<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Frei,</first-name><last-name>Max</last-name></author><book-title>Der Fremdling</book-title><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Frei,</first-name><last-name>Max</last-name></author><program-used>calibre 2.15.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>7.2.2015</date><id>42b307ab-cefa-4bf1-b5d2-6474fcabe14e</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2013</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#0"/></p></section><section><empty-line/><p>Max Frei</p><empty-line/><p><strong>Der Fremdling</strong></p><empty-line/><p>Das Echo Labyrinth 1</p><empty-line/><empty-line/><p>Aus dem Russischen �bertragen von Anna Serafin</p><empty-line/><p><strong>Blanvalet</strong></p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>Die russische Originalausgabe erschien 2004 bei Amphora Publishers. St. Petersburg.</p><p>1. Auflage</p><empty-line/><p>
    Deutsche Erstver�ffentlichung Februar 2007 bei Blanvalet,</p><p>
    einem Unternehmen der Verlagsgruppe</p><p>
    Random House GmbH, M�nchen.</p><p>
    Copyright � by Max Frei | 1996, 2003</p><p>
    Copyright � der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>
    Umschlaggestaltung: Hilden Design, M�nchen</p><p>
    Umschlagillustration: Corbis/Koner + Getty Images/Stock</p><p>
    Illustration Source/Christopher Zacharow (Collage]</p><p>
    Redaktion: Andreas Heckmann VB</p><p>
    Herstellung: Heidrun Nawrot</p><p>
    Satz: deutsch-t�rkischer fotosatz, Berlin</p><p>
    Druck und Einband: GGP Media GmbH, P��neck</p><p>Printed in Germany</p><p>
    ISBN: 978-3-442-24413-3</p></section><section><p><strong>Das Buch</strong></p><p>Max ist ein junger Mann, der nach Echo ger�t, in eine Welt also, die ganz von Geheimwissenschaften und Zauberkunst durchdrungen ist. Schnell gelingt es ihm, mit diesen neuen Gegebenheiten zurechtzukommen, zumal sein Chef - der gro�e Zauberer Sir Juffin - sich seiner pers�nlich annimmt. Und das nicht ohne Grund: Max, auf Erden ein unauff�lliger Mensch ohne besondere Talente, zeigt in Echo Begabungen, mit denen er selbst gro�e Magier in Staunen versetzt. Was allerdings noch in diesem Wunderknaben steckt, davon hat selbst Sir Juffin keine Ahnung. Fast jeden Tag entdecken er und seine Kollegen vom Kleinen Geheimen Suchtrupp neue F�higkeit an ihrem r�tselhaften Mitarbeiter. Besonders irritierend ist, dass Max offenbar gegen jede Magie immun ist, wenn er in Rage ger�t oder in sehr guter Stimmung ist. Und er kann durch eine Ritze zwischen den Welten nach Belieben in seine alte Welt greifen und sich so mit Dingen versorgen, die es in Echo nicht gibt. Weil Max ein sehr gelehriger Sch�ler ist, verschafft ihm sein Patron und Mentor eine wichtige Position als Detektiv bei der Geheimpolizei. Hauptaufgabe dieser Institution ist es, F�llen nachzugehen, in denen Magie und Zauberkunst zum puren Eigennutz oder verbrecherisch eingesetzt werden. Denn jeder Missbrauch der Magie bedeutet eine Bedrohung f�r die geordnete Welt von Echo. Da es aber auch dort genug Versuchungen gibt, ein krummes Ding zu drehen, hat Max schon bald alle H�nde voll zu tun ...</p></section><section><p><strong>Der Autor</strong></p><p>Seit Max Frei 1995 das Licht der Welt erblickte, ranken sich zahlreiche Spekulationen um die wahre Identit�t des Autors. Spuren finden sich �berall im Osten Europas, von Odessa am Schwarzen Meer bis ins litauische Vilnius. Auf der Suche st��t man auf viele interessante literarische Projekte, auch auf eine beliebte Radio-Talk- Show, und Werke des K�nstlers Max Frei finden sich sogar in deutschen Museen. Nachdem der erste Band mit den kriminalistisch-fantastischen Abenteuern aus dem mysteri�sen Echo-Labyrinth erschienen war, wurde Max Frei in Russland schlagartig ber�hmt und zu einer regelrechten Kultfigur.</p><p>Demn�chst erscheint:</p><empty-line/><p>
    Max Frei: Das Echo-Labyrinth 2. Die Reise nach Kettari (244651)</p><empty-line/><p>
    Max Frei Der Fremdling</p><empty-line/><p>
    Das Echo Labyrinth 1</p><empty-line/><empty-line/><p>
    Aus dem Russischen �bertragen von Anna Serafin</p><empty-line/><empty-line/><p>
    Die russische Originalausgabe erschien 2004 bei Amphora Publishers. St. Petersburg.</p></section><section><empty-line/><p>Inhalt</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Vorwort</p><empty-line/><p>Deb�t in Echo</p><empty-line/><p>Dschuba Tschebobargo und andere nette Leute</p><empty-line/><p>Zelle Nummer F�nf</p><empty-line/><p>Der Fremdling</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>Vorwort</p><p>Vorab m�chte ich ein paar grundlegende Dinge sagen. Ich hei�e wirklich Max Frei. Von Kindheit an habe ich stets die Kurzform von Maximilian bevorzugt.</p><p>Ich stamme irgendwo aus Ihrer Gegend. M�glicherweise sind wir sogar Nachbarn gewesen. Ich habe ungef�hr drei�ig Jahre in Ihrer Heimat gelebt und bin dann nach Echo gegangen.</p><p>Sie werden die Stadt Echo auf keiner Karte finden, denn sie liegt nicht auf Ihrem Planeten. Genauer gesagt: Sie liegt nicht in Ihrer Welt. Diese Formulierung gef�llt mir besser, weil nicht auf Ihrem Planeten gleich mit Raumfliegerei verbunden wird und ich - zum Gl�ck - nie ein Raumschiff betreten musste. Einzelheiten �ber meine Reise hierher finden Sie in der anschlie�enden Geschichte �Deb�t in Echo�.</p><p>Echo ist die Hauptstadt des Vereinigten K�nigreichs, das aus Uguland, Gugland, Landland und Uriuland, den Grafschaften Schimar und Wuk, den L�ndern des Ordens des Siebenzackigen Blattes, der freien Stadt Gazin und der Insel Murimach besteht.</p><p>In diesem K�nigreich erlauben die Naturgesetze die Entwicklung paranormaler F�higkeiten und f�rdern sie sogar - besonders bei uns in Echo, weil die Stadt �im Herzen der Welt� errichtet wurde, um eine Formulierung der hiesigen Magier aufzugreifen, ohne die ich nichts erkl�ren kann. Wenn Telepathie und andere kleine Tricks jenseits der Grenzen von Uguland (in dessen Mitte Echo liegt) nicht weiterhelfen, sieht die Lage b�se aus. Nur Faulenzer k�nnen in Echo nicht zaubern - das habe ich erschreckend schnell gelernt.</p><p>Dementsprechend begeistert sich die hiesige Bev�lkerung f�r Offenkundige Zauberei oder Alltagsmagie, vielmehr: Sie hat sich daf�r bis zum Beginn der Epoche des Gesetzbuchs begeistert, einer Epoche, der einige tragische und blutige Ereignisse vorausgegangen sind.</p><p>In uralter Zeit haben einige Weise vorhergesagt, die ma�lose Begeisterung f�r die Alltagsmagie k�nne b�se enden, und eine d�stere und komplexe Theorie des m�glichen Weltuntergangs entwickelt. Damals war die Anwendung von Magie unverzichtbar. Viele magische und sehr m�chtige Orden haben jahrtausendelang versucht, sich die Herrschaft untereinander zu teilen. Der K�nig - welchen Namen er auch getragen haben mag - ist damals die wichtigste Figur des politischen Spiels gewesen.</p><p>Das �nderte sich, als Gurig VII. den Thron bestieg und die Geschichte umkrempelte. Er verb�ndete sich mit dem einzigen Orden, dem er trauen konnte: Die Mitglieder des Siebenzackigen Blattes schw�rmten nicht nur davon, zahlreiche Konkurrenten zu beseitigen, sondern besch�ftigten sich schon lange ernsthaft mit der Untersuchung apokalyptischer Probleme. Nuflin Moni Max, der Gro�e Magister des Ordens, war ein weiser Mann, der die kommende Gefahr rechtzeitig erkannte. Kaum hatte er sein Amt angetreten, begann er, die Entscheidungsschlacht gegen die �brigen Orden vorzubereiten, und tat sich zu diesem Zweck mit K�nig Gurig VII. zusammen. Der Orden des Siebenzackigen Blattes entfesselte den Krieg gegen alle, der in die Geschichte als die Traurige Zeit eingegangen ist. Das zerst�rerische Jahrhundert endete mit dem nun auch offiziell verk�ndeten Frieden zwischen dem K�nig und dem Orden des Siebenzackigen Blattes. Am gleichen Tag wurde das Chrember-Gesetzbuch verk�ndet, benannt nach dem jungen Mann, der das letzte Opfer der Auseinandersetzungen geworden war. Diese vor einhundertzw�lf Jahren erlassene Gesetzessammlung besteht aus moralischen Geboten und strafbewehrten Verboten und dient der neuen Zeit - der Epoche des Gesetzbuchs - als Grundlage.</p><p>Die Generalklausel des Chrember-Gesetzbuchs lautet: �Den B�rgern des Vereinigten K�nigreichs ist die Nutzung von Alltagsmagie verboten - es sei denn, sie haben daf�r die Erlaubnis des K�nigs oder des Gro�en Magisters vom vornehmen und einzigen Orden des Siebenzackigen Blattes.�</p><p>Nichtsdestoweniger passieren auch jetzt noch Wunder, was auf einige Paragrafen zur�ckzuf�hren ist, die der Generalklausel des Gesetzbuchs widersprechen. So hei�t es beispielsweise: �Die B�rger d�rfen Wei�e Magie bis zum f�nften Grad anwenden, aber nur im eigenen Haus oder au�erhalb der Stadt Echo. Schwarze Magie d�rfen sie bis zum zweiten Grad anwenden, jedoch nur im eigenen Haus und nur im medizinischen oder kulinarischen Bereich.� Wei� und schwarz bedeuten �brigens nicht gut und schlecht! Schwarze Magie ist einfach jene Zauberkunst, die sich mit der Manipulation der Materie besch�ftigt, und verdankt ihren Namen der Farbe der Erde. Wei�e Magie hingegen arbeitet eher mit abstrakten Dingen, beispielsweise mit Stimmungen, Gedanken oder dem Ged�chtnis. Freilich haben die Bewohner des Vereinigten K�nigreichs eigene Vorstellungen davon, wo das Materielle endet und das Spirituelle beginnt. Spiritualit�t ist unter den Einwohnern von Echo sehr beliebt, gilt ihnen interessanterweise aber als Teil der Schwarzen Magie, weil sie fest daran glauben, dass ihre Wirkungen nicht weniger materiell sind als zum Beispiel die T�pfe in der K�che. Es gibt daher einige Dutzend Methoden, seine Widersacher zu t�ten - Methoden, die objektiv allesamt ins Gebiet der Wei�en Magie fallen, weil der Tod dort als eine der h�chsten �u�erungen des Abstrakten gilt. Aber all das ist �u�erst verwirrend.</p><p>Zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs mussten die besiegten Ordensmitglieder das Vereinigte K�nigreich verlassen. Man kann vermuten, dass selbst die m�chtigsten Magier au�erhalb der Grenzen von Echo einen Gro�teil ihrer Kraft verlieren und das ber�chtigte Weitende nicht heraufbeschw�ren k�nnen. Ab und an schauen einige dieser Magier in Echo vorbei, und dann wird es bei uns lustig.</p><p>Die Nutzungssperre der Wei�en Magie betrifft den Orden des Siebenzackigen Blattes nicht, denn seine Mitglieder verf�gen �ber Wissen, das es ihnen erlaubt, die Auswirkungen ihrer Experimente auf ein Minimum zu reduzieren. �kologisch saubere Magie - so etwas in der Richtung.</p><p>Au�erdem gibt es zahlreiche verdiente, verehrte und gef�hrliche Magier, die unangefochten in Echo leben und gewisse Privilegien besitzen. Sie haben es rechtzeitig geschafft, sich mit den k�nftigen Siegern zu arrangieren, oder sich dem Krieg einfach entzogen. Sie alle sind bewundernswerte und schillernde Pers�nlichkeiten, und ich bin der so festen wie naiven �berzeugung, dass auf ihrer charmanten Klugheit das Wohlergehen der Hauptstadt des K�nigreichs ruht.</p><p>Meiner Ansicht nach stehen ausreichend viele Grade von Alltagsmagie zur Verf�gung, so dass man sich nicht langweilen kann. Wer die Epoche der Orden noch erlebt hat, ist allerdings wom�glich anderer Meinung.</p><p>Und noch etwas. Neben der Alltagsmagie gibt es die Unsichtbare oder Reine Magie. Man hat mir mal erkl�rt, sie k�nne nicht nur die Welt zerst�ren, sondern bilde zugleich ein unerl�ssliches Element ihres Daseins. Da ich diese Theorie nicht widerlegen kann, glaube ich einfach daran.</p><p>Nur wenige kennen und beherrschen die Reine Magie, und ich m�chte darauf hinweisen, dass die Gabe, sich mit ihr zu besch�ftigen, vom Geburtsort unabh�ngig ist. Daf�r bin ich selbst ein erstaunlicher Beweis. Sir Juffin Halli - mein bester Freund, Vorgesetzter und Lehrer - behauptet, die Reine Magie komme in allen Welten vor: eine ziemlich gute Nachricht.</p><p>Ihr Max Frei</p></section><section><p>Deb�t in Echo</p><p>Man wei� nie, wohin es einen verschl�gt. Was das angeht, bin ich Spezialist. Die ersten neunundzwanzig Jahre meines Lebens war ich ein klassischer Versager. Der Mensch hat die Neigung, die verschiedensten Gr�nde f�r seinen Misserfolg zu suchen und zu finden. Mit so etwas habe ich mich nie besch�ftigt, denn bei mir war die Ursache stets klar.</p><p>Schon als Kind hatte ich Probleme, nachts durchzuschlafen. Morgens hingegen schlief ich angenehm tief, besonders in den Stunden, da man das Gl�ck verteilt. Am Osthimmel der ungerechtesten aller Welten stand in Flammenschrift der Spruch Morgenstund hat Gold im Mund. Ist es tats�chlich so?</p><p>Der wahre Alptraum meiner Kindheit war das t�gliche Warten auf den schrecklichen Moment, da es hie�: �Gute Nacht, mein Schatz, gib Mami ein K�sschen und ab ins Bett.� Die Zeit unter der Bettdecke war vergeudet, denn sie bestand allein aus hoffnungslosen Einschlafversuchen. Nat�rlich habe ich auch angenehme Erinnerungen an die unvergleichliche Freiheit, die man - wie ich schnell begriff - hat, wenn alle anderen schlafen. Man muss allerdings lernen, keine Ger�usche zu machen und die Spuren seines geheimen Tuns zu verbergen.</p><p>Doch das Schlimmste war das m�hsame Aufstehen morgens, nachdem es mit dem Einschlafen endlich geklappt hatte. Nat�rlich hasste ich meine Schule, verspottete mich dar�ber aber selbst. Die ersten zwei Jahre fand der Unterricht nur nachmittags statt, und ich geh�rte prompt zu den besten Sch�lern. Das war ich danach nicht mehr - bis zum Treffen mit Sir Juffin Halli.</p><p>Wie zu erwarten, vergr��erten sich meine Schlafprobleme im Laufe der Zeit st�ndig, was mein gedeihliches Hineinwachsen in die Gesellschaft verhinderte. Als ich mich gerade endg�ltig davon �berzeugt hatte, dass eine Nachteule wie ich in einer Welt, in der die Fr�haufsteher regieren, nichts zu suchen hat, traf ich Sir Juffin Halli.</p><p>Seiner Initiative verdankte ich die Bereitschaft, mich von meinem Elternhaus zu entfernen, und einen Job, der meinen Neigungen und meinem Ehrgeiz voll entspricht: Ich bin das Nachtantlitz des Ehrw�rdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Stadt Echo.</p><p>Die Geschichte meines Eintritts in diesen Dienst ist so ungew�hnlich, dass ich sie sp�ter gesondert erz�hlen werde. Vorerst beschr�nke ich mich darauf, die weiter zur�ckliegenden Ereignisse zu skizzieren.</p><p>Ich sollte wohl damit anfangen, dass Tr�ume f�r mich seit eh und je ein wesentlicher Teil des Lebens sind. Wenn ich aus einem Alptraum erwachte, war ich zutiefst �berzeugt, mir drohe tats�chlich Gefahr. Nachdem ich mich in eine Sch�nheit aus einem Traum verliebt hatte, konnte ich mich gleich von meiner Freundin trennen. In meiner Jugend hatte ohnehin jeweils nur eine Leidenschaft in meinem Herzen Platz. Wenn ich im Schlaf ein Buch gelesen hatte, zitierte ich meinen Freunden am n�chsten Tag munter daraus. Als ich im Traum eine Reise nach Paris machte, behauptete ich danach dreist, die Stadt schon besucht zu haben. Dabei war ich kein Angeber, oh nein, doch ich sp�rte, sah und begriff tats�chlich keinen Unterschied zwischen Traum und Realit�t.</p><p>Ab und an tr�umte ich auch von Sir Juffin Halli. Langsam freundeten wir uns an, wenn man das so sagen kann.</p><p>Sir Juffin ist ein extravaganter Typ, den man leicht f�r den �lteren Bruder des Schauspielers Rutger Hauer halten k�nnte. Sollten Sie genug Fantasie haben, so erg�nzen Sie seine imposante Gestalt um sehr helle, schmale und starr blickende Augen. Dieser lebensfrohe Mann, dessen All�ren so ganz anders waren als die eines �stlichen Kaisers oder eines Zirkusdirektors, eroberte das Herz des fr�heren Max, an den ich mich noch recht gut erinnere, wie im Flug.</p><p>In einem meiner Tr�ume gr��ten wir uns pl�tzlich und redeten bald darauf �ber Kleinigkeiten, wie Stammg�ste eines Cafes es so tun. Diese Art der Traumbegegnungen dauerte ein paar Jahre, und dann bot Juffin mir seine Hilfe an. Er sagte mir mit ganz normaler Stimme, ich w�rde �ber au�ergew�hnliche magische Kr�fte verf�gen, die es zu entwickeln gelte, wenn ich nicht den Herbst meines Lebens in einer psychiatrischen Klinik begr��en wolle. Und er schlug vor, mein Trainer, Arbeitgeber und guter Onkel zugleich zu werden. Dieser absurde Antrag erschien mir damals gef�hrlich verf�hrerisch. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich bei mir keine besondere Begabung bemerkt, und mir wurde langsam klar, dass es mit meiner Karriere - gelinde gesagt - nicht recht bergauf ging. Sir Juffin, der sich so sehr f�r meine hypothetischen F�higkeiten begeisterte, sch�pfte mich aus der Realit�t wie ein Kl��chen aus der Suppe. Bis zum letzten Moment glaubte ich fest daran, Opfer meiner Einbildungskraft zu sein. F�rwahr - der Mensch ist ein seltsames Wesen!</p><p>Den Bericht �ber meine erste Reise zwischen den Welten verschiebe ich auf sp�ter. An die ersten Tage meines Lebens in Echo erinnere ich mich fast gar nicht, begriff davon noch weniger und betrachtete - ehrlich gesagt - alles, was ringsum geschah, teils als langen Traum, teils als Kette komplizierter Halluzinationen. Ich versuchte nicht, die Situation zu durchschauen, sondern war ganz darauf konzentriert, die auftauchenden Probleme zu l�sen. Damit hatte ich genug zu tun. Zuerst nahm ich an einem Intensivkurs zur Integration in mein neues Leben teil. Es erwies sich, dass ich unbedarfter als ein Neugeborenes war. Das br�llt vor sich hin und macht in die Windeln, verletzt dabei aber keine lokalen Sitten und Gebr�uche. Ich hingegen machte am Anfang alles falsch und musste ordentlich schwitzen, damit man mich nicht weiter f�r einen Dorftrottel hielt.</p><p>Als ich mich zum ersten Mal im Haus von Sir Juffin Halli einfand, war er noch nicht da. Als Ehrw�rdiger Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Hauptstadt des Vereinigten K�nigreichs war Halli ein vielbesch�ftigter Mann und musste irgendwo stecken geblieben sein.</p><p>Der alte Haushofmeister Kimpa, der von seinem Herrn erfahren hatte, dass ich zu den G�sten der Kategorie de luxe geh�rte, war ausgesprochen verbl�fft, denn bisher hatten nur anst�ndige Leute das Haus besucht.</p><p>Ich begann mein neues Leben mit der Frage nach dem Klo. Auch das erwies sich als Fauxpas, denn alle B�rger des Vereinigten K�nigreichs, die �lter als zwei Jahre sind, wissen, dass sich Bad und Toilette im Keller eines jeden Hauses befinden und man sie �ber eine separate Treppe erreicht.</p><p>Und dann mein Aussehen! Meine Jeans und mein Pulli, meine Weste aus ungef�rbtem Leder und meine schweren, stumpfnasigen Schuhe eigneten sich sehr gut, den Alten zu schockieren, der gew�hnlich gleichm�tig wie der Monsunregen war. Zehn Sekunden lang musterte er mich von Kopf bis Fu�. Sir Juffin schwor sp�ter �brigens, so viel Aufmerksamkeit habe Kimpa zuletzt der ruhigen Mrs Kimpa am Hochzeitstag geschenkt. Das allerdings war vor ungef�hr zweihundert Jahren gewesen. Kaum hatte der Alte mich lange genug angestarrt, befahl er mir, mich umzuziehen. Ich widersetzte mich nicht, um die Erwartungen des irritierten Greises nicht zu entt�uschen.</p><p>Damit begann etwas Schreckliches. Ich stand vor einem Haufen bunt gemusterter Kleidungsst�cke, den ich mit vor Erregung schwitzenden H�nden durchw�hlte und dabei entnervt die Augen rollte. Zum Gl�ck hatte Kimpa ein erf�lltes Leben hinter sich und bestimmt viel Au�ergew�hnliches gesehen, darunter auch Dummk�pfe wie mich, denen die elementarsten Dinge fremd sind. Um dem guten Namen seines verg�tterten Chefs keine Schande zu machen, half er mir. Zehn Minuten sp�ter sah ich einem eingeborenen Bewohner von Echo ziemlich �hnlich, kam mir aber v�llig albern vor. Nachdem ich mich davon �berzeugt hatte, dass meine Kost�mierung unauff�llig war und nicht nach ein paar Schritten auseinanderfiel, fand ich mich mit ihr ab.</p><p>Dann begann die n�chste Nervenprobe: das Mittagessen. Kimpa, die gute Seele, leistete mir Gesellschaft, damit ich die Zeit sinnvoll nutzte. Bei jedem Gang des Men�s studierte ich die Handbewegungen meines Lehrers und versuchte, das abgeguckte Wissen anzuwenden, indem ich mein Essen mit dem passenden Besteck zum Mund f�hrte. Und immer achtete ich darauf, seinen Gesichtsausdruck nachzuahmen - das konnte ja nicht schaden!</p><p>Sp�ter lie� Kimpa mich in Ruhe und forderte mich auf, mir Haus und Garten anzuschauen. Das machte mir viel Spa�. Chuf - ein kleines, bezauberndes Wesen, das einer Bulldogge �hnelte - leistete mir Gesellschaft. Er war im Grunde genommen mein Cicerone. Ohne ihn h�tte ich mich in dem riesigen, halb leeren Haus sicher verirrt und kaum die T�r ins dicke Gestr�pp des Gartens gefunden. Dort legte ich mich ins Gras und konnte mich endlich erholen.</p><p>Bei Sonnenuntergang ging der alte Haushofmeister feierlich in seinen kleinen Schuppen in einem Winkel des Gartens und fuhr kurz darauf mit einem Technikwunder vor, einem Fahrzeug, das aussah, als lie�e es sich nur mit einem Zugtier fortbewegen, aber von alleine fuhr. Mit Hilfe eines Aggregats rollte es so schnell davon, wie seine Gr��e erwarten lie�. Sp�ter erfuhr ich �brigens, dass Kimpa in seinem langen Leben auch mal L�ufer gewesen war. Seine Geschwindigkeit lie� sich freilich nicht mit der von A-Mobilen - wie man diese merkw�rdigen Fortbewegungsmittel nannte - vergleichen.</p><p>Kimpa kam nicht allein zur�ck: Sir Juffin Halli pers�nlich - mein alter Bekannter und Bewohner meiner fabelhaften Tr�ume - thronte auf den weichen Kissen der Benzinkutsche.</p><p>Endlich begriff ich: Alles, was passiert war, war tats�chlich geschehen! Ich erhob mich ein wenig, um ihn zu begr��en, fiel aber gleich wieder ins Gras, schaute ihn finster an und machte ein dummes Gesicht. Gleich darauf sah ich zwei l�chelnde Sir Juffins auf mich zukommen. M�hsam w�hlte ich einen aus, rappelte mich auf und w�re fast wieder umgekippt. Ich f�hlte mich ungeheuer tapfer.</p><p>�Macht nichts, Max�, meinte Sir Juffin Halli und l�chelte mich verst�ndnisvoll an. �Auch mir geht es oft schlecht, und ich habe dabei die gleichen Erfahrungen gemacht. Ich bin froh, dich endlich in natura kennenzulernen!� Dann legte er die linke Hand an die Brauen und rief triumphierend: �Du bist es wirklich!� Er nahm die Hand runter und zwinkerte mir zu: �So begr��t man sich hier, Max! Wiederhole!�</p><p>Auch ich legte die Hand an die Brauen und rief: �Ihr seid es wirklich!�</p><p>�F�r den Anfang nicht schlecht�, meinte Halli. Dann machte ich es noch siebzehn Mal und f�hlte mich wie ein geistesschwacher Kronprinz, der einen Benimmlehrer bekommen hat.</p><p>Leider beschr�nkten sich die Erlebnisse dieses Tages nicht nur auf das Erlernen der Echo-Etikette. Das Hauptproblem ist, dass hier seit Ewigkeit m�chtige Magier wohnen. Meiner Ansicht nach geh�ren alle Eingeborenen bis zu einem gewissen Grade dazu. Gl�cklicherweise hatte man die uralte Rivalit�t der magischen Orden durch den Frieden zwischen K�nig Gurig VII. und dem Orden des Siebenzackigen Blattes beendet. Das war hundertzw�lf Jahre vor meiner Ankunft in Echo gewesen. Seither d�rfen sich die B�rger nur einfachster Magie bedienen - vor allem auf kulinarischem und medizinischem Gebiet. Magie braucht man hier beispielsweise zur Vorbereitung der Kamra, die man in Echo statt Tee und Kaffee trinkt. Dieses Getr�nk schmeckt ohne magische Formel zu bitter. Mit einem anderen Zauberspruch bleibt die Butterdose sauber - eine epochale Errungenschaft, wie ich finde!</p><p>Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dem Orden des Siebenzackigen Blattes bin, dessen Umtriebe und Intrigen den Lauf der Geschichte ver�ndert haben. Beispielsweise brauche ich den 234. Grad der Wei�en Magie nicht zu erlernen, von dem Kenner behaupten, er sei der Gipfel der menschlichen M�glichkeiten. Ich habe mich entschieden, in den offiziell erlaubten Zaubertricks die Grenze meiner bescheidenen M�glichkeiten zu sehen. Ich bin gewisserma�en ein invalider Virtuose - wie Douglas Bader, das britische Flieger-Ass ohne Beine. Sir Juffin Halli behauptet dagegen, meine gr��te St�rke sei, der Wunderwelt anzugeh�ren, was aber nicht die F�higkeit einschlie�t, mit ihr zurechtzukommen.</p><p>Am Abend des ersten Tages meines neuen Lebens stand ich in dem mir zugeteilten Schlafzimmer vor dem Spiegel und begutachtete mich. In den schmalen Falten der Skaba (einer langen, einfachen Tunika) und den breiten Falten des Lochimantels - des hiesigen Kompromisses zwischen langem Gewand und Poncho - kam ich mir wie eine Schaufensterpuppe vor. Der ausgefallene Turban stand mir sehr gut dazu. In diesem Aufzug fiel es mir leichter, das seelische Gleichgewicht zu bewahren. Ich brauchte mir keine Gedanken zu machen und versuchte nicht mehr zu begreifen, was eigentlich mit mir passiert war. Der Junge dort im Spiegel konnte jeder beliebige Mensch sein, auf keinen Fall aber mein guter alter Bekannter Max.</p><p>Chuf tauchte auf, kl�ffte freundlich und stupste die Nase gegen mein Knie. �Wie gro� und h�bsch du bist!�, vernahm ich pl�tzlich und begriff dann, dass ich seine Gedankenstimme geh�rt hatte. Der kluge kleine Hund war der Erste, der mir die Stumme Rede dieser Welt beibrachte. Wenn ich irgendwann den vierten Grad der Wei�en Magie verstehen sollte, geb�hrt diesem seltsamen Tier ein gro�es Kompliment.</p><p>Die Zeit verging schnell. Ich schlief bis weit in den Tag hinein und stand erst abends auf, zog mich an und las mir mancherlei vor. Zum Gl�ck gab es nie Verst�ndigungsprobleme zwischen mir und den Bewohnern des Vereinigten K�nigreichs. Warum das so war, wei� ich bis heute nicht. Ich musste mich nur an die hiesige Aussprache gew�hnen und ein paar neue Ausdr�cke lernen. Das war zu schaffen!</p><p>Kimpa beobachtete meine Studien unaufdringlich, aber scharf. Er bekam den Auftrag, mich, den Barbaren, in einen echten Gentleman zu verwandeln, der irgendwo an der Grenze zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren L�ndern geboren war. So lautete mein offizieller Lebenslauf f�r Kimpa und alle anderen.</p><p>Eine gute Geschichte, wie ich jetzt wei�. Im Genre der improvisierten F�lschung ist sie ein echtes Meisterwerk von Sir Juffin. Von Echo aus gesehen ist die Grafschaft Wuk der am weitesten entfernte Teil des Vereinigten K�nigreichs. Die d�nn besiedelten Ebenen an Wuks Grenzen gehen allm�hlich in die riesigen unbewohnten Gebiete der Leeren L�nder �ber, die l�ngst nicht mehr zum Vereinigten K�nigreich geh�ren. Wozu braucht man schon Leere L�nder? Nur wenige Hauptstadtbewohner waren je dort gewesen, und man hielt jede Reise dorthin f�r ein leichtsinniges und riskantes Unternehmen. Nach Auffassung von Sir Juffin sind mehr als die H�lfte der Bewohner der Leeren L�nder ungebildete Nomaden, w�hrend der Rest aus den vor hundertzw�lf Jahren geflohenen rebellischen Magiern besteht, die man in der Hauptstadt auch nicht gerade mit Aufmerksamkeit verw�hnt.</p><p>�Egal was du unternimmst�, erkl�rte Sir Juffin, w�hrend er gen�sslich in seinem Lieblingssessel schaukelte, �du brauchst dich f�r nichts zu entschuldigen. Deine Herkunft bleibt f�r die snobistischen Blicke der Hauptstadt die beste Erkl�rung all deiner Verfehlungen. Das kannst du mir glauben. Ich bin selbst aus Kettari gekommen, einem kleinen St�dtchen in der Grafschaft Schimar. Das ist Jahre her, doch man erwartet von mir bis heute stets exzentrische Dinge. Die Leute sind sogar beleidigt, wenn ich mich normal benehme.�</p><p>�Prima! Dann fange ich gleich damit an!�, rief ich und tat, worauf ich schon lange Lust gehabt hatte: Ich nahm eine kleine warme Pirogge vom Teller, ohne das daf�r vorgesehene H�kchen zu benutzen, das eher einer Zahnarztwaffe als einer Gabel glich.</p><p>Sir Juffin grinste g�nnerhaft. �Aus dir wird noch ein ausgezeichneter Barbar, Max. Da mach ich mir keine Sorgen!�</p><p>�Ich mir auch nicht!�, antwortete ich mit vollem Mund. �Wissen Sie, Juffin - seit meiner Geburt bin ich davon �berzeugt, dass ich am besten selbst auf mich aufpassen kann. Das Urteil anderer interessiert mich keinen Pfifferling! Ich liebe mich viel zu sehr, um mich mit Selbstrechtfertigungen zu qu�len, wenn Sie wissen, was ich meine.</p><p>�Du bist ein Philosoph�, meinte Sir Juffin Halli und schien ganz zufrieden mit mir zu sein.</p><p>Doch zur�ck zu meinem Unterricht. Noch nie hatte sich meine Leidenschaft f�r das Gedruckte als so n�tzlich erwiesen wie in diesen ersten Tagen. Nachts verschlang ich B�cher aus Sir Juffins Bibliothek, lernte dadurch die neue Umgebung kennen, erforschte einige Besonderheiten der hiesigen Mentalit�t und b�ffelte eine ganze Reihe h�bscher Wendungen und Ausdr�cke. Chuf folgte mir auf Schritt und Tritt und �bte mit mir st�ndig Stumme Rede. Am Abend, der inzwischen in der Mitte meines Tages lag, erschien Sir Juffin, und wir a�en zusammen. Unauff�llig pr�fte er dabei meine Fortschritte in allen Bereichen. Nachdem wir ein, zwei Stunden miteinander verbracht hatten, verschwand er gew�hnlich im Schlafzimmer, und ich ging wieder in die Bibliothek.</p><p>Zwei Wochen nach meiner Ankunft stellte Sir Juffin eines Abends fest, dass ich schon beinahe einem Menschen �hneln und als solcher eine Belohnung verdienen w�rde.</p><p>�Heute essen wir im Fressfass, Max! Auf diesen Tag habe ich lange gewartet!�</p><p>�Wo essen wir?�</p><p>�In Bunbas Fressfass, dem angesagtesten Wirtshaus von Echo: hei�e Pasteten, die beste Kamra, die fantastische Madame Zizinda und um diese Zeit keine Gegnerfratzen.�</p><p>�Also nur Freundesfratzen?�</p><p>��berhaupt keine Fratzen. Das Lokal ist �brigens h�bscher als die meisten Bewohner von Echo.�</p><p>�Wieso das denn?�</p><p>�Das wirst du schon sehen. Na los, zieh dich an. Ich hab einen B�renhunger.�</p><p>Ich tauschte meine Hauspantoffeln gegen hohe Mokassins, die wie echte Stiefel aussahen. Dadurch wirkte ich so elegant, als wollte ich gleich die F�hrerscheinpr�fung machen, die �brigens kein Grund zur Panik gewesen w�re, da das F�hren von A-Mobilen kein Problem f�r mich war. Ich hatte n�mlich einschl�gige Erfahrungen, weil ich in der alten Welt die rote Rostm�hle meines Cousins �bernommen hatte, als der sich einen teuren Schlitten leisten konnte. Hier in Echo hatte Kimpa mir vor ein paar Tagen einige Tricks gezeigt, die sich allesamt mit einem Handgriff bewerkstelligen lie�en. Anschlie�end hatte er sich f�nf Minuten von mir chauffieren lassen und gemeint: �Du kannst es.� Danach hatte er mir zugewinkt und war weggegangen. Jetzt beurteilte auch Juffin meine Professionalit�t und sagte: �Junge, das Leben ist gar nicht so schwer!� F�nf Minuten sp�ter f�gte er hinzu: �Schade, dass ich keinen Chauffeur brauche, sonst w�rde ich dich einstellen.� Fast w�re ich vor Freude geplatzt!</p><p>Das A-Mobil lie� sich so leicht steuern, dass mich das Chauffieren nicht von der ersten Kontaktaufnahme mit der Stadt Echo ablenkte. Zuerst fuhren wir durch enge Gassen, die sich zwischen den st�dtischen Obstg�rten am Linken Flussufer entlangschl�ngelten. Die hiesigen Grundst�cke waren ganz nach dem Geschmack ihrer Besitzer beleuchtet. Also fuhren wir durch bunte Lichtquadrate, die mal gelb oder rosa, mal blau oder lila waren. Ich hatte mich schon fr�her f�r die Obstg�rten am Linken Flussufer begeistert, die ich nachts von Juffins Haus aus hatte sehen k�nnen. Von einem blass beleuchteten Lichtsee in den anderen zu wechseln, hat etwas - das sage ich Ihnen!</p><p>Pl�tzlich erreichten wir eine breite Allee oder doch etwas, das ich anfangs f�r eine Allee hielt. Links und rechts strahlten aus teils schon geschlossenen, teils noch ge�ffneten Gesch�ften zahlreiche Lichter in allen Farben. Ich merkte schnell, dass ich mich in der Stadtlandschaft noch nicht richtig auskannte. Wir waren hier am Kamm von Echo, an einer der Br�cken also, die die Ufer des Flusses miteinander verbinden. Zwischen den H�usern gl�nzte manchmal das Wasser des Churon, des eindeutig h�bschesten Flusses des Vereinigten K�nigreichs. Ich blieb einfach stehen, und die ganze Pracht st�rzte von allen Seiten auf uns ein. Burg Rulch - die k�nigliche Residenz auf einer gro�en Insel im Fluss - leuchtete rechts in allen Farben des Regenbogens. Links schimmerte eine andere Insel in gleichm��igem Blau.</p><p>�Das ist der Turm Cholomi, Max. Er steht auf der gleichnamigen Insel. Ein toller Ort!�</p><p>�Toll?�</p><p>�Na ja, der Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps h�lt ihn f�r das bezauberndste Fleckchen von Echo. Und du wei�t ja, dass ich diese Funktion aus�be�, sagte Sir Juffin l�chelnd.</p><p>�Und ich verga�, mit wem ich mich eingelassen habe.�</p><p>Ich warf Juffin einen Blick zu, der ihn eine Fratze schneiden und abwinken lie�. Wir lachten beide.</p><p>Weiter ging's. Das Linke Flussufer! Juffin fing an, mich zu dirigieren. �Rechts, wieder rechts, dann links!� Ich war gehorsam wie ein Armeefahrer. Warum, wei� ich nicht. Nach einer Weile landeten wir in der Stra�e der Kupferkessel.</p><p>�Irgendwo da steht unser Haus an der Br�cke�, meinte Juffin und zeigte in die orangefarbene D�mmerung der Stra�enlaternen. �Aber die Zeit f�r deinen Besuch dort wird erst noch kommen. Und jetzt - stopp! Wir sind da!�</p><p>Wir hielten an, und zum ersten Mal trat ich auf den mit Mosaiken geschm�ckten Gehsteig des Rechten Flussufers. Ich unterdr�ckte ein gef�hrliches Kopfsch�tteln und ging ins Fressfass - das Lieblingswirtshaus meiner Tr�ume und der Ort, an dem ich mich immer mit Sir Juffin getroffen und wo ich sein merkw�rdiges Jobangebot so leichtsinnig angenommen hatte.</p><p>Ohne nachzudenken, steuerte ich meinen Lieblingsplatz zwischen Theke und Fenster an. Eine appetitliche Br�nette l�chelte mir wie einem alten Kunden zu. Es war Madame Zizinda, die Enkelin des im Namen des Lokals verewigten Vielfra�es Bunba.</p><p>�Hier gef�llt es mir am besten�, stellte Juffin fest. �Die wichtigste Regel bei der Auswahl deiner k�nftigen Kollegen lautet: Wenn ihnen die gleiche K�che und der gleiche Tisch wie dir gef�llt, ist eine psychische Bindung gew�hrleistet.�</p><p>In diesem Augenblick stellte Madame Zizinda eine Sch�ssel hei�e Pasteten auf den Tisch. Die �brigen Ereignisse des Abends verschweige ich, bis ich einen Touristenf�hrer mit dem Titel �Die besten Wirtsh�user der Stadt Echo� verfasse.</p><p>Zwei Tage sp�ter kam es zu meinem n�chsten Auftritt in der gro�en Welt. Kurz vor Einbruch der D�mmerung, als ich gerade fr�hst�cken wollte, kehrte Sir Juffin nach Hause zur�ck.</p><p>�Heute ist dein Jubil�um�, erkl�rte er und nahm mir mein Sch�lchen mit Kamra weg. Er hielt es wohl nicht aus, bis Kimpa ihm eine Portion zubereitet hatte. �Also testen wir deine Fortschritte heute an meinem Lieblingsnachbarn. Wenn der alte Makluk mich danach noch gr��t, werte ich das als Zeichen daf�r, dass du reif genug bist, selbst�ndig zu leben. Meiner Ansicht nach findest du dich ungemein rasch zurecht - so rasch, dass ich den Eindruck habe, kein objektiver Beobachter mehr zu sein. Vielleicht ist es ja so, dass ich dich zu schnell in meine Arbeitsgruppe integrieren will.�</p><p>�Denken Sie daran, Juffin: Er ist Ihr Nachbar, und Sie werden weiter mit ihm leben m�ssen.�</p><p>�Makluk ist nett und harmlos. Au�erdem ist er beinahe ein Einsiedler. Der Alte hatte Menschen schon satt, als er noch am K�nigshof arbeitete und Rechte Hand des Kl�rers bedauerlicher Missverst�ndnisse war. Jetzt kann er nur noch mich und zwei weitere Witwer ertragen, die genauso betagt sind wie er - und auch das nur selten.�</p><p>�Sie sind verwitwet?�</p><p>�Ja, schon �ber drei�ig Jahre. Das ist kein Tabu mehr. Nur die ersten zwanzig Jahre mochte ich nicht dar�ber sprechen. Hier heiratet man sp�t und hofft, lange zusammenzuleben. Wir glauben auch, das Schicksal sei kl�ger als das Herz - nimm also nicht alles so ernst!�</p><p>Damit ich das schon mal trainieren konnte, schnappte er mir schnell die zweite Portion Kamra weg, auf die ich mich schon gefreut hatte.</p><p>Kurz darauf putzten wir uns festlich heraus und traten unseren Besuch an. Der hiesige Sonntagsstaat unterscheidet sich nur durch die Pracht der Muster und Farben von der Alltagskleidung, nicht durch den Schnitt, an den ich mich langsam gew�hnte. Erneut kam ich mir vor, als ginge ich zu einer Pr�fung. Mein Herz tobte, als suchte es den k�rzesten Weg in die Fersen.</p><p>�Max, seit wann bist du so ernst?� Der schlaue Fuchs Juffin hatte sofort gemerkt, was mit mir los war. Mein Seelenleben stand ihm wie eine Schlagzeile vor Augen.</p><p>�Ich versetze mich allm�hlich in meine Rolle�, brachte ich heraus. �Darf ein Barbar aus der Provinz etwa nicht aufgeregt sein, wenn er einen Menschen trifft, der das ganze Leben lang von Seiner Majest�t Schl�ge ins Genick bekommen hat?�</p><p>�Schlagfertigkeit: gut. Gelehrigkeit: gut bis sehr gut. Die Provinzbarbaren, wie du sie nennst, sind arrogant, hochm�tig und ungebildet und pfeifen auf unsere hauptst�dtischen Taten! Intuition: ausgezeichnet! Wie h�ttest du sonst wissen sollen, dass Sir Makluk vom damaligen K�nig Gurig mit der H�chsten Backpfeife ausgezeichnet wurde, nachdem er eines Tages auf seinem k�niglichen Scho� gelandet war?!�</p><p>�Ehrlich gesagt, habe ich nur so dahingeredet.�</p><p>�Das meine ich mit Intuition: einfach so zu faseln und doch ins Schwarze zu treffen!�</p><p>�Einverstanden, ich bin ein Genie. Und obendrein - laut der Biografie, die Sie sich f�r mich ausgedacht haben - ein Barbar, der ernsthaft vorhat, in Echo rasch Karriere zu machen, und sich deswegen von seinen hochm�tigen, aber ungebildeten Landsleuten unterscheiden muss. Wenn die gespielte Arroganz zerbricht, erscheint darunter gew�hnlich Sch�chternheit. Das wei� ich, weil ich auch so bin. Nehmen Sie Ihr �gut bis sehr gut&lt; vielleicht zur�ck?�</p><p>�Einverstanden. Das �gut� nehme ich zur�ck, aber das �sehr gut� lasse ich dir. Und ich verkneife mir Empfehlungen - du wei�t selbst, was du zu tun hast. Schlie�lich bist du kein Kind mehr.�</p><p>Wir gingen durch unsere Obstwiese und gelangten durch eine Seitenpforte in den Nachbargarten. An der pr�chtig verzierten Eingangst�r vermeldete ein Schild: �Hier wohnt Sir Makluk. Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verlaufen haben?� Ich kicherte verlegen, weil ich davon keineswegs �berzeugt war. Aber der Glaube von Sir Juffin reichte locker f�r zwei.</p><p>Die T�r �ffnete sich ger�uschlos. Vier gleicherma�en grau gekleidete Diener gr��ten uns im Chor. Ein professionelles Quartett, kann ich nur sagen!</p><p>Dann begann, wozu ich mich noch nicht bereit f�hlte. Juffin meinte �brigens, niemand sei je so weit, einen Empfang bei Makluk zu �berstehen - au�er routinierten Salonl�wen, den wichtigsten und dabei nutzlosesten Wesen dieser Welt.</p><p>Ein paar robuste Jungs mit zwei S�nften kamen bedrohlich nah an uns heran. Gleichzeitig �berreichten uns die Diener einige bunte Fetzen. Ich wusste mir keinen anderen Rat, als Juffin anzuschauen und ihm alles nachzumachen.</p><p>Zuerst nahm ich meinen dicken Mantel ab, ohne den ich mich nackt f�hlte, weil mir das d�nne Unterkleid, das meinem K�rper eng anlag, f�r Treffen mit anderen Leuten damals noch nicht recht geeignet schien. Dann schaute ich mir genau an, was ich da bekommen hatte. Wieder hatte ich mich get�uscht: Es handelte sich bei den farbenfrohen Stoffst�cken nicht um Lumpen, sondern um einen gro�en Halbmond mit riesigen aufgesetzten Taschen, dessen innerer Rand mit einer langen Kette kleiner Ringe best�ckt war. Wieder musste ich Sir Juffin anstarren. L�ssig nahm mein sonderbarer Cicerone durchs Labyrinth der H�flichkeit seinen Halbmond und streifte ihn �ber. Innerlich zitternd tat ich es ihm nach. Die Dienerbande blieb gelassen.</p><p>Kaum standen wir so herausgeputzt da, beugten sich die trampeligen S�nftentr�ger vor uns nieder. Sir Juffin stieg geradezu grazi�s in seine S�nfte. Nachdem ich mich innerlich bekreuzigt hatte, tat ich es ihm einmal mehr nach. Eine Weile ging es durch leere Korridore, die breit wie Stra�en waren. Sir Makluks Haus beeindruckte mich sehr. Von au�en wirkte es wie ein ganz normales H�uschen, aber von innen ...</p><p>Endlich erreichten wir einen gro�en Saal, der ebenso karg m�bliert war wie das einzige mir bekannte Haus in Echo. Damit allerdings endete die �hnlichkeit mit der Wohnung von Sir Juffin. Hier sah ich etwas anderes als den mir vertrauten Esstisch mit seinen gem�tlichen St�hlen.</p><p>Ein schmaler Tisch mit einem Springbrunnen in der Mitte zog sich durch das ganze Zimmer. Rund um den Tisch befand sich ein Kranz niedriger Podien. Auf einem davon stand eine den unseren �hnliche S�nfte, aus der ein munterer, grauhaariger Alter schaute, der gar nicht wie ein Adliger aussah: unser Gastgeber Sir Makluk. Als er mich erblickte, legte er die Hand an die Brauen und rief: �Du bist es wirklich!�</p><p>Ich erwiderte seinen Gru� auf gleiche Weise. Das hatte ich schlie�lich lange genug ge�bt. Der Alte streckte Sir Juffin die Hand entgegen. Seine Bewegungen waren so energisch, dass er beinahe aus der S�nfte gest�rzt w�re.</p><p>�Tragt auf, der strenge Sir Juffin ist da!�, rief er fr�hlich.</p><p>Schnell stufte ich das Ganze als hiesige Begr��ungsformel ein. Doch das war falsch, denn der Hausherr hatte sich einen Scherz erlaubt. Ich wollte mich schon dar�ber �rgern, dachte mir dann aber: Egal, was kommt - meine Gesundheit geht vor. Wollen Sie ein Wochenende in Gesellschaft des wilden Max verbringen, lieber Juffin? Ihr Wunsch wird sofort erf�llt! Ich muss nur tief einatmen und mich ein wenig entspannen, aber dann ...</p><p>Das gelang mir leider nicht, und ich geriet wieder in Verlegenheit. Ein minderj�hriges, geschlechtsloses Wesen kam auf mich zu. In Echo braucht man ein ge�btes Auge, um Jungen und M�dchen zu unterscheiden. Alle tragen die gleiche Kleidung und binden das Haar zum Pferdeschwanz zusammen, damit es nicht st�rt. Das Kind trug einen Korb voll kleiner, leckerer Br�tchen, die ich sehr mochte und die Kimpa mir immer zum Fr�hst�ck servierte. Es wandte sich mit seinem Geb�ck zuerst an mich, und ich stand v�llig allein und hilflos da. Juffin war in einer anderen Zimmerecke abgesetzt worden und befand sich gerade neben einem gastfreundlichen Nikolaus aus der Zeit des R�mischen Imperiums. Schweigend nahm ich ein Br�tchen. Das Kind streifte mich mit einem erstaunten Blick, zeigte ansonsten aber keine Reaktion. Als es auf die anderen Herren zuging, die mehr Erfahrung mit solchen Situationen hatten, verstand ich: Ich war zu bescheiden gewesen! Juffin und Sir Makluk hingegen nahmen mehrere Geb�ckst�cke und schoben sie in die ger�umigen Taschen ihres Halbmonds. Wie es aussah, w�rde ich hungrig bleiben!</p><p>Inzwischen wechselten meine Tr�ger von einem Fu� auf den anderen - offenbar weil sie nicht wussten, wohin sie mich bringen sollten. Ihren Gesichtern nach zu schlie�en, war das meine Entscheidung.</p><p>�Heb den Daumen, und sie gehen�, h�rte ich pl�tzlich einen fremden Gedanken. �Wenn du bleiben willst, zeig ihnen die Faust.�</p><p>�Danke, Juffin�, antwortete ich stumm und hoffte, mich an die richtige Person gewandt zu haben. �Sie retten mir gerade das Leben. Nur weiter so, bitte!�</p><p>�Prima, du kennst dich mit Stummer Rede ja schon gut aus�, sagte er erfreut.</p><p>Ich befolgte den ersten Teil seiner Anweisung, und die Diener trugen mich zu den anderen G�sten hin�ber. Als ich nah genug war, um ihr Tun beobachten zu k�nnen, drohte ich den Tr�gern mit der Faust. Daraufhin stellten sie mich auf einem kleinen Podium ab, und ich konnte mich beruhigen.</p><p>Vor jedem Podium stand ein Gericht. Man kostete und wischte sich den Mund dann mit einem der grellen Fetzen ab, die am Halbmond hingen. Danach hob man den Daumen, und die Reise ging langsam weiter. Bei Gerichten, die besonders gut schmeckten, konnte man Nachschlag nehmen.</p><p>Die erste halbe Stunde hielt ich mich zur�ck. Das Essen verdiente nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Doch dann streifte ich meine Hemmungen ab, sagte mir �Was soll's!�, und kostete alles - auch den Dschubatinischen S�ufer, ein hiesiges Feuerwasser, dessen Name nicht h�bsch ist, aber passend. Ich traute mich sogar, mich ins Gespr�ch der beiden alten Freunde zu mischen, was Sir Makluk sichtlich belustigte.</p><p>Im Gro�en und Ganzen lief alles problemlos.</p><p>Kaum hatten wir das Haus unseres Nachbarn verlassen, konnte ich nicht mehr an mich halten und fragte: �Na, wie war ich? Sie hatten Zeit genug, meinen Auftritt mit Sir Makluk zu besprechen, oder? Die Stumme Rede erlaubt das ja auch, wenn das Opfer in der N�he ist.�</p><p>�Die Herkunftsgeschichte, die ich mir f�r dich ausgedacht habe, hat sich als totaler Reinfall erwiesen�, sagte Sir Juffin und l�chelte schadenfroh. Eine Weile hielt ich heroisch aus und f�hlte mich wie ein Tollpatsch. Dann erkl�rte er: �Der Alte hat mich immer wieder mit der Frage gel�chert, woher ich so einen intelligenten Barbaren habe. W�ren wir l�nger geblieben, h�tte er dir eine F�hrungsposition angeboten.�</p><p>�Das ist ja schrecklich! Und was passiert jetzt?�</p><p>�Nichts Besonderes. In den n�chsten Tagen suchen wir dir eine Wohnung, in der du so leben kannst, wie du magst. Dann hab ich dich vom Hals, und du f�ngst an zu arbeiten. Bis dahin hast du noch ein paar Stunden Unterricht bei mir.�</p><p>�Unterricht worin?�</p><p>�In interessanten Dingen. Nimm blo� nicht alles so ernst! Die Tischregeln haben wir schon hinter uns. Immerhin habe auch ich mein ausk�mmliches Leben als Hilfskraft mit starker Neigung zu Reiner Magie begonnen. Du wirst noch staunen, wenn du erst merkst, wie leicht dir der Unterricht f�llt.�</p><p>�Und woher wollen Sie wissen, dass ich ...?�</p><p>�Seit wann glaubst du mir nicht mehr?�</p><p>�Seit unserem Besuch bei Ihrem Nachbarn Makluk. Sie hatten mich nicht vorgewarnt, dass es dort S�nften und solchen Mist gibt. Ich w�re fast an Ort und Stelle gestorben!�</p><p>�Aber du hast alles richtig gemacht.� Sir Juffin Halli zuckte gleichg�ltig die Achseln. �Wer h�tte das gedacht!�</p><p>An diesem Abend ging ich sehr fr�h zu Bett und schlief die ganze Nacht wie ein Stein. Der kleine Hund Chuf staunte, weil er daran gew�hnt war, dass nach Mitternacht das interessante Leben losging.</p><p>Die n�chsten zwei Tage verbrachte ich im Zeichen angenehmerer Aufgaben. Tags�ber las ich in alten Ausgaben der Zeitungen K�nigliche Stimme und Trubel von Echo. Ungeniert markierte Sir Juffin alle Beitr�ge, in denen die Arbeit seines B�ros gelobt wurde. Diese Lekt�re war fesselnder als das spannendste Buch. Die knappen Notizen �ber die Anwendung verbotener Magie waren nicht immer nach meinem Geschmack. Ab und zu geriet ich an die lokale Kriminalchronik und begriff: Auch in Echo passierten so spannende Dinge wie lebensgef�hrliche Attacken, Schl�gereien und Erpressungen.</p><p>Rasch lernte ich die Namen meiner k�nftigen Arbeitskollegen: Sir Melifaro (der - warum auch immer - auf seinen Vornamen verzichtet hatte), Sir Kofa Joch, Sir Sch�rf Lonely-Lokley, Lady Melamori Blimm und Sir Lukfi Penz. Das waren schon alle Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps! Gro� war diese Einheit wirklich nicht.</p><p>Hier in Echo hat man die Fotografie noch nicht erfunden, und die Portr�tmaler sind sich zu fein, um f�r Zeitungen zu arbeiten. Also musste ich auf eigene Faust herausfinden, wie meine Kollegen aussehen. Und wieder traf zu, was Sir Juffin �ber meine Intuition gesagt hatte: Ich riet alles richtig!</p><p>Gegen Sonnenuntergang nahm ich das A-Mobil und fuhr ans Rechte Flussufer. Ich lief �ber die Mosaikgehsteige, schaute mich ein wenig um und sah in einige gem�tliche Wirtsh�user, kurzum: Ich machte mich mit der Umgebung vertraut. Was w�rde ich als Nachtantlitz des Ehrw�rdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps taugen, wenn ich nicht einmal die Stra�e finden konnte, in der sich meine Abteilung befand? Schwierig war das nicht. Ich hatte noch nie von einem Wolf geh�rt, der sich im Wald verlaufen hatte - auch wenn es nicht sein Geburtswald war. Bestimmt gibt es einen Instinkt des Stadtmenschen, auch wenn er bisher unerforscht sein mag: Wer sich in einer gro�en Stadt erst auskennt, wird mit anderen Metropolen keine echten Probleme mehr haben.</p><p>Dann kehrte ich nach Hause zur�ck. Wie immer erwies sich die Nacht f�r mich als die reizendste und seltsamste Tageszeit. Sir Juffin hatte sich - wie er zu sagen pflegte - mit seiner Bettdecke zerstritten und ging nach dem Abendbrot nicht schlafen, sondern entf�hrte mich in sein Arbeitszimmer, wo er mir etwas Neues beibrachte: Ich lernte, das Ged�chtnis der Dinge zu betrachten. Diese F�higkeit geh�rt zu den einfachen, aber unerl�sslichen Elementen der Reinen Magie, dieser verschwommenen und abstrakten Lehre, deren Beherrschung f�r meinen zuk�nftigen Beruf notwendig war.</p><p>Nur wenige wissen �berhaupt von der Existenz dieses Zaubers. Ich glaube, Reine Magie aus�ben zu k�nnen, hat nichts mit den erstaunlichen Eigenschaften des Weltherzens zu tun, denn auch ich - ein Fremder immerhin - verf�ge ja �ber diese F�higkeit. Und Sir Juffin, der zweifellos ebenfalls ein bedeutender Spezialist auf diesem Gebiet ist, stammt aus Kettari, einem kleinen St�dtchen in der Grafschaft Schimar. In der Kunst, durch magische Tricks ein wenig Abwechslung ins Leben zu bringen, lag die dortige Bev�lkerung deutlich hinter den Hauptst�dtern.</p><p>Aber zur�ck zu meinem Unterricht. Ich lernte rasch, dass ein unbelebter Gegenstand - sofern man ihn nur mit dem �gewissen Blick� anschaut - imstande ist, dem Betrachter Ereignisse zu zeigen, die in seiner Anwesenheit passiert sind. Das gilt - wie ich nach dem Treffen mit einer Stecknadel begriffen hatte - sogar f�r grausamste Geschehnisse. Fr�her hatte diese Nadel einem Mitglied des Ordens der Eisenhand geh�rt, einem der unheimlichsten magischen Orden aller Zeiten. Die Stecknadel zeigte uns die Initiation ihres ehemaligen Besitzers. Dieser exaltierte Mann - inzwischen ein betagter Sch�nling mit strahlendem Turban, der ihn (wie mir Sir Juffin zufl�sterte) als Gro�er Magister des Ordens auswies - hackte sich damals freiwillig die Linke ab und fing an, mit der amputierten Hand unglaubliche Tricks zu vollf�hren. Am Ende erschien seine ehemalige Linke inmitten eines leuchtenden Eiskristalls, was mich zusammenzucken lie�.</p><p>Juffin erkl�rte mir, so habe der frischgebackene Invalide Zugang zu unersch�pflichen Quellen wundersamer Energie erlangt; das eiskalte Gliedma� funktioniere seither wie eine einzigartige Pumpe, die ihrem ehemaligen Besitzer st�ndig seltsame Kr�fte liefere, die in seinem Beruf wohl notwendig seien.</p><p>�Hat er das gebraucht?�, wunderte ich mich naiv.</p><p>�Aus Gier nach Kraft und Macht sind viele Menschen bereit, alles zu tun!�, erkl�rte Juffin und zuckte gleichg�ltig die Achseln. �Wir beide haben mehr Gl�ck, denn wir leben in einer vern�nftigeren Zeit. Die Opposition beklagt sich zwar st�ndig �ber die Tyrannei des K�nigs und der Siebenbl�tter, hat anscheinend aber vergessen, was die Tyrannei einiger Dutzend m�chtiger magischer Orden bedeutet - auch wenn keiner dieser Orden Reisende bespitzelt oder Bed�rftigen lasterhafte Ambitionen verwehrt.�</p><p>�Wieso haben die Orden die Welt damals eigentlich nicht in Fetzen gerissen?�</p><p>�Sie waren nah dran, Max, ganz nah dran. Wir werden dar�ber noch ausf�hrlich reden. Heute Nacht soll es aber allein darum gehen, dir zu zeigen, wie du arbeiten sollst. Also nimm die Tasse weg ...�</p><p>Alles lief zu gut, um von Dauer zu sein. Die Idylle endete am dritten Tag, als Kimpa meldete, Sir Makluk sei gekommen.</p><p>�Merkw�rdig�, meinte Juffin. �Seit zehn Jahren sind wir Nachbarn, aber erst jetzt w�rdigt er mich eines Besuchs. Mein Gef�hl sagt mir, dass Arbeit auf mich zukommt.�</p><p>Damit hatte er richtig gelegen.</p><p>�Ich wollte nicht per Stummer Rede mit Ihnen in Kontakt treten, denn ich bin in Bedr�ngnis und m�chte Sie um einen gro�en Gefallen bitten�, rief Makluk schon am Eingang. Die eine Hand hielt er vor die Brust, mit der anderen gestikulierte er wild umher. �Ich bitte um Verzeihung, Sir Juffin, aber ich brauche dringend Ihre Hilfe.�</p><p>Die beiden schauten sich lange an. Offenbar benutzte der Alte jetzt Stumme Rede. Nach einiger Zeit wurde die Miene von Sir Juffin traurig. Makluk zuckte schuldbewusst die Achseln.</p><p>�Gehen wir�, sagte Juffin und stand auf. �Max, du kommst mit. Du brauchst dich nicht herauszuputzen - es ist dienstlich.�</p><p>Zum ersten Mal sah ich Sir Juffin im Einsatz. Das Tempo, in dem er die Wiese querte, lag �ber der H�chstgeschwindigkeit seines A-Mobils. Ich k�mmerte mich derweil um Sir Makluk, der sich ohne seine S�nftentr�ger offenbar unwohl f�hlte. Wir legten den Weg in normalem Tempo zur�ck, und das war f�r seine schwachen Knie genau das Richtige. Makluk lie� sich dazu herab, mir - dem intelligenten Barbaren - unterwegs eine Kurzfassung des Geschehenen zu geben. Wie mir schien, wollte er sich dadurch vor allem ablenken.</p><p>�Ich habe einen Diener, vielmehr: Ich hatte ihn. Sein Name war Krops Kulli. Ein guter Junge, den ich demn�chst - also in f�nfzehn bis zwanzig Jahren - bei Hof unterbringen wollte, nachdem er bei mir ein wenig Schliff und Erfahrung erworben h�tte, weil man ja ohne ... Aber zur Sache: Vor ein paar Tagen ist er einfach verschwunden. Er hat eine Freundin am Rechten Flussufer. Man ist nur einmal jung, dachten seine Kollegen nat�rlich und alarmierten mich nicht. Wissen Sie - auch das einfache Volk ist imstande, edel zu handeln und gewisse Geheimnisse zu bewahren. Erst heute habe ich von dem Vorfall erfahren, weil Linus, seine Freundin, meinen Koch auf dem Markt getroffen und mit Fragen gel�chert hat, warum Krops sich bei ihr so lange nicht habe blicken lassen. Er habe doch sicher manchmal einen freien Tag? Gleich gerieten alle in heftige Erregung. Wo und warum mochte Krops Kulli verschwunden sein? Vor einer halben Stunde dann begannen Maddi und Schuwisch, das Zimmer von Sir Makluk-Olli, meinem verstorbenen Cousin, aufzur�umen. Ja, Sir Max, ich hatte einen Cousin, eine echte Nervens�ge, unter uns gesagt. Zehn Jahre lang hatte er vor zu sterben, und vorletztes Jahr hat er es endlich getan, �brigens gleich nach dem Tag der Fremden G�tter. Ach, ja. Und dort im Zimmer fanden sie den armen Herrn Kulli. In einem Zustand ...� Sir Makluk zuckte so gereizt die Achseln, als wollte er zum Ausdruck bringen, ein solches Versagen habe er vom armen Krops Kulli nie erwartet, nicht einmal im Tod.</p><p>In diesem Augenblick gelangten wir an eine kleine T�r, die der normale Eingang in Makluks luxuri�ses Haus war. Nachdem er mir alles erz�hlt hatte, beruhigte er sich sichtbar. Die Stumme Rede! Nicht umsonst empfehlen Psychotherapeuten ihren Patienten, laut zu erz�hlen! Wir warteten nicht auf die S�nften, sondern gingen gleich ins Schlafzimmer des verstorbenen Sir Olli.</p><p>Der ungemein weiche Teppich - wohl Standard in Echo - bedeckte fast die H�lfte des Bodens. Ein paar mit Intarsien geschm�ckte kleine Tische standen ungeordnet um das riesige Bett herum. Eine Wand bestand nur aus einem gro�en Fenster mit Blick auf den Obstgarten. An der gegen�berliegenden Wand hing ein alter Spiegel, neben dem ein kleiner Frisiertisch stand.</p><p>Schade, dass dies nicht der gesamte Inhalt des Zimmers war. Leider geh�rte noch etwas dazu: Zwischen Spiegel und Fenster lag eine Leiche, die eher einem schmutzigen und durchgekauten Gummiband als einem Menschen �hnelte. Seltsamerweise sah sie �berhaupt nicht schrecklich aus, eher sinnlos oder absurd. Das entsprach nicht meiner Vorstellung von einem ungl�cklichen Mordopfer. Statt Blutflecken, zerplatztem Hirn und starr blickenden Augen fand ich nur ein j�mmerliches St�ck Kautabak vor.</p><p>Ich bemerkte Sir Juffin nicht gleich. Er stand in der hintersten Ecke, und seine schmalen Augen leuchteten im Halbdunkel. Schlie�lich verlie� er seinen Wachtposten und kam mit besorgtem Gesicht zu uns.</p><p>�Bis jetzt habe ich zwei schlechte Nachrichten, aber ich f�rchte, es werden noch mehr. Die erste: Hier handelt es sich nicht um einen gew�hnlichen Mord, denn mit blo�en H�nden kann man niemanden so zurichten. Die zweite: Ich habe keine Spur von verbotener Magie entdeckt. Ich hatte erst den Spiegel im Verdacht, weil er der Leiche so nah h�ngt. Aber bei seiner Herstellung wurde Schwarze Magie zweiten, h�chstens dritten Grades verwendet. Und das ist lange her ... � Nachdenklich drehte Juffin eine kleine Tabakspfeife in H�nden, die einen Zeiger besa�, der Aufschluss �ber die Magie lieferte, mit der sie konfrontiert worden war.</p><p>Der Zeiger war auf Zwei h�ngen geblieben. Zwar zuckte er etwas und wollte auf Drei springen, doch die im Spiegel eingeschlossene Magie reichte f�r den h�heren Grad nicht aus.</p><p>�Ich gebe Ihnen einen guten Rat, lieber Nachbar: Gehen Sie sich erholen. Aber sagen Sie Ihren Dienern vorher bitte, dass Max und ich uns hier noch etwas umschauen werden und sie unsere Ermittlungen unterst�tzen sollen.�</p><p>�Sind Sie wirklich sicher, dass ich Ihnen nicht behilflich sein kann?�</p><p>�Ja�, seufzte Juffin. �Vielleicht k�nnen Ihre Diener uns helfen - Sie bestimmt nicht. Egal was passiert ist - es gibt keinen Grund, Ihre Gesundheit zu gef�hrden.�</p><p>�Vielen Dank�, sagte der Alte, �mir reicht es f�r heute wirklich.�</p><p>Makluk wandte sich erleichtert zur T�r, wo inzwischen ein sehr bunt gekleideter Mann aufgetaucht war, der sein Altersgenosse zu sein schien. Das Gesicht des Fremden h�tte zu einem Gro�inquisitor gepasst. Den Neuank�mmling als Diener einzustufen, schien mir unsinnig, aber ich habe die Welt nicht erschaffen und kann keine Pl�tze anweisen.</p><p>�Lieber Gowins�, wandte sich Sir Makluk an den Gro�inquisitor, der sich damit als sein Haushofmeister erwies. �Seien Sie so nett und unterst�tzen Sie die beiden Herren in allem. Das ist Sir Juffin Halli, unser Nachbar, und er ...�</p><p>�Wie k�nnte ich den Ehrw�rdigen Leiter nicht kennen? Als treuer Leser unserer Zeitungen?�, sagte Gowins und strahlte �ber das ganze Gesicht.</p><p>�Gro�artig�, meinte Sir Makluk beinahe fl�sternd.</p><p>�Gowins bringt alles in Ordnung. Er ist in viel besserer Verfassung als ich, obwohl wir im gleichen Jahr zur Welt gekommen sind, damals, in der alten, gesegneten Zeit ...�</p><p>Mitten in dieser sentimentalen Erinnerung packten die Tr�ger, die anscheinend einen starken Drang nach Bet�tigung sp�rten, Sir Makluk bei den Armen, steckten ihn in die S�nfte und trugen ihn in sein Schlafzimmer.</p><p>�Wenn Sie nichts dagegen haben, unterhalte ich mich sp�ter ein paar Minuten mit Ihnen�, sagte Sir Juffin zu Gowins. �Ich hoffe, Sie wissen selbst, dass wir unser Gespr�ch eigentlich ... in einer Besenkammer f�hren sollten.� Er schenkte Gowins sein unwiderstehliches L�cheln.</p><p>�Ihr treuer Diener erwartet Sie jederzeit im kleinen Wohnzimmer - mit der besten Kamra der Hauptstadt.� Damit verschwand der Alte im Halbdunkel des Korridors.</p><p>Wir blieben allein - von dem Toten abgesehen, der uns nichts mehr erz�hlen konnte.</p><p>�Max�, begann Juffin mit deutlich ged�mpfter Lebenslust. �Ich habe noch eine schlechte Nachricht: Kein einziger Gegenstand hier will seine Vergangenheit preisgeben. Sie alle sind ... wie soll ich sagen ... Ach, probieren wir es lieber noch mal zusammen! Dann wirst du es besser verstehen.�</p><p>Gemeinsam versuchten wir, das Ged�chtnis der Dinge anzuzapfen, und konzentrierten uns dabei auf eine kleine, runde Dose mit Handcreme, die wir willk�rlich vom Frisiertisch genommen hatten. Nichts! Schlimmer noch: Mir wurde pl�tzlich unheimlich wie in einem Alptraum, in dem man sich nicht r�hren kann, weil SIE sich aus dem Dunkel n�hern. Ich war mit den Nerven am Ende, und die Dose glitt mir aus der Hand. Im gleichen Moment lie�en auch Juffins Finger locker, und die Handcreme fiel auf den Boden, prallte kurz hoch, rollte dann aber zu unserer �berraschung nicht Richtung Fenster, sondern zum Korridor. An der T�rschwelle blieb sie mit einem kl�glichen Klirren stehen und sprang noch mal schwach in die H�he. Wie verzaubert hatten wir uns das Ganze angesehen.</p><p>�Sie haben recht, Sir�, brachte ich fl�sternd hervor. �Die Dinge schweigen und haben Angst.�</p><p>�Ich w�sste nur gern, wovor. Es gibt zwar �hnliche F�lle, doch f�r die braucht man mindestens Magie hundertsten Grades. Aber hier ...�</p><p>�Welchen Grades?�</p><p>�Das hast du doch gerade geh�rt! Gehen wir. Wir m�ssen noch mit dem Haushofmeister und seinen Dienstboten reden. Hier k�nnen wir ohnehin nichts mehr ausrichten.�</p><p>Herr Gowins erwartete uns im kleinen Wohnzimmer, das f�r hiesige Verh�ltnisse wirklich bescheiden, n�mlich etwas kleiner als eine Turnhalle war. Auf einem Tischlein dampften Becher mit Kamra. Juffin taute etwas auf.</p><p>�Gowins, ich muss alles �ber das Haus wissen, wirklich alles. Fakten - Klatsch und Tratsch - Ger�chte. Am besten aus erster Hand.�</p><p>�Ich bin hier der �lteste Bewohner�, begann der Alte und l�chelte schwach. �Was auch immer passiert ist - ich war dabei. Ich kann Ihnen, Ehrw�rdiger Leiter, versichern, dass das Zimmer, in dem der Tote liegt, ein ganz gew�hnlicher Raum ist. Dort sind nie Wunder geschehen - weder erlaubte noch unerlaubte. Soweit ich mich erinnern kann, ist es immer ein Schlafzimmer gewesen, das mal bewohnt, mal unbewohnt war. Niemand hat sich je �ber Gespenster beklagt, und bis auf Sir Makluk-Olli ist dort niemand gestorben. Und Sir Olli hat f�nf Jahre l�nger gelebt, als ihm prophezeit war.�</p><p>�Woran ist er eigentlich gestorben?�</p><p>�Da hat vieles zusammengewirkt. Schon als Kind hatte er st�ndig gesundheitliche Probleme - ein schwaches Herz, einen empfindlichen Magen, zerr�ttete Nerven. Und vor zehn Jahren hat er seinen Funken verloren.�</p><p>�S�ndige Magister! Im Ernst?�</p><p>�Absolut. Er hat trotzdem eine erstaunliche Seelenkraft besessen. Sie wissen vermutlich, dass Leute, die den Funken verloren haben, danach selten l�nger als noch ein Jahr leben. Man sagte Sir Olli, wenn er das Haus nicht verlasse und faste, habe er noch f�nf Jahre vor sich - vorausgesetzt, er finde eine gute Heilerin. Er ist zehn Jahre in seinem Schlafzimmer geblieben und hat gefastet. Au�erdem hat er zw�lf dumme, aber erfahrene alte Gesundbeterinnen engagiert, die seinen Schatten die ganze Zeit abwechselnd bewacht haben. Damit hat Sir Olli einen Familienrekord aufgestellt. Weil die alten Frauen nur bei sich zu Hause gezaubert haben, ist in seinem Schlafzimmer in all den Jahren nie etwas Besonderes passiert.�</p><p>Sir Juffin verga� nicht, mir per Stummer Rede eine Erkl�rung zu schicken: �Den Funken zu verlieren bedeutet, sich nicht mehr vor dem B�sen sch�tzen zu k�nnen. Ein ganz normales Essen kann f�r so einen ungl�cklichen Menschen Gift sein, und ein Schnupfen kann ihn innerhalb weniger Stunden umbringen. Was es damit auf sich hat, dass die heilkundigen Frauen seinen Schatten bewachten, erkl�re ich dir sp�ter - das ist n�mlich etwas komplizierter.�</p><p>�Der arme Sir Makluk-Olli hat ein sehr ruhiges Leben gef�hrt�, fuhr Gowins fort. �Nur einmal - vor gut zwei Jahren - ist er unvermittelt aus der Haut gefahren und hat mit der Waschsch�ssel nach seinem Diener Maddi geworfen, weil das Wasser an jenem Tag etwas hei�er war als �blich. Wegen dieses Vorfalls habe ich Maddi eine Pr�mie gezahlt. Aber auch ohne Geld h�tte der Diener keinen Krach geschlagen. Allen hat es wirklich leidgetan, den armen Sir Olli so zu erleben. Andere Diener haben solche Fehler �brigens nicht begangen, und Sir Olli hat danach nie wieder randaliert. Mehr f�llt mir dazu eigentlich nicht ein.�</p><p>Juffin schaute ihn finster an. �Vor mir brauchst du nichts zu verbergen, mein Alter. Deine Loyalit�t zu diesem Haus sch�tze ich sehr. Nur habe ausgerechnet ich Sir Makluk vor anderthalb Jahren geholfen, einen unangenehmen Fall zu kl�ren. Damals hat sich ein junger Mann aus Gazin in diesem Haus die Kehle durchgeschnitten. Also gie� Balsam auf mein m�des Herz und verrate mir, was im Schlafzimmer passiert ist.�</p><p>Der alte Diener nickte.</p><p>�Wenn du glaubst, Gowins' Aussage werde die Lage kl�ren, irrst du dich�, sagte mir Juffin in Stummer Rede und zwinkerte mir zu. �Er will nur den Anschein erwecken, bei der Aufkl�rung des Falls mitzuhelfen, versucht in Wirklichkeit aber, uns auf eine falsche Spur zu f�hren. Das riecht nach Magie aus der Epoche der Alten Orden - egal was der Pfeifenzeiger dazu sagt. Na ja, umso besser, wenn im Leben nicht alles den Erwartungen entspricht.�</p><p>Juffin wandte sich an Gowins. �Ich will den Diener sprechen, der den Toten heute gefunden hat. Und ich m�chte mit dem reden, der den Mann mit der durchgeschnittenen Kehle entdeckt hat. Au�erdem will ich die heilkundigen Frauen sehen, die bei Sir Makluk-Olli Wache gehalten haben. Und lass bitte f�r alle Anwesenden einen Becher von dieser vortrefflichen Kamra bringen. Und - na ja, auf jeden Fall soll das ungl�ckliche Opfer h�uslicher Gewalt erscheinen. Du wei�t schon: der, den die Waschsch�ssel getroffen hat.�</p><p>Gowins nickte noch, da tauchte in der T�r schon ein grau gekleideter Mann mittleren Alters auf, der ein Tablett voller Kamra-Becher trug. Das war Herr Maddi - das Opfer des Sch�sselwurfs und obendrein der Hauptzeuge des heutigen Verbrechens. Triumph der �konomie! Davon k�nnen Sie noch was lernen, meine Herrschaften! Eine Person kommt rein, und gleich sind drei von f�nf W�nschen erf�llt!</p><p>Maddi wurde rot vor Verlegenheit, bewahrte aber Haltung, verneigte sich und meldete kurz und b�ndig, heute Abend als Erster ins ehemalige Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli gekommen zu sein. Zun�chst habe er aus dem Fenster geschaut, weil die Sonne gerade gl�hend untergegangen sei. Dann habe er die Augen gesenkt und entdeckt, was nicht zu �bersehen gewesen sei. Er habe sich sofort entschieden, nichts zu ber�hren. Stattdessen habe er Herrn Gowins gerufen.</p><p>�Meinem Kollegen Schuwisch habe ich befohlen, im Korridor zu bleiben. Er ist zu jung, um so etwas zu sehen**, sagte Maddi und zuckte schuldbewusst die Achseln, als f�rchtete er, seine Kompetenzen �berschritten zu haben.</p><p>�Du hast also keinen L�rm geh�rt?�</p><p>�L�rm, Sir? Das Schlafzimmer ist schallisoliert. Sir Olli hatte das so gewollt. Man kann schreien, so laut man will, und st�rt doch niemanden. Nat�rlich wird man auch von niemandem gest�rt.�</p><p>�Das ist mir schon klar. Und was f�r einen Streit hattest du damals mit Sir Olli? Du sollst dabei ja reichlich nass geworden sein.�</p><p>�Einen Streit, Ehrw�rdiger Leiter? Er war ein kranker Mann, und man konnte ihm nichts recht machen. Er hat mir immer wieder ausf�hrlich erkl�rt, wie warm sein Wasser sein soll, hatte es sich aber bis zum n�chsten Tag anders �berlegt. Jedes Mal habe ich getan, wie mir befohlen, doch eines Tages ist er zornig geworden und hat mit der Waschsch�ssel nach mir geworfen. So kr�ftig, dass er fast daran gestorben w�re. *&lt; Begeistert sch�ttelte Maddi den Kopf.</p><p>Falls er Basketballtrainer gewesen w�re, dachte ich, h�tte er sicher versucht, Sir Olli in seine Mannschaft zu bekommen.</p><p>�Die Waschsch�ssel ist mir mitten im Gesicht gelandet und hat mir die Braue auf geschlitzt. Das hat ziemlich geblutet. Und ich Trottel hab noch versucht, ihr auszuweichen! Mit voller Wucht bin ich mit dem Kopf gegen den Spiegel geschlagen. Zum Gl�ck ist das Ding nicht kaputtgegangen. Gute, alte Wertarbeit! Ich war nass und mein Gesicht blutverschmiert. Auch auf dem Spiegel war Blut. Sir Olli hat im ersten Moment bef�rchtet, er habe mich umgebracht. Ich habe mir das Blut abgewischt und mich im Spiegel betrachtet. Es war nichts Ernstes - ich hatte nur einen daumendicken Kratzer. Nicht mal eine Narbe ist davon geblieben! �ber den Alten wollte ich mich nicht beschweren. Es w�re doch eine S�nde gewesen, ihm all das �belzunehmen. Er hatte keinen Funken mehr und war fast tot. Und ich bin gesund und kann ein wenig leiden.�</p><p>�Na gut, mein Freund. Nimm's nicht so schwer - du hast alles richtig gemacht!�</p><p>Maddi war entlassen und ging Tr�ume beobachten. Einfache, unschuldige Tr�ume - davon war ich �berzeugt. Sir Juffin schaute Gowins fragend an.</p><p>�Ich denke, die Frauen tauchen gleich auf�, sagte der Haushofmeister. �Und zwar vollz�hlig, wie ich hoffe ... Manche von ihnen haben allerdings einen genauso unruhigen Beruf wie wir. Vielleicht m�chten Sie bis dahin mit mir vorliebnehmen, da der arme Nattis vor meinen Augen gestorben ist.�</p><p>�Das ist ja eine Neuigkeit! Wie ist das passiert?�</p><p>�Ich erz�hle Ihnen alles der Reihe nach. Der Junge ist mein Sch�tzling gewesen. Wissen Sie, Nattis hat hier nicht als Hausdiener gearbeitet. Ich meine - nicht als �blicher Diener. Vor zwei Jahren hat er seine Heimatstadt Gazin verlassen und ist mit einem Brief seines Gro�vaters, eines alten Freundes von mir, hierhergekommen. Der Alte hat mir geschrieben, sein Enkel habe keine Eltern mehr und nichts Besonderes gelernt, sondern k�nne nur, was man in Gazin so k�nne. Aber er war gescheit - dessen habe ich mich vergewissert. Mein Freund hat mich gebeten, seinen Enkel irgendwo unterzubringen. Sir Makluk hat ihm versprochen, ihm die besten Referenzen zu geben, und versucht, ihm eine gute Stelle bei jemandem zu vermitteln, der am K�nigshof t�tig ist. Das n�mlich h�tte seine Chancen verbessert, selbst irgendwann an den Hof zu gehen ... Bis dahin habe ich ihm alles M�gliche beigebracht und ihn mehrmals gelobt - glauben Sie mir. Irgendwann haben wir ihm einen Sorgenfreien Tag gegeben. An diesem Tag ist er nicht - wie an seinen �brigen freien Tagen - spazieren gegangen, sondern zu Hause geblieben und hat gar nichts getan, den Tag also wie ein echter Gentleman verbracht.�</p><p>Hier konnte ich ein neidisches Seufzen nicht unterdr�cken. Gowins deutete es auf seine Art, nickte traurig und fuhr fort: �Wenn jemand es wirklich nach oben schaffen will, muss er nicht nur arbeiten, sondern auch befehlen k�nnen. An solchen Tagen ist Nattis aufgestanden, hat nach einem Diener gerufen und sich gewaschen und hergerichtet. Dann hat er sich wie ein Gentleman angezogen, wie ein Gentleman gespeist und Zeitung gelesen. Danach ist er am Rechten Flussufer spazieren gefahren und hat sich auch dort bem�ht, wie ein junger Gentleman aus der Hauptstadt zu wirken, nicht wie ein Provinzler aus Gazin. An solchen Tagen durfte er das leere Schlafzimmer von Sir Olli benutzen (der Arme war gerade gestorben, als Nattis seine Lehre bei uns begann). Abends schlief der Junge dann im Sterbezimmer von Sir Olli ein, und wenn er morgens erwachte, rief er nach einem Diener - also nach mir! Dieses ganze Theater war n�tig, um m�gliche Verst��e gegen seine Gentleman-Rolle zu erkennen und zu vermeiden. An solchen Tagen waren wir unzertrennlich, und das war so notwendig wie angenehm. An seinem Todestag bin ich - wie �blich - gekommen, kaum dass er mich gerufen hat, und habe ihm Wasser zum Waschen gebracht, nat�rlich nur pro forma, denn das Bad befindet sich neben dem Schlafzimmer. Aber ein zuk�nftiger Gentleman beginnt seinen Tag stets, indem er sich Gesicht und H�nde in einer Sch�ssel mit warmem Wasser w�scht.�</p><p>An dieser Stelle der Erz�hlung wurde ich traurig. Ein Gentleman w�rde ich, wie zu vermuten stand, nie werden. Und auch Sir Juffin w�rde das wohl nicht schaffen. Unterdessen setzte der penible Herr Gowins seine Geschichte fort.</p><p>�Nattis hat sich gewaschen und ist dann ins Bad gegangen, um sich zu rasieren. Aber sofort ist dem Armen klar geworden, dass er mal wieder einen Fauxpas begangen hatte. Ich habe ihn wegen dieser Gewohnheit immer heruntergeputzt und gesagt: �Wenn du niemand bist, rasier dich, wo du willst. Wenn du aber ein Gentleman bist, tu es gef�lligst vor dem sch�nsten Spiegel.� Meine Bemerkung ist nicht umsonst gewesen: Der Bursche ist wieder ins Schlafzimmer gekommen und hat nach dem Rasierzeug gefragt. Sehr, sehr leise. So leise, dass ich getan habe, als h�tte ich es nicht geh�rt. Dann hat er die richtige K�rperhaltung angenommen und mit den Augen geblitzt, und ich bin schnell mit Rasierzeug und Handtuch zu ihm gekommen. Und dann ... Wie es hat passieren k�nnen, wei� ich nicht. Dass ein junger, gesunder Mann sich die Kehle einfach mit dem Rasiermesser durchtrennt! Ich war ein paar Schritte entfernt stehen geblieben, wie es sich geh�rt, und alles ging so schnell, dass ich nichts unternehmen konnte. Ich habe wohl nicht gleich begriffen, was da geschah ... Was dann passiert ist, wissen Sie so gut wie ich, wenn Sie sich schon mit diesem Fall besch�ftigt haben.�</p><p>�Du bist ein hervorragender Erz�hler, Gowins�, nickte Juffin zustimmend. �Ich habe deine Geschichte mit gr��tem Vergn�gen geh�rt. Damals hatte ich leider viel zu tun, und meine Zeit reichte nur daf�r, die Akten �ber Nattis' Selbstmord aus der Beh�rde des Generals Bubuta Boch zu holen, dessen Mitarbeiter durch ihre Ermittlungen hier so gest�rt haben. Besonders dich, wie ich gerade merke. Leider hatte ich bisher keine Zeit, all das zu untersuchen ...�</p><p>Die T�r �ffnete sich, und eine frische Portion Kamra wurde gebracht. Gowins r�usperte sich und ergriff wieder das Wort.</p><p>�Mehr kann ich dazu nicht sagen. Nat�rlich hat Sir Makluk �ber die hiesigen Ereignisse im Polizeirevier an der Br�cke Auskunft gegeben. Der Fall war unproblematisch. Darum hat man alles an die Ordnungsh�ter von General Boch weitergeleitet, die das ganze Haus auf den Kopf gestellt haben.�</p><p>�Wei�t du vielleicht, Gowins, ob die Polizisten das Zimmer auf den Grad der vorhandenen Magie untersucht haben?�</p><p>�Daran haben sie nicht gedacht. Sie haben den Fall schnell f�r gel�st erkl�rt: Der Bursche soll betrunken gewesen sein. Als sich aber herausstellte, dass Nattis in seinem kurzen Leben nie betrunken war, haben die Ermittler rasch eine zweite Erkl�rung aus dem Hut gezaubert: Ich sollte den Jungen umgebracht haben! Dann sind sie einfach verschwunden. Wie ich inzwischen begreife, Ehrw�rdiger Leiter, habe ich das Ihnen zu verdanken.�</p><p>�Das ist typisch f�r General Bubutas Leute�, meinte Juffin und fasste sich an den Kopf. �S�ndige Magister!�</p><p>Dazu schwieg unser Gespr�chspartner diskret.</p><p>In diesem Moment trafen drei der Heilerinnen ein. Wie wir erfuhren, hatten sechs weitere Bereitschaftsdienst. Zwei Heilerinnen waren nicht aufzutreiben gewesen, und die letzte weigerte sich partout, wie der Bote erz�hlte, ins �schwarze Haus� zu kommen.</p><p>Die Arme hat einen Vogel, dachte ich ein wenig herablassend.</p><p>Juffin �berlegte kurz, befahl dann alle drei Frauen auf einmal herein und gab mir per Stummer Rede daf�r eine Erkl�rung. �Wenn man Frauen vernehmen muss, l�sst man sie am besten zusammen. Jede versucht dann, die anderen zu �berbieten, und sagt sicher mehr, als sie eigentlich wollte. Das einzige Problem ist, bei dem L�rm nicht verr�ckt zu werden.�</p><p>Also kamen die Ladys herein und nahmen Platz. Die �lteste hie� Mallis, die zwei anderen, die auch nicht viel j�nger waren, Tisa und Retani. Dazu kam noch ich gerannt. Ich war zum ersten Mal in Gesellschaft hiesiger Frauen, wobei die J�ngste nach meinem Eindruck gerade den 300. Geburtstag hinter sich hatte.</p><p>Juffins Verhalten verdient eine kurze Beschreibung.</p><p>Zuerst setzte er seine finsterste Miene auf, griff sich dann pathetisch an die Braue und �bersteigerte die in Echo �bliche Begr��ungsformel ins Exaltierte. Danach aber bekam seine Stimme eine Innigkeit, die eher f�r eine Dichterlesung als f�r ein Verh�r taugte. Auch �nderte er die Wortfolge seiner S�tze ins Bizarre, als wollte er in freien Rhythmen sprechen. Nat�rlich soll man mit Heilerinnen f�rmlich und aufmerksam umgehen, wie man das in meinem Herkunftsland im Gespr�ch mit Professoren tut. Aber f�r mein Empfinden �bertrieb der Ehrw�rdige Leiter sein Pathos ein wenig und schoss reichlich �bers Ziel hinaus. Allerdings schien meine Meinung keine der anwesenden Personen zu interessieren. Also schwieg ich und senkte bescheiden die Augen. Beinahe w�ren sie in meine Tasse Kamra gefallen - in das Ges�ff also, mit dem ich mich an diesem Abend fast vergiftet h�tte. Aber auch hier gilt das Sprichwort: Umsonst schmeckt sogar Essig s��!</p><p>�Werteste Ladys, verzeihen Sie mir - einem unruhigen Geist - die St�rung�, begann Juffin orgelnd. �Aber ohne Ihre klugen Worte bleibt mein Leben sinnlos. Ich habe geh�rt, dass ein Bewohner dieses Hauses, der seinen Funken ein f�r alle Mal verloren hatte, dank Ihrer wundersamen Kr�fte sein Leben um einige Zeit hat verl�ngern k�nnen.�</p><p>�Sie meinen bestimmt Olli von den j�ngeren Makluks�, meldete sich Lady Tisa verst�ndnisvoll zu Wort.</p><p>Von den j�ngeren Makluks?! Ich dachte, die alte Dame habe etwas durcheinandergebracht, aber Juffin nickte zustimmend. Gewiss hatte sie sogar noch den Urgro�vater von Sir Olli gekannt. Sp�ter erfuhr ich, dass die Frauen bei weitem �lter waren, als ich es mir vorgestellt hatte. Doch nach dem Ruhestand sehnten sie sich nicht. Hier in Echo, wo ein durchschnittliches Leben dreihundert Jahre dauert, ist eine deutlich l�ngere Existenz Ausdruck starker pers�nlicher Macht. Und f�r Heilerinnen - f�r sehr m�chtige Frauen mithin! - sind f�nfhundert Jahre kein hohes Alter.</p><p>�Olli ist sehr stark gewesen�, meldete sich Lady Mallis zu Wort. �Und wenn Sie bedenken, dass die zw�lf �ltesten Ladys von Echo seinen Schatten bewacht haben, k�nnten Sie sich dar�ber wundern, dass er nur noch so kurz gelebt hat, nur noch so sehr kurz. Wir hatten schon gedacht, sein Funken kehre zur�ck. Fr�her waren solche F�lle keine Seltenheit, obwohl die Jugend nicht mehr daran glaubt. Er hatte die Chance, seinen Funken zur�ckzuergattern!�</p><p>�Von so einem Fall habe ich noch nie geh�rt, Lady�, meinte Juffin sichtlich interessiert. Sp�ter gab er mir gegen�ber zu, gelogen zu haben, um das Gespr�ch zu beleben. �Ich dachte immer, der Arme habe erstaunlich lange gelebt. Wie sich nun herausstellt, ist er viel zu fr�h gestorben!�</p><p>�Niemand stirbt zu fr�h. Jemand wie du, Ank�mmling aus Kettari, sollte das wissen, denn du schaust ja manchmal in die Dunkelheit. Am Tod des j�ngeren Olli tragen wir keine Schuld.�</p><p>�Das behaupte ich doch auch nicht, Lady!�</p><p>�Das machst du doch, Schlaukopf, und verkehrt ist das nicht. Aber eins sag ich dir: Wir wissen nicht, warum der j�ngere Makluk-Olli gestorben ist. Obwohl wir es wissen sollten ...�</p><p>�Braba wei� es, will aber nicht dar�ber reden�, unterbrach Lady Tisa ihre Kollegin. �Deshalb ist sie nicht gekommen. Und sie wird auch nicht kommen. Aber das ist auch nicht notwendig. Retani hat sie einen Tag nach dem Tod des j�ngeren Makluk-Olli besucht. Erz�hl doch mal davon, Retani. Wir haben dich ja nie danach gefragt, weil wir eigene Probleme haben. Aber diesen Mann aus Kettari interessiert offenbar nur eins: Er will wissen, warum Braba Angst hat zu kommen. Und solange er das nicht erf�hrt, l�sst er uns nicht in Ruhe.