>An der T�rschwelle erreichte mich Melifaro per Stummer Rede: �Meinst du das mit der Unsterblichkeit ernst, Max?� Ich seufzte und gab per Stummer Rede - vor der ich mich fast den ganzen Tag erfolgreich gedr�ckt hatte -zur�ck: �Vielleicht. Ich hab dir doch schon fr�her gesagt, dass ich nicht wei�, welche Eigenschaften ich besitze.�</p><p>Dann brach ich zum Haus an der Br�cke auf. Ich wollte unbedingt meinen Chef treffen. Und auch Lady Melamori hatte ich seit dem fr�hen Morgen nicht mehr gesehen.</p><p>Ich setzte mich ans Steuer unseres Dienst-A-Mobils und stand schon zehn Minuten sp�ter im B�ro von Sir Juffin.</p><p>�Max, ich h�tte nicht gedacht, dass du Bubuta schon Sekunden nach Sonnenuntergang findest. Das ist Geschwindigkeitsrekord f�r unsere Dienststelle. Du hast den Fall in kaum einer Minute gel�st - jedenfalls, wenn man davon ausgeht, wann er uns offiziell �bergeben wurde. Es gibt also etwas zu feiern - darum ab ins Fressfass Du brauchst dich �brigens nicht umzuschauen: Lady Melamori ist schon vor zwei Stunden nach Hause gegangen. Ich habe sie heimgeschickt. Wei�t du, zuerst war da die Sache mit ihren Verwandten, und dann kam dein l�stiger Einsatz im Morgengrauen. Vielleicht war ich zu gutm�tig mit ihr, aber gehen wir.�</p><p>�Hat Melifaro sich per Stummer Rede bei Ihnen gemeldet, als ich hierher unterwegs war?�, rief ich und sah ihn �berrascht an. �Ich bef�rchtete schon, meine Zunge w�rde Muskelkater bekommen, weil ich Ihnen so viel erz�hlen m�sste.�</p><p>�Stumme Rede? Melifaro? Wovon redest du da, Max? Und wozu sollten Berichte Dritter gut sein? In gewisser Weise bin ich immer bei dir. Und zwar nicht, um dich zu kontrollieren, sondern aus Anteilnahme. Aber beruhige dich - wenn du ins Bad gehst, wende ich mich ab.�</p><p>�Sie sind st�ndig bei mir? Das ist ja ein Skandal!�</p><p>�Ach, Max, �bertreib doch nicht immer gleich so. Es w�rde mich verr�ckt machen, dich die ganze Zeit zu beobachten. Aber wenn ich unruhig bin, muss ich mich nun mal vergewissern, dass es dir einigerma�en gut geht. Also entspann dich wieder.�</p><p>�Na ja, wenn Sie mir im Bad wirklich nicht zuschauen, mag das gehen. Aber sind Sie tats�chlich manchmal unruhig?�, fragte ich skeptisch und ... stie� mit dem Kopf an den T�rpfosten. Juffin wirkte sehr zufrieden.</p><p>�Glaubst du etwa, nur dein Herz k�nnte Unannehmlichkeiten Vorhersagen?�, fragte er.</p><p>Schlie�lich hatte er Erbarmen und heilte meinen verbeulten Kopf mit einer l�ssigen Geste.</p><p>�Jetzt lass uns gehen. Wenn du den T�rpfosten l�nger ansiehst, verschwindet er wom�glich. Und sei nicht so rachs�chtig, Max. �brigens m�ssen wir �ber einige unangenehme Dinge sprechen. Du hast zwei gro�e Fehler gemacht, die dich - wenn du kein Gl�ckspilz w�rst - teuer h�tten zu stehen kommen k�nnen.�</p><p>�Fehler?�, fragte ich zweifelnd. �Ich dachte, Sie w�rden mich loben.�</p><p>�Das tu ich ja. In unserer Arbeit ein Gl�ckspilz zu sein, ist besser, als alles zu durchschauen. Au�erdem l�sst sich Gl�ck nicht erlernen. Jetzt sei nicht eingeschnappt, mein Junge! Auch ohne mich wei�t du doch um deine Genialit�t und ihre Folgen. Was willst du essen?�</p><p>�Nichts�, sagte ich mit Abscheu. �Ich hoffe, das verstehen Sie. Nach allem, was ich gesehen habe ... na ja, h�chstens eine Pirogge - aber ohne Fleisch.�</p><p>�Bist du so empfindlich? Willst du erst noch was trinken?�</p><p>�Nein ... oder besser doch.�</p><p>�Du wirst noch an diesem Ges�ff sterben. Und jetzt trink - aber nur ein wenig�, sagte Juffin und reichte mir die ersehnte Flasche Kachar-Balsam.</p><p>Ich l�chelte dankbar und nahm ein Schl�ckchen. Mehr brauchte ich davon sowieso nicht.</p><p>�Erz�hlen Sie mir von meinen Fehlern, Juffin. Ich bin bereit, mich �ffentlich verpr�geln zu lassen.�</p><p>�Erstens, Max, hast du vergessen, Sir Kofa zu sagen, er solle in die Leichenhalle gehen und dir berichten, wonach es dort riecht. Er h�tte dir gleich sagen k�nnen, dass er den Duft aus dem Restaurant Buckliger Itulo kennt. Dann w�ren wir auch ohne dein Riesengl�ck prima klargekommen. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, dort essen zu gehen?�</p><p>�Intuition�, sagte ich stolz, hielt meine Pose aber nicht durch, sondern begann zu kichern. �Alles L�ge, Juffin. Pure Dummheit war das. Melifaro hat mich eingeladen, weil er in meinem Haus zu Gast war. Und da habe ich mich f�r das teuerste Restaurant entschieden.�</p><p>�Verstehe. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so gewundert. Ist dir, was Kofa Joch angeht, dein Fehler denn klar?�</p><p>�Nat�rlich�, seufzte ich. �Das war eine gro�e Dummheit.�</p><p>�Na ja, so was kann jedem mal passieren.�</p><p>�Und was habe ich noch verkehrt gemacht?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Sonst nichts. Ihr beide habt die Gefahr, in der ihr euch befunden habt, gar nicht gesp�rt. Wei�t du, dass der Koch euch hat vergiften wollen? Und zwar von Anfang an? Er war �berzeugt, ihr w�rt gekommen, um Bubuta zu suchen. Auch Verr�ckte haben ihre Logik. Das hab ich allerdings erst sp�t durchschaut - vielleicht, weil Wahnsinnige nun mal schwer zu begreifen sind. Er ist auf die Idee gekommen, als du den Duft seiner Pastete gerochen hast. Itulo wollte euer Essen mit einer gro�en Portion Gift versetzen.�</p><p>�Und?�, fragte ich dumm.</p><p>�Und nichts. Ich wollte mich schon einmischen, aber der Koch hat einfach verschwitzt, das Gift unters Essen zu r�hren. In der K�che hat er seine Mordpl�ne schlicht und einfach vergessen. Also hattet ihr wiederum Gl�ck, und ich konnte nur staunen. Seit f�nfhundert Jahren hab ich nicht so gestaunt. Dass ein M�rder sein Gift einzusetzen vergisst, passiert eben nicht jeden Tag, verstehst du?�</p><p>�Sie haben doch selbst immer wieder erkl�rt, ich sei ein Gl�ckspilz�, sagte ich achselzuckend und beschloss, endlich die Frage zu stellen, die mich seit langem besch�ftigte. �Sie haben von f�nfhundert Jahren gesprochen. Wie alt ...�</p><p>Wie alt ich bin? J�nger als man vermuten k�nnte. Ich bin siebenhundert Jahre alt - und ein paar Zerquetschte. Im Vergleich zu Sir Maba Kaloch bin ich also ein J�ngling.�</p><p>�Und ein paar Zerquetschte?�, meinte ich und sch�ttelte beeindruckt den Kopf. �Bringen Sie mir noch ein paar von diesen Ausdr�cken bei?�</p><p>Und wer hat den armen Melifaro mit seiner Unsterblichkeit erschreckt? Wenn einer darauf verzichten kann, von mir coole Spr�che zu lernen, dann ja wohl du.�</p><p>�Habt ihr gewartet?�</p><p>Ein himbeerroter Komet kam ins Fressfass gejagt und nahm neben mir Platz. Melifaros Geschwindigkeit ersch�tterte mich. Dieses Naturwunder hatte es sogar geschafft, sich umzuziehen.</p><p>�Alles in Ordnung, Sir Juffin. Ich kann mir vorstellen, wie irritiert Sie sind, aber wir haben ein paar garantiert bubutafreie Tage vor uns. Der General wurde zu Abilat Paras gebracht, und selbst dieser bedeutende Heiler hat gemeint, er werde Tage brauchen, um ihn wieder gesund zu machen, und das werde schwierig sein. Dabei hat er viel Gl�ck gehabt! Die �brigen Opfer in den K�figen kann man gleich begraben, denn ihre Ver�nderung ist unumkehrbar. Und wie der bucklige Koch sie angelockt hat! Ich wei� nicht, ob ich dar�ber lachen oder weinen soll.�</p><p>�Lachen nat�rlich - das steht dir besser�, riet Juffin. �Trink ein wenig, mein Armer. Etwas zu essen, rate ich dir nicht - auch Max dr�ckt sich davor.�</p><p>�Na ja, vielleicht probiere ich etwas S��es�, meinte Melifaro. �Nur kein Fleisch.�</p><p>�Wie sehr mein Tages- und mein Nachtantlitz sich �hneln - wer h�tte das gedacht!�, sagte Juffin l�chelnd. �Ihr Lieben, probiert doch einfach mal diese vegetarischen Piroggen. Ich ziehe etwas Kr�ftigeres vor.�</p><p>Unser Chef nahm vorsichtig den Deckel vom Topf. Darunter kam die ausgezeichnete Pastete von Madame Zizinda zum Vorschein. Melifaro und ich tauschten einen Blick und griffen, um uns abzulenken, nach der Sch�ssel mit den s��en Piroggen.</p><p>�Nun erz�hl mal, Junge�, verlangte Juffin mit vollem Mund. �Max platzt beinahe vor Neugier, und auch ich muss zugeben, dass mir noch manches unklar ist. Wie hat der Bucklige seine Opfer eigentlich angelockt?�</p><p>�In der Stadt gibt es seit langem Ger�chte �ber die merkw�rdige Pastete. Und viele Leute sind zu Itulo gegangen, um dieses Geheimnis der alten K�che zu probieren. Der Bucklige hat es tats�chlich geschafft, die Pastete ohne verbotene Magie zuzubereiten. Er war wirklich ein Genie. Ich hab seine Unterlagen gefunden, und die Polizei hat seine Mitarbeiter verh�rt. Deshalb l�sst sich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wie das Ganze abgelaufen ist. Der Koch hat die Feinschmecker auf eine Warteliste gesetzt, eingekauft und dann einige auf der Liste benachrichtigt. Dabei hat er bevorzugt alleinstehenden, wohlhabenden Leuten die seltsame Delikatesse serviert. Wisst ihr, wie das Zeug wirkte? Manche Leute - nat�rlich nicht alle, sondern nur die Schw�cheren - haben nach dem Probieren gemerkt, dass sie ohne dieses Gericht nicht mehr leben konnten. Und wenn so ein Gast mitten in der Nacht bei Itulo erschien und auf Knien um eine kleine Portion Pastete flehte, stellte der Koch fest, dass er wieder ein Opfer angelockt hatte. Er hat sie gezwungen, schweres Geld f�r den Genuss hinzubl�ttern. Die Leute gerieten in die Schuldenfalle und mussten all ihre Immobilien verkaufen. Einer hat zum Beispiel zwei H�user verscherbelt, das wei� ich genau. Innerhalb kurzer Zeit hat der Koch die Leute an den Bettelstab gebracht. Dann kam der entscheidende Schritt: Eines sch�nen Tages schlief der Gast �ber seiner Pastete ein. Besser gesagt, er fiel in Ohnmacht. F�r den Koch war es nicht schwer, die Bewusstlosen in einen der K�fige im Keller zu schaffen. Damit begann die zweite Etappe des M�stens. Die Gefangenen bekamen dort unten ein anderes Futter, eine wunderbare Erfindung des gro�en Kochs, die der verg�tterten Pastete in Geschmack und Geruch �hnelte, aber eine viel radikalere Wirkung hatte. Und schon nach wenigen Tagen besa� der Koch eine frische gro�e Portion der Pastete K�nig von Bandscha f�r neue Feinschmecker. Was werden die jetzt blo� tun?�</p><p>�Sie werden zu Heilerinnen gehen m�ssen�, meinte Juffin achselzuckend. �Besser sp�t als nie. Die Pastete hat die G�ste also bewusstlos gemacht, und dann bekamen sie im K�fig etwas vorgesetzt, das sie in eben diese Pastete verwandelte? Ein h�bscher Teufelskreis! Und das alles wurde ohne verbotene Magie geplant und durchgef�hrt? Dieser Itulo hatte wirklich Talent. Wie schade, dass er es verplempert hat.�</p><p>�Der arme Karwen�, sagte ich. �Die Lust, kulinarische Geheimnisse zu entdecken, hat sich f�r ihn als t�dliches Hobby erwiesen. Bestimmt ist er in die geheime K�che im Keller eingedrungen und hat dort einen Bissen verschlungen, der nach der Pastete K�nig von Bandscha gerochen hat. Den Rest hat er mit nach Hause genommen, dort untersucht und dann nat�rlich gegessen - und zwar aus Begeisterung gleich ganz. Das war keine gute Idee.�</p><p>�Karwen? Ach so, der ungl�ckliche Wirt der Trunkenen Flasche�, sagte Sir Juffin seufzend. �Leute, das Jahr f�ngt nicht gut an. In Echo gibt es zwei ausgezeichnete K�che weniger. Man muss etwas unternehmen.�</p><p>�Aber irgendwas stimmt da nicht�, meinte ich. �Wenn der Koch seine Opfer tats�chlich so sorgf�ltig ausgew�hlt hat, wie hat dann General Bubuta in diese Geschichte geraten k�nnen? Er ist doch nicht alleinstehend. Au�erdem ist er der Chef der Polizei! War der bucklige Koch denn nicht mehr bei Sinnen?�</p><p>�Gesund war er auf keinen Fall, aber darum geht es nicht. Es ist nur ein lustiges Missverst�ndnis passiert. Eines Tages ist Bubuta mit seiner Gattin bei Itulo gelandet. Es war ein nettes Familienfest, und alles lief prima, bis unser General in einer abgelegenen Ecke Sir Balegar Lebed entdeckte, einen ehemaligen Kollegen und alleinstehenden General der K�niglichen Garde. Das war der, dessen Anblick mich heute so fertiggemacht hat.�</p><p>�Weil er bereits bis zur G�rtellinie aufgegessen war?�</p><p>�Genau. An jenem Abend bekam er seine ungl�ckliche Liebe zum letzten Mal serviert. Die T�r stand auf, Bubuta sah seinen alten Kollegen und ging ihn begr��en. Dann nahm er - als Zeichen alter Freundschaft -ein H�ppchen von Lebeds Teller. Und am n�chsten Tag war unser General wieder beim Koch und verlangte nach der herrlichen Pastete, von der er zuf�llig gekostet hatte. Der Bucklige hat erst versucht, ihn zu einer Heilerin zu schicken, weil er die Gefahr sofort erkannt hat, doch Bubuta hat getobt.�</p><p>�Das kann ich mir gut vorstellen�, sagte Juffin l�chelnd.</p><p>�Der Koch musste bef�rchten, er werde ihm die Polizei auf den Hals hetzen, und entschied sich f�r das kleinere �bel. Ach �brigens - ich hab die Rechnungen gesehen: F�r Bubuta war der Genuss fast gratis, jedenfalls im Vergleich zu dem, was andere gezahlt haben. Das ist schon die ganze Geschichte, Max.�</p><p>�Nicht ganz�, mischte Juffin sich ein. �Das Interessanteste kommt noch, denn jetzt m�ssen wir die Reputation unseres tapferen Generals retten, und ihr werdet ihm eure Lorbeeren �berlassen m�ssen.�</p><p>�Wieso das denn?�, fragte ich ungehalten. �Wir hatten uns schon ausgemalt, er w�rde aufs Altenteil gesetzt. Und daf�r h�tte es einen gro�artigen Grund gegeben.�</p><p>�Max, lass besser die Finger von der Politik. Sieh dir lieber mein Tagesantlitz an ... Oder nein, schau es doch nicht an, denn ich sehe auf seinem Gesicht nur ein dummes Staunen. Na, Melifaro, du wenigstens solltest begreifen, warum wir General Bubuta schonen m�ssen.�</p><p>�Sie wollen also sagen ...�, begann Melifaro. Ihm d�mmerte langsam, worauf Juffin hinauswollte.</p><p>�Nat�rlich. Bubuta zu entlassen hie�e, die Stadtpolizei zur Lachnummer von ganz Echo zu machen. Wie sollen seine Leute dann arbeiten? Wer soll ihre Aufgaben erledigen? Wir vielleicht? Sch�nen Dank! Au�erdem gilt auch f�r Bubuta: keine Rose ohne Dornen. Dem K�nig schreiben wir einen h�bschen Bericht, wie unser tapferer General in die H�lle abgestiegen ist, um den Verbrecher zu �berf�hren, und die richtige Version behalten wir f�r uns. So machen wir uns Bubuta gef�gig. Max hat dem General ja schon fr�her einen nerv�sen Tick zugef�gt. Also, meine Herren - das Leben ist sch�n.�</p><p>�Und ich dachte, Sie w�rden uns den Kopf abrei�en, weil wir den General so rasch gefunden haben�, seufzte ich entt�uscht. �Sie sind recht intrigant, Sir.�</p><p>�Intrigen, Max, sind das Spannendste. Magie allein reicht nicht, um sich zu vergn�gen. Ach, da ist ja Sir Sch�rf. Ich w�sste gern, wo mein B�ro ist - im Haus an der Br�cke oder hier im Fressfass-</p><p>�Da zweifeln Sie noch?�, fragte Melifaro und klimperte unschuldig mit den Wimpern.</p><p>�Guten Abend, meine Herren�, sagte Sch�rf Lonely-Lokley, verbeugte sich w�rdevoll und setzte sich neben Juffin. �St�re ich?�</p><p>�Hatten Sie Sehnsucht nach uns, Lonkey-Lonkey?�, fragte Melifaro listig. �Hat Ihnen dieses unmenschliche Nachtantlitz nichts zu tun gegeben?�</p><p>�Mein Name ist Lonely-Lokley�, sagte der Schnitter des Lebensfadens gelassen. �Und unser Kollege hei�t Max. Sie haben ein furchtbares Namensged�chtnis, Melifaro. Vielleicht sollten Sie ein paar �bungen machen, um es zu verbessern.�</p><p>Sir Sch�rf schob das Sahneh�ubchen von seiner Pirogge und steckte sie in den Mund. Ich war ersch�ttert. Begann Lonely-Lokley etwa, Humor zu entwickeln? Oder bildete ich mir das nur ein? Schlie�lich ist Humorlosigkeit schlicht untherapierbar.</p><p>�Haben Sie tats�chlich Ihre giftige Gabe benutzt, Sir Max?�, fragte Lonely-Lokley interessiert. �Ich h�tte erwartet, dass es Ihnen beim gegenw�rtigen Stand unserer Gelassenheits�bungen schwerfiele, das seelische Gleichgewicht zu verlieren. Aber da hab ich wohl Ihr Temperament untersch�tzt.�</p><p>�Ach, mit meinem Temperament ist alles in Ordnung. Aber es ist etwas Schreckliches passiert. Sir Juffin, das wollte ich Ihnen l�ngst erz�hlen, hab es aber immer wieder vergessen. Ich war weder erschrocken noch sauer, obwohl ich wusste, dass es angesichts der Umst�nde viel besser gewesen w�re, sich aufzuregen. Aber der Koch erschien mir so ulkig mit seiner Axt und seinem dummen L�cheln. Und dann dachte ich mir, nach all den Ger�chten �ber meine giftige Spucke w�rde ihn auch meine normale Spucke erschrecken. Gut, dass ich nicht fr�her auf diese Idee gekommen bin.�</p><p>�Ist das dein Ernst, Max?�, fragte Juffin, sah mich mit seinen eisblauen Augen tief erschrocken an und seufzte schlie�lich. �Offenbar machst nicht nur du Fehler, sondern auch ich. Andererseits ist es nicht so schlimm, dass Leben und Tod nicht von deinen Emotionen abh�ngen -du bist einfach immer gef�hrlich. Gut, dass du das jetzt wei�t. Wir m�ssen die Dinge nehmen, wie sie sind. Habt ihr beide es euch hinsichtlich der Pastete vielleicht anders �berlegt?�</p><p>Melifaro und ich sch�ttelten den Kopf.</p><p>�Ihr seid mir ja zwei Kokette! M�chtet ihr, dass ich euren Geisteszustand �berpr�fe? Wollt ihr vielleicht Sonderurlaub?�</p><p>�Daran denke ich absolut nicht�, erkl�rte ich tapfer. �Erst recht nicht, wenn Sie mir erlauben, mich aus einer gewissen Schublade Ihres Schreibtischs zu bedienen.�</p><p>�Sch�n w�r's! Die Portion, die du dir schon heimlich genehmigt hast, reicht garantiert bis �bermorgen�, sagte Juffin, weil er wie ein strenger Chef wirken wollte. -Gut, machen wir Schluss. Dein Gl�ck, Melifaro, denn du kannst jetzt nach Hause gehen. Und Sie, Sir Sch�rf, h�lt auch niemand davon ab, sich zu erholen. Dieses schreckliche Jahresende ist uns allen in die Knochen gefahren. Allen au�er Sir Max. Wer schiebt daher jetzt im Haus an der Br�cke Dienst? Ahnst du es schon, mein Held?�, fragte Juffin und schaute mich so bedeutungsschwanger an, dass ich begriff: Auf mich wartete noch etwas Spannendes.</p><p>�Dann geh ich also jetzt.�</p><p>Als ich vom Tisch aufstand, fiel mir noch etwas ein, und ich l�chelte listig.</p><p>�Melifaro, du musst mich schon wieder einladen. Soweit ich wei�, hast du bei Itulo n�mlich nicht bezahlt.�</p><p>�Kaum verl�sst du ein Restaurant, denkst du schon ans n�chste Lokal. Hast du au�er Essen sonst noch was im Kopf?�</p><p>�Nat�rlich, mein Freund. Ich interessiere mich auch f�r meine Katzen.�</p><p>�Das sind aber sehr einseitige Interessen, Sir Max�, meinte Lonely-Lokley bedr�ckt. �Dabei gibt es so viele wunderbare Besch�ftigungen! Wie w�r's denn mal mit Lesen?�</p><p>�Haben Sie mir etwa geglaubt, Sch�rf?�, fragte ich und verlie� das Lokal, w�hrend Juffin und Melifaro am�siert kicherten. Nur Lonely-Lokley w�nschte mir unger�hrt eine Gute Nacht.</p><p>Kaum war ich im B�ro, nahm Sir Juffin per Stummer Rede mit mir Kontakt auf.</p><p>�Ich konnte dich nicht nach Hause gehen lassen. Du musst in meinem Sessel schlafen, und zwar bis zum Morgengrauen. Das ist kein Witz! Ansonsten mach, was du willst. Ende.-*</p><p>Ich war verbl�fft. Mir war nicht nach Schlafen zumute, doch der Befehl �Mach, was du willst!� klang verlockend. Ich dachte ein wenig nach und meldete mich dann per Stummer Rede bei Lady Melamori. Zu meinem Gl�ck war sie noch wach.</p><p>�Ach, Unvergessliche, es tut mir so leid! Wir haben gerade diesen komischen Fall abgeschlossen. Also ist mein Befehl, mit mir alle Lokale von Echo zu besuchen, nicht mehr g�ltig.�</p><p>�Das wei� ich schon, Max. Aber vielleicht hatte der Koch ja Komplizen, die die Pastete K�nig von Bandscha inzwischen in meinem Lieblingscafe auf dem Platz der Siege von K�nig Gurig VII. zubereiten. Und Sir Kofa hat schon vor mir Feierabend gemacht. Wenn Sie mich also einladen ...�</p><p>�Nat�rlich lade ich dich ein. Und wenn wir nicht gleich aufbrechen, bricht sicher das Vereinigte K�nigreich zusammen. Allein kann ich nicht in dieses Cafe gehen, weil ich gro�e Angst vor Dunkelheit habe. Ende, Unvergessliche. Ich warte.�</p><p>Skeptisch sch�ttelte ich den Kopf. Das war viel zu glatt gegangen.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter erschien Lady Melamori und musterte mich belustigt und aufgeregt zugleich. So was brachte nur sie fertig.</p><p>�Wir bleiben aber immer auf beleuchteten Stra�en�, fl�sterte sie l�chelnd. �Und wer schiebt f�r dich Dienst?�</p><p>�Kurusch nat�rlich. Wer sonst?�</p><p>Der Buriwuch �ffnete ein Auge und plusterte sich auf.</p><p>So bummelten wir denn durch beleuchtete Stra�en. Wo h�tten wir auch sonst spazieren gehen sollen? In Echo - den Magistern sei Dank! - gibt es keine dunklen Ecken.</p><p>�Ich bin sicher schrecklich langweilig�, sagte Melamori und nippte an ihrem Wein. �Ich hab Ihnen ... dir versprochen herauszufinden, warum ich vor dir Angst habe, bin aber nicht kl�ger geworden. Und das ist sehr schlecht, weil ...�, begann sie, brach dann ab, als fehlten ihr die Worte, und blickte finster in ihr Glas.</p><p>�Was gibt es da �berhaupt zu begreifen?�, fragte ich l�chelnd. �Ich bin einfach schrecklich. Nimm das locker, Unvergessliche. Alle haben Angst vor mir. Und niemand macht daraus ein Drama. Was das anlangt, brauchst du eigentlich nichts zu verstehen. Bei solchen Sachen tut man, was das Herz befiehlt.�</p><p>�Ich hab aber zwei Herzen�, rief Melamori. �Eins ist tapfer, das andere klug. Und beide verfolgen verschiedene Ziele.�</p><p>�Na dann ...�, meinte ich achselzuckend. �Vielleicht solltest du f�r deine Herzen einen Dienstplan machen. Heute kommandiert das eine, morgen das andere.�</p><p>�Warum hast du es nur so eilig, Max? Das Leben ist noch lang. Es ist gut, nicht zu wissen, was kommt. Wenn alles passiert ist, ist die Herrlichkeit vorbei. Ach, ich wei� selbst nicht, wie ich dir das erkl�ren soll.�</p><p>�Wir beide sind unterschiedlich erzogen�, meinte ich und zuckte zum x-ten Mal die Achseln. Unser Gespr�ch erwies sich als guter Grund, meine therapeutischen Atem�bungen demn�chst wieder aufzunehmen. �Ich bevorzuge nun mal Klarheit.�</p><p>�Bring mich nach Hause, Max�, sagte Melamori rasch. �Ich hab meine M�glichkeiten �bersch�tzt. In allen Bereichen. Sei bitte nicht sauer auf mich, ja?�</p><p>�Warum sollte ich gleich sauer auf dich sein?�, fragte ich und erhob mich von dem kleinen Tisch. �Vielleicht k�nnen wir solche Ausfl�ge mitunter wiederholen. Gemeinsame Spazierg�nge, meine ich. Deine Herzen k�nnen sich dann weiter streiten, und ich bin ein bisschen gl�cklich.�</p><p>�Nat�rlich, Max�, sagte Melamori erfreut. �Wenn dich das nicht nervt. Ich meine - Spazierg�nge sind �blicherweise nicht das Einzige, was man von Menschen erwartet, die einem gefallen. Ich bin allerdings die gro�e Ausnahme von dieser Regel.�</p><p>�Als ich noch jung war und weit von dieser Stadt entfernt lebte�, begann ich mit der Stimme eines tausendj�hrigen Greises, w�hrend die nette, aber verr�ckte Lady sich langsam erhob, �hatte ich es manchmal schwer. Sagen wir vielleicht so: Ich hatte damals nur eine Pirogge, wollte aber mindestens zehn essen. Doch nie hab ich meine einzige Pirogge unter dem Vorwand weggeworfen, viel mehr zu wollen. Ich bin immer ein pragmatischer Typ gewesen, Lady Melamori.�</p><p>�Das hab ich schon gemerkt, Max�, sagte sie und l�chelte. �Aber ich h�tte nie gedacht, dass du mal mit nur einer Pirogge hast auskommen m�ssen.�</p><p>�Aber so ist das - wie du siehst - mitunter noch heute, jedenfalls im �bertragenen Sinne. Und nun lass uns gehen. Du schl�fst ja schon im Stehen ein.�</p><p>�Stimmt�, gab Melamori reuig zu.</p><p>Ich begleitete sie nach Hause.</p><p>Die Sache lief so gut, dass sie mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange gab. Lass dich nicht verf�hren, sagte ich mir - die schlaftrunkene Lady verwechselt dich bestimmt mit ihrem Vater. Doch mein Kopf brodelte vor Gl�ck, und keine Atem�bungen dieser Welt konnten dagegen helfen.</p><p>Auf Umwegen kehrte ich ins Haus an der Br�cke zur�ck. Im Gehen denkt es sich besser als im Sitzen. Und ich hatte eine Menge nachzudenken. Zum Beispiel �ber die beiden Herzen in Lady Melamoris Brust. Aus dem Munde eines anderen M�dchens w�re mir das Gerede vom Zwist zweier Seelen als dumme, allzu hochgestochene Metapher erschienen. Aber was wusste ich schon �ber das Wesen der Bewohner von Echo? Viel zu wenig.</p><p>Im Haus an der Br�cke angekommen, meldete ich mich per Stummer Rede bei Lady Tanita. Meine bescheidene Erfahrung in diesen Dingen fl�sterte mir zu, sie habe in dieser f�r sie so schwierigen Zeit sicher noch keinen Schlaf gefunden.</p><p>�Guten Abend, Lady Tanita. Ich bin's, Max. Wissen Sie schon, dass ich den Mann get�tet habe, der Ihren Karwen umgebracht hat?�</p><p>Ich entschied mich, der ungl�cklichen Witwe nicht zu sagen, dass der furchtbare Tod ihres Mannes ein ungl�cklicher Zufall gewesen war. Das w�re f�r sie sicher kein Trost gewesen.</p><p>�Vielen Dank, Max�, entgegnete sie. �Rache ist besser als nichts. Und ich bin sogar schon umgezogen. Auch das ist besser als nichts.�</p><p>�Wenn Sie ein neues Wirtshaus er�ffnen, melden Sie sich bitte bei mir. Ich komme dann gleich und rette Sie vor dem Ruin. Gute Nacht, Lady Tanita.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass Ihnen die Gerichte meines neuen Kochs schmecken werden. Aber kommen Sie gern vorbei. Gute Nacht, Sir Max. Und nochmals vielen Dank f�r Rache und Ratschl�ge.�</p><p>Als die unh�rbare Verbindung mit Lady Tanita beendet war, blieb ich ganz allein - den schlafenden Kurusch abgerechnet. Erm�det wie ich war, schlief ich schnell ein.</p><p>Ich hielt mich an die Anweisung von Sir Juffin und d�ste brav in seinem Sessel, was allerdings sehr unbequem war. Der R�cken tat mir weh, die Beine schwollen an, und ich erwachte alle f�nf Minuten. �Zappel nicht so rum und lass dich nicht ablenken�, ermahnte mich die Stimme Maba Kalochs, der geheimnisvollsten Person in dieser ohnehin geheimnisvollen Welt. Sein Gesicht allerdings sah ich nicht. In den Morgenstunden tr�umte ich noch von Sir Juffin, hatte aber keine Kraft mehr, ihn zu verstehen, und erst recht keine Energie, mich an meine merkw�rdigen Tr�ume zu erinnern.</p><p>�Du siehst aber schlecht aus, Max.�</p><p>Die fr�hliche Stimme von Sir Juffin rief mich ins Leben zur�ck. Es war Tag geworden. Ich f�hlte mich krank und m�de.</p><p>�Wollen Sie sich �ber mich lustig machen?�, fragte ich. �Was haben Sie da mit Sir Maba Kaloch angezettelt?�</p><p>�Daran kannst du dich erinnern?�, fragte Juffin �berrascht. �Wei�t du etwa, was mit dir passiert ist?�</p><p>�Jedenfalls kann ich mich an Ihre Anwesenheit erinnern - und daran, dass sie mehr als anstrengend war. Auch an die Stimme von Sir Maba erinnere ich mich noch. Er hat mir st�ndig befohlen, nicht so rumzuzappeln. Was war das, Juffin? Eine Vergewaltigung?�</p><p>�Aber es ist doch nichts passiert, oder? Du wirst nach Hause gehen, ein wenig schlafen und dich wie neugeboren f�hlen. Doch bevor du gehst, versuch doch noch mal Kamra zu machen.�</p><p>�Juffin, wollen Sie sich etwa wegen General Bubuta an mir r�chen?�, fragte ich traurig. �Das ist doch unmenschlich.�</p><p>Mein Chef schaute mich herzlich mitleidig an.</p><p>�Warum denkt du gleich so negativ, Max? Los, gib dir ein wenig M�he. Das ist kein Witz - Ehrenwort.�</p><p>Ich ging in den Keller und wusch mich gr�ndlich. Tats�chlich ging es mir gleich besser, obwohl mir nach wie vor alles wehtat. Dann kehrte ich in mein B�ro zur�ck und hantierte ein wenig mit meinem Geschirr herum. Sir Juffin sah aus wie ein Regisseur bei der Premiere: Er war furchtbar nerv�s und versuchte das flei�ig zu verbergen. Rasch beendete ich das sinnlose Kochexperiment.</p><p>�Hier, nehmen Sie und schreiben Sie auf, was Ihnen dazu einf�llt. Oder wollen Sie jemanden damit foltern?�</p><p>Zu meinem gro�en Erstaunen roch Juffin erwartungsvoll an meinem Erzeugnis und probierte es danach sogar. Als er dann noch einen zweiten Schluck nahm, fiel mir die Kinnlade runter.</p><p>�Willst du gar nicht probieren, Max?�, fragte er.</p><p>�Bringen Sie mich lieber gleich um�, sagte ich seufzend. �Das hat mir gerade noch gefehlt.�</p><p>�Wie du willst�, sagte Juffin und f�llte seine Tasse. �Es schmeckt vielleicht nicht so gut wie im Fressfass, aber ich trinke das gern.�</p><p>�Wie kommen Sie darauf? Und warum trinken Sie das? Aus Geiz? Ich kann auf meine Rechnung im Fressfass so viel Kamra bestellen, wie Sie wollen. Ich bin reich und gro�z�gig, Sir. Sie brauchen wirklich nicht zu sparen.�</p><p>�Hast du noch immer nicht begriffen? Das schmeckt gut! Probier mal, statt dich weiter so dumm anzustellen.�</p><p>Tats�chlich: Die Kamra war zwar nicht so gut wie im Fressfass, aber zweifelsohne besser als in der Trunkenen Flasche.</p><p>�Haben Sie mir das Kamrakochen im Schlaf beigebracht?�, fragte ich und begriff langsam.</p><p>�Ich nicht, sondern Maba. Das w�re �ber meine Kr�fte gegangen. Vielleicht kann ich dir irgendwann beibringen, zwischen den Welten zu wandern. Doch das dauert sicher noch eine Weile. Auch Maba war bei dir nicht allzu schnell.�</p><p>�Und warum machen Sie das? Brauchen Sie einen neuen Koch?�</p><p>�Aber nein, mein Junge. Aus dir wird keine Magie der Welt einen guten Koch machen. Ehrlich gesagt - Maba und ich wollten nur unsere Kr�fte erproben und h�tten beide nicht gedacht, dass es uns gelingt. Aber jetzt wissen wir, dass wir die besten Zauberer der Welt sind. Und f�r dich hat es sich auch gelohnt. Doch jetzt geh schlafen, mein armer Junge. Heute Nacht kannst du das Leben in vollen Z�gen genie�en. Aber sei morgen genau eine Stunde vor Sonnenuntergang wieder da. Auf uns wartet n�mlich ein wichtiger Besuch.�</p><p>�Fahren wir etwa zu Sir Maba?�</p><p>�Du bist ein Tr�umer. Das Leben besteht doch nicht nur aus Vergn�gen. Wir fahren nach Jafach.�</p><p>�An den Hauptsitz des Ordens des Siebenzackigen Blattes?�</p><p>�Genau dorthin. Wir werden die Geschichte neu gestalten.�</p><p>�Wie meinen Sie das, Juffin?�</p><p>�Das erz�hle ich dir sp�ter. Geh jetzt nach Hause und erhol dich. Bis morgen, Max.�</p><p>Zu Hause fiel ich ins Bett und stie� die Nase in Armstrongs weiches Fell. Ella schnurrte mir gleichm��ig ins Ohr.</p><p>�Alles Gute im neuen Jahr, meine Wollkn�uel�, sagte ich. Die Katzen g�hnten unger�hrt. Auch ich g�hnte und schlief ein.</p></section><section><p>Ein Opfer der Umst�nde</p><p>Als ich erwachte, dunkelte es schon. Das war rekordverd�chtig, denn ich hatte schon lange nicht mehr bis in den Abend geschlafen.</p><p>�Hast du dich etwa sterben gelegt?�, rumorte Melifaros Stimme in meinem schlaftrunkenen Sch�del. �Ich hab inzwischen eine ganze Krone verdient.�</p><p>�Wie das?�, fragte ich verwirrt.</p><p>�Ganz einfach. Ich hab mit Lady Melamori gewettet. Sie war �berzeugt, du w�rdest nur bis Sonnenuntergang schlafen, und ich meinte, es werde l�nger dauern. Du warst offenbar auf meiner Seite.�</p><p>�Dann musst du mich jetzt nicht einmal zum Mittagessen einladen, sondern schon zweimal. Deine Schulden wachsen rasant, du armer Kerl. Ende.�</p><p>Ich g�hnte und ging nach unten. Meine Kopfschmerzen waren kater�hnlich. Mitten im Wohnzimmer hockten Armstrong und Ella reglos �ber ihren N�pfen. Urf - ein Bauernsohn und Mitarbeiter des Hauses an der Br�cke -hatte sich offenbar w�hrend meines Tiefschlafs um die Tiere gek�mmert, denn sie sahen satt aus, und ihr Fell war sorgf�ltig gek�mmt. Als Kind habe ich meine Eltern zwar mehrfach durch mein Schlafwandeln erschreckt, aber Katzenpflege mit geschlossenen Augen w�rde selbst ich nicht fertigbringen.</p><p>Als ich mir im Bad die Traumgespinste abgewaschen hatte und mich wieder wie ein Mensch f�hlte, klingelte der Bote vom Ges�ttigten Skelett. Im letzten Moment stellte ich fest, dass ich noch nicht angezogen war. Ohne nachzudenken, schnappte ich mir Armstrongs Wolldecke und wickelte mich darin ein. Das war zwar kein Todesmantel, aber ich wollte die T�r nicht nackt �ffnen. Die Miene des Boten lie� mich ahnen, dass auch die Katzendecke kein besonders schicker Hausanzug war, aber es war schon zu sp�t. Mein Ruf w�rde bestimmt leiden.</p><p>Kaum hatte ich in Empfang genommen, was der Bote mir gebracht hatte, legte ich die Decke an ihren Platz zur�ck und begann gen�sslich zu fr�hst�cken. Nach der ersten Portion Kamra f�hlte ich mich schon viel aufgeweckter und dachte mir, die impulsive und streitlustige Lady Melamori h�tte bessere Gr�nde finden k�nnen, um mit Sir Melifaro zu wetten. Sie war noch nie bei mir gewesen, hatte aber keine Bedenken, Spekulationen �ber mein h�usliches Leben anzustellen. Die Wette, wann ich wach werden w�rde, war nicht nur ein guter Weg, Informationen �ber meinen Tagesrhythmus zu bekommen, sondern auch eine diskrete Methode, sich bei mir in Erinnerung zu bringen. Prompt meldete ich mich per Stummer Rede bei diesem unfassbaren Wesen.</p><p>�Guten Tag, Unvergessliche!�</p><p>�Nicht Guten Tag, Sir Schlafm�tze - Guten Abend! Deinetwegen hab ich eine ganze Krone verloren.�</p><p>�Ich nehme reuig alle Schuld auf mich, aber ich habe eine furchtbare Nacht hinter mir. Sir Juffin ist mir im Traum erschienen - kannst du dir das vorstellen!? Ich verdiene Mitleid, keine Vorw�rfe.�</p><p>�Ich bin in einer halben Stunde bei dir. Sir Juffin hat mir anvertraut, dass du heute Nacht dienstfrei hast, und ich habe grandiose Pl�ne.�</p><p>Beinahe w�re ich vor Gl�ck gestorben und ging mich rasch anziehen. Wenn mich auch Lady Melamori mit der Wolldecke meines Katers erwischte, w�rden meine Aktien bei ihr bestimmt sinken. Vielleicht aber auch nicht.</p><p>Es klingelte, und in der T�r stand die Verfolgungsmeisterin, sichtlich berauscht von ihrer Entschlossenheit. Ich war inzwischen umgezogen und zu allen Schandtaten bereit, also dazu, ein wenig - notfalls aber auch tausend Meilen - mit Lady Melamori �ber die Mosaikgehsteige von Echo zu schlendern. Zusammen spazieren zu gehen war das, was Menschen, die sich mochten, ihrer Meinung nach tun sollten. War unsere Sympathie wirklich gegenseitig? Melamoris begeisterte Augen jedenfalls erlaubten diesen R�ckschluss.</p><p>Diesmal spazierten wir in die Neustadt. Das dauerte anderthalb Stunden. Melamori erz�hlte mir viele Ger�chte, denen ich nur mit halbem Ohr lauschte. Ich war auch ohne diesen Tratsch �bergl�cklich.</p><p>�Ich kenne hier ein nettes Lokal�, sagte meine bezaubernde Begleiterin und verlangsamte den Schritt. �Es handelt sich um eine alte Villa mit Garten. Abends werden da die gr�ulichsten Getr�nke verkauft. Deshalb ist es immer so gut wie leer.�</p><p>�Es gibt eine Menge menschenleere Orte, an denen es die seltsamsten Getr�nke gibt - zum Beispiel bei mir zu Hause�, sagte ich lachend. �Warum sind wir dann so weit gegangen?�</p><p>�Das ist ein besonderes Lokal. Fr�her befand sich dort die Sommerresidenz des Ordens des Geheimen Krauts. Damals war Echo noch viel kleiner, wie du sicher schon gemerkt hast. Komm, wir sind da. Es gef�llt dir bestimmt.�</p><p>Wir betraten einen langweiligen Garten, doch der erste Eindruck t�uschte. Rasch ging die Anlage in eine angenehm verwilderte Obstplantage �ber, die viele Glaskugeln bl�ulich beleuchteten. Dort gab es keine Tische, sondern nur kleine, lauschige B�nke, die zwischen Kach-Str�uchern aufgestellt waren. Die Pflanzen erinnerten mich an Wacholderb�sche. Die Luft im Garten war erstaunlich k�hl und klar und wirkte herrlich erfrischend, ohne uns frieren zu lassen. Ich f�hlte mich verj�ngt und hatte den Eindruck, die Welt um mich her berge viele Geheimnisse. Und so war es ja sicher auch.</p><p>Ich strahlte Lady Melamori an.</p><p>�Stimmt - hier ist es wirklich h�bsch.�</p><p>�Danke, aber bestell besser keine Kamra - die schmeckt hier erb�rmlich. Wenn schon, dann lieber etwas St�rkeres. Solche Getr�nke sind schwer zu verderben.�</p><p>�Etwas St�rkeres? Lieber nicht - ich hatte bis vorhin noch Kopfschmerzen von meinen Ermittlungen zum Jahreswechsel.�</p><p>�Pech f�r dich. Ich kann mich richtig volllaufen lassen - ich hab ja Urlaub.�</p><p>�Na dann prost. Ich hoffe, hier gibt es auch Mineralwasser. Das ist es n�mlich, was ich jetzt brauche.�</p><p>Leider gab es in dem Gartenlokal kein Wasser. Deshalb musste ich eine Schale Kompott bestellen. Ich glaube, Melamori und ich bildeten ein seltsames Paar: eine kleine, zerbrechlich wirkende Dame, die Dschubatinischen S�ufer trank, und ein gesund aussehender junger Mann im Todesmantel, der sich an einem Dessert g�tlich tat.</p><p>�Wenn wir uns schon unterhalten m�ssen, dann am besten hier�, stellte Melamori, deren Wangen vom Alkohol leicht ger�tet waren, pl�tzlich fest, schwieg aber sogleich wieder, als habe ihre Stimme sie erschreckt. Ich wollte sie schon ermuntern, weiterzureden, doch sie fuhr von selbst fort: �Was meine �ngste angeht, Max, wei� ich jetzt Bescheid. Sag mir doch bitte, welche Farbe deine Augen haben.�</p><p>�Ich glaube, sie sind braun, oder?�</p><p>Ich war v�llig verwirrt. S�ndige Magister - was war mit meinem Ged�chtnis los? Wie konnte ich meine Augenfarbe vergessen?</p><p>�Eben!�, rief Lady Melamori triumphierend. �Du wei�t es selbst nicht! Schau her�, sagte sie, zog einen kleinen Spiegel aus der Tasche ihres Lochimantels und hielt ihn mir vor die Nase.</p><p>Ich sah in vor Erstaunen weit aufgerissene graue Augen.</p><p>�Wieso bin ich blo� so vergesslich?�</p><p>�Vergesslich? Als wenn es so einfach w�re! Gestern waren deine Augen gr�n, morgen sind sie wom�glich hellbraun. Und als ich drei Tage vor Jahreswechsel im Haus an der Br�cke war, hattest du stahlblaue Augen. Ich dachte damals, du h�ttest die gleiche Augenfarbe wie mein Gro�vater Kima.�</p><p>�Wie nett, dass du auf solche Kleinigkeiten achtest, Melamori. Was du mir gerade gesagt hast, ist aber so neu f�r mich, dass ich es kaum glauben kann. Hast du nicht vielleicht etwas durcheinandergebracht?�</p><p>�Willst du etwa mit mir wetten?�, fragte Melamori l�chelnd. �Du solltest dich in einer Stunde noch mal anschauen. Dann haben deine Augen sicher schon wieder eine andere Farbe.�</p><p>�Ich habe nicht vor, mit dir zu wetten�, murmelte ich und gab ihr den Spiegel zur�ck. �Du willst mich nur an den Bettelstab bringen. Aber eins verstehe ich nicht: Warum macht dir das solche Angst? Soll meine Augenfarbe sich doch �ndern! Alle Mitglieder deiner Familie geh�ren zum Orden des Siebenzackigen Blattes - da bist du doch ganz andere Dinge gew�hnt!�</p><p>�Das ist es ja. Ich wei� viel, doch von so einem Fall hab ich noch nie geh�rt. Als ich das gestern Abend begriff, fragte ich gleich meinen Gro�vater nach diesem Ph�nomen. Dabei habe ich nicht dich erw�hnt, sondern behauptet, der Mann mit der changierenden Augenfarbe sei ein Bote, doch mein Gro�vater hat die Diskussion rasch beendet und kategorisch festgestellt, ein solcher Augenfarbenwechsel sei unm�glich. Ich wollte keinen Streit mit ihm riskieren und habe darum lieber heute Morgen Sir Juffin gefragt, was es mit deiner st�ndig wechselnden Augenfarbe auf sich hat. Und wei�t du, was er sagte?�</p><p>�Lass mich raten. Vielleicht: �Die Welt ist voller Wunder, M�dchen�? Oder: �Gib dich nicht mit solchem Kleinkram ab, Melamori�? - Hab ich richtig getippt?�</p><p>�Beinahe�, antwortete Lady Melamori seufzend. �Sir Juffin hat gekichert und gesagt, das sei nicht dein einziger Vorzug. Au�erdem hat er gemeint, in der Stadt gebe es genug normale Leute, die keine Besonderheiten aufweisen und sich deshalb auch nicht f�r die Arbeit in unserer Dienststelle eignen.�</p><p>�Nett, das zu h�ren�, sagte ich l�chelnd. �Bei Gelegenheit muss ich mich daf�r bei ihm bedanken.�</p><p>�Max, das klingt alles sehr lustig, aber ... Bist du sicher, �berhaupt ein Mensch zu sein?�</p><p>�Eigentlich nicht�, antwortete ich und brach in Lachen aus. �Aber dar�ber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.�</p><p>�Sir Juffin hat das Gleiche gesagt und auch gelacht. Was soll ich jetzt tun? K�ndigen, um dir aus dem Weg zu gehen? Oder mir vor jedem Treffen mit dir Mut antrinken? Ich frage das ganz im Ernst, Max.�</p><p>Eine ausweichende, aber beruhigende Antwort w�re taktisch sicher besser gewesen, doch Melamori gefiel mir so sehr, dass ich keine Lust hatte, sie anzul�gen oder ihr auszuweichen.</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht�, wiederholte ich. �Ich hab immer geglaubt, es w�re schwierig, einen normaleren Menschen zu finden als mich. Man darf mich nur nicht an der Nase herumf�hren. Meine bescheidene Menschenkenntnis sagt mir, dass du l�ngst kein so gro�er Angsthase bist, wie du behauptest.�</p><p>�Na ja, ein Angsthase bin ich nicht gerade. Ich bin nur unter besonderen Menschen aufgewachsen, Max. Mein Vater war in der Traurigen Zeit f�r den Thron vorgesehen, falls einer der beiden K�nige namens Gurig verungl�ckt w�re. Mein Gro�vater und meine Tanten geh�ren zum Orden des Siebenzackigen Blattes. Ich habe auch Verwandte m�tterlicherseits, die eng mit der alten k�niglichen Dynastie verbunden sind. Du kannst dir so eine Umgebung doch bestimmt gut vorstellen. Ich bin gew�hnt, etwas Besonderes zu sein. Ich wei� alles, verstehe alles und kann jeden dazu bringen, mir aus der Hand zu fressen. Na ja, fast jeden. Ich hab mich schon damit abgefunden, dass Sir Juffin mehr wei� als ich, weil er die Traurige Zeit nicht nur aus B�chern, sondern aus den Erz�hlungen von Zeitzeugen kennt. Das kann er dir selbst berichten, falls er es noch nicht getan hat. Aber ich will nicht, dass mir jemand gef�llt, der ...�</p><p>�... dir nicht aus der Hand frisst?�, fragte ich verst�ndnisvoll.</p><p>�Genau. So bin ich nun mal erzogen. Wenn ich etwas nicht verstehe, macht es mir Angst. Die Devise des Ordens des Siebenzackigen Blattes lautet: Vorsicht und Erkenntnis. Und zwar in dieser Reihenfolge. Und weil ich ziemlich viel wei� und mir beinahe alles erkl�ren kann, bin ich auch kein Angsthase. Aber ich brauche dich nur anzuschauen, Max, und bin ganz verwirrt.�</p><p>�Da hilft nur eins�, antwortete ich. �Du musst mich besser kennen lernen. Schieb die ewige Vorsicht beiseite und lass dich auf mich ein. Dann siehst du bald, dass ich ein ganz normaler Langweiler bin, und alles wird gut. Aber beeil dich damit, denn beim n�chsten Vollmond verliere ich meine menschliche Gestalt.�</p><p>Ich konnte mich nur am�sieren, weil ich diese Art Probleme mit M�dchen noch nie gehabt hatte. Die hatten sich an ganz anderen Dingen gest�rt. Deshalb nahm ich optimistisch an, es w�rde leicht sein, Melamoris �ngste zu zerstreuen. Wenn sie mich besser kennen gelernt h�tte, w�rde sie begreifen, dass ich alle m�glichen Gef�hle wecken konnte, keinesfalls aber Angst.</p><p>Der Abend endete mit einem ausgezeichneten Wein im G�stezimmer von Lady Melamori. Dort landeten wir nicht allein, sondern in Gesellschaft ihrer - man stelle sich das vor! - acht Freundinnen. Eine war h�bscher als die andere, und sie zwitscherten so laut, dass ich Kopfschmerzen bekam.</p><p>Melamori �bertrieb reichlich mit starken Getr�nken, und darum bekam ich zum Abschied einen ernsthaften, beinahe echten Kuss. Ich war so verwirrt, dass ich beschloss, mich einfach dar�ber zu freuen. Egal, was danach k�me.</p><p>Den Rest der Nacht spazierte ich durch Echo und erschreckte Passanten mit meinem Todesmantel. K�hnste Erwartungen jagten mir durch den Kopf. Ein Instinkt, der bisher geschlummert hatte, verlangte nach Heldentaten, doch meine anerzogene Zur�ckhaltung hielt mich davon ab, in Lady Melamoris Schlafzimmer einzudringen.</p><p>Stattdessen kehrte ich widerwillig in meine Wohnung zur�ck. An Schlaf allerdings war nicht zu denken. Zwei Stunden lag ich gr�belnd im Bett, ehe ich mich aufraffte und viel fr�her ins Haus an der Br�cke ging als �blich.</p><p>Du kannst nicht schlafen, was, Max?�</p><p>Selten hatte ich meinen Chef zufrieden erlebt - und so gl�cklich wie heute noch nie.</p><p>�Was ist passiert? Ist Bubuta gestorben?�</p><p>�Ach, dem geht's gut. Er will dich und Melifaro einladen, wenn er das Bett wieder verlassen darf. Sei also auf das Schlimmste gefasst. Ich glaube, es lebt sich schwer damit, der Retter von General Bubuta Boch zu sein, und vermute, seine Dankbarkeit wird dich sehr viel mehr strapazieren als sein Zorn. Aber was soll's! Erinnerst du dich noch an die Tschakata-Pirogge?�</p><p>�Nat�rlich. Haben Sie davon wieder mal eine Portion auftreiben k�nnen?�</p><p>�Es geht um grunds�tzlichere Dinge: Demn�chst wird diese Pirogge allen zug�nglich sein, auch dir und mir.�</p><p>�Wollen Sie das Chrember-Gesetzbuch umschreiben?�</p><p>�Ich wusste doch schon immer, dass du einen guten Riecher hast. Du hast es wieder mal erraten, Max. Umschreiben will ich das Gesetzbuch zwar nicht, doch ich habe vor, eine kleine Korrektur anzubringen. Der Entwurf ist schon vorbereitet. Wir brauchen nur noch die Zustimmung des Gro�en Magisters Nuflin. Deshalb fahren wir jetzt zu ihm.�</p><p>�Juffin�, begann ich, weil mein Erstaunen mir die Sprache nicht ganz verschlagen hatte, �wozu brauchen Sie mich dabei? Ich bin mit dem Leben in Echo vollauf zufrieden. Glauben Sie wirklich, Sie m�ssen unbedingt mich in die Residenz des Ordens des Siebenzackigen Blattes mitnehmen? Was sagen Sie zu meiner Augenfarbe? F�rchten Sie nicht, eines Tages im Cholomi-Gef�ngnis zu landen, weil Sie sich mit einem fremden Wesen wie mir abgeben? Lady Melamori w�rde das sicher nicht guthei�en.�</p><p>�Hat sie dir das eingeredet? Sie ist schon ein lustiges M�dchen. Aber Sir Nuflin ist im Gegensatz zu ihr ein ernster Mensch. Und er ist schon vierhundert Jahre alt. Er wei� sehr viel �ber erlaubte und erst recht �ber unerlaubte Magie. Am Ende der Traurigen Zeit haben sich seine Boten mir zu F��en geworfen, weil er so gut Bescheid wusste. Ohne Leute wie mich und Sir Maba h�tte der Orden der Wasserkr�he ...�</p><p>�Wasserkr�he?�, kicherte ich.</p><p>�Ja, jetzt kann man dar�ber lachen. Vor hundertf�nfzig Jahren aber war das �berhaupt nicht lustig. Hinter diesem Orden stand eine sehr gef�hrliche Kraft, deren Machenschaften die Welt in die H�nde der Dunklen Magister h�tte fallen lassen k�nnen. Aber wir haben sie vor diesem Schicksal bewahrt, so gut es eben ging.�</p><p>�Wasserkr�he klingt trotzdem lustig�, sagte ich unbeirrt. �Hat K�nig Gurig seinen Sieg in der Schlacht um das Chrember-Gesetzbuch also Ihnen zu verdanken?�</p><p>�Jedenfalls teilweise. Wenn du mal so weit bist, wenigstens die H�lfte davon zu begreifen, erz�hle ich es dir. Sei bitte nicht sauer, doch die F�higkeit, diese Dinge zu verstehen, h�ngt von Erfahrung ab, nicht von geistiger Anstrengung. Aber jetzt zur�ck zu deiner Frage: Ich nehme dich und Kofa einfach deshalb mit, weil Sir Nuflin mich darum gebeten hat. Er ist der Hausherr und kann das entscheiden.�</p><p>�Will er sich ein barbarisches Wesen aus einer anderen Welt ansehen?�</p><p>�Meinen potenziellen Nachfolger will er kennen lernen.�</p><p>Ich w�re fast in Ohnmacht gefallen. Prompt begann ich mit Sir Lonely-Lokleys Atem�bungen. Das hielt mich bei Bewusstsein.</p><p>�Nimm das alles nicht so schwer�, sagte Juffin l�chelnd. �Was k�mmert es dich, was in dreihundert Jahren geschieht? Soweit ich wei�, hast du ohnehin nicht gehofft, so lange zu leben. Also kannst du meine Ank�ndigung ja wie eine Nachricht behandeln, die sich auf etwas bezieht, das sich erst lange nach deinem Tod ereignet. Einverstanden?�</p><p>�Einverstanden�, seufzte ich. �Aber ich hoffe, das ist kein Scherz.�</p><p>�Jetzt hab ich von deiner Skepsis aber genug! Du wusstest doch von Anfang an, warum ich dich hergebracht habe, auch wenn du es immer verdr�ngt hast. Einiges kannst du ja inzwischen - also mach mir bitte etwas Kamra, damit du nicht aus der �bung kommst.�</p><p>�Das h�rt sich schon besser an. Jetzt blamiere ich mich, Sie degradieren mich zum Kellner, und alles ist wieder im Lot.�</p><p>Stell dich nicht so an�, murmelte Juffin und nahm einen Schluck von meinem magischen Gebr�u. �Na bitte - heute schmeckt die Kamra schon viel besser als vorgestern.�</p><p>Genau eine Stunde vor Sonnenuntergang tauchte Sir Kofa Joch auf. Diesmal zeigte er sein eigentliches Gesicht und trug dazu einen fantastischen purpurroten Lochimantel. Noch nie hatte ich ein derart kr�ftiges Rot gesehen, das pulsierend zu lodern schien.</p><p>�So was darf nur Sir Kofa tragen�, verriet mir Juffin. �Er hat sich hier in Echo zweihundert Jahre lang um Ruhe und Ordnung gek�mmert. Damals hatte der Leiter der Stadtpolizei ein h�heres Ansehen als jeder Gro�e Magister - ungelogen! Dank Kofas heldenhaftem Einsatz ist die Traurige Zeit an Echo fast spurlos vor�bergegangen. Manchmal, wenn ich die Echoten satthabe, k�nnte ich ihn daf�r allerdings umbringen.�</p><p>�Ja, ich bin schuld�, sagte Sir Kofa und senkte den Kopf. �Aber was h�tte ich denn tun sollen? Das geh�rte nun mal zu meinen Pflichten.�</p><p>�Und warum sitzt General Bubuta Boch inzwischen an Ihrer Stelle?�, fragte ich. �Aufgrund von Intrigen?�</p><p>Juffin und Kofa tauschten einen Blick und brachen in Lachen aus. Ich sah sie weiter ahnungslos an.</p><p>�Du hast offenbar noch immer nicht kapiert, wo du arbeitest�, meinte Sir Kofa Joch, der sich als Erster beruhigt hatte. �Aber ich erkl�re es dir gern. Ich bin bef�rdert worden. Und zwar sehr weit nach oben. Wei�t du etwa nicht, dass Sir Juffin die zweitwichtigste Person im Staat ist?�</p><p>�Nach dem K�nig?�</p><p>�Unsinn, nach Magister Nuflin nat�rlich. Aber du, ich und Seine Majest�t Gurig VIII. geh�ren immerhin zum illustren Dutzend der wichtigsten Leute im Staat.�</p><p>�Unglaublich�, sagte ich kopfsch�ttelnd.</p><p>�Kopf hoch, Max. Ich hab dir nur eine inoffizielle Version der staatlichen Hierarchie geliefert. Und jetzt lass uns fahren.�</p><p>So fuhren wir denn nach Jafach.</p><p>Die sichtbaren Tore der Burg Jafach - der Residenz des Ordens des Siebenzackigen Blattes, des Wohltuenden und Einzigen Ordens - werden nur bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang ge�ffnet. Morgens str�men Abgesandte des K�nigshofs und andere Regierungsvertreter in die Burg; abends trudeln dunkle Gestalten wie wir ein. Es hei�t, der Kleine Geheime Suchtrupp sei die bedrohlichste Organisation im Vereinigten K�nigreich. Eingeweihte lachen allerdings �ber diesen Witz.</p><p>Nuflin Moni Mach - der Gro�e Magister des Ordens des Siebenzackigen Blattes - erwartete uns in einem d�steren Saal. Im Halbdunkel war es unm�glich, seine Miene zu erkennen. Dann begriff ich, dass er gar kein Gesicht hatte. Besser gesagt: Er hatte es vergessen, und darum konnte es niemand mehr sehen. Dann merkte ich, dass der Gro�e Magister h�chstpers�nlich mir diese Erkl�rung per Stummer Rede hatte zukommen lassen.</p><p>�Ihr k�nnt euch nicht vorstellen, meine Lieben, welches Gl�ck es f�r mich bedeutet, euren Besuch noch zu erleben.�</p><p>Die Stimme von Magister Nuflin zeigte, dass er hoch betagt war, doch trotz des Zitterns lag eine so gro�e, unbegreifliche Kraft darin, dass es mich eiskalt �berlief. Der alte Mann schlug allerdings einen humorvollen, durchaus freundlichen Ton an. Wie jeder, der sich seines Charismas bewusst ist, brauchte er seine G�ste nicht zu erschrecken.</p><p>�Du arbeitest f�r Juffin, Junge?�, fragte Nuflin und musterte mich sichtlich neugierig. �Wie gef�llt es dir bei ihm? Ich habe geh�rt, dass du sehr erfolgreich bist. Genier dich nicht vor dem alten Nuflin, Max. Vor mir hat man Angst oder auch nicht. Ersteres gilt f�r dich nicht, denn schlie�lich sind wir keine Feinde. Du brauchst mir nicht zu antworten. Setz dich nur hin und h�r zu, was die �lteren Leute reden. Vielleicht kannst du davon sp�ter deinen Enkeln erz�hlen. Obwohl - woher sollen bei dir schon Enkel kommen?�</p><p>Ich folgte dem Rat des Gro�en Magisters und setzte mich schweigend auf ein bequemes Sofa. Meine �lteren Kollegen taten es mir nach.</p><p>�Juffin, du isst gern gut, oder?�, fragte Nuflin freundlich. �Ich hab mich schon gewundert, warum du so lange mit der Korrektur des Chrember-Gesetzbuchs gewartet hast. Meine Mitarbeiter haben ziemliche Angst vor Ver�nderung und meinen, die Opposition m�sse erst mindestens zweihundert Jahre geschwiegen haben, ehe man sich an Reformen wagen d�rfe. Aber diese Mitarbeiter sind allesamt Theoretiker. Kofa, du bist ein kluger Mensch - hast du die so genannte Opposition schon mal gesehen? Ich glaube nicht an ihre Existenz. Das sind doch nur kindliche Hirngespinste. Meine Mitarbeiter denken vermutlich, ein Leben ohne Feinde sei f�r den alten Nuflin zu langweilig. Also, Kofa, kl�r mich auf - vielleicht wei� ich ja zu wenig dar�ber, was die Bev�lkerung so denkt.�</p><p>�Sie haben Recht�, best�tigte der Meister des Verh�rs. �Wenn es Opposition gibt, dann sicher nicht in Echo. Und was k�mmert es uns, wer sich in Landland etwas in den Bart brummt?�</p><p>�Na, das jagt uns m�chtig Angst ein�, sagte Magister Nuflin und zwinkerte uns zu. �Da wissen wir gar nicht, was wir tun sollen. Sch�n, damit w�re das Thema Opposition erledigt. Juffin, jetzt erz�hl du mir, wie dein Vorhaben aussehen soll, und wir bereiten alles vor. Unter uns gesagt - dein junger Mitarbeiter hat die letzten vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Wei�t du das �berhaupt? Es ist nicht gut, seine Leute so zu schikanieren. Na ja, du warst schon immer ein �bler Kerl.�</p><p>�Er qu�lt sich selbst - mich braucht er dazu nicht�, sagte mein Chef l�chelnd. �Und was die Gesetzes�nderung angeht: Ich werde jeden Koch wissen lassen, dass er mit erlaubter Magie - egal, ob schwarz oder wei� - experimentieren darf, aber nur bis zum zw�lften Grad. Alles dar�ber bleibt verboten.�</p><p>�Warum hast du so lange dar�ber geschwiegen, Juffin? Glaubtest du, ich k�me von selbst auf diese Idee? Wer h�tte gedacht, dass die Leute demn�chst ihr Essen wieder wie in der guten alten Zeit zubereiten k�nnen! Wir beide bekommen bestimmt an jedem Wirtshaus eine Gedenktafel. Und der junge K�nig Gurig auch, damit er nicht eifers�chtig wird.�</p><p>Aufmerksam folgte ich dem Gespr�ch und begriff, dass uns das Chrember-Gesetzbuch bald nicht mehr beim Zubereiten von Delikatessen einschr�nken w�rde. Das erschreckte mich ein wenig. Ich war l�ngst ein Vielfra� -was also w�rde aus mir werden, wenn nicht mehr nur mit Magie vierten, sondern maximal zw�lften Grades gekocht wurde? Wann w�rde ich den Leibesumfang von Bubuta Boch erreichen? Und w�rde Lady Melamori dann nicht noch mehr Angst vor mir haben?</p><p>In diesem Moment hatte ich das Gef�hl, es gebe noch einen, allerdings unsichtbaren Zuschauer. Obendrein h�rte ich ein mir vertrautes, leicht herablassendes Kichern. Erstreckte sich die Neugier von Sir Maba Kaloch vielleicht auch auf profane Themen wie Essen und Trinken? Jedenfalls war ich �berzeugt, dass nur er unsichtbar an wichtigen Gespr�chen teilnehmen konnte.</p><p>Magister Nuflin unterbrach meinen Gedankengang.</p><p>�Na, was hast du zu diesem Thema zu sagen? Du isst doch sicher auch gern gut?�</p><p>�Nat�rlich. Allerdings bin ich kein besonderer Koch. Deshalb decken sich meine Ansichten mit der Lebensphilosophie von Sir Maba Kaloch: Egal, woher das Essen stammt - Hauptsache, es schmeckt. Habe ich das richtig dargestellt?�, fragte ich und sah in eine dunkle Ecke, aus der uns Sir Maba vermutlich beobachtete.</p><p>Ehrlich gesagt sollte das nur ein Witz f�r Sir Juffin sein. Ich dachte, mein Chef w�sste ihn zu sch�tzen, und die �brigen Anwesenden w�rden ihn nicht mal bemerken. Stattdessen starrten mich drei Personen an, als w�re ich eine Fleisch fressende Pflanze - mit Angst n�mlich und Vorsicht.</p><p>�Juffin!�, unterbrach die Stimme des Gro�en Magisters die Stille. �Dein junger Mitarbeiter hat wirklich eine Sp�rnase! Wer h�tte gedacht, dass er Sir Maba, diesen geriebenen alten Kerl, wittern kann! Wo hast du Max �berhaupt aufgetrieben?�</p><p>�In der Gegend, wo Sie und ich Lojso Pondochwa begraben haben. Na ja, eigentlich noch ein St�ck weiter.�</p><p>�Keine Frage - der Junge ist viel wert.�</p><p>Ich sp�rte, dass der Gro�e Magister mich erneut musterte, und kann nicht sagen, dass mich das begeistert h�tte, doch ich hielt es aus. Einen langen Augenblick fixierte mich Nuflin und sagte dann: �Junge, geh zu dem alten Schlaukopf Juffin und frag ihn, wann der alte Nuflin das letzte Mal so erstaunt war. Oder frag ihn besser nicht, denn das wei� ich selbst nicht mehr, und er kann sich bestimmt auch nicht daran erinnern. Aber wenn dich mal jemand fragen wird, kannst du gern sagen, dass der alte Nuflin am Abend des dritten Tages des 116. Jahres der Epoche des Gesetzbuchs erstaunt war - sehr, sehr erstaunt. Was kann ich f�r dich tun, Junge? F�r so was bedanke ich mich lieber gleich, damit ich dir sp�ter nicht die H�nde k�ssen muss.�</p><p>Ich stand verwirrt da, begriff nicht, was um mich herum geschah, entschied mich aber zu schweigen. Wenn der Gro�e Magister Nuflin Moni Mach mich f�r ein Genie h�lt, soll es wohl so sein, dachte ich. Mir ist es vielleicht etwas peinlich, aber Juffin Halli freut sich bestimmt. Und eine Bitte an den Gro�en Magister hatte ich auch sofort parat: �Wenn Sie mich gl�cklich machen wollen, liegt das ganz in Ihrer Hand�, sagte ich und versuchte dabei ehrerbietig zu klingen, obwohl das anscheinend nicht n�tig gewesen w�re.</p><p>�Aber Max, auch ohne dich wei� ich genau, was in meiner Macht liegt�, sagte der Alte l�chelnd. �Also bitte zur Sache.�</p><p>�Erlauben Sie mir doch, mitunter normale Kleidung zu tragen. Nat�rlich nicht im Dienst, sondern in der Freizeit�, bat ich und �ffnete demonstrativ meinen schwarzgoldenen Todesmantel. �W�hrend der Arbeitszeit ist er notwendig und sehr kleidsam. Aber ich m�chte manchmal unauff�llig sein, um mich vor fremden Blicken zu sch�tzen. Ich wei� auch, dass ich mich nicht erst aufzuregen brauche, damit meine Spucke giftig wird.�</p><p>�Wer h�tte das gedacht - so ein netter Junge und doch so giftig!�, meinte Nuflin belustigt.</p><p>�Bedanken Sie sich daf�r bei Magister Machligl Anoch�, sagte Juffin l�chelnd. �Erinnern Sie sich noch an ihn?�</p><p>�Wie k�nnte ich diesen kleinen, tiefernsten Mann vergessen? Er hat dir also diese Gabe verliehen, Max? Das war sehr klug. Also hat sich Machligl schlie�lich doch noch als n�tzlich erwiesen. Juffin, sagt der Junge eigentlich die Wahrheit? Ist seine Spucke wirklich giftig? Ist er selbst dann gef�hrlich, wenn er gut gelaunt ist?�</p><p>�Max ist noch nicht klug genug, um Sie zu bel�gen, aber wer wei�, wie es in dreihundert Jahren aussieht.�</p><p>�Dem Himmel sei Dank, dass ich das nicht mehr erleben muss. Also gut, Max - wenn du nicht im Dienst bist, kannst du anziehen, was du willst. Denk aber bitte daran, dass du mir f�r diese Gef�lligkeit etwas schuldest. Nicht jeden Tag �ndert der alte Nuflin althergebrachte Traditionen.�</p><p>�Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.�</p><p>Ich war tats�chlich �bergl�cklich. Ich hatte die herrliche Freiheit geschenkt bekommen, wieder unauff�llig zu leben, konnte also erneut ungest�rt mit G�sten im Wirtshaus plaudern, sympathischen alten M�nnern Tabak anbieten und fl�chtige Bekanntschaft mit fremden Hunden schlie�en. Was braucht man mehr, um gl�cklich zu sein?</p><p>�Wenn du �lter bist, wirst du verstehen, dass der Todesmantel nicht den Menschen ringsum n�tzt, sondern dir�, sagte der Gro�e Magister belehrend. �Du wirst dich irgendwann sicher an die Worte des klugen alten Nuflin erinnern. Der Todesmantel ist - genau wie der Mantel eines Gro�en Magisters - ein gutes Instrument, um der Welt zu entsagen. Behaupte nun bitte nicht, du wollest der Welt nicht entsagen. Komm in f�nfhundert Jahren wieder. Mal sehen, wie du dann dar�ber denkst.�</p><p>Der Alte hatte vermutlich vergessen, dass er allenfalls noch dreihundert Jahre zu leben hatte. Oder er wollte seine Besucher im n�chsten Leben empfangen. Wer wei� schon, wie es bei Gro�en Magistern nach dem Tod aussieht.</p><p>�Wir m�chten Ihre kostbare Zeit nicht l�nger in Anspruch nehmen, Nuflin�, sagte Juffin und erhob sich vom Sofa. �Ich erinnere mich genau, wie schnell Ihre Gespr�chspartner Ihnen l�stig werden. Erst recht, wenn es sich um so langweilige Besucher wie uns handelt, Sir.�</p><p>�Juffin, stell dich bitte nicht so an. Ich wei� doch, dass du nur wieder essen gehen und �ber mich l�stern willst. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich davon abhalten oder dich sogar zum Essen einladen will? Nein, das tu ich nicht - so gut solltest du mich inzwischen kennen. Geh also in dein Fressfass. Und du, mein Junge, machst dir eine h�bsche, erholsame Nacht. Die hast du dir verdient.�</p><p>S�ndige Magister - was mochte er damit gemeint haben!?</p><p>Wir verlie�en die Burg Jafach durch einen Geheimgang, der direkt in den Keller des Hauses an der Br�cke f�hrte. Offenbar betrat man die Residenz des Ordens des Siebenzackigen Blattes auf �ffentlich zug�nglichem Wege, verlie� die Burg aber auf geheimen Pfaden, die einem allerdings niemand zeigte, geschweige denn bahnte.</p><p>�Wer war eigentlich dieser Lojso Pondochwa, von dem Sie und der Gro�e Magister Nuflin sprachen?�, fragte ich, kaum dass wir die Burg verlassen hatten.</p><p>�Lojso? Der war Gro�er Magister des Ordens der Wasserkr�he, des Ordens also, dessen Name dich so zum Lachen gebracht hat. Geh jetzt schlafen, mein Held�, meinte Juffin und zwinkerte mir zu. �Ein so schl�friges Nachtantlitz wie du ist ja zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich muss sowieso mit Kofa die Nacht durcharbeiten.�</p><p>�F�r etwas so Wichtiges wie die Erweiterung der Kochmagie kann man wohl mal durchmachen�, sagte Kofa nickend. �Gl�ckwunsch, Sir Juffin. Ich h�tte nicht gedacht, dass es so leicht w�re, Ver�nderungen im Chrember-Gesetzbuch durchzudr�cken. Sie haben den Alten wirklich um den Finger gewickelt.�</p><p>�Gut, dass ich es war. Stellen Sie sich vor, was mit der Welt passieren k�nnte, wenn ein anderer an meiner Stelle w�re.�</p><p>�Das w�re schrecklich! Sir Max, h�ren Sie auf Sir Juffin und gehen Sie endlich schlafen. Sie sind wirklich fix und fertig.�</p><p>Ich hatte keine Einw�nde, nahm mir aber vor, erst noch mein Schlafzimmerfenster abzudichten, da der Durchzug in letzter Zeit immer schlimmer geworden war. �ber Zugempfindlichkeit hatte bisher noch keiner meiner Kollegen geklagt.</p><p>Trotz meiner M�digkeit meldete ich mich von unterwegs per Stummer Rede bei Lady Melamori.</p><p>�Wie geht's, Unvergessliche?�</p><p>�Danke der Nachfrage. W�hrend du in Jafach gewesen bist, war Melifaro bei mir zu Besuch. Und meine acht Freundinnen nat�rlich auch. Beide Seiten waren sehr voneinander angetan. Der arme Mann ist bestimmt noch ganz au�er sich, weil er noch nie einen derart �berdimensionierten Flirt erlebt hat. Er ist es gew�hnt, sich mit nur einer Frau zu treffen, und stand pl�tzlich vor einem gewaltigen �berangebot.�</p><p>�Waren deine Freundinnen von mir eigentlich auch angetan?�</p><p>�Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, denn ich hab gestern mit Lik�r und anderen alkoholischen Getr�nken arg �bertrieben. Gute Nacht, Max, ich bin schon am Einschlafen.�</p><p>�Bis morgen also?�, fragte ich hoffnungsvoll.</p><p>�Nat�rlich. Ende.�</p><p>Auch Lady Melamori hatte mein �Ende� �bernommen. Das gefiel mir sehr - als ob sie irgendeinen Nippes, den ich ihr geschenkt hatte, in der Tasche ihres Lochimantels tragen und mitunter ihren Bekannten zeigen w�rde.</p><p>Kaum war ich eingeschlummert, wurde mein ohnehin nicht langweiliges Leben noch interessanter. Ich tr�umte, in meinem Schlafzimmer habe sich ein unsichtbarer Gast eingenistet.</p><p>�Hallo, mein Hellseher!�, rief jemand. Sofort erkannte ich die Stimme von Sir Maba Kaloch. �Wie clever von dir, Junge, mich beim alten Nuflin gleich zu erkennen. Versuch in Zukunft aber vielleicht, nicht so vorlaut zu sein. Alle wissen doch l�ngst, wie klug du bist, und ich bleibe lieber inkognito.�</p><p>�Verzeihung, Sir Maba.�</p><p>Obwohl ich schlief, begriff ich rasch, worum es ging.</p><p>�Nicht so schlimm. Nuflin, Juffin und Kofa sind ja noch nicht das K�nigreich. Und sie h�tten mich auch ohne deinen Hinweis gesp�rt. Aber merk dir eins: Wenn du dich mit mir unterhalten willst, tu das in Zukunft per Stummer Rede und posaune nicht gleich aus, dass Maba Kaloch in der N�he ist. Verstanden?�</p><p>�Sicher�, murmelte ich. Es war mir wirklich peinlich.</p><p>�Prima. Und weil ich schon mal da bin, hab ich dir ein kleines Geschenk mitgebracht.�</p><p>�Was f�r ein Geschenk?�</p><p>�Ein gutes. Pass auf, dass niemand dein Kissen verschiebt.�</p><p>�Warum das denn?�</p><p>�Weil das Kissen eines so gro�en Helden, wie du es bist, ein St�psel in der Ritze zwischen zwei Welten sein kann. Hab ich mich klar genug ausgedr�ckt?�</p><p>�Nein�, antwortete ich ehrlich.</p><p>�Ach, Max! Wie sagt der arme Juffin immer: Ich stehe vor einem R�tsel. Na ja. Wei�t du noch, dass ich bei eurem Besuch unterm Tisch nach Speis und Trank f�r euch gelangt habe?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich strahlend. �Soll das hei�en, dass ich das jetzt auch kann?�</p><p>�Tja, f�r so einen tollen Trick wirst du noch lange �ben m�ssen, aber wenn du flei�ig bist, kannst du dir bald aus fernen Welten diese kleinen komischen Dinger zum Rauchen organisieren, die dir so fehlen. Versuch es mal im Schlaf. Und nagele dein Kissen fest, das rate ich dir.�</p><p>�Und wie soll dieser Versuch aussehen?�</p><p>�Schieb einfach die Hand unter dein Kissen - dann klappt es wie am Schn�rchen. Du musst aber Geduld haben, Junge. Anfangs dauert es recht lange. Aber das wirst du bald merken.�</p><p>�Sir Maba - wenn ich auch nur eine Zigarette bekomme, stehe ich ewig in Ihrer Schuld.�</p><p>�Das klingt gut. Deine komische Angewohnheit garantiert mir, dass du den Trick flei�ig probierst. Das Einzige, was dir noch fehlt, ist �bung. Aber jetzt muss ich gehen.�</p><p>�Besuchen Sie mich demn�chst mal wieder im Traum?�, fragte ich hoffnungsvoll. �Darf ich noch was lernen?�</p><p>�Nat�rlich darfst du das, Max - auch ohne meine Hilfe. Ich kann dir nicht versprechen, dich oft zu besuchen. Du bist so jung, und ich bin sehr viel �lter ... Es ist recht strapazi�s f�r mich, dich zu unterrichten. Es w�re besser, Juffin w�rde dir einiges beibringen. Au�erdem tr�umst du nun ohnehin ganz andere Dinge. Und in diesen Tr�umen ...�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>Doch meine Frage war vergebens, denn Sir Maba Kaloch war schon verschwunden. Stattdessen sah ich im Fenster die Silhouette von Lady Melamori. Ich freute mich sehr, war aber nicht weiter erstaunt.</p><p>�Was f�r ein h�bscher Traum, Unvergessliche�, begann ich fr�hlich. �Ich freue mich sehr, dich zu sehen.�</p><p>�Ist das wirklich nur ein Traum?�, wunderte sich Melamori. �Bist du sicher?�</p><p>�Ja. Und es ist mein Traum, nicht deiner. Ich tr�ume von dir.�</p><p>Melamori l�chelte, und ihre Silhouette wurde langsam immer durchsichtiger. Ich wollte sie festhalten, stellte dann aber fest, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich war zentner-, ja tonnenschwer.</p><p>�Ich bin schon fast zu Hause�, fl�sterte Melamori erstaunt und verschwand vollst�ndig.</p><p>Als ich erwachte, war es fr�her Morgen. Armstrong und Ella lagen bei meinen F��en und schnurrten leise im Schlaf. Meine Katzen! Sie k�nnten das Kissen wegr�cken, das als St�psel zwischen den Welten dient! Und dadurch k�nnten andere Welten in meinem Schlafzimmer landen! Kaum waren diese Gedanken durch mein schlaftrunkenes Hirn geschossen, sprang ich auf, lief zu einem kleinen Schrank und entnahm ihm Nadel und Faden. Meine Vorsicht �berraschte mich selbst. Ich kehrte ins Bett zur�ck und n�hte das Kissen an der Matratze fest. Jetzt war alles in Ordnung, und ich konnte weiterschlafen.</p><p>Kaum hatte ich den Kopf aufs Kissen gelegt, schaltete ich ab. Diesmal hatte ich allerdings keine Tr�ume, besser gesagt: Ich konnte mich nicht an sie erinnern.</p><p>Richtig wach wurde ich erst gegen Mittag. Ein neckischer Sonnenstrahl, wie es ihn nur im Fr�hling gibt, stahl sich vorwitzig durch den Vorhang. Gedankenverloren betrachtete ich mein festgen�htes Kissen und dachte: So ein Quatsch! Mit einem Schlag konnte ich mich an alles erinnern.</p><p>Liebe Leserinnen und Leser! Dreimal d�rfen Sie raten, was ich nun tat. Nat�rlich habe ich sofort die Hand in die angebliche Ritze zwischen den Welten geschoben und vor Spannung zu atmen aufgeh�rt. Doch es ist nichts passiert.</p><p>Bestimmt sah das ziemlich dumm aus. Ein nackter Mann auf allen vieren, der die Hand unter dem Kissen hat und auf dessen Miene die Erwartung steht, es werde ein Wunder geschehen! Gut, dass ich die Vorh�nge zugezogen hatte.</p><p>Nach einer Viertelstunde bekam ich langsam das Gef�hl, Sir Maba Kaloch habe mich reingelegt. Vielleicht handelte es sich wirklich nur um einen Witz, eine kleine, aber elegante Rache daf�r, dass ich ihn bei Sir Nuflin enttarnt hatte. Aber er hatte doch selbst gesagt, es werde recht lange dauern, den Wechsel der Welten zu erlernen. Und da die Hoffnung zuletzt stirbt, nistete sie sich bis auf weiteres in der dunkelsten Ecke meines Herzens ein, in der linken Kammer n�mlich.</p><p>Zehn Minuten sp�ter schliefen mir die Beine ein, mein Ellbogen bat um Erbarmen, und die Hoffnung lag in den letzten Z�gen. Dann begriff ich, dass meine rechte Hand nicht mehr unter dem wei�en Kissen lag, sondern verschwunden war. Zwar konnte ich die Finger noch bewegen, brauchte daf�r aber viel mehr Willenskraft als sonst.</p><p>Ich war so erschrocken, dass ich die Welt um mich herum verga�. Meine eingeschlafenen Beine und meine verkrampfte Schulter waren pl�tzlich unwichtig. Mich interessierte allein, was mit der rechten Hand geschehen war. Ich brauche keine Zigaretten, ich kann wunderbar mit dem hiesigen Tabak leben, doch bitte gebt mir meine Hand zur�ck! Obwohl - gegen eine Zigarette l�sst sich auch nichts einwenden ...</p><p>Ich zuckte so heftig nach vorn, dass ich das Gleichgewicht verlor. Zum Gl�ck hat man es auf allen vieren ja nicht weit bis zum Boden. Ich l�chelte nerv�s. Meine Hand war wieder da. Und sie hielt zwischen Zeige- und Mittelfinger eine gl�hende, halb aufgerauchte Zigarette, an deren Filter Lippenstiftspuren zu sehen waren. Offenbar hatte ich im Aschenbecher einer Frau gewildert. �ber dem Filter las ich die bl�uliche Zahl 555. S�ndige Magister - ob das was zu bedeuten hatte? Ich nahm einen Zug, und mir wurde schwindelig vor Entz�cken.</p><p>Der Mangel lie� mich zum Geizhals werden. Nach ein paar Sekunden dr�ckte ich die Zigarette vorsichtig aus und ging mich waschen. Dann w�rmte ich die Reste der Kamra vom Vortag auf, setzte mich in den Sessel und rauchte die Zigarette and�chtig zu Ende. Welch seltsamer Tagesbeginn - als w�re ich in einem M�rchen!</p><p>Ich muss gleich hinzuf�gen, dass ich mein Schlafzimmer bis zum Sonnenuntergang nicht verlie�. Nicht einmal der Wunsch, Lady Melamori zu sehen, konnte mich dazu bewegen, vorzeitig im Haus an der Br�cke zu erscheinen.</p><p>Die n�chsten Versuche, in anderen Welten zu landen, kosteten mich viel mehr Zeit. Aber immerhin wusste ich jetzt, wof�r ich litt. Als ich das Haus verlie�, um zur Arbeit zu gehen, war ich stolzer Besitzer von vier irdischen Zigaretten, von denen drei schon angeraucht, die vierte aber noch jungfr�ulich war. Sie alle hatte ich behutsam in die Tasche meines Todesmantels gesteckt. �ber all meinen Experimenten hatte ich v�llig vergessen, etwas zu mir zu nehmen.