�</p><p>Es wurde still. Galant verbeugte sich Juffin Halli vor Lady Tisa. �Sie haben meine Gedanken gelesen, Gn�digste!�</p><p>Die alte Frau l�chelte ihn kokett an und zwinkerte ihm zu. Nach dieser galanten Episode richteten sich aller Augen auf Lady Retani.</p><p>�Braba wei� es zwar nicht, doch sie f�rchtet sich sehr�, begann sie. �Seit dem Tod von Sir Olli kann sie nicht mehr arbeiten und ist �ngstlich wie ein kleines M�dchen. Sie sagt immer wieder, jemand habe den Schatten des j�ngeren Makluk-Olli und fast auch ihren eigenen Schatten entf�hrt. Wir alle sind �berzeugt, dass Ollis Schatten von allein gegangen ist. Keine Ahnung, warum. Er ist so rasch verschwunden wie eine Frau, die nicht mehr liebt. Aber Braba beharrt darauf, sein Schatten sei entf�hrt worden. Von jemandem, den sie nicht habe erkennen k�nnen. Sie war so ver�ngstigt, dass wir beschlossen haben, sie nicht mehr danach zu fragen. Warum auch? Den Schatten kann man ohnehin nicht zur�ckholen. Warum sollen wir uns obendrein vor fremder Angst �ngstigen?� Pl�tzlich schwieg Lady Retani, und wie es aussah, w�rde sich daran bis zum n�chsten Jahr nichts �ndern.</p><p>Die Heilerinnen tranken in aller Stille Kamra und knabberten leise an ihrem Geb�ck. Sir Juffin versank in Gedanken. Der Diener Gowins schwieg bedeutsam. Ich genoss den Anblick der Gruppe. Pl�tzlich wurde die Luft im Zimmer so dick, dass ich kaum mehr atmen konnte. Etwas Widerliches war unversehens hereingekommen, hatte aber nur mich gestreift. Ein kleines Kl�mpchen Angst war mir beim Einatmen in die Lunge geraten, r�ckte mir mit dem Schatten einer Vermutung zu Leibe und verschwand gleich wieder, wie ich erleichtert bemerkte. Bestimmt war das die fremde Angst gewesen, von der die alte Lady gesprochen hatte. Dieses merkw�rdige Ereignis wirkte auf mich - wie so oft - als ungreifbarer Stimmungsd�mpfer. Und ich kam nicht auf die Idee, Sir Juffin davon zu erz�hlen.</p><p>Sp�ter begriff ich, dass man solche Ereignisse nicht verheimlichen sollte. Seltsame seelische Erlebnisse machten einen wichtigen Teil meines k�nftigen Berufs aus. Die Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps sind verpflichtet, ihrem Chef jede beunruhigende Vorahnung, jeden n�chtlichen Alptraum, jedes �berraschende Herzklopfen und jede andere ungew�hnliche seelische Schw�che ausf�hrlich zu berichten. Seine Situation analysiert und deutet dann jeder Mitarbeiter f�r sich. Ich hingegen versuchte, das Kl�mpchen fremder Angst zu vergessen. Und meine Bem�hungen waren schnell erfolgreich.</p><p>�Ich wei�, wie die Schatten Weggehen�, meldete sich Sir Juffin endlich zu Wort. �Kluge Ladys, erkl�ren Sie mir bitte, warum nur Braba gesp�rt hat, dass etwas nicht in Ordnung war.�</p><p>�Gesp�rt haben wir es alle�, l�chelte Lady Mallis. �Aber mehr auch nicht. Keine von uns wusste, worum es sich handelte. Das war f�r uns zu schwierig. F�r dich ja auch, obwohl du �fter als wir in die Finsternis schaust. Und dein Laufjunge kann dir auch nicht helfen!� Ich merkte entsetzt, dass mich alle Frauen aufmerksam ansahen.</p><p>�Dieses Geheimnis, Sir, sollte man auf sich beruhen lassen�, sagte Lady Tisa. �Es ist sinnlos, �ber etwas zu sprechen, das man nicht kennt. Nur weil wir in Gesellschaft zweier Gentlemen sind, die oft in die Finsternis schauen, haben wir uns entschieden, alles zu sagen, obwohl das nichts bringt. Und jetzt gehen wir.�</p><p>Grazi�s wie junge K�tzchen verschwanden die drei alten Damen durch die T�r.</p><p>�Juffin?�, fragte ich beunruhigt, bediente mich dabei aber Stummer Rede. �Wen meinen die drei mit den Gentlemen, die in die Finsternis schauen? Worum geht es da?�</p><p>�Lass diesen Unsinn auf sich beruhen. So denken die Ladys nun mal �ber uns. Von Unsichtbarer Magie wissen sie nur wenig. Darum bezeichnen sie alles als Finsternis. Das ist einfacher f�r sie. Was sie gesagt haben, hat kaum Bedeutung. Diese Damen sind gut in der Praxis und schlecht in der Theorie.�</p><p>Sir Juffin stand auf. �Gowins, wir gehen, denn wir m�ssen uns einiges durch den Kopf gehen lassen. Sag deinem Herrn, er braucht niemanden zum Haus an der Br�cke zu schicken. Ich k�mmere mich um alles. Morgen sende ich dir die Erlaubnis, deinen Herrn zu besch�tzen. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich die Ordnung rasch wiederherstellen kann. Schlie�lich handelt es sich nicht um ein einfaches b�rokratisches Problem. Hier braucht man Geduld. Au�erdem habe ich in den n�chsten Tagen viel zu tun. Achte darauf, dass niemand das verdammte Schlafzimmer betritt. Niemand! Wenn ich l�ngere Zeit nicht vorbeisehe, soll Sir Makluk sich nicht aufregen. Ich vergesse den Fall schon nicht, auch wenn ich es liebend gern t�te. Aber falls...</p><p>�Ja, Sir? Falls wieder etwas passiert ...?�</p><p>�Solange sich niemand im Schlafzimmer aufh�lt, kann nichts mehr passieren. Achte streng darauf, lieber Gowins!�</p><p>�Sie k�nnen sich auf mich verlassen, Ehrw�rdiger Leiter.�</p><p>�Gut. Max, lebst du noch? Oder hast du dich in einen Krug Kamra verwandelt? Dieses Getr�nk hat ja, wie du inzwischen wei�t, spezielle Eigenschaften.�</p><p>�Sir Juffin, darf ich noch mal kurz ins Schlafzimmer?�</p><p>Halli hob erstaunt die Brauen. �Nat�rlich. Am besten, wir gehen zusammen.�</p><p>Wir traten in das halbdunkle Zimmer. Es war ganz still. Der Zeiger an Juffins Pfeife zuckte wild zwischen Zwei und Drei. Aber darum wollte ich nicht hierher. Kaum hatte ich begonnen, mich umzusehen, hatte ich die kleine Dose Handcreme schon gefunden, die wir zu Beginn des Abends erfolglos bearbeitet hatten. Sie hatte die ganze Zeit an der T�rschwelle gelegen. Ich nahm sie und schob sie in die - gelobt sei die hiesige Mode! - ger�umige Tasche meines Lochimantels. Schuldbewusst sah ich Juffin an, doch der kicherte nur. Na sch�n - mir macht das nichts aus, und er hat ein wenig Unterhaltung verdient.</p><p>�Wozu brauchst du das Ding, Max?*�, fragte Juffin, als wir durch den Garten zu seinem Haus zur�ckgingen. �Sammelst du Hausrat, weil du demn�chst umziehst? Oder warum hast du unseren Nachbarn bestohlen?�</p><p>�Sie haben doch auch gesehen, wie ver�ngstigt die Dose ist. Ich kann sie dort nicht allein lassen.�</p><p>�Die kleine Dose?! Einen simplen Gegenstand?�</p><p>�Ja. Ich hab ihre Angst gesp�rt und gesehen, wie sie wegrollen wollte. Wenn Dinge sich an ihre Vergangenheit erinnern k�nnen, bedeutet das doch, dass sie wissen, was ihnen widerfahren ist. Die Dinge f�hren also ein unbegreifliches Eigenleben, stimmt's? Was macht es dann f�r einen Unterschied, wen man retten soll: eine Dose oder eine h�bsche Frau?�</p><p>�Das ist nat�rlich Geschmackssache�, lachte Juffin. �Du hast wirklich eine lebhafte Einbildungskraft, Junge. Wahnsinn! Ich lebe schon so lange und habe noch nie an der Rettung einer Dose teilgenommen.�</p><p>Bis zur Haust�r verspottete er mich und wurde dann ernst.</p><p>�Aber an sich, Max, bist du ein Genie. Wirklich! Was das unbegreifliche Leben von Dosen angeht, habe ich keine Ahnung, aber einen Gegenstand aus der Angstzone zu entfernen und mitzunehmen - s�ndige Magister! Du hast recht, Max, bei uns zu Hause kann sie sehr gut reden. Nicht gleich nat�rlich, aber irgendwann. Deine kleine Dose erinnert sich an etwas, du Schlawiner. Die alte Heilerin wird deinen Mantel fressen, wenn wir das Geheimnis knacken. Und das schaffen wir. Schlie�lich habe ich schon ganz andere N�sse geknackt!�</p><p>Die Gunst des Moments nutzend, fragte ich: �Was meinten die Frauen eigentlich mit der Finsternis, in die ich angeblich schaue? Mir ist nicht recht wohl nach alledem.�</p><p>�Das ist normal�, sagte Juffin schroff. �Erinnerst du dich, wie du hierhergekommen bist?�</p><p>�Ja. Aber ich versuche, nicht dar�ber nachzudenken.�</p><p>�Richtig so. F�r so einfache Dinge hast du immer noch Zeit. Es kann jedem passieren, aus einer Welt in eine andere zu gehen, und zwar lebendig und bei vollem Verstand. Wir zwei geh�ren zu denen, die sogar noch mehr erleben k�nnen. Und die alten Frauen besch�ftigen sich mit Magie - aber nicht wie die hiesige Bev�lkerung (n�mlich einmal im Jahr in der K�che), sondern ernsthaft und seit langer Zeit. Man kann sogar sagen, sie tun nichts anderes. Und die Erfahrung zeigt ihnen, dass mit uns beiden etwas nicht stimmt. Dieses Etwas nennen sie Finsternis. Kapiert?�</p><p>�Nicht ganz�, gab ich ehrlich zu.</p><p>�Also gut - versuchen wir's anders. Vorhin hast du gesagt, du erlebst oft grundlose Stimmungswechsel. Du gehst auf die Stra�e, bist in Eile und bekommst pl�tzlich keine Luft mehr, weil dich ein grenzenloses Gl�cksgef�hl �berkommt ... Oder es l�uft alles prima: Du bist jung; neben dir liegt eine wunderbare Frau,- du bist geradezu kindisch gl�cklich - und pl�tzlich wird dir bewusst, dass du im Leeren h�ngst; eisige Wehmut beklemmt dein Herz, als seist du gestorben. Dabei hast du nie gelebt ... Oder du betrachtest dich eines Tages im Spiegel, erkennst dein Gegen�ber nicht mehr und wei�t nicht, warum es da ist; dann schwillt dein Spiegelbild immer weiter an, bis es platzt, und du schaust ratlos in den leeren Rahmen ... Du brauchst mir nichts zu erz�hlen - ich wei�, dass dir so was ab und an passiert. Genau wie mir, Max. Ich hatte nur Zeit, mich daran zu gew�hnen. Solche Dinge geschehen, weil sich uns etwas Unbegreifliches n�hert. Niemand wei�, woher es kommt, und niemand wei�, was geschieht, wenn es einen am �rmel ber�hrt. Im Allgemeinen haben wir beide Talent f�r unser merkw�rdiges Handwerk, das au�er uns niemand versteht. Und ehrlich gesagt, kann ich dir jetzt nicht mehr erkl�ren. Wei�t du, �ber solche Sachen darf man nicht laut reden. Weil sie gef�hrlich sind, m�ssen sie geheim bleiben. Es gibt in Echo einen Menschen, der mehr dar�ber wei� als wir zwei. Irgendwann wirst du ihn kennenlernen, aber bis dahin schweige. In Ordnung?�</p><p>�Mit wem kann ich mich hier - abgesehen von Ihnen - �berhaupt noch unterhalten? Mit Chuf?�</p><p>�Mit Chuf! Und dein Abenteuerleben beginnt ja bald.�</p><p>�Damit drohen Sie mir st�ndig.�</p><p>�Hast du heute Abend etwa zu wenig erlebt? Ich w�rde dich gern schneller bei mir im Haus an der Br�cke einsetzen, aber in Echo braucht alles seine Zeit. Einen Tag nach unserem Ausflug ins Fressfass hab ich dein Ernennungsgesuch an den Hof weitergeleitet. In meiner Beh�rde wird alles schnellstens erledigt - in einem Monat d�rfte alles geregelt sein.�</p><p>�Das soll schnell sein?�</p><p>�Ja. Und gew�hne dich daran.�</p><p>Wir waren in Juffins Haus getreten. Er verschwand in sein Schlafzimmer, und ich blieb allein. H�chste Zeit, �ber die Finsternis nachzudenken, in die ich angeblich schaute. Die alten Damen hatten mir wirklich einen Schreck eingejagt! Und dann noch Juffin mit seinem Vortrag �ber die geheime Ursache meiner Stimmungswechsel. Brrr!</p><p>In meinem Zimmer nahm ich die von mir gerettete Dose aus der Manteltasche. Meine S��e, bleib einige Zeit liegen und beruhige dich etwas. Opa Max ist ein guter Mensch, obwohl er fast nichts besitzt. Er sch�tzt dich vor jedem �berfall, aber jetzt schaut er noch ein bisschen in die Finsternis ...</p><p>In die Bl�te meiner neuen Phobie kam ein flauschiges K�gelchen aus der Finsternis gesprungen: �Max, lass das!�</p><p>Mein kleiner Freund Chuf wedelte mit dem Schw�nzchen und brachte damit die teuflische Dunkelheit zum Verschwinden. Ich beruhigte mich, l�schte das paranoide Murmeln der betagten Grazien aus dem Ged�chtnis und ging mit Chuf ins Wohnzimmer, um zu Abend zu essen und die Tageszeitungen zu lesen.</p><p>Bis zum Morgen konnte ich nicht einschlafen, sondern wartete auf Juffin, um die Ereignisse des Abends bei einem Becher Kamra zu besprechen. Ich hatte die Vorstellung, Sir Juffin zerbr�che sich von morgens bis abends �ber den geheimnisvollen Mord den Kopf. Wie der gute alte Sherlock Holmes oder der kaum weniger alte und ebenso gute Kommissar Maigret w�rde Juffin - dachte ich - stundenlang Pfeife schmauchen und dann zum Tatort schlendern, um nach einer schlaflosen Nacht das Geheimnis der entlaufenen Leiche - nicht ohne meine bescheidene Hilfe - zu l�ften. Und danach w�rden alle vor Freude tanzen.</p><p>Doch mich erwartete eine gro�e Entt�uschung. Das morgendliche Treffen mit ihm dauerte nur zw�lf Minuten, und die ganze Zeit verschwendete Sir Juffin mit Spekulationen dar�ber, ob und wie ich die n�chsten drei Tage ohne ihn auskommen k�nnte. Wie sich herausstellte, stand sein j�hrlicher Besuch bei Hofe an, und der K�nig lie� seinen charmanten Vasallen in aller Regel nicht so schnell wieder laufen. Nach Sir Juffins Erfahrungswerten w�rde seine Quasi-Gefangenschaft drei bis vier Tage dauern. Danach w�rde sich im Volk Unmut r�hren, der den Monarchen zw�nge, seine Beute widerwillig in die Welt zur�ckkehren zu lassen.</p><p>Ich verstehe Seine Majest�t: Detektivgeschichten gibt es im Vereinigten K�nigreich ja nicht, und die trockenen Berichte der H�flinge k�nnen das farbenpr�chtige Schwadronieren von Sir Juffin Halli nicht ersetzen.</p><p>Meine Einsamkeit nutzte ich nicht �bel. Ich ging oft und lange spazieren, beobachtete Passanten und pr�gte mir Stra�ennamen ein. Und ich erkundigte mich nach dem Mietpreis leer stehender Geb�ude. �u�erst kritisch w�hlte ich mein zuk�nftiges Zuhause aus, das in der N�he der Stra�e der Kupferkessel sein sollte, an deren Ende das Haus an der Br�cke steht, in dem sich das Polizeirevier und die Dienststelle von Sir Juffin befinden. Nachts machte ich meine Hausaufgaben und befragte etliche Gegenst�nde nach ihrer Vergangenheit. Es war angenehm zu merken, dass ich all das auch ohne Hilfe von Sir Juffin konnte. Die Dinge teilten mir ihre Erinnerungen gern mit. Nur die kleine Cremedose aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli schwieg beharrlich wie ein Partisan. Anf�lle unkontrollierter Angst waren bei ihr aber inzwischen nicht mehr zu beobachten. Immerhin etwas!</p><p>Am sp�ten Abend des vierten Tages kehrte Sir Juffin Halli mit k�niglichen Geschenken und brandneuen Nachrichten zur�ck, die mir anfangs sehr abstrakt schienen. Er schob alle dienstlichen Angelegenheiten, die in seiner Abwesenheit aufgelaufen waren, beiseite. Mit dem geheimnisvollen Mord im leeren Schlafzimmer besch�ftigten wir uns weder am ersten noch am zweiten Abend.</p><p>Mein Leben verlief endlich wieder in seiner alten, angenehmen Bahn. Juffin kam fr�h nach Hause, und wir nahmen unsere langen Gespr�che und Nachtseminare wieder auf. Seit dem ungekl�rten Mord im Haus von Sir Makluk waren schon zwei Wochen vergangen (jedenfalls nach meiner Rechnung; in Echo teilt man das Jahr nicht in Wochen und Monate, sondern in Tagesdutzende ein).</p><p>Nach hiesiger Zeitrechnung war seit unserem n�chtlichen Besuch im Nachbarhaus schon �ber ein Dutzend Tage vergangen. Das ist eine lange Zeit, um meine Neugier aufrechtzuerhalten. Sie entz�ndet sich schnell und erlischt genauso rasch, wenn sie nicht gef�ttert wird.</p><p>H�tte die von mir gerettete Dose doch fr�her gesprochen - ehe ich mich redseligeren Dingen zugewandt und sie dar�ber vergessen hatte! Obendrein hatte Sir Juffin begonnen, mir Tricks beizubringen. Wer wei�, wie allt�glich, akademisch und langweilig diese ganze Sache ohne meinen Leichtsinn geendet h�tte.</p><p>Wie dem auch sei: Der erste Vorbote des sich z�gig n�hernden Unheils �berraschte mich am fr�hen Abend eines wundersch�nen Tages. Gerade riskierte ich zum zweiten Mal einen Blick in die Meisterwerke der alten Dichtung Ugulands, einen schweren Band, den ich aus der d�steren Bibliothek in den Garten mitgenommen hatte. M�hsam kletterte ich mit dem Folianten auf einen Ast des weit verzweigten Wachari, einer Baumsorte, die sich besonders f�r M�nner mittleren Alters, die unter Anwandlungen von Kindlichkeit leiden, zum Klettern eignet.</p><p>Von meinem Beobachtungspunkt sah ich einen grau gekleideten Mann, der von Sir Makluks Residenz langsam zu uns kam. Ich erinnerte mich der Ereignisse beim letzten Besuch dort und hielt es f�r besser, ins Haus zu gehen. Sir Juffin war noch nicht da, und ich beschloss, mir die Nachrichten des Boten anzuh�ren. F�r meinen Geschmack kletterte ich zu langsam runter, erreichte die Haust�r aber, ehe Sir Makluks Diener den mit bunten, durchsichtigen Kieseln ausgelegten Pfad betreten hatte, der zum Haus f�hrte.</p><p>In der Diele stie� ich auf Kimpa. Er wollte zur T�r eilen, doch ich kam ihm zuvor, �ffnete dem Boten und sagte: �Sir Juffin ist nicht da. Sprich also mit mir!�</p><p>Sir Makluks Bote geriet in Verlegenheit. Ob es daran lag, dass ich meinen f�r hauptst�dtische Ohren unangenehmen Akzent noch immer nicht losgeworden war?</p><p>Mein stutzerhaftes Aussehen und mein entschiedener Ton jedenfalls - vielleicht auch das Eingreifen Kimpas, den ich nicht bemerkt hatte - taten die erw�nschte Wirkung.</p><p>�Sir Makluk bittet, dem Ehrw�rdigen Leiter das Verschwinden des alten Dieners Gowins mitzuteilen. Seit heute Morgen hat ihn niemand gesehen. Das ist seit neunzehn Jahren nicht mehr vorgekommen! Au�erdem l�sst Sir Makluk ausrichten, dass ihn merkw�rdige Vorahnungen plagen.�</p><p>Mit wichtigtuerischem Kopfnicken entlie� ich den Boten. Zweifellos sollte ich Juffin per Stummer Rede rufen. Daf�r aber fehlte mir die Erfahrung. Es ist leicht, dieses Kommunikationsmittel anzuwenden, wenn der Gespr�chspartner einem gegen�bersitzt. Jetzt aber sollte ich ihn Gott wei� wo ausfindig machen und eine telepathische Verbindung hersteilen. Sir Juffin hatte mir mehrmals einzureden versucht, es gebe da eigentlich keinen Unterschied - wenn es einmal geklappt habe, klappe es beim zweiten Mal wie am Schn�rchen. Was das betraf, hatte ich allerdings meine eigene Meinung. Vielleicht mangelte es mir ja an Fantasie oder Erfahrung.</p><p>Ich h�tte Kimpa nat�rlich um Hilfe bitten k�nnen. Dem stand nichts entgegen, weder eine besondere Geheimhaltung noch mein �bersteigerter Ehrgeiz (welcher Ehrgeiz denn?). Erneut muss ich gestehen, einfach nicht auf die Idee gekommen zu sein, mich an ihn zu wenden. Und Kimpa - stets korrektester Diener - traute sich nicht zu intervenieren.</p><p>Also begann ich auf eigene Faust, Kontakt mit Juffin zu suchen. Nach drei Minuten war ich verschwitzt, fahrig und der Verzweiflung nahe. Nichts klappte! Ich stand mit dem R�cken zur Wand und war sicher, zu nichts zu taugen!</p><p>Ich lie� alle Hoffnung fahren und probierte es ein letztes Mal ... und pl�tzlich funktionierte es! Ich erreichte Juffin mit meinem �Stummen Schrei�, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie.</p><p>�Was gibt's, Max?�, fragte er, und ich erz�hlte ihm alles.</p><p>�In Ordnung. Ich komme. Warte auf mich�, antwortete er knapp. Er wollte eindeutig meine Kr�fte schonen.</p><p>Ich atmete tief ein und ging mich umziehen. Schon lange hatte ich nicht mehr so geschwitzt! Kimpa betrachtete mich mit herablassender Neugier und enthielt sich taktvoll jeglichen Kommentars. Ein Heiliger.</p><p>Ehe Juffin kam, war ich hergerichtet, doch unseren Hauptzeugen - die kleine Cremedose - erw�hnte ich nicht. Ich h�tte das Gespr�ch sp�ter bestimmt darauf gebracht, aber Juffin kam nicht allein, sondern in Begleitung von Sir Melifaro, seinem Stellvertreter. Glauben Sie mir: Ihn kennen zu lernen, gleicht dem Erleben eines Erdbebens der St�rke f�nf bis sechs. Sir Melifaro ist nicht nur das Tagesantlitz des Ehrw�rdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps, sondern eine wahre Wanderausstellung. Den Burschen sollte man f�r Geld vorf�hren. Alle zw�lf Tage w�rde auch ich eine Eintrittskarte kaufen, wenn ich das Vergn�gen nicht t�glich gratis bek�me - als Bonus f�r geleistete Dienste.</p><p>An diesem Tag wusste ich noch nicht, was mich erwartete.</p><p>Ins Wohnzimmer fiel ein dunkelhaariger Sch�nling ein, der auf den ersten Blick mein Altersgenosse war. Solche Typen hat man im Hollywood der Nachkriegszeit gesch�tzt und f�r die Rolle des ehrlichen Boxers oder des Privatdetektivs gebucht. Die Kleidung des Unbekannten wirkte auf mich st�rker als sein Gesicht. Unterm bunten Mantel sah eine smaragdgr�ne Skaba hervor, und auf dem Kopf trug er einen orangefarbenen Turban. Dazu hatte er grellgelbe Stiefel an. D�rfte dieser Modenarr sich t�glich hundert Kleidungsst�cke aussuchen, w�rde er - da bin ich mir sicher - stets nur zu den grellsten Farben und Nuancen greifen.</p><p>Der Angekommene funkelte mich aus dunklen Augen an und zog die Brauen so hoch, dass sie unter seinem Turban verschwanden. Theatralisch bedeckte er das Gesicht mit den H�nden und rief: �Du bist es wirklich, mein pr�chtiger Barbar, und ich f�rchte, dein Blick wird mich von nun an in Alptr�umen verfolgen!� Danach drehte er sich auf dem flauschigen Teppich wie auf einer Eisfl�che um die eigene Achse und plumpste in einen Sessel, der bei dieser Behandlung aufst�hnte und erstarrte, als w�rde er sterben. Es schien, als h�rte der Ank�mmling auf zu atmen. Jedenfalls heftete er seinen durchdringend pr�fenden Blick, der pl�tzlich ernst und seltsam leer wurde, auf mich, was zu der gerade abgezogenen Nummer gar nicht passte.</p><p>Ich begriff, dass ich ihn jetzt begr��en sollte, und bedeckte die Augen - wie es sich eigentlich geh�rte - mit der Hand, konnte aber nur ein �Na!� herausbringen.</p><p>Melifaro l�chelte und zwinkerte mir unerwartet zu. Er tat �brigens alles unerwartet.</p><p>�Aber Max! Zuk�nftige Nachtseite unseres Ehrw�rdigen Leiters! Nimm das nicht so ernst - schlie�lich arbeite ich schon seit sechzehn Jahren als seine Tagseite. Der Mensch gew�hnt sich an alles, wei�t du.�</p><p>�Es fehlt nur noch wenig, dann hat unsere Abteilung bei Max jedes Ansehen verloren!�, mischte sich Juffin ein. �Meine Bem�hungen laufen ins Leere! Er wird denken, ich sei nur der Leiter eines Asyls f�r Verr�ckte, und zur�ck in seine Leeren L�nder fliehen, weil er die Vorz�ge eines Lebens in sauberer Luft zu sch�tzen wei�lich winkte beschwichtigend ab.</p><p>�Was gibt es eigentlich f�r Neuigkeiten?�, fragte Juffin nun gespannt.</p><p>�Haben Sie zu wenig Informationen, Sir?�, rief Melifaro. �Soll Ihnen etwa jemand sagen, wo der Verschwundene sich aufh�lt, was mit ihm passieren wird und wer an allem schuld ist? Im Haus von Sir Makluk hat sich keiner bem�ht, den T�ter zu fassen, und wir m�ssen nun die Kastanien aus dem Feuer...</p><p>�Melifaro!�, unterbrach Juffin. �Sir Max wei� noch nicht, dass du der Kl�gste, Unwiderstehlichste und Herrlichste von allen bist. Er kann sein Gl�ck kaum fassen, an der Quelle der Macht des Vereinigten K�nigreichs zu sein.� Nach diesen Worten machte er eine kurze Pause und setzte seltsam sanft hinzu: �Und jetzt wird gearbeitet.�</p><p>Schnaubend nahm Melifaro das zur Kenntnis.</p><p>�Max, du kommst mit, damit unser Gr�ppchen nach was aussieht. Gestern habe ich Sir Lonely-Lokley und seine gro�en H�nde f�r f�nf Sorgenfreie Tage beurlaubt. Klugerweise hat er sich gleich heute Morgen davongemacht. Lady Melamori hat ebenfalls dienstfrei, weil ihr einflussreicher Vater sich nach ihr gesehnt hat. Und Sir Kofa Joch bewacht unsere nette Anstalt an der Br�cke, statt in irgendeinem Betrunkenen Skelett zu tafeln, der Arme. Wir aber sollten etwas essen, damit uns Sir Melifaro nicht vom Fleisch f�llt. Wie ich dich kenne, Max, hast du bestimmt auch Appetit.�</p><p>Wir a�en reichlich, aber in Eile. Es schien, als w�re Sir Melifaro auf einen Eintrag ins Buch der Rekorde scharf und hoffte, seinen Namen unter denen zu sehen, die riesige Mengen an Lebensmitteln vertilgten. Dabei schaffte er es obendrein, mich zu fragen, ob es nicht schwierig sei, ohne ged�rrtes Pferdefleisch auszukommen, und erkundigte sich bei Sir Juffin, ob er ein mit dem marinierten Fleisch eines rebellischen Magisters belegtes Brot bekommen k�nne. Diesen Witz verstand ich erst sp�ter, als Sir Kofa Joch mir einen �berblick �ber die z�hlebigsten Legenden der Stadt gegeben hatte.</p><p>Schweigend gingen wir zu Sir Makluks Haus hin�ber. Sir Juffin war in Gedanken vertieft, Melifaro pfiff ein Lied, und ich erwartete mein erstes Abenteuer. Ich sage gleich vorweg, dass es aufregender wurde, als ich es mir erhofft hatte.</p><p>Ein in tadelloses Grau gekleideter Mann lie� uns durch die kleine Seitent�r ein. Ich f�hlte mich pl�tzlich unwohl - mir war nicht �bel, doch ich war traurig, und die ganze Situation erschien mir widerlich. Etwas �hnliches hatte ich schon fr�her gesp�rt, in den seltenen F�llen n�mlich, da ich meine Gro�mutter hatte besuchen m�ssen. Im Krankenhaus hatte es eine eigene Abteilung f�r Sterbende gegeben - ein wirklich nettes Pl�tzchen ...</p><p>Juffin warf mir einen interessierten Blick zu. �Max, sp�rst du das auch?�</p><p>Ich war so verwirrt, dass ich laut fragte: �Was ist das?�</p><p>Melifaro drehte sich erstaunt um, sagte aber nichts.</p><p>Juffin bevorzugte Stumme Rede. �Der Duft des Schlechten Todes. Er ist mir schon fr�her begegnet. Das alles ist sehr unerfreulich�, meinte er, zuckte die Achseln und setzte laut hinzu: �Gehen wir ins Schlafzimmer. Mein Herz sp�rt, dass der alte Gowins ungeduldig geworden ist und es am Morgen betreten hat, um Ordnung zu machen. Melifaro, du �bernimmst die Rolle von Lonely-Lokley.�</p><p>�Mit mir ist heute nicht viel los. Ich kann mich nicht so anstrengen.�</p><p>�Das brauchst du auch nicht. Du sollst nur als Erster in die H�lle des Schlafzimmers gehen. Gem�� den Vorschriften darf ich euch nicht der Gefahr aussetzen, meine Gesellschaft zu verlieren, und Sir Max wei� nicht, was man zu tun hat, wenn man als Erster eintritt.�</p><p>�Daf�r bin ich Ihnen nicht zu schade, stimmt's! Ich wei� - Sie haben mich schon lange satt. Kann es sein, dass Sie mich aus dem Dienst jagen wollen und Ihr Gewissen dabei sauber bleiben soll? Kommen Sie zur Besinnung, ehe es zu sp�t ist!�, rief Sir Melifaro im Scherz.</p><p>Ich erkl�rte ihm augenzwinkernd, was Juffin und ich im Schilde f�hrten: �Wie Sie sehen, strebe ich auf Ihren Posten. Und f�r Ihren Boss ist es leichter, jemanden zu t�ten, als ihn ohne Grund zu beleidigen. Jetzt verstehen Sie sicher ...�</p><p>�Tja�, seufzte Melifaro theatralisch. �Sonst w�rde er mich bestimmt schon lange nicht mehr durchf�ttern.�</p><p>�Herrschaften, k�nnt ihr mal die Klappe halten?�, fragte Juffin h�flich.</p><p>Das taten wir unges�umt und folgten unserem strengen Cicerone. Vor dem Schlafzimmer blieb Juffin stehen.</p><p>�Wir sind da. Herzlich willkommen!�</p><p>Melifaro hielt sich nicht mit den Tricks tapferer Filmsoldaten auf, sondern �ffnete umstandslos die T�r und trat ungeduldig ein. Wenn man mich fragt, befand sich das Duftzentrum des Schlechten Todes genau dort. Aber Befehl ist Befehl. Also folgte ich ihm.</p><p>Eine Sekunde war mir, als sei ich vor Jahren gestorben. Todessehnsucht begann in mir zu brennen, eine besondere Art Heimweh. Doch ein letzter Rest des alten, distanzierten und vern�nftigen Max hauste noch in mir. Also nahm ich mich zusammen, besser gesagt: Das bisschen Restvernunft legte meine �brigen Facetten, die der Todessehnsucht zuarbeiteten, an die Kandare.</p><p>Sir Melifaro, der sich im seligen Stand der Unwissenheit befand, spitzte die Ohren und brummte d�ster: �Chef, das ist kein sehr angenehmer Ort. Wohin haben Sie mich geschleppt? Wo sind hier M�dchen? Wo ist Musik?�</p><p>Sir Juffin antwortete mit merkw�rdig fremder Stimme: �Zur�ck, Kinder. Diesmal bekommt meine Pfeife einen Hustenanfall.�</p><p>Es war schon seltsam: Der Pfeifenzeiger konnte angewandte Magie bis zum hundertsten Grad nachweisen. In romantischer Vorzeit hatten solche Pfeifen noch viel h�here Grade von Magie angezeigt, doch f�r die Gegenwart reichten hundert Grade v�llig. Wenn diese Pfeife nun hustete, konnte das nur bedeuten, dass sich im Zimmer eine viel h�here Magie befand, vielleicht eine des 173. oder 212. Grades. Mir war das v�llig egal.</p><p>�Wie ich h�re ... �, begann Melifaro, doch Juffin schrie: �Hau ab, schnell!�, griff dabei nach meinem Unterschenkel und riss mich zu Boden. Ich sah Melifaros Beine nur noch in einem sonderbaren Salto aufs Fenster zurasen. Glassplitter regneten auf ihn nieder. Wie ein smaragdgr�ner Vogel st�rzte er in den Garten und w�re beinahe dort aufgeschlagen, schnellte aber zur�ck, als hinge er an einem Gummiband.</p><p>�Was machst du denn schon wieder hier, du Idiot? Hau ab!�, br�llte Juffin ohne viel �berzeugungskraft. Selbst ich merkte, dass Melifaro nicht freiwillig zur�ckgekehrt war, und glaubte sogar, ein Spinnennetz zu sehen, das wie ein Kristall glitzerte und in dem er sich verfangen hatte. Er schaute uns seltsam entr�ckt an. Aus berauschend weiter Ferne. Dazu l�chelte er so gl�ckselig wie idiotisch. Langsam arbeitete er sich zum Zentrum des Spinnennetzes vor - auf das zu, was fr�her der gro�e, alte Spiegel gewesen war.</p><p>Juffin hob die H�nde �ber den Kopf und schien von innen warm und gelb aufzuleuchten wie eine Kerosinlampe. Erst funkelte das Spinnennetz, dann Sir Melifaro. Er blieb stehen und drehte sich zu uns um. Mit ihm schien alles in Ordnung zu sein, doch dann erlosch sein Funkeln. Er l�chelte noch immer und machte wieder einen Schritt auf ein dunkles Gesch�pf im Spiegel zu.</p><p>Juffin kr�mmte sich und zischte einige Worte. Das Spinnennetz zitterte, und ein paar F�den rissen mit einem merkw�rdigen Ger�usch, das mir im Magen wehtat. In der Finsternis dessen, was wir f�r den Spiegel gehalten hatten, r�hrte sich etwas. Leere Augen schauten uns an, die dem Spinnennetz �hnlich schienen und kalt wie Kristalle funkelten. Das Licht dieser Augen lie� uns ein Maul erkennen, das dem eines Affen �hnlich war, sich bei n�herem Hinsehen aber als dunkler, feuchter, absto�ender Fleck erwies, den ich zun�chst f�r einen Bart hielt. Er hatte keine klare Kontur. Dann begriff ich entsetzt, dass der �Bart� lebte. Rund um die ekelhafte �ffnung bewegte sich ein Gestr�pp d�nner Beinchen, die ein Eigenleben f�hrten. Das Wesen schaute Sir Melifaro mit k�hler Neugier an, bemerkte uns dagegen nicht. Melifaro l�chelte, sagte leise: �Du siehst doch, ich komme�, und machte wieder einen Schritt voran.</p><p>Juffin tobte, rief mit rauer, fremder Stimme unverst�ndliche Worte, trommelte rhythmisch mit den Beinen und lief im Zimmer auf und ab. Der Takt seiner Schritte und Schreie wirkte seltsam beruhigend auf mich. Wie verzaubert erlebte ich seinen schwindelerregenden, schamanistisch wirkenden Auftritt. Das Spinnennetz zitterte und erlosch, und der Spiegelbewohner musterte Juffins Bewegungen mit sterbendem Blick.</p><p>�Das Wesen stirbt�, dachte ich k�hn. �Es war immer tot, und jetzt stirbt es. Merkw�rdig!�</p><p>Juffin beschleunigte seinen Rhythmus. Seine Schritte wurden lauter, und sein Schreien verwandelte sich in Geheul, das meine Gedanken �bert�nte. Sein K�rper schien mir seltsam gro� und dunkel wie ein Schatten. Die W�nde des Zimmers begannen hellblau zu leuchten. Ein kleiner Tisch hob sich in die Luft und flog Richtung Spiegel, st�rzte aber auf halbem Wege ab, und seine Tr�mmer mischten sich mit den Spiegelsplittern.</p><p>Dann sp�rte ich, dass ich einschlief - oder starb. Eigentlich hatte ich nie vorgehabt, in Gegenwart einer kr�nklichen, behaarten Affenfratze zu sterben. Aus einer Zimmerecke kam ein Kerzenleuchter geflogen und schien auf meinen Kopf zu zielen. Da wurde ich w�tend und bewegte mich, und der Kerzenleuchter blieb ein paar Zentimeter vor meinem Kopf in der Luft stehen. In diesem Moment begriff ich, dass es zu Ende war.</p><p>Na ja, �zu Ende� ist leicht gesagt. Es gab kein Licht und kein Spinnennetzgefunkel mehr, und auch der fatale Geruch nach Schlechtem Tod war verschwunden. Der Spiegel sah wieder nach Spiegel aus, warf aber nat�rlich kein Bild mehr zur�ck. Sir Melifaro stand bewegungslos inmitten der Tr�mmer. Sein Gesicht war eine erschreckend leblose Maske. Das Spinnennetz hing ihm nun in glanzlosen, aber echten Fasern am Leib. Sir Juffin hockte sich neben mich und musterte neugierig mein Gesicht.</p><p>�Wie f�hlst du dich, Max?�</p><p>�Ich wei� nicht. Wenigstens geht es mir besser als ihm�, meinte ich und wies mit dem Kopf auf Sir Melifaro. �Was war das gerade?�</p><p>�Magie des 212. Grades, mein Freund. Was h�ltst du davon?�</p><p>�Was halten Sie davon?�</p><p>�Das alles war sehr seltsam. Rein theoretisch solltest du in seinem Zustand sein�, antwortete Juffin. Wir wandten synchron die K�pfe und betrachteten erneut den erstarrten Melifaro.</p><p>�Sag mal, bist du eingeschlafen? Was war mit dir los?�</p><p>�Offen gesagt wusste ich selbst nicht, ob ich sterbe oder einschlafe. Aber ich dachte, dass ich in Anwesenheit dieses Affen nicht sterben will. Komisch, was? Als mir der Kerzenhalter entgegenflog, war ich endg�ltig sauer, und zwar auf alles: auf den dummen Leuchter, auf die Missgeburt im Spiegel und auf Sie. Und ich nahm mir vor: Euch zeig ich's! Ich sterbe nicht! Das war eigentlich alles.�</p><p>�Donnerwetter, Junge! Bisher galt so was als unm�glich. Du warst also pl�tzlich beleidigt und hast dich entschieden, nicht zu sterben? Um deinen Feinden Paroli zu bieten? Lustig. Aber trotzdem: Wie f�hlst du dich jetzt?�</p><p>Unvermittelt �berkam mich strahlende Laune. Als ich in mich hineinlauschte, merkte ich, dass ich mich tats�chlich nicht normal f�hlte. Zum Beispiel verstand ich durchaus, was gerade passiert war. Ich hatte Juffin nicht danach fragen m�ssen. Mir war klar, dass er zweimal erfolglos versucht hatte, die fremde Kraft aus dem Spiegel zu besiegen. Beim dritten Mal hatte er alles im Zimmer erstarren lassen. Ich stellte mir plastisch vor, wie er es gemacht hatte, h�tte das Ganze aber nicht wiederholen wollen. Ich wusste auch, dass es unm�glich war, den Spiegelbewohner zu vernichten, ohne Sir Melifaro dabei Schaden zuzuf�gen. Das Spinnennetz verband die beiden n�mlich wie siamesische Zwillinge.</p><p>Doch im Moment qu�lten mich andere Fragen. So �berlegte ich, wie Sir Juffin aussehen mochte, wenn man einen Glassplitter nahm und ihm damit die Wange ritzte. Und wie sein Blut wohl schmecken mochte.</p><p>Ich fuhr mir mit der Zunge �ber die ausgetrockneten Lippen.</p><p>�Max�, sagte Juffin streng. �Rei� dich zusammen. Das bringt dich aus der Fassung. Ich kann dir helfen, wenn wir das Zimmer erst verlassen haben, aber es w�re besser, wenn du es allein schaffst. Im Vergleich zu dem, was du schon geleistet hast, ist das eine Kleinigkeit.�</p><p>Ich durchst�berte alle Ecken meiner Seele nach dem kleinen, vern�nftigen Jungen, der mir in heiklen Lagen hilft. Offenbar war er gerade nicht zu Hause.</p><p>Pl�tzlich erinnerte ich mich an einen billigen Vampirfilm. Die Helden waren bleich geschminkt und hatten ziemlich scheu�liche Bluterg�sse - wie Kinder, die unter den Launen �berforderter Hausm�dchen leiden m�ssen. Ich verglich das mit meiner Situation: der nette Max, der anerkannte Liebling der M�dchen und Haustiere ... Zuerst sch�mte ich mich, doch dann brach ich in Gel�chter aus.</p><p>Sir Juffin wandte sich zu mir um: �Du hast aber Fantasie!�</p><p>�Das ist keine Fantasie - das ist mein gutes Ged�chtnis. Wenn Sie den Film gesehen h�tten ...�, begann ich, stockte dann und fragte vorsichtig: �Moment mal, lesen Sie meine Gedanken?�</p><p>�Manchmal. Wenn die Arbeit es verlangt�, best�tigte Juffin gelassen.</p><p>Doch das h�rte ich schon nicht mehr. Wieder qu�lte mich der Wunsch, Juffins Blut zu kosten. Einen kleinen Schluck nur. Mein Magen knurrte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an sein Blut!</p><p>�Bin ich etwa verr�ckt?�</p><p>�So was in der Richtung, Max. Aber das ist gut f�r dich. Ich glaube, nachdem du meinen Zauber ausgehalten hast, kannst du deine Verr�cktheit locker bew�ltigen! Ich kann dich heilen, wenn es sein muss. Sag einfach Bescheid. Aber du verstehst schon ...�</p><p>Ich verstand: Mit der Verr�cktheit w�rde auch das geheime Wissen verschwinden, in dessen Besitz ich so unerwartet gekommen war. Und nach Lage der Dinge erschien Sir Juffin die fachliche Hilfe eines psychisch unausgeglichenen Vampirs n�tzlicher als das Bl�ken des normalerweise unbewanderten Max. Aber wenn er sich versehentlich in die Hand schneiden w�rde, k�nnte ich ... Wieder leckte ich mir die Lippen und schluckte die bittere Spucke vernehmlich herunter. Dann nahm ich einen Glassplitter und ritzte mir die Hand, was mir arge Schmerzen und salzigen Blutgeschmack eintrug, mir aber auch unglaubliche Erleichterung brachte!</p><p>�Helfen Sie mir bitte auf, Juffin. Mir ist ganz bl�merant.</p><p>Er nickte l�chelnd und reichte mir die Hand. Ich stand auf und wunderte mich, wie ich mein Leben in so schwindelerregender H�he verbringen sollte. Der Boden befand sich am anderen Ende des Weltalls - falls er sich �berhaupt irgendwo befand! Ich st�tzte mich auf Juffin, bewegte behutsam die eingeschlafenen Beine und ging in den Flur.</p><p>Ich wusste, was nun kommen w�rde. Die Kr�fte, die mein G�nner gerufen hatte, st�rten das Gleichgewicht der Welt. Das ist nichts Besonderes, auch nicht nach den Ma�st�ben des Linken Flussufers. Die h�uslichen Ma�st�be aber sind andere. Ein Zimmer ist in k�rzester Zeit restlos mit Magie gef�llt, und diese Magie zerst�rt die Harmonie. Man sollte das Leben gleich anhalten, wenn Konturen verschwinden, und es in Ordnung bringen. So etwas darf man nicht auf sp�ter verschieben. Damals stand mir alles, was geschehen war, lange lebhaft vor Augen, doch jetzt erinnere ich mich nur noch dunkel daran.</p><p>Zuerst streiften wir ziellos durch das riesige Haus. Grau gekleidete M�nner versuchten, uns zu entkommen, obwohl manche bedrohlich die Z�hne zeigten.</p><p>Andere verhielten sich seltsam. Im gro�en Wohnzimmer mit Springbrunnen, in dem Sir Makluk uns empfangen hatte, f�hrten zwei junge M�nner einen lautlosen rituellen Tanz auf. Grazi�s umwickelten sie sich mit etwas, das wie fluoreszierende Papierschlangen aussah. Als wir n�her kamen, merkte ich entsetzt, dass es sich um Ged�rm handelte, das die Burschen einander mit nachdenklichem Gesicht aus dem Bauch zogen. Es gab kein Blut, und sie hatten - wie ich annahm - auch keine Schmerzen. Die Innereien funkelten im Halbdunkel des gro�en Saals und spiegelten sich im Strahl des Springbrunnens.</p><p>�Denen ist nicht zu helfen�, fl�sterte Juffin und hielt die Szene mit behutsamer Geste per Zauberspruch an. Nachdem er das einmal getan hatte, war es nicht n�tig, die Prozedur jedes Mal zu wiederholen, denn der Zauber folgte ihm wie die Schleppe eines Kleides, und ich ... nun ja ... ich half ihm, sich mit dieser Schleppe fortzubewegen. Kaum war auf die �brigen Zimmer auch nur der Schatten des Zaubers gefallen, verhielten die Diener sich auch dort wieder normal.</p><p>Ein Ende unseres Streifzugs durchs Haus war nicht abzusehen. Manchmal sp�rte ich ein Verlangen nach Blut, war aber zu sehr mit der Abwehr w�tender Alltagsgegenst�nde besch�ftigt, die eine echte Vorliebe f�r uns entdeckt hatten. Vor allem erz�rnte mich die Attacke eines dicken Buchs namens Chroniken von Uguland.</p><p>�Dich hab ich schon gelesen, hau ab�, rief ich und wehrte die w�tende Wissensquelle mit einem massiven Spazierstock ab, den ich mir klugerweise am Anfang des Rundgangs besorgt hatte.</p><p>In einem der Zimmer sah ich mein Bild im Spiegel und erschrak. Woher kamen diese gl�henden Augen, diese hektischen Bewegungen des Kiefers? Wann hatte ich es geschafft, so abzumagern? Ich hatte doch vor kurzem Mittag gegessen, nach Ansicht von Graf Dracula aber wohl nichts Richtiges zu mir genommen. Was f�r eine dumme Ansicht! Aber es war gar nicht schwer, mich zusammenzunehmen - der Mensch gew�hnt sich an alles.</p><p>Wir streiften weiter durchs Haus. Langsam fragte ich mich, ob es dabei f�r immer bleiben w�rde. Waren die Uhren etwa stehen geblieben, w�hrend wir - in einer Art Fegefeuer zu Lebzeiten - in einem aus dem Zeitkontinuum gefallenen Haus alterten?</p><p>In einem Zimmer trafen wir Sir Makluk, der damit besch�ftigt war, einen gro�en B�cherschrank wie einen Bogen Pergament zusammenzurollen, und dem dies - gegen alle Wahrscheinlichkeit - schon fast gelungen war. Der alte Mann drehte sich zu uns um und erkundigte sich freundlich, wie es uns gehe.</p><p>�Bald ist alles in Ordnung�, versprach Juffin, und Sir Makluk erstarrte mitten in seinem seltsamen Tun: eine weitere Statue im neuen Wachsfigurenkabinett. Ein grau gekleideter Junge trat im T�rrahmen von einem Fu� auf den anderen, knurrte leise und klatschte rhythmisch in die H�nde. Eine Sekunde sp�ter erstarrte auch er.</p><p>Dann gingen wir durch einen leeren Flur. Pl�tzlich hatte ich den Eindruck, mich und Juffin von hinten zu sehen. Kurze Zeit waren da zwei Nacken - einer geh�rte Juffin, der andere mir.</p><p>�Max, bist du m�de?�, fragte er mich l�chelnd.</p><p>�Verschwinden wir von hier!�, sagte ich, ohne zu �berlegen.</p><p>�Nat�rlich. Was sollen wir auch sonst tun? Bald ist alles in Ordnung.�</p><p>�Bei mir ist jetzt schon alles in Ordnung. Mir ist nur �bel.�</p><p>�Das ist der Hunger. Sauf einfach ein paar Liter von meinem Blut, und alles ist wie weggewischt!�</p><p>�Sie haben Humor!�</p><p>�Wenn ich den nicht h�tte, w�rde ich bei deinem Anblick loslachen. Hast du dich mal im Spiegel betrachtet?�</p><p>�Als Sie dieses Scheusal im Schlafzimmer anfauchten, h�tte ich Sie beinahe f�r einen netten Menschen gehalten.�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen! Aber los jetzt, Max - wir haben uns eine Pause verdient!�</p><p>Wir gingen in den Garten. Es war schon dunkel. Der Vollmond beleuchtete Juffins m�des Gesicht und f�rbte seine klaren Augen gelb. Auch mich umflutete Mondlicht. Wozu braucht der Mensch noch Augen? Reichen Stra�enlaternen nicht? Das war mein letzter Gedanke. Ehrlich gesagt h�tten wir auch ohne ihn auskommen k�nnen.</p><p>Dann schaute ich meine verletzte Hand an, und was danach passiert ist, wei� ich nicht.</p><p>Denken Sie, ich w�re eine Woche sp�ter wieder zu mir gekommen, und eine h�bsche Krankenschwester h�tte mir die Hand gehalten? Dann ist Ihnen noch nicht klar, was es hei�t, f�r Sir Juffin zu arbeiten. Er w�rde mir nie erlauben, im Bett zu bleiben!</p><p>Ich wurde gleich wieder zu Bewusstsein gebracht, allerdings auf sehr angenehme Weise. Als ich zu mir kam, fand ich mich an einen Baum gelehnt und hatte ein ausgezeichnetes Getr�nk im Mund. Neben mir kniete Kimpa mit einer Tasse. Und neben ihm warteten weitere Leckerbissen.</p><p>�Schmeckt gut�, sagte ich und befahl: �Mehr!�</p><p>�Das reicht!�, erkl�rte Juffin. �Ich bin nicht knauserig, aber Kachar-Balsam ist das st�rkste Schmerzmittel, das unsere Wissenschaft kennt. Schwarze Magie achten Grades! Doch davon hast du noch nichts geh�rt.�</p><p>�Und wem kann ich nun schaden? Ihnen vielleicht?�</p><p>�Keine blutigen Gel�ste mehr?�</p><p>Aufmerksam horchte ich in mich hinein und versp�rte nichts mehr davon. Dann erforschte ich weitere Elemente meiner Pers�nlichkeit. Schade - die Klugheit, die ich noch vor kurzem besessen hatte, war mir auch abhandengekommen. Obwohl ...</p><p>�Etwas von vorhin jedenfalls scheint �brig geblieben zu sein. Ich meine nicht das Verlangen nach Blut, sondern ...�</p><p>Juffin nickte. �Dieses Treffen war f�r dich n�tzlich, Max. Man wei� eigentlich nie, wo man etwas findet und wo man etwas verliert. Was f�r ein Tag! Aber Spa� beiseite: Melifaro sitzt in der Klemme.�</p><p>�Ich finde, die beiden T�nzer im Springbrunnensaal - die mit den pathologischen Neigungen - sind noch schlechter dran.�</p><p>Juffin winkte unger�hrt ab. �Denen ist nicht mehr zu helfen. Den �brigen dagegen schon. Der arme Melifaro allerdings hat leider kaum Chancen. Komm nach Hause, Max. Dort werden wir essen, trauern und uns Gedanken machen.�</p><p>Zu Hause verputzten wir zun�chst alles, was die K�che hergab. Und das war n�tig. Konzentriertes Kauen regt das Denken an, jedenfalls bei mir. Kurz vor dem Dessert kam mir endlich eine versp�tete Erleuchtung. Ich zuckte im Sessel auf, verschluckte dabei ein H�ppchen, hustete und schaute mich nach Wasser um. Zu guter Letzt verwechselte ich die Kr�ge und trank statt Kamra eine Tasse starken Dschubatinischen S�ufer. Juffin sah mich mit interessiertem Forscherblick an.</p><p>�Seit wann neigst du zum Alkohol? Was ist los?�</p><p>�Ich bin ein Dummkopf�, gab ich niedergeschlagen zu.</p><p>�Sicher, aber warum so theatralisch? Au�erdem besitzt du andere Werte�, tr�stete mich Juffin. �Wieso bist du eigentlich gerade jetzt zu dieser Selbsterkenntnis gekommen?�</p><p>�Weil ich unseren Augenzeugen vergessen habe, die kleine Dose! Ich wollte mit ihr in einer freien Minute plaudern, aber Juffin err�tete vor Aufregung. �Ich habe auch viele Vorz�ge. H�chste Zeit, sie zu erw�hnen! Aber ein Fehler h�tte mir nicht passieren d�rfen! Du durftest die Dose vergessen, ich nicht! Ich hatte immer vermutet, die Geistesschw�che von General Bubuta Boch sei ansteckend. Alle Symptome sind vorhanden, ich bin richtig krank! Hol deinen Schatz her, Max. Schauen wir mal, was uns die Dose sagt.�</p><p>Ich ging in mein Schlafzimmer. Neben dem Bett lagen meine Hausschuhe. Chuf schnarchte leise. Vorsichtig kraulte ich sein flauschiges Genick. Der Hund murmelte etwas, schlief aber weiter. Richtig, das war nicht seine Zeit.</p><p>Die Dose fand sich ganz unten in einer Schublade. Kaum hatte ich sie in der Hand, begannen meine Finger, nerv�s auf ihr herumzutrommeln, und ich zitterte grundlos. Ein schweres Gewicht schien sich auf meine Brust zu legen. Was w�re, wenn die Dose keine Lust h�tte, sich mitzuteilen? Keine Panik - dann denkt Juffin sich was aus. Er wird sie dazu bringen, ihre Seele auszusch�tten. Wie mag die Seele einer Dose aussehen? Ich kicherte, und das Gewicht auf der Brust wurde leichter.</p><p>Der Nachtisch, mit dem Kimpa uns ersch�pfte Helden verw�hnte, �bertraf meine k�hnsten Tr�ume von einem guten Dessert. Also wurde die Sache mit der Dose um eine weitere Viertelstunde verschoben.</p><p>Dann begab Sir Juffin sich in sein Arbeitszimmer. Ich folgte ihm mit unserem einzigartigen Augenzeugen, den ich in nassen, kalten H�nden trug. Ich war nerv�s, denn mir war klar, dass die Dose reden wollte. Und noch etwas lie� mich aus dem Tritt geraten, doch ich wusste nicht, was. Auf der Erde hatte ich Horrorfilme gemocht, aber jetzt h�tte ich lieber die Muppet Show gesehen. Zur Abwechslung.</p><p>Die Vorbereitungen f�r das Dosengespr�ch waren sorgf�ltiger als sonst. Sir Juffin w�hlte lange in der mit Intarsien geschm�ckten Schatulle, in der er seine Kerzen aufbewahrte. Schlie�lich entschied er sich f�r eine bl�ulich - wei�e Kerze, die mit winzigen dunkelroten Wachsspritzern gemustert war. F�nf Minuten bem�hte er sich, mit einem ungeeigneten Stein Feuer zu machen. Ich konnte sein Tun nicht begreifen, doch letztlich war sein Bem�hen von Erfolg gekr�nt. Juffin stellte die Kerze an die Wand, legte sich in der gegen�berliegenden Ecke auf den Bauch und befahl mir mit einer Handbewegung, es ihm gleichzutun. Der Boden im Arbeitszimmer war kahl und kalt, denn es gab keinen Teppich. Ich fragte mich kurz, ob all diese M�hen n�tig und sinnvoll waren.</p><p>Alles war vorbereitet. Die Dose rollte von allein zwischen uns und die Kerze. Ich hatte mich kaum anstrengen m�ssen, ihr Ged�chtnis zu durchschauen. Sie hatte offenbar schon lange Lust, sich mitzuteilen. Die Vorstellung fing unverz�glich an. Uns blieb nichts anderes �brig, als uns alles anzuschauen.</p><p>Von Zeit zu Zeit lie� meine Aufmerksamkeit erschreckend nach, denn fr�her hatte ich mich mit diesen Dingen nie l�nger als eine Stunde besch�ftigt. In solchen F�llen hatte mir Juffin schweigend einen Becher Kachar-Balsam gegeben und manchmal selbst davon getrunken - sei es aus Ersch�pfung, sei es aus Lust und Laune.</p><p>Die kluge Dose zeigte nur, was uns wirklich interessierte. Sir Juffin hatte mir eingesch�rft, dass Gegenst�nde sich vor allem an Ereignisse erinnern, bei denen Magie im Spiel gewesen ist. Bestimmt hatte er recht, doch ich mag den Gedanken, dass die Dose genau gewusst hat, was wir brauchten. Man sagt, aufrichtige Leute seien denen besonders verpflichtet, die ihnen einen uneigenn�tzigen Dienst erwiesen haben. Wenn man an meine unfreiwillige Sympathie f�r die aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk gestohlene Dose denkt, stimmt das.</p><p>Die Dose berichtete uns Folgendes: Alles hatte mit einem Kampf begonnen. Mit einem Beteiligten dieses Kampfs hatten wir kurz zuvor geredet. Wir sahen einen gebrechlichen alten Mann mit ersch�pftem, asketischem Gesicht und der kaprizi�sen Miene des verw�hnten Einzelkinds. Die teure Waschsch�ssel befand sich in den H�nden unseres Bekannten Maddi. Sir Makluk-Olli tunkte den kleinen Finger ins Wasser und verzog unwillig die d�nnen Lippen. Der kniende Diener erhob sich und ging zur T�r. Pl�tzlich bekam das zornige Gesicht des alten Mannes einen teuflischen Ausdruck. Dann warf er und traf! Die Waschsch�ssel - aus d�nnstem Porzellan, wie zu vermuten stand - brach in tausend St�cke und ritzte dabei die Kopfhaut des Pechvogels.</p><p>Der erschrockene, von Wasser und einem Rinnsal Blut geblendete Maddi sprang zur Seite. Dieser Sprung h�tte ihm eine Medaille eintragen k�nnen, wenn das Internationale Olympische Komitee das Zurseitespringen als olympische Disziplin anerkannt h�tte. Dem Sprung des Dieners stand der verh�ngnisvolle Spiegel im Weg. Im �brigen war alles in Ordnung: Es gab keine gebrochene Nase, keine eingeschlagenen Z�hne. Nichts Schreckliches war passiert. Maddi hatte nur mit dem Gesicht den Spiegel ber�hrt und ihn mit seinem Blut beschmiert, das mit Wasser vermischt war. Mehr nicht.</p><p>Der erstaunte Diener wandte sich an Sir Olli. Als der Alte sein blutverschmiertes Gesicht sah, verwandelte sich seine Wut in Angst, und aus der kaprizi�sen Miene wurde eine schuldbeladene Grimasse. Die beiden vers�hnten sich sofort.</p><p>Keiner von ihnen bemerkte, was wir sahen: Die Oberfl�che des alten Spiegels beschlug, als habe ihn jemand angehaucht. Wo die Blutstropfen des armen Dieners den Holzrahmen ber�hrt hatten, war eine pulsierende Bewegung zu sehen. Einen Moment sp�ter war alles vorbei. Nur der Spiegel war ein wenig dunkler und tiefer geworden. Aber wer h�tte das bemerken sollen? Sir Ollis Lippen bewegten sich, und in Maddis blutverschmierte Z�ge trat ein zaghaftes L�cheln der Erleichterung. Durch die einen Spalt ge�ffnete T�r blickte ein neugieriges Gesicht. Damit war die Geschichte zu Ende, und es wurde finster.</p><p>Ein paar Sekunden sp�ter verwandelte sich die Szenerie in das angenehme Dunkel des unbeleuchteten Schlafzimmers. Das schwache Licht des abnehmenden Monds umspielte die hohen Wangen von Sir Olli. Etwas weckte den alten Mann. Ich merkte, dass er erschrocken war, und sp�rte seine Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung am eigenen Leib. Ich h�rte ihn die Diener rufen und sah seine Reaktion, als erstmals in seinem Leben nichts geschah. Das Gleiche war mir passiert, als ich Juffin nicht per Stummer Rede hatte erreichen k�nnen.</p><p>Aber mir hatte es nur an Erfahrung gemangelt - Kraft genug hatte ich, und schlie�lich hatte es geklappt. Sir Olli hingegen besa� zu wenig Kraft, um zur Stummen Rede zu greifen. Blankes Entsetzen packte ihn. Dass sich kein Diener meldete, entzog sich seiner Kontrolle wie seinem Verst�ndnis. Das Unbegreifliche war in unmittelbarer N�he und lastete auf seiner Bettdecke. Einen Moment sah ich etwas Winziges am Hals des alten Mannes hochkriechen, und mich �berlief ein Schauer.</p><p>�Max, siehst du das kleine Scheusal?-, fragte mich Juffin fl�sternd.</p><p>�Ich glaube ja.�</p><p>�Schau es dir nicht zu genau an, am besten gar nicht. Ein Teufelszeug! Der Herr des Spiegels kann deinen Schatten selbst dann rauben, wenn er dir in der Verd�nnung des vermittelnden Ged�chtnisses der Dinge entgegentritt. Jetzt verstehe ich besser, warum die alte Lady Braba so erschrocken war. Sie ist eben doch die talentierteste Heilerin in Echo. Das zu sehen, verkraftet nicht jeder. Nimm ein wenig Balsam, Max, dieser Schutz kann nicht schaden. Ja, das Scheusal ist im Spiegel verschwunden. Wo das Blut des Dieners das Glas ber�hrt hat, da ist jetzt seine T�r. Geh doch mal gucken. Hast du den Schatten schon Weggehen sehen? Schau nach!�</p><p>Mein Zittern und meine Angst schwanden. Obwohl ich mich konzentrierte, h�tte ich das Schlafzimmer beinahe nicht erkannt. Ein halb durchsichtiger und t�dlich erschrockener Sir Makluk-Olli stand neben dem Spiegel und betrachtete einen Sir Makluk-Olli, der reglos im Bett lag. Die Spiegeloberfl�che zitterte. Ein Schatten - vermutlich der Schatten des Toten - schluchzte hilflos, wandte sich dem Spiegel zu, str�ubte sich und ... nein, er schmolz nicht, sondern zerstob in tausend kleine Feuer. Sie erloschen rasch, doch ein paar verschwanden hinter der glatten Spiegeloberfl�che. F�nf kleine Feuer, genauer gesagt, und f�nf Blutstropfen waren es gewesen, mit denen der arme Maddi den Spiegel beschmutzt hatte.</p><p>Pl�tzlich war meine Angst wie weggeblasen. Die Dunkelheit im Schlafzimmer wirkte wieder angenehm und beruhigend, obwohl dort eine Leiche lag. Der Tod ist wenigstens ein gesetzm��iges Ereignis - anders als Magie des 212. Grades, anders als Schwarze oder Wei�e oder von mir aus auch graubraunhimbeerrote Magie.</p><p>Ich merkte, dass die Konturen dessen, was ich gesehen hatte, verschwunden waren. Sir Juffin stie� mir den Ellbogen in die Seite. Die Vorstellung ging weiter.</p><p>Wieder war es im Schlafzimmer dunkel. Ich sah einen sympathischen jungen Mann in festlicher, grellorangefarbener Skaba. Das war nat�rlich der arme Nattis, der ungelernte H�fling, der keine Lust gehabt hatte, in der ber�hmten Stadt Gazin zu bleiben. Er l�chelte traurig und zeigte dabei bezaubernde Gr�bchen. Dann konzentrierte er sich, und sein Gesicht bekam einen merkw�rdig grausamen Ausdruck. In diesem Moment erschien Herr Gowins, an dessen traurigem Schicksal ich keinen Zweifel mehr hegte. Benimmlehrer Gowins legte seinem Sch�ler das Rasierzeug hin. Der reich verzierte Griff des Rasiermessers konnte bei jedem Sammler ein nerv�ses Zucken hervorrufen.</p><p>Ich lie� mich ablenken und schaute mich nach dem wunderbaren Kachar-Balsam um. Sir Juffin sah mich etwas argw�hnisch an.</p><p>�Nur ein Tr�pfchen�, fl�sterte ich schuldbewusst.</p><p>�Schau mich nicht so an, Junge! Ich bin nur ein wenig neidisch. Gib mir auch ein Schl�ckchen.�</p><p>Als ich die Vision wieder vor Augen hatte, hatte Nattis schon mit dem Rasieren begonnen, fuhr sich mit dem Messer �ber die Wangen und l�chelte sanft in sich hinein. Das Messer kam einer pulsierenden Ader seines knabenhaften Halses immer n�her. Bis dahin war alles v�llig normal gelaufen. Eine ganz gew�hnliche Rasur.</p><p>Aber der Spiegel schlief nicht. Ein paar P�nktchen auf seiner Oberfl�che zitterten im richtigen Moment, und die eisige Angst tastete wieder nach meinem Herzen, dem all das gefiel, wie einem alten Sch�rzenj�ger ein appetitliches M�dchen gef�llt.</p><p>Sir Juffin nahm mich beim Kinn. �Schau bitte weg. Das ist schon wieder ein absto�endes Bild. Ich jedenfalls will mir diesen Mist nicht ansehen. Wei�t du, man hat mir bereits von solchen Sachen erz�hlt und mir am Ende immer zu verstehen gegeben, es sei besser, sich mit diesen Wesen zu vers�hnen, statt gegen sie anzuk�mpfen. Mein Nachbar hat �brigens h�bsche M�bel - das muss ich ihm lassen!</p><p>Er ist anscheinend ein wirklich anst�ndiger Mensch. Nattis allerdings hat sich vom Fl�stern des Spiegelwesens beeinflussen lassen. Ach, Max, schau dir seine Augen an! So was hab ich noch nie gesehen! Werde nur nicht �berm�tig!�</p><p>Das Erste, was ich sah, war das hilflose L�cheln des Jungen, das dem absurden L�cheln unseres gl�cklichen Melifaro sehr �hnlich war. R�hrende Gr�bchen zierten die schon glatte rechte und die noch unrasierte linke Wange. Und Blut, viel Blut. Es �berflutete den Spiegel und lie� das darin wohnende Wesen vor Begeisterung zittern und so gierig atmen wie einen unerfahrenen Taucher, der mit knapper Not die Wasseroberfl�che erreicht hat. Zweifellos hauchte das Blut dem Spiegel wieder Leben ein - nein, nicht dem Spiegel, sondern einem Gegenstand, der nur wie ein Spiegel aussah, tats�chlich aber ein lange unbenutzter Zugang zu einem widerlichen Ort war. Mir stockte der Atem. Nattis lag schon am Boden. Wie verzaubert starrte Gowins ihn an. So entging ihm, dass der blutverschmierte Spiegel vor Zufriedenheit bebte, sich dann ein wenig verdunkelte und schlie�lich reglos wurde. Nat�rlich nur f�r kurze Zeit. Leute kamen ins Zimmer, und das Bild taute auf.</p><p>�Juffin�, sagte ich leise. �Sie wissen also, was das ist?�</p><p>�Wissen tue ich es schon, wenn man das so sagen kann. Wei�t du, Max, das ist eine Legende, und ich muss gestehen, dass ich bisher nicht daran geglaubt habe. Doch es spielt keine Rolle, ob ich daran glaube oder nicht. Wir schaffen das schon. Egal was passiert. Schau! Jetzt kommt das Interessanteste!�</p><p>�Das alles ist mir zu langweilig, Juffin. Und widerlich ist es auch.�</p><p>�Nat�rlich ist es widerlich. Was hast du denn gedacht? Macht nichts - nach einem solchen Anfang wird die Arbeit f�r dich das reinste Vergn�gen sein. So etwas geschieht nicht jeden Tag. Eigentlich passiert es nie.�</p><p>�Das will ich hoffen. Offen gesagt ziehe ich das Vergn�gen der Arbeit vor - so einer Arbeit jedenfalls.�</p><p>Schon zeigte uns die kleine Cremedose das n�chste Ereignis. Wir sahen Krops Kulli, einen weiteren netten Jungen, ins Schlafzimmer kommen. Er war rot wie ein Apfel, was in Echo als Zeichen m�nnlicher Kraft und Sch�nheit gilt. In seinem Fall war das wirklich so. Hier gibt es viele h�bsche Menschen, kam mir pl�tzlich in den Sinn. Mehr als dort, wo ich herkomme. Die Leute hier sehen das anders, weil sie andere �sthetische Ma�st�be haben. Ob ich nach hiesiger Betrachtung wohl eher ein Sch�nling oder eine Vogelscheuche bin?</p><p>Ich zuckte die Achseln. Was f�r eine brennende Frage!</p><p>Der R�tling tat eifrig, als w�rde er aufr�umen. Was kann man in einem seit langem leeren Zimmer, das ohnehin jeden Tag sauber gemacht wird, noch putzen und ordnen? Diszipliniert besuchte er alle Ecken und wedelte mit seinem Utensil, einem kleinen Besen. Nach ein paar Minuten gab es endg�ltig keine Hausarbeit mehr zu simulieren - das Zimmer befand sich im Idealzustand. Also beschloss der junge Krops, er habe eine Pause verdient. Er stand vor dem Spiegel und untersuchte aufmerksam sein Gesicht. Mit zwei Fingern zog er die Augenwinkel hoch. Dann lie� er sie los und seufzte bedauernd. Wahrscheinlich probierte er diese Miene nicht zum ersten Mal aus und fand immer gr��eren Gefallen daran. Dann erforschte er missmutig seine Nase. Man zeige mir einen jungen Menschen, der mit seiner Nase zufrieden ist!</p><p>Ich f�rchte, diese kleinliche Unzufriedenheit war seine letzte Empfindung. Das funkelnde Spinnennetz erschien auf seinem �rmel, und Sekunden darauf befand sich der arme Junge im Zentrum des beinahe unsichtbaren Kokons. Ich sp�rte die Erleichterung, die ihn erf�llte. Pl�tzlich wurde ihm alles klar: DU MUSST DORTHIN GEHEN! Und schon machte der rothaarige Krops ein paar Schritte auf den Spiegel zu. Sein hilfloses L�cheln �hnelte der Miene des erstarrten Sir Melifaro.</p><p>Als ich - wie Krops und wohl auch seine ungl�cklichen Vorg�nger - den Befehl DU MUSST DORTHIN GEHEN! auf mich wirken sp�rte, wandte ich mich ab. Mir war klar: All das k�nnte sich bei mir wiederholen. Und das Ekelhafteste daran war, dass es mir sogar gefallen w�rde! Vor meinen Augen flackerte ein kleines, widerliches Affengesicht. Und der Abgrund seines Mauls - umrahmt von quicklebendigen Spinnenbeinen - erschien mir als ersehnter Ruheplatz.</p><p>Ich nahm einen guten Schluck Kachar-Balsam. Ja, Magie achten Grades hat schon was! Dieses Getr�nk schmeckt teuflisch gut, und alle Versuchungen sind wie weggeblasen. Von Kindheit an hatte man mir eingeredet: Nur was bitter schmeckt, kann helfen. Das war gelogen, wie mir jetzt klar wurde. Gute Nachricht!</p><p>Ich vergewisserte mich, dass der Spiegel keinen Einfluss mehr auf mich aus�bte, und wandte mich wieder den Erinnerungen der Dose zu, die erneut ein leeres, aufger�umtes und h�bsches Schlafzimmer zeigte.</p><p>�Siehst du das, Max?�, fragte Juffin und stie� seinen Ellbogen in meine leidgepr�fte Seite. �Siehst du's?�</p><p>�Was?�</p><p>�Na, nichts! Bisher hatten wir stets abrupte Szenenwechsel. Jetzt versteh ich endlich, warum mein Zeiger immer zwischen Zwei und Drei gesprungen ist!�</p><p>Pl�tzlich kam mir ein Gedanke. Anscheinend wollte ein lustiges Abenteuer des Grafen Dracula meinen �rmlichen IQ ein wenig beleben.</p><p>�Wenn das Spiegelmonster gegessen hat, schl�ft es, oder? Und weil der Spiegel und sein Bewohner schlafen, produzieren sie keine magische Aktivit�t, stimmt's?�</p><p>�Stimmt. Das Monster hat uns �berlistet. Die Pfeife hat meinen Verdacht auf den Spiegel fallen lassen, obwohl nicht er es ist, der Magie aus�bt, sondern sein Bewohner. �blicherweise bleibt die Magie dort, wo sie deponiert wird. Aber dieses Monster lebt. Und ein lebendiges Wesen kann von Zeit zu Zeit in die Traumwelt fliehen. Wenn ein Magier schl�ft, schweigen alle Zeiger ... nat�rlich in dieser Welt. Bestimmt toben sie sich dann in anderen Welten aus - falls es dort Zeiger gibt, und daran habe ich gro�e Zweifel. So sieht die Sache aus. Und jetzt zur�ck ins Wohnzimmer, Max.�</p><p>�Sie kennen mich doch - dazu bin ich immer bereit.�</p><p>Sir Juffin stand auf, knackte mit den Gelenken und streckte sich l�ssig. Vorsichtig nahm ich die Cremedose vom Fu�boden und schob sie in die Tasche. Noch nie hatte ich einen Talisman gehabt. Jetzt aber besa� ich einen, und das war gut so.</p><p>In diesem Augenblick erlosch die Kerze. Unwillk�rlich beugte ich mich zu Boden, um den Stummel aufzuheben, fand ihn aber nicht. Nirgendwo! Ich wunderte mich nicht mehr dar�ber, sondern registrierte es blo�.</p><p>Wir kehrten ins Wohnzimmer zur�ck. Der Morgen graute. �Na, das hat gedauert�, bemerkte ich unger�hrt. Der Bote von Sir Makluk war vor ungef�hr zw�lf Stunden gekommen.</p><p>Die Kamra schmeckte fantastisch. Als zweiten Gang brachte uns der unersch�tterliche Kimpa winzige Kekse, die uns im Munde zergingen. Der verschlafene Hund Chuf kam zu uns und wedelte mitf�hlend mit dem Schw�nzchen. Schweigend wetteiferte ich mit Sir Juffin, wer mehr Kekse an das Tier verf�tterte. Chuf wollte uns beide zufriedenstellen und tollte wie ein kleiner flauschiger Torpedo durchs Zimmer. Als er satt war, legte er sich unterm Tisch zwischen uns, damit keiner beleidigt war.</p><p>�Max�, begann Juffin betr�bt. �Ich glaube inzwischen, dass Melifaro eine kleine Chance hat. Es reicht nicht, ihn blo� aus dem Zimmer zu tragen und wieder zu Bewusstsein zu bringen. Er geh�rt schon zum Spiegel, und diese Verbindung darf nicht unterbrochen werden, solange sein Leben angehalten ist. Wenn das Spiegelmonster erwacht, nimmt es seine Kost von �berall, notfalls aus der anderen Welt. Nat�rlich kann man das Gesch�pf vernichten. Sch�rf Lonely-Lokley beispielsweise kann das. Aber ich glaube, niemand ist imstande, das Ungeheuer so schnell zu t�ten, dass Melifaro am Leben bleibt. Sollen wir also alles lassen, wie es ist? Aber es kann doch nicht immer so bleiben! Ich muss das R�tsel des Spiegels und seines hungrigen Bewohners l�sen! Doch das geht nicht, solange wir das Monster in Ruhe lassen. Damit ich die Bestie vernichten kann, muss ich sie wecken. Dann aber verspeist sie zuletzt noch Sir Melifaro, und zu diesem Opfer bin ich nicht bereit - das versteht sich wohl von selbst. Daran will ich nicht einmal denken. Ein Teufelskreis, Max, ein echter Teufelskreis!�</p><p>Zerstreut nahm ich noch einen Keks. Ich h�tte nie gedacht, dass Sir Juffin - ein Mensch immerhin, der mich ganz nebenbei von einer Welt in die andere versetzt hatte - so m�de und verloren sein konnte. Ich begriff, dass selbst seine Macht Grenzen hatte, und f�hlte mich pl�tzlich einsam und unwohl. In der leblosen Stille des Wohnzimmers klang mein Keksknabbern ausgesprochen laut. Der Teufelskreis ... der Spiegel... der Teufelskreis ... Mir stockte der Atem. Konnte es wirklich so einfach sein? Warum war Sir Juffin nicht auf diese L�sung gekommen?</p><p>�Juffin�, rief ich heiser, r�usperte mich und begann erneut. �Es klingt vielleicht dumm, aber Sie haben doch von einem Teufelskreis gesprochen. Wenn man dem Spiegel nun einen zweiten gegen�berstellt, ist das doch auch ein Teufelskreis! Und wenn die Bestie ihr eigenes Bild sieht - k�nnte es dann nicht sein, dass sie eine Vorliebe f�r sich selbst entdeckt?� Nach diesen Worten nahm ich meinen Mut zusammen und sah Sir Juffin in die Augen. Er schaute mich mit offenem Mund an.</p><p>�S�ndige Magister! Begreifst du eigentlich, was du da gesagt hast, Junge? Wozu hab ich dich �berhaupt am Hals? Wei�t du, was f�r ein Wesen das ist? Sag mal ehrlich!�</p><p>Diese Reaktion hatte ich - offen gesagt - nicht erwartet. Zuerst genoss ich die Wirkung meiner Worte, dann aber war sie mir peinlich. Ich hatte anscheinend nichts Besonderes vorgeschlagen. Es war nicht einmal klar, ob es funktionieren w�rde. Immerhin allerdings fl�sterte mir etwas zu, es w�rde klappen. Auch in Juffin schien die gleiche Ahnung zu jubeln. �Das wird funktionieren�, rief er. �Und ob!�</p><p>Ich stand vom Tisch auf, streckte mich und ging zum Fenster. Die herrliche Morgend�mmerung h�tte f�r jede schlaflose Nacht entsch�digen k�nnen. Wer sich an die Gegenwart h�lt und nicht in der Vergangenheit stochert, den begeistert das Morgenrot. �Geh endlich schlafen, Max�, riet mir Juffin. �Ich habe Lonely-Lokley gerufen. In vier Stunden ist er da. Sir Sch�rf und seine Zauberh�nde. Das wird dir gefallen. Bis dahin kannst du dich erholen. Ich rate dir, diese Gelegenheit nicht zu vers�umen.�</p><p>�Was f�r Zauberh�nde?�</p><p>�Das wirst du schon sehen, Max. Sir Lonely-Lokley ist unser ganzer Stolz. Achte nur darauf, die Bestandteile seines Namens nicht durcheinanderzubringen. Da ist er n�mlich sehr empfindlich - und nicht nur, was das anlangt. Ich kann gar nicht beschreiben, was f�r ein Vergn�gen dich erwartet. Und jetzt ab in die Heia.�</p><p>Mir war nicht nach Widerspruch. Stattdessen ging ich ins Schlafzimmer, legte mich ins weiche Bett, kuschelte mich in meine flauschige Decke und konnte mein Gl�ck kaum fassen: endlich Ruhe! Ich war unbeschreiblich m�de, doch etwas st�rte mein Behagen. M�hsam hob ich den Kopf und musste die Lider beinahe mit den Fingern auseinanderziehen. Kein Wunder, dass ich nicht hatte einschlafen k�nnen: Auf dem Kissen lagen meine Hausschuhe, die ein kleiner Fetischist namens Chuf dort deponiert hatte. Leise Pfotenger�usche zeigten mir, dass der Urheber der Unordnung wie gerufen kam. Ich stellte meine Schuhe an ihren Platz. Chuf entschied, auf dem Kissen sei jetzt Raum genug f�r zwei, und ich hatte keine Einw�nde.</p><p>�Weckst du mich, wenn Lonely-Lokley mit seinen ber�hmten H�nden kommt?�, fragte ich und drehte mich von seiner viel zu feuchten Schnauze weg. Chuf schnaufte friedlich. �Max schl�ft, morgen G�ste ... ich muss ihn auf wecken ...�, h�rte ich den klugen Hund noch r�sonnieren. Dann schlief ich ein.</p><p>Seltsamerweise war ich eine Stunde fr�her wach als n�tig. Ich f�hlte mich ausgezeichnet. Das war sicher die beruhigende Wirkung des Kachar-Balsams. Ein gro�artiges Mittel!</p><p>Chuf lag nicht mehr neben mir. Bestimmt stromerte er durchs Foyer, um die Ankunft von Sir Lonely-Lokley nicht zu verpassen und meinen Auftrag zu erf�llen. Ich w�lzte mich noch zehn Minuten im Bett herum, streckte mich und g�hnte ausgiebig - tat also all das, was nur den vollauf befriedigt, der sowieso gut geschlafen hat. Dann stand ich auf, wusch mich mit Behagen und wollte mich rasieren. Ach, rasieren - die t�gliche Qual des Mannes! Nur M�nner mit Bart sind gl�cklich und frei! �brigens weckte der Spiegel im Bad bei mir keine unangenehmen Erinnerungen. Nicht dass ich pl�tzlich ein dickes Fell bekommen h�tte. Ich wusste blo�, dass es sich hier um einen ganz normalen Spiegel handelte. �berhaupt erfuhr ich seit meiner kurzzeitigen Metamorphose in einen Vampir allm�hlich mehr �ber die Dinge um mich herum - sie musste also ein wichtiges Ereignis in meinem Leben gewesen sein. Damit k�nnte ich M�dchen imponieren. Falls es hier M�dchen gab, hing mein Erfolg aber nicht unbedingt von solchen Geschichten ab.</p><p>Ich ging ins Wohnzimmer. Ehrf�rchtig materialisierte sich Kimpa mit einem Tablett am Tisch. Dann erschien Chuf und war fest �berzeugt, ihm st�nde mehr als die H�lfte des Fr�hst�cks zu. Ich nahm ihn in den Arm, setzte ihn mir auf den Scho�, trank die erste Tasse Kamra, bl�tterte die Zeitung vom Vortag durch und zog noch aus meinem irdischen Vorrat stammende Zigaretten aus der Tasche. Ich hatte Probleme, am hiesigen Tabak Gefallen zu finden, dessen Geschmack mein Leben verpestete. Was das angeht, bin ich sehr konservativ. Es f�llt mir leichter, den Wohnort, die Besch�ftigung und selbst die Wirklichkeitswahrnehmung zu wechseln, als mich an eine neue Sorte Tabak zu gew�hnen.</p><p>�Gut, dass du kein Vampir geblieben bist�, begr��te Juffin mich. �Ich w�sste sonst nicht, wie ich dich f�ttern sollte. M�sste ich Kimpa morgens sagen: -Mein Guter, bringen Sie mir bitte Kamra und belegtes Brot, Sir Max aber einen Krug Blut?� M�sste ich die Nachbarn umbringen und alle dienstlichen M�glichkeiten nutzen, die Spuren der Tat zu beseitigen? Aber Spa� beiseite. Einen vern�nftigen Jungen wie dich sollte man nicht wegen jeder Kleinigkeit verspotten. Das ist �brigens ein Lob, wie du vielleicht bemerkt hast.�</p><p>�Sie streuen nur Salz in meine Wunde�, l�chelte ich und musterte meine am Vortag verletzte Hand, die ich zwischendurch ganz vergessen hatte. Zu meiner �berraschung war sie wieder v�llig in Ordnung. Nur eine d�nne Narbe, die man eher f�r die Lebenslinie h�tte halten k�nnen, war zur�ckgeblieben, als w�re die Verletzung schon Jahre her.</p><p>Juffin bemerkte mein Staunen.</p><p>�Das ist nur Schwarze Magie zweiten Grades - in Form einer guten Creme. Kimpa hat dich gestern behandelt, als du noch �berlegt hast, ob es sich lohnt, wieder zu Bewusstsein zu kommen. Was wundert dich denn so?�</p><p>�Alles.�</p><p>�Das ist dein gutes Recht. Ah, nun sind wir alle beisammen!�</p><p>Sir Sch�rf Lonely-Lokley, dessen Abwesenheit die Kollegen mehrmals bedauert hatten, wurde seiner sprichw�rtlichen Frohnatur gerecht, indem er mich grundlos durchsch�ttelte. Ausgerechnet mich! Den Bewohnern von Echo waren die Doppelg�ngerqualit�ten von Lonely-Lokley nicht bekannt, weil die Rolling Stones in dieser Welt noch nicht gastiert hatten. Nur ich konnte die erstaunliche �hnlichkeit zwischen Sir Sch�rf und dem Gl�ckspilz Charlie Watts bewundern.</p><p>Diese �hnlichkeit erstreckte sich auch auf die versteinerte Miene, die enorme K�rpergr��e und die �berraschende Magerkeit. Andererseits war die Gestalt in einen hellen Lochimantel geh�llt, trug einen schneewei�en, bl�ulich schimmernden Turban und hatte obendrein riesige Handschuhe aus grobem Leder an, auf denen Buchstaben des Runenalphabets prangten ... Mein Kulturschock d�rfte also nur zu verst�ndlich sein!</p><p>Die Begr��ung des neuen Kollegen verlief indessen ohne �berraschungen. Wir beendeten die Formalit�ten rasch und setzten uns zu Tisch. Lonely-Lokley nippte feierlich an seiner Kamra. Ich erwartete noch immer, er werde Trommelst�ckchen aus der Brusttasche ziehen, und sa� wie auf Kohlen da.</p><p>�Ich habe viel von Ihnen geh�rt, Sir Max!�, wandte sich mein neuer Kollege h�flich an mich. �In der Freizeit bl�ttere ich h�ufig in B�chern. Darum wundert mich Ihre Ernennung nicht. Viele bekannte Forscher weisen auf beachtliche Traditionen hin, die bei den Bewohnern der Leeren L�nder die Entwicklung magischer Praktiken beg�nstigt haben, Praktiken, die wir �bernommen haben. Selbst Sir Manga Melifaro erw�hnt im dritten Band seiner Enzyklop�die der Welt Ihre Landsleute.�</p><p>�Melifaro?�, staunte ich. �Wollen Sie damit sagen, dass dieser Bursche nicht nur das Tagesantlitz des Ehrw�rdigen Leiters ist, sondern obendrein die Enzyklop�die der Welt geschrieben hat? Das h�tte ich nicht gedacht.�</p><p>�Wenn Sie meinen Arbeitskollegen im Sinn haben, kann ich mich Ihnen nur anschlie�en. Sir Melifaro ist kaum zu systematischer wissenschaftlicher Arbeit geeignet�, nickte Lonely-Lokley.</p><p>�Manga Melifaro, der Verfasser der Enzyklop�die der Welt, die ich immer wieder f�r meine Bibliothek zu kaufen vergesse, ist der Vater des armen Tropfs, der am Spiegel h�ngt�, erkl�rte Juffin. �Wenn dieses Abenteuer gl�cklich �berstanden ist, werde ich Sir Melifaro verdonnern, uns beiden eine komplette Ausgabe der Werke seines Vaters zu schenken. Der Arme wird sich bestimmt dar�ber freuen, weil sein ganzes Haus von Vaters Geschreibsel �berquillt. Man kann sich bei ihm kaum noch bewegen.�</p><p>Sir Lonely-Lokley wartete geduldig, bis wir fertig waren, und fuhr dann fort: �Sie sind mir ins Wort gefallen, mein Herr. Ich wollte noch sagen, dass Sir Manga Melifaro im dritten Band seines Werks schreibt: &gt;An den Grenzen der Leeren L�nder wohnen die unterschiedlichsten Leute, die mitunter �ber erstaunliche F�higkeiten verf�gen - nicht nur wilde Barbaren, wie bisher angenommen.� Darum freue ich mich sehr, Sie kennenzulernen, Sir Max.�</p><p>Im Namen aller Bewohner der Grenzgebiete sprach ich dem Gro�herzigen Meister, den man auch Schnitter des Lebensfadens nennt, meine Dankbarkeit aus.</p><p>�Also, Leute, gehen wir!�, rief Juffin schlie�lich und stand auf. ��brigens, Sir Sch�rf - wir brauchen noch einen Spiegel. Der gr��te h�ngt im Flur. Den hab ich auf dem Flohmarkt gekauft, zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs. Damals gab es hier noch keine Antiquit�tenl�den, obwohl die Nachfrage nach Luxuswaren gerade angezogen hatte. Nicht die g�nstigste Zeit f�r Neuanschaffungen also. Ich f�rchte, das war der teuerste Spiegel des Linken Flussufers - runde f�nf Kronen hat er mich gekostet. Was man nicht alles opfern muss!�</p><p>Wir gingen in den Flur. Der Spiegel war wirklich riesig und zweifellos seine f�nf Kronen wert - auch wenn ich mich damals in den �konomischen Verh�ltnissen von Echo noch nicht so gut auskannte.</p><p>Wie sollen wir das blo� schaffen?, dachte ich erschrocken. Aber zu dritt geht es vielleicht.</p><p>Juffin regelte das anders. �Sch�rf, nimm ihn! Wir gehen!�</p><p>Ich hatte mir schon gedacht, dass der stets so f�rmliche Sir Sch�rf �ber legend�re K�rperkr�fte verf�gte.</p><p>Darum war er f�r die ganze Sache ja auch so wertvoll. Aber er trug den schweren Spiegel gar nicht, sondern fuhr mit behandschuhter Pranke l�ssig von oben nach unten �bers Glas ... und lie� ihn dabei in der Hand verschwinden. Mir klappte die Kinnlade runter.</p><p>�Juffin, k�nnen Sie mir das auch beibringen?�</p><p>Meine Selbstbeherrschung reichte gerade noch dazu, nicht zu schreien, sondern Stumme Rede zu benutzen. Vielleicht konnte hier ja jeder so etwas problemlos schaffen?</p><p>�Na klar�, antwortete Juffin unger�hrt. �Oder Sir Sch�rf �bernimmt das. Erinnere uns daran, wenn wir mehr Zeit haben.�</p><p>Das Haus von Sir Makluk �hnelte einer verwahrlosten Gruft. Sir Lonely-Lokley, der stets nach Vorschrift vorging, �ffnete die T�r und betrat als Erster das Schlafzimmer. Wir folgten ihm. Seit unserem letzten Besuch hatte sich nichts ge�ndert.</p><p>Als ich den armen, reglosen Melifaro sah, verlie� mich der Mut. Wie hatte ich glauben k�nnen, es lie�e sich noch was machen? Und wenn unser Rettungsversuch scheiterte? Was waren wir dann? M�rder? Oder nur ganz normale Dummk�pfe? Gute Frage! Ein praktisches und zugleich moralisches Problem, �ber das ich mir vermutlich demn�chst den Kopf w�rde zerbrechen k�nnen.</p><p>Sir Lonely-Lokley sah die Lage pragmatischer. �Gut, dass er schweigt�, sagte der freundliche Mann und wies mit dem Kopf auf Melifaro. �Das sollte immer so bleiben!�</p><p>In seiner Stimme lag keine Schadenfreude. Der stille Melifaro gefiel ihm einfach besser als der gespr�chige. Ein �beraus geschmackssicheres Urteil.</p><p>Kaum hatte er es ausgesprochen, sch�ttelte Lonely- Lokley die Faust und �ffnete sie. Juffins Riesenspiegel landete zwischen dem denkmalgleich erstarrten Melifaro und dem geheimen Spiegeleingang in eine andere, feindselige Dimension.</p><p>�Er steht etwas schief�, kommentierte Juffin. �Wir m�ssen ihn ein wenig nach rechts verschieben.�</p><p>�Wir, Sir?�, meinte der herrliche Lonely-Lokley k�hl. �Das schaffe ich auch allein.� Bewundernswert l�ssig hob er den Glaskoloss mit der linken Hand. Seine legend�ren K�rperkr�fte hatten ihn also auch hier nicht verlassen. Als ich das sah, stockte mir der Atem wie einem jungen Kraftsportler, dem Arnold Schwarzenegger leibhaftig begegnet!</p><p>Juffin schaute sich das Ganze missmutig an. Alles war bestens: Der hiesige und der mitgebrachte Spiegel reflektierten einander nach Kr�ften. Und wichtiger noch: Sir Juffins Spiegel schirmte Melifaro von dem blutr�nstigen Monster ab.</p><p>Der Leiter des Geheimen Suchtrupps warf einen Abschiedsblick auf sein kostbares St�ck und befahl: �Sir Sch�rf, bereiten Sie sich vor! Max, hinter meinen R�cken! Oder besser: auf die T�rschwelle! Du hast getan, was du konntest. Jetzt hast du nur noch eine Aufgabe: am Leben zu bleiben. Das ist mein Ernst!�</p><p>Ich gehorchte und bezog an der T�r Posten. An Juffins Befehl gab es - das muss ich gestehen - nicht viel zu meckern.</p><p>Sir Lonely-Lokley zog die Handschuhe aus. Jetzt verstand ich das Gerede �ber seine au�erordentlich geschickten H�nde. Seine Gelenke waren halb durchsichtig und funkelten in der Nachmittagssonne. Er lie� die langen Krallen durch die Luft fahren und schob sie dann unter seinen wei�en Mantel. Ich verdrehte wie verr�ckt die Augen, da ich meine Begeisterung nicht anders �u�ern konnte. Pl�tzlich wusste ich, dass ich vor kurzem etwas �hnliches gesehen hatte. Aber wo? In einem Alptraum vielleicht? Sir Juffin erbarmte sich meines armen Kopfs und erkl�rte mir fl�sternd: �Erinnerst du dich daran, wie wir das Ged�chtnis der Stecknadel untersucht haben? Der Orden der Eisenhand! Wei�t du, wovon ich rede?�</p><p>Ich begriff und wollte fragen, ob die abgehackten H�nde zu Gliedern unseres erstaunlichen Freunds geworden seien, doch Juffin kam mir zuvor: �Das sind Handschuhe. Sp�ter erkl�re ich dir das. Jetzt m�ssen wir uns mit dieser Sache besch�ftigen!�</p><p>Damit ging er zum reglosen Melifaro hin�ber und stellte sich auf Zehenspitzen, um zu sehen, was in den Spiegeln passierte. Ich wartete atemlos.