</p><p>Ich hatte damit gerechnet, dass sich schon einen Tag nach der historischen �nderung des Chrember-Gesetzbuchs eine Schlange von Besuchern vor der T�r des Hauses an der Br�cke einfinden w�rde. Doch ein Massenandrang von K�chen auf das hei� ersehnte Privileg, in der K�che die bisher verbotene Magie f�nften bis zw�lften Grades einzusetzen, blieb zu meiner �berraschung aus. Weder auf der Stra�e noch im Korridor waren Besucher zu sehen. Nicht mal im Saal der allgemeinen Arbeit, der als provisorisches Wartezimmer h�tte dienen k�nnen, sa� jemand herum. Melifaro thronte in seinem B�ro und hatte das gelangweilte Gesicht eines allzu gut erholten Menschen. Sir Juffin kam mir aus seinem Zimmer entgegen.</p><p>�Du treibst mich noch in den Wahnsinn, Max. Heute bist du mal wieder auf die Minute p�nktlich gekommen, nicht drei Stunden zu fr�h. Was ist blo� los mit dir?�</p><p>�Wissen Sie das noch nicht? Ich hab von Sir Maba getr�umt.�</p><p>�Ach so. Und das war so sch�n, dass du gleich drei Stunden sp�ter gekommen bist als gestern?�</p><p>�Wissen Sie was? Er hat mir gezeigt, wie ich an Zigaretten kommen kann. Ich muss einfach nur unter mein Kissen langen.�</p><p>�Schau an - so f�rsorglich ist unser Sir Maba! Das h�tte ich nicht erwartet. Ist das denn wirklich passiert? Nat�rlich - es steht dir ja gro� ins Gesicht geschrieben. Dabei war Maba nie ein guter P�dagoge. Er ist einfach zu ungeduldig, um sich mit Anf�ngern zu besch�ftigen. Melifaro, wir unterhalten uns hier nur �ber Dummheiten - du brauchst also gar nicht zuzuh�ren�, meinte Juffin dann, weil ihm das neugierige Gesicht seines Tagesantlitzes aufgefallen war. �Du �rmster wirst demn�chst jede Menge arbeiten m�ssen, weil Max sich jetzt bestimmt nur noch mit seinem Kissen besch�ftigt.�</p><p>�Das leuchtet ein�, sagte Melifaro nickend. �Warum sollte man sich auch mit Unsinn abgeben? Vielleicht bist du irgendwann so weit, dich auch mal mit deiner Kleidung zu besch�ftigen.�</p><p>Diese Anspielung �berh�rte ich mit der Generosit�t des gl�cklichen Menschen.</p><p>�Bevor ich aber die Welt fliehe, k�nnen wir uns noch etwas mit den laufenden Gesch�ften befassen. Verrate mir doch bitte, wo die K�che geblieben sind. Bin ich vielleicht zu sp�t dran? Ist die ganze Meute schon heute Morgen aufgetaucht?�</p><p>�Hier war fast niemand�, meinte Melifaro und g�hnte. �Nur Tschemparkaroke, der Wirt vom Alten Dorn. Das war vielleicht ein Anblick! Er hat schon auf der Schwelle gerufen, er habe sein Spezialgericht Rekreationssuppe immer ohne Magie gekocht. Sonst h�tte er es ja gleich den Schweinen vorsetzen k�nnen. Dann meinte er, der Ohrring Ochola sei sehr schick und werde sicher all seinen Kunden gefallen. Dieser komische Kauz wollte den Ohrring unbedingt vor dem Spiegel gestochen bekommen, um alles genau zu sehen. Ich wollte mich ein wenig am�sieren und hab alle j�ngeren Mitarbeiter gerufen. Sie haben sich im Kreis um Tschemparkaroke aufgebaut, und jeder hielt einen Spiegel, damit der Koch die Prozedur von allen Seiten beobachten konnte. Ich hab ihm den Ring ins Ohr gesteckt und dabei eine abstruse Zauberformel gemurmelt, die ich mir mindestens zur H�lfte spontan ausgedacht habe. Aber er war �bergl�cklich! Er hat sich eine halbe Stunde vor dem Spiegel im Korridor gedreht und sogar die Polizisten aus der anderen Geb�udeh�lfte gerufen, damit sie sein Schmuckst�ck bewundern. Dann ist er wieder zu mir gekommen und hat mir vorgeschw�rmt, wie sehr ihm der Ohrring gefalle. Und dann ist er endlich gegangen. Wie ich geh�rt habe, rennen ihm die G�ste inzwischen das Lokal ein.�</p><p>�Also ist nur ein einziger Koch aufgetaucht? Und das nicht mal wegen der Magie, sondern nur wegen des Ohrrings? Was ist blo� los, Juffin?�, fragte ich verwirrt. �Sie haben alles so sch�n vorbereitet und den alten Nuflin zur �nderung des Gesetzbuchs gebracht, und jetzt bleiben diese Dummk�pfe einfach weg.�</p><p>�Weil sie keine Dummk�pfe sind, Max, sondern vern�nftige und vorsichtige Leute. Hast du wirklich gedacht, sie w�rden alle schon am ersten Tag angelaufen kommen? So ein Ohrring ist kein Spa�, sondern zieht Konsequenzen nach sich. Wei�t du, was mit K�chen passiert, die beispielsweise Magie einundzwanzigsten Grades benutzen und zugleich den Ohrring tragen? Sie m�ssen schlimme Schmerzen erleiden. Und die ber�hmten K�chenzauberer sind schlie�lich auch nur Menschen, die nicht immer bereit sind, sich mit einer Beschr�nkung ihrer K�nste auf Magie zw�lften Grades abzufinden. Jeder Koch, der gegen das Gesetz verstie�, durfte bisher hoffen, das bliebe uns mit etwas Gl�ck verborgen. Selbst die Aussicht, im Cholomi-Gef�ngnis zu landen, war nicht so schlimm - schlie�lich hat mehr als die H�lfte der wichtigsten Pers�nlichkeiten des K�nigreichs dort eine Zeit lang gesessen. Wer aber den Ohrring tr�gt, ger�t gar nicht erst in Versuchung, das Gesetz zu �berschreiten.�</p><p>�Man k�nnte ihn doch einfach abnehmen ...�</p><p>Wieder begriff ich nichts, weil ich am Abend zuvor zu m�de gewesen war, Juffin nach dem Ring zu fragen.</p><p>�Was redest du denn da f�r einen Unfug, Max? Schau her, du Steppenwunder.� Melifaro streckte mir die Hand entgegen und pr�sentierte mir einen ziemlich gro�en Ohrring aus dunklem Metall, der - anders als normaler Ohrschmuck - keinen Verschluss besa�. Vorsichtig nahm ich das kostbare St�ck in die Hand. Es war schwer und warm.</p><p>�Dieser Ring l�sst sich ganz leicht ins Ohr stecken, aber dazu braucht man einen Spezialisten wie mich. Denn das Metall kann das Ohr nur durchdringen, wenn man eine Zauberformel benutzt�, erkl�rte Melifaro mit wichtiger Stimme. �Aber ihn abzunehmen ... Im Orden des Siebenzackigen Blattes gibt es einige Leute, die darauf spezialisiert sind. Doch einfach so in die Burg Jafach zu gehen und zu sagen: �Nehmen Sie mir das Ding bitte ab. Ich habe Lust, ein wenig zu zaubern!�, ist keine besonders gute Idee. Hab ich Recht, Chef?�</p><p>�Absolut�, meinte Juffin g�hnend. �Absolut. Meine Anwesenheit ist inzwischen wirklich �berfl�ssig. Ich geh schlafen, Jungs. Ich bin todm�de.�</p><p>�Dann war der ganze Besuch in Jafach also �berfl�ssig?�, fragte ich beharrlich. �Kommen wirklich keine K�che zu uns?�</p><p>��berfl�ssig? Das braucht nur etwas Zeit! Heute landet die ganze Stadt bei Tschemparkaroke, und morgen fr�h melden sich schon zwei seiner Kollegen bei uns. Am Abend l�uft dann die ganze Stadt zu den beiden, und �bermorgen werden sich mindestens zehn Personen bei uns melden. Bald k�nnen wir uns vor Antragstellern kaum noch retten. Alles braucht seine Zeit, verstehst du?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich und seufzte begeistert. �Ein paar Tage kann ich schon noch aushalten.�</p><p>Melifaro erhob sich. �Ich geh kurz in den Alten Dorn, denn ich bin neugierig, ob Tschemparkaroke gelogen hat oder den Ohrring wirklich nur zur Zierde tr�gt. Was f�r ein S�ppchen er jetzt wohl kocht? Liebes Nachtantlitz, komm doch mit.�</p><p>�Ich werde mich h�ten. Aber geh ruhig, du Suchtbolzen.�</p><p>�Respekt, Max, du l�ufst heute verbal ja richtig Amok. Dabei bist du nur neidisch. Zu den Magistern mit dir -ich geh jetzt mein S�ppchen genie�en.�</p><p>�Wer hier genie�en wird, wird sich noch zeigen�, fl�sterte ich, als ich endlich allein war.</p><p>Ich ging in das Arbeitszimmer, das ich mit Juffin teilte, goss mir eine Tasse Kamra ein und zog eine halb aufgerauchte Zigarette aus dem Mantel. Auch ohne Rekreationssuppe kann das Leben sehr sch�n sein.</p><p>An diesem Abend ging ich nirgendwohin, weil Lady Melamori schlecht geschlafen hatte und zu m�de war, mit mir spazieren zu gehen. Aber ihr Versprechen, am n�chsten Abend w�rden wir bummeln, bis mir die Beine streikten, verschlug mir den Atem. Das war besser als nichts.</p><p>Die Prognose von Sir Juffin Halli trat ein. Am n�chsten Morgen erschien Madame Zizinda mit ihrem Koch im Haus an der Br�cke. Am sp�ten Nachmittag tauchte dann eine �ppige rothaarige Sch�nheit mit stahlblauen Augen auf. Sie hatte zwei sch�chterne K�che im Schlepp. Ich war Zeuge ihres Auftritts, weil ich mal wieder ein paar Stunden zu fr�h zum Dienst erschienen war. Sir Lukfi kam im Laufschritt angehetzt, w�re beinahe �ber seinen langen Mantel gestolpert und sah die sp�te Besucherin err�tend an. Da erst begriff ich, dass die ber�hmte Lady Warischa vor uns stand - die Frau unseres Obersten Wissensh�ters Lukfi und Wirtin des in ganz Echo ber�hmten Restaurants Der dicke Mann in der Kurve. Sir Lonely-Lokley griff zu den �blichen Floskeln, wie sehr wir uns alle �ber ihren Besuch freuten und dergleichen. Auch Melifaro lie� sich nicht lumpen und st�berte in der Schatzkiste seiner l�ssigsten Komplimente, bis unser Oberster Wissensh�ter, der solche Situationen ganz und gar nicht gew�hnt war, ihn mit dem Ellbogen in die Seite stie� und ihm �Du Charmeur!� zuzischte.</p><p>Daraufhin rief Lady Warischa, deren stattliches Ego durch unsere Komplimente zus�tzlich aufgebl�ht war, ihren Gatten zur Ordnung und zog dann ab. Die K�che, die unterdessen Ohrringe bekommen hatten, folgten ihr eilig.</p><p>Bald darauf ging ich mit Melamori spazieren und lie� Kurusch im B�ro zur�ck. Der Buriwuch hatte keine Einw�nde mehr dagegen erhoben, nachdem ich ihm eine Pirogge versprochen hatte.</p><p>Meine Natur war diesmal zum Gl�ck nicht Gespr�chsthema. Es gab allerdings auch keinen Kuss zum Abschied, doch das betr�bte mich nicht weiter. Sollte die herrliche Lady ruhig einige Zeit brauchen, um in ihrem Herzen f�r mich Raum zu schaffen - bitte sehr! Ich konnte mir den Luxus leisten, Geduld zu haben, da ich sie inzwischen auch im Traum sah.</p><p>Es reichte schon, die Augen zu schlie�en, und gleich erschien sie in einem Winkel des Schlafzimmers. Anders als das Original hatte diese Lady keine Angst vor mir, sondern n�herte sich l�chelnd und zwitscherte einige s��e Nichtigkeiten. Allerdings konnte sie mich nicht ber�hren - als st�nde eine unsichtbare Mauer zwischen uns. Auch ich konnte nichts dergleichen tun, denn wenn ich von ihr tr�umte, vermochte ich mich nicht zu bewegen. Kaum war sie verschwunden, erwachte ich, w�lzte mich lange im Bett herum und lie� alle Einzelheiten unseres Treffens vor meinem geistigen Auge Revue passieren.</p><p>Die Tage rasten nur so dahin. Zu Hause verbrachte ich Stunden �ber meinem Kissen, denn die Prozedur des Weltenwechsels mit der rechten Hand blieb langwierig und erm�dend. Aber ich hatte nichts dagegen und war gl�cklich, wenn mir ab und an ein kleiner Tabakraub gelang. Ethische Fragen besch�ftigten mich dabei nicht besonders. Wenn ich mir keine Gedanken mache, l�uft alles besser.</p><p>Abends spazierte ich mit Lady Melamori durch Echo, nachts sa� ich faul im B�ro und plauderte stundenlang mit Kurusch, und ein paar Stunden vor Sonnenaufgang ging ich nach Hause, um Melamori noch mal im Traum zu begegnen.</p><p>Nat�rlich merkte Sir Juffin schnell, dass etwas nicht stimmte, verlor aber kein Wort �ber meine regelm��ige Abwesenheit vom Dienst. Jedes Mal, wenn ich ihm begegnete, sah ich in seinen Augen eine unbeschreibliche Neugier funkeln. Der Ehrw�rdige Leiter �hnelte einem Naturwissenschaftler, der sich im Labor begeistert �ber seine Glaskolben beugt. Anscheinend war ich f�r ihn eine Art seltsamer Virus, dessen stolz verk�ndete Entdeckung ihm unter Kollegen Ruhm und Ehre eintragen sollte.</p><p>Tats�chlich waren inzwischen Scharen von K�chen im Haus an der Br�cke aufgetaucht. Schlie�lich beehrte uns auch der ber�hmte Gopa Talabun, jener Wirt also, dem alle Gasth�user geh�rten, die ein Skelett im Namen f�hrten - ob sie nun Ges�ttigtes, Betrunkenes, Dickes oder Gl�ckliches Skelett oder noch anders hie�en. Damit war auch dem Letzten von uns klar, dass Sir Juffins geniale Idee in Echo eingeschlagen hatte.</p><p>Gopa brauchte den Ohrring allerdings nicht, denn er konnte weder kochen, noch nahm er warmes Essen zu sich. Stattdessen hatte er zwei Dutzend seiner besten K�che dabei, und w�hrend Melifaro ihnen Zauberspr�che in die Ohren tr�ufelte, predigte Talabun den unbesch�ftigten Mitgliedern des Kleinen Geheimen Suchtrupps, wie sch�dlich es sei, sich zu �berfressen. Dabei wusste er bestimmt, dass ihm niemand richtig zuh�rte.</p><p>Seit unserem historischen Besuch in der Burg Jafach waren zehn Tage vergangen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang meldete sich Sir Kofa Joch per Stummer Rede bei mir, als ich die Hand gerade wieder unter mein Kissen schieben wollte, um die sechste Zigarette des Tages zu organisieren. Bisher war es mir selten gelungen, bis Dienstantritt auch nur f�nf Kippen zu ergattern, doch ich versuchte es unverdrossen weiter.</p><p>�Kommen Sie heute wie �blich im Todesmantel zum Dienst, Sir Max, aber bringen Sie auch Sachen zum Wechseln mit�, riet mir Sir Kofa. �Und machen Sie sich auf alles gefasst.�</p><p>�Ist etwas passiert?�, fragte ich erschrocken.</p><p>�Nein, aber heute Nacht wird etwas passieren, glauben Sie mir. Erwarten Sie mich kurz nach Mitternacht. Ende.�</p><p>Ich war so verwirrt, dass ich verga�, mich �ber die sechste Zigarette zu freuen, die mir wie von selbst in die Hand gesprungen zu sein schien.</p><p>Im Haus an der Br�cke herrschte der allt�gliche Wahnsinn. Ein abgemagerter und schlecht gelaunter Melifaro diskutierte mit einem runden Dutzend K�chen, die den Ohrring Ochola unbedingt an diesem Abend noch bekommen wollten.</p><p>�Meine Herren, ich arbeite nur bis Sonnenuntergang. Sehen Sie die Sonne noch irgendwo am Himmel? Oder haben Sie nicht auch den Eindruck, dass es massiv d�mmert? Na also - kommen Sie bitte morgen wieder.�</p><p>Die K�che, die stundenlang im Saal der allgemeinen Arbeit ausgeharrt hatten, scharrten ver�rgert mit den F��en und hofften noch immer, Melifaro w�rde nur ein wenig jammern und ihnen dann doch noch einen Ohrring verpassen.</p><p>�St�rt es Sie so sehr, morgen wiederzukommen?�, fragte ich freundlich. �Wenn Sie daf�r keine Zeit haben, kann ich mich ja jetzt mit Ihnen besch�ftigen. Ist jemand interessiert?�</p><p>Erschrocken musterten die K�che meinen schwarzgoldenen Todesmantel und verlie�en nacheinander den Saal. Nach einer Minute war ich mit Melifaro allein.</p><p>�Vielen Dank, Sir Nachtantlitz�, sagte er und l�chelte m�de. �Ich h�tte nicht gedacht, dass es in Echo so viele K�che gibt. Heute habe ich hundertf�nfzig M�nner beringt - ist das nicht unglaublich? Und ich bin nicht so abgeh�rtet, wie dieser Unmensch Juffin vermutet. Aber jetzt lege ich mich schlafen. Morgen beginnt die Fron von neuem.�</p><p>Ich ging in mein B�ro. Es war leer - Sir Juffin war bestimmt in ein Wirtshaus gegangen, um die segensreichen kulinarischen Folgen seiner Gesetzesreform zu genie�en.</p><p>�Max�, sagte Lady Melamori, die pl�tzlich in der halb offenen T�r stand, �bist du schon da?�</p><p>�Nein�, entgegnete ich mit gespielter Entr�stung. �Du hast Halluzinationen!�</p><p>�Das hatte ich mir schon gedacht�, meinte sie und setzte sich auf die Armlehne meines Schreibtischstuhls.</p><p>�Kannst du mir Kamra geben? Ich hab Lust, ein wenig mit dir zu plaudern. Heute m�chte ich nicht spazieren gehen. Wei�t du, in letzter Zeit schlafe ich schlecht. Ich wollte dich fragen ...�</p><p>�Schie� los!�</p><p>Doch in diesem Augenblick kam der Bote vom Fressfass. Melamori schenkte sich ein wenig Kamra ein und versenkte den Blick darin. Also w�rden wir uns die n�chsten zehn Minuten nicht unterhalten (einige ihrer Gewohnheiten kannte ich inzwischen ja schon). Nach kurzem Z�gern holte ich eine Zigarette aus der Manteltasche. Zu den Magistern mit der Heimlichtuerei! Sollte mich Lady Melamori auf den Glimmst�ngel ansprechen, konnte ich immer noch behaupten, ein P�ckchen davon aus meiner wilden Heimat als Geschenk bekommen zu haben.</p><p>Doch Melamori fragte nicht nach meinen Zigaretten.</p><p>�Ich tr�ume jede Nacht von dir�, stellte sie m�rrisch fest, �und wollte dich fragen, ob du das mit Absicht machst.�</p><p>Reinen Gewissens sch�ttelte ich den Kopf, denn ich hatte ihre Tr�ume nicht im Geringsten manipuliert und hatte auch keine Ahnung, wie das gehen sollte.</p><p>�Auch ich tr�ume von dir - was ist daran so seltsam?</p><p>Ich denke viel an dich, und du erscheinst in meinen Tr�umen. Mehr nicht. So l�uft das immer.�</p><p>�Ich meine etwas anderes. Bist du sicher, dass du keine Magie einsetzt?�</p><p>Ich lachte herzlich.</p><p>�Das kann ich gar nicht, Melamori. Frag Juffin! Er hat sich sehr gequ�lt, mir ein paar elementare Dinge beizubringen.�</p><p>Das war etwas untertrieben, denn ich lernte schnell und leicht. Aber ich hatte den Eindruck, es w�rde nicht schaden, ein wenig tiefzustapeln. Die nette Lady sollte mich ruhig f�r beschr�nkt halten - das w�rde sie besser schlafen lassen.</p><p>�Verstehe. Nat�rlich denke auch ich viel an dich. Doch meine Tr�ume erschrecken mich. Ich wollte dich nur herzlich bitten, keinen Zwang auszu�ben, um mich in deinen Tr�umen erscheinen zu lassen. Warte einfach ab. Dass ich so oft von jemandem tr�ume, ist mir noch nie passiert, und ich brauche ein wenig Zeit, mich daran zu gew�hnen.�</p><p>�Nat�rlich. Ich werde tun, was du befiehlst, grausame Lady. Ich kann warten, Kopfstand lernen und mir sogar die Haare rot f�rben lassen. Wenn es sein muss, bin ich sehr pflegeleicht.�</p><p>�Du willst dir die Haare rot f�rben lassen? Was sind denn das f�r Spr�che?�, rief Melamori und kicherte verz�ckt. �Dass du �berhaupt auf so eine Idee kommst ... Wei�t du, wie das aussehen w�rde?�</p><p>�Ich w�re der H�bscheste weit und breit�, meinte ich stolz. �Du w�rdest deinen Augen nicht trauen.�</p><p>Kaum war ich allein, sch�ttelte ich begeistert den Kopf. Meine lang erwartete, innig ersehnte Aff�re am Arbeitsplatz trat langsam in ihre hei�e Phase. Und die Tr�ume ... Na, wie man hier in Echo sagt: Wir waren uns gegenseitig ans Herz gewachsen und tr�umten deshalb voneinander. Ich kam nicht auf die Idee, die Fragen von Lady Melamori ernst zu nehmen. Dabei h�tte ich ahnen k�nnen, dass wir beide den gleichen Traum sahen. Manchmal bin ich erstaunlich begriffsstutzig. Besonders, wenn es mir in den Kram passt.</p><p>�Langweilen Sie sich?�, fragte Sir Kofa, der so unvermittelt aufgetaucht war, dass ich wie angestochen aufsprang. �Ziehen Sie sich lieber rasch um, und dann gehen wir.�</p><p>�Wohin denn?�, fragte ich neugierig.</p><p>�Wohin wohl? Dorthin, wo Wunder geschehen. Ich muss Sie wirklich noch ein wenig erziehen.�</p><p>�Und wer soll hierbleiben?�, fragte ich und hatte schon begonnen, den Todesmantel abzulegen. Darunter trug ich eine unauff�llige dunkelgr�ne Skaba. Ich durfte nicht vergessen, meine Schuhe zu wechseln: Die Mokassins mit Drachenmuster passten absolut nicht zu meinem neuen Outfit.</p><p>�Kurusch kann ja die Stellung halten, oder? Er bleibt doch auch immer allein hier, wenn Sie mit Lady Melamori in der Stadt herumspazieren.�</p><p>�Max h�lt es nie lange in seinem B�ro aus�, meinte der Buriwuch traurig. �Kaum ist er gekommen, geht er schon wieder. Menschen sind unstete Wesen.�</p><p>�Da hast du Recht, Kurusch�, sagte Kofa und l�chelte. �Aber du hast doch sicher nichts dagegen, dass ich Sir Max entf�hre?�</p><p>�Nein - sofern er mir eine Pirogge mitbringt�, sagte der kluge, aber leicht korrumpierbare Vogel.</p><p>�Mein S��er, ich kann dir ein Dutzend Piroggen mitbringen�, bot ich ihm an und h�llte mich dabei in einen unauff�lligen dunkelbraunen Lochimantel. �Fertig, Sir Kofa.�</p><p>�Aber nein! Wollen Sie etwa sofort erkannt werden? Meinen Sie, niemand in Echo kennt Ihr Gesicht? Kommen Sie mal her.�</p><p>Er musterte mich skeptisch und massierte mir dann sanft das Gesicht. Das war angenehm, auch wenn es etwas kitzelte. Am Ende zwickte er mich leicht in die Nase.</p><p>�Ich glaube, das steht Ihnen besser. Schauen Sie sich mal im Spiegel an.�</p><p>Ich ging in den Flur, stellte mich vor den Spiegel und sah mich einer nicht eben sympathisch wirkenden Person gegen�ber. Ich schielte leicht und hatte eine lange Nase. Mein Kinn stand deutlich vor, und meine Augenbrauen waren ungemein buschig.</p><p>�K�nnen Sie das auch wieder r�ckg�ngig machen?�, fragte ich erschrocken. �Dieser Typ gef�llt mir n�mlich gar nicht.�</p><p>�So - dieser Typ gef�llt Ihnen nicht? Sie haben noch immer nichts kapiert. So fallen Sie wenigstens niemandem auf! Sie haben jetzt ein ziemlich durchschnittliches Gesicht, Sir Max. Haben Sie das noch nicht bemerkt?�</p><p>�Leider nicht. Manchmal bin ich schwer von Begriff. Aber gut, ich bin mit dem neuen Gesicht einverstanden -vorausgesetzt, Sie geben mir demn�chst mein altes zur�ck.�</p><p>�Das geht ganz von allein. Sp�testens morgen sind Sie wieder der Alte. So ein einfacher Zaubertrick h�lt nicht lange vor.�</p><p>Mit l�ssiger Geste ver�nderte Kofa auch sein Gesicht, und wir wurden einander �hnlich wie Br�der, die das Pulver nicht erfunden haben, wobei Kofa der �ltere, ich der J�ngere war.</p><p>�Wohin gehen wir eigentlich?�, fragte ich, da ich vor Neugier fast platzte.</p><p>�Wissen Sie das auch noch nicht? Wir machen einen Zug durch alle Wirtsh�user. Schlie�lich stehen wir am Anfang einer neuen Epoche: der Zeit guten Essens. Und ich will nicht, dass Ihre mangelhaften Kenntnisse in diesem Bereich Sie zu einer trostlosen Existenz in dieser sch�nen, neuen Welt verdammen. Ich bin ein guter Mensch - haben Sie das noch nicht bemerkt?�</p><p>�Sie wollen also sagen�, unterbrach ich ihn und musste lachen, �dass ich den Dienst schw�nzen soll, um mit Ihnen um die H�user zu ziehen? Sir Kofa - das h�rt sich gro�artig an!�</p><p>�Ich sehe darin nichts Verwerfliches und bin �berzeugt, Juffin w�rde unsere Expedition billigen - selbst wenn das Haus an der Br�cke in Ihrer Abwesenheit in die H�nde dunkler Magister geriete. Au�erdem tue ich nur meine Pflicht, und Sie helfen mir dabei.�</p><p>�Sie wissen doch sicher, wie Melifaro Sie sp�ttisch nennt?�</p><p>�Nat�rlich - den Essenden Meister des Verh�rs. Darin sehe ich nichts Ehrenr�hriges.�</p><p>Zu meinem Erstaunen lie�en wir das Fressfass auf unserer Tour links liegen.</p><p>�Auch ohne mich landet ihr dank Sir Juffin fast jeden Tag hier. Was das Essen angeht, ist er erzkonservativ�, meinte Kofa mit abf�lliger Handbewegung. �Er ist einfach �berzeugt, man m�sse nichts Besseres suchen, wenn man etwas Gutes gefunden hat. Die K�che im Fressfass ist prima, keine Frage. Aber jeden Tag das Gleiche essen? Das geht doch nicht!�</p><p>Zuerst landeten wir im Lustigen Skelett. Mir fiel auf, dass die zahlreichen Skelett-Lokale mich an die vielen McDonald's in meiner Heimat erinnerten, und ich musste l�cheln.</p><p>�Was gibt's?�, fragte Kofa und setzte sich an einen Ecktisch.</p><p>�Nichts Besonderes. Ich hab nur daran gedacht, wie viele Skelette es in Echo gibt.�</p><p>�Wissen Sie, woher dieser Name kommt? Nat�rlich nicht - auch davon haben Sie mal wieder keine Ahnung. Juffin war offenbar nicht klar, was er Ihnen zuerst h�tte beibringen m�ssen. Also h�ren Sie gut zu. Der Eigent�mer aller Skelett-Lokale hei�t Gopa Talabun. Sie haben ihn schon mal gesehen, als er mit all seinen K�chen im Haus an der Br�cke aufgekreuzt ist. Er stammt aus einer sehr reichen Familie von Vorkostern, die fr�her ungemein einflussreich waren. Sie waren so ans gute Essen gew�hnt, dass sie sich nach Beginn der Epoche des Gesetzbuchs leidenschaftlich nach den alten kulinarischen Verh�ltnissen zur�ckgesehnt haben. Sie taten sich zusammen und befahlen ihren K�chen, das Essen wie fr�her zuzubereiten - also mithilfe verbotener Magie. Und sie fra�en so viel, dass sie fast daran gestorben w�ren. Damals waren die Zeiten allerdings ereignisreicher als heute, und Juffin und ich hatten auch ohne die Talabuns genug zu tun. Nur selten fanden wir Zeit, sie zu �berraschen, doch wir konnten nie einen von ihnen verhaften, da wir stets nur auf fast komat�s dahind�mmernde Vielfra�e trafen. Irgendwann ist Gopa ein riesiges Erbe zugefallen, zu dem auch zwei H�user geh�rten. Dort hat er zwei Gastst�tten er�ffnet. Das war seltsam, weil Gopa in seiner Jugend asketisch gelebt, sich mit seinen Eltern �berworfen und die famili�ren Traditionen verachtet hat. Nat�rlich hat er auch nie an Fressorgien teilgenommen. Es hei�t, er ern�hre sich bis heute nur von Butterbroten, und ich glaube das. Dieser Gopa hat wirklich einen seltsamen Humor�, meinte Sir Kofa und zeigte dabei in eine entfernte Ecke des Gastraums, wo zwei nicht gerade gro�e Skelette an einem Tisch sa�en.</p><p>�Die sind echt. Es handelt sich um Verwandte von Gopa. Solche Knochenm�nner hocken in jedem seiner Wirtsh�user. Und der Name jedes Lokals spielt auf Eigenschaften der Verstorbenen an. Dieses Haus geh�rte fr�her einem Ehepaar, das ziemlich klein und sehr lustig war. Sehr nette Leute waren das, mit denen ich sogar befreundet war. Und jetzt bekommen wir etwas Besonderes zu essen. Also aufgepasst! Gopa hat die alten K�che des Lokals �bernommen, und die Familie Talabun hat immer nur die besten Leute besch�ftigt. Sir Max, das ist ein wunderbarer Augenblick - wir bekommen jetzt das Gro�e Fl�ckchen.�</p><p>Als ich den Kellner mit einem Servierwagen voller chinesischer Pfannkuchen auf uns zukommen sah, war ich sehr erstaunt. Jeder davon hatte einen Durchmesser von etwa einem Meter.</p><p>�Sir Kofa, ich esse nat�rlich gern gut�, fl�sterte ich, �aber Sie �bersch�tzen meinen Magen.�</p><p>�Immer mit der Ruhe. Schweigen Sie einfach und halten Sie die Augen auf.�</p><p>Der Kellner blieb an unserem Tisch stehen, verbeugte sich ehrerbietig und stellte zwei ziemlich kleine Teller vor uns hin. Ich hatte mir kaum �ber die ungeheure Gr��e der Pfannkuchen Gedanken machen k�nnen, da nahm der Kellner schon zwei von ihnen und legte sie auf unsere Teller. Dann begann er zu pusten, wie eine f�rsorgliche Gro�mutter auf eine Milchsuppe pustet und ihren Lieblingsenkel herzlich bittet, noch einen L�ffel zu essen. Doch anders als die verhasste Milchsuppe begannen unsere Pfannkuchen rapide zu schwinden. Und als das Gro�e Fl�ckchen nur noch klein wie ein Crepe war, begann Sir Kofa mit dem Essen.</p><p>�Es ist besser, sich bei diesem Gericht etwas zu beeilen�, stellte mein Cicerone mit vollem Munde fest. �In ein paar Minuten ist es schon nicht mehr lecker.�</p><p>Ich folgte seinem Rat und begann ebenfalls zu essen. Der Pfannkuchen schmeckte wunderbar nach Fleisch und war herrlich saftig. Erstklassig!</p><p>Der Kellner lud uns immer neue Portionen auf, und wir nahmen sie unverzagt in Angriff. Schlie�lich war der Servierwagen leer, und der Ober lie� uns allein.</p><p>�Sie d�rfen das Gro�e Fl�ckchen nur hier bestellen. Anderswo ist es nicht so lecker - das hab ich schon �berpr�ft�, meinte Sir Kofa und verdrehte tr�umerisch die Augen. �Kaum zu glauben, dass dieses herrliche Gericht fr�her als einfache Mahlzeit galt. Die hauptst�dtischen K�che haben ihre Kunst in den letzten hundert Jahren str�flich vernachl�ssigt und werden sie nun aufs Neue erlernen m�ssen. Bessere Zeiten stehen vor der T�r, Sir Max! Aber jetzt ziehen wir weiter.�</p><p>Und genau das taten wir auch.</p><p>�Ich esse eigentlich in allen Skeletten gern�, schwadronierte Sir Kofa. �Mit erlaubter Magie allein k�nnten Gopas K�che Madame Zizinda oder Meister Itulo - die dunklen Magister seien seiner Seele gn�dig! - allerdings nicht das Wasser reichen. Gopas Leute sind alte Schule und k�nnen ohne Magie h�chstens Butterbrote schmieren. Aber jetzt ist ihre Zeit gekommen.�</p><p>�Warum wurden seine K�che eigentlich nie verhaftet, obwohl sie jahrelang unerlaubte Magie zehnten und h�heren Grades anwandten? Warum hat man sie nicht nach Cholomi gebeten?�</p><p>�Nach Cholomi? Warum das denn?�</p><p>�Sie haben doch selbst gesagt, Gopas K�che h�tten das Essen wie in der guten alten Zeit zubereitet. Ich vermute also, sie haben ziemlich viel gezaubert.�</p><p>�Ach so! Wissen Sie, Max, die K�che haben nur getan, was ihnen befohlen wurde. Sie mussten ihre Unschuld nicht beweisen, weil ihre Arbeitgeber ein Papier unterschrieben hatten, in dem sie die Verantwortung f�r s�mtliche unerlaubte Magie �bernahmen. Also haben wir nur Mitglieder der Familie Talabun eingesperrt - vorausgesetzt, sie waren nach ihren V�llereien �berhaupt noch transportf�hig.�</p><p>�Dort, wo ich aufgewachsen bin, w�ren alle zur Verantwortung gezogen worden - Befehlende und Befehlsempf�nger.�</p><p>�Das klingt aber unschlau. Wie kann man Leute bestrafen, die nicht aus freien St�cken gehandelt haben? Offenbar herrschen in Ihren Leeren L�ndern seltsame Verh�ltnisse.�</p><p>Sir Kofa Joch musterte mich eindringlich, und ich begriff, dass er nicht an meine Herkunftslegende, die ich gemeinsam mit Sir Juffin ausgeknobelt hatte, glaubte. Dennoch schwieg er.</p><p>Als N�chstes besuchten wir das Gl�ckliche Skelett. Einmal mehr wies Sir Kofa auf einen Tisch in einem Winkel der Gaststube, an dem diesmal ein Skelett sa�, das herzlich l�chelnd die Z�hne fletschte.</p><p>�Jetzt werden wir eine Pute Hathor essen�, erkl�rte Sir Kofa triumphierend.</p><p>�Wie soll die hei�en?�, fragte ich, weil ich meinen Ohren nicht traute.</p><p>�Hathor - das ist eine tier�hnliche G�ttin aus einer anderen Welt, von der ich eigentlich nur den Namen wei�. Ach ja, sie tr�gt den Kopf eines Stiers auf ihrem zierlichen Hals.�</p><p>�Den Kopf einer Kuh�, verbesserte ich unwillk�rlich. �Hathor ist eine Frau - da kann sie nur einen Kuhkopf tragen.�</p><p>�Woher wissen Sie denn das?�, fragte Sir Kofa erstaunt.</p><p>�Aus Sir Manga Melifaros Enzyklop�die nat�rlich -woher sonst? Ich lese immer darin, wenn ich nicht schlafen kann.�</p><p>�Dann m�ssen Sie aber oft an Schlaflosigkeit leiden.�</p><p>Ich zuckte nur die Achseln. Schlie�lich konnte ich Sir Kofa schlecht sagen, dass Hathor zu den wichtigsten tier�hnlichen G�ttinnen der alt�gyptischen Mythologie geh�rt.</p><p>In diesem Augenblick stellten zwei Kellner einen riesigen Teller vor uns hin, auf dem ein Stierkopf lag, zwischen dessen H�rnern sich eine knusprig gebratene Pute befand. Zuerst dachte ich, der Vogel stecke auf einem Spie� oder h�nge an einem Bindfaden, doch dann bemerkte ich, dass er schwebte!</p><p>�Legen Sie die Pute blo� nicht auf den Teller�, fl�sterte Sir Kofa mir zu. �Sie muss bleiben, wo sie ist. Sie k�nnen das Fleisch mit dem Messer schneiden und d�rfen dabei gern die Gabel zu Hilfe nehmen, aber ber�hren Sie den Vogel auf keinen Fall mit der Hand. Sonst verderben Sie den Geschmack.�</p><p>Ich h�rte auf ihn. Es w�re wirklich eine S�nde gewesen, den Geschmack eines so herrlich duftenden Tieres zu ruinieren.</p><p>Nach dem vierten Wirtshaus bat ich um Gnade. Ich f�rchtete, auch bald - dem Vorbild manches Mitglieds der Familie Talabun getreu - ohnm�chtig �ber meinen Teller zu sinken.</p><p>�Sie sind ja ein schlechter Esser! Das h�tte ich nie gedacht. Aber ich m�chte Ihnen gern noch ein nettes Lokal zeigen, wo es ausgezeichnete Desserts in wunderbar kleinen Portionen gibt - Ehrenwort!�</p><p>�Wenn's sein muss�, murmelte ich tr�ge. �Aber das ist garantiert die letzte Spelunke f�r heute.�</p><p>Das Lokal hie� Gerb Iraschi.</p><p>�Wer war dieser Iraschi �berhaupt?�, fragte ich benommen.</p><p>�Das gibt's doch nicht! Sie wissen, wer Hathor war, haben aber keine Ahnung, wie Ihr Nachbarstaat hei�t?�</p><p>�Ich bin pappsatt und kann einfach nicht mehr klar denkend-</p><p>junge, Junge, war das peinlich! Abgesehen davon, dass die Enzyklop�die seit langem unaufgeschlagen am Kopfende meines Betts vegetierte, kannte ich mich in der Geografie dieser Welt miserabel aus.</p><p>Sir Kofa sch�ttelte vorwurfsvoll den Kopf, und wir betraten das Gerb Iraschi.</p><p>�Hokota!�, rief uns der Barkeeper zur Begr��ung zu.</p><p>�Hokota!�, antwortete Sir Kofa gespreizt.</p><p>�Was haben Sie da gesagt?�, fragte ich neugierig.</p><p>�Ach, das geh�rt zu den Nettigkeiten des Lokals. Die Besitzer sind Nachkommen der Ureinwohner von Echo, kochen aber auf iraschische Art und versuchen deshalb, mit den Besuchern Iraschisch zu sprechen, soviel sie k�nnen. Iraschi geh�rt allerdings zu den wenigen Staaten, wo eine vollkommen andere Sprache gesprochen wird als in Echo. Aber f�r die hiesigen Snobs ist dieses Geschw�tz der Gipfel der Raffinesse.�</p><p>�Ach so. Und Sie haben gerade eine Begr��ungsfloskel benutzt?�</p><p>�Nat�rlich. Aber sehen Sie den Kerl da dr�ben im dunkelblauen Lochimantel? Der ist seltsam gekleidet, finden Sie nicht?�</p><p>�Seltsam? Wie meinen Sie das, Sir Kofa?�</p><p>Aufmerksam musterte ich den �rmlich angezogenen Mann mittleren Alters, der �ber seine Tasse gebeugt war und auf die Theke stierte.</p><p>�F�llt Ihnen gar nichts auf? Nicht mal der G�rtel?�</p><p>�Von hier aus sehe ich keinen G�rtel, aber warten Sie ... Donnerwetter, was f�r ein sch�nes St�ck!�</p><p>Unter dem dunkelblauen Lochimantel des Unbekannten sah ich nun tats�chlich einen breiten und sehr auff�lligen G�rtel in allen Perlmuttt�nen schillern.</p><p>�S�ndige Magister - so �rmliche Kleidung, aber so ein toller G�rtel! Seine Skaba ist an vielen Stellen geflickt, sehen Sie das, Sir Max?�</p><p>�Sie haben wirklich Adleraugen, Kofa.�</p><p>�Na ja, mitunter. Aber da kommt ja das Dessert.�</p><p>Unsere Portionen waren tats�chlich sehr klein. Wir bekamen eine winzige, munter wackelnde Pirogge, die allerdings nicht nach G�tterspeise aussah und unverdrossen weiterzitterte, nachdem der Kellner sie l�ngst abgesetzt hatte. Dazu bekamen wir so riesige L�ffel, dass ich mir nicht vorstellen konnte, damit zu essen.</p><p>�Entschuldigung�, rief ich einem vorbeikommenden Kellner zu. �Das ist kein L�ffel, sondern eine Kohlenschaufel! K�nnen Sie uns kein passenderes Besteck bringen?�</p><p>�Chwara tonikai! Okir blad tu!�</p><p>Kaum hatte der Ober diese geheimnisvollen Worte ausgesto�en, verschwand er. Ratlos sah ich meinen Begleiter an.</p><p>�Was hat er gesagt?�</p><p>�Das m�gen die Magister wissen! Ich bin doch kein Dolmetscher aus dem Iraschischen. Zuerst hat er sich entschuldigt, aber dann? Vermutlich hat er gesagt, er wird uns geeignete L�ffel bringen. Aber Sie machen einen Fehler, Sir Max. Das seltsame Besteck verleiht dem Lokal nun mal das gewisse Etwas. So ein erlesenes Dessert - und dazu ein v�llig unpassendes Besteck. Nirgendwo in Echo finden Sie etwas Vergleichbares.�</p><p>�Ich kann auch ohne diese Extravaganz leben�, entgegnete ich abwinkend. �Mit dieser Kohlenschaufel jedenfalls esse ich nicht - dann lieber mit den H�nden. Warum habe ich meinen Todesmantel nur im B�ro gelassen?! Wenn ich den tr�ge, h�tte mir die Wirtsfamilie zum Dessert sicher ein silbernes L�ffelchen gebracht. Ich schlag hier gleich Krawall.�</p><p>Tats�chlich aber hatte ich gute Laune, und auch Sir Kofa sah sehr zufrieden aus.</p><p>�Na ja, es ist eben nicht leicht, nur ein Normalsterblicher zu sein. Toben Sie ruhig - ich bin gespannt, was dabei rauskommt. Und jetzt werde ich essen, denn mir gef�llt mein L�ffel.�</p><p>Doch schon kam der junge Kellner angehetzt und winkte siegesgewiss mit einem L�ffelchen, das mir f�r den Nachtisch wie geschaffen schien.</p><p>�Schopra kon�, sagte der Junge, verbeugte sich vor mir, wandte sich dann an Sir Kofa und murmelte pflichtbewusst: �Chwara tonikai! Pret!�</p><p>�Ist ja schon gut�, meinte Sir Kofa erstaunt. �Geh ruhig wieder.� Dann wandte er sich an mich: �Wissen Sie was? Sie brauchen keinen Todesmantel - die Leute haben auch so Angst vor Ihnen. Das ist bestimmt Instinkt. F�r Sir Max haben sie gleich einen L�ffel gefunden, f�r mich nat�rlich nicht. Wie lie�e sich das sonst erkl�ren?�</p><p>Ich war �ber meinen kleinen Sieg sehr gl�cklich, und auch der Nachtisch entt�uschte mich nicht.</p><p>�Sehen Sie mal, Sir Max�, meinte Kofa und stie� mich in die Seite. �Da ist schon der Zweite. Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Ist das eine neue Mode?�</p><p>�Welcher Zweite? Ich wei� nicht ...�, begann ich, brauchte aber nur zum Eingang zu schauen, um Bescheid zu wissen. Ein h�bscher junger Mann in pr�chtigem gelbem Lochimantel stand in der T�r. Als sich sein Mantel �ffnete, sahen wir erneut eine sch�bige Skaba und einen prunkvollen G�rtel aus Perlmutt.</p><p>�Ein lustiger Zufall�, kicherte Sir Kofa. �Zum ersten Mal sehe ich so einen auff�lligen G�rtel - und dann gleich doppelt. Schauen Sie, jetzt haben sie einander bemerkt. Na so was!�</p><p>Die G�rtelbesitzer erstarrten und musterten sich von Kopf bis Fu�. Die Miene des J�ngeren im gelben Mantel verriet Staunen, Angst und anscheinend auch Mitgef�hl. Er �ffnete den Mund und machte einen kleinen Schritt Richtung Theke, drehte sich dann aber um und verlie� das Lokal. Der andere h�tte beinahe seinen Hocker an der Theke verlassen, winkte dann aber ab und bedeutete dem Barkeeper, ihm nachzuschenken. Gleich ruhte der Blick des G�rteltr�gers wieder auf seiner Tasse.</p><p>�Was halten Sie davon, Sir Max?�</p><p>�Seltsame Sache�, meinte ich und zuckte ratlos die Achseln. �Aber wenn er geht, k�nnen wir uns ja an seine Fersen heften.�</p><p>�Bleiben Sie ruhig sitzen, Sie Held. Dem brauchen wir nicht zu folgen.�</p><p>�Warum nicht, Sir Kofa?�</p><p>�Na ja, wie soll ich Ihnen das sagen ...? Es schickt sich eben nicht f�r ein Mitglied des Kleinen Geheimen Suchtrupps, hinter dem N�chstbesten herzulaufen, der sich verd�chtig benimmt. Pr�vention geh�rt nicht zu unseren Aufgaben. Wenn was passiert ist und man uns h�flich bittet, uns damit zu besch�ftigen, sieht die Sache nat�rlich ganz anders aus. Wir bleiben also gem�tlich sitzen.�</p><p>�Na ja, Sie m�ssen es ja wissen.�</p><p>Offen gestanden war ich etwas entt�uscht.</p><p>�So ist es, mein Junge�, erkl�rte Sir Kofa und zwinkerte mir zu. �Aber verlieren Sie nicht den Mut. Vor Ihnen liegen noch viele grandiose Abenteuer und Verfolgungsjagden. Entspannen Sie sich jetzt und genie�en Sie das Leben.�</p><p>�Genie�en!? Sie scherzen wohl, Sir Kofa! Nach dieser Nacht werde ich eine Woche fasten.�</p><p>�Wenn Sie sich da mal nicht t�uschen, mein Freund.</p><p>Jetzt lasse ich Ihnen das geheimnisvollste Gericht der alten K�che servieren.�</p><p>�Nein!�, rief ich, kniff die Augen zu und sch�ttelte den Kopf. �Bei allem Respekt, Sir Kofa - das lehne ich ab.�</p><p>�Nur keine �berst�rzten Entscheidungen! Sie wissen doch noch gar nicht, worauf ich hinauswill. Es ist absolut nicht dramatisch, Sir Max. Ich will Sie nicht weiter m�sten, sondern von der V�llerei heilen - Ehrenwort!�</p><p>�Also los�, meinte ich erfreut. �Daf�r ist es h�chste Zeit.�</p><p>Mit diesen Worten verlie�en wir das Gerb Iraschi.</p><p>�Wenn Sie irgendwann Vorhaben, sich ins Koma zu fressen, gehen Sie in den Leeren Topf�, verk�ndete Sir Kofa. �Merken Sie sich die Adresse: Stra�e der Vers�hnung 36. Ich hab so eine Ahnung, dass Sie dort oft vorbeisehen werden.�</p><p>Im Leeren Topf war es recht voll, aber die Bedienung war ziemlich fix. Schon nach ein paar Minuten kam ein Kellner mit einem kleinen Servierwagen zu uns. Mit der L�ssigkeit eines erfahrenen Pharmazeuten hantierte er mit seinen Phiolen herum. Ich sah ihm interessiert zu. S�ndige Magister - fast h�tte ich mich �bergeben. Der Mann �ffnete eine Dose, entnahm ihr ein ranzig wirkendes St�ck Speck und zerlie� es in einer Pfanne. Nach einer Minute goss er das geschmolzene Fett in ein hohes Glas und wiederholte die Prozedur. Ich schluckte angewidert und wandte mich ab. Sir Kofa hingegen nahm unger�hrt sein Glas und leerte es, ohne mit der Wimper zu zucken.</p><p>�Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Trinken Sie ruhig! Ich will mich nicht �ber Sie lustig machen - ich will Ihnen nur helfen! Riechen Sie wenigstens mal daran.�</p><p>Gehorsam schnupperte ich an meinem Glas, und tats�chlich roch es nicht widerlich. Im Gegenteil: Ein leichter Duft nach Minze kitzelte meine Nasenfl�gel. Ich seufzte und trank das Zeug in einem Zug. Es war nicht so schlimm wie erwartet. Ehrlich gesagt war es sogar recht angenehm - als h�tte ich ein Glas mit Wasser verd�nnten Pfefferminzlik�r getrunken.</p><p>�Und?�, fragte Sir Kofa f�rsorglich. �Dass Sie so leicht zu beeinflussen sind, h�tte ich nicht gedacht. Aber gut, gehen wir. �brigens - was Sie da gerade getrunken haben, war der verfl�ssigte Knochen einer Wasserratte. So seltsam es klingen mag: Dieses Getr�nk sollten Sie sich merken.�</p><p>Kaum waren wir auf der Stra�e, musterte mich Sir Kofa erneut.</p><p>�Haben Sie wirklich keinen Hunger mehr, Max? Wir k�nnten noch ein paar interessante Lokale besuchen.�</p><p>�Zu den Magistern mit Ihnen! Ich wage gar nicht mehr, an Essen zu denken.�</p><p>�Wie Sie meinen. Sie k�nnen auch schon ins Haus an der Br�cke gehen, denn gleich geht ohnehin die Sonne auf. Vergessen Sie aber nicht, Kurusch Piroggen zu kaufen. Er hat sie wirklich verdient.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Und danke f�r Ihren Anschauungsunterricht! Das war die interessanteste Nacht meines Lebens.�</p><p>�Das will ich hoffen, Sir Max. Gute Nacht.�</p><p>Auf dem Weg zum Haus an der Br�cke l�ste ich mein Versprechen ein und ging ins Fressfass, um ein Dutzend Piroggen zu kaufen. Kurusch wird sie bestimmt nicht alle auf einmal essen, dachte ich, aber es ist besser, ihn f�rstlich daf�r zu belohnen, dass ich meinen Arbeitsplatz habe verlassen d�rfen.</p><p>Der appetitliche Duft des frischen Geb�cks brachte mich auf den Gedanken, mal wieder eine Kleinigkeit zu essen. S�ndige Magister - ich musste verr�ckt sein! Wof�r h�tte nach dieser Schlemmernacht in meinem Magen noch Platz sein sollen?</p><p>Kurusch wirkte sehr gl�cklich und st�rzte sich sofort auf die Leckereien. Ich schl�pfte wieder in meinen Todesmantel und betrachtete mich im Spiegel. Was f�r ein seltsamer Anblick! Meine normalen Gesichtsz�ge traten langsam wieder unter dem falschen Antlitz hervor. Ich hatte also kurzzeitig zwei Gesichter, und das eine arbeitete sich langsam durch das andere hindurch. Ich schauerte zusammen und ging mich rasch waschen. Auf dem R�ckweg musterte ich mich erneut. Endlich erkannte ich meine gute alte Fratze wieder und h�tte fast geweint - so gl�cklich war ich dar�ber, schon so ber�hmt zu sein, meine Gesichtsz�ge ver�ndern zu m�ssen, um inkognito zu bleiben. Es mag Geschmackssache sein, den Todesmantel als Grund meiner Ber�hmtheit gutzuhei�en, aber mir gefiel es.</p><p>Ich kehrte in mein B�ro zur�ck. Kurusch wurde gerade mit der dritten Pirogge fertig und futterte nur noch mit ged�mpfter Begeisterung, konnte also kaum noch Hunger haben. Neidisch betrachtete ich den Vogel und a� auf einen Satz f�nf Piroggen. Ich hatte tats�chlich wieder Appetit bekommen. Der verfl�ssigte Knochen einer Wasserratte ist ein wunderbarer Verdauungstropfen - ich f�hlte mich, als h�tte ich seit Tagen nichts gegessen.</p><p>Daheim tr�umte ich erneut von Melamori. Die unsichtbare Wand, die uns trennte, verschwand pl�tzlich, und die Lady setzte sich neben mich. Meine Reglosigkeit belustigte sie. Und sie war sehr mutig, weil ich viele gef�hrlich echt wirkende K�sse bekam. Tats�chlich aber konnte von echten K�ssen nat�rlich nicht die Rede sein. Dann verschwand sie, und ich erwachte.</p><p>Melamori verlie� meine Tr�ume stets bei Sonnenaufgang, also wenn die Menschen aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Diesem Umstand allerdings schenkte ich weiter keine Aufmerksamkeit. Das einzig Greifbare, was ich besitze, sind meine Tr�ume.</p><p>Kurz vor Mittag nickte ich zum Schnurren meiner Katzen wieder ein. Deshalb h�rte ich Sir Kofa, der sich bei mir per Stummer Rede meldete, nicht gleich.</p><p>�Max, genug gefaulenzt! Hier zeichnen sich interessante Entwicklungen ab. Also ...�</p><p>�Gehen wir etwa wieder zusammen essen?�</p><p>�Nein, diesmal werden wir zusammen arbeiten. Erinnern Sie sich an die beiden G�rtelbesitzer?�</p><p>�Nat�rlich. Aber ich brauche mindestens eine Stunde, um mich stadtfein zu machen.�</p><p>�Sie sind aber eitel! Na gut, bis in einer Stunde.�</p><p>Ich sprang aus dem Bett. Der schlafende Armstrong zuckte nicht mal mit den Ohren, Ella hingegen wachte auf und schritt auf Sammetpf�tchen zu ihrem Napf hin�ber. Ich musste also auch noch meinen Katzen zu fressen geben. F�r langwieriges Wildern in den Tabakrevieren meiner alten Heimat reichte die Zeit ohnehin nicht mehr. Zum Gl�ck hatte ich mir bereits einen Notvorrat zusammengehamstert.</p><p>Im Saal der allgemeinen Arbeit dr�ngten sich schon wieder viele K�che. Mitleidig nickte ich Melifaro zu und betrat mein B�ro, wo der bis zur Unkenntlichkeit verwandelte Sir Kofa, der diesmal krauses Haar, ein leicht ger�tetes Gesicht und gro�e Augen hatte, mit Sir Juffin tuschelte. Als die beiden mich sahen, verstummten sie sofort.</p><p>�Haben Sie Geheimnisse vor mir? Staatsgeheimnisse etwa?�</p><p>�Wie man's nimmt�, meinte Sir Juffin. �Schau bitte kurz in der Leichenhalle vorbei. Das wird ein lehrreicher Ausflug f�r dich sein, und wir k�nnen uns weiter ungest�rt unterhalten.�</p><p>Gehorsam ging ich in die Leichenhalle, die sich in dem Teil des Hauses an der Br�cke befindet, in dem die Stadtpolizei untergebracht ist. S�ndige Magister! Wer h�tte gedacht, dass pl�tzlich alles so schnell ging: Dort lag doch tats�chlich der Mann im teuren gelben Lochimantel, den ich gestern mit Sir Kofa Joch gesehen hatte! Nur seinen G�rtel trug er nicht mehr. Ob es sich um einen Raubmord handeln mochte? Eigentlich kam dieses Delikt in Echo selten vor. Ich zog meinen Dolch, um zu pr�fen, ob Magie im Spiel gewesen war, doch der Zeiger bewegte sich nicht. Aber wenn ich mir unbedingt die Leiche ansehen sollte, musste damit etwas faul sein -blo� was?</p><p>Als Erstes fiel mir auf, dass es weder Blut- noch Kampfspuren gab. Ob der Mann vergiftet worden war? Doch passte das zu einem Raubmord? War dieser Fall nicht eher etwas f�r Sir Juffin als f�r Kofa Joch und mich?</p><p>Ich sah mir die Leiche n�her an. Etwas stimmte nicht damit, doch obwohl ich buchst�blich mit H�nden greifen zu k�nnen glaubte, was es sein mochte, kam ich einfach nicht darauf.</p><p>Schlie�lich kehrte ich ratlos in mein B�ro zur�ck. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich unterwegs mit Schichola, dem ehemaligen Leutnant der Stadtpolizei, zusammenstie�. Nach der schnellen Rettung von Bubuta Boch war er zum Hauptmann bef�rdert worden, was er - anders als manche seiner Kollegen - schon lange verdient gehabt h�tte.</p><p>Der Aufprall brachte Schichola ins Wanken, warf ihn aber nicht um.</p><p>�Haben Sie sich gerade unsere Beute angesehen, Sir?�, fragte mich der Gerempelte und massierte sich das Kinn.</p><p>�Ja, aber etwas stimmt damit nicht�, gab ich zur�ck und sah ihn nachdenklich an.</p><p>�Das glaube ich auch. Sir Kofa Joch hat ihn sich als Erster angeschaut, dann der Ehrw�rdige Leiter und jetzt Sie. Dieser Vagabund scheint eine starke Anziehungskraft zu besitzen.�</p><p>�Vagabund!?�, fragte ich erstaunt.</p><p>Der teure Lochimantel und die eleganten Schuhe des Toten jedenfalls widersprachen der Behauptung, es handele sich um einen Stadtstreicher. Dann begriff ich! Unter der teuren Kleidung trug der Verstorbene eine alte, mehrfach geflickte Leinenskaba, die mich schon am Vortag stutzig gemacht hatte. Anscheinend hatte er sie jahrelang nicht abgelegt. Und genau das war das Widerspr�chliche an der Leiche.</p><p>�Nat�rlich, er ist ein Vagabund!�, rief ich und lie� Hauptmann Schichola gru�los stehen.</p><p>�Und - was sagst du dazu?�, fragte Juffin und l�chelte dabei so wohlwollend, als habe er mir mit dem Mustern der Leiche ein Geburtstagsgeschenk machen wollen.</p><p>�Nichts Besonderes. Der Mann ist recht eigenwillig angezogen, was mir allerdings erst nach einiger Zeit aufgefallen ist. Ich habe den Eindruck, er hat seine Skaba seit Jahren nicht gewechselt. Wer hat ihm eigentlich den G�rtel abgenommen - der M�rder oder Sie?�</p><p>�Wir jedenfalls nicht - leider.�</p><p>�Und woran ist er gestorben? Ich habe keine Wunden entdeckt. Ist er etwa vergiftet worden?�</p><p>�Durchaus m�glich. Bisher konnten wir wenig ermitteln. Ist dir vielleicht sonst noch was aufgefallen?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Gar nichts?�</p><p>�Na ja, als ich ihn mir vorhin angeschaut habe, hat mein Herz pl�tzlich merkw�rdig gepocht. Gestern dagegen, als ich ihn mit Sir Kofa in einem Lokal gesehen habe, hat mein Herz ganz normal geschlagen.�</p><p>�Mich interessiert allein dein Herz. W�rdest du mehrere davon haben, w�rde ich sie unter deinen Kollegen verteilen, und sie w�rden besser arbeiten als alle Magiezeiger. Stell dir vor - auch Sir Kofa und ich haben nichts Besonderes gesp�rt, daf�r aber dein neuer Freund.�</p><p>�Und wer soll das sein? Hauptmann Schichola?�</p><p>�Du hast ja ein ziemlich kurzes Ged�chtnis�, sagte mein Chef l�chelnd. �Ich meine den Gro�en Magister Nuflin Moni Mach. Er hat vor einer Stunde verlangt, wir sollen uns mit diesem Fall besonders ernsthaft besch�ftigen. Er hat die merkw�rdige Ahnung, dass mit dem Toten etwas nicht stimmt, aber er wei� nichts Genaues. Bist du vielleicht mit Nuflin verwandt?�</p><p>�Das wissen Sie besser als ich�, seufzte ich. �Schlie�lich sind Sie der Sch�pfer meiner Biografie. D�rfte ich ein wenig Kamra bekommen? Erst hab ich nicht ausschlafen k�nnen, und dann hab ich mir auch noch eine Leiche ansehen m�ssen - mein Leben ist wirklich ziemlich scheu�lich.�</p><p>�Tats�chlich? Macht dein Kopfkissen etwa Zicken?�, fragte mein Chef lachend. �Kamra kannst du dir selbst machen. Das hab ich dir schlie�lich beigebracht. Und knirsch bitte nicht so Unheil verk�ndend mit den Z�hnen, sondern biete auch Sir Kofa davon an, damit er deine frisch erworbene Br�hkunst kennen lernt.�</p><p>�Gegen diesen Befehl bin ich machtlos�, sagte ich folgsam. �Aber ein Despot sind Sie schon, Sir Juffin.�</p><p>�So ist das eben.�</p><p>Obwohl ich alle Handgriffe beinahe automatisch erledigte, schmeckte meine Kamra so gut wie nie zuvor. Auch Sir Kofa nickte schon nach dem ersten Schluck anerkennend.</p><p>Meine Gastfreundlichkeit brachte die d�steren Ahnungen, die mich seit dem Besuch der Leichenhalle begleitet hatten, kurzzeitig zum Verschwinden. Ich zog eine Schachtel Zigarettenstummel aus der Tasche meines Todesmantels. Die �lteren Kollegen verzogen dar�ber das Gesicht, doch das war mir schnuppe. Bedauernswert, wer dazu verdammt war, das hiesige Kraut zu rauchen!</p><p>�Woher stammen eigentlich diese auff�lligen G�rtel, Sir Kofa? Das wissen Sie doch sicher?�</p><p>�Gute Frage, Max, aber bisher habe ich es nicht herausfinden k�nnen. Aus Echo jedenfalls kommen sie nicht. Deshalb will ich m�glichst bald aufs Zollamt. Wenn wir uns n�mlich �besonders ernsthaft� mit dem Fall besch�ftigen sollen, sind wir auf Nuli Karifs Hilfe angewiesen, zu dessen Pflichten es geh�rt, alles �ber Importe und Exporte zu wissen. Ich habe Sie vorhin �brigens geweckt, damit Sie mir dabei Gesellschaft leisten.�</p><p>�Hat sie Ihnen gestern etwa gefallen?�</p><p>�Wer soll mir gestern gefallen haben?�</p><p>�Na - meine Gesellschaft.�</p><p>�Wie h�tte mir unsere gastronomische Expedition letzte Nacht nicht gefallen sollen? Es war doch sehr lustig -besonders Ihr heroischer Kampf um den L�ffel�, meinte Sir Kofa kichernd.</p><p>�Sie, Sir Kofa�, erkl�rte ich und seufzte heuchlerisch, �Sie sind abgrundtief b�se. Ich verlasse Sie und desertiere zu General Bubuta - das ist ein einfacher und guter Mensch.�</p><p>Sir Nuli Karif - der Leiter des Zollsuchtrupps des Vereinigten K�nigreichs - erwies sich als in jeder Hinsicht bemerkenswerte Pers�nlichkeit. Er war sehr klein, sehr gespr�chig und meines Erachtens auch sehr jung. Eine Nickelbrille kr�nte seinen bezaubernden Anblick.</p><p>�Sir Kofa, sind Sie's? Dann m�ssen Sie Sir Max sein? Das ist ja toll! Was gibt's? Wenn Sie auftauchen, ist garantiert etwas passiert - sonst w�rden Sie sich bestimmt nicht durch die ganze Stadt schleppen. Wie geht's Sir Melifaro? Was h�rt man von seinem �lteren Bruder, dem Piraten? Hat er vor, demn�chst nach Echo zu kommen? Es hei�t, Melifaro habe Tschemparkaroke den Ohrring Ochola mit so starken Zauberspr�chen eingesetzt, dass niemand ihn mehr rausnehmen kann - nicht mal Mitglieder des Ordens des Siebenzackigen Blattes. Auch bei uns ist jede Menge passiert! Sir Kofa, erinnern Sie sich an Kafa Chani? Er hat bis vor kurzem noch bei uns gearbeitet; dann aber hat er ein Schiff gechartert und ist damit verschwunden - die Magister m�gen wissen, wohin. Traurig, aber wahr. Haben Sie schon viele Leute umgebracht, Sir Max? Sehr viele, vermute ich - und das ist auch gut so! Stimmt das denn nun mit Melifaro und Tschemparkaroke? Ist �berhaupt etwas passiert, Sir Kofa, oder schauen Sie tats�chlich nur mal so vorbei?�</p><p>Es gelang Kofa Joch, den schier unendlichen Monolog des Zollbeamten zu unterbrechen.</p><p>�Sollen wir noch l�nger in der T�r stehen, Sir Nuli? Oder d�rfen wir in Ihr Arbeitszimmer kommen?�</p><p>�Arbeitszimmer? Das ist eher eine Abstellkammer als ein B�ro - sehen Sie selbst! Hier liegt mehr als die H�lfte der beschlagnahmten Waren, weil es zu gef�hrlich w�re, das Zeug in irgendeinem Lager aufzubewahren, und f�r die Leute aus der Burg Jafach sind die Sachen nicht interessant genug. Ein Teufelskreis! Hier ist es inzwischen so voll, dass ich meine Besucher bald auf dem Flur empfangen muss. Am besten stelle ich meinen Schreibtisch gleich dorthin. Sie wissen vielleicht, dass unser Sir Kafa Chani unter die Kapit�ne gegangen ist. Ich vermute, er wird Pirat und endet irgendwann im hei�en Tascher oder im entfernten Kalifat Schinschisch am Galgen. Tja, so ist das. Meine Herren, setzen Sie sich bitte, wo Sie Platz finden. Sir Max, haben Sie schon mal auf dem Tisch eines Leitenden Zollbeamten gesessen? Vermutlich nicht -also probieren Sie es aus. Oder nehmen Sie meinen Sessel, und ich sitze auf dem Tisch. Das ist ein guter Platz, auf dem ich mich selbst mitunter niederlasse. Wissen Sie, in letzter Zeit kommt ein Schiff nach dem anderen, und alle bringen neuartige, manchmal auch verbotene Waren nach Echo. Aber so ist das Leben. Was h�tte es f�r einen Sinn, als Matrose zu arbeiten, ohne ein wenig zu schmuggeln? Das w�re wirklich dumm. Sir Kofa, ich freue mich sehr �ber Ihren Besuch, doch Sie sind sicher nicht ohne Grund gekommen. Irgendwas ist passiert -stimmt's, oder hab ich Recht?�</p><p>�Ich f�rchte, Sie haben Recht. K�nnten Sie uns vielleicht eine Tasse Kamra anbieten und drei Minuten still sein? Um f�nf Minuten bitte ich gar nicht erst, denn das w�re zu viel verlangt. Was halten Sie davon?�</p><p>�Ich bin begeistert! Und die Kamra kommt gleich. Welche Sorte h�tten Sie denn gern, Sir Max - hiesige oder iraschische? Oder m�chten Sie vielleicht eine Kamra aus Arwaroch? Ach nein, die ist ja schon weg. Meine Mitarbeiter sind nicht gerade flei�ig, trinken aber die ganze Zeit Kamra aus sooo gro�en Tassen�, sagte Sir Nuli und malte mit seinen kleinen H�nden fu�bodenvasengro�e Tassen in die Luft. Ich war beeindruckt.</p><p>�Wenn Sie nicht �bertreiben, Sir, haben Ihre Leute wirklich einen harten Job�, sagte ich mitf�hlend. �Es ist nicht leicht, solche Kr�ge zu stemmen.�</p><p>�Nat�rlich nicht! Glauben Sie etwa, ich flunkere Ihnen etwas vor? Meine Leute kommen ganz sch�n ins Schwitzen�, sagte Nuli in vollem Ernst. �Daf�r verdienen sie aber auch gut. Dieser Kafa Chani hat nur drei Jahre bei uns gearbeitet und danach schon ein Schiff chartern k�nnen. Hab ich Ihnen davon schon erz�hlt? Vermutlich wird er demn�chst Waren nach Echo schmuggeln, und ich kann ihn dann jagen. Tolle Sache, was? Ah, hier ist ja die Kamra�, sagte Sir Nuli, schnupperte an den frisch aufgetragenen Kr�gen und setzte zu einer neuen Tirade an. �Das ist iraschische Kamra - eine exotische, aber sehr gute Sorte. Wo sonst k�nnen Sie in Echo etwas so Fantastisches bekommen? Greifen Sie zu, meine Herren, obwohl ich eigentlich verpflichtet bin, das ganze Zeug wegzusch�tten. Ach, da ist ja der alte Tjuwin�, rief Sir Nuli und wies in einen entlegenen Winkel seines vollgestopften B�ros, in dem ein wei�er Fleck flimmerte. �Sir Max, Sie kennen unseren Tjuwin noch nicht. Also stelle ich Sie ihm vor: Das ist mein Vorg�nger Sir Tjuwin Sali Wawa, gestorben im 52. Jahr der Epoche des Gesetzbuchs bei dem Versuch, den schlimmsten Schmuggler der Ordensepoche zu durchsuchen. An den b�rgerlichen Namen dieses Schmugglers kann ich mich nicht mehr erinnern. Man hat ihn mal Wei�er Vogel, mal Sonne in der Brusttasche genannt. Schmuggler sind romantische Leute, m�ssen Sie wissen. Aber auch er hat das Gefecht nicht �berlebt. Der alte Tjuwin war n�mlich sehr tapfer, und w�re er an jenem Abend nicht so betrunken gewesen, h�tte ihn der Wei�e Vogel sicher nicht erledigt. Ist das nicht eine tolle Geschichte?�</p><p>�Dann ist das da hinten also ein Gespenst?�, fragte ich erschrocken und musterte die flimmernde Stelle.</p><p>�Was sonst? Der alte Mann ist heute nicht allzu gut in Form, denn normalerweise hat er menschliche Konturen. Vielleicht sch�mt er sich ja vor Ihnen. �brigens war Sali Wawa bei seinem Tod so betrunken, dass sein Gespenst bis heute benebelt ist. Aber es ist hart im Nehmen und hilft mir sehr. Manchmal erscheint es einem Kapit�n und br�llt -Schluss mit dem Geschw�tz!�. Dann �ffnen die Schmuggler ohne Diskussion all ihre Verstecke, und ich kann fr�her schlafen gehen, wovon ich gern Gebrauch mache. Dieser Tjuwin ist ein gro�artiger Kerl, der v�llig in seiner Arbeit aufgeht. Nun gut - Sir Kofa,</p><p>was f�hrt Sie eigentlich zu mir? Ich merke doch, dass Sie nicht grundlos gekommen sind.�</p><p>�Sir Nuli, zwei Minuten kann ich das noch aushalten. Wenn Sie bis dahin nicht still sind, werden Max und ich Sie fesseln und knebeln und Ihnen dann erz�hlen, worum es geht - klar?�</p><p>�Was reden Sie denn da, Sir Kofa? Hab ich Ihnen etwa verboten zu berichten, warum Sie gekommen sind? Ich hab doch sofort erraten, dass Ihnen etwas auf der Seele liegt. Meine Herren, ich bin ganz Ohr. Verraten Sie mir nur vorher bitte, ob die Geschichte �ber Melifaro und Tschemparkaroke stimmt.�</p><p>�S�ndige Magister!�, rief Sir Kofa und rollte die Augen. �Nat�rlich nicht! Das h�tten Sie sich doch denken k�nnen. Offenbar sind Sie von diesem Tschemparkaroke besessen. Und jetzt, Sir Nuli, strengen Sie Ihr gro�artiges Ged�chtnis an. Es geht um Schmuggel, also ...�</p><p>�Da sind Sie bei mir falsch�, plapperte Nuli munter weiter. �Ich kann Ihnen aber sagen, an wen Sie sich wenden m�ssen.�</p><p>�H�ren Sie mir doch erst mal zu!�, br�llte Sir Kofa.</p><p>Das wirkte: Der Mann war still, r�ckte seine Brille zurecht und bekam eine konzentrierte Miene. Kofa seufzte ersch�pft und fuhr fort: �Ich wei�, dass Sie sich jede kleinste Besonderheit merken. Bitte versuchen Sie sich zu erinnern, ob Ihnen in den letzten Tagen jemand mit einem auff�lligen G�rtel begegnet ist. Und bitte: Ich brauche keine Informationen �ber alle G�rtel, die Sie je gesehen haben. Mich interessiert nur ein recht breiter, perlmuttfarben schimmernder G�rtel aus unbekanntem Material. Das war's schon. Sie d�rfen jetzt den Mund aufmachen - immerhin haben Sie lange brav ausgehalten.�</p><p>�So einen G�rtel hab ich gesehen�, rief der Mann vom Zoll begeistert und sah Sir Kofa und mich siegesgewiss an. �Das war erst vor kurzem, fragt sich nur, wo und bei wem. Sie wissen doch, Sir Kofa, wie viele Leute sich hier herumtreiben - und das ist auch gut so: Schlie�lich sind wir im Hafen. Wozu brauchten wir einen Hafen, wenn niemand k�me? Na ja, ich denke, ich habe den G�rtel dieses Jahr gesehen, also in den letzten zw�lf Tagen -das ist doch schon was, oder? Ich hab gleich zu Du Idun gemeint, wir sollten die G�rteltr�ger verhaften, damit wir weiter die coolsten Jungs der Hauptstadt bleiben. Ich wei� noch, dass ich die G�rteltr�ger sagte - also m�ssen es mindestens zwei gewesen sein. Und jetzt f�llt mir ein, dass Du Idun seit sechs Tagen krankgemeldet ist. Ob er wirklich so kr�nklich ist oder ob er sich seine Zipperlein nur einredet, wei� ich bis heute nicht. Aber wenden Sie sich lieber an ihn - er wei� sicher, womit er sich vor der Krankmeldung besch�ftigt hat, denn er ist sehr misstrauisch, und wenn er krank ist, erinnert er sich an alle, die er davor getroffen hat, und versucht, seine Frau zu �berzeugen, jemand habe ihn durch den b�sen Blick verhext. Ich melde mich gleich mal per Stummer Rede bei ihm und frage ihn nach dem G�rtel, und Sie trinken bitte Ihre Kamra. Wenn Ihre Tasse leer ist, schenken Sie sich ruhig nach. Sie ahnen ja nicht, wie viel wir davon noch haben!�</p><p>Sir Nuli Karif schwieg und wirkte dabei sehr konzentriert. Anscheinend hatte er auf Stumme Rede umgeschaltet.</p><p>Nach einer halben Stunde war mir klar, dass auch die Stumme Rede unseren redseligen Gastgeber nicht bremsen konnte. Sir Kofa zog eine zornige Grimasse und hustete vernehmlich. Nuli nickte, zuckte schuldbewusst die Achseln und unterhielt sich unh�rbar weiter. Nach einigen Minuten stand er auf und verlie� das B�ro. Fragend schaute ich Sir Kofa an.</p><p>�Er will seine Geheimnisse f�r sich behalten, Max�, kl�rte mich mein Kollege auf. �Ger�chten zufolge kann ich auch in Stummer Rede gef�hrte Gespr�che belauschen.�</p><p>�Sind das blo�e Ger�chte?�, fragte ich skeptisch.</p><p>�Na ja, ich kann das schon, aber es ist sehr m�hsam und obendrein ungesund. Wissen Sie, gewisse Dinge soll man lassen. Au�erdem ist es besser, die Gedanken der Gespr�chspartner nach der Unterhaltung zu lesen, obwohl ich das in diesem Fall gar nicht vorhabe - soll er doch machen, was er will.�</p><p>�Ich bitte um Verzeihung, meine Herren�, sagte Sir Nuli, als er endlich wieder in sein Arbeitszimmer kam, strahlte dabei aber kein Schuldbewusstsein, sondern gro�e Zufriedenheit aus. �Erst hat mir mein Gespr�chspartner ein Ohr abgekaut, und dann musste ich auch noch ins Bad. Haben Sie unsere neue Toilettenanlage eigentlich schon bewundert? Meine Mitarbeiter haben sie mit all den Schmugglertalismanen geschm�ckt, die f�r die Leute in der Burg Jafach nicht interessant genug waren. Das ist ein sehr aufschlussreicher Anblick, meine Herren. Ich habe �brigens die Antwort auf Ihre Frage, Sir Kofa. Regen Sie sich also bitte nicht auf.�</p><p>�Dann schie�en Sie los, Sir Nuli! Ihr Bad inspizieren wir ein andermal.�</p><p>�Das sollten Sie wirklich tun. So was Tolles finden Sie nur bei uns. Aber wie Sie wollen. Du Idun konnte sich sehr gut an alles erinnern. Bei den G�rteltr�gern handelt es sich um einen Reeder aus Tascher und seinen Kapit�n. Sie sind am f�nften Tag des Jahres mit einem schicken Schiffchen hier eingelaufen - es ist viel schicker als die meisten Boote aus Echo und hei�t Alte Jungfer. Lustiger Name, was? Und jetzt sage ich Ihnen, wie der Reeder hei�t�, meinte Nuli, kroch unter den Tisch, griff nach einem P�ckchen sich selbst beschriftender Tafeln und �berflog sie aufmerksam. �Hier haben wir ihn schon: Agon hei�t er. Alle Bewohner Taschers haben auff�llig kurze Namen. Du Idun hat mich noch darauf hingewiesen, dass Agons Schiff unter anderem G�rtel geladen hatte. Wir haben noch Witze dar�ber gemacht, alle G�rtel zu beschlagnahmen, weil sie ohnehin zu nichts nutz sind. Aber bei ihrer Herstellung wurde lediglich wei�e Magie vierten Grades eingesetzt - darum haben wir sie passieren lassen m�ssen.�</p><p>Sir Kofa nahm Nuli kurz entschlossen die Tafel aus der Hand, studierte sie und meinte dann: �Interessant. Wie ich sehe, hatten Reeder und Kapit�n au�er G�rteln nichts zum Verkaufen dabei. Das scheinen eher Touristen als H�ndler zu sein.�</p><p>�Na ja, sie haben mir erz�hlt, sie wollen sich in Echo mit Ware eindecken. Und das ist ja wohl ihr gutes Recht�, meinte Nuli Karif.</p><p>�Ach - sie wollen hier teuer einkaufen, was sie in Tascher, wo alles viel billiger ist, niemals loswerden k�nnen? Dieser Agon muss wirklich gesch�ftst�chtig sein! So was rechnet sich nur, wenn er seine Ware in Echo nicht kauft, sondern stiehlt. In diese Richtung sollten wir vielleicht ermitteln. Ist eigentlich noch jemand auf dem Schiff, Nuli?�</p><p>�Nat�rlich - der Kapit�n und ein Teil der Mannschaft.</p><p>Sie essen im Wirtshaus und bewachen ansonsten Schiff und Ladung. Das ist ein ziemlich teures B�tchen - hab ich Ihnen das schon erz�hlt? Aber es befindet sich nichts Interessantes darauf - ich hab das schon �berpr�ft.�</p><p>�Wir kl�ren jetzt selbst, um was f�r ein Schiff es sich da handelt und ob sich dort wirklich nichts Interessantes finden l�sst. Vielen Dank f�r die Kamra, Nuli, doch ich gebe Ihnen einen guten Rat: Trinken Sie lieber das hiesige Gebr�u. Ich glaube, Ihrem Mitarbeiter Du Idun ist das Ges�ff aus Iraschi auf den Magen geschlagen. Es schmeckt bitter, und mein Bauch tut mir schon nach einer Tasse weh. Und bleiben Sie ganz Ohr: Wenn Sie irgendwann noch was �ber diese G�rtel h�ren, melden Sie sich bitte jederzeit per Stummer Rede bei mir. Ich beschlagnahme alle Unterlagen �ber die Alte Jungfer. Das war's. Sch�nen Tag noch, Nuli. Wir gehen jetzt, Max.�</p><p>Auch ich verabschiedete mich von dem sympathischen Zollbeamten, und wir gingen in den Hafen, um uns das Schiff anzusehen und den Kapit�n kennen zu lernen.</p><p>Das Segelschiff war wirklich h�bsch - genau wie der Kapit�n, ein wohlproportionierter Sch�nling mit langem Zopf und einem Bart bis zur Taille. Er begr��te uns schon an der Gangway. Auch seine Kleidung war interessant, denn er trug eine weit geschnittene schwarze Hose und eine ebenso gro�z�gige schwarze Jacke, die ihm bis zu den Knien reichte. Sollte er den bewussten G�rtel tragen, dann unter seinen Kleidern.</p><p>�Kapit�n Gjata. Stehe zu Diensten�, stellte er sich trocken vor. Er sprach mit so lustigem wie schwerem Akzent. Lob und Preis sei den Magistern!, dachte ich. Zum Gl�ck kommt er nicht aus Iraschi - sonst brauchten wir einen Dolmetscher.</p><p>�Kleiner Geheimer Suchtrupp der Stadt Echo. Wir m�chten Ihr Schiff inspizieren�, meinte Sir Kofa ebenso trocken.</p><p>�Es geh�rt Herrn Agon und ist f�r Fremde nicht zug�nglich�, erkl�rte der Kapit�n.</p><p>�Der Kleine Geheime Suchtrupp darf im gesamten Vereinigten K�nigreich durchsuchen, was immer er mag�, entgegnete Sir Kofa. So verbindlich sein Ton auch war - in ihm schwang etwas Bedrohliches mit, das mir neu war.</p><p>�Ich kann nur wiederholen, meine Herren, dass ich Befehl habe, keine Fremden an Bord zu lassen. Und so leid es mir tut: Notfalls sterbe ich in Erf�llung dieses Befehls.�</p><p>Kapit�n Gjata wirkte nicht wie ein Fanatiker und �hnelte auch keinem Verbrecher, doch was wusste ich schon von Verbrechern? Er hatte m�de, traurige Augen, und als er vom Sterben sprach, klang das beinahe tr�umerisch.</p><p>Sir Kofa meldete sich per Stummer Rede bei mir. �Sei auf alles gefasst, Max. Ich will ihn nicht t�ten, aber du merkst selbst, dass etwas mit ihm nicht stimmt.�</p><p>Dann wandte er sich erneut an den Kapit�n.</p><p>�Ich verstehe: Befehl ist Befehl. Also werden Sie mit uns eine A-Mobil-Fahrt antreten m�ssen. Ich hoffe, Ihr Arbeitgeber hat Ihnen das nicht auch verboten.�</p><p>�Nein�, sagte der Kapit�n so irritiert wie erleichtert. �Davon war nicht die Rede.�</p><p>�Prima. Dann �bergeben Sie den Befehl �ber das Schiff Ihrem Ersten Offizier, damit Ihr Gewissen rein bleibt.�</p><p>Der Kapit�n verschwand, um seinen Stellvertreter zu instruieren, und ich sah Sir Kofa erstaunt an.</p><p>�Ist dieses Verhalten f�r die Bewohner von Tascher normal?�</p><p>�Nat�rlich nicht - der Mann steht eindeutig unter magischem Einfluss. Dabei handelt es sich allerdings h�chstens um wei�e Magie vierten Grades, und die ist bekanntlich erlaubt. Soll Juffin sich jetzt mit ihm besch�ftigen! Daran werden Sie sicher noch Ihren Spa� haben.�</p><p>�Und was ist mit dem Schiff?�</p><p>�Zu den Magistern damit! Ich hab mich per Stummer Rede im Haus an der Br�cke gemeldet. In einer halben Stunde kommen Lonely-Lokley und ein Dutzend Kollegen von der Stadtpolizei - das ist das beste Durchsuchungskommando �berhaupt. Da ist unser heroischer Kapit�n ja schon. Gut, dass er einverstanden ist, mitzukommen.�</p><p>�Stehe zu Diensten, meine Herren�, sagte der Kapit�n und verbeugte sich galant.</p><p>Die ganze Fahrt �ber sah der Kapit�n begeistert aus dem Fenster. Die Tatsache, verhaftet zu sein und ins Haus an der Br�cke gefahren zu werden, st�rte ihn nicht weiter. Er genoss die Fahrt durch die Stadt sichtlich. Das verstand ich sehr gut, denn Echo ist wundersch�n. Eigentlich h�tte ich mich l�ngst daran gew�hnen sollen, statt mich immer aufs Neue f�r die Herrlichkeiten der Stadt zu begeistern.</p><p>Im Haus an der Br�cke hatte sich einiges ver�ndert: Der Saal der allgemeinen Arbeit war leer, und die K�che waren nach Hause geschickt worden, um zu einem g�nstigeren Zeitpunkt wieder vorzusprechen. Weder Melamori noch Melifaro waren im B�ro. Sie waren bestimmt losgezogen, um ein neues Geheimnis zu l�ften. Als wir Sir Juffin �ber den Weg liefen, leckte er sich beinahe die Lippen und musterte Kapit�n Gjata wie eine hungrige Katze eine Flasche Milch.</p><p>F�r mich war das Verh�r anfangs langweilig. Juffin fragte den Kapit�n zun�chst pedantisch nach zahllosen Details der Schiffsausr�stung, den Handelskontakten seines Chefs, der Biografie aller Mitglieder der Mannschaft und �hnlichem. Herr Gjata beantwortete einige dieser Fragen sehr ruhig, verstummte dagegen auff�llig bei anderen, die meiner Meinung nach ebenso harmlos waren. Sir Juffin reagierte auf diese Dickk�pfigkeit unendlich langm�tig.</p><p>�Ihr Helfer - wie war noch gleich sein Name ... ah ja, Herr Chaka - hat also fr�her auf Schiffen des Vereinigten K�nigreichs gearbeitet. Das klingt interessant, Herr Kapit�n�, sagte Juffin seltsam monoton. �Sehr interessant.�</p><p>Der h�bsche Kapit�n kniff pl�tzlich die Augen zusammen und fiel bewusstlos zu Boden. Juffin wischte sich ersch�pft den Schwei� vom Gesicht.</p><p>�Was f�r ein kr�ftiger Mann. Kr�ftig und doch tief verunsichert. Aber ich habe ihn beruhigen k�nnen�, seufzte mein Chef und fuhr lehrerhaft fort: �Bei verzauberten Menschen muss man vorsichtig sein, Max. Ich h�tte bei ihm sofort Magie anwenden k�nnen, aber weil wir noch nicht wissen, was wir mit ihm tun sollen ... Wei�t du - die Wechselwirkung verschiedener Zauberspr�che f�hrt manchmal zu erstaunlich unkontrollierbaren Reaktionen. Als ich noch ein junger und dummer Gehilfe des Sheriffs meiner Heimatstadt Kettari war, traf ich eines Tages auf eine verzauberte Dame. Sie verhielt sich wie eine Besessene, und ich musste mir einiges zurechtzaubern, um meine Haut zu retten. Wie du wei�t, hat sich diese Geschichte weit weg von Echo zugetragen, und in der Provinz ist die Magie primitiver als hier. Deswegen hatte ich nicht mit �berraschungen gerechnet. Aber die Frau, die ich damals verh�rte, kreischte unvermittelt auf und zerfiel in zahllose Einzelteile. Ich stand unter Schock, und mein Chef - der alte Sheriff von Kettari -brauchte vierundzwanzig Stunden, um alles in Ordnung zu bringen.�</p><p>Juffin l�chelte vertr�umt, als sei das die h�bscheste Erinnerung seiner Jugend gewesen.</p><p>�Was haben Sie mit dem Kapit�n angestellt? Haben Sie ihn hypnotisiert?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, was Hypnose sein soll. Ich hab ihn nur ruhiggestellt. So ruhig war er noch nie - das schw�re ich bei allen Magistern. Jetzt k�nnen wir ihm seine schicken schwarzen Sachen abnehmen.