</p><p>Diesmal gab es keinen Tanz. Nur Juffins K�rpersprache und Miene dr�ckten eine ungeheure Anspannung aus. Dann entkrampfte er sich pl�tzlich und machte eine sanfte Bewegung, als z�ge er ein Tuch von einer teuren Vase. Fast im gleichen Moment stie� er Melifaro mit ganzer Kraft. Der eben noch Erstarrte kr�mmte sich zusammen, flog in die gegen�berliegende Zimmerecke und st�rzte zu Boden. Sir Lonely-Lokley, der die linke Hand noch immer unterm Mantel versteckt hielt, sprang zu ihm und w�hlte mit der Rechten durch seine Kleider. Ich verstand sofort, warum: Lonely-Lokley zerst�rte die d�nnen, schillernden F�den, die das Opfer umgaben. Das war eine schier unl�sbare Aufgabe. Genauso gut h�tte er versuchen k�nnen, einen Dorfk�ter von Fl�hen zu befreien. Sir Juffin hielt sich abseits und lie� die Spiegel nicht aus dem Blick.</p><p>�Max�, rief er mir zu, �wir schaffen das! Du kannst zuschauen, aber vorsichtig. Vorsichtiger als gestern, klar?�</p><p>Von meinem Standort aus konnte ich zwar nicht alles sehen, war aber klug genug, nicht n�her zu kommen.</p><p>Der Spiegel geriet in Bewegung. Sein Bewohner war auf gewacht und schien hungrig und ver�rgert. Im zweiten Spiegel r�hrte sich schon sein Doppelg�nger. Die Ungeheuer musterten einander interessiert.</p><p>Ich sah den plumpen, schwach konturierten K�rper des Monsters, das einem fetts�chtigen Frosch �hnelte. Dem Dickwanst wuchsen - wie seinem Doppelg�nger - Haarb�schel um das dunkle, feuchte, seltsam anziehende Maul, das ...</p><p>Ich schlug die Augen nieder, doch der Anblick hatte sich mir schon eingepr�gt. Dann nahm ich einen ern�chternden Schluck Kachar-Balsam, der mir aber nur kurz half. H�tte ich doch meine Feldflasche mit Balsam dabeigehabt!</p><p>Um ein f�r alle Mal mit dem B�sen fertig zu werden, kniff ich mir ins Ohr und sch�rfte mir leise ein: �Stark bleiben!� Nach ein paar Sekunden war ich wieder v�llig in Ordnung, gewann meine Neugier zur�ck und wandte mich den Spiegeln zu.</p><p>Das Erste, was ich sah, war die Silhouette von Sir Lonely-Lokley. Er ragte hinter zwei schleimigen Klumpen auf, die in erbittertem Kampf ineinander verkeilt waren. Der Doppelg�nger - das musste man ihm lassen - war nicht schlechter als das Original. Das Ekel erregende Kn�uel rollte �ber den Boden. Die Vorstellung, das Doppelmonster k�nnte sich zwischen meine Beine werfen, lie� mir beinahe schwarz vor Augen werden. So gro� war mein Abscheu, dass ich �ber die Gefahr, die eine solche Attacke bedeutet h�tte, kaum nachdachte.</p><p>Die linke Hand von Sir Lonely-Lokley stieg mit einer erstaunlich h�bschen, lakonischen und doch m�chtigen Geste langsam nach oben. Seine Fingerkuppen blitzten wie Funken beim Schwei�en. Ein unh�rbares, aber durch Mark und Bein fahrendes Kreischen zwang mich in die Knie. Die beiden Wesen spuckten wei�es Feuer. Ich vermutete, dieses Feuerwerk leite beider Ende ein, aber dann geschah etwas Unerwartetes. Die Spiegel fingen an, sich aufs Neue zu bewegen. Ihre wechselseitige Reflexion lie� den Raum zwischen ihnen wie durch magnetische Anziehung schwinden. Sollten sie einander ber�hren, h�tte das f�r uns sicher unvorhersehbare Folgen.</p><p>� Max! Runter! �, rief Juffin.</p><p>Ich gehorchte, ohne zu z�gern. Er selbst hastete zum seit dem Vortag kaputten Fenster und blieb dort vorsichtig stehen. Mit flie�ender Bewegung zog Sir Lonely- Lokley Melifaros K�rper zur�ck, hockte sich hin und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>Inzwischen hatten die Spiegel einander ber�hrt, lie�en ein leises, aber deutliches Krachen h�ren und kr�mmten sich wie Segel im Wind.</p><p>Wir befanden uns offenbar in relativer Sicherheit. Mit uns hatten die Spiegel keinen Kontakt. Eine ins Unendliche der eigenen Spiegeltiefe sich erstreckende Abscheulichkeit traf auf ihr Doppel und verflocht sich mit ihm zu einem M�bius'schen Band einander zu verschlingen trachtender Spiegelelemente, bis nur noch ein dunkles Kn�uel sumpfiger Schmiere �brig war.</p><p>�Na also, Sir Sch�rf. Ich vermute, jetzt sind Sie dran�, stellte Juffin sichtlich begeistert fest.</p><p>�Das denke ich auch.�</p><p>Einen Moment sp�ter war von der Ausstattung des Zimmers nichts mehr �brig.</p><p>Juffin sprang auf und musterte Melifaro, der zusammengekr�mmt am Boden lag.</p><p>�Ein normaler Ohnmachtsanfall�, bemerkte er frohgemut. �Nichts weiter. Daf�r sollte er sich sch�men! Gehen wir. Max, hilfst du mir bitte, das Haus in Ordnung zu bringen? Und Sie, Sir Sch�rf, liefern dieses kostbare St�ck Fleisch bei Kimpa ab. Er soll ihn aufp�ppeln, ihn also mit viel Kamra und belegten Br�tchen versorgen. Essen Sie mit ihm, was auf den Tisch kommt. Wir sto�en bald zu euch. Komm, Max, gehen wir! Hast du schon durchschaut, was passiert ist? S�ndige Magisterwir haben's geschafft! Wir haben ihn gerettet!�</p><p>Sir Sch�rf zog sich mit feierlicher Langsamkeit die fettigen Handschuhe an, deren Notwendigkeit mir inzwischen klar war, hob Melifaro hoch und nahm ihn wie einen zusammengerollten Teppich unter den Arm.</p><p>Juffin und ich machten unterdessen einen weiteren Gang durchs Haus, das sich langsam vom Fluch des Spiegelmonsters befreite. Die magische Erstarrung der Bewohner verwandelte sich in Tiefschlaf. Das war auch besser, denn dieser Schlaf tilgte die Erinnerung an die widernat�rlichen Geschehnisse aus der anderen Welt und lie� alles vergessen. Keinen der Bewohner w�rde die Beschw�rung der vorigen Nacht f�rs Leben zeichnen. Am n�chsten Tag w�rde alles wieder in Ordnung sein. Man musste nur noch die beiden bedauernswerten Diener sch�tzen, die am Springbrunnen getollt hatten, gr�ndlich aufr�umen und putzen und eine gute Heilerin rufen, die den Hausgenossen f�r die n�chsten zwei Dutzend Tage beruhigende Kr�uter verordnete.</p><p>Alles h�tte viel schlimmer enden k�nnen.</p><p>Wir gingen in den Obstgarten.</p><p>�Wie sch�n es hier ist!�, seufzte ich begeistert.</p><p>Sir Juffin Halli klopfte mir zwischen die Schulterbl�tter, was im Vereinigten K�nigreich nur unter guten Freunden geschieht.</p><p>�Du hast dich als B�iger Wind erwiesen, Max. Noch b�iger, als ich dachte. Und ich hatte keine schlechte Meinung von dir - das kannst du mir glauben!�</p><p>�Als B�iger Wind? Was soll das hei�en, Juffin?�</p><p>�So nennt man hier Leute, die sich jeder Voraussage entziehen. Leute, von denen man nie wei�, ob sie die n�chste Sekunde noch erleben, wie sie sich bei einem Streit verhalten und welche Auswirkung Magie oder der Dschubatinische S�ufer auf sie hat. Man wei� auch nie, wie viel so eine Person mittags isst. Heute macht sie alle T�pfe leer, morgen predigt sie Enthaltsamkeit. So einen B�igen Wind habe ich gebraucht, einen frischen Wind aus einer anderen Welt. Du bist ein echter Hurrikan, Max! Ich kann nur sagen: Schwein gehabt!�</p><p>Zuerst war ich verlegen, doch dann dachte ich mir:</p><p>Ach was! Ich bin wirklich ein guter Kerl. Wenigstens in der Geschichte mit dem Spiegel des alten Sir Makluk. Meine Bescheidenheit verschiebe ich auf sp�ter, wenn die Zahl meiner Heldentaten das zehnte Dutzend �bersteigt.</p><p>Zu Hause erwartete uns nicht nur der Kamra schl�rfende Sir Lonely-Lokley, sondern auch der zwar blasse, aber muntere Melifaro. Er griff beherzt nach belegten Br�tchen, und ein Tablett lag auf seinem Scho�. Chuf verfolgte sein Tun sehr interessiert. Die Kr�mel um seine Schnauze lie�en vermuten, dass auch Melifaro eine Schw�che f�r das Tier hatte.</p><p>�Es war sehr leichtfertig von Ihnen, mich zu retten�, meinte er und strahlte �bers ganze Gesicht. �Schlie�lich pl�ndere ich jetzt Ihre Speisekammer!�</p><p>�Die h�tte schon lange mal gepl�ndert werden m�ssen�, sagte Juffin. �Bedank dich lieber bei Max. Er ist dein eigentlicher Retter.�</p><p>�Du also hast das Fr�schlein gefressen, Freundchen?�, meinte Melifaro mit vollem Mund. �Ich dachte, unsere gro�en Zauberer h�tten ihn fertiggemacht.�</p><p>�Sch�rf und ich haben ordentliche Handarbeit geleistet�, gab Juffin bescheiden zu. �Aber davor hat Max Kopfarbeit leisten m�ssen. Wenn er nicht die tolle Idee mit dem zweiten Spiegel gehabt h�tte, w�rst du jetzt selbst ein belegtes Br�tchen. Kannst du dich eigentlich an etwas erinnern, du Gl�ckspilz?�</p><p>�An gar nichts. Lokley-Lonely hat mir alles auf die Schnelle erz�hlt, aber seine Version war nicht plastisch genug. Ich brauche eine literarische Darstellung!�</p><p>�Du brauchst keine plastische Schilderung. Kau lieber richtig, sonst erstickst du uns noch!�</p><p>Sir Sch�rf nickte grimmig. �Melifaro, mein Name ist Lonely-Lokley, und es w�rde mich sehr freuen, wenn Sie sich das endlich merken k�nnten. Nur zw�lf Buchstaben in der richtigen Reihenfolge - das ist doch nicht allzu kompliziert, oder?�</p><p>�Ich habe doch Loneky-Lonkey gesagt�, rief Melifaro und wandte sich st�rmisch an mich. �Bist du wirklich mein eigentlicher Retter? Nicht schlecht, Sir Nachtalptraum! Ich bin dir etwas schuldig.�</p><p>Damit kam der Augenblick meines Triumphs. Eine w�rdige Antwort hatte ich schon unterwegs vorbereitet: �Unsinn! Bei uns in den Leeren L�ndern hat jeder Nomade so ein Spieglein im Zelt. Ich verstehe nicht, warum man in der Hauptstadt wegen einer solchen Kleinigkeit so viel Aufhebens macht.�</p><p>Sch�rf Lonely-Lokley war h�flich erstaunt. �Tats�chlich, Sir Max? Merkw�rdig, dass kein Forscher je davon berichtet hat.�</p><p>�Merkw�rdig ist das nicht�, gab ich mit diebischer Freude zur�ck. �Die, die davon h�tten erz�hlen k�nnen, sind f�r immer verstummt: Wir haben sie an unsere Haustiere im Spiegel verf�ttert!�</p><p>Sir Juffin Halli brach in kurzes Gel�chter aus. Melifaro hob verbl�fft die Brauen, begriff dann aber, dass ich einen Scherz gemacht hatte, und lachte ebenfalls. Lonely- Lokley zuckte wohlwollend die Achseln und wandte sich seinem Krug zu.</p><p>�Ihr solltet eure Kr�fte schonen, Leute!�, warnte Juffin. �Heute gibt's im Fressfass ein Fest: Melifaros Auferstehung! Sollen andere machen, was sie wollen - wir feiern mit Max! Das haben wir uns verdient. Sir Sch�rf, Sie kommen mit uns. Das ist ein Befehl! Melifaro, du auch - es sei denn, du bist zu schwach und willst dich untersuchen lassen. Wir k�nnen uns auch stellvertretend f�r dich austoben!�</p><p>�Ich und schwach? Kein Gedanke! Sie m�ssen mich nur zum Fressfass fahren.�</p><p>�Dann ist ja alles klar. Wir fahren dich bis vor die T�r und werfen dich �ber die Schwelle. Du wei�t noch gar nicht, wie gro�artig Sir Max A-Mobil f�hrt. Da kommt was auf dich zu! Diese Fahrt wird dich ersch�ttern.�</p><p>�Dann muss ich mir das noch �berlegen. Max, bist du wirklich ein Rennfahrertyp?�</p><p>Ich zuckte stolz die Achseln.</p><p>�Das glaube ich nicht, aber Sir Juffin war unzufrieden. Er hat mich immer wieder gebeten, langsamer zu fahren, obwohl ich fast wie eine Schnecke gekrochen bin. Es w�re interessant zu wissen, warum er das getan hat.�</p><p>Melifaro sprang auf.</p><p>�Wenn das stimmt, seid ihr in euren Leeren L�ndern wirklich vollkommen. Warum habt ihr uns eigentlich noch nicht erobert?�</p><p>�Die Kriegsbereitschaft in Grenzgebieten ist normalerweise eher gering�, bemerkte Lonely-Lokley dozierend. �Daf�r sind die intellektuellen M�glichkeiten der Bewohner dort zweifellos gr��er als die unseren. Im Gegensatz zu Ihnen hat Sir Max meinen Namen von Anfang an richtig auszusprechen gewusst. Ein beeindruckendes Ergebnis, f�rwahr!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>Dschuba Tschebobargo und andere nette Leute</p><p>Max, bist du sicher, dass sie dir gef�llt?�, fragte Juffin ein wenig verlegen. �Oder hast du dich noch nicht an den Gedanken gew�hnt, dass der K�nig deine Wohnung bezahlt?�</p><p>Ich musste lachen. Noch am Vortag hatte ich bef�rchtet, das Haus sei f�r mich allein viel zu riesig. Immerhin hatte es zwei Etagen, und auf jeder gab es ein sportplatzgro�es Zimmer. In Echo geizt man nicht mit der Wohnfl�che und bevorzugt ger�umige, zweibis dreigeschossige H�user. Das von mir favorisierte Haus in der Stra�e der alten M�nzen war etwas kleiner als seine Nachbarn, gefiel mir aber gerade deshalb sehr. Juffin dagegen frotzelte, ich w�rde Nester bevorzugen.</p><p>�Wir Leute aus den Grenzgebieten sind Sklaven unserer Gewohnheiten�, stellte ich fest. �Wenn Sie die Zelte derer kennen w�rden, die zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren L�ndern leben ...�</p><p>Dieser konspirative v�lkerkundliche Hinweis war eigentlich f�r den Hausbesitzer gedacht, der ehrerbietig in der Zimmerecke stand. Es war besser, diesem braven B�rger nicht zu sagen, dass sein neuer Mieter aus einer anderen Welt nach Echo emigriert war. Der Arme war �brigens ganz berauscht davon, einen Mieter gefunden zu haben, aber nicht berauscht genug, um nicht auf interessante Informationen �ber meine Vergangenheit zu lauern.</p><p>�Au�erdem ist es f�r meinen Arbeitgeber sehr g�nstig, wenn ich mich f�r diese Wohnung entscheide. Denn je schlimmer es bei mir daheim aussieht, desto mehr Zeit verbringe ich im B�ro.�</p><p>�Sehr vern�nftig, Max. Oben schl�fst du, unten empf�ngst du G�ste - aber wo wohnt das Personal?�</p><p>Ich beschloss, meinen Chef endg�ltig zu frappieren.</p><p>�Ich brauche kein Personal. Ich will keine fremden Leute bei mir herumlaufen haben, die die B�cher einr�umen, die ich offen habe liegen lassen, in meinen Sachen herumw�hlen, mein Gep�ck tragen und mir verlogen in die Augen sehen, wenn sie weitere Anweisungen erwarten. Und dass ich f�r all das auch noch bezahlen soll, kommt ganz und gar nicht in Frage!�</p><p>�Alles klar, Max. Wir haben es bei dir offenbar mit einem Asketen von der strengen Observanz zu tun, dessen eigentlicher Beweggrund pathologischer Geiz ist. Wof�r willst du dein Gehalt eigentlich ausgeben?�</p><p>�Ich werde A-Mobile sammeln. Bei meiner Begeisterung f�r sportliches Fahren reicht ein Wagen nicht aus.�</p><p>Sir Juffin seufzte. Er hielt schon eine Geschwindigkeit von hundert Meilen pro Stunde f�r eine unbegreifliche K�hnheit - und wom�glich hatte er recht. Bis zu meiner Ankunft hatte in Echo die �berzeugung geherrscht, drei�ig Meilen pro Stunde solle als H�chstgeschwindigkeit f�r A-Mobile - die hiesigen Wunder der Technik - gelten. Klar, dass ich durch meinen Fahrstil zu einer stadtbekannten Attraktion avanciert war.</p><p>�Wie auch immer: Du bist ein seltsamer Mensch,</p><p>Max - ein Haus zu mieten, in dem es nur drei B�der gibt</p><p>Zugegeben - diese Entscheidung war tats�chlich ein Fehler. In Echo ist das Bad ein besonderer Ort, an dem es f�nf bis sechs kleine, mit Wasser unterschiedlichster Temperatur gef�llte Wannen gibt. Auch benutzt man diverse Badezus�tze. All das gilt nicht als Luxus. Ich allerdings war nicht so verweichlicht. Im Haus von Sir Juffin Halli, das sogar mit elf Wannen aufwarten konnte, empfand ich das t�gliche Bad als Schwerarbeit, nicht als Vergn�gen. Drei Wannen reichten mir deshalb v�llig - davon jedenfalls war ich �berzeugt.</p><p>�In einem Punkt immerhin hast du recht�, sagte Sir Juffin resigniert. �Ob elf Badewannen oder drei, macht keinen Unterschied, wenn man schl�ft. Also gut, Junge, es ist ja dein Leben, und du sollst es dir einrichten, wie es dir gef�llt. Fahren wir jetzt lieber schon mal ins Fressfass. Es ist besser, wenn wir dort heute fr�her landen als die anderen.�</p><p>Das Dienst-A-Mobil stand gleich um die Ecke. Als der Hausbesitzer die ersehnte Unterschrift unter seinen Vertrag bekommen hatte, konnte er sein Gl�ck kaum fassen und verschwand eiligst.</p><p>Das Fressfass - das h�bscheste Wirtshaus von Echo - nahm uns warm in die Arme. Wir setzten uns an unsere Lieblingspl�tze, also zwischen das Fenster und die angeblich l�ngste Theke der Stadt. Ich hatte einen eher entt�uschenden Ausblick auf die Stra�e, Sir Juffin hingegen die herrliche Aussicht auf die Theke und den gewaltigen Busen von Madame Zizinda.</p><p>Wie beabsichtigt waren wir die Ersten. Sp�ter sollte ich den Kollegen offiziell vorgestellt werden, und solche Zeremonien lie� Sir Juffin traditionsgem�� im Fressfass steigen. Die Prozedur wurde dadurch erleichtert, dass ich bereits zwei Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps kennengelernt hatte - Sir Melifaro n�mlich, das Tagesantlitz von Sir Juffin Halli, und Sir Sch�rf Lonely- Lokley, den Schnitter des Lebensfadens. Die beiden hatten mich schon beschnuppern d�rfen, als wir den tobenden Spiegel des alten Sir Makluk bek�mpft hatten. Meine neuen Bekannten hatten gewichtige Eindr�cke von mir bekommen und sie vermutlich l�ngst - und zwar bedrohlich fl�sternd - auf den Arbeitssitzungen bei einer Tasse Kamra weitererz�hlt. Und geheimnisvolle Bemerkungen von Sir Juffin Halli hatten nur weiteres �l ins Feuer gegossen.</p><p>So war ich zu meinem Supermann-Image gekommen, das zwar schmeichelhaft war, mir aber auch viel abverlangte. Trotz meiner Nervosit�t war ich Juffin Halli dankbar, so fr�h mit mir ins Fressfass gegangen zu sein. Egal wie es weitergehen w�rde: Ich hatte einen warmen Sitzplatz. Und vielleicht w�rde mir ja auch in der Seele warm, wenn ich erst ein Gl�schen Dschubatinischen S�ufer bek�me.</p><p>Rasch aber stellte sich heraus, dass der Dschubatinische S�ufer l�ngst nicht das Beste war, was es hier zu kosten gab. Wir bekamen ausgezeichnete Kamra und einen aromatischen Lik�r, dessen Name - Tr�nen der Finsternis - mich etwas entmutigte. Doch ich hatte mir ganz �berfl�ssige Sorgen gemacht: Mochten den Sch�pfer des Lik�rs bei der Namensgebung auch poetische Neigungen geleitet haben - sein Geschmack war unvergesslich.</p><p>�Entspann dich, Junge�, meinte Juffin und l�chelte mich an. �Melifaro und ich haben so viel Unsinn �ber dich verbreitet, und Sir Lonely-Lokley hat dazu so beredt geschwiegen, dass die �brigen - falls sie �berhaupt kommen - sicher alle sch�tzenden Amulette angelegt haben, die sie nur auftreiben konnten.�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen. Sagen Sie, Juffin, geh�rt die �ltere Dame am Nachbartisch etwa zu unserem Trupp? Sie sieht mich st�ndig so zaghaft an.�</p><p>Zu meiner Verwunderung fixierte mich Juffin fast bedrohlich. �Warum hast du das gesagt, Max? Kannst du mir das erkl�ren?�</p><p>�Das war nur ein Scherz. Diese Dame ist pl�tzlich aufgetaucht und hat mich die ganze Zeit angeschielt.�</p><p>�Ich wundere mich immer mehr �ber dich, Max!�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Morgen kaufe ich mir jedenfalls selbst ein paar Amulette.�</p><p>Die f�llige �ltere Lady stand auf, wickelte sich in ihren Lochimantel und kam auf uns zu. Dabei ver�nderte sich ihr Gesicht, und sie kam als untersetzter Gentleman bei uns an. Ich schaute verbl�fft drein und begriff nicht, was da passiert war.</p><p>�Du bist es wirklich!�, sagte der Ank�mmling ehrerbietig und legte die Hand �ber die Augen, wie es sich beim Kennenlernen geh�rte. Ich wiederholte die Begr��ungsgeste unverz�glich.</p><p>�Sehr erfreut, mich vorstellen zu d�rfen. Mein Name ist Kofa Joch, und ich bin der Meister des Verh�rs. Herzlieh willkommen, Junge. Du hast mich gerade erschaffen. �</p><p>�Das hatte ich nicht vor, Sir�, begann ich verlegen. �Das war blo� ein Scherz ...�</p><p>�Sag noch, dass du es nie wieder tun wirst, Max�, rief Juffin und brach in Gel�chter aus. �Schau nur, wie schuldbewusst er dasitzt! Mensch, jeder andere w�rde an deiner Stelle vor Hochmut platzen!�</p><p>Sir Kofa Joch l�chelte sanft. �Er berechtigt zu gro�en Hoffnungen. Schlie�lich brauchen wir f�r unsere Einheit mindestens eine bescheidene Person.� Mit diesen Worten setzte er sich neben Juffin und damit mir gegen�ber und trank gen�sslich seine Kamra.</p><p>�So eine leckere Kamra gibt es nirgendwo sonst!�, stellte er fest und l�chelte erneut. �Ich habe interessante Neuigkeiten f�r euch. �berall in der Stadt tratscht man �ber das neue Nachtantlitz des Ehrw�rdigen Leiters, also �ber dich, mein Junge. Zwei Versionen sind dabei im Umlauf. Nach der einen soll Juffin Halli ein Wesen aus der Welt der Toten nach Echo gebracht haben. Na, gef�llt dir das, Max? Die andere Version ist vielleicht pikanter: Der Ehrw�rdige Leiter soll seinem unehelichen Sohn, den er die ganze Zeit im Grenzgebiet versteckt hatte, einen Posten in der Verwaltung besorgt haben. Na, sind Sie begeistert, Juffin?�</p><p>�Warum k�nnen die Leute sich nichts Witzigeres ausdenken?�, murmelte mein Chef. �Die hauptst�dtische Mythologie bl�ht vor allem auf zwei Sektoren: dem der verbotenen Magie und dem der Beziehungsabenteuer meiner Jugend. Letztere erregen hier besonderes Interesse, weil ich - anders als normale Leute - nicht in Echo zur Welt gekommen bin, sondern aus Kettari stamme. Darum denken hier alle, in der Provinz ergehe man sich den lieben langen Tag in Unzucht und Ausschweifungen, weil man ja sonst nichts zu tun habe ... Tja, Kofa, ich muss den K�nig vielleicht bald um Gehaltserh�hung bitten. Tagaus, tagein so ein dummes Zeug h�ren zu m�ssen, kostet viel Kraft.�</p><p>�Halb so schlimm. Die ersten achtzig Jahre hat mich das sehr ge�rgert, aber dann hab ich mich daran gew�hnt. Ich arbeite mit Juffin n�mlich schon sehr lange, Max�, meinte Kofa Joch und schenkte mir wieder sein sanftes, g�nnerhaftes L�cheln.</p><p>�Kofa hat als Polizeigeneral am Rechten Flussufer gearbeitet und mehrere Jahre lang versucht, mich zu verhaften�, meinte Juffin. �Ein paarmal h�tte er beinahe Erfolg gehabt. Aber das ist schon eine Weile her und geschah noch vor dem Kampf um das Chrember-Gesetzbuch. Das waren Zeiten! Jeder Bewohner von Echo konnte damals mit Magie hundertsten Grades Brot backen! Kannst du dir das vorstellen?�</p><p>Ich nickte schweigend. Es ist schwer, sich daran zu gew�hnen, dass man in Echo deutlich mehr als hundert Jahre alt wird. Viele gro�e Pers�nlichkeiten und die Mehrheit meiner Bekannten schaffen es, ihr abenteuerliches Leben fast ins Unendliche zu verl�ngern.</p><p>Wie alt mochte Sir Kofa sein? Er sah h�chstens wie sechzig aus, allerdings nach irdischen Ma�st�ben. In diesem Alter gilt man hier als Jugendlicher. Melifaro zum Beispiel, von dem ich geglaubt hatte, er sei in meinem Alter, war schon hundertf�nfzehn Jahre alt. Er wurde an dem Tag geboren, an dem K�nig Gurig VII. die rebellischen alten Orden endg�ltig besiegt und das Chrember-Gesetzbuch verk�ndet hatte, also am ersten Tag der neuen Epoche des Gesetzbuchs. Er scherzte zwar oft dar�ber, war aber insgeheim - wie ich glaube - sehr stolz darauf.</p><p>Ich traute mich nicht, Sir Juffin nach seinem Alter zu fragen. Vielleicht hatte ich einfach Angst, als Antwort ein R�tsel zu bekommen. Au�erdem war ich erst drei�ig! In diesem Alter waren sie noch Kinder gewesen und hatten gerade Lesen und Schreiben gelernt.</p><p>W�hrend ich dies noch �berlegte, trudelten weitere Mitarbeiter unserer Einheit ein. Ein junger Mann in pr�chtigem lila Lochimantel, der seinen enorm langen K�rper verbarg, l�chelte mich schon von der T�rschwelle sch�chtern an. Unterwegs warf er mit lautem Krachen einen Stuhl um und entschuldigte sich daf�r so herzlich bei einer Dame mittleren Alters, die in der N�he sa�, dass sie dem Tollpatsch mit einem langen, sanften Blick verzieh. Diese sympathische Person sprach mich schon von weitem an und gestikulierte dabei verzweifelt.</p><p>�Ich freue mich, Ihnen endlich pers�nlich sagen zu k�nnen, wie sehr ich von Ihnen begeistert bin, Sir Max! Ich m�chte Sie so vieles fragen und habe die letzten Tage vor Ungeduld und Neugier gebrannt, wenn Sie mir diese Formulierung erlauben.�</p><p>�Und wer sind Sie?�, fragte ich �berrascht. Ich f�hlte mich wie ein von einem Fan bedr�ngter Popstar.</p><p>�Verzeihen Sie! Vor Begeisterung hab ich ganz vergessen, mich vorzustellen! Ich bin Sir Lukfi Penz, der Oberste Wissensh�ter. Stets zu Ihren Diensten!�</p><p>�Dieses Naturwunder passt auf unsere Buriwuche auf�, erg�nzte Juffin. �Besser gesagt: Die Buriwuche passen auf ihn auf.�</p><p>Mein Interesse an Sir Penz wuchs rasant, da ich schon viel �ber diese klugen V�gel geh�rt hatte, die aus dem entfernten Arwaroch stammten. Im Vereinigten K�nigreich waren sie fast nirgendwo mehr zu finden. Nur im Haus an der Br�cke lebten noch �ber hundert dieser wundersamen Gesch�pfe und dienten als einzigartiges Verwaltungsarchiv. Ihr ph�nomenales Ged�chtnis bewahrte ein Jahrtausend an Daten, Namen und Fakten. Ein Gespr�ch mit einem Buriwuch war, wie ich rasch begriffen hatte, viel interessanter, als sich durch einen Stapel Papiere zu arbeiten. Ich konnte es nicht erwarten, diese erstaunlichen Tiere zu sehen. Deshalb erschien mir der Mann, der seine Arbeitszeit mit ihnen verbrachte, als eine �u�erst n�tzliche Bekanntschaft.</p><p>�Wieso bist du allein gekommen, Lukfi?�, fragte Juffin den Obersten Wissensh�ter. Sir Penz setzte sich neben mich und nutzte die Gelegenheit, den Saum seines Mantels in meine Tasse zu tauchen. Das war vorderhand sein letztes Missgeschick.</p><p>Als ich seine Gesichtsz�ge musterte, merkte ich, dass Lukfi Penz nicht mehr der J�ngste war. Er geh�rte blo� zu den Leuten, die sehr lange kindlich aussehen, um sich dann pl�tzlich ihrem Alter optisch anzupassen.</p><p>Lukfi l�chelte verlegen und sagte: �Wissen Sie, Sir Juffin, die �brigen versuchen gerade, ein ernstes philosophisches Problem zu l�sen - den Konflikt von Macht und Verantwortung.�</p><p>�S�ndige Magister! Worum geht's denn?�</p><p>�Nicht aufregen, Sir! Die drei m�ssen nur entscheiden, wer von ihnen in der Verwaltung bleibt. Sir Melifaro, Ihr Tagesantlitz, soll - so wollen es die Vorschriften - im Haus an der Br�cke bleiben, wenn Sie unterwegs sind. Au�erdem kennt er Sir Max schon, so dass sich die Frage der Etikette nicht mehr stellt. Als Ihr Vertreter und unser Vorgesetzter darf er andererseits dar�ber entscheiden, werbleiben soll.�</p><p>Juffin lachte los, und Sir Kofa schmunzelte verst�ndnisvoll.</p><p>� Als ich das Haus an der Br�cke verlassen wollte�, fuhr Lukfi fort und trank gedankenverloren einen Schluck Tr�nen der Finsternis aus meinem Glas, �erkl�rte Lady Melamori, sie kenne Sir Max noch nicht, habe aber keine Lust auf lange Diskussionen, sondern werde in ein anderes Zimmer gehen und dort auf das Ende des sinnlosen Streits warten. Hier erlaube ich mir, anderer Meinung zu sein: Die Diskussion, wer gehen darf und wer bleiben muss, ist auf jeden Fall interessant und n�tzlich. Dann ist mir noch etwas aufgefallen: Sir Melifaro glaubt wom�glich, auch ich sei ein Mitarbeiter des Geheimen Suchtrupps und er k�nne daher auch mir befehlen zu bleiben. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, war ich unh�flich und bin schnell gegangen.�</p><p>�Gib Max sein Glas zur�ck und nimm deins, es ist voller�, fl�sterte Sir Kofa Joch ihm sanft zu. �Pass auf - vielleicht ist so eine Verwechslung f�r einen Bewohner der Leeren L�nder ja die schlimmste Beleidigung. Und Sir Max ist in seinem Zorn grausamer, als du dir vorstellen kannst.�</p><p>Lukfi Penz sah so erschrocken wie interessiert drein. �Ist das wahr, Max?�</p><p>�Sie haben Gl�ck, Sir Lukfi�, sagte ich l�chelnd. �Bei uns gilt so eine Verwechslung als k�rzester Weg zu einer tiefen Freundschaft. Traditionsgem�� muss ich nun Ihr Glas austrinken. Das tue ich nat�rlich gern, weil es viel voller ist!�</p><p>Sir Juffin schaute mich mit fast v�terlichem Stolz an. Lukfis Miene hellte sich wieder auf: �Sehen Sie, Kofa! Und Sie sind gleich von einer Beleidigung ausgegangen! Ich hab blo� einen guten Instinkt. Als ich noch in der Schule war ... ach, meine Herren, verzeihen Sie die Abschweifung, meine Schuljahre sind bestimmt kein interessantes Tischgespr�ch.� Er wandte sich an mich. �Stimmt es, dass Sie allein und nur nachts arbeiten werden? Wissen Sie, die Nacht ist die merkw�rdigste Zeit des Tages. Ich habe immer die beneidet, die es abends nicht ins Bett zieht. Meine Frau Warischa meint zum Beispiel auch, das echte Leben beginne nach Sonnenuntergang. Darum gelingt es mir selten auszuschlafen�, beendete der aufgeregte Mann seine Rede verlegen.</p><p>�Macht doch nichts�, tr�stete ich den armen Sir Lukfi. �Sie haben bestimmt andere Vorteile.�</p><p>�Seht mal, das Verantwortungsgef�hl hat gewonnen�, bemerkte Juffin. �Seid gegr��t, Sieger!�</p><p>Ein ziemlich auff�lliges P�rchen kam auf uns zu. Der gro�e Sir Sch�rf Lonely-Lokley mit seinem Charlie Watt-Gesicht trug wie immer Wei�. Er hatte eine kleine, �u�erst flinke Frau in elegantem dunkelblauem Lochimantel am Arm. Ich hatte eine Amazone mit breitem Kreuz erwartet, bekam hingegen eine blau gekleidete Elfe zur Kollegin, die das Gesicht von Diana Rigg hatte, einem klassischen Bond-M�dchen. Wie es hier wohl um Aff�ren am Arbeitsplatz bestellt war? Das w�rde ich Juffin bestimmt demn�chst fragen.</p><p>Aber Scherz beiseite. Die Dame sah nicht nur gut aus - in ihren dunklen Augen funkelten auch Klugheit und Lachlust. F�r mich sind das zwei Seiten einer Medaille. Au�erdem sp�rte ich am ganzen Leib, welche Gefahr von der kleinen Lady ausging - eine Gefahr, die sich sicher mit jener des phlegmatischen Sir Lonely-Lokley messen konnte, und dessen t�dliche H�nde hatte ich ja schon in Aktion erlebt.</p><p>�Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hei�e Melamori Blimm und bin Verfolgungsmeisterin�, stellte die Lady sich leise vor. Zu meinem Erstaunen war sie sichtlich aufgeregt. S�ndige Magister - was mochte man ihr �ber mich erz�hlt haben?</p><p>�Freut mich ebenso�, sagte ich. Das entsprach zwar nicht den Begr��ungsregeln, kam aber von Herzen.</p><p>Lonely-Lokley nickte mir mit dem versteckten Stolz eines alten Bekannten zu und setzte sich zu Lukfi Penz. Melamori blieb neben mir stehen, und der herbe Duft ihres Parf�ms brachte meine Nasenfl�gel zum Beben.</p><p>�Verzeihen Sie, Max - ich habe Ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sir Juffin w�rde mich als Geizhals abstempeln, wenn ich es nicht getan h�tte.� Mit diesen Worten zog sie eine kleine Keramikflasche aus den Falten ihres Mantels. �Diesen Wein haben Sie bestimmt noch nicht probiert. Selbst ich trinke ihn selten, obwohl mein Gro�vater Kima mich sehr verw�hnt.�</p><p>Vorsichtig �berreichte sie mir die kostbare Flasche und setzte sich neben Sir Kofa.</p><p>Nachdenklich musterte ich das mitgebrachte Gef��.</p><p>�Du hast keine Ahnung, was f�r ein Gl�ckspilz du bist!�, rief Juffin mir zu und wirkte pl�tzlich zweihundert Jahre j�nger. �Das ist eine absolute Seltenheit. Dieser Wein stammt aus dem �ltesten Keller des Ordens des Siebenzackigen Blattes. Kima Blimm - Melamoris Gro�vater - ist Winzer der Ordensweine. Nur deshalb hab ich seine Enkelin �berhaupt eingestellt ... Na, Lady Melamori, seien Sie nicht so schnell eingeschnappt! Sonst glauben die Leute noch, wir kennen uns erst seit gestern Abend. Jemand sollte mal ein Verzeichnis der d�mmsten Witze von Sir Juffin Halli erstellen und es dem Trubel von Echo teuer verkaufen.�</p><p>�Aber Sir Max kennt mich noch nicht und k�nnte glauben, ich sei wirklich wegen meiner Verwandtschaft im Geheimen Suchtrupp gelandet�, fl�sterte Lady Melamori beleidigt.</p><p>�Aber Max kennt doch mich, Unvergessliche. Au�erdem hat er Sie bestimmt l�ngst durchschaut. Vor einer halben Stunde hat er auf Sir Kofa gezeigt, der in Gestalt einer pr�chtigen Lady gekommen war, und mich gleich gefragt, ob die Dame zu meinen geheimen Mitarbeitern geh�rt. Stimmt's, Max?�</p><p>Drei erstaunte Augenpaare fixierten mich, und ich hatte das brennende Bed�rfnis, den Inhalt meiner Tasse zu mustern.</p><p>Verlegen zuckte ich die Achseln. �Sie machen aus einer M�cke einen Elefanten, Sir. Einmal hab ich zwar richtig geraten, aber ... Zugegeben, als ich Lady Melamori sah, hab ich sofort gedacht, sie sei mindestens so gef�hrlich wie Sch�rf. Doch das ist schon alles.� Ich zwinkerte der Lady zu. �Hab ich mich etwa get�uscht?�</p><p>Melamori l�chelte wie eine satte Katze.</p><p>�Alle, die ich ins Cholomi-Gef�ngnis oder ins Haus an der Br�cke geschleppt habe, von wo die Flucht noch schwieriger ist, k�nnen Ihre Worte vermutlich best�tigen, Sir Max�, sagte sie mit Unschuldsmiene und f�gte hinzu: �Ihr alle schmeichelt mir nur. Sir Sch�rf ist ein un�bertroffener Killer. Ich dagegen lerne sehr langsam. Daf�r finde ich Verbrecher sehr schnell!� Melamori zeigte wieder ihre scharfen Z�hne. �Mir reicht es v�llig, jemandem auf die Spur zu treten. Dann wei� das Verbrecherherz, dass wir uns bald sehen und sein Gl�ck demn�chst zu Ende ist.�</p><p>Die kleine, gef�hrliche Lady sah ein wenig verlegen in unsere aufmerksamen Gesichter.</p><p>�Verzeihung. Ich hab wohl etwas �bertrieben und schweige schon wieder, meine Herrschaften.�</p><p>�Macht doch nichts�, antwortete Sir Juffin v�terlich. �Nutzen Sie lieber die Abwesenheit von Melifaro. Was meinen Sie, wann er so eine flammende Rede unterbrochen h�tte?�</p><p>�Beim zweiten Wort�, kicherte Melamori. �Aber wenn ich mit ihm allein bin, kennt seine Ritterlichkeit keine Grenzen! Dann l�sst er mich sogar f�nf, sechs Worte sagen. K�nnen Sie sich das vorstellen?�</p><p>�Nein. In seiner Anwesenheit passiert mir das nie, obwohl ich der Ehrw�rdige Leiter bin. Moment mal, Sir Sch�rf, wie haben Sie Melifaro eigentlich �berlistet?�</p><p>�Ganz einfach. Ich hab unseren Buriwuch Kurusch gebeten, die Anleitung zu wiederholen, die auch Melifaro bei Dienstantritt bekommen hat. Dort hei�t es eindeutig ...�, begann Sir Lonely-Lokley gelassen.</p><p>�Schon klar�, sagte Juffin lachend. �Das brauchen Sie nicht weiterzuerz�hlen. Da ist er ja an den Richtigen geraten!�</p><p>Ich folgerte daraus, dass die Harmonie des Kleinen Geheimen Suchtrupps auf dem alten dialektischen Prinzip beruhte, wonach Einigkeit und Streit einander abl�sen. Der temperamentvolle Melifaro und der kaltbl�tige Lonely-Lokley, der unberechenbare Juffin und die kleine, bedrohliche Lady Melamori, �berlegte ich gedankenverloren. Wessen Eigenschaften sollte ich wohl ausgleichen? Vermutlich die von allen, wie es sich f�r ein Wesen aus einer anderen Welt wahrscheinlich geh�rte.</p><p>Dann konzentrierten sich alle auf die mir geschenkte Flasche.</p><p>�Darf ich Sie bitten, Sir Kofa, diesen seltenen Genuss unter uns zu verteilen?� Ich hielt den bejahrten Gentleman f�r genau den Richtigen, mich in schwieriger Lage an ihn zu wenden.</p><p>Mit meiner Gro�z�gigkeit eroberte ich die Herzen aller. Sp�ter erz�hlte mir Juffin, sie w�ren v�llig einverstanden gewesen, wenn ich das Geschenk mit nach Hause genommen h�tte. In Echo verzeiht man jede Schw�che f�r gastronomische Rarit�ten. Deshalb war meine Gro�z�gigkeit f�r die hiesigen Feinschmecker eine angenehme �berraschung.</p><p>W�hrend der Verkostung versetzte Lonely-Lokley mich erneut in Erstaunen. Aus den schneewei�en Falten seines Lochimantels zog er eine alte, dunkle Holztasse und stellte sie vor Sir Kofa. Das allein fand ich nicht merkw�rdig. Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass Sir Sch�rf das vertraute Holzgef�� �berallhin mitnahm, besonders zu speziellen Anl�ssen. Ich merkte nur, dass die Tasse so gut wie keinen Boden hatte. Sir Kofa reagierte darauf nicht im Mindesten und f�llte den l�cherigen Gral mit dem raren Getr�nk. Und nicht ein Tropfen ging verloren! Juffin merkte, dass ich dringend wieder eine kurze historische Belehrung brauchte.</p><p>�Staune nicht, Max. Sir Sch�rf ist seinerzeit Mitglied des Ordens der L�chrigen Tasse gewesen und hat als Fischexperte Aquarien beobachtet. Diese Aquarien hatten nicht weniger L�cher als seine Tasse hier. Die Mitglieder des Ordens haben nur Fische aus den eigenen Aquarien gegessen und dazu aus l�chrigen Kr�gen getrunken, stimmt's, mein Freund?�</p><p>Lonely-Lokley nickte gewichtig mit dem Kopf und nippte an seinem Getr�nk.</p><p>�Bis zum Beginn der Traurigen Zeit�, fuhr Juffin fort, �hatte der Orden der L�chrigen Tasse mit dem Orden des Siebenzackigen Blattes, dem Wohlwollenden und dem Einzigartigen Orden gute Beziehungen.� Freundschaftlich und ehrerbietig nickte Juffin Lady Melamori zu. �Dennoch hat er sich nicht an wichtige Vereinbarungen gehalten. Wie seine Kollegen darf Sir Sch�rf das alte Zeremoniell seines Ordens aus�ben, darf also auch aus seiner l�chrigen Tasse trinken. Zwar setzt er dabei verbotene Magie ein, ist aber verpflichtet, ihre gef�hrlichen Folgen zu neutralisieren, und tut das auch sofort. Aus dem Zeremoniell zieht er immer aufs Neue eine ordentliche Portion Kraft. Hab ich was vergessen, Sir Lonely-Lokley?�</p><p>�Sie haben die Gr�nde und Folgen meines Handelns kurz, aber kompakt erkl�rt�, bemerkte Lonely-Lokley nickend. Seine Tasse hielt er in beiden H�nden, und auf seinen starren Z�gen lag ein Abglanz konzentrierter Wonne.</p><p>Nachdem Sir Juffin auf mein Dr�ngen hin ein Tablett mit verschiedenen Speisen und einer Portion von Lady Melamoris Wein zu Sir Melifaro geschickt hatte, war ich sicher, die Herzen all meiner Kollegen erobert zu haben.</p><p>An diesem Abend l�chelte ich oft und bem�hte mich, die Klippen meiner ausgedachten Herkunft zu umschiffen, an denen mich die Fragen des interessierten, aber leichtgl�ubigen Sir Lukfi beinahe h�tten scheitern lassen. Ich kokettierte mit Lady Melamori, lauschte Sir Kofa, sprach den Namen von Sir Lonely-Lokley stets fehlerfrei aus und brachte Sir Juffin zum Lachen. Ich war selbst �ber mich erstaunt: Nie zuvor hatte Max es geschafft, die Seele einer so gro�en Gesellschaft zu sein.</p><p>Als die Zahl der leeren Teller das Fassungsverm�gen der Geschirrsp�lmaschine �berschritt, entschieden wir uns zum Aufbruch. Sir Kofa Joch erbot sich gro�z�gig, nach Melifaro die Schicht zu �bernehmen. Sir Juffin Halli gab allen nicht weniger gro�z�gig einen Sorgenfreien Tag. Zus�tzlich lud er uns f�r den folgenden Abend ins Fressfass ein. So gesehen hatte Melifaro eigentlich kaum etwas verpasst.</p><p>Also musste das Haus an der Br�cke eine letzte Nacht ohne mich auskommen. Diese Zeit wollte ich f�r den Umzug in mein neues Domizil nutzen, ehe ich am Tag darauf offiziell meinen Dienst w�rde antreten und binnen weniger Stunden w�rde begreifen m�ssen, was man von mir verlangte. Inzwischen zweifelte ich daran, dass mir das gelingen w�rde.</p><p>Lady Melamori stieg in ein Familien-A-Mobil. Die zierliche Verfolgungsmeisterin l�chelte zum Abschied geheimnisvoll und sagte mir leise, Max sei ein sonderbarer Name, klinge aber trotz seiner K�rze gut. Dann fuhr sie mit wahrhaft k�niglichem Pomp nach Hause, begleitet von zwei Musikern, die das Radio im Wagen ersetzen sollten, w�hrend Lukfi und Lonely-Lokley mit einem Dienst-A-Mobil davonknatterten.</p><p>Uns hingegen holte der alte Kimpa ab, der Haushofmeister von Sir Juffin. Mein Chef benutzte immer den eigenen Wagen, weil er sich, wie er sagte, im Dienst-A- Mobil so unangenehm im Dienst f�hlte. Im eigenen Fahrzeug dagegen sei es fast schon wie zu Hause, und man m�sse ein Dummkopf sein, um die M�glichkeit nicht zu nutzen, sich eine Stunde fr�her daheim zu f�hlen. Das erschien mir logisch.</p><p>Auf dem Heimweg schwiegen wir reichlich. Wenn man wei�, wor�ber man mit seinem Begleiter reden k�nnte, ist das ein Zeichen gegenseitiger Sympathie. Zusammen schweigen zu k�nnen, ist der Anfang der Freundschaft.</p><p>�Bleib noch auf eine Tasse Kamra�, sagte Juffin auf der T�rschwelle, und das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Der kleine Chuf gr��te uns beim Reinkommen und wedelte vorsichtig mit dem Schwanz. �Max ist da und geht gleich wieder. Weit, weit�, erreichten mich seine kurzen, betr�bten Gedanken.</p><p>�Es ist doch noch nicht so weit, Chuf!�, tr�stete ich ihn. �Ich w�rde dich gern mitnehmen, aber du willst dich bestimmt nicht von deinem Herrchen trennen. Au�erdem kann ich - anders als Kimpa - nicht kochen. Und du bist hier der Feinschmecker. Ich komme dich aber oft besuchen. Einverstanden?�</p><p>Mein flaumiger Freund seufzte und leckte sich das Maul. �Zum Mittagessen besuchen!�, reagierte er vorsichtig begeistert.</p><p>Sir Juffin war zufrieden. �Dann habt ihr ja alles besprochen. Gut so, Chuf. Gesunder Pragmatismus! Keine Sentimentalit�ten!�</p><p>Im Wohnzimmer nahmen wir in bequemen Sesseln Platz. Ergeben legte sich Chuf auf meine F��e. Er hatte offenbar beschlossen, mitunter von Juffins F��en zu weichen. Kimpa brachte Kamra und Geb�ck. Mit Genuss z�ndete ich meine letzte irdische Zigarette an. Jetzt begann mein neues Leben: W�rde ich auf Pfeife umsteigen oder mit dem Rauchen aufh�ren? Beide M�glichkeiten waren nicht sehr verlockend, aber eine dritte gab es nicht.</p><p>Wir plauderten kurz �ber meine neuen Bekannten, und die Neugier von Sir Juffin war grenzenlos. Er interessierte sich f�r all meine Eindr�cke. Wie hatte mir Kofa gefallen, wie Lukfi und Melamori? Als wir �ber die Lady sprachen, erkundigte ich mich, ob Aff�ren am Arbeitsplatz laut Chrember-Gesetzbuch verboten seien. Wenn es so w�re, h�tte Juffin mich gleich wegen verbrecherischer Absichten verhaften k�nnen.</p><p>�Nicht dass ich w�sste. Seltsame Idee ... Ist bei euch denn so ein Verbot m�glich?�, fragte er erstaunt.</p><p>�Nein. Man findet es aber nicht richtig, eine Aff�re am Arbeitsplatz zu haben - obwohl jeder eine hat.�</p><p>�Deine Welt ist ein seltsamer Ort, Max. Dort denkt man das eine und tut das andere. Bei uns denkt man �berhaupt nichts. Das Gesetz bestimmt nur das Notwendigste, aber �berzeugung und Tradition beeinflussen unsere Gewohnheiten, obwohl jeder machen kann, was er will. Also vorw�rts, wenn es brennt! Allerdings zweifle ich selbst, ob das eine gute Idee ist. Lady Melamori ist ein seltsames M�dchen. Eine unverbesserliche Idealistin, die ihre Einzigartigkeit anscheinend sehr sch�tzt. Melifaro macht ihr seit Jahren den Hof, und sie hechelt seine M�hen mit jedem ausf�hrlich durch - kaum zu glauben, was?�</p><p>�Melifaros Komplimente kann ich mir gut vorstellen: Schieben Sie Ihren prachtvollen Hintern aus meinem Blickfeld, Unvergessliche! Seine g�ttlichen Umrisse erlauben mir nicht, mich zu konzentrieren!�</p><p>Sir Juffin brach in Gel�chter aus.</p><p>�Richtig, Max. Bist du Hellseher?�</p><p>�Unsinn! Mir sind nur ein paar Sachen aufgefallen ...�</p><p>�Wie dem auch sei - Melifaro ist der Liebling der M�dchen. Und das, obwohl er nicht rothaarig ist. Gib dir ruhig M�he, Max, doch ich f�rchte, auch du wirst Lady Melamori nicht erobern.�</p><p>Ich zuckte die Achseln.</p><p>�Bei M�dchen hab ich noch nie Gl�ck gehabt. Anfangs geht es immer gut, doch dann beschlie�en sie zu heiraten - aber einen anderen. Das ist seltsam, weil ich mich immer in kluge M�dchen verliebt habe. Das hat aber nicht geholfen. Warum vern�nftige Leute immer heiraten wollen, ist mir unbegreiflich! Ich habe mich aber daran gew�hnt.�</p><p>�Das h�rt sich an, als h�ttest du entweder das dickste Fell oder die d�nnste Haut im ganzen K�nigreich.�</p><p>�Weder das eine noch das andere. Das ist vermutlich ein kultureller Unterschied. Bei uns soll man Schmerzen m�glichst rasch vergessen. Wer dazu nicht imstande ist, erregt Mitleid, in das sich Erstaunen mischt. Verwandte empfehlen solchen Leuten, einen Psychoanalytiker zu besuchen. Das liegt auch daran, dass wir viel k�rzer leben - f�r eine Sache viel Zeit aufzuwenden, ist f�r uns unverst�ndliche Verschwendung.�</p><p>�Wie lange lebt ihr denn?�, wunderte sich Sir Juffin.</p><p>�Siebzig, vielleicht achtzig Jahre. Wieso?�</p><p>�Ihr sterbt so jung? Ausnahmslos?�</p><p>�Ja. Aber es ist nicht so wie bei euch. Mit achtzig sind wir wirklich alt.�</p><p>�Und wie alt bist du, Max?�</p><p>�Ziemlich genau drei�ig. Wann hab ich eigentlich Geburtstag? Ich bin es leid, daran zu denken.�</p><p>Sir Juffin war ernstlich beunruhigt. �Dann bist du ja noch ein Kind! Na, ich hoffe, du hast nicht vor, alles nach vierzig, f�nfzig Jahren aus Altersgr�nden hinzuwerfen! Wenn ich mir dich so anschaue ...�</p><p>Er sprang aus dem Sessel und betastete schon in der n�chsten Sekunde mit eiskalten, schwerf�lligen H�nden meinen R�cken. Dann wurden sie hei�, und ich hatte das Gef�hl, meine Pers�nlichkeit, die normalerweise hinter den Augen haust, verlagere sich in die Wirbels�ule. Mit meinem R�cken �sah� ich den warmen Glanz, der aus seinen starren Fingern kam. Dann h�rte er so unerwartet auf, wie er angefangen hatte. Zufrieden mit dem Ergebnis, kehrte Juffin auf seinen Platz zur�ck.</p><p>�Alles in Ordnung, Junge. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns beiden - auch wenn es dir schwerf�llt, das zu glauben. Wie alt man wird, h�ngt von der Lebensf�hrung ab. In dieser Welt kannst du �ber dreihundert Jahre leben. Gerade hast du mich aber erschreckt, Max! Was ist dein Vaterland nur f�r eine Gegend? Aus welcher H�lle hab ich dich geholt?�</p><p>�Aus der Welt der Toten�, l�chelte ich betr�bt. �Die hauptst�dtischen Klatschm�uler haben richtig geraten, auch wenn alles halb so schlimm ist. Wenn man von Kindesbeinen an nur eine Welt kennt, h�lt man notgedrungen alles, was passiert, f�r selbstverst�ndlich. Ich hab mein Haus verlassen und bereue es nicht. Viele w�rden das auch gern tun, aber ich w�rde es nicht unbedingt sofort wiederholen, obwohl ich immer ein Tagtr�umer war, der sich in einen Pechvogel verwandelte. Die Mehrheit allerdings w�rde Ihnen sagen, man solle sich mit dem begn�gen, was man hat, statt nach etwas Besserem zu suchen. Au�erdem klingt die Idee der Lebensverl�ngerung f�r viele verlockend. Wenn Sie noch einen meiner Landsleute brauchen, sagen Sie mir Bescheid!�</p><p>�Ich brauche aber keinen mehr!�</p><p>�Wer wei�, vielleicht ist es demn�chst Mode, Sie im Traum zu besuchen.�</p><p>�Ich k�nnte all diesen Leuten doch nie und nimmer eine Stelle besorgen! Aber wer wei�? Ich sollte mich besser nicht festlegen!�</p><p>Vieles nimmt ein seltsames Ende. So war es auch mit unserem Zusammenleben: Sir Juffin ging einfach kommentarlos in sein Schlafzimmer, und ich bereitete meinen Umzug vor.</p><p>Ich war �berzeugt, eigentlich gar nichts packen zu m�ssen, doch das erwies sich als Irrtum, denn ich besa� inzwischen eine ganze Menge Habseligkeiten: eine rasch wachsende Bibliothek, meine Kleidung, Juffins Geschenke und die h�bschen Fundst�cke meiner Stadtspazierg�nge, bei denen ich diverse Tante-Emma-L�den besucht und dort meinen Vorschuss verpulvert hatte. Meine Bibliothek enthielt die achtb�ndige Enzyklop�die von Manga Melifaro, die mir sein j�ngster Sohn geschenkt hatte, und diese schweren B�nde waren nur ein kleiner Teil der Sammlung.</p><p>�berdies nahm ich mit, was ich bei meiner Ankunft in Echo angehabt hatte. Es war zwar unwahrscheinlich, dass ich Jeans und Pulli noch mal brauchen w�rde, aber ich konnte mich nicht von ihnen trennen. Vielleicht w�rde ich ja doch noch mal nach Hause abhauen m�ssen, zum Beispiel f�r Zigaretten.</p><p>Gut eine Stunde brauchte ich, um meine Sachen vom Schlafzimmer zum A-Mobil zu schleppen, das am Tor stand. Dann fuhr ich mit fr�hlich klopfendem Herzen und leerem Kopf in mein neues Heim. Zu Hause - wie seltsam diese Worte inzwischen klangen!</p><p>Ich �berquerte die Br�cke namens Kamm von Echo, deren L�den und Wirtsh�user anziehend leuchteten. Trotz der sp�ten Stunde war noch �berall Betrieb. In Echo k�nnen die Leute das Nachtleben auskosten, denn die erlaubte Magie reicht v�llig, um ein, zwei N�chte durchzumachen, ohne Gesundheit oder Beruf zu schaden.</p><p>Danach landete ich auf dem Rechten Flussufer und gelangte ins Herz der Altstadt. Auf Wohnungssuche hatten mir die engen Gassen hier besser gefallen als die breiten Alleen der Neustadt, des pulsierenden Zentrums von Echo.</p><p>Die Mosaikgehsteige in der Stra�e der alten M�nzen hatten ihre Farbe fast verloren, doch ihre Steinchen gefielen mir besser als die leuchtenden Platten, die auf den neuen Stra�en verlegt waren. Seit j�ngstem wusste ich, dass Dinge Erinnerungen haben und davon erz�hlen k�nnen. Juffin hatte mir beigebracht, ihr Murmeln zu h�ren und - wichtiger noch - in Bilder zu �bersetzen. Und Geschichten hatte ich immer gemocht. In meiner Freizeit w�rde ich genug damit zu tun haben zu ermitteln, wovon all die Gegenst�nde in der Altstadt redeten.</p><p>Mein neues Haus freute sich, mich zu sehen. Noch vor kurzem h�tte ich gedacht, ich fantasiere. Aber inzwischen wusste ich, dass obskure Vorahnungen genauso glaubhaft waren wie klare Tatsachen. Jedenfalls mochten wir uns - ich und mein neues Haus. Das Geb�ude war also wieder bewohnt. Sein Besitzer hatte mir erz�hlt, der Vormieter sei vor etwa vierzig Jahren ausgezogen, und seither seien nur ab und an die Putzfrauen gekommen.</p><p>Ich stieg aus dem A-Mobil und trug mein Zeug ins Wohnzimmer. Wie in Echo �blich, war es fast leer. Minimalistische Inneneinrichtungen haben mir immer gefallen, doch ich hatte meinen Geschmack bisher nirgendwo entfalten k�nnen. Das Zimmer enthielt nur einen kleinen Tisch, auf dem ich meinen im Fressfass bestellten Vorratskorb absetzte, ein paar bequeme Sessel, die denen im Wohnzimmer von Sir Juffin �hnelten, und ein paar Regale. Was brauchte man auch sonst?</p><p>Zwei Stunden ordnete ich gen�sslich B�cher und Nippes und ging dann ins Schlafzimmer. Die H�lfte des riesigen Raums bedeckte ein so flaumweicher Boden, dass es kein Risiko, sondern ein Vergn�gen sein d�rfte, hier aus dem Bett zu fallen. Ein paar Kissen und Felle lagen als verwaistes H�uflein in der Ecke. Weiter weg befand sich eine Garderobe, in die ich einen Haufen bunter Stoffe geworfen hatte: meine hiesige Kleidung. Jeans, Pulli und Weste - meine Erinnerungsst�cke also - hatte ich nach ganz unten gepackt. Neben dem Schlafzimmer lag ein kleines Bad, das f�r die Morgentoilette ideal war. Die �brigen Sanit�ranlagen befanden sich im Keller.</p><p>Schon war ich umgezogen und wollte weder essen noch schlafen und hatte auch keine Lust, das Haus zu verlassen und spazieren zu gehen. Stattdessen h�tte ich jedem Teufel f�r eine Schachtel Zigaretten sofort meine Seele verkauft.</p><p>Ich sa� im Wohnzimmer, stopfte ungeschickt meine Pfeife und machte mir tr�be Gedanken �ber mein bitteres Schicksal. In meiner Trauer tr�stete mich nur der Blick nach drau�en, wo eine dreist�ckige Villa mit kleinen dreieckigen Fenstern und spitzem Ziegeldach stand. Wie jeder, der immer in Neubauten gelebt hat, hatte ich gro�en Respekt vor Altbauten. Und in Echo konnte jeder Stein Geschichten �ber sein Haus erz�hlen.</p><p>Nachdem ich mich an der Pracht des Hauses gegen�ber sattgesehen hatte, nahm ich den dritten Band der Enzyklop�die von Sir Manga Melifaro zur Hand, in dem von meinen angeblichen Landsleuten die Rede war, von den Bewohnern der Grafschaft Wuk und der Leeren L�nder also. Auch ein fiktives Vaterland soll man lieben - und vor allem erforschen. Dabei dachte ich zun�chst an all die bohrenden Fragen, die mir Sir Lukfi Penz bestimmt bald stellen w�rde. Au�erdem fand ich das Buch sehr interessant. Bei Seite hundert, wo es um Nomaden ging, die aus Zerstreutheit ihr minderj�hriges Stammesoberhaupt in der Steppe verloren und sich daf�r verflucht hatten, schlief ich ein. Im Traum sah ich meine Version der unglaublichen Geschichte, allerdings mit Happy End: Als Erwachsener wandte sich der Verlorene an unser Amt, und Sir Juffin und ich halfen ihm, sein armes Volk ausfindig zu machen. Und zum Abschied gab Sir Lonely-Lokley ihm ein paar kurze, aber gehaltvolle Benimmregeln mit, was sein Verhalten an seiner k�nftigen Arbeitsstelle anging.</p><p>Ich erwachte f�r meine Verh�ltnisse sehr fr�h, n�mlich schon vormittags, und beschloss, mich lange und sorgf�ltig herauszuputzen, da ich am Abend offiziell meinen Dienst antreten w�rde. Dazu ging ich nach unten und legte mich nacheinander in alle drei Badewannen. Drei sind besser als eine - da bei�t die Maus keinen Faden ab! Und viel h�bscher als elf sind drei nat�rlich auch, wenn ich mir diese Spitze gegen unsere hauptst�dtischen Snobs - allen voran Sir Juffin Halli - erlauben darf.</p><p>Endlich hatte ich Zeit f�r den Vorratskorb aus dem Fressfass. Zum Gl�ck enthielt er einen Krug Kamra, den ich mir gleich aufw�rmen konnte. Dieses Getr�nk lie� mich alles vergessen, was ich je gekocht hatte. Sir Juffin hatte schon �berlegt, von mir zubereitete Kamra zur Einsch�chterung gef�hrlicher Verbrecher einzusetzen. Allerdings bremste ihn, dass diese Methode als �u�erst grausam gelten w�rde.</p><p>Ich erw�rmte die Kamra auf einem kleinen Kohleofen, der zur unerl�sslichen Ausstattung jedes Wohnzimmers geh�rte. Der Morgen war herrlich! Es gelang mir sogar, meine am Vortag gestopfte Pfeife anzuz�nden. Na bitte - ich schaffte alles! Selbst der seltsame Beigeschmack des hiesigen Tabaks konnte mir die optimistische Stimmung nicht rauben.</p><p>Zur Arbeit ging ich zu Fu�, um aller Welt meinen neuen, dunkel gemusterten Mantel und meinen schwarzen Turban zu zeigen, der aus mir - einem ganz normalen Menschen - einen exotischen Sch�nling machte. Leider begeisterte sich niemand au�er mir an diesem Anblick. Die Leute waren mit eigenen Angelegenheiten besch�ftigt oder sahen vertr�umt in die Vitrinen luxuri�ser Altstadtgesch�fte. Ich erntete keine bewundernden Blicke, und es gab keine Sch�nheit, die bereit gewesen w�re, sich mir an den Hals zu werfen. Typisch!</p><p>Ich bog in die Stra�e der Kupferkessel ein und erreichte kurz darauf zum ersten Mal die ersehnte Geheimt�r, die ins Haus an der Br�cke f�hrte. Bisher hatte ich sie nicht benutzen d�rfen, sondern Juffins Dienststelle durch den Besuchereingang betreten m�ssen.</p><p>�ber einen kurzen Korridor gelangte ich in den Teil des Geb�udes, in dem der Kleine Geheime Suchtrupp - meine Einheit also - untergebracht war. Die andere H�lfte des Baus geh�rte zur Stadtpolizei von Echo, die unter dem Befehl von Sir Bubuta Boch stand, von dem ich noch nichts Gutes geh�rt hatte. Ich passierte ein gro�es leeres Empfangszimmer, in dem ein Beamter friedlich d�ste, und gelangte in den Saal der allgemeinen Arbeit, wo ich Sir Lonely-Lokley antraf. Konzentriert notierte er etwas in ein dickes Heft und machte dazu ein betr�btes Gesicht. Diese Schreiberei! Wozu hat man hier denn Tafeln, die sich von selbst beschriften, und kluge Buriwuche, die jedes Wort speichern?</p><p>Meine Sorge um Sir Sch�rf Lonely-Lokley erwies sich jedoch als unbegr�ndet. Er f�hrte blo� sein pers�nliches Arbeitstagebuch. Ich wollte ihn nicht von dieser freiwilligen b�rokratischen Fronarbeit ablenken und ging in Juffins B�ro, das sich als verh�ltnism��ig kleines und sehr angenehmes Zimmer erwies.</p><p>Der Ehrw�rdige Leiter sa� am Schreibtisch und w�re bei dem Versuch, Lady Melamori abzukanzeln, fast vor Lachen erstickt. Sie sa� ihm mit der Miene einer so bescheidenen wie verstockten Gymnasiastin gegen�ber.</p><p>� Da bist du ja, Max! Hier deine erste Aufgabe: Zieh los und begeh einen furchtbaren Mord! Das Nichtstun macht die Leute hier richtig verr�ckt. Wei�t du, was die erste und gegenw�rtig einzige Lady unseres Suchtrupps getan hat? Sie ist Kapit�n Fuflos - dem Stellvertreter, Schwager und Seelenverwandten von General Bubuta Boch - auf die Spur getreten. Prompt hat ihm das arme Herz wehgetan, und schreckliche Ahnungen haben ihn gequ�lt. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er sich mit den Grundfragen des Daseins besch�ftigt, doch das hat ihm keine Freude gemacht. Die Intelligenz eines jungen Leutnants namens Kamschi hat Fuflos vor dem Selbstmord gerettet. Der gequ�lte Kapit�n ist auf sein Gut gefahren, um wieder zu Kr�ften zu kommen, und der Leutnant war gezwungen, mir die Abwesenheit seines Kapit�ns anzuzeigen! Kaum zu glauben, aber auf solche Leute sind sie bei der Stadtpolizei angewiesen! Es w�re besser, General Bubutas Stelle mit Leutnant Kamschi zu besetzen. Du lachst, Max?�</p><p>�Sie doch auch, Sir! Machen Sie sich Luft, sonst platzen Sie noch.�</p><p>Juffin winkte ab, folgte meinem Rat aber. Melamori sah uns fast vorwurfsvoll an. Was mochte das zu bedeuten haben? Da hatte sie einen schweren Fehler begangen, und wir kicherten!</p><p>�Was soll ich mit Ihnen machen, Lady? Sie haben Gl�ck, dass Kamschi Ihnen anscheinend oft nachschaut. Stellen Sie sich vor, was es f�r einen L�rm gegeben h�tte, wenn er sich mehr um die Gesetze und um die Gesundheit seines Chefs gek�mmert h�tte.�</p><p>�Aber indem ich Kapit�n Fuflos auf die Spur getreten bin, hab ich doch nur bewiesen, dass er ein Verbrecher ist�, sagte Melamori rasch und l�chelte uns unwiderstehlich an. �Damit m�ssten Sie doch zufrieden sein!�</p><p>�Seien Sie unbesorgt - ich habe auch ohne Ihre Hilfe genug Freude am Leben. Weil das lange Nichtstun Sie verr�ckt gemacht hat, gehen Sie f�r drei Tage ins Cholomi-Gef�ngnis und helfen dem Kommandanten dort beim Durchforsten des Archivs. Sie sind f�r solche Aufgaben ideal, denn Ihre Familie hat viel Erfahrung, was Geheimnisse anlangt. Wenn hier was passiert, sag ich Ihnen gleich Bescheid. Jetzt flehen Sie die Dunklen Magister um ein blutiges Verbrechen an, und denken Sie daran, ein Pr�sent f�r Sir Kamschi mitzunehmen. Schenken Sie ihm etwas aus dem Vorratskeller Ihres Gro�vaters Kima. Das verpflichtet ihn zu nichts, �bertrifft aber seine k�hnsten Erwartungen. Und jetzt ab ins Gef�ngnis!�</p><p>Lady Melamori rollte die Augen wie eine M�rtyrerin. �Sehen Sie, Sir Max? Diese Dienststelle ist das Bollwerk der Tyrannei! Wegen eines harmlosen Scherzes gleich drei Tage nach Cholomi zu m�ssen!�</p><p>�Tyrannei?�, fragte Sir Juffin und l�chelte t�ckisch. �Der alte Kommandant wird Ihnen einen k�niglichen Empfang bereiten. Seinen Koch kennen Sie noch nicht, oder?�</p><p>�Nat�rlich kenne ich ihn! Nur seinetwegen habe ich in diesem B�ro noch kein Gift geschluckt.� Melamori geriet ins Stocken und f�gte schuldbewusst hinzu: �Sir Juffin, ich bitte um Verzeihung! Fuflos ist einfach ein solcher Dummkopf, dass ich mich nicht habe beherrschen k�nnen.�</p><p>�Das kann ich mir gut vorstellen�, meinte Juffin und kicherte erneut.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, Lady Melamori w�re straflos ausgegangen, wenn sie ein wenig dreister gewesen w�re.</p><p>Bevor die sch�ne Verbrecherin mit dem Dienst-A-Mobil nach Cholomi fuhr, fl�sterte sie mir im Vorbeigehen zu, sie sei nicht immer so. Das glaubte ich nur zu gern.</p><p>�Nun, Max�, begann Juffin gelangweilt, �heute muss ich dir mein offizielles Gesicht zeigen. Aber zuerst stelle ich dir Kurusch vor.�</p><p>Die Geschichte des Verbrechens von Lady Melamori hatte mich so besch�ftigt, dass ich den eulenartigen Vogel, der mit wichtiger Miene auf der R�ckenlehne eines Stuhls sa�, erst jetzt bemerkte. Der Buriwuch - denn um einen solchen handelte es sich - sah mich lange und aufmerksam an.</p><p>�Nichts zu meckern - der taugt was!�, kam es endlich aus seinem Schnabel, und ich begriff, dass es um mich ging.</p><p>�Danke, Buriwuch�, wollte ich in scherzhaftem Ton sagen, doch meine Stimme klang sehr ernst.</p><p>Juffin nickte. �Das ist ein gro�es Lob, Max! Du h�ttest h�ren sollen, wie er �ber andere geurteilt hat.�</p><p>�Was haben Sie denn da so gesagt?�, fragte ich interessiert.</p><p>�Dienstgeheimnis!�, teilte Kurusch gelassen mit. �Und jetzt an die Arbeit!�</p><p>Meine Aufgabe bestand darin, etwas in einer unverst�ndlichen Sprache zu sagen. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine uralte Zauberformel, deren Kraft mich angeblich f�r immer an die Interessen der Krone band.</p><p>�Aber ich merke gar nichts!�, sagte ich verwirrt, nachdem ich die Formel ausgesprochen hatte.</p><p>�Musst du auch nicht�, meinte Juffin. �Als ich die Formel aufsagte, ist auch nichts Besonderes passiert. Kann sein, dass es nur Aberglaube ist, aber vielleicht funktioniert es ja tats�chlich. Gib Acht - ich lese dir jetzt in Gegenwart unseres Kurusch eine dienstliche Anweisung vor. Du brauchst sie nicht zu verstehen. Denk einfach an etwas Angenehmes, denn das Ganze dauert ziemlich lange. Notfalls wiederholt Kurusch die eine oder andere Passage f�r dich. Stimmt's, mein S��er?�, fragte Juffin und sah den Vogel z�rtlich an. Das Tier spreizte stolz die Fl�gel.</p><p>Ich m�chte den Inhalt dessen, was ich vorgelesen bekam, nicht im Einzelnen berichten. Es ging ungef�hr darum, dass ich zu allem verpflichtet sei, was ich tun solle, und auf keinen Fall tun solle, was ich nicht d�rfe. Damit solche Binsenweisheiten in mein Ohr drangen, hatte ein am Hofe lebender B�rokrat ein paar Bl�tter bestes Papier verbraucht. Sir Juffin opferte eine halbe Stunde, mir das literarische Meisterwerk vorzutragen, und beendete seinen Auftritt mit einem erleichterten Seufzer. Ich tat es ihm nach. Buriwuch Kurusch hingegen schien das Ganze richtig Spa� gemacht zu haben.</p><p>�Warum arbeitet ihr klugen V�gel eigentlich f�r die Menschen?�, wollte ich wissen. Diese Frage hatte mich schon eine halbe Stunde besch�ftigt.</p><p>�Da wir nur wenige sind, f�llt es uns schwer, uns allein durchzuschlagen�, antwortete das Tier. �Bei Menschen zu leben, ist unter solchen Umst�nden bequem und interessant. Dort, wo es viele von uns gibt, k�nnen wir ohne Hilfe �berleben und sind durchaus m�chtig. Aber in dieser Dienststelle ist es wirklich spannend! Es gibt so viele Worte und Geschichten!�</p><p>�Eine w�rdige Antwort�, meinte Juffin und l�chelte g�nnerhaft. �Begreifst du jetzt, Max? Die V�gel finden uns unterhaltsam!�</p><p>Dann bekam ich feierlich meine Dienstwaffe �berreicht - einen kleinen Dolch, der sich besser zum Reinigen der Fingern�gel als zum T�ten eignete. Der Griff des Dolchs enthielt einen Zeiger, der auf erlaubte wie verbotene Magie reagieren sollte. Ich hatte etwas �hnliches schon im Einsatz gesehen und wusste, dass dieses Instrument nicht sehr zuverl�ssig war. Vielleicht war es besser, von Anfang an keine Illusionen zu haben.</p><p>Als wir mit den Formalit�ten fertig waren, gingen wir ins oberste Stockwerk des Hauses an der Br�cke. Dort wurde ich einem kleinen, gutm�tigen Dicken vorgestellt, der einen grell orangen Mantel trug und auf Sir Juffins einleitende Worte munter ausrief: �Sehr erfreut! Mein Name ist Kumba Kurmak. Ich bin Sir Juffins Kanzleichef und die netteste Person in diesem finsteren Geb�ude, weil ich f�r Auszeichnungen, Orden und andere angenehme Dinge zust�ndig bin.�</p><p>�Au�erdem fungiert Sir Kumba in unserer Dienststelle als Vertreter des K�nigs�, f�gte Juffin hinzu. �Egal wie sehr wir uns anstrengen: Ohne seine Vermittlung dringt nichts nach oben durch.�</p><p>�Schenken Sie diesen Worten keinen Glauben�, meinte der freundliche Dicke l�chelnd. �Wenn Sie jemanden bei Hofe um etwas bitten wollen, ist Juffin der richtige Mittelsmann. Allerdings hoffe ich, dass ich der Erste war, der dem K�nig von Ihren gro�artigen Verdiensten erz�hlt hat.�</p><p>Schockiert sah ich meinen Chef an. �Welche Verdienste denn?�, fragte ich ihn zweifelnd per Stummer Rede.</p><p>�Er meint die Sache mit dem Spiegel des alten Sir Makluk�, erkl�rte Juffin mir auf gleichem Wege. �Nat�rlich hast du da noch nicht offiziell zu uns geh�rt. Desto gr��er ist die Ehre, die dir widerfahren ist! Das Vereinigte K�nigreich soll um seine Helden wissen.�</p><p>�Sie sind der Erste, Sir Max, der seinen Dienst in Echo mit einer Auszeichnung beginnt�, erkl�rte Sir Kumba Kurmak und verbeugte sich ehrerbietig. �Ich arbeite hier schon sehr lange. Glauben Sie mir also ruhig und freuen Sie sich�, sagte er und reichte mir eine kleine dunkle Holzschachtel. Ich wusste schon, dass man in Echo jedes Geschenk sofort �ffnen muss. Also wollte ich den Deckel aufmachen, doch es ging nicht.</p><p>�Das ist ein Geschenk des K�nigs, Max�, mischte sich Juffin ein. �Leicht bekommt man das nicht auf. Dazu braucht man, wenn ich nicht irre, Wei�e Magie vierten Grades. Mach die Schachtel daheim auf, denn in der �ffentlichkeit ist Zaubern verboten.�</p><p>�Verzeihung�, rief ich und err�tete vermutlich. �Ich hab noch nie ein k�nigliches Geschenk bekommen.�</p><p>�Kein Problem, Max�, tr�stete mich der gutm�tige Sir Kumba. �Wenn Sie w�ssten, wie viele Leute zwar genau wissen, wie man mit einer solchen Auszeichnung umzugehen hat, sie aber nie bekommen! Ihre Lage scheint mir wirklich beneidenswert.�</p><p>Ich bedankte mich vielmals. Danach verlie�en Juffin und ich Sir Kumbas B�ro.</p><p>�Sie h�tten mich wirklich warnen k�nnen�, meinte ich ver�rgert, als wir wieder in Juffins Zimmer waren. �Sie genie�en meine Blamage - das merk ich doch.�</p><p>�So ist es f�r alle besser. Was f�r ein �Grenzbarbar* w�rst du schlie�lich, wenn du alles richtig machen w�rdest? Du musst etwas leiden, Junge. Konspiration ist nun mal nicht leicht.�</p><p>�Schon gut. Helfen Sie mir, das K�stchen zu �ffnen? Allein schaff ich es nicht.�</p><p>�Stell dich nicht so an. Versuch's, und ich helfe dir notfalls. Aber mach die T�r zu! Keine Sorge, hier sind schon ganz andere Dinge geschehen.�</p><p>Ich legte die Schachtel auf Juffins Schreibtisch und versuchte, mich zu entspannen und an alles zu erinnern, was ich gelernt hatte. Vergeblich! Besch�mt zuckte ich die Achseln.</p><p>�Hoppla, sollte ich mich doch get�uscht haben? Schauen wir uns das Ding mal an ... Nein, hier ist h�chstens Magie vierten Grades n�tig. Das kannst du schon, Max. Probier's noch mal!�</p><p>Ich wurde �rgerlich - auf die Schachtel; auf den K�nig, der sie mir angedreht hatte,- auf Juffin, der mir nicht helfen wollte. Na gut, dachte ich, versuchen wir's anders. In meinem Zorn gab ich dem schlafenden Wachmann nebenan per Stummer Rede sehr energisch einen Auftrag und hatte den Eindruck, ihn vom Sessel purzeln zu h�ren. Ein paar Sekunden sp�ter klopfte er sch�chtern an die T�r. Sir Juffin sah mich staunend an.</p><p>�Welcher Teufel ist in dich gefahren, Max?�</p><p>�Ohne frische Kamra komm ich hier nicht weiter.�</p><p>�Keine schlechte Idee.�</p><p>Der vor Schreck zitternde Wachmann stellte das Tablett auf den Tisch und verschwand. Juffin schaute befremdet zur T�r, die sich gerade schloss.</p><p>�Was ist da los? Er hat zwar Angst vor mir, aber doch nicht so viel!�</p><p>�Das war ich. Ich hab ein wenig gebr�llt, als ich nach ihm rief.�</p><p>�Na, das macht nichts. Sie sollen ruhig Angst vor dir bekommen, weil du neu bist. Wenn du sie nicht gleich erschrickst, musst du sp�ter stundenlang warten, bis sie in ihrer Faulheit geruhen, auf deinen Ruf zu reagieren. Bist du zornig, Max?�</p><p>�Und wie!�, br�llte ich, trank meine Kamra in einem Zug aus und klopfte mit dem kleinen Finger neben der Schachtel auf den Tisch, wie ich es gelernt hatte. Erstaunt sah ich, dass sie sich in Staub verwandelte. Aber ein darin versteckter kleiner Gegenstand blieb ganz. Das war zu erwarten gewesen. Mein Zorn verrauchte.</p><p>�O weh�, sagte ich. �Was hab ich nur getan?�</p><p>�Na ja, du hast Magie sechsten statt vierten Grades benutzt, dadurch aber nur die h�bsche Schachtel ruiniert. Der Rest ist unversehrt. Zum Gl�ck ist mein B�ro von den �brigen gut isoliert. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welchen Tumult es sonst gegeben h�tte! Mein Chef w�re �ber diesen Fehler vermutlich entz�ckt gewesen.�</p><p>�Sie haben mir leider nicht gesagt, dass ich Magie h�heren Grades nicht anwenden darf. Oder hab ich Sie da falsch verstanden?�</p><p>�Keine Ahnung, Max. Jedenfalls bist du ein B�iger Wind�, wiegelte Juffin ab. �Sei aber bitte so lieb und versuch, deinen Wirkungskreis auf mein B�ro zu beschr�nken. Dann gibt es auch keine Probleme. Und jetzt schauen wir uns mal an, was du vom K�nig bekommen hast.�</p><p>Wir betasteten das kleine P�ckchen, das mitten im Staub lag. Dann packte ich es vorsichtig aus, bis eine purpurrote Erbse zum Vorschein kam, die ich in die Hand nahm und von allen Seiten betrachtete.</p><p>�Was ist das?�</p><p>Juffin l�chelte nachdenklich. �Ein Nachkomme der legend�ren Purpurroten Perle K�nig Gurigs VII. Das Besondere an dieser Perle ist, dass niemand sie je gesehen hat - weder der verstorbene K�nig noch sein Nachfolger, der partout nicht ermitteln will, wo sich dieses unsichtbare Wunder befindet. Er hat gesagt, er wisse es nicht und wolle es auch nicht wissen. Aber der Nachwuchs der Mutterperle kommt regelm��ig in den unterschiedlichsten Ecken des Palasts zum Vorschein. Seine Majest�t schenkt diese �Perlenwaisen* besonders verdienten B�rgern. Ich hab schon drei. Bei dir ist es wirklich flott gegangen, ohne dass der Erwerb f�r dich leicht gewesen w�re. Schlie�lich hast du im Haus meines Nachbarn einiges erlebt!�</p><p>�Hat die Perlenmutter Zauberkr�fte?�</p><p>�Auf alle F�lle. Aber was sie genau kann, wird sich noch zeigen. Bisher wei� es niemand. Bewahr deine Perle gut auf und bestell beim Juwelier eine Schatulle daf�r, wenn du magst.�</p><p>�Eine Schatulle? Die kostet doch nur Geld, und mir gef�llt das kleine Ding nicht besonders.�</p><p>�Typisch Barbar! Der Schrecken der Wachm�nner!�, rief Juffin und brach in Gel�chter aus.</p><p>Dann �berlie� er mich dem Schicksal, �bergab mir also die Leitung des Hauses und ging ins Fressfass, wo er Melifaro ein Essen ausgab.</p><p>�Erinnern Sie ihn daran, dass er mir noch was schuldet�, rief ich meinem Chef nach. �Er soll seine Verpflichtungen mir gegen�ber irgendwann erf�llen!�</p><p>�Bedeuten Verpflichtungen f�r dich kalte oder warme Vorspeisen?�, fragte Sir Juffin.</p><p>�Verpflichtungen bedeuten viel Essen im richtigen Moment�, stellte ich klar.</p><p>Die Nacht verlief so ruhig, dass ich etwas entt�uscht war. Kurusch unterhielt mich, so gut er konnte. Jetzt erfuhr ich auch, dass der kluge Vogel genau wie ich gern die ganze Nacht wach blieb. Diese Seelenverwandtschaft erlaubte mir, ihm mein Leben zu erz�hlen. Zuerst aber legte er einen Eid ab, ihm anvertraute Informationen �mehr als streng geheim� zu halten. Seine unersch�tterliche Ruhe erstaunte mich.</p><p>Der n�chste Tag begann mit dem Besuch von Sir Kofa Joch, der noch vor Tagesanbruch erschien. Auch er arbeitete oft nachts, da es zu seinen Hauptpflichten geh�rte, Wirtshausgespr�che zu belauschen und wichtige Informationen herauszufiltern. Jeden Morgen erschien der Meister des Verh�rs im Haus an der Br�cke, glich seine Miene seinem etwas angegriffenen Gesamtzustand an und berichtete Sir Juffin bei einer Tasse Kamra interessante Neuigkeiten. Abends hingegen, wenn er seinen Nachtdienst begann, pflegte er �ber gro�e Pl�ne zu schwadronieren.</p><p>�In der Stadt gibt es Ger�chte, du seiest Juffins unehelicher Sohn�, begr��te mich Sir Kofa Joch. �Aber egal. Du hast schon am ersten Arbeitstag die Auszeichnung des K�nigs bekommen. Juffin und ich hatten gewettet, ob das tats�chlich passieren w�rde, und er hat gewonnen. Dank deines Erfolgs und der milden Stimmung Seiner Majest�t hat dieser alte Fuchs sechs Kronen verdient. Aber das macht nichts, denn in der Nacht habe ich einiges beim Kartenspiel gewonnen und kann alles bezahlen.�</p><p>�Woher kommen diese Ger�chte �ber meine Herkunft, Sir Kofa?�, hakte ich nach.</p><p>�Frag mich was Leichteres. Ich vermute, sie basieren zum Teil auf diffus durchsickernden Informationen, zum Teil auf der ersch�tternd banalen Fantasie vieler Leute. Vielleicht spielt auch der Wunsch eine Rolle, die langweilige Realit�t ein wenig aufzupeppen. Ich hab keine Ahnung, Max.�</p><p>�Die Leute reden einfach gern�, erkl�rte Kurusch nachsichtig.</p><p>�Hast du schon Ger�chte �ber den Ehrw�rdigen Leiter geh�rt?�, fragte Kofa. �Die H�lfte davon haben wir selbst in Umlauf gebracht. Der Geheime Suchtrupp soll n�mlich einsch�chternd wirken. Wusstest du schon, dass Sir Juffin im Besitz eines L�genrings ist, der t�dliche Strahlung aussendet? Jeder, der in seiner Gegenwart die Unwahrheit sagt, muss unter gro�en Schmerzen sterben. Die urspr�ngliche Fassung dieses Ger�chts war bescheidener: Mit Hilfe eines kleines Gegenstands - so lautete sie - �berf�hre Sir Juffin jeden Betr�ger. Die grausamen Details verdanken wir also der Volkskunst.�</p><p>�Kannst du mir noch mehr erz�hlen?�, fragte ich interessiert.</p><p>�Zum Beispiel ern�hrt Juffin sich von dem ged�rrten Fleisch rebellischer Magister, das er immer dabeihat. Man soll ihm nicht in die Augen sehen, sonst verliert man den Funken und stirbt. Und nat�rlich schnappt ihn sich Juffin - wer anders? Au�erdem lebt er ewig, und seine Eltern waren uralte Magister, die ihren Sohn aus Sand geschaffen haben, den sie mit ihrer Spucke mischten. Der Ehrw�rdige Leiter hatte auch einen Zwillingsbruder, den er jedoch eines Tages verspeist hat. Und nachts geht er als Schatten um.�</p><p>�Seid ihr am Tratschen? St�r ich etwa?�, fragte die gerade durchgehechelte Kultgestalt der st�dtischen Mythologie munter und lie� sich gen�sslich in einen Sessel fallen.</p><p>�Ich versuche nur, den armen Jungen vorzuwarnen�, sagte Sir Kofa und l�chelte.</p><p>�Arm? Wieso denn arm? Sie h�tten ihn als Vampir erleben sollen! Wie war deine Nacht, mein Held?�, fragte Juffin.</p><p>�Langweilig - nichts los�, sagte ich selbstmitleidig. �Ich hab die ganze Nacht mit Kurusch geschwatzt.�</p><p>�Bei mir gab's auch nichts�, erg�nzte Sir Kofa. �Nur zwei stinknormale Einbr�che in reichen Gegenden. Die Diebe haben zwar die teuersten Sachen mitgenommen, aber General Bubuta wird das schon schaffen. Max hat recht, es war extrem langweilig. Echo - fr�her ein Bollwerk krimineller Romantik - verwandelt sich langsam in einen provinziellen Sumpf.�</p><p>�So schlimm ist es auch wieder nicht. Es ist doch schrecklich, wenn's zu bunt wird. Geh nach Haus und erhol dich, Max.�</p><p>Genau das hatte ich vor, doch im Treppenhaus h�rte ich eine laute Stimme, die zwischen Bass und Falsett schwankte: �Du wagst es, mir so einen Bl�dsinn zu erz�hlen?! Sechzig Jahre bin ich jetzt hier, und noch niemand ...�</p><p>Ich riss die T�r auf. Ein athletisch gebauter, in einen purpurroten Mantel geh�llter Mann an der Schwelle zu deutlichem �bergewicht p�belte den erschrockenen Chauffeur meines Dienst-A-Mobils an.</p><p>�Ruhe, aber sofort!�, rief ich. �Der Ehrw�rdige Leiter des Geheimen Suchtrupps hat geschworen, die auf den Scheiterhaufen zu bringen, die ihn st�ren. H�ren Sie also mit dem Geschrei auf. Der Fahrer steht in k�niglichem Dienst!�</p><p>�Was? Wer sind Sie, und was erlauben Sie sich?�, fragte das bullige Gesch�pf und schien wieder gespr�chsf�hig.</p><p>�Haben Sie zu viel getrunken, Sir?�, schleuderte ich ihm gut gelaunt entgegen. �Ihr B�ro ist im anderen Trakt. Wir sind hier im Treppenhaus des Geb�udes, das sich Stadtpolizei und Kleiner Geheimer Suchtrupp teilen. Seien Sie so gut und respektieren Sie das, denn hier halten sich einige zornige Leute auf, die sich so ihre Gedanken machen, wenn mal wieder die ganze Nacht niemand verhaftet wird. Also, fahren wir!�, meinte ich dann zum Chauffeur, und wir verschwanden.</p><p>�Danke, Sir Max!�, erkl�rte der bejahrte Mann und verbeugte sich vor mir.</p><p>�Warum erlauben Sie ihm, Sie so anzubr�llen? Er sieht zwar gef�hrlich aus, aber Sie arbeiten doch f�r den K�nig und f�r Sir Juffin! Sie sind eine wichtige Person, mein Freund.�</p><p>�General Bubuta Boch nimmt so was nicht zur Kenntnis. Es nervt ihn, wenn ein A-Mobil zu nah am Eingang steht, obwohl sein Fahrer beinahe im Korridor parkt.�</p><p>�War das General Bubuta Boch? Hoppla!�</p><p>Der Poltergeist hatte mich stark an meinen ehemaligen Vorgesetzten erinnert, und ich empfand eine merkw�rdige Befriedigung. Ihre Zeit ist vorbei, mein Herr!</p><p>Sir Max zeigt Ihnen, wo es langgeht! Schadenfreude ist zwar geh�ssig, aber ich bin ja auch kein Engel, sondern ein Mensch.</p><p>Erst zu Hause merkte ich, wie m�de ich war. Die angenehmste Bettw�sche des Vereinigten K�nigreichs stand mir zur Verf�gung. Aber was war mit meinen Tr�umen los? Man k�nnte sagen, sie h�tten mich verraten.</p><p>Von Kindesbeinen an waren Tr�ume ein wichtiger Teil meines Lebens. Immer hat ein Alptraum mich st�rker aus der Bahn geworfen als reale Unannehmlichkeiten. Und an diesem Morgen qu�lte mich ein echtes Schreckgespenst.</p><p>Zuerst tr�umte ich, nicht einschlafen zu k�nnen - kein Wunder, denn ich lag auf dem Tisch im Wohnzimmer und �hnelte einem appetitlichen Mittagessen. Durchs Fenster sah ich das Nachbarhaus, ein echtes Meisterwerk, das mich am ersten Abend so begeistert hatte. In der Traumwirklichkeit aber sp�rte ich tiefe Abscheu vor dem Geb�ude. Hinter den dreieckigen Fenstern war es dunkel, und das lie� nichts Gutes vermuten. Ich wusste, dass die Hausbesitzer lange tot waren, doch im Traum kamen sie mir lebendig vor. Gef�hrlich waren sie allerdings nicht.</p><p>Lange Zeit passierte nichts. Ich konnte mich nicht r�hren, und auch das missfiel mir. Die Ahnung, dass etwas geschehen w�rde, beunruhigte mich noch mehr. Irgendwas kam sogar schon aus unbestimmter Ferne langsam auf mich zu. Es brauchte nur Zeit - und die war reichlich vorhanden.</p><p>Das Warten zog sich ins Unendliche. Ich hatte den Eindruck, so sei es immer gewesen und so w�rde es auch bleiben. Doch irgendwann gelang es mir aufzuwachen.</p><p>Ich hatte Kopfweh und war schwei�gebadet, aber erleichtert. Wie angenehm es war, wieder wach zu sein! Ich w�hlte kurz im Schrank und fand eine Flasche Kachar-Balsam. �Damit musst du sparsam umgehen, Max. Es eignet sich nicht zum t�glichen Genuss�, hatte Sir Juffin mich oft belehrt. Aber mein K�rper brauchte eine St�rkung, und ich wollte ihn nicht foltern. Ein dummer Traum konnte mir die seelischen Kr�fte einer ganzen Woche rauben. Also trank ich davon, f�hlte mich gleich besser und durfte annehmen, dass es so bliebe. Ich l�chelte in die Nachmittagssonne und ging nach unten, um die St�rkung mit einem Bad und einer guten Tasse Kamra abzurunden.</p><p>Eine Stunde sp�ter war ich wieder fit. Ich wurde bestimmt noch nicht im B�ro erwartet. Eine halbe Stunde verbrachte ich mit einem Buch auf dem Scho� im Wohnzimmer. Diesmal fand ich den Ausblick nicht so h�bsch, entschied mich aber dennoch, dem Fenster nicht den R�cken zu kehren.</p><p>Endlich begriff ich: So ging es nicht weiter. Ich legte den dritten Band der Enzyklop�die von Sir Manga Melifaro beiseite, trat auf die Stra�e und n�herte mich behutsam dem Nachbarhaus. Meine Hand ber�hrte den nagelneuen Dolch mit dem Zeiger im Griff. Ich sah mich um. Das Geb�ude war unschuldig wie ein Kind. Hier gab es lediglich Schwarze Magie des erlaubten zweiten Grades. Vielleicht wollte jemand frische Kamra zubereiten oder Butterdosen s�ubern.</p><p>Doch mein Herz sagte mir etwas anderes. �Das ist ein �bler Ort�, fl�sterte es mir erschrocken zu. In letzter Zeit hatte sich der Muskel als guter Berater erwiesen. Wom�glich sollte ich seine Meinung ber�cksichtigen? Aber ich wollte unbedingt meine Ruhe haben und ungest�rt leben.</p><p>�Vielleicht sollte ich mir sp�t in der Nacht keine grausamen Geschichten mehr anh�ren�, versuchte ich, mir einzureden.</p><p>Um mich abzulenken, ging ich mit meinem neuen Spielzeug durch die Nachbarschaft und �berpr�fte, ob in den H�usern ringsum die Bestimmungen der Epoche des Gesetzbuchs eingehalten wurden. Mein Dolch zeigte �berall nur Werte an, die Treue und Loyalit�t bewiesen. Offenbar besch�ftigte man sich hier einzig mit kulinarischen Experimenten. Schwarze Magie zweiten Grades sickerte buchst�blich aus allen Fenstern. Als der Zeiger begann, zwischen der erlaubten Zwei und der unerw�nschten Drei hin und her zu springen, schaute ich mich aufmerksam um. Ich stand vor einem kleinen Wirtshaus mit dem bedrohlichen Namen Zum ges�ttigten Skelett, hatte den Eindruck, der Koch sei begeistert bei der Sache, und ging dort fr�hst�cken. Das Fressfass ist ein heiliger Ort, aber ein wenig Abwechslung w�rde mir guttun.</p><p>Trotz meiner Alptr�ume hatte ich mehr Appetit als �blich. Am Nachbartisch tuschelten zwei Tantchen �ber eine gewisse Lady Alata, die am Morgen beim Eink�ufen bestohlen worden sei. �Das geschieht dieser gierigen Zicke recht!� In Gedanken hatte ich Mitleid mit der ungl�cklichen Frau, denn ich wusste ja, welcher Herr sich berufen f�hlen w�rde, ihr Verm�gen wieder zu beschaffen, und hatte viel von ihm geh�rt. All das aber hatte keinen Einfluss auf meinen Appetit.</p><p>Nachdem ich gefr�hst�ckt hatte, ging ich langsam zur Arbeit, streifte dabei gem�tlich durch die Altstadt und gab all mein Taschengeld f�r unn�tige, aber bezaubernde Kleinigkeiten aus. In meiner Heimat glaubt man, Eink�ufen rette Hausfrauen vor erm�dender Routine und t�dlichem Stress. Das gilt aber auch f�r Detektive, die n�chtliche Alptr�ume hinter sich haben.</p><p>Mit vielen Paketen beladen, kam ich eine halbe Stunde zu fr�h ins Haus an der Br�cke.</p><p>�Willst du dein Nest versch�nern, du Schrecken der Ordnungsh�ter?�, fragte Juffin freundlich und besah sich meine Eink�ufe. �Wei�t du, Max - Bubuta glaubt, wer ihn so heftig angep�belt hat wie du, m�sse dazu berechtigt gewesen sein. Jetzt hat er Respekt vor dir, tr�umt aber garantiert davon, dich zu erw�rgen. Alle Achtung, Junge. Hat dir sein Tobsuchtsanfall eigentlich gefallen?�</p><p>�Er hat sich schwer danebenbenommen! Ein h�herer Staatsbeamter darf so was nicht tun. Ich werde hier Ordnung schaffen!�, rief ich, machte ein entschlossenes Gesicht und f�gte l�chelnd hinzu: �Ich wollte ja schon immer die Macht ergreifen!�</p><p>�Tolle Idee�, meinte Juffin tr�umerisch. �Vielleicht gelingt es sogar uns beiden. Aber was hast du, Max? Du siehst nicht gut aus.�</p><p>�Das haben Sie so schnell gemerkt?�, fragte ich und sah ihn verwirrt an.</p><p>�Nat�rlich. Hoffentlich hat Bubuta keine Hexe engagiert ... Ach, was rede ich denn da! Im Grunde genommen ist er die Gesetzestreue in Person. Er erlaubt zwar seiner Frau, sich mit Magie zu besch�ftigen, h�lt sich selber aber davon fern. Also - was ist los, Max?�</p><p>Ich war froh, alles erz�hlen zu k�nnen. Vielleicht war ich ja deshalb so fr�h zur Arbeit gekommen.</p><p>�Es ist nicht viel passiert, doch ich hab ein kleines Problem. Ich hab schlecht, ja widerlich getr�umt - keine besonders grausamen Sachen, aber ich hab es als abscheulich empfunden.�</p><p>�Hast du das Haus nach dem Aufwachen �berpr�ft?�</p><p>�Ja, es war Schwarze Magie zweiten Grades. Ich vermute, meine Nachbarn haben blo� Kamra gemacht. Aber Sie wissen doch, dass der Zeiger manchmal irrt, Juffin.�</p><p>�Stimmt, das hab ich schon bemerkt. Du solltest versuchen, dein Zimmer durch Magie gegen �u�ere Einfl�sse abzuschotten. Der Zeiger darf dann nicht bei Null stehen bleiben, sondern muss deine magische Aktivit�t vermelden. Theoretisch ist es m�glich, andere Einfl�sse auszuschalten, aber wer hat schon so viel Kraft? Ich jedenfalls nicht. Ich bin nicht der gr��te Zauberer der Welt, allerdings auch nicht der schw�chste. Aber egal - du hast also etwas Abscheuliches gesp�rt?�</p><p>�Mehr als das. Mein Herz hat mir zugefl�stert, ich solle auf der Hut sein.�</p><p>�Na sch�n, Max. Auf dem Nachhauseweg schau ich bei dir vorbei. Es ist ein wenig zu fr�h, etwas zu unternehmen. Ich habe sogar meinem Tagesantlitz die Erlaubnis gegeben, eine Woche auf dem elterlichen Landgut zu bleiben. Und Sir Lonely-Lokley hat Urlaub genommen, um nach Hause zu fahren, was seit Jahrzehnten nicht passiert ist. Gehen wir also ins Fressfass und trinken wir einen Krug Kamra. Und du passt gut auf alles auf, Kurusch! Sp�ter bringt Max dir ein kleines Geschenk mit, und ihr k�nnt ein wenig durchs gro�e Archiv spazieren. Bis dann! Mein Herz sagt mir, dass diese Nacht noch ruhiger wird als die letzte, falls das �berhaupt m�glich ist. Gehen wir, Max.�</p><p>�Vergiss dein Mitbringsel nicht�, ermahnte mich Kurusch so gelassen wie Regen.</p><p>Im Wirtshaus war Juffin ganz v�terliche F�rsorge und ging rasch meine unbedeutenden Probleme durch.</p><p>�Wei�t du, Max: Egal was passiert ist - du bist keiner, der wegen Verdauungsschwierigkeiten gleich Alptr�ume bekommt. Und bis jetzt waren deine Tr�ume alles andere als gew�hnlich. Wenn sich das wiederholt, w�re es besser, du bleibst zwei, drei Tage bei mir, bis wir alles gekl�rt haben.�</p><p>�Vielen Dank, Juffin, aber warum sollte ich so rasch wieder zu Ihnen ziehen? Mein Leben lang habe ich von einem eigenen Haus getr�umt, wo das Schlafzimmer oben, das Wohnzimmer unten ist, die Treppe quietscht und es keine �berfl�ssigen M�bel gibt. Jetzt habe ich es. Also m�chte ich es noch etwas genie�en!�</p><p>�Gut, du willst also zu Hause schlafen und ein halbes Dutzend Alptr�ume pro Nacht bearbeiten, ja?�, fragte Juffin streng.</p><p>�Das will ich nat�rlich nicht. Aber vielleicht war das der erste und letzte Alptraum. Jeder kann doch einfach so mal einen haben.�</p><p>�Und dein Herz hat auch einfach nur so gestreikt? Einfach so, Max, werden nur kleine K�tzchen geboren.�</p><p>Bei dieser Binsenweisheit sprang ich auf. �Hier gibt es also auch Katzen?�</p><p>�Wieso denn nicht?�</p><p>�Weil ich noch keine gesehen habe.�</p><p>�Wie solltest du auch! Schlie�lich bist du noch nie aus der Stadt gekommen. Katzen h�lt man doch nicht im Haus. K�he und Schafe �brigens auch nicht.�</p><p>�Merkw�rdig. Habt ihr hier falsche Katzen?�</p><p>�Ihr habt falsche Katzen! Unsere Katzen sind die richtigsten des Weltalls!�</p><p>Mit diesen fr�hlichen Worten trennten wir uns. Sir Juffin spazierte durch die Stra�e der alten M�nzen, und ich fuhr zum Haus an der Br�cke, um zu faulenzen. Kurusch bekam von mir eine Pirogge mit Cremef�llung. Wie meine Kollegen behaupteten, schw�rmte der Vogel daf�r. Doch schnell war klar, dass er sich den Schnabel nicht allein von der klebrigen Creme s�ubern konnte, und ich musste das ganze Geb�ude auf den Kopf stellen, um eine Serviette zu finden.</p><p>Dann ging ich nach oben und unterhielt Sir Lukfi Penz und etwa hundert Buriwuche bis zum Abend mit aus dem dritten Band der Enzyklop�die von Sir Manga Melifaro gepl�nderten Geschichten �ber die Leeren L�nder. Als es schon richtig dunkel war, wollte Sir Lukfi nach Hause gehen. So erfuhr ich, dass sein Arbeitstag vom Mittag bis zum Einbruch der D�mmerung dauerte. In der �brigen Zeit wollten die V�gel nicht gest�rt werden. �brigens betrachteten andere Tiere unseren guten Kurusch als Sonderling. Sie fanden es unm�glich, die ganze Zeit mit Menschen zu verbringen.</p><p>Ich lud den sympathischen Sir Lukfi auf eine Tasse Kamra in mein B�ro ein. Das stimmte ihn froh und traurig zugleich. Per Stummer Rede wandte er sich an seine Frau und sagte mir dann: �Meine Gattin ist bereit, noch eine Stunde zu warten. Danke f�r die Einladung, Sir Max! Verzeihen Sie, dass ich nicht gleich zugesagt habe. Aber wir sind noch nicht lange verheiratet und ...�, sagte er und blieb mit seinem Mantel an einer Klinke h�ngen, so dass ich ihn befreien musste.</p><p>�Sie brauchen mir nichts zu erkl�ren�, meinte ich und l�chelte herzlich. �Alles in Ordnung, mein Lieber!�</p><p>Als wir mein B�ro betraten, rief ich den Boten. Der kam sofort angerannt und betrachtete mich devot. Begann hier etwa der Horrorfilm �Max, Fresser der Untergebenen�? Wenn ja: Gut so!</p><p>Lukfi schl�rfte gen�sslich an seinem Becher Kamra und tauchte den �rmel darin ein. Um keine Zeit zu verlieren, fragte ich ihn gleich nach den Buriwuchen. Kuruschs Standpunkt hatte ich schon geh�rt - jetzt wollte ich die Meinung der anderen Seite erfahren.</p><p>�Die V�gel selbst haben mich zu ihrem Betreuer gew�hlt�, erz�hlte Sir Lukfi. �Warum sie das getan haben, m�gen die Magister wissen! Jedenfalls ist das schon Jahre her. Ein Bote hat damals bei mir geklopft und mir die Einladung ins Haus an der Br�cke �berreicht. Die Tiere haben dann gesagt, sie seien mit mir zufrieden. Es hat auch andere Kandidaten gegeben, darunter einen Verwandten der K�niglichen Ratgeberin, aber sie wollten mich. Wei�t du noch, warum, Kurusch?�</p><p>�Ich hab dir das doch schon tausend Mal gesagt: Weil du alle V�gel voneinander unterscheiden kannst.�</p><p>�Kurusch, du bist genauso ein Witzbold wie Sir Juffin. Wer k�nnte euch nicht unterscheiden?�</p><p>�Mir w�rde das bestimmt schwerfallen�, gab ich verbl�fft zu.</p><p>�Eben. Ich sag ihm das seit mehr als hundert Jahren, und er glaubt mir nicht�, knurrte Kurusch. �F�r einen Menschen ist sein Ged�chtnis wirklich ziemlich gut.�</p><p>�Ich habe wohl tats�chlich ein gutes Ged�chtnis�, meinte Lukfi zufrieden. �Aber ich habe mein Leben lang gedacht, andere h�tten ein schlechtes Ged�chtnis und ich ein normales.�</p><p>�Er wei� sogar, wie viele Federn jeder von uns besitzt�, vertraute Kurusch mir an. �F�r einen Menschen ist das enorm.�</p><p>�Ist das wahr?�, fragte ich erstaunt. �Selbst wenn dies das Einzige ist, was Sie behalten haben, Lukfi, bin ich im Vergleich zu Ihnen ein Schwachkopf. Und alle anderen auch.�</p><p>�Was reden Sie denn da, Sir Max�, erwiderte der erstaunliche Mann ernst. �Sie sind kein Schwachkopf, sondern nur unaufmerksam - wie die �berw�ltigende Mehrheit.�</p><p>S�ndige Magister! Warum war er so bescheiden, blo� von Unaufmerksamkeit zu sprechen?</p><p>Lukfi verabschiedete sich und lie� mich mit Kurusch, der gleich einschlief, allein. Sofort machte ich mich an die Arbeit: Auf Juffins Tisch fand ich viele aktuelle und alte Zeitungen. Als Neuling in Echo begeisterte mich jedes Journal wie ein Fantasy-Roman, den man allerdings jederzeit beiseitelegen konnte, um durch eine scheinbar fiktive Realit�t zu spazieren.</p><p>Sir Kofa Joch trudelte vor Tageseinbruch ein und brummte, es gebe nichts Neues, und mit Neuigkeiten sei auch nicht zu rechnen. Er habe lediglich von vier Wohnungseinbr�chen geh�rt, aber damit m�sse sich unsere tapfere Polizei herumschlagen. Er jedenfalls gehe jetzt schlafen, und von ihm aus k�nnten sich alle zum Teufel scheren. Ich seufzte mitf�hlend und las weiter in einem gut ein Jahr alten Trubel von Echo.</p><p>Sir Juffin erschien recht fr�h, orderte Kamra und betrachtete mich nachdenklich. �Bisher gibt es keine Neuigkeiten, Max, jedenfalls keine echten. Aber ich habe eine Idee: Eigentlich steht mein Haus f�r dich immer offen, doch du hast recht - es ist besser, wenn du noch ein oder zwei N�chte bei dir bleibst. Solltest du keine Alptr�ume bekommen, ist alles prima. Wenn aber doch, tja ... So unangenehm es f�r dich auch ist: Die ganze Geschichte sollte sich weiterentwickeln. Vielleicht erfahren wir auf diese Weise etwas Interessantes.�</p><p>�Woran denken Sie? Worauf muss ich mich gefasst machen?�</p><p>�Soll ich ehrlich sein? Auf das Schlimmste! Dein Haus gef�llt mir gar nicht, aber ich wei� nicht, warum. Ich kann mich auch an keinen �hnlichen Fall erinnern. Vielleicht ist ja alles nur aus Langeweile entstanden, aber das glaub ich eigentlich nicht. Wir werden es herausfinden. Ich erkundige mich gleich bei Sir Lukfi nach dem Hausbesitzer und den Nachbarn. Jetzt nimm das hier�, sagte er und gab mir ein nicht gerade h�bsches Armband. �Streif das �ber. Es ist die Garantie, dass du aufwachst.�</p><p>�Kann es wirklich so gef�hrlich werden?�</p><p>�Leider ja. Das Leben ist voller Gefahren, und am schlimmsten sind die Dinge, die wir nicht begreifen. Oder die es nicht gibt. Na sch�n. Wenn du aufwachst, sag mir Bescheid.�</p><p>Verantwortung zu tragen, erleichtert das Einschlafen nicht gerade. Ich w�lzte mich herum und nahm schlie�lich die Enzyklop�die von Manga Melifaro zur Hand, um mir ihre h�bschen Zeichnungen anzuschauen. Die hiesigen Katzen interessierten mich besonders, und ich hoffte, Darstellungen von ihnen zu finden. Das dauerte zwar lange, doch endlich gl�ckte es mir. Auf den ersten Blick wirkten die wundersch�nen Gesch�pfe wie normale Katzen - nur dass sie auff�llig gro� waren, l�nger als einen Meter bei etwa vierzig Zentimetern H�he. Das konnte ich berechnen, weil auf einer Zeichnung neben den Katzen ein Mann im gestrickten Lochimantel zu sehen war. Laut Bildunterschrift war er ein Hirte. Ich erfuhr auch, dass die Bewohner von Landland Katzen wegen ihres warmen Fells besonders gern z�chten. Wie Schafe! Das ersch�tterte und begeisterte mich zugleich. Sollte ich mir auch ein K�tzchen anschaffen? F�r hauptst�dtische Snobs sind das Nutztiere, die man in Massen h�lt. Aber ich - ein Barbar von der Grenze zu den Leeren L�ndern - konnte mir so eine Extravaganz leisten.</p><p>�ber der Vorstellung, erster Katzenbesitzer von Echo zu werden, schlief ich ein. Vielleicht w�re es besser f�r mich gewesen, l�nger wach zu liegen, denn aus dem ersehnten Schlaf trat mir rasch ein unangenehmer Traum entgegen, in dem ich erneut hilflos und erstarrt auf dem Tisch im Wohnzimmer lag.</p><p>Diesmal war es noch schlimmer: Ich hatte alles Wissen �ber mich verloren. Wer ich war, woher ich kam, wo ich mich befand, was ich gemacht und mit welchen M�dchen ich mich getroffen hatte, wie meine Freunde hie�en und wo ich die Kindheit verbracht hatte - auf all diese Fragen hatte ich keine Antwort. Mein Wissen �ber die Welt beschr�nkte sich auf mein Schlafzimmer, den Blick auf die dreieckigen Fenster des Nachbarhauses ... und meine Angst. Tats�chlich: Auf der ganzen Welt kannte ich nur diesen Ort. Und ich sp�rte Unheil.</p><p>Im Haus gegen�ber �ffnete sich ein Fenster, und ich f�hlte mich beobachtet. Dann tauchte eine Hand auf, und ein Schwung Sand kam aus der Dunkelheit, fiel aber nicht auf den Gehsteig, sondern schwebte in der Luft wie eine goldene Wolke. Dann ein zweiter Schwung, ein dritter. Schon f�hrte ein kurzer Pfad durch die Luft. Ich war �berzeugt zu wissen, wohin. �Die ganze Geschichte sollte sich weiterentwickeln�, dachte ich. �Also gut, dann soll sie weitergehen ... Aber das ist ja gar nicht mein Gedanke - das sind doch Juffins Worte!�</p><p>Als ich mich an das Gespr�ch mit meinem Chef erinnerte, wusste ich wieder, wer ich bin, und war erleichtert. Zwar hatte ich noch immer Angst, doch sie hatte ihre l�hmende Ausschlie�lichkeit verloren. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich tr�umte - und zwar keinen normalen Traum, sondern den eines Menschen, der seinen Alptraum beobachtet. Und ich wusste, dass ich aufwachen musste. Doch das klappte nicht.</p><p>�Ich Dummkopf hab vergessen, das Armband anzulegen�, �berlegte ich panisch, wachte dann aber - den Magistern sei Dank! - doch noch auf und ... merkte, dass ich tats�chlich auf dem Tisch im Wohnzimmer geschlafen hatte, statt mit der Enzyklop�die der Welt im Bett zu liegen. War ich etwa in einen Horrorfilm zweiter Klasse geraten?</p><p>Mit schlotternden Knien ging ich ins Schlafzimmer hinauf. Vor allem f�rchtete ich, im Bett einen zweiten Max zu entdecken. Denn wer k�nnte entscheiden, welcher der Richtige war?</p><p>Doch oben lag niemand. Mit zitternden H�nden nahm ich die Flasche Kachar-Balsam, die ich vorsorglich ans Kopfende des Betts gelegt hatte, und trank einen Schluck und noch einen. Nun f�hlte ich mich schon besser, sprang unter die Bettdecke und nahm mir fest vor, nicht einzuschlafen. Dann sagte ich Juffin per Stummer Rede Bescheid.</p><p>�Ich bin eingeschlafen - die Sache sieht schlecht aus.�</p><p>�Na, wenn du eingeschlafen bist, ist alles halb so schlimm. Komm ins Fressfass, ich spendiere dir ein Fr�hst�ck. Auch ich habe Neuigkeiten f�r dich.�</p><p>�In einer Stunde bin ich da! Ende!�</p><p>�Was meinst du mit &gt;Ende&lt;?�, fragte Juffin irritiert.</p><p>�Ende der Verbindung, was sonst?�</p><p>�Na dann, Ende!�, meinte er am�siert.</p><p>Das Fressfass war wirklich ein magischer Ort. Jeder f�hlte sich dort wohl, und es gelang mir sogar, die Ereignisse der Nacht recht humorvoll zu erz�hlen.</p><p>�Du hast also wieder auf dem Tisch geschlafen? Dann ist die Sache ernster als vermutet. Ich f�rchte, du musst doch ein paar Tage bei mir bleiben, und ich �bernachte derweil in deinem Haus. Vielleicht bekomme ich ja auch Alptr�ume.�</p><p>�Ich hab eine andere Idee: Ich bleibe, und Sie setzen sich neben mich und halten mir wie ein Kinderm�dchen die Hand. &lt;&lt;</p><p>�So was hatte ich mir auch schon �berlegt, aber ...�</p><p>�Was f�r ein Aber denn, Juffin? Ich hab das doch jetzt schon zwei N�chte lang erlebt! Die Sache entwickelt sich! Wenn Sie jetzt aber statt meiner bei mir �bernachten, werden Sie bestimmt in den n�chsten beiden N�chten die Szenen sehen, die ich gestern und vorgestern gesehen habe. Auf diese Weise verlieren wir mindestens zwei Tage.�</p><p>�Wahrscheinlich. Aber mir gef�llt nicht, dass dieses Gesch�pf sich deiner so leicht bem�chtigen kann. Ich f�rchte, du bist im Schlaf noch zu schwach.�</p><p>�So kann man das nicht sagen! Ich habe mir immer wieder ins Bewusstsein gerufen, dass es sich bei dem, was ich erlebt habe, nur um einen Traum gehandelt hat. Und ich bin sogar aufgewacht, obwohl ich das Armband vergessen hatte.�</p><p>�Das h�ttest du auf keinen Fall vergessen d�rfen, Max! Auf gar keinen Fall! Schlie�lich handelt es sich - unter uns gesagt - um das Armband des Gro�en Magisters vom Orden des Geheimen Krauts.�</p><p>�Ern�hren Sie sich nicht zuf�llig von den Mitgliedern dieses Ordens?�</p><p>Juffin kicherte kurz, wurde dann aber ernst.</p><p>�Du hast mit dem Kachar-Balsam wohl etwas �bertrieben? Deine Lebensfreude macht mir Angst.�</p><p>�Mir auch. Sind Sie einverstanden, mein H�ndchen zu halten?�</p><p>�Versuchen kann ich es. Doch ich vermute, die Anwesenheit eines Wachenden beeinflusst die Entwicklung.�</p><p>�Wenigstens kann ich mich dann endlich erholen. Und was passiert, wenn wir beide einschlafen?�</p><p>Pl�tzlich hatte Juffin eine Idee. �Vielleicht sollte ich dein H�ndchen doch nicht halten, sondern dich besser von meinem B�ro aus beobachten. Ja, so machen wir's. Aber zuerst �bernachte ich bei dir. Sicher ist sicher.�</p><p>�Mein Haus steht zu Ihrer Verf�gung. Aber ich habe nur drei B�der - schreckt Sie das nicht ab?�</p><p>�Was tut man nicht alles f�r die Sicherheit des Vereinigten K�nigreichs! Und f�r die eigene. Ich wusste doch, dass ich dir h�tte verbieten sollen, dieses Loch zu mieten.�</p><p>�Nicht so schlimm. Wenn ich erst erwachsen bin und gelernt habe, Schmiergelder zu nehmen, baue ich mir einen Palast am Linken Flussufer. Haben Sie vielleicht irgendwelche Neuigkeiten? Sie wollten doch die Buriwuche nach den ehemaligen Bewohnern meines Nachbarhauses fragen.�</p><p>�Das hat mich einen halben Tag gekostet. Daf�r habe ich jetzt wirklich spannende Nachrichten. Schade, dass ich mich mit der ganzen Sache nicht schon vor ein paar Jahren besch�ftigt habe. Aber ohne deine Tr�ume w�re ich nie auf die Idee gekommen, einige Umst�nde miteinander zu verbinden, die f�r sich betrachtet ganz unauff�llig sind. Und jetzt ab ins B�ro, damit die Buriwuche dir ihre Neuigkeiten zwitschern k�nnen.�</p><p>�Lukfi, ich m�chte noch mal die Informationen h�ren, die wir im Laufe des Tages zusammengetragen haben.�</p><p>�Alles klar, Sir Juffin. Guten Tag, Sir Max. Sie sind heute aber fr�h dran. Dabei ist es in letzter Zeit doch so ruhig!�</p><p>Ich zuckte die Achseln. Tats�chlich war nicht viel passiert, nur ein paar Wohnungseinbr�che. Und im neuen Haus schlief ich schlecht. Das war's schon.</p><p>Lukfi ging zu einem Buriwuch.</p><p>�Tatun, erz�hl uns doch bitte noch mal von den Bewohnern der Stra�e der alten M�nzen.�</p><p>Der Vogel schien die Achseln dar�ber zu zucken, dass jemand so olle Kamellen h�ren wollte, begann dann aber zu erz�hlen, denn das war sein Beruf.</p><p>�Auskunft �ber Immobilienbesitz, erstattet am 208. Tag des Jahres 115. Objekt: Stra�e der alten M�nzen, Hausnummer 1. Eigent�merin: Charista Aag. Bis jetzt durch nichts verd�chtig und von niemandem verd�chtigt. Lebt au�erhalb der Stadt. Im Jahre 109 wurde das Haus an die Familie Poedr vermietet, die den Mietzins f�r sechsunddrei�ig Jahre im Voraus entrichtete. Herr Poedr verlor seinen Funken und starb im Jahre 112. Seine Frau Pita Poedr und ihre Tochter Zita leben noch immer dort. Die Tochter ist seit der Kindheit krank, nimmt aber keine Hilfeleistungen in Anspruch und verl�sst das Haus nicht. Mutter und Tochter leben allein, bekommen keinen Besuch und sind v�llig unauff�llig.</p><p>Hausnummer 2. Eigent�mer: Kunk Stifan. Er bewohnt das Haus mit seinen beiden minderj�hrigen S�hnen. Seine Frau Trita Stifan starb im Jahre 107. Im Jahre 110 wurde Kunk des Mordes an dem Dienstm�dchen Pama Lorras verd�chtigt. Er wurde aber freigesprochen und erhielt Schadenersatz, weil ein Heiler nachwies, das Dienstm�dchen sei infolge eines Herzfehlers im Schlaf gestorben. Kunk besch�ftigt einen Diener, der allerdings nicht bei ihm wohnt, und hat f�r seine S�hne vier Lehrer engagiert. Keiner seiner Hausangestellten hat es lange bei ihm ausgehalten. Anfang des Jahres hat er seinen Posten in der Finanzverwaltung krankheitsbedingt aufgeben m�ssen und lebt nun in Rente.</p><p>Hausnummer 3. Eigent�mer: Rogro Zill, Chefredakteur von K�nigliche Stimme und Mitinhaber des Trubel von Echo. Seine Akten sind an entsprechender Stelle aufbewahrt. Er wohnt in der Neustadt, in der Stra�e der Ingwertr�ume. Das Haus in der Stra�e der alten M�nzen wurde weder verkauft noch vermietet, weil der Besitzer keine weiteren Einnahmen ben�tigt.�</p><p>�Seine Akten sind ein Gedicht�, fl�sterte Juffin mir zu. �Aber im Moment interessieren sie uns nicht. Du solltest sie dir aber bei Gelegenheit mal anschauen - sehr empfehlenswert!�</p><p>Auch Tatuns Ausf�hrungen zum vierten, f�nften und sechsten Haus waren sehr �hnlich. Die Bewohner der Stra�e der alten M�nzen schienen die ungl�cklichsten Menschen von Echo zu sein, denn sie waren krank, hatten oft all ihre Verwandten verloren und w�rden ganz allein sterben m�ssen. Verbrechen, Selbstmorde oder mysteri�se Vorf�lle gab es hingegen keine. Wie konnte es aber sein, dass in dieser Stra�e so viele kranke und einsame Menschen wohnten? Zumal in Echo, wo die Heiler selbst Tote auf erstehen lassen k�nnen?</p><p>�Hausnummer 7�, fuhr der Buriwuch fort.</p><p>�Pass auf, Max, das ist das Haus deines Nachbarn!�, rief Juffin und stie� mich in die Seite.</p><p>�Hausnummer 7�, wiederholte der Vogel geduldig. �Eigent�mer: Tolakan En, verheiratet mit Feni En, keine Kinder. Tolakan En hat das Haus im Jahre 54 von seinem Vater geerbt, dem General En, der zugleich Hoflieferant war. Das Gesamterbe ist viele Millionen Kronen wert.�</p><p>Ich pfiff leise, denn Sir Tolakan war fantastisch reich. Von einer Krone lie� sich eine Woche lang leben, wenn man keinen teuren Nippes kaufte.</p><p>�Tolakan En ist durch nichts verd�chtig und wird von niemandem verd�chtigt�, fuhr der Vogel fort. �Er lebt sehr zur�ckgezogen. Wie zu dem Journalisten in Hausnummer 3 findet sich auch zu ihm ein Dossier an entsprechender Stelle.�</p><p>�Interessant, oder? Der reiche Tolakan wohnt seit sechzig Jahren in dieser bescheidenen Gegend. Und noch wichtiger: Er und seine Gattin sind das einzige gesunde Paar in der ganzen Stra�e. In ihrem Haus gibt es weder Behinderte noch Tote zu beklagen.�</p><p>�Hausnummer 8�, fuhr der Buriwuch monoton fort. �Eigent�merin: Gina Ursil. Keiner Untat verd�chtigt. Die Voreigent�merin, ihre Mutter Lea Ursil, verlor ihren Funken und starb im Jahre 87. Seither steht das Haus leer. Die Eigent�merin lebt auf ihrem Gut in Uriuland.�</p><p>�Ich vermute, jetzt hast du das Wesentliche mitbekommen�, seufzte Juffin. �So geht das immer weiter. Leere H�user, kranke Witwen, sieche Witwer, schw�chliche Kinder. Und dazu dein Haus, in dem - wie wir wissen - nicht alles so l�uft, wie es w�nschenswert w�re. Danke, Tatun. Ich glaube, das reicht f�r heute. Wenn wir noch etwas wissen wollen, wenden wir uns an Kurusch.�</p><p>�Und das Wirtshaus?�, fragte ich. �Das Ges�ttigte Skelett? Dort hab ich gestern gefr�hst�ckt. Da ist doch hoffentlich alles in Ordnung?�</p><p>�Das ist der Lichtblick in dieser merkw�rdigen Stra�e. Aber bedenke, Max: Dort arbeiten und essen zwar Leute, aber schlafen tun sie dort nicht! Auch der Wirt Goppa Talabun wohnt in einem anderen Wirtshaus, �ber seinem Betrunkenen Skelett n�mlich. Er besitzt ja mindestens zw�lf Spelunken. Und jede tr�gt ein Skelett im Namen. Goppa findet das lustig. Seine Kundschaft wahrscheinlich auch.�</p><p>Juffin bedankte sich bei Lukfi und Buriwuch, und wir gingen in sein B�ro. Kurusch schlief wie immer auf der Lehne seines Stuhls.</p><p>�Aufwachen�, murmelte Juffin und strich ihm g�nnerhaft �ber die Federn. �Wir m�ssen noch ein bisschen arbeiten.�</p><p>Kurusch �ffnete seine runden Augen und versetzte gelassen: �Aber erst die N�sse.�</p><p>W�hrend unser kluger Vogel mit Nussknacken besch�ftigt war, tranken wir eine Tasse Kamra und a�en einen Happen.</p><p>�Jetzt bin ich so weit�, erkl�rte Kurusch schlie�lich.</p><p>�Fein - dann bist du also bereit, in deinem Ged�chtnis zu graben, mein Guter. Uns interessiert alles, was mit dem siebten Haus in der Stra�e der alten M�nzen zusammenh�ngt. Konzentrier dich und leg los! Sir Max sammelt alle Ger�chte �ber seine Nachbarn - gib dir also richtig M�he!�</p><p>Kurusch schmollte ein wenig und schwieg. Ich hatte den Eindruck, er summte wie ein Computer leise vor sich hin. Nach ein paar Minuten gab er sich einen Ruck und begann:</p><p>�Das siebte Haus in der Stra�e der alten M�nzen ist eins der �ltesten von Echo. Es wurde 1140 von einem Schmiedemeister namens Stremmi Bro erbaut, von seinem Sohn Kardu Bro �bernommen und schlie�lich von dessen Sohn Vamire Bro bewohnt. Im Jahre 2154 der Epoche der Orden verkaufte Vamire Bro sein Haus an die Familie Gjusot. Mener Gjusot, bekannt als Gro�er Magister des Ordens der Gr�nen Monde, wurde im Jahre 2346 in diesem Haus geboren, bekam es zu seinem hundertsten Geburtstag geschenkt und lebte dort von aller Welt zur�ckgezogen. Bekanntlich gr�ndete Mener Gjusot im Jahre 2504 den Orden der Gr�nen Monde offiziell. Bis dahin war die Macht des Ordens nicht bewiesen, und die Treffen der Mitglieder fanden in der Wohnung des Gro�en Magisters statt. Als man im Jahre 2675 die gro�e Residenz des Ordens erbaute, war das siebte Haus in der Stra�e der alten M�nzen dennoch nicht leer: Der Gro�e Magister besch�ftigte sich dort mit -besonders wichtigen Dingen�, wie er zu sagen pflegte.</p><p>In der Traurigen Zeit geh�rten die Mitglieder des Ordens der Gr�nen Monde zu den Ersten, die mit Feuer und Schwert verfolgt wurden, weil ihr Orden zu den wichtigsten Konkurrenten des Siebenzackigen Blattes geh�rte. Die Mehrzahl der Novizen, Agenten und Magister des Ordens wurde get�tet. Der Gro�e Magister Mener Gjusot nahm sich am 333. Tag des Jahres 3183 in der Residenz seines Ordens das Leben - f�nf Jahre, bevor die Epoche des Gesetzbuchs begann. Bekanntlich haben nur zw�lf in die Geheimnisse des Ordens eingeweihte Magister �berlebt. Sie alle haben - nach Informationen des Ordens des Siebenzackigen Blattes - das Vereinigte K�nigreich verlassen. Berichte �ber die T�tigkeiten eines jeden dieser zw�lf Magister befinden sich im Archiv und werden im Laufe der Ermittlungen bearbeitet. Das Eigentum des friedlichen Mener Gjusot - also auch sein Haus in der Stra�e der alten M�nzen - wurde vom K�nig beschlagnahmt. Auf seinen Befehl hin wurde das Haus im achten Jahr der Epoche des Gesetzbuchs an General En verkauft, den Hoflieferanten des K�nigs. Zwei Jahre sp�ter starb General En, und das Haus ging in den Besitz von Sir Tolakan En �ber, dem Hauptberater der Verpflegungskanzlei und einzigen Sohn des Verstorbenen. Die Immobilie stand leer, bis Familie En im Jahre 54 der Epoche des Gesetzbuchs vom Land in die Stadt zog. Ein Jahr darauf beendete Sir Tolakan En seinen Dienst in der Kanzlei, lebt seither ganz zur�ckgezogen und l�sst nicht einmal seine Diener bei sich wohnen. Sein Verhalten wird allgemein mit extremem Geiz erkl�rt, der bei reichen Leuten ja h�ufig ist ... Gib mir noch N�sse!�</p><p>Kaum hatte Kurusch diese Forderung ausgesprochen, verfiel er in Schweigen.</p><p>�Eine gute Geschichte, Max�, l�chelte Juffin zufrieden und fischte aus den zahlreichen Schubladen seines Schreibtischs ein paar N�sse hervor. �Der Vater kauft ein Haus und stirbt bald darauf. Alles l�uft gut, solange das Haus leersteht. Im Jahre 54 wird es von seinem Nachfolger bezogen. Nicht einmal ein Jahr sp�ter hat sich der neue Hausherr schon in einen anderen Mensehen verwandelt. Ohne �u�eren Anlass verzichtet er auf Hausangestellte und wird zu einem der unauff�lligsten Bewohner von Echo. Lady Fern - seine Frau und die wichtigste Salonl�win der ersten H�lfte unseres Jahrhunderts - hat keine Erkl�rung f�r Tolakans merkw�rdiges Verhalten - genauso wenig wie seine engsten Freunde. Da kann man nichts machen: Das Leben eines jeden - und sei er auch der reichste Mensch der Hauptstadt - ist seine Privatsache. Die Leute staunen erst �ber Tolakans Lebenswandel und vergessen ihn dann. Das Leben geht weiter.�</p><p>�Hat er sich wirklich niemandem gezeigt?�</p><p>�Jein. Ab und an hat man schon irgendwo eine Nasenspitze zu sehen bekommen. Aber nur die Nasenspitze von Lady Feni. Sie verl�sst das Haus nur alle zw�lf Tage und ist noch immer so distanziert wie damals, als ihre Sch�nheit eine der Hauptsensationen am K�nigshof war. Aber die beiden bekommen keinen Besuch. Lady Feni geht einkaufen und packt ihre Taschen jedes Mal so voll mit Nahrungsmitteln, dass die beiden sie niemals aufbrauchen k�nnen. Es scheint, als h�tte sie eine neue Aufgabe gefunden - die n�mlich, in k�rzester Zeit die gr��te Sammlung diversester Nahrungsmittel zusammenzutragen. Im �brigen ist so etwas f�r eine derart reiche Frau in ihrer Position v�llig normal.�</p><p>�Da haben Sie ja viel erfahren, Juffin!�</p><p>�Ach, Max - ich f�rchte, das ist viel zu wenig. Aber mehr konnte ich in der kurzen Zeit nicht ausfindig machen. Na sch�n - sei froh, dass du dich damit nicht hast qu�len m�ssen. Sammle deine Kr�fte und genie�e das Leben. Ich gehe derweil nach Hause und versuche, in meinem Mauseloch ein wenig Schlaf zu finden. Ich dachte schon, die Zeit meiner asketischen Heldentaten sei f�r immer vorbei.�</p><p>Sir Juffin verschwand, und ich blieb allein im Haus an der Br�cke zur�ck. Die ganze Nacht versuchte ich, seinem Befehl zu entsprechen, mich zu erholen und das Leben zu genie�en. Das fiel mir nicht leicht, doch ich tat, was ich konnte.</p><p>Wie �blich begann der n�chste Tag mit einem Treffen mit Sir Kofa. Er wirkte ein wenig zerstreut. �brigens stand ihm dieser Gesichtsausdruck besser als seine �bliche Grimasse stockfinsterer Langeweile.</p><p>�Die Diebst�hle greifen immer mehr um sich�, teilte er mir mit. �Wei�t du, allm�hlich gef�llt mir das nicht mehr. Darum spitze ich die Ohren. Alles deutet darauf hin, dass es immer die gleichen Leute sind, die sie begehen. Aber wie schafft es diese flinke Truppe, zugleich in weit voneinander entfernten H�usern in Echo zuzuschlagen? Und wenn es verschiedene Leute sind - welches Genie schafft es dann, sie so perfekt zu koordinieren? Und vor allem: wof�r? Damit General Bubuta endlich erf�hrt, dass in dieser Stadt nur eine Mannschaft wirklich regiert? Na sch�n, mein Junge, sag Juffin, er soll sich mit mir treffen, wenn ihm langweilig wird. Die ganze Sache ist nat�rlich ziemlich dumm und f�r unsere Beh�rde alles andere als geeignet, doch in der Nacht erscheint sogar eine d�nne Frau als Bettdecke!�</p><p>�In der Not frisst der Teufel Fliegen�, antwortete ich automatisch. �Ich werde das weiterleiten, Sir Kofa, aber ich f�rchte, heute langweilt sich Sir Juffin sicher nicht. Ich hab ihm eine nette kleine Arbeit zugeschustert ...�</p><p>�Na, sollen sich doch die Vampire um diese Diebst�hle k�mmern! Ich warte lieber auf bessere Zeiten. Bleib gesund, Max. Ich will auf dem Heimweg noch ein paar Besuche machen und verabschiede mich deshalb jetzt.�</p><p>Ich langweilte mich noch eine halbe Stunde und bekam dann per Stummer Rede eine Nachricht von Sir Juffin: �Bei mir ist alles in Ordnung. Allerdings denke ich lieber nicht daran, dass ich mich demn�chst in deinem Bad waschen muss. Wenn ich komme, gehen wir ins Fressfass fr�hst�cken.�</p><p>Gen�sslich tr�umte ich von einem herrlichen Men�, und mein Arbeitszimmer schien bis zur Ankunft von Sir Juffin alle Attribute eines guten Restaurants zu besitzen: ein prachtvolles B�fett, verlockende D�fte und einen einsamen Feinschmecker, dem der Hunger ins Gesicht geschrieben stand.</p><p>Schlie�lich kam der Ehrw�rdige Leiter, und wir gingen ins Fressfass.</p><p>�Ich habe die Ehre zu berichten�, begann Juffin dort und verzog dabei den Mund, als w�re er ein Rekrut, der zum ersten Mal selbst�ndig eine Aufgabe bew�ltigen sollte, �dass die Ergebnisse meiner Ermittlungen Folgendes zeigen: Erstens wohnt im Nachbarhaus tats�chlich etwas, und zweitens hat es Angst vor mir. Vielleicht findet es mich aber auch nur eklig oder unappetitlich. Oder es handelt sich um einen Abonnenten des Trubel von Echo, der mich respektiert und deshalb Distanz h�lt. Wie auch immer - ich bin unangetastet geblieben. Vielleicht ist aber alles noch komischer gelaufen. Zuerst habe ich getr�umt, auf deinem schrecklichen Esstisch zu liegen, doch nach kaum einer Sekunde war alles verschwunden. Ich war frei wie ein Vogel und konnte schlafen, wo ich wollte. Daraufhin bin ich zudringlich geworden und habe versucht, mich unserem geheimnisvollen Freund zu n�hern. Sein Haus war aber so gut gesch�tzt, dass ich dort nur das tief schlafende Ehepaar entdecken konnte. Ich habe aber dennoch etwas Neues erfahren!�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel, dass die magischen Ph�nomene im Nachbarhaus kein Menschenwerk sind. Es kann allerdings sein, dass jemand die Kr�fte, die nun im Haus spuken, zum Leben erweckt hat. Ich habe �brigens den Verdacht, dass die Vergangenheit den Namen dieses Jemands sch�tzt. Wer von den ehemaligen Bewohnern - vom Gro�en Magister des Ordens der Gr�nen Monde abgesehen - h�tte Gefallen an solchen Spielchen finden k�nnen? Eins jedenfalls bleibt Tatsache: Eine fremde Kraft versucht, sich bei dir einzunisten. Ich habe den Eindruck, sie will dich ins Exotische ziehen.�</p><p>�Ins Exotische? Ich bin doch schon exotisch genug. Was will diese Kraft blo� von mir?�, murmelte ich.</p><p>�Na was wohl? Happi, happi!�, l�chelte Juffin und fuhr sich gierig grinsend mit der Zunge �ber die Lippen. �Jedenfalls f�hrt sie nichts Gutes im Schilde. Warum sollten die Leute in der Nachbarschaft sonst sterben wie die Fliegen? Na sch�n - was wissen wir noch �ber unseren Gegner? Nach der Analyse der heutigen Nacht kann man sagen, dass er vorsichtig und selektiv arbeitet. Diese Kraft will sich also nicht mit einem ebenb�rtigen Gegner wie mir einlassen. Au�erdem hat sich gezeigt, dass sich unser kleiner Freund auch irren kann, denn heute ist er zun�chst in meinen Traum eingedrungen, dann aber schnell geflohen. Das freut mich, denn ich habe nur ungern mit einem perfekt funktionierenden Gegner zu tun! Schwierig. Na gut, Max, unsere Informationen sind eindeutig unzureichend. Also wirst du dich demn�chst noch ein, zwei N�chte mit Alptr�umen qu�len m�ssen. Ich werde mich in mein Arbeitszimmer zur�ckziehen und deine n�chtlichen Abenteuer genau beobachten. Komm nur nicht auf den Gedanken, heute ohne dein Amulett, das ich dir so m�hsam besorgt habe, aus dem Haus zu gehen!�</p><p>�Meinen Sie diese Blechkette?�</p><p>�Ich meine das Armband des Gro�en Magisters vom Orden des Geheimen Krauts. Dein Leichtsinn wird mich noch ins Grab bringen! Ohne diese &gt;Blechkette&lt; kann dir keiner garantieren, dass du aus deinen Alptr�umen je wieder erwachst. W�rde dir das gefallen?�</p><p>�Nicht besonders. Ich werde das Armband schon nicht vergessen, Juffin. Seltsam, dass ich es gestern habe vergessen k�nnen. Vielleicht ist das unbekannte Ungeheuer, das irgendwo im Hinterhalt liegt, ja der Grund meiner Zerstreutheit.�</p><p>�M�glich. Umso schlimmer, Max, umso schlimmer.�</p><p>�Denken Sie bitte, wenn Sie �ber meine n�chtlichen Tr�ume wachen, an alle vorbeugenden Sicherheitsma�nahmen. Es gibt nur zwei M�glichkeiten: Entweder werde ich immer zerstreuter, oder dieses Gesch�pf verwandelt mich in einen Idioten.�</p><p>�Du hast recht. Alles ist m�glich. In einem solchen Fall schadet es nie, Sorgfalt anzumahnen. Du isst ja ungemein wenig, merke ich gerade. Verdirbt dir dieser Quatsch etwa den Appetit? Probleme kommen und gehen, dein Bauch aber bleibt dir erhalten. Die Bed�rfnisse deines Magens sind wichtiger als alles andere.�</p><p>�Ich gelobe Besserung, Sir.�</p><p>Und tats�chlich besserte ich mich, a� den Teller leer und nahm mir Nachschlag. Sir Juffin betrachtete mich mit dem L�cheln einer liebenden Gro�mutter.</p><p>Alles war toll, doch irgendwann musste ich nach Hause, um die neue Folge der Horrorserie Nightmare on Elm Street zu sehen, in der der arme Max die Hauptrolle spielte. Angst versp�rte ich nicht. Eigentlich erf�llte mich eher absurder Heldenmut. Also beschloss ich, nicht bei Juffin zu �bernachten, um so die Kl�rung des Falls voranzutreiben. An sich war es nur meine Dickk�pfigkeit, die mich so handeln lie�.</p><p>Trotz der widrigen Umst�nde war es sch�n, wieder zu Hause zu sein. Die Sonne schimmerte durch zartbitterschokoladenbraune Vorh�nge, die ich gekauft hatte, um das grelle Tageslicht ins warme Halbdunkel einer Unterwassergrotte zu verwandeln. In erster Linie dienten sie dazu, mich vor dem ekelhaften Anblick des Nachbarhauses zu bewahren. Dies war schon kurz nach meinem Einzug Leitlinie beim Einrichten der Wohnung geworden.</p><p>Juffins Anwesenheit hatte einige Spuren hinterlassen: Im Wohnzimmer standen eine schmutzige Tasse und ein Krug Kamra, und im Schlafzimmer waren Kissen und Decken in entgegengesetzte Ecken der riesigen Matratze gewandert. Au�erdem hatte Juffin die Bibliothek am Kopfende meines Bettes zensiert und B�cher, die ihm nicht genehm waren, im Zimmer verstreut. Ein seltsamer Gedankensprung lie� mich bei diesem Anblick feststellen, ich brauchte dringend eine Katze, und ich nahm mir vor, mir eine anzuschaffen, wenn dieses Abenteuer �berstanden w�re.</p><p>�He, Max�, schreckte mich Juffin per Stummer Rede aus meinen Gedanken. �Vergiss nicht, dein Armband anzulegen.�</p><p>Ich sprang wie angestochen auf. S�ndige Magister! Wer h�tte das gedacht: Ich hatte tats�chlich vergessen, meinen Talisman �berzustreifen. Dabei war mir eben noch sonnenklar gewesen, wie leichtsinnig das w�re! Ohne zu z�gern, schob ich das Armband �bers Handgelenk.</p><p>�Au�erdem hattest du recht, Max. Du konntest auf alles achten, nur nicht auf deine Sicherheit, denn das Amulett war perfekt blockiert - auf sehr interessante Weise �brigens. Schade nur, dass du meine Erkl�rungen im Moment nicht so richtig verstehen kannst. Wir sind wirklich auf ein au�erordentliches Gesch�pf gesto�en. Na sch�n. �berleg doch mal, ob du noch andere Amulette hast. Also Dinge, die du sehr magst. Oder Sachen, mit denen du dich wohl f�hlst - wie ein Kind mit seinem Lieblingsspielzeug. Wenn du so was findest, bedeck dich damit von Kopf bis Fu�. Das kann nicht schaden, und wer wei�, wie sehr dir diese weichen Amulette n�tzen. Und streng dich nicht so an, wenn du mich per Stummer Rede rufst. Ich bin immer f�r dich da, sehe und h�re alles und hab die Lage unter Kontrolle. Du kannst also deine Schw�che zeigen. Wie hast du gestern Abend gesagt? finde? Also Schluss mit unserem Gespr�ch.�</p><p>Ich versank in Gedanken. Amulette? Welche Amulette mochte ich haben? Die Handcremedose aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli vielleicht, meine erste �Beute�! Ich hatte sie aus dem Zimmer gerettet, in dem sie nicht hatte bleiben wollen, und sp�rte nun wirklich, dass sie Sympathie f�r mich empfand. Rasch legte ich meine kleine Freundin neben das Kopfkissen.</p><p>Und sonst? Wie es schien, besa� ich weiter keinen Talisman. Aber das Kind der Purpurroten Perle, das Geschenk des K�nigs, konnte eigentlich auch als Amulett gelten. Genau wie der dritte Band der Enzyklop�die der Welt von Sir Manga Melifaro. Ich hatte mich daran gew�hnt, mit diesem Buch einzuschlafen wie ein Kind mit einem Kuscheltier.</p><p>Nachdem ich meine bescheidene Barrikade gebaut und mich noch mal vergewissert hatte, das Armband zu tragen, ging ich zu Bett. Kaum hatte ich begonnen, in einem Buch zu bl�ttern, f�hlte ich mich hundem�de. Und das, obwohl ich fest �berzeugt gewesen war, unser heutiges Experiment m�sste aus technischen Gr�nden ausfallen, also weil ich vor Angst und Anspannung kein Auge w�rde zutun k�nnen. Nun aber f�hlte ich mich im Gegenteil so sicher und entspannt, als habe mir jemand Schlafund Beruhigungsmittel verabreicht. Freddy Krueger vom Nachbarhaus gab sich offenbar alle M�he, dass sein Opfer keinen Widerstand leistete. �Ich muss Juffin einiges fragen�, dachte ich im Halbschlaf. �Aber wozu eigentlich? Es ist sowieso alles klar.�</p><p>Diesmal kam mir mein Alptraum nicht so eklig vor. Ich verstand sehr gut, was ich tr�umte, und wusste, wer ich war, warum ich mich hier befand, worauf ich wartete und so weiter. Juffins Anwesenheit sp�rte ich zwar nicht, aber ich wusste um seine Gegenwart.</p><p>So tr�umte ich erneut, wie ein herrlich angerichteter Braten auf einem B�fett zu liegen. Meine Vorh�nge waren von fremder Hand ge�ffnet worden, und nichts konnte mich vor dem Anblick des Nachbarhauses sch�tzen. Mein Herz bebte vor Abscheu, als ich merkte, wie eine unsichtbare Hand mir schmerzhafte Muskelspritzen injizierte, doch ich hatte Kraft genug zum Widerstand und wurde erstaunlicherweise sogar w�tend.</p><p>Nat�rlich konnte mir der �rger allein nicht helfen, doch wer mochte wissen, was als N�chstes passieren w�rde! Auf alle F�lle packte ich diese Wut am Schopf, weil sie keine schlechte Alternative zur Angst war.</p><p>Irgendeine b�se Kraft erlaubte mir nicht, ruhig in meinem Haus zu schlafen, f�r das ich doch Miete bezahlt hatte! Irgendein d�monisches Scheusal st�rte mich beim Ausruhen, und statt klarer Alptr�ume lagen mir vage Schreckensbilder bedr�ckend auf der Seele. Doch ich versuchte, mich gegen den Ansturm d�monischer Kr�fte zu behaupten, so gut es ging.</p><p>�Prima, Max�, drang Juffins Stumme Rede in meinen inneren Kampf. �Du machst das wirklich gut, und es funktioniert! Jetzt versuch, ein wenig erschrocken zu sein. Deine Angst ist das beste Lockmittel. Wenn du keine Angst hast, l�sst die seltsame Kraft dich und alles andere wom�glich in Ruhe. Doch wir m�ssen das Gesch�pf aus seiner H�hle locken. Tu darum so, als w�rdest du aufgeben.�</p><p>Das war leichter gesagt als getan! In diesem Moment h�tte ich lieber alles um mich herum in Tr�mmer geschlagen. Mein Zorn war so gro�, dass ich die widerliche Erstarrung, die mich zum schw�chsten Gesch�pf des Weltalls hatte werden lassen, beinahe �berwunden h�tte.</p><p>Eines aber war gut: Schon der Wunsch, erschrocken zu sein, f�hrte dazu, dass alle Gespenster aus den weiten Regionen des Alptraums sich diensteifrig um mich versammelten. Ich brauchte mich blo� auf das dunkle Fensterdreieck des Nachbarhauses und den schmalen Sandpfad zu konzentrieren, der von dort seinen Ausgang nahm, und schon verwandelte sich mein Zorn in fast panische Angst. Um des Experiments, aber auch um meines psychischen Wohlergehens willen versuchte ich, wieder zornig zu werden. Und es klappte erneut! Die M�glichkeit, meine Stimmung im Handumdrehen zu wechseln, half mir sehr, denn so musste ich mich nicht auf einen der beiden �blen Zust�nde festlegen, konnte also st�ndig zwischen Angst und Zorn lavieren. Welch verf�hrerische Alternative!</p><p>Letztendlich schaffte ich es, ein labiles Gleichgewicht zu erreichen: Ich hatte zwar Angst, doch sie ergriff mich nicht vollst�ndig; ich war zwar zornig, verga� dabei aber nicht meine Hilflosigkeit.</p><p>Dann kam wieder eine Hand voll Sand aus der Dunkelheit. Und wieder. Und wieder. Der schmale Pfad zwischen unseren Fenstern war jetzt viel l�nger als zuvor, und eine Ewigkeit schien vergangen. Dann protestierte mein Herz. Damit war ich v�llig einverstanden. Zwar h�tte ich weiterschlafen k�nnen, doch ich wollte nicht bis zum n�chsten Tag warten, denn dann w�rden die Alptr�ume von neuem beginnen. Juffin wollte unbedingt einen Blick auf das Wirken des merkw�rdigen Gesch�pfs werfen. Ich beschloss, ihm dieses Vergn�gen zu erm�glichen. Ich w�rde leiden, so viel ich konnte, und sogar ein wenig mehr. Wie bei einem Zahnarztbesuch.</p><p>Als sich der Sandpfad langsam durchs offene Fenster meinem Tisch n�herte, auf dem sich ein hilfloser Haufen Angst und �rger namens Max befand, sp�rte ich Erleichterung. Die L�sung des R�tsels r�ckte heran. Und wirklich: Am Fenster gegen�ber erschien eine dunkle Silhouette, betrat den Sandpfad und n�herte sich Schritt f�r Schritt. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters mit unauff�lligen Gesichtsz�gen und leer gl�nzendem Blick.</p><p>Pl�tzlich begriff ich, dass ich keine Kontrolle mehr �ber die Situation hatte. Und zwar nicht, weil alles so schnell unheimlich geworden oder das Gesch�pf kein Mensch gewesen w�re - beides h�tte ich verkraften k�nnen. Doch zwischen uns gab es eine Verbindung, und das war schlimmer als all meine �ngste und Seelenqualen. Pl�tzlich merkte ich, dass eine Substanz aus meinem K�rper floss. Es war kein Blut, sondern etwas Unsichtbares, doch mir war klar: Ein Weiterleben ohne diese Substanz war undenkbar.</p><p>Etwas schn�rte mir die Kehle zu - nicht stark, aber stark genug, damit ich wieder einschlief. Doch mein Armband, �ber dessen Vorz�ge Sir Juffin so viel geredet hatte, arbeitete merklich und vor allem rechtzeitig. H�tte es auch nur eine Sekunde sp�ter zu wirken begonnen, w�re ich wom�glich nicht mehr aufgewacht.</p><p>Ich nahm die Beine vom Tisch und wunderte mich �ber gar nichts mehr. Ein Fl�gel des breit ge�ffneten Fensters quietschte kl�glich im Wind. Ich schloss das Fenster und zog erleichtert die Vorh�nge zu. Mein K�rper gab mir zu verstehen, er habe nichts dagegen, wieder in Ohnmacht zu fallen. Ich drohte ihm mit der Faust: Wehe, du wagst es!</p><p>�Guten Tag, Max�, h�rte ich Juffin sagen, und seine angenehme Stimme war meiner Seele eine Labsal. �Du warst sehr gut, mein Junge! Wirklich! Gl�ckwunsch - dein unangenehmes Abenteuer ist �berstanden. Jetzt wissen wir alles N�tige, und der Showdown ist nah. Brot und Kachar-Balsam werden heute dein Hauptgericht sein. Raus aus den Federn und auf zu mir! Verstanden?�</p><p>�Verstanden. Ende�, gab ich automatisch zur�ck und kroch r�ber ins Schlafzimmer. F�nf Minuten sp�ter h�pfte ich beinahe ins Bad und war - dem kr�ftigsten Getr�nk der Welt, dem Kachar-Balsam, sei Dank! - wieder unter den Lebenden.</p><p>Pl�tzlich begriff ich den Sinn von Juffins Bemerkung: �Gl�ckwunsch - dein unangenehmes Abenteuer ist �berstanden.� Ich hatte es hinter mir! Was auch passieren w�rde - diesen Alptraum musste ich nie mehr erleiden. S�ndige Magister! Was braucht der Mensch mehr, um gl�cklich zu sein?</p><p>Auf dem Weg zur Arbeit entschied ich, dem Menschen fehle zu seinem Gl�ck noch ein Fr�hst�ck. Im Ges�ttigten Skelett zum Beispiel. Also bog ich kurzerhand ins warme Halbdunkel des Lokals. Sir Juffin verlangte von seinen Untergebenen nie zu hungern - auch nicht in dienstlichen Angelegenheiten.</p><p>Im Haus an der Br�cke dr�ngten sich viel mehr Menschen als sonst. Sir Lonely-Lokley machte sich in seinem dicken Heft Notizen und sa� so unbequem auf der Kante seines Stuhls, dass es schon wehtat, ihm nur dabei zuzusehen. Sir Melifaro, der gerade vom Gut seiner Familie zur�ckgekehrt war, h�pfte wie ein Springteufel herum und rief, der bedeutendste illegitim geborene Prinz sei gekommen, und er sei �bergl�cklich, sich in den Strahlen meines Ruhms sonnen zu d�rfen. Ich kam zu dem Schluss, der Arme habe einen Stich. Dann begriff ich, dass er das Geschenk des K�nigs meinte, in dessen Besitz ich seit drei Tagen, nein, schon seit einer Ewigkeit war. N�chtliche Alptr�ume k�nnen wirklich jeden fertigmachen, und auch f�r mich war das alles zu viel gewesen. Kein Wunder, dass ich kurzzeitig die �bersicht verloren hatte. Kaum aber hatte ich mich gefangen, drohte ich meinem Tagesantlitz mit der Faust, lie� seinem Vater Gr��e ausrichten und ging schnurstracks zu Juffin.</p><p>In seinem B�ro traf ich auf Lady Melamori, die f�r jemanden, der gerade aus dem Gef�ngnis entlassen worden war, entschieden zu schlechte Laune hatte.</p><p>�Gut, dass du so schnell gekommen bist, Max! Unsere Arbeit muss noch ein wenig warten, denn wir haben hier - wenn ich so sagen darf - famili�re Ungelegenheiten. Ich rufe die �brigen gleich dazu.�</p><p>�Famili�re Ungelegenheiten? Was soll das denn sein?�, staunte ich.</p><p>�Ich bin bestohlen worden�, klagte Lady Melamori. �Als ich wieder nach Hause kam, war alles durcheinandergeworfen und durchw�hlt. Wie kr�nkend das ist! Als ich in den Dienst des Geheimen Suchtrupps eintrat, war ich fest �berzeugt, so etwas w�rde mir erspart bleiben ...�</p><p>�Aber wo ist das Problem, Lady? �, fragte ich err�tend. �Treten Sie dem Schurken doch einfach auf die Spur, und der Fall ist gel�st.�</p><p>�Aber es gibt keine Spur! Ich habe den Eindruck, meine Sachen sind von allein verschwunden.�</p><p>�Ich hab immer gesagt, das einsame Leben ist nicht gut f�r unsere kleine h�bsche Lady Melamori�, bemerkte Sir Melifaro von der T�r her. �W�re ich in Ihrem Schlafzimmer gewesen, Unvergessliche, dann w�re nichts passiert!�</p><p>�Ich kauf mir einen Hund�, entgegnete Lady Melamori l�chelnd, und ihre Gr�bchen kamen zum Vorschein. �Der kann genauso gut aufpassen und frisst weniger. Angeblich versteht er sogar die Sprache der Menschen - im Gegensatz zu Ihnen.�</p><p>Sir Lonely-Lokley lie� Sir Kofa h�flich den Vortritt. Alle bis auf Lukfi waren bereits versammelt, doch ihn brauchte man in solchen F�llen anscheinend nicht, denn seine Arbeit im Gro�en Archiv hatte keinen Bezug zu unserer T�tigkeit.</p><p>�Na, meine Herrschaften - wollt ihr eine Neuigkeit h�ren?�, fragte Sir Juffin und lie� einen musternden Blick �ber uns schweifen. �Wir stecken in der Klemme! Ich hoffe, ihr alle seid der Meinung, dass Lady Melamori ihren Kram zur�ckbekommen soll. Sie ist zwar etwas ver�rgert, was unsere Laune nicht gerade hebt, doch die ganze Stadt wartet gespannt auf die Heldentaten unseres Suchtrupps. Ich wei�, Lady Melamori, dass Sie noch niemandem von dem Diebstahl erz�hlt haben, doch in Echo gibt es viele preiswerte Hellseher! Melifaro, diese Sache f�llt in dein Ressort. Tu, was du f�r richtig h�ltst.</p><p>Max und ich m�ssen uns mit einer anderen dringenden Angelegenheit herumschlagen.�</p><p>Melifaro hatte sich schon Lady Melamoris Lehnstuhl gen�hert. Missvergn�gt bemerkte ich, dass sie ihr N�schen in seinen Oberarm bohrte.</p><p>�Das vollst�ndige Verzeichnis aller gestohlenen Sachen, bitte, meine Liebe�, s�uselte Melifaro und zupfte vertraulich am Pony seiner Kollegin.</p><p>�Achtunddrei�ig Ringe, alle mit dem Familienwappen der Blimms auf der Innenseite; Geld - ich wei� nicht, wie viel, aber jede Menge, tausend Kronen, denke ich; acht Halsketten mit unserem Wappen auf dem Verschluss. Meine Verwandten kennzeichnen ihren Schmuck. Ich hab sie deswegen immer ausgelacht, doch jetzt ist mir klar, dass das eigentlich eine kluge Vorsichtsma�nahme ist. Ich glaube, das war's. Die Diebe haben keinen einzigen Talisman mitgenommen. Ach, das h�tte ich fast vergessen: Die Puppe, die du mir am Tag der Jahresmitte geschenkt hast, haben sie auch gestohlen. �</p><p>Melifaro runzelte die Stirn. �Die sch�ne Puppe! Sie war so ein h�bsches Spielzeug! Merkw�rdig, dass die Diebe ausgerechnet sie mitgenommen haben. Die �brigen Sachen mitgehen zu lassen, ist dagegen nur zu verst�ndlich. Sir Juffin, w�rden Sie uns vielleicht mit Kamra bewirten, da wir inzwischen vollz�hlig versammelt sind? Dann k�nnten wir gemeinsam �ber den Fall nachdenken und diskutieren. So ganz allein in meinem Dorf hab ich mich n�mlich furchtbar gelangweilt. Ihre wichtige Sache kann doch bestimmt eine halbe Stunde warten, oder?�</p><p>�Ein halbes St�ndchen kann jede Sache warten - bis auf die Dinge, von denen General Bubuta Boch so gern erz�hlt. Also gut, dann bestelle ich f�r uns alle einen gro�en Krug Kamra aus dem Fressfass, aber du musst dich daf�r durch gr��eren Einsatz revanchieren, Melifaro.�</p><p>�Warum das denn? Juffin, merken Sie nicht, dass das der Gipfel der Idiotie ist: Erst stiehlt man das Kleinste und Kostbarste, was sich in der Tasche eines Lochimantels nur transportieren l�sst, und dann nimmt man eine Puppe mit, die so gro� ist wie ein dreij�hriges Kind. Die war nat�rlich nicht billig, aber warum l�sst man dann nicht auch gleich das Geschirr und einen Sessel aus dem Salon mitgehen? Der w�re sogar noch teurer als die Puppe gewesen.� Melifaro entfernte sich vom Sessel der Lady und hockte sich neben der Armlehne seines Chefs nieder, der dadurch gezwungen war, seinem Mitarbeiter auf den Kopf zu sehen.</p><p>�Du verbei�t dich in die Frage, warum ausgerechnet die Puppe gestohlen wurde. Daf�r hast du schon die erste Portion Kamra verdient.�</p><p>�Verdient hab ich sie allein, doch trinken tun wir sie zusammen. Aber egal! Sir Kofa, wer von unseren wackeren Stadtpolizisten steht im Moment an erster Stelle des Wei�en Bl�ttchens?�</p><p>�Sir Kamschi, aber der ist gegenw�rtig nicht im B�ro. Versuch mal, Leutnant Schichola zu erreichen. Der steht auf Platz vier und besch�ftigt sich obendrein mit Wohnungseinbr�chen.�</p><p>�Na gut, ich bin gleich wieder da. Wer sich zwischenzeitlich an meiner Kamra vergeht, wird dran glauben m�ssen�, f�gte Melifaro hinzu.</p><p>Sein Ermittlungstempo begeisterte mich. Wenn man irgendwann einen Film �ber den gro�en Detektiv Melifaro aus Echo dreht, kann das nur ein Kurzfilm werden!</p><p>�Was ist dieses Wei�e Bl�ttchen eigentlich?�, fragte ich Sir Kofa neugierig und brachte ihn damit schallend zum Lachen. Auch Lady Melamori kicherte.</p><p>�Ach, Max! Das ist nur so ein Witz von uns. Ab und an erstellen wir eine Liste der zw�lf cleversten Polizisten, um zu wissen, mit wem sich am besten Zusammenarbeiten l�sst. In Wirklichkeit arbeiten bei der Stadtpolizei viele vern�nftige und gute Leute, aber mit Chefs wie Bubuta und Fuflos werden sie alle schnell zum Gegenstand des Spotts. Die Jungs sind gl�cklich, wenn sie es geschafft haben, in unserem Wei�en Bl�ttchen zu stehen. Das freut sie mehr als ein Lob des K�nigs. Auch weil selbst General Bubuta so ein Lob - wie es seinem Dienstgrad entspricht - einmal im Jahr bekommt. Aber wie ich sehe, hast du mich bereits verstanden.�</p><p>Und wie ich ihn verstanden hatte! Und ich war begeistert von dieser Idee.</p><p>Sogar Lonely-Lokley lebte auf: �Dieses Wei�e Bl�ttchen erleichtert unsere Arbeit sehr, Sir Max�, sagte er belehrend.</p><p>�Sir Sch�rf geh�rt zu unseren wichtigsten Listenschreibern�, l�chelte Juffin. �Da kommt ja unsere Kamra.�</p><p>Der Krug war vor lauter S��igkeiten, die Sir Juffin ebenfalls im Fressfass bestellt hatte, kaum sichtbar. Kaum war die St�rkung angekommen, kehrte auch Melifaro zur�ck. Er hatte einen Schwung Tafeln dabei, die sich von selbst beschriftet hatten, sprang �ber die Armlehne und warf sich in seinen Sessel. Erst nahm er eine Pirogge, schob sie im Ganzen in den Mund und sah dabei wie der Vogel Kurusch aus - zerzaust und schmutzig, aber gl�cklich. Dann trank er seinen Becher auf einen Zug leer und vertiefte sich schlie�lich in seine Tafeln. Ein, zwei Minuten lang - f�r seine Verh�ltnisse also eine halbe Ewigkeit - studierte er sie aufmerksam. Dann sprang er kurz auf, um sich eine zweite Pirogge zu nehmen, und setzte mit vollem Mund zu einer feierlichen Erkl�rung an. Nach ein paar Sekunden war er schon besser zu verstehen.</p><p>�Das hatte ich mir schon gedacht! Bei allen anderen wurde auch eine Puppe gestohlen! Und nat�rlich jede Menge Schmuck. Das Wichtigste ist aber, dass in jedem Inventar gestohlener Sachen eine Puppe auftaucht. Interessant! Ach, Lady Melamori! Wie es scheint, habe ich Ihnen einen Kn�ppel zwischen die Beine geworfen. Aber das geschieht Ihnen recht. Der Zorn verschm�hter M�nner ist furchtbar. Na ja, wo hab ich die Puppe eigentlich gekauft? An irgendeinem kleinen Stand auf dem Flohmarkt. Wo genau, ist nicht so wichtig, denn ich lasse dort sowieso alles auf den Kopf stellen!�</p><p>�Warte lieber noch etwas damit�, mischte sich Sir Kofa ein. �Sag mir besser, um welche Art Puppen es sich handelt. Wie hat Ihre Puppe ausgesehen, Lady Melamori?�</p><p>�Wie ein Junge von zw�lf Jahren, nur viel kleiner. Sie hat ein sehr h�bsches Gesicht, und ihre H�nde sind erstaunlich gut geschnitzt. Ich habe sie oft und lange betrachtet. Sie hat lange d�nne Finger und sogar Handlinien und tr�gt eine ausl�ndische Tracht aus teurem Stoff.</p><p>Leider wei� ich nicht, um welche Tracht es sich da handelt. Und einen langen Mantel hat sie an, der unserem Lochi �hnelt. Die Puppe war immer lauwarm - fast wie ein Mensch. Ich hatte ein wenig Angst vor ihr. Deshalb hab ich sie im Wohnzimmer gelassen, obwohl sie normalerweise eher ins Schlafzimmer gesetzt wird.�</p><p>�Das reicht! Du brauchst nicht auf den Flohmarkt zu fahren, Melifaro, sondern kannst in Ruhe weiteressen. Ich gehe jede Wette ein, dass es in Echo nur einen gibt, der solche Puppen schnitzen kann: Dschuba Tschebobargo. Dieser Mann hat Zauberh�nde!�</p><p>�Na sch�n�, murmelte Juffin. �Dann habt ihr drei ja heute Abend was zu tun. Max und ich ziehen derweil mit Sir Sch�rf los, um jemanden kennen zu lernen, und zwar ... Was, zum Kuckuck, ist denn jetzt wieder los, Junge?� Diese Frage war an einen zu Tode erschrockenen Boten gerichtet, der in Juffins B�ro gekommen war, ohne anzuklopfen.</p><p>�Es ist etwas Schreckliches passiert!�, rief der Kurier aufgebracht. �In der Stra�e der alten M�nzen! Jemand ist totgebissen worden!�</p><p>�Und so was h�ltst du f�r eilig?� Juffin nickte phlegmatisch. �Tritt n�her, Freund. Warum zitterst du denn so? Hast du noch nie ein Unheil erlebt? Bist du etwa neu hier?�</p><p>Der Bote nickte vorsichtig und verschwand im Halbdunkel des Korridors.</p><p>�Also los, Jungs�, seufzte Juffin. �Ich wei� nicht, wie und warum da jemand totgebissen wurde. Ich wei� nur, dass bei solchen Ereignissen besondere Kr�fte im Spiel sind. Und nur wegen dir, Sir Melifaro, wegen deiner Fresssucht hat diese Show ohne uns begonnen. Na sch�n, wir stecken alle bis zum Hals in Arbeit. Man sieht sich.� Mit diesen Worten wandte er sich an mich. �Und du? Warum machst du es dir noch immer bequem? Auf geht's!�</p><p>Kurze Zeit war ich wie erstarrt und danach noch immer sehr kraftlos. Nur mit knapper M�he konnte ich aufstehen und zum A-Mobil gehen.</p><p>Mehr als alles andere wollte ich erkl�rt bekommen, was mir da eben widerfahren war, doch Juffin schien selbst nicht zu wissen, was los gewesen war.</p><p>�Du hast dich wunderbar gehalten, Max, und mir die M�glichkeit gegeben, das Gesch�pf zu untersuchen. Ich war fest �berzeugt, es w�re nicht imstande, bei helllichtem Tage Leute anzufallen. �brigens, Sch�rf - diese Gefahr muss unbedingt gebannt werden. K�mmere dich darum. Wir unterst�tzen dich dabei. Alles klar?�</p><p>�Alles klar, Sir�, nickte Lonely-Lokley und blickte dabei so begeistert drein, als habe man ihm befohlen, seine Wohnung zu putzen.</p><p>�Wei�t du, was dir widerfahren ist, Max? Du verdankst deine Erstarrung den �berresten deines Nachbarn, also Sir Tolakan En pers�nlich - aber was hei�t schon �pers�nlich�? Von dem armen Kerl ist ohnehin fast nichts �brig geblieben.�</p><p>�Inwiefern verdanke ich ihm meine Erstarrung?�</p><p>�Ich glaube, es war sehr dumm von ihm, in das Haus neben dir zu ziehen. Dort wohnt ein Fetan, das ist v�llig klar.�</p><p>�Ein Fetanl?�</p><p>�Ach, auch davon wei�t du nichts! Na ja, Fetane sind die Geister der Bewohner einer anderen Welt. Sie kommen k�rperlos, um uns bestimmte Dinge zu vermitteln. In der Epoche der Orden tauchten solche Gesch�pfe nur selten auf. Sie sind nicht nur n�tzlich, sondern k�nnen auch gef�hrlich sein. Je l�nger ein Fetan lebt, desto mehr magische Kraft besitzt er. Fr�her oder sp�ter rebelliert er gegen den Magier, der ihn gerufen hat, und ergreift nicht selten von seinem K�rper Besitz. So ein Fetan, musst du wissen, sehnt sich danach, einen K�rper zu haben, und wenn er ihn hat, braucht er was zu essen. Es ist nicht allzu kompliziert, einen Fetan zu vernichten - davon wirst du dich bald �berzeugen k�nnen. Doch es ist praktisch unm�glich, seine Existenz nachzuweisen. Fetane umgeben sich mit einer unsichtbaren, aber undurchdringlichen Schutzh�lle. Ihr Hauptziel ist es, f�r andere unauff�llig zu bleiben, und ihre Schutzzone verhindert, dass man ihre Existenz �berhaupt bemerkt. Sollte jemand aber auf einen Fetan sto�en, kann er von seiner Entdeckung nicht mehr erz�hlen. Der Fetan ern�hrt sich n�mlich von fremden Schl�fern, und wenn diese Leute erwachen - vorausgesetzt, sie erwachen �berhaupt noch mal -, k�nnen sie sich an nichts erinnern. Mit dir hatten wir wirklich Gl�ck, Max. Sp�ter erkl�re ich dir, warum. Aber eins best�rzt mich: Warum hat ein Fetan begonnen, nicht nur Schl�fer, sondern auch wache Menschen anzufallen? Von so einem Fall habe ich noch nie geh�rt. Aber das bekommen wir auch noch heraus.�</p><p>�Und wenn der Fetan uns entkommen ist?�, fragte ich schroff. �Wie k�nnen wir ihn dann ausfindig machen?�</p><p>�Dass er entkommen kann, ist ausgeschlossen, Max, v�llig ausgeschlossen. Ein Fetan kann sein Haus n�mlich nicht verlassen. Das ist ein Naturgesetz. Manche Magier hatten den Mut, mit einem Fetan Gesch�fte zu machen - nach dem Motto: Solange er mir den Kopf nicht abgebissen hat, kann ich mich ja davonmachen und das Haus mit seinem geheimnisvollen Mieter Weiterverk�ufen - sollen doch andere die Suppe ausl�ffeln!�</p><p>�Wie konnte Lady Feni denn dann einkaufen gehen, wenn ...�</p><p>�Gute Frage, mein Junge! Ich vermute, wenn ein Fetan zwei K�rper zur Verf�gung hat, kann er einem ab und an ein wenig Freiheit geben - nat�rlich nur f�r kurze Zeit. Aber ich bin fest �berzeugt, dass Lady Feni nicht selbst einkaufen war, sondern nur eine kl�gliche Erinnerung an sie, die extra f�r diese T�tigkeit programmiert wurde. Diese Tarnung war sehr erfolgreich. Kein Wunder - Fetane sind ja Meister der Tarnung. Aber wir sind da! Lass uns aussteigen.�</p><p>Wir lie�en das A-Mobil vor meinem Haus stehen. Inzwischen war auf der Stra�e der alten M�nzen ziemlich viel los. Ein paar Mitarbeiter der Stadtpolizei, sechs Anwohner und ein Haufen tief ersch�tterter Schaulustiger, die aus dem Ges�ttigten Skelett gekommen waren, hatten einen Kreis um das Opfer gebildet, um eine Frau mittleren Alters also, die sehr einfach gekleidet und deren Kopf beinahe vom Rumpf abgetrennt war. In der N�he lag ein Korb mit N�ssen. Die zerstreuten N�sse erinnerten mich an den d�nnen Sandpfad, der im Traum zwischen meinem Haus und dem Haus nebenan durch die Luft gef�hrt hatte.</p><p>Sir Juffins Stimme, die von den Polizisten Erkl�rungen einforderte, riss mich aus meinen Gedanken.</p><p>�Die Zeugen behaupten, der T�ter sei sehr klein gewesen�, meldete einer der Polizisten verwirrt.</p><p>�Und wo sind die Zeugen?�</p><p>Aus der Gruppe Schaulustiger trat ein junges P�rchen hervor. Die beiden waren augenscheinlich sympathisch und nach hiesigen Ma�st�ben noch sehr jung - ungef�hr sechzig Jahre alt. Die Frau erwies sich als die Gespr�chigere, wie es oft so ist.</p><p>�Wir waren auf dem Weg zur Arbeit und sind nur zuf�llig in diese Stra�e geraten. Sie war leer. Nur ziemlich weit vor uns ging eine Frau mit einem Korb in der Hand. Pl�tzlich kam aus diesem Haus hier ...� - sie zeigte auf das architektonische Meisterst�ck, das mich schon lange besch�ftigt hatte - �... ein M�nnchen herausgesprungen.�</p><p>�Sind Sie sicher, dass es sich um einen sehr kleinen Mann gehandelt hat?�, unterbrach Juffin.</p><p>�Absolut, Sir! Frud kann das auch best�tigen. Er war klein wie ein Kind, aber wie ein Erwachsener gekleidet, sehr elegant und sehr teuer. Erst verstanden wir gar nichts. Wir dachten, er w�rde die Frau kennen und wolle sie umarmen. Na ja, er sprang kurz hoch, damit ihm das bei seiner Gr��e gelang. Das fanden wir lustig, doch dann fiel die Lady um, und wir erschraken. Das M�nnlein sprang noch ein paar Mal auf sie drauf und verschwand.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Na ja, irgendwohin. Auf jeden Fall nicht in unsere Richtung. Den Magistern sei Dank! Frud wollte ihn verfolgen, doch ich hatte Angst. Dann haben wir Hilfe gerufen.�</p><p>�Vielen Dank, meine Liebe. Jetzt ist mir alles klar�, erkl�rte Juffin und wandte sich an die Polizisten. �Seit Sie hier sind, meine Herren, ist noch niemand aus dem Haus gekommen, oder?�</p><p>�Niemand, Ehrw�rdiger Leiter! Und wir sind auch nicht ins Haus gegangen, weil</p><p>�Sie haben ganz richtig gehandelt! Max, Sch�rf, wir gehen!�</p><p>Wir besuchten meinen zum Vampirismus neigenden Nachbarn.</p><p>In seinem Haus war es dunkel und still. Und sehr schmutzig, wie ich hinzuf�gen muss. Ein gro�es, bis zur Decke mit allem M�glichen gef�lltes Zimmer, in dem die Habe der Bestohlenen gesammelt war, machte den Eindruck eines scheu�lichen Museums. Ich sage das nicht, weil ich mich �ber die Unordnung im Haus ge�rgert h�tte. Dort herrschte einfach nur eine furchtbare Atmosph�re. Sogar Lonely-Lokley runzelte ver�chtlich die Stirn - und das hie� einiges.</p><p>Zum ersten Mal, seit ich in Echo war, ging mir die Gr��e eines Hauses auf die Nerven. Es kostete uns viel Zeit, das Erdgeschoss zu inspizieren - und das, obwohl wir sehr schnell arbeiteten. Und herausgekommen ist dabei nichts. Nur unsere Stimmung war endg�ltig verdorben.</p><p>Dann mussten wir in den ersten Stock hoch. Dort war es genauso dunkel und still. Als Sir Lonely-Lokley die Treppe zum zweiten Stock betrat, sah ich ihm nach und w�nschte mir, ein Nickerchen machen zu k�nnen. Doch dann w�rde ich nie wieder aufwachen.</p><p>�Kopf hoch, Max!� Juffin hatte gemerkt, dass ich schlappzumachen drohte, und sich per Stummer Rede bei mir gemeldet. �Egal wie das endet - nur Sch�rf hat hier wirklich was zu tun, und auch seine Aufgabe ist nicht sehr kompliziert. Wir beide sind nur aus Neugier hier. Das ist vielleicht nicht der angenehmste Spaziergang, doch es gibt Schlimmeres - das kann ich dir versichern. Also, Kopf hoch, mein Junge!�</p><p>Ich f�hlte mich ein wenig besser. Gleich zauberte ich ein schwaches L�cheln aufs Gesicht und sah dabei Sir Juffin an.</p><p>Dann gingen wir weiter nach oben, bis nur noch der Himmel �ber uns war.</p><p>Sie hatten auf uns gewartet - diese beiden, die irgendwann Tolakan En und seine Frau Feni gewesen waren, m�rchenhaft reich, wahnsinnig verliebt und unendlich gl�cklich. Doch sie waren l�ngst tot, und statt ihrer begegnete uns der langlebige Fetan, der nach Belieben �ber zwei K�rper verf�gen konnte.</p><p>Das Gesch�pf wusste um seine hoffnungslose Lage und war sich klar dar�ber, was kommen w�rde. Darum versuchte es noch nicht mal, Widerstand zu leisten. Pl�tzlich sp�rte ich Mitleid mit dem unbekannten Geist, der gegen seinen Willen nach Echo geholt worden und nun gezwungen war, sich durchzuschlagen. Mich h�tte ja auch ein verr�ckter Magister nach Echo zitieren k�nnen! Mit meinem Talent h�tte ich es selbst im Schlaf geschafft, in eine unangenehme Situation zu geraten! Brrr!</p><p>F�nf schneewei�e Strahlen richteten sich auf das erstarrte P�rchen, Strahlen, die von der linken Hand Sir Lonely-Lokleys ihren Ausgang genommen hatten und das P�rchen in Schutt und Asche legten. Ich hoffte, dass sein Ende schmerzlos gewesen war.</p><p>�Juffin�, fragte ich in die klirrende Stille, �ist �berhaupt noch etwas vom Ehepaar En �brig? Ich meine, eine Seele ... oder wie immer man das nennen mag.�</p><p>�Das wei� niemand, Max!�</p><p>Er zog mir blitzschnell die Knie weg, und ich st�rzte zu Boden. Noch im Fallen begriff ich, dass etwas mit meinem Genick nicht stimmte. Ich sp�rte einen stechenden Schmerz im Nacken. Dann lief eine K�ltewelle �ber meinen Hals. Ich schrie und stie� dabei anscheinend einen Fluch aus.</p><p>Nach ein paar Sekunden der Ohnmacht merkte ich, dass ich noch am Leben war - ein starker Schmerz im rechten Knie und am Kinn war daf�r Beweis genug. Mein Nacken war ganz starr - als habe ich eine Novocain-Spritze bekommen. Etwas Warmes lief an meinem Hals herunter. �Wenn das Blut ist, dann verzeih mir, lieber Lochimantel�, dachte ich finster.</p><p>Am Hinterkopf sp�rte ich eine warme Hand. Sehr angenehm. Mir wurde immer bl�meranter, und ich driftete Richtung Nirwana, doch dieser Zustand hielt nicht lange an.</p><p>Als ich die Augen wieder �ffnete, war meine Lage vielleicht nicht ideal, aber durchaus ertr�glich. Knie und Kinn meldeten, dass sie sich zwar gemein benommen hatten, sich nun aber bessern w�rden. Auch Hals und Nacken gaben mir keinen Anlass zur Besorgnis mehr. Fieberhaft suchte Sir Juffin mit blutbespritzten H�nden nach einem Handtuch.</p><p>�Nehmen Sie einen Vorhang�, sagte ich mit eigenartig heller Stimme. �Die Besitzer des Hauses haben sicher nichts dagegen.�</p><p>�Du bist wirklich ein kluger Kopf, Max! Was w�rde ich nur ohne dich anfangen?�</p><p>�Sie h�tten ruhig in Ihrem B�ro bleiben und Kamra trinken k�nnen. Dann h�tten Sie sich diese Szene erspart. Was war das eigentlich, Juffin?�</p><p>�Eine ausf�hrliche praktische Antwort auf einige theoretische Fragen, mit denen sich kluge K�pfe an der Universit�t besch�ftigen. Aber schau selbst. Und hab keine Angst, den Kopf zu drehen. Ich hab deine Wunden gestillt. Deine Verletzungen waren ohnehin nicht spektakul�r! Mit einem Wort: Dir wird der Kopf nicht vom Hals fallen. Und sollte er es doch tun, hab keine Angst - ich kann dir einen neuen ann�hen, der besser ist als der alte.�</p><p>�Sehr witzig! Und wo ist Ihre ausf�hrliche Erkl�rung?�</p><p>�Hier, Sir Max!�, rief Lonely-Lokley. Er hockte neben mir und zeigte mir zwei kleine Gegenst�nde, die er in der rechten, also weniger gef�hrlichen Hand hielt. Es handelte sich um eine in der Mitte durchgebrochene Figur - genauer gesagt um eine kleine, f�llige Frau, die einen Dreizack in der Hand hielt. Ihr Gesicht war nicht h�bsch, aber voll bedrohlicher Kraft, was ihre Z�ge unvergesslich machte.</p><p>�S�ndige Magister! Was ist denn das?�</p><p>�Eins der vielen Meisterwerke vom Anfang der Ordensepoche�, erkl�rte Lonely-Lokley. �Ein Amulett, das dieses Haus sch�tzen sollte.�</p><p>�Eine herrliche Figur!�, seufzte Juffin. �Ich glaube, das Gespenst von Lady Feni hat sie irgendwo erworben, wo es nichts unter dreihundert Kronen zu kaufen gibt. Sie muss von einem begnadeten K�nstler stammen, s�ndige Magister! Die Vampire sollen ihm die Ohren abbei�en!�</p><p>�Wirklich nicht schlecht�, stimmte ich zu. �Was f�r ein ausdrucksstarkes Gesicht! Ob das ein magisches Requisit war?�</p><p>�Na ja, zu ihrer Zeit hat diese Dame das Haus aufs Beste vor Dieben und unerw�nschten G�sten gesch�tzt. Und vor bewaffneten Widerlingen. Alles ist gut, sofern so ein Amulett in ein normales Haus gelangt, wo gew�hnliche Leute wohnen. In einem Haus aber, in dem ein Fetan lebt, kann mit so einem Amulett alles M�gliche passieren. Diese einfache Wahrheit haben oberschlaue Wissenschaftler ab und an bezweifelt. Doch es ist und bleibt Tatsache: Wenn ein Amulett sich gegen dich kehrt, bist du erledigt. Das nenne ich eine ausf�hrliche Antwort auf manch theoretische �berlegung. �brigens h�tte ich nicht blo� mit ansehen d�rfen, wie dich in dieser Wohnung die Kr�fte verlie�en. H�tte ich mich mit dir unterhalten, w�re dein Nacken heil geblieben - und deine Nerven nat�rlich auch. Also gut, gehen wir. Im Haus an der Br�cke ist es angenehmer. Vielleicht brauchst du Urlaub? Schlie�lich bist du verletzt, wenn auch nicht besonders schlimm.�</p><p>�Urlaub? Sie wollen ja blo� ohne mich Piroggen essen und die ganze Sache ungest�rt besprechen! Wenn Sie mich loswerden wollen, m�ssen Sie mich umbringen. Anders geht's nicht!�</p><p>�Deine Neugier und deine Verfressenheit verhindern immer wieder, dass du dich bei der Arbeit wirklich verausgabst�, l�chelte Juffin. �Na sch�n. Gehen wir endlich.�</p><p>Lonely-Lokley half mir auf die Beine und musste daf�r meinen Mantel mit den H�nden ber�hren, da er seine ehrw�rdigen Handschuhe im Fond des A-Mobils gelassen hatte. Ich begriff, dass es riskant war, sich von diesem Mann am Ellbogen f�hren zu lassen - genauso riskant wie der Besuch der Abendschule in einem Atomkraftwerk. Darum versuchte ich, allein die Treppe herunterzugehen. Das klappte ziemlich gut. Ich war zwar alles andere als leichtf��ig, kam aber wohlbehalten unten an.</p><p>Kaum sa�en wir im A-Mobil, verzerrte Juffin sein Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen.</p><p>�Das Abendessen wird auf sp�ter verschoben, Leute. Melifaro bittet dringend um Hilfe. Die drei sind offenbar in die Klemme geraten. Wenn selbst Melifaro jammert, was mag dann passiert sein? Der Arme hatte keine Zeit f�r Erkl�rungen, sondern hat nur gebr�llt, das Unheil habe alle Kraft zusammengenommen und tobe jetzt erst richtig. Mit einem Wort: Das kann heiter werden! Wir fahren jetzt in die Stra�e der kleinen Gener�le. Max, setz du dich ans Steuer. Im Moment kann dein Leichtsinn uns nur n�tzen. Und du, Junge, lauf zum Haus an der Br�cke und lies Zeitungen. Na los!�, rief Juffin und stupste den verbl�fften Chauffeur mit dem Ellbogen. Ich nahm seinen Platz ein, und wir fuhren los. Juffin hatte nur Zeit, �Links!� oder �Rechts!� zu schreien.</p><p>An diesem Abend gelang es mir, dem Motor des ungl�cklichen A-Mobils zweihundert Sachen aus den Rippen zu leiern.</p><p>Eile war geboten, denn die Stra�e der kleinen Gener�le lag - wie sich erwies - am Westrand der Stadt. Dennoch schafften wir es, nach kaum einer Viertelstunde dort aufzutauchen. Juffin h�tte nicht unbedingt feststellen m�ssen, dass wir angekommen waren, denn daran gab es - offen gesagt - keinen Zweifel.</p><p>Ich kann nicht behaupten, dass es in Echo abends besonders leise ist. Dennoch ist es eigentlich nicht �blich, in Gruppen von zwanzig, drei�ig Personen in Unterw�sche durch die Stra�en zu laufen, dazu noch in Gesellschaft von Kindern und leicht hysterischen Haustieren. Wehklagend auf dem eigenen Dach herumzurennen, ist - soweit ich wei� - ebenfalls un�blich. Und selbst das war hier zu sehen.</p><p>�Der schmutzig rosa H�hnerstall da vorn ist das Haus von Dschuba Tschebobargo�, sagte Juffin mit ausgestreckter Hand.</p><p>Aus dem so gnadenlos kritisierten Geb�ude kam ein barf��iger Mann gehetzt, dessen durchtrainierten K�rper die Reste eines Skaba-Mantels bedeckten. Am Saum des Mantels klebte ein glitzernder Gegenstand, der fr�her bestimmt ein Schmuckst�ck war. Im n�chsten Moment merkte ich, dass er lebendig war. �Ist das etwa eine Ratte?�, fragte ich mich. �Ekelhaft!�</p><p>Seit meiner Kindheit habe ich Angst vor Ratten. Diese verbreitete Phobie hat einen komplizierten Namen, an den ich mich damals allerdings nicht zu erinnern vermochte. Doch nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder unter Kontrolle und sagte mir, mehrfarbige Ratten k�men in der Natur doch gar nicht vor. Im Normalfall ist so ein Gesch�pf schwarz oder grau und hat allenfalls einen Rotstich. Das geheimnisvolle Wesen am Mantelsaum dagegen besa� obendrein eine erstaunlich menschen�hnliche Gestalt.</p><p>�Das ist ja ein kleines M�nnchen!�, rief ich fr�hlich. �Blo� ein klitzekleines M�nnchen! Von dem hat doch das M�dchen erz�hlt!�</p><p>Aus Lonely-Lokleys linker Hand schoss eine wei�e Flamme und lie� von dem M�nnchen nicht mal ein H�ufchen Asche �brig. Der erschrockene Manteltr�ger lief wohlbehalten weiter und lie� die unbesch�ftigten Liebhaber des m�nnlichen Striptease seinen mattwei�en Hintern sehen, der in der D�mmerung seltsam schimmerte.</p><p>�Soll ich ihn anhalten, Sir?�, fragte Sch�rf.</p><p>Juffin sch�ttelte den Kopf. �Das ist nicht Dschuba. Soll er ruhig noch laufen. Immerhin ist das eine gute Unterhaltung! Warum warst du eigentlich so vergn�gt, Max? Hast du eine Idee, wer das M�nnlein gewesen sein k�nnte?�</p><p>�Was f�r eine Idee denn?�, fragte ich und err�tete sichtlich. �Ich war nur froh, dass es keine Ratte ist.�</p><p>�Eine Ratte? Was soll das denn sein?�</p><p>�Gibt es in Echo etwa keine Ratten?!�</p><p>�Soweit ich wei�, nicht. Aber vielleicht haben sie hier nur einen anderen Namen. Doch jetzt lass uns nachschauen, was im Haus los ist. Sir Sch�rf, Sie gehen als Erster rein. Und du, Max, passt auf deinen armen Kopf auf. Heute ist kein guter Tag f�r dich.�</p><p>An diesem Tag merkte ich, dass ich sehr gern in Gesellschaft von Sir Sch�rf Lonely-Lokley war. Er ist ein ausgezeichneter Killer. Wer dem Tod so nahe steht wie er und doch sp�rt, dass er keine Gefahr darstellt, ist etwas Besonderes und erlebt ein unbestreitbares Gef�hl von Machtvollkommenheit. Schwindel erregend!</p><p>Auf der Schwelle zum rosa H�hnerstall verlor sich meine unangebrachte Hochstimmung. Ein weiteres kleines M�nnchen klebte am Bauch eines dicken alten Mannes und schmatzte seltsam sinnlich. Anscheinend schmeckten ihm die Innereien des Alten pr�chtig. Zum Gl�ck beendete Lonely-Lokley diese Idylle schnell. H�tte er auch nur ein paar Sekunden gez�gert, dann h�tte ich mich sicher von den Piroggen, die ich Stunden zuvor gegessen hatte, verabschieden m�ssen.</p><p>�Donnerwetter! Das ist doch Krello Schir!�, staunte Juffin und n�herte sich dem entstellten Leichnam. �Schade um den Armen. Ich h�tte nie gedacht, dass Dschuba sich einen so ausgezeichneten Koch leistet. Schlie�lich ist er nur ein bescheidener K�nstler!�</p><p>Wir gingen ins Schlafzimmer. Der Anblick, der sich uns dort bot, w�re es wert gewesen, in Bronze verewigt zu werden. In die Reste seines Lochimantels geh�llt, versuchte der tapfere Sir Melifaro, ein kleines, sich w�tend windendes M�nnchen zu zerbrechen. Gut ein weiteres Dutzend lebloser K�rper diente seiner Heldentat als Hintergrund. Sir Lonely-Lokley sprang in den Flur zur�ck.</p><p>�Wo ist denn Melifaros ewiges L�cheln geblieben?�, fragte ich verbl�fft.</p><p>Melifaro sch�ttelte feierlich den kleinen, kopflosen K�rper, den er in H�nden hielt, und fing dann tats�chlich an zu l�cheln. Er �berlegte wohl, wie das Ganze auf seine Betrachter wirken mochte.</p><p>�Zu den Magistern mit dir, Max! Ich hab Lonely- Lokley gerade per Stummer Rede gesagt, er soll die restlichen M�nnchen fangen.�</p><p>�Die restlichen M�nnchen!?�</p><p>�Zw�lf sind mir schon entkommen. Auch Dschuba ist die Flucht gelungen. Aber was ihn anlangt, mache ich mir keine Sorgen: M�nner, die ihr keine Aufmerksamkeit schenken, mag unsere Lady Melamori nicht. Solche Typen findet sie sogar noch unter der Erdoberfl�che.�</p><p>�Was sind diese Zwerge eigentlich f�r Missgeburten? Kannst du mir das erkl�ren, mein Gnom-Bezwinger?�</p><p>�Wieso Missgeburten? Die sind doch ganz nett! Schau sie dir nur mal genau an!�, meinte Melifaro und reichte mir den kleinen Kopf, den er vom Rumpf des letzten M�nnchens getrennt hatte. Ich verzog vor Ekel die Miene, doch dann merkte ich, dass er aus Holz war. Er hatte wirklich ein h�bsches Gesicht - s�ndige Magister!