�</p><p>Wie zu erwarten, trug der Kapit�n unter seiner schwarzen Jacke den teuren G�rtel, der genauso aussah wie die beiden, die Sir Kofa und ich am Abend zuvor gesehen hatten.</p><p>�Das ist wirklich eine ernste Sache�, sagte Juffin l�chelnd. �Sir Kofa, Sir Max - schauen Sie mal, wie schmutzig die Jacke ist. Max, hast du dazu etwas zu sagen?�</p><p>�Na ja, auf einer so langen Reise wie der von Tascher nach Echo kann man nicht immer auf seine Kleidung achten�, begann ich z�gernd.</p><p>�Unsinn! Jacke wie Hose des Kapit�ns sind in einwandfreiem Zustand. Hast du das nicht erkannt?�</p><p>�Er hat nur sein Hemd seit langem nicht gewechselt�, mischte sich Sir Kofa ein, �weil ...�</p><p>�... er den G�rtel �berm Hemd tr�gt�, sagte ich, als ich endlich begriff. �Der G�rtel l�sst sich nicht abnehmen, und auch der Mann in der Leichenhalle ist kein Vagabund. Er hat seinen G�rtel genauso wenig ablegen k�nnen und musste darum immer weiter in seiner alten Skaba herumlaufen.�</p><p>�Endlich hast du verstanden�, sagte Sir Juffin erfreut. �Der Mann in der Leichenhalle hat seine Skaba schon sehr lange, vielleicht ein paar Jahre nicht gewechselt. Interessant! Und die Alte Jungfer ist vor h�chstens acht Tagen in Echo eingelaufen. Sir Kofa, das m�ssen Sie exakt recherchieren. Setzen Sie sich dazu am besten mit Nuli Karif in Verbindung. Er soll seine Unterlagen daraufhin durchsehen. Versuchen Sie bitte auch, Melifaro zu erreichen, dem ich befohlen habe, die Identit�t des Verstorbenen zu kl�ren, der aber bisher nicht wieder aufgetaucht ist. Ich habe den Eindruck, ich habe ihm da eine sehr schwierige Aufgabe gestellt. Max und ich werden den armen Kapit�n derweil bis ins kleinste Detail analysieren.�</p><p>�Alles klar, Sir Juffin. Was gehen mich Ihre Geheimnisse an! Ich habe meine eigenen�, sagte Sir Kofa, l�chelte listig und schloss die T�r hinter sich.</p><p>�Wir haben ihn weggeschickt�, begann ich vorsichtig, �weil ...�</p><p>�Stell bitte keine dummen Fragen. Den Luxus, sich in Anwesenheit Dritter mit Wirklicher Magie zu besch�ftigen, kann sich vielleicht Sir Maba Kaloch erlauben - ich nicht. Du �brigens auch nicht. Und ohne Wirkliche Magie k�nnen wir unseren tapferen Kapit�n leicht aus Versehen umbringen. Das w�re erstens ungerecht, und zweitens kann er uns bestimmt noch n�tzlich sein. Jetzt sieh mir genau zu. Bei dir wei� man nie, wie die Sache endet.</p><p>Wenn du den Eindruck hast, mir helfen zu k�nnen, tu es. Wenn nicht, dann halt ein wenig Abstand.�</p><p>Juffin seufzte, krempelte die �rmel hoch und wollte den G�rtel ber�hren, doch seine Fingerspitzen konnten sich ihm nur bis auf einen Millimeter Abstand n�hern. Juffins Bem�hungen schlugen mich so sehr in Bann, dass ich in eine Art Trance geriet, ohne die Wichtigkeit des Geschehens zu begreifen.</p><p>Ich tr�umte, Kapit�n Gjata zu sein, und f�hlte mich sehr schlecht, weil ich allm�hlich begriff, was passierte. Dieser seltsame alte Mann - der Ehrw�rdige Leiter also -tat, als wollte er mir helfen, doch ich wusste: W�rde er meinen G�rtel ber�hren, m�sste ich sterben. Und mein Tod w�rde ewig w�hren und unendlich qualvoll sein.</p><p>�Juffin�, sagte ich undeutlich, weil ich die Zunge kaum bewegen konnte. �Lassen Sie das! Sonst t�ten wir ihn, egal, welche Absichten wir haben m�gen. Das wei� ich genau!�</p><p>�Das wei�t du nicht�, antwortete Juffin ruhig. �Das alles wei� Kapit�n Gjata, und er sagt durch dich nur das, was man ihm eingeredet hat. Gut m�glich, dass nichts davon stimmt. Sei also still und versuch, dein Mitgef�hl zu beherrschen. Zu viel Mitleid kann sehr gef�hrlich sein.�</p><p>Juffin probierte es noch ein paar Mal, und schlie�lich ber�hrten seine Fingerspitzen den G�rtel.</p><p>Ein schwerer, dunkler Schmerz flutete durch meinen Kopf. Was ich da sp�rte, tat nicht nur furchtbar weh, sondern war ein Vorgeschmack des Todes. Welcher Dummkopf hat behauptet, der Tod bedeute Ruhe? Er bedeutet vielmehr widerw�rtigste Hilflosigkeit und unendlichen Schmerz, als werde einem der Leib auf ewig von rei�enden Z�hnen in St�cke gerissen. Der Tod von Kapit�n Gjata jedenfalls war von dieser Art.</p><p>�Aber ich bin nicht Kapit�n Gjata�, schien jemand neben mir zu denken, obwohl es doch meine eigenen Gedanken waren. Ich lebte schlie�lich noch und war kein zerfetzter K�rperteil des armen Kapit�ns. Diese Erkenntnis wirkte wie eine Erl�sung.</p><p>Allm�hlich klang das Gef�hl ab, der Kapit�n zu sein und seine Schmerzen zu erleiden. Ich fand in jenen feierlichen Rhythmus zu mir zur�ck, den Ravel im �Bolero� angeschlagen hat. Es war wunderbar, wieder zu sehen, zu atmen und den Stuhl unterm Hintern zu sp�ren. Meine Kleider waren durchgeschwitzt, doch selbst das empfand ich als angenehm. Ich erinnerte mich an den dummen Spruch Tote schwitzen nicht! und musste l�cheln.</p><p>Juffin erhob sich aus der Hocke und musterte mich erstaunt. Der verflixte perlmuttfarbene G�rtel fiel zu Boden.</p><p>�Alles in Ordnung, Max?�</p><p>�Ich komme langsam wieder zu mir. Der Kapit�n - ist er tot?�</p><p>�Nein, du hast ihn gerettet, mein Junge.�</p><p>�Ich? Wie das?�</p><p>�Du hast die H�lfte seines Schmerzes auf dich genommen, und das k�nnen Gesunde �berleben. Doch der G�rtel hat sich verstellt wie ein heimt�ckischer Mensch, und als ich schon glaubte, er sei nicht mehr gef�hrlich ... Na ja, jetzt verstehst du alles.�</p><p>Ich nickte ersch�pft. Mir war schwindelig, und ich sah alles ringsum wie in zitternden Aspik eingelegt. Juffins Stimme drang aus weiter Ferne zu mir.</p><p>�Trink ein wenig von deinem Lieblingsgetr�nk.�</p><p>In meinem Mund ging die Sonne auf, denn Juffin fl��te mir Kachar-Balsam ein. Also w�rde ich bald wieder in Ordnung sein. Zwar h�rte die Welt prompt auf zu zittern, doch meine Munterkeit war noch nicht zur�ckgekehrt.</p><p>�Ihr habt euch den Schmerz redlich geteilt, aber der Kapit�n ist leider nicht so rasch wieder zu Kr�ften gekommen�, meinte Juffin. �Das macht aber nichts, denn wir geben ihn in die Obhut von Sir Abilat, und morgen wirst du staunen, dass er wieder ganz gesund ist. Ich glaube, wir l�sen diesen Fall wesentlich leichter, wenn unser Kapit�n zu singen beginnt. Vorhin, Max, hast du �brigens eine Vorstellung davon bekommen, wie es K�chen ergeht, die dumm genug sind, verbotene Magie anzuwenden, obwohl sie den Ohrring Ochola tragen. Erinnerst du dich? Du hattest mich gefragt, wovor sie Angst haben -jetzt wei�t du es, denn Erfahrung ist die beste Lehrmeisterin. �brigens bist du gerade sehr tapfer gewesen.�</p><p>�Ich war nicht tapfer, sondern ein Opfer der Umst�nde�, seufzte ich. �Ich hatte einfach keine Wahl: Ich musste den armen Mann retten.�</p><p>�Ob du die Wahl hattest oder nicht - tapfer warst du auf jeden Fall�, erkl�rte Juffin kategorisch, reichte mir ein zweites Mal den Kachar-Balsam, zwinkerte mir dabei mit erhobenem Zeigefinger zu und sagte: �Aber Ma� halten, Max! Ich glaube, du wei�t noch nicht, dass man dieses Gebr�u inzwischen �berall kaufen kann, weil zu seiner Herstellung h�chstens Magie achten Grades erforderlich ist. Ich hatte mich bisher nicht getraut, dir das zu sagen.�</p><p>�Dann bin ich von nun an unsterblich�, meinte ich l�chelnd. �Niemand kann mich mehr um die Ecke bringen, und mein Leben hat endlich einen Sinn! Ich werde eine Flasche Balsam pro Tag trinken und erleben, was Gl�ck bedeutet.�</p><p>�Wunderbar, Max, jetzt bist du wieder ganz der Alte�, sagte Sir Juffin erfreut. �Vorhin warst du nur ein Schatten deiner selbst. Aber ich glaube, du brauchst trotzdem Erholung. Geh also heim und versuch zu schlafen. Diesen Fall kl�ren wir ohnehin fr�hestens morgen.�</p><p>�Ich soll nach Hause gehen und das Interessanteste verpassen? Halten Sie mich f�r so dumm?�</p><p>�Diese Nacht wird nichts Aufregendes passieren, Max. Sir Kofa und ich werden versuchen, m�glichst viel herauszufinden, und darauf warten, dass Kapit�n Gjata wieder zu Bewusstsein kommt. Ich hab auch Melamori freigegeben, selbst Lonely-Lokley ist nach der Durchsuchung im Hafen nach Hause gegangen, und Melifaro hat Feierabend, sobald er die Identit�t des Toten ermittelt hat. W�re dieser Fall nicht dazwischengekommen, h�ttest du mindestens ein Dutzend freie Tage gekriegt. T�dlicher Gefahr knapp entronnen zu sein, ist ein guter Urlaubsgrund, und heute w�rst du fast gestorben. Also ab nach Hause. Das ist ein Befehl. Kannst du �berhaupt aufstehen?�</p><p>�Nach drei Schluck Kachar-Balsam kann ich auf jeder Party tanzen!�, rief ich selbstbewusst, erhob mich und krachte stracks zu Boden. Meine Beine hatten versagt.</p><p>�Das hab ich mir gedacht. Also lass dir helfen.�</p><p>�Seltsam - im Sitzen hab ich mich prima gef�hlt�, meinte ich betr�bt und st�tzte mich auf Juffins Schulter.</p><p>�Keine Sorge - das geht schnell vor�ber�, beruhigte mich mein Chef. �Morgen bist du wieder v�llig in Ordnung. Komm bitte mittags um zw�lf wieder.�</p><p>Erleichtert setzte Juffin mich in den Fond eines Dienst-A-Mobils, befahl dem Fahrer, mich nach Hause zu bringen, und verschwand mit knappem Gru� wieder im Haus an der Br�cke.</p><p>Ich konnte das Dienst-A-Mobil ohne Hilfe des Chauffeurs verlassen und mich ins Haus schleppen. Offenbar war ich doch nicht so ersch�pft, wie bef�rchtet. Per Stummer Rede gab ich im Ges�ttigten Skelett eine Bestellung auf, humpelte dann ins Bad und hatte kurz darauf alle M�he, auf das ungeduldige Klingeln des Boten zu reagieren.</p><p>Doch nach einer Stunde war ich wieder topfit, badete, zog mich um und a� mit herzhaftem Appetit. Meine Ersch�pfung ging langsam in eine angenehme M�digkeit �ber, und ich legte mich ins Bett. Noch vor Mitternacht war ich eingeschlafen. Bin ich wirklich ein Nachtmensch?</p><p>Wieder einmal tr�umte ich meinen s��en Traum: Lady Melamori erschien am Fenster und n�herte sich langsam. Ich wollte mich bewegen, doch wie immer konnte ich den Oberk�rper nur ein paar Zentimeter von der Matratze heben und sank dann kl�glich in die Kissen zur�ck. Melamori kam noch n�her und setzte sich ans Bett. Ich hob die Hand und wollte die vertraute Traumgestalt umarmen. Sie leistete keinen Widerstand.</p><p>Ich wei� nicht, ob das gerade �berstandene Abenteuer oder die �berdosis Kachar-Balsam mir zus�tzliche Kr�fte eingefl��t hatte, doch diesmal gehorchte mein K�rper. Als Melamoris Traumgestalt unter der Bettdecke landete, gratulierte ich mir in Gedanken.</p><p>Dann aber passierte etwas absolut Unpassendes: Ich musste mich kratzen, weil ein scharfkantiges Medaillon, das ich im Traum trug, meine Brust an einer Stelle wund gescheuert hatte. Einen Augenblick betrachtete ich erschrocken einen Blutstropfen auf meiner Hand, erwachte und ... bekam einen ungeheuren Fu�tritt in den Bauch.</p><p>�Das ist ja eine bodenlose Schweinerei, Max!�, rief die leibhaftige Lady Melamori und holte mit dem Fu� aus, um mir noch einen Tritt zu verpassen.</p><p>Sie zielte dorthin, wo ein Mann unter keinen Umst�nden getroffen werden m�chte. Um das zu verhindern, griff ich unwillk�rlich nach ihrem Fu� und lenkte den Sto� seitlich ab. Melamori st�rzte und kroch in eine Ecke des Schlafzimmers.</p><p>�Du bist ein widerw�rtiger Hexenmeister�, zischte sie. �Ich hab dich mehrmals gebeten, damit aufzuh�ren, aber du hast nur die Z�hne gefletscht und mit deinen Dummheiten weitergemacht. Du bist schlimmer als die Magister der Ordensepoche! Die haben wenigstens nicht gelogen, wenn sie ihre Tricks anwandten!�</p><p>�Niemand hat dich belogen�, antwortete ich ruhig, obwohl ich sehr aufgebracht war. �Versteh doch - ich bin genauso erstaunt wie du! Und ich hab nichts ausgefressen! Ich hab nur von dir getr�umt und mich dar�ber gefreut. Du hast wirklich keinen Grund, auf mich einzupr�geln. Du solltest dich freuen, dass dir ein solches Wunder widerfahren ist.�</p><p>�So d�mliche Wunder brauch ich wirklich nicht�, grollte Melamori.</p><p>Ich war erstaunt, wie viel Wut in die kleine Lady gefahren war.</p><p>�Ich lass mir doch von einem bl�den Vampir nichts aufzwingen! Das ist abscheulich! Ich bin in meinem Bett eingeschlafen und pl�tzlich neben einem Gesch�pf erwacht, das man kaum als Menschen bezeichnen kann. Ekelhaft ist das! Du widerst mich an, Max! Wei�t du, was ich jetzt mache? Ich gehe in den Stadtteil Rendezvous und hoffe sehr, dort einen richtigen Mann zu treffen, der mich diesen ganzen Alptraum vergessen l�sst. Ich w�rde dich umbringen, wenn ich k�nnte - merk dir das! Du hast wirklich Gl�ck, dass ich nur Menschen t�ten kann.�</p><p>Ich kochte vor Wut. Wem so was an den Kopf geworfen wird, dem helfen nicht mal Atem�bungen!</p><p>�Du bist ja hysterisch!�, br�llte ich. �Ein feiges Weib bist du! Nimm dir doch eine Torte und schmei� sie an die Wand! Du suchst ja nur einen Mann, um deine Launen an ihm abzulassen! Na los, tritt irgendeinem armen Kerl auf die Spur, und er ist hin�ber! Ich sag's dir noch mal: Ich hab keinen einzigen Zauberspruch angewandt. Unsere Traumbegegnungen waren ein Wunder, du dumme G�re!�</p><p>�Das wagst du mir zu sagen? Nach allem, was du angerichtet hast?�</p><p>�Ich hab ganz und gar nichts angerichtet! Ich bin ins Bett gegangen, hab die Augen geschlossen und dich gesehen. Mehr hab ich nicht verbrochen. Aber du brauchst mir nicht zu glauben.�</p><p>Als mir klar wurde, wie viel mir mein so furchtbar entgleister Traum bedeutet hatte, tat mir der Magen weh, und eine neue Welle des Zorns �berkam mich. Ich sp�rte, wie sich in meinem Mund ein z�her, giftiger Schleim sammelte. Lady Melamori hatte wirklich Gl�ck, dass ich mich zu beherrschen vermochte. Ich spuckte auf den Boden, atmete tief ein und wandte mich von ihr ab. Sie blieb weiter in ihrer Ecke hocken, und ihre H�nde zitterten. Ich war verlegen und traurig zugleich. Mein Leben hatte sich wieder mal als Abfolge unglaublicher Unsinnigkeiten erwiesen.</p><p>�Melamori, verzeih mir! Wir haben uns furchtbare Dummheiten an den Kopf geworfen. Nimm bitte mein A-Mobil und fahr nach Hause. Wir sollten uns sp�ter weiter unterhalten.�</p><p>�Wir haben uns nichts mehr zu sagen�, erkl�rte Melamori, erhob sich �ngstlich und schlich - den R�cken zur Wand - zur T�r. �Aber wenn du nicht gelogen hast, ist es noch schlimmer. Dann hast du n�mlich keine Kontrolle dar�ber, andere im Schlaf herbeizuzitieren. Doch das macht nichts - ich finde schon ein Gegenmittel. Niemand kann mich zu etwas zwingen, kapiert?�</p><p>Sie knallte die T�r so heftig zu, dass ein kleiner Schrank von der Wand fiel und sein Innenleben scheppernd auf dem Fu�boden verteilte. Ich fasste mir an den Kopf - das alles war zu viel f�r mich.</p><p>Ich stand auf und ging hinunter ins Wohnzimmer. Wir ekligen Vampire haben die Angewohnheit, literweise Kamra zu trinken, nachdem wir ehrenwerte Ladys zu den schrecklichsten Dingen gezwungen haben. Dazu rauchen wir stinkende Glimmst�ngel aus einer anderen Welt, die uns die Illusion geben, wir seien seelisch einigerma�en im Gleichgewicht. Doch diese T�uschung ist leider nicht von Dauer. Ich war so aufgeregt, dass meine k�rperliche Schw�che wie weggeblasen war. Adrenalin verleiht B�renkr�fte!</p><p>Das Schlimmste war jedoch meine Ungeduld. Wenn in meinem Leben etwas schiefgegangen ist, kann ich einfach nicht den passenden Moment abwarten, um es wieder gutzumachen, sondern handle �berst�rzt, am besten sofort und nat�rlich ohne Atem�bungen ... Das ist zwar ausgesprochen dumm, aber der Impuls ist st�rker als ich. Banges Warten ist f�r mich der sicherste Weg in den Wahnsinn. Meiner Meinung nach ist es in solchen Situationen das Beste, in die Stadt zu gehen und Unfug zu treiben, denn das gibt einem die Illusion, st�rker als die unbarmherzigen Umst�nde zu sein. Man muss etwas unternehmen - das ist ein Schutzreflex, eine instinktive K�rperreaktion. Dazusitzen und zu zittern wie das Kaninchen vor der Schlange - so was hasse ich wirklich.</p><p>Also kehrte ich ins Schlafzimmer zur�ck und zog mich an. Ich war entschlossen, mich wieder an die Arbeit zu machen. Ich gehe zum Haus an der Br�cke - irgendeine Arbeit hat Juffin bestimmt f�r mich, dachte ich. Und morgen fr�h trinke ich noch ein Schl�ckchen Kachar-Balsam und f�hle mich wie neugeboren.</p><p>Auf der Stra�e fiel mir auf, dass ich nicht den Todesmantel trug, sondern meinen dunkelgr�nen Lochimantel, in dem ich vor kurzem in Gesellschaft von Sir Kofa um die H�user gezogen war. Ich zuckte die Achseln. Zur�ckzukehren und mich umzuziehen, �berstieg meine Kr�fte, denn daheim lauerten bittere Erinnerungen, die zu frisch waren, um unversehens erneut auf sie zu sto�en. Aber im falschen Aufzug ins Haus an der Br�cke zu gehen, geh�rte sich auch nicht - das war mir klar.</p><p>Ach, dann spazier ich eben ein wenig durch die Stadt, beruhige mich dabei und schau mal, was sich ergibt, dachte ich und bog in die erstbeste Gasse ein.</p><p>Meine Beine trugen mich, wohin sie wollten, und ich mischte mich nicht ein. Orientierungssinn und Ged�chtnis weigerten sich, an diesem Spaziergang teilzunehmen. Auch meine Gedanken verschwanden, und das war sehr angenehm. Ehrlich gesagt hatte ich mit diesem Erfolg gar nicht gerechnet.</p><p>Pl�tzlich unterbrach der Anblick einer Schale mit exotischem Obst mein herrlich weit- und selbstvergessenes Bummeln. Ich stolperte und st�rzte auf den Gehsteig. Gl�cklicherweise hatte ich den Todesmantel nicht an, denn dieser Sturz h�tte meinen unheilvollen Ruf ernsthaft besch�digen k�nnen. Unwillk�rlich kamen mir alle Schimpfworte meiner alten Heimat in den Sinn. Zwei M�nner, die gerade aus einem Lokal traten, sahen mich fasziniert an. Ich verstummte und begriff, dass ich schleunigst aufstehen musste. Den Magistern sei Dank -wenigstens war der Gehsteig trocken.</p><p>Ich erhob mich und studierte die Speisekarte des Wirtshauses, aus dem die neu gewonnenen Verehrer meines Mundwerks gekommen waren. Der Name des Lokals schien mir schicksalstr�chtig, denn es hie� Nachtmahl des Vampirs. Ich l�chelte bitter und trat kurz entschlossen ein. Das Innere entsprach meinen Erwartungen voll und ganz - es herrschte Halbdunkel, und die Silhouette des Wirts hinter der Theke erweckte schlimmste Vorahnungen. Der Mann hatte herrlich zerzaustes Haar und mit fluoreszierendem Makeup bemalte Lider und trug nat�rlich den Ohrring Ochola. Kaum hatte ich den Wirt gesehen, war ich wieder guter Laune. Hier h�tten Melamori und ich uns streiten sollen! Wahrscheinlich w�re der Besitzer dieser Spelunke auf meiner Seite gewesen.</p><p>Ich nahm an einem mit roten Farbspritzern �bers�ten Tisch Platz, der offenbar den Eindruck erwecken sollte,</p><p>hier habe vor Minuten ein Blutbad stattgefunden, �berlegte kurz und bestellte mir dann eine Spezialit�t der alten K�che. Ungl�ck regt seit je meinen Appetit an - und ich hatte Gl�ck.</p><p>Schnell bekam ich eine harmlos wirkende quadratische Pirogge serviert, die keine Spur von Vampir�sthetik aufwies. Kaum aber hatte ich sie angeschnitten, explodierte sie wie ein Airbag, und auf meinem Teller lag eine luftige Masse, die so lecker war, dass ich gleich eine zweite Portion bestellte. �brigens hie� das Gericht �Atem des B�sen�.</p><p>Ich fra� mich in einen Zustand angenehmen Stumpfsinns hinein, bestellte Kamra und begann, meine Pfeife zu stopfen, da ich meinen Zigarettenvorrat aufgeraucht hatte. So ist das bei mir immer - wenn's schiefgeht, dann auf der ganzen Linie.</p><p>Ich rauchte und sah mir dabei interessiert die G�ste an. Einer wollte gerade gehen. Er hatte die gleiche Frisur wie Kapit�n Gjata, dessen Leben ich vor kurzem gerettet hatte: Sein Zopf reichte ihm bis zur Taille, und er trug einen wunderh�bschen Bart. Ob er Matrose auf der Alten Jungfer war? Oder ein Schiffskoch, der sein Repertoire um ein paar Geheimnisse erweitern wollte? Jedenfalls musterte ich den Unbekannten sehr aufmerksam. Auf einmal zog er seinen Geldbeutel aus der Jacke. S�ndige Magister! F�r den Bruchteil einer Sekunde bekam ich einen perlmuttfarben schillernden G�rtel zu sehen! Noch ein Verzauberter! Ich musste etwas unternehmen!</p><p>Nat�rlich h�tte ich ihn sofort verhaften k�nnen. Eigentlich war ich sogar dazu verpflichtet. Aber ich erinnerte mich zu gut an das Benehmen von Kapit�n Gjata. Verzauberte k�nnen es sich in den Kopf setzen, eher zu sterben, als aufzugeben. Deshalb entschied ich mich, ihm lediglich zu folgen. Gl�cklicherweise war meine Kleidung unauff�llig - warum sollte ich also nicht ein wenig hinter ihm herspionieren? Das war sicher angenehmer, als sich in Liebeskummer zu ergehen. Ich knallte eine Krone auf die auf blutig getrimmte Tischplatte. Das war viel Geld f�r zwei Piroggen, aber der Wirt war mir sympathisch. Der zerzauste Mann erblickte die M�nze und sah mich begeistert an. Ich legte den Zeigefinger an die Lippen und verlie� das Lokal. Mein b�rtiger Freund bog gerade um die Ecke, und ich musste mich sputen, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.</p><p>Offenbar war ich selten in diese Gegend der Stadt gekommen. Oder hatte die Nacht alles ins Unbekannte verfremdet? Auf jeden Fall hatte ich wenig Lust auf einen Ausflug und musste mich geradezu zwingen, dem B�rtigen zu folgen. Wohin w�rde er mich f�hren? Ich hatte schon die Wahnvorstellung, auf eine Menge verzauberter G�rteltr�ger zu treffen, denen Juffin und ich das Leben w�rden retten m�ssen. Auf keinen Fall allerdings wollte ich erneut ein Nahtoderlebnis wie bei Kapit�n Gjata durchmachen.</p><p>S�ndige Magister! Wer h�tte gedacht, dass das b�rtige Objekt meines Interesses mich ins Herz des Stadtteils Rendezvous f�hren w�rde! Ob verzaubert oder nicht -der Mann litt offenbar an Einsamkeit und wollte das Schicksal herausfordern. Ich l�chelte herablassend: Hier irgendwo musste sich auch Lady Melamori herumtreiben, falls ihr nicht noch eine bessere Idee gekommen war, sich das Erlebnis mit mir aus dem Kopf zu schlagen. Und was sollte ich tun, wenn der B�rtige f�r eine Nacht sein Gl�ck f�nde? Als flotter Dritter in die Zweisamkeit eindringen?</p><p>Dazu kam es gl�cklicherweise nicht. Der Unbekannte hielt pl�tzlich inne und drehte sich zu mir um.</p><p>�Du kommst zu sp�t, Jungchen�, sagte er mit dem starken Akzent der Leute aus Tascher. �Sieh mal, wie viele Menschen hier unterwegs sind. Wenn du auch nur einen Schritt n�her kommst, rufe ich um Hilfe.�</p><p>Er hielt mich offenbar f�r einen R�uber! Wof�r h�tte ein reicher Ausl�nder den verd�chtigen Typ, der ihm schon seit einer halben Stunde folgte, sonst auch halten sollen?</p><p>�Ich bin kein Verbrecher�, sagte ich mit strahlendem L�cheln, �sondern etwas viel Schlimmeres. Sie sind da in eine sehr �ble Geschichte geraten. Ich bin Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps des Vereinigten K�nigreichs. Haben Sie nicht Lust, mich ins Haus an der Br�cke zu begleiten?�</p><p>Mich erf�llte eine seltsame Heiterkeit, und ich zwinkerte dem B�rtigen zu. Mich mit dem Verd�chtigen ausgerechnet im Stadtteil Rendezvous zu unterhalten, lie� mich pl�tzlich an alle m�glichen Anekdoten aus dem Leben unserer sexuellen Minderheiten denken. Also stemmte ich die Rechte kokett in die Taille und fl�tete honigs��: �Diese Nacht bin ich dein Schicksal. Wie hei�t du denn, Sch�tzchen?�</p><p>Das Sch�tzchen holte mit offenem Mund tief Luft. Anscheinend brachte ihn mein Man�ver v�llig durcheinander, doch seine Stimme blieb fest.</p><p>�Sir, ich kann Sie nicht begleiten. Und sollten Sie mich dazu zwingen wollen, werde ich mich wehren.�</p><p>Mit diesen Worten zog der B�rtige ein riesiges Messer aus der Jacke, das in Tascher bestimmt als gew�hnliche Waffe gilt.</p><p>�Niemand mag mich!�, jammerte ich. �Gut, dann m�ssen wir eben miteinander k�mpfen. Umso besser f�r mich, denn ich kenne deine Schwachstelle, mein Freund. Ich muss dich nicht erst in Einzelteile zerlegen, sondern brauche blo� deinen G�rtel zu ber�hren und Zusehen, was passiert. Na, willst du es dir nicht doch noch anders �berlegen?�</p><p>Die unangenehmen Erlebnisse der letzten vierundzwanzig Stunden lie�en mich unerwartet tapfer sein. Ich staunte �ber mich selbst und glaubte wohl, ohnehin nichts mehr zu verlieren zu haben. Offenbar teilte mein Gegner diese Lebenseinstellung.</p><p>�Von wegen!�, rief er w�tend und nahm das Messer in die andere Hand. �K�mpfen wir ruhig. Sie tun mir jetzt schon leid, Sir.�</p><p>Blitzschnell schleuderte er sein Messer, und die silberne Klinge landete in meinem Bauch - besser gesagt: Sie h�tte dort landen sollen. Doch ich hatte keinen Bauch.</p><p>Ehrlich gesagt begreife ich bis heute nicht, was mir damals widerfahren ist. Ich h�tte wie der Held eines Low-Budget-Films auf dem Gehsteig des Stadtteils Rendezvous zusammenbrechen und theatralisch zitternd verenden sollen. Warum geschah das nicht? Schwer zu sagen. Ich sch�tze, in diesem Moment wirkte ein Schutzzauber von Sir Juffin, mit dem er mich ohne mein Wissen ausgestattet haben musste.</p><p>Das Messer drang nicht in meinen Unterleib, sondern fiel klirrend auf den Mosaikgehsteig. Ich versuchte zu begreifen, was geschehen war, und merkte, dass ich physisch nicht vorhanden war. Nirgendwo. Auf merkw�rdige Weise hatte ich mich in Luft aufgel�st - freilich nur f�r eine Sekunde. Dann war ich wieder da, und zwar rechtzeitig, um auf das Messer zu treten - und auf die Hand meines Gegners, die gierig danach griff.</p><p>�Hoppla!�, rief ich am�siert. �Soll ich dir den G�rtel jetzt schon abnehmen, oder gehen wir dazu ins Haus an der Br�cke? Entscheide du - heute ist schlie�lich dein gro�er Tag.�</p><p>Der B�rtige mobilisierte pl�tzlich so enorme Kr�fte, dass ich bef�rchtete, meine Chancen in diesem Kampf seien fast null. Der Todesmantel und das viele gute Essen hatten aus mir einen tr�gen, unvorsichtigen Jungen gemacht. Der b�rtige Polarfuchs begann, mich niederzuringen, und das gefiel mir nicht.</p><p>Ich wollte ihn nicht bespucken, denn sein Tod w�re nutzlos und dumm gewesen. Und vielleicht kannte er das eine oder andere aufschlussreiche Geheimnis. Andererseits aber hatte es keinen Sinn, mit diesem starken Mann zu k�mpfen. In k�rperlichen Auseinandersetzungen war ich noch nie besonders gut. Vor harmlosen Pl�nkeleien f�rchte ich mich nicht, doch auf einen Kampf um Leben und Tod mag ich mich nicht einlassen. Trotz der Warnungen von Sir Juffin, einander �berlagernde Magie k�nne sich neutralisieren, riskierte ich eine Zauberei.</p><p>Den Magistern sei Dank! Mein Lieblingstrick klappte fabelhaft, und der aufgebrachte B�rtige verschwand zwischen Daumen und Zeigefinger meiner l�ssig ausgestreckten Linken.</p><p>Ersch�pft setzte ich mich auf den B�rgersteig und legte den Kopf auf die angezogenen Knie. Ich muss Juffin meinen Fang �bergeben, dachte ich. Aber vorher erhole ich mich ein wenig.</p><p>Alle Erlebnisse, die in den letzten vierundzwanzig Stunden auf mich eingest�rmt waren, schienen nun ihren Tribut zu fordern. Die M�digkeit sank tonnenschwer auf mich nieder, und ich wusste mich nicht dagegen zu wehren.</p><p>Eine fremde Hand ber�hrte mich an der Schulter.</p><p>�Ist etwas passiert, Sir? Wir haben L�rm geh�rt. Brauchen Sie Hilfe?�, fragte eine h�bsche platinblonde Lady im gemusterten Lochimantel.</p><p>Ihr d�sterer, breitschultriger Begleiter hockte sich neben mich und sah mich fragend an. Was sollte ich den Leuten sagen? Dass ich Sir Max war, bis vor kurzem der leichtsinnigste Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps?</p><p>�Alles in Ordnung�, meinte ich l�chelnd. �Ich war nur mit einem Freund unterwegs, und der Dummkopf wollte pl�tzlich nicht mehr ins Haus der Begegnungen. Erst hat er mir die halbe Nacht vorgejammert, wie einsam er ist, und als wir hier waren, hat er gekniffen. Da hab ich ihn dr�ngen wollen, sein Gl�ck zu suchen, und er hat mir einen Kinnhaken verpasst und ist verschwunden.�</p><p>�Na so was!�, meinte die Platinblonde kopfsch�ttelnd. �Wie kann man Angst vor seinem Schicksal haben?�</p><p>�Wie sollte man keine Angst davor haben?�, seufzte ich philosophisch und betrachtete gedankenverloren meine Linke, in der der Verhaftete sa�. �Mit mir jedenfalls ist alles in Ordnung. Vielen Dank und Gute Nacht!�</p><p>�Werden wir haben�, meinte die Lady l�chelnd.</p><p>Auch ihr Begleiter lie� endlich von mir ab und nahm die Blonde bei der Hand.</p><p>�Zu den Magistern mit Ihrem seltsamen Freund! Warum suchen nicht Sie stattdessen Ihr Gl�ck? Die Nacht ist lang�, strahlte die junge Frau und zwinkerte mir zum Abschied zu.</p><p>Als ich wieder allein war, betrachtete ich die T�r des Hauses der Begegnungen. Vielleicht hatte die platinblonde Unbekannte mich verzaubert. Jedenfalls wollte ich pl�tzlich dort hinein. Schlie�lich hatte ich in dieser Welt noch immer keine Freundin - au�er im Traum nat�rlich, aber das z�hlte nicht.</p><p>Ich beobachtete, wie sich ein hoch gewachsener junger Mann in legerem Lochimantel vom Gehsteig erhob. Anscheinend war ich es selbst. Auf alle F�lle nahm ich mich erst wieder wahr, als ich schon im Geb�ude stand. Nerv�s durchsuchte ich die Taschen meines Mantels nach zwei Kronen Eintrittsgeld. Das Haus lag in dem Bereich, der suchenden M�nnern - die doppelt so viel Eintritt entrichten mussten wie suchende Frauen - Vorbehalten war. Ich zahlte, ohne zu wissen, was ich danach tun sollte. Die Erkl�rungen von Melifaro waren mir nicht pr�sent. S�ndige Magister, dachte ich panisch, wohin bist du mit deinem Verhafteten geraten! Dann merkte ich, dass ich in der anderen Hand eine Keramikkugel mit einer 19 hielt. Wie und wann ich dieses fragw�rdige Etablissement wieder w�rde verlassen k�nnen, war mir ein R�tsel.</p><p>Gedankenverloren betrachtete ich die riesige Glasvase, die neben dem Eingang auf dem Boden stand. Sie war voller kleiner Keramikkugeln. Irgendwann hatte ich offenbar eine Nummer gezogen. Und jetzt? Ich zitterte vor Angst und konnte mich nicht erinnern, das Haus betreten zu haben, um �mein Gl�ck zu suchen�, wie die Platinblonde gesagt hatte. Ich wollte nur eins: keine Dummheiten mehr machen. F�r eine Nacht hatte ich genug Mist gebaut.</p><p>�Worauf warten Sie noch, Sir?�, fragte mich ein l�chelnder Mann freundlich erstaunt. �Sie haben Nummer 19. Gehen Sie also Ihrem Schicksal entgegen!�</p><p>�Ja, nat�rlich�, gab ich nicht minder l�chelnd zur�ck. �Danke, dass Sie mich an den Zweck meines Besuchs erinnert haben. Mitunter bin ich etwas zerstreut.�</p><p>Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte, und betrat den Raum, in dem die einsamen Damen warteten. Manche waren sehr h�bsch, doch leider nicht alle. Ein verr�ckter Gedanke schoss mir durch den Kopf: Bestimmt bin ich der einzige Geheimagent, der sich je eine Geliebte gesucht hat, w�hrend die von ihm verhaftete Person in seiner Hand schmort. Ich kicherte nerv�s und begann zu z�hlen.</p><p>�Eins, zwei, drei ...� Inzwischen waren die Gesichter aller Frauen f�r mich zu einer einzigen Fratze verschwommen. Ich ging mit d�mmlichem L�cheln weiter. �... sechs, sieben ... schade, dass Sie nicht Nummer 19 sind ... zehn, elf... ich muss leiderweiter ... achtzehn, neunzehn! Sie sind es also, Lady!�</p><p>�Bist du echt, oder zauberst du schon wieder�, fragte mich eine bekannte Stimme. �Das ist nutzlos, Max. Mit dem Schicksal kann man nicht streiten.�</p><p>Nun erst sah ich genauer hin. Das unbekannte Gesicht nahm langsam vertraute Z�ge an, und Lady Melamori musterte mich vorsichtig. Anscheinend konnte sie sich nicht entscheiden, was besser war - sich mir um den Hals zu werfen oder die Flucht zu ergreifen.</p><p>�Das gibt's doch nicht!�, rief ich, setzte mich auf den Boden und begann, schallend zu lachen. Was k�mmerten mich in diesem Moment Anstand und Sitte?</p><p>Mein hysterischer Anfall schien Lady Melamori davon �berzeugt zu haben, dass ich die peinliche Situation nicht durch magische Tricks herbeigef�hrt hatte.</p><p>�Komm, wir gehen, Max�, bat sie, hockte sich neben mich, streichelte meinen verwirrten Kopf und fl�sterte dazu: �Mit deinem Lachen erschrickst du nur die Betreiber des Hauses. Komm - auf der Stra�e kannst du lachen, so viel du willst. Steh auf.�</p><p>Gehorsam griff ich nach ihrer kleinen, aber starken Hand. S�ndige Magister - die zierliche Lady Melamori zog mich mit einer enormen Kraft auf die Beine!</p><p>Die k�hle Nachtluft ern�chterte mich.</p><p>�In letzter Zeit sind viele seltsame Dinge passiert�, meinte ich und verstummte dann. Was h�tte ich auch noch sagen sollen.</p><p>�Max�, entgegnete sie, �es ist mir sehr peinlich, aber bei dir im Schlafzimmer ... Inzwischen wei� ich, dass ich dort Unsinn geredet habe. Ich habe einfach den Kopf verloren.�</p><p>�Das ist nur zu verst�ndlich�, meinte ich achselzuckend. �Im eigenen Bett einzuschlafen und woanders -mag der Teufel wissen, wo! - zu erwachen ...�</p><p>�Der Teufel? Wer ist denn das?�, unterbrach mich Melamori.</p><p>Solche Fragen hatte ich oft mit Engelsgeduld beantwortet, winkte diesmal aber nur ab.</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle. Immerhin ist dir nun klar, dass ich keine Magie angewandt habe. Ich wei� noch immer nicht, wie das alles passieren konnte.�</p><p>�Ich glaube dir�, sagte Melamori und nickte bekr�ftigend. �Und ich wei� nun, dass du keine Vorstellung von deinen F�higkeiten hast. Aber das z�hlt nicht mehr.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ... Was geschehen ist, ist geschehen. Wir gehen aber zu dir, nicht zu mir. Ich wohne in der N�he und will, dass unser letzter Spaziergang wirklich lang ist.�</p><p>�Unser letzter Spaziergang? Bist du verr�ckt geworden? Oder denkst du, ich w�rde dir vor Leidenschaft den Kopf abbei�en?�</p><p>Heiter zu wirken, schien mir vorl�ufig das Beste.</p><p>�Nat�rlich nicht - mein Kopf wird schon nicht in deinem Rachen landen�, sagte Melamori und l�chelte matt. �Es geht um etwas anderes. Ist dir nicht klar, wo wir uns getroffen haben?�</p><p>�Im Stadtteil Rendezvous. Auch wenn du mir nicht glauben wirst: Ich hatte nicht die Absicht, dorthin zu gehen - ich bin dort gelandet, weil ich einen Mann in perlmuttfarbenem G�rtel verfolgt habe. Du hast doch vom G�rtelfall geh�rt?�</p><p>Melamori nickte, und ich fuhr fort: �Wir haben uns auf der Stra�e einen kleinen Kampf geliefert, ich habe ihn verhaftet, und nun sitzt er hier drin.� Dabei zeigte ich ihr meine Linke.</p><p>�Du willst mir also weismachen ...�, begann Melamori und lachte dann los.</p><p>Jetzt war sie es, die sich auf den Gehsteig setzte. Ich lie� mich neben ihr nieder und legte ihr den Arm um die Schultern. Melamori keuchte vor Lachen.</p><p>�Ich dachte, du ... Ach, ich kann nicht mehr! Du bist wirklich der verr�ckteste Junge der Welt, Max! Ich verg�ttere dich!�</p><p>Schlie�lich konnten wir weitergehen.</p><p>�Bist du wirklich noch nie im Stadtteil Rendezvous gewesen?�, fragte Melamori unvermittelt.</p><p>�Nein. Bei uns in den Leeren L�ndern l�uft alles einfacher. Oder komplizierter - je nachdem, aus welcher Perspektive man das betrachtet.�</p><p>�Dann wei�t du also auch nicht, dass Menschen, die sich in diesem Stadtteil getroffen haben, nur eine Nacht miteinander verbringen d�rfen und sich dann trennen m�ssen?�, fragte Melamori fl�sternd.</p><p>�Das ist bei uns schier unm�glich�, sagte ich l�chelnd, obwohl mir nicht heiter zumute war. �Wir haben doch nicht vor, den Dienst zu quittieren, oder?�</p><p>Melamori sch�ttelte den Kopf. �Das ist auch nicht notwendig. Wir k�nnen uns so oft sehen, wie wir wollen, m�ssen uns aber fremd bleiben. Das ist in Echo so Sitte, und dagegen kann man nichts machen. Ich bin selbst schuld, denn ich bin aus �rger hierhergekommen, um jemandem etwas zu beweisen - inzwischen wei� ich nicht mal mehr, wem. Wir h�tten beide zu Hause bleiben sollen. Aber wer von uns hat schon Schuld? Menschen entscheiden nicht �ber den Zufall.�</p><p>�Aber ...�, begann ich, verstummte jedoch, so verwirrt war ich. In meinem Kopf herrschte unbeschreibliches Durcheinander.</p><p>�Wir sollten vielleicht das Thema wechseln, Max. Bis morgen fr�h sind noch ein paar Stunden, und man sagt, das Schicksal sei kl�ger als der Mensch.�</p><p>�Gut, wechseln wir das Thema. Aber ich glaube, das alles ist Quatsch. Wir k�nnen selbst entscheiden, was wir tun. Wozu brauchen wir all die merkw�rdigen Sitten und Gebr�uche? Wenn du willst, k�nnen wir weiter miteinander spazieren gehen, als w�re nichts geschehen. Wir erz�hlen einfach niemandem davon, und vielleicht wird sich sp�ter ...�</p><p>�Nein, Max, das geht nicht�, seufzte Melamori, l�chelte dann und legte mir ihre kleine Hand auf den Mund. �Wie gesagt: Wir sollten das Thema wechseln.�</p><p>Schweigend gingen wir weiter. Die Stra�e der alten M�nzen kam immer n�her. Ein paar Minuten sp�ter landeten wir in meinem dunklen Haus. Kaum hatten wir die T�r ge�ffnet, kamen uns Ella und Armstrong mit forderndem Miauen entgegen. Ob es Tag ist oder Nacht, ob du mit einer Frau nach Hause zur�ckkehrst oder allein - wenn du schon kommst, dann gib uns auch zu fressen, schienen die beiden zu sagen. Also verschwand ich kurz in der K�che. Melamori beobachtete staunend meine Tiere.</p><p>�Das sind also die k�nftigen Ahnen der k�niglichen Katzen? Woher hast du sie eigentlich, Max?�</p><p>�Von Melifaros Landgut.�</p><p>�Und warum h�lt der ganze Hof die Viecher f�r eine unbekannte Tierart?�</p><p>�Das m�gen die Magister wissen! Vielleicht, weil meine beiden S��en so gepflegt sind. Melamori, willst du wirklich das, was du hier tust? Auch wenn du es nicht glauben magst: Ich hasse nichts mehr als Zwang.�</p><p>�Ich hab dir doch schon gesagt, dass das Schicksal entschieden hat. Von uns h�ngt nichts mehr ab. Wir k�nnen nur eins tun: die wenigen Stunden nutzen, die uns bleiben.�</p><p>�Na gut. Verlieren wir also keine Zeit�, seufzte ich ergeben und nahm das Naturwunder Melamori am Arm.</p><p>�Aber pass auf, dass der Verhaftete dir nicht entwischt. Das Einzige, was ich heute Nacht garantiert nicht will, ist, ihn im ganzen Haus zu suchen.�</p><p>Ich stellte mir vor, wie wir den D�umling gemeinsam jagten, und musste lachen. Auch Melamori hatte sich ausgemalt, wie wir den Zwerg durch alle Zimmer verfolgten, und lachte nun so sehr, dass wir beinahe von der Treppe gefallen w�ren. Wir verhielten uns bestimmt nicht romantisch, aber das war auch besser so. Lachen ist der beste Katalysator der Leidenschaft - viel besser als der dunkle Ernst, mit dem sich die Helden in den mir verhassten Melodramen aufeinanderst�rzen.</p><p>Das Einzige, was mir die Lebensfreude verg�llte, waren all die Gespr�che, die darum kreisten, dass Melamori und ich uns nie wieder nahekommen durften. Angeblich steigert die Trennung der Liebenden Vorfreude und Genuss, aber daran glaube ich nicht. Diese Nacht h�tte mir sehr gefallen, h�tte es nicht den Gedanken daran gegeben, dass ich meinen frisch gewonnenen Schatz am n�chsten Morgen von seinen falschen Vorstellungen w�rde befreien m�ssen. Diese strapazi�se Aussicht verhinderte, dass ich mich wirklich gl�cklich f�hlte.</p><p>�Es ist seltsam�, sagte Melamori. �Ich hatte so gro�e Angst vor dir, Max, und dann habe ich mich mit dir so wohl gef�hlt, als h�tte ich mich mein Leben lang danach gesehnt. Wie dumm das alles gelaufen ist!� Sie brach in Tr�nen aus. Ich war verwirrt und versuchte minutenlang, sie zu beruhigen.</p><p>Die Sonne, die ich die ganze Nacht �ber gef�rchtet hatte, ging p�nktlich auf. Melamori schlief auf meinem angen�hten Kissen und l�chelte im Traum.</p><p>In diesem Moment wurde mir klar, was ich tun musste. Mein Plan war einfach und strahlte wie der Morgenhimmel: Ich lasse sie einfach nicht gehen, dachte ich mir - sie schl�ft weiter, und wenn sie erwacht, sitze ich neben ihr und nehme sie in die Arme, und sie erz�hlt mir alles �ber diese dummen Traditionen. Ich h�re ihr zu und warte, bis sie endlich schweigt. Dann sage ich: �Liebste, w�hrend du schliefst, hab ich mit dem Schicksal gesprochen. Es hat nichts dagegen, wenn wir noch ein wenig zusammenbleiben.� Und wenn sie weitere Einw�nde hat, gehe ich einfach nicht darauf ein.</p><p>Ich f�hlte mich besser und h�tte beinahe gekichert, beherrschte mich aber, weil Lady Melamori in meinem Arm lag. Stattdessen nahm ich einen gro�en Schluck Kachar-Balsam. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Ich hatte nur ein kleines Problem: Ich musste mal kurz verschwinden.</p><p>Nach einer halben Stunde begriff ich, dass sich manche Dinge nicht allzu lange aufschieben lassen, und musterte Melamori behutsam. Sie schlief - daran gab es keinen Zweifel. Auf Zehenspitzen schlich ich aus dem Zimmer und ging runter ins Bad. Es dauerte nicht lange, doch als ich wieder ins Schlafzimmer kam, sp�rte ich einen Stich im Herzen und dachte: Das war's.</p><p>Ich h�rte, wie die Haust�r zugezogen wurde und jemand mit meinem A-Mobil verschwand, und begriff, dass alles vorbei war. Wirklich alles.</p><p>Ich wollte mich per Stummer Rede bei Melamori melden, wusste aber, wie sinnlos das war - so wie alles �brige. Am schlausten war es, gar nichts zu tun. Das Schicksal, mit dem ich mich angeblich verst�ndigt hatte, zeigte mir einmal mehr sein unfreundlichstes Gesicht.</p><p>Als ich mich einigerma�en gefasst hatte, wusch ich mich, kleidete mich an und ging zum Haus an der Br�cke. Schlie�lich sa� in meinem Handballen noch immer der B�rtige, den ich verhaftet hatte und der sich nun als Zaubermittel gegen meinen Liebeskummer erweisen mochte. Als Talisman jedenfalls hatte er mir kein Gl�ck gebracht.</p><p>Ob es auch zu den Traditionen von Echo geh�rte, den Partner, den man im Stadtteil Rendezvous getroffen hatte, um eine Nacht mit ihm zu verbringen, am n�chsten Morgen zu bestehlen?</p><p>Jedenfalls musste ich mich zu Fu� zum Haus an der Br�cke aufmachen. Jeder Stein auf dem Weg dorthin schien ein Hindernis zu sein. Noch vor kurzem seid ihr hier zusammen entlanggegangen, erinnerten mich die H�user in der Stra�e der alten M�nzen. Ich f�hlte mich elend. Und dann tat ich, was mir in meiner kl�glichen Situation das Beste schien: Ich meldete mich per Stummer Rede bei Juffin Halli: �Ich bin auf dem Weg zu Ihnen, Sir, und habe eine �berraschung f�r Sie dabei. Hat sich im G�rtelfall eigentlich etwas Neues ergeben?�</p><p>�Also lebst du noch und wurdest in der Nacht nicht ermordet?�, erkundigte sich mein Chef.</p><p>�Heute Nacht hat es zwar zwei Attacken auf mein Leben gegeben, aber das geh�rt nicht hierher. Juffin, kl�ren Sie mich bitte auf.�</p><p>Wie �blich musste ich mich so sehr auf die Stumme Rede konzentrieren, dass ich an nichts sonst zu denken vermochte. Und das war gut so.</p><p>�Nat�rlich. Pass auf: Melifaro hat noch gestern Abend die Identit�t des Get�teten ermittelt. Der junge Mann hei�t Apati Chlen. Aber dieser Name sagt dir nichts ... Das war eine bekannte Geschichte, die vor zwei Jahren passiert ist, und zwar in der Familie Moni Mach. Beteiligt war Ikassa Moni Mach, ein Gro�neffe von Sir Nuflin Moni Mach pers�nlich. Zu ihm war Apati Chlen gekommen, der Sohn einer ehemaligen Freundin seiner Frau. Die Chlens waren noch in der Traurigen Zeit auf ihr Landgut in Uriuland gezogen, schickten den jungen Apati aber in die Hauptstadt, damit er etwas aus seinem Leben machte. Der Junge wohnte ein halbes Jahr im Haus von Familie Moni Mach und begann dort - wie ich glaube - eine Lehre. Dann verschwand er und nahm das Wei�e Siebenblatt mit. Wir haben ermittelt, dass der junge Apati kurz vor diesem Skandal in einem Laden am Hafen einen elegant schillernden G�rtel gekauft hat. Sir Ikassa erinnert sich genau daran - darum gibt es keinen Zweifel.�</p><p>Pl�tzlich scholl mir die Stimme von Sir Juffin laut entgegen: �Guten Morgen, Max! Du bist ja so schnell zu Fu�, wie du A-Mobil f�hrst!�</p><p>Jetzt erst bemerkte ich, dass ich bereits auf der Schwelle unseres B�ros stand.</p><p>�Oder ich fahre so langsam, wie ich gehe. Aber eins habe ich nicht verstanden: Was hat der junge Apati der Familie Moni Mach eigentlich gestohlen?�</p><p>Ich versuchte tapfer so zu tun, als sei nichts passiert. Ich wollte nicht, dass Juffin mich tr�stete und Bedauern dar�ber �u�erte, dass es mir nicht gelungen war, eine Aff�re am Arbeitsplatz anzuzetteln. Mein Chef sah mich aufmerksam an, sch�ttelte den Kopf und gab mir eine Tasse Kamra. Seine Augen waren voller Mitgef�hl. Oder bildete ich mir das blo� ein?</p><p>�Er hat das Wei�e Siebenblatt gestohlen, Max, unbedeutenden Nippes, eine Kopie des Gl�nzenden Siebenblattes, des Gro�en Amuletts des gleichnamigen Ordens also. In der Ordensepoche gab es viele Ger�chte �ber die enorme Kraft des Amuletts. Ich kann dir aber verraten, dass all diese Ger�chte purer Unsinn sind. Das Gl�nzende Siebenblatt kann nur eins: Sir Nuflin Gl�ck bringen.�</p><p>�Das ist doch nicht wenig.�</p><p>�Aber viel ist es auch nicht. Und das Wei�e Siebenblatt kann nicht einmal das - es ist ein v�llig nutzloses Accessoire. �brigens haben wir ermittelt, dass die Alte Jungfer vor gut einer Woche in den Hafen eingelaufen ist. Also hat der arme Apati sehr lange Ferien in Tascher gemacht, bevor er zu seinen Verwandten nach Echo zur�ckgekehrt ist. Und wei�t du, woran er gestorben ist?�</p><p>�An dem Versuch, seinen pr�chtigen G�rtel abzunehmen?�</p><p>�Fast - er hat es nicht selbst getan, sondern wurde beraubt. Was mit dem armen Apati passiert ist, kannst du dir ja gut vorstellen. Das muss ein schrecklicher Tod gewesen sein.�</p><p>Ich zuckte zusammen.</p><p>�Woher wissen Sie, dass er beraubt wurde? Vielleicht hat Apati auf alle Verbote gepfiffen und den G�rtel einfach abgenommen? Jeder kann doch auf alles pfeifen und tun, was er will, oder?�</p><p>�Ohne an die Konsequenzen seines Handelns zu denken? Findest du diese Hypothese nicht etwas k�hn? Den R�uber haben wir �brigens inzwischen gefunden. Auch er ist tot. Er hat seine Neuerwerbung anprobiert und sie danach wieder ausziehen wollen - armer Kerl. Die Polizei hat die Leiche gestern Abend hierher gebracht, kurz nachdem du gegangen bist. Jetzt liegen beide friedlich nebeneinander. Du kannst sie dir ansehen, wenn du magst.�</p><p>�Ah ja�, sagte ich k�hl. �Und wie geht es unserem Kapit�n?�</p><p>�Nach dem intensiven Gespr�ch, das wir mit ihm gef�hrt haben, schl�ft Gjata tief und fest. Er hat uns Folgendes erz�hlt: Der Reeder Agon hat ihn vor vier Jahren als Kapit�n eines seiner Handelsschiffe eingestellt und ihm den schrecklichen G�rtel zum Beweis seiner Freundschaft geschenkt. Unser Gjata hat ihn gleich anprobiert und ist so - wie wir inzwischen wissen - in Agons Falle getappt. Kaum hatte er begriffen, dass er sich gewisserma�en selbst gefangen gesetzt hatte, sagte Agon, es werde ihm nichts geschehen - vorausgesetzt, er erf�lle die Befehle, die er bekomme. Gjata musste nichts Kompliziertes tun - er sollte die Alte Jungfer nur im Liniendienst zwischen Echo und Tascher verkehren lassen und das Schiff vor neugierigen Blicken sch�tzen. Der Kapit�n hat die Mannschaft immer pers�nlich zusammengestellt. Aber vor der letzten Reise hat Agon ihm einen neuen Schiffskoch aufgezwungen. Und das Wichtigste: Der Neuling trug keinen G�rtel. Dabei war auch Gjata �berzeugt, dass sich Agon vor seinem eigenen Protege f�rchtete. Ahnst du die Zusammenh�nge, Max? Ich glaube, dieser Koch steht im Zentrum des Falls. Aber den werden wir auch noch erwischen. Nach der Ankunft in Echo jedenfalls ist er verschwunden. Darum hat die Mannschaft im Wirtshaus gegessen. Na ja, die Aussagen des Kapit�ns haben uns weitergeholfen. Er m�chte sich dir gegen�ber unbedingt erkenntlich erweisen, denn er glaubt, du hast ihm Seele wie K�rper gerettet. Aber was f�r ein Geschenk hast du mir eigentlich mitgebracht? Zeig mal?�</p><p>�Nur nichts �bereilen, Juffin! Ich hab einen G�rteltr�ger dabei. Er wollte mich zwar mit einem Messer umbringen, aber wie Sie sehen, ist es gut ausgegangen. Bis jetzt verstehe ich allerdings nicht, wie mir das gelungen ist. Ich habe nur ein auf mich zielendes Messer gesehen, dann hab ich mich in Luft aufgel�st und mich nach kaum einer Sekunde wohlbehalten wieder materialisiert.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Juffin l�chelnd. �Du hast viel Gl�ck gehabt, aber alles, was du sonst getan hast, war einfach schrecklich. Du hast dich wie ein kleiner Junge benommen - sch�mst du dich gar nicht?�</p><p>�Na ja, dass ich ein Dummkopf bin, hab ich schon lange geahnt.�</p><p>Ich erinnerte mich noch daran, den Unbekannten durch eine Grimasse erschreckt zu haben, und musste kurz l�cheln.</p><p>�Melifaro w�re von meinem Handeln begeistert gewesen, meinen Sie nicht?�</p><p>�Der schon�, sagte Juffin lachend. �Aber wie du den B�rtigen verfolgt hast, Max, war einfach furchtbar. Er hat dich sofort bemerkt und ist ins erstbeste Viertel geflohen, in dem viele Leute auf der Stra�e waren. Dir beizubringen, wie man jemanden verfolgt, wird genauso schwer, wie dich in einen anst�ndigen Koch zu verwandeln. Es w�re leichter, dich unsichtbar zu machen.�</p><p>�Juffin?�, fragte ich vorsichtig. �Haben Sie mich etwa die ganze Zeit beobachtet?�</p><p>�Ich hatte Besseres zu tun, Max. Unter anderem musste ich arbeiten. Ich war im Geiste bei dir, solange es nach Blut roch. Ich wollte dir helfen, doch du hast es allein geschafft. Kannst du dich erinnern, wie dein kurzzeitiges Verschwinden abgelaufen ist?�</p><p>�Soll das ein Witz sein? F�r mich war das total unerkl�rlich.�</p><p>�Eben, Max. So ist das bei Leuten, die Talent haben. Ihr handelt, und erst dann versucht ihr herauszufinden, was in euch gefahren ist. Wir weniger Talentierten sind bescheidener. Aber jetzt m�ssen wir uns mit deinem Fang besch�ftigen.�</p><p>�Soll ich ihn freilassen?�, fragte ich erwartungsvoll.</p><p>�Erz�hl mir erstmal, wie er aussieht - schlie�lich habe ich nicht ihn, sondern dich beobachtet.�</p><p>Ich berichtete vom �u�eren des Mannes, mit dem ich am Vorabend im Stadtteil Rendezvous gewesen war. Als ich fertig war, best�rmten mich bittere Erinnerungen, und ich starrte gedankenverloren auf einen Fleck an der Wand.</p><p>�Ausgezeichnet, Max�, sagte Juffin und �bersah meinen Schmerz demonstrativ. �Wei�t du, wen du da gefangen hast? Agon, den Reeder der Alten Jungfer Dein unglaubliches Gl�ck ist besser als jedes Amulett.�</p><p>�Tja�, sagte ich finster. �Und was soll ich mit Agon tun? Soll ich ihn zur Erinnerung an den gelungenen Abend in meiner Hand lassen?�</p><p>�Das w�re keine gute Idee. Ich glaube, der Reeder kann uns bei der L�sung des G�rtelr�tsels helfen. Vielleicht besagt deshalb ja eins der vielen Verbote, denen die Tr�ger dieser G�rtel unterliegen, es sei nicht erlaubt, mit Beh�rdenvertretern zu reden. Nicht ausgeschlossen, dass er sofort stirbt, wenn er im Haus an der Br�cke ans Licht kommt.�</p><p>�Wir k�nnten das Gleiche machen wie gestern�, schlug ich vor. �Ich kann den Tod mit ihm teilen und ihm dadurch das Leben retten.�</p><p>�Bist du dazu wirklich bereit? Ich w�rde dir davon abraten.�</p><p>Ich zuckte die Achseln.</p><p>�Warum sollte ich das nicht tun? Nie im Leben war ich so tapfer wie in den letzten sechsunddrei�ig Stunden. Also nutzen Sie die Gelegenheit.�</p><p>�Das fehlte mir noch�, murmelte mein Chef. �Soll ich dich etwa umbringen, um diesen Kerl aus dem �u�ersten S�den zu retten? Nein, heute sind wir kl�ger und fahren mit dem Gefangenen nach Jafach. Die Ordensfrauen des Siebenzackigen Blattes haben bestimmt eine clevere Idee, wie wir mit dem kleinen Mann in deiner Hand verfahren sollen - schlie�lich geht es letztlich um die Interessen ihres Chefs.�</p><p>�Um die Interessen von Magister Nuflin Moni Mach? Und gibt es im Orden des Siebenzackigen Blattes tats�chlich Frauen?�</p><p>�Warum sollte es anders sein?�, fragte Juffin erstaunt. �Sogar mehr Frauen als M�nner. Das war schon immer in jedem Orden so. Wusstest du das wirklich nicht?�</p><p>�Woher h�tte ich es wissen sollen? Ich hab noch nie einen Orden von innen erlebt. Und alle Gro�en Magister, von denen ich geh�rt habe, waren M�nner.�</p><p>�Verstehe. Frauen sind verschlossener, wei�t du? Wenn sie in einen Orden eintreten, ziehen sie sich von der Au�enwelt zur�ck. Viele haben Zauberkr�fte, doch nur selten hat eine Frau eine wichtige Ordensposition �bernehmen d�rfen. Aber lass uns jetzt fahren, Max, damit du dir selbst ein Bild machen kannst.�</p><p>�Warum geht es hier eigentlich letztlich um die Interessen von Sir Nuflin?�, fragte ich, nachdem ich mich ans Steuer des A-Mobils gesetzt hatte.</p><p>�Wo bleibt deine so gepriesene Intuition, Max? Denk doch mal nach: Ein junger Mann wird zum Gefangenen eines r�tselhaften G�rtels. Sp�ter stiehlt er eine Kopie des Gl�nzenden Siebenblattes, die zu rein dekorativen Zwecken dient. Und pl�tzlich tauchen in Echo Leute auf, die den gleichen G�rtel tragen. Was meinst du, was diese Leute suchen k�nnten?�</p><p>�Das echte Amulett von Sir Nuflin Moni Mach!�</p><p>�Endlich ist der Groschen gefallen - gratuliere!�</p><p>�Interessant ist aber, dass diese Leute glauben, sie k�nnten einfach ein Juwel aus der Burg Jafach stehlen.�</p><p>�Das ist doch auch gar nicht so schwer, Max! Wenn es den G�rteltr�gern gel�nge, jemandem wie Sir Nuflin so einen G�rtel umzulegen, w�rde er ihnen alles geben, was sie wollen.�</p><p>�Aber das ist unm�glich. Der Gro�e Magister l�sst sich doch nicht so einen G�rtel anlegen!�</p><p>�Es ist auch gar nicht n�tig, Max, dass er selbst ihn tr�gt! Der Orden des Siebenzackigen Blattes hat viele Mitglieder. Au�erdem gibt es in Echo zahlreiche Orte, die mit der Burg durch geheime Korridore verbunden sind - unser Haus an der Br�cke zum Beispiel. Es w�rde also reichen, ein Mitglied des Ordens dazu zu bringen, den G�rtel anzulegen, und das arme Opfer dadurch zu zwingen, alles M�gliche aus der Burg zu schmuggeln, sogar das Gro�e Amulett. Das k�nnte jeder tun - selbst ich.�</p><p>�Das darf doch nicht wahr sein!�</p><p>�Ist es aber. Unter den rebellischen Magistern waren einige kl�ger als ich, doch manche waren nicht klug genug, um von dummem Aberglauben zu lassen.�</p><p>�Sie denken also, hinter all dem steckt ein rebellischer Magister?�</p><p>�Nat�rlich - wer sonst k�nnte so ein Amulett brauchen? Bei jedem Juwelier gibt es viel kostbarere Dinge. Doch wir sind da, Max.�</p><p>�Hoppla, tats�chlich. Aber es ist mitten am Tage, und die Tore werden nur morgens und abends ge�ffnet. Wie wollen wir jetzt in die Burg kommen?�</p><p>�Durch die Geheime T�r. Die Frauen des Ordens lassen sich ohnehin nur auf diesem Weg erreichen.�</p><p>Juffin stieg aus dem A-Mobil, und ich folgte ihm. Mein Chef ging gedankenverloren an einer hohen, dunklen Mauer entlang, drehte sich pl�tzlich zu mir um und schlug mit der Hand auf einen Stein, der ein wenig aus der Wand ragte.</p><p>�Mir nach, Junge. Mach aber besser die Augen zu - das schont die Nerven.�</p><p>Ohne mich noch mal anzuschauen, presste mein Chef sich durch den Schlitz in der Mauer.</p><p>Reflexhaft schloss ich die Augen und folgte ihm, spannte dabei aber die Muskeln in Erwartung eines Schlags intuitiv an. Doch nichts dergleichen geschah: Sekunden sp�ter zog Juffin mich am Arm, und ich entspannte mich ein wenig.</p><p>�Was hast du erwartet, Max?�, fragte er belustigt. �Wir sind schon da.�</p><p>Ich sah mich um. Wir befanden uns im dichten Gestr�pp eines alten, verwilderten Gartens.</p><p>�Guten Tag, Juffin - lebst du immer noch, du alter Fuchs?�, fragte eine angenehme, lebensfrohe Stimme. Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Die Frau, die meinen Chef so l�ssig angesprochen hatte, sah aus wie die ideale Gro�mutter, denn es handelte sich um eine nicht eben gro�e, rundliche und ergraute Lady, deren wohlwollendes L�cheln entz�ckende Gr�bchen auf ihre Wangen zauberte.</p><p>�Einen netten Jungen hast du dabei�, stellte sie fest und betrachtete mich voller Sympathie. �Du bist bestimmt Sir Max - herzlich willkommen.�</p><p>Die alte Frau umarmte mich �berraschend, und ich hatte das Gef�hl, nach langer Abwesenheit nach Hause gekommen zu sein.</p><p>�Max, das ist Lady Sotova Chanemer�, sagte mein Chef. �Sie geh�rt zu den gef�hrlichsten Wesen im Weltall - also sei nicht zu locker.�</p><p>�Nicht weniger gef�hrlich als du, Juffin�, kicherte Lady Sotova. �Aber gehen wir. Du musst dringend etwas essen, mein Lieber�, meinte sie, zu mir gewandt.</p><p>�Ausgezeichnete Idee�, stellte Juffin trocken fest.</p><p>�Ich wei� - du hast immer Hunger. Ich kenne dich und mag dich sogar daf�r. Wo bist du eigentlich in letzter Zeit gewesen? Du hast mich schon lange nicht mehr besucht. Aber wenn ich dich jetzt so sehe, ist mir klar, dass irgendwas passiert sein muss.�</p><p>Lady Sotova ging uns z�gig voraus, drehte sich mehrmals um und unterstrich fast all ihre Worte gestisch und mimisch. Die kleinen H�nde fuhren rasch durch die Luft, ihr Lochimantel zitterte im Wind, und ihre Gr�bchen wirkten noch bezaubernder als zuvor. Sosehr ich mich auch bem�hte - ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie derart gef�hrlich war.</p><p>Schlie�lich landeten wir in einem h�bschen kleinen Pavillon, der zugleich ihr Arbeitszimmer war. Dort trafen wir auf eine andere, genauso nette, aber erheblich j�ngere Lady. Sie war ebenso gro� und rundlich wie die �ltere Frau und hatte �hnlich bezaubernde Gr�bchen.</p><p>�Sotova, du hast ja schon wieder M�nner aufgegabelt -wann h�rt das endlich auf?�</p><p>Das Lachen meiner neuen Bekannten klang glockenhell.</p><p>�Nat�rlich gabele ich M�nner auf, Reniwa. Wir haben das doch abgesprochen: Ich schaff sie ran, und du verpflegst sie. Also ab in die K�che.�</p><p>�Was w�nschen Sie zu speisen?�, fragte Lady Reniwa mit hochgezogenen Brauen, fuhr dann aber fort, ohne unsere Antwort abzuwarten: �Schon gut, ich k�mmere mich um das leibliche Wohl deiner Besucher. Das geht aber alles auf deine Rechnung.�</p><p>Sie verlie� den Pavillon, und wir waren wieder zu dritt.</p><p>�Na, Max, erschrocken?�, fragte Lady Sotova am�siert. �Hast du Sorgen, der verr�ckte Juffin habe dich zu genauso verr�ckten Frauen gef�hrt? Schweig ruhig - ich sehe die Antwort in deinen Augen. Jetzt gib mir die Hand, na los, hab keine Angst.�</p><p>Verlegen blickte ich meinen Chef an. Er machte ein finsteres Gesicht und nickte energisch. Ich streckte der Lady die feuchte Linke entgegen, in der seit vielen Stunden der Reeder Agon - der unerschrockene H�ndler aus Tascher - schmorte. Die freundliche Alte strich vorsichtig �ber meine Finger, z�gerte einen Moment, schaute kurz finster drein, l�chelte dann aber wieder und bekam erneut ihre herrlichen Gr�bchen.</p><p>�Das ist aber einfach, Juffin. Das h�ttest du auch allein geschafft.�</p><p>�F�r dich ist alles einfach�, murmelte der Ehrw�rdige Leiter.</p><p>Lady Sotova sch�ttelte vorwurfsvoll den Kopf, griff pl�tzlich nach meinem Handgelenk, als wollte sie mir den Puls f�hlen, dr�ckte aber viel st�rker zu. Ich schrie vor Schmerz und spreizte dabei die Finger. Der arme Reeder landete auf dem Boden, und Lady Sotova wedelte triumphierend mit seinem perlmuttfarbenen G�rtel.</p><p>�Das war's, Juffin. Na, wie gef�llt dir dieses Spielzeug?�</p><p>��bertreib es bitte nicht, Unvergessliche. Ich kenne noch ein paar Zaubertricks, �ber die du staunen w�rdest.�</p><p>�Tats�chlich?�, fragte Sotova mit gespielter �berraschung und wandte sich an mich. �Hat's dir gefallen, Herzchen?�</p><p>Ich nickte verwirrt und starrte meinen ehemaligen Gefangenen an. �Lebt er noch, Lady?�</p><p>Sie winkte l�ssig ab.</p><p>�Was sonst? Ich kann ihn jederzeit wieder zu Bewusstsein bringen, aber ich warte besser ab, bis ihr euch wieder auf den Heimweg macht. Wir m�ssen jetzt essen, und den da will ich nicht bewirten.�</p><p>Nach dem Essen, das auf mich wie ein starkes Beruhigungsmittel wirkte, beugte sich Lady Sotova �ber Agons reglosen K�rper.</p><p>�Wie lange willst du denn noch schlafen, du Faulpelz?�, rief sie mit schriller, ver�rgerter Stimme, und prompt bewegte der Mann sich ein wenig.</p><p>�Eins kann ich dir verraten, Juffin�, sagte unsere Gastgeberin l�chelnd. �Du kannst jeden zu Bewusstsein bringen, wenn du ihm einen Satz ins Ohr br�llst, den er als Kind oft geh�rt hat. Wie du siehst, hat die Mutter dieses Mannes ihren �rger nicht im Zaum halten k�nnen - genauso wenig �brigens wie meine Mutter. Erinnerst du dich noch an sie? Friede ihrer Asche! Ich glaube, ihre rauen Erziehungsmethoden haben aus mir eine so gute Zauberin gemacht, denn ich habe fr�h lernen m�ssen, meine Haut zu retten. Aber jetzt nehmt diesen Mann und verschwindet. Ihr habt zu arbeiten - und ich auch. Das Leben ist schlie�lich kein Zuckerschlecken.�</p><p>Wir stiegen mit unserem Gefangenen ins A-Mobil. Was ich auf Burg Jafach erlebt hatte, verbl�ffte mich noch immer so, dass ich Juffin nichts zu fragen vermochte.</p><p>�Wie hat dir dieses Wunder der Natur gefallen?�</p><p>Ich h�tte nicht vermutet, dass die Stimme meines Chefs so finster klingen konnte.</p><p>�Ein starker Auftritt - ich mag gar nicht daran denken, wozu die �brigen Frauen des Ordens f�hig sein m�gen.�</p><p>�Die sind nicht so gef�hrlich. Sotova ist die bei weitem beste Zauberin. Vor ihr f�rchtet sich sogar der Gro�e Magister Nuflin. Max - hab ich jetzt bei dir an Autorit�t eingeb��t?�</p><p>�Wie kommen Sie denn darauf? Diese Sotova ist allerdings wirklich unglaublich.�</p><p>�Sie ist meine Landsm�nnin - hast du das bemerkt? Hier in Echo sind wir sogar beste Freunde, obwohl wir uns eigentlich nur beruflich treffen. Vor �ber zweihundert Jahren, als wir noch in Kettari lebten, hatten wir eine leidenschaftliche Aff�re. Allerdings hatten die Bewohner dort viel Vergn�gen, als ich Sotova nach einem Streit im Namen des Gesetzes verhaftet und durch die ganze Stadt zum Haus am Wege - dem dortigen Haus an der Br�cke - gef�hrt habe. Das war vor �ber zweihundert Jahren - stell dir das mal vor! Nach diesem Skandal setzte Sotova sich in den Kopf, in einen Orden einzutreten. Daf�r ist sie in die Hauptstadt gezogen. Ihr Entschluss kam f�r mich ganz �berraschend, doch sie hat sich offensichtlich richtig entschieden. Im Orden ist sie gut aufgehoben.�</p><p>Ich sah Juffin fragend an. �Warum erz�hlen Sie mir das?�</p><p>�Damit du wei�t, warum Lady Sotova so respektlos mit mir umgegangen ist. Sonst kommst du noch auf die Idee, jede unverheiratete Frau, die �lter als dreihundert Jahre ist, k�nnte mit mir umspringen, wie es ihr gef�llt.�</p><p>Im Haus an der Br�cke trafen wir auf Melifaro.</p><p>�Juffin�, fl�sterte er traurig, �ich verstehe gar nichts mehr. Lady Melamori hat sich in meinem B�ro eingeschlossen und l�sst niemanden rein. Ich glaube, sie weint.�</p><p>�Soll sie ruhig�, sagte mein Chef unger�hrt. �Warum soll der Mensch nicht weinen, wenn's ihm schlecht geht? Mach, was du willst, aber versuch nicht, sie zu tr�sten. Sonst will sie dich wom�glich umbringen, und ich kann dir nicht helfen, weil ich besch�ftigt bin. Treib Lonely-Lokley auf und richte ihm aus, er soll alles stehen und liegen lassen, herkommen und warten. Und du kommst auch wieder her. Lady Melamori kannst du ausrichten, dass uns in einer halben Stunde viel Arbeit erwartet. Wenn sie dabei sein will, soll sie sich jetzt beruhigen und wieder herrichten. Gehen wir, Sir Max.�</p><p>Juffin hakte den Reeder Agon unter und ging rasch in sein Arbeitszimmer. Ich folgte den beiden.</p><p>�Max, ich hasse es, mich in die Angelegenheiten anderer einzumischen�, begann mein Chef, nachdem er den Gefangenen auf einen Stuhl bugsiert hatte. �Aber manchmal komme ich nicht umhin, das zu tun - jetzt zum Beispiel. Unternimm nichts mehr, sonst machst du alles nur noch schlimmer. Lady Melamori geht es genauso schlecht wie dir. Aber anders als du hat sie sich von Anfang an keine Illusionen �ber den heutigen Morgen gemacht. Sie wei� einiges, wovon du keine Ahnung hast. Zum Beispiel, was mit Leuten passiert, die mit den Traditionen brechen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen. �ber solche Dinge redet man nicht, weil alle - bis auf ein paar Zugereiste - davon wissen.�</p><p>��ber welche Dinge?�, fragte ich hastig.</p><p>�Wenn ein Paar, das sich im Stadtteil Rendezvous kennen gelernt hat, gegen das Verbot verst��t, sich nach der Liebesnacht wiederzusehen, wird einer der beiden sehr bald sterben. Wer von den beiden das sein wird, l�sst sich im Vorhinein nicht sagen, aber ich vermute, es w�rde Lady Melamori erwischen. Frag nicht, warum - glaub mir einfach. Du hast ohnehin viel mehr Gl�ck als sie. Das ist die Lage.�</p><p>�So was h�r ich zum ersten Mal�, brummte ich. �Und verzeihen Sie, aber das ist doch billigster Aberglaube! Wenn nicht gar ein primitives Tabu!�</p><p>�Seit einiger Zeit ist dein Leben voller Aberglauben -ob du es willst oder nicht. Und warum sollte ich dich anl�gen? Haben wir uns etwa im Stadtteil Rendezvous kennen gelernt?�</p><p>�Das nicht�, l�chelte ich bitter. �Aber all das gef�llt mir trotzdem nicht. Ich dachte, die Lady w�rde einfach an Schauergeschichten glauben, und ich brauchte nur Zeit, um sie dazu zu bringen, ihre unsinnigen �ngste abzulegen.�</p><p>�Wenn du dich darum bem�hst, schaffst du das vermutlich. Aber ich rate dir davon ab. �Sie ist leider nicht meine Freundin� klingt besser als �Sie ist meine leider verstorbene Freundin�. Wahre Freundschaft verlangt beiden Seiten manches Opfer ab. Das m�sst ihr noch begreifen. Damit ist dieses Thema f�r mich erledigt.�</p><p>Schockiert starrte ich Juffin an. Er zuckte nur die Achseln, als wollte er sagen, er habe die Naturgesetze schlie�lich nicht gemacht.</p><p>�Ich hoffe, du erw�rgst mich nicht, wenn ich unserem armen Gefangenen ein paar Tr�pfchen von deinem Lieblingsgetr�nk gebe?�, fragte mich Juffin leichthin.</p><p>�Vorausgesetzt, ich bekomme auch einen Schluck davon. Ich bin n�mlich sehr m�de.�</p><p>�Schon gut, du Schnorrer. Warum hast du dir eigentlich noch immer keine eigene Flasche zugelegt?�</p><p>�Weil ich geizig bin. Haben Sie das noch nicht bemerkt?�</p><p>Mein Chef lachte erleichtert. Anscheinend gewann ich meine alte Form zur�ck. Zu wissen, dass ich meinen Schmerz mit jemandem teilte, lie� mich wieder aufleben. Etwas �hnliches war am Vortag Kapit�n Gjata widerfahren. Au�erdem wusste ich jetzt, dass ich kein verschm�hter Galan aus einem schmalzigen Liebesroman war, sondern ein Mensch, der sich mit seinem Schicksal abfinden musste. Auch das war zwar schmerzhaft, aber leichter zu ertragen.</p><p>Nach ein paar Tropfen Kachar-Balsam f�hlte sich unser Gefangener schon viel besser, und als er merkte, dass er keinen G�rtel mehr trug, fiel er vor uns auf die Knie. Seine Dankbarkeit allerdings war uns zu wenig.</p><p>�Erz�hl uns lieber, wer dir dieses Schmuckst�ck angedreht hat�, sagte Juffin.</p><p>�Sein Name ist Chroper Moa. Er kommt aus Ihrer Gegend ...�</p><p>�Mehr brauchst du nicht zu sagen�, unterbrach ihn Juffin und wandte sich an mich. �Das ist der Gro�e Magister des Ordens vom Bellenden Fisch. Dieser Orden ist nicht besonders m�chtig, doch sein Chef hatte immer eine enorme Fantasie.�</p><p>Juffin sah wieder den Reeder an, der daraufhin zusammenfuhr und finster dreinschaute. Das konnte ich gut verstehen, denn mein Chef hatte ihm einen vernichtenden Blick zugeworfen.</p><p>�Was hat er von dir gewollt, Agon?�</p><p>�Nur eins: Er will an einen gro�en Talisman kommen - Genaueres wei� ich nicht. Ich sollte nur ein paar n�tzlichen Leuten diesen G�rtel umlegen. Dann meldete sich Chroper per Stummer Rede bei ihnen und sagte ihnen, was er brauchte.�</p><p>�Und wem hast du den letzten G�rtel angelegt?�</p><p>�Niemandem. Diesmal hat Chroper mich von Tascher nach Echo begleitet. Anscheinend hat er gemerkt, dass die ganze Sache ohne ihn kein erfolgreiches Ende nehmen w�rde. Ich habe immer getan, was er mir befohlen hat. Mein gr��ter Erfolg war, diesem Apati Chwen einen G�rtel umgelegt zu haben, aber er hat leider eine wertlose Kopie des Gl�nzendes Siebenblattes gestohlen. Nach diesem Misserfolg war Chroper ein ganzes Jahr sauer auf mich und hat mir dann gesagt, er werde mich nach Echo begleiten und mich danach von meinem G�rtel befreien.�</p><p>�Damit du deine Gesch�fte auf eigene Rechnung fortsetzen kannst, ja?�, rief Juffin und verzog angewidert das Gesicht. �Die G�rteltr�ger sind ausgezeichnete Diebe, stimmt's? Sie tun, was man ihnen befiehlt, und verraten ihre Auftraggeber nicht. Das hat dir gefallen, Agon, gib's zu! Wie viel Diebesgut hast du denn in dein sonniges Tascher geschafft?�</p><p>�Nichts dergleichen habe ich getan!�</p><p>�Sei doch still. Ich habe alle gr��eren Diebst�hle in Echo untersucht. Sie fanden stets dann statt, wenn dein Schiff hier im Hafen lag. Willst du noch mehr h�ren?�</p><p>Der b�rtige Reeder blickte stumm auf den Boden. Juffin l�chelte.</p><p>�Ich sehe schon - ich muss dir nichts weiter erz�hlen. Jetzt verr�tst du mir, wo sich dein Freund Chroper aufh�lt. Und wenn ich ihn mit deiner Hilfe finde, hast du Gl�ck. Dann musst du n�mlich nur deinen Kapit�n bezahlen, ich schicke dich zur�ck nach Tascher, und du darfst nie wieder ins Vereinigte K�nigreich einreisen. Deine �brigen Fahrten interessieren mich ohnehin nicht. Sollte ich Chroper allerdings nicht finden, leg ich dir wieder deinen h�bschen G�rtel um - verstanden?�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, wo er ist!�, rief Agon panisch. �Er hat mir nie erz�hlt, wo er sich aufh�lt.�</p><p>�Das war lobenswert vorsichtig�, stellte Juffin fest. �Es w�re allerdings auch seltsam gewesen, wenn Chroper Moa dir sein Versteck verraten h�tte. Aber du bekommst noch eine Chance: Es w�rde mir reichen, wenn du mir sagst, wo er gestern war.�</p><p>�Gestern haben wir uns nach dem Mittagessen auf einen Krug Kamra im Goldenen Widder getroffen, aber ich wei� nicht ...�</p><p>�Gut, dass es nicht zum Mittagessen, sondern hinterher war�, meinte Juffin und verzog das Gesicht. �Dieser Widder ist doch eine s�ndhaft teure Klitsche und hat obendrein einen lausigen Koch. F�r einen Gourmet wie Chroper w�re das nichts gewesen. Gut. Max, k�mmere dich um unseren Gast. Er wird uns begleiten - kann ja sein, dass wir ihn brauchen.�</p><p>Verst�ndnislos sah ich Juffin an, doch dann fiel der Groschen.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Eine Bewegung reichte, und der Reeder landete wieder zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken. Langsam hatte ich das Gef�hl, Agon und ich seien unzertrennlich.</p><p>Melifaros Kopf tauchte in der T�r auf.</p><p>�Alle sind versammelt, Sir Juffin. Sie sollten nicht so viel arbeiten. Sir Nachtantlitz, auch du wirkst m�de. Aber selbst Lonely-Lokley ist ja manchmal ersch�pft.�</p><p>�Was man gern tut, erm�det nie�, erkl�rte ich belehrend.</p><p>Ich st�rmte in den Saal der allgemeinen Arbeit, als wollte ich mich von einem Wolkenkratzer st�rzen: schnell, entschieden und ohne an die Folgen zu denken.</p><p>�Nun, meine Damen und Herren�, vernahm ich Juffins Stimme hinter meinem R�cken, �unser Ziel hei�t Goldener Widder. Lady Melamori - Sie �bernehmen dort die Initiative. Auf geht's!�</p><p>�Mit dem gr��ten Vergn�gen�, brummte Melamori nickend und mied dabei meinen Blick. Das war sicher besser so.</p><p>�Unser Gegner ist sehr ernst zu nehmen. Es handelt sich um Magister Chroper Moa. Haben Sie von ihm geh�rt, Melamori?�</p><p>�Ist das nicht der Gro�e Magister des Ordens vom Bellenden Fisch? Und der soll gef�hrlich sein?