</p><p>�Ist das eine Puppe? So eine, wie du sie Lady Melamori geschenkt hast?�</p><p>�Ja. Davon gab es mindestens zw�lf, doch irgendwann sind sie fuchsteufelswild geworden. Als wir kamen, wollten sie Dschuba umbringen oder ihn wenigstens bis in alle Ewigkeit verfluchen. Es war eine Qual, den Armen auch nur anzusehen.�</p><p>�Gehen wir, Jungs�, unterbrach Juffin unser nettes Gespr�ch. �Wir sind Sir Sch�rf nat�rlich nicht ebenb�rtig, aber jeder soll tun, was in seiner Macht steht. Wo ist eigentlich unser tapferer Sir Schichola? Ist er etwa desertiert?�</p><p>�Beinahe ... Ach was, kleiner Scherz. Er hat nur Verst�rkung angefordert und springt inzwischen an der Spitze einer gro�en Polizeieinheit von einem Dach aufs andere. Ich hoffe, sie haben mindestens ein paar Puppen eingefangen. Helfen Sie mir bitte, Juffin - ich bin heute einfach nicht in Form.�</p><p>Gebannt verfolgte ich, wie Sir Juffin mit den Fingerspitzen �ber Melifaros zerstochene H�nde strich. Der Arme verzerrte leidend das Gesicht.</p><p>�Das ist nichts Ernstes. Mit meinem Magen steht es schlimmer.�</p><p>�Ach so�, meinte Juffin und fuhr mit den H�nden dorthin, wo Melifaros grellgelber Mantel einen purpurroten Fleck hatte. �Na so was, mein Junge. Was wollten diese hirnlosen Gesch�pfe denn mit deinem Bauch? Und da kannst du immer noch stehen? Respekt! Na ja, diese Wunde hab ich jetzt auch repariert. Du hast wirklich Gl�ck gehabt, dass sie so hoch gesprungen sind ... Wenn sie sich etwas weiter unten verbissen h�tten, h�tte ich dich nicht so leicht wieder zusammenflicken k�nnen.�</p><p>�Ihnen w�nsche ich einen Vampir an den Hals, Juffin. Halten Sie das f�r einen guten Witz?�</p><p>�Jedenfalls ist er nicht schlechter als deine. Na sch�n. Gehen wir.�</p><p>Kaum waren wir wieder auf der Stra�e, schien es, als ginge die Welt unter. Ein kleiner Knirps humpelte winselnd an mir vorbei. Entsetzt stellte ich fest, dass ihm mit fast unh�rbarem Zischen eine kleine Figur nachtrippelte, die in der D�mmerung so sehr einer Ratte �hnelte, dass ich mich beinahe zu einer Heldentat aufgerafft h�tte. Ich beugte mich vor, packte eins der kleinen, eleganten Beine des Gesch�pfs, st�hnte leise vor Angst und schleuderte das Wesen mit aller Kraft aufs Stra�enpflaster. Gleich zerbrach die Puppe in tausend St�cke.</p><p>�Geht man so in den Leeren L�ndern mit ungehorsamen Jungs um?�, fragte Melifaro mit sp�ttischer Ehrerbietung. �Schauen wir mal, wen wir noch fertigmachen k�nnen. Na los!�</p><p>Aber wir kamen nicht weit. Kaum hatten wir begonnen, uns das Stadtviertel vorzukn�pfen, trafen wir schon auf Sir Lonely-Lokley, der ein wenig m�de und sehr friedlich gestimmt war. Sein schneewei�er Lochimantel sah tadellos aus.</p><p>�Das war's schon�, verk�ndete er. �Ich hab die Polizisten gerade angewiesen, die Anwohner zu beruhigen. Es gibt keine Puppen mehr.�</p><p>�Wirklich nicht?�, h�tte ich ihn beinahe gefragt, konnte mich aber gerade noch rechtzeitig bremsen. Wenn Sch�rf Lonely-Lokley so etwas sagte, dann war es auch so. H�chste Zeit, dass ich mir das endlich merkte.</p><p>�Ausgezeichnet. Vielen Dank f�r Ihre schnelle Hilfe, Sir Sch�rf. Ich freue mich schon seit anderthalb Stunden auf eine Tasse Kamra�, g�hnte Juffin.</p><p>�Deshalb hab ich mich ja so beeilt, Sir�, versetzte Sch�rf.</p><p>H�tte ich Lonely-Lokley weniger gut gekannt, h�tte ich schw�ren k�nnen, er habe das ironisch gemeint.</p><p>Wir gingen zu unserem A-Mobil. Unterwegs vernahmen wir ein exaltiertes Gebr�ll, das mir bekannt vorkam.</p><p>�So ein Schreihals geh�rt in den Schweinestall!�, rief Sir Juffin.</p><p>�Was ist denn los? Hat Bubuta sich etwa entschlossen, die Aktion zu �bernehmen?�, wunderte ich mich.</p><p>�Nat�rlich�, meinte Juffin und loderte vor Zorn. �Schlie�lich geht es um etwas Wichtiges! Um die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung und so weiter. Du glaubst doch wohl nicht, Bubuta lie�e sich eine Gelegenheit entgehen zu gl�nzen! G�nn es ihm, das Schwert zu z�cken und damit herumzufuchteln! Das ist schlie�lich alles, was er kann. Schade, dass er die Leitung �bernimmt! Wenigstens hat ihn eine Puppe gebissen!�</p><p>�Nein, Sir�, meinte Lonely-Lokley melancholisch, �das war keine Puppe. Mit General Bubuta Boch ist auch Kapit�n Fuflos gekommen. Wie alle wissen, ist er ein sehr gehorsamer Soldat. Wenn er den Befehl bek�me, um die Ecke zu schie�en, t�te er sogar das.�</p><p>Juffin und Melifaro tauschten einen Blick und l�chelten kurz.</p><p>�Kapit�n Fuflos ist der schlechteste Sch�tze weit und breit�, erkl�rte mir Juffin mit halbem L�cheln. �Wenn er sich auf den Boden wirft, springt sein Gewehr in den Himmel.�</p><p>Nach dieser Bemerkung wandte er sich an Lonely- Lokley. �Was ist eigentlich genau passiert?�</p><p>�Die Sch�sse von Kapit�n Fuflos sind von der Mauer abgeprallt und haben General Bubuta Boch verletzt. Die Wunde ist zwar nicht gef�hrlich, aber �u�erst l�stig. Ich f�rchte, er wird in n�chster Zeit Probleme haben, sich zu setzen.�</p><p>Kaum hatte ich das geh�rt, fiel ich ins Lachen meiner Kollegen ein.</p><p>Als ich wieder am Steuer des A-Mobils sa�, wurde mir klar, dass auch ich endlich eine Tasse Kamra trinken wollte. Also raste ich noch schneller als sonst zum Haus an der Br�cke zur�ck. Der Wagen flog beinahe �ber die Stra�e.</p><p>Wenn es einen gab, dem die Fahrt au�er mir noch Spa� gemacht hat, dann Melifaro. Jedenfalls musste ich ihm versprechen, ihm in unserer Freizeit Einblick ins Geheimnis der Geschwindigkeit zu gew�hren. Doch was f�r ein Geheimnis sollte das �berhaupt sein?</p><p>Ich bin vielleicht gut! Da lache ich �ber Kapit�n Fuflos und kann selbst kein Gewehr bedienen, dachte ich pl�tzlich. Ich wei� nicht mal, wie es �berhaupt funktioniert.</p><p>Juffin hatte meinen inneren Monolog geh�rt und beruhigte mich per Stummer Rede: �Wenn du willst, kannst du den Umgang mit dem Gewehr nach der Arbeit ein wenig �ben. Aber vergiss nicht, dass wir vom Geheimen Suchtrupp den Umgang mit diesem Ger�mpel f�r unter unserer W�rde halten. Bei diesem Tempo solltest du allerdings vor allem auf den Weg achten, kapiert?�</p><p>Im Haus an der Br�cke erwartete uns eine �beraus angenehme �berraschung. Im Saal der allgemeinen Arbeit thronte die zerstreute, aber gl�ckliche Lady Melamori.</p><p>Vor ihr lag ein wei�blonder H�ne, dessen muskul�sen Hals sie mit energisch aufgest�tzten F��en auf die zerkratzten Treppenstufen dr�ckte. Sein Gesicht war vor Atemnot puterrot angelaufen. W�re ich. Schnellrichter gewesen, h�tte ich entschieden, diese peinigende Lage sei f�r den armen Mann Strafe genug.</p><p>��bernehmen Sie das Verh�r und protokollieren Sie alles, Sir Melifaro!�, zwitscherte Lady Melamori vergn�gt. �Ich sitze hier schon seit einer Stunde mit ihm herum.�</p><p>�Daran sind Sie selber schuld. Sie h�tten eine weniger affektierte Pose annehmen sollen. Wir halten ohnehin sehr viel von Ihnen�, meinte Juffin leichthin. �Schleppt dieses Scheusal in Melifaros Arbeitszimmer. Ich ertrage seinen Anblick nicht. Solche H�nde und eine solche Begabung zu haben und damit so viel Unheil anzurichten! Woran hat das eigentlich gelegen, du Genie? Hast du zu wenig verdient, um dir eine Tasse Kamra leisten zu k�nnen? �</p><p>Dschuba Tschebobargo war anscheinend zu keiner Antwort f�hig. Vermutlich hatte er nicht begriffen, was geschehen war.</p><p>Lady Melamori erhob sich grazi�s. Der arme Mann reagierte gar nicht darauf, dass sein Kopf so unerwartet vom Gewicht ihrer F��e befreit war. Die Lady griff ihn bei einer strohblonden Str�hne und zog ihn - scheinbar m�helos - in Melifaros B�ro hin�ber. Der wiederum wiegte beeindruckt den Kopf und ging ihr nach.</p><p>Kaum sa�en wir bei Tisch, begann ich zu leiden. Mit dem verzerrten Gesicht eines Helden aller Weltkriege sehnte ich mich danach, das nette Gespr�ch zu wiederholen, das ich mit meinen Kollegen vor ein paar Tagen im Fressfass gef�hrt hatte, und konnte deren R�ckkehr daher kaum erwarten. Im �brigen hatte ich den Verdacht, so ein nettes Gespr�ch w�rde auch ohne meinen Wunsch zustande kommen. Juffin wollte n�mlich endlich eine Tasse Kamra trinken.</p><p>�Vielleicht sollten wir f�r unsere Abteilung ein paar Flaschen guten Wein bestellen. Irgendwie bin ich m�de heute�, stellte Lonely-Lokley fest. �Ich hoffe, niemand hat was gegen Wein?�</p><p>Und wirklich waren alle mit Schurfs Bestellung einverstanden. Schlie�lich hatten wir etwas zu feiern! Vor wenigen Stunden erst hatten wir einen Fetan - eine der gef�hrlichsten und m�chtigsten Spielarten der dunklen Kraft in dieser Welt - aufgesp�rt und unsch�dlich gemacht. Dar�ber hinaus hatten wir eine Menge verr�ckt gewordener kleiner Leutchen aus dem Verkehr gezogen. Und obendrein hatten wir Dschuba Tschebobargo kennengelernt, den Besitzer von Zauberh�nden!</p><p>Als unsere Bestellung aus dem Fressfass eintraf, zog Lonely-Lokley eine l�chrige Tasse aus dem Mantel, die ich schon kannte. Wiederum schaffte er es, mich in Erstaunen zu versetzen, indem er eine Flasche Nordlicht �ffnete und den Inhalt langsam in die Tasse sch�ttete, deren Gr��e mit Sir Schurfs uners�ttlicher Gier nat�rlich nicht mithalten konnte. Doch auch diesmal drang kein Tropfen durch die vielen L�cher. Im Gegenteil: Eine S�ule aromatischen Weins stieg leicht zitternd �ber dem Tassenrand in die Fl�he. Lonely-Lokley trank von der Oberkante des fl�ssigen Eiszylinders, der daraufhin langsam, aber sicher verschwand, bis nur noch eine leere Tasse vor unserem Helden stand. Ich wollte mich bekreuzigen, �berlegte dann aber, dass diese Geste in Echo als Magie irgendeines unerlaubten Grades missverstanden werden k�nnte, und beherrschte mich deshalb.</p><p>�Geht es Ihnen schon besser, Sir Sch�rf?�, fragte Juffin f�rsorglich.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Vielen Dank f�r die St�rkung.� Auf dem Gesicht von Lonely-Lokley war tats�chlich keine Spur von M�digkeit mehr zu entdecken.</p><p>Nach wie vor aber war mir manches nicht klar, und ich suchte nach Erkl�rungen.</p><p>�Wie hat Dschuba Tschebobargo die Puppen eigentlich zum Leben erwecken k�nnen?�, fragte ich Sir Juffin.</p><p>�Dschuba ist wirklich ein gro�er Meister. All die Puppen hat er allein mit Hilfe erlaubter Magie und mit seinen wunderbaren H�nden geschaffen. Richtig lebendig waren sie freilich nicht, sondern nur imstande, bestimmte Dinge zu tun. Zum Beispiel konnten sie das ganze Geld und allen Schmuck, den sie nur zu tragen vermochten, zusammenraffen und damit zu ihrem Sch�pfer zur�ckkehren. Eine ausgezeichnete Idee! Kompliment! H�tte Melifaro sich nicht mit dieser Sache besch�ftigt, dann h�tte es wohl noch Jahre gedauert, ehe jemand Tschebobargo auf die Schliche gekommen w�re. Und in dieser Zeit h�tte er ein riesiges Verm�gen zusammenr�ubern k�nnen. Der heutige Vorfall allerdings h�tte die ganze Idylle ohnehin beendet.�</p><p>�Was war �berhaupt los? Warum waren die Puppen pl�tzlich so w�tend?�, fragte ich. �Soweit ich wei�, ist so was doch fr�her nicht passiert.�</p><p>�Hast du noch immer nicht kapiert, was los war? Was war das wohl f�r ein M�nnchen, das aus dem Haus deiner Nachbarin gesprungen ist und ihr ungl�ckliches Opfer abgeknutscht hat?�</p><p>�Eine Puppe von Dschuba Tschebobargo!�, rief ich. Endlich war mir die Erleuchtung gekommen. �Lady Feni hat sie mit anderem antiquarischem Plunder erworben! In ihrem ber�chtigten Haus wurde die Puppe dann verr�ckt - genau wie das Amulett, das mich �berfallen hat. Vielleicht w�re ich an ihrer Stelle ja auch �bergeschnappt. Aber was ist mit den �brigen Puppen passiert? War das eine Epidemie?�</p><p>�Wenn du willst, kannst du dich sehr gut ausdr�cken, Max. Es war tats�chlich eine Epidemie. Diese verr�ckte Puppe ist nach Hause zur�ckgekehrt und hat gro�e Ver�nderungen ausgel�st. Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr, dass die verzauberten Puppen in Anwesenheit eines Fetans nicht nur ihre Eigenschaften �ndern, sondern sogar gewisse Eigenschaften auf gleichartige Gesch�pfe �bertragen k�nnen. Der heutige Tag war dem wissenschaftlichen Fortschritt zweifelsohne wohlgesinnt. Und kleinere existenzielle Wunden hat er auch geschlagen.�</p><p>�Obendrein hat er f�r Streitereien mit den Nachbarn gesorgt�, f�gte ich hinzu.</p><p>�Ich hab dir ja immer gesagt, dass du dieses Loch nicht mieten sollst, Junge!�, rief Juffin und schenkte mir treu sorgend Kamra nach.</p><p>�Und ich hab von Anfang an gesagt, dass es mir nur um unsere gute Sache geht. Wie viele Seelen h�tte dieser Fetan wohl noch gefressen, wenn er nicht auf mich gesto�en w�re!�</p><p>�Die Leute aus der Provinz verf�gen nun mal �ber eine ausgezeichnete Intuition - davon bin auch ich inzwischen fest �berzeugt�, res�mierte Sir Lonely-Lokley.</p><p>�Au�erdem sind sie ungew�hnlich oft erfolgreich�, meinte Juffin l�chelnd, wandte sich an mich und erkl�rte: �Jetzt hast du bestimmt gemerkt, dass du das Geschenk des K�nigs genau rechtzeitig bekommen hast. Ich hab noch eine wissenschaftliche Entdeckung f�r dich - hoffentlich die letzte f�r heute. Wisst ihr eigentlich, liebe Leute, dass ich herausgefunden habe, woher die wunderbaren Eigenschaften der Kinder der Purpurroten Perle stammen?�</p><p>�Wenn wir loslegen, kommen irgendwann alle Staatsgeheimnisse ans Tageslicht�, polterte die erm�dete Lady Melamori, richtete sich im Stuhl auf und f�gte hinzu: �Ausgezeichnet, Sir Juffin! Melifaro wird uns gleich erz�hlen, was er mit dem Polizisten - der Nummer vier unseres Wei�en Bl�ttchens - aus Tschebobargo rausgequetscht hat. Dieser Polizist ist wirklich ein Teufelskerl. Der arme Tschebobargo ist au�er sich. Als ich auf seine Spur trat, war ich schrecklich sauer auf ihn. Das ist mir jetzt ein wenig peinlich. Dem armen Dschuba geht es nach all den Untersuchungen sowieso nicht besonders. Warum steht dieser Schichola eigentlich auf dem vierten Platz? Meiner Meinung nach sollte er mindestens auf Platz zwei vorr�cken.�</p><p>�Wenn ich richtig verstanden habe, zeigt sich die Intelligenz von Leutnant Schichola darin, dass er Angst vor Ihnen hat, Lady, und das nicht zu verbergen sucht.�</p><p>�Unsinn!�, rief Melamori entr�stet. �Wir haben uns nur �ber Dienstliches unterhalten.�</p><p>�Das reicht - soweit mir bekannt ist - v�llig aus. Aber Spa� beiseite! Erz�hlen Sie weiter, Lady.�</p><p>�Ach, lassen wir das! Sie haben bestimmt viel interessantere Neuigkeiten. Mein pr�chtiger Sir Juffin - spannen Sie mich nicht allzu sehr auf die Folter!�</p><p>�Das tu ich doch gar nicht. Sie haben mich nur unterbrochen. Sie h�tten ruhig an der T�r lauschen und im richtigen Moment eintreten k�nnen. Aber gut. Wie ich Max schon vor Stunden auf seine Nachfrage hin erkl�rt habe, k�nnen Fetane die Erinnerung, die ihre Opfer an sie haben, in die entlegensten Winkel des menschlichen Bewusstseins zur�ckdr�ngen. Daher k�nnen sich die ungl�cklichen Opfer eines Fetans nie an ihre Tr�ume erinnern und f�hren ihr merkw�rdiges Befinden auf andere Ursachen zur�ck. Infolgedessen bleiben sie zu Hause, gehen ein weiteres Mal schlafen und liefern sich dadurch aufs Neue dem hungrigen Gesch�pf aus. Als ich gestern deine Alptr�ume verfolgte, Max, habe ich erlebt, wie deine Amulette arbeiten, und mit eigenen Augen gesehen, was das Kind der Purpurroten Perle ausgerichtet hat. Du h�ttest deine Perle gar nicht neben dem Kopfkissen lassen m�ssen. Es h�tte v�llig gereicht, sie in der Hand zu halten. Wie sich erwiesen hat, helfen diese Perlen ihrem Besitzer, unter allen Umst�nden das Ged�chtnis zu behalten. Das ist schon das ganze Geheimnis. Und jetzt, Lady Melamori, schlucken Sie bitte runter, was Sie im Mund haben, und berichten Sie, was Ihnen widerfahren ist.�</p><p>Doch Melamori folgte diesem klugen Rat nicht, sondern legte mit vollem Mund los. Tischmanieren schienen nicht gerade die St�rke der hiesigen Aristokratie zu sein. Allerdings hat mich ihr Anblick, wie ich gestehen muss, sehr am�siert.</p><p>�Alles lief wunderbar. Ich bin Dschuba Tschebobargo rasch auf die Spur gekommen. Das war nicht allzu kompliziert, denn seine Adresse ist kein Geheimnis. Dennoch war ich sehr ver�rgert, was sich, wie ihr alle wisst, als Vorteil erwiesen hat. Bei seiner Verhaftung hatte ich den Verbrecher v�llig unter Kontrolle. Melifaro, der sympathische Sir Schichola und ich hatten uns zur Stra�e der kleinen Gener�le aufgemacht. Dort angekommen stellten wir fest, dass sich Tschebobargo in einer schwierigen Situation befand. Er lag im Wohnzimmer auf dem Boden, und seine kleinen Gesch�pfe umringten ihn. Manche Puppen begriffen sich inzwischen als dankbare S�hne ihres Sch�pfers, w�hrend andere der Tyrannei ihres Erzeugers den Kampf ansagen wollten. Als wir ins Zimmer kamen, besprachen sie diese Sache gerade. Ach, meine Herrschaften! Sie sagten kein Wort, sondern knirschten nur mit den Z�hnen. Das war ihr Kompromiss zwischen Stummer Rede und normaler Unterhaltung. Wir haben gleich ein paar Puppen zerst�rt. Daraufhin sind die �brigen panisch in alle Himmelsrichtungen geflohen. Auch Tschebobargo hat zu fliehen versucht, doch ich wei� nicht, ob er sich vor uns oder vor seinen Puppen in Sicherheit hat bringen wollen. Auf alle F�lle wusste der Arme nicht, was um ihn herum geschah. So musste ich ihn weiter verfolgen, w�hrend Melifaro und Sir Schichola zur�ckblieben, um das Unheil vollkommen zu ersticken. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja schon. Aber es gibt noch etwas: Die Polizei hat im Badezimmer von Dschuba Tschebobargo fast alle von ihm gestohlenen Dinge gefunden, darunter auch meine Sachen. Sie haben ganz oben gelegen, weil ich als Letzte beraubt worden bin. Und womit habt ihr euch besch�ftigt?�, fragte Lady Melamori und sah Sir Lonely- Lokley dabei traurig an - und mich auch!</p><p>�Sir Juffin wird Ihnen alles erz�hlen�, antwortete Sch�rf sanft. Er geh�rte offenbar nicht zu den gro�en Schw�tzern des Vereinigten K�nigreichs.</p><p>�Ich warte, bis alle da sind�, meinte Juffin. �Seien Sie mir nicht b�se, s��e Lady, doch ich erz�hle nun mal nicht gern immer wieder das Gleiche.�</p><p>�Schon gut. Aber ich k�nnte - wie Sie genau wissen - vor Neugier in Ihren Armen sterben.�</p><p>Nach kaum einer halben Stunde trat Melifaro ein. Im Gegensatz zu den anderen hatte er es geschafft, sich umzuziehen. Diesmal war seine Skaba salatgr�n, sein Lochimantel dagegen grellrot und k�nigsblau kariert. Bewahrte er etwa seine ganze Garderobe im B�ro auf!?</p><p>Gleich darauf erschien Sir Kofa in Juffins B�ro. Angeblich war er nur vorbeigekommen, um nach dem Stand der Dinge zu fragen. In der Stadt erz�hlte man sich inzwischen merkw�rdige Sachen. Zum Beispiel hie� es von Dschuba Tschebobargo, er sei Anf�hrer einer Bande von Liliputanern gewesen. Au�erdem raunte man, der Ehrw�rdige Leiter habe dem ehemaligen H�fling Tolakan En, der betr�chtliche Spielschulden gehabt habe, h�chstpers�nlich die Kehle durchgeschnitten. Obendrein sollte Juffin noch Tolakans Frau erschlagen haben. Auch hie� es, En habe sich mit verbotener Magie befasst und freundschaftlichen Umgang mit den vierundzwanzig aufs�ssigsten Magistern von Echo gepflegt.</p><p>�Ein h�bsches Ger�cht�, l�chelte Juffin. �Und dazu noch sehr lehrreich. Alle Leute d�rften jetzt begriffen haben, dass man Spielschulden rechtzeitig zur�ckzahlen sollte.�</p><p>Zur Witzfigur des Tages aber wurde General Bubuta Boch, der trotz Verletzung eine Verlautbarung zusammenstoppelte, in der es hie�, unter seiner umsichtigen Leitung sei die Stadtpolizei auf eine Spur gesto�en, die es demn�chst erm�glichen werde, eine Diebstahlserie aufzukl�ren, die die Bewohner von Echo seit kurzem in Atem halte. Der arme Bubuta hatte nicht gemerkt, dass der Fall l�ngst gel�st war! Zum Gl�ck konnten aufgeweckte Mitarbeiter des Generals die Ver�ffentlichung des Kommuniques verhindern und ihren Chef so davor bewahren, sich in der ganzen Stadt zum Gesp�tt zu machen.</p><p>Den Rest des Abends berichtete Juffin von unseren Abenteuern. Fast w�re ich einged�st, so satt war ich, und so warm war mir. Doch vor allem schl�ferte mich ein, meine Abenteuer als so interessantes wie seltsames M�rchen erz�hlt zu bekommen.</p><p>�Max, ich befehle dir, nach Hause zu gehen�, erkl�rte Juffin. �Alle Geheimnisse sind gel�ftet, alle Piroggen gegessen. Was du jetzt brauchst, sind vierundzwanzig Stunden Schlaf ohne den leisesten Alptraum.�</p><p>�Keine Einw�nde!�, l�chelte ich. �Ich habe nur noch eine letzte Frage. Melifaro, was ich schon lange wissen wollte: Gibt es auf deinem Gut eigentlich Katzen?�</p><p>�Nat�rlich. Warum?�</p><p>�Ich hatte mir geschworen, mir ein K�tzchen anzuschaffen, wenn dieser Fall �berstanden ist. Und weil wir nun nicht einen, sondern gleich zwei F�lle gel�st haben, brauche ich ein Paar.�</p><p>�Ich kann dir sogar zw�lf K�tzchen schenken. Aber was willst du damit machen? Willst du sie etwa essen? � �Wir Leute aus der Provinz essen alles�, erkl�rte ich, hatte dann aber Mitleid mit meinen schockierten Kollegen und meinte: �Ich werde sie streicheln, und sie werden schnurren - dem klassischen Verh�ltnis zwischen Mensch und Katze getreu.�</p><p>Zu Hause war es sehr nett. Die Alptr�ume lagen hinter mir, und nach all den turbulenten Tagen war ich hundem�de. Also legte ich mich ins Bett, schloss die Augen und streckte mich so sehr, dass ich beinahe geschrien h�tte. Dann d�ste ich ein und schlief nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Und das sehr lange. Erst am Abend des n�chsten Tages trieb mich der Hunger aus dem Bett. Anders als ein Stein versp�rt der Mensch n�mlich von Zeit zu Zeit gro�en Appetit.</p><p>Nach einer Stunde klopfte es an der T�r. Drau�en stand der junge Bote unserer Dienststelle.</p><p>�Ich habe eine Sendung von Sir Melifaro f�r Sie�, meldete der Junge ehrerbietig und �berreichte mir einen gro�en, enorm schweren Korb. Ich schloss die T�r hinter dem Boten und schlug die gemusterte Decke, die �ber dem Korb lag, zur�ck. Zwei haarige Wesen sahen mich mit hellen blauen Augen an. Ich nahm sie aus dem Korb. Jedes K�tzchen wog mehr als ein erwachsenes Exemplar in meiner Heimat! Ich musterte die beiden - einen schwarzen Kater und eine kaffeebraune Katze. Sie schienen ein enorm ruhiges Wesen zu haben, das schon an Faulheit grenzte und wohl darauf zur�ckzuf�hren war, dass sie allzu gut gen�hrt waren. Meine Neuanschaffung lie� mich richtiggehend aus dem H�uschen geraten. So sehr, dass ich mich gleich bei Sir Melifaro meldete.</p><p>�Vielen Dank, mein Freund! Die Tiere sind wahnsinnig sch�n! Mir fehlen die Worte�, teilte ich ihm mit.</p><p>�S�ndige Magister, Max! Dass du dich in Stummer Rede so lustig ausdr�cken w�rdest, h�tte ich nicht gedacht. Die Katzen sind doch nicht der Rede wert. Guten Appetit!�</p><p>Was h�tte ich von ihm sonst zu h�ren bekommen k�nnen?</p><p>Den Kater nannte ich Armstrong, die Katze Ella. Diese Namen gab ich ihnen, als sie mich laut miauend daran erinnerten, gef�ttert werden zu wollen. Meine Tiere hatten wirklich durchdringende Stimmen! Und als ich noch nicht Sir Max aus Echo war, habe ich abends gern alten Jazz geh�rt.</p></section><section><p>Zelle Nummer F�nf</p><p>Jeder gro�en Sache im Haus an der Br�cke geht die Ruhe vor dem Sturm voraus. Wenn ich ein paar N�chte nacheinander ungest�rt in meinem Sessel d�sen und die F��e auf den Schreibtisch legen kann, wei� ich: Demn�chst bricht bestimmt das Chaos aus.</p><p>Ansonsten kann ich nicht klagen. Meine Arbeit f�r den Geheimdienst ist nicht zur Routine geworden, und es ist auch kaum anzunehmen, dass sie je Routine wird.</p><p>Wenn die Zahl der ungekl�rten F�lle dramatisch zunimmt, beginnen alle zu rotieren. Dann ist es bei uns ungemein hektisch, und es geht zu wie in einem Taubenschlag. Auch mein Tagesablauf weicht dann vom normalen Gang der Dinge ab. In so einer Phase l�sst sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehr erleben als manchmal in einem Jahr.</p><p>Das gef�llt mir, und das wird mir bis ans Lebensende gefallen. Selbst die paar hundert Jahre, die fast jedem Bewohner Echos geg�nnt sind, erscheinen mir inzwischen als relativ kurze Zeitspanne. Offen gestanden m�chte ich ewig leben - vorausgesetzt, mir bleiben die Gebrechen des Alters erspart. Vor dem �lterwerden selbst jedenfalls habe ich keine Angst. Ich brauche nur Sir Juffin oder Sir Kofa anzuschauen, um zu begreifen, dass fortgeschrittenes Alter eher ein Vorteil als ein Problem ist.</p><p>An diesem Morgen erschien Sir Kofa Joch genau zehn Sekunden vor Sir Juffin. In dieser kurzen Zeit schaffte er es, sich in den Sessel zu setzen, die dienstliche Miene zu verbannen - er hat eine flache Stirn, eine lange Knubbelnase und hohe Wangenknochen, sinnliche Lippen und ein Doppelkinn - und sich zu strecken, dass die Gelenke knackten.</p><p>Sir Juffin g�hnte ansteckend von der T�rschwelle zu seinem Kollegen hin�ber, streckte sich dann, ging zum eigenen Schreibtisch und g�hnte erneut und diesmal st�rker. Sogar ich fing an zu g�hnen und mich zu strecken, obwohl ich in der Nacht ganz gut an meinem Schreibtisch geschlafen hatte. Auch im Sitzen kann ich n�mlich prima pennen.</p><p>Normalerweise h�tte ich jetzt nach Hause gehen k�nnen, doch ich entschied mich, noch eine Tasse Kamra mit meinen �lteren Kollegen zu trinken. Ich wei� ja, wie sie sind: Kaum bin ich gegangen, unterhalten sie sich �ber die interessantesten Dinge. Das kann ich nicht hinnehmen! Darum bin ich zu Beginn der Tagschicht nur mit Gewalt aus dem B�ro zu kriegen.</p><p>�So schlecht, wie ich heute Nacht geschlafen habe, k�nnten wir die gesamte Bev�lkerung von Echo wegen Anwendung unerlaubter Magie verhaften�, verk�ndete Juffin und trank seine Tasse Kamra schl�rfend auf einen Zug halb leer. �Aber wo sollten wir all die Leute gefangen setzen? Im Cholomi-Gef�ngnis gibt es nicht genug Zellen.�</p><p>�Ist es so schlimm?�, fragte Sir Kofa misstrauisch und kniff die Augen zusammen.</p><p>�Noch schlimmer. Kaum war ich eingeschlafen, weckte mich schon das Signal, das den Einsatz unerlaubter Magie anzeigt, und lie� mich beinahe an die Decke gehen. Ich habe nun mal das Pech, von Natur aus sehr empfindlich zu sein. Was ist heute blo� los, Kofa? Hast du eine Ahnung? Gibt es ein Festival Komm, lass uns zaubern, zu dem die Vertreter aller wichtigen alten Orden gekommen sind?�, fragte unser Ehrw�rdiger Leiter, trank seine Kamra mit einem weiteren Zug leer und fuhr launig fort: �Oder hab ich etwa einen Staatsstreich verschlafen?�</p><p>Aus seinem tiefen Sessel heraus betrachtete Kofa Sir Juffins m�des Gesicht mit v�terlicher Sorge. Als es endlich still war, erlaubte er sich eine Erkl�rung.</p><p>�Leider, Juffin, ist die Lage l�ngst nicht so aufregend, sondern eher traurig.�</p><p>�Auch das noch! Na, spann mich nicht l�nger auf die Folter!�</p><p>�Nichts liegt mir ferner als das! Sie wissen doch, dass es dem alten Sir Frachra schlecht geht. Die Kurpfuscher sind ratlos. Er ist mindestens tausend Jahre alt. Nicht jeder Zauberer lebt so lange. Frachra ist mal Novize eines l�ngst vergessenen Ordens gewesen. Irgendwann haben sie ihn rausgeworfen, und er hat eine Stelle bei Hof bekommen. Damit ist seine Geschichte schon beinahe erz�hlt.�</p><p>�Das wei� ich doch alles. Vielleicht wollte der Alte einfach sein Leben verl�ngern. Doch das klingt recht merkw�rdig, denn an sich pflegen alte M�nner die Grenzen ihrer M�glichkeiten sehr gut zu kennen.�</p><p>�Sir Frachra ist zweifelsohne ein kluger Mann. Klug genug jedenfalls, um zu wissen, wovon man in dieser Welt Abschied nehmen soll. Seine Hausangestellten und Diener verg�ttern ihn, unter anderem sein Koch.�</p><p>Juffins Gesicht hellte sich auf: �Den kenn ich. Das ist doch dieser Schutta Bach, der j�ngere Sohn von Bagatta Bach, dem Chefkoch am Hofe von K�nig Gurig VII., der nach Verabschiedung des Chrember-Gesetzbuchs in den Ruhestand gegangen ist.�</p><p>�Und das war schlau von ihm, denn die alte Kochkunst bleibt unerreicht. Was hat ein Virtuose wie Bagatta Bach in einer K�che ohne Magie zwanzigsten oder drei�igsten Grades schon verloren? Soll er etwa K�chenhilfen herumkommandieren?�</p><p>�Soweit ich wei�, hat Schutta von seinem Vater einiges gelernt�, f�gte Juffin gedankenverloren hinzu.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Wie Sie wissen, w�re Schutta Bach f�r seinen alten Herrn durchs Feuer gegangen. Und ein wenig gegen die Gesetze zu versto�en, um den alten, todkranken Sir Frachra mit seinem Leibgericht zu verw�hnen, war das Geringste, was er tun konnte. Kurz gesagt: Letzte Nacht wurde die Pirogge Tschakkatta gemacht. Alle n�chtlichen Spazierg�nger in Echo haben bis in die fr�hen Morgenstunden ihre Nase in den Wind gehalten, ohne zu wissen, warum.�</p><p>�Ich verzeihe es Schutta, dass er mich so schlecht hat schlafen lassen�, seufzte Juffin. �Bestimmt hat er sich an uns gewandt und uns gebeten, ein gutes Wort f�r seine s�ndige Seele einzulegen, oder?�</p><p>�Schutta Bach hat sich tats�chlich an mich gewandt und mir mitgeteilt, er werde gegen das Gesetz versto�en�, sagte Kofa. �Eine solche Mitteilung ist seine Pflicht dem K�nig gegen�ber und eine Frage der Ehrlichkeit, nicht der Gesinnung. Der Junge wollte uns vor Scherereien bewahren und hat gesagt, wenn wir ihn ins Gef�ngnis stecken wollen, sei das kein Problem. Er hat nur gebeten, damit bis heute Morgen zu warten, denn er hat dem Alten unbedingt seine Lieblingspirogge kochen wollen. Daf�r ist er sogar bereit, aufs Schafott zu steigen.�</p><p>�Dieser geriebene Kerl wei�, dass Sir Juffin Halli die Hand niemals gegen einen K�chenzauberer heben wird. Na ja, auf alle F�lle hoffe ich, dass Sir Frachra gl�cklich stirbt. Wie gern w�re ich an seiner Stelle!�</p><p>�Schutta hofft tats�chlich auf Ihre Loyalit�t, Sir. Und als Zeichen der Dankbarkeit hat er beschlossen, die Verantwortung f�r seine Tat mit Ihnen zu teilen.� Kofa zog eine Schachtel aus dem Lochimantel und �bergab sie vorsichtig Sir Juffin.</p><p>Der wiederum behandelte die Schachtel wie eine ungeheure Kostbarkeit. Ich hatte ihn wirklich noch nie so ehrf�rchtig dreinblicken sehen. Kaum hatte er den Deckel ge�ffnet und dabei darauf geachtet, dass die Seitenw�nde nicht aufklappten, erblickten wir eine riesige Pirogge, die wie ein dreieckiger Bernstein aussah und von innen heraus in warmem Licht erstrahlte. Juffins H�nde zitterten - Ehrenwort! Er seufzte, nahm ein Messer und schnitt ein kleines St�ck ab.</p><p>�Halt mal, Max. Du kannst dir nicht vorstellen, was f�r ein Gl�ck du hast �... und welche Ehre dir gerade erwiesen wurde�, erg�nzte Kofa l�chelnd. �H�tte Juffin sein Leben f�r dich opfern wollen, h�tte ich das noch verstanden. Aber dass er eine Tschakkatta-Pirogge mit dir teilt, ist wirklich unfassbar! Was ist blo� los mit Ihnen, Juffin?�</p><p>�Das wei� ich selber nicht. Max ist einfach ein Gl�ckskind�, seufzte mein Chef. �Mit dir, Kofa, teile ich nicht. Ich bin fest �berzeugt, dass du deine Portion schon bekommen hast.�</p><p>�Stimmt. Ihr Gewissen darf beruhigt sein.�</p><p>�Und deine Pirogge war sicher ein St�ck gr��er ...�</p><p>�Neid l�sst alles gr��er scheinen. Dabei war mein Teil nur halb so gro� wie Ihres.�</p><p>Wie verzaubert betrachtete ich mein kleines St�ck Pirogge. Was f�r ein merkw�rdiges Geb�ck das doch war! Und warum mochte es die H�nde von Sir Juffin zum Zittern gebracht haben? Vorsichtig biss ich hinein.</p><p>Keine menschliche Sprache hat Worte, um zu beschreiben, was an diesem Morgen in meinem Mund geschah. Sollten Sie denken, Ihre Zunge habe alle nur m�glichen kulinarischen Wonnen empfunden, dann bleiben Sie ruhig in diesem Zustand gl�cklicher Ignoranz. Ich verstumme, denn um auch nur einen Biss in eine Tschakkatta-Pirogge zu beschreiben, w�rden tausend Worte mir nicht reichen.</p><p>Als das Festmahl zu Ende war, schwiegen wir einige Zeit bedeutungsschwer.</p><p>�Lie�e sich nicht wenigstens das Verschenken magisch hergestellter Gaumenfreuden legalisieren?�, fragte ich betr�bt, weil mich die Ungerechtigkeit der Welt bedr�ckte. �Wenn das ein Gericht der alten K�che war, m�chte ich unbedingt weitere Speisen von damals kennenlernen.�</p><p>Meine Kollegen tauschten einen traurigen Blick und hatten die Miene von Menschen, die etwas sehr Wertvolles f�r immer verloren haben.</p><p>�Tut mir leid, Max, aber es hei�t, solche Geschenke k�nnten die Welt zum Einsturz bringen!�, seufzte Juffin. �Und daf�r wurde das Chrember-Gesetzbuch schlie�lich nicht geschrieben.�</p><p>�Seine Verfasser haben bestimmt tausend Jahre lang strengste Di�t gehalten und deshalb die ganze Menschheit gehasst�, murmelte ich. �G�nnen sich nicht mal Seine Majest�t und der Gro�e Magister Nuflin zum Fr�hst�ck eine Tschakkatta-Pirogge? Das glaube ich einfach nicht!�</p><p>�Deine Intuition ist ausgezeichnet. Was den K�nig anlangt, habe ich meine Zweifel, aber daf�r gibt es in der Stadt Ger�chte �ber eine Geheimk�che, die sich in Jaffachs Keller befinden soll - in der Residenz des Ordens des Siebenzackigen Blattes also�, bemerkte Sir Kofa mit gezwungenem Gleichmut.</p><p>�Kann es sein, dass man mich gar nicht in den Geheimdienst h�tte aufnehmen sollen?�, fragte ich und warf Juffin einen vorwurfsvollen Blick zu. �Legen Sie doch f�r mich ein gutes Wort beim Orden des Siebenzackigen Blattes ein! Vielleicht bekomme ich dann wenigstens eine Stelle bei Hof.�</p><p>Juffin nickte geistesabwesend, trank einen zweiten, inzwischen kalt gewordenen Becher Kamra und schenkte uns ein strahlendes L�cheln.</p><p>�Das Leben geht weiter�, erkl�rte er. �Aber Pirogge beiseite, mein teurer Freund - ist in der Zwischenzeit sonst noch was passiert?�</p><p>�Nur, was im Polizeibericht von General Bubuta steht�, sagte Kofa und machte dabei eine geringsch�tzige Handbewegung. �Nichts als Kleinigkeiten - davon allerdings jede Menge. Deshalb wohl haben Sie so schlecht geschlafen. Zum Beispiel haben die bl�den Schmuggler versucht, ihre Fracht vor dem Zoll zu verstecken, und daf�r Schwarze Magie f�nfzehnten Grades angewandt. K�nnen Sie sich das vorstellen?�</p><p>�Nat�rlich�, meinte Juffin und nickte traurig. �Man kann sogar einen alten Skabamantel stehlen und danach das ganze Rechte Flussufer sprengen, damit niemand den T�ter ermittelt.�</p><p>�Dazu kommt die Herstellung falscher Juwelen, bei der Schwarze Magie sechsten Grades eingesetzt wurde. Au�erdem hat es einen misslungenen Versuch gegeben, auf eigene Faust Schlafmittel herzustellen. Das war �brigens der gr��te Quatsch. Aber Sie haben vermutlich auf etwas Schwerwiegenderes gehofft. Bela Grou - ein ehemaliger Novize des Ordens des Geheimen Krauts - hat sich entschieden, Taschendieb zu werden. Ich muss gestehen, dass er in diesem Metier ein echter Experte geworden ist. Auch heute Nacht hat man ihn nicht verhaften k�nnen. Aber schauen Sie sich das besser selber an.�</p><p>Sir Kofa Joch gab Sir Juffin einige sich selbst beschriftende Tafeln. Diese Tafeln sind - unter uns gesagt - eine ungemein praktische Erfindung! Man kann denken, was man will: Gleich schreiben sie es einem auf. Dabei hat sich zwar gezeigt, dass die Gedanken mancher Leute grammatisch fehlerhaft sind, aber dagegen l�sst sich ohnehin nichts machen.</p><p>Juffin inspizierte die Tafeln wohlwollend. �Ich w�sste gern, womit Bubuta Boch sich w�hrend der Arbeitszeit besch�ftigt. Und womit er sich Gedanken macht, wenn das mal n�tig sein sollte. Etwa mit dem Hintern?</p><p>Der ist immerhin riesig - da k�nnte er doch wohl mal auf einen klugen Gedanken kommen! Na ja, �berlassen wir ihm den Piroggenb�cker und die Schmuggler, und heben wir uns den Juwelenf�lscher und den Taschendieb f�r sp�ter auf.�</p><p>Sir Kofa nickte verst�ndnisvoll. �Wenn Sie erlauben, m�chte ich mich jetzt verabschieden. Unterwegs will ich noch was im Rosa Buriwuch trinken. Zwar gibt es dort keine vern�nftige Kamra, aber daf�r versammeln sich da die geschw�tzigsten Marktweiber von Echo. Zumal an einem Markttag wie heute. Ich glaube eigentlich nicht, dass ... Obwohl... &lt;&gt; Sir Kofa war pl�tzlich ins Stocken geraten und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, das sich im selben Moment zu verwandeln begann. Er rieb seine sichtlich wachsende Nase und machte sich auf den Weg, die restlichen Ermittlungen zu beenden.</p><p>�Juffin�, begann ich verlegen. �Sagen Sie mir doch, warum Sie nicht gleich alle F�lle an General Bubuta Boch �bergeben haben. Er mag ein Bock sein, doch Verbrecher frei herumlaufen zu lassen, ist meiner Meinung nach nicht richtig. Oder habe ich da wieder etwas missverstanden?�</p><p>�Missverstanden? Gar nichts hast du verstanden! Ein Verbrecher in Freiheit ist eine kleine Unannehmlichkeit; ein Bubuta aber, der im Haus an der Br�cke heruml�uft, ist eine Katastrophe. Darum habe ich keine Lust, mich an seine Anwesenheit zu gew�hnen. Denn das hie�e, dass er die Situation kontrollieren w�rde. Dabei sollten wir die Lage kontrollieren, damit Bubuta uns verpflichtet ist. Nur dann l�sst sich ein konstruktiver Dialog mit ihm f�hren. Wir brauchen immer ein paar Dinge, von denen er nichts wei�, um ihm mitunter ein Geschenk machen oder ihn erschrecken zu k�nnen. Seine Dankbarkeit ist lautstark und ungest�m wie die Bl�hungen, die er in seinem Kielwasser hinterl�sst. Und genauso kurzlebig wie deren Aroma.�</p><p>�Das ist ja ganz sch�n kompliziert!�, klagte ich.</p><p>�Kompliziert?! Das ist Basiswissen, mein Junge. Was bedeutet &gt;Bock&lt; eigentlich?�</p><p>�Bock? Das ist Bubuta Boch. Und Sie sind ein echter Jesuit!�</p><p>�Du kannst ganz sch�n schimpfen�, kicherte Juffin begeistert.</p><p>�Ich bitte um Verzeihung!�, rief der Unbekannte, in den Sir Kofa sich gerade verwandelt hatte, durch die offene T�r in Juffins B�ro hinein. �Wegen der s�ndigen Pirogge hab ich das Wichtigste vergessen: Die ganze Nacht hat es in der Stadt Ger�chte gegeben, Burada Isofs sei im Cholomi-Gef�ngnis gestorben. Ich hab das �berpr�fen lassen, und es stimmt tats�chlich. Er war in Zelle Nummer F�nf inhaftiert. Dem sollten Sie nachgehen, Juffin. Oder was meinen Sie?�</p><p>�Das sollte ich auf jeden Fall im Auge behalten�, meinte unser Leiter. �Aber wie haben n�chtliche Spazierg�nger davon erfahren? Zumal das Ganze hinter Gef�ngnismauern passierte?�</p><p>�Sie haben doch selbst gesagt, dass es in Echo jede Menge preiswerte Hellseher gibt�, mischte ich mich ins Gespr�ch.</p><p>�Na so was. Vielen Dank, Kofa. Du hast mir wirklich eine Freude gemacht. Wie viele Leute sind eigentlich in den letzten Jahren in Zelle Nummer F�nf gestorben, Kurusch?�</p><p>Der verschlafene Vogel plusterte sich ein wenig auf und gab dann eine Bilanz zum Besten, die bis zum 225. Tag des 115. Jahres reichte, also bis zu dem Tag, an dem diese Geschichte spielt.</p><p>�Dosot Fer ist am 114. Tag des 112. Jahres in Zelle F�nf des K�niglichen Cholomi-Gef�ngnisses gestorben genau wie Tolosot Liw am 209. Tag des 113. Jahres, Balok Sanr am 173. Tag des 114. Jahres, Civet Maron am 236. Tag des 114. Jahres, Acham Ann am 78. Tag des 115. Jahres und Sowaz Lowod am 184. Tag des 115. Jahres. Burada Isofs ist dort ebenfalls gestorben, und zwar am 224. Tag des 115. Jahres, wenn ich Sir Kofa richtig verstanden habe. Gibt mir noch jemand ein paar N�sse?�, schloss Kurusch mit unerwartet inoffizieller Stimme.</p><p>�Nat�rlich, mein Lieber!�, sagte Juffin und begann sofort, in den Schubladen seines Schreibtischs nach N�ssen zu suchen, die dort reichlicher vorhanden waren als Geheimunterlagen. �Und du, Kofa, k�mmerst dich jetzt um deine Aufgaben. Vielen Dank, dass du den Vorfall im Gef�ngnis erw�hnt hast. Mal sehen, was sich da herausfinden l�sst.�</p><p>Unser �Verfressener Meister des Verh�rs� - diesen Spitznamen hatte er von Melifaro - nickte und verschwand im Halbdunkel des Korridors. Die T�r schloss sich ger�uschlos, und ich erschauerte unter Sir Juffins kritischem Blick.</p><p>�Also, Max, willst du den Vorfall im Gef�ngnis untersuchen?�</p><p>�Wo soll ich denn anfangen?�</p><p>�Wir haben nur eine Chance: Du l�sst dich in Cholomi inhaftieren. Dort bekommst du sicher jede Menge Scherereien, erlebst, wie es da zugeht, und kannst die Verh�ltnisse vor Ort mit eigenen Augen studieren. Diese Beobachtungen sollten dir erm�glichen, eine Ermittlungsstrategie zu entwickeln.�</p><p>�Ich? In Cholomi?�</p><p>�Wo denn sonst? Schlie�lich sterben die Leute dort und nicht bei dir zu Hause. Du f�hrst morgen. Und reg dich nicht so sehr dar�ber auf. Nach allem, was bisher passiert ist, brauchst du nicht lange auf weitere Entwicklungen zu warten. Ich bin fest �berzeugt, dass niemand diese Sache besser erledigen kann als du.�</p><p>�Welche Sache denn? Im Gef�ngnis schmoren?�</p><p>�Das meine ich nat�rlich auch�, sagte Sir Juffin und l�chelte gen�sslich. �Was ist mit dir los, Max? Wo ist dein Humor geblieben?�</p><p>�Der muss irgendwo verloren gegangen sein. Ich geh ihn gleich mal suchen�, meinte ich und winkte vage ab, um zu zeigen, dass es um mich doch noch nicht so schlimm bestellt war.</p><p>�H�r mal, Max - fr�her oder sp�ter w�re das sowieso passiert...�</p><p>�Was meinen Sie damit? Dass man mich ins Gef�ngnis wirft?�</p><p>�Fang doch nicht immer wieder mit diesem Gef�ngnis an! Hier geht es um eine sehr ernste Sache. Fr�her oder sp�ter musst du zum ersten Mal allein arbeiten. Sei froh, dass du schon jetzt die M�glichkeit dazu bekommst. Hier handelt es sich nicht um einen Fall, der �ber Wohl und Wehe von Echo entscheidet. Und allzu kompliziert ist er offenbar auch nicht. Au�erdem kann ich dir jederzeit helfen, obwohl ich �berzeugt bin, dass du meine Hilfe nicht brauchen wirst. Im �brigen, Max, hast du noch �ber vierundzwanzig Stunden Zeit, �ber den Fall nachzudenken und dein Vorgehen zu planen. Alles, was du brauchst, steht zu deiner Verf�gung. Und heute Abend schiebst du keinen Dienst, sondern kommst mich besuchen. Es wird ein Abschiedsessen f�r den k�nftigen Gefangenen geben - mit allen kulinarischen Gen�ssen!�</p><p>�Vielen Dank, Juffin.�</p><p>�Nichts zu danken. So unangenehm dein Einsatz auch werden mag - wir lassen uns dadurch die Freundschaft nicht vermiesen.�</p><p>�Na ja - Sie k�nnten mir ja noch ein paar Tipps geben</p><p>�Das glaubst du doch hoffentlich selber nicht! Es geht nur darum, den k�nftigen Gefangenen mit einem Festmahl zu verabschieden.�</p><p>Mit diesen Worten trennten wir uns.</p><p>In der Hoffnung, endlich ein paar Hinweise darauf zu bekommen, was ich im Cholomi-Gef�ngnis eigentlich ausrichten sollte, ging ich am Abend zum Linken Flussufer, f�rchtete aber, der alte Unhold Juffin w�rde mir nur einmal mehr erkl�ren, ich h�tte diesen Fall ganz allein zu l�sen. Sicher w�rde er erneut sagen, ich sei nur zum Essen eingeladen, und wenn ich ihm eine Freude machen wolle, solle ich m�chtig reinhauen. Und wenn ich dennoch nachzufragen wagte, w�rde er mir erkl�ren, �ber die Arbeit h�tten wir schon genug geredet.</p><p>Kimpa berichtete mir schon auf der T�rschwelle, der Ehrw�rdige Leiter habe das Abendessen pers�nlich zubereitet. Wie sich erwies, konnte Sir Juffin ausgezeichnet kochen! Aber ich hatte auf etwas anderes gehofft - auf Ratschl�ge und Instruktionen n�mlich.</p><p>�Setz dich, Max. Und vergiss nicht: Morgen ist morgen, und heut ist heut. Au�erdem wei� ich eines ganz genau: Wenn du erst im Cholomi-Gef�ngnis bist, kommst du bestimmt auf eine dumme Idee, die sich im Nachhinein als goldrichtig erweisen wird. Probier das hier doch mal.�</p><p>Chuf - Sir Juffins kleiner Hund und mein bester Freund - seufzte mitf�hlend unter dem Tisch. �Max hat Angst ... das ist schlecht�, teilte er mir mitleidig per Stummer Rede mit, und ich antwortete ihm innig: �Du bist der Einzige, der mich liebt und versteht�, fing also schon wieder an, mich zu bedauern.</p><p>�Sir Juffin - trotz all Ihrer Komplimente w�re es f�r mich am besten, einen Zettel zu bekommen, auf dem in Druckschrift vermerkt ist, was ich im Gef�ngnis zu tun habe.�</p><p>�Ach, Max, du bringst immer alles durcheinander. Iss - mehr hast du im Moment nicht zu tun. Wei�t du, schon seit vierzig Jahren tr�ume ich davon, in Rente zu gehen und ein Restaurant zu er�ffnen. Dort w�re es bestimmt nicht schlechter als im Fressfass.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht. Allerdings w�rde der K�nig Ihnen das nicht erlauben.�</p><p>�Irgendwann tut er das gewiss.�</p><p>�Sind Sie noch nie auf den Gedanken gekommen, die Leute k�nnten Angst haben, ins Wirtshaus eines ehemaligen Topagenten zu gehen? K�nnen Sie sich nicht vorstellen, welche Ger�chte �ber Ihre K�che in der Stadt kursieren w�rden? Es hie�e bestimmt, Sie bereiten alle Gerichte aus D�rrfleisch zu, das Sie rebellischen Magistern von den Rippen geschnitten haben. Und man w�rde behaupten, Ihre Suppen enthielten das Blut unschuldiger Kinder.�</p><p>�Die Vampire sollen dich holen, mein Junge! Solche Ger�chte sind doch die beste Werbung! Und das Blut unschuldiger Kinder hat einen fabelhaften Neuigkeitswert. Vorausgesetzt, man kann die entsprechenden Ger�chte geschickt lancieren.�</p><p>Substanzielleres hatte ich von Juffin ohnehin nicht erwartet. Kurz vor Verlassen seines Hauses aber hatte ich eine blendende Idee: �Ich habe beschlossen, Sir Lonely- Lokley ins Gef�ngnis mitzunehmen�, sagte ich, und meine Stimme klang begeistert, da mich die Genialit�t meines Einfalls schier �berrumpelt hatte. �Ich hoffe, das ist m�glich?�</p><p>�Eigentlich sind die Zellen nur f�r eine Person gedacht. Meinst du, ihr k�nnt eng umschlungen schlafen? Na ja, bei deiner Vorstellung von Bequemlichkeit...�</p><p>�Nein, nein - Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe vor, Sir Sch�rf zu verkleinern und ihn in meiner Hand verschwinden zu lassen. Er hat mir das selber vor ein paar Tagen beigebracht und gemeint, ich w�rde das schon sehr gut beherrschen. Na ja, zugegeben, bisher hab ich noch nicht an lebenden Menschen ge�bt�, f�gte ich halbherzig hinzu, und mein Selbstbewusstsein schwand wie eine Pf�tze in der W�ste.</p><p>�Tot oder lebendig - da gibt es keinen Unterschied�, beruhigte mich Sir Juffin. �Das ist eine ausgezeichnete Idee, Max. Ich hab doch gesagt, dass niemand diesen Fall besser bew�ltigen kann als du!�</p><p>�Hoffentlich. Ob auch Sir Lonely-Lokley mit meinem Vorschlag einverstanden sein wird?�</p><p>�Zum einen wird es Sir Sch�rf sicher sehr schmeicheln, dass du so viel Vertrauen zu ihm hast, denn er nimmt dich viel ernster, als du ahnst. Zum anderen interessiert niemanden, was er �ber deinen Vorschlag denkt, denn Befehl ist Befehl. Gew�hn dich endlich daran, mein Stellvertreter zu sein: Anweisungen zu erteilen, ist dein t�gliches Brot.�</p><p>�S�ndige Magister! Ich kann vieles nicht leiden, und Befehlen geh�rt sicher dazu!�, rief ich und runzelte die Stirn.</p><p>�Und wer hat mit seinem Gebr�ll die j�ngeren Bediensteten in unserer H�lfte des Hauses an der Br�cke so erschreckt? Wer hat Bubuta Boch so gereizt, dass er beinahe einen Wutanfall bekommen h�tte? Stell dich nicht so an, Max. Aus dir wird noch ein perfekter Tyrann - einer von denen, die man mit gr��tem Vergn�gen bei einem Putsch um die Ecke bringt.�</p><p>�Als ich die M�glichkeit bekam, Befehle zu geben, war ich die ersten beiden Tage wirklich gl�cklich�, gab ich verlegen zu. �Doch ich habe schnell begriffen, dass das nichts f�r mich ist. Wenn ich einen Boten um Kamra schicke, h�re ich auf, der sympathische Max zu sein, den ich schon lange kenne. Diesen Befehl gibt ein anderer. Ich kann nicht sagen, wer, doch der Typ gef�llt mir einfach nicht!�</p><p>�Was f�r eine komplizierte Natur du bist!�, sagte Juffin l�chelnd. �Na sch�n. Nimm das alles nicht so ernst. Ich werde Sch�rf per Stummer Rede alles erkl�ren. Sonst noch W�nsche?�</p><p>�Im Moment nicht. Ich bin nur von Wenigem wirklich �berzeugt, und dazu geh�rt, dass ich mich in Gesellschaft von Sir Lonely-Lokley sicherer f�hlen werde. Juffin, ich habe Ihnen noch nie davon erz�hlt, doch ich bin ein ziemlich �ngstlicher Junge. Vergessen Sie das nicht.�</p><p>�Stell dir vor - auch ich werde mich ruhiger f�hlen, wenn du mit Sch�rf unterwegs bist�, gab Juffin zu. �Ich hab dir auch noch nicht erz�hlt, dass ich ein vorsichtiger alter Fuchs bin. Du musst lernen, dich geschickter auszudr�cken, Max. Ich hab das Gleiche gesagt wie du, doch meine Formulierung hat der Eitelkeit sehr viel mehr geschmeichelt als deine Worte.�</p><p>Kaum hatte ich das Haus meines Chefs verlassen, packte mich die Verwirrung. Ich wollte mir einreden, Juffin glaube zu Recht, ich k�nne selbst�ndig arbeiten und eine Operation allein durchf�hren, kam mir dabei allerdings etwas heuchlerisch vor. Pl�tzlich erwachte in mir ein streberhaftes Gef�hl und fl�sterte, ich m�sse entweder alles perfekt erledigen oder sterben, um mein Elend nicht l�nger mit anzusehen. Wo war dieser Streber blo�, als ich noch zur Schule ging? Das w�sste ich gern.</p><p>Obwohl ich noch weit l�nger h�tte gr�beln k�nnen, war mir eins sofort klar: Wenn alles �berstanden w�re, w�rde ich gl�cklich sein, von Sir Juffin Halli ein L�cheln und ein paar dieser g�nnerhaften Worte zu bekommen, die einen Menschen fertigmachen k�nnen, der gerade einen Berg erobert hat - Worte wie: �Na siehst du, Max, ich hab dir doch immer gesagt, dass alles prima klappen wird, und du hast mir nicht geglaubt!� Ich musste mich also damit abfinden, wer wei� wie heroische Taten zu vollbringen, nur um mir ein wohlwollendes L�cheln meines Chefs zu verdienen. So tief war ich gesunken!</p><p>Die Nacht war kalt - eine der k�ltesten des Winters. Das Quecksilberthermometer in meiner Heimat freilich h�tte sicher kaum mehr als null Grad gezeigt. Das Klima in Echo ist im Allgemeinen sehr gem��igt. Es gibt hier weder extreme K�lte noch starke Hitze, und das hat mir an meinem neuen Zuhause immer gefallen. F�r verschneite Winterromantik war ich nie empf�nglich. Ich kann es nicht ertragen, in der D�mmerung zur Arbeit zu gehen, mit verfrorenen Beinen in halbnassen Schuhen �ber den Gehsteig zu schlurfen und dar�ber nachzudenken, was mich neue Schuhe kosten werden. Und im Hochsommer wiederum bin ich bereit, mein Seelenheil f�r ein wenig frische Luft zu verkaufen. Deshalb macht mich das angenehme Klima von Echo richtig gl�cklich. Aber irgendwas muss mich ja auch gl�cklich machen - den Magistern sei Dank!</p><p>Ich fuhr nach Hause und versuchte, nicht an die anstehende Aufgabe zu denken, sondern mich auf etwas anderes zu konzentrieren - zum Beispiel darauf, ob ich es am Morgen noch schaffen w�rde, Lady Melamori zu sehen.</p><p>Meine Sympathie f�r sie hatte bereits gef�hrliche Ausma�e angenommen. Am schlimmsten jedoch war, dass ich sie oft nicht verstehen konnte. Vielleicht brauchte ich ja einen Dolmetscher. Seit dem Abend, an dem wir uns kennengelernt hatten, sah sie mich mit unverhohlener Anbetung an. Vielleicht sogar mit ein wenig Angst. Doch soweit ich wei�, f�hrt ma�lose Begeisterung selten dazu, dass Menschen einander nahekommen. Darum wusste ich selber nicht, ob ich noch hoffen oder gar die Initiative ergreifen sollte, ehe es endg�ltig zu sp�t w�re. Und woher sollte ich wissen, ob es nicht l�ngst zu sp�t war? Das war mein Problem.</p><p>Ein paar Tage zuvor hatte Lady Melamori mich �berrascht und mir vorgeschlagen: �Besuchen Sie mich doch heute Abend, Max! Sie wissen noch nicht, wo? Es ist leicht zu finden: Ich lebe in der N�he des Stadtteils Rendezvous. Lustig, was?�</p><p>Mir war ganz schwindelig geworden. Innerlich platzte ich schier vor Stolz und war eitel wie ein Pfau. Die n�chsten zwei Stunden verbrachte ich im Bad und verlie� dann im besten Lochimantel das Haus. Es h�tte nicht viel gefehlt, und ich h�tte mir das Gesicht gepudert, obwohl sich das in Echo f�r M�nner nicht geh�rt - auch nicht in F�llen schwerster Verliebtheit. Doch vor diesem letzten, verh�ngnisvollen Schritt bewahrte mich meine gute Erziehung.</p><p>Mit der Aufsicht �ber mein B�ro betraute ich den Vogel Kurusch, f�r den solche Auftr�ge ein Klacks waren. Dann ging ich zu Lady Melamori und traf dort auf den fast vollz�hlig versammelten Kleinen Geheimen Suchtrupp. Zuerst konnte ich meine Entt�uschung nicht verbergen.</p><p>�Lady, Sie h�tten mir vorher sagen k�nnen, dass es sich um ein ganz normales Arbeitstreffen handelt. Sehen wir uns im B�ro denn so selten?�</p><p>Wenn ich zerstreut bin, rede ich immer so taktloses Zeug, doch zum Gl�ck war niemand sauer auf mich.</p><p>�Daf�r gibt es bei mir keinen General Bubuta Boch!�, trumpfte die Hausherrin auf. �Und ich verrate Ihnen noch mehr: Er h�lt sich nicht mal in einem der Nachbarh�user auf. Merkw�rdig, was?�</p><p>�Wie schade, Lady! Mit wem kann ich mich dann unterhalten? Ich hatte gehofft, mit einem kompetenten Spezialisten �ber die neusten Entwicklungen sprechen zu k�nnen. Darum dachte ich mir: Komm, geh zu Lady Melamori, dort triffst du bestimmt General Bubuta.�</p><p>Zun�chst versuchte ich verzweifelt, mich trotz meiner Entt�uschung zu am�sieren, was meine Kollegen sehr belustigte. Sp�ter aber war ich dann tats�chlich guter Laune, obwohl es mir an diesem Abend nicht gelang, eine Aff�re mit Lady Melamori zu beginnen. Die Treulose kokettierte mit Melifaro und Sir Kofa, und mir blieb nichts anderes �brig, als schmachtende Blicke auf sie zu richten - allerdings aus einer Entfernung von mindestens zw�lf Schritten.</p><p>Dann merkte ich, dass ich langsam wieder traurig wurde, und versuchte, die verliebten Gedanken an Lady Melamori loszuwerden. Aber wie sollte das gelingen? Unser ungekl�rtes Verh�ltnis machte mich nerv�s. H�tte sie mir doch einen Korb gegeben! Dann w�re alles klar gewesen. Nein bedeutet Nein, man sch�ttelt sich, und das Leben geht weiter. Doch bei jedem Treffen bestaunte sie mich wie ein f�nfj�hriges M�dchen eine drei Meter hohe Micki-Maus-Figur, hob sich vorsichtig auf die Zehenspitzen, klimperte mit den Wimpern und h�tte beinahe ihre Freundinnen gerufen, damit auch die mich anstarren konnten. Mein Herz - ein Baumstumpf aus Eschenholz - schmolz dahin, und ich verstrickte mich immer tiefer in meine Verliebtheit.</p><p>Die pl�tzliche Erkenntnis, in meinem Wohnzimmer zu sitzen und mechanisch �ber etwas nachzudenken, riss mich aus meiner Melancholie. Mein Magen krampfte sich zusammen. S�ndige Magister! Was hatte ich blo� gegessen? Und warum?</p><p>In der Stadt l�uteten schon die Glocken. Der neue Tag begann - und mit ihm die Zeit, da zwei Geheimagenten aufstehen und sich auf den Weg ins Cholomi-Gef�ngnis machen mussten, dorthin also, wo in den letzten Jahren so viele Todesf�lle zu beklagen gewesen waren. Irgendwie hatte ich keine Lust auf Cholomi - vor allem deshalb nicht, weil ich die Zelle beziehen sollte, in der all die H�ftlinge gestorben waren. Eigentlich war das doch deren Problem, nicht meins. Ich gebe es nur ungern zu, doch vor allem beunruhigte mich, demn�chst inhaftiert zu sein. Bisher war ich nie auf den Gedanken gekommen, ich k�nnte eines Tages im Gef�ngnis landen. Erst recht nicht in Echo! Es ging nat�rlich um eine Ermittlung, aber trotzdem. Ehrlich gesagt zitterten mir die Knie, als ich mir vorstellte, in Anstaltsklamotten in meiner Zelle vor dem geschlossenen Fenster zu stehen, das obendrein wom�glich vergittert war. Aber wozu eigentlich Gitter, wenn den Gefangenen ohnehin keinerlei Magie zu Gebote stand?</p><p>Hinsichtlich der Dauer unseres Einsatzes hatte sich Sir Juffin mir und Lonely-Lokley gegen�ber nicht festgelegt. Es hie� nur, wir sollten erst zur�ckkehren, wenn wir mit der Ermittlung fertig w�ren. Was das wohl bedeutete? Sollte ich etwa, falls wir den Fall nicht aufkl�rten, f�r immer im Gef�ngnis bleiben? Das waren ja heitere Aussichten!</p><p>W�rde ich in Haft bleiben, w�re das schon schlimm genug. Aber warum sollte auch noch der arme Lonely- Lokley leiden? Na - falls niemand uns befreien k�me, w�rden wir das Gef�ngnis eben in die Luft jagen. Sp�testens wenn Sir Sch�rf die Trennung von seiner Frau nicht l�nger ertragen k�nnte, w�rden wir die Festungsmauern einfach pulverisieren.</p><p>Auch die Frau von Sir Lonely-Lokley hatte ich an dem fatalen Abend bei Lady Melamori kennengelernt. Eine fantastische Frau! Sie ist klug und h�bsch und lacht viel. Bestimmt hat ihre humorvolle Natur ihre Herzenswahl beeinflusst, denn es gibt nichts Lustigeres als dieses P�rchen. Schurfs Frau ist klein und pummelig und reicht ihrem gro� gewachsenen Mann nicht mal bis zum G�rtel. Obendrein verf�gt sie �ber eine sehr scharfe Zunge, und doch kann man ihr nicht lange b�se sein. Nach Jahrendes Ehelebens hatte sie es sogar geschafft, Sir Schurfs Namen richtig auszusprechen, und das war ja immerhin was.</p><p>Ich hatte den Eindruck, die beiden seien noch immer sehr ineinander verliebt. Wenn Sir Sch�rf seine Frau ansah, bekam sein undurchdringliches Gesicht beinahe etwas Menschliches. Gut, dass Lonely-Lokley im famili�ren Bereich so gl�cklich war, denn das pers�nliche Wohlbefinden eines Berufskillers ist f�r die allgemeine Sicherheit immer von Vorteil. Kaum hatte ich mir das �berlegt, besserte sich meine Stimmung merklich.</p><p>Ich h�tte ewig in meinem Sessel sitzen bleiben k�nnen. Unangenehme Dinge will man ja immer auf morgen verschieben. Doch leider war dieses Morgen nun angebrochen. Die Erinnerung an die Gem�tlichkeit vom Vorabend, an den netten Besuch bei Sir Juffin also, musste ich beiseiteschieben, um mich auf den kommenden Auftrag zu konzentrieren. Das kleine warme Jetzt - dessen war ich mir bewusst - blieb noch kurz in meinem Sessel zur�ck, um sich alsbald zu verfl�chtigen.</p><p>Ich stand auf und begann, mich vorzubereiten. Ella und Armstrong - meine etwas gr��er gewordenen Katzen - meldeten laut, ihre Fr�hst�ckszeit sei gekommen. Zum Abschied war ich gro�z�gig, vielleicht sogar verschwenderisch.</p><p>�Von nun an wird euch ein anderer f�ttern - ein Herr Urf�, verk�ndete ich meinen Tieren, w�hrend ich ihre Fressn�pfe f�llte. �Er soll ein guter Mensch sein und ist auf dem Bauernhof gro� geworden, wo er genauso haarige Kleintiere gef�ttert hat wie euch. Ich bin bald zur�ck. Ich gehe nur ein wenig ins Gef�ngnis und komme dann wieder.� Als mir auffiel, welchen Unsinn ich mir da zusammenmonologisierte, brach ich in Gel�chter aus.</p><p>Armstrong und Ella sahen mich mit blauen, so unbewegten wie undurchdringlichen Augen an, die denen von Sir Juffin auf eigent�mliche Weise glichen.</p><p>Der Morgen war nicht mehr so kalt wie die Nacht. Ich genoss jeden Schritt meines Spaziergangs zum Haus an der Br�cke. Der Gedanke, ich k�nnte demn�chst in Cholomi - wie alle meine Vorg�nger in Zelle Nummer F�nf - ein pl�tzliches Ende finden, sch�rfte meine Sinne angenehm. Vielleicht war das alles ja nur ein Zusammen treffen verschiedener Zuf�lle? Aber das w�re wohl zu einfach.</p><p>Doch das Herz l�sst sich nicht betr�gen - mein Herz jedenfalls nicht. Und langsam wurde es schwer wie Blei. Was w�rde wohl passieren, wenn ich in Cholomi eintraf? Ich wurde immer nerv�ser. Auch der Gedanke daran, dass der m�chtige Lonely-Lokley demn�chst wie eine klitzekleine Puppe unter meiner Handfl�che s��e, konnte mich nur teilweise beruhigen. Denn immerhin musste es mir gelingen, ihn im richtigen Moment aus meinem K�rper zu befreien und zu voller Gr��e anwachsen zu lassen.</p><p>Sir Lonely-Lokley erwartete mich im Saal der allgemeinen Arbeit. Er war unersch�tterlich, gelassen und ruhig wie stets. Um seine Zeit sinnvoll zu nutzen, schrieb er etwas in sein Notizbuch. Als ich ihn ansah, fasste ich wieder Mut.</p><p>�Na, Sir Sch�rf, sind Sie bereit, mein Opfer zu werden?�</p><p>�Ihr Opfer? Sir Max, Sie �bersch�tzen die Bedeutung dessen, was vor uns liegt!�, meinte er unger�hrt. �Glauben Sie mir - ich habe keinen Grund zur Beunruhigung. Und Sie noch weniger.�</p><p>�Vielen Dank f�r Ihr Vertrauen!�, sagte ich. Dann machte ich mit der linken Hand eine Geste, die f�r die Umstehenden unsichtbar war, und Sir Lonely-Lokley verschwand. Theoretisch war mir zwar klar, dass er nicht wirklich verschwunden war, sondern sich zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken befand, praktisch jedoch hatte ich das Gef�hl, den armen Mann aus der Welt geschafft zu haben.</p><p>�Sch�n hast du das gemacht, Sir N�chtlicher Alptraum�, begeisterte sich Melifaro, der kurz zuvor aus seinem B�ro gekommen war. �Sag mal, kannst du ihn jetzt nicht hundert oder zweihundert Jahre lassen, wo er ist?�</p><p>�Dagegen d�rfte Lady Lokley manchen Einwand haben, und ich will ihr keinen Kummer bereiten�, sagte ich l�chelnd. �Und du - warum bist du so fr�h im B�ro?�</p><p>�Juffin hat mich geweckt und mir per Stummer Rede mitgeteilt, dass er erst mittags kommen kann. Er hat mir befohlen, dich zu begleiten. Offenbar will er meinen Tod. Normalerweise steht er immer schon im Morgengrauen auf, doch heute hat er mich zu nachtschlafender Zeit aus den Federn geholt!�</p><p>�Er versteckt sich wohl vor mir!�, sagte ich frech.</p><p>�Vor dir? Du bist gut! Soweit ich die Geschichte des Vereinigten K�nigreichs kenne, hat sich Sir Juffin in den letzten hundert Jahren vor niemandem gedr�ckt. Vielleicht ist ihm das in der Epoche der Orden mal passiert, aber damals haben sich alle voreinander versteckt. Womit willst du ihn eigentlich so erschreckt haben?�, fragte Melifaro und setzte sich mir gegen�ber.</p><p>�Wenn du mir Kamra gibst, erz�hle ich es dir!�, sagte ich, setzte mich ebenfalls und legte die Beine auf den Tisch. Aus welchem der vielen idiotischen Filme, die ich in meinem Leben gesehen habe, dieses Gehabe stammte, wei� ich nicht mehr. �Du sollst mich also begleiten? Dann musst du dich jetzt schon gut um mich k�mmern, damit ich das Haus zufrieden verlasse. Also verw�hn mich nach Strich und Faden!�</p><p>�Einen Verbrecher zu verw�hnen!�, brummte Melifaro. �Aber gut, genie�e meine Gastfreundschaft!�, setzte er hinzu, ging in sein B�ro und holte einen Krug und zwei �berdimensionierte Tassen.</p><p>�Also noch mal: Weshalb sollte unser Ehrw�rdiger Leiter sich eigentlich vor dir dr�cken?�</p><p>�Weil ich zu viele Fragen stelle. Deswegen will er mich ins Gef�ngnis verbannen.�</p><p>�Ach deshalb! Ich dachte schon, du h�ttest gestern Abend versucht, ihm ein aus Pferdemist hergestelltes Getr�nk unterzujubeln - eine Spezialit�t aus euren Leeren L�ndern.�</p><p>�Das w�re was gewesen!�, meinte ich und senkte bescheiden die Augen. �Aber Sir Juffin hat mir gesagt, sein Tagesantlitz m�sse alle unangenehmen Aufgaben f�r ihn erledigen. Und gut, dass du das Pferdemistgetr�nk erw�hnt hast, Melifaro, denn jetzt kann ich dir etwas richtig Leckeres anbieten!�</p><p>�Blo� nicht!�, rief er, blickte erschrocken drein und floh in sein Arbeitszimmer. Nachdem er sich von dort aus ein paar Mal in gespielter Panik nach mir umgesehen hatte, wurde ihm seine Show langweilig, und er kehrte zu mir zur�ck.</p><p>Frotzelnd verbrachten wir noch eine angenehme halbe Stunde. Lady Melamori, auf die ich insgeheim noch immer Absichten hatte, tauchte nicht auf. Schlie�lich setzte ich mich ans Steuer meines A-Mobils und fuhr nach Cholomi. Auf in den Kampf!</p><p>�Sie sind es wirklich!�, rief der alte Kommandant des Gef�ngnisses und verdeckte ehrf�rchtig die Augen, hielt sich also genau an die Vorschriften des Begr��ungsrituals. �Ich freue mich, Sie willkommen zu hei�en. Mein Name ist Marunarch Antarop.�</p><p>Kaum hatte ich mich ihm vorgestellt, wurde ich in den Fr�hst�ckssaal gef�hrt.</p><p>�Wie d�nn Sie sind, Sir Max! Ich wei�, dass die Arbeit beim Geheimdienst sehr schwer ist. Sie m�ssen einfach mehr essen!�, rief Sir Marunarch immer wieder und f�llte meinen Teller dabei ein ums andere Mal. �Keine Sorge: Es wird Ihnen demn�chst viel besser gehen - das verspreche ich Ihnen!�</p><p>Das fantastische Fr�hst�ck, das Marunarch mir vorgesetzt hatte, �hnelte gef�hrlich einem festlichen Abendessen. Der Kommandant behandelte mich wie ein f�rsorglicher Gro�vater. Ich war ins Gef�ngnis gegangen und in einem Sanatorium gelandet - das Leben h�lt nun mal manche �berraschung bereit.</p><p>�Wissen Sie, es geht mir schon viel besser. Ich habe mindestens zehn Kilo zugenommen�, seufzte ich nach einer Stunde ununterbrochenen Essens. �Vielen Dank, Sir Marunarch. Aber jetzt muss ich in meine Zelle - darum bin ich schlie�lich hier.�</p><p>�Sie tun mir wirklich leid! Ich f�rchte, es wird nicht gerade bequem f�r Sie werden, doch Sir Juffin hat mich gebeten, Sie nicht in einem G�stezimmer unterzubringen, sondern in einer echten Zelle. Was meinen Sie - war das ein Scherz von ihm?�</p><p>�Sch�n w�r's!�, antwortete ich l�chelnd. �Nein, Sir Marunarch, ich muss tats�chlich in eine Zelle ziehen.�</p><p>�Na gut�, seufzte der Alte. �Gehen wir. Sie wissen doch sicher, dass Sie die Stumme Rede dort nicht benutzen k�nnen? Da kann ich nichts machen - so ist das Gef�ngnis nun mal gebaut. Schlie�lich ist Cholomi ein magischer Ort, und wir einfachen Angestellten k�nnen nicht entscheiden, was hier m�glich ist und was nicht.�</p><p>�Ja, das hat man mir schon gesagt.�</p><p>�Wenn Sie also mit Sir Juffin oder jemand anderem sprechen m�chten, sagen Sie bitte den W�chtern, dass Sie spazieren gehen wollen. Dann werden Sie zu mir gef�hrt, egal zu welcher Tageszeit. In diesem Zimmer hier k�nnen Sie machen, was Sie wollen. Selbstverst�ndlich habe ich meine Mitarbeiter �ber Ihr Kommen informiert.�</p><p>�Ausgezeichnet�, meinte ich nickend. �Und jetzt verhaften Sie mich bitte!�</p><p>Die Zelle Nummer F�nf machte auf mich einen gem�tlichen Eindruck. Unter uns gesagt: In meiner Heimat h�tte man f�r so etwas einige Koffer voller Dollars hinbl�ttern m�ssen, doch f�r eine in Echo geborene Person war es nicht leicht, sich damit abzufinden, nur so wenig Platz zur Verf�gung zu haben. Die Zelle bestand nicht etwa nur aus einem Zimmer, sondern aus dreien, die nach hiesigen Ma�st�ben sehr klein waren, mir jedoch riesig vorkamen. Dar�ber hinaus befand sich ein Stockwerk tiefer noch ein Bad mit Toilette, das �ber eine Wendeltreppe zug�nglich war. Wie bei mir zu Hause hatte das Badezimmer drei Wannen. Jetzt begriff ich, warum mein Vermieter so lange keinen Interessenten f�r seine Wohnung hatte finden k�nnen, und beschloss, gleich nach der R�ckkehr eine vierte Badewanne einbauen zu lassen. Schlie�lich will ich daheim nicht so leben wie im Gef�ngnis!</p><p>Doch ich hatte - den Magistern sei Dank - noch nicht alle gro�st�dtischen Gewohnheiten �bernommen und empfand meine bescheidene Zelle als nettes Pl�tzchen. Nach einer halben Stunde schon stellte ich fest, dass ich mich recht gut eingelebt hatte.</p><p>Ich gew�hne mich sehr schnell an neue Umgebungen. Ziehe ich am Morgen irgendwo ein, f�hle ich mich am Abend schon, als h�tte ich mein ganzes Leben dort verbracht. Nun aber kam mir der Gedanke, dass ich mich in ein paar Tagen - vorausgesetzt, alles liefe weiterhin so gut - in Cholomi schon so heimisch f�hlen w�rde, dass ich verg��e, warum ich hier war. Gut m�glich, dass ich mich dann sogar an ein nie �ber mich verh�ngtes Urteil erinnern und Reue �ber eine Tat zeigen w�rde, die ich nie begangen hatte.</p><p>So sa� ich denn in meiner Zelle und betrachtete die Decke. Der herrliche Sir Lonely-Lokley f�hrte sein f�r mich unsichtbares Leben in meiner linken Hand. Ich h�tte ihn gern gefragt, was er dabei f�hlte. Auf jeden Fall hatte er sein Notizbuch mitgenommen. Ob er seine erzwungene Freizeit dadurch produktiver verbrachte, blieb mir verborgen. Schlie�lich beschloss ich, mich schlafen zu legen. Ich musste mich erholen, denn ich vermutete, das eigentlich Interessante w�rde - wenn �berhaupt - nachts passieren.</p><p>Meine gr��te Angst war, dass nichts geschah und die spannende Frage auf mich zukam, wie lange ich in Cholomi w�rde verbringen m�ssen, um endlich beurteilen zu k�nnen, ob es sich bei den sieben Toten der letzten drei Jahre wom�glich nur um eine absurde H�ufung von Zuf�llen gehandelt hatte. W�rde es ein Jahr dauern? Zwei Jahre? Vielleicht noch l�nger? Na ja, wenn die lieben Kollegen erst gezwungen w�ren, zw�lf Tage ohne uns auszukommen, w�rden sie schon von sich aus nach uns rufen! Sir Juffin w�re vermutlich der Erste, der zu dem Schluss k�me, dass meine Dienstreise mit Sir Lonely-Lokley schon zu lange dauerte.</p><p>Dennoch schlief ich ausgezeichnet. Als ich aufwachte, war es schon dunkel, und ich bekam die abendliche Gef�ngniskost - die meinem pr�chtigen Fr�hst�ck gef�hrlich �hnelte - in die Zelle gebracht. Warum gehen wir mit Juffin eigentlich immer ins Fressfass. Dort isst man zwar gesund, doch die Gef�ngnisk�che ist einfach traumhaft. Sollten wir vielleicht die Sitte einf�hren, in Cholomi zu tafeln, wenn die dienstliche Lage es erlaubte? Oder sollten wir hier gar ein paar Sorgenfreie Tage verbringen? Schlie�lich ist es in diesem Gef�ngnis ungemein leise und bequem, und niemand st�rt einen.</p><p>Die Nacht r�ckte heran. Um keine kostbare Zeit zu verlieren, tat ich, was ich wirklich gut konnte, versuchte also, mich mit den M�beln in meiner Zelle zu unterhalten, um den Teil der Vergangenheit aufzudecken, an den sie sich erinnern konnten.</p><p>Leider aber lie� sich nichts herausfinden. Alle Gegenst�nde reagierten auf meine Fragen nur mit Wellen starker Angst. Das hatten wir doch schon im Schlafzimmer des alten Sir Makluk-Olli erlebt! Die kleine Cremedose dort hatte auch gro�e Angst gehabt. Es gab also keinen Zweifel: Hier war kein dummer Zufall im Spiel. Ich war in eine ernste Geschichte geraten.</p><p>Dann kam ein W�chter, forderte mich zu einem �Abendspaziergang� auf und brachte mich zu einem Treffen. Einer der Mitarbeiter der Haftanstalt, ein Mann namens Chaned Dschanirah, hatte seit den Morgenstunden unbedingt mit mir sprechen wollen, doch der gute Kommandant hatte meinen Schlaf gesch�tzt und dem ungeduldigen Mann befohlen zu warten, bis ich wach w�rde.</p><p>Dschanirah trug den Titel eines Tr�sters der Leidenden und schien eine Art Gef�ngnispsychologe zu sein. Regelm��ig besuchte er die Gefangenen und fragte sie, ob sie gut geschlafen h�tten, wovor sie sich �ngstigten und ob sie ihren Angeh�rigen Nachrichten �bermitteln m�chten. In Echo werden Gefangene recht human behandelt. Wer in Cholomi einsitze, so hei�t es, habe es ohnehin schwer genug, und man m�sse es ihm nicht noch schwerer machen.</p><p>�Ich glaube, Sir Max, ich habe eine interessante Information f�r Sie�, sagte Chaned Dschanirah, kaum dass wir uns begr��t hatten.</p><p>Er war ein ziemlich junger Bursche mit rundem Gesicht, leiser, sympathischer und melodischer Stimme und sehr scharfsichtig wirkenden gr�nen Augen.</p><p>�In letzter Zeit sind bei uns merkw�rdige Dinge passiert�, fuhr er fort. �Ich sch�tze, dass Sie deshalb gekommen sind, und denke, Sie sollten vor Beginn Ihrer Untersuchungen mit mir sprechen. Ich habe den ganzen Tag damit gerechnet, dass Sie mich kommen lassen w�rden - leider vergeblich. M�glicherweise empfinden Sie mich jetzt als aufdringlich, aber dieses Risiko muss ich eingehen.�</p><p>�Ich habe einfach zu viel gefr�hst�ckt, Sir Dschanirah - so viel, dass ich zwischenzeitlich nichts mitbekommen habe�, entschuldigte ich mich. �Ich h�tte mich wirklich gleich nach meiner Ankunft an Sie wenden sollen, doch nachdem ich letzte Nacht kein Auge zugetan hatte, bin ich gleich nach dem Fr�hst�ck in Tiefschlaf gesunken. Bitte verzeihen Sie mir!�</p><p>Der Gesichtsausdruck von Chaned Dschanirah wirkte, als w�re der junge Mann bereit, f�r mich zu sterben. Ich wusste nicht, was ihn so sehr f�r mich eingenommen hatte - vielleicht die altert�mliche Anrede �Sir�, die einem jungen Psychologen nicht gerade oft begegnete. Vielleicht aber auch die Unbefangenheit, mit der ich meine Fehler eingestanden hatte. Wie auch immer - ich hatte sein Herz offenbar ohne gro�e M�he erobert.</p><p>�Aber nicht doch, Sir Max! Es ist schlie�lich Ihr gutes Recht, sich zu erholen, ehe Sie mit der Recherche beginnen. Ich wollte Ihnen nur erkl�ren, warum ich mich unbedingt mit Ihnen treffen wollte. Ich glaube, ich kann Ihnen sehr n�tzlich sein. H�ren Sie mich einfach an. Vorgestern haben sich die H�ftlinge der Zellen Drei, Vier und Sechs - also die Insassen Ihrer Nachbarzellen - �ber Alptr�ume beklagt. Diese Alptr�ume haben in vieler Hinsicht �bereingestimmt.�</p><p>�Bedauerlich, dass die drei so schlecht geschlafen haben. Worum ist es in ihren Tr�umen denn gegangen?�</p><p>�Alle drei haben von einem kleinen, halb durchsichtigen M�nnlein getr�umt, das aus der Wand gekommen sei und ihnen unbeschreibliche Angst eingejagt habe. Malesch Patu hat gesagt, das M�nnlein habe ihm die Augen ausdr�cken wollen. Sir Alapajek Vass hingegen hat erz�hlt, das M�nnlein habe versucht, ihm das Herz aus dem Leibe zu rei�en. Der dritte Fall ist noch merkw�rdiger�, meinte Sir Dschanirah und fuhr nach kurzer Pause fort: �Der dritte Gefangene n�mlich hat geschworen, das M�nnlein habe versucht, seinen Darm zu verschlie�en. Nun hat er panische Angst, dem Gnom k�nne es im n�chsten Traum gelingen, sein Ziel zu erreichen. Der Arme!�</p><p>�Der Mann ist wirklich nicht zu beneiden.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, die drei Alptr�ume stellten eine merkw�rdige Mischung aus realen Gefahren und pers�nlichen Phobien dar. Dieses M�nnlein hatte bestimmt etwas mit den H�ftlingen anstellen wollen, doch jeder der drei deutete seine Tr�ume anders. Das war durchaus verst�ndlich. Unverst�ndlich war f�r mich jedoch, woher das M�nnlein, das ihre Tr�ume durcheinandergebracht hatte, �berhaupt gekommen sein mochte. Immerhin war es schlicht unm�glich, im Cholomi-Gef�ngnis Zaubertricks zu vollf�hren. Genau aus diesem Grund landeten dort ja alle, die sich mit verbotener Magie besch�ftigten.</p><p>�Und wie steht es um die Gesundheit der drei Tr�umer?�, fragte ich. �Hat sich schon ein Heiler um sie gek�mmert?�</p><p>�Nat�rlich. Solche Probleme darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zumal da die Tr�ume zeitgleich bei drei Gefangenen, die sich nicht kennen, aufgetreten sind. Und Sie wissen ja, dass die drei sich in Cholomi nicht haben absprechen k�nnen.� Der Tr�ster der Leidenden zuckte die Achseln. �Es hat sich erwiesen, dass keiner von ihnen gesund ist. Die Organe allerdings, auf die das M�nnlein im Traum scharf war, sind in bestem Zustand.�</p><p>Erfreut stellte ich fest, dass meine These, die pers�nlichen Phobien der drei H�ftlinge h�tten ihre Tr�ume beeinflusst, f�r einen psychologischen Laien, der ich zweifellos bin, gar nicht so schlecht war.</p><p>�Was ist mit den dreien?�</p><p>�Sie alle verlieren langsam den Funken�, fl�sterte Dschanirah Unheil verk�ndend und schwieg dann bedeutsam, als wollte er mir die M�glichkeit geben, die ganze Tragweite dieses Satzes zu verstehen.</p><p>Ich stie� einen leisen Pfiff aus. Den Funken zu verlieren, bedeutet, dass einem die Lebenskraft abhandenkommt und man immer schw�cher wird - bis der Tod wie ein erholsamer Schlaf nach einem harten Tag dem Leben ein Ende setzt. Diesem Ende kann und will man keinen Widerstand leisten. Nach Ansicht meiner kompetenten Kollegen ist diese geheimnisvolle Krankheit das Unangenehmste, was einem in Echo passieren kann.</p><p>�Das Merkw�rdige ist, dass alle drei ihre Kr�fte sehr langsam verlieren, obwohl einem der Funken normalerweise rasch und ohne Warnzeichen abhandenkommt�, sagte mein Gespr�chspartner. �Doch unsere Heiler sind ihrer Diagnose sicher. Andererseits meinen sie, man k�nne die drei vielleicht noch retten, doch bis jetzt habe ihnen keine Arznei geholfen.�</p><p>�Versuchen Sie doch vielleicht, die H�ftlinge zu verlegen - je weiter weg von Zelle F�nf, desto besser. Und ihre Zellen sollen so lange leer bleiben, bis ich die Zusammenh�nge, die hinter den Geschehnissen stecken, verstehe. Das ist doch wohl machbar, oder?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte der Tr�ster der Leidenden nickend und fragte gleich darauf: �Glauben Sie wirklich, das hilft?�</p><p>�Sicher bin ich mir nicht, aber das ist normal, denn ich bin eigentlich nie zu hundert Prozent von etwas �berzeugt. Aber tun Sie, worum ich Sie gebeten habe - und tun Sie es jetzt. Vielleicht k�nnen wir die M�nner ja gemeinsam retten. Ich wei� nicht, warum die drei in Cholomi gelandet sind, aber man darf keinen Menschen durch Qualen vom Kaliber dieser Alptr�ume manipulieren. Das sagt Ihnen einer, der - was das angeht - schon sattsam zu leiden hatte.�</p><p>�Dann glauben Sie also, Alptr�ume wirksam bek�mpfen zu k�nnen, Sir Max?�</p><p>�Na ja�, sagte ich l�chelnd. �Meine eigenen jedenfalls kann ich in den Griff bekommen.�</p><p>Nach dem Gespr�ch mit Sir Dschanirah ging ich zur�ck in meine Zelle und murmelte dabei: �Was Alptr�ume angeht, habe ich anscheinend wirklich Gl�ck.�</p><p>Und so war es doch auch: Kaum hatte ich mich von den Alptr�umen erholt, die mir ein Fetan aus dem Nachbarhaus geschickt hatte, war ich nach Cholomi geraten, wo Gefangene von Alptr�umen gequ�lt wurden - zum Beispiel von dem, einen Darmverschluss zu bekommen. Ich dagegen hatte ausgezeichnet getr�umt. Vielleicht, weil ich tags�ber geschlafen hatte?</p><p>Die schwere Zellent�r schloss sich hinter mir und ... verschwand. In Cholomi existiert jede T�r nur f�r den, der sich im Korridor befindet. Aus der Perspektive der Gefangenen existiert sie nicht. Wunder �ber Wunder!</p><p>Inzwischen brannte ich vor Ungeduld. W�rde mir das �durchsichtige M�nnlein� heute Nacht erscheinen wollen? Und was w�rde es tun, wenn ich einfach nicht schliefe? Ich war fest �berzeugt, ich w�rde wach bleiben. Schlie�lich hatte ich mich tags�ber blendend erholt.</p><p>Ich wartete einfach, wie die Dinge sich entwickeln w�rden. Allerdings musste ich lange warten, und die Nacht brachte mir keine einzige Antwort auf meine Fragen, daf�r aber jede Menge merkw�rdige Erfahrungen und Empfindungen.</p><p>Ich empfand weder Angst noch Unruhe, sp�rte aber die ganze Zeit einen aufmerksamen Blick, der so lastend war, dass er mich geradezu juckte. Der Juckreiz wurde immer st�rker, und irgendwann hatte ich den Eindruck, mir sei eine Raupe in den Pyjama gekrochen. Ich w�lzte mich im Bett herum, k�mmte mich und badete sogar dreimal - alles vergeblich!</p><p>In der Morgend�mmerung verschwand das Jucken, und ich fiel in Tiefschlaf. Meist kommt mir �ber Nacht eine vern�nftige Idee, doch ihre Verwirklichung kann bis zum Mittagessen dauern. Auf morgen zu verschieben, was man heute besorgen kann, ist seit eh und je mein Hobby. Und Aufgaben, die ich am Vormittag erledigen k�nnte, bis zum sp�ten Abend vor mir herzuschieben, macht mir auch gr��ten Spa�.</p><p>Das �ffnen meiner Zellent�r lie� mich erwachen. Ich bekam Fr�hst�ck gebracht. Nachdem ich meine Zwiebelsuppe gegessen hatte, begann ich zu gr�beln, welches Kapitalverbrechen ich begehen sollte, um die n�chsten zwanzig Jahre in den Genuss einer derart vorz�glichen K�che zu kommen. Ich w�rde den Aufenthalt hier jeder k�niglichen Auszeichnung vorziehen.</p><p>Als ich mit dem Essen fertig war, bat ich, einen Spaziergang unternehmen zu d�rfen - ins B�ro des Kommandanten nat�rlich. Es war Zeit, mich mit Juffin zu unterhalten. In der Nacht hatte ich begriffen, dass ich von Zelle Nummer F�nf nur wusste, was sich dort seit dem ersten Todesfall - seit drei Jahren also - zugetragen hatte. Doch was mochte zuvor passiert sein? Wer hatte dort eingesessen? Das wollte ich kl�ren. In Echo muss man bei solchen Sachen auf der Hut sein. Egal was passiert ist - fr�her oder sp�ter erweist sich immer, dass sich am Ort des Geschehens vor ein paar tausend Jahren ein ber�hmter Magister aufgehalten hat und die gegenw�rtigen Unannehmlichkeiten nur eine gesetzm��ige Folge seiner fr�heren Aktivit�ten sind. Ich nahm mir daher vor, nicht �berrascht zu sein, falls sich herausstellen sollte, dass auch diesmal ein in Vergessenheit geratener Magister die H�nde im Spiel haben sollte.</p><p>Sir Juffin kannte die Geschichte dieses netten Pl�tzchens garantiert bis ins Detail. Doch als er mich nach Cholomi geschickt hatte, war er stumm wie ein Fisch geblieben - und zwar nicht aus Bosheit, sondern um abzuwarten, bis ich nachfragen w�rde, also aus erzieherischer Absicht. Daf�r w�nschte ich ihm nun ein Dutzend Vampire an den Hals!</p><p>Inzwischen aber musste ich mich zur Ordnung rufen, denn statt pedantisch Informationen zu sammeln, hatte ich sehr viel Zeit und Kraft mit �berfl�ssigen Reflexionen vergeudet. Damit musste jetzt Schluss sein. Also machte ich es mir im Sessel des Gef�ngniskommandanten bequem und sandte Juffin nach beendeter Selbstkritik per Stummer Rede einen Ruf.</p><p>�Kl�ren Sie mich bitte dar�ber auf, wie das alles begonnen hat�, erkl�rte ich fordernd. �Was ist hier bis zum 114. Tag des 112. Jahres passiert? Hat in meiner Zelle - wie ich vermute - irgendein m�chtiger Magister gesessen?�</p><p>�Sehr gut, Max!�, rief Juffin, von meinem Scharfsinn begeistert.</p><p>�Ich verstehe nicht, warum Sie mich loben�, sagte ich. �Schlie�lich stelle ich die eigentlich wichtige Frage jetzt erst. Andererseits ist es f�r eine so kleine Leuchte wie mich wahrscheinlich wirklich eine Errungenschaft, �berhaupt auf diese Frage gekommen zu sein.�</p><p>�Viele meiner Bekannten h�tten sehr viel l�nger gebraucht, um darauf zu kommen. Du bist sauer auf mich, noch mehr allerdings auf dich selbst. Dabei bist du wirklich gut!�</p><p>�Ich erkenne Sie gar nicht wieder, Juffin! Warum machen Sie mir solche Komplimente? Vermissen Sie mich etwa?�</p><p>Der Honig, den er mir ins Ohr getr�ufelt hatte, begann zu wirken. Wie h�tte es auch anders sein sollen? Ich war �bergl�cklich - wie ein Hund, der etwas Leckeres zu fressen bekommen hat. Mich zu loben, ist eine sehr gute Strategie, um mich weichzuklopfen. Ich bin dann nahezu beliebig formbar und zu fast allen Schandtaten bereit.</p><p>Wie auch immer: Ich hatte eine ausf�hrliche Antwort auf meine Frage bekommen und war nach einer halben Stunde wieder zu Hause, also in Zelle Nummer F�nf.</p><p>Ich sa� bequem in meinem Sessel und verdaute die Informationen, die Juffin mir gegeben hatte. Wie vermutet steckte ein Magister hinter der ganzen Sache: Machligl Annoch - Gro�er Magister des Ordens des Grabhunds und einer der st�rksten Reformgegner von Echo - war in der schlimmsten Phase der Traurigen Zeit in Cholomi gefangen gesetzt worden. Laut Juffin hatte damals nicht einmal die gemeinsame Anstrengung von zw�lf der gr��ten Zauberer des Ordens des Siebenzackigen Blattes diese bedeutende Pers�nlichkeit z�hmen k�nnen. Damals hatten sich sogar Gro�e Magister anderer Orden, die in aller Regel keinerlei Angst versp�rten, vor ihm gef�rchtet.</p><p>Der Gro�e Magister des Ordens des Grabhunds war nicht dumm, aber sehr eigenwillig, was - wie ich immer wieder in den Chroniken gelesen habe - f�r Magister geradezu typisch ist.</p><p>So hatte sich Sir Annoch intensiv mit der Frage des Lebens nach dem Tode besch�ftigt. Nicht nur in meinem Herkunftsland, sondern auch hier in Echo gibt es keine Antwort auf die Frage, was nach dem Tod mit uns geschieht. Es gibt viele seltsame, ja abstruse Hypothesen, doch keine vermag skeptische Zeitgenossen zu �berzeugen.</p><p>Selbstverst�ndlich war das Interesse des Gefangenen in Zelle Nummer F�nf nicht allein theoretisch gewesen. Die hiesigen Magister sind schlie�lich ernsthafte Leute, die ihre Zeit nicht verschwenden.</p><p>Schnell war mir klar geworden, dass Sir Annoch enorme Anstrengungen unternommen hatte, um seine Existenz auch nach dem Tode in dem ihm vertrauten K�rper fortzusetzen. Er hatte also auferstehen wollen und garantiert einen Dreh gefunden, wieder ins Reich der Lebenden zur�ckkehren zu k�nnen. Und dann war er gestorben. In Zelle Nummer F�nf.</p><p>Die siegreichen Reformer hatten ihn sicher nicht umgebracht. Soweit ich wei�, haben sie ihre Gegner nur ungern get�tet, weil der Tod etwas Unumkehrbares ist. Und der Orden des Siebenzackigen Blattes folgte dem Gebot, m�glichst wenige unumkehrbare Dinge zu tun, um die Ordnung der Welt nicht zu st�ren.</p><p>Doch wie auch immer - ich hatte bisher zu wenig Zeit gehabt, mich mit den vertrackten Problemen der hiesigen Apokalypse zu besch�ftigen. Jedenfalls war der Gro�e Magister Machligl Annoch gestorben. Sein Tod war �brigens kein Selbstmord im �blichen Sinne gewesen, sondern wohl eher Teil der f�r seine Forschungen notwendigen Untersuchungen.</p><p>Die Tatsache, dass die Mauern von Cholomi ein un�berwindbares Hindernis f�r alle Arten von Magie waren, stimmte mich nicht besonders optimistisch, sondern lie� mich im Gegenteil vermuten, das Weiterleben von Sir Annoch sei auf Zelle Nummer F�nf beschr�nkt. Dieses Weiterleben aber war f�r die H�ftlinge, die im Laufe der letzten drei Jahre die Zelle mit ihm geteilt hatten, eindeutig ung�nstig gewesen. Der Aufenthalt in Annochs alter Zelle kam anscheinend fast einem Todesurteil gleich. Das erschien mir ungerecht, da die Insassen von Zelle Nummer F�nf ihrem �Mitbewohner� schutzloser ausgeliefert waren, als es die in Freiheit lebenden B�rger des Vereinigten K�nigreichs je sein k�nnten. Gefangene n�mlich k�nnen nicht entscheiden, wo sie leben wollen - auch wenn sie sp�ren, dass ein Ortswechsel (und sei es nur der Umzug in eine andere Zelle) sicher besser f�r sie w�re. Ich h�tte mich nicht in ihrer Lage befinden wollen. Allerdings befand ich mich bereits in ihrer Lage ...</p><p>Die Nacht vertrieb ich mir mit der Lekt�re des letzten Bandes von Manga Melifaros Enzyklop�die der Welt, den ich gl�cklicherweise aus der Gef�ngnisbibliothek hatte ausleihen k�nnen. Nichts �bernat�rliches geschah - bis auf den Umstand, dass mich der bohrende Blick einmal mehr bis zum Juckreiz qu�lte. Und zwar noch aufdringlicher als in der Nacht zuvor. Ein paar Mal h�rte ich ein Husten, das allerdings mehr einer Halluzination als einem echten Ger�usch �hnelte.</p><p>Kurz vor dem Morgengrauen beschlich mich eine neue Wahrnehmung: Ich hatte das Gef�hl, mein K�rper sei hart wie eine Nussschale - so hart, dass ich das Jucken nicht mehr als Ber�hrung empfand, sondern als Zittern der Luft um mich herum. Das war nicht gerade angenehm, doch ich sp�rte, dass das unsichtbare Wesen, das mich die ganze Nacht beobachtet hatte, noch recht klein war. Seine Unzufriedenheit �bertrug sich auf mich. Es h�tte nicht viel gefehlt, und ich h�tte mir Vorw�rfe gemacht, dass diese Augen keinen noch st�rkeren Juckreiz bei mir ausgel�st hatten. Als ob die Tatsache, dass das Jucken mich nicht wild die W�nde hochgehen lie�, die Gef�hle eines anderen Wesens verletzt h�tte.</p><p>Die Nacht brachte nichts Neues - vielleicht weil das Wesen misstrauisch war? Oder weil Juffin mir unbemerkt einen magischen Schutzschild verliehen hatte?</p><p>Das w�rde gut zu ihm passen! Aber vielleicht rettete mich auch die Tatsache, dass ich aus einer anderen Welt stamme und gewisserma�en ein Au�erirdischer bin.</p><p>Pl�tzlich wurde ich so m�de, dass ich beschloss, mich schlafen zu legen. Damit wartete ich allerdings bis zur D�mmerung. Wie wohl Lonely-Lokley seine Zeit verbringen mochte? Dem war garantiert langweilig. Und Hunger hatte er bestimmt auch. Er steckte sicher in der Klemme.</p><p>Mir hingegen war ganz und gar nicht langweilig. Und richtig ausschlafen konnte ich mich erst recht nicht. Es war Mittag, als mich der vertraute Juckreiz weckte. Ob das Wesen - worum auch immer es sich dabei handelte - auch tags�ber wirken mochte? Warum eigentlich nicht! Die schrecklichsten Dinge, die w�hrend meines Aufenthalts in Echo passiert waren, hatten sich alle bei Tageslicht zugetragen. Vielleicht ist die �berzeugung, Alptr�ume w�rden uns nur bei Nacht zusto�en, ein dummer Aberglaube, der noch aus der Zeit stammt, da unsere Vorfahren im Dunkeln nicht arbeiten konnten.</p><p>Nachdem ich mich gewaschen und eine Tasse Kamra getrunken hatte, begann ich erneut zu gr�beln. Meine Vorg�nger waren allesamt nachts gestorben. Ob das Zufall gewesen war? Oder gab es einen einfachen Grund daf�r: den n�mlich, dass sie zu dieser Zeit - wie jeder normale Mensch - geschlafen hatten? Oder hatte mein pers�nlicher Makel - die Tatsache also, nicht aus dieser Welt zu stammen - die Ordnung der Dinge gravierend ver�ndert? Ich hatte keinen blassen Schimmer.</p><p>Vor allem meine unersch�tterliche Ruhe frappierte mich. Ich hatte vor nichts Angst - weder vor dem, was passiert war, noch vor dem, was theoretisch noch alles geschehen konnte. Ich war einfach naiv �berzeugt, dass mir nichts Schlimmes passieren w�rde - weder hier noch irgendwo sonst. Mein Heldenmut berauschte mich so sehr, dass ich beinahe benommen ins Bett gesunken w�re. Noch vor kurzem hatte ich dieses Gef�hl nicht gekannt. M�glicherweise steckte hinter meiner Tapferkeit ja Sir Lonely-Lokley, der sich wie eine magische Puppe in meiner Hand aufhielt. Vielleicht gefiel es dem so sehr an mir interessierten Wesen ja, dass ich mutig und zugleich blind f�r die Gefahr war. Aber vielleicht arbeitete es auch darauf hin, dass ich leichtsinnig wurde.</p><p>Wie auch immer - ich konnte nicht mehr einschlafen, trank bis zum Morgengrauen Kamra, las in meiner geliebten Enzyklop�die und wurde mit jeder Seite kl�ger.</p><p>Sp�ter wurde mir klar, dass sich die damaligen Geschehnisse wie im M�rchen entwickelt hatten. In der ersten und zweiten Nacht war ich nur leicht gereizt worden - der eigentliche �rger kam erst in der verh�ngnisvollen dritten Nacht.</p><p>Alles begann damit, dass ich bei Einbruch der Dunkelheit ein enormes Schlafbed�rfnis versp�rte. Das war sehr ungew�hnlich f�r mich, da ich um diese Tageszeit eigentlich besonders wach bin - und zwar unabh�ngig davon, wie der Tag gelaufen ist. Aber diesmal musste ich gegen eine gewaltige M�digkeit ank�mpfen - erfolglos.</p><p>Ich versuchte, mich wach zu halten, indem ich mir vorstellte, mir w�rden bei geschlossenen Lidern gr�sslichste Alptr�ume bevorstehen. Doch das n�tzte nichts. Nicht mal der Gedanke an die ungeheure Schande, die mir bei einem Versagen drohte, konnte mich aufmuntern. Selbst die Aussicht auf Sticheleien von Melifaro, auf die geh�ssige Freude von Juffin und auf das h�hnische, z�hnefletschende L�cheln von Lady Melamori - mit dem so sicher zu rechnen war wie mit dem Amen in der Kirche - vermochte mich nicht aufzur�tteln. S��e Schl�frigkeit umgab mich wie ein wei�es Kissen, mit dem mich eine unsichtbare Hand zu ersticken suchte. Es fehlte nicht viel, und ich w�re eingeschlafen.</p><p>In dieser schwierigen Lage rettete mich die Flasche Kachar-Balsam, die ich gl�cklicherweise mitgenommen hatte. Ich musste ziemlich viel davon trinken, doch ich beklage mich nicht: Der Balsam ist nicht nur eins der wirksamsten St�rkungsmittel, sondern schmeckt auch ungemein lecker.</p><p>Im Nachhinein erkl�rte mir Juffin, dieses Trinken habe denjenigen provoziert, der mich - um die Geschehnisse zu beschleunigen - in der Zelle beobachtet habe. Das Wesen habe offenbar entschieden, ich sei kein ernsthafter Gegner mehr, da ich zur Selbstverteidigung den Balsam - also immerhin Magie achten Grades! - benutzt hatte. Meine offensichtliche Hilflosigkeit habe das geheimnisvolle Wesen anscheinend dazu verf�hrt, eine der am wenigsten �berlegten Entscheidungen seines seltsamen Lebens zu treffen.</p><p>Dar�ber wollte ich nicht mit Juffin streiten. Auch ich glaubte, das Unheil verk�ndende, ob seiner einsamen, halbdurchsichtigen Existenz verwirrte Wesen habe nicht mehr l�nger warten k�nnen. Welcher Logik mochte es gefolgt sein? Der tote Magister hatte mir das Leben rauben wollen. Er war zu diesem Versuch gezwungen, je eher, desto besser. Bestimmt war mein Funken - oder wie man es nennen will - genau das Quantum an Lebensenergie, das ihm zur Auferstehung fehlte. Er hatte ja schon seit sehr langer Zeit auf dieses Ziel hingearbeitet und die Kraft all derer, die in Zelle Nummer F�nf eingesessen hatten, Tropfen f�r Tropfen aufgesogen. Eines Tages jedoch - im 112. Jahr, um genau zu sein - hatte Sir Machligl Annoch sich dann als so stark erwiesen, dass er sich nicht l�nger von der ausd�nstenden Lebensenergie der in seiner ehemaligen Zelle gefangen gesetzten H�ftlinge m�hsam und wie von Brosamen hatte ern�hren m�ssen, sondern sich aktiv des fremden Lebens bem�chtigen und die Zelleninsassen t�ten konnte, um ihre konzentrierten Vitalkr�fte aufzunehmen. Er brauchte fremdes Leben, um selbst wieder lebendig zu werden.</p><p>Der Funke meines direkten Vorg�ngers in Zelle Nummer F�nf hatte die schattenhafte Existenz des alten Magisters so m�chtig werden lassen, dass er sogar in die Tr�ume der Insassen der Nachbarzellen hatte eindringen k�nnen. So unpassierbar die Gef�ngnisw�nde auch f�r alle Formen von Magie unter Lebenden waren, so wenig galt dieses Hindernis f�r ihn, da er als tot zu gelten hatte. Er wollte nur eins: Er wollte genug fremde Lebensenergie sammeln, um demn�chst aufzuerstehen. Und er war auf dem besten Wege dazu. Ihm fehlte nur noch der letzte Schluck jenes Getr�nks, das man in Echo Funke nennt. Und dieser letzte Schluck sa� nun schon die dritte Nacht vor ihm und wollte nicht einschlafen.</p><p>Nat�rlich musste der alte Geist daraufhin va banque spielen. An seiner Stelle h�tte ich es auch getan.</p><p>Egal wie Sir Juffin Halli sich sp�ter dazu ge�u�ert haben mag: Mein Gegner war der erfolgreichen Umsetzung seines Plans ausgesprochen nah gewesen. Viel n�her, als ich bei meinem Duell mit ihm gedacht hatte.</p><p>Als in der hintersten Ecke meines Gef�ngnisschlafzimmers die undeutliche Gestalt des Unbekannten erschien, erstarrte ich vor Schreck. Nat�rlich befanden sich in meinen Unterlagen Informationen, die es mir erm�glicht h�tten, mich auf ein solches Treffen vorzubereiten. Tats�chlich aber hatte ich nichts dergleichen getan.</p><p>Kurz gesagt: Ich war nicht nur erschrocken, sondern auch v�llig �berfordert. Eigentlich sah der Unbekannte eher lustig als schreckenerregend aus. Mochte er auch zu Lebzeiten ein Gro�er Magister gewesen sein - seine gegenw�rtige Gestalt war sehr klein ausgefallen. Er war unproportional gebaut, denn er hatte zwar einen m�chtigen Kopf und einen muskul�sen Oberk�rper, zugleich aber sehr kurze Beine und kleine, kindlich anmutende F��e. Er gab wirklich eine komische Figur ab. Sein faltiges, sonnengebr�untes Gesicht aber hatte einen ganz anderen Ausdruck. Er hatte gro�e blaue Augen, eine hohe Stirn und eine enorm lange Nase mit den d�nnen, scharf konturierten Nasenfl�geln eines Raubtiers. Sein langes Haupthaar und sein nicht minder imposanter Bart waren zu vielen d�nnen Z�pfen geflochten - bestimmt nach einer uralten Mode. Es ist eben schwer, mit der Zeit zu gehen, wenn man im Gef�ngnis sitzt, dachte ich mir. Zumal wenn man obendrein ein Gespenst ist. Dass mir solche Gedanken kamen, bewies mir, dass die Lage gar nicht so schlimm war.</p><p>Aber kaum hatte ich meine Angst besiegt, merkte ich, dass mir etwas Schlimmes widerfuhr. Eine Erstarrung �berkam mich, und ich konnte mich nicht r�hren. Reglos sah ich den Ank�mmling an und konnte von Gl�ck sagen, dass mir nicht die Beine einknickten. �Na los! Beweg dich!�, rief mir ein kleiner kluger Junge zu, der in meinem Innern wohnte, im Wechselspiel meiner Charakterz�ge aber leider keinen gro�en Einfluss gewonnen hatte. �Die Zeit l�uft! Das ist kein Spiel! Beweg dich!�</p><p>Doch sein Appell verhallte wirkungslos.</p><p>Mir war klar, dass ich nun Sir Lonely-Lokley h�tte befreien sollen, doch ich konnte nicht mal die einfache Handbewegung ausf�hren, die notwendig gewesen w�re, um meinem n�chtlichen Besucher die t�dliche Puppe Sch�rf zu zeigen. Aber das war nicht mehr wichtig. Ich begriff, dass ich in der Klemme sa�.</p><p>�Dein Name ist Persjet. Du bist ein H�ppchen Leben, und ich habe dich lange gesucht�, fl�sterte das Gespenst. �Ich bin einen weiten Weg gekommen. Auf der einen Seite lag das Gef�ngnis, auf der anderen der Friedhof. Und der Wind heulte. So bin ich zu dir gekommen.�</p><p>Olala, du bist zu mir gekommen? Schau an! H�ttest du das nicht schweigend tun k�nnen, du verkannter symbolistischer Poet? Mich jemandem zu unterwerfen, der schon beim ersten Treffen zu pomp�sen Redewendungen griff, hielt ich f�r keine gute Idee und beschloss darum, nicht aufzugeben. Unter uns gesagt: Mit achtzehn hatte ich bessere Monologe verfasst. Ich wusste zwar nicht, wie ich das Gespenst besiegen sollte, doch eins war mir klar: Ich w�rde es besiegen!</p><p>Dann widerfuhren mir merkw�rdige Dinge. Ich sp�rte, dass ich erneut h�rter wurde, und hatte den Eindruck, mich in einen kleinen gr�nen Apfel zu verwandeln, einen von denen, in die nur siebenj�hrige Jungen bei�en k�nnen, die - wie man ja wei� - in alles bei�en, was ihnen in die Finger ger�t.</p><p>Dann kam mir ein verr�ckter Gedanke: Ein erwachsenes Gespenst wie mein Gegen�ber konnte doch auf keinen Fall in den kleinen sauren Apfel bei�en, der ich war. Diese Wahnvorstellung erschien mir ungemein plausibel und gab mir meine Kraft zur�ck. Ehrenwort: Ich verga� tats�chlich meine menschliche Natur und alle damit verbundenen Probleme. Wir gr�nen �pfel f�hren ein unfassbar sorgloses Leben!</p><p>Mein Besucher verzerrte deutlich genug die Miene. Er hatte die Z�ge von jemandem, der seit langem mit einem Mund voll Essig und unreifer Datteln herumspazieren muss. Nun geriet er sichtlich in Verlegenheit, und der kleine gr�ne Apfel wurde wieder ein Mensch - einer, der seine Handlungsf�higkeit zur�ckgewonnen hat. Und dieser Mensch machte mit der linken Hand eine kleine, aber notwendige Bewegung. Das reichte: Mitten in der Zelle stand Sir Lonely-Lokley.</p><p>�Du hast Doperst mitgebracht!�, emp�rte sich Machligl Annoch, als h�tten wir vor unserer Begegnung Regeln ausgehandelt, gegen die ich nun versto�en w�rde.</p><p>�Du bist kein Persjet�, f�gte das Gespenst aufgebracht hinzu. Offenbar hoffte es, ich w�rde mich sch�men und Sch�rf wieder in meine Hand verbannen. Ich glaube, Sir Annoch war in den letzten fahren etwas wirr im Kopf geworden, weil er vor allem mit schwachen, erschrockenen H�ftlingen zu tun gehabt hatte.</p><p>�Du bist auch kein Persjet!�, antwortete ich bissig.</p><p>Die Verlegenheit des Gespensts kam Sch�rf und mir sehr zupass, denn Sir Lonely-Lokley brauchte etwas Zeit, die sch�tzenden, mit Runen �bers�ten Handschuhe auszuziehen. Solange wir uns mit dem toten Magister gezankt hatten, hatte Sch�rf notwendige Vorbereitungen treffen k�nnen. Als seine t�dlichen H�nde nun die W�nde der Zelle mit ihrem Glanz beleuchteten, erschien mir das Leben wieder als leichte, angenehme �bung. Wie ein nettes M�rchen, an dessen Ende sich die guten Nachrichten h�ufen, auf dass jeder Beteiligte sich die Neuigkeiten aussuchen kann, die ihm am besten passen.</p><p>Damals w�re ich nicht auf die Idee gekommen, dass meine �berlebenschancen so gut wie null waren.</p><p>Schuld daran war nat�rlich ich selbst. Weil ich bis dahin noch nie mit einem in Rente lebenden Gro�en Magister zu tun gehabt hatte, entschied ich leichtsinnig, uns bliebe noch gen�gend Zeit, ihn zu t�ten. Mein Leichtsinn verf�hrte mich sogar dazu, das seltsame Gespenst ins Haus an der Br�cke bringen und dort mit gro�er Geste meinen Kollegen pr�sentieren zu wollen. Wie das aber h�tte geschehen sollen, wusste ich selber nicht. Meine Kenntnisse in diesem Bereich jedenfalls waren sehr bescheiden: Die Grundlagen der Metaphysik hatte man weder am Gymnasium - das ich nur mit Ach und Krach abgeschlossen hatte - unterrichtet noch an der Universit�t, von der ich in hohem Bogen geflogen war.</p><p>Meinen leichtsinnigen Geistesblitz hatte ich dem Kollegen Sch�rf allerdings nicht mitgeteilt. Und weil niemand im ganzen Kosmos disziplinierter sein d�rfte als er und weil ich die Operation leitete, waren meine Befehle seiner Ansicht nach ohne Nachdenken zu befolgen. Auch die unsinnigsten Befehle!</p><p>Die rechte Hand, mit der Lonely-Lokley sein Gegen�ber normalerweise erstarren lassen konnte, erwies sich als wirkungslos. Schlimmer noch: Das Gespenst begann pl�tzlich zu wachsen und wurde dabei immer durchsichtiger - und zwar so schnell, dass der transparente Kopf der Erscheinung schon nach wenigen Sekunden direkt unter der Decke hing.</p><p>�Der dumme Doperst!�, rief Machligl Annoch. �Er kann nicht t�ten! Verschwinde, Doperst!�</p><p>Das Gespenst schenkte Sir Lonely-Lokley keine Beachtung mehr, sondern langte nach mir und schaffte es, mich zu ber�hren. Das f�hlte sich an wie ein kalter, feuchter Wackelpudding, lie� mir die Galle hochsteigen und bereitete mir am ganzen K�rper Schmerzen. Bis heute begreife ich nicht, wie ich diese Ber�hrung habe �berleben k�nnen. Nicht einmal das Bewusstsein habe ich verloren, sondern stattdessen laut gerufen: �Mach ihn nass! Mach ihn nass!�</p><p>S�ndige Magister! Wo hatte ich damals nur meinen Verstand gelassen?</p><p>Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Sir Lonely-Lokley seine wunderbaren H�nde aneinanderlegte und die Zeigefinger kreuzte. Dieser vielversprechenden Geste folgten allerdings keine Taten. Eine weitere qualvolle Sekunde verging. Ich verstand �berhaupt nichts mehr.</p><p>Warum brachte Sch�rf ihn nicht um? Der menschen�hnliche Wackelpudding umzingelte mich gef�hrlich.</p><p>Dann passierte das Unglaubliche, das dieser Nacht das gewisse Etwas verlieh. Die aneinandergelegten H�nde von Sir Lonely-Lokley zogen in der Dunkelheit eine seltsame Linie, und dann prasselte ein Wasserfall auf uns nieder. Der tonnenschwere Schwall dr�ckte die transparente Gestalt zu Boden. Erst begriff ich nicht, was da passierte, hob mein Gesicht aber vergn�gt dem erfrischenden Guss entgegen. Diese Dusche war dringend notwendig gewesen.</p><p>Doch unser Gegner erwies sich als enorm z�h. Nat�rlich hatte das Wasser ihm nicht schaden k�nnen, sondern diente nur seiner n�chsten Verwandlung. Nach der Dusche schrumpfte das Gespenst wieder. Gerade war es noch gro� und durchsichtig gewesen; nun war es wieder klein, kompakt und blickdicht.</p><p>Ich wei� katastrophal wenig �ber Astronomie und habe darum keine Ahnung, wie man Himmelsk�rper mit hohem spezifischem Gewicht nennt. Nur dass es sich dabei um Zwerge handelt, bringe ich zusammen - aber sind es Wei�e oder Schwarze Zwerge? Keine Ahnung! Unser Zwerg jedenfalls war wei�: eine winzig kleine menschliche Gestalt, die von innen durchsichtig leuchtete wie die H�nde von Lonely-Lokley, die sich ihm nun n�herten.</p><p>�Sie haben sich geirrt, Sir Max�, bemerkte mein Partner hastig. �Wasser schadet ihm nicht.�</p><p>�Ich soll mich geirrt haben?! Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, dass wir Wasser brauchen?�</p><p>�Sie haben doch selbst befohlen, ihn nass zu machen!�</p><p>�S�ndige Magister! Sch�rf - nass machen hei�t t�ten! Und je schneller, desto besser!�</p><p>Ich verkniff mir weitere Bemerkungen. Mir war nicht nach Gespr�chen. Das kleine, gl�nzende Wesen stand direkt vor mir in der Luft und murmelte mir etwas zu. Ich �berlegte seltsam unbeteiligt, ob es mich verfluchte. Zum Widerstand hatte ich einfach keine Kraft mehr.</p><p>Strahlendes Sonnenlicht blendete mich. Ich stand unter einem Baum mit m�chtiger Krone, und ein unordentlich angezogenes M�dchen, das so kurze Beine hatte wie Sir Annoch, reichte mir eine Aprikose. �Hier - nehmen Sie eine Erfrischung!- Ich wei� nicht, warum ich das Obst annahm und hineinbiss. Es war verdorben. Eine winzige wei�e Made sprang mir in den Mund und verbiss sich in meinem Rachen. Ich sp�rte ihre scharfen Z�hne in der Schleimhaut. Das Gift verbreitete sich in meinem K�rper und erf�llte mich mit einer widerlichen Schw�che. Eigentlich h�tte ich vor Schmerz und Ekel sterben m�ssen, doch mich erf�llte nur blinder Hass, und ich schrie so laut, dass ein Sturm aufkam und der Baum seine Bl�tter verlor. Das hellblonde M�dchen kroch mit vor Angst verzerrtem Gesicht �bers Gras und zischelte dabei wie eine Viper. Schlie�lich spuckte ich die giftige Made vor die F��e von Lonely-Lokley, obwohl der sich gar nicht im Obstgarten befand. Dann verlosch das strahlend helle Sonnenlicht.</p><p>Was mich an unserem Schnitter des Lebensfadens so begeistert, ist seine unfassbare Unersch�tterlichkeit. Als ich noch durch meinen Alptraum irrte, hatte Sch�rf seine Aufgabe schon erledigt und seine t�dliche Linke, mit der sowieso alles h�tte beginnen m�ssen und die ihm eigentlich nie Probleme bereitete, doch noch in Aktion versetzt. Egal ob er sie gegen einen Menschen, ein Gespenst oder was auch sonst erhob: Der Tod kam rasch und war nicht r�ckg�ngig zu machen.</p><p>Danach zog dieser tolle Hecht die Schutzhandschuhe an und fl��te mir, geschickt wie eine Krankenschwester, die Reste meines Kachar-Balsams ein.</p><p>�Das ist in solchen F�llen sehr wirksam, Sir Max. Also trinken Sie. Tut mir leid, aber ich hatte Ihren Befehl missverstanden. Bei uns in Echo hat Nassmachen keine doppelte Bedeutung. Deshalb hatte ich gedacht, Sie wollten eine neue T�tungsart erproben. Der kleine Wolkenbruch hat mich viel M�he gekostet - auch wenn ich nat�rlich, was Zaubertricks anlangt, bei Sir Juffin eine Spezialausbildung gemacht habe. Aber Sie wissen ja, wie schwer das Zaubern gerade hier in Cholomi ist.�</p><p>Der Kachar-Balsam brachte mich nicht nur wieder zur Besinnung, sondern hob auch meine Laune sp�rbar - ein deutliches Zeichen der Besserung.</p><p>�Mit Wasser t�ten? S�ndige Magister! Geht das denn �berhaupt? Und warum eigentlich mit Wasser? Man h�tte das Gespenst doch nur anpinkeln m�ssen! Schon das w�re t�dlich gewesen - da bin ich mir sicher! Loki, haben Sie mal versucht, einen Geist anzupinkeln?�</p><p>�Sir Max!�, entgegnete mein Retter vorwurfsvoll. �Ich hei�e nicht Loki, sondern Lonely-Lokley! Bisher haben Sie es doch immer geschafft, meinen Namen fehlerfrei auszusprechen. Ich hoffe sehr, dass Ihnen diese F�higkeit nicht dauerhaft abhandengekommen ist.�</p><p>Der Arme hielt mich gewiss f�r einen ebenso hoffnungslosen Fall wie Melifaro. Um die Situation zu retten, griff ich zu einer Notl�ge: �Das war eigentlich kein Fehler, Sir Sch�rf. Ich habe nur einen Gott erw�hnt, dessen Name dem Ihren sehr �hnlich ist. Seien Sie also bitte nicht sauer, mein Freund.�</p><p>�Von einem Gott namens Loki hab ich noch nie geh�rt�, gab Lonely-Lokley erstaunt zur�ck. �Verehren Ihre Landsleute den etwa?�</p><p>�Manche schon�, antwortete ich und verzog dabei keine Miene. �Bei uns in den Leeren L�ndern herrscht, wie Sie ja wissen, Vielg�tterei. Jeder glaubt, an wen es ihm passt. Und weil jeder Zweite ein Nomade ist, ist er auch sein eigener Opferpriester. Viele glauben - so wie ich - an gar nichts, interessieren sich daf�r aber ein wenig f�r alles.�</p><p>�Ist das etwa Geheimwissen?�, fragte Sir Sch�rf hoffnungsvoll. �K�nnen Sie mir mehr dar�ber erz�hlen?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich entschlossen. �Wie Sie w�nschen.�</p><p>Die n�chsten anderthalb Stunden verbrachte ich damit, Sir Lonely-Lokley �ber dem kalt gewordenen Rest unserer Kamra die nordische Mythologie zu erkl�ren, die ich ihm als Sagen aus den Leeren L�ndern unterjubelte.</p><p>Eins musste man Sir Sch�rf lassen: Die nordische Sagenund Mythenwelt gefiel ihm sehr! Besondere Vorliebe entwickelte er f�r G�ttervater Odin, der nicht nur Schutzherr der Walhalla ist, in deren Mauern die auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger zechen, sondern den Menschen auch den Dichtermet geschenkt hat.</p><p>Und der Schnitter des Lebensfadens sch�tzte die Poesie so sehr, dass er vor Ehrfurcht schier zu beben begann.</p><p>Nicht nur die unerwartete �bereinstimmung unserer literarischen Vorlieben, sondern auch meine gro�e Portion Kachar-Balsam hatte mich so entflammt, dass ich meinem Kollegen auf die Schulter klopfte, ohne zu bedenken, dass diese Geste im Vereinigten K�nigreich engsten Freunden Vorbehalten ist. Gl�cklicherweise erhob Sir Sch�rf keine Einw�nde gegen den offiziellen Beginn unserer Freundschaft. Im Gegenteil: Er schien sehr zufrieden damit.</p><p>Erst sp�ter begriff ich, wie viele Verpflichtungen die Ehre mit sich brachte, ein enger Freund von Sir Lonely- Lokley zu sein. In Echo gibt es unterschiedlichste Freundschaftsrituale. Deshalb beschloss ich, Sir Juffin untert�nigst zu bitten, mich dar�ber aufzukl�ren, wie man hier Freundschaften pflegt, und nahm mir au�erdem vor, in einem eigens daf�r angelegten Heft die Bedeutung jeder Geste und jedes Gesichtsausdrucks zu protokollieren. Hauptsache, ich w�rde in der n�chsten halben Stunde niemanden beleidigen. Aber bei mir musste man immer mit allem rechnen.</p><p>Dann beendeten wir unser literarisches Gespr�ch, riefen einen W�chter und verlie�en die Zelle. Wir gingen zum Kommandanten, wo wir ein ausgezeichnetes Fr�hst�ck und eine Menge frische, hei�e Kamra bekamen. Das war einfach fantastisch. Ich kam endlich wieder richtig zur Besinnung und wollte meine wachsende Neugier stillen.</p><p>�Verraten Sie mir doch, Sir Sch�rf, wie Sie sich gef�hlt haben, als Sie winzig klein waren. Ich meine nat�rlich nicht in Ihrer Kindheit, sondern w�hrend der langen Zeit, die Sie zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken verbracht haben.�</p><p>�Welche lange Zeit denn?�, fragte Lonely-Lokley und zuckte die Achseln. �In den drei Stunden bin ich etwas hungrig geworden.�</p><p>�In welchen drei Stunden denn?�</p><p>�Wollen Sie sagen, mein Zeitgef�hl hat mich getrogen?�</p><p>�Wir haben drei Tage und drei N�chte in der Zelle verbracht!�, rief ich.</p><p>�Ein interessanter Effekt�, stellte Lonely-Lokley fest. �Und gut f�r mich. Drei Tage sind n�mlich eine lange Zeit f�r jemanden, der vergessen hat, sich belegte Br�tchen mitzunehmen. Da kann ich von Gl�ck sagen, dass sich mein Zeitgef�hl so stark ver�ndert hat.�</p><p>Ich hatte nat�rlich noch viele Fragen zu seinem Aufenthalt in meiner Hand, doch Sir Sch�rf meinte nur trocken, Erfahrungen solcher Art solle man besser pers�nlich machen, statt fremden Beschreibungen zu trauen. Dann bot er mir gro�z�gig an, mich meinerseits in seiner Faust einzuschlie�en. Ich allerdings kam zu dem Schluss, vorerst genug Eindr�cke gesammelt zu haben, und wechselte das Thema.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck nahmen wir Abschied vom gastfreundlichen Sir Marunarch. Es ging mir sehr gut, doch ich f�hlte mich unter dem Einfluss der gro�en Portion Kachar-Balsam eigenartig schwerelos und hatte Lust, meine Manteltaschen mit Steinen zu bef�llen, um nicht davonzuschweben.</p><p>�Sie sollten sich besser nicht ans Steuer setzen�, bemerkte Lonely-Lokley beim Einsteigen ins A-Mobil. �Sie sind zwar der beste Fahrer, den ich kenne, aber als es Kachar-Balsam noch an jeder Ecke zu kaufen gab, war es streng verboten, sich in Ihrem Zustand ans Lenkrad zu setzen.�</p><p>Dieser Argumentation konnte ich mich nicht verschlie�en.</p><p>�Ihr Bewohner der Grenzl�nder seid merkw�rdige Wesen!�, meinte Sir Sch�rf, als er auf die h�lzerne F�hre fuhr, die zwischen Cholomi und der Altstadt von Echo verkehrte. �Zugegeben - ich wei� noch nicht, worin sich die Unterschiede zu uns geb�rtigen Hauptst�dtern am deutlichsten zeigen, aber Sie, Sir Max, unterscheiden sich ohnehin von anderen Fremden. Doch leider bin ich ein schlechter Theoretiker�, schloss Lonely- Lokley und vertiefte sich in sein Arbeitsheft. Vermutlich wollte er seine Eindr�cke zu Papier bringen, solange sie noch frisch waren.</p><p>�Worauf wollen Sie hinaus, Sch�rf?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Nehmen Sie mir das bitte nicht krumm, Sir Max! Es herrscht nur allgemein die Ansicht, Kachar-Balsam habe - wie alle anregenden Getr�nke - eine deprimierende Wirkung auf die Psyche sogenannter Barbaren. Verzeihen Sie mir dieses grobe Wort. Manche Heiler behaupten sogar, Kachar-Balsam sei f�r das seelische Gleichgewicht Ihrer Landsleute gef�hrlich, und meinen, solche Getr�nke d�rften nur geb�rtige Ugul�nder zu sich nehmen. In Ihrem Fall sieht das Ganze anders aus: Ihre Psyche wird vom Kachar-Balsam kaum ver�ndert - anders als das Bewusstsein manches Vertreters der sogenannten zivilisierten V�lker. Nur das habe ich gemeint. Und ich bitte nochmals um Verzeihung, wenn ich taktlos gewesen sein sollte.�</p><p>�Haben Sie schon vergessen, Sch�rf? Sie sind jetzt mein Freund und k�nnen mir an den Kopf werfen, was Sie wollen.�</p><p>Ehrlich gesagt: Ich atmete vor Erleichterung auf. Als Lonely-Lokley �ber meine seltsamen Eigenschaften gesprochen hatte, bef�rchtete ich schon, er habe meine angebliche Herkunft als L�ge durchschaut und Juffins Bem�hungen seien umsonst gewesen. Aber nein, ihm war es nur seltsam vorgekommen, dass ich nach ein paar Schluck Kachar-Balsam nicht nackt auf dem Tisch getanzt hatte. Na ja, n�chstes Mal musste ich seinen Erwartungen wohl besser entsprechen.</p><p>Sir Juffin war sehr zufrieden, als er uns gesund, wohlbehalten und siegreich zur�ckgekehrt sah.</p><p>�Ich glaube kaum, dass f�r Magister Annoch das Problem des Lebens nach dem Tode noch aktuell ist�, rief ich schon von der T�rschwelle her. �H�tten wir ihn erst nach seiner Auferstehung umgebracht, w�re vielleicht alles M�gliche passiert. Aber wir haben ihn erledigt, als er gerade noch der Schattenwelt angeh�rte. S�ndige Magister! Was schleppe ich denn da mit mir herum? Warum hat mich niemand gebremst?�, wunderte ich mich und betastete die Steine in meinem Mantel.</p><p>�Auf jeden Fall bin ich sicher, dass Annoch seine Forschungen endg�ltig abgeschlossen hat�, sagte Juffin beg�tigend zu mir.</p><p>�Das glaube ich auch. Dieser Magister hat mir absolut nicht gefallen. Nat�rlich h�tte ich ihn Ihnen gern lebend geliefert - wenn von lebend �berhaupt die Rede h�tte sein k�nnen. Aber das hat leider nicht geklappt.�</p><p>�Mach dir dar�ber keine Gedanken, Junge! Das h�tte nie und nimmer hingehauen.�</p><p>�Das hab ich von Anfang an gewusst�, warf Lonely- Lokley ein. �Aber Befehl ist Befehl.�</p><p>�Ich war dumm, doch ich werde mich bessern�, meinte ich entschuldigend, warf mich in einen Sessel und merkte rasch, dass ich kurz davor war, einzuschlafen. Mit halb geschlossenen Augen murmelte ich: �Vergessen Sie nicht, von Ihrer Nummer mit dem Wasser zu erz�hlen - das war vielleicht was ...�</p><p>Weil ich noch immer unter dem anregenden Einfluss des Kachar-Balsams stand, schlief ich h�chstens eine Stunde. Als ich aufwachte, f�hlte ich mich leicht wie eine Feder und obendrein erstaunlich munter. Meine Kollegen tranken Kamra, die sie im Fressfass bestellt hatten, und unterhielten sich leise.</p><p>�Ah, er ist wieder wach�, rief Juffin fr�hlich, nickte zu mir r�ber und sah mich dabei verd�chtig enthusiastisch an, als ob ich ein Festtagspudding w�re, der genau die richtige Konsistenz hatte, um gierig den L�ffel darin zu versenken. Juffin h�tte sich beinahe die Lippen geleckt.</p><p>Aufgegessen hat er mich dann aber doch nicht. Stattdessen f�hrte er eine medizinische Untersuchung durch, die allerdings keine �hnlichkeit mit einer �rztlichen Prozedur hatte.</p><p>Ich bekam die Anweisung, mich an die Wand zu stellen. Einige Zeit musterte Juffin mich mit seinen leuchtenden Augen. Das war nicht besonders angenehm und hatte mich am Anfang unserer Bekanntschaft stets verlegen gemacht. Nun befahl er mir, mich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, was mich nat�rlich riesig begeisterte. Nachdem mein Chef einige Zeit meinen Hintern und dessen Umgebung untersucht hatte, klopfte er mir - weil er noch nicht zufrieden war - den R�cken ab. Diese Massage gefiel mir besser als das Blickduell, das ihr vorausgegangen war. Dann legte er mir die schwieligen H�nde - die warme Rechte wie die eiskalte Linke - in den Nacken, und ich sp�rte pl�tzlich Unheil. Beinahe w�re ich gestorben, und nichts w�re von mir �brig geblieben. Dann schrie ich - nicht vor Schmerz, sondern um mir und der ganzen Welt zu zeigen, dass ich noch lebte. Es mag sich seltsam anh�ren, ist aber wahr: Wer schreit, versichert sich seiner Existenz.</p><p>�Entspann dich, Max�, sagte Juffin und f�hrte mich f�rsorglich zum Sessel. �Das war unangenehm, ich wei�, aber du hast es hinter dir.�</p><p>Mein k�rperliches Wohlbefinden kehrte rasch zur�ck, nicht aber mein seelisches Gleichgewicht.</p><p>�Was war das?�</p><p>�Nichts Besonderes. Nur ein ganz normaler Dialog zwischen dem K�rper eines Heilers und dem eines Patienten. Das gef�llt nicht jedem. Dir zum Beispiel hat es nicht gefallen, doch du brauchst einfach ein wenig Zeit, um dich daran zu gew�hnen. Bist du bereit, Neuigkeiten zu erfahren?�</p><p>�Kommt drauf an, welche�, antwortete ich vorsichtig. �Gute Nachrichten oder schlechte? Oder Neuigkeiten, die nicht so leicht einzusch�tzen sind?�</p><p>�Schwer einsch�tzbare Nachrichten. Alles h�ngt von deinem Humor ab�, sagte Juffin und l�chelte vieldeutig.</p><p>�Mit meinem Humor hatte ich eigentlich noch nie Probleme.�</p><p>�Das werden wir ja jetzt sehen. Wei�t du, Max, deine K�rperbeschaffenheit hat sich ein wenig ge�ndert.�</p><p>�Inwiefern? Bin ich jetzt eine Frau? Muss ich jetzt anderswo auf die Toilette gehen, oder was meinen Sie damit? �</p><p>�Jein. Was deinen Unterleib anlangt, ist alles in Ordnung�, kicherte Juffin. �Hinsichtlich der Toilette und anderer Freuden des Lebens kannst du beruhigt sein.�</p><p>�Schon gut!�</p><p>�Es ist nichts Schlimmes passiert, aber es ist besser, wenn man gewisse Dinge �ber sich wei� ... Wie soll ich es sagen ... Du bist ... na ja ... du bist giftig geworden.�</p><p>�Giftig? Ich?�, fragte ich ungl�ubig, da Juffins Feststellung mich zutiefst erschreckt hatte. �Sie meinen also, wenn mich jemand auf��e, w�rde er sterben? Das sollten Sie dringend allen Kannibalen unserer Stadt zur Kenntnis bringen, damit es nicht zu tragischen Todesf�llen kommt�, sagte ich und kicherte so aufgekratzt, als w�re es das letzte Kichern meines Lebens.</p><p>�Nein, nein - essbar bist du schon. Und ber�hren darf man dich auch. Und wer Lust hat, kann auch dein Besteck und deine Handt�cher benutzen�, antwortete Juffin l�chelnd. �Es gibt nur ein Problem: Wenn du w�tend oder erschrocken bist, wird deine Spucke giftig. Und dieses Gift ist - unter uns gesagt - schrecklich. Es t�tet blitzschnell, wenn es in Kontakt mit menschlicher Haut ger�t. Mit diesem Gift spuckst du deine Gegner garantiert an. Ich kann dir versichern, dass dir dagegen nicht mal deine gute Erziehung helfen kann. Auch deine Willenskraft vermag nichts daran zu �ndern, denn das ist keine Frage der freien Entscheidung. Du wirst spucken - auch wenn du es nicht m�chtest. Du kannst nur eines tun, wenn du deine Gegner nicht gleich umbringen willst: Du kannst danebenspucken. Also arbeite an deinem Charakter, mein Junge: Du darfst dich nicht gleich �ber jede Kleinigkeit �rgern, denn sonst spuckst du halb Echo tot.�</p><p>�Das ist alles nicht so schlimm�, bemerkte ich etwas unschl�ssig. �Ich werde nicht so schnell w�tend. Wenn General Bubuta so etwas passiert w�re, dann w�re jetzt die ganze Menschheit in Gefahr. Aber vielleicht sollte ich als Hilfskiller f�r Sir Sch�rf arbeiten.�</p><p>�Ein zus�tzlicher Meuchelm�rder kann nicht schaden�, bemerkte Lonely-Lokley, der bisher friedlich und gleichg�ltig geblieben war, ernst. �Sie wissen, Sir Max, dass ich gegenw�rtig sehr viel zu tun habe!�</p><p>�Und keine Sorge: Wenn Sie irgendwann Ihre Handschuhe vergessen, brauche ich mich nur ein wenig zu �rgern, und meine Spucke wird giftig�, f�gte ich gro�z�gig hinzu.</p><p>�Sir Max, wie k�nnte ich denn meine Handschuhe vergessen? Wie kommen Sie blo� auf diese Idee?�, staunte Lonely-Lokley.</p><p>Ich begriff, dass ich etwas Dummes gesagt hatte. Manche Dinge passieren einfach nicht: Die Sonne kann nicht r�ckw�rtslaufen, Sand kann keinen Durst l�schen, und Sir Sch�rf kann seine t�dlichen Handschuhe nicht vergessen, wenn er im Einsatz ist. So hat alles seine Ordnung.</p><p>�Und was wird jetzt aus meinem Leben, Juffin?�, seufzte ich. �Kein M�dchen wird ein Ungeheuer wie mich k�ssen wollen. L�sst sich diese Entwicklung vielleicht verheimlichen?�</p><p>�Du musst den M�dchen klarmachen, dass es absolut ungef�hrlich ist, dich zu k�ssen. Vorausgesetzt, du bist nicht sauer�, meinte Juffin achselzuckend. �Und was die Geheimhaltung angeht - ich will wegen dieser Sache zwar keine Pressekonferenz geben, aber du wei� ja ...�</p><p>�... dass es in Echo viele preiswerte Hellseher gibt�, vollendete ich Juffins Satz.</p><p>�Eben!�</p><p>�Wie konnte mir das �berhaupt passieren?�</p><p>�Das ist dein Schicksal, Junge. Wenn du mit Magie h�heren Grades in Ber�hrung kommst, wirkt sie auf dich etwas anders als - sagen wir - auf normale Leute�, meinte Juffin und �ugte vielsagend zu Lonely-Lokley r�ber.</p><p>Sch�rf war verschwiegen wie ein Fels im Safe einer Schweizer Bank, doch ihm gegen�ber zu erw�hnen, dass ich aus einer anderen Welt stammte, w�re nicht n�tig gewesen. Immerhin war mir nun klar, welches Schicksal mir bevorstand.</p><p>�Manchmal ist es besser, nicht im Voraus zu wissen, was wie auf einen wirken wird�, erg�nzte Juffin. �Kannst du dich noch erinnern, was damals im Haus meines Nachbarn passiert ist?�</p><p>�Ich hatte eine Zeit lang blutsaugerische Gel�ste�, erwiderte ich traurig. �Nach ein paar Stunden war aber wieder alles im Lot.�</p><p>�Richtig. Damals war die Wirkungsdauer meines Zauberspruchs nur kurz bemessen. Das Gespenst in der Gef�ngniszelle hingegen hat dich t�ten wollen und dich mit seiner Formel f�r alle Zeit gezeichnet.�</p><p>�Sehr tr�stlich - vielen Dank!�</p><p>�Finde dich damit ab, Max. Und glaub nicht, dass dieses Ereignis eines der letzten in deinem Leben gewesen ist. Alles wird sich zum Besseren wenden. Im Haus von Sir Makluk-Olli bist du kl�ger geworden. Und jetzt hat sich herausgestellt, dass du auch ganz gut k�mpfen kannst. Wer wei�, was als N�chstes kommt!�</p><p>�Genau!�</p><p>Einige Sekunden versuchte ich intensiv, mich zu bedauern, gab dann aber klein bei und kicherte erneut. �Vielleicht sollte man mich zum Arzt bringen? Dem k�nnt ich dann sagen: -Herr Doktor, meine Spucke ist giftig. Was soll ich tun?�, und er k�nnte antworten: �Kein Problem. Sie m�ssen strenge Di�t halten und jeden Tag vor dem Schlafengehen einen Spaziergang machen und eine Aspirin schlucken. In f�nfhundert Jahren ist dann alles wie weggeblasen.��</p><p>�Aspirin? Was ist das?�, fragte Sir Sch�rf interessiert.</p><p>�Oh, ein echtes Zaubermittel. Es wird aus Pferdemist gewonnen und hilft wirklich gegen alles!�</p><p>�Na so was! Dabei schreiben die Wissenschaftler doch, die Medizin in den Grenzgebieten sei noch sehr unterentwickelt. Tja, die Wahrheit f�llt oft Vorurteilen zum Opfer</p><p>Sir Juffin Halli fasste sich mit beiden H�nden an den Kopf. �Stopp, meine Herrschaften. Ich kann nicht lachen, weil ich mir das Jochbein verrenkt habe. Aber ich habe noch einen letzten Ratschlag f�r dich, Max. Du hattest wirklich gro�es Gl�ck und hast viele harmlose und unn�tze Gewohnheiten. H�chste Zeit, dass du dir ein paar gef�hrliche Gewohnheiten anschaffst! Deine neue Errungenschaft kann f�r deine Arbeit sehr n�tzlich sein. Und wenn sich irgendeine hysterische Frau weigert, dich zu k�ssen, brauchst du sie nur anzuspucken, und die Sache ist erledigt. Alles klar?�</p><p>�Alles klar.�</p><p>�Na prima.� Mit diesen Worten �ffnete Juffin die Haust�r, nahm ein gro�es Paket in Empfang und warf es mir zu. �Probier das hier mal an.�</p><p>Ich machte das Paket auf, entnahm ihm einen schwarzen, mit Gold bestickten Lochimantel, eine schwarze Skaba, einen Turban und ein Paar au�ergew�hnliche Stiefel. Besonders die Stiefel gefielen mir sehr: Die Spitze erinnerte an ein Drachengesicht mit gro�en Z�hnen, und der Schaft war mit goldenen Glocken �bers�t. In meinem Heimatland h�tte ich so etwas nie tragen k�nnen, aber hier war es anders.</p><p>�Ist das ein Geschenk, Juffin?�</p><p>�So was in der Art. Probier sie erstmal an.�</p><p>�Danke�, sagte ich und schl�pfte in die Stiefel.</p><p>�Nichts zu danken. Gefallen sie dir?�</p><p>�Was f�r eine Frage!� Ich setzte mir den schwarzen Turban auf, der ebenfalls mit goldenen Glocken verziert war.</p><p>�Und der Lochimantel?�</p><p>�Einen Moment�, meinte ich, kn�pfte den Mantel zu und betrachtete mich im Spiegel. Wie sich herausstellte, war das Goldmuster so gearbeitet, dass es auf dem R�cken gr��ere, �berall sonst aber kleinere Kreise bildete. �Wirklich gar nicht schlecht. Ein k�niglicher Anzug!�</p><p>�In der Tat k�niglich. Ich bin froh, dass er dir gef�llt, Max. Jetzt wirst du ihn tragen m�ssen.�</p><p>�Mit Vergn�gen. Aber warum muss ich es tun? Au�erdem ist es doch schade, etwas so Sch�nes jeden Tag anzuziehen.�</p><p>�Du wirst so viele Exemplare davon bekommen, wie du brauchst. Offenbar hast du noch nicht begriffen, dass diese Ausstattung so etwas wie dein Dienstanzug ist. Von nun an musst du ihn immer tragen.�</p><p>�Ausgezeichnet. Aber ich habe wirklich noch l�ngst nicht alles kapiert. Sie haben selbst gesagt, die Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps w�rden im Gegensatz zu Polizisten keine besonderen Dienstanz�ge tragen! Was ist das hier also? Eine Neuerung?�</p><p>�Eigentlich nicht. Dieser Anzug ist nur f�r dich allein. Jetzt bist du der Tod, Max. Der Tod im k�niglichen Dienst. Und f�r solche F�lle gibt es den Todesmantel.�</p><p>�Und alle Fu�g�nger, die mein A-Mobil von weitem erblicken, fliehen mich wie einen Pestkranken? Na prima!�</p><p>�Alles halb so wild. Wenn sie dich sehen, werden sie vor Ehrfurcht erzittern und selig an die gute alte Ordensepoche denken, als einem �fter mal Leute in solchen Anz�gen begegnet sind. Du bist die Karriereleiter jetzt so weit hochgestiegen, dass ... Na ja, mit einem Wort: Du bist nun eine ungeheuer wichtige Person. Das wirst du schon noch merken!�</p><p>�Bin ich also jetzt ein gro�er Leiter? Das w�re wirklich nicht so schlimm. Aber warum tragen Sie nichts �hnliches, Sch�rf? Das w�re doch f�r Sie wie geschaffen.�</p><p>�Fr�her habe ich auch den Mantel des Todes getragen�, sagte Lonely-Lokley und nickte gleichg�ltig. �Aber die Zeiten haben sich ge�ndert, und jetzt trage ich wei�e Sachen.�</p><p>�Ich dachte immer, Wei� w�rde Ihrem Geschmack entsprechen. Was bedeuten Ihre wei�en Anz�ge eigentlich? �</p><p>Sir Sch�rf zuckte die Achseln. Er hatte offensichtlich keine Lust, dar�ber zu reden.</p><p>�Es hat eine Zeit gegeben, da war Sir Sch�rf der Tod�, begann Juffin feierlich. �Aber jetzt ist er die Wahrheit. Unter diesem Begriff ist seine T�tigkeit im Geheimregister der praktizierenden Magier des K�nigs aufgef�hrt. Wenn man es einfacher sagen will, ist unser Lonely-Lokley nicht f�hig, sich zu �rgern und sauer oder beleidigt zu sein. Im Gegensatz zu dir, zum Beispiel. Er bringt zwar den Tod, aber nur, wenn es zwingend notwendig ist. Und das nicht, weil er es so will oder weil er einen entsprechenden Befehl bekommen hat. Wenn ich - sagen wir mal - Sir Sch�rf den Befehl gebe, einen Unschuldigen zu Asche zu verwandeln, wird er wie jeder anst�ndige Untertan versuchen, meine Anordnung zu erf�llen. Aber seine Hand wird ihm den Dienst verweigern. Letztlich ist unser disziplinierter Sir Sch�rf also niemandem unterworfen - und zwar, weil er gr��er als der Tod ist. Er ist die letztinstanzliche Wahrheit, also unparteiisch wie der Himmel. Na ja, was rede ich da. Alles, was ich gesagt habe, ist nur eine klapprige Mischung aus naiver Philosophie und schlechter Poesie. Aber es erkl�rt die Situation ganz gut.�</p><p>�Wenigstens muss ich weder orangenoch himbeerfarbene Sachen tragen�, meinte ich achselzuckend. �Besonders begeistert von meiner neuen Aufgabe als Tod bin ich allerdings auch nicht.�</p><p>�Niemand verlangt von dir Begeisterung. Beruhige dich erst mal und versuch, dich mit der Situation abzufinden. Damit ist dieses Thema abgeschlossen. Arbeiten werden wir heute sowieso nicht mehr. Also lasst uns ins Fressfass gehen. Ich bin hungrig, und ihr seid es sicher auch. Noch Fragen?�</p><p>�Ja�, meldete ich mich zu Wort. �Wer �bernimmt die Zeche?�</p><p>Am Ende des Abends waren an unserem Tisch alle Geheimagenten versammelt. Daran war leider gar nichts geheimnisvoll. Juffin hatte alle per Stummer Rede gerufen und sie gebeten, an unserem kleinen Schmaus teilzunehmen. Es w�re mir lieber gewesen, unter meinen Kollegen h�tte eine verborgene Verbindung bestanden. Dann w�ren alle durch die Stadt spaziert, und jeder h�tte sich unabh�ngig von den anderen zu diesem Ort, an dem sich schon einige versammelt hatten, aufgemacht. Wie Magneten h�tten wir einander angezogen. Das w�re sch�ner gewesen.</p><p>Zum Abschied lud mich Lady Melamori, die mich den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen hatte, gemeinsam mit Melifaro ein, sie irgendwann einmal in der D�mmerung auf eine Tasse Kamra zu besuchen. Gem�� ihrem Plan sollten wir gemeinsam bei ihr erscheinen und uns gegenseitig neutralisieren. Machte sie sich �ber uns lustig, oder wusste sie nicht, was sie von uns wollte? Eine interessante Frage!</p><p>�Spuck sie an, mein Freund�, fl�sterte Melifaro mir zu. �Spuck sie einfach an, und das Problem ist gel�st.�</p><p>�Witzbold�, murmelte ich. �Meine Spucke ist Staatseigentum! Sie zu pers�nlichen Zwecken zu verwenden, ist Amtsmissbrauch. Und ich war erst vor kurzem im Gef�ngnis.�</p><p>Erst sp�t in der Nacht kam ich nach Hause, wo Armstrong und Ella mich schon erwarteten. Sie waren satt, und ihr Fell war - wie versprochen - sorgf�ltig gek�mmt. Ich beschloss, k�nftig immer die Dienste des Mannes in Anspruch zu nehmen, der sich in den letzten Tagen mit meinen Katzen besch�ftigt hatte. Anders als ich war er f�r diese Arbeit offenbar geschaffen.</p><p>Die ganze Nacht f�tterte ich meine Z�glinge mit Delikatessen aus dem Fressfass und berauschte mich so lange an ihrem dankbaren Schnurren, bis ich todm�de war.</p><p>Doch ich konnte mich nicht lange erholen, denn bald weckte mich ein Klopfen an der T�r. So selbstbewusst k�nnen nur Beamte klopfen, die keinen hohen Rang erreicht haben. Ich schlurfte �rgerlich und verschlafen zur T�r und hatte keine Ahnung, worum es gehen mochte. Rechts von mir trippelte Armstrong, links sp�hte Ella vorsichtig um die Ecke, und beide miauten fantastisch. Was f�r ein Anblick!</p><p>In der T�r stand ein respektheischend aussehender Gentleman. Sein rassiges Gesicht wirkte sehr klug, was wohl nicht zuletzt an der eleganten Brille mit d�nnem Gestell und an den grauen Str�hnen an seinen Schl�fen lag.</p><p>�Verzeihen Sie bitte, Sir Max!�, sagte er und verbeugte sich. �Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen - mein Name ist Kowista Hiller. Ich bin Revisor der schlechten Nachrichten. Zwar soll man um diese Tageszeit keine Besuche machen, doch seine Hoheit Gurig VII. hat darauf bestanden, dass ich Sie umgehend beehre.�</p><p>Meine angeborene Gastfreundlichkeit und der kriecherische Ton des Fremden zwangen mich, ihn ins Wohnzimmer zu bitten. Dort standen ein fast voller Krug Kamra aus dem Fressfass und eine gro�e Auswahl diverser Leckereien auf dem Tisch. Ich musste nur sauberes Geschirr finden - und das ist in einem gro�en Haus gar nicht so leicht.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte ich, nachdem ich meine Suche erfolgreich beendet hatte. �Welche schlechten Nachrichten bringen Sie? Hat sich jemand �ber mich beschwert? Dem m�ssen Sie nat�rlich nachgehen.�</p><p>�Ich verrate es Ihnen sofort, Sir Max. Aber �rgern Sie sich bitte blo� nicht! Es ist nichts wirklich Wichtiges passiert.�</p><p>�Wie ich vermute, kennen Sie meine neue Funktion bereits�, bemerkte ich boshaft. �Aber ich habe nicht vor, mich aufzuregen, Ehrenwort! Egal was passiert ist - Todesurteile sind in Echo ziemlich selten, und aus dem Gef�ngnis bin ich gerade entlassen worden. Dort habe ich �brigens - wenn ich das anmerken darf - ein paar herrliche Tage verbracht.�</p><p>�Meine Hauptaufgabe ist die �berpr�fung an den Hof gerichteter Beschwerden�, sagte Hiller, und seine Stimme wurde immer leiser. �Aber ich bitte Sie, Sir Max: Denken Sie nicht, der K�nig habe die Aktennotiz von General Bubuta Boch wirklich ernst genommen! Ich bin wegen einer anderen Sache hier.�</p><p>�Ach wirklich? Unser Gespr�ch wird ja immer interessanter. Seien Sie so lieb, Sir, und erz�hlen Sie mir, um was f�r eine Aktennotiz es sich da gehandelt hat. Ich bin drei Tage nicht im Haus an der Br�cke gewesen, weil ich auf Befehl meines Chefs in Cholomi ermittelt habe. Also: Was habe ich nach Ansicht von General Bubuta ausgefressen?�</p><p>�Es ist mir peinlich, �ber diese dumme Sache mit Ihnen zu reden, Sir Max, aber der General hat erfahren, dass in Ihrer Abwesenheit einer der j�ngeren Mitarbeiter der Verwaltung Ihr Haus besucht und ...�</p><p>�... meine Tiere gef�ttert hat!�, rief ich nickend. �Das ist die reine Wahrheit. Unter uns gesagt: Er hat sie obendrein sogar gek�mmt. Wozu sind j�ngere Mitarbeiter sonst auch zu gebrauchen?�</p><p>�Das sehe ich genauso, Sir Max. Aber ich verrate Ihnen etwas: General Boch vergisst st�ndig, dass Geheimer Suchtrupp und Polizei getrennt voneinander operierende Organisationen sind. Was in seiner H�lfte des Hauses an der Br�cke verboten sein mag, kann in Ihrer H�lfte erlaubt sein. Bubuta Boch hat uns mehrfach Berichte �ber das Verhalten des Ehrw�rdigen Leiters Sir Juffin geliefert. Und �ber welche Ihrer Kollegen er sich sonst noch beschwert hat, behalte ich lieber f�r mich.�</p><p>�Was gef�llt ihm eigentlich nicht an uns?�</p><p>Kowista Hiller verzog den Mund zu einem verlegenen L�cheln. �Was meinen Sie wohl, Sir Max? Er hat an allem etwas auszusetzen. Zum Beispiel daran, dass Sir Kofa Joch nicht zum Dienst erscheint, weil er sich nicht vom Wirtshaustisch losrei�en kann.�</p><p>�Stimmt�, pflichtete ich �bertrieben eilfertig bei. �Sir Kofa sollte wirklich tagaus, tagein in seinem B�ro bleiben und nur hin und wieder zum Lauschen auf eine �ffentliche Toilette schleichen, um mitzubekommen, dass die Mitarbeiter von General Boch an ihrem Chef kein gutes Haar lassen. Stattdessen treibt sich dieser Kerl in der ganzen Stadt herum! Skandal!�</p><p>Mein Gespr�chspartner nickte gen�sslich: �Der K�nig pers�nlich sammelt Bubutas Beschwerden �ber Ihre Einheit, klebt sie in ein spezielles Album und versieht sie mit eigenh�ndigen Illustrationen. Es hei�t, er will das Album Sir Juffin Halli schenken, wenn es voll ist. Deswegen hat der K�nig die neueste Notiz von General Boch ja so aufmerksam gelesen, bevor er sie seiner Sammlung hinzugef�gt hat. Und er ist neugierig geworden: Warum halten Sie sich eigentlich Tiere daheim? Wozu soll das gut sein?�</p><p>��berzeugen Sie sich doch selbst, wozu das dient! Sehen Sie nicht, wie sch�n Armstrong und Ella sind? Und wie klug?�</p><p>Als die Ausl�ser der neuesten Querelen ihren Namen h�rten, sprangen sie mir auf den Scho�, und ich st�hnte kurz unter ihrem Gewicht. Ihr langes, sorgsam gek�mmtes Haar schimmerte, ihre blauen Augen funkelten freundlich, und ihr haariger Schwanz kitzelte mich angenehm an der Nase. Ich war richtig stolz auf meine zwei Hauskatzen.</p><p>�Wenn Sie w�ssten, wie angenehm es ist, beim Schnurren der beiden einzuschlafen!�, sagte ich tr�umerisch. �Das - mit Verlaub - ist schon beinahe alles, wozu sie gut sind.�</p><p>�Und woher haben Sie die Katzen?�, fragte Hiller neugierig.</p><p>Bis heute wei� ich nicht, warum ich damals log. Vielleicht f�rchtete ich ja, meine Tiere k�nnten sauer sein, wenn ich einem Fremden von ihrer plebejischen Herkunft erz�hlte.</p><p>�Die beiden sind direkte Nachkommen der Wildkatzen, die in den Leeren L�ndern leben, und eines geheimnisvollen schwarzen Tiers, das aus der Gegend stammt, wo die Sonne versinkt!�</p><p>Ich versuchte, allen Ernstes einen exaltierten Barbaren zu mimen, hielt das aber nicht lange durch, sondern lachte und fuhr mit normaler Stimme fort: �Das jedenfalls hat auf dem Zettel gestanden, der neben den Tieren im Korb gelegen hat. Ich habe sie von einem alten Freund geschenkt bekommen.�</p><p>�Und Seine Majest�t hat das erraten!�, rief der Abgeordnete des K�nigs begeistert. �Stellen Sie sich das mal vor! Er hat gleich gesagt: &gt;Ich bin �berzeugt, bei diesem unglaublichen Max leben auch unglaubliche Katzen. Geh hin und schau dich um - ich bin neugierig!� Jetzt sehe ich es selbst, Sir Max: Ihre Katzen haben nichts mit den Tieren gemein, die bei uns auf den Bauernh�fen leben.�</p><p>�Wenn Seine Majest�t der Auffassung ist, dass Armstrong und Ella wunderbare Gesch�pfe sind, bin ich ganz seiner Meinung�, versicherte ich Hiller und streichelte meine beiden haarigen und allzu wohlgen�hrten Kameraden. �Die beiden sind wirklich etwas Besonderes!�</p><p>Ich hatte den Eindruck, dass die Bauern von Echo weder Zeit noch Geduld hatten, das weiche Fell ihrer Z�glinge durchzuk�mmen. Auch den zerlausten Gesch�pfen, die sich hier in den G�rten auf der Suche nach Nahrung herumtreiben, �hnelten meine Tiere keinesfalls.</p><p>Der Revisor der schlechten Nachrichten entschuldigte sich f�nfmal, meine kostbare Aufmerksamkeit in Anspruch genommen zu haben, und meldete sich per Stummer Rede in der Burg Rulch, der k�niglichen Hauptresidenz. Und weil �ber eine so ernste Sache wie meine Katzen ausf�hrlich berichtet werden musste, schwieg der Junge beinahe eine geschlagene Stunde.</p><p>Schlie�lich schenkte mir Kowista Hiller seine Aufmerksamkeit erneut. Offen gesagt war ich zwischendurch schon einged�st.</p><p>�Sir Max�, fl�sterte er ehrerbietig. �Der K�nig will auch solche Katzen haben. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich m�chte damit nicht gesagt haben, dass er diese beiden haben will! Doch Sie haben Kater und Katze, und die werden fr�her oder sp�ter sicher Nachwuchs bekommen. K�nnen wir also auf ein K�tzchen aus dem ersten Wurf hoffen?�</p><p>Das war gar keine schlechte L�sung meiner k�nftigen Probleme. Fr�her oder sp�ter w�rden sicher kleine K�tzchen auf tauchen - daran hatte ich keinen Zweifel. Zwar hatte ich vorgehabt, die ersten Kinder von Armstrong und Ella dort abzugeben, woher ich die Eltern bekommen hatte - auf Melifaros Landgut also -, doch ein K�nigshof war nat�rlich etwas Feineres. Und viel n�her lag er auch.</p><p>�Wenn der erste Nachwuchs kommt, schicke ich dem K�nig nat�rlich das dickste P�rchen�, versprach ich feierlich.</p><p>Kowista Hiller �bersch�ttete mich mit Dank, Entschuldigungen und Komplimenten und verabschiedete sich dann. Kaum hatte er das Haus verlassen, ging ich ins Schlafzimmer.</p><p>Ausschlafen konnte ich allerdings nicht, denn schon nach wenigen Stunden meldete sich mein neuer Bekannter per Stummer Rede bei mir. Wie sich herausstellte, war der Nachwuchs von Ella und Armstrong bei allen H�flingen hei� begehrt, und Hiller w�nschte, dass wir uns bald wiedersahen.</p><p>Am Abend besa� ich ein Verzeichnis all der Leute, die sich eine seltene, vom K�nig privilegierte Rassekatze w�nschten. Ich vermutete allerdings, dass das nur der Anfang w�re. Die arme Ella - wie viele Kinder mochte sie in ihrem kurzen Leben bekommen k�nnen? Doch alle wichtigen Leute standen bereits auf der Liste.</p><p>Nat�rlich erfuhr Juffin rasch von meinen Kontakten zum k�niglichen Hof und rief mich zu sich. Auf dem Weg zum Haus an der Br�cke kostete ich meinen Triumph im Vorhinein aus.</p><p>�Was zettelst du eigentlich in Echo f�r Ver�nderungen an, Max?�, fragte mich der Ehrw�rdige Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps mit gespielter Strenge. �Sei bitte so lieb und sag mir, warum du dir nur Katzen h�ltst. Man k�nnte doch auch Pferde daheim haben, um vom Wohnins Schlafzimmer zu reiten! Warum beschr�nkst du dich auf Kleintiere?�</p><p>�Versuchen k�nnte man das�, antwortete ich gedankenverloren. �Vorausgesetzt, die hauptst�dtischen Wohnungen sind daf�r gro� genug.�</p><p>�Ich bin sicher, du wirst auch diesen Trend noch setzen! Die Herren H�flinge sind doch immer erpicht auf die neueste Mode! Aber warte damit noch ein paar Jahre, ja? In meinem Alter ist es schwierig, sich an Ver�nderungen zu gew�hnen.�</p><p>�Aber sicher. Zu den Magistern mit den Pferden! Ich beschr�nke mich auf Katzen.�</p><p>�Wirklich? Gut so! S�ndige Magister - manchmal glaube ich schon selbst daran, dass du aus den Grenzgebieten kommst. Aber nimm mir das bitte nicht �bel!�</p><p>�Nat�rlich nehme ich Ihnen das �bel! Und ich werde gleich spucken!�, rief ich und zog eine Fratze.</p><p>�Wie gern w�rde ich mich jetzt erschrecken, doch leider l�sst mein Dienstgrad das nicht zu�, meinte Juffin Halli l�chelnd. �Es hei�t immerhin, ich h�tte vor nichts und niemandem Angst. Da kann ich doch jetzt nicht aus heiterem Himmel mit dieser Tradition brechen!�</p><p>�Apropos Traditionen�, warf ich ein. �Wie sollen sogenannte enge Freunde eigentlich miteinander umgehen? Mir ist es mit dieser Frage v�llig ernst - ich muss das unbedingt wissen.�</p><p>�Wen meinst du denn mit diesen engen Freunden, Max?�</p><p>�Na ja, letzte Nacht habe ich zu viel Kachar-Balsam getrunken und Sir Sch�rf auf den R�cken geklopft. Anscheinend hat ihm das gefallen - also ist alles in Ordnung. Aber dann habe ich mir �berlegt, dass es bestimmt irgendwelche Traditionen gibt, gem�� derer ich regelm��ige Pflichten zu erf�llen habe, damit Sir Sch�rf nicht sauer auf mich wird. Stimmt das?�</p><p>�Das w�re mir neu. Soviel ich wei�, bist du zu nichts verpflichtet. Du brauchst ihn nur nicht mehr per Sir anzureden, aber damit h�ttest du wahrscheinlich ohnehin �ber kurz oder lang aufgeh�rt. S�ndige Magister, was soll ich da erkl�ren? Eine Freundschaft ist nun mal eine Freundschaft. �brigens habe auch ich dir - wenn du dich daran noch erinnerst - mit der flachen Hand auf den R�cken geklopft.�</p><p>�Na ja�, begann ich, stockte dann aber verlegen. Es ist nicht leicht, jemandem zu sagen, dass man ihn f�r die gro�e Ausnahme von allen denkbaren Regeln h�lt. Das klingt wie pure Schmeichelei. Aber Juffin verstand auch dies.</p><p>�Du findest offenbar, dass wir zwei ein sehr vertrautes Verh�ltnis zueinander haben, w�hrend du Sch�rf so distanziert begegnest, wie sich das einem Gentleman gegen�ber geziemt. Doch vergiss eines nicht, Max: F�r Freundschaften gibt es keinen Verhaltenskodex. Solltest du Sch�rf aber irgendwann besuchen, hast du das moralische Recht, seine Badewanne zu benutzen und bei ihm zu �bernachten. Und er hat dir gegen�ber das gleiche Recht. Und jetzt hast du dir ein paar Sorgenfreie Tage verdient. Ich will dich nicht weiter aufhalten.�</p><p>�Das klingt, als wollten Sie mich loswerden�, sagte ich l�chelnd. �Irgendwie schade. Soll ich mich wirklich die n�chsten zwei Tage nicht sehen lassen? Ich bekomme ja jetzt schon Sehnsucht nach meinem B�ro!�</p><p>�Sch�n, dass du deine Arbeit so liebst. Aber jetzt musst du dich mal richtig ausschlafen. Und bitte keine zus�tzlichen Abenteuer! Alles klar?�</p><p>Am Eingang des Hauses an der Br�cke stie� ich auf General Bubuta. Er grinste mich ehrf�rchtig an und senkte das purpurrote Gesicht. Anscheinend war der Arme einer Ohnmacht nahe, als er meinen Todesmantel sah. Kein Wunder - schien er doch �berzeugt, in mir einen gef�hrlichen Feind gefunden zu haben. Dabei bemitleidete ich ihn lediglich.</p><p>Aber Scherz beiseite. Als ich am Ges�ttigten Skelett vorbeikam, h�rte ich zwei �ltere Frauen einander beschimpfen. Wenn ich mich nicht t�uschte, hatten sie Krak (also die hiesige Art Poker) gespielt und versucht zu schummeln. Sie waren so in ihr Gez�nk vertieft, dass sie meine Schritte nicht geh�rt hatten.</p><p>�Sir Max soll dich bespucken!�, rief eine der beiden zornig.</p><p>Nicht schlecht! Ich setzte mich auf den Gehsteig und presste die H�nde an den Kopf. So verbrachte ich etwa zehn Minuten und wiederholte Juffins Worte wie ein Mantra: �Beruhige dich erst mal und versuch, dich mit der Situation abzufinden.�</p><p>Dann stand ich auf und ging nach Hause. Was h�tte ich auch sonst tun sollen?</p></section><section><p>Der Fremdling</p><p>Kaum glaubt man, im Einklang mit sich und seiner Umgebung zu sein, beginnen die besten Freunde, alles zu tun, um einem diese s��e Illusion zu rauben. So erging es auch mir.</p><p>Nach ein paar Tagen seligen M��iggangs, den ich nur ab und an durch ein paar rasche Bahnen im Pool unterbrochen hatte, kehrte ich ins Haus an der Br�cke zur�ck. In meinen pr�chtigen Todesmantel geh�llt, ging ich durchs Treppenhaus und freute mich schon darauf, die Kollegen zu treffen. Und ich muss sagen: Sie haben meine Erwartungen nicht entt�uscht.</p><p>Im Eingang zum zweiten Stock unserer Geb�udeh�lfte stie� ich mit Sir Melifaro zusammen. Dass er in der Eile mein Bein rempelte und mich mit dem Ellbogen in die Seite stie�, war nicht weiter schlimm. Leider aber musste er aus diesem zuf�lligen Zusammensto� gleich eine Show machen: Er prallte von mir ab wie ein Tennisball, und w�hrend seine agile Mimik auf Hyperventilation zu deuten schien, fiel er auf alle viere und fing an, mit dem Kopf auf die T�rschwelle zu schlagen. Als w�re selbst das noch zu wenig, begann er obendrein, laut zu schreien.</p><p>�Verzeiht mir, f�rchterlicher Sir Max, der Ihr den Tod aus dem Rachen rotzt! Verschont mich mit Eurer versehrenden Spucke, die im �berfluss auf Eure ungl�cklichen Feinde niedergeht! Einen derart erb�rmlichen Tod habe ich nicht verdient!�</p><p>Nat�rlich kamen auf Melifaros Geschrei hin viele Polizisten gelaufen und schienen �berzeugt, es w�rde jemand umgebracht. Sie musterten meinen sich vehement in Szene setzenden Kollegen offen, warfen mir hingegen nur verstohlene Seitenblicke zu, als f�rchteten sie, ich k�nnte sie bespucken. Aus unserer H�lfte des Hauses an der Br�cke sah - wie h�tte es anders sein k�nnen? - lediglich das versteinerte Gesicht von Sir Lonely- Lokley heraus. Nachdem er die Situation auf den ersten Blick erfasst hatte, seufzte er nur knapp und machte die T�r wieder zu. Aus der anderen H�lfte des Hauses hingegen str�mten immer mehr neugierige Polizisten heran.</p><p>Nachdem Melifaro die allgemeine Aufmerksamkeit lange genug genossen hatte, sprang er auf und stellte sich neben mich.</p><p>�Habt Ihr mir schon verziehen, oder habe ich mich noch nicht genug um Gnade bem�ht?�</p><p>�Ihre Bem�hungen waren leider ungen�gend�, entgegnete ich und versuchte, mich zu beherrschen. �In solchen F�llen muss man mindestens eine Stunde um Verzeihung bitten - und zwar auf dem belebtesten Platz der Stadt. Also, mein armer Freund: Gehen Sie zum Siegesplatz Gurigs VII. und tun Sie dort Bu�e - dann wird Ihnen Ihre Strafe erlassen.�</p><p>Mit diesen Worten verschwand ich in unsere Abteilung und knallte die T�r so fest hinter mir zu, dass die Klinke nur noch an einer Schraube hing. Immerhin beruhigte ich mich langsam wieder.</p><p>�Was ist mit dir los, Max?�, fragte Melifaro mich sofort per Stummer Rede. �Bist du etwa sauer? Ich hab doch nur Spa� gemacht!�</p><p>�Spa�? Den hatte nur der von beiden, um den sich die Stadtpolizei versammelt hat�, murmelte ich.</p><p>�Seit wann hast du keinen Humor mehr, Max? Na gut - wenn du sauer bist, muss ich daf�r b��en. Ich lade dich ins Fressfass ein und spendier dir was zur Beruhigung deiner Nerven.�</p><p>Dass Melifaro versuchte, sich bei mir einzuschmeicheln, indem er mein Lieblingslokal ins Spiel brachte, lie� mich erst richtig zornig werden.</p><p>�Was w�re, wenn ich Melifaro tats�chlich umbringen w�rde, Sir Sch�rf?�</p><p>Anscheinend dachte Lonely-Lokley, ich h�tte tats�chlich vor, meinen Freund zu t�ten. Jedenfalls gab er mir einen juristischen Rat: �Daf�r w�rde Ihnen lebensl�ngliche Haft in Cholomi drohen - schlie�lich seid ihr beide im Staatsdienst. In so einem Fall h�ngt alles von den Begleitumst�nden ab. Mit anderen Worten: Wenn Sie, Max, nachweisen k�nnten, dass Sir Melifaro ein schweres Verbrechen begangen hat, k�men f�r Sie mildernde Umst�nde in Betracht. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie sich in eine solche Situation bringen m�chten. Sie sollten sich wirklich nicht �ber Melifaro �rgern. Sie kennen ihn doch. Sein Problem ist, dass seine Mutter und seine �lteren Br�der ihn verzogen haben, w�hrend sein Vater, Sir Manga Melifaro also</p><p>�Jaja, ich wei�. Sir Manga hat sich in der Welt herumgetrieben und seine ber�hmte Enzyklop�die geschrieben. Gro�e Entdecker sollten keine Familie haben und sich nicht mit Nachkommen belasten, damit ihre Leidenschaft f�rs Abenteuer sich nicht auf die Kinder �bertr�gt. Na sch�n - ich geh jetzt ins Fressfass und verpass ihm ein Veilchen. Melifaro erwartet mich bestimmt schon. K�nnen Sie sich noch an die erschrockenen Mienen der Polizisten erinnern, Sch�rf?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�K�mmern Sie sich bitte darum, dass keiner dieser Ordnungsh�ter aufs Wei�e Bl�ttchen kommt. Schlie�lich war kein einziges intelligentes Gesicht darunter. Und sie haben tats�chlich geglaubt, ich wollte Melifaro umbringen! Diese Mustersch�ler von General Bubuta!�</p><p>Nachdem ich meinen Zorn an unschuldigen Menschen ausgelassen hatte, f�hlte ich mich wesentlich besser und ging ins Fressfass, um mich mit Melifaro zu vers�hnen. Daf�r hatte ich genug Zeit. Schlie�lich war ich viel zu fr�h zur Arbeit gekommen, um der h�uslichen Langeweile zu entgehen.</p><p>Nachdem Melifaro meine Stimmung zuerst ruiniert hatte, tat er nun alles Erdenkliche, um mich aufzuheitern. Daher stellte ich bei Antritt meiner Nachtschicht keine Gefahr mehr f�r meine Umgebung dar.</p><p>Sir Juffin sa� im Sessel und sah nachdenklich in ein Buch. Diese Idylle lie� vermuten, dass in Echo Ruhe herrschte.</p><p>�Gr�� dich, du Verr�ter!�, rief er mir zu. �Du hast mit Melifaro im Fressfass gesessen, statt mich m�den Alten vom B�rodienst zu erl�sen, stimmt's?�</p><p>�Erstens bin ich eine Stunde zu fr�h zur Arbeit gekommen, zweitens musste Melifaro seinen Auftritt wiedergutmachen ...� �Das wei� ich schon. Und drittens?�</p><p>�Drittens bin ich bereit, alles mit Ihnen zu wiederholen!�</p><p>�Was alles?�</p><p>�Den Besuch im Fressfass�</p><p>�Hast du keine Angst vor dem Bankrott, Max?�</p><p>�Wollen Sie mich beleidigen?�</p><p>�Nein, nein. Aber ich bin zu faul, um auszugehen. Vielleicht lassen wir uns besser etwas bringen. Setz dich - ich m�chte ein wenig mit dir plaudern.�</p><p>�F�r Sie, Sir, bin ich sogar dazu bereit.�</p><p>�Na so was - er ist selbst dieser Schandtat f�hig! Aber ich habe interessante Neuigkeiten f�r dich. Wei�t du, was Lady Melamori angestellt hat? Ich hab es heute erst erfahren. Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?�</p><p>�Vorgestern. Melifaro und ich sind bei ihr zu Besuch gewesen. Was das angeht, Juffin, kann ich Sie beruhigen: Alles ist sehr anst�ndig verlaufen. F�r meinen Geschmack zu anst�ndig.�</p><p>�Verstehe. Den Ablauf eures Besuchs kann ich mir auch ohne Hellseherei gut vorstellen. Darum geht es mir nicht. Habt ihr euch danach nicht mehr gesehen?�</p><p>�Nein. Aber Lady Melamori hat sich bei mir mehrmals per Stummer Rede gemeldet und gefragt, wie ich mich f�hle und in welcher Stimmung ich bin. Das war sehr nett von ihr und hat mich ger�hrt.�</p><p>�Und wie hast du dich in den letzten zwei Tagen gef�hlt?�</p><p>�Seit meinem Aufenthalt in Zelle Nummer F�nf? Jedenfalls habe ich kein Gift gespuckt. Ist es das, was Sie wissen wollen?�</p><p>�Wenn mich etwas n�her interessiert, sage ich Bescheid. Aber jetzt erz�hl mir genau, wie es dir seit vorgestern gegangen ist.�</p><p>�Da gibt's nicht viel zu erz�hlen. Ich hab mich gro�artig gef�hlt und war stets gut gelaunt. Manchmal hab ich sogar pl�tzlich gelacht, als h�tte mich etwas gekitzelt. Ich bin durchs Haus gegangen und hab in mich hineingekichert.�</p><p>�Und das war's?�</p><p>�Ist Ihnen das zu wenig?�</p><p>�Es ist deine Schuld, Max, dass ich mich �ber dich viel �fter wundere als �ber andere�, sagte Juffin vorwurfsvoll, und ich wusste nicht, ob das ein Lob war oder ob er sich �ber mich lustig machte.</p><p>�Was ist denn passiert? Schluss mit der Geheimniskr�merei! Inzwischen bin ich so aufgeregt, dass ich keinen Bissen mehr herunterbringe.�</p><p>�Wie sch�n!�, rief Juffin und schnitt sich gen�sslich ein gro�es St�ck von der leckeren Pirogge ab, die gerade aus dem Fressfass gekommen war. Zugleich aber bebte er vor Ungeduld und fing deshalb mit vollem Mund an zu reden.</p><p>�Es geht um die erste und letzte Lady im Geheimen Suchtrupp. Sie hat �berpr�fen wollen, ob du ihrer Aufmerksamkeit wert bist.�</p><p>�Ich kenne eine gute Methode, sie davon zu �berzeugen�, warf ich ein. �Wenn sie einverstanden ist, stehe ich jederzeit zu Diensten. Das k�nnen Sie ihr gern ausrichten.�</p><p>�Ach, Max - was redest du denn da! Lady Melamori ist eine seri�se Frau und hat ihre eigenen Methoden.</p><p>Deshalb ist dir unsere schlimmste Freiwillige ja auf die Spur getreten.�</p><p>�Was hat sie getan? Ist sie verr�ckt geworden?�</p><p>�Das w�rde ich nicht sagen. Sie war schon immer so.�</p><p>�Und Sie sind sicher, dass sie auf meine Spur getreten ist? Ich hab mich doch die ganze Zeit gut gef�hlt!�</p><p>�Ach ja? Und die Kicheranf�lle?�</p><p>Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. War Lady Melamori mir wirklich auf die Spur getreten? Na wenn schon! Welche Folgen hatte so was normalerweise? Doch mindestens eine schwere Depression! Das geh�rte nun mal zu den Pflichten einer Verfolgungsmeisterin - und genau in dieser Funktion arbeitete sie in unserer Abteilung. Was war ich doch f�r ein Trottel! Die Dame meines Herzens war mir auf die Spur getreten, und ich hatte nichts davon gemerkt, sondern nur eine seltsame Ausgelassenheit versp�rt. Als w�re ich ein rosiges und dennoch dickfelliges Ferkel, ein Mutant also, eine Missgeburt! Ich hasste mich.</p><p>Es gab noch einen Grund, emp�rt zu sein. �Ich dachte, sie h�tte sich nach meiner Stimmung erkundigt, weil sie ehrlich beunruhigt war; ich glaubte, sie hielt mich f�r krank, weil ich einmal nicht zur Arbeit gekommen bin; ich habe mir eingebildet, sie k�nnte es nicht erwarten, bis ich wieder im Haus an der Br�cke auftauche - und jetzt stellt sich heraus, dass sie nur Experimente gemacht hat. Wie kr�nkend!�</p><p>�Nimm das alles nicht so ernst�, meinte Juffin und zuckte die Achseln. �Sie hat dich - wie sie glaubt - aus gutem Grund gefragt. H�ttest du dich �ber Schwermut beklagt, h�tte sie gleich mit ihrem Experiment aufgeh�rt und w�re mit dem Ergebnis zufrieden gewesen. Wei�t du, f�r Lady Melamori ist ihre Gabe zugleich eine Frage des Schicksals und der Ehre. Anderen auf die Spur zu treten, ist eigentlich ihr einziges Talent, und sie hat es an uns allen zu erproben versucht, auch an mir. Am Anfang ihrer Besch�ftigung in meiner Abteilung hat sie versucht, mich zu durchleuchten.�</p><p>�Ich kann mir vorstellen, wie das gelaufen ist.�</p><p>�Ach, das war nichts Besonderes. Ich hab ihr meinen Ersten Schild gezeigt, statt mich �ber sie zu �rgern. Man muss ihr aber lassen, dass sie schon nach einer Stunde wieder topfit war. Unsere Lady ist nun mal sehr z�h.�</p><p>�Was ist denn der Erste Schild?�, fragte ich interessiert.</p><p>�Ein Euphemismus f�r einen individuellen Schutz, Max. Dass es sich dabei um den Ersten Schild handelt, bedeutet nur, dass er f�r deinen Gegner besonders gef�hrlich ist. Was kann ich dir noch beibringen? Du selbst hast mehr Schilde als jeder andere Mensch in Echo. Sogar mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Und du wirst sie gewiss alle mal brauchen, doch im gegenw�rtigen Fall hilft nur Erfahrung. Stell dich nicht so an! Du kennst dich nur noch nicht richtig in der Fachterminologie aus.�</p><p>�Lady Melamori ist wirklich ein Fr�chtchen!�, meinte ich seufzend und goss mir eine neue Portion Kamra ein, um meine Stimmung aufzuhellen. �Da hat sie eine solche Gabe zur Verf�gung, und dann benimmt sie sich wie ein Kind!�</p><p>�Bist du sauer auf sie? Nicht doch! Jetzt ist sie ganz niedergeschlagen.�</p><p>�Ach nein, ich bin nicht mehr sauer. Ich trauere nur um mein gebrochenes Herz.�</p><p>�Ich hab dir ja von Anfang an gesagt, dass du mit der Wahl deiner Herzensdame keine gute Entscheidung getroffen hast. Bist du nie auf die Idee gekommen, Max, dass es sich lohnen k�nnte, auf �ltere zu h�ren?�</p><p>Ich seufzte und schnitt die zweite Pirogge in Scheiben. Was f�r ein gef�hlloser Mensch ich doch bin! Nicht mal ein gebrochenes Herz kann meinen Appetit z�geln - das hat sich schon mehrfach erwiesen.</p><p>�Willst du �ber dieses Ereignis nichts weiter erz�hlen?�, fragte Juffin neugierig, als ich mit der Pirogge fertig war.</p><p>�Ich wei� nicht. Eigentlich sollte ich Lady Melamori zu allem M�glichen befragen. Wie konnte es nur passieren, dass ich nichts gesp�rt habe? Mir widerfahren seltsame Dinge. Und was geschieht, wenn ich irgendwann ein Verbrechen begehe? Dann kann ich gleich abhauen. Anscheinend bin ich ein ziemlich gef�hrlicher Typ.�</p><p>�Nat�rlich - gef�hrlicher als viele andere�, bemerkte Juffin zufrieden und mit der Miene eines K�nstlers, der gerade ein Meisterwerk geschaffen hat.</p><p>�Es ist alles so seltsam. Als ich noch auf der Erde lebte, hab ich an mir keine besonderen Eigenschaften festgestellt. Ich war ein Mensch wie alle anderen. Zwar hatte ich merkw�rdige Tr�ume, aber das war meine ganz pers�nliche Angelegenheit. Vielleicht tr�umten auch andere so seltsame Dinge, doch sie schwiegen dar�ber. Und dann kam ich hierher, wo jeder Tag etwas Neues bringt. Vielleicht wollen Sie mich blo� sezieren, um zu sehen, wie ich funktioniere.�</p><p>�Ausgezeichneter Gedanke, Max. Du bist wirklich nicht dumm! Leicht ist dir nicht beizukommen. Kannst du dich erinnern, was mit dir im Alten Dorn passiert ist?�</p><p>�Dort, wo ein gro�er, lustiger und rothaariger Junge als Wirt arbeitet? Wie hei�t er eigentlich? Ach ja - Tschemparkaroke�, sagte ich und l�chelte verlegen.</p><p>Es war kein Ereignis, an das ich mich gern erinnerte. Juffin hatte mich immer mit in den Alten Dorn genommen - damals, als ich noch in der Probezeit war. Er hatte entschieden, dass ich unbedingt die Rekreationssuppe probieren sollte, die alle Bewohner des Vereinigten K�nigreichs in den h�chsten T�nen preisen.</p><p>Nach meiner Einsch�tzung hat die Suppe eine leicht narkotisierende Wirkung, die allerdings unsch�dlich und angenehm ist. Daher naschen oft ganze Familien davon. Und daher st�rzte auch ich mich ohne Angst in psychedelische Abenteuer, obwohl ich mein Leben lang vor Drogen und Drogens�chtigen Angst gehabt habe. Meine einzige Erfahrung in diesem Bereich, die ich nat�rlich in einer der h�heren Klassen des Gymnasiums gemacht hatte, erwies sich als so misslungen, dass ich - was Drogen anlangt - beinahe eine Phobie habe.