�, fragte sie und zuckte hochm�tig die Achseln.</p><p>�Auch manche weniger wichtige Orden haben gef�hrliche Geheimnisse�, sagte Lonely-Lokley und sch�ttelte missbilligend den Kopf. �Lady Melamori, im Hinblick auf Ihre Sicherheit sollten Sie das nicht vergessen. Und im Hinblick auf unsere Sicherheit nat�rlich auch nicht.�</p><p>�Haben Sie verstanden, Lady? Sie sollen die Nase nicht so hoch tragen�, mischte sich Juffin ein. �Und jetzt los, Leute. Max, du setzt dich ans Steuer. Jede Minute z�hlt. Du hast die einmalige Chance, den Kleinen Geheimen Suchtrupp fast vollz�hlig zu vernichten. Ich kann mir kaum vorstellen, was Kofa und Lukfi ohne uns anfangen sollten.�</p><p>�Kofa wird weiter essen, und Lukfi wird unser Fehlen nicht mal bemerken�, entgegnete Melifaro. �Und niemand wird uns auch nur eine Tr�ne nachweinen.�</p><p>�Ich glaube, so eine Katastrophe w�re ein ernsthafter Verlust f�r das Vereinigte K�nigreich�, erkl�rte Lonely-Lokley mit Nachdruck.</p><p>Melifaro kicherte in sich hinein.</p><p>�W�hrend ihr �ber unseren Tod spekuliert habt, sind wir schon angekommen�, sagte ich l�chelnd. �Ihr seid mir vielleicht Helden! Bitte alle aussteigen. Melamori, du gehst vor und zeigst dem Magister, was du kannst.�</p><p>Meine Entschiedenheit �berraschte mich selbst. Juffin und Melifaro wechselten einen Blick und tuschelten kurz wie Sch�ler miteinander. Sogar die d�ster dreinblickende Lady Melamori musste ein wenig l�cheln. Sir Sch�rf Lonely-Lokley musterte uns wie schwierige, nichtsdestotrotz aber geliebte Kinder.</p><p>Dann zog die Verfolgungsmeisterin ihre Schuhe aus, betrat das Wirtshaus und durchquerte das Lokal.</p><p>�Ich hab ihn! Ein Magister ist leicht zu finden, Sir Juffin�, rief sie. �Das hier ist seine Spur. Er muss irgendwo in der N�he sein - das schw�re ich bei Ihrer Nase.�</p><p>�Schw�ren Sie lieber bei Ihrer Nase. Meine brauch ich noch.�</p><p>Sir Juffin sah aus wie ein Angler, der einen kapitalen Wels gefangen hat.</p><p>Melamori folgte Chropers Spur, w�hrend wir uns wieder ins A-Mobil setzten und darauf warteten, dass sie uns per Stummer Rede informierte, wohin wir fahren sollten. Nach genau einer halben Stunde legte Juffin mir die Hand auf die Schulter.</p><p>�Kennst du die Stra�e der vergessenen Dichter, Max?�</p><p>�Davon h�re ich zum ersten Mal - gibt es die wirklich?�</p><p>�Mach dir dar�ber keine Gedanken, sondern fahr einfach hin. Halt dich Richtung Burg Jafach. Es ist nur eine enge Gasse, und ich sag dir Bescheid, wo du abbiegen musst.�</p><p>Die Stra�e der vergessenen Dichter war tats�chlich eng und ziemlich heruntergekommen, denn zwischen den Steinen auf den Mosaikgehsteigen wuchs Unkraut.</p><p>Sofort fiel uns ein Haus besonders ins Auge. Es sah aus wie eine alte Burg und war von einer hohen Mauer umgeben, an der Plakatreste klebten. Neben dem Hauseingang stand Melamori und stie� ungeduldig mit der Schuhspitze gegen den Bordstein. Sie schien merkw�rdig gut gelaunt, und das kam mir seltsam vor.</p><p>�Er ist hier�, fl�sterte die Verfolgungsmeisterin. �Als er merkte, dass ich ihm auf die Spur getreten war, war er erst traurig und hat dann die Reste seines Verstandes zusammengerafft. Juffin, es war ein Fehler, dass Sie mir befohlen haben, auf Sie zu warten. Ich h�tte alles allein erledigen k�nnen. Aber jetzt gehe ich rein - mir nach!�</p><p>�Sie gehen nirgendwohin!�, rief Juffin energisch. �Lonely-Lokley geht vor - das ist seine Pflicht. Und es w�re besser, wenn Sie einfach im A-Mobil sitzen blieben. Wo ist Ihre ber�hmte Vorsicht, Lady?�</p><p>�Warum soll ich hierbleiben, obwohl ich ihn schon fast erwischt hatte�, rief Melamori zornrot. �Ich hab doch wohl ein Recht darauf, als Erste zu gehen!�</p><p>Ihre Stimme klang ungeduldig und au�er Atem - so aufgebracht hatte ich sie noch nie erlebt. Selbst in unserer Liebesnacht hatten ihre Augen nicht so gegl�nzt wie in diesem Moment.</p><p>Warum gl�hst du blo� so, meine Liebe?, fragte ich mich. Dann begriff ich, was geschehen war.</p><p>�Melamori redet unter Zwang. Bestimmt hat sie keine Ahnung, was sie da sagt. Er hat sie gefangen, Juffin! Melamori ist Chroper auf die Spur getreten und daran kleben geblieben - ich wei� nicht, wie ich es anders sagen soll. Jedenfalls hat er sie in Bann geschlagen. Chroper glaubt, ihm sei nur eine Person auf den Fersen, und er m�chte diese Person deshalb so schnell wie m�glich beseitigen. Ich staune, dass Melamori �berhaupt auf uns gewartet hat.�</p><p>Sir Juffin klopfte mir auf die Schulter.</p><p>�So ist das also? Donnerwetter! Melamori, hast du das jetzt auch durchschaut? Du willst doch wohl nicht, dass der Gro�e Magister irgendeines dubiosen Ordens �ber dich verf�gt? Also bleib hier!�</p><p>Lady Melamori sah uns �berrascht an und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich kann nicht, wirklich nicht. Und ich bin mir sicher, dass wir so schnell wie m�glich ins Haus eindringen m�ssen, damit es diesem Chroper nicht gelingt zu fliehen. Aber Sie haben Recht - was ich gerade sagte, wurde mir eingegeben. Ich hatte nicht warten wollen, und wenn ihr auch nur eine Minute sp�ter gekommen w�rt ...�</p><p>In diesem Moment verlie� Lonely-Lokley das A-Mobil und hob Lady Melamori m�helos vom Boden hoch.</p><p>�Das war's f�r Sie, Gn�digste. Geht's Ihnen jetzt besser?�, fragte er und setzte sie sich auf die Schultern. �Wir sollten dieses Problem sp�ter besprechen�, f�gte er gelassen hinzu.</p><p>Wir sahen einander reihum an.</p><p>�Stimmt�, meinte Juffin, und alle stiegen aus.</p><p>�Sind Sie nun damit einverstanden, im A-Mobil zu warten?�</p><p>�Inzwischen bin ich mit allem einverstanden�, rief Melamori und klammerte sich verzweifelt an Lonely-Lokleys Kopf. �Ich hab n�mlich furchtbare H�henangst. Kann ich nicht vielleicht doch mitkommen? Ich will auch versuchen, brav zu sein. Es ist so bl�d, allein im A-Mobil zu sitzen.�</p><p>�Na gut, kommen Sie mit. Aber ziehen Sie Ihre Schuhe wieder an. Sie brauchen auf keine Spur mehr zu treten und k�nnten sich einen Splitter fangen. Wisst ihr eigentlich, wem das Haus geh�rt? Hier lebt der alte Sir Gartoma Chatl Min. Vor hundert Jahren hat es in Echo schreckliehe Ger�chte �ber das Chaos in seinem Haus gegeben, aber allm�hlich ist dieses Thema langweilig geworden. Sir Sch�rf, setzen Sie Lady Melamori bitte beim A-Mobil ab, klemmen Sie sich Max unter den Arm und gehen Sie mit ihm voran - wir drei folgen euch.�</p><p>Lonely-Lokley warf mir einen taxierenden Blick zu und packte mich dann mit der Eleganz eines Lastenkulis an der Taille.</p><p>�Sch�rf, ich kann mich prima ohne Ihre Hilfe fortbewegen!�, rief ich. �Juffin hat sich nur missverst�ndlich ausgedr�ckt!�</p><p>�Stimmt das, Sir?�, fragte Lonely-Lokley so interessiert wie gelassen.</p><p>�S�ndige Magister, ihr macht mich noch verr�ckt! Nat�rlich hab ich das nicht so gemeint. So was soll ein Geheimer Suchtrupp sein, der Schrecken des Weltalls? Ein Zirkus ist das!�</p><p>Lonely-Lokley und ich traten die T�r ein und gelangten ins muffige Foyer des riesigen, heruntergekommenen Hauses.</p><p>�Und wie wollen Sie den Mann jetzt finden, Sch�rf?�, fragte ich angespannt. �Das ist ja ein Palast hier.�</p><p>�Stimmt - das Geb�ude ist ziemlich gro߫, sagte Lonely-Lokley nickend. �Nur nicht die Nerven verlieren, Sir Max. Selbst in einer so kniffligen Lage kann ich ihm auf die Spur treten. Auch ich n�mlich habe ziemlich viel Erfahrung in solchen Dingen. Bevor Lady Melamori bei uns angefangen hat, mussten wir eine Zeit lang ohne Verfolgungsmeister auskommen. F�r diesen Beruf braucht man eine seltene Begabung, und es ist schwer, geeignete Personen daf�r zu finden. Unser vorletzter Verfolgungsmeister - Sir Totochata Schlom - ist in einer sehr �hnlichen Situation ums Leben gekommen. Nur war sein Gegner etwas ernster zu nehmen als dieser Chroper: Er trug �hnliche Handschuhe wie ich.�</p><p>Ich pfiff anerkennend durch die Z�hne. Sir Lonely-Lokley zuckte nur die Achseln und fuhr fort: �Sir Totochata war ein brillanter Verfolgungsmeister, aber nicht eben vorsichtig. Wissen Sie, Sir Max, sein Verlust ist f�r mich bis heute sehr schmerzhaft: Wir hatten am selben Tag beim Kleinen Geheimen Suchtrupp begonnen und waren im Laufe der Zeit echte Freunde geworden. Hier m�ssen wir links abbiegen - passen Sie auf, der Splitter da durchdringt jede Sohle. Wegen solch t�ckischer Waffen hab ich Lady Melamori ja gesagt, auch Orden, die nicht allzu m�chtig sind, k�nnten sehr gef�hrlich sein. Sie war tats�chlich in gro�er Gefahr. Aber jetzt weiter.�</p><p>Lonely-Lokleys wei�er Mantel schimmerte in der Dunkelheit. Sir Schurfs rechte Hand, deren taschenlampenartiges Leuchten nicht den Tod, sondern nur Erstarrung brachte, huschte �ber das erschrockene Gesicht eines am Boden liegenden Greises.</p><p>Ich trat zu dem hageren Alten, der einen verschossenen Lochimantel trug. Seine H�nde waren hinterm Kopf verschr�nkt, seine Beine in den Knien abgewinkelt.</p><p>�Ist das der Gro�e Magister?�</p><p>Lonely-Lokley sch�ttelte den Kopf. �Nein, Max, das ist Sir Gartoma Chatl Min, der Besitzer des Hauses. Sehen Sie, er tr�gt den gleichen G�rtel wie die �brigen Opfer. Sir Chroper hat es geschickt vermocht, einen Unbeteiligten in die Falle zu locken. Wenn Verfolgungsmeister nahe am Ziel sind, wird ihnen alles andere egal. Deshalb darf auch Lady Melamori im Dienst nie allein unterwegs sein, es sei denn, sie verfolgt unbescholtene B�rger. Selbst diese Regelung allerdings ist meiner Meinung nach leichtfertig.�</p><p>�Was kann so ein alter Mann schon ausrichten? Wie ein K�mpfer sieht er nicht gerade aus.�</p><p>�Urteilen Sie nicht �bereilt, mein Freund. Wer gelernt hat, eine Armbrust zu gebrauchen, verlernt es nicht so schnell. Und ein Kopfschuss kann jeden t�ten, auch Verfolgungsmeisterinnen. Sehen Sie, was er da in der Hand hat?�</p><p>Mir schwindelte. Melamori w�re fast durch einen Armbrustpfeil in einem muffigen Korridor gestorben! Zu den Magistern mit meinem Liebeskummer, dachte ich. Melamori kann tun, was sie will, sogar heiraten wie meine Exfreundinnen - Hauptsache, sie bleibt am Leben! Ob Juffin mit seiner Devise �Freundschaft ist wichtiger als Leidenschaft� Recht hat, wei� ich nicht, aber das Leben ist zweifellos erstrebenswerter als der Tod.</p><p>�Sir Sch�rf, gehen wir weiter�, sagte ich heiser. �Bringen Sie Chroper um, und zwar m�glichst schnell.�</p><p>Lonely-Lokley erhob keinen Einspruch, und wir schoben uns weiter vor. Am Ende des Flurs erreichten wir eine Treppe und landeten in einem Kellerraum.</p><p>�Halten Sie sich hinter mir, Sir Max�, sagte Lonely-Lokley mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. �Heute ist ein ziemlich unruhiger Tag, und wir m�ssen mit unangenehmen �berraschungen rechnen. Dieser Chroper ist hier irgendwo.�</p><p>Lonely-Lokleys schneewei� und lebensgef�hrlich strahlende H�nde wirkten bizarr.</p><p>�Was machen Sie da eigentlich, Sir Sch�rf?�</p><p>�Wen man aufsp�ren will, den treibt man am besten in die Enge. Denken Sie, ich bin nur gut im T�ten? Im Gegenteil! Mein Beruf verlangt eine vielseitige Ausbildung. Sehen Sie, da ist er ja. Mein Zauberspruch wirkt immer, jedenfalls bei Menschen. Jetzt aber!�</p><p>Die letzten beiden Worte fielen mit einer Explosion zusammen. Ich begriff, dass Chroper Moa - der Gro�e Magister des Ordens vom Bellenden Fisch - gerade die Welt der Lebenden verlassen hatte und in die Liste der vom Kleinen Geheimen Suchtrupp gel�sten F�lle einging.</p><p>�Das war's�, sagte Lonely-Lokley und zog seine Handschuhe wieder an. �Es ist einfacher, eine Sache zu beenden, als sie zu beginnen. Haben Sie dar�ber schon mal nachgedacht, Sir Max?�</p><p>�Nein, aber das hole ich demn�chst nach - versprochen.�</p><p>�Sir Sch�rf, Sie sind wie immer in Topform�, h�rten wir Juffin hinter uns sagen. �Tut mir leid, dass ihr mich so lange entbehren musstet, aber ich hatte Melamori und Melifaro noch einen Vortrag �ber vorsichtige Ermittlungsarbeit zu halten.�</p><p>�Sir Juffin, ich hab Ihnen doch gesagt, wir sollten damit keine Zeit verplempern, um nicht das Spannendste zu vers�umen�, schimpfte Lady Melamori emp�rt. �Jetzt ist der B�se tot, und ich hab nichts davon mitgekriegt! Furchtbar!�</p><p>�Das Spannendste?�, fragte mein Chef stirnrunzelnd. �Wissen Sie, was in diesem Keller das Spannendste ist?�</p><p>�Nat�rlich�, rief Melifaro triumphierend. �Der Geheimgang, der von hier zur Burg Jafach f�hrt. Der �ltere Sohn von Gartoma Chatl Min war einer der bedeutendsten j�ngeren Magister im Orden des Siebenzackigen Blattes, des Wohltuenden und Einzigen Ordens. Ist es das, was Sie so spannend finden, Sir Juffin?�</p><p>�Ihr seid Blitzmerker, Leute�, stellte unser Chef fast ger�hrt fest. �Gratuliere! Heute kann der Gro�e Magister Nuflin endlich ruhig schlafen. Das passiert bekanntlich nicht oft. Schade, Sch�rf, dass Sie Chroper so �bereilt get�tet haben.�</p><p>�Aber Sir, Sie wissen doch, wie mit rebellischen Magistern, die schon drei Mordversuche unternommen haben, zu verfahren ist!�</p><p>�Schon gut - Sie haben ja alles richtig gemacht. Ich h�tte nur gern gewusst, was dieser Verr�ckte mit dem Leuchtenden Siebenblatt anfangen wollte. Soweit ich wei�, gibt es nur einen, dem das Amulett n�tzt: dem Gro�en Magister Nuflin n�mlich. Oder t�usche ich mich da?�</p><p>Eine gewisse Unsicherheit in der Stimme von Sir Juffin verlieh dem Abschluss dieses Kriminalfalls eine eigenartige Note. Allerdings hatten wir ihn auch noch nicht ganz gel�st.</p><p>Wir kehrten ins Haus an der Br�cke zur�ck und brachten den bewusstlosen Hausbesitzer Gartoma Chatl Min in ein kleines Zimmer, das wir provisorisch zum Krankenlager umfunktioniert hatten. Wir entschieden uns, den alten Mann erst aufzuwecken, wenn wir ihm den G�rtel abgenommen hatten. Weitere Probleme n�mlich konnten wir wirklich nicht brauchen.</p><p>�Geht ruhig alle nach Hause�, sagte Juffin freundlich. �Alle bis auf ... Max, k�nntest du mir noch ein wenig helfen?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich offenherzig.</p><p>Mir hatte bereits davor gegraut, nach Hause gehen zu m�ssen, wo nicht nur meine flaumigen Katzen Armstrong und Ella auf mich warteten, sondern auch s��e Erinnerungen, die ich nicht an mich heranlassen wollte.</p><p>Ich sah, wie and�chtig Lady Melamori den Boden rund um ihre F��e musterte. Die Aussicht, nach Hause zur�ckzukehren, l�ste auch in ihr offenbar keine Begeisterung aus. Ihr Zustand war nicht besser als meiner, vielleicht gar um einiges schlimmer, weil nicht nur ich in der Nacht zuvor gefunden hatte, wonach ich lange suchte.</p><p>Ich tat das Erste, was mir in den Sinn kam, und meldete mich per Stummer Rede bei Melifaro.</p><p>�Wenn du Lady Melamori jetzt nicht nach Hause begleitest, bist du ein Volltrottel.�</p><p>Melifaro w�re vor Erstaunen beinahe vom Stuhl gefallen und musterte mich frappiert.</p><p>�Tu, was ich dir sage!�</p><p>�Was ist denn in dich gefahren, Sir Nachtantlitz? Ich dachte, die Bewohner der Grenzgebiete w�ren besonders eifers�chtig.�</p><p>�Ich bin da eine Ausnahme. Jetzt h�r auf zu schwatzen. Ende.�</p><p>Ich lie� Melifaro und Melamori stehen und fl�chtete in mein B�ro. H�tte ich vielleicht doch eifers�chtig sein sollen?</p><p>Nach ein paar Minuten kam Sir Juffin zu mir.</p><p>�H�ltst du wirklich die ganze Nacht durch, Max? Zum Gl�ck bin ich nicht auf deine Hilfe angewiesen. Lass nur deinen Freund frei. Kannst du �berhaupt noch ohne ihn leben?�</p><p>�Meinen Freund? Den hatte ich ja ganz vergessen!�</p><p>Ich musste in mich hineinlachen, denn ich hatte mich so daran gew�hnt, den Reeder Agon dabeizuhaben, dass mir gar nicht mehr bewusst war, ihn herumzuschleppen.</p><p>�Brauchen Sie den guten Mann sofort?�</p><p>�In etwa einer Stunde, wenn du so lange warten kannst. Lady Sotova hat versprochen, vorbeizukommen. Agon soll sich dann per Stummer Rede bei allen G�rteltr�gern melden und sie ins Haus an der Br�cke bestellen, wo Lady Sotova ihnen helfen wird, sich von ihrem zweifelhaften Schmuckst�ck zu befreien. Das ist f�r sie ein Klacks, wie du selbst gesehen hast.�</p><p>�Nach Hause gehe ich heute bestimmt nicht. Lady Sotova ist fantastisch, finden Sie nicht?�</p><p>Sir Juffin r�usperte sich. �Ich wei� nicht recht. Wom�glich. Max, wir bekommen gleich Abendessen, und deinen kleinen Freund kannst du sp�ter befreien. Wenn ich richtig verstanden habe, hast du keine Lust, nach Hause zu gehen.�</p><p>Ich zuckte die Achseln. �Das wissen Sie doch.�</p><p>�Prima - dann bin ich nicht der Einzige, der im Morgengrauen vor M�digkeit zusammensacken wird. Bist du eigentlich noch nicht auf die Idee gekommen, es w�re leichter und angenehmer, dein Leben zu �ndern, als die ganze Zeit mit feuchten Augen durchs Haus an der Br�cke zu irren?�</p><p>�Darauf bin ich wirklich noch nicht gekommen. Ich bin ein ziemlicher Dummkopf, was?�</p><p>�Mitunter schon�, sagte Juffin l�chelnd. �Willst du in der Altstadt bleiben? Vielleicht w�re es f�r dich ja besser, in die Neustadt umzuziehen? Dort h�ttest du die M�glichkeit, dein wahres Talent zu zeigen und A-Mobile kaputtzufahren.�</p><p>�Umzuziehen w�re eine gute Idee. Ich sollte tats�chlich mal ausprobieren, wie es ist, in der Neustadt zu wohnen. Dort hat eine nette Lady irgendwo ein Wirtshaus er�ffnet. Als es ihr schlecht ging, hab ich ihr den gleichen Ratschlag gegeben, den Sie jetzt mir geben. Es ist seltsam, wie leicht man anderen raten kann, sich selbst aber oft nicht zu helfen wei�. Doch Sie tun mir Unrecht - ich habe bisher noch kein A-Mobil zu Schrott gefahren.�</p><p>�Bestimmt ist es bald so weit. Jetzt nimm diesen Schl�ssel und merk dir die Adresse: Stra�e der gelben Steine 18. Ich hab mich bem�ht, etwas H�bsches f�r dich zu finden, damit du dich wohl f�hlst.�</p><p>�Ich sch�tze, dort gibt es mindestens zehn Badewannen.�</p><p>�Falsch - es sind nur acht. Viele Neubauten haben sogar noch weniger, aber ich hab so meine Grunds�tze.�</p><p>�Ich m�chte mich bei Ihnen aufs Allerherzlichste bedanken, damit ich nicht sp�ter - wie der Gro�e Magister Nuflin einmal gesagt hat - vor Ihnen auf die Knie fallen muss�, rief ich err�tend und begriff allm�hlich, was mein Chef f�r mich getan hatte. �Sie haben mir das Leben gerettet, Juffin. Soll ich den Saum Ihres Lochimantels k�ssen? Wie ich sehe, w�re Ihnen das nicht recht. Wann haben Sie in all dem Trubel eigentlich geschafft, das neue Haus f�r mich zu organisieren?�</p><p>�Wozu dient wohl die Stumme Rede? Und wof�r hat man j�ngere Mitarbeiter? Jetzt iss aber, anstatt dummes Zeug zu reden. Den Minizoo und deine �brigen Habseligkeiten kann ein Bote in deine neue Wohnung bringen,</p><p>am besten wohl Urf. Der kennt sich in deinem Haushalt doch schon aus.�</p><p>�Sie sind ja sehr gut �ber meine Lebensumst�nde informiert. Allerdings gibt es ein kleines Problem: In meinem Haus in der Stra�e der alten M�nzen befindet sich ein Kissen, das eine Ritze zwischen den Welten abdichtet.�</p><p>Juffin kicherte erst in sich hinein, lachte dann aber schallend los. Fragend sah ich ihn an. Woher mochte seine Heiterkeit r�hren?</p><p>�Das ist alles Quatsch, Max. Maba Kaloch hat blo� gescherzt. Er mag solche Witze. Du h�ttest dein Kissen nicht ann�hen m�ssen und kannst es mitnehmen, wohin du willst. Das Geheimnis liegt weder im noch unterm Kissen. Ach, Max, ich liebe deine unfreiwillige Komik.�</p><p>�Hab ich mich also schon wieder dumm angestellt?�</p><p>Mir wurde die Sache allm�hlich peinlich, obwohl der Scherz von Sir Maba gar nicht schlecht gewesen war.</p><p>�Ach, Schwamm dr�ber, Juffin. Ich hoffe nur, dass das Haus in der Stra�e der alten M�nzen nach meinem Wegzug nicht neu vermietet wird. Vielleicht kehre ich ja irgendwann dorthin zur�ck.�</p><p>�Das wird sich zeigen. Und jetzt befrei deinen Gefangenen.�</p><p>Der Reeder Agon, den die Strapazen der letzten Tage sichtlich ersch�pft hatten, meldete sich per Stummer Rede bei seinen Leidensgenossen und landete dann auf dem improvisierten Krankenlager.</p><p>M�de legte ich den Kopf auf den Tisch. Wir waren allesamt Leidensgenossen: die Opfer der G�rtelmode; die K�che, die den Ohrring Ochola tragen mussten; Melamori,</p><p>ich und die �brigen Besucher des Stadtteils Rendezvous sowie alle anderen, all die Opfer der Umst�nde - egal, ob sie durch Zauberspr�che oder Schicksalsschl�ge heraufbeschworen worden sein mochten.</p><p>�Alles halb so schlimm, mein Lieber�, h�rte ich Lady Sotova sagen. Ihre Stimme riss mich aus depressiven Gedanken und versetzte mich in die h�bsche Gegenwart zur�ck, in der mich eine Tasse frische Kamra und angenehme Arbeit erwarteten.</p><p>Ich l�chelte.</p><p>�Kaum treffe ich einen netten Menschen, zeigt sich, dass Gedankenlesen zu seinen Lieblingsbesch�ftigungen geh�rt.�</p><p>�Ach was, Max�, wiegelte die alte Lady ab. �Du hast blo� ein finsteres und niedergeschlagenes Gesicht gemacht - wie alle Leute, die �ber ihre Probleme gr�beln. Wo bleiben eigentlich die armen G�rteltr�ger?�</p><p>�Sotova, du bist fast eine Stunde fr�her dran als geplant�, meinte Juffin. �Hab noch etwas Geduld.�</p><p>�Du machst mir wirklich eine Freude, Juffin. Ich wei� nicht, wann ich zuletzt ein paar Minuten nichts zu tun hatte.�</p><p>�Mit einer l�ngeren Verschnaufpause kannst du leider nicht rechnen. Die G�rteltr�ger kommen jeden Moment. Da ist schon der Erste.�</p><p>Der Neuank�mmling war derselbe Mann, den Sir Kofa und ich am Anfang der ganzen Verwicklungen im Wirtshaus Gerb Iraschi gesehen hatten. So ein Zufall!</p><p>Die kleinen H�nde von Lady Sotova wirkten an den G�rteltr�gern wahre Wunder. Dabei stand ihr Mund nicht eine Sekunde still: Jedem Geheilten sprach sie ihr Mitgef�hl aus, machte sich dabei jedoch auf subtile Weise �ber ihn lustig. Danach mussten die gl�cklich Befreiten uns f�r eventuelle R�ckfragen noch mitteilen, wo sie sich in den n�chsten zw�lf Tagen aufhalten w�rden. Obwohl Kurusch �ber so viel langweilige Arbeit sehr emp�rt war, speicherte der treue Vogel die Informationen der G�rteltr�ger flei�ig. Der Arme konnte ohnehin nicht anders, denn sein ph�nomenales Ged�chtnis lie� ihn alles im Kopf behalten.</p><p>�Diese Leute werden doch keine Scherereien mit der Justiz bekommen, oder?�, wollte ich wissen.</p><p>�Nat�rlich nicht�, beruhigte mich Juffin. �Wie kann man jemanden verurteilen, der keinen freien Willen hat? Manchmal hast du wirklich seltsame Ideen. Der einzige Kandidat f�r eine Gerichtsverhandlung ist Reeder Agon, der auf eigene Initiative unerlaubte Handlungen begangen hat. Aber er soll m�glichst rasch ins sonnige Tascher verschwinden, denn er ist so �berfl�ssig wie ein Holzsplitter in der Ferse. Ach, Sotova - wir haben noch jemanden f�r dich, der dir bestimmt gef�llt. Komm, gehen wir nach nebenan.�</p><p>Dort lag der alte Gartuma Chatl Min auf seinem Krankenlager. Erstaunt stellte ich fest, dass sein Anblick in mir keinen Widerwillen ausl�ste. Gleich darauf wurde der Mann entlassen. Juffin dr�ckte ihm zum Abschied noch eine lange Liste von Handwerkern in die Hand, die ihm bei der Renovierung seines Hauses helfen konnten. Freilich war kaum damit zu rechnen, dass der alte Mann mit dieser Liste etwas anzufangen wusste.</p><p>Im Morgengrauen betrat ich mein neues Haus. Ella und Armstrong begleiteten mich durch alle sechs Zimmer und miauten dabei vorsichtig. Sir Juffin hat seltsame Vorstellungen davon, wie ein bescheidenes H�uschen auszusehen hat. Kaum hatte ich die Zimmer fl�chtig inspiziert, warf ich mich aufs Bett und schlief wie ein Stein. Diesmal tr�umte ich nicht von Melamori. Sie schien schon zu meiner Vergangenheit zu geh�ren.</p><p>Gegen Mittag weckte mich Kofa Joch per Stummer Rede.</p><p>�Ich warte im Goldenen Widder auf Sie, Sir Max. Ich sch�tze, Sie finden den Weg dorthin.�</p><p>�Juffin meint aber, die K�che dort sei furchtbar�, opponierte ich halbherzig.</p><p>�Das d�rfen Sie nicht ernst nehmen. Juffin geh�rt zu den schlimmsten Snobs von Echo - wie alle Provinzler, die seit �ber hundert Jahren in der Hauptstadt leben. Hier gef�llt es Ihnen sicher. �brigens erwartet Sie auch Ihr Schuldner.�</p><p>�Schuldner? Sir Kofa, bitte lassen Sie mich schlafen.�</p><p>�Es ist Kapit�n Gjata. Sie haben ihm doch das Leben gerettet, und er will sich nun erkenntlich erweisen. Ehrlich gesagt, Sir Max - ich will nicht neidisch sein, aber dieser Gjata hat ein ernstes Gesicht und genauso ernste Absichten. Er ist bereit, dreihundert Jahre auf Sie zu warten - Hauptsache, er kann seine Schulden begleichen. Je schneller Sie kommen, desto mehr kriegen Sie zu essen. Ende.�</p></section><section><p>Die Reise nach Kettari</p><p>Sch�nen Tag noch, Sir Nachtalptraum�, rief Melifaro mit einem L�cheln, das seine Gesichtsz�ge beinahe gesprengt h�tte.</p><p>�Gute Nacht, Sir Tagesschreck.�</p><p>Melifaro sah mich einen Moment verwirrt an und nickte dann begeistert.</p><p>�Hoho, gar kein so schlechter Witz! Hast du dir den selbst ausgedacht?�</p><p>�Nein, den hab ich von Lonely-Lokley.�</p><p>�Ach, komm�, meinte Melifaro und lachte los.</p><p>Wir sa�en im Fressfass. Mein Kollege a� nach einem harten Tag zu Abend, und ich fr�hst�ckte vor einer nicht minder anstrengenden Nacht. Gleich w�rde ich im B�ro sitzen, die berauschenden Fr�hlingsd�fte einatmen, die durchs halb ge�ffnete Fenster drangen, und mich nur zu bald mit Lonely-Lokleys therapeutischen Atem�bungen besch�ftigen m�ssen. Was die anging, war Sir Sch�rf -der Mann, der niemals lachte - Spezialist.</p><p>Fr�hling ist keine gute Zeit, um gebrochene Herzen zu heilen. Also war auch ich nicht der gl�cklichste Mensch. Wenn Melifaro mich etwas l�nger gekannt h�tte, w�ren ihm meine sarkastischen Untert�ne nicht entgangen. S�ndige Magister - ich war noch nicht mal ein halbes Jahr in Echo! Erstaunt sch�ttelte ich den Kopf.</p><p>�Was ist los?�, fragte Melifaro interessiert.</p><p>�Nichts. Ich hab nur daran gedacht, wie lange ich mich nun hier herumtreibe. Im letzten halben Jahr ist wirklich kaum etwas passiert und dennoch ...�</p><p>�... hast du in dieser Zeit viele Existenzen ruiniert�, beendete Melifaro meinen Satz. �Welche Zukunftspl�ne hast du eigentlich?�</p><p>�Nichts Spezielles. Auf die Dauer werdet ihr sowieso alle nach meiner Pfeife tanzen.�</p><p>�Sir Juffin hat mich gebeten, dir zu sagen, dass du nicht immer alles so ernst nehmen sollst�, meinte Melifaro. In seiner Stimme lag ein gewisser Neid.</p><p>�Will er mir schon wieder ein unbek�mmliches Abenteuer aufdr�cken? Da macht er sich falsche Hoffnungen: Ich kann alles verdauen!�, rief ich streitlustig.</p><p>Innerlich aber jauchzte ich vor Freude. Dass Sir Juffin mir eine unl�sbare Aufgabe aufhalsen wollte, war genau das, wonach ich mich seit Monaten sehnte.</p><p>Melifaro seufzte. �Er will dich unter vier Augen sprechen. Auf seiner Stirn steht ein furchtbares Geheimnis. Ich glaube, du wirst vielen entlaufenen Magistern die Kehle durchbei�en m�ssen - und ich werde vermutlich mein Leben lang nur ein ahnungsloser Beobachter eurer heillosen Intrigen bleiben.�</p><p>�Na dann geh ich mal ins Haus an der Br�cke. Heillose Intrigen? Das klingt sehr verhei�ungsvoll.�</p><p>�Was ist, willst du nicht aufessen? Du brennst wohl darauf, an die Arbeit zu gehen, Sir Nachtantlitz?�</p><p>�Ich will weder aufessen noch bezahlen�, sagte ich leichthin und schl�pfte in meinen Todesmantel. �Ich bin so Furcht erregend, dass ich mir alles erlauben kann.�</p><p>Mit diesen Worten verschwand ich. Melifaro h�tte sieher noch stundenlang plaudern k�nnen, doch mich erf�llte inzwischen eine merkw�rdige Mischung aus Hoffnung und Neugier.</p><p>Sir Juffin schnupperte an seinem Krug Kamra, nickte zufrieden und goss sich etwas ein.</p><p>�Um mal was Neues auszuprobieren, hab ich die Kamra nicht aus dem Fressfass, sondern aus dem Dicken Mann in der Kurve kommen lassen. Ich wollte n�mlich erfahren, wie die Frau unseres guten Sir Lukfi ihren Lebensunterhalt verdient. Es hat sich gezeigt, dass sie das gar nicht schlecht macht. Bist du schon mal in ihrem Gasthaus gewesen?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das ist schlimm, wenn nicht gar unkollegial. Die Wirtin dort ist doch die Ehefrau unseres Mitarbeiters Penz. Also sind wir quasi moralisch verpflichtet, ab und an bei ihr einzukehren. Aber setz dich, Max. Von mir aus h�ttest du gern in Ruhe zu Ende essen k�nnen. Offen gesagt verstehe ich dich nicht: Du ziehst die Arbeit anscheinend kulinarischen Gen�ssen vor.�</p><p>�Sie sind gut informiert�, st�hnte ich. �Sie wissen wirklich alles �ber mich. Sogar, was ich auf dem Teller liegen lasse.�</p><p>�Ich wei� nicht alles, Max - nur das Wichtigste. Aber jetzt muss ich mal ernsthaft mit dir reden. Ich will dich mit einem neuen Fall �berraschen.�</p><p>�Na endlich�, sagte ich erwartungsfroh und fischte in meiner Tasche nach dem P�ckchen Zigaretten, das ich mir zum Gl�ck durch die praktische Ritze zwischen den Welten hatte angeln k�nnen, die sich unter meinem Kopfkissen befand.</p><p>Das p�dagogische System von Sir Maba Kaloch l�sst sich so zusammenfassen: Es gibt viele kleine Zuckerbrote und weit und breit keine Peitsche. Und dieses System funktioniert bestens. Der Geschmack des hiesigen Tabaks widerte mich an, und ich befasste mich tags�ber fast nur damit, Zigaretten aus meiner alten Heimat zu organisieren, ohne mir den Kopf dar�ber zu zerbrechen, wie das eigentlich funktionierte.</p><p>�Von Anfang hat hatte ich diese Aufgabe f�r dich reserviert�, begann Juffin. �Aber ich dachte, wir w�rden viel mehr Zeit brauchen, bis du dich an unsere Welt gew�hnt h�ttest. Inzwischen hat sich allerdings herausgestellt, dass du dich wunderbar eingelebt hast.�</p><p>�Das sehe ich auch so�, meinte ich und nickte bekr�ftigend.</p><p>�Tja�, sagte Juffin und zuckte die Achseln, �dein Tempo ist mir geradezu unheimlich. Und obwohl ich seit langem wei�, wie flink du bist, staune ich noch immer. Aber ich bin �berzeugt, du schaffst es. Auch der Moment ist g�nstig. Eine kleine Reise ans Ende der Welt ist genau das, was du jetzt brauchen kannst, stimmt's?�</p><p>�Juffin�, bat ich leise, �spannen Sie mich nicht l�nger auf die Folter. Sie haben mich so neugierig gemacht, dass mir der Kopf schwirrt.�</p><p>�Ich will dich nicht auf die Folter spannen, Max. Ich warte blo�, bis du dich gesetzt und dir noch etwas Kamra genommen hast. Mach es dir bequem, rauch eine Zigarette und sei auf eine lange und komplizierte Geschichte gefasst.�</p><p>�Ich liebe lange und komplizierte Geschichten, Sir.�</p><p>�In meiner Heimatstadt Kettari geht etwas Merkw�rdiges vor.�</p><p>Mir klappte die Kinnlade runter. So einen Anfang hatte ich wirklich nicht erwartet. Juffin l�chelte verst�ndnisvoll.</p><p>�Deine Kenntnisse der Geografie des Vereinigten K�nigreichs scheinen mir nicht besonders sattelfest.�</p><p>�Sir, Sie brauchen meine Eigenliebe nicht zu schonen -die lasse ich immer zu Hause. Und von der hiesigen Geografie habe ich absolut keine Ahnung.�</p><p>Juffin nickte und breitete eine Karte aus, die ich fasziniert studierte. Die hiesige Kartografie ist eine Kunst f�r sich. Mit dem kurz geschnittenen Nagel seines rechten kleinen Fingers tippte mein Chef auf einen kleinen Fleck, der irgendwo im Westen in den Bergen lag.</p><p>�Das ist Kettari. Und hier ist Echo, siehst du?�, meinte er und zeigte mit dem Fingernagel auf einen anderen Fleck am unteren Kartenrand. �Das ist nicht allzu weit, aber auch nicht nah. Wei�t du, was dieses runde Zeichen hier bedeutet?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dass sich die Bewohner der Stadt vor allem mit Kunsthandwerk besch�ftigen. Seit eh und je ist Kettari f�r seine Teppiche ber�hmt. Auch in meiner Jugend waren sie unnachahmlich, obwohl es auf der Welt damals viel mehr h�bsche Dinge gab als heute. So sch�ne Teppiche wie dort werden noch immer nirgendwo sonst gefertigt. Nat�rlich gibt es zwischen Echo und Kettari rege Handelsbeziehungen, denn hier sch�tzt man Luxuswaren.�</p><p>�Der gro�e bernsteinfarbene Teppich in Ihrem Wohnzimmer ist aus Kettari, stimmt's?�</p><p>�Richtig. Wie bist du darauf gekommen?�</p><p>�Am Rand ist Made in Kettari eingestickt�, meinte ich lachend. Juffin lachte nat�rlich auch.</p><p>�Jetzt aber genug, Junge. Willst du meine Geschichte �berhaupt h�ren?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, rief ich, schenkte mir Kamra nach und bem�hte mich um eine konzentrierte Miene. �Bitte erz�hlen Sie weiter!�</p><p>�Vor einigen Dutzend Jahren ist in Echo die Sitte aufgekommen, in gro�en Karawanen nach Kettari zu reisen. Das ist bequem, und darum hat sich keiner �ber diese Neuerung gewundert. Schon damals fiel mir auf, dass jede Karawane von einem Mann aus Kettari gef�hrt wurde, doch wenn sich meine Landsleute etwas dazuverdienen wollen - so dachte ich -, sollte ich sie daran nicht hindern. Nat�rlich wollten nicht alle zum Eink�ufen mit einer gro�en Karawane unterwegs sein und f�r die Dienste eines F�hrers bezahlen. Manche T�lpel aus der Hauptstadt allerdings konnten den Weg nach Kettari allein nicht finden, kehrten unverrichteter Dinge zur�ck und verbreiteten das Ger�cht, die Stadt sei zerst�rt. Man sollte dar�ber nicht staunen: Es gibt viele Tr�pfe, denen jede Behauptung recht ist, um ihre Dummheit zu bem�nteln. Solche Vorf�lle �berzeugten die hiesigen H�ndler, der Obolus f�r den Karawanenf�hrer sei das kleinere �bel. Schlie�lich will niemand seine Zeit oder sein Hab und Gut verlieren und zum Gesp�tt aller werden.�</p><p>�Einigerma�en aufgeweckte Erwachsene haben also den Weg nach Kettari nicht finden k�nnen?�, fragte ich erstaunt. �Sind die Stra�en hier wirklich so schlecht?�</p><p>�Gute Frage, Max. Schon viele haben dar�ber gestaunt, wie es m�glich war, den Weg zu verfehlen. Die Grafschaft Schimara ist nicht die am weitesten entfernte Provinz und Kettari beileibe kein Dorf. Die Karawanenf�hrer haben die Schwierigkeiten mancher Reisender damit erkl�rt, dass viele Kleinst�dte rund um Kettari in der Traurigen Zeit zerst�rt wurden. Da diese St�dtchen wirtschaftlich von den Provinzsitzen der zahlreichen Orden abh�ngig waren, hatte es keinen Sinn, sie nach Aufl�sung der Orden wieder aufzubauen. Die Karawanenf�hrer berichteten auch von zerst�rten Stra�en. Das fand ich schon damals �beraus seltsam. Ich habe noch nie davon geh�rt, dass in der Traurigen Zeit Stra�en zerst�rt wurden. Warum h�tte man das tun sollen? Allerdings gab es mal einen lustigen Vorfall mit dem Gro�en Magister des Ordens vom Geheimen Kraut, der �brigens ein naher Verwandter von Sir Melifaro ist. Nachdem er Echo verlassen hatte, hatte er das Gef�hl, er werde verfolgt, und hat daraufhin die Stra�e so verschoben, dass sie direkt in den Himmel f�hrte. Das war kein schlechter Anblick: Man fuhr so vor sich hin und merkte pl�tzlich, dass die Stra�e in die Wolken zielt. Ich habe dem Gro�en Magister Nuflin Moni Mach vorgeschlagen, die Stra�e zu lassen, wie sie war, aber damals war er noch nicht so nachgiebig wie heute und hat darauf bestanden, sie reparieren zu lassen. Das Ganze ist �brigens nicht irgendwo in der Grafschaft Schimara passiert, sondern am Rande der Provinz Echo. Darum hab ich sehr �ber die zerst�rten Stra�en gestaunt, von denen die Karawanenf�hrer berichteten. Dann dachte ich mir, den F�hrern sei immer zu trauen gewesen - warum soll man ihnen also nicht weiter glauben? Schlie�lich kehren unsere H�ndler reich mit Teppichen beladen aus Kettari zur�ck, und auch sie beklagen sich �ber den erb�rmlichen Zustand der Stra�en. Die Teppiche sehen eigentlich stets pr�chtig aus, und die Reisenden berichten immer von der Sch�nheit und dem Reichtum meiner Heimatstadt. Ich wei� nicht recht: In meiner Erinnerung war Kettari nie ein bl�hendes kulturelles Zentrum. Aber manchmal �ndert sich ja etwas -mitunter sogar zum Besseren.�</p><p>�Und wie lange, Sir Juffin, waren Sie nicht mehr in Kettari?�</p><p>�Sehr lange. Und ich bezweifle, dass ich je zur�ckkehren werde. Dort habe ich keine Freunde oder Verwandten - also gibt es f�r mich weder Verpflichtung noch Bed�rfnis, der Stadt einen Besuch abzustatten. Und sentimental bin ich ebenso wenig wie du. Aber darum geht es auch gar nicht. Ich empfinde so etwas wie ein Tabu: Ich wei�, dass ich nicht nach Kettari reisen darf. Und nach meiner Erfahrung ist so ein Tabu das Einzige, was z�hlt. Kennst du dieses Gef�hl, Max?�</p><p>Gedankenverloren spielte ich mit einer Zigarettenkippe.</p><p>�Ich glaube, ich wei�, wovon Sie reden. Tabus haben gro�e Kraft. Ich habe allerdings manchmal Probleme, sie von banalen paranoiden Gedanken und Gewohnheiten zu unterscheiden, die einem den ganzen Tag durch den Kopf gehen. Das verstehen Sie doch, oder?�</p><p>�Nat�rlich. Am wichtigsten ist es, seine Gef�hle klar zu sp�ren. Aber zur�ck zur Sache. Vor ein paar Jahren ist mir eine merkw�rdige Geschichte passiert. In mein B�ro kamen zwei fl�chtige Verbrecher. Der eine rief laut, sie m�ssten unbedingt den Ehrw�rdigen Leiter sprechen. Der andere schwieg und musterte die ganze Zeit einen Punkt an der Wand. Die beiden waren durch den Teil des Hauses an der Br�cke spaziert, in dem die Stadtpolizei untergebracht ist, und dort wegen einer Kleinigkeit in Arrest genommen worden. Ihnen war die Flucht gelungen, was mich bei dem ganzen Chaos in Bubutas Beh�rde nicht wundert. Einer der Entflohenen - ein Mann namens Moti Fara - war mein Landsmann. Genau wie ich war er seit Jahren nicht in Kettari gewesen, seit Beginn der Epoche des Gesetzbuchs oder sogar l�nger. Dann aber war er in eine schwierige Lage geraten und hatte gedacht, seine Heimatstadt sei kein schlechter Ort, um sich vor der Stadtpolizei von Echo zu verstecken. Also war er mit seinem Kameraden nach Kettari gereist, und dabei hatten die beiden sich verirrt.�</p><p>�Ist das die ganze Geschichte?�, fragte ich etwas �berrascht. �Vielleicht ist Ihr Landsmann etwas beschr�nkt?�</p><p>�Den Eindruck hat er mir nicht gemacht�, stellte Juffin trocken fest. �Nach meiner bescheidenen Einsch�tzung w�re Sir Moti klug genug gewesen, den Weg in seine Heimatstadt zu finden. Aber es hat einfach nicht klappen wollen, und die beiden sind nach Echo zur�ckgekehrt und haben sich dem Kleinen Geheimen Suchtrupp gestellt, um sich nicht weiter verbergen zu m�ssen. Als sie um ein Treffen mit mir baten, hat meine Neugier mir nicht erlaubt, abzulehnen. Schlie�lich haben die Leute hier selten solche Ideen.�</p><p>�Oft haben sie noch viel seltsamere Ideen�, murmelte ich.</p><p>�Eigentlich hast du Recht�, meinte Juffin und l�chelte. �Doch wir aus Kettari sind eher praktisch veranlagt. Aber lass dich nicht ablenken - das Interessanteste kommt erst.�</p><p>�Verzeihen Sie, Juffin. Ich bin heute etwas schlecht gelaunt.�</p><p>�Allerdings! In letzter Zeit bist du so schlecht gelaunt, dass es wehtut, dich nur anzusehen�, sagte mein Chef seufzend, erhob sich, kam zu mir und zog mich �berfallartig am Ohr. Das war so unangenehm, dass ich nerv�s loskicherte. Als ich mich beruhigt hatte, stellte ich fest, dass die schlechte Laune verschwunden war. Sogar mein gebrochenes Herz schien genesen.</p><p>�Du hast dir eine Atempause verdient�, sagte Juffin und legte mir seine Pranke auf die Schulter. �Das ist mein kleines Geschenk f�r dich. Eigentlich m�sstest du all diese Dinge allein durchstehen, aber Ausnahmen best�tigen die Regel. Zudem bin ich diesmal ganz besonders auf deine Nase angewiesen. Alles klar?�</p><p>Ich nickte schweigend und genoss, dass der l�hmende Schmerz in der Brust, der so lange mein treuer Begleiter gewesen war, verschwunden war. Juffin setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und fuhr fort: �Mein Landsmann schien zu Tode erschrocken und versicherte wiederholt, Kettari sei zerst�rt und liege in Ruinen. Sein Begleiter war v�llig durcheinander und musste ins Irrenhaus gebracht werden, wo er die ganze Zeit schwieg. Moti Fara hingegen machte auf mich einen ganz klaren Eindruck. Er sagte mir, zwei Jahre im Gef�ngnis Nunda - denn genau die drohten ihm - seien nichts dagegen, dass seine geliebte Heimatstadt nicht mehr existiere. Dann machte mein patriotischer Landsmann diese Geste hier ...�, sagte Juffin und tippte sich mit dem Zeigefinger zweimal an die Nase, �... und prophezeite mir, ich w�rde ihn - falls er fliehen sollte - nicht verfolgen, weil wir Landsleute seien. Dieses Nasenpochen ist unsere Lieblingsgeste. Sie bedeutet, dass sich zwei vern�nftige Menschen immer verst�ndigen k�nnen. Ich war so ger�hrt,</p><p>dass ich ihn am liebsten sofort freigelassen h�tte, doch leider hatten Bubutas Leute schon herausgefunden, dass er bei mir war. Das sind wahre Patrioten!�</p><p>Ich konnte mir ein L�cheln nicht verkneifen, so m�rderisch ironisch klang die Stimme meines Chefs.</p><p>�Aber weiter im Text, Max. Einige Tage sp�ter kam wieder eine mit Teppichen beladene Karawane aus Kettari zur�ck, und erneut gab es einige Leute, die davon schw�rmten, wie pr�chtig meine Heimatstadt bl�he. Eigentlich h�tten mich diese Nachrichten beruhigen und davon �berzeugen sollen, dass meine beiden geflohenen Landsleute sich verirrt haben und in einer der zerst�rten Kleinst�dte rings um Kettari gelandet sein mussten. Aber eine innere Stimme sagte mir, so einfach sei die Sache nicht. Und wenn ich ein Problem l�nger als einen Tag w�lze, ist das ein klares Zeichen daf�r, dass etwas nicht stimmt. Nur wenn die Dinge einigerma�en im Lot sind, schlafe ich ruhig. So ein Wesen bin ich. Bei dir ist's genauso, stimmt's?�</p><p>Juffin l�chelte, goss mir noch eine Tasse Kamra ein und berichtete weiter: �Zu allem �berfluss schickte mein Landsmann mir obendrein Briefe. Das Wappen des K�niglichen Gef�ngnisses Nunda steht mir bis heute vor Augen. Ich musste f�r Motis Korrespondenz sogar eine eigene Schublade einrichten, damit seine vielen Briefe nicht zwischen andere Unterlagen gerieten. Inhaltlich unterscheiden sich die Briefe kaum. Am besten, du schaust dir mal einen an. Er steht nat�rlich auf Papier, weil Gefangene keine sich selbst beschriftenden Tafeln benutzen d�rfen. Aber soweit ich wei�, kommst du mit Papier klar.�</p><p>Juffin �ffnete eine Schatulle, nahm ein quadratisches Blatt heraus und gab es mir. Neugierig begann ich, die stark nach rechts geneigte Handschrift zu lesen:</p><p>Siz Ehrw�rdiger Leiter,</p><p>ich f�rchte, Sie haben mir keinen Glauben geschenkt, doch die Stadt Kettari ist wirklich untergegangen. Au�er Ruinen steht dort nichts mehr. Ich habe mich nicht verirrt, denn ich kenne meine Heimat wie meine Westentasche. Ich erinnere mich an sieben Wacharib�ume am Stadttor - die B�ume stehen noch, das Stadttor nicht. Nur ein Haufen Steine und Reste der Steinmetzarbeiten des alten Kwawa Ulon sind �brig geblieben.</p><p>Ich gab Juffin den Brief zur�ck. Mein Chef drehte ihn gedankenverloren in den H�nden und legte ihn wieder in die Schatulle.</p><p>�Dann ist er gestorben, der arme Pechvogel. �ber ein Jahr ist das schon her. Dies hier nun ist sein letzter Brief, der sich ein wenig von den anderen unterscheidet. Auch f�r seine Korrespondenz gilt die Regel: Je sp�ter, desto interessanter.�</p><p>Erneut reichte er mir ein quadratisches Blatt, und wieder las ich die mir nun schon bekannte Handschrift.</p><p>Sir Ehrw�rdiger Leiter,</p><p>wieder habe ich mich entschlossen, Ihnen ein wenig Zeit zu rauben. Ich hoffe, dass Sie meine Briefe �berhaupt bekommen. Heute Nacht konnte ich wieder nicht schlafen. Immer wieder musste ich an die Tr�mmer des Stadttors denken, die ich neben den B�umen entdeckt hatte. Und ich erinnerte mich daran, wie lange Sacho und ich zwischen den Ruinen herumgeirrt sind. Bestimmt hat er dabei den Verstand verloren - und ich das Ged�chtnis. Bis jetzt war ich �berzeugt, dass wir die Stadt sofort verlassen hatten, heute Nacht aber habe ich mich daran erinnert, dass wir in den Ruinen sogar mein Haus gefunden haben. Und Sacho sagte, ich w�rde mich unn�tz auf regen: Hier st�nden doch �berall pr�chtige H�user, schr�g gegen�ber sei ein herrlicher Park, und �berall w�rden gl�ckliche Menschen spazieren gehen. Aber ich entdeckte nichts davon. Und als mein Freund dorthin lief, wo er viele Spazierg�nger zu sehen glaubte, suchte ich lange nach ihm. Manchmal h�rte ich fremde Stimmen, aber aus so gro�er Entfernung, dass ich nichts verstand. Nur einmal bekam ich mit, dass vom alten Sheriff Machi Ainti die Rede war, und staunte sehr dar�ber: Schlie�lich ist dieser Mann schon dreihundert fahre tot, starb also zu einer Zeit, da selbst meine Eltern noch nicht geboren waren. Jedenfalls sagte jemand, der alte Sheriff werde zur�ckkehren und die Ordnung wiederherstellen. Dann fand ich meinen Freund Sacho. Er sa� auf einem Stein, weinte und antwortete nicht auf meine Fragen. Ich nahm ihn an der Hand, und wir kehrten nach Echo zur�ck. Sir Ehrw�rdiger Leiter, denken Sie bitte nicht, dass ich hier etwas zusammenfabuliere. An diese Details konnte ich mich erst heute Nacht wieder erinnern, und ich zweifle sehr, dass mir nun alles pr�sent ist, was uns dort geschah. Ich bitte Sie, Sir: Versuchen Sie herauszufinden, was in Kettari los ist. Ich habe das St�dtchen immer geliebt und meine kleine Schwester dort zur�ckgelassen. Wenn ich aus dem Gef�ngnis komme, was bald der Fall sein wird, will ich sie unbedingt finden.</p><p>Mit diesen Worten endete der Brief. Das kleine St�ck Papier hatte offenbar nicht gereicht, alle Gedanken des ungl�cklichen Mannes aufzuzeichnen.</p><p>�Woran ist er eigentlich gestorben?�, fragte ich.</p><p>�Gute Frage. Alles ging sehr schnell. Er war bei herrlichem Wetter spazieren, als pl�tzlich der Blitz einschlug. Von dem armen Mann blieb nur ein H�ufchen Asche. Dann donnerte es, und ein Wolkenbruch prasselte nieder. Zwei Dutzend Tage regnete es ununterbrochen, und das Erdgeschoss des Gef�ngnisses stand unter Wasser. Damals sind �ber ein Dutzend Gefangene geflohen. Nunda ist n�mlich nicht so gut bewacht wie Cholomi. Wei�t du, Max - von Anfang an war ich geneigt, meinem Landsmann zu glauben. Sein Ged�chtnisverlust ist nur ein Zeichen daf�r, welch enormer Macht er sich gegen�bersah. Wie stark mag er sich erschreckt haben, um die Erinnerung zu verlieren? Seit dem letzten Brief und seinem merkw�rdigen Tod bin ich sicher, dass er mich auf die Spur einer der seltsamsten Geschichten gebracht hat, die ich je ... Hast du eine Frage, Max?�</p><p>�Ja. Gibt es - von Abenteuern und �ngsten Ihrer ungl�cklichen Landsleute abgesehen - etwas, wovon Sie mir noch nicht erz�hlt haben?�</p><p>�Bravo, Max. Deine Intuition funktioniert einwandfrei - auch wenn sie gar nicht n�tig ist, denn ich wollte dir sowieso davon berichten. Es gibt eigentlich nichts Besonderes, keine hei�e Spur, nur eine kleine Beobachtung. Wei�t du, ich hatte solche Zweifel, dass ich mir die Teppiche, die aus Kettari kamen, genau ansah. Ich w�rde meinen Kopf verwetten, dass sie ein wenig nach Verbotener Magie gerochen haben - auch wenn sie ohne solche Magie hergestellt worden sein m�gen. Seltsam: Bisher konnte ich Magie selbst an Menschen sp�ren, die - wie du - bis �ber beide Ohren in einer mysteri�sen Sache steckten, ohne es zu merken. Aber dass auch Gegenst�nde derart magisch aufgeladen sein k�nnen, ohne offensichtliche Zeichen dieser Aufladung zu zeigen, ist mir neu.�</p><p>Ich zuckte die Achseln. �Und das Haus von Sir Maba Kaloch? Es ist doch von Magie umgeben, damit man es nicht finden kann! Und es ist doch wohl ein lebloser Gegenstand - oder hab ich da schon wieder etwas missverstanden?�</p><p>�Nein, du hast v�llig Recht. Au�erdem hast du mir best�tigt, dass ich die beste L�sung f�r dieses kleine, aber interessante Problem gefunden habe.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>Trotz meiner Frage wusste mein Herz die Antwort bereits und machte einen Freudensprung. Juffin nickte gedankenverloren.</p><p>�Erraten, Max - du schlie�t dich einer Karawane nach Kettari an und findest heraus, wie der Hase l�uft. Schlimmstenfalls bringst du dir nur einen neuen Teppich mit. Du musst deine Wohnung ja noch einrichten. Wenn mich schon ein Tabu daran hindert, selbst in meine Heimat zu fahren, kannst wenigstens du es versuchen. Das macht keinen Unterschied.�</p><p>�Wieso nicht? Ich bin zwar bereit, diese Reise f�r Sie zu machen, aber besonders n�tzlich werde ich nicht sein.�</p><p>�Woher willst du das denn wissen? Geheimnisse offenbaren sich am liebsten Neulingen - vor allem Gl�ckspilzen wie dir. Wir �lteren, erfahrenen Leute bleiben besser zu Hause und machen uns Gedanken. Ich bin schon vor l�ngerer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass dieser Fall wie geschaffen f�r dich ist. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass du so schnell reif daf�r w�rst. Na ja, andererseits glaube ich nicht, dass der Einsatz besonders gef�hrlich wird.�</p><p>�Ach nein? Als Sie mich ins Gef�ngnis Cholomi schickten, um mit dem kurzbeinigen Gespenst aufzur�umen, waren Sie sich auch gewiss, dass ich alles rasch l�sen w�rde. Und was ist daraus geworden?�</p><p>�Na was schon? Du hast alles bravour�s erledigt - wie ich es prophezeit hatte.�</p><p>�Fast h�tte ich alles verdorben - sogar zweimal nacheinander.�</p><p>"Fast z�hlt nicht, Max. Du musstest schnell handeln und hast einige Entscheidungen darum etwas nerv�s getroffen. F�r jemanden, der damals erst hundert Tage in unserer Welt gelebt hat, ist das v�llig normal - findest du nicht?�</p><p>�Melifaro hat sich eine nette Geschichte �ber mich ausgedacht. Er sagt, ich sei ein entlaufener rebellischer Magister, der sein Ged�chtnis verlor, als er einen Schlag auf den Kopf bekommen hat. Sind Sie sicher, dass es nicht so war, Sir?�</p><p>Diese Hypothese brachte Juffin zum Lachen. Ich wartete kurz und fuhr dann fort: �Sie wissen doch, dass ich gegen Gefahr nichts einzuwenden habe - besonders dann nicht, wenn ich monatelang B�rodienst geschoben habe. Aber erkl�ren Sie mir bitte, warum Sie davon ausgehen, die Reise sei ungef�hrlich. Haben Sie keine dunklen Ahnungen?�</p><p>Juffin nickte ernst.</p><p>�Ahnungen habe ich schon - und mehr als das. �ber Kettari habe ich schon mit Sir Maba Kaloch gesprochen. Er wei� �ber die ganze Sache Bescheid, hat aber seine eigene Meinung �ber die Situation, wie du dir wahrscheinlich bereits gedacht hast. Er hat mich beruhigt und gemeint, was auch immer dort passiert sei, bedrohe den Rest der Welt nicht, und man solle sich daher lieber mit heiteren Dingen befassen. Selbstverst�ndlich hat Maba Kaloch sehr eigene Ansichten dar�ber, was heitere Dinge sind. Au�erdem ist der alte Mann von der Idee begeistert, dass du hinf�hrst. Ich w�sste gern, warum. Wie auch immer - ich m�chte alle Details dieser Geschichte erfahren, f�r die ich mich stets mehr interessiert habe, als es meine Pflicht gewesen w�re. Und ich habe jetzt einen exzellenten Grund, dein nicht besonders leichtes Leben noch schwerer zu machen. Was sagst du dazu?�</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich Ihnen danken soll. Wer ist eigentlich dieser alte Sheriff von Kettari? Dieser Machi Ainti, von dem im letzten Brief Ihres Landsmanns die Rede war? Sie waren doch auch mal Sheriff dort. Haben Sie sich etwa unter anderem Namen in Echo eingeschlichen, Sir?�</p><p>�Ich? Unsinn! Ich war Sir Machis Nachfolger, und eine Zeit lang war der alte Herr sogar mein Chef. Wenn man dich in dreihundert Jahren fragt, wer eigentlich Juffin Halli war, und du Lust haben solltest, diese Frage zu beantworten, dann erz�hl von mir das Gleiche, was ich dir �ber Machi berichten k�nnte. �brigens hat mich der Alte nicht aus einer anderen Welt abschleppen m�ssen. Nur wir zwei sind echte Sonderlinge.�</p><p>Fragend sah ich Sir Juffin an. Hatte also Machi Ainti ihm all die wunderbaren Dinge beigebracht, die man als Unsichtbare oder Wirkliche Magie bezeichnet? Mein Chef nickte best�tigend. Er wusste, welche Frage mir auf der Zunge lag. Unser tiefes gegenseitiges Verst�ndnis jagte mir einen Schauer �ber den R�cken.</p><p>�Ich kann nur erg�nzen, dass der alte Mann vor dreihundert Jahren verschwand. Na ja, eigentlich hat er Kettari verlassen und mir zum Abschied gesagt: �Jetzt bist du an der Reihe, Juffin. Und versuch ja nicht, dich per Stummer Rede bei mir zu melden - davon w�rdest du nur Kopfweh kriegen.- Machi ist immer sehr schweigsam gewesen - ganz anders als ich. Mit mir hast du wirklich einen guten Vorgesetzten erwischt, Max - bedank dich daf�r bei den Dunklen Magistern.�</p><p>�Das tu ich jeden Tag. Die Leute in meiner Umgebung k�nnen das kaum mehr ertragen�, meinte ich und lachte. �Wann soll ich eigentlich reisen, Juffin?�</p><p>�Alle vierundzwanzig Tage bricht eine Karawane nach Kettari auf. Wenn ich mich nicht irre, zieht die n�chste in vier Tagen los. Ich hoffe, bis dahin sind wir mit allem fertig.�</p><p>�Mit allem? Ich dachte, die Vorbereitungen w�ren erledigt.�</p><p>�Wir haben noch nicht mal damit angefangen! �brigens f�hrst du nicht allein - und dar�ber lasse ich nicht mit mir reden. Das ist keine Laune von mir, sondern entspricht den Vorschriften.�</p><p>�Ich beklag mich ja gar nicht. Mit wem soll ich denn fahren?�</p><p>�Zun�chst w�rde ich gern deinen Vorschlag h�ren.�</p><p>�Ich bin ein Gewohnheitstier. Wenn ich irgendwo hinfahren soll, dann nur mit Lonely-Lokley. Ich war schon mal mit ihm unterwegs, und das hat mir sehr gefallen. Aber wer wird hier den Verbrechern Angst einjagen, wenn wir die Stadt verlassen?�</p><p>�Keine Sorge, Max�, meinte Juffin l�chelnd. �Du hast mich noch nicht im Einsatz erlebt. Vielleicht verj�ngt mich das etwas - in eurer Gesellschaft bin ich n�mlich ziemlich eingerostet. Und Kofa Joch muss auch ein wenig wachger�ttelt werden.�</p><p>�Wirklich?�, fragte ich leicht ver�rgert. �Ich w�re nie auf die Idee gekommen, Sie m�ssten sich verj�ngen. Aber wie ich sehe, sind Sie damit einverstanden, dass Sir Sch�rf mich begleitet.�</p><p>�Wie sollte es anders sein? Ich h�tte Lonely-Lokley ohnehin zu deinem Partner bestimmt und wollte nur herausfinden, ob du von selbst darauf kommen oder im Dunkeln tappen w�rdest. Du hast es geschafft - Gl�ckwunsch!�</p><p>�Vermutlich m�ssen wir getarnt reisen. Schlie�lich kennt ganz Echo Sir Schurfs Gesicht, und bestimmt m�chte niemand in Gesellschaft zweier Geheimagenten unterwegs sein�, meinte ich und sah Juffin fragend an. �Na, hab ich noch immer Recht?�</p><p>�Bis jetzt schon. Erz�hl mir, was dir zu diesem Auftrag noch so durch den Kopf geht.�</p><p>�Ich bin recht unauff�llig�, stellte ich mit Nachdruck fest. �Aber was Sch�rf anlangt, k�nnen wir nur hoffen, dass Sir Kofa sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit ver�ndern kann.�</p><p>�Jetzt aber nicht mehr.�</p><p>Verwirrt sah ich meinen Chef an und begriff.</p><p>�Ach so, jetzt hab ich nicht mehr Recht.�</p><p>�Allerdings nicht�, meinte Juffin ausgesprochen belustigt. �Du bist wirklich bescheiden, Max. Wenn wir mit jemandem Probleme haben, dann mit dir, mein Junge. Anscheinend bist du kein so guter Beobachter. Sch�rf sieht zwar - den Magistern sei Dank! - nicht besonders angenehm aus, aber in der Stadt gibt es Tausende, die ihm �hneln. Man muss nur seine Haarfarbe �ndern, ihm etwas anderes als seinen geliebten wei�en Lochimantel zum Anziehen geben und ihm die Handschuhe wegnehmen. Dann wirst selbst du ihn nicht mehr erkennen. In Echo gibt es schlie�lich viele gro� gewachsene M�nner.�</p><p>�Umso besser. Aber warum sollte es mit mir Probleme geben? Hab ich so ein ungew�hnliches Gesicht?�</p><p>�Leider ja. Oder hast du in Echo schon jemanden getroffen, den man f�r deinen Bruder oder deine Schwester halten k�nnte?�</p><p>Bedauernd zuckte ich die Achseln. �Ehrlich gesagt habe ich mich bisher nicht mit solchen Kleinigkeiten befasst.�</p><p>�Du bist ein seltsamer Vogel. Aber darum geht es nicht. Sir Kofa kann dein Gesicht nach Belieben �ndern - das Problem aber liegt in deinem Akzent.�</p><p>�Hab ich denn Ak ...�, begann ich und verstummte err�tend.</p><p>�Nat�rlich. Aber du merkst es nicht. Die halbe Stadt wei�, dass nur Sir Max - der Tr�ger des Todesmantels -so merkw�rdig redet. Du wirst sofort erkannt, egal, wie du dich vermummst. Und deine Stumme Rede ist manchmal kaum zu verstehen.�</p><p>�Was soll ich tun? Soll ich mich als stumm ausgeben?�</p><p>�Unsinn - Stumme beherrschen die Stumme Rede doch besser als alle anderen! Aber cool bleiben, Max -wir machen aus dir eine schicke Dame. Du wirst staunen.�</p><p>�Eine Dame? Schick? Aus mir?�, fragte ich verdattert.</p><p>�Was gibt es da zu staunen? Sir Kofa wird an deinem Gesicht und deiner Stimme arbeiten, und wir lassen dir eine Per�cke machen - wo ist das Problem?�</p><p>�Dann bin ich in dieser Saison die Hauptlachnummer im Haus an der Br�cke. Juffin, verraten Sie mir bitte, was f�r eine Frau sich aus mir machen l�sst.�</p><p>�Eine gro� gewachsene, d�nne Frau mit breiten Schultern. M�nnern wird das vermutlich nicht sehr gefallen�, stellte Juffin unger�hrt fest. �Aber das ist nur f�r Lonely-Lokley ein Problem, denn er muss mit einer nicht eben h�bschen Gattin reisen.�</p><p>�Gattin? Sie machen Witze, oder?�, rief ich und h�tte beinahe losgeheult.</p><p>�Was ist mit deinem Gehirn los, Max?�, fragte mein Chef k�hl. �Nat�rlich werdet ihr euch als Ehepaar ausgeben. Nach Kettari f�hrt man nun mal meist zu zweit und verbindet das Angenehme mit dem N�tzlichen: den Kauf eines Teppichs mit einem Urlaub. Wenn in der Karawane eine Frau mit deinem Akzent unterwegs ist, denken alle, sie sei deine Landsm�nnin. Warum sollte ein anst�ndiger Herr aus Echo nicht eine Frau aus den Leeren L�ndern heiraten? Hier mag man Exotik. Ihr werdet also keinen Verdacht auf euch lenken. Jetzt sieh mich bitte nicht so an - was gibt es denn da zu sorgen?�</p><p>Das konnte ich selbst nicht erkl�ren. Nat�rlich regten sich in mir sofort seltsame Vorurteile: Wenn ein Mann Frauensachen tr�gt, stimmt was nicht mit ihm. Eigentlieh aber war Kleidung kein Problem, weil sich Frauen und M�nner in Echo so �hnlich anzogen, dass ich sie mitunter kaum unterscheiden konnte.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich es sagen soll. Es ist einfach nicht h�bsch.�</p><p>�In diesem Bereich gibt es weder h�bsch noch unh�bsch. Ah, guten Abend, Sir Kofa�, sagte Juffin. Ich drehte mich um. In der T�r stand Kofa Joch, der Meister des Verh�rs und un�bertreffliche Virtuose des Maskierens. In den H�nden hielt er ein gro�es Paket.</p><p>�Dieser nette Junge will keine Frau werden�, sagte Juffin mit hoher Stimme. �Was meinen Sie, Kofa? Sollen wir ihn zwingen, klein beizugeben, oder sollen wir ihn erst h�flich bitten?�</p><p>Kofa schenkte uns ein g�nnerhaftes L�cheln und legte das Paket auf Juffins Schreibtisch.</p><p>�Wollen Sie mich etwa jetzt schon in eine Frau verwandeln?�, fragte ich erschrocken. �D�rfte ich vorher vielleicht noch einen Spaziergang machen?�</p><p>Das Gef�hl, das ich gerade versp�rte, �hnelte der ohnm�chtigen Hilflosigkeit, die ich stets beim Zahnarzt empfand. Auch dort wollte ich schnellstm�glich verschwinden und am n�chsten Tag wieder vorbeischauen.</p><p>�Du hast genug Spazierg�nge gemacht�, meinte Juffin boshaft. �Max, jetzt beruhige dich. Du ziehst dich doch nur um - wie zum Karneval. Den kennst du doch, oder?�</p><p>�Ja, ja�, murmelte ich. �Damals war ich sechs und bin als H�schen gegangen.�</p><p>Meine Kollegen quietschten vor Vergn�gen.</p><p>�Als H�schen! Im Karneval! In den Leeren L�ndern!�,</p><p>prustete Sir Kofa. �Max, denken Sie manchmal eigentlich nach, bevor Sie reden?�</p><p>Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und lachte auch ein wenig.</p><p>�Na sch�n, schie�en Sie los, Sir Kofa. Ich habe tats�chlich keine gro�e Erfahrung mit Karneval. Also ...�</p><p>�Warum nicht gleich so!�, rief Juffin und reichte mir eine Tasse Kamra. �Die Panik eben h�ttest du dir wirklich schenken k�nnen. Hast du etwa gedacht, wir h�tten dich in eine echte Frau verwandeln und dir die entsprechenden ehelichen Pflichten auferlegen wollen?�</p><p>�Ihnen ist alles zuzutrauen!�</p><p>�Unsinn, Junge! Es ist gar nicht so leicht, aus einem Mann eine Frau zu machen - und umgekehrt. Theoretisch ist das zwar m�glich, doch weder Kofa noch ich verf�gen �ber solche magischen Kr�fte. Sir Maba Kaloch k�nnte es wahrscheinlich, obwohl ... Na ja - warum eigentlich nicht? Ich vermute, auch Lady Sotova w�re dazu in der Lage. Aber Lonely-Lokley w�rde seine Frau nie gegen eine magere, breitschultrige Barbarin tauschen. Den Magistern sei Dank - bei Frauen kennt sich unser Sir Sch�rf gut aus.�</p><p>�Was reden Sie da f�r einen Unsinn, Sir Juffin?�, fragte Kofa Joch mit der Empfindlichkeit des beleidigten Profis. �Warum eine magere, breitschultrige Frau? Wir machen ein h�bsches, nettes M�dchen aus ihm - Sie werden sehen!�</p><p>Er begann, das auf dem Tisch abgelegte Paket auszupacken. Erschrocken sah ich eine rote Fransenper�cke auftauchen. Anscheinend war das meine zuk�nftige Frisur. Juffin bemerkte meinen Gesichtsausdruck, winkte ab und kicherte erneut.</p><p>�Wir haben uns entschieden, die Sache fr�her in Angriff zu nehmen, damit Sie Zeit genug haben, sich an Ihr neues Aussehen und Ihre neue Rolle zu gew�hnen, Sir Max�, erkl�rte Kofa Joch sanftm�tig. �Ich habe mich schon oft als Frau verkleidet. Sie erinnern sich doch noch an unser erstes Treffen im Fressfass? Sehen Sie, Frauen haben einen anderen Gang und andere Manieren und reagieren anders als M�nner. Vier Tage sind zwar wenig, aber Sie lernen ja sehr schnell. Und wenn Sie es bis dahin nicht schaffen, werden Sie eben eine etwas seltsame Dame sein. So was gibt es schlie�lich auch. Und keine Panik: Alle �u�eren Ver�nderungen sind von kurzer Dauer. Sir Juffin - wie lange braucht er f�r die Reise nach Kettari? Das muss ich wissen.�</p><p>�Lassen Sie mich �berlegen ... Der Hinweg dauert drei Tage. Die Karawane bleibt normalerweise sechs bis acht Tage in der Stadt. Das k�nnte f�r Max und Sir Sch�rf aber zu knapp sein. In diesem Fall m�ssten sie bleiben und vierundzwanzig Tage auf die n�chste Karawane warten. Dazu kommt der R�ckweg. Ja, Kofa, ich glaube, Ihr Zauberspruch sollte achtundvierzig Tage Vorhalten - auch wenn Max dadurch recht lange in Frauenkleider schl�pfen muss.�</p><p>�Achtundvierzig Tage?�, fragte ich deprimiert. �Und wenn wir fr�her zur�ckkehren? Was tu ich dann?�</p><p>�Weiterarbeiten. Was macht es schon f�r einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann den Todesmantel tr�gt�, meinte Juffin und zuckte die Achseln. �Du wirst schon sehen: Es wird dir noch gefallen!�</p><p>�Ich kann mir die Begeisterung von Melifaro gut vorstellen. Er wird mich sicher auslachen.�</p><p>�Warum glaubst du eigentlich, dass dich irgendwer aus-</p><p>lachen wird?�, fragte Juffin. �Wie kommst du darauf? Ist das ein alter Aberglaube aus deiner fr�heren Heimat?�</p><p>Ich nickte verlegen. �H�lt man solche Sachen in Echo denn nicht f�r l�cherlich?�</p><p>�Sir Kofa hat dir doch gerade erz�hlt, dass er regelm��ig als Frau auftritt. Hast du je Witze dar�ber geh�rt? Von Melifaro vielleicht?�</p><p>�Nein ...�</p><p>Ich musste zugeben, derlei nie mitbekommen zu haben. �ber den Appetit von Sir Kofa machte fast jeder Witze, doch es w�re ein Affront gewesen, seine Auftritte als Frau zu verspotten - immerhin geh�rten solche Verkleidungen zu seinen Dienstpflichten. Ich bekam Lust, im Frauengewand ein Kloster zu besuchen und mit den Nonnen ausgiebig zu plaudern.</p><p>�Na los, ziehen Sie sich aus�, befahl mir Sir Kofa. �Mit Ihrer Figur werden wir ein paar Probleme haben. Also fangen wir damit an. F�r Ihr Gesicht brauche ich h�chstens eine Minute.�</p><p>�Soll ich mich etwa ganz ausziehen?�, fragte ich verwirrt.</p><p>�Nat�rlich�, brummte Juffin geringsch�tzig. �Warum fragst du? Bist du noch nie bei einem Heiler gewesen?�</p><p>�Zum Gl�ck so gut wie nie. Ich habe Angst vor ihnen.�</p><p>�Wovor kann man sich bei Heilem denn �ngstigen?�, fragte Sir Kofa erstaunt. �Sie helfen uns dabei, uns mit unserem K�rper zu befreunden, und haben deshalb ein sanftes Wesen. Der Umgang mit ihnen ist doch ein echter Genuss!�</p><p>�Dann kennen Sie die Heiler in meiner Heimat schlecht. Die schnippeln ihre Patienten am liebsten auf und kommen dann zu dem Schluss, es sei besser, sie zu begraben, als sie wieder zusammenzuflicken.�</p><p>�Aus was f�r einer Gegend stammst du nur!�, rief Juffin einmal mehr erstaunt. �Na sch�n. Jetzt tu, wie dir gehei�en. Und Sie, Sir Kofa, machen die T�r zu, damit kein b�ser Wind uns ungebetene G�ste ins B�ro weht.�</p><p>�Dann w�rde die Welt wenigstens erfahren, wie der raue Alltag des Kleinen Geheimen Suchtrupps aussieht -und erzittern!�, rief ich belustigt und zog mich aus.</p><p>Stehend musste ich fast eine Stunde aushalten, w�hrend Sir Kofa die Luft um meinen K�rper herum kr�ftig in Schwingungen versetzte. Zwar ber�hrte er mich nicht, doch was ich empfand, war sehr angenehm - wie eine sanfte Massage.</p><p>�Das war's, Sir Max. Jetzt denken Sie sich bitte einen netten Frauennamen aus.�</p><p>Vorsichtig blickte ich an mir herab. Alles sah aus wie immer: Meine H�ften waren nicht breiter als zuvor, und Br�ste hatte ich auch nicht.</p><p>�Das ist kein echter Frauenk�rper�, sagte Sir Kofa l�chelnd. �Das ist nur eine Illusion, und zwar eine ganz ausgezeichnete. Ziehen Sie sich an, dann verstehen Sie, was ich meine ... Aber das doch nicht!�</p><p>Verlegen warf ich meine Skaba �ber die Stuhllehne.</p><p>�Ich hab Ihnen ein paar h�bsche Sachen mitgebracht. Die eleganten Frauen der Hauptstadt werden vor Neid erblassen. Na los, ziehen Sie das an - Sie werden staunen.�</p><p>Ich st�berte kurz in den farbenfreudigen Kleidern, entschied mich f�r eine dunkelgr�ne Skaba und streifte sie rasch �ber.</p><p>�Ach!� Mehr brachte ich nicht heraus. Der d�nne Stoff verh�llte die Kurven eines mir unbekannten weiblichen K�rpers. Juffin sah Sir Kofa begeistert an.</p><p>�Fantastisch - viel besser, als ich erwartet hatte. Aber jetzt setzen Sie Ihre magische Prozedur bitte fort - eine nette Lady mit so furchtbaren Bartstoppeln ist ja unertr�glich. Max - du solltest dich wirklich ab und an rasieren.�</p><p>�Das hab ich doch erst gestern getan�, sagte ich und strich mir �bers Kinn. �Das sind doch keine Bartstoppeln. Sie machen wohl Witze?�</p><p>�Keine Panik, Max. Ab jetzt haben Sie solche Probleme nicht mehr�, stellte Sir Kofa fest und schmierte mir eine schwarze Paste ins Gesicht. �Dieses Mittel h�lt l�nger vor als n�tig.�</p><p>�Das ist ja die sch�nste Neuigkeit seit �nderung der Gesetze zur kulinarischen Magie. Darf ich mich schon waschen, oder soll ich noch warten?�</p><p>�Worauf wollen Sie denn warten? Und warum wollen Sie sich �berhaupt waschen?�, fragte Sir Kofa erstaunt.</p><p>Er setzte mir eine hellrote Per�cke auf, deren M�hne mich im Nacken kitzelte.</p><p>�Ach, Sie sprechen von meiner Salbe? Die ist mit Ihren Bartstoppeln verschwunden. Ich bin schlie�lich Zauberer und kein Barbier. Und versuchen Sie bitte nicht, die Per�cke abzunehmen - das wird Ihnen nur wehtun. Ab jetzt sind das Ihre echten Haare - jedenfalls f�r einige Zeit. Nun setzen Sie sich bitte hin. Sie sehen schon beinahe perfekt aus. Ich nehme nur noch eine letzte Ver�nderung vor.�</p><p>Ich musste eine f�nfzehnmin�tige Gesichtsmassage �ber mich ergehen lassen. Besonders hart traf es meine Nase. Ich war �berzeugt, sie w�re nun puterrot und geschwollen, und hatte sogar Tr�nen in den Augen, ertrug aber alles tapfer.</p><p>�Das w�r's�, sagte Sir Kofa und seufzte ersch�pft. �Juffin, gibt's bei Ihnen was Anst�ndiges zu trinken? Ich hab lange nicht mehr so schwitzen m�ssen.�</p><p>�Kofa, das ist genial�, rief Sir Juffin begeistert, w�hrend er mich inspizierte. �Wer h�tte das gedacht? Auch wenn diese nette Lady auf den Siegesplatz von K�nig Gurig VII. ginge und laut erkl�rte, sie hie�e eigentlich Sir Max, w�rden alle sie auslachen. Gleich bekommen wir etwas zu trinken - und nicht nur das: So ein Werk muss man richtig feiern. Max, zieh deinen Lochimantel an und betrachte das Meisterwerk im Spiegel. Es wird dir gefallen - das verspreche ich dir.�</p><p>Ich schl�pfte in einen sandfarbenen Mantel. Mir war mulmig. Wer w�rde mir aus dem Spiegel im Flur entgegenblicken?</p><p>�Das machen Sie falsch, Lady�, bremste mich Sir Kofa. �Frauen schlie�en den Lochimantel nie mit einer Stecknadel, sondern werfen ein Ende �ber die Schulter, denn das sieht eleganter aus. Aber jetzt gehen Sie mal auf und ab, Sir Max.�</p><p>Gehorsam trottete ich durchs Zimmer.</p><p>�Na ja, an seinem Gang m�ssen wir noch arbeiten, damit er nicht alles verr�t. Und jetzt gew�hnen Sie sich an Ihr neues �u�eres. Danach werden wir ein wenig �ben.�</p><p>�Und der Turban?�</p><p>�Den brauchen Sie nicht. Frauen mit so herrlichem Haar lassen den Kopf lieber unbedeckt - vor allem, wenn sie aus der Provinz sind. Und von dort stammen Sie, Lady,</p><p>wenn ich Sie so sprechen h�re. Aber jetzt husch, husch zum Spiegel. Und ich erwarte Begeisterung. Juffin - wie sollen wir das M�dchen nennen?�</p><p>�Das soll das M�dchen selbst bestimmen�, meinte mein Chef l�chelnd. �Irgendwas muss der arme Bursche doch auch mal entscheiden. Was meinen Sie, Lady?�</p><p>�Marilyn Monroe�, rief ich und kicherte beinahe hysterisch.</p><p>�Was gibt es da zu lachen?�, fragte Juffin erstaunt. �Das ist ein h�bscher Name. Er klingt ein wenig ausl�ndisch, aber das ist gut so. Oder ist das vielleicht ein Schimpfwort?�</p><p>�Fast�, rief ich, um mich nicht in Erkl�rungen zu verstricken.</p><p>Mit pochendem Herzen ging ich in den Flur, n�herte mich dem Spiegel, nahm allen Mut zusammen und richtete den Blick auf die im Laufe der Jahre matt gewordene Oberfl�che. Neugierig sah mir eine hoch gewachsene, sympathische Lady entgegen, die mir sehr gefiel. Mich selbst entdeckte ich nicht.</p><p>Ich musterte das angenehme Gesicht auf der Suche nach einer wenigstens entfernten �hnlichkeit. Von meinem alten Freund Max aber war nichts mehr zu sehen.</p><p>Ich ging ein paar Schritte und beobachtete mich weiter. Diese Frau machte einen etwas tollpatschigen Eindruck - das war nicht zu leugnen. Pl�tzlich fand ich die ganze Situation ausgesprochen lustig, zugleich aber wurde mir schwindelig. Als die elegante Lady im Spiegel fr�hlich zu kichern begann, f�rchtete ich, verr�ckt zu werden, und floh zur�ck ins B�ro. Dort lie�en meine �lteren Kollegen schon die Gl�ser klingen.</p><p>�Es ist eine S�nde, Sir Lonely-Lokley eine so sch�ne Frau zu �berlassen�, meinte ich traurig. �Er wird sie n�mlich nicht zu w�rdigen wissen. Sie sind wirklich ein Genie, Sir Kofa. Ich liebe diese Frau - also mich.�</p><p>�Ach je, die Stimme hab ich ganz vergessen�, st�hnte Kofa. �Lady Marilyn - bitte trinken Sie das.�</p><p>Er gab mir ein kleines Glas blaue Fl�ssigkeit. Ich schnupperte misstrauisch daran, seufzte und st�rzte das Getr�nk runter. Es schmeckte nicht schlecht, eher wie trockener, allerdings warmer Sherry.</p><p>�Haben Sie mir sonst nichts anzubie-�, begann ich, brach aber ab, denn nun war mir auch meine Stimme fremd. Nicht dass ich gezwitschert oder gequiekt h�tte -ich hatte eine tiefe, aber zweifellos weibliche Stimme.</p><p>�Trinken Sie, Junge�, sagte Sir Kofa und reichte mir ein Glas Dschubatinischen S�ufer. �Das brauchen Sie jetzt unbedingt.