</p><p>Die Rekreationssuppe hatte mich schwer in die Klemme gebracht. Mein Fremdsein, das mir mitunter nicht mehr bewusst war, meldete sich mit voller Wucht in genau dem Moment zur�ck, da ich mit der ersten Portion fertig geworden war. Der arme Juffin hatte also in Gesellschaft eines Mannes zu sitzen, der seiner Sinne nicht mehr recht m�chtig war und gedankenlos �ber seinen Tellerrand kicherte. Aber auch f�r mich war es keine besonders angenehme Erfahrung, da ich unter Halluzinationen litt und Probleme mit der Koordinierung meiner Bewegungen hatte. Die �brigen G�ste des Alten Doms waren vermutlich �ber mein Benehmen schockiert.</p><p>Diesem Ereignis folgten Entzugserscheinungen, die mich geschlagene vierundzwanzig Stunden lang aufs Heftigste qu�lten. Selbst Sir Juffin, der ein ausgesprochen qualifizierter Mediziner ist, konnte mir nicht beistehen, weil er - trotz seines Talents als Heiler - schlicht machtlos war. Also hatte ich die ganze Zeit leiden m�ssen.</p><p>Als ich wieder bei Sinnen war, schwor ich mir, um den Alten Dorn k�nftig einen m�glichst gro�en Bogen zu machen. Juffin hie� diese Entscheidung gut und sah seither davon ab, in meiner Gesellschaft Rekreationssuppe zu essen, denn er wollte mich nicht verf�hren.</p><p>�Sagen Sie blo� niemandem, dass man mich mit dieser Suppe fertigmachen kann. Vielleicht gie�t mir sonst jemand etwas davon in meine Kamra, um zu schauen, was mit mir passiert.�</p><p>�Was redest du denn da, Max? Das w�re ja ein Giftmordversuch an einem hohen Beamten! Nach unseren Ma�st�ben ist das ein Kapitalverbrechen. Aber wie dem auch sei - ich fahre jetzt nach Hause. Und du versuchst, Lady Melamori morgen besser zu behandeln. Es geht ihr in letzter Zeit nicht besonders gut. Ich glaube, in den n�chsten Tagen kann sie nicht richtig arbeiten. In ihrem Beruf ist Selbstvertrauen das Lebenselixier, und jede Besch�digung ihres Egos bedeutet f�r sie die Gefahr, ihr Talent einzub��en.�</p><p>�Wollen Sie mich beschwichtigen, Juffin? Nat�rlich werde ich nett zu ihr sein. Und zwar nicht, weil ... Aber egal. Sie werden sehen: Alles kommt wieder in Ordnung. H�tte ich gewusst, dass sie mit mir Experimente gemacht hat, h�tte ich mich gleich bei ihr dar�ber beschwert, dass meine Stimmung so schlecht war.�</p><p>�Kopf hoch, Max! Denk an die vielen angenehmen Dinge, die uns die Welt zu bieten hat. Das ist deine Aufgabe. Bis morgen!�</p><p>Mit diesen Worten eilte Sir Juffin auf die Stra�e, wo ihn sein treuer Diener Kimpa erwartete.</p><p>Mein Chef hatte recht: In dieser Welt gab es wirklich viele angenehme Dinge, und ich sollte wohl tats�chlich die klugen Ratschl�ge von Sir Juffin Halli ber�cksichtigen, meine Kr�fte sammeln, mich aufraffen und ein neues Leben beginnen. Zum Beispiel durch einen Besuch im Stadtteil Rendezvous, wie das viele allein lebende Ladys und Gentlemen tun - und von denen gibt es in Echo jede Menge! Im Vereinigten K�nigreich werden Ehen - wie es sich geh�rt - in reifem Alter geschlossen, aber l�ngst nicht alle heiraten. Hier hei�t es nicht, die Familie sei f�r jeden das Beste, und im Alter allein zu sein, gilt nicht als Zeichen eines misslungenen Lebens. Auch das Gegenteil allerdings behauptet hier niemand. Die �ffentliche Meinung schweigt dazu - also ist es jedem selbst �berlassen, wie er sein Leben gestalten will.</p><p>Vor kurzem hatte ich von Melifaro, den meine Unwissenheit in Verlegenheit gebracht hatte, genaue Informationen �ber den Stadtteil Rendezvous bekommen, die er mir mit der Bemerkung �berreicht hatte, ich sei und bleibe zwar ein Barbar, aber gewisse elementare Dinge m�sse ich dennoch erfahren.</p><p>Was ich aus Melifaros Unterlagen �ber die hiesige Lebensweise erfuhr, �berraschte mich. Trotz meines fast panischen Wunsches, Ordnung in mein Leben zu bringen, bezweifelte ich, schon zu einem Besuch dieses Stadtteils bereit zu sein.</p><p>Das m�chte ich Ihnen gern n�her erkl�ren. Wenn Sie von einer Party in Gesellschaft eines M�dchens nach Hause kommen, das Sie noch nicht besonders gut kennen, und wenn Ihnen wie dem M�dchen klar ist, wie die Nacht enden wird, dann ist das nat�rlich nicht das gro�e Liebesabenteuer, von dem Sie in Ihrer Jugend getr�umt haben. Immerhin aber geschieht alles einvernehmlich: Zwei Erwachsene treffen eine mehr oder weniger klare Entscheidung. Ob sie nur eine Nacht oder l�nger Bestand hat, h�ngt damit zusammen, ob zwei K�rper eine dauerhaftere Verbindung eingehen wollen.</p><p>In Echo l�uft die Anbahnung von Beziehungen ganz anders.</p><p>Die Besucher des Stadtteils Rendezvous sind Suchende oder Wartende. Jeder entscheidet jedes Mal selbst, zu welcher Gruppe er geh�ren will. Im einen Teil des Viertels stehen H�user, die suchende M�nner und wartende Frauen ansteuern; im anderen Teil sammeln sich suchende Frauen und wartende M�nner. Vor dem Eingang h�ngen keine Informationen, weil man davon ausgeht, alle w�ssten sowieso, warum und wohin sie gekommen sind.</p><p>Kaum haben die Suchenden das Haus ihrer Wahl betreten, m�ssen sie an einer seltsamen Lotterie'teilnehmen und aus einer Vase eine nummerierte Kugel ziehen. Allerdings gibt es auch Kugeln, auf denen keine Nummer steht. Wer eine solche zieht, muss sich damit abfinden, dass das Schicksal ihm an diesem Abend ein Liebestreffen verwehrt hat. In so einem Fall muss der Besucher sich verabschieden und nach Hause gehen. Theoretisch kann so ein Gl�ckloser die Prozedur im n�chsten Haus wiederholen, doch das gilt als schreiende Missachtung des Fatums, und gegen das Schicksal mag sich kaum einer auflehnen.</p><p>Nachdem der Suchende seine Kugel gezogen hat, geht er ins G�stezimmer, also dorthin, wo die Wartenden sich aufhalten. Dort hat der Suchende die Anwesenden laut abzuz�hlen, bis er an die Person ger�t, deren Nummer auf seiner Kugel steht.</p><p>�brigens kontrolliert niemand diese Prozedur. Also ist es durchaus m�glich, dabei zu mogeln. Aber nicht einmal Melifaro hat begriffen, wie ich auf den Gedanken kommen konnte, das Verfahren lade zum Schummeln ein. Ich hatte den Eindruck, er habe in seinem Leben noch nichts Abwegigeres geh�rt als diesen Verdacht. Aus seiner Reaktion schloss ich, dass sich - was den Stadtteil Rendezvous anging - noch niemand mit dem Problem des Mogelns besch�ftigt hatte. In Echo denken alle, Fortuna sei eine �u�erst launische G�ttin, mit der nicht zu spa�en ist.</p><p>Frischgebackene Liebespaare verlassen den Stadtteil, gehen nach Hause oder in ein Gasthaus und versuchen, aus ihrer zuf�lligen Begegnung m�glichst viel Vergn�gen zu schlagen. Und am n�chsten Morgen trennen sie sich f�r immer. Das ist eine unerl�ssliche Bedingung ihrer Begegnung.</p><p>Soweit ich begriffen habe, kontrolliert niemand, ob die Paare sich am Morgen tats�chlich f�r immer trennen. Und niemand bestraft die, die sich dieser Bedingung verweigern. Meinen Vorschlag, man k�nne die zuf�llige Begegnung im Stadtteil Rendezvous ja in Eigeninitiative aufs Herrlichste verl�ngern, quittierte Melifaro mit einer Grimasse erschrockener Ablehnung - als h�tte ich von den Vorz�gen sodomitischer Nekrophilie geschw�rmt und ihm freundlicherweise vorgeschlagen, mich zum n�chsten Tierfriedhof zu begleiten.</p><p>�Mach nie solche Witze�-, riet er mir ernst. �Weder bei Fremden noch bei Leuten, die du gut kennst.�</p><p>Ich wunderte mich, warum mein Freund pl�tzlich die beleidigte Unschuld spielte, tat seine Vorurteile ab und schusterte mir eine h�bsch poetische Erkl�rung f�r das ganze Ritual zusammen. Die gegenseitige Zustimmung der Liebenden zur Trennung (so �berlegte ich) war eine gute Methode, die �intime Verbindung mit einem zuf�lligen Partner� - wie das angenehme Ereignis in der furchtbaren Beamtensprache von Echo hei�t - mit einem romantischen Nimbus zu umgeben.</p><p>Ich sa� gr�belnd �ber den Informationen, die ich von Melifaro bekommen hatte, und stellte betr�bt fest, wie sehr es mich in den Stadtteil Rendezvous zog. Oje - wie w�rden meine Knie zittern, was f�r einen Unsinn w�rde ich mir zusammenstottern und wie sehr w�rde ich unter den Achseln schwitzen! Aber im Bett w�rde ich mich dann hoffentlich von meiner besten Seite zeigen ... Das war wirklich eine ungew�hnliche Art, einander kennenzulernen. Vielleicht w�re mir ja eine vorzeitig gealterte, zahnlose Riesin mit Elefantenbeinen als Partnerin bestimmt. Dann w�rde ich mich fragen m�ssen, wie ich bis zum n�chsten Morgen �berlebe. Also sollte ich vielleicht doch nicht in diesen Stadtteil gehen, sondern mich auf erprobte Methoden des Kennenlernens beschr�nken, denn diese Methoden verachtete die holde Weiblichkeit ja auch nicht.</p><p>Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, �berlegte ich, wie ich die Zeit totschlagen konnte. Mein einziger m�glicher Gespr�chspartner - unser Buriwuch Kurusch - hatte den Kopf unter die Federn gesteckt und d�ste. Also nahm ich ein Buch zur Hand, das Sir Juffin im Sessel vergessen hatte. Es handelte sich um Die Philosophie der Zeit von einem gewissen Sir Sobroch Chesom. S�ndige Magister! Wof�r sich die Leute so interessieren!</p><p>Meine Nacht war �brigens gar nicht angenehm. Nichtstun, fruchtlose Gedanken �ber den Stadtteil Rendezvous und philosophische Literatur k�nnen einen schneller auf die Palme bringen als alle Tricks unserer tollen Verfolgungsmeisterin Lady Melamori.</p><p>Der Morgen hingegen brachte eine Ver�nderung zum Besseren. Sir Kofa Joch unterhielt mich mit ein paar pikanten Anekdoten. Juffin hatte sich entschieden, bis zum Mittagessen daheimzubleiben, meldete sich aber per Stummer Rede bei mir, um Guten Morgen zu sagen. Gleich darauf meldete sich auch Melifaro und bat mich, auf ihn zu warten, damit st�ndig wenigstens ein leitender Mitarbeiter unserer Beh�rde im B�ro war. Ich erhob keine Einw�nde, da ich ohnehin nicht nach Hause gehen wollte, ohne Lady Melamori gesehen zu haben. Ich vermutete, sie habe bestimmt ein schlechtes Gewissen, und ich w�re ein Dummkopf gewesen, wenn ich diese g�nstige Gelegenheit nicht zu nutzen versucht h�tte.</p><p>Schlie�lich erschien die Lady. Sie trieb sich ein wenig im Saal der allgemeinen Arbeit herum, machte aber keine Anstalten, mich zu besuchen. Weil die T�r meines B�ros einen Spalt weit ge�ffnet war, konnte ich ein paar Seufzer von ihr h�ren, die allerdings ein wenig zu laut waren, um nat�rlich zu wirken. Nachdem ich dieses Konzert richtiggehend genossen hatte, meldete ich mich per Stummer Rede im Fressfass und bestellte Kamra f�r zwei und viel Geb�ck. Binnen Minuten waren die Sachen geliefert. Als der Bote die T�r �ffnete, sprang Lady Melamori in eine ferne Ecke des Saals, um nicht in mein Blickfeld zu geraten. Sie h�rte das Klirren von Geschirr, und ihr stockte der Atem.</p><p>Als der Bote mit leerem Tablett gegangen war, rief ich laut durch die ein wenig ge�ffnete T�r: �Glauben Sie, ich leide an Pers�nlichkeitsspaltung, nur weil ich mir ein Tablett mit zwei Kr�gen Kamra ins B�ro bringen lasse? Ich brauche Hilfe, meine Teuerste!�</p><p>�Soll der zweite Krug Kamra etwa f�r mich sein, Sir Max?�</p><p>�Ich hatte ihn eigentlich f�r meine allerliebste Urgro�mutter gedacht, doch die hat heute nicht zu kommen geruht ... Ich bin Ihnen nicht mehr b�se, und die Kamra wird allm�hlich kalt.�</p><p>Lady Melamori kam an meine T�r. In ihrer bezaubernden Miene standen zwei einander widerstreitende Gesichtsausdr�cke: Schuldbewusstsein und Zufriedenheit.</p><p>�Juffin hat Ihnen verraten, dass ich mit Ihnen experimentiert habe. H�tte er doch geschwiegen! Ich bin ohnehin schon diskreditiert genug�, murmelte sie und setzte sich.</p><p>�Niemand hat Sie diskreditiert, Lady Melamori. Ich bin blo� nicht so leicht auszuhorchen. Aber nehmen Sie das nicht allzu ernst. Meine kluge Mutter hat immer gesagt, wenn ich jeden Morgen einen L�ffel Lebertran trinke, bleibe ich gesund und werde gro�, und niemand kann mir auf die Spur treten. Wie Sie sehen, hatte sie recht.�</p><p>Mein Herz befahl mir, Lady Melamori gegen�ber gro�z�gig zu sein, doch offen gestanden erhoffte ich mir eine klitzekleine Genugtuung. Schlie�lich war ihre Begeisterung zwar ein ziemlich gef�hrliches, aber kein schlechtes Gef�hl, das mir - ehrlich gesagt - weit besser gefiel als ihre h�fliche Gleichg�ltigkeit. Indifferent n�mlich hatte sie mich schon oft behandelt, und dar�ber wollte ich mir nun keine Gedanken mehr machen m�ssen.</p><p>Meine sorgf�ltig eingef�delte Aktion traf anscheinend auf das Wohlwollen der ersten Lady unseres Geheimen Suchtrupps. Als sie ihre Kamra ausgetrunken hatte, war sie ausgesprochen fr�hlich. Unsere H�nde trafen sich mehrmals im Geb�ckteller, und das s��e Pf�tchen von Melamori gab sich keine M�he, vor meinen Fingern zu fliehen. Irgendwann wurde ich �berm�tig und schlug ihr vor, demn�chst zusammen einen Spaziergang durch das abendliche Echo zu machen. Die Lady r�umte ein, sich noch ein wenig vor mir zu �ngstigen, versprach aber, von nun an mutiger zu sein - zwar noch nicht heute und auch noch nicht morgen, aber doch schon bald.</p><p>Mir blieb nichts anderes �brig, als zu warten, bis sie mir einen genauen Termin nennen w�rde. Damit hatte ich nicht gerechnet.</p><p>Ich ging sehr gl�cklich nach Hause. Zwei Stunden w�lzte ich mich im Bett herum, ohne meine Begeisterung loswerden zu k�nnen, doch schlie�lich schlief ich zum rhythmischen Schnurren von Armstrong und Ella ein, die sich bei meinen Beinen zusammengerollt hatten. Mein Schlaf dauerte allerdings nicht lange.</p><p>In der Mittagszeit weckte mich ein schrecklicher L�rm. Schlaftrunken �berlegte ich, ob direkt vor meinem Fenster eine �ffentliche Hinrichtung stattfand (was in Echo eigentlich undenkbar ist) oder ob ein Wanderzirkus vorbeizog (was �fter vorkam). Weil ich bei diesem Krach unm�glich weiterschlafen konnte, ging ich nachsehen, was auf der Stra�e los war. Kaum hatte ich die Haust�r ge�ffnet, begriff ich, dass ich verr�ckt geworden sein musste - oder tr�umte.</p><p>Vor meinem Haus stand ein Orchester aus zw�lf Musikern und spielte eine wehm�tige Melodie. Vor den Musikanten stand der pr�chtige Lonely-Lokley und sang mit klarer Stimme ein trauriges Lied �ber ein H�uschen in der Steppe. Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich verwirrt. Nachdem ich das Ende des Liedes abgewartet hatte, �bersch�ttete ich meinen Kollegen mit Fragen.</p><p>�Was ist los, Sch�rf? Warum sind Sie nicht im Dienst? S�ndige Magister - was soll das eigentlich?!�</p><p>Lonely-Lokley r�usperte sich gelassen. �Stimmt was nicht, Max? Hab ich das falsche Lied ausgesucht?�</p><p>�Das Lied war fantastisch, aber ... Na gut, gehen wir ins Wohnzimmer, Sch�rf. Ich bestelle uns Kamra im Ges�ttigten Skelett, und Sie erkl�ren mir alles. In Ordnung?� Vor Verwirrung und Verlegenheit w�re ich beinahe in Tr�nen ausgebrochen.</p><p>Mit k�niglicher Geste entlie� Lonely-Lokley die Musikanten. Dann folgte mir mein �offizieller Freund� ins Haus. Au�er mir vor Erleichterung, lie� ich mich in einen Sessel fallen und meldete mich per Stummer Rede im Ges�ttigten Skelett. Das ist zwar nicht das beste Lokal in Echo, liegt aber in der N�he.</p><p>�Ich bin nicht im Dienst, sondern habe einen Sorgenfreien Tag�, erkl�rte Lonely-Lokley ruhig. �Und ich wollte diese Zeit nutzen, meine Schulden zu bezahlen.�</p><p>�Welche Schulden?�</p><p>�Freundschaftsschulden!�, rief er, und nun war es an ihm, erstaunt aus der W�sche zu sehen. �Habe ich etwas falsch gemacht? Ich habe doch Erkundigungen eingezogen.�</p><p>�Bei wem denn? Und wor�ber?�</p><p>�Sehen Sie, Sir Max, nachdem wir Freunde geworden waren, hatte ich mir �berlegt, dass sich die Sitten des Ortes, an dem Sie Ihre Jugend verbrachten, von den hiesigen Sitten unterscheiden k�nnten. Und ich wollte vermeiden, Ihre Gef�hle zuf�llig und unbewusst zu beleidigen. Also hab ich Sir Melifaro gefragt, weil sein Vater der gr��te V�lkerkundespezialist ist.�</p><p>�Ach so! Sir Melifaro!� Langsam begann ich zu begreifen.</p><p>�Ja, weil ich in meinen B�chern keine Informationen �ber diesen Bereich des Lebens Ihrer Landsleute gefunden hatte. Zuf�llig ist der einzige zuverl�ssige Wissenschaftler, der zu diesem Thema geforscht hat, Sir Manga Melifaro. Und da wir seinen Sohn kennen ...�</p><p>�Den kennen wir allerdings ... Melifaro hat Ihnen also gesagt, dass man mich mit schwerm�tigen Liedern verw�hnen soll!?�</p><p>Ich wusste nicht, ob ich auf ihn sauer sein oder �ber die ganze Sache lachen sollte. Zum Gl�ck klopfte es. Der Bote vom Ges�ttigten Skelett kam genau zur rechten Zeit!</p><p>�Sir Melifaro hat mir von den Traditionen der Leeren L�nder und ein paar anderen Sitten und Gebr�uchen erz�hlt. Er hat mir auch gesagt, dass wir bei Vollmond unsere Kleider tauschen sollen und am letzten Tag des Jahres ...�</p><p>�Na, was sollen wir seiner Meinung nach am letzten Tag des Jahres tun?�</p><p>�Uns besuchen und einander eigenh�ndig Swimmingpool, B�der und Toiletten putzen. Stimmt schon wieder was nicht, Sir Max?�</p><p>Ich riss mich zusammen. Lonely-Lokleys Gef�hle - so dachte ich mir - verdienten Schonung. Ihm w�re es bestimmt unangenehm zu erfahren, dass Melifaro ihm einen Streich gespielt hatte.</p><p>�Aber nein, Sch�rf, alles in Ordnung! Doch Sie h�tten das wirklich nicht tun m�ssen. Ich bin ein normaler, zivilisierter Mensch. Ich habe mal einige Zeit an einem seltsamen Ort leben m�ssen. Dort herrschten merkw�rdigere Sitten, als Sie es sich �berhaupt vorstellen k�nnen. Aber ich habe mich nie an die barbarischen Br�uche meines Heimatlandes geklammert. Deshalb bedeutet f�r mich Freundschaft das Gleiche wie f�r Sie: ein gutes Verh�ltnis zwischen zwei Menschen, die sich sympathisch finden. Also brauche ich weder Kleidertausch noch gegenseitiges Putzen. Verstehen Sie?�</p><p>�Nat�rlich, Max. Diese Einsicht gereicht Ihnen zur Ehre. Hoffentlich habe ich Sie nicht beleidigt. Ich wollte nur den Sitten Ihrer Vorfahren Respekt erweisen und Ihnen eine Freude bereiten.�</p><p>�Das haben Sie, Sch�rf, das haben Sie! Vor allem durch Ihre Aufmerksamkeit und durch dieses Gespr�ch. Es ist wirklich alles in Ordnung.�</p><p>Nachdem ich meinen Gast bewirtet und beruhigt hatte, begleitete ich ihn zur T�r, blieb mit verst�ndlichem Unwillen zur�ck und meldete mich dann als Erstes per Stummer Rede bei Melifaro: �Vielleicht hast du es schon vergessen, doch ich bin wirklich schrecklich, wenn ich zornig bin!�, rief ich emp�rt (soweit sich Emp�rung per Stummer Rede mitteilen l�sst).</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Melifaro erstaunt.</p><p>�Was passiert ist?! Lonely-Lokley ist gerade mit einem ganzen Orchester bei mir aufgetaucht!�</p><p>�Stimmt was nicht, Max?�, fragte Melifaro besorgt. �Mein Vater hat mir erz�hlt, das sei bei euch so Sitte. F�hlst du dich jetzt nicht besser? Singt unser Lonely- Lokley vielleicht schlecht? Ich hatte immer den Eindruck, seine Stimme sei ganz passabel.�</p><p>Na so was!</p><p>Ich wusste noch immer nicht, ob ich sauer sein oder �ber die ganze Sache lachen sollte. Also ging ich ins Schlafzimmer, um meine Tr�ume weiterzuverfolgen. Und das war richtig so. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war das meine letzte Gelegenheit, auszuschlafen. Am Abend ging ich zum Dienst, wo ich leider ein paar Tage h�ngen blieb, weil ich in eine Klemme geriet, die man eigentlich nur aus klassischen Krimis kennt.</p><p>Der Alptraum entwickelte sich schnell und begann mit meiner Ankunft im Haus an der Br�cke. Schon aus drei Stra�en Entfernung h�rte ich eine bekannte Stimme eine Schimpfkanonade abfeuern.</p><p>Ich war belustigt. Der Opa - gemeint ist nat�rlich General Bubuta - war so sauer, dass er nicht mal meine Schritte h�rte. Mein Lieber, jetzt zeig ich's dir, dachte ich am�siert, als ich an den geheimen Eingang zu unseren Beh�rden kam.</p><p>Geheim konnte man ihn allerdings nicht nennen. Die T�r war breit offen, und auf der Schwelle stand General Boch, das Gesicht nicht mehr rot, sondern schon lila vor Zorn.</p><p>Als er mich schlie�lich bemerkte, verstummte er abrupt, als habe jemand den Lauf der Welt unterbrochen.</p><p>Ich glaube, mein Auftritt war perfekt. Mein Todesmantel bl�hte sich im Wind, und mein Gesicht war tief erz�rnt. Ich setzte mein gesamtes, wenn auch geringes Schauspieltalent ein, um meinen �rger nat�rlich wirken zu lassen. Besonders ein nerv�ses Zucken, das Bubuta Angst einfl��en sollte, gelang mir bestens - ein Zucken, das als Zeichen daf�r galt, dass ich gleich Gift spucken w�rde. Ich wei� nicht, wie glaubw�rdig ich war. Bubuta jedenfalls hat mir die Show abgekauft. Kein Wunder: Seine Panik war so gro�, dass sie jede Gefahr ins Gigantische �bersteigerte.</p><p>Eigentlich ist Boch kein Feigling. Man kann ihm mancherlei nachsagen, aber nicht, dass er feige ist. Doch es gibt ein unverbr�chliches psychologisches Gesetz: Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Und meine frisch erworbene, Schrecken verursachende Gabe, �ber die in letzter Zeit in der Stadt so viel geredet worden war, war eine geradezu ideale Verk�rperung dieses Unbekannten. Ich verstand den armen General daher ganz gut.</p><p>Bubuta holte krampfhaft Luft. Kapit�n Schichola, sein Adjutant, sah mich fast hoffnungsvoll an. Ich kam n�her. Eigentlich hatte ich den Witz auf die Spitze treiben und Bubuta bespucken wollen, um zu sehen, was passieren w�rde. Theoretisch war meine Spucke f�r Boch keinesfalls lebensgef�hrlich, da ich weder erschrocken noch zornig war. Doch ich besann mich rechtzeitig eines Besseren. Den armen General - so �berlegte ich - k�nnte der Schlag treffen, und wie h�tte ich diese unangenehme Situation dann erkl�ren sollen? Also �nderte ich meinen Gesichtsausdruck und lie� statt Zorn ein freundliches L�cheln sehen.</p><p>�Guten Abend, Sir Boch! Guten Abend, Kapit�n!�</p><p>Meine H�flichkeit gab Bubuta den Rest und entt�uschte seinen Adjutanten. Ich lie� beide verwirrt stehen und ging ins B�ro von Sir Juffin Halli, das mir als Zuflucht erschien.</p><p>Juffin sa� bester Laune am Schreibtisch. �Wei�t du schon das Neueste, Max? Wir haben gerade erfahren, dass wir einen merkw�rdigen Mordfall kl�ren m�ssen. Auf den ersten Blick geh�rt die Sache nicht in unsere Abteilung, aber die Adler von Bubuta sind sowieso �berfordert. Ihm selbst ist das nat�rlich klar, und deshalb geht es dem Armen auch sehr schlecht. Du hast bestimmt seinen Wutausbruch mitbekommen. Na, jetzt m�ssen wir uns aber das Opfer ansehen.�</p><p>Wir traten in den Korridor. Sofort gesellte sich Lady Melamori zu uns. Ich hatte sie noch nie so schlecht gelaunt erlebt. Seltsam - dabei hatte ich am Morgen doch den Eindruck, sie in heiterste Stimmung versetzt zu haben. Ob sie der Mordfall so verschreckt hatte? Wohl kaum. F�r mich war der Tod eines Menschen noch immer ein aufw�hlendes Ereignis, w�hrend er f�r sie l�ngst Routine geworden war.</p><p>�Warum ist es so leise?�, staunte Juffin und horchte an der Wand, die unsere R�ume von denen der Stadtpolizei trennt. �Ich dachte, Bubuta wollte die ganze Nacht durcharbeiten. Hat seine Stimme versagt? Das glaub ich zwar nicht, aber sch�n w�r's!�</p><p>�Ich bin ihm vorhin begegnet und hab getan, als w�re ich richtig zornig�, sagte ich bescheiden.</p><p>Juffin sah mich �berrascht an. �S�ndige Magister! Ich werde eine Gehaltserh�hung f�r dich beantragen. Von mir aus kannst du mehr verdienen als ich. Das bist du schlie�lich wert.�</p><p>Lady Melamori l�chelte nicht mal. Eigentlich war der wackere General Bubuta sowieso nie Lieblingszielscheibe ihrer Witze. Ich hatte den Eindruck, sie w�rde gleich in Tr�nen ausbrechen, legte ihr die Hand auf die Schulter und wollte etwas Tr�stliches sagen, doch das war nicht n�tig. Als ich mich zu ihr vorbeugte, begriff ich das selbst. Ich wei� nicht, welche geheimnisvollen Mechanismen da wirkten, doch in diesem Moment wusste ich, was mit Lady Melamori los war. Ich wusste es so genau wie sie. Unsere Verfolgungsmeisterin war tats�chlich bis auf weiteres unbrauchbar. Der misslungene Versuch, mir auf die Spur zu treten, hatte etwas in dem zerbrechlichen Mechanismus ihres gef�hrlichen Talents entzweigehen lassen. Sie brauchte Zeit, um sich wieder zu fangen. Das ist wie bei der Grippe, die den Bewohnern von Echo zum Gl�ck unbekannt ist: Ob man will oder nicht - die Genesung braucht nun mal einige Zeit. Jetzt ging Lady Melamori zum Tatort, als ginge sie zu einer Hinrichtung, denn sie sp�rte wahrscheinlich, womit das alles enden w�rde: mit einer Katastrophe und einer noch tieferen Verunsicherung. Doch sie ging weiter, weil sie nicht gewohnt war, un�berwindliche Hindernisse zu meiden. Es klingt vielleicht dumm, doch ich h�tte das Gleiche getan. Diese Frau gefiel mir immer besser.</p><p>Per Stummer Rede meldete ich mich bei Juffin. �Lady Melamori darf nicht arbeiten. Sie w�re sowieso zu nichts nutze. Und das wei� sie auch selbst. Warum haben Sie sie �berhaupt gerufen? Zu Erziehungszwecken? �</p><p>Juffin musterte erst mich, dann Lady Melamori und setzte dann sein breitestes L�cheln auf: �Ab nach Hause, Unvergessliche!�</p><p>�Wieso das denn?�</p><p>�Das wissen Sie genau. Ihr Talent geh�rt nicht Ihnen, sondern dem Geheimdienst des Vereinigten K�nigreichs, und Sie haben jede Situation zu meiden, die diesem Talent schaden kann. Das ist doch eine Binsenweisheit! Und man soll den alten m�den Leiter nicht mit privaten Problemen belasten, die er sowieso gleich vergisst. Verstanden?�</p><p>�Danke�, hauchte sie. Es fiel mir schwer, sie anzusehen.</p><p>�Gute Besserung�, brummte Juffin. �Gehen Sie nach Hause, Lady Melamori. Oder fahren Sie zu Meister Kima, Ihrem Gro�vater. Der wird Ihre Stimmung aufbessern. In ein paar Tagen sind Sie sicher wieder in Ordnung. Je schneller, desto besser.�</p><p>�Und wie wollen Sie den M�rder ohne mich finden?�, fragte sie schuldbewusst.</p><p>�Sir Max, die Lady beleidigt uns�, l�chelte Juffin. �Sie glaubt, unser Geist sei erloschen, und vermutet, wir beide seien schreckliche Faulenzer, die eine Verfolgungsmeisterin nur begleiten, damit sie f�r uns die Spur des M�rders findet. Sollen wir nur auf sie sauer sein, oder sollen wir sie gleich umbringen?�</p><p>�So hab ich das doch gar nicht gemeint!� Auf dem Gesicht von Lady Melamori erschien ein schwaches L�cheln. �Ich werde mich bessern und bringe euch etwas von meinem Gro�vater mit. Und ihr verzeiht mir, ja?�</p><p>�Ich verzeihe Ihnen gewiss�, murmelte Juffin gedankenverloren. �Aber Sir Max? Sein Zorn ist schrecklich und hat sogar General Bubuta verstummen lassen.�</p><p>�Mit Max werd ich schon einig�, versicherte Lady Melamori.</p><p>Ich schmolz verst�ndlicherweise vor Gl�ck dahin, schaffte es dabei aber doch, auf den Beinen zu bleiben. Die Verursacherin meiner Verwirrung verabschiedete sich und verschwand um die Ecke, hinter der die Dienst- A-Mobile standen. Ihr verzeihendes L�cheln war f�r mich das letzte angenehme Erlebnis dieses Tages, dessen Fortsetzung sich erstaunlicherweise als schrecklich erwies.</p><p>Einige Schritte vom Fressfass - unserer Lieblingswirtschaft - entfernt war eine Frau get�tet worden. Sie war jung und h�bsch, aber nicht mein Typ. Es handelte sich um eine attraktive Br�nette mit gro�en Augen, hohen Wangenknochen und breiten H�ften. In Echo ist diese Kombination erstaunlicherweise enorm beliebt. Dieser Frau aber hatte man die Kehle durchgeschnitten und dabei ein L�cheln von Ohr zu Ohr verpasst.</p><p>Juffin zufolge t�tete man so in Echo nicht. Weder M�nner noch Frauen, niemanden. Mord ist hier �berhaupt sehr selten - sofern man nichts mit undisziplinierten Ordensmitgliedern zu tun hat, denn sonst muss man mit allem rechnen. Aber hier roch es nicht nach Magie - weder nach der verbotenen noch nach der erlaubten Variante. Wir zuckten die Achseln und gingen ins B�ro zur�ck.</p><p>�Ehrlich gesagt hat mich der Tatort bei dem Ganzen am meisten schockiert�, bemerkte ich. �Die ganze Stadt wei� doch, dass das Fressfass Ihre Lieblingsgastst�tte ist, Juffin. Was f�r ein Verr�ckter mag sich entschieden haben, ausgerechnet an diesem Ort zuzuschlagen?�</p><p>�Tja - einer ist es wohl gewesen�, murmelte mein Chef.</p><p>�Vielleicht kommt er ja von ausw�rts�, meinte ich.</p><p>�Bestimmt. Nicht mal in der Traurigen Zeit hat man Frauen in Echo so zugerichtet. Wie dumm das alles gelaufen ist! Wir h�tten Melamori sehr n�tig gehabt. Eine Stunde Ermittlung, und alles w�re klar gewesen! Stattdessen m�ssen wir uns jetzt ins B�ro setzen und uns �ber alles M�gliche den Kopf zerbrechen.�</p><p>Kaum sa�en wir im B�ro, geschah ein zweiter Mord, diesmal nicht weit von der Posaunenstra�e entfernt. Wieder l�chelte das Opfer von Ohr zu Ohr, doch die Gioconda war diesmal ein wenig �lter - ungef�hr dreihundert Lenze. Es handelte sich um eine Heilerin namens Chrida, die die Bewohner der ganzen Stra�e besuchten, wenn sie Zahnschmerzen oder einfach nur Pech hatten. Chrida war eine noch jung wirkende, energische und - im Gegensatz zur Mehrzahl ihrer Kolleginnen - sehr nette Lady gewesen. Alle in der Nachbarschaft hatten sie gemocht, und im Trubel von Echo waren oft dankbare Briefe ihrer geheilten Patienten erschienen.</p><p>Man konnte ziemlich sicher sagen, dass es sich bei keiner der Taten um einen Raubmord handelte, da beide Opfer noch ihren Schmuck trugen. Anscheinend hatten sie kein Geld bei sich gehabt. Hier in Echo hei�t es, Geld und Liebe vertragen sich schlecht. Deshalb nimmt keine Frau Geld in die Hand, sondern fasst es allenfalls mit Handschuhen an. Auch M�nner haben ihre Vorsichtsma�nahmen, doch Frauen sind viel abergl�ubischer. Allerdings haben die Bewohner des Vereinigten K�nigreichs sich im Lauf der Zeit angew�hnt, Schecks und Wechsel als Geldersatz zu verwenden und sie in den letzten Tagen des Jahres abzurechnen. Ich pers�nlich bevorzuge Barzahlung und bin deshalb schon oft in heikle Situationen geraten. Schon in mancher Gastst�tte wollte ich dem Wirt Geld in die Hand dr�cken und habe daf�r einen entr�steten Blick geerntet, weil er die Handschuhe in der K�che hatte liegen lassen und meinetwegen hin und her laufen musste.</p><p>Jetzt hatten wir also in k�rzester Zeit zwei Leichen. Und keine Ideen.</p><p>Und auch die Nacht war ereignisreich, denn wir bekamen vier weitere Frauen gemeldet, deren L�cheln sich aufs Haar glich. Alter, Aussehen und Lebensumst�nde der ungl�cklichen Opfer waren unterschiedlich. Sie lebten sogar in den entferntesten Ecken der Stadt. Offenbar hatte der M�rder das Angenehme mit dem N�tzlichen verbinden wollen und seine grausamen Taten auf einer Besichtigungstour durch das n�chtliche Echo begangen.</p><p>In den fr�hen Morgenstunden bekamen wir eine Atempause. Die Mordserie h�rte auf. Bestimmt war der T�ter m�de geworden und hatte sich entschieden, ein Nickerchen zu machen. Juffin lie� alle laufenden Gesch�fte durch Melifaro und Lonely-Lokley erledigen. Sir Kofa Joch zog los, um sich in den Wirtsh�usern nach Hinweisen auf den T�ter umzuh�ren. Mir befahl der Ehrw�rdige Leiter, ihm keinen Schritt von der Seite zu weichen. Besonders n�tzlich war ich allerdings nicht. Aber vielleicht sollte ich f�r meinen Chef ja eine Art Muse sein. Diese Rolle allerdings gelang mir auch nicht allzu gut, denn die ganze Nacht war Juffin auf keinen klugen Gedanken gekommen.</p><p>Den siebten Mord bekamen wir in der Mittagszeit geliefert. Er trug die gleiche Handschrift wie die vorigen, leider aber keinen Absender.</p><p>Ehrlich gesagt hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt Folgendes in Erfahrung gebracht: Der T�ter war sehr wahrscheinlich ein Mann, denn die Abdr�cke, die er im Sand hinterlassen hatte, wiesen zwar kein Profil auf, waren f�r eine Frau jedoch eigentlich zu gro�. Bei diesem Mann handelte es sich wohl um einen Fremden, denn sein Benehmen war f�r hiesige Verh�ltnisse ausgesprochen ungew�hnlich. Au�erdem musste er Besitzer eines gro�en Messers sein und schien - da er seine Opfer nicht ausraubte - verm�gend. Wahrscheinlich hatte er keine Verbindung zu einem magischen Orden, denn er hatte bei seinen Taten keinerlei Magie angewandt. Obendrein war er sicher nicht verr�ckt, weil Geisteskrankheit - wie sich erwiesen hatte - einen schwachen, aber nachweisbaren Geruch hinterl�sst, und dieser Geruch war an keinem Tatort zu sp�ren.</p><p>�Es sieht so aus, Max, als w�rdest du ein epochales Ereignis erleben�, sagte Juffin und legte endlich die Tabakspfeife weg, die er die letzten f�nf Stunden in der Hand gehabt hatte. �Bei diesem Fall verstehe ich n�mlich absolut nichts. Wir haben sieben Leichen innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden, wir haben einen Haufen Beweismaterial, das uns kein bisschen weiterbringt, und wir k�nnen sicher sein, dass keine Magie im Spiel ist - weder erlaubte noch unerlaubte. Vielleicht ist es Zeit, all diese F�lle wieder an die Beh�rde von General Bubuta zu �bergeben und unser Versagen zu beschweigen.�</p><p>�Sie wissen doch, dass es nie ...�, begann ich vorsichtig�</p><p>�Ja, ich wei�. Aber es riecht hier nach keiner Unsauberkeit. Kann man wirklich Magie f�r solch grausame Morde benutzen? Das vermag ich mir einfach nicht vorzustellen. Wenn der T�ter geisteskrank w�re ... Aber danach hat es, wie gesagt, nicht gerochen.�</p><p>�Wir sollten zum Mittagessen gehen, Juffin�, seufzte ich. �Die W�nde m�ssen sich ein wenig von uns erholen.�</p><p>Doch auch im Fressfass war die Stimmung irgendwie schlecht. Madame Zizinda schien gerade geweint zu haben. Das Essen �bertraf wie immer unsere Erwartungen, doch wir waren nicht f�hig, es wirklich zu genie�en. Juffin bestellte eine Flasche Dschubatinischen S�ufer, roch gedankenverloren daran und stellte sie zur Seite.</p><p>�Das ist wohl nicht das, was man nach einer schlaflosen Nacht braucht�, bemerkte er.</p><p>Wahrscheinlich war das der schlimmste Tag seit meiner Ankunft in Echo. Na eben: seit meiner Ankunft. Das war noch nicht lang her. Ich h�tte wirklich fr�her auf den Gedanken kommen k�nnen, dass sich nicht nur Touristen aus den Nachbarst�dten, sondern auch Bewohner fremder Welten hier herumtreiben mochten - genau wie ich einer war. S�ndige Magister!</p><p>�Juffin�, fl�sterte ich. �Vielleicht ist der M�rder ja ein Landsmann von mir?�</p><p>Mein Chef zog die Augenbrauen hoch und nickte verst�ndnisvoll. �Wir m�ssen zur�ck zum Haus an der Br�cke. So ein Gespr�ch ist nicht f�r fremde Ohren bestimmt. Sag Madame Zizinda, sie soll mir Kamra und noch ein st�rkeres Getr�nk ins B�ro schicken - aber nicht dieses Zeug hier�, sagte er und zeigte hasserf�llt auf den Dschubatinischen S�ufer.</p><p>In seinem Arbeitszimmer musterte Juffin mich eindringlich und fragte: �Warum?�</p><p>�Weil es alles erkl�rt. Erstens ist keine Magie im Spiel, jedenfalls keine sichtbare. Zweitens k�nnen sich au�er mir doch auch andere fremde G�ste in Echo befinden. Egal wie sehr man eine T�r verbarrikadiert - solange das Haus steht, bleibt es eine T�r. Und drittens, Juffin, haben Sie immer gesagt, dass man in Echo so niemanden umbringt. Aber dort, wo ich geboren wurde, kommt das bei Verr�ckten bisweilen vor. Bei manchen Verr�ckten jedenfalls. Das ist mein drittes und st�rkstes Argument. Dass es solche Morde gibt, wei� ich genau, weil ich dar�ber oft Berichte im Fernsehen gesehen habe.�</p><p>�Wo hast du diese Berichte gesehen?�</p><p>�Ach, egal�, meinte ich, weil ich nicht wusste, wie ich jemandem, der so ein Ger�t noch nie gesehen hatte, kurz und b�ndig erkl�ren sollte, was ein Fernseher ist. Dann aber raffte ich mich auf: �Sagen wir so: Es handelt sich um die M�glichkeit, zu Hause zu sitzen und zu sehen, was in anderen Ecken der Welt passiert. Nat�rlich nicht alles, sondern nur die wichtigsten Ereignisse. Und dazu noch Spielfilme. All das geschieht mit Hilfe eines speziellen Ger�ts. Es gibt also keine Magie. Aber wer wei�, wie stark Ihr Zeiger neben einem Fernseher ausschlagen w�rde.�</p><p>�H�ttest du doch einen dieser Fernseher mitgenommen! Scheinbar ist das ein interessantes Ger�t.�</p><p>�Und was halten Sie von meiner Theorie?�, versuchte ich, meinen Chef wieder auf das anstehende Problem zu lenken. �K�nnte ein Landsmann von mir der T�ter sein?�</p><p>�Na ja, diese Version ist zwar nicht gerade h�bsch, aber logisch oder wenigstens nach deinem Geschmack.</p><p>Man muss auch in diese Richtung ermitteln. Ich fahre jetzt zu Maba Kaloch - und du ... kommst mit, um ihn kennenzulernen. Maba kennt deine Geschichte. Also brauchst du mit deiner Barbarenlegende gar nicht erst anzufangen.�</p><p>�Sir�, rief ich emp�rt. �Das ist nicht meine, sondern Ihre Legende und das h�bscheste Werk der Gattung K�nstliche Falsifikation: �Sir Max, der aus dem Grenzgebiet zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren L�ndern stammt; ein furchtbarer Barbar, aber ein genialer Detektiv.-�</p><p>�Ja, diese Legende stammt von mir�, seufzte Juffin. �Siehst du, ich tauge doch noch zu etwas. Gehen wir!�</p><p>Doch jetzt muss ich Ihnen erz�hlen, wie ich nach Echo geraten bin, weil das - so seltsam es klingen mag - gro�e Bedeutung f�r das weitere Geschehen hat. Nach neunundzwanzig Jahren eines verworrenen Lebens schob der Max, der ich mal war, als Redakteur vom Dienst Nachtschicht bei einer gro�en Zeitung. Dieser Max hatte sich l�ngst daran gew�hnt, seinen Tr�umen gro�e Bedeutung beizumessen, denn im Laufe der Zeit hatte sich seine Lage so entwickelt, dass er des Lebens nicht froh wurde, wenn es ihm in seinen Tr�umen nicht gut ging. Tr�ume erschienen mir damals viel realer und wichtiger als die Wirklichkeit. Ich bemerkte kaum einen Unterschied zwischen beiden Welten und nahm meine Probleme oft aus dem Traum in die Wirklichkeit (und umgekehrt) mit. Manchmal allerdings hatte ich auch das Gl�ck, dass auf diesem Wege angenehme Ereignisse die Welten wechselten.</p><p>So unterschiedlich meine Tr�ume auch waren - ein paar Orte tauchten erstaunlich regelm��ig auf. Zum Beispiel eine Stadt in den Bergen, die nur �ber eine Drahtseilbahn mit der Au�enwelt verbunden war; ein schattiger Landschaftsgarten, den ein murmelnder Bach teilte; ein paar Sandstr�nde an einer d�steren Meeresk�ste. Und dann war da noch eine Stadt, deren Mosaikgehsteige mich vom ersten Moment an bet�rten. In dieser Stadt hatte ich auch mein Lieblingslokal, an dessen Namen ich mich nach dem Aufwachen aber nicht zu erinnern vermochte. Erst als ich sp�ter ins echte Fressfass kam, begriff ich, dass ich das Lokal schon lange kannte. Ich fand sogar meinen Lieblingsplatz wieder: einen Tisch zwischen der Theke und dem Fenster zum Hof.</p><p>In diesem Lokal hatte ich mich gleich wie zu Hause gef�hlt. Die wenigen Kunden versammelten sich an der langen Theke. Alle Anwesenden kamen mir wie alte Freunde vor, und ihre exotische Kleidung befremdete mich nicht. Im �brigen betrachteten auch sie meine Kleider ohne Verwunderung. Echo ist die Hauptstadt eines gro�en Landes und zudem einer der gr��ten Flussh�fen dieser Welt. Da ist es schwierig, die Bewohner zu verbl�ffen, und mit exotischer Kleidung klappt es erst recht nicht.</p><p>Im Laufe der Jahre hatte einer der Stammg�ste begonnen, mich zu gr��en, und ich gr��te zur�ck. Wer h�tte sich nicht �ber solche Streicheleinheiten im Schlaf gefreut?</p><p>Sp�ter begann dieser Stammgast, bei dem es sich nat�rlich um Sir Juffin Halli handelte, sich an meinen Tisch zu setzen und sich ein wenig mit mir zu unterhalten. Juffin hat wie kein anderer die Gabe, mit jeder beliebigen Person Kontakt zu kn�pfen, und so trafen wir uns eine ganze Weile zum Plaudern in diesem Cafe. Manchmal erz�hlte ich meinen Freunden in der realen Welt ein paar der au�ergew�hnlichen Geschichten, die ich von meinem neuen Bekannten geh�rt hatte. Sie rieten mir, alles aufzuschreiben, doch das habe ich irgendwie nicht geschafft. Ich sp�rte, dass manche Sachen nicht aufs Papier geh�rten, und ehrlich gesagt war ich auch zu faul, mich Tag f�r Tag hinzusetzen und ein Traumprotokoll zu f�hren.</p><p>Unsere seltsame Freundschaft begann pl�tzlich und f�r mich absolut unerwartet. Eines Tages - es ist schon viele Jahre her - brach mein mir schon vertraut gewordener Gespr�chspartner mitten im Wort ab, sah mit der komischen Ernsthaftigkeit eines Verschw�rers nach links und rechts und sagte geheimnisvoll fl�sternd: �In Wirklichkeit schl�fst du, Max. Dies alles ist nur ein Traum.�</p><p>Ich war ganz verwirrt, erhob mich so rasch, dass mein Stuhl umst�rzte, und erwachte auf dem Boden meines Schlafzimmers.</p><p>In den n�chsten sieben Jahren tr�umte ich alles M�gliche, aber nie wieder von den Mosaikgehsteigen jener wunderbaren Stadt. Ohne diese Bilder war mir langweilig, und mein Leben und meine Gesch�fte liefen reichlich schlecht. Ich verlor das Interesse an den alten Freunden, stritt mich mit Freundinnen, wechselte die Arbeitsstelle �fter als das Hemd und warf B�cher weg, in denen ich keinen Trost gefunden hatte. Au�erdem zettelte ich immer neue Streitereien an, als wollte ich die ungeliebte Wirklichkeit durch den Wolf drehen.</p><p>Im Laufe der Zeit beruhigte ich mich nat�rlich wieder und genehmigte mir ein F�llhorn neuer Lebensfreuden: Freunde, M�dchen, eine ertr�gliche Arbeit, eine h�bsche Wohnung und eine eigene Bibliothek, die mehr von den Ambitionen als vom Geschmack ihres Besitzers zeugte. In der Kneipe bestellte ich Kaffee statt Alkohol, rasierte mich jeden zweiten Tag, duschte morgens und gab die W�sche in die Reinigung. Ich lernte, mich zu beherrschen und giftige Bemerkungen zu machen, statt meine F�uste zu benutzen. Und dennoch war ich nicht stolz auf mich, sondern sp�rte wieder die gleiche dumpfe Schwermut, die mich schon in meiner Jugend verr�ckt gemacht hatte. Ich f�hlte mich wie ein Toter, der aus dem Grab gestiegen ist und sich an die leise, unauff�llige Existenz unter lauter Zombies gew�hnt.</p><p>Aber ich hatte teuflisches Gl�ck.</p><p>Eines Morgens, als ich nach der Nachtschicht in der Redaktion schlafen gegangen war, sah ich im Traum die lange Theke wieder, meinen Lieblingsplatz und den alten Bekannten, der mich am Nachbartisch erwartete. Ich erinnerte mich sofort, wie unser letztes Treffen geendet hatte. Ich begriff auch rasch, dass ich tr�umte, und fiel deshalb auch nicht vom Stuhl, erwachte nicht und war auch nicht erschrocken. Ich hatte im Laufe des Erwachsenwerdens eben gelernt, mich zu beherrschen.</p><p>�Was geschieht hier?�, fragte ich. �Und wie?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, entgegnete mein alter Freund. �Meiner Meinung nach wei� das keiner. Es geschieht nun mal, und es ist mein Hobby, die Ereignisse m�glichst genau zu beobachten.�</p><p>�Sie wissen nicht, was hier los ist?�, begann ich verwirrt und hatte den Eindruck, er m�sste Antworten auf all meine Fragen wissen.</p><p>�Darum geht es nicht�, fiel er mir ins Wort. �Sag mir lieber, ob es dir hier gef�llt.�</p><p>�Was f�r eine Frage? Das ist mein Lieblingstraum! Als ich ihn nicht mehr tr�umte, dachte ich, ich werde wahnsinnig.�</p><p>�Verstehe. Und gef�llt es dir dort, wo du lebst?�</p><p>Ich zuckte die Achseln. Damals hatte ich einige Probleme - keine Katastrophen (die geh�rten endg�ltig der Vergangenheit an), sondern langweilige und allt�gliche Misshelligkeiten. Ich war einfach gl�cklicher Besitzer eines total misslungenen, ruhigen und ma�vollen Lebens und hatte die gro�e Illusion, ich h�tte Besseres verdient.</p><p>�Du bist ein Nachtmensch�, sagte mein Gespr�chspartner. �Und du hast ein paar Schrullen, oder? Und da, wo du lebst, st�ren dich diese Schrullen vermutlich im Wachzustand.�</p><p>�St�ren?�, rief ich aufgebracht. �Das ist das falsche Wort.�</p><p>Ich bemerkte gar nicht, dass ich diesem sympathischen �lteren Mann alles erz�hlte, was ich auf dem Herzen hatte. Warum h�tte ich mich auch zusammenrei�en sollen? Schlie�lich war das Ganze - wie ich seit sieben Jahren wusste - nur ein Traum.</p><p>Er h�rte mir teilnahmslos zu, lachte mich aber wenigstens nicht aus, wof�r ich ihm bis heute dankbar bin.</p><p>�Tja, was soll ich dazu sagen?�, meinte er, als ich fertig war. �Das alles ist ziemlich schrecklich, aber ich habe dir ein tolles Angebot zu machen. Es gibt in dieser Stadt, die dir so gut gef�llt, einen interessanten und gut dotierten Job f�r dich. Obendrein handelt es sich um Nachtarbeit, und die hast du dir ja immer gew�nscht.�</p><p>Ich dachte nicht mal �ber sein Angebot nach, denn ich hatte noch nicht begriffen, dass die Entscheidung, die ich im Traum tr�fe, Auswirkungen auf meine Realit�t haben w�rde. Doch aus reiner Neugier wollte ich alle Einzelheiten erfahren. �Gut, nehmen wir mal an, Sie h�tten mich angeworben. Wollen Sie mir weismachen, es g�be in der ganzen Stadt au�er mir keinen Menschen, der nachts nicht schlafen kann?�</p><p>�Ach, Leute, die an Schlaflosigkeit leiden, gibt es �bergenug. Ich hei�e �brigens Juffin, Sir Juffin Halli, stehe zu Diensten! Du brauchst dich nicht zu bem�hen. Ich wei�, dass du Max hei�t, und dein Nachname interessiert mich nicht. Du wirst staunen, aber ich wei� von dir so einiges. Zum Beispiel, dass du ein rares Talent hast, das sehr gut zu der Beh�rde passt, die ich leite. Bisher hattest du leider keine Gelegenheit, das Vorhandensein dieses Talents �berhaupt zu bemerken.�</p><p>�Was f�r ein Talent haben Sie denn bei mir ausgemacht? Ich hoffe, nichts Kriminelles!�, rief ich und kicherte bl�d.</p><p>�Na siehst du - du hast es selbst erraten! Bravo!�</p><p>�Meinen Sie das ernst? Sind Sie etwa ein Mafioso?�</p><p>�Ich wei� zwar nicht, was das ist, doch ich bin garantiert viel schlimmer.�</p><p>�Ein Mafioso ist der Kopf einer kriminellen Organisation. Ein Bandit reinsten Wassers. Und was sind Sie?�</p><p>�Ach, ganz das Gegenteil! Ich bin Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Stadt Echo. Streng genommen bin ich also auch ein Bandit reinsten Wassers, aber alles geschieht im Namen des Gesetzes. Und meine Beh�rde interessiert sich besonders f�r Verbrechen, bei denen Magie im Spiel ist.�</p><p>�F�r welche Verbrechen interessieren Sie sich?�, fragte ich so ungl�ubig wie misstrauisch.</p><p>�Das hast du doch geh�rt - f�r Verbrechen, bei denen Magie im Spiel ist. Da brauchst du gar nicht die Stirn zu runzeln. Ich halte dich nicht zum Narren! Dazu bin ich jetzt ohnehin nicht aufgelegt. Pass auf: Wenn wir gut miteinander auskommen, wirst du auf all deine Fragen eine Antwort bekommen - und sogar mehr als das.�</p><p>�Gut auskommen tun wir ja schon lange miteinander.�</p><p>�Und das ist auch gut so. Ich dachte schon, ich m�sste dich �berreden, und hatte mir sogar Argumente zurechtgelegt.�</p><p>�Sagen Sie mir besser, was ich tun soll, wenn ich meinen Dienst bei Ihnen antrete.�</p><p>�Du sollst das Nachtantlitz des Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps sein. Diese Truppe schl�ft allerdings bei Nacht, und darum, Max, bist du - grob gesagt - dein eigener Chef.�</p><p>�Kein schlechter Posten f�r einen Gastarbeiter!�</p><p>�Stimmt. Sag mal: Wenn ich jetzt ein - wie du es genannt hast - Mafioso w�re, w�rst du dann auch einverstanden, bei mir anzufangen?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete ich ehrlich. �Ich kenne Ihre Lebensumst�nde nicht und sehe darum keinen Unterschied zwischen Verbrechern und denen, die sie jagen.�</p><p>�Das hast du sehr gut erfasst, Max. Weiter so! Die Wahrheit ist nicht so wichtig, als dass man sie verbergen m�sste.�</p><p>Dieser Sir Juffin mit seinem Raubvogelgesicht und den k�hlen Augen eines klugen Killers hatte ein erstaunlich weiches L�cheln. Ich war lange nicht mehr so verzaubert gewesen - weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Ich hatte gro�e Lust, bei diesem seltsamen Menschen zu bleiben - egal was er tats�chlich tat und welche Rolle er f�r mich im Sinn hatte. Vielleicht nahm ich unser Gespr�ch deshalb so ernst, als w�rde es nicht im Traum, sondern in der Realit�t stattfinden. Ich wollte ihm einfach glauben! Schon lange hatte ich nichts mehr so sehr gewollt.</p><p>�Wir m�ssen noch ein paar technische Details besprechen�, seufzte Sir Juffin.</p><p>�N�mlich?�</p><p>�N�mlich, wie du hierher ger�tst.�</p><p>�Bin ich denn noch nicht bei Ihnen? Ach so!�</p><p>�Genau das ist das Problem! Du glaubst, du befindest dich in der Wirklichkeit - dieses Hirngespinst ist v�llig normal ... na ja, beinahe normal. Die Leute hier st�ren sich nicht an dir, bemerken aber schon mit blo�em Auge den Unterschied. Deshalb wirst du Probleme mit deinem K�rper haben, der sich gerade unter der Bettdecke w�lzt. Wenn dein K�rper stirbt, ist das Leben f�r dich zu Ende. Deshalb musst du nicht nur im Geiste, sondern materiell zu mir �bersiedeln. Und dein K�rper befindet sich im Moment woanders.�</p><p>�Ach so! Mein K�rper ist das Problem!� Ich lie� den Kopf h�ngen.</p><p>�So ist das. H�r mir deshalb aufmerksam zu. Wenn du aufwachst, musst du etwas beinahe Unm�gliches tun. Erstens sollst du dich an unser Gespr�ch erinnern. Damit d�rftest du keine Probleme haben. Falls aber doch, m�ssen wir eben noch mal von vorn beginnen. Zweitens reicht es nicht, dich an das Gespr�ch zu erinnern - dir muss auch klar sein, dass mein Angebot absolut ernst gemeint ist. Du musst dich davon �berzeugen, dass manche Tr�ume in der Wirklichkeit weitergehen. Und falls dir das nicht gelingt, musst du bereit sein auszuprobieren, ob sich Tr�ume in die Wirklichkeit verschieben lassen - egal ob du das aus Langeweile oder aus Neugier ermittelst ...�</p><p>�Kein Problem. Mein Leben ist ein einziges Patchwork aus Neugier und Langeweile.�</p><p>�Lass mich ausreden. Der Mensch neigt dazu, das Unerkl�rliche mit der Behauptung, es sei nur ein Produkt der Fantasie, abzutun. Du musst dich demn�chst von der Richtigkeit meiner Worte �berzeugen, und das darf nicht l�nger als ein paar Stunden dauern. Was das anlangt, kann ich dir nicht helfen. Du musst einfach an den Erfolg glauben.�</p><p>�Schon gut�, meinte ich beleidigt. �Ich bin doch nicht bl�d.�</p><p>�Bl�d bist du nicht, aber die F�higkeit, an Wunder zu glauben, geh�rt nicht gerade zu deinen St�rken. Schlie�lich hatte ich das Vergn�gen, dich jahrelang zu beobachten, Max.�</p><p>�Und wozu?�</p><p>�Nicht wozu, sondern warum! Darum! Ich habe dich vor vielen Jahren zuf�llig entdeckt und schnell begriffen, dass du nicht zu den Hiesigen geh�rst. Dann aber stellte ich fest, dass du noch nicht reif genug warst, dich in Wirtsh�usern herumzutreiben. Und dann begriff ich, dass du einfach nicht wirklich bist, sondern ein Phantom, ein Hirngespinst, der Schatten eines Traums. Hier passiert sp�t in der Nacht so manches, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass du dahintersteckst. �brigens hat niemand au�er mir bemerkt, dass du dich tr�umend unter uns Hiesigen aufgehalten hast.�</p><p>�Und Sie ...�</p><p>�Ich hab es bemerkt, weil ich mich in diesen Dingen einigerma�en auskenne. Und wei�t du was? Ich hab dich gesehen und gleich gewusst, dass sich aus diesem Jungen das ideale Nachtantlitz meiner selbst machen l�sst. Du bist zwar noch nicht das optimale, aber schon ein sehr achtbares Nachtantlitz.�</p><p>Ich war ersch�ttert. Schon lange hatte ich keine Komplimente mehr bekommen. Und ein so schmeichelhaftes und unerwartetes Kompliment hatte mir noch niemand gemacht. Inzwischen wei� ich, dass Juffin Halli mich damals so gelobt hat, damit ich leichter an seine Existenz glaubte. Denn sosehr mein Verstand mir auch h�tte weismachen wollen, nur geschlafen und einen dummen Traum gehabt zu haben: Die Vorstellung, auch die Schmeicheleien des bezaubernden Juffin w�ren dann nur ein Traum gewesen, h�tte ich schlicht nicht ertragen.</p><p>�Wenn du dir wirklich sicher bist, dass du den �bergang in die andere Welt riskieren willst, dann tu Folgendes ...�, begann Juffin, schwieg aber pl�tzlich, rieb sich die Stirn und befahl mir dann: �Gib mir die Hand!�</p><p>Ich streckte die Rechte aus. Juffin griff gierig nach ihr und murmelte hastig und leise, ja beinahe unverst�ndlich: �Sp�t in der Nacht gehst du an einen Ort namens Gr�ne Stra�e. Merk dir das. Dort darfst du nicht stehen bleiben, sondern musst auf und ab gehen, eine Stunde oder auch zwei - so lange, wie es eben dauert. Du wirst einen Wagen sehen, den man bei euch Stra�enbahn nennt. Sie wird leer sein und auf deiner H�he halten. Steig ein und setz dich. Die Bahn wird weiterfahren. Tu, was du willst, aber setz dich nicht auf den Platz des Fahrers - das w�re zu riskant. Sei weder aufgeregt noch ungeduldig. Die Reise kann lange dauern. Nimm darum ein paar belegte Brote und etwas zu trinken mit. Deine Vorr�te sollten ein paar Tage reichen. Ich glaube nicht, dass die Reise lange dauert, aber es kann alles M�gliche passieren. Und vor allem: Erz�hl niemandem davon. Keiner wird dir glauben, und die Zweifel anderer k�nnen der Magie nur schaden.�</p><p>Endlich lie� Juffin meine Hand los, �ffnete die Augen und l�chelte.</p><p>�Den letzten Rat merk dir gut - er kann dir in Zukunft noch sehr n�tzlich sein. Hast du alles verstanden?�</p><p>�Ja�, nickte ich und massierte dabei meine endlich befreite Hand.</p><p>�Und wirst du dich auch daran halten, Max?�</p><p>�Nat�rlich. Aber durch die Gr�ne Stra�e f�hrt keine Stra�enbahn.�</p><p>�Gut m�glich�, meinte Juffin und nickte gleichg�ltig. �Aber willst du etwa mit einer normalen Tram von Welt zu Welt reisen? Und abgesehen davon: Was ist eigentlich eine Stra�enbahn?�</p><p>Nach dem Erwachen konnte ich mich m�helos an meinen Traum erinnern. Er stand mir bis ins kleinste Detail vor Augen. Viel schwieriger war es zu begreifen, wo ich mich befand, doch auch das gelang mir schlie�lich.</p><p>Es war drei Uhr nachmittags. Ich kochte mir Kaffee. Dann setzte ich mich mit einer Tasse und der ersten Zigarette des Tages in einen Sessel. Ich musste nachdenken. Nachdem ich den letzten Schluck genommen hatte, beschloss ich, dass es hier nichts zu �berlegen gab. Auch wenn es nur ein ganz normaler Traum gewesen sein sollte: Was hatte ich schon zu verlieren? Ich w�rde also ein wenig durch die Gr�ne Stra�e bummeln. Das war schlie�lich keine gro�e Anstrengung. Ich gehe gern spazieren, und diese Nacht hatte ich ohnehin frei. Und wenn der Traum mehr war als nur ein Hirngespinst? Na, dann w�re das eine Chance - und was f�r eine!</p><p>Ehrlich gesagt hielt mich in meiner Welt nichts. Mein Leben war ein gro�er, schrecklich uninteressanter Unfug. Ich konnte nicht mal jemanden anrufen, um Abschied zu nehmen. Na ja, ich h�tte schon Leute zur Auswahl gehabt, mit denen ich h�tte telefonieren k�nnen. In meinem Adressbuch, das ich mir etwa einen Monat zuvor zugelegt hatte, befanden sich mehr als f�nfzig Nummern. Doch ich hatte keine Lust, mich mit jemandem zu unterhalten. Und noch weniger Interesse hatte ich daran, jemanden zu treffen. Vielleicht hatte ich blo� eine Depression. Auf jeden Fall wartete die n�chste Depression sicher schon auf mich. Deshalb traf ich meine Entscheidung - den wichtigsten Entschluss meines Lebens - erstaunlich schnell. Noch heute wundere ich mich dar�ber.</p><p>Mich �berkam eine seltsame, aber angenehme Verwirrung. Ich wollte weder meinen Haushalt aufl�sen noch den engsten Freunden von meinen geheimen Absichten erz�hlen. Den Abend verbrachte ich mit furchtbar erm�denden �berlegungen und Unmengen von Tee vor dem Fernsehapparat. Nicht mal die vorletzte Staffel von Twin Peaks begriff ich als Omen. Ich dachte nur, dass ich an Agent Coopers Stelle im schwarzen Wigwam geblieben w�re, statt in die Realit�t zur�ckzukehren und das eigene Leben und das anderer zu zerst�ren.</p><p>Im �brigen verhielt ich mich, als w�re das Heraustragen des M�lleimers das wichtigste Ereignis des Tages. Als ich meine Kaffeekanne und einen dreit�gigen Vorrat belegter Brote in den Rucksack packte, f�hlte ich mich wie ein Verr�ckter. Doch ich dachte mir, ich k�nnte zur Abwechslung auch mal ein wenig verr�ckt sein. Schlie�lich war ich in den letzten fahren vorbildlich vern�nftig gewesen - und das Ergebnis war nicht gerade beeindruckend.</p><p>Ich verlie� das Haus um etwa ein Uhr nachts. Der Weg in die Gr�ne Stra�e dauerte ungef�hr zw�lf Minuten. Dort musste ich mich ziemlich lange herumtreiben. Einer der letzten Eindr�cke in meiner alten Heimat war die Zeitangabe der Digitaluhr am Geb�ude einer Telefongesellschaft. Ihre riesigen Ziffern meldeten 02 : 02 - so eine Symmetrie habe ich immer f�r ein gutes Zeichen gehalten. Warum, wei� ich nicht.</p><p>Das Klingeln der Stra�enbahn, das erstaunlich laut durch die stille Nacht drang, lenkte mich vom Betrachten der Nullen und Zweien ab. Ich war nicht erschrocken, doch mir war schwindlig, und ich sah alles doppelt und konnte nicht fassen, dass es in dieser schmalen Stra�e tats�chlich Trambahnschienen geben sollte. Besonders aufmerksam betrachtete ich das kleine Schild, auf dem stand, ich w�rde mich an einer Haltestelle der Nummer 432 befinden. Aus irgendeinem Grund schockierte mich die dreistellige Nummer der Linie viel mehr als die Tram selbst, denn damals gab es in der Stadt nur dreizehn Stra�enbahnlinien. Ich kicherte nerv�s, und mein Lachen kam mir so unheimlich vor, dass ich sofort verstummte. In diesem Moment kam die Tram um die Ecke. Anscheinend fuhr sie schnell wie ein Express.</p><p>Ich hatte keine Lust, in die Fahrerkabine zu schauen, doch manchmal tut man ja genau das, wozu man keine Lust hat. So blickte ich denn in ein breites Gesicht, das einem Kannibalen zu geh�ren schien und mit einem kleinen, schmalen Schnauzbart best�ckt war. Die �uglein, die in dem fetten Gesicht schwammen, funkelten ungeheuer begeistert. Schwer zu sagen, was mich eigentlich so erschreckt hatte, doch nun begriff ich, was in der Seele der Bardot passiert war, als sie auf die erste Prozession zorniger G�tter traf. Worte wie Angst, Schock oder Ersch�tterung k�nnen nicht wiedergeben, was ich damals empfand.</p><p>Die Tram bremste ab und n�herte sich der Haltestelle. Da begriff ich, dass dies mein Ende war - egal ob ich einsteigen oder mich umdrehen und wieder nach Hause gehen w�rde. Ich schielte auf den Fahrerplatz, der inzwischen gl�cklicherweise ger�umt worden war. Pl�tzlich f�hlte ich mich besser. Eine Trambahn ohne Fahrer auf einer Stra�e ohne Gleis; dazu die Strecke 432 von Nirgendwo nach Nirgendwo - all das war merkw�rdig, aber durchaus ertr�glich. Eine solche Verzerrung der Wirklichkeit war mir sehr recht. Und die Abwesenheit des Kannibalengesichts war mir noch lieber.</p><p>Die Tram hielt. Sie war schon etwas �lter und nicht besonders auff�llig. An der zerkratzten Au�enwand stand �Sex Pistols� und �Michael spinnt�. Ich war dem unbekannten Michael unendlich dankbar: Er hatte mir das Leben, vielleicht auch nur den Verstand, vielleicht aber auch beides gerettet.</p><p>Nachdem ich die Diagnose von Michaels psychischer Verfassung zur Kenntnis genommen hatte, wurde ich ruhiger. Ich stieg in die leere Stra�enbahn, setzte mich ans Fenster und legte meinen Rucksack auf den Nebensitz. Die T�r schloss sich sehr sanft, und ich sp�rte nichts Bedrohliches. Dann fuhren wir los. Sogar das Tempo der Stra�enbahn war normal - jedenfalls erschien es mir so. Und auch die Aussicht war alles andere als ungew�hnlich: Ich fuhr durch mir halb und halb bekannte Stra�en, deren Dunkelheit da und dort von Laternenlicht unterbrochen wurde. Mitunter sah ich beleuchtete Fenster und hin und wieder eine erb�rmlich flimmernde Neonreklame. Ich f�hlte mich gut und ruhig - als w�rde ich meine Gro�mutter in ihrem H�uschen weit vor der Stadt besuchen. Dort war ich seit vierzehn Jahren nicht mehr gewesen, meine Gro�mutter war tot und das H�uschen verkauft. Nie wieder habe ich mich so frei und gl�cklich gef�hlt wie dort ... Ich sah mein Gesicht in der Scheibe: beseelt, erstaunt und sichtlich verj�ngt. Wie sympathisch ich doch sein konnte!</p><p>Auf einem der Sitzpl�tze fand ich eine Art Reader�s Digest und fing gen�sslich an zu lesen. Viele Leute m�gen solche Sammelb�nde, und in meiner Situation hielt ich es f�r besser, mein Gehirn mit dieser �kologisch sauberen Droge zu verstopfen. Die Zeit verging wirklich wie im Flug - und so mag ich es am liebsten.</p><p>Was gab ich nur f�r einen traurigen Helden ab! Da ver�nderte sich mein Leben von Grund auf, und was tat ich? Ich las in einer abgegriffenen Scharteke und a� dazu mein Butterbrot. Aber so bin ich eben: Wenn ich nicht begreife, was um mich herum passiert, suche ich mir eine Besch�ftigung, die mich ablenkt. Im Alltagsleben benehme ich mich oft bizarr; wenn dagegen ein Wunder geschieht, verwandle ich mich sofort in einen phlegmatischen Langweiler. Das ist nat�rlich nur instinktiver Selbstschutz.</p><p>Als ich aufh�rte zu lesen, merkte ich, dass es vor den Fenstern heller geworden war. Was ich drau�en sah, lie� mich innerlich zittern: Zwei freundlich l�chelnde Sonnen stiegen - die eine rechts, die andere links, damit sich die Augen nicht langweilten - �ber den Horizont. Erlebte ich etwa den Sonnenaufgang im Doppelpack?</p><p>Ich musste mich zusammenrei�en, um nicht in Panik zu geraten, sah nicht aus dem Fenster, kniff die Augen zu, g�hnte und setzte mich bequemer hin. Merkw�rdigerweise gelang mir das. Mein Sitzplatz wurde buchst�blich gr��er und weicher. Mein Kopf fiel auf den mit Butterbroten gef�llten Rucksack, und ich sank in Tiefschlaf. Keine Alptr�ume qu�lten mich: Anscheinend machten die f�r meine Tr�ume verantwortlichen Engel gerade eine Zigarettenpause. Nett von ihnen!</p><p>Die Atmosph�re in der Stra�enbahn war ohnehin wohlwollend. Als ich aufwachte, stellte ich fest, dass ich mit angezogenen Knien auf einer weichen Couch lag. Aus dem Nichts kam eine haarige karierte Decke geflogen, die genauso bequem war wie meine eigene. �Prima Service!�, murmelte ich und schlief wieder ein.</p><p>Als ich erneut aufwachte, war aus der Stra�enbahn eine Puppenstube geworden: Alle Sitze hatten sich in weiche Sofas verwandelt. Da ich ins Unbekannte reiste, w�re es eine S�nde gewesen, einen so nett gestalteten Raum nicht zu nutzen. Insgesamt schlief ich sehr viel, a� meine Vorr�te auf und fand mitunter an �berraschenden Stellen neue B�cher - zum Beispiel in meiner Brusttasche oder auf dem Fahrscheinentwerter.</p><p>Was allerdings surreale Landschaften anging, begegnete mir - vom doppelten Sonnenaufgang abgesehen - nichts Besonderes. Drau�en herrschte balkendicke Dunkelheit. Das war f�r mein seelisches Gleichgewicht auch besser.</p><p>Die Idylle dauerte - nach meiner vorsichtigen Sch�tzung - drei, vier Tage. Aber vielleicht gingen die Uhren in meinem merkw�rdigen Transportmittel ja auch anders. Der Hauptbeweis daf�r, mich unter Einwirkung magischer Gesetze zu befinden, war, dass ich nicht auf die Toilette gehen musste, denn das - verzeihen Sie mir die Offenheit, liebe Leser! - widerspricht all meinen Erfahrungen mit dem menschlichen Stoffwechsel. Die ganze Fahrt �ber erwartete ich unruhig, dass Darm und Blase sich melden w�rden, und versuchte erfolglos, f�r diesen Fall eine L�sung zu finden. Aber nichts dergleichen geschah.</p><p>Mein endg�ltiges Aufwachen war ganz anders als die kurzen Schlafpausen, die ihm vorausgegangen waren. Schon dass ich nicht unter einer Decke, sondern unter einem Pelz erwachte, �berraschte mich. Als ich die leidgepr�ften Beine streckte und mich umsah, stellte ich fest, dass ich nicht auf einer Couch lag, sondern in einem weichen Bett, das in einem gro�en, halbdunklen, fast leeren Zimmer stand. In einer entfernten Ecke schnaufte es, und zwar - wie mir schien - ziemlich bedrohlich. Ich �ffnete die Augen noch weiter und w�lzte mich ein wenig herum. Dann schnellte ich pl�tzlich hoch und landete auf allen vieren vor dem Bett. Das Schnaufen verstummte, und nach ein paar Sekunden stie� mich etwas leicht an der Ferse. Bis heute begreife ich nicht, warum ich damals nicht losgebr�llt habe.</p><p>Stattdessen drehte ich mich blitzschnell um und ... stie� mit der Nase an eine andere Nase, die feucht und klein war. Eine unbekannte Zunge leckte mir �ber die Wange - entz�ckend! Vor mir stand ein bezauberndes Wesen: ein haariger Welpe mit der Schnauze einer Bulldogge. Sp�ter allerdings stellte sich heraus, dass Chuf kein Welpe war, sondern ein ausgewachsenes Tier. Seine Gr��e und entz�ckende Freundlichkeit hatten mich zun�chst annehmen lassen, er m�sse noch ganz jung sein.</p><p>Der kleine Hund bellte fr�hlich. Gleich darauf materialisierte sich im halbdunklen Schlafzimmer eine nicht besonders gro�e Gestalt in weit geschnittenem Umhang. Als ich sie mir genauer ansah, merkte ich, dass es sich nicht um den Bekannten aus meinen Tr�umen handelte. Hatte ich wom�glich die Adresse verwechselt?</p><p>�Der Ehrw�rdige Leiter erlaubt sich, heute erst sp�t in der Nacht nach Hause zu kommen. Bitte teilen Sie mir Ihre W�nsche mit, Sir�, sagte der Unbekannte feierlich. Er hatte ein faltiges Gesicht, strahlende Augen und sehr d�nne Lippen und erwies sich bald als Kimpa, der Diener von Sir Juffin Halli.</p><p>Erst als Juffin Stunden sp�ter vor mir stand, wurde mir wirklich klar, dass die unbegreifliche Reise von einer bewohnten Welt in die andere tats�chlich passiert war.</p><p>So bin ich nach Echo gekommen und habe es bis jetzt nicht bereut - auch nicht an dummen Tagen wie dem heutigen.</p><p>W�hrend ich meinen Erinnerungen nachhing, irrte das von Sir Juffin gelenkte Dienst-A-Mobil �ber eine halbe Stunde zwischen den wundersch�nen Obstg�rten des Linken Flussufers herum. Schlie�lich fuhren wir in eine Gasse, die mit Edelsteinen gepflastert schien. Zun�chst konnte ich vor lauter Gestr�pp kein Haus erkennen. Sir Maba Kaloch ist offenbar ein Philosoph, und seine Philosophie verlangt die Verschmelzung mit der Natur - deshalb wohnt er in einem Garten ohne architektonischen Luxus, dachte ich belustigt, doch schon im n�chsten Moment stie� ich mit der Nase an eine Hauswand, die fast unsichtbar war, weil der ganze Bau hinter einem dichten Pflanzenvorhang verborgen war.</p><p>�Gute Tarnung!�, rief ich begeistert.</p><p>�Du kannst dir nicht vorstellen, wie recht du hast. Wei�t du, Max, warum ich mich ans Steuer unseres Wagens gesetzt habe? Du wirst lachen: Ich habe schon ein paar Besuche bei Maba gemacht und sein Haus stets nur mit Gl�ck gefunden. Es ist unm�glich, sich den Weg hierher zu merken. Es bleibt einem nur die Hoffnung, dass es n�chstes Mal klappt. Maba Kaloch ist der un�bertreffliche Meister der Tarnung.�</p><p>�Vor wem versteckt er sich denn?�</p><p>�Vor niemandem. Es ist nur schwierig, ihn zu entdecken. Man kann sich das nicht vornehmen - es geschieht von allein. Das ist auch so ein Aspekt der Besch�ftigung mit Wirklicher Magie.�</p><p>�Wieso ist Ihr Haus eigentlich so leicht zu finden, Juffin? �</p><p>�Erstens hat jeder von uns seine Eigenheiten, und zweitens m�sste ich vermutlich erst so alt werden wie Sir Maba, um auf die seltsame Idee zu kommen, mich derart zu verstecken.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen ...�</p><p>�Ich will gar nichts sagen. Aber wenn du mich fragst: Es kommt schon mal vor, dass alte Leute zu Fanatikern der Tarnung werden. Der Orden des Erkenntnismoments existierte - lass mich kurz �berlegen - etwa dreihundert Jahre. Und ich hab nie davon geh�rt, dass sich in der F�hrungsebene des Ordens etwas ge�ndert h�tte.�</p><p>�Ach.� Mehr konnte ich dazu nicht sagen.</p><p>Sir Juffin bog um die Ecke des beinahe unsichtbaren Geb�udes und landete vor einer Sperrholzt�r, die besser zu einem Studentenheim als zur Villa eines Gro�en Magisters gepasst h�tte. Sie �ffnete sich mit leisem Quietschen, und wir traten in einen leeren, k�hlen Korridor.</p><p>Sir Maba Kaloch, der Gro�e Magister des Ordens des Erkenntnismoments, war daf�r bekannt, seine Organisation ein paar Jahre vor Beginn der Traurigen Zeit friedlich aufgel�st zu haben. Danach hatte er es fertiggebracht, sich v�llig aus dem �ffentlichen Leben zur�ckzuziehen, ohne Echo auch nur einen Tag zu verlassen. Diese lebende Legende erwartete uns nun also im Wohnzimmer.</p><p>Sie sah ziemlich gew�hnlich aus, war zwar nicht gro�, aber untersetzt, und hatte eine starke Mimik. Sch�n waren an diesem Mann nur die lustigen runden Augen. Wenn er jemandem �hnelte, dann unserem klugen Vogel Kurusch.</p><p>�Du hast schon lange nicht mehr vorbeigeschaut, Juffin!�</p><p>Sir Maba Kaloch sagte diesen Satz so, als habe ihm die lange Abwesenheit von Juffin Halli gro�es Vergn�gen bereitet.</p><p>�Ich freu mich, dich zu sehen, Max�, fuhr er fort und dienerte scherzhaft vor mir. �H�ttest du mir dieses Wunder doch fr�her vorgestellt, Juffin! Kann man ihn anfassen?�</p><p>�Probier's mal. Soweit ich wei�, bei�t und kratzt er nicht. Man kann ihn sogar auf den Boden fallen lassen.�</p><p>�Auf den Boden? Tolle Sache!�</p><p>Maba Kaloch ber�hrte mich mit dem Zeigefinger und zog die Hand schnell zur�ck, als h�tte er Angst vor Verbrennungen. Dann nickte er mir freundlich zu, als wollte er sagen: Wir wissen doch beide, dass diese Inszenierung nur f�r Juffin gedacht ist. Also halt durch! Mach dem Alten die Freude! Sir Maba bediente sich nicht der Stummen Rede, doch ich h�tte wetten m�gen, dass er mir mit seinem Augenzwinkern genau dies hatte sagen wollen. Das konnte ja heiter werden: Nicht nur hatte er mich �Wunder� genannt - er hatte mich obendrein betastet wie ein frisches Br�tchen!</p><p>�Setzt euch, Kinder�, rief Sir Maba und wies mit gro�er Geste auf seinen Tisch. �Bei mir findet ihr etwas Besseres als eure schwarze Br�he.�</p><p>Mit der schwarzen Br�he meinte er - wie ich vermutete - die Kamra, also das Lieblingsgetr�nk der Bewohner des Vereinigten K�nigreichs und zugleich das hiesige �quivalent f�r Tee und Kaffee.</p><p>�Das ist bestimmt wieder so ein gekochtes Kraut�, sagte Juffin streitlustig. Er wurde leicht w�tend, wenn man ihn an einer Schwachstelle traf.</p><p>�Jedenfalls ist es sicher etwas anderes als euer w�ssriger Teer. Wer hat euch �berhaupt gesagt, dass der genie�bar ist? Ihr habt euer Lieblingsgetr�nk doch nur mit ein paar Zauberspr�chen gew�rzt, ihr Schlaumeier ... Nicht schmollen, Juffin! Probieren! Das ist wirklich etwas Besonderes.�</p><p>Sir Maba Kaloch hatte recht. Das hellrote Hei�getr�nk, das auf den Tisch gekommen war, erinnerte ein wenig an den Kachar-Balsam, den ich so verg�ttere, und war mit einigen Aromen mir unbekannter Blumen gemischt.</p><p>�Endlich bekommt man in diesem Haus mal was Anst�ndiges vorgesetzt�, bemerkte Juffin und begann langsam aufzutauen.</p><p>�So m�de hab ich dich seit dem ersten Tag der Epoche des Gesetzbuchs nicht mehr gesehen�, sagte unser Gastgeber, stand auf und streckte sich knirschend. �Warum nimmst du die paar Morde nur so ernst, Juffin?</p><p>W�re die Welt zusammengest�rzt, w�rst du bestimmt ruhiger gewesen - und das w�rde dir sicher besser bekommen.�</p><p>�Erstens macht es mich rasend, wenn ich eine Sache nach ein paar Stunden nicht v�llig gekl�rt habe - das wei�t du doch. Und zweitens hat Max eine Idee gehabt, die mir �berhaupt nicht gef�llt: Vielleicht haben wir ja beide die T�r zwischen den Welten offen gelassen ... Verstehst du jetzt, Maba, dass es sich nicht um einen Scherz handelt?�</p><p>�Die T�r zwischen den Welten bleibt nie lange dicht. Es ist h�chste Zeit, dass du das endlich begreifst, Juffin. Du kannst also guten Gewissens sein. Einverstanden - ich steh dir zu Diensten. Aber nur unter der Bedingung, dass ihr beide noch eine Tasse von meiner neuen Errungenschaft trinkt. Ich bin n�mlich sehr eitel.�</p><p>�S�ndige Magister! Und ich hatte schon Angst, du h�ttest keine einzige menschliche Schw�che�, meinte Juffin l�chelnd und wandte sich an mich. �Max, warum sitzt du wie angenagelt da? Das ist das einzige Haus in Echo, wo man sich vor niemandem genieren muss. Nimm das zur Kenntnis und genie�e es.�</p><p>�Ich geniere mich doch gar nicht. Ich brauche nur etwas Zeit, um</p><p>�... dich an den Geruch zu gew�hnen?�, fragte Maba Kaloch interessiert. Seine runden Augen funkelten wie das freundlichste R�ntgenger�t, das mir je begegnet war.</p><p>�So �hnlich. Es dauert meist nicht lange, bis ich merke, dass ich mich schon wieder an etwas gew�hnt hab, aber manchmal</p><p>�... manchmal stellst du fest, dass du dich an etwas nicht gew�hnen kannst oder solltest, und dann versuchst du, dich davonzumachen�, beendete Sir Maba meinen Satz. �Na, das ist ja ein vielversprechender Auftakt f�r die Arbeit an unserem Fall. Versuch einfach, dich an den Geruch zu gew�hnen, mein Wunder. Was mich anlangt - ich hab mich schon an dich gew�hnt.�</p><p>Ich nickte und schenkte uns gehorsam eine zweite Tasse ein.</p><p>�Kannst du eigentlich pr�fen, ob Max recht hat oder nicht?�, fragte Juffin und trommelte nerv�s mit den Fingern auf den Tisch.</p><p>�Nat�rlich kann ich das. Aber wozu? Du wei�t doch selbst, dass er recht hat, Juffin. Du bist nur m�de. Und das nicht nur wegen dieses Falls. Doch es ist deine Entscheidung gewesen, dein Leben mit sinnlosen Scherereien zu vert�ndeln.�</p><p>�Irgendeiner muss es schlie�lich tun�, murmelte Sir Juffin.</p><p>�Nicht irgendeiner, sondern du - das stimmt wohl. Willst du, dass ich mir anschaue, wie alles gelaufen ist?�</p><p>�Nat�rlich. Wenn jemand aus einer anderen Welt durch Echo irrt, muss ich wissen, ob er nur zuf�llig hierhergeraten ist.�</p><p>�Nenn die Dinge doch beim Namen, Juffin! Vor allem interessiert dich, wie viele unbekannte G�ste dir noch in die H�nde fallen k�nnen.�</p><p>�Du hast mich mal wieder durchschaut. Nat�rlich interessiert mich das. Schlie�lich ist das meine Arbeit.�</p><p>�Na sch�n. Wenn ihr noch ein T�sschen trinken wollt: Der Krug steht auf dem Tisch. Ich hoffe, ihr langweilt euch nicht bei mir. Ich jedenfalls ...�</p><p>Mit diesen Worten verschwand Sir Maba unterm Tisch. Ich sah Juffin schockiert an.</p><p>�Was soll das?�</p><p>�Schau nach, dann wei�t du's.�</p><p>Ich blickte unter das M�belst�ck. Nat�rlich war dort niemand. Was hatte ich denn erwartet!?</p><p>�Die T�r zwischen den Welten kann �berall sein, Max�, sagte Juffin sanft. �Also kann sie sich auch unter dem Tisch befinden. Welchen Unterschied macht das schon? Aber wer diese T�r �ffnen will, muss sich vor fremden Blicken sch�tzen. Maba braucht daf�r eine Sekunde. Ich w�rde daf�r etwa zwei Minuten ben�tigen. Wie lange hast du eigentlich auf die merkw�rdige Bahn gewartet, mit der du in mein Schlafzimmer gereist bist?�</p><p>�Ungef�hr eine Stunde.�</p><p>�Gar nicht schlecht f�r einen Anf�nger. Das ist alles nur eine Frage der �bung, mein Junge. Schenk mir noch eine Tasse von diesem Zeug ein. Anscheinend hab ich gefunden, was ein m�der Mensch wirklich braucht.�</p><p>�Es w�re nicht schlecht, das Rezept zu bekommen�, meinte ich gedankenverloren.</p><p>�Ein Rezept daf�r? Das gibt es nicht. Ich wei� doch, wie Maba kocht. Der nimmt alles, was ihm unter die Finger ger�t, und so was kommt dann dabei heraus.�</p><p>�S�ndige Magister! Juffin, das geht mir zu weit.�</p><p>�Mir auch. Jedenfalls im Moment. Aber das mag sich �ndern - schlie�lich lebe ich ja schon etwas l�nger in Echo als du. Und ich verschwende meine Zeit nicht umsonst. Das Problem besteht darin, Max, dass hier alles sehr langsam passiert.�</p><p>�Mein Problem ist, dass hier alles sehr schnell passiert.�</p><p>�Dann hast du eben Gl�ck. Akzeptier das einfach.�</p><p>In einer entfernten Ecke des Zimmers knallte eine T�r. Sir Maba Kaloch kehrte an den Tisch zur�ck und war lebensfroh wie immer.</p><p>�Vielen Dank, Juffin! Ich hab es richtig genossen, die von euch ge�ffnete T�r zu betrachten - und die lustige Welt dahinter. K�stlich war das.�</p><p>�Sch�n, dass es dir so gut gefallen hat. Aber wenn ich h�re, was Max davon erz�hlt, gef�llt mir seine Welt immer weniger.�</p><p>�Ich hab auch nicht behauptet, sie w�re nach meinem Geschmack. Aber es war wirklich k�stlich. So was Lustiges hab ich schon lange nicht mehr erlebt. Max, bist du eigentlich froh, davongelaufen zu sein?�</p><p>�Inzwischen vermag ich mir nicht mal mehr vorzustellen, dass es h�tte anders sein k�nnen. Aber am Anfang ist es mir sehr schwergefallen, mich hier einzuleben.�</p><p>Sir Maba Kaloch nickte, machte es sich in seinem Sessel bequem und zog gedankenverloren einen Korb mit Br�tchen unter dem Tisch hervor. Er probierte eins, nickte beif�llig und stellte seine Beute auf den Tisch.</p><p>�Durchaus essbar. Ich will eure Geduld nicht auf die Folter spannen. Also erz�hl ich euch, wie alles gelaufen ist. Erstens, Max, hast du v�llig richtig vermutet: Tats�chlich ist ein Landsmann von dir in Echo aufgetaucht. Juffin, unter uns gesagt: Ich sehe zum ersten Mal einen Menschen seines Alters mit so gut entwickelter Intuition!�</p><p>�Ich auch�, nickte mein Chef best�tigend, und ich wurde vor Stolz ganz rot.</p><p>�Gl�ckwunsch euch beiden! Greift zu! Keine Angst! Ich kann zwar nicht erkl�ren, woher ich sie habe, aber das besagt nichts.�</p><p>�Giftm�rder�, murmelte Juffin und schob sich ein Br�tchen in den Mund. �Jetzt du, Max. Wenn man sterben soll, dann am besten zusammen.�</p><p>Das Geb�ck war ausgezeichnet. Sein Geschmack kam mir bekannt vor - aber woher?</p><p>�Ich wei� nicht, wie ihr es geschafft habt, Kinder�, fuhr Sir Maba Kaloch fort, �doch ihr habt die bl�deste Methode gew�hlt, von einer Welt in die andere zu gelangen, von der ich je geh�rt habe.�</p><p>�Was hei�t hier &gt;wir&lt;? Das hat Juffin eingef�delt. Ich hab nur seine Anweisungen erf�llt�, versuchte ich zu protestieren. Ich brauchte keine fremden Lorbeeren - ich hatte an meinen genug.</p><p>�Aber Max�, seufzte Juffin. �Wie h�tte ich diese merkw�rdige Stra�enbahn denn erschaffen sollen? Ich hab doch noch immer keine Ahnung, worum es sich dabei handelt! Irgendwann begreifst du bestimmt, dass deine �berfahrt unser gemeinsames Werk war. Bis dahin musst du einfach daran glauben.�</p><p>�Und versuch zu akzeptieren, dass du die n�chsten paar hundert Jahre nicht wissen wirst, was du eigentlich machst�, erg�nzte Sir Maba. �Das wird dir nur anfangs schwierig Vorkommen - sp�ter erscheint einem diese Ahnungslosigkeit richtig interessant. Aber jetzt zur�ck zu meinen Reiseerlebnissen. Ich habe mich in die dunkle Stra�e begeben, wo sich f�r dich die T�r zwischen den Welten ge�ffnet hat. Dort ist jemand ziellos umhergestreift, der von Mordgedanken besessen war. Das ist an sich nichts Besonderes, aber Besessene faszinieren mich nun mal, Max. Egal wie primitiv sie sind - sie haben stets ein Gesp�r f�r das Wunderbare. Was allerdings den ziellos umherstreifenden Mann anlangt, war mir gleich klar, dass er bereits eines Wunders teilhaftig war. Ein merkw�rdiger Wagen namens Stra�enbahn n�herte sich ihm. In meinem ganzen Leben hab ich nichts H�sslicheres gesehen! Ein Transportmittel sollte doch �berall fahren k�nnen, statt ausschlie�lich auf einen d�nnen Pfad angewiesen zu sein. Und jeder davon endet doch sicher auch irgendwo.�</p><p>�Diesen Pfad nennt man Schienen�, sagte ich.