�</p><p>Nach ein paar Schluck f�hlte ich mich kr�ftiger und heiterer und geriet in gehobene Stimmung. Da war er ja wieder, mein alter guter Bekannter Sir Max, das Nachtantlitz von Sir Juffin Halli, das sich f�r einige Zeit in ein rothaariges M�dchen verwandelt hatte.</p><p>�Man muss an deinen Manieren arbeiten�, seufzte Sir Juffin. �Noch �hnelst du eher einem Verr�ckten aus der Stadt als der Gattin eines anst�ndigen Mannes.�</p><p>�An meinen Manieren? Moment mal!�</p><p>Ich sprang auf, stolzierte durchs B�ro und wackelte dabei mit den H�ften. Dann zog ich einen Schmollmund.</p><p>�Gef�llt Ihnen das, meine Herren?�</p><p>Sir Kofa schwieg verlegen.</p><p>�Was f�r ein schrecklicher Auftritt, Max�, sagte Sir Juffin unverbl�mt. �Machen die Frauen deiner Heimat das so?�</p><p>Ich setzte mich wieder. �Nicht alle�, meinte ich und beruhigte mich ein wenig. �So benehmen sich nur sehr laszive Frauen. Und auch das nur von Fall zu Fall.�</p><p>�Jedenfalls war es schrecklich. Daf�r, dass ich dich rechtzeitig aus deiner alten Heimat geholt habe, musst du mich wohl noch oft ins Wirtshaus einladen.�</p><p>�Rechtzeitig!? H�tten Sie das doch zehn Jahre fr�her getan!�</p><p>�Das w�re kaum vern�nftig gewesen. Aber das erkl�re ich dir ein andermal. Sind Sie wirklich m�de, Sir Kofa?�, fragte Juffin unseren Meister des Verh�rs mitleidig.</p><p>Kofa Joch kaute melancholisch an seiner Pirogge.</p><p>�Was denken Sie denn? Gut, dass ich so einen Zaubertrick nicht jeden Tag machen muss. Und jetzt soll ich dieser Lady auch noch Manieren beibringen ...�</p><p>�Das brauchen Sie nicht, Kofa. Das schaffen wir auch allein. Die Lage ist zwar fast hoffnungslos, aber ich hab eine Idee.�</p><p>�Sie sind ein kluger Mann, Juffin. Ohne ein Wunder werden Sie es kaum schaffen.�</p><p>�Gut. Sie und Kurusch k�nnen jetzt ein Nickerchen machen, und Max und ich gehen ein wenig spazieren. Los, Max ... Besser gesagt: Nach Ihnen, Lady Marilyn!�</p><p>�Ich werde kein Nickerchen halten, sondern speichern, was Sie gesagt haben�, meldete sich der kluge Vogel zu Wort. �Ich habe immer gewusst, dass Menschen seltsame Wesen sind, aber heute ist es wirklich besonders interessant.�</p><p>�Und ob!�, best�tigte Juffin l�chelnd und strich �ber die zarten Federn des Buriwuchs. Dann verlie�en wir das B�ro.</p><p>�Wohin fahren wir?�, fragte ich im A-Mobil.</p><p>�Hast du das noch nicht erraten? Ich kenne nur eine Dame, die f�hig ist, aus dieser verr�ckten Frau eine Lady zu machen.�</p><p>��Fahren wir zur Burg Jafach?�, fragte ich. �Zu Lady Sotova?�</p><p>�Ja. Ich hab mich schon per Stummer Rede bei ihr gemeldet. Schlie�lich stammt auch sie aus Kettari, ist von dieser Sache also auch betroffen. Sie war erstaunlich schnell bereit, uns zu helfen. Das passt eigentlich nicht zu ihr. Anscheinend hat sie eine Schw�che f�r dich.�</p><p>�Das beruht auf Gegenseitigkeit.�</p><p>�Na prima. Also los, Lady Monroe, fahren wir!�</p><p>Lady Sotova begr��te uns an der T�r des kleinen Pavillons, der ihr als Arbeitszimmer diente.</p><p>�Was f�r ein nettes M�dchen! Schade, dass sie nicht echt ist. So eine h�tte ich gern als Mitarbeiterin�, sagte sie l�chelnd und umarmte mich.</p><p>Ich war Lady Sotova gegen�ber einmal mehr etwas verwirrt. Noch nie hatte mich jemand so herzlich willkommen gehei�en wie diese m�chtige Zauberin, die wie eine liebe Oma wirkte.</p><p>�Setz dich, Juffin. Wei�t du noch, welche Kamra vor f�nfhundert Jahren bei uns in Kettari im Alten Haus am Lustigen Platz gekocht wurde? Ich hab versucht, was �hnliches zusammenzubrauen. Probier mal - es schmeckt dir bestimmt. Und f�r dich, mein M�dchen oder Bursche, hab ich etwas ganz Besonderes.�</p><p>Lady Sotova zog ein Fl�schchen aus der Tasche ihres Mantels, das ziemlich alt wirkte.</p><p>�Das ist lecker und sehr n�tzlich - jedenfalls manchmal.�</p><p>�Hast du eine Wunderliche H�lfte destilliert, Sotova?�, fragte Juffin und sch�ttelte erstaunt den Kopf. �Seit dreihundert Jahren hab ich die nicht mehr getrunken!�</p><p>�Wozu auch?�, meinte Lady Sotova und lachte schallend. �Wenn du sie dreihundert Jahre nicht getrunken hast, hast du sie auch nicht gebraucht. Du, Max, setzt dich besser. Das ist bequemer. Und jetzt nimm!� Sie reichte mir ein Schnapsglas, in das sie die dunkle, klebrige Fl�ssigkeit gef�llt hatte, �berlegte kurz und nickte dann: �Ja, eins reicht. Damit soll man nicht �bertreiben.�</p><p>Gehorsam nahm ich das Glas und probierte. Es schmeckte sehr gut - beinahe wie Kachar-Balsam.</p><p>�Schau an, er trinkt�, meinte Juffin l�chelnd. �Bei mir h�tte er eine geschlagene Stunde lang wissen wollen, worum es sich handelt.�</p><p>�Er ist ein kluger Bursche�, stellte Lady Sotova fest. �Ich w�rde auch erst �berlegen, ehe ich trinken w�rde, was du mir eingeschenkt hast, du alter Fuchs.�</p><p>Sir Juffin wirkte sehr zufrieden.</p><p>�Jetzt entspann dich ein wenig�, meinte die Wundergreisin zu mir. �Ich kann dir sagen, was ich dich hab trinken lassen. Das macht mir nichts aus. Wei�t du, in der alten Zeit hat man die Wunderbare H�lfte den Verr�ckten zu trinken gegeben.�</p><p>�Vielen Dank, Lady Sotova�, sagte ich finster. �Sie haben mir wirklich eine Freude gemacht.�</p><p>�H�r mir doch erst mal zu, du Dummerchen�, meinte sie heiter. Ihre Gutm�tigkeit schien unersch�pflich. �Die Verr�ckten bekamen das Zeug und benahmen sich pl�tzlich wieder normal. Das Getr�nk hei�t -Wunderliche H�lfte�, weil es ihnen dazu dienen sollte, jene H�lfte ihrer Seele zu finden, die sich in der Dunkelheit verirrt hat. Es hat lange gedauert, ehe ein kluger Kopf feststellte, dass die Kranken nicht gesund werden, sondern nur geheilt scheinen, da ihre gequ�lten Seelen sich an einem unbekannten Ort aufhalten. Hast du das verstanden?�</p><p>Unentschieden wiegte ich den Kopf.</p><p>�Macht nichts. Du bist noch zu jung, aber irgendwann wirst du das begreifen. Jetzt schl�fst du gleich ein wenig, und wenn du aufwachst, bist du derselbe Sir Max wie zuvor, wirst dich aber wie eine echte Lady benehmen. Du bleibst, wer du bist, aber die Leute werden glauben, sie h�tten es mit jemand anderem zu tun. Ehrlich gesagt ist das kein gutes Getr�nk, mein Junge. Wenn Leute anders erscheinen wollen, sollen sie etwas daf�r tun. All diese Wunder wirkenden Mixturen verw�hnen sie doch nur. Aber einmal - noch dazu bei einer so wichtigen Mission - kann ich eine Ausnahme machen. Ich glaube nicht, dass du lernen solltest, eine echte Frau zu sein - du bist auch ohne diese F�higkeit ein guter Mann.�</p><p>�Vielen Dank, Lady Sotova. In der ganzen Welt sind Sie die Einzige, die mich liebt und lobt�, murmelte ich hingerissen und k�mpfte schon mit den ersten Anzeichen von M�digkeit.</p><p>�Jetzt schweig und schlaf. Alles wird gut. Wei�t du: Wunder passieren im Schlaf - so ist das nun mal.�</p><p>Lady Sotova h�llte mich in eine Wolldecke und wandte sich an meinen Chef.</p><p>�Juffin, hast du etwas Zeit, damit wir uns in Ruhe unterhalten k�nnen? Du musst doch nicht schon weiter, oder?�</p><p>Ich sah meinen Chef gerade noch mit dem Zeigefinger zweimal an die Nase tippen, was in Kettari bekanntlich bedeutet, dass zwei vern�nftige Menschen sich immer verst�ndigen k�nnen.</p><p>Als ich erwachte, war es schon hell. Lady Sotova sa� l�chelnd neben mir und sah mich neugierig an.</p><p>�Max, du kannst wirklich lange schlafen�, sagte sie, und ihr L�cheln wurde noch breiter. �Wo hast du das gelernt?�</p><p>�Ich bin ein Naturtalent�, entgegnete ich prompt mit fremder, samtweicher Stimme.</p><p>Ich blickte mich um und merkte, dass ich mit Lady Sotova allein war. Hatte mich mein Chef im Stich gelassen? Bei ihm musste man mit allem rechnen.</p><p>�Wo ist Juffin?�</p><p>�Zu Hause oder im Dienst - keine Ahnung. Wei�t du eigentlich, wie lange du geschlafen hast? Juffin und ich haben zwar ein wenig geplaudert, aber in all der Zeit h�tten wir sogar die Entstehung des Universums kl�ren k�nnen. Und das ist kein besonders spannendes Thema.�</p><p>�Wie lange hab ich denn geschlafen?�</p><p>��ber vierundzwanzig Stunden. Das ist wirklich erstaunlich.�</p><p>�Nicht schlecht. Juffin wird mir den Kopf abrei�en.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass der schreckliche Kerl dir in n�chster Zeit irgendwas abrei�en wird. Vertrau einer alten Prophetin.�</p><p>�Wie auch immer - ich muss los�, sagte ich hastig. �Morgen oder �bermorgen reise ich ab. Wann genau, wei� ich nicht.�</p><p>�Nat�rlich musst du los�, nickte Lady Sotova. �Aber erst w�schst du dich, und dann bekommst du noch eine Tasse Kamra. Eigentlich hasse ich K�chenarbeit, aber f�r dich mache ich eine Ausnahme.�</p><p>Ich l�chelte. �Sie verw�hnen mich.�</p><p>�Nat�rlich - irgendwer muss das doch tun. Das Bad ist unten. Bei mir ist alles, wie es sich in Echo geh�rt.�</p><p>�Und ich dachte, Ihr Bad l�ge in einer anderen Welt�, sagte ich und nahm die Treppe nach unten.</p><p>�Das eine schlie�t das andere nicht aus�, bemerkte sie vieldeutig.</p><p>Im Bad sah ich in den Spiegel. Lady Marilyn Monroe war nicht l�nger tollpatschig - dank Lady Sotova und ihrer Wunderlichen H�lfte. Ich selbst hatte an dieser Verwandlung nicht den geringsten Anteil.</p><p>Die Illusion schien so echt, dass ich mich fast panisch auszog. Unter der d�nnen Skaba sah ich meinen M�nnerk�rper, seufzte erleichtert und begann, mich zu waschen.</p><p>T�nzelnd kam ich aus dem Keller zur�ck. Wenn man l�nger als vierundzwanzig Stunden im Sitzen geschlafen hat und sich dennoch sehr gut f�hlt, l�sst sich das nur auf Magie h�heren Grades zur�ckf�hren.</p><p>Die f�llige grauhaarige Greisin, die zu den m�chtigsten Menschen dieser Welt geh�rte, erwartete mich am Tisch.</p><p>�Hier sind Kamra und Geb�ck - mehr hab ich nicht. Aber du fr�hst�ckst ja ohnehin nicht gern �ppig.�</p><p>Ich nickte. �Auch das wissen Sie?�</p><p>�Du bist noch zu jung, mein Lieber, um Geheimnisse vor mir zu haben.�</p><p>�Sie wissen offenbar alles �ber mich. Das ist ja bedrohlich.�</p><p>�Im Gegenteil - das ist sehr nett. Genau wie deine dunkle Vorgeschichte aus deiner - verzeih mir den Ausdruck - dummen Heimat.�</p><p>�Ich bin absolut Ihrer Meinung. Besonders, was die Dummheit anlangt. Lady Sotova, k�nnen Sie vielleicht mein gebrochenes Herz heilen? Juffin, dieser Sadist, sagt immer, ich m�sse mit meinen Problemen allein zurechtkommen, aber ich schaffe es einfach nicht.�</p><p>�Was k�nnen das schon f�r Probleme sein!�, winkte meine Gespr�chspartnerin ab. �Die sind doch wie Herbstschnee - kaum gefallen, schon geschmolzen. Man soll nicht immer in der Vergangenheit herumstochern und sich nicht st�ndig um die Zukunft sorgen. Heute ist dein Tag - also genie� ihn.�</p><p>Das waren zwar nur Worte, doch ich war so erleichtert wie neulich, als Sir Juffin mich am Ohr gezogen hatte.</p><p>Stimmt, mein Freund - was f�r Probleme hast du denn schon?, sagte ich mir. Dort, wo es dir schlecht ergangen ist, wohnst du nicht mehr und lebst stattdessen in einer der h�bschesten Welten des Universums und hast mit lauter klugen und obendrein netten Leuten zu tun. Und da f�llt dir nichts Besseres ein, als zu jammern? Du bist wirklich undankbar.</p><p>�Lady Sotova, Sie sind eine wunderbare Frau�, seufzte ich.</p><p>�Nat�rlich�, meinte die Alte und l�chelte. �Au�erdem war ich sehr h�bsch, falls dich das interessiert.�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen�, sagte ich tr�umerisch. �Ich w�re gern Zeuge Ihrer fugend gewesen.�</p><p>�Willst du wirklich sehen, wie der verr�ckte Juffin mir nachgelaufen ist? Wie er mit einem Haftbefehl gewedelt hat, als ich mich weigerte, unsere Heimatstadt zu verlassen?�, kicherte Lady Sotova. �Das war ein tolles Theater. Na, solange wir Freundinnen sind, kann ich dir ja einiges zeigen.�</p><p>Sie lie� mir keine Zeit zu antworten, sondern sprang auf und bewegte die H�nde ungemein schnell und energisch. Ich sah nur das st�rmische Flimmern ihrer Arme.</p><p>�Und?�</p><p>Ich f�hlte mich von all den Wundern total erschlagen und dachte schon, ich w�rde auf keine Zauberei mehr reagieren, doch dann sah ich pl�tzlich eine nicht gerade gro�e, junge und h�bsche Frau vor mir. Ich stierte sie an, und mir stockte der Atem. Die fantastische Lady Sotova klopfte mir beg�tigend auf die Schulter.</p><p>�Du bist hoffentlich nicht erschrocken?�</p><p>Schlie�lich begann ich wieder zu atmen und musterte das Wunder weiter unverwandt. Diese Frau hatte die atemberaubenden Kurven von Marilyn Monroe, deren Name ich so leichtfertig angenommen hatte. Lady Sotova war pl�tzlich eine knackige Br�nette mit gro�en gr�nen Augen und schneewei�em Teint.</p><p>�Machen Sie das r�ckg�ngig, ehe ich mich vergesse�, bat ich und h�tte vor Scham fast die Augen geschlossen. �Warum ...�</p><p>�Warum ich nicht immer so aussehe? Ach, Junge, wozu denn? Sollen alle j�ngeren Magister des Ordens des Siebenzackigen Blattes n�chtelang nur von mir tr�umen? Darauf lege ich keinen Wert, und um die armen M�nner w�re es schade.�</p><p>Lady Sotova nahm langsam wieder ihr normales Aussehen an und wies dann nach drau�en.</p><p>�Ich glaube, jetzt musst du wirklich zum Haus an der Br�cke gehen.�</p><p>Die f�llige Greisin legte mir l�chelnd die Hand auf die Schulter. Ich nickte. Wir brauchten nichts mehr zu sagen: Ich hatte gerade ein Wunder geschenkt bekommen -und obendrein eine kleine Kostprobe von der gro�artigen Klugheit dieser Frau aus dem Orden des Siebenzackigen Blattes erhalten.</p><p>�Machen Sie sich keine Gedanken, Lady Marilyn -auch Sie sind h�bsch und klug�, sagte Lady Sotova lachend. �Hauptsache, du genie�t die kommenden Abenteuer, Max. Versprichst du mir das?�</p><p>�Ich verspreche es�, sagte ich tapfer.</p><p>In Gestalt von Lady Marilyn kehrte ich brav zum Dienst zur�ck. Unterwegs ging ich kurz zu einem Juwelier und spendierte meiner weiblichen Erscheinung ein paar Schmuckst�cke. Die gute Marilyn sollte ja nicht leben wie ein Hund. Langsam begann ich mich mit der neuen Version meiner selbst zu befreunden.</p><p>Nach alter Gewohnheit betrat ich das Haus an der Br�cke durch den Geheimeingang. Erst im Nachhinein begriff ich, dass ich damit gegen die Regeln versto�en hatte, aber da war es schon zu sp�t. Gl�cklicherweise hatte niemand meinen Fehler bemerkt: Stra�e wie Korridor waren menschenleer.</p><p>Kaum erreichte ich unsere H�lfte des Hauses an der Br�cke, meldete sich Sir Juffin per Stummer Rede.</p><p>�Sch�n, dass du endlich wach bist, Max - besser sp�t als nie. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen, und bin sehr gespannt, was Lady Sotova aus dir gemacht hat. Lady Melamori ist einem sympathischen Giftm�rder auf die Spur getreten. Das ist nichts Besonderes, aber ich kann sie bei so einem Abenteuer nicht allein lassen.�</p><p>�Da haben Sie Recht�, stimmte ich ihm zu.</p><p>Die Erw�hnung von Lady Melamori freute mich. Und dass sie bei ihrem Chef in sicheren H�nden war, nat�rlich auch.</p><p>�Ich wei� auch ohne dich ganz gut, was ich zu tun habe, Lady Max�, antwortete Juffin bissig. �Na sch�n, also Ende.�</p><p>Im B�ro herrschten geradezu idyllische Zust�nde: Melifaro sa� statuengleich im Schneidersitz auf dem Tisch. So ist er also, wenn er sich unbeobachtet f�hlt, dachte ich belustigt. Als er mich - vielmehr: die sympathische Lady Marilyn - bemerkte, erhob sich das buddhagleiche Kunstwerk sofort, stieg von seinem Sockel und sah mich so begeistert an, dass ich schon glaubte, mein letztes St�ndlein (und das von Lady Marilyn) habe geschlagen. In meinem Kopf formte sich binnen Sekunden ein verr�ckter Plan. Hauptsache, du genie�t die kommenden Abenteuer, hatte Lady Sotova mir eingesch�rft, und auf �ltere soll man h�ren.</p><p>�Was f�hrt Sie zu mir, Unvergessliche?�, fragte Melifaro sehr h�flich.</p><p>Lady Marilyn und ich beschlossen: Egal, was passiert -wir d�rfen nicht zu fr�h in Gel�chter ausbrechen.</p><p>�Zum Gl�ck nichts Schlimmes, den Magistern sei Dank!�, begann ich und l�chelte verlegen. �Mein Vater hat mich gebeten, herzukommen und einem gewissen Sir Max und einem weiteren Herrn, dessen Vater ein paar B�cher geschrieben haben soll, seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Ach ja, der zweite Herr hei�t Mefiliaro.�</p><p>�Melifaro�, korrigierte mich das Tagesantlitz des Ehrw�rdigen Leiters galant. �Unvergessliche, er steht vor Ihnen. Und jetzt verraten Sie mir bitte, wer Ihr Vater ist und wof�r er sich bedanken will.�</p><p>�Ich f�rchte, Sie sind auf meinen Vater nicht allzu gut zu sprechen, aber er verdankt Ihnen sein Leben. Ich hei�e Lady Marilyn Boch.�</p><p>�Dann sind Sie die Tochter von General Bubuta?�, rief Melifaro verz�ckt. �S�ndige Magister - warum bin ich Ihnen nicht schon fr�her begegnet?�</p><p>�Ich bin erst seit kurzem wieder in der Hauptstadt. Gleich nach meiner Geburt, die noch in die Traurige Zeit fiel, hat mein Vater mich zu seiner Familie in die Grafschaft Wuk geschickt. Wissen Sie, meine Mutter war nicht mit meinem Vater verheiratet, aber er hat sich dennoch stets um mich gek�mmert. Und nach ihrem Tod hat der General seine Frau �berredet, mich zu adoptieren. Mein Vater hat einen schwierigen Charakter - das wei� ich wohl -, doch er ist ein herzensguter Mensch.�</p><p>�Und er ist ungemein tapfer!�, erg�nzte Melifaro begeistert. �Ihr Vater ist der echte Held des Krieges um das Gesetzbuch. Also h�ren Sie nur nicht auf irgendwelche dummen Ger�chte, Lady Marilyn. Ich pers�nlich sch�tze Ihren Vater enorm.�</p><p>Innerlich johlte ich vor Begeisterung. Sir Melifaro sch�tzte General Bubuta Boch enorm? Wie w�rde er mir sp�ter noch unter die Augen treten k�nnen, der Arme?</p><p>�Na ja, mein Vater ist nun mal grob, aber herzlich�, meinte Lady Marilyn und l�chelte dabei erneut sch�chtern. �Leider ist er noch immer krank.�</p><p>Das war allerdings wahr. Die Abenteuer mit der Pastete K�nig von Bandscha hatten den skandaltr�chtigen General f�r l�ngere Zeit gezwungen, seinen Posten ruhen zu lassen. Unverdrossen fuhr ich fort: �Aber mein Vater m�chte nicht undankbar erscheinen. Deshalb hat er mich gebeten, Sir Max und Sie aufzusuchen.�</p><p>Ich grub in der Tasche meines Mantels nach einem meiner neuen Ringe und gab ihn Melifaro.</p><p>�Das ist f�r Sie, Sir Mufularo - als Zeichen der Freundschaft und Dankbarkeit.�</p><p>Melifaro betrachtete den Ring begeistert und versuchte gleich, ihn anzustecken. Leider hatte ich etwas kleinere H�nde als er, und mein armer Freund schaffte es nur, das Schmuckst�ck auf den kleinen Finger zu schieben.</p><p>�Sagen Sie mir doch bitte, wo und wann ich Sir Max treffen kann�, fuhr Lady Marilyn tr�umerisch fort.</p><p>Melifaro wurde unruhig, und das war wirklich sehenswert. Er n�herte sich mir, legte mir behutsam die Hand auf die Schulter, beugte sich vor und fl�sterte mit geheimnisvoller Miene: �Wissen Sie, Unvergessliche, Sir Max ist nicht da, und ich glaube auch nicht, dass er bald vorbeischauen wird, aber das ist wohl auch besser so. Ich w�rde Ihnen nicht raten, diesen Mann zu treffen.�</p><p>Das wurde ja immer interessanter!</p><p>S�ndige Magister, kann ich �berhaupt mit dem Hollywoodhelden hier konkurrieren?, fragte ich mich. Er ist so aufgeregt.</p><p>�Warum das denn, Sir?�, fragte Lady Marilyn und versuchte, dabei m�glichst naiv zu klingen. Sie lie� den Mund offen und klimperte mit den Wimpern.</p><p>�Er ist sehr gef�hrlich�, raunte Melifaro verschw�rerisch. �Unser Sir Max ist ein seltsames Wesen. Vielleicht wissen Sie es ja noch nicht, aber er tr�gt sogar den Todesmantel. K�nnen Sie sich das vorstellen, Unvergessliche?�</p><p>�Aber mein Vater hat gesagt ...�, begann ich.</p><p>�Ihr Vater ist sehr krank, Lady. Au�erdem f�hlt er sich Sir Max zu Dank verpflichtet. Ich bin sicher, dass er Ihnen ohne solche Umst�nde nicht erlaubt h�tte, diesen seltsamen Mann zu treffen. Wissen Sie, Sir Max bringt st�ndig Menschen um, und zwar keinesfalls nur Verbrecher. Er kann sich einfach nicht beherrschen. Vor einigen Tagen erst hat er mit seinem giftigen Speichel eine nette Lady angespuckt, und dann hat sich herausgestellt, dass sie lediglich ein wenig unh�flich gewesen war.�</p><p>�Warum ist er daraufhin nicht im Cholomi-Gef�ngnis gelandet?�, fragte ich und versuchte mit aller Kraft, mein Lachen zu unterdr�cken.</p><p>�Ach, glauben Sie mir etwa nicht, Lady? Das sind alles Intrigen von Sir Juffin Halli, unserem Ehrw�rdigen Leiter. Sir Max ist sein Liebling und steht daher unter seinem besonderen Schutz. Wenn Sie w�ssten, wie viele Unschuldige die beiden schon in diesem B�ro verbrannt haben! Ich bin ein tapferer Mensch und mag das Risiko - darum bleibe ich hier. Aber meine Kollegen k�ndigen reihenweise.�</p><p>Melifaro legte sich wirklich ins Zeug, redete immer gr��eren Unsinn daher und vermochte sich nicht mehr zu bremsen. Ich verbarg den Mund hinter der Rechten und versuchte, lautlos zu lachen. Das klappte einigerma�en.</p><p>�Was ist los mit Ihnen, Unvergessliche?�, fragte Melifaro sichtlich bek�mmert. �Habe ich Sie etwa erschreckt?�</p><p>Ich nickte schweigend. Etwas zu sagen, w�re �ber meine Kr�fte gegangen, denn beinahe w�re ich vor Lachen geplatzt.</p><p>�Aber Lady, Sie sind hier beim Kleinen Geheimen Suchtrupp - der Organisation, die das Vereinigte K�nigreich in Angst und Schrecken versetzt. Hier passiert so einiges, doch Sir Max ist im Vergleich zu Sir Juffin Halli nur ein Gr�nschnabel.�</p><p>Aha, dachte ich - ich bin nicht nur grausam, sondern auch noch ein Greenhorn. Oh, Melifaro, daf�r wirst du b��en! Wie kannst du diese Provinzlady nur so r�cksichtslos reinlegen wollen?</p><p>�Ich bin der einzig Normale in diesem Stall�, sagte Melifaro und legte mir auch die zweite Hand auf die Schulter. �Warum sind Sie denn so nerv�s, Unvergessliche? Wir befinden uns in Echo, der Hauptstadt des Vereinigten K�nigreichs - gew�hnen Sie sich daran. Das Leben in einer Metropole hat aber auch angenehme Seiten. Und falls ich Sie betr�bt haben sollte, mache ich meinen Fehler gern wieder gut. Erlauben Sie mir, Ihnen Echo bei Nacht zu zeigen, und ich lade Sie zu einem Abendessen ein, das Sie sonst nie bekommen w�rden. Was sagen Sie dazu?�</p><p>So ein Sch�rzenj�ger, dachte ich ver�chtlich. S�ndige Magister - ob Frauen wirklich auf so billige Tricks hereinfielen? Oder hatte er sich gedacht, f�r eine Lady aus der Grafschaft Wuk sei diese Schmierenkom�die Aufwand genug? Und gefiel ihm Lady Marilyn wirklich so sehr, oder probierte er an ihr nur aus, wie gewisse Flirttricks ankamen?</p><p>Ich sch�ttelte seufzend den Kopf.</p><p>�Das kann ich unm�glich annehmen, Sir - wir kennen uns ja gar nicht.�</p><p>�Ich habe Ihnen diesen Ausflug vorgeschlagen, damit wir uns kennen lernen�, meinte Melifaro und l�chelte entwaffnend. �Ich werde brav sein - Ehrenwort! Und wir werden viel Spa� haben. Das verspreche ich Ihnen.�</p><p>Lady Marilyn und ich l�chelten sch�chtern.</p><p>�Na ja, wenn Sie versprechen, brav zu bleiben.�</p><p>�Nat�rlich! Gleich nach Sonnenuntergang hole ich Sie ab, Unvergessliche�, sagte Melifaro und sah verstohle zur T�r.</p><p>Tja, es w�re dumm, wenn ausgerechnet jetzt der potenzielle Konkurrent erscheinen w�rde. Nach Melifros Plan sollte die h�bsche Lady Marilyn nun rasch verschwinden, damit ein Treffen mit Sir Max - dem Menschenfresser und Nachtantlitz des Ehrw�rdigen Leiters vermieden wurde.</p><p>Ich erhob mich aus dem Besucherstuhl und trat an einen Schreibtisch.</p><p>�Sie m�ssen mich nicht abholen, Sir Fulumiaro. Am besten warte ich hier.�</p><p>�Was machen Sie denn da, Lady Marilyn?�, fragte Malifaro verwirrt.</p><p>Schweigend zog ich eine Schublade auf und nahm eine kleine Flasche heraus, in der noch ein Rest Kachar-Balsam war.</p><p>�Was soll denn das, Lady?�, fragte Melifaro �ngstlich.</p><p>Ich riskierte ziemlich viel. Dieser friedliche Mann war ebenso gef�hrlich wie der Rest unserer Truppe. Sollte mich f�r einen entlaufenen Magister halten, der nach Echo zur�ckgekehrt war, konnte die Sache mit ein ernsten Auseinandersetzung enden. Doch den Magistern sei Dank: Die nette rothaarige Lady war �ber jeden Verdacht erhaben.</p><p>Schweigend nahm ich einen eher symbolischen Schluck aus der Flasche. Ich brauchte keine St�rkung - auch ohne Kachar-Balsam h�tte ich die Welt aus den Angeln heben k�nnen. Aber Lady Marilyn und ich hatten einfach Lust auf etwas Leckeres.</p><p>�Lady Boch, dieser Platz geh�rt Sir Juffin Halli. Sie k�nnen doch nicht einfach so in seinen Sachen w�hlen!�</p><p>Es tat wirklich weh, Melifaro anzuschauen.</p><p>�Ich schon�, sagte ich ruhig. �Wir Bewohner der Grafschaft Wuk d�rfen in den Tischen fremder Leute w�hlen. Manchmal finden sich dort interessante Dinge. Hast du eigentlich schon den dritten Band der Enzyklop�die deines Vaters verspachtelt?�</p><p>Melifaro wirkte verst�rt. Wahrscheinlich �bertrieb ich ein wenig. Dabei wollte ich nicht mal mehr Rache nehmen.</p><p>�Was ist denn mit dir los, Mensch?�, fragte ich g�nnerhaft. �Bist du noch nie beim Karneval gewesen?�</p><p>Der gesunde Menschenverstand Melifaros meldete sich, und das Tagesantlitz des Ehrw�rdigen Leiters begann nerv�s zu kichern. In Erinnerung an unser Gespr�ch lachte ich herzlich mit.</p><p>Als Sir Juffin ins Zimmer kam, sah er uns Arm in Arm auf dem Fu�boden sitzen. Wir kicherten inzwischen nur noch leise vor uns hin, weil wir keine Kraft mehr hatten, laut zu lachen.</p><p>�Max, du warst immer so romantisch�, seufzte mein Chef theatralisch. �Fr�her mochtest du nicht mal in den Stadtteil Rendezvous gehen. Und jetzt? Kaum hast du einen k�nstlichen Busen bekommen und vierundzwanzig Stunden in Gesellschaft der verr�ckten Lady Sotova verbracht, landest du schon in den Armen eines dir praktisch unbekannten Mannes.�</p><p>�Sir Juffin�, st�hnte Melifaro, �wenn Sie ihn so lassen, heirate ich ihn sofort - Ehrenwort!�</p><p>�Aber ich heirate Sie nicht. Sie haben mich betrogen�,</p><p>sagte ich kokett. �Ach, Juffin, wenn Sie mitbekommen h�tten, was der hier alles erz�hlt hat!�</p><p>Melifaro und ich kicherten wieder los.</p><p>�Soll ich euch mit kaltem Wasser begie�en?�, erkundigte sich Juffin unger�hrt. �Was ist hier eigentlich passiert?�</p><p>�Nichts, wovon meine Mutter nichts wissen d�rfte!�, rief ich, und Sir Juffin schloss sich unserem Kicherduett an.</p><p>Nach einer Viertelstunde kamen Melifaro und ich langsam zur Vernunft und begannen, Juffin abwechselnd die Details unseres Kennenlernens zu erz�hlen. Fairerweise muss ich erw�hnen, dass Melifaro, was seine Dummheit betraf, nicht mit harschen Worten sparte.</p><p>�Lady Marilyn, du bist wirklich erfolgreich�, sagte mein Chef l�chelnd. �Dabei hat dich die Aussicht, in eine Frau verwandelt zu werden, noch vorgestern schockiert.�</p><p>�Da wusste ich ja noch nicht, dass ich so h�bsch w�rde�, sagte ich und wies mit dem Kopf auf Melifaro. ��brigens hat er mich zum Abendessen eingeladen. Oder hast du es dir anders �berlegt?�</p><p>�Mit einer so sch�nen Frau kann ich mich �berall zeigen. Und wohin gehen wir danach? Zu mir oder zu dir?�, fragte Melifaro gelassen.</p><p>�Zu mir nat�rlich. Mein Papi ist zu Hause - General Bubuta Boch, falls du dich noch daran erinnerst. Er wird dir bestimmt von seinen Kriegserfolgen erz�hlen. Sir Juffin - habe ich heute Abend dienstfrei, oder haben Sie eine neue Mitarbeiterin namens Marilyn eingestellt? Was meint ihr, Jungs - wird mir der Todesmantel stehen?�</p><p>Meine weibliche Inkarnation war etwas leichfertiger als die m�nnliche.</p><p>�Ich glaube, ein Spaziergang durch die Stadt kann Ihnen nicht schaden, Lady Marilyn. Sie m�ssen sich schlie�lich an Ihren neuen Namen gew�hnen und so. Und du, Melifaro, solltest den Blick nicht im Dekolletee dieser leichtlebigen Frau versenken. Sie geht �bermorgen auf Hochzeitsreise mit Sir Lonely-Lokley.�</p><p>Melifaro pfiff verst�ndnisvoll durch die Z�hne.</p><p>�Ist es was Ernstes, meine Herren? Ich dachte ...�</p><p>�Was hast du denn geglaubt? Dass Max und ich aus Langeweile verr�ckt geworden sind? Nat�rlich ist es was Ernstes. Begleite also deine neue Freundin in die Stadt und pass auf, dass sie auf ihren neuen Namen reagiert und sich nicht verplappert.�</p><p>�Da sehe ich keine Gefahr�, meinte Melifaro. �Aber was ist das f�r ein Leben, Sir Juffin? Da trifft man ein nettes M�dchen, und dann erweist es sich als Ihr Nachtantlitz! Und heiratet obendrein Lonely-Lokley! Glauben Sie, mein Herz sei aus Stahl?�</p><p>�Daran habe ich keinen Zweifel�, meinte Juffin unger�hrt. �Max ... also Lady Marilyn: Sir Sch�rf und ich erwarten dich morgen bei Sonnenuntergang. Wenn du zu Hause bist, pack deine Sachen. Und mach dir keine Gedanken �ber deine Viecher. Unsere Mitarbeiter stehen Schlange, um die Tiere pflegen zu d�rfen.�</p><p>Ich lie� den Kopf h�ngen. Meine armen Katzen! Was war ich doch f�r ein nichtsnutziges Herrchen!</p><p>�Wahrscheinlich bekommt Ella bald Junge�, sagte ich wehm�tig. �Das werden die zuk�nftigen Katzen des K�nigs sein. Allerdings frisst sie so viel, dass sie wom�glich nicht tr�chtig ist, sondern einfach nur fett.�</p><p>�Max, deine Probleme m�chte ich haben�, sagte Juffin m�de. �Sir Melifaro, nehmen Sie diese h�bsche Frau und ziehen Sie Leine. Ich hab noch ein Treffen mit einem Giftm�rder.�</p><p>�Wei�t du, Lady Marilyn, mit deinem netten Gesicht und den dummen Spr�chen des Nachtantlitzes bist du die ideale Frau f�r mich�, meinte Melifaro galant, als ich ins A-Mobil gestiegen war.</p><p>�Ich bin der ideale Mann - sofern Lonely-Lokley und ich die Reise �berleben�, sagte ich l�chelnd und riskierte eine Frage, die ich in meiner normalen Erscheinungsform nie zu stellen gewagt h�tte: �Wie geht es Lady Melamori?�</p><p>�Sie murmelt im Schlaf deinen Namen, falls es dich interessiert. Ansonsten h�lt sie Monologe �ber die Vorz�ge des Singledaseins. Ich w�sste wirklich gern, was zwischen euch vorgefallen ist. Mag Lady Marilyn nicht ein wenig klatschen?�</p><p>�Vielleicht. Aber es ist nichts Spektakul�res passiert. Das Schicksal hat unsere Verbindung gekn�pft und uns dann verboten, uns wiederzusehen - wir haben uns n�mlich im Stadtteil Rendezvous getroffen.�</p><p>�Tja, so geht das manchmal�, seufzte Melifaro mitleidig und f�gte hinzu: �Aber wenn du weiter ein echtes M�dchen bleibst, l�sst meine Mutter mich endlich heiraten. Denk dar�ber nach - so was hab ich noch keiner Frau angeboten.�</p><p>�Vielen Dank, aber f�rs Familienleben bin ich noch zu jung. Und jetzt lass uns fahren - du schuldest mir noch was.�</p><p>Drei Stunden sp�ter parkte eine satte, zufriedene und leicht berauschte Marilyn ihr A-Mobil vor dem Haus von Lady Melamori. Marilyns Frauenherz hatte mir diese Idee eingegeben, und ich leistete keinen Widerstand. Ohne zu �berlegen, meldete ich mich per Stummer Rede bei Lady Melamori.</p><p>�Ich bin's, Max. Schau mal kurz aus dem Fenster - ich steh vor deiner T�r.�</p><p>�Das darf ich doch nicht�, antwortete sie erschrocken. �Wei�t du �berhaupt, was du da tust? Wir d�rfen uns nicht sehen, solange das Schicksal es verbietet.�</p><p>�Wenn ich mitten in der Nacht hier auf tauche, dann nicht, um deine Situation zu verschlechtern. Schau erst aus dem Fenster und entscheide dann, ob du mich reinlassen darfst oder nicht. Ich schw�re beim Lieblingspyjama von Sir Juffin, dass du es nicht bereuen wirst. So eine �berraschung kann dir niemand au�er mir bereiten. Ich warte.�</p><p>Melamoris gesunde Neugier siegte �ber ihre Vorbehalte. Nach einer Minute sah ihre Nasenspitze aus dem Fenster.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte sie barsch. �Und wo ist Sir Max? Soll das ein Witz sein?�</p><p>�Nat�rlich, Unvergessliche�, sagte ich l�chelnd. �Und ein sehr guter dazu, findest du nicht?�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Meine Liebe - versuch, mir auf die Spur zu treten, und deine Zweifel sind wie weggewischt. Worauf wartest du noch?�</p><p>Melamori zog ihre Hauspantoffeln an, stand Sekunden sp�ter hinter mir und seufzte nach kurzem Schweigen leise: �Max, was ist mit dir passiert?�</p><p>Ich sah mich um und stellte fest, dass ihre Lippen vor Angst blutleer waren.</p><p>�Bist du etwa verzaubert?�, setzte sie hinzu.</p><p>�Ja, aber nur, solange ich mit Lonely-Lokley verheiratet bin. Doch das muss unter uns bleiben, denn es ist ein schreckliches Geheimnis. Darf ich jetzt kurz zu dir reinkommen?�</p><p>�Ich glaube ja�, sagte Melamori und begann zu l�cheln. �Aber erkl�r mir bitte, was hier vorgeht.�</p><p>�Nat�rlich. Gute Freundinnen finden doch immer Gespr�chsstoff. Wei�t du, mir ist l�ngst klar, wie schwierig es f�r einen Mann und eine Frau ist, einfach nur befreundet zu sein. Zwei Frauen schaffen das viel eher. �brigens hei�e ich Lady Marilyn - ich denke, das macht die Sache f�r dich einfacher.�</p><p>�Einfacher?�</p><p>Wir gingen ins G�stezimmer. Pl�tzlich lachte Lady Melamori erleichtert.</p><p>�Setz dich, Marilyn. Nett, dass du gekommen bist. Ich wollte dich ohnehin unbedingt kennen lernen.�</p><p>�Weibliche Intuition ist eine gro�e Kraft�, meinte ich und l�chelte schelmisch. �Aber meine Intuition sagt mir auch, dass du ein Souvenir deines Gro�vaters Kima besitzt. Wir sollten es trinken. Wann, wenn nicht jetzt? Immerhin reise ich �bermorgen ab.�</p><p>�F�r immer?�, fragte sie �ngstlich.</p><p>�Darauf brauchst du gar nicht erst zu hoffen. Nur f�r ein paar Dutzend Tage.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Nach Kettari. Unseren Chef hat ein schwerer Anfall von Nostalgie gepackt, und ich soll ihm einen Sack Kiesel aus der Stadt seiner Kindheit bringen. Aber vergiss diese Geheimnisse, meine Liebe. Wenn ich trinke, werde ich gespr�chiger und erz�hle dir wirklich alles - Ehrenwort.�</p><p>�Marilyn, magst du einen Schicksalstropfen?�, fragte Melamori gelassen. Ich war so �berrascht, dass ich zusammenzuckte.</p><p>�Einen Schicksalstropfen?! Den haben wir doch schon mal getrunken!�</p><p>�Mich w�rde interessieren, Marilyn, wo du so was hast trinken k�nnen�, antwortete Melamori kaltbl�tig wie immer. �Das ist ein seltenes Getr�nk.�</p><p>�Und wie�, best�tigte ich l�chelnd und merkte erstaunt, dass mir ein Stein vom Herzen fiel. �Nat�rlich m�chte ich so was trinken. Wer bin ich, dass ich mich einem Schicksalstropfen verweigern k�nnte?�</p><p>�Prima.�</p><p>Der alte Wein erwies sich als dunkel, fast schwarz. Auf dem Flaschenboden flimmerten bl�uliche Funken.</p><p>�Das ist ein gutes Zeichen, Marilyn�, l�chelte Melamori und klopfte mit dem Finger an den Flaschenhals. �Mein Opa Kima hat mir erz�hlt, diese F�nkchen erscheinen nur dann, wenn mit denen, die den Wein trinken ... wie soll ich sagen ... wenn mit ihnen alles in Ordnung ist. Verstehst du? Es ist also nicht schlecht oder gut, sondern in Ordnung.�</p><p>�Nat�rlich versteh ich das. Daf�r hab ich allerdings ein anderes Wort: nicht �in Ordnung*, sondern 'echt*. Es hat mich immer ersch�ttert, wie wenige Leute authentisch sind. Hab ich mich verst�ndlich ausgedr�ckt?�</p><p>�Marilyn - eins k�nnen Max und du wirklich gut: die richtigen Worte finden�, sagte Melamori nickend. �Schmeckt's?�</p><p>�Gro�artig!�</p><p>�Aber jetzt erz�hl mir deine Geschichte. Wenn du willst, schw�re ich dir, dar�ber Stillschweigen zu bewahren.�</p><p>�Wozu brauche ich deine Schw�re? Du sollst mich nur anschauen und mir zuh�ren. Lady Marilyn und ich erz�hlen sehr gern.�</p><p>Ich berichtete ihr ausf�hrlich von der ganzen Maskerade, deren pr�chtige K�nigin ich war. Das Finale bildete Melifaros Auftritt als d�pierter Galan.</p><p>�S�ndige Magister - ich h�tte nicht gedacht, dass ich im Leben so viel w�rde lachen k�nnen�, keuchte Melamori und wischte sich die Tr�nen ab. �Der arme Melifaro hat wirklich kein Gl�ck bei den Frauen. Lady Marilyn, hast du dir das alles auch gut �berlegt? Wo findest du einen besseren Ehekandidaten?�</p><p>�Danke f�r den Hinweis - ich werd dr�ber nachdenken. Schau, es wird schon hell. Wann willst du eigentlich schlafen gehen?�</p><p>�Ach, ich kann ja mal zu sp�t zur Arbeit kommen. Ich sage Juffin einfach, dass ich dir einige kokette Tricks beigebracht habe.�</p><p>�Die k�nnte ich brauchen. Zumal im Hinblick auf meinen k�nftigen Gatten�, sagte ich und stand m�hsam vom kleinen Sofa auf. �Aber jetzt gehe ich ins Bett, Melamori. Du solltest das auch tun. Besser zu wenig Schlaf als gar keinen.�</p><p>�Es kommt nicht darauf an, wie viel man schl�ft, sondern wie gut. Und heute werde ich pennen wie ein Stein. Sag Max bitte, dass es eine prima Idee war, vorbeigekommen zu sein.�</p><p>�Gern�, meinte ich g�hnend und nickte ihr zum Abschied zu. �Guten ... Schlaf, Melamori.�</p><p>�brigens hat auch Lady Marilyn in dieser Nacht geschlafen wie ein Stein, was meinem alten Bekannten Max selten geschieht. Dieses M�dchen hat einen herrlichen Schlummer - viel tiefer und ausdauernder als er.</p><p>Bei Sonnenuntergang ging ich zum Haus an der Br�cke. Ich hatte eine gro�e Reisetasche dabei, in der eine Flasche Kachar-Balsam, viel Kleidung und mein verzaubertes Kissen steckten. Egal, wohin es ging - nie w�rde ich ohne diesen �St�psel zwischen den Welten� (wie Maba Kaloch das Kissen genannt hatte) verreisen, denn es bot die einzige M�glichkeit, an meine geliebten Zigaretten zu kommen.</p><p>Sir Juffin unterhielt sich angeregt mit einem sonnengebr�unten Blondschopf mittleren Alters im wei�blauen Lochimantel. Der Bursche sah aus wie ein Trainer: Er hatte muskul�se H�nde, gesundes Wangenrot und ein ausgezehrtes Gesicht, auf dem sich nie ein L�cheln zeigte. Ich wollte die beiden nicht st�ren und meldete mich deshalb per Stummer Rede bei meinem Chef.</p><p>�Sind Sie besch�ftigt? Soll ich im Vorzimmer bleiben?�</p><p>�Aber nicht doch, Lady Marilyn�, rief Juffin und begr��te mich l�chelnd. �Hast du diesen Mann f�r einen Besucher gehalten, Max? Und wer hat uns eingesch�rft, wir k�nnten auch mit dem Aussehen von Sir Sch�rf Probleme bekommen? Leute, ich kann euch beiden nur sagen: Ihr seid wirklich ein tolles Paar.�</p><p>�Du siehst wunderbar aus, Marilyn�, sagte der komplett ver�nderte Lonely-Lokley h�flich, stand auf und half mir - s�ndige Magister! - f�rsorglich beim Hinsetzen. �Sir Max, ich muss Sie leider bitten, Sie in den n�chsten Wochen duzen zu d�rfen, wie es sich zwischen Ehegatten geh�rt.�</p><p>�Sie k�nnen mich auch in weniger extremen Situationen duzen, Sch�rf.�</p><p>�Ich hei�e jetzt Sir Glama Eralga. Selbstverst�ndlich sollst du mich nur per Glama ansprechen, meine Liebe.�</p><p>�K�nnen wir uns nicht jetzt noch normal anreden?�, fragte ich. �Der st�ndige Namenswechsel kann einen ja verr�ckt machen.�</p><p>�Sir Sch�rf hat leider absolut Recht�, bemerkte Juffin. �Je rascher du dich an deinen neuen Namen gew�hnst, desto besser. Bald hast du sowieso andere Probleme.�</p><p>Was das f�r Probleme sein w�rden, wollte ich nur zu gern wissen.</p><p>Neugierig musterte ich Lonely-Lokleys H�nde. Erstmals sah ich sie ohne F�ustlinge und ohne die todbringenden zerrissenen Handschuhe, die ich bisher f�r seine eigentlichen H�nde gehalten hatte. Theoretisch wusste ich zwar, dass sie nicht echt sein konnten, aber mein Herz war st�rker gewesen als mein Verstand.</p><p>�S�ndige Magister, was ist denn mit Ihren H�nden los, Sch�rf... Glama?�</p><p>�Nichts Besonderes. Wenn du meine Handschuhe meinst - die sind im Reisegep�ck. Du nimmst doch wohl nicht an, meine liebe Marilyn, dass jeder solche Handschuhe besitzt?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich hab Sie ... dich blo� nie ohne gesehen.�</p><p>�Hallo, meine Sch�ne�, rief Melifaro von der T�r. �Na, willst du ein M�dchen bleiben? Und hast du �ber meinen Heiratsantrag nachgedacht? Meine Mutter w�re begeistert�, sagte er, kam ins Zimmer und lehnte sich an meinen Stuhl. �Oh, unser Loki-Lonki sieht auch viel besser aus. Nur bei mir gibt's nichts Neues.�</p><p>�Sir Melifaro, machen Sie sich bitte nicht an meine Frau heran�, sagte der im Gesicht v�llig ver�nderte Sch�rf. �Und seien Sie so nett und lernen Sie meinen richtigen Namen, bis wir zur�ck sind. Wir kennen uns ja nicht erst seit gestern.�</p><p>Den gr��ten Spa� an unserem Gespr�ch hatte Sir Juffin. Und das war sein gutes Recht - schlie�lich war er unser Chef.</p><p>�Ich hoffe, Juffin, Sie haben nichts dagegen�, sagte Sir Kofa beim Eintreten. Unser Meister des Verh�rs, der zugleich mein pers�nlicher Kosmetiker und Visagist war, hatte auch diesmal ein gro�es Paket dabei. �Sie haben noch genug Zeit, den armen Jungs die Details ihrer Mission zu erkl�ren. Ihr alle habt noch die ganze Nacht vor euch, und ich habe ungeheure Leckereien dabei.�</p><p>�Aber Sir Kofa! Hab ich mich je gegen nette Abende gewandt?�, meldete sich Juffin zu Wort. �Doch warum haben Sie das alles mitgeschleppt? Sie h�tten doch einen Boten schicken k�nnen.�</p><p>�Von wegen! Bei dieser Delikatesse traue ich niemandem. Schuta Wach - ein Meister der alten K�che - ist gerade in Rente gegangen und kocht nur noch f�r sich. Doch als ich sieben Tschakata-Piroggen bei ihm bestellte, konnte er einfach nicht Nein sagen. Wir haben gro�es Gl�ck - au�er ihm kann das keiner in Echo.�</p><p>�Meinen Sie das ernst, Kofa?�, fragte Juffin sichtlich erregt.</p><p>�Und ob! Mit solchen Sachen soll man nicht scherzen.</p><p>Na, mein M�dchen, komm zu uns, ehe ich es mir anders �berlege.�</p><p>Lady Melamori lie� sich nicht lange bitten.</p><p>�Guten Abend, Lady Marilyn�, sagte sie l�chelnd und legte die Hand auf meine Schulter. �Nur schade, dass du morgen abreist.�</p><p>�W�rden wir nicht abreisen, g�be es keine Tschakata-Piroggen�, bemerkte ich philosophisch. �Alles hat seinen Preis.�</p><p>�Sie haben vergessen, den armen Sir Lukfi einzuladen�, sagte Lady Melamori vorwurfsvoll zu meinem Chef.</p><p>�Sie kr�nken mich, Lady�, widersprach Juffin. �Ich habe mich l�ngst per Stummer Rede bei ihm gemeldet, aber er muss sich erst von seinen hundert Buriwuchen verabschieden.�</p><p>Das Umfallen eines Stuhls k�ndigte die Ankunft unseres Obersten Wissensh�ters an.</p><p>�Guten Abend, meine Damen und Herren. Es ist sehr nett, dass Sie an mich gedacht haben. Dass Sie f�r alle diese Leckereien mitgebracht haben, Sir Kofa, zeigt, was f�r ein guter Mensch Sie sind. Guten Abend, Sir Max -Sie habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Oh, Sie haben ja eine neue Frisur. Ist die jetzt Mode?�</p><p>Melifaro h�tte beinahe den Halt an meinem Stuhl verloren, Lady Melamori und ich tauschten einen erstaunten Blick, und Sir Kofa schrie vor �rger sogar kurz auf. S�ndige Magister!, dachte ich, wirkt die Tarnung etwa nicht mehr? Kann man mich jetzt doch sofort erkennen?</p><p>�Bleib ruhig, Max�, sagte Juffin beschwichtigend. �Und Sie, Sir Kofa, d�rften erst recht nicht �berrascht sein. Schlie�lich wissen Sie doch, dass Sir Lukfi alles sieht, wie es ist - nicht, wie es scheint. Wie sonst sollte er all seine Buriwuche auseinanderhalten k�nnen?�</p><p>�Sir Juffin ist wirklich ein scharfsinniger Mensch. Das habe ich schon immer gesagt�, mischte sich auch Kurusch ein. Juffin nickte zustimmend.</p><p>�Trotzdem ist es schade, denn ich halte dieses M�dchen f�r den Gipfel meiner Kunst und hatte geglaubt, selbst Sir Lukfi damit t�uschen zu k�nnen�, sagte Kofa.</p><p>�Juffin, sind Sie sicher, dass es unter den Leuten aus Kettari keine so scharfsichtigen Menschen wie Sir Lukfi gibt?�, fragte ich erschrocken.</p><p>�Soweit ich wei�, gibt es in jenem Teil der Welt nur einen, der Kofas Maskerade durchschauen kann - den Sheriff der Insel Murimach. Und der besch�ftigt sich damit, die Haare der K�niglichen Iltisse zu z�hlen. Du kannst also beruhigt sein�, sagte Juffin und wandte sich an Lukfi Penz. �Hast du noch nicht bemerkt, dass unser Max ein M�dchen ist?�</p><p>�Ach, jetzt sehe ich, dass er viel l�ngere Haare hat�, sagte Lukfi leichthin. �Gut, dass das keine neue Mode ist. So eine Frisur steht mir n�mlich nicht besonders.�</p><p>Das spontane Fest gelang ausgezeichnet. Angesichts der Herzlichkeit, mit der Lonely-Lokley und ich verabschiedet wurden, h�tte ich jeden Tag irgendwohin reisen m�gen.</p><p>Sir Juffin opferte den Gro�teil der Nacht, um Lonely-Lokley und mir zu erz�hlen, welche Lebensgeschichte er sich f�r uns ausgedacht hatte. Es konnte ja sein, dass wir auf unserer Reise Neugierige trafen, die sich beim Abendessen �ber unsere Vergangenheit unterhalten wollten. Ehrlich gesagt h�rte ich nur mit halbem Ohr hin, denn Lonely-Lokley war so zuverl�ssig, dass er nicht ein Wort von der Geschichte des Ehepaars Glama Eralga und Marilyn Monroe vergessen w�rde.</p><p>�Das klingt alles sehr h�bsch, Juffin�, sagte ich und sah gedankenverloren in den rosigen Himmel. �Aber offen gestanden verstehe ich noch immer nicht, warum wir nach Kettari fahren.�</p><p>�Ehrlich gesagt: Als ich dich nach Cholomi geschickt habe, Max, habe ich dir einige wichtige Informationen vorenthalten. Aber diesmal ist es anders. Du wei�t wirklich alles, was ich wei�. Ihr fahrt nach Kettari, damit ich Antwort auf zahlreiche Fragen bekomme. Aber wenn ich euch einen Rat geben darf: Wartet dort besser erst ein paar Tage ab, ehe ihr etwas unternehmt. Ihr solltet durch die Stadt spazieren und euch ein paar Teppiche kaufen. Vielleicht findet das Geheimnis ja zu euch. Ich wei� doch, dass du ein Gl�ckspilz bist, Max. Und wenn nichts dergleichen passiert, m�sst ihr eben versuchen, Kettari f�r einige Tage zu verlassen und dann zur�ckzukehren. Nur nichts �berhasten! Haben wir uns verstanden? Ich hab das Gef�hl, es w�re falsch, �bereilt zu handeln. Aber jetzt ist es Zeit. Die Karawane bricht in einer Stunde auf. Ihr k�nnt noch ein Schl�ckchen nehmen.�</p><p>Mit diesen Worten reichte Juffin mir seine ber�hmte Flasche, und ich nahm gen�sslich einen Schluck Balsam, der mich schon manches Mal geheilt hatte und mich auch von Morgenm�digkeit und anderen Unannehmlichkeiten befreien konnte.</p><p>�Nimm, mein Lieber. Es ist auch noch was f�r dich drin�, sagte ich und reichte die Flasche an Lonely-Lokley weiter.</p><p>�Vielen Dank, Marilyn, aber das trinke ich nicht�, antwortete mein offizieller Freund und gegenw�rtiger Ehemann.</p><p>��Wie du willst, aber wir sind den ganzen Tag unterwegs.�</p><p>��Es gibt Atem�bungen, die schneller und effektiver von M�digkeit befreien als dieses Gebr�u�, sagte Lonely-Lokley.</p><p>�Kannst du mir die beibringen?�, fragte ich neidisch.</p><p>�Erst, wenn du alle �bungen gelernt hast, die ich dir gezeigt habe.�</p><p>�Die kann ich doch schon alle!�</p><p>�Denkst du! Wenn es gut l�uft, beherrschst du sie in vierzig Jahren.�</p><p>�Oje! Aber wie unser Gro�er Magister Nuflin Moni Mach zu sagen pflegt: �Hoffentlich werde ich diesen Tag nicht erleben.- Na gut - gehen wir, mein Lieber.�</p><p>�Los, Leute�, sagte Juffin nickend. �F�r Gespr�che habt ihr Zeit genug, denn der Weg ist lang. Und bringt mir bitte etwas aus meiner Heimatstadt mit.�</p><p>Sir Lonely-Lokley setzte sich mit Schwung ans Steuer des A-Mobils.</p><p>�Vielleicht sollten wir die Pl�tze tauschen?�, meinte ich.</p><p>�Du hast eben Kachar-Balsam getrunken, Marilyn, und willst schon ans Lenkrad? Das geht nicht - das hab ich dir schon ein paar Mal gesagt. Meine Liebe, auf unserer Reise werden wir bestimmt noch oft die Pl�tze tauschen. Bist du eigentlich sicher, dass du dich dem Tempo der anderen anpassen kannst? Wenn wir alle �berholen, stehen wir ohne Karawanenf�hrer da. Nat�rlich w�ren die anderen dar�ber schockiert.�</p><p>�Schon gut�, meinte ich beschwichtigend. �Anders als unser alter Freund Max ist Lady Marilyn eine vorsichtige Dame. Ich werde mich am Riemen rei�en.�</p><p>�Ist das ein neues Geheimritual?�, fragte Lonely-Lokley sichtlich interessiert.</p><p>�Ja. Ich kann es dir beibringen, Glama, aber das dauert mindestens hundertf�nfzig Jahre�, meinte ich triumphierend. Lady Marilyn erwies sich als ebenso t�ckisch wie mein guter alter Bekannter Max.</p><p>Doch schon Sekunden sp�ter f�rchtete ich, Lonely-Lokley k�nnte meinen Scherz missverstanden haben. Schuldbewusst l�chelte ich ihn an und sagte: �Das war nicht ernst gemeint.�</p><p>�Das hatte ich mir schon gedacht. Aber du musst darauf achten, immer mit hoher Stimme zu sprechen, Marilyn. In ein paar Minuten reisen wir nicht mehr allein. Ich w�rde dir daher raten, auf solche Details zu achten.�</p><p>�Du hast Recht, Glama. Keine Sorge.�</p><p>Diese Reise mit Sir Sch�rf, dachte ich, wird meinen Charakter effektiver st�hlen als die P�dagogik der alten Spartaner.</p><p>Als ich ein Dutzend A-Mobile und eine Gruppe von Leuten erblickte, die allesamt reisefertig waren, besserte sich meine Laune. Als Kind war ich oft am Bahnhof, um abfahrenden Z�gen nachzusehen, von denen ich glaubte, sie f�hren in eine andere Welt. Die Z�ge - so dachte ich -waren aus einer anderen Dimension gekommen und w�rden nun dorthin zur�ckkehren. Ich beneidete die Passagiere sehr, wenn sie ihr Gep�ck - wie durch die beleuchteten Fenster zu sehen - im Abteil ausbreiteten.</p><p>Jetzt hatte ich das gleiche Gef�hl wie damals - nur noch st�rker. Anders als in meiner Kindheit jedoch tr�umte ich nicht mehr davon, meine Welt zugunsten einer anderen zu verlassen, sondern freute mich bereits auf die R�ckkehr nach Echo. Als elegante Lady Marilyn ging ich ohne Z�gern zu der kleinen Gruppe, und Sir Sch�rf folgte mir.</p><p>Minuten sp�ter lernten Lady Marilyn und ihr f�rsorglicher Begleiter Glama den Karawanenf�hrer Abora Wala kennen, einen nicht eben gro�en, vorzeitig ergrauten Brillentr�ger aus Kettari, der durchaus sympathisch wirkte. Wir zahlten ihm gleich acht Kronen, also die H�lfte dessen, was er f�r seine Dienste in Rechnung stellte. Den Rest sollte er erhalten, wenn wir heil auf dem Hauptplatz von Kettari angekommen waren. Der R�ckweg sollte kostenlos sein.</p><p>Die n�chste halbe Stunde stellten wir uns gegenseitig vor und gewannen erste Eindr�cke von den Mitreisenden. Lady Marilyn schlug sich dabei ausgezeichnet. Nicht ein einziges Mal sprach sie mit tiefer Stimme und stets reagierte sie brav auf ihren Namen. Schlie�lich bat Herr Wala um unsere Aufmerksamkeit: �Ich glaube, wir sind komplett, meine Damen und Herrn. Also k�nnen wir starten. Ich fahre vor und hoffe, Sie akzeptieren meine Restaurantwahl. Ich habe n�mlich gro�e Erfahrung auf diesem Gebiet - das k�nnen Sie mir glauben. Sollte jemand Probleme bekommen, melde er sich bitte per Stummer Rede bei mir. Ich rate Ihnen davon ab, sich von der Karawane zu trennen. Sollten Sie es doch tun, versuchen Sie hinterher bitte nicht, die Reise zu reklamieren. Ich hoffe nat�rlich, dass es keine Komplikationen gibt. Und damit Gute Fahrt!�</p><p>Alle stiegen in ihr A-Mobil. Offen gestanden war ich dankbar, dass Lonely-Lokley mir verboten hatte, mich ans Steuer zu setzen. So n�mlich konnte ich die Mosaikgehsteige von Echo und die kleinen H�user entlang der Stra�en bewundern. Ich liebte die Stadt schon so, dass mich der Abschied fast freute, da ich schon die s��e Sehnsucht sp�rte, zur�ckzukehren.</p><p>Dann sah ich die sich vor der Stadt kilometerlang hinziehenden Obstg�rten, an deren Stelle irgendwann Felder und W�lder traten. Ich war wie berauscht von all den neuen Eindr�cken. Sir Sch�rf sa� schweigend am Lenkrad. Auch in Gestalt von Sir Glama Eralga war er absolut leidenschaftslos. Ich hielt unsere Reise f�r eine gute Gelegenheit, meine Neugier zu stillen.</p><p>�Glama, schweigst du am Steuer lieber, oder magst du dich beim Fahren unterhalten?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Gespr�che mit dir, Marilyn, machen mir immer Spa� - genau wie mit meinem guten Freund Max�, antwortete Lonely-Lokley ruhig.</p><p>S�ndige Magister - das klang ja geradezu herzlich! T�uschte ich mich, oder unterschied sich Sir Glama wirklich vom Schnitter des Lebensfadens?</p><p>�Wenn du eine Frage nicht beantworten willst, sag mir bitte Bescheid�, bat ich.</p><p>�Was bleibt mir anderes �brig?�, gab er zur�ck.</p><p>�Eigentlich wollte ich nicht �ber dich sprechen, mein lieber Glama, sondern �ber meinen Freund Lonely-Lokley.�</p><p>�Perfektes Timing, Lady Marilyn - das lobe ich mir. Und nun fragen Sie, Max. Hoffentlich kann ich Ihre Neugier stillen.�</p><p>Ich r�usperte mich und begann: �Eines Tages fiel Ihr Name im Gespr�ch mit einem alten Magister, einem Freund Sir Juffins. Kaum hatte der Alte Ihren Namen geh�rt, nannte er Sie den Verr�ckten Fischer. Juffin hat dazu nur genickt; ich hingegen war verwirrt, denn ich w�rde Sie nie und nimmer f�r verr�ckt halten.�</p><p>�Wir kennen uns noch nicht lange, Marilyn - daher deine Verwunderung. Meine Lebensgeschichte ist - anders als die von Sir Max - kein Geheimnis.�</p><p>�Dann schie�en Sie mal los�, sagte ich verlegen.</p><p>Ehrlich gesagt hatte mir der letzte Satz von Sir Sch�rf (oder auch von Sir Glama) einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Erst hatte Lady Melamori, dann Sir Kofa eine Andeutung �ber meine dunkle Herkunft gemacht, und nun hieb Sir Sch�rf in dieselbe Kerbe! Sie alle sp�rten offenbar, dass etwas mit mir nicht stimmte. Kein Wunder - schlie�lich waren sie Geheimagenten. Eigentlich aber war das alles Juffins Schuld: Er h�tte seinen Leuten n�mlich l�ngst reinen Wein einschenken m�ssen.</p><p>�Keine Sorge - ich habe nicht vor, Ihnen meinerseits Fragen zu stellen, Sir Max, denn ich wei�, dass daf�r die Zeit noch nicht reif ist�, sagte Lonely-Lokley vers�hnlich. ��brigens solltest du deine Mimik besser kontrollieren, Marilyn, und daf�r die �bungen, die ich dir gezeigt habe, wirklich jeden Tag machen.�</p><p>�Und zwar vierzig Jahre lang?�, fragte ich betr�bt.</p><p>�Das kann ich dir nicht genau sagen. Vielleicht stellt sich der Erfolg ja schon fr�her ein.�</p><p>�Lassen wir meine Mimik mal auf sich beruhen, Glama. Erz�hlen Sie mir jetzt bitte Ihre Geschichte, Sir Lonely-Lokley.�</p><p>�Vor genau siebzehn Dutzend Jahren wurde ein Junge namens Sch�rf Novize im Orden der L�chrigen Tasse. Seine Familie war dem Orden eng verbunden und lie�</p><p>dem Jungen keine andere Wahl, aber damals war das ein durchaus beneidenswertes Los. Kaum sechs Dutzend Jahre sp�ter wurde der Novize zu einem J�ngeren Magister bef�rdert und arbeitete seither als Fischexperte, war also Aufseher �ber die L�chrigen Aquarien des Ordens. Soweit ich wei�, hat Juffin Ihnen schon einiges �ber den Orden der L�chrigen Tasse erz�hlt, und das will ich nicht wiederholen.�</p><p>�Die Mitglieder des Ordens haben sich nur von den Fischen in den Aquarien ern�hrt und l�chriges Geschirr benutzt, das Ihrer ber�hmten Tasse �hnelte, stimmt's?�</p><p>�Wenn man so will ... Jedenfalls erf�llte der J�ngere Magister Sch�rf Lonely-Lokley einige Jahre all seine Verpflichtungen aufs Beste.�</p><p>�Daran habe ich keinen Zweifel.�</p><p>�Das sollten Sie aber, Sir Max. Schlie�lich kennen Sie den Menschen, von dem ich rede, nicht. Ich habe selten einen so ma�losen, launischen und sentimentalen Kerl getroffen wie ihn. Das k�nnen Sie mir glauben, denn ich neige eher zu Unterals zu �bertreibungen. Die Ern�hrung der Magister des Ordens war der Selbstbeherrschung freilich nicht f�rderlich. Allerdings haben auch Mitglieder anderer alter Orden ungesund gelebt.�</p><p>Ich nickte. �Das hat mir Juffin auch erz�hlt. Ich w�re gern - wenigstens f�r kurze Zeit - Zeuge dessen gewesen, was in der ber�chtigten Epoche der Orden los war.�</p><p>�Wenn Sie sich so f�r die Vergangenheit interessieren, kann ich Ihnen ein Gespr�ch mit Sir Kofa Joch empfehlen. Anders als ich ist er ein sehr talentierter Erz�hler.�</p><p>�Unsinn�, meinte ich abwinkend. �Du machst das ganz prima, Glama. Fahr bitte fort.�</p><p>�Ich bin ein furchtbarer Erz�hler, und so soll es auch sein. Aber Sie interessiert ohnehin weniger der Berichterstatter als das, was er zu erz�hlen hat�, stellte Lonely-Lokley unger�hrt fest. �Ich habe schon gesagt, dass ich fr�her sehr ungest�m war. Diese Charaktereigenschaft erkl�rt vielleicht meine sinnlose Tat�, fuhr Sch�rf fort, unterbrach sich dann aber und blickte mit finsterer Miene auf die Stra�e.</p><p>�Welche Tat denn?�, fragte ich und platzte fast vor Neugier.</p><p>�Ich wollte innerhalb k�rzester Zeit m�glichst kr�ftig werden und habe deshalb das Wasser all der Aquarien ausgetrunken, auf die ich eigentlich h�tte aufpassen sollen.�</p><p>Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen und sah Sir Sch�rf plastisch vor mir, wie er ein riesiges Aquarium nach dem anderen leer trank. S�ndige Magister! Wie hatte er nur solche Fl�ssigkeitsmengen in sich hineinsch�tten k�nnen?</p><p>�Verzeih mir, Glama, aber das ist wirklich zu komisch�, kicherte ich etwas sp�ter schuldbewusst.</p><p>�Verstehe. Nat�rlich starben alle Fische, und der unbesonnene J�ngling Sch�rf bekam wirklich ungeheure K�rperkr�fte, konnte damit jedoch nicht umgehen. Das h�tte sp�teren Generationen eine Lehre sein sollen. Es ist f�r mich schwierig, weitere Geschehnisse zu beschreiben, da ich nicht mehr wei�, was der dumme J�ngling nach Verlassen seines Ordens alles getrieben hat. Jedenfalls hat mir jemand den Spitznamen Verr�ckter Fischer verpasst. In der Epoche der Orden hat man sich noch schwer anstrengen m�ssen, um sich so einen Titel zu verdienen. Und niemand konnte mir verweigern, was ich haben wollte - egal, ob es sich um Frauen, Diener, Geld oder andere Dinge handelte, die mancher zum Gl�cklichsein braucht. Ich war besessen. An manchen Tagen fand ich Gefallen daran, Menschen zu �ngstigen, an anderen zog ich es vor, sie umzubringen. Aber eigentlich fand ich es erniedrigend, unbescholtene B�rger zu t�ten, und tr�umte stattdessen davon, das Blut der Gro�en Magister zu saufen. Ich kam und ging, wie es mir passte, und vollbrachte Wunder, die ich bis heute nicht verstehe, aber die Kehle der Gro�en Magister blieb meinen Z�hnen unerreichbar.�</p><p>�S�ndige Magister, Sch�rf - wie konnten Sie so etwas tun?�</p><p>Ich wusste zwar, dass unser Lonely-Lokley nicht zu den gr��ten L�gnern im Vereinigten K�nigreich geh�rte, konnte diese Geschichte aber dennoch nicht glauben.</p><p>�Marilyn, du hast wieder vergessen, mich Glama zu nennen.�</p><p>Der belehrende Ton meines Begleiters erstickte all meine Zweifel an seiner Geschichte.</p><p>�Menschen �ndern sich, oder?�, fragte ich leise.</p><p>�Manche ja�, stellte Lonely-Lokley gelassen fest. �Aber ich bin mit meiner Geschichte noch nicht fertig.�</p><p>�Das hatte ich mir fast gedacht.�</p><p>�Ich wollte noch mehr Kraft - mehr als alle Magister zusammen, deren Blut ich mir zu trinken ausgemalt hatte. Und eines Tages erschien der Verr�ckte Fischer in der Residenz des Ordens der Eisenhand, um eine der zwei m�chtigen H�nde zu rauben, die dort aufbewahrt wurden.�</p><p>�Sind das jetzt Ihre Handschuhe?�</p><p>�Na ja, eigentlich ist es nur mein linker. Den rechten bekam ich nach einem Kampf mit einem J�ngeren Magister des Ordens, der mich aufzuhalten versuchte und dem ich die Hand abhackte - vergessen Sie bitte nicht, wie ich damals genannt wurde�, f�gte er entschuldigend hinzu.</p><p>�Abgehackt!?�</p><p>�Was gibt es da zu staunen? Im Vergleich zu den sonstigen Untaten, die ich damals beging, war das nicht schlimm.�</p><p>�Juffin hat mir mal erz�hlt, die Mitglieder des Ordens der Eisenhand seien besonders m�chtig gewesen. Wurden Sie nicht verfolgt?�</p><p>�Wissen Sie - wenn man das Wasser von zw�lf Dutzend Aquarien austrinkt, bekommt man eine Kraft, die f�r sechshundert Mitglieder meines Ordens h�tte reichen sollen. Es war also nicht leicht, mich aufzuhalten. Und als ich die Ihnen bekannten Handschuhe trug, war ich noch gef�hrlicher. Aber irgendwann wurde selbst ich gestoppt.�</p><p>�Und wer hat das geschafft? Unser Juffin vielleicht?�</p><p>�O nein, Sir Juffin ist erst einige Zeit sp�ter in mein Leben getreten. Den Verr�ckten Fischer haben zwei Tote aufgehalten - die fr�heren Besitzer der von mir geraubten H�nde n�mlich. Schon in der ersten Nacht sind sie mir im Traum erschienen, und damals war ich im Schlaf noch fast schutzlos. Sie kamen, um mich mitzunehmen und in eine Art Fegefeuer zu schicken, in dem ich endlos h�tte leiden m�ssen. Ich kann Ihnen das nicht genau erkl�ren, denn ich kenne mich damit nicht gut aus, aber ich hoffe, Ihre Fantasie reicht, um sich vorzustellen, was mir damals drohte.�</p><p>�Zu den Magistern mit meiner Vorstellungskraft�, murmelte ich. �Nach diesen Worten werde ich nicht so bald schlafen k�nnen.�</p><p>�Das beweist mir, dass du meine Probleme ann�hernd verstehst, Marilyn�, sagte Sir Lonely-Lokley nickend. �In jener Nacht jedenfalls hatte ich gro�es Gl�ck: Ein starker Schmerz lie� mich erwachen. Das alte Haus, in dem ich schlief, begann einzust�rzen, und ein Stein war mir auf den Kopf gefallen. Vielleicht wunderst du dich, warum das Haus gerade in diesem Moment einzust�rzen begann. Juffin kann dir bei Gelegenheit einige Details seiner misslungenen Jagd auf den Verr�ckten Fischer erz�hlen. Damals gab es den Kleinen Geheimen Suchtrupp noch nicht, aber Juffin hat manchmal pers�nliche Befehle des K�nigs oder des Ordens des Siebenzackigen Blattes erf�llt. Er hatte einen sehr einsch�chternden Ruf, der sicher verdient war, doch mir hat der Freiwillige aus Kettari - wie man ihn damals nannte - das Leben gerettet. Ich schaffte es, das Haus zu verlassen, ohne zu begreifen, was los war. Mich besch�ftigte n�mlich ein anderes Problem: Mir war klar, dass der n�chste Traum mein letzter w�re. Darum entschied ich mich, so lange wach zu bleiben, wie es nur ging, und dann Selbstmord zu begehen, um so der Rache der toten Magister zu entkommen. Ich hab es geschafft, fast zwei Jahre ohne Schlaf zu leben.�</p><p>�Was!?�</p><p>Jeder Satz von Sir Sch�rf versetzte mich in gr��eres Staunen.</p><p>�Fast zwei Jahre�, best�tigte Lonely-Lokley. �Dieser Zustand konnte allerdings nicht ewig dauern, denn ich war auch ohne meine Schlafprobleme gest�rt genug, und die Schlaflosigkeit h�tte mich beinahe in ein Monster verwandelt. Damals hat Sir Juffin Halli - wie ich sp�ter erfuhr - jeden meiner Schritte verfolgt und auf den besten Moment gewartet ...�</p><p>�... um was zu tun?�</p><p>�Nein, Marilyn, er wollte mich nicht umbringen. Wei�t du, in der Nacht, in der er mir das Leben rettete, das ich mir hatte nehmen wollen, sagte er mir - und Sir Juffin irrt sich selten! -, eine F�gung habe ihn auf mich aufmerksam gemacht. Und statt mich zu t�ten, hat er mich gerettet - einen Menschen, der ob seiner Taten eigentlich schon gerichtet war.�</p><p>�S�ndige Magister - klingt das romantisch!�, seufzte ich.</p><p>�Stimmt. Nat�rlich hatte Sir Juffin das perfekte Timing: Er ist genau in dem Moment aufgetaucht, als ich wusste, dass meine Schlaflosigkeit langsam zu Ende ging, mein Leben also so gut wie vorbei war. Eigentlich habe ich mich damals aufs Sterben gefreut: Der Tod erschien mir als die beste L�sung. Und als mich der Freiwillige aus Kettari �berraschte, empfand ich eine unvergleichliche Freude: Ich sollte im Kampf sterben, und das ist viel lustiger als Selbstmord.�</p><p>�Hast du gerade -lustiger� gesagt, Glama?�, fragte ich und dachte, ich h�tte mich verh�rt.</p><p>�Ja. Anders als der gegenw�rtige Lonely-Lokley liebte der Verr�ckte Fischer Spa�. Aber es gab keinen Kampf -Sir Juffin hat mich einfach in Tiefschlaf versetzt. Vermutlich war das f�r ihn nicht schwer, da ich ohnehin von der Sehnsucht nach Schlaf besessen war. Juffin stie� mich probeweise in die Arme des Todes und lie� mich kosten, wie es war, eine Ewigkeit ohnm�chtigen Schmerzes zu erleben. Dann riss er mich wieder aus diesem Alptraum und erkl�rte, ich h�tte nur eine Chance.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>Ich kannte mich mit den Wundern dieser Welt noch nicht gut aus, doch die Kraft der hiesigen Alptr�ume hatte ich bereits am eigenen Leibe erfahren.</p><p>�Es war ganz einfach: Da alle den Verr�ckten Fischer suchten, musste ich ein anderer werden. Eine Metamorphose, wie wir zwei sie vor unserer Abreise durchgemacht haben, w�re zu wenig gewesen. Die toten Magister lassen sich n�mlich nicht so leicht betr�gen. Sir Juffin brachte mich an einen seltsamen Ort, gab mir ein paar Ratschl�ge und verschwand.�</p><p>�An was f�r einen Ort denn, Sir Sch�rf?�, fragte ich, und mein Herz h�tte beinahe aufgeh�rt zu schlagen.</p><p>�Keine Ahnung. Es ist unm�glich, sich an Dinge zu erinnern, die nicht wahrnehmbar sind.�</p><p>�Und welche Ratschl�ge hat er dir gegeben, Glama? Verzeih bitte meine Aufdringlichkeit, aber ich w�sste wirklich gern, was man einem Menschen in deiner Lage noch sagen konnte.�</p><p>�Nichts Besonderes. Er hat mir nur erkl�rt, wer ich bin und was ich tun sollte. Und er hat mir ein paar von den Atem�bungen gezeigt, die ich dir beigebracht habe. Vergiss bitte nicht, dass ich damals �ber gewaltige Kr�fte verf�gte und imstande war, enorme Taten zu vollbringen. Juffin hat mir lediglich ideale Bedingungen daf�r verschafft, meine Kr�fte zu entwickeln. Ich wei� nur noch, dass ich mich dort einzig mit diesen �bungen besch�ftigen konnte. Es war sogar unm�glich zu essen, zu schlafen oder zu denken. Zeit im herk�mmlichen Sinn gab es dort auch nicht: Die Ewigkeit glich einem Moment - anders kann ich es nicht sagen. Ich habe nicht mal bemerkt, wann der "Verr�ckte Fischer starb. Der junge Mann, der ich mal war, war pl�tzlich einfach verschwunden, und an seine Stelle trat der Mensch, den du als Sch�rf Lonely-Lokley kennst. Ich stelle keine besonderen Anspr�che an meine neue Person. Sie soll mich nur nicht dabei st�ren, mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren.�</p><p>�Unglaublich�, fl�sterte ich. �S�ndige Magister - wer h�tte das gedacht!�</p><p>�Es klingt wirklich unfassbar�, stellte Sir Sch�rf unger�hrt fest. �Eines Tages konnte ich den seltsamen Ort verlassen und nach Echo zur�ckkehren. Sir Juffin hatte viel Arbeit f�r mich: In der Endphase der Traurigen Zeit hatte ein Mensch mit meinen H�nden �bergenug zu tun. Irgendwann das Blut Gro�er Magister zu trinken, war l�ngst kein Wunsch mehr, sondern Realit�t, doch das bereitete mir keine Gewissensbisse, da es meiner neuen Pers�nlichkeit egal war, ob ich t�tete oder nicht. Verzeih, Marilyn, aber ich war nie ein guter Philosoph.�</p><p>Ich schwieg schockiert. Die vertraute Welt, in der ich mich schon so h�bsch eingerichtet hatte, zerbrach vor meinen Augen. Wo war der unfehlbare, zuverl�ssige und unersch�tterliche Sir Sch�rf geblieben? Und als was mochten sich meine �brigen Kollegen erweisen? Oder Sir Juffin Halli, der sich mir als zur Vernunft gekommener Freiwilliger aus Kettari pr�sentiert hatte? Was wusste ich �ber sie? Doch nur, dass sie nette Leute waren und es Spa� machte, mit ihnen Zeit zu verbringen. Welche �berraschungen mochten sie f�r mich noch in petto haben?</p><p>�Marilyn, meine Liebe, du solltest wieder mal die Atem�bungen machen, die ich Sir Max beigebracht habe�, sagte mein Begleiter ruhig. �Man soll sich nicht �ber Sachen aufregen, die vor einer Ewigkeit passiert sind - und zwar nicht uns.�</p><p>�Da hast du vollkommen Recht, Glama�, pflichtete ich ihm brav bei und begann mit meiner Gymnastik. Nach zehn Minuten war ich wirklich total ruhig. Diese neue, fantastische Welt offenbarte mir allm�hlich ihre Geheimnisse, und das war die Hauptsache. Allerdings konnte ich froh sein, dass mir nicht alle meine Kollegen gleichzeitig ihr Schicksal gebeichtet hatten.</p><p>�Herr Abora Wala hat sich gerade per Stummer Rede bei mir gemeldet�, sagte Lonely-Lokley. �Die Karawane macht jetzt Mittagspause. Heute Morgen hast du dich gro�artig geschlagen, Marilyn - weiter so! Allerdings wollte ich schon lange sagen, dass Sir Max nach seinen �bungen beim Sprechen sehr laut atmet und nach Luft schnappt. Marilyn, du solltest intensiv an der Bek�mpfung dieser Marotte arbeiten.�</p><p>�Das mach ich schon�, murmelte ich. �Aber klinge ich wirklich so furchtbar?�</p><p>�Es wird im Laufe der Zeit schon besser werden. Aber jetzt halten wir. Und damit wechseln wir auch das Gespr�chsthema, einverstanden?�</p><p>�Sicher. Unser Karawanenf�hrer hat �brigens ein gutes Zeitgef�hl. Ich hab richtig Hunger.�</p><p>�Sir Wala hat kein Zeitgef�hl. Er h�lt einfach nur vor den Restaurants, deren Wirte ihm f�r neue G�ste Provision zahlen.�</p><p>Ich lachte laut.</p><p>�Woher willst du das wissen, Glama?�</p><p>�Ich hab ihm beim Kennenlernen tief in die Augen geschaut.�</p><p>�Verstehe. Aber wie auch immer - diese Pause kommt genau zur richtigen Zeit. Ich hab einen B�renhunger.�</p><p>�Na dann los�, meinte Lonely-Lokley und half mir ritterlich beim Aussteigen.</p><p>Das Mittagessen war so lala. Als k�nftiger Gourmet und Lieblingsz�gling von Sir Kofa Joch musste ich mich erst wieder an einfache Kost gew�hnen, und die Mitreisenden erwiesen sich als ausgesprochen banale, ja stinklangweilige Leute. Verwundert stellte ich fest, dass meine neue Heimat nicht vollkommen war. Aber ich glaube, in allen Welten k�nnen die Einheimischen ziemlich anstrengend sein. Von den Gespr�chen mit so vielen schlichten Gem�tern bekam ich Kopfschmerzen, aber zum Reisen geh�ren nun mal lausige Mahlzeiten und langweilige Unterhaltungen.</p><p>Nach dem Essen konnte ich Lonely-Lokley davon �berzeugen, dass auch ich unser A-Mobil steuern durfte. Er hatte das eigentlich nicht riskieren wollen, weil sein gesunder Menschenverstand ihm nicht erlaubte, mir zu vertrauen, doch Lady Marilyn hatte ihn gar zu inst�ndig darum gebeten!</p><p>Nach einer Stunde im Schneckentempo erntete ich ein Lob.</p><p>�Ich h�tte nicht erwartet, dass du dich so gut beherrschen w�rdest�, stellte mein strenger Begleiter beif�llig fest.</p><p>Das war das unverhoffteste Kompliment, das ich je bekommen hatte.</p><p>�Warum staunst du eigentlich so sehr, Glama?�, fragte ich und zuckte die Luxusachseln von Lady Marilyn. �Wenn ich wei�, dass etwas verboten ist, kann ich mich daran halten.�</p><p>�Darum geht es nicht. Dieses A-Mobil f�hrt so schnell, wie sein Fahrer es w�nscht, und unsere W�nsche entsprechen nicht immer dem, was erforderlich ist.�</p><p>�Im Ernst? Das ist ja ganz was Neues!�</p><p>�Wusstest du das etwa nicht?�, fragte Lonely-Lokley ehrlich erstaunt. �Ich dachte, du w�rdest deine kindische Geschwindigkeitssucht befriedigen wollen.�</p><p>�Na ja, ich dachte immer, ich w�re nicht so vorsichtig wie die anderen und k�nnte darum H�chstgeschwindigkeit fahren.�</p><p>�Genau das meinte ich, Marilyn, als ich dich nicht ans Steuer lassen wollte. Es gibt hier keine H�chstgeschwindigkeit. Alles passt sich den W�nschen des Fahrers an. Aber ich habe Ihre Selbstbeherrschung untersch�tzt, Sir Max, und muss mich daf�r wohl entschuldigen.�</p><p>�Unsinn, Glama. Ich wusste einfach nicht, wie es in dieser Gegend funktioniert.�</p><p>Ich seufzte und wischte mir den Schwei� von der Stirn. Ziemlich viele seltsame Neuigkeiten f�r einen Tag!</p><p>�Hauptsache, du kannst dich beim Fahren beherrschen, Marilyn.�</p><p>Bis Sonnenuntergang fuhren wir schweigend weiter. Lonely-Lokley hatte offenbar sein Limit von dreihundert Worten pro Tag ersch�pft, und ich f�rchtete mich, weitere Fragen zu stellen. Eine Beichte t�glich reichte mir v�llig!</p><p>Die Nacht verbrachten wir in einem Motel. Der Karawanenf�hrer ging in eine kleine Bar, in der Mau-Mau gespielt wurde, und brachte einige unserer Mitreisenden dazu, sich mit ihm zu messen.</p><p>�Auch das ist ein lohnendes Gesch�ft�, meinte Lonely-Lokley mit Blick auf unsere Karten spielenden Reisegef�hrten. �Dieser Wala �bernachtet mit seiner Gruppe zweimal auf dem Hinweg nach Kettari und zweimal auf dem R�ckweg, kassiert also viermal Provision. Ich glaube, unser Karawanenf�hrer ist ein ziemlich reicher Mann.�</p><p>�Ob er obendrein noch ein Falschspieler ist?�</p><p>�Glaub ich nicht. Die Leute aus Kettari sind leidenschaftliche Spieler - das ist ihre Schw�che und zugleich ihre St�rke. Sie schrecken nicht davor zur�ck, die kl�gsten Einwohner von Echo beim Kartenspiel auszupl�ndern, aber ich denke nicht, dass sie dabei betr�gerische Tricks anwenden. Und jetzt m�ssen wir ins Bett - der morgige Tag wird hart.�</p><p>�Sicher�, antwortete ich ohne rechte �berzeugung. Ob ich nach so einem Tag w�rde einschlafen k�nnen, war noch die Frage.</p><p>�Wei�t du, Marilyn�, sagte Lonely-Lokley und kroch dabei unter seine Bettdecke, �wenn du nicht schlafen kannst, w�re es wohl keine tolle Idee, das Zimmer zu verlassen. Es sieht nicht gut aus, wenn h�bsche verheiratete Frauen die Nacht allein in einer Bar verbringen. Andere k�nnten denken, dass mit uns etwas nicht stimmt.�</p><p>�Darauf w�r ich nie gekommen! Ich darf keinen Nachtspaziergang machen? Ach du gr�ne Neune! Wenn sich komische Typen an Lady Marilyn heranmachten, m�sste ich sie bespucken, und das w�rde meinen bescheidenen Vorstellungen von konspirativer Arbeit zuwiderlaufen.�</p><p>�Ich f�rchte, ich muss dich erneut um Verzeihung bitten. Gute Nacht, Marilyn.�</p><p>Mein Begleiter schnarchte leise. Ich kroch unter meine Decke und begann zu gr�beln. Nach unserem bemerkenswerten Gespr�ch hatte ich mancherlei zu bedenken. Auch konnte ich die Zeit nutzen, einige Zigaretten unterm Kissen hervorzuzaubern.</p><p>Bei Sonnenaufgang schlief ich endlich ein, doch schon eine Stunde sp�ter schob mir der makellos gekleidete Sir Sch�rf frische Br�tchen und Kamra unter die Nase.</p><p>�Tut mir leid, Marilyn, aber wir fahren in einer halben Stunde. Du musst wahrscheinlich deinen Kachar-Balsam-Vorrat anbrechen.�</p><p>�Lieber nicht. Ich schlaf besser noch eine Runde im A-Mobil�, sagte ich und hob m�hsam den schweren Kopf. �Aber vielen Dank f�r deine F�rsorge, Glama. Ich glaube, deine Frau darf sich gl�cklich preisen - ich meine Ihre echte Frau, Sir Sch�rf.�</p><p>�Das hoffe ich doch�, stellte Lonely-Lokley gelassen fest. �Wei�t du, Marilyn, ich habe eine seltsame Neigung: Ob es sich nun um meine echte Frau handelt oder nicht - ich bringe euch beiden Kamra ans Bett.�</p><p>�S�ndige Magister - ist das ein Scherz gewesen?�</p><p>�Nein, ich habe nur eine Tatsache festgestellt. Und wenn du dich noch waschen willst, solltest du dich beeilen.�</p><p>�Nat�rlich will ich das�, sagte ich und st�rzte meine Kamra auf einen Zug herunter. Hunger hatte ich keinen.</p><p>Es gibt nichts Schlimmes, das nicht auch sein Gutes h�tte: Ich setzte mich in den Fond unseres Wagens und schlief so fest, dass wir die eint�nigen Ebenen im Westen von Uguland passierten, ohne dass ich etwas davon mitbekommen h�tte.</p><p>Sir Sch�rf versuchte, mich zum Mittagessen zu �berreden, doch ich meinte nur genervt: �Sag den Herrschaften, die Dame sei unp�sslich.� Kaum hatte ich das gebrummt, landete ich wieder in einem wunderbaren Traum.</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang erwachte ich - schon lange war ich nicht mehr so gl�cklich, ruhig und hungrig zugleich gewesen. Sir Lonely-Lokley merkte schnell, dass ich wach war.</p><p>�Ich hab ein paar Br�tchen aus dem Restaurant mitgenommen, in dem wir gegessen haben�, meinte er. �Ich glaube, das war eine kluge Entscheidung.�</p><p>�Und wie, mein Hellseher!�, sagte ich dankbar. �Vorausgesetzt, die Dinger sind essbar.�</p><p>�Die hiesige K�che unterscheidet sich deutlich von der hauptst�dtischen�, bemerkte Sir Sch�rf. �Doch man soll die Gelegenheit nicht verpassen, etwas Abwechslung in sein Leben zu bringen.�</p><p>�Ich bin da konservativ�, sagte ich mit vollem Mund. �Soll ich dich vielleicht am Steuer abl�sen, Glama? Ich nehme an, du vertraust mir noch immer.�</p><p>�Nat�rlich. Du kannst gern ans Lenkrad, obwohl ich eigentlich nicht m�de bin.�</p><p>�Man sollte aber nicht die Gelegenheit verpassen, etwas Abwechslung in sein Leben zu bringen - wenn du mir erlaubst, dich zu zitieren.�</p><p>Lady Marilyn machte es sich auf dem Fahrersitz bequem und z�ndete sich erst mal eine Zigarette an. Ich brannte darauf, die Ergebnisse meiner Nachtarbeit in Rauch aufzul�sen. Sir Lonely-Lokley wirkte unruhig.</p><p>�Ich wei� nicht, woher die seltsame Neigung zu rauchen kommt, aber ich finde, man sollte sie vor fremden Augen verstecken. Was sich Sir Max als Tr�ger des Todesmantels erlauben kann, darf die einfache B�rgerin Lady Marilyn bestimmt nicht.�</p><p>�Erstens bin ich eine Fremde, falls du dich noch daran erinnerst, und zweitens sieht uns jetzt doch niemand.�</p><p>�Jetzt nicht, aber in der Pause ...�</p><p>�Ich bin doch kein Idiot�, antwortete ich emp�rt. �Sie glauben doch wohl nicht, dass ich vor anderen rauchen werde.�</p><p>�Vorbeugen ist besser als heilen. Au�erdem solltest du daran denken, deine Kippen zu beseitigen, Marilyn�, sagte mein strenger Begleiter schnippisch und zuckte die Achseln. �Sei doch nicht immer gleich so eingeschnappt. Und vergiss bitte nicht, dass du mich duzen sollst. Au�erdem bist du zurzeit eine Idiotin, kein Idiot. Daran solltest du wirklich denken.�</p><p>Ich lachte laut los. Unser Dialog war herrlich. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, beseitigte ich sorgf�ltig meine Kippen. Sir Lonely-Lokley ist der Kl�gste aller Sterblichen, und ich bin ein leichtsinniger Dummkopf, der sich mit konspirativer T�tigkeit kaum auskennt.</p><p>Wir bezogen irgendwo in der Grafschaft Schimara Quartier, und unser cleverer Karawanenf�hrer begann gleich wieder, Mau-Mau zu spielen. Sir Sch�rf und ich a�en etwas Exotisches, das f�r meinen Geschmack zu fett und zu scharf war, und gingen dann auf unser Zimmer.</p><p>Erstaunt stellte ich fest, dass nicht alle Bewohner des Vereinigten K�nigreichs in gro�en R�umen leben. Unser Quartier bot kaum mehr Platz als die Hotelzimmer meiner Heimat, und wir mussten uns ein Klappbett teilen. Verlegen sah ich Lonely-Lokley an.</p><p>�Sieht aus, als m�ssten wir L�ffelchen machen, lieber Glama.�</p><p>�Das wird unbequem werden�, stimmte Sir Sch�rf mir widerwillig zu. �Aber da es nun mal sein muss, kann ich dich an meinen Tr�umen teilhaben lassen. Wenn man dicht beieinanderliegt, geht das ganz leicht.�</p><p>�Wie das?�, fragte ich �berrascht. �Soll ich deine Tr�ume miterleben, Glama? Das klappt schon deshalb nicht, weil Lady Marilyn den ganzen Tag geschlafen hat.�</p><p>�Wenn zwei Menschen einen Traum teilen, schlafen sie zugleich ein�, erkl�rte Sch�rf. �Ich schl�fere dich ein und weck dich auch wieder. Im Voraus kann ich nicht genau sagen, wessen Traum wir sehen: deinen, meinen oder eine Art Mischtraum. Das h�ngt nicht von uns ab. Aber ich sch�tze, das ist eine gute L�sung, weil wir morgen nach dem Mittagessen Kettari erreichen sollen und beide dann lange wach bleiben m�ssen. Soweit ich mich erinnern kann, hat uns Sir Juffin gebeten, den Weg dorthin genau zu beobachten.�</p><p>�Stimmt. Hast du eigentlich angenehme Tr�ume, Glama? Nach dem, was mir ein gewisser Lonely-Lokley neulich erz�hlt hat ...�</p><p>�Ich w�rde dir nie vorschlagen, meine Alptr�ume zu teilen, doch zum Gl�ck haben die mich l�ngst verlassen.�</p><p>�Ich hingegen kann f�r meine Tr�ume nicht haften�, seufzte ich. �Manchmal passieren mir im Schlaf fast unertr�gliche Dinge. Bist du eigentlich risikofreudig, Glama?�</p><p>�Es gibt ja kein Risiko, weil ich f�r das Aufwachen zust�ndig bin. Leg dich hin, Marilyn - wir sollten die kostbare Zeit nicht verplempern.�</p><p>Ich zog mich rasch aus und stellte erneut fest, dass mein K�rper hager wie fr�her war und keinen Deut an die illusion�re Weiblichkeit der pr�chtigen Lady Marilyn erinnerte. Tja, jetzt musst du deinen Pyjama anziehen,</p><p>dachte ich belustigt. Du willst doch wohl nicht nackt durch die Tr�ume deines Freundes Sch�rf geistern. Das w�re wohl etwas unh�flich.</p><p>�Am besten, unsere K�pfe ber�hren sich�, stellte Lonely-Lokley n�chtern fest. �Was das angeht, bin ich aber kein K�nner.�</p><p>�Ach so�, sagte ich und schob pflichtbewusst meinen Kopf zu ihm r�ber. �Es wird auch nicht leicht sein, einen blitzwachen Menschen wie mich einzuschl ...�</p><p>Ich beendete den Satz nicht, weil ich g�hnen musste und dann sofort bereit war, die Tr�ume meines Begleiters zu teilen.</p><p>Allerdings war ich der Vorf�hrer unseres seltsamen kleinen Kinos. In dieser Nacht durchlebten wir meine Lieblingstr�ume: Wir sahen eine Stadt in den Bergen, deren einziges Verkehrsmittel eine Drahtseilbahn war; wir gingen durch einen gro�en Garten im englischen Stil, der immer menschenleer war,- wir sa�en am Strand und blickten auf ein m�chtig anrollendes, dunkles Meer.</p><p>Ich spazierte an diesen wundersch�nen Pl�tzen herum und fragte meinen Begleiter immer wieder: �Ist es hier nicht herrlich?� - �Das ist es�, antwortete ein Mann, der seltsamerweise weder meinem Freund Sch�rf noch dem Verr�ckten Fischer oder Sir Glama Eralga - dem fiktiven Gatten der fiktiven Lady Marilyn - �hnlich war.</p><p>Bei Sonnenaufgang erwachte ich noch ruhiger und ausgeglichener als sonst.</p><p>�Vielen Dank f�r den wunderbaren Ausflug�, sagte ich und l�chelte Lonely-Lokley an, der sich gerade die blaue Skaba von Sir Glama anzog.</p><p>�Ich muss mich bei dir bedanken, weil unsere Tr�ume Sir Max geh�rten. An so sch�nen Orten war ich noch nie.</p><p>Das h�tte ich nicht mal in den k�hnsten Tr�umen von Ihnen erwartet, Max.�</p><p>�Ich hei�e doch Marilyn�, sagte ich l�chelnd. �S�ndige Magister, Lonely-Lokley - selbst Sie machen mitunter Fehler!�</p><p>�Manchmal lohnt sich das, um besser verstanden zu werden�, meinte Sch�rf ein wenig r�tselhaft und ging sich waschen.</p><p>�Wie auch immer - ohne deine Hilfe h�tte ich das nicht geschafft, Glama. Auf eigenen Wunsch h�tte ich dort nicht hingeraten k�nnen�, rief ich ihm nach. Dann meldete ich mich per Stummer Rede in der K�che, damit der arme Lonely-Lokley kein Tablett zu schleppen brauchte.</p><p>Die Reise war von pr�chtigen Fr�hlingsmorgen und unendlichen W�ldern gepr�gt, von elend langen Mittagessen in abgelegenen Wirtsh�usern, von stets gleich schlecht schmeckenden Gerichten und langweiligen Monologen von Reisegef�hrten, denen ich h�chstens zehn Worte entgegnete. Ich f�hlte mich zu wohl und ausgeglichen, um die Stille durch dummes Gerede zu st�ren.</p><p>�Wann erreichen wir eigentlich Kettari?�, fragte Lonely-Lokley, als wir endlich mit dem Mittagessen fertig waren. Herr Abora Wala zuckte gedankenverloren die Achseln.</p><p>�Das l�sst sich nicht genau sagen. Ich sch�tze, wir brauchen noch eine bis anderthalb Stunden. Wissen Sie, in diesem Teil der Grafschaft Schimara sind nicht alle Stra�en in gutem Zustand. Vermutlich m�ssen wir einen Umweg machen. Aber kommt Zeit, kommt Rat.�</p><p>�Tolle Antwort�, murmelte ich, als ich auf den Beifahrersitz kletterte. �Kommt Zeit, kommt Rat - ausgezeichnet! Noch nie bin ich so ersch�pfend informiert worden.�</p><p>�Bist du nerv�s, Lady Marilyn?�</p><p>�Ich? Wie kommst du denn darauf? Das bin ich zwar oft, doch heute auf keinen Fall.�</p><p>�Aber ich�, gab Lonely-Lokley unerwartet zu.</p><p>�S�ndige Magister - das h�tte ich nicht f�r m�glich gehalten.�</p><p>�Ich auch nicht, aber ...�</p><p>�Wir Menschen sind seltsame Wesen�, stellte ich fest. �Man wei� nie, was uns widerf�hrt.�</p><p>�Da hast du Recht, Marilyn�, sagte Sir Sch�rf nickend.</p><p>Ich musste wieder mal �ber meinen seltsamen Namen kichern, und wir fuhren weiter. Als Beifahrer hatte ich Gelegenheit, mir in aller Ruhe die Gegend anzuschauen und einen Vorgeschmack des Geheimnisses zu bekommen, das uns erwartete.</p><p>Die Landschaft wirkte ganz gew�hnlich, soweit sich das von einer Umgebung sagen l�sst, die man zum ersten Mal sieht. Nach anderthalb Stunden war mir herzlich langweilig, und meine Aufmerksamkeit lie� deutlich nach. Dann aber bog unser Karawanenf�hrer pl�tzlich von der Hauptstra�e auf eine verd�chtig schmale Piste ab.</p><p>Nach ein paar Minuten auf einer von Schlagl�chern zerfressenen Strecke bogen wir wiederum ab. Der neue Weg erwies sich als recht ertr�glich. Nach ein paar sanften Bodenwellen stieg er unerwartet steil an und machte dabei eine ziemlich gef�hrliche Kurve. Rechts sah ich einen Felsen, der mit bl�ulichem Gras bewachsen war, links g�hnte ein Abgrund. Jetzt h�tte ich Lonely-Lokley unter keinen Umst�nden am Steuer abl�sen m�gen. Verflixt -ich hatte tats�chlich H�henangst!</p><p>Ich erinnerte mich der ber�chtigten Atem�bungen und probierte, meiner Angst dadurch Herr zu werden. Sir Sch�rf warf mir einen erstaunten Seitenblick zu, sagte aber keinen Ton. Nach einer halben Stunde war meine Angst �berstanden, was freilich nicht den Atem�bungen zu danken war. Vielmehr wand der Weg sich nun durch eine Schlucht, und das vermittelte mir ein seltsames Gef�hl von Geborgenheit.</p><p>�Ich habe mich gerade per Stummer Rede bei Herrn Wala gemeldet. Er hat gesagt, wir brauchen noch eine bis anderthalb Stunden nach Kettari�, meldete Lonely-Lokley gelassen.</p><p>�Das hat er doch schon heute Mittag gemeint�, murmelte ich.</p><p>�Na ja, unter diesen Umst�nden wundert mich das nicht. Hier sieht es ziemlich merkw�rdig aus, stimmt's?�</p><p>�Ziemlich? S�ndige Magister, hier sieht es extrem merkw�rdig aus! Soweit ich unseren Karawanenf�hrer verstanden habe, nimmt er diesen Weg mehrmals im Jahr. Irgendwann sollte er doch wohl wissen, wie lange die Reise dauert.�</p><p>�Das sehe ich auch so.�</p><p>�Kommt Zeit, kommt Rat�, meinte ich grinsend. �Steht diese Devise wom�glich auch auf dem Stadtwappen von Kettari? Na ja, was Juffin angeht, gilt sie eigentlich nicht. Am besten melde ich mich mal per Stummer Rede bei ihm. Wir k�nnen uns zwar noch keiner Ermittlungsergebnisse r�hmen, aber ich will wenigstens �ber seinen Landsmann schimpfen.�</p><p>Also versuchte ich, Juffin Halli zu erreichen, doch das klappte zu meinem Erstaunen nicht. Es war wie damals, als ich in dieser Welt noch neu und unerfahren war und die Stumme Rede so schlecht beherrschte wie ein �berforderter Erstkl�ssler das Einmaleins. Irritiert sch�ttelte ich den Kopf und probierte es erneut. Nach dem sechsten erfolglosen Versuch meldete ich mich per Stummer Rede bei Lonely-Lokley, um auszuprobieren, ob ich mich �berhaupt noch auf diesem Wege verst�ndigen konnte.</p><p>�H�ren Sie mich, Sir Sch�rf - oder Glama, wie man dich hier auch nennt, Liebster?�</p><p>�Langweilst du dich, Marilyn? Du solltest vielleicht ...�</p><p>�Ich kann Sir Juffin nicht erreichen!�, unterbrach ich ihn. �Kannst du dir das vorstellen?�</p><p>�Nein. Ich hoffe, das ist kein Scherz.�</p><p>�Zu den Magistern mit dir! Ich habe jetzt Besseres zu tun, als dumme Witze zu rei�en. Versuch du lieber mal, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Vielleicht stimmt ja mit mir etwas nicht.�</p><p>�Na sch�n, �bernimm das Steuer. Das muss ich unbedingt kl�ren. Solche Dinge d�rfen nicht passieren.�</p><p>�Stimmt�, nickte ich d�ster und setzte mich ans Lenkrad.</p><p>Inzwischen hatten wir die Schlucht verlassen und waren wieder ein gutes St�ck gestiegen und erneut an eine z�hnefletschende Kluft gelangt, die gleich rechts der Stra�e abfiel. Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich auf den Weg, da ich Lonely-Lokley unm�glich gestehen konnte, H�henangst zu haben. Lieber h�tte ich uns beide umgebracht!</p><p>Mein Begleiter schwieg die n�chsten zehn Minuten,</p><p>und ich wartete geduldig. Wom�glich spricht er gerade mit Juffin, dachte ich. Nat�rlich spricht er mit ihm - und zwar ausf�hrlich, wie es f�r ihn typisch ist. Dass es bei mir nicht klappt, passiert nun mal gelegentlich.</p><p>�Es herrscht Funkstille�, stellte Lonely-Lokley schlie�lich fest. �Ich habe nicht nur versucht, Sir Juffin zu erreichen. Au�er ihm schweigen auch meine Frau, Kofa Joch, Melifaro, Lady Melamori und Polizeihauptmann Schichola. Ich habe allerdings kein Problem, Kontakt zum Karawanenf�hrer aufzunehmen. Er hat mir aufs Neue best�tigt, dass wir in etwa einer bis anderthalb Stunden in Kettari sind. Ich glaube, ich sollte weiter versuchen, jemanden in Echo zu erreichen. Das ist wirklich eins der seltsamsten Abenteuer meines Lebens.�</p><p>�Zum Teufel!�</p><p>Mehr fiel mir nicht ein. Zum Gl�ck richtete Lonely-Lokley seine Aufmerksamkeit nicht auf dieses fremde Wort. Ich h�tte keine Lust gehabt, ihm zu erkl�ren, was ein Teufel ist.</p><p>Einige qu�lende Minuten vergingen, und ich dachte kaum mehr an die Gef�hrlichkeit unserer Strecke. Jetzt, da ich mich mit Problemen herumzuschlagen hatte, die viel gravierender waren, erwies sich meine H�henangst als eher dumme Angewohnheit.</p><p>�Ich hab es noch mal versucht. Alle haben geschwiegen - bis auf Sir Lukfi Penz, der sich sofort gemeldet hat�, verk�ndete Lonely-Lokley unerwartet. Er klang so ruhig, als w�rden wir uns �bers Mittagessen unterhalten. �Im Haus an der Br�cke ist alles in Ordnung. Das Problem liegt also bei uns. Du kannst dich jetzt mit Lukfi unterhalten. Ich glaube, Sir Juffin sitzt neben ihm.�</p><p>�Dieses Spiel nennt man Stille Post�, sagte ich und lachte erleichtert.</p><p>�Welches Spiel? Was redest du denn da?�</p><p>�Vergiss es und setz dich ans Steuer, mein Freund.�</p><p>Erneut tauschten wir die Pl�tze. Innerlich zitternd meldete ich mich bei Lukfi Penz, doch diesmal klappte alles bestens.</p><p>�Guten Tag, Lukfi. Ist Sir Juffin in der N�he?�</p><p>�Guten Tag, Sir Max. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, von Ihnen zu h�ren. Sir Sch�rf hat mir gesagt, Sie beide k�nnen niemanden au�er mir per Stummer Rede erreichen. Finden Sie das nicht etwas seltsam?�</p><p>�Nat�rlich�, meinte ich und konnte mir ein L�cheln nicht verkneifen. �Tut mir leid, dass wir Ihnen so viele Probleme bereiten. Lukfi, �bermitteln Sie Sir Juffin bitte wortgetreu, was ich Ihnen jetzt sage, und geben Sie mir seine Antwort m�glichst genau wieder. Schaffen Sie das?�</p><p>�Nat�rlich, Sir Max. Und machen Sie sich keine Sorgen - Sie bereiten mir keine Probleme. Das ist f�r mich schmeichelhaft und ... interessant. Die Beteiligung am Gespr�ch zwischen Ihnen und Sir Juffin, meine ich.�</p><p>�Das freut mich, Sir Lukfi�, sagte ich und berichtete die wenigen, aber �beraus seltsamen Ereignisse des Tages.</p><p>�Sir Juffin bittet Sie, Ihren Weg genau zu schildern -ab dem Zeitpunkt, als Sie von der Hauptstra�e abgebogen sind.�</p><p>In aller K�rze beschrieb ich zuerst die schmale Ruckelpiste, dann die Stra�e in den Bergen, die bedrohlichen, mit Gras bewachsenen Felsen und die tiefe Kluft,</p><p>die mal links, mal rechts der Stra�e aufgetaucht war. Nach kurzem �berlegen f�gte ich hinzu, der Karawanenf�hrer habe uns auf die einfache Frage, wie weit es noch nach Kettari sei, seltsam nichts sagende Antworten gegeben.</p><p>�Sir Juffin l�sst Ihnen ausrichten, Max, dass er fast vierhundert Jahre in Kettari gelebt und mehrmals ganze R�uberbanden durch die dortigen W�lder gef�hrt hat. Er kennt jeden Stein im Umland und hat dort nie etwas gesehen, das dem �hnelt, was Sie gerade beschrieben haben�, berichtete Lukfi. �Er sagt au�erdem ... S�ndige Magister, das darf doch nicht wahr sein!�</p><p>Damit war die Verbindung unterbrochen. Ohne gro�e Hoffnung versuchte ich, den Kontakt zu Sir Lukfi erneut herzustellen. Erwartungsgem�� klappte es nicht.</p><p>�Jetzt schweigt auch Lukfi Penz�, meldete ich Lonely-Lokley finster. �Sir Juffin hat die Geschichte unserer Reise geh�rt und ausrichten lassen, dass es rings um Kettari nichts von dem gibt, was wir gerade sehen. Dann hat er Lukfi noch gebeten, uns etwas zu sagen, was Penz erstaunt kommentierte, uns aber nicht mehr �bermitteln konnte, weil die Verbindung zusammenbrach. Ich w�sste zu gern, was er uns sagen wollte.�</p><p>Lonely-Lokley zuckte schweigend die Achseln. Die Situation gefiel ihm gar nicht.</p><p>�Tja, jetzt m�ssen wir uns wohl Gedanken machen�, meinte ich. �Vergiss bitte nicht, mein lieber Glama, dass Lady Marilyn eine einfache, recht ungebildete Provinzlerin ist. Um von dem armen Sir Max gar nicht erst zu reden. Die beiden wissen also nicht mal die elementarsten Dinge, doch ich hoffe, den Herren Glama und Lonely-Lokley ist das kleine Einmaleins bekannt.�</p><p>�Musst du so aufgeblasen daherreden, Marilyn? Was willst du eigentlich sagen?�</p><p>�Donnerwetter - ich hab immer gedacht, ich k�nnte mich klar ausdr�cken! Na sch�n, ich mach kein Theater mehr, sondern stell dir ein paar Fragen.�</p><p>�Gute Idee, Marilyn. Kann sein, dass du auf diese Weise wichtige Dinge erf�hrst, die mir unwichtig erscheinen.�</p><p>�Gut. Stimmt es, dass bei der Stummen Rede die Entfernung zwischen den Gespr�chspartnern keine Rolle spielt?�</p><p>�Nat�rlich. Es kommt darauf an, den Menschen zu kennen, an den man sich wendet. Deinen Gespr�chspartner kannst du selbst in Arwaroch erreichen - das ist kein Problem.�</p><p>�Gut. N�chste Frage: Gibt es Orte, an denen die Stumme Rede nicht funktioniert?�</p><p>�Im Cholomi-Gef�ngnis, aber das wei�t du doch schon. Ansonsten habe ich noch nie von solchen Orten geh�rt. Es gibt nat�rlich Leute, die sich nicht per Stummer Rede verst�ndigen k�nnen, aber uns beide betrifft das nicht.�</p><p>�Gut. N�chste Frage: Haben Sie je von einer Situation geh�rt, wie wir sie gerade erleben? Vielleicht auch in einer Legende, im Mythos, ger�chteweise oder im Scherz?�</p><p>�Bei uns im Orden hatten wir einen Spruch: Ein guter Zauberer erreicht auch das Jenseits. Das war nat�rlich ein Witz, denn im Jenseits kann man sich nicht per Stummer Rede melden. Und zum Gl�ck haben wir viele Beweise daf�r, dass unsere Kollegen am Leben sind.�</p><p>�Und was ist mit uns?�</p><p>�Ich bin gew�hnt, meiner Wahrnehmung zu trauen, und ich habe durchaus den Eindruck, lebendig zu sein.�</p><p>�S�ndige Magister - nat�rlich lebst du, Glama, genau wie ich. Aber wir sitzen so richtig in der Patsche, und es w�re besser, gemeinsam einen Ausweg zu finden als allein. Das Jenseits muss nicht unbedingt ein Reich der Toten sein. Es gibt viele verschiedene Welten, Sch�rf - ich bin der beste Beweis daf�r. Meine Heimat ist eigentlich auch eine Art Jenseits.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Lonely-Lokley ruhig.</p><p>�Das wissen Sie? Woher? Hat Ihnen Juffin davon auf einem Seminar zum Thema Sir Max - das gr��te Naturwunder erz�hlt?�</p><p>�Es war viel einfacher. Ihre Geschichte �ber die Leeren L�nder war sehr gut, und ich hatte lange keine Zweifel daran. Aber es hat mich misstrauisch gemacht, wie Sie atmen. Dazu kam noch die seltsame Bemerkung von Sir Juffin, unsere Magie wirke auf Sie anders als auf die �brigen Bewohner von Echo. Und dann Ihre Augenfarbe. Sie wissen doch, dass sie st�ndig wechselt?�</p><p>�Allerdings�, murmelte ich. �Das hat mir Lady Melamori schon gesagt.�</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, dass sie so aufmerksam ist. Doch der st�ndige Wechsel Ihrer Augenfarbe, Sir Max, ist wirklich recht auff�llig. Aber keine Sorge: Die meisten Leute merken so was nicht. Auch ich hab Sie erst im Traum begleiten m�ssen, um das Changieren Ihrer Augenfarbe zu registrieren. Marilyn, du bist heute ja wirklich gespr�chig! Aber ich m�chte jetzt ohnehin nicht mehr �ber dich reden. Erkl�r mir lieber, worauf du mit deinen Fragen hinauswillst.�</p><p>�Ich will eigentlich nur erfahren, ob ich mich per Stummer Rede bei meiner Mutter melden kann, die - wie Sie offenbar wissen - in einer ganz anderen Welt lebt.�</p><p>�Nat�rlich k�nnen Sie das. Meiner Meinung nach allerdings ist die Kommunikation zwischen zwei Welten ein ungew�hnliches Ereignis - unsere Reise dagegen ist eine ganz normale Sache. Umso erstaunlicher, dass es uns nicht gelungen ist, mit Sir Juffin per Stummer Rede in direkten Kontakt zu kommen.�</p><p>�Diese Reise soll eine -normale Sache* sein, mein guter Glama? Von wegen! Wir fahren durch eine Gegend, die es laut Juffin gar nicht gibt, und ein Einheimischer kann uns nicht sagen, wann wir Kettari erreichen. Obwohl ich schon Erfahrungen mit dem Reisen zwischen den Welten habe, muss ich gestehen, dass mir solche Schwierigkeiten noch nicht begegnet sind.�</p><p>�Gut, machen wir es so: Sir Glama bleibt bei seiner Meinung und h�lt diese Reise weiter f�r eine ganz normale Sache, und Lady Marilyn kultiviert ihre �ngste. Ich halte es f�r klug, unsere Lage aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.�</p><p>�Verstehe. Kommt Zeit, kommt Rat!�</p><p>�Du sprichst mir aus der Seele, Marilyn. Hast du nicht langsam den Eindruck, dass wir doch allm�hlich Kettari erreichen?�</p><p>�Der Weg ist jedenfalls deutlich ertr�glicher geworden, obwohl die Gegend weiter sehr �de wirkt. Vielleicht ist das da vorn ja schon die Stadtmauer?�</p><p>�Eben.�</p><p>�Bald d�rften die sieben Wacharib�ume und das Stadttor auftauchen, das noch Skulpturen aufweisen soll, die der alte Kwawa Ulon gefertigt hat�, meinte ich tr�umerisch. �Ich bin so aufgeregt, als w�re es nicht Juffins Heimatstadt, sondern meine. Was mag mich an Kettari so anziehen? Vielleicht vermisse ich meine Heimat ja doch ...�</p><p>�Elf�, sagte Lonely-Lokley pl�tzlich.</p><p>�Elf?�</p><p>�Das sind elf Wacharib�ume - z�hl selbst nach.�</p><p>Tats�chlich! Dabei hatte Juffin von sieben B�umen gesprochen.</p><p>�Vielleicht hat sich ihre Zahl im Laufe der Zeit ge�ndert�, meinte Lonely-Lokley achselzuckend.</p><p>�Glama, hast du ein Auge f�r die Natur?�</p><p>�Eigentlich schon. Warum?�</p><p>�Findest du nicht, dass die B�ume gleich aussehen?�</p><p>�Doch, doch! Und sie m�ssen sehr alt sein, denn solche Knoten am Stamm bilden sich erst nach f�nfhundert Jahren.�</p><p>�Donnerwetter!�, rief ich und pfiff respektvoll durch die Z�hne. �Und sieh dir das Stadttor an: wie neu! Nirgendwo sind auch nur die kleinsten Tr�mmer zu sehen! Alles ist einfach, aber geschmackvoll. Herzlichen Gl�ckwunsch, mein Freund - wir haben Kettari erreicht. Kaum zu glauben.�</p><p>Lonely-Lokley zuckte die Achseln. �Fr�her oder sp�ter musste es so kommen. Warum freust du dich eigentlich so?�</p><p>�Keine Ahnung�, meinte ich ehrlich und betrachtete begeistert die kleinen Reihenh�user.</p><p>Ikebana-Freunde h�tten angesichts der Blumenstr�u�e in den Fenstern einen Schreck bekommen. Ich dagegen war entz�ckt. Die Mosaiken auf den Gehwegen schimmerten angenehm golden. Die Luft war sauber und erstaunlich k�hl, obwohl die Sonne den ganzen Tag geschienen hatte. Aber ich fror nicht, sondern f�hlte mich wie von innen gereinigt, und ein Rausch der N�chternheit erfasste mich.</p><p>�Was ist los?�, fragte Lonely-Lokley.</p><p>�Lady Marilyn hat sich verliebt�, antwortete ich l�chelnd. �Sie ist einfach verr�ckt nach Kettari - genau wie ich. Schau dir nur dieses kleine, dreist�ckige H�uschen an, Glama. Eine Schlingpflanze hat sich so um den Wetterhahn gewunden, dass er sich nicht mehr drehen kann. Und sp�rst du die wunderbar kristallklare Luft? Merkst du den Unterschied zu der stickigen Atmosph�re in den Bergen? Wer h�tte das erwartet?�</p><p>�Mir gef�llt es hier nicht�, brummte Lonely-Lokley.</p><p>�Wirklich nicht?�, fragte ich erstaunt. �Glama, mein Guter, du bist einfach zu m�de, um die Stadt genie�en zu k�nnen. Du brauchst Erholung. Wenn du willst, kannst du mich jede Nacht im Traum begleiten. Das hat dir doch gefallen, oder?�</p><p>�Stimmt, das war wunderbar, Marilyn - dein Vorschlag ist sehr gro�z�gig.�</p><p>�Nicht der Rede wert. Du musst dem Karawanenf�hrer nun die zweite und letzte Rate zahlen, mein Lieber. Wir haben n�mlich den Marktplatz erreicht. Was meinst du, wo wir �bernachten k�nnen? Am besten, weit weg von unseren Mitreisenden. Sollen sie denken, was sie wollen - nach uns die Sintflut.�</p><p>�Oh, du kennst diesen Ausdruck? Woher denn?�</p><p>�Was ist daran so erstaunlich?�, fragte ich zur�ck.</p><p>�Diese Devise war in den T�rsturz des Geb�udes gemei�elt, in dem der Orden der Wasserkr�he residierte.�</p><p>�Die Ordensmitglieder m�ssen lustige Leute gewesen sein. Bei dem Namen kann ich leider nicht an Zauberkraft glauben.�</p><p>�Du versetzt mich immer wieder in Erstaunen, Marilyn. Was gef�llt dir an dem Namen eigentlich nicht?�</p><p>�Ach, lassen wir das. Du musst dich jetzt mit Herrn Abora unterhalten�, sagte ich, weil ich Lonely-Lokley nicht erkl�ren wollte, warum ich den Namen Wasserkr�he so lustig fand. �Ich schlage vor, dass wir nicht im Hotel �bernachten, wo sowieso nur Touristen schlafen, sondern eine Wohnung mieten. Au�erdem ist es besser, wenn unsere Ermittlungen keine Zeugen haben.�</p><p>�Sehr vern�nftig�, sagte Lonely-Lokley und nickte anerkennend. �Ich glaube weiter, dass unser Karawanenmeister ein geriebener Kerl ist und uns f�r die Wohnungssuche einige gute Tipps geben k�nnte.�</p><p>�Der kann mich mal - um unsere Unterkunft k�mmere ich mich pers�nlich. Jetzt geh bezahlen, und dann fahren wir. Ich liebe diese Stadt und glaube, binnen einer Stunde etwas Passendes f�r uns zu finden.�</p><p>�Wie du meinst�, brummte Lonely-Lokley achselzuckend. �Ich bin offenbar nur zum Bezahlen da.�</p><p>�Deshalb tr�gst du doch auch Handschuhe. Sieh mal, da vorn schimmert etwas - ich glaube, das ist ein Fluss. Mein Lieber - ich habe immer davon getr�umt, an einem Fluss zu wohnen.�</p><p>Lonely-Lokley stieg ungeduldig aus, bezahlte unseren F�hrer, kam zur�ck und musterte mich von Kopf bis Fu� mit dem wachen Blick eines guten Psychologen, doch ich zuckte nur gelassen die Achseln. Sir Sch�rf setzte sich wortlos ans Steuer, und wir bogen in eine von mir bestimmte Gasse. Nach kaum einer Minute gelangten wir an eine Uferpromenade, von der aus kleine, h�bsche Br�cken zu sehen waren, die einander nicht �hnelten, aber dennoch wunderbar zusammenpassten. Dazwischen flimmerte der dunkle Fluss.</p><p>�Warum gef�llt dir das alles blo� nicht, du alter N�rgler?-, seufzte ich versonnen. �Schau dir nur mal die Br�cken an! S�ndige Magister - wei�t du zuf�llig, wie der Fluss hei�t?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Lonely-Lokley unger�hrt und zuckte erneut die Achseln. �Sieh doch auf der Karte nach, Marilyn.�</p><p>�Wir m�ssen hier unbedingt eine Wohnung finden�, sagte ich gedankenverloren. �Wenn wir dann nach Hause zur�ckkehren, wird mein Herz einmal mehr brechen.�</p><p>�Einmal mehr?�, fragte Lonely-Lokley interessiert. �Marilyn, meine Liebe, entschuldige, aber Sir Max hat mir keinesfalls den Eindruck eines Menschen mit gebrochenem Herzen gemacht.�</p><p>Ich nickte belustigt. �Das ist eine meiner schlimmsten Eigenschaften. Je schlechter es mir geht, desto besser sehe ich aus. Schon mehrfach hatte ich Probleme, mir in h�chster Not bei Bekannten Geld zu leihen, weil ich dabei so gl�cklich wirkte, als ob ich gerade im Lotto gewonnen h�tte. Niemand wollte mir glauben, als ich sagte, ich w�rde nur noch von trocken Brot und unges��tem Tee leben.�</p><p>�Auch solche Zeiten hast du mitgemacht?�</p><p>Der Umgang mit mir bedeutete f�r Sir Sch�rf ein wahres Gesichtsmuskeltraining. Jetzt zeigte sich auf seiner eben noch unger�hrten Miene ein unbeholfenes, aber klares Erstaunen.</p><p>�Na ja, bisweilen. Aber zum Gl�ck hat sich das ja ge�ndert.�</p><p>�Das erkl�rt einiges�, meinte Lonely-Lokley nickend. �Es ist �brigens angenehm, mit dir zu tun zu haben -auch wenn du verr�ckt bist.�</p><p>�Tolles Kompliment - vielen Dank.�</p><p>�Ein Kompliment ist das nicht, sondern eine Tatsache. Aber vielleicht verstehst du ja manches anders.�</p><p>Ich seufzte. Wer wollte jetzt �ber Wortbedeutungen streiten? Mir war inzwischen ohnehin klar, dass Lonely-Lokley mir nicht hatte schmeicheln wollen.</p><p>�Ich wollte dich nicht beleidigen�, meinte Sir Sch�rf jetzt freundlich. �Aber normale Menschen eignen sich f�r unsere Arbeit nicht. Im Orden galt das Motto: �Ein guter Zauberer hat vor niemandem Angst - au�er vor Wahnsinnigen.� Das ist zwar �berspitzt, doch ich glaube, sogar Sir Juffin richtet sich nach dieser Devise, wenn er neue Mitarbeiter rekrutiert.�</p><p>�Schon gut�, winkte ich ab. �Ich bleibe, wer ich bin -egal, wie du mich einsch�tzt. Aber jetzt halt bitte an, Glama. Ich m�chte aussteigen, ein wenig auf der Uferpromenade spazieren und mich unterhalten. Mein Herz hat mir gefl�stert, dass die Leute hier den Wunsch versp�ren, zwei reiche Touristen aus der Hauptstadt zu beherbergen. Keine Panik - ich wei�, dass ich eine Frau bin und Marilyn hei�e. Also werde ich auch mit einigen netten �lteren Frauen ein paar Takte plaudern.�</p><p>�Tu, was du nicht lassen kannst, Marilyn�, meinte Sch�rf und zuckte schon wieder die Achseln. �Schlie�lich d�rfen wir beide nicht vergessen, dass Sir Max mein Vorgesetzter ist.�</p><p>�Was du nicht sagst!�, rief ich und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. �Warte hier - ich bin gleich wieder da.�</p><p>Begeistert betrat ich die Promenade aus Bernstein. Durch meine d�nnen Sohlen sp�rte ich die angenehme W�rme des gelben Steins. Ich f�hlte mich pl�tzlich so leicht und gl�cklich, als w�rde ich gleich davonfliegen. Kettari war wundersch�n - wie in meinem Lieblingstraum. Und auch ich empfand mich eher als Traumgestalt, nicht als Mensch aus Fleisch und Blut.</p><p>Mit Lady Marilyns beschwingtem Schritt verlie� ich die Promenade, drang in das Gassengewirr ein und betrachtete mit ungebremstem L�cheln die alten H�uschen. Alte Promenade las ich auf einem Schild. Hier gefiel es mir wirklich!</p><p>Ach, Juffin, dachte ich, k�nnte ich Sie doch per Stummer Rede erreichen! Dann w�rde ich Ihnen sagen, dass ein fantastischer Mann wie Sie nur in einem wunderbaren St�dtchen wie diesem Kettari hat geboren werden k�nnen. Aber ich werde sicher nicht vergessen, Ihnen das zu sagen, wenn wir uns Wiedersehen.</p><p>Ich malte mir so lebhaft aus, mit meinem Chef zu plaudern, dass ich beinahe eine alte Dame umgerempelt h�tte. Zum Gl�ck war sie trotz ihrer Jahre flink genug, im letzten Moment auszuweichen. Dann griff sie nach einer T�rklinke und sah mich vorwurfsvoll an.</p><p>�Was ist mit dir los, M�dchen? Wo hattest du deine wundersch�nen Augen?�</p><p>�Verzeihen Sie bitte�, sagte Lady Marilyn erschrocken. �Ich bin erst vor einer halben Stunde in diese Stadt gekommen, von der ich seit Kindertagen unendlich viel geh�rt habe. Ich h�tte nie gedacht, dass es hier so sch�n ist. Darum war ich wie weggetreten - aber das ist sicher gleich vorbei.�</p><p>�Woher kommst du denn, S��e?�, fragte die alte Dame neugierig.</p><p>�Aus Echo�, meinte ich schuldbewusst.</p><p>Beichtet man Provinzst�dtern, aus der Gro�stadt zu sein, schafft das eine merkw�rdige Verlegenheit, als h�tten die Gespr�chspartner einander silberne L�ffel gestohlen.</p><p>�Aber deine Aussprache ist alles andere als hauptst�dtisch�, bemerkte die Alte aufmerksam. �Und aus dieser Gegend bist du auch nicht. Woher stammst du also, M�dchen?�</p><p>Lady Marilyn und ich mussten weiter l�gen: �Ich wurde sehr weit von hier geboren - in der Grafschaft Wuk. Meine Eltern sind noch in der Traurigen Zeit dahin ausgewandert und haben sich dort recht gut eingelebt. Vor ein paar fahren habe ich einen Mann aus Echo geheiratet, doch meine Gro�mutter stammt aus Kettari. Daher mein Faible f�r die Stadt. Ich habe immer zu meinem Mann gesagt: �Glama, ich will einen Teppich aus Kettari." Aber nat�rlich wollte ich etwas ganz anderes: Ich wollte ...�</p><p>�Du wolltest ins M�rchenland deiner Kindheit�, sagte die alte Frau und nickte verst�ndnisvoll. �Und wie ich sehe, gef�llt es dir bei uns sehr gut.�</p><p>�Gut ist gar kein Ausdruck! K�nnten Sie mir zuf�llig helfen? Ich w�rde gern in dieser Gegend f�r ein paar Dutzend Tage eine Wohnung mieten, denn ich m�chte nicht ins Hotel. Ist das in Kettari machbar?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete die alte Frau begeistert. �Sie k�nnen ein Stockwerk oder sogar ein ganzes Haus mieten. Aber ein Haus ist ziemlich teuer - selbst f�r kurze Zeit.�</p><p>�Toll! Ich muss nur jemanden finden, der etwas Passendes hat. �ber den Preis werden wir uns schon einig.�</p><p>Bei diesen Worten tippte ich mir zweimal mit dem rechten Zeigefinger an die Nasenspitze.</p><p>�Herzlich willkommen, meine Liebe�, sagte die Alte l�chelnd. �Du verdienst wirklich Rabatt. Denk dir - ich komme gerade von meiner Freundin zur�ck. Wir haben uns schon mehrmals dar�ber unterhalten, dass wir eigentlich beide im selben Haus wohnen sollten, da wir uns sowieso st�ndig besuchen. Das zweite Haus k�nnten wir dann an G�ste vermieten, um uns das eine oder andere leisten zu k�nnen. Aber bisher haben wir nur dar�ber geredet, ohne uns dazu aufzuraffen. Einige Dutzend Tage w�ren f�r den Anfang ganz wunderbar. In dieser Zeit k�nnen Rera und ich herausfinden, ob wir es unter einem Dach aushalten. Mein Haus ist ganz in der N�he, und zw�lf Tage kosten nur zehn Kronen.�</p><p>�O lala - das ist ja teurer als in der Hauptstadt!�</p><p>�Na sch�n, also acht. Aber daf�r m�ssen dein Mann und du mir helfen, das Notwendigste in die Wohnung meiner Freundin zu bringen�, sagte die Alte resolut. �Viel ist es nicht, und ihr habt ein A-Mobil - also wird das nicht schwierig sein.�</p><p>�Das Notwendigste� erwies sich als so viel, dass der Umzug in sechs Etappen vonstattengehen musste. Aber wir nutzten die Zeit: Lady Charaja - wie unsere Vermieterin hie� - zeigte uns, wo wir fr�hst�cken konnten und zu Abend essen sollten, und warnte uns etwa dreihundert Mal davor, mit den Bewohnern von Kettari Mau-Mau zu spielen. Das war wirklich nett von ihr.</p><p>Nachdem wir f�r zwei Dutzend Tage im Voraus bezahlt hatten, w�nschte uns die gl�ckliche alte Dame Gute Nacht und verschwand im Haus ihrer Freundin.</p><p>�Ich vermute, die alten Ladys werden die Nacht durchfeiern�, sagte ich. �Wir fahren jetzt nach Hause, Sch�rf. Seien Sie mir nicht b�se, aber ich hab's satt, Sie st�ndig Glama zu nennen.�</p><p>�Tu, was du nicht lassen kannst - ich bleibe vorsichtig. Hauptsache, du machst in Gegenwart Fremder keinen Fehler.�</p><p>�In Gegenwart welcher Fremder denn? Unsere Mitreisenden sind l�ngst in irgendwelchen heruntergekommenen Hotels gelandet und haben daf�r vermutlich viel mehr zahlen m�ssen als wir. Macht dir meine Sorglosigkeit Angst, mein Freund?�</p><p>�Nat�rlich�, nickte Lonely-Lokley unger�hrt. �Aber ich hatte von Anfang an damit gerechnet. Deshalb staune ich jetzt auch nicht. Hoffentlich bist du dar�ber nicht entt�uscht.�</p><p>�Ach was. Das gibt mir das Gef�hl, alles in der Welt sei in bester Ordnung. Ihre Gelassenheit, Sir Sch�rf, ist ein Bollwerk meines seelischen Gleichgewichts. Also bleiben Sie am besten, wie Sie sind. Wir fahren jetzt nach Hause, waschen uns, ziehen uns um, gehen zum Abendessen und sehen danach weiter. Soweit ich mich erinnern kann, hat uns Juffin eine seltsame Instruktion gegeben: Wir sollen das Leben genie�en und warten, bis uns ein Wunder begegnet.�</p><p>�Diese Instruktion hat Sir Juffin nicht uns, sondern Ihnen gegeben. Ich soll Sie hier bestm�glich vor Unannehmlichkeiten sch�tzen.�</p><p>�Aber mein Herz fl�stert mir, dass es in Kettari f�r mich keine Unannehmlichkeiten geben wird - auf keinen Fall.�</p><p>�Schauen wir mal�, meinte Lonely-Lokley und zuckte die Achseln. �Marilyn, bleib stehen. Wo l�ufst du denn hin? Das ist doch nicht unser Haus! Wir wohnen an der Alten Promenade 24 - schon vergessen?�</p><p>�Wie dumm von mir! Aber wie Sir Lukfi zu sagen pflegt: Manche Leute sind wirklich verwirrt.�</p><p>Das Bad befand sich im Keller - was das anging, waren sich alle Bewohner von Echo einig. Leider aber gab es dort keinen Luxus, sondern nur eine einzige Badewanne, und die sah genauso aus wie die Wannen meiner Heimat. Sir Sch�rf verzog angeekelt das Gesicht.</p><p>�Nach dieser langen Reise hatte ich mich ehrlich gesagt auf drei bis vier Wannen gefreut.�</p><p>Ich seufzte mitf�hlend. �Bei Ihnen stehen sicher mindestens zw�lf, Sch�rf. Aber da kann man nichts machen -du musst dich ans einfache Leben gew�hnen, Glama.�</p><p>�Zw�lf? Achtzehn!�, meinte Lonely-Lokley empfindlich. �Und das ist nicht zu viel, wie ich finde.�</p><p>�Hoho!�, rief ich und nickte respektvoll. �Ich w�sste gern, ob einige davon L�cher haben.�</p><p>�Mit solchen Extravaganzen kann ich leider nicht dienen. Lady Marilyn, du kannst dich waschen gehen - ich warte so lange.�</p><p>Als ich nach einer Viertelstunde zur�ckkam, zog Sir Sch�rf erstaunt die Brauen hoch.</p><p>�Du h�ttest dich nicht so zu beeilen brauchen, meine Liebe. Oder w�schst du dich immer so schnell?�</p><p>�Meistens�, sagte ich l�chelnd. �Dreist, was?�</p><p>�Jedem Tierchen sein Pl�sierchen�, meinte Lonely-Lokley k�hl. �Aber ich muss um Verst�ndnis und um Verzeihung daf�r bitten, dass ich mich nicht so schnell herrichten kann wie du.�</p><p>�Kein Thema�, winkte ich ab. �Ich wei� mich zu besch�ftigen.�</p><p>Kaum war ich allein, packte ich mein Kopfkissen aus, schob die Hand darunter und wartete. Nach ein paar Minuten hatte ich die erste Zigarette geangelt, die allerdings schon zur H�lfte geraucht war. Ich dr�ckte sie vorsichtig aus und legte sie in eine Schachtel, die ich zu diesem Zweck eingesteckt hatte. Sie hatte zwei F�cher: eins f�r Gener�le - also f�r angerauchte Kippen - und eins f�r frische Zigaretten, auf die ich in letzter Zeit allerdings so selten gesto�en war, dass ich mich kaum noch an ihren Geschmack erinnerte. Na ja, eigentlich sollte ich mich nicht beklagen, denn das war besser als nichts. Die Monate, in denen ich nur den hiesigen Tabak hatte rauchen k�nnen, erschienen mir inzwischen als stille, aber heroische Leidenszeit.</p><p>Nach zwei Stunden entschied sich Sir Sch�rf endlich, aus dem Bad zu kommen. Unterdessen hatten sich bei mir vier Gener�le - einer l�nger als der andere - gesammelt, und das war ein seltenes Gl�ck. Meine Rechte lag schon zwanzig Minuten reglos unterm Kissen, doch ich wollte den Fischzug nicht abbrechen. Warum auch? Lonely-Lokley wusste ohnehin schon viel �ber mich - da konnte er ruhig auch von meinem Kissenhobby wissen.</p><p>�D�rfte ich erfahren, was du da treibst, Marilyn?�, fragte er h�flich.</p><p>�Nat�rlich. Ich zaubere, so gut ich kann, und versuche, an die vertrauten Glimmst�ngel zu kommen. Das dauert zwar lange, ist daf�r aber kostenlos. Die Gewohnheit ist eine tyrannische Gebieterin.�</p><p>�Sind diese Dinger etwa aus deiner Heimat?�</p><p>Ich nickte und versuchte, mich weiter zu konzentrieren. Sir Sch�rf sah sich die angerauchten Zigaretten misstrauisch an.</p><p>�Probier doch mal eine�, meinte ich gener�s. �Die schmecken wie euer Tabak - nur besser. Sie werden dir so gut gefallen, dass du nur noch f�r uns beide Zigaretten beschaffen willst.�</p><p>�Darf ich wirklich? Vielen Dank - das ist ja gro�z�gig!�, rief Lonely-Lokley und nahm bescheiden den k�rzesten General.</p><p>�Und? Schmeckt's?�, fragte ich neidisch.</p></section><section><p>Meine Rechte blieb unterm Kissen, weil ich mir geschworen hatte, erst zu rauchen, wenn ich mit dem �den Angeln fertig war.</p><p>�Dieser Tabak ist st�rker, aber auch leckerer als der, den ich kenne�, stellte Sir Sch�rf beif�llig fest, �fetzt verstehe ich, warum du immer ein so trauriges Gesicht hattest, wenn du dir hier eine Pfeife angez�ndet hast.�</p><p>�Hatte ich das?�, fragte ich l�chelnd, zog eine Zigarette unterm Kissen hervor und meinte: �Schluss f�r heute. S�ndige Magister - so eine hab ich hier noch nie geangelt.�</p><p>Kein Zweifel: Ich hielt einen Joint in der Hand. Ich wusste genau, wie solche T�ten aussehen und riechen.</p><p>�Mist - das war verlorene Liebesm�h.�</p><p>�Wieso? Gef�llt dir diese Art Tabak etwa nicht?�</p><p>�Das kann man wohl sagen. Viele meiner Bekannten rauchen das Zeug, um sich zu entspannen, aber auf mich wirkt es ganz anders: Ich bekomme nur Kopfschmerzen. Na ja, wahrscheinlich bin ich nicht normal. Und Sie, Sir Sch�rf? Wollen Sie sich entspannen? Dann tauschen wir doch mal!�</p><p>�Klingt verlockend�, meinte Lonely-Lokley gedankenverloren. �Ich hab mich nie geweigert, neue Erfahrungen zu machen.�</p><p>�Willst du das Ding wirklich rauchen? Na gut - dann war meine M�he nicht ganz umsonst. Vielleicht kannst du dich dadurch ja wirklich entspannen. Das w�nsche ich dir von Herzen, Glama - schlie�lich gef�llt es dir in Kettari nicht so gut wie mir.�</p><p>Ich gab ihm den Joint und zog gen�sslich an seiner Kippe. Eigentlich wollte ich mir noch eine anz�nden, entschied mich dann aber, hart zu bleiben. Du hast nur noch drei, mein Freund - sagte ich mir -, und der Abend liegt noch vor dir. Wie willst du sonst bis zum Schlafengehen auskommen?</p><p>Dieser Vorsatz hielt f�r den Moment, doch ich wusste, dass er nicht von Dauer w�re. Seufzend wandte ich mich an Lonely-Lokley.</p><p>�Na, mein Freund, geht's dir schon besser? K�nnen wir jetzt essen gehen?�</p><p>Pl�tzlich klappte mir die Kinnlade runter. Bis jetzt fehlen mir die Worte, um mein damaliges Erstaunen zu beschreiben. Sir Sch�rf l�chelte �bers ganze Gesicht, und ich st�hnte auf.</p><p>�Dieses lustige T�tchen wirkt wahre Wunder�, kicherte er und zwinkerte mir zu. �Wenn du w�sstest, Max, wie witzig es ist, mit dir zu reden und dabei auf deine rote Per�cke zu sehen!�</p><p>Sein Kichern ging in ein schallendes Lachen �ber, und ich hatte das Bed�rfnis, mich zu bekreuzigen, wusste aber nicht, mit welcher Hand und in welcher Reihenfolge.</p><p>�Alles in Ordnung mit Ihnen, Sch�rf?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Was guckst du denn so? Der Langweiler, der ich war, ist gerade spazieren, und wir gehen jetzt essen, aber begann er, unterbrach sich jedoch, weil er wieder kichern musste, und fuhr erst nach einer Weile fort: �... aber du musst den Mund wieder zumachen - sonst kannst du nat�rlich nicht essen. Das schaffst du, oder? Wenn du dich wirklich bem�hst?�</p><p>�Toll!�, seufzte ich. �Und ich hatte schon gehofft, hier in Kettari h�tte ich etwas Ruhe vor Scherzen a la Melifaro. Na sch�n, gehen wir. Vergiss bitte nicht, dass ich Marilyn hei�e und du ...�</p><p>�Du glaubst doch wohl nicht, dass uns alle Einwohner von Kettari belauschen?�, fragte Lonely-Lokley sp�ttisch. �Dass sie nichts Besseres zu tun haben, als vor dem Fenster des Wirtshauses stehen zu bleiben, nur um herauszubekommen, wie wir uns gegenseitig nennen?� Er kicherte erneut. �S�ndige Magister, Max - vor den Fenstern ist doch viel zu wenig Platz! Wei�t du, wie viele Bewohner dieses gr�ssliche St�dtchen hat?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Ist ja auch egal. Auf jeden Fall ist es unterm Fenster zu eng�, meinte er und wieherte wie ein Pferd. �Na los, gehen wir. Ich war noch nie so hungrig. Und du, Marilyn, solltest nicht so mit dem Hintern wackeln. Sonst bekommst du �rger mit den M�nnern. Aber vielleicht legst du es ja darauf an?�</p><p>�Ich bin gegen �rger aller Art�, meinte ich ver�rgert. �Na los, gehen wir, du Naturwunder.�</p><p>�Ich? Ein Naturwunder? Sieh dich doch an!�, rief Lonely-Lokley und kugelte sich ausgiebig vor Lachen. Dennoch gelang es uns schlie�lich, die Wohnung zu verlassen.</p><p>Unterwegs kicherte Sir Sch�rf pausenlos. Er fand alles lustig: meinen Gang, die Gesichter der wenigen Passanten, die Wunder der hiesigen Architektur. Eigentlich konnte ich ihn verstehen. Nach meiner Einsch�tzung hatte er seit zweihundert Jahren nicht gelacht und endlich die Chance dazu bekommen. Er �hnelte einem Beduinen, der unvermutet in eine Schwimmhalle geraten ist. Es war angenehm, ihn dabei zu beobachten, wie er sein Gl�ck genoss, doch ich hatte Angst, er w�rde vor lauter Freude Schluckauf bekommen. Was hatte ich blo� angerichtet! War das eine gute Tat gewesen oder die d�mmste Aktion meines Lebens? Noch war diese Frage nicht zu beantworten.</p><p>�Was essen wir denn?�, fragte ich aufger�umt und nahm an einem Tisch im Alten Haus Platz. Lady Sotova hatte das Lokal mal erw�hnt.</p><p>�Egal! Es wird ohnehin nicht schmecken�, prophezeite Lonely-Lokley und kicherte erneut.</p><p>�Dann vereinfachen wir die Sache�, sagte ich, schloss die Augen und zielte mit dem Finger auf die Speisekarte. �Ich hab Nummer acht. Und du?�</p><p>�Eine super Methode, Entscheidungen zu treffen�, erkl�rte Sir Sch�rf und tat es mir nach. Wie zu erwarten, entgleiste sein Arm: Mein Glas fiel zu Boden, und er kicherte erneut. Ich seufzte. Ausgerechnet dieser Knilch sollte mich vor Unannehmlichkeiten sch�tzen?</p><p>�Tja, ich muss es wohl noch mal versuchen�, meinte Sir Sch�rf, nachdem er sich leidlich beruhigt hatte. Weil er diesmal vorsichtiger war, landete sein Finger zwar auf der Speisekarte, durchbohrte sie aber auch - und das direkt neben Nummer dreizehn. Prompt wieherte der Bekiffte wieder los.</p><p>�Du hast aber Hunger�, meinte ich und l�chelte so h�flich wie distanziert. �Wem so ein Loch gelingt, der bekommt die doppelte Portion. Ich w�nsche dir, dass es was Leckeres ist.�</p><p>�Vergiss es. Hier gibt's nichts Leckeres!�, rief Lonely-Lokley vergn�gt und br�llte dem Kellner, der gerade vorbeikam, zu: �Quatsch Nummer acht und eine doppelte Portion Quatsch Nummer dreizehn - aber dalli, Amigo!�</p><p>�Du entpuppst dich als grausam�, meinte ich und sah dem davoneilenden Kellner nach. �Ich k�nnte mir vorstellen, ...�</p><p>�Nichts kannst du dir vorstellen! Gar nichts! Und das ist auch gut so! Jetzt schlagen wir uns den Bauch voll! Schau mal, wie d�mlich der Kerl da vorn guckt. Aber deine Bestellmethode ist wirklich gut. Siehst du, was sie uns bringen?�</p><p>�Ja�, meinte ich kleinlaut und nickte verlegen.</p><p>Der Kellner stellte zwei schmale Gl�ser vor Lonely-Lokley hin, in denen sich etwas Wei�liches befand, das an Schimmel, Honig und Rum zugleich erinnerte. Ich bekam einen gro�en Topf, der bis zum Rand mit Fleisch und Gem�se gef�llt war.</p><p>�Bringen Sie mir das Gleiche, aber zack, zack�, rief Lonely-Lokley und zeigte dabei auf meine Portion. �Und nehmen Sie diesen Quatsch im Doppelpack gleich wieder mit! Wir haben schon daran gerochen - das reicht vollkommen.�</p><p>�Eine Portion k�nnen Sie dalassen�, mischte ich mich ein. �Ich muss wissen, was f�r ein Zeug du dir da bestellt hast.�</p><p>�Probier ruhig!�, rief Lonely-Lokley so gener�s wie pampig und zuckte die Achseln. �Ich jedenfalls will f�r so einen Quatsch nicht mein Leben riskieren! S�ndige Magister, Max, du bist wirklich lustig.�</p><p>Der Kellner sah uns erstaunt an, nahm eine Portion wieder mit und verschwand. Mit einer Mischung aus Ekel und Interesse stocherte ich in der wei�lichen Substanz herum, schnupperte erneut daran und probierte dann ein wenig. Offenbar handelte es sich um Schmalz mit pikantem K�se, abgeschmeckt mit einem kleinen Schuss Rum.</p><p>�Ungenie�bar!�, verk�ndete ich ersch�ttert. �So was sollte man Juffin als Geschenk mitbringen. Das ist die beste Therapie gegen Nostalgie.�</p><p>�Sofern wir den alten Fuchs noch mal zu Gesicht bekommen�, meinte Lonely-Lokley l�chelnd. �Du hast gro�e Erfahrung mit dem Reisen zwischen den Welten, stimmt's?�</p><p>�Eigentlich nicht.� Ich zuckte schuldbewusst die Achseln. �Aber warum fragst du? Fr�her haben dir meine Geschichten �ber die andere Welt nicht gefallen. Hast du etwa deine Meinung ge�ndert?�</p><p>�Nicht meine Meinung, sondern mich. Das verstehst du offenbar nicht. Wei�t du, der alte, langweilige Lonely-Lokley, mit dem du so lange zu tun hattest, h�tte fantasievolle Berichte aus anderen Welten nicht gemocht -auch nicht, wenn es sich um die lautere Wahrheit gehandelt h�tte. Aber ich bin nicht so dumm, das Offenkundige zu bestreiten. Sogar der unertr�gliche Mann, der ich mal war, h�tte dir irgendwann zugestimmt. Doch das alles ist eigentlich unwichtig, hab ich Recht?�</p><p>�Und wie!�, seufzte ich. �Dein Essen kommt. Guten Appetit, Glama.�</p><p>�Was f�r ein lustiger Name�, gackerte Sch�rf und explodierte erneut vor Lachen. �Wer sich so was nur ausdenkt!�</p><p>Er verschlang seine Portion und bestellte gleich eine neue. Ich dagegen nippte nur an meiner Kamra, die hier gar nicht so viel schlechter schmeckte als in Echo - egal, was Lady Sotova dar�ber denken mochte.</p><p>�Du bist gar nicht so verr�ckt, Max�, meinte Lonely-Lokley und l�chelte schief. �Ich dachte, ich darf dich nicht aus den Augen lassen, damit du keine Dummheiten begehst�, f�gte er hinzu und starrte einige Zeit auf die falschen Locken von Lady Marilyn. �Kaum schl�gt Sch�rf mal �ber die Str�nge, passt du auf wie ein Luchs. Du bist wirklich ein interessantes Wesen. Egal, was passiert - du kommst immer durch.�</p><p>�Das sehe ich anders�, meinte ich. �Aber du wirst schon Recht haben.�</p><p>�Das sollte ein Lob sein�, sagte Lonely-Lokley, und seine Miene hellte sich auf. �Solche Komplimente hat man sich noch in der Epoche der Orden gemacht. Ich wei� nicht, woher du kommst, aber ... Ach, dieses Gespr�ch ist langweilig, und ich muss das Gl�ck beim Schopf packen.�</p><p>�Was meinst du damit, Glama?�</p><p>�Nichts Besonderes. Schlafen kann ich sowieso nicht. Also muss ich mich nach Unterhaltung umsehen. Wann bekomm ich noch mal die Chance, meine Pflichten leichten Herzens zu missachten?�</p><p>Erstaunt hob ich die Brauen und analysierte auf die Schnelle die Situation. Eigentlich wusste ich eine passable Rettung aus dieser riskanten Lage: Eine Bewegung meiner Linken, und Lonely-Lokley konnte sich als D�umling unter meiner Handfl�che beruhigen. Andererseits: Wer war ich denn, diesem Mann die verdiente Entspannung zu verderben? Schlie�lich war er erwachsen, sogar etwas �lter als ich - schlappe dreihundert Jahre. Und das Wichtigste: Er sollte wirklich besser nicht einschlafen, falls die Verstorbenen sich erneut entschlie�en sollten, nach dem Verr�ckten Fischer zu suchen ... Vielleicht w�rden sie ihn ja diesmal erwischen.</p><p>�Gehen Sie sich entspannen, Sch�rf�, sagte ich l�chelnd. �Lady Marilyn und ich - wir schauen uns hier ein wenig um. Wer wei�, vielleicht riecht es irgendwo nach einem Geheimnis. Wom�glich hab ich Gl�ck.�</p><p>�Sie sind wirklich klug, Sir Max�, sagte Lonely-Lokley und betrachtete mich mit neuem Respekt. �Und was ist, wenn der Zaubertrick mit der linken Hand nicht funktioniert?�</p><p>Ich war es bereits gewohnt, mit Leuten zu arbeiten, die meine Gedanken lesen konnten, und begriff schnell, was er meinte.</p><p>�Der muss funktionieren. Sonst bin ich aufgeschmissen.�</p><p>�Das kannst du ja demn�chst allen Verr�ckten sagen, die uns an den Kragen wollen.�</p><p>�Worauf du dich verlassen kannst�, erkl�rte ich vollmundig und stand auf: �Gute Nacht, mein Freund.�</p><p>�Tsch�ssikowski, Sir Max. Sag dem alten Langweiler Lonely-Lokley, er soll nicht auf mich warten. Er ist ein netter Kerl, aber ab und an �bertreibt er kolossal.�</p><p>�Ganz deiner Meinung, Glama. Melde dich bitte per Stummer Rede, falls du in eine unangenehme Lage ger�tst.�</p><p>�Ich? In eine unangenehme Lage geraten? Nie und nimmer! Jemand anderer vielleicht!�</p><p>�Schon gut, Glama, schon gut.�</p><p>Ich nickte ihm von der T�rschwelle zu und ging nach Hause.</p><p>Zun�chst kehrte ich ins Haus von Lady Charai zur�ck, das sich durch Zufall in eine Au�enstelle des Kleinen Geheimen Suchtrupps verwandelt hatte. Ich setzte mich in einen Sessel, rauchte eine Zigarette und zwinkerte meinem Gegen�ber im gro�en alten Spiegel zu: �Tja, Lady Marilyn - dein Mann hat dich verlassen. Ich hoffe, du bist entz�ckt.�</p><p>Mein neues Alter Ego jauchzte vor Gl�ck. Lady Marilyn strotzte vor Gef�hlen und wollte unbedingt sofort spazieren gehen, um die s��e Luft von Kettari zu genie�en. Sie hoffte, auf den Stra�en der n�chtlichen Stadt ein zu ihr passendes Abenteuer zu finden.</p><p>Ich dachte an die Metamorphose, die Lonely-Lokley vor Stunden durchlebt hatte. Zwar wusste ich nicht, wie das enden w�rde, doch das neue Image stand ihm. Hoffentlich schaffte er es, nicht in die Tinte zu geraten. Aber Unannehmlichkeiten waren beinahe programmiert. Ich zuckte die Achseln und beschloss, dar�ber nicht weiter nachzudenken - was geschehen war, war geschehen und lie� sich nicht r�ckg�ngig machen.</p><p>Jetzt hatten Lady Marilyn und ich ein kleines Problem: Ich wollte unbedingt durch Kettari bummeln, aber durfte eine so sympathische Frau wie ich nachts allein durch die Stra�en ziehen?</p><p>�Ich habe eine ausgezeichnete Idee, meine S��e�, sagte ich zu meinem Spiegelbild. �Verkleide dich einfach als Mann! Das klingt verr�ckt, aber was bleibt uns �brig? Ich hoffe nur, Sch�rf hat einen Ersatzturban dabei.�</p><p>Rasch, aber gewissenhaft inspizierte ich die Reisetasche meines Kollegen und fand nicht nur die gesuchte Kopfbedeckung, sondern auch eine Stecknadel f�r meinen Lochimantel. Mehr brauchte ich nicht. Aber was sollte ich mit der illusion�ren Figur von Lady Marilyn machen? Sir Kofa hatte meine neue Gestalt wunderbar modelliert, leider aber keinen Busen zum Umschnallen vorgesehen. Ich seufzte bitter und z�ndete mir eine weitere Zigarette an. Wie sollte sich ein M�dchen in einen Jungen verwandeln? Ich brauchte eine neue Designidee.</p><p>Nach ein paar Minuten kam mir ein Gedanke, der zun�chst absurd schien: Warum verh�llte ich die unpassende Figur nicht so, wie eine echte Frau es tun w�rde? Ich sollte nicht nur meinen illusion�ren Busen verstecken, sondern mir auch einige Lumpen um die Taille binden, da Frauen dort erfahrungsgem�� schmaler gebaut sind als M�nner.</p><p>Zum Teufel - das musste ich ausprobieren! Ich war zwar nicht recht �berzeugt, dass eine allein durch die n�chtliche Stadt spazierende Frau per se in Gefahr war, doch ein doppelt getarnter Mann durfte sich gewiss sicherer f�hlen als eine einfach getarnte Frau. Ziemlich verwirrend, das Ganze.</p><p>Nach einer halben Stunde sah ich vorsichtig in den Spiegel. Alles war mir ganz gut gelungen - besser als erhofft. Nat�rlich erinnerte mein Gegen�ber bei weitem nicht an meinen guten Bekannten Max, aber es handelte sich bei ihm zweifellos um einen ganz normalen Jungen.</p><p>Ich dachte an das Kraut, das Lady Sotova mir vorgesetzt hatte und das Wunderbare oder Sonderbare H�lfte hie� (oder so �hnlich). �Du bleibst, wer du bist, aber die Leute werden glauben, sie h�tten es mit jemand anderem zu tun�, hatte sie mir damals gesagt. Offenbar konnte ich inzwischen einfach als der erscheinen, der ich sein wollte. Umso besser!</p><p>Ehe ich das Haus verlie�, schob ich kurz die Hand unters Kissen. Ein einziger General war eindeutig zu wenig f�r eine lange, sicher sehr abenteuerliche Nacht. Nach ein paar Minuten betrachtete ich verwirrt eine halb leere Zigarettenschachtel, auf der ein steifbeiniges Dromedar in die Ferne sah. Neun frische Kippen! Ich sandte einen dankbaren Blick zur Decke.</p><p>�Lieber Gott�, begann ich ehrf�rchtig. �Erstens freue ich mich, dass es dich gibt, und zweitens bist du ein fantastischer Kerl und mein bester Freund.�</p><p>Dann �ffnete ich die T�r und trat ins nachtk�hle Kettari hinaus. Die Beine trugen mich wie von selbst auf die andere Uferseite. Ich ging �ber eine gut beleuchtete Steinbr�cke und sah mir die Gesichter ihres drachenartigen Skulpturenschmucks an. In der Ferne lagen ein Labyrinth enger Gassen und da und dort der hell erleuchtete Klecks eines Platzes. Ich versuchte nicht mal so zu tun, als w�re ich mit meiner Mission besch�ftigt, sondern genoss einzig den Spaziergang.</p><p>Die ganze Nacht zog ich durch Kettari und berauschte mich an der Luft und den neuen Eindr�cken. Ich ging durch viele Stra�en und trank in winzigen Imbissstuben, die die ganze Nacht ge�ffnet waren, einige Portionen Kamra und manch anderes Getr�nk. Unerschrocken �ffnete ich fremde Gartentore, betrat dunkle H�fe, rauchte dort meine Zigaretten und betrachtete dabei den gr�nlichen Mond am schw�rzlichen Himmel. Einmal trank ich etwas Wasser von einem Springbrunnen. In einem anderen Garten pfl�ckte ich ein paar s��sauer schmeckende Beeren von einem kleinw�chsigen Busch, der -den Magistern sei Dank! - keine �hnlichkeit mit dem Baum der Erkenntnis hatte.</p><p>Bei Sonnenaufgang fand ich mich an derselben Br�cke wieder, an der meine n�chtliche Reise begonnen hatte. Ich h�tte die drachenartigen Gesichter k�ssen m�gen, die mich so unerschrocken anstarrten, beschloss aber, mich zu beherrschen, denn das w�re vulg�r gewesen und h�tte eine falsche Note ins Finale dieser herrlichen Nacht gebracht. Und hier in Kettari wollte ich vollkommen erscheinen.</p><p>Darum ging ich gleich nach Hause, zog mich aus, rollte mich im Bett zusammen und schlief selig ein.</p><p>Gegen Mittag erwachte ich und f�hlte mich, als h�tte ich eine Spritze Kachar-Balsam bekommen und als w�rde die wohltuende Fl�ssigkeit nun durch meine Adern rollen. Ein tolles Gef�hl!</p><p>Sir Lonely-Lokley war nicht zu Hause, und das machte mich etwas nerv�s. Ich sp�rte zwar keine Unruhe, aber eine gewisse Sorge, gemischt mit Neugier und Verantwortungsgef�hl.</p><p>�Wie lange der wohl verschwunden bleibt?�, brummte ich. Nach einigem �berlegen meldete ich mich per Stummer Rede bei ihm.</p><p>�Sir Sch�rf, geht es Ihnen gut?�</p><p>�Durchaus. Ich bin allerdings besch�ftigt. Lassen Sie uns sp�ter reden. Und seien Sie bitte nicht ver�rgert.�</p><p>�So, so - der Herr ist besch�ftigt! Sieh mal einer an! Ich w�sste gern, womit�, sagte ich streitlustig halblaut vor mich hin. Aber das Problem war eigentlich erledigt: Sir Sch�rf war wohlauf, und mehr brauchte ich erst mal nicht zu wissen.</p><p>Meiner Hauptsorge ledig, beschloss ich zu fr�hst�cken. Ich �berlegte kurz und entschied, bei Tageslicht durchaus allein als Lady Marilyn durch Kettari spazieren zu k�nnen. Ich brauchte mich also diesmal nicht mit Verkleiden aufzuhalten.</p><p>Kurz darauf begeisterte eine elegant gekleidete Lady mit ihrem m�chtigen Appetit die Wirtin einer kleinen Imbissstube.</p><p>Als Lady Marilyn satt war, machte sie einen Einkaufsbummel. Ich brauchte unbedingt einen Stadtplan von Kettari! Erstens konnte er mir n�tzlich sein, und zweitens �ben Karten und Atlanten seit jeher eine magische Anziehung auf mich aus. Eigentlich h�tte ich sie sammeln sollen, aber ich bin kein Typ daf�r: All meine Sachen verschwinden stets in den dunkelsten Ecken der Wohnung oder bleiben bei Freunden liegen.</p><p>Ich kaufte mir also einen sorgf�ltig skizzierten Stadtplan von Kettari, nahm in einem kleinen, namenlosen Wirtshaus Platz, bestellte Kamra und schaute mir meine Neuanschaffung genau an. Ich machte mein Quartier ausfindig, die Br�cke mit den drachenartigen Figuren, die Gastst�tte Altes Haus am Lustigen Platz ... Ja, diesen Namen verdiente der Platz durchaus, wenn ich bedachte, wie Sir Sch�rf dort am Vortag getobt hatte.</p><p>Als ich meine Kamra ausgetrunken hatte, ging ich weiter. Ich war in die Br�cken von Kettari verliebt und wollte mindestens zweihundert Mal den Mijer �berqueren, den hiesigen Fluss also.</p><p>Ich ging �ber eine mit roten Ziegeln gepflasterte Br�cke ans andere Ufer, bummelte ein wenig durch die Stadt und versuchte, die Orte aufzusuchen, die mich in der Nacht so begeistert hatten. Einmal mehr musste ich feststellen, dass Dunkelheit die Welt bis zur Unkenntlichkeit ver�ndert: Ich entdeckte keine einzige Gasse wieder!</p><p>Dieser merkw�rdige Umstand brachte mich dazu, etwas recht Seltsames zu tun. Ich betrat einen winzigen Laden, kaufte mir einen Bleistift und trug meinen Weg in den neu erworbenen Plan ein. Ich dachte, so w�re es leichter, ihn zu wiederholen und meine Eindr�cke zu vergleichen.</p><p>Nachdem ich damit fertig war, sah ich mich im Laden um. Er stand voller Dinge, die so h�bsch wie nutzlos waren, und sah aus wie viele Antiquit�tenl�den in der Altstadt von Echo, in denen ich normalerweise den L�wenanteil meines Gehalts lie�. Das Angebot des Ladens war ein einziger Appell an meine Verschwendungssucht, und ich sah kurz in die Manteltasche.</p><p>S�ndige Magister! Ich f�hlte mich fast wie ein Bettler: Unser gesamtes Reisegeld befand sich - in Tagesrationen aufgeteilt - in einem Beutel, den Lonely-Lokley am G�rtel trug. Noch gestern Abend hatte ich das f�r den besten Aufbewahrungsort gehalten ... Ich hatte h�chstens zehn Kronen Kleingeld in der Tasche. F�r jeden Bewohner der Hauptstadt w�re das ein Verm�gen gewesen, aber nicht f�r mich. Beinahe drei�ig Jahre bescheidenes Leben hatten nichts genutzt: Ich machte gerade eine Phase pathologischer Verschwendung durch. Ich sp�rte das wilde Bed�rfnis, mit Geld um mich zu werfen, und bekam bei dem Gedanken an Rechnungen und an mein Budget Kopfschmerzen.</p><p>Ich beschimpfte mich, nannte mich mindestens drei�ig Mal Dummkopf und kapitulierte dann. Nein, einen so h�bschen Laden konnte ich unm�glich ohne Souvenir verlassen. Obendrein war mir ein zweiter Stadtplan von Kettari aufgefallen, der raffiniert auf Leder gen�ht war -ein echtes Kunstwerk!</p><p>�Was soll der denn kosten?-, fragte ich den Verk�ufer, der mich die ganze Zeit beobachtet hatte.</p><p>�F�r Sie nur drei Kronen�, antwortete der junge Mann frech.</p><p>Dieser Preis war unversch�mt. Sachen, die noch aus der Epoche des Gesetzbuchs stammen, waren selbst in der Hauptstadt billiger zu haben!</p><p>�Das muss ich mir noch �berlegen�, meinte ich und verzog das Gesicht. �Ich habe den Eindruck, eine Krone ist vollauf genug, und die bin ich bereit zu zahlen. Leichtsinn muss manchmal sein.�</p><p>Der Verk�ufer musterte mich ungl�ubig. Ich machte die hiesige Lieblingsgeste und tippte mir zweimal mit dem rechten Zeigefinger an die Nasenspitze. Anscheinend war das die beste L�sung f�r alles, da die Situation wie gew�nscht endete.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter sa� ich bereits in einer h�bschen, gem�tlichen Imbissstube, bestellte mir eine Portion Kamra und sah mir den neu erworbenen Stadtplan an.</p><p>Eigentlich habe ich nie zu den besonders aufmerksamen Leuten geh�rt, und h�tte ich nicht die Angewohnheit, auf jedem Plan mein Quartier zu suchen, h�tte ich sicher nichts gemerkt.</p><p>Aber was war los mit meinem Haus? Auf dieser Karte gab es gar keine Alte, wohl aber eine Erfrischende Promenade! Ich legte beide Pl�ne nebeneinander und verglich sie aufmerksam. Es gab noch viele andere Unstimmigkeiten, und erstaunt sch�ttelte ich den Kopf. Allem Anschein nach war der erste Stadtplan der richtige. Jedenfalls war ich mit ihm unterwegs gewesen und hatte dort meine Route eingetragen. Oder waren beide Karten nutzlos?</p><p>Ich trank rasch meine Kamra aus, steckte die geheimnisvollen Souvenirs ein und verlie� den Imbiss. Aufmerksam las ich den Stra�ennamen Runde Gasse. Na bitte! Jetzt musste ich nur noch in meine Pl�ne schauen.</p><p>Diesmal hatte der neu erworbene Lederstadtplan Recht, denn er verzeichnete die Runde Gasse dort, wo sie war. Mein zuerst gekaufter Plan hingegen zeigte hier eine Siebenkr�utergasse. Sch�ne Bescherung!</p><p>Offenbar bin ich dem Geheimnis schon auf der Spur, dachte ich niedergeschlagen und bedauerte sehr, wie rasch meine Urlaubsstimmung verflogen war. Und dieses Geheimnis sieht gar nicht gut aus, �berlegte ich weiter. S�ndige Magister! So ein kartografisches Chaos eignet sich f�r einen Tollpatsch wie mich ganz und gar nicht. So ein R�tsel ist was f�r Mister Sherlock Holmes. Doch der lebt nur in B�chern und kann alles - ich hingegen bin lebendig und dumm wie Brot. Bestimmt kennt sich selbst Lonely-Lokley mit solchen Stadtpl�nen besser aus als ich. Sch�rf aber hat zu stark am Joint gezogen und verprasst sein Geld in den Spelunken der Stadt. Allm�chtiger Himmel - was treibst du mit mir?</p><p>Dem Himmel freilich war mein Gejammer egal. Nicht mal eine winzige Wolke erschien �ber den Tr�mmern meines Verstandes.</p><p>Ich sah auf, warf dem kaltherzigen Firmament einen b�sen Blick zu und ging weiter.</p><p>Jetzt interessierte ich mich nur noch f�r Buchhandlungen und Antiquit�tenl�den. �berall kaufte ich Stadtpl�ne von Kettari und feilschte wie ein L�we um den Preis. In meiner Not war ich zu allem f�hig. Nur eins schaffte ich nicht: die Verk�ufer davon zu �berzeugen, mich daf�r zu bezahlen, dass ich ihnen ihre Waren abnahm.</p><p>Bei Sonnenuntergang merkte ich, wie m�de ich war. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich vor einem Schild mit der Aufschrift Alt-Kettaii stand. Das Wirtshaus lag dort, wo die Hohe Stra�e und die Stra�e der Fischaugen sich trafen, und hatte darum zwei Eing�nge. Die etwas weiter entfernte T�r schien der Haupteingang zu sein und war mit einer riesigen, ihren Schauml�ffel schwingenden Lady bemalt. Die T�r, vor der ich stand, gefiel mir sehr viel besser: Es handelte sich um eine normale Holzt�r, auf die die hiesige Traubensorte gezeichnet war. Forsch zog ich an der Klinke, doch die T�r blieb zu. Hoffentlich muss ich nicht zu der Menschenfresserin, dachte ich erschrocken und zog erneut.</p><p>Beim dritten Mal begriff ich, dass ich nicht ziehen, sondern dr�cken musste. Typisch: Ich k�mpfe immer mit unbekannten wie bekannten T�ren - eine Krankheit, die als unheilbar gilt.</p><p>Als ich mir endlich Eintritt verschafft hatte, kam ich in einen beinahe leeren Saal und nahm in einer Ecke Platz.</p><p>Von irgendwo hinter meinem R�cken erschien eine so fr�hliche wie f�llige Lady und �berreichte mir ein dickes Buch. Ehrerbietig sch�ttelte ich den Kopf: So eine umfangreiche Speisekarte gibt es selbst in Echo eher selten.</p><p>�Bringen Sie mir bitte zun�chst etwas Kamra�, bat ich.</p><p>�Ich glaube, ich brauche Zeit, um dieses dicke Buch zu studieren.�</p><p>�Sehr gern�, sagte die Kellnerin und l�chelte freundlich. �W�nschen Sie noch etwas St�rkeres, Lady?�</p><p>�Wenn ich was St�rkeres trinke, schlafe ich sofort auf diesem bequemen Stuhl ein. Bringen Sie mir lieber was Erfrischendes.�</p><p>Mein Kachar-Balsam lag friedlich im Haus Nummer vierundzwanzig an der Alten Promenade, die ich nur auf sechs meiner elf Stadtpl�ne gefunden hatte. Diese Tatsache stimmte mich nicht gerade optimistisch.</p><p>�Ich empfehle Ihnen Kachar-Balsam�, sagte die sympathische Frau. �Seit dieses Getr�nk erlaubt ist, kaufen wir es in gro�en Mengen in der Hauptstadt. Kennen Sie die Eigenschaften dieses Balsams zuf�llig?�</p><p>�Allerdings�, antwortete ich mit Nachdruck.</p><p>Ich vermutete - um es mit Sir Juffin zu sagen -, in die h�bscheste Imbissstube der Stadt geraten zu sein. Die d�mmsten Bauern finden eben die dicksten Kartoffeln.</p><p>Die Frau verschwand, und ich studierte die Speisekarte. Nach einigen Minuten begriff ich, dass die Namen der Gerichte keine Informationen enthielten, sondern eine Art komplizierte abstrakte Poesie waren. Als die Kellnerin mit einem Gl�schen Kachar-Balsam zur�ckkam, er�ffnete ich ihr, ich wolle eine gro�e Portion von etwas Leckerem, nicht notwendig Delikatem. Das Schmalz vom Vortag hatte mich vorsichtig gemacht.</p><p>In einem ausgiebigen Gespr�ch kl�rten wir, dass eine Portion Windk�sse genau das Richtige f�r mich war, obwohl sie fr�hestens in einer halben Stunde fertig w�ren. Ich nickte entspannt. Es ist so leicht, mich gl�cklich zu machen!