</p><p>�Vielen Dank, Max. Das �ndert die ganze Sache nat�rlich von Grund auf. Als ich begriff, wie dieser merkw�rdige Wagen gebaut ist und wozu man ihn braucht, lachte ich mich beinahe �ber ihn tot. Aber das Auftauchen der Stra�enbahn war auch f�r den Besessenen eine �berraschung. Schlie�lich wusste er, dass es in dieser Stra�e eigentlich keine Schienen gibt. S�ndige Magister! Wie schnell manche Leute doch den Verstand verlieren.�</p><p>�Sag mal, Maba�, begann Juffin, und seine Miene verfinsterte sich, �wie gro� ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass die Stra�enbahn auf Leute trifft, die die Welten gar nicht wechseln wollen?�</p><p>�Die Chance liegt bei ann�hernd null. Erstens h�ngt das Erscheinen dieses Wunders mit den hiesigen Mondphasen und der Stellung der dortigen Planeten zusammen, und es kommt nur sehr selten vor, dass beide Konstellationen so �bereinstimmen, dass der Wechsel der Welten �berhaupt m�glich wird. Zweitens ist die Stra�e, in der Max eingestiegen ist, nachts fast immer menschenleer. Und drittens und vor allem ist der Durchgang zwischen den Welten speziell f�r ihn geschaffen worden.� Bei diesen Worten nickte er mir zu. �Normalverbraucher bekommen von diesem Durchgang nichts mit und k�nnen ihn daher auch nicht nutzen. Nur Eingeweihte oder v�llig Verr�ckte k�nnen auf diesem Weg in eine fremde Welt geraten. Also keine Sorge, Juffin - solche Zuf�lle sind extrem selten. Es sei denn, es h�tten sich ein paar hiesige Magister dorthin verlaufen, und das ist ja immer m�glich!�</p><p>�Umso mehr, als es dort keine Magister gibt�, erg�nzte ich.</p><p>�Du solltest nicht immer so vorschnell urteilen�, sagte Sir Maba Kaloch vorwurfsvoll. �Oder kennst du alle Bewohner deiner Welt pers�nlich?�</p><p>�Nat�rlich nicht, aber ...�</p><p>�Na eben! Dass du bisher noch keinen Magister getroffen hast, bedeutet nicht, dass es sie dort nicht gibt. Glaub mir: Uns Magister gibt es �berall.�</p><p>�Dann wird es also keine Invasion geben?�, fragte Juffin sichtlich erleichtert.</p><p>�Nat�rlich nicht. Ein interessantes Detail aber gibt es: In dieser Stra�enbahn hat ein Fahrer gesessen. Schade, dass ich nicht genug Zeit hatte, den Charakter dieses Wesens zu erforschen. Das werde ich bestimmt demn�chst in der Freizeit nachholen!�</p><p>�Handelte es sich etwa um einen euphorischen Dicken mit d�nnem Schnauzbart?�, fragte ich mit angststarren Lippen. �Er hatte ein ganz einzigartiges Gesicht - unvergesslich.�</p><p>�Nat�rlich. Wer h�tte es sonst sein k�nnen? Es handelt sich bei ihm um das erste von dir erschaffene Wesen, Max. Eigentlich solltest du einen pers�nlicheren Bezug zu ihm haben. So ein Wesen hab ich auch noch nie gesehen!�</p><p>�Was f�r ein Fahrer denn?�, fragte Juffin erstaunt. �Davon hast du mir gar nichts erz�hlt, Max.�</p><p>�Ich dachte, Sie w�ssten auch ohne mich �ber alles Bescheid. Au�erdem wollte ich ihn so schnell wie m�glich vergessen. Beinahe w�re ich gestorben, so sehr hatte mich sein Anblick erschreckt. Den Magistern sei Dank, dass er gleich darauf verschwunden war.�</p><p>�Du hast also gedacht, dieser Mann w�re ein guter Freund von mir? Tolle Idee! Ich h�tte dich wirklich genauer �ber deine Reise befragen sollen. Mein praktischer Sinn hat mich in die Irre gef�hrt: Ich dachte, wenn du erst mal hier bist, ist alles andere egal. Maba - um was f�r ein Wesen handelt es sich bei diesem Mann eigentlich?�</p><p>�Ich hab doch gesagt, dass ich das selber noch nicht wei�. Ich kann nur wiederholen, dass ich so was noch nie erlebt habe. Wenn ich mehr Zeit habe, forsche ich genauer nach und teile euch das Ergebnis meiner Recherchen mit. Aber du bist sehr streng gegen�ber dem Wesen, das du selbst geschaffen hast, Max. Der Besessene n�mlich war von dem Fahrer der Stra�enbahn schlicht entz�ckt. Er hat mit ihm gesprochen und dabei unter anderem erfahren, wie es m�glich war, dass die Tram durch eine Stra�e fuhr, durch die sie eigentlich unm�glich h�tte fahren k�nnen. Er hat sich auch gedacht, dass er sich mit dem Fahrer befreunden k�nnte. Streng genommen waren beide besessen, jeder auf seine Weise. Na ja, die Tram hielt, und der Junge ist eingestiegen und hat den Fahrer gegr��t. Dann fuhr die Bahn weiter. Ich kann euch leider keine schockierenden Details von der gemeinsamen Reise liefern, weil ich zu faul war, sie genauer zu erforschen. Doch nach einiger Zeit ist der Besessene in Echo aufgetaucht, und zwar im Hinterhof vom Fressfass. Er war hungrig und ver�ngstigt und hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank.�</p><p>�Tassen? Was f�r Tassen? Und welcher Schrank?�, fragte Juffin.</p><p>�Einfache wei�blaue Tassen in einem Holzschrank�, antwortete Sir Maba, setzte aber gleich hinzu: �Das war nur ein Scherz. Ich habe mich seiner eigenen Formulierung bedient, um m�glichst genau zu sein. In so einem Fall hat jede Kleinigkeit eine Bedeutung. Max, kannst du uns den Ausdruck mit den Tassen und dem Schrank erkl�ren?�</p><p>�Na ja�, antwortete ich gedankenverloren. �Nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben bedeutet, ziemlich wunderlich zu sein und Dinge zu tun, �ber die andere nur den Kopf sch�tteln k�nnen. Offen gesagt benutze ich diesen Ausdruck selbst.�</p><p>�Das hast du wirklich gut erkl�rt�, meinte Sir Maba Kaloch sichtlich zufrieden. �Aber was sp�ter geschehen ist, wisst ihr beide besser als ich, weil sich die T�r zwischen den Welten geschlossen hat und ich das Interesse an eurem Freund verloren habe.�</p><p>�H�r mal, Maba, sollte man nicht vielleicht ...�, begann Juffin.</p><p>�Nein, das sollte man nicht.�</p><p>�Na gut, vergiss es. Aber erz�hl uns bitte alles, was du �ber das merkw�rdige Wesen mit Schnauzbart in Erfahrung bringst.�</p><p>�Dann komm in einem Dutzend Tagen vorbei - oder schon fr�her. Aber nicht mit so einem besorgten Gesicht. Und du, Max, kannst mich auch besuchen kommen, ob nun mit Juffin oder allein - vorausgesetzt, du findest mich. Dabei kann ich leider keinem helfen. Also gut, Herrschaften, es war mir ein Vergn�gen, mich mit euren Problemen zu besch�ftigen - und wann kann man das schon sagen! Na dann ...�</p><p>Sir Maba Kaloch warf den Tisch, an dem wir gesessen hatten, mit gro�er Geste um, und das Geschirr landete klirrend auf dem Boden. Ich zuckte instinktiv zur�ck und brachte dadurch auch meinen Stuhl zum Kippen. Gleich darauf landete ich - nach einem idiotischen Salto � la Melifaro - auf allen vieren.</p><p>Noch einen Moment sp�ter begriff ich, dass ich nicht auf dem Boden im Wohnzimmer gelandet war, sondern auf einem d�nnen, grasbewachsenen Pfad im Garten. Erschrocken sah ich mich um. Neben mir kicherte Juffin vor Vergn�gen.</p><p>�Maba �berrascht Neuank�mmlinge gern. Als ich ihn kennenlernte, hat er mich auf den Grund eines Sees versetzt, wo ich dann auf allen vieren gekrochen bin und nach einer Leiter geschrien habe. Ich hatte kurzfristig vergessen, dass ich schwimmen kann. Mehr noch: Ich hatte keinerlei Vorstellung mehr davon, dass es �berhaupt so etwas wie Schwimmen gab, und brauchte Stunden, um ans Ufer zu kommen. Und ein paar Jahre, um mich daran zu erinnern, wie ich in diese Lage geraten war. Und bis dahin war mein Zorn auf Maba verraucht. Glaub mir, Max - dich hat er �beraus human behandelt.�</p><p>�Human nennen Sie das? Aber wie dem auch sei - Sir Maba hat mir von Anfang an sehr gefallen.�</p><p>�Sch�n, dass wir einen so �hnlichen Geschmack haben. Und jetzt lass uns fahren. Du kannst dich ans Steuer setzen. Den R�ckweg zu finden ist kein Problem.�</p><p>�Wor�ber haben Sie eigentlich zum Schluss mit Maba gesprochen, Sir Juffin?�, fragte ich, als ich nach dem Abschied vom Gro�en Magister wieder zu Kr�ften gekommen war. �Worauf wollten Sie mit der Frage hinaus, die er so r�de mit dem Bescheid �Nein, das sollte man nicht* abgew�rgt hat? Entschuldigen Sie meine Neugier, aber das interessiert mich nun mal sehr.�</p><p>Sir Juffin Halli winkte ab. �Das ist kein Geheimnis! Ich hatte ihn eigentlich fragen wollen, ob sich dein Landsmann nicht viel schneller finden lie�e, wenn man ... na ja ... wenn man dich als Muster n�hme. Gibt es vielleicht in deiner Welt einen Duft, den ich nicht zu riechen vermag, weil ich nicht von dort komme? Oder etwas �hnliches, um die Suche nach dem M�rder zu beschleunigen?�</p><p>�Und? Gibt es so ein Lockmittel?�</p><p>�Nein, das hast du doch geh�rt.�</p><p>�Riecht meine Heimat also nach nichts Besonderem? Das w�re mir unangenehm. Verstehen Sie das?�</p><p>�Sie kann durchaus einen Duft haben. Nur du, Max, eignest dich nicht mehr daf�r, als Sp�rhund eingesetzt zu werden.�</p><p>�Sie beleidigen mich�, murmelte ich emp�rt.</p><p>�Im Gegenteil. Die Besch�ftigung mit Wirklicher Magie hat dich ver�ndert. Vielleicht hast du das noch nicht bemerkt, aber glaub mir: Wenn man dich als Muster n�hme, k�me man wom�glich auf einen wie mich ... oder wie Maba Kaloch.�</p><p>�Das passt ja ganz gut�, meinte ich. �Schlie�lich haben Sie selber gesagt, es sei kein Zuckerschlecken, bei ihm zu Gast zu sein.�</p><p>�Ich w�rde vorschlagen, dass wir zuerst den Besessenen finden und uns dann den anspruchsvolleren Dingen des Lebens zuwenden - zum Beispiel dem Schlaf. Oh, wir sind ja schon da!�</p><p>�Und die Kleidung des Besessenen?�, fragte ich beim Aussteigen. �Die ist f�r den Aufenthalt in Echo bestimmt denkbar schlecht geeignet - so wie die Hose, in der ich damals angekommen bin.�</p><p>Ich war entt�uscht, als mein Chef achselzuckend fragte: �Was redest du da? Wir sind schlie�lich in der Hauptstadt des Vereinigten K�nigreichs. Hier gibt es sehr viele Zugereiste. F�r niemanden ist es ein Geheimnis, dass mindestens die H�lfte der Welt Hosen tr�gt. Sogar die Bewohner der Stadt Gazin - ganz abgesehen von deinen Lieblingen aus den Grenzgebieten. Mit einer Hose kannst du hier wirklich keinen schockieren. Die Zeiten, als man in Echo jedes exotische Kleidungsst�ck angestarrt hat, sind lange vorbei. Inzwischen setzt so ein Quatsch niemanden mehr in Erstaunen. Aber da kommt ja Melifaro! Wie geht's?�</p><p>�So lala. Es sind keine neuen Leichen aufgetaucht�, meldete Melifaro rasch. �Der T�ter hat sich offenbar verausgabt. Sir Juffin, sind Sie bereit, mein Leben vor diesem Gift speienden Monster zu sch�tzen? Er hat mir gestern mit dem Tode gedroht.�</p><p>Ich starrte Melifaro verst�ndnislos an. �Was redest du da?�</p><p>Ich hatte den Besuch, den Lonely-Lokley mir am Vortag abgestattet hatte, ganz vergessen. Nach diesem Auftritt war das Leben des Tagesantlitzes des Ehrw�rdigen Leiters tats�chlich in Gefahr gewesen, doch inzwischen nicht mehr.</p><p>�Nimm es mir bitte nicht krumm, Melifaro, wenn ich deine Ermordung noch etwas hinausz�gere, doch vor dem Hintergrund der neuesten Verbrechensserie w�re diese Tat zu banal. Ich will nicht als Nachahmer eines unbekannten Genies gelten.�</p><p>�Du klopfst vielleicht Spr�che! Im Moment werden doch lauter junge Frauen umgebracht, und ich bin ein Mann im besten Alter.�</p><p>Ich winkte ab: �Der Unterschied ist minimal. Tod bleibt Tod.�</p><p>�Du bist ein Philosoph�, bemerkte Juffin beif�llig. �Komm, Melifaro. Wir brauchen einen intelligenten Faulenzer wie dich, der sich von den Ereignissen nicht so rasch �berrumpeln l�sst. Ich hab mich schon bei Sir Kofa gemeldet, und er kommt in einer halben Stunde zu uns.�</p><p>�Er muss noch ein paar Piroggen essen und im Wirtshaus die neuesten Ger�chte aufschnappen�, sagte Melifaro und nickte dabei enthusiastisch. �Aber ich kann Kofa durchaus verstehen - schlie�lich geh�rt das zu seinen Pflichten.�</p><p>Im B�ro lie� Juffin sich mit einem breiten Grinsen in den Sessel sinken.</p><p>�Du hast getan, was du konntest, Melifaro. Aber jetzt musst du schon wieder ran. Wir wissen, dass der M�rder ein Landsmann von Max ist. Was sagst du dazu?�</p><p>�Die Kleidung z�hlt nicht mehr�, antwortete Melifaro rasch. �Jemand, der eine Hose tr�gt, ist heutzutage kein Ereignis.�</p><p>�Das hab ich dir doch gesagt!�, meinte Juffin zu mir.</p><p>�Das Gleiche betrifft auch die Sprache. Akzent und un�bliche Kleidung eignen sich zwar als Indizien, doch um den M�rder dadurch zu �berf�hren, braucht man viel Zeit�, sagte Melifaro und schob die Finger unter seinen Turban. �Denk doch mal dar�ber nach, wodurch sich dein Landsmann sonst noch von anderen ... na ja ... normalen Leuten unterscheidet. Verzeih mir bitte, dass ich dich gerade zu den Anomalen gerechnet habe. Aber gibt es ein auff�lliges Charakteristikum, das es erlauben w�rde, deinen Landsmann auch in einer riesigen Menschenmenge auf Anhieb zu entdecken?�</p><p>�Um darauf zu antworten, muss ich mich voll konzentrieren�, antwortete ich. �Und das kann ich am besten im Bad. Vielleicht habe ich dort ja eine geniale Idee. Meine Herrschaften, ich bitte um Verzeihung. In einer Minute bin ich wieder da.�</p><p>�In einer Minute schon?�, gab Juffin malizi�s zur�ck.</p><p>Ich machte eine kurze Pause, auf die jeder in allen Welten ein Recht hat. Im Korridor h�rte ich einmal mehr die Suada einer mir nur allzu bekannten Stimme und n�herte mich, um die Schimpfkanonade noch besser genie�en zu k�nnen.</p><p>General Bubuta Boch sah sich gerade misstrauisch um und ertappte mich dabei, wie ich l�chelnd um die Ecke bog.</p><p>�... weil alle diese Leute sich bestimmt daf�r interessieren, was sie ihnen zu sagen hat�, verk�ndete Bubuta Boch gerade mit h�lzerner Stimme, ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden. Kapit�n Fuflos (sein Vertreter und Verwandter) sah zur Decke hinauf und machte eine so gelangweilte wie interessante Atemgymnastik.</p><p>�Ich habe gerade angeordnet, Ihnen zu dem Fall, mit dem Sie sich seit gestern besch�ftigen, eine wichtige Zeugin zu schicken�, rief Bubuta ehrerbietig, und ich dachte: Hoppla - der kann ja sogar normal reden, wenn er will.</p><p>�Ausgezeichnet�, erkl�rte ich mit wichtiger Miene. �Sie haben gesetzestreu und situationsad�quat gehandelt, Sir Boch.�</p><p>Ehrenwort: Als er das h�rte, seufzte er vor Begeisterung.</p><p>Als ich in Juffins B�ro zur�ckkehrte, herrschte ausgelassene Stimmung. Eine lebhafte rothaarige Lady im teuren hellen Lochimantel hielt eine Tasse Kamra in der Hand und betrachtete kokett das Hollywoodgesicht von Sir Melifaro. Ich hatte den Eindruck, sie war der Flirtzeit seit mindestens hundert Jahren entwachsen, doch sie sah das offenbar anders.</p><p>�Das ist unser Sir Max�, sagte Juffin und konstatierte damit - was ihm bisher selten passiert war - etwas Offenkundiges. �Fangen Sie bitte an, Lady Tschedsi.�</p><p>Die Frau wandte sich zu mir um. Als sie meine Uniform sah, bekam ihr Gesicht ein falsches L�cheln. Dann drehte sie sich wieder weg, was mich nicht im Geringsten betr�bte. Bescheiden setzte ich mich auf meinen Platz und nahm mir auch eine Tasse Kamra.</p><p>�Vielen Dank, Sir! Wenn Sie w�ssten, mit wie merkw�rdigen Leuten ich mich vorhin bei der Polizei habe rumschlagen m�ssen! Nicht mal eine ordentliche Tasse Kamra haben die mir angeboten - von einem bequemen Stuhl ganz zu schweigen.�</p><p>�Das kann ich mir durchaus vorstellen�, sagte Juffin mit sehr mitf�hlender Miene. �Ich habe aber den Eindruck, dass Sie aus einem anderen Grund zu uns gekommen sind.�</p><p>�Nat�rlich! Heute Morgen hatte ich eine Vorahnung: Mir war irgendwie klar, dass ich nicht einkaufen gehen sollte, und das hab ich dann auch nicht getan, weil ich meiner Intuition stets vertraue. Dann aber hat sich meine Freundin Lady Chedli per Stummer Rede gemeldet und wollte sich unbedingt mit mir treffen. Das hab ich nicht ablehnen k�nnen. Also haben wir uns im Rosa Buriwuch verabredet. Ich bin nicht mit dem A-Mobil gefahren, sondern zu Fu� gegangen, weil ich in der Stra�e der Hohen W�nde lebe, also</p><p>�... ist es bis zum Rosa Buriwuch nur ein Sprung�, erg�nzte Melifaro nickend. Lady Tschedsi sah ihn z�rtlich, aber alles andere als m�tterlich an.</p><p>�Stimmt, Sir! Sie kennen sich ja prima aus! Wohnen Sie etwa in der N�he?�</p><p>�Nein, aber ich habe vor, dorthin umzuziehen�, sagte Melifaro verbindlich. �Aber fahren Sie doch bitte fort, wunderbare Lady.�</p><p>Die Frau wurde ganz rot, so entz�ckt war sie �ber Melifaros Schmeichelei. Ich dagegen konnte mir nur m�hsam ein Lachen verkneifen. H�tte ich mich nicht beherrscht, h�tte sie ihre Aussage sicher so lange verweigert, bis ich verschwunden gewesen w�re.</p><p>�Ich verlie� das Haus, ohne weiter auf meine Vorahnung zu achten, doch sie hatte mich nicht getrogen. Kaum hatte ich mein Viertel verlassen, kam ein furchtbarer Barbar auf mich zugest�rzt. Er hatte einen widerlich schmutzigen Lochimantel und eine h�ssliche Hose an und taumelte entsetzlich. So einen besoffenen Kerl hab ich noch nie gesehen. Na ja, einmal hat sich mein Cousin Dschamis betrunken, aber das war noch vor der Epoche des Gesetzbuchs. Damals hat man den armen Dschamis ja noch verstehen und ihm verzeihen k�nnen ... Jedenfalls hat dieser ekelhafte betrunkene Widerling versucht, mit dem Messer auf mich einzustechen. Er hat sogar meinen neuen Lochimantel, den ich erst gestern in Dirolans Boutique gekauft habe, aufgeschlitzt. K�nnen Sie sich vorstellen, wie viel ich f�r den Mantel bezahlt habe? Ich finde solche M�nner unm�glich. Deshalb hab ich ihm gleich eine Ohrfeige verpasst, mich dann aber sehr erschrocken. Und er hat mir etwas Merkw�rdiges zugefl�stert, ich glaube �Schachtel� oder �alte Schachtel�. Das muss irgendein Barbarenschimpfwort sein. Danach ist er weggelaufen. Ich bin wieder nach Hause gegangen, um mich umzuziehen, und hab mich bei meiner Freundin gemeldet, damit sie sich nicht �ber meine Versp�tung �rgert. Als ich ihr die ganze Geschichte erz�hlte, meinte sie, ich sei wom�glich dem Serienm�rder begegnet, von dem sie im Trubel von Echo gelesen hat. Diese Vorstellung hat mich erst wirklich erschrecken lassen. Und Chedli hat mir geraten, zu Ihnen zu kommen - nat�rlich nicht zu Ihnen pers�nlich, sondern ins Haus an der Br�cke. Also hab ich mein A-Mobil genommen und bin hergefahren. Das ist die ganze Geschichte. Denken Sie, dass ich wirklich dem M�rder begegnet bin? Er war so schwach! Ich hab keine Ahnung, warum seine Opfer ihn nicht fertiggemacht haben. Eine Ohrfeige h�tte daf�r doch vollauf gereicht!�</p><p>�Ich danke Ihnen sehr, Lady Tschedsi�, erkl�rte Juffin feierlich. �Ich glaube, Ihr Mut hat nicht nur Sie, sondern auch das Leben anderer gerettet. Und jetzt gehen Sie bitte nach Hause. Ich bereue es sehr, dass wir uns nur so fl�chtig kennengelernt haben, aber wir m�ssen so schnell wie m�glich den Mann finden, der Sie bel�stigt hat.�</p><p>�Den finden Sie bestimmt - da bin ich mir sicher.�</p><p>Die Lady verschwand, wackelte dabei grazi�s mit den H�ften und warf uns allen einen so hei�en wie affektierten Blick �ber die hochgezogene Schulter zu. Und der gl�ckliche Melifaro bekam zum Abschied noch ein so strahlendes L�cheln geschenkt, dass er beinahe darunter zusammengebrochen w�re. Als die Lady das B�ro endlich verlassen hatte, sah der Arme zur Decke und sagte: �S�ndige Magister! Womit hab ich das verdient?! Ich bin doch noch nicht mal rothaarig.�</p><p>�Daf�r kannst du dich um den Chefposten von Dirolans Boutique bewerben, falls hier was schiefgehen sollte�, meinte Juffin l�chelnd und wandte sich dann an mich. �Na, Max, wei�t du schon, wodurch du dich von normalen Leuten - um einen Begriff unseres hei�bl�tigen Melifaro zu verwenden - unterscheidest?�</p><p>Schweigend zuckte ich die Achseln und trank meine kalte Kamra aus. Von normalen Leuten unterschied mich vieles - besonders jetzt. Ich hatte mir �berlegen sollen, wodurch sich meine alten Landsleute von den Bewohnern von Echo unterscheiden. Die lustige Episode mit General Bubuta Boch und die ehrliche Beichte von Lady Tschedsi allerdings hatten mich abgelenkt.</p><p>�Hier bin ich�, rief Sir Kofa Joch und schenkte uns allen das ruhige L�cheln eines satten Menschen. �Ich bitte, meine Versp�tung zu entschuldigen, aber mir ist etwas Lustiges passiert. Juffin, Sie haben mich an der Schwelle des Alten Dorn erreicht ... �</p><p>Erschrocken sprang ich auf, der Stuhl fiel um, und meine gl�cklicherweise schon geleerte Tasse zerbrach klirrend am Boden. �Was bin ich doch f�r ein Idiot!�, rief ich. �Wie konnte ich das blo� vergessen! Die Suppe, Melifaro! Die Rekreationssuppe! Juffin, wissen Sie noch, was damals mit mir los war? Nat�rlich hat er geschwankt! Und wie! Schlie�lich ist er mein Landsmann! Er hat die Suppe probiert. Daher die Morde!�</p><p>�So einfach ist das also!�, seufzte Juffin erleichtert. �Damit ist unsere Qual beendet. Wir d�rfen aber nicht stolz auf uns sein, denn wir haben einfach nur Gl�ck gehabt. Theoretisch h�tte der M�rder noch jahrelang in Echo herumirren und sich von anderen Dingen ern�hren k�nnen.�</p><p>�Was hat es eigentlich mit dir und dieser Suppe auf sich?�, fragte Melifaro verlegen. �Irgendwas begreife ich hier nicht, meine Herrschaften.�</p><p>�Max darf die Rekreationssuppe nicht essen�, erkl�rte Juffin. �Aber macht dar�ber blo� keine Witze. Sie ist Gift f�r ihn. Ein Teller schon hat ihn drei Tage au�er Gefecht gesetzt. Ich war ganz ratlos.�</p><p>�Du Armer!�, sagte Melifaro mitf�hlend. �Du bist in letzter Zeit recht gereizt. Als ob dir Lonely-Lokley im Nacken s��e. Aber ohne diese Suppe zu leben, ist ein herber Verzicht!�</p><p>�Sch�n w�r's, wenn das der schlimmste Verzicht in meinem Leben w�re�, meinte ich und zuckte die Achseln. �Mir geht's auch ohne diese Suppe ganz gut.�</p><p>�Jetzt ist mir alles klar�, meldete sich Sir Kofa unerwartet zu Wort. �Sie k�nnen Lonely-Lokley zum Alten Dorn schicken. Dort sitzt der M�rder gerade. Seinetwegen hab ich mich dort so lange aufgehalten.�</p><p>�Ich geh allein dorthin�, rief Melifaro und landete mit nur einem Sprung an der T�rschwelle. �So ein Naturwunder darf man auf keinen Fall t�ten. Unser Schnitter des Lebensfadens kann in der Zwischenzeit ja meine Papiere ordnen - dieses Vergn�gen sollte man ihm nicht l�nger vorenthalten.�</p><p>�Wir fahren zusammen�, sagte Juffin und erhob sich. �Ich bin n�mlich auch neugierig. Max begleitet uns nat�rlich, um seinen Landsmann zu begr��en. Und Sir Kofa hat auch ein Recht darauf, einen Teil der Lorbeeren zu bekommen.�</p><p>Ehrlich gesagt war ich von dieser Idee ganz und gar nicht begeistert. Ich w�rde gleich den Menschen sehen, der die gleiche Reise wie ich unternommen und - um mich der Redewendung von Sir Juffin zu bedienen - meine T�r zwischen den Welten benutzt hatte. W�re es nach mir gegangen, h�tte ich das Treffen abgelehnt, aber mich hatte ja niemand gefragt.</p><p>Ich durfte mich ans Steuer des A-Mobils setzen, weil es ohnehin nicht weit war.</p><p>Unterwegs berichtete uns Sir Kofa kurz seine Eindr�cke: �Heute Mittag um kurz nach zw�lf ist im Alten Dorn ein seltsamer Typ aufgetaucht. Wie ihr alle wisst, verg�ttert der Wirt Tschemparkaroke seltsame V�gel. Tschemparkaroke ist noch immer so neugierig wie an dem Tag, da er von der Insel Murimach nach Echo gekommen ist. Allerdings sagte ihm der Besucher schon an der T�r, alle Frauen seien ... Oje, jetzt hab ich's vergessen! Jedenfalls war es ein merkw�rdiges Wort.�</p><p>�Schachteln�, half ich ihm fl�sternd weiter. �Er hat bestimmt gesagt, alle Frauen seien Schachteln.�</p><p>�Stimmt, Max! Bist du etwa ein Hellseher?�</p><p>�Nein, aber manische Typen wie dieser Mann h�ngen meist an einem Wort und wiederholen es immer wieder. Er hat der rothaarigen Lady das gleiche Wort gesagt: alte Schachtel. Daher wei� ich es.�</p><p>�Und was bedeutet das?�, fragte Melifaro interessiert.</p><p>�Nichts Besonderes. Ein schrulliges, ziemlich unangenehmes Weib, k�nnte man vielleicht sagen.�</p><p>Als Melifaro diese Erl�uterung h�rte, wurde er beinahe �berm�tig. Ich hingegen zog es vor, mit meinen Erkl�rungen fortzufahren.</p><p>�Manische M�nner ver�beln Frauen oft etwas. Ihr Zorn kann sich auf das ganze Geschlecht richten oder nur auf Blondinen oder Pummelige oder so.�</p><p>�Lass doch die Kleinigkeiten�, murmelte Juffin. �Sir Kofa soll weitererz�hlen.�</p><p>�Tschemparkaroke war begeistert, ein ihm unverst�ndliches Wort geh�rt zu haben, und nickte dem Fremden freundlich zu. Der fragte den Wirt, ob er ein Schmerzmittel f�r ihn habe, und Tschemparkaroke entschied, die beste Arznei sei ein Teller seiner vortrefflichen Suppe. Der Gast wollte zuerst nicht essen, aber der Wirt schwor bei seiner Mutter, diese Suppe sei das beste Schmerzmittel �berhaupt. Also probierte der Fremde davon, und es schmeckte ihm. Und wie! Der Wirt hat gesagt, noch nie habe sich jemand so f�r seine Suppe begeistert. Kaum hatte der Gast aufgegessen, verschwand er. Tschemparkaroke hatte sich schon gedacht, dass er kein Geld dabeihatte und nicht wusste, dass in so einem Fall der K�nig den Hungrigen die Zeche bezahlt. Die Zugereisten wissen das oft nicht und geraten deshalb mitunter in eine heikle Lage. Tschemparkaroke freute sich, dass seine Sammlung merkw�rdiger Typen sich um einen weiteren Vertreter vergr��ert hatte, und ging weiter seiner Arbeit nach. Nach einer Stunde war sein neuer Freund wieder da, blieb aber am Eingang und trat dort von einem Fu� auf den anderen. Kaum hatte Tschemparkaroke ihn gesehen, forderte er ihn auf einzutreten, denn er schulde ihm ohnehin nichts. Der Gast bekam eine zweite Portion Rekreationssuppe und murmelte, es gehe ihm schon besser. Als ich in den Alten Dorn kam, hatten sich dort schon viele Schaulustige versammelt. Der Wirt machte einen Bombenumsatz, und die Leute hatten was zu gaffen. Mit dem Ank�mmling passierte etwas Merkw�rdiges. Nach der zweiten Portion Suppe begann er erst zu lallen, dann zu tanzen - und zwar den seltsamsten Tanz, den ich je gesehen habe.</p><p>Vielleicht war es ja etwas Volkst�mliches aus seiner Heimat. Dann schlief er ein, und ich stellte fest, dass ich mich zu lange im Wirtshaus aufgehalten hatte. Doch der Junge war sowieso nicht f�hig, allein wegzugehen. Und obendrein hat Tschemparkaroke mir versprochen, ihn im Auge zu behalten. Ich dachte mir, dieser Sonderling k�nnte sich vielleicht als einer unserer Kunden entpuppen. Ich hab mich sogar gefragt, ob er ein Mensch ist. Doch ich alter Dummkopf hab mich nicht daran erinnert, dass Tschemparkaroke mir erz�hlt hat, Sie, Juffin, h�tten den armen Jungen in den Alten Dorn geschleppt.*�</p><p>Mit dem armen Jungen war nat�rlich ich gemeint. Juffin seufzte reuig, als er an diesen Fehler dachte.</p><p>Am Eingang zum Alten Dorn verzog ich das Gesicht. Das Lokal war zwar ber�hmt, doch mein K�rper wollte nicht wieder hierher, und mir war schon unterwegs �bel geworden.</p><p>Das Gasthaus war so voll, als h�tten alle Bewohner der Hauptstadt einen Sorgenfreien Tag. Kaum hatten sie uns gesehen, r�umten sie langsam das Lokal. Der rothaarige Tschemparkaroke setzte eine kluge Miene auf und begann, energisch an den ohnehin sauberen Tellern herumzuschrubben.</p><p>Auf der breiten Holztheke lag mein Landsmann. Gl�cklicherweise geh�rte er nicht zu meinen Schulfreunden - das w�re was gewesen! Er schien eher im Alter meines Vaters zu sein. Vielleicht aber hatte auch ein schweres Leben ihm tiefe Falten ins Gesicht gegraben. Er sah ziemlich schrecklich aus: Sein Mantel war schmutzig, seine Hose zerknittert, seit Tagen hatte er sich nicht rasiert, und er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Der Arme! Obendrein hatte er sichtlich zu viel Rekreationssuppe gegessen. Sein flacher Atem zeigte, dass es ihm k�rperlich alles andere als gut ging. W�re er in unserer Anwesenheit gestorben, h�tte mich das nicht �berrascht.</p><p>Angewidert verzog Juffin das Gesicht: �Und um dieses Naturwunder zu finden, haben wir den ganzen Tag vergeudet? Na prima! Max, nimm ihn mit und lass uns gehen. Tschemparkaroke! Kannst du noch was zu dieser Geschichte beitragen?�</p><p>Der rothaarige Wirt zuckte die Achseln: �Was soll ich sagen, Ehrw�rdiger Leiter? Das ist keine sch�ne Geschichte. Am Anfang war er noch lustig, aber dann hat er zu r�cheln und zu st�hnen begonnen und einen Unsichtbaren durchs ganze Wirtshaus verfolgt. Die Leute waren mit seiner Show zufrieden, denn sie m�gen Sonderlinge - auch wenn sie nicht bei Trost sind. Dann aber ist er auf die Bank gekracht und sofort eingeschlafen. Ich dachte, er w�rde jeden Moment zu den Dunklen Magistern gehen. F�r so was hab ich ein Gesp�r. Gleich zappelt er ein paar Mal mit den Beinen - und aus die Maus, hab ich gedacht.�</p><p>�Vielen Dank f�r deine Auskunft�, sagte Sir Juffin. �Ich h�tte nichts dagegen, wenn er jetzt sterben w�rde. Und du, Tschemparkaroke, bist sehr tapfer.�</p><p>Der Wirt wirkte sehr zufrieden, obwohl er nicht recht verstand, wof�r er gelobt worden war. Juffin sah mich m�de an.</p><p>�Nimm ihn, Max. Worauf wartest du? Tanzen wird er demn�chst sowieso nicht mehr.�</p><p>Seufzend machte ich die mir schon vertraute Handbewegung, und der halbtote Manische landete zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken - dort also, wo einige Zeit zuvor schon Lonely-Lokley gesessen hatte. Tschemparkaroke fiel vor Staunen die Kinnlade runter. Er war in der Bl�tezeit der Epoche des Gesetzbuchs nach Echo gekommen und an solche kleinen Wunder nicht gew�hnt. Angewidert verzog ich das Gesicht, und wir gingen. Als Kr�nung des Ganzen musste ich mit meiner ekligen Hand auch noch unser A-Mobil steuern!</p><p>Im Saal der allgemeinen Arbeit befreite ich mich schnell von meiner leichten, aber unangenehmen Last, indem ich meinen Landsmann kurzerhand auf den Teppich warf. Dann ging ich mir die H�nde waschen. Ich bin ein typischer Neurastheniker, und solche Ereignisse werfen mich immer aus der Bahn. Dieser manische Typ gefiel mir ganz und gar nicht. Das lag bestimmt auch daran, dass uns etwas verband - so unappetitlich er auch aussah. Seufzend kam ich zur�ck.</p><p>�Ob man ihn wiederbeleben sollte?�, �berlegte Juffin gedankenverloren und sah sich unseren Fang mit Abscheu an. �Es ist viel passiert, aber ich m�chte doch gern wissen, ob ...�</p><p>Ich konnte mir einigerma�en vorstellen, was mein Chef wissen wollte. Vielleicht aber auch nicht.</p><p>�Nimm das alles nicht so ernst, Max�, sagte Juffin heiter.</p><p>Normalerweise wei� er schneller als ich, was mit mir los ist. Diesmal aber kam sein Trost zu sp�t.</p><p>�Du solltest in dem, was hier passiert, keine Zerrei�probe f�r deine Nerven sehen, sondern zufrieden damit sein - schlie�lich haben wir jetzt die Chance, etwas v�llig Neues zu erfahren. Kopf hoch, mein Junge!�</p><p>�Ich glaube nicht, dass diese Neuigkeiten meinen Zustand bessern werden�, murmelte ich.</p><p>Kofa und Melifaro sahen uns an, ohne zu begreifen, wovon wir sprachen.</p><p>�Das sind nur Kindereien�, sagte Juffin ihnen zur Erkl�rung. �Besser gesagt: famili�re Probleme. Ich werde mich jetzt ein wenig mit unserem frisch verhafteten Sch�nling besch�ftigen.�</p><p>�Ich f�rchte, ihm ist nicht mehr zu helfen�, meinte ich. �Immerhin w�re ich schon an einem Teller Rekreationssuppe fast gestorben - und er hat drei davon verputzt!�</p><p>�Ich habe nicht vor, ihm zu helfen, aber wer wei� - vielleicht beichtet er ja ein wenig�, meinte Juffin, hockte sich neben den Mann und begann, ihm erst die Ohren, dann den Hals zu massieren, doch seine rhythmischen Bewegungen verzauberten nur mich.</p><p>�Dreh dich lieber um�, h�rte ich Juffins lautlosen Rat. �Es ist besser f�r dich, wenn du an dieser Sache nicht beteiligt bist.�</p><p>M�hsam wandte ich den Blick ab. Wie so oft tat Sir Juffin etwas, das ich von so einem soliden und respektheischenden �lteren Gentleman nie erwartet h�tte. Mit einem schrillen Schrei sprang er dem Ungl�cklichen auf den Magen, stie� sich von ihm wie von einem Sprungbrett ab und landete nach einem Salto wieder auf den F��en.</p><p>�So pr�chtig hab ich mich schon lange nicht mehr am�siert�, stellte Juffin fest. �Jetzt wird er sich bestimmt mit uns unterhalten.�</p><p>Mein Landsmann r�hrte sich tats�chlich ein wenig.</p><p>�Kela�, rief er. �Bist du das, Kela? Ich hab doch gewusst, dass wir uns irgendwann Wiedersehen.�</p><p>Wie in Trance n�herte ich mich dem h�sslichen Wesen.</p><p>�Wie hei�t du?�, fragte ich.</p><p>Das war dumm von mir, ich wei�. Was ging mich sein Name schon an? Aber es war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam.</p><p>�Keine Ahnung. Hier nennt mich niemand beim Namen. Hast du vielleicht etwas Suppe f�r mich? Sie lindert tats�chlich alle Schmerzen.�</p><p>�Das w�rde ich nicht gerade sagen�, gab ich zur�ck und blieb hartn�ckig bei meiner Meinung �ber dieses Gericht. �Au�erdem kannst du daran sterben.�</p><p>�Quatsch! Ich bin doch schon tot, aber jemand hat mich erweckt. Wer mag das gewesen sein?�</p><p>�Ich bin das gewesen�, meldete sich Sir Juffin Halli. �Und du brauchst dich daf�r nicht mal bei mir zu bedanken.�</p><p>�Kann mir jemand sagen, wo ich bin?�, fragte das ungl�ckliche Wesen. �Der Mensch hat doch wohl das Recht zu wissen, wo er gestorben ist.�</p><p>�Du bist zu weit von zu Hause entfernt, als dass dir der Name unserer Stadt etwas sagen w�rde�, bemerkte ich.</p><p>�Egal - ich m�chte es einfach nur wissen.�</p><p>�Du befindest dich in Echo.�</p><p>�Liegt das nicht in Japan? Aber hier gibt's gar keine Schlitzaugen ... Du machst dich �ber mich lustig, stimmt's? Das machen ja hier alle. Ich war sehr lange hierher unterwegs und wei� nicht mehr, warum. Die alten Schachteln haben mir auch nicht sagen wollen, wo ich bin. Sie waren bestimmt froh, dass ich in der Klemme sa�. Aber dort, wohin ich sie geschickt habe, geht es ihnen auch nicht besser.�</p><p>Erstaunt stellte ich fest, dass dieser zielstrebige Mann unersch�tterlich von der Richtigkeit seiner Taten �berzeugt war. Er war also doch besessen - genau wie Sir Maba Kaloch gesagt hatte.</p><p>�Kela hat mir versprochen, ich w�rde hier Sterbehilfe bekommen�, meldete sich der Fremde unerwartet wieder zu Wort. �Wie ist es jetzt? Willst du mir helfen?�</p><p>�Wer ist eigentlich Kela?�, erkundigte ich mich.</p><p>�Der Stra�enbahnfahrer. Ich kenne ihn zwar nicht n�her, doch er hat mir versichert, hier w�re alles bald vorbei. Er hat mich eigentlich selber t�ten wollen, es sich dann aber anders �berlegt und gesagt, das w�rden andere tun. Kela ist mein Freund. Als Kind hatte ich auch nur einen, aber dem hab ich den Hund get�tet. Doch Kela ist mein allerbester Freund�, sagte er, versuchte aufzustehen und sah mich dabei weder �ngstlich noch freundlich an. �Dein Gesicht kenn ich doch! Dich hab ich doch schon irgendwo gesehen! Damals hast du allerdings noch nicht diesen Kittel getragen. Richtig - ich hab dich im Traum gesehen! Genau!�</p><p>Seine Kr�fte verlie�en ihn. Er schloss die Augen und schwieg.</p><p>�Wo will er mich gesehen haben?�, fragte ich erstaunt.</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle�, murmelte Sir Kofa. �Merkst du nicht, dass mit ihm etwas passiert, was wir nicht begreifen? Es gibt langsam keine Hoffnung mehr.�</p><p>�Alles halb so schlimm, Kofa. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt�, meldete sich Juffin heiter zu Wort, wandte sich dann an mich und meinte: �Er hat dich im Traum gesehen - wo denn sonst? Ob es dir gef�llt oder nicht: Zwischen euch existiert eine feste Verbindung. Eine gef�hrliche Verbindung, w�rde ich sagen. Und das ist das Problem, Max. Es tut mir leid, aber du wirst ihn wohl umbringen m�ssen.�</p><p>�Was!?�</p><p>Ich war schockiert und wollte meinen Ohren nicht trauen. Die Welt ringsum geriet ins Rutschen - wie ein Sandhaufen, an dem der Bagger nagt.</p><p>�Warum soll ich ihn denn umbringen, Juffin? Die Todesstrafe ist doch l�ngst abgeschafft. Das haben Sie mir selbst erz�hlt. Au�erdem lebt er sowieso nicht mehr lange.�</p><p>�Darum geht es nicht. Sondern um dich. Dieser Fremdling hat deinen Eingang zu unserer Welt benutzt. Ich kann dir hier und jetzt nicht alles erkl�ren, aber eins sollst du wissen: Wenn dieser Mensch eines nat�rlichen Todes stirbt, wird er f�r dich eine neue T�r zu unserer Welt �ffnen. Diese T�r wird irgendwo auf dich warten. Niemand wei�, wie sie aussehen wird, und du hast zu wenig Erfahrung, um die Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Hinter dieser T�r zu unserer Welt jedenfalls wird der Tod auf dich warten, weil auch er hierherkommen will. Nur indem du deinen Landsmann t�test, zerst�rst du diese sinnlose, dumme, nicht von dir gewollte Schicksalsverbindung. Und denk daran: Du hast keine Zeit zum �berlegen. Er stirbt. Also ...�</p><p>�Verstanden, Juffin�, sagte ich nickend. �Sie haben recht.�</p><p>Die Welt um mich herum erzitterte, verlor ihre Stabilit�t und zerstob in Millionen kleiner Funken. Alles ringsum wurde leuchtend und tr�b zugleich, und ich sah tats�chlich, nein, ich f�hlte einen Korridor, der mich mit dem Besessenen verband. Ich zweifelte sehr daran, dass wir zwei voneinander getrennte Wesen waren. Wir schienen siamesische Zwillinge zu sein, wie sie auf dem Jahrmarkt von Schaulustigen begafft werden. Es gab nur einen Unterschied: Uns verband nichts K�rperliches, sondern ein f�r andere unsichtbarer spiritueller Bezug. Das hatte ich zwar nicht von Anfang an gewusst, doch kaum war ich mir die H�nde waschen gegangen - als ob mir das h�tte helfen k�nnen! war es mir aufgefallen. Dann hatte ich dieses gruselige Wissen verdr�ngt, bis Juffin es schlie�lich ausgesprochen hatte.</p><p>Ich fiel neben meinem schrecklichen Zwilling auf die Knie, zog das h�bsche K�chenmesser - Edelstahl, rostfrei - aus der Innentasche seines Mantels und stach es ihm in den Solarplexus, ohne mir weiter Gedanken zu machen.</p><p>Eigentlich war ich nicht stark - eher im Gegenteil -, doch dieser Vorfall lie� mich meine Kr�fte neu beurteilen, denn das Messer fuhr ihm in den Leib wie in ein St�ck Butter.</p><p>�Du hast es geschafft, mein Freund�, r�chelte der Fremdling.</p><p>Seine letzten Worte waren vern�nftiger, als der Ablauf dieses merkw�rdigen Tages h�tte erwarten lassen. Ich ging mir erneut die H�nde waschen. Nur so konnte ich mich f�r meine Tapferkeit belohnen.</p><p>Als ich an den Ort zur�ckkehrte, an dem ich den Mann get�tet hatte, waren dort schon viele junge Mitarbeiter mit Eimern und Putzlappen versammelt. Die Leiche allerdings fehlte. Aus dem B�ro von Sir Juffin drang das Klappern von Geschirr - meine Kollegen waren offenbar zum gem�tlichen Teil des Tages �bergegangen.</p><p>�Vielen Dank, dass ihr den Toten so schnell beseitigt habt�, sagte ich und setzte mich. �Ihr werdet lachen, aber ich habe nie zuvor jemanden umgebracht - nicht mal aus Spa� an der Freud. Die eine Puppe von Dschuba Tschebobargo, die ich mit eigenen H�nden auf dem Gehsteig zerschmettert habe, z�hlt nicht. Jetzt hab ich meine Unschuld verloren - also habt Geduld mit mir.�</p><p>�Niemand hat ihn beseitigt, mein Junge�, sagte Kofa leise. �Er ist verschwunden, als du das Zimmer verlassen hast. Nur die Blutlache ist geblieben. Darum wird der Boden jetzt geputzt.�</p><p>�Wie geht's, Max?�, fragte Juffin und gab mir eine Tasse hei�e Kamra.</p><p>�So lala. Ich f�hle mich noch immer reichlich seltsam - als liefe durch die Erde ein Riss.�</p><p>�Verstehe, aber das geht vorbei. Du hast alles richtig gemacht. Ich hatte nicht erwartet, dass es dir so gut gelingen w�rde.�</p><p>�Immerhin trage ich den Todesmantel�, sagte ich lachend, denn Lachen ist mein einziger Weg, wieder zu mir zu finden.</p><p>�Sir Juffin, ich muss dringend was trinken�, meldete sich Melifaro. �Ich dachte, ich h�tte mich in diesem Tollhaus inzwischen an alles gew�hnt, aber jetzt muss ich so schnell wie m�glich was trinken.�</p><p>�Ich hab schon im Fressfass Bescheid gesagt�, beruhigte ihn Juffin. �Ich hoffe, du h�ltst noch zwei Minuten durch.�</p><p>�Schwer zu sagen. Erst praktizieren Sie diese merkw�rdigen Riten. Dann verschwindet das Hauptbeweisst�ck. Und dennoch f�hlen Sie sich nicht verpflichtet, etwas zu erkl�ren?�</p><p>�Nein. Das t�te ich zwar gern, aber ... Jedenfalls war diese Bluttat notwendig. Glaub mir, mein Junge.�</p><p>�Ja? Vielleicht ist das ja blo� ein neues Gesellschaftsspiel, von dem ich noch nichts mitbekommen habe. Sir Kofa, vielleicht kannst du mich beruhigen?�</p><p>�Ich muss auch was trinken�, sagte Kofa Joch mit wohlwollendem L�cheln. �Danach stehe ich dir zu Diensten.�</p><p>�Das ist kein Geheimer Suchtrupp, sondern ein Kindergarten�, warf ich ein. �Ich hab einen Mann get�tet, merkt euch das. Und dann ist er verschwunden. So was gibt einem doch zu denken! Obwohl... - ich glaube, ich muss auch was trinken.�</p><p>�Meine Abteilung d�rfte �ber die Str�nge schlagen�, stellte Juffin fest. �Bleibt nur zu hoffen, dass sich wenigstens Lonely-Lokley beherrscht. Wo ist er eigentlich?�</p><p>�Haben Sie mich gerufen, Sir?�, fragte Sch�rf und stand unvermittelt in der T�r. �Ist der M�rder etwa noch immer nicht gefunden?�</p><p>Wir vier blickten uns an und lachten. Erst sah das wie ein hysterischer Anfall aus, doch nach ein paar Sekunden waren wir tats�chlich fr�hlich. Sch�rf trat in Juffins B�ro, setzte sich, musterte uns interessiert, wartete, bis wir uns beruhigt hatten, und fragte erneut: �Wie l�uft's denn mit dem Serienm�rder?�</p><p>�Mit dem ist alles in Ordnung - Max hat ihn get�tet, und die Leiche ist verschwunden�, sagte Melifaro und lachte erneut.</p><p>Ich allerdings hatte keine Kraft mehr, mich seiner Freude anzuschlie�en. In diesem Moment klopfte gl�cklicherweise der Bote vom Fressfass. Er kam wirklich wie gerufen!</p><p>Nie im Leben h�tte ich vermutet, eine ganze Tasse auf einen Zug auszutrinken. Und schon gar keine Tasse Dschubatinischen S�ufer! Aber der K�rper wei� am besten, was er braucht. Und wenn es so weit ist, vollbringt er wahre Wunder.</p><p>�Sir Juffin�, begann Lonely-Lokley gelassen, �sagen Sie mir wenigstens</p><p>�Es ist wirklich alles so gelaufen, wie Melifaro gesagt hat, Sir Sch�rf - vorausgesetzt, man l�sst ein paar pikante Details aus.�</p><p>�Max, warum haben Sie den T�ter ganz allein get�tet? Dazu noch auf so primitive Art?�, fragte mich unser Profikiller nun, �ber meine dilettantische Pfuscherei emp�rt.</p><p>�Ich bin eben manchmal blutr�nstig, Sir Sch�rf�, antwortete ich schuldbewusst. �Mitunter kann ich mich einfach nicht beherrschen.�</p><p>In diesem Moment brach Juffin in lautes Gel�chter aus - ein Gel�chter der Erleichterung, wie ich hoffte.</p><p>Denn nun war ihm klar, dass mit mir wieder alles in Ordnung war.</p><p>�Das ist aber schlimm, Max�, sagte Lonely-Lokley erschrocken. �Angesichts Ihrer Neigungen m�ssen Sie sich beherrschen k�nnen. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen ein paar einfache Atem�bungen, die Selbstkontrolle und innere Ruhe f�rdern.�</p><p>Meinem offiziellen Freund gegen�ber wollte ich seri�s wirken.</p><p>�Vielen Dank, Sch�rf. Das k�nnte mir wirklich nicht schaden. Doch ehrlich gesagt habe ich blo� gescherzt. Ich erz�hle Ihnen sp�ter genau, was passiert ist, f�rchte aber, es wird ziemlich viel sein.�</p><p>�Wenn etwas davon geheim bleiben soll, sollten Sie mich in Unkenntnis lassen. Ausgeplauderte Geheimnisse schaden der Wahrheit.�</p><p>�Hast du das geh�rt, Melifaro?�, fragte Sir Kofa. �Das ist auch f�r dich die Antwort auf alle Fragen.�</p><p>�Mir reicht's!�, gab Melifaro angeheitert zur�ck. �Ich hab was getrunken, und jetzt geht's mir besser. Zu den Magistern mit euch und all euren schrecklichen Geheimnissen - auch ohne sie bleibt das Leben sch�n! Doch solange Sir Sch�rf noch hier ist... Du denkst doch, ich h�tte euch beide verschaukelt, du blutr�nstiges Wesen! Max, damit meine ich dich!�</p><p>�Stimmt�, sagte ich k�hl. �Und auch mir reicht's langsam.�</p><p>�Dann musst du aber Sir Manga, meinen Vater, kennenlernen, um dich davon zu �berzeugen, dass ich nicht gelogen habe. Juffin, k�nnen Sie uns beiden einen freien Tag geben - nur einen einzigen?�</p><p>�Wozu sollte ich euch noch brauchen?�, meinte Sir Juffin und zuckte die Achseln. �Von mir aus k�nnt ihr sofort verschwinden. Aber ihr habt nur einen Tag frei, nicht l�nger. Verstanden? Und nun zu euch, Sir Kofa und Sir Sch�rf: Ihr beide seid morgen f�r die Sicherheit des Vereinigten K�nigreichs verantwortlich. Heute Nacht passt Kurusch ganz allein auf. Stimmt's, mein kluger Vogel?�, sagte Juffin und streichelte das Tier z�rtlich am wolligen Genick. �Ich habe vor, jetzt vierundzwanzig Stunden zu schlafen. Lady Melamori trinkt bestimmt gerade exquisite Weine in Gesellschaft ihres trefflichen Gro�vaters, und Max und Melifaro gehen die Katzen im Umland erschrecken. Eine tolle Truppe hab ich da beisammen! Einen Garanten der �ffentlichen Sicherheit und Ordnung!�</p><p>�Was ist mit dir los, Max?�, fragte mich Melifaro. �Wenn wir heute Nacht abreisen, sind wir in ein paar Stunden am Ziel. Und wenn du dich ans Steuer setzt, brauchen wir sogar nur eine Stunde. Da drau�en erwarten uns Landluft, viel gutes Essen und mein Vater. Das alles ist etwas Besonderes - das kannst du mir glauben. Obwohl meine Mutter auch nicht von Pappe ist.�</p><p>�Viel essen und die Eltern besuchen - das klingt gut�, stellte ich tr�umerisch fest. �Und die schnelle Fahrt dorthin klingt noch besser. Du bist ein Genie, Melifaro, und ich stehe ewig in deiner Schuld. Vielen Dank auch Ihnen, Juffin. Ihr beide habt mir das Leben gerettet.�</p><p>Ich hatte nicht �bertrieben. Ein Tapetenwechsel war das Einzige, was ich gerade brauchte, aber ich h�tte mir nicht tr�umen lassen, dass ich so viel Gl�ck haben w�rde.</p><p>�Na, gehen wir?� Melifaro stand schon auf der T�rschwelle und scharrte mit den Hufen. Er mochte es nicht besonders, zu lange auf einem Fleck zu hocken. Schon gar nicht, wenn er gerade einen Plan geschmiedet hatte.</p><p>�Ja, wir gehen doch gleich. Juffin, sagen Sie mir nur noch, ob ich diese tollen Klamotten auch in der Freizeit tragen muss.� Es kam mir unpassend vor, einen Familienbesuch im Todesmantel zu absolvieren.</p><p>�Tja, du hast schon wieder Gl�ck�, l�chelte Juffin malizi�s. �Deinen Mantel musst du nur innerhalb der Stadt tragen. Aber ich hatte gedacht, dein Kost�m gefiele dir ausnehmend gut.�</p><p>�Stimmt. Ich will blo� vermeiden, dass die H�hner aufh�ren, Eier zu legen ... Was ist? Hab ich schon wieder was Falsches gesagt?�</p><p>�S�ndige Magister! Es gibt schon wieder ein Geheimnis zu l�ften�, sagte Melifaro, klatschte in die H�nde und seufzte. �Was redest du da von H�hnern? Eier legen doch nur Puten - das kannst du einem Dorfjungen wie mir ruhig glauben!�</p><p>Melifaro sah sich meine Behausung lange an und versuchte herauszufinden, ob er es mit einem Asketen oder einem Geizkragen zu tun hatte. In der Zwischenzeit schaffte ich es, meine beiden K�tzchen Armstrong und Ella auf den Scho� zu nehmen und ausgiebig zu streicheln. Ich fl�sterte ihnen alle m�glichen Z�rtlichkeiten ins Ohr, die mir gerade durch den Kopf gingen, und genoss ihr intensives Schnurren. Dann lief ich ins Schlafzimmer und suchte im Schrank nach Klamotten, die meinen Vorstellungen von Freizeitkleidung entsprachen. Mit halb gef�llter Reisetasche kehrte ich ins Wohnzimmer zur�ck.</p><p>�Fertig! Ich f�rchte allerdings, du hast keinen allzu guten Eindruck von meinen Lebensumst�nden gewonnen. Aber es hilft nichts: Ich liebe mein Nest.�</p><p>�Was redest du da?�, fragte Melifaro verbl�fft. �Nat�rlich gibt es hier keinen Luxus. Das ist ja nur die normale Wohnung eines einsamen Helden. Unsinn, Max, du hast dich sehr romantisch eingerichtet.�</p><p>�M�chtest du was trinken, bevor wir fahren? Manchmal glaube ich, der am wenigsten gastfreundliche Mensch von ganz Echo zu sein. Ich hab nichts. Wir m�ssten etwas im Ges�ttigten Skelett bestellen.�</p><p>�Den Magistern sei Dank! Ich hab im Haus an der Br�cke viel zu kr�ftig zugelangt - zu viel Alkohol, zu viel Kamra und zu viel von allem anderen. Wir fahren, Max. Sonst falle ich noch vor M�digkeit um. Und du bestimmt auch.�</p><p>�Bei mir ist das anders - vergiss nicht, dass ich ein Nachtantlitz bin. Meine Zeit beginnt erst jetzt. Gehen wir!�</p><p>�Wei�t du, Max, du hast etwas Unheilverk�ndendes an dir�, bemerkte Melifaro und setzte sich ins A-Mobil. �Deine Vorliebe f�r das Nachtleben, dein riskantes Fahren, dein etwas irrer Blick und dein schwarzer Lochimantel... Du isst nicht mal Rekreationssuppe! Von deiner merkw�rdigen Gewohnheit gar nicht zu reden, schutzlose Staatsfeinde mit blo�en H�nden zu t�ten. Das ist ganz sch�n viel f�r einen Einzelnen. Kein Wunder, dass Lady Melamori Angst vor dir hat.�</p><p>�Angst! ?�</p><p>�Na klar. Hast du das noch nicht gemerkt? Als ich sah, wie sie dich anhimmelt, dachte ich: fetzt hab ich einen ernsthaften Konkurrenten bekommen. Dann stellte ich fest, dass alles nur halb so schlimm war wie anfangs vermutet. Die Lady hat vor dir so viel Angst wie vor Alptr�umen.�</p><p>�Unsinn! Warum sollte sie denn Angst vor mir haben? Sie ist doch kein Dummerchen.�</p><p>�Genau darum geht es ja. Sie hat eine bessere Menschenkenntnis als alle anderen hier, wirklich. Frag sie doch selbst! Darf ich ein Nickerchen machen, solange wir unterwegs sind?�</p><p>�Wir werden aber ziemlich lange brauchen. Der einzige Weg, den ich ohne deinen Rat finden kann, f�hrt in die Leeren L�nder.�</p><p>Das war nat�rlich gelogen - noch nicht mal dorthin kannte ich den Weg!</p><p>�Und ich dachte immer, du wei�t alles - genau wie Juffin.�</p><p>�Fast alles - bis auf Adressen, Geburtsdaten und andere sinnlose Details.�</p><p>�Solche Kleinigkeiten sind wirklich unn�tz. Au�erdem sollte man von anderen nicht zu viel wissen. Aber gut - ich werde dir den Weg zeigen. Du hast mir �brigens noch nichts von deinem j�ngsten Fall erz�hlt. Es ist zwar wichtig, Geheimnisse zu bewahren, aber ich sterbe beinahe vor Neugier.�</p><p>�Der M�rder war mein unehelicher Bruder�, fl�sterte ich unheilschwanger. �Wir sind beide Anw�rter auf das Erbe unseres Vaters. Auf uns warten zwei Stuten und jede Menge Pferde�pfel. Ich habe meine dienstliche Position genutzt, um meinen Rivalen zu beseitigen.�</p><p>�Seltsam�, meinte Melifaro betr�bt. �Und das soll ein gro�es Geheimnis gewesen sein?�</p><p>�Wenn es nach mir gegangen w�re, h�tte es keins sein m�ssen�, murmelte ich. �Aber seltsam ist das schon - und reichlich uninteressant.�</p><p>�Schlimme Geschichte�, meinte Melifaro leichthin. Anscheinend verf�gte er �ber einen unersch�pflichen Vorrat an guter Laune. �Na ja, zu den Magistern mit deinem Geheimnis. Hier m�ssen wir links abbiegen. Du h�ttest wirklich Rennfahrer werden sollen, mein Junge.�</p><p>�Wie sieht es eigentlich bei dir zu Hause aus?�, wollte ich wissen. �Juffin hat mich mal auf Besuch zum alten Makluk mitgenommen. Dort h�tte mich beinahe der Schlag getroffen. So viele S�nften und Lakaien! Ich hoffe, so was gibt es bei dir nicht.�</p><p>�Max, schau mich an! Bin ich etwa der Sohn von Leuten, bei denen penible Ordnung herrscht? Meine Mutter behauptet, der Gast habe nur eine Verpflichtung: satt zu sein. Und mein Vater verachtet dumme und �berfl�ssige Regeln. Wei�t du, seinetwegen muss ich ohne einen Vornamen leben.�</p><p>�Wirklich? Ich hab nie verstanden, warum du nur beim Nachnamen gerufen wirst. Ich hab dich immer fragen wollen, dachte aber, du hast vielleicht einen schrecklichen Vornamen ...�</p><p>�... den niemand erfahren sollte? Keine Sorge! Das ist kein wunder Punkt - ich hab einfach keinen Vornamen. Bei meiner Geburt machte mein Vater gerade seine ber�hmte Reise. Meine Mutter meldete sich jeden Tag bei ihm, um zu fragen, wie sie mich nennen sollte. Und jeden Tag hatte er eine neue Idee. Also hat sie ihn immer aufs Neue gefragt. Als ich drei Jahre alt war, hatte sie die ewige Fragerei satt und erkundigte sich ein allerletztes Mal, diesmal in aller Sch�rfe, doch Sir Manga war damals sehr besch�ftigt. Womit, wei� ich nicht. Jedenfalls meinte er: -Wof�r braucht das Kind eigentlich einen Vornamen? Bei dem Nachnamen!� Meine Mutter hatte ihre eigenen Vorstellungen von ehelicher Harmonie und sagte: �Wie du willst, mein Lieber. Sp�ter wirst du noch dar�ber jammern.� Sie wollte einfach nicht weiterstreiten. Schlie�lich ging es ja nicht um ihren Namen, sondern um meinen. So bin ich um einen Vornamen herumgekommen - und beklage mich dar�ber nicht.�</p><p>�Bei mir ist es genau umgekehrt: Mit dem Vornamen hatte ich Gl�ck - er ist das Einzige, wof�r ich meinen Eltern dankbar bin.�</p><p>�Eben, du hast nur einen Vornamen!�, rief Melifaro nickend. �Ist das bei euch so �blich?�</p><p>�Eigentlich nicht, aber du hast doch mein Zuhause gesehen. Ich steh nicht so auf Luxus.�</p><p>�Und das ist auch gut so! Hier vorne rechts - und versuch mal, etwas langsamer zu fahren. Der Weg ist jetzt schlimm.�</p><p>�Langsamer? Niemals!�, rief ich k�hn und raste �ber Schlagl�cher dahin.</p><p>�Wir sind da!�, stellte Melifaro erleichtert fest, als pl�tzlich eine hohe, dicht bewachsene Mauer auftauchte. �Leben wir noch? Max, du bist wirklich seltsam. Und so einen schr�gen Vogel bringe ich mit nach Hause!</p><p>Aber zum Umkehren ist es zu sp�t. Nicht mal Juffin kann ich um Hilfe bitten - der ist n�mlich noch schlimmer. Aber gehen wir, Sir Nachtalptraum.�</p><p>Die Bewohner des gro�en Hauses schliefen schon. Deshalb gingen wir leise in die K�che und vertilgten dort alles, was uns in die H�nde geriet. Dann f�hrte mich Melifaro in ein kleines, aber sehr gem�tliches Zimmer.</p><p>�Wenn ich als Kind krank oder traurig war, hab ich immer hier geschlafen. Das ist der h�bscheste Ort im ganzen Haus, glaub mir. Mach es dir bequem. Dieses Zimmer wirkt Wunder bei allen, die gerade einen schlimmen Tag hinter sich haben - so wie du. Erstens wirst du sehr schnell einschlafen, ganz anders, als du es gew�hnt bist. Und zweitens ... Aber das wirst du selber sehen. Diesen Teil des Geb�udes hat mein ber�hmter und hochgelehrter Gro�vater Philo Melifaro entworfen. Und er war nicht das letzte Mitglied im Orden des Geheimen Krauts.�</p><p>�Wirklich? Juffin hat mir mal ein Armband des Gro�en Magisters dieses Ordens geschenkt.�</p><p>�Na, da hast du Gl�ck gehabt! Du solltest es immer dabeihaben, denn seine Wirkung ist stark. Ich gehe jetzt. Wenn ich nicht sofort ins Bett komme, sterbe ich vor M�digkeit. Bis morgen, mein Wunder!�</p><p>Ich blieb allein zur�ck. Angenehme M�digkeit umh�llte mich wie eine weiche Decke. Ich zog mich aus und inspizierte meinen Traumsalon. Dann schlug ich die Bettdecke zur�ck und schl�pfte in die warme Dunkelheit. Ich f�hlte mich ruhig und gut. Schlafen wollte ich auf keinen Fall, sondern auf dem Bett liegen und nachdenklich an die Decke schauen. Was h�tte ich auch Besseres tun sollen?</p><p>Die dunklen Balken �ber mir sahen herrlich aus. Ich hatte den Eindruck, sie zitterten leicht - wie kleine Wellen eines ruhigen Meers. Ihre rhythmische Bewegung schaukelte mich langsam in den Schlaf. Im Traum sah ich all die Orte, die ich besonders mochte: eine Stadt in den Bergen, einen Park im englischen Stil, Sandstr�nde. Nur von Echo tr�umte ich nicht. Aber das war auch kein Wunder: Die Stadt war l�ngst Zentrum meines neuen Lebens geworden, und durch ihre Stra�en spazierte ich Tag f�r Tag.</p><p>In dieser Nacht glitt ich leicht und nach Wunsch von einem Traum zum anderen. Nachdem ich lange genug durch den englischen Park spaziert war, wechselte ich an den Strand. Nach einer langen Zeit in den D�nen landete ich in einer Drahtseilbahn. Ein paar Mal h�rte ich in der N�he das leise Lachen von Maba Kaloch. Ihn selbst allerdings konnte ich nicht ausfindig machen. Doch allein sein Lachen empfand ich als bemerkenswertes Ereignis.</p><p>Kurz vor Mittag wachte ich auf und f�hlte mich gl�cklich und frei. Die j�ngsten Ereignisse erschienen mir wie ein Abenteuerfilm, vor der Zukunft hatte ich keine Angst, und die Gegenwart stellte mich rundum zufrieden. Ich wusch mich, zog eine strohgelbe Skaba und einen gleichfarbigen Lochimantel an, die ich am Vortag als Kontrast zu meiner Unheil verk�ndenden Arbeitskleidung eingepackt hatte, und meldete mich per Stummer Rede bei Melifaro.</p><p>�Schon aufgestanden? Du bist ja eine Rakete! Ich bleib noch ein wenig im Bett. Geh schon mal runter und trink Kamra mit meinem Vater. Oder trink sie allein, falls er schon weg ist. In einer halben Stunde komm ich zu dir.�</p><p>Ich ging ins Wohnzimmer, wo ich eine merkw�rdige Szene erlebte. Ein h�nenhafter junger Mann stampfte mit den F��en auf den Boden, st�tzte sich dabei auf der Tischplatte ab und jammerte nach Leibeskr�ften: �Vater, warum?�</p><p>�Weil es so besser ist�, antwortete sein Gespr�chspartner mit der Stimme eines Menschen, der viel gelitten hat. Es handelte sich um einen nicht besonders gro�en, elegant gekleideten Mann, dessen rotes Haar zu einem fantastischen Zopf geflochten war, der - das schw�re ich! - bis auf den Boden reichte. Nach einer Schrecksekunde war mir klar, dass Sir Manga Melifaro vor mir stand, der Verfasser der von mir so geliebten Enzyklop�die.</p><p>�Guten Tag, meine Herrschaften.�</p><p>Vor Zufriedenheit strahlend kam ich ins Zimmer, was ziemlich seltsam war, da ich Leuten gegen�ber, die ich gerade erst kennenlerne, normalerweise sehr vorsichtig bin.</p><p>�Guten Tag, Sir Max. Begr�� unseren Gast, Bachba.�</p><p>�Guten Tag, Sir Max�, wiederholte der betr�bte Riese brav.</p><p>�Und jetzt geh endlich zum H�ndler, mein Junge! Aber pass auf: Wir brauchen nur sechs Pferde. Sechs, also kein Dutzend! Wenn es nach mir ginge, br�uchten wir kein Einziges. Nur weil du so darum bettelst... Aber kein Dutzend! Verstanden?�</p><p>�Nat�rlich, Vater. Auf Wiedersehen, Sir Max. Sie haben mir Gl�ck gebracht�, sagte der Riese und verlie� sichtlich erfreut das Wohnzimmer.</p><p>�Das war mein �ltester�, stellte Sir Manga deutlich verwundert fest. �Ein Kind jugendlicher Leidenschaft, wie man so sagt. Es ist mir noch immer ein R�tsel, wie das passieren konnte.�</p><p>�Sie sind wirklich ein leidenschaftlicher Mensch, Sir Manga�, sagte ich l�chelnd und goss mir eine Tasse Kamra ein, die noch besser schmeckte als im Fressfass - Ehrenwort!</p><p>�Kaum zu glauben, doch au�er ihm und Melifaro habe ich noch einen Sohn, um mein Vaterherz zu ruinieren: Andschifa, den mittleren der drei. Er ist - ich sch�me mich, es zu sagen - Pirat, und zwar einer der Schlimmsten, wenn man den Ger�chten im Hafen glauben kann. Und das, obwohl er ebenso unansehnlich ist wie ich.�</p><p>�Seemann zu sein, ist prima�, meinte ich. �Reisen macht Spa�. Man soll nicht immer hinterm Ofen hocken - davon wird man nur dick.�</p><p>�Sie passen wirklich gut zu meinem J�ngsten�, sagte Sir Manga und l�chelte. �Sie haben eine genauso scharfe Zunge wie er.�</p><p>�Obendrein hat er nur den Nachnamen, ich nur den Vornamen. Aus uns beiden lie�e sich ein vollst�ndiger B�rger machen.�</p><p>�Stimmt. Sind Sie wirklich an der Grenze zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren L�ndern geboren? Einen wie Sie hab ich dort noch nie getroffen.�</p><p>�Ich auch nicht!�, gab ich zur�ck und zuckte kaltbl�tig die Achseln. �Ich bin ein echtes Original.�</p><p>�Allerdings. Sir Max, ich muss Sie um Verzeihung bitten ...�</p><p>�S�ndige Magister - wof�r!?�</p><p>�W�hrend Melifaro schl�ft, vertraue ich Ihnen ein Geheimnis an. Vor einiger Zeit hat er mich nach Sitten und Gebr�uchen Ihrer Landsleute gefragt. Jetzt begreife ich, warum.�</p><p>�Wollte er etwas �ber die Riten der Freundschaft erfahren?�</p><p>�Genau. Hat Melifaro schon etwas Schrilles getan?�</p><p>�Er nicht, aber ein anderer.�</p><p>�Wissen Sie, Sir Max, ich bin ein eitler Mensch. Und wenn ich etwas nicht wei� ... Na ja, ich konnte mich doch nicht vor meinem J�ngsten blamieren. Also hab ich mir aus den Fingern gesogen, dass man in Ihrer Heimat um Mitternacht merkw�rdige Lieder auf der Stra�e singen muss.�</p><p>�Er hat sie allerdings um zw�lf Uhr mittags gesungen. Nachts bin ich im Dienst und h�tte von dem Konzert nichts mitbekommen. Aber wir haben schon alles gekl�rt. Er hat mir versprochen, sich auf die Musik zu beschr�nken, die aus seinem makellosen Herzen kommt.�</p><p>�Dank sei den Magistern! Weil ich ein wenig �bertrieben habe, habe ich auch behauptet ...�</p><p>�... man putze sich am letzten Tag des Jahres gegenseitig das Bad? Das hat mich am meisten ersch�ttert.�</p><p>�Was reden Sie denn da, Sir Max! So was h�tte ich nie gesagt. Ich wei� ja, wie das Leben - was das angeht - in den Leeren L�ndern aussieht. Dort gibt es doch gar keine Badezimmer.�</p><p>�Dann hat er sich das selbst ausgedacht und einen eigenen Beitrag zu Ihrer Erfindung beigesteuert.�</p><p>�Aber verraten Sie mich bitte nicht, Sir Max. Das passt doch alles sehr gut zusammen�, sagte Sir Manga, nachdem er herzlich gelacht hatte.</p><p>�Soll ich Sie diesem Raubtier ausliefern? Das w�rde ich nie tun�, erkl�rte ich und verbeugte mich vor ihm. �Vorausgesetzt allerdings, dass Sie mir das Rezept dieser K�stlichkeit verraten�, erg�nzte ich und schob Piroggenkr�mel auf meinem Teller zusammen.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck verlie� ich das Haus, ohne auf Melifaro zu warten. Ich streifte in der Gegend herum, bis ich wieder hungrig war, w�lzte mich im Gras, schnupperte an allen Blumen, stopfte mir die Taschen meines Mantels mit kleinen Steinen voll und beobachtete wie verzaubert die Wolken. Das war einer der sch�nsten Tage meines Lebens. Am Abend hatte ich das Gl�ck, Melifaros Mutter zu treffen. Ihre monumentale Silhouette brachte Licht in das Geheimnis der Herkunft des gro�en Bachba. Dabei war sie so h�bsch, dass mir der Atem stockte. Sie schien eine Statue und kein Mensch zu sein - eine erstaunlich lebendige Statue allerdings.</p><p>Der n�chste Morgen begann mit der schnellsten A- Mobil-Reise, die je in Echo stattgefunden hat. Ich musste den schlafenden Melifaro im Haus an der Br�cke abliefern. Unsere rasche Fahrt bereitete ihm allerdings kein Vergn�gen, da er die ganze Zeit tr�umend auf dem R�cksitz schlief. Als wir angekommen waren, kostete es mich viel Kraft, das Tagesantlitz des Ehrw�rdigen Leiters dazu zu bewegen, seine T�tigkeit im B�ro fortzusetzen. Als meine Bem�hungen endlich Erfolg hatten, ging ich nach Hause. Dort nutzte ich die Vorz�ge meiner n�chtlichen Arbeitszeit und kroch wieder unter die Bettdecke - diesmal aber in Gesellschaft von Armstrong und Ella.</p><p>Bei Sonnenuntergang erschien ich im Haus an der Br�cke und war angenehm �berrascht. Lady Melamori war schon zur�ckgekehrt. Ihre Stimmung hatte sich deutlich gebessert, und sie schien f�r neue Abenteuer ger�stet.</p><p>�Das trifft sich ja gut�, sagte ich von der T�rschwelle her. �Sie schulden mir noch einen Spaziergang, Gn�digste. Daran erinnern Sie sich doch bestimmt?�</p><p>�Aber nat�rlich. Wollen wir jetzt gehen? Sir Juffin wird Ihnen das sicher erlauben.�</p><p>�Na klar�, h�rte ich die dunkle Stimme meines Chefs hinter der halb ge�ffneten T�r. �Ich muss sowieso bis sp�t in der Nacht hierbleiben.�</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Nichts - nur der Jahresbericht f�r den K�nig. In zw�lf Tagen endet das Jahr. Hast du das schon vergessen? Und was so einen Bericht angeht, bist du mir keine gro�e Hilfe. Leider! Also genie� das Leben - aber nur bis Mitternacht.�</p><p>Ich pfiff vorsichtig durch die Z�hne. Bis dahin blieben uns nach meiner Uhr f�nf Stunden. In letzter Zeit lief bei mir wirklich alles bestens! Das lie� mich umso erwartungsvoller in die Zukunft schauen.</p><p>�Ich habe nur eine Bedingung�, sagte Lady Melamori und blieb auf der T�rschwelle stehen. �Kein A-Mobil, bitte. Man h�rt die schrecklichsten Dinge �ber Ihren Fahrstil.�</p><p>�Na sch�n�, meinte ich. �Dann gehen wir eben zu Fu� und bleiben auf belebten Stra�en. Wenn der Mond aufgeht und ich mich langsam in einen Vampir verwandle, k�nnen Sie dann immer noch um Hilfe schreien. Im �brigen k�nnten Sie sich an Melifaro ein Beispiel nehmen und mich duzen. Mit uns Vampiren sollte man nicht zu viele Umst�nde machen.�</p><p>Melamori l�chelte verlegen. �Ich kann Sie nicht gleich duzen - so bin ich nicht erzogen.�</p><p>�Daf�r kann ich das. Noch zehn Minuten und ich werde frech - einverstanden?�</p><p>�Nat�rlich, Max. Sie denken bestimmt, ich bin eine dumme Kuh, aber ... Na ja, der Vorschlag, auf belebten Stra�en zu bleiben, ist sehr gut. F�r den Anfang jedenfalls.�</p><p>�F�r den Anfang? Klingt verhei�ungsvoll! Avanti, Gn�digste!�</p><p>Wir spazierten gem�chlich durchs Zentrum von Echo. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass in der Idylle etwas fehlte. Dann begriff ich: Lady Melamori hatte keinen Geldbeutel dabei, den ich h�tte tragen k�nnen. Sp�ter a�en wir Eis in einem h�bschen kleinen Cafe auf dem Platz der Siege von K�nig Gurig VII. Nicht alles passte also zur Atmosph�re meiner wiedergekehrten Jugend. Ich kam mir zw�lf Jahre j�nger vor, und Lady Melamori f�hlte sich allem Anschein nach h�chstens neunzig. Auch unser Gespr�ch war seltsam unschuldig - jedenfalls, bis ich mich entschied, das Thema zu wechseln.</p><p>�Melamori, was ich Sie schon lange fragen wollte ...�</p><p>�Lieber nicht, Max. H�chstwahrscheinlich wei� ich, was Sie ... was du fragen willst.�</p><p>�Wirklich? Ich wette eine Krone, dass du es nicht err�tst.�</p><p>�Ich soll das nicht erraten k�nnen! ?�, rief sie frappiert.</p><p>Ich hatte offenbar einen Nerv getroffen, denn sie reagierte so leidenschaftlich wie Stammg�ste beim Pferderennen.</p><p>�Du wolltest fragen, warum ich Angst vor dir habe�, verk�ndete sie. �Und jetzt gib mir die Krone.� Ihr Gesicht hellte sich nach diesem kleinen Sieg auf.</p><p>�Nimm sie, Gn�digste�, meinte ich und knallte die Goldm�nze auf den Tisch, an dem wir sa�en. �Soll ich sie dir einpacken, oder bist du nicht abergl�ubisch?�</p><p>�Pack sie ein. Abergl�ubisch bin ich zwar nicht, aber sicher ist sicher.�</p><p>�Nat�rlich. Aber ich wette zehn Kronen, dass du nicht wei�t, wovor du eigentlich Angst hast.�</p><p>�Ich soll nicht wissen, wovor ich Angst habe? Wie kommst du denn darauf? Ich wei� nicht, wer du ... wer Sie sind. Und das Unbekannte ist das Einzige, was mich �ngstigt. Du hast schon wieder verloren, Max. Geld auf den Tisch! Das ist auch besser so, denn dann kann ich dir was spendieren. Willst du K�niglichen Schwei�.�</p><p>�S�ndige Magister! Warum nicht gleich k�niglichen Urin? Was ist denn das wieder f�r ein Gebr�u?�</p><p>�Der teuerste Lik�r - von den offenen jedenfalls.�</p><p>�Dann bestell mir was von diesem Schwei�. Es gibt da �brigens etwas, das ich noch nicht verstanden habe. Ich bin ein ganz normaler Mensch - von ein paar Seltsamkeiten abgesehen, die sich mit meiner Herkunft erkl�ren lassen. Sir Manga Melifaro kann �ber dieses Thema Volksreden halten.�</p><p>�Diese Volksreden interessieren mich nicht die Bohne�, st�hnte Melamori. �Lukfi soll sich damit besch�ftigen - der begeistert sich n�mlich f�r v�lkerkundliche Bagatellen. Trinken Sie Ihren Lik�r, Max. Trotz seines seltsamen Namens ist er ganz ausgezeichnet. Und dann m�ssen wir auch wieder los. Sir Juffin vermisst Sie ... dich bestimmt schon.�</p><p>Der Lik�r schmeckte tats�chlich hervorragend, obwohl ich s��en Schnaps eigentlich nicht mag.</p><p>Nat�rlich begleitete ich meine Dame bis zur Haust�r. Das ist in allen Welten so �blich - auch wenn die Dame eine gro�e Verfolgungsmeisterin ist. Unterwegs schwiegen wir meist. Schlie�lich aber entschied sich Melamori, das i-T�pfelchen zu setzen.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Max, wirklich. Ich hab blo� Zweifel, die ich zwar nicht richtig ernst nehme, die aber dennoch vorhanden sind. Nat�rlich bist du kein Hochstapler und sicher auch kein rebellischer Magister, der nach Echo zur�ckgekehrt ist. Das h�tte ich n�mlich l�ngst durchschaut. Aber f�r einen normalen Menschen - wie schrullig er im Einzelfall sein mag - taugen Sie nicht. Ich verstehe wirklich nicht... Sie gefallen mir sehr, falls es Sie interessiert. Aber Sie ... du strahlst etwas Bedrohliches aus. Vielleicht keine echte Gefahr, doch es ist schwierig, das konkret zu benennen. Sir Juffin k�nnte mir bestimmt dabei helfen, doch er will nicht. Du wei�t ja, wie er ist. Deshalb muss ich es allein schaffen. Und es wird mir auch gelingen.�</p><p>�Viel Erfolg dabei!�, meinte ich und zuckte die Achseln. �Und wenn du fertig bist, sag mir Bescheid. Ich hab n�mlich keine Ahnung, was an mir bedrohlich sein soll. Versprichst du mir das?�</p><p>�Ja, aber das ist auch das Einzige, was ich dir versprechen kann. Gute Nacht, Max.�</p><p>Melamori verschwand hinter der massiven alten Haust�r, und ich ging ins Haus an der Br�cke, ohne zu wissen, was ich von unserem Treffen halten sollte. Einerseits schien alles mehr als verhei�ungsvoll zu sein, andererseits aber ... Ich zuckte die Achseln. Abwarten und Tee trinken! Ich musste auf alle F�lle Lonely-Lokley bitten, mir seine Atem�bungen zu zeigen, denn in n�chster Zeit w�rde ich �bermenschliche Beherrschung brauchen.</p><p>Als ich nach ein paar Tagen schon glaubte, die Geschichte mit meinem Landsmann geh�re der Vergangenheit an, schreckte mich der Ruf von Sir Juffin viel zu fr�h aus dem Bett.</p><p>�Steh auf, Max�, t�nte seine muntere Stimme durch mein verpenntes Bewusstsein. �Es gibt viel spannendere Sachen als den �den Schlaf, mit dem du dich jetzt schon geschlagene sechs Stunden besch�ftigst. Zum Beispiel einen Besuch bei Maba Kaloch. In einer halben Stunde hol ich dich ab.�</p><p>Ich sprang wie von der Tarantel gestochen auf und h�rte die erschrockene Ella unzufrieden miauen, w�hrend Armstrong nicht mal mit den Ohren zuckte. Innerhalb einer Viertelstunde badete ich, zog mich an und trank eine Tasse Kamra - das war neuer Rekord! Es blieb mir also genug Zeit, mich hinzusetzen und meinen Traum zu beenden.</p><p>�Maba ist bereit, uns ein paar Fragen zu beantworten. Wir haben also Gl�ck, Max, denn der Alte l�st seine Versprechungen nur selten ein�, sagte Juffin und wirkte dabei sehr zufrieden. �Hast du schon mit Sch�rf ge�bt? Du wirst Selbstbeherrschung noch sehr n�tig haben.�</p><p>�Ja, ich hab angefangen. Aber mir reicht es, wenn ich Sir Maba sehe - kein Gesicht beruhigt mich so wie seins.�</p><p>�Stimmt, Junge. Doch auch das ist eine Illusion. Ich kenne keinen Gef�hrlicheren als ihn - und keinen, der beruhigender wirken w�rde�, sagte Juffin und nickte gedankenverloren. Seine Worte frappierten mich.</p><p>Diesmal brauchten wir nicht so lange wie beim letzten Mal, um Sir Mabas Haus zu finden, und irrten kaum eine Viertelstunde am Linken Flussufer herum. Das Wohnzimmer war leer, und der Hausherr kam erst nach ein paar Minuten. Er trug ein gro�es Tablett, musterte aber mit Befremden, was darauf versammelt war.</p><p>�Ich wollte euch eigentlich mit etwas Ungew�hnlichem begr��en, aber ich f�rchte, es ist ungenie�bar�, sagte er und lie� das Tablett fallen. Ich zuckte innerlich zusammen, weil ich schrecklichen L�rm erwartete, doch das Tablett verschwand, ehe es den Boden erreicht hatte.</p><p>�Du magst zwar keine Wiederholungen, Maba, aber wir w�rden uns freuen, wenn du uns noch mal das wunderbare Getr�nk kredenzen w�rdest, das wir letztes Mal getrunken haben�, sagte Juffin hoffnungsvoll.</p><p>�Von mir aus - wenn ihr solche Langweiler seid und nichts Neues ausprobieren wollt!�</p><p>Sir Maba kroch unter den Tisch und brachte von dort einen Krug und drei elegante kleine Tassen mit, die mir seltsamerweise bekannt vorkamen.</p><p>�Hast du noch immer nicht begriffen, Max? Maba schiebt dir f�rsorglich deine Vergangenheit unter die Nase-, sagte Juffin und l�chelte.</p><p>�Aber nat�rlich! S�ndige Magister - diese Tassen geh�ren ja zum Festservice meiner Mutter. Unter uns gesagt, Sir Maba: Dieses Service hab ich immer gehasst. Und die Br�tchen, die Sie uns letztes Mal spendiert haben, wurden in einem Bistro in der N�he meiner Zeitungsredaktion verkauft. Was bin ich nur f�r ein Dummkopf!�</p><p>�Na ja - du bist eher unaufmerksam. Au�erdem warst du damals noch nicht darauf vorbereitet, hier auf Gegenst�nde aus deiner ehemaligen Welt zu treffen. Und der Mensch sieht nur, was er sehen will. Merk dir das f�r die Zukunft.� Mit diesen Worten zog Sir Maba einen Apfelkuchen unterm Tisch hervor.</p><p>�Das ist ja der Kuchen meiner Oma!�, rief ich. �Omas ber�hmter Apfelkuchen! Sir Juffin, jetzt k�nnen Sie sich davon �berzeugen, dass meine Heimat nicht die schlimmste aller Welten ist.�</p><p>�Nein, Max�, sagte Sir Maba und �berraschte mich erneut. �Das ist nicht der Kuchen deiner Oma, sondern der ihrer Freundin, die nur irgendwann das Rezept weitergegeben hat. Ich dachte mir, das Original schmeckt bestimmt besser als die Kopie. Aber gut - wie ihr seht, habe ich euer R�tsel gel�st, Kinder. Herzlichen Gl�ckwunsch, Max. Du hast einen Doperst erschaffen, und das gelingt Neulingen selten, sehr selten.�</p><p>�Was soll ich getan haben? Was ist �berhaupt ein Doperst?�, fragte ich erschrocken. �Wie soll ich etwas erschaffen, von dem ich keine Ahnung habe?�</p><p>�So was passiert eben manchmal�, stellte Juffin fest. �Ich glaube, derjenige, der das Weltall erschaffen hat, hat auch nicht gewusst, was es bedeutet.�</p><p>�Ich halte ungern Vortr�ge, aber bei einem so hoffnungsvollen Neuling kann ich schon mal eine Ausnahme machen�, seufzte Sir Maba Kaloch. �Alles beginnt damit, dass auf der Welt viele unbegreifliche Wesen leben - unter anderem auch Doperste, die uns Menschen gegen�ber zwar nicht besonders feindselig, aber zu verschieden von uns sind, als dass wir einander verstehen k�nnten. Die Doperste kommen aus dem Nirgendwo und ern�hren sich von unseren �ngsten und b�sen Ahnungen. Manchmal nehmen sie das Aussehen eines Menschen an und erschrecken seine Bekannten. Ich kann dir sagen, wessen Aussehen der von dir erschaffene Doperst angenommen hat. Du hast ihn nur ein einziges Mal gesehen - als kleines Kind auf der Stra�e. Sein Gesicht hat dich sehr erschreckt. Dann hast du ihn vergessen - bis zu dem Zeitpunkt, da du die T�r zwischen den Welten �ffnen musstest. Auf diese Aufgabe warst du sehr gut vorbereitet und hast weder Zeit noch Kraft mit unn�tzen Zweifeln verloren. Ich glaube, ihr beide habt wirklich den allerbesten Moment gew�hlt, Juffin. Meinen Gl�ckwunsch - das muss man erst mal schaffen! Allerdings, Max, hast du nicht nur die T�r ge�ffnet, sondern auch das schreckliche Wesen mitgebracht. Du hast etwas gegen deine �ngste gebraucht und immer gedacht, das Unbekannte m�sse auch seltsam sein. Und weil Juffin keine Alptr�ume f�r dich vorbereitet hatte, hast du die L�cke eigenst�ndig, aber unbewusst gef�llt. Ich k�nnte dir das ausf�hrlicher erkl�ren, aber du wirst davon sowieso nichts verstehen. Glaub mir das, und sei bitte nicht sauer. Und dir, Juffin, erscheine ich demn�chst im Traum und erkl�re dir alles. Vielleicht schon heute Nacht. Das ist wirklich interessant. Max, bis zu diesem Zeitpunkt hat �brigens niemand gewusst, woher Doperste wirklich kommen. Wir haben also mit deiner Hilfe schon wieder ein R�tsel gel�st: Sie sind nur das Produkt der Furcht vor dem Unbekannten.�</p><p>Offen gesagt verstand ich von diesen Erkl�rungen kein Wort. Daf�r erinnerte ich mich aber an etwas.</p><p>�Und was ist mit dem Hirngespinst, das im Cholomi- Gef�ngnis gelebt und Lonely-Lokley als Doperst bezeichnet hat? Ist unser Sch�rf etwa auch so einer?�</p><p>Sir Maba Kaloch kicherte.</p><p>�Nimm das Gerede von Machligl Annoch doch nicht so ernst! Doperst ist sein Lieblingsschimpfwort. So bezeichnet er ausnahmslos alle Agenten fremder Orden. Und soweit ich wei�, war auch Lonely-Lokley seinerzeit Mitglied in einer solchen Organisation - in welcher eigentlich, Juffin?�</p><p>�Im Orden der L�chrigen Tasse.�</p><p>�Genau! Er war doch der verr�ckte Fischer. Der hat damals wirklich viel Unheil gestiftet.�</p><p>�Sir Lonely-Lokley? Unheil!?�, fragte ich erstaunt.</p><p>�Warum wundert dich das, Max? Menschen �ndern sich. Schau doch dich an! Wo ist der ungl�ckliche Junge geblieben, der gezittert hat, wenn er die Abs�tze seiner Chefin klappern h�rte?�, meinte Sir Maba.</p><p>�Sie haben recht.�</p><p>��brigens hab ich gesehen, wie ihr zwei das Hirngespinst fertiggemacht habt. Euer Wasserfall hat mich begeistert! Das war die beste Show seit Anfang der trostlosen Epoche des Gesetzbuchs.�</p><p>�Haben Sie das wirklich gesehen?�, fragte ich und war �bers Staunen hinaus.</p><p>�Aber nat�rlich. Es ist mein Hobby, die Aufgaben ehemaliger Kollegen zu verfolgen. Da konnte ich mir dieses Vergn�gen doch nicht entgehen lassen. Aber mach dir keine Illusionen, mein Junge - ich mische mich nie ein. Ich beobachte nur. F�r Interventionen ist Sir Juffin zust�ndig. Und wir haben vielfach grundverschiedene Ansichten.�</p><p>�Was dich allerdings nicht davon abh�lt, f�r deine sogenannten Konsultationen Honorar zu verlangen�, warf Juffin boshaft ein.</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich liebe Geld. Es ist so h�bsch. Was deinen pers�nlichen Doperst anlangt, Max - fr�her oder sp�ter wirst du nicht nur seinen K�rper, sondern auch seinen Geist t�ten m�ssen. Es ist nicht gut, das All mit solchen Dingen zu verm�llen. Obendrein ist ein Doperst, der zwischen zwei Welten unterwegs ist, etwas absolut Unanst�ndiges. Damit ist meine Konsultation beendet. Und du, Juffin, solltest aufh�ren zu behaupten, ich w�rde vom K�nig Geld bekommen, ohne daf�r Gegenleistungen zu erbringen.�</p><p>�Schon gut. Ich habe offenbar gerade den gr��ten Bef�rworter der Todesstrafe getroffen.�</p><p>�Und wie t�tet man einen Doperst?�, fragte ich.</p><p>�Das wirst du wissen, wenn du ihn umgebracht hast.</p><p>Sei nicht so ungeduldig, Max. Theoretisch kann diese Sache hundert Jahre oder l�nger auf dich warten. Aber eines Tages wird es so sein, dass du keine andere M�glichkeit hast. Das Leben ist n�mlich raffiniert. Und bis dahin wei�t du bestimmt, was du zu tun hast.�</p><p>�Na - wenn Sie das so sagen, wird es wohl so sein�, meinte ich. �Jetzt haben Sie mich aber wirklich verwirrt.�</p><p>�Damit sollte jede gute Geschichte enden, Max. Wenn der Mensch zu verstehen aufh�rt, befindet er sich auf gutem Wege�, sagte Juffin zu mir. �Wir werden deine kostbare Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen, Maba. Au�erdem haben wir schon alles aufgegessen. Aber vergiss bitte nicht: Du hast versprochen, mir im Traum zu erscheinen.�</p><p>�Das vergesse ich schon nicht. Ciao!�</p><p>Ich erwartete einen unvergesslichen Abgang, aber nichts dergleichen geschah. Sir Maba Kaloch verlie� das Wohnzimmer durch die T�r, durch die er gekommen war, und wir traten in den Korridor hinaus.</p><p>�Bin ich etwa bef�rdert worden?�, fragte ich. �Oder warum hat Sir Maba sich diesmal ohne �berraschung verabschiedet?�</p><p>�Bist du sicher, Max, dass er keine �berraschung f�r dich in petto hat?�, sagte Juffin und �ffnete l�chelnd die Haust�r.</p><p>Ich trat �ber die Schwelle und erstarrte: Statt im Garten befanden wir uns in unserem B�ro.</p><p>�So ist das eben mit ihm�, zwinkerte Juffin Halli mir zu. �Sei nie zu entspannt, wenn du mit Maba Kaloch zu tun hast.�</p><p>Ich setzte mich in meinen Sessel, begann mit den Atem�bungen, die Sir Lonely-Lokley mir vorgef�hrt hatte, und hoffte vage, sie w�rden mir helfen.</p></section></body><binary id="0" 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