</p><p>Die Frau verschwand im aromatischen K�chendunkel, und ich trank Kachar-Balsam und fasste wieder Mut. Schon lange hatte ich Lust auf eine Zigarette. Ich musste nur herausfinden, ob ich mir erlauben konnte, hier eine zu rauchen.</p><p>Der Speisesaal war fast leer. Au�er mir gab es nur einen Gast. Er sa� am Fenster mit Aussicht auf einen Springbrunnen, dessen Wasser nicht gleich zu Boden fiel, sondern ein paar h�bsche Spiralen drehte.</p><p>Das Gesicht des Unbekannten sah ich nicht, nur seinen R�cken, der �ber ein Spiel gebeugt war. Mit etwas Fantasie konnte man es f�r die hiesige Version von Schach halten: Die Figuren waren �hnlich, doch das Brett war dreieckig und dreifarbig.</p><p>Allem Anschein nach war der Mann so in seine intellektuellen Probleme vertieft, dass man in seiner Gegenwart nicht nur eine Zigarette aus einer anderen Welt rauchen, sondern auch einen Striptease machen konnte. Mit wegwerfender Handbewegung z�ndete ich mir eine Zigarette an. Wenn sich Lonely-Lokley in der ber�hmten Stadt Kettari vergn�gen konnte, warum sollte ich es dann schlechter haben!?</p><p>Die Windk�sse entpuppten sich als kleine Gefl�gelkoteletts. Nachdem ich mit ihnen fertig war, trank ich den wohltuenden Balsam leer und packte meine Troph�en aus. Erneut besah ich mir die elf Versionen von Kettari, die mir die Stadtpl�ne zeigten. Und welche �berraschung: Die Hohe Stra�e, die Stra�e der Fischaugen und das Wirtshaus Alt-Kettaii waren auf allen elf Karten eingetragen. Das erstaunte mich mehr als die vielen Unstimmigkeiten, die mir bisher aufgefallen waren.</p><p>Weil ich meinen Augen nicht traute, vertiefte ich mich erneut in die Beschriftung der Karten. Vielleicht war doch alles in Ordnung - nur die F�lle der Eindr�cke hatte mich verwirrt? Aber nein: Die enormen Unterschiede, die ich gefunden hatte, existierten weiter.</p><p>Ich seufzte. Am besten sollte ich auf Lonely-Lokleys R�ckkehr warten und ihm die L�sung des Problems zuschieben. Doch dazu musste ich es erstmal nach Hause schaffen. Und was w�rde ich tun, wenn sich die Alte Promenade nicht mehr an ihrem Platz bef�nde?</p><p>�Qu�len Sie sich nicht damit, Sir Max. Das ist ganz unwichtig. �brigens haben Sie l�ngst nicht alle unterschiedlichen Stadtpl�ne aufgetrieben.�</p><p>Ich war so �berrascht, dass ich meine Kamra auf einen Satz austrank und mich dabei verschluckte. Der Schachspieler, dessen unauff�llige Gegenwart ich bereits vergessen hatte, schaute mich so freundlich wie mitleidig an.</p><p>�An all dem sind nur die verflixten Br�cken schuld�, sagte er so leichthin, als w�rde er von kleinen famili�ren Reibereien erz�hlen. �Ich kann sie einfach nicht in die richtige Reihenfolge bringen.�</p><p>Schweigend starrte ich den seltsamen Mann an. Hatte er wirklich �Sir Max� gesagt? Oder hatte ich mich nur verh�rt? Lady Marilyn war doch die echteste Illusion, das h�bscheste Gesch�pf von Sir Kofa Joch, unser aller Stolz!</p><p>Der Schachspieler l�chelte schief unter dem roten Schnauzbart, stand auf und kam zu mir. Er hatte einen eigenartig federnden Gang und ein ebenso eigenartig unauff�lliges Gesicht, das mir nicht bekannt vorkam. Seinen seltsamen Gang hingegen erkenne ich sicher noch in dreihundert Jahren wieder.</p><p>�Mein Name ist Machi Ainti�, sagte er sanft und setzte sich zu mir. �Ich bin der ehemalige Sheriff von Kettari. Wissen Sie jetzt, worum es sich handelt?�</p><p>Ich nickte schweigend. Das Herz schlug mir im Hals, und ich h�tte die Stadt am liebsten mit Siebenmeilenstiefeln verlassen. Die Armlehnen knirschten unter dem Druck meiner geballten Finger.</p><p>�Locker bleiben!�, meinte Machi l�chelnd. �Sie glauben gar nicht, Sir Max, wie lange ich auf dieses Treffen gewartet habe. Ich freue mich sehr, Ihnen endlich zu begegnen.�</p><p>Ich verstand nur Bahnhof. Dieser Mann wollte lange auf mich gewartet haben? Und sich freuen, mich endlich kennen zu lernen? Woher wusste er �berhaupt, wer ich war? Meines Wissens stand Sir Juffin mit seinem Lehrer nicht in Briefkontakt.</p><p>�Na gut - falls Sie darauf bestehen, sich die ganze Zeit zu wundern, gehe ich wieder an meinen Tisch. Wenn Sie mit dem Staunen fertig sind, melden Sie sich bitte.�</p><p>�Sie brauchen nirgendwo hinzugehen. Ich habe mich schon beruhigt�, sagte ich und l�chelte verlegen. �Nat�rlich kann derjenige, der dem ungemein klugen Juffin Halli so viel beigebracht hat, �ber alles auf der Welt Bescheid wissen.�</p><p>�Eine ausgezeichnete Antwort! Wissen Sie, ich habe mit Maba Kaloch gestritten ...�</p><p>�Oh, der ist auch hier?�</p><p>�Tja, wie soll ich sagen ... Im Moment anscheinend nicht. Aber bei Maba wei� man nie. Wie auch immer -er besucht mich manchmal. Wir haben �ber Sie gestritten und uns nicht einigen k�nnen. Ich hatte nicht geglaubt, dass Sie mal hier landen w�rden, und darum selbst einen Besuch bei Ihnen geplant. Und diese Idee wollte Maba Kaloch mir ausreden und behauptete, Sie w�rden innerhalb von ein, zwei Dutzend Tagen den Weg hierher finden. Dass es so schnell gehen w�rde, hatten wir beide nicht gedacht. Wissen Sie eigentlich, dass Sie ein Gl�ckspilz sind?�</p><p>�Sir Juffin verk�ndet es mir regelm��ig. Was das anlangt, wei� ich freilich jede Menge Gegenargumente, aber die z�hlen nicht, wie ich vermute.�</p><p>�Richtig. Ihr Gl�ckspilze seid einfach alle gleich. Aber dass Sie durch ein Wunder geboren worden sind, wissen Sie doch?�</p><p>Erstaunt sch�ttelte ich den Kopf. Bisher hatte ich nicht den Eindruck, meine Fr�hgeschichte sei allzu dramatisch gewesen.</p><p>�Details brauchen Sie nicht zu wissen. Glauben Sie mir ruhig! Ich habe �brigens das Gef�hl, Sie w�rden jetzt gern eine Zigarette rauchen.�</p><p>Ich nickte. Das Problem war allerdings, dass meine Schachtel leer war und das Wunderkissen zu Hause lag.</p><p>�Maba hat Ihnen ein kleines Geschenk dagelassen und mich gebeten, Ihnen zu sagen, Sie w�rden alles so schnell lernen, dass Sie sich dieses Mitbringsel redlich verdient haben.�</p><p>Machi reichte mir eine volle Packung meiner Lieblingsmarke mit den drei goldenen F�nfen auf gelbem Hintergrund.</p><p>�Das ist ja eine tolle �berraschung!�, rief ich. �Sie haben Recht, Sir Machi - ich bin wirklich der gr��te Gl�ckspilz des Universums.�</p><p>�Fast.� Mein Gespr�chspartner nickte geistesabwesend. �Was kann ich Ihnen noch anbieten? Vielleicht etwas, das Ihre Nostalgie weckt? Fr�ulein Gelica!�</p><p>Die l�chelnde Kellnerin tauchte erneut hinter meinem R�cken auf, stellte wortlos ein Tablett mit zwei Tassen auf unseren Tisch und verschwand still wie ein Schatten.</p><p>�Sie ist tats�chlich ein Schatten�, beantwortete Sir Machi meine nur in Gedanken gestellte Frage. �Aber ein sehr netter Schatten. Zufrieden?�</p><p>Schweigend betrachtete ich meine dampfende Tasse. Dieser Duft! Kamra ist nat�rlich was Feines, von dem ich viel trinken kann, aber das Aroma von Bohnenkaffee ist einfach unvergleichlich.</p><p>�Ich breche gleich in Tr�nen aus�, bekannte ich. �Sir Machi, ich stehe f�r immer in Ihrer Schuld.�</p><p>�In meiner Schuld stehen? Werfen Sie lieber nicht mit solchen Ausdr�cken um sich. Das ist nicht ungef�hrlich - besonders in Ihrem Fall. Ihre Worte und W�nsche haben die r�tselhafte Tendenz, in Erf�llung zu gehen. Ich glaube, auf diese Welt kommen lustige Zeiten zu, wenn Sie nicht bald alt und klug werden. Aber ich f�rchte, weder Alter noch Klugheit drohen Ihnen in absehbarer Zeit.�</p><p>�S�ndige Magister, Sir Machi - reden Sie immer in R�tseln?�</p><p>�Manchmal. Und in letzter Zeit schweige ich meist. Es bleibt Ihnen also nichts �brig, als zu leiden.�</p><p>�Gut, ich rauche jetzt eine Zigarette. Danach k�nnen Sie mit mir machen, was Sie wollen - ich bin mit allem einverstanden.�</p><p>�Tja, Ihr Sp�rsinn ist nicht allzu gut entwickelt. In dieser Situation h�tte Juffin schon l�ngst ein Dutzend Fragen gestellt, etliche Vortr�ge gehalten und mit dem Entwickeln von Hypothesen begonnen. Wollen Sie mir vielleicht gleich die entscheidende Frage stellen, um das geheimnisvolle Schicksal von Kettari zu kl�ren?�</p><p>Ich zuckte die Achseln. �Ich wei�, dass ich im Moment eine schlechte Figur mache. Zwar bin ich nicht besonders schlau, aber so dumm auch wieder nicht, um Sie mit Fragen zu l�chern. Sie erz�hlen mir sowieso nur, was Sie f�r notwendig halten - und das auch ohne Fragerei.�</p><p>�Gro�artig�, rief Sir Machi erfreut. �Ich kann Juffin nur beneiden. Es ist sehr angenehm, mit Ihnen zu tun zu haben.�</p><p>�Das finde ich auch. Aber fr�her war ich anders. Erst das gute Essen und Juffins Scherze haben aus mir einen Engel gemacht.�</p><p>�Juffins Scherze? Lustig! Fr�her war er der humorloseste Mensch von Kettari. Ich habe zweihundert Jahre gebraucht, ihm wenigstens ein L�cheln abzuringen. Das fiel zwar immer noch schief aus, aber er hat sich wenigstens darum bem�ht.�</p><p>Ich sah meinen Gespr�chspartner ungl�ubig an.</p><p>�Na ja, eigentlich habe ich Besseres zu tun, als hier zu sitzen und mit Ihnen zu plaudern. Glauben Sie etwa, Juffin war von Anfang an so alt, klug und lustig? Ach, Sir Max, wir sind beide Gl�ckspilze: Ich kann niemandem mehr von meiner Jugend erz�hlen, und Sie werden so schnell reif, dass niemandem Ihre Dummheiten im Ged�chtnis bleiben. Na sch�n, trinken Sie das seltsame Zeug, solange es warm ist. Wenn Sie Nachschub wollen, sagen Sie Bescheid - heute ist Ihr Tag. Ich muss meine Schuld wiedergutmachen. Beinahe h�tte ich Sie mit den Stadtpl�nen von Kettari in den Wahnsinn getrieben. Ich h�tte nie gedacht, dass Ihnen die Unterschiede auffallen w�rden.�</p><p>�Reiner Zufall! Ich habe einfach die dumme Angewohnheit, auf jedem Plan zuerst nach meiner Adresse zu suchen.�</p><p>�Und warum waren Sie so schnell gestresst? Ist das auch eine dumme Angewohnheit?�</p><p>�Genau. Hatten Sie mir nicht Nachschub versprochen?�</p><p>Wieder verstand ich nicht, woher die Kellnerin so pl�tzlich mit einem neuen Tablett auftauchte. Offenbar war sie wirklich ein Schatten.</p><p>�Na sch�n�, meinte ich und nahm gen�sslich einen Schluck frischen Kaffee. �Wenn die Spielregeln es erlauben, m�chte ich Ihnen jetzt eine Frage stellen: Was ist los mit Kettari?�</p><p>�Sie hatten von Anfang an den richtigen Verdacht�, sagte Machi, nahm meine Tasse, schnupperte daran und stellte sie mit Abscheu zur�ck. �Sind Sie sicher, dass Sie das vertragen? Haben Sie keine Angst, davon krank zu werden?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und fragte weiter: �Neben dieser Welt existieren also noch andere Welten, ja?�</p><p>�Nat�rlich. Ich wei� aber nicht genau, wie diese Parallelit�t organisiert ist. Kettari existiert tats�chlich nicht mehr. Wie Sie sehen, gibt es die Stadt zwar, aber nicht dort, wo sie sein sollte, und nicht so, wie sie fr�her ausgesehen hat.�</p><p>�Und die hiesige Bev�lkerung?�, fragte ich und hielt den Atem an. �Die Leute hier scheinen ganz normal zu sein.�</p><p>�Das sind sie auch - abgesehen davon, dass sie seit einiger Zeit als gestorben zu gelten haben. In Ihrer Sprache gibt es daf�r ein sehr h�bsches Wort, das ich mir unbedingt merken sollte. Na ja, die Bewohner hier wissen l�ngst nicht alles. So sind sie zum Beispiel �berzeugt, im Vereinigten K�nigreich zu leben, und sie haben ja auch keinen Grund, daran zu zweifeln. Sehen Sie - diese Leute k�nnen immer �berallhin fahren. Sie k�nnen auch G�ste einladen, haben ihre Besucher aber schon vor der Stadt zu empfangen, damit die nicht vom Weg abkommen. Die Stra�en rund um Kettari befinden sich - wie hier jedes Kind wei� - seit der letzten Schlacht um das Gesetzbuch in einem erb�rmlichen Zustand. Darum ist es auch empfehlenswert, beim Verlassen der Stadt ein Amulett bei sich zu tragen, zum Beispiel einen Schl�ssel, der das Tor zwischen den Welten aufsperren soll.�</p><p>�Dann ist Kettari also eine ganz andere Welt - so wie meine Heimat?�</p><p>�Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Sie, Sir Max, sind an einem zwar seltsamen, aber realen Ort geboren, Kettari hingegen ... Wie soll ich Ihnen das erkl�ren? Kettari ist der Anfang einer neuen Welt, die irgendwann real sein wird, gegenw�rtig aber noch virtuell ist. Und weil Kettari ein Anfang ist, ist es ein Tummelplatz von Geheimnissen. �brigens kann ich Ihnen einen Spaziergang vor die Stadt nur empfehlen. F�r Sie ist so was absolut ungef�hrlich, und Sie k�nnen dabei einen Blick in die reale Leere ringsum werfen, ins Vakuum gewisserma�en.�</p><p>�Meinen Sie das ernst?�</p><p>�Unbedingt! Machen Sie das am besten gleich, aber gehen Sie allein.�</p><p>�Ich wurde sitzen gelassen und bin ohnehin Single.�</p><p>�Daran sind Sie selbst schuld. Und Sie haben noch Gl�ck, dass Ihr Begleiter so ein starker Mann ist. Drogen aus einer Welt k�nnen in anderen Welten ganz unerwartete Auswirkungen haben. Erinnern Sie sich nur daran, was mit Ihnen passiert ist, als Sie einen Teller Rekreationssuppe verspeist haben! �brigens geht es Ihrem Freund sehr gut - da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.�</p><p>�Mach ich doch auch nicht. Aber woher wissen Sie so viel �ber mich, Sir Machi?�</p><p>�Na ja, seit Sie in Juffins Leben getreten sind, sind Sie -um es etwas schlicht zu sagen - eine Art Enkelkind f�r mich. Aber unsere Beziehung ist wirklich beinahe famili�r.�</p><p>Ich l�chelte verst�ndnisinnig.</p><p>�Das reicht f�r heute�, sagte Machi �berraschend. �Sie machen jetzt einen Spaziergang vor die Stadt, und wenn Sie zur�ck sind, setzen wir das Familientreffen fort. Dann werden Sie mehr erfahren, als in Ihren armseligen Kopf geht.�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>Eigentlich wusste ich nicht, ob mich das abrupte Ende des Gespr�chs freuen oder �rgern sollte, aber ich brauchte eine Auszeit.</p><p>�Erkl�ren Sie mir nur bitte, wie ich nach Hause komme. Ich meine - welcher meiner Stadtpl�ne ist zuverl�ssig?�</p><p>�L�gen tut keiner�, meinte Machi achselzuckend. �Es ist nur so: Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die Stadt wirklich ausgesehen hat, und inzwischen hat es diverse Versionen von Kettari gegeben. Nur die Br�cken halten die Bruchst�cke meiner Erinnerung zusammen. Wissen Sie, ich musste Kettari neu errichten, weil die Stadt ausgel�scht wurde. Die Zerst�rung war so radikal, dass kein einziger Zeuge �berlebt hat.�</p><p>�War daran irgendein m�chtiger Magister schuld?�, fragte ich verst�ndnisvoll.</p><p>�Nicht irgendeiner, sondern einer der Gr��ten. Sein Name war Lojso Pondochwa, der Gro�e Magister des Ordens ...�</p><p>�... der Wasserkr�he�, unterbrach ich ihn und musste l�cheln.</p><p>�Ich glaube kaum, dass Sie gel�chelt h�tten, wenn Sie ihm begegnet w�ren�, meinte Machi achselzuckend. �Lojso Pondochwa war ein Tier. Ich wei� bis heute nicht, wie Juffin Halli es geschafft hat, ihn zu besiegen. Aber vielleicht halte ich Juffin noch immer f�r jung und dumm -das denken Lehrer ja meist �ber ihre Sch�ler. Genau wie Eltern �ber ihre Kinder ... Na ja, Ihre Frage ist einfach zu beantworten. Das Alt-Kettari ist in allen Stadtpl�nen eingetragen, oder?�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Wie k�nnte es auch anders sein? Das war schlie�lich mein Lieblingslokal, als die Zeiten hier noch ruhig waren. Von hier aus k�nnen Sie gehen, wohin Sie wollen. Sie sollten sich aber an einem Stadtplan orientieren, in dem Ihr Haus eingetragen ist. Also los! Die Br�cken werden Sie bringen, wohin Sie m�chten. Und vergessen Sie nicht: Wenn Sie sich verlaufen, k�nnen Sie sich immer am Alt-Kettari orientieren.�</p><p>�Das klingt gut�, sagte ich. �Ich sollte n�mlich langsam mal nach Lonely-Lokley sehen. Vielleicht ist er in eine Version von Kettari geraten, in der es die Alte Promenade nicht gibt.�</p><p>�Keine Panik. Ihr gro� gewachsener Freund hat keine einzige Br�cke �berquert. Er hat nicht mal das Alte Haus verlassen.�</p><p>�Donnerwetter! Was treibt er denn da die ganze Zeit? Schl�gt er sich etwa den Bauch voll?�</p><p>�Das wird er Ihnen schon selbst sagen. Lassen Sie solche Nebens�chlichkeiten erst mal auf sich beruhen, Sir Max.�</p><p>�Was die Besch�ftigung mit Nebens�chlichkeiten angeht�, meinte ich l�chelnd, �bin ich ein gro�er Spezialist und kann Ihnen da bei Interesse gern Nachhilfe geben. Ich danke Ihnen f�r den Kaffee und Sir Maba f�r die Zigaretten. Damit h�tte ich nicht mal im Traum gerechnet.�</p><p>�Das war nur eine nette Geste�, sagte Machi bescheiden. �fetzt liegt es an Ihnen. Sie bekommen immer, was Sie wollen - fr�her oder sp�ter. Das ist eine gef�hrliche Eigenschaft, muss ich sagen. Aber Ihnen droht nichts -Sie werden sich schon herauswinden.�</p><p>�Ich bekomme immer, was ich will?�, fragte ich erstaunt.</p><p>Diese Einsch�tzung von Sir Machi hatte meiner Ansicht nach nicht das Geringste mit der Wirklichkeit zu tun.</p><p>�Genau. Aber vergessen Sie bitte nicht meine Einschr�nkung �fr�her oder sp�ter* - das �ndert einiges, stimmt's?�</p><p>�Da haben Sie Recht�, seufzte ich.</p><p>Wir schwiegen beide. Ich �berlegte, ob Sir Machi mit seiner Version des ewigen Themas �Max der Gl�ckspilz� Recht haben mochte, und er beobachtete mich dabei mit einer Neugier, die meinem Ego schmeichelte.</p><p>�Ich kann mich also jederzeit von hier aus neu orientieren?�, fragte ich beim Aufstehen.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Gute Nacht, Lady Marilyn.�</p><p>��Was? Ach so, nat�rlich. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Gute Nacht, Sir Machi.�</p><p>Ich trat auf die Stra�e, schlug den ersten Stadtplan auf, der mir in die Finger geriet, und ging nach Hause. Ich musste mich unbedingt beruhigen. Vor allem aber musste ich mich davon �berzeugen, dass das Haus, in dem ich Quartier bezogen hatte, noch existierte.</p><p>Das bereitete mir keine Probleme. Die erste Br�cke f�hrte mich direkt nach Hause - genau wie Machi Ainti versprochen hatte. Anders als unser guter Bekannter Maba Kaloch hatte er keine Neigung, Neulinge zum Narren zu halten. Und das war ein Gl�ck f�r mich.</p><p>Ich setzte mich in einen Schaukelstuhl und rauchte. Der unerwartete Zigaretten�berfluss hatte mich verschwenderisch werden lassen. Die Bedeutung all dessen, was Sir Machi gesagt hatte, ging mir langsam auf, doch ich zog es vor, so zu tun, als w�rde ich weiter im Dunkeln tappen. Mein Kopf brummte, und mir klangen die Ohren. Die Welt schien in Lichtpunkte zerstoben, und ich f�hlte mich dem Zusammenbruch nahe.</p><p>�Max�, ermahnte ich mich, �ich mag dich sehr und kann ohne dich nicht leben. Also rei� dich zusammen, ja? Egal, was du sogar aus besten Quellen erfahren hast: Es gibt keinen Grund, verr�ckt zu werden.�</p><p>Erstaunlicherweise beruhigte mich diese Selbstermahnung, und ich ging mich waschen. Zw�lf Liter kaltes Wasser auf einen hitzigen Kopf - diese Faustregel hilft gegen �berspannungen aller Art.</p><p>Danach setzte ich mich wieder in den Schaukelstuhl und rauchte eine weitere Zigarette. Erfreut stellte ich fest, dass das Wohnzimmer wieder aussah, wie es sich geh�rte: Es gab keine flimmernden Lichtpunkte mehr, sondern nur vier W�nde, Decke und Fu�boden.</p><p>�Gut�, sagte ich mir, �jetzt kann ich gehen, wohin ich will. Zum Beispiel ins Alte Haus, um den verloren gegangenen Lonely-Lokley zu suchen. Oder vor die Stadtmauer, um die absolute Leere zu erfahren - oder welchen Namen man diesem Erlebnis sonst geben mag. Ich glaube, das erste Ziel w�re reizvoller, doch Sir Machi hat mir geraten, mit dem Ausflug zu beginnen. Also ...�</p><p>Mitten in diesem Monolog unterbrach ich mich und l�chelte Lady Marilyn an, die mir aus einem alten Spiegel entgegensah. Dann erhob ich mich schwungvoll und verlie� das Haus. Meine Beine trugen mich ohne mein Zutun in eine mir unbekannte Richtung, und ich entfernte mich weit vom Mijer und seinen Br�cken.</p><p>Nach etwa vierzig Minuten erreichte ich die Stadtmauer. Sie war so Schwindel erregend hoch, als h�tten die Einwohner von Kettari den Himmel erreichen wollen, es sich aber im letzten Moment anders �berlegt.</p><p>Rasch - f�r meinen Geschmack zu rasch - fand ich das Stadttor. Offenbar war meine Angst st�rker als meine Neugier, denn mich �berkam langsam ein unheimliches Vorgef�hl von Apokalypse.</p><p>Kaum hatte ich das Tor durchquert, glaubte ich, von einer Steilk�ste hinunter aufs Meer zu schauen. Doch dieser Eindruck hielt nur eine Sekunde an, denn im n�chsten Moment sah ich mich schon den gewaltigen Wacharib�umen gegen�ber, an denen wir bei unserer Ankunft vorbeigekommen waren. Der gr�ne Mond beleuchtete freundlich meinen Weg, und ich betrachtete ihn mit ehrlicher Dankbarkeit. Nie h�tte ich gedacht, dass dieser ferne Himmelsk�rper mir einmal so viel bedeuten w�rde.</p><p>Ich ging eine breite Chaussee entlang - zweifelsohne den Weg, auf dem wir nach Kettari gelangt waren - und stellte fest, dass sich meine Stimmung stetig besserte. Meine kindischen �ngste verkrochen sich wieder in den dunklen H�hlen des Unterbewusstseins. Dort w�rden sie sicher nicht lange bleiben, doch vorl�ufig war ich sie los.</p><p>Ich hatte keine Ahnung, wie lange mein Spaziergang gedauert hatte, doch irgendwann merkte ich, dass es heller wurde. Dann hielt ich an und sah erschrocken zum Himmel. Es war doch kaum Mitternacht gewesen, als ich das Haus verlassen hatte ...</p><p>H�ltst du dein Zeitgef�hl wirklich f�r intakt, Freundchen?, fragte ich mich streng. K�nnte das lange Gespr�ch mit Sir Machi Ainti nicht deine innere Uhr verwirrt haben? Schlie�lich w�rst du unter all den Informationen, die er dir gegeben hat, fast zusammengebrochen.</p><p>Ich sah mich um, und mein Herz schlug mir bis zum Hals - aber eher aus Freude, nicht aus Angst: Direkt vor mir sah ich die Talstation einer Drahtseilbahn und weiter hinten ... die seltsame, fast menschenleere Bergstadt aus meinen Tr�umen. Eindeutig erkannte ich die Silhouette der H�user und T�rme, und auf einem Dach sa� ein Wetterhahn. Die fantastische Stadt war sehr nah, und ich konnte die Drahtseilbahn benutzen, die in dieser Gegend ohnehin das einzige Transportmittel war. Als ich in der Kabine sa�, hatte ich nicht mal H�henangst! Eigentlich hatte ich vor gar nichts mehr Angst ...</p><p>Zehn Minuten sp�ter verlie� ich die Gondel und trat auf eine enge Stra�e, die ich seit der Kindheit kannte. Ach, Melamori, dachte ich, hier sollten wir spazieren gehen, nicht im �den Echo. Muss ich so einen wunderbaren Ort ganz allein genie�en? Ich kippe gleich aus den Latsehen - das ist wirklich zu viel des Guten. Aber nat�rlich wurde ich nicht ohnm�chtig.</p><p>Ich kannte die Stadt besser als meinen Geburtsort und hatte den Eindruck, nach Hause zur�ckzukehren, denn diesmal war ich nicht im Traum, sondern bei vollem Bewusstsein hier gelandet.</p><p>Ich erinnere mich allerdings kaum an Einzelheiten dieses berauschenden Spaziergangs. Ich wei� nur, dass ich durch die ganze Stadt geschlendert bin, deren Namen ich nicht kannte. Der Ort war nicht v�llig menschenleer: Ab und an traf ich einzelne Fu�g�nger, deren Gesichter mir bekannt vorkamen, und manche gr��ten mich sogar mit kerniger Stimme, was mich nicht weiter wunderte.</p><p>Ich erinnere mich nur, irgendwann so m�de gewesen zu sein, dass ich mich in ein Stra�encafe setzte, wo ich gleich eine kleine Tasse t�rkischen Kaffee bekam. Einige Zentimeter �ber der Tasse hing ein Ast voller Pflaumen, die ich problemlos pfl�cken, aber auch h�ngen lassen und bewundern konnte. Ich griff nach einer Zigarette und schnippte gedankenverloren mit den Fingern. Sofort stieg gr�nlich schimmernder Rauch auf, und die Zigarette gl�hte. Ich zuckte die Achseln, als w�re es f�r mich die normalste Sache der Welt, eine Kippe so anzuz�nden. Es ist eine Kleinigkeit, sich an Zauberei zu gew�hnen, doch solche Wunder sollten �fter geschehen.</p><p>Dann ging ich weiter und spazierte durch einen menschenleeren Park im englischen Stil. S�ndige Magister -diesen Ort kannte ich doch aus meinem anderen Traum! Dann sah ich wieder elf Wacharib�ume und das Stadttor und kehrte nach Kettari zur�ck.</p><p>Die Sonne stieg gerade �ber den Horizont, und ich merkte, dass ich so m�de war, als ob mein Spaziergang Tage gedauert h�tte. Vielleicht war ich ja wirklich so lange durch die Stadt gezogen? Aber egal - jetzt musste ich nach Hause gehen und schlafen. Sollte die Sonne machen, was sie wollte.</p><p>Im G�stezimmer erwartete mich Sir Sch�rf.</p><p>�Ich freue mich, dich gesund und guter Dinge zu sehen�, sagte er herzlich. �Als ich nach Hause kam, hab ich mich �ber deine Abwesenheit gewundert - immerhin sind wir hierher gereist, um ein R�tsel zu l�sen. Aber am n�chsten Tag ...�</p><p>�Am n�chsten Tag? S�ndige Magister, wie lange war ich denn fort?�</p><p>�Um diese Frage beantworten zu k�nnen, m�sste ich wissen, wann du das Haus verlassen hast. Ich warte seit vier Tagen auf dich, aber ich war ja auch einige Zeit nicht da.�</p><p>�Auweia�, st�hnte ich. �Mit dem Schlafen wird es jetzt wohl nichts. Ich muss mich erst zurechtfinden. Wo ist die einzige Freude meines Lebens? Das nette kleine Fl�schchen?�</p><p>�In deiner Reisetasche.�</p><p>�Sch�rf, das ist wirklich toll�, meinte ich und nahm einen kr�ftigen Schluck Kachar-Balsam, was meine M�digkeit abrupt vertrieb. �Bist du �berhaupt noch der gute alte Lonely-Lokley? Jetzt, wo du mich nicht mehr Lady Marilyn nennst, nicht mehr st�ndig wie ein Pferd wieherst und mich sogar weiterhin duzt? Bin ich vielleicht gestorben und ins Paradies gekommen?�</p><p>�Ich glaube, es w�re absurd, dich weiter Marilyn zu nennen. Und es w�re sinnlos, dich zu siezen, nachdem du schon Bekanntschaft gemacht hast mit ...�</p><p>�... einer sehr netten Ausgabe von Sir Sch�rf Lonely-Lokley�, sagte ich l�chelnd. �So ist es auch besser. Das ewige Siezen ist mir schon lange auf die Nerven gegangen. Aber warum w�re �Lady Marilynabsurd?�</p><p>��Sieh dich doch im Spiegel an, Max. Zum Gl�ck kennt dich in Kettari kaum wer, und wir k�nnen die Stadt auch ohne Karawane verlassen. Denn nur so bleibt unser Inkognito gewahrt.�</p><p>Ich sah erstaunt in den Spiegel. Ein fremdes, verwirrtes und m�des Gesicht starrte mir entgegen. Nein, das war kein Fremder - das war ich selbst! Offenbar hatte ich fast vergessen, wie ich fr�her ausgesehen hatte.</p><p>�Furchtbar�, sagte ich angewidert. �Wem �hnele ich blo�? Mein Leben lang war ich sicher, ein sympathischer Typ zu sein, und jetzt? Wo ist das s��e Gesicht von Lady Marilyn geblieben? Na ja, au�er uns kennt sie ja fast keiner. Sch�rf, sag mir bitte, ob deine letzten Tage sch�n waren. Ich h�tte mich per Stummer Rede bei dir melden sollen, aber ich dachte immer, du w�rdest gleich kommen.�</p><p>Lonely-Lokley zuckte unger�hrt die Achseln.</p><p>�Ich wei� nicht, wo du gewesen bist, Max, aber ich habe mehrmals versucht, Kontakt zu dir aufzunehmen.�</p><p>�Und ...?�</p><p>�Absolut nichts, wie du dir denken kannst. Aber ich wusste, dass du lebst, weil ... Na ja, ich bin dir auf die Spur getreten. Das kann ich zwar nicht so gut wie Lady Melamori, aber zur Not schaff ich es schon. Die Spur eines Lebenden unterscheidet sich klar von der eines Toten. Was das anlangte, war ich beruhigt. Die Pflicht hat mich dazu gezwungen, obwohl ich wusste, dass ich mich nicht in deine Angelegenheiten einzumischen habe. Deine F�hrte hat zur Stadtmauer gef�hrt, aber dort habe ich gesp�rt, dass ich nicht weitergehen sollte. Es war ein sehr unangenehmes Gef�hl, das ich nur ungern wieder erleben m�chte. Jedenfalls wusste ich, dass mit dir alles in Ordnung ist.�</p><p>�Das tut mir leid f�r dich�, sagte ich aufrichtig. �Wei�t du, wo ich war? Du kennst doch die Stadt meiner Tr�ume? Die mit der Drahtseilbahn? Erinnerst du dich?�</p><p>Lonely-Lokley nickte phlegmatisch: �Du solltest aber nichts davon erz�hlen, Max. Ich habe das Gef�hl, es w�re besser, wenn du schweigst. Klar?�</p><p>�Klar�, sagte ich und sah ihn erstaunt an. Dann kam mir ein anderer Gedanke. �Wieso eigentlich? Hast du etwa das gleiche unangenehme Gef�hl wie am Stadttor?�</p><p>Lonely-Lokley nickte.</p><p>�Gut, ich werde schweigen wie ein Grab - Ehrenwort. Wei�t du, ich muss jetzt etwas d�sen. Ich hoffe, nach diesem Zaubertrank reichen mir zwei, drei Stunden, und dann erz�hlst du mir alles. Oder nein, sag's am besten jetzt - sonst sterbe ich vor Neugier: Was hast du die ganze Zeit getrieben? Ich meine eigentlich nicht dich, sondern den lustigen Mann, der sich so tatendurstig verabschiedet hat. Was hat er angestellt?�</p><p>Lonely-Lokleys Miene verfinsterte sich.</p><p>�Das ist kein Ruhmesblatt, Max. Er - also ich ... ich hab die ganze Zeit Mau-Mau gespielt. Das war sehr sch�n. Aber eigentlich wollte ich dich fragen, ob du noch Geld bei dir hattest, als wir uns trennten. Ich hab n�mlich keins mehr.�</p><p>�Hast du alles verspielt?�, fragte ich und lachte so unb�ndig, dass ich mich auf den Boden setzen musste.</p><p>�Wirklich alles? Wie lange hast du denn gespielt? Ein Jahr? Zwei?�</p><p>�Zwei Tage und zwei N�chte�, meinte Lonely-Lokley k�hl. �Aber eine Partie dauert nicht l�nger als zw�lf Minuten.�</p><p>�Verstehe. Was mich betrifft, habe ich noch drei Kronen und etwas Kleingeld. Aber das macht nichts, denn ich bin das bescheidene Leben gew�hnt. Wenn alle Stricke rei�en, k�nnen wir jemanden umbringen oder klauen gehen. Du kannst doch stehlen, oder? Bestimmt kannst du das.�</p><p>�Allzu schwer ist das ja nicht�, sagte er wichtigtuerisch. �Aber ich glaube kaum, dass es korrekt w�re. Wir dienen dem Gesetz, falls du das noch nicht vergessen hast.�</p><p>�Na ja�, meinte ich und r�usperte mich. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Mein von vielen Wundern erm�deter Geist suchte schon lange eine Gelegenheit zu einem mittelgro�en hysterischen Anfall. �Sch�rf, du bist herrlich. Wirklich tapfer. Und ich bin ein Idiot. Ich hatte schon �berlegt, einen Teppichladen auszurauben. Na sch�n, leben wir also weiter bescheiden. Das hat auch Vorteile - das wei� ich genau. Und ich hab einige B�cher dar�ber gelesen.�</p><p>�Du bist sehr gener�s, Max�, sagte Lonely-Lokley. �Ich glaube, du h�ttest allen Grund, �rgerlich zu sein.�</p><p>�Ich bin doch nicht gener�s! Ich hab einfach wichtigere Probleme. Au�erdem bin ich selbst schuld. Warum bin ich auf die Idee gekommen, dir dieses Kraut anzubieten?�</p><p>�Jedenfalls hat dein Geschenk mir gro�e Freude gemacht�, stellte Sch�rf fest. �Jeder hat das Recht, sich von sich zu erholen - auch wenn es nur selten geschieht.</p><p>Aber du hast dieses wunderbare Mittel nicht immer, stimmt's.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Hast du schon vergessen, wie erstaunt ich war, als ich es unter dem Kissen hervorgezogen habe?�</p><p>�Verstehe. Aber wenn dir so was wieder in die H�nde ger�t, wirf es bitte nicht weg, sondern bewahr es f�r mich auf. Das kann allerdings ein paar Dutzend Jahre dauern.�</p><p>�Wenn du so lange warten kannst, komm ich bis dahin vermutlich an alles M�gliche�, sagte ich selbstgewiss. �Hast du keine Lust, schon fr�her wieder so einen Spa� zu erleben?�</p><p>�Bei allen Magistern, Max - wie kommst du denn darauf? Sich ein wenig von sich zu erholen, ist nicht zu verachten, aber zu oft sollte man das nicht tun.�</p><p>�Du bist erschreckend weise, Sch�rf. Das ist beinahe zum Verr�cktwerden. St�rt es dich, wenn ich mich aufs Sofa lege? Ich hab mich daran gew�hnt, hier zu schlummern, und mir fehlt im Moment die Kraft, ins Schlafzimmer zu gehen. Weck mich bitte in zwei, drei Stunden. Nach einer so gro�en Portion Balsam reicht das vollkommen, und ich hab viel zu tun.�</p><p>Mit diesen Worten schloss ich die Augen und verabschiedete mich von allen Welten. Tr�ume hatte ich keine. Ich sp�rte nur einen unendlichen Augenblick vollkommener Ruhe.</p><p>Als ich erwachte, lag das Wohnzimmer bereits im Halbdunkel. Durchs Fenster sah ich den h�bschen gr�nlichen Mond langsam und triumphal am Horizont aufziehen und blickte mich erstaunt um. Lonely-Lokley hielt seinen Schaukelstuhl an. Wom�glich hatte er sich mit seiner Atemgymnastik besch�ftigt.</p><p>�Aber Sch�rf�, meinte ich gereizt. �Ich hatte dich doch gebeten, mich zu wecken. Bist du jetzt auch noch vergesslich?�</p><p>�Ich hab's ja versucht�, entgegnete Lonely-Lokley. �Nach drei Stunden - genau, wie du gesagt hast. Offen gestanden h�tte ich nie gedacht, dass du so fluchen kannst, und habe mindestens die H�lfte deines Geschimpfes nicht begriffen, mir aber alles aufgeschrieben. Ich w�re dir sehr dankbar, wenn du mir bei Gelegenheit mal die Bedeutung deiner Tiraden erkl�rst.�</p><p>�Du hast sie aufgeschrieben? S�ndige Magister - was hab ich denn so gequatscht? Gib mir mal deine Liste.�</p><p>�Es ist schon ziemlich dunkel. Ich muss Licht machen. Soweit ich wei�, kannst du im Finstern nicht lesen.�</p><p>�Ach, das geht schon.�</p><p>Ich bekam einen Zettel mit Lonely-Lokleys sch�n geschwungener Handschrift ... Oje! Manche Ausdr�cke hatte ich nicht mal in den schlimmsten Momenten meines bewussten Lebens benutzt.</p><p>�Ach, Sch�rf, ich sch�me mich so! Hoffentlich glaubst du nicht, dass ich das wirklich gemeint habe.�</p><p>�Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Max. Ich wei� sehr gut, dass Menschen im Schlaf alles M�gliche reden, aber ich w�sste gern, was die Worte bedeuten.�</p><p>�Gut�, seufzte ich. �Ich wasch mich schnell, dann gehen wir essen. Ehrenwort: Ich muss mir Mut antrinken -jedenfalls, wenn du eine vern�nftige �bersetzung h�ren willst.�</p><p>�Ein sehr guter Vorschlag�, sagte Sch�rf nickend. �Hunger habe ich - ehrlich gesagt - auch.�</p><p>�Leider hab ich nur noch ein paar Groschen im Mantel. Aber keine Sorge - das bekommen wir schon hin.�</p><p>Nach einer halben Stunde sa�en wir im Runden Tisch, wo ich k�rzlich wunderbar gefr�hst�ckt hatte. Wie sich herausstellte, schmeckte es dort abends noch besser. Auf alle F�lle hatte ich schon genug Zeit im Alten Haus verbracht, und wenn man unserer Vermieterin glauben konnte, gab es in unserer Ecke nichts Besseres. Und was das Alt-Kettari betraf, ging ich dort zwar gern hin, aber lieber allein.</p><p>Ich begann mit einem Krug Kamra und einem Gl�schen Lik�r. Ich nehme ungern einen Aperitif, aber ich musste unbedingt die R�ckkehr meines Freundes feiern. Und ich musste mich locker machen, um ihm all die schrecklichen Worte vorlesen und erkl�ren zu k�nnen.</p><p>Als ich entspannt genug war, nahm ich den Zettel wieder zur Hand. Der neugierige Sch�rf r�ckte interessiert n�her.</p><p>�Na ja, eigentlich ist das nichts Besonderes. Dieses Wort hier zum Beispiel bedeutet ein weibliches Schwein. Und das ... wie soll ich sagen, Sch�rf, das hat mit Verdauung zu tun ... Und dieses Wort hier, tja, da geht's um Vermehrung.�</p><p>�Das klingt wirklich kompliziert.�</p><p>�Tats�chlich? Soll ich trotzdem weitermachen?�</p><p>�Aber nat�rlich!�</p><p>�Also sch�n. Dieser Ausdruck hier bedeutet eigentlich nur �Geh weg!*, und mit diesen Worten da �u�ert man Zweifel, ob eine Person sich vermehren kann. Und dieses hier, wei�t du, bezeichnet jemanden, der nicht besonders klug ist.�</p><p>�Und welche Probleme hat ein Mensch, dem dieses Wort hier an den Kopf geworfen wird?�</p><p>�Schwer zu sagen�, meinte ich verlegen. �Wei�t du, Sch�rf, das ist mir - den Magistern sei Dank! - noch nicht passiert.�</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter war das Verzeichnis abgearbeitet. Je n�her wir dem Ende kamen, desto peinlicher wurde es mir. Aber Sir Lonely-Lokley war zufrieden, und das war das Wichtigste.</p><p>�Ich gehe jetzt schlafen, wenn du keine anderen Pl�ne f�r die Nacht hast�, sagte mein Freund unentschlossen.</p><p>Wir hatten das nette Wirtshaus verlassen, und ich �berlegte gerade, wie ich mich taktvoll von ihm verabschieden konnte. Ich hatte n�mlich eine Verabredung im Alt-Kettaii, wo ich mich mit Sir Machi Ainti weiter unterhalten wollte.</p><p>�Tu das, Sch�rf�, sagte ich erfreut. �Ich habe zwar Pl�ne f�r die Nacht, aber ...�</p><p>�Verstehe - es ist besser, dass du sie ohne mich angehst. Ich hau mich dann mal aufs Ohr.�</p><p>�Prima. Schlaf ist etwas Herrliches. Ich hoffe, all die Schimpfworte haben dich nicht schockiert.�</p><p>�Aber warum denn, Max?�, fragte Lonely-Lokley erstaunt. �Worte sind immer nur Worte. Selbst wenn du so was im Wachzustand gesagt h�ttest, h�tte ich das eher lustig gefunden.�</p><p>�Mir f�llt ein Stein vom Herzen. Also Gute Nacht, Sch�rf. Ich hoffe, diesmal komme ich fr�her zur�ck als nach vier Tagen. Ich habe noch zwei Kronen �brig. Nimm also eine davon. So wirst du jedenfalls nicht verhungern.�</p><p>�Ich hoffe sehr, dich morgen wiederzusehen�, sagte Lonely-Lokley. �Vielen Dank, Max. Du bist wirklich f�rsorglich.�</p><p>Diesmal hatte ich keine Lust, mit den vielen Stadtpl�nen zu k�mpfen. Und das brauchte ich auch nicht, denn ich erinnerte mich noch ganz gut an den Weg zum Treffpunkt.</p><p>Bald erreichte ich den Ort, an dem die Hohe Stra�e auf die Stra�e der Fischaugen trifft. Das Rauschen des Brunnens hatte ich schon eine Zeit lang geh�rt. Inzwischen wusste ich, dass ich die kleine T�r dr�cken, nicht ziehen musste. Das erleichterte mir das Eintreten sehr.</p><p>Sir Machi Ainti sa� im vorderen Teil des Speisesaals �ber die hiesige Version von Schach gebeugt. Wie damals war er der einzige Gast.</p><p>�Herzlich willkommen, Kollege�, sagte er und wandte sich zu mir um. �Ich h�tte nicht gedacht, dass Sie so schnell sind.�</p><p>�Sie meinen ...�, begann ich und sah ihn verwirrt an.</p><p>�Nun seien Sie doch nicht so schwer von Begriff! Ich wollte nur sagen, dass Sie die beiden Welten prima zusammengezimmert haben. Das h�tte ich auch gern mit Ihrer Leichtigkeit tun m�gen. Und Sie haben nicht mal gewusst, was Sie da vollbracht haben, und Ihre Leistung darum gar nicht wirklich genie�en k�nnen, doch das ist ein anderes Problem.�</p><p>�Sie wollen also sagen�, begann ich seufzend, �dass es die Stadt aus meinen Tr�umen dort in den Bergen fr�her gar nicht gegeben hat? Habe ich sie etwa erst erschaffen?�</p><p>�Nat�rlich, Max. Aber jetzt setzen und erholen Sie sich. Sie kennen sicher ein paar wirksame Entspannungstechniken. Die sollten Sie nun anwenden. Gelica!�</p><p>Sofort tauchte die nette, l�chelnde Kellnerin auf.</p><p>Ich setzte mich aber nicht zu Machi, sondern auf meinen alten Platz, und der Exsheriff siedelte zu mir �ber. Seine Miene bewies mir, dass ich alles richtig gemacht hatte.</p><p>�Gelica, meine S��e! Der Junge braucht, was er letztes Mal bekommen hat, und ich ... ich brauche diesmal leider nichts.�</p><p>Sie nickte und verschwand.</p><p>�Sir Machi, erkl�ren Sie mir doch bitte, wie ich ...�</p><p>�Nichts erkl�re ich Ihnen! Nicht, weil ich Ihnen b�se w�re, sondern weil es in dieser Welt viele unerkl�rliche Dinge gibt. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Von Anfang an habe ich mit so einem Wunder gerechnet. Deshalb habe ich Ihnen den Spaziergang vor der Stadt vorgeschlagen. Wie Sie sehen, hatte ich v�llig Recht. Fr�her gab es rund um Kettari nichts, doch inzwischen ist in der Nachbarschaft eine nette Stadt entstanden, die mir sehr gef�llt. Obendrein hat sie einen tollen Park. Und h�r endlich auf, mich zu siezen, mein Freund. Das passt nicht zur Situation. Ah, da kommt deine Giftportion. Die hast du dir redlich verdient. H�ttest du gedacht, dass du f�r die Sch�pfung einer Stadt eine Tasse Kaffee bekommst?�</p><p>�Kaffee ist ein ausgezeichnetes Zahlungsmittel und reicht mir vollkommen. Aber ich w�sste viel lieber, wo Lady Marilyn geblieben ist�, meinte ich. �Das wenigstens kannst du mir doch verraten, oder? Sir Kofa hat in Echo lange intensiv gezaubert, und ich h�tte mit meinem neuen Gesicht noch ein paar Dutzend Tage herumlaufen sollen.�</p><p>�Seltsame Geschichte�, meinte Sir Machi achselzuckend. -Ich hab noch nie etwas �hnliches erlebt - Ehrenwort. Dein Gesicht hat dem Park sehr gefallen.�</p><p>�Wem?�</p><p>�Dem Park, du hast ganz richtig geh�rt. Wei�t du - der von dir geschaffene Park ist keine normale Gr�nanlage. Ich muss mich mal richtig mit ihm befassen. Vielleicht begreife ich dann, worum es sich dabei wirklich handelt. Auf alle F�lle spaziert dein ehemaliges Erscheinungsbild jetzt durch den Park. Aber das ist harmlos. Lady Marilyn hat sich ihren netten Charakter bewahrt. Nimm das also nicht so ernst.�</p><p>�Oha, schon wieder ein Wunder�, st�hnte ich. �Mein Leben lang war ich �berzeugt, jeder Sch�pfer kenne seine Sch�pfung.�</p><p>�Und jetzt merkst du, dass es nicht so sein muss. Erfahrung ist kein schlechter Weg, an zuverl�ssige Informationen zu gelangen - findest du nicht? Aber jetzt trink deine schwarze Br�he. Kalter Kaffee ist wom�glich gef�hrlich.�</p><p>�Man muss sich an den Geschmack erst gew�hnen�, sagte ich l�chelnd. �Als ich zum ersten Mal Kaffee probiert habe, musste ich ihn wieder ausspucken.�</p><p>�Das glaub ich sofort. Aber in der neuen, von deiner Z�rtlichkeit und Einsamkeit erzeugten Stadt trinken alle dieses Zeug, oder?�</p><p>�Vermutlich. Was meinst du eigentlich mit meiner Z�rtlichkeit und Einsamkeit?�</p><p>�Ich bin einfach gew�hnt, die Dinge beim Namen zu nennen. Irgendwann begreifst du sicher, welche Gef�hle du hattest, als du die Umrisse dieser Stadt sahst, die erst zu existieren begann, als du dich mit ihr besch�ftigtest.</p><p>Keine Sorge, Max - du wirst noch genug Zeit haben, dir �ber deine Fehltritte Gedanken zu machen. Hauptsache, alles wird gut. F�r meinen Geschmack l�uft es zu gut, aber mich fragt ja keiner. Nicht mal loben kann ich dich: Jeder tut, was er kann - ob er will oder nicht. M�chtest du noch was wissen, Max?�</p><p>Alle Fragen, die ich vorbereitet hatte, waren pl�tzlich aus meinem armen Kopf verschwunden. Zu den Magistern mit ihnen! Ich rauchte gen�sslich und sah meinen Gespr�chspartner neugierig an.</p><p>�Kannst du mir eigentlich erkl�ren, warum du ... na ja, warum Lonely-Lokley und ich mit dir Zusammenarbeiten sollen? Ich meine - warum m�ssen �berhaupt neue Welten erzeugt werden? Es gibt doch schon Welten genug.�</p><p>�Hab ich dir noch nicht gesagt, dass ich das schreckliche Wort -warum* nicht ertragen kann? Versuch mal, es seltener zu benutzen und bei Gespr�chen mit mir einfach zu vergessen. �Warum* ist ein unpassendes Wort, wenn man sich �ber die Sch�pfung neuer Welten unterh�lt. Alles Interessante entsteht ohne Kausalzusammenhang.�</p><p>Machi zuckte ver�rgert die Achseln und z�ndete sich eine Pfeife an. Dann l�chelte er in sich hinein und fuhr fort, und seine Stimme klang schon wieder weich.</p><p>�Es gibt viel mehr bewohnte und unbewohnte Welten, als du dir vorstellen kannst. Au�erdem ergibt sich wom�glich etwas aus dem, was bisher geschehen ist. Das ist ein guter Grund f�r unsere Zusammenarbeit. Reicht dir das?�</p><p>�Ehrlich gesagt nein.�</p><p>�Dann frag doch Juffin Halli. Er hat nie einen Widerwillen gegen das Wort -warum* gehabt. Im Gegenteil: Er wollte immer die Gr�nde des eigenen Handelns und des Handelns anderer kennen. Au�erdem kannst du dich mit ihm viel leichter verst�ndigen - schlie�lich seid ihr gleich alt.�</p><p>�Was?!�</p><p>�Im Vergleich zu mir nat�rlich. Ich wei� selbst nicht, wie lange ich mich schon in den verschiedensten Welten herumtreibe. Vielleicht habe ich mich nur verlaufen und mich entschieden, in dieser Welt zu bleiben. Aber sicher bin ich mir nicht.�</p><p>Erstaunt sch�ttelte ich den Kopf. �Ich hab immer davon getr�umt, ewig zu leben. Ich dachte, andere w�rden sterben, ich aber w�rde durchhalten. Du gibst mir neue Hoffnung.�</p><p>�Hoffnungen sind tr�gerisch�, meinte Sir Machi kopfsch�ttelnd. �Ich kann dir nur raten: Vergiss sie. Aber nun lass uns nicht mehr �ber so ernsthafte Dinge reden. Ich m�chte noch was anderes mit dir besprechen. Meines Wissens wei� dein Begleiter so gut wie nichts von dem, was du hier erlebt hast.�</p><p>�Genau! Danach wollte ich auch fragen! Der arme Lonely-Lokley hat die Stadt vor Angst nicht verlassen k�nnen, und als ich ihm von meiner Traumstadt in den Bergen erz�hlte, ging es ihm erneut sehr schlecht. Dabei hat er die Stadt selbst schon mal im Traum gesehen. Warum soll ich das alles vor Sch�rf verbergen, obwohl er absolut verschwiegen ist?�</p><p>�Solche Fragen solltest du mir lieber nicht stellen�, l�chelte Machi. �Neu geschaffene Welten sind immer kaprizi�s, und diese hier will Lonely-Lokley offenbar nicht n�her heranlassen. Ich habe keine Ahnung, warum, und w�sste es selbst gern. Wenn ihr wieder zu Hause seid,</p><p>kann sich dein Freund diese Geschichte vielleicht problemlos anh�ren. Aber ich hab eine Bitte an ihn, obwohl ich ihn leider nicht in dieses Lokal einladen kann.�</p><p>�Eine Bitte?�, fragte ich. �An Lonely-Lokley?�</p><p>�Warum wundert dich das?�</p><p>�Weil ich dachte, es g�be nichts, was du nicht vermagst.�</p><p>�Ehrlich gesagt geht es hier ums Wollen, nicht ums K�nnen. Ich bin ziemlich faul, musst du wissen. Au�erdem ist diese Sache f�r deinen Freund interessant. Und hinsichtlich der Launen der neuen Stadt ... Wenn diese Welt Leute lieb gewinnt, dann nur verkommene Gestalten. Vor kurzem ist hier jemand aufgetaucht, der mir gar nicht gef�llt. F�r die Bev�lkerung ist er keine Gefahr, aber mir ist seine Anwesenheit h�chst unangenehm.�</p><p>�Schon wieder ein rebellischer Magister?�</p><p>�Schlimmer, Max: ein toter Magister. Glaub mir, es gibt nichts Unruhigeres als ein unrechtm��ig get�teter Gro�er Magister. Und Lonely-Lokley ist - soweit ich wei� - Spezialist in diesem Bereich.�</p><p>�Stimmt�, meinte ich l�chelnd. �Er wird das blitzschnell erledigen.�</p><p>�Blitzschnell? Das m�chte ich bezweifeln. Aber er wird es sicher schaffen. Sag deinem Freund nur bitte, dass sich Kiba Azach hier aufh�lt. Dann wei� er Bescheid.�</p><p>�Mach ich. Das war's schon?�</p><p>�Erkl�r ihm, dass es hier ein Problem gibt. In Kettari war alles in Ordnung, ehe dieser verkommene Kerl aufgetaucht ist. Aber Schluss f�r heute, damit du nicht wieder eine �berdosis Machi verabreicht bekommst. Wie lange hat es letztes Mal eigentlich gedauert, bis du wieder bei Kr�ften warst?�</p><p>�Ich brauchte mir nur zw�lf Liter kaltes Wasser auf den fast hysterisch gewordenen Kopf zu sch�tten - ein Geheimrezept von Sir Max aus Echo. M�gen die Magister wissen, woher er wirklich stammt. Damals w�re ich beinahe umgekippt, Machi. Vielleicht kennst du eine bessere Methode.�</p><p>�Ich empfehle einen langen Spaziergang. Danach besch�ftigst du dich am besten irgendwie. Du kannst ein Buch durchbl�ttern oder Karten spielen. Hauptsache, du versuchst nicht, die Sache zu verstehen, denn das schaffst du nicht. Alles klar?�</p><p>�Alles klar�, nickte ich. �Ich werde schon eine Besch�ftigung finden. Wei�t du nicht zuf�llig, wie die Stadt in den Bergen hei�t?�</p><p>�Keine Ahnung. Danach h�ttest du dort fragen m�ssen. Und jetzt Gute Nacht, mein Freund.�</p><p>�Gute Nacht, Machi.�</p><p>Ich verlie� das Wirtshaus mit ehrgeizigen Pl�nen f�r die Nacht. Ich wollte nicht verr�ckt werden, und mir gefiel Sir Machis Vorschlag, Karten zu spielen, denn so konnte ich nicht nur meine Zeit recht angenehm verbringen, sondern vielleicht auch unsere finanzielle Lage etwas aufbessern.</p><p>Das war ein etwas vermessener Vorsatz, doch ich fasste ihn nicht ohne Grund: Ich kann sehr gut Mau-Mau spielen. Sir Juffin Halli hatte mir beigebracht, auf diese wunderbare Weise die Zeit totzuschlagen, und er ist der vom Gl�ck am st�rksten beg�nstigte Spieler des Vereinigten K�nigreichs.</p><p>Vor �ber hundert Jahren hatte der freundliche K�nig Gurig VII. ihm gesetzlich verboten, �ffentlich Mau-Mau zu spielen. Der alte K�nig war dazu gezwungen gewesen, weil viele Untertanen ihr Gehalt in die Taschen des Gl�ckspilzes aus Kettari gepumpt hatten. Juffin hatte gegen dieses Gesetz nicht opponiert: Nach wie vor gab es gen�gend Leute, die mit ihm spielen wollten, und das k�nigliche Dekret schmeichelte ihm enorm.</p><p>Mit mir hatte er nat�rlich nur zum Spa� gespielt - und auch nur, als ich noch bei ihm wohnte. Schon am ersten Tag aber konnte ich den Ehrw�rdigen Leiter nach einer Reihe von Niederlagen zweimal besiegen. Er traute seinen Augen nicht. Am n�chsten Tag spielten wir weiter, und das Gl�ck war mal ihm, mal mir hold. Zwar verlor ich �fter als mein ausgezeichneter Lehrer, aber Sir Juffin war dennoch beinahe schockiert.</p><p>Ich hingegen war weniger �berrascht. Noch in meiner Jugend n�mlich war ich zu dem Schluss gekommen, dass Spielergl�ck ma�geblich davon abh�ngt, wer einem ein Spiel beibringt. Es geht also nicht so sehr um Talent -wichtig ist vor allem, bei jemandem zu lernen, dem das Gl�ck lacht. So bekommt man nicht nur n�tzliche Ratschl�ge - auch der Dusel des Lehrers f�rbt ab. Diese geringf�gige Erkenntnis verdanke ich nicht allein meinem nachtschw�rmerischen Lebenswandel, sondern auch vielen Freunden - Gl�ckspilzen wie Pechv�geln -, die mir jede Menge Kartenspiele beigebracht haben. Ich hatte also Gelegenheit, verschiedene Lehrer kennen zu lernen und zu vergleichen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Und als ich Sir Juffin meine pers�nliche Gl�cksformel erkl�rte, nickte er nur.</p><p>Jedenfalls hatte ich nichts zu verlieren: Von dem Verm�gen, das Lonely-Lokley und ich nach Kettari mitgenommen hatten, war uns nur eine Krone und ein wenig Kleingeld geblieben. Wenn ich verlieren sollte, w�re der Verlust also nicht gro�. Vielleicht w�re es besser gewesen, mein restliches Verm�gen in einer Imbissstube gegen Lik�rsch�lchen zu tauschen, aber dieses Getr�nk konnte ich - ehrlich gesagt - nicht mehr sehen.</p><p>Ich ging also zum Lustigen Platz, denn mir war klar, womit sich die G�ste im Gro�en Saal des Alt-Kettaii besch�ftigten.</p><p>Die Sache hatte nur einen kleinen Haken: Ich unterhalte mich nicht gern mit Fremden, denn ich bin recht sch�chtern. Aber wie dem auch sei und wie es auch endet (so sagte ich mir): Es ist besser, sich die Zeit zu vertreiben, als im Zimmer zu sitzen und sich beim Verr�cktwerden zuzusehen. Wom�glich w�rde ich so meine anderen Probleme vergessen.</p><p>Selbstbewusst ging ich durch den Speisesaal und landete in einer schummerigen Bar, in der sich alle Gl�cksspieler von Kettari aufzuhalten schienen.</p><p>Ich setzte mich an die Theke und bestellte ein Glas Dschubatinischen S�ufer, der mir - wie ich wusste - einiges an Sch�chternheit nehmen w�rde.</p><p>Ob ich mir eine Zigarette anz�nden sollte? Ich kam zu dem Schluss, ein wenig Exotik k�nne nicht schaden. Je fr�her die Leute begriffen, dass ich ein normaler Tourist war, desto gr��er war meine Chance, dass mich jemand zum Spiel animieren w�rde. Kaum hatte ich meinen S�ufer heruntergest�rzt, tat ich all meine Bedenken als kleinkariert ab und z�ndete mir eine Zigarette an. Jetzt h�tte mich der arme Sir Kofa - unser un�bertrefflicher Meister der Tarnung - sehen sollen! Nach all seinen M�hen sa� ich in einem Wirtshaus in Kettari, trug mein eigenes, ziemlich zerknittertes Gesicht spazieren und rauchte etwas, das es in dieser Welt nicht gab. Und ich musste mir Mut antrinken, um mich mit den Leuten hier zu unterhalten - gr�sslich!</p><p>Vor wem aber sollte ich mich andererseits in dieser Stadt verstecken? Sie ist das Zentrum einer neuen Welt, an deren Sch�pfung ich beteiligt bin, dachte ich belustigt. Das klang zwar verr�ckt, entsprach aber der Wahrheit. Gen�sslich rauchte ich meine Zigarette zu Ende, trank die letzten Tropfen Dschubatinischen S�ufer und griff demonstrativ zu meiner goldgelben Zigarettenschachtel, die schon halb leer war.</p><p>�Kann es sein, dass Sie sich langweilen, mein Herr?�, fragte mich eine freundliche Stimme hinter meinem R�cken.</p><p>�Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr! Seit ich in Kettari bin, ist mein Leben �de und leer.�</p><p>Ich h�tte beinahe gekichert, weil ich von meinen Worten alles andere als �berzeugt war, doch stattdessen warf ich lieber einen neugierigen Blick auf meinen Gespr�chspartner. Wer h�tte gedacht, dass ein alter Bekannter vor mir stand, Herr Abora Wala n�mlich, unser Karawanenf�hrer. Nat�rlich erkannte er mich nicht, weil damals eine gewisse Lady Marilyn mit ihm unterwegs gewesen war - der Inbegriff der erotischen Fantasien aller M�nner der Reisegruppe (vom gl�cklich verheirateten Lonely-Lokley abgesehen). Sehr interessiert schaute Sir Wala mir ins Gesicht.</p><p>�Langweilen Sie sich schon lange?�, fragte er beil�ufig-</p><p>�Erst seit f�nf Tagen - warum?�</p><p>�Nur so. Ich kenne mich mit den Touristen, die nach Kettari kommen, gut aus, und Sie sind mir noch nicht aufgefallen.�</p><p>�Kein Wunder. Ich bin ja auch gekommen, um meine Tante zu besuchen. Vor f�nf Tagen, wie gesagt. Vor einer halben Stunde erst habe ich die opulente Tafel verlassen, die sie zu meinen Ehren aufgefahren hat. Jetzt macht sie ein Nickerchen und wird sich vermutlich alsdann daranmachen, etwas Besonderes zu meiner Abreise vorzubereiten. Darum habe ich gerade zum ersten Mal seit f�nf Tagen ihr Haus verlassen k�nnen.�</p><p>In Gedanken gab ich mir eine Eins daf�r, mir so schnell Geschichten ausdenken zu k�nnen.</p><p>�Verstehe�, meinte mein altneuer Bekannter nickend. �Wissen Sie, ich bin Karawanenf�hrer und kenne deshalb alle Touristen. Aber ich vermute, Ihre Tante ist Ihnen entgegengekommen.�</p><p>�Sie hat mir ihren j�ngeren Sohn entgegengeschickt. Stellen Sie sich vor: Der Mann ist �ber zweihundert Jahre alt und wird trotzdem noch wie ein Kind behandelt.�</p><p>�So was soll's geben�, sagte mein Gespr�chspartner. �Wie ich sehe, haben Sie die Verwandtschaft satt.�</p><p>Ich nickte gequ�lt und war schon so in meiner Rolle, dass ich meine erfundene Tante wirklich zu hassen begann.</p><p>�Suchen Sie vielleicht ein wenig Unterhaltung?�, fragte der nette Mann unschuldig. �Verzeihen Sie, dass ich Ihnen das so offen anbiete, aber das ist hier gang und g�be. Au�erdem habe ich gerade niemanden zum Mau-Mau-Spielen. Normalerweise sind meine Freunde da, aber heute bin ich - wie Sie sehen - allein. Wir spielen um geringe Eins�tze, Sie riskieren also praktisch nichts.�</p><p>Nat�rlich riskiere ich nichts, dachte ich ver�rgert. Unser Verm�gen hat ja schon ein anderer durchgebracht.</p><p>Um �berzeugend zu wirken, versuchte ich, meinem Gesicht einen etwas zweifelnden Ausdruck zu geben.</p><p>�Mein Name ist Ravello�, erkl�rte der Karawanenf�hrer.</p><p>Freundchen, du hei�t Abora Wala!, dachte ich nur.</p><p>�Keine Sorge, Sir�, zwitscherte der L�gner freundlich. �In Kettari lernt man sich ganz zwanglos kennen. Besonders, wenn zwei M�nner einen netten Abend bei Mau-Mau verbringen. Was rauchen Sie da eigentlich, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Ach das?� Ich winkte ab. �Dieser Tabak ist das Geschenk eines Freundes und stammt, soweit ich wei�, aus Kumon, der Hauptstadt des gleichnamigen Kalifats.�</p><p>Diesen Namen hatte ich in Manga Melifaros Enzyklop�die der Welt aufgeschnappt, war aber nicht ganz sicher, ob der Ort tats�chlich existiert. Hoffentlich irrte ich mich nicht.</p><p>�Mein Freund ist H�ndler, aber wahrscheinlich auch Pirat. Bei Seeleuten kann man sich da ja nie sicher sein�, f�gte ich hinzu. �Haben Sie so einen Tabak noch nicht gesehen?�</p><p>�Nie im Leben.�</p><p>Diesmal durfte ich annehmen, dass Ravello nicht log.</p><p>�Woher kommen Sie eigentlich?�, fragte er interessiert.</p><p>�Aus der Grafschaft Wuk, aus den Grenzgebieten zu den Leeren L�ndern. Wieso fragen Sie? Haben Sie das nicht an meiner Aussprache gemerkt? Aber lassen wir das. Spielen wir lieber eine Partie, ehe Sie es sich anders �berlegen.�</p><p>�Reicht Ihnen eine Krone pro Spiel?�, fragte mein Verf�hrer unschuldig. Ich pfiff durch die Z�hne. Jetzt erschien mir das Tempo, in dem die B�rse von Lonely-Lokley leichter geworden war, nicht mehr so atemberaubend.</p><p>�Eine halbe Krone�, widersprach ich entschieden. �Ich bin kein reicher Mann, heute Abend schon gar nicht.�</p><p>Mein Gespr�chspartner nickte verst�ndnisvoll. Eine halbe Krone war auch f�r ihn kein schlechter Anfang.</p><p>Jetzt musste ich nur dem Gl�ck, dass ich von Sir Juffin geerbt hatte, vertrauen. Nach zwei verlorenen Spielen w�rde ich mich entscheiden m�ssen, ob ich bleiben oder heimgehen wollte.</p><p>Wir setzten uns an einen kleinen Tisch in der Ecke. Ein paar aufmerksame Augenpaare beobachteten mich. Mich schauderte, denn ich begriff: Ich sollte betrogen werden. Ich wusste zwar noch nicht, wie, aber sie w�rden es sicher versuchen.</p><p>�Darf ich nach Ihrem Namen fragen?�, meldete sich Ravello vorsichtig. �Sie haben sicher Gr�nde, sich nicht vorzustellen, aber ich muss Sie ja irgendwie anreden.�</p><p>�Meinen Namen m�chten Sie wissen? Der ist nat�rlich kein Geheimnis�, sagte ich und machte eine kurze Denkpause. �Ich hei�e Marlon Brando und stehe Ihnen gern zu Diensten.�</p><p>Wie sonst h�tte ich Lady Marilyn steigern sollen?</p><p>Nat�rlich sah Ravello mich daraufhin kurz erstaunt an. Genauso erstaunt hatte Sir Juffin geschaut, als er den Namen Marilyn Monroe vernommen hatte.</p><p>�Aber sagen Sie einfach Brando zu mir�, f�gte ich gener�s hinzu. Wenn dieser Mann mich beim Vor- und Nachnamen nennen w�rde, m�sste ich lachen - das war mir klar.</p><p>Die beiden ersten Spiele gewann ich leicht und rasch, was mich sehr erstaunte. Nun hatte ich einen kleinen Vorrat, der mir noch mindestens vier weitere Versuche erlaubte.</p><p>Das dritte Spiel verlor ich sehr schnell - aus Dummheit, wie es schien. Abora Wala, besser bekannt als Ravello, verlor seine Nervosit�t, denn er merkte endlich, dass ich genau der normale Dummkopf aus der Provinz war, f�r den er mich von Anfang an gehalten hatte, und dass meine Gl�cksstr�hne beendet war. Ich nahm das gleichm�tig hin: Wer wirklich Gl�ck hat, muss mitunter verlieren k�nnen. Schon, damit dem Gegenspieler nicht langweilig wird.</p><p>Dann gewann ich viermal hintereinander, und Herr Ravello wurde erneut nerv�s. Ich wusste, dass ich die Gl�cksstr�hne jetzt unbedingt bremsen sollte. Mein Gegenspieler gab Karten. Als ich meine sah, begriff ich, dass ich keine Chance hatte zu verlieren - nicht mit einem so guten Blatt. Also gewann ich erneut. Es tat weh, Ravello anzuschauen - bestohlene Diebe sind ein furchtbarer Anblick. Ich zog meine Zigaretten aus der Tasche.</p><p>�M�chten Sie eine probieren, Sir? Die Bewohner des Kalifats Kumon haben einen au�erordentlich leckeren Tabak.�</p><p>�Wirklich?�, fragte der Arme verwirrt.</p><p>Seine aufmerksamen �uglein musterten mich streng. Anscheinend begann er Sir Marlon Brando allm�hlich f�r einen gut getarnten Betr�ger aus Kettari zu halten. Das passte allerdings nicht zu dem fremden Akzent und den exotisch schmeckenden Zigaretten.</p><p>So begannen wir die n�chste Partie. Nach intensivem Bem�hen konnte ich sie nicht nur verlieren, sondern auch schlagende Beweise meiner Dummheit liefern. Das kam mir sehr zupass, denn ich wollte den Einsatz erh�hen.</p><p>�Ich bin offenbar ein wenig reicher geworden�, sagte ich nachdenklich. �Und in einer Stunde m�chte ich schlafen gehen. Was meinen Sie: Wollen wir den Einsatz auf eine Krone pro Spiel erh�hen?�</p><p>Es machte Spa�, Ravello anzusehen, denn Gier und Vorsicht lieferten sich auf seinem ausdrucksstarken Gesicht einen leidenschaftlichen Kampf. Ich verstand ihn gut: F�r ihn war ich einerseits ein Gl�ckspilz, andererseits aber ein ganz normaler Dummkopf. Und wenn wir den Einsatz erh�hten, konnte er alles zur�ckgewinnen. Nat�rlich stimmte er zu, denn er war gierig genug, dieses Risiko einzugehen.</p><p>Ich gewann sechs Partien nacheinander und staunte nicht schlecht dar�ber. Meine Theorie, dass man das Gl�ck vom Lehrer erbt, durfte langsam als bewiesen gelten. Bestimmt hatte Sir Juffin Gl�ck im �berfluss!</p><p>�Heute haben wir nicht so viel Gl�ck, Ravello, was?�, fragte jemand vom Nachbartisch mit gespielter Gleichg�ltigkeit.</p><p>Zuvor schien sich niemand f�r uns interessiert zu haben.</p><p>Das ist bestimmt ein notorischer Falschspieler, dachte ich belustigt. Und ich erlebe hier einen Rettungsversuch unter Kollegen. Sollte Ravello die Segel streichen, wird dieser Kerl mich sicher fertigmachen wollen. Aus lauter Freude bestellte ich noch einen Dschubatinischen S�ufer. Nie h�tte ich gedacht, dass ich so schnell in Fahrt kommen w�rde.</p><p>�Nein, heute habe ich wirklich kein Gl�ck�, gab mein Gegenspieler zu.</p><p>�Dann solltest du nach Hause gehen und dich ausschlafen�, riet ihm der Mann, der sich in unser Spiel eingemischt hatte. �Das liegt am Mond - dem gef�llst du heute offenbar nicht.�</p><p>�Du hast Recht, Tarra�, seufzte mein ungl�ckliches Opfer. �Ich sollte mein Gl�ck auf dem Kopfkissen suchen. Aber Herr Brando ist anscheinend noch nicht m�de�, meinte er und sah mich fragend an.</p><p>Stimmt, dachte ich und l�chelte inwendig. Vermutlich �bernimmt mich jetzt der andere. Warten wir mal ab, wie das endet.</p><p>�Ich bin auf den Geschmack gekommen�, sagte ich und versuchte, mir die Miene eines arglosen Menschen zu geben, der sich naiv an seinem Gewinn freut. �Aber wenn Sie auf h�ren wollen ...�</p><p>�Das ist mein Freund Sir Tarra. Sein Spielpartner, Herr Linulen, muss um diese Zeit schon das Ehebett h�ten, w�hrend Tarra Single ist. M�chten Sie ihm vielleicht Gesellschaft leisten?�, fragte Ravello vorsichtig. Offenbar sollte ich auf seinen Verkuppelungsversuch reinfallen, und das tat ich auch.</p><p>Sir Tarra sah seinem Vorg�nger erstaunlich �hnlich. Er hatte die gleichen leicht ergrauten Haare, war ungef�hr ebenso gro� wie Ravello und hatte eine �hnliche Nase. Vielleicht ist das ja hier ein verbreiteter M�nnertyp, dachte ich. Aber vielleicht ist es auch einfacher: Wom�glich sind sie Br�der und leiten ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen.</p><p>Tarra und ich hielten uns nicht erst mit einem Gespr�ch auf, sondern fingen gleich an zu spielen. Ich musste feststellen, dass Ravello trotz seiner Worte das Wirtshaus nicht verlie�, sondern an einem entfernten Tisch Platz nahm. Nat�rlich tat ich, als h�tte ich das nicht bemerkt.</p><p>Die erste Partie verlor ich ohne gro�e M�he. Anscheinend war mein neuer Gegner ein echtes Ass. Doch schon das zweite Spiel gewann ich, weil meine Gl�cksstr�hne langsam in Fahrt kam.</p><p>�Zwei?�, schlug ich vor.</p><p>�Zwei Kronen pro Partie?�, fragte Tarra. �Bei allen Magistern, Sir Brando - Sie sind ein risikofreudiger Mensch. Wie w�r's mit dreien?�</p><p>�Drei sind besser als zwei�, antwortete ich und bem�hte mich, dabei m�glichst idiotisch zu wirken.</p><p>Dann gelang es mir, sechsmal nacheinander im Mau-Mau zu gewinnen. Als ich merkte, dass Tarra langsam schlafen gehen wollte, verlor ich zweimal auf die Schnelle. Der Mann spielte so gut, dass das f�r mich nicht schwer war.</p><p>�Sechs!�, rief er nach seinem zweiten Sieg entschieden. Ich nickte und gewann dann sechsmal nacheinander, ohne dass mein Gegner begriffen h�tte, wie ihm geschah.</p><p>�Gute Nacht, meine Herren. Es wird schon wieder Tag�, sagte ich m�de und stand auf.</p><p>�Sie gehen schon, Sir Brando?�, fragte Tarra erstaunt. Er machte den Eindruck, als begriffe er allm�hlich, dass mit mir auch all sein Geld nach Hause ging. �Geben Sie mir vielleicht eine Chance zur Revanche ...?�</p><p>�Davon w�rde ich Ihnen abraten�, sagte ich fr�hlich. �So verlieren Sie nur noch mehr Geld. Seien Sie bitte nicht sauer auf mich, mein Freund. Irgendwann kommt das Gl�ck sicher auch zu Ihnen. Soweit ich wei�, wird Kettari oft von Touristen besucht. Und der Mond hier mag mich.�</p><p>�Der Mond? Ach so!�, rief mein Gegenspieler verwirrt. �Wer hat Ihnen eigentlich Mau-Mau beigebracht, Sir Brando?�</p><p>�Meine Tante. Sie haben Gl�ck, dass sie ihr Haus seit �ber dreihundert Jahren nicht verlassen hat. Lieber Sir Tarra, so schlaue Touristen wie mich werden Sie demn�chst bestimmt nicht mehr treffen. Und Sie spielen wirklich gut. Es war f�r mich gar kein Problem, Sie ab und an gewinnen zu lassen.�</p><p>�Gewinnen zu lassen? Sie machen wohl Witze?�, fragte der Mann und wirkte schwer ver�rgert.</p><p>�Nat�rlich habe ich Sie ab und an gewinnen lassen�, sagte ich vers�hnlich. �Ich habe Ihnen also wohl keinen allzu gro�en Verlust bereitet, oder? Aber jetzt Gute Nacht. Ich m�chte wirklich schlafen gehen.�</p><p>Mit diesen Worten verlie� ich das nette Pl�tzchen und hoffte, dass ich mich keiner Attacke von Sir Tarra w�rde erwehren m�ssen. Und gl�cklicherweise geschah auch nichts dergleichen.</p><p>Zu Hause z�hlte ich gewissenhaft meine Ausbeute. Ich hatte einundachtzig Kronen und etwas Kleingeld zur Verf�gung. Zwar war das deutlich weniger, als Sir Sch�rf vor seinem Ausflug in der Tasche hatte, aber wir konnten wieder recht gut leben.</p><p>Ich sah mich um. Lonely-Lokley schlief bestimmt -wie es sich geh�rte - im oberen Zimmer. Auch ich k�nnte doch kurz d�sen, �berlegte ich, am besten gleich hier auf der Couch. Ich brauchte nur wenig Schlaf, den aber dringend. Also schrieb ich �Bitte mittags wecken - egal, wie sehr ich protestiere!� auf einen Zettel und legte ihn ans Kopfende des Sofas. Vermutlich w�rden wir demn�chst ziemlich viel zu tun bekommen.</p><p>Zur gew�nschten Stunde wurde ich wachger�ttelt - Sir Sch�rf erwies sich als �beraus zuverl�ssig. Und als sehr intelligent, da er schon mein Kachar-Balsam vorbereitet hatte, was mein Wachwerden deutlich beschleunigte.</p><p>�Danke, Sch�rf�, sagte ich und brachte es sogar fertig, meinen Peiniger und die grelle Sonne anzul�cheln. �Ich habe zwei gute Nachrichten. Erstens sind wir reich, und zweitens ...�</p><p>�Max, ich hoffe, du hast nichts getan, wovon ...�</p><p>�... unser verehrter General Bubuta Boch nichts wissen darf? Da kannst du beruhigt sein. Ich wollte nur pr�fen, wie gut die Kartenspieler hier sind. Und ich bin ganz deiner Meinung: Das hat wirklich Spa� gemacht.�</p><p>�Du hast also mit den Leuten hier Karten gespielt? Ich h�tte nicht gedacht, dass du so ein gewiefter Betr�ger bist.�</p><p>�Ich? Ein Betr�ger? Du beleidigst mich. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich hab nur etwas mehr Gl�ck als die Leute hier.�</p><p>�Und wie viel hast du gewonnen?�</p><p>�Z�hl selbst�, entgegnete ich. �Eine Krone und das Kleingeld kannst du beiseitelegen - das hatte ich schon vor dem Spiel. Ich geh jetzt ins Bad.�</p><p>Als ich wieder ins G�stezimmer kam, sah Lonely-Lokley mich begeistert an.</p><p>�Du hast ungemein viele Talente�, meinte er ehrf�rchtig-</p><p>�Es sind eher wenige, Sch�rf, glaub mir. Ich kann weder singen noch fliegen noch Tschakata-Piroggen machen, und vieles andere kann ich genauso wenig. Aber jetzt gehen wir fr�hst�cken. S�ndige Magister - es ist wirklich toll, dass wir nicht mehr auf den Preis achten m�ssen!�</p><p>Wir fr�hst�ckten im Runden Tisch, wo wir am Vorabend gegessen hatten. In mir meldete sich der konservative Konsument, der nichts Besseres suchen will, wenn er was Gutes gefunden hat.</p><p>Die freundliche Wirtin erkannte uns zu unserer Freude sofort. Ich hatte eigentlich noch keinen Hunger, doch Lonely-Lokley a� f�r zwei. Das r�hrte mich, und ich kam mir vor wie ein Familienvater, der dem einzigen Sohn beim Futtern zusieht. Seltsames Gef�hl.</p><p>�Und was war zweitens?�, wollte Sch�rf �berraschend und mit vollem Mund wissen.</p><p>�Zweitens?�, fragte ich ratlos.</p><p>�Heute Morgen hast du von zwei guten Nachrichten gesprochen. Die Erste war, dass wir reich sind. Und die Zweite?�</p><p>�Ach, Sch�rf, das ist eine Nachricht nach deinem Geschmack. Es handelt sich um eine Aufgabe, f�r die deine H�nde wie geschaffen sind. Danach k�nnen wir diese verr�ckte Stadt reinen Gewissens verlassen. In Kettari tobt ein gewisser Sir Kiba Azach. Soweit ich wei�, ist in der Stadt eigentlich alles in Ordnung - nur Kiba passt nicht hierher.�</p><p>�Aha�, meinte Lonely-Lokley reserviert. �Mit dieser Stadt ist also alles in Ordnung? Sch�n, dass du das glauben kannst.�</p><p>�Sch�rf�, begann ich sanft. �In Kettari ist wirklich alles paletti. Hier ist nur eine seltsame, aber interessante Sache passiert, die mir sehr gef�llt. Und Juffin wird - wie ich ihn kenne - auch davon angetan sein. Was aber diesen Kiba angeht: Der muss ausgeschaltet werden, da seine Anwesenheit der Stadt schaden kann. Hab ich dir etwa den Appetit verdorben?�</p><p>�Gar nicht. Wei�t du, dass der Mann, von dem du da redest, schon vor langer Zeit gestorben ist?�</p><p>�Ja�, sagte ich. �Und das verschlimmert die Lage offenbar.�</p><p>�Da hast du Recht. Es ist viel schwerer, gegen tote Magister zu k�mpfen als gegen lebende. Was wei�t du noch, Max?�</p><p>�Nichts�, meinte ich und breitete entschuldigend die Unterarme aus. �Ich dachte, du w�sstest, wie er zu finden ist und so.�</p><p>�Ihn zu finden, ist leicht. Ich m�chte nur erfahren, was du noch �ber Kiba Azach wei�t.�</p><p>�Nichts, wirklich nicht. Nur, dass er ein toter Magister ist und etwas in Kettari verpfuscht hat oder verpfuschen will. Ach ja, ich wei� noch, dass er ein -unrechtm��ig get�teten Gro�er Magister ist. Das ist ein seltsamer Ausdruck, nicht?�</p><p>�Warum seltsam? So nennt man das eben. Als ich ihn umbrachte, hab ich nicht mal gewusst, wie man es richtig macht. Au�erdem war mir gar nicht klar, was ich da tat.�</p><p>�Du warst das?�, rief ich erstaunt und begriff allm�hlich. �War er vielleicht der Vorbesitzer deiner Handschuhe?�</p><p>�Ihm geh�rte nur der linke, wenn du es wissen willst. Der rechte Handschuh hat einem j�ngeren Magister des Ordens der Wasserkr�he geh�rt, mit dem ich viel weniger Probleme hatte.�</p><p>�H�r mal, Sch�rf�, sagte ich beunruhigt. �Ich erinnere mich gut an deine Lebensgeschichte, w�re aber nie darauf gekommen, dass ... Ich glaube nicht, dass es deine Pflicht ist, erneut gegen diesen Mann zu k�mpfen. Lass ihn einfach in Ruhe.�</p><p>�Du hast nicht verstanden, Max�, sagte Lonely-Lokley sanft und unterbrach meine schuldbewusste Tirade. �Ich habe keine Angst vor einem Treffen - offen gesagt kann ich mein Gl�ck gar nicht fassen!�</p><p>�Gl�ck? fetzt versteh ich gar nichts mehr.�</p><p>�Das ist doch ein seltener Gl�cksfall! Ich muss Kiba Azach nun nicht mehr schutzlos im Schlaf treffen, sondern kann ihm wach entgegentreten und tats�chlich mit ihm k�mpfen. Ich glaube, jetzt verstehst du mich besser.�</p><p>�Wenn ich deinen Gesichtsausdruck so sehe, durchaus�, meinte ich verwirrt.</p><p>�Ich muss einfach die Lage durchdenken und herausfinden, wie ich am besten vorgehe. Wei�t du, Max, man bekommt nicht jeden Tag so eine Chance, sich von einer B�rde zu befreien. Und ich darf keinen Fehler machen, muss aber rasch handeln.�</p><p>�Wir m�ssen rasch handeln�, korrigierte ich ihn barsch. �Ich bin zwar ein schlechter K�mpfer und auch kein allzu guter Zauberer, aber beim Kartenspiel sieht es anders aus - oder wenn ich jemanden anspucken soll. Au�erdem bin ich neugierig. Du glaubst doch wohl nicht, dass mir die kurze Zusammenfassung deines Kampfes gereicht hat? Nimm es mir bitte nicht krumm, Sch�rf, aber dein lakonischer Stil ist mitunter reichlich unangemessen. Und noch was: In Kettari habe ich wirklich viel Gl�ck. Nimm mich also als Amulett mit.�</p><p>�Gut�, meinte Lonely-Lokley unger�hrt. �Vielleicht ist dein Gl�ck n�tzlicher als mein Wissen. Au�erdem muss ich ohnehin tun, was du mir befiehlst.�</p><p>�S�ndige Magister - das hatte ich ja ganz vergessen!�, rief ich und lachte erleichtert. �Befehl Nummer eins: Verhalte dich so, als h�ttest du nichts bemerkt.�</p><p>Lonely-Lokley sah mich erstaunt an, und ich zog die vorletzte Zigarette aus der Tasche. Sir Maba Kaloch h�tte mit Kippen wirklich gro�z�giger sein k�nnen, dachte ich. Schlie�lich hab ich keine Zeit, angelnd �berm Kissen zu hocken, sondern muss neue Welten erschaffen oder Karten spielen. Ich l�chelte in mich hinein und z�ndete mir die Zigarette an.</p><p>�Findest du nicht, dass du zu viel rauchst?�, fragte Lonely-Lokley streng.</p><p>�Nein�, antwortete ich aufrichtig. �Sp�ter erkl�re ich dir, warum, falls du es dann noch wissen willst. Du sollst meine Befehle erf�llen. Immerhin bin ich dein Vorgesetzter. �brigens kommt jetzt Befehl Nummer zwei: Vergiss den ganzen Quatsch hinsichtlich meiner Weisungsgewalt so schnell wie m�glich. Ich kann dir ohnehin nichts Vern�nftiges sagen. Und iss schneller, Sch�rf, damit wir aufbrechen k�nnen. Wie sollen wir dem toten Magister eigentlich auf die Spur treten?�</p><p>�Manchmal sagst du merkw�rdige Dinge, Max�, meinte Lonely-Lokley. �Wie willst du denn einem Toten auf die Spur treten?�</p><p>�Ich? Ich hab gar nicht vor, irgendwem auf die Spur zu treten. Das ist doch nicht meine Spezialit�t. Bin ich Lady Melamori?�</p><p>�Du irrst dich schon wieder: Du w�rdest es leicht schaffen - du m�sstest es nur probieren. Aber dar�ber sollten wir uns eigentlich nicht unterhalten.�</p><p>�Wirklich?�, fragte ich erstaunt. �Ich h�tte nie gedacht, dass ich so was kann. Aber wenn du dieser Meinung bist, kannst du mir ja irgendwann zeigen, wie es geht.�</p><p>�Sir Juffin hat davon abgeraten�, gab Sch�rf verlegen zur�ck. �Er f�rchtet, dieses Wissen k�nnte bei dir Folgesch�den verursachen. Ich kann das also nicht entscheiden. Frag ihn bitte selbst, wenn wir wieder in Echo sind.�</p><p>Ich seufzte. Anscheinend wussten alle in dieser verr�ckten Welt von verborgenen F�higkeiten meiner Person - au�er mir nat�rlich.</p><p>�Zu den Magistern mit dir, Sch�rf. Und mit allen anderen. Und jetzt wieder zur Sache. Wie sollen wir den netten Mann jetzt suchen? Sollen wir vielleicht die Witterung seines Leichnams auf nehmen?�</p><p>�Red kein Blech�, meinte Lonely-Lokley k�hl. �Wir gehen nach Hause.�</p><p>�Warum das denn?�</p><p>�Ich brauche meine Handschuhe.�</p><p>�Ach ja. Siehst du, wie bl�d ich bin? Und du wolltest meine Befehle erf�llen!�, meinte ich l�chelnd. �Und dann?�</p><p>�Dann ist alles sehr einfach�, antwortete Lonely-Lokley gedankenverloren. �Oder sogar mehr als einfach. Aber wie ich sehe, hast du schon wieder nichts verstanden. Ich brauche erst mal den linken Handschuh, aber nicht zum Spa�. Er wird seinem ehemaligen Besitzer nie etwas B�ses tun, eher mir. Aber diesen Mann zu finden, ist jetzt wirklich leicht.�</p><p>�Was?�, rief ich unruhig. �Du willst doch wohl nicht ohne Handschuhe gegen den Mann k�mpfen?�</p><p>�Warten wir's ab�, meinte Lonely-Lokley achselzuckend. �Ich hoffe, du denkst nicht, dass ich ohne Handschuhe gar nichts kann.�</p><p>�Aber nein, doch es w�re besser, wenn sie auf unserer Seite w�ren, oder?�</p><p>�Nat�rlich�, gab Sch�rf gleichm�tig zur�ck. �Jetzt lass uns gehen, Max. Ich brauche etwas Zeit, um mich vorzubereiten, und w�rde Kiba gern vor Mondaufgang treffen.�</p><p>�St�rkt der Mond denn solche Wesen?�, fragte ich beim Aufstehen erschrocken.</p><p>�Das nicht, aber wenn Kiba Azach und sein Helfer mich im Traum besucht haben, schien stets der Mond. Dieser Anblick hat mir gar nicht gefallen.�</p><p>�Verstehe�, sagte ich und nickte. �Ehrenwort.�</p><p>�Daran habe ich keinen Zweifel. Wer, wenn nicht du, k�nnte solche Dinge verstehen?�</p><p>Zu Hause ging Lonely-Lokley gleich ins Schlafzimmer. Auf der Treppe wandte er sich �berraschend zu mir um. �Komm bitte nicht nach oben, solange ich dort bin, Max. Es gibt Dinge, die man lieber ohne Zeugen tut.�</p><p>�Ich hab Besseres zu tun, als auf der Treppe rumzuh�pfen. Ich muss mich auf den Kampf vorbereiten und rechne damit, heute Abend viel Stress zu haben - also brauche ich Zigaretten, und um die muss ich mich k�mmern. Vielleicht finde ich auch etwas Interessantes f�r dich�, setzte ich hinzu. Den letzten Satz rief ich aber schon durch die geschlossene T�r.</p><p>�Schrecklich�, brummte ich und setzte mich zu meinem geliebten Kissen, das dank Sir Maba seit langem �St�psel zwischen den Welten� war, wie der Exzentriker zu sagen pflegte.</p><p>Entschlossen schob ich die Hand unters Kissen, war darauf eingestellt, lange zu warten, hatte aber gleich etwas zwischen den Fingern. Erstaunt zog ich meinen Fang ans Tageslicht: eine T�te Schokobonbons. Das war zwar sehr nett, aber was war mit mir los?</p><p>Ich zuckte die Achseln und schob die Hand erneut unters Kissen. Das Tempo, mit dem sie in einer anderen Dimension landete, �berraschte mich. Nach einer halben Stunde war ich stolzer Besitzer von Geb�ck, einem Schl�sselbund, vier Silberl�ffeln und ein paar Havanna-Zigarren, die ich nie zu rauchen gelernt hatte. Gute Zigarren kosten ein Verm�gen, und erst in Echo verdiene ich gut genug daf�r.</p><p>Ratlos musterte ich meine Sch�tze. Was war blo� mit mir los? Fr�her war es mir immer gelungen, an Zigaretten zu kommen, und das hatte mir vollauf gereicht. Ohne zu �berlegen, meldete ich mich per Stummer Rede bei Maba Kaloch.</p><p>�Was soll das, Sir Maba? Sie haben mir beigebracht, an Kippen zu kommen - nicht an alles M�gliche.�</p><p>�Du hast dein Wissen nun mal erweitert, Max. Jetzt kannst du mehr als vorher - das ist doch wohl nicht schlimm?�</p><p>�Toll�, meinte ich traurig, �aber der hiesige Tabak schmeckt erb�rmlich.�</p><p>�Ansichtssache. Mir zum Beispiel schmeckt er durchaus. Na sch�n, ich geb dir einen kleinen Tipp: Lass das Kissen in Ruhe und versuche es mit anderen Gegenst�nden. Hauptsache, du siehst nicht, was mit deiner Hand passiert, denn das w�rde dich ablenken. Soweit ich wei�, hast du gerade etwas Zeit. Da hei�t es �ben, �ben, �ben. Und melde dich nicht wegen jeder Kleinigkeit bei mir, ja?�</p><p>Damit verschwand seine Stimme aus meinem Bewusstsein. Langsam wurde mir klar, wie leicht und problemlos ich mich per Stummer Rede bei Sir Maba, der allem Anschein nach in Echo sa�, hatte melden k�nnen. Vielleicht klappte es dann ja auch bei Juffin?</p><p>Nach dem ersten Versuch aber war mir klar, dass ich es lassen konnte. Es herrschte die gleiche Totenstille wie beim letzten Mal. Um mein Gewissen zu beruhigen, bem�hte ich mich erneut - wieder vergeblich.</p><p>�Hoffentlich bedeutet das nicht, dass auch Sir Maba zurzeit in Kettari ist. Die Stadt scheint im Moment wirklich angesagt zu sein�, seufzte ich meinem Spiegelbild zu.</p><p>Dann machte ich mich wieder an die Arbeit. Es war wirklich interessant! Unter meinem Lieblingssofa zog ich eine Pizza hervor. Wer h�tte das gedacht? Nach der dritten Portion war mir klar, dass die Couch mir nichts anderes liefern konnte.</p><p>Daraufhin schob ich die Hand unter den Schaukelstuhl, zog eine Flasche Grappa und ein Sixpack belgisches Bier hervor und wusste nun auch, wo alkoholische Getr�nke zu finden waren. Ich merkte, dass ich unbedingt rauchen musste. Ich hatte nur noch eine Zigarette. Und dann? Kommt Zeit, kommt Rat!</p><p>Gedankenlos griff ich in die Manteltasche und war erstaunt, etwas zu ertasten. Rasch zog ich die Hand hervor und erblickte eine Zigarettenschachtel mit goldener 555. Ich hatte wieder eine frische Packung! Und das war auch logisch, denn wo sonst h�tte ich nach Zigaretten suchen sollen als dort?</p><p>Ich war berauscht von meinem Gl�ck und meiner Macht, musste also dringend rauchen und mich beruhigen. All die Wunder waren toll, aber langsam musste ich die Lage unter Kontrolle bekommen.</p><p>�Was ist das, Max?�, fragte Lonely-Lokley erstaunt. Ich hatte ihn nicht herunterkommen h�ren. Die mit Runen beschrifteten Handschuhe sa�en auf seinen Respekt heischenden Pranken.</p><p>�Essen aus der anderen Welt�, seufzte ich m�de. �Ich hab in diesem Bereich heute viel Gl�ck und staune selbst dar�ber. Hast du Hunger? Willst du das Zauberessen mal probieren?�</p><p>�Vielleicht�, meinte Lonely-Lokley vorsichtig und schnupperte skeptisch an der Pizza. �Das hier ist durchaus essbar, glaube ich�, sagte er, biss ein St�ck ab, kaute und zuckte die Achseln. �Wei�t du was? Mir schmeckt das nicht.�</p><p>�Mir geht's genauso. Warum probierst du nichts S��es? Oder trinkst etwas? Das st�rkt den Mut. Hast du deine l�chrige Tasse dabei?�</p><p>Erstaunt sah ich, dass Lonely-Lokley nickte und aus der Manteltasche die mir bekannte Tasse zog.</p><p>�Jedenfalls will ich alle M�glichkeiten aussch�pfen�, sagte er ernst. �Getr�nke aus der anderen Welt k�nnen meine Chancen nur erh�hen.�</p><p>�Ich hab mich also nicht umsonst bem�ht� stellte ich erfreut fest. Rasch �ffnete ich die Schnapsflasche und schenkte ihm einen gro�z�gigen Schluck Grappa ein. �Darf ich auch mal aus deiner verr�ckten Tasse trinken?�</p><p>Lonely-Lokley musterte mich zweifelnd, trank den Grappa auf einen Zug aus und sch�ttelte sich.</p><p>�Wenn du willst�, sagte er dann und reichte mir den Becher. Ich goss mir etwas Schnaps ein und trank ihn rasch. Eigentlich mag ich keine Spirituosen, aber diesmal konnte ich mich �berwinden.</p><p>�Vielen Dank. Und was soll ich jetzt sp�ren?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete mein sichtlich verwirrter Freund. �Ich war �berzeugt, dein seltsames Getr�nk w�rde aus der Tasse laufen, wie es sich geh�rt. Schlie�lich hast du keinen Vorbereitungskurs in unserem Orden gemacht.�</p><p>�Ich dachte, alles hinge von deiner Tasse ab.�</p><p>�Das ist eine absolut gew�hnliche Tasse mit L�chern�, sagte Lonely-Lokley kopfsch�ttelnd. �Es geht nur darum, wer daraus trinkt. Wei�t du, Max, du bist ein seltsamer Kerl.�</p><p>�Das denke ich auch - besonders in letzter Zeit�, seufzte ich. �Aber jetzt lass uns endlich deinen Freund suchen. Ich m�chte nur sagen, dass ich mich selbst nach einer gro�en Portion Kachar-Balsam noch nie so gut gef�hlt habe wie jetzt�, stellte ich fest, stand auf und ging zur T�r. Auf der Schwelle drehte ich mich um und sah, dass Lonely-Lokley auf der Couch sitzen geblieben war. �Worauf wartest du noch?�</p><p>�Max�, begann Sir Sch�rf vorsichtig, �schwebst du eigentlich immer?�</p><p>�Nur in Kettari. Aber was willst du damit �berhaupt sagen?�, fragte ich und sah irritiert nach unten. Zwischen Schuhsohlen und Fu�boden war tats�chlich ein knapper Zentimeter Luft. �Ich hab keine Kraft mehr zum Staunen. Ich hoffe, den Mond wird das nicht st�ren. Also lass uns gehen, solange der gr�ne Trabant noch nicht leuchtet. Ich h�tte gro�e Lust, mal wieder Blut zu trinken. Ist das normal, wenn man aus deiner Tasse genippt hat?�</p><p>�Durchaus�, meinte Lonely-Lokley nickend. �Versuch aber, dich zu beherrschen und deine tats�chliche Kraft nicht mit der Illusion von Macht zu verwechseln.�</p><p>�Ich werde mir M�he geben. �brigens hab ich noch nie so viele Ratschl�ge auf einmal bekommen.�</p><p>�Das kenn ich. Denk einfach daran, dass du dich wunderbar beherrschen kannst, wenn du willst�, sagte Lonely-Lokley. Sein herrliches Kompliment verpflichtete mich zu allem - egal, welche Wunder uns begegnen sollten.</p><p>Auf der Stra�e zog Lonely-Lokley behutsam den linken Handschuh aus, knetete ihn ein wenig und marschierte dann entschieden auf eine der vielen Br�cken zu.</p><p>�Ist er schon in der N�he?�, fragte ich besorgt. Meine Fersen, die ein wenig �berm Boden schwebten, kribbelten wie verr�ckt.</p><p>�Das glaube ich nicht. Wir sind noch etwa eine halbe Stunde von ihm entfernt - ich habe also Zeit genug, mir alle Details des Kampfes gr�ndlich zu �berlegen. Eigentlich wollte ich dich bitten, dich nicht in meine Angelegenheiten einzumischen und dich �berhaupt von Kiba Azach fernzuhalten, aber ...�</p><p>�... jetzt hast du es dir anders �berlegt?�, fragte ich belustigt.</p><p>Sch�rf nickte ernst. �Ja, du hast mir eine Lektion erteilt. Es ist unverzeihlich dumm, seine Feinde zu untersch�tzen - noch schlimmer aber ist es, dies mit seinen Freunden zu tun. Also misch dich bitte nach Lust und Laune ein.�</p><p>�Das h�re ich gern�, rief ich vergn�gt. �Wie bringt man eigentlich tote Magister um? Bis jetzt kenne ich nur eine, freilich ausgezeichnete Methode: mit deiner ber�hmten linken Hand. So wunderbar sie ist - diesmal hilft sie uns offenbar nicht weiter.�</p><p>�Nein, meine Linke kannst du vergessen. Die hat mal Kiba geh�rt und steht uns darum nicht zur Verf�gung. Ich hab noch einige andere Tricks auf Lager, mit denen wir hoffentlich Erfolg haben. Au�erdem hat jeder seine Lieblingsmethode, Gro�e Magister zu t�ten - egal, ob sie tot oder lebendig sind. Du hast jetzt die Chance, eine eigene Methode zu entwickeln.� Nach diesen Worten schwieg Lonely-Lokley gedankenverloren, und ich wollte ihn nicht st�ren, denn er hatte genug Probleme.</p><p>W�hrend unserer Unterhaltung waren wir durch die Stra�en gegangen. Noch nie hatte ich einen Spaziergang so genossen, denn das angenehme Kribbeln in den Fersen drang mir bei jedem Schritt durch den ganzen K�rper.</p><p>�Warum kann ich eigentlich schweben, Sch�rf? Ist dir das auch schon mal passiert?�</p><p>�Ja. Nachdem ich die Aquarien des Ordens der Wasserkr�he ausgetrunken hatte, habe ich den Boden einige Jahre nicht mehr ber�hrt. So was passiert, wenn man zu viel Kraft hat und sie nicht vern�nftig einsetzen kann. Na ja, du hast allerdings nur eine sehr kleine Portion getrunken - darum unterscheidet sich dein Fall wom�glich von meinem. �brigens befindet Kiba Azach sich schon in der N�he, und ich muss meinen Handschuh gleich ausziehen. Er bringt meine Linke jetzt schon zum Gl�hen.�</p><p>�Nicht schlecht�, meinte ich mitleidig, schwieg dann aber. Was soll man auch sagen, wenn jemandem so etwas geschieht?</p><p>�Das war's, Max-, bemerkte Sch�rf leise. �Ich zieh den Handschuh jetzt aus und gebe ihn dir. Du bist in diesen Streit nicht verwickelt und kannst ihn darum aufbewahren.�</p><p>�Soll ich ihn vielleicht in meiner Hand verstecken? Das ist doch mein Lieblingstrick. Oder ist das zu gef�hrlich?�</p><p>�Aber nein, tu das ruhig. Und jetzt komm.�</p><p>Der gef�hrliche Handschuh verschwand zwischen Daumenballen und Zeigefinger meiner Linken. Inzwischen beherrschte ich diesen Trick spielend und konnte auf diese Weise alle m�glichen gef�hrlichen Dinge transportieren.</p><p>�Versuch bitte unbedingt, am Leben zu bleiben�, sagte Lonely-Lokley pl�tzlich. �Der Tod ist ein ekelhaftes Erlebnis, wenn man mit Kiba zu tun hat. Das wei� ich am besten.�</p><p>�Ich habe eine lange Lebenslinie�, sagte ich hoffnungsvoll und sah verstohlen auf meine rechte Handfl�che. �Und du, Sch�rf?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Lass uns sp�ter dar�ber reden. Kiba ist in diesem Haus hier. Also zur Sache.�</p><p>Lonely-Lokley hatte auf ein kleines zweist�ckiges Geb�ude gezeigt, an dem das Schild Unterkunft prangte.</p><p>�Ist das ein Hotel?�, fragte ich erstaunt. �Ein Heim f�r tote Magister, in dem sie gegen m��ige Bezahlung ein Zimmer mit Tisch und Bett bekommen?�</p><p>�Ich glaube, es ist tats�chlich eine Art Hotel�, meinte Lonely-Lokley k�hl und schien wenig erbaut von meinem losen Mundwerk. �Dir ist hoffentlich klar, dass uns eine schwere Aufgabe bevorsteht?�</p><p>�Das schon, aber ich finde die Vorstellung, dass ein Toter im Hotel wohnt, lustig. Ich w�sste gern, woher er das Geld daf�r nimmt. Vielleicht hat er ja noch ein Konto bei der Bank?�</p><p>�Er muss hier irgendwo sein�, murmelte Lonely-Lokley finster vor sich hin.</p><p>Entschieden �ffnete ich die Haust�r.</p><p>Die Schwelle knackte unter unseren F��en.</p><p>�Wir sind da�, stellte Lonely-Lokley ruhig fest und blieb vor einer unauff�lligen wei�en T�r stehen, auf der nur gerade eben noch der Schriftzug Zimmer Nr. 6 zu erkennen war. Tja - ich hab einfach die Neigung, mir die unwichtigsten Details zu merken.</p><p>�Na los, Max, mach auf.�</p><p>�Ach so, du hast ja keine Hand frei, wenn ich so sagen darf�, meinte ich l�chelnd und �ffnete die T�r. Vor einer halben Ewigkeit hatte ich in meinem fr�heren Leben mal gelesen, was Napoleon gesagt haben soll, als man ihn nach dem Geheimnis seiner Siege gefragt hat, n�mlich: �Wenn das Chaos gro� genug ist, l�uft alles von allein� - oder so. Napoleon war ein Spa�vogel, aber er hat kein gutes Ende genommen.</p><p>Am Fenster und mit dem R�cken zu uns sa� ein beinahe kahler, magerer Mensch im hellen Lochimantel. Ich konnte noch denken: �Prima, Max, jetzt f�ngst du sogar Fantomas.� Dann zuckte ein Blitz unter Lonely-Lokleys Mantel hervor und traf den alten Mann an der Schulter. Sie ergl�hte in wei�lichem Licht, und dann war alles wie zuvor.</p><p>Offenbar war Schurfs erster Angriff nicht gerade gef�hrlich gewesen und hatte den Alten allenfalls zum Lachen gebracht. Jetzt drehte er sich um, und in seiner Miene stand keine Freude, wie man sie beim Treffen mit einem guten Bekannten h�tte erwarten k�nnen.</p><p>�Gr�� dich, Fischer-, murmelte Sir Kiba Azach, der ehemalige Gro�e Magister des Ordens der Wasserkr�he - auch bekannt als unrechtm��ig get�teter Magister (f�r mich einfach Fantomas).</p><p>Das Schlimmste war, dass Kiba und Sir Sch�rf sich sehr �hnlich waren. Nicht umsonst hatte Juffin mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sch�rf ein sehr unauff�lliges Gesicht hatte und viele Bewohner Echos ihm �hnelten. Und ich Dummkopf hatte ihm nicht geglaubt.</p><p>Die vielen Jahre als Toter hatten an Sir Kibas Attraktivit�t gezehrt. Er hatte ernsthafte dermatologische Probleme, denn seine Haut war bl�ulich-gelb, por�s, gl�nzte unsch�n und war insgesamt ungemein Ekel erregend. Das Wei�e seiner Augen war dunkel, beinahe zimtfarben, die Pupillen selbst dagegen hell - das war auch nicht gerade sexy. Er wirkte auf mich so widerspr�chlich, dass ich ruhig wurde: So ein seltsames Wesen, dachte ich, kann einem K�mpfer wie Lonely-Lokley unm�glich schaden. Da hatte ich mich freilich get�uscht!</p><p>Der Mann war sehr erfreut, mit uns plaudern zu k�nnen. Auch den zweiten Blitz, der ihn diesmal in die Brust traf, bemerkte er kaum, sondern redete einfach weiter: �Du hast dich wunderbar vor mir versteckt, Fischer. Allerdings warst du nicht klug genug, Orten wie dieser Stadt aus dem Weg zu gehen. Hast du nie daran gedacht, dass neu geschaffene Welten Tr�umen �hneln? Hier ist deine Kraft unwirksam. Hast du das nicht gewusst?�</p><p>Ich wandte mich an Lonely-Lokley und hatte den Eindruck, dass der Tote uns nur noch ein wenig erschrecken wollte, ehe wir ihn nach allen Regeln der Kunst zur Strecke bringen w�rden. Doch in der Miene von Sir Sch�rf stand panische Angst, w�hrend er zugleich wirkte, als w�rde er einschlafen.</p><p>�Ich mache dir keine Vorw�rfe.�</p><p>Die klirrende Stimme von Kiba Azach katapultierte mich in die Wirklichkeit zur�ck. Nun wandte er sich an mich: �Verschwinde! Das ist ein alter Streit zwischen ihm und mir!�, rief der tote Magister und wedelte mir mit den Resten seiner Linken vor der Nase herum.</p><p>Kalte Panik schn�rte mir die Kehle zu. Die alptraumhafte Vertracktheit der Situation warf mich aus dem Gleis. Bisher hatte ich geglaubt, ich k�nnte mir die gef�hrliche Welt unbesorgt hinter dem R�cken des unbesiegbaren Lonely-Lokley ansehen. Nun aber dachte ich seltsam ergriffen: Alter sch�tzt vor Torheit nicht! Und was Torheit anlangte, hatten wir heute wom�glich einen neuen Rekord aufgestellt. Wir besa�en so viel davon, dass wir sie eimerweise an Witwen und Waisen h�tten verteilen k�nnen.</p><p>Dann h�rte ich auf zu denken, denn ich war in die Enge getrieben, und es galt: Nicht denken - handeln!</p><p>Als Erstes spuckte ich in das speckig gl�nzende Gesicht des toten Magisters. Ich glaubte zwar nicht, dass dies viel helfen w�rde, hatte aber keine originellere Idee. Doch zu meinem Erstaunen verbesserte diese Attacke die Gesamtlage. Die Spucke t�tete unseren Gegner nat�rlich nicht, denn er war ja schon tot, doch mein ber�hmtes Gift durchl�cherte immerhin den welken Hals von Kiba Azach. Als sich dort ein unappetitliches Loch bildete, staunte er sehr. Zwar konnte ich Lonely-Lokley keine Aufmerksamkeit mehr widmen, sah ihn aber aus dem Augenwinkel langsam wieder zu Kr�ften kommen und hatte den Eindruck, ihm noch etwas Zeit verschaffen zu m�ssen, damit er sich weiter berappeln konnte.</p><p>Ich kam auf die Idee, direkt in die starren Augen des Toten zu spucken, denn Augen sind empfindlich. Aber ich war nie allzu treffsicher gewesen und musste daher nahe an meinen Gegner heran. Diesmal traf ich ihn immerhin im Gesicht und sorgte f�r ein weiteres Loch. Ich bin ja ein toller Scharfsch�tze!, dachte ich unfroh und spuckte erneut. Endlich konnte ich zufrieden sein: Das dritte Loch bildete sich genau dort, wo eben noch Kibas rechtes Auge gewesen war.</p><p>Er ging schnell zum Fenster.</p><p>��Bist du etwa schon tot?��, fragte er so interessiert, als w�ren Informationen �ber meinen Gesundheitszustand f�r ihn das Wichtigste. �Hier d�rfen Lebende nicht mit Toten streiten - also bist du tot. Und warum bist du auf seiner Seite?�</p><p>�Ich habe die Aufgabe, ihn zu sch�tzen�, sagte ich fr�hlich.</p><p>Da bekam ich, was ich verdient hatte: Die rechte Hand von Kiba Azach landete auf meiner Brust. Ich Dummkopf, dachte ich noch, warum bin ich ihm blo� so nahe gekommen?</p><p>Dann wurde ich ganz ruhig, mir war sehr kalt, ich wollte mit niemandem mehr streiten und hatte das Gef�hl, ich sollte mich dringend hinlegen und mir einige Gedanken machen. Pfui Teufel - Kibas rechte Hand funktionierte wie eine Art Narkose. Dar�ber wurde ich sauer, fuhr ihn aber nicht an, sondern spuckte ihm erneut ins entstellte Gesicht und rief: �Sch�rf, lass ihn zwischen deinen Fingern verschwinden - aber schnell! So, wie ich's mit dem Handschuh getan hab! Na los!� Bei diesen Worten warf ich mich zu Boden, damit Lonely-Lokley nicht aus Versehen auch mich in seiner Hand versteckte.</p><p>Ich hoffte nur, dass Sch�rf schon imstande war, etwas zu tun, oder dass er eine bessere Idee hatte.</p><p>Dann stellte ich erleichtert fest, dass Kiba Azach sich nicht mehr unter uns befand. Ich drehte mich um, und Lonely-Lokley zeigte mir schweigend die Linke. Daumen und Zeigefinger hielt er auff�llig gekreuzt. Ich war beruhigt: Gl�ck gehabt!</p><p>Rasch verlie�en wir das unangenehme Zimmer. Ich zitterte, und Sir Sch�rf schwieg. Er brauchte wohl noch etwas Zeit, um nach diesem Vorfall wieder zu sich zu kommen. Und ich hatte keine Lust, mich zu genau an das Ganze zu erinnern.</p><p>Wie herrlich war es, wieder auf der Stra�e zu sein! Es wehte ein k�hler Wind, das Licht war angenehm, und wir waren noch am Leben. Ich drehte mich um und staunte: �Sieh mal, Sch�rf - das Haus ist weg!�</p><p>Lonely-Lokley zuckte gleichm�tig die Achseln. Und wenn schon!, schien ihm ins Gesicht geschrieben. Auch ich merkte, dass mich das Verschwinden des Geb�udes eigentlich nicht interessierte. Wir gingen weiter. Ich konnte mein Zittern allerdings nicht mehr beherrschen, und mir klapperten die Z�hne.</p><p>�Versuch es mal mit meinen Atem�bungen�, kommentierte Sch�rf unerwartet. �Mir w�rden sie in so einem Fall sicher helfen.�</p><p>Ich tat, wie er mir geraten hatte, und als wir zehn Minuten sp�ter ein leeres Wirtshaus betraten, konnte ich das Geschirr in die Hand nehmen, ohne Scherben zu produzieren.</p><p>��Prima�, sagte ich erfreut, �deine Gymnastik hilft wirklich.�</p><p>�Ich w�rde nicht darauf schw�ren, wenn es nicht so w�re�, meinte Lonely-Lokley achselzuckend.</p><p>�Was machen wir nun mit dem Sch�nling?�, fragte ich belustigt. �Oder willst du ihn zur Erinnerung in deiner Hand lassen?�</p><p>�Das w�rde mir kaum gefallen�, meinte Sch�rf gedankenverloren. �Aber ich muss deine Idee loben. Dein Gedanke war erstaunlich einfach und kam genau rechtzeitig. Wei�t du, dass du weit mehr als nur mein Leben gerettet hast, Max?�</p><p>�Durchaus. Ich bin ein aufmerksamer Zuh�rer, Sch�rf, und kann mich genau daran erinnern, was du mir vom Verr�ckten Fischer erz�hlt hast. Hat Kiba Azach jetzt das Gleiche durchgemacht? Er hat noch geschafft, mir zu sagen, dass es ein Fehler war, ihn in Kettari zu treffen, weil die Verteilung der Kr�fte hier nicht besser sei als in deinen Tr�umen.�</p><p>�Stimmt�, gab Lonely-Lokley ruhig zur Antwort. �Wei�t du, Max, ich glaube, f�r uns w�re es das Beste, ihn endg�ltig zu t�ten. W�rde dir dein geheimnisvoller Freund dabei helfen? Ich meine den Mann, der dir von Kiba Azach erz�hlt hat?�</p><p>Ich zuckte die Achseln. �Woher soll ich das wissen? Wir k�nnen es versuchen. Aber lass uns erst was trinken. Die Atem�bungen sind zwar prima, doch es gibt noch andere gesundheitsf�rdernde Ma�nahmen, findest du nicht?�</p><p>�Da hast du Recht�, sagte Lonely-Lokley und nickte verwirrt. �Ich muss mich auch unbedingt st�rken.�</p><p>Wir tranken schweigend einen herben, fast schwarzen Rotwein. Ich f�hlte mich erstaunlich gut - ganz leicht und bar aller Gedanken. In meinem Kopf herrschte Leere.</p><p>Sch�rf sah mich fragend an. �Lass uns spazieren gehen�, sagte er und stand auf. In diesem Moment wusste ich, wohin wir gehen sollten, obwohl ich noch immer keinen Schimmer habe, wie ich darauf gekommen bin. Ich setzte einfach einen Fu� vor den anderen und hatte keine Kraft, Widerstand zu leisten. Lonely-Lokley fragte mich nicht nach unserem Ziel - sein Vertrauen in mich war m�glicherweise grenzenlos geworden.</p><p>Wir gingen zur Stadtmauer. Noch vor ein paar Tagen hatte Sch�rf Kettari nicht verlassen k�nnen. Inzwischen aber hatte ich keinen Zweifel, dass ihm das m�helos gelingen w�rde. Obendrein konnte ich ihm immer sagen, er brauche keine Angst zu haben, weil Kiba Azach unsch�dlich gemacht war und in seiner Hand gefangen sa�.</p><p>Aber das war gar nicht n�tig. Wir verlie�en Kettari problemlos und bewunderten die uns schon bekannten Wacharib�ume und andere l�ndliche Idyllen.</p><p>Auf verschiedenen Wegen spazierten wir vor uns hin, und ich wusste nicht einmal, ob meine Beine den Boden ber�hrten. Es interessierte mich auch nicht. Ein bemerkenswertes Machtgef�hl durchflutete mich. W�hrend des Spaziergangs hatte ich den Eindruck, ich k�nnte tun, was immer mir beliebt. Doch ich hatte keine revolution�ren Gedanken. Ich wollte nur mit Sch�rf Drahtseilbahn fahren. Mochte dann geschehen, was wolle.</p><p>�Was ist das?�, fragte Lonely-Lokley erstaunt. Vor uns befand sich die Talstation der Drahtseilbahn, und in der Ferne ragte die mir ebenfalls bekannte Silhouette meiner Stadt in den Bergen auf. Ich sah meinen Begleiter freundlich an: �Erkennst du die Stadt nicht? Hier bist du vor kurzem noch gewesen.�</p><p>�Ist das die Stadt aus deinen Tr�umen?�</p><p>�Ja, aber inzwischen auch aus deinen. Komm, fahren wir hoch.�</p><p>Die Kabinen der Drahtseilbahn waren f�r zwei Personen gedacht. Sir Sch�rf sah wie verzaubert mal nach oben, mal nach unten. Sein Schweigen wirkte nicht so reserviert wie sonst, sondern erschien mir als Zeichen der Begeisterung. Enorm erleichtert brach ich in Lachen aus und f�hlte mich wie im Besitz eines Zertifikats, das mir Unsterblichkeit und allzeit unbegrenzte Entfaltung meiner Pers�nlichkeit garantierte.</p><p>�Wei�t du, was du jetzt tun k�nntest?�, fragte ich, als ich mich beruhigt hatte. �Du k�nntest deinen ewigen Feind in den Abgrund werfen, damit er uns nicht den Genuss der Landschaft verleidet. Ich glaube, das ist meine Lieblingsmethode, tote Magister umzubringen - eine ausgezeichnete Methode, wie ich dir garantieren kann.�</p><p>In Lonely-Lokleys Augen erschien kurz ein Hauch von Zweifel, doch dann sah er sich erneut die Landschaft an, nickte ernst und streckte den linken Arm aus ...</p><p>Kiba Azach st�rzte schweigend in die Tiefe. Er staunte nicht, denn er wusste alles - Tote wissen immer alles. Ich hatte den Eindruck, dass er eigentlich nichts gegen das abrupte Ende seines langen, tatenreichen Lebens hatte, im Gegenteil: Dieses Ende gefiel ihm, weil es eine schwere und undankbare Aufgabe war, als toter Magister durch die Weltgeschichte zu streifen. Er verschwand, ohne den Boden zu ber�hren, den es - offen gesagt - auch gar nicht gab. Ich lachte wieder, schaute gen Himmel und fragte l�chelnd: �Hat Ihnen das gefallen, Sir Maba? Jetzt sagen Sie nicht, Sie seien nicht begeistert!�</p><p>�Nat�rlich hat es mir gefallen. Bist du jetzt zufrieden?� Als mich die Worte Maba Kalochs per Stummer Rede erreichten, zuckte ich erschrocken zusammen. �Nur h�r bitte mit der dummen Gewohnheit auf, mich laut anzusprechen. Schaffst du das?�</p><p>�Ich werde mich bem�hen�, seufzte ich schuldbewusst und machte den Mund dabei nicht auf.</p><p>�Toll�, schw�rmte Lonely-Lokley fr�hlich und wirkte j�nger als je zuvor. �Na, bist du zufrieden?�, fragte er dann neugierig.</p><p>�Ja, aber frag nicht, warum. Jedenfalls bin ich jetzt sicher, alles schaffen zu k�nnen. Sch�rf, sieh mal - wir sind fast angekommen. Jetzt kannst du deinen Handschuh nehmen.�</p><p>Ich sch�ttelte meine Linke und gab Lonely-Lokley sein Eigentum zur�ck.</p><p>Die Stadt freute sich auf uns - daran gab es keinen Zweifel. Die Stra�en waren beinahe leer, einige Fu�g�nger begr��ten uns freundlich, und der warme Wind wehte mir vertraute D�fte zu. Der Ort war zwar nichts Besonderes, f�r mich aber war er der beste Platz aller m�glichen Welten. Allerdings w�re ich nie auf den Gedanken gekommen, hier l�nger zu bleiben. Ich wusste, dass das unm�glich war.</p><p>In einem Stra�encafe machten wir Rast. Sch�rf hatte zwar keinen Gefallen an Kaffee gefunden, war aber �ber die tief h�ngenden Pflaumenbaum�ste entz�ckt. Unser Aufenthalt in der Stadt war angenehm und sehr lustig. Ich wei� noch, dass Lonely-Lokley seinen L�ffel so gegen die Sonne hielt, dass er beinahe ein Loch ins Metall gebrannt h�tte. Dann zwinkerte er mir zu und zauberte eine Art Pflaumenkranz, der heiter �ber meiner Tasse schwebte. Ein rankes und ungemein schlankes M�dchen kam mit unserem Essen und k�sste mich zur Begr��ung auf die Wange. Das war zwar unerwartet, aber sehr angenehm. Ich konnte nur den Kopf sch�tteln. Ich glaube, wir schwiegen die ganze Zeit und l�chelten nur ab und an.</p><p>Nach einem raschen Gang durch die ganze Stadt erreichten wir den Park im englischen Stil. Hier irgendwo musste Lady Marilyn spazieren gehen, wenn man dem klugen Sir Machi Ainti Glauben schenken durfte. Und warum sollte man das nicht?</p><p>�Ich hab schon wieder vergessen, mich zu erkundigen, wie die Stadt hei�t-, seufzte ich. �Ich h�tte die nette Kellnerin fragen sollen.-</p><p>�Ach was, Max�, winkte Lonely-Lokley ab. �Hauptsache, sie existiert. Der Rest spielt keine Rolle.�</p><p>�Eigentlich hast du Recht. Lassen wir das leidige Thema.�</p><p>Dann kehrten wir nach Kettari zur�ck, und ich war so m�de, dass ich zwischendurch in der Seilbahn einschlief.</p><p>Am anderen Morgen war alles wieder normal, zu normal eigentlich: Meine F��e befanden sich wie �blich auf dem Boden, und ich versp�rte keine �bernat�rlichen Kr�fte mehr. Ich vollf�hrte nur ein einziges Wunder, indem ich ein paar Cola-Dosen unter dem Schaukelstuhl hervorzog.</p><p>Langsam bekam ich Hunger. Lonely-Lokley war beherrscht und gelassen wie stets. Ihm war nur eine gewisse Leichtigkeit anzumerken, als w�re er lange erk�ltet gewesen und pl�tzlich gesundet.</p><p>�Ich glaube, wir haben nichts mehr in Kettari zu tun, oder?�, fragte er und nahm einen Schluck von der Kamra, die wir uns hatten kommen lassen, da wir nicht einmal Lust gehabt hatten, fr�hst�cken zu gehen.</p><p>Das waren die ersten Worte, die er an diesem Morgen sagte. Offenbar hatte er bereits entschieden, dass wir nichts mehr in Kettari verloren hatten.</p><p>�Ich bin zwar auch deiner Meinung, aber ... Moment mal! Ich hab doch noch einen Termin! Eigentlich k�nnten wir zusammen hingehen. Im Alt-Kettaii kann man ausgezeichnet essen.�</p><p>�Na gut�, meinte Lonely-Lokley und nickte phlegmatisch. �Ich brauche nur etwas Zeit, mich herzurichten. Geh schon mal vor.�</p><p>�Wie du meinst�, sagte ich und nickte spiegelbildlich.</p><p>Langsam war alles wieder wie immer: Ich machte Faxen, und Sch�rf merkte es nicht einmal. Das Leben kehrte in seine gewohnten Bahnen zur�ck.</p><p>Sofort machte ich mich auf den Weg zum Treffen mit Machi Ainti. Ich w�re viel lieber sofort nach Echo zur�ckgefahren, musste mich aber noch von ihm verabschieden.</p><p>Die Seitent�r des Alt-Kettaii quietschte beim �ffnen. War das immer so gewesen, oder fiel mir das Ger�usch erst jetzt auf?</p><p>�Hallo, Kamerad�, rief Machi und strahlte mich an. �Hat dir gefallen, was du in Kettari erlebt hast?�</p><p>�Und dir?�, gab ich knapp zur�ck. Ich hatte den Eindruck, der Stuhl, auf den ich mich immer setzte, und der Tisch, an dem ich immer sa�, seien tats�chlich mein Stuhl und mein Tisch, da ich nie jemand anderen dort hatte sitzen sehen. �Was ist, Machi? Bist du mit meinen Abenteuern zufrieden?�</p><p>�Ich? Sehr! Ich kann dir gar nicht erz�hlen, wie sehr! Selbst im Traum h�tte ich das nicht erwartet. Eigentlich m�chte ich dich gar nicht zu Juffin zur�ckkehren lassen, denn hier gibt es �bergenug Arbeit f�r dich. Ach, Max -das war doch nur ein Scherz. Warum bist du so erschrocken? Sehe ich etwa wie ein Entf�hrer aus? Unter uns gesagt: Du hast eine ausgepr�gte Mimik, und das gef�llt mir, denn so k�nnen Gespr�chspartner sofort deine Gef�hle erkennen. Sie zu verbergen, ist ohnehin sinnlos. Ich glaube, du hast viele Fragen, stimmt's?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Ich hab gar keine Fragen, weil ich mit deinen Antworten nichts anzufangen wei�, Machi.�</p><p>Zuerst h�rte ich sein Lachen, dann sah ich es auf seinem Gesicht, doch mir behagte weder das eine noch das andere. Was mir daran missfiel, wusste ich nicht genau, doch mir lief ein Schauer �ber den R�cken.</p><p>�Du lachst selbst manchmal so. Und mitunter erschrickst du auch arglose Leute�, meinte Machi. �Aber nimm das bitte alles nicht so ernst. �brigens kenne ich dein Problem: Du willst nach Hause fahren und hast keine Lust, auf die Karawane zu warten. Also nimm das�, sagte er und gab mir einen kleinen gr�nlichen Stein, der f�r seine Gr��e enorm schwer war.</p><p>�Ist das mein Cicerone? Ein Schl�ssel zur T�r zwischen den Welten? Das, was alle Bewohner von Kettari besitzen?�</p><p>�Mehr noch! Jemand, der mir geholfen hat, eine neue Welt zu erschaffen, genie�t einige Privilegien. Normale Schl�ssel sind f�r die normalen Bewohner von Kettari gedacht, aber nicht gut genug f�r ein Wesen aus einer anderen Welt. Dieser Schl�ssel ist allein f�r dich bestimmt. Wenn du ihn einem anderen gibst, kann ich f�r die Folgen nicht garantieren - verstanden?�</p><p>�Sicher, aber das h�ttest du gar nicht erst sagen m�ssen, denn ich w�rde den Schl�ssel ohnehin nicht aus der Hand geben.�</p><p>�Das ist auch besser so. Und gib ihn auf keinen Fall Juffin. Aber der ist ohnehin alt und klug genug, um sich die Frage danach zu verkneifen. Ich freue mich wirklich, dass dein Freund Sch�rf sein Problem so leicht losgeworden ist. Er ist ein angenehmer und interessanter Mensch, und ich bedauere, dass er mich nicht besuchen kann. Wann fahrt ihr zur�ck?�</p><p>�Bald, sch�tze ich. Warum meinst du, dass Sch�rf dich nicht besuchen kann? Ich hab ihn gerade hierher eingeladen. War das eine dumme Idee von mir?�</p><p>�Ach nein. Er sitzt im Nachbarsaal, aber das wirst du gleich selbst sehen�, sagte Sir Machi, erhob sich rasch und ging zum Ausgang. Auf der Schwelle drehte er sich noch mal um: �Dieser Stein, Max, �ffnet die T�r zwischen den Welten von beiden Seiten. Hab ich mich klar ausgedr�ckt?�</p><p>�Also kann ich immer hierher zur�ckkehren?�</p><p>�Sooft du willst. Ich glaube allerdings nicht, dass du in den n�chsten Jahren auf diese wunderbare Idee kommst. Aber man wei� ja nie. Und merk dir noch eins: Du kannst immer jemanden mitbringen, aber beschr�nke dich auf Menschen, zu denen du volles Vertrauen hast. Und komm bitte nicht auf die Idee, Karawanenf�hrer zu werden. Schlie�lich sollst du anderen nicht den Arbeitsplatz wegnehmen, kapiert?�</p><p>Ich l�chelte und klopfte mit dem rechten Zeigefinger zweimal an die Nasenspitze. Auch Machi Ainti l�chelte und trat rasch auf die Stra�e.</p><p>Die T�r quietschte, und ich blieb allein. Ich steckte das gr�ne Steinchen in die Tasche. Warum soll ich es weitergeben?, fragte ich mich. Daraus l�sst sich ohnehin kein anst�ndiger Ohrring machen. Ich sah durchs Fenster. Das Wasser des Springbrunnens strahlte in allen Regenbogenfarben. Die Stra�e war leer - Machi war offenbar schon um die Ecke gebogen.</p><p>Max, h�r auf, dich so dumm anzustellen, ermahnte ich mich streng, erhob mich vom Stuhl und ging in den Nachbarsaal, wo Lonely-Lokley mich sehns�chtig erwartete.</p><p>Sch�rf hatte am Fenster Platz genommen. Gedankenverloren studierte er die Speisekarte und war �ber mein Auftauchen sehr erstaunt.</p><p>�Wie bist du hierher geraten, Max? Kommst du aus der K�che? Was hat dich dorthin verschlagen?�</p><p>�Was sollte ich in der K�che treiben? Ich hab die ganze Zeit im Nachbarsaal gesessen.�</p><p>�Wo!? Bist du sicher, dass es hier zwei S�le gibt?�</p><p>�Ich wei� doch, wo ich herkomme�, meinte ich und wandte mich zur T�r um, die freilich nicht mehr existierte. �Sch�rf, wir haben es wieder mit so einer Kettari-Kapriole zu tun. Die Bewohner der Stadt benehmen sich leicht exzentrisch, findest du nicht? Aber lass uns jetzt Mittag essen. Inzwischen bin ich zu einem so gl�henden Patrioten von Echo geworden, dass wir jederzeit in die Hauptstadt zur�ckkehren k�nnen. Was h�ltst du davon?�</p><p>�Ich bin begeistert, Max. Und soweit ich geh�rt habe, k�nnen wir die Stadt auch auf eigene Faust verlassen.�</p><p>�Haarscharf erkannt! Wir fahren ohne Karawanenf�hrer, aber auch ohne Pause nach Echo, weil ich mich ans Steuer setze. Wir werden mit einem der unvern�nftigsten Rekorde, die je erzielt worden sind, in die Geschichte eingehen. Aber wei�t du was? Du solltest dir unbedingt noch einen Teppich besorgen. Schlie�lich sind wir deshalb gekommen, oder?�</p><p>Lonely-Lokley zuckte die Achseln. �Das hatte ich eigentlich vor. Und du willst wirklich die ganze Strecke nach Echo am Lenkrad sitzen?�</p><p>�Du kannst dir nicht vorstellen, wie rasch wir zur�ck sein werden�, antwortete ich schw�rmerisch. �Vor allem, nachdem du mir so viel �ber A-Mobile erz�hlt hast - zumal, dass sie so schnell sind, wie der Fahrer es w�nscht.�</p><p>�Dann bist du bisher also langsam gefahren?�, fragte Lonely-Lokley ungl�ubig.</p><p>Als wir mit dem Essen fertig waren und auf die Stra�e traten, schlug ich den Weg zu dem schillernden Springbrunnen ein, blieb dann aber �berascht stehen. �Sch�rf, ich bin immer durch eine Seitent�r gegangen, die hier um die Ecke ins Lokal gef�hrt hat!�</p><p>�Daran zweifle ich nicht, Max. Aber das war keine echte T�r, sondern eine Art B�hnenattrappe.�</p><p>�Wie Sir Lukfi Penz zu sagen pflegt: Manche Leute sind wirklich zerstreut!�, seufzte ich. �Aber was soll ich tun? Staunen? Ach, lassen wir das.�</p><p>Den Rest des Tages verbrachten wir wie echte Touristen. Sch�rf kaufte sich tats�chlich einen Teppich, und ich leistete ihm dabei Gesellschaft. Ich konnte mir nicht verkneifen, mir einen dicken, dunklen L�ufer zu besorgen, der wunderbar zum Fell meiner Katzen passen w�rde. Offenbar war ich der erste Kunde, der sich beim Kauf nach der Farbe seiner Haustiere richtete.</p><p>Wir lie�en unsere frisch erworbenen Teppiche im A-Mobil und gingen in unsere Wohnung zur�ck. Lonely-Lokley packte innerhalb von zehn Sekunden - Ehrenwort! Ich hingegen brauchte bis Sonnenuntergang, denn ich hatte meine Sachen in allen Ecken der gro�en Wohnung verstreut. Schlie�lich fand ich noch einiges, was ich tags zuvor unter dem Kissen, dem Sofa, dem Schaukelstuhl und unter anderen M�beln hervorgezogen hatte. Die T�te mit Bonbons war fast leer, aber ich hatte noch etwas Geb�ck, den Schl�sselbund, die vier Silberl�ffel und ein paar kubanische Zigarren. Nach kurzem �berlegen warf ich alles in die Reisetasche. Vielleicht konnte ich das eine oder andere davon ja demn�chst brauchen.</p><p>Ich setzte mich ans Steuer des A-Mobils und z�ndete mir gen�sslich eine Zigarette an. Innerhalb der Stadt fuhr ich recht langsam, doch als wir die Wacharib�ume passiert hatten, war ich nicht mehr zu bremsen. Ich fuhr mindestens hundert Meilen pro Stunde. Kaum zu glauben, dass unsere Klapperkiste dieses Tempo schaffte! Und das war erst der Anfang.</p><p>Sch�rf sa� reglos auf dem R�cksitz. Ich konnte mich nicht mal umdrehen, war mir aber sicher, dass er vor Begeisterung strahlte. Die Fahrt war ungemein angenehm! Wir flogen beinahe �ber unbekannte Stra�en. Ich sah weder die Drahtseilbahn noch die Stadt aus meinen Tr�umen, sp�rte aber den angenehm warmen Wind von Kettari. Irgendwann aber verschwand auch er.</p><p>�Ich hab Juffin gerade per Stummer Rede erreicht�, sagte Lonely-Lokley.</p><p>Ich hob die Brauen. �Das ist ja eine wunderbare Nachricht. Richte ihm bitte aus ... Ach was, es ist besser, wenn du ihm deine Version unserer Abenteuer schilderst. Bei diesem Tempo muss ich mich konzentrieren, und ich bringe es einfach nicht �bers Herz, langsamer zu fahren. Sagst du ihm das bitte?�</p><p>�Nat�rlich. Ich wei� ja schon, dass du dich ungern der Stummen Rede bedienst. Nach meiner Sch�tzung erreichen wir Echo schon vor dem Morgengrauen, wenn du nicht m�de wirst.�</p><p>�Wozu haben wir denn noch Kachar-Balsam? Ich wei� - du hast mir schon erkl�rt, dass dieses Zeug f�r A-Mobilfahrer nicht gerade geeignet ist, aber mich h�lt es topfit.�</p><p>�Ja, du solltest dich st�rken�, pflichtete Lonely-Lokley mir unerwartet bei.</p><p>Dann schwieg er. Offenbar hatten Sir Juffin und er nach der langen Trennung genug Gespr�chsstoff. Ich war nicht neidisch - dazu genoss ich die Fahrt viel zu sehr. Und am n�chsten Tag w�rde auch ich Juffin jede Menge zu erz�hlen haben. Der Arme h�tte mein Gerede sicher irgendwann satt.</p><p>Nach zwei Stunden tippte Lonely-Lokley mir vorsichtig auf die Schulter. Ich zuckte zusammen, weil der Geschwindigkeitsrausch mich die Welt und meinen schweigsamen Mitfahrer hatte vergessen lassen.</p><p>�Was ist?�, fragte ich, ohne mich umzudrehen.</p><p>�Das Gespr�ch mit Juffin ist beendet, und ich habe einen B�renhunger. Vielleicht k�nnen wir irgendwo einkehren?�</p><p>�Sieh doch mal in meine Reisetasche. Dort d�rfte Geb�ck sein. Auch wenn du das nicht kennst - es ist durchaus genie�bar. Und gib mir was davon. Ich muss auch was essen.�</p><p>Lonely-Lokley w�hlte in meiner Tasche und reichte mir eine T�te Knabberzeug. Dann begann auch er, behaglich zu futtern.</p><p>�Kommt das alles aus der anderen Welt?�</p><p>�Genau. Sch�rf, ich hab eine wunderbare Idee.�</p><p>Ich hielt und schob die Hand unter den Sitz. Nach zwei Minuten zog ich meinen Fang hervor und musste lachen.</p><p>�Was ist, Max?�, fragte Sch�rf interessiert.</p><p>�Nichts Besonderes. Als ich gestern Abend unbedingt Zigaretten angeln wollte, hab ich die ganze Zeit Lebensmittel gefischt, und jetzt, wo ich etwas essen will, finde ich das hier unterm Sitz�, sagte ich und hielt ihm eine Stange Zigaretten unter die Nase. �Zehn Schachteln, Sch�rf, stell dir das vor! Von meiner Lieblingssorte -heute hab ich wirklich Gl�ck.�</p><p>�Hallo, Max!� Die Stimme von Machi Ainti erwischte mich so unerwartet, dass ich beim Zur�cklehnen in den Sitz seufzte. Es war keine angenehme �berraschung -eher so, als w�rde ich unter die Ladung eines Kippers geraten.</p><p>�Ich muss mich bei dir bedanken�, sagte Machi und klang recht schuldbewusst. Vermutlich wusste er, wie ich mich f�hlte. �Ich hoffe, du freust dich, dass ich mich bei dir melde - auch wenn du es vermutlich kaum ertr�gst, dich mit mir zu unterhalten.�</p><p>�Ganz im Gegenteil�, sagte ich per Stummer Rede und bem�hte mich, gelassen und freundlich zu klingen. �Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, von dir zu h�ren.�</p><p>�Das kann ich mir ganz gut vorstellen�, meinte Machi belustigt und verschwand aus meinem Bewusstsein. Ich atmete erleichtert auf. Auch wenn ich eine Schw�che f�r ihn haben mochte - alles in allem fand ich ihn recht schwer ertr�glich.</p><p>�Sollte das ein Geschenk sein?�, fragte Lonely-Lokley. �Du h�ttest jedenfalls eins verdient. Schlie�lich hast du in Kettari sch�nere Sachen zur�ckgelassen als bekommen.�</p><p>�Hast du unser Gespr�ch mitgekriegt?�, fragte ich erstaunt.</p><p>�Irgendwie ja ... Seitdem ich mich der Attacken von Kiba Azach nicht mehr erwehren muss, kann ich meine Kr�fte wieder anders verwenden. Manches passiert bei mir ganz von allein. Momentan f�llt es mir leicht zu verfolgen, was dir widerf�hrt. Und deine ausgepr�gte Mimik erleichtert das noch.�</p><p>Ich zuckte gleichg�ltig die Achseln. �Vielleicht finde ich ja noch was Leckeres unterm Sitz.�</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter waren wir stolze Besitzer dreier Flaschen Mineralwasser und vieler Jetons f�r Spielautomaten.</p><p>�All das hat mir mein Leben lang gefehlt�, brummte ich �rgerlich.</p><p>Beim letzten Versuch zog ich eine halbe Kirschtorte unterm Sitz hervor und a� den Gro�teil davon. Gest�rkt und guter Dinge lie� ich das A-Mobil wieder an, und wir fuhren weiter.</p><p>�H�r mal, Sch�rf, hast du Juffin zuf�llig gefragt, was los war, als ich mich kurz vor Kettari mit Lukfi Penz unterhalten habe und die Verbindung pl�tzlich abbrach?�</p><p>�Nein, aber er hat es mir erz�hlt. Er hatte wohl wieder mal den Eindruck, du br�uchtest nicht alles zu wissen. Du hast mit deinen Ansichten �ber die andere Welt richtiggelegen, und Sir Lukfi ist ein zerstreuter Mensch, der einfach nicht gemerkt hat, dass ihn meine Stumme Rede von einem Ort aus erreichte, von dem aus sie ihn eigentlich nicht h�tte erreichen k�nnen. Diesmal hat seine Zerstreutheit unsere Mission beg�nstigt. Und dann ist etwas passiert, das dich zum Lachen bringen mag. Sir Juffin hat gleich gewusst, wohin wir beide geraten sind, und hat uns das erkl�ren wollen. Lukfi hat Juffins Erkl�rung hinsichtlich der anderen Welt vernommen und wortgetreu an dich weitergegeben, bis ihm endlich klar wurde, dass die Verbindung mit dir unter solchen Umst�nden eigentlich unm�glich war. Und prompt ist euer Kontakt abgebrochen. Warum lachst du nicht, Max?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagte ich achselzuckend. �Ich versuche, die Situation zu begreifen. Woher willst du wissen, dass mich so was zum Lachen bringt? �brigens hast du dich in Kettari sehr ver�ndert, Sch�rf, wei�t du das?�</p><p>�Das ist durchaus verst�ndlich�, antwortete Lonely-Lokley nachdenklich und schien dar�ber zu gr�beln, wie er sich am besten aus der Aff�re ziehen konnte.</p><p>�Zuerst hast du das Gesicht von Glama Eralga bekommen. Dann hast du die wunderbare Lady Marilyn - die Magister seien ihrer armen Seele gn�dig! - ertragen m�ssen. Obendrein hast du in eine andere Welt reisen und dort einen Joint rauchen m�ssen. Und als Zugabe hattest du noch mit Kiba Azach zu k�mpfen. Mein armer Sch�rf - all das hast du tapfer ertragen.�</p><p>�Du kannst wirklich wunderbar erz�hlen�, meinte Lonely-Lokley, und seine Stimme klang so seltsam, dass ich mich umdrehen musste. Sch�rf l�chelte, wenn auch nur mit den Mundwinkeln. Er l�chelte! Ehrenwort!</p><p>�Trotz all dieser Erfolge und Erlebnisse solltest du auf dem Teppich bleiben, Freundchen�, meinte ich und zwinkerte ihm zu. �Schlie�lich haben wir noch mit einem zweiten Toten zu tun. Wie hei�t er eigentlich?�</p><p>�Juk Jugari. Aber der ist weit weniger gef�hrlich. Ich hab nicht mal vor, mit ihm zu k�mpfen, Max. Ich muss mich n�mlich auf das Wesentliche konzentrieren.�</p><p>�Wie dem auch sei - wenn der Tote dich bel�stigen sollte, kannst du auf mich z�hlen�, antwortete ich leichthin. �Ich werde in seine Tr�ume eindringen, und er wird alles bereuen.�</p><p>�Zu den Magistern mit dir, Max - Tote haben keine Tr�ume.�</p><p>�Umso besser. Dann bin ich also am Leben, und dein toter Freund Kiba hat mich nur f�r tot gehalten.�</p><p>�Tote Magister sagen selten etwas Vern�nftiges�, gab Sch�rf unger�hrt zur�ck. �Meines Wissens sind sie total verwirrt.�</p><p>�Das kommt mir bekannt vor�, meinte ich und beschleunigte so sehr, dass wir uns nicht mehr unterhalten konnten.</p><p>Als wir Echo erreichten, ging die Sonne auf, um zu sehen, was die Leute in ihrer Abwesenheit angestellt hatten. Ich winkte ihr fr�hlich und bog in die Stra�e der n�rdlichen Troph�en ein. Ein h�bscher Name, der mir ganz neu war.</p><p>Ich musste mein Tempo etwas reduzieren. Das fiel mir leicht, denn ich brauchte mich nicht mehr zu beeilen, und Echo erschien mir im Morgenlicht als die h�bscheste Stadt der Welt. Dieser Welt. Gut m�glich, dass es in anderen Welten einige ernsthafte Konkurrenten gab.</p><p>�Du hast dich verfahren�, meinte Lonely-Lokley. �Du kennst dich in diesem Teil der Stadt nicht besonders aus, oder?�</p><p>Das konnte ich nur best�tigen, und Sch�rf dirigierte mich. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass wir auf der Stra�e der Kupferm�nzen waren und zum Haus an der Br�cke fuhren.</p><p>�Endlich daheim!�, rief ich begeistert.</p><p>�Stimmt�, stellte Sch�rf n�chtern fest. �Ich w�rde jetzt gern nach Hause gehen, f�rchte aber, dass meine Frau noch schl�ft. Und weil ich das fremde Gesicht von Glama Eralga habe, d�rfte sie �ber meine Ankunft nicht gerade erfreut sein.�</p><p>�Vielleicht hat Sir Kofa Dienst und kann dir helfen.�</p><p>Kaum hielt ich vor dem Geheimeingang zum Haus an der Br�cke, fiel das A-Mobil auseinander.</p><p>�Spring raus!�, rief Lonely-Lokley.</p><p>Das lie� ich mir nicht zweimal sagen. Wie es mir allerdings gelungen ist, noch meine Tasche mit der Stange Zigaretten zu schnappen, bleibt mir ein R�tsel.</p><p>Als ich mich umdrehte, sah ich Sch�rf unser Gep�ck unter Metallteilen hervorziehen.</p><p>�Hilf mir doch - was guckst du denn so? Du bist wirklich ein guter Rennfahrer, Max. Einen Piloten wie dich hab ich noch nie erlebt.�</p><p>�Stimmt, der Junge ist begabt. Leider �bertreibt er mitunter�, h�rte ich hinter meinem R�cken die bekannte Stimme von Sir Juffin. �Aber meistens kommt er damit durch.�</p><p>�Ach, Juffin, Sie glauben gar nicht, wie lange ich auf dieses Treffen gewartet habe�, sagte ich mit der Stimme von Sir Machi Ainti und begann zu lachen.</p><p>�Ach, Machi, auch wenn Sie es nicht glauben: Ich habe einfach keine Kraft, mich mit Ihnen zu unterhalten�, antwortete Juffin belustigt. �Max, probier es noch mal.�</p><p>Daraufhin begr��te ich ihn ohne Arabesken.</p><p>�So gef�llst du mir besser�, meinte er. �Willkommen, Sch�rf. Der Junge hat das A-Mobil ruiniert, wie ich prophezeit hatte. Aber zum Gl�ck geh�rt der Wagen dem Staat.�</p><p>�Ja, er ist ein wilder Fahrer�, meinte Sch�rf geistesabwesend und zog mit trauriger Miene seinen teuren Teppich aus dem A-Mobil-Wrack. �Max, kannst du mir jetzt endlich helfen?�</p><p>Ich nahm schnell die Taschen und �berlie� meinem Freund die Teppiche. Dann gingen wir in Juffins Arbeitszimmer, um Kamra zu trinken und zu plaudern. Das war f�r mich so verlockend, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief.</p><p>Ich redete fast eine Stunde ununterbrochen. Unterdessen gab Juffin mit einer Handbewegung Sch�rf sein Gesicht zur�ck.</p><p>�Ich brauche die Illusion ja nur zu beseitigen und muss keine neue schaffen - warum sollen wir daf�r auf Sir Kofa warten?�</p><p>Ich hatte fast vergessen, wie Sch�rf aussah, und erschrak ein wenig, als ich sein eigentliches Gesicht erblickte.</p><p>�Das war's�, meinte Lonely-Lokley, als ich endlich aufh�rte zu reden. Dann stand er auf. �Ich fahre jetzt nach Hause, wenn ihr nichts dagegen habt.�</p><p>�Mach das�, sagte Juffin nickend und sah uns so zufrieden an, dass sich in seinem B�ro eine seltene Idylle ausbreitete.</p><p>Ich blieb mit Juffin allein.</p><p>�Wo ist eigentlich der neugierige Melifaro?�, fragte ich. �Und wo sind die anderen?�</p><p>�Ich hab allen befohlen, uns in Ruhe zu lassen. Du wirst noch viel Zeit haben, dich mit ihnen zu unterhalten, und ich wollte nicht, dass au�er mir noch jemand deinen Bericht aus Kettari h�rt. Er ist streng geheim, Max, und muss absolut vertraulich bleiben. Mein Leben lang hab ich von Machi Seltsames erwartet, aber auf so was w�re ich nie gekommen�, sagte mein Chef und wirkte nachdenklich wie selten. �Und ich verstehe noch immer nicht alles. Im Falle von Machi ist das aber v�llig normal - er kann einfach nicht anders. Zeig mir doch bitte mal deine Stadtpl�ne.�</p><p>�Wenn Sie wollen, schenke ich sie Ihnen, Juffin. Auch wenn ich wei�, dass Sie nicht sentimental sind.�</p><p>�Behalte sie lieber. Wom�glich brauchst du sie mal. Offenbar rechnet Machi irgendwann mit deinem Besuch. Auf jeden Fall solltest du dabei auf der Hut sein. Ein Weltenwechsel, wie du ihn erlebt hast, geh�rt zu den gef�hrlichsten Dingen, die du bisher in Echo durchgemacht hast.�</p><p>�Mir hat er aber gefallen�, antwortete ich vertr�umt. �Warum ist er eigentlich so gef�hrlich?�</p><p>�Weil all diese Dinge zu hastig auf dich einprasseln. Au�erdem f�hrst du immer wieder ganz naiv vor, was du alles kannst. Machi ist ein Schlauberger, aber er kann dir nicht immer helfen. Au�erdem �berl�sst er die Menschen mitunter gern ihrem Schicksal - passiere, was da wolle. Wei�t du, in allen Welten gibt es J�ger, die auf der Suche nach Leuten wie dir sind. Und im Vergleich mit ihnen ist einer wie Kiba Azach nur ein s��er Traum. Aber jetzt kann ich dich endlich loben. Du hast nicht nur meine, sondern auch deine Erwartungen �bertroffen.�</p><p>�Kann sein�, meinte ich achselzuckend. �Aber im Moment ist mir alles egal. Wahrscheinlich bin ich einfach nur m�de.�</p><p>�Stimmt, Max, du solltest dich erholen. Und wo k�nntest du das besser als hier? Jeden Abend ab acht.�</p><p>�Sie haben schon wieder Recht�, seufzte ich und l�chelte ergeben. �Am besten fange ich schon heute damit an. Ich muss nur zu Hause ein paar St�ndchen schlafen.�</p><p>�Nein, trink lieber etwas von deinem Lieblingsbalsam und bleib bis zum Abend hier. Au�erdem �bernachtest du heute sowieso bei mir, weil ich unbedingt verstehen muss, was dir in Kettari genau widerfahren ist. W�hrend du schl�fst, werde ich meine Neugier stillen.�</p><p>�Sch�n - machen wir's wie nach meiner Ankunft in Echo! Dann werde ich ja auch Chuf Wiedersehen.�</p><p>�Er wird dich von Kopf bis Fu� ablecken�, seufzte Juffin mitleidig. �Und jetzt schweig ein wenig und iss was. Derweil sehe ich mir die Stadtpl�ne von Kettari an.�</p><p>Nach einer guten halben Stunde meinte Juffin: �Jetzt ist mir klar, warum Machi mich nicht nach Kettari l�sst. Ich wei� noch ganz gut, wie es damals dort aussah, und wenn die Erinnerungen zweier Zauberer einander widersprechen, droht die Welt sich aufzul�sen.�</p><p>�Dann hat er mich ja die ganze Zeit an der Nase herumgef�hrt�, seufzte ich.</p><p>�Und wie! Du warst mit ganz anderen Dingen besch�ftigt und hast sogar eine neue Stadt erschaffen. Zwar hat er dich verschaukelt, eigentlich aber hat er mich betr�gen wollen. Nimm das alles nicht so schwer, denn Machi wei� selbst nicht, was Wahrheit ist und was nicht -das kannst du mir glauben. Er hat viele Versionen von Kettari erschaffen. Schade, dass du nicht alle Stadtpl�ne mitgebracht hast.�</p><p>Schuldbewusst zuckte ich die Achseln. �Tut mir leid. Haben Sie nicht Lust, mir etwas mehr �ber Machi Ainti zu erz�hlen? Ich begreife �berhaupt nicht, was er f�r einer ist. Er hat mir mal erz�hlt, er sei schon sehr alt und wisse nicht genau, woher er stamme. Und das glaube ich ihm sogar. Heute Nacht hat er sich per Stummer Rede bei mir gemeldet, und das war sehr unangenehm - Ehrenwort! Und nach meinem ersten Treffen mit ihm sind mir all die merkw�rdigen Dinge passiert, die ich Ihnen vorhin berichtet habe.�</p><p>�Leider kann ich dir da kaum weiterhelfen�, antwortete Juffin. �Ich habe viele Jahre mit Machi zusammengearbeitet, ohne ihn zu durchschauen. Vielleicht ist der Umgang mit seltsamen Wesen wie dir oder Machi mein Schicksal. Du wirst lachen, aber ihr beide passt gut zusammen. Vermutlich w�rdest du dich besser mit ihm verstehen, als mir das je gelungen ist. Welche Ziele hast du eigentlich? Ein ruhiges Leben? Ein H�uschen mit Garten, in dem du mit deinen Enkeln spielen kannst? Eine Frau zu lieben und mit ihr alt zu werden? Eine vom K�nig ausgesetzte Rente f�r herausragende Verdienste zu kassieren? Ich kann dich beruhigen - all das bekommst du nicht. Aber alle anderen Freuden des Lebens erwarten dich.�</p><p>�Das reicht mir vollkommen. Sie k�nnen die Leute wirklich gut erschrecken, Juffin - das muss ich sagen.�</p><p>Kaum verlie� ich das Arbeitszimmer, warfen sich mir alle Begr��ungswilligen an den Hals. Als Erster kam Melifaro, der offenbar seit dem Vorabend Schlange gestanden hatte, dann der sch�chterne Sir Lukfi und schlie�lich Kofa Joch, der vor R�hrung schnaufte. Sogar Lady Melamori gab die Distanz auf, mit der sie mich vor der Reise behandelt hatte - offenbar hatte Lady Marilyn uns wieder zusammengebracht. Aber ich rechnete ohnehin mit nichts anderem mehr als Freundschaft.</p><p>Ich freute mich sehr, meine Kollegen wiederzusehen, und sie waren genauso froh. Man mochte mich offenbar, und es ist doch was, f�nf Menschen in einer Welt etwas zu bedeuten. Und hier konnte ich noch Lonely-Lokley mitz�hlen, der vermutlich gerade in seinem Bett schlief, und Lady Sotova, die sich immer �ber meinen Besuch gefreut hatte. Und wom�glich noch ein paar andere, die eine Schw�che f�r mich hatten.</p><p>�Kinder!�, rief ich, als die im Fressfass bestellte Kamra vor uns stand. �Wisst ihr was? Ich bin gl�cklich!�</p><p>Am Abend war ich noch gl�cklicher, weil ich den Hund Chuf wiedersah. Er leckte mich tats�chlich von Kopf bis Fu� ab, und ich leistete keinen Widerstand. Dann schlief ich ein. Vielleicht, weil ich verzaubert war - vielleicht aber auch, weil ich seit mehr als achtundvierzig Stunden nicht geschlafen und mich nur mit Kachar-Balsam wachgehalten hatte.</p><p>Mitten in der Nacht erwachte ich, ohne zu verstehen, was los war. Als ich mich umsah, merkte ich, dass ich im Schlafzimmer von Sir Juffin auf dem Bett lag, w�hrend er an der Wand sa�. Blinzelten seine Augen etwa in der Dunkelheit? Auf alle F�lle wurde mir bei seinem Anblick ganz kalt.</p><p>�Schlaf weiter, Max. St�r mich nicht�, sagte mein Chef trocken, und ich gehorchte.</p><p>Am n�chsten Morgen war Juffin zwar m�de, aber gl�cklich.</p><p>�Du kannst heimgehen, Max. Ich muss mich ein wenig erholen. Komm bitte nach dem Mittagessen ins Haus an der Br�cke. Von mir aus kannst du dir bis zum sp�ten Nachmittag damit Zeit lassen, aber ich verlasse mich darauf, dass du auftauchst ... Und denk bitte daran, dein Armband anzulegen, wenn du dich schlafen legst. Versprichst du mir das? Du solltest dir wirklich angew�hnen, es zu tragen.�</p><p>�Na, wenn Sie meinen ... Was haben Sie eigentlich von mir erfahren?�</p><p>�Vieles, das f�r dich ganz uninteressant ist. Und jetzt husch, husch nach Hause, mein Weltwunder. Lass mich alten Mann sich ein wenig erholen.�</p><p>Zu Hause st�rzte sich Ella auf mich. Sie war noch dicker als vor meiner Abreise nach Kettari. Armstrong dagegen besa� eine andere Logik: Kaum sah er mich, sprang er zu seinem Napf. Und eigentlich hatte er damit Recht.</p><p>�Na, habt ihr mich vermisst?�, fragte ich fr�hlich. �Ihr braucht mir nicht zu antworten. Ich wei� doch, dass ich euch nur st�re - ich gehe herum, mache Krach und verbreite Unruhe. Na ja, aber jetzt essen wir.�</p><p>Als ich die Tiere gef�ttert hatte, sah ich meine Reisetaschen durch. Ich glaube, niemand hat je aus einer anderen Welt so viele unn�tze Dinge mitgebracht wie ich. Ich bekam Klamotten von Lady Marilyn in die H�nde, aber auch all das, was ich in Kettari unter der Couch, dem Schaukelstuhl und anderenorts hervorgezogen hatte. Die kubanischen Zigarren wollte ich ins Haus an der Br�cke mitnehmen - vielleicht fand dort jemand Gefallen daran. Meine elf Stadtpl�ne h�ngte ich ins G�stezimmer, obwohl Juffin mir mehrmals eingesch�rft hatte, sie vor fremden Augen zu verstecken.</p><p>Schlie�lich zog ich ein kleines P�ckchen aus der Reisetasche. S�ndige Magister! Das hatte ich ja ganz vergessen: meine fantastische �berraschung f�r Sir Juffin -Gericht Nummer dreizehn aus dem Alten Haus, eine Delikatesse in Kettari, aber f�r mich nur ein stinkendes St�ck Fett. Nicht so schlimm. Das konnte ich ihm auch am Abend noch geben.</p><p>Gegen Nachmittag ging ich ins B�ro. Mein schwarzgoldener Todesmantel erschien mir wie das sch�nste Gewand. Ja, ich hatte meine Arbeit tats�chlich vermisst.</p><p>Entgegen seiner Ank�ndigung war Sir Juffin noch nicht da. Im Saal der Allgemeinen Arbeit thronte Lonely-Lokley. Er war ganz in Wei� gekleidet und hatte seine auff�lligen Handschuhe an. Dieser Anblick entsprach meinen �sthetischen Erwartungen vollkommen, und ich strahlte.</p><p>�Lass uns zum Fressfass und zur�ck spazieren, Sch�rf. Oder willst du behaupten, du steckst bis zum Hals in Arbeit?�</p><p>�Aber nicht doch�, antwortete er. �Das Fressfass geh�rt zu den Orten, die ich sogar im Alten Haus vermisst habe.�</p><p>�Dort, wo die M�nner von Kettari sich abends beim Kartenspiel die Zeit vertreiben? Das glaube ich nicht.�</p><p>�Richtig so, Max. Gehen wir, ehe ich es mir anders �berlege�, meinte Sch�rf und rief ins Nachbarzimmer: �Sir Melifaro, nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich das B�ro verlasse.�</p><p>�Was ist eigentlich in den dunklen Ecken unserer Hauptstadt los, meine Herrschaften?� Mit diesen Worten erschien Melifaros neugieriges Gesicht auf der T�rschwelle. �Wessen Blut wollt ihr jetzt schon wieder trinken?�</p><p>�Nichts ist los�, meinte Lonely-Lokley achselzuckend. �Leider muss ich feststellen, dass zahlreiche Dienstvorschriften Ihrer Anwesenheit im Fressfass zu dieser Uhrzeit im Wege stehen.� Dann wandte er sich an mich: �Komm, Max, lass uns gehen, solange die Situation sich noch nicht ge�ndert hat.�</p><p>Melifaro fiel die Kinnlade runter. Die unbeschwerte Antwort des eisernen Lonely-Lokley - der letzten Bastion des Ernstes in unserer Abteilung - war f�r ihn eindeutig zu viel.</p><p>�Wo ist unser Loki-Lonky?�, fragte er. �Was hast du mit ihm auf eurer Dienstreise getrieben, Max? Hast du ihn verzaubert? Sag mir die Wahrheit.�</p><p>�Ich hab nichts Besonderes mit ihm angestellt, Melifaro. Ich hab ihn nur ein paar Mal beschimpft. Stimmt's, Sch�rf?�, fragte ich und zwinkerte Lonely-Lokley zu. �Vielleicht sollten wir das Gleiche mit unserem Kollegen hier machen?�</p><p>�Ach, Max, den Fall Melifaro muss man ganz anders l�sen�, seufzte mein wunderbarer Freund tr�umerisch. �Aber wenn du ihn richtig beschimpfst, merkt er sich vielleicht endlich mal meinen Namen. Das w�re g�nstig f�r die Ruhe in der Stadt und die allgemeine Sicherheit.�</p><p>Hoch erhobenen Hauptes verlie�en wir - die zwei grausamsten M�nner des Vereinigten K�nigreichs - das Geb�ude: ich im schwarzen Todes- und Sch�rf im wei�en Lochimantel. Das wird ein h�bscher Anblick gewesen sein.</p><p>Als wir nach einer Stunde zur�ckkehrten, musste ich - um der Gerechtigkeit willen - auch mit Melifaro f�r eine Stunde ins Fressfass gehen.</p><p>�Sag mir bitte endlich, was du mit Loki-Lonky angestellt hast, Sir Nachtantlitz.�</p><p>Der arme Melifaro - einer der besten Detektive von Echo - konnte das Geheimnis von Schurfs Metamorphose nicht knacken. Er tat mir zwar leid, und ich hatte keine Geheimnisse vor ihm, anderer Leute Geheimnisse aber wollte ich nicht ausplaudern.</p><p>�Ich hab die reine Wahrheit gesagt, mein Freund. Sch�rf hat mich aufwecken wollen, und ich hab ihn im Halbschlaf nach Strich und Faden beschimpft. Hinterher hab ich mich zwar brennend gesch�mt, aber du siehst ja,</p><p>was dabei herausgekommen ist. Vielleicht haben meine Schimpfworte wie Zauberspr�che gewirkt.�</p><p>�Und was hast du ihm genau gesagt?�, fragte Melifaro, der noch nicht recht �berzeugt war.</p><p>�Das wei� ich nicht mehr. Am besten fragst du ihn selbst. Er hat sich alles notiert und mich den ganzen Abend bis ins Detail nach der Bedeutung einzelner Worte gefragt.�</p><p>�Er hat sich alles aufgeschrieben!? Max, jetzt hast du mich wirklich beruhigt. Dann ist alles halb so schlimm. Nur der gute alte Sch�rf ist imstande, die Schimpfworte zu notieren, die er aufschnappt. Dadurch will er nur sein Wissen erweitern. Dann ist mit ihm ja noch alles in Ordnung.�</p><p>Als ich ins Haus an der Br�cke zur�ckkam, erwartete mich Juffin in seinem Arbeitszimmer.</p><p>�Sie hatten mich doch gebeten, Ihnen ein Souvenir aus der Heimat mitzubringen�, begann ich schon auf der T�rschwelle und zog ein P�ckchen aus der Tasche meines Todesmantels. �Ich habe Ihnen das hier besorgt, weil es mich mehr als alles andere ersch�ttert hat. Wenn es Ihnen nicht gef�llt, nehmen Sie mir das bitte nicht krumm.�</p><p>�Krumm? Warum sollte ich das tun, Max?�</p><p>Erstaunt sah ich, dass Juffin begeistert an dem P�ckchen schnupperte, das eindeutig nach Tilsiter K�se roch. �Du kennst dich ja wunderbar mit den Delikatessen dort aus. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Freude du mir damit bereitet hast.�</p><p>Eigentlich bin ich kein schlechter Mensch und sp�rte deshalb keine Entt�uschung. Wenn Juffin von dem P�ckchen begeistert war, musste ich das eben hinnehmen.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte ich l�chelnd. �Dann darf ich ja hoffen, mir die Gunst meines Chefs nicht verscherzt zu haben.�</p><p>�Wie man's nimmt. Hat Machi dir nicht gesagt, dass alle Hoffnung tr�gt?�</p><p>�Sie haben mich bei dieser Gelegenheit beobachtet, stimmt's? Ich habe das gesp�rt - Ehrenwort.�</p><p>�Red kein Blech, Max. Ich war hier und hatte Wichtigeres zu tun�, sagte Juffin, l�chelte dabei aber gef�hrlich schief.</p><p>�Wenn Sie n�chstes Mal meine atemberaubenden Abenteuer erleben wollen, vergessen Sie bitte nicht, mich im richtigen Moment ausgiebig zu loben. Das ist eine Kleinigkeit, aber es w�rde mich sehr freuen.� Bei diesen Worten machte ich gen�sslich die ber�hmte Geste aus Kettari und tippte mir mit dem rechten Zeigefinger zweimal an die Nasenspitze. Die lange �bung lie� mich diese Bewegung fast automatisch vollf�hren.</p><p>�Mein Wunder!�, seufzte Juffin. �Du kannst mich manchmal wirklich r�hren, aber jetzt solltest du vielleicht eine Tasse Kamra mit Lady Melamori trinken. Sie ist nicht schlimmer als die anderen. Kofa Joch wird dich sicher in der Nacht besuchen, und Sir Lukfi Penz meldet sich bei Sonnenaufgang bei dir, wenn er seinen Buriwuchen Gute Nacht gesagt hat. Gef�llt dir dieser Dienstplan? Schaffst du das?�</p><p>�Das denk ich doch. Und Sie, Juffin - sind Sie schon fertig?�</p><p>�Fast. Ich gehe gleich nach Hause. Ihr k�nnt machen, was ihr wollt, aber ich muss mich erholen. Ich habe nur noch einen Termin im Cholomi-Gef�ngnis. Ein langj�hriger Insasse wollte fliehen, und die Mith�ftlinge kratzen nun seine Reste von der Wand. Ich muss dabei sein, weil einem meiner Vorgesetzten die Sache wichtig scheint. Na ja�, sagte Juffin leichthin und erhob sich aus seinem Sessel, in dem ich umgehend Platz nahm.</p><p>Der Rest des Abends lief genau nach Sir Juffins Plan. Ich schaffte es sogar, mit Lady Melamori eine Tasse Kamra zu trinken, worauf ich ehrlich gesagt nicht zu hoffen gewagt hatte. Und wir unterhielten uns wie gute alte Freunde.</p><p>So kehrte mein Leben langsam in seine gewohnten Bahnen zur�ck.</p><p>Die n�chsten Tage verbrachte ich damit, herauszufinden, dass keiner meiner Kollegen kubanische Zigarren mochte. Nur Lady Melamori paffte ihren Stumpen zu Ende, aber einzig aus Pflichtgef�hl - in ihrem Gesicht stand kein Vergn�gen, sondern eingefleischter Eigensinn. Ich versteckte die Kiste in meiner Schublade. Mir blieb nur eine Hoffnung: Wenn General Bubuta Boch wieder gesund w�re, w�rde ich ihm eine anbieten. Eine Zigarre im Mundwinkel w�rde ihm sicher stehen. Zum Gl�ck hatte ich - den Magistern sei dank! - keine anderen Probleme.</p><p>�Sehnst du dich noch nicht nach Wundern?�, fragte Juffin Halli mich am vierten Tag nach meiner R�ckkehr in aller Unschuld.</p><p>�Nein�, antwortete ich entschieden und fragte dann neugierig: �Worum geht's denn?�</p><p>�Die Wunder jedenfalls sehnen sich nach dir�, meinte er l�chelnd. �Ich wollte nur fragen, ob du mir nicht Gesellschaft leisten magst. Ich m�chte Maba Kaloch besuchen.�</p><p>�Da fragen Sie noch?�</p><p>Diesmal empfing uns Sir Maba im Korridor seines Hauses.</p><p>�Ich glaube, heute k�nnen wir das Zimmer wechseln�, schlug er vor. �Oder haben die Herrschaften etwas dagegen?�</p><p>Wir irrten kurz �ber den Flur, und man h�tte glauben k�nnen, Sir Maba w�sste nicht genau, wo die T�r zu dem anderen Gemach war. Schlie�lich landeten wir in einem kleinen Raum.</p><p>�Machi verw�hnt dich, Max�, verk�ndete unser Gastgeber und zog unter einem kleinen Tisch ein Tablett mit seltsamem Geschirr hervor. �Er hat dich fast bis an dein Lebensende mit diesen kleinen R�ucherdingern versorgt, damit du sie dir nicht mehr m�hsam unter dem Kopfkissen zusammenangeln musst.�</p><p>�Das ist eine wunderbare Methode, Geld zu sparen. Ich kaufe nichts ein, sondern schiebe einfach die Hand irgendwo drunter! Nicht nur Sie m�gen Geld - auch ich bin geizig.�</p><p>�Das will ich hoffen�, seufzte Maba. �Juffin, stimmt das?�</p><p>�Absolut. Wei�t du, was er manchmal findet, wenn er die Hand unter einen Stuhl oder ein Sofa schiebt? Ein seltsames kleines W�rstchen zum Beispiel, das in einem Br�tchen steckt. Ekelhaft sieht das aus, aber er isst es.�</p><p>�Mein Leben lang habe ich Hotdogs abg�ttisch geliebt�, meinte ich. �Das zeigt, wie hungrig ich in meiner Jugend war, und so weiter. Aber Sie, Sir Juffin, sind auch nicht besser. Denken Sie nur an die Delikatesse, die ich Ihnen mitgebracht habe.�</p><p>�Wie �hnlich ihr euch seid, Jungs - es ist zum Verr�cktwerden. Wei�t du was, Max? Juffin bef�rchtet, du hast unser kleines Geheimnis geknackt. Ich glaube, du kannst jetzt etwas sauer auf uns sein.�</p><p>�Keinesfalls!-, rief ich entschieden. �Ich habe Besseres zu tun. Au�erdem habe ich mich hier bereits an allen m�glichen Schabernack gew�hnt.�</p><p>Sir Maba stand auf und ging zum Fenster. �Das werden wir ja sehen. Komm her.�</p><p>Ich trat zu ihm, und mir stockte der Atem. Ich blickte nicht mehr auf den Obstgarten hinaus, sondern in eine mir gut bekannte Gasse. Verwirrt sah ich eine Br�cke und dann den kleinen Springbrunnen, dessen Wasser in allen Regenbogenfarben im Sonnenlicht schillerte.</p><p>�Ist das die Hohe Stra�e?�, fragte ich leise. �In Kettari?�</p><p>�Auf alle F�lle sind es nicht die Grenzgebiete der Grafschaft Wuk�, h�rte ich Juffin hinter meinem R�cken belustigt sagen.</p><p>�Erz�hl deinem Freund Machi Ainti davon aber bitte kein Wort�, sagte Sir Maba und zwinkerte mir zu. �Der alte Sheriff kann beruhigt sein: Juffin hat nicht vor, unser Miniatur-Kettari zu betreten.� Nach diesen Worten tippte Sir Maba sich zweimal mit dem rechten Zeigefinger an die Nasenspitze.</p><p>Zwei vern�nftige Menschen k�nnen sich immer verst�ndigen - das wenigstens ist wirklich wahr.</p><empty-line/></section></body><binary id="0" 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